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Orte in Deutschland mit jüdischen Gemeinden A - H

 

 

Altwiedermus:

Die ehemalige Synagoge in der Diebacher Straße - rechts neben dem Haus Nummer 45 - hat heute kein Gesicht mehr. Angeblich schaute sie einst mit zwei Fenstern auf die Straße herab. Aber das stimmt gar nicht. Beim Blick aus dem vorbeifahrenden Auto sieht die Giebelwand wie die einer normalen Scheune aus, vielleicht etwas unregelmäßig. Ein Gefach ist beschädigt. Lehmverputz und Weidenflechtwerk sind zu erkennen. Neben dem knallgelben Briefkasten hängt neuerdings ein schreiend roter Bonbon-Automat.

Aus der Nähe und in Ruhe betrachtet ist zu erkennen, daß im Zentrum der Wand gar kein Fachwerk existiert: Da ist es nur aufgemalt. Und genau hier war früher das Fenster, wie gesagt, nur eins, das irgendwann einmal zugemauert wurde. Der Eingang zu dem etwa eineinhalb Meter erhaben stehenden Gebäude befindet sich in der Rückseite und ist vom Hof über eine Treppe zu erreichen. Die kürzlich 90 Jahre alt gewordene Marie Heister schließt auf. Schon ihre Großmutter hatte die Synagoge betreut, später dann ihre Mutter.

Daß dieses unscheinbare Gebäude ein Gotteshaus war, wüßten nur noch die alten Leute im Ort.

Und so klein sei das Haus auch gar nicht, etwa im Vergleich zum Wohnhaus der Familie Heister in seinem früheren Zustand. Zum Beweis schlägt Gisela Lorenzen in einem der prall gefüllten Ordner nach, zieht die Kopie einer technischen Bauzeichnung aus einer Klarsichthülle. Und in der Tat war die Synagoge sowohl höher als auch breiter als das Wohnhaus von Heisters. Unter der Synagoge war eine Mikwe, das rituelle Bad für Frauen.

Im Jahr 1873 wird in Altwiedermus, dem Dorf, das der Ronneburg am nächsten liegt, eine winzige Fachwerksynagoge erbaut. Es ist der Zeitpunkt, wo die jüdische Gemeinde auf der Ronneburg sich durch Wegzug der Einwohner fast ganz aufgelöst hat. Diese kleine Synagoge enthält im Kellerraum ein Mikwe, die heute zubetoniert ist. Da das Häuschen nahe dem Bach und in einem Gebiet mit hohem Grundwasserstand liegt, war die Einrichtung einer Mikwe kein Problem. Der Fachwerkbau befindet sich auf einem Grundstück, auf dessen einer Hälfte 1842 ein Wohnhaus erbaut wurde, das einem Juden gehörte.

Dieses Haus wurde in der Folge an Christen verkauft, aber die Hälfte, auf der später die Synagoge errichtet wurde, blieb im Besitz der jüdischen Gemeinde. Es ist nun denkbar, daß das Bad vielleicht viel älter als die Synagoge ist und schon lange auch von den Juden auf der Burg benutzt wurde, und daß an dieser Stelle, nachdem die jüdische Gemeinde auf der Ronneburg aufgehört hatte, zu existieren, eine neue Synagoge über der alten Mikwe oder in der Nähe errichtet wurde.

 

Wieviele Juden in früheren Zeiten in Altwiedermus gelebt haben, weiß Gisela Lorenzen (noch) nicht. Das wird sie bestimmt auch noch rauskriegen: „1938 waren es noch 27 Leute, also etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Das Dorf hatte knapp 300 Einwohner davon 27 Juden. 15 sind ermordet worden.“ Und was ist aus den anderen geworden? Gisela Lorenzen wird wohl nicht alle Schicksale lückenlos nachvollziehen können. Der Name einer Jüdin beispielsweise, die 1938 noch in Altwiedermus lebte, steht auf einem Denkmal für ermordete Juden in Hannover.

Etwa 1980 ist das Lehrerehepaar Gisela und Volker Lorenzen nach Altwiedermus gezogen, hat sich ein Haus gebaut und etabliert. „Ich wußte, daß es in Oberhessen eine große jüdische Bevölkerung gab. Und irgendwann wollte ich mal wissen, wie das hier am Ort war. Ich habe also in Altwiedermus angefangen, dann kamen Eckartshausen, Himbach, Hainchen und Langenbergheim dazu ...“. 

Der Zusammenhang ergab sich über einen Friedhofsverbund. Zum jüdischen Friedhof in Eckartshausen (am Weg nach Marienborngelegen) gehörten auch die anderen genannten Orte mit Ausnahme von Hainchen.

Sie würde gern nach Amerika fliegen, unter anderem, weil Dr. Mayer demnächst 90 wird. Die Geschichte des jüdischen Arztes Dr. Ludwig Mayer, am 23 10.05 in Himbach geboren, schrieb sie für die Gemeinde Himbach in der Hoffnung, daß die etwas für ihn tut.

 

Die Fraktion der Wählergemeinschaft in Ronneburg (WiR) hat im Dezember 1995 beantragt, der Gemeindevorstand sollte sich für den Erhalt der Synagoge verwenden und dafür sorgen, „daß es auf keinen Fall zu einem widerrechtlichen Abriß kommt“. Aber ihrer weiteren Forderung, daß der Ausschuß für Jugend, Sport und Kultur solle sich der Angelegenheit annehmen und im Einvernehmen mit dem Ronneburger Geschichtsverein „denkmalpflegerische Vorschläge” erarbeiten, wurde nicht zugestimmt. Zudem wurden Stellungnahmen unter verschiedenen Aspekten gefordert: Unterhaltungs- und gegebenenfalls Sanierungsaufwand, Ankauf durch die Gemeinde, Möglichkeiten der Förderung aus Landesmitteln, künftiges Nutzungskonzept, und schließlich „heimatkundliche Öffentlichkeitsarbeit”.

Die Synagoge sei zwar - wie alle derartigen Gebäude - nach dem Denkmalschutzgesetz des Landes Hessen generell anerkannt, aber die gesetzliche Erhaltungspflicht der Eigentümer sei in der Praxis und auf Dauer oft nur sehr schwer durchzusetzen.  Im konkreten Fall sei auch das hohe Alter der Besitzerin zu berücksichtigen. Deshalb sollte die Gemeinde selbst die Verantwortung übernehmen, womit auch eine sinnvolle Nutzung möglich wäre, für. die der Geschichtsverein schon Vorschläge hätte.

Dennoch herrsche Unsicherheit in der SPD-Fraktion, ob man Kontakt mit Marie Heister, der Eigentümerin der Synagoge. Das Haus sei geschützt, auch bei Verkauf: „Da kann nichts passieren. Ehe die Gemeinde eventuell weitreichende Verpflichtungen eingehe, sollte man die Fachbehörde zu einem Termin bitten, um sich „die ganze Problemlage“ mal gründlich erläutern zu lassen. „Ich will das Ding auf andere Füße stellen“, umschrieb Netscher die Ablehnung des WiR-Antrages und machte im weiteren Verlauf der Debatte mehrfach deutlich, daß er dieses Thema keinesfalls auf die parlamentarische Schiene gehoben wissen will.

Die Historikerin Gisela Lorenzen ist mit dem ersten Ergebnis der öffentlichen Debatte im Gemeindeparlament über den Umgang mit der Synagoge von Altwiedermus sehr zufrieden. Der erste und wichtigste Schritt sei gemacht worden, indem man in ein Gespräch über das Thema eingestiegen ist.  Schließlich hat man auch ihren Bedenken Rechnung getragen. In einem Schreiben an die Fraktionen, das sie ihren Rechercheergebnissen über die Synagoge vorangestellt hatte, hieß es wörtlich: „Auch wenn Frau Heister schon 90 Jahre alt ist, sollten keine vorschnellen Schritte über ihren Kopf hinweg gemacht werden. Immerhin haben sie, ihre Mutter und Großmutter die Synagoge mit Heizen, Kehren und vielem anderen vom Beginn ihres Bestehens bis zum Ende betreut. Viele Kenntnisse, die wir haben, verdanken wir der Erinnerung von Frau Heister und ihrer Bereitschaft zu erzählen.“

 

Am Fuße der Ronneburg, im Burgstrauch, nördlich der Burg, rechts von der Auffahrt, liegt der jüdische Friedhof, der vielleicht sehr alt ist. Genaues weiß man nicht. Der älteste der heute noch erhaltenen 15 Grabsteine stammt aus dem Jahre 1774. Die Inschrift eines anderen Grabsteines aus dem Jahre 1751 ist teilweise überliefert, der Stein selbst heute verschwunden.

Auch der Grabstein des schon erwähnten Judenvorstehers Salomon Stern ist erhalten. Obwohl 1861 gestorben, zu einer Zeit, als die Juden sich schon lange Familiennamen zugelegt hatten, lautet die hebräische Inschrift: „Hier ruht ein Mann, der rechtschaffene und geachtete Salomon, Sohn des Naftali ha-Levi aus Ronneburg. Gestorben mit gutem Ruf am Freitag, dem 15. Elul... Seine Seele sei eingebunden im Bunde des Lebens. Amen.“ Und dann kurz und bündig: „Sela“ = fertig, abgemacht! Eine Ururenkelin dieses Salomon Stern, deren Großmutter 1941 den Nazis mit knapper Not entkam, hat dieses Grab besucht.

Die Beerdigungen auf dem Friedhof im Burgstrauch wurden 1877 vom Grafen untersagt, aber die beiden Schwestern Fanni und Dina Schwarzschild wurden mit besonderer Erlaubnis 1877 und 1884 dort beerdigt. Nachdem Fanni Schwarzschild lange Jahre mit ihrem Mann um die Aufnahme in einer Gemeinde gekämpft hatte, war die Familie schließlich in Mittel-Gründau aufgenommen worden. Fanni wahrscheinlich von Geburten und schwerer Arbeit geschwächt - sie zog mit einem Handkarren durch die Gegend, den sie jahrelang Tag für Tag den steilen Berg zur Ronneburg hinaufschieben mußte - blieben nur noch zehn Jahre in ihrer neuen Heimatgemeinde.

 

Bad Nauheim

Die jüdische Gemeinde Bad Nauheim zählte 1933 etwa dreihundert Mitglieder. Am 9. November 1938 wurde die 1867 errichtete und 1929 von Richard Kaufmann aus Frankfurt am Main umgebaute und erweiterte Synagoge in der Karlstraße 34 im Innern verwüstet. Nach diesem barbarischen Zugriff diente sie als Lager für Schrott und Schwermetalle. 1945, nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, beschloss der Stadtrat eilfertig die „Räumung und Reinigung“ der Synagoge.

Am 27.4.1945 - also noch vor der offiziellen Kapitulation des Dritten Reiches - fand in der Synagoge erstmals seit 1938 wieder ein Gottesdienst statt, der vorwiegend von amerikanischen Soldaten jüdischer Konfession besucht wurde. Von den Juden, die früher in der Stadt gelebt hatten und 1942 in verschiedene Konzentrationslager deportiert worden waren, konnten nur fünf am Gottesdienst teilnehmen - keiner von ihnen hat sich mehr in der Stadt niedergelassen.

 Im Innern umfasst das Gebäude einen Betsaal mit dreiseitiger Frauenempore, eine Mikwe, eine Wohnung und einige Räume für das jüdische Gemeindeleben. Der notdürftigen Renovierung der Synagoge folgte 1960 ein durchgreifender Neuausbau, in der 2. Hälfte der 1980er Jahre sodann eine Wiederherstellung der ursprünglichen Ausstattung.

 

Bad Vilbel

Die Vilbeler Judengemeinde war eine der letzten, die sich in der Wetterau fest etablierte. Denn jüdisches Leben ist hier schon erheblich früher verbürgt, läßt doch die Erwähnung der „judei de Weiterebia“ in der ältesten überlieferten königlichen Steuerliste von 1241 den Rückschluß auf Siedlungen im Umfeld der uralten Judengemeinden entlang des Mains und Rheins zu. Es sind vor allem die städtischen Siedlungskerne, die späteren Freien Reichsstädte, die Juden seit dem frühen Mittelalter beherbergten. Von hier aus organisierten sie gewissermaßen als  „geborene Kaufleute” den innereuropäischen und den nahöstlichen Fernhandel.

 Um 1700 ließen sich in Vilbel die ersten Juden nieder. Der Landgraf zu Hanau besteht in der auch für Vilbel gültigen „Juden-Capitulation“ von 1738 noch auf dem „Ringel-Tragen“. Selbstverständlich gibt es hier eine Judengasse, leben ihre Bewohner in Distanz zu ihren Nachbarn. Sie sind arm, denn sie ernähren sich vom sogenannten Nothandel. Die etwas wohlhabenderen Juden versuchen sich als Viehhändler oder Metzger, die die Frankfurter Judengasse beliefern. Für durchreisende Juden gibt es einen Gastwirt, denn selbstverständlich würde kein christlicher Wirt einen Juden beherbergen.

Aber bei aller sozialen Distanz entwickelt sich im 19. Jahrhundert ein toleranteres Nebeneinander. Immerhin wurde es um 1800 der 55 Köpfe zählenden Gemeinde gestattet, eine Synagoge nebst Schule und Mikwe (rituelles Frauenbad) zu errichten. Auch wurde der Gemeinde 1845 nach mühseligen, jahrelangen Verhandlungen mit dem Bürgermeister und dem Friedberger Kreisrat endlich die Anlegung eines Friedhofs gestattet. Damit bestand für 100 Jahre eine in formaler Hinsicht selbständige jüdische Gemeinde als Teil des kulturellen Lebens in Vilbel.

 

Nach der letzten Erwähnung im Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung von 1924/25 lebten in dem auf 6.000 Bürger angewachsenen Vilbel gerade mal 61 Juden, also ein Prozent der Bevölkerung! Sie sind scheinbar integriert. Von offenem Antisemitismus, wie er sich längst wieder breit  gemacht hat, ist hier wenig zu spüren.

Der reichsweit organisierten „Anti-Boykottags“ gegen jüdische Geschäfte vom 1. April 1933 wurde sicher auch in Vilbel durchgeführt. Wie gestaltete sich das jüdische Gemeindeleben, und wie verhielten sich die Vilbeler zu ihren jüdischen Nachbarn in einem Gemeinwesen, das nun von Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter Seitz, einem glühenden Nationalsozialisten, beherrscht wurde?

Am 10. November 1938 am späten Nachmittag: In der Adolf-Hitler-Straße (heute Frankfurter Straße), am Marktplatz lärmen SA und SS-Männer, Hitlerjugend und Pöbel. Ihr Ziel ist das Haus der „Siegfried-Quelle“. Rund 30 Personen, darunter Vermummte mit geschwärzten Gesichtern, dringen in das Haus von Simon Wechsler und seinem Sohn Siegfried ein, dem Besitzer und Entdecker der Siegfried-Quelle. Das hölzerne Firmenschild in der Hofeinfahrt wird zertrümmert. Parfüm, Seidenkissen und edles Mobiliar der Familie schmeißt die Horde aus dem Fenster. Ein weißer Flügel zerschmettert auf dem Pflaster. Ein Mann zertrümmert die Deckenlampe und zwei weitere mit Knüppeln den Wohnzimmerschrank und die dann befindlichen Gläser und Geschirre. Das Haus und seine Bewohner werden in dieser Nacht nicht zum letzten Mal angegriffen. Die zweite Attacke der Randalierer richtet sich vor allem auf die beiden Lieferwagen für Mineralwasser-Flaschen, die demoliert und umgekippt werden. Auf dem Scherbenhaufen im Hof wird spät in der Nacht der alte und bereits bettlägerige Simon Wechsler schwer mißhandelt.

 

 

 

 

Folgt man der Darstellung Ritschers, war der Pogrom vom November 1938 ein im Grunde singulärer Gewaltausbruch, getragen zudem von vielen Auswärtigen. Danach stellte sich in Vilbel wieder scheinbare Normalität her. Aber dem war nicht so: Am 19. Dezember 1938 verkaufte der sich danach auflösende Rumpfvorstand der jüdischen Gemeinde die Synagoge an einen Privatmann, unzweifelhaft ein Zwangsakt unter den gegebenen Verhältnissen. Dies war der Auftakt zu einer „Arisierungwelle“ jüdischen Haus- und Grundbesitzes. Was sich am Abend des 10. November noch als spontane Diebstähle vollzog, wurde nun zum systematisch organisierten Raub. Gerade hieran hätte sich der verbrecherische Charakter des NS-Staats und seiner Helfershelfer aufweisen lassen: Material ist genügend vorhanden.

Nachdem 1939 ein Teil des Eigentums der Vilbeler Juden arisiert war, durchforstete Bürgermeister Seitz die Grundbücher, um den Besitz von auswärtigen Juden zu erfassen, keine leichte Aufgabe, denn Grundbücher vermerkten auch damals nicht die Religionszugehörigkeit. Der größte Einzelbesitz gehörte der nach New York geflüchtete Offenbacherin Hedwig „Sara” Kamberg, der allein in der Vilbeler Gemarkung 40.000 Quadratmeter Grundbesitz gehörten. Aber die Witwe Kamberg wollte nicht verkaufen. Daraufhin schaltete Seitz die Geheime Staatspolizei in Darmstadt zur Einleitung des „üblichen” Vorgangs ein, und das bedeutete Ausbürgerung. Damit verfiel ihr Besitz entschädigungslos dem Reich. Die Gemeinde mußte 30 Pfennig pro Quadratmeter an die Finanzbehörde abführen, dann konnten die Grundstücke verteilt werden. Den größten Brocken behielt die Gemeinde selbst. Wer sich die verbleibenden Grundstücke auch der anderen Enteigneten aneignete, gehört zu den bis heute emsig beschwiegenen Geheimnissen. Denn ihre Besitzer wurden nolens volens Nutznießer und damit Komplizen eines staatlich gelenkten Verbrecherkartells gegen jüdisches Eigentum.

Ein weiteres Problem stellt die Darstellung der Ereignisse um die Zerstörung des jüdischen Friedhofs dar. Hier verläßt sich die Autorin auf die Angaben eines jüdischen Chronisten aus Frankfurt, dem die Stadtverwaltung auf Anfrage lapidar 1979 mitteilte, es habe keine Zerstörung stattgefunden. Er wurde zerstört und nicht nur die Friedhofsmauer, deren Abdecksteine heute die oberhalb gelegene Mauer des evangelischen Friedhofs zieren.

Es geht auch um die praktische und bis heute nicht korrigierte Verkleinerung des Friedhofs um etwa 180 Quadratmeter zugunsten der evangelischen Kirche.

Wie hatte der Vilbeler Lokalhistoriker Martini 1953 in unfreiwilliger Sprachkomik die verquere Nachkriegssituation beschrieben: „Wenn auch zur Zeit keine Juden mehr in unserer Gemeinde leben, so schwebt ihr Geist immer noch über den ihnen einstmals gehört habenden Anwesen, und die heutigen Besitzer ehemals jüdischen Eigentums haben mit den Nachfolgern und Anverwandten ihre liebe Last,  ob zu recht oder zu Unrecht, ist hier nicht der Raum zur Untersuchung.“ Diese für die Entwicklung der Nachkriegszeit gewiß nicht untypische Geisteshaltung gehörte zumindest in einen Epilog zur Geschichte der Vilbeler Juden, der allerdings noch geschrieben werden muß.

 

Eine Chronologie schwieriger Integration in Bad Vilbel:

1987: Auf Initiative von SPD und Grünen beschließt das Stadtparlament, die Gesichte der Juden in der Stadt wissenschaftlich dokumentieren zu lassen.

1988: Bei den Gedenkveranstaltungen zur 50. Jährung der Pogromnacht kommt es zum Eklat: Konservative Kräfte wirken auf die evangelische Kirchengemeinde ein, die daraufhin zwei Referenten der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) wegen angeblicher Kommunistennähe auslädt - darunter den Vorsitzenden des Oberlandesgerichts Frankfurt und einstigen Staatsanwalt im Auschwitz-Prozeß, Heinz Düx (SPD).

1988: Ein Frankfurter Immobilienmakler eröffnet ein privates „Jüdisches Diaspora-Museum“ in Bad Vilbel. Er verpflichtet Dr. Berta Ritscher und steigt in das Dokumentationsprojekt mit ein, nachdem sich der CDU-geführte Magistrat in Art und Umfang der Arbeit verschätzte.

1992: Der heute 87 Mitglieder zählende Verein der Jüdischen Gemeinde wird gegründet. Die Dokumentationsarbeit kommt zum Erliegen, weil der Makler nach geschäftlichem Mißerfolg seinen Part der Honorarzahlung nicht leistet.

1993: Das  „Diaspora-Museum“ wird geschlossen. Die Kommune unternimmt trotz der Bitte um Hilfe nichts.

1993/94: Die ehemalige Synagoge (privates Wohnhaus) steht zum Verkauf. Die Jüdische Gemeinde bittet die Stadt, ihr das Anwesen wieder als Gemeindezentrum zugänglich zu machen. Der Magistrat lehnt dies ab, weil sich Bund und Land nicht finanziell beteiligten.

1994: Am Gymnasium wird ein über Judentum unterrichtender Religionslehrer bedroht. In eine Menschenkette reihen sich zum Protest Bürgermeister Günther Biwer und Michel Friedmann von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt ein.

1996: Bürger sammeln für eine Gedenktafel, die an den im Konzentrationslager ermordeten Schulleiter Dr. Albert Chambre erinnern soll. Zu der Initiative zählen unter anderem der Stadtverordnetenvorsteher und (federführend) der Bürgermeister. Zwei Jahre später teilt der Bürgermeister mit, das Thema sei ihm „durchgerutscht“.

1996: Kurz nach Fertigstellung ihrer Arbeit, die die Kommune allein weiterfinanzierte, stirbt die Autorin.

1996: Juden sind für den Magistrat eine Religionsgemeinschaft wie andere auch. Räumlichkeiten würden daher nicht zur Verfügung gestellt, weil sie nicht der Allgemeinheit dienten, erklärt der Bürgermeister im Stadtparlament. Der Magistrat kündigt einen neuen Standort für die Gedenktafel am Diaspora-Museum an. Bis heute wurde dies nicht umgesetzt.

1996: Jüdische Gemeinde und Kommune streiten über die Herausgeberrechte an Ritschers Arbeit. Erster Stadtrat Klaus Minkel (CDU) nennt den Gemeindevorsitzenden Rafael Zur (SPD) einen „ständigen Lügner“. Einer Gedenkveranstaltung der Gemeinde bleibt der Magistrat fern.

1997: Durch die Vermittlung des Landesvorsitzenden der Jüdischen Gemeinden, Moritz Neumann, wird ein Rechtsstreit abgewendet. Herausgeber der Dokumentation wird der örtliche Geschichtsverein.

Dessen Vorsitzender Claus Kunzmann, zugleich Leiter des städtischen Kulturamtes, begründet die immer wieder verschobene Drucklegung mit Korrekturen und Nachträgen.

1997: Das kleine, nicht denkmalgeschützte Vorderhaus der ehemaligen Synagoge (vermutlich ehemalige jüdische Knabenschule) wird abgerissen und durch einen größeren Neubau ersetzt, der die alte Synagoge völlig verdeckt. Trotz Umgebungsschutzes sehen Kommune, Kreisbauaufsicht und Untere Denkmalbehörde keine Möglichkeit einzugreifen. Die Landesdenkmalpflege verweist auf die Zuständigkeit der kommunalen Behörden.

1997: Beim Wegebau auf einem Grundstück der evangelischen Kirchengemeinde neben dem Jüdischen Friedhof werden Grabreste freigelegt, jüdische Gräber dabei beschädigt. Die ursprünglich größere Ausdehnung des Friedhofes war nicht bekannt gewesen. Die Stadt als Eigentümerin des Friedhofes sichert dem Frankfurter Rabbinat zu, den neuen Weg als Teil des Friedhofes kenntlich zu machen und die Friedhofsgrenze neu einzugrünen. Bis heute ist das nicht geschehen.

1998: Die Gedenktafel am ehemaligen Diaspora-Museum soll auf Wunsch der CDU nicht im Wohnbereich der israelitischen Gemeinde, sondern auf einem Gedenkstein vor dem Alten Rathaus angebracht werden: Gegen den Willen der Jüdischen Gemeinde, die auf die Funktion des Alten Rathauses als Ausgangsort der NS-Propagandisten verweist.

1998: Der öffentliche Druck auf den Magistrat, endlich die Ritscher-Dokumentation zu veröffentlichen, wächst. Der renommierte Kunstverein kündigt eine Lesung aus der Arbeit an. Trotz Zusicherung liegt das Buch bis heute nicht vor.     

 

Protest gegen Synagogen-Umbau:

In Bad Vilbel werde ein allzu laxer Umgang mit den Überresten der jüdischen Kultur getrieben, meint der auch als SPD-Stadtverordnete tätige Rafael Zur im November 2003. Er ist Vorsitzender der kleinen jüdischen Gemeinde Bad Vilbels. Die Stadtverwaltung und das Kreisbauamt haben nichts dagegen unternommen, daß seit wenigen Tagen die ehemalige Synagoge an der Frankfurter Straße 97 umgebaut werde. Der Eigentümer richte darin Wohnungen ein.

Das aus der Barockzeit stammende Haus neben der Stadtschule habe die Nazizeit überstanden - doch nun würden die Fenster und Türen heraus gerissen, um das Gesicht der Synagoge zu ändern.

Schon vor Jahren sei der vordere Teil des Hauses abgerissen worden, klagt Rafael Zur: „Keine Proteste halfen. Keine Behörde hat sich gerührt“.

Angeblich stehe die ehemalige Synagoge nicht unter Denkmalschutz – dabei sei sie in dem von Thea Altaras herausgegebenen Nachschlagewerk über hessische Synagogen enthalten. Schon im Februar habe er wegen des geplanten Umbaues an die Denkmalschutzbehörde in Friedberg geschrieben. Doch bis heute habe er keine Antwort bekomme - auch nicht, nachdem er im September beim Kreisbeigeordneten Bardo Bayer nachgefragt habe. Wenigstens jetzt müsse der Umbau der ehemaligen Synagoge gestoppt werden.

  Leider sei auch nichts aus dem seit Mitte der Achtzigerjahre geplanten Rückkauf der Synagoge geworden. Auf Vorschlag des damaligen Stadtrats Klaus Minkel hätten die Stadt, das Land und der Bund die Kosten zu jeweils einem Drittel tragen sollen.

 

Jakob Horowitz betreut in Frankfurt auch die Gräber der Vilbeler Simon Wechsler und Dr. Albert Chambre:

Zwei jüdische Vilbeler wurden in der Main-Metropole beerdigt. Wechsler war in seiner Heimatstadt während des Pogroms so sehr verletzt worden, daß er an den Folgen starb, Chambre war ins Konzentrationslager Dachau verschleppt und dort ermordet worden. „Wechsler, Wechsler... Simon Wechsler habe ich hier. Begraben am 7. Dezember 1938. Als Angehörige wird Henny Wechsler angegeben, Adolf-Hitler-Straße 20 in Bad Vilbel. Die Adresse stimmt wohl nicht mehr.“

Der alte Friedhofswärter, Jakob Horowitz, studiert konzentriert die Eintragung in der vergilbten Karteikarte. Das Grab von Simon Wechsler liegt in dem Teil des Friedhofs, in dem auf fast allen Inschriften ein Todesdatum zwischen November und Dezember des Jahres 1938 angegeben ist. Das Gehen ist für den alten Mann anstrengend geworden; er nimmt sein Fahrrad, um den Weg zu weisen: „Viele sind nicht unmittelbar in der Nacht des Pogroms umgekommen, sondern in den darauffolgenden Tagen und Wochen“, sagt Horowitz nachdenklich.

„Hier ist es.“ Ein schlichter Grabstein. Horowitz: „Typisch für die Jahre vor dem Krieg“. Irgendjemand hat irgendwann einmal einen Stein zum Gruß an den Toten auf der Tafel mit der Grabinschrift zurückgelassen. Noch in der Nacht jenes 10. November ist Simon Wechsler zu Fuß und schwerverletzt in das völlig überfüllte jüdische Krankenhaus nach Frankfurt gelaufen. Einige Wochen später starb er dort.

Das Grab seines Sohnes Siegfried  Wechsler sucht man auf dem Frankfurter Friedhof vergebens. Unmittelbar nach der grausamen Nacht wurde der junge Vilbeler Brunnenbesitzer ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Anfang 1939 entlassen, konnte er für eine Weile in Frankfurt untertauchen. Im Juni 1942 verhaftete ihn die Gestapo, um ihn „im Osten” in einem der Konzentrationslager ermorden zu lassen. Längst hätte der Friedhofswärter sich in den Ruhestand begeben können. Aber der Friedhof und die Menschen, die hier begraben sind – „besonders die. die zwangsläufig hier liegen“ - halten ihn fest. „Ich habe eine Aufgabe hier“, weiß er, „ich fühle mich den Toten verpflichtet.“

Er deutet auf einen Stein eine Reihe oberhalb der Wechsler-Grabstätte. Auch hier liegt eine wichtige Persönlichkeit Vilbels begraben: Dr. Albert Chambre, einst Schulleiter der Höheren Bürger-schule Vilbel und später der Realschule. Er prägte in den zwanziger und dreißiger Jahren das geistige Leben der Stadt entscheidend. Im Jahr 1933 wurde er aus dem Staatsdienst entlassen. Auf seinem Grabstein ist das Datum 14. November 1938 angegeben: In der Pogrom-Nacht, die Chambre am 9. November in Frankfurt erleben mußte, wurde der zwangspensionierte Schuldirektor ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Nur fünf Tage später schickte man seiner Frau Gertrud Chambre die Leiche ihres Mannes in einem Holzsarg, Taschenuhr und Ehering fehlten.

 

 Buch „Geschichte der Vilbeler Juden:

Das Buch „Geschichte der Vilbeler Juden - Von der Integration zur Deportation“ liegt im November 1998 vor. Nachdem die Drucklegung des über 400 Seiten starken Werkes von Dr. Berta Ritscher immer wieder verschoben worden war, ist das Buch zum Preis von 24 Mark im Buchhandel sowie beim örtlichen Geschichtsverein erhältlich.

Keine öffentliche Präsentation. keine Pressekonferenz: In aller Stille und ohne großes Aufheben zu machen, kündigt der Bad Vilbeler Verein für Geschichte und Heimatpflege mit dem Heft 45 seiner heimatkundlichen Mitteilungen „Bad Vilbeler Heimatblätter“ die Veröffentlichung des wohl umfangreichsten Druckwerks seiner Vereinsgeschichte und die nach Willi Giegerichs Heimatbuch wohl bedeutendste Forschungsarbeit zur Vilbeler Lokalhistorie an.

 „Nach langwieriger. komplizierter und nicht immer ganz glücklicher Arbeit“ sei das Buch „nunmehr fertig“, so Claus Kunzmann, Vorsitzender des Bad Vilbeler Vereins. Von dieser „schweren Geburt“ einer über Jahrzehnte tabuisierten Aufarbeitung der Vilbeler NS-Geschichte kündet schon die Formulierung auf dem grauen Einband:  „Herausgegeben vom Bad Vilbeler Verein für Geschichte und Heimatpflege e.V. im Auftrag des Magistrats der Stadt Bad Vilbel unter Mitarbeit der Jüdischen Gemeinde Bad Vilbel e. V.“

Dieser Darstellung nach Trotz weitgehender Fertigstellung der Arbeit durch Dr. Ritscher kurz vor ihrem Tode 1996 verstrichen noch weitere zwei Jahre bis zur Veröffentlichung, weil es sowohl Auseinandersetzungen um die Herausgeberrechte als auch  „technische Schwierigkeiten“ und „zusätzliche Erkenntnisse“ aufgrund weiterer Forschungen gegeben habe. Man habe sich entschieden. Ritschers Manuskript „unverfälscht“ und „ohne inhaltliche Eingriffe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“.

Neuere Erkenntnisse sollten nicht als Fußnoten oder im ohnehin bereits umfangreichen Anhang angegliedert werden, sondern einem „eigenständigen Nachtrag vorbehalten“ bleiben.

Eine „gesonderte Rezension” des aufgrund seiner 125 Familienbiographien eindrucksvollen Werkes hält Geschichtsvereinsvorsitzender und Kulturamtsleiter Kunzmann für „entbehrlich“, da das Buch inhaltlich bereits über die Kooperation mit dem örtlichen Kunstverein vorgestellt worden sei.

 Leihgeber von Fotos und anderen Dokumenten, die der Verein aufgrund des Todes der Historikerin namentlich nicht mehr ermitteln konnte, werden gebeten, sich mit ihm in Verbindung zu setzen.

 

Nur eine trügerische Ruhe vor dem Sturm:

Die Historikerin Dr. Berta Ritscher hat im Auftrag der Stadt Bad Vilbel ein Buch verfaßt „Geschichte der Vilbeler Juden - Von der Integration zur Deportation”. Der Erziehungswissenschaftler Dr. Rolf Seubert hat sich mit diesem Buch kritisch auseinandergesetzt.

Das Werk beleuchtet auftragsbedingt zwar intensiv die Opfer-. nicht aber die Täterseite. Aspekte wie die  „Arisierung“ jüdischen Eigentums und die Friedhofszerstörung spart das Buch völlig aus.

Der Nationalsozialismus ist erforscht wie kaum eine andere Periode der deutschen Geschichte. Aber auf lokaler Ebene muß untersucht und verständlich gemacht werden. wie sich das soziale und politische Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft generell veränderte und wie sich diese Veränderung vor Ort vollzog. Auch müssen die lokalen Strukturen der Macht, ihrer Träger und Nutznießer untersucht werden. In ihnen wäre die Ursache zu suchen, wieso es nach dem Jahr 1933 zu dem in jeder Hinsicht tiefsten Stand an rechtsstaatlicher und menschlicher Gesittung kommen konnte.

Das soll nicht heißen. daß der Auftrag an Frau Ritscher falsch war, sondern daß er im wahrsten Sinne des Wortes nur halbherzig erfolgte und das außerdem auf der falschen Seite: Denn nicht in den Opfern. in ihrer sozialen und kulturellen Besonderheit liegt die Ursache für die Katastrophe. Sie ist vielmehr in den historischen Rahmenbedingungen des geistig-kulturellen Zustandes der Akteure zu suchen und in einem politischen System, das deren antizivilisatorischen Neigungen nicht nur freien Lauf ließ, sondern diese zur Grundlage des staatlichen Handeins machte. Das wendet sich nicht gegen eine Bearbeitung des Themas „Geschichte der Vilbeler Juden“, sondern setzt sich für eine ganzheitliche Betrachtungsweise ein, die Opfer und Täter in diesem komplexen Handlungsrahmen einer historisch-systematischen Betrachtungsweise zusammenführt.

Um dies vorab am Beispiel von Frau Ritschers detailliert rekonstruierter Darstellung der Ereignisse vom 10. November 1938 zu verdeutlichen: Während das Schicksal der von ihren Mitbürgern malträtierten jüdischen Vilbelern - sie allein werden namentlich genannt - anhand der späteren Prozeßakte und von Zeitzeugenberichten plastisch beschrieben wird, bleiben die Täter anonym. Selbst das wenige, was im Prozeß vor dem Gießener Landgericht 1948 an Informationen über sie mitgeteilt wird, wird kaum ausgewertet.

Nachgerade bedrückend ist, daß von Frau Ritscher befragte Zeitzeugen, die die Ereignisse damals beobachteten, selbst heute noch zum Teil ungenannt bleiben wollen. Dabei geht es in der Frage nach den Tätern, das sei betont, nicht um nachträgliche Denunziation, sondern zunächst um die möglichst genaue Rekonstruktion des Ereignisses. sodann um den Versuch der Offenlegung von Motiven, die jene Täter leiteten, die ja keine Verbrecher im herkömmlichen Sinne waren, obwohl sie später des schweren Landfriedensbruchs angeklagt wurden.

Sie hatten sich in der berechtigten Erwartung einer positiven Bewertung ihrer Tat durch die formierte Öffentlichkeit spontan mitreißen lassen: Die aktiven Nazis konnten sich immerhin noch auf „Befehl von oben” berufen.

Und im Prozeß versteckten sie sich zudem noch hinter jener  „größeren Menschenmenge“,  die sich freiwillig an den unglaublichen Zerstörungen, Plünderungen und Mißhandlungen beteiligt und die sie angeblich von Schlimmerem abgehalten hätte.

Diese anonym gebliebenen Beteiligten sind ein bis heute unbewältigtes Problem: Denn sie bestätigten einerseits die Propagandathese von der „wütenden deutschen Volksseele”, die angeblich die Geduld mit dem „parasitären jüdischen Verbrechertum” verloren habe. Andererseits sind sie offensichtlich für das Schweigekartell der Nachkriegszeit maßgeblich verantwortlich. Hatten sie, als sie sich am 10. November 1938 und danach klammheimlich bei den „reichen Juden“ bedienten, keinen Sinn mehr für Gerechtigkeit. Schutz des Privateigentums und der Person? Hatten sie nachträglich wenigstens Schuldgefühle?

Und warum bewies die schweigende Mehrheit der passiv gebliebenen Zuschauer, von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, so wenig Zivilcourage? Hatte es damit zu tun, daß die jüdischen Vilbeler doch nicht so integriert waren, wie es bereits im Titel des Buchs als These behauptet wird? Daß auch in Vilbel vor 1933 nur eine oberflächliche, mehr von jüdischen Anerkennungssehnsüchten getragene trügerische Ruhe über dem jahrhundertealten christlichen Antijudaismus und dem Rassenhaß der antisemitischen Bewegung des 19. Jahrhunderts lag; ein Judenhaß also gewissermaßen auf Abruf?

Wir können das nur vermuten, denn wie breit die Verankerung antisemitischer Haltungen in der Bevölkerung wirklich war, wird sich nur noch schwer nachweisen lassen. Sie war in der Forschung über die NS-Zeit ein eher vernachlässigter Gegenstand. Gerade deshalb erregte 1996 die gewiß nicht falsche These Daniel Goldhagens. am Holocaust in einem weiten Sinne sei eine erheblich breitere Schicht von „ganz gewöhnlichen Deutschen“ beteiligt gewesen, als man bisher angenommen habe, heftige Ablehnung. Sie traf offensichtlich ins Mark all derer, die sich über die Persilscheine der Entnazifizierungsverfahren, über die Verdammung der Kollektivschuldthese zugunsten einer Neuauflage des „Führerprinzips” als Entlastungsstrategie oder über Prozeßfreisprüche, wie beim größten Teil unserer Vilbeler „Helden“ ein gutes Gewissen zugelegt hatten.

Weder im Auftrag des hiesigen Stadtparlaments noch im hier zu besprechenden Buch wird der Frage nachgegangen. unter welcher Zielsetzung, welchem übergeordneten Zusammenhang eine solche Aufarbeitung stehen sollte. Überspitzt könnte man sagen, daß unklar geblieben ist, wieso diese „alten Geschichten” dem bisherigen Konsens des sanften Vergessens überhaupt entrissen werden sollen. Angesichts dieser unklaren Zielvorgabe setzte sich die Autorin selbst die Arbeitsschwerpunkte, wie sie in ihrer Rede zur Eröffnung des inzwischen längst wieder geschlossenen „Jüdischen Diaspora-Museums am 5. Juli 1988 andeutete: „Neben weiterer Erforschung der jüdischen Geschichte der NS-Zeit sollte man sich jetzt ... vermehrt um die Aufklärung der Geschichte einzelner jüdischer Familien kümmern.“ Diese Idee entwickelte sie konsequent zu einem genealogischen Forschungsansatz über 125 jüdische Familien, ja ganzer Familiendynastien. Eine angesichts der schwierigen Archivlage sehr aufwendige, zeitraubende Arbeit.

 

Barchfeld (Wartburgkreis)

Zu den Rechten des in Barchfeld ansässigen Adels gehört auch der Judenschutz, d.h. das Recht, Juden anzusiedeln gegen ein beträchtliches Schutzgeld. Von diesem Recht machten die Freiherrn von Stein Gebrauch, vermutlich schon etwa im 13.Jahrhundert. Die älteste, von der Barchfelder Judenschaft handelnde Urkunde befindet sich in Meiningen und stammt aus dem Jahre 1566. Sie enthält ein Gebot des Grafen Georg Ernst von Henneberg an die Herrn von Boyneburg in Barchfeld, die Juden daselbst auszuweisen wegen Wuchers, Aufkaufens gestohlener Ware und dergleichen. Die Boyneburgs baten jedoch um Aufschub, damit die armen Leute erst ihre Schulden an die Juden zahlen konnten.

Ebenso liegt ein Gesuch der Juden vor, sie müßten auch erst ihre Schulden abtragen, Kinder wären krank und der Winter würde bestimmt hart. Sie bitten, ein Jahr länger „ihren Pfennig zehren zu dürfen“ und wollen sich während der Zeit alles Handels enthalten.

Die nächstälteste Urkunde stammt von der Landgräfin Hedwig Sophie aus dem Jahre 1686. Sie über­läßt den Juden gegen einen jährlichen Erbzins ein Stück Land zu einem Erbbegräbnis „vor dem Dorf Barchfeld, vor dem Fischertor“. Außerdem mußte für jedes Begräbnis eine Gebühr bezahlt werden. Im Jahre 1803 wurde der Friedhof erweitert für einen Erbzins von 16 guten Groschen. Ansonsten sollte es bei den in der Konzession von 1714 bestimmten Erbzins- und Begräbnisgeldern bleiben.

Damals war der Friedhof schon einmal erweitert worden und der Erbzins für das neue Stück auf  zwei Taler festgesetzt worden. Um das Jahr 1930 hat die israelitische Gemeinde einen neuen Friedhof in den Sömmiger Wiesen angelegt, aber noch nicht in Gebrauch genommen.

Im Jahre 1720 gab es in Barchfeld 15 erwachsene männliche Juden, 15 Frauen, 22 Söhne, 22 Töchter und 2 Mädge, insgesamt also 76. Die Juden waren vom Landbesitz und der Ausübung eines Gewerbes ausgeschlossen. Deshalb blieben ihnen nur Handel und Geldgeschäfte als Erwerbsquellen ührig.

In der westfälischen Zeit aber wurde 1808 das Judenschutzgeld abgeschafft und die Juden durften auch in den Handwerkerstand eintreten: Am 28.5.1828 wurde Abraham Leopold als Zunftfremder ein Meister, und 1835 wurde Surmann Weil als Schuhmacherlehrling aufgenommen.

Eine Liste von 1826 zeigt folgende Berufsverteilung der Juden: 13 Viehhändler, 4 Makler, 3 Metzger, 2 Schneidwarenhändler, 1 Spezereiladen, l Händler, 1 Porzellankitter. Insgesamt waren es 148 israelitische Einwohner. Im Jahre 1828 kommen noch hinzu: 2 Schneider, 1 Schreiner, l Schuhmacher, 1 Bäcker, 1 Knopfmacher, 1 Schreiber, 1 Lotteriegeschäft.

Im Jahre 1848 gab es bei 1.609 Einwohnern 170 Juden: 1887 gab es bei 1856 Einwohnern etwa 240 Juden; 1913 waren es bei 2.8222 Einwohnern 130 Juden und 1923 unter 3.066 Einwohnern nur noch 85 Juden.

Im Jahre 1836 wurde die israelitische Schule zur öffentlichen Schule erklärt. Bis dahin hatte der israelitische Kantor Hirsch Goldspiegel Privatunterricht erteilt. Die ersten Lehrer waren Levisohn, Philipp Lewald, Jakob Oppenheim und L. Weinberg. Die Schülerzahlen betrugen: 1841 = 35; 1863 = 56; 1867 = 44 1906 = 12; 1913 = 11 Kinder. Das Schulhaus am Unteren Graben wurde 1841/42 auf Verlangen der Regierung gebaut. Im Jahre 1926 wurde die Schule wegen Schülermangels aufgelöst und der Lehrer Weinberg nach Langenselbold versetzt.

Die Synagoge wurde 1845 erbaut. Die Gemeinde zählte damals 48 Glieder mit folgenden Berufen: 24 Handelsleute, 6 Makler, 3 Metzger, 2 Schuhmacher, 2 Schneider, 1 Schreiner,1 Zeugweber, 1 Buchbinder, 1 Schreiber.

Die Bedeutung der Judenschaft bestand darin, daß sie Barchfeld zu einem Handelsplatz gemacht hat. Viehtreiber und handelnde Gruppen gehörten um 1900 zum ständigen Straßenbild. Durch die neuzeitlichen Verkehrsverhältnisse wurde die überlieferte Handelsweise mehr und mehr verdrängt. Die Zahl der Barchfelder Juden ist daher erheblich zurückgegangen. Die jüngeren Leute sind vielfach in die Städte übergesiedelt, wo sie im Bankfach und in der Industrie Erwerbsmöglichkeiten gefunden haben. Seit 1926 gab es in der Volksschule nur noch ein israelitisches Kind.

Im Jahre 1933 gab es in Barchfeld 63 Juden in folgenden Berufen: 6 Viehhändler und Fleischer, 1 Viehhändler, 1 Pferdehändler, 1 Kaufmann, 1 Ölhändler, 2 Zucker- und Kurzwarenhändler, 1 Lebensmittel- und Futterhändler, 1 Lebensmittelhändler, 1 Eisenwarenhändler, 1 Manufaktur, 1 Vorsänger, 1 Schlosser, 1 Rechnungsführer (aus: Karl Volkmar: Tausend Jahre Barchfeld (Werra), 1933).

 

Im Jahre 1938 wurde auch in Barchfeld die Synagoge zerstört und die Juden abtransportiert. „Hier ist eine Schuld entstanden, die man nicht verschweigen sollte“. Dieser Satz stand in dem Manuskript von Peter Heckert für das Buch über die Schmalkaldischen Artikel und das Dekanat Schmalkalden, das 1987 in Kassel erschien. Dadurch, daß man diesen Satz gestrichen hat, hat man natürlich genau das getan, was vermieden werden sollte. Heute gibt es in Barchfeld keine Juden mehr. Im Jahre 1988 soll vom Rat der Gemeinde ein Gedenkstein oder eine Gedenktafel aufgestellt werden, entweder am Ort der ehemaligen Synagoge oder an dem jüdischen Friedhof, der heute noch gepflegt wird.

 

Berlin

Wo kann, wo muss eine Geschichte über jüdisches Leben in Berlin beginnen? Heute, da die Gemeinde 12.000 Mitglieder zählt? Mir der ersten urkundlichen Erwähnung vor 700 Jahren? Im  Jahr 1933, als 170.000 Juden in der Stadt lebten oder 1945, als es 6.000 waren, die anderen ermordet und vertrieben? Sollte man einen Anfang suchen. der das Vergangene mit der Distanz eines halben Jahrhunderts betrachten will, oder einen, der Mord und Zerstörung vor alles andere stellt?     '

Vielleicht sollte man sich zuallerst auf die Suche nach dem Alltäglichen machen. In der Großen Hamburger Straße in Mitte steht die mehr als 300 Jahre alte „Jüdische Freischule“, die 1993 als Grundschule wieder eröffnet wurde, inzwischen ihre - jüdischen und nichtjüdischen - Schüler bis zum Abitur führt und neben Hebräisch auch jüdische Geschichte und Kultur unterrichtet.

Die drei Teenager, die gerade aus dem Tor kommen, lachen über die Frage, ob es ihnen dort gefalle. „Für eine Schule ist es ziemlich okay. Kleine Klassen, ziemlich nette Lehrer und so“. Ob die Sicherheitsvorkehrungen, die Wachpolizei vor dem Gebäude sie störten? „Das ist ja nichts Neues für uns, wir sind’s gewöhnt“, sagt einer achselzuckend. Hier in Mitte lag vor der Sboah der jüdische Bevölkerungsanteil bei zehn Prozent; inzwischen hat sich wieder ein - wenn auch unauffälligeres - Zentrum jüdischen Lebens entwickelt.

Das „Tabularium“ direkt neben der Schule bietet Literatur vom koscheren Kochbuch bis zur Jiddischen Witzsammlung, CDs mit Klezmer und israelischem Pop und Ritualien für die Feiertage in der Tucholsky-Straße lädt das „Beth Cafe“ der orthodoxen Gemeinde Adass jisroel zum Besuch; das „KolBo“ in der Auguststraße verkauft koschere Lebensmittel und Weine.

Vor dem Geschäft stehen unschlüssig fünf israelische Touristen. Sie kommen vorn Gelände des ältesten jüdischen Friedhofs in der Großen Hamburger Straße, der 1827 geschlossen und 1943 von der Gestapo zerstört wurde. Sie haben den Gedenkstein für den Philosophen und Aufklärer Moses Mendelssohn besichtigt, die eingeritzten Hakenkreuze auf der hebräischen Seite des Steins bemerkt. Sie suchen jetzt nach dem Weg in die Auguststraße 11-17, wo sich bis 1941 Sozialeinrichtungen von der Jüdischen Jugendhilfe über Frauenbund und Mädchenwohnheim bis zur Arbeiterfürsorge fanden und wo 1941 die Gestapo in den Räumen des ehemaligen Jüdischen Krankenhauses ein Sammellager für alte und kranke Juden einrichtete. Inzwischen sind die sanierungsbedürftigen Gebäude der Jüdischen Gemeinde zurückgegeben und sollen wieder für soziale und kulturelle Zwecke genutzt werden.

Wenn gestern und heute so untrennbar verwoben sind - sollte man dann nicht zuallererst nach den Jungen suchen, die die Vergangenheit nicht ruhen lassen und dennoch etwas ganz Neues schaffen?

Gabriel Heimler ist einer von ihnen. Der 37jährige Künstler ist vor 13 Jahren von Paris nach Berlin gezogen, in das Land, aus dem seine Familie Anfang des 20. Jahrhunderts nach einem Judenpogrom in Lübeck geflohen ist. Er ist der Gründer der Künstler- und Intellektuellengruppe Meshulash, deren provokante, durchdachte Ausstellungen und Projekte einen besonderen Blick verraten.

„Wir wollen jüdische Kultur in Berlin präsent machen und zeigen, dass diese Kultur kein Fremdkörper ist, sondern seit Jahrhunderten ein integraler Bestandteil“, sagt Gabriel Heimler.

Bei einer Ausstellung thematisierten die Künstlerin Roswitha Baumeister und die Journalistin Elisa Klapheck mit einer Installation aus Wohnungstüren und Bildelementen ihre Visionen von Nachbarschaft in Berlin. Der Titel: „Spion und Judasauge“. An anderer Stelle richtete Meshulash einen „Interview-Raum“ ein. Auf bodenlangen Fahnen waren, kunstvoll verwoben, Zitate von jungen und alten Berliner Juden gedruckt.

Eine Stimme sehnt sich dort nach einem jüdischen Leben in Berlin, das „normal ist, einfach da“, und fürchtet doch, da« das „noch ein paar hundert Jahre brauchen wird“. An anderer Stelle heißt es: „Außer meinen Eltern und zwei Tanten habe ich keine Familie mehr (...) Ich habe Tränen der Verzweiflung und der Wut vergossen, aber (...) der Schrecken hinterließ keine Spuren. Trotz aller meiner Anstrengungen trug ich nicht eigentlich Trauer um meine vernichtete Familie, sondern schmückte mich mit ihr“.

Weiter unten folgt der Wunsch, dass die jüdische Identität „mich nicht mehr zum Nutznießer des Leidens oder zum verbrieften Inhaber der absoluten Gerechtigkeit macht. Ich möchte anderes im Judentum sehen als eine pathetische, demonstrative und leere Affirmation“.

„Wir jungen Wahlberliner“, sagt Gabriel Heimler, „wollen eine europäische Renaissance kosmopolitischen, jüdischen Lebens. Wir wollen nicht zu Opfern gestempelt werden, die man beschämt und mitleidig betrachtet. Und wir finden, dass man der Shoah auch gedenken kann, ohne dabei in Lähmung zu verfallen“.

Auch für die Journalistin und Stadtführerin Iris Weiss ist Erinnern nicht gleich Erstarren. Auf ihren Rundgängen erklärt sie Berlinern und Touristen Rituale Strömungen, Tendenzen und lässt jüdisch Geschichte lebendig werden. „Herkömmliche Gedenkfeiern haben mir immer Unbehagen bereitet“, sagt sie.

Sie führt ihre Gäste lieber zu den unprätentiösen Erinnerungsorten. Im Schöneberger Bayerischen Viertel zeigt sie ihnen die Schilder, die von Laternen hängen und die systematische Zerstörung jüdischen Lebens verdeutlichen. 1938: „Jüdische Ärzte dürfen nicht mehr praktizieren“ 1940: „Brot und Lebensmittel dürfen Juden nur nachmittags von 4-5 Uhr einkaufen“. Vor der Deportation 1941: „Nun ist es soweit, morgen muss ich fort, das trifft mich natürlich. Ich werde dir schreiben“.

Sie zeigt ihnen die Straßenecke, wo lange der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wohnte und auch, wo die Fotografin Gisle Freund zu Hause war. Sie bringt sie zum Jüdischen Gemeindezentrum in der Fasanenstraße nahe des Kurfürstendamms und erzählt von Heinz Galinski. Sie erklärt anhand der Speisekarte des ältesten koscheren Restaurants Berlins „Arche Noah“ im ersten Stock des Gemeindehauses die Speisegesetze Kaschrut. Und den Begriff „koscher-style“, den Lokale vorn alteingesessenen „Oren“ an der Oranienburger Straße bis zum „Liebermanns“ im neueröffneten Jüdischen Museum für ihre jüdisch und israelisich orientierte Küche benutzen.

Sie führt sie auf den Koppenplatz in Mitte, wo zwischen ordentlichen Blumenrabatten und rosa Bänken ein Tisch aus Metall und zwei Eßzimmerstühle aufgebaut sind; einer der Stühle ist umgefallen, als sei jemand hastig aufgestanden. Ein Gedicht von Nelly Sachs umläuft die Installation; es beginnt mit den Worten: „O die Wohnungen des Todes“. Iris Weiss zeigt ihren Gästen auch Orte, die wenige Menschen kennen, wie den Hinterhof des Hauses Koppenplatz 6. Auf einer Wand zeichnet ein meterhohes Diagramm das Schicksal der früheren jüdischen Hauseigentümer nach: Gabriele Goldschmidt, geboren 1922 in Berlin, gestorben 1942 in Auschwitz, heißt der letzte Eintrag.

Auch Iris Weiss wehrt sich wie Gabriel Heimler gegen eine Instrumentalisierung des Judentums – egal von welcher Seite. „Es gibt Touristen, die sich für jüdisches Leben in Berlin interessieren und doch nur damit umgehen können, wenn es exotisch oder lange vergangen ist. Was uns heute bewegt, interessiert sie nicht sehr“.

 Muss man also ganz anders beginnen? Und nach dem fahnden, was Menschen sehen wollen, was Nicht-Juden in den Präsentationen jüdischer Kultur suchen? „Die Resonanz ist immer dann am größten, wenn Klischees bedient werden“, sagt Iris Weiss. Der Mythos Scheunenviertel zeigt das: In der Gegend rund um den Rosa-Luxemburg Platz. siedelten sich um 1900 viele ostjüdische Einwanderer an. „Sie bildeten gemeinsam mit der hauptstädtischen Halbwelt jene scheinbar unheimliche urbane Melange, die dem gemeinen Restberliner je nach politischer Ausrichtung oder Gemütslage die nächsten fünfzig Jahre als Beißring oder romantische Projektionsfläche diente“, hat es der Kunsthistoriker André Meier in seiner „Schmähschrift gegen den Mythos Scheunenviertel“ treffend beschrieben.

Romantische Projektionsfläche st die Gegend noch heute: Touristen hören mit verzücktem Schaudern phantasievollen Stadtfühlern zu, die eine vernichte, fremdartige Welt voller Ostjuden mit Schläfenlocken und Kippa aufleben lassen. „Oft wird das Scheunen-viertel auch kurzerhand auf die Straßen um die Orarienburger Straße ausgedehnt, weil sich hier jüdisches Leben so einfach illustrieren läßt“, sagt Irris Weiß. Für diese Form der sinnentleerten Show hat sie einen plastischen Be griff gefunden: „Jewish Disneyland“.

Trittbrettfahrer gibt es viele: Zwar bieten nur drei Restaurants der Gegend tatsächlich jüdische Speisen, doch mit Namen wie „Mendelssohn werben auch solche, die Schweinefleisch mit Rahmgemüse servieren.

Der Übergang zwischen Jewish Disneyland und seriösem Angebot ist fließend. So lädt zum Beispiel das beliebte „Hackesche Hoftheater“ einerseits zu gelungenen Abenden mit Werken der deutsch-jüdischen Lyrikerin Mascha Kaleko, jiddischem Liedtheater oder Stücken über Exilerfahrungen. Anderseits wirbt es mit dem Slogan „Berlins Adresse für jiddische Kultur am Historischen Ort“ und vermittelt beim Programm „Tanz in den Garten Eden“ den Eindruck, dass das Publikum an einer jüdischen Hochzeit teilhabe - obwohl die Theaterleitung und die Akteure Nicht-Juden sind. Das entwertet zwar nicht die künstlerische Leistung. Aber es führt zu der Frage, ob die Inszenierung jüdischen Lebens durch Nicht-Juden für Nicht-Juden mehr sein kann als eben das – eine Inszenierung.

