Start » Maintal » Dörnigheim Rundgang
 
Dörnigheim Rundgang

 

Rundgang durch Dörnigheim

 

Die „Straße“ (via regia) von Frankfurt nach Leipzig:

Die wechselvolle Geschichte der heutigen Kennedystraße läßt sich zurückverfolgen bis etwa ins Jahr 1366. Im sogenannten Weistum von 1366 wird zum erstenmal in schriftlicher Form von dem Schöffengericht berichtet, das „unter der Linde im Dorf zu Dörnigheim an der offenen Straße“ tagte.

Die Linde stand an der Ecke Kennedystraße und Bahnhofstraße vor der Mauer, die heute die Hofreite des Karl Dammköhler von der Kennedystraße abgrenzt. Gemeint ist der verlassene Bauernhof, der heute von der Gärtnerei Lapp in der Bahnhofstraße betreut wird. Von ihrem dortigen Standort beschattete sie einen Teil der „alten Straße“ und den Eingang zum Obertor.

Von hier winkten ihre Zweige den Einkehrenden den Willkommens-, den Scheidenden einen Abschiedsgruß zu und luden alle Wegemüden, die vorüberzogen, zur kurzen Rast ein. Es ließ sich gut auf der niedrigen, viereckigen Steinumfassung mit ihren von Eisenklammern zusammen gehaltenen Sandsteinquadern ruhen. Über das Alter der Linde ist nichts bekannt. Sie hat als vertrautes Wahrzeichen Dörnigheims einen großen Zeitraum seiner Geschichte miterlebt. Die Neupflanzung der Bäume vor der Wehrmauer setzt daher in gewisser Weise die alte Tradition fort. Der Lindenbaum wurde erst kurz vor 1939 anläßlich der Verbreiterung der Straße gefällt.

Dörnigheim lag, wie es in dem Weistum von 1366 heißt, an der „offenen“ Straße. Das sollte heißen, daß die Straße nicht durch das durch zwei Tore abgeschlossene Dorf führte, sondern daran vorbei In späteren Zeiten hieß sie bei den Dörnigheimern die „alte Straße“. Im Jahre 1609 wird zum ersten Mal ein Wegegeld erwähnt, das vor den Toren des Dorfes von durchfahrenden Kaufleuten erhoben wurde. Außerdem durfte kein Fuhrwerk mit mehr als 60 Zentnern beladen werden. Im Jahre 1751 war Dörnigheim vollständig gepflastert. In den Jahren 1829/30 wird das Dorfpflaster erneuert. Im Jahre 1780 erfolgte die Beschotterung der „Chaussée“. wenn man die alte Reichsstraße meinte. Unter diesem Begriff ist sie noch den alten Dörnigheimer Bürgern vertraut.

Über diese Straße ging durch die Jahrhun­derte hindurch der Fernver­kehr, nicht nur der friedlichen Zwecken dienende Handels­verkehr, sondern auch zu Kriegs­zügen. Über die Nöte und Lei­den, die durch letztere der Be­völkerung erwuchsen, kann man manches in den alten Ak­ten nachlesen. Die weiter im Hinterland liegenden Ort­schaften waren nicht so ständig und unmittelbar von der plündernden und mordenden Soldateska bedroht wie das kleine Dorf Dörnigheim an der strategisch wichtigen, von We­sten nach Osten führenden Straße, die man auch des „Rei­ches Straße“ nannte.

Unter den seit dem frühen Mittelalter bekannten großen Straßenzügen in Deutschland bildet die vom Mittelrhein (Mainz) und Frankfurt am Main, über Dörnigheim nach Thüringen und Leipzig führende Via Regia, die „Königsstraße“, auch „des Reiches Straße“ genannt, ein bedeutendes Bindeglied.

Von Frankfurt als einem Handels- und Kulturzentrum führten Straßen den Rhein entlang über Mainz und Worms nach Frankreich, nach Köln und in die Niederlande, südwärts über Darmstadt und Heidelberg zum Bodensee, nach Osten durch den Spessart nach Aschaffenburg, Würzburg und Nürnberg.

 

Die Frankfurt/Leipziger Straße erreichte in Thüringen Eisenach und Gotha sowie Erfurt; das im Mittelalter zu den bedeutendsten deutschen Städten gehörte; sie verlief weiter über Weimar, Jena, Naumburg und Weißenfels nach Leipzig. Hier war ein wichtiges Straßenkreuz, von dem aus Berlin und die Ostsee erreicht wurden.

Nach Osten führten Straßen über Dresden nach Krakau, südöstlich nach Prag, südwärts nach Nürnberg, Augsburg, München und weiter nach Wien. Von der zwischen Frankfurt und Leipzig verlaufenden großen Straße zweigen zahlreiche kleinere ab, um die Verbindungen mit dem Hinterland herzustellen.

Der wichtigste Abschnitt der Frankfurt/Leipziger Straße führte über Dörnigheim (hier wurden die Pferde gewechselt) bis Fulda, er umfaßte eine Entfernung von über 100 Kilometern und damit etwa ein Drittel der Gesamtstrecke: Die Kinzigstraße (genauer Kinzig-Fulda-Straße): Frankfurt, Dörnigheim, Hanau, Langenselbold, Gelnhausen, Wächtersbach, Bad Soden-Sal­münster, Steinau an der Straße, Schlüchtern, Fulda. Eine zweite Bahn ging von Hanau über Niederrodenbach und Meerholz und vereinigte sich bei Höchst wiederum mit der Hauptstraße. Bis Gelnhausen verlief sie nördlich der Kinzig, überschritt sie bei Höchst und kreuzte sie erst bei Schlüchtern wieder, führte also auch zwischen Steinau und Niederzell südlich der Kinzig entlang. An Salmünster lief die Straße ursprünglich vorüber und erst später in die Stadt.

Dörnigheim verdankt seine Entstehung der großen alten Straße von Frankfurt nach Leipzig. Hier war die letzte Raststation vor der Frankfurter Stadtgrenze. Bedeutend im historischen Sinne wurde der Ort jedoch nicht, lag er doch vor der Zeit des Automobils zwei Stunden von Frankfurt im Westen und gar nur eineinhalb Stunden von Hanau im Osten entfernt. So taucht er in keinem der Bücher über die Alte Straße auf und wird in keinem Reisebericht der schreibenden Persönlichkeiten erwähnt; weder von Goethe noch von Bettina von Arnim, weder von Schopenhauer noch von Luther. Sie alle haben nachweislich diesen Teil der Straße benutzt. Aber: „...machte Station in Hanau und erreichte dann Frankfurt....“ oder „...man verließ Frankfurt in den Morgenstunden und wandte alsbald Hanau den Rücken“. Wo war da Dörnigheim? Es war da, selbst auf den ältesten Landkarten können wir es finden.

Außer von den Gasthöfen wurde das Bild des Dorfes „an der Straße“ geprägt von Schmie­den und Wagnerwerkstätten. Auch sie boten den Durchreisenden ihre Dienste an. Es waren die einfachen Leute, die im Dörnigheim der früheren Zeit Halt machten: Fuhr‑ und Kaufleute, die zu den Märkten und Messen nach Frankfurt fuhren. Bauern aus dem Kinzigtal, die in langen Wagenkolonnen Heu und landwirtschaftliche Erzeugnisse in die Mainmetropole brachten, aber auch Gaukler, Mönche und Bettler. Sie wollten noch preiswert übernachten, bevor sie am nächsten Morgen früh nach Frankfurt hineinfuhren, denn Frankfurt war auch in alten Zeiten ein teures Pflaster. Pferde mußten beschlagen, Saumzeug und Reitsättel gerichtet und ausgebessert werden, war doch die stark genutzte „Alte Straße“ fast immer in einem kläglichen Zustand, so daß Pferde und Fuhrwerke litten.

Im Jahre 1963 fuhr der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy im offenen Wagen zusammen mit Bundeskanzler Ludwig Erhardt und Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn durch die damalige Lindenstraße (die nur der Abschnitt von der Hasengasse bis zur Bahnhofstraße umfaßte). Darum wurde diese dann in Kennedystraße umbenannt

Heute ist Dörnigheim, einstmals ein Dorf an der Straße, ein Stadtteil an der Straße. Jahrhundertelang floß der Verkehr an Dörnigheim vorbei, heute fließt er durch Dörnigheim hindurch. Das ist der einzige Unterschied.

Insgesamt gesehen hat die so bedeutungsvolle „Alte Straße“ dem Ort nicht den gleichen Wohlstand gebracht, wie so vielen an ihr gelegenen Städten. Dörnigheim führt ein von der Straße unabhängiges Eigenleben. In den letzten Jahren \wurden Umgehungsstraßen gebaut, um den Ort von dem durchfließenden Verkehrsstrom zu entlasten, aber der ständig zunehmende Autoverkehr wird auch in Zukunft nur schwer von der Alten Reichsstraße zu verbannen sein.

 

Ringmauer:

Die Ringmauer entstand etwa um 1350, nachdem Friedrich II. den Orten im Maingau 1231 die Anlage von Befestigungen erlaubt hatte. Sechs Meter hoch und durch Wehrtürme verstärkt, schützte sie bis ins 18. Jahrhundert das Dorf nach Norden und nach Westen. Schottersteine aus dem Mainbett und Quader aus den Steinbrüchen von Wilhelmsbad und Dietesheim bildeten das Baumaterial. Hinter der Mauer verlief ein Weg.

Die Wehrmauer hatte zwei Tore, das Obertor und das Untertor. Das Obertor befand sich zwischen Café Saladin und Gasthaus Adler (Kennedystraße/Ecke Schwanengasse); das Untertor, auch Frankfurter Tor genannt, befand sich zwischen Café Rauch (Frankfurter Straße) und dem gegenüberliegenden Haus. Über den Zeitpunkt der Beseitigung der beiden Wehrtore liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Der Ringmauer nach Westen vorgelagert war die zwanzig Meter breite Landwehr. Sie wurde erstmals im 13. Jahrhundert erwähnt. Sie hatte einen vier bis fünf Meter tiefen Graben und eine undurchdringliche Hecke, das Gebück, und bildete die Befestigung im Westen in circa 150 Meter Entfernung vom Dorf Dörnigheim. Gebück und Graben hatten eine Breite von etwa 20 Metern. Dörnigheim hat sich von 800 bis 1800 nicht über die Wehrmauer ausgedehnt. Das erste Haus außerhalb der Befestigungsanlage war das Zollhaus an der Stelle der heutigen Raffeisenbank.

Ihre größte Höhe erreichte die Mauer etwa um 1620, nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Dennoch wurde Dörnigheim mehrfach gebrandschatzt und verwüstet. Die zentrale Funktion der Ringmauer aber blieb erhalten. Während sich an der einen Seite die 1780 mit Schotter befestigte Straße „von der Hanauer Kinzigbrücke über Dörnigheim nach Mainkur“ erstreckte, grenzten im Dorfinnern - zur Frankfurter Straße hin - allein vier Gastwirtschaften an die Mauer. Von Osten gesehen waren es: der „Adler“, der „Löwe“, das „Weiße Roß“ und der „Rappen“. Und auf der anderen Seite der Frankfurter Straße gab es drei weitere: den „Schwanen“, die „Krone“ und den „Hirsch“. Die Anzahl der Wirtschaften in dem kleinen Dörnigheim zeigt, welche Bedeutung der Handelsstraße und damit auch der schützenden Mauer zukam.

Im Jahre 1620, kurz nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, wurde die Ringmauer auf sechs Meter erhöht. Vor Plünderern konnte sich Dörnigheim zwischen 1621 und 1636 nicht erwehren. Mehrere Male wurden die Bewohner des kleinen Ortes ausgeraubt. Die Banditen, höflicher auch Truppen genannt, hatten wechselnde Nationalität.

Mit der Weiterentwicklung der Kriegswaffen allerdings nahm die Ringmauer mit ihren Toren und Wehrtürmen als Befestigung an Wichtigkeit ab. Im 18. Jahrhundert begann man mit ihrem teilweisen Abbruch und die Steine fanden 1752 Verwendung bei der Errichtung der Mainmauer und später beim Bau von Häusern.

Weitgehend in seiner ursprünglichen Form erhalten blieb lediglich das Teilstück zwischen der Schwanen- und der Kirchgasse. Noch bis in die dreißiger Jahre hinein prägte dieses Stück Ringmauer mit den Resten der drei Wehrtürme das Dörnigheimer Ortsbild entlang der damaligen Lindenstraße.

Etwa bis 1938 bestanden noch drei halbrunde Wehrtürme, die von den alten Dörnigheimern passend „Rondelle“ genannt wurden. Aber auch die Wehrtürme mußten weichen, als die Lindenstraße 1938 ausgebaut wurde. Mit ihnen zusammen verschwand ein Jahr später ein anderes Wahrzeichen: die alte Dorflinde, die ihren Platz vor dem ehemaligen Obertor.

Die Mauer verlief von der Wingert bis zum Café Rauch. Noch heute sind Teile am Wingert (Hintergasse) und an der Kennedystraße sichtbar. Teile dieser über 600 Jahre alten Ringmauer entlang der Kennedystraße sind erhalten geblieben. Und dies wird auch so bleiben, denn die Fragmente wurden bereits vor einigen Jahren unter Denkmalschutz gestellt. Es gab aber einmal Pläne einer Interessengemeinschaft, die dieses historische Zeugnis Dörnigheims zugunsten von Gewerbe und Parkplätzen abreißen wollte.

Das Obertor am nördlichen Ausgang der Schwanengasse bildete den Abschluß der Wehrmauer. Östlich davon standen ein Backhaus und daran anschließend eine Zehntscheuer.

 

Obertor:

Das Obertor am nördlichen Ausgang der Schwanengasse bildete den Abschluß der Wehrmauer. Östlich davon standen ein Backhaus und daran anschließend eine Zehntscheuer. Vor dem Tor stand bis 1936 die „Gerichtslinde“. Die Kennedystraße war vormals die „Offene Straße“. Über diese Straße, die zu den bedeutendsten Verbindungsstrecken des Reiches von Ost nach West galt, lief an Dörnigheim über Jahrhunderte der Durchgangsverkehr vorbei.

Nach Norden nimmt die Bahnhofstraße ihren Ausgang. Im  Volksmund hieß sie „Huch­schter Weg“,  der Weg also, der nach Hochstadt führte. In den Jahren 1823 bis 1834 legte die Gemeinde Dörnigheim eine Steinbahn in ihren Weg nach Hochstadt, und bepflanzte ihn 1825 mit Apfelbäumen. Im Jahre 1838 wird die erste Häuserreihe außerhalb der Ringmauer, „sowohl ober- als auch unterhalb des Dorfes“, erbaut.

 

Gemeindebackhaus:

Das Gemeindebackhaus stand am Obertor, wo heute die Schwanengasse auf die Kennedystraße stößt.

 

Haus „Zum Schwanen“, Schwanengasse 1:

Das Grundstück ist sehr groß, so daß das Haus eine besondere Bedeutung haben könnte. Über dem Eingang von der Hofseite her ist die Jahreszahl 1575 mit den Buchstaben HRVH eingemauert (das älteste bearbeitete Gestein Dörnigheims). Da  die Grafen von Rieneck den Schwan im Wappen führten und das Haus nach dem Schwan benannt ist, könnte hier der Sitz des Rienecker und später Hanauer Vogtes gewesen sein („HRVH“ dann: Herren von Rieneck und Hanau). Im Volksmund galt das 1909 errichtete Haus in Klinkerbauweise aufgrund seines beeindruckenden  Äußeren als „das protzige Haus“.

An der oberen Schwanengasse wurde seinerzeit noch Apfelwein gekeltert. Von hier kommt die Familie Höhl, die in Hochstadt die Kelterei hat. Die Äpfel kamen von Bäumen entlang. der Ausfallstraßen Dörnigheims, wo jedermann für eine Mark pro Baum Äpfel „steigern“ konnte. Später war dies aufgrund des starken aufkommenden Verkehrs nicht mehr möglich.

 

Gasthaus „Zum Adler“, Frankfurter Straße 2:

Der Volksmund sagt zu dem Haus „Der lahme Esel“. Aber an sich war dies das Gasthaus „Zum Adler“. Hier wurde am 2. November 1813 der „Vertrag zu Dörnigheim“ geschlossen. Damit trat Hessen-Darmstadt aus dem französisch beherrschten Rheinbund aus und trat den gegen Napoleon verbündeten Mächten bei. Dafür wurde ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert. Für die Alliierten unterschrieb der Österreicher Graf von Fresnel, für das Großherzogtum Hessen Geheimrat Freiherr von Du Thil. In diesem Haus wurde seit den frühen dreißiger Jahren die erste „Dörnigheimer Zeitung“ gedruckt.

Am Nachbargebäude ist in Kniehöhe ein Stein aus dem Jahre 1798 mit den Buchstaben CBAM eingefügt. Dabei dürfte es sich aber nicht um eine Hochwassermarke handeln, sondern um die Angabe des Bauherrn und des Baujahres.

 

Frankfurter Straße 4, Gasthaus „Zum Löwen“:

Daß das Haus eine Gaststätte war, ist nicht ganz sicher. Es wurde entkernt und die Gefache wurden mit Steinen neu ausgemauert. Im Obergeschoß hatte bis 1930 die methodistische Gemeinde ihren Sitz, für viele Kinder war es der Ort der Sonntagsschule.

 

Haus Frankfurter Straße 5: 

Das Haus ist das älteste erhaltene Haus in Dörnigheim und steht unter Denkmalschutz. An den Eckständern hat es Mannfiguren. Der Überhang des ersten Obergeschosses ist typisch für das Fachwerk des 17. Jahrhunderts. Es ist ein Kulturdenkmal, städtebaulich als Teil des Ensembles um das ehemalige Rathaus von Wert, aber auch als Bauwerk für sich.

Die Inschrift auf der Giebelseite lautet: „WIE BAWEN HIE ALL FESTE. UND SIND NUR FREMBDE GAESTE. UND DA WIR SOLLTEN EWIG SEIN. DA BAWEN WIR GAR WENIG EIN. P. H. ANNO. 1671“. Man muß den Mut der damaligen Erbauer bewundern, denn in den Jahren 1635, 1658 und 1663 war der gesamte Ort jeweils fast vollständig abgebrannt. Aus dem Jahr 1658 ist als Brandursache „Pfeifenrauchen“ überliefert.

Besitzerin des Hauses war Else Seng, die 57 Jahre im Sozialdienst tätig war und vielen Dörnigheimern und anderen Maintalern als „gute Seele“ in Erinnerung geblieben ist. Schon zu Kriegszeiten war sie als Krankenpflegerin im Dienste des Deutschen Roten Kreuzes tätig, 57 Jahre lang war sie im Sozialdienst aktiv, regte unter anderem die Gründung des Seniorenclubs „Treff 76“ an.

Heute ist Eigentümerin ihre Tochter Annemarie van Vulte. Das Haus wurde 1995 innen komplett renoviert, die Außenflächen wurden 1996 restauriert. Das Fachwerk bleibt dabei ebenso erhalten wie das schmucke Gesamtbild des Gebäudes. Beauftragt ist der Malerfachbetrieb Mattia, der schon einige Häuser im alten Dörnigheimer Ortskern renoviert hat.

 

Altes Rathaus, Frankfurter Straße 7:

Die Erbauung des in neuerer Zeit als „Altes Rathaus“ bezeichneten Gebäudes wird auf das Jahr 1760 datiert (von manchen aber auch schon auf 1700). Es ist vom Typ der Bürgerbauten in Fachwerk im 18. Jahrhundert, akzentuiert durch oktogonalen Erker mit geschweifter Haube und mit Andreaskreuz in zwei Brüstungsfachen.

Der ursprüngliche Verwendungszweck ist umstritten. Da in Deutschland bereits im 17. Jahrhundert die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden war, könnte es sich um ein Schulgebäude gehandelt haben. In den Jahren 1639 bis 1642, so berichtet der für Kesselstadt und Dörnigheim zuständige Pfarrer Karl Schnabel, gäbe es in Dörnigheim kein Pfarr- und Schulhaus, der Krieg (gemeint ist der Dreißigjährige Krieg) habe viel Verwüstung und Schrecken in Dörnigheim hinterlassen. Nach diesem Bericht könnte es möglich sein, daß Dörnigheim vor dem Krieg über ein Schulgebäude verfügte.

In Dörnigheim lebten um 1760 etwa 100 Familien, darunter viele Kinder. So baute die Gemeinde ein Haus, in dessen Erdgeschoß sich ein oder zwei Klassenräume befanden.

Denkbar wäre auch eine Kombination aus Rathaus und Schule. Im ersten Stock mag der Schultheiß ein Zimmer erhalten haben, ist doch der Erker mit seiner geschweiften Haube für eine Schule allein zu aufwendig. Bis dahin allerdings werden die Schultheißen ihre Amtsstuben im eigenen Haus gehabt haben, wie das zu dieser Zeit vielerorts üblich war. Unter dem Dach befinden sich heute noch einige Wohnräume, in denen, wie es noch im 18. und 19. Jahrhundert üblich war, der Lehrer gewohnt haben könnte.

Den ersten echten Nutzungsnachweis haben wir erst aus dem Jahre 1813, wo das Gebäude allerdings bereits zweckentfremdet nach der „Schlacht bei Hanau“ als Lazarett genutzt wurde. Bei Sanierungsarbeiten im Jahre 1983 im Hof ausgegrabene Skelette von französischen Soldaten sorgten anfangs bei der Kriminalpolizei für Aufregung.

Vom Jahre 1886 an zog die Schule dann nach und nach in den neu errichteten Herrenhof (heutige Polizei), der Verwaltungssitz blieb bis zum Ende des Ersten Weltkrieges im alten Rathaus. Um 1922 zog die Gemeindeverwaltung ins Schulgebäude in der Kirchgasse und in dem Gebäude entstanden Wohnungen. Kurzzeitig hatte sogar ein Schuster seine Werkstatt hier.

Als während und nach dem Zweiten Weltkrieg die Räume der nunmehr neuen Schule zum Lazarett und ersten Obdach für Flüchtlinge und Heimatvertriebene wurden, zog die Verwaltung wieder bis 1954 in das alte Rathaus. Zwar teilweise bewohnt, verfiel das Gebäude langsam. Auch aus den Plänen von Bürgermeister Erwin Henkel aus dem Jahre 1977, das Rathaus abzutragen und originalgetreu wieder aufzubauen, wurde nichts.

In den siebziger Jahren konnte eine Bürgerinitiative den Abriß verhindern und einen privaten Käufer finden. Mit viel Engagement und Fingerspitzengefühl sanierte die Familie Evelyn und Volker Stragies das Gebäude. Schon im Rohbauzustand wurde das Haus zum Zentrum des Dörnigheimer Weihnachtsmarktes, den der Historische Kulturkreis ab 1980 in der Frankfurter Straße veranstaltete. Es folgte eine sechsjährige, akribische Phase des Renovierens und dann am 15. Juni 1984 die feierliche Eröffnung als Gaststätte durch Ehrenstadtrat Wilhelm Lapp, der hier selbst von 1952 bis 1955 noch als Bürgermeister regierte. Das „Alte Rathaus“ wurde ein Nobel-Restaurant über zwei Stockwerke, mit einem Hofgebäude mit Verkaufsausstellung, Sattelkammer, Ponyställen sowie Außenanlagen.

Die Zeit als Gaststätte war dann Mitte der 90iger Jahre allerdings zunächst beendet. Familie Stragies kam in Zahlungsschwierigkeiten, weil sie im Grunde nie die Investitionskredite zurückzahlen konnte. Gläubiger sind eine Dortmunder Brauerei und ein Hanauer Rechtsanwalt. Zur Debatte steht insgesamt eine Summe von 1.470.000 Mark. Es folgten Jahre des Stillstands und schließlich im Dezember 2003 die Zwangsversteigerung.

Im Jahre 2004 wurde neue Eigentümerin die Familie Ekizoglou. Anastasia und Haralampos Ekizoglou haben mehr als 30jährige Erfahrung in der Gastronomie, zuletzt bewirtschafteten sie neun Jahre erfolgreich die Gaststätte „Zum Franziskaner“ in Bischofsheim.

Das gastronomische Spektrum reicht von bürgerlich-traditioneller bis erlesen-mediterraner Küche, wobei Letzteres den eigentlichen Schwerpunkt bildet Neben dem geschmackvoll und originalgetreu renovierten Innenbereich erwartet den Gast ein großer, begrünter Hinterhof.

Das alte Dörnigheimer Rathaus in der Frankfurter Straße erstrahlt in neuem Glanz: Nach Jahren des Stillstands und Verfalls lockt jetzt mediterrane Küche in das historische, gründlich renovierte Gebäude.

