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Apfelwein I

 

 

Apfel und Apfelwein

 

Geschichte des Apfelweins:

Bibel, Frühgeschichte, Mittelalter, Mitteleuropa, Frankfurt, 20. Jahrhundert

Streuobstwiesen:

Geschichte, Wert, Gefährdung, Pflegemaßnahmen, Naturschutz, Obstarten und -sorten, Was kann der Einzelne tun? Wirtschaftliche Bedeutung, Fördermaßnahmen

Die Maintaler Streuobstwiesen.

Obstsorten:

           Allgemein, Standortansprüche und  Wuchs- und Fruchteigenschaften,

           Obstarten‑ und Sortenempfehlungen, Birnen, Speierling

Verarbeitung und Herstellung:

Allgemeines, Selbstkeltern, Schaumwein, Obstbrand

Apfelweinkultur:

Bembel, Glas, Deckel, Zutaten. Redensarten. Besuch einer Gaststätte

Name und Schreibweise, Auseinandersetzung mit der Europäischen Union

Gesundheit

Verbrauch und Vermarktung

Verbrauch, Möglichkeiten der Vermarktun, Konkurrenten, Steigerung des

Verbrauchs, Sortenreiner Apfelwein, Neuerungen, regionale Versorgung mit

Lebensmitteln. Verkauf außerhalb Hessens, Export nach außerhalb.

 Apfelwein in anderen Ländern

Jahrgänge und Preise

Werbung für Apfelwein:

Pomologen-Verein, Verband der Apfelweinkeltereien und Fruchtsaft‑ Keltereien, Marketinggesellschaft „Gutes aus Hessen“, Symposium über Europäische Apfelweinkulturen, Symposium über Europäische Apfelweinkulturen., Verein Apfelwein Hessen, Apfelwein Centrum Hessen

Apfelweinstraßen: Hessische Apfelweinstraße, Apfelwein‑ und Obstwiesenroute

Lokales:

Frankfurt und Vororte, Wetterau, Taunus, südliches Rhein-Main-Gebiet, Rhön und Kinzigtal, Hanau, Maintal.

Bücher

Gedichte

Kochbuch

 

 

 

Geschichte des Apfelweins

 

Der Apfel spielt in der Geschichte der Mensch­heit von jeher eine große Rolle: Sei es als Verfüh­rungsobjekt, dessen Unwiderstehlichkeit Adam und Eva zum Verhängnis wurde; sei es in Form des Reichsapfels als Zeichen von Herrschaft und weltlicher Macht oder als Symbol in Sagen, Mythen, Märchen und Liebesorakeln. Ohne die Symbolik des Apfels müßte die Historie umgeschrieben werden ‑ und manches Histörchen auch. Unzählige Gedichte, Geschichten, Verse, Lieder und Bilder beweisen, daß die runde Frucht seit Jahrhunder­ten Geist und Sinne der Menschen beflügelt. Das Nahrungsmittel ist seit Urzeiten ein Sym­bol.

Zu allen Zeiten spielte der Apfel in den Sagen und Mythen der Völker eine ganz besondere Rolle. Zu Recht, denn der Apfel ist wohl die erste Frucht, die der Mensch zu kultivieren lernte. Kein ande­res Obst vereint so viele gute Eigenschaften in sich: Der Apfel ist schmackhaft, gesund und lange haltbar, anspruchslos und vielseitig zu verwen­den.

In alten Kulturen galt der Apfel als Symbol der Fruchtbarkeit, als Liebesfrucht, Minnegabe, in der Brautwerbung sowie in vielen Hochzeitsbräu­chen. Zweige und Bäumchen werden bei ver­schiedensten Anlässen gern mit Äpfeln behangen, so besonders der Weihnachtsbaum.

 

Bibel

Die biblische Schöpfungserzählung hört sich so an als habe Eva, verführt von der Schönheit des Apfels, in einen saftig‑knackigen, rot­wangigen Apfel gebissen und auch Adam davon gegeben ‑ verbotener­weise. Ihm blieb er im Halse stecken ‑ deswegen spricht man seit altersher vom männlichen „Adamsapfel“. Trotz bekannter biblischer Folgen war das kein schlechter An­fang.

Das Bild „Der Sündenfall“ von Hugo van der Goes (um 1435‑1482) zeigt Eva, die  einen zweiten Apfel pflückt, nach dem Adam bereits die Hand aus­streckt. Ebenfalls auffällig: die Schlange in Menschengestalt. Lilien verweisen symbolisch auf Maria, wobei die Farbe Blau anstelle des die Reinheit bezeich­nenden Weiß tritt. Auch auf Adams Geschlecht ist eine Lilie gerichtet ‑ Hinweis für die Schuld beider Geschlechter an der so genannten Erbsünde?

Die Franzosen behaupten, ihr „Cidre“ sei „seit Adam und Eva“ produziert worden:  Eva habe Adam damit verführt, daß sie aus dem Apfel Cidre machen wollte; da habe sich Adam für den Cidre entschieden und das Paradies verlassen. Auch ein Frankfurter Spruch lautet: „Schon der Adam im Paradiese, preßte die Äppelcher zu Siesse!“

Allerdings: Im 1. Buch Mose, ge­nauer im zweiten, älteren Schöp­fungsbericht, steht nichts von einem Apfel. Da sind nur „die Früchte vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ angesprochen. Hätte Eva ihren Adam nach Darwin’scher Lesart mit einer Banane aus dem Urwaldparadies locken sollen?

Eine ungleich größere Rolle als der Apfel spielt in der Bibel der Granatapfel. Verwunderlich ist das nicht, denn er symbolisierte im gesamten Orient Fruchtbarkeit: die des Landes und auch die des Menschen. Das mag daran liegen, daß in jeder der gelben oder roten Früchte eine Vielzahl kleiner Samen eingebettet ist, Sinnbild großer Nachkommenschaft.

Als Liebessymbol kommt der Granatapfel gleich mehrfach im erotischsten Text der Bibel, dem Hohelied, vor: „Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß....Er erquickt mich mit Traubenkuchen und Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe.“ (2,3ff.).

Doch auch am Eingang zum Tempel fanden sich die kleinen Früchte. Die Säulenkapitelle zierten doppelreihige Granatäpfel (1.Kön 7,15). So war für jedermann sichtbar: Hier wohnt Jahwe, der Gott Israels, der auch den Menschen ihre Fruchtbarkeit schenkt. Ebenso gut klingt: „Ein Wort, geredet zu rechter Zeit, ist wie goldene Äpfel auf silber­nen Schalen.“ (Sprüche 25,11).

Nach der christlichen Legende sollen bestimmte Apfelbäume in der Christnacht blühen und zugleich Früchte (Chri­stäpfel) tragen. Auf Bildern des Spätmittelalters hält der Jesusknabe auf dem Schoße der Mutter oft einen Apfel. Aber die christliche Kunst hat den Apfel auch als Symbol des Sündenfalls übernommen; seit dem 11. Jahrhundert erhält ihn Maria als neue Eva zum Attribut.

 

Frühgeschichte

Äpfel kennt man seit der Jungsteinzeit, also seit 5.000 v.Chr., in aller Welt. Aus dieser Zeit hat man Apfelkerne gefunden. Allerdings waren das nur etwa kirschgro­ßen Winzlinge. Ein verstei­nertes Exemplar von 14 Millimeter Durchmesser wurde in Überresten einer Wohnhütte der Jungs­teinzeit (zirka 4.000 vor Christus) am Bodensee gefunden. Einer der frühesten Beweise, daß auch unsere Vorfahren diese sicherlich harten und sauren Früchte schätzten. Die Äpfel waren aber wohl so klein, daß man nur ihren Saft nutzen konnte.

In Tonkrügen aus steinzeitli­chen Pfahlbauten wurden auch ge­schnittene Apfelstückchen ge­funden, die vom Wild‑ oder Holzapfel stammten. Der Holz­apfel ist die ursprünglich im nördlichen Teil Europas heimi­sche Apfelart. Vereinzelt steht dieser Baum mit den dornigen Zweigen und den rund zwei Zentimeter großen, sauren und harten Früchten noch heute in lichten Laubwäldern oder Hec­kenbüschen. Häufig findet man verwilderte Apfelbäume in Wäldern oder aufgegebenen Streuobstwiesen.

Die Heimat des Apfels ist Asien, die Mischwälder des Kaukasus und Turkestans. Um 5000 vor Christus sollen schon syrische Kaufleute die ersten Äpfel vom Schwarzen und Kaspischen Meer nach Mesopotamien und an den Nil gebracht haben. In großen Plantagen kultivierten die Pharaonen süße und wohlschmeckende Früchte.

Die ersten echten Kultursorten erscheinen jedoch erst 400 Jahre später in Griechenland, wohin sie von Westasien über Kleinasien gelangt sein sollen. Die Griechen bauten das neue Obst an und verstanden sich bald auch auf die Veredelung der einzelnen Sorten. Sie hatten schon vor 2400 Jahren Kenntnisse von der Baumobstkelterei. Die älteste Notiz darüber stammt von Herodot, der von 484 bis 424 v. Chr. gelebt hat.

 

Nach der griechischen Sage warf die griechische Göt­tin Eris einen Apfel der Zwie­tracht unter die Hochzeitsgäste von Peleus und Thetis: Er trug die Aufschrift „Der Schönsten“ und löste einen heftigen Zank zwischen den Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite aus. Schließlich mußte Paris in den sauren Apfel beißen und den Schönheitsstreit entscheiden: Er überreichte den Zankapfel der Liebesgöttin Aphrodite.

 

Etwa ab Christi Geburt brachten die Römer Kulturformen der auch heute noch gebräuchlichen Obstarten nach Mitteleuropa. Sie bauten das Obst überwiegend in Gärten in der Nähe ihrer Villen an. Sie kultivierten die Kunst des Kelterns weiter und besaßen bereits achtzig nach Christi eine moderne Baumfrucht­presse. Von den heimi­schen Holzäpfel schrieb der römische Schriftstel­ler Cato allerdings bewundernd, sie enthielten genug Säure, um ein scharf geschliffenes Schwert stumpf zu machen.

In seiner Naturgeschichte erzählt Plinius der Ältere (23 bis 79 n. Chr.), wie die Römer Wein aus Äpfel und Birnen machten. Er bemerkt auch, seine veredelten Äpfel brächten mehr Gewinn ein als das Getreide von den Feldern seines Gutes. Tacitus berichtet vom ländlichen Apfel (agrestia poma) der Germanen im Gegensatz zum feinen Tafelapfel der Römer.

 

Mit der Ausweitung des Römischen Reiches gelangten die damaligen über 20 verschiedenen Ap­felsorten (angeblich 29) auch in den mitteleuropäischen Raum. Von römischen Legionären importiert fand die „Gesund­heits­frucht“ rasche Verbreitung. Auch die Kunst der Veredelung und des Kelterns kam durch die Römer ins Germanen­land. Auch die Germanen waren Freunde des Apfelweines, des „ephiltrancs“.

In der kelti­schen Mythologie ist die Rede von „Avalon“, dem „Apfelland“. In diesem Paradies, einer Insel, lebten die Menschen in der Ob­hut von Feen, wurden uralt und blieben kerngesund. Apfelwein ist bis heute im ehemals keltischen Bereich verbreitet (ob „keltern“ etwas mit den „Kelten“ zu tun hat?).

 

Mittelalter

Als ein besonderer Förderer des Apfel­anbaus gilt Karl der Große. Sein um 800 n. Chr. herausgegebenes Edikt „capitular de villis“ beweist, daß die fachmännische Bereitung von Apfel­wein im Mittelalter hohes Ansehen ge­nossen hatte.

Der Kaiser erließ eine Verord­nung zum Anbau von Apfelbäumen auf Wiesen, Auen und Feldern, die später von seinem Sohn Ludwig dem Frommen mit Hinweisen auf Sorten und Pflanzanleitungen ergänzt wurde. Es werden frühe und späte, säuerliche und süße Apfelsorten erwähnt. Er verfügte auch in einer Anordnung an seine Verwalter, daß sie sich um tüchtige Männer bemühen sollten, die u. a. auch Äpfelwein herstellen könnten („Jeder Richter soll unter seinem Personal auch Männer haben, die Apfelwein herstellen können“). Er bezieht sich in einer seiner Verordnungen auf „Leute, die berauschende Ge­tränke, sei es Bier, Birnenwein, Apfelwein oder sonst eine zum Trinken geeignete Flüs­sigkeit bereiten kön­nen.“

Auch in den späteren Jahrhunderten entstanden Obstgärten in der näheren Umgebung von Siedlungen. Vorbilder hierfür waren die üppigen Gärten der karolingischen Kammergüter, Meierhöfe und Klostergärten.

 

In unseren Breiten entwickel­ten sich Bräuche, um den Ertrag der Bäume zu steigern, denn eine reiche Apfelernte versprach Gesundheit und Wohlstand. In Tirol zogen junge Männer am Karfreitag hinaus und schlugen die Apfelbäume mir Ruten. In Emsland kletterten die Burschen in der Nacht vor Heiligabend auf die Bäume, sangen und be­sprengten die Äste ‑ sicher auch ihre Kehlen ‑ mit Apfelwein. Ebenso ranken sich viele Spuk­geschichten um den Apfel, vielleicht erfunden, um die begehr­ten Früchte vor fremdem Zugriff zu schützen: So sollten Hexen sich des Nachts unter dem Baum zum Tanze treffen. Schneewitt­chen erstickte an einem Apfel, den die böse Schwiegermutter ihr reichte.

 

Trotz der biblischen Erzählung ist auch die Kirche kein Gegner des Apfels: In einem Brief aus dem sechsten Jahrhundert bedankt sich der damalige Bischof von Poitiers in Frankreich bei seinem Amtsbruder von Tours für die Übersendung von Apfel‑ Pfropf‑Reisern. Man lernte also schnell die Kunst des Veredelns. Bei der Züchtung neuer Apfelsorten machten sich die Mönche des Mittelalters einen Namen. Zunächst wurden die alten Klostergärten gepfropft und veredelt. Später nahmen sich die Klosterbrüder auch in den umliegenden Bauernhöfen der Wildstämme an.

Martin Luther woll­te selbst kurz vor einem Weltun­tergang noch ein Apfelbäum­chen pflanzen.

Auch viele evangelische Pastoren haben in ihren Pfarrgärten Äpfel kulti­viert und wesentlich zur Entwicklung immer neuer, anders schmeckender Apfelsorten beigetragen. Sie gehören, wie Johann Ludwig Christ, zu den be­deutendsten Obstzüchtern. Die Verbindung von Geistlichkeit und Obstbau kommt schließlich auch in Sortennamen zum Ausdruck wie „Pastorenbirne“ oder „Superintenden­ten-Apfel“.

 

Bei den Basken, im Norden Spaniens, ist die Herstellung des Apfelweines in großen Mengen schon vor der Jahrtausendwende belegt. Denn die Basken konnten das wesent­liche technische Problem der Apfelweinkelt­erung lösen: Als Pate für die nun konstruier­en Apfelweinpressen dienten die Oliven­pressen der Mauren, die ja über Jahrhunderte das Land besetzt hatten. Die baskischen Fischer nahmen auf den Reisen zu ihren Fischgründen immer Apfelwein mit. Zum Genuß, aber auch gegen Skorbut. Durch diese Reisen haben sie dann auch die Cidreherstel­ler in der Bretagne und der Normandie angeregt. Tatsächlich sind die Apfelbäume Nordwestfrankreichs baskischer Herkunft, die Äpfel, die dort vorher wuchsen, waren zur Apfelweinbereitung nicht geeignet. Ihren Ausgang fand die Apfelweinherstellung in Fankreich im Pays d’Auge und in der Gegend von Lorient und Quimperlé. Erste Hinweise auf Apfelweinherstellung sind in der Bretagne und der Normandie bereits ab dem 13. Jahrhundert zu finden.

 

Durch Wilhelm (später der Eroberer) kam vom Norden Frankreichs die Apfelweinbe­reitung auch nach England: Um die Frage der Thronfolge zu klären setzte er im September 1066 mit 3.000 Schiffen, begleitet von etwa 50.000 Soldaten, nach England über. Mit dabei hatte er viele Säcke mit Apfelkernen und sogar auch Apfelwein. Die Folgen waren von historischer Dimension, nicht durch daß Wilhelm durch den Sieg in der Schlacht von Hastings englischer König wurde, von Hastings aus verbreitete sich die Apfelbaum auf der ganzen Insel. In Südengland wurde weltweit der meiste Apfelwein konsumiert ‑ bis Wohlstand und die Handelsbeziehungen zwischen der Insel und dem Festland soweit gediehen, daß auch Wein eingeführt wurde. Und heute sind die Engländer Europas größten Apfelweinkelterer!              

Gerne wird in unseren Breiten behauptet, die Hessen hätten das Stöffche erfunden und heute dessen weltweit größte Produktion. Das ist falsch: Die Ersten, die das Getränk kelterten, waren vermutlich die Basken. Und der größte Apfelweinhersteller der Welt ist England! Auch Chinesen, Spanier und Türken haben es geschätzt, diese Flüssig­keit als Durstlöscher zu benutzen.

 

Mitteleuropa

Auch in Mitteleuropa wird schon früh über die Herstellung der Apfelweine berichtet. ­Aber erst durch die massiven Zerstörungen der Weinberge während des 30jährigen Krieges sowie der nachfolgenden kalten Sommerjahre wurde die Apfelweinbereitung in größerem Maße notwendig, nachdem zweimal hintereinander die Trauben verfroren waren, haben sich die Bauern eben probeweise auf Apfel umgestellt.

Um 1600 gab es bereits etwa fünfzig Apfels­orten in Deutschland (auf rund 20.000 wird die Sortenzahl heute weltweit geschätzt).  Als der Schweizer Nationalheld Wilhelm Tell seinen legendären Schuß auf den Apfel wagte, kannte man in Europa bereits an die 1000 Apfelsorten.

 

Erst im 15. und 16. Jahrhundert dehnte sich der Obstbau etwas mehr in die freie Landschaft aus. Im 18. und  19. Jahrhundert entwickelten sich schließ­lich die Strukturen, welche den mitteleuropäischen Streuobstland­schaften bis heute ihren anmutigen Reiz verleihen. Doch erst im 18. und 19. Jahrhundert wurden die mittelalterlichen Wingerte ersetzt  und der Obstanbau erreichte einige Bedeutung ‑ vornehmlich, in den klimatisch begünstigten Tallagen im Rhein‑Main‑Gebiet. Eine besondere Anhäufung erfolgte im Bereich ehemaliger Weinberge, die in Mitteleuropa früher viel weiter verbreitet waren als heute.

In der Regel führte die Umstellung von Weinbau zum Obstbau nicht direkt zu den uns vertrauten Baumwiesen, sondern zunächst zu Baumäckern. Erst später trat an die Stelle der Baumäcker die einfacher zu handhabende Grünlandnutzung, da die ackerbauliche Nutzung durch Hanglage und Bäume doppelt erschwert war.

Streuobstwiesen sind eine jahrhundertealte Kulturlandschaft, stellen aber eine relativ junge Nutzungsform in der Entwicklung der Landwirtschaft dar. Die hochstämmigen Streuobstwiesen mit Doppelnutzung von Obst und Gras waren aber bis in die fünfziger Jahre hinein charakteristisch für den Erwerbsgartenbau.

Frankfurt

Seit dem 18. Jahrhundert ist Apfel­wein ein Volksgetränk. Vor allem ist er das in Frankfurt.  Seit über 250 Jahren ist er als das bekömmliche Volksgetränk in Frankfurt und Umgebung bekannt. Früher gab es keine Obstplantagen, der Apfel war kostbar. Er wurde sogar zu Weihnachten verschenkt. Hausie­rer waren mit Äpfeln unterwegs.

Doch mengenmäßig stand immer die Traube im Vorder­grund, weil es wesentlich einfacher war, große Mengen Trauben zu verarbeiten. Von der Rebe in den Bottich, mit den Füßen gequetscht, schon war der Saft da. Die Arbeit mit Äpfeln aber war schon immer ungleich schwieriger: von hohen Bäu­men gepflückt, mühsam zer­kleinert und mit viel Kraft ausgepreßt. Und als Dank für diese harte Arbeit bekam man am Ende aus 100 Kilogramm Äpfel oft nur etwa 50 Liter Saft, bei der Traube aber über 80 Liter!

Andernorts wurden schon seit dem 13. Jahrhundert Steuern erhoben, wahrscheinlich auf Druck der Bierbrauer. Apfelwein war auch den kleinen Leuten möglich herzustellen, während das Bierbrauen doch etwas mehr Aufwand erforderte.

Nach einer Angabe fand der Apfelwein um 1515 erstmals in Frankfurt schriftliche Erwähnung, als das Getränk als „Baumwein“ in einem Frankfurter Rechnungs­buch fand. Damals zahlte ein Dortelweiler fünf Gulden an den Frankfurter Steuererheber. Herr Fritz Koch, der eine Buch über den Frankfurter Apfelwein schreibt, wollte dazu gern die Quelle wissen: Die Angabe machte Helmut Lenz („Bembel-Lenz“) in einem Vortrag in Hochstadt. Koch ergänzt noch, daß

„Baumwein“ eine Abgabe auf die Kelter (Baumkelter) war.

Zunächst waren es Verordnungen, die die Verfälschung des Traubenmostes durch den Apfelwein ausdrücklich verboten: bei Einzug des Getränks und hoher Strafe. In den Jahren 1560 und 1638 gab es Erlasse des Rates dagegen, daß Traubenwein mit Obstwein vermischt wurde. Aber der Frankfurter Wein hat sich wohl nicht sehr vom Apfelwein unterschieden. Es wurde auch kräf­tig gepanscht, Trauben mit Äpfeln gemixt oder umge­kehrt. Herr Fritz Koch hat in den Ratsverordnungen dieses Datum 1560 nicht gefunden, es steht aber in einem Faltblatt, das im Frankfurter Äpfelweinmuseum im Histrorischen Museum auslag. Das gilt auch für die näcshte Angabe über den Fichbtenkranz:

Im 17. Jahrhundert wurde erstmalig in Frankfurt ein Fichtenkranz zum Zeichen des Ausschankes herausge­hängt. Mit der Zunahme des öffentlichen Ausschanks entdeckte der Rat der Stadt eine neue Einnahmequelle: Die Stelle, an der gezapft wurde, mußte durch Aushängen eines Fichtenkranzes (oder Tanne oder Zypresse) mit einem Apfel in der Mitte als Erkennungszeichen an einem Kranzeisen vor dem Haus öffentlich kenntlich gemacht werden, denn das Verzapfen von Apfelwein war von nun an steuerpflichtig. Jörg Stier nennt sogar das Jahr 1641 als Aushangsdatum für den Fichtenkranz. Fritz Koch kann das erst für das 18. Jahrhundert belegen.

Das hatte aber auch sein Gutes: Damit wur­den die Keltereien als Gewerbebetriebe anerkannt, und fortan waren alle Kelterer gehalten, nur den reinen Saft ohne Zusätze zu keltern. Sie ha­ben sich über die regionalen Grenzen hinaus zu einem be­deutenden Wirtschaftsfaktor in Hessen entwickelt.

Der Heckenwirt J. Werner aus Sachsenhausen soll 1754 als erster Ebbelwoi gezapft haben. Vorher trank man auch hier Wein, denn Frankfurts nächste Umgebung war, wie Friedrich Stoltze uns überlieferte, „a Paradies von Rewe un Gemies“. Ferner meinte der Mundartdichter, daß es eigentlich Karl der Große war, der den Frankfurtern zu ihrem „Nationalgetränk“ verhalf, als er sich aus Versehen auf den „Reichsapfel“ setzte und von dem auslaufenden Saft kostete!

Deutschlands Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe schrieb mit dem Brustton der Überzeugung: „Über Rosen läßt sich dichten, in die Äpfel muß man beißen“. Und der mußte es ja wissen, ent­stammt er doch ‑ als berühmtester Sohn ‑ dem Apfelparadies Hessen.

Beim hochwohllöblichen Rat der Stadt und den reichen Bürgern wurde Wein, der vor den Toren der Stadt reichlich wuchs, getrunken. In den Gasthöfen und Schenken wurde ebenfalls nur Wein ausgeschenkt. Bier und Branntwein spielten damals keine große Rolle. Der über  Jahrhunderte in friedlicher Koexistenz mit aus den Trauben hergestellte Wein wurde als preiswertes Getränk niemals ganz vom Bier verdrängt.

Erst nachdem durch langjährige kriegerische Unsicherheit die Weinkultur zurückging, Klimaveränderung und Reblaus verheerende Schäden anrichteten, gewann der Apfelwein zunehmende Bedeutung. Jetzt durfte er auch in den Gasthöfen und Schenken gewerblich ausgeschenkt werden. Man sprach damals vom „Arme‑Leute-­Getränk“, denn in den oberen Schichten war seinerzeit das Bier gefragt. Ein Bier ko­stete zwölf Pfennige, der Apfelwein nur sechs Pfennige.

Nur Frankfurter Äpfel sollten in Frankfurter Keltern verarbei­tet werden, ein bis zum Ende der Freien Stadt 1866 währen­der Streit mit den benachbar­ten hessischen und kurmainzi­schen, später nassauischen Gärtnern begann. Noch in ei­ner der letzten Sitzungen des Senats der Freien Stadt Frankfurt sollte der Apfelwein auf der Tagesordnung stehen.

So richtigen Aufschwung erlebte der Apfel­wein mit Ausgang des 19. Jahrhunderts. Immer mehr Menschen kamen in die Stadt Frankfurt ins Nordend und nach Sachsen­hausen und fanden dort Arbeit.  Die Neubürger stammten aus dem ­Taunus, dem Wester­wald, der Rhön, dem Spessart. Von dort brachten sie auch ihr Hausgetränk mit, denn Apfelwein war für sie billig.

Die Menschen wurden an ihre alte Heimat erinnert durch die Kirche und durch Spaziergänge im Stadtwald. Und auf dem Heimweg kehrten sie dann in Sachsen­hausen in den Gaststätten ein.

Sicher war Apfelwein zu­nächst eine Art „Ersatz“ für Wein, aber bald machte er sich frei und gewann öffentliches Ansehen und eine eigene Tradi­tion, die sich in breitesten Be­völkerungs­schichten veranker­te. Während im Westerwald beispielsweise die Apfelweinkultur langsam starb, blühte sie in Frankfurt auf. Hier wurde das Ge­tränk gesellschaftsfähig. und das nötige Am­biente wurde geschaffen mit dem gerippten Glas, dem Apfelweindeckel und dem Bem­bel.

Schnell eroberte er sich die Gunst der Bürger und wurde das typische Frankfurter und hessische Volksgetränk.

Anfangs wurde der Apfelwein in Heckenwirtschaften ausgeschenkt, den Wirtschaften der früheren Weingärtner, ausgeschenkt, breitete er sich auch in den konzessionierten Gaststätten aus. Viele Gärtner eröffneten Äpfelweinlokale. Aus dem jahrhundertealten Haustrunk wurde der öffentliche Ausschank mit behördlicher Genehmigung.

In der „Heckewirtschaft“ wurde das Selbstgekelterte an Ort und Stelle verkauft. Sie war zu erkennen am Fichtenkranz am Haus und roten Vorhänge. Der Apfelwein wurde in der Wohnstube ausgeschenkt. Um den Ofen war ein Tragering, auf dem die Gläser zum Anwärmen standen. Der Bembel wurde aus dem Keller geholt und in den Faulenzer gestellt. Unter dem Tisch war das „Käsdippe“, auf den Ofen standen Kartoffeln zum Selbstbedienen.

Aus den „Hecker‑Wirtschaften“ entwickelten sich die selbstproduzierenden „Ebbel­wei“‑ Lokale  und später die ersten großen Keltereien. So die „Erste Frankfurter Aepfelweinkelterei“, Gebrüder Freyeisen, die 1817 gegründet wurde, und mit anderen Keltereien wie Ur­-Rackles und J.G. Hoffmann nicht nur den Frankfurter Markt beherrschten.

Bald konn­ten diese Keltereien mit ihrem „Versand in alle Lande“ werben, viele europäische Königshäuser wurden mit dem „Stöffche“ versorgt, sogar der Sultan des osmanischen Reiches trank Apfelwein (aus religiösen Gründen wurde auf dem Etikett der Flaschen aber verschwiegen, das in diesem Apfelgetränk auch Alkohol ist, vielleicht die Ursache, das noch heute viele davon über­zeugt sind, das Apfelwein fast alkoholfrei sei!).

Der Äpfelwein gehört zu den liebenswerten Seiten der Stadt Frankfurt. Das Getränk der Handwerker, Fischer, Gärtner und ihrer Mitarbeiter aus Sachsenhausen und der umliegenden Dörfer wurde im vergangenen Jahrhundert zu einem Volksgetränk der Frankfurter Bürger.

Zu dieser Zeit gab es allein im Gebiet der heutigen Stadt Frankfurt 12 Großkeltereien und ungezählte Kleinhersteller und Äpfel­weinwirte. Kaum eine Ortschaft, die nicht wenigstens eine Kelterei oder selbstkelternden Wirt hatte. Doch war nun auch schon die große Zeit des Apfelweines vorbei.

In den besten Zeiten wurden in Frankfurt von den Keltereien und selbstkelternden Wirten rund 30 Millionen Liter hergestellt. Dazu werden etwa 40.000 Tonnen Äpfel benötigt.. Das bedeutet: Jeden Herbst rollen etwa 2.000 Waggons oder Lastwagen mit jeweils 400 Zentner Kelteräpfel in die Keltereien, um zum Nationalgetränk verarbeitet zu werden.

 

Aber nicht nur Wein aus Äpfeln, auch Schaumwein aus Äpfeln gehörte zur Apfel­weinkultur. Bereits 1820, also bevor in Deutschland gewerblich Traubenschaum­weine hergestellt wurden, hat im damaligen Hirschberg/ Schlesien Carl Samuel Haeusler die ersten Apfelschaumweine mit Erfolg her­gestellt und verkauft. Die Großkeltereien der Jahrhundertwende stellten ihren „Aepfel­wein‑Champagner“ her, waren mit ihm auf allen Weltausstellungen vertreten, als „German Champagne Cider“ wurde er sogar nach Amerika exportiert.

Vom hochgeschätzten Nobelge­tränk, das in der Form des Apfelschaum­weins an Fürstenhöfen und Weltausstel­lungen gereicht und geschätzt wurde, bis hin in die Niederungen, als Preis in der Schießbude auf dem Rummel, durchlitt die berauschende Form des Saftes aus dem Apfel tatsächlich alle Höhen und Tiefen ‑ wobei vor allem die Tiefen im Laufe der Jahrhunderte interessanterwei­se zumeist politisch bedingt waren: Ein alkoholisches Getränk, das im Grunde je­dermann herstellen konnte, und dessen Ausgangsstoff auf nahezu jeder Wiese zu finden war und noch ist, entzieht sich na­turgemäß der Kontrolle und dem Zugriff des Fiskus ‑ anders als etwa die Produkte eines Weinberges, dessen Ertrag leicht zu schätzen ist.

 

Im vorigen Jahrhundert war Bayern auf dem besten Weg, eine Hochburg der Apfelweinkelterer zu werden. Wären da nicht die Klöster gewesen, die sich ihren Unterhalt mit der Bierbrauerei verdienten! Die Geistlichkeit griff ein und machte den profanen Apfelschoppen planmäßig schlecht, um ihr Bier kon­kurrenzl­os an den Mann zu bringen. Sonst wäre das Oktoberfest mit Apfelwein gefeiert worden, wie die „Rodgau Monotones“ sei­nerzeit sangen.

 

Dass er zum hessischen Traditionsgetränk wurde, scheint Zufall: Eine Kälteperiode und Schädlingsbefall beendeten den Weinanbau im 16. Jahrhundert in der Region um Frankfurt. Schon damals war Apfelwein bekannt, aber vor allem als Weinersatz für die breite Masse. Die erste Schankerlaubnis für das „Stöffche“ wurde in Frankfurt 1754 erteilt. Wer eine besaß, der hängte einen Fichtenkranz mit Apfel in der Mitte vor seine Wirtschaft. Auch heute gilt noch,  „Wo's Kränzche hängt, wird ausgeschenkt“.

 

20. Jahrhundert

Zweimal hatte Hessens Na­tionalgetränk schwere Zeiten durchzustehen. Im Ersten Weltkrieg durften keine Äpfel mehr für den öffentlichen Aus­schank verkeltert werden. Äpfel sollten in erster Linie zu Konserven verarbeitet werden. Es gründeten sich dar­aufhin Herstellervereinigungen (Verein der Äpfelweinkelterer) und Konsumentenzusammen­schlüsse (Apfelweinlogen), die dafür sorgten, das auch weiter­hin, wenn auch nur in kleinen Mengen, Äpfel zu Wein verar­beitet wurden. Der Apfel­wein wurde an bestimmten Abenden gemeinsam genossen. Nach Kriegsende aber lösten sich die Logen nach und nach wieder auf.

Die zweite Drangperiode für den Apfelwein war wesentlich härter. Sie kam im Dritten Reich. Apfelwein fiel in Ungna­de, Apfelsaft dagegen wurde staatlich gefördert. Die Apfelweinher­stellung paßte nicht in die „nationalsozialisti­sche Lebensordnung“. Grund dafür war, das die Nationalsozialisten auf wirtschaftliche „Autokratie“ setzten. Man wollte auf mög­lichst vielen Gebieten unabhängig von Einfuhren aus dem Ausland werden ‑ einer­seits um Devisen zu sparen, andererseits um auf den Kriegsfall vorbereitet zu sein. Der heimische Obstbau wurde gefördert.

Der Deutsche Apfel stand damals hoch im Kurs, er sollte schließlich die Einführung von Südfrüchten unnötig machen. Bald wurde die Keltereivereinigung aufgelöst, deren Ver­mögen beschlagnahmt und den Keltereien empfohlen „im Zuge der Zeit“ sich nicht mehr für eine „krampfhafte Aufrechterhal­tung einer überholten Lebensmitteltechnik“ zu engagieren, sondern im Sinne der „natio­nalsozialistischen Entwicklung“ nur noch Apfelsaft herzustellen.

Im Zweiten Weltkrieg durfte überhaupt kein Apfelwein mehr ge­keltert werden.

Nur zögernd wurde nach dem Krieg  wieder mit dem Keltern begonnen Nach dem Kriege fehlten zunächst die Äp­fel. Trotz der wirtschaftlichen Probleme wurde Apfelwein aber wieder zum Bestandteil der Alltagskultur. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich aus dem Nebenerwerb eine eigene und eigenständige Gastronomie mit einer eigenen Äpfelweinkultur.

 

 

 

 

Streuobstwiesen

 

An vielen Alleen standen früher Obstbäume, und um die Dörfer herum gab es Streuobstwiesen. Sie gliederten die Feldflur und belebten das Landschaftsbild, dienten der Versorgung der Bevölkerung.

In den Streuobstwiesen findet man neben Äpfeln, Birnen, Zwetschgen, Mirabellen, Süß- und Sauerkirschen noch die Wildformen dieser Baumarten. Hinzu kommen Walnuss, Esskastanie, Speierling, Vogelbeere und Mispel. Als typische Vertreter von Heckenpflanzungen begleiten Haselnuss und Schlehe, Himbeere, Brombeere und Hagebutte die Streuobstwiesen.

Die Wiesen wurden vorzugsweise mit hochstämmigen Apfel‑, Birn‑, Kirsch‑ oder Zwetsch­gen­­bäumen bepflanzt. Hin und wie­der fand sich auch ein mächtiger Walnußbaum oder ein knorriger Speierling. Streuobstwiesen entstanden also durch die menschliche Nutzung und waren noch Anfang des Jahrhunderts weit verbreitete Landschaftsbestandteile.

Doch dann wurden Millionen dieser Bäume gerodet. Dieser ökologische Unsinn wurde von der Europäischen Union auch noch mit vielen Millionen subventioniert, weil sie das in großer Menge anfallende angeblich minderwertige Obst vom Markt haben wollte. Der Niedergang der Streuobstwiesen begann, als die Landwirtschaft zunehmend in­tensiver betrieben und vor allem immer stärker mechanisiert wurde. Allein zwischen 1957 und 1974 wurden in Deutschland fast 14.000 Hektar an Streuobstwiesen gerodet. Die von öffentlicher Hand gezahlten Rodungsprämien machten manchem Landwirt die Entscheidung gegen seine alten Obstbäume leicht.

In Nordrhein‑ Westfalen ging der Bestand an Streuobstbäumen um etwa 2,5 Millionen Bäume beziehungsweise 65 Prozent zurück, in Hessen von 1968 bis 1998  um etwa  85 Prozent. Dorfnahe Obstwiesen mussten Bauplätzen, Sportanlagen oder Feldern für Monokulturen weichen.

Mittlerweile hat man umgedacht ‑ die weni­gen noch in Ortsrandlagen befindlichen Streuobstwiesen wurden weitgehend unter Schutz gestellt und eine Verpflichtung zu Nach‑ oder Ersatzpflanzungen erlassen.

Heute wollen wieder viele Kommunen, Länder und Vereine zurück zu den artenreichen Obstwiesen. Naturschützer stufen sie als schützenswerten, gefährdeten Lebensraum ein. Nord­rhein-Westfalen, Hessen, Baden‑Württemberg, Rheinland‑Pfalz, Thüringen und Bayern unterstützen den Erhalt und Anbau. Vereine und Aktionsgemeinschaften, Schulklassen und Naturschützer sind das ganze Jahr mit der Pflege der Obstgehölze und Wiesen beschäftigt. Streuobstwiesen werden nur extensiv bewirtschaftet und gepflegt ‑ teils mit Schafen und Rindern.

Über die Schutzwürdigkeit von Streuobstwiesen bestehen aber nach wie vor sehr unterschiedliche Auffassungen. Während aus Kreisen des Marktobstbaus nicht selten ihre weitere Verminderung gefordert wird, setzen sich Vertreter des Naturschutzes zunehmend für ihren Erhalt ein.

So kommen die traditionellen Streuobstwiesen zu neuen Ehren. Streuobstwiesen sind Klein‑ Biotope vor der Haustür. Das Obst wird dabei für den Eigenbedarf sowie für die Saftgewinnung genutzt. Nach Schätzungen aus dem Jahr 1988 gibt es in Hessen rund 1 Million Hochstämme auf etwa 10.000 Hektar Streuobst­wiesen (neuere Untersuchungen liegen nicht vor).

 

In Hessen wachsen auf Streuobstwiesen etwa eine Million Obstbäume, die ein- bis zweimal im Jahr zurückgeschnitten werden müssen. Entstanden sind die Wiesen vor allem dort, wo die Felder wegen des Erbrechts in jeder Generation kleiner wurden. Um die Fläche effektiv zu nutzen, wurden unter den Hochstämmen Beeren, Kartoffeln und Gemüse angebaut. Erst mit dem Ende der Selbstversorgerwirtschaft wurde der Boden nicht mehr bestellt. Heute wächst unter den Bäumen meist Gras, das regelmäßig gemäht werden muss.

Streuobstwiesen bieten eine Heimat für viele Tiere, die sich weder auf dem offenen Acker noch im dicht bewachsenen Wald wohl fühlen. Dazu zählen Vögel wie Steinkauz, Wendehals und Grünspecht sowie Säuger wie Siebenschläfer und Fledermaus. Doch lange Zeit wurde kaum nachgepflanzt; deshalb sind heute viele Bäume zu alt, Herbststürme und Gewitter machen ihnen zu schaffen. Erst nachdem Naturschützer den Lebensraum Streuobstwiese entdeckt hatten, wurden wieder neue Apfel-, Birnen-, Mirabellen- und Zwetschgenbäume gesetzt. Doch dies kann nicht ausgleichen, dass es viel weniger Streuobstwiesen gibt als früher.

 

Was sind Streuobstwiesen?

Als Streuobstwiesen bezeichnet man die traditionellen Formen des Obstbaus, bei denen Hochstämme (Stammhöhe mindestens 1,80 Meter verschiedener Obstarten und -sorten, Alters- und Größenklassen auf Grünland stehen und den Eindruck vermitteln, als ob die Bäume zufällig über die Wiese „gestreut“ seien. Der Name kommt also von der unregelmäßigen Anordnung und Zusammensetzung der Baumbestände her und hat nichts mit den für Obstbäume meist viel zu nassen „Streuwiesen“ zu tun; diese haben ihren Namen von dem Mähgut, das wegen seiner schlechten Futterqualität nur als „Streu“ in den Viehställen verwendet werden konnte. Er hat auch nichts mit dem ver­streut umherliegenden Fallobst im Herbst zu tun, wie häufig interpretiert wird.

Streuobstwiesen werden in der Regel ex­tensiv bewirtschaftet, das bedeutet ein‑ bis zweimalige Mahd ab Mitte Juni und ab An­fang September oder entsprechend die Be­weidung durch Schafe, Ziegen und Klein­pferde. Auf Mineraldünger wird weitgehend verzichtet.  Die Chemiespritze kommt auf Streuobstwiesen ‑ im Gegensatz zu Plantagen ‑ nur sehr sel­ten zum Einsatz. „Ein Wurm im Apfel ist sowieso eher Zeichen für Qualität: Wür­mer gehen nicht in schlechte Äpfel.“

 

Geschichte: Wie sind Streuobstwiesen entstanden?

Streuobstwiesen entstanden also durch die menschliche Nutzung und waren noch Anfang des Jahrhunderts weit verbreitete Landschaftsbestandteile. Zum einen dienten sie der Bevölkerung zur Versorgung mit Obst, zum anderen wurde der Unterwuchs als Mäh­wiese, Acker oder Weide genutzt. Heute geschicht die Produktion mehr auf Niederstämmen, aber für den Apfelwein ist das Streuobst wichtiger.

Die Streuobstwiesen sind keine Wild­nisgebiete. Der Reichtum an typischen Tier‑ und Pflanzenarten ist das Ergebnis regelmäßiger Pflege und extensiver Nut­zung. Angelegt als Wirtschaftsraum trugen die „Baamsticker“ (alt‑hessischer Begriff für Grundstücke mit Bäumen) wesentlich zur Ernährung der Bevölkerung bei. Die ver­schiedensten Kräuter, aber auch Pflau­men, Nüsse, Birnen, Apfel und viele weite­re Früchte, standen noch vor einigen Jahr­zehnten hoch im Kurs.

Viele Früchte wurden eingelagert, zu Gelee, Saft oder Wein verarbeitet. Sinken­de Lebensmittelpreise trugen ab den 60er Jahren zu einem sinkenden Interesse an der häuslichen Lebensmittelbereitung bei, war es doch viel billiger und angeblich bes­ser, alles, was man benötigte, im Super­markt zu kaufen. Flurbereinigungen und starke Bebau­ung sorgten dafür, daß die Streuobst­wiesen für die meis­ten nur noch ein not­wendiges Übel wa­ren. Denn wer woll­te schon Naturschüt­zer spielen, konnte man das Grund­stück doch als stadt­nahes, also teures Bauland verkaufen.

Seinerzeit waren die meisten Dörfer von einem Obstwiesen‑Kranz umgeben, der den Ansiedlungen fast das ganze Jahr hindurch ihr charakteristisches Aussehen verlieh ‑ von der Obstblüte über die Fruchtreife bis zur leuchtenden Herbstfärbung. Zumeist schlossen sich die sogenannten Streuobstwiesen an die Gärten der jeweils äußeren Häuserreihen der Dörfer an und wurden ‑ mit regiona­len Unterschieden ‑ vorzugsweise mit hochstämmigen Apfel‑, Birnen‑, Kirschen- oder Zwetschgenbäumen bepflanzt.

Hin und wieder fand sich auch ein mächtiger Walnußbaum oder ein knorri­ger Speierling auf diesen in zweifacher Hinsicht genutzten Flächen. Während vom Sommer bis in den späten Herbst das Obst jeweils frisch geerntet und zu Hause weiterverwertet werden konnte, wurde täglich in kleinen Mengen frisches Gras geschnitten. Dies war Futter für das beim Haus gehaltene Kleinvieh. Mitunter wei­deten zudem auch noch Schafe oder Ziegen unter den Obstbäumen.

Um eine Überalterung und damit eine Ertragsminderung der Bestände zu ver­hindern, wurde anhand genauer Baumli­sten streng darüber gewacht, daß bei „Abgängen“ nach Unwettern oder Rodung regelmäßig Jungbäume nachgepflanzt wurden. Aus vielen Gegenden sind aus je­ner Zeit Verordnungen überliefert, die vorsahen, daß jeder ortsansässige Bürger, jeder Zuzügler und jeder Heiratswillige Obstbäume entlang gemeindeeigener Flurwege, auf gemeinsam genutzten Flä­chen oder auf brachen Weinfluren zu pflanzen und zu pflegen hatte.

Eigens angestellte behördliche Obstbaumwärter waren für deren Pflege zuständig. Das von den „Schosseebeem“ (Chausseebäume) geerntete Obst wurde wie das von den gemeindeeigenen Streuobstwiesen vornehmlich und zu Vorzugs­preisen an die ortsansässige Bevölkerung versteigert. Anderenorts kam es auch vor, daß jede Familie eine bestimmte Anzahl an Obstbäumen nutzen konnte. Erst wenn es keine Nachkommen mehr gab oder die Familie den Ort verließ, gingen ihre Nutzungsrechte an eine andere über.

Ursprünglich zur Deckung des bäuerli­chen Eigenbedarfs vorgesehen, erlangte der Obstanbau vor allem im Einzugsbe­reich größerer Städte im Laufe der Zeit eine zunehmende wirtschaftliche Bedeu­tung. Überschüssige Ernteerträge wurden auf die Wochenmärkte gekarrt und dort verkauft. In unzähligen Familien sah man die erzielten Erlöse als notwendiges, wenngleich zumeist geringes Zubrot an.

Die heute als althergebracht empfundenen Strukturen des Streuobstbaus begannen sich erst im 18. und 19. Jahrhundert voll zu entwickeln. Dabei gaben wirtschaftliche Überlegungen den Ausschlag. In der Regel führte die Umstellung nicht direkt zu den uns vertrauten Baumwiesen, sondern zunächst zu Baumäckern. Erst später wurde dann die oft durch Hanglage und Bäume doppelt erschwerte ackerbauliche Nutzung durch die einfacher zu handhabende Grünlandnutzung ersetzt - dies um so mehr, als die Wirtschaftlichkeit der Milchviehhaltung inzwischen erheblich gestiegen war.

Mit dem Aufkommen moderner Produktionsverfahren, der Verteuerung menschlicher Arbeitskraft und unter dem Kostendruck ausländischer Produzenten erwiesen sich die traditionellen Strukturen jedoch als unwirtschaftlich. Die dadurch ab Mitte der fünfziger Jahre ausgelösten Rodungen wurden namentlich dort vorgenommen, wo die Relief-, Klima- und Bodenverhältnisse entweder eine Umstellung auf moderne Niederstamm-Dichtpflanzungen ermöglichten oder andere Intensivnutzungen einen besseren wirtschaftlichen Erfolg erwarten ließen. Dagegen blieben Streuobstwiesen auf Standorten, die solche Alternativen nicht boten, fast unvermindert erhalten, vor allem in Landschaften mit ausgedehnten Hanglagen.

Jedoch ist die Existenz dieser Bestände bedroht, weil die Besitzer nur geringes Interesse an der Fortführung sowohl der obstbaulichen Nutzung als auch der Futtergewinnung haben. Die Bestände sind deshalb meist überaltert, schlecht gepflegt bis hin zur völligen Auflassung und Verbuschung.

Blei­ben die notwendi­gen Pflege‑ und Aus­tauschmaßnahmen aus, sind die Streu­obstwiesen nicht mehr zu retten. Das wird dramatische Verän­derungen des gan­zen Landschaftsbil­des nach sich ziehen wird. Bereits heute können wir bei einem Herbstspaziergang die ersten Folgen er­kennen: Durch fehlende Schnitte hängen viele Bäume übereich voll, der Baum zerbricht an der Last der Früchte.

Die Sortenvielfalt ist ebenfalls enorm ge­sunken. Boten noch vor hundert Jahren Versand­baum­schulen alleine etwa 800 Ap­felsorten an, so finden wir heute nur 80 Sorten auf unseren Streuobstwiesen. Selbst hiervon werden nur noch wenige er­halten bleiben, stehen doch von zwei Drit­tel dieser Sorten selten mehr als nur ein Baum auf der Wiese! Die Konsequenzen lassen sich leicht ausmalen.

Der Niedergang der Streuobstwiesen-­Wirtschaft begann, als die Landwirtschaft zunehmend intensiver betrieben und vor allem immer stärker mechanisiert wurde. Die von öffentlicher Hand gezahlten Ro­dungsprämien machten manchem Land­wirt die Entscheidung gegen seine alten Obstbäume leicht.

In Hessen stehen 2010 auf Streuobstwiesen etwa eine Million Bäume - deutlich weniger als früher. Die Fläche wird nach Angaben des Naturschutzschutzbundes auf fast 9.200 Hektar geschätzt.

 

Warum sind Streuobstwiesen wertvoll?

Wenn heute trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten das Erhalten von Streuobstwiesen neben den modernen Intensivobstanlagen gefordert wird, sind dafür Gesichtspunkte der Landeskultur, des Umwelt-, Naturschutzes und der Erholungsvorsorge maßgebend. Vielen Menschen ist erst durch die großflächigen Rodungen bewußt geworden, welch vielfältige Funktionen den Streuobstwiesen neben der Produktion von Obst zukommt.

 

Landschaftsbild:

Der Einfluß auf das Landschaftsbild ist besonders augenfällig. Die vom Streuobstbau geprägten Gebiete zählen zu den vielfältigsten mitteleuropäischen Kulturlandschaften. Mit der Vielfalt des Landschaftsbildes ist die Erholungswirkung auf den Menschen eng verknüpft. Streuobstlandschaften sind Erholungsräume, die namentlich von der Stadtbevölkerung gern aufgesucht werden.

 

Artenreichtum an Pflanzen:

Hier überleben lokale alte Obstsorten, die sich nicht selten unempfindlicher zeigen gegen Krankheiten oder Schädlinge als die neuen Hochlei­stungssorten, die jedoch kaum ohne Gift­spritze auskommen. Obstsorten wie der Kaiser‑Wilhelm‑Apfel, die Schafsnase, der Winterrambur, viele Birnensorten, Kirscharten und Zwetschenbäume müssen nachgepflanzt werden.

Im Laufe ihrer Entwicklung sind die Streuobstwiesen zum Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten geworden, der ihnen aus zweierlei Gründen das Überleben ermöglicht: Zum einen stellen die Wiesen mit ihrer „savannenartigen“ Struktur ein vielfältiges Mosaik verschiedener Kleinlebensräume dar; zum anderen bringen die seltener vorgenommenen und meist weniger tiefgreifenden Bewirtschaftungsmaßnahmen eine geringere Störung mit sich als intensive Nutzungsformen.