Der stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Moshe Waks, ist sich des Problems Jewish Disneyland bewusst. „Als Gemeinde können wir aber nicht beeinflussen, wer sich zum Beispiel als privater Stadtführer durch das Jüdische Berlin“ anbietet oder Klezmer spielt. Wir wollen das auch gar nicht. Sollen wir etwa Koscher-Stempel für touristische Angebote verteilen? Was wir beitragen können, ist Offenheit, der direkte Zugang, zur jüdischen Gemeinde. Wer sich bei uns kompetent informieren will, kann das immer tun“.

Mit Veranstaltungen wie den jährlich im November stattfindenden Jüdischen Kulturtagen will die Gemeinde außerdem die ansässige Kreativszene stärken. „Das hat nachhaltigen Wert“, so Moste Waks. Wer sucht, findet heute eine Reihe interessanter Events, die von der jüdischen Gemeinde teils veranstaltet, teils gefördert werden. Die Bandbreite reicht vom Filmfestival im Juni über Lesungen, Konzerte und Vorträge bis zum sommerlichen Straßenfest in Mitte.

Im jüdischen Theater „Barnah“ am Hohenzollerndamm bietet der Intendant Dan Lahav unter dem Titel „Shabbat Shalom - Freitagabend in einer jüdischen Familie“` ein Happening, das jüdische Rituale und Gebräuche näherbringen und mit Klezmermusik, Erzählungen und jüdischer Küche unterhalten will. Dass außer ihm alle Ensemblemitglieder Nicht-Juden sind, hält er für unproblematisch: „Um einen Betrunkenen zu spielen, muss man auch nicht betrunken sein. Wichtig ist allerdings, dass da einer ist, der dem Erlebnis Seele gibt, der in den Ritualen und Gebräuchen zu Hause ist. Das kann ich als Intendant gut leisten!“

Vor einem haben Jahr hat Dan Lahav seine kleine Bühne eröffnet, das erste jüdische Theater in Berlin seit 60 Jahren. Der Etat ist klein, manche Aufführung entsprechend schlicht. Auf dem Programm stehen neben jungen israelischen Stücken auch traditionelle ostrussische Werke und szenische Lesungen zum Leben jüdischer Künstler und Schriftsteller.

„Ich will eine offene und neugierige Auseinandersetzung mit dem Judentum ermöglichen und anknüpfen an die starken Wurzeln jüdischer Kultur und jüdischen Alltags, die es in Berlin gegeben hat“, sagt Dan Lahav.

Sollte man sich vielleicht, um das Heute zu verstehen, zuallererst auf die Suche nach den Orten machen, die von diesen Wurzeln erzählen. Von der Zeit, als in Berlin 170.000 Juden ihren Alltag und ihren Glauben lebten?

Dafür eignet sich, auf stille Art, der 174 Jahre alte Friedhof an der Schönhauser Allee. Über 20.000 Tote liegen hier im Schatten großer Bäume, unter einem Teppich aus prachtvollen, teils verwitterten und umgestürzten Grabsteinen, wuchernden Büschen und Farnen. Eine von ihnen ist Jenny Hirsch, 1829-1902. Sie brachte die Zeitschriften „Der Frauenanwalt“ heraus und die „Deutsche Hausfrauenzeitung“ und gilt als Vorreiter in der Frauenemanzipation. Auf dem Gräberfeld verteilt liegen auch knapp 30 Mitglieder der Berliner Familie Liebermann, deren berühmtester Sohn der Maler Max Liebermann ist. Sein Elternhaus stand am Pariser Plan direkt neben dem Brandenburger Tor (oder, wie die Berliner sagten: „Wenn man reinkommt, gleich links“), dort, wo heute ein modernisierter Nachbau namens Liebermann-Haus Besucher anzieht.

An der Friedhofsmauer lehnt die pompöse Grabkolonnade der Familie Gerson. Der Modemacher Hermann Gerson, 1813-1861, starb kurz nachdem er den Krönungsmantel Wilhelms II. fertiggestellt hatte. Es die Legende, dass der Alte Fritz vom Himmel aus zuschaute und sich beschwerte, dass ihm selbst zu Lebzeiten kein solcher Prachtmantel angefertigt worden war, und dass Gerson deshalb schnellstmöglich in den Himmel musste.

Auch an der Synagoge in der Oranienburger Straße kann man sich für einen Moment lang zurückversetzen lassen in eine intaktere Zeit. Kann die goldverzierte Kuppel und die schöne Ziegelfassa‑

de des Gotteshauses bestaunen, das 1866 eingeweiht und ein Menschenleben lang angstfrei von Gläubigen besucht wurde, im November 1938 von den Nazis geschändet, im Krieg schwer beschädigt und erst 1995 restauriert wiedereröffnet Man muss allerdings die Polizeiwagen vor dem Einging ignorieren, um das Gefühl der Selbstverständlichkeit beizubehalten, das die Gründer der Synagoge gehabt haben müssen, die sie - erstmals in Berlin – sich nicht im Hinterhof versteckten, sondern direkt an die Straße bauten. Und man darf nicht zur Rückseite des Gebäudes laufen, einer Glasfassade, die die Spuren der Zerstörung nicht verstecken will. Auf dem Boden ist mit Steinen die frühere Außenwand markiert: Die Synagoge war ursprünglich dreimal so groß. Heute finden im Gebetsraum im 1. Stock 80 Menschen Platz, früher versammelten sich im Hauptraum des Gotteshauses bis zu 3.200 Gläubige. Müsste man vor allem anderen nach denen suchen, die sich an diese Zeiten noch erinnern können?

Im Erdgeschoss des Jüdischen Altenheims in Wilmersdorf liegt das Büro der Heileiter, einem herzlichen, energiegeladenen Ehepaar. Beide wollen nicht namentlich genannt werden, das sei „unnötige Publicity“. Das Telefon klingelt ununterbrochen, die Sekretärin bringt immer neue Papiere zum Unterzeichnen, alte Damen stehen rartuchend auf der Türschwelle. Zwischendurch erzählen die Heimleiter von den Gästen, 150 etwa sind es, manche Paare alles Juden, aus der ganzen Welt, viele zurückgekehrt in ihre Heimatstadt.

Und sie erzählen, dass sie selbst früher einen Laden in Berlin-Kreuzberg führten, bis ihnen das zu-viel wurde mit den Kunden, die sich über andere jüdische Läden im Viertel beschwerten. „Wenn einer akzentfrei spricht wie ich“, sagt der Heimleiter, „dann denke doch keiner, daß er Jude ist. Viele glauben, wir haben alle eine Hakennase im Gesicht und reden gebrochen“. „Ja“, sagt seine Frau, die anderen jüdischen Ladenbesitzer hatten es schwerer gehabt, die, die aus dem Osten eingewandert waren und denen man es anhöre.

Und trotzdem, irgendwann Anfang der 90er hätten auch sie es mit der Angst bekommen. Ihr Mann meint leise: „Einmal sagt ein Kunde zu mir: Ick koof nich beim Juden, wissen Se“. Ich frage: „Woher wollen Sie denn wissen, dass Ich keiner hin?“ Und er antwortete: „Aber Sie doch nich. Sie doch nich“.

Der Heimleiter sagt noch, dass seine Generation, die der Kinder der Überlebenden, von Wurzellosigkeit geplagt sei. „Unsere Väter haben gesagt: Ich bin Berliner, oder: Ich bin Berliner Jude. Glauben Sie, so ein Gefühl kennen wir noch? Nee. Wir sitzen immer auf gepackten Koffern, im Kopf“.

Zwei Stockwerke höher wohnt eine Frau, die ihren Namen ebenfalls nicht veröffentlicht sehen möchte. Vor 17 Jahren hat sie ihre Koffer in Brasilien gepackt und zurückgeschleppt. Nach Berlin, wo sie als Jugendliche Anfang 1930 Operetten besuchte, Theaterstücke, Lesungen – „dieses Kulturleben, das war wunderbar“. Wo sie durch den Westen der Stadt spazierte, der immer „so schön grün gewesen ist“. Sao Paulo, die Stadt, in die sie dank einer vorausblickende Mutter schon 1936 flüchtete, in der sie sich in einen anderen Exilanten verliebte, heiratete, Kinder großzog, war weniger grün. „Eine Steinwüste“, sage die 82Jährige. Dennoch hat sie Sao Paulo geliebt, die Lebendigkeit seiner Bewohner und Straßen, das Essen, die Sprache, ist zögernd zurückgekehrt nach Deutschland. „Hier ist die medizinische Versorgung besser. Und günstiger“, sagt sie. „Das war eigentlich der Hauptgrund“. Ob sie das Gefühl habe, nach Hause gekommen zu sein? „Eigentlich nicht“, sagt die alte Dame nachdenklich. Und dann, als müsse sie jede Silbe einzeln prüfen: „Heimat - das Wort war bei uns nicht... wichtig. Nicht... beliebt“.

Eine andere Heimbewohnerin kann ihr Geburtshaus im Prenzlauer Berg beschreiben, als hätte sie es gestern verlassen. Geflüchtet nach Israel, ist sie in den 70er Jahren zurückgekehrt, „aus beruflichen Gründen“. Es sei ihr nicht leicht gefallen, wieder in Deutschland zu leben, sagt sie, aber „letztlich hatte ich mit den Deutschen nur sehr wenig zu tun in all den Jahren“.

Zurück im Büro im Erdgeschoss. Der Heimleiter schaut von seinem Papierstapel auf und sagt: „Das Schlimmste heute sind nicht mal die Neonazis. Aber die Intellektuellen, auch die linken Intellektuellen in Deutschland, die den Antisemitismus weitertragen, die sind gefährlich. Und davon gibt es viel zu viele!“ Sollte man jetzt von dem Spaziergänger erzählen, der sich neulich mit Blick auf die großräumigen Straßensperren vor der Neuen Synagoge darüber beschwerte, dass „die Juden sich jetzt ja wieder abschotten, wie immer, die wollen einfach gar keinen Kontakt“? Und von der Passantin, die eifrig nickte und sagt: „Denen gehört ja so wieso längst wieder halb Berlin“? Beim Abschied sagt der Heimleiter noch: „Schreiben Sie besser nicht, was wir gerade besprochen haben. Damit kratzen Sie zu sehr an der zarten deutschen Volksseele. Das bringt Ihnen Ärger und mir auch. Mir macht das nichts, aber Sie verdienen sich damit keine Lorbeeren. Nicht in Deutschland“.

Vielleicht ist ja ganz egal, wo diese Geschichte beginnt. Wichtig ist nur, dass sie kein Ende hat.

 

Synagoge an der Berliner Rykestraße

Wem der Davidstern am Tor nicht auffällt, bemerkt sie gar nicht. Deutschlands größte Synagoge legt versteckt in einem Hinterhof an der Rykestraße im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Von den Café-Besuchern auf den breiten Bürgersteigen des sanierten Altbauviertels wissen nur wenige von dem jüdischen Gotteshaus, dem einzigen in der Hauptstadt, das in der Pogromnacht vom 9. November 1938 nicht niederbrannte.

Morgen feiert die Gemeinde den 100. Jahrestag der Einweihung 1904. Für Streit sorgte dabei eine Einladung an den Kunstsammler Friedrich Christian Flick, dessen Großvater Rüstungslieferant Hitlers war.

Hinter dem gusseisernen Tor führt eine enge Durchfahrt in den Hof - und zu einem beeindruckenden Anblick: Hoch reckt sich das spitze Portal des Gotteshauses empor, es erstreckt sich in seiner vollen Breite über 60 Meter. Rund 2.000 Menschen haben darin Platz. Der neo-romanische Backsteinbau mit seinen runden Fensterbögen, der an brandenburgische Kirchen erinnert, strahlt große Ruhe aus. Das war nicht immer so.

 

„Die Synagoge Rykestraße hat die Stürme der Zeit überdauert“, sagt Albert Meyer, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Berlin. Am 9. November 1938 wurde das Gotteshaus zwar angesteckt, aber nicht niedergebrannt, wie sich Gemeindemitglied Dov Laor erinnert: „Das Polizeirevier war im Nachbarhaus und der Kommandant hat dafür gesorgt, dass die Feuerwehr schnellstens kommt, da Gefahr bestand, dass die Häuser rundherum auch angesteckt wurden“.

Zu DDR-Zeiten als „Friedenstempel“ restauriert, ist das Bauwerk heute ebenso sehenswert wie die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße, deren goldene Kuppel zu den Wahrzeichen der Hauptstadt gehört. Die Synagoge Rykestraße ist schlichter. Durch die Fenster im hohen Mittelschiff fällt viel Licht, bauchige Säulen vermitteln Sicherheit. Warme Farben herrschen vor. In der Kuppel über der Thorawand funkeln goldene Sterne auf einem tiefblauen Nachthimmel.

„Wir gehen da nicht hinein“, sagt Alexander, der im Hof mit zwei Freunden aus Moldawien und der Ukraine Frisbee spielt. Auf dem Kopf tragen die jungen Männer in Jeans die Kippa. Sie gehören zu den vielen Zuwanderern in der Berliner Gemeinde. Im Vorderhaus studieren sie Theologie. „Ich bin orthodox, aus unserer Sicht ist diese Synagoge nicht ganz koscher“, erklärt Alexander seine Ablehnung. Der Ritus in der Rykestraße ist nicht einzuordnen, war nie ganz orthodox und nie völlig liberal. „Typisch Rykestraße“ nennt ihn Hermann Simon, der Direktor der Berliner Stiftung „Centrum Judaicum“.

Jahrzehntelang reichte für Gottesdienste der Vorraum der gewaltigen Synagoge. Zu DDR-Zeiten hatte die Ost-Berliner Gemeinde gerade einmal 200 Mitglieder, im Westen der Stadt lebten rund 6.000 Juden. Seit dem Mauerfall erlebt das jüdische Leben an der Spree aber eine Renaissance. Die Zuwanderer aus Osteuropa haben die Zahl der Gläubigen auf 12.000 verdoppelt - vor 1933 waren es 170.000.

Wallende Bärte und lange schwarze Kaftane sind im Bezirk Prenzlauer Berg keine Seltenheit mehr. In den Straßen nördlich des Alexanderplatzes gibt es Cafés, die koschere Weine ausschenken, jüdische Lebensmittel- und Buchläden haben eröffnet. Am jüdischen Gymnasium haben schon vier Jahrgänge das Abitur abgelegt.

Noch immer liegt über dem Zusammenleben mit Nichtjuden aber der Schatten der NS-Zeit. Als Albert Meyer den Kunstsammler Friedrich Christian Flick zur Jubiläumsfeier am Sonntag privat einlud, gab es laute Proteste gegen den Besuch. Als erste Gäste ankündigten, wegen Flick nicht zu kommen, sagte dieser wieder ab.

 

Büdesheim (Schöneck)

Lediglich ein kleines Schild am Rathaus, angebracht vor zehn Jahren zum 50. Jahrestag der Pogrome. erinnert an die NS-Greuel. Auf den jüdischen Friedhof weist gar nichts hin, von der Synagoge ist nichts übrig und Schöneck erinnert mit keiner Veranstaltung an den Holocaust. Allein der Büdesheimer Manfred Geisler beschäftigt sich seit Jahren mit der lokalen Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Er wertete Akten der Gießener Staatsanwaltschaft aus der Zeit nach dem Krieg aus und zeichnete in groben Zügen nach, was damals geschah. Noch eindringlicher sind die Interviews mit Zeitzeugen. die Geisler erstmals vor zehn Jahren sowie in diesen Wochen und Monaten führte. Die Zeitzeugen wollen anonym bleiben.

Eher ein Minimalkonsens denn ein großer Wurf ist der gemeinsame Antrag aller Fraktionen des Gemeindeparlaments, die Geschichte des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung in Schöneck aufarbeiten zu lassen. Über zehn Jahre hatten die Grünen dies gefordert - was stets von den anderen Fraktionen abgeschmettert worden war. Im Oktober 1999 wurde der Antrag am Donnerstag abend einstimmig beschlossen, doch wirkte angesichts der früheren, teils heftigen Auseinandersetzungen das große Schweigen - es gab keinen einzigen Redebeitrag dazu - befremdlich. Gemeindevertretervorsitzender Jürgen Hendrian trug die ungewöhnlich lange und detaillierte Beschlussvorlage vor.

Danach soll die Aufgabe an Manfred Geisler, „der sich durch Forschungen in seiner Freizeit zu diesem Thema als sachkundig erwiesen“ habe, übertragen werden. Um die Geschichte der Juden von 1933 bis 1945 aufzuarbeiten, kann er beantragen, Experten hinzuzuziehen. Der Bankkaufmann soll den Gemeindevorstand und das Präsidium einmal jährlich über den Stand des Projektes unterrichten. Er erhält Amtshilfe bei „Behördenhindernissen“, Auslagenerstattungen und kann bis zu 500 Mark für Einzelaktionen beantragen. Wie schwer die „Geburt“ dieses Antrages gewesen sein muss für einige Gemeindevertreter/innen  zeigt sich vor allem im Passus 6. Da wird Geisler angehalten, die  „notwendige Sensibilität des Themas zu wahren und Belange des Datenschutzes zu beachten“.

An die unrühmliche Auseinandersetzung zwischen Landrat Karl Eyerkaufer (SPD) und Historikerin Christine Wittrock wegen ihrer Forschungsergebnisse über den Langenselbolder Nazi-Gewinnler und Unternehmer Kaus erinnert die Forderung: „Auf Namensnennung wird verzichtet“ und  „im Rahmen der Recherchen sind die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen ... zu achten“. Weitere Einschränkung: Will Geisler Projektergebnisse veröffentlichen, muss er sie zuerst der Gemeinde anbieten. Geisler ist denn auch nicht gerade begeistert, obwohl es positiv sei, dass sich die Gemeinde endlich dazu durchgerungen habe. Mit dem Verzicht auf Namensnennung sei er "nicht einverstanden, habe dies nur akzeptiert wegen der Gesamtbedeutung. Er habe Hendrian auch ausdrücklich gesagt, dass sich die Gemeinde „nicht auf diesem Kissen ausruhen“ dürfe, sondern weitere Experten suchen müsse. „Ich stehe unter Zeitdruck - mir sterben die Zeitzeugen weg“.

 

Aus den Forschungen von  Manfred Geißler:

Der Höhepunkt der jüdischen Gemeinde Büdesheim dürfte in der Zeit um die Jahrhundertwende gelegen haben. In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts war es nicht unüblich, dass die jüngeren Juden in die nahe Stadt Frankfurt umsiedelten. Das Leben erschien dort problemloser. Die Stadt war groß, es war alles anonymer. Den im vorauseilenden Gehorsam häufiger werdenden Belästigungen war man hier nicht so direkt ausgeliefert. Außerdem galt es als schick, in der Stadt zu wohnen.

In den Unterlagen der Gemeinde Büdesheim finden sich in der Zeit von 1876 bis 1942 (bisher untersuchter Zeitraum) 80 Geburten und 38 Sterbefälle aus dem Kreise der israelitischen Büdesheimer. Unter den Trauzeugen gab es auch christliche Nachbarn. Gerade dies unterstreicht auch die folgende Aussage von Ricka Strauß: „Fast alle trieben ein ehrliches, solides Geschäft und waren mit den christlichen Leuten in guten Einvernehmen. Größtenteils der Geschäfte wurden auf Abschlagszahlung abgeschlossen..... Es war eine Selbstverständlichkeit, dass auch jüdische Mitbürger am Vereinsleben teilnahmen. So gab es der Erinnerung nach im Gesangverein „Frohsinn“ jüdische Mitglieder. Ferner war auch die freiwillige Feuerwehr, gegründet am 18. Januar 1894, eine Sache aller Büdesheimer. Zu den Männern der ersten Stunde gehörten unter anderen die Juden Leopold Strauß (1863—1933) und Sussmann Strauß (Daten unbekannt). Auch in der Spritzenmannschaft waren ab 1920 Juden vertreten. So sind hier Leo Strauß (1900-1975), Max Strauß (1904-1943) und Berthold Strauß (1905-1942) zu nennen.

Im Ersten Weltkrieg sind zehn jüdische Männer eingerückt. Einer davon war Fritz (Friedrich) Strauß, geboren 1899, Sohn von Jenny und Isidor Strauß. Er wurde im Gefecht in Frankreich so schwer verletzt, dass er am 4. April 1918 im Kriegslazarett in Guise (120 Kilometer nordwestlich von Paris) starb. Auch der jüdischen Opfer der letzten Kriege wird am Ehrenmal des gefallenen Soldaten an der evangelischen Kirche Büdesheim gedacht.

Die Nazis hielten spätestens ab 1924 Einzug in Büdesheim. Die Vorläuferpartei NSFP mit ihrem Kern um den damaligen Schloßgärtner und mehrere Saisonarbeiter auf dem Hofgut legte den Grundstein für die spätere Ortsgruppe der NSDAP in Büdesheim. Zur Entwicklung der Ortsgruppe liegen bisher nur wenige Dokumente vor.

 

Nach dem Studium der vorliegenden Aussagen und Dokumente gab es zum 1. Mai 1933 62 Mitglieder in der Ortsgruppe der NSDAP. Im vorauseilenden Gehorsam wurden anonym jüdische Büdesheimer und Büdesheimerinnen. die anderen Parteien angehörten, schikaniert und geschädigt.

Das friedliche Miteinander wurde spätestens ab der Machtübergabe an Hitler am 23. März 1933 dauerhaft und empfindlich gestört. Die Repressalien und Schikanen gegen Juden. Behinderte und politisch Andersdenkende nahmen zu. wurden öffentlich. Und die Untersten auf der Parteiebene, als auch mancher nicht organisierte Einwohner fühlten sich zum Mitmachen ermuntert und eingeladen. Juden wurden zu einer Art Freiwild für alle. Was an Aktionen gegen die Juden nicht kraft Gesetz oder Verordnung aus Berlin oder sonstigen Schaltzentren gedeckt war, wurde weitestgehend auf unterster Ebene gedeckt und toleriert.

Ab 1. April 1933 wurden die Reisepässe der Juden eingezogen. Als Beleg hierzu dient ein unter diesem Datum eingegangenes Schreiben des Kreisamtes Friedberg in der Bürgermeisterei Büdesheim. Demnach durften auch keine neuen Pässe ausgestellt werden. Als Juden im Sinne dieser Verfügung galten Personen jüdischer Abstammung ohne Rücksicht auf ihr Glaubensbekenntnis. Wegen ihrer Entrechtung konnten beziehungsweise wollten viele Juden, die in Büdesheim oder von da aus ihren Geschäften nachgingen, nicht länger bleiben. Widerliche Schmierereien an den Fenstern und Schilder mit der Aufschrift Kauft nicht bei Juden an den jüdischen Geschäften ließen die Umsatzzahlen rapide sinken. Ein Auskommen war selten noch möglich.

Damit entschlossen sich einige Familien bis 1939 zur Auswanderung. Sofern sie es sich leisten konnten und vor allem den Mut hatten, ihr Heimatland zu verlassen, in dem sie geboren und aufgewachsen waren, ihre Vorfahren begraben hatten, in dem sie trotz aller Mühe, die sich die Nazis gaben, auch nichtjüdische Freunde hatten, wussten sie: Es würde nicht leicht sein. Weltweit herrschten Rezession, Arbeitslosigkeit und politische Instabilität.

Sie stellten entsprechende Anträge und verließen Deutschland in Richtung Argentinien, Südafrika, USA oder Kuba. Angekommen, mussten sie sich erst in den neuen Kulturen zurechtfinden, eine neue Sprache erlernen und eine neue Existenz aufbauen (verfolgte man aufmerksam das politische Geschehen, gehörte natürlich auch Mut dazu zu bleiben).

Einen Höhepunkt der antijüdischen Hetzerei stellten die in der Geschichtsschreibung als „Reichskristallnacht“ eingegangenen Pogrome gegen alle Juden am 9./10. November 1938 dar. Die NS-Schergen und ihre Helfer schlugen auch in Büdesheim zu. Es kam dazu, dass die Juden in das Rathaus getrieben und eingesperrt wurden (verharmlosend auch „Schutzhaft“ genannt). Das Demolieren und Plündern von jüdischen Geschäften und Wohnungen war angeordnet. Die Synagoge brannte auch in Büdesheim.

Nichts war mehr wie es vorher war. Die jüdische Gemeinde wurde immer kleiner. Wiederum in der Anonymität der Städte suchten die Juden entweder Schutz oder Ruhe. Oder die Stadt sollte als Ausgangspunkt für die geplante Auswanderung dienen. Wie sich zeigte, war dies ein Trugschluss. Das Regime hatte alles zur Zerschlagung jeder jüdischen Gemeinde und die Vernichtung der Juden vorbereitet.

Der jüdische Friedhof wurde wahrscheinlich im Jahre 1939 geschändet. Grabsteine wurden zum Teil umgeworfen und zerstört. Andere konnten im Rathaus käuflich erworben werden. Nach Aussage wurden diese abgeschliffen und für christliche Gräber neu beschriftet.

Fast ein Waldfriedhof ist heute der ehemalige jüdische Friedhof am Waldrand von Schöneck-Büdesheim. Am 29. September 1859 kaufte die jüdische Gemeinde das einst 713 Quadratmeter große Grundstück, um es als Friedhof zu nutzen. Es lag damals weit außerhalb des Dorfes am Kilianstädter Wald in Richtung Windecken. Heute grenzt es direkt an ein Neubaugebiet. Vor dem Kauf beerdigten die Juden ihre Angehörigen auf dem jüdischen Friedhof in Groß-Karben.

 

Nach der Deportation der Büdesheimer Juden durch Nazi-Schergen am 15. September 1942 verwüstete ein SA-Trupp den Judenfriedhof Die letzte Beerdigung dort hatte am 14. August 1942 stattgefunden. Anfang 1943 verkaufte die Gemeinde die Grabsteine offiziell im Auftrag des Finanzamtes Friedberg. Die Steine - gereinigt, abgeschliffen und neu beschriftet - dienten als „neue“ Grabdenkmäler.

Heute sind nach Angaben des Büdesheimer Hobby-Historikers Manfred Geisler noch 19 Original-Grabsteine vorhanden, die nicht wiederaufgestellt wurden nach der Zerstörung. Sie liegen zu beiden Seiten eines Gedenksteines, der zur Mahnung an das Judenpogrom aufgestellt wurde. Der älteste vorhandene Grabstein stammt von 1888, der jüngste von 1943. Die Gemeinde pflegt das Areal, leider jedoch in nur unregelmäßigen Abständen. Im Sommer stehen die Brennesseln oft mannshoch.

 

 

Die Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion der Ereignisse in Büdesheim am 9. November 1938 beginnen schon bei der Frage, an welchem Tag das Judenpogrom dort stattfand: am 9. oder 10. November 1938. Beide Daten tauchen immer wieder in Protokollen auf. Ein Zeuge berichtet. daß der Tag des Pogroms jener sei, an dem die Heldenbergener Synagoge zerstört wurde; das geschah am 10. November. Andererseits liegt eine Bescheinigung vom Vertrauensmann der Juden. Sigmund Strauß, vor, in der der 9. November 1938 genannt wird.

Als ehemalige Funktionäre der NSDAP wurden der Ortgruppenleiter und der SA-Truppführer, der gleichzeitig auch Feuerwehrhauptmann war, befragt, als Vertreter der Verwaltung der Bürgermeister und der Polizeidiener sowie der Polizeimeister aus Heldenbergen.

Ortsgruppenleiter Rudolf Theidel sagte am 12. Juni 1947 aus: Am 9. November 1938 wurde ich gegen 9 Uhr auf meiner Dienststelle von dem damaligen Kreisleiter Backhaus aus Gießen fernmündlich in Kenntnis gesetzt, daß ich mich sofort nach Hause begeben solle, um die jüdischen Geschäfte zu demolieren und die Synagoge anzustecken. Diese Aufforderung lehnte ich mit der Begründung ab: Bin hier an der Kasse beschäftigt. Fährt kein Zug nach Hause und den Weg von etwa drei Stunden kann ich zu Fuß nicht zurücklegen. Es ist keine gesetzliche Bestimmung. Diese Zerstörung sei von unmoralischen Menschen angeordnet. Backhaus erklärte, daß, wenn ich diese Anordnung nicht sachgemäß durchführte, Gefängnisstrafe drohe. Ich begab mich zu meinem Vorgesetzten, teilte ihm den Anruf mit. Mein Chef gab mich dann erst nach Beendigung meines Dienstes frei. Kurz nach 16 Uhr kam ich in meine Wohnung, wo mir meine Frau mitteilte, daß im Dorf ein großes Durcheinander wegen der Juden sei. Auf dem Weg zum Rathaus hörte ich das Klirren von Fensterscheiben. Ich ging der Ursache nach und merkte, daß es sich um die Scheiben der Synagoge handelte. Soviel ich mich heute noch entsinnen kann, gab ich damals einem SA-Reservisten den Befehl, sich als Posten vor die Synagoge zu stellen und niemanden hineinzulassen. Ich forderte aus Heldenbergen Verstärkung an (Wachtmeister Krug), um die gesamte Judenaktion in Büdesheim zu stoppen. Inzwischen war in dem Manufakturwarengeschäft Ehrlich (gemeint ist hier wohl Erich Leopold) eine Scheibe eingeschlagen worden. Ich beauftragte den Polizeibeamten Mörschel, die Waren sicherzustellen und auf das Rathaus zu bringen. Wachtmeister Krug forderte nun sämtliche Juden auf. zum Rathaus zu kommen, um ihnen Verhaltensmaßregeln zu erteilen. Ich ging in meine Wohnung zurück.

Als ich am folgenden Tag von Frankfurt kam, empfing mich der damalige Feuerwehrhauptmann Karl Weyland und bat mich, abends zum Rathaus zu kommen. In Gegenwart des damaligen Bürgermeisters Hermann Nanz wollten wir die Judensache bereinigen. Weiland (Weyland) sagte mir gleich, daß sich die Feuerlöschpolizei nicht korrekt benommen hätte. Es wären Verschiedene in die jüdischen Häuser eingedrungen und hätten sich Lebens-mittel und andere Sachen angeeignet, was nicht sein dürfe. Ich habe damals einen Bericht an Kreisleiter Backhaus persönlich abgegeben.

 

Da er hörte, daß viele Parteigenossen daran beteiligt waren, verließ er das Büro und ich blieb mit Geschäftsführer Wagner allein. Wagner sagte, was machen wir, darauf sagte ich ihm, daß er ein gerichtliches Verfahren gegen die schuldigen Personen einleiten möchte. Daraufhin nahm er meinen Bericht, zerriß ihn vor meinen Augen und warf ihn in den Papierkorb. Dann sagte er mir, die Angelegenheit sei für uns erledigt.“

Der SA-Truppführer und Feuerwehrhauptmann Karl Weyland gab 1947 zu Protokoll: „An diesem Tage war ich nachmittags mit dem Monatsabschluß für die Gemeinde beschäftigt, ich war Gemeinderechner. Gegen 16 Uhr wurde mir erzählt, daß im Dorf bei den Juden die Fensterscheiben eingeworfen würden. Vor den Häusern der Juden, die fast ziemlich zusammen wohnten - es handelte sich um die Familien Leopold, Strauß, Simon und Frau Kahn. Abraham Jacob -. befand sich eine größere Menschenmenge, vorwiegend Kinder und Frauen. Von diesen, insbesondere den Kindern. wurden mit Steinen die Fenster eingeworfen. Ich selbst habe diese Ausschreitungen abgelehnt und war nur aus Neugierde dort. Ich bin dann wieder nach Hause und habe zu Abend gegessen, da ertönte plötzlich das Feuerhorn. Es kann so gegen sieben Uhr abends gewesen sein. Ich ging sofort zum Sammelplatz am Rathaus und traf dort den Zeugen Krug Wachtmeister aus Heldenbergen, den Schriftführer der Feuerwehr Button und andere, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Von diesen waren bereits Leute eingeteilt worden, die als Wachen vor die jüdischen Häuser gestellt wurden, um weitere Zerstörungen zu vermeiden. Ich war Mitglied der NSDAP und der SA seit August 1932 und Truppführer der Büdesheimer SA seit 1937. Wer die Synagoge zerstört hat, weiß ich ebenfalls nicht.“

Der damalige Bürgermeister Hermann Nanz sagte 1946 aus: „An dem fraglichen Tag war ich nicht im Ort, sondern auf dem Feld. Als ich nach Hause kam, war die ganze Aktion schon vorbei. Ich habe mich an nichts beteiligt und habe auch keine Befehle noch sonst etwas gegeben, kann auch nicht sagen, wer an der ganzen Sache beteiligt war. Das Warenlager des jüdischen Einwohners Leopold (Erich) habe ich sichergestellt, damit hier nichts vorkommt, dasselbe wurde dem Eigentümer nach ein paar Tagen wieder zurück gegeben.“ Zwei Säcke mit Kleidungsstücken, Wäsche und ähnlichem wurden abgegeben. Ferner gibt Nanz an, daß er das restliche Lager das Erich Leopold (Manufakturwarengeschäft) sicherstellen ließ. Das Gut sei zurückgegeben worden.

Polizeidiener Friedrich Wilhelm Mörschel erklärte 1947: „Am Tage des Judenpogroms war ich auf der Bürgermeisterei und erledigte Arbeiten für Nanz. Im Laufe des Nachmittags kam der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Theidel, mit mehreren Juden aus Büdesheim auf die Bürgermeisterei und sagte: ‚Diese Juden bleiben hier in Schutzhaft, bis die Gendarmerie aus Heldenbergen kommt’. Er schloß sie im Rathaussaal ein, übergab mir den Schlüssel und ging. Später kam die Gendarmerie aus Heldenbergen. Ich übergab sofort Krug die Schlüssel. Für mich war die Sache erledigt.“

Aussage von Polizeimeister Ludwig Krug 1947: „Am 10. November 1938 wurde ich gegen 16 Uhr telefonisch nach Büdesheim gerufen mit dem Hinweis. daß im Laufe des Tages Ausschreitungen gegen die dort wohnenden Juden vorgekommen seien, Bewohner seien in die Judenhäuser eingedrungen und hätten Zerstörungen vorgenommen. Die Juden seien in Schutzhaft genommen worden. Vor ihren Häusern hätte sich eine große Menschenmenge versammelt gehabt. Mit dem Ortsdiener Mörschel begab ich mich zu den Juden. Um weitere Ausschreitungen zu verhüten, habe ich die Freiwillige Feuerwehr Büdesheim alarmieren lassen. Bis zur Versammlung der Feuerwehr habe ich die Juden aus der Schutzhaft in ihre Wohnungen entlassen. Die Feuerwehr wurde von mir auf die Pflichten aufmerksam gemacht, insbesondere, daß weitere Ausschreitungen verhütet werden müßten. Sie wurden von mir als Doppelposten vor jedem einzelnen Judenhaus aufgestellt und zwar mit zweistündiger Ablösung. Nachdem in Büdesheim wieder Ruhe war und die Posten vor den Judenhäusern standen, begab ich mich gegen 19 Uhr zurück zum Standort Heldenbergen.“

 

Die Ablauf-Interpretation Geislers anhand dieser Protokolle: Als unbestritten gelten dürfte, daß es zu Plünderungen durch die Wachposten und SA-Leute - auch des SA-Truppführers - in der Nacht (des 9. November) gekommen ist. Dem Aufruf nach Rückgabe des Diebesgutes kamen offensichtlich nur wenige Plünderer nach. Ganze zwei Säcke Wäsche wurden anonym abgegeben. Wie es Rudolf Theidel geschafft hat, vom Vertrauensmann der Juden, Sigmund Strauß, einen „Persilschein“ zu er-halten, gibt Rätsel auf. Es ist davon auszugehen, daß ihm (Strauß) Versprechungen gemacht wurden, daß den Juden kein weiteres Unheil angetan wird. Weit gefehlt, wie die Geschichte zeigt.

Den Ermittlungen kann eine gewisse Einseitigkeit angelastet werden. Immerzu ist von Vernehmungen des Bürgermeisters sowie sonstiger Köpfe der NSDAP und deren Gruppierungen zu lesen. Wieso wurden keine Bürger/innen befragt? Nur von einer Ausnahme ist zu lesen. Heinrich Westphal sagte 1948: „Ich kann mich sehr gut erinnern, daß (...) Wilhelm Wiesenbach aus Büdesheim der Wortführer war.“ Dieser Aussage (die sich auf die Plünderungen des Hauses von Simon Strauß bezieht) wurde nicht nachgegangen.

Am 13. August 1947 verfaßt das Gendarmerie-Kreiskommissariat Friedberg, Polizeistation Heldenbergen, folgenden Bericht: „Die Ermittlungen in der Strafsache Nanz wurden (...) eingehend geführt, ohne zu dem erwünschten Erfolg zu kommen. Keine der Beteiligten und auch keiner der befragten unbenannten Personen will von der Durchführung der Zerstörungen oder von dem Veranlasser etwas wissen und auch nichts gesehen haben. Alle wollen erst dazu gekommen sein, nachdem die Tat vollbracht war. Jeder Einzelne will dann aber bestrebt gewesen sein, ein weiteres Ausmaß der Katastrophe zu verhindern. Eines haben die Ermittlungen ergeben: Daß den beschuldigten Bürgermeister Nanz die wenigste Schuld treffen dürfte. Die Hauptschuld müßte bei dem beschuldigten Ortsgruppenleiter Rudolf Theidel zu suchen sein. Nanz war nur Bürgermeister und soll sich um nichts weiter gekümmert haben. Der NSDAP und dem damaligen politischen Geschehen soll er sehr abseits gestanden haben. Das Hauptwort soll Theidel geführt und alles andere sich diesem gefügt haben. Diese Aussage erscheint als glaubhaft“.

 

Erster Augenzeugenbericht: „Wir waren damals kleine Buben. Wir spielten im Wingert (unterhalb der heutigen B 521 Richtung Heidenbergen). Es begann langsam zu dämmern und muß etwa 16 Uhr gewesen sein. als die Schulglocke läutete. Das hatte nichts Gutes zu heißen. Wir sind ins Dorf gegangen. Am Rathaus trafen wir eine große Menschenmenge an. Bei Erich Leopold, er hatte ein Bekleidungsgeschäft, wurden Waren. Geschäftsbücher und diverse andere Papiere aus dem Geschäft getragen. Vor dem Haus brannte bereits Feuer. Darin wurden Papiere verbrannt. Im Rathaus wurden alle Juden im Saal eingesperrt. Vor der Tür wurden SA-Wachen postiert. Es mag wohl 16.30 Uhr gewesen sein. da ging eines der zwei rechten Fenster im Obergeschoß des Rathauses auf und Ortsgruppenleiter Theidel rief sinngemäß, daß auf Anordnung der Kreisleitung sofort sämtliche Aktivitäten zu beenden seien. Dem wurde Folge geleistet. Ich ging nach Hause und erzählte das Gesehene. Meine Mutter weinte. Sie sagte, wie schrecklich dies alles sei und die Juden würden das nicht vergessen. Ein Jude vergißt nie. Was werden wir noch alles erleben?

Die Neugierde plagte mich und meinen Bruder und wir gingen gegen 18 oder 19 Uhr nochmals zum Rathaus. Dort beobachteten wir, daß SA-Männer (vereinzelt in Uniform, der Rest in Zivil) die Synagoge ausräumten. Die Thorarolle aus Pergament warfen sie auf den Boden. Da sie erst nicht in Flammen aufgehen wollte, holten sie Benzin. Dadurch fing sie explosionsartig Feuer. Mit Feuerhaken wurden die Fenster eingedrückt. Ob die Synagoge in Flammen aufging, kann ich nicht sagen. Ich glaube nicht. Die Synagoge war völlig verwüstet. Die Männer haben uns weggeschickt. Zum ersten Aufenthalt am Rathaus muß ich hinzufügen. daß Heinrich Bott. völlig in Rage das Dorf verließ. Er ging, um Moses Strauß. ein damals alter buckeliger Jude. aus seinem Krautgarten zu holen. Bott war ein kleiner durchtrainierter Typ. Er kam zurück, hielt Moses Strauß am Genick. Strauß war völlig außer Atem. Bott schrie immerzu: ‚Dich kriegen wir doch. wolltest dich wohl verdrücken’. Am späten Abend soll eine krebskranke Jüdin von einem SA-Mann vergewaltigt worden sein, der aus dem Krieg wohlbehalten zurückkam“.

Zweiter Augenzeugenbericht: „Gegen 10 Uhr erschien Ortsgruppenleiter Theidel in der Schule. Wir mußten antreten zum Appell und anschließend war schulfrei. Der Bürgermeister war an diesem Tag nicht im Ort. Es lag alles in der Hand des Ortsgruppenleiters und der SA. Bei der Verbrennung der Geschäftsbücher der jüdischen Kaufleute wurde genau darauf geachtet, daß alle Seiten verbrannten und kein Umstehender einen Blick hineinwerfen konnte. Es hieß, daß die Beteiligten alle bei den Geplünderten verschuldet waren. Ob weitere außer in unmittelbarer Nähe des Rathauses ansässige Geschäfte geplündert wurden, weiß ich nicht. Wir hatten uns nicht weiter gewagt. Auf alle Fälle begannen die Ausschreitungen bereits in der Mittagszeit. Am frühen Nachmittag wurde die Synagoge bereits durch SA und weitere Parteigenossen verwüstet. Gebrannt hat sie nicht.“

Dritter Augenzeugenbericht: „Im Hof des Adolf Simon wurden dessen Papiere und Geschäftsbücher verbrannt. Ferner sollte der ganze Besitz niedergebrannt werden, was wegen des Einspruchs des Heinrich Westphal (direkter Nachbar im Sinne der Grenzbebauung) unterblieb.“

Vierter Augenzeugenbericht: „Ich war damals ein Junge und gezwungen, wie alle anderen. Mitglied der Hitlerjugend zu sein. Ich kann mich sehr genau erinnern. daß gegen 10 Uhr Theidel in die Schule kam. Er befahl. daß sich alle zu Hause die Uniform anziehen und dann am Rathaus erscheinen sollen. Die Judenhäuser sollen geplündert werden. Der Befehl wurde ausgeführt. Im Halbkreis mußten wir uns vor die Häuser steilen. Aus dem Fenstern flogen allerlei Haushaltsgegenstände. Wäsche und ähnliches. Hinter uns standen Büdesheimer. die die Sache sehr genau beobachteten. Heinrich Bott holte aus der Metzgerei des Moses Strauß das Beil. hackte damit das Firmenschild ab und schrie wütend. Heinrich Wiesenbach war ebenfalls an den Ausschreitungen beteiligt. Auch vor der Synagoge standen wir, die, obwohl bereits geschändet. immer weiter demoliert wurde. Gebrannt hat sie meines Wissens nicht. Die Geschäftsbücher und andere Papiere wurden auf der Hauptstraße vor dem Haus Adolf-Hitler-Straße (heute Südliche Hauptstraße) alle verbrannt. Es wurde darauf geachtet, daß alle Bücher, jedes einzelne Blatt. verbrennte: Beaufsichtigt wurde dies in erster Linie von den Schuldnern der Juden. Bürgermeister Nanz war weder an diesem Tag noch am Tag des Abtransportes der Juden in Dorf. Meines Wissens war er immer in Darmstadt. Der Verdacht liegt nahe, daß er jeweils genau wußte, was vorfallen wird. Die Thorarollen sollten verbrannt werden. Da diese je-och aus Pergamentpapier sind, war dies nicht so einfach. Die Tochter von Moses und Kathinka Strauß, Jenny, wurde noch in der Nacht von einem SA-Mann vergewaltigt. Was ab 18 Uhr vorfiel, kann ich nicht sagen, da ich immer um 18 Uhr zu Hause sein mußte. Ausdrücklich sage ich, daß Theidel und Wiesenbach im Ort waren und mit der SA die Schändungen und Plünderungen durchführten.“

 

 

Eine Todesanzeige aus einer in den USA erscheinenden israelischen Zeitung.

Erst jetzt erhielten wir die erschütternde Nachricht von unserem lieben Neffen-Erich, dass seine liebe Mutter, unsere liebe Schwägerin, Tante

MARTHA FLOERSHEIMER  geb. Loeb

im Alter von 48 Jahren am 24. Juli 1942 in Minsk in Polen von den Nazi-Banditen erschossen wurde. Dasselbe Schicksal erlitt sein lieber Vater. unser lieber Bruder, Schwager, Onkel und Vetter, Herr JOSEPH FLOERSHEIMIER im Alter von 52 Jahren (fr. Buedesheirn, Oberhessen). In tiefer Trauer: Erich Floersheimer, Frankfurt a. Main, Bäckerweg 43, Julius Kahn & Frau Frieda, geb. Floersheimer

716 N. Haskins Avenue Chicago 26 (fr. Gross-Gerau, Hessen), nebst Neffen, Nichten und Cousinen.

 

Rekapitulation nach den Zeugenaussagen: Nach 60 Jahren werden interessante Einzelheiten zum Hergang bekannt. Die Vermutung liegt nahe, daß die Ermittlungen der Kriminalpolizei sehr einseitig und somit unvollkommen waren. Hat es am notwendigen Ernst gelegen? Waren sie eventuell selbst zu jener Zeit in Amt und Würden und daher nicht sonderlich erpicht darauf, die Wahrheit zu erfahren? Die Aussagen der Zeitzeugen malen ein völlig anderes Bild über den Hergang der Übergriffe der SA auf die Juden. Wesentlich erscheint, daß Theidel und Wiesenbach doch im Ort waren. Somit sind deren Alibis widerlegt.

Über Erich Julius Flörsheimer, einstiger jüdischer Bürger Büdesheims: Der am 9. Juni 1927 geborene Erich Julius Flörsheimer hinterließ Aufzeichnungen auf Papier und Video. Er ist in Büdesheim, damals Kreis Friedberg, geboren. Seine Eltern waren Martha und Joseph Flörsheimer. Er hatte seine Kindheit als sehr schwierig in Erinnerung. Ab 1933 wurde er mit „Judenjunge“ und anderen Worten beschimpft. Sein Vater war Geschäftsmann und führte in der heutigen Südlichen Hauptstraße ein Manufakturwarengeschäft. Erich erinnert sich an uniformierte Wachen an den Eingängen der jüdischen Geschäfte nach 1933. Daraufhin ging kein Nichtjude mehr hinein.

In Büdesheim wohnten 14 bis 15 jüdische Familien. Nach 1933 wanderten einige nach Argentinien oder Amerika aus. Die meisten haben es nicht geschafft. aus Deutschland zu fliehen und sind in Büdesheim oder später im Konzentrationslager gestorben. Ab 1937 mußte Erich, so wie alle anderen jüdischen Kinder aus dem Kreis Friedberg, nach Bad Nauheim in die Schule gehen. Sein Vater war gezwungen. Haus und Geschäft zu verkaufen. Die Familie zog nach Frankfurt in den Bäckerweg 48. Der Vater fand Arbeit in einer Backsteinfabrik. Erich nahm eine Praktikantenstellung in einer jüdischen Polsterei an. In der sogenannten Reichkristallnacht wurde sein Vater verhaftet, er verlor seine Praktikanten anstelle.

Die Eltern schickten Erich in die Nähe Berlins, um sich auf Palästina vorzubereiten. Alle jüngeren Juden unter 18 Jahren sollten dorthin gehen. Einige schafften es. nach Schweden und dann nach Palästina auszureisen. Anfang November 1941 bekam Erich ein Telegramm. Er sollte nach Frankfurt, seine Eltern sehen. Die Deportation begann. Erich überlebte das Grauen der polnischen Konzentrationslagers, seine Eltern nicht. Beide wurden erschossen.

Erich heiratete 1947 und verließ mit seiner Frau Deutschland. In seiner Wahlheimat USA, wo er einen anderen Namen führte, starb er im Januar 1997 an Herzversagen. Seinen Wunsch, Büdesheim noch einmal zu sehen, konnte er sich nicht mehr erfüllen.

(Der Autor, Bankkaufmann Manfred Geister, 1960 in Büdesheim geboren, wuchs dort auf und wurde durch Schule und Elternhaus für das Thema sensibilisiert. Anläßlich der 1175-Jahr-Feier hat er an der Chronik ton Rüdesheim mitgearbeitet. Neuerliche Motivation erhielt er durch die zufällige Begegnung im Sommer mit der Witwe von Flörsheimer sowie dessen zwei Töchtern. Politisch war er in der Großgemeinde Schöneck als Gründungsmitglied der Grünen und Mitglied des Ortsbeirats Büdesheim aktiv).

 

Düdelsheim (bei Büdingen)

„Wenn meine Schwester über die Straße geht. wird sie mit Steinen beworfen!“ Das klagte Daniel Hamburger, der Bruder der 69jährigen Sophie Hess, 1938 in einem Brief an den Düdelsheimer Bürgermeister Albrecht. Halbwüchsige terrorisierten sie. Der Protest des Bruders half nicht. So­phie Hess wurde im Konzentrationslager Trawnika ermordet. Im Jahr 1940 war die jüdi­sche Gemeinde von Düdelsheim vernich­tet. An sie erinnern nur noch ein paar  Grabsteine. Hinter Gebüsch und einer Mauer dämmert ein Friedhof am Steinern-Hügel abseits von Düdelsheim. Etwa 80 Grabmale aus rötlichem Sandstein stehen schief oder liegen auf diesem verwunschenen Fleck. Keine Angehörigen haben Kiesel auf die Steine gelegt. Es gibt hier keine Angehörigen mehr. Die 300jährige jüdische Gemeinde Düdelsheims erlosch im Mai 1940. Als Letzte wurde die 75jährige Mathilde Levi am 18. Juni 1938 vor Ort beerdigt. Ihr 83jähriger Ehemann Berthold mußte im April 1939 nach Kapstadt fliehen. Er hat seine Frau wohl nicht lange überlebt.

Die Deutschen haben nach Angaben des Früheren evangelischen Pfarrers Rainer Heß 18 Düdelsheimer Juden umgebracht. Sie starben an unbekannten Orten und in den Konzentrationslagern Auschwitz, Trawnika, Lodz und Theresienstadt. Zum Beispiel die Witwe Sophie Hess. Im Jahr 1938 beklagte sich ihr Bruder Daniel Hamburger in einem Brief an den Düdelsheimer Bürgermeister Albrecht über Halbwüchsige, die seine Schwester tags und nachts terrorisierten: „Man hat jetzt schon verschiedene Mal die Türfüllungen eingeschlagen, die Fenster demoliert, und durch die Öffnung in der Tür, wo die Füllung fehlt, hat man brennendes Papier hereingeworfen“. Die kranke alte Frau sei mit Latten und Steinen mißhandelt worden.

Der Beschwerdebrief von Daniel Hamburger ist in der 1991 erschienenen Chronik von Düdelsheim abgedruckt. Die Namen der jugendlichen Übeltäter wurden für das Buch geschwärzt. Sie leben zum Teil noch heute vor Ort, sagt der Büdinger Historiker Willi Luh.

Am 9. November 1938 verwüstete ein Rollkommando der Büdinger und Düdelsheimer SA die Wohnungen der letzten Düdelsheimer Juden. Die 55jährige Frieda Hess wurde von der Toilette gezerrt, mit Jauche bespritzt und zusammen mit ihrem Bruder Sally (53) unter Schlägen und Fußtritten zum Rathaus getrieben. Dort bekam sie einen Sack über den Kopf und einen Besen in die Hand, und mußte „tanzen“.

Der 51jährige Rudolf May wurde vom Heuboden geholt und mußte einen Mann auf dem Nacken zum Rathaus tragen. Alle Juden wurden im Rathaussaal versammelt und dort verhöhnt. Einige bekamen einen Strick um den Hals, einen Mehlsack über den Kopf und wurden in den Rathausfenstern dem Publikum „ausgestellt“.

Die große, 1861 erbaute Synagoge an der Hauptstraße 19 wurde am selben Tag ausgeräumt, das Inventar auf der Marktwiese verbrannt. Nur die Thorarolle fand man später auf dem Nachbargrundstück. Sie wurde in der Bürgermeisterei aufgehoben und nach dem Krieg in ein jüdisches Archiv in Michelstadt gebracht. Eine Kopie steht im Büdinger Heuson-Museum.

Die geschilderten Vorgänge sind noch heute im jüdischen Gemeindearchiv im Düdelsheimer Rathaus nachzulesen. „Kein Briefumschlag wurde weggeworfen“, sagt Emil Gerlach, der nach dem Krieg Verwaltungschef in Düdelsheim war. Nach dem Krieg habe es noch einige Kontakte zwischen Juden und Düdelsheimem gegeben. Manche waren bis in die frühen achtziger Jahre mit dem Büdinger Nachtklubbesitzer Charly Nayman befreundet. Ein gewisser Heß sei aus den USA gekommen, auch andere Nachkommen von ehemaligen Judenfamilien aus Düdelsheim. Der alte Weil, Betreiber des Textilgeschäftes im heutigen Edeka-Markt am Büdinger Marktplatz, war laut Gerlach in den fünfziger und sechziger Jahren Sponsor des SV Phönix Düdelsheim. Er habe seinen Stammplatz am Spielfeld gehabt und manchmal etwas für die Vereinskasse springen lassen.

Das war es dann auch. Bis heute wohnt offenbar kein Jude im 2400-Seelen-Stadtteil Düdelsheim. Die jetzigen Besitzer der einstigen jüdischen Häuser zahlten nach dem Krieg an einen jüdischen Vermögensfonds und bekamen dafür. Wohnrecht in den Immobilien. Die Synagoge wurde abgebrochen und mit einem Wohnhaus bebaut. Die alte Judenschule an der Ortsdurchfahrt wird jetzt als Abstellraum genutzt. Städtische Arbeiter mähen gelegentlich das Gras auf dem alten Friedhof an der Hauptstraße und dem „neuen“ Friedhof am Hügel. Das Land Hessen gibt dafür Zuschüsse. Manchmal überzeugt sich eine Kommission vom würdigen Zustand der Totenäcker.

 

Eisenach

Auszüge aus dem Nachrichtenblatt der Jüdischen Gemeinde Groß-Berlin 1970/71, zusammengestellt von Fred Heilbrunn, New York, früher Eisenach, und von Gerhard Theis, Eisenach. Bestandteil des Stadtarchivs Eisenach:

Wenn man unter der „Judengasse“ oder „Judengasse“ im Allgemeinen doch ein Ghetto versteht, so lag sie hier in Eisenach mitten im Zentrum der 1180 gebildeten Stadt. Zum ersten Mal werden um 1235 herum Juden in Eisenach erwähnt, und zwar E. Jechiel ben Jaakow, der Verfasser synagogaler Poesie.

Ein großer Brand im Jahr 1343 zerstörte auch die „Judengasse“. Ssofort wurden den Juden Quartiere und eine Synagoge in der Löbergasse zur Verfügung gestellt. Dann kam das Jahr 1349, das Jahr des „Schwarzen Todes“, der Pest. Auch die in Eisenach lebenden Juden wurden dafür verantwortlich gemacht und vertrieben; kamen nach einigen Jahren aber zurück und wurden dann endgültig 1458 vertrieben.

In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts wohnten in Eisenach zwei jüdische Familien: Löser Herz, der als „Schutzjude“ erstmals im Jahre 1753 und dann jährlich 50 Taler Schutzgeld an die „Fürstliche Rentkammer“ zu zahlen hatte ... Michael Rothschild, Faktor beim damaligen Herzog Karl-August in Weimar ... Er kam aus Stadtlengsfeld und war ein Nachkomme des Landesrabbiners Mendel Rothschild.

Im Jahre 1858 kam dann die Freizügigkeit. Im Jahr 1862 beschließen sechzehn Familien und zwei Witwen, eine Religionsgemeinschaft zu gründen, in deren Vordergrund Herr Samuel Bachhaus steht. Es sind 72 Seelen, die am 11. Dezember 1867 die „Israelitische Gemeinde Eisenach“ gründen.

Auf dem Friedhof werden 0,335 Acker als „Guter Ort“ für 132 Taler und 25 Silbergroschen gekauft. - Im Hinterhaus Jakobsplan 12 wird ein Betsaal eingerichtet, der aber mit der Zeit zu klein wird. So wurden bis zu einer Lösung an den Hohen Jomim Tauwim die Gottesdienste im „Hotel zum Löwen“ abgehalten, wo auch die „Chasenes“, die Hochzeiten, stattfanden. Am 24. August 1883 wurde in einer Gemeindeversammlung beschlossen, eine Synagoge zu bauen.

Den Auftrag, die Synagoge zu bauen, erhielt der Eisenacher Architekt Hahn Am 5. Januar 1885 fand dann die feierliche Einweihung statt. Staatliche und Städtische Behörden waren vertreten. Rabbiner Dr. Salzer hielt die Festpredigt. Die Feier wurde geschlossen, indem der neugegründete Synagogenchor „Die Ehre Gottes“ von Ludwig van Beethoven („Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“) sang.

Die Gemeinde entwickelte sich kontinuierlich. So war die Eisenacher Gemeinde 1914 eine blühende, vorwärtsstrebende Gemeinschaft, wobei auch das sehr gute Verhältnis zu den christlichen Mitmenschen nicht unerwähnt bleiben darf.

