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Karben:

Jüdische Schicksale in Karben

Zum Gedenken an die Pogrome des 9. November 1938 zeigte Referentin Moni­ca Kingreen in der Klein-Karbener St. Michaelis-Kirche jüdische Schicksale auf. Im September 1942 ging der Depor­tationstransport der jüdischen Bürger der Wetterau über das Sammellager Friedberg und Darmstadt nach There­sienstadt. Direkt aus Karben wurden sieben jüdische Bürger in die Vernich­tung getrieben.

Die jüdische Gemeinde Groß-Kar­ben verlor damit Adolf und Antonie Hirsch, geborene Junker, mit den Kin­dern Marga und Erich Hirsch; Moritz Rosenthal; den 81-jährigen Spengler Isidor   Kahn.             Auch Lea Weinberg aus Rendel, geborene Grünebaum, gehörte zur Gemeinde.

Um der Kontrolle und den Schikanen der Faschisten in der überschaubaren Gemeinde zu ent­gehen, waren etliche Juden zu Beginn der 30er Jahre meist nach Frankfurt ge­zogen. Von dort wurden als ehemalige Karbener deportiert: Hugo und Rosel Junker, geborene Grünebaum; Joseph und Bella Junker mit Tochter Ruth; Juli­us und Flora Ross mit Tochter Ilse; Moritz und Klara Ross. Aus Friedberg: die Karbenerin Antonie Wertheimer, gebo­rene Junker. Aus dem jüdischen Altenheim in Bad Nauheim die drei Schwes­tern Sofie, Emilie und Lina Grünebaum. Aus Würzburg: Rosa und Beate Grünebaum. Aus Hamburg: Lilly Grü­nebaum. Aus Holland: Julius Kulb und Johanna Isenburger, geborene Kulb; Jo­hanna Jacobs, geborene Kulb, Frieda Driels; Max Grünebaum.

Aus Burg-Gräfenrode waren nach Frankfurt gezo­gen und wurden von dort wurden in den Tod getrieben: Rosa Löwenberg mit Tochter Margot; Willi und Martha Lö­wenberg mit den Kindern Inge, Kurt und Judith; Lina Jacob; Alexander und Recha Kirschberg, geborene Schott. Adolf und Ida Strauss aus Groß-Kar­ben mit Kindern Lieselotte und Walter sowie der Oma Berta retteten sich nach New York, ebenso Lina und Ferdinand Strauss mit der Nichte Lieselotte Kulb. Max und Paula Kulb aus der Heldenber­ger Straße in Groß-Karben schafften es nach Uruguay. Die Kinder Ruth Junker und Albert Ross waren 1939 mit einem Kindertransport eines Hilfswerkes in die Schweiz gerettet worden.

Rosa Rosenthal gehörte wie Bella Vogt zu den wenigen aus Groß-Kar­ben, die die Befreiung aus dem KZ erlebten. Bella Vogt war als Frau eines nichtjüdischen Ehemannes noch kurz vor Kriegsende deportiert worden.

 

Erinnerung an die Verfolgung und Mahnung

Historikerin Monica Kingreen zum Schicksal der Juden aus Karben

Anlässlich der Gedenkfeier zum 9. November 1938 in der St. Michaeliskirche berichtete die Historikerin Monica Kingreen über die Deportation und Vernichtung jüdischer Bürger aus Karben und seinen Nachbarorten im Jahr 1942.

 

Den bewegenden Abschluss der grausigen Schilderungen bildete ein gesun­genes Gebet aus der zweiten Sinfonie des pol­nischen Komponisten Henryk Görecki. Or­ganist Herbert Helfrich berichtete, dieses Gebet habe eine 18-jährige Jüdin vor ihrer Hinrichtung an die Wand eines Gestapo-Ge­fängnisses geschrieben.

Auf Einladung des Deutsch-Ausländi­schen Freundschaftskreises (DAF) und der evangelischen St. Michaelis-Gemeinde Klein-Karben entwickelte Monica Kingreen das Szenario, wie die Faschisten gerade nach der so genannten Reichskristallnacht 1938 systematisch das Leben für jüdische Bürger abschnürten. Arbeit wurde ihnen un­möglich gemacht, ihre Sparguthaben einge­zogen. Es wurden ihnen immer neue finan­zielle Belastungen auferlegt wie die „Juden­ver­mö­gens­abgabe” mit dem Ziel, sich ihrer Habe zu bemächtigen. Glück hatten die, die rechtzeitig nach der so genannten „Machter­greifung” die Zeichen der Zeit erkannten und wegzogen. Allerdings holte jene, die nur in die Anonymität der Großstadt Frankfurt oder in europäische Nachbarländer geflüch­tet waren, die mörderische NS-Maschinerie des Todes ein.

Die Referentin regte daher an, das Schick­sal dieser Menschen zu erforschen, die zu-nächst aus ihren Wohnorten weggezogen wa­ren. Sie. sind nicht in den Akten zur zentra­len Deportation im September 1942 - zu-nächst ins Sammellager in Friedberg und von dort nach Darmstadt mit Ziel Theresienstadt - enthalten. Insgesamt wurden aus Friedberg 264 Menschen nach Theresien­stadt deportiert. Von dort wurden manche etwa nach Treblinka mit dem Versprechen gebracht, es handele sich um eine Umsied­lung.

Lebens- und Todesspuren

Kingreen mahnte an, dass immer noch zu wenige Kommunen der Region ihrer verfolg­ten und getöteten jüdischen Bürger gedäch­ten. Es gelte, ihre „Lebens- und Todesspuren sichtbar zu machen”. Anhand des umfangreichen Namens- und Datenmaterials zeigte sie, dass dies durchaus möglich ist. Die Refe­rentin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fritz Bauer-Institut, Studien und Doku­mentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust in Frankfurt. Sie be­schäftigt sich seit vielen Jahren mit der Erfor­schung des jüdischen Landlebens in Hessen und der Verfolgung während der NS-Zeit.

Es waren meist jüngere, die sich durch Wegzug zu retten versuchten. Einigen ge­lang auch die Flucht nach Nord- oder Süd­amerika. Wer das nicht bis 1938 schaffte, hat­te es später schwer zu fliehen: Zunehmendes finanzielles Auspressen sowie der Visumzwang möglicher Gastländer machten ein Entkommen fast unmöglich.

 

 

Kassel

Manch ein engagierter Leser dürfte bei der Lektüre des Buches „Reichskristallnacht” von Wolf-Arno Kropat  (Wiesbaden 1998, 35 Mark) über den Untertitel stolpern: „Der Judenpogrom vom 7. bis 10. November 1938 - Urheber, Täter, Hintergründe2. Daß die Ausschreitungen bereits am 7. November begonnen haben, dürfte er als wichtige neue Information empfinden, hatte bisher doch ein erheblicher Teil der Forschung als Auslöser der Pogrome die berüchtigte Hetzrede des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels in München am 9. November angenommen.

Doch der frühere Leiter des Hessischen Hauptstaatsarchivs und ausgewiesene Kenner der Geschichte der Juden in Deutschland weist en detail nach, daß die Pogrome in der Tat bereits am Abend des 7. November begonnen hätten - in Kassel und anderen Städten Kurhessens. Zu diesem Zeitpunkt hatte die NS-Führung das Attentat des jungen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Legationssekretär vom Rath noch nicht in einen Anschlag des Weltjudentums gegen das deutsche Volk umgemünzt. Als Initiatoren treten nicht fanatische örtliche NS-Funktionäre auf, angestoßen hat den Terror vielmehr der Gaupropagandaleiter Gernand, der sich gegenüber Untergebenen auf den Willen Goebbels’ beruft.

Allerdings gab es am 7. November bei der Durchführung des Terrors gegen die Juden noch erhebliche Pannen; anders als Gestapo und SD, SA und SS ist die Ordnungspolizei offenbar zunächst nicht einbezogen worden. Sie fährt umher und versucht, judenfeindliche Aktionen zu unterbinden. Einzelne Gauleiter weisen sogar noch am 9. November untergeordnete Stellen an, „sämtliche antijüdischen Demonstrationen“ zu verhindern.

Kropat weist nach, daß diese brutalen Aktionen von Anbeginn an mit Wissen und Zustimmung der engeren Nazi-Führung von Hitler bis Heydrich begonnen und durchgeführt worden seien. Es habe deswegen auch, anders als ein Großteil der Forschung meint keine „Krise“ in der Führungsspitze gegeben, wenngleich angesichts des verheerenden Echos aus dem Ausland Göring, Heß und Himmler Entlastungsstrategien starteten und gerüchteweise streuen ließen, sie hätten gegenüber Hitler Vorbehalte geäußert.

Großen Wert legt Kropat auf die Feststellung, daß die Novemberpogrome nicht als „Vorstufe der Endlösung im Sinne der Vernichtung der Juden“ verstanden werden dürften, so unmenschlich und „für eine zivilisierte Nation unfaßbar“ sie auch gewesen sein mochten. Die NS-Führung habe vielmehr zunächst das Ziel verfolgt, mit solchen Terroraktionen die Juden zur Auswanderung zu veranlassen. Einzig für Hitler dürfte die „Reichskristallnacht“ ein Probelauf für die Endlösung gewesen sein, da nur er damals bereits wußte, daß es Krieg geben werde. Und der Krieg war eine Voraussetzung für die Ausrottung.

Wie auch in seinen anderen Büchern pflegt Kropat bei aller Wissenschaftlichkeit einen erzählenden Stil, der die Unfaßlichkeit dieses Geschehens nur noch unterstreicht. Glänzend recherchiert und abwägend, daher besonders zur Lektüre empfohlen, das Kapitel „Täter und Zuschauer“: Ein Spiegel für die Deutschen.

 

Neue Synagoge: Einen „Palast“ nennt Semen Kats die Kasseler Synagoge. Stolz zieht das Vorstandsmitglied der Kasseler jü­dischen Gemeinde den Vorhang des Thora-Schreins auf. „Ein sehr schönes Gebäude“ – der 68-Jährige kann den im Jahre 2000 einge­weihten Bau aus Beton und Zedernholz, ent­worfen vom Frankfurter Architekten Alfred Jacoby, nicht genug loben. Der Ingenieur, der vor elf Jahren mit seiner Familie aus dem ukrainischen Kiew nach Kassel kam, ist hier „sehr zufrieden“. Auch wenn er selbst und seine Frau – ebenfalls Ingenieurin – keine Ar­beit gefunden haben. Sein Sohn arbeitet seit Jahren als Architekt in Nordhessen, seine Tochter schreibt ihre Diplomarbeit an der Göttinger Uni, auch der Neffe ist Ingenieur.

Doch vor kurzem hat Kats „ein bisschen Angst bekommen“. Da waren auf dem Kasse­ler jüdischen Friedhof zig Grabsteine zer­stört und Wände beschmiert worden, kurze Zeit später passierte Ähnliches auf dem jüdi­schen Friedhof im nahen Gudensberg. „Un­ruhe im Herzen“ hat ihn da befallen. Deshalb schrieb er mit anderen Gemeindemit­gliedern einen Brief an den hessischen Mi­nister­präsidenten Roland Koch (CDU) und dessen Innenminister. Die Absender wiesen darauf hin, dass sie wegen des Antisemitis­mus in ihrer Heimat nach Deutschland ge­flüchtet seien – jetzt würden sie hier das Glei­che erleben. Und in diesen Tagen sind nicht nur Juden in Hessen durch die Äußerungen des CDU-Bundestagsabgeordneten Hoh­mann, der Juden als „Täter“ bezeichnete, schockiert und irritiert, wie der Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen, Moritz Neumann, die Stimmung beschreibt. Für ihn ist die Hohmann-Rede „ein schlimmes Machwerk“.

 

Deutschland tut sich schwer im Umgang mit seiner Vergangenheit. Darauf verwies bei der Gedenkveranstaltung für die November-Progrome im Jahr 2003 auf dem Kasseler Friedhof auch Esther Haß vom Vorstand der jüdischen Gemeinde. Vor wenigen Tagen war des 60. Jahrestages der Zerstörung Kassels durch Bomben der Alliierten gedacht worden. Gestern stand der 65. Jahrestag der so genannten Reichskristallnacht an. In Kassel hatten die von den Nazis angestachelten Horden nicht erst am 9., sondern schon am 7. November zugeschlagen und die Große Synagoge zerstört, die wenig später wegen „Baufälligkeit“ abgerissen wurde. Während der Jahrestag der Bombardierung mit Erinnerungs-Events wie der Illumination der Kirchen begangen worden war, ging das Gedenken zum 7. November im Stillen vonstatten. Für Esther Haß waren es zwei Gedenkveranstaltungen, „die nicht unterschiedlicher hätten sein können“.

 

Trotz solcher Brüche scheint sich die Stadt wieder bewusst zu werden, dass jüdisches Leben ein Teil ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist. Im  Jahr 2002 etwa wurde zum Volkstrauertag erstmals auch auf dem jüdischen Friedhof der Toten gedacht. Für den Leiter des Kasseler Stadtmuseums, Karl-Hermann Wegner, ist es eine „Ehrenpflicht“, jüdische Geschichte zu dokumentieren. Auch „um der neuen jüdischen Gemeinde zu zeigen, dass sie Wurzeln hat“. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit versucht mit kulturellen und politischen Veranstaltungen zu dokumentieren, „dass Juden hier sind, dass sie mit uns leben – und nicht neben uns“, so Geschäftsführerin Eva-Schulz-Jander.

Einst hatte die Kasseler Gemeinde mehr als 3.000 Mitglieder, von 1807 an hatte in der Stadt an der Fulda das „Königlich Westfälische Konsistorium der Israeliten“ mit einem Lehrer- und einem Rabbinerseminar seinen Sitz. Vor der „Kristallnacht“ gab es 2.500 Kasseler Juden, unzählige wurden in Konzentrationslagern ermordet, 1945 gab es nur noch 250. Zeitweise war die Kasseler Gemeinde „eine große Familie“, erinnert sich Landesverbandsvorsitzender Neumann. Rund 70 Juden lebten in der Stadt und im Umland.

Das hat sich gewaltig geändert. Seit den 90er Jahren, als die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion einsetzte, wuchs die Zahl immens. Derzeit sind es rund 1200. Doch für sie ist es ist nicht leicht, Wurzeln zu schlagen. Das beginnt mit der Sprache. Die meisten Flüchtlinge sprechen Russisch. Deshalb wird in der Synagoge neben Hebräisch und Religion vor allem Deutsch gelehrt – eine wichtige Bedingung, um einen Job zu finden. Doch Arbeit ist im strukturschwachen Nordhessen dünn gesät. Die meisten Neuankömmlinge sind deshalb Sozialhilfeempfänger. Deren soziale Betreuung ist deshalb schwierig, weil es für das ganze Land gerade mal eine einzige Sozialarbeiterin gibt. Die - Kasseler Gemeinde hat inzwischen selbst angepackt und einen mobilen Pflegedienst für Senioren aufgebaut. In der Synagoge gibt es eine Theater- und eine Sportgruppe sowie eine Bibliothek.

Doch die jüdischen Gemeinden haben auch mit einer Folge des Lebens in einer kommunistischen Diktatur zu kämpfen, so Landesvorsitzender Neumann: „Menschen, die jüdisch sind, wissen kaum etwas davon“. Und so sagt dann auch der Neu-Kasseler Kats: „Wir sind ohne Religion aufgewach­sen“. Andererseits wird in den Ländern der Ex-Sowjetunion das Wort „Jude“ im Pass vermerkt. Wer sich dort einen jüdischen Ehepartner auswählt, wird automatisch zum Juden, die Kinder ebenso. Doch das ist gar nicht im Sinne der Religion, weil man nur als Jude geboren werden oder bewusst übertreten kann. Eine Lösung, die in Deutschland sowohl den Vorschriften der Religion als auch den Menschen entspricht, steht auch in den hessischen Gemeinden noch an.

Derweil versucht die Kasseler Gemeinde, auf ihre Weise die religiösen Traditionen zu beleben. Zum Beispiel mit koscheren Kochkursen in der Synagoge. Oder mit einer traditionellen Hochzeit eines ukrainischen Ehepaars. Der Bräutigam hatte - als erwachsener Mann - sogar die Beschneidung über sich ergehen lassen. Über solche Ereignisse kann sich Vorstandsmitglied Esther Haß genau so freuen wie über die fünf Jugendlichen, die im vergangenen Schuljahr ihr Abitur mit jüdischem Religionsunterricht abgeschlossen hatten.

Gleichwohl kocht das religiöse Leben zwangsläufig auf Sparflamme. Größere Gottesdienste muss der Religionslehrer halten, an hohen Feiertagen wird ein Rabbiner aus Israel eingeflogen. Im Jahr 1938 war der amtierende Rabbiner Robert Raphael Geis zusammen mit anderen jüdischen Männern nach Buchenwald deportiert worden. „Nach 65 Jahren“, fordert Esther Haß, „ist es an der Zeit, dass Kassel wieder einen Rabbiner bekommt“. Es müsse ein „sichtbares Zeichen der Solidargemeinschaft“ gesetzt werden, damit „Gedenken nicht zum leeren Ritual“ wird.

Vor kurzem war zur Finanzierung einer Rabbiner-Stelle die „Mosenthal-Stiftung“ gegründet worden, benannt nach dem aus Kassel stammenden Dramatiker, Lyriker und Erzähler Salomon Hermann Mosenthal (1821 - 1877). Die Gemeinde stellt aus eigener Kraft 15.000 Euro Grundkapital.

Verhandlungen über Zuschüsse der Stadt laufen, auch mit dem Landkreis gibt es Gespräche, immerhin lebt etwa die Hälfte der Mitglieder in Kassels Umland. Sogar die Evangelische Landeskirche von Kurhessen-Waldeck hat 5.000 Euro in Aussicht gestellt, auch das Bistum Fulda will sich nicht lumpen lassen. Esther Haß ist optimistisch: „Das jüdische Jahr ist zwar schon rum, das gregorianische noch nicht“. Im Februar/ März, hofft sie, wird der Rabbiner- ein Interessent ist schon da - seinen Dienst antreten: „Man muss einfach dran glauben“.

 

Das Verhältnis zwischen Christen und Juden zu verbessern, ist Schwerpunkt der Arbeit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Dies geschieht durch intensive Beschäftigung mit dem Trennenden und Verbindenden der religiösen Traditionen, mit den Belastungen aus der Vergangenheit und den Problemen der Gegenwart. Dazu gehören auch die Förderung von Begegnungen und die Pflege der Beziehungen zu Israel.

Darüber hinaus versucht die Gesellschaft, Fremdenfeindlichkeit. Diskriminierung, Hass, Gewalt und Antisemitismus entgegenzutreten. Sie weiß sich mit allen religiösen, demokratischen, politischen und sozialen Kräften mit gleicher Zielsetzung verbunden und sucht die Zusammenarbeit. Die Mitglieder der Gesellschaft wollen informieren und auf Gefahren hinweisen; sie sind der Überzeugung, dass die Greueltaten der Nazi-Barbarei nicht vergessen, nicht verdrängt, nicht aufgerechnet oder geleugnet werden dürfen.

In der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit engagieren sich Christen verschiedener Bekenntnisse, Juden unterschiedlicher Traditionen. aber auch Menschen anderer Anschauung. Verbindliches Ziel ist die Verwirklichung der Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit aller Menschen ohne Unterschied ethnischer, religiöser, politischer oder sozialer Herkunft.     

Im Rahmen eines privaten Forschungsprojektes zur Geschichte der Mönchebergstraße vor den beiden Weltkriegen, das eine Ausstellung im Kasseler Stadtmuseum krönte, gab es in Israel eine Begegnung mit Mitgliedern zweier jüdischer Familien. die bis 1936 in der Straße lebten und auch dort geboren wurden. Sie berichten in Gesprächen. die auf Tonband dokumentiert sind. über ihren Alltag in der Mönchebergstraße. Eine der Familien kam um 1910 aus Galizien in die Stadt. die andere zählt zu den sogenannten assimilierten jüdischen Familien, deren Vorfahren bereits seit 300 Jahren in der Region lebten.

Die Anfänge der Kasseler Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit liegen im Jahr 1953. Grund und Motiv für die Gründung waren leidvolle und grauenhafte Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Kenntnis des Genozids an den europäischen Juden. Antisemitismus, Rassismus, Militarismus, nationale Überheblichkeit, religiöse Intoleranz und weltanschaulichen Fanatismus sollte es nicht mehr geben.

 

Lich

Licher tun sich schwer mit Gedenken: Zum achten Mal gedenkt die Stadt Lich mit einer Veranstaltungsreihe der Pogromnacht vom 9. November 1938. Die Auseinandersetzung mit der braunen Vergangenheit fällt vielen alteingesessenen Lichern schwer.

Die Veranstalterliste der Novemberreihe ist lang: Vom Kino Traumstern über die Musikschule, die evangelische Gemeinde, die Dietrich-Bonhoeffer-Schule bis hin zur Volkshochschule des Landkreises Gießen arbeiten die Initiatoren der Ernst-Ludwig-Chambre-Stiftung mit zahlreichen Institutionen zusammen. Mindestens so ausführlich ist das Programm: Eine Vernissage, mehrere Seminare, Vorträge, Besichtigungen, Filmvorführungen und ein Konzert sollen in diesen Wochen die Erinnerung an den 9. November in Lich wach halten.

„Wer Vergangenes verdrängt, läuft Gefahr, alte Fehler zu wiederholen“, mahnt Pastor Cornelius Mann die kleine Gemeinde, die sich am Mittwochabend in der Kapelle der evangelischen Marienstiftskirche versammelt hat. Rund 50 Menschen sind zu dem Gedenkgottesdienst mit anschließender Mahnwache gekommen.

 

Erstes Pogrom schon 1933: Darin erinnert der Pastor noch einmal an jene Nacht, in der viele Licher Bürger zu Barbaren wurden: Die beiden Synagogen wurden demoliert, jüdische Geschäfte und Privatwohnun‑

gen verwüstet, die noch verbliebenen 50 Juden misshandelt und später deportiert. Es war nicht das erste organsierte Pogrom in Lich: Bereits in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1933 - mehr als fünf Jahre früher - hatten 30 jüdische Einwohner vor den Verfolgern fliehen müssen. „Es geschah öffentlich, vor aller Augen“, betont Pastor Mann. „Niemand konnte sagen, er habe das nicht gewusst.”

Es mag dieser Umstand sein, der vielen Einwohnern der idyllischen Kleinstadt den Umgang mit der Novemberreihe so schwer macht. „Die meisten, die sich bei uns engagieren, sind nicht von hier”, berichtet Doris Nusko vom Vorstand der Ernst-Ludwig-Chambre-Stiftung, die die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fördern und die Erinnerung an das oberhessische Judentum wach halten will. Nusko ist die Ausnahme: Sie stammt selbst aus einer alteingesessenen Licher Familie.

Für ihr Engagement muss sie sich hin und wieder schiefe Blicke gefallen lassen. „Einige sagen: Lass das doch mal mit den Juden, da muss doch endlich Gras drüber wachsen”, sagt sie. Auch der Name der Stiftung stößt nicht nur auf Begeisterung. Offene Anfeindungen gebe es aber nicht. Nusko: „Von den damaligen Tätern lebe niemand mehr“.

Beim Blick auf die Veranstalterliste der Novemberreihe fällt auf, dass die Stadt selbst fehlt. Erst seit einiger Zeit ist die Zusammenarbeit mit dem Magistrat intensiver geworden, denn Stiftung und Stadt kümmern sich gemeinsam um die Renovierung der ehemaligen Bezalel-Synagoge. Ursprünglich sollte dieses Kulturzentrum für einige Veranstaltungen der Novemberreihe fertig sein, doch die Eröffnung wird sich noch bis ins nächste Frühjahr verschieben.

Doris Nusko hat in den vergangenen fünf Jahren die Renovierung vorangetrieben, doch nach vielen Querelen um die Finanzierung wirkt sie erschöpft. Erst als klar war, dass die Stiftung zwei Drittel der Kosten von insgesamt 650.000 Euro übernimmt, erklärte sich die Stadt zur Zahlung des letzten Drittels bereit - nicht ohne den Betrag zu deckeln. Jetzt wird um jeden Cent gefeilscht.

So entschied sich die Stadt bei der Gestaltung der Gedenktafel zum Ärger der Stiftung für das günstigste Angebot. „Der Preis war am Ende ausschlaggebend`, bestätigt Stadtrat Richard Bayerlein (SPD). Für Doris Nusko ist das unbegreiflich: „Man kann doch bei so einem Thema nicht einfach das Billigste nehmen”, schimpft sie. Am Ende werde mit Sicherheit die Stiftung, die eigentlich Opfergelder verwalte, den Differenzbetrag zum teureren und ästhetisch ansprechenderen Entwurf zahlen. „Das ist doch absurd”, sagt Nusko und schüttelt den Kopf: „Die Opfer zahlen ihre Gedenktafel selbst. Aber das ist eben Lich.”

 

Ernst-Ludwig Chambre: Der Gründer der gleichnamigen Stiftung wurde 1909 in Lich geboren. Seine sozialdemokratisch engagierte Familie besaß ein Manufakturwaren- und Bankgeschäft und geriet schon früh ins Visier der Nazis. 1995 rief er die Stiftung ins Leben. Während des ersten Pogroms der Licher SA im März 1933 wurden die Schuldbücher des Bankhauses mit Verbindlichkeiten zahlreicher Licher Bürger gestohlen. Fast die ganze Familie starb später in Auschwitz, nur Ernst-Ludwig gelang die Flucht. Antisemitische Klischees, wonach die Chambres Halsabschneider gewesen sein sollen, halten sich in Lich bis heute.

 

 

 

Main-Taunus-Kreis

„Die schweren und einschneidenden Maßnahmen, die gegen die Juden, besonders in den Kriegsjahren, getroffen wurden, waren mir damals in ihrem Umfange nicht bekannt“ (Franz Brunnträger im Entnazifizierungsverfahren vor der Spruchkammer Hofheim 1948).

Franz Brunnträgers Einsetzung als Landrat im Juni 1939 war insofern ein Novum, als auf der Verwaltungsebene des Main-Taunus-Kreises erstmals ein langjährig erfahrener NSDAP-Funk­tionär an die Verwaltungsspitze des Kreises gestellt wurde. Bereits im September 1930 war Brunnträger in die SA eingetreten, den paramilitärischen Wehrverband der NSDAP. Am ersten Oktober 1930 trat er der NSDAP bei, die bis dahin lediglich 130.000 Mitglieder hatte.

Brunnträger gehörte damit zu den „Alten Parteigenossen“, die noch während der sogenannten Kampfzeit in die Partei eingetreten waren. Kurz darauf avancierte er zum Ortsgruppenleiter in Höchst am Main, wo er als Chemiker bei den IG-Farben Werken tätig war. Auf Vorschlag des NSDAP-Gauleiters Jakob Sprenger ernannte Hitler ihn ein Jahr nach seinem Parteieintritt zum Kreisleiter der NSDAP des damaligen Kreises Höchst, der in der Folgezeit auch für das Gebiet des Main-Taunus-Kreises zuständig wurde. In dieser Eigenschaft war Brunnträger auch verantwortlich für die Organisation des von der NSDAP am 1. April 1933 ausgerufenen und von der SA durchgeführten Boykotts gegen jüdische Geschäftsinhaber, Arzte und Rechtsanwälte.

Sechs Jahre später titelte die Main-Taunus-Zeitung zum Dienstantritt des nationalsozialistischen Landrats „In enger Fühlungnahme mit der Partei“ und berichtete: „Gern erinnert sich heute der neue Landrat des Main-Taunus-Kreises dieser Zeit des Kampfes, der feste Bande der Treue und Kameradschaft um die alten Gefolgsmänner Adolf Hitlers in unserem Heimatgebiet geschlungen hat und er freut sich besonders, diese alten Freundschaftsbande jetzt durch seinen neuen Wirkungskreis wieder aufleben lassen zu können.“ Des weiteren versprach der neue Landrat, der damals den Rang eines SA-Obersturmführers inne hatte, er werde „sich stets rückhaltlos für das Wohl der Kreisbevölkerung einsetzen“. Es sei selbstverständlich, dass „die Verwaltung stets in enger Fühlung mit den Dienststellen der NSDAP“ arbeiten werde.

Die jüdische Bevölkerung dürfte Brunnträger mit diesen Worten wohl kaum gemeint haben. Als er im Juni 1939 Landrat wurde, hatte bereits ein Großteil der 331 Juden, die im Juni 1933 Mitglieder der verschiedenen jüdischen Gemeinden im Kreisgebiet waren, nach den degradierenden sogenannten Nürnberger Gesetzen und dem Verlust der materiellen Existenzgrundlage Zuflucht in Frankfurt und oder im Ausland gesucht. In der „Kristallnacht“ im November 1938 waren die Gotteshäuser geschändet und zerstört worden, viele jüdische Familien wurden überfallen, ihr Eigentum zerstört ebenso wie jüdische Friedhöfe und Einrichtungen. Hierbei war besonders die SA-Terrorgruppe der NSDAP in Erscheinung getreten.

Als Brunnträger Landrat wurde, lebten noch 119 jüdische Personen im Kreisgebiet. Allmonatlich sollte er dem Regierungspräsidenten in Wiesbaden über die „Bewegung der jüdischen Bevölkerung im Main-Taunus-Kreis“ berichten. Die relevante Größe war dabei die „Kopfzahl“ der noch im Kreis ansässigen Juden. Oberstes Ziel war die Austreibung der Juden ins Ausland, was aber durch die Schwierigkeiten, im Ausland eine Lebensmöglichkeit zu finden, oft verhindert wurde.

Am höchsten jüdischen Feiertag wurde Brunnträger von der Gestapo beauftragt, alle Radios von jüdischen Familien zu beschlagnahmen. Die Anweisung lautete: „Die Aktion ist schlagartig am 23.9.1939 durchzuführen“. Zehn Ortsgendarme ließ Brunnträger für die Gestapo eine Liste

der beschlagnahmten Apparate aufstellen. Auch hatte der Landrat zu überwachen, dass das Verbot für die jüdischen Bewohner, ihre Wohnungen abends und nachts zu verlassen, eingehalten wurde.

 

Im Juni 1941 schrieb der Landrat an die Bürgermeister seines Kreises: „Wie ich aus den letzten dortigen Berichten entnommen habe, ist die Auswanderung der Juden auch während des Krieges bisher ergebnisvoll betrieben worden. Ich lege Wert darauf, dass der Main-Taunus-Kreis, dessen Juden-Bestand sich schon erheblich vermindert hat, in absehbarer Zeit völlig judenfrei wird und erwarte, dass auch Sie alles Erforderliche dazu beitragen.“

Was er damit genau meinte, führte er nicht aus, er präzisierte lediglich: „Vor allem sind die Juden selbst zur baldmöglichsten Auswanderung fortgesetzt und schärfstens anzuhalten.“

Sowohl die Bürgermeister auch als der Landrat waren für ihren Bereich bemüht, die begehrte Auszeichnung des NS-Staates „judenfrei“ zu erhalten. Die jüdischen Bewohner hätten zu dieser Zeit alles gegeben, um in das rettende Ausland zu entkommen, doch fehlte den meisten ein Visum für ein aufnehmendes Land. Oft reichte auch das Geld nicht aus. In benachbarten Landkreisen kam es zur Austreibung von Juden und Zwangsumsiedlung. Für den Main-Taunus-Kreis ist Ähnliches bisher nicht festzustellen, allerdings ist der Ghettoisierungsprozess der Juden im Kreis bisher nicht erforscht.

In der Kompetenz des Landrates und der ihm unterstehenden Ortspolizeibehörden lag auch die Kontrolle des im September 1941 erlassenen Verbotes für Juden zum Verlassen ihres Wohnortes und dem Benutzen von Verkehrsmitteln. Der Landrat war im Oktober 1941 vom NSDAP-Kreis­leiter informiert worden, dass „am 30.9.1941 mit dem Zuge 16.11 Uhr ab Hofheim etwa 20 Juden, die von ihren Arbeitsplätzen kamen, jeder mit einem Rucksack von Äpfeln bepackt, in der Richtung nach Frankfurt fuhren“. Es folgte die Bitte, „Ihre Polizeiorgane anzuweisen, auf diese unglaublichen Zustände zu achten und die notwendigen Ermittlungen vorzunehmen. Insbesondere wären die Namen derjenigen festzustellen, die den Juden das Obst geliefert haben.“ Sofort wies Brunnträger seine Dienststellen an, diesem „Vergehen“ nachzugehen.