 

Brunnen:

Die platzartige Erweiterung östlich des Gebäudes mit Brunnen steigert die Wirkung. Der Brunnen wurde 1717 erbaut. Er stand früher imRaberneck, an der Linde steht eine Kopie. Seit etwa 1927 ist er nicht mehr in Betrieb. Es ist ein Ziehbrunnen mit rundem Schachtoberbau, mit zwei Flutern und Architrav, mit Inschrift und Hanauer Wappen (Die Buchstaben D und H könnten Dörnigheim und Hanau bedeuten).

Im alten Ortskern gab es sieben Brunnen: An der Ecke Frankfurter Straße/Schwanengasse vor dem Haus Nr. 1 (im Jahre 1956 abgerissen, heute Vorgarten), neben dem alten Rathaus, vor dem Haus Framkfurter Straße 23, an der Linde, im Hof des Schlößchens (Hintergasse 23), nördlich des Hauses Untergasse 6 und noch einer.

 

Frankfurter Straße 9:

Hier war früher der Textilladen der jüdischen Familie Isaak Schönfeld (heute Neubau). Der Stammvater Isaak war Mitbegründer der Turngemeinde Dörnigheim. Seine Enkel Horst und Gerhard wurden von den Nazis verschleppt und ermordet. Zur Erinnerung an sie wurde das „Brüder-Schonfeld-Haus“ in der Ascher Straße nach ihnen benannt und das „Brüder-Schönfeld-Forum“ gegründet, das sich mit der Geschichte der Juden befaßt und für Toleranz und Menschlichkeit eintritt.

 

Frankfurter Straße 13, Schmiede W. Heck:

Die Schmiede Heck wurde 1841 erbaut, die Eisen sind allerdings schon seit einiger Zeit ausgeglüht.  Am Giebel des Wohnhauses steht neuerdings die Jahreszahl 1699, aber es ist nicht ersichtlich, woher diese Angabe stammt.

Der Name „Heck“ kommt öfter in Dörnigheim vor. Gastwirte waren Wilhelm Heck, der 1914  Wirt im Gasthaus „Adler“ war, und Wilhelm Heck im „Frankfurter Hof“ (zur gleichen Zeit). Gemeindevertreter waren  Karl Heck X. (1914), der auch das Ortsgericht versah, und Wilhelm Heck VIII. Unter den Kriegsopfern findet man aus dem Feldzug 1870-71 Friedrich und Wilhelm Heck, beide Infanterie-Regiment 32, und Karl Heck, Infanterie-Regiment 82, sowie Gefallene des Ersten Weltkrieges: Erhard, Friedrich, Friedrich August Wilhelm Friedrich Vl. jun. und zweimal Peter Heck.

Es gab den Kirchenältesten Johann Peter Heck, der zwischen 1734 und 1818 lebte und  somit über achtzig Jahre alt wurde, und dessen Ehefrau Christina, geborene Eberth, die mit achtundreißig Jahren im September im Main ertrank, eine große Beerdigung erhielt, mit Glockengeläut und Predigt, die so festlich und einmalig war, daß diese im Kirchenbuch besonders erwähnt wird.

Weshalb die typischen und traditionellen Dörnigheimer Namen wie Lapp, Seng und Rauch (wonach ganz Dörnigheim „verlappt“, „versengt“ und „verraucht“ ist) darauf hindeuten sollen , daß „hier schon im Mittelalter viel fahrendes Volk hängen geblieben ist“, ist nicht so recht deutlich.

 

Frankfurter Straße 6, Gasthaus „Weißes Roß“:

Schon das Hofgut als die Keimzelle des späteren Dörnigheim war eine wirtschaftliche Notwendigkeit für die Reisenden der Frankfurt‑Leipziger Straße. Diese Bestimmung blieb dem Ort über viele Jahrhunderte erhalten, auch als er sich immer weiter ausdehnte. Innerhalb der gegen Ende des 13. Jahrhunderts errichteten Stadtmauer gab es beispielsweise 1820 neun Gasthäuser, und das bei einer Einwohnerzahl von nur 479 Menschen. Landwirtschaft und Jagd wurden zwar auch betrieben, aber weniger für den Handel, als für die Versorgung der immer zahlreicher werdenden Gasthöfe und der hier beschäftigten Menschen.

In der Frankfurter Straße Nummer 6 befand sich eines der ältesten und renommiertesten Gasthäuser Dörnigheims: das „Weiße Roß“, das seine Pforten im Jahre 1984 endgültig schloß. Mit Sicherheit bestand das Weiße Roß schon im 30jährigen Krieg. Dies beweist ein über den ehemaligen Stallungen eingelassener Stein mit der Jahreszahl 1621 im Innenhof (an der Seite nach der Kennedystraße zu sitzt gegenüber der Metzgerei Neupert ein Stein in der Wand mit denZahlen die Zahlen 16 und zwei Buchstaben oder die Jahreszahl „1674“. Der Stein hat aber wohl mit dem Haus nichts zu tun, sondern ist ein Ofenstein, der nur hier verbaut wurde). Eine Holztafel erinnert an die Renovierung durch Johann Jacob Stein und seiner Frau Johanna Magdalena im Jahre 1769. Im ersten Dörnigheimer Kirchenbuch (Beginn: 1651) wird bei der Übernahme einer Patenschaft im Jahr 1660 ein Augustinus Eberhardt als „Würth zum Weißen Roß“ genannt. Von vorherigen Patenschaften seiner Ehefrau und einer Dienstmagd ist 1654 beziehungsweise 1655 die Rede.

Im Jahr 1657 hat „Augustinus Eberhard, Wirt zum Weißen Roß allhier, einen viereckigen eingefaßten Schieferstein an den steinernen Chorbogen neben der Kanzel hängen lassen, den Gesang darauf zu schreiben“. So nachzulesen in den Kirchenvorstandsprotokollen. Augustinus Eberhardt war Bürger und Pastetenbäcker in der Hanauer Neustadt, bevor er nach Dörnigheim kam. Er starb in Hanau „als gewesener Wirth nach beschwerlicher Krankheit (Quelle: Wallonisches 1. Totenbuch). Er war in zweiter Ehe mit Catharina Kelsch verheiratet, eine Stieftochter von Abraham von der Dreutz, die 1662 zu Grabe getragen wurde. Mit ihr hatte er fünf Überlebende Kinder, die bei seinem Tode noch viel zu jung waren, um die Nachfolge des Vaters anzutreten (der älteste Sohn war 10 Jahre alt).

Daher kam das Wirtshaus in andere Hände, Conradt Strohl aus Hochstadt übernahm die Gastwirtschaft. Dies gilt aufgrund der Kirchenbuchdaten als abgesichert. Anna Magretha Strohl, des „Wirths zum Weißen Roß allhier elteste Tochter“ übernimmt 1610 eine Patenschaft. Conrath Strohl heiratete 1680 als Witwer Anna Dorothea Seelmayer, ebenfalls „Witwe eines Gastgebers“ in Langenselbold. Der erste Strohl im Weißen Roß stirbt 1691. Sein Sohn und Erbe Johann (Hanß) stirbt 1712.

Nach vier Generationen Strohl und fast 100 Jahren stirbt diese Gastwirtssippe in Dörnigheim aus, da die Nachkommen der vierten Generation alle im Kindesalter dahingerafft werden.

Die Gastwirtsnachfolge tritt Johann Jacob Stein an. Dies dürfte spätestens im Jahre seiner Verheiratung  mit Johanna Magdalena Bopp am 6. 12.1764 erfolgt sein. Aktenkundig ist, daß die Eheleute fünf Jahre später, also 1769, eine Renovierung vornahmen. Hiervon kündet ein Holzschild, das sich über der Eingangstür befand und vom letzten Wirt Adam Schäfer bei der großen Nachkriegsrenovierung 1951 an der Mauer der Stallungen (heute Garagen) befestigt wurde. Auf dem Schild steht zu lesen: „Johann Jacob Stein und seine ehelige Hausfrau Johanna Magdalena haben mich erneuert 1769“.

Der erste namens Stein im Weißen Roß ist der älteste Sohn von Johann Georg Stein, Gastwirt im Hirsch, dessen Grabplatte sich im übrigen linker Hand vor der Haupteingangstür der evangelischen Kirche auf dem Kirchhof befindet.

Seine „ehelige Hausfrau“ ist eine Gastwirtstochter aus dem Adler. Die Tatsache, daß der älteste Sohn Stein nicht den „Hirsch“ weiterführte, sondern ins Weiße Roß überwechselte, läßt auf das zweifellos vorhandene Renommée dieses Gasthofes schließen, zu dem auch beträchtliche Ländereien gehörten.

Johann Jacob Stein hatte vier Kinder, von denen nur ein Sohn und eine Tochter überlebten. Er starb früh, im Alter von 49 Jahren von einem „gethanen tödlichen Fall“. Sein Sohn, ebenfalls auf den Namen Johann Jacob getauft, wurde Nachfolger im Weißen Roß. Jedoch auch er, geboren 1769, war nur 48 Jahre alt, als er 1817 starb. Er vermählte sich mit seiner Cousine ersten Grades Anna Catharina Lapp, eine Tochter des Gastwirts zum Hirsch und Schultheißen Johannes Lapp (siehe die Abhandlung über den „Hirsch“, veröffentlicht im Tagesanzeiger Nr. 108 vom 9.5.1996).

Er hatte mit des Schultheißen Tochter die Kinder Jacob, Dorothea und Catharina. Von Jacob Stein, der nach des Vaters Tode 1817 bis kurz vor seinem Tode in 1864 das Anwesen Weißes Roß weiterführte, ist erstaunlicherweise zu berichten, daß er sich erst im Jahre 1851 im Alter von 53 Jahren verehelichte. Seine Wahl fiel auf die 27 Jahre jüngere Catharina Assmann. Bei der Gründung des Ehestandes war sie 26 Jahre. Sie schenkte ihm erst 12 Jahre nach der Heirat einen Erben, getauft auf den Namen Johann Ernst. Er war beim Tode seines Vaters ein Jahr alt. Für die Nachfolge schied er folg1ich aus. Er nimmt sich später der Stein’schen Landwirtschaft an und wird als Landwirt in der Fischergasse 26 geführt.

Er heiratet in 1888 Dorothea Huf, eine Schwester des Bäckers Peter Huf in der Frankfurter Straße gegenüber dem Weißen Roß. Dorothea wohnte nach dem Tode ihres Mannes bei ihrem Sohn Friedrich Jacob, Berufsschullehrer in Wuppertal‑Elberfeld, und starb am 12.1.1938 in Hanau. Ihr Enkel Fritz promovierte zum Dipl.‑Ing. an der TH Darmstadt. Später bekleidete er eine leitende Position bei der Weltfirma Eternit in Berlin, Er starb mit 45 Jahren 1963 am Herzinfarkt. Seine Tochter Gabriele, heute 50 Jahre alt, lebt in Berlin und hat als Stein’sche Erbin noch bis in unsere Tage Landbesitz in Dörnigheim.

Für den Fortgang im Weißen Roß aber bestand spätestens im Jahre 1864 beim Tode des Jacob Stein Handlungsbedarf. Es waren ja noch zwei Schwestern da. Die eine verheiratete sich nach Bornheim und schied aus. Die andere jedoch war die in der „Sonne“ lebende Catharina Stein, verheiratet mit dem Pfarrerssohn Johann Georg Gruber. Ihr Sohn Karl Ludwig, beim Tode des letzten Stein‑Gastwirts33 Jahre alt, wurde dazu bestimmt, das Weiße Roß weiterzuführen. Er muß etwa 1863 ins Weiße Roß übergewechselt sein, wie aus einer vergleichenden Analyse der Geburtsdaten der Kinder und der Sterbedaten der Eltern zu schließen ist. Damit wird auch offenkundig, daß das Gasthaus zur Sonne circa 20 Jahre früher zu existieren aufhörte, als ursprünglich angenommen (siehe mein Bericht im Tagesanzeiger Nr. 302 vom 28.12.1996). In jedem Falle waren Sonne „vor dem Thore nach Francfurt“, Hirsch und Weißes Roß (intra muros) aufs engste miteinander verflochten.

Karl Ludwig Gruber I. heiratete bereits im Weißen Roß 1868 mit 37 Jahren die vermögende Bauerntochter Elisabeth Wagner aus Niedergründau. Ihre für die damalige Zeit umfangreiche Aussteuer ist in einem Art Journal (im Besitze von Karlheinz Schäfer) festgehalten.

 

Dem ersten Gastwirtspaar Gruber werden ein Sohn und die drei Töchter Mina, Elisa und Emilie geboren. Der Sohn übernimmt den Namen seines Vaters, wird als Karl Ludwig Gruber IV. geführt und tritt die Gastwirtsnachfolge an (siehe Foto). Er verehelicht sich 1903 mit Margarethe Wilhelmine Lapp, einer Tochter des Landwirts Johann Ernst Lapp VIII. aus dem sogenannten „Schlößchen“ (heute letztes bäuerliches Anwesen in der Dörnigheimer Hintergasse). Sie ist eine Schwester des auf allen alten Fotos ausnehmend stattlich aussehenden „Geels Karl“ (Karl Jacob Lapp).

Das zweite Ehepaar Gruber im Weißen Roß hat die Kinder Emilie Margarethe (geboren 1903), Katharina Louise (geboren 1907) und Karl Jakob (geboren 1909). Die Tragik will es, daß der einzige Sohn im Alter von 12 Jahren beim Vorführen eines Fohlens tödlich verunglückt. Dieses schicksalhafte Ereignis fand 1921 statt.

Nun ist es an den Schwestern, das Erbe anzutreten. Die älteste, Emilie, bleibt ledig. Die jüngere, Katharina Louise, heiratet 1930 den Hochstädter Adam Schäfer. Adam Schäfer, Sohn des Milchhändlers Nikolaus Schäfer, der ein Milchgeschäft in Fechenheim betrieb, betreute die elterliche Landwirtschaft in Hochstadt, bevor er im jugendlichen Alter von 23 Jahren vor die Aufgabe gestellt wurde, dem traditionsreichen Gasthaus vorzustehen. Er hat es mit Bravour gemeistert, so jedenfalls lautet das allgemeine Urteil der Dörnigheimer. Von kräftiger Gestalt, leutselig, humorvoll und langmütig, konnte er vor allem hart anpacken. Dies war auch nötig, galt es doch, neben dem gut laufenden Gastbetrieb die Pferde, Kühe und Schweine zu versorgen, den eigenen Apfelwein anzubauen und die umfangreiche Landwirtschaft nicht zu vernachlässigen.

Das gesamte Anwesen in der Frankfurter Straße umfaßte rund 1600 Quadratmeter. Die Straßenfront betrug 90 Meter. Dazu kamen 60 Morgen Land. Auf dem bis 1957 unbebauten Hof, von einem Holzverschlag an der Mauer zur Frankfurter Straße abgesehen, war Platz genug, um zur Kirchweih ein großes Zelt mit Tanzboden aufzuschlagen. Den Hof erreichte man durch einen fränkischen Torbogen, der beim Umbau 1957 abgerissen wurde. Gefeiert wurde eifrig, auch zu anderen Gelegenheiten.

In den sich an die Stadtmauer anlehnenden Gebäude befanden sich (von Ost nach West) neben der großen Fachwerkscheune der große Pferdestall für die Fremdpferde, der kleine Pferdestall für die Fohlenaufzucht, der Schweinestall, der Stall für die eigenen Pferde, die Futterküche, der Kuhstall und das Kelterhaus mit anschließendem Gewölbekeller für die Aufbewahrung der Apfelweinfässer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann noch einmal eine Glanzzeit für den Bewirtungsbetrieb. Den leidvollen Kriegswirren entronnen, suchten und brauchten die Übriggebliebenen Zerstreuung und Vergnügen. Im Weißen Roß fanden sie Nahrung für ihren Leib und ihre Seele. Die Stammkundschaft kam von diesseits und jenseits des Mains, aus Fechenheim, Bergen‑ Enkheim, Mühlheim und Lämmerspiel. Jeden Samstag spielte eine kleine Kapelle zum Tanz auf. Von 1958 bis 1964 galt das Weiße Roß als die Nummer zwei der Dörnigheimer Gasthäuser nach dem „Schiffchen“. In dieser Blütezeit beschäftigte Adam Schäfer 15 bis 20 Bedienstete, darunter in Spitzenzeiten bis zu vier Kellner, außerdem vier bis fünf Tagelöhner für die Feldarbeit.

Im Hause führte Ehefrau Katharina die Aufsicht. Sie war auch für den kaufmännischen Teil zuständig. In der Küche führte Emilie Gruber das Kommando. Sie schaltete und waltete mit gebieterischer Strenge. Unverzichtbar war auch die fleißige Mithilfe der Oma Gruber bis zu ihrem Tod im Jahr 1967.

Der Umbau von 1957 veränderte das Äußere gründlich. Der Platz im vielbesuchten Gasthaus wurde allmählich zu eng. Die eigentliche Gaststätte stand auf dem westlichen Teil des Grundstücks mit dem Giebel zur  der Frankfurter Straße.

In den Jahren 1957/1958 errichteten die Schäfers östlich einen großzügigen Anbau im Stil der damaligen Epoche. Der Eingang wurde verlegt, die Fachwerkfront massiv verfestigt und verputzt. Der Erweiterungsbau umfaßte im Erdgeschoß einen Saal für 120 Personen und darüber im ersten und zweiten Stock Fremdenzimmer. Im Jahre 1961 wurde das zweigeschossige Wohnhaus gebaut, das östlich an den Erweiterungsbau grenzt.

Nun herrschte keine Enge mehr: In der alten Wirtschaft war Raum für 60 Personen, im Kolleg hinter der Küche für 20 Personen und schließlich der Saal im Neubau für 120 Personen. Einige Dörnigheimer Vereine erkoren das Weiße Roß zu ihrem Stammlokal, so unter anderem der Schützenverein und die Spieler des FC Germania. Der Spielmannszug der Turngemeinde wurde im Weißen Roß aus der Taufe gehoben.

Inzwischen wuchsen die beiden Söhne Karlheinz (Jahrgang 1932) und Ferdinand (Jahrgang 1938) heran. Damit wäre die Nachfolge gesichert gewesen. Aber es sollte anders kommen, als es sich die Eltern gewünscht haben, denn die Söhne entschieden sich für andere Berufe als den des Gastwirts. Der älteste, Karlheinz, war von den Eltern dazu bestimmt, das Gasthaus fortzuführen. Der Vater schickte ihn zunächst in die Kaufmännische Handelsschule nach Hanau und danach in eine kaufmännische Lehre bei der Firma Stück in Hanau.

In seiner Freizeit unterstützte er die Mutter bei der Buchführung und half dem Vater hinter dem Tresen. In 1962 heiratete er Susi Hartschuh aus Knittlingen (Württemberg). Das junge Paar bezog das ein Jahr zuvor fertiggestellte zweigeschossige Wohnhaus, das unmittelbar an den Gasthauserweiterungstrakt angrenzte. Anfangs half die Jungvermählte in der Gaststätte mit und unterstützte die Schwiegermutter bei der Betreuung der Fremdenzimmer. In 1963 beziehungsweise 1967 stellte sich der Nachwuchs in Gestalt der Töchter Ute und Silke ein.

Karlheinz Schäfer etablierte sich mittlerweile bei Degussa in Hanau‑Wolfgang und avancierte zum Versandleiter. Damit waren die Würfel gefallen, zumal auch gesundheitliche Gründe eine Übernahme des Gastwirtbetriebs vereitelten.

Der jüngere Sohn, Ferdinand, hatte bereits drei Jahre früher Ingrid Schulz aus Eschwege geheiratet. Für ihn stand von Anfang an fest, daß er nicht im Hause der Eltern bleiben würde. Er durchlief eine Drogistenlehre bei der alteingesessenen Frankfurter Drogerie Kobberger und eröffnete schließlich eine eigene Drogerie in der Bahnhofstraße/Ecke Odenwaldstraße in Dörnigheim. Seiner Frau wurden die Söhne Joachim (1960) und Thomas (1964) geboren. In seiner Freizeit betätigte er sich als begeisterter Fußballer und half auch in Stoßzeiten in der Gastwirtschaft mit.

Die Eltern Katharina und Adam Schäfer sahen schließlich keine andere Möglichkeit, als die Gastwirtschaft zu verpachten. Dies geschah bereits im Jahre 1964. Der Verpachtung allerdings war, wie so häufig, kein besonderes Glück beschieden. In schneller Folge wechselten verschiedene Pächter. Noch ein letztes Mal kam es zu einem Aufschwung, als das Ehepaar Bukovinski sieben Jahre lang von 1976 bis 1983 die Gaststätte pachtete. Die Eheleute Darko und Edeltraut Bukovinski übernahmen danach die Gaststätte in der Maintal‑Halle in Dörnigheim. Zwischenzeitlich war schon die Mutter Katharina in 1972 mit nur 65 Jahren gestorben und ihr Ehemann Adam Schäfer verschied am 5.6.1983. Schwester und Schwägerin Emilie Gruber folgte ein halbes Jahr später am 18.12.1983.

Danach entschlossen sich die Brüder Karlheinz und Ferdinand zum Verkauf. Auch dies erwies sich nicht gerade als leichtes Unterfangen. Anfänglich sollte der Verkauf mit der Fortführung der Gastwirtschaft verknüpft werden. Nun machte die Stadt Auflagen in der Form, daß die Erteilung der Konzession nur unter der Bedingung der Schaffung ausreichender Parkplätze erfolgen sollte.

Die Scheune wurde 1982 an Architekt Sonntag verkauft und an ihrer Stelle sowie an  der Stelle des angrenzenden Stalles ein Büro- und Geschäftshaus mit Fachwerkverkleidung und Treppenturm erbaut. Das Gasthaus wurde 1984 geschlossen. Die Familie Schäfer besitzt noch das Wohnhaus (das 2012 aber auch neu gebaut wurde), das Hofgelände und einen Teil der früheren Stallungen sowie die Wirtschaftsgebäude des „Amadeus“ (nicht mehr die Fläche, die jetzt Frankfurter Straße 4a ist). Schließlich fand man in 1988 nach mehrjähriger Schließung des Hauses einen Käufer aus Offenbach, die Vertriebs‑ und Handelsgesellschaft Transita.

Das Gebäude, zum Teil baufällig, sowie der angrenzende Stall wurden unter Protest des Historischen Kulturkreises, aber mit Zustimmung des Dörnigheimer Denkmalschützers Professor von Staden, abgerissen, um einem gewerblich genutzten Neubau Platz zu machen. Der Architekt schaffte in Rekordzeit von nur einem halben Jahr ein kombiniertes Büro‑ und Geschäftshaus mit Fachwerkverkleidung und Treppenturm, das sich nach allgemeiner Auffassung dann letztendlich harmonisch in die Kulisse der Frankfurter Straße einfügte. Zuerst etablierte sich die Weinhandlung „Bacchus“ im Erdgeschoß, im ersten Stock die DAK. Heute hat Architekt Sonntag an den italienischen Gastronom Jacino verpachtet, der das Bistro-Ristoran­te „Amadeus“ dort betreibt.

Karlheinz Schäfer wohnte seit 1986 mit seiner Frau das neue Wohnhaus auf dem ehemaligen Gartengrundstück der Schäfers. Dieses Haus wurde aber 2012 schon wieder abgerissen und neu gebaut. Die Familie besitzt heute noch neben dem Wohnhaus ein Stück Hofgelände und einen Teil der früheren Stallungen sowie die Wirtschaftsgebäude  des „Amadeus“.

 

Frankfurter Straße 8:

Zeitweise war dieses Haus das Gasthaus „Zum Rappen“, dem eine Schmiede angeschlossen war. Geblieben ist die Schmiede, bekannt als „Fliednersche Schmiede“ an der Ecke zum „Schißgäßchen“. Es war natürlich ein Dorfereignis, wenn von den Pferdewagen mit Hebelkraft die alten Reifen heruntergeschlagen und neue aufgezogen wurden.

 

Frankfurter Straße 15:

Gasthaus „Zur Krone“: Errichtet 1812 von „P.F.“. An sich handelte es sich um zwei Gebäude, aber das hintere Fachwerkhaus ist abgerissen. Südlich des Gasthauses war eine Schmiede.

Die Sackgasse heißt das  „Rabeneck“. Der Ursprung des Namens ist unklar, zumal sich auch die alten Dörnigheimer nicht erinnern können, hier jemals Raben gesichtet zu haben. An der Ecke zum „Rabeneck“ stand einige Zeit einer der sieben Dorfbrunnen Alt-Dörnigheims, der „Schwanenbrunnen“, der als einziger die Zeiten von Abriß und Neubau „überlebt“ hat und heute neben dem Haus Nummer 5 steht.