Als dann der erste Weltkrieg ausbrach, bestand die Eisenacher Kehilla aus 400 Seelen. 80 Männer wurden zu den Fahnen gerufen, von denen 23 nicht wieder zurückkehrten...

Die letzte Phase der Eisenacher Juden (während des Nationalsozialismus) war ein heroisches Aushalten, ein Hoffen, noch „davon“ zu kommen, ein Hoffen, daß dieser gräßliche Spuk bald vorüber sein möchte. Nun, wie überall, wo die Nazis waren, so war es auch in unserem lieben Eisenach. Unsere Schwestern und Brüder wurden auch hier zusammengetrieben und in die Todeslager der braunen Bestien verschleppt, um vergast, erschossen, verbrannt, gefoltert und zu Tode gequält zu werden. Sie wurden meist hier im großen Garten der Villa Klebe (Goethestraße - Ecke Schillerstraße) zusammengefaßt und von da aus zum Eisenacher Bahnhof transportiert, um mit „unbekanntem Ziel“ (heute kennen wir ja diese „unbekannten Ziele“) „ausgesiedelt“ zu werden.

Wie viele von ihnen „es“ überstanden haben, läßt sich ganz schnell aufzählen. Manche konnten auch noch rechtzeitig genug emigrieren. Eine Aufstellung derjenigen „alten Eisenächer“, die noch am Leben geblieben sind, ist in unserem Besitz, Keiner von ihnen ist mehr in seiner Heimatstadt Eisenach. In alle Winde sind sie zerstreut.

 

Erinnerungen an den 9. November 1938 in Eisenach: Schwester Anni erlebte 1938 die „Reichskristallnacht“ in Eisenach. Sie erzählte mir nicht nur davon, sondern berichtete aus ihrem Erleben in der Zeit des Dritten Reiches überhaupt. Dies habe ich im Folgenden versucht festzuhalten.

„Als Kind erlebte ich den Zusammenbruch der Weimarer Republik: Kaum eines der Kinder aus meiner Schulklasse hatte einen Vater, der nicht arbeitslos war, viele hatten nicht einmal ein Schulbrot - ich hatte eines, denn mein Vater war nicht arbeitslos.

Nein, es waren keine guten Zeiten. Die Eisenacher Sozialdemokraten und die Kommunisten demonstrierten, auch die ‚Braunen’ sah man damals schon. Bei einer der Demonstrationen hörte ich die Frauen vorn Eisenacher Stieg-Viertel rufen: ‚Wir wolln Brut!` Ich fragte meine Mutter, was das sei: Brot! erfuhr ich. Mir kamen diese demonstrierenden Frauen damals merkwürdig vor, irgendwie empfand ich das als brutal - sie waren so anders, doch das mußte wohl so sein bei den Umständen, unter denen sie lebten.

Meine Mutter entstammt einem Ort nahe Herleshausen, in dem es viele Juden gab. Diese warnten schon sehr bald vor Hitler: Dieser Mann ist gefährlich, wenn er an die Macht kommt, werden für uns schlimme Zeiten anbrechen. - Wie kommt ihr darauf, wollte meine Mutter wissen. - Nun, wir haben ‚Mein Kampf’ gelesen. Mir war eigentlich nie so ganz klar, woher meine Mutter, die politisch im großen und ganzen nicht besonders interessiert oder engagiert war, ihre kritische Einstellung zur NSDAP hatte. Nach dem 30. Januar 1933 sagte sie zu mir: Es werden keine guten Zeiten kommen, mein Kind. Ich durfte nicht in den BDM, meine Schwestern auch nicht, nur bei meinem Bruder gelang es Mutter nicht, den Eintritt in die HJ zu verhindern.

Wir hatten einen jüdischen Hausarzt, und in Eisenach gab es viele jüdische Geschäfte. Einmal war ich mit meiner Mutter unterwegs. Sie wollte in einem jüdischen Geschäft irgend etwas kaufen. Ein SA-Mann versperrte uns des Weg: Sie werden doch wohl nicht bei einem Judenschwein einkaufen wollen! Meine Mutter erwiderte: Machen Sie bitte den Weg frei - es ist meine Sache, bei wem ich einkaufe! - So gingen wir in das Geschäft - es war wohl ein ‚kleiner’ Nazi ...

Hitler tauchte im entscheidenden Moment auf - in der Flaute nach der Inflation und bei der immensen Arbeitslosigkeit versprach er Brot und Arbeit. Und wirklich, die Arbeitslosen kamen weg von der Straße. Das war wichtig für diese Menschen, sie verehrten Hitler demzufolge. Wer konnte ahnen, inwieweit all das nur Mittel zum Zweck sein sollte?

Ich selbst habe bis 1941 in Eisenach gelebt. Eine Zeit lang sah ich Abend für Abend einen alten Juden mit einem kleinen Mädchen spazierengehen, im Dunkeln. Ich wußte nicht, wo sie wohnten, sah nur den gelben Stern, sah nur ihre Gesichter - gezeichnet von Leiden und Angst, Solche Gesichter sah man viel in dieser Zeit. Die ‚Kristallnacht' habe ich miterlebt und erinnere mich noch gut daran. Am 9.11.38 sahen wir den ganzen Tag viele SA-Leute und fragten uns, was sie denn diesmal vorhätten. Wir sollten es noch sehen. Noch heute klingt mir das Klirren der Schaufensterscheiben in den Ohren.

Ich bin in der Karlstraße gewesen, durch die damals noch die Straßenbahn fuhr und in der sich viele jüdische Geschäfte befanden. Mit brutaler Gewalt wurden Schaufensterscheiben zerschlagen, die Waren aus den Auslagen gezerrt und auf die Straße geworfen; Juden zog man aus den Häusern und verprügelte sie. Ich bin dann gegangen, weil ich Angst hatte und weil ich’s auch nicht mehr mitansehen konnte - all diese Gewalt. - Plötzlich brannte es. Die Synagoge brannte. Eine als Antifaschistin bekannte Ärztin, die in der Nähe wohnte, rief bei der Feuerwehr an: Die Synagoge brennt! Kommen Sie schnell! - Sie bekam eine Antwort in der Art: So, die Synagoge brennt? Dann lassen Sie sie doch brennen!

Bevor die Synagoge in Brand gesteckt worden war, schändete man sie unter HJ-Beteiligung: Kunst­gegenstände, Gerätschaften usw. wurden in die Hörsel geworfen. Ich war erschüttert darüber, wer sich alles an dieser Schändung beteiligte. Die Häuser um die Synagoge erhielten Feuerschutz, während die Synagoge abbrannte - sie stand noch tagelang als schwelende Ruine. Immer wieder, wenn ich in späteren Zeiten durch die Karlstraße gegangen bin, war mir die Nacht vom 9./10. November 1938 gegenwärtig. Ich sehe die Straße noch heute vor mir, seidene Kissen auf den Straßenbahnschienen und unzählige Glassplitter.

Es gab in Eisenach sehr viele Juden. Was nach 1941 aus ihnen geworden ist, als es ganz schlimm wurde, weiß ich nicht ... Übrigens gibt es in Eisenach zwei jüdische Friedhöfe.

Wissen Sie, es war damals nicht so, daß keiner etwas gemerkt hätte und alle blindlings mitgemacht haben.

Von den Emporkömmlingen, die es zu allen Zeiten gab und gibt, abgesehen - es gab viele, die sahen, was geschah. Nicht so viele, die zum Martyrium bereit waren, aber Gott sei Dank, es gab auch die. Angst regierte, man mußte aufpassen auf jedes Wort, was man sagte. Ich habe das selbst erlebt im Pößnecker Lazarett, wo ich ab 1941 gearbeitet habe. Es war 1945. Im Radio hatten wir gehört, daß die Amerikaner nicht mehr weit seien. Ich sagte: Dann werden sie ja vielleicht bis Ostern hier sein. Daraufhin wurde ein Soldat zornig, es gelang anderen mit Mühe, ihn zur Ruhe zu bringen und ihn davon abzuhalten, mich anzuzeigen.

Vieles, was damals geschah, wußten wir - wußte ich - wirklich nicht. Vor allem, was in den Konzentrationslagern vor sich ging. Einmal, als eine Gruppe Menschen abtransportiert werden sollte, habe ich gefragt. Es gehörte einiger Mut dazu, denn oft bekam man zur Antwort: Halt die Schnauze - oder so. In dem Fall bekam ich aber eine Antwort: Ins Konzentrationslager - zur Umerziehung. - Ich ging weiter, ohne mir unter Umerziehung auch nur im Entferntesten etwas vorstellen zu können. Was wirklich dort passierte, erfuhr ich erst 1945. Wer hätte das ahnen, sich all diese furchtbaren Grausamkeiten vorstellen können? Vielleicht war ich damals zu jung, um manches zu durchschauen. Ich bin ja auch kaum aus dem Lazarett herausgekommen.

Als nach Kriegsende in unserem Lazarett ehemalige Fremdarbeiter aus besetzten Ländern untergebracht wurden, redete ein amerikanischer Offizier sehr forsch mit mir und forderte mich auf, alle Insassen des Lazaretts - gleich welcher Nation sie angehörten, gut zu versorgen. Ich sagte: Das haben wir schon immer getan, so gut es möglich war und ist. Daraufhin wurde er sehr ungehalten, was ich zunächst gar nicht verstanden habe. Ich hate nicht gelogen, so gut es ging, haben wir unsere Patienten versorgt. Nachdem ich erfahren hatte, was in Buchenwald und in anderen Konzentrationslagern geschehen war, verstand ich, was in dem amerikanischen Offizier vorgegangen sein mußte bei meiner Antwort. Ich hätte mich am liebsten nachträglich bei ihm entschuldigt.

 

Auch die Kirche spielte eine unrühmliche Rolle, besonders Thüringen war ja eine Hochburg der Deutschen Christen. Im Konfirmandenunterricht hörte man von Bibel und Bekenntnis, kein Mensch kritisierte die Behandlung der Juden, schließlich war ja selbst das Alte Testament verpönt. Ich hatte bei einem Pfarrer der Bekennenden Kirche einen sehr guten Konfirmandenunterricht, aber von dem Unrecht, das um uns her geschah, hörte man nichts. Auch Herr Pfarrer Mitzenheim war ein Pfarrer der Bekennenden Kirche: Bei einer Mai-Demonstration am Sonntag war nichts abgesprochen worden. Gerade, als der Herr Kreisleiter seine Rede beginnen wollte, läuteten die Glocken. Daraufhin wurde jemand zur Kirche geschickt, daß das Geläut verstummen möge. Dieser Mensch landete schließlich bei Herrn Mitzenheim. Der sagte: Die Glocken läuten weiter, hier ist ein anderer als der Herr Kreisleiter Herr im Haus. Außer, daß der Küster nicht in die NS-Partei eintreten durfte, hatte die Sache meines Wissens nach keine weiteren Folgen.

Später, als ich in Pößneck war, konnte man nicht einmal mehr in den Gottesdienst gehen, auch da hing die NS-Fahne über dem Altar. Zur Konfirmation gab es keine Bibelsprüche, sondern Sprüche wahrhaft deutscher Dichter, Sprüche von Arndt u.v.a. Nach einem Konfirmationsgottesdienst habe ich versucht, den Pfarrer anzusprechen. Nun, ich war jung und wußte nicht recht wie. So habe ich ihn nach einer Bibel gefragt: Ich brauche mal eine Bibel, bitte! - Wozu brauchen Sie eine Bibel? - Zum Nachlesen, ich denke, so etwas ist bei Christen nicht unüblich? - Wir, wir brauchen keine Bibel. Wir haben Worte deutscher Frömmigkeit!  bekam ich zur Antwort.

Noch eine andere Sache fällt mir ein, wo Sie das Stichwort ‚Nürnberger Gesetze’ sagen. Natürlich mußten wir all diese Dinge lernen. Ich erinnere mich noch an eine Prüfungsfrage, die mir gestellt wurde. - Eine schöne, musikalische Deutsche verliebt sich in einen Juden - sie liebt ihn wie sonst nichts auf der Welt. Darf sie ihn heiraten und lieben? - Ich antwortete: Nach den heute geltenden Gesetzen darf sie es nicht. - Daraufhin reagierte der Fragesteller erbost: Wie kommen Sie dazu, von ‚heute’ zu reden? Diese Gesetze sind e w i g !

Ja, ewig, das ewige deutsche Reich ... Solche Dinge vergißt man nicht. Ich kenne einige Leute, die wie ich die Nazizeit miterlebt haben - viele schalten den Fernseher ab, wenn Filme oder Berichte aus dieser Zeit kommen. Sie wollen nichts mehr davon hören und wissen“.

Mich hat das damals Erlebte nie losgelassen, ich las und lese darüber, was ich lesen kann. Ich meine, daß vieles aufgearbeitet werden muß. Aber wissen Sie, fertig - fertig wird man damit nie."

Das kann ich nicht verstehen. Übrigens verstehe ich noch etwas nicht - die neonazistischen Bewegungen, von denen man dann und wann hört, wie gerade jetzt wieder im Zusammenhang mit dem Tod von Rudolf Heß. Warum schließen sich gerade Jugendliche solchen Bewegungen an?

 

Augenzeugenbericht:

Im Jahr 1938 wohnte ich in der Goethestraße 9 und war Zeuge der Zerstörung der Synagoge. Die Synagoge lag in der Nähe und war nur durch den Garten und Mühlgraben getrennt. Als ich früh zur Schule ging, sah ich an etlichen Schaufenstern, deren Geschäftsinhaber Juden waren, mit Farbe geschrieben: „Rache für Rath“. Am Nachmittag waren Jungen des Jungvolkes in der Synagoge und warfen Gebetbücher und Kissen heraus, teils in den Mühlgraben. Danach kamen HJ und SA, und das Dröhnen der Axthiebe versicherte uns, daß Möbel zerstört wurden. Abends wurde die Synagoge angezündet. Feuerwehr war gekommen, löschte aber nicht. Nach Tagen wurden die Mauerreste gesprengt.

 

Gespräch mit Herrn Superintendenten Herbst vom 25.11.1987:

Über das Leben der jüdischen Bürger in Eisenach während der Nazizeit ist schwierig zu berichten.

Nach meiner Erinnerung war die ganze Stadt, ja das ganze Volk, bis auf wenige Ausnahmen antisemitisch ausgerichtet. Deshalb sind alle Menschen, die damit zu tun haben, relativ zurückhaltend in Äußerungen. Nach meiner Sicht sind auch unendlich viele schriftliche Dokumente 1945, in den Tagen des Umbruchs, vernichtet worden.

Ich selbst bin heute einundsechzig und habe die Ereignisse als Kind noch miterlebt. Man kann sich ja ausrechnen, daß ich 1939 dreizehn Jahre alt war, also als Schüler dunkle Erinnerungen habe. Jüngere als ich können eigentlich gar nichts mehr aus eigenen Anschauungen erzählen, und auch meine Erinnerungen sind lange her und durch die Kindheit geprägt.

Für uns Eisenacher Kinder war es zunächst selbstverständlich, daß es Juden gab und daß Judenkinder in fast jeder Schulklasse gewesen sind. In der Erinnerung sieht es so aus, daß man es nicht so tragisch nahm, sie waren im Grunde genauso Einzelgänger in einer Schulklasse wie etwa katholische Kinder. Ich erinnere mich, daß in meiner Schulklasse drei jüdische Kinder und ein katholisches Kind waren. Diese hatten immer schulfrei, wenn wir Religionsunterricht hatten, sie haben die Zeit für sich genutzt, und wir haben sie darum beneidet.

Das Verhältnis der Lehrer zu den jüdischen Kindern war verschieden. Für mich sind einige Ereignisse in Erinnerung geblieben, die deutlich machen, die durch ihren Erinnerungswert zeigen, daß sie mir wichtig gewesen sind. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Schulstunde im Gymnasium, in der der Lehrer, Prof. Koch, uns zu Beginn eröffnete, daß er die jüdischen Kinder heute nicht in die Geschichtsstunde eingeladen hat. Sie sollten eine Stunde später kommen. Uns hat er dann gesagt:  „Ich muß heute nämlich die Judenfrage laut Unterrichtsplan besprechen, aber die Eltern unserer jüdischen Mitschüler sind sehr anständige Leute und die Schüler auch, und ich möchte sie nicht durch diese Stunde belasten“. Es ist interessant, daß mir diese Geschichte in Erinnerung geblieben ist.

Ich erinnere mich, daß dann einer nach dem anderen verschwand, ohne viel Reden. Nach meiner Erinnerung sind zwei dieser jüdischen Kinder mit ihren Eltern vor Beginn des Krieges ausgewandert. Den dritten habe ich noch einmal, ebenfalls nach meiner Erinnerung, später auf der Straße gesehen, mit einem Stern auf den Mantel genäht.

Ich erinnere mich, daß meine Mutter, als wir in die Schule gingen, sagte, wir dürften nicht durch die Karlstraße gehen und müßten sofort nach Hause kommen. Das war natürlich für meinen Bruder und für mich das Signal, durch die Karlstraße zu gehen. Da sahen wir die Schrecken, die durch diese Straße gezogen sind. Ich hatte gar nicht gewußt, wie viele jüdische Geschäfte in der Karlstraße gewesen sind. Alle diese Geschäfte waren zerstört. Für mich war es besonders er-schreckend, als wohlbehütetes Bürgerkind zu sehen, wie andere in den Geschäften rumliefen und ihre Kinder einkleideten.

Das war meine erste Begegnung mit Plünderei und Anarchie. Zu Hause wurde wenig darüber gesprochen, die Antwort der Eltern war eigentlich betretenes Schweigen. Woraus ich entnehme, daß man als gutbürgerliche Leute mit Juden nicht viel im Sinn hatte, aber so etwas gehört sich einfach nicht.   

 

Erlebnis aus dem Religionsunterricht

Wir hatten, nachdem unsere eigentliche Religionslehrerin strafversetzt war, unseren Direktor als Vertretung. Er wollte uns eines Tages weismachen, daß Jesus ein Arier sei.

Jesus war Galiläer,

Galiläer kommt von Gallier,

die Gallier sind Kelten,

die Kelten sind Germanen,

folglich ist Jesus Arier.

Meine Freundin Ursel Otto (von dem Bekenntnispfarrer die älteste Tochter) und ich, wir setzten uns hin und schrieben aus dem Neuen Testament den Stammbaum Jesu ab. Mit unserer Unterschrift legten wir es am anderen Morgen auf das Pult. Unsere Klassenkameradinnen waren sehr aufgeregt. Sie dachten, der Direktor würde uns irgendwie bestrafen. Es passierte nichts. Im Zeugnis bekamen wir eine Eins mit der Begründung, daß wir außer-ordentlich gut mitgearbeitet hätten (von Christa Regensburger).

 

Druckereibesitzer Kühner:

Ein Eisenacher Bürger, der sich nicht gescheut hat, in der Nazizeit jüdischen Menschen zu helfen, selbst auf die Gefahr hin, im Zuchthaus oder Konzentrationslager zu landen, war der Druckereibesitzer Dr. Felix Kühner, der Besitzer der Eisenacher Tagespost. Er veröffentlichte im Jahr 1933, ungeachtet aller Folgen, die Geburtsanzeige des jüngsten Sohnes der Familie Heilbrunn, Siegfried Heilbrunn (nach Fred Heilbrunn).

 

Geschäfte, Banken und Büros jüdischer Bürger

Straße und Hausnummer ehemalige Besitzer                        heutige Nutzung

Goldschmiedenstraße Nr. 1          Paul-Neuhaus-Textilgeschäft                  Drogerie Buddensieg

Johannesplatz                                Helft-Geschäftsräume                               Kaufhaus Magnet

Johannesstraße Nr. 2 - 4   Eckmann-Konfektionsgeschäft  

Nr. 15 und 17                                  Helft-Kaufhaus                               Kaufhaus Magnet

Karlsplatz Nr. 8                    Bankhaus Stiebel                           Sparkasse

Jakobsplan 7                                   Tuchgeschäft

Jakobsplan                          Fleischerei                                       (abgerissen)

Georgenstraße                                Drogerie Troplewitz                        Konsumdrogerie

Georgenstraße (zwischen Textilhaus Albrecht und Maschinenbauhandel):

Viehhändler                                    (abgerissen)

Roeseplatz                           Pfifferling – Pferdehändler

Schloßberg Nervenheilanstalt, geleitet von einem jüdischen Arzt, nur für Juden,

heute eventuell Internat IfL          bzw. Ferienobjekt

Georgenstraße                                Konfektionsgeschäft          Frank und Seeliger

                                                                                                          Blumenhaus Chrysantheme

Karlstraße (Judengasse genannt)

Nr. 1                                       Wolf-Seelenfreund                                    Selbstbedienungs‑Gaststätte

Nr. 3                                       Einheitspreisgeschäft (E-P-G)

Nr. 33/35                               Schneiderei Dreifuß                                  Stadtcafe

Nr. 43                                    Wolf und Glückauf Konfektionsgeschäft

Endepols

Nr. 51                                    Löwenstein Konfektionsgeschäft           Konsumklubhaus

Nr. 16                                    Blüth (Rechtsanwalt), Anwaltsbüro

Nr. 44                                    Heilbrunn - Fleischermeister

Schmelzerstraße Nr. 4       Sanitätsrat J. Fackenheim                        Abriß

 

 

 

 

 

Vorfall während des Abtransports Eisenacher Juden

(nachträgliche Niederschrift aus einem Gespräch mit Oberkirchenrat Mitzenheim)

Einen eigentlichen Abtransport sämtlicher Eisenacher Juden auf einmal (wie in anderen Städten) gab es hier nicht. Zunächst wurden alle Bürger, die den Gesetzen nach „jüdischer Rasse“ waren, nach den Vorgängen der Pogromnacht 1938 in Haft genommen, später aber wieder freigelassen.

Es kam noch einige Male zu vermehrten Verschleppungen jüdischer Bürger, die meisten von ihnen kehrten jedoch nach kurzer Zeit aus der „Untersuchungshaft“ oder anders benannten Zwangsaufenthalten zurück.

Nach und nach jedoch wurden auch in Eisenach die Juden auf einige wenige Wohnhäuser konzentriert und kontinuierlich, meist in der Nacht, abtransportiert. Eines Tages jedenfalls, als die SA in Eisenach zu einer Razzia aufkreuzte, geschah folgendes: Ein ehemaliger Reichswehroffizier, Eisenacher Jude, erfuhr, wahrscheinlich durch Anrufe anderer Bürger und Warnungen von Freunden, daß in Bälde bei ihm die SA auftauchen würde und ihn abholen wolle. Dieser Jude war ein kaisertreuer, konservativer Soldat und als Offizier natürlich deutsch-national. Er konnte überhaupt nicht verstehen, warum gerade ihm, dem begeisterten Deutschen und Kriegsfreiwilligen mit dem EK I. Klasse, so eine Schmach zustoßen sollte.

Offenbar wußten diese Flegel nicht, mit wem sie es zu tun hatten! Einem Offizier seiner Majestät wird man doch noch Respekt zollen! Er zog sich also seinen Offiziersrock an und steckte sich seine sämtlichen Orden und Ehrenzeichen, in der Hoffnung, daß sie auf die SA-Flegel Eindruck machen würden, daß sie ihn als wahren Deutschen und Kämpfer für das Vaterland ausweisen würden, an.

So empfing er die SA-Leute in der festen Erwartung, als Offizier könne ihm nichts passieren. Diese jedoch gerieten beim Anblick des Mannes vollends in Wut und rissen ihm unter ständigen Beschimpfungen und Drohungen den Uniformrock vom Leibe und schlugen ihn für seine Unverschämtheit: daß eine „Judensau“ sich anmaße, eine deutsche Uniform zu beschmutzen und zu entweihen.

 

Schilderung des Todes von Kinderarzt Dr. Siegfried Wolff:

Im Jahre 1946 bekam meine Tante und Adoptivmutter von einem englischen Rechtsanwalt einen Brief mit der Schilderung des Todes von Kinderarzt Dr. Siegfried Wolff. Dr. Wolff war bis 1938 leitender Arzt der privaten Kinderklinik, die in der jetzigen Erich-Honstein-Straße im Hause Nr. 16 untergebracht war. Die Inhaberin und Oberin ist diese Tante gewesen.

In dem Brief hieß es, daß Dr. Wolff nach Holland gegangen sei, in die Nähe von Arnheim.

 

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen wurde er interniert, kam in Holland in ein Lager und wurde dort zur Betreuung von Kindern aus verschiedenen Ländern, vor allem aber Juden- und Zigeuner-Kin­dern eingesetzt. Mit diesen Kindern wurde er 1944 nach Auschwitz verfrachtet, mit einem Zwischenaufenthalt im Konzentrationslager Theresienstadt.

Der englische Anwalt muß selbst Insasse des Konzentrationslagers Auschwitz gewesen sein, denn er schilderte, daß sie durch eine Glasscheibe zusehen mußten, wie der Arzt und die Kinder in der Gaskammer zu Tode kamen. Als die Kinder merkten, daß sie keine Luft mehr bekamen, drängten sie sich dicht an ihren Betreuer und so starben sie.

In dem Lager Theresienstadt hatte es vor dem Abtransport nach Auschwitz noch ein anderes Erlebnis gegeben, welches ich noch erwähnen möchte. Dr. Wolff war eingesetzt, auf dem Hof Papier aufzulesen, als ihn plötzlich ein Eisenacher Kollege ansprach. Es war Dr. Wiesen, der eine Arztpraxis am jetzigen Platz der DSF hatte. Er war der Sohn des damaligen Rabbiners, der am Schloßberg wohnte und dort geistig behinderte Kinder aufgenommen hatte.

Dr. Wiesen machte Dr. Wolff klar, daß der Krieg nicht mehr lange dauern könne, sie würden ihn verstecken. Der Transport käme sowieso gleich in die Gaskammer und er könne doch nach dem Krieg als Kinderarzt noch vielen Kindern viel mehr helfen. Er lehnte ab. Er sei bis jetzt mit den Kindern zusammen gewesen und er würde auch den letzten, schweren Weg mit ihnen gehen! (Aufgeschrieben von Christa Regensburger).

 

Aus: Thüringer Volk, Thüringer Landeszeitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Nr. 162 (2.. Jahrgang.) Eisenach, Freitag, 3. Oktober 1947, Seite 2:

Ein lokales Ereignis von besonderer Bedeutung bildete die feierliche Einweihung des Mahnmals der Synagogen-Gemeinde Eisenach in der Karl-Marx-Straße am Sonntag, 21. September. Wo einst die von den Nazis im Jahr 1938 zerstörte Synagoge stand, hatten sich im Beisein der Vertreter der Landesregierung, der Vertreter aller Parteien und neben zahlreichen Eisenachern die wenigen jüdischen Gemeindeglieder versammelt, die den Lagern von Auschwitz und Maidanek entrinnen konnten und mit dem Leben davonkamen. Das Eisenacher Mahnmal stellt die erste Gedenkstelle dieser Art in Deutschland dar.

Aus allen Ländern der Besatzungszone waren von Organisationen und Privatpersonen Kränze mit Inschriften zum Gedenken an die jüdischen Blutopfer der Hitlerzeit geschickt worden. Die Feier wurde eingeleitet mit dem Trauermarsch aus dem Oratorium „Samson“ von Georg Friedrich Händel. Durch Herrn Walter CappeI, den Vorstand der Synagogen-Gemeinde Eisenach, wurden sodann die Versammelten begrüßt und an die Leidenszeit erinnert, die vom Tage des Beginns der Naziherrschaft bis zum Zusammenbruch Deutschlands der jüdische Bevölkerungsteil durchmachen mußte.

Besonders eindringliche und zu besserem Tun ermahnende Worte fand anschließend der Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden, Herr Julius Meyer, bevor er das Mahnmal enthüllte und der Obhut der Eisenacher Bevölkerung empfahl. Das Mahnmal soll die heutigen und künftigen Geschlechter an die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte erinnern.

Den ersten Gottesdienst am Mahnmai leitete darauf Rabbiner Joachim Freiberg aus Magdeburg mit dem hebräischen Gesang aus der „Totenfeier“ von Louis Lewandowski ein. Mit einer Minute stillen Gedenkens ehrten die Anwesenden die zu Tausenden ermordeten Juden. Mit der Hymne für Chor und Orchester „Ehre den Opfern“ von Viktor Nebenfels fand die bewegende Feier ihren Abschluß.

Die künstlerische Umrahmung der Gedenkstunde wurde ausgeführt vom Philharmonischen Orchester Eisenach unter der Leitung des Gastdirigenten Werner Sander (Meiningen), Mitgliedern des Bachchores, des Arbeitersängerchores, der Meininger Chorgemeinschaft sowie Schülerinnen und Schülern der höheren Lehranstalten der Wartburgstadt.

 

Aus: Die Novemberpogrome: Gegen das Vergessen. Eisenach, Gotha, Schmalkalden. Spuren jüdischen Lebens, 1988, Landesjugendpfarramt der Ev-Luth. Kirche in Thüringen, Eisenach.

 

 

Erfurt

Allen Synagogen des Mittelalters war diese Schieflage zwischen Präsenz und Isolation, Teilhabe und Ausgrenzung zu eigen. Als die christlichen Kaufmannschaften die lästige jüdische Konkurrenz endgültig aus den großen Städten vertrieben, wurden die Synagogen abgerissen und in einem letzten symbolischen Racheakt mit Kirchen überbaut. Oder sie gingen an Handelsleute über, die sie als geräumige Warenlager in bester Lage nutzten.

Solchem Geschäftssinn verdankt eines der ältesten jüdischen Gotteshäuser in Deutschland seine Erhaltung - die Alte Synagoge in Erfurt. Direkt hinter dem historischen Rathaus ist sie gelegen, im Einzugsbereich der Krämerbücke, dem letzten erhaltenen Ponte Vecchio diesseits der Alpen. So konnte sie zum Warenspeicher christlicher Kaufleute werden. Doch das Dicht an Dicht der Brückenhäuser ist eine großzügige Promenade verglichen mit der Enge, in der die Synagoge steckt.

Aus der Umklammerung von Bürgerhäusern, Lagern, Schuppen und Hinterhäusern ragt nur eine merkwürdig verkrümmte Giebelspitze. Einzig alteingesessene Erfurter und Denkmalpfleger wussten, was da so pittoresk das Dächergewirr überragte.

Das wäre wohl noch lange so geblieben, hätte nach der Wende nicht das große Sanieren in Erfurts wunderbarer Altstadt begonnen. Da in ihr, wie überall im Osten, Rückübertragungsfragen wie Bleigewichte am Enthusiasmus hängen, klärte man zunächst die Nutzungsgeschichte der Synagoge: Seit 1349, dem Jahr des letzten Pogroms im mittelalterlichen Erfurt, hat sie den unterschiedlichsten Zwecken gedient.

Ihre ursprüngliche Bestimmung aber war nie ganz vergessen worden. In alten Grundbüchern heißt sie die „Judenschule“, 1861 wurde sie in einer Erfurter Häuserchronik zum ersten Mal als Altertum gewürdigt. Entdeckungen während des 1859 begonnenen Umbaus zum Tanzsaal eines angrenzenden Kaffeehauses waren wohl der Anlass. Die Ursache aber dürfte das wachsende Selbstbewusstsein der damaligen Jüdischen Gemeinde Erfurts gewesen sein. Zwei Generationen hatten frei vom Ghettozwang gelebt, die dritte wies bei der Einweihung ihrer neuen Synagoge 1884 stolz auf den Ursprungsbau an der Krämerbrücke hin.

An Denkmalschutz dachte niemand: 1876 erweiterte man den Tanzsaal, 1896 wurde eine Kegelbahn im gotischen Keller eingerichtet. Sie war noch zu Zeiten der DDR in Benutzung. als letzte Umbauten den eierschalfarbenen Plaste-und-Elaste-Chic der siebziger Jahre hinzufügten. In den Stadtführern wurde die Alte Synagoge nicht mehr erwähnt.

Im Jahre 1993 endlich bestätigten erste Bauanalysen den gotischen Bestand. Doch eine gründliche, seit 1998 andauernde Untersuchung brachte sensationelle Ergebnisse: In der gotischen Synagoge steckt eine romanische, erbaut vielleicht 1150, spätestens aber 1190. Was sich hinter dieser nüchternen Feststellung des Marburger Bauhistorikers Elmar Altwasser verbirgt, offenbart der Anblick der freigelegten Westwand.

Ehe man sie erreicht, passiert man die wuchtigen Reste einer frühgotischen Kemenate mit Spitzbogenportal. Dann windet man sich mit eingezogenem Kopf durch ein Labyrinth von Gängen, Höfchen und das bloßliegende Balkengerüst einer Gaststätte namens „Alte Feuerkugel“, die gerade saniert wird. In ihrem Hof ragt die Synagoge auf: Steine, an deren rissiger Oberfläche Putzreste, Flechten und Schutt haften wie Schrunden der Geschichte, vermauerte Spitzbogenfenster, armbreite Risse. ausgeböschte und eingesunkene Abschnitte. Zur Mitte hin vertieft sich das Graubraun des Mauerwerks ins Schwarze. Noch rauher ist die Oberfläche, wie mit Spitzhämmern bearbeitet. Das ist, identifizierbar an einem kleinen, doch wuchtigen rundbogigen Doppelfenster, die romanische Fassade. Die Schwärzung und die Absplitterungen sind Spuren eines Brandes. Man vermutet 1266, das Jahr des zweiten Erfurter Pogroms. Um 1270, so haben die Stilanalysen ergeben, wurde das Haus wieder aufgebaut und der ausgeglühte Rest des Vorgängers gleich einer Reliquie einbezogen. Ungewöhnlich wäre ein solcher Akt der Pietät nicht: In Magdeburg zum Beispiel, beim Wiederaufbau des verbrannten Doms, übernahm man 1210 die alten Säulen und stellte sie, zum ehrenden Andenken, mitten in die gotischen Stützen des neuen Chors. In Erfurt dagegen, wo nach dem Ende der mittelalterlichen Jüdischen Gemeinde Jahrhunderte pietätlosen Umgangs die Synagogenwände zum bizarren Rätselrelief gemacht haben, kommt einem das biblische Wort von den Steinen in den Sinn, die schreien. wenn Menschen verstummen müssen. Doch das ist die Ergriffenheit unserer Generation, die, wo immer sie jüdische Denkmäler anschaut. auch auf Auschwitz starrt.

Vieles haben die Mauern schon preisgegeben: dass der Bau von 1270 eine symmetrische Westfront mit Lanzenfenstern, Fensterrose und einem mächtigen Stufengiebel besaß, Firsthöhe fast zwanzig Meter. Ein hölzernes freitragendes Tonnengewölbe, nach dem Vorbild von Erfurter Kirchen. hat wahrscheinlich den Innenraum überspannt. Baufugen belegen einen Anbau um 1300, der neue Spitzbogenportale und -fenster mit kompliziertem Maßwerk hinzufügte. Beim Umbau zum Speicher wurde nach 1349 ein asymmetrischer Dachstuhl auf den wohl beschädigten Bau aufgebracht, eine komplizierte Konstruktion, die größtenteils noch vorhanden ist.

Dass die Nordwand der Synagoge, heute verdeckt durch ein Nachbarhaus, 1300 zur Schaufront ausgebaut wurde, die der benachbarten St.-Michaelis-Kirche angeglichen war, zählt, wie die außer jeder Tradition stehende querrechteckige Ausrichtung, zu den vielen neuen Rätseln, die das Bau-werk aufgibt – und zu den schier unlösbaren Problemen: Sechs Jahre notgedrungener Untätigkeit dauerte es, bis die Synagoge in den Besitz der Stadt Erfurt gelangte.

Der Hof aber gehört zum Traditionslokal. Sein Bauherr willigte in den Abriss eines Lagerhauses ein, das die Westfront verdeckt hatte, ließ einen Anbau niederlegen, wodurch die Südwand der Synagoge frei wurde, und erklärte sich bereit, künftig öffentlichen Zugang zu dem Denkmal zu gewährleisten. Im Gegenzug ist ihm der Betrieb eines Biergartens im Hof zugesagt worden und ein Wintergarten an der Synagogen-Südwand. Sein ziegelsteinerner Unterbau steht bereits. Für ihn fordern Behörden jetzt eine Brandmauer, hinter der, kaum freigelegt, die südliche Flanke der Synagoge wieder verschwinden würde.

Alarmierend selbst für Experten war eine neue Betonplattform knapp einen Meter vor der Westfassade. Das Gebilde deckt einen 1840 entstandenen Gewölbekeller, der unter Denkmalschutz gestellt worden ist. In ihm soll eventuell eine Weinstube, auf der Plattform ein Altan entstehen. Hier die verbrieften Ansprüche und Rechte eines Privatbesitzers, da die ungeklärten Ansprüche eines unvorhergesehenen Denkmals – Erfurt, schier überquellend an bedeutenden sanierungsbedürftigen Monumenten, ringt um Lösungen.

Klar ist vorerst nur das Bau- und Nutzungsprogramm der Traditionsgaststätte. Doch welchem Zweck soll die restaurierte Synagoge einmal dienen? Was tun mit der verdeckten Nordseite? Was mit den historistischen Wandmalereien des Tanzsaals, unter denen womöglich Bauschmuck der Synagoge steckt? Zudem ist die vollständig erhaltene Ausstattung des Saals mit Karyatiden, Emporen. Lüstern und Buntglasfenstern ihrerseits ein bemerkenswertes Denkmal. Doch die Vorstellung. außen die Synagoge und innen den Tanzsaal zu restaurieren, provoziert sofort die Erinnerung an Joshua Sobols grausig heiteres Singspiel „Ghetto": „Auf dem Friedhof tanzt man nicht“, heißt es darin.

Nur eines ist sicher: Mit der romanisch-gotischen Synagoge hat Erfurt ein Denkmal von europäischem Rang wieder entdeckt – und Deutschland das Zeugnis einer verschollenen Architektur, älter noch als Prag, anders als in Worms in situ erhalten. Und es ist, wie alle Zeugnisse jüdischen Lebens in Deutschland, umgeben vom düsteren Nimbus der „Kristallnacht“ und des Holocaust. Dieser verwahrloste Bau ist ein Kulturgut. das die Deutschen so viel angeht wie die Dresdner Frauenkirche oder der Speyerer Dom. Die Denkmalpflege hat noch langwierige Bettelgänge bei Stadt, Land und Bund vor sich. Wie Strandgut der Geschichte wartet die Synagoge. während ringsum neue samt restaurierten alten Mauern wachsen – und der Treibsand der Behörden rieselt.           

 

 

Frankfurt

 

Aus der Geschichte der Frankfurter Juden

 

Um 1150    Erste urkundliche Erwähnung von Juden in Frankfurt, damals südlich des Doms

1241    Erstes Pogrom, „Judenschlacht“.

1349    Zweites Pogrom

1462    Die Juden werden im Ghetto, einer 330 Meter langen Straße an der alten staufischen Stadtmauer zu wohnen..

1612    Fettmilchaufstand‑, Pogrrom mit Plünderungen in der Judengasse im Zusammenhang mit Handwerkeraufständen gegen den Rat der Stadt, zweijährige Vertreibung der Juden

1796    Zerstörung des nördlichen Teils der Judengasse während des französischen Angriffs auf Frankfurt

1804    Gründung einer jüdischen allgemeinbildenden Schule („Philanthropin“)

1850    Orthodox eingestellte Juden gründen die spätere Israelitische Religionsgesellschaft.

1860    Einweihung des Neubaus der Hauptsynagoge in der Judenpasse (später: Börne-   straße)

1864    Gesetz über die rechtliche Gleichstellung der Juden

1876    Israelitische Religionsgesellschaft konstituiert sich als eigenständige Gemeinde (Austrittsgemeinde)

1882    Einweihung der Synagoge am Börneplatz

1907    Einweihung der Synagoge in der Friedberger Anlage

1910      Einweihung der Westendsynagoge

Frankfurt ist mit 30.000 Juden die zweitgrößte jüdische Gemeinde in

Deutschland

 

13. März 1933          Erste Boykottaktionen gegen Jüdische Geschäfte

28. März 1933          Erste Entlassungen von Juden aus dein öffentlichen Dienst

April 1933                 Allgemeiner Boykott Jüdischer Geschäfte

15. September 1935           „Nürnberger Gesetze“, Entzug der staatsbürgerlichen Rechte, Verbot der Eheschließung zwischen Juden und „Ariern“

26. April 1938           Gesetz zur Erfassung des jüdischen Besitzes mit dem Ziel der Enteignung („Arisierung“)

9./10. November 1938 Von den Nationalsozialisten organisierte Pogrome. Zerstörung der Synagogen durch Brand, Plünderung von Einrichtungen, Läden, Arztpraxen, Wohnungen: mehr als 2500 Frankfurter Männer zwischen 15 und 65 Jahren wurden in die Konzentrationslager Buchenwald,  Sachsenhausen und Dachau verschleppt.

1. September 1941 Juden müssen den Gelben Stern tragen.

19. Oktober 1941     Erste Deportation von jüdischen Frankfurtern in ein Ghetto im Osten. Beginn der systematischen Ermordung der Juden in Vernich­tungslagern. Deportationen aus Frankfurt vorwiegend in die Ghettos Riga, Lodz, Theresienstadt, Minsk und in das Konzentrations‑ und Vernichtungslager Auschwitz. Mehr als 11.000 Frankfurter Juden wurden ermordet.

1945 Einrichtung eines Lagers für „Displaced Persons“, meist osteuropäische Juden, an der Pfaffenwiese in Zeilsheim

1948    Erste Satzung der Jüdischen Gemeinde

1949    Wiederaufbau der Westendsynagoge

1986    Eröffnung des jüdischen Gemeindezentrums

2000    Heute zählt die jüdische Gemeinde rund 7.000 Mitglieder

Verschleppung:

Der Anfang vom Ende: Jüdisches Leben in Frankfurt. Fröhliche Mädchen aus einem jüdischen Waisenhaus - aufgenommen im Jahre 1937 - lächeln dem Betrachter entgegen. Nur zwei Jahre später, nach der „Reichskristallnacht”, konnten sechs von ihnen mit einem Kindertransport nach Holland entkommen. Doch drei von ihnen werden 1943 deportiert und ermordet.

Im Jahre 1996 hat das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt eine Tagung veranstaltet, deren Ergebnis jetzt in fünfzehn Aufsätzen vorliegt. Monica Kingreen, in Nidderau zu Hause und als Fachfrau weithin zur jüdischen Geschichte bekannt, zeichnet als Herausgeberin des Buches, das sich mit dem jüdischen Leben in Frankfurt von 1938 bis 1945 beschäftigt. Ein 16. Beitrag hat ein „anderes” Thema zum Inhalt: Die Gedenkstätte am Börneplatz und die Datenbank im jüdischen Museum.

Monica Kingreen selbst ist mit drei Aufsätzen vertreten. Einmal beschreibt sie die Zuflucht der hessischen Landjuden - eine erzwungene Binnenwanderung - in Frankfurt, die glaubten, in der anonymen Großstadt untertauchen zu können. Bereits 1994 hatte Monica Kingreen ihr umfangreiches Standardwerk über die Landjuden in Nidderau herausgebracht. Die zweite Arbeit beschäftigt sich mit der Deportation zwischen 1941 und 1945 und die dritte mit den im November 1938 deportierten Männern von Frankfurt ins das KZ Dachau. Bislang war hier nur bekannt, dass eine kleine Zahl jüdischer Männer nach Dachau transportiert worden war. Im Sommer 1998 wurde jedoch der Gedenkstätte die Existenz des in Washington aufbewahrten Originals des Häftlingeingangsbuches bekannt. Dies vermerkt akribisch Häftlingsnummer, Zugangsdatum, Name, Vorname, Haftgrund, Geburtsdatum, Geburtsort, Familienstand, Anzahl der Kinder, Bekenntnis, Staatsangehörigkeit und Adresse.

534 Männer der 10.911 in den Novembertagen 1938 nach Dachau verschleppten Männer waren „Aktionsjuden” aus Frankfurt. Ihre Namen sind in dem Buch als Quelle für weitere Forschungen zusammengestellt. Mit dem Geburtsort Hanau sind vermerkt: Max Weiler, Max Maier, Willi Lorsch, Adolf Fleischmann, Max Eichel und Alexander Fleischmann am 14. November 1938 sowie Ferdinand Bing am 16. November 1938.

Aus Großkrotzenburg stammte Mayer Gotthelf, aus Langendiebach Hermann Kaufmann, aus Langenselbold Sally Moritz und aus Steinheim Willi Meyersohn. Die einzelnen Aufsätze behandeln spezielle Aspekte der Zeit, beleuchten die Rolle der Gestapo und der städtischen Behörden. Um drei weitere Beispiele zu nennen: Helga Krohn hat sich mit Hilfsaktionen zur Rettung jüdischer Kinder zwischen 1938 und 1940 befasst, Hanna Becker mit Martha Wertheimer und ihr Wirken nach der „Kristallnacht” und Marlies Flesch-Thebesius mit der Situation der „Mischlinge” am Beispiel der eigenen Familie.

Am Anfang vom Ende, der „Reichskristallnacht”, lebten in Frankfurt noch viele jener 26 000 Juden, die bereits 1933 gezählt worden waren. 1941 waren es 10 000, ein Jahr später nur noch etwa 1000.

Monica Kingreen (Hg.): „Nach der Kristallnacht”. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945. Campus Verlag, Frankfurt 1999. ISBN 3-593-36310-0. 48 Mark.

 

 

 

Legende zur Karte über die Juden im Ostend

 

1          Rückertstraße 49

Jüdisches Lehrlingsheim gegründet 1877 für orthodoxe Jugendliche, die aus ländlichen Bereichen Hessens und Bayerns zur Ausbildung nach, Frankfurt kamen‑ Später war dort ein Mädchenstift für in Frankfurt oder Umgebung Berufstätige. Heute: Neubau, Wohnhaus.

 

2          Rückertstraße 53

Israelitisches Lehrerinnenheim 1903 als Stiftung gegründet, um israelitischen Lehrerinnen, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, sonstigen Beamtinnen sowie anderen weiblichen Angestellten höhere Bildung bei Arbeitsunfähigkeit Aufenthalt zu gewähren. Bis 1918 war es Frauen nicht  erlaubt, nach der Heirat weiter zu arbeiten. Die meisten waren deshalb unverheiratet und hatten häufig keine  Familienangehörigen, die sie aufnehmen konnten.

 

3          Ostendstraße 30

Um 1900 Buch‑ und Steindruckerei, um 1920 Schlosserei, um 1930 Schuhmacher. Heute: Freier Platz mit Baum

 

4          Uhlandstraße 23

Um 1930 Israelitischer Bürgerkindergarten. Heute: Neubau, Gaststätte

 

5          Ostendstraße 22

Um  1900 Mehl‑ und Landprodukte (2. Stock), um 1930 Schirm‑, Kamm- und Gummiwaren, (2. Stock). Heute: Neubau.

 

6          Ostendstraße 18

Um 1930 Friseuse; „Klaus‑Synagoge“, Stiftung, Tora-Lehranstalt der Ostjuden. Sitz verschiedener religiöser Vereine. Am 10.11.1938 Feuer gelegt und das Haus teilweise zerstört. Von hier aus fanden Deportationen statt. Heute: Neubau, Wohnhaus.

 

7          Ostendstraße 15

Um 1930 Reform‑ und Diäthaus, Private Betstube. Heute: Garagen

 

8          Ostendstraße 1

Um 1920 Milchhandlung. Heute: Neubau, Kiosk,

 

9          Obermainanlage 8

Ostjüdischer Betsaal. Am 10. 11. 1938 demoliert. Heute: Parkplatz und Spielplatz

 

10       Fischerfeldstraße 13

Anlernwerkstatt und Wohnheim für Jugendliche. Gegründet nach 1933. Ausbildungsmöglichkeiten für Juden hatten sich rapide verschlechtert. Der Zugang zu öffentlichen Institutionen war ihnen verwehrt. In Zusammenarbeit mit der Reichsvereinigung der Juden richtet die jüdische Wohfahrtspflege diese sogenannte „Anlernwerkstatt“ in einer ehemaligen Fabrik ein. Hier wurde eine Grundlehre in Metall- und Holzverarbeitung angeboten. Die Werkstatt stand unter der Auf­sicht der Gestapo und wurde von einem Nichtjuden geleitet. 1942 mußte sie aufgelöst werden. Heute: Neubau, Teil des Arbeitsamtes

 

11       Schützenstraße 12

Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinschaft. Finanziert von Baron Wilhelm von Rothschild.             1853 eingeweiht mit Mikwe und Schulgebäude. Sie hatte 500 Sitzplätze, in den 20er Jahren wurde diese Zahl verdoppelt. Nach dem Neubau in der Friedberger Anlage nicht mehr genutzt. 1921 verkauft. Das Haus wurde in den 50er Jahren abgerissen. Im erhaltenen Hinterhaus ‑früher Gemeindehaus und Mazzenbäckerei. Heute: „Freies Theaterhaus“.

 

12       Schützenstraße 14

Realschule der Israelitischen Religionsgemeinschaft von 1853 bis 1903. Heute: Neubau, Wohnhaus

 

13       Rechneigrabenstraße 12

Betsaal „Kol Jaakov“. Treffpunkt der Chassidim. Diente der polnischen Juden als Lehrhaus und Synagoge. Am 10. 11. '1938 demiliert.  Heute: Evangelisches Hospital für palliative Medizin

 

14       Rechneigrabenstraße 14

Philanthropien, 1804 gegründete Schule der Israelitischen Gemeinde.

Nach 1908 städtische Anna‑Schule. Heute: Parkplatz, Mauerreste

 

15       Rechneigrabenstraße 18‑20

Synagoge „Kippestub“ und Krankenhaus der Israelitischen Männer‑ und Frauenkrankenkasse. Es wurde 1796 neben dem Friedhof Battonstraße gegründet. 1938 verhinderte eine couragierte Krankenschwester das Eindringen des Mobs. Zwangsverkauf Von hier aus fanden Deportationen statt. Heute: Neubau, Altenwohnanlage.

 

Weg durch das ehemals jüdische Ostend

Der Weg von der Großmarkthalle zum Börneplatz führ, durch ein Viertel, das seit dem jetzten Drittel des 19. Jahrhunderts einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil hatte. Die strenggläubige Religionsausübung und zahlreiche religiöse und soziale Einrichtungen prägten das Leben. Nach 1933 wurden die Juden zur Auswanderung gezwungen oder in Konzentrations‑ und Vernichtungslagern ermordet. Bomben zerstörten 1944 dieses Wohngebiet.

 

Großmarkthalle:

Die Großmarkhalle war die zentrale Sammelstelle für die Deportationen der jüdischen Bevölkerung in die Ghettos, Konzentrations‑ und Vernichtungslager. Zwischen dem 15. Oktober 1941 und dem 14. Februar 1945 wurden von hier in achtzehn Transporten jüdische Kinder, Frauen und Männer nach Lodz, Theresienstadt, Riga, Minsk, Majdanek und Auschwitz deportiert. Aus Frankfurt und Umgebung waren es mehr als 11.000 Jüdinnen und Juden. Der letzte Transport ins KZ‑Theresienstadt fand am 14. Februar 1945 statt.

Kulturdezernentin Linda Reisch sprach von einem „Ort des schlechten Gewissens, der - verdrängten Erinnerungen, einer Wunde in unserer Stadt”: An der Großmarkthalle, wo zwischen 1941 und 1945 Frankfurter Juden zur Deportation gesammelt und in die Gettos im Osten deportiert wurden, ließ der Magistrat am Dienstag eine Gedenktafel enthüllen.

Die Großmarkthalle war Hauptsammelpunkt für all jene, denen Stunden zuvor eine „Staatspolizeiliche Verfügung” verlesen worden war: „Es wird Ihnen hiermit eröffnet, daß Sie innerhalb von zwei Stunden Ihre Wohnung zu verlassen haben.” Man hatte die Menschen ersucht, „die Schlüssel an sämtlichen Behältnissen, Schränken, usw., stecken zu lassen, ebenso die inneren Wohnungsschlüssel”. Man hatte ihnen bedeutet, daß sie all ihren Besitz zurücklassen müßten bis auf ein Stück Handgepäck. Und: „Der Ehering sowie eine einfache Uhr dürfen mitgenommen werden.”

„Nach bestimmten Bestandsaufnahmen in den Wohnungen”, heißt es in einer Aktennotiz des SA-Standortführers vom 16. Oktober 1941, „werden die Juden zum Sammelplatz, Keller Markthalle, transportiert.” Jeder mußte seinen Namen und Adresse auf ein Schild schreiben, das er um den Hals trug. Dann ging es zu Fuß durch die Stadt - etwa von der Sammelstelle Palmengarten aus über die Zeil. „Die Abführung”, so erinnerte sich die Frankfurterin Lina Katz, die selber zu den Deportierten gehörte, „erfolgte am hellen Tage.”

In der Großmarkthalle dann mußten „die Juden noch eine Anzahl Stationen zur besonderen Kontrolle durchlaufen”, wie es dem Bericht eines Sturmbannführers von 1941 zu entnehmen ist.

Dort konnte, wie Linda Reisch es in ihrer Rede schilderte, die Registrierung, die Kontrolle, „ungestört vor sich gehen”. Nach den Worten der Überlebenden Lina Katz, „soll es dort in der Nacht schrecklich zugegangen sein, mit Mißhandlungen, usw.”.

18mal, so wird es auf der Gedenktafel aufgezählt, gingen die Güterzüge zu den Orten der Vernichtung von Frankfurt ab, nachdem die insgesamt 9.400 Menschen teilweise schon an der Markthalle verladen worden waren: Der erste Transport, am 19. Oktober 1941, ging nach Lodz (Litzmannstadt), der letzte am 14. Februar 1945 nach Theresienstadt.

Linda Reisch versuchte, die Ausgrenzung nachzuvollziehen, die vorher stattfand: Vom „J” auf der Lebensmittelkarte und dem Tragen des Judensterns - bis zum Verbot, Bahn und Bus zu benutzen, Bücher zu kaufen und auf dem Bürgersteig zu gehen. So sei es gekommen, daß „zwischen den deutschen Juden und den nichtjüdischen Deutschen” zum Beginn der Deportationen „kaum noch Kontakte bestanden: Schritt für Schritt waren sie zu Parias degradiert worden”.

 

Wohnen und Arbeiten

Fast die Hälfte der Bewohner des Ostends und der östlichen Innenstadt waren Juden. Etwa die Hälfte kam aus alteingessenen Familien, die anderen wanderten vor allem aus Hessen, der Pfalz und Bayern zu. Seit Ende des 19. Jahrhunderts kamen Juden aus Rußland, Polen und Litauen. Die sozial gemischte jüdische Bevölkerung lebte vor allem zwischen Friedberger Anlage und Tiergarten, Sandweg und Hanauer Landstraße. Jüdisch‑orthodoxe Familien fühlten sich stark an dieses Viertel mit jüdischer Nachbarschaft, den Einkaufsmöglich­keiten in koscheren Geschäften und der Nähe zu Synagogen, Schulen und Krankenhaus gebunden.

Zwischen Ostend­straße und Hanauer Landstraße war der Anteil an überwie­gend jüdischen Haushalten besonders hoch, in der Rückert- ­und Uhlandstraße etwa 80 Prozent. Großräumige Wohnun­gen in der Rückert‑, Uhland‑, Hölderlin‑, Theobald‑ und Ostendstraße mit 6 ‑ 8 Zimmern ermöglichten einen gutbür­gerlichen Lebensstil. In anderen Straßen überwogen Drei­Zimmer‑Wohnungen mit sechs bis acht Personen. In vielen Häusern gab es neben Wohnungen auch Geschäftsräume für Kleinhandel und Produktionsbetriebe. Die Geschäfte für den täglichen Bedarf, koschere Metzgereien, Bäcker und Koloni­alwaren sowie Geschäfte mit Kultgeräten befanden sich insbesondere im Sandweg und in der Hanauer Landstraße.

 

Synagogen und Betstuben:

Von der religiösen Einstellung und der Herkunft der Familien hing ab, welche Synagogen am Schabbat und während der Feste besucht wurde. Infrage kamen die konservativ aus­gerichtete Synagoge der Israelitischen Gemeinde am Börneplatz, die liberal orientierte Synagoge in der Börnestraße und die orthodoxe Synagoge an der Friedberger Anlage (Foto). Zudem gab es mehrere Betstuben. Sie wurden von Privatpersonen oder Vereinen geführt wie in der Ostendstraße 15 und Obermainanlage 8.

Die Mehrheit der Juden im Ostend ging wohl regelmäßig in die Synagoge Friedberger Anla:ge. Sie war mit 1.000 Plätzen für Männer und 600 für Frauen die größte. 1907 wurde sie von der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) erbaut. Die Synagoge wurde 1938 niedergebrannt und 1939 abgerissen. An ihrer Stelle wurde 1943 ein vierstöckiger Luftschutzbunker errichtet. Heute erinnert eine Gedenktafel an die zerstörte Synagoge.

Eine Besonderheit war die Existenz von drei Tora‑Lehranstal­ten. Sie hing mit der starken Orthodoxie in Frankfurt und deren unterschiedlichen Richtungen zusammen. In der Ostendstraße 18 zum Beispiel stand die Lehranstalt der Ostjuden.