Im Mai 1942 setzte der Landrat das Verbot der Gestapo durch, dass Juden von sogenannten deutschblütigen Friseuren nicht bedient werden durften, indem er die Bürgermeister anwies: „Berichte über etwaige Verstöße sind auf dem Dienstwege vorzulegen.“ Ebenfalls im Mai 1941 waren im Auftrag der Gestapo im Landratsamt in Höchst alle Fahrräder vor Juden abzugeben, beziehungsweise Genehmigungen einzuholen, falls sie ihr eigenes Fahrrad behalten mussten, um zur Zwangsarbeitsstelle zu gelangen.

Ende Mai 1942 wurde der Landrat von der Gestapo darüber informiert, dass die Juden seines Kreises gezwungen waren, alle Kleidungsstücke abzugeben, die sie angeblich nicht direkt „benötigten“. 45 Kilogramm Kleidung und Stoffe, so die Information an den Landrat, konnten bei den jüdischen Familien beschlagnahmt und später beim Wirtschaftsamt der Stadt Frankfurt abgegeben werden.

Zu diesem Zeitpunkt war Brunnträger bereits seit einigen Monaten bekannt, dass eine sogenannte Evakuierung der Juden seines Bereiches in den Osten zentral vorbereitet wurde. Er hatte der Ge-

stapo im Februar bereits entsprechende Zahlen gemeldet, aufgeschlüsselt nach Kriterien wie Gebrechlichkeit, Familien, Alter. Im März hatte er für jeden jüdischen Bewohner seines Kreises von der Gestapo zwei Karteikarten erhalten „zur Erfassung aller im dortigen Kreise wohnenden Juden mit der Bitte, diese umgehend genauestens mit Schreibmaschine ausfüllen zu lassen“. Anfang Juni 1942 erhielt er von der Gestapo die Details zur weiteren Organisation, später eine „namentliche Aufstellung der zu Evakuierenden“. Er hatte „auch das sonst noch in dieser Hinsicht Erforderliche vorzunehmen“, was immer das auch heissen konnte. Die Anweisungen der Gestapo an ihn lauteten: Es „sind diese Juden durch das Landratsamt so rechtzeitig zu einem Transport zusammenzustellen und in Marsch zu setzen, dass sie bis spätestens Mittwoch, dem 10. Juni 1942 um 19 Uhr in Frankfurt Großmarkthalle eintreffen. Ich bitte den einzelnen Transporten in ausreichender Zahl Polizeibeamte als Begleiter mitzugeben, damit die Juden auf dem Anmarsch nach Frankfurt bzw. zur Großmarkthalle keine Gelegenheit zur Flucht finden und der Transport in Ruhe und Ordnung verläuft.“

Einen Tag vor der Verschleppung teilte der Gauwohnungskommissar von der NSDAP-Gauleitung Hessen-Nassau dem Landrat zu 2Aus Judenabschiebung freiwerdende Wohnungen“ mit, dass deren Zuteilung „unter maßgeblicher Beteiligung des zuständigen Kreisleiters erfolgen soll“.

Wie die Ortsgendarmen am 10. Juni 1942 die jüdischen Menschen in ihren Wohnungen angetroffen haben, wissen wir nicht, auch nicht, welche verzweifelten Szenen sich abspielten, als sie ihnen die „Staats­polizeiliche Verfügung“ vorlasen mit dem einleitenden Satz „Es wird Ihnen hiermit eröffnet, dass Sie innerhalb von zwei Stunden Ihre Wohnung zu verlassen haben“, die Menschen „„einen Rucksack und einen kleinen Handkoffer sowie eine Decke“ sowie „Reiseverpflegung für vier Tage“ zusammenpackten, sich von den zurückbleibenden alten Eltern verabschiedeten, ihre Wohnungen ein letztes Mal ansahen, bevor die Polizisten sie verschlossen und versiegelten.

Die Schlüssel waren „auf dem zuständigen Landratsamt zu sammeln und gut aufzubewahren. Sie werden zu gegebener Zeit von den einzelnen zuständigen Finanzämtern angefordert werden. Diesen Finanzämtern obliegt später die Verwertung des dem Deutschen Reich verfallenen jüdischen Eigentums.“

Für die aus ihren Wohnungen verschleppten 32 Menschen aus den Orten Diedenbergen, Flörsheim, Hofheim, Kriftel, Massenheim, Nordenstadt und Wallau führte der Weg zum kreisinternen Sammelpunkt am Höchster Bahnhof zur Weiterfahrt nach Frankfurt Hauptbahnhof. Im Sammellager der Großmarkthalle hatten die Beamten so lange zu bleiben, bis sie ihre „Objekte“ übergeben konnten, deren Unkosten konnten vorn Landrat „nach Abschluß der Aktion“ bei der Gestapo Frankfurt eingereicht werden.

Als die fast 1.000 aus Frankfurt verschleppten Menschen mit dem Zug nach Lublin im besetzten Polen fuhren, informierte Brunnträger die Bürgermeister über die Beschlagnahme der Vermögen der Verschleppten. Alle Banken und Sparkassen erfuhren die Namen der deportierten Juden aus beim Landrat hinterlegten Namenslisten. Die Verschleppten aus dem Main-Taunus-Kreis kamen alle in Majdanek zu Tode oder wurden im Vernichtungslager Sobibor wenige Tage nach Abfahrt aus Frankfurt vergast - niemand hat diese Verschleppung überlebt.

Brunnträger war seinem Ziel, den „Judenbestand“ des Kreises zu verringern, ein bedeutendes Stück näher gekommen, waren doch nur noch wenig mehr als 20 Alte, Gebrechliche und Kriegsveteranen in seinem Landkreis. Als er von der Gestapo Frankfurt Wochen später die Mitteilung erhielt, dass zum 1. September. 1942 aus Frankfurt „auch die Juden aus den Landkreisen des Regierungsbezirks Wiesbaden abgeschoben“ und ins Ghetto Theresienstadt gebracht werden sollten, versah er die Details über die Verbringung aller jüdischen Bewohner seines Kreises mit seinen Weisungen an die Bürgermeister mit dem Stempel „Sofort“. „Nach der anliegenden Liste kommen zur Evakuierung 7 Orte des Kreises mit insgesamt 17 Juden in Frage.“

Wie die Deportation der meist über 70-jährigen alten Menschen aus ihren Heimatorten Hattersheim, Flörsheim, Wallau, Nordenstadt, Delkenheim, Hofheim und Kriftel vor sich ging, ist bisher noch nicht bekannt; es musste nach dem Merkblatt für die vom Landrat eingesetzten Beamten „jeder Jude ein Schild um den .Hals tragen, auf dem sein Name, Geburtstag und Kennkartennummer angegeben sind“. Diesmal war das Sammellager für die alten und gebrechlichen jüdischen Menschen das Jüdische Altersheim in Frankfurt im Rechneigraben, wo sie zwei Tage bleiben mussten. Dem Landrat wurde von seiner Kreisgendarmerie am 31. August 1942 gemeldet: „Der Abtransport ist erfolgt. Zwischenfälle sind nicht zu melden. Schlüssel sind bereits abgeliefert. Reisekostenersuchen der Gendarmen werden nachgereicht.”

Am Tag, als die mehr als 1.000 jüdischen Menschen aus Frankfurt und Umgebung im Ghetto Theresienstadt registriert und eingewiesen wurden (nur das Ehepaar Gerson erlebte 1945 die Befreiung), wies der Landrat die Bürgermeister seines Bezirks mit dem Betreff „Juden-Evaku­ierung“ an, „die polizeiliche und steuerliche Abmeldung der inzwischen von dort evakuierten Juden sofort vorzunehmen“. Auch war dem Landrat die Beschlagnahme des gesamten Vermögens rückwirkend zum 1. August mitgeteilt worden. Die Kreisleitung der NSDAP in Bad Soden bat er am selben Tag, „Kenntnis zu nehmen, dass gestern aus dem Kreisgebiet weitere 17 Juden nach Theresienstadt (Protektorat) evakuiert wurden.

Im Kreis verbleiben hierdurch noch 8 in deutschjüdischer Mischehe lebende Juden, bzw. solche jüdischen Ehegatten einer nicht mehr bestehenden deutschblütigen-jüdischen Mischehe.“ Diese hatte der Landrat namentlich der Gestapo Frankfurt zu melden.

Nach Abschluss der zweiten großen Deportation aus dem Kreisgebiet hatte Landrat Brunnträger als wichtige Schaltstelle die organisatorischen Vorbereitungen und Durchführung der Verschleppung der jüdischen Bürger der Gemeinden seines Kreises zu den Sammellagern in Frankfurt umgesetzt - verwaltungsmäßig, im Rahmen seiner Zuständigkeiten effektiv und zielstrebig in engster Zusammenarbeit mit der Gestapo Frankfurt mit Hilfe der ihm Unterstehenden. Im Rahmen seiner Zuständigkeiten im Landkreis hatte er dazu beigetragen, das nationalsozialistische Ziel auf der Ebene des Landkreises zu erreichen, die Juden „aus dem Volkskörper zu eliminieren“. In nur zehn Jahren nationalsozialistischer Diktatur waren im Main-Taunus-Kreis von 332 jüdischen Personen - so kann bisher nur geschätzt werden - etwa 200 vertrieben und mehr als 100 Menschen ermordet worden.

Die Namen und Schicksale der Ermordeten sind bisher ebenso wie die Geschichten aller jüdischen Gemeinden und ihrer Mitglieder erst in Ansätzen angemessen erforscht worden, so dass im Kreis heute an sie und ihre Lebenswege bisher noch immer nicht erinnert und gedacht werden kann. Unmittelbar nach der Befreiung durch die US-Truppen wurde Franz Brunnträger am 1. April 1945 von dem Amerikanern verhaftet und verbrachte drei Jahre bis zum Juli 1948 als Hauptschuldiger im Internierungslager Darmstadt. Im Entnazifizierungsverfahren in Hofheim 1948 wurde er dann als „minderbelastet“ eingestuft. Der öffentliche Kläger hatte dagegen plädiert. Er brandmarkte den Ex-Landrat als „willigen Befehlsübermittler der nazistischen Gewaltherrschaft“ und hielt ihn für die „schweren Ausschreitungen gegen die Juden ...in höchstem Maße mitverantwortlich“.

 

Marburg

Studenten waren die treibende Kraft des Nationalsozialismus an der Marburger Philipps-Univer­si­tät. Schon 1930 verwandelten sie die Hochschule in eine braune Hochburg. Zwei Historiker haben das dunkle Kapitel nun in einem 550 Seiten starken Grundlagenwerk aufgearbeitet.

Mit der Erforschung der Zeit des Nationalsozialismus ist die Marburger Universität spät dran. Während andere Hochschulen dieses Kapitel ihrer Geschichte schon vor mehr als 20 Jahren bearbeitet haben, kommt in Marburg selbst die kritische Wissenschaftlergeneration der 70er Jahre über wortreiche Ankündigungen nicht hinaus. Und das; obgleich die Alma Mater auf einen nahezu lückenlosen Aktenbestand zurückgreifen kann. Einen Grund für die bemerkenswerte Forschungslücke sehen die Historiker Anne Nagel und Ulrich Sieg in der „Atmosphäre der Enge“ dieser mittelhessischen Stadt, in der ein Schulterschluß der städtischen Honoratioren mit den alteingesessenen Gelehrten dafür ein wesentlicher gewesen sei, dass Forschungen zum Thema bereits in einem frühen Stadium zum Erliegen gekommen sind.

Jetzt, 55 Jahre nach der deutschen Kapitulation liegt nun die erste umfassende Publikation zum Thema vor. Nagel und Sieg haben in einer fünfjährigen Arbeit 300 überwiegend unbekannte Dokumente zusammengetragen und bearbeitet - Briefe, Gutachten, Protokolle, Denunziationen, Beschwerden, Erlasse und Presseartikel geben Aufschluss über die Philipps-Universität im Nationalsozialismus.

Die älteste protestantische Hochschule der Welt, die schon während der Weimarer Republik als „Hort der Reaktion“ gegolten hatte, entwickelte sich ebenso wie die Stadt zu einer braunen Hochburg. Schon von 1930 an verzeichnete die NSDAP überdurchschnittlich hohe Wahlerfolge in der Stadt an der Lahn. Während sich die Professoren vor 1933 noch nicht öffentlich für Hitler engagiert hatten, wurden die Studenten geradezu zum Motor für den Nationalsozialismus.

Bereits 1930 errang der Nationalsozialistische Studentenbund bei einer Wahlbeteiligung von 72 Pro­zent die Mehrheit im Studentenparlament. Marburg war der erste Hochschulort in Deutschland, wo dies gelang. Seit 1928 stand mit Hans Krawielitzki ein Student der NSDAP-Ortsgruppe vor, der nach 1933 zum Kreisleiter und Landrat befördert worden war. Ausschreitungen waren jedoch selten, weil die antirepublikanische Haltung von Stadt und Universität so bekannt war, dass der Anteil jüdischer Studierender bei nur 0,9 Prozent lag.

Auch der Lehrkörper: war schon während der Weimarer Republik so judenfeind­lich und politisch homogen zusammenge­setzt, dass kaum personelle Veränderun­gen nötig waren, wenngleich die Professo­ren zunächst eine Art konservativer Distanz zu den neuen Machthabern hielten. So besaß vor 1933 kein Ordinarius ein NSDAP-Parteibuch. Dies änderte sich in den folgenden zwölf Jahren allerdings drastisch. Bis 1945 waren mehr als zwei Drittel der Hochschullehrer Mitglieder der NSDAP, womit sie deutlich über dem Reichsdurchschnitt von rund 50 Prozent lagen. Unter den 187 Lehrenden waren 1933 nur neun Juden.

Besonders tragisch ist der Fall des Indogermanisten Hermann Jacobsohn, der sich am Tag nach der Mitteilung über seine Beurlaubung das Leben genommen hat. Von den Kollegen ist sein Tod meist verschwiegen worden. Auch un­ter dem nichtwissenschaftlichen Personal kam es zu Entlassungen. So wurde der langjährige Betriebsratsvorsitzende und Sozialdemokrat Justus Gaßmann - Vater des späteren Marburger Oberbürgermeis­ters Georg Gaßmann - aus seiner Stellung als Institutsdiener entfernt.

Wie integre Wissenschaftler die Möglich­keiten des Systems nutzten, lässt sich an den „Photokampagnen“ des Kunsthistorikers Richard Hamann ablesen. Obwohl sich der Gründer des Fotoarchivs Marburg zunächst als Kritiker des Regimes expo­niert hatte, ließ er während des Krieges al­le politischen Bedenken fallen. Um histo­risch wertvolle Bauten und Plastiken in den besetzten Gebieten fotografieren zu können, nahm er Geld aus der Privatkasse Hitlers entgegen.

Mit Hilfe von Gefangenen gelang es den Kunstfotografen auch, das Gestühl der Ka­thedrale von Chartres vollständig zu räu­men, um das mittelalterliche „Labyrinth“ im Fußboden fotografieren zu können. Die nach dem Krieg von Frankreich erhobe­nen Ansprüche auf die mehreren zehntau­send Aufnahmen sind kategorisch abgewiesen worden. Von 1936 an dominierte in der idyllischen Lahnstadt die Konzentrati­on auf kriegswichtige Forschung, die sich etwa im Aufschwung der medizinischen Fakultät widerspiegelt.

Damit einher ging ein Wandel des wis­senschaftlichen Profils der Hochschule, die traditionell als Stätte der Theologie, Philosophie und anderer Geisteswissen­schaften galt. Ihr Schwergewicht ging zu­gunsten der Natur- und Humanwissen­schaften verloren.

Anne Christine Nagel (Hrsg.): Die Philipps-Universität Marburg im Nationalsozialismus. Dokumente zu ihrer Geschichte. Franz Stei­ner Verlag, 563 Seiten. 158 Mark.

 

Kreis Marburg:

„Den jüdischen Gotteshäusern ist auch nach ihrer Zerstörung Ehrfurcht entgegenzubringen, da sie auch noch nach ihrer Zerstörung heilig sind“ (Rabbi Jehuda in Megila 3, 3). So ist es unter Abs. 2 der „Richtlinien für die Erhaltung und Pflege aktueller und ehemaliger Synagogen“ zu lesen (aufgestellt am 5.10.1995 vom Landesverband der jüdischen Gemeinden in Hessen).

Für die staatliche Denkmalpflege stellt dieser vom Landesrabbiner niedergeschriebene Grundsatz eine Selbstverständlichkeit dar, die nicht nur allein im Rahmen der gesetzlich verankerten Verpflichtungen zum „Erhalt und Schutz von Zeugnissen menschlicher Geschichte“ wahrgenommen wird. Dass die Spurensicherung jüdischen Lebens indes in Deutschland nach den Jahren des Holocaust, trotz des Bekenntnisses zum demokratischen Neuanfang, immer noch von Unsicherheit, Gedankenlosigkeit, aber auch von Ignoranz geprägt ist, belegt der Umgang mit den unversehrt gebliebenen Synagogen auf dem Lande, wo sie oft heute noch jenen profanen Nutzungen unterworfen sind, die ihnen nach der Pogromnacht zugekommen waren.

Das ganze Ausmaß entstellender Überformungen im Zuge unwürdiger Umnutzungen, z.B. als Garagen, Hühner- und Schweineställe, wird erst beim Durchblättern der Buchpublikationen „Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945?“ und „Das jüdische Rituelle Tauchbad“ von Thea Altaras ersichtlich. Auch die vom Landkreis Marburg-Biedenkopf herausgegebene Broschüre „Die ehemaligen Synagogen im Landkreis Marburg-Biedenkopf“ vermittelt einen Begriff von dem, was noch im Bestand erhalten ist und was noch zu tun ist, um der würdigen Darstellung der letzten Zeugnisse des Landjudentums gerecht zu werden. Sowohl oben genannte Publikationen als auch der Kontakt mit der Bevölkerung vor Ort beweisen mitunter, dass die Verarbeitung geschichtlicher Negativprozesse noch häufig durch einen übermächtigen Verdrängungsmechanismus blockiert wird.

Dennoch ist zu spüren, dass der Weg zu einem konfliktfreieren und unverkrampfteren Umgang mit diesen Denkmälern durch eine stetig ansteigende Anzahl gelungener Sanierungs-, Restaurierungs- und Umnutzungsmaßnahmen erleichtert wird.Drei ausgewählte Beispiele aus Hessen belegen die sehr individuellen bewahrenden Bemühungen um Synagogen, deren Erhaltungs- und Nutzungskonzepte nicht immer nur von unterschiedlichen materiellen Vorgaben geprägt waren.

Die leidenschaftlich geführte Diskussion zu Beginn der 90er-Jahre um die Versetzung einer Fachwerksynagoge aus dem Jahre 1845 von Wohra nach Gießen demonstriert beispielhaft den schwierigen Abwägungsprozess zwischen dem konservatorischen Grundsatz zur Standorttreue und der denkmalgerechten Erhaltung und Nutzung an einem anderen Ort.

Allein der heftig vorgetragene Wunsch nach einer Synagoge mit Geschichte für eine neu sich bildende jüdische Gemeinde hat die Landesdenkmaipflege bewogen, auf den Verbleib der ruinösen Synagoge am historischen Ort der Entstehung in Wohra zu verzichten. Eine wesentliche Qualität des Denkmals war hierdurch zwar aufgegeben worden; der sorgfältige Wiederaufbau im Gießener Zentrum jedoch hat zwischenzeitlich seine fermentbildende Wirkung unter Beweis gestellt und ein neues großes jüdisches Gemeindezentrum mit Tauchbad, Versammlungsräumen und Gästezimmern entstehen lassen. In einem eleganten Bogen legt sich der Neubau um das Herzstück der Anlage – die wieder aufgebaute Fachwerksynagoge - und ist in der direkten Nachbarschaft zur Notkirche von Otto Bartning - der Pankratiuskapelle von 1949 - eine der wenigen Sehenswürdigkeiten einer vom Krieg total zerstörten Innenstadt.

Seit 1994 hatte sich die benachbarte Universitätsstadt Marburg heftig Gedanken zu machen, wie sie den spätmittelalterlichen Resten einer gotischen, rippengewölbten Synagoge aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts am Rande der Altstadt gerecht werden konnte. Bei Ausschachtungsarbeiten in einer alten Baulücke für die Errichtung einer Transformatorenstation hatten sich Reste der mittelalterlichen Bebauung aufgetan, die den lang vermuteten Standort der mittelalterlichen, 1452 nach einem großen Brand aufgegebenen Synagoge ans Licht brachten.

Der rechteckige 50 Quadratmeter große Betsaal mit einer vier Meter hohen erhaltenen Umfassungsmauer und einer ehemals sieben Meter hohen Überwölbung gehört zu einem Kreis von etwa zwölf mittelalterlichen Synagogenbauten in Mitteleuropa, die in diesem Umfang erhalten sind. Sie ist somit nicht nur wichtiges Dokument der Marburger Stadtgeschichte, sondern auch ein Denkmal jüdischer Geschichte mit überregionaler Bedeutung.

Ein Wettbewerb zur Sicherung und Überbauung des zerstörten Gewölbes mit dem Ziel einer pointiert architektonischen Herausstellung innerhalb des historischen Stadtrundganges ist in der bewusst inszenierten Abweichung von der gotischen Umrisslinie in Form eines gläsernen Kubus zu einer in Marburg noch nicht ganz ausdiskutierten Streitfrage geworden.

In Sichtbeziehung zu Marburg wurde zwischen 1995 und 1998, unter völlig anderen örtlichen und baulichen Voraussetzungen, zwar weniger spektakulär, jedoch nicht ohne lokale Auseinandersetzung, eine Dorfsynagoge in Weimar-Roth instand gesetzt.

 

Anfang der 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts war Synagoge in Weimar-Roth, sie an der zur Lahn gelegenen Dorfrandzone als klassizistischer Saalbau in Fachwerk auf hohem Sandsteinquadersockel errichtet worden. Das im Innenraum quer orientierte Gebäude verfügt neben dem westlichen Haupteingang auch über eine Außentreppe, die zur Frauenempore führt.

An der Innenraumschale haben sich eine ältere Wandfassung, bestehend aus floralen Jugendstilelementen, und eine jüngere, ebenfalls dem Jugendstil zuzurechnende geometrische Ausmalung mit Rundbogenfries und hebräischen Aufschriften auf rot-braunem Grund erhalten. Die Decke des Innenraumes bestand aus einem blau gestrichenen Muldengewölbe mit goldenen Sternen.

In der Reichspogromnacht wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört. Eine Brandstiftung unterblieb, um die angrenzenden Gehöfte nicht zu gefährden. Anfang 1939 wurde die Synagoge zwangsweise an Privat verkauft und später als Abstellraum, Schreinerei und zum Schluss als Kornlager genutzt. Der fortschreitende Verfall des Gebäudes wurde durch die Initiative der Unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises Marburg-Biedenkopf aufgehalten, die trotz mancher innerörtlicher Widerstände für den Erhalt der Synagoge eintrat.

Von Anfang an waren sich das Kreisbauamt und die Denkmalfachbehörde in Marburg darin einig, dass das zukünftige Erscheinungsbild des geschändeten Innenraumes als „Dokument des Augenblickes“ erhalten bleiben soll. Das Nutzungskonzept war durch diese denkmalpflegerische Entscheidung im Sinne eines Gedenk‑ und Lernortes vorgegeben. Diese Idee wurde auch durch einen am Ort tätigen Verein unterstützt, der sich die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte von Roth zur Aufgabe gemacht und das Projekt in der Folgezeit propagiert und begleitet hat. Nicht zuletzt seinem engagierten Wirken ist es zuzuschreiben, dass die anfänglichen Widerstände am Ort durch Aufklärungsarbeit abgebaut werden konnten, sodass das neue Nutzungskonzept über eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung verfügt.

Die restauratorische Aufgabenstellung hatte zum Ziel, den überkommenen Zustand weitgehend zu erhalten und die künstlerisch gestaltete Innenraumschale mit den verschiedenen Farbfassungen und den Verletzungsspuren der Zerstörung ohne restauratorische „Schönung“ ablesbar zu lassen. Lediglich die laienhaften Ausbesserungsarbeiten der Nachkriegszeit wurden entfernt, um das Resultat der Pogromnacht annäherungsweise wiederzugewinnen.

So ergaben sich als konservatorische Aufgaben für den Restaurator Sicherungs- und Festigungsarbeiten an den gelösten Malschichten. Putzfestigungen und partielle Ergänzungsarbeiten an Fehl- und Ausbruchstellen waren erforderlich. Notwendige bauliche Ergänzungen betrafen im Wesentlichen die wieder herzustellende Empore, deren Brüstung nicht mehr vorhanden und deren ehemaliges Erscheinungsbild nicht mehr erinnerlich war.

Eines der Hauptziele der Innenraumfassung bestand darin, den Ist-Zustand des durch Abnutzung und Alterung entstandenen Craqueles zu erhalten. Die Schadstellen blieben dadurch weiterhin erkennbar und zeigen die Spuren der Gewalteinwirkung und des Alters. Es konnte ein denkmalpflegerisches Konzept von hohem Anspruch und eindrucksvollem, zeitgeschichtlichem Aussagewert verwirklicht werden.

Am 10. März 1998 konnte unter Teilnahme der vom Landkreis Marburg-Biedenkopf eingeladenen letzten vier Überlebenden mit ihren Familien aus den Vereinigten Staaten eine der wenigen in ihrem originalen Zustand erhaltenen Landsynagogen im Kreisgebiet unter großer öffentlicher Teilnahme als Gedenk- und Begegnungsstätte eingeweiht werden.

 

 

Messel (Kreis Darmstadt-Dieburg)

Die Gemeinde Messel fühlt sich durch die Gedenkstein-Debatte in die rechte Ecke ge­stellt. Der Bürgermeister verteidigt die Ent­scheidung des Parlaments, dass die Namen der Opfer weiter anonym bleiben sollen. Die Messeler Bevölkerung wolle keine neue Diskussion.

Das öffentliche Interesse am Gedenkstein für NS-Opfer bereitet Bürger­meister Udo Henke (CDU) Unbehagen.

Er ist noch nicht mal ein Jahr im Amt, aber die Vergangenheit seiner Gemeinde hat ihn schneller eingeholt, als ihm lieb ist. „Der Bürgermeister macht das, was die Ge­meinde­vertretung beschließt“, lautet sein Kommentar zum Vorgehen von CDU und SPD, die eine Gedenkplakette mit den Na­men der Opfer verhindert hatten.

Henke macht keinen Hehl daraus, dass er die Negativschlagzeilen über das beschauliche Dorf bei Darmstadt außeror­dentlich bedauert: Man müsse ja den Fin­ger in die Wunde legen, räumt er ein: „Aber mir wäre es lieber gewesen, die Me­dien hätten über das Messeler Urpferd­chen berichtet“, spielt er auf den Sensa­tionsfund der gleichnamigen Grube an.

Dass die 4000-Seelen-Gemeinde plötzlich „da mit reingezogen wird“ passt ihm gar nicht. Zum Verhalten seiner Parteikollegen, die eine neue Gedenkplakette mit der Begründung ablehnten, die Namen der Opfer könnten die Nachkommen der Täter traumatisieren, schweigt Henke. Nur so viel: Er selbst hätte nichts gegen die Namensnennung gehabt. „Aber in einem kleinen Ort wie Messel ist das etwas anderes als in einer Großstadt“.

Was war passiert? Ein Antrag des FDP-Abgeordneten Karl Wenchel hatte die Debatte um die Erinnerungskultur in Messel wieder aufleben lassen. Der Hobbyhistoriker hatte das Schicksal von sieben Messeler NS-Opfern recherchiert und wollte ihre Namen auf einer Tafel anbringen lassen - darunter die Namen ermordeter Juden, die im Konzentrationslager  oder anderswo an den Folgen der nationalsozialistischen Hetze starben. Nach seinen Recherchen sollen sich im November 1938 auch Messeler Bürger an der Misshandlung von Juden beteiligt haben.

Die Namen vermeintlicher Täter hatten zwar bei der Gedenkstein-Debatte überhaupt keine Rolle gespielt. Die CDU wollte die Namen der Opfer jedoch aus Sorge um das Klima in der Gemeinde lieber verschweigen. Die SPD wartet mit einer anderen Begründung auf: Wenn man einige Opfer nenne, laufe man Gefahr, andere zu vergessen, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Lothar Wedel. Deshalb rüttele man nicht an der bisherigen Inschrift, die allen NS-Opfern gewidmet sei. Messel werde zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt, sagt Wedel. Als Beleg führt er eine Spende der Kommune zum Aufbau der Darmstädter Synagoge und eine Dokumentation über die NS-Zeit in Messel an.

Die wahren Hintergründe der Debatte erfährt man eher am Stammtisch im Messeler Wirtshaus, wo um die Mittagszeit drei frisch gezapfte Pils auf dem Tresen stehen. Völlig richtig sei die Entscheidung der Gemeindevertretung, da sind sich die drei männlichen Gäste des Lokals ganz und gar einig. „Was haben wir damit zu tun“, fragt einer. „Unsere Leute sind auch gestorben, aber darüber redet keiner“, wirft ein anderer ein. Alle drei nicken. Von Schlussstrichziehen ist die Rede und da-von, dass „die Deutschen endlich aufhören sollen, in der Vergangenheit zu rühren“. Auf der Straße beteuert eine alte Frau, nie etwas gegen Juden gehabt zu haben, doch die Nennung der Opfer auf einer Tafel sei nicht nötig. Zum Abschied fällt ihr noch ein, dass „Hitler die Juden mit in den Krieg hätte nehmen sollen, anstatt sie umzubringen“.

 

Mühlheim

Im Butzbacher Gefängnis suchte Leopold Isaak den Tod. Hans C. Schneider schildert in seinem neuen Buch das Schicksal des jüdischen Gemeindevorstehers von Mühlheim

 

Leopold Isaak war seit 1920 der letzte Vorsteher der 18 Familien zählenden Judengemeinde von Mühlheim. Der streng gläubige Lebensmittelvertreter war kein Rabbiner – den konnte sich die kleine Gemeinde nicht leisten. Mit seiner Frau Melita und fünf Söhnen führte Isaak ein unauffälliges Kleinbürger-Leben. Im Jahre 1935 verhafteten ihn die Nazis, weil er trotz des Schächtverbots schlachtete. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde wurde zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt.

Nach einem halben Jahr in der Butzbacher Vollzugsanstalt machte er einen Selbstmordversuch: Am 24. September 1935 stürzte der damals 41-Jährige während des Aufschlusses aus der Zelle Nummer 303, schwang sich über das Geländer des umlaufenden Korridors und stürzte ins Erdgeschoss. Mehr als zwei Monate verbrachte Leopold Isaak danach im Krankenhaus. Die Justiz gewährte ihm schließlich Haftverschonung.

Bevor am 10. November 1939 die Mühlheimer Synagoge in Brand gesetzt wurde, rettete Leopold Isaak die Thora-Rollen aus dem Gotteshaus und vergrub sie im Keller seines Hauses. Damals hatte seine Ehefrau gegen den Willen Isaaks den zwölfjährigen Sohn Arnold allein in die USA geschickt. Der Vater glaubte wie viele andere Juden, dass die Nazis ihre Schikanen gegen die Juden nicht auf die Spitze treiben würden.  Im Dezember 1939 floh Melita Isaak mit den vier anderen Söhnen zu Verwandten nach Buenos Aires. Leopold Isaak blieb allein mit seiner Schwester zurück. „Die Gemeinde braucht mich“, soll er damals zur Begründung gesagt haben.

Diesen Satz machte Autor Hans C. Schneider zum Titel seines Buches. In Mühlheim waren damals freilich bereits 51 Juden ausgewandert, um dem Terror der Nürnberger Gesetze zu entfliehen. Leopold Isaak blieb wohl auch deshalb, weil die amerikanischen Verwandten seiner Ehefrau offenbar wenig Lust hatten, ihn für viel Geld über den Atlantik zu holen. Autor Schneider dokumentiert in seinem Buch die letzten Briefe, in denen Isaaks Ehefrau und Sohn Arnold vergebens um Hilfe bat. Krank, verarmt und vereinsamt wurde Leopold Isaak im September des Jahres 1942 mit 17 weiteren Mühlheimer Juden deportiert. Seine Spur verliert sich dann schließlich im Konzentrationslager Auschwitz.