 

Frankfurter Straße 23: Früher Bäckerei Huf.

 

Frankfurter Straße 27:

Hier wohnte früher die jüdische Familie Schönfeld, deren heutige Nachkommen „Marx“ heißen. Der Sabbath wurde von der Familie streng eingehalten. Ihr Glaube äußerte sich bei den Schönfelds auch nach außen hin: Für arme und kranke Dörnigheimer hatte Mutter Schönfeld immer einen Topf mit Fleischbrühe parat.

 

Kirchgasse 2, Gasthaus „Zum Hirsch“:

Das Haus Kirchgasse Nummer 2 in der Krümmung und Verengung der Frankfurter Straße, ist der frühere Gasthof „Zum Hirsch“. Fragt man bei den alteingesessenen Dorfbewohnern nach, so können sich nur wenige Ältere erinnern, je davon gehört zu haben; mit dem Namen „Scholzehof“ allerdings verbinden noch etliche Dörnigheimer eine bestimmte Vorstellung: Das Haus trug den Namen „Scholzehof“, weil Johannes Lapp, der 1767 in das Haus einheiratete, Schultheiß war.

Das Gasthaus dürfte um 1800 entstanden sein. Er war mit einer Fläche von rund 1500 Quadratmetern einer der größten in Alt‑Dörnigheim. Durch seine verkehrsgünstige Lage unmittelbar hinter dem Untertor bot er den aus Frankfurt anreisenden Pferde‑ und Reisekutschen eine erste willkommene Rastmöglichkeit. Das Grundstück hatte etwa 1.500 Quadratmeter Fläche und bot Platz für etwa 30 Fuhrwerke (nach den Erinnerungen die heutige Besitzerin Helma Schmidt geborene Gruber), Die Straßenfront an der Kirchgassee maß im ursprünglichen Zustand 44 Meter. Die Einfahrt war von der Frankfurter Straße her (ganz in der Nähe des Untertors), die Ausfahrt ging in die Kirchgasse. Nach einem Brand im Jahre 1869 wurde wahrscheinlich das Erdgeschoß mit Backsteinen neu aufgebaut und das jetzige Fachwerk neu aufgerichtet.

Die Scheune stand am westlichen Rand des Grundstücks. Das südliche Scheunendrittel befindet sich heute auf dem Hof des Bauunternehmers Ebert und ist im oberen Teil als Wohnhaus ausgebaut. Der mittlere Teil gehört zum Haus Kirchgasse 2 und ist als Garage und Werkraum ausgebaut. Der nördliche Teil der Scheune befand sich auf dem Hof von Lapps, heute Fahrradgeschäft Göbel und wurde, da baufällig, in den 30er Jahren, abgerissen.

Im Dörnigheimer Kirchenbuch wird am 10. Mai 1703 ein Baltzer Niclas Schröder als Gasthalter im „Hirsch“ erwähnt. Seine Eltern lebten in Eschersheim, zu jener Zeit, als das Amt Bornheimer Berg noch im Hanauischen Besitz war. Er läßt drei Töchter zwischen 1703 und 1707 in Dörnigheim taufen.

Als nächster Gastwirt wird Johann Georg Stein mit seiner Frau Anna Catharina genannt. Stein ist gebürtiger Hochstädter und entstammt der dortigen Steirischen Gastwirtssippe. Er ist der jüngste Bruder von Andreas Stein, der laut Chronist Peter Heckert ab 1731 die dortige „Stein'sche Wirtschaft“, heute Gasthof „Zum Tiger“, betreibt.

Mit Johann Georg Stein, Kirchenältester und Gerichtsschöffe, wurde eine regelrechte Gastwirtsdynastie begründet. Er ließ zwischen 1739 und 1751 sieben Kinder taufen, vier Mädchen und drei Jungen, von denen sechs wieder in die Gastronomie gingen. Die 1742 geborene älteste Tochter Philippina Magdalena heiratete 1764 Johann Carl Lapp, Gastwirt „Zum Schwanen“. Hingegen vermählte sich die zweite Tochter, Anna Catharina Stein, 1767 mit Johannes Lapp, Sohn des Kirchenältesten Jonas Lapp. Johannes Lapp übernahm vom Schwiegervater das Gasthaus „Zum Hirsch“ und brachte es zum „Herrschaftlichen Schultheiß“.

Auf ihn ist die Bezeichnung „Scholzehof“ zurückzuführen, abgeleitet von Schulze, das heißt der Hof des Dorfschulzen, wie man den Inhaber dieses dem heutigen Bürgermeister verwandten Amtes in der dörflichen Umgangssprache zu nennen pflegte.

Der Schultheiß wurde von der Herrschaft, in unserem Falle dem Hanauer Grafen, in sein Amt auf Lebenszeit eingesetzt und ihm obliegt neben seiner Tätigkeit als Gemeindevorsteher auch die niedere Gerichtsbarkeit. Im Jahre 1829 starb Johannes Lapp im Alter von 87 Jahren.

Er muß ein bemerkenswerter Mann gewesen sein, da nach ihm allein ein Gebäudekomplex benannt wurde und sich die Namensgebung bis in die Jetztzeit überliefert hat. Nach ihm ist Peter Seng im Kirchenbuch als neuer Schultheiß vermerkt.

Den Gasthof „Zum Hirsch“ führte nach dem Tod des Vaters sein Sohn Johann Georg Lapp mit seiner Frau Maria Louisa Sebalda Amalia geborene Gruber, einer Tochter des einstigen Dörnigheimer Pfarrers Johann Philipp Gruber. Johann Georg verstarb 1848, seine Frau zehn Jahre danach, allerdings nicht mehr im Gasthaus, sondern bereits im Haus Nummer 10 in der Landstraße. Dies war die Hausnummer für den „Scholzehof“ nach der kompletten Durchnumerierung des Ortes in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Es ist davon auszugehen, daß nach dem Ableben des Ehemanns 1848der Gasthausbetrieb aufgegeben wurde, da der Sohn Jakob im Kirchenbuch nur noch den Beinamen Scholze‑Schorsch erhielt. Er starb 1962. Seine einzige Tochter ist die Seniorchefin Elfriede Lapp, seit 1950 verheiratete Göbel.

Die Tochter Luise Wilhelmine Lapp des Jakob Lapp (Ackermann) wurde 1842 noch im Gasthaus „Zum Hirsch“ geboren. Sie war die Schwester von Johann Georg Lapp, dem Großvater von Elfriede Göbel. Ihr fiel ein Teil des Erbes zu. Sie heiratete 1861 den Enkel des Schultheißen Peter Seng, Johann Friedrich Seng. Beide wohnten in dem noch ungeteilten Scholzehaus Ecke Kirchgasse/Frankfurter Straße. Deren Sohn Johann Peter Seng und seine Ehefrau Dorothea Luisa Kegelmann sind die Großeltern von Helma Schmidt‑Gruber. Die älteste Tochter Maria‑Luise Seng heiratete 1920 Karl Heinrich Gruber, Nachfahre des Pfarrers Gruber, die die Eltern von Helma Schmidt‑Gruber sind.

Heinrich Gruber, der als Schlossermeister im Werk Fechenheim der Naxos‑Union arbeitete, ist den Dörnigheimern als Vorsitzender des Volkschores von 1929 mit Unterbrechungen während des Krieges bis hin zu seinem frühen Tod 1960 noch wohlbekannt. Die Älteren schwärmen noch heute von seiner herausragenden musikalischen Begabung. Unter seiner Leitung wurden auch Singspiele und Theaterstücke aufgeführt. Auch ohne jegliche Kenntnis der Noten konnte er dem Chor als Vizedirigent dienen und hat das Vereinsleben in Dörnigheim maßgeblich geprägt. Kein Wunder, daß Tochter Helma die musikalische Begabung des Vaters geerbt hat.

Im Jahre 1928 wurde das Grundstück geteilt: Die Familie Seng wohnte fortan in der Kirchgasse 2, die Familie Lapp (Fahrradgeschäft) in der Frankfurter Straße 27. Von den Großeltern Seng stammte auch das Foto mit Helma als sechsjähriger und einer Aufnahme ihrer mit zehn Jahren verstorbenen Schwester im Hintergrund. Es wurde in der guten Stube Ecke Kirchgasse 1934 aufgenommen, jenem Zimmer, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach der Schultheiß Johannes Lapp rund 110 Jahre früher seine Amtsgespräche erledigte.

Helma Schmidts Urgroßmutter und Elfriede Göbels Großvater sind also Geschwister gewesen. Von Großvater Seng weiß Helma auch, daß im Jahre 1869 ein Brand ausbrach, bei dem ein Großteil des Hauses in Mitleidenschaft gezogen wurde. Danach dürfte das jetzige Fachwerk neu aufgerichtet und das Erdgeschoß mit Backsteinen massiv aufgebaut worden sein. Auf Göbels Seite, dem offenbar älteren Teil, wurde bedingt durch das Fahrradgeschäft, das Vater Georg Lapp 1911 eröffnete, inzwischen viel verändert und modernisiert so auch das Fachwerk im Obergeschoß durch Massivbauweise ersetzt.

 

Die Küchen beider Familien befanden sich nebeneinander mit einer inzwischen zugemauerten Verbindungstür. Helma Schmidt weiß zu berichten, daß bei der ersten großen Nachkriegsrenovierung die ursprünglichen Sandsteinplatten des Küchen-Fußbodens entfernt wurden.

Von Elfriede Göbel war zu erfahren, daß sich das große Hoftor unmittelbar an ihre Haushälfte anschloß. Hier fuhren die Fuhrwerke früher in den Gasthof ein und konnten an der Kirchgasse durch das zweiflüglige weitere Tor wieder hinausgelangen. Neben dem großen Einfahrtstor befand sich ein spitzzulaufender Streifen Gemeindeland, der an das Nachbargrundstück Weyrauch angrenzte und auf dem die Bauern häufig ihre Güllefahrzeuge abstellten, bis sich die Hausbewohner über den Gestank erzürnten und von der Gemeinde den Streifen erwarben. Hinter dem Gemeindestreifen soll sich noch ein Mauerteilstück der Dorfbefestigung befunden haben, das laut Frau Göbel nach 1911 abgerissen wurde.

Auf der gesamten Grundstückslänge, von der Hausvorderkante bis unter die Garage Ebert, befand sich ein Kellergewölbe aus Backsteinen, das teilweise heute zugeschüttet ist. Es diente augenscheinlich dem Aufbewahren der Bierfässer und in Kriegszeiten als Zufluchtsstätte. In diesem Keller verschlief die 17jährige Helma mit ihren Angehörigen den Einzug der amerikanischen Befreier im Morgengrauen des 28. März 1945.

 

Gasthaus „Zum Grünen Baum“, Frankfurter Straße“ 14/16:

Im Jahre 1792 gründete der Ostheimer Schullehrer Hartenfeller das Gasthaus „Zum Grünen Baum. Nebenbei betrieb er Landwirtschaft.

 

Alte Post, Frankfurter Straße 18:

Den Abschluß des alten Ortskerns bildet nach Westen hin das Untertor. Hier befindet sich in der Nummer 18 das  frühere  Postgebäude. Der gelernte Portefeuiller Wilhelm Ludwig Kegelmann übernahm neben einem Zigarren- und Papierladen in den zwanziger Jahren eine Postagentur (vorher in der Bahnhofstraße).  Er wurde „das Helmsche“ (= kleiner Helmut) genannt und war ein Original, trat als Sänger und Gedichteschreiber hervor. Bis 1945 war die Post in diesem Haus. Die  „Post am Nadelwehr“ stand an einer gefährliche Ecke: Die neuen Automobile kriegten oft die Kurve nicht und landeten immer wieder im vorgelagerten Garten des Gebäudes, bis der Besitzer kapitulierte und den Garten einstampfen ließ.

Früher, sagen wir mal vor dem Zweiten Weltkrieg, lebte in Dörnigheim ein Mann, den alle kannten. Das ist nicht übertrieben. Irgendwann hatte jeder mit ihm zu tun, denn er betrieb das örtliche Postamt. Der Mann war der am 25. September 1880 in Dörnigheim geborene und am 31. Dezember 1954 verstorbene Wilhelm Ludwig Kegelmann IV., der Sohn von Wilhelm Kegelmann II., dessen Vater wiederum Wilhelm Kegelmann I. war. Seine Mutter Magdalene geb. Groß, hieß allgemein „es Bäckers Lenche“.

Den Spitznamen „Helmsche“, was nichts anderes heißt als der kleine Wilhelm, eben das „Wilhelmchen“, hat er aus der Kindheit mit ins hohe Alter genommen. Seinen zweiten U-Namen, die „Nadel“ brachte ihm seine Eitelkeit ein. Er trug bei seinen gelegentlichen Auftritten im Freundeskreis als Komiker eine Krawattennadel, was im alten Dörnigheim eine große Seltenheit war, vielleicht war er sogar der einzige. In den Zeiten ohne Fernsehen, als es kaum Radios gab und man auch nicht eben mal irgendwo ins Kino gehen konnte, sorgten die Dörnigheimer selbst für Unterhaltung. Wir kennen mehrere solcher Originale. Einer von ihnen war eben das „Helmsche“.

Am 10. September 1911heiratete Wilhelm Ludwig Kegelmann in der Jakobskirche in Bockenheim die von dort stammende Franziska Landefeld. Sie schenkte ihm später zwei Söhne, wovon einer im Kindesalter starb. Ein Jahr nach der Hochzeit, 1912, richtete der gelernte Portefeuiller im Alter von zweiundreißig Jahren in der Frankfurter Straße Nr. 26, nach der späteren Numerierung Nr. 18, einen „Cigarren“-Laden ein. Ob der Vater, ein Schuhmacher, dort seine Werkstatt hatte, ist ebenso unklar wie das genaue Datum der Übernahme einer Postagentur, die bis in die zwanziger Jahre in der Bahnhofstraße 12 bestand.

Während des Ersten Weltkrieges zum Kriegsdienst ins französische Molain eingezogen, überließ er für einige Jahre das Geschäft seiner Frau Franziska. Nach der glücklichen Rückkehr jedoch hielt er sich an die Worte des Trautextes: „Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden“. Mit großer Hingabe widmet er sich neben seinen Geschäften in der freien Zeit wieder dem Sängerchor „Germania“ Dörnigheim, dessen dreißigjähriges Jubiläum er bereits im Jahre 1910 als aktiver Sänger mitgefeiert hatte. Für zahlreiche Konzerte in den Sälen der Dörnigheimer Gaststätten stellte er nicht nur sein Klavier zur Verfügung, was ihm die Wertschätzung besonders der Dirigenten sicherte, sondern er trug auch etliche Gesangsstücke als Solist vor.

Erhalten blieb das Programm eines Bunten Abends vom 19. März 1922 im Saal „Zur Mainlust“. Dort sang er die Bariton-Soli neben Herrn J. Dammköhler, Herrn Fr. Dammköhler, Fräulein J. Schönfeld und Fräulein E. Kronenberger. In dem anschließenden Singspiel „Brüderlein fein“ von Julius Wilhelm und der Musik von Leo Fall spielte er den Domkapellmeister Josef Drechsler. In der Familie wird noch heute ein handsigniertes Foto des zu dieser Zeit berühmten Tenors der Wiener Staatsoper, Franz Völker, aufbewahrt, das ihm zum sechzigsten Geburtstag überreicht wurde.

Daneben verfaßte er Gedichte zu verschiedenen Anlässen und hatte auch sonst eine besonders humorvolle Art im Umgang mit seinen Mitmenschen. Eins seiner Gedichte zum Beispiel, das er seinem Stammtischfreund Leonhardt Alt widmete, unterschrieb er mit „gez. Dr. Nadel, genannt Kegelmann“. Die polnische Hilfskraft die während des Zweiten Weltkrieges im Schiffchen“ half, forderte er oft zu einem Liedchen auf, wenn sie die Post für das Gasthaus abholen kam. „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai“, gab sie dann für alle zum Besten und dachte dabei wohl hauptsächlich an ihr eigenes Schicksal.

Aber auch sonst war die Post ein Ort der Kommunikation, Neuigkeiten wurden ausgetauscht und an menschlichen Schicksalen teilgenommen. Kam etwa ein Telegramm an, so rief Wilhelm Kegelmann nach seiner Frau Franziska, die es, häufig mit einem Enkel an der Hand, dem Empfänger zustellte.

Zur Übermittlung schlechter Nachrichten aber machte er sich selbst auf den Weg. Um dem Anlaß entsprechend angemessen gekleidet zu sein, warf er sich sein schwarzes Cape über die Schultern und setzte seinen Hut auf. Über eine Postuniform verfügte er nicht. Anteil konnte er auch an den Telefongesprächen der „Derngemer“ nehmen, denn das öffentliche Fernsprechgerät hing offen und frei gleich links neben der Eingangstür. Daran erinnern sich alte Dörnigheimer noch ebenso wie an die Geschäftsräume selbst. Wer durch die Tür mit den Buntglasscheiben die Räume betrat, stand zunächst in dem Zigarrenladen. Hier gab es aber außer Tabakwaren auch Gesangbücher, Postkarten, Schreibwaren, zu Fasching Papiergirlanden und zum Schulanfang die beliebten Schultüten.

Durch die Tür an der linken Wand betrat man den Postraum. Eine Theke mit hölzerner Schranke zum Hochklappen trennte den Postbereich von den Kunden. In der linken hinteren Ecke stand der Schreibtisch des Posthalters und daneben der Sortiertisch für die beiden Briefträger Fritz Leis und Jakob Kegelmann, der allerdings, trotz der Namensgleichheit, nicht mit ihm verwandt war. Von diesem Raum aus blickten die Kunden nach rechts in den kleinen Lagerraum für die Postsachen. Die übrigen Räume des Hauses bewohnte die Familie. Im Hof des Anwesens stand dann noch der Postwagen, ein Drückkarren, mit dem die Pakete und schweren Güter zugestellt wurden.

Nachdem der Sohn Friedrich Kegelmann 19341 geheiratet hatte, übergab ihm um 1938 der Vater den Zigarren- und Schreibwarenladen. Er selbst aber behielt die Poststelle bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1945. Danach wurde sie von der Familie Steinhäuser in der Bahnhofstraße 27 übernommen. Friedrich Kegelmann überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht, 1945 starb er bei der Gefangennahme an den Folgen seiner schweren Verwundungen und wurde auf dem Ortsfriedhof in Beraun (C.S.R.) begraben. Von nun an führte die Schwiegertochter Sophie das Tabak- und Schreibwarengeschäft. Aber ihr Tod führte 1982 zur Aufgabe des Geschäftes. Zeitweise war in dem Haus ein Kunstgewerbe- und Bastelladen, geführt von Monika Gründer und das Bürgerbüro der SPD Maintal.

Das Haus Frankfurter Straße 18 selbst hat aber in der Dörnigheimer Ortsgeschichte noch eine andere Bedeutung. Es stand als Prellbock an der scharfen S-Kurve an der Einmündung der damaligen Frankfurter Landstraße in die Lindenstraße. Es war eine Todeskurve. Von 1936 bis 1982 fuhren nicht weniger als zehn Autos mit überhöhter Geschwindigkeit den Kegelmanns durch die Außenwand in den Laden oder durch den Gartenzaun ins Wohnzimmer.

Später wurde der Zaun durch eine Mauer ersetzt. Viele der Unfälle hatten Todesopfer zur Folge. Auch nachdem die Straße 1936 an dieser Stelle durch den Abriß eines Hauses etwas mehr begradigt und eine Prellmauer errichtet worden war, ereigneten sich weiter schwere Unfälle. Oft waren es amerikanische Soldaten, die von Frankfurt kommend, abends schnell bis zum Zapfenstreich ihre Kaserne in Hanau oder Aschaffenburg erreichen wollten. 1954 kam es beim Aufprall eines Lastwagens zum Überkippen einer Ladung Hohlblocksteine, die mitsamt der Hausmauer ins Hausinnere

stürzte, die Großmutter unter sich begrub und bei dem durch den umgekippten Ofen ein Feuer ausbrach. Danach wurde ein weitausladender Betonsockel vorgebaut, der das Haus etwas besser schützte.

Aber nach wie vor kam es hier zu schweren Verkehrsunfällen, zuletzt im Mai 1994, wo ein Pkw mit der überhöhten Geschwindigkeit von etwa 130 Stundenkilometern im „Tiefflug“, wie die Zeitung schrieb, die nahe Verkehrsampel aus der Verankerung riß und mit großer Wucht gegen die Betonbrüstung schleuderte. Seit dem teilweisen Rückbau der Kennedystraße im Jahre 1995 machen ein großzügig angelegtes Blumenbeet und eine sichtbarere Platzbegrenzung vor dem Frankfurter Hof die Autofahrer besser auf den Straßenverlauf aufmerksam.

 

Vor dem alten Dorf:

GASTHAUS „ZUR SONNE“, Kennedystraße 74: Wenig bekannt sein dürfte, daß sich hinter den Mauern des ansehnlich renovierten Fachwerkhauses in der Kennedystraße 74, rechts neben dem Zeitungs‑ und Getränkekiosk Häusler, das ehemalige Gasthaus „Zur Sonne“ verbirgt. Es wurde 1828 gegründet von dem Pfarrerssohn Johann Georg Gruber.

Sein Vater Johann Philipp Gruber versah das evangelisch‑reformierte Pfarramt in Dörnigheim von 1790 bis 1809. Als Sohn des in hessen‑hanauischen Diensten stehenden Hofgerichtsregistrators Johann Leonard Gruber 1764 in Hanau geboren, war er als Pfarrer von 1785 bis 1790 zunächst in Rödelheim tätig, das ebenso zur ehemaligen Grafschaft Hanau gehörte wie Obereschbach, wo Pfarrer Gruber im Anschluß an Dörnigheim von 1809 bis 1826, seinem Sterbejahr, die Seelsorge versah. Pfarrer Johann Philipp Gruber nimmt in der Dörnigheimer Ahnengalerie einen herausragenden Platz ein, denn es kann als kirchenbuchamtlich abgesichert gelten, daß alle im Ortskern ansässigen Grubers bis auf den heutigen Tag Nachkommen dieses Pfarrers sind.

Pfarrer Gruber heiratete 1789 noch in Rüdigheim Christiane Henriette Engel aus Büdingen. Sie gebar ihm drei Kinder. Der älteste Sohn wurde wieder Pfarrer in Obereschbach. Nach ihrem frühen Tod ging er 1798 eine 2. Ehe mit Johanna Maria Lapp ein. Mit ihr stoßen wir wieder auf den „Hirsch“, ist sie doch die 1768 geborene Tochter des Gastwirts zum Hirschen und Schultheißen Johann Georg Lapp. Es ist davon auszugehen, daß die nicht unvermögende Gastwirtstochter Lapp eine ansehnliche Mitgift in Form von Grund und Boden mit in die Ehe brachte, auf dem unter anderem schließlich das hier behandelte Gasthaus „Zur Sonne“ gebaut wurde. Johanna Maria Lapp hatte mit Pfarrer Gruber sechs Kinder. Sie starb im Übrigen in Obereschbach im Jahre 1852.

Ihr erster Sohn Johann Georg Gruber wurde 1802 geboren. Er war der Begründer der Gastwirtschaft „Zur Sonne“. Er heiratete mit 24 Jahren 1826, noch im Todesjahr seines Vaters, die Bäckerstochter Elisabeth Hefterich aus Obereschbach. Es ist anzunehmen, daß im Jahr der Heirat oder kurz danach die Gastwirtschaft im neuerbauten Haus ‑ eine Scheune befand sich schon vorher auf dem Grundstück ‑ eröffnet wurde.

Erstmalig urkundlich erwähnt wird die „Sonne“ im Dörnigheimer Kirchenbuch im Jahre 1828 als „Haus Nr. 98 außerhalb des Ortes“, wie darin wörtlich aus Anlaß der Taufe seines ersten Sohnes Georg Ernst zu lesen ist. Damit ist die Gruber’sche Gastwirtschaft neben dem bereits existierenden Chauséehaus, das in früherer Zeit der Zolleinnahme diente, das zweite Haus außerhalb des geschlossenen Ortskerns an der Frankfurter Straße.

Der erste Sohn des Gastwirts Gruber, Georg Ernst, trat nicht in die Fußstapfen seines Vaters, sondern bewirtschaftete als „Ackermann“ das zur „Sonne“ gehörende Land. Er wohnte aber in der Sonne“ mit seinen drei ihm nacheinander angetrauten Frauen und der umfangreichen Nachkommenschaft.