 

Schule und Ausbildung:

Allen jüdischen Familien lag die Schulausbildung der Kinder am Herzen. Die soziale und religiöse Situation der Eltern bestimmte die Schulart. Orthodoxe Familien, die es sich leisten konnten, Schuldgeld zu bezahlen, wählten für die Mädchen und Jungen die Realschule der IRG, zunächst Schützen­straße, später Am Tiergarten.

Arme Familien und Migrantenfamilien aus Polen und Rußland, die wenig Deutsch konnten, schickten die Kinder auf die Israelitische Volksschule im Röderbergweg.

Religiös liberale Juden wählten das Philanthropin. Die von der Israelitischen Gemeinde unterhaltene Schule für Jungen und Mädchen führte von der Vorschule bis zum Abitur und nahm auch Nichtjuden auf. Bis 1908 war sie in der Rech­neigrabenstraße, danach in dem noch erhaltenen Gebäude in der Hebelstraße. Dort wird in Kürze die heutige jüdische Schule einziehen. Andere Familien schickten ihre Kinder von Anfang an in öffentliche Schulen. Ergänzt wurden die Schulen durch Ausbildungseinrichtungen wie die Haushaltungs­schule und den Verein für jüdische Krankenpflegerinnen.

In der Zeit des Nationalsozialismus gewannen die jüdischen Schulen und Ausbildungsstellen an Bedeutung. Auch viele Eltern von außerhalb schickten ihre Kinder alleine nach Frankfurt. Nach 1933 wurde in einer ehemaligen Fabrik in der Fischerfeldstraße die sogenannte Anlernwerkstatt (Foto) eingerichtet.

 

Wohlfahrt und Fürsorge:

Krankenhaus, Altersheim, Waisenhaus, Beerdigungsbrüder­schaft und ein enges Netz sozialer Vereine gehören zur Struktur jeder größeren jüdischen Gemeinde. Die Einrichtun­gen in Frankfurt befanden sich zunächst in der Nähe der Börnestraße, der früheren Judengasse. Neubauten wurden in der östlichen Außenstadt errichtet: Das Krankenhaus in der Königswarterstraße, später in der Gagernstraße; Einrichtun­gen für Kinder und pflegebedürftige Personen auf dem Röderbergweg. Durch Spenden und Stiftungen wohlhaben­der Juden waren sie modern und gut ausgestattet. In der Rechneigrabenstraße 18‑20, heute eine Altenwohnanlage, stand das Kranken­haus der Israelitischen Männer‑ und Frauenkrankenkasse (Bild). Es wurde später als Alters‑ und Pflegeheim genutzt. 1938 verhinderte eine couragierte Krankenschwester die Zerstörung und Plünde­rung. Bis Oktober 1942 wurde das Gebäude von der Jüdischen Gemeinde als Altersheim genutzt. Von hier aus fanden Deportationen in Konzentrations‑ und Vernichtungslager statt.

 

Börneplatz:

1882 wurde an der Südwestecke des alten jüdischen Friedhofs die Synagoge der konservativen Israelitischen Gemeinde eingeweiht. Am 10. November 1938 brannte sie aus und musste Anfang 1939 abgerissen werden. Das Grundstück wurde an die Stadt Frankfurt zwangsverkauft.

1946 wurde auf Anordnung der amerikanischen Militärver­waltung ein Gedenkstein „Börneplatz Synagoge“ angebracht, der heute an der Außenmauer des Kundenzentrums der Stadtwerke zu sehen ist.

Die Gedenkstätte Neuer Börneplatz wurde 1996 in Erinne­rung an die Geschich­te der Frankfurter Jüdinnen und Juden und die ungefähr 11.300 deportierten und in Konzentrations­- und Vernichtungsla­gern umgebrachten Frankfurter Jüdinnen und Juden eingeweiht.

 

 Formular zur Bekanntmachung des Abtransportes vom 7. Juni 1942:

Auf behördliche Anordnung setzen wir Sie davon in Kenntnis, daß Sie sich ab Mittwoch, den 10. Juni 1942, vormittags 8 Uhr zur Abwanderung in ihrer Wohnung bereitzuhalten haben, und behändigen Ihnen .. die vor Ihrer Abwanderung auszufüllende Vermögenserklärung. ... Mit der Zustellung ... ist Ihr gesamtes Vermögen als beschlagnahmt anzusehen. ...

Insbesondere ist Ihnen strengstens untersagt, irgendwelche in ihrem Besitz befindliche Gegenstände zu verschenken, zu verkaufen oder einem anderen in Verwahrung zu geben. ...

Bei Verstößen ... drohen strenge polizeiliche Maßnahmen. ... An Bargeld darf jede Person nicht mehr als RM 50 ­mitnehmen. Die Mitnahme eines höheren Betrags ist strengstens verboten. ... Die Mitnahme warmer Kleidung und festes Schuhwerk wird dringend empfohlen. An Gepäck können sie mitnehmen: a) einen nicht zu großen und nicht zu schweren Hand­koffer oder Rucksack, ... nur das unbedingt Notwendige. Die Mitnahme von großem Gepäck ist verboten. b) einen Brotbeutel oder eine Handtasche mit Reise­verpflegung für drei Tage sowie Eßgeschirr, Löffel, Trinkbecher, jedoch kein Messer. ... Noch in Ihrem Besitz befindliche Fahrräder, Schreibmaschinen, Fotoapparate und Ferngläser sind bis Dienstag mittag ... abzuliefern.“

 

Synagoge in der Friedberger Anlage:

Eingeweiht am 29. August 1907. Gebrand­schatzt am 10. November 1938. Die riesige Synago­ge der Israelitischen Religionsgesell­schaft an der Friedberger Anlage ist in der Erinnerung der älteren jüdischen Frankfur­ter unvergessen. Obwohl, vielleicht auch ge­rade weil unter national­sozialistischer Herr­schaft die Stadt auf ihren Grundmauern 1942 den mächtigen Bunker hoch­mauern ließ, der da heute noch steht.

Seit den 80er Jahren liegt ein Gedenkstein davor im Boden: „Hier stand die Friedber­ger-Anla­ge-Synagoge, welche von Nazi-Ver­brechern am 9. November 1938 zerstört wur­de.” Jedes Jahr aufs Neue verharren an dieser Stelle die im Rahmen eines Besuchspro­gramms angereisten jüdischen Gäste aus al­ler Welt, die damals den Ausgrenzungen und Verfolgungen in der Frankfurter Hei­mat nur knapp entkommen könnten. Jene Synagoge, das größte jüdische Gotteshaus in Frankfurt, hatte in den 21 Jahren ihrer Exis­tenz die Funktion eines Tores zum Ostend als Zentrum der gesetzestreuen Juden. Es sollte nach Meinung seiner Erbauer ein Ge­bäude sein, das in seiner Erscheinung die Zu­gehörigkeit der Juden zur deutschen Nation ausdrückte.

Viermal, so ist es den Geschichtsbüchern zu entnehmen, wuchteten dann in den Ta­gen des Novemberpogroms 1938 die im Rah­men der von oben verordneten „antijüdi­schen Demonstrationen“ entfesselten rassis­tischen Brandstifter unter großem Gejohle der Zuschauer Benzinfässer in das Gotteshaus, „da der gewaltige Bau nicht so leicht in Flammen aufgehen wollte“.

Es war der 10. November, ein Donnerstagmorgen; „mein Vater und ich fuhren mit der Linie 6 nach der Friedberger Anlage, wohin wir normalerweise zu gehen pflegten“, hat der jüdische Frankfurter Herbert N. Kruskal ein Vierteljahrhundert später aus der Erin­nerung aufgeschrieben. „Als wir aus der Tram ausstiegen, am Uhrtürmchen, kam Hugo Bondi, eines der Mitglieder des Synagogencomitees in der Friedberger Anlage, auf uns zu: „Meine Herren, gehen Sie nach Hause, die Synagoge brennt.“

Die Kruskals wohnten im Westend, Reuterweg 82, sie fühlten sich bis zu jenem Tag „relativ sicher“. So gingen die beiden Männer trotz der Warnung weiter „durch die Anlage, bis gegenüber der Synagoge“. Die Türen zu dem geheiligten Haus „waren weit auf und innen brannte es“. Herbert Kruskal tat sich schwer, zu begreifen. »Es drang nicht in mich, daß der große Tag der ‚Kristallnacht` und des Pogroms gekommen war. Ich glaubte, es sei der verbrecherische Anschlag einzelner". Später dann, „als wir nach Hause kamen, in den Reuterweg 82, bekam ich, dem jede äußerliche Gefühlsregung fremd war, einen Weinanfall.“

„Sämtliche Frankfurter Synagogen fielen der allgemeinen und von allen Bevölkerungsschichten getragenen, mitreißenden Demonstration zum Opfer“, berichtet der NS-Gaudienst Hessen-Nassau am Abend. Nichts als Propaganda: Die Feuerwehr hatte zwar „strikten Befehl, allein das Ausbreiten der Synagogenbrände auf die nichtjüdischen Nachbarhäuser zu verhindern“, überliefert Jürgen Steen vom Historischen Museum den Ablaufplan der befohlenen Zerstörungen. Doch die Westend-Synagoge wurde auf Anweisung des offenbar nicht eingeweihten Oberbürgermeisters Krebs, der zufällig vorbeikam, als einzige gelöscht.

„Mit dem Abbruch Friedberger Anlage wurde sofort am 17. November begonnen“, steht in den „Dokumenten zur Geschichte der Frankfurter Juden“. Die Kosten für den Abbruch, mit dem bis zu 70 Arbeiter beschäftigt waren, hatten die Jüdischen Gemeinden zu tragen. 1939 dann handelte die Stadt den Juden die Grundstücke der abgetragenen Synagogen ab und kaufte sie.

Der Luftschutzbunker, der seit 1942 auf dem Grundstück Friedberger Anlage 5/6 die Grundmauern der Synagoge fast vollständig versiegelt, ist in den Augen der Mitglieder der „Initiative 9. November” bis heute „ein Symbol für die Politik der Auslöschung der Juden in Nazideutschland”. Die Gründungsgeschichte der Initiative beginnt 1987 mit dem verlorenen Kampf um die Bewahrung der am Börneplatz damals zu Tage getretenen Reste des Frankfurter Judengettos. „Damit schien die Erinnerung an die Geschichte der Frankfurter Juden verbaut und versiegelt“, steht in einer Broschüre, die der Verein vor zwei Jahren heraus gegeben hat.

Doch obwohl die Bundesregierung in den 80er Jahren den Bunker wieder kriegstauglich machte und ihn zum vermeintlichen Schutz vor ABC-Waffen ausbauen ließ: die Vergangenheit gab keine Ruhe. 1996 haben Stuttgarter Studenten zum ersten Mal vorgezeigt, wie man die kalten, finsteren Räume umgestalten könnte. Seit das Jüdische Museum im Jahr 2000 mit der Ausstellung „Ostend: Blick in ein jüdische Viertel” die Lebenswelt um die Friedberger Anlage sichtbar machte, seit im Kulturdezernent das Projekt „Topographie der NS-Zeit” gefördert wird, ist eine „lokalhistorische Bildungsarbeit” im Bunker auch für die Stadtregierung Programm. Bloß wann, das ist offen.

 

Tag für Tag sind es Tausende von Autofahrern, die mitten in Frankfurt den Anlagenring befahren. Was mag ihnen auffallen, wenn sie unweit des Zoos, kurz vor dem „Uhrtürmchen”, die Friedberger Anlage 5/6 passieren? Was sich an diesem Ort ereignete, bleibt im Verborgenen, ist kaum erfahrbar.

Gänzlich anderes erlebten Passanten, die zu Anfang des letzten Jahrhunderts in großer Zahl am Anlagenring flanierten, in dem einst sehr lebendigen Viertel der Stadt. Bis zu dem Zeitpunkt, als sich auch Frankfurt „rühmen” konnte, nationalsozialistisch und (fast) „judenrein” zu sein, war samstags die Durchfahrt der Friedberger Anlage dort nämlich untersagt, um die Sabbat-Ruhe ein-zuhalten! An der Friedberger Anlage konnte - man ein prächtiges Bauwerk in Augenschein nehmen: die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft. Es handelte sich um eine der schönsten deutschen Synagogen, die dort am 29. August 1907 feierlich eingeweiht worden war.

Auf die Zerstörung dieses Gotteshauses in der „Reichskristallnacht” weisen heute nur einige Gedenksteine hin, die unauffällig vor dem monströsen Klotz aus Stahlbeton plaziert wurden, dem hochgerüsteten, gasdichten Zivilschutzbunker, der 1942 anstelle der zerstörten Synagoge von Zwangsarbeitern errichtet wurde, um die Frankfurter Bevölkerung im Ostend vor alliierten Bombenangriffen zu schützen – Juden, „Mischlinge“ und Zwangsarbeiter hatten selbstverständlich keinen Zutritt.

Noch bis vor Monaten war der Betonbau kaum zu erkennen. Bäume und Sträucher verdeckten die Gedenksteine, aber auch das Bauwerk selbst, als solle möglichst Gras über die belastete Geschichte wachsen. Zudem könnte man den Hochbunker aus einiger Entfernung für ein großes Wohnhaus halten; Fensterfaschen und ein kleiner Dachvorsprung erwecken diesen Anschein. Es ist der Initiative 9. November zu verdanken, dass sich dies verändert hat: Erst die Entfernung der Sträucher hat den Blick auf den Bunker freigegeben.

Was diese erste Betrachtung enthüllt, ist folgendes: Inzwischen existieren zwar gewisse Wahrnehmungsreize, sich dem „authentischen Ort“ geschichtlich bedeutsamer Geschehnisse in der Stadt anzunähern, doch ist der Widerstand gegen solche Entdeckungen meist stärker. Analog der psychoanalytischen Erkundung des Verdrängten ist eine Widerstandsanalyse erforderlich, die etwas von dem kenntlich macht, was der Ort bis heute verhüllt.

Wie ein riesiger Pfropfen verdeckt der Klotz eine offene Wunde und ist als Erinnerungssperre zu verstehen, die verhindern soll, in die Thematik von Zerstörung und Vernichtung weiter einzudringen.

Doch gerade dies hatte sich 1988, anlässlich des 50. Jahrestages des Novemberpogroms, eine Grup­pe Frankfurter Bürgerinnen und Bürger vorgenommen – die „Initiative 9. November“. Man wollte sich dem Verschweigen und Vergessen-Machen der Geschichte entgegen stellen, war doch trotz heftiger Proteste entschieden worden, die am Börneplatz entdeckten Fundamente der Judengasse mit einem Gebäude der damaligen Gaswerke zu überbauen.

Die Auseinandersetzungen am Börneplatz, die „Fassbinder-Kontroverse”, der Friedensschluss über Gräbern von SS-Angehörigen in Bitburg, des Bundeskanzlers Helmut Kohls Rede von der „Gnade der späten Geburt“... All dies war der Gründung des Vereins vorangegangen. In diesem Kontext wurde als Thema das Problem von Trauer und Gedenken formuliert.

Wie hängen Trauern und Erinnern zusammen? Können Juden und Nichtjuden in diesem Land gemeinsam um die Opfer der Shoah trauern? Sollte man an der Friedberger Anlage ein zentrales Mahnmal für die Frankfurter Opfer des Holocaust errichten? Da es nicht gestattet wurde, im Bunker eine „Gedenkveranstaltung 9. November 1988” durchzuführen, wurden statt dessen vor dem Bunker die von Adolf Diamant recherchierten Namen der aus Frankfurt deportierten Juden vorgetragen. Die wenigen biographischen Daten – Name, Vorname, Geburtsname, Deportationsziel, manchmal ein Todesdatum – zu lesen und zu hören, brachte eine Annäherung an Menschen, an ehemalige Frankfurter Bürger. Die Frage nach ihren Lebensumständen vor und während der Deportation, aber auch nach den Verantwortlichen, den Tätern, die jene Deportationen vorbereitet und durchgeführt hatten, rückte immer mehr ins Blickfeld. Die Nutzung des Bunkers als Zentrum zur Bearbeitung dieser Fragen bot sich ebenso an wie die Idee, an dieser Stelle einen Lern- und Begegnungsort einzurichten.

Die Frage der architektonischen Umgestaltung des Bunkers blieb kontrovers: Es gab diejenigen, die jede bauliche Veränderung ausschlossen und auf der anderen Seite jene, die den Bunker am liebsten gleich gesprengt und damit beseitigt hätten. Es kann jedoch nicht darum gehen, den Bunker wie einst die Synagoge zu beseitigen, als könnte Geschichte einfach ungeschehen gemacht werden. Vielmehr ist ein architektonischer Eingriff notwendig, um Menschen die geschichtliche Bedeutung des Ortes nahe zu bringen.

Dies könnte etwa heißen, Bruchstücke der Synagoge so darzustellen, dass sie auf ihren Schaffens- wie auf den Zerstörungsprozess architektonisch hinweisen. Die Destruktion der Gemeinde, aber auch die nachfolgende Verleugnung der Geschichte in der Zeit nach dem Nationalsozialismus könnten so dem Vergessenmachen entrissen und nicht zuletzt auch sinnlich erfahrbar gemacht werden. Sich auf so einen Prozess einzulassen, bedeutet zwangsläufig, sich der Unbeweglichkeit und Kälte des Betonklotzes wie auch Ressentiments und Widerstandsformationen entgegenzustellen.

Damit wird deutlich, dass Steine und Beton immer nur Anlass sind, um an das lebendige Leben der Menschen zu erinnern. Die Israelitische Religionsgesellschaft war eine Gemeinde deutscher Juden, die sich ausdrücklich als gleichberechtigte Bürger des Landes mit allen staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten verstanden. Zugleich ging es ihnen gerade nicht darum, sich zu assimilieren, sondern sie wollten an den überlieferten jüdischen Traditionen festhalten.

Dieser Verbindung des Religiösen mit dem Bürgerlichen entsprach sowohl die Architektur der Synagoge, als auch die Erziehungskonzeption der angegliederten Schule mit Gymnasium, in der die Schüler „zu Menschen, Juden und Bürgern” erzogen werden sollten – wie auch die Wahl des Wegbereiters der Neo-Orthodoxie, Samson Raphael Hirsch, zum Gemeinderabbiner. Der Rabbiner sollte jüdisches Wissen vermitteln, über ein fundiertes Allgemeinwissen verfügen und in seiner Person Gelehrsamkeit und Bildung mit einem „tadellosen Charakter und einer religiösen Überzeugung verbinden”.

Im Herbst 1996 hat die „Initiative 9. November“ erstmals Zugang zum Bunker erreicht. Stuttgarter Studenten zeigten ihre Modelle möglicher architektonischer Umgestaltungen. In den folgenden Jahren gab es zahlreiche weitere Veranstaltungen und Aktivitäten: Diskussionsrunden anlässlich der Ausstellung über „die Verbrechen der Wehrmacht”, ferner eine Beteiligung an dem Symposium „Auf dem Wege zur Topographie der NS-Zeit in Frankfurt am Main. Orte, Täter, Opfer, Nachwirken”.

Seitdem sind die Mitglieder der Initiative mit mehreren Projekten befasst. Am gestrigen Dienstag wurde auf der Bunkermauer ein Transparent angebracht, das den Innenraum der Synagoge sichtbar macht. Es geht darum, wenigstens anzudeuten, was hier zerstört wurde. Ein Vorraum des Bunkers wird derzeit als Geschichtsbüro Synagoge-Ostend umgestaltet. Nachdem beim Vergleich von Lageplänen deutlich wurde, dass ein Teil der Synagoge nicht vom Bunker überbaut worden ist, gilt es Ausgrabungen der östlichen Synagogen-Fundamente vorzunehmen, um möglicherweise erhalten gebliebene Reste der Synagoge sichtbar zu machen.

Die Ausstellung „Ostend – Blick in ein jüdisches Viertel” des Jüdischen Museums steht im Mittelpunkt eines weiteren Projekts. Solche Präsentationen sollten allerdings einen provisorischen Charakter bewahren, weil alles andere als ein Sich-Abfinden mit dem unangetasteten Bunker miss-verstanden werden könnte. Das vordringliche Ziel architektonisch en Planens bleibt das Aufbrechen des Bunkers. Es reicht nicht, den Bunker lediglich zu öffnen; vielmehr gilt es, das Zerstörte und den Prozess der Zerstörung der Synagoge sinnlich wahrnehmbar zu machen. Zur grundlegenden Umgestaltung des Ortes sollte ein architektonischer und künstlerischer Wettbewerb aus-geschrieben werden, damit aus dem Bunker ein Ort der Erinnerung, des lernenden Begreifens und der lebendigen Begegnung wird.

Gerade von einem Ort wie diesem können Anstöße zu einem kritischen Diskurs ausgehen, weil die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen wie mit dem Fortwirken der Geschichte auch Antworten auf heutige Konflikte ermöglicht. Die gerade an die Öffentlichkeit gelangte Rede des – im Bundestags-Innenausschuss bislang für das Thema Zwangsarbeiter-Entschädigung zuständigen – hessischen Bundestagsabgeordneten Hohmann, der sich mit Hilfe antisemitischer Klischees Zuspruch breiter Bevölkerungskreise verschafft, macht deutlich, wie wichtig der Ansatz der Initiative 9. November auch heute ist.

Geschichtsklitterung und das Verkehren von Täter- und Opferschaft sind immer wieder beliebte Mittel zum Aufrechterhalten alter wie zum Schaffen neuer Ressentiments. Menschen sind verführar, und Antisemitismus steckt an. Um so wichtiger ist es, solche Zusammenhänge zu verdeutlichen.

Entgegen jeder Vernunft werden aber gerade in Zeiten ökonomischer Krisen – wenn Menschen ganz besonders anfällig sind für einfache „Erklärungen” und Vorurteile – der Aufklärung verpflichtete soziale, kulturelle und wissenschaftliche Institutionen weniger gefördert, sondern vielmehr selbst bedroht.

Es gibt indessen ein weiteres nicht unwesentliches Moment des Widerstands gegen aufklärendes Engagement, das keineswegs unterschätzt werden darf: die Macht magischen Denkens, tiefe kulturell tradierte Ängste der Menschen, die sich dem Ausgraben verschütteter Geschichte stets widersetzen. Dabei handelt es sich um die Angst vor den Toten, die Angst vor ihrer Wiederkehr, die Angst vor ihrer Rache. Vermutlich war der Literaturhistoriker Hans Mayer mit solchen Phantasien in Berührung gekommen, denn in seinen Erinnerungen an den 30. Januar 1933 hat er geschrieben: „Es gibt eine wundersame Heilkraft der Natur, doch es gibt keine Heilkräfte der Geschichte. Es heißt zwar: ,Darüber muß Gras wachsen', allein unter dem Gras liegen nach wie vor die Toten.“

 

Synagoge am Börneplatz:

Die Börneplatz Gedenkstätte  mit den Namenstafeln von 11.135 jüdischen Opfern: Ein Platz, der verstummen läßt, begrenzt von einer 300 Meter langen Mauer, die von 11.135 jüdischen Opfern berichtet: Mit der „Gedenkstätte für die von Nationalsozialisten vernichtete dritte jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main wird hinter dem Stadtwerke-Gebäude der „Neue Börneplatz” der Öffentlichkeit übergeben

Ein Kubus aus den grauen, rosa und roten Steinen des Judengettos, die abgetragen wurden, nachdem 1987 die Entscheidung für den Bau des Stadtwerke-Zentrums am historischen Börneplatz getroffen war, steht im Mittelpunkt.

Handschriftliche Nummern, die die Archäologen auf die Mauerstücke aufgetragen haben, rufen die Erinnerung an die Auseinandersetzungen zurück, die damals monatelang um diese Zeugnisse jahrhundertelanger Ausgrenzung geführt worden waren: Die Fragmente des im Boden Vorgefundene sollten, durch die Nummern geordnet, als Mahnmal wieder zusammengesetzt werden können. Nachdem nun der Zweckbau auf dem alten Judenmarkt steht, finden sich die Erinnerungsstücke an Leben und Tod der nach Berlin zweit größten jüdischen Gemeinde in Deutschland wie in einem Regal aufgestapelt.

Neben den zur Reminiszenz gewordenen Gettoresten ist die Sprache der 11.135 Edelstahl-Namenblöcke für jeden, der an die Mauer des Alten Jüdischen Friedhofs tritt, unüberhörbar. Was „Johanna Aaron, geb. Honi, 1874—1942, Theresienstadt”, geschah, mit der die Reihe in der Battonn-Straße beginnt, spricht aus Sterbedatum und Sterbeort. Nicht anders bei „Rosa Hessenberger, 1877- unbekannt”, einem Namensblock für eine Frankfurterin, von der noch nicht einmal Todesdatum oder –ort geblieben sind. Nicht anders bei „Selma Zwirn, geb. Itzig, 1859-1942, Freitod“, mit der die Auflistung Richtung Rechneigrabenstraße endet - einer derjenigen Jüdinnen, die sich entschieden, der Deportation durch den Tod von eigener Hand zu entkommen.

Wer den Platz von der Battonnstraße her betritt, bewegt sich der Mauer entlang: Erst auf den spitzen Steinen eines groben Basaltschotters, dann über den durch Gußasphalt kenntlich gemachten Grundriß der zerstörten Börneplatz-Synagoge. Nichts läßt mehr erkennen, daß die Wand den jahrhundertealten Jüdischen Friedhof umschließt; dicker, hellgelber Rauhputz gibt ihr die Wirkung einer Sicherheitssperre. Durch die Bewegung des Gehens scheint es, als ob die tausendfach Benannten in Reih und Glied antreten.

Die Historikerinnen Heike Drummer und Jutta Zwilling, die im Auftrag des Jüdischen Museums ein Dreivierteljahr lang in Gedenkbüchern und Archiven, Deportationslisten, Hausstands- oder Sterbebüchern, Karteien, Urkunden und Akten die Namen der zu Tode gebrachten Frankfurter Juden heraussuchten, sind sich bewußt, daß sie die Nazi-Bürokratisierung der massenhaften Menschenvernichtung nachvollziehen. Sie wissen ebenso, daß nichts das Verhältnis der in alle Winde zerstreuten Hinterbliebenen zur Heimatstadt der Familie so aufgerührt hat, wie das Konzept der Namensmauer - die Absicht, all denen einen Grabstein zu geben,             die kein Grab haben. Einsprüche hat es nicht gegeben - nur immer wieder Briefe mit der Hoffnung: „Sind meine Eltern drauf, ist der Name meines Vaters richtig geschrieben?” (Museumsdirektor Georg Heuberger). So ist der erste Weg all derer, die die Gedenkstätte schon während der besucht haben, der an die Mauer:“ „Herzergreifende Szenen” haben die Historiker gesehen - und gemerkt, daß das Register der Toten nicht vollständig ist. Oskar Alexandrovicz, Bertha Arenstein, geborene Stern - Namen, deren Schicksal bis zum Abschluß der Recherchen nicht geklärt war. Namen, die fehlen und in einem Anhang am Ende der Wand ergänzt werden müssen.

Nicht nur die Historiker sehen darum die Eröffnung der Gedenkstätte „als Zwischenstation in einer permanenten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit”. Auch, was Lebensläufe der Ermordeten betrifft, die zunächst nur für die (bislang) 307 Menschen mit dem Anfangsbuchstaben „A“ recherchiert und an einer Datenbank im Jüdischen Museum abrufbar sind.

„A”, wie Else Alken, Bruno Asch, Ludwig Ascher... - mit einem Klick lassen sich Geburtsdaten, Familienstand, Frankfurter Adressen, der Berufsweg auf den Bildschirm rufen. Ebenso allgemeine Informationen - über „Judenhäuser“ etwa, oder die Vernichtungslager.

Kulturdezernentin Linda Reisch sicherte in einer Pressekonferenz am Freitag zu, daß „sowohl die Namensliste als auch die Datenbank weiter ausgebaut werden; die Gedenkstätte ist Aufforderung zur weiteren Nachforschung. Damit werden die beiden Historikerinnen, die noch 1097

 Kartons Devisenakten und 180.000 Entschädigungsakten vor sich haben, weitere

und vier bis fünf Jahre zu tun haben.

Oberbürgermeisterin Petra Roth erinnerte an die ;,vielen Jahre der Auseinandersetzungen, die vorausgegangen sind. Auch für sie gibt es „kein Ende der Debatte: Der Börneplatz bleibt eine schmerzende Wunde.”. Das „Mahnmal unvorstellbarer Menschenverachtung” - sei  „Zeugnis des Ringens um Anerkennung und Gleichheit” der Judenheit und „Erinnerung an die Systematik der Ermordung von Millionen” in einem.

Die Eröffnung der Gedenkstätte am Sonntag, 16. Juni 1996, 11 Uhr, wird für Petra Roth als „historischer Tag” in Erinnerung bleiben. Als Gäste sind Tel Avivs Oberbürgermeister Ehud Olmert und Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth dabei.

           

Ein Kompromiss feiert sein zehnjähriges Bestehen. Das Museum Judengasse, eingefügt in die Tiefgarage eines Zweckbaus für die Stadtwerke, ist unter großen Schmerzen geboren worden. Die Eröffnung der Dependance des Jüdischen Museums jährte sich am gestrigen 27. November zum zehnten Mal. In dieser Zeit, so die Meinung von Museumsdirektor Georg Heuberger, ist rund um die museal aufbereiteten fünf Keller des historischen Ghettos so viel in Bewegung gekommen, dass man sagen könne: „Es war damals doch die richtige Entscheidung.”

Fünf Jahre dauerte am Börneplatz der Werdensprozess, nachdem 1987, so erinnerte sich Heuberger aus Anlass des Jubiläums, „plötzlich die verlorene und verdrängte Geschichte der Frankfurter Juden aus der Erde erstand”. Eine archäologische Grabung auf dem historischen Judenmarkt hatte in der Baugrube des Stadtwerke-Kundenzentrums die gelbbraun-bröseligen Kellerfundamente des Frankfurter Judenghettos ans Licht gebracht. 18 Gebäudegrundrisse in winzigen Abmessungen, die von Jahrhunderten der Ausgrenzung berichteten und nach mahnender Überlieferung am aufgefundenen Ort schrien.

Und darum, so rekonstruierte gestern Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff (SPD) die Reaktionen vieler auf die 1987 offen zu Tage liegende Wunde, „tobte der Kampf“. Demonstranten und Bauplatzbesetzer, Dichter und Denker, stritten gegen „Geschichts-Entsorgung” – und daraus entstand als Kompromiss das „Museum Judengasse“, eben „nicht nur einfach ein Museum”, wie Nordhoff feststellte.

„Die Situation”, blickte Museumsleiter Heuberger zurück, damals ganz neu in Frankfurt, „war auch für mich persönlich eine besondere Herausforderung.” Zumal: „Viele, die sich für die Erhaltung der Ruinen eingesetzt hatten, haben den Beschluss als Niederlage empfunden.” Die Museumsleute aber seien daran gegangen, „das Engagement und das Interesse, das die Ruinen 1987 ausgelöst hatten, in den Alltag der Stadt zu überführen”. Die erste von 36 Ausstellungen zu Stadtgeschichte, Verfolgung, Exil und Alltag stand Jahre lang: „Stationen des Vergessens” spiegelte Hintergrund, Ablauf und Argumente des Börneplatz-Konflikts.

Seitdem bildet das kleine Museum am unwirtlichen Ort der Kurt-Schumacher-Straße unter der Leitung von Fritz Backhaus ein Bollwerk der Erinnerung gegen die zugebaute Geschichte von Judenmarkt und Judenghetto. Rund um den als Raum verschwundenen Platz wurde das Bewusstsein für das Verlorene mehr und mehr erweitert.

Die Stadt hat das Fundament der 1938 zerstörten Börneplatz-Synagoge im Boden hinter dem Haus kenntlich gemacht, hat mit genau 11.34 Namen von ermordeten jüdischen Frankfurtern die Gedenkstätte Börneplatz eingerichtet, für die Dokumentation des angrenzenden, 800 Jahre alten Jüdischen Friedhofs gesorgt.

Der Umgang hat Anstoß gegeben, dass das Interesse an jüdisch-deutschem Leben seit dem Mittelalter wuchs. Seit 1987, so heißt es in der Ankündigung zu einem Jubiläums-Kongress am kommenden Wochenende, folgten dem Frankfurter Geschichtsstreit „eine Reihe von vergleichbaren archäologischen Untersuchungen”.

Grabungsfunde aus Wien, Speyer, Worms, Marburg, Trier, Erfurt und Köln hätten „unser Bild jüdischen Lebens erheblich erweitert”. Zur Tagung im Museum Judengasse, Kurt Schumacher Straße 10, findet am Samstag, 30. November, 18 Uhr, ein öffentlicher Vortrag von Michael Toch über „Jüdisches Leben im Mittelalter” statt. Am Sonntag, 1. Dezember, 20 Uhr, spricht dort Annette Weber über „Ritus und Objekt vom Mittelalter bis zur Neuzeit.”

 

Erweitertes Börneplatz-Museum Judengasse soll die Erinnerung an die jüdischen Opfer besser zugänglich machen. „Wir können”, sagte Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff, „heute Erfolg vermelden.” In einem Jahr soll am Börneplatz „Schindlers Liste” aushängen und das gewünschte „Oskar- und Emilie Schindler-Zentrum” eingerichtet sein. Die Vermieterin Stadtwerke-Holding, die lange beharrte, sie könne dem Museum Judengasse Räume „nur zu marktüblicher Miete” überlassen, gibt die gewünschten 145 Quadratmeter Fläche als Spende dazu.

Der Fabrikant Oskar Schindler (1908-1974) war nach dem Krieg zum Frankfurter geworden: Der Retter von 1200 Juden., deren Namen er ab 1940 als unverzichtbare Arbeitskräfte auf jene Liste setzen ließ lebte ab 1958 erst in der Arndtstraße 46, dann Am Hauptbahnhof 4.

Für Georg Heuberger, den Direktor des Frankfurter Jüdischen Museums, „straft Schindlers Name alle diejenigen Lügen, die sagen: Man konnte gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik nichts tun”. Deshalb, so Heuberger am Mittwoch aus Anlass des zehnten Eröffnungstages des Museums Judengasse, soll dieser Name mit dem geplanten Lernzentrum verbunden werden.

Dass die Stadtwerke, in deren Kundenzentrum am Börneplatz nach hartem Kampf ab 1992 ein „Ensemble der Erinnerung” (Nordhoff) entstand, die Erweiterung zum Nulltarif zulassen, hat Dieter Trautwein nach den Worten seiner Frau Ursula vor seinem Tod Anfang November gerade noch erfahren. Der frühere evangelische Propst von Frankfurt war nach ihrem Bericht in den 60er Jahren auf Oskar Schindlers Namen und seine Geschichte in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel aufmerksam geworden. Später waren sie Freunde. Ursula Trautwein erwähnte zehn Kartons aus dem Nachlass, deren Inhalt sie noch für das geplante Zentrum sichten werde.

Die nötigen Räume, angrenzend an das bestehende Museum Judengasse, würden im Januar 2003 frei, informierte der Kulturdezernent. Das Lernzentrum wird neben der kleinen Gedenkausstellung auch die Datenbank aufnehmen, an der im Jüdischen Museum seit 1995 gearbeitet wird. Bisher enthält diese Dokumentation zum Nutzen von Angehörigen, von Historikern oder von Schulen 12.442 Einträge zu den aus Frankfurt stammenden jüdischen Opfern. Ende 2003 soll es vollendet sein, jenes laut Direktor Heuberger „in Deutschland einzigartige Vorhaben, die Biografien von an-nähernd 12.000 deportierten und ermordeten Menschen zu rekonstruieren”.

In einer dritten Abteilung des Oskar- und Emilie Schindler-Zentrums soll man Interviews von Steven Spielbergs Shoa-Foundation mit Überlebenden abrufen können. Museumsleiter Heuberger hofft darauf, dass auch Videos derjenigen nach Frankfurt kommen, die dank „Schindlers Liste” vor dem Vernichtungslager gerettet wurden.

Die Namensliste der Frankfurter Opfer auf 12.625 erweitert. „Ein Raum”, sagte Museumsdirektor Georg Heuberger, „mit großer symbolischer Bedeutung”. Das Jüdische Museum hat das neue Oskar und Emilie Schindler-Zentrum in seiner Dependance am Börneplatz vorgestellt. Gegen Intoleranz und Vourteile kann man sich da künftig „eine Lerneinheit bestellen”.

Mit diesen Worten hat Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff am Freitag den Zweck der Erweiterung des Museums Judengasse im Mainova-Gebäude beschrieben.

Das Zentrum musste gegen Vermarktungswünsche des Versorgungsunternehmens erkämpft werden. Jetzt sei der Sponsoring-Vertrag, der es erlaubt, die Flächen dem Museum mietfrei zu geben, in den Gremien abgestimmt.

Oskar Schindler, der als Unternehmer in Krakau an die 1200 jüdische Frauen und Männer vor den Vernichtungslagern retten konnte, indem er sie auf eine Liste dringend benötigter Arbeitskräfte setzte, hat später 19 Jahre in einer kleinen Wohnung Am Hauptbahnhof 4 gewohnt. „Unerkannt lebt er unter uns”, veröffentlichte 1965 ein Film, den man sich in den Räumen des neuen Lernzentrums zeigen lassen kann. Doch erst seit Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste”, 20 Jahre nach seinem Tod, ist Schindler eine weltweite Berühmtheit. Mit dieser Geschichte hat das Museum die Möglichkeit, an das grausame Geschehen jener Zeit „eine positive Anknüpfung“ zu finden.

Schindlers Liste, bestehend aus einer „Häftlingsliste Frauen” mit 297 Namen und einer aus 801 Namen zusammengesetzten „Liste der männlichen Häftlinge”, hängt jetzt als Faksimile an der Wand der Museumserweiterung am Börneplatz und zieht die Blicke auf sich. Von der Metallarbeiterin „Aftergut, Berta, geboren am 20.2. 1916” bis zur Metallarbeiterin „Zwetschkenstiel, Jenta, geboren am 8. 7. 1908” geht die Reihe bei den Frauen. Der Autoschlosser „Krischer, Hirsch, geboren 15.8.1897” führt die Auflistung der Männer an, die mit dem Namen des Hilfsarbeiters „Kief, Jarum, geboren 2. 12. 1917” endet. Das Dokument enthält auch die Namen der Eltern von Michel Friedman, die mit Oskar Schindler s Hilfe davonkamen. Ferner kann Museumsdirektor Georg Heuberger unter Nummer 69280 seinen Onkel Edward Heuberger ausdeuten. Was das Schindler-Zentrum nach Angaben seiner Gründer in Deutschland einzigartig macht, ist, dass man dort bald auch den Erinnerungen dieser überlebenden zuhören kann, die von Spielbergs Shoa-Foundation interviewt worden sind. Ferner ist mit acht Terminals jene Datenbank angegliedert, aus der sich Lebensdaten und Schicksale der deportierten und ermordeten jüdischen Frankfurter abrufen lassen.

Als die Gedenkstätte Börneplatz hinter dem Museum eingerichtet wurde, hatte man 11.134 Opfernamen zusammengetragen und ihnen je ein Namensblöckchen gegeben. Inzwischen hat die Recherche 12.625 Namen erbracht, so dass der Namensfries erweitert werden muss. Vielleicht bis 2005, dann plant das Jüdische Museum eine Deportationsausstellung – zum 60. Jahrestag der letzten Deportation, die am 15. März 1945 nach Theresienstadt führte.

 

Westend-Synagoge:

 „Ich soll eigentlich im Ruhestand sein“, schmunzelt Jakob Horowitz. Doch da fehlt ihm die Zeit. Der Steinmetzmeister „in dritter Generation”, dessen Name vom uralten Stamm Levi herrührt, verwaltet den jüdischen Friedhof und betreut Besuchergruppen. Horowitz mahnt: „Bitte Fragen stellen.” Zum Beispiel: „Warum tragen jüdische verheiratete Frauen Perücke oder Kopftuch?“ Oder: „Was ist ein koscherer Schneider?“

 Ein Zentrum des jüdischen Frankfurter Lebens ist und war die Westend-Synagoge, Freiherr-vom-Stein-Straße 30. Entworfen vom Stuttgarter Architekten Franz Roeckle, erbaut 1910, über-stand sie als einzige Frankfurter Synagoge das faschistische Pogrom im November 1938. Ihre Wiedereinweihung 1950 war ein Signal der Zuversicht, dass jüdische Bürger in Frankfurt wieder heimisch sein können. „Deutschland ist kein Boden für Juden”, sagte Robert Weltsch, Chefredakteur der bis 1938 erschienenen „Jüdischen Rundschau“, im Nachkriegsjahr 1946. 40 Jahre später, bei der Einweihung des Jüdischen Gemeindezentrums Savignystraße, sagte Ignatz Bubis: „Es war richtig, wieder anzufangen.” Ein Glück für die Stadt, deren Geschichte ohne ihre jüdischen Bürger nicht vorstellbar ist.

Blühend und vielschichtig war die Frankfurter Gemeinde. Im Westend lebte das liberale jüdische Bürgertum, ging zum reformierten Gottesdienst in die Westend-Synagoge. Im Ostend konzentrierten sich die orthodoxen „Ost-Juden” mit ihrer Synagoge Friedberger Anlage. Rund 29.000 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde 1933. Während der Nazi-Diktatur flohen Tausende ins Exil. Mehr als 11.000 wurden umgebracht.

Die Westend-Synagoge ist erstaun­licherweise nach dem 9. November 1938 nicht abgerissen worden wie die anderen drei großen Synagogen in Frankfurt. Wie die 1860 eingeweihte Hauptsynago­ge an der damaligen Börnestraße an der ehemaligen Judengasse, die am Ende von den Liberalen in der Einheitsge­meinde, der Israelitischen Gemeinde, ge­nutzt worden war. Wie die außen im Stil der italienischen Renaissance gehaltene und innen nach orthodoxem Ritus ge­staltete Börneplatz-Synagoge, vollendet 1882 und Versammlungshaus der Ortho­doxen in der Einheitsgemeinde. Und wie die Synagoge an der Friedberger An­lage, gebaut 1907 für die besonders streng orthodoxen Mitglieder der Israelitischen Religionsgesellschaft, die nicht der Frankfurter Einheitsgemeinde ange­hören wollten.

Alle drei Häuser, aber auch die 1910 von den Liberalen errichtete Westend-Synagoge sind in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von marodierenden SA-Horden in Brand gesetzt wor­den. Die Aufräum- und Abrißarbeiten mußten übrigens die Frankfurter Juden selbst bezahlen. Steine aus der Haupt­synagoge am Börneplatz wurden als Baumaterial für eine Einfriedungsmau­er des Hauptfriedhofs an der Eckenhei­mer Landstraße genutzt.

Heute abend erinnert sich die hiesige jüdische Gemeinde wie immer am Abend vor dem 9. November in der Westend-Synagoge an die „Reichskri­stallnacht”, wie diese von Reichspro­pagandaminister Goebbels im ganzen Reich inszenierte mörderische Nacht später im Volksmund genannt wurde.

Ein derartiger Pogrom ist mittlerweile in Deutschland unvorstellbar, was indes nicht bedeutet, daß der Westend-Syna­goge keine Gefahr mehr droht. Wie alle jüdischen Einrichtungen gilt auch die heutige Hauptsynagoge der Frankfurter Gemeinde als potentielles Attentatsziel fanatischer Rechtsradikaler und Islami­sten und wird deshalb rund um die Uhr von der Polizei bewacht. Schwere Beton­poller rund um das Gebäude sollen ver­hindern, daß Terroristen in unmittelba­rer Nähe der Synagoge ein Sprengstoff-Fahrzeug abstellen.

Warum ist die Westend-Synagoge wäh­rend der Nazi-Zeit nicht völlig ausra­diert worden wie ihre Schwestersynago­gen? Nicht, wie es zuweilen heißt, wegen des Kastellans Valentin Bachmann, der – übrigens ein treuer Katholik – sich ge­genüber den SA-Trupps weigerte, die Tü­ren zu öffnen. Das war gewiß ein muti­ges Verhalten, hat aber den Nazi-Pöbel nicht daran hindern können, sich gewalt­sam Zutritt in das Gotteshaus zu ver­schaffen. Die Brandstifter gossen Ben­zin in die Synagoge und steckten das Gebäude an. Routinemäßig rückte die Feuerwehr an und durfte – so sagt es die Legende – auf ausdrücklichen Befehl des Frankfurter NS-Oberbürgermeisters Friedrich.. Krebs sogar löschen. Krebs soll ein Übergreifen der Flammen auf benachbarte Wohnhäuser befürchtet ha­ben. Doch historisch gesichert ist diese Version nicht.

Als Gotteshaus konnte und durfte die Westend-Synagoge hernach nicht mehr dienen, sie beherbergte vielmehr Kulissen der Oper Frankfurt, nachdem die Is­raelitische Gemeinde Grundstück und Gebäude im April 1939 wider Willen der Stadt Frankfurt hatte übereignen müssen. Wie auch ihre anderen Immo­bilien, also die drei erwähnten Synago­gen, das Philanthropin mit seiner Schule oder das jüdische Krankenhaus an der Gagernstraße. Weil mit den Luftangrif­fen zunehmend Bombengeschädigte neu ausgestattet werden mußten, richtete die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) in der Westend-Synagoge ein Möbellager ein. Bis schließlich nach einer Bombardierung am 20. März das Gebäude vollständig ausbrannte, wobei die Mauern stehenblieben und die Syn­agoge seltsamerweise, so erzählen jedenfalls Zeitgenossen, von außen unver­sehrt gewirkt habe.

Warum sind diese Außenmauern nicht abgerissen worden wie bei den anderen drei Synagogen in der Frankfurter Innen­stadt? Es gibt darüber nur Vermutungen, keine gesicherten Beweise. Möglicherwei­se dachten einige Nazi-Oberen von vornherein an eine säkulare Nutzung der Synagoge, die von ihrem Äußeren her wohlnicht als offensichtlich jüdisches Gotteshaus ins Auge fällt und deshalb leicht auch als NSDAP-Zentrale hätte Verwendung fin­den können. Offenbach ist der Beweis dafür, daß solch eine vorausschauende Nichtzerstörung vorgekommen ist.

Dort hatten sowohl Funktionäre der Hitler­partei wie auch ein örtlicher Kinobesit­zer ein Auge auf die Synagoge an der Goethestraße geworfen, weshalb das Gebäude nicht zerstört wurde. Michael Lenarz vom Jüdischen Museum Frankfurt hält es für durchaus möglich, daß auch die Synagoge im Westend unter dem Ge­sichtspunkt einer späteren Nutzung von den Nationalsozialisten geschont wurde. In der Tat hatte, wie der Historiker Arno Lustiger berichtete, die Frank­furter NSDAP bei Oberbürgermeister Krebs beantragt, die geschändete Syn­agoge als Kulturhaus nutzen zu dürfen. Krebs stellte die Sache zurück — bis nach dem Endsieg.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten nurmehr 146 jüdische Bürger in Frankfurt. Rund 400 überstanden die KZ Theresienstadt und Buchenwald. Dazu hausten zahlreiche tief verstörte Juden osteuropäischer Herkunft im Zeilsheimer Lager für „Displaced Person”. Sie alle begründeten den Neubeginn. Heute zählt die jüdische Gemeinde Frankfurt mehr als 6.500 Mitglieder. Seit Mauerfall und Ostblock-Ende strömten viele Menschen jüdischen Glaubens gen Westen und auch in die Mainmetropole. Inzwischen wird die einheitlich-orthodoxe Ausrichtung wieder hinterfragt, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommen liberale Strömungen auf (Siehe auch Ausflüge/Frankfurt).

 

Jüdische Einwohner von Frankfurt:

Arthur von Weinberg:

Arthur von Weinberg wurde geboren am 17. August 7860 in Frankfurt. Er studiert Chemie, Physik, Mathematik und Altphilologie in Straßburg und München und promoviert 1882. Ein Jahr später wird Arthur von Weinberg Teilhaber und technischer Leiter der Firma Cassella. 1908 läßt er die Villa Buchenrode in Niederrad errichten. Sie wird 1944 zerstört. Im Ersten Weltkrieg ist von Weinberg Reserveoffizier. Aufgrund seines sozialen Engagements wird er zahlreich geehrt: 1927 bekommt er die silberne Plakette der Stadt Frankfurt, 130 wird er zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. 1932 bekommt er die Goethe‑Medaille des Reichspräsidenten.

Noch 1933 ist Arthur von Weinberg auf Druck der Nationalsozialisten gezwungen, seine Wirtschaftsämter niederzulegen. 1938 muss er seine Villa an die Stadt verkaufen. Er verläßt Frankfurt und zieht zu seiner Tochter noch Oberbayern. Anfang Juni 1942 wird er dort verhaftet.

Im Alter von 81 Jahren wird er in dos Durchgangs-­ und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. 1943 im März stirbt er dort an den Folgen einer Operation.

 

Anne Frank:

Die Universalisierung der Anne Frank, die Glättung und Bereinigung von Widersprüchen, die ihr Tagebuch im Laufe der Rezeptionsgeschichte erfahren hat, bedeutet die Vollendung ihrer Vernichtung, urteilt Hanno Loewy, der Direktor des Fritz-Bauer-Instituts (Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust) in Frankfurt am Main. Zur Wiederkehr des Geburtstages von Anne Frank am 12. Juni dokumentieren wir einen Vortrag, den Hanno Loewy im März bei einer gemeinsamen Tagung des Fritz-Bauer-Instituts, der Evangelischen Akademie Arnoldshain und des Hamburger Instituts für Sozialforschung gehalten hat.

Nicht erst das Stück und der Film, auch das Tagebuch selbst, das mehrere Generationen von Lesern verschlungen haben, war ein filigran amputierter Torso. Erst 1986 erschien in den Niederlanden und 1988 erstmals in deutscher Lebersetzung das „vollständige” Tagebuch von Anne Frank, und das heißt auch die verschiedenen Versionen, die sie selbst von manchen Tagebucheinträgen hinterlassen hatte. So hatte Anne Frank 1944 tatsächlich damit begonnen, ihr Tagebuch für eine mögliche spätere Veröffentlichung zu bearbeiten. Doch nicht einmal die voluminöse textkritische Ausgabe, auf die mittlerweile auch eine neue, vervollständigte Taschenbuchausgabe zurückgeht, ist gänzlich frei von Zensur.

Einzelne Passagen sind selbst hier noch gestrichen worden, mit Verweis auf den Wunsch der Familie Frank und das von Anne Frank „unrichtig” und „unfreundlich” vermittelte Bild ihrer Eltern.

Otto Frank hatte, als er im Herbst 1945 aus Auschwitz nach Amsterdam zurückkehrte, von Miep Gies das Tagebuch seiner Tochter überreicht bekommen, das sie nach der Verhaftung der Familie Frank im Hinterhaus gefunden hatte. Die Lektüre muß für ihn unaussprechliche Qualen bedeutet haben, erinnerte sie ihn doch nicht nur an den Verlust seiner beiden Töchter, seiner Frau und aller anderen, die im Hinterhaus zwei Jahre lang versteckt gelebt hatten.

 Anne Frank hatte ihrem Tagebuch, und vor allem darum geht es in ihm, ihren täglichen Kampf mit ihrer Familie, ihren Kampf um Selbständigkeit und Selbstfindung anvertraut. Die Geschichte einer Adoleszenz, in der zunächst das Verhältnis zur Mutter sich bis zur Unerträglichkeit verschlechtert und der Vater zum idealisierten Gegenpol des Verstehens und Sich-verstanden-Fühlens wird. Bis schließlich auch hier das Vertrauen verlorengeht. Denn nun ist ein fast gleichaltriger Junge, oder sollen wir sagen: ein junger Mann, in die Beziehungswelt eingetreten. Mit ihm zusammen kann sich Anne von der „Welt der Erwachsenen” distanzieren.

Die äußere Bedrohung und das Leben im Versteck, die Unmöglichkeit selbstgewählter Beziehungen, die fortwährende Angst, entdeckt zu werden, durch irgendein Fehlverhalten das eigene Leben und das aller anderen zu gefährden, und schließlich die unendlichen Stunden des Tages, in denen kein Laut ertönen darf, in denen Zeit ist, zum Schreiben, sie legen sich wie ein Brennglas über die Erfahrungen und Gefühle des jungen Mädchens, das im Begriff ist, eine Frau zu werden.

Anne Frank hält sich zugleich selbst den Spiegel vor, mit einer Mischung von kindlichem Narzißmus und schonungsloser Selbstreflektiertheit, die ihr Tagebuch zu Recht heraushebt aus allen bekannten vergleichbaren Texten. Ihr Thema ist nicht der Holocaust;, sondern ihr Kampf um ihr Selbst im Angesicht einer Welt, in der die Erwachsenen die Moral, die sie predigen, fortwährend verraten. Draußen, aber auch im Hinterhaus. Das Drama eines begabten Kindes; das seine jungen Ideale von eben jenen verraten sieht, die ihr gegenüber die Welt der Moral, der Werte und Regeln repräsentieren.

Otto Frank entschied sich, trotz oder gerade wegen seiner zu vermutenden Schuldgefühle gegenüber seiner Tochter, die er eben nicht hat retten können und deren Seelenlandschaft sich ihm nun auftut, er entschied sich nach überraschend kurzer Zeit dafür, Anne Franks Tagebuch zu veröffentlichen, sozusagen die Flucht - nach vorne anzutreten. Eintragungen Annes, die sich mit ihren literarischen Ambitionen, ihren Hoffnungen auf die Zeit nach dem Krieg, ja auf ein Fortwirken ihrer schriftstellerischen Arbeit nach ihrem Tode beschäftigen, mögen ihm dabei wie eine Verpflichtung erschienen sein.

Otto Frank nahm signifikante Kürzungen vor. (...) Otto Franks Retuschen am Tagebuch seiner Tochter bezogen sich augenscheinlich vor allem auf zwei Themen. Otto Frank wollte das Gedächtnis seiner Frau und Annes Mutter Edith nicht beflecken. Von Annes Kampf mit Edith Frank blieb nur ein matter Widerschein übrig. Andere gestrichene Passagen oder umformulierte Stellen bezogen sich auf Annes freizügigen Umgang mit der eigenen körperlichen und sexuellen Entwicklung. Otto Frank mußte zu Recht fürchten, daß manche Äußerungen Annes das Buch in aller Unschuld auf den Index befördert hätten.

Andere Korrekturen erschließen sich jedoch erst bei mikroskopischerer Betrachtung. Hier interessieren uns nun besonders die Änderungen in der deutschen Ausgabe, von denen wir freilich nicht sagen können, inwieweit sie letztlich von Otto Frank selbst oder der Übersetzerin veranlaßt worden sind. Alvin H. Rosenfeld hat in seiner Analyse eine Reihe von kleineren Änderungen miteinander korreliert, die sämtlich mit der Verwendung des Wortes „deutsch” zusammenhängen.

 

Dabei verschwinden zahlreiche Verweise auf die kollektive Zugehörigkeit der Täter. So wurde an einer Stelle aus den „Deutschen” „die besetzende Macht” (Eintrag vom 18. 5. 1943) oder gar „die Unterdrückung” (Eintrag vom 28. 1. 1944). An anderer Stelle wird aus:: „gibt es keine größere Feindschaft auf dieser Welt als zwischen Deutschen und Juden” die Feindschaft „zwischen diesen Deutschen und den Juden” (Eintrag 9. 10. 1942). Das hinzugefügte Wort wird auch noch kursiviert, also mit Betonung versehen.

Aus Anne Franks Bemerkung in ihrem „Leitfaden für das Hinterhaus”: „Erlaubt sind alle Kultursprachen, also kein Deutsch” wird der Satz: „Alle Kultursprachen, aber leise!!!” Interessanterweise werden aber auch die Hinweise darauf getilgt; daß Anne Frank selbst aus Deutschland. stammt und die Franks mit deutscher Kultur stark. verbunden sind. So wird jene schon zitierte Passage, die im Hinweis auf die Feindschaft endet, noch in einer anderen signifikanten Hinsicht manipuliert. Spricht Anne Frank tatsächlich davon, daß sie, von Hitler staatenlos gemacht, zu diesem Volk, den Deutschen „eigentlich auch noch dazu gehört, so heißt es in der

Übersetzung- „Und dazu gehörte ich auch einmal”.

So verschwindet auch der Hinweis darauf, daß ihre Mutter ihr „Gebete in Deutsch“ zum Lesen in-` die Hand drückt (29. 10. 1942) oder daß ihr Vater ihr ein Gedicht in deutscher Sprache geschrieben hat (13. 6. 1943). Offenbar schien es angeraten, das sehr reale Konfliktverhältnis und seine Spiegelung im Tagebuch, der ernüchterte Bezug auf den betrogenen Glauben an eine „gemeinsame Geschichte” zu entkonkretisieren, ins Abstrakte aufzulösen. Damit eine Identifikation deutscher Leser mit Anne Frank möglich sein konnte, mußten auch die Hinweise auf ihre reale Nahe zu den Deutschen minimiert werden.