Hans C. Schneider erzählt die Geschichte weiter. 1998 lud die Stadt Mühlheim auf seine Initiative hin die fünf Söhne Leopold Isaaks ein. Josef, Ludwig, Herbert, Arnold und Liebmann reisten aus den USA, Argentinien und Israel an. Das Buch notiert ihre Erinnerungen und die Aussagen von früheren Nachbarn und Zeitzeugen. Dazu Briefe Isaaks an seine Familie, Gestapo-Protokolle, Aussagen der Täter von damals und zahlreiche Fotos. Sie sind chronologisch sortiert und mit erklärenden Texten verbunden.

Das im Hanauer CoCon-Verlag herausgegebene Buch „Die Gemeinde braucht mich. Leopold Isaak und die Seinen” gehört zu einer Reihe des Mühlheimer Geschichtsvereins. „Der im Din-A5-Format gebundene Hardcover- Band, wurde in einer Auflage von 1.000 Stück gedruckt. Er trägt die ISBN-Nummer 3-928100-78-5 und ist für 19,80 Mark im Buchhandel erhältlich.

 

Münzenberg

Die ehemalige Münzenberger Synagoge wird renoviert. Motor des Projektes ist der Freundeskreis Burg und Stadt Münzenberg. Entstehen soll ein Denkmal, das an die Leiden der Münzenberger Juden und den Terror der Nazi-Herrschaft erinnert. Sie ist 157 Jahre alt und ihre ursprüngliche Bestimmung sieht man ihr heute nicht mehr an. Das soll sich nun än­dern. Die Stadt Münzenberg will ihre ehema­lige Synagoge so restaurieren, dass man dem Gebäude zumindest von außen den reli­giösen Ursprung wieder ansieht. Einen ent­sprechenden Beschluss fassten die Stadtver­ordneten bereits vor einem halben Jahr. Ins-gesamt kostet die Restaurierung 300.000 Euro, davon kommen 30.000 Euro vom Wetterau kreis und mit 52.500 Euro beteiligt sich der Verein „Freundeskreis Burg und Stadt Mün­zenberg”.

Das von der damaligen jüdischen Gemeinde Münzenbergs 1848 erbaute Gebäude hat bisher verschiedenen Zwecken gedient. Bis 1938 kamen hier die Juden aus der Region zu ihren Gottesdiensten zusammen. Als die Na­zis im November desselben Jahres auch in Münzenberg jüdische Geschäfte zerstörten und jüdische Bürger terrorisierten, mach­ten sie auch vor der Synagoge nicht Halt. Fenster wurden zerschlagen, die Einrich­tung zusammen mit den Thorarollen auf der Straße verbrannt. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts kaufte die Stadt Münzen­berg das Gebäude. Eine öffentliche Badean­stalt mit Mietwohnung hielt Einzug.  Anfang der 80er Jahre nutzte es die Feuerwehr als Ge­rätehaus. Seit sie vor einem Jahr ein neues Domizil bezog, steht das historische Bauwerk leer.

Für den Münzenberger Freundeskreis war das der Startschuss. Er legte der Stadt ein ausgereiftes Nutzungskonzept vor. Nach der Renovierung soll die ehemalige Synagoge ein kulturelles Zentrum werden, in dem auch der Verein einen Treffpunkt finden würde. Doch es geht um noch viel mehr. „Ein lebendiges und begehbares Denkmal” solle entstehen, betonte der Vereinsvorsit­zende Uwe Müller bei der offiziellen Scheck­übergabe an die Stadt am vergangenen Dienstagabend. „Die jüdischen Bewohner wurden schikaniert und misshandelt und mussten emigrieren oder wurden in den Ver­nichtungslagern ermordet”, so Müller. Daran solle das Gebäude fortan erinnern.

Der Einsatz des 600 Mitglieder starken Freun­deskreises rief viel Lob hervor. „Wir brau­chen mehr dieser Zeichen”, sagte Manfred de Vries vom Vorstand der jüdischen Ge­meinde in Bad Nauheim. Zwar werde es in der Münzenberger Synagoge keine Gottes­dienste mehr geben, weil die Bad Nauhei­mer die einzige jüdische Gemeinde in der Wetterau ist. Aber ähnlich den „Stolperstei­nen gegen das Vergessen”, einer Initiative des Künstlers Gunter Demnig , hielten die wieder aufgebauten Synagogen die Erinne­rung an den Naziterror wach.

„Das Beste gegen das Vergessen ist die Er­innerung an bestimmte Orte, Personen und Geschehnisse”, hob auch Ruth Wagner hervor, Vorsitzende der Kommission zur Erfor­schung der Geschichte der Juden in Hessen.

Nach dem Umbau sollen nur die wieder eingebauten Fenster mit Rundbögen an den typischen Synagogenbaustil erinnern. Die frühere sechs Meter hohe und gewölbte Holzdecke wird ebenso weiterhin fehlen wie die Empore. Die heute vorhandene Zwischende­cke bleibt erhalten und damit auch die obe­ren Räume, in denen sich zukünftig auch ankdere Vereine treffen könnten: Anfang kom­menden Jahres soll laut dem Münzenberger Bürgermeister Hans Jürgen Zeiß der Umbau los gehen. Die Kosten sind mit dem Haushalt 2006 abgesegnet. Das Gebäude bleibe in städtischer Hand, so Zeiß auf Nachfrage. Der Freundeskreis schlug in seinem Kon­zept vor, dass er selbst das Gebäude übertra­gen bekommt im Rahmen einer Erbpacht. Dafür würde er sich dann um dessen Verwal­tung kümmern und die Aufsicht darüber führen. Das muss Zeiß zufolge aber noch verhandlet werden.

 

Langenselbold

Die im Rahmen des Forschungsprojektes „Das Schicksal der Juden im Main-Kinzig-Kreis“ entstandene 88-seitige ausstellungsbegleitende Dokumentation „Das Schicksal der Juden in Langenselbold“ (Hg. von einer Arbeitsgemeinschaft der Käthe-Kollwitz-Schule, Betreuung: Karin Hausch. Langenselbold 1988) beschäftigt sich mit folgenden Themen:

* Juden in Langenselbold vor 1933 (Handwerk und Gewerbe, Integration der Juden im Ort, in Vereinen)

* Machtergreifung 1933 (Wahlergebnisse im Landkreis Hanau)

* Nach 1933 (Boykottanordnungen. Gesetze gegen Juden. Kundgebungen der Nazis, Hetze gegen Juden in den Zeitungen, „Reichskristallnacht“, Familienschicksale)

* 1939 bis 1942 (Schicksal der Familie Katz.,Liquidierung jüdischer Geschäfte, Auswanderung und Deportation der Langenselbolder Juden)

* Nach 1942

 

Maintal

Der Arbeitskreis Brüder-Schönfeld Forum wurde 1997 gegründet, um das Gedenken an die in Dörnigheim (heute Maintal) geborenen, durch die Nationalsozialisten ermordeten Brüder Horst (1930-1941) und Gerhard (1931-1941) Schönfeld wach zu halten.

Der Arbeitskreis Brüder-Schönfeld Forum wurde anlässlich der Einweihung des Brüder-Schönfeld Hauses in Maintal 1997 ins Leben gerufen. Impuls zur Gründung gaben die ersten Begegnungen mit Überlebenden des Holocaust.

Folgenden Themen und Arbeitsschwerpunkten widmet sich der Arbeitskreis:

* Aufklären und informieren über das Selbstverständnis und das Leben jüdischer Menschen heute  in Deutschland und Europa.

* Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit und der daraus gewachsenen historischen Verantwortung.

* Aufspüren und dokumentieren der Ursachen, Umstände und Verhaltensweisen. die den Faschismus ermöglichten.

* Wachhalten der Erinnerung durch Gedenken und geschichtliche Aufarbeitung

* Stärken des Widerstandes und der Zivilcourage gegen Rassendiskriminierung und ausländerfeindliche Tendenzen.

* Impulse geben für eine menschliche und tolerante Gestaltung des Zusammenlebens.

* Jährlich stattfindendes „Brüder-Schönfeld-Forum”; Informationsveranstaltungen, Lesungen, Vorträge, Ausstellungen, Theater, Musikveranstaltungen, Museumsbesuche, Veranstaltungen mit Zeitzeugen, Zusammenarbeit mit Schulen und Trägern außerschulischer Jugendarbeit sowie mit der Stadt Maintal [nicht erwähnt ist die Synagoge in Wachenbuichen]..

 

 

Nordhessen:

Battenfeld (Allendorf an der Eder)

Das kleine Heimatmuseum in der ehemaligen Dorfschule von Battenfeld, heute Ortsteil von Allendorf/Eder, verfügt über eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten und Fotografien, die das jüdische Leben in Battenfeld darstellen. Außerhalb des Ortes befindet sich auch ein weitgehend erhalten gebliebener jüdischer Friedhof mit alten Grabsteinen. Seit 1988 erinnert eine Gedenktafel an die Opfer jüdischer Gewaltherrschaft und die zerstörte Synagoge.

 

Fritzlar

In Fritzlar ist der jüdische Friedhof mit Grabsteinen aus der Zeit von 1733 bis 1949 erhalten. Dort befindet sich auch ein von einem überlebenden Juden 1947 errichtetes Holocaust-Mahnmal. Zwei Gedenktafeln erinnern an die 1939 abgerissene „neue Synagoge“ in der Neustädter Straße. In der Gießener Straße 25 ist über der Haustür die jüdische Zahl 55.47 erhalten geblieben.

 

Fürstenhagen (Hessisch-Lichtenau)

Im Waldgebiet über Hessisch Lichtenau-Fürstenhagen exsistierte von 1938 bis 1945 die drittgrößte Sprengstoff. und Munitionsfabrik der NS-Zeit unter dem zynischen Decknamen „Friedland“. Zahlreiche Ruinen, Bunker und umgebaute Werksgebäude künden von der Zeit. als hier 5.000 Menschen rund um die Uhr Bomben, Granaten, Tellerminen und Gewehrmunition produzierten.

Eine Geschichtswerkstatt e. V.“' hat von 1985 bis 1998 die Geschichte der Angestellten, deutschen Dienstverpflichteten, deportierten Zwangsarbeiter und Sklavenarbeiterinnen und -arbeiter eines noch im August 1944 eingerichteten KZ-Außenlagers von Buchenwald aufgearbeitet. Darüber hinaus hat sie Begegnungen mit „Ehemaligen“ ermöglicht. dokumentiert in  „Lebenserinnerungen einer ungarischen Jüdin“ von Judith Magyar Isaacson und „Eine Katze namens Adolf“ von Trude Levi.

Führungen durch das ehemalige Werksgelände von einmal zwei Kilometer Ausdehnung lassen die Entstehungsgeschichte der Fabrik und die Kriegszeit nach Art der „oral history“. der erzählten Geschichte, wieder lebendig werden.

Gudensberg

Die ehemalige Synagoge in der Hintergasse 21, das bau- und kulturgeschichtlich bedeutsamste erhaltene Synagogengebäude im Schwalm-Eder-Kreis, wurde im November 1995 nach mehrjähriger Restaurierung als Kulturhaus der Öffentlichkeit übergeben. Im Jahr 1843 eingeweiht, war die frühere Synagoge bis zur Vertreibung der letzten Gudensberger Juden im Jahr 1938 der Mittelpunkt des religiösen und kulturellen Lebens der jüdischen Gemeinde gewesen.

Danach wurde das Gebäude an einen Geschäftsmann verkauft und jahrelang als Lager genutzt. Der Kauf durch die Stadt1990 beendete den bereits weit fortgeschrittenen Verfall des seit 1985 unter Denkmalschutz stehenden Hauses und machte den Weg frei für seinen Erhalt. Die ehemalige Synagoge ist ein Ort der Erinnerung. seine ausschließliche Nutzung als Gedenk- und Dokumentationsstätte ließ sich jedoch nicht realisieren. Im Erdgeschoss befinden sich die Geschäftsräume des DRK-Ortsvereins. Die erste Etage. die auch für Konzerte. Vorträge und andere kulturelle Veranstaltungen genutzt wird, ist an die Musikschule Schwalm-Eder vergeben. Auf der Empore befindet sich eine Dauerausstellung zur Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Synagoge von

Gudensberg.

Die deutsch-israelische Künstlerin Dina Kunze, die ein Kind zweier Auschwitzüberlebender ist. gestaltete das aus Sandstein gefertigte Denkmal vor dem Eingang. Die Dauerausstellung wurde vom Arbeitskreis Synagoge erstellt. Inhaltliche Fragen zu Geschichte und Spurensuche. aber auch zu Kontakten mit Zeitzeugen können an Hans-Peter Klein gerichtet werden.

 

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust gibt es in vielen deutschen Städten wieder jüdi­sche Gemeinden. Auf dem Land aber ha­ben sie noch nicht wieder Fuß fassen kön­nen. Eine Ausnahme ist die Gemeinde im nordhessischen Gudensberg im Schwalm-Eder-Kreis, einer beschaulichen Stadt mit knapp 9.000 Einwohnern in der Nähe von Kassel.

Seit wenigen Monaten bemühen sich hier die 22 Mitglieder der liberalen Ge­meinde „Emet weSchalom“ Wahrheit und Frieden um eine Wiederbelebung der jüdi­schen Tradition auf dem Lande.

„Wir fühlen uns für die ganze ländliche Region zuständig“, sagt Gemeinde-Vorsit­zende Deborah Tal-Rüttger. Nur zwei der Mitglieder wohnen in Gudensberg, der Rest verteile sich auf die Dörfer und Städ­te des Umlands.

„Wir konnten uns aber nicht zwischen zwei Orten auf der Straße gründen“, erklärt die in Israel geborene Nachfahrin deutscher Juden, warum die Wahl des Ge­meindesitzes schließlich auf Gudensberg fiel. Ganz willkürlich aber ist die Entschei­dung trotzdem nicht: Vor 1933 gab es hier eine Gemeinde mit rund 200 Mitgliedern, die ehemalige Synagoge steht noch heute im Zentrum des Ortes und wird von der Stadt als Kulturhaus genutzt.

Antisemitische Anfeindungen habe es bislang keine gegeben, berichtet die Vorsitzende. Damit es auch nie dazu kommt, haben sich Juden und Nicht-Juden aus der Region zu einem Freundeskreis zusammengeschlossen. „Wir werden mit unseren Namen und unseren Personen für die Gemeinde eintreten, wenn es problematisch wird“, sagt Freundeskreis-Vorsitzender und Lehrer Thomas Bruinier.

Ziel der Vereinigung sei, über das liberale Reformjudentum zu informieren und um Verständnis sowie Un­terstützung zu werben.

Nicht zuletzt geht es dabei um materiel­le Hilfe. Da sich die Gudensberger Gemeinde nicht vom Zentralrat der Juden in Deutschland, sondern von der „Union pro­gressiver Juden in Deutschland, Oster­reich und der Schweiz“ vertreten lässt, be­kommt sie keine Steuergelder und muss sich ausschließlich über Spenden und Mit­gliedsbeiträge finanzieren. Die benötigten Beträge sind stattlich: Allein die unlängst angeschaffte Thora-Rolle schlug mit 8.000 Mark zu Buche.

Doch auch die Gespräche mit der gegenüber der Gemeinde noch eher zurückhal­tenden Stadt gehören zu den selbstgestell­ten Aufgaben des Freundeskreises. „Es kann keine herausgehobene Stellung für die jüdische Gemeinde geben, weil wir sonst der überwiegenden Mehrheit der Gläubigen in der Stadt auf die Füße treten würden“, formuliert der Erste Stadtrat Walter Berle (SPD) die Haltung der Kommune.

Wenn die Gemeinde an hohen jüdischen Feiertagen das Kulturhaus Synagoge nutzen wolle, müsse sie das genauso beantragen wie alle anderen Vereinigungen im Ort auch. „Die Stadt hat das absolute Hoheitsrecht über die ehemalige Synagoge - und wird es nutzen.”

Noch stellt das für die kleine Gemeinde kein Problem dar. Für die wenigen Mitglieder reicht die als Betraum und Bibliothek genutzte Kellerwohnung in einem Neubaugebiet am Ortsrand aus. In den kommenden Wochen aber will sich die Gemeinde verstärkt um die eingewanderten Juden aus Osteuropa kümmern.

Immerhin siebzig dieser so genannten Kontingent-Flüchtlinge kommen derzeit pro Jahr in den nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis - ein reiches Potential, das die jüdische Gemeinde Gudensberg wachsen lassen könnte.

Für den Zentralrat ist die Ansiedlung von Juden auf dem Land indes gar nicht erstrebenswert. „Wir haben die Bundesregierung gebeten, künftige Kontingent-Flüchtlinge nur noch in Städten mit bestehenden jüdischen Gemeinden anzusiedeln“, erklärt Zentralrats-Vorsitzender Paul Spiegel. Für den Aufbau von Landgemeinden habe der Zentralrat kein Geld, das ist allenfalls Zukunftsmusik.

Die vom Zentralrat unabhängige Gemeinde in Gudensberg ist also nicht nur die erste, sondern könnte auf absehbare Zeit auch die letzte jüdische Gemeinde auf dem Land sein.

Guxhagen

Unter den Gefangenen in Breitenau befanden sich zahlreiche Jüdinnen und Juden; es besteht die Möglichkeit, deren Verfolgungsschicksal als thematischen Schwerpunkt einer Führung zu wählen. Anhand dieser Einzelschicksale lassen sich regionalgeschichtliche Bezüge in den gesamten Regierungsbezirk Kassel aufzeigen. Ein  Rundgang durch das ehemalige Lagergelände veranschaulicht die damaligen Haftbedingungen. Mit Hilfe der umfangreichen Bibliothek, der Mediensammlung und des Archivs lassen sich viele Fragen zur Geschichte jüdischer Gemeinden und zur Verfolgung der Juden vertiefen. Darüber hinaus wurden zahlreiche Materialien zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Guxhagen zusammengetragen.

Nachdem die Gemeinde Guxhagen die ehemalige Synagoge ursprünglich verkaufen wollte, entschloss sie sich im März 2000, das Gebäude selbst zu sanieren, es aber auch vollständig durch Vermietung kommerziell zu nutzen. Das Ziel des Vereins „Ehemalige Synagoge“, den Synagogenraum wiederherzustellen, wurde dabei ausgeschlossen.

Das Nutzungskonzept des Vereins sieht demgegenüber vor, den ehemaligen Synagogenraum, der sich rechts vom Eingang über zwei Geschosse und die ganze Haus-tiefe erstreckte, in seiner ursprünglichen Form wieder herzustellen. „Dabei ist nicht an eine Rekonstruktion gedacht“, so eine Erklärung des Vereins, „vielmehr ist eine räumliche Struktur geplant, in der die volle Höhe des zweigeschossigen religiösen Raumes mit Empore und Luftraum nachempfunden werden kann“.

Damit müsse eine Öffnung des Gebäudes für die Öffentlichkeit einhergehen: „Die Synagoge soll nicht als Mahnmal, sondern als Ort der Begegnung. des natürlichen und gewöhnlichen Umgangs miteinander von möglichst vielen Menschen im Alltag frequentiert werden“. Die beiden Wohnungen im linken Teil des Gebäudes könnten als privater oder im öffentlichen Interesse vermieteter Wohnraum erhalten bleiben. Mietzins und Nutzungsentgelte, so der Vorschlag des Vereins, könnten mithelfen, den laufenden Unterhalt des sanierten Gebäudes sichern.

Die Synagoge, ein 19 Meter langer und neun Meter tiefer Fachwerkbau, wurde 1826 eingeweiht. Bis zum Jahr 1938 (Verwüstung in der Progromnacht) befanden sich im Haus der Betraum (zweigeschossig mit Empore), der Schulraum und eine Lehrerwohnung. 1938 gelangte das Gebäude in den Besitz der politischen Gemeinde Guxhagen, die umfassende Veränderungen vornahm. Der Verein geht davon aus. dass sich die baulichen Veränderungen wieder rückgängig machen lassen, denn „Die Synagoge muss als eines der wenigen in seiner ursprünglichen Substanz erhaltenen Zeugnisse der ehemaligen ‚Hessischen Landjuden’ gewertet werden“.

 

Hofgeismar

Der Ausstellungsbereich der Judaica-Sammlung. nach der des Jüdischen Museums in Frankfurt die bedeutendste in ganz Hessen. richtet sich an ein Publikum aller Altersstufen. In drei Schauräumen werden die Themenbereiche „Jüdische Regionalgeschichte bis 1945“ und  „Jüdische Religion“ (Feste, Schabbat, Synagoge, Thora).

Besondere Berücksichtigung erfährt dabei er Aspekt der jüdischen Integration in die christliche Mehrheitsgesellschaft bis 1933. Ein ganz in schwarz gehaltener Raum ist ausschließlich dem Thema „Schoah“ gewidmet. Dort befindet sich eine Tafel mit den Namen. Geburtsjahrgängen und Deportationszielen aller bis jetzt bekannt gewordenen jüdischen NS-Opfer aus dem Bereich Hofgeismar, Kassel, Wolfhagen. Ein Archiv mit umfangreicher Fachbibliothek (nach Voranmeldung zugänglich) ist der jüdischen Religion und Geschichte mit Schwerpunkt Judentum in Hessen sowie der nationalsozialistischen Judenverfolgung gewidmet. Eine laufend aktualisierte Bibliographie zu Geschichte und Kultur der Juden in Hessen ist bereits vorhanden und nutzbar.

 

Homberg

Seit 1880 siedelten sich auch in Homberg jüdische Mitbürger an. Im Jahre 1910 meldete die Stadt an den königlichen Landrat, dass sich insgesamt zwölf jüdische Familien in Homberg niedergelassen hätten. Im Jahre 1908 wurde die jüdische Volksschule von Falkenberg nach Homberg verlegt und am 1. Januar 1909 eine eigene Synagogengemeinde gegründet. Im Jahre 1933 wohnten 43 Menschen jüdischer Abstammung in Homberg.

Nach der Pogromnacht verließen viele Mitbürger die Stadt. Diejenigen Nachbarn, die nicht genug Geld für eine Auswanderung besaßen, wurden mit den beiden letzten Transporten im Mai und September 1942 in Richtung Osten „abgeschoben“ und vernichtet (siehe Abbildung des Schreibens der Stadt Homberg).

„Die letzte in Homberg wohnende Jüdin, die Witwe Minna Sara Heilbronn, ist am 7. 9. 1942 abgewandert. Damit ist die Stadt Homberg judenfrei geworden“, schreibt am 1. Oktober 1942 der Bürgermeister an den „Herrn Landrat“ in Fritzlar.

In mehreren Orten um Homberg herum gab es seit dem 16. beziehungsweise 17. Jahrhundert jüdische Einwohner, so in Falkenberg, Borken, Gudensberg. Dillich und Raboldshausen-Mühlbach. Homberg rühmte sich noch Mitte des 19. Jahrhunderts, keine Juden in seinen Mauern zu haben.

 

Naumburg

Jüdische Bewohner sind in Naumburg seit 1503 nachweisbar, ab dem Ende des 17. Jahrhunderts lebte hier für etwa 250 Jahre ständig eine kleine jüdische Gemeinde. Spuren des jüdischen Lebens sind der am Stadtrand gelegene Friedhof und das Gebäude der früheren jüdischen Schule und Synagoge.

Im heutigen Stadtteil Elbenberg befand sich 1944/45 ein Lager, überwiegend für jüdische Frauen aus sogenannten Mischehen aus Ostwestfalen. Sie wurden hier unter schwierigsten Bedingungen zum Ausbau einer Großstollenanlage herangezogen, wohin ein Teil der Produktion der Henschel Flugmotorenwerke verlagert werden sollte. Das Gelände kann besichtigt werden, die Stollen sind nicht frei zugänglich. In der 1998 erschienenen Schrift  „…da war ich zu Hause“ wird auf 140 Seiten der gegenwärtige Forschungsstand zusammengefasst.

 

 

Neukirchen

Jüdisches Leben in Neukirchen im Schwalm-Eder-Kreis ist seit 1672 bezeugt. Im Jahr 1832 erwarb die israelitische Gemeinde ein Privathaus, um es als Synagoge, Schule, Lehrerwohnung und Bad einzurichten. Im Jahr 1858 legte sie einen Friedhof an. Die nachbarlichen Beziehungen zwischen Christen und Juden waren ungestört. bis ihnen das Naziregime ein Ende setzte. Seit dem 31. Mai 1942 gibt es keine Juden mehr in Neukirchen. Von den 101 jüdischen Mitbürgern. die hier zuletzt lebten, sind bis auf einige wenige, die rechtzeitig fliehen konnten, alle von den Nazis ermordet worden.

Neben zahlreichen anderen Initiativen trat Magdalena Debus 1993 für die Errichtung eines Gedenksteins vor der ehemaligen Synagoge in Neukirchen ein. In diesem Zusammenhang wurde auch eine Dokumentation erstellt. Debus ist Initiatorin und Organisatorin der jährlichen offiziellen Gedenkveranstaltung des Magistrats der Stadt Neukirchen zum 9. November 1938. Sie pflegt briefliche und persönliche Kontakte mit ehemaligen jüdischen Mitbürgern und deren Nachkommen in Israel, aber auch neu entstandene Freundschaften mit Israelis. Darüber hinaus widmet sie sich der Befragung jüdischer und christlicher Zeitzeugen der Judenverfolgung.

 

 

Niederaula

Die erste urkundliche Erwähnung jüdischer Bewohner in Niederaula stammt aus dem Jahr 1503. Über die nächsten Jahre finden sich immer wieder Hinweise auf eine jüdische Gemeinde im Ort. Bereits 1683 wird eine israelitische Elementarschule erwähnt. Offenbar gab es so viele jüdische Schüler, dass die Einstellung eines Lehrers erforderlich wurde. Ende des 19. Jahrhunderts verzeichnet Miederaula 27 jüdische Familien und 50 jüdische Schülerinnen und Schüler. Danach nahm die Schülerzahl kontinuierlich ab. Jüdische Familien verließen das Dorf: sie zogen - was inzwischen möglich war - in andere. meist größere Marktgemeinden.

Der Antisemitismus. der auch Niederaula voll erfasst hatte, erreichte 1935 die Auflösung der israelitischen Schule. Die noch verbliebenen neun Schülerinnen und Schüler besuchten die jüdische Schule in Hersfeld. Die letzte Erwähnung von Juden in Niederaula entnehmen wir dem Polizeibericht vorn Frühjahr 1942: „Unbekannt evakuiert“ heißt es da. Über 50 Juden aus Niederaula wurden Opfer des Holocaust. Damit endete die jahrhundertealte Tradition einer jüdischen Gemeinde.

Anfang des 19. Jahrhunderts wird im Zusammenhang mit der Judenschule auch eine Synagoge erwähnt. Ob sie mit der letzten Synagoge. die in der Bahnhofstraße stand. identisch ist. ist nicht nachweisbar. Am B. November 1938, in der Pogromnacht. wurde auch in Niederaula randaliert. Man wagte allerdings nicht, das Gebäude in Brand zu stecken, da es in einem dicht bebauten Wohnge­biet stand. Aber man zerstörte Tür und Fenster und warf die Kultgegenstände auf die Straße. Nach verschiedenen zweckentfremdeten Nutzungen der Synagoge in Kriegs- und Nachkriegzeiten musste sie 1973 der Straßenerweiterung und dem Bau von Parkplätzen weichen.

Als einziges Zeugnis der israelitischen Gemeinde in Niederaula ist der jüdische Friedhof erhalten geblieben. Er wurde um 1850 angelegt und umfasst 109 Grabsteine. Der letzte erhaltene Grabstein wurde im Jahr 1941 gesetzt.

 

Rotenburg

Die Arbeitsgruppe „Spurensuche“ and er Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg ist auf vielen Feldern des Erinnerns und Erforschens jüdischen Lebens aktiv. Zur Zeit bereitet sie die Veröffentlichung ihrer zweiten CD vor. Sie trägt den Titel „Jüdisches Land- und Kleinstadtleben. Das Beispiel der Region Hersfeld-Rotenburg“.

 

 

Treysa

Zu Beginn des Jahres 1988 wurde in enger Kooperation mit dem Stadtgeschichtlichen Arbeitskreis e. V. ein Volkshochschul-Kurs zum Thema „Die Geschichte der Juden im ehemaligen Kreis Ziegenhain“ eingerichtet. In unzähligen Arbeitsstunden wurde von den 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine umfangreiche Materialsammlung erarbeitet, gesichtet und aufbereitet. Im November des gleichen Jahres. anlässlich des 50. Jahrestags des Novemberpogroms 1938, konnten der Öffentlichkeit wesentliche Forschungsergebnisse aus dieser Arbeit in einer viel beachteten Ausstellung präsentiert werden.

In den folgenden Jahren entstand ein Buch. Am 6. Juni 1993 wurde das über 800 Seiten umfassende, doppelbändige Werk vorgestellt. Unter dem Titel „Heimatvertriebene Nachbarn“ wird darin erstmals die Geschichte der Juden im Altkreis Ziegenhain mit Beiträgen zu den verschiedenen Wohn- und Synagogengemeinden dargestellt. Neben den Stadtteilen Treysa, Ziegenhain, Neukirchen und Schwarzenborn werden darin die dörflichen Synagogengemeinden in Frielendorf, Großropperhausen, Oberaula. Breitenbach. Ottrau. Hausen, Merzhausen und Gilserberg wissenschaftlich thematisiert. Das Buch kann zum Preis von 60 Mark beim Stadtgeschichtlichen Arbeitskreis oder über den Buchhandel bezogen werden.

 

 

Trutzhain

In Trutzhain wurde ein selbst verwaltetes Lager für osteuropäische Juden - „displaced persons“ - eingerichtet, das von November 1946 bis November 1947 bestand. Als „displaced persons“ bezeichnete man ausländische Zwangsarbeiter und andere aus ihrer Heimat weggeführte Menschen, die bei Ende des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten im Deutschen Reich und den von ihm besetzen Gebieten vorgefunden wurden. Um sie kümmerte sich die Hilfsorganisation „United Nations Relief and Rehabilitation Administration“ (UNRRA), die im November 1943 von 44 Staaten in Atlantic City gegründet worden war.

Das von der UNRRA eingerichtete Trutzhainer Lager stand unter zionistischer Führung, die Insassen hatten nur wenige Kontakte zur Außenwelt. Ängste, Unsicherheiten und Vorurteile, die damals auf beiden Seiten des Lagerzauns herrschten. haben sich bei der Bevölkerung des Ortes bis in die Gegenwart erhalten und prägen das Bewusstsein.

 

 

Volkmarsen

Der Verein ..Rückblende gegen das Vergessen“,  der 1995 gegründet wurde, tritt für Toleranz und Achtung der Menschenwürde und gegen Rassenhass und Ausgrenzung von Minderheiten ein. Die Arbeit seiner Mitglieder an der Erforschung und Dokumentation jüdischer Geschichte umfasst die Sicherung historischer Dokumente und Überlieferungen. die Aufarbeitung und Veröffentlichung von Zeitzeugenerinnerungen aus dem 20. Jahrhundert und die Information über die Schicksale der verfolgten, vertriebenen und deportierten Volkmarser Juden während der NS-Zeit. Eine Dokumentation über die Geschichte der jüdischen Gemeinde Volkmarsen ist in Arbeit.

Der Verein widmet sich dem Aufbau und der Pflege von Kontakten zu den emigrierten Familien, insbesondere auch zu der Kinder- und Enkelgeneration. So waren im Mai 1996 und im Mai 1998 auf Einladung des Vereins 42 ehemalige jüdische Bürger aus Volkmarsen, Breuna und Wolfhagen - beziehungsweise deren Ehepartner, Kinder und Enkel - zu Gast.

Der über 65 Mitglieder zählende Verein hat alle 118 Grabstellen, die es bis 1938 auf dem jüdischen Friedhof in Volkmarsen gab, erfasst, hat sämtliche Personen und Daten der Volkmarser Juden seit Anfang des 18. Jahrhunderts ermittelt und archiviert (bisher 1.500 Personen) und setzt sich für die Benennung von Straßennamen in nordhessischen Städten nach ehemaligen jüdischen Einwohnern ein.

 

Vöhl (Edersee)

Mindestens seit dem 17. Jahrhundert wohnten Juden in Vöhl. Ein Einwohnerverzeichnis aus dem Jahr 1705 weist 8 jüdische Familien aus. Sie hießen Stern. Rothschild., Schönhof, Kugelmann, Blum, Katzenstein und Schaumburg. Große Familien waren später auch die Kaisers, Mildenbergs. Frankenthals, Schönthals, Löwensterns, Külsheimers und Kratzensteins

Wo sie vor dem Bau der Synagoge beteten und aus den heiligen Schriften lasen. ist bisher unbekannt. Vermutlich versahen sie diesen Dienst in Privatwohnungen. Im Jahr 1827 entschlossen sich die Juden aus Vöhl, Basdorf. Marienhagen und Oberwerba zum Bau einer Synagoge in Vöhl. Wohl bereits ab diesem Jahr wurden die jüdischen Kinder dort unterrichtet. Im Jahr 1829 wurde die Synagoge eingeweiht. Im Jahr 1846 wurden umfangreiche Reparaturarbeiten durchgeführt. Möglicherweise wurde das Gebäude in südlicher Richtung um einige Gefache verlängert und die Kuppel eingebaut.