Die Gastwirtschaft weitergeführt hat der erste Sohn des Johann Georg Gruber aus dessen zweiter Ehe, die er 1831 mit seiner Cousine ersten Grades (zur damaligen Zeit nicht unüblich) Katharina Stein eingegangen ist. Sie war die Tochter des Gastwirts zum Weißen Roß, Johann Georg Stein, mit seiner Ehefrau Anna Catharina Lapp. Bereits hier wird der Faden zum Weißen Roß aufgenommen.

Ihr Sohn Karl Ludwig Gruber führte in zweiter Generation die Sonne weiter. Er wurde 1831 geboren und starb 1906, bereits auf seinem Altenteil im „Weißen Roß“, da sich zwischenzeitlich ergeben hatte, daß dessen Sohn, ebenfalls auf den Namen Karl Ludwig getauft, es vorzog, in die alte traditionsreiche Gastwirtschaft „Zum Weißen Roß“ einzuheiraten. Die Einheirat vollzog sich im Jahre 1903 mit Margarethe Wilhelmine Lapp, die erst 1967 starb und vielen Dörnigheimern noch in Erinnerung ist.

Zur Fortführung der „Sonne“ fand sich kein Verwandtschaftsmitglied mehr bereit, nicht zuletzt wohl deshalb, weil durch die zahlreiche Nachkommenschaft das Erbe in zu viele Teile zerfiel und weil die Dörnigheimer Gastwirtschaften untereinander in Wettbewerb standen.

Abgesehen davon befindet sich direkt gegenüber die Gaststätte „Schwarzer Stern“, ein Ableger der „Mainlust“. Der Zugang befand sich ursprünglich zur Haingasse hin. Um 1900 erfuhr die Gaststätte eine erhebliche Erweiterung und Öffnung zur Frankfurter Straße hin, große Räumlichkeiten zum Feiern entstanden.

Die Gastwirtschaft „Zur Sonne“ hat lediglich über zwei Generationen, knapp 80 Jahre, Bestand gehabt (von circa 1825/21 bis 1903). Dies erklärt auch, warum sie so schnell in Vergessenheit geriet.

Zurück zum Pfarrersenkel und Ackermann Georg Ernst Gruber, der durch seine drei Ehen nicht nur für die Vermehrung der Grubersippe in Dörnigheim sorgte, sondern auch für die damit zwangsläufig einhergehende Erbteilung. Georg Ernst starb mit 62 Jahren in der Sonne im Jahre 1890. Kurioserweise wurden ihm nur Söhne geboren von allen drei Ehefrauen, und zwar zehn an der Zahl, acht überlebten die frühe Kindheitssterblichkeit jener Tage. Aus der ersten Ehe mit der Schmiedemeisterstochter Louise Fliedner erwuchsen drei Söhne (einer starb früh). Die beiden überlebenden wurden Schlosser und begründeten die Gruber’sche Schlosserdynastie, die bis in unsere Tage fortbesteht. Der zweite Sohn Philipp setzte die kinderreiche Tradition fort und brachte es in ebenfalls drei Ehen, wie sein Vater, sogar auf 17 Kinder, wovon zwei im Kindesalter starben und ein Kind ertrank.

Aus der zweiten Ehe des Georg Ernst mit Luise Schäfer gingen drei Söhne hervor, zwei Schreiner und ein Bahnarbeiter. Luise Schäfer starb mit 47 Jahren in der „Sonne“" 1874, zu jener Zeit immer noch Haus Nr. 98. (Die Anbringung von Straßenschildern erfolgte in Dörnigheim erst 1893).

Im Jahr nach dem Tode seiner zweiten Frau verheiratete sich Pfarrersenkel Georg Ernst zum drittenmal mit Anna Katharina Weyrauch. Sie stand bei ihm als Magd in Diensten. Ihr Vater war in Dörnigheim aus Würzberg (Odenwald) hinzugezogen. Sie war18 Jahre jung, als sie ihren 41 jährigen Dienstherrn ehelichte. Georg Ernst hatte mit Anna Katharina Weyrauch drei Söhne. Sie wurden auf die Namen Georg Heinrich, Wilhelm Friedrich und Johann getauft.

Georg Heinrich Gruber lebte von 1876 bis 1934 in der „Sonne“. Er bewohnte mit Ehefrau Katharina Luise Margarethe geborene Stier die rechte Hälfte des Hauses (von der Straße aus gesehen). Er ist der Großvater von Helma Gruber, verheiratete Schmidt. Hier schließt sich der Kreis zum untergegangenen „Hirsch“ in der Frankfurter Straße.

Helma Schmidt wußte über ihre Urgroßmutter Weyrauch zu berichten, daß diese mit einem Holzbein leben mußte, möglicherweise infolge eines Unfalles. Mit besagtem Holzbein trieben die Gruber’schen Enkel bisweilen ihren Schabernack, indem sie es der schlafenden Oma entwendeten und versteckten.

Von Ihrer Großmutter Katharina Luise erzählt die Enkelin Helma die interessante Geschichte, daß diese ängstlich ein Versteck von französischen Säbeln, Waffen und wertvollen Büchern auf dem Dachboden der „Sonne“ hütete, eine Hinterlassenschaft fliehender napoleonischer Truppen, die im „Hirsch“ zur Zeit des Rückzuges der Franzosen im Quartier lagen. Als dann der Großvater Georg Heinrich in den Ersten, Weltkrieg ziehen mußte, konnte sie dieses kleine Waffenarsenal zu Geld machen, um damit die Not ihrer Familie zu lindern, was Georg Heinrich nach seiner glücklichen Rückkehr aus dem Felde lebhaft bedauerte, hatte er doch den Wert dieser Hinterlassenschaft richtig erkannt.

Der zweitgeborene Sohn der Anna Katharina Weyrauch war Wilhelm Friedrich Gruber. In späteren Jahren erhielt er den Spitznamen „Schwarzer“ in Anspielung auf seine dunkle Haarfarbe, die ihm ein bei jungen Damen wohlgefälliges Aussehen verschaffte.

Wilhelm Friedrich war als Maurermeister in der Entstehung zahlreicher Häuser in Dörnigheim und Frankfurt beteiligt. Er zeichnete für die Erweiterung des Bahnhofes Hochstadt‑Dörnigheim verantwortlich sowie den Bau der Neupert’schen Metzgerei. Er schuf auch die Stuckdecke im Frankfurter Hof. 1878 geboren, verehelichte er sich 1901 mit Margarethe Marie Fischer, einer Tochter des Zimmermeisters Philipp Fischer und Schwester des Ernst Fischer (Begründer des späteren Bauunternehmens Ernst Fischer in der Bahnhofstraße).

Wilhelm Friedrich unterhielt neben seiner Bautätigkeit eine Kohlenhandlung an der Friedrichstraße („Kohlen‑ Gruber“). Tragischerweise kam er 1941 durch einen Unfall bei Bauarbeiten am Frankfurter Ostbahnhof ums Leben (sein Fuß steckte in einer Weiche, die unversehens zugeschnappt war, als der Zug anrollte und ihn überfuhr). Er ist der Großvater von Luise Wunderlich (Heizöl‑Wunderlich). In der „Sonne“ hat er nach seiner Heirat nur kurz gewohnt, weitestgehend in der Nordstraße. In 1920 baute er im Gruber’schen Garten, der sich bis zur Friedrichstraße erstreckte, ein eigenes Haus. Die Grubers in der Friedrichstraße sollten im übrigen noch zweimal Land zur Erweiterung des Friedhofes zur Verfügung stellen, das letzte Mal 1967 noch einmal 1.100 Quadratmeter Gartenland, so daß sich der erweiterte Friedhof nunmehr zwischen die Häuser der drei Brüder schiebt.

Fehlt noch der Dritte im Bunde, der jüngste Sohn der Anna Katharina Weyrauch. Es war der 1883 in der „Sonne“ geborene Johann Gruber, mit Rufnamen Jean. Johann (Jean) Gruber arbeitete als Maurerpolier und ehelichte Johanna Kadner aus Mühlheim, die erst 1971 starb, ihr Ehemann schon 1947. Sie hatten drei Töchter und zwei Söhne. Die Tochter Margarethe starb mit drei Jahren. Es überlebten Johanna, Anna, Jean und Georg‑Heinrich Gruber. Johann Gruber Vater bewohnte mit seiner Familie die linke Hälfte der ehemaligen „Sonne“. Seine Tochter Anna, geboren 1911, heiratete Wilhelm See aus Bischofsheim und starb am 19. April 1983.

Sie wurde schließlich zur Hauserbin nach Aufkauf der rechten Hälfte von den Erben des Maurer‑Onkels Georg Heinrich im Jahre 1977. Ihr einziger Sohn Helmut See ist somit jetzt alleiniger Besitzer des ehemaligen Gasthauses in der heutigen Kennedystraße 74. (Ab 1933 lag das Haus im Übrigen bis zum Ende des Dritten Reiches am Horst‑ Wessel‑Platz 32 und nach dem Zweiten Weltkrieg am Karl‑Marx‑Platz Nr. 8. Allein aus der Straßenbezeichnung lassen sich also geschichtliche Rückschlüsse ziehen).

Helmut See hat nach seiner Heirat mit Ingrid Renate Steinhäuser aus Bischofsheim in 1962 in den ehemaligen Hof der „Sonne“ sein neues Wohnhaus gebaut. Auf dem Hof sind heute noch ehemalige Stallungen sichtbar. Vor sechs Jahren gab er der „Sonne“ ein neues, dem Stil der Zeit angepaßtes Aussehen unter Wahrung der alten Fachwerkelemente. Dabei traten die Umbauten seines Großvaters Jean Gruber aus 1920 deutlich zutage.

Jean Gruber hatte gemeinsam mit seinem Bruder Georg Heinrich solide Arbeit geleistet und die Trennung der beiden Wohnhälften vorgenommen, eigentümlicherweise aber einen gemeinsamen Hauseingang beibehalten, der lediglich von der Straßenseite (siehe historisches Foto aus dem Jahre 1919) auf die Rückseite verlegt wurde.

Wie Helmut See berichtet, stieß er beim Bau seines Wohnhauses auf die mit Schlacken befestigte Trasse des sogenannten „Schwarzen Weges“, einem unbeleuchteten Trampelpfad, der den Dörnigheimern als Abkürzung zur Erreichung des Bahnhofes diente und direkt am Gruber’schen Grundstück vorbeiführte.

 

Helmut See kann sich auch noch sehr genau an Großvater Jean mit der Batschkapp erinnern, der vorübergehend die Rolle seines im letzten Krieg gefallenen Vaters einnahm. Bezeichnenderweise ist bei seiner Mutter Anna das Gastwirtsblut noch einmal durchgebrochen, denn sie unterhielt von 1952 bis 1976, ihrem 65. Lebensjahr, den heute noch im Vorgarten existierenden Getränkekiosk.

In der 1990 umgestalteten und im Dachgeschoß ausgebauten „Sonne“ wohnt jetzt mit Helmut Sees Tochter Marion die sechste Generation nach dem Erbauer sowie weitere drei Mieterparteien. So bietet bis auf den heutigen Tag das altehrwürdige Gemäuer Platz für viele, wie ehedem im vergangenen Jahrhundert.

 

„ZUR GOLDENEN SONNE": Eigentlich sollte es eine öffentliche Badeanstalt werden, wie sie Anfang der fünfziger Jahre noch üblich war, weil es in den meisten Häusern noch keine Bäder gab. Aber auf Drängen der Familie ließ sich Margarete Allmannsdörfer umstimmen, und eröffnete in der Dörnigheimer Karlstraße am 2. August 1951 zusammen mit ihrem Ehemann Adam die Gaststätte „Zur goldenen Sonne“.

Schnell wurde das Lokal zum beliebten Treffpunkt für Vereine. Hier gab es immer die neuesten Nachrichten und ein frisch gezapftes Bier. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Wirtin Margrete verwöhnte ihre Gäste mit gut bürgerlicher Hausmannskost.

An diese Tradition knüpft die heutige Wirtin Anneliese Fassing ‑ Tochter von Margarete Allmannsdörfer ‑ an. Natürlich dem Zeitgeschmack angepaßt. Denn eine der Spezialitäten von damals, „Russische Eier“, ist zwar immer noch lecker, aber auch sehr kalorienreich und darum heute nicht mehr so gewünscht. Doch zum Jubiläum am 2. August wird es die Russischen Eier auf Kartoffel‑ und Fleischsalat ebenso geben wie Kotelett mit Kartoffelsalat, Rippchen mit Kraut, Rumpsteak mit Zwiebeln, Handkäs’ mit Musik, verschiedene Schnitzel, das alles zu Sonderpreisen. Zum Angebot gehört auch ein Schöppchen mit Korn. Der Erfolg des Lokals veranlaßte die Wirtin, noch einen Anbau hinzuzufügen, um Räumlichkeiten für Vereins‑ und Familienfeiern zu haben.

Als aber ihr Ehemann Adam Ende November 1952 verstarb, war dies ein tiefer Einschnitt. Jetzt mußten Tochter Anneliese und ihr Mann Edmund mit ran. Im Jahre 1960 ging das aber nicht mehr, die Gaststätte wurde erstmals verpachtet. Gut zehn Jahre führte Rolf Mahler ebenfalls sehr erfolgreich und mit viel Engagement das Lokal, konnte sich schnell eine zufriedene Stammkundschaft schaffen.

Im Jahre 1970 übernahmen dann wieder Anneliese und Edmund Fassing für nochmals über zehn Jahre die Sonne, bevor sie 1981 Tochter Roselinde mit ihrem Ehemann Norbert Schulz übernahm. Rosi wiederum übergab die Gaststätte, die inzwischen auch komplett umgebaut und renoviert worden war, an ihren Bruder Werner Fassing und dessen Partner Michael Rudolph.

Dann der Schnitt 1999: Werner Fassing gab, auf, die Gaststätte wurde geschlossen. Beinahe sah es schon so aus, daß die Wirtschaft das goldene Jubiläum nicht mehr erleben würde; doch daß sie Sonne im wahrsten Sinne des Wortes nicht endgültig unterging, dafür sorgte wiederum Anneliese Fassing. Die sich trotz ihres Alters aufschwang, zusammen mit ihrer Tochter Christa der Sonne nochmals zu altem Glanz zu verhelfen.

Und wer Anneliese Fassing agil wie eh und je hinterm Tresen agieren sieht, fühlt sich prompt in die alten Zeiten zurückversetzt, als es noch den „Sonnen‑Club“ gab, eine Stammtisch‑ Gesellschaft, die immer etwas unternahm; als die heute noch legendären Faschingsfeten gefeiert wurden und Wirt Edi einen „Striptease“ auf dem Tresen vollführte, und die Leute vom Zirkus Althoff (jahrelang hier im Winterquartier) samt Elefant zu den Stammgästen der goldenen Sonne gehörten.

Heute nun präsentiert sich die beliebte Gaststätte im schmucken Gewand; im kleinen Saal für 70 Personen sorgt im Winter ein offener Kamin für eine gemütliche Atmosphäre; die Gartenwirtschaft ist ein wahres Schmuckkästchen geworden. Die Küche ist weiterhin gut bürgerlich. Aus den Zapfhähnen laufen die süffigen Biere der Dortmunder Union‑Ritter‑Brauerei. Hefe‑ und Kristallweizen gehört ebenso zum Angebot wie das Stöffche der Landkelterei Höhl aus Hochstadt.

 

DAS ZOLLHAUS („Chausseehaus“): Das Haus war das erste Gebäude außerhalb der geschlossenen Dorfanlage (heute Kennedystraße 76, Doppelhaus der Bank). Hier wurde der Zoll von den aus Frankfurt kommenden Fuhrleuten erhoben. Das Zollhaus stand neben dem alten Friedhof, war aber viel älter als dieser. Hier wirkte zuletzt Konrad Heck, Sproß einer weitverzweigten Dörnigheimer Familie. Der Stammvater aller Dörnigheimer Heck-Nachfahren, Johann/Hanß Heck, Kirchenältester, Kirchenrüger und Geschworener. Er ist vermutlich vor Beginn der damals noch lückenhaften Kirchenbucheintragungen, also vor 1651, gestorben. Seine Frau Margreth wurde 1676 im Alter von 73 Jahren begraben. Die Ehe ist frühestens zwischen 1620-1625 geschlossen worden.

Aus ihr gingen vier Kinder hervor, und zwar drei Söhne und eine Tochter. Sohn Niclas starb schon vier Jahre nach seiner 1658 erfolgten Eheschließung mit Emma/Anna Steffan und hinterließ nur einen Sohn mit Namen Christoffel. Wegen einer Erkrankung erhielt er gleich nach seiner Geburt im Haus eine Nottaufe, wurde dann aber zweiundachtzig Jahre alt. Auch Helena, seine Frau, die zwischen 1660 und 1750 lebte, wurde annähernd neunzig Jahre alt.

Sohn Peter („der Alte“), Kirchenältester und Geschworener, heiratete 1668 Catharina Trapp aus Hochstadt. Dieses Ehepaar hatte acht Kinder: Fünf Söhne, von denen zwei das Kindesalter nicht überlebten, und drei Töchter.

Der Enkel Gregorius (des Johann Heck), das älteste der Kinder Peter Hecks, wurde 1668 geboren. Seit 1697 war er mit Engel Bach aus Niederrodenbach verheiratet. Er wurde trotz seiner „nur“ siebenundsiebzig Jahre ebenfalls „der Alte“ genannt, bekleidete das Amt des Kirchenältesten und war außerdem Gerichtsmann. Als zweiter Sohn wurde 1699 (nicht 1687) Stoffel Heck geboren, Bürger von Hanau (nicht Burgraf), der 1741 sein Töchterlein in Dörnigheim beerdigen ließ. Der jüngste Sohn war Johann Gregor, geboren 1718,

Enkel Peter „der Jüngere“-  zweiter Sohn von Peter „dem Alten“ - war nicht Bäcker, sondern Bender, Bierbrauer und Wirt. Er wird auch „der Heck der Wirth“ genannt. Er stellte also seine Bierfässer selbst her. Seine Frau aus Niederrodenbach hieß Anna Catharina Göbel (nicht Köbel).

Die Liebe jedoch zum alten Zollhaus - oder dem Chausséhaus, wie es im täglichen Sprachgebrauch genannt wurde - begann 1710 mit der Geburt von Maria Katharina, der Tochter des Bierbrauers Peter Heck, die zur Patin die Tochter des „Herrn Henrich Grimm, Zollverwalter allhier“ hatte. Henrich Grimm war kein anderer als der Ururgroßvater der Märchen-Brüder Grimm. Er stammte aus Bergen und starb am 11. September 1713 in Dörnigheim, wurde aber nicht hier beerdigt.

Bei der Geburt von Konrad Heck im Jahre 1809 stand der Sohn des Chausséewärters Pate. Ebenso heißt es bei einem namenlosen „Söhnchen“, das im Jahre 1818 nur sechs Tage alt wurde: „zu Gevatter stand der hiesige Chausségelderheber“.

Der Enkel (des Johann Heck) Christoffel oder Stoffel, (geboren 1660, gestorben im Alter von 67 Jahren 1727) war zweimal verheiratet. Seine erste Frau war Helena geborene Fritz. Die Hochzeit fand 1682 statt.

Diese Ehe war kinderlos und Helena starb schon 1708. Im Jahre 1712 ging Stoffel Heck eine zweite Ehe mit Anna Maria N. ein, die erst 1750 starb und ihm eine Tochter und zwei Söhne gebar. Der Enkel (des Johann Heck) Jonas war Kirchen-Senior und verheiratet mit Jenna Kegelmann.

Gregorius, der Enkel Johann Hecks,  ist der Stammvater der Jubilarin Anna Coy geborene Heck (nicht sein jüngerer Bruder Johannes/Jonas). Der jüngste Sohn von Gregorius nämlich, Johann Gregor (geboren 1718) führt die Linie weiter über seinen Sohn Christoffel (geboren 1749). Dessen ältester Sohn war der 1780 geborene Peter Heck, Hofbeständer und Gastwirt zu den „Drei Kronen“ (1818) in der Frankfurter Straße. Er war verheiratet seit 1801 mit Wilhelmine Köppler,  Tochter von Franz Köppler, Hofbeständer im Jacobsberger Hof.

Ein weiterer Sohn war der Gemeindebäcker Karl (geboren 1787). Dieser wiederum hatte einen Sohn Konrad (geboren 1809). Er  übte  den Beruf des kaiser- und königlichen Zollbeamten aus.

Sein Büro befand sich außerhalb des zur damaligen Zeit bebauten Ortskernes im alten Zollhaus an der Straße nach Frankfurt. Der große Schreibschrank, der bis unter die Decke reichte, war angefüllt mit Papieren, Stempeln und Siegeln.

Konrads Sohn war Karl Heck (genannt „Konradskarl“). Von Beruf war er Stellmacher und Brunnenbauer. Vor allem stellte er Pumpen her, speziell Jauchepumpen („Puddelbumbe“). Seinen letzten Brunnen baute Karl Heck mit 85 Jahren. Bei den vielen verwendeten Holzteilen war natürlich eine regelmäßige Wartung sehr wichtig. Auch die von ihm gebaute Wasserversorgungsanlage für die Dampflokomotiven entlang der Bahnstrecke bis zur Mainkur oblag seiner Aufsicht. Die hölzernen Wasserpumpen mit den Rinnen mußten regelmäßig erneuert werden.

Aber Karl Heck war nicht nur Pumpenbauer, sondern auch mit Leib und Seele Landwirt und ein Mann mit Prinzipien. Für die Landwirtschaft standen zwei Kuhgespanne zur Verfügung, je ein Gespann für die Arbeit am Vor- und am Nachmittag. Sein Enkel Hugo schwärmt noch heute von den Zwetschgen, die sein Großvater in einem Brunnenschacht bis Weihnachten für leckere Kuchen frisch hielt.

Karl Heck, der fast 90 Jahre alt wurde, leistete zwar den Wehrdienst, erlebte drei große Kriege, davon zwei Weltkriege, wurde aber niemals zum aktiven Kriegsdienst herangezogen. 1858 geboren, war er für den Feldzug 1870/71 noch zu jung, für den Ersten Weltkrieg aber war er bereits zu alt. Geheiratet hatte Karl erst mit fünfzig Jahren. Er trug schwer an dem Verlust seiner großen Liebe aus der Jugendzeit. Das Mädchen war kurz vor der Hochzeit gestorben.

Vielleicht war das sein Erlebnis, das ihn zu den vielen Clownerien veranlaßte, die ihn in Dörnigheim zu einem Original werden ließen. So lief er noch im hohen Alter im Winter auf den überschwemmten und gefrorenen Mainwiesen mit den herrlichsten Figuren Schlittschuhe und für die Kinder goß er Wasser für eine Eis-Rutschbahn in den Hof. Im Sommer setzte er sich gern auf ein kleines Bänkchen im Main, das er eigens für sich dort hineingestellt hatte, und ließ sich von den Kindern mit einer Wurzelbürste den Rücken schrubben.

Seine Tochter ist Anna Coy geborene, die am Montag, 11. Mai 2001, 93 Jahre alt wurde. In ihrem hohen Alter ist sie auch heute noch eine Frau mit einem erstaunlich starken Willen und einer großen Ausstrahlung. In ihrer Kindheit ist sie durch eine harte Schule gegangen. Der Vater duldete keinen Müßiggang.

 

Der alte Friedhof:

Der alte Friedhof  wurde 1814 außerhalb des Dorfes zwischen Zollhaus und einem nach Hochstadt führenden Weg, auf einem Grundstück mit der Flurbezeichnung „Hinter dem Ort“, Flur 13, Flurstück 18/2 angelegt. Man kam damit einer Aufforderung der Oberen Behörden aus dem Jahre 1805 nach, mit der wegen der Seuchengefahr die Anlage von Friedhöfen weit außerhalb der Ortschaft verlangt wurde. Die erste Begrenzung war ein ehemaliger Landwehrgraben, in dem sich die Hochstädter einen Weg zur Schiffsanlegestelle am Main gebahnt hatten und auf dem sie mit ihren Fuhrwerken den in Hochstadt abgebauten Kalk zu den Mainschiffen brachten.