 Am augenfälligsten ist der größere Artenreichtum an der Zu­sam­mensetzung des Unterwuchses erkennbar. Dazu gehören viele bunt blühende Kräuter und Leguminosen. Genannt seien Veilchen, Schlüsselblume, Margerite, Witwenblume, Wiesensalbei. Klee- und Wickenarten.  Äußerst seltene Kräuter und Blumen wie die Orchidee sind verbreitet.

Der klassische Streuobstwie­sentyp ist jedoch die sogenannte Glattha­fer­wiese mit Charakterpflanzen wie der Wiesen‑Glockenblume, der Wiesen‑Marge­rite und der Wiesen‑Witwen­blume. Eine seltenere Form ist die Salbei‑Glatthafer­wiese mit Arten wie beispielsweise Wie­sen‑Salbei, Knolliger Hahnenfuß und Klei­ner Klappertopf. Diese Pflanzenvielfalt wird durch eine konsequent extensive Be­wirtschaftung erhalten und oft sogar noch erhöht.

Nicht zu vergessen ist der Strukturreichtum der alten Obstwiesen, der sich im dichten Nebeneinander der unterschiedlichsten Biotope zeigt: Einzelbäume, Baumgruppen, Hecken und Gebüsche, freie Wie­senflächen, hängige und ebene Geländeabschnitte, Mulden und Kanten, trockene und feuchte, sonnige und schattige Bereiche. Entsprechend der Vielfalt an Lebens

Die Streuobstwiesen tragen auch zur Verbindung von Lebensräumen (Biotopverbund) bei und dienen durch ihren Reichtum an  blühenden Kräutern nicht nur zur Zeit der Obstblüte  als Bienenweide. Mit ihrer Sortenvielfalt bilden die Baumbestände zudem ein reichhaltiges Genreservoir. Das riesige genetische Potential ist ein Speicher an Erbinformationen, der erhal­ten bleiben muß. Im Falle ihres Ausster­bens würden bekannte und noch nicht ent­deckte Wirkstoffe verlorengehen, die ir­gendwann auch für den Erhalt von Han­delssorten notwendig sein können. Werden die Wiesen nicht gepflegt, dann dezimiert sich die Artenvielfalt. „Streuobstwiesen sind Nischen der Natur“,

 

Artenreichtum an Tieren:

Optisch weniger auffallend ist die noch größere Vielfalt an Tieren. Diese sind entweder auf bestimmte Pflanzenarten als Wirte angewiesen oder finden im Boden, im Unterwuchs, an den von Flechten und Moosen überzogenen Stämmen, Ästen und Zweigen, im Totholz oder in Baumhöhlen, auf den Blättern oder auch zwischen den Zweigen des Kronenraumes ihre passende „ökologische Nische“.

Von einer für Streuobstgebiete typischen Tierwelt, die auch die seltenen Vertreter beherbergt, kann man erst ab einer Mindestfläche von etwa drei Hektar (30.000 Quadratmeter) sprechen. Tiere sind entweder auf bestimmte Pflanzenarten als Wirte angewiesen oder finden im Boden, im Unterwuchs, an den von Flechten und Moosen überzogenen Stammen, Ästen und Zweigen, im Totholz oder in Baumhöhlen, auf den Blättern oder auch zwischen den Zweigen des Kronenraumes ihre passende „ökologische Nische“.

Die extensive Bewirtschaftung bewirkt, daß ein Streuobstbestand mehr als 13 mal so viele Vögel und mehr als 16 mal so viele Bienen aufweist als eine intensiv genutzte Niederstammkultur. Dabei sind es speziell die nicht mehr voll im Ertrag stehenden, hie und da ein wenig verwilderten Bestände, die diesen Arten die besten Lebensmöglichkeiten bieten. Auch abgestorbene Baumruinen erfül­len wichtige Funktionen, stellen sie doch die Lebensgrundlage für die Organismen der „Zerfallsphase“ der Gehölze ‑ viele Pilze und Totholzkäfer ‑ dar­.

 

Hunderte von Insektenarten bereichern das Leben in ei­ner Streuobstwiese, davon ein hoher Anteil Käferarten. Es gibt Schmetterlin­ge wie der Admiral, der Große Fuchs, Schwalbenschwanz, das Schachbrett und die Goldene Acht. Dazu kommen Ameisen und vieles mehr, teilweise kaum wahrnehmbar. Wenn es um Wildbienen, Ameisen, Käfer, Heuschrecken oder Spinnen geht, wird der Wert der Streuobstwiesen oft nicht ausreichend gewürdigt. In wissenschaftlichen Untersuchungen wurde festgestellt, daß ein Quadratmeter Streuobstwiese im Jahr über 8.000 Insekten­individuen hervorbringen kann. Die Bedeu­tung als Ernährungsgrundlage für andere Lebewesen kann man sich da vorstellen - ­nicht nur zur Fruchtreife sind sie eine Art Schlaraffenland und wichtiges Rückzugs­gebiet.

Insgesamt sind es mehr als 3.000 Tierarten, die in Streuobst­wiesen zu finden sind;, mehr als 1.000 wirbellose Tierarten ‑ eine hohe Arten­dichte, die durch die Strukturvielfalt und das hohe Nahrungsangebot zu erklären ist. Jedem bekannt sind Igel und Feldhase, des­sen Bestand deutschlandweit gefährdet ist.

Viele Tierarten konnten beobachtet werden, darunter nicht wenige, die als gefährdet auf den Roten Listen stehen, beispielsweise Garten- und Siebenschläfer, Haselmaus, Fledermaus, Steinkauz, Wiedehopf, Specht, Wendehals, Gartenrotschwanz, zahlreiche Schmetterlingsarten. Die Bäume tragen auch zur Verbindung von Lebensräumen bei und dienen zudem als Bienenweide.

Zahlreiche Vogelarten finden in den Streuobstwiesen Nah­rung und Brutmöglichkeiten. So sind viele typische Arten Höhlenbrüter, die im Früh­jahr, etwa von März bis Juni, in den Höh­len älterer Bäume ihre Jungen aufziehen. Dazu zählen der Steinkauz, dessen Revier klein ist, aber gemähte Wiesenflächen be­inhalten muß, damit er Kleinsäuger er­beuten kann, der Wendehals, der Grün­- und der Grauspecht, Garten‑ und Siebenschläfer, Haselmaus, Fledermaus, Steinkauz, Wiedehopf, Specht, Wendehals, Gartenrotschwanz und zahlreiche Schmetterlingsarten. Alle Arten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Vogelar­ten. Auch der Kleinspecht, den wenigsten bekannt, ist in weitläufigen Streuobstflächen zu Hause. Hinzu kommen Fledermäuse und Siebenschläfer. Sie alle sind auf Totholz angewiesen, ohne das es keine natürlichen Brut‑ und Wohnhöhlen gäbe. Aber auch für Holz bewohnende Wildbienen und Schlupfwespen ist Totholz lebensnotwendig. Sein Anteil am gesamten Holzbestand einer Streuobstfläche sollte 10 bis 15 Prozent betragen. Alte Bäume bieten immer hin Lebensraum.

Keine Düngung:

Noch wichtiger für viele bedrohte Tier‑ und Pflan­zenarten ist, daß geschützte Streuobstwiesen keiner­ Pestizid‑Spritzungen ausgesetzt sind, die ja nicht nur Gifte gegen Krautwuchs und Insekten darstellen und auf diesem Wege die Nahrungsgrundlagen der meisten Tierarten vernichten, sondern auch auf direktem Wege schädlich wirken. Vögel, Igel und andere Tiere nehmen sie unmittelbar mit der Nah­rung auf, schwachwüch­sige Pflanzen werden ver­drängt durch andere, die auf chemische Dünger mit verstärktem Wachstum reagieren. Keine Dün­gung, keine Pestizide, keine Bodenvernichtung durch schwere Maschinen ‑ die sogenannte extensive Be­wirtschaftung der Streuobstwiesen begründet ganz wesentlich ihren ökologischen Wert.

 

Erholungsraum:

Streuobstwiesen bieten dem Menschen Erholungs­raum und erlauben den gestreßten Erholungssuchenden den Ausblick auf ein Zipfelchen verlorenes Paradies. „Ein Paradies gleich nebenan“. Streuobstwiesen sorgen auch für Klima-Ausgleich und schützen vor Bodenerosion durch Luft und Wasser. Das Faszinierende ist, daß wir Menschen als Nutzer unter den genannten Bedingungen der Natur gegenüber nicht als Störenfried auftauchen, sondern zum Erhalt einer hohen Artenvielfalt beitragen ‑ im Fachjargon bezeichnet als hohe „Biodiversität“.

Die stadtnahen Landschaften hasben als Naherholungs­raum einen enormen Erholungs­wert. In besonderer Weise bie­ten die heimischen Streuobstwiesen einen aktiven Erlebniswert, ist doch die eigene Herstellung von Lebensmitteln wieder mo­dern, auch außerhalb der Ökoszene. Offen­sichtlich nehmen immer mehr Menschen den Unterschied zwischen industriell Ge­fertigtem und der Frucht aus dem eigenen Garten wahr.

 

Klima:

Ein Teil der erholsamen Wirkung von Streuobstwiesen beruht auch auf ihrem ausgleichenden Einfluß auf das örtliche Klima. Die vom Schatten der Bäume ausgehende „Wohlfahrtswirkung“ ist vor allem an heißen Sommertagen spürbar. Außerdem tragen Streuobstwiesen zur Windbremsung bei, ohne den notwendigen Luftaustausch zu behindern. Da sie selbst die Luft nicht durch Emissionen belasten und außerdem in gewissem Umfang sogar Verunreinigungen aus der Luft herausfiltern können, sind sie als ausgesprochene Produzenten und Lieferanten von Frischluft zu betrachten.

 

Bodenerosion:

Kaum eine andere landbauliche Kulturform wirkt in gleicher Weise wie der Streuobstbau der Bodenerosion in Hanglagen entgegen. Weil nahezu kein Boden abgetragen wird, entfällt auch die oberflächige Verlagerung von Nährstoffen und deren unerwünschter Eintrag in Gewässer. Ebenso ist auch die Auswaschung von Nährstoffen durch das Sickerwasser meist gering. Da zudem ein massiver Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Herbiziden unterbleibt, werden auch von dieser Seite her Böden und Gewässer nicht belastet.

 

Gefährdung

Wie nahezu alles, was in der Natur noch einigerma­ßen intakt ist, sind auch Streuobstwiesen gefährdet. Argument: Mangelnde wirtschaftliche Effizienz. Oftmalige Folge: Umwandlung in andere Nutzungs­formen wie Acker, Intensivgrünland, Intensivobst­plantage oder Ausweisung zum Bauland. Viele Bestände verfallen auch, weil sie nicht mehr gepflegt werden. Und Pflege brauchen Streuobstwiesen als von Menschenhand geschaffene Kulturbiotope un­bedingt.

Die mühsame Ernte und die Pflege der Streuobstwiesen ist mit ein Grund, daß die Bestände überall zurückgegangen sind. Allein im Main‑Kinzig‑Kreis hat sich die Fläche zwischen 1950 und 1986 um 80 Prozent verringert. Niedrigstämmige Bäume, die leichter zu ernten sind und schneller tragen, sind an die Stelle der hochstämmigen Arten getreten.

Werden die Bäume nicht geschnitten, ver­buschen ihre Kronen und sie sterben frühzeitig ab. Die Baumbestände haben durch wilde Gehölze und Büsche immer weniger Raum haben, außerdem werden die Kronen so dicht, daß ein starker Wind sie beschä­digt, daß sie unter großen Obstlasten zusammen­bricht oder daß sie bei großer Schnee­last auseinan­dergedrückt wird. Stark verbuschte Kronen leiden außerdem unter Luftmangel, was wiederum Anfäl­ligkeit für Pilzkrankheiten und Schädlingsbefall bedeutet. Eine längere Nichtnutzung führt al­so zu einer Ver­armung an Pflanzenarten in der Wiese ‑ und zur Verbuschung. Und wer meint, unabhängig davon würden auch un­gepflegte Bäume einen reichen Obstertrag liefern, wird enttäuscht sein. Wird das Grünland nicht gemäht, so wird aus der Brache recht schnell ein Gestrüpp, ein Vorstadium zum Wald. Ein Wald aber ist schattig ‑ und im Schatten können artenreiche Wiesengesellschaften nicht gedeihen.

Es bleibt sehr viel zu tun, will man nur den jetzigen Zustand bewahren: wegen Überalte­rung muß mit Ausfallen alter Bäume (nicht selten sind sie über 80 Jahre alt) gerechnet werden. Um dies zu kompensieren, müßten hessenweit um die 13.000 Hochstämme jährlich nachgepflanzt werden. Jedoch wird es Jahrzehnte dauern, bis die jungen Bäume die ökologischen Funktionen der Altbäume über­nehmen können. Daher sollen die alten Riesen, solange es nur irgend möglich ist, ste­hen bleiben, auch wenn sie keinen sonderli­chen Ertrag mehr für den Menschen abwerfen. Damit die Bäume, nicht vorzeitig ausein­anderbrechen, müssen Sanierungs‑ und Erhaltungsschnitte durchgeführt werden, die aus rein ökonomischer Sicht unsinnig erscheinen würden. Doch ist nur so ein über­dauern des Biotorwertes einigermaßen gewährleistet, bis junge Bäume ausreichend nachgewachsen sind.

 

Soll man Streuobstwiesen unter Schutz stellen?

Angesichts des raschen Verschwindens dieser wertvollen Bestandteile der Kulturlandschaft erhebt sich die Frage, ob ihre Sicherung nicht durch Ausweisen als geschützte Landschaftsbestandteile erreicht werden könnte. So ist die Mehrzahl der am Rande von Dörfern und Städten noch vorhandenen Obstwiesen durch Baumaßnahmen oder andere Eingriffe gefährdet. Die Kommunen sollten deshalb künftig im Rahmen der Flächennutzungsplanung wertvolle Obstwiesen erfassen und als geschützte Landschaftsbestandteile sichern.

Man darf jedoch nicht übersehen, daß Obstbau auch in seinen extensiven Formen mehr Pflegeaufwand erfordert als etwa eine Schafweide oder Streuwiese. Ohne eine laufende Betreuung, Pflege und Bewirtschaftung sind diese typischen Kulturbiotope auf Dauer nicht zu erhalten. Deshalb sollte hier das private Interesse mit einbezogen werden und die Ausweisung als geschützter Landschaftsbestandteil nur dann vorgenommen werden, wenn der Bestand gefährdet ist.

Privates Interesse ist am ehesten dort anzutreffen, wo der Obstbau nicht den Hauptbetriebszweig und damit die Existenzgrundlage einer Familie darstellt, denn: Streuobstbau kann sich nur noch derjenige „leisten“, der seinen Lebensunterhalt auf andere Weise gesichert weiß. Nichtlandwirte und Nebenerwerbslandwirte nutzen, vor allem am Rand der Ballungszentren, schon seit langem den Großteil der Streuobstwiesen, wobei die eigene Arbeitszeit meist nicht gerechnet wird. Würde man dies tun, ergäbe sich ein sehr geringer Stundenlohn. Dennoch wird vielfach an der Nutzung festgehalten, weil nicht ausschließlich wirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend sind und damit gleichzeitig ein wertvoller Beitrag zum Schutz dieser Biotope geleistet wird.

 

Welche Pflegemaßnahmen sind unerläßlich?

Auch im „pflegeleichten“ Streuobstbau kann auf ein Mindestmaß an Arbeiten zur Pflege und Erhaltung der Bäume nicht verzichtet werden. Zur langfristigen Sicherung der Bestände sind Ersatzpflanzungen für gerodete oder abgängige Bäume notwendig. Hier ist ein Anteil von etwa 10 Prozent Jungbäumen (1. bis 5. Standjahr) innerhalb des Baumbestandes anzustreben. Jeder Baum benötigt in den ersten Jahren einen Pfahl zur Standsicherheit. Außerdem ist der Stamm auf nicht eingezäunten Flächen gegen Wildverbiß zu schützen. Besonders wichtig ist das Abfangen von Wühlmäusen und das Pflanzen in einem Korb aus Kaninchen-Drahtge­flecht.

In den ersten Jahren nach einer Neupflanzung ist bei den meisten Obstarten ein regelmäßiger Erziehungsschnitt für einen ausgewogenen Kronenaufbau unverzichtbar. Beim späteren Auslichtungsschnitt kann dann zu einem mehrjährigen Turnus übergegangen werden. Um Fehler zu vermeiden, sollten Baumpflegekurse besucht werden.

Auf das Kurzhalten des Unterwuchses kann selbst bei extensivster Bewirtschaftung nicht verzichtet werden, weil die Wiese sonst in wenigen Jahren total verbuschen würde. Um die besonders in Hanglagen mühsame Arbeit des Mähens zwischen den Stämmen zu vermeiden, wird vermehrt versucht, die Wiese durch Beweiden mit Tieren kurz zu halten. Dabei ist jedoch mit einer erhöhten Gefährdung von Bäumen und Grasnarbe zu rechnen.

Wo das Gras gemäht wird, kann es entweder als Mulchmasse an Ort und Stelle liegenbleiben oder entnommen werden. Im ersteren Fall ist in der Regel keine weitere Düngung erforderlich; bei Entnahme dagegen müssen die entzogenen Nährstoffe wieder zugeführt werden, sollen die Bäume mit der Zeit nicht Mangel leiden. Wer allerdings weniger den Obstertrag als vielmehr die Artenvielfalt fördern will, wird auf die Düngung vorübergehend verzichten, um durch dieses „Abmagern“ seinem Ziel näher zu kommen. Die Pflege kann interessierten Landwirten übertragen werden.

 

Sollte man Streuobstwiesen unter Naturschutz stellen?

Angesicht des raschen Verschwindens dieser wertvollen Bestand­teile der Kulturland­schaft erhebt sich die Frage, ob ihre Erhaltung über das Instrumentarium des Naturschutzes sichergestellt werden kann. Hier bieten sich mehrere Möglichkeiten an, wie.

§  Unterschutzstellung konkreter Flächen,

  •  Ausweisung als Naturschutzgebiet oder häufiger

§  Ausweisung als Landschaftsschutzgebiet.

  • Die Kommunen sollen außerdem im Rahmen der Flächennutzungsplanung wertvolle Obstwiesen erfassen und als geschützte Landschaftsbestandteile sichern gegen den Druck der fortschreitenden Überbauung. Man darf jedoch nicht übersehen, daß Obstbau auch in seinen extensiven Formen mehr Pflegeaufwand erfordert als etwa eine Schafweide oder Streuwiese. Dieser Pflegeaufwand kann von der öffentlichen Hand oder von Naturschutzverbänden nur in Einzelfällen übernommen werden. Deshalb muß hier vor allem das persönliche Interesse der Bewirtschafter an einer entsprechenden Nutzung gefördert werden.
  • Nichtlandwirte und Nebenerwerbslandwirte, vor allem am Rand der Ballungszentren, nutzen schon seit langem einen Großteil der Streuobstwiesen. Bei ihnen spielen wirtschaftliche Gesichtspunkte keine Rolle, sie leisten einen wertvollen Beitrag zum Schutz dieser Biotope. Diese positiven Ansätze sollten nicht durch allzu restriktive Schutzbestimmungen behindert werden. Man muß jedoch auch erwähnen, daß auf diesen Flächen städtische Vorgartenkulturen mit Wochenendhäusern - umgeben von undurchdringlichen Maschendrahtzäunen und kurzgehaltenen Zierrasen mit exotischen Bäumen - nicht im Sinne der Erhaltung und Förderung der Streuobstwiesen sind. Ebenso schadet Pferdehaltung ohne entsprechenden Schutz der Baumstämme und des umgebenden Wurzelbereichs den Obsthochstämmen. Die Tiere verdichten und zertreten den Wurzelbereich. Sie schädigen die Rinde durch Scheuern und Verbiß am Stamm.

 

Welche Obstarten und -sorten sind geeignet?

Bei Ersatzpflanzungen ist konsequent auf robuste, wenig pflegebedürftige Arten und Sorten zu achten. Damit wird einerseits eine Senkung des Arbeitsaufwandes und der Bewirtschaftungskosten, andererseits eine Erhöhung des Wertes als Lebensraum erreicht. Unter den robusten, „pflegeleichten“ Sorten sind solche mit guten Verwertungseigenschaften zu bevorzugen. So läßt sich zur Sicherung der Rohwarebasis für die Verwertungsindustrie und zur Verminderung des Konkurrenzdruckes gegenüber dem Tafelobstmarkt beitragen.

Das Schwergewicht wird demnach - wie bisher - auf Mostäpfeln liegen; dazu kommen die meist landschaftsprägenden, robusten Mostbirnbäume, robuste Zwetschgensorten und, in wenig spätfrostgefährdeten Lagen mit gut durchlüfteten Böden, Süßkirsche und Walnuß. Als landschaftsprägende Einzelbäume, bei denen der Obstertrag keine Rolle spielt, können Wildobstarten, vor allem Vogelkirsche und Vogelbeere, auf geeigneten Standorten auch Edelkastanie und Speierling, vorgesehen werden.

Wenn auch die typischen Sorten des extensiven Streuobstbaues relativ wenig empfindlich sind, so gilt es doch, auch hier gewisse Ansprüche an Boden und Klima zu beachten. Sehr trockene, flachgründige Standorte sowie Böden mit hoch anstehendem Grund- oder Stauwasser scheiden für den Anbau aus. Ebenso müssen bestimmte klimatische Grenzen berücksichtigt werden. Einen Überblick gibt das mittlere herausnehmbare Faltblatt

In verschiedenen Bundesländern und Landkreisen wurden inzwischen auch regionalgültige Sortimente speziell für den Streuobstbau zusammengestellt. Zum Teil können Landwirtschaftskammern und örtliche Verbände weitere Auskünfte darüber geben.

Auch die Auswahl der passenden Unterlage spielt eine wichtige Rolle. Sämlingsunterlagen sind starkwüchsig und frosthart und somit sehr gut als Unterlage für Hochstämme geeignet. Anerkannte Markenbaumschulen bieten in der Regel ein Sortiment von Unterlagen und veredelten Hochstämmen in einheitlicher Qualität. Vor größeren Pflanzvorhaben empfiehlt es sich, zur Vermeidung von Engpässen einen Anzuchtvertrag abzu­schließen.

Sortimente geeigneter regional üblicher Sorten werden in verschiedenen Bundesländern und Landkreisen zusammengestellt. Um Engpässe bei der Beschaffung zu vermeiden, sollten vor größeren Pflanzvorhaben Anzuchtverträge mit anerkannten Markenbaumschulen abgeschlossen werden. Die Aufwendungen für den Pflanzenschutz sind bei Verwendung robuster Sorten relativ gering (siehe auch Dateien „Apfelsorten“).

 

 

Was kann der Einzelne tun?

Für Interessierte, die mehr über Obstbaumschnitt und -pflege lernen möch­ten, werden von Naturschutzverbänden und anderen Bildungseinrichtungen Kurse angeboten. Alle Bemühungen zum Schutz der Streuobstwiesen kön­nen auf Dauer nur Erfolg haben, wenn sich interessierte Menschen persön­lich dafür einsetzen. Hier geht zunächst ein Appell an die Besitzer der Streuobstwiesen, diese weiter zu nutzen. Ist die Bereitschaft nicht mehr vorhanden, ist es möglich

  • die Nutzung Dritten zu überlassen (häufig am Freizeitwert der Wiesen interessiert)
  • einzelne Bäume zu verpachten („Rent-a-tree“)
  • nur das Obst auf dem Baum an Selbstpflücker zu verkaufen.
  • die Übernahme sogenannter „Baumpatenschaften“, bei denen sich Bürger verpflichten, für einen öder mehrere Obstbäume nicht nur die Ernte, sondern auch die Pflegearbeiten zu übernehmen. Dadurch können Menschen, die selbst keine Streuobstwiese besitzen, zu deren Erhalt direkt beitragen.
  • Jedermann, der darüber hinaus an der Erhaltung der Streuobstwiesen interessiert ist, kann sich an Pflegemaßnahmen und Pflanzaktionen - insbesondere bei Gemeinden, Obst-, Gartenbauvereinen und Naturschutzver­einigun­gen - beteiligen. Und schließlich können wir alle unseren Teil zur Erhöhung des wirtschaft­lichen Erfolges beitragen, indem wir gezielt die entsprechend deklarierten Verwertungsprodukte aus dem heimischen Streuobstbau kaufen.

Alle Schutzbemühungen können auf Dauer nur Erfolg haben, wenn sich interessierte Menschen persönlich dafür einsetzen. Hier sind zunächst die Besitzer der Wiesen angesprochen, ob sie die oft beschwerliche Pflege ihrer Bestände bei nur geringem wirtschaftlichem Ertrag weiterführen wollen. Ist diese Bereitschaft nicht mehr vorhanden, muß dies nicht zwangsläufig zur Rodung, Verbuschung oder Aufforstung führen.

Über solche Angebote können Personen, die selbst keine Streuobstwiese besitzen, zu deren Erhalt direkt beitragen. Darüber hinaus können sie sich für Pflegemaßnahmen und Pflanzaktionen, insbesondere bei Gemeinden, Obst-, Gartenbauvereinen und Naturschutzvereinigungen, zur Verfügung stellen. Und schließlich können wir alle unseren Teil zur Hebung des wirtschaftlichen Erfolges beitragen, indem wir mehr Verwertungsprodukte aus dem heimischen Streuobstbau kaufen.

Wer sich stärker engagieren will, braucht neben gutem Willen auch Fachkenntnisse. Wo sie fehlen, ist eine Beratung unerläßlich. Man wende sich an die zuständige Obstbauberatungsstelle des Kreises, den örtlichen Obst- und Gartenbauverein, das Landwirtschaftsamt, die Untere Naturschutzbehörde.

 

Pflanzung und Pflege:

Von Menschenhand sind die Kultur­biotope geschaffen ‑ dem Menschen obliegt es somit auch, sie zu pflegen und zu erhalten. Es ist deshalb auch wichtig, daß die Streuobstwiesen auch wirtschaftlich wieder interessant werden. Dann werden sie wieder gepflegt und neue hochstämmi­ge Bäume nachgepflanzt. Im Jahre 1998 waren die Streuobstwiesen „Bio­top des Jahres“.

Zur Pflanzung von Jungbäumen sollte die Pflanzgrube 80 mal 80 Zentimeter breit und mindestens 50 Zentimeter tief sein. Beim Einsetzen des Jungbaumes, möglichst eine robuste einheimische Sorte, ist darauf zu achten, daß die Veredelungsstelle 10 Zenti­meter aus dem Boden herausragt. Als Pflanzzeit ist der Spätherbst aufgrund der besseren Haarwurzelbildung dem Frühjahr vorzuziehen. Stützpfahl, ein Ko­kosstrick sowie eine Drahthose gegen Wildverbiß sind ebenfalls wichtige Vo­raussetzungen für eine fachgerechte Neupflanzung.

Die gepflanzten Obstbäume müssen etwa fünf bis zehn Jahre intensi­ver betreut werden als der übrige Bestand. In dieser Phase ist regelmäßiger Schnitt und das Wässern in trockenen Sommerpe­rioden besonders wichtig, damit die Bäu­me eine stabile Versorgung aufbauen kön­nen. Das Lebensalter hochstämmiger Ap­felbäume kann, je nach Bodenbeschaffen­heit etwa 100 Jahre, bei Birnbäumen bis zu 200 Jahren und beim Speierling ‑ er gehört zu den Raritäten in der Streuobstwiese ‑ bis zu 300 Jahren betragen.

Als Hochstämme bezeichnet man Obstbäume mit einer Stammhöhe von 1,60 ‑ 1,80 Meters bis zum untersten Ast.  Obstbäume sind durchweg Kulturpflanzen, wenn auch manche der ursprünglichen Wildform noch recht nahe stehen. Als Nutzobst wurden vor allem Äpfel und Birnen, Kirschen und Pflaumen, aber auch Walnüsse und Speierling angebaut. Abgesehen von den Kultur-Pflanzen wachsen in eingestreuten Hecken und Feldgehölzen im­mer wieder Wildgehölze wie Schlehe, Mispel, Vogelbeeren, Wildkirschen, Hasel­nüsse und Heckenrosen u. viele mehr.

Wiesen mit altem Obstbestand werden nicht intensiv gedüngt: hier findet man oft noch artenreiches Grünland. Besondere Beachtung finden die mageren Bereiche, auf denen Orchideen, Primeln, Salbei und andere geschützte Pflanzen wachsen. Weniger bekannt ist, daß sich auf der Rinde der alten Obstbäume typische und zunehmend bedrohte Flechten angesiedelt haben.

Ein regelmäßiger Baumschnitt ist erfor­derlich und verlängert das Lebensalter die­ser Bäume. Dabei darf es nicht darum ge­hen, sämtliche abgestorbenen Stamm‑ und Astbereiche herauszuschneiden. Das aus Sicht des Naturschutzes so wichtige Tot­holz entsteht nämlich erst bei älteren Bäu­men und gehört in jede intakte Streuobst­wiese. Der winterliche Baumschnitt zielt lediglich darauf ab, die Fruchtholzbildung im Kronenbereich anzuregen. So sollten neben einer Mehrzahl mittelalter Bäume mit maxima­ler Fruchtholzbildung stets einige junge sowie überalterte Bäume vorhanden sein. Nur so wird ein Streuobst‑Bestand lang­fristig erhalten und ist gleichzeitig ökologisch wertvoll.

 

Welche wirtschaftliche Bedeutung haben Streuobstwiesen heute?

Trotz seiner stark geschwundenen wirtschaftlichen Bedeutung für den Einzelbetrieb stellt der Streuobstbau in seiner Menge auch heute noch einen erheblichen Marktfaktor dar. Immer noch wird der größte Teil der deutschen ­Apfelernte nicht in den Niederstamm‑ Dichtpflanzungen des moderner Marktobstbaus, sondern im Streu‑ und Gartenobstbau produziert. Für die Verwertungsindustrie bildet der Streuobstbau sogar mit Abstand die wichtig­ste Produktionsgrundlage, an deren Erhaltung besonders den Kelterbetriebe gelegen ist.

Ein nicht geringer Anteil der Ernten drängt auf den Tafelobstmarkt, wo er mit den Erzeugnissen des Intensiv­anbaues konkurriert. Das Obst aus dem Streu­obstanbau kommt mit meist schlechteren Qualitäten sowie jährlich schwanken­den Ertragsmengen auf den Markt und drückt dort die Preise. Dies hat auch einen Einfluß auf Absatzmöglichkeiten und Preisgestaltung des Intensiv­obstbaues.

Erzeugnisse der Streuobstwiese: Zwar stellen etwa 50 Prozent des Streuobst­bestandes Apfelbäume dar, aber die andere Hälfte setzt sich aus Kirschen, Birnen, Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen und Walnüsse zusammen. Bei der Apfelernte wird der Großteil, sofern nicht als Tafeläp­fel oder für den Eigenbedarf bestimmt, in die Keltereien gebracht.  Dort entsteht der Apfelsaft oder nach dem vergorenen Saft ‑ der Apfelwein. Zu den weiteren Erzeugnissen zählen neben dem Apfelessig das Dörrobst, die älteste Konservierungsmethode der Welt, Marmeladen, verschiedene Obst­brände und als Spezialität der Apfel­schaumwein, der nach traditioneller Fla­schengärung hergestellt wird.

Welche Fördermaßnahmen gibt es?

Wegen des öffentlichen Interesses am Streuobstbau wurden in den letzten Jahren von Bund, Ländern, Kreisen und Gemeinden Fördermaßnahmen eingeleitet. Außerdem entwickelten Obst- und Gartenbauvereine, Natur­schutzvereinigungen sowie spezielle Bürgerinitiativen vielfältige Aktivitäten. Trotz der För­derprogramme für Natur und Landschaft rechnen sich der Schnitt im Winter und die zweischürige Mahd im Sommer kaum, geschweige denn das Pflücken der Kir­schen.

Immer wieder lesen wir von Förderpro­grammen, „Hochzeitwiesen“, Aufrufe der Gemeinden zu Sammelbestellungen von Obstbäumen. Doch was nützt all dies, wenn Bäume frühzeitig vergreisen, weil sie nicht die erforderlichen Pflegeschnitte erhalten, und Äpfel bestenfalls als Wurfge­schosse für den ausgeführten Hund ge­nutzt werden. Wie steht es um die Zu­kunft dieses wertvollen Biotops für viele Pflanzen und Tiere, wenn vor allen Din­gen die Ernte nicht mehr gewährleistet ist.

Beim derzeitigen Preis für den End­verbraucher liegt die Gewinnspanne im Handel. Gewinn läßt sich nur durch direk­te Vermarktungswege erwirtschaften. Mit Arbeitskräften außerhalb der bäuerlichen Großfamilie läßt sich dieser Mangel nicht beseitigen. Den landwirtschaftlichen Betrieben kann die Behandlung dieser Fragen nicht alleine auferlegt werden. Der mündige Konsument ist jedoch zumindest gefor­dert, die wenigen direkten Vermarktungs­wege in Anspruch zu nehmen.

  • Die Maßnahmen reichen von lnformationsveranstaltungen und -schriften über kostenlose Beratungen bis zur Planung, Durchführung und Finanzierung konkreter Pflanzaktionen.
  • Nicht selten werden Erschwernisausgleiche für die Bewirtschaftung oder Beihilfen zu den Kosten für das Pflanzmaterial bezahlt bzw. das Pflanzmaterial selbst kostenlos zur Verfügung gestellt.
  • Ähnliche Anreize werden teilweise auch von Verwertungsbetrieben geboten, wobei sich interessante Möglichkeiten für gemeinsame Aktivitäten von Naturschutz und Verwertungsindustrie ergeben. „Mosttrinker sind Natur­schützer“, so lautet z.B. der vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) kreierte Slogan.
  • Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei die seit Mitte der 80er Jahre ent­stehenden Streuobst-Vermarktungsgruppen, welche das Obst von Streuobstwiesen getrennt erfassen und verarbeiten.
  • Früher wurden die Bäume zur Ernte­zeit versteigert. Diese Zeit liegt noch nicht lange zurück. Ganze Familien zogen ins Feld und verbrachten Tage damit, Kir­schen zu ernten, einzukochen und zu saf­ten. Ein schöner Brauch, den man wieder­beleben könnte.
  • Manche decken sich auf den Wiesen von Freunden oder Bekannten ein. Andere nehmen die Obstbörsen wahr, die beispiels­weise im Wetteraukreis reges Interesse fin­den. Auch rentiert es sich oft, in den Orts­verwaltungen obstreicher Gemeinden an­zurufen. Meist sind es die Umweltämter, die die Menschen mit und ohne Streuobst­wiesen zusammenbringen.
  • Um zu wissen, wie es geht, bie­tet beispielsweise die Volkshochschule des Main‑ Kinzig‑Kreises Kurse zum Thema Apfelweinzubereitung an. Für die Renais­sance des Selbstkel­terns gibt es viele Gründe. Der Famili­enausflug zur Apfe­lernte begeistert wieder. Vesper auf der Wiese, natür­lich mit „Weck unn Worscht“ (Brötchen und, natürlich, hes­sischer Wurst), da­zu „Süßer“ (frisch gepreßter Apfelsaft) für die Kinder und Rauscher (angegore­ner Saft, ähnlich dem Federweisen beim Traubenwein) für die Erwachse­nen. Anschließend werden die Apfel in der örtlichen Kelte­rei abgegeben, oder noch besser: selber gekeltert.
  • Viele Obst‑ und Garten­bauvereine stellen ihren Mitgliedern das Keltergerät zur Verfügung, man­cher Nachbar hat ei­ne Presse ‑ irgend­wie kriegt man den Saft schon raus. Nicht nur profan weckgebunden, das Kel­tern wird zum Kelterfest. Freunde, Be­kannte, Kollegen und Verwandte lassen sich nicht lange bitten, sollte doch jeder Hesse wenigstens einmal im Leben in ei­ner Apfelweinkelter gestanden haben. Und endlich sieht man sich wieder mal von Angesicht zu Angesicht. Kommunika­tion ganz ohne Mausklick und E‑Mail. Das Erlebnis Apfelwein ist damit noch lange nicht zu Ende. Wird doch nun der sü­ße Saft ins Faß gekippt. Langsam beginnt dann die Süße des Saftes zu Alkohol und Kohlensäure zu reifen, das Haus wird er­füllt von den wunderbaren Düften des Spätherbstes. Und die nächsten Events sind schon nahe: Vorproben, Jungapfel­weinproben, Abzug von der Hefe (Umfül­len des Apfelweines in ein neues Faß nach Beendigung der Gärung) ‑ im Apfelwein­keller ist immer was los. Ab dem nächsten Jahr wird's dann noch spannender, der Ap­felwein wird zum Test im kleinen Kreis an­geboten. Oder vielleicht sogar bei einer Ap­felweinveranstaltung angemeldet. Wer möchte nicht den großen Apfelweinpreis sein Eigen nennen, einmal im Leben zum Apfelweinkönig dank des besten Schop­pens ausgerufen werden?

 

Wo kann ich mich informieren?

Wer sich stärker engagieren möchte, braucht neben gutem Willen auch ausreichende Fachkenntnisse. Die zuständige Obstbauberatungsstelle des Kreises, der örtliche Obst- und Gartenbauverein, evtl. auch ortsansässige Fruchtsaftkeltereien können beratend zur Seite stehen.

In diesem Zusammenhang spiel­ten Baumwarte früher durch ihre Erfahrung eine wichtige Rolle. Ihre Bedeutung ist erst nach dem fast völli­gen Aussterben dieses Berufsstandes deutlich geworden.

Spezielle Lehrgänge versuchen heute diesem Mangel an Erfahrungen wieder abzuhelfen. Orts- und Regionalgruppen von Naturschutzvereinigungen haben sich in bemerkenswerter Weise des Problems angenommen. Wo örtliche Initiativen fehlen, kann man sich auch über die Bundes- bzw. Landesgeschäftsstellen solcher Verbände entsprechende Informationen beschaffen. Auf Bundesebene seien genannt:

 

1.) BUND Bundesgeschäftsstelle, Im Rheingarten 7, 53225 Bonn, Tel: 0228/400970. Fax: 0228/4009740

2.) NABU Bundesgeschäftsstelle Herbert-Rabius-Straße 26, 53225 Bonn, Tel: 0228/975610, Fax: 0228/ 9756190

Beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) besteht eine Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Streuobst, die einen Rundbrief herausgibt und auch einschlägige Literatur vermittelt.

Gärtner, Landwirte und Forstwirte, die sich auch beruflich mit der Baumpflege und -sanierung beschäftigen möchten, können an einer Fortbildung zum „Fachagrarwirt Baumpflege und -sanierung“ teilnehmen. Wer sich weiter informieren möchte, wende sich an die Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalten für Gartenbau,: Diebsweg 2, 69123 Heidelberg oder Theodor-Echtermeyer-Weg 1,14979 Großbeeren.

 

Hier wurde eine Information des Auswertungs- und Informationsdienstes für Ernährung, Landwirtchaft und Forsten, Bonn, 1990, verwendet. In den Faltblatt „Streuobstwiesen schützen“ gibt es folgende Bilder::

Bild 1: Traditionell entstandene Obstgärten in der näheren Umgebung von Siedlungen. Sie verleihen den Streu­­obstland­schuften ihren anmutigen Reiz

Bild 2: Im Unterschied zu den modernen Niederstamm‑Dichtpflanzungen (Vordergrund) ver­mitteln Streu­obstwiesen ein vielfältiges Landschafts­bild.

Bild 3: Die große Vielfalt im Baumbestand ist eine der ty­pischen Eigen­schaften von Streuobst­wiesen

Bild 4: Die Tafelobsternte von Hochstämmen ist zeit­raubend und mitunter gefährlich, Mostobst kann dage­gen geschüttelt und vom Boden aufgelesen werden

Bild 5: Menschen und Tiere wissen gleichermaßen an heißen Tagen den Schatten der Bäume zu schätzen

Bild 6: Der men­genmäßige Er      trag des Streu­obstanbaues stellt auch   heute noch einen erheblichen Marktfaktor dar (Tabelle: Streuobsterträge im Vergleich zu Erträgen des Tafelobstanbaus im Zeitraum 1979 bis 1993).

Bild 7: Die „savannenartigen“ weiträu­migen Baumbestän­de der Streuobst­wiesen bilden einen besonderen Biotoptyp zwischen freiem Feld und geschlossenem Wald.

Bild 8: An buntblühen­den Kräutern und Leguminosen fin­den eine Vielzahl von Insekten Nahrung, hier z.B. das Klee­-Widderchen auf einer Wiesen­-Rockenblume.

Bild 9: Der Wendehals, ein typischer Streuobstwiesenbewohner, gehört zu den Arten, die als gefährdet in der „Roten Liste“ stehen

Bild 10: Rechtzeitiges Nachpflanzen von Jungpflanzen in lückig gewordene Altbeständen sichert die Kontinuität der Streuobstwiesen

Bild 11: Der Drahtkorb schützt die Wurzeln im Boden vor den Zähnen der Wühlmaus

Bild 12: Auch beim Auslichtungs­schnitt älterer Bäume sollten die zeitlichen Abstände nicht zu lange sein, damit die Krone nicht zu dicht wird

Bild 13: So stark verbuscht ist eine Streuobstwiese schon nach wenigen Jahren, wenn der Unterwuchs nicht kurzgehalten wird

Bild 14: Durch die Beweidung mit Schafen oder Rindern kann der Unterwuchs kurze gehalten werden

Bild 15: Zartes Rosa und feiner Duft sind für Apfelblüten charakteristisch

Bild 16: Brettacher – eine besonders in Süddeutschland verbreitete robuste Apfelsorte mit vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten

Bild 17: Eine Streuobstwiese mit Kirschbäumen ins ehr schöner Herbstfärbung.

Bild 18: Vielerorts haben sich haupt- und nebenamtliche Naturschützer mit gezielten Maßnahmen und Aktivitäten für den Erhalt der Streuobstwiesen eingesetzt.

 

 

 

 

Die Maintaler Streuobstwiesen

Die Maintaler Streuobstwiesen mit über 25.000 Apfel‑, Zwetschgen‑, Kirsch‑, Birnen‑, Speierling‑ und Walnuß­bäumen, sind eines der größten und ökologisch bedeutendsten Biotope dieser Art in Hessen. Allein in der Gemarkung Maintal umfassen die Streuobstflächen eine Gesamtfläche von mehr als 160 Hektar. Zusammen mit den Flächen im Osten Frankfurts, mit denen die Maintaler Streuobstwiesen eine ökologische Einheit bilden, sind es sogar über 250 Hektar.

Allerdings haben die Maintaler Streuobst­wiesen besonders unter ihrer Überalterung zu lei­den. Der Baumbestand ist zwischen 40 und 60 Jahre alt, die natürliche Generationenfolge unter den Obstbäumen fehlt völlig und damit gibt es kei­ne natürliche Verjüngung, sondern nur eine „künst­liche“ durch Nachpflanzung junger Obstbäume. Die neuen Bäume haben erst in 25 bis 30 Jahren die Baumhöhe erreicht, wie sie beispielsweise dem Steinkauz als Brutstätte dient. Aus diesem Grund gelten die Bemühungen der Landschaftspfleger der Erhaltung der alten Bäume.

Unter den meist schon sehr alten Bäumen auf den Maintaler Streuobstwiesen sind vor allem Äpfel, Speierling, Walnüsse, Zwetschken, Birnen und Kir­schen. Dort leben  Sperber, Habicht, Steinkauz und Wachtel, Grün‑, Grau‑ und Kleinspecht. Schwarz­milane, Braunkehlchen und viele andere Vögel, die bereits auf der roten Liste der bedrohten Tiere geführt werden. Der bedrohte Gartenrotschwanz hat mit 40 Brutpaaren am Maintaler Hang seine größte Kolonie in Hessen.

In Maintal befindet sich ein Schwerpunkt der hessischen Steinkauzpopulation mit mehr als 40 Brutpaaren (1990 waren es gerade 18). Das ist die größte Stein­kauzpopulation im gesamten Main­-Kinzig‑Kreis und der wiederum zählt ein Viertel aller in Hessen lebenden 500 Steinkauzbrutpaare. Die Mitarbeiter der HGON zählen, be­ringen und überwachen den Steinkauzbe­stand. Außerdem schaffen sie durch soge­nannte „Niströhren“ künstliche Brutplät­ze für die Vögel, da alte Bäume mit ausge­prägten Höhlen sehr selten geworden sind. Nur einzelne Individuen reichen das Greisenalter von sieben neun Jahren. In Maintal‑Hochstadt wurde die älteste Vogeldame registriert. Nestjung wurde das Weibchen 1985 beringt und erst kürzlich bei der Niströhrenreinigung wieder angetroffen. Sie hat also das stolze Alter von neun Jahren bereits überschritten.

Feldmäuse, europäische Igel, Haselmäuse, Hermeline sowie Wasserspitzmäuse leben unter den Obstbäumen, sie gelten ebenfalls als gefährdet. Seltene Schmetterlinge wie der Schwalbenschwanz und besonders geschütz­te Pflanzenarten wie die Feuerlilie, der Speierling und die Weinberg‑Hya­zinthe machen die Maintaler Streu­obstwiesen zu einem einzigartigen Lebensraum.

Dr. Klaus Richarz, Deutschlands Fledermaus-­Papst und nebenbei Leiter der Staatlichen Vogel­schutzwarte in Fechenheim, sieht die Fledermaus als ein Anzeichen für eine intakte Natur an: „Fledermäuse sind ein Segen für das Stöffche!“

Die Nachtsegler sorgen für das ökologische Gleichgewicht auf den wertvollen Streu­obstwiesen. Denn zwischen Sonnenunter­gang und Morgendämmerung schnap­pen Fleder­mäuse von den Blättern und Früchten der Apfel­bäume die schädlichen Insekten im Fluge, pro Säugetier ungefähr „eine Tüte voll Mücken“.

Hier oben über Hochstadt gibt es tatsäch­lich diverse Fledermausarten. Etwa die „Pipistrel­lus“, eine liebliche Zwergfledermaus, die fleißig Insekten jagt, die sich während der Apfelblüte und anschließender Fruchtbildung stark vermehren und dem Apfel arg zuset­zen. Hilfe kommt über Nacht, eben durch braune Langohr-Flug­objekte, sogenannte Lausch­jäger, die das Krabbeln von Mücken und Winz-Würmern auf der Apfeloberfläche oder an Blättern hören, hinflie­gen und die Ungeziefer auffressen, so den ökologischen Kreislauf in Gang halten. Weiterhin gibt es in Maintal das einzige bekannte Brutvorkommen von Hohltaube in Streuobstbeständen sowie eines der wenigen Restvorkommen vom Wen­dehals in Hessen.

 

Um den sogenannten „Biotopverbund“ noch zu vergrößern, hatte das Regierungspräsidium in Darmstadt im Oktober 1993 für den Ankauf zweier Flurstücke in einer Größenordnung von 13.731 Quadratmetern bereits 65 Prozent der Kaufsumme als Förder­mittel zugesagt (rund 65.000 Mark). Im Haupt‑ und Finanzausschuß der Stadt Maintal wurde der Grund­stücks­erwerb darum ausführlich erörtert. Doch Freie Maintaler und CDU sahen damals keine Notwendig­keit, besagte Flächen zu erwerben. Somit wurde der Grundstücks­kauf mehrheitlich abgelehnt, die bereit­gestellten Landesmittel flossen in eine Nachbar­kommune.

Der nicht vollzogene Grundstückskauf ist darum bedauerlich, weil das Amt für Stadtentwick­lung und Umwelt bereits eine detaillierte Untersu­chung und Planung für die anzulegenden Streuobstwiesen kartographisch ausgearbeitet hat. Frau Brockmeyer‑Roess listete die Altbestände einzeln liegender Streuobstwiesen auf, die dann miteinan­der zu einem Biotopverbundnetz zusammengefügt werden könnten. Biotopverbundinseln ‑ ange­stamm­tes Refugium für Kleintiere ‑ sollen maximal 200 Meter auseinanderliegen, um den Kleinzieren den Wechsel von einem Biotop zum anderen leichter zu ermöglichen. Für größere Tiere wie Reh, Hase oder Fuchs ist dies kein Problem. Eine solche Vorarbeit war Voraus­setzung, um die Landesmittel beantragen zu kön­nen.

Doch die CDU lehnte ab, weil mit dem Erwerb der Grundstücke höchstens die Anpflanzung von Obstbäumen und deren Pflege bezahlt sei. „Wer solle die Bäume überhaupt pflegen?“ wurde gefragt. Es sollten erst einmal die Besitzer bestehender Streuobstwiesen dazu motiviert werden, diese zu pflegen. Teilweise sehe es dort schlimm aus. Andererseits werde den Besitzern das Obst hemmungslos gestohlen, so daß sie überhaupt keinen Sinn darin sähen, sich um ihre Obstwiesen zu kümmern. Für die Freien Maintaler erklärte Fraktionsvorsitzender Ludwig Stein, daß ein Grundstückspreis von neun Mark pro Quadratmeter einfach zu teuer sei. Man wolle erst einmal günstigere Preise abwarten.

 

Im Jahre 1994 wurde auf Anregung des Landschaftspflegeverbandes mit den Pflegearbeiten auf den Maintaler Streuobstwiesen begonnen, und zwar am Bi­schofsheimer Hang, im Apfelgrund und an der Wei­dekaute. Vor Beginn der Arbeiten hatte der Ver­band das Frankfurter Büro für Naturschutz und Landschaftsplanung mit der Kartierung des Gebie­tes, der Ausschreibung und Überwachung der Pfle­gearbeiten beauftragt. Den Bäumen soll jetzt ein sogenannter „extensiver Erhaltungsschnitt“ zur „Vitalisierung“ verpaßt werden. Das bedeutet, daß der Baum erhalten wird. Totes Holz wird herausgeschnitten, Äste werden gekürzt und die Krone leicht heruntergesetzt. Zwei Gartenbaufirmen haben die Pflege übernom­men, ohne etwas dafür zu verlangen.

Auch für die Besitzer der Streuobstwiesen kosten die Arbeiten nichts außer der Einverständniserklärung. Die Stadt Maintal hat die Eigentümer der Kleinstreuobstparzellen recher­chiert und sie um ihr Einverständnis gebeten (am Bischofsheimer Hang gibt es allein 400 Eigentümer, im Apfelgrund rund 600). Bis gegen Ende März wird auf den Streuobstwiesen gearbeitet, die Pflege geht dann im Herbst weiter. 827 hochstämmige Obstbäume werden bis dahin beschnitten. Im Herbst werden die Schnittarbeiten fortgesetzt und außerdem 150 neue Bäume gepflanzt. Gefällt wird nichts.

Im nächsten Jahr soll der Baumbestand im südlichen Apfelgrund kartiert und Geld für die Nach-Pflanzungen am Bischofsheimer Hang beantragt werden. Die fünf Jahre lange Grundsanierung sieht vor, bis zu ihrem Ablauf zwei Drittel des Baumbestandes zu schneiden und bestehende Lücken mit Neuanpflanzungen zu füllen.