Schließlich werden auch die Hinweise auf die Vernichtung, die in Anne Franks Tagebuch schon 1942 einsetzen und sich immer wiederholen, entkonkretisiert. So wird (ebenfalls im Eintrag vom 9. 10. 1942) aus „Polen“ die „Ferne, wohin sie verschickt werden”, und der Satz: „Wir nehmen an, daß die meisten Menschen ermordet werden” fällt ganz unter den Tisch, während paradoxerweise die Erwähnung von Gaskammern stehenbleibt.

Das Tagebuch von Anne Frank wird 1955 schließlich als Fischer Taschenbuch herausgebracht. Doch auch dies hat zunächst nur einen moderaten Erfolg. Ein Jahr später kommt das Tagebuch der Anne Frank auf die Bühne und mit ihm kommt der Durchbruch zum Bestseller. Es ist eine Übersetzung der schon erwähnten amerikanischen Bühnenfassung ins Deutsche, die am 1. 10. 1956 zugleich an sieben deutschen Bühnen, in Hamburg, West-Berlin, Aachen, Düsseldorf, Konstanz, Karlsruhe und in Dresden aufgeführt wird. Ein theaterpolitisches Großereignis, und dies auch wegen der gleichzeitigen Aufführung in der DDR. (...)

1953 hatten Otto Frank und sein Produzent Kermit Bloomgarden die Autoren für die Adaption gefunden. Francis Goodrich und Albert Hackett, zwei Drehbuchschreiber aus Hollywood, die nicht durch eigene Theaterstücke, sondern durch, insbesondere an der Box-Office, erfolgreiche Drehbücher bekannt waren, für Musicals und Komödien wie „lt's a wonderful life” oder „Easter Parade”. Als es im Oktober 1955, nachdem ihr Stück mindestens achtmal überarbeitet wurde, am Gort Theatre in New York zur Uraufführung kam, war das daraus geworden, was Otto Frank sich tatsächlich erhofft hatte: ein Welterfolg. Und es ist anzunehmen, daß der optimistische Grundton des Stückes seine Zustimmung gefunden hat, ein Grundton, der Anne Franks Liebesgeschichte ins Zentrum rückt, ihre zarte Beziehung zu Peter, dem Sohn der zweiten im Hinterhaus versteckten Familie. Eine Beziehung, die in Wirklichkeit viele traurige, desolate Seiten aufweist (...) Dann folgt die letzte Szene im Hinterhaus, ihre Verhaftung.

Das allerletzte Wort hat Otto Frank selbst, und es fuhrt zurück zu den Motiven, die ihn angetrieben haben, sich dem Tagebuch seiner Tochter zu verschreiben. Die Rahmenhandlung des Stückes, Franks Rückkehr nach Amsterdam im Herbst 1945, wo er das Tagebuch ausgehändigt bekommt, setzt den Schluß. Otto Frank, 1945 im Hinterhaus das Tagebuch lesend, beendet seine Lektüre. Er erzählt Miep Gies und Kraler von Annes Weg in die Lager.

Wie es ihr dort erging erfahren wir nicht, aber: „So seltsam es klingen mag, daß ein Mensch im Konzentrationslager glücklich sein konnte - in dem Lager in Holland, in das wir zuerst gebracht wurden, war Anne glücklich. Nach zwei Jahren des Eingesperrtseins in diesen engen Räumen konnte sie wieder draußen sein, draußen in der Sonne und an der frischen Luft, die sie sosehr entbehrt hatte.” Er blättert im Tagebuch und er findet jene Stelle, die zur Summe des Stückes werden soll. Annes Stimme ertönt: „Trotz allem glaube ich noch an das Gute im Menschen.” Doch es folgt noch ein letzter Satz Otto Franks: „Wie sie mich beschämt”, ein Satz, in dem möglicherweise mehr mitschwingt, als die Autoren es ahnten.

Die Hinweise, die Anne selbst in ihrem Tagebuch darauf gibt, was sie erwartet, ihr Wissen um Gaskammern, Massenmord und Lager, auch über die Zustände in Westerbork, ihre Schuldgefühle gegenüber den Freundinnen, von deren Deportation sie erfährt, all das, was auch die gekürzte Fassung des Tagebuches durchaus noch an Schrecken bereithielt, war aus der Szenerie des Stückes fast vollständig verbannt.

Ein Jahr später, im Oktober 1956 kam das Stück auch auf die deutsche Bühne, und die Auflage des Tagebuches schnellte in die Höhe. Die Wahrnehmung dessen, was in diesem Tagebuch zu lesen sei, war nun durch die Brille des Stückes eingefärbt. 1957 folgte in den USA die Verfilmung durch George Stevens, 1959 wurde daraus auch in Deutschland ein großer Kinoerfolg.

Kanonisch wurde nun Anne Franks Satz, sie glaube trotz allem an das Gute im Menschen. Im Tagebuch selbst (...) folgt auf diesen Satz freilich eine höchst ambivalente Passage: „Es ist mir nun mal unmöglich, alles auf der Basis von Tod, Elend und Verwirrung aufzubauen. Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, daß sich alles zum Guten wenden wird, daß auch diese Härte aufhören wird, daß wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden.” (15.7.1944)

An anderer Stelle hat sie diesen Wechsel vom Dunkel zum Licht noch fatalistischer formuliert: „Ich glaube nicht, daß der Krieg nur von den Großen, von den Regierenden und Kapitalisten gemacht wird. Nein, der kleine Mann ist ebenso dafür. (...) Im Menschen ist nun mal der Drang zur Vernichtung, ein Drang zum Totschlagen, zum Morden und Wüten, und solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg wüten, wird alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet, und dann fängt es wieder von vorn an.” (3. 5. 1944)

Von all diesen Widersprüchen darf die Botschaft der Anne Frank nicht getrübt sein. Über die Theater- und Filmpremieren schreiben die Zeitungen unter Überschriften wie diesen: „Zeugnis des Guten im Menschen”, „Menschenliebe aus einer Fülle von Hass”, „Zeugnis reinen Herzens aus der Zeit des Grauens”, „Gedenkstunde der Menschenangst”. Und immer wieder wird betont, wie eng sich Goodrich/Hakkett an den originalen Wortlaut des Tagebuches gehalten hätten, ein offenbar gut kultiviertes Gerücht. „Fast immer”, so die FAZ am 3. Oktober 1956, „kommt der originale Text zur Sprache.”

 

Schulen:

Jüdische Schule Philanthropin:

Es ist ein Akt mit großer Symbolwirkung: Gestern hat die Stadt Frankfurt die ehemalige jüdische Schule, das so genannte Philanthropin, an die jüdische Gemeinde zurückgegeben. Das Institut mit den charakteristischen Giebeln war auf den Tag genau vor 200 Jahren gegründet worden. „Der 200. Geburtstag ist ein wunderbares Datum. um das Wiederaufleben des jüdischen Erziehungswesens in Frankfurt zu feiern“, findet der Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde, Stefan Szayak. Die Schule sei einst beispielgebend gewesen für das Erziehungswesen der Stadt und wolle nun an diese Tradition anknüpfen.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Salomon Korn, nennt die Rückgabe „ein historisches Zeichen für die Ankunft der neuen jüdischen Gemeinschaft in der langen jüdischen Geschichte Frankfurts“.

„Philanthropin” bedeutet eigentlich „Stätte der Menschlichkeit”. Die Schule war 1804 als „Schul- und Erziehungsanstalt für arme jüdische Kinder” gegründet worden. stand aber auch nicht-jüdis­chen Kindern offen. Die Nationalsozialisten schlossen die Schule und richteten darin ein Reservelazarett ein. Nach dem Krieg bekam die jüdische Gemeinde das Haus zurück, verkaufte es aber 1979 an die Stadt, um ihr neues Gemeindezentrum finanzieren zu können. „Das war die letzte Kapitalanlage, die die Gemeinde hatte”, erklärte Szayak. „Sie hatte nach dem Krieg ja nicht viel zu-rück bekommen.”

25 Jahre später bekommt die jüdische Gemeinde die Immobilie nicht etwa geschenkt. über den Preis des Rückkaufs werde derzeit noch verhandelt, sagte der Verwaltungsdirektor. Auch Umzugskosten und Umbau müsse die Gemeinde tragen. Spätestens 2006 sollen im Philanthropin wieder Kinder aller Glaubensrichtungen gemeinsam lernen. Die heutige Jüdische Schule im Westend sei zu klein geworden. Im neuen Philanthropin sollen dann statt 350 bis zu 600 Kinder ganztägig unter-richtet werden. Angestrebt werde eine Quote von 40 Prozent nicht-jüdischer Kinder, sagte der Verwaltungsdirektor.

Zuvor müssen die derzeitigen Mieter raus. Hauptnutzer ist das Dr. Hoch’sche Konservatorium. In der Musikschule und -akademie werden knapp 1000 Schüler unterrichtet. Das Konservatorium ist seit 1990 im Philanthropin untergebracht; es zieht bis zum Jahresende in ein neues „Bildungszentrum” um, das gerade im Osten der Stadt gebaut wird. Obwohl die Gegend gerade für Konzertbesucher weniger attraktiv ist als das bürgerliche Nordend hat der Direktor Konservatoriums, Frank Stähle, nichts gegen den Umzug: „Wir gehen davon aus, dass wir dort mindestens so gute Bedingungen wie bisher haben werden.”

Erschwert wird der Umzug durch die vielen Instrumente des Konservatoriums. Neben 28 Flügeln, 37 Klavieren und einer kleinen Orgel muss auch eine zimmergroße Konzertorgel aus dem Clara-Schumann-Saal des Philanthropins aus- und im neuen Konzertsaal eingebaut werden. Allein das koste 200.000 Euro, berichtet der zuständige Referent im städtischen Schuldezernat. Michael Damian.

Bleibt noch die freie Theatergruppe, die seit 1987 im Philanthropin residiert und die sogar den Namen ihres Standortes adoptiert hat. Sie hat zwar noch keine Kündigung erhalten, stellt sich aber da-rauf ein, 2005 weichen zu müssen. „Wir würden sehr gern bleiben - vor allem wegen der zentralen Lage“, sagt Reinhard Hinzpeter. einer der beiden Leiter des „Freien Schauspielensembles Philanthropin”. Aber wenn die jüdische Gemeinde das Gebäude brauche, sei das schon in Ordnung. Wo die zwölf Schauspieler ihre bis zu 100 Vorstellungen pro Jahr künftig auf die Bühne bringen, steht in den Sternen. Ein privater Investor wolle eine Bühne für Freie Ensembles im Osten der Stadt bauen. berichtete Hinzpeter, „aber die Stadt kann die Miete nicht bezahlen”.

 

Lessingschule:

„Was für eine freudige Überraschung, nach 61 Jahren wieder einmal etwas vom Lessing-Gymna­sium zu hören...” schrieb der alte Josef Moneta zurück in sein Frankfurt - die Heimat, die er als Jude 1935 mit 21 Jahren verlassen musste. Was für eine freudige Überraschung: Die Archiv-AG des Lessing-Gymnasiums hat die Spuren deutsch-jüdischer Geschichte in der über 100 Jahre alten Lehranstalt gefunden und zu einer Ausstellung verarbeitet. Das Beispiel wird Schule machen.

Die Nazi-Zeit an den Schulen erforschen: Das Thema ließ sich nicht mehr unter die Teppiche kehren seit 1988 - seit dem 50. Jahrestag des Novemberpogroms. Auch im Lessing hat die Forschungsarbeit begonnen, als mancher Schulakten und Schularchive der einschlägigen Zeit noch im Keller halten wollte. Eine Schüler-Generation hat das Schulhaus an der Hansaallee inzwischen von Klasse 5 bis Klasse 13 durchlaufen.

Und auch in der Lehrerschaft, so das Urteil von Museumsmann Fritz Backhaus, der den jungen Leuten zur Ausstellung im Museum Judengasse am Börneplatz verhalf, war „ein Generationswechsel“ zu beobachten.

„Heute gehöre es „fast schon zur Image-Pflege, sich mit dem Thema zu beschäftigen”. Nicht nur die Arbeit der Lessing-Schüler werde darum vorn Jüdischen Museum präsentiert. In der Schiller-Schule, im Wöhler- oder Gagern-Gymnasium sind ebenfalls Kurse dran am Thema - und damit dabei, sich die Ausstellungsräume am Börneplatz zu erobern.

Im Lessing haben die Jugendlichen auf der Suche nach der deutsch-jüdischen Wurzel ihrer Schule den Bogen bis zurück in das 1520 gegründete „Städtische Gymnasium” gezogen. Da hatte man 1640 erstmals zwei jüdischen Jungen den Unterricht jenseits der Judengassen-Mauer gestattet: „1640 befahlen die Herrn Scholarchen, daß man die Söhne der zwei jüdischen Arzte in das Gymnasium aufnehmen, sie des Catechismi überheben und allen den Knaben ernstlich anbefehlen solle, sie ungestört zu lassen“ hält Lersners Stadtchronik fest. Bei einem Viertel der Jungen des 1897 in Goethe- und Lessing-Schule geteilten ersten Gymnasiums der Stadt haben die Lehrer damals in der Spalte Bekenntnis, bezw. Religion: „jüd.“ eingetragen.

 Am 10. April 1897 verabschiedet sich der erste Abitur-Jahrgang aus dem neu gegründeten Lessing-Gymnasium: Dei knapp 20jährige Klassenprimus Paul Aschaffenburg, einer von acht jüdischer Abgängern, trägt die Abi-Rede in Lateinisch vor. Mindestens zwei der acht sollten Jahrzehnte später von den Nazis de portiert werden - darunter Henry Wolfskehl, der als Arzt in der Eschersheimer Kurhessenstraße praktiziert hatte und dem die Schüler mit ihrem Ausstellungstitel („Wer war Henry Wolfskehl?“) ein herausgehobene Erinnerung sichern.

Wie das sich steigernde Klima des Hasses gegenüber Juden in der Stadt auch in diese Lehranstalt der humanistischen Bildung eindringt, können die Lessing-Schüler an einem Protokoll der Gesamtkonferenz aus dem Jahr 1922 (:) aufzeigen. Von „mit Hakenkreuzen bemalten Wänden und Bänken" geht da die Rede. Und von einem Obersekundaner, der „israelische Schüler durch Zurufen von ,Itzig` und Zuhalten der Nase beschimpft“ habe. Doch das Kollegium ist bemüht, die Vorfälle niedrig zu hängen. Es stellt fest: „Dass die Schüler in der heutigen Zeit antisemiti­sche Gedanken mit in die Schule bringen, kann nicht verhindert werden, nur, dass sie sie da verbreiten und betätigen.“

Vier Jahre später ist der vielgeliebte Di­rektor Ernst Majer-Leonhard im Amt, ein Herr mit runder Brille in Oberhemd und Fliege, gegen den einige Kollegen ein paar Jahre später beim Schulamt belastend vorbringen werden, er habe „eine Jüdin zur Frau” und sei „mit den Stockjuden Heilbrunn und Dreyfuss verschwägert”.

Der Altsprachler Majer-Leonhard, dem die Frankfurter Nachrichten 1941 in einem Porträt die Fähigkeit attestieren, „eine stete Verbindung der Schule mit den Geschehnissen und Bedürfnissen des Tages zu halten”, gibt 1933 dem Provinzi­alschulkollegium in Kassel den Selbst­mord des Obersekundaners Heinz Stern bekannt. Denn dieser 16-Jährige, „un­bestritten bester Schüler seiner Klasse”. so der Bericht des Direktors, „scheint in den letzten Wochen schwer unter der Tatsache seiner semitischen Abstammung gelitten zu haben”. Bald darauf trifft die Politik der Ausgrenzung auch ihn selbst. den Kopf des Lessing; mit 47 Jahren wird Majer-Leonhard 1937 wegen „Judenfreundlichkeit“ in den Ruhestand ver­setzt.

Tafel für Tafel porträtiert die Ausstel­lung Lebenswege von „Ehemaligen“. Dazu Biografien von Lehrern, denen es gelang. in furchtbarer Zeit die Schule als ge­schützten Ort zu erhalten. Der 74jährige Alexander Askenasy (Ich besuchte das Lessing-Gymnasium seit 1937 und konnte bis 1943 bleiben") schrieb an die Archiv-AG aus New York: „Obwohl es allgemein bekannt war, dass ich ,Halbjude' war, kann ich mich an antisemitische oder ge­hässige Äußerungen oder Benehmen nicht erinnern.“ Von seinem Vater Robert Aske­nasy, der noch 1945 deportiert wurde, schickte Alexander ein handschriftliches „Theresienstädter Tagebuch'', das als Pro­tokoll eines Leberlebenskampfes jetzt am Börneplatz in einer Vitrine liegt.

 

Damit die Verdrängung der Schuld nicht in einen neuen Antisemitismus mündet:

Beim Gedenken an die Pogromnacht des 9. November mahnten Salomon Korn und Ruth Wagner in der Synagoge, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen

Mit zahlreichen Veranstaltungen gedachten am Sonntag viele Frankfurter der jüdischen Opfer der Novemberpogrome vor 64 Jahren. Redner in der Synagoge und in der Paulskirche mahnten, die Erinnerung wach zu halten. In Höchst und in der Innenstadt erinnerten Bürger auch an einzelne jüdische Frankfurter, die Opfer der Verfolgungen wurden.

Laut einer Forsa-Umfrage wünschen sich 69 Prozent der 18 Jahre alten Bundesbürger, dass ein Schlußstrich unter die deutsche Vergangenheit gezogen werde. Gegen diese Haltung, gegen die Weigerung, sich mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte, den zwölf Jahren nationalsozialistischer Schreckensherrschaft auseinander zu setzen, traten anlässlich der Gedenkfeier in der Westend-Synagoge am Sonntag Abend sowohl Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth, die hessische Wissenschaftsministerin Ruth Wagner sowie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, Salomon Korn, ein. „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist noch nicht einmal vergangen”, erklärte etwa Ruth Wagner.

Deren Aktualität – „dass in Deutschland wieder jüdische Menschen antisemitisch beschimpft werden” – sei besonders für sie, als liberale Politikerin, in diesen Tagen bedrückend. So sprach Wagner eine persönliche „Entschuldigung” an den anwesenden Michel Friedman, den stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, aus, der in den vergangenen Monaten mehrfach von dem FDP-Politiker Jürgen Möllemann attackiert worden war: „Wir empfinden das als Beleidigung, die inakzeptabel ist”, sagte Ruth Wagner wörtlich.

Salomon Korn zog eine, direkte Linie von der „früh verweigerten Auseinandersetzung mit der historischen Schuld der Deutschen, von der Verdrängung und Leugnung” des „größten staatlich organisierten Verbrechens der Geschichte”, dem Völkermord an den europäischen Juden, bis hin zu einer neuen Erscheinungsform des Antisemitismus, den er als „schuldreflexiv” bezeichnete. Das Unbehagen an der eigenen Geschichte wecke Abwehr und Aggression gegenüber denjenigen, die durch ihre Anwesenheit an diese Geschichte erinnern. Und mit seiner Rede in der Paulkirche vor vier Jahren habe Martin Walser „die intellektuelle Variante des Unbehagens am Unbehagen geadelt. Die Bewältigung der eigenen Geschichte fiel seinem Seelenfrieden zum Opfer”, warf Korn dem Schriftsteller vor.

Gleichzeitig warnte er davor, dem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, nachzugeben. Denn jeder Versuch, der Auseinandersetzung auszuweichen, wird selbst ein Teil von ihr und verlängert sie."

Überdies sei die Annahme der Schuld ein generationsübergreifendes Projekt, wobei die Familie „die wichtigste Agentur der Aufklärung” verkörpere. Doch in keinem anderen Land klafften offizielle und private Erinnerung so weit auseinander wie hierzulande. Nur zu oft würden Väter und Großväter von gewöhnlichen Mitläufern zu Widerstandskämpfern umgedeutet.

 

 

 

 

Endlich der Hölle in Deutschland entronnen”: Wie Enkel der jüdischen Familie Salomons anhand kürzlich entdeckter Briefe das Schicksal der Opfer rekonstruieren und wieder zusammenfinden

Die Salomons, das war eine jüdische Großfamilie aus Deutschland; es ist 70 Jahre her. Die Gemeinschaft der Salomons wurde nach 1933 von der Nazi-Regierung zerrissen und zerstört. Wer die Vernichtungspolitik irgendwo in der Welt überlebte, hat jahrzehntelang aus Trauer auch die Erinnerung begraben. Keiner wusste von keinem. Jetzt rollen die Enkel die Familiengeschichte wieder auf. Immer den spärlichen Hinweisen aus fünf mehr als 60 Jahre alten Briefen nach.

 

Arnold Salomons. Dieser Name soll hier in der Zeitung stehen. „Ich möchte erinnern an das Schicksal meines Großvaters Arnold Salomons”, sagt seine 1960 geborene Enke­lin Astrid, die sich entschlossen hat, seine Briefe ins Rundschau-Haus zu tragen. Hier in Frankfurt soll der Großvater, 59 Jahre nachdem man ihn im Alter von 61 Jahren im Konzentrationslager Auschwitz vergast hat­te, einen Namen haben. Hier, in der Stadt sei­ner zerstörten Hoffnung auf den „großen Weltenlenker da oben, der die Geschicke der Menschen lenkt“. Am 22. August 1937 hat Arnold Salomons in ruhiger, akkurater Handschrift von diesem Glauben an ein güti­ges Schicksal geschrieben. Es ist der erste von ihm erhaltene Brief.

Arnold Salomons, geboren am 15. Juni 1883, war ein gut situierter Rohtabak-Ver­treter, der aus der Nähe von Münster stamm­te und sich mit seiner Frau Mina 1919 in Frankfurt niedergelassen hatte. Von da an wa­ren die Salomons elf Jahre lang in der Savigny­straße 75 im Westend zu Hause. Man liebte „gepflegte Wohnlichkeit; fünf Zimmer, Bi­bliothek, Ölgemälde, Tafelsilber“, das hat En­kelin Astrid inzwischen über die Lebensart der Großeltern in Erfahrung gebracht. Ein Hausmädchen wurde eingestellt. Zwei Kinder werden in den Westend-Jahren geboren: Sohn Dagobert 1920, seine Schwester Hanna 1923.

Als der Sohn, Klassenprimus in der Wöhler­schule, zehn Jahre alt, und die Tochter Han­na sieben Jahre und noch im Volksschulalter war, verließ die Familie das Westend und nahm sich ein Bornheimer Reihenhäus­chen. Das war 1930. Man wohnte dann in der Karl-Albert-Straße 33, mit Garten. Ar­nold Salomons ist ein stattlicher Mann in Anzug und zugeknöpfter Weste, wie er da vor dem Buschwerk neben der Teppichstan­ge steht, mit leicht gewölbtem Bauch. Dieses Foto von ihm steckte in einem Erinnerungs­album, das Enkelin Astrid im Nachlass ihres Vaters vor einigen Jahren gefunden hat. Astrid ist die Tochter jenes Dagobert Salo­mons, des damaligen Wöhler-Schülers.

In den 30er Jahren ging es mit der Famili­engemeinschaft der Salomons, mit einer 250 Jahre währenden Familientradition in Deutschland, zu Ende. Immer schon hatten sie an ihrem Heimatort Neuenhaus (bei Bad Bentheim im Münsterland) dazu gehört wie alle anderen. Jetzt zog sich um die Familie dort wie die in Frankfurt die Schlinge mehr und mehr zu.

In Frankfurt ordnete die Gauleitung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter­partei (NSDAP) an, „Aktions-Komitees zum Boykott gegen Juden” zu bilden, „beste­hend aus 10 Amtswaltern“. Wie über Nacht war plötzlich „Dreckjude“ über die Scheiben jüdischer Geschäfte geschmiert, schrie es „Juden sind hier unerwünscht!“ von den Ein­gangstüren der Cafes, Gaststätten oder Ho­tels. Kein Zutritt mehr zu den öffentlichen Schwimmbädern, kein Einlass in den Biblio­theken. Kein Recht, sich auch nur auf einer Parkbank niederzulassen. Ab 1935 dann griff das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Paragraph 1.1.: „Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotzdem geschlossene Ehen sind nichtig...”

 „Meine Mutter war das erste Opfer dieser Verfolgung”, wird Dagobert Salomons, der die Vernichtungspolitik als einziger überleben sollte, im Mai 1954 der Betreuungsstelle am Landratsamt Gelnhausen in seinem Antrag auf Entschädigung mitteilen. „Sie litt seit Anfang 1936 unter Wahnvorstellungen, die mit einem völligen Nervenzusammenbruch endeten.” Mina Salomons kam mit ihren Verfolgungsängsten in die Heilanstalt, sie starb dort, mutmaßlich durch gezielte Vernachlässigung, im Mai 1937. Für ihren Mann Arnold, der sie in Begleitung der beiden Kinder auf dem Jüdischen Friedhof an der Eckenheimer Landstraße zu Grabe trug, „war es ein furchtbarer Schlag“; wie in seinem ersten Brief von 1937 festgehalten ist. „Denn alle Ärzte hatten mir wiederholt erklärt, dass meine Frau gesund werde.”

Längst beeinträchtigten da schon die neuen Verhältnisse das Leben der Familie. Im Alter von 16 Jahren hatte Wöhler-Schüler Dagobert das Gymnasium verlassen müssen. Das Ende seiner kaufmännischen Lehre in der Firma Gummiwerke Odenwald in der Mainzer Landstraße war 1937, ein Jahr später, absehbar.

Denn „diese Firma, deren Inhaber jüdische Bürger waren, die über 400 Mann Personal beschäftigten”, so schrieb es Dagobert Salomons nach dem Krieg in seinen Entschädigungsantrag, „wurde gezwungen, das Unternehmen zu verkaufen und es kam in Zwangsverwaltung”.

In dem Brief seines Vaters Arnold, den er etwa zur gleichen Zeit, am 7. Oktober 1937, schreibt, ist von all dem allenfalls zwischen den Zeilen etwas zu spüren. Er habe, schreibt er, „14 Tage frei gemacht”, er „habe es sehr notwendig gebraucht. Habe mich auch ganz schön etwas erholt“. Doch, so schließt er die Brief-Passage „jetzt sind wir alle wieder feste bei der Arbeit und das Leben geht seinen Weg weiter”.

Das tut es, in aller Grausamkeit: Schon ein halbes Jahr später, im Juli 1938, schickt Arnold seine 15-jährige Tochter Hanna, Schülerin der Herderschule, zur Sicherheit weg aus Nazi-Deutschland. Das Mädchen lebt fortan als Haushaltshilfe bei Familie Sanders, Geschäftsfreunden der Salomons, in Den Haag. Im Oktober 1938 verliert ihr Bruder Dagobert seine Lehrstelle bei den Gummiwerken in der Mainzer Landstraße. Als die Nazi-Regierung den Juden die zunächst eingezogenen Pässe mit dem Stempel „J” wieder austeilt, macht sich der 18jährige in letzter Minute. auf nach Kolumbien, dem Land, das ihm ein Visum gibt.

Schon einen Monat später erreicht der jahrelang geschürte Hass gegen die jüdischen Nachbarn einen Höhepunkt. Am Morgen des 10. November 1938 brennen auch in Frankfurt die Synagogen und die ersten jüdischen Männer werden brutal aus den Häusern geholt und an Sammelstellen zusammengetrieben. Arnold Salomons war gerade dabei, die zu groß gewordene Bornheimer Familienwohnung aufzulösen; „da ich alleine war, wollte ich billiger leben”, schreibt er in seinem dritten Brief. Er sucht und findet zunächst Schutz außerhalb der Stadt, bei seinem besten Freund Josef Bilz, Zigarrenfabrikant in Bernbach, Kreis Gelnhausen. Doch es hält ihn dort nicht und er kehrt zurück in die Frankfurter Wohnung.

Da findet er sein Zuhause geplündert und „kreuz und klein geschlagen”, wie in seinem nächsten Brief zu lesen ist. Und dann wird auch Arnold Salomons „ geholt”; „von nationalsozialistischen Horden verhaftet und ins K.Z. Lager nach Dachau eingeliefert“, wie es sein Sohn Dagobert den deutschen Behörden nach dem Krieg vorträgt.

Arnold Salomons dritter Brief, jetzt auf der Schreibmaschine abgefasst, stammt vom 17. Mai 1939 und kommt aus Dieren bei Arnhem in den Niederlanden. Er ist an „Meine Lieben.” gerichtet. „Endlich der Hölle in Deutschland entronnen“, kann der Flüchtling nach sechs Wochen Schinderei und Quälerei im KZ Dachau, nach monatelangem Warten in Frankfurt auf die Ausreise, Bericht geben: „Seit 14 Tage bin ich in Holland.” Mittellos, arbeitslos: „Das Finanzamt hat mir den letzten Pfennig abgeknöpft, wie die Diebe dann gesehen haben, dass nichts mehr zu holen war, bekam ich meinen Pass.”

Dieser Brief, wie die weiteren beiden, die vom Leben dieses Emigranten fern der Heimat berichten, schlummerte bis vor einem Monat im Nachlass von Sigmund, eines Neffen von Arnold in Israel, an dessen Familie sie gerichtet waren. Sie sprechen davon, dass Arnold Salomons seine ganze Hoffnung auf Dagobert setzte, seinen Sohn, der mit 18 Jahren nach Kolumbien gegangen war. „Jetzt muss ich weiter nach Kolumbien, zum Dago”, schreibt Arnold im Mai 1939. „Ich warte und warte auf das Visum, zu meinem Jungen zu kommen”, schreibt er im letzten Brief, März 1940. Aber er durfte nicht ausreisen, denn die Kolumbianer ließen keine Deutschen mehr ins Land.

Sein Sohn Dagobert konnte ihm nicht helfen, er konnte der kleinen Schwester Hannele nicht helfen. Beide wurden deportiert, beide wurden in mehrere Lager verschleppt und in Auschwitz ermordet. Und weil das so war, weil er sie ihrem Schicksal überlassen musste, hat Dagobert Salomons zu seinen Kindern, zu Arnold Salomons Enkeln, nie über seine Familie gesprochen. Nie von dieser Großfamilie, deren Bild seine Kinder Astrid und Lorenzo jetzt seit ein paar Jahren wie ein großes Puzzle zusammensetzen. Ein Großcousin, eine Großcousine nach der anderen taucht aus dem Dunkel auf. Namen, lauter Namen. Orte. Und Länder: Holland, Schweden, Israel, Italien, Slowakei, Deutschland. „Arnold war das jüngste von sieben Geschwistern”, stellte Astrid fest, „das war uns unbekannt”.

Voller Unterstreichungen sind Arnolds letzte Briefe, voller Kringel, Sternchen, Zahlen und handschriftlicher Anmerkungen. Jeder Strich, jeder Kringel, jedes Sternchen, der Hinweis auf eine Spur, vielleicht auf einen Verwandten. Diesen Sommer haben sich die getroffen, die noch da sind und seit kurzem voneinander wissen, in Neuenhaus.

 

 

Friedberg

„Kehillah Kedoschah“ wurde seit altersher im Hebräischen die jüdische Gemeinde Friedbergs genannt. Ihre Wurzeln reichen bis in das 13. Jahrhundert zurück. Hans-Helmut Hoos hat ihre Geschichte bis ins Jahr 1942 recherchiert und in dem gleichnamigen Buch zusammengetragen: Hans-Helmut Hoos: „Kehillah Kedoscha - Spurensuche. Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Friedberg und der Friedberger Juden vom 13. Jahrhundert bis 1942“ , 360 Seiten zum Preis von 25 Euro.

Zwanzig Jahre hat Hoos jüdische wie nichtjüdische Zeitzeugen ausfindig gemacht, mit ihnen korrespondiert und sie in persönlichen Gesprächen befragt. In einzelnen Fällen reiste er ihnen bis in ihre heutige Heimat in Südamerika hinterher. . Unzählige Male hat er dafür seine Nase tief in das Friedberger Stadtarchiv gesteckt, alle einschlägigen wie verfügbaren Publikationen zum Thema gelesen und eine Fülle an Meldungen regionaler Tageszeitungen gesichtet. Kein Wunder also, dass sein Buch vollständig den Titel „Kehillah Kedoscha – Spurensuche“ trägt. Er wurde 1989 zum Mitglied der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen sowie im Jahr 2000 in die historische Kommission Hessen berufen.

Immer wieder stand Hoos vor der Aufga­be, „das zusammenzufügen, was erkennbar war“. Auch wenn der Schwerpunkt nun in den Buchkapiteln über die Ereignisse im 19. und 20. Jahrhundert liegt, blickt Hoos auf die Anfänge jüdischen Lebens in der vormaligen Reichsstadt zurück. Denn

da ist sich der Autor sicher: „Die Einmaligkeit der jüdischen Gemeinde Friedbergs kann nur verstehen, wer auch die vollständige Geschichte kennt“.

Hoos vermutet in der Begründung von Burg und Stadt im 13. Jahrhundert zugleich die „gezielte und ganz bewusst herbeigeführte Ansiedlung der Juden vor Ort“. Die Schutzherrschaft der Burgherren habe den Juden von Beginn an „eine bedingte politische Manövrierfähigkeit gegeben“. So habe sich Friedberg insgesamt zu „dem Schmelztiegel der Wetterauer Juden insgesamt entwickelt“, gewährte das Burgpatronat doch relative Sicherheit und Eigenständigkeit.

Der Titel des Buches verrät zugleich einiges über die Lebensweise der jüdischen Gemeinde, denn „Kehillah Kedoscha“ läßt sich ungefähr mit „Heilige Gemeinde“ übersetzen. Nicht die Gemeinde selbst sei jedoch heilig gewesen. Vielmehr offenbare sich in der hebräischen Bezeichnung die „traditionsbewusste, am orthodoxen Glauben orientierte Lebensweise“.

Während in den beiden zurückliegenden Jahrhunderten die Juden zunehmend um ihre Emanzipation und Integration kämpften, kam es auch hier immer wieder zu antisemitischen Gegenbewegungen. Im Jahr 1942 schließlich wurden die Gemeindemitglieder im Augustiner-Gymnasium zusammengeführt, anschließend von den Nazi-Schergen gewaltsam in die Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Hoos lässt in einem Anhang abschließend die überlebenden Friedberger Juden zu den Ereignissen in den Jahren 1940 bis 42 zu Wort kommen. „Ganz bewusst habe ich es - bis auf wenige Ausnahmen - jedoch vermieden, Namen zu nennen. Mein Buch soll keine Anklage sein“, sagt der Autor.

Im Innenteil des Buches heißt es: „Geschichte wirkt fort, hinterlässt ihre Spuren nicht nur in Baudenkmälern, Gedenksteinen und Gedenkstätten, sondern im Unsichtbaren, im Unterbewussten, im Verdrängten“. Hans-Helmut Hoos hat mit seinem Buch einen Teil der Friedberger Stadtgeschichte wieder sichtbar gemacht und ins Bewusstsein gerückt.

 

Rodheim (Wetteraukreis)

Es blieb dem langjährigen Rodheimer Pfarrer Fritz Dahmen vorbehalten, die Historie dieser Betstätte der Rodheimer Juden und derer von Holzhausen, Ober-Rosbach und Petterweil aus wenigen Hinweisen in alten Schriften schlüssig zu rekonstruieren. Die Früchte seiner Arbeit hat der Verein im Jahr 2003 in Heft vier der Rodheimer Hefte vorgelegt (336 Seiten Stein, Preis15 Euro).

Am 17. April 1863, an einem Freitag, um 15 Uhr ist die Synagoge an der Ecke Grabengasse, damals Uhrgang, und der Wethgasse eingeweiht worden. Als die Synagoge eingeweiht wurde, lebten in Rodheim 45 jüdische Einwohner. Das waren acht oder neun Familien, die nach der Einschätzung von Pfarrer Dahmen kaum in der Lage gewesen sein dürften, diese Synagoge zu errichten. Zur Finanzierung haben also wohl die jüdischen Bürger der oben genannten Nachbargemeinden mit beigetragen.

Schon lange vor dem Synagogenbau haben sich schon Juden in der Wethgasse versammelt und zwar im Haus des Isaak Strauß, das ab 1826 in jüdischem Besitz war. Es ist unbekannt, ob in diesem Gebäude schon die Tora-Rolle und der Toraschrein aufbewahrt waren, ob es sich also schon um eine vollgültige Synagoge oder erst einen Betraum handelte.

Im Jahr 1830 ist die Bildung einer jüdischen Kulturgemeinde in Rodheim überliefert. Schon damals wurde für eine Synagoge gesammelt. Doch die Gemeinde zerstritt sich über dem Projekt. Das Geld wurde wieder zurückgezahlt. Erst als Metzger Abraham Cassel die Sache in die Hand nahm, wurde etwas aus der Synagoge.

Darüber, wie das Bauwerk an der Wethgasse einmal ausgesehen hat, gibt es nur eine einzige Zeichnung. Sie ist vom Maurermeister Wilhelm Becker 1890 angefertigt worden, als er einen Schornstein bauen sollte. Der Bauplan stammt von dem Büdinger Architekten Victor Melior, der auch die Bauaufsicht hatte und zugleich mit dem Bau des zweiten evangelischen Pfarrhauses betraut war.

Die Synagoge bestand aus einem recht-eckigen Saal mit 66,37 Quadratmetern Grundfläche. Die Fensteröffnungen waren einen Meter breit und bis zu drei Metern hoch. Auf der Westseite war ein separater Zugang für die Frauen der Gemeinde, die auf einer Empore Platz zu nehmen hatten. Das Äußere ist „stillos sachlich”. Für die Schlichtheit sind sicherlich Kostengründe verantwortlich. Das Bauwerk war mit 2.00 Gulden veranschlagt und kostete schließlich 3.000 Gulden. Bei der Pogromnacht am 10. November 1938 ist das viereckige Gebäude in Brand gesteckt worden. Zurück blieben nur Trümmer.

Doris Fischer hat sich mit dem jüdischen Leben in Rodheim seit 1820 und dem jüdischen Friedhof in Holzhausen befasst und berichtet über die Opfer der Judenverfolgung im Dritten Reich. Pierre Bouvain bietet eine Lesehilfe für die Grabinschriften an und Claudia Weber-Dreßler bringt einen Versuch über das Weiterleben in der Dritten Welt.

 

Pfarrer Fritz Dahmen konnte nur eine Außenansicht und einen Grundriss aus der Hand des Holzhäuser Maurermeisters Wilhelm Becker aus dem Jahr 1890 vorlegen.   Doch die Veröffentlichung dieser Zeichnung meldete sich der 26 Jahre alte Architekturstudent Björn von Hayn, der jetzt in Hanau wohnt, aber aus einer Familie stammt, die von 1865 bis 1955 in Rodheim als Zimmermann, Schreiner, Bauingenieur oder Architekt tätig war.   Aus dem Besitz seines Großvaters Reinhold von Hayn, der von 1917 bis 1960 lebte, konnte der Student noch weitere Ansichten der ehemaligen Synagoge an der Ecke Grabengasse/Wethgasse vorzeigen. Diese Zeichnungen stellen eine Seitenansicht dar und gestatten einen Blick in das Innere. Auf dem Plan ist auch ein Gebäudegrundriss eingezeichnet.

Dieser Plan stammt offenbar nicht, wie der bisher bekannte, aus dem Jahr 1890, sondern aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals, im Jahr 1948, war Reinhold von Hayn damit befasst, die Synagoge zu rekonstruieren, weil offenbar die Absicht bestanden hat, das Gebäude wieder aufzubauen.

Die Skizze, die Björn von Hayn vorlegt, soll aus der Hand eines A. Becker aus Burgholzhausen stammen, womit also wieder eine Verbindung zu dem Plan von 1890 hergestellt wäre. Die Nachkriegsskizze unterscheidet sich allerdings deutlich von der alten. Wenn der Schornstein auf der Nordseite angebaut wurde, dann stimmt die Firstrichtung der Zeichnungen alt und neu nicht überein. Diese Unstimmigkeit be­darf noch der Aufklärung.

Eine weitere Zeichnung zeigt das Innere der Synagoge, wahrscheinlich von Osten her gesehen. Hier befindet sich links eine Treppe zur Empore, im Hintergrund ein „Pult“und auf der rechten Seite sind Bänke angedeu­tet.

Es ist eine Geschichte für sich, weshalb Fritz Dahmen und mit ihm der Rodheimer Geschichts- und Heimatverein nicht im Be­sitz dieser wertvollen historischen Doku­mente sind. Björn von Hayn und der Ver­ein sind zerstritten. Von Hayn ist der Zugang zum Rodheimer Archiv einmal er­laubt worden und dann nicht wieder. Die Vorsitzende des Geschichtsvereins, Doris Fischer, sagt, für sie sei nicht erkennbar, welche Motive der Student bei seiner Absicht habe, die Archivunterlagen durchzusehen. Bürgermeister Detlef Brechtel, der mit der Sache befasst war, wollte sich daran erinnern, der junge Mann habe verlangt, dass Archivunterlagen über die Naziver­gangenheit seines Großvaters entfernt würden, was der Student wiederum be­streitet. Seine Absicht sei gewesen, die Firmengeschichte seiner Familie aufzuarbei­ten, und er habe gehofft, im Zuge einer Di­plomarbeit die Baugeschichte von Rod­heim, seine Bauherren und Architekten aufzuarbeiten.

Die Fronten sind verhärtet und Björn von Hayn dokumentiert, dass der Heimat­forschung von Rodheim dadurch wertvolle Unterlagen verloren gehen -nicht nur die im Zusammenhang mit der Synagoge. Björn von Hayn hat die Hoffnung nicht aufgegeben, seine Forschungen zur Famili­en- und zur Rodheimer Baugeschichte doch noch fortführen zu können. Er hofft darauf, dass eine vernünftige Lösung ge­funden wird und nicht Vorurteile die Oberhand behalten.

 

Dorheim (Friedberg)

An der Kindertagesstätte „Rappelkiste“ in Dorheim ist am Sonntag eine Gedenktafel enthüllt worden. Die massive Tafel aus Bronzelegierung erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus in dem Friedberger Stadtteil wie die jüdische Familie Meier, den Pfarrer und Hitler-Gegner Karl Vetter oder Bürgermeister Georg Bauschmann (SPD), der von den Nazis abgesetzt wurde.

Im November 2002 wurde die Tafel im Beisein einiger Lokalpolitiker, darunter auch Friedbergs Stadtrat Michael Keller, enthüllt. Es kamen aber auch viele Hinterbliebene der Menschen, an die erinnert werden soll. Zuvor hatte Pfarrer Hilmar Gronau in einem Gottesdienst der Opfer der Nazi-Gräuel gedacht.

Einige der Opfer werden namentlich genannt. Die nationalsozialistischen Repressionen begannen nicht erst mit Hinrichtungen oder Deportationen ins Konzentrationslager. Regimegegner wurden bespitzelt, mit Meldeauflagen drangsaliert und aus Ämtern und Vereinen gedrängt. An vorderster Stelle erinnert die Tafel an den ehemaligen Bürgermeister Georg  Bauschmann, einen Sozialdemokraten, der 1933 abgesetzt und durch den nationalsozialistischen Landwirt Karl Faber ersetzt wurde. Damit nicht genug: Jahrelang stand Bauschmann unter Polizeiaufsicht. Genauso wie andere Sozialdemokraten und Mitglieder der KPD. In seiner Festrede erwähnte Rack etwa die Kommunisten Joseph Besenreuther und Wilhelm Philippi, die nicht nur observiert wurden, sondern auch meldepflichtig waren.

Auf der Tafel wird auch Karl Vetter erwähnt. Vetter war Pfarrer. „Die pseudoreligiöse, gottähnliche Verehrung und Anbetung Hitlers, war mit seinem Glauben nicht zu vereinbaren“, erklärte Rack. Vetter engagierte sich in der Bekenntniskirche Martin Niemöllers, die eine deutliche Distanz zum Dritten Reich hielt. Die Folge: Ortsbürgermeister Faber versuchte auch über den Behördenweg jahrelang, Vetter aus Amt und Dorf zu vertreiben. Im April 1943 kam der Pfarrer gegen seinen Willen als Feldgeistlicher an die Ostfront.

 In Dorheim gab es nur eine jüdische Familie: die von Isaak und Ernestine Meier. Sie zogen in Folge ihrer Isolierung und Entrechtung im Herbst 1938 nach Friedberg. Die Kinder Bernhard, Max, Gertrud, Erna und Herbert emigrierten alle ins Ausland - mit Ausnahme der Tochter Hertha. Die Kinder sahen ihre Eltern nie wieder: Isaak und Ernestine Meier wurden 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie am 27. Februar und am 6. April 1943 starben. Nach Theresienstadt wurde im Februar 1945 auch Tochter Hertha verschleppt, die in „Mischehe mit einem Arier“ verheiratet war. Sie erlebte schwerkrank die Befreiung durch die Alliierten.

Namenlos bleiben die in Folge der Euthanasie zwangssterilisierten und in Heilanstalten deportierten Frauen und Männer. Dies gilt auch für rund 200 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus Ost- und Westeuropa. Auch an sie erinnert die Tafel. Bewusst bemühte sich Klaus Dieter Rack, diese zentral im Ort und nicht in der Nähe der Gefallenen-Denkmäler anzubrin­gen, denn unter den Kriegsgefallenen be­finden sich auch Nationalsozialisten.

Fi­nanziert wurde die Gedenkplatte durch Spenden der Dorheimer Bürger. Die Sammlung ging zunächst nur schleppend voran, aber schließlich hatte Rack die rund 2.000 Euro für die Tafel zusammen und erzielte noch einen Überschuss, der an eine gemeinnützige Einrichtung gehen soll. Die Daten recherchierte Rack, der im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt arbei­tet, mit Hilfe von Akten in Gemeinde- und Pfarrarchiven, der NSDAP-Ortsakten und einiger Zeitzeugen.

Einen Fehler hat die Gedenktafel: Das in bronzefarbenen Lettern gegossene Da­tum „1939 bis 1945“ ist nicht ganz korrekt. Die Repressionen hatten schon mit der na­tionalsozialistischen Machtergreifung 1933 begonnen. Diesen Makel wolle er noch beheben, kündigte Rack an.

 

 

Florstadt (Wettreraukreis)

Die Stammheimerin Johanna Voss wohnt in einem Haus, das früher einer jüdischen Familie gehörte. Und diese Familie gehörte zu einer lebendigen jüdischen Landgemeinde. Nichts in dem Florstädter Ortsteil erinnert mehr an sie. Johanna Voss will das ändern.

Angefangen hat alles mit einem Mäusenest. Die kleinen Nager hatten es sich schon vor langer Zeit in dem alten Fachwerkhaus in der Stammheimer Schloßstraße gemütlich gemacht. Hatten einen langen Gang in die Zwischenwand im Obergeschoß geknabbert und ihre neue Wohnung sorgsam mit Papierschnipseln ausstaffiert.

Mehr als 150 Jahre später werden ihre Hinterlassenschaften zu historischem Quellenmaterial. Im Dezember 2000 zieht die 42jährige Grafik-Designerin und Illustratorin Johanna Voss zusammen mit Ehemann, Kind und Katze in das denkmalgeschützte Gebäude im alten Ortskern ein.

Das im 17. Jahrhundert erbaute Haus mit seinen niedrigen Decken ist stark sanierungsbedürftig. Balken müssen ausgetauscht, Lehmgefache erneuert werden. „Da hat der Judd Stern gewohnt“, hieß es im Ort. Und ein Judenbad sei da auch gewesen - was sich aber bislang nicht bewahrheiten ließ. Voss jedoch wurde „neugierig auf die Geschichte des Hauses“.

Den Ausschlag für eine eingehendere Spurensuche gab die Innenrenovierung. 14 verschiedene Farbschichten, darunter viel Blau und mit Schablonen aufgetragene Muster, traten zu Tage. Und eben jenes Mäusenest. Die Papierteilchen hatten sich die Tiere aus einer hebräischen Schrift und aus Zeitungen herausgerupft. Eine Gazette stammte aus dem Jahr 1846. Ein belesener Haushalt. Johanna und Samuel Stern lebten und starben im 19. Jahrhundert hier. Das Grundbuch weist sie trotzdem noch 1926 als Besitzer aus.

Die Sterns, Kahns oder Beckers zählten bis ins 20. Jahrhundert zu den angesehenen Familien einer lebendigen jüdischen Landgemeinde, deren Vergangenheit Johanna Voss jetzt wieder in Erinnerung rufen möchte. „Wo sind sie geblieben? Wer hat die Verfolgung und Vertreibung während der Nazi-Diktatur überlebt?“

Die Neubürgerin versucht, mit Hilfestellung der renommierten Nidderauer Geschichtsforscherin Monica Kingreen die Geschichte der jüdischen Familien zurückzuverfolgen. Und weil, ganz wie die evangelischen Christen, auch die jüdischen Bürger Stammheims und Stadens eng miteinander verbunden waren, bezieht sie auch die Familien der Nachbargemeinde in ihre Recherchen ein, forscht nach Namen wie Hessenberger, Strauss, Zuntz oder Fuld. Johanna Voss: „Das ist höchste Zeit. Es gibt kaum noch Zeitzeugen“ Ihr Wunsch: eine Straßenkarte mit Privathäusern und Gemeindegebäuden des jüdischen Staden und Stammheim zu erstellen, jeweils getrennt nach dem 19. und 20. Jahrhundert.

Der Florstädter Gemeindevorstand hat ihre Initiative mit einem Aufruf in den amtlichen Bekanntmachungen unterstützt und die Ortsbürger gebeten, ihr Wissen und ihre Erfahrungen zur Verfügung zu stellen. Archivar Kurt Leidecker, Erster Beigeordneter Hans-Wilhelm Stürtz und auch Kirchenarchivar Rolf Lutz, der den Stammheimer Juden bereits 2000 in der Kirchenjubiläumsschrift ein Kapitel gewidmet hatte, halfen Johanna Voss weiter. Bei ihrer Befragung im Dorf stieß sie freilich auch auf vereinzelte Vorbehalte.

 Als Glücksfall erwies sich eine Anzeige in der von Abraham Frank herausgegebenen israelischen Emigrantenzeitung MB (Mitteilungsblatt mitteleuropäischer Einwanderer). Nur wenige Tage später kam eine Antwort: „Ich möchte Ihnen gerne ganz viel erzählen“ schrieb Hedi Strauss (87 Jahre alt, geborene Hedwig Becker) -eine der vermutlich wenigen noch lebenden jüdischen Ex-Sammheimer­n.   Hedi Strauss legte dem Schreiben ihre 1998 für ihre Enkel in Hebräisch verfassten und bebilderten Memoiren bei. Johanna Voss ließ sie übersetzen und hält seitdem ein wertvolles Dokument in Händen, das Einblick ebenso in eine spannende Biografie wie in ein vergessenes und verdrängtes Stück Ortsgeschichte gibt.

Hedi Strauss erzählt offen und freimütig und trotz allen erfahrenen Schmerzes ohne Bitterkeit. Über ihre glückliche Kindheit in dem „immergrünen Dorf“ wie sie dem Vater in den geliebten Gärten bei den Kartoffeln hilft, wie sie zum Baden in den Waschzuber gesteckt wird. Und wie sehr sie ihren Volksschullehrer verehrt hat.

Vater Sah Becker war Kaufmann gewesen. Das ganze Dorf kaufte bei ihm Lebensmittel und Textilien ein. Die Familie war anerkannt und integriert. Sah Becker war hochgeehrt aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt und besaß im Ort das erste Auto und auch das erste Radio. Die Fähigkeiten des einstigen Reichswehr-Sanitäters waren im Dorf oft gefragt, wenn Erste Hilfe nötig war.

Die wenigen jüdischen Familien waren nicht eben wohlhabend, hatten jedoch ihr Auskommen. Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten wurde für sie das Leben in dem traditionell protestantischen und sozialdemokratischen Dorf immer schwieriger. Die Beckers verließen Stammheim und suchten die Anonymität der Stadt Frankfurt. Hedis Mutter und Großmutter starben dort.

Das aufgeweckte Mädchen hatte die Familie bereits 1926 mit zwölf Jahren zum Onkel nach Berlin gegeben: zur Schul- und Berufsausbildung. Nur in den Ferien war Hedi nach Stammheim zurückgekommen. Im Jahr 1938 heiratete sie in Berlin ihren ersten Mann Wolfgang Baruch. Sie wanderten gemeinsam nach Israel aus. Dort kam auch Hedis erstes Kind zur Welt. Schwester Liesel gelang später ebenfalls noch die Emigration. Der in Frankfurt zurückgebliebene Vater, die jüngste Schwester Ida mit Mann und Kind wurden nach Minsk deportiert. Sie wurden umgehend erschossen und in einem Massengrab verscharrt.

Den Baruchs gelang es nur schwer, in Israel Fuß zu fassen. Der britisch besetzte Landstrich erwies sich nicht als „gelobtes Land“. Die Ehe zerbrach. Hedi heiratete später Richard Strauss und brachte noch zwei Kinder zur Welt. Sie kam nie wieder nach Stammheim.

Ihre Erinnerungen sind nicht anklagend, wohl aber voller Wehmut über den Verlust ihrer Heimat. An Johanna Voss schreibt sie, sie sei erstaunt, aber auch erfreut, dass sich jemand für die Vergangenheit der Juden in Stammheim interessiere. Johanna Voss hat bei ihren Recherchen selbst die Erfahrung gemacht: „Es tut gut, ja, es ist heilsam, darüber zu erzählen und nicht alles unter den Teppich zu kehren. Ich glaube, Hedi geht es auch so“.

 

 

 

 

Metzger, Kaufleute, Gemüse- und Viehhändler waren sie gewesen. Schon im 18. Jahrhundert lebten Juden in der kleinen, 1244 erstmals urkundlich erwähnten Gemeinde am Rande der römischen Limes-Befestigung -so der Niddataler Geschichtsforscher Rudolf Lummitsch 1995 in der Festschrift „750 Jahre Stammheim”.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren 49 Einwohner jüdischen Glaubens amtlich registriert. In dem traditionell protestantischen, kaum mehr als 700 Einwohner zählenden Dorf lebten somit früher mehr Juden als Katholiken. Infolge der zunehmenden Armut auf dem Land nahm ihre Zahl jedoch stetig ab. Viele Familien suchten ihr wirtschaftliches Heil in der Großstadt oder wanderten nach Amerika aus. Mitte des 19. Jahrhunderts lebten nur noch 36 Juden in Stammheim, Ende des Jahrhunderts 19 und kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren es nur noch elf.

Ähnlich den Protestanten waren die in Stammheim und im benachbarten Staden lebenden Juden eng miteinander verbunden. Sie bildeten eine gemeinsame Gemeinde, die in Staden eine Synagoge (heute Privathaus) sowie ein Schul- und Badehaus (in der heutigen Hofgasse) unterhielt und auch ihre Toten in Staden begrub. Der Friedhof ist erhalten und wird heute von der Gemeinde Florstadt gepflegt.

Eine weitere Auswanderungswelle in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts dezimierte die Zahl der Stammheimer Juden auf drei Familien mit etwa zehn Personen. Sah Becker handelte mit Lebensmitteln und Textilien, Leopold Kahn mit Fleischwaren und Isaak Kahn mit Stoffen. Allesamt waren sie geachtete Bürger. Und doch trauten sich mit dem Erstarken der Natonalsozialisten in der einstigen SPD-Hochburg nur noch wenige Einwohner in ihre Geschäfte.

Ein Teil der Familie Becker war bereits fortgezogen. In Staden lebten sogar nur noch zwei jüdische Bewohner. Die in Stammheim verbliebenen Juden wurden 1938 in der Reichspogromnacht von örtlichen und Friedberger Nazis ins Spritzenhaus und anschließend ins Schloss gesperrt, während ihre Wohnungen und Geschäfte geplündert wurden, so Rolf Lutz 2000 in der Festschrift „Die Kirche im Dorf“ um 250 jährigen Bestehen des evangelischen Gotteshauses.

Im Jahr 1942 wurden die wenigen Juden, die noch in Stammheim lebten, deportiert. Sah Becker, der das Dorf schon vorher in Richtung Frankfurt verlassen hatte, sowie seine jüngste Tochter und deren Familie wurden ermordet. Das Schicksal von Leopold Kahn und seiner Frau Hanna ist ungewiss. Ebenso das von Isaak Kahn. Vermutlich wurden auch sie umgebracht. Isaaks Frau Betti überlebte das KZ und wohnte später im Taunus.

 

Nidda

Wolfgang Stingl , der 57jährige Priester, hat bereits zwei Bücher über die Juden in Oberhessen verfasst. Er hält Kontakt zu Juden, die aus Nidda stammen, und zu deren Nachkommen. Jetzt verwirklicht Wolfgang Stingl seinen „Lebenstraum“: Noch Jahr 2002 soll das „Zimmermann-Strauss-Museum“ eröffnet werden. Das Gebäude, in dem es untergebracht wird, kaufte er. Es gehörte einmal einer jüdischen Familie.

Effektiv löschten die Nationalsozialisten in wenig mehr als einem Jahrzehnt nicht nur sechs Millionen Juden, sondern auch ihre gesamte Kultur aus. Dass der Holocaust, dieses düstere Kapitel der deutschen Geschichte, nicht in Vergessenheit gerät, dafür sorgen Gedenkstätten, Mahnmahle, Filme und unzählige Geschichtsbücher. Doch nur wenige Spuren und Erinnerungen bleiben aus den Zeiten vor der „Endlösung“, als es auch in Oberhessens Kleinstädten viele jüdische Gemeinden gab.