Schon nach wenigen Jahren, um 1856, wurde der Friedhof über diesen Weg hinaus nach Westen erweitert. Das Anwachsen der Bevölkerung machte bald erneut eine Erweiterung der Friedhofsanlage erforderlich. Das Zollhaus verhinderte zunächst eine Erweiterung nach Osten. Noch einmal wurde ein schmaler Streifen westlich hinzugenommen und ‑ der Weg nach Hochstadt weiter nach Westen außerhalb des Friedhofs verlegt. Der alte Teil des Weges ist noch heute einer der beiden Hauptwege im Friedhof. Auch ein Rest der alten Umfassungsmauer steht noch mitten im Friedhof. Im Jahre 1880 begannen die Erweiterungsarbeiten. 1881 wurde die Anlage mit einer Mauer umgeben und umfaßte nun mit 5.082 Quadratmetern das gesamte Flurstück 18. Der noch heute bestehende Haupteingang mit seinem Holztor und den beiden Sandsteinpfosten stammt aus jener Zeit.

Inzwischen wandelte sich das Friedhofswesen. Mit der Säkularisation im Jahre 1804 hatte die Kirche zusammen mit ihren sonstigen Gütern auch die Hoheit über die Friedhöfe verloren. Nun sorgte die Gemeinde für eine ordnungsgemäße Bestattung. Neue Verordnungen wurden erlassen. Eine wesentliche Regelung zur Vermeidung der Beerdigung von Scheintoten war die mehrtägige Leichenschau, die in Hessen drei Tage betrug. Religiöse Aspekte traten in der Verwaltung völlig in den Hintergrund, spielten aber nach wie vor bei der Bevölkerung eine große Rolle. Die Zwistigkeiten der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaft des vorhergehenden Jahrhunderts waren überwunden.

In teilweise recht aufwendigen Zeremonien erweisen noch heute die Hinterbliebenen dem Verstorbenen große Aufmerksamkeit. In der Schulchronik von 1908 heißt es zum Beispiel: „Am 26. März (1908) starb Peter Lapp, Bürgermeister außer Dienst, und wurde derselbe Sonntag, den 29. März, unter großer Betheiligung der Gemeinde zur letzten Ruhestätte gebracht. Der Verstorbene war in hiesiger Gemeinde 21 Jahre Bürgermeister.“

Friedrich Ickes beschreibt in seinem Beitrag über die Dörnigheimer Friedhöfe in dem Buch des Historischen Kulturkreises Dörnigheim, „Dörnigheim nach 1200 Jahren“, den Ablauf einer Beerdigung, wie ihn noch seine Mutter um 1900 erlebt hat. Um diese Zeit gab es noch keine Trauerhalle. Wenn der Arzt den Tod eines Menschen bescheinigt hatte, wurde er daheim aufgebahrt. Dann ging die Totenfrau von Haus zu Haus und bat die Nachbarn zur Beerdigung. Man nannte das die „Leichenbitte“.

Anna Ickes erinnerte sich noch daran, daß auch der Ortsdiener mit der Schelle durch die Gassen ging und zur Leichenbestattung aufforderte. Es war üblich, daß aus jedem Haus mindestens ein Familienmitglied an der Trauerfeierlichkeit teilnahm. Am Tag der Beerdigung formierte sich der Leichenzug vor dem Haus des Verstorbenen und in gemächlichem, feierlichen Schritt ging es dann zum Friedhof. Nicht selten wurde der Trauerzug von einem Spielmannszug begleitet, mit Trommelwirbel und Trauermarsch. Vorneweg ging der Ortsdiener, in Uniform, mit Säbel und Pickelhaube.

Dahinter kam der Leichenwagen, gezogen von zwei Pferden mit schwarzen Pferdedecken und schwarzen Ohrenklappen. Dann folgten die Schulkinder der ersten und zweiten Klasse unter Leitung des Rektors. Das war äußerst wichtig, denn schon vor dem Haus des Verstorbenen und später am Grab wurde von den Schülern das Lied gesungen: „Begrabt den Leib in seiner Gruft, bis ihn des Schöpfers Stimme ruft...!“

Ältere Mitbürger erinnern sich noch heute an diese Zeiten, als sie selbst in einer solchen Schulklasse waren und mitgesungen haben. Nach den Schülern ging der Pfarrer und dann kamen die Leidtragenden. War der Verstorbene gar in einem Gesangverein, was keine Seltenheit war, wurde ihm auch von dieser Seite her ein Lied dargebracht. Für Vereine, wie Feuerwehr, Gesang‑ oder Turnverein, war es selbstverständlich, daß wenigstens einige Mitglieder mit ihrer Vereinsfahne im Trauerzug mitgingen und am Grab ein Blumengebinde oder einen Kranz niederlegten. Ansprachen wurden gehalten und ewiges Andenken gelobt.

Diese letztgenannte Sitte ist allerdings auch heute noch häufiger Brauch. Es war schon ein recht ansehnlicher Zug, der sich früher durch die Straßen bewegte. Das ist heute natürlich nicht mehr so. Schon durch den Straßenverkehr ist es in der heutigen Zeit unmöglich geworden.

Auch sonst hat sich manches geändert. Es gab eine viel strengere Friedhofsordnung als heute. Bei kleinen Kindern etwa wurde überhaupt keine Trauerfeier abgehalten und auch der Pfarrer hielt keine Predigt. Aus einer Anweisung des Pfarrers Theobald (1743-1789), wie der öffentliche Gottesdienst gehalten werden solle, steht unter Punkt neun: „Leichenpredigten werden nur den Erwachsenen und den Kindern nicht eher halten als sie in die Schule gehen, und werden keine Personalien gelesen“. Selbstmörder wurden an der Friedhofsmauer in einer Ecke buchstäblich verscharrt. Kein Pfarrer oder Prediger ist in einem solchen Falle mitgegangen. Der alte Brauch des dreimaligen Streuens von Erde auf den Sarg hat sich bis heute erhalten, ebenso nach der Beerdigung der Leichenschmaus.

Unter großer Beteiligung der Orteinwohner enthüllte der Bürgermeister Karl Leis im Jahre 1922 auf dem alten Friedhof ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. In seiner Ansprache gedachte er der 69 Dörnigheimer Mitbürger, die im Kampf um das Vaterland, um die Heimat und um die Familie ihr Leben lassen mußten. Er gelobte, daß die Gemeinde Dörnigheim jederzeit das Denkmal unter ihrem Schutz in Ehren halten wer Der große und die fünf kleinen Natursteine mit den eingravierten Namen der Gefallenen stehen noch heute gegenüber dem Haupteingang.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Friedhof unverändert. Die Belegung nahm jedoch gegen Ende des Krieges größere Ausmaße an, als in den Jahren zuvor. Nach den schweren Bombenangriffen auf Hanau flüchteten die Menschen aus der brennenden Stadt in die Nachbargemeinden. Auch in Dörnigheim wurde ein Lazarett eingerichtet, in dem viele ihren schweren Verletzungen erlagen. Sie wurden auf dem Dörnigheimer Friedhof begraben.

In den Wirren gegen Ende des Krieges kam es zu Toten ganz anderer Art: Vermutlich, Flüchtige aus dem Gefangenenlager auf der Wegscheide bei Bad Orb waren kurz vor der Mainkur verfolgt und erschossen worden. Sie wurden zunächst auf dem Friedhof beigesetzt, aber kurze Zeit später in den Nordosten von Dörnigheim verlegt, wo man einen neuen Waldfriedhof plante. Es gab jedoch Probleme mit dem Grundwasser und das Projekt wurde aufgegeben. Inzwischen hatte die „Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ bei Schlüchtern einen Soldatenfriedhof angelegt und die Särge wurden dorthin überführt.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges war die Bahnhöfe in Hanau und Frankfurt fast völlig zerstört, so daß die Züge nicht mehr einfahren konnten und auf freier Strecke entladen wurden. Nahe des Dörnigheimer Bahnhofs legten die amerikanischen Besatzer ein Depot an, das sie von deutsch Kriegsgefangenen bewachen ließen.

Am 19. August 1945 kam es dort zu einem Brand, den die örtliche Feuerwehr zu löschen versuchte. Als jedoch die zwischen all den  Flakgeschützen, Flakscheinwerfern, zerschossenen Panzern und Wehrmach-LKWs gelagerten Minen und Torpedos mit dem Spritzwasser in Berührung kamen, folgte eine gewaltige Explosion, bei vier Feuerwehrleute getötet wurden und zwei weitere schwer verletzt überlebten. Zum Gedenken an dieses schwere Unglück steht heute auf dem Alten Friedhof ein Denkmal mit den Namen der Getöteten. Es sind: Jakob Schneier, Peter Boos, Jakob Rauch und Jakob Kegelmann. Auch viele Amerikaner kamen ums Leben kamen und bis in die weitere Umgebung die Fensterscheiben barsten und ganze Dächer wurden abgedeckt.

Das rasche Anwachsen der Bevölkerung nach 1945 brachte in Dörnigheim viele Veränderungen. Neue Baugebiete entstanden. Auch die Kapazität des alten Friedhofs reichte bald nicht mehr aus. 1952 kam es zu einer weiteren Veränderung. Im Zuge des Ausbaus und der Verbreiterung des Backeswegs wurde auf der gesamten Länge die Friedhofsmauer um fünf Meter nach innen versetzt. Gleichzeitig konnte der nördlich vom Friedhof gelegene Holzplatz von der Gemeinde erworben und mit in den Friedhof einbezogen werden. Die Größe des gesamten Areals betrug nunmehr 10.507 Quadratmeter. Für die Verbreiterung des Backeswegs waren vom alten Gelände etwa 440 Quadratmeter abgetrennt worden, das danach noch eine Größe von 4.662 Quadratmeter hatte, und mit dem Einfügen des Holzplatzes 777 Quadratmeter und des östlich gelegenen Geländes 5.088 Quadratmeter hinzu gekommen. Die neuen Teile umfaßten die Parzellen Flur 13, Flurstücke 10/2, 13/2, 13/3 und 14.

Inzwischen war durch den knapp gewordenen Wohnraum eine Aufbahrung der Toten in den eigenen Wohnungen häufig nicht mehr möglich. Auch waren die Trauerzüge durch den Ort für den Straßenverkehr problematisch geworden. So wurde 1950 zunächst eine einfache Aufbewahrungsmöglichkeit auf dem Friedhof geschaffen, der endlich zehn Jahre später, im Jahre 1960, der Bau einer Trauerhalle folgte. Nun konnten die Toten würdig aufgebahrt werden und die Trauerfeiern mußten nicht mehr unter freiem Himmel stattfinden. Durch einen zweiten Zugang konnte man jetzt von der nördlich gelegenen Friedrichstraße auf den Friedhof gelangen.

Einige der alten Grabmale aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg sind noch auf dem Friedhof zu finden, wie dieser der Wilhelmine Ebert, geborene Lapp, die von 1892 bis 1933 gelebt hat. Er steht im Laub versteckt vor der alten Mauer im Inneren des Friedhofs. Diesem Umstand verdankt er seinen Erhalt. Würde er, oder einer der wenigen anderen entfernt, könnte die Mauer einstürzen. Der Sinnspruch auf dem alten Grabstein lautet:

„Manch Tränlein mag wohl fallen, Das Liebe nach mir weint,

Ich hatt’s ja auch mit Allen Im Leben gut gemeint.

Doch habt ihr mich versenket, So lasst das Trauern sein,

Nur wenn ihr mein gedenket, Gedenkt in Liebe mein!“

Doch schon bald wurde der Platz für neue Bestattungen wieder knapp. Die nahe Wohnbebauung ließ keine weitere Erweiterung mehr zu. Es war unumgänglich, an anderer Stelle Gelände für einen neuen Friedhof zu suchen. Der neue Standort wurde gefunden, weitere Bestattungen fanden auf dem alten Friedhof nur noch in bereits bestehenden Familiengräbern statt und die Ruhezeit von 30 Jahren sollte eingehalten werden.

Allerdings stand das Schicksal des alten Friedhofs auf dem Spiel, als ihn 1987 der damalige Stadtbaudezernent einebnen wollte, um dort einen Kinderspielplatz und einen Grillplatz einzurichten. Von 1987 bis 1994 kämpfte eine Friedhofskommission um den Erhalt. Der Bürgerwille wurde schließlich mit den Stimmen der CDU im Parlament durchgesetzt. Ergebnis war aber die Beseitigung der vielen alten Grabstellen und das Verbringen einiger Grabsteine in ein so genanntes Lapidarium, eine Steinesammlung, entlang der südlichen Mauer. Die Steine wurden recht willkürlich von übergeordneter Stelle ausgewählt, haben leider kaum einen Bezug zur Ortsgeschichte.

Im Jahre 1998 legte ein junger Landschaftsgärtner in seiner Diplomarbeit eine Studie vor mit Vorschlägen, wie der alte Friedhof durch eine vorsichtige Umgestaltung, unter besonderer Berücksichtigung der Denkmalpflege, aufgewertet werden könne. Der Platz um die Friedhofshalle hatte sich im Laufe der Jahre ungleichmäßig abgesenkt, so daß bei Regen große Pfützen den Zugang behinderten. Auch optisch war eine Aufwertung notwendig. Aus dem Etat für Stadterneuerung der Hessischen Denkmalpflege sollten Gelder hierfür bereit gestellt werden. Sie wurden jedoch kurz vor ihrer Ausschüttung umgewidmet. Im Dezember 2002 beschied die Stadtverordnetenversammlung gegen die Sanierung, um die etwaigen Kosten von 50.000 Euro einzusparen. Nun läuft eine Diskussion darüber, ob der Alte Friedhof nicht mehr für Neubestattungen genutzt werden soll.

Der Historische Kulturkreis fürchtet, daß in absehbarer Zeit eines der wenigen Kleinode der Dörnigheimer Ortsgeschichte aus dem Ortsbild verschwinden könnte. Der Historische Kulturkreis ist der Meinung, daß der Alte Friedhof in Dörnigheim eines der wenigen Kulturdenkmale ist und als solches erhalten bleiben muß. Er ist eine wichtige innerstädtische Kultur‑ und Gedenkstätte. Zur Pflege und Betreuung wäre ein Verein denkbar, „Arbeitskreis Alter Friedhof“ der aus Vertretern der Kirchen, der Bestattungsinstitute, der Stadt und interessierter Vereine bestehen sollte und mit den nötigen Kompetenzen und ausreichenden Mitteln ausgestattet werden müßte. Hohe Sachkenntnis und Motivation wären gute Grundlagen für eine effektive Arbeit.

Am 3. Januar 2004 meldete der Tagesanzeiger wiederum: „Alten Friedhöfen in Dörnigheim und Wachenbuchen droht die Schließung. In der Dezember‑Sitzung des Stadtparlaments wurde eine entsprechende Vorlage des Magistrats, die sich als „Schnellschuß“ erwies, flugs wieder zurückgezogen. Jetzt soll der Magistrat zunächst eine neue Vorlage erstellen, doch die Zielrichtung bleibt die gleiche.

Konkret geht es um die alten Friedhöfe in Dörnigheim und Wachenbuchen. Vorgesehen war, die beiden Gottesäcker bereits zum 31. Dezember 2003 zu schließen, was bedeutet hätte, daß ein Neuerwerb von Nutzungsrechten an Wahlgräbern sowie die Bestattung in Reihengräbern nicht mehr möglich gewesen wäre; in erworbenen, aber noch nicht belegten Wahlgrabstätten eine Bestattung nur noch dann möglich gewesen wäre, wenn die Nutzungszeit mindestens noch der Ruhefrist entspricht; das an Wahlgräbern erworbene Nutzungsrecht am Tage des Erwerbs ohne Verlängerungsmöglichkeit auf 40 Jahre begrenzt wäre; gleiches auch für die Urnenbeisetzungen gegolten hätte. Zudem seien gerade in Dörnigheim und Wachenbuchen durch die neuen Friedhöfe mit Trauerhalle und allen weiteren technischen Einrichtungen für Ersatz in vollem Umfang gesorgt.

Beschluß läge war außerdem, die beiden Friedhöfe bis zum 31. Dezember 2045 zu „entwidmen“, sie verlören damit ihre Friedhofseigenschaft. Außerdem, so sah es die zurückgezogene Vorlage vor, wollte der Magistrat Verhandlungen mit der evangelischen Kirchengemeinde Hochstadt aufnehmen, mit der Zielsetzung, auch den alten Hochstädter Friedhof zu schließen.

Stadtrat Schächer sagte in einer Versammlung: Den Alten Friedhof in Dörnigheim zu schließen, bedeute, daß die kommenden zehn Jahre noch beerdigt würde. Die Trauerhalle, die danach nicht mehr benötigt werde, könne abgerissen werden, da sie sonst nur unnötig Kosten verursache. Eine Bebauung sei nach Schächers Wissen dort jedoch nicht geplant. Die Anlage werde danach weitere 40 Jahre als Friedhof bestehen bleiben, da die Gräber ja auf längere Dauer gekauft seien, neue Gräber könnten dann keine mehr erworben werden. Fortan könne das Gelände als Parkfläche genutzt werden. Tote würden keineswegs umgebettet und der besondere Charakter des Geländes werde immer bleiben.

Die Gründe für den Vorschlag lauten: Infolge der baulichen Entwicklung liegen die Friedhöfe mittlerweile inmitten von Wohngebieten. „Eine ungestörte Andacht an die Toten im ursprünglichen Sinne ist nicht mehr gegeben. Außerdem sei nicht auszuschließen, daß von den teilweise mehrfach belegten Grabstätten gesundheitliche Gefahren ausgehen. Grund der Schließungspläne sind aber einmal mehr die Finanzen. Derzeit        betreibt die Stadt sieben Friedhöfe. Eine Erhöhung der Maintaler Friedhofsgebühren um zehn Prozent ist geplant. Mit Kassel ist Maintal landesweit Spitze bei der Gebührenerhebung. „Die Unterhaltung der alten Friedhöfe in Maintal verursacht in erheblichem Umfang Kosten bei stetig zurückgehenden Bestattungsfällen“, heißt es in der schriftlichen Begründung des Magistrats. Für den Unterhalt der alten Friedhöfe seien jährlich „beträchtliche Summen“ aufzuwenden, die auch durch die Gebührenerhöhung 1998 nicht hätten kompensiert werden können. Maintal habe Einnahmen für Bestattungskosten in Höhe von etwa 500.000 Euro, die Ausgaben beliefen sich jedoch auf rund 700.000 Euro. Hätte die Stadtverwaltung in den vergangenen Jahren konsequent alle Beerdigungen auf dem Alten Friedhof gemacht, hätte es dieses Streitgespräch schon wegen Überfüllung des Alten Friedhofes überhaupt nicht gegeben! Noch nicht einmal ein Gräberfeld des Neuen Friedhofes hätte auf dem Alten Friedhof Platz. Die Einwohnerzahl von Dörnigheim ist eben in den vergangenen Jahren gewaltig gestiegen und sie steigt noch weiter. Daran sollten sich auch die Alt‑Dörnigheimer gewöhnen, die den Friedhof vor der Haustür haben möchten. Der Verdacht wurde geäußert, daß die Maintaler Rathausspitze hier einfach Fakten über die Meinung der Bürgerinnen und Bürger hinweg schaffen wolle: Mit dem Abriß der Trauerhalle wolle man  jegliche Beerdigungen auf dem „Alten Friedhof“ unmöglich machen. Ferner bestand die Befürchtung, die Trauerhalle würde lediglich abgerissen, um die Fläche Immobilienmaklern zur Bebauung zu überlassen. Dem Gerücht, daß mit dem Ende der Bestattungszeit die Trauerhalle offenbar Wohnhäusern weichen müsse, konnte Stadtrat Schächer nicht entkräften. „Ich weiß nicht, was 2045 ist“  sagte er mit Achselzucken.

Die Gründe gegen die Schließung lauten: Das Argument, die alten Friedhöfe aus Kostengründen schließen zu müssen, kann man nicht nachvollziehen. Wenn man bedenkt, daß Maintal die höchsten Bestattungskosten im Bundesgebiet hat (oder hatte) und man sich den Zustand der Friedhöfe anschaut, weiß man nicht, was mit dem Geld gemacht wird. Und dies, obwohl der Service miserabel ist: Es gibt keinen Bereitschaftsdienst, keine Parallel‑Beerdigungen auf den Maintaler Friedhöfen und vor allem auch kein Provisorium während der Renovierungsarbeiten an der Trauerhalle auf dem neuen Dörnigheimer Friedhof. Kostet die Pflege einer Grünanlage mehr als die eines Friedhofs? Hier wie dort muß der Abfall abtransportiert, Laub entsorgt und ab und zu das Gras gemäht werden. Da im Falle einer Schließung des Alten Friedhofs stünde weiterhin die gleiche Menge an Bestattungen an ‑ dann auf dem Neuen Friedhof.

Die „Parkanlage Alter Friedhof“ müßte auch gepflegt werden. Ein Abriß der Trauerhalle kaum das Defizit von 200.000 Euro wett machen.

Walter Korn sagte: Die Stadt sollte doch erst einmal auflisten, wie hoch der Anteil des alten Friedhofs am Defizit sei, bevor man von einer Schließung rede. Möglicherweise seien es weniger als 50.000 Euro, spekulierte er. Die Einsparung mache sich überdies erst nach Ablauf der Bestattungsfrist für bereits gekaufte Gräber in zehn bis 20 Jahren bemerkbar: Die paar Euro stehen in überhaupt keinem Verhältnis zu dem, was hier kaputt gemacht wird. Zudem solle der Magistrat prüfen, ob eine Privatisierung der Friedhofspflege nicht der preiswertere Weg sei. Und wenn das Minus dann immer noch vorhanden sei, könne ein Förderverein die Differenz auffangen.

Für einen Friedhof, der vorwiegend von älteren Leuten genutzt wird, kann eine zentrale Lage doch gar nicht verkehrt sein. Ein Friedhof mit alten Bäumen ist nicht nur ein Ort für gute Luft und Vogelgesang, er ist auch Erinnerung für uns ‑ Geburt und Tod, was jeden Menschen trifft. Unsere Kinder sehen bis abends jede Menge Tote im Fernsehen, wo kann man aber noch beim Einkaufen oder Spazierengehen seine Toten besuchen, von ihnen erzählen, wie sie gelebt haben und wie sie waren. Friedhöfe gehören in das Dorf, die Stadt, zu uns.

Im Ort, umgeben von bewohnten Häusern, wo jeder mal schnell vorbei kommen kann, ist der Ort für einen Friedhof. Hier  erinnert man sich vielleicht an schöne Dinge, die sie gemeinsam erlebt haben. Ein Friedhof gehöre nicht an den Rand des Orts. Der Tod ist ein Teil des Lebens und darum gehört der Friedhof in Dörnigheim mitten rein. Schon aus praktischen Gründen ist der Erhalt des Gottesacker im Zentrum als notwendig: Man kann doch leichter mal auf dem Weg zum Einkaufen am Grab vorbeischauen.

Der neue Friedhof liegt nicht nur weit außerhalb und ist für schwer erreichbar, er liegt auch ganz am Rand der Dörnigheimer Gemarkung mitten in einem Gewerbegebiet. Diese Lage ist der Ruhe auch nicht dienlicher als die Kennedystraße am alten Friedhof.

Wo möchten Sie in Dörnigheimer lieber begraben sein: Am letzten Zipfel vor Hanau, hinter dem Industriegebiet, beim Umspannwerk, neben der Kompostanlage und dem Restmüllplatz, wo laufend sorgsam gepflegte Gräber verwüstet werden, weil es keine Nachbarn gibt und keiner etwas hört?

Bedauerlich ist der Zustand des Friedhofes. Die Wege und Rabatten sind ungepflegt und verholzt. Da der Friedhof so weit draußen liegt, kann man Blumen gar nicht so schnell raus tragen, wie sich die Kaninchen darüber her machen. Die alten Waschbetonplatten sind gute Stolperfallen und dank der neuen Kieselsteinchen hat man jetzt lauter roten Kies auf den Gräbern. Zerstörungswut und schlechte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr lasse den neuen, rund 30 Jahre alten Friedhof am Rand des Gewerbegebietes auf Ablehnung stoßen.

Die Dörnigheimer wollen ihren Friedhof auch weiterhin als solchen nutzen zu wollen, mit der Möglichkeit, Tote zu bestatten; weiterhin, um ein Kulturgut zu bewahren und um die Verstorbenen nicht „auslagern“ zu müssen. De Kirchengemeinde setzt sich dafür ein, „daß weiterhin Erd‑ und Feuerbestattungen auf dem Alten Friedhof möglich sind“: Der Alte Friedhof Dörnigheim sei ein Ort der Trauer und einer der Begegnung von Menschen, die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen und Freunde besuchten. Dieser historische Friedhof habe daher für viele Bürgerinnen und Bürger einen hohen Stellenwert. Er sei ein Ort der Erinnerung für Familien und für unsere Stadt. Durch seine zentrale Lage an belebten Straßen erinnere er im alltäglichen Leben an den Tod.