Im Jahre 1996 teilte der Landschaftspflegeverband mit, daß in Bischofsheim und am Hochstädter „Distelberg“ in mehrjährigen Projekten die Sanierung von insgesamt 3.500 Bäumen auf rund 100 Hektar Fläche geplant ist. In einem ersten Schritt sollen 560 Bäume dort beschnitten wer­den. 220 Bäume sollen nachgepflanzt wer­den, wobei 500 jedoch notwendig wären, um alle Lücken zu schließen, sowie von circa 500 hochstämmigen Obstbäumen. Vor allem sollen vernachlässigte alte Hochstämme gesund saniert werden, neue Bäume in den Lücken nachgepflanzt, sich um dauerhafte Pflege der Gehölze und des Unterwuchses gekümmert und Wege zur sinnvollen Verwertung des geernteten Obstes gesucht werden.

Bei der Pflege und Nutzung des Biotopes des Jahres 1998 ‑ der Streuobstwiese, wirkt auch die „Zoologische Gesellschaft Frankfurt von 1858 e.V. ‑ Hilfe für die bedrohte Tierweit“ direkt mit. Darum wurden im März 1998 zur Hervorhebung der Bedeutung auch von Wildobst etliche herkunftsreine Wildbirnen gepflanzt.  „Die Bemühungen für die Erhaltung Lebensräume müssen verstärkt werden für die gefährdeten, ehemals typischen Arten der Streuobstwiesen wie beispiels­weise den Gartenrotschwanz und andere, wenn wir unser heimisches Naturerbe be­wahren wollen“, so Dr. Faust bei der Pflanzaktion in Maintal.

Freude über diese wichtige Unterstüt­zung herrschte bei der Hessischen Gesell­schaft für Ornithologie (HGON) und dem Landschaftspflegeverband Main‑Kinzig, die sich seit Jahren um die Erhaltung des Gebietes bemühen.

„Im gesamten Gebiet sind im Verlauf der letzten Jahre circa 25 Prozent aller hoch­stämmigen Obstbäume im Auftrag von LPV und HGON gepflegt worden“, sagte Konstanze Weltner von der HGON. „Zu einem angepaßten Biotopmanage­ment gehört auch die Unterwuchspflege, sind doch viele Tierarten auf spezifische Strukturen und Pflanzenformationen an­gewiesen“, führte Barbara Fiselius vom LPV aus. Deshalb sei es  wichtig, Kom­munen und Landwirte in die Aktionen einzubinden.

Ralf Sachtleber, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Umwelt bei der Stadt Maintal, zeigte das besondere En­gagement der Stadt auf. „Ohne die sinn­volle Verwendung des Streuobstes und einen fairen Preis für die Besitzer können die Naturschutzmaßnahmen auf Dauer nicht in der Region verankert werden.“

Alle Teilnehmer der Pflanzaktion waren sich einig, daß vor allem jetzt solche Un­terstützung wie von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt wichtig sind, da mit dem Wegfall der Ausgleichsabgabe im Außenbereich nach dem Hessischen Naturschutzgesetz eine bedeutende Fi­nanzquelle für die Streuobstwiesen ver­siegt.

So können auch dieses Jahr wieder etliche Bäume eine Pflege erhalten und Lücken im Baumbestand ergänzt werden. Einige für die Nahrungssuche wichtige Bereiche sollen entbuscht werden. Seit Beginn der Bemühungen wurden cir­ca ein Drittel (circa 5.000 Bäume) des gesamten Obstbaumbestandes einem Sa­nierungsschnitt unterzogen, der die Bäume verjüngt und so die Lebensdauer verlän­gert. Dies ist wichtig für die Erhaltung der Habitatstrukturen aller Bewohner, be­sonders für die baumhöhlenbewohnen­den Tiere.

 

Als Besonderheit lichter, wärmebegün­stigter Standorte wurde die Wildbirne zur Pflanzung ausgewählt, um auf die Ge­fährdung der Urformen unserer Obstar­ten hinzuweisen. Von den mannigfachen Kulturformen der Birne unterscheidet sich die Wildbirne durch ihren kleineren Wuchs (Normalfall fünf bis 15 Meter Wuchshöhe) und ihre kleineren holzigen Früchte. Die Bäume können bis zu 200 Jahre alt werden. Das Holz der Wildbirne ist selten und sehr begehrt, es ist hart, schwer und relativ dauerhaft, und oft von besonderem ästhe­tischen Reiz. Der ökologische Nutzen liegt wie bei allen Wildobstarten vor al­lem in den für die Tierwelt wichtigen Blü­ten und Früchten und in der Erhaltung der genetischen Vielfalt.

Um wie­der auch wirtschaftliche Anreize für die Baumbesitzer zu bieten, gibt es unterem anderem ein Projekt der Maintaler Kelte­rei Stier mit dem Landschaftspflegever­band. Stier zahlt höhere Marktpreise als üblich an die örtlichen Streuobstwiesen-­Besitzer, die ihre Äpfel zu ihm bringen. Pro Doppelzentner zahlt die Kelterei vier Mark über dem Marktpreis ‑ wenn gewünscht auch in Getränke‑Gutscheinen. Um noch mehr Maintaler Äpfel ernten zu können, haben sich Stadt und Pflegeverband nun eine Ernteaktion für den Samstag, 12. Oktober 1996, einfallen lassen. Wer nicht selbst die Früchte vom Baum holen will, kann das den Jugendlichen der Feuerwehren und der Dörnigheimer Vogelschutzgruppe überlassen. Sie pflücken die Äpfel und bringen sie zur Kelterei. Der Erlös kommt der Jugendarbeit zugute. Wer sein Obst nicht braucht, kann sich an die Maintaler Umweltberate­rin Freia Reuschling, 06181 / 400401 wenden. Die Stadt sichert die Ernte unter fachkundiger Aufsicht zu.

 

Obstsorten

 

Beim Obst geht es zu wie bei der Kleidung: Es kommt auf die Mode und den guten Geschmack an. Vor 20 Jahren bissen die Deutschen noch be­vorzugt in grüngelbe Äpfel wie den „Gol­den Delicious“, heutzutage sind eher Sorten wie „Jona Gold“ beliebt.

Allein im deutschsprachigen Raum gibt es rund 1.800 Apfelsorten ‑ lediglich etwa 800 sind detailliert beschrieben ‑ dennoch eine außergewöhnliche Vielfalt, wenn man be­denkt, daß im Handel nur etwa 25 bis 30 unterschiedliche Apfelsorten angeboten werden.

Der Berner Rosenapfel, die Ananasre­nette, die Champagner Renette, der Brau­ne Matapfel, Ditzels Rosenapfel, der ge­flammte Kardinal, die Himbacher Grüne, der Rote Trierer Weinapfel, die Schafsna­se, der Winterzitronenapfel, um nur einige wenige der heimischen alten Apfelsorten aufzuzählen.

Persönlichkeiten, wie der Apfel- und Birnenbaron von Berlepsch (1815‑1877) oder Pfarrer Korbinian Aigner (1885‑1966), im Volksmund auch „Apfelpfarrer“ genannt, haben oft wichtige Beiträge zur Entwicklung des Obstbaus und einzelner Sorten geleistet. Für jenen Pfarrer war der Obstanbau eine solche Leidenschaft, daß er selbst als Häftling im KZ Dachau nicht davon ließ. Er züchtete aus Apfelkernen Sämlinge, die er kurz vor Kriegsende aus dem KZ schmuggelte. Die Sorte heißt heute ‑ etwas fragwürdig ‑ „KZ‑Apfel“ und wird in Bayern vom Institut für Obstbau und Baumschulwesen in Weihenstephan noch vermehrt. Der Apfelpfarrer Aigner hat Zeit seines Lebens Äpfel gemalt, so naturgetreu, daß die Gemälde zur Bestimmung der Äpfel herangezogen wurden. Dieser „beste Sortenkenner Deutschlands“ konnte mehr als 1.000 Sorten nachweisen.

In den tendenziell schlechten Botschaften rund um den Apfel, der in Religionen, Märchen und Mythen eine hervorgehobene Rolle spielt, verstecken sich andere gute Nachrichten. Die im Laufe der Kulturgeschichte von Menschen entwickelte ungeheure Vielfalt der Sorten ist ernsthaft bedroht. 2500 Apfelsorten gedeihen in Deutschland, weiß der Pomologe, Gärtner und Baumwart Steffen Kahl vom Hessischen Naturschutzzentrum in Wetzlar. Dieser genetische Reichtum einer einzigen Frucht äußert sich in Farbe und Form, Geschmack und Duft und der jeweils besonderen Eigenschaft, tierischen oder anderen Schädlingen trotzen zu können. Unsere Welt aber scheint diesen Reichtum nicht zu erkennen. Mit der schleichenden Umwandlung alter Streuobstwiesen in Bauplätze gehen fortwährend Apfel‑Unikate verloren. Das ist die traurige Seite.

Die gute Nachricht: Es gibt staatliche und private Genbanken, in denen bedrohte Sorten dauerhaft gespeichert werden. So in Pillnitz bei Dresden in einer Genbank und mittlerweile auch in Hessen. Das Hessische Naturschutzzentrum beispielsweise hat einen Lehrpfad mit 30 verschiedenen Obstbäumen angelegt, bei Marburg gibt es eine Streuobstwiese mit 120 hessischen Lokalsorten, und auch im Hessenpark bei Neu‑Anspach im Taunus können die Besucher in diesen Tagen wenig bekannte Apfelsorten, noch an den Bäumen hängend, kennen lernen.

 

In Deutschland gibt es nach Angaben eines Pomologen im Jahr 2008 Hunderte „unbekannte“ Apfelsorten. „Wir haben etwa 5000 verschiedene Äpfel in Deutschland. Darunter sind auch 200 oder 300, die kein Mensch mehr kennt und deren Name und Herkunft verloren gegangen ist“, sagte der Pomologe Jan Bade im nordhessischen Naumburg. Dabei gehe es nicht um neue Sorten: „Im Gegenteil: Es sind sehr alte, deren Name vergessen ist. Wir wenden große Mühen und viel Zeit auf, um etwas über diese Äpfel zu erfahren, die uns vertraut sind, deren Name aber kein Mensch mehr kennt.“

Verantwortlich für diese Entwicklung ist nach Bades Worten eine Sortenvereinheitlichung, die vor 60 bis70 Jahren eingesetzt habe. „Da ging es darum, möglichst viele Menschen möglichst billig mit Äpfeln zu versorgen. Also hat sich der Erwerbsobstbau auf die Sorten konzentriert, die besonders beliebt sind, schnell wachsen und leicht geerntet werden können.“

Die Zahl der Apfelsorten sei zwar nicht gesunken, es gebe sie nur nicht mehr zu kaufen: „Jeder in Deutschland hat in seinem Umkreis ein paar hundert Apfelsorten. Zu kaufen gibt es im Supermarkt in ganz Deutschland aber vielleicht zehn.“

Nach Bades Worten ist der Apfel nach wie vor das beliebteste Obst der Deutschen. „Und das nimmt sogar noch zu. Zu unseren Beratungen kommen Jahr für Jahr mehr Leute, die etwas über ihren Apfelbaum erfahren wollen oder Fragen zu den Sorten haben. Wir staunen jedes Mal und im nächsten Jahr sind es dann noch wieder mehr.“

Dabei wollten die Leute vor allem zu alten Sorten zurück: „Abseits aller Supermarktangebote fragen sich doch immer mehr Menschen, was da eigentlich vor der Haustür wächst. Aus Sicht eines Forschers ist das natürlich eine gute Entwicklung.“

 

Einen möglicherweise erst in Jahrzehnten meßbaren Anteil an der Erhaltung der Apfelvielfalt haben die Naturschutzverbände und Gartenbauvereine mit ihren fantasievollen Aktionen rund um den Apfel. Erfolgreich war die Idee, die Ökologie mit der Ökonomie zu verbinden. Kelterer, Gastronomen, Naturschützer und Regionalplaner legten in den Landkreisen rund um Frankfurt so genannte Regionalschleifen der Hessischen Apfelwein‑ und Obstwiesenroute an. Zweimal im Jahr gibt die Marketinggesellschaft „Gutes aus Hessen“ den „Apfelboten“ mit nützlichen Informationen für gesunde Freizeitvergnügungen rund um den Apfel heraus. Die aktuelle Ausgabe liegt in Rathäusern und Apfelwein‑Kneipen aus.

 

 

An erster Stelle steht nach wie vor der eigene Geschmack ‑ Liebhabereien inklusive Jonagold, Golden Delicious, Elstar und Royal Gala kennt man schließlich zur Genüge, andere Sorten sind fast nur noch auf Bauernmärkten zu haben.

Besonders wichtig ist die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten, vor allem gegen Schorf, Mehltau und Feuerbrand, denn nur sie gewährleistet einen minimalen Pflegeaufwand. Geschmackssieger unter den neuen, weitgehend resistenten Sorten sind Rubinola, Resi und Gerlinde, alles früh reifende Herbstäpfel mit saftigen, süß‑säuerlichen Früchten.

Aus dem Jahr 1930 stammt Alkmene mit knackigem Fruchtfleisch, angenehm dünner Schale und einem früh einsetzenden, regelmäßigen Ertrag. Es empfiehlt sich, bei der Sortenwahl nicht nur die Sortenbeschreibung auf dem Pflanzetikett oder im Katalog zu Rate zu ziehen, denn je nach Lage variiert der Zucker‑ oder Säuregehalt und damit auch das Aroma. Besser ist es, selbst zu probieren. Kostproben gibt es bei Gartenbauvereinen oder bei Apfelerzeugern in der Gegend oder auf Vortragsveranstaltungen der Obstbau‑Beratungsstellen.

Außerdem sollten die Bäume möglichst klein bleiben. Wer erst die Leiter holen muß, um einen Apfel zu pflücken, bringt sich um manchen Genuß. Wie groß ein Apfelbaum wird, bestimmt nicht nur die Sorte, sondern auch die so genannte Unterlage, also der Teil des Baumes, aus dem die Wurzel besteht. Die Unterlage ermöglicht die Erziehung zum Buschbaum oder zur so genannten Schlanke Spindel, also schmalen, aufrecht wachsenden Bäumen, die nur zwei bis drei Meter hoch werden und viel weniger Platz brauchen als die kronenbildenden Halb‑ oder Viertelstämme.

Eine Spezialität sind säulenförmige Ballerina‑Apfelbäumchen. Sie bilden nur sehr kurze Fruchttriebe, brauchen also keinen Schnitt. Die erste Generation der CATS (Columnar Apple Trees) war aber recht geschmacklos und erwies sich zudem als ziemlich krankheitsanfällig. Ändern soll sich dies mit zwei Neuzüchtungen der Forschungsanstalt für Obst‑ und Weinbau in Geisenheim. Pompink und Pomforyou liefern schon im Jahr nach der Pflanzung bis zu fünf Kilogramm wirklich aromatische Früchte und zeigten sich in Versuchsanlagen als ausgesprochen widerstandsfähig. Außerdem brauchen sind sie so standfest, daß sie, anders als die Spindelbäume, nicht einmal einen Pflanzpfahl brauchen.

Nun gibt es nur noch eine Hürde: Apfel- und Birnbäume sind nicht selbst fruchtbar und brauchen eine fremde Befruchtersorte mit annähernd gleicher Blütezeit. Steht im Nachbargarten oder nicht weiter entfernt als 100 Meter ein anderer Baum, ist das Problem gelöst. Sicherer ist der Anbau von mindestens zwei Bäumen verschiedener Sorten. Die Baumschule berät bei der Partnersuche.

Zwetschen, Zwetschgen oder auch Quetschen genannt, geben sich lieber unabhängig. Zwar gibt es unter den bewährten, alten Sorten noch einige, die auf eine Befruchtersorte angewiesen sind. Die meisten, vor allem die neueren Züchtungen sind selbstfruchtbar. „Tophit“ toppt die berühmte „Bühler Zwetsche“ nicht nur, weil sie völlig robust ist und kaum von Scharkavirus oder Pilzkrankheiten befallen wird, sondern auch wegen ihrer fast hühnereigroßen, süßen und saftigen Früchte. „Jojo“ ist sogar absolut Scharka‑resistent und lockt mit einem Aroma zwischen Hauszwetsche und Ortenauer Zwetsche.

Die neuen Cats „Pomforyou“ und Pompink“ sind erst ab Frühjahr im Handel erhältlich. Sie werden vom Obst‑ und Beerenzentrum Häberli in Lizenz vermehrt und heißen dann „Lancelot“ (Pomforyou) und „Ginover“ (Pompink). Beide Sorten werden im Fünf‑Liter-Topf geliefert, können also noch im Frühjahr gepflanzt werden. Es gibt sie im Gartencenter.

Die Adressen regionaler Baumschulen nennt Artus‑Group, Alte Karlsruher Str. 8, 76227 Karlsruhe, Tel. 07 21 / 94 48 07, Fax 07 21 / 944 80 80 (www.artus‑group.de). Tip: Bestellung möglichst jetzt vormerken lassen, da es bei neuen Sorten erfahrungsgemäß häufig Liefer‑Engpässe gibt.

Hochstamm-Obstbäume haben zwischen dem achten und 15. Standjahr die besten Obsterträge. Es können in guten Jahren bis zu mehrere hundert Kilo pro Baum geerntet werden.

Altere, hochstämmige Mostobstsorten eignen sich nicht immer als Tafelobst oder zum Frischverzehr. Dafür bringen sie ohne Spritzmittel hohe Erträge und haben bei richtiger Pflege eine lange Lebensdauer bei nur geringen Ansprüchen an den Boden. Die Artenvielfalt ist so groß, daß allein im Hunsrück bis zu 25 Apfelsorten in Streuobstbeständen bekannt sind. Viele Sorten haben ein unverwechselbares Aroma und hohe Säuregehalte. Davon profitieren besonders die Mostereien bei der Herstellung von Obstwein und Brennereien bei der Obstler‑ Produktion.

 

Standortansprüche und  Wuchs- und Fruchteigenschaften der wichtigsten Obstarten

 

Sorte

Genußreife

Anmerkungen

Most‑ und Wirtschaftsäpfel

Bittenfelder

XI-IV

nicht für Höhengebiete, starkwachsend, Samenspender für Sämlingsunterlagen, besonders langlebig, wertvollste Mostapfelsorte, verzögerte Jugendentwicklung, kleine gelbe Äpfel.

Bohnapfel

XII-V

nicht für Höhengebiete, starkwachsend, niedriger Säuregehalt, weitverbreitet, besonders langlebig, mäßige Alternanzneigung, bläulich-rote Äpfel, schlechte Pollenspender

Börtlinger Weinapfel

X-XII

nicht für Höhengebiete, niedriger Säuregehalt, klein­früchtiger Massenträger, große, dunkelgrüne Blätter, Frucht rot

Bretacher

I-V

nicht für Höhengebiete, starkwachsend, niedriger Zucker- und Säuregehalt, großfrüchtig, schlechte Pollenspender

Gehrers Rambour

XI-XII

nicht für Weinklima, niedriger Zuckergehalt, groß­früchtig, kompakter, dichter Wuchs, schlechter Pollenspender

Hauxapfel

XI-III

starkwüchsig, niedriger Zuckergehalt, großfrüchtig, rotbackige leuchtende Äpfel

Jacob Fischer

IX-X

starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, bewährter Stammbildner, grofrüchtig, frühreifend, bläulich-rote Früchte, nicht für schwere Böden, spätfrostempfindlich, schlechter Pollenspender

Joseph Musch

XI-I

nicht für Weinklima, starkwüchsig, niedriger Säuregehalt, großfrüchtig, kompakte Krone, spätfrostempfindlich, schlechter Pollenspender

Kaiser Wilhelm

XII-III

starkwüchsig, niedriger Säuregehalt, großfrüchtig, lockere Krone, mäßig holzfrostempfindlich, schlechter Pollenspender

Maunzenapfel

XII-III

nicht für Weinklima, niedriger Zuckergehalt, bewährter Stammbildner, mancherorts ertragsschwach, langlebig, guter Pollenspender

Rheinischer Krummstiel

XI-III

nicht für Höhengebiete, niedriger Säure- und Zuckergehalt, sparriger und hängender Wuchs

Rhein. Winterrambour

XI-IV

nicht für Höhengebiete, starkwüchsig, niedriger Säure- und Zuckergehalt, großfrüchtig, rotbackig, schlechter Pollenspender

Sonnenwirtsapfel

I-IV

nicht für Weinklima, starkwüchsig, ganz niedriger Zuckergehalt, niedriger Säuregehalt, bewährter Stammbildner, mäßige Fruchtqualität

Welschisner

I-IV

nicht für Weinklima, starkwüchsig, niedriger Zuckergehalt,      großfrüchtiger Massenträger, auch auf mäßig trockenen Böden anbauwürdig, wenig spatfrostempfindlich, schlechter Pollenspender

Wiltshire

XI-II

nicht für Weinklima, niedriger Säuregehalt, für regenreiche Landschaften geeignet, Spätblüher, wenig frostempfindlich, auf warmen Böden anfällig für Mehltau, guter Pollenspender

Mostbirnen

Bayerische Weinbirne

X-XI

starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, großfrüchtige Mostsorte, soll gegenüber Feuerbrand resistent sein, schlechter Pollenspender

Gelbmöstler

IX-X

starkwüchsig,           wertvolle Mostsorte, wird rasch teigig, schlechter Pollenspender

Grüne Jagdbirne

X-XII

starkwüchsig, hoher Gerbstoffgehalt, der die Klärung des Gärmostes beschleunigt, schlechter Pollenspender

Kirchensaller Mostbirne

IX-X

sehr starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, bewährter Samenspender für Sämlingsunterlagen, besonders langlebig

Oberösterreichische Weinbirne

X-XII

starkwüchsig, sehr langlebige Mostsorte, bewährter Stamm‑ und Gerüstbildner

Palmischbirne

IX-X

starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, gute Most‑ und Brennsorte, besonders für schwere Böden geeignet, kleinfrüchtig

Schweizer Wasserbirne

X-XI

sehr starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, raschwüchsig, besonders langlebig, mittlerer Qualität, schlechter Pollenspender

Weilersche Wasserbirne

X-XI

niedriger Säuregehalt, wertvolle Mostsorte, straffe, dekorative Krone, besonders langlebig, kleinfrüchtig

Wilde Eierbirne

IX-X

starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, gute Mostbirne, mittlere Früchte, Kurztriebform

Wildling vom Einsiedel

X-XI

starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, ertragreiche, gute Mostsorte, sehr kleinwüchsig, besonders gute Klärwirkung

Walnüsse

Walnuß‑Sorte Nr. 26

X

nicht für Höhengebiete, spätaustreibend, sehr widerstandsfähig gegenüber Krankheiten

Walnuß‑Sorte Nr. 139

X

nicht für Höhengebiete, mittelfrüh austreibend, reichtragend, kompakter Wuchs

Walnuß‑Sorte Nr. 1247

X

starkwüchsig, früher Austrieb, reichtragend

       

 

 

Obstarten‑ und Sortenempfehlungen

Generell gilt für alle Obstarten, daß sie sonnige Lagen (süd‑, südostexponiert)  mit gutem Kaltluftabzug und tiefgründigen Böden bevorzugen.

 

Tabellenerklärung:

 

Spalte I: Pflück‑ und Genußreife

I ‑XII ‑ Monate

1‑6 ‑Kirschwochen

 

Spalte II: Ansprüche an Boden und Lage

A ‑ anspruchslos

B ‑ wenig anspruchsvoll, auch feuchte Böden

C ‑ wenig anspruchsvoll, eher mittelmäßige Böden

D ‑ kräftiger durchlässiger Boden

E ‑ guter warmer Boden und Lage

 

Spalte III: Verwertbarkeit

1.‑ Most

2.‑ Frischverzehr

3.‑ Backen, Mus, Einwecken

4.‑ Lagerung

 

Spalte IV‑ Empfindlichkeit

w ‑ windanfällig

f ‑  frostempfindlich

k ‑ krebsanfällig

r ‑ robuste Sorte

 

Sorte

Pflückreife

Ansprüche

Verwertung

Em­pfind­lich­keit

Bemerkungen

Weißer Klarapfel

VII-VIII                                                             VII‑VIII

B

2.-3

w

Auch rauhe Lagen

Geheimrat Oldenburg

IX‑XII

D

2

k

Keine feuchten Böden

Landsberger Renette

XI‑I

D

2.3

(k)

Keine zu nassen Böden

Baumanns Renette

XII‑III

D

2.4

r

Am besten offener Boden

Goldparmäne

X‑II

D/E

2

Ek

Schorfanfällig

Grahams Jubiläum

X‑XII

D

2‑4

r

Auch rauhe Lagen

Danziger Kantapfel

X‑I

A

2

r

Wenig empfindliche Blüte

Minister von Hammerstein

XII‑III

C

2‑4

r

Massenträger

Rote Sternrenette

XI‑I

B                                                             B

2.3

r

Auch bei hoher Bodenfeuchte

Jakob Lebel

X‑XII

A

2.3

w

Sicherer Träger

Rheinischer Bohnapfel

XII‑V

C

1‑4

r

Auch in Windlagen

Kaiser Wilhelm

XII‑II

C

2.3

r

Kaum Schnitt nötig

Goldrenette von Blenheim

XI‑III

D‑E

2-4                                                             2‑4

k.w

Starker Wuchs

Rhein. Winterrambur

XII‑IV

D

2‑4

r

Besonders wertvolle Sorte

Schöner aus Boskoop

XI‑IV

D

2‑4

f

Frostempfindliche Blüte

Lehrer Rambur

X‑XII

B

1.3

r

Massenträger

Schafsnase

X‑I

A

1.3

r

Altbewährt, ertragreich

Jakob Fischer

IX-X

B

1.3

r

Bewährter Stammbildner

Brettacher

I‑V

D

2‑4

r

Starker Wuchs

Gravensteiner

X-XII                                                             X‑XIIX-XII

D

2.3

f

Keine trockenen Lagen

Gelber Edelapfel

X‑II

C

1.3.4

w                                                             w

Sehr säuerlich

Dülmener Rosenapfel

IX‑XII

D

2.3

w

Ähnlich  „Gravensteiner“

Schöner v. Nordhausen

XI-IV

B

1‑4

r                                                             r

Auch in Windlagen

Brauner Matapfel

X-V

B

1.3.4

r

Altbewährte Sorte

             

 

 

Mostbirnen

Bayerische Weinbirne, X-XI, starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, großfrüchtige Mostsorte, soll gegenüber Feuerbrand resistent sein, schlechter Pollenspender

 

Gelbmöstler, IX-X, starkwüchsig, wertvolle Mostsorte, wird rasch teigig, schlechter Pollenspender

 

Grüne Jagdbirne, X-XII, starkwüchsig, hoher Gerbstoffgehalt, der die Klärung des Gärmostes beschleunigt, schlechter Pollenspender

 

Kirchensaller Mostbirne, IX-X, sehr starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, bewährter Samenspender für Sämlingsunterlagen, besonders langlebig

 

Oberösterreichische Weinbirne, X-XII, starkwüchsig, sehr langlebige Mostsorte, bewährter Stamm‑ und Gerüstbildner

 

Palmischbirne, IX-X, starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, gute Most‑ und Brennsorte, besonders für schwere Böden geeignet, kleinfrüchtig

 

Schweizer Wasserbirne, X-XI, sehr starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, raschwüchsig, besonders langlebig, mittlerer Qualität, schlechter Pollenspender

 

Weilersche Wasserbirne, X-XI, niedriger Säuregehalt, wertvolle Mostsorte, straffe, dekorative Krone, besonders langlebig, kleinfrüchtig

 

Wilde Eierbirne, IX-X, starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, gute Mostbirne, mittlere Früchte, Kurztriebform

 

Wildling vom Einsiedel, X-XI, starkwüchsig, niedriger Zucker- und Säuregehalt, ertragreiche, gute Mostsorte, sehr kleinwüchsig, besonders gute Klärwirkung

 

Walnüsse

Walnuß‑Sorte Nr. 26, X, nicht für Höhengebiete, spätaustreibend, sehr widerstandsfähig gegenüber Krankheiten

Walnuß‑Sorte Nr. 139, X, nicht für Höhengebiete, mittelfrüh austreibend, reichtragend, kompakter Wuchs

Walnuß‑Sorte Nr. 1247, X, starkwüchsig, früher Austrieb, reichtragend

 

Der Brennkirschenanbau erstreckt sich bin 600 Meter, in wärmeklimatisch bevorzugten Regionen bis 700 Meter. Säuregehalte bleiben unberücksichtigt. Die Genußreife wird mit „Kirschenwoche“ angegeben.

 

 

 

Allein im deutschsprachigen Raum gibt es rund 1.800 Apfelsorten ‑ lediglich etwa 800 sind detailliert beschrieben ‑ dennoch eine außergewöhnliche Vielfalt, wenn man be­denkt, daß im Handel nur etwa 25 bis 30 unterschiedliche Apfelsorten angeboten werden.

Der Berner Rosenapfel, die Ananasre­nette, die Champagner Renette, der Brau­ne Matapfel, Ditzels Rosenapfel, der ge­flammte Kardinal, die Himbacher Grüne, der Rote Trierer Weinapfel, die Schafsna­se, der Winterzitronenapfel, um nur einige wenige der heimischen alten Apfelsorten aufzuzählen.

Beim Obst geht es zu wie bei der Kleidung: Es kommt auf die Mode und den guten Geschmack an. Vor 20 Jahren bissen die Deutschen noch be­vorzugt in grüngelbe Äpfel wie den „Gol­den Delicious“, heutzutage sind eher Sorten wie „Jona Gold“ beliebt, berichtet Erika Krüger aus der Obstforschungsab­teilung der Forschungsanstalt für Wein­- und Gartenbau in Geisenheim im Rheingau.

 

Seit zehn Jahren baut Dieter Merz in der Wetterau biologisch Obst an. 90 verschie­dene, teilweise seltene Apfelsorten betreut der 44jährige Gemeindearbeiter auf sei­nen sechs Streuobstwiesen. Auf einer De­monstrationsanlage können zukünftige Biobauern von ihm lernen. Fast liebe­voll hält Dieter Merz den „Schönen aus Nordhausen“ in der Hand. „So soll er sein, rund und knackig“, sagt er und legt den großen Apfel in den Korb. Dieter Merz ist Obstbauer. Seit 10 Jahren pflanzt er in der Wetterau seltene Apfelsorten im Bio­anbau an. Mit seinen Apfelbäumen scheint er tief verbunden. Er pflegt sie, wenn sie Schorf vom Frost haben oder an Krebs erkran­ken. Er verjüngt sie durch richtige Be­schneidung und hält ihnen die Feinde ‑ Holzbohrer und Wühlmäuse ‑ vom holzigen Leibe.

Am Wochenende beginnt die Apfel­ernte. Für Familie Merz heißt das: Rund 550 Bäume auf sechs verschiedenen Streuobstwiesen wollen abgeerntet wer­den. Dann rücken alle ihren großen Kör­ben aus. Sechs bis acht Wochen lang wird geerntet. Solange, bis alle rotbackigen Ap­fel vom Boden aufgelesen sind. Auch vor der Erntezeit ist Dieter Merz fast jeden Tag auf seinen Wiesen. „Irgend­etwas gibt es immer zu tun“ sagt er. Und er muß nachschauen, ob seine zwölf Bie­nenvölker zufrieden sind. Denn ohne zu­friedene Bienen gibt es keine oder nur wenig Äpfel.

In Bergheim aufgewachsen hat sich der 44jährige vor zehn Jahren seinen Kind­heitstraum verwirklicht: Er pachtete fünf alte Streuobstwiesen von der Gemeinde. 250 Altbäume, teilweise über 80 Jahre alt, hat er übernommen, rund 300 neue Bäu­me hat er gepflanzt.

In sechs langen Reihen stehen die neuen Bäumchen. Dazwischen prangen auf kleinen Metallschildchen ihre phanta­sievolle Namen wie „Geflammter Kardinal“, der „Schöne aus Nordhausen“ oder „Ingrid-Marie“. Über 50 Sorten baut Dieter Merz an, alle garantiert ungespritzt im kontrol­lierten Biolandanbau.

Bei der Bestimmung der schon vorhan­denen Apfelsorten holt sich Dieter Merz sich Rat bei einem Pomologen. „Wir haben so­gar einen Ditzel‑Rosenapfelbaum ent­deckt, der ist in keinem Buch zu finden“, sagt er. Auch der „Dorheimer Streifling“, eine schon verloren geglaubte Apfelart, fand auf den Streuobstwiesen in Berg­heim eine neue Heimat. Ein „Pomologe“ heißt außerhalb des Fremdwörterbuches „Obstsortenkundler“ und ist, im Gegensatz zu seinen Studien­objekten, ziemlich rar. 380 Mitglieder zählt der Pomologen‑ Verein deutschland­weit. Der Vorsitzende Norbert Clement lebt in Hohe Leuchte 20, 35037 Marburg.

Die „Schöne von Miltenberg“ liegt Norbert Clement aus Marburg besonders am Herzen. Seit drei Jahren sucht er fieberhaft nach ihr. Einmal begegnete er ihr im vergangenen Oktober. Sie hing an einem Baum in der Rhön. Mit glänzend roten Backen auf gelber Haut ist sie eine beson­ders aromatische, uralte Apfelsorte, die schon vor 200 Jahren in den Garten‑Büchern des „Ap­felpfarrers“ Johann Ludwig Christ aus Kronberg erwähnt wurde.

Der Agraringenieur Clement, Vorsitzender des Pomologen‑Vereins aus dem sächsischen Aue, weiß: Die alten Apfelsorten mit Namen wie „Hochzeitsapfel“, „Korbacher Schmierläpp­chen“, „Odenwälder Krummstiel“ oder „Roter Eiserapfel“ sind den Supermarkt‑Früchten wie „Granny Smith“ oder „Golden Delicious“ haus­hoch überlegen. Sie schmeckten nicht nur besser, sie seien auch meist viel resistenter gegen Krankheiten und müßten deshalb nicht etliche Male im Jahr gegen Krankheiten und Schädlin­ge mit der chemischen Keule behandelt werden.

Landauf, landab tönen aus den Gartenämtern Appelle, man möge bei Neuanpflanzungen in Grünanlagen oder im Garten auf „einheimische Sorten“ zu­rückgreifen. Ähnlich klingen Argumente bezüglich des Anbaus von heimischen Obstbäumen. Offenbar entwickelt sich ein Bewußtsein, das sich im eingeschränkten Maße am gleichen Leitbild orientiert wie der Denkmalschutz: Das, was früher war, zu erhalten.

„Mit unserer Arbeit bemühen wir uns um die Bewahrung von Kulturgütern“, umreißt Norbert Clement den Rahmen, in dem der Verein, dem er seit 1995 vorsitzt, seiner Meinung nach tätig ist: Pomologen­verein e.V. Dessen Logo zeigt den Quer­schnitt eines Apfels. Natürlich denkt je­der, der „Pomologe“ hört, an Äpfel. Doch das Gebiet der Pomologie erstreckt sich auf einen ganzen Obstsalat aus Kern‑, Stein‑ und Beerenfrüchten (mit Ausnah­me der Erdbeeren).

Der Verein gründete sich 1991 „in der Tradition des Deutschen Pomologenver­eins“. Den gab es von 1860 bis 1919, dann war die populäre Phase der Pomologie ‑ die zweite Hälfte des vorigen Jahrhun­derts ‑ endgültig vorbei, erzählt Cle­ment. Damals habe man „Vielfalt ge­schätzt und sie gefördert“, Pomologien (in etwa: Obstfibeln) aus jener Zeit zählten bis zu 800 verschiedene Apfelsorten in Deutschland. Bis nach dem Zweiten Welt­krieg seien die auf rund 40 Sorten redu­ziert worden. Clement zufolge war der Tiefpunkt erreicht, als um das Jahr 1922 herum „Ontario“, „Jakob Lebel“ und „Rheinischer Bohnapfel“ zu den drei „Reichshauptsorten“ erkoren wurden.

Clement, der sich seinen Dr. sc.agr. auf dem Gebiet des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaus und seine Pomologie‑Kennt­nisse im Selbststudium erworben hat, schätzt die Zahl der hessischen Lokalsor­ten auf etwa 50. Die schmecken besser. „Nichts gegen einen Golden Delicious ‑  aber daraus läßt sich kein guter Wein ma­chen.“ Aus lokalen Sorten, sagt Clement, entstehe leckerer Apfelwein; die seien von Natur aus tendenziell sauer und müssen daher mit wenigen bis gar keinen Zusatz­stoffen behandelt werden. Mittlerweile seien deswegen auch die großen Ebbelwei­-Abfüller ganz scharf auf original hessi­sche Äpfel.

Mitunter sind das sogenannte „Hofsorten“, die nur auf einzelnen Bauernhöfen wuchsen. So seien etwa nur zwei Bäume bekannt, an denen Exemplare des „Sos­senheimer Roten“ hängen. Hat man eine alte Sorte erst einmal gefunden, kann man sie mit Hilfe von Reisig vermehren.

 

Bis man sie findet, und darum bemüht sich ein Pomologe, muß man seine fünf Sinne einsetzen. „Hören, sehen. riechen. schmecken, fühlen: Mehr muß ein Obst­kundler nicht können, um eine Sorte zu bestimmen“, sagt Clement. Ein „geschultes Gedächtnis“ brauche er noch, um die Er­gebnisse ‑ Farbe, Form, Geschmack, Eigenart des Kerngehäuses ‑ einzuordnen. Doch auch wenn es keiner Instrumente dazu bedarf. „Die Sortenbestimmung bei Äpfeln ist noch schwieriger als bei Grä­sern.“ Sich die Fähigkeit zur Bestimmung anzueignen, resultiere am ehesten aus einem Meister‑Schüler‑Verhältnis, meint Clement. Um etwas bedrückt anzu­fü­gen, daß es bundesweit gerade mal fünf Personen gebe, die im Hinblick auf Apfel „wirklich was können“. Bei Kirschen schätzt Clement die Zahl auf eins, bei Bir­nen auf zwei.

 

Die ersten von 250 Wildäpfel ­und Wildbirnbäumen hat im März 1999 Erster Kreis­beigeordneter und Naturschutzdezernent Rainer Schwarz (CDU) im Bereich des Forstamtes Nidda gepflanzt. Die garan­tiert sortenreinen Bäume stammen von der Hessischen Landesanstalt für Forst­einrichtungen, Waldforschung und Wald­ökologie in Hannoversch‑Münden, die sich seit 1987 um den Erhalt und die Förde­rung von Wildäpfeln und ‑birnen in Hessen bemüht.

In einem Sonderprogramm werden die Altbäume im Land gesucht und anhand äußerer Merkmale überprüft. Bisher wur­den in Hessen 64 Wildapfelbäume und 68 Wildbirnbäume entdeckt. Die Wildobst­bäume überleben nur noch dort, wo der Lebensraum nicht wirtschaftlich genutzt wird und sie konkurrierenden Baumarten überlegen ind. Das sind in der Regel Waldränder und sonnige und trockene Standorte. Die einzelstehenden Altbäume können wegen des Polleneintrages von Kultursorten nicht über Saatgut ver­mehrt werden. Deshalb werden die Bäu­me von der Landesanstalt für Forstein­richtung, Waldforschung und Waldökolo­gie durch Pfropflinge und Stecklinge un­geschlechtlich vermehrt. Die Landesan­stalt hat vier Erhaltungsplantagen in Hessen angelegt, in denen die Bäume wie­der auf natürliche Weise Nachkommen produzieren sollen.

Im Wetteraukreis sollen die nachgezüchteten 250 sortenreinen Wildäpfel­ und Wildbirnbäume unter der Obhut der Forstämter Nidda und Butzbach sowie in den Gemarkungen der Städte Karben und Ortenberg und den Gemeinden Alten­stadt, Florstadt, Reichelsheim, Wöllstadt und Wölfersheim Wurzeln schlagen. Die jeweiligen Naturschutzgruppen beteiligen sich an der Pflanzung und Pflege.              

 

Äpfel so, groß wie ein Fußball! Welcher Gartenbesitzer träumt nicht davon. Angeboten wird dieser Riesenapfel von der Firma Fenzl, Weinbergstraße 22, 93413 Cham. Bis zu zwei Kilogramm schwer können diese Äpfel der Sorte Manga Super werden. Entdeckt durch Zufalls­mutation 1934, wird diese Sorte seit 32 Jahren in Deutschland ange­boten. Der Apfel ist festfleischig, bestens lagerbar und bekommt we­der Schorf noch Mehltau. Den kos­tenlosen 54‑seitigen Farbkatalog AZ mit vielen uralten Sorten gibt es gratis (Tel. 09971/1558, Fax: 09971/9187; im Internet unter: www.obstbaeume,de).

 

Birnen

Wenige Formen der Natur sind uns so vertraut wie die der Birne. Wer aber verbindet heute noch den Begriff Birne mit dem Geschmack und dem Aroma der einst so beliebten Frucht? Keine Frage, das in früher Zeit so hochangesehene Obst, das im 17. Jahrhundert aus den Gärten der Schlösser und Klöster in die Gärten der Burger und Bauern gelangte, droht zu verschwinden. Längst haben andere Obstsorten der Birne den Rang abgelaufen.

Birnbäume sorgten nicht nur für leckeres Obst, sie prägten mit ihren markanten Baumgestalten auch die Landschaft. Gerne wurden sie als Hausbaum gepflanzt, erreichen sie doch mit weit mehr als 100 Jahren ein für Obstbäume stattliches Alter. Aus den wilden Vorfahren der Birne (Pyrus salicifolia, Pyrus spinosa, Pyrus syriaca und Pyrus elaeagnifolia ‑ allesamt in Vorder‑ und Mittelasien beheimatet) wurden im Lauf der Jahrhunderte unzählige Varietäten gezüchtet ‑ eingeflossen ist in die Züchtung wohl auch die heimische Holzbirne (Pyrus pyraster). Allein im Alpenraum gibt es mehr als 2.000 Birnensorten, und bis zur Nordseeküste sind in Deutschland im Laufe der Zeit hunderte lokale Sorten entstanden.

Heute verschwindet diese Vielfalt. Der Erwerbsobstbau hat sich schon früh auf einige wenige erntestarke Garanten konzentriert. Nur in Privatgärten, auf Streuobstwiesen oder entlang der Straßen hielten sich die weniger ertragreichen Bäume sowie die Most‑ und Wirtschaftsbirnen. Gründe für den Niedergang der Birne zu finden fällt leicht. Und es sind keineswegs nur Krankheiten wie der Birnengitterrost (Gymnosporangium sabinae) und der Feuerbrand (Erwinia amylovora), die zum Niedergang des einstmals so beliebten Kernobstes geführt haben. Die Hauptursache für das Verschwinden der Birnbäume sieht Walter Hartmann, Obstfachmann von der Universität Hohenheim, im veränderten Verbraucherverhalten und im Wandel der Vorratshaltung. Im Gegensatz zum Apfel ist die Birne nicht so gut zu lagern, und die früher üblichen Methoden wie das Dorren oder Einkochen sind aus der Mode gekommen.

Nicht nur aus nostalgischen Gründen machen sich Wissenschaftler wie Hartmann auf die Suche nach verschollenen alten Sorten.

Gemeinsam mit dem Landesverband Obstbau, Garten und Landschaft in Baden‑Württemberg sucht man etwa nach der „Virgouleuse“, einer alten Sorte, die schon im 17. Jahrhundert bekannt und besonders in Baden verbreitet war. Oder dem „Scheiberling“, der als eine der ältesten einheimischen Sorten gilt. Die Obstgärtner an der Universität in Hohenheim haben mittlerweile über 350 Birnensorten gesammelt und sind so in der Lage, Edelreiser an Interessierte weiterzugeben. Für den Obstbau ist die Genreserve, die in den alten Obstsorten verborgen ist, unverzichtbar. Die robusten lokalen Sorten sind bestens an Klima, Niederschläge und Bodenverhältnisse angepaßt. Aber der Wissenschaftler bricht auch eine Lanze für die geschmacklichen Qualitäten, die viele der alten Sorten auszeichnen. Hier trifft sich das Interesse der Forscher mit dem der Gourmets.

Der Verein „Slow Food“ will mit der „Palmischbirne“ und der „Champagner Bratbirne“ gleich zwei der alten Birnensorten in seine „Arche des Geschmacks“ aufnehmen. Gemeinsam mit anderen bedrohten Regionalsorten stehen diese Arche‑Arten für kulturgeschichtliche und kulinarische Besonderheiten, deren Verschwinden droht. Beides sind ehemals gefragte Mostbirnen, und wenn man Jörg Geiger hört, dann hat die Bratbirne ihren Ruf als Mostbirne zu Recht. Sie ist, sagt er, hervorragend zum Mosten geeignet. Derzeit muß sich der Gastronom und Brenner, der aus den Mini‑Birnen einen moussierenden Wem herstellt, gegen die unerbittlichen Gralshüter aus der Champagne zur Wehr setzen. Die zögen gegen alles, was sich Champagne oder Champagner nennt, vor Gericht. Ein Schlag ins Gesicht für die Bemühungen um die traditionellen Obstsorten. Das empfindet nicht nur Geiger, sondern auch Streuobst‑Experte Markus Rösler vom Naturschutzbund (Nabu), dessen Organisation den Gastronomen aus dem Schwäbischen in dem Rechtsstreit unterstützt.

Obstwiesen ohne Birnen waren früher undenkbar. In Reinheim am nördlichen Odenwaldrand wurden sie neben der Produktion von Dörrobst zum Mosten und zum Musen genutzt. Auch diese Verwendung gerät in Vergessenheit. Früher stellte man Latwerge aus Zwetschgen oder aus Birnen her. Selbst die früher häufige lokale Mostbirne, die es in einer „roten“ und einer „weißen“ Variation in den Obstgärten gab, findet sich nur noch in Einzelexemplaren. Im Odenwald sieht Jürgen Schulz die Birne vor dem Aus, dabei, so der Berater von Gartenbauvereinen, waren Most‑ und Wirtschaftsbirnen prägender Teil der Kulturlandschaft ‑ heute sind sie verschwunden oder in jämmerlichem Zustand.

Für Walter Hartmann ist der Erhalt der Obstbäume eine Frage der Vermarktung regionaler Spezialitäten. Gerade alte Sorten sind bei Obstbrennern gefragt, dazu zählen die früher in Odenwald und Spessart weitverbreitete Sorte „Mollebusch“ oder eben die „Champagner Bratbirne“. Der Obstbaufachmann aus Hohenheim verweist auf das Mostviertel in Oberösterreich, wo Hochstamm‑Birnbäume zentrales Element im Tourismus‑Marketing sind.

Wer sich für die Birne entscheidet, der findet mittlerweile wieder ein breites Angebot. Neben der so bekannten „Williams“ und vielen Neuzüchtungen stehen bewährte Namen wie „Clapps Liebling“, „Gute Luise“ oder „Frühe von Trevoux“. Lokale Sorten aus der Pfalz bietet die Baumschule Ritthaler an. Mostsorten wie die „Frankelbacher Mostbirne“ oder die „Seitersbirne“ aus dem Pfälzer Wald, aber auch Tafelbirnen wie das „Abrahamchen“ oder den „Pankratius“. Mit dem „Scheiberling“ hat man eine der ganz alten Sorten im Angebot.

Umfang reich ist auch das Sortiment der Baumschule Brenninger in Oberbayern. Gelbmöstler aus dem Voralpenraum bietet sie an, schwäbische Mostbirnen wie die „Stuttgarter Gaißhirtle“ und die „Fellbacher Weinbirne“, aber auch Tafelbirnen wie „Katzenkopf“ und „Kuhfaß“. Selbst weit im Norden der Republik hat die Birne ihre Liebhaber Eckart Brandt betreibt nahe Hamburg sein Boomgarden‑Projekt ‑ im Sortiment hat er alte, in Hamburg und Holstein früher geläufige Sorten. Hier wurde die Birne vor allem zum Kochen verwandt ‑ für Birnen, Bohnen und Speck, klar, aber selbst dem Grünkohl setzte man Birnen zu.

Neuigkeiten für den Garten gibt es auch bei den Birnen. Die über 200 Jahre alte „Gute Luise“ hat ernst zu nehmende Konkurrenz bekommen. „Uta“ überzeugt durch kräftiges Birnenaroma und ist kaum krankheitsanfällig. „Harrow Sweet“ stammt aus Kanada. Die Früchte schmecken besonders würzig und die Sorte ist noch widerstandsfähiger gegen den gefürchteten Feuerbrand. „Concorde“ ist eine Kreuzung aus der beliebten „Conference“ und der köstlichen „Vereinsdechants“, hat ebenso zart‑schmelzendes Fruchtfleisch wie letztere, bleibt dabei aber knackig. Damit Birnbäume klein bleiben und nicht so mächtig werden wie die Veteranen auf den alten Streuobstwiesen, pfropft man die Edelsorte in der Baumschule auf eine Quittenunterlage. Geschmack und Fruchtqualität wird durch die Quitte positiv beeinflußt, doch dafür sind die Bäumchen nun empfindlicher und stellen höhere Ansprüche an Klima und Bodenbeschaffenheit. Vor allem in den ersten drei Standjahren ist eine dicke Mulchschicht aus Laub oder Stroh als Winterschutz dringend geraten.

Von März 2003 an bieten Brandt und seine Kollegin Ulrike Cohrs wieder Hochstämme der Sorten: „Reitmannsbirne aus Kehdingen“, die „Winter‑Wrietbirne“ oder die „Stoppbee“. Hanseatische Besonderheiten eben.

 

ADRESSEN

Boomgarden, Eckart Brandt, Hof Königsmoor, Im Moor 1, 21712 Großenwöhrden, 04775‑538, www.boomgarden.de

Baumschule Ritthaler, Dietschweilerstraße, 66882 Hütschhausen, 06372‑5880, www.baumschuleritthaler de

Baumschule Brenninger, Hofstarring 2,

84439 Steinkirchen, 08084‑259901, www.brenninger.de

AK Streuobst des Landesverbandes Obstbau, Garten und Landschaft (LOGL) in Baden‑Württemberg, Klopstockstr. 6, 70193 Stuttgart, 0711‑63‑2901, fax ‑8299

Literatur: Walter Hartmann: Farbatlas Alte Obstsorten, 2000 Ulmer Verlag Stuttgart, 320 Seiten, 278 Farbfotos, 19,90 Euro.

 

 

Speierling

Der Speierling gilt als einer der urwüchsigsten und schönsten Solitär­bäume und fand sogar 1993 als „Baum des Jahres“ seine Anerkennung. Der Speierling wurde erstmals im 12. Jahrhundert er­wähnt. Frühere Fachbücher wie der 1485 erschienene „Garten der Gesundheit“ des Frankfurter Stadtarztes von Cube kennen Speierling als Medikament gegen Magen‑ und Darmkrankheiten. Wegen ihres hohen Gerbstoffgehalts (Tanningehalt) war Speierling eine Hausmedizin  gegen Durchfall, Ruhr und Erbrechen - davon hat der Baum auch seinen Namen.

Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb der Kronberger Oberpfarrer Christ in einem sei­ner vielen Bücher zum Obstanbau. Der Speierling sei vor allem bei den Frankfurter Juden beliebt gewesen. Er empfiehlt aber auch das Zusammenkeltern mit Äpfeln zu einem „sehr vorzüglichen Zider“ und das ist die älteste bekannte Erwähnung dieser Getränkspezialität in der Literatur.

Wie viele andere Pflanzen soll auch der Speierling ursprünglich aus dem asiatischen Raum kommen oder aus dem nördlichen Mittelmeerraum und im Balkan. Der Speierling ist ein submediterranes Gewächs. Seit der Antike wurden die Früchte als Nahrungsmittel geschätzt und die Baumart kultiviert. Die Römer führten den Speierling als Obst nördlich der Alpen ein.

Über Frankreich durch das Rhonetal oder über den Jura kam er bereits vor 10.000 Jahren nach der letzten Eiszeit aus dem Mittelmeer­raum nach Südwest­deutschland . Seine nördliche Verbrei­tungs­grenze sind die Kalkgebiete des Thüringer Waldes, Süd‑ Niedersachsens, der Mainraum und der Mittelrhein. Un­klar ist, ob die nördlichen Exemplare Überbleibsel der Wärmezeit vor etwa 1000 Jahren oder verwilderte Nachkommen römischer Anpflanzungen sind.

Im Mittelalter war der Speierling ein wichtiges Kulturgehölz. Die Früchte sind erst im überreifen Zustand eßbar. Der gerbstoffreiche Saft der unreifen Früchte wird manchmal in geringen Mengen von dem Apfelwein zugefügt. Dieser haltbare, herbe Apfelwein wird verkürzend Speierling genannt und ist eine Spezialität im Frankfurter Raum. Heute werden sie zu Mus, Marmeladen und zu Speierlingsbrand verarbeitet.

 

Der Speierlingbaum bevorzugt trocken‑warme Kalk‑ und Basaltstand­orte in klima­tisch günstiger Hanglage. Er kommt einzeln oder in Gruppen zerstreut in lichten Wäldern vor, ist aber auch einzeln auf Streuobstwiesen oder an Weinbergshängen anzu­treffen. Allerdings ist die Verbrei­tung der seltenen Bäume lokal begrenzt, denn nur in Gebieten, in denen viel Apfelwein hergestellt und getrunken wird, ist die herbe Frucht von Bedeutung.

Botanisch heißt er „rosaceae ‑ sorbus domestica“. Er ist kein Apfel­, er ist den Ebereschen verwandt wie die Vogelbeere. Daran erinnern auch die gefiederten Blätterripsen des mächtigen Baumes. Zu seiner Familie gehören die populäre Vogelbeere, die von  Möbelschreinern hochgeschätzte Elsbeere und die sehr seltene, auch in höheren Lagen wachsende Mehlbeere.

Der Speierling wird bis zu 30 m hoch. Er beeindruckt durch eine weitausladende, bis zu 40 Meter breite Krone und einen Stamm mit bis zu 140 Zentimeter Durchmesser und einem Umfang von vier bis fünf Metern. Er wächst nur sehr langsam und kann 200 oder 300 oder gar 400 Jahre alt werden. In Kronberg soll es einmal ein Speierling auf 500 Jahre gebracht haben. Es gibt Berichte von angeblich tau­sendjährigen Exemplaren..

 

Der Baum ist eine prachtvolle Erscheinung: Im Mai treibt er massenhaft weiße Blüten und schafft damit eine der frühesten Bienenweiden des Jahres, daß es nur so summt und brummt. Im Spätsommer liefert er vielfältig verwertbare Früchte. Im Herbst lockt das dichte Blätterdach mit seinen ockerfarbenen Leuchtfar­ben Spaziergänger an und entzückt sie.

Der Speierling liefert Menschen Tieren im Herbst vitaminreiche Früchte. Sie wachsen bündelweise und werden 15‑20 Millimeter groß, aber auch vier bis fünf Zen­timeter groß. Sie  sehen rotbackigen bis gelbgrünen Äpfelchen oder Birnen ähnlich. Sie sind sehr sauer und gerbstoffhaltig, später werden sie teigig. In einer Erntezeit liefert er bis zu sechs Zentner an Frucht.

 

Das Holz des Speier­lings ist sehr zäh, reißfest und strapa­zierfähig. Er  liefert Tischlern, Drechslern und Furnierkünstlern ein hartes und feinporiges Edelholz, das auch für Kelterspindeln, Achs­räder, Weinpressen und Zahnräder im Mühlenbau verwendet wurde. Speierling‑Holz zum Material für die Maschinen des Mittelalters gemacht. Aus dem farblich der Birne ähneln­dem Holz wurden auch Musikinstrumente, La­ger für Maschinen, Schrauben, Schraubgewinde und Hobel hergestellt. Auch Kämme können hergestellt werden, angenehm samtig anzufühlen. Heute spielt der Stamm auf dem Holzmarkt wirtschaftlich keine Rolle. Nur Liebhaber treiben neuerdings den Preis für das glei­chermaßen rare wie feine Holz hoch, also je nach Wuchs und Stärke zwischen 1.000 und 1.5 000 Mark pro Festmeter.

Gerbsäure enthält der gesamte Baum, und sie wirkt in ihm als natürliche Holzschutz‑Imprägnierung. Wie die pflanzeneigene Gerbsäure den Trank vor Verderb bewahrt, so schützt sie das lebende Gewächs gegen Pilze‑ und Fäulnis. So erreichen die Bäume leicht ein sehr hohes Alter.

 

Speierling auch ökologisch von großer Bedeutung. In den Höhlen der alten Bäume brüten gefährde­te Vogel­arten wie der Steinkauz und der Wendehals. Der größte Knüller sei eine Hohltaube gewesen, die in einem Exem­plar der vor zwei Jahren zum „Baum des Jahres“ erkorenen Sorbus domestica in Maintal nistete. Dort, in Hochstadt, steht auch das älteste bekannte Exemplar der Region: 300 Jahre soll es zählen.

 

Ende der siebziger Jahre haben deshalb hiesige Mitglieder der Deutschen Den­drologischen Gesellschaft eine umfang­reiche Untersuchung seines Vorkom­mens im Rhein‑Main‑Gebiet ins Werk­ gesetzt. Gut 300 Exemplare fanden sie in dieser früheren Hochburg gerade nur. Und noch bevor ihre Arbeit in Druck ging, mußten sie zum Beispiel erfahren, daß jene Siebenerreihe, die sie an der Landstraße zwischen Langen und Offenthal bewundert hatten, gerade gerodet werde. Sie sahen allenthalben ein­ige eindrucksvolle alte Bäume. Aber das freute die Botaniker, meist Professoren der Johann Wolfgang Goethe‑Universität, nicht unbedingt, machte es doch das Fehlen junger um so deutlicher. Und keine Baumschule hatte Nachwuchs im Sortiment.

 

Heute sind die Bäume meist überaltert und der Nachwuchs fehlt. In einem forstwirtschaftlichen Werk von 1832 wurde der Speierling noch als „häufig vorkommend“ ge­kennzeichnet. Heute hat er wegen seiner geringen Zahl die Fähigkeit verloren, sich genetisch ohne fremde Hilfe natürlich fortzupflanzen. Daß sich der Speierling trotz reicher Samenbildung nicht mehr ausreichend natürlich verjüngt, liegt aber auch an den Mäusen, die über Winter fast alle Kerne verzehren, an Pilzen, die die übriggebliebenen Keimlinge vernichten, am Wild, das die wenigen erfolgreichen Jungbäume verbeißt und schließlich an der gnadenlosen Konkurrenz durch schnellwüchsigere Baumarten. Die Tatsache, daß es 20 Jahre lang dauert, bis er die ersten Früchte trägt, scheut auch so manchen Obstbauern vor dem Neuanbau. Nachpflanzung ist auch eine Kostenfrage. 250 Mark für einen einzigen Baum werden im Forstbe­trieb so leicht nicht investiert. Bis vor einem Jahrzehnt hat sich auch so gut wie kein Forstwirtschaftler für den Speierling interessiert. Waldarbeiter haben die wenigen jungen Stämme häufig für Ei­chen gehalten und bei Durchforstungen flachgelegt.

 

Heute ist das anders. Der Speierling hat Freunde und Beschützer in vielen Forstämtern und gewinnt fortwährend neue in Garten‑ und Parkämtern hinzu. Bürgermeister genießen die öffentliche Aufmerksamkeit bei symbolischen Speier­lings‑Pflanzungen in Grünanlagen oder sichern sich ihren Eintrag ins Geschichtsbuch der Stadt dadurch, daß sie eine neue Wohnsiedlung rücksichtsvoll um einen al­ten Speierling herum wachsen lassen.

Der emeritierte Forstwissenschaftler Wedig Kausch‑Blek­ken von Schmeling gründete 1994 zusammen mit dem Frankfurter Kelterer Günther Poss­mann den „Förderkreis Speierling“, dem sich heute über hundert Menschen verbunden füh­len. Es sind Förster und Dendrologen, Edelschnapsbrenner und Schreiner, Künstler, Waldökologen und Baumgart­ner. Sie verstehen sich als Lobbyisten eines ungewöhnlichen Baumes, der sich mal im Laubwald versteckt, mal als Feld­speierling die Flur dominiert.

Vor­sitzender des Förderkreises ist Günther Possmann, Schriftführer Professor Wedig Kausch‑Blecken von Schmeling. Der Förderkreis nennt Bezugsquellen für Jungbäume und Saatgut aus qualifizierten Baumschulen sowie Adressen von Handwerkern und Künstlern, die Speierlingsholz verwerten, und von Destillateuren, die Sorbus‑Früch­te veredeln.

Professor Kausch-Blecken ist ein guter Freund dieses Baumes. Noch als Professor in Göttingen setzte er durch, daß der Speierling 1993 „Baum des Jahres“ wurde. Ende April 1999 zog der Förderkreis „Speierling“ bei seiner Tagung in Bingen rückschauende Bilanz. „Der Speierling wird die nächsten 200 Jahre überstehen, seine Zukunft ist gesichert“, versprach

Eine Wiederkehr des Baumes wäre auch im Rahmen der Aufforstung denkbar. Denn zur Wild­fütterung ist der Baum viel besser geeignet als beispiels­weise die artverwandte Vogelbeere. Wildmägen vertragen die herab­gefallenen sauren Krotzen sehr wohl. Vogelbee­ren werden dagegen immer nur allein ein Raub der Vögel. Mit Speierling aber holen sich selbst Amseln gern einen Schwips.

 

Auf Initiative der Frankfurter Sparkasse von 1822 sprang die Wirtschaft des Landes ein, um Geld zu beschaffen. Unter Leitung des Na­turschutz‑Zentrums Hessen übernimmt jedes Jahr ein anderes Unternehmen die Patenschaft für einen der Pflegefälle. Im Jahr 2000 zahlt die Rödelheimer Apfelweinkelterei Possmann die fachgerechte Fürsorge an dem Ockstädter Speierling und sieben weiteren markanten Speierlingen, die zwischen Main und Taunus alt geworden sind.

 

Aufwendig und teuer ist aber nach wie vor die Herstellung des Speierlings. Denn erstens kosten die Speierling‑ Früchte derzeit zwischen 80 und 90 Mark pro Zentner. Ein Liter gepreßter Saft kostet  80 bis 100 Mark. Große Schwankungen bei den Ernteerträgen und die Schwierigkeiten der Ernte an sich bewirken ein übriges. Und schließlich kann die trockene Ge­schmacks­richtung bereits mit chemischen Zu­sätzen erreicht werden. Aber der Preis für den naturreinen Speierling ist gerechtfertigt, weil Speierling‑Bäume  selten geworden sind und die Früchte per Hand von den oft mehr als 20 Meter hohen Bäumen gepflückt werden müssen. Ende August oder Anfang September werden die noch nicht ganz ausgereiften speibitteren Früchte gepflückt. Denn die Früchte müssen gepflückt werden, man darf nicht war­ten bis sie herabfallen. Die gewünschte Säure haben nur die frischen Früchte. Ihr Säuregehalt ist zu dieser Zeit am höchsten.

 

Früchte werden dann in die Kelterei geliefert. Im Wasserbad werden sie gereinigt und anschließend in einer speziellen Mühle zerkleinert und ausgepreßt. Die Produktionsk­osten belaufen sich auf etwa 8 bis 9 Mark pro Liter Speierling‑Saft. Der Saft wird dann in Kanistern kühl gelagert, um ein vorzeitiges Gären zu verhindern,

Etwa zwei Prozent des Saftes werden vor dem Kelterungsprozeß dem neuen Apfelwein zugesetzt. Mehr wäre erstens zu teuer, zweitens würde ein höherer Anteil „dem Getränk nichts Gutes tun“. Auch die althessischen Kelterer haben sich an dieses Rezept gehalten.

Dieser geringe Zusatz bewirkt eine bessere Haltbarkeit. Dies war entscheidend, als es die heutigen Kühl­möglichkeiten noch nicht gab. Der Zusatz von Speierlingsaft bewirkt auch eine schnellere Klärung und gerbstoffreicheren Geschmack. Das Klären ist allerdings im Zuge des neuen „Naturtrüb‑Trends“ gar nicht mehr so gefragt. Im Zeitgeschmack liegt dafür heute das herbe Aroma der Früchte.

Das Ergebnis ist dann eine fruchtig­herbe Note, die ein besonderes Geschmackserlebnis bedeutet und bei Apfelwein‑Liebhabern besonders geschätzt wird. Der Bischofsheimer Kelterer Jörg Stier ver­deutlicht den Unterschied zum naturtrüben Appel­woi mit einem Vergleich zwischen Pils und Export, auch wenn er ein „wenig hinkt“.

 

Die Früchte sind für Men­schen fast ungenießbar. Wenn man in eine unreife Frucht beißt, zieht einem die Gerbsäure wahrlich die Socken zusammen. Noch nach Tagen spürt man das im Mund wegen der Bitterstoffe. Sind die Früchte reif und weich, so ist der Gerbstoff chemisch in eine unlösliche Form überführt, wodurch das Obst überhaupt erst genießbar wird, statt nur den Mund zusammenzuziehen.

Eine reife Frucht aber ist süß wie eine Praline, we­gen ihren hohen Zuckergehalts. Dieser  Zuckerge­halt dient dem Edelbrand. Aus den Früchten kann ein köst­lich duftender Edelbrand gewonnen wer­den. Ende September, Anfang Oktober reifen die Früchte aus und sind dann überraschen­derweise zuckersüß. Das wissen nicht nur die Wespen und Vögel, sondern auch die Edel‑Destillateure. Sie brennen aus den vergorenen Speierlingsfrüchten einen ebenso unvergleichlich köstlichen wie kost­baren Brand. Speierling­schnaps schmeckt „wie En­zian aus dem Himmel.“

Außerdem: Feinschmecker preisen den feinen Geschmack der Marme­laden aus dem pürierten Mus der Früchte.

Bei der Jahrestagung 1999 des Förderver­eins „Speierling“ stellten sich 15 Obstbrenner aus Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz einer Verkostung nach den Richtlinien der Deutschen Landwirt­schaftsgesellschaft (DLG). Den Spitzenbrand lieferte ein junger Destillateur aus Niederosterreich, knapp vor einem Konkurrenten aus Luxemburg. Den dritten Platz aber sicherte sich ein Kronberger Frühpensionär, der bei einem hessischen Lohnbrenner destillieren ließ.

 

Standorte:

Etwa 4.000 Bäume gibt es in Deutschland. Im Rhein‑Main‑Gebiet gibt es nur noch 170 der­artiger Bäume (nach anderer Angabe 300). Im Wet­teraukreis gibt es derzeit rund 110 Spei­erlinge mit einem Stammumfang von mehr als 18 Zentimetern.

44 (oder nach anderer Zählung 60) stehen in der „Hauptstadt“ des Apfelweines, in Hochstadt. 15 Bäume ‑ das sind 34 Prozent ‑ sind nicht älter als zehn Jahre; 66 Prozent, also 29 Pflanzen, sind schon 30 Jahre oder älter.

Es ist an der Zeit, für zusätzliche Anpflanzungen und Arterhaltung zu sorgen. Eines der ältesten Exemplare der unter Naturschutz stehenden Baumart ist in Hochstadt zu bewundern. Dort pflegt Christa Fischer einen über 300 Jahre alten Speierlingbaum.

In Hanau will sich die Stadt sich intensiver um Speierling‑Bestand in Steinheim kümmern. Maximal 15 Speierling‑ Bäume stehen auf Hanauer Gemarkung. Zu den ältesten und prächtigsten gehören die Bäume auf dem Klein­gartengelände hinter dem Friedhof Stein­heim‑Süd. Zwei sind sogar als Naturdenkmal ausgewie­sen. Ihr Zustand bereitet dem Ortsbeirat Sorgen. Vermutlich aus Unkenntnis vernachlässigen die Pächter jedoch die drei Speierlinge. Rund 150 Jah­re muß der Stamm hier schon stehen, den selbst ein großer erwachsener Mann nicht umfassen kann.  Den Bäumen fehle es nicht nur an einem ordentlichen Schnitt. Die um einen der Veteranen gebaute Hüt­te müsse weg. Baumscheiben und gele­gentliches Düngen sollen das Gedeihen fördern.

Damit die Steinheimer Bäume viel­leicht auch so alt werden, will die Stadt den Kauf des entsprechenden Areals nun vorantreiben. Die Grundstücke müßten ohne­hin für die Friedhofserweiterungen erwor­ben werden, berichtet Walter Bauer, Sachgebietsleiter des Liegenschaftswe­sens. Einer der Besitzer ist Konrad Jung. Aus gesundheit­lichen Gründen mußte der Nachkomme des „Steinheimer Apfelwein­adels“ seine Kelte­rei schließen. Nur noch in geringen Men­gen keltert er in diesem Jahr „Steinhei­mer Gold“. Er meint: Was auf seinem Grundstück geschehe, gehe die Ortsbeiräte nichts an.

Zwei Bäume wurden im Jahr 2000 vom Steinheimer Bundesäppelwoi‑Königspaar Uschi I. und Manfred I. im Garten des historischen Schlosses in Steinheim gepflanzt ‑ und natürlich wurde diese Aktion mit reichlich Speierling‑Apfelwein begos­sen.

 

Die Untere Na­turschutzbehörde des Wetteraukreises empfiehlt, Speierlinge auf Streuobstwie­sen anzupflanzen. Auch in Parks oder Hausgärten würden sich die Gewächse mit ihrer auffälligen Form, ihren gelbro­ten Früchten und dem rötlichen Laub im Herbst gut machen. Der Speierling schmückt natürlich auch den Hausgarten, falls dieser nicht zu klein ist. In den ersten zehn Jahren wächst er so schnell wie ein Obstbaum, danach verlangsamt er sein Wachstum, beginnt dann aber mit einer wunderschö­nen Blüte und einer reichen Fruchtbil­dung. Weil die Wur­zeln sehr empfindlich sind, sollten nur Containerpflanzen ‑ am besten in Pappcontainern, die mit gepflanzt wer­den können ‑ gesetzt werden, rät die Naturschutzbehörde. Denn ewig lebt auch der bestge­schützte und bestgepflegte Baum von heute nicht. Freilich, er ist nichts für Leute, die in einem Garten ein von Anfang an ferti­ges Stück Architektur sehen, sondern er braucht Liebhaber, die mit dem langen Atem der Natur rechnen Er wächst eben langsam und trägt erst nach zehn oder 15 Jahren die ersten Früchte.

 

In Maintal nimmt sich vor allem der Lionsclub des Erhalts des Speierlings an. In Wiesbaden erstan­d man 1998 Jungbäume und pflanzte sie in Hochstadt und Umge­bung an. Einer von über 20 Bäumen wurde auf dem Grundstück von Bauer Heinrich Burger in Hochstadt eingepflanzt. Wie die Initiatoren Fischer und Lang‑Buchalik stolz mittei­len, sind mittlerweile schon 20 neue Bäu­me in Maintal und ein besonders schönes Exemplar sogar an der Ronneburg einge­pflanzt worden. Mit dieser Aktion soll auch Geld eingenommen werden, das wiederum sozialen Projekte zugute kommt. Deshalb  suchen die Lions Paten für diese bedrohte Pflanze. Bei einer einmaligen Zahlung von 100 Mark pro Baum erhält jeder eine Urkunde die ihn als Paten aus­zeichnet. Die Lions werden diese Summe in voller Höhe für soziale Zwecke ver­wenden. Die Pflege der Bäume wird selbstverständlich auch von den Lions­mitgliedern vorgenommen. Sollte den­noch der eine oder andere Pate Interesse an der Weiterentwicklung und Pflege des Speierlings haben, so wäre seine Hilfe je­derzeit willkommen.

Bis Herbst 1999 konnte Karl‑Heinz Fischer, Speierlingexperte des Maintaler Lionsclubs,  42 Neupflanzungen vermelden, was eben nur mit Hilfe dieser Patenschaften möglich war. Durch diese Initiative wurde die Anzahl der Speierlingbäume soweit erhöht, daß Maintal mit einem Bestand von jetzt über 100 Bäumen mit an der Spitze in Hessen liegt. Allerdings ist mit dieser Aktion die Arbeit der Maintaler Lions längst nicht beendet, Die Speierlingbäume sind zwischenzeitlich kräftig gewachsen, so daß Stützpfähle und Bindeseile angebracht werden müssen. Außerdem wurde an allen Bäumen der Schutzdraht gegen Wildbiß erneuert oder ausgebessert.

Die Lionsmitglieder des Arbeitskreises „Rettet den Speierlingbaum“ trafen sich dann auch an einem Wochenende im November, um diese notwendigen Maßnahmen durchzuführen. „Wir haben uns verpflichtet, diese Bäume in den nächsten fünf Jahren zu betreuen und zu pflegen, und das werden wir auch tun“, äußerte sich Karl‑Heinz Fischer und bedankte sich noch einmal bei all den Maintalern, die eine Patenschaft für die Bäume übernommen haben. Der Apfelweinkonsument wird sich genüßlich zurücklehnen können, muß er doch auch im nächste Jahrtausend nicht auf den herben Geschmack seines geliebten Stöffchens verzichten.

 

Mit einer Kartierungsaktion sowie einer Untersuchung zum Erhaltungs- und Pflegezustand der Bäume setzt sich der Landschaftspflegeverband (LPV) Main-Kinzig-Kreis seit Anfang des Jahres 2014 dafür ein, den Speierlingsbaum vermehrt in die öffentliche Aufmerksamkeit zu rücken. Das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Streuobst sowie dem Fachdienst Stadtentwicklung und Umwelt der Stadt Maintal läuft noch bis Ende des Jahres und wird von der Fraport AG mit 5.000 Euro gefördert.

In Maintal mit seinen alten gewachsenen Streuobstwiesen sind vom Speierling - einem Wildobst mit kleinen, birnen- oder apfelförmigen, stark gerbstoffhaltigen Früchten - noch viele Altbäume erhalten. „Wir schätzen den Bestand aktuell auf über 100 Bäume. Diese stehen vor allem auf den Streuobstwiesen in Hochstadt“, so Barbara Fiselius, Geschäftsführerin beim LPV. Wie mehrere Ortsbesichtigungen zeigten, sind bei einigen Altbäumen dringend Baumpflege- und Erhaltungsmaßnahmen nötig. Auch bei etlichen Jungbäumen fehlt die gezielte Pflege, die den Baum erst zu seiner vollen Form auswachsen läßt.

„Für eine effiziente und priorisierte Bearbeitung der Einzelbäume ist jedoch eine praktisch orientierte und systematische aktuelle Erhebung über den Zustand und Pflegebedarf notwendig“, so Barbara Fiselius weiter. In Maintal fehlte solch eine Kartierung bisher. „Wir freuen uns sehr, daß auch dank der Fördergelder von Fraport diese wichtige Arbeit nun ausführlich nachgeholt werden kann“, so Maintals Umweltdezernent, Erster Stadtrat Ralf Sachtleber. Gemeinsam mit Freia Klinkert-Reuschling, Barbara Fiselius und Vertretern der Fraport AG überzeugte er sich vor Ort in den Hochstädter Streuobstwiesen vom Zustand der Bäume als wichtigem und prägendem Bestandteil der Maintaler Landschaft.

Der Landschaftspflegeverband Main-Kinzig-Kreis führt das Projekt der Speierlingskartierung in Maintal als Träger verantwortlich durch. Vom Fachdienst Stadtentwicklung und Umwelt Stadt Maintal werden unterstützend Informationen bereitgestellt, lokale Spezialisten unter anderem aus dem Arbeitskreis Streuobst Maintal werden ergänzend befragt. Auch das Büro für angewandte Landschaftsökologie An-Land von Diplom-Biologin Monika Peukert steht mit gutem Rat zur Seite. Die ausgewiesene Speierlingsspezialistin hat eine ähnliche Kartierungsaktion bereits für die Stadt Frankfurt durchgeführt und ist als Referentin regelmäßig beim Arbeitskreis Streuobst aktiv „Es wird geschätzt, daß es in ganz Hessen derzeit noch etwa 400 bis 500 Speierlingsbäume gibt, die 80 Jahre oder älter sind“, erklärt sie. Nachdem der Baum 1993 mit sehr großem Erfolg „Baum des Jahres“ war, wurden immerhin etliche Jungbäume nachgepflanzt. „Mit der Erhebung des Speierlingsbestands in den Maintaler Streuobstwiesen möchten wir dazu beitragen, nachhaltige Maßnahmen zur Verbesserung des Pflege- und Erhaltungszustandes der Speierlinge auf den Weg zu bringen“", so Stadtrat Ralf Sachtleber.

Die Speierlinge entwickeln im Freistand - speziell in den Streuobstwiesen - große Kronen. Sie fruchten fast jährlich, liefern dann bis zu 1000 Kilogramm Früchte pro Baum und erreichen bis zum Alter von 140 Jahren einen Stammdurchmesser von bis zu 130 Zentimetern.  Aufgrund des geänderten Nutzungsverhaltens wurden viele Speierlingsbäume auf den Streuobstwiesen zwischen den 1950er und 1990er Jahren jedoch nicht ausreichend gepflegt und zu wenige Jungbäume nachgepflanzt.

Bei der Kartierung in Maintal wird jeder Baum einzeln mit einer Fotodokumentation und Zustandsbeschreibung sowie den Standortkoordinaten mit GPS-Daten erfaßt. Es kommt dabei eine Methodik zur Anwendung, die bereits 2012 im Frankfurter Raum getestet wurde und von der Unteren Naturschutzbehörde nun als wesentliche Arbeitsgrundlage verwendet wird. Die Arbeiten können nur von ausgewiesenem Fachpersonal mit Erfahrung in der Beurteilung von Bäumen und insbesondere Altbäumen erledigt werden. Nach der Aufnahme aller Speierlings­bäume werden die Daten digital erfaßt und als Loseblattsammlung ausgegeben. Zudem wird es eine Übersichtstabelle aller Bäume in Maintal mit Koordinaten, eine Liste der Exemplare mit dringendem Handlungsbedarf und eine Vorschlagsliste für weitere Maßnahmen geben.

 

Einer der größten und älte­sten Speierlingsbäume Hessens steht bei Ockstadt und wird liebevoll „Der Dicke von Ockstadt“  oder „der Riese von Ockstadt“ genannt. Er gedeiht seit mindestens zweihundert Jahren in der Feldgemarkung des Friedberger Stadtteils und  steht unter Schutz. Der heute wohl älteste, schönste und größte, mit vier Meter Stammum­fang auf jeden Fall dickste Speierling Hessens sieht bei Friedberg‑Ockstadt in der Wetterau. An die 20 Meter dürfte seine Krone in die Höhe reichen und noch weiter in die Breite. Die Jahresringe ließen sich erst nach dem Fällen zählen: Schätzungen gehen auf andert­halb bis zwei Jahrhunderte.

Im Jahre 200 zahlte die Kelterei Possmann Pflegemaßnahmen am Baum. Der staatlich geprüfte Baumpfleger, der die Arbeiten in die Hand genommen hat, kennt freilich die Selbstheilungs­kräfte der Gerbstoffträger, ist nach den jüngsten Erkenntnissen der Baumchir­urgie überhaupt zurückhaltend mit Ein­griffen in die Pflanze und setzt auf Hilfe zur Selbsthilfe, Sein wichtigstes Werk­zeug sind ‑ statt der früher üblichen einschnürenden Stahlseile ‑ Sicherheits­gurten ähnliche Kunststoffschlaufen, die schwere Seitenäste derart festhalten, daß sie sich noch im Winde wiegen können, aber im Sturm nicht brechen.

 

In der hessischen Kleinstadt Kronberg am Taunus hat ein Frühpensionär die Rolle des Schutzengels für die dort noch gedeihenden fast 50 Altspeierlinge über­nommen. Er hat sie kartiert, beschrieben und ausgeschnitten, und er hat viele neue Speierlinge gesetzt, deren Früchte in die­ser Gegend eine besondere Bedeutung ha­ben.

 

In  Wehrheim im Taunus sammeln Naturschüt­zer ebenso ehrgeizig wie erfolgreich Geld für die Anlage einer Allee von etwa 50 Speierlingen. Ein Ziel dieser Allee ist es, deren genetische Vielfalt bewahren. Denn gesucht und gepflanzt werden Jungbäume von möglichst vielen unterschiedlichen Vätern. Ein gutes Dutzend Naturfreunde war Mitte November 1999 einige Stunden damit be­schäftigt, die Bäumchen im steinigen Grund zu verankern. Die Gemeinde Wehrheim hatte zum Glück schon die Lö­cher ausheben lassen, Bauhofmitarbeiter hatten auch Erde angekarrt, nährstoffrei­che Erde, und dazu Balken für das Stütz­gerüst. Aber auch so blieb den Männern vom BUND noch viel zu tun, um die zehn Spei­erlingbäumchen gut unterzubringen ent­lang dem Schwimm­badweg,

2.500 Mark hat der BUND für die Speierlinge zusam­mengebracht. Zehn Jahre alt sind die Setzlinge be­reits. Sie kommen aus einer saarländi­schen Baumschule, die Samen stammen aus Elsaß-Lothringen. Jetzt sind sie gerade vier Meter hoch, einmal werden sie die Pappeln an der Wanderhütte über­ragen, ihr Kronendach wird gewaltig sein, vielleicht 40 Meter im Umfang.

Viele Signale dieser Art sind in den letzten Jahren in Wehrheim gesetzt worden: 1200 neue Apfelbäume, einsame Spitzenleistung im Usinger Land. Baum­freund Peter Gwiasda, der Vater des Gedankens der Wehrheimer Speierling­allee, hat diesen al­ten Kulturbaum nur am Genfer See im Alleen‑Verbund gese­hen. Er denkt aber schon weiter: „Mispelbäume mit ihren sehr schönen Früchten“ hätte er gerne im Ort, dazu Elsbeeren, Mehlbeeren mit dem kostba­ren Holz. Die Aktion ist erst ein Anfang. Auf der anderen Seite des Wegs, wo der kleine jüdische Friedhof liegt, hat ein Landwirt bereits Gelände für weitere dieser Bäume angeboten, damit irgendwann eine wirk­lich Allee daraus wird. Peter Gwiasda, der Vater des Gedankens der Wehrheimer Speierling­allee, hat diesen al­ten Kulturbaum nur am Genfer See im Alleen‑Verbund gese­hen.

 

Die Siedler im neuen Stadtteil Dortelweil‑West haben einen Baum mit dem merkwürdigen Na­men Speierling als Freund. Er steht hin­ter dem modernen Neubau der Dresdner Bauspar und zeigt sich in diesen Spätsom­mertagen von seinen schönsten Seiten. Wo immer wir ihn betrachten, sein Profil ist makellos, seine kugelrunde mächtige Krone flößt uns Respekt ein. Wer an einem heißen Sommertag auf der Bank rund um den gewaltigen Stamm des schätzungsweise 120 Jahre alten Baumes den Schatten genießt, gerät bald ins Philoso­phieren. Der Speierling steht unter Naturschutz, weswegen die Siedlungsplaner rücksichtvoll Distanz zu ihm wahrten. Da der Baum trotz seines hohen Alters kerngesund zu sein scheint, werden die Neu‑Dortelweiler noch viele Jahre ihre Freude an ihm ha­ben. Er hat alle Voraus­setzungen eines Treffpunktes für junge und alte Men­schen. In einer so schnell gewachsenen Siedlung wie Dortelweil‑West symboli­siert der in der Fachliteratur immer wie­der gerühmte dicke Speierling von Dortel­weil so etwas wie Geschichte. Schließlich ist er der Älteste. Das Leben des von neun starken Haupt­ästen geprägten Dortelweiler Speierlings könnte „ewig“ sein. Die Kerne seiner Früchte wurden längst gesammelt, zertifi­ziert, getrocknet oder bereits in landesei­genen Samenerhaltungsanlagen ausge­sät. Dieser bemerkenswerte Baum ist ge­netisch konserviert worden. Der Speier­ling von Dortelweil‑West, unser Freund, ist damit „unsterblich“ geworden.

 

Umweltdezernent Tom Koenigs pflanzte 1999 im Sossenheimer Unterfeld sechs Exemplare des bedrohten Obst­baumes in eine blühende Streuobst­wiese. gesetzt. „Damit unsere Enkel unter ihnen spielen können und noch erleben, wie ein Speierling aussieht“, sagte Koenigs bei der Pflanzaktion. Spender der in der städtischen Baumschule aufgezogenen Setzlinge ist die Mainzer Ausstellungs GmbH. Sie veranstaltet seit 15 Jahren im Pal­men­garten die Schau „Du und Dein Garten“. „Die Speierlinge sind ein Zei­chen ihres Dankes für die gute Zu­sammen­arbeit mit der Stadt“, erklärte Geschäftsführer Rudolf Raithel ge­stern bei der Pflanzaktion. Wenn die Sossenheimer Speierlinge ihren Verpflanzungsschock überlebt haben, sollen im Herbst weitere sechs in den Frankfurter Grüngürtel gesetzt werden. Drei sollen Raithel zufolge im Palmengarten Wurzeln schlagen. Horst Heil, Leiter des Gartenamtes, versprach, die Bäumchen im Unter­feld im Sommer wässern zu lassen.

Der Kreis Offenbach  spendete im Jahr immerhin 20.000 Mark an den Arbeitskreis Rodgau und Dreieich der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz. Mit dem Geld soll dieser die Anpflanzung von Speierlingen und anderen Hochstammbäumen weiter forcieren.

 

Günther Possmann bestreitet, daß man den Speierling auch „aus der Dose“ machen könne. Er selber hat 38 Bäume, die 8.000 Kilo Speierlingsaft ergeben. Die jungen Bäume seien auch nicht teurer als andere Bäume (etwa 25 Euro), eine Baumschule gibt es in Veitshöchsheim.

 

 

 

 

Verarbeitung und Herstellung, Schaumwein, Obstbrand

 

Zu allen Zeiten spielte der Apfel in den Sagen und Mythen der Völker eine ganz besondere Rolle. Zu Recht, denn der Apfel ist wohl die erste Frucht, die der Mensch zu kultivieren lernte. Wer wann wo den ersten Apfelwein kelterte, liegt im Dunkel der Geschichte. Aber einer guten Idee ist es bekanntlich schnuppe, wer sie hat.

 

Es wird geschätzt, dass allein in Hessen jährlich etwa 70 Millionen Liter Apfelwein produziert werden, davon allein etwa 30 Millionen Liter im Frankfurter Raum. Möglichst viele Apfelsorten (beziehungsweise deren Saft) werden miteinander vermischt, es werden jedoch keine Speiseäpfel verwendet, da diese zu wenig Säure enthalten. Es werden frisch geschüttelte, baumreife Äpfel verwendet, da sie verarbeitet werden müssen, so lange sie noch voller Saft sind.

 

Die großen Keltereien in Hessen verwenden für ihre massenhafte Herstellung der beliebten Apfelgetränke keine billigen Wagenladungen mit Tafel‑Äpfeln aus dem Ausland. Nur die alten heimischen Streuobstsorten bringen nach Darstellung von Christof Heil in Laubus‑ Eschbach (Kreis Limburg‑Weilburg), Geschäftsführer bei der Kelterei Heil, den Zucker und Säuregehalt, den ein richtig guter Frankfurter „Äppler“ braucht. Die Früchte aus den Supermarktregalen sind davon weit entfernt und haben zudem ein viel zu dicke Schale. „Wir kaufen bei den kleinen Bauern und Privatleuten ‑ da weiß man, was man hat“, sagt auch Possmann. Einige Hundert beliefern sein Unternehmen jedes Jahr.

Deshalb kämpfen die Keltereien auch um den Erhalt der alten Streuobstwiesen. „In den letzten 20 Jahren haben wir 60 Prozent der Bäume verloren“, klagt Possmann. Viele Obstgärten seien der Flurbereinigung zum Opfer gefallen. Die Kelter treffen sich deshalb mit den Bauern, machen ihnen Angebote und versuchen, für den Erhalt der Wiesen zu werben. Ein Obstbaum braucht viel Liebe und Geduld, er trägt erst nach 15 Jahren richtige Mengen.

In den Keltereien sind alle Lieferanten willkommen, ob Großbauer oder Kleingärtner. Manche fahren mit LKW‑Ladungen von ihren Streuobstwiesen bei den Keltereien vor, andere kommen mit ein, zwei Säcken. Der Preis für 100 Kilogramm Äpfel liegt in Hessen im Jahr 2000 bei 20 Mark. Wahlweise können sich die Lieferanten dafür auch frischen Apfelsaft mitnehmen ‑ der vielleicht sogar aus ihren eigenen Äpfeln gemacht wurde.

Immer mehr Menschen bringen ihre Äpfel aber zu einer der kleinen Keltereien, die rings um Frankfurt aus dem Boden schießen. Possmann begründet das mit dem „Zurück‑zur‑Natur‑ Trend“: "Immer mehr Leute wollen besonders frisches Obst, extra frische Tomaten ‑ und Bio‑Apfelwein.“ Er sehe in dem Trend aber keine Gefahr für die großen Keltereien ‑ im Gegenteil: „Das bringt Kreativität in das Apfelweingeschäft und zeigt, daß sich die Leute sich mit dem Apfelwein beschäftigen.“ Es sei aber auch viel schlechte Qualität unter den vielen neuen Angeboten.

Kreativität im Apfelweingeschäft scheint auch dringend nötig. Denn schon seit einigen Jahren geht das „Äppler2‑Geschäft immer schlechter. Immer weniger Leute trinken Alkohol in Mengen, immer mehr greifen zu Schorlen und Limonaden. „Wellness‑ und Kinderprodukte sind im Kommen“, stellt der Marketing‑Leiter bei Rapps Kelterei in Karben (Wetteraukreis), Michael Schneider, fest. „Die Vieltrinker beim Apfelwein gehen uns aus“, sagt auch Heil. Darauf müsse die Industrie reagieren, weshalb

 

Viel Arbeit und jede Menge Kniffe sind nötig, um dem Schoppen die er­wünschte Qualität zu verschaffen. Das beginnt schon bei der Auswahl des Ob­stes. Apfel ist ja nicht gleich Apfel. Und der Geschmack eines guten Ebbelwei re­sultiert, anders als etwa beim Wein, aus der Verwendung möglichst vieler unter­schiedlicher Lagen und Sorten. Als erstes braucht man also mög­lichst reife, saftige Kelteräpfel, wie sie beispielsweise im Tau­nus, in der Wetterau, im Odenwald und rund um Hochstadt wachsen.

 

Die beste Zeit ist Oktober. Die Äpfel werden zunächst gewaschen, anschließend zu Maische gemahlen. Die Äpfel werden gründlich gewaschen und dann in der Apfelmühle zu Brei ge­mahlen. Bis 1790 wurden Äpfel noch von Hand gestoßen. Erste mechanische Pressen kam aus England und Frankreich. Heraus kommt die „Maische“, die in abgemessenen Portio­nen auf Nylontücher platscht, an der Packpresse zusammengefaltet und gestapelt wird. Aus der Schnellhubpackpresse laufen dann schäumende Apfelsaft‑ Kaskaden in ein Becken. Die Maische muß grobkörnig und pressbar sein, nicht so wie Apfelmus.

 

Die Presse ist bereits aller Qualität Anfang. Die Kelterei Stier hat eine spezielle Fruchtsaftpresse namens „Multipress“ ‑ die einzige, die aufgrund ihrer besonders schonenden Verarbeitung auch in der Champagne Anwendung findet. Mit ihr wird die Maische mit sanftem Druck eineinhalb bis zwei Stunden lang gepreßt. Sie hat ein Fassungsvermögen von vier Tonnen. Sie benötigt während der Saison keine chemi­sche Reinigung, sondern sie wird jeden Abend mit 400 Liter Wasser gespült, die Presse kann sich so selbst reinigen. Nach der Saison erst steht die Generalsäuberung an: Ein Wechselbad mit Lauge, Wasser, Säure und wieder Wasser garantiert den neutralen Zustand der Maschine. Ein solch gutes Stück hat natürlich seinen Preis. Rund 250.000 Mark muß man bei der Anschaffung berappen. „Die Presse hat mein Vater noch gekauft. Ich könnte mir das gar nicht leisten“, gibt Stier zu.

 

Ein Zentner Äpfel ergibt je nach Sorte 25 bis 35 Liter Most, meist ergeben 100 Kilogramm aber 70 Liter Most. Vom frisch gekelterten Apfel­most wird nun zunächst - genau wie beim Traubenmost - mit der Oechsle‑Waage das spezifische Gewicht (Mostgewicht) ermit­telt. Dieses sollte etwa 45 bis 50 Grad Oechsle betragen.

Apfelwein erreicht in manchen Jahren einen Mittelwert von 50 Grad Öchsle und mehr erreicht. Die 45 Grad Oechsle sind allerdings nur das verkehrsfähige Minimum, die einen Alkoholgehalt von 5 Prozent ergeben. Normal sind 48- 49 Grad Oechsle. Aber es werden auch einmal 55 Grad erreicht. Wichtig ist, daß Zuckergehalt  u n d Säuregehalt hoch sind. Dann ist auch der „Naturtrübe“ in gesundheitlicher Hinsicht so gut wie Rotwein.

 

Dann kommt die Gärung. Sie geschieht in großen Fässern oder Gärtanks bei einer Keller­temperatur von etwa 15 Grad Celsius. Die Behälter dürfen nicht zu voll sein, da der Most beim Gären stark schäumt und an Volumen gewinnt. Der Gär­prozeß verläuft „untergärig“ und beginnt „ganz von selbst“, weil gute Kelteräpfel genügend Eigenhefe besitzen. Nur in we­nigen Fällen muß Reinhefe zugesetzt werden. Beim Gärungsprozeß wird der Fruchtzucker der Äpfel in Alkohol und Kohlensäure aufgespalten. Ein Teil der Kohlensäure bleibt im Apfelwein, der Rest tritt als Gärgas aus.

Die Hauptgärung dauert  drei bis höchstens sechs Wochen. Die vor­handenen Hefebakterien reichen aus, um den Apfelsaft binnen sechs Wochen in Apfelwein zu verwandeln.

Anschließend kommt die Nach­gärung und die Reifezeit des Apfelweines, in der sich seine Bukettstoffe und sein Ge­schmack voll entwickeln. Mehr­fach wird er abgestochen, das heißt von der Hefe gezogen, die sich am Boden sammelt.

Der Apfelwein ist von Haus aus natur­trüb. In der Regel wird er noch einmal gefil­tert, so daß er goldgelb und klar ‑ möglichst „glanzhell“ - im Glas steht. Oder er wird zu Speierling. Der Speierlingsaft beseitigt die natürliche Trübung. Und er sorgt ‑ entgegen der alten Faustformel, der Apfelwein solle seinen eigenen Geburtstag möglichst nicht erle­ben - für die Haltbarkeit des Apfelweins.

Apfelwein wird ohne Zugabe von Wasser und Zucker aus mehreren Apfelsorten gekeltert und vergoren. Wie „naturtrüb“ der Apfelwein ist, hängt davon ab, wie viele Klärstoffe sich durch die Zugabe saurer Früchte bilden. Geläufig ist Apfelwein im hessischen Volksmund auch als Äppelwoi oder Schoppe.

 

Bei der industriellen Erzeugung garan­tieren die Mostmilchsäure, ein Produkt der chemischen Industrie, die Klarheit im Glas und der Schwefel die Haltbarkeit. Und auch dem Ge­schmacks­verderber Schimmel muß in der Großkelterei mit einem Zusatzstoff zu Leibe gerückt wer­den. Die schiere Menge des verarbeiteten Obstes läßt es nicht zu, jeden faulen Apfel auszusortieren. Die faulen Äpfel werden ausgelesen, rutschen aber auch bei der Kleinherstellung gelegentlich durch.

Günther Possmann weist allerdings darauf hin, daß man heute auch bei der industriellen Erzeugung vorsichtig ist: Mostmilchsäure wird wirklich nur bei säurearmen Äpfeln zugesetzt. Der Schwefel ist generell als Zusatz zugelassen und wird in kleinen Mengen zugesetzt (geringer als beim Traubenwein). Beim Apfelwein sind 150 mg Schwefel zugelassen, bei Traubenwein 250 mg. Die Kelterei Possmann verwendet nur 70 mg. Wenn Herr Stier behauptet, er verwende keinen Schwefel, so muß man ihm nach Meinung von Herrn Günther Possmann auch entgegenhalten, daß die Qualität mangelhaft ist.

Die großen Keltereien müssen in manchen Jahren Apfelsaftkonzentrat zukaufen. Es handelt sich um einen „Sirup“ aus gepreßten Äpfeln, dem Wasser entzogen wurde, um die Menge zu verringern und den Rohstoff haltbarer zu machen. Immer wird dabei ohne Konservierungsstoffe gear­beitet, denn in Hessen wird Apfelwein nach einem Reinheitsgebot: Nichts außer Apfel darf in den Wein hinein. Durch das Eindicken gehen aber die natürliche Aromen verloren und müssen nachher wieder künstlich hinzugesetzt werden.

 

Der Apfelwein wird durch schonende Wärmebehandlung haltbar gemacht und danach abgefüllt. Er kommt in Lagerfässer oder Lagertanks. Dabei werden 30 bis 40 Apfelsor­ten miteinander verschnitten und auf Fla­schen gezogen oder vom Wirt verzapft. Ein großer Teil wird auch in Flaschen verkauft. Damit man den reinen Geschmack bei Freizeit, Sport und Spiel genießen kann, „packen“ die Apfelweinhersteller den Apfelsaft nur in Mehrwegflaschen.

 

Die Verwendung von Holzfässern hat laut Keltermeister Stier für die Apfelweinbereitung einige Nachteile. So hat Holz beispielsweise einen „prägenden Charakter“, der für leichte Weine eher schädlich ist; zum anderen muß zur Beseitigung der Bakterien Schwefel eingesetzt werden. Bakterien erzeugen aufgrund ihrer Oxidation viel Luft, die sich ebenfalls auf den Geschmack auswirkt. Stier schwört deshalb auf Edelstahl.

Während näm­lich Cognac und Whis­ky dank ho­hen Säure‑ und Alkoholgehalts gut mit dem Geschmacksveränderer Holz zu­rechtkommen, ja teilweise gar durchaus interessante und erwünschte Aromaauf­wertungen erfahren, wird der zarte Ei­gengeschmack des Apfels schlicht­weg überlagert und erdrückt. Holz sei schließ­lich ein Naturprodukt, das seine Eigenart dem in ihm gelagerten Getränk ziemlich aggressiv mitteile, weiß Keltermeister Stier. Weiterhin ist Holz „aerob“. Naturge­mäß finde also ein ständiger Luftaus­tausch statt, und Apfelwein möge Luft nun mal gar nicht. Folge: Das Stöffche wird frühzeitig „müde“, um nicht zu sagen, es „schlägt um“, entwickelt einen deutlichen Essigton und schmeckt ‑ wenn überhaupt ‑ nur noch dem Herstel­ler selbst.

Nachhaltigster Grund indes, dem Selbstkelterer vom Holzfaß abzura­ten, sei das Problem der Hygiene: „Die einzige Möglichkeit, ein Holzfaß so sau­ber zu bekommen, daß eine Infektion mit unerwünschten Bakterien nahezu ausge­schlossen wird, ist, das Faß komplett aus­einander­zunehmen, die Dauben einzeln zu reinigen und sie dann wieder fachge­recht zusammenzusetzen“, versichert Stier. Eine Heidenarbeit, wie er aus Be­richten seines Vaters weiß, der als Bub regelmäßig mit seinem Vater unterwegs war, bei den Bauern um Maintal herum, zur Kelterzeit die Fässer ebenso zu bear­beiten.

 

Apfelwein enthält nur fünf bis sechs Prozent Alkohol - halb so viel wie Traubenwein. Auch sein Säuregehalt ist rela­tiv niedrig. Dadurch ist er sehr anfällig gegen äußere Einflüsse, die seine Geschmacksqualität mindern können. Er muß sorg­sam gelagert und ständig ge­pflegt werden. Und hierzu be­darf es - vor allem bei industriel­ler Herstellung von Marken-­Apfelwein - großer Erfahrung und sehr aufwendiger techni­scher Einrichtungen.

 

Um 1900 war der Publikumsgeschmack noch rustikal. Ordentlich sauer musste der Selbstgekelterte sein, und niemand nahm Anstoß, wenn das „Stöffche“ ‑ je nach Wetterlage und Ertrag ‑ jedes Jahr anders schmeckte. Inzwischen sind die Äpfel aus den charakterstarken alten Sorten, mit viel Säure. viel Zucker und charakteristischem Aroma aus der Mode gekommen. In jüngerer Zeit, so Possmann, liebt man es „feinherb“ statt sauer.

 

In typischen Apfelwein‑Wirt­schaften wird Apfelwein heute noch je nach seinem Entwicklungsstand unter verschiedenen Bezeichnungen ausgeschenkt. Frisch im Herbst gekelterten Apfelsaft nennt man „Süßer“, frischer, naturtrüber, alko­holfreier Apfelmost, wie er aus der Kelter kommt.

Durch Gärung wird er dann zum „Rauscher“ mit drei Prozent Alkohol. Erst in den Tanks beginnt der Most nach einigen Tagen zu gären ‑ ausgelöst durch Hefe. Die ist aber schon in den Äpfeln drin. Nach zwei bis drei Wochen ist der Wein halb vergoren. Der „Rauscher“ ist so etwas wie das Gegenstück zum Federweißen. Er ist ein junges, prickelndes, halbvergorenes Stöffchen, das sich wegen sei­nes hohen Hefe‑ und Vitamingehaltes gut für die Ent­schlackung eignet.