Da und dort haben sich jüdische Friedhöfe erhalten, einige Orte verfügen noch über ihre „Judengasse“. Diese stummen Zeugen sagen aber kaum etwas über die jüdischen Menschen, ihre Kultur, ihr Alltagsleben und letztendlich auch ihr Schicksal aus.

So gerät die jüdische Vergangenheit auf dem Lande langsam ins Vergessen - gäbe es nicht Menschen, die mit Engagement nach Spuren jüdischen Lebens forschen.

Einer von ihnen ist Dr. Wolfgang Stingl aus Nidda. Seit seiner Jugendzeit beschäftigt sich der katholische Priester und im Hauptberuf Gefängnispfarrer mit der jüdischen Geschichte von Nidda am Rande des Vogelbergs. Es waren kleine Dinge, die den Anstoß gaben und Stingls Interesse für die Juden weckten: die unter dem Putz gerade noch erkennbare Parole „Wir werden siegen!“ auf dem Gebäude der alten Synagoge; der damals noch unbewusste Kindheitskontakt zur getauften Jüdin Liesel Kaschmieder, die 1945 aus dem KZ Theresienstadt zurück nach Nidda kam und mit Stingls in einer Wohnung wohnte; ein Koffer mit textilen kultischen Gegenständen, die er während seiner Lehrzeit auf einem Abfallhaufen fand. Schließlich mag auch die Vertreibung seiner eigenen Familie aus dem Sudetenland Sympathie und Verständnis für die Situation der Juden geweckt haben.

 Doch die reine persönliche Beschäftigung mit den Niddaer Juden als „Hobby“” reichte Stingl nicht aus. Er möchte die Erinnerung an die jüdische Gemeinde und ihre Mitglieder wach halten.

„Es gab ein hessisches Judentum”, schreibt er im Vorwort eines seiner Bücher. „Hiervon ist auf den ersten Blick nichts zu sehen, ganze Generationen könnten hierzu keinen Satz sagen.“ Seit Anfang der 90er Jahre arbeitet Stingl aktiv und vor allem produktiv daran, die Ergebnisse seiner Forschung der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Im Jahr  1995 veröffentlichte er sein erstes Buch „Fragmente jüdischen Lebens in Nidda“. Stingl bezeichnet dieses Werk als „Bestandsaufnahme, damit mein gesammeltes Wissen nicht verloren geht“. In dem Lesebuch wurde erstmals versucht, die jüdische Geschichte umfassend darzustellen. Sein zweites Buch „Jüdischen Leben in Nidda im 19. und 20. Jahrhundert“ stellt gleichzeitig auch seine Dissertation zum Dr. phil. dar.

Weiter bemühte sich Stingl erfolgreich um den Kontakt zu heute noch lebenden Niddaer Juden und deren Nachfahren. Dabei lernte er Else Wallenstein kennen, die 1935 nach Israel emigrierte, aber noch „so spricht, als sei sie erst gestern aus ihrer oberhessischen Heimat Herbstein weggegangen“. Oder Fred S. Strauss, der nach Amerika ging, dort ein erfolgreicher Geschäftsmann wurde und seit Jahrzehnten einmal im Jahr seine Heimat besucht.

Jetzt aber geht der 57 Jahre alte Priester daran, seinen „Lebenstraum zu verwirklichen“: In diesem Jahr soll in Nidda das „Zimmermann-Strauss-Museum“ zur jüdischen Geschichte eröffnen. Bei einer Zwangsversteigerung erwarb Wolfgang Stingl 2001 das Haus „Raun 62“. Derzeit wird es noch renoviert. Dass dieses Haus zum Verkauf stand, wertete Stingl als „Wink des Schicksals“. Genau hier wohnte nämlich bis zu ihrer Emigration im Jahre 1938 die jüdische Familie Stern. Die Spuren der Niddaer jüdischen Gemeinde sollen hier würdig präsentiert werden.

Zum einen stellt Stingl hier jüdische Kulturgegenstände aus Nidda aus. Dazu gehören einerseits Objekte der Familien wie Gebetsriemen (Teffdin), aber auch noch solche aus der Niddaer neuen Synagoge, dem heutigen Haus Schillerstraße 33. Erhalten haben sich etwa ein Thora-Vorhang und ein vier Meter langer Läufer. Außerdem wird im Museum die Geschichte der zeitweise 100 Personen zählenden jüdischen Gemeinde in Nidda dokumentiert werden. Weiter soll in einem Raum der 37 bekannten Niddaer Holocaust-Opfern gedacht werden, die in Auschwitz, Theresienstadt oder Minsk und an verschiedenen teils unbekannten Orten umkamen beziehungsweise als „verschollen“ gelten.

 Eröffnet werden soll das „Zimmermann-Strauss-Museum“, das seinen Namen nach aus der Schloßgasse 34 stammenden Familie des bereits erwähnten 1914 geborenen Fred Strauss im Oktober dieses Jahres. Auch die Niddaer jüdische Gemeinde, gäbe es sie noch heute, hätte in diesem Jahr gefeiert: Niddas Juden wurden vor 725 Jahren das erste Mal erwähnt; vor 125 Jahren eröffnete die Synagoge in der Schillerstraße.

 

 

Wöllstadt (Weteraukreis)

Auf gemeinsame Einladung mit der „Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer“ schilderte im November 2003 der Leiter des Butzbacher Museums, Dieter Wolf, im Kreishaus anhand seiner eigenen Familiengeschichte stellvertretend das Schicksal vieler Wetterauer Juden. In seinen detaillierten Ausführungen, die er unter den Titel „Eine Reise nach Theresienstadt, Auschwitz und anderswo“ stellte, skizzierte der Historiker bei seinem Vortrag ein durchaus facettenreiches Bild, wie Nachbarn und Mitbürger auf die diskriminierende Rassenpolitik der Nationalsozialisten reagierten. Im Mittelpunkt seiner Erläuterungen stand seine eigene Familie, kündigte er schon in seiner kurzen Einleitung einen „sehr persönlichen Vortrag“ an.

Zuvor hatte Kreistagsvorsitzender Manfred Schneller die rund 50 Gäste begrüßt. Er erinnerte an die eindrucksvollen Berichte des „Schindler-Juden“Mietek Pemper am diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus an gleicher Stelle. Trauer und Scham könnten sich jedoch nur einstellen, wenn man die Opfer aus der Anonymität heraushole. In den Konzentrationslagern seien nicht „die Juden“ bestialisch in den Tod geschickt worden, sondern es waren Klassenkameraden, Vereinsfreunde oder Nachbarn, sagte Schneller.

Genau dort setze Wolf an, dessen jüdische Großmutter Martha Wolf in eine „rassereine“ deutsche Familie einheiratete und nach Nieder-Wöllstadt zog. In dieser »privilegierter Mischehe“ lebend, blieb seine Großmutter zunächst von einer Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager verschont. Mit enormer Akribie und optisch mit einer Vielzahl von Fotos aufbereitet, schilderte der Historiker Wolf, wie sich in dem Ort allmählich ein Klima der Ausgrenzung breit machte. In Auflagen und diskriminierenden Verboten. So sei der Vater ab 1943 von SA-Schergen aus Kneipen und dem Kirmeszelt im eigenen Ort verwiesen worden.

Die Lebensumstände wurden für Martha und ihre Familie auch ökonomisch schwierig, als sie den kleinen Einzelhandel auf behördliche Anordnung schließen mussten. Ein Klima der ständigen Angst habe sich aufgebaut, genährt durch behördliche Schikanen und Denunziationen. Wer sich im Ort an dem stärker werdenden Kesseltreiben beteiligte und wer auch in schwierigen Zeiten noch zu den Nachbarn hielt, habe die Familie seiner Großeltern kaum abschätzen können, erläuterte Wolf das Ergebnis seiner jahrzehntelangen Recherchen. Mut und Loyalität seien naturgemäß unterschiedlich ausgeprägt. „Bäcker gaben ihnen Mehl, der Zahnarzt, der sich in der Reichspogromnacht noch als übler Schläger aufgetreten war, behandelte meine Großmutter, ohne sie zu beleidigen oder ausfallend zu werden.“

Hatte Martha bis zuletzt gehofft, von einer Einlieferung in ein Konzentrationslager verschont zu bleiben, erging es ihrer Familie im Südhessischen schlechter. Die meisten Angehörigen wurden bereits ab 1942 in Lager deportiert, die meisten seien umgebracht worden.

Mitte Februar 1945 – nur wenige Wochen vor dem bereits absehbaren Kriegsende - wurden aber auch seine Großmutter und mit ihr viele weitere Juden aus Oberhessen in das von den Nazis zynisch als „Reichsgenesungsheim“ dargestellte Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.

Die Kapitulation Nazi-Deutschlands auf den Schlachtfeldern war auch ihre persönliche Rettung. Sie kehrte nach Nieder-Wöllstadt zurück, wo sie 1966 starb, als der Referent zehn Jahre alt war. Besonders beeindruckend sei für ihn gewesen, dass seine Großmutter es fertig gebracht habe, nach den schlimmen Erfahrungen in Theresienstadt mit ehemaligen Mitläufern und Tätern zusammenzuleben.

 

 

 

Gelnhausen

Geschichte:

Schon bald nach der Stadtgründung im Jahre 1170 lebten Juden in Gelnhausen. Wegen ihrer Finanzkraft aufgrund der ih­nen zugeschobenen Zinsgeschäfte standen sie unter dem Schutz des Kaisers, dem sie dafür Schutzgeld zahlen mussten.

Seit 1265 wurden sie verpflichtet, als „Judenab­zeichen“ einen gelben spitzen Hut zu tragen; später markierte sie ein „runder gel­ber Ring in der Weite eines Talers“, wie es die „Judenordnung” der Stadt von 1672 vorschrieb. Zum ersten Pogrom kam es während der großen Pestepidemien 1348 /1349. Wie im gesamten Reichsgebiet wurden auch in Gelnhau­sen die Juden als „Brunnenvergifter“ ver­brannt. Gelnhausen war zum ersten Mal in seiner Geschichte „judenfrei“, die Chris­ten schuldenfrei.

Bald darauf existierte wieder eine Gemeinde - 1425 lebten 61 Ju­den in der Stadt, die jedoch bald wieder verfolgt wurden. 1576 war die Stadt dann zum zweiten Mal  „judenfrei“. Erneut sie­delten sich in der Folgezeit Juden in der Stadt an. Im Jahr 1601 wurde mit einem Synago­genneubau begonnen, dem Vorgänger der noch heute als kulturelle Begegnungsstät­te genutzten Synagoge in der Judengasse (Brentanostraße). Es ist anzunehmen, daß der Verlauf der Judengasse mit dem des mittelalterlichen Ghettos identisch ist, das durch Tore vom Untermarkt und der Kuhgasse abgetrennt war. Durch das Tor zur Kuhgasse trug man die Toten hinaus zum jüdischen Friedhof am Kinzig­ufer.

Für den bis heute erhaltenen Friedhof hatte 1696 die Stadt den Juden die Erlaub­nis erteilt, ihn mit einer Mauer zu umge­ben. Der älteste datierte Grabstein trägt die Jahreszahl 1616. Auf dem „Ehrenhü­gel“ wurden auch für das hessische Landju­dentum bedeutende Rabbiner wie Rabbi Chanoch Henoch (1700 - 1741) und auch der „Wundertäter“ Rabbi Samuel Warburg (verstorben 1848) bestattet.

In vielen Bereichen gelang den Juden in der Folgezeit eine Assimilation an ihre christliche Umgebung, bis sie im 19. Jahrhundert in das städtische Leben integriert erscheinen. Jedoch gewährte ihnen erst 1833 die Kurhessische Judengesetzge­bung die staatsbürgerliche Gleichberechti­gung, Wahlrecht sowie freie Berufswahl. Ihren Gemeindevorsteher durften sie jedoch nicht von der Obrigkeit unkontrol­liert einsetzen

Im Jahr 1835 lebten in der Stadt mit 3595 Einwohnern 3292 Protestanten, 261 Juden und 42 Katholiken. Bald entwickelten die Gemeindemitglieder ein reges Handel- und Gewerbetreiben, das in einem Bericht des Landrates von 1936 an die Gestapo beschrieben wird: „Vor der Machtübernahme haben die Juden auf das Geschäftsleben im Kreis Gelnhausen einen nicht unbedeutenden Einfluß ausgeübt, der aber seit 1933 merklich zurückgegangen ist und heute vollständig lahm liegt. Sie trieben Handel mit Vieh, besaßen Konfektions-, Weiß-, Woll-, Kurzwaren- und Schuhgeschäfte, Lebensmittel- und Landesproduktengroßhandlungen. Auch im Handwerk waren sie vertreten, wie Bäckerei, Fleischerei, Schuhmacherei.

 

Nazizeit:

Zur Zeit der Machtergreifung lebten in Gelnhausen 218 Juden. Bereits im März 1935 hatte sich die Zahl halbiert; im März 1938 waren es nur noch 40 Juden - Anfang November hatte man das Ziel, „judenfrei“ zu sein, erreicht. Wegen des „Radau-Antisemitismus“ (Scheuer) hatten viele Juden vor 1938 Gelnhausen verlassen müssen; zur Finanzierung ihrer Flucht waren sie oftmals gezwungen, ihren Besitz zu verschleudern. Am 9. Mai 1926 wurde die NSDAP-Orts­gruppe Gelnhausen gegründet. Bei der Reichstagswahl am März 1933 erhielt die NSDAP in Gelnhausen 57,1 Pro­zent (auf Reichsgebiet 42,9 %).

Der Terror gegen die jüdischen Geschäftsleute begann in Gelnhausen bereits vor der Machtergreifung an drei verkaufsoffenen Sonntagen vor Weihnachten 1932, indem ihre Geschäfte von Männern in SA-Uniformen blockiert wurden. Auf diese Weise nahm man den „reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte“ vom 1. April 1933 vorweg.

Es kam zu „wilden Arisierungen“ wie im Fall des Autohändlers Joseph Blumenbach: Am 23. März 1933 suchten örtliche SA-Männer in per Armbinde ausgewiesener Eigenschaft als Hilfspolizisten Haus und Geschäft heim. Anschließend waren unter anderem die Geschäftsbücher, Geld und eine antike Waffensammlung verschwunden. Er selbst wurde ohne Haftbefehl abgeführt und erst am 17. Juni 1933 wieder aus der Haftanstalt Preungesheim entlassen. Er durfte seine Heimatstadt nicht mehr betreten.

Generelle Boykottmaßnah­men gegen Juden sind in Gelnhausen schon vor 1933 organisiert worden: an drei ver­kaufsoffenen Sonntagen vor Weihnachten 1932 blockieren Männer in SA-Uniformen die Eingänge jüdischer Geschäfte. In einem Interview 50 Jahre später erinnerte sich eine der wenigen überlebenden, Astrid Hey­mann, genannt Asta: „Es ging gleich mit der Machtergreifung richtig los - die hatten doch hier schon geübt!“

Es trifft zunächst das erste Gelnhäuser „Autohaus“, welches vom Juden Joseph Blu­menbach betrieben wird. Dieser war den Na­zis seit langem ein Dorn im Auge; hatte er es doch gewagt, in roter Badehose mit je einem Hakenkreuz auf den Pobacken öffentlich in der Kinzig zu baden und den Roten Front­kämpfer Bund (RFB) mit Schlagstöcken für eine Anti-Naziaktion auszustatten.

Am 23. März 1933 durchsuchten örtliche SA-Männer Werkstatt und Tankstelle in der Hailerer Straße 1 sowie Geschäftssitz und Wohnhaus in der Roether Gasse 10. Anschlie­ßend sind Geschäftsbücher, Benzingeld (400 RM), die antike Waffensammlung und Blumenbachs Armee-Revolver verschwun­den, die Bankkonten gesperrt. Blumenbach selbst wird ohne Haftbefehl abgeführt und erst am 17. Juni 1933 unter der Bedingung aus der Haftanstalt Preungesheim nach Mannheim entlassen, nie wieder seine Hei­matstadt Gelnhausen zu betreten.

Am 3. April 1933 erfolgte die Umbenennung der „Neuen Straße“ in „Adolf-Hitler-Straße“. Am 31. Mai 1933wurde die Tageszeitung „Geln­häuser Nachrichten“ des jüdischen Verle­gers Marcus Linick wird von SA-Männern beschlagnahmt und eingestellt.

Im Juni 1935 wird in Gelnhausen der Roh­produktenhändler Ludwig Scheuer fast tot ge­schlagen. Mit dem väterlichen Betrieb hat­ten große Firmen längst die Geschäftskon­takte abgebrochen. NSDAP-Mitglieder ver­prellten einst treue Kundschaft, in dem sie den Zugang zum Betrieb versperrten.

„Als ich von einem Besuch bei meinem Freund Siegfried Goldschmidt in der Seestra­ße zurückkehrte, wurde ich etwa 300 Meter vor meiner Wohnung (Burgstraße 34) vor dem Sägewerk Geiss plötzlich von zwei Män­nern rückwärts überfallen und mit aller Kraft mehrmals mit dem Gesicht auf den Rand der das Werk umgebenen Mauer mit aller Wucht aufgeschlagen, so dass mir fast alle Zähne ausgeschlagen und Kiefer, Lippen und Nase schwer verletzt wurden”, notierte Scheuer.

»Durch diese schweren Verletzungen verlor ich so viel Blut, dass der Weg von der Über­fallstelle bis zu meiner Wohnung mit Blutge­zeichnet war. Eine halbe Stunde später erschien eine Rotte von etwa 50 SA-Männern vor meiner Wohnung. Sie erbrachen Tor und Türen meines Hauses und der Lagerräu­me und plünderten. Ich flüchtete in die Bo­denkammer. Mit eisernen Stangen, Gummiknüppeln, Fußtritten und was man sich nur denken kann schlug man auf mich ein. In dieser verbrecherischen Art wurde ich, nachdem ich nicht mehr gehen konnte, bis ins Ge­fängnis geschleift. Mein Körper und Gesicht waren eine blutige Masse.“

Auch Ludwig Scheuer wird „unter der Be­dingung, innerhalb einer halben Stunde Gelnhausen zu verlassen und das Stadtge­biet niemals mehr zu betreten”, aus der „Schutzhaft” entlassen. Schwer gezeichnet für sein weiteres Leben und ohne Hab und Gut flüchtet er nach Frankfurt. Als seine El­tern Augusta und Samuel hier 1935 kurz hin­ter einander sterben, fehlt selbst das Geld für die Grabsteine. Am 13. August 1938 ge­lingt es Ludwig Scheuer frisch vermählt mit Hedwig nach Argentinien auszureisen, wo bereits sein Bruder Moritz seit 1936 lebt. Moritz wird sich nie eingewöhnen und Frieden finden - er tötet sich 1945 selbst. Am 3. No­vember 1938 wird Tochter Anita geboren.

Bis zu seinem Tod im Alter von 68 Jahren bleibt Ludwig Scheuer ein gebrochener Mann, von seinen Verletzungen gezeichnet, arbeitsun­fähig und mittellos. Seine Frau Hedwig nimmt sich im Oktober 1975 das Leben.

Bei der Errichtung des „Ehrenmals“ im Stadtgarten1936 wird der jüdischen Gefallenen des

1. Weltkrieges nicht gedacht  Beim Herbst­manöver vom 22.-26. September 1936 fahren Hitler, Göring und Blomberg im offenen Wagen durch die Stadt

Im Mai 1938 wurden jüdische Ge­schäfte in Gelnhausen mit dem Davidstern markiert. So wie der Boykott der jüdischen Geschäfte früh erfolgt war, hatte Gelnhausen seine „Kristallnacht“ bereits im Juni 1938. Sämtliche Fensterscheiben des Gotteshauses und jüdischer Wohnungen wurde zertrümmert. Man kann das Gefühl haben, .dies wären Tests gewesen. Am 9. November 1938 lebte bereits kein Jude mehr in Gelnhausen, den man hätte terrorisieren können. Auch war das Synagogengebäude selbst seit Sommer 1938 längst „arisiert“; in dem stattlichen Steinbau lagerten die Waren eines Gemüsehändlers.

 

In der Nacht vom 3. zum 4. Juni 1938 wurden die beiden Synagogentore von städtischen Bediensteten zugemauert. Als couragierte Gemeindemitglieder versuchten, das frische Mauerwerk einzureißen, wurden sie auf das Schlimmste angegriffen, wie der betroffene Manfred Meyer berichtet „Kaum war die Arbeit getan, versammelten sich Hunderte von schreienden Menschen auf dem Hof und bombardierten mit Steinwürfen den Hof, zerstörten alle Fenster der Synagoge und in dem Gemeindehaus“.

Am 26. November 1938 gab es eine Attacke auf den ka­tholischen Pfarrer Engels als „Juden­knecht“

Als die im Dezember 1916 in Gelnhausen geborene Kaufmannstochter Asta Hey­mann im November 1988 in die Geburts­stadt zurückkehrt, schreibt sie ihre Eindrü­cke nieder. „Ich komme hier her, ich sehe die Stadt und die ist schön. Die Menschen, die älteren Menschen, die sehe ich überhaupt nicht. Die kenne ich nicht, die sehe ich nicht, die will ich nicht kennen. Wie ich zum ersten mal zurückkam, kam einer an mir vor bei und sagte: ,Ach, bist Du auch wieder da?’ ,Ja, gell, da ärgerst Du Dich, dass der Hitler mich nicht erwischt hat!“

Zum Sinn von Gedenkveranstaltungen meint sie: „Die Menschen, die damals wirk­lich mitgemacht haben, die würden da nicht hingehen. Die würden sich das nicht anse­hen. Vielleicht fühlen sie sich schuldig.” Die zähe kleine Frau verstarb am 28.April 2001 in London im Alter von 84 Jahren.

Eine Woche vor der Pogromnacht hatten mit dem Ehepaar Selma und Siegfried Weiß sowie deren Tochter Hilga die letzten Ju­den Gelnhausen verlassen.

Am 10. März 1938 fand auch die letzte Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof statt, die Beerdigungen von Caroline Hecht. Der Gemeindevorsteher Richard Scheuer erinnert sich: „Selbst die Toten ließ man nicht in Ruhe und störte ihren Frieden. Die Stadtbehörde verbot, den Totenwagen zu benutzen. So musste der Sarg von dem Totenhaus zum Friedhof getragen werden. Das war ein Fest für die Jugend, die die Träger und die wenigen Menschen, die dem Sarg folgten, beschimpften. Auf dem Totenhof angelangt, sprachen wir nach uraltem Brauch bestimmte Totengebete. Der damit Beauftragte und die wenigen Gemeindemitglieder wurden von allen Seiten mit Steinen beworfen“.

Viele zogen nach Frankfurt ins Ghetto, wo sie sich Schutz vor dem alltäglichen Terror erhofften. Leider stellte sich dies als fataler Irrtum heraus. Viele ehemalige Gelnhäuser wurden von Frankfurt aus oder über andere Orte in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Wenigen gelang es durch Emigration oder Flucht der Ermordung zu entkommen. Mindestens 75 Gelnhäuser Juden wurden in den Konzentrationslagern und Ghettos umgebracht. Für 48 lässt sich ihr Todesort weit entfernt von ihrer Heimatgemeinde nachweisen: in Auschwitz, Izbica, Theresienstadt, Litzmannstadt, Majdanek, Minsk, Riga, und Sobibor. Sie haben kein Grab.

Am 1. November 1938 meldete die Kin­zig-Wacht triumphierend: „Gelnhausen endlich judenfrei - Gestern hat sich der letzte Vertreter der Krummnasen abgemel­det“. Damit war das Ende einer über 700 Jahre währenden Geschichte jüdischen Le­bens in Gelnhausen erreicht; die Stadt konnte sich als erste in Hessen „judenfrei“ nennen - eine Woche später folgten Bad Orb und Wächtersbach. Die trium­phierenden Nazis stellten sogar ein Schild am Bahnhof auf: „Gelnhausen ist judenrein“. Nach den Recherchen der Gelnhäuser Hi­storischen Gesellschaft (GHG) war die Stadt die erste in Hessen, die sich dieses Etikett anheftete.

 

Rundgang:

Wider das Vergessen und Verschweigen dieses dunklen, leidvollen und peinlichen Kapitels der Stadtge­schichte veröffentlicht die Gelnhäuser Hi­storische Gesellschaft jetzt einen besonde­ren Stadtführer.

Wenn Franz Coy  gelegentlich die Gruppen auf einen Stadtrundgang auf Spuren der Juden in Gelnhausen führt, erlebt er ein gängiges Mißverständnis: Die gut erhalten scheinende prachtvoll restaurierte Synagoge erweckt den Eindruck, daß „hier wohl nicht so viel passiert ist“. Das Gegenteil ist der Fall: Das G­ebetshaus an der Brentanostraße, die einst Judengasse hieß, ward in der Reichspogromnacht bloß deshalb nicht angetastet, weil es zu diesem Zeitpunkt längst im Besitz eines „Ariers” war

50 Jahre nach der Zumauerung der Synagoge hatte die GHG ihren ersten Rundgang zu historischen Stätten organisiert. Ihre Forschungsergebnisse zur Zeit zwischen 1933 und 1945 – präsentiert in einer viel beachteten Ausstellung - wollte die Gruppe damit „verorten“. Reinhard Kunze: „Es gibt eine Struktur einer jüdi­schen Gemeinde, die zum Teil wie chirur­gisch entfernt wurde. Aber wenn man auf­merksam durch die Stadt geht, kann man Spuren entdecken.”

Viele Orte dieser Spu­rensuche sind längst nicht so offenkundig, wie die Synagoge, auf die man im Rathaus heute als „gute Stube” und Kunsttempel stolz ist. Den anderen Teil der Geschichte”, bedauert GHG-Mitarbeiterin Dagmar Wieland, „kennen die wenigsten”. Um zumindest Abhilfe auch über ihre gelegentlichen, privat vermittelten Füh­rungen hinaus anzubieten, haben die Freizeit-Historiker ihr Wissen in einer 32seitigen Broschüre mit Bildern und Do­kumenten zusammengefaßt. Das Heft mit dem Titel „Zur Geschichte der Juden in Gelnhausen während der nationalsozialistischen Verfolgung - Ein Stadtrundgang“ erscheint im Hanauer CoCon-Ver­lag zum Preis von sieben Mark. Die Broschüre wurde geschrie­ben, zusammengestellt und redigiert von Franz Coy, Gerhard Loos, Reinhard Kun­ze, Christine Raedler und Dagmar Wie­land.

Das Heft ist in Sprache und Ausstat­tung auf den Zweck hin gestaltet, soll nicht als historische Abhandlung, sondern als praktisch nutzbarer Führer betrachtet werden, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Es gibt acht Kapitel, den acht Stationen des Rundgangs entsprechen. Jedes Kapitel beginnt mit einer Abbildung des gemeinten Ortes, so daß auch Ortsfremden die Orientierung leicht fallen dürfte, zumal der Führer einen speziell abgestimmten Stadtplan beinhaltet. Die Texte sind so ausgewählt, daß sie vor Ort gelesen oder auch vorgelesen werden können. So erscheint die Broschüre auch für den Schulunterricht gut nutzbar. Die Wegstrecke beträgt etwa drei Kilometer und läßt sich – je nach  Verweildauer und Lesegeschwindigkeit- in ein bis zwei Stunden bewältigen.

Der Rundgang beginnt am Kriegerdenkmal im Stadtgarten, auf dem bis heute die Namen jüdischer Gefallener „ver­gessen“ wurden und es nicht gelingen  will, eine Gedenktafel für „das Leiden und

Sterben unserer jüdischen Mitbürger in den Jahren 1939 - 1945 (jetzt: 1933 – 1945) so zu gestalten, daß nicht wieder Teile der Geschichte ausgegrenzt werden. . Die GHG gibt zu bedenken, daß der Antisemitismus lange vor den Nationalsozialisten begann.

 

Die zweite Station ist die Ecke Schmidtgasse/Untermarkt, wo städtische Mitarbeiter in der Nacht zum 4. Juni 1938 da: Textilgeschäft des Juden Heinrich Scheuer zumauerten. Von dort führt der Weg hinab in die ehemalige Judengasse. Dor steht die Synagoge (4. Station) und dort wohnten etliche der 218 Juden, die zur Zeitpunkt der Machtübernahme noch in Gelnhausen lebten.

Station 5 ist das ehemalige Stadtgefängnis „Am Platz“, wo Gelnhäuser Bürge jüdischen Glaubens und andere unliebsame Personen wie der katholische Pfarrer Engels eingesperrt wurden. Es folgen de hinter einer Mauer versteckt gelegene Judenfriedhof als Ort des Gedenkens an jene mindestens 75 jüdischen Mitbürger, die in den Konzentrationslagern und Gettos von Nationalsozialisten und ihren Helfern ermordet wurden und kein Grab haben.

Siebte Station ist der Bahnhof, für viele der Gelnhäuser Juden Ausgangspunkt der Flucht, aber auch Station an de Hauptstrecke der Reichbahn Richtung Osten. Vorbei an der „judenreinen Stadt“ rollten unzählige Züge mit deportierten Menschen in die Lager. Den Schlußpunkt des Rundgangs bildet das Burgviertel und die Kaiserpfalzruine - ein Ort, an der  andere Führer in Gelnhausens mittel-

alterlicher Größe als auserwählter Platz im Glanze des großen Barbarossa schwelge: Neben dem einstigen Domizil des sagenumwobenen Kreuzritters hatte viele Juden ihre Heimstatt. Aber das war schnell vergessen. Fast.

Zeitzeuge Richard Scheuer: „Im September 1938 hatten alle jüdischen Familien Gelnhausen verlassen, bis auf eine jüdische Seele in der Burg, die man zwang, Selbstmord zu begehen.“

 

Neue Gemeinde mit liberalen Grundsätzen:

„Wir Juden gehören in diese deutsche Gesellschaft seit Jahrhunderten hinein“, sagt Gabriel Moeller, „dem Todesurteil von 1938 widerstehen wir mit unserer Lebendigkeit“. Er will in den nächsten Wochen die „Jüdische liberale Gemeinde Gelnhausen-Main-Kinzig“ als Verein gründen und gerichtlich eintragen lassen.

Rund 40 Menschen in Gelnhausen, Hanau und Umgebung unterstützten das Vorhaben aktiv, berichtet der 48 Jahre alte Dozent und Verwaltungsmitarbeiter der Weiterbildungseinrichtung Deutsche Angestellten Akademie (DAA). Moeller lebt seit vier Jahren in Gelnhausen und kann, wie er sagt, nicht länger tatenlos zusehen, dass so genannte Zuwanderer jüdischen Glaubens alleine gelassen bleiben: „Ich fühle mich gefordert, ein Konzept zu machen“.

 Etwa 400 Familien jüdischen Glaubens gibt es laut Moeller im Main-Kinzig-Kreis. Die meisten seien als Kontingent-Flüchtlinge aus dem Osten in die Region gekommen, größtenteils aus der Ukraine und aus Rußland. „Das dringendste Problem liegt im sozialen Bereich“, weiß Moeller. „Unsere Leute sind Sozialhilfeempfänger, sprechen die Sprache nicht. Viele sind jenseits der 40 Jahre, einige sind pflegebedürftig“.

Darüber hinaus hätten sie in der früheren Heimat wenig Möglichkeiten gehabt, ihre Religion zu praktizieren. „Viele sind der Religion entfremdet.” Es gelte nun, diesen Menschen einen Halt zu geben: „Wir haben die Aufgabe, sie wieder einzuwurzeln“.

Die nächsten jüdischen Gemeinden existieren in Offenbach, Frankfurt und Fulda. Aber es ist nicht nur die Entfernung, die den Entschluss zur Neugründung in Gelnhausen reifen ließ. Ziel ist nach Moellers Worten ausdrücklich eine „liberale“ Gemeinde. Dieser Entwurf orientiere sich am progressiven Judentum, im Unterschied zu den heute in Deutschland vorherrschenden eher orthodox ausgerichteten Einheitsgemeinden. Nach den orthodoxen Regeln könnten etwa Juden, die in Mischehen leben, nicht unbedingt Funktionen in einer Gemeinde wahrnehmen.

Moeller selbst und einige Mitstreiter sind mit nichtjüdischen Partnern zusammen. „Hier geht es darum, jene, die aufgrund familiärer Verhältnisse aus den gegenwärtigen Gemeinden ausgegrenzt sind, als Juden zusammen zu führen. Wir wollen nicht Nichtjuden zum Konvertieren treiben, bloß damit ihre Partner oder Kinder in der Gemeinde anerkannt werden“. Auch die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in allen religiösen Angelegenheiten sei kennzeichnend für das progressive Judentum.

Gründungshilfe für die Gemeinde in Gelnhausen leiste die seit sieben Jahren aktive liberale jüdische Gemeinde in Gudensberg bei Kassel. Weitere Unterstützung komme von der Jewish Appleseed Foundation, einer Fördereinrichtung für liberale Gemeinden, und ihrer Rabbinerin Jo David. Zudem planten einige nicht jüdische Menschen in Gelnhausen und Umgebung die Gründung eines Fördervereins. Zunächst müssen einige elementare Voraussetzungen für das Gemeindeleben geschaffen werden. So werde man sich auf absehbare Zeit keinen eigenen Rabbiner leisten können. Aber „es gibt Wander-Rabbiner, die die Gemeinden turnusmäßig besuchen. Die religiösen Verrichtungen zu Sabbat, zu den Feiertagen können auch Gemeindemitglieder betreiben“, erläutert Moeller und fügt hinzu: „Unsere große Stärke über Jahrhunderte hinweg war immer Selbstorganisation, Selbstarbeit und Selbstverpflichtung“.

Moeller hofft nicht zuletzt auch auf Hilfe von der Stadt Gelnhausen und dem Main-Kinzig-Kreis. Das gilt vor allem für die Suche nach einem Versammlungsort zum Beten und Lernen, dem Beth ha-Knesseth. „Wir haben alle Berufsgruppen in unseren Reihen, so dass wir auch gut ältere Räumlichkeiten selbst renovieren können“.

 Die im Eigentum der Stadt befindliche ehemalige Synagoge komme als Betraum nicht in Frage, da sie als Kulturhaus gewidmet und der Öffentlichkeit übergeben worden sei. Moeller: „Was möglich sein wird, ist jüdische Feste dort zu feiern und gemeinsam mit anderen Menschen Veranstaltungen zu haben“.

Ein drängendes Problem sei der Friedhof „Ein Rabbiner wird einen Juden nicht auf einem öffentlichen Friedhof beerdigen, sondern nur auf einem jüdischen“. Der alte jüdische Friedhof von Gelnhausen könne nicht reaktiviert werden. Akzeptabel wäre aber, auf dem kommunalen Friedhof ein abgegrenztes Areal einzurichten.

„Ein ganz weites Feld“ sieht Moeller in der Sozialbetreuung eröffnet: „Wir müssen uns um Arbeitsplätze kümmern, um Deutschunterricht für die Erwachsenen, um Nachhilfe für die Kinder und um die religiöse Erziehung der Jugendlichen“. Als „Jobmaschine“ will er gemeinnützige Arbeit nutzen: „Das kann auch bedeuten, für die eigene Gemeinde etwas zu tun“.

 

Meerholz:

Für die 23-jährige Kerstin Slowik war es „ganz selbstverständlich”, am Sonntag-nachmittag in einem Hinterhof in der Meerholzer Erbsegasse zu stehen. Mit ihr erlebten rund 150 junge und alte Menschen wie Walter Stern, Jude und ehemaliger Bürger aus Meerholz, gemeinsam mit Hagen Maldfeld vom Geschichtsverein die Gedenktafel zur Erinnerung an die örtliche jüdische Gemeinde enthüllte.

Von einem weißen Laken verhüllt, machte zunächst nur eine schlichte Blumenvase am Boden auf die an der weißen Hauswand hängende Gedenktafel aufmerksam. Die rostbraunen Chrysanthemen und gelben Dahlien zogen die Blicke auf die unscheinbare Hofecke, im Halbkreis drängten sich Einheimische und Auswärtige davor. Dort, auf dem heutigen Grundstück der Familie Gustav Honzen, stand früher die Meerholzer Synagoge. Zwar überstand sie die Reichskristallnacht am 9. November 1938 und den Krieg, musste aber 1963 wegen Baufälligkeit abgerissen werden.

„Ich bin angenehm überrascht, dass hier so viele Menschen Interesse an dieser Gedenktafel zeigen“, meinte Jürgen Richter vom jüdischen Landesverband am Rande der Zeremonie. Sogar in manchen Großstädten hätte er bei ähnlichen Veranstaltungen weniger Publikum erlebt. Er betonte: „Die Tafel ist nicht für uns, sondern sie ist für die Menschen hier wichtig, die sich erinnern wollen“. Und ergänzt: „Wir Juden erinnern uns auch ohne Gedenktafeln  oder Mahnmale“.

Die bronzefarbene Tafel, gestaltet von Otto Schmidt aus Haitz, zeigt auf einer Hälfte ein Bild der ehemaligen Synagoge und einen Psalm. Auf der anderen Hälfte stehen die Namen der jüdischen Bürger, die ab 1925 bis zum Ende der dreißiger Jahre in Meerholz lebten und verschollen oder verzogen sind, vertrieben oder ermordet wurden. Auch die  Namen von Walter Stern und seiner Familie sind dort verewigt.

Der heute 88-jährige Stern floh 1937 mit seinen Schwestern und Eltern nach Amerika. In New York fand er eine neue Heimat und kehrte anlässlich der Gedenktafel-Zeremonie erstmals nach 65 Jahren in seinen Geburtsort zurück. Gemeinsam mit Hagen Maldfeld, dem Vorsitzenden des Geschichtsvereins zog Stern langsam und sacht das weiße Laken von der Tafel. Ein langer Moment der andächtigen Stille folgte, bis Stern dem Meerholzer Ortsvorsteher Herbert Böhmer die Hand drückte und seiner Rührung Ausdruck verlieh. In einer kleinen Ansprache bedankte sich der 88-jährige bei den Meerholzern für das mahnende Kunstwerk. Er gedachte aller derjenigen, die damals schändlich ums Leben kamen und wünschte allen Menschenkindern eine friedvolle Zukunft. Gemeinsam mit seiner Nichte und seinem Neffen sprach er auf deutsch, englisch und hebräisch das jüdische Seelengebet.

Für Hagen Maldfeld war der Moment der Enthüllung ebenfalls sehr bewegend. Seine Familie lebt seit über 300 Jahren in Meerholz, „Ih bin hier stark verwurzelt“ erzählt der 31Jährige. „Hier gezwungenermaßen fortgehen zu müssen, wäre furchtbar für mich“. Diese Anteilnahme am Schicksal Walter Sterns, der stellvertretend für viele Juden und Nicht-Juden in der Nazizeit steht, bringt den jungen Meerholzer dazu, Geschichte lebendig zu erhalten.

In seiner Rede erinnerte Maldfeld daran, dass Vergangenheit zwar nicht bewältigt werden kann. Jedoch gelte es vor der Vergangenheit nicht die Augen zu verschließen, um nicht blind für die Gegenwart zu werden.

Vor rund zwei Jahren entstand im Geschichtsverein Meerholz-Hailer die Idee, mit einer Gedenktafel an die ehemalige jüdische Gemeinde im Ort zu erinnern. Ein breites Bündnis aller kirchlichen Gemeinden, der Ortsbeiräte Hailer und Meerholz sowie der Stadt Gelnhausen ermöglichte nun nicht nur dies: Auch zwei ökumenische Gesprächsabende zum Thema Heimat werden realisiert. Über den Sinn einer Gedenktafel sagte Ortsvorsteher Böhmer in seiner Rede: „In wenigen Jahren wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Wir dürfen den 9. November 1938 und die Schrecken der Nazizeit jedoch nicht vergessen“. Die Tafel solle jetzige und künftige Generationen daran erinnern, nie wieder Minderheiten zu verfolgen. Für Stadtrat Jürgen Degenhardt mahnt die Tafel „mehr Menschlichkeit und Toleranz“ an.

Kerstin Slowik schaute sich am Ende der Zeremonie das Mahnmal über dem Blumenstrauß genau an. „Es ist wichtig, sich zu erinnern, damit derartiges nie wieder geschieht. Wir können das nicht einfach auf unsere Großeltern abschieben“.

 

 

Gotha

 

Erinnerung an die Gothaer Synagoge:

In Gotha lebten früher einige hundert Juden. Im Jahre 1933 waren es 264. Im Jahre 1940 lebten in Gotha noch etwa dreißig Juden. Eine einzige jüdische Frau lebte nach 1945 wieder in Gotha. Sie hat das Konzentrationslager  Theresienstadt überlebt.

Als ich noch ein Kind war, gab es in Gotha einen Platz, da war gar nichts. Auch einen Zaun gab es nicht. Kinder spielten dort, das war das einzige, was dort überhaupt passierte. Die Leute nannten diesen Platz „die Syna“ (so wurde es ausgesprochen, geschrieben habe ich diese Ortsangabe nie gesehen). Was die „Syna“ war, wurde damals nie gesagt. Vielleicht hätte man fragen müssen. Später, als ich erwachsen wurde, wurde auch die Vergangenheitsbewältigung erwachsen - der Platz wurde zum Parkplatz.

Aber langsam wuchs in dieser Zeit auch meine erschreckende Ahnung, daß die schlimme Vergangenheit erst so kurz vergangen war, und daß diese Vergangenheit bis heute unser Leben bestimmt, den Rest unseres Lebens bestimmen wird und auch das unserer Kinder. Wir haben - alle miteinander - noch nicht völlig begriffen, daß hier eine ganze Kultur ausgelöscht wurde, daß wir tatsächlich dadurch ärmer geworden sind.

 

Und auch in unserer Stadt wurde diese Kultur ausgelöscht, durch normale Menschen, das „gesunde Volksempfinden“, ermuntert, unterstützt und geführt von einer kriminellen Staatsgewalt. Betrug, Diebstahl, Brandstiftung, Mord von Staats wegen. Mit Staats-„Segen“ und - Erschrecken immer tiefer - auch mit Kirchensegen. Das Grausen über das Mögliche wird immer größer.

Heute steht auf dem Platz ein achtgeschossiger Wohnblock. Als ich 1987 von den Überlegungen erfuhr, an der Stelle der ehemaligen Synagoge eine Plastik zu errichten, dachte ich gleich an die Form der zwei abgewinkelten Stahlprofile, die sich mit der schon vorhandenen Schrifttafel verbinden lassen. Wir werden heute und in der Zukunft nicht an jüdische Kultur denken können, ohne uns an Konzentrationslager und Massenmord zu erinnern.

Zugleich fiel mir auf, daß der Begriff „Denkmal“ zu abgegriffen ist. Wir haben noch kein Wort für das, was wir als Trauerzeichen setzen. Für mich ist es eine Denkstelle. Die Stahlsäulen sind sicher stilisierte KZ-Zaunpfähle. Sie könnten auch, bei weiterer Betrachtung, ein zerbrochenes Kirchenfenster symbolisieren. Wenn man sehr lange hinsieht, kann man auch zwei Hände sehen, die es nicht schaffen, sich zum Gebet zu falten. Die Trauer ist zu tief

Synagogen-Mahnung wurde erst in den achtziger Jahren Bestandteil der bildkünstlerischen Konzeption zur Gartenstraße. Im Auftrag des Rates der Stadt, Abteilung Kultur, wurde in diesem Rahmen eine Gedenktafel angefertigt. Es war vorgesehen, diese Tafel am ehemaligen Standort der Synagoge an einem Wohnhausgiebel anzubringen. Die Befestigung am Giebel erwies sich aus Konstruktions- und gestalterischen Gründen als sehr nachteilig. So mußte eine neue Art der Befestigung gefunden werden. Der Rat der Stadt, Abteilung Kultur, erteilte erneut einen Auftrag. Hans Klein konzipierte eine freistehende Stelle in Form zweier abgeknickter, zueinandergeneigter Stahlprofile. Die Formgebung vermittelte Mahnung und zugleich Hoffnung (H. Klein).

 

Eine Gothaerin erinnert sich: Die Nacht, als die Synagogen brannten.

In der Schützenallee, nicht weit von der Stelle, an der die Gothaer Synagoge stand, wohnt eine Frau, die berichtet, wie sie die Zerstörung dieses Hauses erlebt hat. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde sie, etwa um halb vier morgens, von Nachbarn geweckt, die ihr sagten, daß die jüdische Synagoge in Flammen stand. Mit vielen anderen Anwohnern der umliegenden Straßen lief sie zum Ort des Feuers, wo schon eine große Menschenmenge versammelt war. Am nächsten Morgen, als die Synagoge bis auf die Grundmauern zerstört und das Feuer gelöscht war, konnte sie beobachten, daß die Ruine geplündert wurde. Jeder konnte nach Belieben aus den noch rauchenden Trümmern mitnehmen, was er wollte. Offensichtlich wurde die Plünderung durch Polizei nicht behindert (Zeitungsausschnitt aus dem „Gothaer Beobachter“ vom 11. November 1938).

 

Ins Exil - und wieder zurück: Leben, Erleben und Überleben in Gotha

Frau A. Z., geb. Rosenburg, nach Nazigesetzen „Mischling 1. Grades“, emigrierte am 20. April 1938 mit ihrer jüdischen Mutter nach Frankreich. Sie war damals 14 Jahre alt. In Frankreich konnte sie eine Internatsschule besuchen, gleichwohl verspürte sie eine starke Sehnsucht nach ihrer Heimatstadt Gotha, ihren Freunden, ihrer vertrauten Umgebung. Hier lebten auch ihre - nichtjüdischen - Großeltern.

Sie schaffte es schließlich, mit einem zeitlich begrenzten Einreisevisum, am 25. August 1939 in ihre Heimatstadt besuchsweise zurückzukehren. Doch dieses - als kurzer Besuch geplante - Wiedersehen erwies sich als endgültig. Am 1. September 1939 begann der 2. Weltkrieg und an eine Rückkehr nach Frankreich war nicht mehr zu denken. Von nun an lebte sie als „Halbjüdin“ in Deutschland.

 

Ihr Vorhaben, die Schulbildung nun in Gotha fortzusetzen, scheiterte zunächst am Widerstand des damaligen Direktors der Arnoldi-Schule, Dr. Kinttof. Schließlich wurde sie - nach einer Prüfung auf Schultauglichkeit in Weimar - doch noch aufgenommen. Für sie als Schülerin der Arnoldi-Oberschule in Gotha verlief das Jahr 1941 ohne größere Probleme.

Im Jahre 1942 begannen jedoch auch hier verschärfte Schikanen gegen die noch verbliebenen jüdischen Schüler. So mußte die damalige Schülerin auf einer separaten Einzelbank sitzen und sich zu Beginn jeder Unterrichtsstunde mit der Meldung: „Ich bin die Jüdin und Kommunistin Alfreda Rosenburg“ selbst demütigen.

Nach einem Nazi-Gesetz vom Oktober 1942 mußten nun alle noch an den Schulen verbliebenen Juden und „Mischlinge“ diese endgültig verlassen. Eine Ausnahme gab es für Frau Z. lediglich, weil sie bereits die 12. Klasse besuchte und kurz vor dem Abitur stand. Ausgeschlossen wurde sie nur von den Unterrichtsfächern „NS-Geschichte“ und „NS-Biologie“. Das Abitur konnte sie 1943 - trotz Erschwernis durch Prüfung in allen Fächern - ablegen.

In diese Zeit fällt auch eine Judendeportation im Haus Arnoldiplatz 5, deren Opfer wahrscheinlich Anna Brock, Rosalie Deminsky, Sally Grünberg, Hugo Lewin (mit einem Kind) und Ruth Weissenberg (mit einem Kind) waren. Diese Menschen wurden unter Anwendung brutaler Gewalt aus dem Haus geholt und mit Lastwagen abtransportiert. Frau Z. wurde Augenzeuge dieser Aktion, weil sie sich zufällig dort befand.

Nach dem Abitur mußte sie ein sogenanntes „Pflichtjahr“ absolvieren. In Weingarten, einem Dorf nordwestlich von Gotha, mußte sie zusammen mit sowjetischen „Fremdarbeiterinnen“ auf einem Bauernhof arbeiten.

Nach Ableisten dieses Pflichtjahres wurde sie zur weiteren Arbeitsableistung in den Betrieb Gothaer Waggonfabrik AG verpflichtet. In ihrer Arbeitsgruppe traf sie auf solidarisches Verhalten durch Kollegen, wie den Goldschmied Kister, einen Sozialdemokraten, und den Radiomechaniker Leihbecher. Nach ihrer 12stündigen Arbeitszeit hätte sie sich eigentlich im „Ostarbeiterlager“ in der Gleichenstraße aufhalten müssen, aber wegen der durch die Kriegswirren bedingten ungenügenden Kontrollen konnte sie fast immer bei ihren Großeltern übernachten.

Zu Ostern 1945 spitzte sich die Lage für die noch hier lebenden „Halbjuden“ so zu, daß Frau Z. im Rückzugschaos der deutschen Wehrmacht sich nach Weingarten durchschlug, um sich hier, vom Verwaltungszentrum Gotha etwas entfernt, relativ sicher zu fühlen. Doch sie wurde auch hier von den Ereignissen eingeholt: Durch den Telefonanruf einer befreundeten BDM-Führerin wurde sie informiert, daß die Gestapo die Wohnung der Großeltern durchsucht habe. Daraufhin ging Frau Z. sofort zurück nach Gotha und erfuhr dort von ihren - nichtjüdischen - Großeltern, daß man ihnen die Geiselhaft angedroht habe, falls sie - Frau Z. - sich nicht bis 12.00 Uhr mittags des folgenden Tages bei der Gestapo in der Erfurter Straße gemeldet hätte.

Mit dem Vorsatz, sich nun eben doch bei der Gestapo zu melden, nahm Frau Z. am Osterdienstag 1945 die Arbeit wieder auf. Der Kriegsverlauf rettete Frau Z. höchstwahrscheinlich das Leben, denn an diesem - wie auch immer - entscheidenden Tag kam es nicht mehr zur Meldung bei der Gestapo.

Um 10.00 Uhr vormittags war „Feindalarm“ in Gotha, und während die meisten Gothaer sich abwartend versteckten, fuhr Frau Z. mit dem Fahrrad durch Gothas leere Straßen nach Hause. Die amerikanische Armee war in Gotha einmarschiert. Die Stadt war befreit.

 

Liste der in Gotha polizeilich gemeldeten Juden:.

Von den bei der Volkszählung 1933 in Gotha registrierten 264 Menschen jüdischen Glaubens lebte nach heutigem Erkenntnisstand 1945 keiner mehr in Gotha. Über die genaue Zahl der Überlebenden und der Ermordeten läßt sich momentan nichts Genaues sagen. Es scheint heute so, als ob einer relativ großen Zahl Gothaer Juden die Auswanderung gelang.

Im Gothaer Adreßbuch 1941/42 sind zum letzten Mal auf einer gesonderten Seite die in Gotha „polizeilich gemeldeten Juden nach dem Stande vom 20. August 1941“ aufgeführt. Es handelt sich dabei um 39 Personen (Die Liste ist abgedruckt).

 

Aussagen zu den antisemitischen Ges in Gotha von 1933 – 1945:

In Gotha waren die Nazis ja schon vor 1933 an die Macht gekommen, und die haben schon in der Zeit oft gegen die Juden gehetzt. Aber so richtig ging das dann erst los, nachdem die Nazis 1933 in ganz Deutschland gewonnen hatten. Ich erinnere mich, daß dann des öfteren die SA - das waren auch vor allem junge Leute - und die Hitlerjugend durch die Stadt marschierten und „Deutschland erwache - Juda verrecke!“ brüllten. Die zogen meist, von Friedrichstraße und Arnoldiplatz herkommend, durch die Erfurter Straße, über den Neumarkt zum Hauptmarkt und dann durch die Judenstraße, also durch die Innenstadt, wo sich viele jüdische Geschäfte befanden. Und da wurden schon mal die Schaufenster eingeschmissen und randaliert. Die waren alle aufgehetzt worden; es gab doch oft Kundgebungen, auf denen die Redner gegen die Juden hetzten, besonders Trieber und Busch - der war Staatsrat und wohnte in Seebergen - taten sich da hervor.

Aber auch in den Zeitungen stand ja dauernd was gegen die Juden drin und das alles hat die Menschen natürlich beeinflußt, besonders die Jüngeren. Die waren damals in der HJ und danach, wenn sie etwas älter waren, in der SA, nicht alle ganz freiwillig; etliche, weil sie keine Nachteile in der Schule oder an der Arbeit haben wollten, viele auch, weil sie nur eine Arbeit bekamen, wenn sie in diese Organisationen reingingen.

Und wenn sie drin waren, mußten sie mitmachen, sonst konnten sie die Arbeit ganz schnell wieder verlieren. Aber nicht wenige haben auch gerne mitgemacht, und wenn man sich offen dagegen geäußert hat, dann drohten die doch auch gleich mit dem Konzentrationslager.

Ich glaube, es war 1935, da wollten die Nazis, daß keiner mehr in den jüdischen Geschäften einkauft und haben davor gewarnt, dies zu tun. Aber vor allem die Haufrauen haben lange Zeit diese Warnungen und Drohungen überhört. Die sind doch nach den Preisen gegangen und die waren eben bei manchen Juden niedriger als in den deutschen Geschäften. Da gab es zum Beispiel das Wohlwert-Geschäft oder auch Einheitspreisgeschäft von Herrmann am Neumarkt. Weil dort die Preise sehr günstig waren, haben viele Leute, besonders die Frauen, sich nicht abhalten lassen, dort weiter einzukaufen.

Um das zu unterbinden, sind die Nazis dazu übergegangen, zivilgekleidete - damit sie nicht auffielen - Polizisten oder Parteileute vor diesem Geschäft zu postieren, die die Leute, die da noch hineingingen, aufschrieben und weitermeldeten. Damals wurde sogar davon gesprochen, daß man fotografiert werde, wenn man versuche, das Geschäft zu betreten. Auch vor anderen jüdischen Geschäften soll das so gewesen sein, man sprach von überraschenden Kontrollen durch solche zivilgekleideten Polizisten. Ich habe selbst solchen gegenüber gestanden; man erkannte die doch gleich. Wer von denen erkannt und weitergemeldet wurde, bekam Schwierigkeiten, zum Beispiel an seiner Arbeit. Die Nazis hatten doch überall das Sagen. So sind dann mit der Zeit die Leute doch nicht mehr dort einkaufen gegangen, weil sie keine Schwierigkeiten bekommen wollten, und weil sie es für zu gefährlich hielten.

Ich erinnere mich, daß in diesen Jahren etliche Juden ihre Geschäfte aufgaben und auswanderten. Einige waren ja bereits vor 1933 oder Anfang 1933 rausgegangen. Ich weiß nicht mehr genau das Jahr, es kann 1935 oder 1936 gewesen sein, da habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie der jüdische Viehhändler aus der Goldbacher Straße - wir nannten ihn immer „Moses“ - fort ist. Was er mitnahm, war in großen Kisten verpackt, auf denen deutlich sichtbar „New York“ stand; die standen vorm Haus an der Straße und wurden dann mit einem Fahrzeug der Spedition Braun abgefahren.

 

Es muß in dieser Zeit gewesen sein, da wurden die Schaufenster der jüdischen Geschäfte mit einem großen Davidsstern gekennzeichnet, die waren mit Farbe daraufgemalt. Später, so 1940/41, haben sie solche Sterne dann auch an die Türen der Häuser geschmiert, in denen noch Juden wohnten, und die waren noch nach dem Krieg, als ich aus der Gefangenschaft zurückkehrte, an einigen Türen sichtbar. Das war 1946, aber man hat sie dann doch schnell beseitigt.

In der „Reichskristallnacht“ haben die Nazis die Synagoge angezündet! Ich glaube, ich befand mich zu Hause - ich wohnte damals in der Goldbacher Straße - als jemand rief: „Die Synagoge brennt!“ Wir gingen raus und nahmen in der Richtung einen hellen Feuerschein wahr. Meine Mutter sagte zu mir und meinem Bruder, wir sollten da nicht hingehen. Am nächsten Tag war ich in der Gartenstraße und habe aus einiger Entfernung die immer noch rauchenden Trümmer gesehen. Auch wahrgenommen habe ich Spuren von Gewalteinwirkungen an Türen und Schaufenstern jüdischer Geschäfte. Die Schaufenster wiesen entweder Sprünge auf, wie zum Beispiel das vom Geschäft „Max Blau“ im Brühl, oder waren notdürftig mit Pappen oder Brettern geflickt. Auch waren in den Auslagen kaum noch Waren zu sehen.

Es gab einige Leute, die waren über das, was die Nazis da gemacht hatten, über das Anzünden und Zerstören der Synagoge, wie über die Gewaltaktionen gegen die Juden und ihre Geschäfte, empört, aber das waren wenige, und man konnte das auch nicht laut äußern. Wir wagten ja nicht einmal stehenzubleiben und uns genauer anzusehen, was geschehen war. Davon, daß in den jüdischen Geschäften geplündert wurde, habe ich damals gehört.