 

 

DAS BLEICHHÄUSCHEN: Am Beginn des Backesweges befindet sich auf einem Gartengrundstück gegenüber dem Alten Friedhof ein kleines Fachwerkhaus, das auf den ersten Blick den Eindruck vermittelt, als handele es sich um ein solide gebautes altes Gartenhaus. Zwar wird es heute als Gartenhaus zur Aufbewahrung von allerlei Gerätschaften benutzt, tatsächlich aber begegnen wir hier einem denkmalgeschützten Bauwerk. Schaut man näher hin, wird der aufmerksame Betrachter gewahr, daß das Fachwerk in der Tat ein denkwürdiges Alter haben muß.

Das Gartenhaus ist in Wirklichkeit das ehemalige Bleichhaus der Gemeinde Dörnigheim. Es hatte freilich einen anderen Standort. Es befand sich auf einem Wiesengrundstück mit der überlieferten Flurbezeichnung „Auf der Bleiche“ (offizielle Flurbezeichnung „Weidenwiesen“) an der Braubach schräg gegenüber dem Bahnhof Dörnigheim (heute Gelände des Bauunternehmens Fischer).

In früherer Zeit war es üblich, daß die Hausfrauen das gewaschene Leinenzeug auf die grüne Wiese zum Bleichen legten. Dann und wann wurden die Wäschestücke mit der Gießkanne begossen. Die Kraft der Sonne tat ein Übriges und ersetzte die heutzutage übliche chemische Waschpulverkeule. In dem Haus auf der Wiese an der Braubach bewahrten die fleißigen Dörnigheimer Wäscherinnen ihre Waschbottiche und sonstigen Zubehörteile auf. Es ist auch anzunehmen, daß ein mit Holz zu beschickender Ofen in dem Bleichhäuschen stand, der für das Erhitzen des aus der nahe gelegenen Braubach entnommenen Wassers sorgte.

Das Bauwerk hat den Grundriß eines Quadrats mit den Maßen 5.50 x 5,50 Meter. Als Baujahr darf die Jahreszahl 1774 angenommen werden. Sie war eingeritzt in die alte Eichentür, die wegen ihrer Schadhaftigkeit vom jetzigen Eigentümer in 1995 leider ersetzt werden mußte.

Das Haus wurde kurz vor 1900 von Johannes Kuhn, Kennedystraße 84, von der Gemeinde Dörnigheim erworben und in seinem Garten am Backesweg aufgebaut. Johannes Kuhn kam als Wandergesell aus dem Taubertal nach Dörnigheim, verheiratete sich mit der hiesigen Bauerstochter Luise Seng und machte sich in Dörnigheim als Baumeister, Zimmermeister und Steinmetz selbständig. Sein Sohn Karl Kuhn wurde 1903 geboren und hat nach den Erzählungen seines Sohnes Erich das sogenannte Bleichhäuschen schon als Kind erlebt und darin gespielt.

An den mehr als 200 Jahre alten Balken des Fachwerkes sind noch heute deutlich sichtbar, Markierungszeichen eingeritzt, die Johannes Kuhn den Abbau von der Bleichwiese, dem heutigen Gelände des Architekten Karlheinz Fischer, und den originalgetreuen Wiederaufbau auf seinem Gartengrundstück erleichtert haben. Die Gefache zwischen den Eichenbalken waren ehedem mit Lehmziegeln ausgemauert, die im Originalzustand noch an der nach Westen hin weisenden Hauswand erhalten sind. In den übrigen Gefachen mußte mit handelsüblichen Ziegeln ausgebessert werden. Zur Verfestigung der Gefache wurde auch kräftig Zementputz verwandt.

Ein weißer Anstrich und eine konservierenden Behandlung der Eichenbalken könnte das denkwürdige Bleichhäuschen sehr viel schmucker wirken lassen. Der Eigentümer hat auch Pläne in dieser Richtung, wie er überhaupt um die solide Absicherung des Bauwerkes besorgt ist. Das Dach hat er vor 13 Jahren neu gedeckt. Vorher waren noch die ursprünglichen, inzwischen schadhaft gewordenen Ziegel zu sehen. Das Dach weist im Übrigen eine unübliche Konstruktion auf: zur Straßenseite hat es die Form eines Spitzdaches, während es nach Westen hin „abgewalmt“ ist.

 

Wie Erich Kuhn berichtet, wäre vor nunmehr fast 20 Jahren beinahe ein Malheur passiert. Der Besitzer war schon dabei, Hand anzulegen und den Abriß wegen Baufälligkeit einzuleiten, als er eine Vorladung des Bauamtes erhielt und ihm der Abriß aus Gründen des Denkmalschutzes untersagt wurde. So ist uns durch das wachsame Auge der Denkmalhüter dieses Kleinod im Garten des Erich Kuhn erhalten geblieben und wird hoffentlich noch viele neugierige Blicke auf sich ziehen.

 

RESTAURANT HESSLER: Was der Kunst recht ist, muß unserem Handwerk billig sein, sagten sich die Hesslers und schufen in Maintal‑Dörnigheim, vor den Toren Frankfurts, ein Gesamtgenußwerk. Tatsächlich gelten Doris Katharina (in Gourmetkreisen „Katharina die Große“) und Ludwig Hessler mit ihrem vielfach preisgekrönten Restaurant Am Bootshafen zu den absoluten Top‑Adressen kulinarischer Verwöhnkunst im ganzen Rhein‑Main‑Gebiet. Hessler zählt in der Gastronomie zu den herausragenden, international bekannten Adressen, auf die die Maintaler zu Recht stolz sein können.

Mit dem Stern im Feinschmecker‑Handbuch Michelin hatte Doris Katharina Hessler 1979 den Durchbruch in die Elite der Küchenchefs geschafft. Das heute international bekannte Restaurant an der Kennedystraße betreibt sie zusammen mit ihrem Ehemann Ludwig Hessler, der ursprünglich in diesem Haus mit einer Diskothek begonnen hatte.

Als in den siebziger Jahren der Umsatz in dieser Branche immer mehr zurückging, stellte sich das inzwischen verheiratete Ehepaar Hessler um auf Feinschmeckerküche. Täglich wechselnde Menüs aus stets frischen Zutaten bestimmen die Qualität. Sogar das aus biologischem Anbau stammende Mehl wird erst kurz vor dem Backen  des Brotes oder der Zubereitung der hausgemachten Teigwaren gemahlen.

Doris Katharina Hessler, gelernte Verwaltungsangestellte, hat erst durch ihren Mann ihr Kochtalent gefunden. Mit viel Interesse sah sich die Autodidaktin bei den berühmtesten Köchen in Deutschland und Frankreich um und hat gelernt. Auftritte im Fernsehen, Porträts in bekannten Gourmet‑Zeitschriften und selbstverfaßte Kochbücher machten den Namen Hessler inzwischen international bekannt.

 

GASTHAUS „FRANKFURTER HOF“: Hier stand ursprünglich das  Gasthaus „Schwarzer Stern“, dessen Zugang von der Haingasse aus war.  Um 1900 entstand als Ableger der „Mainlust“ durch Erweiterung und Öffnung nach der Frankfurter Straße zu diese große Gaststätte mit großen Räumlichkeiten zum Feiern. In den 30iger Jahren war hier die Gaststätte Heyl. In den 90iger Jahren wurde das Haus an der Kennedystraße als Jugendzentrum und Domizil für verschiedene Vereine und Organisationen genutzt.

Nach längerer Umbauphase öffnete am 8. März 2002 die alte Dörnigheimer Traditionsgaststätte „Frankfurter Hof“ wieder ihre Pforten. Damit wird das unter Denkmalschutz stehende Gebäude wieder seiner eigentlichen Nutzung zugeführt. Denn der Frankfurter Hof ist eines der ältesten Lokale in dieser Stadt.

Der Dörnigheimer Matthias Heinrich, der schon im Hanauer Stadtteil Steinheim ein historisches Gebäude vorbildlich sanierte, hatte damit das Vertrauen der Stadt, auch aus dem Frankfurter Hof wieder ein richtiges Schmuckstück zu machen, in dem sich die Gäste wohlfühlen sollen. Und das ist dem ehrgeizigen Heinrich denn auch bestens gelungen. Zumal er mit dem Gastronomen Andreas Dilfer einen nicht minder ehrgeizigen Geschäftsmann gewinnen konnte, der seine vielen Ideen und Phantasien in das „Projekt Frankfurter Hof“ einfließen ließ und entsprechend umsetzte. So präsentiert sich das Lokal in einem gemütlichen Holzambiente; alle Einrichtungselemente sind aufeinander abgestimmt, alles paßt stilgerecht zusammen.

Die Handschrift von Dilfer und seinem Einrichtungsberater Wilfried Voss setzt sich im Kollegraum für 40 Personen fort. Das besondere Highlight aber ist die Cocktailbar „Down‑Stairs“ im Gewölbekeller. Wo einst die überdimensionalen Apfelweinfässer lagerten, können die Gäste nun süffige Cocktails schlürfen und dabei heiße Musik hören, die von bekannten DJ’s aufgelegt wird. Das Ganze firmiert unter dem Label „Erlebnisgastronomie“. Hier darf man gespannt sein, was dem rührigen Gastronomen Andreas Dilfer noch alles einfallen wird. Den Maintaler Bürgern, und nicht nur diesen, wird mit dem „neuen alten“ Frankfurter Hof jedenfalls eine gastronomische Heimat geboten, die es in dieser Art und Zusammenstellung bislang noch nicht in dieser Stadt gab.

 

DOKTORHAUS: In der Mühlheimer Straße stand das Arzthaus. Der erste Arzt in Dörnigheim ließ sich 1893 nieder, zunächst in der „neuen Schule“, dann nach einigen Jahren im „Doktorhaus“. Dieses steht am unteren Ende der Straße auf der Westseite.

 

FÄHRE:

Brücken über Flüsse gab es früher wenige, wichtig waren deshalb flache Bereiche - Furten - die ein Durchqueren von Menschen und Fuhrwerken zuließen. Bei Dörnigheim gab es eine solche Furt. Bereits 1366 heißt es im Weistum über die Rechte des Jakobsklosters in Dörnigheim, daß niemand einen anderen für Lohn über den Main fahren darf außer dem vom Abt eingesetzten Fährmann. Nur kleine Weidenboote durften kostenlos übersetzen.

Die Fährmänner waren geachtete Leute.und wurden immer wieder als Zeugen für Verträge herangezogen. So wird 1380 der Fährmann Henne Vischer als Zeuge in einer Pachtsache genannt. Später gab es noch die Fähre bei Rumpenheim und auch eine Fähre zwischen Dietesheim und Dörnigheim, die von den Dietesheimern betrieben wurde. Im 17. Jahrhundert wurde der Fährbetrieb wegen des niedrigen Wasserstandes eingestellt. Ein Stechkahn genügte, um ans andere Ufer zu gelangen. An einer besonders flachen Stelle konnten sogar Fuhrwerke den Main passieren.

Erst durch die Kanalisierung wurde der Main tiefer und die Verbindung unterbrochen, bis der Landkreis Offenbach 1904 eine Wagen-Gierseil­fähre einrichtete. Eine Gierseilfähre („Fliegende Brücke“) nutzt die Wasserströmung zur Querung des Flusses. Sie ist an einem im Fluss verankerten Drahtseil befestigt, das sich kurz vor der Fähre in zwei Enden aufteilt. Durch Veränderung der an Bug und Heck befestigten Seillängen wird der Winkel des Bootes zum Strom verändert. Der Druck des anströmenden Wassers schiebt die Fähre an das jeweilige Ufer. Das Drahtseil wird mit Bojen markiert, damit  die anderen Schiffe sie auch gut sehen können

Einer der Pächter war in dieser Zeit schon der Dörnigheimer Heinrich Schäfer. Aber schon 1921 war niemand mehr bereit, die Pacht zu übernehmen. Die Fähre wurde stillgelegt und verottete zunächst  im Offenbacher Hafen. Durch die Errichtung der Schleusen stieg der Wasserstand des Mians so sehr an, daß man nicht mehr mit einem Stechkahn übersetzen konnte. Auf Drängen der Bürgermeister von Dörnigheim und Mühlheim erklärte sich Heinrich Schäfer 1923 bereit, die Fähre wieder in Gang zu setzen. Er nahm einen Hypothek auf sein Haus auf und nahm den Verkehr wieder auf.

Im Jahre 1934 trat Fritz Schäfer in das Familienunternehmen ein. In dieser Zeit mußten die Fahrgäste 5 Pfennig Aufschlag zahlen, wenn bei Nebel oder einbrechender Dunkelheit eine Latarne im Mast entzündet wurde. Während des Krieges überahmen seine Mutter Elisabeth und seine Frau Martha die Fähre. Von 1923 bis 2001 betrieb die Familie Schäfer über vier Generationen die Fähre.

Beim Heranrücken der Amerikaner wurde die Fähre versenkt und war - als man sie nach dem Kriegsende wieder hob - an sich nicht mehr brauchbar. Sie wurde dennoch  renoviert, weil überall die Brücken zerstört waren. Die Fähre war von 1904 bis 1946 eine Gierfähre. Aber 1946 entschloß sich die Familie Schäfer, eine größere Fähre mit einem Elektromotor anzuschaffen. Aber während einess Sommerewitters traf ein Blitz die Fähre: Der Kugelblitz rollte wie ein Rad über das Gierseil und schlug in drei Bäume auf Mühlheimer Seite ein. Das Gierseil riß, und die Fähre trieb im Sturm führungslos auf dem Main. Einige beherzte Männer holten sie dann zurück.

Im Jahre 1971 wurde in Haßfurt eine gebrauchte, vollautomatsiche Fähre mit einem Mercedes-Dieselmotor gekauft und für den Autoverkehr verbreitert. Im jahre 2001 ging der Fährbetrieb von Peter Schäfer auf Peter Spiegel über.

 

HOTEL „MAINLUST“

Wo einst die müden Gäule ausgeschirrt und gegen frische Pferde gewechselt wurden, die dann die Lastkähne weiter den Fluß hinaufzogen, steht heute das Hotel‑Restaurant „Zur Mainlust“, nunmehr in fünfter Generation geführt von der Familie Fischer. Vor 140 Jahren wurde das Dörnigheimer Gasthaus erstmals urkundlich erwähnt. Da erwirbt Jakob Fischer 1863 die Konzession für den Bier‑ und Branntweinausschank. Fahrendes Volk, Schiffs‑ und Fuhrleute, Fischer  und andere Handwerker kehren hier ein.

Im Jahre 1893 übernimmt Ernst Fischer die Gaststätte und führt sie zur Blüte durch den Anbau eines Saales, der dem geselligen Anliegen der Dörnigheimer sehr entgegen kommt. Die gastronomische Leistung wird durch eigene Kelterei und Hausschlachtung bereichert. Die angelegte Gartenterrasse mit Blick auf den Main lädt an sonnigen Tagen zum Verweilen ein. Viele Frankfurter, Offenbacher und Hanauer beenden bei mir ihren ausgedehnten Spaziergang entlang des Flußufers. Im Jahr 1896 ist die Gaststätte das erste Haus am Platz mit Gasbeleuchtung.

Die außerhalb der Ortsmauern am Main wohnenden Fischers gaben der gleichnamigen Gasse ihren Namen. Stammvater Valentin Fischer war zunächst Leibeigener des Fürsten von Rumpenheim, ehe er nach Dörnigheim einheiratete.

Mit dem Beruf hatte der Name übrigens nichts zu tun. Die Rechte zum Auswerfen von Ruten und Reusen lagen ausschließlich auf der anderen Mainseite, bei den Steinheimern oder Dietesheimern, so wie der Fluß lange Zeit auch die überwiegend katholischen Hessen von den evangelischen Preußen trennte. Die Glaubensgrenze war ehedem schier unüberbrückbar, die Menschen hibb und dribb de Bach begegneten sich feindselig. Der evangelische Kirchturm in Dörnigheim hatte deswegen nur drei Zifferblätter, die Südseite war blind. Man gönnte es den Bewohnern auf dem anderen Ufer nicht, quasi kostenlos die korrekte Zeit zu erfahren.

So wundert es auch wenig, daß erst in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die noch immer bestehende Fährverbindung gebaut wurde. Anders als auf dem historischen Foto aus den 50er Jahren zu sehen, mündet der Anleger übrigens nicht direkt in die Fischergasse, sondern etwa hundert Meter weiter links. Da haben die Urheber des Bildes ein bißchen geschummelt, wohl um die Bedeutung der Gastwirtschaft zu erhöhen. Schon damals warb die Familie in einem Prospekt, auf dem jenes Foto prangte, mit der „idyllischen Abgeschiedenheit auf einem einmalig schönen Fleckchen, fern jeglicher Hetze in köstlicher Luft“. „Gepflegter“ Apfelwein aus der eigenen Kelterei wurde zu Hausmacherwurst und „zu äußerst bemessenen Preisen“ kredenzt.

Der wirtschaftliche Erfolg der Gründerväter erwies sich beinahe als Fluch. Nachdem der Ur- Ur-Großvater Jakob zusätzlich zur „Mainlust“ den nahen „Frankfurter Hof“ bei einer Zwangsversteigerung erstanden hatte, brach ein Streit zwischen seinen Nachkommen aus, wer welches Lokal betreiben durfte. Die Zwistigkeiten gingen so weit, daß Jakob zunächst den eigenen Sohn mit einem Gewehr erschießen wollte und sich schließlich selbst auf eben diese Weise entleibte.

Dann gab es den Urgroßvater Ernst Fischer mit vier Söhnen, von denen sich drei für die Gastronomie interessierten und den Betrieb übernehmen wollten. Der vierte erlernte den Kaufmannsberuf. Er allein aber kehrte aus dem Ersten Weltkrieg heim. Großvater Wilhelm Fischer hatte zwei Söhne. Derjenige, der später die „Mainlust“ führen sollte, wurde wiederum im Zweiten Weltkrieg getötet. Und die Schwester des jetzigen Inhabers starb mit 21 Jahren bei einem Autounfall. „Immerhin hat es seither keinen großen Schicksalsschlag mehr in der Familie gegeben“, sagt Erich Fischer mit Galgenhumor.

Im Jahre 1939 wird das Gasthaus von Wilhelm Fischer übernommen und erlebt die harten Jahre des Zweiten Weltkriegs. Am Ende dieser Zeit finden viele Vertriebene aus dem Sudeten‑ oder Egerland eine notdürftige Bleibe auf Stroh und Papier im Saal. In der Kelter wurden neben den Äpfeln aus der Umgebung auch Zuckerrüben gepreßt, um daraus Sirup als wertvollen Brotaufstrich zu gewinnen. In den 50er Jahren war im Saal das Central‑Kino, das in Hanau ausgebombt worden war, untergebracht.

Die Nachkriegszeit ist für jedermann schlecht, doch Wilhelm Fischer verliert nicht die Zuversicht. Er, als positive Persönlichkeit mit gastronomischem Gespür und klug vorausschauend, baut 1948 die Gaststube großzügig um zu dem noch heute vorhandenen geräumigen, freundlichen, Innenraum.

In jenen Jahren watschelten noch Scharen von Gänsen allmorgendlich vom alten Ortskern hinunter zum Fluß und abends wieder zurück Auch die Hühner der Fischers hielten sich gerne am Ufer auf und legten dort ihre Eier. Die Dorfkindersammelten und lieferten sie gegen einen geringen Obulus ab. Diese Zeiten sind vorbei wie die Hausschlachtungen oder das Abfüllen des Süßen in die Fässer im Keller, die 70.000 Liter aufnehmen konnten. Als junger Bub hat Erich Fischer da noch mitgearbeitet. Dazu wurden ausgediente Bierfässer hergenommen, weil die billiger waren. 1963 wurde die Kelter jedoch stillgelegt.

An die Vergangenheit erinnern nur noch die hölzernen Dauben der zerlegten Fässer, die heute den Deckenschmuck in der Gaststube bilden. Ein aufgeschnittenes 4500 Liter-Faß dient jetzt als Rezeption für die Hotelgäste. 1964 wurden die ersten Zimmer eingerichtet.

Friedrich Fischer baut das Haus 1964 zu einem Hotel mit zunächst sechs Zimmern aus und erweitert 1966 um weitere vier Zimmer. Das einstige Gasthaus avanciert zum Restaurant durch Friedrich Fischers Kochausbildung im „Roten Haus“ in Wiesbaden. Erlesene Speisen und ausgesuchte Weine bereichern von nun an das kulinarische Angebot. Im Jahre 1973 erhöht sich das  Zimmerangebot auf 21 mit insgesamt 37 Betten bis zum heutigen Tag. Im Jahre 1980 wird das Interieur einer Weinstube angepaßt und hinzu kommt ein Frühstücksraum, der ebenfalls als Tagungsraum oder Kolleg für geschlossene Gesellschaften seine Verwendung findet.

Mehrfach wurde die „Mainlust“ in diesen 140 Jahren umgebaut und erweitert. Dabei wurden auch die Überreste der Stallungen der Wechselstation gefunden, in denen die müden Pferde rasten durften und für den nächsten Schiffstransport gepäppelt wurden. Die Fischers waren immer auf der Höhe der Zeit. Schon 1896 flackerten im wenige Jahre zuvor errichteten Saal die ersten Gaslichter Dörnigheims.

Mit Erich Fischer, der sein Fach von der Pike auf erlernt hat und das Haus noch heute führt, übernimmt am 1. Januar 1984 die fünfte Generation. Seine Fachkenntnisse erwarb er sich durch Absolvieren der Berufsfachschule für das Nahrungs‑, Hotel‑und Gaststättengewerbe und als Page, Kellner Barkeeper und Portierassistent im Hotel Frankfurt Intercontinental. Die Krönung seiner beruflichen Entwicklung ist die Auszeichnung als bester Jungkellner Deutschlands im Jahre 1970 in Berlin durch den Internationalen Genfer Verband der Hotel‑ und Gast­stättenangehörigen e. V.

Erich Fischer, der sich durch seinen Vater Friedrich auch umfangreiche Kenntnisse der Kochkunst aneignet und seine Gäste bis heute mit immer neuen kulinarischen Kreationen verwöhnt, erweitert das Haus zum Ausbildungsbetrieb für die verschiedenen Lehrberufe im Gastgewerbe. Unter den zahlreichen jungen Leuten, die unter meinem Dach ihre Lehre erfolgreich absolvieren, ist auch Roland Born, der seine Ausbildung zum Koch 1986 beginnt und dem Haus nach erfolgreichem Lehrabschluß bis heute treu geblieben ist. Er hat mit unerschütterlichem Ehrgeiz Höhen und Tiefen seiner beruflichen Laufbahn bewältigt und ist heute als Chefkoch ein festes Mitglied des Mainlust‑Teams und der Familie.

Im Jahre 1992 erlebt das Haus den bis heute letzten großen Umbau. Das komplette obere Lokal wird mit Marmorboden ausgelegt. Die Theke wird durch neue Kühlelemente ersetzt, mit Eichenholz verkleidet und erhält zusätzlich eine fest eingebaute Zapfanlage sowie einen Weintemperierschrank. Ein altes schon restauriertes Apfelweinfaß meiner ehemaligen Kelterei wird zur Rezeption umgebaut. Alles zieren handgearbeitete detailgetreue Schnitzereien, persönlich für mich entworfen und angefertigt. Auch wird der Dielenboden des Restaurants durch ein edles Parkett ersetzt.

Etwas später folgt noch die komplette Renovierung des Hoteltrakts. Durch diese neu gewonnene, gemütlich und rustikale Atmosphäre und ein erweitertes Angebot an festlichen Menüs und Büfetts werde ich zu einer bis heute sehr beliebten Stätte für Familienfeiern.

Karina und Jochen Fischer als sechste Generation treten ebenfalls in die Fußstapfen ihrer Vorfahren. Karina Fischer beginnt 1996 ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau im eigenen Haus und erlernt somit aus erster Hand die Voraussetzungen, die Tradition im gewohnten Stil zu pflegen, um das bereits erwiesene Vertrauen der Gäste zu rechtfertigen. Nach nur zwei Jahren schließt sie vorzeitig die Lehre mit Auszeichnung als Klassenbeste ab und steht ihren Eltern bis heute tatkräftig zur Seite.

Jochen Fischer besucht wie bereits sein Vater Erich die Berufsfachschule für das Nahrungs‑, Hotel‑ und Gaststättengewerbe, beginnt danach eine Ausbildung zum Koch im renommierten Airport‑Club Frankfurt und schließt seine Lehre eben falls erfolgreich ab. Wie schon seine Schwester wird auch er Mitglied im Mainlust‑Team und ist mit neuen innovativen Ideen eine wichtige Unterstützung im kulinarischen Bereich.