Um 1840 waren 19 Prozent der Vöhler Einwohner jüdischen Glaubens. Einen ähnlich hohen Anteil hat es - wenn überhaupt - nur in wenigen Orten in Deutschland gegeben. Mitte der 1860er Jahre wurde die Schule in ein anderes Gebäude verlegt. Die Synagoge wurde bis 1938 genutzt. Durch den rechtzeitigen Verkauf an eine nichtjüdische Familie entging die Synagoge der Zerstörung in der Pogromnacht am 9. November 1938. Bis 1999 wechselte das Gebäude mehrmals den Besitzer. Der Sakralraum wurde in dieser Zeit als Baustofflager und dann als Abstellraum genutzt. blieb aber fast unverändert erhalten.

Ende 1999 wurde der Förderkreis  „Synagoge in Vöhl“ e.V. gegründet und erwarb das Haus. Wir, die wir heute in Vöhl und in Waldeck-Frankenberg leben, möchten uns zu dieser auch jüdischen Vergangenheit unserer Heimat bekennen, und indem wir die ehemalige Synagoge erhalten und mit neuem Leben erfüllen. Denjenigen ein Denkmal setzen, die einst hier lebten. Und die Synagoge erinnert auch an jene über 30 Männer. Frauen und Kinder aus Vöhl, Basdorf und Marienhagen. die während der NS-Diktatur ermordet wurden. Möge Ähnliches nie wieder geschehen - nirgendwo in der Welt!

Der Sakralraum soll so wiederhergestellt werden, wie er vor 1938 ausgesehen hat. Hier könnten kulturelle Veranstaltungen (z.B. Vorträge. Folklore) verschiedenster Art stattfinden.  In den Nebenräumen sollte ein Museum eingerichtet werden, das deutsch-jüdisches Zusammenleben im früheren Kreis Vöhl. in den Orten des heutigen Landkreises Waldeck-Frankenberg und in der Region thematisiert. Es soll jüdische Kultur, Geschichte und Religion darstellen, wozu auch die Geschichte der Verfolgung der Juden in Deutschland. in Europa und in der Welt gehört. aber es soll sich darin nicht erschöpfen. sondern auch zeigen, daß Menschen verschiedener Kultur und Religion friedlich und in gegenseitiger Achtung zusammenleben können.

 

 

Waldkappel - Harmuthsachsen

In Harmuthsachsen steht noch die ehemalige Synagoge. deren Verfall zwar gestoppt werden konnte. deren Restaurierung aber noch lange nicht beendet ist. Ebenfalls erhalten sind etliche jüdische Wohnhäuser. die ehemalige jüdische Schule sowie zwei jüdische Friedhöfe.

Durch den Kontakt mit Nachfahren ehemaliger jüdischer Einwohner Harmuthsachsens ist eine kleine Gruppe entstanden, die sich die Bewahrung der Spuren jüdischen Lebens im Raum Waldkappel zur Aufgabe gemacht hat. Hierzu gehören sowohl die Pflege des älteren der beiden Friedhöfe als auch das Zusammentragen und Niederschreiben von persönlichen Erinnerungen noch lebender Zeitzeugen.

An einer umfangreichen Dokumentation. die ständig weiter wächst, arbeitet Rolf Hocke. Diese Materialsammlung enthält neben einer Liste aller im Holocaust ermordeten Harmuthsächser Juden auch eine Fülle von Geschichtchen und Anekdoten sowie ein jiddisches Wörterbuch mit Spezialausdrücken und Redensarten nordhessischer Juden.

 

Ostheim

Mathilde Katz ist 1890 von Ostheim nach Amerika ausgewandert. Sie erzählte Monica Kingreen vom Leben ihrer Familie in Ostheim um die Jahrhundertwende: Die jüdischen Hochzeiten waren immer in Hanau in einem Hotel. Vor einer Heirat kamen die Eltern der Braut und des zukünftigen Bräutigams in Hanau in einem Hotel zusammen und besprachen alles. Sie besprachen, was die Braut an Geld hat, was es zu erben gab, Auszahlungen usw. Und dann wurde die Verlobung bestellt. Natürlich gab es auch Mädchen, die den ausgesuchten Mann nicht haben wollten. Wenn ihnen einer nicht gefiel, sagten sie: „Der ist nichts für mich“ und reisten wieder ab. Das Mädchen wurde nicht zu einer Heirat gezwungen, soviel ich davon gehört habe jedenfalls.

Die jüdischen Mädchen mußten ja bezahlen, wenn sie verheiratet wurden. Von Tante Regine Katz weiß ich, daß sie ein ganzes Säckchen Goldmünzen geben mußte. Auch als Adolf Wolf nach Ostheim kam, um Mathilde Kaufmann zu heiraten (im Jahre 1897), das weiß ich noch. Das zu bezahlende Geld wurde durch die gesamte Verwandtschaft des Mädchens aufgebracht. Wenn die Mädchen häßlich waren, wollten die Männer mehr Geld. Auch meine Schwester Klara ist „geschadchet“ worden, ihre Heirat kam durch das „Schadchen“, den jüdischen Heiratsvermittler, zustande. Ich habe damals dazu noch Geld aus Amerika geschickt. Von dem Heiratsgeld konnte sich dann der Mann geschäftlich selbständig machen. Die Brauteltern mußten auch die Hochzeit und die Aussteuer bezahlen. Der Bräutigam brauchte sich nur selber mitzubringen und ein Bett. So war das früher. Manche Mädchen heirateten dann auch Christen, weil für die Heirat mit einem Juden kein Geld da war.

Alle paar Wochen kam eine Frau mit Namen Fanny zu uns, wir nannten sie nur „die Fromme“. Sie trug einen großen Korb auf dem Rücken und verkaufte uns koschere Seife und die geflochtenen Schabbeskerzen. Auch die Gebetsriemen und alles, was man sonst noch für die jüdische Religion brauchte, verkaufte diese Frau. Sie war eine arme Witwe, am Schabbes haben wir sie gerne bei uns gehabt. Am Sonntag zog sie dann mit dem Korb wieder weiter in andere Dörfer, wo Juden wohnten. Jede Woche kam der Schochet zu uns nach Hause zum Schächten, das war der Lehrer Katz, er kam mit dem Rad aus Windecken. Meine Mutter stellte eine große Schüssel mit Wasser hin. Dann nahm der Schochet sein langes Messer aus dem Futteral, das Messer war enorm scharf. Dann befeuchtete er das Messer mit Wasser. Er hat dabei mit der Hand die Messerschneide entlang gestri­chen. Dreimal hat er das gemacht. Dabei hat er gebetet. Mit einem Wetzstein wur­de das Messer geschärft. Dann wurde der Ochse oder die Kuh mit einem Schnitt ge­schächtet.

Wenn eine Kuh einmal einen rostigen Nagel oder irgend etwas mitgefressen hat­te, dann konnte das Fleisch nicht mehr koscher gemacht werden. An christliche Leute konnte es verkauft werden. Das ko­schere Fleisch hat eine Plombe bekom­men. Der Schochet bekam für das Schäch­ten 1 Mark und 50 Pfennige. Von der jüdischen Gemeinde hat er kein große Gehalt bekommen, er war ja gleichzeitig auch der Lehrer und Vorbeter. Für ein Huhn be­kam er 50 Pfennige. Das Huhn wurde aber mit einem kleinen Messer geschäch­tet. Wenn er fertig war, trank er eine Tasse Kaffee und fuhr dann mit dem Rad weiter zu anderen Leuten, um dort zu schächten. Auf dem Bild aus dem Jahre 1903 steht links mein Vater, der Metzger Anselm Katz, daneben der Schochet Sally Katz - der übrigens nicht mit uns ver­wandt war - mein Bruder Siegfried hält die Schüssel, worin das Blut aufgefangen wurde, der Bruder meines Vaters Salomons hält den Ochsen, der ein Seil durch die Nasenlöcher hat, fest.

Der Schochet und Lehrer Kratz hatte zwei Kinder, einen Jungen und ein Mäd­chen, die waren so alt wie ich. An einem Schabbes im Sommer, wenn sich alle jüdi­schen Familien trafen, hatte ich einen Sonnenschirm und zog bei der Tochter des Lehrer Katz Jenny die Schlaufen der Schnürsenkel auf, um sie zu necken. Ich hatte aber völlig vergessen, daß sie ja am Schabbes keine Arbeit tun durfte, also auch kein Schnürsenkel binden durfte. Jenny war tieftraurig über ihre aufgelö­sten Schnürsenkel. Und als ich gemerkt hatte, daß ich die religiösen Gesetze ver­gessen hatte, war ich auch bedrückt.

Wir nahmen es mit der Religion nicht so streng zu Hause. Aber die Familie des Lehrer Katz war streng religiös, das Ta­schentuch war am Schabbes an ihrem Kleid angesteckt, weil doch die religiöse Vorschrift sagt, daß am Schabbes nichts getragen werden darf“.

 

 

Heiligabend 1997 hat er in Nidderau noch Gott und die Welt angerufen - putzmunter, wie man hört. Vorletzte Nacht nun ist der ehemalige Ostheimer Willi Katz in einer Klinik in Haifa gestorben. Der 92jährige war eine Schlüsselfigur bei der Wiederannäherung Nidderaus an seine ehemalige jüdischen Einwohner(inne)n. Willi Katz hinterläßt im heutigen Nidderau einen großen Freundeskreis; manche durften ihn wie einst die Mitkicker beim FC „Sportfreunde“ Ostheim liebevoll „es Kätzi“ nennen.

Katz war Mitgründer des Clubs und muß auch ein begehrter Tänzer gewesen sein. Charme hatte er bis ans Ende. Seine Leichtigkeit im Umgang mit Menschen brach das Eis zwischen Nidderauer (inne)n und den vertriebenen, mit dem Tod bedrohten und nach Jahrzehnten wieder eingeladenen Juden und Jüdinnen.

Willi Katz und Ehefrau Lotte standen im Zentrum eines Treffens. das sich am 9. November 1986 im kleinen Kreis ergeben hatte. Im offenen Gespräch über schone wie traurige Erinnerungen. doch auch bei Witzen aus dem Mund des begnadeten Erzählers Willi Katz schwanden Berührungsängste. Katz ergriff schließlich auch 1988 zur „Woche der Begegnung“ offiziell das Wort namens der jüdischen Gäste.

 Der erste Kontakt zu ihm ergab sich, als Monica Kingreen auf der Suche nach den ehemaligen jüdischen Einwohner(inne)n Mitte der 80er Jahre in Israel eine Suchannonce aufgab. Wie sich her-ausstellte, lebte der Gesuchte damals aber gewissermaßen vor der Haustür: in Frankfurt. Ende der 70er Jahre hatte er zufällig wieder beruflich dort zu tun. Als Kingreen ihn ausfindig machte, hatte er dort noch ein berufliches Standbein, überwinterte aber stets in Haifa. Auf seine alten Tage war Katz wieder bei der Firma, in der er schon vor der unfreiwilligen Auswanderung arbeitete.

In mehreren Gesprächen schilderte der lebhafte Alte der Nidderauer Lokalforscherin Schicksale jüdischer Familien aus Ostheim, Windecken und Heldenbergen. Als Sohn des Ostheimer Schusters - der Vater war zugleich Kantor in Windeckens Judengemeinde - konnte Katz mancherlei beitragen. So lieferte er einen Grundstock für das umfangreiche Buch „Jüdisches Landleben“, das 1994 mit Unterstützung der Stadt erschien.

Willi Katz ist 1937 nur knapp seiner Verhaftung in Frankfurt entkommen, seine Eltern wurden später in Auschwitz vergast. In seiner neuen Heimat Israel, so erzählte er, hat er klein angefangen, etwa Brötchen ausgefahren. Lebensmut und Fröhlichkeit hat er allen schweren Schlägen zum Trotz gerettet.

Ende der 80er Jahre, nun wirklich in Pension, wurde es dem Ehepaar Katz liebe Gewohnheit, alle Jahre ein paar Wochen in einem Orber Hotel „Hof zu halten“. Freunde aus Nidderau gingen da ein und aus, daß es eine Freude war. Kontakt nach Deutschland hielt Katz auch das übrige Jahr - nicht zuletzt, wenn er Sabbat für Sabbat über Deutsche Welle oder jordanisches Fernsehen die Spiele seiner „Eintracht“ verfolgte. „Fanatisch“, wie Lotte Katz mal augenzwinkernd einem befreundeten FR-Kollegen erzählte.

Das letzte Mal kam Willi Katz 1997 ohne sie nach Nidderau; er lud alle, die ihn kannten, noch einmal in die „Hochmühle“. Da kamen auch Menschen zusammen, die sonst wenig miteinander zu tun haben. Begleitet wurde Katz damals von seinem Freund Heinz Oliven; Ehefrau Lotte, die ihn nun überlebt, war das Reisen damals aus Gesundheitsgründen bereits zuviel. Es scheint nicht übertrieben zu behaupten: Nidderau trauert um den „Juden zum Anfassen“”, wie ihn Kingreen nennt.

 

 

Ronneburg

Seit 1711 lebten und wohnten auf der Ronneburg für etwa 170 Jahre Juden, die auf der Burg eine eigene jü­dische Gemeinde bildeten. Als Ronne­burger „Schutzjuden“ hatten sie auf der Burg Heimatrecht. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ließen sich viele der alteingesessenen jüdischen Familien in den umliegenden Dörfern nieder. Ihre Nachkommen lebten dort, bis die Nationalsozialisten sie in die Emigration oder in die Vernichtungs­lager trieben. Heute noch gibt es in USA, Israel, Argentinien, Brasilien Juden, die stolz auf ihre Herkunft vom „Schloß Ronneburg bei Altwiedermus“.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Ronneburg  an einen Burgverwalter verpachtet, und damit diese Verpachtung einen Gewinn abwarf, mußte die Burg in irgendeiner Weise genutzt werden. Dieser Umstand führte, zusammen mit der liberalen Glaubenspolitik des Grafen Ernst Casimir I.. von Ysenburg und Büdingen am Beginn des 18. Jahrhunderts zur Aufnahme von Glaubensflüchtlingen auch auf der Burg, obwohl sie noch bis ins Jahr 1734 Grafensitz war.

Im Jahr 1712 hatte Ernst Casimir I. ein Edikt erlassen, das in der Literatur häufig als Toleranzedikt bezeichnet wird. In der Tat wird darin Glaubensflüchtlingen, die oftmals gruppenweise aus anderen deutschen Ländern ausgewiesen wurden, die Aufnahme im Büdinger Land gestattet. Neben der Gewissensfreiheit wurden ihnen weitgehende Erleichterungen beim Bau von Häusern, Befreiung vom Zunftzwang und weitere Befreiungen von Abgaben aller Art zugesichert. Im Kern handelte es sich um eine wirtschaftliche Fördermaßnahme für das Land, in dem Handel und Gewerbe noch sehr unterentwickelt waren. Von der Tatkraft, den handwerklichen Fähigkeiten und den modernen Produktionsmethoden der Einwanderer erwartete man sich eine Verbesserung der allgemeinen Wohlfahrt.

Juden waren mit diesem Edikt nicht gemeint gewesen, sondern die vielen separatistischen Gruppen, die sich in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts herauszubilden begonnen hatten. Von solchen Glaubensflüchtlingen wurde zum Beispiel nach 1712 die Büdinger Vorstadt gegründet, und auch die leeren Räume der Ronneburg wurden schon vor der Geltung des Patents ab 1706 an Separatisten vermietet.

 Die Ursachen dafür, daß sich mit den Glaubensflüchtlingen auch Juden auf der Burg niederließen, sind darin zu suchen. daß die kurzfristige wirtschaftliche Blüte und die liberalen Ansätze, die mit der Ansiedelungspolitik verbunden waren, auch ihnen günstige Voraussetzungen zur wirtschaftlichen Betätigung boten.

  Denn da ihnen der Zugang zum zünftigen Handwerk und der Erwerb von Grundbesitz traditionell verboten war, waren sie gezwungen gewesen, sich andere wirtschaftliche Betätigungsfelder zu suchen. Diese Betätigung war vor allem der Handel. In dem zurückliegenden halben Jahrhundert nach dem Ende des 30jährigen Krieges hatte sich auf dem Lande arbeitsteilige Struktur auszuprägen begonnen.

Als Viehhändler und Aufkäufer von Ackerfrüchten waren die Juden eng mit der Agrarwirtschaft verbunden. Vom Hausierhandel in den Dörfern über der. Frucht- und Viehhandel, mit dem sie für die Vermarktung der landwirtschaftlichen Produkte und die Bestückung der Märkte sorgten, bis zu der Belieferung der Höfe mit Artikeln des gehobenen Lebensstandes waren sie in allen Sparten des Handels zu finden.

So ist es auch zu erklären, daß die jüdischen Händler für die wohlhabende Inspirantengemeinde, die sich auf der Ronneburg niedergelassen und eine Wollmanufaktur im sogenannten Rittersaal des Pallasgebäudes eingerichtet hatte, wichtige Aufgaben übernehmen konnten. Sie verfügten über die Erfahrungen und die Handelsverbindungen, um die benötigten Rohstoffe überall im Lande aufzukaufen und herbeizuschaffen. Auch für den Absatz der Waren waren sie unentbehrlich.

 

 

Ein kurzer Rückblick: Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges hatte der Anteil der Juden an der Bevölkerung in ganz Deutschland zugenommen. Dies gilt auch für die Ysenburgischen Grafschaften, wo wir nach 1650 reichliche Quellen über Juden finden, die mit Handelsbriefen aus gestattet die Grafschaft durchziehen oder sich auf der Basis eines Schutzbriefes in den Ysenburger Ortschaften ansiedelten.

Der Schutz war ein zeitlich begrenztes Recht sich niederzulassen, das gewährt werden, aber auch entzogen werden konnte. Im Normalfall war der Erhalt eines Schutzbriefes mit der Zahlung eines jährlichen Schutzgeldes - in der Regel um 12 Gulden - verbunden. In manchen Ysenburgischen Ortschaften betrug es aber auch 26 Gulden.

Zu dieser Abgabe kamen noch viele andere: der Leibzoll, das Heiratsgeld, Handelsaccise, andere Abgaben wie Gänsegeld oder die Zungen der geschlachteten Rinder, Unschlitlieferungen, Begräbnisgeld und 12 Gulden für das Recht, den Gottesdienst zu besuchen. Im Turnus von drei Jahren mußte der Schutzbrief erneuert - in der Sprache der damaligen Zeit - renoviert werden.

Die Menschen, die sich nun in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts auf der Ronneburg niederließen, waren nicht die Angepaßten der ständischen Gesellschaft. Es waren Handwerker, die nicht mehr in die bornierte Struktur der Zünfte paßten, Bürger, die sich von sensualistischen religiösen Erfahrungen einen Ausbruch aus der Enge ihrer reglementierten Welt und neue Betätigungsfelder erhofften. Viele waren Flüchtlinge, darunter auch von Maria Theresia ausgewiesene böhmische Juden.

Sogar Teile des Adels, der in den entstehenden zentralen Ordnungen seine Bedeutung einbüßte, waren von der Bewegung erfaßt. Frauen, deren Wirkungskreis seit der Reformation von der Öffentlichkeit abgeschnitten war, spielten eine herausragende Rolle. Das politische oppositionelle Denken der Zeit schärfte sich zwar an den Fragen der Theologie, aber dahinter lagen Fragen, die die Verfaßtheit der gesamten Gesellschaft betrafen.

Der Sog dieser Bewegung zog sicherlich auch jene an, die in den schlechten Zeitumständen hier hoffen konnten, von obrigkeitlichen Nachstellungen halbwegs verschont zu bleiben und für eine gewisse Weile einen Unterschlupf zu finden. Darunter wohl auch viele Arme.

Damit mag es zu erklären sein, daß nach allen Überlieferungen die Lebensverhältnisse auf der Burg, trotz der wohlhabenden Inspirantengemeinde, ziemlich elend gewesen sein müssen.  Von Graf Zinzendorf, dessen kurzfristiger Aufenthalt in seiner Brüdergemeinde einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, wird folgende Anekdote erzählt: Er hatte seinen Zimmermann Christian David vorgeschickt, um die Situation zu recherchieren. Dessen häufig zitiertes Resumèe war, „die Gesellschaft, die in den Räumen hause, die könne ihm nicht gefallen“. Graf Zinsendorf gab zu bedenken, er sei doch schon in Grönland gewesen, schlimmer könne es doch auch auf der Ronneburg nicht sein, aber er antwortet: „Wenn es noch wie in Grönland wäre!“.

 

Die wirtschaftlichen Maßnahmen der Herrschaft waren sehr uneinheitlich. Die liberale Ansiedlungs- und Förderpolitik wechselte mit Preisbindungen und Exportverboten, mit denen man versuchte, immer wieder auftretende Versorgungskrisen in den Griff zu bekommen. Diese Polizeiverordnungen werfen ein interessantes Licht auf die Bedeutung, die die Juden im Güteraustausch zu dieser Zeit bereits innehatten.

Zum Beispiel bahnt sich im Jahre 1731 wieder einmal eine Versorgungskrise an, und die Büdinger Kanzlei betraut ausdrücklich den Stadtschreiber, einige Ratsglieder, den Büdinger Bäcker, Ackerleute, aber auch Juden mit der Aufgabe, Scheuern und Böden zu visitieren, um aufzuschreiben, was sich dort noch an Gerste und Korn befindet. Offenbar wurden die Juden in ihrer Profession als vertrauenswürdige Fachleute zu Rate gezogen.

 

Handelsbeschränkungen, sogenannte „Sperren“ waren der Not der Bevölkerung geschuldet. Denn zur Mitte des 18. Jahrhunderts hin stieg die Verschuldung der Landbevölkerung rapide an und zur „Abwendung des vor der Thür stehenden Verderbens“, wie es hieß, sieht sich die Herrschaft „gemüßiget „Kraft Landes Vätterlicher Macht und Obrigkeit“ Verordnungen zu erlassen, um die Bezahlung der Frohnden zu sichern, ohne den sich abzeichnenden „Ruin ganzer Dorfschaften“ in Kauf zu nehmen. Durch häufige Erbteilungen nämlich, war der Ertrag der Höfe bedrohlich gesunken. Dazu kamen Mißernten. Der Mangel an Geld, der in den damaligen Agrarwirtschaften herrschte, machte Verschuldungen unausweichlich, zumal hohe Abgaben und die Monatsgelder die Bauern drückten.

Interessant ist, daß die Herrschaft zwar das Ausborgen und Handeln ihrer Untertanen mit Juden als unbesonnen und leichtfertig kritisiert und damit Strukturprobleme psychologiert, aber gleichzeitig euphorisch den Kredit als „die Seele des Landes“ bezeichnet. Dieser Kredit solle „in gutem, aufrechtem Stand erhalten und von Zeit zu Zeit erhöhet und gebeßert werden“ (Gustav Friedrich 1757).

Der Blick auf die Juden als einer nicht im Agrarbesitz verankerten Minderheit ist entsprechend ambivalent. Ihre wirtschaftliche Potenz wird weidlich ausgeschöpft, aber die negativen Begleiterscheinungen in dem - vor allem in Deutschland sich nur langsam vollziehenden - Wandel von der Agrar- zur Geldwirtschaft werden zunehmend dieser selbst ums Überleben kämpfenden Minderheit angelastet.

Leider ist die Quellenlage für das Leben der Juden auf der Ronneburg für das 18. Jahrhundert nicht sehr ergiebig, aber einige Unterlagen über Rechtsstreitigkeiten in den Jahren 1734 bis 1736 gaben uns doch einige interessante Einblicke. Hieraus erfahren wir, daß in dieser Zeit Schutzjuden auf der Burg wohnten. Mit zweien von ihnen, Martyr und Mardochai, war der Burgverwalter Zinn aneinander geraten, weil er seine „creditores“ nicht mehr zufriedenstellen konnte. Martyr erstellt nun eine Liste von 23 Forderungen, die uns Auskunft über seine geschäftlichen Bestätigungen gibt. Allem Anschein nach war Martyr darauf angewiesen, sich bietende Gelegenheiten zu nutzen. Denn er listet Botendienste auf, darunter auch ein Ritt in der Nacht „von der Ronneburg biß auff Ortenburg“, natürlich auch Fleisch- und Viehlieferungen und andere Waren, aber er leistete auch zum Beispiel Maklerdienste beim Pferdekauf.

Auch bei einem Büdinger Juden, Aaron Lorsch, steht Zinn in der Kreide und behauptet, dieser habe ihm den Hausrat während seiner Abwesenheit weggeschleppt, aber Aaron Lorsch bringt Zeugen herbei, daß Zinns Frau ihm zur Bezahlung der Schulden, die „Meubles“ übergeben habe. Wir sind noch im Barock und man spricht französisch. Es ist nicht ersichtlich, wie der Streit letztendlich entschieden wird. Für eine Vorladung zur Wächtersbacher Kanzlei entschuldigt Aaron Lorsch sich recht selbstbewußt, er müsse dringend eine Reise tun, und außerdem sei momentan viel im Land zu importieren.

Ein Licht auf die Zeitumstände wirft, noch während die Verhöre andauern,. die Ankunft eines Mannes aus dem nahegelegenen Dorf Vonhausen, der „an den au dem Schloß wohnenden Juden Moses 10 loth altes geldt in lauter großen Heller von gutem Silber, (...) so er gefunden zu haben vorgegeben vor 7 Fl verkaufet“” (F meint Gulden, abgeleitet von Florentiner). Es soll ein in Büdingen gefundener Schatz sein und „dießes alte verschimmelte geldt” wird mit Arrest beschlagen und ad depositum gebracht.

Es war nicht nur die Zeit der Hoffnungen, sondern auch der Falschmünzer und der Schatzgräbereien. Sogar der Burggraf hatte sich schon an einem solchen Abenteuer versucht und in Langenselbold wurde der Müller ein Jahr später wegen Falschmünzerei außer Landes gewiesen.

Im Jahr 1760 beschäftigt die kirchlichen und weltlichen Beamten der Fall eines jung Juden Affrom aus Stockheim, der zum Christentum konvertieren will: Er wird genau nach seinen Motiven und seinem Werdegang befragt.

 

 

Wir erfahren, auch jüdische Gaukler auf der Burg wohnten. Bei einem von ihnen war Affrom nach dem Willen seiner Mutter in die Lehre gegangen. Doch der junge Affrom, glaubt, einen christlichen Vater zu haben und berichtet, daß dieser ihn dieses Milieu abgestoßen habe.

Für das Ende des 18. Jahrhunderts sind die Eindrücke des Seifensieders Friedrich Benjamin Geller überliefert, der von Gelnhausen zur Ronneburg wanderte. „Es besteht dieses alte Bergschloß“, so schreibt er, „aus beträchtlichen großen Gebäuden, die freylich zum Theil ziemlich verfallen aussehn, aber doch noch von ungefähr 60 Familien, wovon 2 drittel Juden und 1 drittel Christen sind, bewohnt werden.“

Das Leben der Juden auf der Burg: Ist. es heute noch möglich herauszufinden, in welchen Teilen der Burg die Juden lebten? Tatsächlich gibt es in den Judenregistern über Geburts-, Todesfälle und Heiraten der Juden (heute im Zentralarchiv Jerusalems), also den sogenannten Judenmatrikeln, Angaben über die Räumlichkeiten, in denen Geburten stattfanden und gestorben wurde.

Demnach bewohnten sie nicht nur die Vorburg, wie es meistens heißt, sondern auch Teile der Kernburg. Wenn wir zum ersten Tor hineinkommen, liegt rechts der Zingel, ein kleiner Hof unterhalb des Wehrgangs. An diesem Wehrgang waren Holzbehausungen angebaut. Auf manchen Abbildungen sieht es auch so aus, als habe dort ein Haus gestanden.

Auch die Gebäude links des Tores, waren bewohnt. Dort lag auch das Schlachthaus. Hier und „auf dem dohr“ wohnten mindestens 30 Personen. Nachdem wir durch das erste Tor gegangen sind, kommen wir zum 2. Tor, wo sich heute die Kasse befindet.

Dahinter liegt, gewissermaßen als drittes Tor, das Brunnenhaus, das schon zu der Kernburg gehört. Hier in den ehemaligen Räumen des Burggrafen, „obig dem Brunnen“ wie es immer heißt, wohnte der Judenvorsteher Salomon Stern mit seiner großen Familie.

 Im nachfolgenden „Höfgen“ muß ein Haus oder Anbau gestanden haben, das ehemals dem Bruder des Judenvorstehers gehörte. In diesem Höfgen werden die unehelichen Kinder von Fanni Schwarzschild geboren, von der wir noch hören werden.

Eine der für uns interessantesten Angaben lautet, „Wohnung unter der Synagogen-Treppe“ (Familie Hecht), „Haus neben der Judenschul“, „Wohnung bei der Judenschul“. „Haus bei der Synagoge“ (Familie Grünebaum und Goldstücker), denn hieraus und aus einer Inventarliste von 1767 erfahren wir, daß die Juden auf der Ronneburg eine eigene Synagoge, eine „Juddeschul“, wie es im Volksmund hieß, besaßen. Doch davon später.

Frühes 19. Jahrhundert, die Ronneburg als eigene politische Gemeinde: Die französische Revolution hatte am Ausgang des 18. Jahrhunderts in einigen europäischen Ländern den Juden die Gleichstellung gebracht.  Der Begriff „Juden“ wurde nun als Diskriminierung empfunden und durch den Begriff „Israeliten“ oder „Mosaische Glaubensgenossen“ ersetzt.

Diese Emanzipation war die Folgeerscheinung eines allgemeineren, tiefgreifenden Wandlungs- und Modernisierungsprozesses, in dem die Hemmnisse für eine sich entwickelnde bürgerlich-kapita­li­stische und nationalstaatliche Gesellschaft beseitigt wurden.

Widerstand gab es nicht nur bei den kleinen Leuten, sondern auch bei den Eliten, dem Adel, dem Klerus, den Gebildeten, daneben bei Zünften und Gilden. Die Gegner sahen ihre eigene soziale Position mit der Auflösung des ständisch-christlichen Staates gefährdet.

Unter Führung des Birsteinischen Fürsten werden die Ysenburgischen Gebiete 1806 dem Rheinbund eingegliedert, für die Juden dieses Gebietes bringt das wenigstens die Abschaffung des Leibzolls.

 Im Jahr 1816, nach dem Wiener Kongreß, verliert die Ysenburger Grafschaft ihre Souveränität und wird zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt aufgeteilt. Die Juden müssen sich nun, wie die christlichen Untertanen schon lange, Familiennamen zulegen.

 Die Ronneburg kommt bei der Teilung der Grafschaft an das Groß-Herzogtum und liegt nun haarscharf an der Grenze zu Kurhessen, wo die Juden 1833 weitgehende Gleichstellung erlangt hatten. Nach 1866, als Kurhessen preußisch geworden ist, liegt sie unmittelbar an der Grenze zwischen dem Groß-Herzogtum-Darmstadt und dem preußischen Königreich.

In Altwiedermus war eine Nebenzollstelle, die bei den Zollunruhen 1830 auch geschleift wurde, und Neuwiedermuß lag schon im Ausland, erst im Kurfürstentum Hanau und seit 1866 in Preußen.

 

Im Jahr 1821 wurde die Enklave Ronneburg, durch die besonderen Verhältnisse mit einer ganzen Portion Eigenmächtigkeit ausgestattet, zu einer selbstständigen Gemeinde erklärt. Sie umfaßt zu dieser Zeit etwa 200 Einwohner, wovon ein Drittel Juden sind, hat also tatsächlich die Größe eines kleinen Dorfes.