Danach folgt der „Ausbau“ des Apfelweins. Ziel in dieser Phase ist eine langsame, schöne Gärung. Ist die Hefe dann auf den Boden des Fasses gesunken, wird der Wein vom Hefebett abgezogen und in frischen Fässern gelagert. Um die Weihnachtszeit ist der neue Apfelwein ausgegoren. Getrunken wird er dann als „Neuer Heller“ und später als „Alter“", standesgemäß aus dem „Gerippten“ und  eingeschenkt aus dem Bembel. Der „neue Helle“, der erste Wein aus der Ernte des Herbstes, ist im Januar fertig und enthält 5,5 Prozent Alkohol. Bis zum Sommer wird der „Äppelwoi“ verkauft. Danach wird er zum „Alten“ erhoben.

 

Das echte „Stöffche“ ist ein Fruchtwein, der, richtig gekeltert, ein reines Naturprodukt ist. Er enthält fünf bis sechs Prozent Alkohol. Das echte „Stöffche“ trinkt man bei etwa elf bis 14 Grad. Typisch für den im Großraum Frankfurt hergestellten Apfelwein ist, daß dieser nur aus Äpfeln, ohne Zusatz von Birnen oder anderem Obst, besteht. Dies führt zu dem frischen, herben Geschmack.

 

Der Rest ist brauner Trester mit farbigen Schalensprengseln. Früher wurde er auch für die Pektin‑ Herstellung verwendet, heute spielt das keine Rolle mehr. Auch als Wildfutter darf er nur noch in kleinen Mengen (25 % im Verhältnis zum Rauhfutter)verwendet werden. Vielfach wird er an Schäfer abgegeben. Ansonsten wird er auf dem Feld untergepflügt oder muß als Sondermüll entsorgt werden (für fünfeinhalb Ku­bikmeter müssen 700 Mark bezahlt werden). 

 

Wahrend bei (Trauben-)Wein gewisse Standards anerkannt sind - der Wein sollte klar sein, Weißwein sollte eine ausgewogene Säure haben - und Kenner die Flaschen nach Jahrgang auswählen, haben sich die wenigsten Apfelwein-Keltereien bislang solchen Fragen gewidmet. ,,Damit experimentieren nur Individualisten wie Jörg Stier und Andreas  Schneider“, sagt Eggenwirth.

 

Was hat es mit dem „Frankfurter Ton“ und der „Fraktionierung“ auf sich? Zur Gärung wird üblicherweise dem Most Reinzuchthefe zugesetzt. So wird es auch in den Lehranstalten vermittelt. Davon haben die früheren Hauskelterer in Hessen nichts gewußt und wenn sie es gewußt haben, hielten sie das für vollkommen überflüssig. Sie haben ihren Most der Eigenhefe des Apfels überlassen. So verfährt Jörg Stier mit einem seiner Apfelweine, dem „Hausschoppen“. Der Apfelwein wirkt so geschmacklich derber. Bei der Geschmacksprobe spürt man im Abgang das was Experten als „Frankfurter Ton“ bezeichnen. Wird das üblicherweise auch verworfen, so paßt diese Note doch ausgezeichnet zu den Frankfurter Apfelwein‑ Nationalgerichten.

 

 

Selbstkeltern

Theoretisch reicht ein überreifer Apfel aus, um unter günsti­gen Bedingungen zu gären und zu Apfelwein in seiner ursprünglichsten Form zu wer­den. Gerade weil die Herste­llung des Apfelweins eine so natürliche Sache ist, versuchen sich auch manche mangelnd Qualifizierte am Keltern. Bei dem hieraus entstellenden Zufallsprodukt ist Qualität meist Glückssache. Geschmack und Geruch fauler Äpfel oder bitteren Schwefels sind ganz und gar nicht gesund. Der Schimmel ist der größte Feind des Apfelweins. Äpfelwein dieser Güte „macht denn auch blind“, wie der Volksmund etwas überspitzt formuliert. In solchen Fällen sollte man durchaus seinem Gaumen vertrauen. Auch der kundige Laie, der stolz seinen schmackhaften „Selbstgekelterten“ verzapft, muß erkennen, daß ihm nicht jedes Faß gleich gut gelingt.

 

Für die Renais­sance des Selbstkel­terns gibt es viele Gründe. Der Famili­enausflug zur Apfe­lernte begeistert wieder. Vesper auf der Wiese, natür­lich mit „Weck unn Worscht“ (Brötchen und natürlich hes­sischer Wurst), da­zu „Süßer“ (frisch gepreßter Apfelsaft) für die Kinder und Rauscher (angegore­ner Saft, ähnlich dem Federweisen beim Traubenwein) für die Erwachse­nen. Anschließend werden die Apfel in der örtlichen Kelte­rei abgegeben, oder noch besser: selber gekeltert.

Viele Obst‑ und Garten­bauvereine stellen ihren Mitgliedern das Keltergerät zur Verfügung, man­cher Nachbar hat ei­ne Presse ‑ irgend­wie kriegt man den Saft schon raus. Nicht nur profan zweckgebunden, das Kel­tern wird zum Kelterfest. Freunde, Be­kannte, Kollegen und Verwandte lassen sich nicht lange bitten, sollte doch jeder Hesse wenigstens einmal im Leben in ei­ner Apfelweinkelter gestanden haben. Und endlich sieht man sich wieder mal von Angesicht zu Angesicht.

Das Erlebnis Apfelwein ist damit noch lange nicht zu Ende. Wird doch nun der sü­ße Saft ins Faß gekippt. Langsam beginnt dann die Süße des Saftes zu Alkohol und Kohlensäure zu reifen, das Haus wird er­füllt von den wunderbaren Düften des Spätherbstes.

Und die nächsten Events sind schon nahe: Vorproben, Jungapfel­weinproben, Abzug von der Hefe (Umfül­len des Apfelweines in ein neues Faß nach Beendigung der Gärung) ‑ im Apfelwein­keller ist immer was los. Ab dem nächsten Jahr wird's dann noch spannender, der Ap­felwein wird zum Test im kleinen Kreis an­geboten. Oder vielleicht sogar bei einer Ap­felweinveranstaltung angemeldet. Wer möchte nicht den großen Apfelweinpreis sein eigen nennen, einmal im Leben zum Apfelweinkönig dank des besten Schop­pens ausgerufen werden?

 

Selbstkeltern ist an sich kein Problem. Das wichtigste dabei ist die Sauberkeit. Das ist das A und O, andernfalls wird’s nichts. Am besten ist: Glasballons besorgen (Inhalt 25 Liter), diese gut säubern und den ausgepreßten Apfelsaft einfüllen. Dann ein Gärröhrchen mit Propfen aufsetzen und dem ausgepreßten Apfelsaft für einige Tage Ruhe gönnen. Es geschieht unweigerlich das Wunder: Der Saft beginnt zu gären: Er mussiert, blubbert, wird stürmisch. Sie brauchen nichts zu tun. Nach drei Wochen ist der Rauscher fer­tig, ob sie wollen oder nicht. Jetzt weiterhin Ruhe: Entweder den Rauscher abziehen oder liegenlassen. Aus dem Rauscher wird automatisch guter Apfelwein. Wer will kann das Stöffche „bis zum Satz herunter holen“ oder lie­gen lassen. Selbstgemachter schmeckt jedenfalls am besten. Die „Erste Frankfurter Äpfelzeitung­ schickt gerne nähere Unterlagen.

 

Günther Possmann allerdings warnt vor dem Selbstkeltern: Es führe zu Mißerfolgen. Man muß den Wein höchstens gleich trinken. Aber ansonsten muß er ausgebaut werden. Es besteht die Gefahr der Infektion, es kann zu unkontrollierter Gärung kommen, die zu schlechtem Geschmack führt, da der geringe Alkoholgehalt nicht vor Verderb schützt. Es kommt auf die Kellertemperatur und die Sauberkeit an (Presse; Leitungen, Fässer).

Bei dem hieraus entstellenden Zufallsprodukt ist Qualität meist Glückssache. Der Apfelwein fällt leicht um und bekommt leicht einen Essigstich.

 

Selbstkelternde Wirte:

Die „Vereinigung der Äpfelweinkeltereien mit eigen­em Ausschank“ empfiehlt: Apfelwein sollte man nur am Ort seiner Herstellung trinken, wenn man seine volle aromatische Würze und seine spritzige und erfrischende Apfel­säure schätzen lernen will. So war es jedenfalls früher, als die Kunst des Abfüllens und des Versands noch nicht so perfekt beherrscht wurde.

 

Aber das Stöffche am Ort der Herstellung zu süffeln, ist gar nicht so einfach. Immer weniger der Wirte, darunter selbst Mitglieder der Vereinigung, keltern noch selbst. Und wenn man derzeit eine der traditionellen Gaststätten besucht und einem im Hof der Duft von frischen Äpfeln in die Nase steigt, muß das gar nichts besagen. Denn das ist oft nur „Show“. Manche pressen zwar noch den „Sieße“ für ihren eigenen Aus­schank. Aber um den Durst der Zecher übers ganze Jahr zu löschen, reicht der Selbstgekelterte bei wei­tem nicht aus. Einen großen Teil ihres Ebbelweis be­ziehen die Kneipiers von anderswo.

Immer wieder ist die Geschichte von den nächtens anonym aufkreuzenden Tankwagen der Großkelterei­en zu hören, die diskret die mangelnden Bestände der Apfelweinwirtschaften ergänzen. Was ist dran an diesen Gerüchten? Bekommt man in den traditionellen Ebbelwei-Refugien nur noch ein „Einheits-Stöffche“ oder gibt es doch Unterschiede? Wir haben uns einmal umgehört.

Den besten „Selbstgekelter­ten“ haben die Amateur‑Gast­ronomie‑Tester des Kneipen­führers „Marcellino“ (Ausgabe für 1994) in der „Stalburg“ im Frankfurter Nordend getrunken. War es wirklich Selbstgekelterter? „Natürlich“, versichert Inhaber Friedrich Reuter. „Wir keltern nach wie vor selbst, und bislang hat es noch immer übers ganze Jahr gereicht“.

Die „Stalburg“ ist nicht die einzige Wirtschaft, die so was von sich behauptet. „Rund 35 bis 40 unserer 79 Mit­glieder“, schätzt Otto Rumeleit, Wirt der „Eulenburg“ in Born­heim und Vorsitzender der Ver­einigung der Äpfelwein‑Kelte­reien mit eigenem Ausschank, „keltern noch selbst“ (Rume­leit selbst ist wegen Bauarbei­ten an seiner Gaststätte in die­sem Jahr nicht dabei).

Dazu ge­hören beispielsweise die „Drei Steuber“ in Sachsenhausen (für manchen ein Geheimtip) und das Dauth‑Schneider. In­haber Rainer Klein: „Wir kel­tern noch alles auf unserem ei­genen Hof. Das ist eine alte Tra­dition“. Dauth‑Schneider hat einen großen Keller. Klein kann tatsächlich den fürs ganze Jahr benötigten Äpfelwein selbst la­gern.

Auch Manfred Wagner vom „Klaane Sachsehäuser“, gleich daneben, verweist auf die Tradition, die seine Wirt­schaft hat. „Das Selbstkeltern wird zwar immer schwieriger, aber wir bleiben dabei“. Schwierig ‑ damit meinen die Wirte vor allem, daß es nicht einfach ist, Personal zu finden für eine Tätigkeit, die zwar kei­ne Knochenarbeit ist, aber den­noch anstrengt. Gekeltert näm­lich wird bei jedem Wetter. „Früher“, erinnert sich einer et­was wehmütig, „kamen die Leute zuverlässig zur Arbeit, egal, ob’s regnete, stürmte oder sonst was. Heute melden sie sich gleich beim ersten Regen­tröpfchen mit irgendeinem Zip­perlein krank“.

Zu den Selbstkelterern, die daraus ihre Konsequenzen ge­zogen haben, gehört das „Lors­bacher Tal“, ebenfalls in Alt­-Sachsenhausen. Dort wird nur noch wenig Ebbelwoi auf dem eigenen Hof gekeltert, „ein biß­chen Siesser, ein bißchen Rau­scher“, wie Wirt Wolfgang Schlagmüller erzählt. Den ei­gentlichen Apfelwein (aus Äp­feln eigener Wahl, versteht sich) läßt er hingegen in der Kelterei Grillmayer in Nieder­-Erlenbach herstellen, auf einer vollautomatischen Anla­ge, „wo man nur noch einen Mann, zum Entfernen des Tre­sters braucht“. Ist das nicht ein Stilbruch für ein altehrwürdi­ges Ebbelwoi‑Lokal? Wolfgang Schlagmüller findet das nicht. „Wir kriegen den ganz frisch in unseren Keller geliefert, bauen ihn in unseren eigenen Fässern und Tanks aus. Das ist unser eigener Ebbelwei, wie man ihn nur bei uns bekommt“.

Im „Eichkat­zerl“, das vor wenigen Jahren mit der Tochter des damaligen Inhabers die erste Frankfurter Apfelweinkönigin stellte, macht man kein Geheimnis daraus, daß man das Stöffche aus dem Spessart bezieht, aber eben im eigenen Keller aus­baut. „Wir haben zwar noch die Kelteranlage“, sagt der heutige Wirt Helmut Böhm, „und könn­ten sofort wieder anfangen“. Aber beim Blick ins Lokal stellt man fest: Die Leute kommen auch ohne diese „Schau“.

Das gilt genauso für den „Wagner“ in der Schweizer Straße, eine traditionsreiche Adresse. Auch hier räumt der Geschäftsführer freimütig ein, daß man auf Fremdlieferungen angewiesen ist: „Wir haben gar nicht die Lagerkapazität für das ganze Jahr“. Daß derzeit gekeltert wird, ist für ihn gleichwohl kei­ne „Schau“. Der Siesse müsse schließlich „frisch auf den Tisch“ kommen, deshalb stelle man ihn auch selbst her. Wenn dann der eigene Schoppen zu Ende geht, bezieht man Nach­schub aus dem Hintertaunus. „Da probieren wir natürlich“, sagt der Geschäftsführer, „und nur wenn das Stöffche schmeckt, greifen wir zu. Das ist keine Massenware.“

Wenn es denn so offen zuge­geben wird, daß man den Eb­belwei von außerhalb bezieht ‑ was hat’s dann mit den immer wieder zu hörenden Gerüchten über die anonymen Tankwa­gen auf sich? Achselzucken al­lent­halben. Keiner der Wirte, mit denen wir uns unterhielten, sah einen Grund dafür, sich an­onym mit Apfelwein zu versor­gen. Und die Großkeltereien würden da auch gar nicht mit­machen. Heinz Deisenroth von Possmann in Rödelheim: „Wir beliefern zwar Gaststätten mit Ebbelwei, aber nicht auf ver­schlungenen Pfaden.“ Es gebe Wirte, die ihren Gästen ganz offen sagen: „Der Schoppen ist von Possmann. Schmeckt’s?“ Gleichwohl: Namen von Wir­ten nennt Deisenroth nicht, „wegen Geschäftsschädi­gung.“

Johanna Höhl‑Seibel, Marketing‑ Chefin der Kelterei Höhl in Hochstadt, weist eben­falls jeglichen Verdacht zu­rück, Höhl fülle heimlich die Bestände der Apfelweinlokale auf. „Unser Apfelwein ist eine Spitzenqualität,“ erklärt sie. „Wer Alten Hochstädter aus­schenkt, bekennt sich dazu.“

 

 

 

Schaumwein

 

Lange bevor in Deutschland überhaupt eine Firma Traubensekt herstellte, wurde 1820 von ei­nem findigen Schlesier namens Carl Samuel Hausler (oder Häusler) in Hirschberg nach der klassischen Champagner-Methode der erste Apfel‑Mous­sex hergestellt. Um die Jahrhundert­wende dann von den damaligen Frankfurter Großkeltereien mit Er­folg betrieben. Ein Werbeplakat aus den zwanziger Jahren beweist, daß Schaumwein aus Äpfeln hergestellt wurde: „Apfelwein-Champagner. Erste Frankfurter Aepfelwein­ Kelterei Gebrüder Freyeisen, Frankfurt a. M.-Sachsenhausen“.  Die Sektkelterei G. A. Löff­ler in Sprendlingen vertrieb den „German Champagne Cider“ sogar in Amerika. Bei der Kelterei Cornel in Bornheim hieß die Haus­marke Schäumer.

Damals durfte man noch „Champagner“ sagen, heute ist das den deutschen Herstellern untersagt. Wegen des Protests der Champagner‑Hersteller durfte auch der „Apfel‑Schampes“ der Kelterei Herberth nicht so heißen. Er steht nun als „Apfel‑Klassiker“ im Verkaufsre­gal.

Wie auch die Kelterei Höhl in Hochstadt ga­ben aber immer mehr Firmen die Herstellung des Apfelschaumweines auf. In der Zeit nach dem Krieg wurde der Apfelschaumwein heruntergewirtschaftet. Um  1969/70 wurde die Produktion weitge­hend eingestellt. Der Apfelchampag­ner war erst einmal von der Bildfläche verschwun­den. In den letzten Jahren erlebt er eine kleine Wiedergeburt. Jedoch stellen die großen Fir­men den Champagner nur mit Hilfe einer mo­dernen Technologie her. Beim „Tankgärverfah­ren“ reift der Schaumwein in großen Drucktanks, wird anschließend filtriert und auf Flaschen gefüllt. Wie zu hören ist, versuchen sich auch die Großen der Branche in Hochstadt und Rödelheim immer noch an einer geeigneten - industriellen - Schaumweinherstellung.

In den fünfziger Jahren wurde dann ein Verfahren entwickelt, durch das die Vorteile der Flaschen­gärung (Qualität) mit denen der Gä­rung im Tank (geringe Kosten) ver­knüpft werden sollten. Zwar gärt wie beim traditionellen Verfahren der werdende Sekt in der Flasche, wird dann aber in Drucktanks umgefüllt (transvasiert), blank gefiltert und wieder auf neue Flaschen abgefüllt. Sekthersteller, die dieses „Trava­sierverfahren“ nutzen, dürfen je­doch den Begriff  „Flaschengärung“ verwenden, denn in der Flasche ist deren Sekt ja zweifellos vergoren.

 

Doch heute ist es die Kel­terei Stier die einzige in Eu­ropa, die sich der vollendeten klassischen Handwerks-Methode Champenoise bedient und zwar ohne erlaubte Aufbesserungsmittel.

Im eigenen Keller fand der junge Jörg den idealen Ort um zu experimentieren. Aus ersten zaghaften Versuchen in alten Wasserflaschen (die auch hin und wieder mal explodierten) zauberte der Jungunternehmer in wenigen Jahren Apfeledelge­tränke hervor, die auch Champagnerfans gutie­ren. Seit 1986 hat er die Produktion wieder aufgenommen.

Bei der originalen „Methode Cham­penoise“ kommt es darauf an, daß das Getränk den Kunden in derselben Flasche erreicht, in der er auch vergoren wurde. Diese Methode wurde  bereits zwi­schen 1668 und 1715 in der Abtei von Hautvillers in der Champagne von Dom Perignon  entwickelt und von Veuve Clicquot verfeinert. Sie beansprucht eine Menge Zeit und fordert auch zuletzt eine gehörige Portion Idealismus.

Nach einer ersten Gärung ist ja die Koh­lensäure, die neben dem Alkohol durch einen bioche­mi­schen Prozeß des Vergärens von Zucker und Hefe entsteht, restlos entwichen. Um sie wieder hineinzukriegen,wird sie durch eine zweite Gärung gewonnen. Eine Gärdosage aus Zucker und Champagnerhefen wird in die Flaschen gefüllt. Nach dem Zusatz der Gär-Dosage werden die Flaschen mit Kronkorken verschlossen und in mehreren Reihen als Gärstapel übereinander geschich­tet. Da die Flaschen verschlossen sind, kann bei dieser zweiten Gärung die Kohlensaure nicht mehr entweichen und verbindet sich mit dem Getränk. Sobald die Flaschen nach sechs bis sieben Monaten ausge­goren sind, also der Zucker restlos in Alkohol und Kohlensäure umgewandelt ist, werden die Flaschen aufgerüttelt und auf Lagerstapel gelegt.

Die Hefe aller­dings darf nicht in dem edlen Getränk bleiben. Um sie ohne große Verluste los zu werden, werden die Flaschen drei Wochen lang täglich geschüttelt, es bildet sich ein feiner Hefestrich. Dreht man die Flasche bei jedem Schütteln leicht, wandert die Hefe schließlich zum Kronkorken hin.

Dann erfolgt der handwerklich schwierigste Teil des traditionel­len Champagner‑ Verfahrens ‑ das Enthefen (Degorgieren). Denn die Hefe, die sich nach der Gärung in der Flasche abgesetzt hat und durch das Abrütteln auf den Kronkorken vorgerutscht ist, muß nun aus der Flasche (und es darf ja von dem kostbaren Getränk nichts verloren gehen).

Um dies zu erreichen, werden die Fla­schen kopfüber etwa fünf Zentimeter in eine ‑ 25 Grad C kalte Gefrierlösung getaucht. Dadurch vereisen die Fla­schenhälse mitsamt der Hefe. Der gefrorene Hefesatz sitzt jetzt auf dem Kronkorken fest. Nun kön­nen die Flaschen aufgerichtet werden. Der Kronkorken wird dann mit einem speziellen Degorgierhaken abgerissen. Durch den hohen Druck der Flasche (6 bar, mehr also als in jedem Autoreifen) wird der gefrorene Hefesatz herausge­schleudert. Nun muß die Flasche zum rechten Zeitpunkt wieder aufgestellt werden. Geschieht dies zu früh, bleibt Hefe in der Flasche und der Schaum­wein wird dadurch wieder trüb. Wird die Flasche zu spät umgedreht, sprudelt zu viel von dem wertvollen Schaumwein heraus.

Damit sich der Schaumwein wieder beru­higt, werden die Flaschen unverschlossen auf einen Tisch gestellt. Bevor die Flaschen das letzte mal wieder verschlossen werden, müssen sie mit einer „Versanddosage“ aufgefüllt werden. Dies ist ein Gemisch von Zucker und Wein, in diesem Fall natürlich Apfelwein, aus dem der Schaumwein vergoren wurde. In der Champagne werden Schaumwei­ne, die ohne Zucker in der Versanddo­sage aufgefüllt werden, mit dem Zusatz „Brut‑non dosage“ kenntlich ge­macht.

Nach dem letzten Auffüllen verschließt man die Flaschen nun endgültig mit Naturkorken und verdrahtet diese. Der schäumende Apfel­wein muß nun noch etwa zwei Wochen ruhen, um dann etikettiert werden zu können. An­schließend, nachdem jede Flasche mindestens 40 mal in die Hand genommen wurde, steht sie Anfang Dezember für den Verkauf zur Verfügung. Das Ergebnis ist bei nur 7,5 prozentigem Volumen leicht zu genießen, sehr gut verträglich und hat einen trocken-reifen Apfelton.

 

Den Schaumwein gibt es in verschiedenen Sorten. „Hessen à la Carte“-Apfelschaumwein ist derb, naturtrüb. An bestimmten Tagen aber keltert man „Cuvée“, das heißt, nur der Saft, der ohne Druck aus der Presse herausläuft. Wie auch bei der Her­stellung von Apfelwein vergären dann aus dem Fruchtzucker die Hefen, die Kohlensäure und der Alkohol.

„Sider Exclusiv“ werden  die Jahrgangsapfelschaumweine genannt, die in traditioneller Flaschengärung herstellen wurden. In der Getränkezeitschrift „Skyline“ urteilt Manfred Gorse­lewski: „...im Glas lichtgelb‑kristallklar, langanhal­tend vollperlend, schwacher reifer Apfelton mit saube­rem Abgang und trockenem Nachklang...“.

Sider Exclusiv wird auch angeboten als „Sider Exclusiv grün“ (brut ‑ non dosage). Er hat lediglich ein Alkoholaufkommen von siebenein­halb Prozent und verursacht am nächsten Mor­gen deshalb keinen dicken Schädel, weil komplett auf den Schwefelzusatz verzich­tet wurde. Stier kann nur 3.000 Flaschen davon verkaufen. Es gibt aber auch „Sider excluiv „gold“ (trocken).

Schließlich gibt es noch „rot“ und „rose“. Natürlich wird das Rot da­bei weder mit Farbstoffen noch mit Trauben komponiert, sondern nur aus Früchten des Gartens. Nur fünf bis acht Tropfen eines Beeren-Elixiers färben den prickelnden Wein zart rot. Was genau die Färbung ausmacht, sagt Stier nicht. Nur soviel: Man muß eine beson­dere Beziehung zur Apfelwein‑ und Schaum­wein­herstellung haben, muß „mit der Seele dabeisein“, wenn es was werden soll. Wo Laien nur den Schaumwein schmecken, goutiert der Keltermeister, vorne auf der Zunge die Beere und hin­ten den vollen Apfel. Es ist noch früh am Tag. Morgens ist der Geschmack am sen­sibelsten. „Da reicht schon ein kleiner Schluck, um viel über den Wein zu erken­nen,“ weiß er. Der rote Apfelschaum­wein („Cuvée rot“) wurde zum Beispiel bei der Modenschau im Rahmen der Messe der Bischofsheimer Einzelhändler gereicht.

 

Mit der Kreation der neuen Sorte, na­mens „Eva“ hat Jörg Stier etwa 1989 begonnen. Diese Zeit hat er benö­tigt, um die richtige Mischung der Zutaten zu finden. „Dieser Champagner ist weich, harmonisch, mild und hat noch einen trockenen Nachklang. „Das geht mit der Traube nicht, sondern nur mit dem Apfel“, charakterisiert Jörg Stier. Spezialcuvées für Restaurant und alte Jahrgänge (C. Haeusler) gibt es auf Anfrage.

 

Cidre-Schaumwein ist der Schaumwein nur aus dem reinen Apfel. Denn anders als bei anderen bekannten schäumenden Weinen wie Champagner oder Sekt wird bei der Cidre­-Schaum­wein-Herstellung weder Zucker noch Hefe zugesetzt. Das Ergebnis dieser Flaschengärung zeigt sich leicht und verträglich zugleich - natürlich naturtrüb und nicht mehr Alkohol als der bekannte Schoppen (5,5% Vol.). Getrunken im Sektglas paßt er zu jedem Nachmittagsempfang wie auch zum leichten Essen.

 

Allerdings ist es Jörg Stier nur möglich, eine kleine Auflage des „Cuvée“ herzustellen. Von diesem „Edelsten vom Edlen“ produziert der Keltermeister jährlich nur etwa 3000 bis 4000 Flaschen. Zu zeitintensiv und mühevoll ist die Arbeit und zu beschränkt sind seine Kapazitäten. Traurig ist er darüber aber nicht, denn es liegt nicht in seiner Ab­sicht, die Umsätze der Kelterei zu steigern. Wäre dies sein Ziel, dann hatte er den Rat ei­nes Fachmannes auf dem Gebiet angenom­men und die Produktionsweise des Champag­ners dahingehend geändert. daß er sich eben­falls wie die großen Firmen, die moderne Technologie zu Nutzen macht.

Im Prinzip gleicht keine eine Champagnerfüllung im Geschmack der ande­ren. Durch die Handarbeit können stets Unregelmäßigkeiten auftreten, die in ei­nem modernen Produktionsprozeß ausge­schlossen werden. Stier möchte aber an die handwerkliche Tra­dition anknüpfen, bei der es früher stets Un­terschiede im Ergebnis gab. „Damals glich auch nicht jeder Stuhl eines Tischlers dem an­deren. Heute entsteht jedes Möbelstück in Massenproduktion. Genauso ist es mit dem Sekt. Es ist doch eigentlich wider die Natur, nicht ein Apfel sieht aus wie ein zweiter, nicht einer schmeckt genauso wie der andere. Heute wird jedoch mit Hilfe von Zusätzen der Geschmack ständig nivelliert und standardi­siert. Die wahre Individualität des Produktes, geschaffen mit den Händen eines Menschen, gibt es kaum mehr. Die Menschen die den Champagner genießen, ge­nießen ein individuelles Erzeugnis, das eine Geschichte erzählt und ein Stück Heimatver­bundenheit ausdrückt.“

 

 

Obstbrand

 

Apfelschnaps (Calvados) hat sich in Deutschland nicht durchgesetzt. Der  Name kommt von dem Schiff „Calvador“, das 1538 nach der Seeschlacht mit der Armada strandete und das Apfelschnaps enthielt. Danach wurden dann die Klippen und später die Landschaft und der Schnaps benannt. In diesem Gebiet sind die drei „C“ die Spezialität: Cidre, Calvados und Camembert.

Ende der 70er Jahre war das Obstbren­nen fast aus der Mode gekommen. Doch als der studierte Maschinenbauer Dieter Walz 1993 arbeitslos wurde, machte er sein Hobby, das Apfelwein‑Keltern, zum Be­ruf. Heute ist er sicher: „Das war das be­ste, was mir passieren konnte.“ Nach Walz’ Angaben hat sich inzwischen wie­der ein Netz von Brennereien über Oden­wald und die Bergstraße gelegt.

Für den Aufstieg des schnöden Apfels zum Rohstoff‑Lieferanten edler Digestifs hat in den vergangenen Jahren ein regel­rechter Brenner‑Boom gesorgt. Hessen­weit schätzt der kauzige Strohhutträger die Zahl der Brennereien auf 30 bis 40. „Und da kommen ständig neue dazu“, be­richtet er. Auch in Hessen landet immer mehr rotbackiges Kernobst aus dem Odenwald und anderen Teilen Hessens im Schnapsglas ‑ als er­lesenes Apfelwasser oder Likör.

Allein im Odenwald und an der Bergstraße haben sich inzwischen rund 15 Brennereien der Veredelung von Apfelmaische zu so ge­nannten Edelbränden verschrieben, drei davon von der Deutschen Landwirt­schafts‑Gesellschaft (DLG) mit Medaillen hoch dekoriert.

Die Apfel­wein‑Herstellung reichte Walz bald nicht mehr. Nach erfolgreichen Experi­menten mit Apfel‑Champagner, den Walz heute als „Apfel‑Walzer“ vermarktet, ent­deckte der Odenwälder seine Liebe zum Brennen. Mit einer Finanzspritze des Heppenheimer Amtes für Regionalentwicklung (ARLL) richtete er sich schließlich in Lindenfels-Seidenbuch eine Brennerei ein. Heute umfaßt sein Sortiment rund 80 Edelbrände und Liköre. Er wurde zum „Edelbrenner“.

Die Gründe liegen für ihn auf der Hand: Die Leute merken, daß Edelbrennen nichts mehr mit der Brennerei von vor 20 Jahren zu tun hat. „Schonende Destilla­tions‑Verfahren erhalten das fruchtige Aroma“, erläutert der Schnaps‑Experte. Außerdem entdeckten viele Landwirte das Brennen wieder als Möglichkeit der Obstverarbeitung. „Und natürlich stellen gerade direktvermarktende Bauern fest, daß sich die Edelbrände gut verkaufen lassen“, fügt Walz hinzu.

Zu ihnen gehört auch die Jungbäuerin Andrea Pfeifer (27) aus Fürth (Odenwald­kreis), die in diesem Jahr zum ersten Mal Mirabellen aus dem heimischen Bauern­garten von Walz veredeln ließ. „Wir hat­ten so viel Obst in diesem Jahr. Es wäre doch schade gewesen, das verkommen zu lassen“, meint sie. Brennen sei schließlich auch „eine gute Art, Obst haltbar zu ma­chen“, stellt sie schmunzelnd fest. Für den Eigenverbrauch ist freilich nur der ge­ringste Teil der hochprozentigen Ausbeu­te bestimmt. Das meiste soll über die The­ke ihres kleinen Hofladens gehen. „Das ergänzt ideal mein bisheriges Selbstvermarktungs-Angebot,“ sagt sie.

Um den Absatz der Schnäpse brauchen sich die meisten Edelbrenner im Odenwald kaum zu sorgen. Kenner und Genie­ßer scheuen selbst den mühevollen Weg in Walz‑Brennerei nicht, um sich mit Hoch­prozentigem direkt vom Erzeuger einzu­decken. Die lokalen Brennertage im Fe­bruar sind inzwischen zum Anziehungs­punkt für Liebhaber regionaler Brände geworden. Bei der vergangenen Produkt-­Präsentation hatten die Veranstalter laut Walz mehr als 2.500 Besucher registriert.

Längst hat auch die Edelgastronomie im Rhein‑Main‑Gebiet die Apfel‑, Birnen‑, Mirabellen, Vogelbeeren‑ und anderen Wässer entdeckt, die nicht ganz billig sind: Für eine Flasche Quittenbrand ver­langt Walz schon mal 80 Mark.

Das örtliche Amt für Regionalentwick­lung verfolgt unterdessen die Renaissance des Brennerwesens in Südhessen mit Wohlwollen ‑ und unterstützt Destillen-­Neugründungen mit Rat und (falls erfor­derlich) einer Anschubfinanzierung. Denn für den Heppenheimer Amts‑Chef Sepp Glatzl ist die Obst‑Brennerei ‑ neben der Apfelwein‑Gewinnung ‑ ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung der charakteristi­schen Streuobstwiesen im Odenwald. „Die Bäume werden nur geschnitten und geerntet, wenn sie einen wirtschaftlichen Ertrag versprechen. Keiner kümmert sich um die Obstbäume aus Liebe zur Land­schaft“, gibt der ländliche Regionalplaner zu bedenken. Daß dabei auch noch was „Wohlschmeckendes rauskommt“, nehme man gerne in Kauf, sagt Glatzel. Ein Schelm, der Böses beim Schnapsbrennen denkt. „Wir riechen eigentlich nur daran. Man kann die Brände aber auch trinken,“ witzelt Brenner Walz.

 

Auch in der Wetterau gibt es Edelbrenner. Sechs der 13 Brennereien im Wetterau-Kreis prä­sentierten im März 2000 im Ockstädter Bürgerhaus ihre alkoholreichen Spezialitäten beim „Wetterauer Obstbrandtag“. Der Absatz wachse langsam, aber stetig, meldeten sie zur Freude der Veranstalter vom „A und O‑Verein“ (Apfelwein‑ und Obstwiesen­route) im Amt für Kreisentwicklung. Wohin mit dem vie­len Obst? War die Frage:  „Machen wir gleich etwas Ver­nünftiges draus“, flachste Landrat Rolf Gnadl bei der Eröffnung des „Wetterauer Obstbrandtages“ am Sonntag im Ockstäd­ter Bürgerhaus. „Wir können ein Stück stolz drauf sein.“

Zum Beispiel auf den Speierlings-­Brand, den es andernorts kaum gibt.

Die­se an Grappa erinnernde Spirituose ist so selten, daß sich Kauf‑Interessenten beim Friedberger Brenner Reiner Emmerich (Tel. 06031/62962) in eine Warteliste ein­tragen müssen. Wer Glück hat, ergattert eine Viertelliter‑Flasche bei Stephan Mül­ler (Tel. 06033/41012) in Ostheim: Der Sohn des Apfelwein‑Produzenten Klaus Müller ist 1998 in den exklusiven Kreis der Obstbrand‑Macher eingetreten. Das kostet schon eine Zulassungsgebühr von 50.000 Mark, sagte Detlef Niefert vom Amt für Kreisentwicklung.

Mit „Formularen und Gesetzen von Siebzehnhundertnochwas“ mischt sich der Staat in die Obstbrand‑Destillation ein, erzählte Hartmut Walther vom Os­senheimer Markwiesenhof (Tel. 06031/ 2821): „Ich muß dem Gießener Zollamt mindestens fünf Tage vorher auf die Uhr­zeit genau anmelden, wann ich brennen will. Wenn ich den Termin auf den näch­sten Kalendermonat verschiebe, muß ich einen neuen Antrag stellen.“ Immer mal wieder schaue ein Kontrolleur vorbei und prüfe das Brennbuch ‑ damit der Klein­betrieb ja keinen Schwarz‑Brand herstel­le. Der Staat kassiert laut Walther von 2,8 Prozent der eingesetzten Obstmaische jeweils 20 Mark pro Kilo.

Die Kunst der Destillateure besteht darin, das Aroma der vermusten Birnen, Zwetschgen , Schlehen, Himbeeren, Mirabellen oder Äpfel in den filtrierten und ge­reiften Brand zu übertragen. Damit ihn nicht nur Geschmacks‑Ästheten kaufen, bemühen sich die Produzenten auch um ein attraktives Image für ihre Edelobst­brände. Sie sind „etwas Besonderes“, das man nicht in jedem Supermarkt um die Ecke bekommt. Es gibt sie nur bei den Di­rektvermarktern und auf manchen Märk­ten. Die Einrichtung eines Regionalladens mit Obstbränden und anderen Wetterau­-Spezialitäten läßt bisher auf sich warten. Der vom Amt für Kreisentwicklung getra­gene Verein „Apfelwein‑ und Obstwiesen­route im Wetteraukreis“ scheut das Ko­stenrisiko.

Auch eine schöne Verpackung fördert den Absatz der Wetterauer Edelobstbrände. Bei der Ockstädter Messe waren vor allem schlanke, hohe Flaschen mit ver­spielten Etiketten zu bewundern. Aber auch kegelförmige Steingut‑Behälter oder gar Flaschen in Gestalt eines weiblichen Torsos. Hartmut Walther verkauft seinen aus Delicious‑Äpfeln gebrannten „Calva­dOssenheimer“ auch in einer Art Parfum­-Flakon: „Die machen ein schönes Spiel beim Ausgießen. Diese Flaschen werden besonders von jungen Frauen gekauft.“

Wer Kontakt zum nächst gelegenen Obstbrenner sucht oder sich über die Ap­felwein‑ und Obstwiesenroute informieren will, kann sich an Johannes Fertig oder Detlef Niefer an der Haagstraße 8‑10 in Friedberg wenden. Telefonisch sind sie unter 0 60 31/83 833 erreichbar. Bei den Herstellern und auf manchen Märkten gibt es die hochprozentigen Wässer für etwa 30 Mark je halben Liter.

 

Wer möchte, den unterweist Erwin Scharf aus Ockstadt auch schon mal in der kleinen Apfel­schnapskunde: Der gemeine Apfelschnaps hat einen milden Geschmack und 40 Pro­zent Alkohol. Reift er im Erbacher Eichen­fass während der letzten sechs Monate, be­kommt er eine gelbe Farbe und nimmt den besonderen Geschmack des Holzes an.

Einige Prozente mehr weisen der Hefebrandschnaps aus dem Apfelweinsediment und der Apfeltrester auf. Dessen italienische Vertreter mundet vielen als Grappa. Auch Unkundige schmecken den Unterschied, denn beim Trester werden Schalen und Gehäuse der Äpfel für den Ansatz mitverwandt.

 

 

Wetterauer Obstbrand:

 Am Sonntag, 14. April 2002  stellen fünf heimische Produzenten im Saal Lux in Florstadt ihre Brände vor. Manche sind im Handel gar nicht erhältlich. Beteiligt sind Reiner Emmerich aus Friedberg, Stephan Müller aus Butzbach‑Ostheim, Wolfgang Roth aus Bad Nauheim‑ Schwalheim, Thomas Wenzel aus Altenstadt‑Rodenbach und Hartmut Walther aus Friedberg‑ Ossenheim. Jeder Brenner kann Proben für eine Prämierung einreichen.. Die Fachleute kommen von der Staatlichen Lehr‑ und Forschungsanstalt für Landwirtschaft, Weinbau und Gartenbau in Neustadt.

Als Unterlage für die Schnäpse gibt es von 12.30 Uhr an warmes Essen, das allerdings auch Obstbrand enthält: etwa Wildgulasch mit Ockstädter Kirschwasser, Ochsenbrust und Meerrettich mit Apfeldestillat und Himbeerschaum an Himbeergeist. Gegen 13.30 Uhr hält Steffen Kahl vom Naturschutzzentrum Wetzlar einen Vortrag zum Thema Wetterauer „Streuobst und deren Verwendung in seiner edelsten Form“. Zu sehen ist die Ausstellung „Dem Speierling auf der Spur“. Für Kinder gibt es Obstsaftproben mit Herrmann, dem Hamster. Und weil zum Genuß auch Musik gehört, spielt Leif Sommermeier von der Musikschule Friedberg Jazz, Boogie-Woogie und Rock. Nach Angaben von Johannes Fertig, dem Vorsitzenden des Trägervereins Hessische Apfelwein‑ und Obstwiesenroute im Wetteraukreis, braucht der hiesige Brand den Vergleich mit anderen deutschen oder ausländischen Produkten nicht zu scheuen. Der Wetterauer Obstbrandtag würdige das handwerkliche Können der Brenner. Er sensibilisiere zudem die Bevölkerung für die Probleme der Erhaltung der Streuobstbestande.

Karten für den Obstbrandtag sind zum Preis von fünf Euro bei den genannten Brennern oder beim Amt für Kreisentwicklung in Friedberg erhältlich, Tel. 06031/83833.

 

 

Apfelweinkultur

 

Inbegriff der „Apfelweinkultur“ ist das  „Dreigestirn“ aus Bembel, Glas und Deckel. Diese Zusammenstellung gibt es sonst nirgends auf der Welt. Ein echter Apfelweingeschworerner trinkt seinen Apfelwein nur pur und am besten schmeckt er, wenn er kellerfrisch aus dem großen Bembel, der im eisernen Faulenzer auf dem Büfett steht, ausgeschenkt wird. So ist es auch alte Tradition. Seine beste Trinktemperatur liegt zwischen 11 bis 14 Grad C, andere (wie Günther Possmann) halten das für zu niedrig und wollen 13 bis 15 Grad haben.

 

Bembel:

Der Bembel ist das jüngste Stück der Apfelweinkultur. Die Herkunft des Namens ist nicht sicher. Vielleicht kommt er vom lateinischen „pampinus“ und ist wie so mnanches, das mit dem Trinken zu tun hat, aus Studentenkreisen ins Volk gekommen. Wo der Begriff „Bembel“ letztendlich herkommt, dafür gibt es mehrere Versionen.

Die Form hingegen ist nachvollziehbar. Krüge gab es schon immer. Der bauchige Bembel aber wird 1893 erstmals schriftlich erwähnt. Er ist eine Mischung aus der schlanken Frankfurter Kanne mit einer weiten Öffnung, aus der Wein geschenkt wurde, und aus dem dickbauchigen Vorratsgefäß mit engem Hals (z.B. für Öl). Die Frankfurter Kanne faßte wohl zu wenig Apfelweininhalt, der Krug war schlecht zu säubern ‑ und Sauberkeit, ständiges Reinigen des Gefäßes, ist beim Ap­felwein wichtig. Große Öffnung und dicker Bauch kombiniert ergab den Bembel. Der Bembel hat einen dicken Bauch, damit etwas hineingeht und man nicht so oft in den Keller muß; er hat aber eine weite Öffnung, damit er gut zu reinigen ist und sich keine Bakterien festsetzen.

Das  Material ist hochwertiger Ton aus dem im Kannebäckerland im Westerwald, der bei 1200 Grad gebrannt wird und ohne Glasur dicht wird. Er verträgt Brenntemperaturen, bei denen sich die Materialporen dicht schließen. Der leicht silbrige Glanz der Bembel stammt vom Kochsalz, das am Ende des Brennvorgangs in den Brennofen gegeben wird, deshalb spricht man von der Salzglasur. Jede andere Glasur ist dem Apfelwein abträglich ‑ weil dort feine Risse entstehen, die sich einer gründlichen Säuberung widersetzen.

Friedrich Stoltze (1816-1892) dichtete:

Rätsel

„Ich glaab, ich bin von Staa

un hab mehr Bauch als Baa -

un doch bin ich en arme Tropp

denn, ach, ich hab e Loch im Kopp!“

Der Bembel ist Symbol, Idol und Wahrzeichen Frankfurter Gemütlichkeit. Warum: Weil er als Schankgefäß des Frankfurter Nationalgetränks die von Kennern besonders hoch geschätzte Eigenschaft ht, den aus dem Faß gezapften Äbbelwei -  er wird auch liebevoll „Stöffche“ genannt - frisch zu halten. Und außerdem sieht er trotz meines notwendigen Bauches gut aus, mit seinem kobaltblauen Dekor, der ursprünglich aus einem stilisierten Lebensbaum bestand und besagen sollte, daß der Trunk dem Äbbelwei-Freund zum Wohle gedeihen möge.

Viele finden den Bembel sogar so schön, daß sie ihn als Blumenvase zweckentfremden oder ganz einfach als Schmuckstück am schönsten Platz in ihrer „Gut Stubb“ aufstellen. Am wohlsten aber fühlt er sich doch in Sachsenhausen, dem eigentlichen Äbbelwei-Paradies. Wenn er dort – voll bis zum Rand – im Mittelpunktechter Frankfurter Gemütlichkeit steht und das „Stöffche“, das Fremden meist erst nach dem dritten Schoppen schmeckt, aus seinem Bauche quillt, dann ist dies mein höchstes Glück.

 

Herstellung und Verkauf: Bembel werden zum Beispiel in der Töpferei Monika und Helmut Maurer, 60594 Frankfurt-Sachsenhausen, Wallstraße 5, Telefon 069/616340 verkauft, aber auch im Hessen-Center, 60388 Frankfurt, Tel. 06109/36172 oder 33834). Bembel der Firma Possmann kann man über das Internet bestellen.

Eine Frankfurter Institutionist aber das Steingut-Geschäft von Emma Roßmann an der Ecke Fahrgasse/ Berliner Straße. Eine Hundertschaft von Gartenzwergen grüßt grinsend auf die Berliner Straße, inmitten von salzglasierten Steinzeugtöpfen und Krügen, Kuckucksuhren, Sparschweinen. Jeder Quadratzentimeter der großen Schaufensterflächen des Frankfurter Dippemarkts ist besetzt. Gleiches gilt für die Regalwände im Inneren. „En gude  Schob­be is besser als Pille un Drobbe“, „Trink Apfelwei zu jeder Stund, dann lebst du lang und bleibst gesund“.

Was Emma Roßmanns Kunden wünschen, zaubern sie und ihr Sohn Gerhard auf Holzdeckel fürs Gerippte, bedrucken Bembel, Teller, Aschenbecher, Biergläser und alles, was passenden Untergrund bietet, mit Frankfurter Wappen, Stadtansichten, Firmenlogos oder Sprüchen. Das traditionelle Handwerk liegt Emma Roßmann am Herzen - als Gegenmodell zur Invasion der Billigprodukte aus Fernost.

Ihr Laden ist eine der letzten Bembel-Bastionen: Sehr viele Geschäfte, die Steinzeug aus dem Westerwald verkaufen, gibt es nicht mehr, bestätigt Gitta Ermert von der Werkstatt Girm­scheid in Höhr-Grenzhausen (Westerwaldkreis). Sehr viele Werkstätten, die Bembel nach alter Tradition von Hand töpfern, bemalen und unter Salzzufuhr brennen, auch nicht mehr, sagt die Rheinland-Pfälzerin. Geliefert werde - von Touristenbestellungen abgesehen - tatsächlich fast nur noch nach Hessen: „Ich find‘s toll, wie dort die Trink- und Esskultur gepflegt wird.“

Bembel und Apfelwein als „Hessens Nationalgetränk“ liegen auch Thomas Feda, dem Chef der Frankfurter Tourismus und Congress GmbH, am Herzen - als Alleinstellungsmerkmal der Stadt: „Es zeigt die heimelige, warmherzige Seite als Gegensatz zum kühlen Finanzplatz mit Skyline, die jeder im Kopf hat.“ Alt eingesessene Geschäfte wie der Frankfurter Dippe-Markt passen da voll ins Bild.

Im Jahre 1952 war Spatenstich für die im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche zerbombte Fahrgasse, zwei Jahre später bezogen Emma Roßmann und ihr Mann Adolf dort ihren ersten Laden. Das Paar betrieb eine Metzgerei, bis sich Adolf Roßmann mit dem Ausbeinmesser so schwer verletzte, dass er das Geschäft aufgeben musste und kurzerhand sein Hobby zur neuen Existenzgrundlage machte. Seit jeher hatte der Frankfurter Bierkrüge, Bembel. Aschenbecher gesammelt, „in jeder Wirtschaft hat er welche gekauft und ich hab' geschimpft, was er immer heimschleppt“. Emma Roßmann lacht. Jetzt hängt sie selbst an den Dippe und könnte sich nichts Besseres vorstellen.

Drei Kinder hat die zierliche Person, die einst mit den Flüchtlingsströmen aus dem Sudetenland in Frankfurt landete, neben der Arbeit groß gezogen. Sie spricht von Glück, nicht von Anstrengung. Vermutlich hält das jung: „Ich freue mich jeden Montagmorgen, wenn ich wieder in den Laden darf.“

 

Faulenzer:

Der „Faulenzer“ war anfangs aus Holz und quietschte natürlich , wenn er bewegt wurde. Die volkstümliche Erklärung lautet deshalb: „Der ächzt, wenn er schaffen muß wie ein Faulenzer“. Mit „Faulenzer“ ist heute nicht der Wirt gemeint, son­dern das eiserne Gestell auf dem Büfett, in den der Bembel für den Aus­schank gestellt wird. Der größte und Guinness-Buch-gekrönten Äppelwoi-Bembels aller Zeiten wurde am 8.August 2013 auf dem Apfelweinfestival auf dem Roßmarkt in Frankfurt geziegt.

 

Glas:

Das Glas ist der älteste Gegenstand der Apfelweinkultur. Das gerippte Glas hat Tradition wie kaum etwas Ver­gleichbares in der Apfelweinkultur. Hierzulande ist es nicht vorstellbar, das „Stöffche“ aus einem anderen Gefäß zu trinken als aus dem „Rippeglas“. Das „Stöffche“ aus einem Henkelglas zu trinken wie den „Most“ in Österreich, ist für einen Hessen undenkbar. Und das aus gutem Grund: Mit seiner gradli­nigen, zweckmäßigen Form steht es fest auf dem Tisch und verfügt über ein ange­messenes Fassungsvermögen.

Geht man davon aus, daß der Apfelwein in früherer Zeit stets naturtrüb war, so versuchte man den unansehn­lichen trüben Inhalt des Glases durch die Struktur des Rippenglases zu verschleiern. Durch die plastische Riffelung mit den schräg an­geordneten Rillen erzielte man den gewünschten Glitzereffekt und verbesserte so die Op­tik, der Inhalt  des Glases wurde lebendig und erhielt ein appetitliches Funkeln.

Außerdem war das Essen früher „extrem fetthaltig“ und das Besteck in den spezifischen Schichten noch nicht selbstverständlich. Da sollte das typische Glas eben nicht aus der Hand rutschen. Das Rippenglas macht einfach mehr her und ist auch besser in der Hand zu halten als ein glattes Glas.

 

Produziert wurden die Gläser in den üppigen Wäldern zwischen Kassel und Aschaffenburg Waldglas aus dem Spessart gab es schon immer. Es wurde im Wald hergestellt, um den Transport des Holzes zu sparen. Das ist zwar brandgefähr­licher, aber praktischer hinsichtlich des Transports - so die geläufige These, denn das Apfelweinglas wird aus Holzkohle und kieselsäurehaltigem Gestein gebrannt. Kieselsteine und Pottasche gab es nämlich im Spessart auch. Die Form wurde in ein Holz-Model und später ein Eisen-Model geblasen. Die ältesten Gläser gibt es aus dem 15. Jahrhundert, sie waren in Altäre eingemauert. Im Frankfurter Museum sind die Gläser die wertvollsten Stücke.