Im Jahre 1997 klingen erstmals Geigenklänge einer ungarischen Zigeunerkapelle durch meine Räume und die Luft ist erfüllt von den Düften nach Knoblauch, Paprika und feuriger Gulaschsuppe. Die „Ungarische Woche“ wird aus der Taufe gehoben und übertrifft alle Erwartungen meines Besitzers und seines Teams. Heute ist die „Ungarische Woche“ ein fester Bestandteil des Programms und begeistert alljährlich im März unzählige Besucher.

Im Jahr 2002 folgt der Beitritt zur Kooperation „Hessen à la Carte“, der mit dem Wechsel zur Licher Brauerei und Rapps-Kelterei verbunden wird. Die ebenfalls neu gestaltete Speisekarte erfreut sich, speziell durch ein erweitertes Angebot an traditionellen Gerichten wie beispielsweise Sauerbraten und Haspel, großer Beliebtheit. Auch die Einführung eines Mittagstischs an Sonn‑ und Feiertagen findet überwältigenden Anklang.

Als i‑Tüpfelchen erhält mein Äußeres im Zuge dessen noch einen frischen Anstrich in den Mainlust‑Farben gelb und braun und am Parkplatz als weiteren Blickfang zwei Faßböden zur Ankündigung der laufenden Aktionen sowie drei Fahnenmasten mit den Bannern der Partner „Hessen à la Carte“, Licher Brauerei und Fahrradclub „Bett & Bike”.

 „Viele Rezepte der hessischen Küche basieren auf deftiger Hausmannskost und verleugnen ihre bäuerliche Herkunft nicht“, so Erich Fischer und Küchenchef Roland Born zum neuen Konzept „Hessen à la Carte“. Dazu gehören im Hause Fischer selbstverständlich saisonale Produkte, die stets frisch und von bester Qualität sein müssen. Da heißt es beispielsweise zur „Küfervesper“ (Gebratener grober Fleischkäse mit gebratenen Zwiebeln und Brot): „Zu Ur-Opas Zeiten das Leibgericht unseres Apfelwein‑ Faßbiers, auch Küfer genannt. Immer noch von der gleichen Traditions-Metzgerei bezogen“. Oder der gekochte Haspel: „Wie es en früher beim Fritz Fischer gebbe hat“ ‑ zarte Stücke auf Barthmanns Sauerkraut mit Erbspüree. Unbedingt probieren sollte man auch „Marias Sauerbraten“ ‑ die zarten, mageren Scheiben vom Rinderbraten in feinwürziger Soße, dazu Apfelrotkohl und leckere Pfannenklöße ist die Spezialität der Chefin und mithin ein Geheimtip. Chef Erich wiederum empfiehlt „zarte Teile von der Kalbshaxe“ in Kalbsrahmsoße, dazu leckere Pfannenklöße und Salatteller; und zum Abschluß sollte man sich noch „Derngemer beschwipste Quetsche“ oder „Grießkleeßcher im Kerschebett“ munden lassen.

 

KURT-LEIS-STRASSE: Dies ist die frühere Haingasse, die an der Stelle des Haingrabens errichtet wurde, der ein Teil der Landwehr war. In der Hausnummer 15 findet sich ein Beispiel für die damaligen sehr beengten  Wohnverhältnisse: Auf dem Gelände stand damals die Scheune und daneben eine kleine Wohnstätte, in der eine Großfamilie Platz finden mußte - heute ist alles Wohnfläche. In dem Haus Nr. 10 (Fachwerkhaus) wohnte einst der Seiler, der Schiffstaue flocht. In der Kurt-Leis-Straße 7 hatte die evangelische Gemeinde im Jahre 1950 eine Jugendbegegnungsstätte eingerichtet. Davor stand ein weiterer Brunnen - bis 1927 schöpften die Dörnigheimer ihr Wasser ausschließlich aus Brunnen, bevor sie für „teuer Geld“ an das Frankfurter Wassernetz angeschlossen wurden. Durch einen kleinen Gang nördlich der Kirche kommt man zum Kirchhof.

 

Kirchhof:

Der Zugang zum ehemaligen Friedhof muß zusammen mit diesem Umbau erfolgt sein. Der Friedhof selbst wird 1814 geschlossen und ein neuer Friedhof außerhalb der geschlossenen Ortschaft an der Frankfurter Landstraße eingerichtet werden. Ohne die dazu gehörigen Gräber ist die einstige Pracht des alten Kirchhofs verblichen. Der Verwitterung preisgegeben stehen die fünf historischen Grabmale vor der alten Kirche in Dörnigheim. Das jüngste Grabmal wurde im Jahre 1838 von den Eltern Carl und Louisa Lapp, geborene Rauch, für ihre Kinder Karl und Catharina aufgestellt. Der Sohn starb 1837, die Tochter 1838, beide in der Blüte ihres Lebens mit 20 beziehungsweise 21 Jahren. Wir können das wohl tragische Schicksal nur noch zur Kenntnis nehmen, die Hintergründe kennen wir nicht. Interessant ist aber, daß es sich hier um Mitglieder der ältesten und nachkommensstärksten Dörnigheimer Sippe, der Familie Lapp, handelt.

Eine dachförmige Grabauflage bedeckte einstmals das Grab eines offenbar äußerst fleißigen und gottesfürchtigen Mannes, wie aus der Inschrift zu ersehen ist. Dieser Mann war Johann Georg Stein, Gastwirt „Zum Hirsch“, Kirchenältester und Gerichtsmann zu Dörnigheim. Er starb 1781 im Alter von siebzig Jahren. Einen Gedenkstein, der wohl mehr eine Votivgabe war, ließ der Bäcker und Gasthalter Henrich Fritz im Jahre 1716 errichten. Er spiegelt sein Glück wider, das ihm durch die Geburt einer Tochter mit seiner zweiten Ehefrau zuteil wurde, nachdem seine erste Ehefrau ein Jahr zuvor gestorben war und ihm drei Kinder hinterlassen hatte.

Die beiden zeitlich ältesten Grabmale gelten Mitgliedern der Familie Dolné. Der Amtmann Servatius Matthius Dolné war Ritter und Obrist des Heiligen Römischer Reiches. Er wurde 1673 als einziger im Kircheninneren beigesetzt. Obwohl die übrigen Familienmitglieder, seine Frau und drei Söhne, ebenfalls in Dörnigheim bestattet wurden, erhielt nur der Sohn Clemens Mathieu Dolné, auch ein Ritter, einen neuen aufwendigen Gedenkstein

 

Kirche:

Bereits in der ersten uns bekannten Urkunde von Dörnigheim aus dem Jahre 793 wird die „über dem Main gelegene Kirche“ erwähnt als „basilicam quae constructa est in honore S. Marie“ (was in der Übersetzung bedeutet: eine Basilika, die zu Ehren der hl. Maria erbaut ist).

Diese erste karolingische Kirche hatte nach den heutigen Kenntnissen einen einschiffigen Innenraum mit quadratischem Chor. Fundamentreste unter der heutigen Kirche lassen den Schluß zu, daß das ursprüngliche Gebäude eine Breite von 5,75 m und eine Länge von 9,25 m aufwies. Der Fußboden lag etwa ein Meter tiefer als heute (bei Erneuerungsarbeiten hat man den Kirchenboden untersucht).

Bei den Restaurierungsarbeiten im Jahre 1959 konnte man in zwei Meter Tiefe hinter dem Altar die ursprüngliche Kirchenmauer nach Osten freilegen. Die Mauer zeigt einen rötlichen Augenputz und wurde von Fachleuten auf die karolingische Zeit geschätzt. Damit dürfte erwiesen sein, daß die in der Schenkungsurkunde des Wolfbodo aus dem Jahre 793 genannte Kirche auf dem Areal der jetzigen Kirche stand.

Nach den Ausführungen des Architekten Karl‑Heinz Doll kann eine zweite frühgotische Vorgängerkirche für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts angenommen werden, das erste Gotteshaus muß in frühgotischer Zeit eine Erweiterung um 1250 erfahren haben. Von dieser Kirche sind noch vorhanden die Südwand der heutigen Kirche, eine Westwand und zwei der drei Seiten des Chors. Eine Chorerweiterung mit drei Seiten eines Achtecks schloß den Kirchenraum nach Osten ab.

 

Bei den Renovierungsarbeiten im Jahre 1959 wurden auch zwei frühgotische Fenster aus dieser Kirche gefunden: Ein Fenster im südlichen Chormauerwerk und ein Schlitzfenster, das von außen durch den Stützpfeiler verdeckt ist. Dipl.-Ing. Karl‑Heinz Doll (Hanau)  schreibt darüber: „Das ostwärtige Fenster zeigt zwei Malschichten mit Quaderung als untere Schicht und Akanthusrankenwerk als obere Schicht ... Das westliche Fenster ist an der Laibungskante mit einem unregelmäßigen Zackenband versehen. Diese Dreiecke sind zum Teil nur in ihren Umrissen gezeichnet, zum andern Teil ganz mit roter Farbe ausgefüllt. In der Wölbungsspitze geht das Band in ein unregelmäßiges Ornament über. Die Ausmalung der Laibungen ist besonders reizvoll. Eine Deutung der in freier Strichzeichnung entstandenen unregelmäßigen Vierecke und Vielecke bedarf noch einer eingehenden Untersuchung. Beim ersten Hinsehen entsteht der Eindruck eines Katasterplanes in der Ostlaibung und der Aneinanderreihung, von Giebelansichten in der Westlaibung. Die spielerische Pinselführung, die durch das Geometrische der Flächenteilung eine gewisse Strenge erfährt, die wiederum durch die architektonische Form der Fensteröffnung gebunden ist, löst sich durch das unregelmäßige Zackenband der Laibungseinfassung. So ist zu vermuten, daß es sich hier um ein Beispiel früher gotischer dekorativer Wandmalerei handelt.“

Das Fenster war zur Belichtung des Chores notwendig. Es war zugemauert. Die geringe Größe und die niedrige Anordnung im Mauerwerk deuten darauf hin, daß die Gebäude erheblich niedriger waren als der jetzige Baukörper. Um und in der Fensternische wiesen zwei übereinanderliegende Farbschichten auf frühe Malereien hin. Die untere Schicht trug eine dem Natursteinmauerwerk nachempfundene rote Quaderung mit aufgemalten weißen Fugenlinien, und die obere Schicht zeigt in freier Komposition rot gemalte Ranken. Weiter fanden sich auf dieser ehemaligen Chorwand drei übereinanderliegende Weihekreuze sowie unter dem Fenster Andreaskreuze und eine aufgemalte Doppelschlinge.

Rechts von dem Fenster im Kanzelaufgang sind Fresko-Reste einer thronenden Madonna  (Maiestat Mariae) erhalten. Durch früheren Wassereinbruch war ein Teil stark verkieselt und nur der untere Teil der Malerei deutlich zu sehen. Es wurden lediglich die Umrisse eines Beines des Thrones an der Fensterumrandung sichtbar gemacht. Eine restlose Freilegung und Restaurierung des Bildes war nicht möglich. Das Bild zeigt eine thronende Maria im blauen, wallenden Gewand, die auf einem gotischen Schemel sitzt. Dieses Bild, um dessen Freilegung sich der Restaurator Wölfel aus Langenselbold fast 14 Tage mühte, ist eine neuerliche Bestätigung dafür, daß es sich bei der Kirche um eine ursprüngliche Marienkirche handelt. Auf Anordnung des Landeskonservators, wurde das Bild wieder übertüncht, so daß jetzt nur noch der Sockelansatz des Thrones an der linken Seite zu sehen ist.

Ein weiteres frühgotisches Schlitzfenster an der Südseite ist von außen durch einen Stützpfeiler verdeckt. An den Laibungskanten und in der Laibungswölbung befinden sich in Strichzeichnungen ausgeführte unregelmäßige Zackenbänder und Winkelmuster in roter Farbe, deren Sinn uns heute verlorengegangen ist. Eine weitere Zeichnung konnte an der Westwand freigelegt werden. Dargestellt ist die Giebelseite eines Gebäudes, das im unteren Teil gemauert ist und einen Fachwerkgiebel trägt. Eine weitere Zeichnung konnte an der Westwand freigelegt werden; dargestellt ist die Giebelseite eines Gebäudes, das im unteren Teil gemauert ist und einen Fachwerkgiebel trägt.

 

Eine besonders erfreuliche Entdeckung gelang dem Restaurator 1959 mit der Freilegung von wundervollen Barockmalereien an den Emporenbrüstungen. Diese Malereien, die einen großen Formenreichtum zeigen, geben der Kirche nun wieder eine ganz besondere Note. Jede der Füllungen zeigt ein anderes Motiv des Akanthusrankenwerkes. Wenn die Sonne in den Kirchenraum dringt und an den Emporen spielt, nehmen sich die Barockmalereien so plastisch aus, daß man den Eindruck hat, sie wären geschnitzt.

 

Die ersten beiden Kirchen waren noch ohne Turm und hatten einen Eingang von Westen. Mit dem Anbau eines Turmes um 1479 wurde dieser Zugang geschlossen und an die Nordwand verlegt. Allerdings hatte der Turm noch nicht die heutige Höhe, er überragte wohl nur knapp das Kirchendach.  Da von 1479 ein großer Brand in Dörnigheim überliefert ist, mag der Anbau eines Glockenturmes absolut notwendig gewesen sein, war doch das Glockengeläut auch ein Warnsignal für die Bevölkerung bei Sturm und Feuer, ebenso bei kriegerischen Überfällen. Die Herren von Rüdigheim, zu dieser Zeit Vögte in Dörnigheim, stifteten einen Altar. Im Jahre 1877 erhielt das Gotteshaus einen massiven Turmaufsatz mit Helm.

 

Um 1525 beklagt der für Kesselstadt und Dörnigheim zuständige Kaplan Heinemann Geiling, daß die Herrschaft den Dörnigheimern verboten habe, den üblichen Zehnten an die Kirche zu geben. Man kann annehmen, daß diese auf eine eigene Pfarrstelle hinarbeiteten. Allerdings geht etwa zehn Jahre später (1536/37) aus den Hanauer Kirchen‑Rechnungen hervor, daß neben Kesselstadt, Rodenbach, Mittelbuchen, Wachenbuchen, Hochstadt, Groschlag, Fechenheim und Windecken auch Dörnigheim seinen Anteil an „Wiesenschar“, Korn, Hafer, Weizen, Öl und Wachs ablieferte. Dennoch beklagt der Vikar Friedrich Reuber bitter sein geringes Einkommen („...habe ich den kleynen ztende gart zu Dornckem, wirt myr auch nyt vil helffen, weder trawen adder gebot“).

Im Jahre 1553 stirbt der letzte nach der katholischen Lehre predigende Pfarrer an der Pest. Sein Nachfolger, Magister Konrad Cless, führt die evangelische Lehre ein. Die Herren von Rüdigheim lassen den von ihren Vorfahren in der Kirche zu Dörnigheim gestifteten Altar der heiligen Jungfrau Maria jetzt mit Predigten an den Feiertagen von dem Pfarrer zu Hochstadt versehen, dem sie nur sieben Achtel Korn geben, das übrige behalten sie ein, statt daß sie dem Pfarrer von Kesselstadt die ganzen Einkünfte seines Filiales Dörnigheim lassen.

Im Jahre 1563 schließlich hält Magister Cless offiziell bei der Hanauer Regierung wegen seiner Arbeitsüberlastung um die Gestellung eines Kaplans an. Aber erst 1607, also mehr als vierzig Jahre später, wird dem Pfarrgehilfen Nikolaus Beyer „das Filial Dörnigheim“ übertragen. Als fünfzehn Jahre später der Pfarrer Heinrich Oräus wegen Differenzen mit dem herrschaftlichen Schultheißen sein Amt aufgeben muß, verwenden sich die Dörnigheimer bei der Regierung für ihn und loben seinen Fleiß. Besondere Erwähnung findet die letzt gehaltene Kommunion, bei der sich über sechzig Personen eingefunden hätten.

In dieser Zeit wird in Dörnigheim nach dem evangelisch reformierten Bekenntnis gelehrt. Als jedoch im Jahre 1642 die Münzenbergische Linie des Hanauer Grafenhauses ausstirbt, gelangt die lutherische Linie von Hanau-Lichtenberg an die Regierung und nach dem Motto „Wes Brot ich eß, des Lied ich sing“, sollten die Dörnigheimer fortan Lutheraner sein. Das führte zu heftigen Streitigkeiten in der Bevölkerung, bei denen sich die Lutheraner nicht durchsetzen konnten.

Die Dorfgemeinschaft wird zu dieser Zeit von einem Presbyterium geleitet, dem außer dem Pfarrer und dem Schultheiß vier Kirchenälteste, ein Kirchenbaumeister und zwei Kirchenrüger angehören.

In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Dreißigjährigen Krieg wird auch das Gotteshaus in Ordnung gebracht. Im Jahre 1654 verehrt ein Frankfurter Seiler und Handelsmann der Kirche ein Glockenseil und drei Jahre später läßt der Wirt „Zum Weißen Roß“ einen viereckigen eingefaßten Schieferstein an den steinernen Chorbogen neben der Kanzel hängen, „den Gesang darauf zu schreiben“.

Gegen 1705 erfährt die Kirche durch das Versetzen der Nordwand eine Erweiterung des Kirchenraumes. Eine dreiseitige Empore wird eingebaut, die später im Ostteil die Orgel tragen wird und durch eine überdachte Außentreppe und über eine Innentreppe zu erreichen ist. Im gleichen Stil wird eine Kanzel eingefügt. Die Kanzel aus der Zeit um 1705 ist in ursprünglichem Zustand erhalten. Der letzte große Ausbau des Gotteshauses geschah 1705. Die Kirchenwände gehen in Dörnigheim schon lange nicht mehr senkrecht nach oben, die beiden Längsseiten des Baus neigen sich nach außen. Das ist schlicht eine Folge des An- und Umbaus von 1705. Große Kirchenfenster, eine um mehr als zwei Meter nach außen versetzte Nordmauer sowie Emporen an drei Seiten des Baus schufen Platz für mehr  Dörnigheimer  Kirchenbesucher.

Doch das dadurch größere und schwerere Schieferdach lastete auf den Mauern, drückte sie auseinander. Das könne der Grund gewesen sein, warum an den Außenwänden sechs Stützen angebracht wurden. Diese Maßnahme scheint eine Reaktion gewesen zu sein, nicht unbedingt vor dem Umbau eingeplant. Immerhin fiel ihr eines der frühgotischen kleinen Kirchenfenster zum Opfer. Doch gemessen am Gesamtresultat war dieser Lichtverlust zu verschmerzen, zumal der Umbau zwingend notwendig war.

Spendenfinanziert konnten hierzu Ziegel für die Dachsanierung bestellt werden, weitere Utensilien wie Altardecke, Taufbecken und -kanne oder ein Glockenseil bereicherten nach und nach die evangelische Gemeinde, die schon nach wenigen Jahren wieder beinahe geregelte Abläufe nehmen konnte.

Die rechte Bankreihe gab es vor 1705 noch nicht. Immer mehr Menschen müßten sich in die wenigen Bänke quetschen. Und die Bevölkerungszahl wuchs mit hoher Beschleunigung an: von 33 Familien 1681 auf schon 51 kurz nach der Jahrhundertwende.

Von Kesselstadt kam Pfarrer Jakob Jeckel 24 Jahre lang Sonntag für Sonntag nach Dörnigheim geritten und hielt hier Predigt für die immer größer werdende Gemeinde. Erst 1720 bekam Dörnigheim seinen ersten Gemeindepfarrer. Die Emporengeländer zieren barocke und allesamt individuell kreierte Pflanzen, große Rundbogenfenster lassen das Tonnengewölbe unter dem hohen Kirchendach heller werden, die Emporen selbst sowie die versetzte Mauer bringen zusätzlichen Platz in gleich zwei Dimensionen, nicht zuletzt bietet die Kanzel einen neuen optischen Anziehungspunkt. Kurz: Der Bau hat mit den vorgenommenen Veränderungen an festlicher Pracht gewonnen. Zudem wurde der Weg bereitet für eine weitere Veränderung. Die Dörnigheimer Kirchenbauer sparten auf der östlichen Emporenseite eine „Orgelbühne“ aus. Die Anschaffung dieses Kircheninstruments gelang aber erst im darauf folgenden Jahrhundert.

Nun wird der Kirchenraum von einem von unten mit Brettern verschalten Bohlenlamellen-Tonnengewölbe überdeckt. Auf die Bretter ist Schilfrohr als Putzträger aufgebracht, der Mörtel mit Kälberhaar durchsetzt. Der Dachstuhl wird als liegender Stuhl ausgeführt. Durch sein Gewicht muß der Druck auf die Außenwände bereits kurze Zeit nach Fertigstellung der Kirche durch Stützpfeiler von außen aufgefangen werden. Große Rundbogenfenster geben dem Innenraum mehr Licht.

Das spätgotische Portal in der Nordwand  scheint damals um 1479 eingebaut worden zu sein. Bei der Kirchenerweiterung im Jahre 1705 wurde es wieder verwendet.

Im Jahre 1720 beschließt endlich das reformierte Konsistorium zu Hanau, die Kirchengemeinden Kesselstadt und Dörnigheim zu trennen. Dörnigheim wird eine selbständige Kirchengemeinde. Der erste Dörnigheimer Pfarrer heißt Abraham Hemmel und stammt aus Obereschbach im Taunus. Für die neue Pfarrstelle wird offenbar ein Pfarrhaus errichtet, das jedoch 1864 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wird.

Inzwischen haben sich 1818 die Union der Lutheraner und die Reformierten im Hanauischen Land zu einer Gemeinde vereinigt. Die Kirche am Main heißt seit dieser Zeit „Evangelische Kirche zu Dörnigheim“. Allmählich löste sich auch die enge Bindung zwischen der weltlichen Gemeinde und der Kirche. Während der Schultheiß bisher in seiner Eigenschaft als herrschaftlicher Beamter zum Presbyterium gehörte, ist er seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur noch als Ehrenmitglied zugelassen.

Jedoch bleiben einige mit der Kirche verbundene Aufgaben in den Händen der weltlichen Gemeinde. Diese trägt etwa um 1870 die Kosten für eine Orgel, die 1872 eingebaut wird (nach anderer Angabe  aus dem Jahre 1805, 1960 erneuert). Außerdem muß die bürgerliche Gemeinde für die Erhaltung des Turmes sorgen. Der Turm wird 1872 aufgestockt und kostet die Gemeinde 11.200 Mark. Im Jahre 1877 wurde ein massiver Turmaufsatz mit spitzem Turmhelm aufgesetzt, nachdem der alte, „unschöne“ zu niedrig war und man die Glocken im östlichen Teil des Ortes nicht hören konnte. Die Ausführung lag in den Händen des Maurermeisters Bernges aus Langendiebach.

Der Pfarrer war zufrieden, denn der, nach seiner Aussage, „alte, niedrige und unschöne Turm“, erhielt einen Aufsatz, so daß man nun auch die Glocken in den fernen Teilen des Fleckens hören konnte.

Der 45 Meter hohe Turm der Kirche ist nur über 150 sehr enge und sehr steile Stufen zu erklimmen. Auf halbem Weg befindet sich das Eulennest, hier ist Ruhe geboten. Wer es ganz nach oben schafft, erblickt im Dachstuhl drei Glocken, die hier seit mehr als 50 Jahren hängen. Noch weiter oben nistet ein Turmfalkenpaar.

 

Für 1.700 Mark wird 1872 eine Kirchturmuhr mit weithin sichtbaren Zifferblättern von dem Uhrmacher Unger aus Straßburg erworben. Bis dahin waren die Glocken die Zeitregulanten im öffentlichen Tagesablauf. Vor dem Öffnen der Tore in der Wehrmauer wurden am Morgen die Glocken geläutet. Vom Peterstag an (22. Februar) bis in den Oktober hinein rief um 11 Uhr das „Elfläuten“ die Menschen von den Feldern zum Mittagessen an den heimischen Herd, um vier Uhr nachmittags läuteten sie die Vesperzeit ein und vor Anbruch der Dunkelheit, wenn die Tore für die Nacht wieder geschlossen wurden, gaben ebenfalls die Glocken das Zeitzeichen.