Der Fabrikant Philipp Mörschel, Führer der Inspiranten, wird Bürgermeister, und er beginnt seine Amtszeit tatkräftig mit der Einrichtung eines Gefängnisses. Denn nach der Anordnung des Büdinger Landrats Hoffmann soll in jeder Bürgermeisterei ein Gefängnis - allerdings nicht für die schweren Verbrechen - eingerichtet werden. „Auf dem Schlosse“, so fügt Mörschel den Handwerksrechnungen für Türbeschläge, Bodendielen und das Setzen eines Ofens hinzu, „wo viele ungesittete Menschen wohnen (wird es) von erheblichem Nutzen sein“”

Allerdings überdauert die selbständige Gemeinde Ronneburg nicht lange, und 1829 verfügt das Darmstädter Ministerium, daß sie in den Status einer Gemarkung zurückversetzt wird, deren Eigentümer der Graf von Wächtersbach ist. In diesem Falle liegt die Sache so, daß der Graf als Eigentümer auch Fürsorgepflichten hat. Dies wird um so prekärer, als in die Verarmung in Oberhessen einem neuen Höhepunkt zustrebt und auch Ronneburger Einwohner zunehmend in Armut geraten.

Nun beginnen die Auseinandersetzungen, die fast das ganze 19. Jahrhundert durchziehen. Die Ronneburg ist in schlechtem baulichen Zustand und das Wächtersbacher Grafenhaus, in dessen Besitz sie ist, hat weder die Mittel noch das Interesse, sie für hohe Kosten instand zu setzen.

Da aber - solange einige Zimmer in Ordnung und bewohnbar sind - es schlecht wäre, sie leer stehen zu lassen, zumal der Pächter für den entgangenen Zins entschädigt werden müßte, sollten doch Bewohner aufgenommen werden - so erfahren wir bei der Aufnahme des Juden Grünebaum. Der Graf versucht, die Lasten von sich abzuwälzen, indem er den „Temporalschutz“ einführt. Das bedeutet, daß jeder, der als Einwohner neu aufgenommen werden will, zuvor nachweisen muß, daß er einen Heimatort hat, an den er jederzeit mit seiner- Familie zurückkehren kann. Damit möchte man eine gewisse Zeit von den Aufnahmen profitieren, ohne sich die Verantwortung für die Menschen für immer aufzuhalsen.

Vielleicht verwundert es, daß trotz der mehrfachen bezeugten schlechten Lebensverhältnisse soviel Interesse bestand, sich auf der Burg niederzulassen. Welches sind die Hintergründe?  Insgesamt war der Wohnraum bei wachsenden Bevölkerungszahlen ein knappes Gut. Auf der Burg dagegen gab es eine Vielzahl von Räumen - Unterschlupfe und Behausungen, die allerdings mit der Zeit immer baufälliger wurden. Als vorübergehende Notlösung gedacht, gab es im allgemein herrschenden Mangel keine Möglichkeit mehr, sie aufzugeben.

 Besonders traf das die Juden, denn in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten die Landjuden, denen der Erwerb eigener Grundstücke lange verboten war, noch weitgehend zu der grundbesitzlosen Einwohnerschicht der Dörfer.

Aber es gibt noch weitere Gründe: Das Industriezeitalter mit der Aufhebung des Zunftzwangs läuft in Oberhessen mit seiner vorwiegend argrarischen Struktur nur sehr mühsam an, aber die Ronneburg ist eine liberale Enklave in der noch vom Zunftzwang beherrschten Wirtschaft: Dort oben herrscht Zunftfreiheit.

Für die Juden gab es weitere gewichtige Gründe, sich der relativ großen Gemeinde auf der Burg anzuschließen. Generell waren sie als Minderheit gezwungen, überlebensfähige Gruppen zu bilden, zumal schon ihr religiöser Ritus erfordert, daßzum Gottesdienst mindestens zehn Männer über dreizehn Jahren anwesend sind.

 

Praktisch setzt auch die Unterrichtung der Kinder - ein religiöses Gebot - die Nähe anderer jüdischer Familien voraus. So bittet 1834 Jakob Stiefel von der Michelau um die Erlaubnis, auf der Burg zu wohnen:„Erlauchter Graf, Gnädigster Graf und Herr!“ schreibt er, „Mittelst einer Devotesten Vorstellung vom 27. Juni 1834, bate ich  Ew. Hochgräfl. Erlaucht unterthänigst um die huldreiche Erlaubniß meines Abziehens von der Michelau zu der Ronneburg, wegen meinem Religonsstand als Jude, wo ich mit einer Strafe verbunden bin, wegen meinem Kinde ihm unsere Religiösen lernen zu lassen ... in dem aber auf der Michelau, wo mein Schutz und Besitzsstand ist ... keine Schul von meiner Religion sich befindet, und ich auch zu arm bin, mir einen Privat-Lehrer zu müthen so möchte ich mit hochgräfl. Genehmigung von der Michelau zu der Ronneburg abziehen“.

 

Die Aufnahmen dieser Jahre kommen zumindest dem Pächter Koch um so gelegener, als im Jahre 1832 die letzten Inspiranten die Burg verlassen und deshalb wie Koch schreibt, viele „Loschis“ frei geworden sind und er in einen „bedeutender Schaden gekommen“ ist.

Ein 1833 von Koch erstellter Mietvertrag charakterisiert den baulichen Zustand der Ronneburg:

„Auf Verlangen bescheinige ich Mayer Münz jetzt in Eckartshausen, daß Er ein Loschis auf dem Schloß Ronneburg vor mir gezinst hat. Und wenn er seinen Heimatschein bringt, mit seiner Familie so lange da wohnen kann als er sich gut beträgt. Sollte aber doch Unklücksfälle oder auch das Alder, das Schloß Ronneburg so. beschädigen werden, das nicht mehr Loschis bleiben als vor diejenigen, welcher ihren Schutz haben und hochkräflich, Rentkammer nicht mehr gesonnen sein solches aufzubauen, so hört natürlich de Zins und alle meine Verbindlichkeit auf. Ronneburg, d. 24. Juni 1833.“

 

Während über Jahrhunderte den Juden der Zugang zum zünftig verfaßten Handwerk verboten war und ihnen neben der Betätigung als Metzger, als Bäcker, vielleicht auch als Glasmacher, als Hauptbetätigungsfeld der Handel geblieben war, wird im Großherzogtum in dieser Zeit unter dem Schlagwort der „bürgerlichen Verbesserung der Israeliten“ versucht, die Juden zum Erlernen des Ackerbaus, eines Handwerks oder einer Kunst zu bewegen und ihnen z. B. Aufnahmen als Ortsbürger nur zu gestatten, wenn sie sich in einer dieser drei Sparten ausweisen können. Der Verleih von Handelspatenten dagegen soll eingeschränkt werden.       

In der Tat haben wir auch auf der Ronneburg erste Ansätze bei der jüngeren Generation, eine Handwerksprofession zu erlernen. Im in der Nähe gelegenen Himbach lernen einige Juden das Schneider- und Schusterhandwerk und werden als Meister sogar in die Zunft aufgenommen. Allerdings ist damit beim Verarmungsgrad der Bevölkerung nicht viel zu verdienen.

Es ist deshalb unvermeidlich, daß neben der Flickschusterei oder der Schneiderei auch der Handel als Hausierhandel, als Handel mit altem Eisen, Lumpen oder Vieh wieder aufgenommen wird. Gerade aber dieser mindere Handel der kleinen Leute wird als Schacherei übel angesehen und wird im Großherzogtum verfolgt. Er ist auch ein Grund, die Aufnahme als Ortsbürger verweigert zu bekommen.

Mit der staatlichen Etablierung des Großherzogtums gehen vielfältige neue Gesetze einher, die die Kommunalaufsicht stärken und Verelendungstendenzen stoppen sollen. Obwohl diese Gesetze im Einzelnen durchaus sinnvoll sind, laufen sie in der Praxis häufig auf eine Verdrängung der ärmsten Schichten hinaus. Das wird sichtbar an der ungeheuer ansteigenden Zahl der Auswanderer aus Hessen.

Das neue Gesetz zur ärztlichen Überwachung der Heildiener (1846) bringt Aaron Ehrmann ( Jahrgang 1798), Sohn des Schutzjuden Ruben von der Ronneburg, der schon seit 30 Jahren mit Schröpfen, Aderlassen, Barbieren und so weiter ein spärliches Auskommen verdient hat, in Bedrängnis.

 

Er sei nun 48 Jahre alt, und es sei „in neuerer Zeit höheren Orts verordnet worden, daß das Aderlassen und Schröpfen nur noch auf Weisung eines Arztes von mir angewandt werden dürfe“. Faktisch läuft die Auflage „auf Anordnung eines Arztes“ darauf hinaus, daß er nicht mehr praktizieren kann. Die Tätigkeit als Heildiener wurde zwar nicht ausschließlich, aber sehr häufig von Juden ausgeübt. Die hier genannten sind alle Juden.

Aaron wäre, wie er sagt, zu allem bereit, wenn es ihm nur gelänge, nach Nordamerika zu kommen. Dazu bräuchte er aber 120 Gulden Reisekosten.  Da der Anspruch auf Heimat ein einklagbares Rechtsverhältnis darstellt, ist es durchaus logisch, daß der Verzicht auf dieses Recht bei der Auswanderung auch in Geld abgegolten wird.

Pächter Koch schreibt in der Sache Ehrmann an die Rentkammer: „Da ich von Ehrmann immer geplagt werde, ich solde ihm doch helfen, daß er ford könne, so wolde ich hohes Colleg doch hiedurch gebeden haben, wen es möglich wäre, ihm doch baldigst ford zu helfen, den er klagt sehr, daß er sich beina nicht mehr ernähren könne. Er mag nichts duhn, und kann sich mit Harschneiden gewis nicht lange mehr emehren ... und daher klaube ich, es wäre gut, wenn er weg kan, dan hette man doch keine Umstende mehr mit ihm.“

Die Rentkammer billigt schließlich 50 Gulden zu. Eine besondere Pointe bekommt dieses Schicksal, wenn man weiß, daß ein Nachfahre dieses Aaron Ehrmann - der Professor Dr. Rudolf Ehrmann, in den 30er Jahren unter die 50 berühmtesten Deutschen gezählt und mit bahnbrechenden Forschungen auf dem Gebiet der Magen-Darm-Erkrankungen befaßt - im Jahre 1939 seinem armen Vorfahren auf der Ronneburg nach Amerika folgte, in seinen mit einem „J“ gestempelten Paß den diskriminierenden Namen „Israel“ eingetragen. Zu seinen bekanntesten Patienten hatten Fritz Kreisler und Albert Einstein gehört.

In den Jahren 1841 bis 1846 wanderten etwa 16.500 Frauen, Männer und Kinder allein aus Hessen, vor allem den oberhessischen Armutsgebieten, zumeist nach Nordamerika aus. Mehr als zehn Familien auf der Ronneburg sind von der Auswanderung ihrer Mitglieder in nur zwei Jahren betroffen. Sie holen ihre Auswanderungspapiere beim Bürgermeister ab, betreiben ihre Entlassung aus dem hessischen Untertanenverband, einige nehmen die Hilfe eines Gelnhäuser Kaufmanns in Anspruch. Manche reisen vom französischen Le Havre ab, manche von Bremerhaven, die meisten aber schiffen sich bei Mainz ein.

Der Kaufmann macht eine Rechnungsaufstellung: 2 Erwachsene 100 Gulden, ein Kind bis 6 Jahre 38 Gulden und commutation money (Umtauschgeld) 12 Gulden. Plötzlich tauchen Umrechnungen in Dollars auf in dieser winzigen, von vielen Grenzen durchkreuzten Welt, im benachbarten Eckartshausen berechnen manche herrschaftlichen Pächter ihr Geld nun in Dollars neben Gulden, Kreuzern und Talern.

 

Mit dem Abzug vor allem der jüngeren Bewohner beginnt die eigentliche Verelendung auf der Burg, denn zurück bleiben die Ärmsten, die kein Dorf aufnehmen will, und die Alten. Sozial- und Arbeitsformen, die bisher auf der Burg bestanden, zerbröckeln. Die Armut war aber kein Problem, das vor allem die Juden betraf. Obwohl ihre Einwohnerzahl höher ist als die der Christen, sind sie nur in gleicher Zahl auf Hilfen angewiesen. Im Gegenteil: aus den Aufgaben, die dem Judenvorsteher Salomon Stern zugeteilt werden, erhält man eher den Eindruck, daß die auf der Burg lebenden Juden noch am ehesten in der Lage waren, halbwegs funktionierende Sozialformen zu erhalten. In Sterns Büro wurde zum Beispiel das Register über die Kosten für die Polizeiverwaltung und die Unterstützung der Armen in Ronneburg für das Jahr 1839 ausgelegt. In diesem Register werden 20 Einwohner mit ihrem Steuerkapital aufgeführt, einschließlich des Pächters Koch und des Grafen von Wächtersbach.

Insgesamt beläuft sich bei den 20 aufgeführten Personen das Steuerkapital auf 1 611 Gulden und drei Kreuzer, wovon allerdings das des Grafen - am Schluß aufgeführt – 1.199 Gulden und 3 Kreuzer ausmacht. Dann folgt in weitem Abstand der Pächter Koch mit 88 Gulden. Der Rest von 3 23 Gulden und einigen Kreuzern verteilt sich auf die restlichen 18 Einwohner - 14 Juden und 4 Christen.

Eine eigentümliche Angelegenheit der Armenpflege ist die Versteigerung, die Veraccordierung, eines Pflegebedürftigen  an den „Wenigstnehmenden“. Dies geschieht auf Verfügung des Kreisrates im März 1839 mit der Witwe Alch Sundhgimer, einer Jüdin, die arbeitsunfähig wegen blinden Gesichts und taub ist. Simon Goldschmidt und Susman Goldstücker finden sich zur Versteigerung ein.

Der kreisrätliche Beamte liest zuerst die Bedingungen vor, die von dem zu erfüllen sind, der den Zuschlag bekommen wird: Er muß die alte kranke Frau „bei sich in die Wohnung aufnehmen, sie ordentlich standesgemäß verpflegen und überhaupt behandeln wie sich bei einem kranken Menschen gehört“. Er muß auch die Feiertags- und sonstigen Kleidungsstücke anschaffen... „überhaupt alles dasjenige was zur standesgemäßen Bekleidung gehört (...)“. Simon Goldschmidt gibt das erste Gebot: 8 Gulden pro Monat. Susman Goldstücker unterbietet ihn um 70 Kreuzer. Schließlich erhält Susman Goldstücker den Zuschlag für 5 Gulden und 50 Kreuzer.

Ein Schreiben des ebenfalls pflegebedürftigen „veraccordierten“ Raphael Sundheimer an die Rentkammer im Oktober 1840 zeigt allerdings, daß die Übernahme einer Pflegschaft noch keineswegs die Versorgung garantiert. So schreibt Raphael Sundheimer wenige Monate vor seinem Tod (19. Februar 1841), „da ich mich Unterzeichneter in meiner Krankheit sehr beleidigt verhalte, indem mein Verpfleger Mayer Hecht keine Zahlung erhält... So möchte ich nochmals eine Erinnerung und unterthänigste Bitte an hochgräfliche Rentkammer zusenden, wie sich das Logie und Kostgeld befindet, wo es ausbezahlet werden soll, auf hochgräfliche Rentkammer Befehl. So möchte ich Gefühlvoll meiner Bitte und Genehmigung der Zahlung die Anweisung gesendet erhalten, daß meine Pflegung ferner fort gestattet wird.“

Knappe vier Wochen vor dem Tod Raphaels schreibt der Beamte des Kreisrates verärgert an die Rentkammer „So höchst unangenehm und verdrießlich es auch ist, beinahe bei allen Geschäften, mit welchen man mit dieser hohen Behörde in Berührung kommt 1, 2, 3, 4 mal monieren zu müssen, so bin ich doch abermahls genötigt, dieses wegen des rubricierten Gegenstandes wiederholt zu thun... denn der Accordant, dem monatlich 6 Gulden 50 Kreuzer zugesichert worden sind, will doch nun bezahlt sein.“.

Wir brauchen nicht viel Phantasie, um uns vorzustellen, daß es in all diesen angebauten, halbbaufälligen Räumlichkeiten der Burg im Winter bitterkalt gewesen sein muß. Der Holzmangel, der überall im Land herrschte, machte sich hier besonders schlimm bemerkbar. .. Der Kreisrat schreibt an die Rentkammer: „Bei der nunmehr eingetretenen Kälte, treten auch wieder die Klagen der Alten auf der Ronneburg wegen Holzmangel ein und die Leute sind um so mehr zu bedauern, da sie alt und arm sind und sich dasselbe weder in den nahegelegenen Waldungen auflesen noch kaufen können. Sie können sich noch nicht einmal eine warm Mahlzeit bereiten, da ihnen das Holz

fehlt.“ Im Jahre 1841 bekommen die fünf Unterstützung bedürfenden Personen je 30 Kreuzer pro Woche. Vier Pfund Roggenbrot kosten 11 Kreuzer 2 Pfennige, ein Pfund ungemästetes Kuhfleisch 9 Kreuzer.

 

Bild: Ruth Brück, hier auf dem jüdischen Friedhof am Fuß des Ronneburg-Berges mit ihrer Enkelin Clara Brück stehend, ist die Ururenkelin von Salomon Stein, seinerzeit. Judenvorsteher auf der Ronneburg. Salomon Steins Enkelin Bertha Stein - Ruth Brücks Großmutter - wurde 1872 auf der Ronneburg geboren. Bezeugt ist dieses Ereignis mit der letzten Geburtsurkunde der Ronneburger Juden, aufbewahrt im Zentralarchiv in Jerusalem. Bertha Stein konnte in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrieren. Ihre Enkelin Ruth Brück überlebte mit knapper Not dank hilfreicher Menschen, die sie und ihre Mutter vor den Nazis versteckten. (pom/Bild: Gisela Lorenzen)

 

Im Februar 1841 stirbt Raphael Suntheimer und Mayer Hecht, der ihn pflegte, stellt eine Rechnung über die Kosten auf, die uns einen, wenn auch nur unzureichenden Einblick in ein jüdisches Armenbegräbnis erlauben. Zwei Nächte saß der Totenwächter bei der Leiche, die wahrscheinlich auf den Boden gebettet und bloß mit einem weißen Leintuch bedeckt war. Raphael Suntheimer starb an einem Blutsturz und deshalb wurde sehr viel Leintuch, nämlich 10 Ellen benötigt.

Nach der rituellen Waschung wird der Tote in das Totenkleid gehüllt. Der einfache Sarg aus fünf Dielen und zwei Latten, die nach der Aufstellung von 60 Nägeln zusammengehalten wurden, stand schon bereit. Ein Bote hatte das Holz aus Altwiedermus geholt. Im Sarg wird der Gebetsmantel, der Tallit ausgebreitet. Dieser Tallit wurde, so merkt Mayer Hecht an, in unserer Gegend, auch „Decke Moses“ genannt. Er kostete ihn zwei Gulden und 30 Kreuzer.

Es ist üblich, in den Sarg feierlich Erde aus Eretz Israel zu streuen. Tatsächlich wurde ein Säckchen mit dieser Erde oder Sand in allen jüdischen Gemeinden aufbewahrt, aber da alle Unterlagen zerstört sind oder verloren gingen, können wir nur vermuten, daß auch die Juden auf der Ronneburg diesen Sand besaßen. Vielleicht hat dieser Brauch zu einer seltsamen Vorstellung der Christen geführt, denn es hieß, die Juden würden dem Toten Steine in den Sarg legen, damit er damit werfen könne, wenn er auf seiner Reise ins Jenseits Christus begegne.

Auch Nähzeug und eine Schere wurden bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts dem Toten mitgegeben, denn leicht konnte sein Gewand auf dem beschwerlichen Weg zerrissen werden.

Der Tallit (Talles) mit den Gebetsfäden, die nun gelöst werden, darf nicht die nackte Haut berühren, also wurde der Leichnam vorher in das Totenhemd gekleidet. Zusammen acht Gulden 30 Kreuzer. Der Platz auf dem Friedhof und das Ausheben machte zwei Gulden. Die bekam der Pächter Koch.

Gleich nach dem Sterben wird ein Licht angezündet, das nach dem Einsargen auf das Kopfende gestellt wird und nach der Beerdigung im Hause weiterbrennt. Dieses Licht sollte bei dem Tod des Vaters oder der Mutter zwölf Monate lange brennen, bei einem weniger nahe stehenden Menschen wenigstens 30 Tage. Für Raphael Suntheimer brannte die Öllampe nur neun Tage lang und verbrauchte in dieser Zeit „5 1/2 Schoppen Ehl“. Das machte einen Gulden und 39 Kreuzer. Die Rentkammer nahm viele Streichungen vor, der Posten für das Lampenöl wurde ganz gestrichen.

 

Ein anderer Konfliktpunkt, den die Armut heraufbeschwört, ist der Schulbesuch der Kinder. 1845 sind die jüdischen Kinder generell den Kindern von Nichtortsbürgern - das sind Ortsangehörige ohne Grundbesitz - gleichgestellt, wie aus einer Verordnung du Thils zu entnehmen ist. (Freiherr Carl Wilhelm Heinrich du Bos du Thiel war unter anderem großherzoglich-hessischer Finanz- und Staatsminister und bis 1848 Regierungs-Chef).

Die Eltern der Ronneburger Schulkinder sind zu arm, das Schulgeld zu entrichten. Deshalb bewilligt der Graf, in diesem Falle großzügig, 25 Gulden jährlich an die Schule in Altwiedermus zu zahlen. Nach zehn Jahren hat sich die Anzahl der Kinder vermindert und es werden neue Verhandlungen geführt.

Die Verhandlungen mit dem Lehrer in Diebach am Haag zeigen, wie man sich eine kleine Dorf-Volksschule vor 150 Jahren vorzustellen hat. Lehrer Lenz hat so wenige Kinder zu unterrichten, daß die Kosten für jedes Kind, das ja unmittelbar zur Ernährung des Lehrers und seiner Familie beitragen muß, ziemlich hoch ausfallen. Die Einschulung der Ronneburger Kinder würde diese Lage verbessern. Deshalb macht der Lehrer ein günstiges Angebot und ist bereit, selbst für „Räume, Sitz, Brennholz, Dinte etc.“ zu sorgen.

Bald ist der Graf mit Zahlungen wieder im Rückstand. Der Gemeindeinnehmer Habermann verfaßt einen Mahnzettel für den „Herrn Grafen“ und fordert bei der Gelegenheit auch noch sechs Kreuzer Schulstrafe für die Versäumnisse der Tochter von Täubchen Schwarzschild. Gegen diese Zahlung erhebt der Graf allerdings heftigsten Einspruch.

Schließlich geht die Sache nach Darmstadt ans Ministerium des Innern und der Justiz, und dort schlägt man zugunsten von Täubchen Schwarzschild und dem Grafen Ferdinand Maximilian III. zu Wächtersbach die Zahlung der sechs Kreuzer nieder.

Aber vor dieser Schulstrafe lag die Revolution. Die Teuerungs- und Hungerkrise hat sich seit 1846 (Mißernte) noch verschärft. Der Winter 1848 ist bitterkalt. Kämpfe in Italien und der Schweiz ermutigen auch die revolutionäre Stimmung in Deutschland. Volksbewaffnung, Presse- und Religionsfreiheit, die endgültige Aufhebung der Feudallasten und die Gleichstellung aller Bürger, auch der Juden, steht auf der Tagesordnung. Die Abdankung des französischen Königs weckt bis nach Deutschland Begeisterung.

Aus Vorhängen, Schnupf- und Handtüchern werden in Eile deutsche Fahnen gemacht. Die Paulskirchenverfassung verspricht die Wahrung staatsbürgerlicher Rechte und Pflichten unabhängig vom Glaubensbekenntnis. Aber nach dem Scheitern der Revolution gibt es Rückschläge auch für die Juden. Die Emanzipationsgesetzgebung wird vielerorts, auch in Hessen-Darmstadt, nicht konsequent durchgeführt. Zumindest das diskriminierende Schutzjudentum ist abgeschafft.

Jedoch bezeichnen die Bürgermeister der Dörfer am Fuße der Ronneburg noch bis in die ersten Jahre des Kaiserreichs die Ronneburger Juden als Schutzjuden, als handele es sich um einen Ehrentitel.

 

Daß es auf der Ronneburg eine Synagoge gab, wissen wir schon. Wo sie lag ist mit letzter Sicherheit noch nicht zu sagen. Die Beschreibung der Inventarliste von 1767 lautet, „...von dem Vorplatz...durch die Tür...befindet sich das sogenannte Gewölb am dicken Turm.. .über dem gewölbten Gemach ist die Judenschule... hat eine Tür. Neben der Judenschule ist die Tür über den dicken Turm.“

Vielleicht ist es der Raum, der unter dem langgestreckten Dach zwischen Bergfried und Zinzendorfbau liegt, zumal auch andere Merkmale zutreffen, wie zum Beispiel die Wohnung unter der Treppe zur Synagoge, in deren kleinem Raum die große Familie Hecht lebte. Die Sandsteintreppe, die zum Turm führt, teilt sich an dieser Stelle, und ein Bogen führt zu diesem großen, im Halbdunkel hinter einer Bretterwand verborgenen Raum.

Bei Aufräumungsarbeiten in den beiden Sommern 1972 und '73 wurde an der Nordwand des Kapellensaales im Pallasgebäude eine Fensternische entdeckt, die mit aufrecht stehenden Backsteinen zugemauert war. Als man die Backsteine wegnahm, quollen aus der Nische neben dem  Bauschutt auch bemalte Scherben, Reste von Büchern in hebräischer Schrift, Gebetsriemen und Reste von Schuhen hervor. Dieser Fund wurde angeblich inventarisiert und die Ledersachen zur Untersuchung ins Offenbacher Ledermuseum gebracht. Die Papierfetzen wurden im Ysenburgischen Archiv aufbewahrt.

Allerdings maß man dem Fund damals offenbar keine große Bedeutung bei. Bisher liegen keine Ergebnisse vor. Man kann davon ausgehen, daß der Fund zerstreut ist, auch die Inventarliste ist nicht mehr auffindbar.

Das ist sehr bedauerlich, denn Forschungen der letzten Jahre legen nahe, daß es sich bei diesem Fund um eine „Genisa“ handelte. In einer Genisa (hebräisch, ursprünglich ein Abstellraum in der Synagoge) wurden unbrauchbar gewordene Schriften und andere Gegenstände aufbewahrt, weil sie - wenn auch oftmals nur im weitesten Sinne - sakrale Bedeutung hatten. Zum Beispiel auch solche bescheidenen Dinge wie die Weidenringe, mit denen die Blumensträuße beim Laubhüttenfest zusammengebunden waren. Deshalb ist es oft nicht leicht zu erkennen, um welch wertvolle Funde es sich bei einer solchen Genisa handeln könnte. Die Frage, wo sich die Mikwe, das Bad für die rituelle Reinigung befand, ist am schwersten zu beantworten. Es mußte lebendiges Wasser, Grund-, Fluß- oder Regenwasser sein. Jedoch ist eine Mikwe in keiner Weise bezeugt. Vielleicht hilft eine andere Spur weiter.

Im Jahr 1873 wird in Altwiedermus, dem Dorf, das der Ronneburg am nächsten liegt, eine winzige Fachwerksynagoge erbaut.

Es ist der Zeitpunkt, wo die jüdische Gemeinde auf der Ronneburg sich durch Wegzug der Einwohner fast ganz aufgelöst hat. Diese kleine Synagoge enthält im Kellerraum ein Mikwe, die heute zubetoniert ist. Da das Häuschen nahe dem Bach und in einem Gebiet mit hohem Grundwasserstand liegt, war die Einrichtung einer Mikwe kein Problem. Der Fachwerkbau befindet sich auf einem Grundstück, auf dessen einer Hälfte 1842 ein Wohnhaus erbaut wurde, das einem Juden gehörte.

Dieses Haus wurde in der Folge an Christen verkauft, aber die Hälfte, auf der später die Synagoge errichtet wurde, blieb im Besitz der jüdischen Gemeinde. Es ist nun denkbar, daß das Bad vielleicht viel älter als die Synagoge ist und schon lange auch von den Juden auf der Burg benutzt wurde, und daß an dieser Stelle, nachdem die jüdische Gemeinde auf der Ronneburg aufgehört hatte, zu existieren, eine neue Synagoge über der alten Mikwe oder in der Nähe errichtet wurde.

 

Am Fuße der Ronneburg, im Burgstrauch, liegt der jüdische Friedhof, der vielleicht sehr alt ist. Genaues weiß man nicht. Der älteste der heute noch erhaltenen 15 Grabsteine stammt aus dem Jahre 1774. Die Inschrift eines anderen Grabsteines aus dem Jahre 1751 ist teilweise überliefert, der Stein selbst heute verschwunden.

Auch der Grabstein des schon erwähnten Judenvorstehers Salomon Stern ist erhalten. Obwohl 1861 gestorben, zu einer Zeit, als die Juden sich schon lange Familiennamen zugelegt hatten, lautet die hebräische Inschrift: „Hier ruht ein Mann, der rechtschaffene und geachtete Salomon, Sohn des Naftali ha-Levi aus Ronneburg. Gestorben mit gutem Ruf am Freitag, dem 15. Elul... Seine Seele sei eingebunden im Bunde des Lebens. Amen.“ Und dann kurz und bündig: „Sela“ = fertig, abgemacht! Eine Ururenkelin dieses Salomon Stern, deren Großmutter 1941 den Nazis mit knapper Not entkam, hat dieses Grab besucht..

Die Beerdigungen auf dem Friedhof im Burgstrauch wurden 1877 vom Grafen untersagt, aber die beiden Schwestern Fanni und Dina Schwarzschild wurden mit besonderer Erlaubnis 1877 und 1884 dort beerdigt. Nachdem Fanni Schwarzschild lange Jahre mit ihrem Mann um die Aufnahme in einer Gemeinde gekämpft hatte, war die Familie schließlich in Mittel-Gründau aufgenommen worden. Fanni wahrscheinlich von Geburten und schwerer Arbeit geschwächt - sie zog mit einem Handkarren durch die Gegend, den sie jahrelang Tag für Tag den steilen Berg zur Ronneburg hinaufschieben mußte - blieben nur noch zehn Jahre in ihrer neuen Heimatgemeinde.

Nachdem die Lebende endlich einen Ort gefunden hatte, wurde die Tote nachmals abgewiesen. Der Eckartshäuser Friedhofsverband verweigerte ihr die Beerdigung. So wurde sie schließlich doch am Orte ihres Ursprungs beerdigt. Warum ihre Schwester auch noch die Erlaubnis bekam, auf dem alten jüdischen Friedhof unterhalb der Ronneburg beerdigt zu werden, wissen wir nicht. Jedenfalls steht ihr Grabstein neben dem ihrer Schwester, und es ist der einzige, der neben der hebräischen Inschrift auch eine deutsche besitzt. Sie wurde „Täubgen“ genannt, obwohl ihr eigentlicher amtlicher Name „Dina“ war. Beide Namen stehen auch auf ihrem Grabstein: In Hebräisch „Täubgen“, in Deutsch „Dina“.

Leider ist von den vormaligen Quellen über die Juden auf der Ronneburg heute ein Teil nicht aufzufinden, so daß wir wenig über die letzte Phase der jüdischen Gemeinde auf der Burg berichten können. Im Jahre 1870 lebten noch etwa 27 Personen, die auf der Ronneburg heimatberechtigt waren, aber zum Teil schon in anderen Ortschaften wohnten_

Im Jahr 1880 gibt es noch sechs Unterstützungsempfänger. Um diese Zeit sind kaum noch Bewohner auf der Burg. Um 1885 kann die Burg wohl alst leerstehend gelten.Im Jahre 1886 soll die letzte Person, die noch Heimatrechte auf der Burg besaß, Betti Goldstücker, im Büdinger Mathildenhospital gestorben sein.

 

 

Scheibe-Alsbach:

Der etwa ein Kilometer außerhalb von Alsbach in den so genannten Sandwiesen liegende Friedhof zählt mehr als 2000 Grabsteine und ist damit einer der großen jüdischen Landfriedhöfe in Deutschland. Seine Einrichtung ist auf das 1616 datiert und ist Resultat der zunehmenden jüdischen Landbevölkerung am Mittelrhein. Im ausgehenden Mittelalter, zu einer Zeit, wo in Mitteleuropa die Pest wütete, wurde die in den Städten wie Mainz, Worms und Speyer seit Jahrhunderten ansässige jüdische Bevölkerung vertrieben, weil man sie für die Ausbreitung der Seuche mitverantwortlich machte. Dadurch kam es zu einer Verteilung der Juden auf. viele Landgemeinden, die dann gemeinsame Friedhöfe außerhalb der Dörfer hatten. In Alsbach sind die Gräber der Juden aus 28 umliegenden Gemeinden, der Friedhof hat eine Größe von 22.500 Quadratmetern

 

Was auf den ersten Blick wie eine bloße Ansammlung von Gräberreihen aussieht, ist in Wahrheit eine sehr differenzierte Aufteilung von Grabfeldern nach Zeiten, Familienstand oder Varianten des jüdischen Glaubens. Auch die Gräber der „Wöchnerinnen“, also Frauen, die nach der Kindsgeburt starben, haben ein eigenes Feld.