Der Rippenbecher zählt ebenso wie der Nuppenbecher oder kleine konische Be­cher mit optisch geblasenen Mustern zu den ältesten Gebrauchsgläsern des Mittel­alters. In unseren Regionen treten sie etwa im 13./14. Jahrhundert auf, sowohl in der Schweiz als auch in Süddeutschland und im Rheinland. Die Verwendung von Modeln ist beim mittelalterlichen Glas eine der beliebtesten Verzierungstechniken. Hierbei gilt es zu unterscheiden zwischen Stücken, die in eine mehrteilige Form geblasen werden und die auch die Gesamtform des Glases im wesentlichen vorbestimmt, und solchen, bei denen die Glas­blase in eine einteilige gemusterte Form .Geblasen wird, wobei sich das dadurch er­zielte Dekor bei der weiteren Bearbeitung jedoch verändert, das heißt durch weiteres Aufblasen schwächer wird.

Das erste Verfahren wird „Formblasen“ genannt, das zweite „optisches Blasen“. Seit der Römerzeit ist das optische Blasen kontinuierlich ausgeübt worden. Optisch geblasen sind auch die uns überlieferten Rippen‑ und Kreuzrippengläser des Mittelalters. Das Rautenmuster, auch Kreuzrippenmuster genannt, wie es auf dem heuti­gen Apfelweinglas anzutreffen ist, er­scheint etwa ab dem 15. Jahrhundert auf den verschiedensten Gefäßen. Die Glasver­arbeitungshütten unserer näheren Umge­bung lagen im Spessart. Wegen des enor­men Holzbedarfs beim Schmelzen der Glas­bestandteile, aber auch wegen des benötig­ten kieselsäurehaltigen Sandes, den die Bachläufe lieferten, wurden Glashütten fast ausschließlich in Form von Waldhüt­ten betrieben. Bereits im Jahre 1406 schlos­sen sich die Spessart‑Glasmacher in einer Zunft zusammen, deren Arbeitsordnung überliefert ist.

Wann genau die gerippten Gläser erstma­lig in deutschen Glashütten aufgekommen sind, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit ausmachen. Der älteste Hinweis findet sich jedenfalls auf einem Gemälde eines Kölner Meisters aus dem Jahre 1464. Eine der ab­gebildeten Personen hält hierauf ein Glas mit deutlich erkennbarem Rippenmuster in der Hand.

Das Trinkgefäß in der Gotik war etwa faustgroß. Im 16. Jahrhundert wurde es größer und größer und zugleich Zeugnis der üppigen Trinkgelage jener Zeit, der Zeit des großen deutschen Durstes und „greulichen Saufens“, wie es manche Chro­niken zu beschreiben pflegen. Es war nicht üblich, an den Gläsern für den täglichen Gebrauch Henkel anzubringen. Man schätzte eine besondere Art zu trinken, nämlich das Glas beim Trinken mit beiden Händen zu umfassen.

Zum Fassungsvermögen: Gängig war früher das Glas mit einem Fassungsvermögen von 0,3 Litern. In einigen traditionsreicher Apfelweinlokalen wird es noch heute verwendet. Dagegen ist man ganz allgemein zu dem 0,25 Liter‑Glas und industrieller Ferti­gung übergegangen. Aber von echtern Apfelweintrinkern wird es als „Beschisserglas“ angesehen.

Die Frankfurter hatten in der Blütezeit des Apfelweins um die Jahrhundertwende ihr eigenes Maß, den „Schoppen“. Dieses Ge­fäß faßte 3/8 Liter. Hingegen maß der „Hessische Schoppen“ 0,4 Liter. Eine be­sondere Kuriosität ist das sogenannte „Da­menglas“ mit einem Inhalt von 0,2 Litern. Es soll von den Damen der Frankfurter Ge­sellschaft benutzt worden sein. Offenbar unterstellte man den Damen geringere Trinkfreudigkeit, was heutzutage wohl niemand mehr zu behaupten wagt.

Die in der Jetztzeit benutzten Gläser kom­men fast ausschließlich aus dem Kannen­bäckerland. Sie sind aus Pressglas und voll standardisiert. Ihre Höhe mißt 12,5 Zenti­meter. Früher hatten die mannigfaltigen Stücke durchaus unterschiedliche Wand­stärken. Meistens war die Wandung di­cker, die Rauten mal stärker, mal schwä­cher ausgeprägt. Einige Gläser hatten auch runde Vertiefungen. Schon immer gab es daneben auch verzierte Gläser mit Gold­rand, bunten Wappen und Namensaufdru­cken. Im Maintaler Stadt‑Museum wird ei­ne Reihe historischer Gläser zur Schau ge­stellt. Darunter ist auch das Sammlerstück „Damenglas“.

 

Bembel und Geripptes

Eingeschenkt wird Äppelwoi stilgerecht aus einem Bembel, getrunken aus einem Gerippten. Der Bembel ist ein dickbauchiger Krug aus Steingut. Er hat eine graue Grundfarbe und ein blaues Muster. In einem Bembel bleibt der Äppelwoi auch über längere Zeit schön kühl. Bembel werden nach ihrem Fassungsvermögen benannt, passen beispielsweise sechs Gläser hinein, spricht man von einem sechser. Das Gerippte ist das traditionelle Glas für Appelwoi. Es verdankt seinen Namen den auf ihm quer gestellten Rippen. Das Standardglas fasst 0,3 Liter, bedingt durch die Apfelweinsteuer und die damit verbundene Preiserhöhung findet man aber immer mehr Gläser mit einem Fassungsvermögen von 0,25 Litern.

 

Der Ursprung des „Gerippte“

Burkhard Steinhauer hat dem Wetterau‑Museum in Friedberg 49 Wirtshausgläser gestiftet, die dort im Kolonialwarenladen seiner Familie ausgestellt sind. Hier beschreibt er die Geschichte der Gläser:

Hessens Nationalgetränk Nummer eins ist und bleibt der Apfelwein. Die Frankfurter nennen ihn „Äpfelwein“. Der gebürtige Klein‑Karbener Tierarzt und Mundartdichter Peter Geibel schreibt gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom „Äppilweih“ und der 1884 in Friedberg geborene Schulmann und Mundartdichter Wilhelm Konrad Philipps hat dem Äppler" oder dem „gut Stöffche“, wie der Apfelwein in ganz Hessen liebevoll genannt wird, offensichtlich auch ganz privat gerne gefrönt. Die Besucher des Gasthauses „Forsthaus Winterstein“ bei Bad Nauheim können sich von der neuen dialektischen Schreibweise unseres Nationalgetränks an Ort und Stelle überzeugen und die Lachmuskel werden auch wieder einmal bewegt. Dort wartet ein gereedeter Bembel (Bezeichnung für die Ritztechnik bei Steinzeug) mit der typisch kobaltblauen Keramikfarbe auf Stöffchetrinker. Und eine neue medizinische Erkenntnis kann der Gast auch noch mit nach Hause nehmen: „Schwenk dei Maul mit Ebbelwei, do komme aach ka Bazille nei!“ heißt die Devise für Forsthausbesucher.

Den Sammlungen der Stadt Friedberg wurden kürzlich 49 frühe Zeugnisse einer im 19. Jahrhundert in Deutschland aufblühenden Glasindustrie übergeben. Die Schenkung der Gläsersammlung für den „Supermarkt der vorletzten Jahrhundertwende“  im Wetterau‑Museum aus dem Bestand der letzten Firmenchefin rundet

nun das Bild des Geschäftes ab, denn Wirtschaftsgläser und Wirtegläser (maschinengeblasenes Hohlglas für Gastwirtschaften) waren ein Schwerpunkt des Handelshauses um 1900.

Acht Apfelweingläser gilt es besonders hervorzuheben. Sie sind in die Zeit ab 1840 zu datieren. Dekoriert wurden sie auf der Breitseite einer von zwei uralten spanischen Orangenkisten in der Nähe zu einem Bembel im Museumsladen. Die mit Eichmarken der Größen 0,2, 1/4, 5/20 = 1/4, 0,3 und 0,4 Liter versehenen zylindrischen und konischen Apfelweinbecher zeigen die gesamte Entwicklungsgeschichte des Apfelweinglases. Die heute üblichen Apfelweinbecher des Herstellers Rastal in den Größen 0,25, 0,3 und 0,5 Liter gehören noch nicht in ein Museum und wurden bewusst in den Museumsbestand nicht mit aufgenommen. Erwähnenswert ist aber, dass sich der Ehrenvorsitzende des Verbandes der Hessischen Apfelwein‑ und Fruchtsaft‑Keltereien, Walfried Heil, sich sehr stark für die Einführung des 0,5 Liter Apfelweinglases eingesetzt hat, eine Größe, die es bisher noch nicht gab.

Das „ Sonntagsglas“ ist ein Geripptes mit Goldrand. So war das nämlich früher, da gab es für den Feiertag das gute Glas mit Goldrand, in dem die Farbe besonders zur Geltung kam. Die Spülmaschine hat dieser Tradition leider den Garaus gemacht.

Im Wetterau-Museum Friedberg gibt es eine Gäsersammlung. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die Waldglashütten des Bad Driburger Landes die Produktionsstätten der Gläser im Wetterau‑Museum. Der Überlieferung nach beschickte der 1810 in Bad Driburg von Heinrich Ritzendorf gegründete ursprünglich nur auf Glasprodukte ausgerichtete Großhandel, die Friedberger Unternehmung, auch wenn keine Rechnungsbelege mehr aus dem 19. Jahrhundert vorliegt. Die intensive Geschäftsbeziehung bestand bis Sommer 1992.

Bei den angesprochenen, mittlerweile musealen Apfelweingläsern fällt deutlich auf, dass das heute übliche schwach ausgeprägte Rautenmuster die Endstufe des Vorkriegs‑Apfelweinglases ist, das in der Griffigkeit 60 Jahre unverändert blieb, während in der Zeit zwischen den Kriegen und auch vor dem Ersten Weltkrieg die Körnung der Glasoberfläche öfters verändert wurde. Ursprünglich sprach man sowieso nie von einem „Rautenmuster“ und schon gar nicht von einem gerippten Glas. Der imitierte Rautenschliff ist nichts anderes als ein netzförmiger Linienschliff, den schon in der Gestaltungsmöglichkeit, dem Design, die römischen Glasmacher zwar nicht als Schliff, aber als aufgelegten, angarnierten Faden praktisch umsetzten. In der deutschen Gotik wird das so genannte „Rautenmuster“ als Schuppenschliff auf der Urform aller Gefäße, dem Glasbecher, bekannt. Erst im Biedermeier, dem Zeitalter, in dem die Glashütte zur Glasfabrik wurde, taucht das heute so genannte „Rautenmuster“ auf Apfelweinbecher und auch auf Kelchgläsern wieder auf

Zwei ganz edle, mundgeblasene Apfelweinbecher der gehobenen Gastronomie der 1870er Jahre zeigt das Museum auch. Unterschiedlich geordnete Wülste geben den Gläsern eine ganz besondere Note. Sollte diese der Apfelweingenießer einer lange vergangenen Zeit als Rippen gedeutet haben? Kommt daher vielleicht das Verlangen nach dem Gerippten' (Glas) für unser hessisches Nationalgetränk?"

 

Deckel

Der Deckel, im Frankfurter Dialekt, „des Deckelchee“ besteht aus zwei Holzscheiben, einer größeren und einer kleineren. Die größere Scheibe deckt das Apfelweinglas ab, die kleinere ragt in das Glas hinein, um ein Verrutschen des Deckels zu verhindern. Sitzt man in einer der typischen Apfelweinwirtschaften (Gartenwirtschaft), verhindert „des Deckelcher“, dass Schmutz oder Insekten in den Apfelwein fallen. Der Deckel kann oben mit einer Münze oder Malerei, aber auch mit dem Namen der Wirtschaft oder des Besitzers verziert sein. Er wird nicht von der Wirtschaft gestellt, man bringt ihn mit. Dieser Kult wird heutzutage aber nur noch von traditionsgebundenen Apfelweintrinkern gepflegt.

 

Der Deckel für das Trinkgefäß anzusehen und heißt mundartlich „Schobbedeckelche“. Es handelt sich hierbei um einen gedrechselten hölzernen Deckel, der annähernd die Form eines ganz flachen Pilzes hat. Der Stumpf reicht etwa drei Millimeter ins Glas hinein, damit der Deckel nicht herunterrutscht. Der untere Rand des Pilzhutes ragt etwa einen Zentimeter über den Glasrand hinaus, der Durchmesser beträgt ca. 8,5 ‑ 9 Zentimeter und die Ge­samt­höhe etwa einen Zentimeter.

Der Hut des flachen Holzpilzes ist oft mit zwei oder drei Rillen versehen. Der eigentliche Schmuck des Deckels liegt in der Einlage in Form von Plaketten, Medaillen, Initialen, Wappen usw. Der Fantasie der Eigentümer bei der Befriedigung des Schmuckbedürfnisses, waren kaum Grenzen gesetzt. So kann man Deckel mit wertvollen Schnitzereien aus Elfenbein und Ebenholz antreffen oder solche mit Silber‑ und Zinneinlagen. Vielfach wurden auch zu bestimmten Anlässen, z. B. Turner‑, Sänger‑ und Schützenfesten, Deckel gefertigt oder auch bestimmte Gaststätten verzierten die Deckel aus Werbezwecken init ihrem Enblem.

Die Deckel spiegeln auch Stadtgeschichte wider. Zum Deutschen Turnfest im Jahr1908 in Frankfurt trugen viele von ihnen den Kopf des Turnvaters Jahn oder eine Abbildung de Messehalle, zahlreiche waren mit dem Frankfurter Adler geschmückt. Auf einem modernen Äppelwoi-­Deckel, der ein Bild von Adam und Eva zeigt, heißt es: „Wer Äppel ißt, der sündigt ‑ wer se trinkt, hat wohlgetan.“

Die Herkunft des Deckels für das Apfelweinglas liegt im unklaren. Ebenso gibt seine Bedeutung Rätsel auf und läßt verschiedene Deutungen zu. Für Trinkbecher ist ein Deckel nicht gebräuchlich. Im Gegensatz zu anderen Trinkgefäßen, wie Krügen und Humpen aus Steinzeug, Porzellan oder Glas, die häufig mit reich verzierten Deckeln aus Zinn und anderen versilberten oder vergoldeten Materialien ausgestattet waren. Die bei Bierkrügen an den Henkeln gelenkig angebrachten Deckel, zumeist aus Zinn gegossen, sind seit vielen Jahrhunderten in Gebrauch. In der Biedermeierzeit nach 1820 tauchen auf Deckeln von Bierkrügen Einlagen auf, so beispielsweise farbige Porzellanmedaillons. Holzdeckel auf Steinkrügen für Wein oder auch Apfelwein sind lediglich im 19. Jahrhundert an der Mosel anzutreffen. Möglicherweise ist der Deckel auf dem Apfelweinglas eine Nachahmung derselben. Jedenfalls ist er nur im Frankfurter Raum anzutreffen.

Beim Bier werden die bedruckten Pappunterlagen als Deckel bezeichnet. Es handelt sich hierbei um die industriell gefertigten Nachfolger früherer Filzplättchen zum Aufnehmen der Nässe unter dem Glas und zum Schutz der Tischtücher. Der Apfelweindec­kels ist im Gegensatz zum Pendant beim Bier wirklich ein Deckel und wird oben drauf gelegt und nicht unten drun­ter.

Der älteste datierbare Deckel (gemäß einer Untersuchung des Historischen Museums Frankfurt a. M., nach anderer Angabe gibt es die Deckel seit 1862) ist kurioserweise kein Holzdeckel, sondern eine runde Blechscheibe mit einem verdickten Rand. Auf der Oberfläche ist ein Bild der Stadt aufgedruckt mit der Inschrift: „Zur Erinnerung an das Deutsche Bundes‑ und Jubiläumsschießen 3.‑10. Juni 1887“. Er befindet sich im Besitze der Erbin eines ehemaligen Bornheimer Gastwirtes. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Apfelweindeckel überaus populär und hat in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts eine wahre Blüte gezeitigt.

 

Über den Verwendungszweck des Deckels wird ebenso gerätselt wie über seine Entstehungsgeschichte. In der einschlägigen Deckelforschung werden drei Gründe herausgestellt:

1. Der Deckel hält das Aroma. Er soll verhindern, daß die feinen Aromastoffe im „Stöffche“ verduften. Umgekehrt hält er auch „fremde Duftstoffe“ fern, die sich in schlecht gelüfteten und verrauchten Gaststätten einschleichen könnten. Dagegen steht, daß der Stoff so empfindlich nicht reagiert, und außerdem soll er zügig weggetrunken werden. Diese Erklärung ist allerdings falsch

2. Der Deckel dient der Hygiene. Dies klingt einleuchtend, bedenkt man doch, daß zu fortgerückter Stunde die Aussprache immer lebhafter und auch feuchter wird und das Überspringen von Bakterien geradezu begünstigt. Vielleicht hat man auch befürchtet, der Nachbar könne auch bewußt in das Glas spucken. Dagegen spricht allerdings, daß die Leute früher weniger empfindlich waren wie wir heutzutage. Außerdem war und ist es auch nicht üblich, Bier‑ und Weingläser in Gastwirtschaften abzudecken­.

3. Der Deckel schirmt das Glas gegen das Eindringen von herabfallenden Blättern und fremden Kleinstlebewesen, wie Käfern, Fliegen, Raupen und dergleichen, ab. Da Apfelwein besonders gerne in Heckenwirtschaften und Gartenlokalen getrunken wurde, ist dies wohl die einleuch­tendste Erklärung für die Entstehung des Deckels.  „Babbelwasser“ heißt der Apfelwein ja gemeinhin und die Mücken sollten keine Gelegenheit bekommen, eine „Babbelphase“ auszunutzen. Kritiker mögen nun einwenden, daß er allerdings auch in geschlossenen Räumen benutzt wurde.

4.  Der Deckel ist Kennzeichen für das eigene Glas und könnte auch verhindern, daß der Nachbar einen Schluck stiehlt. Richtig hartgesottene Schoppenfans haben immer einen eigenen Deckel.

 

Es hat sich indessen allmählich ein gewisses Zeremoniell entwickelt. So wurde er umständlich aus einem Stoffbeutel unter den Augen des ganzen Tisches hervorgekramt und mit Bedacht aufgelegt, beim Trinken wieder abgenommen und erneut aufgelegt. Dieses Ritual zog sich über Stunden hin und brachte Ruhe und Rhythmus ins Geschehen. Auch wurde der Deckel zur Insignie der Würde eines jeden echten „Geschworenen“. So nannte man die Apfelweintrinker insbesondere in der Zeit des Nahrungsmangels während des 1. Weltkrieges, als das Apfelweinkeltern auf höheren Befehl verboten, aber dennoch heimlich und für den Hausgebrauch fortgesetzt wurde. Das Trinken erfolgte zu jener Zeit in den sog. „Logen“. Die Deckel aus Holz mit Einlage haben wohl mehr einen Gemüts- als einen Kunstwert.

Aus dem heutigen Bild sind die handtel­lergroßen runden Scheiben nahezu ver­schwunden. Das Bundesäppelwoi‑ Königs­paar verschenkt sie alljährlich als Souve­nirs an sein Volk. Ansonsten aber hat der Stöffchenfreund mit der Tradition gebro­chen, läßt sein Geripptes in der Regel of­fen vor sich stehen. Derart ungeschützt droht dem sauren Getränk die Verfäl­schung, insbesondere wenn es unter frei­em Himmel genossen wird.

Bleibt noch nachzutragen, daß der historische Deckel nur für das Glas mit einem Inhalt von 0,3 Liter paßgenau war. Dieses Hohlmaß trifft man heute nur noch in wenigen typischen und traditionsbewußten Äppelwoi‑Kneipen. Ansonsten hat sieh allgemein das 0,25 Liter‑Glas durchgesetzt. Mag sein, daß dies ein Grund für den Seltenheits­wert dieses liebenswerten Kleinods von hohem Gebrauchswert ist. Schade eigentlich, der eigene Deckel würde die Apfelweinkultur beleben. Hier gilt es, eine Marktlücke zu schließen, verehrte Äppelwoi‑Wirte!

 

Der Steinheimer Rudolf Krammig sammelt Apfelweindeckel. Inzwischen nennt er an die 200 Stück sein Eigen.

Nur in der Grundform unterscheiden sie sich nicht voneinander. Ansonsten stellt ein jedes Exemplar ein Unikat dar, erweist sich in Dekoration und Material jeweils grundverschieden. Zu den beson­ders edlen Modellen gehört das mit dem geschnitzten Apfel aus Elfenbein. Auch das mit einem Frankfurter Taler aus dem Jahr 1885 verzierte kann sich sehen las­sen. „Je schöner der Deckel desto reicher der Mensch.“ Das sei heutzutage vergleichbar mit dem Unterschied zwischen dem Fah­rer eines Mercedes und dem eines Volks­wagens.

Viele der früheren Statussymbole mit Gebrauchswert stellen Erinnerungsstüc­ke dar. Hier ist ein Bundes­verdienst­kreuz aus der Nazizeit eingearbeitet, dort ein Karnevalsorden. Als Krammigs Vater im Jahr 1931 einen „kapitalen Bock“ schoß, ließ dessen Jagdfreund, ein Frankfurter Äppelwoikelterer, aus dem Herz des Ge­weihes einen Deckel schnitzen. Ende des 19. Jahrhunderts entstand das Jugenstil­-Exemplar aus Ebenholz. Als die „Alte Brücke“ in Frankfurt erneuert wurde, mußte auch der Wetterhahn aus dem Jahr 1356 weichen. Aus dessen Holz fer­tigte ein Unbekannter einen Apfelwein­deckel. „Ganz Mißtrauische“ benutzten ein Exemplar mit Zählwerk. Nach jedem Schoppen stellten sie es auf die nächste Zahl um. Der Sinn lag nicht etwa darin, den eigenen Alokoholkonsum zu kontrol­lieren, sondern die Rechnung des Wirtes.

Mit dem Sammeln der Exemplare aus Kunststoff, Blech, Horn, aber vor allem Holz, setzt Krammig eine Fami­lientradition fort. In der Silberwerkstätte seines Vaters stellte der ehemalige Schü­ler der Staatlichen Zeichenakademie Dec­kel „auf antike Art“ für Frankfurter Juden her. Mit Hilfe dieser alten Model­len fertigt Rudolf Krammig gelegentlich immer noch ein paar Exemplare an.

Seiner Sammelleidenschaft frönt er frühmorgens auf Flohmärkten oder Antik­märkten. „Apfelweindeckel ist noch ein Gebiet mit niedrigen Preisen“, versichert der 74jährige, der auch als Restaurator gearbeitet hat, sich für alles Geschichtli­che interessiert. Hauptsächlich sucht er nach historischen Zeugnissen aus Stein­heim, wurde für seine Heimatpflege be­reits mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen, der Main‑Kinzig‑Medaille und der Ehrenmitglied­schaft, des Heimat‑ und Geschichtsvereins Steinheim ausgezeich­net. Krammig scheut aber auch nicht den Blick über die Landesgrenze. So ziert einer der rund 200 Deckel kein Gerippp­tes, sondern ein Glas mit der Aufschrift „Viez“, dem Apfelwein aus dem Saar­land.

Auf der Verkaufsausstellung „Mein Garten“im  Palmengarten 2003 war auch ein „Schoppedeckeldrechsler“ dabei.

Handkäs:

 „Handkäs mit Musik: In einem Buch von 1903 wird angegeben, daß der Handkäs mit Essig und Pfeffer angemacht wird. Als der Pfeffer im Weltkrieg aber knapp wurde ,hat man Zwiebel und Öl genommen. Wenn einer fragt, was dann die Musik dabei sei, dann antwortet man: „Essens, dann hörn’s“. Es gibt dazu eine intellektuelle Erklärung.: In der Barockzeit wurde zu jedem Essen Musik gemacht, das Wort „Musik“ stand in jener Zeit für jede Art von Beilage. Die volkstümliche Erklärung geht davon aus, daß der Käse so etwas wie ein „Schneiderkottlet“ ist, ein billiger Fleischersatz für arme Leute. Aber auch Milchprodukte geben Kraft, so daß man sagt, „da ist Musik drin“.

 

 

Brezel

Die Hessen behaupten nach wie vor hartnäckig, das „Fastengebäck“ mit der Form der Gebetshaltung von Mönchen sei in ihren Regionen erfunden worden (der Clinch mit schwäbischen Brezel­puristen scheint vorprogrammiert ... ).

 

„Hartekuchen“: Wurde erst in den 30iger Jahren aus Nürnberg eingeführt.

„Kümmelweck“: Sehen aus wie eine Reihe aneinandergereihter Würste, stammt aus Bornheim.

„Mohnzöpfe“: Ersatz für das abgeschnittene Haar, wenn man ins Kloster ging.

„Rippchen mit Sauerkraut“.

 

 

Redensarten

Nicht nur zur Erntezeit im Herbst tauchen Äpfel und Birnen in vielen alten Redensarten auf. Die Früchte haben sich in den vergangenen Jahrhunderten in manches Sprichwort geschlichen. Im Hochsommer schwitzen manche beispielsweise wie ein „Apfelbutzen“. In eiligen Situationen raten viele Menschen, „die Birnen (erst einmal) reif werden zu lassen“ ‑ auch wenn „reife Birnen oft in den Dreck fallen“.

Das alte Sprichwort: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ oder ‑ ironisch formuliert ‑  „fällt nicht weit vom Birnbaum“, spielt dagegen auf die tatsächliche oder vermeintliche Ähnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern an. Bei Vergleichen heißt es aber dann oft, man solle nicht „Äpfel mit Birnen verwechseln“. Wer sich seine „Birne nicht zerbrechen“, eins „auf die Birne kriegen“ oder in den Ruf geraten will, „eine weiche Birne zu haben“, sollte keine „Birnen vom Ulmenbaum fordern“, sondern lieber verkünden „Die Birnen sind gegessen“, und die entsprechende Angelegenheit ist damit erledigt. Auf gar keinen Fall soll etwas „zwischen Birnen und Käse“ getan werden. Dann ist etwas nämlich völlig verpfuscht oder zumindest jedoch nur nebenbei und oberflächlich erledigt worden.

Danach könnte jemand auf die Idee kommen, „noch einen Apfel mit einem zu schälen zu haben“. Auf wenig Gegenliebe stößt auch, wer von anderen erwartet, sie würden sich für einen  „Appel und’ Ei“ ‑ also fast kostenlos ‑ ins Zeug legen.

Wer etwas Unangenehmes zu tun hat, spricht oft davon, daß er „in den sauren Apfel beißen“ muß. Trost könnte er in der alten schwäbischen Redensart finden nach der  „mer in manche saure Aepfel beiße muß, bis mer en süße findt.“ Wer jedoch von einer Sache genug und damit „die Birnen dicke (oder auch satt) hat“ und, nimmt- wie es im schlesischen und in Obersachsen früher hieß  „seine sieben gebackenen Birnen zusammen und schiebt ab“. Taugenichtse werden oft als keine faule Birne wert ein geschätzt, schwierige Menschen als „e kritisch Birn“.

Viele Menschen fühlen sich „veräppelt“. Das ist allerdings nicht auf die süß‑sauren Früchte zurückzuführen, sondern auf das jiddische Wort „eppel“, das „nichts“ bedeutet. Wer in früheren Zeiten „veräppelt“ wurde, mußte also fürchten, er solle zunichte gemacht werden. Heute würde er mit diesem Ausdruck nur verspottet.  

Auch zur Beschreibung intimer Angelegenheiten werden oft Äpfel und Birnen herangezogen. Ein junger Mann, der sich mit einer Leiter zum Fensterln aufmachte, ging nach dem Volksmund „Birnen pflücken“. Wenn jedoch gespottet wurde, „einer würde die Apfel nicht essen mögen“, war klar, daß sich der betreffende von allen Liebesdingen fern hielt.

 

Besuch einer Apfelweingaststätte

Der Frankfurter Oberbürgermeister Wolfram Brück  meinte zum Frankfurter Stöffche:

 „Beim Ebbelwei hockt arm und reich,

  beim Schoppe sin se alle gleich.

  Gemütlich lacht da alt und jung.

  Frankfurter Ebbelwei gibt Schwung!“

 

Daß es beim Apfelweingenuß keine Standesschranken gab und gibt, daß alt und jung, arm und reich zwanglos beieinander sind, entspricht zudem der alten demokratischen Tradition der bürgerlichen Republik. Die Hessen sind „allem Extremen abhold und haben vor allem Freude am Natürlichen. Wo sonst sitzt man mit gutem Gefühl auf harten Bänken, die dem Hintern weh tun, und genießt dies auch noch? Wo sonst sitzen arme und reiche Leute so einträch­tig nebeneinander und verstehen sich prächtig!“ sagte einst der hessische Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry.

Beim Apfelwein wurden und werden alle Unterschiede im Rang und Stand bedeutungslos. Er verbindet jung und alt, arm und reich zu einer gleichge­stimmten großen Gemeinschaft. Er schafft eine einzigar­tige Atmosphäre, ein ganz spe­zielles „Milieu“, wie es nur in den typischen hessischen Apfel­wein‑Lokalen anzutreffen ist. Beim „Ebbelwei“ trifft man auf junge Leute genauso wie auf passionierte Schoppenpetzer, die man ganz leicht an ihrem persönlichen Deckel für das Apfelweinglas, das „Gerippte“ erkennen kann.

Ein echter Frankfurter kennt natürlich seinen Apfelwein und liebt ihn über alles. Er kennt alle Apfelweinlokale weit und breit, hibb der Bach, dribb der Bach und drumherum. Selbstver­ständ­lich hat er auch sein Stammlokal, wo er „dahaam“ ist und seinen angestammten Platz zur bestimmten Uhrzeit behauptet: der Wirt könnte seine Uhr danach stellen, so pünktlich stehen die Gäste vor der Tür.

Da die Frankfurter ein goldiges Gemüt haben, lassen sie auch die Fremden, die „Eigeplackte“, die „Meßfremde“, die „Zugeloffene“ sich bei ihnen am Tisch niedersetzen. Bald werden sie in das Gespräch einbezogen, denn der Frankfurter „babbelt“ gern. Mit „Ei gude ‑ wo komme Se denn her?“ wird die nun abendfüllende Unterhaltung eingeleitet. Man rückt näher zu­sammen und nach etlichen Schoppen Apfelwein wird immer lebhafter „schläächtgeschwätzt“ wie mit uralten Bekannten.

 

Während früher Apfelwein oft als Getränk von Leuten galt, die sich kein Bier oder keinen Wein leisten konnten, ist Qualitäts‑Apfelwein heute in allen Bevölkerungsschichten beliebt.

Apfelwein profi­tiert in besonderem Maße von hohen Außentemperaturen, denn Hessens Na­tionalgetränk mit seinen natürlichen Mineralstoffen und Fruchtsäuren und dem niedrigen Alkoholgehalt (5‑6 Vol. Prozent) erfrischt nachhaltig und macht nicht müde, Geschmack und Aroma sorgen dafür, daß das Stimmungsbaro­meter steigt und der Appetit nicht aus­bleibt.

 

Die schon sprichwörtliche Bärbeißigkeit der Frankfurter Wirte und Kellner darf man nicht so tragisch nehmen. „Zu höflich ist albern“, lautet die Grund­einstellung, nach der ein Gast schon mal kräftig angeraunzt werden darf.  Ein waschechter Ebbelwei‑Kellner fährt leicht aus der Haut, wenn bei­spielsweise eine Gruppe statt eines Bembels mehrere Gläser Apfelwein be­stellt und diese womöglich auch noch einzeln bezahlen will, so daß der Kellner ständig rennen muß. Oder wenn sich einer beim Handkäs einer Gabel bedient, erntet scheele Blicke seiner Tischnachbarn oder einen Anraunzer vom Kellner.

Insbe­sondere auswärtige Gäste fühlen sich ge­legentlich schlecht behandelt. Aber auch Einheimische klagen über mangelhaften Service unterm Fichtenkranz, dem über den Wirtshaustüren prangenden Symbol Frankfurter Ebbelwei‑Herrlichkeit. Sie fragen: „Wo bleibt da die Gemütlich­keit?“ Mag sein, ihm wurde übel mitge­spielt.

Doch ist manch derbes Wort im „Stöffche“‑Preis von jeher inbegriffen. „Wer vornehmen Service erwarte soll in den Frankfurter Hof gehen,“ sagte ein Kellner..

Das Miß­verständnis zwischen Gast und Perso­nal beginnt schon, wenn ersterer un­aufgefordert seinen Schoppen vor die Nase gesetzt bekommt. Fremde wollen erst ordern und dann ihr Getränk haben. Arglose Neu­-Frankfurter erbitten auch schon mal vergeblich eine Reservierung zur Kaffeetafel.

 

Ein ständiger Stein des Anstoßes ist die Sitzordnung. Wer im Reich des Bembels für sich bleiben will, macht sich keine Freunde. „Zusammenrücken sei Pflicht vor allem abends, wenn wir jeden Zentimeter brauchen“. Dieses Prin­zip wird von Frankfurts Apfelweinwirten eisern verfochten. „Kommunikation ist das Ziel, Essen und Trinken geht neben­her“, stellt Elfriede Wagner klar.

Otto Rumeleit, der 84jährige Seniorchef der Bornheimer Apfelwein‑Wirtschaft „Zur Eulenburg“ weiß um die Dauerbelastung seiner Kellner: „Der Beruf ist unheimlich schwer,“ sagt er. Er fordert mehr Verständnis fürs hart schuftende Servicepersonal, das in der Öffentlichkeit allzu oft herabgesetzt werde. Auch der Gast habe sein Scherflein zur Ebbelwei‑Gemütlichkeit beizutragen. Fehlverhalten wird unbarmherzig kommentiert. Wer im dick­sten Getümmel am Tresen im Weg rum­steht und Maulaffen feilhält, kriegt von Rumeleit den Namen „Büfett‑Brunzer“.

Nicht zu billigen ist jedoch folgendes Verhalten eines Kellers in der Hof­wirtschaft „Zum Kanonesteppel“ in der Textorstraße in Sachsenhausen. In den glorreichen alten Zeiten wurde der Gast auf den. Holzbänken wirklich wie ein König behandelt. Bis in die sechziger Jahre waren die Wirte froh um jedes Glas Stöffche, das sie den Schluckspech­ten verkaufen konnten. Kein Mensch hat­te was dagegen, wenn Gäste ihre Portionen Weck und Worscht mitbrachten ‑ ansonsten wären die Kleinküchen hoffnungslos überlastet ge­wesen.

Aber wie ist es heute? Im „Kanonesteppel“ wollte eine kleine Gesellschaft gerade am langen Tisch Platz nehmen, da näherte sich ein Kellner und fragte spitz, ob man denn etwas zu essen gedenke. Ja, ja sagten die Besucher, ein Handkäs’ solle es schon sein. „Nein, nein“ kam als Echo zurück ‑ damit sei es nun wirklich nicht getan ‑ es müsse schon „etwas größeres sein“. Wenn nicht, so un­terstützte der Buffetier den Kollegen vom Außendienst, dann könne man sich ja nach drinnen setzen.

Die Gruppe war sich einig und wechselte zur „Germania“ ne­benan. Dort hat der Kellner über die Ge­pflogenheiten bei der Nachbarschaft die Stirn gerunzelt und versichert, daß es bei uns so was nicht gibt. Essen wäre nicht schlecht, sei aber nicht Pflicht und man schreibe dem Gast schon gar nicht vor, von welchem Gericht er die Finger zu las­sen habe. So denken in Sachsenhausen fast alle in der Stöffche‑Branche.

 

Dem Fremden mag der erste Schluck etwas säuerlich schmecken. Doch dann, wenn Glas um Glas aus dem blauen Bembel eingeschenkt wird und die Runde der fröhlichen Zecher sein Loblied anstimmt, werden Sie begeistert mitsingen und der Schoppen wird immer besser munden. Neben dem um­werfenden Lied von der „Fraa Rauscher aus der Klappergaß“ und den nostalgischen Melodien der bekannten Bembel­sänger werden Ihnen auch die neuesten Lieder von dem Frankfurter Faßnachter und Äpfelweineinbarden Hans Weidenfeld noch lange in den Ohren klingen. Und wenn dazu auch noch unsere liebreizende „Frankfurter Apfelweinkönigin“ Sie einmal be­grüßen sollte, werden Sie sicher begeistert ausrufen: „Frankfort beim Ebbelwei, ach was bist’e so schee!“

 

Einige Spezialausdrücke der Apfelweinkultur muß man kennen: Der Sachsenhäuser nennt den Apfelwein liebevoll „Stöff­che“. Er trinkt den Ebbelwoi nicht, sondern „tut en Schoppe blose“.

Ein „Ebbelwoi-Geschworener“ ist ein Kenner, der in der Lage ist, sich über die Güte des „Stöffchens“ ein Werturteil zu bilden. Aus dem „,Bembel“, dem Steinkrug, wird er ausgeschenkt, aus gerippten Gläsern getrunken..

„Äpfelweinsitzung“ ist ein mit Freunden verabredeter Treff beim Äpfelwein., der etwas länger dauern kann. Während der Fastnacht finden Äpfelweinsitzungen der Äpfelweinwirte mit dem Carnevalclub „Laternche“ statt, früher im Volksbildungsheim, heute im Palmengarten. Hier wird echte Frankfurter Fastnacht beim Äpfel­wein gefeiert; auch die Metzger und Bäcker machen mit.

 

Apfelwein sollte man eigentlich nur in einer richtigen Apfelweinwirtschaft trinken. Diese erkennt man in dem vor der Eingangstür angebrachten Fichtenkranz und dem Mitgliedsschild der Vereinigung, dem grünen Kranz mit Bembel. Der Äpfelweinwirt füllt aber auch Apfelwein in Flaschen ab. Dieser „offene“ Apfelwein wird „Gassezapf“ genannt. Der so abgefüllte Apfelwein sollte zu Hause bald getrunken werden. Es gibt den Apfelwein aber auch im Lebensmittelhandel. Denn ihren „Schobbe“ trinken die Deutschen nicht in erster Linie in den Apfelweinwirtschaften, sondern zu Hause.

 

Der Äpfelweintrinker bevorzugt heute einen aromatischen und spritzigen Apfelwein mit einer feinen Fruchtsäure, vor allem nachdem auch die Damenwelt Geschmack am Apfelwein und seinem Milieu gefunden hat. Früher gingen bekanntlich die Herren allein zu ihrem Schoppen, nur sonntags durften auch die Frauen mit. Die Zeiten haben sich glücklicherweise ge­ändert. Heute gehen die Jungen und die immer jungbleibenden Damen selbst­verständlich auch allein zum Äpfelwein.

Ein echter Apfelweingeschworener trinkt seinen Apfelwein nur pur. Am besten schmeckt er, wenn er kellerfrisch aus dem großen Bembel, der im eisernen Faulenzer auf dem Büfett steht, ausgeschenkt wird. So ist es auch alte Tradition. Seine beste Trinktemperatur liegt zwischen 11 bis 14 Grad C, andere (wie Günther Possmann) halten das für zu niedrig und wollen 13 bis 15 Grad haben.

Autofahrer trinken „Gespritzte“, der Äpfelwein ist dann mit Mineralwasser verdünnt. „Süßgespritzter“ (mit Limo oder gar Cola) ist eine Sünde gegen den Apfelwein, beim Hinnerkopp in Sachsenhausen gab es den nur auf Krankenschein. Gäste, die es trotzdem verlangten, wurden wie Adam und Eva aus dem Äpfelweinparadies vertrieben. Aber heute hat sich das auch schön geändert. „Herrschaftsgespritzter“ ist Apfelwein mit Sekt.

 

In den Äpfelweingaststätten werden überwiegend rustikale Gerichte gereicht. Es gibt aber auch heute Gebratenes und Gegrilltes und manche Lokale haben sich zu regelrechten Restaurants entwickelt. Zum Apfelwein schmeckt noch immer am besten ein saftiges Rippchen mit Sauerkraut, ein Haspel oder Leiterchen, Zunge mit grüner Soße, auch Fleischwurst,  Rindswurst, Haus­macher, Frankfurter Würstchen und sogar Fisch. Natürlich paßt auch Handkäs „mit Musik“ (weicher Magermilchkäse mit Essig, Öl, Zwiebeln),. Wenn der Handkäs nicht richtig durch ist, legen man ihn über Nacht in eine Äpfelweinmarinade, dann „werd er schee dorsch“. Auch Brezel. Kümmelweck und Käsestangen passen dazu, Hartekuchen, Zöpfe, Makronen oder Nüsse sind beliebte Un­terlagen.

Zum Äpfelwein verträgt sich gut ein Calvados, ein in Frankreich aus Cidre gebrannter Apfelweinbrand. Für die Damen schmeckt er noch besser, wenn er mit einem kleinen Äpfelchen im Glas kredenzt wird.

Unbestritten gehören zur hessischen Apfelweinkultur die gerippten Gläser, der Bembel, der Handkääs mit Musik und die Apfelweinwirtschaften. Ob das allerdings auch für den „Frankfurter Ton“ zutrifft, den Essigstich, der im Frühsommer bei ansteigenden Temperaturen entsteht, ist eher umstritten. Ebenso der, ruppige, fast grobe Umgangston, der in einigen Sachsenhäuser Wirtschaften wie ein kulturelles Gut gepflegt wird. Die Beliebtheit des „Äpplers“, wie er seit einigen Jahren auch genannt wird, schwankt immer wieder. Denn obwohl er als das hessische Nationalgetränk gilt und nie wirklich aus der Mode gekommen ist, war er andererseits auch nie wirklich „in“.

 

Wandel zur Moderne:

Frankfurts Apfelweinlokale wandeln sich: Muffige Wirte geben längst nicht mehr den Ton an, zum Handkä' mit Musik gibt es auf Wunsch auch eine Gabel, und die Bestellung eines Süßgespritzten ist nicht mehr ein Fauxpas. „Ich komme nicht nur mit Apfelwein aus, ich brauche auch Bier und Weizen“, sagt etwa Torsten Dornberger vom 1896 gegründeten Lokal „Schöne Müllerin“, der auch Vorsitzender der Vereinigung der Äpfelweinwirte in Frankfurt und Umgebung ist.

„Es gibt aber noch ein, zwei Eingefleischte in Sachsenhausen, die kein Bier haben.“ Andere führen nach wie vor nur eine Sorte Flaschenbier. Es gibt aber auch Gaststätten, in denen bis zu drei Sorten aus dem Zapfhahn fließen. „Das geht heutzutage gar nicht mehr anders“, sagt Anette Berger, ehemalige Frankfurter Apfelweinwirtin und Kassiererin der Vereinigung. Dornberger ergänzt: „Man kann die Leute nicht zum Apfelwein zwingen.“ Ein Reiseführer für englische Fußballfans zur WM etwa warnte im Sommer 2006 sogar, das hessische Getränk nur „moderat“ zu genießen, weil es „trügerisch stark“ sei. Christian Dressler, der seit drei Monaten gemeinsam mit seiner Frau das Apfelweinlokal „Solzer“ führt, berichtet: „Für Frankfurt-Fremde, Touristen und Messebesucher ist unser Nationalgetränk nicht das Bekömmlichste. Ich verkaufe sehr viel Bier - vom Fass.“

„Nur Schoppe auf dem Tisch, und wenn Sie dazu eine Limo als Süßgespritzten bestellen, dumme Gesichter ziehen wie früher - das läuft schon gar nicht mehr“, sagt Dornberger. „Vor 20, 30 Jahren gehörte ein Kellner dazu, der Sie link angemacht hatte, aber heutzutage bestimmt nicht mehr.“ Dressler, der das Lokal im Stadtteil Bornheim in der fünften Generation führt, betont: „Dieses Image, wo man das Gefühl hat, dankbar sein zu müssen, dass man überhaupt bedient wird, hasse ich. Bei uns ist der Gast König.“ So werde auch Süßgespritzter „ohne Problem“ ausgeschenkt.

So selbstverständlich wie der Sauergespritzte sei dieser aber noch längst nicht in allen Lokalen, sagt Berger. „Eine Limo konnte man sich immer dazu bestellen, das war dann von jedem Gast selbst zu mischen. Das es so direkt angeboten wird, sehen - ehrlich gesagt - die Apfelweinlokale nicht so gerne, weil es den Geschmack doch sehr verfälscht.“

Was Dornberger so richtig ärgert, sind Lokale, die Messegästen und Touristen beispielsweise keinen Handkäs servieren, sondern eine spezielle Messekarte vorlegen. „Dies Touristenabzocke gehört abgeschafft.“ Denn die anderen Wirte bemühten sich, die Tradition hoch zu halten und zu beleben, beispielsweise mit Gerichten wie Apfelweinwurst oder mit Äpfeln gefüllten „Frankfurter Schwartemagen“. „Man muss ein bisschen flexibel sein. Schnitzel und Rump­steak kriegen Sie an jeder Ecke.“ Das sieht auch Dressler so, der neben dem typischen Rippchen mit Kraut und der Grünen Sauce mit Tafelspitz auch auf eigene gut-bürgerliche Kreationen setzt, wie etwa eine Bratwurst mit selbst gekelterten Apfelwein.

Der traditionelle Handkäs wird fast überall nur mit dem Messer serviert. „Die Gabel dazu ist eine Verbeugung vor den ausländischen Gästen“, sagt Berger. „Nicht jeder hat Johann Wolfgang von Goethe gelesen. da steht, dass der Handkäs nur mit dem Messer gegessen wird.“ Dornberger berichtet: „“ine Gabel gibt es bei mir erstmal nicht, und in der Karte steht genau, wie man das macht."

Apfelwein mit Cola ist bei den Wirten dagegen durchweg verpönt. „Das gibt ei uns definitiv nicht“, sagt Dressler. „Mit Cola, Guarana oder diesem und jenen - das sind Ausschweifungen. meint Dcrnberger. Viele Apfelweinproduzenten glaubten, der Jugend verdünnten oder gemischten Apfelwein in speziellen Flaschen bieten zu müssen. „Wer hier die Schoppen petzt und hier die Bembel bestellt, das ist nicht mehr der 65-Jährige nach dem Stadtbummel, sondern die Jugend. Die ist traditionsbewusst. Da brauchen Sie keine Langhalsflaschen.“

 

 

 

Name und Schreibweise

 

Beim hessischen Nationalge­tränk gibt es die unterschiedlichsten Aussprachen und Schreib­wei­sen: Äppelwoi, Ebbelwei, Eppelwei, Äppel­wei, Äbbelwei, Abbelwein, Apfelwoi, Äpp­ler, Stöffsche oder die Apfelwein‑Derivate „Gespritzter“ und „Haaßer“.

Der gebürtige Klein‑Karbener Tierarzt und Mundartdichter Peter Geibel schreibt gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom „Äppilweih“ und der 1884 in Friedberg geborene Schulmann und Mundartdichter Wilhelm Konrad Philipps hat dem Äppler" oder dem „gut Stöffche“, wie der Apfelwein in ganz Hessen liebevoll genannt wird, offensichtlich auch ganz privat gerne gefrönt.

Die Besucher des Gasthauses „Forsthaus Winterstein“ bei Bad Nauheim können sich von der neuen dialektischen Schreibweise unseres Nationalgetränks an Ort und Stelle überzeugen und die Lachmuskel werden auch wieder einmal bewegt. Dort wartet ein gereedeter Bembel (Bezeichnung für die Ritztechnik bei Steinzeug) mit der typisch kobaltblauen Keramikfarbe auf Stöffchetrinker. Und eine neue medizinische Erkenntnis kann der Gast auch noch mit nach Hause nehmen: „Schwenk dei Maul mit Ebbelwei, do komme aach ka Bazille nei!“ heißt die Devise für Forsthausbesucher.

Im 18. Jahrhundert schon löste in unserer Region der Apfelwein den Rebenwein allmählich ab. Seitdem heißt „n Schoppe petze“ immer häufiger „einen Apfelwein trinken“. Für einen waschechten Frankfurter gibt es viele Begriffe, nur das Apfel­weintrinken umschreiben: petze, robbe, schwabbele, baafe, schläuche, blase, hebe, kippe, zische, schlucke und bichele.

 

Die „Arbeitsgemeinschaft Hessische Apfel­weinstraße“ einigte sich 1992  auf die Schreibweise „Ebbelwei“ - so heiße das „Stöffche“ östlich von Sachsenhausen. Doch als man 1997 auf die Recht­schreibreform zu sprechen kam, da erklärte Karl Halbow, daß die Frankfurter zum Apfelwein „Ebbelwei“ sagen. Jetzt widersprachen die Gäste aus Hanau‑ Steinheim mit Ex‑ Bundesapfelweinkönig Horst I. dieser  Schreibweise und buchstabierten das Stöffche als „Äppelwoi“. Da erhob sich Hans‑Jürgen Moog und meinte nur: „Wie ihr den Apfelwein schreibt, ist mir egal, die Hauptsache, er schmeckt mir.“ Zwischen der Kelterei Höhl und der Kelterei Possmann kam es sogar zu einem „Apfelweinkrieg“ (siehe Höhl).

 

Im Schwabenland, Österreich und der Schweiz heißt das naturtrübe Getränk „Most“, aber dort werden Birnen mit „hineingemischt.“ In der Trierer Gegend heißt der Apfelwein „Vietz“. Das kommt von „Vize-Wein“, denn in den Benedik­tiner­klöstern hat man den Apfelwein an die zahlreichen Laienbrüder ausgeschenkt, weil der Traubenwein zu teuer war.

 

 

Auseinandersetzung mit der Europäischen Union

I. Im Jahre 1991 plante die EG eine Steuer von etwa zwanzig Pfennigen auf den Liter Wein, aber auch für gegorene Erzeugnisse aus ande­ren Früchten. Dies hätte den Apfelwein pro Liter um min­destens 20 Prozent verteuert und damit etwa 100 meist mittelständische Keltereien in Hessen ge­troffen. Der Schönecker FDP‑Landtagsabgeordnete Dirk Pfeil folgerte aus der Antwort der amtierenden Hessischen Landesregierung auf eine diesbezügliche Anfrage im Parlament: „Die Landesregierung lehnt die Einführung einer Apfelweinsteuer ab.“   Im Hessi­schen Finanzministerium rechnet man nämlich nicht nur mit einer Verteuerung des Apfelweins durch diese geplante EG‑Steuer, sondern man befürchtet in Wies­baden auch eine Umsatzeinbuße von etwa 15 Prozent für das in Hessen überwiegend mittelständisch ge­prägte Kelterei­gewerbe. Ursache hierfür wird die mangelnde preisliche Konkurrenzfähigkeit eines hoch­besteuerten Apfelweines mit Traubenwein und Billig­sekt sein.