Bis dahin waren die Glocken die Zeitregulanten im öffentlichen Tagesablauf. Vor dem Öffnen der Tore in der Wehrmauer wurden am Morgen die Glocken geläutet. Vorn Peterstag an (22. Februar) bis in den Oktober hinein rief um 11 Uhr das „Elfläuten“ die Menschen von den Feldern zum Mittagessen an den heimischen Herd, um vier Uhr nachmittags läuteten sie die Vesperzeit ein und vor Anbruch der Dunkelheit, wenn die Tore für die Nacht wieder geschlossen wurden, gaben ebenfalls die Glocken das Zeitzeichen.

Wenn es auch schon seit dem 14. Jahrhundert Turmuhren mit Zeiger, Zifferblatt und einem eigenen Antrieb gab, die allerdings, wenn sie stehen blieben oder falsch gingen, mit Hilfe einer Sonnenuhr gerichtet wurden, so erhielt der Dörnigheimer Kirchturm erst im Jahre 1876 eine Schlaguhr. Mit weithin sichtbaren Zifferblättern wurde die Zeit für unsere Vorfahren in Dörnigheim endlich genormt.

Die in der Uhrmacherwerkstatt Ungerer in Straßburg angefertigte Uhr wurde für 1700 Mark erworben und für 13.200 Mark von dem Langendiebacher Maurermeister Bernges eingebaut. Allerdings nur mit Zifferblättern nach Norden, Osten und Westen. Nach Süden, dem katholischen Mühlheim hin, wollte man kein Zifferblatt anbringen, ebenso besaß auch die Mühlheimer Kirchturmuhr kein Zifferblatt nach dem evangelischen Dörnigheim zu.

Jeden Tag mußte nun die neue Uhr aufgezogen werden, das hieß, täglich von Hand die beiden jeweils eineinhalb Zentner schweren Gewichte für das Getriebe des Schlagwerkes, und das 50 Pfund schwere Gewicht des Gehwerkes, 22 Meter hoch in den Turm kurbeln, damit das 50 Pfund schwere Pendel in Bewegung blieb.

Dieser Auftrag fiel im Laufe der Jahre an verschiedene Personen. Ältere Bürgern noch in guter Erinnerung ist ein Herr Rauch, der auch die Glocken läutete und dadurch seinen Spitznamen „Elfläuter“, weg hatte. Mehr als 25 Jahre verrichtete danach Heinrich Schmidt im Auftrag der Gemeinde diese Arbeit. Schlimm wurde es, wenn die Uhr nicht rechtzeitig aufgezogen oder einmal ganz und gar vergessen wurde. Dann war der Spezialist und Uhrmacher Heinz Schäfer der Retter in der Not. „Heinz, kannste mal komme, die Uhr geht nach?“

Seit 1945 betreut Heinz Schäfer unsere Dörnigheimer Turmuhr. Als junger Mann war für ihn die alte Turmuhr eine Herausforderung, der er sich aus purem Interesse stellte. Seit mehr als 50 Jahren steigt er mindestens einmal in der Woche in den Turm.

Dabei regulierte er früher dann die zwei Minuten, die sie vorging, gab ein wenig Öl ins Getriebe, überprüfte den Zustand und beseitigte auch schon mal Vogelmist. Er war es auch, der 1950 endlich das Zifferblatt nach der südlichen, der „Mühlheimer Seite“ einbaute.

Alle benötigten Teile mußten extra angefertigt und an das vorhandene Antriebsgestänge angeschlossen werden. Das alte, solide Getriebe, das nur nach dem Zweiten Weltkrieg einer größeren Reparatur bedurft hatte, weil durch das Ostzifferblatt nach einem Beschuß am Ende des Krieges Splitter in das Uhrwerk eingedrungen waren, wurde 1975 demontiert und durch einen elektrischen Antrieb mit elektronischer Steuerung ersetzt. Diese Konstruktion reguliert sich selbst bis auf eine Genauigkeit von 30 Sekunden pro Tag. Selbst bei einem Stromausfall würde sie aus eigener Kraft noch zwölf Stunden weiterlaufen. Die Zeigetreibwerke müssen allerdings immer noch regelmäßig gewartet werden.

Einen Bubenstreich meldete die Presse im Jahre 1981 unter der Überschrift „Hilfe, der Zeiger ist weg!“ und „Turm-Uhrzeiger abgeschnitten“: Eine Schnapsidee verlockte in der Nacht zum Donnerstag, 9. April, eine Gruppe von „Spätheimkehrern“, das Gerüst des Kirchturms der alten Evangelischen Kirche in Dörnigheim zu erklettern und dort oben mal nach dem Rechten zu sehen. In einer oben vorgefundenen Werkzeugkiste der Restaurateure fanden sie eine Blechschere und trennten damit den Stundenzeiger der Turm-Uhr ab. Bei diesem groben Unfug hörten Nachbarn den Lärm und beobachteten dann auch vier Täter. Wieder zurück auf der Erde, nahm die inzwischen alarmierte Polizei drei von ihnen und den Uhrzeiger in Empfang und erstattete Anzeige. Um zwei Uhr weckte sie den zuständigen Pfarrer Hermann Drüner. Die Höhe des Sachschadens wird noch ermittelt.“

Die Uhr wurde 1975 durch eine elektrische Uhr ersetzt und befindet sich heute im Stadtmuseum. Heinz Schäfer ist auch hier der Betreuer. Er will nun versuchen, dieses alte Uhrwerk wieder zum Laufen zu bringen.

 

Ein neues Glockengeläut konnte 1885 installiert werden, drei Glocken von 600 kg, 300 kg und 178 kg, die zusammen im Fis‑Dur Dreiklang (g‑b‑cis‑) erklingen. Auch die Glocken wurden von der weltlichen Gemeinde bezahlt.

Am 15. Juli 1914 fuhr ein kalter Blitz in die den Kirchturm: Er schlug bei der Uhr ein, zerteilte sich und trat am Fenster neben der Kanzel wieder aus. Bei der Reparatur des Turmes wurde eine Büchse mit Münzen und einer verrotteten Urkunde geborgen, die offenbar bei der Einweihung des höheren Kirchturms 1877 eingelegt worden war. Der Inhalt: 56 Goldstücke, wie sie vor dem 1. Januar 1876, „der Einführung des Mark-Geldes“, in Deutschland gangbar waren; eine vom Schimmel und Moder zur Hälfte verdorbene Urkunde von 1877, die vor allem über die Erhöhung des Turms berichtet.

Im Jahre 1928 kommt es erneut zu Reparaturarbeiten am Kirchturm, bei denen auch der Turmhahn richtiggestellt wird. Die Arbeiten werden auf Anregung des Bürgermeisters Karl Leis durch die dazu verpflichtete bürgerliche Gemeinde ausgeführt. Pfarrer Römheld erwähnt in einer Urkunde unter anderem die ausführenden Handwerksbetriebe, es sind dies die Firma August Geibel, Kesselstadt, zuständig für das bis zur Turmspitze reichende Holzgerüst, sowie der Dachdecker Karl Schuntz, der Installateur Kurt Mitschke und der Zimmermann Ernst Fischer VI.

Am 22. Juli 1951 fand die Glockenweihe der drei neuen von der Firma Rincker in Sinn gegossenen Glocken statt, die außerordentlich rein und klangschön auf g b c gestimmt sind.

Kurz vor Weihnachten 1951 wurde durch einen Wirbelsturm die Südseite des Kirchendaches, das sich in einem sehr schlechten Zustand befand, aufgerissen, so daß das ganze Kirchenschiff neu eingeschiefert werden mußte. Im Jahre 1953 wurde eine moderne Gasheizung in der Kirche eingebaut, die sich außerordentlich gut bewährt hat.

Unmittelbar danach begannen in Kassel die Verhandlungen wegen Errichtung eines Jugendheims im Pfarrgarten: Grundsteinlegung war am 14. 11. 1954, Einweihung 1. Advent 1957. Im Sommer 1958 wurde eine elektrische Läuteanlage eingebaut, und im Sommer 1959 begannen die umfangreichen Renovierungsarbeiten an der Kirche, die mit der Wiedereinweihung am 1. Advent 1959 ihren einstweiligen Abschluß fand.

Zuletzt wurde die Kirche 1980/81 erneuert. Durch Abwitterung wiesen viele Bauteile wie Dachdeckung, Turmbekrönung und die Jalousien an den Schallöffnungen der Glockenstube sowie Teile der Fensterbögen und Laibungsgewände erhebliche Schäden auf. Sie wurden vollständig erneuert und zum Schutz des Mauerwerks der untere Turmteil verputzt. Der gesamte Turm erhielt einen Mineralfarbanstrich. Im Zuge von Verankerungsmaßnahmen durch den Einbau eines Betonringankers wurde das Kirchenschiff gestrichen. Das 1959 neu angefertigte Gestühl erhielt ebenfalls 1980 einen Neuanstrich.

Gegen den energischen Widerstand der bürgerlichen Gemeinde wurde über mehrere Jahre, zuletzt auf gerichtlichem Wege, der Anbau einer Sakristei erstritten, der 1992 fertiggestellt wurde. Er war unter anderem auch deshalb notwendig geworden, weil die Mitglieder der griechisch‑orthodoxen Gemeinde ebenfalls in der evangelischen Kirche ihren Gottesdienst abhalten.

In Dörnigheim gibt es noch die katholischen Kirchen „Maria Königin“ von  1956/57 und „Allerheiligen“ von 1967-68.

 

Kirchgasse 14: Altes Fachwerkhaus (etwas zurückgebaut)

 

„Herrenhof", Kirchgasse 7:

Hier befand sich der Gutshof des Mainzer Jakobsklosters, eines armen Benediktinerklosters, das den Besitz vom Kloster Lorsch erhalten hatte. Er war vermutlich die „kleine Vogtei“ in Dörnigheim und wurde von den Mönchen in eigener Verwaltung geführt. Das Jakobskloster hatte aber auch die „große Vogtei“ über Dörnigheim, war also Lehnsherr der meisten Dörnigheimer, denn nur in der Anfangszeit gab es noch freie Bauern. Dieses Vogteirecht hatten sie aber an die Hanauer Grafen als Lehen gegeben, die wiederum Vögte oder Amtmänner in Dörnigheim einsetzten. Wo diese ihren Sitz hatten, ist nicht bekannt. In Frage kommen aber das Haus „Zum Schwan“ in der Schwanengasse und das „Schlößchen“ in der Hintergasse.

Im Jahre 1836/37 wurde in Dörnigheim im Gebäude Herrenhof eine Zuckerfabrik in Betrieb genommen, die zwar ein Jahr später geschlossen wurde, aber in den folgenden Jahren bis etwa 1850 die Zuckerrübenverarbeitung wieder aufnahm.

Im Jahre 1886 entschloß sich die Gemeinde angesichts des Anwachsens der Kinderzahl, die Gebäude im Herrenhof käuflich zu erwerben und mit einem Kostenaufwand von insgesamt 12.000 Mark zu einer Schule umzubauen. In einem Teil des Gebäudes war auch ein Teil der Gemeindeverwaltung untergebracht. Heute ist hier die Polizeistation.

An der Westseite nach der Kirchgasse zu, etwa in der Mitte, gegenüber der Nordwestecke des Herrenhofgrundstückes, stand ein Brunnen. Ein weiterer Brunnen stand in der Untergasse östlich der ersten Sackgasse hinter dem Herrenhof, am Haus Nr. 20, einem schönen Fachwerkhaus, das heute dem Maler Mattia gehört.

 

Gaststätte „Zum Schiffchen“:

Die Gaststätte diente den Pferden, die die Kähne zogen, als Ausspannplatz. Die Mainmauer wurde 1751 gebaut mit dem Ober- und Untertor, auch „Mainpforten“ genannt. Sie konnten durch Holztore verschlossen werden, die zu ihrem Schutz Strohdächer trugen. Bei Hochwasser wurde die untere Mainpforte abgedichtet, um das Dorf vor dem Schlimmsten zu bewahren.

 

Untergasse:

Das Haus Nr. 4 ist ein schönes Fachwerkhaus. Das Haus Untergasse 2 war eine Zehntscheuer. An dem Haus Untergasse 5 ist die alte Hausnummer 63 wieder sichtbar gemacht worden.

 

Platz an der Linde:

An der Linde vor dem Haus Schwanengasse 14 steht ein Brunnen, der eine Kopie des Brunnens in der Frankfurter Straße ist. Dahinter an der Hauswand ist ein altes Ortsschild. Südwestlich davon war eine Schmiede. Am Aufgang zur Schwanengasse vom Main her ist links eine Hochwassermarke von 1970.

Am Eingang der Hintergasse stehen zwei schöne Fachwerkhäuser. Das südlich trägt am Türpfosten die Inschrift „17 IF 81“. In der Schwanengasse Nr. 4 (ehemals Geschäft „Karotte“) war die Metzgerei der jüdischen Familie Stern.

 

Linde: Gedenktafel für die Linde (Text von Georg Gruber): „1888 wurde die Linde gepflanzt von Mitgliedern eines sangesfreudigen  Verein, die alle Nachbarn in der Schwanen- und Untergasse waren:

Jakob Lapp, Landwirt und Drechsler, Schwanengasse 8

Wilhelm Kuhn, Maurer, Schwanengasse 3

Peter Seng, Landwirt und Schreiner, Schwanengasse 8

Wilhelm Bast, Landwirt, Schwanengasse 11

Johann Fritz, Landwirt , Schwanengasse 18

Jakob Bechert, Landwirt und Maurer, Schwanengasse 16

Johannes Rauch., Landwirt und Weißbinder, Untergasse 1

Georg Rauch, Schreiner, Untergasse 6.

Bei der Pflanzung wurde ein Dokument mit eingegraben, doch leider ist der Text nicht überliefert.

Dankbar wollen wir unserer Vätern und Großvätern  gedenken, daß sie uns dieses Kleinod gepflanzt haben. Wir wollen ihren Baum, der längst der unsere geworden ist, hegen und pflegen von Generation zu Generation. Möge er uns noch lange erhalten bleiben."

 

Ich – die Linde

Von Margarete Gruber

 

Heut’ möcht ich nur ganz kurz erzählen

und verschiedenes erwähnen,

was sich just in hundert Jahren

um mich herum hat zugetragen.

Ihr seht mich ‑ hier bei Mensch und Tier

als zweite auf dem Platze hier.

Der ersten Linde, wurd’ berichtet,

war ihr Leben kurz befristet.

Denn wie’s so ist seit Ewigkeiten,

konnten Menschen es nicht leiden,

daß andre Leute kamen drauf

und setzten einen Lindenbaum.

Kaum stand der Baum in seinen Winkeln,

begannen welche drauf zu pinkeln.

Kurz und gut ‑ der Baum nahm’s übel

und streckte ganz schnell seine Flügel.

Nachdem den einen war’s mißlungen,

haben andere sich aufgeschwungen,

und da sie alle Nachbarn waren,

hat es auch ganz toll hingeschlagen.

Gemeinsam haben sie’ vollbracht

und mich ‑ woher? ‑ hierher gebracht.

Die Menschen fuhren noch mit Pferdewagen,

doch trugen alle Dörnigheimer Namen.

Es waren Kühn, Lapp, Seng und Rauch,

die setzten mich, euren Lindenbaum.

Sie waren schlau: Bei Tag und Nacht

haben sie vor Übeltätern mich bewacht.

So wurd’ ich groß und ihr könnt sehn,

 ich bin mit hundert Jahr’n noch schön.

Einst war ich auch als Platz bekannt,

wo sich die Schweineherde fand,

und von dem Schweinehirt getrieben,

liefen über Feld und Wiesen.

So manch Gewitter rupfte mich

Manchesmal war’s nicht so ohne:

Der Blitz schlug ab mir meine Krone.

So schwer manch Wetter mich verletzte,

im Jahr darauf gab ich mein Bestes.

Ich strengte mich besonders an

und blühte, was ich blühen kann.

Von Mai bis Oktober mach ich euch Dreck

und ihr müßt kehren alles weg.

Ihr alle seid an mich gewöhnt

und habt mit mir euch ausgesöhnt.

Dafür bin ich dann jedes Jahr

mit vielen Blättern für den Schatten da.

Bis 1955 hat’s dann gedauert,

da hatt’ ich richtig mich gemausert.

Die Nachbarn hatten den Gedanken:

Hier kann man sitzen ‑ kann man tanken.

Im Sommer unter meinem Dach

da macht das Sitzen wirklich Spaß.

Sie bauten eine Bank um mich

und machten mich dann öffentlich.

Seitdem bin ich in unsrer Stadt

beliebt bis auf das letzte Blatt.

Wer’ ich auch in keinem Buch erwähnt,

bin ich doch heute sehenswert.

Und dann begann das Allerbeste:

Sie fingen an mit ihrem Feste.

Zu meinem neunzigsten Geburtstag, da ging es los,

die Feste bis heute waren alle famos.

Auch hat man sich ganz ungezwungen

zur Sperrmüllparty eingefunden.

Die Nachbarschaft hat es vollbracht.

Es wird gegessen, getanzt und gelacht.

Und wenn es ist dann kurz nach zehn,

da sieht man’s erst, wie bin ich schön:

Man strahlt mich an mit Lichterschaum.

Ach ‑ bin ich nicht ein toller Baum?

Drum dank ich meiner Nachbarschaft,

die immer sehr gewissenhaft

besorgt war um mein Wohlergehen,

versorgt mit Wasser mich zum Leben.

Ich möchte alle, die um mich wohnen

noch lang mit meinem Grün belohnen.

Drum werd ich weiter mich bemühen

Und viele hundert Jahre blühen.

 

Schlößchen, Hintergasse 23:

Die Hintergasse verläuft parallel zur östliche Dorfmauer. Sie beginnt amAufgang zur Schwanengasse und biegt dann nach links und verläuf in nördlicher Richtung. Am Haus Nummer 23 („Schlößchen“) geht nach links ein weiterer Teil der Hintergasse in Richtugn Schwanengasse ab. Im Norden (am Beginn der Wingertstraße) giegt sie nanch Westen und geht bis zur Schwanengasse.

Heute erscheint uns die vom Volksmund überlieferte Bezeichnung „Schlößchen“ für das Gebäude in der Hintergasse 23 nicht passend, handelt es sich doch augenscheinlich um einen fränkischen Bauernhof mit dem typischen rechteckigen Hofraum aus der erste Hälften des 18. Jahrhunderts, der auf drei Seiten von getrennten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden umgeben ist Die Gebäude sind nicht durch eine umlaufende Firstlinie verbunden.

Insgesamt unterscheidet sich das noch heute als Bauernhof genutzte Gehöft nur in seiner Größe von den Nachbarn. Aber das allein kann dem Anwesen den Beinamen nicht eingetragen haben. Vielmehr weist er auf einen früheren Verwaltungssitz. Im Mittelalter wurde Dörnigheim durch einen Vogt (Schirmherr, Richter, Verwalter) verwaltet. Diese Vogtei (Amtsbezirk, Sitz eines Vogtes) erhielten die Herren von Rieneck und später die Hanauer Grafen vom Abt des Klosters St. Jakob in Mainz zum Lehen, die wiederum Verwalter einsetzten. Zwar konnten noch keine schriftlichen Beweise erbracht werden, aber man kann davon ausgehen, daß das sogenannte „Schlößchen“ der Amtssitz jener Vogtei-Verwalter war.

Einige Namen dieser Verwalter sind bekannt: Die Herren von Bellersheim, die Herren von Rüdigheim und Obrist Dolné. Diese Familie ist durch Grabsteine und Kirchenbücher belegt. So verstarb am 19. Mai 1673 der „Herr Oberster Ritter Serva Matthieu Dolné“. Ihm folgte sieben Jahre später, am 3. Februar 1860, seine Frau, „des Hr. Obristen Dolné seel. Wittib“. Am 8. Januar 1708 wurde Johann Mathes Dolné begraben und im Jahr 1712 „Math. Dolné He. Seras”.

Im Jahr 1743 begegnen wir dem herrschaftlichen Rat von Spener, bei dem im Verlauf des Österreichischen Erbfolgekrieges der General von Sommerfeld einquartiert ist. In dieser Zeit gehörte Dörnigheim allerdings bereits zu der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Vor allem der Name Spener scheint mit dem Haus verbunden zu sein, denn der Garten hinter dem Haus, der bis an die Wehrmauer reichte, hieß „die Spenerschen Gärten“.

Der heutige Bau ist aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ein großer und ein kleiner Torbogen und eine Scheune bildeten ehemals am Ende der Hintergasse die östliche Abgrenzung des Dorfes. Die Scheunen fielen im Zweiten Weltkrieg einem Brand zum Opfer und wurden um 1945 wieder aufgebaut. Die Torbögen wurden in den 50iger Jahren abgerissen. Auf dem Grundstück war ein Brunnen.

Der Rückweg führt nach Norden und dann nach Westen durch die Wingertstraße wieder zur Frankfurter Straße am ehemaligen Obertor (Länge des Rundgangs etwa 1,4 Kilometer).

 

„Hacienda“:

In der „Hacienda“ in der Wingertstraße leben Männer und Frauen zwischen 50 und 80 Jahren. Menschen mit Depressionen, Psychosen und somatischen Erkrankungen durch jahrzehntelangen Psychopharmaka‑Gebrauch, die die meiste Zeit ihres Lebens in Kliniken zugebracht haben. Dort wären sie noch heute, gäbe es nicht den Abbau von Krankenhausbetten und einen Wandel psychiatrischer Behandlung mit betreuten Wohnformen, ambulanten Hilfen oder Tagesstätten.

In der „Hacienda“ werden sie von rund 30 Mitarbeitern betreut und versorgt. Es wird ihnen geholfen, den Alltag zu bewältigen. Hier lernen sie einzukaufen, zu kochen oder auch mal alleine Bus zu fahren oder spazierenzugehen. Individuell wird mit den Patienten gearbeitet. Manche von ihnen besuchen tagsüber noch Behinderten‑Werkstätten.

Im Jahre 2000 wurde das 50 Jahre alte Haus saniert. Der alten Bausubstanz mußte auf die Sprünge geholfen werden, neue Bäder kamen in die Zimmer, ein Aufzug für Rollstuhlfahrer wurde eingebaut und auch an den Sporträumen und den Außenanlagen wurde durch Frankfurter Trägerverein für soziale Heimstätten etwas getan. Insgesamt 3 Millionen Mark investierten das Land Hessen, der Landeswohlfahrtsverband, die Stadt Frankfurt und der Main‑ Kinzig‑ Kreis sowie der Verein in die Sanierung.

Das ist auch nötig. Die Eingangshalle hat den düsteren verstaubten Charme eines 50er Jahre Hotels mit gefliesten Säulen, alten Polstermöbeln und Linoleumboden. Und ein Hotel und Restaurant war es ursprünglich auch einmal. Der Frankfurter Verein suchte Anfang der 80er Jahre ein Ausweichquartier, weil das Wohnheim in Rödelheim einer Erweiterung von Siemens Platz machen mußte. Damals suchte man etwas im Grünen, erinnert sich Wolfgang Schrank, Fachbereichsleiter Psychiatrie beim Frankfurter Verein. Heute würde man wohl wieder mitten in die Stadt ziehen, damit die Betroffenen quasi mitten im urbanen Leben sind.

Die „Hacienda“ bietet 70 Betten. Rund 20 Prozent sind mit Menschen aus dem Kreis und 80 Prozent mit Frankfurter Klientel belegt. Sie ist ein Wohnheim, kein Pflegeheim. Man betreut psychisch Kranke, die alt geworden sind, nicht Menschen, die im Alter krank werden.

Die „Hacienda“, seit 20 Jahren in Maintal ansässig, ist in der Stadt wenig bekannt. Nur in der direkten Nachbarschaft vielleicht. Das Haus soll kein Ghetto sein. Die Bewohner sollen nicht herumsitzen und konsumieren, sondern selbst noch aktiv werden und etwas Sinnvolles tun. Das Heim plant daher im Zuge der Sanierung. eine Wäscherei einzurichten, in der die Bewohner freiwillig arbeiten. Gedacht ist nicht nur an eine Serviceleistung für die Einrichtungen des Frankfurter Vereins, sondern auch ein Angebot für die Nachbarschaft. Vielleicht ein Hemden Wasch‑ und Bügelservice für die Maintaler.

Das ist Motivation für die Besucher und eine Möglichkeit, mehr Kontakt nach außen herzustellen. Heimleiter Bernard Hennek schwebt sogar ein kleiner Cafébetrieb auf der großen sonnigen Terrasse vor, die hinter dem Gebäude mit dem Blick auf die Wiesen und den Main protzt. „Das wäre nicht nur eine Aufgabe für die Heimbewohner, sondern auch schön für Spaziergänger“, so Henneks Idee. Er will die Einrichtung mehr nach außen öffnen, denkt auch an Lesungen, Ausstellungen oder andere Veranstaltungen.