Die ältesten, noch vorhandenen Grabsteine sind aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Sie sind heute mehr oder weniger unter Bäumen versteckt, was zwar dem ursprünglichen Landschaftscharakter eines weiten Feldes nicht, mehr entspricht, dem Friedhof heute aber einen besonderen Charakter verleiht. Schon in seiner beeindruckend, bot der Friedhof an diesem sonnigen Herbsttag ein besonders schönes Bild. Waren bis Ende des 19. Jahrhunderts die Steine noch alle aus Sandstein, so setzte sich im 20. Jahrhundert wie auf den christlichen Friedhöfen der Marmor durch. Bis 1941 sind in Alsbach Beerdigungen erfolgt, also noch einige Zeit nach den Ausschreitungen im Jahr 1938.

Am damaligen 9. November wurde das Torhaus des Friedhofes gesprengt. Dazu wurden etwa 600 Grabsteine umgeworfen. Die Schändung jüdischer Friedhöfe ist aber kein ausschließlich historisches Phänomen: Erst im Juni dieses Jahres sind einige der Alsbacher Grabsteine mit Haken-kreuzen besudelt worden.

Sind bei den meistern Grabsteinen die Ortsangaben wie Alsbach, Bensheim und so weiter aus der Nachbarschaft, tauchen hier und da auch amerikanische Städte auf. Hier handelt es Grabsteine, die frühe Auswanderer in die Vereinigten Staaten von Amerika ihren Eltern in der Heimat haben setzen lassen.

Im Gegensatz zum Frankfurter jüdischen Friedhof findet man auf dem Lande keine großbürgerlichen Familiengräber. Allerdings  haben bekannte Familien wie Oppenheimer oder Guggenheim in Alsbach Gräber einiger Verwandter. Insgesamt ist der Friedhof Alsbach mit seinen vielen Gräbern, soweit das heute überhaupt möglich ist, bestens dokumentiert. Wegen des immensen Aufwandes (zum Beispiel für die Entzifferung und Übersetzung der Grabinschriften) ist das eine große Ausnahme.

Zur Information über den Jüdischen Friedhof in Alsbach an der Bergstraße gibt es das gleichnamige Buch von Hartmut Heinemann und Christa Wiener (ISBN-3-921434-22-X). Es kostet 19,80 Euro. Dr. Hartmut Heinemann ist vom Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden, Leiter der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, Autor einer Dokumentation über den Alsbacher Friedhof.

 

Schlüchtern

Geschichte:

Bis ins 12. Jahrhundert läßt sich die Anwesenheit von Juden in Schlüchtern zurückverfolgen, schrieb der in die Vereinigten Staaten emigrierte Victor Reis 1988 in einem Beitrag zur „Geschichte der Israelitischen Gemeinde von Schlüchtern“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren mehr als ein Zehntel der Bevölkerung in der Bergwinkelstadt jüdischen Glaubens, darunter Vieh- und Textilhändler, Kaufleute, Bäcker, Metzger und Schuhmacher sowie einige wenige Unternehmer, wie Victor Wolf (1855-1916), der Gründer der bekannten Dreiturm-Seifenfabrik.

Unterschiedliche Angaben gibt es über die Zahl der Schlüchterner Juden zu Beginn des Jahres 1933. Die Zahl schwankt bei einer Gesamteinwohnerzahl von rund 3300 zwischen etwa 330 und 400. Monica Kingreen, die sich der Geschichte der jüdischen Gemeinden im Main-Kinzig-Kreis verschrieben hat, bezeichnet die Region Schlüchtern diesbezüglich als einen der „unerforschtesten Bereiche“. Schon in den  ersten Monaten der Hitler-Diktatur zog es viele Juden in Großstädte wie Frankfurt und von dort später in die USA sowie nach England und Palästina. Bis zum Mai 1939 hatten 271 jüdische Mitbürger Schlüchtern verlassen.

 

Synagoge:

„Wegen seiner Dimension und des repräsentativen Aussehens“, notiert Thea Altaras in ihrer Dokumentation  „Synagogen in Hessen“, gelte das frühere jüdische Gotteshaus in Schlüchtern vielen als „der richtige Begriff schlechthin für eine Synagoge!“  Noch heute gehört das aus roten Sandsteinquadern auf einem fast kreuzförmigen Grundriß symmetrisch errichtete Bethaus mit seinen auffälligen Schildgiebeln zu den markantesten Bauwerken der ehemaligen Kreisstadt im östlichen Main-Kinzig-Kreis.

Bei der feierlichen Einweihung vor 100 Jahren, am 27. August 1898, schwärmte ganz Schlüchtern von einem Glanzstück „auf einem der schönsten Bauplätze der Stadt“. Für die israelitische Gemeinde. die seinerzeit rund 13 Prozent der knapp 3.000 Einwohner ausmachte, drückte die Synagoge vor allem auch deren Integrationswillen aus. Die prunkende Modernität wurzelte weniger in religiösen Motiven ais in politischer und gesellschaftlicher Bedeutung und sollte, so Thea Altaras, „anschaulich das gleichberechtigte Judentum darstellen“.

Die neue Synagoge wurde, schwärmte die Heimatzeitung, „auf einem der schönsten Bauplätze der Stadt“ errichtet. Auch die Gestaltung des Gebäudes, das binnen zwei Jahren an der Ecke Grabenstraße/Weitzelstraße, die früher Kaiserstraße hieß, entstand, erfüll­te nicht nur die jüdische Gemeinde mit Glück und Stolz. Den Prachtbau im neu-romantischen Stil bewunderte die ge­samte Bürgerschaft als „Glanzstück im Stadtbild“, heißt es.

„Beim festlichen Einzug trugen die Äl­testen die Thorarollen strahlend wie jun­ge Mütter ihre Säuglinge bei den Klängen einer Militärkapelle“, ist von der Einwei­hungsfeier am 27. August 1898 überlie­fert, der sich am nächsten Morgen ein mu­sikalischer Frühschoppen auf dem Felsen­keller in der Bahnhofstraße anschloß.

Die Dimension der neuen Synagoge, die ein bis dato armseliges Bethäuschen in einem versteckten Winkel hinter der Stra­ßenfront in der Obergasse ersetzte, erklärt sich nicht ausschließlich aus der Re­ligiosität der ehedem überwiegend streng orthodoxen jüdischen Gemeinde in Schlüchtern. Die hier dem Bau selbst zugeordnete Wichtigkeit ... sollte „an­schaulich das gleichberechtigte Judentum darstellen“, notierte Thea Altaras in ihrer Mitte der 80er Jahre veröffentlichten Do­kumentation „Synagogen in Hessen“. Im­merhin waren nach Angaben der Lehrerin und Forscherin Monica Kingreen im Jah­re 1900 von 2766 Schlüchterner Einwoh­ner 376 jüdischen Glaubens. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts strebten diese nach Emanzipation und vor allem Assimilation. Mit der neuen Synagoge wurde deren „jüdisches Bewußtsein bestä­tigt, ihr bürgerliches aber dadurch unge­mein gestärkt“, erinnerte der inzwischen verstorbene Heimatforscher Wilhelm Praesent 1988 in einer Festschrift des Heimat- und Geschichtsvereins.

40 Jahre diente die Synagoge, deren Ar­chitektur die unterschiedlichsten Baustile zusammenfügte, und neben Dreipaß, Rad­fenster, Rundbogenfries, Rundbogenfen­sterreihe, Türmchen, Satteldach mit far­bigen Glanzziegeln auch einen orientali­schen Hauch verbreitete, als Bethaus. In der sogenannten „Reichskristallnacht“”, wurde das Gotteshaus angesteckt und ge­plündert. Das im Inneren verwüstete Ge­bäude diente während des Krieges als La­gerhalle, ehe es auf Geheiß der US-Armee

als Kirche wiederhergestellt wurde.

Im Jahr 1955 gelangte das Haus in Privatbesitz und wurde durch den Einzug einer Betondecke zur zweigeschossigen Textilfabrik umgebaut, in der bis 1969 Hemden und Blusen geschneidert wurden. Im Jahr 1970 zog in den oberen Saal die Weitzelbücherei, im unteren Teil war einige Jahre das städtische Verkehrsbüro untergebracht. Schließlich mietete die Stadt den größtenteils aus roten Sandsteinquadern erstellten Bau an und eröffnete darin im März 1995 das „Kulturzentrum-Syna­goge“, in dem nun regelmäßig Kinovorführungen, Konzerte und Ausstellungen stattfinden.

 

 „In ihrer Lebensweise und ihrem Charakter unterschieden sich die Schlüchterner Juden durch nichts von den übrigen Bürgern - außer daß sie, statt zur Kirche. in die Synagoge gingen“, erinnerte sich nach dem Krieg die nach Israel ausgewanderte Irma Wolf an jene Zeit.

Nur 40 Jahre blieb das Bethaus heilig. Als die Nazis sie in der Pogromnacht vor 60 Jahren in Brand steckten, hatten viele Juden Schlüchtern bereits verlassen, waren teilweise emigriert. Mindestens 130 von ihnen wurden in Konzentrationslagern ermordet. Ihre Namen prangen seit voriger Woche auf einer Pergamenthaut in der ehemaligen Synagoge.

Das im neuromanischen Stil mit Radfenstern, Rundbogenfries, Rundbogenfensterreihe. Türmchen und Satteldach errichtete Gebäude, das auch einen Hauch von Orientalität vermittelte, überstand die Nacht zum 10. November 1938 äußerlich weitgehend unbeschädigt. Das Feuer, das im Inneren Schriften vernichtete und Glasscheiben bersten ließ, wurde dank einiger einsichtsvoller Schlüchterner -  darunter dem Löwenwirt Denhard. - rechtzeitig gelöscht. Vermutlich auch wegen der Befürchtung, die Flammen könnten auf eine nahegelegene Tankstelle übergreifen.

Während des Krieges als Lagerhalle genutzt, wurde das Gotteshaus, in dem auch eine Kanzel angebracht war, auf Geheiß der Amerikaner wiederhergestellt. Doch schon Anfang der 50er Jahre wurde es zum Werkhaus und später durch den Einzug einer Betondecke zur Textilfabrik umfunktioniert. Im Jahr 1970 zogen Kreis- und Stadtbücherei und später das Fremdenverkehrsamt ein. Seit 1995 ist sie kommunales Kulturzentrum. Der obere Saal beherbergt Kino und Konzertraum. im unteren Teil sind laufend Ausstellungen zu sehen.

 

Pogromnacht:

Nach der jährlichen Parteifeier in der Turnhalle aus Anlass der Wiederkehr des Tages von Hitlers Putschversuch 1923 notiert Studienrat Kleeberg: „Als ich allein auf meiner Stube nachher war, hörte ich drei Signale. Ich ahnte sofort, was geschehen war. (Ehefrau) Isel kam gelaufen, sie hatte es auch gehört; aber es konnten auch Lastautos gewesen sein. Was mochte in dieser Nacht vorgehen?“

Es wurden antijüdische  „Aktionen“ organisiert. Dazu gehörten auch die Schlüchterner NS-Führer, die seit 1934 mit zahlreichen schweren Übergriffen jüdische Familien drangsaliert hatten. Bis zum Jahre 1933 waren diese überall geachteten Bürger der Stadt Mitglieder in Vereinen, in der Feuerwehr, im Heimatbund, in der Stadtverordnetenversammlung. „Erst im Jahre 1933“, so schrieb Ursula Neuhof, „sind wir zu Aussätzigen geworden, und Schlüchtern hat sich darin hervorgetan“. Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 hatte die NSDAP doppelt so viele Stimmen wie die Sozialdemokraten und das Zentrum zusammen. Die Stadt Schlächtern hatte zu dieser Zeit einen Anteil von zehn Prozent jüdischer Bürger.

Die Exzesse gegen die jüdischen Burger Schlüchterns sind im Zusammenhang mit der reichsweiten Entwicklung nach dem Attentat auf den Legationsrat Ernst vom Rath in Paris zu sehen. Dazu muss für Schlüchtern allerdings deutlich festgestellt werden, dass es sich um örtlich ge­plante und ausgeführte „Aktionen“ han­delt, die zu den frühen kurhessischen Po­gromen zwischen dein 7. und 9. November gehören und zeitlich vor den reichsweiten liegen. Im nordhessischen und osthes­sischen Raum gingen diese Pogrome mit dem Ausgangspunkt Kassel - so der heu­tige Forschungsstand - zwar auf die In­itiative des Reichspropagandaministeri­ums zurück, wurden dann aber koordi­niert von einem „Komplott der regionalen SS sowie des Kasseler SD und der dorti­gen Gestapo im Zusammenspiel mit sol­chen Kreisleitern und örtlichen SA-Füh­rern. die bereits in den zurückliegenden Jahren militante antijüdische  „Aktionen“ organisiert hatten

Am Dienstag, 8. November 1938, schrieb Dr. Kleeberg, Studienrat am Schlüchterner Hutten-Gymnasium, in seinem Tagebuch: „In Paris hat ein junger Jude ein Attentat in der dortigen deutschen Botschaft verübt. Es war vorauszusehen, dass diese Tat zu Repressalien seitens der Nazis führen würde und zu den üblichen Volksentrüstungs-Kundgebungen, die wir zur Genüge kennen. Was wird nun noch mehr geschehen? Es zieht eine Flut von Furcht und Angst herauf“.

In Schlüchtern kam es in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 zu exzessartigen Ausschreitungen gegen die jüdischen Bürger, ihren Besitz. ihr Gotteshaus. ihre Gemeindeeinrichtungen und ihre Friedhöfe.

Schon in der Nacht zum 9. November 1938, so ist aus einer zeitgenössischen Sammlung von Augenzeugenberichten zu lesen. „war die Synagoge heimlich betreten und überall mit Urin besudelt worden. Daher nahmen die Mitglieder der (jüdischen) Gemeinde am Mittwoch (9. November 1938) die Thorarollen heraus und verbrachten sie ins Schulzimmer“ (im benachbarten Gemeindehaus). Es ist anzunehmen, dass die Verantwortlichen der Gemeinde an diesem Tag auch die silbernen Kultgegenstände wie Thorakronen, Thoraschilder und Lesefinger mitgenommen haben. Neben ihren eigenen antiken Ritualgegenständen besaß die Gemeinde auch die aus den aufgelösten Synagogen aus Vollmerz, Oberzell und Altengronau.

In den Ermittlungsakten ist die Rede davon, dass der Brand der Synagoge am Nachmittag des 9. November 1938 von der örtlichen NS-Elite beschlossen, die Befehle an die verschiedenen Stürme gegangen, diese alle an der Synagoge angetreten und am Brande beteiligt gewesen seien. Zur Vorgeschichte notiert Kleeberg: „Die Synagoge in Schlüchtern sollte mit 40 Liter Benzin angezündet werden. Der Löwenwirt als Brandmeister hat es verhindert. In der Nähe befindet sich eine Benzintankstelle, gegenüber der Post, in welcher der Ortsgruppenleiter wohnt. Sonst wären noch mehr Häuser mit angegangen. Das ist eigentlich schade“.

Entgegen den Anweisungen der Verantwortlichen dieses Abends löschte die Feuerwehr unter Leitung des Wehrfährer Adam Denhard den gelegten Brand in de Synagoge; nach zwei Stunden soll er unter Kontrolle gewesen sein. Dabei allerdings von „Rettung der Synagoge“ zu sprechen, scheint nicht ganz legitim, da eher di Häuser in der Nachbarschaft geschützt werden sollten.

   Zur Zerstörung des sakralen Raume der Synagoge, ihrer Entweihung und Schändung finden sich in den Ermitlungsakten nur vereinzelte Hinweise wie „.  .. sah ich von weitem lebhaftes Treiben an der Synagoge, vor der viele Mensche: versammelt waren. Von draußen hörte ich nur starkes Gepolter. Unter SS-Kameraden habe ich in Erfahrung gebracht, daß der Ortsgruppenleiter bei der Zerstörung der Synagoge der Hitler-Jugend frei Hand gewährt hat. Ich sah nur die zertrümmerten Scheiben, die Straße lag voll Scherben und sonstigem zertrümmerter Zeug; HJ-Jungen, die aus der Synagoge herausgestürmt kamen und dabei die Worte gebrauchten: ‚So, nun geht’s in dir Schloßstraßr!“ Über einen Mann heiß es, dass er „mit einigen goldfarbenes Läppchen herumspielte und sich damit wichtig machte, diese von den Gewänden aus der Synagoge mit den Zähnen heraus gerissen zu haben, weil er kein Messer bei sich gehabt habe.

Ein Bild des folgenden Morgens zeichnet der Tagebucheintrag von Studienrat Kleeberg: „Mein Weg zur Schule führt mich an der Synagoge vorbei, schon wo; weitem bemerkte ich eine Ansammlung von Leuten („Menschen“ darf man nicht sagen). Wie ich ahnte, so war es: Das Innere der Synagoge war in Brand gesteckt, noch lagen die Schläuche der Feuerwehr, das Innere war völlig demoliert. Das Blut erstarrt in den Adern über solchen Anblick. Ein Gotteshaus zerstört durch Mob als Rache für einen getöteten Parteigenossen. Die Hitlerjugend hat es auf den Befehl ihrer Führer unternommen. Jungmädels sind bereits gestern Abend 7 Uhr eingedrungen. Es ist ein Gotteshaus! Und die Menschen, die sich hier vergehen, sind nicht mehr wert, den Namen Menschen zu tragen. Und Gott schweigt - oder hält er die Zeit nicht für gekommen? Und man selbst darf nicht einmal seiner Abscheu Ausdruck geben. Alle anständigen Menschen sind entsetzt über das bestialische Volk. Ich schäme mich, Deutscher und ‚Volksgenosse’ dieser braunen Banden zu sein. Es gab Schüler, die erfreut schienen über das Geschehen; ich konnte sie nicht einmal mit einem Pfui strafen“.

Das neben der Synagoge liegende Gemeindehaus, in dem sich das rituelle Bad, die Mikwe, das Schulzimmer und auch die Wohnung des Lehrers befanden, war das Ziel weiterer massiver Angriffe des Abends gewesen. Die Mikwe wurde zerstört. Der Augenzeugenbericht dazu: Es drangen „die SA-Leute ins Schulzimmer, machten dort ein kleines Feuer, das wenig Schaden anrichtete, rissen die Thorarollen von den Hölzern und zerfetzten das Pergament“.

Die Thorarollen, die die fünf Bücher Moses enthalten, sind als Grundlage des Judentums heilig und deshalb reich mit Samtmänteln und Silberkronen geschmückt. Auf diesem Hintergrund ist die tiefe Verachtung, die diesen Taten zu Grunde lag, zu sehen. In einem Feuer im Hof wurden auch Stoffe, Tücher, Gebetbücher verbrannt. Auch die beiden jüdischen Friedhöfe wurden in dieser Nacht entweiht und geschändet.

„In den jüdischen Häusern haben die Eindringlinge vandalisch gehaust“, überliefert der Augenzeugenbericht. Studienrat Kleeberg notierte einige Tage später: Rektor Stapelfeld erzählte mir von den Plünderungen in den jüdischen Häusern widerwärtige Einzelheiten, die er von einer Augenzeugin gehört hat. Auch ein Schüler der Sexta, dessen Vater Sturmbannführer ist, hat sich an den Zerstörungen beteiligt“.

In dem der Synagoge benachbarten Gemeindehaus war im November 1938 eine Wohnung an den Viehhändler Gabriel Hain vermietet. Der 62Jährige hatte seinen seit 1905 in der Fuldaer Straße geführten Viehhandel wegen der Verfolgung aufgeben müssen. Ein Zeuge dieses Abends: „Am 9. 11. 1938 abends hielt ich mich wie viele andere Leute am Zaun vor der Synagoge auf. Von der Grabenstraße aus hörte ich, wie der Hain laut aufschrie. Um Hain zu Hilfe zu eilen, wollte ich über den Zaun setzen, wurde aber von einem SA-Mann, der in Uniform war, zurechtgewiesen“. Gabriel Hain selbst berichtet 1954: „In dieser Nacht im November bin ich schwer misshandelt, meine Wohnung demoliert und geplündert worden. Ich bin blutig geschlagen worden und war mehrere Stunden bewusstlos. Fenster und Türen meiner Wohnung wurden eingeschlagen und Gegenstände demoliert und geplündert. Als Folge der Mißhandlung musste ich das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde in Frankfurt aufsuchen, wo ich seit dem 15. November 1938 in stationärer Behandlung war“.

Der Viehhändler Gabriel Hain hatte eine schwere Gehirnerschütterung mit Schädelverletzung, fünf Monate später konnte er noch nicht wieder gehen. Erst im Juli 1939 konnte er entlassen werden. Im Dezember des gleichen Jahres gelang es ihm, nach Brasilien zu entkommen.

Seine Schwägerin, die Frau des Viehhändlers Abraham Hain, die in der Schloßstraße 4 im Haus von Meier Rothschild wohnte, berichtete von dieser Nacht:  „Anfang November 1938 war mein Mann für einige Tage nach Frankfurt gefahren. Ich war daher allein in meiner Wohnung, als am Abend des 9. November Hitler-Jungen eindrangen. Sie zertrümmerten die Fenster und Türen meiner Wohnung und schlugen mich im Bett mit Knüppeln blutig. Ein Arzt konnte nicht gerufen werden (da niemand sich traute, die Wohnung zu verlassen). Ich denke noch mit Schrecken an diese Nacht und die folgenden Tage zurück. Durch diesen Überfall habe ich einen Nervenzusammenbruch erlitten“.

Moritz Hubert lebte in der Schmiedsgasse 15, wo er gemeinsam mit seinem Bruder Willi eine Rohproduktengroßhandlung führe, die bereits der Vater Isaak gegründet hatte. Ganz Schlüchtern kannte den Reklamespruch der Firma: „Lumpen, Eisen, Knochen und Papier, sammelt Hubert Schmiedsgasse 4.“ Moritz Hubert war damals 65 Jahre alt, wenige Monate zuvor war seine Frau gestorben. Er berichtete über diese Nacht: „In der Kristallnacht drang eine Horde von vier oder fünf Nazis in meine Wohnung ein und misshandelte mich dermaßen, dass ich bewusstlos am Boden liegen blieb. Ein Teil meiner Wohnungseinrichtung und meines Hausrates wurde zertrümmert und zerschnitten, Schubladen wurden erbrochen und Silbergegenstände und wertvolle Schmucksachen, Geld usw. gestohlen. Als Waffe respektive Schlagkolben benutzten sie gedrehte Säulen und andere Teile des Treppengeländers der Synagoge. Blutüberströmt kroch ich, nachdem ich das Bewusstsein zurück-erlangt hatte, ins Versteck in einem Schweinestall. Als ich am nächsten Morgen in meine Wohnung zurückwollte, wurde ich von meinem Nachbarn mit den Worten begrüßt  ‚Du verdammter Jude, Du lebst ja noch. Ich dachte, sie hätten Dich totgeschlagen’.Unter größter Lebensgefahr und körperlich völlig gebrochen flüchtete ich nach Frankfurt, wo ich bei Verwandten Unterkunft fand. Aus Furcht vor weiteren tätlichen Angriffen hielt ich mich in einer Dunkelkammer unter der Treppe etwa vier bis fünf Tage lang verborgen. Als ich, nachdem sich der Aufruhr etwas gelegt hatte, in meine Heimat Schlüchtern zurückkehrte, fand ich an meinem eigenen (!) Hause ein großes Schild mit der Aufschrift ‚Juden ist der Zutritt verboten’. Erst nachdem die Polizei das Schild entfernt hatte, traute ich mich in mein Haus zurück und fand meine Wohnung in vollkommen verwüstetem Zustande vor. Nach diesen Ereignissen konnte ich meines Lebens nicht mehr sicher sein. Es gelang meiner Tochter, für mich die Einreiseerlaubnis nach Südafrika zu erwirken“.

Heute, im Gespräch mit Nachbarn von Moritz Hubert 60 Jahre nach diesem brutalen Akt, ist für mich deren emotionale Erregung noch zu spüren. Sie sind beim Erzählen so aufgebracht, als hörten sie die Schreie noch: „Der ehrlichste Mann wo’s gibt, der kannte nur die Arbeit. Auf einmal war der Teufel los, der Hubert hat’ so furchtbar geschrien, die haben den geschlagen noch und noch, die hauen den tot, hab ich gedacht. Wie ein Stück Viel müssen die den geschlagen haben“. Immer wieder werden diese Worte wieder holt. „Wir sind nicht rausgegangen, haben ihn nur schreien hören, wir hatten selbe Angst, mein Bruder war ja im KZ, ich war SAJ (Sozialistische Arbeiterjugend-) Führer gewesen. Wir haben den Hubert nicht mehr gesehen“.

In der Schmiedsgasse 2 führte die 71jährige Dina Seelig gemeinsam mit der 48jährigen Tochter Rena das kleine Schreibwarengeschäft, wo die Schlüchterner Schulkinder schon seit Jahrzehnten ihre Schulhefte zu kaufen pflegten. Das Bild des folgenden Morgens beschrieb mir ein Nachbar: „Alles haben sie an Papier und Schreibheften aus dem Lädchen rausgeschmissen und auf der Straße vertrampelt, das Geschäft brauchte nicht mehr aufzumachen, da war nichts mehr da“. Ein Zeuge im Ermittlungsverfahren:  „Von Frau Seelig erfuhr ich drei oder vier Tage nach dem 9. 11., dass X und seine Frau sie gemeinsam angegriffen hätten. Frau X hätte ihr heißes Wasser ins Gesicht geschüttet und Herr X selbst habe sie mit der Axt vor den Kopf geschlagen. In besinnungslosem Zustand ist sie dann von den beiden in den Keller gesperrt worden. Ich sah im Gesicht dieser alten Frau verschiedene Wunden. Außerdem hat Herr X nach Aussagen der Frau Seelig einige Möbelstücke mit der Axt beschädigt“.

Auch Löb Adler, damals 77 Jahre alt wurde brutal in seinem Haus in der Kirchstraße 4 überfallen. Gerade eine Woche zuvor war seine Frau Hannchen verstorben. Für die jüdische Trauerzeremonie in den sieben Tagen nach dem Tod befanden sich Töchter und Enkel in Haus, um an ihre verstorbene Mutter um Großmutter zu denken. In der Nacht de 9. November brachen drei SA-Leute in das Haus ein, schlugen den alten Löb Adler zusammen, zerrten ihn dann auf die Straße: alle Nachbarn schwiegen dazu.

 

Grete Windmüller, 29 Jahre alt zu dieser Zeit, berichtet 1961: „Wir bewohnten die erste und zweite Etage des Hause Fuldaer Straße 16. In der Nacht vom 9. zum 10. November versammelte sich vor dem Hause ein lärmender, mit Knüppeln bewaffneter Mob und verlangte Einlass um meinen Ehemann abzuholen. Er war zufällig in Frankfurt. Ich packte in Panik bei Kerzenlicht die notwendigsten Sache; und fuhr am folgenden Morgen mit der Frühzug zusammen mit unserem fünfjährigen Sohn und unserer Hausangestellten nach Frankfurt, um meinen Ehemann vor der Rückkehr nach Schlüchtern zu warnen. Am 10. November, als niemand in unserer Wohnung zurückgeblieben war wurde die Wohnung erbrochen und zahlreiche Sachen gestohlen.

 In der Schloßstraße 10 kam es zu schweren Plünderungen des Geschäftes von Nathan Oppenheimer, der seit Jahrzehnten in Schlüchtern ein Textilgeschäft mit Stoffen gehobener Qualität führte. In dem anderen Teil des Geschäftes wurden Lebensmittel verkauft. Nathan Oppenheimer wurde in dieser Nacht ebenfalls misshandelt. Ein Augenzeuge: „Gegen 23 Uhr hörte ich auf einmal lautes Schlagen, was höchstwahrscheinlich durch Äxte verursacht wurde. Wir konnten beobachten, wie das Zeug (Kleidungsstücke und Textilwaren allgemein) aus der vorher kaputtgeschlagenen Tür herausflogen. So wie das Zeug herausgeschmissen wurde, ist es auch verschwunden“.

Eine andere Zeugin: „Nachts wurden mein Mann und ich durch Scheibenklirren und lautes Gepolter geweckt. Wir standen sofort auf und sahen zum Fenster raus. In der Schloßstraße war ein lebhafter Passantenverkehr. Ich weiß nur, dass der Sohn von X sich als erster an der Plünderung bei Oppenheimers beteiligt hat. Ich habe vom Fenster aus gesehen, dass der Junge des Öfteren in das Haus zurückgekehrt ist. Die HJ und die SA haben sich in der Hauptsache an der Plünderung bei Oppenheimer in der Schloßstraße beteiligt“.

 Und eine weitere Aussage: „In der Höhe des Schlösschens stand ein Pkw. Zwei Mann, die zu diesem Pkw gehörten, waren feste dabei und luden Sachen auf, welche sie aus dem Laden Oppenheimer herausgeholt hatten“. Der Augenzeugenbericht notiert zu Oppenheim: Dort „waren sie von 11 Uhr nachts bis 2 Uhr morgens. Die Spezereiwaren wurden aus den Kästen genommen und dann zusammengeschüttet, die Textilwaren auf die Straße geworfen, wo sie teilweise von der beute-lustigen Menge gestohlen wurden. Ein christlicher Zuschauer erzählte, dass er einen Mann gesehen habe, der fünf neue Hosen über seine alte angezogen habe“.

Als die Kinder am nächsten Morgen zur Schule gingen, lagen Stoffballen auf der Straße verstreut, so dass sie darüber steigen mussten. Studienrat Kleeberg schrieb zwei Tage später in sein Tagebuch: „Else selbst hat es gesehen. Wie bei Oppenheimer, so ist’s überall gewesen. Es war der Mob, der allerdings unter Führung der Hitler, Streicher usw. den Ton angibt“.

Nach dieser Nacht in Schlüchtern wurden am folgenden Tag. Donnerstag, 10. November 1938, mindestens sieben bis zehn Männer, unter 60 Jahre alt, verhaftet und in den Stunden oder Tagen darauf in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Sie mussten dort mehrere Wochen unter schrecklichsten Bedingungen, die viele seelisch zerbrachen, zubringen.

Nach der „Kristallnacht“ flohen zahlreiche Menschen aus Schlüchtern nach Frankfurt, Kinder konnten mit Kindertransporten ins Ausland gerettet werden, junge Frauen als Haushaltshilfen nach England fliehen. Knapp drei Jahre danach begannen die gewaltsamen Verschleppungen der Juden aus Frankfurt in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten, darunter etwa 50 Personen aus Schlüchtern. Wenige jüdische Menschen waren auch in Schlüchtern geblieben, 1942 wurden 26 Personen von dort gewaltsam verschleppt. Keiner überlebte. Nur ihre Namen sind heute in der ehemaligen Synagoge zu lesen.

 Im Mai 1946 erstattete der Bürger­meister von Schlüchtern beim Ober­staatsanwalt in Hanau unter Nen­nung zweier Zeugen „Anzeige gegen die Führer der NSDAP und ihrer Formatio­nen wegen Zerstörung der Synagoge, der jüdischen Friedhöfe, Brandstiftung, Miss­handlung von Personen. Es stehen im Verdacht, die vorbezeichneten Straftaten angestiftet beziehungsweise begangen zu haben: die Führer der NSDAP, Mitglieder der SS. SA, HJ, Zivilpersonen“.

Der Wachtmeister Schlüchterns berichtete über seine Ermittlungen: „Als Haupttrei­ber dürfte der ehemalige Kreisleiter Puth, der ehemalige Ortsgruppenleiter Lecher, der ehemalige Stadtbaumeister, ein ehe­maliger Stabsleiter bei der Kreisleitung in Schlächtern und der Molkereibesitzer anzusehen sein“.

„Es hat den Anschein“, so ergänzt er ei­nige Monate später, „dass Personen, die wirklich etwas wissen, nicht als Verräter auftreten wollen. Es dürfte klar sein, dass Personen, die mit der Judenverfolgung nicht einverstanden waren, an dem fragli­chen Abend ihre Wohnung nicht verlassen haben und dass daher keine einwandfreien Zeugnisse zu ermitteln sind“. Die Täter der schweren Ausschreitungen gegen die jüdischen Schlüchterner sind strafrecht­lich nicht belangt worden.