Aber Freidemokrat Pfeil sieht da noch ein ganz andere Probleme auf die Keltereien und die Apfelpflücker zukommen: den Finanzbeamten am Kelterei-Tor. Pfeil wörtlich: „Wenn ich mir den deutschen Perfektionis­mus bei der Durchführung von Vorschriften vorstelle, dann werden die Finanzbehörden nicht umhin können, zur Keltersaison einen Beamten am Tor jeder Kelterei postieren. Der muß nämlich dann nicht nur über die Menge der angelieferten Apfel bei Lohnmost wachen, sondern auch verfolgen, ob Apfelsaft oder Apfelwein hergestellt wird. Der eine ohne besondere Steuer, der andere mit. In der Tat ein hanebüchener Unsinn, wenn man bedenkt, daß es jetzt auch ganz gut ohne derartige Kontrollen geht. Der Aufwand bei der Steuererhebung wird in keinem vernünftigen Verhält­nis zum Steuerertrag stehen.

Apfelwein  wie andere in Hessen pro­duzierte Weine blieben aber auch künftig steuer­frei. Darauf haben sich der Rat der EG-Wirtschafts- und Finanzminister verständigt, berich­tete das Finanzministerium am Freitag in Wies­baden. Die EG-Regelung sieht zwar ein generel­le Versteuerung von Apfel- und anderen Weinen vor, läßt aber die Möglichkeit einer „Nullsteuer“ zu, von der Hessen für alle Weinsorten Ge­brauch machen will.

 

 

II. In zweiter und letzter Lesung hat das Europaparlament im Juli 1998 einen Richtlinienvorschlag für Lebensmittelzu­satzstoffe verabschiedet. Zugelassen wur­de damit unter anderem auch der Emulgator E 405 Propylenglycoalginat, der eine haltbare Schaumkrone bei Apfelweinen herstellen soll. Verbraucherschutzpolitikerin und Mitglied des EU‑Parlaments, Hiltrud Breyer (Bündnis 90/Die Grünen), weist darauf hin, daß der Zusatz wegen seiner Veränderung des Blutbilds in Katzenfutter un­tersagt worden ist.

Das frevlerische Ansinnen kommt „aus England oder Irland“, meint Frau Breyer, „die haben da weniger Probleme mit den Zusätzen“. Ein neuer Schoppen setzt zum Sprung auf den Kontinent an. Die Rezeptur stammt aus Großbritannien, produziert wird das Getränk in Belgien, und ausgeschenkt wird es vor allem in Pubs. Ein Modestöff­chen, das zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für den gestandenen hessi­schen Apfelwein wird oder nur ein Zuge­ständnis an den neuen europäischen Zeitgeist und Geschmack?

Die Briten, mit ihrem Cider‑Ausstoß die vermutlich stärkste Apfelwein‑Nation, haben das neue Getränk auf den Markt gebracht. Die Marke, die unter anderem über Großbrauereien vertrieben wird, enthält sehr viel Kohlensäure und einen Stoff, der eine Schaumkrone im Henkel­glas bildet. Das liegt beispielsweise an Zusatzstoffen mit dem unaussprechlichen Namen wie Propylenglycoalginat, die neuerdings im Apfelwein erlaubt sind.

Apfelwein mit Schaum­krone halten der Wiesbadener Landwirtsc­haftsminister Gerhard Bökel (SPD) und die Grünen im Landtag für unhessisch. „Wir brauchen Reinheit für den hessi­schen Apfelwein und keine Schaumkro­ne“, kommentierte Bökel am Dienstag die EU‑weite Freigabe von Lebensmittel­zusatzstoffen wie dem schaumstabilisie­renden E 405. Eine Schaumkrone passe auch optisch nicht zum hessischen Äppler. Bökel sorgt sich um das Image des guten alten Apfelweins, der als typi­sches Regionalgetränk lediglich Zusatz­stoffe wie Reinzuchthefe, bestimmte Fil­trationsmittel und Kohlensäure enthalten soll. Er forderte die Betriebe auf, es auch künftig beim reinen Volksgetränk zu belassen und auf einen Chemiecock­tail mit Schaumkrone zu verzichten.

Die Grünen forderten ein Gütesiegel für chemiefreien Apfelwein: „Das Stöffche soll unser gesundes, natürliches Volksgetränk bleiben und kein Chemiecocktail werden“, sagte der Abgeordnete Frank Kaufmann. Bökel wies darauf hin, daß Apfelwein oh­ne E 405 künftig leicht zu erkennen sei: „Trinken Sie schaumlos, dann wissen Sie, was Sie haben.“ Bei Apfelwein der Regio­nalmarke „Gutes aus Hessen“ seien die Zusatzstoffe ohnehin nicht erlaubt.

„Für mich ist das der allergrößte Quatsch hoch zehn“, sagt Christoph Hen­ze aus der Eulenburg, Enkel von Otto Rumeleit. „Des bißchen Schaum, des beim Gespritze entsteht, kommt beim Gast net emal an.“ Fazit: „Des mache mer net!“ Günter Possmann hält die ganze Sa­che für einen Aprilscherz. „Der typische Frankfurter Apfelwein ist ganz durchge­goren. Wir wollen ihn natürlich erhalten und brauchen um Gottes willen keine Ver­änderung.“

Und auch der Geschäftsführer des Verbands der Fruchtwein-Industrie, Karsten Sennewald, erteilt den Straßbur­ger Schaumschlägern eine Absage. „Mir ist nicht klar, wo das zum Einsatz kom­men sollte.“ „Wehret den Anfängen“, meint Hiltrud Breyer. „Man weiß ja nicht, was in zehn Jahren ist.“ Ausländische Anbieter kämen schließlich auch in Deutschland, auch in Hessen, auch in Frankfurt auf den Markt. „Damit wird der Verbraucher verunsichert: Welches Produkt ist denn nun das richtige?“

Gerhard Nöll blickt zuversichtlich in ­eine schaumlose Zukunft: „Laß die im Ausland nur mache, dann weiß man hier wenigstens, was man am richtigen Frank­furter Ebbelwoi hat.“ „Keine Chemikalien, keine Zusätze, reine Natur.“ „Un es will mi net in de Kopp enei, was soll de Schaum uff’m Ebbelwei.“

Bei der Kelterei Walther in Bruchköbel, seit drei Generationen am Ort, hat man noch nichts von dem neuen Getränk gehört, wie Ralf Walther sagt. Man bleibe der herkömmlichen Kelter­weise treu: Es gibt naturtrüben und kla­ren Apfelwein und die Regionalmarke „Gutes aus Hessen“. Und dabei bleibe es, so Walther. Kurzatmige Modetrends kön­ne man sich als mittelständisches Unter­nehmen auch nicht leisten.

Die Hochstädter Kelterei Höhl ist zwar immer wieder Neuem auf­geschlossen, doch Schoppen mit Schaumkrone ist für Dr. Johanna Höhl, Marketing‑ Geschäftsführerin, über­haupt kein Thema. Das hessische Natio­nalgetränk gehöre schließlich zu den stillen Weinen und nicht zur Klasse der Schaumweine, und er zeichne sich gera­de durch seine Reinheit aus. „Wir sind stolz auf unsere Produkte, in denen au­ßer Äpfeln nichts drin ist.“

Der Bischofsheimer Apfelwein‑Kelterer Jörg Stier sieht die „aufgeschäumte“ Angelegenheit, ebenfalls gelassen. Die EU‑Zulassung der Zusatzstoffe sei eine Konzession an die nordeuropäischen „Schoppenpetzer“. Er würde persönlich das Schaumkronen‑Getränk nicht trin­ken, erhebt aber andererseits nicht ent­rüstet den Mahnfinger. „In manchen deutschen Apfelweinen sind bereits Zusätze wie Zucker und Säuerungsmittel drin, die hier absolut nichts zu suchen haben“, so der dem Reinheitsgebot verpflichtete Bischofsheimer „Stöffche‑Ästhet“. Diese Apfel­weine hätten eine Restsüße zwischen zwei und vier Gramm. Äppelwoi hinge­gen ist von Hause aus durchgegoren, hat also null Restsüße. „Anhaltendes Perlenspiel“ beim Ein­schenken ins geriffelte Glas sei bereits verräterisch. „Dann kann man vielleicht von Cidre sprechen, nicht aber von Äp­pelwoi“, wertet Stier das von Äppelwoi­-Kennern gefürchtete „Möpsel-Syndrom“.

 

III. Ende 2007 sollte die EU-Weinmarktverordnung geändert werden und das alkoholische Getränk aus gepreßten Äpfeln sollte künftig nicht mehr „Apfelwein” heißen. Es war geplant, den Begriff „Wein” nur noch für Getränke aus Weintrauben zuzulassen. Das rief in ganz Hessen großen Protest hervor. Über Parteigrenzen hinweg äußerten sich Politiker empört: Ministerpräsident Roland Koch und Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (beide CDU) ebenso wie die SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti (SPD). Der Apfelweinverband kündigte erbitterten Kampf gegen ein Verbot der Bezeichnung „Apfelwein” an. Staatssekretär Gert Lindemann sagte: „Wir wollen auch weiterhin die Bezeichnung Apfel- oder Obstwein. Für den Verbraucher muß dabei deutlich erkennbar sein, daß es sich nicht um ein Traubenprodukt handelt.”

„Apfelwein ist viel mehr als nur ein Getränk - er ist ein großes Stück hessische Identität”, betonte der Verband der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien. Keltereichefin Johanna Höhl wetterte: „Wir lassen uns den Apfelwein nicht kaputt machen. Für mich gleicht das einem Angriff auf die hessische Volksseele.”

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer will den Namen des hessischen Nationalgetränks „Apfelwein” retten. „Das Anliegen der Hessen ist gerechtfertigt”, sagte gestern ein Sprecher des Ministeriums in Berlin. Das Frankfurter Kultur Komitee äußerte in einem offenen Brief an EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel sein Entsetzen über die Brüsseler Pläne. Kritik kam auch vom hessischen Europaminister Volker Hoff  und von der Partei Die Linke.

 Im Rahmen der EU-Weinmarktreform ist vorgesehen, daß der Begriff „Wein” nur noch für Getränke zulässig ist, die aus Trauben hergestellt werden.

Hoff sprach von einer „heimlichen Attacke” aus Brüssel: Der Passus, nach dem auch Fruchtweine „Weine” heißen dürfen, sei „heimlich, still und leise” gestrichen worden. Erst im Rahmen einer vertieften Prüfung des Kommissionsvorschlages sei einem Mitarbeiter der Landesvertretung in Brüssel das Fehlen der Passage aufgefallen. In der war ausdrücklich geregelt, daß auch „Erzeugnisse, die durch Gärung anderer Früchte als Weintrauben gewonnen werden”, Wein genannt werden dürfen.

Nach Ansieht des Frankfurter Kultur Komitees müsse Europa zentralere Probleme lösen, als sich mit Wortspielereien zu beschäftigen. Beispiele seien die Entbürokratisierung oder die Integration ausländischer Mitbürger. „Die Globalisierung bedarf einer eigenen Identität und Kultur, und diese sind nur dann stark, wenn lokale und regionale Kulturen nicht nur bewahrt sondern gestärkt werden”, urteilte der von dem Frankfurter Wirtschaftsprofessor Manfred Pohl geführte Vorstand des Komitees, dem auch der Frankfurter Messechef Michael von Zitzewitz angehört.

Anfang November aber teilte Ministerpräsident Roland Koch  mit, die EU-Kommission werde die Verwendung des Namens weiterhin gestatten. Er berief sich auf eine Zusicherungen von EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel, die sich von dem Engagement vieler Menschen sehr beeindruckt gezeigt habe.

Nach Ansicht der Grünen war der Apfelweinstreit zwischen Hessen und der EU eine pure Inszenierung der Landesregierung. Ministerpräsident Roland Koch habe eine populäre Kampagne führen wollen und deshalb jeden Lösungsversuch unterlassen, erklärte Landtagsfraktionschef Tarek Al-Wazir. Regierungssprecher Dirk Metz  wies die Anschuldigung schon als „unredlich und unzutreffend” zurück, bevor Al-Wazir sie öffentlich erhoben hatte.

Die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” meldete: Das im  Entwurf einer EU-Weinmarkt­reform enthaltene Verbot der Bezeichnung „Apfelwein” sei schon bei einem Treffen der EU-Agrarminister im Juli auf  breiten der Widerstand gestoßen. Damit sei die Regelung faktisch

erledigt gewesen, mehr als drei Monate, bevor die hessische Landesregierung eine Öffentlichkeitskampagne organisierte. EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel habe die Passage allerdings beibehalten, um sie als Pfand in den Verhandlungen über andere Streitpunkte benutzen zu können, berichtet die Zeitung.

Der Streit um die Bezeichnung „Apfelwein” war aus Sicht von Trendforscher Andreas Hader­lein eine Riesenwerbung für das hessische Nationalgetränk. „Das war die größte Gratis-PR-Aktion, seit Heinz Schenk nicht mehr Bembel einschenkt”, sagte Haderlein. Das „Gezeter” könnte dem Traditionsgetränk zu einer Renaissance verhelfen, hofft der bekennende Apfelwein-Fan Haderlein. „Apfelwein ist allerdings ein schwieriges Produkt”, meint der 1973 geborene Kulturanthropologe und Ethnologe, der sich beim Zukunftsinstitut in Kelkheim vor allem mit neuen Medien und dem sozialen Wandel beschäftigt. „Hinter Apfelwein steht nicht die gleiche Lobby wie beim Bier.” Junge Zugereiste tun sich nach seiner Beobachtung besonders schwer, Gefallen an einem Schoppen zu finden.

Für ihn ist das selbstgekelterte „Stöffche” in Geschmack und Qualität nicht zu vergleichen mit Industrieprodukten aus dem Supermarkt oder dem französischen Cidre. Diese traditionsorientierte Richtung sollten Keltereien und Gastronomen künftig einschlagen, sagte Haderlein. Sortenreine Apfelweine etwa aus Boskop, oder auch mit Birne oder Quitte verfeinerte Schoppen - „das könnte ein Weg sein”. Die Weinbranche habe in den vergangenen Jahren vorgemacht, wie Verbraucher zu gewinnen seien, und auch in der Apfelweinbranche seien einzelne vielversprechende Ansätze zu erkennen. Apfelwein sei ein sehr gutes Getränk, und es passe zu vielen klassischen Regionalgerichten. „Man muß es nur kultivieren”, sagte Haderlein. Selbst Rustikales sei in der modernen, edlen Gastronomie möglich.

 

IV. Im Jahre 2005  war der Apfelwein auch auf höherer politischer Ebene ein Thema. Der heimische CDU-Landtagsabgeordnete Aloys Lenz ist davon überzeugt, daß Europa das hessische Nationalgetränk bis spätestens in zwei Jahren sogar schützen wird. Lenz hatte in einer parlamentarischen Anfrage nachgefragt, wie es um das Stöffche als Imageträger, Identifikationsmittel und Wirtschaftsfaktor bestellt sei. Gemeinsam mit dem Keltereiverband und der Marketinggesellschaft „Gutes aus Hessen” versucht die Landesregierung derzeit, den „Hessischen Apfelwein” auf europäischer Ebene als „Geschützte geographische Angabe (g.g.A.)” eintragen zu lassen.

Der Antrag mit der Produktspezifikation sei - so ist das Verfahren - zunächst dem Deutschen Patent- und Markenamt zugeleitet worden. Nach dessen Prüfung werde sich dann das zuständige Kommissariat der Europäischen Union in Brüssel mit dem hessischen Antrag befassen. Gleiches, so ergänzt Aloys Lenz, strebe man übrigens auch für den Handkäs’, die Grie Soß’ und die Ahle Worscht an. Zwei Kriterien müßten für die Anerkennung einer geschützten geographischen Herkunft erfüllt sein: eine gewisse Tradition in der Herstellung und eine regional-spezifische Rezeptur. Nach dem Durchlaufen des Verfahrens werde der Antrag im Amtsblatt der EU veröffentlicht, dann könnten noch Einwendungen erhoben werden. Gebe es keine Einwendungen, so kann das Produkt nach Ablauf einer Sechsmonatsfrist als geschützt auftreten.

Was den Apfelwein betrifft, so ist das Verfahren nach Lenz’ Informationen inzwischen auf bestem Weg. Auch in der Hessischen Landesvertretung in Berlin sei das Stöffche ständig präsent, sowohl auf der Karte des dortigen Bistros Mainhattan als auch bei offiziellen Anlässen des Hauses. Gerade in den vergangenen heißen Sommertagen, heißt es, habe sich der Apfelwein dort zu einem regelrechten Publikumsrenner entwickelt.

 

Gesundheit

 

Vom Ebbelwei‑Doktor

„Die scheene runde Äppelcher

mit ihre runde Bäckelcher,

die wern geernt, die wern gepflückt,

dann wert de Saft erausgedrückt.

Das gibt en prima Äppelwoi,

wer’n trinkt, der bleibt gesund dabei.“

Dieses Gedicht ist unterschiedlich überliefert. Es ist angeblich von Fritz Enders und Hans Weidenfeld. In seiner letzten Zeile stellt es die Behauptung auf, der Apfelwein trage zur Erhaltung der Gesundheit bei     

Dieser Meinung waren auch schon die alten Römer. Der Militärarzt Dioscurides Pedanios sprach im ersten Jahrhundert nach Christus in seinem Werk über die Arzneimittelherstellung davon. Auch der Schriftsteller Plinius (23 - 79 n. Chr.) beschrieb die Fruchtweinherstellung und meinte: „Die Bäume haben durch die Säfte ihrer Früchte das Los der Menschen erleichtert. Von ihnen kommt das die Glieder erfrischende Öl, der die Kräfte stärkende Trank des Weins.“ An anderer Stelle empfahl er bei Koliken und Lebererkrankungen einen beruhigenden Saft von gekelterten Quitten, vermengt mit süßem Wein, der im abgekochten Zustand geeignet sei für warme Umschläge bei Darmkrankheiten.

Ein Zeitgenosse des Plinius war der Gutsherr L. Columella, der über die Landwirtschaft geschrieben hat. Er beschreibt unter anderem die Zubereitung des Weins aus verschiedenen Kräutern, Beeren und Pflanzen gegen Krankheiten, aber nur vermischt mit Traubenmost und wilden Beeren.

Der Arzt Galen (129 - 199 n. Chr.) wandte eine bestimmte Apfelsorte erfolgreich gegen Mundgeschwüre an: nach seiner Meinung waren reife Äpfel (gekocht oder gebraten) sehr gesund, unreife oder süße Apfel dagegen würden dem Körper eher schaden.

Der Obstwein (u.a. aus Äpfeln) diente den Römern wohl weniger zum Genuß, sondern trug zum Heilerfolg bei. Der Traubenwein war zwar vorherrschend, wurde aber gern zum Vermengen mit Fruchtsaft aus gekeltertem Obst verwendet. Alle wirksamen Bestandteile des Apfels finden sich aber in dem gepreßten Wein wieder.

 

Was uns heute die Wissenschaft sagt, haben frühere Generationen mit ihrem ge­sunden Menschenverstand erahnt. Unsere Vorfahren schätzten den Apfel als probates Mittel gegen Arthritis, Verdauungs­störungen oder Magen‑Darmbeschwerden. Äpfel enthalten Mi­neralsalze, Fruchtsäuren, Gerbstoffe, Vitamine. Zucker und Pektine. Pektine sind quellbare, gallertartige Substanzen die gegen Diarrhoe wirken. Und sie pflegen die Haut. Reibt man Ge­sicht oder Hände mit einem Stück Apfel ein, wird die Haut angenehm weich und straff ‑ ein schnelles Schönheitsmittel nach einem anstrengenden Tag. Unsere Vorfahren kurierten mit der be­liebten Frucht sogar Warzen, Fieber, Erbrechen und Durchfall. Und wer des nachts gegen unkeu­sche Anfechtungen gefeit sein wollte, aß vor dem Schlafengehen einfach einen Apfel. Napoleon, Bismarck, Churchill aßen, wie berichtet wird, täglich viele Äpfel, die ihre bekannte Leistung und Aktivität förderten.

In Frankfurt hat es schon immer berühmte Ärzte gegeben, die ihren Patien­ten zwar manches als Speise und Trank verboten haben, nur den Äpfelwein nicht. „Den derfe Se trinke, in Maßen genossen!“ So ein ärztlicher Ratschlag wird natürlich wortwörtlich befolgt.

In Frankfurt allerdings warnten die Ärzte vor der Vermischung des Traubenmosts mit Apfelwein. In guten  Obstjahren streckte man gern den Traubenwein mit Obstwein. Am 18. September 1638 erließ der Rat von Frankfurt ein entsprechendes Edikt. Der Hanauer Landgraf Wilhelm erließ 1751 eine Verordnung, daß derjenige ohne Gnade mit dem Strang vor Leben zum Tode gebracht werden soll, der Weine mit Mineralien, Bleioxyd und dergleichen vergiftet. Wer Wein durch pflanzliche Nahrungsmittel, Rosinen oder Zucker verfälscht, soll ausgepeitscht und des Landes verwiesen werden. Die Weine sollen pur und rein, wie sie gewachsen sind, gelassen werden. Die Regierung nahm die Gesundheit des Volkes also ernst, selbst Mitwisserschaft wurde bestraft.

Man bemühte sich auch um die Qualität des Apfelweins. Zeitweise gab es zwei  Gutachterkommissionen, die die Unverfälschtheit des Apfelweins prüfen sollten. Ein Mitglied war Dr. Johann Christian Senckenberg, der sich also auch mit der Frage der Verfälschung des Apfelweins mit Wasser oder gar Chemikalien befaßte.

Doch mit der Zeit wurde der heimische Traubenwein immer weniger attraktiv, man verlagerte sich auf Einfuhren aus dem Ausland. Dagegen wurde Obst zur Ergänzung des Speiseplans, aber auch zu Heilzwecken, seit dem 18. Jahrhundert beliebter. Kein ande­res Obst vereint so viele gute Eigenschaften in sich: Der Apfel ist schmackhaft, gesund und lange haltbar, anspruchslos und vielseitig zu verwen­den. Angeblich sollte er selbst Tieren helfen: In Bischofsheim verordnete 1777 bei einer Tierseuche der Schmied aus Rendel dem Gemeindebullen 14 halbe Maß Apfelwein.

 

In Berlin gab es einen Apfelweinhändler Wilhelm Petsch, der als Heilkun­diger innere und äußere Krankheiten mit Äpfelweinkuren zu heilen ver­sprach. Den gebürtigen Sachsenhäuser Maurer Petsch verschlug es nach Berlin, wo er im Jahre 1849 seinen golden schimmern­den Leib‑ und Magentrunks aus der alten Heimat einführte. Er gab auch ein Buch heraus mit dem vielsagenden Titel: „Das naturgemäße Heilverfahren durch richtige Anwendung des Äpfelweins nach eigener Erfahrung.“ Darin schrieb er dem Apfelwein allerlei obskure Heilkräfte zu und war fortan als „Apfelweindoktor von Berlin“ bekannt. Frankfurts Lästerzunge Friedrich Stoltze ließ das nicht ruhen. „Korriern Se merr emol aaner met Eppelwei e bies Maul!“, wandte sich der Dichter und Journalist an seine Leser; wußte er doch um die Nutzlo­sigkeit solchen Bemühens: „Deß werrn Se bleiwe losse! Dann dorch Eppelwei wern die Mäuler nor noch bieser.“

 

Wenn unser Stoltze poetisch meinte, daß der Äpfelwein die menschliche Seele zur Andacht stimmen würde, so haben das namhafte Professoren der Medizin mit anderen Worten, streng wissenschaftlich, auch festgestellt: Der ältere Mensch empfindet die Verbesserung der Gehirndurchblutung, das bedeutet für viele eine Verzögerung des Alterungsprozesses und eine erträg­lichere Gestaltung desselben. Manche depressiven Neigungen und Kontakt­armut können aufgefangen werden. Apfelwein ist ein Allheilmittel für die seelische Erheiterung und Regulativ für das körperliche Wohlbefinden.

Trink Äppelwoi zu jeder Stund,

 dann lebst Du lang und bleibst gesund.

Dein Herz wird froh. Dein Kopf bleibt klar,

weil es ein guter Schoppe war!

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts empfehlen Ärzte den Apfelwein sogar als „Volksgenußmittel“ wegen seines niedrigen Preises, seines geringen Alkoholgehalts und wegen seiner gesundheitlichen Wirkung. Er schützt die „breiten Massen“ vor gefährlichen Alkoholika wie Wein, Bier und Schnaps. Die leichten alkoholischen Getränke waren „in mäßigern Mengen genossen nicht nur nicht schädlich, sondern aus Nahrungs- wie als Genußmittel...nützlich ... sie sind die edelsten, die wertvollsten unter allen Genußstoffen, aber gerade deswegen und weil ihr Mißbrauch schädliche Folgen nach sich zieht, gebrauche man sie mit Vernunft, aber miß­brauche sie nicht!“

 

Die Liebe zum Stöffche macht ihn sogar zum Allheilmittel für die seelische Erheiterung und als Regulativ für das körperliche Wohlbefinden. So meint es jedenfalls Emmerich Reeck: „Es Stöffche is für alles gut, es fegt de Mage, labt die Schnut“.

 

Der Apfelwein gilt als anregendes alkoholschwaches Getränk, das nicht müde macht, dabei Kreislauf und Nervensystem günstig beeinflußt. Er ent­hält organische Fruchtsäuren, Mineralien, Aromastoffe und natürlich min­destens 5 Vol.‑Prozente Alkohol. Ohne Alkohol würde man ihn sicher nicht trinken. Er erweitert die Gefäße und bewirkt so auch eine bessere Durchblutung des Gehirns. Das kann dem Alterungsprozeß entgegenwirken. 

 

Das wurde von namhaftem Professoren nach jahrelangen Untersuchungen an 2100 Kurpatienten festgestellt. So stellte zum Beispiel Dr. Oscar  Hammer, Chefarzt des Sanatoriums Hassia der LVA Hessen in Bad Nauheim, fest: Bei den Apfelweintrinkern lagen die Blutfettwerte (Cholesterin, Lipo-Proteine, Neutralfette) deutlich unter denen der Patienten, die vorwiegend Eier konsumierten. Apfelwein hat eine vorbeugende Wirkung gegen Arterienverkalkung. Es wurde unter anderem die gefäßerweiternde Wirkung und eine bessere Gehirndurch­blutung festgestellt, die blutdruckstabilisierend wirkt und Stoffwechselerkrankungen korrigiert.

 

Mit 5,5 Volumenprozent Alkohol, einer Vielzahl organischer Fruchtsäuren, Mineralien, Fruchtzucker und natürlichen Aromastoffen (de­ren Gehalt von der Keltertechnik abhängt) regt der Apfel­wein Kreislauf und Nervensys­tem positiv an, wirkt verdau­ungsfördernd, verbessert die Magendurchblutung, erhöht die Resorption des Vitamins B 12, wirkt nachweislich  gegen Bakterien und beugt ansteckenden Krankheiten im gesamten Magen‑ und Darmbereich, aber auch des Nierenbeckens, des Darms und der Gallenblase vor. Selbst im Fleisch verkapselte Trichinellen werden auf­gelöst und abgetötet. Er soll auch säfteanregende und blutbildende Eigenschaften haben und auch gut gegen Rheuma und Gicht helfen.

Tägliches Trinken eines Schoppens hilft gegen Verkalkung und damit vorzeitigem  Altern. Dadurch wissen wir auch, warum so viele ältere, aber rüstige Apfelweintrinker fröhlich bei ihrem Schoppen hocken. Sie trinken täglich ihre Medizin, zwar mäßig, doch regelmäßig. je nachdem. Sie leiden auch seltener unter Kontaktarmut ‑ was allerdings auch auf die schmalen Holzbänke in den Wirtschaften zurückzuführen sein könnte.

 

Im Jahre 1922 hat erstmals Ernst Weill eine gründliche Untersuchung über die chemische Zusammensetzung und Wirkung des Apfelweins vorgelegt. In unserer Zeit hat die Hessische Lehr‑ und Forschungsanstalt in Geisenheim eine Analyse des Apfelweins vorgenommen. Laut repräsentativen Querschnitt mehrerer Untersuchungen enthält ein Liter (Frankfurter) Apfelwein:                                  Brennwerte                          max.  366,5 cal

Verdauliche Kohlehydrate           max.      3,6 g

Eiweiß                                                          450 mg

Broteinheit                           max.   0,4 Einheiten,

Fettgehalt                                            0

Alkohol                                 max.     5,8 %

Mit ei­ner Broteinheit pro fünf Liter Apfelwein ist Apfelwein für Diabetiker geeignet.

 

Apfelwein besteht zu 84,4 Prozent aus Wasser, 8 Prozent Invertzucker, 3,3 Prozent stickstofffreien Substanzen, 1,9 Prozent Rohfaser, 0,7 Prozent freien Säuren und zu jeweils 0,4 Prozent aus Stickstoff, Saccharose und Asche.

 

Der Säuregehalt ist relativ niedrig. Bei der Gärung wird  der Fruchtzucker durch die Hefezellen in Alkohol verwandelt. Daher wird die Kohlensäure frei und entweicht. Nach richtiger Gärung enthält Apfelwein nur Spuren von Zucker. Er enthält aber Kali, Kalk, Magnesium, Phosphorsäure und Eisen. Manche Apfelsorten haben auch einen hohen Vitamin-C-Gehalt.

In unserer ernährungsbewußten Zeit wird der Apfel als „kleine Apo­theke“ gerühmt. Sein Pektin beugt Arterienverkalkung und hohem Cho­lesterin vor, das Kalium entwässert. Vitamin C stärkt das Immunsystem, seine Fruchtsäuren stabilisieren den Blutzucker, Gerbstoffe verhindern Entzündungen, Faserstoffe fördern die Verdauung.

Das Endprodukt ist eine erfrischende bekömmliche Mischung aus natürlichen aromatischen Bukettstoffen, organischen Fruchtsäuren, Mineralstoffen, Fruchtzucker und Alkohol. Dadurch schmeckt Apfelwein besonders spritzig und belebend.

 

Apfelwein ist zwar nicht alkoholfrei, wie manche irrtümlicherweise noch meinen, aber er hat einen relativ schwachen Alkoholgehalt. Aber ein Autofahrer, der mit 2,7 Promille erwischt wurde, kann sich nicht damit herausreden: „Ich habe gerade mal zwei Glas Apfelwein getrunken, tagsüber in der Praxis.“ Auch wenn er sich dabei noch ausgesprochen unauffäl­lig verhält, so ist das für den Mediziner in der Regel ein Hinweis, daß er es mit einem Fahrer zu tun hat, der Alkohol gewöhnt ist. Auf Nachfragen kommt dann auch heraus, daß er noch eine Menge Restalkohol im Blut hatte: Ja, da sei er gerade aus dem Ur­laub zurückgekommen: Zwei Flaschen Sekt und diverse Bier, und um Mitternacht dann ins Bett.

 

Während Medikamente und Drogen eine chemische Basis haben, entsteht der natürliche Alkohol durch Vergären einer Frucht, indem sich aus Zucker, Alkohol und Kohlensäure bilden. Abgesehen vom chronischen Alkoholismus führt aber bereits der tägliche Konsum von mehr als 80 Gramm reinen Alkohols in der Regel zu Organschäden, psychischen Störungen und Kreislauferkrankungen. Diese Menge entspricht etwa einem Liter Wein, zwei Litern Apfel­wein oder zwei gut eingeschenkten Maß Bier.

 

Die Liste der gesundheitsfördernden Wirkungen des Apfelweins ist also lang. Doch Vorsicht: Apfelwein ist kein Medikament! Er ist und bleibt ein Genußmittel, dem im Rahmen einer gesunden, zeitge­mäßen Ernährung große Bedeutung zukommt. Er enthält wenig Kohlehydrate und Kalorien und hat trotzdem die anregende Wirkung mäßigen Alkohols.

„Fit nicht fett, gesund nicht krank, aktiv nicht träge“, „Äpfel ma­chen satt, aber nicht dick!“ heißt die Devise des Apfelwein-­Liebhabers. Keine unnötigen Kohlehydrate, wenig Kalorien und trotzdem anregende Wirkung mäßigen Alkohols zeichnen den Apfelwein im Gegensatz zu anderen alkoholhaltigen Getränken aus. Das gilt verstärkt für  den „Ge­spritz­ten“, der bei beliebiger Mischung mit Mineralwasser oder Zitronenlimonade nur we­nig Alkohol hat, aber immer noch den charakteristischen Wohlgeschmack des Apfels behält. Alkohol und Kaloriengehalt lassen sich damit nach Wunsch verringern und ma­chen den „Gespritzten“ zu ei­ner echten Alternative für alle, denen Mineralwasser zu lang­weilig, Erfrischungsgetränke zu süß und andere Alkoholika zu stark sind.

Wieviel Apfelwein ein Mensch verträgt, richtet sich nach Geschlecht, Körperge­wicht und individueller Kon­stitution. Frohe Kunde für die Herren der Schöpfung: Die männliche Leber ist stärker als die weibliche. Ein bis zwei Liter Apfelwein täglich sind für einen gesunden Menschen ein vertretbares Maß an „ge­sundem Alkohol“.

 

Der Apfelwein ist ein natürliches Abführmittel. Er regt die Verdauung an und kann getrost mit einer Traubenkur konkurrieren. Er regt den Appetit außerordentlich an und fördert die Verdauung. Besonders der „Rauscher“ ist für eine Herbstreinigungskur gut geeignet. Er entsteht, wenn man den Apfelmost etwa 14 Tage gären läßt. Mit dem Rauscher machen die alten Frankfurter ihre Reinigungskur. Wer jedoch die Kur übertreibt, kommt mitunter nicht mehr schnell genug nach Haus. Der frühere Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb drückte es vom  Balkon des Römer einmal so aus:                   „Der Sachsenhäuser Apfelwein, der ist famos,

 dem einen geht in den Kopf, dem andern in die Hos’!“       

Und Monika Maurer I., die Bundesäppelwoikönigin, erklärte die Leidenschaft der Hessen für ihr Nationalgetränk so: „Weil er die Eingeweide in Ekstase bringt.“ Sie muß es ja schließlich wissen.

Emery Craig dichtete:

                        „Es Stöffche is für alles gut

                        es fegt de Mage, labt die Schnut.,

hilft gegen Rheuma, Podagra,

Heufiewer, Gicht und Cholera.

Bringt flotten Gang stets ohne Qual.

Desweche is er so gesund

So laut der ärztliche Befund.“

 

Der Apfelwein enthält nur wenig Kalorien und ist deshalb gut für die schlanke Linie. Deshalb schätzen auch Figurbewußte den  Apfelwein: Auf 100 Kubikzentimter kommen nur 35 Kalorien bzw. 147 Joule.

 

Auch als „Gespritzter“ (mit Mineralwasser) oder „Süß-Gespritzer“ (mit Limonade) hat er immer noch den charakteristischen Wohlgeschmack. Er ist eine echte Alternative für alle, denen Mineralwasser zu langweilig, Erfrischungsgetränke zu süß und Alkoholica zu stark sind. Besonders der Tiefgespritzte (Mineralwasser mit einem Schuß Apfelwein) eignet sich hervorragend für Schlankheitsdiäten und ist auch entschlackend.

Damit eignet sich beispiels­weise der „Tiefgespritzte“ (Mineralwasser mit einem Schuß Apfelwein) hervorragend für Schlankheitsdiäten, in denen ja eigentlich ganz auf Alkohol verzichtet werden sollte. Kohlenhydratfrei, mit 37 Kalorien pro Liter pur und seiner ver­dauungsfördernden sowie ent­schlackenden Wirkung ist Apfelwein das ideale alkoholische Erfrischungsgetränk  im Rahmen einer kalorienreduzierten Ernährung.

So haben Sportler, Autofahrer und Ernährungsbewußte, also alle, die auf Alkohol und Kalorien achten, ein zeitgemäßes Getränk, das gesundheitsbewußten Genuß ohne Reue ermöglicht. Fazit: Die Vorteile des Apfelweins liegen in einer individuellen Dosierung des Alkoholgehaltes durch Spritzen mit Mineralwasser. Damit werden die grundsätzlich posi­tiven Wirkungen des Apfel­weins erhalten und die latent negativen Wirkungen des Alkohols „verdünnt“.

 

Claudia: „Immer wenn ich sauer bin, trinke ich Süßgespritzten“'

 

Karikatur: „Meine Liebe, diese Taille verdanke ich nur meiner Apfelkur!“

 

Dr. Johanna Höhl: „Der Apfelwein ist ein Naturprodukt, macht schön, schlank und blau und ist nicht nur ein Getränk für alte Männer, sondern auch für junge Mädchen“.

 

Zwischen zwei und drei Liter Wasser benötigt ein Erwach­sener täglich, um in Schwung zu bleiben. Die Hälfte davon wird mit der Nahrung aufge­nommen, die andere Hälfte muß mit Getränken „aufge­füllt“ werden. Vor allem ältere Menschen sollten viel trinken. Etwa ab dem 60. Lebensjahr wird ein Mindestkonsum von zwei Litern empfohlen, um ein Absinken des Gesamtkörper­wassers, das im Alter einsetzt auszugleichen. Nachlassende Funktionsbereitschaft der Nieren und ein erhöhter Pro­teinbedarf verlangen gerade in späteren Jahren ausrei­chende Flüssigkeitsmengen, ­zumal - wie Experten heraus­gefunden haben - die „Durst­signale“ schwächer werden.

Auch wer viel Sport treibt oder schwere körperliche Arbeit leistet, sollte eher mehr als zu wenig Flüssigkeit auf­nehmen, denn der Mensch ver­liert ständig Flüssigkeit. So geben wir bei normaler Zim­mertemperatur und ohne schweißtreibende Tätigkeit täglich bereits etwa einen hal­ben Liter Wasser durch Schwitzen ab. Bei warmer Witterung ist deshalb auch eine gesteigerte Flüssigkeits­aufnahme ratsam.

Allerdings ist dabei auf den Kaloriengehalt der Getränke zu achten, denn bei großen Trinkmengen, wie sie, vor al­lem im Sommer erforderlich werden, fallen kalorienreiche Getränke buchstäblich „ins Gewicht“. Besonders geeignet als Durstlöscher sind Mineral­wasser, das zugleich wichtige, vom Körper ausgeschiedene Mineralstoffe ersetzt, schwar­zer Tee, Kräuter‑ und Früch­tetee (ohne Zucker), nicht zu starker Kaffee und verdünnte Fruchtsäfte.

Daß Durstlöscher regel­rechte Kalorienbomben sein können, zeigen folgende Bei­spiele: Apfelschorle (ein Drit­tel Saft, zwei Drittel Wasser) schlägt mit 32 Kilokalorien (kcal) pro 0,2 Liter zu Buche, alkoholfreies Bier hat 50 kcal­. Etwa auf einem Niveau liegen mit 85 bis 96 kcal Cola, Limonade, Orangensaft, Apfelsaft sowie die Biersorten Pils, Export und dunkles Bier. Stark­bier kommt auf 146 kcal, trockener Wein bringt es im Schnitt auf 160 und Sekt auf 186 kcal. Hinzu kommt, daß süße Säfte häufig noch dursti­ger machen, und daß sie die für den Darm nützlichen Ballaststoffe nur in ganz gerin­gem Umfang bieten können. Aus diesem Grund, so rät man bei den Verbraucherverbän­den, sollte man öfter zum Ap­fel oder zur Apfelsine greifen statt immer gleich zur Saftfla­sche.

Obst enthält reichlich Mi­neralstoffe und Vitamine, im Saft sind sie kaum noch vor­handen ‑ entgegen den in der Werbung vielfach geäußerten Versprechungen. Wer den­noch nicht auf Fruchtsäfte verzichten will, sollte sie mög­lichst nicht pur, sondern mit Wasser verdünnt trinken.

 

In die heutige Gesundheits- und Nostalgiewelle paßt der Apfel gut hinein. Der ge­sundheits­bewußte und moderne Mensch vertraut wieder häufiger auf die Natur, statt zu Tropfen und Tabletten zu grei­fen. Aber junge Leute sind meist auf Bier eingeschworen. Aber Apfelwein entspricht an sich eher dem modernen Lebensgefühl der Jugend, zu dem Gesundheit, Frische, Originalität gehören. Bier macht müde, Apfelwein dagegen regt zum Reden an und fördert das Zusammensein. Für Johanna Höhl ist der Apfelwein ein Getränk, das dem „Zeitgeist“ absolut entspreche, „ist er doch gesund und kalo­rienarm, da er nur einen geringen Alkohol­gehalt hat“. Außerdem sei der Alkohol im Apfelwein „einer der qualitativ hochwer­tigsten“, betonte Höhl. Jedenfalls biete er einen „Genuß ohne Reue“.

 

Als „Heißer“ hilft Apfelwein gut gegen Erkältung.

„Willst’e dich gesund erhalte,

trink en Eppelwoi, en kalte,

tut dir’s in de Glieder reiße,

trink en Eppelwoi, en heiße.

Eppelwoi in jeder Lage

schafft dir stets en gute Mage.“

 

Meine Frau ist nicht von hier. Wer aber nicht schon mit „Äppelwoi gedaaft“ ist (mit Apfelwein getauft, d.h. von der Jugend an damit vertraut), dem schmeckt er nicht. Nur „Eierwipp“ trinkt sie oder „en Haaße“. Letzten Winter merkte sie, daß eine Erkältung bei ihr im Kommen war. Da wollte sie es einmal mit einem „Heißen“ versuchen. Ich machte ihr also einen großen Topf Apfelwein warm und gab ordentlich viel Zucker dazu. Meine Frau hat nur ein Glas davon getrunken. Aber am nächsten Tag waren die Krankheitszeichen weg. Einige Tage später triff sie Dr. Schellmann und erzählt ihm von ihrer Kur. Herr Schellmann drauf: „Aber nur nicht weitersagen. Für die Ärzte ist es gar nicht so gut, wenn die Leute so gesund sind!“

Nicht um­sonst heißt es ja: „An apple a day keeps the doctor away“.

 

Frank Lehmann schreibt ironisch: Wissen Sie, wer hinter all dem steckt, wer die Intrigen an­heizt? Die Pharmabranche, jawohl die Pillendreher sind’s, die das Rad gegen unser „Stöffche“­ drehen! Denen im weißen Gesundheitskittel war der alte, immer noch wahre Vers ein Dorn im Auge. Man fürchtet um seine Märkte, bibbert, daß die Ärzte we­niger Pillen, dafür des „Äpfelreweblut“ verschreiben und startete diese Kampagne, bei der jedes Mittel recht ist

Nein, es darf jetzt nicht länger geschwiegen werden. Kelte­reien der Region vereinigt Euch! Ruft Eure (zahlreichen) Totalitäten zusammen, laßt die Eifersüchteleien: der Gegner ist nicht in Euren Reihen, sondern außerhalb. Leistet der unseligen Logengemeinschaft mit ihren bezahlten Helfern Widerstand! Gegen den Rufmord am Apfel und am Stöffche!

 

Das Stöffche ist ein zeitgemäßes Genussmittel. Mineralien und Vitamine bleiben beim Keltern enthalten, dabei hat der Apfelwein einen geringen Alkoholgehalt. Das gilt besonders für den mit Wasser oder Limonade gespritzten Äppler. Zudem enthält das Traditionsgetränk so genannte Polyphenole. Diese Antioxidantien sollen im Körper freie Radikale binden, die Krankheiten verursachen können. „Bio” ist das Getränk deshalb in vielerlei Hinsicht.     

 

 

Die Selbsthilfegruppe des Arbeitskreises Alkohol in der Alltagswelt (A.i.d.A) warnt im April 2003 vor den Gefahren des Alkohols im Apfelwein: In Wein und Sekt ist viel mehr Alkohol enthalten als in Bier. Das Stöffche erfreut sich gerade in der warmen Jahreszeit einer großen Anhängerschaft. Häufig wird dieses Erfrischungsgetränk aber unterschätzt. Wenn die Ehefrau sagt: „Heute trinkst Du aber bitte nicht so viel Bier...“, wird gern alternativ zum Apfelwein gegriffen. Die Frau ist beruhigt und man selbst hat ebenfalls den Eindruck, etwas Vernünftiges getan zu haben. „Apfelwein ist doch kein Alkohol!“ ‑ das ist das Em­pfinden, denn mit Apfelwein ist man als Hesse ja aufgewachsen. Der Opa und der Vater haben schon gern einen Schoppen getrunken, auch die Frauen sind einem Süßgespritzten nicht abgeneigt.

Bier (Export oder Pils) hat vier bis fünf Volumprozent, Obstwein (Most) etwa fünf bis sieben, Weißwein zehn bis zwölf oder Rotwein elf bis 13 Volumprozent. Auch Sekt wird häufig falsch eingeschätzt. Er bringt es auf elf bis zwölf Volumprozent. Sogar alkoholfreies Bier ist nicht wirklich alkoholfrei ‑ es ist ein Restalkoholgehalt bis 0,5 Volumenprozent enthalten. Es kann bei Alkoholkranken das so genannte Suchtgedächtnis in Gang halten und dadurch zu einem Rückfall führen.

Im Apfelwein sind immerhin etwa 5,5 Prozent Alkohol enthalten, was bisweilen ja auch schon zu Schlangenlinien beim Fahrradfahren und einem sehr dicken Kopf am nächsten Morgen geführt haben soll. Dem kleinen Gedicht von Reek zufolge ist Alkohol allerdings ein Allheilmittel, das sogar von Seiten der Ärzteschaft empfohlen sein soll

„Es Stöffche is für alles gut

es fegt de Mage, labt die Schnut,

hilft gege Rheuma, Podagra

Heufiewer, Gicht und Cholera

bringt flotten Gang stets ohne Qual

deswege is es so gesund

so laut de ärztliche Befund.“

Leider führt diese heiß geliebte Medizin unter Umständen ebenso in eine Abhängigkeit wie andere alkoholische Getränke auch. Die Selbsthilfegruppe des Arbeitskreises Alkohol in der Alltagswelt (A.i.d.A.) erweitert deshalb das Gedicht wie folgt.

„Woi is halt ka Limonade.

Denkt dro Leit! Er könnde schade!

Vorsischt is aach hier gebode.

5,5 Prozent? Des is de Abhängischkeitsquode!“

Was ist zu viel? Woran merkt man das? Muss ich mir Gedanken machen? Diese Fragen beantwortet Brigitte Hufer unter der Telefonnummer (0 6109) 37 96 93 oder im Internet „ info@

 aida‑selbsthilfe.de“ oder „www.aida‑selbsthilfe.de“.

 

 

 

Verbrauch und Vermarktung

 

Verbrauch:

Noch Mitte der 80iger Jahre trank jeder Hesse etwa 15 bis 16 Liter Apfelwein pro Jahr. In ganz Deutschland wurden früher rund 120 Mil­lionen Liter Apfelwein hergestellt. Aus Hessen stammen mehr als zwei Drittel der deutschen Apfelweinproduktion. In Hessen werden rund siebzig Millionen Liter pro­duziert, im Jahre 1990 waren es noch 60 Millionen (Frankfurter Raum an die dreißig Millionen), im Jahre 2012 nur noch 40 Millionen

Rund fünf Millionen Liter Apfelwein produzieren die selbst­kelternden Wirte in Frankfurt. Bundesweit liegt der Pro‑Kopf‑Verbrauch an  Apfelwein nur bei 1,1 Litern (1998: 1,2 Liter). Zwar trinkt der Frankfur­ter pro Kopf und Jahr 55 Liter Apfelwein. Aber in Hessen betrug 1994 der Apfelweinkonsum  nur 14,5 Liter, 1995 waren es 13,21 Liter, 1998 waren es 12,1 Liter, 1999 sind es 11,9 Liter. Als die Zahlen von 1998 auf einer  Tagung bekanntgegeben wurden, bemerkte Maintals Erster Stadtrat Gerd Robanus: „Das übertreffe ich auf jeden Fall“.

Aber Hessischer „Äppelwoi“ wird vorzugsweise in Hessen konsumiert, nur 20 Prozent werden außerhalb Hes­sens konsumiert. Und auch auf der hessi­schen Landkarte gibt es erhebliche Unter­schiede. Während der Nordhesse nicht mehr als vier Liter trinke, liege der Verbrauch im Rhein‑Main‑Gebiet sogar bei mehr als 50 Litern. Rund 30 Millionen Liter Apfelwein werden im Großraum Frankfurt (Maintal hinzugerechnet) konsumiert. In den Regionen rund um Hanau, Offenbach, Darmstadt und Wiesbaden ist das Verlangen nach einem „Stöffche“ mit 18 bis 22 Litern noch überdurchschnittlich.

Die Zahlen des Statistischen Landesamtes erfassen allerdings nur die zehn größten Keltereien in Hessen. Deren Apfelweinerzeugung ging 1998 um 2,4 Prozent auf 48 Millionen Liter zurück. Tatsächlich litten aber nur die Großkeltereien, die bundesweiten Handel mit Groß­märkten betrieben, unter dem Konkurrenzdruck. Kleine und mittlere Unter­nehmen hätten jedoch keine Probleme, da die Kunden in der Regel aus der Region kämen. Der 1998 um 300.000 Mark auf 73,5 Millionen gestiegene Umsatz beweise, daß der hessische Apfelwein bei der Bevölkerung durchaus seinen Stellenwert habe.

In der Statistik wird deutlich, daß die Rhein‑Main‑Region immer noch die Apfelwein‑ Hochburg in Deutschland ist. Die Hessen tranken 1996 statistisch gesehen 12,8 Liter pro Kopf und Jahr, die Bewohner des engeren Rhein‑Main-Gebiets aber eindrucksvolle 54 Liter Ebbelwei pro Saison. Im Jahr 2001 hat sich jeder Hesse im Schnitt nur noch 10,4 Liter des edlen Stöffches gegönnt.

Der Apfelweinkonsum betrug im Jahr 2002 im Schnitt nur noch 10,4 Liter, Im Jahr 2003  mit 10,2 Liter. Das war zehnmal so hoch wie der Bundesdurchschnitt, so ist dies noch lange kein Grund zum Jubeln: In den letzten fünf Jahren ist der Apfelweinkonsum kontinuierlich von über zwölf auf knapp zehn Liter pro Nase gesunken. Der Pro‑Kopf‑Verbrauch im Bundesgebiet lag inzwischen bei einem Liter (1996: 1,27 Liter).

Das Jahr 2004 brachte zwar wegen des heißen Sommers ein Umsatzplus bei den Herstellern von Apfelwein und Fruchtwein, doch der Pro-Kopf-Verbrauch des Apfelweins geht in seinem Stammland seit Jahren zurück. Jetzt hat sich der Konsum seit ein paar Jahren bei etwa zehn Litern eingependelt.