Wir selbst - mein Vater betrieb einen Rohprodukthandel und ich arbeitete bei ihm mit - hatten geschäftliche Verbindungen mit einigen jüdischen Geschäften, so mit der Firma Conitzer, die Alttextilien aufkaufte, mit den Gebrüdern Grünstein, den Heilbrunns in der Gerbergasse sowie mit den Geschäften bzw. Handlungen Meier Minz und Weiser in der Augustinerstraße. Diese Verbindungen konnten aber nicht mehr lange aufrechterhalten werden, weil die Inhaber dieser jüdischen Geschäfte entweder auswanderten oder nichts mehr aufkaufen oder bezahlen konnten.

Später, vor allem nach der Kristallnacht, haben sie ja die Juden noch mehr verfolgt und drangsaliert, aber das gab es durch diese ganzen Jahre vor dem Krieg. Etliche Juden haben versucht zu fliehen; so erinnere ich mich, daß wir, mein Vater und ich - wir waren oft mit einem Kleinlastwagen in der Gegend Ruhla, Bad Thal und Seebach unterwegs - Ende der dreißiger Jahre, wahrscheinlich war es 1939, einmal von zwei Frauen angehalten wurden, die uns fragten, ob wir sie mitnehmen könnten, da sie von der SS verhaftet werden sollten.

Aus dem Gespräch ging hervor, daß es sich um jüdische Verfolgte handelte. Nach unserer Zusage kamen noch einige Frauen und zwei Männer, zusammen waren es wohl acht Personen, und die stiegen alle auf die Ladefläche. Wir haben sie dann aus dieser Gegend herausgefahren, durch Eisenach hindurch bis in die Nähe von Unkeroda, um sie wenigstens fürs erste in Sicherheit zu bringen. An einem Waldstück haben wir sie dann abgesetzt, und sie sind im Wald verschwunden. Ich weiß nicht, ob sie durchgekommen sind.

Wir fanden es schlimm, was sie mit diesen Menschen damals gemacht haben, aber gegen die Nazis und die vielen, die mitgemacht haben, konnten wir nichts tun, denn wir hatten Angst, auch ins Konzentrationslager gesperrt zu werden (Rudolf H.)..

 

„Judenspiegel“, Ausgabe August 1935, Beilage zum „Gothaer Beobachter“.

Beim Juden kaufen ist unmoralisch: Trotz unserer immerwährenden Aufklärungsarbeit über das Judentum, gibt es immer noch zahlreiche artvergessene Volksgenossen, die es nicht unterlassen können, ihre Einkäufe beim Juden zu tätigen. Wenn man nun einmal einen solchen Volksgenossen zur Rede stellt, erklärt er meistens: „Ja ich wußte nicht, daß dies ein Judengeschäft ist!“ Um hier nun ein für allemal vorzubeugen, veröffentlichen wir nachstehend sämtliche jüdischen Geschäfte in Gotha. Es liegt nun an jedem Volksgenossen selbst, die Liste einer genauen Prüfung zu unterziehen.

Diejenigen deutschen Volksgenossen, die es aber trotzdem nicht unterlassen können, beim Juden zu kaufen, sind kein Teil des Volkes mehr, der die öffentliche Meinung darstellt. Die deutsche öffentliche Meinung vertritt vielmehr die Auffassung von dem sittlichen Unwert des Einkaufens beim Juden.

 

Gothaer Juden:

1. Judenärzte:

Falkenstein, Leo, Adolf-Hitler-Straße 50

Heilbrunn, Leo, Gartenstraße 32

Heilbrunn, Max, Arnoldiplatz 5

Mayer, Kurt, Gartenstraße 11

Mayer, Adolf, Gartenstraße 11

Schulenklopper, Richard, Seebergstraße 13/15

Wassermann, Wilhelm, Katharinenstraße 1

 

2. Rechtsanwälte:

Oppenheim, Dr., Bruno, Friedrichstraße 13

 

3.  Altwarenhändler:

Schiffmann, Albert, Gerbergasse 10

Wirth, Moses, Gartenstraße 10

4.  Fellhändler: Minz, Meier, Augustinerstraße

5. Rohproduktenhändler: Pflanzer, Kalmann, Hützelsgasse 2

 

6. Viehhändler:

Emanuel, Moses und Markus, Gutenbergstraße

Mannheimer, Max, Mohrenstraße 27

 

7. Getreidehändler:

Lebram, Ernst, Ohrdrufer Straße 33

Wachtel, Jakob, Reinhardsbrunner Straße 17

 

8. Darmhändler: Heilbrunn, M., Gerbergasse 9

 

 

 

9. Judengeschäfte:

Conitzer & Söhne, Kaufhaus, Erfurter Straße

Liebermann, Hersch, Kurzwaren, Friedrichstraße 10

Mansbach, Jakob, Textilwaren, Marktstraße 3

Tauber, Moses, Wäschehandlung, Schwabhäuser Straße 13

Blau, David, Textilwaren, Brühl

Frey, Jakob, Konfektion, Dietrich-Eckhart-Straße 12

Fellig, Julius, Kreditgeschäft, Brühl 13/15

Steinhaus, David, Damenkonfektion, Augustine rStraße 2

 Thüringer Kleiderwerk, Inh. Rosenblatt, Lucas-Crananch-Straße 3

Kiewe u. Co., Konfektion, Arnoldiplatz

Wohlwerth, Willi Herrmann, Einheitspreisgeschäft, Erfurter Straße

Ledermann, M. G., Lederfabrik, Pulvermühlenweg

Neuwirth, Isidor, Photograph, Neumarkt 11.

 

10. Fabrikbesitzer:

Ruppel, Gebr., Metallwarenfabrik, Reinhardsbrunner Straße

Simson, Julius, Porzellanfabrik, Nützleber Weg 1

 

11. Händler:

Geller, Wolf, Schuhwaren, Hauptmarkt

Gutstein, Hersch, Schuhwaren, Mohrenstraße

Wilk, Benjamin, Stoffhändler, Langensalzaer Straße 26

 

Auszüge aus: Thüringer Gauzeitung Gothaer Beobachter (Beilage)

Freitag, den it. November 1938, Nr. 265, 16. Jahrgang

Vergeltungsaktionen sofort einstellen.

Aufruf des Reichsministers Dr. Goebbels an die Bevölkerung

Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen jüdischen Meuchelmord an einem deutschen Diplomaten in Paris hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maß Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten des Reiches wurden Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen. Es ergeht nunmehr an die gesamte Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen. Die endgültige Antwort auf das jüdische Attentat in Paris wird auf dem Wege der Gesetzgebung, bzw. der Verordnung dem Judentum erteilt werden.

 

12. November 1938, Beilage „Gothaer Stadtnachrichten“, 1. Seite

Aus Unkenntnis in Judenladen gekauft.

Die gelben Firmenaufschriften auf den Schaufenstern würden helfen

Von einem unserer Leser geht uns ein Brief zu, in dem er uns zu seinem Leidwesen mitteilt, daß er vor einiger Zeit ganz ahnungslos in einem jüdischen Geschäft gekauft habe. Es handelt sich hier um das jüdische Korsettgeschäft Neumann in der Marktstraße. Wie wir bereits veröffentlichten, ist der Besitzer dieses Geschäfts der Jude Dr. Werner Maas. Wie uns mehrmals bestätigt wurde, ist es anscheinend in Gotha wenig bekannt, daß gerade diese Firma jüdisch sei.

Nachdem wir nun in unserer Ausgabe vom 28. Okt. 1938 die noch in Gotha vorhandenen jüdischen Geschäfte veröffentlicht haben, wird wohl jeder Gothaer nunmehr wissen, woran er ist. Sollte jedoch der eine oder andere die damalige Aufzählung übersehen haben, soll die folgende Wiederholung abhelfen. In Gotha gibt es also noch 13 Judenläden. Es sind dies:

Baile Weiser, Augustinerstraße 19

Meier Minz, Augustinerstraße 3

Chaja Liebermann, Friedrichstraße 20

Heinrich Mausbach, Marktstraße 3

Max Blau, Inh. David Blau, Brühl 8

Anna Frei, Sulzengasse 3

Sovie Schädter gebolrene Liebermann, Friedrichstraße 20

Wolf Geller, Adolf-Hitler-Platz 42

W. und G. Neumann (Korsettgeschäft), Inh. Dr. Werner Maas, Marktstraße 3

Gebr. Mannheimer, Inh. Erich Siegfried und Max Mannheimer, Robert-Ley-Straße 27

Julius Fellig, Inh. David Blau, Brühl 13/15

Das muß man besonders jetzt verstehen: es ist jedem anständigen Volksgenossen zumindest sehr unangenehm, wenn er hinterher feststellen muß, er ist, ohne es zu ahnen, Käufer in einem Judenladen gewesen. Wir fragen uns deshalb mit vielen anderen Gothaern, warum in Gotha die Kennzeichnung der Judenläden nicht durchgeführt wird.

Im ganzen Gau Thüringen tragen die Judenläden in großen gelben Antiqua-Lettern auf der Schaufensterscheibe den Namen des jüdischen Inhabers. Da diese gelbe Aufschrift sich von allen sonstigen üblichen Firmenbezeichnungen deutlich abhebt, sind die Judenläden jedem klar erkenntlich gemacht. In Gotha ist dies jedoch noch nicht ganz durchgeführt. Einzelne Judengeschäfte haben diese Aufschrift bereits angebracht, aber der große Teil der jüdischen Inhaber in Gotha bisher noch nicht. Woran das liegt, daß diese gesetzlichen Anordnungen in Gotha noch nicht durchgeführt wurden, ist uns nicht bekannt. Wenn diese Anordnung in Gotha streng befolgt würde, so könnte es nicht passieren, daß Volksgenossen unbewußt beim Juden kaufen.

Durch die angebrachten großen gelben Buchstaben auf der Schaufensterscheibe ist einwandfrei das Geschäft als Judenladen gekennzeichnet. Keiner könnte sich künftig darüber ärgern oder damit ausreden, daß er nicht gewußt habe, hier ein jüdisches Geschäft vor sich zu haben. Und wer beim Juden kauft, von dem muß man annehmen, daß er sich von der deutschen Volksgemeinschaft zu trennen wünscht.

Nach den Schüssen in Davos und Paris, nach den zahlreichen Provokationen von Juden gegenüber Deutschen im Ausland, nach den hetzerischen Aufrufen der Judenpresse zu Meuchelmord und Krieg, gibt es für uns Deutsche um so mehr nur eine Konsequenz: Wer zum Juden geht, wer mit Juden verkehrt, der will und soll mit uns nichts mehr zu tun haben (Aus: Die Novemberpogrome: Gegen das Vergessen. Eisenach, Gotha, Schmalkalden. Spuren jüdischen Lebens, 1988, Landesjugendpfarramt der Ev-Luth. Kirche in Thüringen, Eisenach).

 

Großkrotzenburg

Synagoge:

Die ehemalige Synagoge in der Steingasse 10 hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Im Jahr 1820 stellte die „israelitische Gemeinde Großkrotzenburg am Main“ ein Baugesuch für eine Synagoge, das allerdings zunächst abgelehnt wurde, so daß das Projekt erst 1826 realisiert werden konnte. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Synagoge mehrmals erweitert: Im Jahr 1864 ließ die Gemeinde die Empore - den für die Frauen zugänglichen Bereich - vergrößern; 1900 wurde das Gebäude verlängert und auf seinen jetzigen Grundriß gebracht.

Nach der Pogromnacht am 9. November 1938 fand auch die Großkrotzenburger Synagoge ihr Ende als jüdisches Gotteshaus. Zwar wurde das Gebäude wegen des vehementen Protestes einer Nachbarin nicht angezündet. „Am folgenden Tag jedoch kam der Dorfschullehrer und schlug mit seiner Klasse alles kurz und klein“, erzählt Daume.

Im März 1939 kaufte der Landwirt Joseph Vogt das Gebäude. Sein Bruder errichtete dort eine Maschinenstrickerei, die bis Dezember 1947 bestand. Im Mai 1952 verkaufte Vogt die ehemalige Synagoge an die evangelische Kirchengemeinde, die sie in eine Kapelle umwandelte. „Nach dem Krieg waren viele Protestanten zugezogen und suchten nun nach einem Ort für ihre Gottesdienste“, erklärt Daume. Die „Immanuel Kapelle“ wurde genau 14 Jahre nach der Pogromnacht, am 9. November 1952, eingeweiht und war bis zur Fertigstellung des Gemeindezentrums 1974 die evangelische Kirche. 

Im Jahr 1977 nahm die Gemeinde Großkrotzenburg das Gebäude in Pacht, womit dessen Zweckentfremdung allerdings mitnichten beendet war: Die Aquarien- und Terrarienfreunde zogen ein und nannten die ehemalige Synagoge fortan ihr Vereinsheim. Erst in den 80er Jahren begann die Diskussion um eine alternative Nutzung.

Im September 1986 faßte das Großkrotzenburger Parlament den Beschluß, die ehemalige Synagoge in eine Kultur- und Gedenkstätte umzugestalten. Die Gemeinde kaufte das Gebäude 1988 und ließ es sanieren; die jüdische Architektin Dr. Thea Altaras, Autorin einer Dokumentation über hessische Synagogen, wurde als Beraterin engagiert.

 

„Man sollte sehen, daß es eine Landsynagoge war“, erinnert sich Pfarrer Daume an den Umbau, bei dem der Innenraum dem vorhandenen Baustil entsprechend gestaltet, eine kleine Bühne und eine Ausstellungsfläche auf der Empore geschaffen wurde. Die Künstlerin Dina Kunze - von der auch das Denkmal vor der Synagoge stammt - schuf eine bronzene Tafel mit den Namen der ermordeten Großkrotzenburger Juden.

„Als die Arbeiten beendet waren, kam die Frage auf, wie man das Gebäude sei­ner Bedeutung als Gedenk- und Begeg­nungsstätte zuführen kann und zwar so, daß es von der Bevölkerung angenommen wird“, berichtet Daume, der auch Vorsit­zender des „Evangelischen Arbeitskreises Christen – Juden“ ist - und der Mei­nung, daß es die Aufgabe ersterer sei, „das Gedenken zu organisieren“. „Das kann nicht Sache der Juden sein“, sagt der Pfarrer auch im Hinblick darauf, daß in der Diskussion um das Denkmal der Vorschlag aufkam, die jüdische Gemeinde in Frankfurt um eine Spende zu bitten.

„Es war schnell klar, daß das Konzept nur umzusetzen sein würde mit einem fe­sten, ständigen Kreis“, erinnert sich der Pfarrer. Nach der Gründungsversamm­lung 1992 kristallierte sich ein laut Dau­me „bunt gemischter“ Stamm von 15 Mitgliedern heraus, die im Jahr zehn bis zwölf Veranstaltungen organisieren und der Gemeinde damit auch ein Stück Kul­turarbeit abnehmen, wie der Vorsitzende des Kreises sagt. Regelmäßig auf dem Programm stehen Lesungen, jüdische Folklore und Musik, Filme, Vorträge und Exkursionen - etwa zu den Synagogen in Darmstadt oder Frankfurt - sowie die alljährliche Holocaust-Gedenkfeier am 9. November; dauerhaft sind außerdem eine Ausstellung mit Dokumenten aus der jüdischen Gemeinde und rituelle Gegenstände zu sehen. In der Regel werden die Veranstaltungen gut besucht - wenngleich es einige gibt, „die sich überhaupt nicht für unsere Arbeit interessieren, wie Daume nüchtern feststellt. Dafür reicht der Publikumsstamm aber auch über die Ortsgrenzen hinaus, sogar bis nach Frankfurt.

„Das ist unser Beitrag, Geschichte aufzuarbeiten, denn die Zeitzeugen fallen langsam aus. Wenn Menschen nicht mehr da sind, müssen uns die Steine helfen“, sagt Heinz Daume über sein Verständis von dem, was der Arbeitskreis „Ehemalige Synagoge“ zu leisten hat. Der Arbeitskreis, dessen Vorsitzender der evangelische Pfarrer ist, gründete sich 1992, um „Veranstaltungen zu ermöglichen, die das Verständnis vom Judentum und Israel fördern“, wie es in einem Informationsblatt heißt. Dazu gehören Themen wie die Großkrotzenburger Ortsgeschichte, jüdische Religion und Kultur, das Verhältnis zwischen Christen und Juden, deren Leben in Deutschland und Israel sowie der Holocaust.

Ein wichtiger Eckpfeiler ist die Zusammenarbeit mit den Schulen, wobei die Kinder und Jugendlichen nicht nur passiv durch Informationsveranstaltungen, sondern auch aktiv an die Geschichte der Juden herangeführt werden sollen. Als einen wesentlichen Aspekt dabei bezeichnet Heinz Daume die „Spurensuche“ So beteiligen sich Schüler der Kreuzburg unter der Leitung der Religions- und Geschichtslehrerin Monika Pfeifer, die ebenfalls Mitglied im Arbeitskreis ist, an dem, was Daume „das Friedhofsprojekt“ nennt.  So haben die jungen Leute Abraham Frank aus Jerusalem zugearbeitet, der die Inschriften auf den Gräbern übersetzt hat, indem sie die Grabmäler aus Sandstein gesäubert haben: „Wenn wir Glück haben, kriegen wir eine Dokumentation zusammen“, hofft Monika Pfeifer. Das wäre das nächste große Ziel des Arbeitskreises: ein Bildband über den Friedhof mit Fotografien und den Übersetzungen der Grabsteine, der außerdem auch ein Stück Ortsgeschichte nachlesbar aufbereitet

 

Vorplatz:

Kein Grün ziert den Platz und graue Waschbetonplatten bedecken den Boden. Die rund 60 Quadratmeter vor der ehemaligen Synagoge in Großkrotzenburg sind mehr Autoabstellplatz, denn würdiger Aufgang für eine Gedenkstätte. „Es ist nötig, daß die Synagoge auch außen eine inhaltliche Aussage erhält”. Heinz Daume, evangelischer Pfarrer und Mitglied des Großkrotzenburger Arbeitskreises „Ehemalige Synagoge”, ist die Enttäuschung anzumerken.

Auch drei Jahre nach der Renovierung der Gedenkstätte 1992 ist bei der Gestaltung des Vorplatzes keine greifbare Lösung in Sicht. Der Bauausschuß hat in seiner jüngsten Sitzung eine Entscheidung vertagt.

Diskussionsgrundlage des jüngsten Treffens war ein Gestaltungsvorschlag, den Pfarrer Daume gemeinsam erarbeitet hat mit der Künstlerin Dina Kunze, die auch schon den Innenraum der Synagoge mit der Thoraschriftrolle ausstattete. Dieser sieht eine Art Denkmal in der Mitte des Vorplatzes vor. Texttafeln mit Erklärungen zu der Geschichte der Synagoge sollen aus dem Boden herauswachsen. Der Platz selbst könnte gepflastert und mit einem Baum oder hohem Gras bepflanzt werden. Eine Bank soll nach den Wünschen des Pfarrers zum Verweilen einladen. Daume stellt sich einen „Ort der Ruhe und des Friedens“ vor - keinen Parkplatz.

„Der Innenraum der Synagoge wurde schön gestaltet, aber außen herrscht einfach eine entwürdigende Situation“, meint Heinz Daume. Für den Pfarrer hat die Gedenkstätte in der Gemeinde auch überregionale Bedeutung. Hier werden nicht nur Konzerte veranstaltet, Lesungen und Vorträge etwa über jüdische Kultur gehalten, auch Geschichtsinteressierte Besucher finden sich ein. Sie treffen auf einen Platz, der in keiner Beziehung zur Synagoge steht. Wenn sie überhaupt dorthin gelangen, denn, so kritisiert Daume auch, „noch immer gibt es kein Hinweisschild im Ort auf die ehemalige Synagoge“.

Rund 80.000 Mark würde die Gestaltung des Platzes nach den Vorstellungen von Pfarrer und Künstlerin kosten. Davon entfallen allein 50.000 Mark auf das Denkmal. Eine Summe, die bei den örtlichen Kommunalpolitikern „Zurückhaltung“ auslöst angesichts leerer Haushaltskassen. Der Pfarrer drückt sich vorsichtig aus: „Ich glaube, die Notwendigkeit wird nicht gesehen. Das finde ich enttäuschend angesichts des gerade erst verstrichenen Gedenktages 8. Mai“.

Uwe Bretthauer, SPD-Fraktionschef, bezeichnet die Haltung seiner Partei und der übrigen Fraktionen als „abwartend“. Er plädiert für eine „preiswertere“ Lösung. „Wir knausern um jede Mark im Haushalt“. Bretthauer schlägt vor, eine Gedenktafel an der Synagoge anzubringen den Vorplatz zu pflastern und mit einer Versöhnungseiche zu bepflanzen.

„Damit käme man beiden Belangen entgegen“, glaubt er. Für Pfarrer Daume sind jedoch ein „paar Platten und Sträucher“ nicht ausreichend. Innen- und Außengestaltung der Synagoge sollten korrespondieren, meint er.

Bürgermeister Klaus Reuter bezeichnet den  „Daume-Kunze-Vorschlag“ grundsätzlich als „vernünftig“, wenngleich auch er den Kostenfaktor sieht. Der Rathauschef schlug vor, die Künstlerin zu einer der nächsten Sitzungen des Bauausschusses einzuladen und erneut das Konzept zu diskutieren. Problematisch sind nicht nur die Kosten sondern auch das Nachbarschaftsrecht. Ein Anlieger der Gedenkstätte hat Sicherheitsbedenken geäußert, die Zufahrt zu seinem Haus über den Vorplatz anders als bislang zu gestalten.

„Es müssen neue Gespräche geführt werden“, regt auch Pfarrer Daume an. Er hofft nur, daß die Gestaltung des Platzes nicht auf den „Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wird“. Ein Baubeginn noch in diesem Jahr scheint jedoch bereits illusorisch. Daß die Mittel für eine Gestaltung, wie sie auch immer aussehen wird, noch 1995 locker gemacht werden können, glauben weder der Bürgermeister noch die Fraktionen.

 

Friedhof:

Der Großkrotzenburger Arbeitskreis „Ehemalige Synagoge“ möchte einen Gedenkband über den jüdischen Friedhof der Gemeinde herausgeben. Unterstützung erhalten die Großkrotzenburger da-bei von Abraham Frank aus Tel Aviv. Der jüdische Familienforscher will die Inschriften der 126 Grabsteine übersetzen. Wären nicht die Grauen der jüngsten Geschichte - der stille Ort im Großkrotzenburger Wald würde nichts von seiner Idylle verlieren. Umgeben von einer Sandsteinmauer und schattenspendenden Bäumen liegt der Friedhof friedlich hinter der Kreuzburg. Gewissenhaft gepflegt, überwuchert kein Gras die hebräischen Schriftzeichen auf den Grabplatten.

Spaziergänger konnten Abraham Frank beobachten. Mit einem Klappstuhl und Notizblock in der Hand zog der Israeli von Inschrift zu Inschrift. Zwei Tage lang wollte er jeden Grabstein dokumentieren. Er brauchte nur einen. „Ich war so in die Arbeit vertieft, daß ich Stunden im Wald zubrachte“ erzählt der 72jährige.

Abraham Frank stieß dort auf die Berberichs, die Schmidts, die Goldschmidts, die Wallers und auch die Hirschmanns -seine eigene Familie. Der einzige Üerlebende der Großkrotzenburger Hirschmann-Juden, Henry, lebt heute in North-Carolina in den USA. Er ist Franks Großvetter. Seine Familie starb in Auschwitz.

Auf der Spur, die zertrennten Familienbande zu verknüpfen, kam der Familienforscher Frank schon vor Jahren nach Großkrotzenburg - nach Kontakten mit Henry Hirschmann und den Großkrotzenburgern Willi Euler und Heinz Daume.

Frank war es auch, der dem „Arbeitskreis Synagoge“ nun seine Unterstützung bei der Dokumentation des jüdischen Friedhofes anbot. Der engagierte Arbeitskreis möchte die Geschichte der jüdischen Ruhestätte aufarbeiten und veröffentlichen.

Vieles liegt noch im Dunkeln. Wann genau die Ruhestätte angelegt und in welchem Jahr dort die ersten Großkrotzenburger Juden begraben wurden, läßt sich nicht genau beziffern. Das älteste Datum auf den Grabplatten weist auf das Jahr 1716. hin, wie der prominentestes der Großkrotzenburger Juden, Professor Josef Berberich, 1926 zur Jahrhundertfeier des Synagogenbaus festhielt. Juden gab es vermutlich jedoch schon seit 1614 in der kleinen Gemeinde. Der letzte Grabstein im Großkrotzenburger Wald trägt ein Datum aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Viele starben danach. Keiner der Ermordeten hat dort Erwähnung oder letzte Ruhe gefunden. Ihre Namen finden sich in Auschwitz, Treblinka oder Dachau.

 Genau 126 Grabsteine hat Abraham Frank dokumentiert. „Es müssen einmal über 200 gewesen sein“, glaubt der 72jährige. Während der Nazi-Zeit blieb auch der Friedhof im Wald nicht verschont. Viele Steine, denkt Frank, sind dabei verloren gegangen, wohl auch die Sandstein-Inschrift, von der Professor Berberich damals sprach. Abraham Frank stieß auf das früheste Datum 1780. In den frühen Jahren überwogen rein hebräische Schriftzeichen auf rotem Sandstein. Ab 1880 vergrößert sich die Zahl der in deutsch verfaßten Gedenkschriften.

Doch gerade das alte Hebräisch war es, was die Übersetzung für die Lokalhistoriker so schwierig machte. Hinzu kamen unbekannte Abkürzungen und auch der hebräische Kalender, der andere Monate, Jahre oder Tage kennt. Abraham Frank ist in diesen Arbeiten firm. Er hat Vorträge verfaßt, an Gedenkschriften über die untergegangenen jüdischen Gemeinden in Hessen mitgearbeitet und bereits geholfen, einige jüdische Friedhöfe in Süddeutschland zu dokumentieren. Für ihn ist der Großkrotzenburger Friedhof zwar von Alter und Größe kein so bedeutender wie .etwa der in Frankfurt. „Er ist jedoch liebevoll gepflegt“, lobt er die Gemeinde. Und er liegt außergewöhnlich weit vom alten Ortskern entfernt, rund eineinhalb Kilometer. „Ein weiter Weg, da die Juden ihre Toten zu Grabe tragen.“

Frank würde gerne auch die Männer, Frauen und Kinder in die Dokumentation aufnehmen, die dort beerdigt wurden, deren Namen aber nicht mehr in Stein gemeißelt zu finden sind. Mitglieder des Arbeitskreises wollen nun in Sterberegistern und Archiven nachforschen. Bei vollständigen Informationen ließe sich ein kompletter Stammbaum der Familien erarbeiten..

Der 72jährige aus Tel Aviv arbeitet in seiner Heimatstadt für das Leo Baeck Kuratorium, wo er sich der Erforschung der Geschichte der deutschen Juden widmet. Er arbeitet für die Einwanderungshilfe der zionistische Weltorganisation und ist aktiv in der deutsch-israelischen Freundschaftsgesellschaft. Mit seiner Frau t eilte er jetzt zwei Wochen in Deutschland und besuchte unter anderem auch auf Einladung des Magistrats seine frühere Heimatstadt Stuttgart. Die hat er bereits 1936 verlassen. Seine Familie floh auf  dem Seeweg nach Palästina: „Mein Vater hatte die Zeichen der Zeit früh genug erkannt. Er hat viele Verwandte von der Auswanderung überzeugen können, aber doch nicht alle“.

 

 

Seit 2002 liegt ein Buch vor, in dem nicht nur jeder einzelne Grabstein abgelichtet ist (Fotograf Hans Dambruch aus Großkrotzenburg), sondern in ihnen auch die dazu gehörende Grabinschrift im hebräischen Original samt deutscher Übersetzung zur Seite gestellt ist. Eine Arbeit, die der 78 Jahre alte Abraham Frank aus Jerusalem übernommen hat. Doch damit nicht genug: Monika Ilona Pfeifer hat dies noch ergänzt mit Angaben über die jeweiligen Personen, die sie in den Sterberegistern gefunden hat.

Ende der 80er Jahre ist die Geschichtslehrerin des Franziskanergymnasiums auf die jüdische Geschichte der Gemeinde gestoßen und hat sich dann in den vergangenen Jahren richtig hineingekniet, sagt sie. Und forschte - anfangs noch zusammen mit dem Großkrotzenburger Heimatforscher Heinz Klab, der inzwischen verstorben ist - in den Archiven in Marburg, Wiesbaden und Hanau. Übrigens nicht zum ersten Mal: Zusammen mit der Lokalhistorikerin Monica Kingreen hat sie schon vor einiger Zeit die Geschichte der Hanauer Juden zwischen 1933 bis 1945 beleuchtet und auch veröffentlicht.

Die Dokumentation über die 140 Grabsteine inklusive Lageplan ergänzt Pfeifer mit einem Abriss der Entwicklung der jüdischen Gemeinde von deren Anfängen bis zu ihrem Untergang, gespickt mit Original-Schriftstücken. Weitere Kapitel beschäftigen sich mit dem Novemberpogrom, der Zerstörung der Synagoge und der Zwangsarbeit. Auch die heutigen Schändungen des Friedhofs werden in dem Werk erwähnt.

„Mit diesem Buch kann ein jeder auf Spurensuche gehen“, fasste Pfarrer Daume zusammen. Doch will er das Werk ebenso wie Mitautor Abraham Frank nicht nur als Blick zurück einstufen, sondern hofft, dass es auch Brücken zu den Nachkommen und zur Gegenwart schlage.

Überschrieben ist das Buch mit „Ihre Seele ist eingebunden in das Bündel des Lebens“. Mit diesem Satz ende jede hebräische Grabinschrift, erklärte Pfarrer Daume, weshalb diese Botschaft zum Titel erkoren worden sei.

 Rund 14.000 Euro hat das Verlegen der 700 Exemplare gekostet, sagt Pfarrer Daume. Die Landeszentrale für politische Bildung sowie die evangelische Kirche hätten das Projekt bezuschusst, die Gemeinde habe garantiert, 200 Stück abzunehmen. Außerdem habe sie eine Liste der Überleben-den erstellt und will ihnen ein Exemplar zukommen lassen. Die Großkrotzenburger scheinen an der Vergangenheit übrigens brennend interessiert zu sein: Über 50 Bücher wechselten noch am Abend der Präsentation den Besitzer.

Das Buch „Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens - Die jüdische Gemeinde und der jüdische Friedhof zu Großkrotzenburg” von Abraham Frank, Monika Ilona Pfeifer und Heinz Klab (postum) ist im Hanauer CoCon-Verlag erschienen und kann für 17 Euro beim Arbeitskreis Ehemalige Synagoge (' 06186/900607) oder unter der ISBN-Nummer 3-928100-70-X bezogen werden.

 

Hanau

Geschichte:

Die deutschen Landesherren legten an sich Wert auf die Juden, um Bankgeschäfte mit ihnen machen zu können. Dennoch kam es ab und zu Verfolgungen. In Hanau wurden die Juden um 1590 vertrieben. Doch Graf Philipp Ludwig II. (der auch die Niederländer und Wallonen nach Hanau holte) stellte im Jahre 1603 die Judengemeinde wieder her. Auch er hatte dafür finanzielle Gründe, denn die Einwohner sollten nicht nach Frankfurt gehen, wenn sie Bankgeschäfte tätigen wollten.

Am 18. Dezember 1603 erlaubte Graf Philipp Ludwig von Hanau, der Gründer der Hanauer Neustadt, den Juden die Niederlassung in Hanau. Nicht die Juden schlechthin, sondern reiche Juden, die Handel und Finanzwesen in Hanau befördern könnten, sollten nach Hanau kommen.

Der Graf schickte Werbeschriften durch ganz Europa, um Juden anzulocken. Sie wurden dann in der Altstadt angesiedelt, indem man den alten Stadtgraben überwölbte. Die Keller der Häuser lagen unter der Straße. Auch wurden Judenbäder für rituelle Waschungen eingerichtet.

Die Häuser aber mußten immer höher gebaut werden, weil es ja keine zusätzliche Fläche für sie  gab. An Feiertagen wurde die Judengasse zugesperrt (Samstags wegen der Juden, Sonntag wegen der Christen). Man wollte die Bevölkerungsteile auseinanderhalten, sie sollten sich nicht gegenseitig stören. Nachts wurde die Stadt sowieso verschlossen. Die räumliche Trennung ermöglichte das Zusammenleben.

Für die damalige Zeit des beginnenden 17. Jahrhunderts mag das Privileg der Errichtung einer Judengemeinde durch den jungen Grafen Philipp Ludwig II. als Zeichen von Toleranz gewertet werden, auch wenn dieser vorwiegend wirtschaftliche Hoffnungen damit verband und nur wohlhabenden Familien den Zuzug gestatten wollte. Hatten doch 1591 noch die Vormünder des dann noch unmündigen Grafen die Ausweisung aller Juden aus dem Hanauer Land verfügt. Trotz einiger Gewaltexzesse konnten sich Juden in Hanau ab 1603 sicher fühlen und boten sogar immer wieder Frankfurter Juden Asyl.

Das Wohnrecht und die danach fortschreitende Erleichterung der Lebensbedingungen waren nur eine vordergründige tolerante Haltung in der Stadt. Die neu angesiedelten Juden mussten in einer streng abgesonderten Judengasse wohnen. Viele Berufe blieben ihnen verwehrt. Zur Unterscheidung von den Christen, mussten sie einen gelben Ring auf ihrem Gewand tragen. Bot auf der einen Seite das Ghetto Schutz, war es gleichzeitig Repressalie. An Sonn- und Feiertagen hatten Juden in ihrer Gasse zu bleiben. Die Tore wurden auf Druck der Geistlichkeit ab 1626 versperrt und erst um 1790 konnten sie mit gewissen Einschränkungen offen gehalten werden. Es musste wie beim Vieh ein „Leibzoll” entrichtet werden. Auf solchem Boden konnte Schlimmeres gedeihen.

 

Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde erfolgte durch den Amtmann des Büchertals. Die Beamten nahmen die Juden in Schutz. Ende des 18. Jahrhunderts durften die Juden nach dem Gottesdienst draußen spazierengehen. Zur Zeit Napoleons wurde die Rechtsgleichheit eingeführt und Religion wurde zur Privatsache.

Die Juden haben über die Jahrhunderte in Hanau, vor allem nach der Auflösung des Ghettos in napoleonischer Zeit, eine Rolle in der Stadt gespielt. Mit  dem deutschen Nationalstaat wurde auch Rechtsgleichheit für sie geschaffen. „Die Han­auer Juden wollten Deutsche sein, Deut­sche jüdischer Konfession”.

 

Es kam zur Emanzipation der Juden. Aber sie mußten auch einen Nachnamen annehmen, der vererbt wurde. Aber in Deutschland konnten die Juden ihren Namen frei wählen, die „typisch jüdischen“ Namen wurden nur von österreichisch-ungarischen Beamten den Juden aufgezwungen.

Die Lebensbedingungen im Hanauer Getto waren gut und angenehm, weil die Zahl seiner Bewohner über Generationen hinweg stabil blieb: Vom Ende des 17. bis in die Mitte des 19. Jahr­hunderts stellten die Juden unverändert. rund fünf Prozent der Bevölkerung. In den Jahren  1819/20 gab es bei einer Einwohnerzahl von etwa 20.000 Menschen auch etwa fünf Prozent Juden. 

Ab 1866 galten sie mit wenigen Ausnahmen als gleichgestellt. Mit der rechtlichen Gleichstellung war aber noch lange nicht die gesellschaftliche Emanzipation erreicht. Wenige Jahre später prägte Wilhelm Marr den Begriff „Antisemitismus” und antisemitische Parteien kamen auf.

Er Emanzipation zogen viele in eine Wohnung außerhalb der Judengasse und richteten sich Geschäfte in der Stadt ein. Dabei lösten sie sich auch von der Religion der Väter. Viele hatten nun auch am Samstag das Geschäft offen. Bei einer Beerdigung im Jahre 1891 wurden erstmals Blumen verwandt (vorher nur Steine).

Rassenunterschiede aber hat erst der moderne Antisemitismus feststellen wollen. Den Glauben konnte man ja wechseln, die Rasse nicht. So kam es zur furchtbaren Verfolgung der Juden, die mit der Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Hanau endete. Heute wird der Friedhof von der Frankfurter Gemeinde betreut.

 

Leopold Bruchfeld war ein angesehener Hanauer Geschäftsmann, der zunächst in der Ham‑

merstraße 1, später in der Hammerstraße 6, ein Geschäft betrieb. Er ist als Teilnehmer des Ersten Weltkriegs ausgezeichnet worden und hat immer geglaubt, ihm könne nichts passieren. Doch dann hat auch er in Hanau Schmach erfahren und ist nach Frankfurt gezogen. Am 10. November 1938 ist sein Geschäft ohne Vorwarnung verwüstet worden. Als alter Mann ist er dann 1942 nach Theresienstadt deportiert worden.


Hanau

Bereits im 14. Jahrhundert existierte in Hanau ein kleine jüdische Gemeinde. Ab 1603 bemühte sich Graf Philipp Ludwig II. aus wirtschaftlichen Erwägungen um die Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde in Hanau. In der sogenannten „Judenstättigkeit“ gewährte er alle  Bedingungen zur freien Ausübung der jüdischen Religion. Die jüdische Gemeinde hatte das Recht, eine Synagoge und eine Mikwe zu errichten, einen Rabbiner zu haben, Schulen für religiöse Erziehung  zu unterhalten und einen Friedhof anzulegen.

Ein eigener jüdischer Wohnbezirk, die Judengasse (heute: Nordstraße) wurde auf dem zugeschütteten Stadtgraben angeklagt. Im Scheitelpunkt der Judengasse wurde 1608 die Synagoge errichtet, 1845 und 1922 wurde sie erweitert.. Sie war für 330 Jahre  das Zentrum jüdischen Lebens in Hanau.

Die Judengasse war bis zur Besetzung Hanaus durch französische Truppen ein Ghetto mit abschließbaren Toren. Zu dieser Zeit lebten 540 Menschen in 80 Häusern der Judengasse. Mit der rechtlichen Gleichstellung der Juden im 19. Jahrhundert löste sich allmählich die eigenständige jüdische Lebenswelt der Judengasse auf.

Im Jahre 1898 wurde die Judengasse in Nordstraße umbenannt. Zu dieser Zeit war ein neues jüdisches Gemeindehaus mit moderner Mikwe in der Nürnberger Straße 3 entstanden. Von der  Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur nationalsozialistischen Diktatur wirkten Hanauer Juden am wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Leben der Stadt mit. Auch in zahlreichen Vereinen engagierten sie sich. Sie waren Soldaten in mehreren Kriegen. Im Ersten Weltkrieg gab es zehn jüdische Gefallene. Im Jahre 1932 hatte Hanau 630 jüdische Einwohner.

Während der nationalsozialistischen Diktatur wurden jüdische Bürger diskriminiert, entrechtet und verfolgt. Ihrer Existenzgrundlage beraubt, verließen viele ihre Heimat und flüchteten ins Ausland. Andere suchten Zuflucht in der Großstadt Frankfurt oder in anderen Städten. Im Mai 1938 wurden die Eingänge der Synagoge in einer gezielten antisemitischen „Aktion“ zugemauert. In den Mittagsstunden des 10. November 1938  entweihten Hanauer Nazifunktionäre und ihre Helfer die Synagoge, demolierten die Inneneinrichtung und setzten das Gebäude in Brand.  Die Synagoge wurde bis auf die Außenmauern zerstört. Mehrere Hundert Schaulustige waren anwesend. Anschließend richtete sich die Zerstörungswut gegen den jüdischen Friedhof in der Mühltorstraße, der durch das Niederbrennen der Leichenhalle und das Umstürzen von Grabsteinen geschändet wurde.

Während des Novemberpogroms wurden jüdische Familien in ihren Wohnungen überfallen und mißhandelt. Lehrer Sulzbacher aus der Nürnbergerstraße 3 starb an seine Verletzungen. Zahlreiche jüdische Männer wurden verhaftet und für mehrere Wochen in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verschleppt. Auch zahlreiche Geschäfte jüdischer Inhaber wurden zerstört.

Ab September 1941 waren jüdische Menschen, auch Kinder ab sechs Jahren, gezwungen, eine Stern zu tragen. Viele wurden auch zur Zwangsarbeit eingesetzt. Jüdische Familien wurden ab etwa 1940 in „Ghettohäusern“  in der Nürnbergerstraße 3, in der Langstraße 53 und in der Marktstraße 28 zusammengepfercht.

Von dort aus wurden 29 Personen am 30. Mai 1942 und weitere 21 am 5. September 1942 vom Hanauer Hauptbahnhof gewaltsam verschleppt. Auch nach Frankfurt Verzogene wurden 1941/42 in Ghettos und Vernichtungslager im Osten verschleppt und ermordet. Insgesamt wurden mehr als 200 jüdische Hanauer ermordet (Informationstafel am Gedenkstein für die Synagoge).


 

Neue Gemeinde:

Durch den Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion leben in der 88.000-Einwohner-Stadt Hanau mittlerweile 150 bis 200 Menschen jüdischen Glaubens. Die werden bisher von den Gemeinden in Offenbach und Frankfurt betreut. Anlässlich des 100. Jahrestags der Synagogen-Einweihung in Hanaus südmainischem Stadtteil Steinheim im November 2000 äußerte Moritz Neumann als Vorsitzender des Landesverbands der jüdischen Gemeinden in Hessen den Wunsch nach einer eigenen Hanauer Gemeinde. Da kaum finanzielle Mittel vorhanden seien, bedürfe es der städtischen Hilfe. Hanaus Oberbürgermeisterin Margret Härtel (CDU) sagte diese im Grundsatz bereits zu.

Bevor die Gottesdienste beginnen könnten, bedürfe es allerdings erst einmal der Glaubensunterweisung.  Denn die aus der ehemaligen Sowjetunion Gekommenen hätten in einem „religionsfeindlichen” Land gelebt. Insofern gebe es jetzt „viel nachzuholen”, sagte Neumann. Der Landesverband der jüdischen Gemeinden will einen Wanderlehrer und in bestimmten Abständen einen Rabbiner nach Hanau schicken, um Kindern und Erwachsenen den jüdischen Glauben näher zu bringen.

In Hessen gab es vor der Zeit der Nationalsozialisten insgesamt 400 jüdische Gemeinden. Heutzutage sind es nur noch zehn.  In Hanau spielt das Pflegen jüdischer Tradition auch in anderer Hinsicht derzeit eine große Rolle: Die Außenmauern des innerstädtischen jüdischen Friedhofs an der Kinzig sollen saniert werden.

 

Initiatorin der Neugründung ist die frühere Hanauer Oberbürgermeisterin Margret Härtel (CDU), die im Jahr 2000 zusammen mit dem damaligen Stadtverordnetenvorsteher Ronald Battenhausen (SPD) für die entscheidende Weichenstellung sorgte. Im Januar 2001 beschlossen die Hanauer Stadtverordneten einstimmig, den jüdischen Mitbürgern in Hanau ein Dach über den Kopf zu geben, sprich: ein Gemeindezentrum zu errichten, und damit wieder jüdisches Leben in Hanau zu ermöglichen. Der Beschluss erging damals einstimmig.

 

Auf den Tag 400 Jahre nach der Ansiedlung der Juden  beging Hanau im am 18. Dezember 2003 das Jubiläum „400 Jahre Judenstättigkeit” in Hanau mit einer Feier im Weißen Saal von Schloß Philippsruhe. Bürgermeister Kaminsky sprach über die neuen Gemeinderäume und sagte auch, man werde beispielsweise nicht locker lassen, wenn es um ein würdiges Gedenken am Gleis 9 des Hanauer Hauptbahnhofes gehe. Von dort wurden 1942 die letzten Hanauer Juden deportiert. Der Ehrenvorsitzende des Hanauer Ge­schichtsvereins, Dr. Eckhard Meise, un­terstrich das politische und gesellschaftli­che Engagement der Hanauer Juden vor allem im 19. Jahrhundert

Die deutschjüdische Geschichte Teil der Han­auer Geschichte, nicht davon abtrennbar. Und wenn man das verstanden habe, dann wisse man, dass sich „das deutsche Volk nach 1933 mit grauenhaften Mitteln selbst amputiert” habe.

Die Dekanin der Hanauer Kirchengemeinden, Claudia Brinkmann-Weiß, unterstrich die Bemühungen der Kirchen in Hanau um den christlich-jüdischen Dialog. wie er seit 1986 im Arbeitskreis Christen und Juden erfolgreich geführt werde.

Ein überaus eindrucksvoller Beitrag war die Rede von Andree Fischer-Marum, der Enkelin des letzten Rabbiners von Hanau, Dr. Hirsch-Gradenwitz. Sie sprach anstelle ihrer im Programm angekündigten Mut­ter, die in der letzten Woche 93jährig ver­storben ist.

Ihre Mutter habe die Absicht gehabt, nach Hanau zu kommen, erklärte sie, in die Stadt. die ihr und ihrer Familie nach dem Ersten Weltkrieg Zuflucht aber auch Heimat geworden sei.

Sie verlas den Text, den ihre Mutter hatte vortragen wollen, eine lebhafte Schilde­rung des jüdisch-bürgerlichen Lebens in Hanau in den 1920-er Jahren, ihre Schulzeit an der Hohen Landesschule und am Lyzeum, ihre Freunde Bekannten, all da, was mit den Nazis brutal beendet wurde. Die bewegend und bewegt vorgetragene Schilderung schließt mit dem Wunsch. die nun zur Gründung anstehende jüdische Gemeinde möge nie mehr untergehen.

Mit seinem Vortrag „Hanau - Stadt es heiligen Handwerks” griff Dr. Johannes Wachten vom Jüdischen Museum in Frankfurt ein jüngst auch von der Märteswein-Vereini­gung thematisiertes Stück Stadtgeschichte auf: die hebräischen Druckereien des 17. und 18. Jahrhundert.

 

Pfarrer Heinz Daum, der Vorsitzende des Arbeitskreises Christen und Juden“, schrieb in der Zeitung: Als es darauf ankam, fehlte der Widerstand, der religiösen Minderheit, Hanauern jüdischen Glaubens, wirklichen Schutz zu gewähren und das Wohnrecht zu verteidigen. Wir können in der Stadt dieses Jubiläum nur begehen, wenn wir den schmerzlichen Bruch in der Kontinuität und auch den Weg dahin offen legen. Nur im Wissen um die wechselvolle Geschichte des Miteinanders und seines Abbruchs ist Versöhnung und neue Gemeinschaft möglich. Hanau hat sich der dunklen Seite des Jubiläums in diesem Jahr gestellt. Für den Ort der zerstörten Synagoge in der Nordstraße wurden Informationstafeln angefertigt. Die politisch Verantwortlichen setzten und setzen sich im Streit mit der Deutschen Bahn AG vehement für ein Denkmal am Hauptbahnhof ein.

Zahlreiche Beiträge unterstrichen die Notwendigkeit, dass ein Altstadtjubiläum nicht ohne die Erinnerung an die frühere jüdische Gemeinde gefeiert werden kann und auch die Schattenseiten zu benennen sind. Die Kirchengemeinden Hanaus beteiligten sich mit einer Konzertreihe „Christen und Juden“ und unterstrichen die Mitverantwortung der Kirche an der Diskriminierung und Verfolgung der Juden über die Jahrhunderte. Die Volkshochschule bot Vorträge und Exkursionen, die Interessengemeinschaft Hanauer Altstadt hat das Doppeljubiläum kräftig unterstützt. Und nicht zuletzt hat der Hanauer Geschichtsverein 1844 in besonderer Weise dazu beigetragen, die Lebensumstände jüdischer Menschen in Hanau über die Jahrhunderte im Detail offen zu legen. Das Historische Museum bietet Gelegenheit, sich in einer Ausstellung von der Verbundenheit Hanauer Juden mit ihrer Stadt zu überzeugen.

 

Eine jüdische Gemeinde in Hanau ist ein hoffnungsvolles Zeichen für Toleranz. Es wird an allen gesellschaftlichen Kräften und den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt liegen, damit der Gemeinde die Existenz nicht nur wie einst „gestattet”, sondern sie im Wissen um die verhängnisvolle Geschichte willkommen geheißen wird (Pfarrer Heinz Daume).

Ab 2004 wurden dann die ehemaligen Räume der Verwaltung der ehemaligen Zahnrad- und Maschinenfabrik Schwan und später der Frankfurter Rundschau in der Wilhelmstraße zu einem Zentrum mit Gebetsraum umgebaut. Die Baugesellschaft ließ Wände herausreißen, um einen großen Gebetsraum zu schaffen. Das Gesetz schreibt für jüdische Gemeindezentren schußsichere Fenster vor. Für diese Sicherheitsmaßnahmen fallen Kosten in Höhe von 75.000 Euro an. Die Stadt hofft, dass das Land Hessen sie übernehmen wird. Die Kommune selbst wird ab 2005 die Mietkosten für die Räume bezahlen.

Etwas Kopfzerbrechen bereitet ihm nur noch die Parksituation: Lediglich vereinzelte Stellplätze sind mit Glück im angrenzenden kleinen Wohngebiet zu finden. Moritz Neumann indes sieht darin kein großes Problem: Er glaubt ohnehin nicht, dass viele Gemeindemitglieder mit dem Auto angefahren kommen:

Moritz Neumann freut sich. Lange schon hat der Landesverband jüdischer Gemeinden, deren Vorsitzender er ist, für die 300 jüdischen Bürger aus Hanau und Umgebung ein Domizil gesucht.

Bereits vor drei Jahren liefen die ersten Gespräche mit der Stadt, die sich von Anfang an sehr interessiert an der Neugründung einer jüdischen Gemeinde zeigte. Doch es war schwierig, einen geeigneten Standort zu finden.

Neumann lobte in diesem Zusammenhang ausdrücklich das Engagement der früheren Oberbürgermeisterin Margret Härtel, die sich spontan und engagiert für die Neugründung eingesetzt habe. Es seien wohl die besonderen politischen Umstände in Hanau gewesen, die dann diesen Prozess ins Stocken gebracht hätten. Man sei schon lange im Gespräch über die Gemeindegründung gewesen, doch nun sei man dank der Hilfe von Oberbürgermeister Kaminsky und Stadtrat Frodl kurz vor dem Ziel, innerhalb der rund 300 in Hanau lebenden Juden eine Gemeinde nicht nur formal-rechtlich zu konstituieren, sondern es werde auch seitens der Stadt eine für ein Gemeindezentrum geeignete Immobilie bereitgestellt.

Neumann betonte, die in Hanau lebenden Juden seien engagierte, gut ausgebildete und kulturell interessierte Menschen. Es handle sich um Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, denen einst Helmut Kohl die Tür geöffnet habe. In einer „Entscheidung von geschichtlicher Dimension” habe er die Zuwanderung von Juden aus dem Osten nach Deutschland ermöglicht. Er habe so im Prozeß der Wiedervereinigung Deutschlands Befürchtungen um ein Erstarken Deutschlands in Erinnerung an die deutsche Vergangenheit die Spitze genommen.

Nachdem jüdisches Leben in der Stadt am 30. Mai 1942 endgültig ausgelöscht wurde, als auch die letzten Gemeindemitglieder von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert wurden, hat es keine jüdische Gemeinde mehr in Hanau gegeben. Von den früher hier ansässigen Familien leben bis heute keine Nachkommen in der Stadt; die meisten starben, die Überlebenden, die rechtzeitig geflohen sind, kamen nicht mehr zurück.

Die Juden, die jetzt in Hanau und Umgebung wohnen, stammen durchweg aus der ehemaligen Sowjetunion und sind nach dem Abkommen zwischen beiden Ländern aus dem Jahr 1989 als Zuwanderer nach Deutschland gekommen. Sie mussten bislang in die Synagogen nach Offenbach oder Frankfurt fahren, um am Gottesdienst teilnehmen zu können.

 

Dieser unbefriedigende Zustand soll nun ein Ende haben. Dabei richtet sich das Augenmerk durchaus nicht nur auf die räumliche Situation: Auch „inhaltlich” laufen die Vorbereitungen für ein „funktionierendes Gemeindeleben” bereits, erzählt Moritz Neumann. Was darunter zu verstehen ist? Künftige Mitglieder der Gemeinde werden von der Zentralen Wohlfahrtsstätte der Juden in Deutschland - eine Art Pendant zur Caritas – „angelernt“. Ihnen werden dort in mehreren Unterrichtsstunden die Traditionen jüdischen Lebens vermittelt, die sie in der ehemaligen Sowjetunion nicht ausüben konnten - und deshalb oft überhaupt nicht kennen.

Einmal in der Woche soll künftig der Offenbacher Rabbiner in das Hanauer Gemeindezentrum kommen, ebenfalls einmal in der Woche wird ein Lehrer zu Gast sein, der Kindern Religionsunterricht erteilt. Nach Worten von Moritz Neumann sind aber auch kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte und Vorträge geplant. So wird sich das Gemeindezentrum schon bald „mit Leben füllen“, hofft der Landesverbandsvorsitzende. Er kann sich überdies vorstellen, dass sogar noch mehr als die gemeldeten 300 Juden in Hanau leben. Und wenn die Gemeinde wächst, überlegt er, werde sich vielleicht auch eines Tages wieder „die Frage nach einer Synagoge stellen“.

Moritz Neumann prophezeite der Stadt Hanau durch die jüdische Gemeinde eine enorme Bereicherung. Zwar sein die Hanauer Juden gegenwärtig durchweg Sozialhilfeempfänger, „jedoch fiebern sie darauf, ihren Teil zum deutschen Bruttosozialprodukt beizutragen”, wie Neumann bei der Feier erklärte.

 

Im April 2005 wurde im Hindemith-Saal des Congress Parks ein neues Kapitel Hanauer Stadtgeschichte aufgeschlagen: Die Neugründung einer jüdischen Gemeinde in Hanau wurde mit dem Festakt zur Schlüsselübergabe für das neue Gemeindezentrum in der Wilhelmstraße abgeschlossen. Künftig wird es in Hanau eine eigenständige jüdische Gemeinde geben, die sich hauptsächlich aus Neubürgern aus der ehemaligen Sowjetunion zusammensetzt. Sie kann auf eine ins frühe 17. Jahrhundert zurückreichende Tradition jüdischen Lebens in dieser Stadt zurückblicken, die jedoch seit 63 Jahren durch die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten und den Völkermord an den Juden unterbrochen war.

 

Mit der Feierstunde ist aus der in diesem Beschluss manifestierten historischen Verantwortung Hanauer Wirklichkeit geworden, ein Signal, nicht nur aus dem Blickwinkel der Geschichte, sondern auch der politischen Gegenwart in diesem Land, die ja nicht frei ist von Radikalismus und Antisemitismus. Mit der Schlüsselübergabe kann die erst vor einer Woche auch formaljuristisch gegründete Jüdische Gemeinde Hanau ihr Domizil in Besitz nehmen.

Ein Zeichen der Hoffnung sah denn auch Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) in dem Unternehmen. 1948 habe es der Jüdische Weltkongress als unvorstellbar erklärt, dass auf dem mit jüdischem Blut getränkten deutschen Boden jemals wieder jüdisches Leben sprießen werde. In der Vita des Moritz Neumann, Angehöriger der ersten Nachkriegsgeneration deutscher Juden, den Kaminsky als Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen begrüßte, und aus dessen Buch „Im Zweifel für Deutschland” der Oberbürgermeister zitierte, zeige sich deren selbstverständliches Recht, hier zu leben und an der Gestaltung einer neuen, freiheitlichen Gesellschaft mitzuwirken.

Auch in Hanau, so Kaminsky, habe es schon sehr bald nach dem Kriege und bis in die jüngste Zeit Bestrebungen gegeben, die Geschichte der Hanauer Juden nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und Kontakte zu den Überlebenden des Völkermordes zu knüpfen. Geschichtsverein, Arbeitskreis Christen und Juden oder der Verein „Graf Philipp Ludwig von Hanau“ hätten dazu beigetragen. Doch bis zum heutigen Tag sei „die entscheidende Frage für die Stärke und die Stabilität unserer Demokratie, wie sicher und vielleicht auch wie zuhause sich deutsche Juden und ihre Gemeinden in unserem Land fühlen”, stellte Kaminsky fest. Mit der Gründung einer neuen jüdischen Gemeinde in Hanau sei man diesem Ziel ein Stück näher gekommen, „aber wir haben es noch längst nicht erreicht”.

Der Oberbürgermeister: „Wie es uns gelingt, das Wachsen der jüdischen Gemeinde bei uns zu fördern und zu unterstützen, ist ein Gradmesser für unsere Fähigkeit, eine offene und tolerante Gesellschaft zu schaffen. Wir sind, dessen können Sie gewiss sein, entschlossen, diese 'zweite Chance' zu nutzen - auch wenn es nicht einfach wird: Rechtsextreme Gewalt und Anschläge auf jüdische Einrichtungen stellen das neue jüdische Leben immer wieder in Frage. Weite Teile des jüdischen Lebens finden unter Polizeischutz statt.” In der Tat, auch am Sonntag war die Polizeipräsenz um die Stadthalle herum unübersehbar.