 

Die Verbliebenen mußten mit ansehen. wie in der Pogromnacht zum 10. November 1938 in Schlüchtern Fensterscheiben jüdischer Häuser und Läden zu Bruch gingen, die Geschäfte geplündert und ihre Besitzer geschlagen wurden. Auch das Innere der Synagoge wurde demoliert und in Brand gesteckt. Daß im Gotteshaus vor 60 Jahren Schriften und Thorarollen in Flammen aufgingen, das Gebäude jedoch bis auf beträchtliche Rußschäden und zersprungene Scheiben weitgehend unversehrt blieb, ist einigen einsichtsvollen Männern der Stadt., unter anderen dem Löwenwirt Denhard, zu verdanken, die unverzüglich die Feierwehr alarmierten. notierte Studienrat Ludwig Kleeberg in seinem Tagebuch. Offenbar befürchteten einige auch, daß das Feuer auf die Benzinvorräte einer nahegelegenen Tankstelle übergreifen und eine Explosion hätte auslösen können. Der Brandschaden in der kurz darauf entschädigungslos enteigneten Synagoge wurde auf 30000 Reichmark geschätzt.

Fünf Tage nach den Ereignissen wurde in Vollmerz auch dem letzten jüdischen Kind der Schulbesuch verboten. Die letzten Juden in Schlüchtern wurde 1942 in die Todeslager deportiert, mindestens 130 dort umgebracht. „Diese Schlüchterner, Elmer und Vollmerzer Bürger wurden während der Zeit des Nationalsozialismus diskriminiert, verfolgt, entrechtet und gewaltsam in Vernichtungslager verschleppt und dort ermordet. Und dies nur weil sie jüdisch waren. Wir erinnern uns an Sie und gedenken Ihrer“, heißt es auf der vom Schriftenmaler Michael Pierot gestalteten Gedenktafel, die seit vergangener Woche in der Synagoge angebracht ist. Schon vor knapp 50 Jahren, am 7. August 1949, hatte die Stadt auf dem von den Nazis entehrten Judenfriedhof in der Stadt ein Mahnmal errichten lassen.

 

Friedhof:

Obwohl die beiden jüdischen Friedhöfe in Schlüchtern entgegen den Gepflogenheiten anderer Orte nicht auf dem „Stadtplan und Wanderkarte Luftkurort Schlüchtern“ verzeichnet sind, lassen sie sich doch auffinden: der alte jüdische Friedhof an der Breitenbacherstraße mit dem Straßenschild „Judenfriedhof“ und der neue Jüdische Friedhof angrenzend an den Städtischen Friedhof an der Fuldaer Straße. Besonders der alte Friedhof ist ein ruhiger beschaulicher Ort, der jedoch im Leben der Stadt ein Schattendasein führt. Aber nicht nur, weil man die Ruhe der Toten achtet, sondern weil an dieser Stelle während der NS-Zeit die ewige Ruhe der Toten gestört und der jüdische Friedhof zerstört wurde. Im Judentum wird ein Friedhof „Haus der Ewigkeit“ oder auch „Haus des Lebens“ genannt. Beides weist auf die rituell unbedingt notwendige ewige Totenruhe für Juden hin. Als es keine Erweiterungsmöglichkeit für den Friedhof gab, legte die Jüdische Gemeinde einen neuen Friedhof an der Fuldaer Straße an.

Die jüdische Gemeinde Schlüchtern, die sich im 17. Jahrhundert gründete, erhielt nach dem Hanauer Historiker Zimmermann zu dieser Zeit auch ihren eigenen Totenhof. Hinweise auf einen Friedhof im 13. Jahrhundert sind nicht belegte Vermutungen. Auf dem rechten Pfosten des Eingangstores ist die Jahreszahl 1798 zu lesen.

 

Eine Vorstellung von Beerdigungen auf diesem Friedhof aus dem Jahre 1890, als die Jüdische Gemeinde mehr als 370 Personen umfasste, erhalten wir im Bericht einer jüdischen Zeitung: „Am 4. des Monats wurden die sterblichen Reste eines ehrwürdigen Mitgliedes unserer Gemeinde zu Grabe getragen. Rabbi Elias Grünstein, der erst vor drei Jahren mit seinem Schwiegersohn aus Romsthal hierher übersiedelte, war in seiner Jugend 16 Jahre lang Lehrer in Romsthal und ist später zum Geschäftsstande übergetreten. 36 Jahre lang war er der Vorsteher der Gemeinde Romsthal-Eckardroth und widmete sich unter allen Verhältnissen dem Thorastudium bis in sein hohes Alter von 82 Jahren. Rührend war es anzusehen, wie der alte Mann, dem das Augenlicht nur noch mangelhaft zu Gebote stand, stets einer der frühesten Andächtigen in unserer Synagoge war. Sein Bestreben war es stets, auch seine Kinder und Enkel nach den Vorschriften des heiligen Religionsgesetzes zu erziehen, und zeigte sich die allgemeine Verehrung des Verlebten in der zahlreichen Betheiligung bei dem Leichenbegräbniß aus der Nähe und Ferne“.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden in Schlüchtern auch Gräber verstorbener jüdischer Menschen verwüstet. Moritz Hubert, dessen Frau zu Beginn des Jahres 1938 gestorben war, berichtete: „Das Grab meiner lieben Frau wurde von den Nazis mehrere Male heimgesucht und der Grabstein herausgerissen, was mich veranlaßte, denselben zu legen und mit Eisen zu verankern“.

Die Rechtsvertreter der Jüdischen Gemeinde Schlüchtern sahen sich im April 1940 gezwungen, den Grund- und Gebäudebesitz zu verkaufen. Die Stadt konnte die Synagoge an der Grabenstraße, den al ten Friedhof mit 3.500 Quadratmetern sowie den neuen jüdischen Friedhof mit 1730 Quadratmetern „günstig“ erwerben. Der Kaufpreis ging an eine von der Gestapo kontrollierte Zwangsorganisation für Juden. Zum Recht auf ewige Totenruhe hatten die jüdischen Verkäufer gegenüber der Stadt lediglich folgenden Passus erwirken können: „Auf dem Grundstück befinden sich noch eine Anzahl von Judengräbern, bei denen die Liegefrist von 30 Jahren noch nicht abgelaufen ist. Die Stadt wird die Genehmigung zur vorzeitigen Verweltlichung auch dieses Teils des Totenhofes betreiben. Solange diese Genehmigung nicht vorliegt, verpflichtet sich der Käufer, den in Betracht kommenden Teil des Grundstücks vorläufig nur als Lagerplatz zu benutzen und keine Änderungen an und in der Erdoberfläche vorzunehmen“.

Einem staatsanwaltlichen Ermittlungsbericht ist 1946 zum alten Friedhof zu entnehmen: „Im Rahmen der Gewalttaten gegen Synagoge und Juden im November 1938 wurde von unbekannten Tätern auch der jüdische Friedhof in Schlüchtern in Mitleidenschaft gezogen. Die Umfriedung wurde zerstört, einige Grabsteine wurden umgeworfen. Der Friedhof wurde zum Tummelplatz für jedermann. Die Gräber und Grabsteine blieben zu allergrößter Teilen unbeschädigt“.

Die Stadt Schlüchtern verkaufte das Gelände des alten Jüdischen Friedhofes 1941 mit Gewinn weiter an die Seifenfabrik Heinlein, „Ariseur“ der berühmten Schlüchterner Seifenfabrik Viktor Wolf Der jüdische Friedhof wurde vor allem zerstört, als die Firma in der Zeit von Herbst 1943 bis Frühjahr 1944 einen Erweiterungsbau der Wäscherei errichtete, wozu „beschädigte und unbeschädigte Grabsteine des alten Judenfriedhofes verwendet” wurden. „Die Grabsteine wurden mit Brecheisen und Kreuzhacke herausgehoben und wurden dann auf einem Pritschenwagen abgefahren. Steine, die zum Transport zu schwer waren, wurden so an Ort und Stelle zerschlagen. Der größte Teil der Grabsteine hat noch auf den Gräbern gestanden. Wenn sie zerbrochen sind, so geschah dies erst bei dem Herausheben“. Sie wurden zum Bau eines 30 Meter langen Sockels von 30 Zentimeter Höhe verwendet, außerdem zum Bau der zwei Meter langen, 80 Zentimeter hohen und 40 Zentimeter breiten Seitenmauer des Wäschereigebäudes. Außerdem wurde der Bodenbelag des mehr als zwölf Quadratmeter großen Trockenraumes aus den Grabsteinen des Jüdischen Friedhofes hergestellt. „Zwei Arbeiter hatten sich geweigert, Grabsteine zu vermauern“. Für die Bauarbeiten wurden wohl vor allem „die Grabmale aus Sandstein“ verwendet, während Marmor- und Granitgrabmäler für 250 RM an den örtlichen Steinmetzmeister verkauft wurden.

„Die Steine sollten umgearbeitet werden und wieder zu Friedhofszwecken verwendet werden“, berichtete er 1947, doch „durch den anhaltenden Krieg blieben die Grabsteine auf meinem Lager stehen“. Nach dem Krieg gingen die amerikanischen Behörden der Schändung der Synagoge und des Friedhofes nach und fanden auch die noch vorhandenen Grabsteine im Lager des Steinmetzs. „Nach Kriegsende mußte ich auf Veranlassung der Militärregierung“, so der Steinmetz, „die Grabsteine wieder an Ort und Stelle aufmontieren“. Das waren wohl die 26 Marmorsteine, die heute auf dem kleinen Reststück des jüdischen Friedhofes zu finden sind. Es ist nicht anzunehmen, dass sie auf den ursprünglichen Gräbern errichtet wurden.

Jedenfalls erstattete der Schlüchterner Bürgermeister Bertram am 25. Mai 1946 beim Oberstaatsanwalt in Hanau Anzeige gegen „Führer der ehemaligen NSDAP und ihrer damaligen Formationen wegen Zerstörung der Synagoge, der jüdischen Friedhöfe, Brandstiftung, Mißhandlung von Personen“. Parallel dazu interessierte sich im August 1946 die amerikanische „Civilian Property Control Agency Landkreis Schlüchtern Exhibit C“ für die gewaltsame Zerstörung des jüdischen Friedhofes und fand heraus: „Die Firma hat sich bemüht, teilweise sogar erst kürzlich, die gravierten Namen und Inschriften der Grabsteine unleserlich zu machen, indem sie die Oberflächen ausmeißelte. Trotzdem können die Steine jenseits allen Zweifels als Grabsteine identifiziert werden, vor allem jene auf der linken Seite des Fundamentes dieser Backstein-Baracke, wo hebräische Schriftzeichen deutlich zu erkennen sind“. Interessant ist übrigens auch der Hinweis auf das Schicksal weiterer Grabsteine: „Grabsteininschriften auf den Kellerstufen eines Kaufhauses, die durch Ausmeißeln ausgemerzt wurden, sind ebenfalls nicht zu übersehen“.

Im November 1946 war die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft gegen den Seifenfabrikanten, dessen Prokuristen und den Steinmetzmeister „wegen Zerstörung von Grabmälern“ erstellt. Vor dem Amtsgericht Schlüchtern kam es im September 1947 zum Prozess. Die Angeschuldigten gaben im wesentlichen den ermittelten Sachverhalt zu, bestritten aber, sich dadurch strafbar gemacht zu haben. Das Urteil „wegen Schändung des Friedhofes“ sah für den Fabrikbesitzer und auch den

Prokuristen eine Geldstrafe, für den Steinmetz hingegen Freispruch vor. Beide Seiten waren mit dem Urteil unzufrieden und legten Berufung ein.

Der hessische Justizminister wandte sich im Februar 1948 an den zuständigen Oberstaatsanwalt mit der Bitte, „in der Berufungsverhandlung mit Nachdruck für eine Verurteilung der Angeklagten zu einer höheren, ihrer Straftat angemessenen Strafe einzutreten“. Er begründete: „Selbst wenn durch die damaligen nationalsozialistischen Verwaltungsbehörden eine vorzeitige Verweltlichung des jüdischen Friedhofes in Schlüchtern angeordnet oder genehmigt worden wäre, so widerspräche doch eine solche schon aus Gründen der Pietät dem auch damals gültigen natürlichen Rechtsempfinden und den allgemeine geltenden Rechtsgrundsätzen, so daß ein solcher Verwaltungsakt niemals als rechtens anerkannt werden kann. Dies muß aber den Angeklagten bei Begehung der Tat bewußt gewesen sein“. Weiterhin führte er aus: „Jedenfalls muß der Eindruck verhindert werden, als sanktioniere ein heutiges Gericht derarWige, den Charakter der Rassenverfolgung offensichtlich zur Schau tragende Maßnahmen nationalsozialistischer Organe. Über den Ausgang bitte ich zu berichten“. Die Berufung vor dem Landgerichts Hanau im September 1948 hatte „im wesentlichen den gleichen Sachverhalt ergeben“. Für die Urteilsfindung war relevant, dass die Angeklagten „nicht aus nationalsozialistischer und antisemitischer Gesinnung gehandelt haben“. Das Gericht verwarf die Berufungen der Angeklagten und verhängte Geldstrafen.

Nach 1945 musste der ehemalige Besitz der jüdischen Gemeinde zurückerstattet werden. Die Seifenfabrik erwarb den großen Teil des ehemaligen Geländes des Friedhofes. Nur das kleine Grundstück von 821 Quadratmetern, ein Bruchteil des ehemaligen Friedhofes, blieb als Friedhof erhalten.

Im März 1946 wurde der „Landrat für die Wiedererrichtung verantwortlich“ gemacht, ebenso wurden ihm „die Ermittlungen der Zerstörer des jüdischen Friedhofes zur Auflage“ gemacht. Entsprechend konnte er einen Monat später berichten: „Der Friedhof ist in Ordnung gebracht, die Grabsteine sind aufgestellt, die Wege ausgebessert und ein neues Eingangstor mit einem Kostenaufwand von 900 RM eingebaut worden. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 2 475 RM“.  Für die auf Anweisung des amerikanischen Stadtkommandanten im Januar 1946 „wiederhergestellte“ Synagoge hatte die Stadt Schlüchtem „Kosten für die Beseitigung der Schäden“ in Höhe von 30.000 RM bezahlt, die „besonders von Naziaktivisten getragen werden“ sollten.

 

Die seltene Tatsache, dass in Schlüchtern auf dem kleinen Stück des „wiederhergestellten“ alten jüdischen Friedhofes im Jahre 1949 ein großes Denkmal mit den Namen ermordeter jüdischer Bürger des Kreises errichtet wurde, ist der jüdischen Familie Kohn zu verdanken.

Alexander Kohn war 1914 als junger Mann nach Schlüchtern gekommen. Dort heiratete er Paula Adler aus Hintersteinau und eröffnete eine Zigaretten- und Zigarrenhandlung in der Obertorstraße. Paula und Alexander Kohn waren Sozialdemokraten und engagierten sich im öffentlichen Leben. Nur wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Alexander Kohn gemeinsam mit 20 anderen Männern aus der Region verhaftet und mehrere Wochen im ehemaligen Gerichtsgefängnis Schwarzenfels gefangen gehalten. „Aus dieser Haft wurde ich nur unter der Bedingung entlassen, daß ich sobald wie möglich auswanderte. Bis zu meiner Auswanderung stand ich unter Polizeiaufsicht und mußte mich täglich zweimal auf dem Rathaus melden“. Im September 1933 verließ das Ehepaar mit der 11jährigen Tochter Margret Schlüchtern und ging ins Sudetenland. Im November 1942 wurden die Familie in das Ghetto Theresienstadt verschleppt, Margret von dort nach Auschwitz. Ende des Jahres 1945 kam die Familie Kohn nach Schlüchtern zurück. Sie waren die einzigen, die die Deportation überlebt hatten.

 „Als wir zurück kamen“, erzählt Margret Zentner-Kohn, „waren wir so erbost darüber, was mit dem Friedhof geschehen war. Das tut man einfach nicht als anständiger Mensch, alte Grabsteine verstorbener Menschen wegzuschaffen! Für das Denkmal hat meine Mutter die Initiative ergriffen. Wir waren sozusagen die jüdische Gemeinde Schlüchtern, meine Eltern verstanden sich als stellvertretend für die einst so große jüdische Gemeinde, deren Mitglieder nun ermordet waren“.

Am Sonntag, dem 7. August 1949, fand auf dem „wiederhergestellten“ Jüdischen (Rest) Friedhof auf Einladung der „Jüdischen Kultusgemeinde Schlüchtern i.A. Alexander Kohn“ die „Einweihungsfeier des Gedenksteins für die jüdischen Opfer  des Nationalsozialismus aus dem Kreis Schlüchtern“ statt. Fünf große Gedenksteine mit damals 102 Namen der Ermordeten trug die Inschrift „Zum ewigen Gedenken an die Märtyrer der jüdischen Gemeinden im Kreis Schlüchtern 1933-1945“. Neben dem Schlüchterner Bürgermeister Hans Bertram und dem Landrat Jansen nahm als Vertreter des Regierungspräsidenten Oberregierungsrat Ullrich teil, den Alexander Kohn noch aus der Zeit vor 1933 kannte, als dieser Parteisekretär der Landes-SPD gewesen war. Auch Hans Berthold sprach, er war Schulkamerad von Paula Kohn gewesen und hatte selbst die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau als politisch verfolgter Sozialdemokrat kennengelernt.

Eine wichtige Rolle bei der Errichtung des Denkmals dürfte auch der Lehrer und Heimatforscher Wilhelm Praesent gespielt haben, ein aufrechter christlicher Mann mit klaren antinationalsozialistischen Einstellungen, dessen Heimatbegriff auch immer das Bewusstsein des selbstverständlichen Rechts der jüdischen Bürger einschloss. Als Vertreter des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen nähen der Wiesbadener Jack Matzner teil, selbst ein Überlebender verschiedener NS-Lager, ebenso Kantor Wartenberg. Vom Landesverband der Verfolgten des Naziregimes war Frau Guttmann anwesend. Diese Gedenkfeier war eine Veranstaltung der Verfolgten und antinationalsozialistischer Repräsentanten.

 

Bereits im Vorfeld muss es zu größeren Unstimmigkeiten gekommen sein, denn Lehrer Praesent fand es notwendig, in der Bergwinkelchronik festzuhalten: „Der evangelische Kirchenchor untersagt seine Mitwirkung“. In der Einladungskarte war der Chor bereits aufgeführt. Seine Ansprache begann Lehrer Praesent mit dem Hinweis: „Ein seltsames und bedeutungsvolles Zusammentreffen: Am gleichen Tage, an dem die liebe alte Stadt Schlüchtern sich fröhlich (sie!) der Wohltat ihres Mitbürgers J. J. Weitzel erinnert, wird auf dem Boden gleicher Stadt der größten Untat dieses Jahrhunderts gedacht, und Menschen versammeln sich zu der unheimlichsten Begräbnisfeier, die je im Kinzigtale begangen wurde, zu einem Begräbnis, bei dem die Toten fehlen“. Der jüdische Kantor sang des Kaddisch-Gebetes zum Gedenken an die Ermordeten in den verschiedenen Vernichtungslagern. Alexander Kohn übergab - so berichtete die Frankfurter Rundschau - „im Auftrage der jüdischen Kultusgemeinde Schlüchtern den Gedenkstein in den Schutz der Stadt Schlüchtern. Der Bürgermeister übernahm das Ehrenmal für die 102 umgekommenen jüdischen Mitbürger aus dem Kreise Schlüchtern mit der Versicherung, daß der Boden, auf dem ... die verstorbenen Mitbürger bestattet wurden, wieder zu Ehren komme“.

Lehrer Praesent ging auf diese Bitte von Alexander Kohn ein: „Die Eingeladenen zu dieser Weihestunde sind ein paar Menschen aus dem Rest der ehemaligen Schlüchterner Judenschaft und einige auswärtige Vertreter der Judenheit. Kommen sie sich zu rächen? Wir haben es gehört, sie kommen mit einer Bitte zu uns: Diese fünf Steine, das einzige Andenken an unsere Lieben, achtet sie, wie alle guten Menschen die Stätte und die Zeichen des Totengedenkens in Ehren halten. Wir geben sie in euren Schutz. Sonst haben wir keine Forderung an euch“.

Seine Rede widmete Lehrer Praesent den Ermordeten: „Nur die Namen sind gegenwärtig, eingemeißelt in den Steinen, die nun vor uns enthüllt wurden. Viele ihrer Träger habe ich gekannt, aber nur von einer der abwesenden Toten treibt es mich zu reden. In einer der vielen Reihen lese ich den Namen Margot Grünfeld (geb. 17. April 1927 in Vollmerz). Wer war Margot Grünfeld? Im Jahr 1938 traf ich eines Tages in dem Schulhof einer Dorfschule des Kreises ein und sah das jüdische Kind zum ersten Mal. Es stand, ein schwarzhaariges, schwarzäugiges Mädchen, 11 bis 12 Jahre alt, sauber gekleidet, die Hände auf den Rücken gelegt, allein und unbeweglich an der Mauer des Schulhauses in jeder Pause, durch Monate hindurch. Ein verfemtes Judenkind, ausgestoßen aus der fröhlich lärmenden Gemeinschaft der spielenden Altersgenossen. Es starrte vor sich hin, ohne daß sein Auge etwas von der Umwelt aufnahm, ohne daß von innen her ein lebendiges Licht aufgetaucht wäre. Eine menschliche Larve. Ich fragte, ob es nicht einen Blumenstrauß am nahen Rain pflücken wolle, ob es nicht ein Frühstück bei sich trage, ob es nicht morgen seinen Ball mitbringen könne zum Zeitvertreib. Es blieb stumm, obwohl es das Wohlwollen in meinen Fragen spüren müßte. Kein Zug in seinem Gesicht veränderte sich. Starr, tot, leer, ausgehöhlt, ohne Beziehung zur Außenwelt, ein lebendiger Leichnam. Am anderen Tag hatte es keinen Ball mitgebracht, wie mir schon meine Kollegen, die sich gleich mir um das Kind bemüht, vorausgesagt hatten. Eine Süßigkeit in die Hand gedrückt, änderte nicht das geringste. Die Finger schlossen sich ohne Freude um die aufgedrängte Gabe, kein Echo eines Gefühls kam, kein Blick, kein Wort. Es war entsetzlich! Und ebenso entsetzlich war die wirklich totale Gleichgültigkeit seiner Schulkameraden. Sie nahmen kein Ärgernis mehr an dem toten Gehäuse - die Periode der Schmähungen und Peinigungen war vorbei - es war weniger als ein Stein, den sie wenigstens einmal mit dem Fuß stießen, weniger als Straßendreck, dem sie wenigstens bewußt auswichen, es war weniger als Luft, die sie wenigstens an den frischen, warmgetollten Wangen empfanden. Noch nicht einmal mehr als Objekt ihrer nationalsozialistisch geschulten Bosheit kam das Mädchen in Betracht. Es war einfach nicht mehr da! Es waren hier beieinander eine ermordete Kinderseele und die vollendete Unbarmherzigkeit in anderen Kinderseelen. Etwa 1933 war Margot Grünfeld in die Schule gekommen, ihre ganze Kindheit, sonst die glücklichste Zeit des Menschenlebens, hatte unter dem Zeichen des von Monat zu Monat wachsenden Judenhasses gestanden. Die alleinstehende Mutter war arm.

Nur noch eine alte Jüdin lebte außer der Mutter und Tochter Grünfeld im Dorfe. Das Mädchen hatte niemals eine freundliche Gemeinschaft, niemals eine glückliche Stunde erlebt. Wen überkommt nicht der Menschheit ganzer Jammer bei der Vorstellung davon, wie dieses Kind in die Stunde des letzten Grauens gestoßen wurde, einerlei, wie es den unschuldigen Opfer(!)-Tod erlitt, bewußt und voller Schmerzen oder unbewußt und schnell? Ein einziges Schicksal von den vielen, die in den 102 Namen beschlossen liegen“.

Die 15jährige Margot und ihre 45jährige Mutter wurden am 30. Mai 1942 aus ihrem Haus in das Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen verschleppt und dort vergast. Viele Namen vor allem aus den Orten des Kreises Schlüchtern fehlten. In den folgenden Jahrzehnten scheint der jüdische (Rest)Friedhof mit seinem Denkmal ebenso in Vergessenheit geraten zu sein wie das gegebene Fürsorge-Versprechen der Stadt.Nach Kriegsende kehrte nur ein einziger Überlebender, Alex Kohn, nach Schlüchtern zurück. Für die Woche der Begegnung hat die Stadt jetzt rund 90000 Mark zur Verfügung gestellt.         

Die Stadt Schlüchtern hatte 1998 ehemalige jüdische Bürger der Stadt eingeladen. Der Friedhof war erstmals wieder Ort des öffentlichen Gedenkens. Der Künstler Ulrich Barnickel hat eine Gedenkstele geschaffen, die an die ermordeten jüdischen Bürger der Stadt erinnert. Sie soll die bereits 1949 aufgestellten Gedenksteine ergänzen, die stark verwittert sind.. Das, was heute als „der alte jüdische Friedhof“ bezeichnet wird, ist allerdings lediglich eine Fläche von weniger als einem Viertel des ehemaligen Jüdischen Friedhofes.

Leider hatte die Stadtverwaltung Anregungen im Vorfeld der Besuchsvorbereitung nicht aufgegriffen, den Gedenkstein aus Anlass dieser Einladung zu säubern und in Stand zu setzen. Entsprechend „enttäuscht waren viele der Besucher über den schlechten Zustand des zentralen Gedenksteines. Der Zahn der Zeit hat daran derart genagt, dass die meisten Namen nur noch schwer zu erkennen sind“, schrieben die Kinzigtal Nachrichten. Da diese Namen nach Auskunft eines Fachmannes angeblich nicht zu erneuern seien, setzten sich ehemalige jüdische Schlüchterner für ein neues Denkmal auf eigene Kosten ein. Auf der drei Meter hohen Stele steht auf hebräisch „Zum ewigen Gedenken“ und „Zum Gedenken aus Schlüchtern deportierten und in den Konzentrationslagern ermordeten jüdischen Bürger Schlüchterns 1933-1945“. Darunter die Namen der Ermordeten: 114 Personen aus Schlüchtern, zehn Menschen aus Vollmerz und drei Personen aus Elm. Diese Namen sind von Monica Kingreen im Auftrag der Stadt Schlüchtern erarbeitet und im Vorraum der ehemaligen Synagoge auf Gedenktafeln festgehalten. Somit existiert nun in Schlüchtern die merkwürdige Situation, dass an drei Stellen die Namen von in der NS-Zeit ermordeten jüdischen Bürgern der Stadt zu lesen sind. Über ihr alltägliches Leben und die Verfolgung indessen besteht keine Möglichkeit, etwas zu erfahren. Auch die Namen der Menschen, deren ewige Totenruhe gestört und deren Grabsteine zertrümmert w erden, sind noch unbekannt.

 

Wertung von Frau Wittrock:

Überzeugte Nazis oder Opportunisten? Die Nationalsozialisten waren in der Regel keine besonderen Bösewichte, aggressiven Schläger, Kriminelle oder Sadisten. Sie waren oft höchst durchschnittliche, auf ihr Fortkommen bedachte Menschen, die gelernt hatten, sich anzupassen. Dr. Christine Wittrock verdeutlichte dies in einem Vortrag am Beispiel von Schlüchtern.

Die Forscherin, die im Auftrag des Main-Kinzig-Kreises die Geschichte des Nationalsozialismus im Kreis untersucht, gestaltete den Auftakt der Schlüchterner Veranstaltungsreihe „60 Jahre danach ... die Pogromnacht vom 9. November 1938“. Der Magistrat setzt damit die Arbeit an einem bisher weitgehend tabuisierten Thema fort, die mit dem Besuch ehemaliger Schlüchterner Bürger jüdischen Glaubens vor wenigen Wochen einen Höhepunkt hatte.

„Brisanz“ war Wittrocks Vortrag schon im Vorfeld bescheinigt worden, da sie Namen nennen würde, Namen von Schlüchterner Bürgern, die belegen, daß die Täter keineswegs nur fremde, anonyme Figuren waren, sondern Nachbarn.

Der Auszug aus der  „Alltagsgeschichte von gläubigen Anhängern, Opportunisten und Provinzhonoratioren“ stieß auf entsprechendes Interesse. Die rund 90 Teilnehmer im Kulturhaus Synagoge repräsentierten alle Altersstufen zwischen Jugend und Rentner.

Die Forscherin wollte jedoch keine sowieso zu spät kommenden Urteile sprechen. „Verstehen vor Ort, warum der Nationalsozialismus über Jahre für so viele Bürger attraktiv war“, umriß sie ihren Ansatzpunkt. Im Kreis Schlüchtern hatte die NSDAP besonders schnell Fuß gefaßt: über 19 Prozent der Stimmen bereits bei den Reichstagswahlen 1930, in der Stadt drei Jahre später 1271 Stimmen gegenüber 448 SPD, 121 Zentrum und 146 Kampffront schwarzweiß-rot.

Eine Teilerklärung: Der Kreis Schlüchtern galt in den zwanziger Jahren als Notstandsgebiet. Eine andere: Die von Rassismus und Sozialdarwinismus geprägten weltanschaulichen Verhältnisse und „die Bereitschaft zu Unterwerfung, Gehorsam und obrigkeitsstaatlichem Denken“.

Wittrock fand bei den untersuchten Lebenswegen zwei Gemeinsamkeiten: „Das Anpassen, das Sich-Unterwerfen unter die herrschenden Verhältnisse oder das begeisterte Mitmachen, getragen von faschistischer Überzeugung oder gläubiger Anhängerschaft.“

Mancher, der sein Fähnlein in den Wind hängte. ist damit auch nach 1945 gut gefahren. Beispiel Johannes Kress. Kreisoberinspektor: Anfang der dreißiger Jahre sympathisierte der als fleißig und gewissenhaft geschilderte leitende Beamte im Landratsamt Schlüchtern noch mit der SPD. „1933 schwimmt er im großen Strom mit und tut das. was alle seine Kollegen tun: Er schließt sich den Nationalsozialisten an. Im Rahmen seiner Verwaltungstätigkeit muß er auch mit dem Sicherheits-Dienst zusammenarbeiten, zum Beispiel bei der Aufstellung von Listen über Regierungsgegner, die zu bestimmten Zeitpunkten verhaftet wurden.“

Zwar wird Kress 1945 für eineinhalb Jahre in ein Internierungslager gebracht. Aber er kann seine Karriere fortsetzen. Wittrock: „Der Kreistag beschließt Ende der vierziger Jahre sogar, ihm eine Kreisamtmannstelle offen zu halten bis sein Spruchkammerverfahren abgeschlossen ist, obwohl eine solche Verfahrensweise verboten ist. Der Sprung zurück in den Staatsdienst gelingt ihm ohne größere Schwierigkeiten. Dem ‚hochverdienten Beamten’ Johannes Kress wird 1960 das Bundesverdienstkreuz verliehen.“

Aber auch auf andere Weise hat mancher ganz ungeniert profitiert. In der Pogromnacht des 9. November 1938, organisiert von der NS-Elite (laut Wittrock Ortsgruppenleiter Lecher, Kreisleiter Johannes Puth, Molkereibesitzer Alfred Ziegler, Stadtbaumeister Heinrich Stiebeling, Ingenieur Wilhelm Schulz, SA-Führer Heinrich Völler und SS-Führer Max Ritschke) fiel reichlich Beute ab, wie die Forscherin berichtete. Aus den überfallenen jüdischen Häusern stahl der Pöbel ungeniert wasch­körbeweise Hausrat und Kleidung. Zumeist Frauen hätten diese Arbeit erledigt, voran die Frau des Ortsgruppenleiters Heinrich Lecher, eines Postinspektors, der die NSDAP in Schlüchtern mit aufgebaut hatte. Wittrock: „Schneidermeister Manns deckt sich mit Stoffen aus Oppenheimers Laden ein. SA-Mann Heinrich Baist läßt einen Herrenmantel mitgehen und Polizeimeister Lorenz Wolf baut sich aus dem aus der Synagoge herausgerissenen Holz einen Hasenstall.“ In der Berichterstattung der Schlüchterner Zeitung werden sie zu „Demonstranten“, die  „mustergültige Disziplin“ bewahrt hätten.