Im Jahre 2005 machten die Unternehmen - die vielen Kleinbetriebe und Privatkelterer sind dabei nicht berücksichtigt - einen Umsatz von rund 28 Millionen Euro mit dem „Stöffche”. Produziert wurden 2005 rund 40 Millionen Liter Apfelwein. Immerhin scheint der seit Jahren anhaltende Abwärtstrend beim Umsatz vorerst gestoppt: Im Jahre 2006 erzielten die 54 Großbetriebe, die im Verband der Hessischen Apfel- und Fruchtsaft-Keltereien zusammengeschlossen sind, ein kleines Umsatzplus zwischen einem und zwei Prozent. Noch liegen die genauen Zahlen aber nicht vor.

 

Möglichkeiten der Vermarktung: Mal als Saft, mal als Wein

In Maintal und Gelnhausen, wie auch in vielen anderen Städten und Gemeinden, befinden sich die Obstbäume nicht mehr in kommunalem Besitz. Mitglieder von Obst‑ und Gartenbauvereinen oder engagierte Naturfreunde kümmern sich um die Streuobstgebiete. Je nach Sorte eignen sich die Früchte zum Einlagern für die obstarme Winterzeit oder werden gepreßt und zu Saft oder Wein verarbeitet.

Wer sich Letzteres nicht selber zutraut, bringt seine Apfel zu einer Kelterei. Die bezahlen pro Doppelzentner neun bis 10,30 Euro. Die meisten Leute nehmen jedoch nicht das Geld, sondern lassen sich ihre Ernte in Naturalien in Gestalt von Obstsaft‑ oder Apfelwein bezahlen.

Das von den Erzeugern angelieferte Obst kann vielerorts gegen Bezahlung in Lohnmost umgetauscht werden. Für 100 Kilo Obst gibt es 60 Liter Saft. Etliche Sorten von Apfel, Birne und Pflaume eignen sich zudem zum Dörren oder Backen.

Die Besucher, die den Apfel lieber flüssig mögen, können beim Schaukeltern vorbeischauen. Der frisch gepreßte „Süße“ wird kostenlos angeboten, und wer etwas davon gegen eine kleine Spende mit nach Hause nehmen möchte (ein bis zwei Liter) sollte sich eigene Gefäße mitbringen.

 

Konkurrenten:

Der typische Apfelweintrinker stirbt wohl aus. Das „Stöffche“ ist kein Selbstläufer mehr. Die Hessen trinken weniger Apfelwein. Ebbelweiwirt Wilhelm Bender vom Schützenhof in Bergen sagt: „Nur noch zwei Drittel beträgt bei mir der Ebbeiweiumsatz - gegenüber früher!“ Fast zürnend nannte er die Ursa­chen des Ver­falls der „Ebbelweikultur“, als da sind „Umwelteinflüsse, Fernseher, Kühltruhen, Radio und Diskos.“ Von Geld­knappheit und Preisen um die 2,40 bis drei Mark pro 0,3 Liter sagte er nichts. „Früher mußten wir die Ebbel­weitrinker nach 18 Schoppen um Mitternacht hinauskomplimentieren. Heute essen sie was, trinken zwei und gehen nach Hause.“

„Leute, die früher acht bis zehn Schoppe getrunken haben, die liegen alle schon auf dem Friedhof.“ Heute geben sich die Gäste meistens mit drei bis vier Gläsern zufrieden, „wegen dem Autofahren und wegen dem Geld“. Das Trinkverhalten habe sich in den vergangenen Jahren geändert. „Der typische Apfelweintrinker, der das Ge­tränk pur genießt, stirbt aus.“

Der Apfelwein muß sich verschiedener Konkurrenten erwehren:

  • Der klassische Pur‑Trinker stirbt aus. Gespritzter erfreut sich immer größerer Beliebtheit ( neuerdings zunehmend unter Zufuhr von Cola). Die Pur-Trinker, vor Jahren noch bis zu 60 Prozent aller Apfelweinkonsumenten, räumen das Feld. Vor allem jüngere Leute können sich mit dem Herben nicht anfreunden. Das „Stöffche” begeistert auch wieder die jungen Leute: Am einfachsten ist es bei denen, die den „Blauen Bock“ gar nicht mehr kennen - die gehen unvoreingenommen ran. Die Fernsehsendung habe zwar viel für den Bekanntheitsgrad des Traditionsgetränks getan, doch danach habe es keine Weiterentwicklung gegeben. Das Image ist einfach eingestaubt. Die Jugendlichen trinken heute fast nur noch Gespritzten. Ein Hoffnungsschimmer ist aber, daß viele Jugendliche ‑ vor allem auf dem Land ‑ aus Jux selbst Apfelwein keltern. Sie beschäftigen sich mit dem Getränk. Das läßt hoffen, daß sie dann auch wieder das ein oder andere Glas trinken.
  • Die Mineral­wasser­produktion stieg demgegenüber um 5,8 Prozent auf 1,02 Milliarden Liter. Die Statistiker führen das Plus beim Sprudelwasser auf heiße Sommer zurück. Er könnte nach ihrer Ansicht auch das Minus beim Apfelwein erklären: Vielleicht stieg bei diesen Temperaturen manch ein Apfelweintrinker vom „Stöffchen pur“’ auf  „Gespritzten“ um.

Mischgetränke wie Radler oder Ap­felschorle und Säfte machen dem gegorenen Saft Konkurrenz. Es gibt so viel Mischgetränke, daß man das am Umsatz merkt. Es ist leider nicht gelungen, Apfelwein wie Weizenbier bundesweit voranzubringen. Mixgetränke sind auch Alcopops. Im Rahmen der anhaltenden Fitnesswelle ist Alkohol in höherer Dosierung nicht mehr modern. Alkoholgenuß und sommerliche Hitze sind keine idealen Partner. Die Promille wirken unter Sonneneinstrahlung schneller, man schwitzt, kriegt einen roten Kopf, wird träge und ist schneller angesäuselt. Nur gut, daß es Gespritzten gibt, sei es von Apfelwein oder Apfelsaft. Trotzdem, je höher die Temperaturen und je später der Abend, desto tiefer gespritzt sind die Gläser, wissen Apfelweinwirte über die Gewohnheiten ihrer Gäste zu berichten. Wer kann, mixt auch als Kelterei dem klassischen Apfelwein etwas bei, allerdings zumeist ohne den wirklich durchschlagenden Erfolg. So dümpeln die Gemischten am unteren Umsatzrand.

  • Kreative „softe“ Getränke sind solche, die gut zum Essen passen, sich im Geschmack und Aroma zurücknehmen, aber doch spürbar nach etwas schmecken. Gefragt sind vor allem Drinks, die nicht gleich eine ganze Mahlzeit ersetzen. Das tun die fraglos köstlichen Cocktails aus Fruchtpürees, oder die angesagten „Smoothies“ aus Früchten, Eiscreme und Milch. Ihnen gemeinsam ist: Sie ersetzen dank ihrer sättigenden Zutaten fast ein ganzes Menü und sind als Getränk an der Tafel völlig ungeeignet. Bei alkoholfreien Getränken könnte sich die Gastronomie also noch einiges einfallen lassen.
  • Bier: Die Liebe zum Apfelwein schlägt sich eher in einer emotionalen Anhänglichkeit nieder als in tatsächlichem Konsum: Die Jahresproduktion der im hessischen Kelterer­verband organisierten Apfelweinproduzenten sei gerade einmal so groß wie der Bierausstoß einer bekannten Brauerei in Lich - pro Tag. Allein diese Zahlenrelation belegt, daß das Kulturgut Apfelwein durchaus als gefährdet einzustufen sei. Auf  neun Biertrinker kommt nur einer, der Ebbelwei trinkt. Das liege vermutlich daran, daß in der Vergangenheit mancher Erzeuger ein qualitativ minderwertiges Getränk auf den Markt brachte und somit dem Ruf des Apfelweins einen Schaden zugefügt habe, das vermutete schon Wilhelm Höhl von der Kelte­rei Höhl. In der Bundesrepu­blik beträgt die Äpfelweinpro­duktion insgesamt noch nicht einmal ein Prozent der Bier­produktion. Allerdings beläuft sich die gesamte Weinproduk­tion wiederum nur auf etwa zwei Prozent der Äpfelwein­herstellung. Beim Fruchtsaft (aber nicht Apfelsaft) vervierfachte sich allerdings von 1970 bis 1995 der Pro‑Kopf-Verbrauch von 99 auf 40,6 Liter im Jahr. Außerdem schüttet jeder Bundesbürger knapp sechs Liter Schnaps in die Kehle.

Statt Quellwasser aus der Heimat trinken viele Hessen Mineralwasser aus Frankreich. Auch beim Bier gehen die Hessen gerne fremd und bevorzugen den Gerstensaft, der aus Bremen oder Bitburg kommt. In Frankfurter Szene-Bars wird neben Marken wie ‚Beck’s’ oft mexikanisches oder tschechisches Bier ausgeschenkt, weil es gerade im Trend ist.

Der einheimische Apfelwein tut sich ebenfalls schwer. Das Nationalgetränk der Hessen verliert vor allem unter den Jüngeren immer mehr Anhänger, bleibt aber trotzdem in der Region weiterhin sehr beliebt.

Wie die Apfelwein-Hersteller leiden aber auch die Bierbrauer generell unter dem sinkenden Alkohol-Konsum. 2003 konsumierte jeder Deutsche etwa 117,5 Liter Bier; sechs Jahre zuvor waren es noch gut zehn  Bier hat aber weitgehend mit Mixgetränken Erfolg gehabt. Bier .mit Limonade (oder „Radler“) ist auch für den Rückgang beim Apfelwein mit verantwortlich.

 

 

Möglichkeiten der Steigerung des Verbrauchs:

  • Image-Werbung:

Irgendwie hat der Apfelwein bei den jüngeren Leuten ein Image-Problem. Er gilt als Billig­-Getränk ohne jeden Hauch von Exklusivität. Dem Apfelwein fehlt schlicht und ergrei­fend die „Salonfähigkeit“. Es wäre zweifellos ein Riesen­fehler, mit all den Traditio­nen, die mit dem Apfelwein verbunden sind zu brechen. Aber Apfelwein ist irgendwo auch immer noch Heinz Schenk und Liesel Christ, das ist immer noch eine Tradition des Getränkes. Nun muß man schauen, wie man es auch für junge Menschen attraktiver machen könne. Auch wenn in Hessen im Schnitt immer noch zehnmal so viel Apfelwein getrunken wird wie im übrigen Deutschland, findet die Losung „weniger Alkohol“ immer mehr Resonanz. „Viele trinken den Apfelwein gespritzt, was den Verbrauch verringert. Ein Teil steigt auf andere Modegetränke um.

 

Deshalb gilt es, dem Apfelwein ein anderes Bild zu verleihen: Apfel­wein entspricht dem modernen Lebens­gefühl der Jugend - Gesund­heit, Frische, Originalität und so weiter - viel eher als das Bier, das ja bekanntlich viele regelrecht müde macht. Apfelwein da­gegen regt zum Reden an. Er fördert das Zusammensein. Und das will doch gerade die Jugend heute, in einer Zeit, in der Discos fast Vergangenheit sind und sogenannte Kommuni­kationskneipen „in“ sind.

  • Leitfiguren:

Im Grund fehlen dem Apfel­wein auch zugkräftige Leitfi­guren, die zur Akzeptanz des Getränkes beitragen. Er soll solide bleiben, unverfälscht und glaubwürdig. Das sind Eigenschaften, die heute von vielen jungen Leuten wieder geschätzt werden. Tradition und moderner Lebensstil müssen sich ergänzen. Das Wort von der „Gurkenbrüh“ existiert ja leider nicht nur in der Literatur. Da müssen alle Apfelweinhersteller mittun. Sie müssen raus aus der Aschenputtel‑Ecke und ihr Produkt selbstbewußt zwischen Bier und Wein pla­zieren. Denn da gehört der Apfelwein seinem Wesen nach hin. Auf keinen Fall wird es aber eine Apfelwein-Kabi­nett‑Auslese?! Damit würden gerade die jungen Leute geblendet. Das kann es beim Apfelwein nicht geben. Keine künstlich konstruierte Erlebniswelt, sondern Glaubwürdigkeit. Anderenfalls spielen die Ver­braucher nicht mit.

  • Zielgruppe Familie:

Hoffnungen setzen die Wirte auch auf die Zielgruppe der Familien, die sich wesentlich öfters in den Gärten als in verrauchten Kneipen einfinden. Dort finden sie neben kleinen Spielplätzen. harten Bänken und gesprächigen Eingeborenen auch ein immer ausgefeilteres Speisenangebot.

·        Ganzjahres-Getränk:

Um den Umsatz zu heben setzen die Apfelwein‑Wirte setzt auf eigene Herstellung und die beiden großen „G“s: Garten und Gemütlichkeit. Apfelwein soll möglichst nicht nur in den warmen Sommermonaten im Freien ver­konsumiert werden. Ab 25 Grad steigt auch der hartge­sottenste Biertrinker auf den leichteren und bekömmlicheren Apfelwein um.

Ihr Stöffche lassen sich die Hessen aber auch das ganze Jahr hindurch schmecken. Im Winter ist der „Heiße“, mit Nelken und Zimt angereicherter Apfelwein, eine beliebte Alternative zum Glühwein.

Als größten Nachteil für den Apfelwein sehen Szene-Gastronomen, daß er in erster Linie als Sommergetränk gilt und meist tagsüber getrunken werde. Die Branche müsse sich zum Beispiel durch die Gestaltung der Flaschen Gedanken machen, wie der Apfelwein „in die Nacht gebracht” werden könne, meinte der Frankfurter Wirt und Hotelier Mickey Roosen.

  • Mixgetränke und Varianten:

Die großen Apfelweinproduzenten reagieren auf die rückläufige Nachfrage mit neuen Mixgetränken. So werde dem Apfelwein gleich bei der Herstellung süße Limo zugesetzt. Für Jugendliche ist zudem eine Mischung aus Apfelwein und Cola (sogenannter „Panzersprit“) entwickelt worden.  Trendgemäß gibt es den Apfelwein inzwischen auch nicht mehr nur in einer Variante, sondern naturtrüb, klar, als Schorle oder nach Glühwein‑Art mit Zimt. Nelken und Zitronen. Viele Keltereien bringen mittlerweile selbst den Vergorenen als Mixgetränke auf den Markt, um die Umsatzeinbußen zu kompensieren.  Immer mehr werden Mischgetränke wie „Äppler Cola“ angeboten werden ‑ mit wechselndem Erfolg:  Während Possmann behauptet, das Geschäft mit „Äppler Cola“ laufe gut, hat Rapps Kelterei die Herstellung von „Black Apple“ wieder eingestellt. Die Umsatzzahlen waren nicht berauschend, und Aufwand habe sie nicht gelohnt..

  • Flaschenabfüllung:

Apfelwein immer mehr in Flaschen gekauft und auch zu Hause getrunken. Vom Flaschenverkauf entfällt etwa die Hälfte vom Volumen auf die Firma Höhl, etwa 35 Prozent auf die Firma Possmann. Den Rest teilen sich mehrere Dutzend kleinere Hersteller. Immerhin gibt es inzwischen den Apfelwein aus Longneck-Flaschen, also Flaschen mit einem langen Hals. Patentrezepte für eine erfolgreiche Vermarktung gebe es aber nicht, betonte Kelterer Kneip, der ein größeres Selbstbewußtsein rund um den Apfelwein einforderte.

  • Qualität:

Außerdem wurden immer bessere Qualitä­ten angeboten, obwohl die Preise niedrig blieben. Auch heute ist Apfelwein das vergleichsweise preisgünstigste alkoholhaltige Getränk. Er hat deshalb die besten Aussichten, seine Bedeutung als Volks‑ und Natio­nal­­getränk der Hessen immer weiter auszubauen und auch andere deutsche Bundesländer zu erobern. Marketing-Leute bemühen sich, den Markt zu beleben und ihn ‑ vor allem ‑ für die Jugend zu öffnen. Die Kelterei Nöll brachte schon vor Jahren den „Ebbelweischampus Brut“ für die Betuch­teren zum Schäumen, so setzt er 1998 neue Hoffnungen auf den „Drink for Fun“, einen Boskoop‑Soda in der hellen Flasche, disco‑geeignet und um die vier Mark teuer.

  • Biogetränke:

Ihren Durst löschen Gäste in vielen Szenelokalen im Rhein-Main-Gebiet zunehmend mit so genannten Bio-Getränken. Sie gelten als modern, wie der Erfolg der Limo „Bionade“ aus Franken zeigt. Seit 2006 hat der Trend auch das hessische Nationalgetränk erfaßt: Bio-Apfelwein steht jetzt in vielen Regalen. Auf dem Retro-Stil-Etikett der Marke „Fichtekranz” wird der biologische Anbau beschrieben: „Apfelwein von glücklichen Äpfeln”. Bio-Getränke sind wie der gesamte Bio-Lebensmittelmarkt im Aufwind. Im Gegensatz zum konventionellen Bereich gibt es hier zweistellige Wachstumsraten. Bei Bio-Produkten sind Vitamine natürlichen Ursprungs und nicht zugesetzt, was auch eine Überdosierung beispielsweise von Beta-Carotin verhindert. Die Kelterei Heil hat einem sogenannten Bio-Apfelwein auf den Markt gebracht. Ihr war aufgefallen, daß in vielen angesagten Bars in Frankfurt kein Apfelwein zu kriegen ist. Das wollte sie unter anderem ändern. Und so entstand der Apfelwein „Fichtekranz” in der Kelterei in Laubuseschbach im Taunus. Eigentlich ist der Fichtekranz in Frankfurt und Umgebung ein Zeichen für Lokale, in denen Apfelwein ausgeschenkt wird.

Der Inhaber der Kelterei „Matsch und Brei” aus Neustadt-Speckswinkel (Kreis Marburg-Biedenkopf), Reinhard Kuball, ist mit Bio-Getränken schon lange im Geschäft. „Wir sind in der Zeit der politischen Bewegung Anfang der 80er Jahre entstanden und haben uns damals bewußt einen provozierenden Namen gegeben.” In die „Matsch und Brei"-Säfte komme schon seit mehr als 20 Jahren nur Streuobst von hessischen Wiesen. Die „Sehnsucht nach dem Authentischen” wird wieder wachsen, meinte Johanna Höhl die Unternehmerin aus Maintal auf einer Tagung.

  • Alkoholfreier Genuß:

Was trinken Gäste, wenn sie keinen Alkohol wollen?  Bei Alkoholfreiem hat die Gastronomie außer Säften ‑ oft nicht naturrein, sondern als „Fruchtsaftgetränk“ mit wenig Saft und viel Zucker ‑ und Mineralwasser wenig zu bieten. Doch mit etwas Fantasie ließen sich auch mit alkoholfreien Drinks gute Umsätze machen. Bester Durstlöscher: Apfelsaftschorle. Wer fit sein und sich gut fühlen will, braucht vor allem das richtige Getränk. Das zumindest suggeriert uns die Werbung. Und wer auf der Fahrradtour mal eben an einer Tankstelle anhält, um sich mit Trinkbarem zu versorgen, steht oft etwas ratlos vor den Regalen voller Iso‑, Energy‑ und Fitnessdrinks.

Welche Getränke sind bei Sport oder Hitze wirklich nützlich? Steigern Energydrinks tatsächlich die geistige Leistungsfähigkeit oder sind sie nicht vielleicht sogar schädlich? Lohnt sich der tiefe Griff in den Geldbeutel für „Sauerstoffwasser“ oder „DHA‑Drinks"? Diese und weitere Fragen beantwortet die Verbraucher‑Zentrale Hessen (VZH) in ihrem Faltblatt „Getränke 2000“.

Das Faltblatt bewertet die verschiedenen Getränke anhand ihrer Inhaltsstoffe, der Werbeaussagen und auch ihres Beitrags zum Müllberg. Im Bereich der Sportgetränke ist das Fazit der Verbraucherschützer klar: Wichtigster Erfolgsfaktor für Sportler ist es, genug zu trinken. Das bedeutet eine Trinkmenge von mindestens zwei Litern pro Tag. Bei großer Hitze oder hohem Flüssigkeitsverlust können bis zu vier Liter notwendig sein. Die gute alte Apfelsaftschorle ist Dank dem Verhältnis und der  im Mineralwasser enthaltenen Mineralstoffe sowie Kalium und Natrium als Durstlöscher am besten geeignet. Das Faltblatt „Getränke 2000“ gibt es kostenlos in Infozentrum, Große Friedberger Straße 13 bis 17 (Öffnungszeiten 10 bis 19 Uhr) sowie in allen VZH‑Beratungsstellen.

  • Umweltschutz:

Weil der Streuobstbestand „noch nie ein Pflanzenschutzmittel gesehen hat“ und daher ein intaktes Biotop für Tausende von Pflanzen‑ und Tierarten bietet, seien die Apfelweintrinker Umweltschützer. Je mehr getrunken werde, desto sicherer sind die Bäume.

  • Getränk für Frauen:

Für die Frauen wurde ein „Stöffche” geschaffen, das nicht mehr so sauer schmeckt, weil Apfelwein mit Apfelsaft gemischt wurde bzw. der Gärvorgang frühzeitig angehalten wurde.

  • Sortenreiner Apfelwein:

Als unsinnig hat Walfried Heil, Ehrenvorsitzender des hessischen Keltereiverbandes, den sortenreinen Ausbau von Apfelwein bezeichnet: „Die Mischung macht erst den Geschmack.“

„Der Charakter eines Apfelweins aus nur einer Sorte ist ganz anders“, sagte Heil. Dennoch wollte er nicht ausschließen, daß kleinere Keltereien Käufer für solche Produkte finden können. „Beim Absatz wird das allerdings nur eine kleine Nische füllen.“

Der Versuch, Apfelwein zu einer Konkurrenz für den Traubenwein aufzubauen, ist für Heil zum Scheitern verurteilt. Die Produkte seien nicht vergleichbar. „Beim Apfel spielt weder die Lage noch der Jahrgang ein Rolle, und über den Einfluß der Sortenreinheit läßt sich streiten.“ So genannte erlesene Apfelweine konnten höchstens im Direktverkauf mit entsprechendem Ambiente bestehen. Dabei dürften die Kelterer jedoch „nicht den Fehler begehen, bei der Werbung für ihre angeblichen Gourmet‑Produkte den herkömmlichen Apfelwein schlecht zu reden“. Bessere Marktchancen räumte der Ehrenvorsitzende dem Apfelsekt ein, der sehr erfolgreich sei und teilweise zum doppelten Preis wie normaler Sekt verkauft werde. „Allerdings wird er meist nur als Gag zu besonderen Anlässen angeboten, ein Massenprodukt wird er nie“, so Heil.

Für magere Jahre hat die Frankfurter Kelterei Possmann in den Fässern noch viel Fruchtsaft vom vergangenen Jahr gelagert. Der werde auch benutzt, damit Apfelwein und Apfelsaft immer gleich schmecken, erklärt der Besitzer Günter Possmann. „Jedes Faß schmeckt anders“, sagt Possmann, deshalb würden die Fässer zusammengekippt, um eine Geschmacksnote zu erhalten. Was beim Wein ein Sakrileg wäre, sei beim Apfelgetränk legitim.

 

Neuerungen:

Die 2007 gegründete Marke „Bembel with Care“ mit Sitz in Heppenheim und Mannheim vertreibt ihren Lifestyle-Apfelwein in schwarzen Dosen und Bembeln per Internet-Versand und sammelt auf der eigenen Facebook-Seite positive Bewertungen.

Die zweite Vermarkungsschiene richtet sich an Menschen, die edle Produkte mögen. So mischt Höhl Apfelwein mit Sekt und Wein aus Oestrich-Winkel. „Bembel with Care“ ent­wickelte einen Apfel-Schaumwein, der beim ersten Wettbewerb gleich den „Pomme d'Or“ erhielt.

Was alles für Apfelwein-Feinschmecker so wichtig ist, meldet der Frankfurter Konstantin Kalveram im Netz auf der Seite „Apfelwein-Blog.de“. Im Stadtteil Sachsenhausen gründete er mit Michael Rühl ein Apfelwein-Kontor, das auch mal zweistellige Euro-Preise für gute Tropfen kleinerer Hersteller aus Hessen und dem Ausland verlangt.

Sowohl Rühl als auch die Mannheimer Dosen-Kelterer und die Maintaler Rosé-Produzenten sehen Marktchancen für ihre Produkte außerhalb Hessens - sogar im Ausland. „Wir exportieren nun nach Australien“, berichtet Apfelweinhändler Rühl. Dort gebe es noch keine Hersteller, obwohl der „Cider“ Down linder sehr beliebt sei.

 

 

 

Möglichkeiten und Grenzen der regionalen Versorgung mit Lebensmitteln:

Seit einigen Jahren ist im Nachfrageverhalten der Konsumenten ein gegenläufiger Trend zu verzeichnen. Produkte aus der eigenen Region sind wieder stärker gefragt. Der Überdruß bezüglich der globalen Uniformierung führte zur Suche nach der eigenen regionalen Identität, nach Originalität und Eigentümlichkeit, zur Schließung regionaler Stoff‑ und Wirtschaftkreisläufe, zur Unterstützung der regionalen (Land‑)Wirtschaft. Die „Regionalbewegung“ wird gefördert durch EU‑Progra­mme zur ländlichen Entwicklung, im Zusammenhang mit Naturschutzprojekten und Tourismusmarketing sowie aktuell durch Projekte zur Lokalen Agenda 21. Seit den 80er Jahren ist in Deutschland eine Vielzahl von Initiativen entstanden, die sich der Förderung einer nachhaltigen Regionalentwicklung widmen. Rund 230 von ihnen listet das Verzeichnis der „Regionalinitiativen des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege (DVL) in Ansbach auf.

Achtzig Prozent dieser Initiativen sind in der Vermarktung von regionalen Produkten aktiv. Hierbei schließen sich meist mehrere Landwirte aus einer definierten  Herkunftsregion mit Gastronomen und  Großküchen, Bäckern und Metzgern oder auch dem Lebensmitteleinzelhandel zu­sammen. Die wichtigsten Produktgrup­pen, die auf diesem Weg an den Mann ge­bracht werden, sind Apfelsaft und Apfelwein aus Streuobstanbau, Rind‑ und Lamm­fleisch aus extensiver Weidehaltung sowie Brot, Kartoffeln, Gemüse und Milchpro­dukte aus umweltschonender, oft ökologi­scher Landwirtschaft. Die Produkte wer­den durch regionale Logos oder auch durchgängige Regionalmarken gekenn­zeichnet.

 

Verkauf außerhalb Hessens:

Im Großraum Frankfurt/Hessen werden 80 Prozent des Apfelweins hergestellt. Typisch für diesen Apfelwein ist, daß er nur aus Äpfeln ohne Zusätze von Birnen oder anderem Obst besteht, voll durchgegoren wird und daher seinen frischen, herben Geschmack erhält, der einen Alkoholgehalt von 5 bis 6 % aufweist

Hessischer „Äppelwoi“ wird vorzugsweise in Hessen konsumiert, nur 20 Prozent werden außerhalb Hes­sens konsumiert. Dennoch habe der Apfelwein auch über die Landesgrenzen hinweg eine Anhängerschaft. So werde das Getränk etwa im Englischen Garten in München ausgeschenkt, in Berlin sei eine Apfelwein-Wirtschaft in Planung. Die Kelterei Stier Ist  in der Hauptstadt Berlin r in der Weinwirtschaft am U‑Bahnhof Bellevue präsent, die sich zum Anlaufpunkt vieler Exil‑Hessen entwickelt hat.

Auf der Grünen Woche in Berlin werden jedes Jahr wieder Kostproben aus hessischer Produktion vorgestellt. Auf dem Messestand der Hessen in der Länderhalle dominiert Altbekanntes und vor allem Deftiges. „Äppelwoi“ fällt den meisten Standbesuchern ein, wenn sie an Hessen kulinarisch denken. „Wir sind die einzigen hier, die Apfelwein ausschen­ken“, sagt Standleiter Günther Schäfer. „In den vergangenen Jahren waren es je­desmal um die 10.000 Liter, und das wer­den wir auch dieses Jahr los.“

Erfreulich für die hessischen Keltereien ist, daß der „Export“ in andere Bundes­länder stetig zu nimmt. Inzwi­schen gibt es hessischen Apfel­wein von Sylt bis Bad Rei­chenhall. Der Markt liegt aber im wesentlichen 150 Kilometer um Frankfurt herum. Weiter weg wird das Kundennetz dünn.

Die Firma Höhl hat Auslieferungslager in Berlin, Hamburg, Kiel im Ruhrgebiet, in München und sogar auf den nordfrie­sischen Inseln, denn Apfelwein hat ge­rade heute die besten Aussichten auch außerhalb Hessens Freunde zu finden. Aufgrund einer ersten Beteiligung an der Internorga stieg der Apfelwein­-Absatz kürzlich auch im norddeutschen Raum.

Und auch in den neuen Bundesländern gibt es inzwischen Apfelwein‑Liebhaber. Allerdings ist den neuen Bundesbürgern der hessische Apfelwein meist zu sauer. In der ehemaligen DDR wurde Apfelwein mit Zuc­ker versetzt, das Ergebnis war ein Produkt, das mehr Alkohol enthielt und süßer schmeckte als der hessische Apfelwein. Besser läßt sich da der Höhl’sche Hessen‑Cidre in den neuen Bundeslän­dern verkaufen.

 

Aber nicht-hessische Gaumen können sich scheinbar mit dem Herben aus Kernobst wenig anfreunden. Und so sind es wohl vornehmlich Exil‑Hessen, die in den anderen Bundesländern nach dem Stöffche verlangen.

 

Bundesweite Verkostung:

Am 7. März 2003 wurden in Hamburg,  München, Köln und überall da, wo sich ein Dutzend neugieriger Verkoster zusammenfindet, Pakete aus Frankfurt ausgepackt. Darin: 12 Flaschen Apfelwein von 12 Keltereien. Darunter große wie Heil, Höhl, Possmann und kleine wie Herbert (Kronberg), Jakob (Dieburg), Stier (Maintal). Außerdem gibt es Rezepte für Handkäs’, Schneegestöber und gehobenere Speisen wie Lammkeule mit Apfelweinschalotten.

Natürlich wird auch in Frankfurt verkostet: Wer im Alten Pfarrhaus von Preungesheim dabei sein möchte, kann sich noch bis 14. Februar anmelden. ,,Wir möchten mit dem Vorurteil aufräumen, daß Apfelwein nur ein rustikaler Durstlöscher sein, erläutert Andreas Eggenwirth das Ziel der Aktion. ,,Selbst viele Hessen sind sich der Geschmacksvielfalt von Apfelwein ja nicht bewußt. Und damit auch nicht der Qualitätsunterschiede.

Die bundesweite Verkostung soll nun der erste Schritt sein,  Bewertungskriterien für Apfelwein aufzustellen. Zur Orientierung wird den Testern zwar  verraten, welcher Apfelwein von den ,,Großen“ stammt, die Jahr für Jahr gleiche Qualität produzieren, und welcher ein handwerkliches Produkt der kleinen Keltereien ist. Für deren Geruch und Geschmack aber müssen bzw. dürfen die Tester dann eigene Worte finden - ob sie nun ,,Töne von Stachelbeeren“ wahrnehmen, ,,Nuancen von grünen Nüssen“ bemerken oder knapp feststellen: ,,Der schmeckt nach Essig.“  Punkte werden von 1 (miserabel) bis 5 (hervorragend) vergeben. Sobald die Degustationsbögen in Frankfurt zurück sind, will Andreas Eggenwirth sie auswerten und das Ergebnis an die Marketinggesellschaft ,,Gutes für Hessen“ weiterreichen - in der Hoffnung, daß alle Beteiligten ein wenig von ihrer Bescheidenheit aufgeben.

* Kontakt: Slow-Food-Convivium Frankfurt, Andreas Eggenwirth, Telefon 069/621753, Verkostung am 7. März, Anmeldung bis 14. Februar, Teilnahme gebühr: 3,50 Euro.

 

Export nach außerhalb:

Ob der Apfelwein jemals die hessische Lan­desgrenze in nennenswerter Menge überschreiten wird, scheint auch dem Frankfurter Hauslie­feranten Possmann fraglich: „Der Markt liegt im wesentlichen 150 Kilometer um Frankfurt herum.“ Weiter weg wird das Kundennetz dünn.

 

Südafrika:

An sich werden Äpfel auf allen Kontinenten kultiviert, gegessen und getrunken. Die Kunst des Kelterns beherr­schen nicht nur Hessen und Schwaben. Als Cidre, Cider, Sidra oder Sidro wird aus dem Apfel ein paneuropäisches Getränk. Einige größere Keltereien liefern das alkoholische Getränk fast um den ganzen Erdball. Apfelwein ist auch weltweit gefragt. Den Beweis liefert zum Beispiel der Mundart-Gedichtewettbewerb der Firma Possmann. Gerade hat die Kelterei die Preisträger des Jahres 2000 bekanntgegeben. Und siehe da: Die Gewinner des dritten Preises kommen aus Südafrika. Sie heißen Gabi und Raimund Heep und wohnen in einem Vor­ort von Johannesburg.

Ins Reimen kamen sie, nachdem „uns Freunde ein paar Flaschen Ebbelwei mit­gebracht hatten“, erzählt Gabi Heep. Denn der Aufruf zum Wettbewerb stand auf den Flaschenetiketten. Das Paar wohnt zwar schon seit 17 Jahren in Süd­afrika und besitzt dort eine Firma für Spritzgießmaschinen. Aber die beiden ge­bürtigen Offenbacher ‑ er ist 50 Jahre alt, sie ist 48 ‑ haben immer noch hier und da Heimweh nach Sachsenhausen. Vor allen Dingen vermissen wir den Handkäse mit Musik und natürlich den Ebbelwei. „Bei­des gibt es nicht in Südafrika, weshalb ihr prämierter Vierzeiler vom Mangel handelt. In Afrika sei der Apfelwein „werklich rar“, dichteten die Heeps. Aber wenn sie einmal welchen bekommen, schmeckt er „fast wie in Sachsehause“.

 

Afrika:

Auf dem Schwarzen Kontinent ist der gute Tropfen in der Tat nicht an jeder Ecke erhältlich. „Aber wenn deutsche Bau­firmen etwa in Namibia einen Auftrag ha­ben, ordern die schon mal „ne Palette“, sagt Heinz Herke von Possmann. Stärker verbreitet und leichter zu beziehen ist der Schoppen in Nordamerika, einigen asiati­schen Ländern und in Spanien. Dort be­rauschen sich jedoch meist nicht die Ein­heimischen an dem Trunk. Das Getränk macht vorwie­gend Hessen „high“: Auslandshessen und solche, die auch im Urlaub nicht auf ihren Gespritzten verzichten wollen.

 

Japan:

In der Stadt Kobe sitzt nämlich Yoshihiro Nakatani. Den Namen hat Heinz Herke lange geübt. „Jetzt geht er mir ganz flüssig über die Lip­pen.“ Das macht die Gewöhnung, denn Herr Nakatani bestellt Jahr für Jahr ei­nen bis anderthalb Container Apfelwein und Apfelsaft. Etwa 10.000 Liter rinnen pro Jahr durch japanische Kehlen. Das Land des Lächelns, meint Herke, sei halt „sehr offen für andere Kulturen“. Herr Na­katani bietet in seinem Lokal auch eine Mi­schung aus Apfelwein und Apfelsaft an, die er „Apfel­kuß“ nennt. „Apfelkuß“ ist nicht so herb und schmeichelt mehr dem japanischen Gaumen.

 

Neuseeland:

Selbst bis nach Neuseeland ist der Apfelwein gekommen. Wo das goldgel­be, leicht alkoholische Getränk das Geripp­te füllt, ist der Hesse ganz bei und mit sich. Wie dieser Tage im Kaitoke Regional Park, etwa 50 Kilometer von der neusee­ländischen Hauptstadt Wellington ent­fernt. Das Waldgebiet im Tararua Gebirge ist behebt bei Ausflüglern und bei jenen, die gerne das Gerippte zur Hand nehmen. „Einfach ein herrliches Platz“, sagt Rein­hold Kittelberger, gelernter Biochemiker und Apfelweinkundiger. Der 51jährige aus Gernsheim lebt seit 15 Jahren im Hutt Valley und hat wie viele in der neu­seelän­di­schen Region die hessische Hei­mat nicht vergessen.

Zugegeben, auch Deutsche gehören zur Gruppe, aber das hat Reinhold Kittelber­ger ‑ der Hesse ist potentiell liberal ‑ nicht gestört. Als echten Mißstand hat der Wissenschaftler aber stets den Mangel am identitätstiftenden Stoff erlebt, wes­halb der findige Mann sich vor fünf Jahren eine Apfelpresse gekauft hat, um den Ap­felsaft selbst anzusetzen. Zwar gibt es einen so genannten Apfelwein in Neusee­land, Cidre genannt, aber das mit Kohlendioxyd ver­setzte süße Getränk ist seine Sache nicht. Der 51Jährige orderte ein Gerät in der alten Heimat und stellt seither aus an­gezüchteter Hefe und ungespritzten Äp­feln einen Stoff her, den er „nicht sauer, aber trocken“ nennt. Und weil geteilte Freude doppelte Freude ist, feiern die Exil‑Hessen, zusammen mit Deutschen und Neuseeländern, seit vergangenem Jahr einen Hessentag in Neuseeland.

Die Kontakte hatte die Familie Kittel­berger schon bald nach der Ankunft auf der anderen Seite der Welt geknüpft. Seit 1987 lebt die Familie nun auf einer klei­nen Farm. „Das war unser Traum“, sagt Kittelberger. Ein Tal entfernt vom Hutt Valley genießen die Kittelbergers die wun­derschöne Landschaft und einmal im Jahr ihren Hessentag. Man hat eben eine ge­meinsam Wellenlänge, sagt der 51Jähri­ge über die Lust am gemeinsamen Hes­sen‑Fest, das nun im jährlichen Turnus ge­feiert werden soll. Mit der Musik soll das noch besser klappen, nachdem in diesem Jahr das Akkordeon nicht das gehalten hat, was sich die Wahl‑ und Herkunfts­-Hessen davon versprochen hatten. „Und ein Zelt muß bei“, sagt Kittelberger, denn trotz wohliger Temperaturen hatte es 2000 stark geregnet und diesem Jahr Nie­selregen das Fest ein wenig getrübt.

Die Kittelbergers und ihre Freunde le­ben auf historischem Terrain: Seit der um­strittenen Gebietsreform 1989 gehört das Gebiet Petone zur Stadt Lower Hutt. Am 22. Januar 1840 landete an dieser Stelle die Aurora an und brachte die ersten Sied­ler nach Neuseeland. Bald darauf ging ein Mann aus Gießen an Land, der nicht nur der erste ausgebildete Wissenschaftler des Landes auf der anderen Seite der Welt war ‑ er zählt auch zu denen, die sich intensiv um das Verständnis der Maori‑Kultur bemüht haben. Johann Karl Ernst Dieffen­bach, ein Bekannter Charles Darwins und zeitweise Abgeordneter des Paulskirchen-­Parlamentes, der mit seinen Sammlungen den Königlichen Botanischen Garten und das Britische Museum bereichert hat. Ei­ner seiner Erkundungstouren hat ihn ins Hutt Valley geführt. Ob er dort Apfelwein getrunken hat, ist nicht überliefert.

 

Australien:

Die Firma Heil hat fünf Container mit je 20.000 Flaschen nach Australien geliefert. Die Werbemöglichkeiten seien jedoch begrenzt.

Die Firma Possmann liefert ihre  Produkte in 16 Länder der Welt. Sogar in Australien oder auf den Philippinen kann man seinen Durst mit Apfelwein aus Frankfurt löschen. Sehr beliebt ist er auch in Japan, Amerika, China und Spanien.

 

Um das gute „Stöffche“ und die damit verbundene hessische Kultur zu erhalten und zu verbreiten, exportiert der Bischofsheimer Jörg Stier seinen Red Cider auch nach Australien. Im Jahr 2011 verließen 1800 Flaschen in 150 Kartons die Apfelweinkelterei und treten die weite Reise nach „Down Under“ an. „Apfelwein wird immer beliebter in Australien, erfährt dort einen richtigen Ansturm“, berichtet Klaus Holzschuh, der für die entsprechenden Kontakte in das weit entfernte Land gesorgt hat.

Der Hanauer Klaus Holzschuh ist früher beruflich häufig nach Australien gereist. Mindestens einmal im Jahr war er dort. Weil es ihm und seiner Frau dort so gut gefiel, entschlossen sie sich zu einem sechsmonatigen Haustausch mit einem Ehepaar aus der australischen Stadt Perth. „In dieser Zeit haben wir dort einen großen Freundeskreis gefunden, unter anderem lernte ich den Biershop ,Phoenix Beers' in Perth kennen“, blickt Holzschuh zurück. Weil er sich nach dem Eintritt ins Rentenalter nicht einfach nur auf die Couch setzten wollte, knüpfte der Steinheimer Kontakte zu „Phoenix Beers“ und schlug dem Inhaber Leif Ryan 2004 seine Geschäftsidee vor, Apfelwein zu importieren.

Vor knapp drei Jahren lernte Holzschuh den Bischofsheimer Jörg Stier kennen, von dessen Apfelwein-Leidenschaft er schon häufig in Tageszeitungen gelesen hatte. „Vor zwei Jahren war Leif Ryan zu Gast bei uns und hat unseren Apfelwein getestet. Die erste Lieferung haben wir im vergangenen Herbst nach Australien geschickt“, berichtet Stier. Die erste Fuhre enthielt noch eine bunte Mischung aus dem Angebot des Kelterers. Die Flaschen waren mit deutschsprachigen Etiketten versehen, in Australien wurden diese mit einem Zusatzetikett in englischer Sprache versehen.

Weil der Apfelwein in „Down Under“ zahlreiche Abnehmer fand und mittlerweile die dritte Bestellung vorbereitet wird, entschied sich Jörg Stier dazu, den Red Cider, den er demnächst verschickt, in eine weiße Champagnerflasche zu füllen und mit englischsprachigen Etiketten zu bekleben. „Das ist das teuerste Apfelweinprodukt, das derzeit auf dem australischen Markt zu haben ist“, berichtet Holzschuh nicht ohne Stolz.

Aber warum ist ausgerechnet Apfelwein so beliebt in Australien? Dies hat historische Gründe. wie Jörg Stier erklärt. England sei der weltgrößte Apfelweinhersteller und als ehemalige britische Kolonie habe Australien entsprechend eine Affinität zu Apfelwein. „Dort wird sogar eigener Apfelwein gekeltert“, weiß Stier, unter anderem habe einer der größten britischen Hersteller in Australien eine seiner Niederlassungen.

Dass es sich beim Apfelwein um einen prosperierenden Markt handelt, erfuhr Stier nicht erst vor zwei Jahren auf der internationalen Apfelweinmesse im spanischen Gijon. „Man will Märkte wie China und Russland in Angriff nehmen. Ich glaube, dass der Apfelwein eine große Zukunft hat“, so der Bischofsheimer. Für Jörg Stier ist das Exportgeschäft nach Australien eine großartige Sache. „Es freut mich, dass der hessische Apfelwein in anderen Ländern so beliebt ist und wir damit eine Wertschätzung unserer Kultur erfahren2, so der Kelterer. Er glaubt, den Apfelwein, dessen Konsum in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist, retten zu können, indem er immer wieder neue und verschiedene Sorten anbietet, so wie den Red Cider, dessen rote Farbe aus Waldfrüchten gewonnen wird.

Irgendwann möchte Jörg Stier selbst nach Australien reisen, um zu schauen, wie sein Apfelwein dort getrunken wird. Bezüglich des Exports muss der Bischofsheimer den Ball jedoch etwas flacher halten. Bei 200.000 Liter Produktion pro Jahr ist die Exportmenge begrenzt, schließlich wollen auch die Hessen noch etwas vom Stöffche.

 

Korea:

Dieses Interesse am Apfelwein gibt es weltweit. Jörg Stier hat 2008 ein Angebot aus Korea erhalten, um dort eine Apfelweinkelterei nach deutschem Standard aufzubauen. „Ich warte derzeit noch die weiteren Verhandlungen ab“, lacht der Bischofsheimer, der begeistert ist, dass Apfelwein sogar im asiatischen Raum eine Rolle spielt.

 

 

Apfelwein in anderen Ländern

Auch in anderen europäischen Regionen hat der vergorene Saft eine identitätsstiftende Funktion.  Der spanische „Sidra“ kommt aus der nordspanischen Region Asturien. In den großen Städten wie Barcelona und Madrid ist er ein Trendgetränk, das auch in der Jugendszene beliebt ist. Die Asturianer haben keltische Wurzeln und sehen sich noch heute als „Ibero-Kelten“. Der Sidra verkörpert für sie  eine urige, ländliche, bodenständige Kultur, andererseits aber auch die Unabhängigkeit und Subversivität des spanischen Nordens mit seiner felsigen und bergigen Landschaft.

Sidra funktioniert als Gesamtkonzept mit ganz eigenen Trinksitten. Er wird nicht zu Hause getrunken, sondern grundsätzlich flaschenweise in den baskischen und asturianischen Sidra‑Kneipen mit stilechter keltischer Dudelsack‑Musik. Echte Sidra‑Trinker schütten den letzten Schluck des ersten Glases nach keltischer Tradition auf die Erde ‑ als Gruß an die Götter. Unbedingt muß der „Sidra natural“ in einem abenteuerlich hohen Bogen eingeschenkt werden, etwa von der Schulter bis knapp unter den Gürtel. Nicht, weil das ein folkloristischer Gag für Touristen wäre: Nur so wird die Kohlensäure aktiviert.

Weil die in die USA und nach Südamerika auswandernden Spanier in den 1920er bis 40er Jahren nicht auf ihren Apfelwein verzichten wollten, versuchte man den Sidra zu exportieren. Er vertrug aber keine Wärme und fing an zu gären, deshalb kelterte man für Exportzwecke einen kohlensäurehaltigeren „Sidra Spumante“ nach französischem Rezept. In Asturien spielt der Spumante allerdings eine eher kleine Rolle: Nur 20 Prozent werden im Land verkauft, 80 Prozent exportiert. Beim Sidra natural ist das Verhältnis umgekehrt.

Ebenfalls mit einer keltischen Tradition ist der französische Cidre in der Bretagne verbunden. Eine weitere Hochburg ist die Normandie ‑ vermutlich, weil der Weinbau in beiden Regionen keine Rolle spielt. Die Beliebtheit des Cidre nimmt in Frankreich von Norden nach Süden ab.

In der Normandie gehört der Cidre zwar zur ländlichen, rustikalen Ess‑ und Trinkkultur, es gibt aber keine ausgeprägten Sitten und Gebräuche, die mit dem Cidre‑Genuss verbunden wären. Die Bretonen dagegen verbinden das Apfelwein‑Trinken mit der Pflege ihrer keltischen Wurzeln.

Cidre trinkt man nicht aus Gläsern, sondern aus Steintassen. Spezielle Apfelweinkneipen gibt es allerdings nicht, vielleicht, weil er hauptsächlich zu den Mahlzeiten und damit eher in Restaurants getrunken wird. Crepes sind traditionell das Gericht, zu dem Cidre gehört, ähnlich wie in Norddeutschland der Korn zu Grünkohl.

In Österreich heißt der Apfelwein „Most“, besteht aus Äpfeln und Birnen und ist vor allem in der niederösterreichischen Mostviertel‑Region verbreitet. Blumige Umschreibungen wie „Wiege und Obstgarten Österreichs“, „Land der Birnen und Bären“ oder die Region, „wo selbst Gott einen Vierkanthof besitzt“, erinnern an die wirtschaftliche Blütezeit.

Zur Mostkultur gehören die „Mostheurigen‑ oder Buschenwirtschaften“, wie der korrekte Begriff lautet. Dreimal pro Jahr und dann für maximal drei Monate dürfen die Bauern der Region eine Wirtschaft betreiben und ihren Most verkaufen. Ein streng regulierter zeitlicher Rahmen, der allerdings gern unterlaufen wird. Zum Most ißt man ausschließlich kalte, herzhafte Speisen wie Speck, Blutwurst oder Käse. Aus Most werden traditionelle Gerichte wie Mostsuppe, Mostbraten und Mostpudding hergestellt.

Beliebtheit, Konsum und Verkauf des Apfelweins waren Höhen und Tiefen unterworfen. Den Grundstein für die Produktion in Niederösterreich legte die Kaiserin Maria Theresia, als sie im 18. Jahrhundert in großem Umfang Obstbäume pflanzen ließ. Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte die Mostproduktion dann ihre Blüte. Über die Höfe aus dieser Zeit sagt man noch heute: „Diese Häuser hat der Most gebaut“. Trotzdem hatte er schon immer den Ruf eines „Arme‑Leute‑Getränks“. Nach dem Ersten Weltkrieg verschlechterte sich sein Image noch weiter. Wer es sich leisten konnte, trank am Wochenende Bier ‑ Most gab es schließlich die ganze Woche über.

In Niederösterreich gibt es einen ähnlichen Rückgang des Obstbaumbestandes wie in anderen europäischen Regionen. Mit den Reformen in der Landwirtschaft wurden Bäume gefällt und Felder vergrößert. Mit dem Rückgang des Gesindes auf den Höfen fiel außerdem eine wichtige Konsumentengruppe weg. In den 180er Jahren war die Produktion fast gänzlich eingestellt, der Most von den Speisekarten verschwunden und in den Läden eher in den unteren Reih versteckt. Erst seit den 90er Jahren erlebte der Mostkonsum so etwas wie eine Renaissance. In einigen Gaststätten sind inzwischen wieder mehrere Sorten auf der Speisekarte zu finden. Most gilt zwar nach wie vor als ein Identitätsgetränk der Region, ist aber wegen seines oft strengen Geschmackes nicht jedermanns Sache.

In Slowenien schließlich ist Most oder „Jablocnik“ oder „Tolkavnec“ wie der Apfelwein genannt wird, nie aus seinem Schattendasein herausgekommen. Er ist immer ein Billig‑Getränk geblieben, was möglicherweise an der hoch entwickelten Weinkultur liegt. Der slowenische Teil der Steiermark war in Zeiten der k. u. k. Monarchie der Hauptweißweinproduzent für Österreich. In slowenischen Gaststätten wird Apfelwein gar nicht ausgeschenkt. Es gibt auch keine Apfelweinindustrie, sondern nur kleine ländliche Hauskeltereien, die ausschließlich alte Apfelsorten verwenden. Wer also Most kaufen will, muß sich auf den Weg zu einem Bauernhof machen. Dort ist er selten in Flaschen, sondern meistens fässerweise zu haben.

Seit etwa 30 Jahren geht der Apfelweinverbrauch kontinuierlich zurück, der Wein aus Trauben hat endgültig den Apfelwein verdrängt; er gilt zudem als imageträchtiger.

Auch in Slowenien werden immer mehr alte Baumbestände abgeholzt. Forscher der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität im slowenischen Maribor versuchen seit einiger Zeit, den Apfelwein zu fördern. Nicht so sehr aus kulinarischen Gründen, sondern allem, weil sie sich davon den Erhalt der alten Streuobstwiesen erhoffen.