Als Vertreter des Hessischen Ministerpräsidenten sprach Regierungspräsident Gerold Dieke ein Grußwort. Nach Meinung vieler Anwesender hätte die Präsenz der Landesregierung bei diesem doch weit über den lokalen Rahmen hinaus bedeutsamen Ereignis durchaus etwas hochkarätiger sein können. Dieke versicherte dem Landesverband mit seinen elf aktiven Gemeinden auch für die Zukunft die Unterstützung des Landes Hessen, und unterstrich, dass sich das Land auch weiterhin der jüdischen Friedhöfe annähme, hinter denen keine Gemeinde mehr stünde.

„Wann, wenn nicht jetzt?” Mit dieser Frage eröffnete Moritz Neumann seine Rede, in welcher er einige Hintergründe der Gemeindegründung erläuterte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion vor anderthalb Jahrzehnten habe die Bundesrepublik ihre Grenzen für jüdische Einwanderer aus Osteuropa geöffnet, um einerseits zu demonstrieren, dass Juden heute ein Deutschland sicher leben können, zum andern aber auch um die bestehenden Gemeinden zu stärken.

So seien auch nach Hanau Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen, die erstmals ein ihrem Leben erfahren hätten, was Freizügigkeit bedeute und dass man hier auch frei seinen jüdischen Glauben leben könne. Manche Gepflogenheiten im Zusammenleben müssten jedoch auch sie erst lernen. Neumann nutzte die Gelegenheit nicht nur, um auf den engen Finanzrahmen seines Landesverbandes hinzuweisen, der ein weiteres Engagement von Land und Stadt unumgänglich mache. Die Innenministerkonferenz warnte Neumann davor, die Einreisebestimmungen für Juden aus Osteuropa künftig wieder restriktiver zu handhaben: „Meint man etwa, 10.000 jüdische Einwanderer seien schon genug?”, fragte er.

Ein Grußwort der christlichen Kirchen sprach in ökumenischer Funktion die stellvertretende Bischöfin Roswitha Alterhoff. „Hanau hat eine gute Tat vollbracht”, sagte sie namens der beiden Bischöfe und wollte die auch ihrem Auftritt praktizierte Ökumene alsbald in Richtung der jüdischen Gemeinde erweitert sehen. Der Architekt des neuen Hauses, Professor Alfred Jacoby, übergab sodann den Schlüssel des Gemeindezentrums an die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Hanau, Raja Grise. Diese bezog sich in ihren Worten auf die auf Graf Philipp Ludwig II zurückgehende Geschichte der Juden in Hanau und gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die Mitglieder der neuen Gemeinde alsbald als Lehrer, Computerspezialisten oder Krankenschwestern zum wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Leben in dieser Stadt beitrügen.

Die Eintragung ins Goldene Buch besiegelte diese Worte, ehe eine Thora-Rolle durch den Schloßgarten in das nahe gelegene Gemeindezentrum getragen wurde. Damit wurde das Haus endgültig zu einem heiligen Ort, der sich gleichwohl, wie Raja Grise vorher unterstrichen hatten, als Ort für alle Hanauer verstünde. Mit einem Gottesdienst und einem Empfang, bei dem Speisen nach den jüdischen Speisegeboten offeriert wurden, feierte dann die Gemeinde mit zahlreichen Hanauern die Eröffnung des Gemeindezentrums.

Eine Ausstellung in Philippsruhe im Jahr 2005  erinnert an „400 Jahre Judenstättigkeit”. Der Gegensatz könne kaum größer und grausamer sein: Dort die beschaulichen Bilder altjüdischen Familienlebens von Moritz Daniel Oppenheim aus den Jahren um 1860, einer Zeit der Emanzipation und Integration der Juden in die bürgerliche Gesellschaft. Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882), einer der bedeutendsten Hanauer Maler, hat solche Szenen jüdischen Lebens in schwarz-weißen Grisaillegemälden festgehalten, die als Vorlage für eine Fotoserie dienten, die in ihrer Zeit ein richtiger Verkaufsschlager war. Daneben zeigt die Ausstellung etliche weitere Arbeiten des Künstlers aus der Sammlung des Hanauer Museums, mittlerweile die größte mit seinen Werken.

Und wenige Meter weiter die bedrückenden Fotografien Franz Webers, der mit seiner Kamera am Hauptbahnhof die Deportation der Hanauer Juden dokumentiert hat. Die Bilder des damaligen Stadtfotografen sind die letzten Zeugnisse der gewaltsamen Verschleppungen der letzten Hanauer Jüdinnen und Juden am 30. Mai und am 5. September 1942 auf dem Hanauer Hauptbahnhof. Die Ausstellung präsentiert die Bilder der der Deportation übergroß und in einem eigenen Raum: Bilder, die eine erschreckende Alltäglichkeit des Ungeheuerlichen belegen. Neben den jüdischen Bürgern mit ihren voll gepackten Koffern, hasten andere Hanauer zu ihren Zügen, normale Schutzpolizisten als Wache; sie alle haben die Schlange in den Tod gesehen. Aus dem früheren Stadtgebiet wurden 50 Menschen, Männer, Frauen und Kinder deportiert. Sie alle wurden in Konzentrationslagern ermordet. Von zirka 600 Gemeindegliedern um 1933 erlitten über 200 dieses gleiche Schicksal.

Die Schau vermag einen, wenn nicht umfassenden, so doch anschaulichen Eindruck jüdischen Lebens in Hanau zu vermitteln. Das fängt an mit der Urkunde zur Judenstättigkeit vom 28. Dezember 1603, mit der Graf Philipp Ludwig den Juden die Gründung einer Gemeinde gestattete - womit er nach der Aufnahme niederländischer und wallonischer Glaubensflüchtlingen einmal mehr Toleranz und Weitsicht bewies: Denn so wie die neuen Siedler trugen auch die Juden zum Aufschwung Hanaus bei.

Auch die alten Pläne zur Baugeschichte der Synagoge in der Nordstraße sind noch erhalten. 1603 errichtet, bekam sie 1845 einen Anbau mit neoromanischer Fassade und wurde 1901 und in den 20er Jahren erweitert, nachdem die Gemeinde stetig gewachsen war bis auf die 600 Mitglieder, die sie vor ihrer Auslöschung hatte. Interessant auch der Plan des Frauenbades, wo sich die Jüdinnen tief unter der Erde im Grundwasser wuschen. Gemälde zeigen heutigen Betrachtern zudem, wie eng die Menschen in der Judengasse gelebt haben müssen.

Der zweite Raum birgt besondere Kostbarkeiten: Publikationen der hebräischen Druckereien in Hanau und alte jüdische Pergamenthandschriften - Kommentare zur Bibel oder Teile von Gebetbüchern - aus dem 11. bis 17. Jahrhundert. Überlebt haben sie zweckentfremdet als Einbände für Rechnungsbücher; Buchbinder hatten sie im Gros eigens für diesen Zweck aufgekauft. Ein Wer­mutstropfen: Bislang hat sich noch niemand gefunden, der die wertvollen Schriftstücke übersetzen kann.

Nicht nur für den Buchdruck, ebenso für die Produktion von Silbergerät war Hanau einst eine Hoch­burg. Dort wurden auch Leuchter, Schalen und andere Gefäße hergestellt, die jüdische Familien bei ihren Glaubensriten verwendeten. In Philippsruhe ist eine Auswahl von Produktionen nach Originalmodeln zu sehen, darunter aufwendige Leuchter mit Löwenköpfen für das Channukkahfest oder Duft verströmende Besanimtürmchen für den Sabbat.

 

Arbeitskreis „Christen und Juden“:

 „Mit einem „symbolischen Schneeschippen“ haben im Januar 2003 vor dem Goldschmiedehaus mehrere Menschen der Opfer des Nationalsozialismus in Hanau gedacht. Aufgerufen zu dem von dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog im Jahre 1995 proklamierten Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus - am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz vom Nazi-Terror befreit - hatte der evangelische Arbeitskreis „Christen-Juden“ in Hanau. Zuvor hatte das Hanauer Parlament für die Opfer des Schreckensregimes eine Schweigeminute eingelegt.

Mit dem „Schneeschippen“ wollten die etwa 30 Teilnehmer der Gedenkveranstaltung vor dem Goldschmiedehaus auf die Zwangsarbeiten aufmerksam machen, die jüdische Hanauer Bürger, egal welchen Alters, in der Zeit vor der Deportation in die Konzentrationslager leisten mussten. Einige Teilnehmer der Veranstaltung hatten sich Judensterne angeheftet, um zu zeigen, dass die jüdischen Mitbürger damals in aller Öffentlichkeit und für jeden, der nicht seine Augen verschloss, sichtbar ausgegrenzt wurden.

Im weiteren Verlauf der Gedenk-Veranstaltung warb der Großkrotzenburger Pfarrer Heinz Daume für sein im November vergangenes Jahres ins Leben gerufenen Projekt „Gedenksteine“, unterstützt von der Autorin der Dokumentation „Juden in Hanau“, Monica Kingreen.

Mit diesen Gedenksteinen, die mit dem Namen eines der am 30. Mai und am 5. September 1942 vom Hanauer Hauptbahnhof aus deportierten 50 jüdischen Mitbürgern versehen sein sollen, will Daume die Erinnerungen an die später in den Lagen umgebrachten Menschen wach halten. Er selbst hat sich den Namen des damals fünfjährigen Jungen Heinz Eisenstätt ausgesucht und seinen eigenen Name hinzugefügt. Schon mehrere Hanauer hätten signalisiert, sich an dieser Aktion zu beteiligen, so Daume.

Insgesamt 50 Gedenksteine sollen an die Deportation erinnern. Die Namen der Opfer kann man vom Arbeitskreis unter der Rufnummer 06186 / 900607 erfahren. Kriterien für die Auswahl des persönlichen Steins könnten sein: selbes Geschlecht oder Alter, ähnlicher Beruf oder ähnliche Lebenssituation. Der Arbeitskreis wird dann ein Dokument anlegen, das Auskunft gibt über die Familie, die frühere Wohnung oder über Besonderheiten und den Todesort (soweit bekannt) des Opfers und eventuell über die Gründe, warum der Stifter gerade diesen Stein für dieses Opfer beschriftet hat.

Die Steine sollen zunächst im Neustädter Rathaus ausgestellt werden. Später kann die Sammlung an andere öffentliche Orte wandern. Die letzte Station soll der Hanauer Hauptbahnhof sein, um auf die Rolle der Reichsbahn während der Naziherrschaft aufmerksam zu machen.

Elisabeth Schmitz:                                                

„Sie war ihrer Kirche theologisch und menschlich weit voraus”, urteilte ein Kirchenhistoriker über die Autorin der im September 1935 verfassten Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier”. Den richtigen Namen der Autorin kannte bis vor wenigen Jahren kaum jemand. Erst seit 1999 ist Elisabeth Schmitz (1893-1977) als die Protestantin bekannt, die die Bekennende Kirche im Dritten Reich aus Schweigen und Tatenlosigkeit angesichts der Judenverfolgung aufrütteln wollte.

Elisabeth Schmitz wurde am 23. August 1893 in Hanau geboren. Seit 1933 hatte sie, damals Studienrätin in Berlin, Fakten und Berichte über Diskriminierungen und Benachteiligungen von Juden gesammelt und die Erfahrungen ihrer persönlichen Freunde notiert, darunter viele Juden und Christen jüdischer Herkunft. Sie erlebte, wie „christliche Nichtarier” aus der Kirche austraten, weil sie sich von ihr verraten und im Stich gelassen fühlten.

„Die Kirche macht es einem bitter schwer, sie zu verteidigen”, schrieb sie in der 25 Seiten umfassenden Denkschrift. Die unzähligen von ihr darin berichteten Beispiele von Judendiskriminierung ließen sie zu dem Urteil kommen, „dass es keine Übertreibung ist, wenn von dem Versuch der Ausrottung des Judentums in Deutschland gesprochen wird”. Die Denkschrift ist ein erschütternder Bericht, der alle Lügen straft, die später von nichts gewusst haben wollten.

Jahrzehnte wurde das Dokument jedoch der damals ebenfalls in Berlin lebenden Wohlfahrtspflegerin Marga Meusel zugeschrieben. Diese hatte im Mai 1935 eine erste Denkschrift mit dem Titel „Über die Aufgaben der Bekennenden Kirche an den evangelischen Nichtariern” verfasst. Trotz deutlicher Unterschiede zwischen beiden Denkschriften galt sie als Verfasserin auch der zweiten.

Die wahre Urheberschaft blieb im Dunkeln, bis die Kasseler Pfarrerin Dietgard Meyer vor vier Jahren Dokumente zur Autorenschaft von Schmitz vorlegte. Die heute 80-jährige, im Ruhestand lebende Pfarrerin, in Berlin Schülerin von Elisabeth Schmitz, war in den 80er Jahren in den Besitz deren Nachlasses gekommen. Darin fand sie zu ihrer Überraschung die Denkschrift sowie eine Bescheinigung aus dem Jahr 1947, in der der damalige Langendiebacher Propst die Verfasserschaft der Autorin bestätigte.

Meyer, die in den 50er und 60er Jahren als Pfarrerin in Hanau wirkte und damals oft mit ihrer einstigen nun ebenfalls in Hanau lebenden Lehrerin zusammenkam, reichte der Fund noch nicht aus für eine Veröffentlichung. Erst nach jahrelanger Suche nach weiteren Belegen wurde sie im Wiesbadener Staatsarchiv fündig. Dort entdeckte sie ein mit dem 5. März 1947 da­tiertes „Gesuch um Anerkennung als Wie­dergutmachungsfall und um Übernahme in den Schuldienst Groß-Hessens”. Ihrem Gesuch hatte Schmitz Beweise ihres akti­ven Widerstandes gegen den Nationalso­zialismus beigelegt, darunter die Denk­schrift.

Eigenhändig in 200 Exemplaren habe sie die Denkschrift abgezogen und Leitun­gen und Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche (BK) zugestellt, berichtete Schmitz in dem Gesuch. „Ich wollte mit dieser Schrift aufklären über die Lage der Nichtarier (1935/1938) und dadurch die Bekennende Kirche rufen zu ihrem Amt und zum Widerstand gegen die antichristlichen Maßnahmen des Staates.” Bekanntlich waren diese Versuche vergebens.

 

 

 

 

Elisabeth Schmitz, deren Vater Professor am Hanauer Gymnasium Hohe Landesschule war, besuchte das Realgymnasium Schillerschule in Frankfurt am Main bis zum Abitur 1914. Danach studierte sie Religion, Geschichte und Deutsch in Bonn und Berlin, wo sie 1920 bei Friedrich Meinecke promovierte. 1929 wurde sie am Oberlyceum Luisenschule in Berlin-Mitte als Studienrätin angestellt. Wegen ihrer „radikalen Ablehnung des Nationalsozialismus” wurde sie 1935 an die Auguste-Sprengel-Schule in Berlin-Lankwitz versetzt. Nach der Pogromnacht 1938 gab sie den Schuldienst auf, weil sie „nicht länger Beamtin einer Regierung sein will, die Synagogen anstecken lässt”. Nachdem sie ihren Schuldienst quittiert hatte, arbeitete Elisabeth Schmitz ehrenamtlich für die Bekennende Kirche; unter anderem erteilte sie Religionsunterricht für Juden, die sich taufen lassen wollten.

Bei einem Bombenangriff brannte ihre Wohnung in Berlin vollständig aus. Seit 1943 lebte sie wieder in Hanau. Nach dem Krieg sei sie noch eine Zeit bei der niederländisch-reformierten Gemeinde aktiv gewesen, weiß Dietgard Meyer. Nach der Pensionierung 1958 engagierte sie sich im Hanauer Geschichtsverein und veröffentlichte zahlreiche heimatgeschichtliche Beiträge. Sie starb im Jahr 1977.

 

Steinheim:

Nach fünf Jahren intensiver Recherche prä­sentierten Vertreter des Geschichtsvereins Steinheim und Stadtrat Rolf Frodl das umfas­sende Buch über die Geschichte der Juden in Steinheim – ein Buch voller Erinnerungen an eine Zeit, die viele längst vergessen ha­ben. Spuren lassen sich nicht verwischen. Wer genau hinschaut, findet sie. Ernst Henke hat genau hingeschaut und mit seinem Buch über die Geschichte der Ju­den in Steinheim ein Werk geschaffen, dass bis ins Detail von den Menschen erzählt, die immer mehr in Vergessenheit geraten sind. Für Henke war diese Suche nicht nur eine Auseinandersetzung mit der deutschen Ge­schichte, sondern auch mit der eigenen Ver­gangenheit.

Der Hanauer Kulturdezernent Rolf Frodl dankte bei der Vorstellung des Buches im Steinheimer Schloss den Autoren für ihre „mühevolle Arbeit” und ihre „Lust am For­schen nach dieser spannenden und zugleich wichtigen Geschichte.” Frodl: „Wenn dieses Buch eine neue Spur der Zukunft zeigt, wäre das schön.”

Diese Spurensuche trage einen wesentli­chen Teil zum Erhellen der jüdischen Ge­schichte bei, betonte der Politiker. Auf 408 Seiten werde auch deutlich aufgezeigt, dass Antisemitismus nicht erst während der Nazi­herrschaft zum Begriff geworden sei, son­dern bereits zuvor eine jahrzehntelange Vor­geschichte hatte.

Für Henke hat das Buch „viele Väter und Mütter”. Für ihn und seine Mitautoren Leo Mayer und Willi Walther sei es eine objektive und persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte gewesen. Henke: „Die Recherchearbeiten haben mir gezeigt, wie wenig ich von der deutschen Geschichte gewusst habe, obwohl ich Geschichte studiert habe”.

Das Buch habe vieles zurechtgerückt, was er vorher geglaubt habe. Besonders die Beschäftigung mit der Zeit des Leidens der Juden im Dritten Reich sei ihm sehr nahe gegangen. Betroffenheit, die sich auch bei seiner Erläuterung zum Buch zeigte: „Ich musste die Bearbeitung immer wieder unterbrechen und konnte sie nur in größeren Abständen wieder aufnehmen.”

Die Idee zum Buch kam, als Enrique Oppenheimer bei einem Besuch in Steinheim vorgeschlagen hatte, die Geschichte der Juden einmal aufzuschreiben. Enrique (Heinrich) Oppenheimer war der Sohn des Religionslehrers Leopold Oppenheimer, der 1897 als Volksschullehrer, Vorbeter und Religionslehrer nach Groß-Steinheim kam. Er wurde vor allem von den Kindern „Rabbi” genannt. Erst Enrique Oppenheimer machte die Autoren schließlich darauf aufmerksam, dass sein Vater gar kein Rabbi war.

Willi Walther griff die Idee von Oppenheimer auf und fing damit an, unterschiedliche Quellen zusammen zu fassen. Die Vielfalt der chronischen Ereignisse kann Enrique Oppenheimer, der Initiator dieser Chronik, nicht mehr nachlesen, er starb vor drei Jahren.

Als die ehemalige jüdische Bürgerin Ruth Aufseeser, geborene Selig, zu Besuch war, spürten die Geschichtsforscher, dass sich hinter dem, was sie gesammelt hatten, viel mehr verbirgt. So wurde aus einem anfangs kleinen Büchlein eine umfassende Chronik. Jahreslanges Stöbern in unterschiedlichen Archiven, Kontaktaufnahme zu ehemaligen jüdischen Mitbürgern und gezielte Befragungen von Steinheimern folgten.

Die Geschichte der Juden in Steinheim begann 1335, 15 Jahre nachdem der König und spätere Kaiser Ludwig der Bayer Gottfried V. von Eppstein dem Ort Steinheim die Stadtrechte verliehen hatte. Die Juden standen damals vielfach als Einzelpersonen unter dem Schutz des Königs.

Im Jahre 1938 endete die Geschichte der Juden in Steinheim gewaltsam. Namentlich bekannt sind 31 Steinheimer Juden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Relikte der jüdischen Geschichte gibt es nur wenige. Wer die Darmstädter Straße entlang Richtung Südfriedhof läuft, erkennt auf der rechten Seite an einer Grünfläche ein Hinweisschild auf den früheren jüdischen Friedhof. Heute ein Platz, der vor allem von Hunden frequentiert wird, wenn sie Gassi geführt werden.

Wie sehr die Geschichte der Juden verdrängt wurde, zeigt sich nicht nur dadurch, dass Gebäude niedergebrannt und beseitigt wurden, auch die Umbenennung von Straßen trug dazu bei, dass kaum jemand noch an das Schicksal dieser Menschen denkt. So heißt die einstige „ Judengasse” heute „Harmoniestraße”. Nur ein Beispiel dafür, wie unsensibel mit menschlichen Tragödien umgegangen wurde. Das Buch aus dem Jahr 2003 ist zum Preis von 19,80 Euro im Buchhandel erhältlich.

 

 

Ein Gesicht für jüdische Tradition                                                                     14.04.07

Förderkreis plant Denkmal für Hanauer Maler Moritz Daniel Oppenheim

Der Förderkreis „Denkmal Moritz Daniel Oppenheim“ lädt zu einem Treffen ein, das am Donnerstag, 19. April, 19 Uhr, im Jüdischen Gemeindezentrum, Wilhelmstraße 11a, stattfindet. Der Maler Moritz Daniel Oppenheim ist einer der großen Söhne Hanaus, die Weltberühmtheit erlangt haben. Er wurde im Jahre 1800 in der Judengasse, heutige Nordstraße, geboren und verbrachte seine Kindheits- und Jugendjahre in Hanau. Ab 1806 besuchte er die Hohe Landesschule und mit 14 Jahren die Staatliche Zeichenakademie.

Von 1817 bis 1819 absolvierte er ein Studium an der Kunstakademie in München. Zwischen 1820 bis 1825 begab er sich auf Studien nach Paris, Rom, Florenz und Neapel und ließ sich anschließend in Frankfurt nieder. Dort starb er 1882.

Durch seine Arbeiten wurde die jüdische Welt des 19. Jahrhunderts in einzigartiger Weise in Bildern bewahrt, so Pfarrer Heinz Daume vom Förderkreis. „Wir möchten sein Lebenswerk in Hanau würdigen. Wir können damit einen Beitrag leisten, die Persönlichkeit dieses Mannes und mit ihm die Geschichte der jüdischen Gemeinde als Teil der Geschichte Hanaus stärker und nachhaltig für kommende Generationen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen.” Deshalb habe man am 28. November einen überparteilichen Förderkreis mit dem Zweck gegründet, dem Maler in der Nähe seines einstigen Geburtshauses ein Denkmal (Statue, Gedenktafel, Bild oder ähnliches) zu errichten. In der heutigen Zeit sei das zudem ein wichtiges, politisches Zeichen gegenüber den jüdischen Menschen in Stadt und Land.“ Daume weiter: „Darüber hinaus gilt es unserer Meinung nach, der jüdischen Tradition in der Nordstraße ein Gesicht zurück zu geben, das auf die über 400-jährige Geschichte dieser Straße weist.”

Der Förderkreis möchte viele Menschen in Hanau und Umgebung, die zur Umsetzung beitragen können, für diese Idee gewinnen. Sie hat eine Bedeutung weit über die Stadt hinaus. Zur Verwirklichung des Vorhabens möchten die Initiatoren eine Spenden- und Sponsorensammlung anregen, hoffen aber auch auf die Unterstützung aus der Politik. Initiiert wurde der Förderkreis von der Jüdischen Gemeinde Hanau, der Hanauer Nordstraßengemeinschaft, dem Hanauer Geschichtsverein 1844 und dem evangelischen Arbeitskreis Christen - Juden Hanau.

 

Heldenbergen (Nidderau)

Die Familie Eckstein aus Heldenbergen konnte ihr Leben durch Flucht aus Heldenbergen in das mehr als 10.000 Kilometer entfernte Swaziland retten. Die im Jahre 1921 geborene Tochter Lilli Eckstein erzählte bei ihrem Besuch in Heldenbergen vor sechs Jahren:

„Wir haben eine wunderschöne Kindheit in Heldenbergen gehabt, es hat uns an nichts gefehlt, wir waren verwöhnt. Wir waren fröhlich, haben gerne mit meinem Vater gesungen. Wir waren alle sehr beliebt in Heldenbergen, wir sind draußen in der Umgebung umhergefahren, hatten unsere Fahrräder.

Ein Bekannter meiner Eltern hatte in Heldenbergen eine Allee mit Walnußbäumen und hatte uns gesagt, daß wir Nüsse schütteln gehen dürften. Wir haben noch Freunde mitgenommen. Auf einmal kam der Feldschütz. Alle liefen weg, nur mein Bruder Ernst und ich, wir standen da wie die Säulen und sagten zu ihm: „Ich heiße I.illi Eckstein, und ich heiße Ernst Eckstein. Wir haben die Genehmigung vom Besitzer, die Nüsse aufzuheben“. Mein Vater hatte uns immer eingeschärft: „Unsere Familie hat einen guten Namen. Ihr braucht euch nicht zu schämen, wenn ihr gefragt seid. Nennt eure Namen, dann wird euch geholfen“' Der Feldschütz hat uns dann das richtige Grundstück gezeigt, wir waren auf dem falschen.

Dann kam Hitler an die Macht.  Solange wir in der Schule waren. war es noch nicht so schlimm, aber manche waren dabei. Wenn einer „Dreckjud“ zu mir gesagt hat, das habe ich mir nicht gefallen lassen, da habe ich ihn geschlagen. Die Mädchen konnte ich an den Zöpfen ziehen, ich hatte ja immer kurze Haare. Ich habe mich gewehrt.

Im Jahr 1936 wurde uns gesagt, daß wir nicht weiter zur Schule gehen können. Unsere Freunde kamen nicht mehr, hatten Angst, als hätten wir die Pest. Wenn die Mama nicht gewesen wäre, wären wir alle nicht mehr da. Meine Mutter hat darauf gedrungen, daß wir weggehen aus Deutschland. Sie hat gedrängt, und sie hat es auch geschafft mit dem Mann, der sich nicht von seiner Heimat losmachen konnte. Meine Mutter war eine sehr kluge Frau, sie hat gesehen, was sich da tut.

Im März 1937 hatten wir unser Haus verkauft, das Geld, das wir bekommen hatten, war beschlagnahmt auf einem Konto, an das wir nicht herankamen. In Frankfurt lebten wir in der Nähe vom Zoo in einer Wohnung Am Schützenbrunnen 13. Wir hatten eine kleine Wohnung. Tante Paula, die Schwester meiner Mutter und ich haben in einem Zimmer geschlafen, Ernst im Wohnzimmer und die Eltern im Schlafzimmer.

Man hat uns in dieser Zeit von unserem Konto 600 RM zugebilligt, von unserem eigenen Geld, davon mußten wir Miete bezahlen und alle Lebensmittel. Wenn wir zum Beispiel eine Sonderausgabe gebraucht haben von 300 RM, dann sind von unserem Konto 600 RM genommen worden, der Rest war Judensteuer. Alles haben wir doppelt bezahlt und haben es am Ende doch nicht bekommen.

In dieser Zeit im Schützenbrunnen war es für uns wichtig, daß unsere Eltern abends einfach öfter mal weggingen. Meine Mutter hat Kuchen gebacken und uns gesagt: „Bringt nur all eure Freunde her und amüsiert euch“. Meine Eltern wollten nicht, daß wir im Kino oder sonstwo den Nazis ausgeliefert waren. In den Cafés oder Kinos haben sie „Juden raus“ gerufen.

 Meine Eltern haben gesagt: „Wir gehen in kein Land. wo wir die Paula nicht mitnehmen können, das war meine taubstumme Tante“. Die Taubstummen hätten sie hier doch gleich umgebracht. So waren uns viele Länder verschlossen.

Schlimm war, als der Mann unserer Nachbarin am Schützenbrunnen verhaftet wurde, er war Jude, sie eine Christin. Der Mann war schon längere Zeit fort. Eines Tages schellte es bei ihr, ein Mann stand vor der Tür, hielt ihr einen Behälter hin mit den Worten: „Hier ist die Asche ihres Mannes!“ Die Frau brach zusammen. Das war sehr traurig.

Meine Mutter und ich haben die ganzen Papiere für die Auswanderung besorgt. Mit dem Nachtzug mußte ich mit noch einem Mädchen nach Hamburg fahren. Ich hatte 17 Pässe dabei, um für Mosambique ein Visum zu bekommen. Im Nachtzug waren zwei Soldaten, die waren anständig, sie haben ihre Mäntel ins Abteil gehängt, daß es besetzt aussah und haben die ganze Nacht draußen auf dem Gang gestanden und uns allein gelassen.

Für eine Erlaubnis zur Einreise nach Swaziland mußte ich zum englischen Konsul. Dann brauchten wir noch einen besonderen Ausweis, das hat etwas länger gedauert, aber dann sagte er: „Wer zu mir kommt, bekommt ein Visum, ich stempel all eure Pässe, damit ihr heraus könnt“.

Im November 1938, als die Synagogen brannten, sind in der Nacht fünf Männer in die Wohnungen gekommen, wir mußten mitten in der Nacht aufmachen. Sie hatten Revolver. Meine Mutter mußte im Bett liegen mit Händen hoch, einer hat mit dem Revolver vor ihr gestanden. Mei­nem Vater hatten sie inzwischen gesagt, er solle sich anziehen. Einer von den Männern tastete meinen Körper ab und fragte, ob ich Waffen habe. „Ich kam doch aus dem Bett. Im Bett liegen und Waffen haben?“

Das war ein Vorwand, sie suchten überall nach Waffen. Alle Türen mußten wir aufmachen, sogar die Toilette. „Mach den Stinkkasten zu, du Saujud!“ hieß es. Mein Vater wurde mitgenommen, in Schutzhaft, wie es hieß.

Ein Mann war dabei, der hat gesagt, es tut mir schrecklich leid, daß er uns so be­handeln muß. Er gab mir den Namen von einem Kommandanten von der Polizei. „Geh gleich früh hin, vielleicht ist dein Vater noch dort“. Leider waren die Män­ner schon weggebracht worden, als wir kamen. Wir erfuhren, daß sie zur Festhal­le in Frankfurt gebracht worden waren. Dort hat man uns richtiggehend rausge­worfen. „Wir haben Papiere zur Auswan­derung nach Swaziland. Wir können am 20. Dezember fahren“, riefen wir. Endlich hat es einer aufgenommen. Das war alles, was wir tun konnten.

Mein Vater ist dann am nächsten Tag heimgekommen. Er hat sich dann einge­schlossen, er konnte überhaupt nicht ein Wort sprechen. Er hatte die ganze Nacht in der Festhalle marschieren müssen. Sie durften sich nicht setzen, das alles hat er erst viel später uns erzählt. Die, die hingefallen sind, haben sie aufgehoben und mitgeschleppt. Es muß eine furchtba­re Nacht gewesen sein. Dann mußte er sich jeden Tag um 12 Uhr bei der Polizei melden. Am 20. Dezember 1938 fuhren wir nach Südafrika ab, meine Eltern, meine Tante Paula und ich. Genau einen Monat später kamen wir in Kapstadt an.

 

Erzählung: „Am 10. November bin ich mit dem Fahrrad irgendwo gewesen. Ich kam an die Haustüre unseres Hauses in der Burggasse 7 und sah, daß hinten am Hof unsere Türe offen war. Da habe ich den Gendarmen gesehen und meine Mutter gefragt: „Was tut der bei der Nachbarin?“ Es war ungewöhnlich, daß er da war. In meiner Neugierde bin ich in den Hof gegangen und er fragte mich: „Wie alt bist du?“ Ich antwortete: „Ich bin 18 Jahre“. „Dann komm her und geh zu den anderen“, sagte er.

Dann haben sie uns neben der Schule in das Kittchen, das Gefängnis, gesteckt. Manche von den jüdischen Männern waren schon dort, außer meinem Vater noch drei oder vier Männer. Verhaftet hatte uns unser Dorfpolizist, sein Name war Gerbothe, er konnte nichts machen, er hatte den Auftrag gehabt und mußte ihn erfüllen. Das war ein anständiger Polizist, aber zur selben Zeit haben wir noch einen jüngeren Polizisten gehabt, der war etwa 25 oder 26 Jahre alt. Er hat gesagt: „Wir schlachten allen den Hals ab!“  Der Polizist Gerbothe hat ihm geantwortet: „Solange ich hier zuständig bin, wird so etwas nicht geschehen“.'

Wir sind verhaftet worden, bevor die Synagoge zerstört wurde. Alle jüdischen Männer von Heldenbergen waren verhaftet worden, die zu der Zeit noch in Heldenbergen waren. Die Kinder nicht, die Frauen auch nicht, nur die Männer. Es waren mein Vater Josef Rothschild und ich, mein Onkel Theo Rothschild, mein Onkel Ludwig Rothschild, mein Onkel Hugo Rothschild, Manuel Scheuer und sein Bruder Sally Scheuer, Julius Rothschild, David Haas, Martin Speier, Isaac Haas, Julius Seligmann und sein Vater Robert Seligmann.

Wir waren in einem vergitterten Raum neben der Schule. Ich habe gedacht, etwas Schlimmes wird losgehen, daß sie uns totschlagen oder so etwas. Wir waren einen Tag und eine Nacht da. Die einzelnen Frauen sind gekommen und haben uns etwas zum Essen gebracht. Wir haben keine Panik gehabt, wir haben alle gewußt: entweder ... oder ..entweder werden wir getötet oder . . Ich habe es noch leichter genommen als die Älteren, aber je mehr man darüber nachdenkt, um so schlimmer wird es.

Es war dunkel, als wir wegkamen. Freitagabend sind wir weggefahren, als der Schabbat anfing. Ein Bus kam, und wir wurden abgefahren. Ein streng religiöser Jude darf nicht fahren am Schabbat, das war für manche schlimm“.

Die Heldenberger Juden wurden nach Weimar in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Im Konzentrationslager Buchenwald waren in aller Eile fünf große Baracken für etwa 12.000 Häftlinge der sogenannten „Judenaktion“ im November 1938 gebaut worden.

„In Buchenwald sind wir alle aus Heldenbergen zusammengeblieben in der Baracke, mein Vater, meine Onkels waren bei mir. Später habe ich auch Freunde aus unseren Nachbarorten wiedergesehen, mit denen ich früher Fußball gespielt habe. Am ersten Tag haben sie uns auf dem Appellplatz vom Morgen bis zum Abend stehen lassen.

Am zweiten Tag mußten wir vom Morgen bis zum Abend sitzen. Wir sind alle kurzgeschoren worden, ganze Glatze wie ein Häftling. Zur Erinnerung habe ich noch ein Foto davon - ein scheußlicher Anblick. Unsere Kleidung war die, die wir bei der Verhaftung an hatten, keine Häftlingskleidung. Nachts hat sich keiner getraut, zur Notdurft hinauszugehen. Von denen, die herausgegangen sind, ist niemand zurückgekommen. Da hat man die Schreie gehört, das war das Ende. Wir mußten jeden Morgen zum Appell antreten auf dem Appellplatz, die Kapos haben dann gezählt, ob alle da sind. Zu arbeiten haben wir gar nichts gehabt, wir mußten die Baracke in Ordnung halten. Zu essen haben wir etwas mehr als nichts bekommen: Suppe, etwas Flüssiges, keine richtige Suppe. In den Baracken haben wir auf Brettern gelegen. Tagsüber haben sie uns in Ruhe gelassen, aber nachts hat man Schreie gehört. In manche Baracken sind sie hineingegangen und haben Leute herausgeholt. Man hat Schüsse gehört. Das ist auch in unserer Baracke vorgekommen.

 Ich habe ein Gedicht, das ich mir von Buchenwald gemerkt habe. Einer hat das Lied in Buchenwald gemacht, es hat mich mein Leben lang begleitet, es liegt so viel Wahres darinnen:

 O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,

weil du mein Schicksal bist,

 wer dich verließ, der kann es erst ermessen,

wie wunderbar die Freiheit ist.

 O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen

und was auch unsere Zukunft sei.

 Wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen,

 denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei.

 

Nach zwei oder drei Wochen konnten sich alle melden, die das Eiserne Kreuz als Auszeichnung aus dem Krieg hatten, mein Vater und mein Onkel wurden entlassen. Die anderen von Heldenbergen sind herausgekommen, weil sie eine Einwanderung hatten irgendwohin. Bei meinen Onkels war es fiktiv, von Heldenbergen aus haben die Verwandten nach Amerika geschrieben, und die haben geantwortet, daß die Papiere eingereicht sind. Von Heldenbergen war ich der letzte, der entlassen wurde: „Wann komm ich raus? Was soll aus mir werden?“ dachte ich mir so oft, als ich nur allein von uns aus Heldenbergen in Buchenwald war. Dann haben meine Eltern die Nachricht bekommen, daß ich auswandern kann, das haben sie dann irgendwo vorzeigen müssen. Über den Lautsprecher sind die Namen ausgerufen worden, einmal bin ich endlich dabei gewesen. Weihnachten bin ich entlassen worden, am 1. Weihnachtstag 1938. Am selben Tag kam ich noch raus

aus Buchenwald. Zurück bin ich mit dem Zug von Weimar, in Heldenbergen am Bahnhof stand ich dann wieder, keiner hat mich abgeholt“.

Von diesen grauenhaften Erlebnissen der Heldenberger Juden im Konzentrationslager Buchenwald ist der Bevölkerung - bis heute - nichts bekannt. Die in Buchenwald Entlassenen mußten unter Androhung ihrer Rückkehr in das Konzentrationslager versprechen, nicht mit einem Wort über ihre Erlebnisse zu sprechen“.

 

Friedhof:

Die sogenannte Wiederherstellung des jüdischen Friedhofes nach dem Krieg ist ein jahrelanges Trauerspiel. Liest man die im Stadtarchiv vorhandenen Akten, so drängt sich die Frage auf, warum diese langwierigen Auseinandersetzungen nötig waren, in denen es im Wesentlichen darum zu gehen schien, eine möglichst billige Lösung zu finden. Der Wille, das Friedhofgelände in einen würdigen Zustand zurück zu versetzen, wurde nur mit Worten bekräftigt, es fehlten Jahr um Jahr die Taten. Besonders peinlich scheint mir daran, dass die eindeutigen Stellungnahmen der überlebenden Heldenberger Juden, „der Friedhof muss so wiederhergestellt wer-en, wie er war“ so wenig ernst genommen wurden. Noch bis in die 60er Jahre rief der Zustand des Geländes bei jüdischen ehemaligen Heldenbergern, die als Besucher aus dem Ausland gekommen waren, Trauer und Äger hervor.

Im folgenden einige Stationen dieses Trauerspiels nach Akten aus dem Heldenberger Gemeindearchiv: Bürgermeister Adam Böhm berichtete im März 1946: „Die dortige SA (Kaichen) hat hier (Heldenbergen) im allgemeinen die Aufpeitschungsarbeiten gegen die Andersdenkenden geführt und so dürfte es sein, daß die Grabdenkmäler im israelitischen Friedhof zerstört worden sind. Auch wurden die Ringmauern des Friedhofes selbst durch Entfernung der Abdeckungsplatten zerstört. Nachdem nun der Krieg sein bedeutendes Ausmaß annahm, hat der Bürgermeister von Heldenbergen den Bahndurchlaß zur Hintermühle als Bunker herrichten lassen. Nachdem aber das notwendige Baustoffmaterial fehlte, wurde von dieser Seite die Mauersteine vom israelitischen Friedhof entfernt und zu diesem Bunkerbau benutzt“.

Über das Schicksal des Friedhofes nach dem Krieg gab Bürgermeister Böhm weiter Auskunft: „Nachdem nun der Krieg sein Ende gefunden hatte, und ich als Bürgermeister von der Militär-Regierung eingesetzt war, habe ich diese Bunkermauer wieder entfernen lassen und die Steine an dieser Stelle seitlich gelagert“.

Nathan Sichel hatte das Ghetto Theresienstadt überlebt und schrieb im März 1946 an den Bürgermeister von Heldenbergen: „Im Jahre 1942 wurde ich, weil ich Jude bin, durch die Gestapo in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Zurückgekehrt aus diesem Konzentrationslager hatte ich den selbstverständlichen Wunsch, die Gräber meiner Eltern aufzusuchen und dort zu beten. Ich war vor einigen Wochen dort und fand zu meinem großen Schrecken den Friedhof nicht mehr vor. Wie Ihnen bekannt, sind die massiven Mauern abgebrochen, sämtliche Grabsteine geraubt, die Grabhügel sind dem Erdboden gleich gemacht, so daß es kein Friedhof mehr ist, sondern wie links und rechts daneben liegende Flächen ein wüstes Ackerland ist. Es war mir deshalb nicht möglich, an diesen Gräbern zu weilen und konnte ich nur im Stillen meiner Eltern gedenken, aber mich entsetzen vor dem, was geschehen war. In Heldenbergen selbst, wo die Leute mir nur zaghaft antworteten, konnte ich nichts Richtiges erfahren und wende mich deshalb an Sie, mir doch- baldigst Auskunft zu geben, was mit diesem früheren, ehrwürdigen Friedhof geschehen ist“.

Bürgermeister Böhm antwortete 1946 Nathan Sichel deutlich und klar und bekundete den Willen zur Neu-Gestaltung des zerstörten Friedhofes: „Ich sowie die gesamte Gemeinde sind bestrebt, diesen Ort wieder als Gottesacker herzustellen und zwar beabsichtige ich, einen lebenden Zaun an der Stelle, wo früher das Mauerwerk stand, zu erstellen. Die beiden Torpfosten (massive Sandsteine) sollen wieder dazu benutzt werden, um die Türe dort befestigen zu können. In der Mitte des Friedhofes soll ein Rondell angelegt werden mit einem großen Grabmal mit der Aufschrift israelitischer Friedhof und vielleicht noch eine Widmung, die ich der jüdischen Bevölkerung noch anheimstelle, wie diese Aufschrift und Inhalt lauten möge. Zu gleicher Zeit sollen an diesem Grabmal zwei Trauerbäume angepflanzt werden“.

Einige Monate später - Bürgermeister war nun Philipp Fuhr - schrieb dieser an den Referenten für jüdische Angelegenheiten beim Grosshessischen Staatsministerium, über die „Wiederherrichtung (des jüdischen Friedhofes) ... besteht kein Zweifel. Fraglich ist - und da ist es bisher zu keiner Einigung gekommen - die Form seiner Wiederherstellung. Es dreht sich um die Aufstellung einer Mauer oder um die Anpflanzung eines lebenden Zaunes aus Buxbaum. I

ch halte es für richtig, mich für einen lebenden Zaun zu entschließen. Die Beschaffung von Baumaterial ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Sie würde den Haushaltsplan der Gemeinde derart belasten, daß ich mich nicht entschließen kann, die Errichtung einer Mauer aus Gemeindekassenbeständen zu finanzieren ... Die noch größtenteils gut erhaltenen Grabmäler könnten, wenn nicht die Errichtung einer gemeinsamen Gedenktafel erwogen wird, ungeachtet der Art der Umzäunung aufgestellt werden .. . der Friedhof auf alle Fälle wieder so hergerichtet wird, wie es zur Wiedergutmachung für begangenes Unrecht erforderlich ist“. Die Antwort des Ministeriums lautete: „Der Jüdische Friedhof (ist) sofort in einen menschenwürdigen Zustand zu versetzen. Diese Kulturstätte muß wieder so hergestellt werden wie sie war. Die Kosten muß die Gemeinde übernehmen“.

Im April 1947 liegt ein Architektenentwurf vor zum „Wiederaufbau des Judenfriedhofs in der Gemeinde Heldenbergen“. Eine 70 Zentimeter hohe Bruchsteinmauer, die sich zu den Eingangssäulen hin auf deren Höhe ansteigt, sollte den Friedhof umfassen, innen umgeben von einer 1,20 Meter hohen Hecke. Ein etwa zwei Meter hohes Ehrenmal sollte im Mittelpunkt stehen.

Nachdem im September 1947 von einem Bauingenieurbüro die Menge der benötigten Baumaterialien errechnet worden war, wurden völlig überraschend und unvermittelt im September und Oktober 1947 die Steine der im Krieg abgebrochenen Mauer des jüdischen Friedhofs, die zum Bunker‑

bau unter der Eisenbahnbrücke abgefahren und nach Abbruch des Bunkers 1945 dort am Viadukt gelagert worden waren, von der Gemeinde Heldenbergen verkauft.

Heldenberger Bürger hatten sich an die Gemeinde gewandt: „Die Steine des früheren Judenfriedhofes sollen verkauft werden. So bitte ich, mir eine Unterstützung teil werden zu lassen, indem ich die Steine bekomme“. „Ich bitte mir die zur Zumauerung des ehemaligen Bunkers (Viadukt) benutz‑

ten Steine zuzuteilen!“

Wenige Monate später, im Februar 1948, hatte der Regierungspräsident in Darmstadt der Wiederherstellung der Einfriedungsmauer am jüdischen Friedhof in Heldenbergen als Bruchsteinmauer zugestimmt. Im März 1948 bat das Hessische Staatsbauamt in Friedberg, die Gemeinde Heldenbergen „zu veranlassen, daß sofort mit der Anfuhr der Bruchsteine begonnen wird“. Nun schien dem Beginn der Wiederherstellung nichts mehr im Wege zu stehen. Das Staatsbauamt berichtete an den Minister für politische Befreiung in Wiesbaden einige Monate später, dass „mit den Bauarbeiten in den nächsten Tagen begonnen werden kann“, und fragt, da „die Gemeinde nach der Währungsumstellung über Geldmittel nicht mehr verfügen kann“, ob „aus dem Wiedergutmachungsfonds oder einer anderen Quelle Geld zur Erstattung der notwendigen Arbeitslöhne zugewiesen werden kann“. Der Minister verneint, denn es habe „die Gemeinde, in der die Friedhofsschändung sich ereignet hat, für die Mittel aufzukommen“.

Inzwischen hatte sich auch die Jüdische Betreuungsstelle für Stadt- und Landkreis Gießen, die vom Ministerium als Treuhänder über die jüdischen Friedhöfe eingesetzt war, eingeschaltet, mit dem dringenden Hinweis, „dass dieser Schandfleck endlich einmal beseitigt wird“. Aber in Heldenbergen geschieht nichts in dieser Richtung, den ständigen Absichtserklärungen schien der Wille zur Umsetzung zu fehlen.

Im Januar 1949 fragt das Staatsbauamt Friedberg wegen der Einfriedung am jüdischen Friedhof in Heldenbergen nach dem Stand der Sache an. Damit endlich die Angelegenheit zum Abschluß kommt, bitten wir, das Erforderliche in die Wege zu leiten“. Auch die Jüdische Betreuungsstelle musste im Februar 1949 erneut nachfragen, „ob der dortige jüdische Friedhof wieder in Ordnung geschafft worden ist“. Im folgenden Monat wurde die Baugenehmigung für die Erstellung einer Einfriedungsmauer bis zum Sommer 1949 erteilt.

 

Aber wieder geschah nichts. Erneut wurden Versuche unternommen, doch noch Geld zu sparen und sich an der Erstellung der Steinmauer vorbei zu entscheiden. Mehr als ein Jahr nach seinem erneuten Amtsantritt als Bürgermeister wandte sich Adam Böhm an Max Rothschild in Frankfurt, um das Einverständnis dieses überlebenden Juden aus Heldenbergen für die neuen billigen Ideen zu bekommen: „Mein Vorgänger hat bis jetzt zur Instandsetzung des Friedhofes trotz mehrfachen Versprechens noch nichts unternommen. Ich kann Ihnen versichern, daß die Angelegenheit im besten Sinne geregelt wird. Nur möchte ich Ihnen vorschlagen, nicht auf einer Einfriedungsmauer zu bestehen. Ich möchte im Herbst eine lebende Hecke anpflanzen, die dem Landschaftsbild doch besser angepaßt ist und einen gefälligeren Eindruck dem Auge bietet. Ein Denkmal werde ich zur Erinnerung setzen lassen. Ich bitte um ihr freundliches Einverständnis“.

Dieses Einverständnis gab aber Max Rothschild nicht, sondern schrieb: „Ihre bestimmte Zusage habe ich vermisst. Mir ist natürlich bekannt, dass ein Bürgermeisterwechsel stattfand, aber Sie waren ja schon 1945 Bürgermeister und haben auch veranlasst, dass der Bunker entfernt wurde, für Sie wäre es damals doch bestimmt auch sehr leicht gewesen, die Steine auf den jüdischen Friedhof bringen zu lassen. Auch mit Ihnen habe ich schon damals über die Wiederherstellung des Friedhofes mich öfter unterhalten. Wir brauchen daher keine weiteren Versprechungen mehr. Der Friedhof muß so wiederhergestellt werden, wie er war! Da Sie mir keine bestimmte Zusage gemacht haben und mir keine Stellungnahme des Gemeinderates vorliegt, bin ich gezwungen, weitere Schritte zu unternehmen“

So forderte im Oktober 1950 der Landrat den Bürgermeister auf, „zur Beseitigung etwa bestehender Mißstände auf dem jüdischen Friedhof sofort das Notwendige zu veranlassen“. Doch der Bürgermeister entwickelte noch eine „bessere“ und vor allem billigere Idee, die er mit der Sorge einer möglichen Friedhofsschändung begründete. Auf dem alten Friedhof sollte mit der „Aufstellung eines steinernen Males mit Inschrift und Grünumrandung für den ... geschändeten Friedhof eine Erinnerungsstätte geschaffen werden“. So wäre „der Würde des Falles am besten entsprochen ... unter Berücksichtigung der Finanzkraft der Gemeinde“.

Max Rothschild war zwei Tage zuvor an den Folgen der jahrelangen Verfolgung gestorben. Sein Wunsch, um den er sich in den letzten Lebensjahren so intensiv bemüht hatte, war nicht realisiert worden: dass der Friedhof so wiederhergestellt würde wie er vor der nationalsozialistischen Zerstörung gewesen war.

Das Jahr 1951 begann, der Friedhof lag nun im sechsten Jahr als wüstes Land, allerdings inzwischen mit Gras bewachsen, außer diversen Korrespondenzen war konkret nichts geschehen, das Gelände war ja schon vor August 1946 eingeebnet und die Sandsteinsäulen wieder aufgerichtet worden.

Nachdem sich der Landrat nochmals an den Bürgermeister gewandt hatte, beschloss der Gemeinderat einstimmig, dass er bereit sei, den jüdischen Friedhof wieder instandsetzen zu lassen.   Doch die Gemeinde Heldenbergen fand erneut weitere Wege, um die Wiederherstellung des zerstörten Friedhofes zu vermeiden. Es fand sich tatsächlich noch eine neue Idee, natürlich noch kostengünstiger. Dem hessischen Landesrabbiner von Hessen Dr. Weinberg wurde die „Ausgrabung der sterblichen Überreste“ vorgeschlagen, die dann auf dem alten Friedhof „wieder beigesetzt“ werden sollten. Diese Geschmacklosigkeit und Ignoranz ist nun kaum zu übertreffen. Und wieder ging ein Jahr zu Ende.

Im Mai 1952 wartete der Landrat dann mit einem neuen noch unglaublicheren Vorschlag auf: „Eigentümer des jüdischen Friedhofes ist die jüdische Kultusgemeinde ... somit wäre die jüdische Kultusgemeinde verpflichtet, die Kosten für die Instandsetzung ... des Friedhofes zu tragen“. Aber diesem Vorschlag - bar jeder Anerkenntnis der nationalsozialistischen Schändung und Zerstörung - konnte sich die Gemeinde nicht anschließen, ist doch im Mai 1952 „die Bereitwilligkeit der Gemeinde versichert, den jüdischen Friedhof wieder in einen ansehbaren Zustand zu bringen“. Dazu will sie einen Drahtzaun und vor allem auch eine Gedenktafel, umgeben von einer Hecke, errichten.

Im Juli 1952 schaltet sich die „Jewish Restitution Successor Organisation” (JRSO) ein - dieser Treuhandorganisation war der Friedhof zurückerstattet worden - und schrieb dem Landrat deutliche Worte: „Der Friedhof, der am nördlichen Ortsausgang liegt, ist in der Nazizeit geschändet und

 sämtliche Grabsteine wurden vom Steinmetz May abgefahren.

Während nun fast alle anderen Gemeinden entsprechend den von der Militärregierung kurz nach der Beset­zung erlassenen Gesetzen sich bemüht ha­ben, diese Ausschreitungen wieder gutzu­machen, das heißt in diesem Falle die Stei­ne (die noch beim Steinmetz liegen) rückführen zu lassen und die entfernte Einfrie­dung des Friedhofes wiederherstellen zu lassen, ist in Heldenbergen nichts gesche­hen“.

Dann endlich wurden die Grabsteine dann auf den Friedhof gebracht, nachdem sie etwa 15 Jahre auf einem Haufen gele­gen hatten. Von den ehemals mehr als 100 Steinen waren jetzt nur noch 27 da. Beim Aufstellen hatte sich niemand die Mühe gemacht, sich mit dem jüdischen Beerdi­gungs­gewohnheiten zu beschäftigen oder ältere Bewohner nach der Anordnung der Grabsteine vor der Zerstörung des Friedho­fes zu fragen. Völlig unverständlich ist, wie es geschehen konnte, dass sämtliche Grabsteine in die falsche Himmelsrich­tung zeigen und nicht, wie auf allen jüdi­schen Friedhöfen der Welt üblich, Rich­tung Jerusalem, also von Deutschland aus nach Osten. Das so häufig erwähnte Denkmal oder eine Gedenktafel, die die Gemeinde Heldenbergen zur Erinnerung an die Schändung und Zerstörung des jüdischen Friedhofes errichten wollte, fiel dem allge­meinen Vergessen und Verdrängen zum Opfer.

Während der Einladung der früheren jü­dischen Bürger im Sommer 1988 gingen al­le Besucher zum Friedhof, um das Kad­disch für die Toten zu beten. Es war ein banges Suchen, ob noch Grabsteine von Angehörigen gefunden werden konnten. Kurt Grünewald entdeckte den Grabstein seines Großvaters - allerdings an einer ganz anderen Stelle. Heute befindet sich der Friedhof in einem gepflegten Zustand, die Spuren der Zerstörung sind erst bei nä­herem Hinsehen zu bemerken.

 

Mit leiser jüdischer Musik und Paul Celans Todesfuge („der Tod ist ein Meister aus Deutschland....“), vorgetragen vom Nidderauer SPD-Vorsitzenden Frank Eisermann, begann am frühen Samstagabend auf dem jüdischen Friedhof am Kellerberg in Heldenbergen die Feier zum Gedenken an die Opfer der Novemberpogrome. Etwa 30 Menschen hatten sich auf dem gepflegten Areal, auf dem Lichter an den einzelnen Grabsteinen entzündet worden waren, versammelt, um der vielen von den Nazis umgebrachten jüdischen Mitbürger in den einst selbstständigen Kommunen Heldenbergen, Windecken und Ostheim zu gedenken.

Nicht zuletzt durch die wissenschaftlichen Arbeiten von Monica Kingreen, in denen sie zahlreichen Schicksalen jüdischer Menschen und in der Umgebung nachging, hat die Aufarbeitung der Nazi-Greuel in Nidderau einen besonders hohen Stellenwert. Nidderaus verstorbener Altbürgermeister Willi Salzmann hatte die „Woche der Begegnung“ im Jahre 1988 damals als den Höhepunkt seiner Dienstzeit bezeichnet. Und seit jenem Zusammensein von Nidderauern mit Überlebenden der Juden-Verfolgung gibt es in der Stadt eine Tradition des Gedenkens, sagt heute Bürgermeister Gerhard Schultheiß (SPD.)

Schultheiß wiederholte am Samstagabend sein Bekenntnis zum vollständigen Aufarbeiten der jüdischen Geschichte und sein Bekenntnis dazu, entschlossen gegen jegliche Form des Antisemitismus vorzugehen. „Wir dürfen nicht aufhören, hinzusehen, hinzuhören und einzuschreiten“, sagte der Bürgermeister. Die Tatsache, dass es in Heldenbergen zwei jüdische Friedhöfe gibt, unterstreiche die frühere Bedeutung der jüdischen Gemeinden im heutigen Nidderau. Neben dem alten jüdischen Friedhof am Kellerberg, den selbst viele Einheimische nicht kennen, gibt es in Heldenbergen den „neuen“ an der Straße nach Kaichen. Erst 1818 hatte die jüdische Gemeinde Heldenbergen einen eigenen Begräbnisplatz am Kellerberg, der nur bis 1882 genutzt wurde - seine Kapazität war durch das rasche Anwachsen der Gemeinde schon nach wenigen Jahrzehnten erschöpft.

Die Sterberegister verzeichnen für diese Zeit 243 Namen jüdischer Heldenberger. Im Jahr 1879 legte die jüdische Gemeinde am Kellerberg am Ortsrand Heldenbergens einen neuen Friedhof an.

Nach der Zerstörung beider Friedhöfe durch die Nazis dauerte es bis in die Mitte der achtziger Jahre, bis man in der Stadt begann, die Friedhöfe wieder herzurichten und den Schicksalen der früher in Windecken, Ostheim und Heldenbergen beheimateten jüdischen Menschen nachzuforschen. Im Jahr 1985 war es dann auch, dass die beiden zerstörten jüdischen Gemeinden Heldenbergen und Windecken Gedenktafeln angebracht wurden.