Immer einig waren sich die Machthaber jedoch keineswegs, wie Wittrock herausfand. Selbst Angehörige der Führungsriege gerieten in das Räderwerk der Bespitzelung und Verdächtigungen. So der Gutsbesitzer und Kreistagsabgeordnete Richard Wegmann vom Röhrigshof, ehemals Führer der Deutschnationalen, der sich mit einer flammenden Rede beim Hissen der Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus zu den Nazis bekannt hatte. Er wurde im August verhaftet und schließlich mit einem Verweis bestraft, weil er einen seiner Zuchtbullen auf den Namen  „Hitler“ getauft hatte, was als Beschmutzung „des heiligsten Gefühls eines jeden Nationalsozialisten“ gewertet wurde.

 

 

Wiedereinweihung der Synagoge:

Der Antrag der BISS. einen Gedenkstein in Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Schlüchterner Juden aufzustellen, entfachte vor dreieinhalb Jahren noch eine scharfe Debatte und stieß vor allem in Reihen der CDU auf Widerstand.

Zum 100. Jahrestag der Einweihung der Synagoge haben sich die kommunal-politischen Vorzeichen zwischenzeitlich verändert. Nach einem Besuch der heute in Jerusalem lebende Ruth Grünspan in ihrer alten Heimat im Juni vergangenen Jahres beschlossen Magistrat und Stadtverordnete einstimmig, der einst großen jüdischen Gemeinde ihre Reverenz zu erweisen. Seit vergangenen Dienstag erinnert eine Gedenktafel in der Synagoge an 130 Schlüchterner Juden, die in den Konzentrationslagern ums Leben kamen.

Unter den Emigranten, die noch rechtzeitig vor Beginn der systematischen Ermordung aus Europa fliehen konnten, haben die städtische Kulturbeauftragte Heidrun Kruse-Krebs und Monica Kingreen aus Nidderau in mühseliger Recherche Überlebende ausfindig gemacht, und auf Kosten der Stadt zu einer „Woche der Begegnung“ eingeladen. Die meisten ehemaligen Schlüchterner spürte

Monica Kingreen in den USA auf: Obwohl sie auch einige schriftliche Absagen von Menschen erhielt, die „noch immer tief verletzt sind“, sei die Resonanz doch  „überwiegend positiv gewesen“.

23 Überlebende des Holocaust werden am Donnerstagabend in der Schlüchterner Stadthalle erwartet. Zusammen mit ihren Begleitern verbringen sie eine Woche in ihrer alten Heimat und wohnen

 am Sonntag, 30. August. um 16 Uhr auch den den Feierlichkeiten aus Anlaß der Synagogeneinweihung vor 100 Jahren bei.

Am Sonntag, 30. August, um 16 Uhr gedenkt die Stadt in einem Festakt der Einweihung der Synagoge vor 100 Jahren und der jüdischen Gemeinde, die sie erbauen ließ. 23 ehemalige Schlüchterner Juden, die Vertreibung und Vernichtung durch die Nazis überlebt haben, reisen aus diesem Anlaß und in Erinnerung an die „Reichskristallnacht“ vor 60 Jahren auf Einladung des Magistrats zu einer „Woche der Begegnung“ in ihre alte Heimat. Heute abend werden sie zur Begrüßung in der Stadthalle erwartet.

Die Vergangenheit des Holocaust erhielt im September 1998 eine bedrückende Präsenz während des Festaktes am Sonntag anläßlich des 100.Jubiläums der Einweihung der Schlüchterner Synagoge. Die Anwesenheit von 23 ehemaligen Schlüchterner Bürgern jüdischen Glaubens setzte gleichzeitig ein Zeichen für Hoffnung und Versöhnung.

Die Erinnerung hat 130 Namen, jeder ein Stich in den Herzen der Überlebenden. Es waren beklemmende Minuten des Schmerzes, als die Lehrerin und Geschichtsforscherin Monica Kingreen. selbst den Tränen nahe, die alphabetische Liste der jüdischen Männer. Frauen und Kinder aus Schlächtern, Elm und Vollmerz vorlas, die unter nationalsozialistischer Herrschaft ermordet wurden. Kerzen wurden angezündet, arrangiert zu einem leuchtenden Davidstern, Zeichen des Gedenkens und der Hoffnung zugleich, daß die Schatten der Vergangenheit die Gegenwart begleiten, aber niemals mehr beherrschen mögen.

So wollte auch Ernst Wolf, eines der ehemaligen Mitglieder der jüdischen Gemeinde Schlüchtern. die der Einladung der Stadt gefolgt waren, seine Ansprache über die erlittene Verfolgung und Vertreibung nicht als Anklage verstanden wissen. Es war eine große persönliche Geste in einfachen, aber schwerwiegenden Worten, wie er sich an die Versammelten wandte. „Liebe Freunde“, sagte er und betonte, daß er diese Anrede „von Herzen“ wähle, denn ich habe während dieser Woche erfahren, daß wir hier viele Freunde haben“.

Wolf berichtete von den wenigen, aber starken Erinnerungen an seine Kindheit in Schlächtern. „Ich bin nur ein Jahr von 1934 bis 1935 in die Volksschule gegangen, dann war diese Schule für mich und die anderen Juden geschlossen“. Einem glücklichen Umstand war es zu verdanken, daß er mit seinen Eltern nach Amerika emigrieren konnte.

Sein Vater sei den Häschern in Frankfurt entkommen, „indem er sich in der Wohnung einer Witwe versteckte, die nicht durchsucht wurde“. Andere Verwandte überlebten die Verfolgung nicht.

 „Wir dürfen nicht vergessen, was passiert ist“, appellierte Wolf. „aber vor allem müssen wir in die Zukunft blicken“. Er habe bei früheren Besuchen in Deutschland seine Söhne und dieses Mal seine Tochter mitgebracht. denn das Wichtigste sei, daß die Jugend ein Zusammenleben in Frieden und Freundschaft gestalte. „Wir müssen uns verständigen“.

 Dafür hatte auch der Sprecher des hessischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden und Auschwitz-Überlebende Alfred Jachmann in seiner Rede plädiert, nachdem er die Entwicklung jüdischen Lebens in Deutschland. „im Hause des Henkers“ seit 1945 skizziert hatte. Er erinnerte daran, daß jüdische Gemeinden erst in den achtziger Jahren die selbstauferlegte Verpflichtung zur Auswanderung aus ihren Statuten gestrichen und mit dem Bau neuer Synagogen begonnen hät‑

ten. Nach Jachmanns Einschätzung ist man in Deutschland von einer Normalisierung des Verhältnisses zwischen den nichtjüdischen und den rund 90.000 jüdischen Bewohnern, von einem Miteinander anstatt eines Nebeneinanders, „noch weit entfernt“.

Bürgermeister Falko Fritzsch (SPD) beleuchtete die Geschichte der Synagoge der einst mit zehn Prozent der Bevölkerung sehr großen jüdischen Gemeinde. Das Gebäude, erst als  „Glanzstück im Stadtbild“ gefeiert, dann geschändet und verwüstet und nun renoviert und als städtisches Kulturhaus genutzt, sei ein „Stein gewordenes Zeugnis, daß wir uns täglich bemühen müssen um Toleranz, Verständnis, Respekt und Anerkennung auch des Andersartigen“. Er hoffe, daß auch der Besuch der ehemaligen jüdischen Mitbürger dazu beitragen werde, sagte Fritzsch. „Ich bin optimistisch, nachdem bei vielen Gesprächen wieder eine menschliche Nähe hergestellt worden ist“.

„Für dieses Zeichen der Versöhnung und der Hoffnung“, dankte auch Pfarrer Wilfried Battefeld vom ökumenischen Kirchenkreis Schlüchtern den Besuchern. „Sie kommen mit dem Mut, ihre Erinnerung lebendig werden zu Lassen und den Menschen in Schlüchtern die Hände zu reichen“. Die Synagoge sei auch Mahnmal für den nicht ausreichenden Widerstand der christlichen Kirchen gegen die Nazi-Verbrechen.

Monica Kingreen, die für das Hessische Institut für Lehrerfortbildung sprach, nannte die Einladung der ehemaligen jüdischen Bürger zu einer Woche der Begegnung „eine große Tat für eine kleine Stadt”. Der Besuch eröffne auch Möglichkeiten für eine neue Form der Auseinandersetzung zwischen den Generationen. Die dritte Generation befrage die Großeltern anders, eher Antworten ermöglichend, als es die zweite Generation gekonnt habe. Kingreen: „Gespräche in intensiven Begegnungen ist das, was wir heute tun können“.

Im Anschluß an den Festakt, den der Gremmelssche Männerchor begleitete. wurde im unteren Raum der Synagoge eine Installation mit Bildern von Fred Schierenbeck eröffnet. Der Berliner Künstler hat die düster wirkenden Werke eigens für diesen Anlaß angefertigt. Er will einerseits die Zerstörung des Raumes unterstreichen und andererseits aufzeigen, daß an die Stelle des Verlorenen wieder etwas Neues treten kann. „Das Thema berührt mich“, erklärte der 46jährige sein Engagement. „ich gehöre einer Generation an, für die diese Frage im Zentrum von Lebensüberlegungen steht“.

Heute besuchen jüdische Gäste die Schlüchterner Gymnasien, um mit Schülern zu sprechen. Gelegenheit zur Begegnung besteht auch ab 15.30 Uhr bei einer Kaffeetafel mit Dia-Vortrag im Saal des evangelischen Gemeindezentrums. .“Jugendliche auf den Spuren des Nationalsozialismus“  lautet das Thema der Inszenierung des Stückes „Dünnes Eis“ des Schlüchterner Werkstatt-Theaters ab 18 Uhr in der Synagoge mit anschließender Diskussion.

 

Schmalkalden

Geschichte:

Im Jahre 1524 wurden die Juden aus der Herrschaft Schmalkalden ausgewiesen. Landgraf Philipp von Hessen befahl seinen Amtleuten, sämtliche in der Herrschaft wohnenden Juden des Landes zu verweisen und ihnen den fürstlichen Schutz aufzusagen. Es sollte den Jude natürlich nur gegen einen entsprechenden Zoll, lediglich not gestattet sein, das „Fürstenthumb zu passieren“.

Dabei hatte sich die Landesherrschaft 1494 selbst über das Schmalkalder Privileg hinweggesetzt, keine Juden aufnehmen zu brauchen und hatte trotz des heftigen Protestes des Rates die ihm will- kommenen Steuerzahler in der Stadt angesiedelt. Selbstverständlich mag dabei die Furcht vor der Wut der Volksmassen auf besonders reiche Juden, die sich al Wucherer mit an der Ausbeutung des Volkes beteiligten, eine große Rolle gespielt haben. Es liegt aber auch nahe anzunehmen, daß sich die herrschenden Kreise mit dem landesherrlichen Erlaß ein Ventil schaffen wollten, um die revolutionäre Kraft des Volker für sie ungefährliche Bahnen zu lenken. Judenfeindliche Tendenzen sollten im Bauernkrieg noch eine große Rolle spielen.

Der Hammerschmied Hans Dobereiner ließ sich als Mithauptmann ins Bauernheer wählen, um seinen Einfluß im Interesse der städtischen Oberschicht geltend zu machen. Er war einer der reichsten Bürger Schmalkaldens (er mußte 600 Gulden Strafe zahlen und ein Gut abtreten) rühmte sich sogar in der Badestube, dass er sich zum Aufstand habe gebrauchen lassen, um Juden und Pfaffen schatzen zu helfen. Der Judenhaß flammte also auch wieder während des Aufstandes auf, und die futterneidischen Reichen der Stadt versuchten, die allgemeine Stimmung dazu auszunutzen, ihre jüdischen Konkurrenten zu schädigen (Festschrift zur 1100-Jahr-Feier der Stadt Schmalkalden, S.42 und 48).

Am 8.4.1757 wurde ein Judenjunge, der aus Würzburg stammte in der reformierten Kirche auf den Namen „Christian Wilhelm Eberhard Schmalkalden“ getauft. Er erhielt also als Familiennamen den Namen der Stadt, in der er getauft wurde (Heimatkalender 1939, Seite.85).

Ostfriesen und Juden erhielten Anfang des 19. Jahrhunderts durch behördlichen Zwang Familiennamen.

Am Haus Steingasse 7 ist heute noch ein Judenstern zu sehen (wohnten etwa dort Juden und nicht im Haus Nr. 9 ?). Augenzeuge der Zerstörung der Synagoge ist Ernst Endter, über die geschichtlichen Vorgänge kann Herr Willi Peter zuverlässig Auskunft geben.

Ein Jude war auch Herr Friedländer, dessen Frau auf der Kirchenkasse arbeitete. Er hat einen Sohn, der behauptete, ein Herr Werner, der Schreibmaschinen repariert, sei Augenzeuge (der Vater?).

 

Die jüdische Gemeinde Schmalkaldens (Von Carl Plaut aus: Heimatkalender für den Kreis Herrschaft Schmalkalden auf das Jahr 1930).

Zu den Erneuerungsbauten, die das Bild unserer Stadt in besonders glücklicher Weise verschönert haben, gehört der Umbau des jüdischen Gotteshauses, der Synagoge. Solange die Judengasse eine Nebenstraße war, die wegen schlechten Pflasters und mangelnder Bürgersteige von Fahrzeugen und Fußgängern nur wenig benutz wurde, fiel die alte Synagoge um so weniger auf, als sie durch einen kleinen Vorhof von der Maße getrennt und durch einen hohen Bretterzaun teilweise verdeckt war. Mit einem Male änderten sich die Dinge: der rasch zunehmende Verkehr machte es notwendig, daß die enge Steingasse als Einbahnstraße erklärt und die Judengasse verbreitert und mit guten Bürgersteigen versehen wurde, und da war fast plötzlich die einst so stille Gasse mitten in dam hastige Getriebe unseres Lebens gestellt.

Die Anwohner spürten das und sie begannen, ihre ungepflegten Häuser herauszuputzen, Herr Rompf errichtete moderne Bauten in dem großen Garten, der zu  seinem- Hause gehörte, und dessen fruchtbare Üppigkeit bis dahin durch einen Lattenzaun gleichfalls den Blicken der Welt entzogen war, scheu, wie seine ehemaligen Besitzer versteckt gelebt hatten.

Da mußte die Synagoge auch aus ihrer ärmlichen Verstecktheit heraustreten, und die israelitische Gemeinde beschloß ihre Erneuerung.

Das Haus hatte keinerlei .architektonischen Schmuck. Es war ein hoher rechteckiger Steinkasten ohne Fenster nach der Straßenseite. Nur ein verwitterter Holzverschlag, der die Frauenempore barg unterbrach die kahle Front. Es muß gesagt werden, daß in den jüdischer Gotteshäusern Männer und

Frauen getrennte Plätze haben; die Frauen nehmen Emporen ein, den Männern ist das Erdgeschoß vorbehalten. In der alten Synagoge lag der Eingang zur Männerabteilung auf der Rückseite des Gebäudes. Man plante nun, diesen Eingang nach der Straßenseite zu verlegen und mit der Frauenempore zu verbinden und dadurch zugleich dem Hause m ein würdiges Aussehen zu geben, es zu einer schlichten Zierde der Straße zu machen. Das bauliche Problem scheint sehr gut gelöst zu sein, ein Verdienst des Architekten Herrn Walter Peter, denn täglich bleiben Vorübergehende stehen, betrachten das schöne, schlichte Haus, und viele lassen sich auch hineinführen, um sein Inneres kennenzulernen, das einfach ,aber geschmackvoll gehalten ist.

Die Einweihung der so erneuerten Synagoge fand am Sonntag, dem 22.September statt. Um 11 Uhr versammelten sich die Ehrengäste- und die Gemeindemitglieder im Vorhof, der sinnvoll mit gärtnerischem Schmuck ausgestattet war. Herr Emil Hehn, der Vorsteher der beiden Kreisgemeinden Barchfeld und Schmalkalden, von dem der Gedanke des Neubaus ausgegangen war, übergab mit freudig bewegten Worten dem Provinzialrabbiner, Herrn Dr.Cahn aus Fulda, den Schlüssel, der mit einem Gebete feierlich die Tür aufschloß.

Nachdem Ehrengäste und Gemeinde ihre Plätze eingenommen hatten, wurden die Thorarollen in feierlichem Zuge unter Psalmengesang eingebracht und in den Schrein gestellt. Sodann begrüßte der zweite Gemeindeälteste, Herr Julius Heilbronn, die Versammlung: zuerst Herrn Dr. Cahn, das geistige Oberhaupt der Gemeinde, dann die Herren Bürgermeister Boehne, Metropoliten Wolff, Stadtverordnetenvorsteher Söldner, die Gemeindeältesten von Barchfeld u.a.

Er sagte in einer kurzen Ansprache: „Nicht die Notwendigkeit einer Vergrößerung des Hauses hat den Umbau bestimmt, sondern allein der bürgerliche Ordnungssinn der Gemeinde, ihre Liebe zur Heimat, ihr Wille, auch zu ihrem Teil beizutragen an der Verschönerung des Straßenbildes der Stadt. Darum hat sie in dieser wirtschaftlich so schweren Zeit gern die Opfer gebracht, die bald nach Beginn der ersten Bauarbeiten sich um ein Mehrfaches gegen den Voranschlag erhöhtet: Den Mittelpunkt und die Höhe der Feier bildete die Weiherede des Herrn Dr. Cahn. Sie zeichnete sich aus durch seinen rednerischen Stil, durch Klugheit ihres Gedankenganges und ganz besonders durch ergreifende Tiefe religiösen Gefühls.

Die Rede umspannte drei große Gedanken: Die Weihe einer so heiligen Stätte muß zuerst Gefühle des Dankes gegen Gott erwecken, der allein die Idee zum Werke eingegeben, sein Gelingen gefördert und seine Vollendung gefügt hat. (Orthodoxe jüdische Geistliche sprechen im Gotteshause nie einem Menschen. Lob oder Anerkennung für geleistete Dienste aus).

Dann ermahnte er die Gemeinde zur Treue gegen Heimat und Staat  zu reger hingebender Mitarbeit an der Wohlfahrt der Allgemeinheit nach den Worten, die der Prophet Jeremia den in die Verbannung abziehenden Juden nachrief: „Sorgt für die Wohlfahrt des Volkes, in dessen Mitte euch zu leben bestimmt ward!“ Zu allen Zeiten hat der wahrhaft religiöse Jude getreu diesem hohen Worte gelebt. In Zeiten schwerster Anfeindung heben unsere Väter in ihren Gotteshäusern inbrünstig gebetet für die Wohlfahrt derer, von denen sie bedrängt und verfolgt wurden, denn Haß soll der Jude nicht üben.

Zum dritten wies er auf die ursprüngliche und ganz besondere Bedeutung der jüdischen Synagoge hin. Ihr wahrer Charakter offenbart sich in des schlichten Wort: „Schulen gehen“, d.h. zur Schule gehen, wenn man sagen wollte, man geht zum Gottesdienst .Die Synagoge soll die Stätte sein, wo der Jude lernt. Was er dort in der heiligen Schrift hört, solle er beherzigen und im Leben soll er danach handeln, auf daß er ein edler Mensch werde.

Die Synagoge sei eine Hochschule der Erziehung zum sittlichen Handeln. Mit dem Gebete für Vaterstadt und Vaterland, das er in hebräischer Sprache las, schloß die Feier. Es sei herzlich zu. wünschen, daß die Gemeinde den Eindruck jenes hohen Tages treu bewahre.

Es dürfte erlaubt sein, an  dieser Stelle einen kurzen Abriß über die Geschichte der israelitischen Gemeinde Schmalkaldens zu geben. Sie ist ein Stück echter Heimatgeschichte. Die hiesige Gemeinde ist alt. Leider fehlen eigene jüdische Aufzeichnungen. Man weiß nicht, wann die ersten Juden sich hier niedergelassen haben. Doch die Heimatgeschichte berichtet mancherlei über sie. Das Erfurter Judenbuch nennt bereits im Jahre 1383 mehrere Juden in Schmalkalden namentlich, die steuerpflichtig sind. Im Jahre 1349, nach anderer Meldung 1435, sollen 18 Juden wegen Brunnenvergiftung totgeschlagen und an der Stelle begaben worden. sein, die heute noch den Namen „Judendelle“ trägt  Nach unverbürgten Auffassungen sollen jene Unglücklichen sogar lebendig begraben worden sein, was immerhin möglich erscheint in einer Zeit mittelalterlichen Dunkels der Geister, in einer Zeit, die mit grausamsten Folterwerkzeugen Geständnisse erpreßte, Hexen und Ketzer verbrannte und in Frankreich zum Beispiel 50 Tempelritter auf den Scheiterhaufen schickte. Sicher ist, d aß in Jahre 1552 Graf Wilhelm VII. von Henneberg den Juden gestattete, sich in seinem Herrschaftsgebiete niederzulassen. Es werden zwei Namen in Breitungen und Brotterode genannt. In Schmalkalden selbst scheinen sie nicht geduldet worden zu sein, vermutlich, wie Geisthirt meint, gegen den Einspruch des Landgrafen Philipp‚dem Schmalkalden seinerzeit gehörte. Dagegen gestattete Landgraf Moritz-1611 vier Judenfamilien die Niederlassung in Schmalkalden. Einer von ihnen war Isaak Schmuel. Er baute 1622 in einem Hofe und Winkel der Judengasse die Synagoge, einen kleinen niedrigen Bau, der sein Andenken in einer bescheidenen Gedächtnisinschrift trug.

Dieser Mann zog nach Verheiratung seiner Kinder nach Palästina, wo er starb. Landgraf Moritz wies den Juden ihre Rechte zu. Sie durften kein anderes Gewerbe treiben als das des Handelns und Geldverleihens, die Höhe des Zinses war vorgeschrieben.  Eine Judengasse, das Ghetto, gab es damals trotz des Namens „Judengasse“ nicht, denn die hier eingewanderten Judenfamilien wohnten an verschiedenen Stellen der Stadt, so Pfaffengasse und Haindorfsgasse.

Es scheint aber außer ihnen andere Juden als Händler häufig in die Stadt gekommen sind, sonst würde sich der Bau einer Synagoge nicht erklären lassen, da nachjüdischem Brauche ein gemeindlicher Gottesdienst nur stattfinden darf, wenn zehn Männer versammelt sind. Als 1636 die Schmal'kalder Bürger sich über die Anwesenheit von Juden beschweren und um ihre Verweisung aus der Stadt nachsuchen, verwarnt sie Landgraf Georg II. ausdrücklich mit dem Hinweis, daß er keine Vergewaltigung der Juden dulden wird, wie sie in Frankfurt geschehen seien.

Er wisse sehr wohl, daß die Bürger von der Geistlichkeit aufgehetzt seien. Es wird immer und gewiß auch mit gutem Rechte so sein, daß die Fürsten nur deswegen in ihrem Gebiete Juden geduldet hätten, weil diese ihnen hohe Abgaben (Schutzgelder) zu entrichten hatten und so willkommene Steuerzahler waren, die den fürstlichen Säckel füllen mußten.

Da aber gerade unter den Hennebergern geistig sehr hoch stehende Männer waren, sollte man annehmen dürfen, daß  sie auch aus rein menschlichem Empfinden gegen die Juden toleranter waren als selbst die Geistlichkeit. Auch die Auslassungen des hessischen Landgrafen Georg scheinen dafür zu sprechen.

Geisthirt berichtet weiter, daß 1666 bereite 11 Judenfamilien hier ansässig gewesen seien, die 55 Seelen zählten. Das muß zutreffen, denn sie haben  damals schon einen Friedhof gehabt, den heute noch vorhandenen Friedhof am Stiller Tor, dessen mächtige wunderbar gewachsene Eiche jetzt unter Naturschutz steht und mit den alten, halb umgestürzten, moosbedeckten Grabsteinen ein malerisches Bild gibt.

 

Bei einer Untersuchung vier Grabsteine in letzter Zeit wurde einer ermittelt, der in hebräischer Sprache und Berechnung die Jahreezahl1652 trägt; er mag indessen noch nicht der älteste sein. Auch späterhin haben die Landesfürsten Schutzbriefe an Juden in Schmalkalden erteilt. Die Familie Cohn, die ihren Stammbaum einige Jahrhunderte zurückverfolgen kann, besitzt mehrere solcher Schutebriefe mit fürstlichen Siegeln und Unterschriften und ein Ölbild eines ihrer Vorfahren, der in einem solchen Briefe benannt ist; das Bild trägt die Jahreszahl 1726. Die Gemeinde scheint sich im laufe der Zeit nur wenig vergrößert zu haben.         

Ob um das 18. Jahrhundert Juden zwangsweise in der Judengasse wohnten oder ob mehrere Familien zufällig ihre Häuser dort hatten, darüber wird nichts berichtet. Doch sagt Geisthirt, daß bei einem Brand, der in der Nacht vom 6. zum 7. Juni des Jahres 1717 in der Waschküche eines Juden in der Judengasse ausbrach, vier Judenhäuser verbrannt sind. Auch die fast 100 Jahre alte Synagoge fiel dem Feuer zum Opfer. Sie durfte aber bald wieder aufgebaut werden und ist dasselbe Haus, das jetzt seine Erneuerung erlebt hat.

Allmählich besserten sich auch die Beziehungen zwischen den christlichen und jüdischen Bürgern der Stadt. Je länger man zusammen wohnte, desto mehr lernte man einander kennen. Viel hat zu dieser glücklichen Wendung die Befreiung der Juden von den mittelalterlichen Fesseln beigetragen. Die von der großen französischen Revolution ausgehende Aufklärung der Geister Uropas gab auch in Deutschland den Juden die bürgerliche Freiheit, sowohl der Wohnung als auch der Berufswahl. Eine Anzahl jüdischer Bürger unsrer Stadt ergriffen Handwerke. Außer einem Metzger gab es im 19. Jahrhundert hier einen Sattler, einen Schneider und zwei Leinenweber, die alte Schmalkalder teilweise noch gekannt haben. Durch besondere, noch gültige Gesetze aus den Jahren 1823 und 1833 wurden die israelitischen Gemeinden Kurhessens der Staatsaufsicht unterstellt. Sie erhielten eine eigne innengemeindliche Verfassung.

Ihre wirtschaftliche Verwaltung untersteht der Aufsicht des Landratsamtes ihres Kreises, und alle Gemeinden des Kasseler Gebietes haben eine gemeinsame Aufsichtsbehörde im Vorsteheramt Fulda, dessen Regierungskommissar der Landrat zu Fulda ist. In religiösen Angelegenheiten sind sie dem Rabbinat Fulda unterstellt, wie die hiesige katholische Gemeinde dem Episkopat Fulda angehört. Fulda scheint schon seit alters maßgebenden Einfluß auf die hiesige jüdische Gemeinde gehabt. zu haben, denn ein bedeutender Talmudforscher, Rabbi Meir Schiff aus Fulda, hat vor etwa 300 Jähren sein Werk der Talmuderklärung hier in Schmalkalden vollendet.

Die Erneuerung der Judengasse und der Synagogenbau haben unlängst einen witzigen Schmalkalder veranlaßt, in einem mundartlichen Gedicht scherzend seinen Unmut darüber auszulassen, daß nun die Juden sehr bequem zu ihrer Schule gehen könnten, während die Christen sich auf dem Gang zur Kirche auf dem verwahrlosten Pflaster des Kirchhofs die Schuhsohlen und die Füße wundlaufen müßten. Doch auch hier wird die Zeit einmal Wandel bringen.

 

Judenpogrom 1938:

Wie überall in Deutschland wurde auch in Schmalkalden in der Dacht vom 9. zum 10. November 1938 das jüdische Gotteshaus, die Synagoge, zerstört. Sie stand in der heutigen Straße „Hoffnung“, in dem Teil nach der Salzbrücke zu, der damals „Judengasse“ hieß. Neben dem Geschäft Roppel (heute: Werkzeughaus) befand sich damals schon eine Autovermietung, daneben war dann die Synagoge. Deren Bereich ist heute in die Autowerkstatt mit einbezogen. Erst seit dem 2.11.1988 erinnert eine Gedenktafel an der Wand der Autowerkstatt an das jüdische Gotteshaus.

Nach einer Angabe wurden in jener Nacht die Einrichtungsgegenstände (Bücher usw.) im Inneren verbrannt. Nach anderer Angabe wurde das Mobiliar der Synagoge uns alles andere Brennbare auf den Altmarkt gebracht und dort verbrannt. Die Juden der Stadt und einzelne Juden aus den Orten des Kreises mußten zusehen.

Dann mußten sie im Hof des Rathauses antreten. Dort hat sie eine Frau aus Altersbach gesehen, die beim Fleischer Katzung arbeitete und den Juden immer Fleisch brachte, weil sie nicht mehr ins Geschäft durften. An diesem Tag wollte sie Fleisch in den Ratskeller bringen. Es wurde ihr aber bedeutet, sie solle nicht wie üblich über den Hof gehen, sondern von vorne durch die Gaststätte in die Küche gehen.

Die Synagoge wurde dann am nächsten Tag gesprengt. Man hatte sie nicht anzünden können, weil dadurch die Nachbarhäuser gefährdet worden wären. Auch die jüdischen Geschäfte wurden verwüstet. Einige waren praktisch schon nicht mehr in Betrieb, zum Beispiel das Konfektionsgeschäft Teller an der Salzbrücke (heute: Volksbuchhandlung), wo nur noch einige Schaufensterpuppen in den Schaufenstern standen, oben wohnten noch zwei alte Leute.

Beim Geschäft Eckmann in der Auergasse (heute: Textileinkaufzentrum) versuchte man, die Schaufensterscheiben mit Beilen einzuschlagen. Als dies aber wegen der Stabilität des Glases nicht gelang, holte man Balken und rammte die Scheiben mit vereinten Kräften ein. Ein Sohn der Familie Eckmann kam nach dem Krieg noch einmal nach Schmalkalden. Der Fleischer Katzung gab ihm Geld, er wollte nach England.

Es gibt noch zwei weitere Zeugnisse für die jüdische Gemeinde in Schmalkalden. Da ist einmal der jüdische Teil des Städtischen Friedhofs. Dorthin hat man auch die Grabsteine vom Friedhof bei den Totenhofskirche in der Bahnhofstraße gebracht und wieder aufgestellt. Die Junge Gemeinde hat damals dabei geholfen. Es wurde dort auch ein zusätzlicher Gedenkstein aufgestellt.

Dort waren auch schon Gräber von Juden, die in den letzen Jahrzehnten dort bestattet worden sind. Diese Grabstätten wurden 1988 wieder würdig hergerichtet mit großem Einsatz der städtischen Behörden. Das letzte Grab ist aus dem Jahr 1939. Das sagt mehr als alle Nachrichten in Geschichtsbüchern.

Außerdem erinnert das Grundstück Stiller Tor 3 an die Juden in Schmalkalden. Dort war der erste jüdische Friedhof, damals noch außerhalb der Stadtmauer gelegen. Das Haus war 1925 im Besitz der jüdischen Gemeinde, die Familie Ernst Köhler war damals Mieter. Im späteren Adreßbuch dagegen ist Köhler Eigentümer, von der jüdischen Gemeinde ist keine Rede mehr. Es könnte allerdings sein, daß das Haus offiziell verkauft wurde. Heute soll es wieder im Besitz der jüdischen Gemeinde sein.

Juden gibt es in Schmalkalden nicht mehr. Die nächste jüdische Gemeinde ist in Erfurt. Sie hat noch 28 Mitglieder. In der gesamten DDR gibt es nur noch 350 Juden, die sich zur Gemeinde halten (solche, die im Politbüro oder im ZK sind, kann man nicht mehr zählen).

 

 

Das Schicksal unserer jüdischen Mitbürger von Schmalkalden: Sie sind nicht vergessen

Von Helmut Kirchner, Mitglied des Kreisvorstandes für Heimatgeschichte im Kulturbund der DDR

Vor 50 Jahren, in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, verübten die Faschisten eines ihrer furchtbaren Verbrechen. Sie begannen, ein kleines Volk, das unter uns lebte, schon fünf Jahre unter Druck gesetzt, restlos zu vernichten. Auch unsere Kreisstadt Schmalkalden wurde Schauplatz dieses Verbrechens.  Die Jüdische Gemeinde Schmalkalden und mit ihr sechs Millionen Bürger jüdischen Glaubens in Deutschland mußten in den Mordanstalten des Faschismus sterben.

Was wissen wir von den jüdischen Mitbürgern unserer Stadt? Hier nur einige Angaben:

 Schon 1349 werden im Erfurter Judenbuch namentlich mehrere Juden in Sehmalkalden genannt. 1611 gestattet Landgraf Moritz vier Judenfamilien, sich hier niederzulassen, 1622 hat Isaak Schmuel die erste Synagoge, das Versammlungshaus und die Schule der Juden, in einem niedrigen Bau in einem Hof und Winkel in der ehemaligen Judengasse errichtet. 1660 gab es bereits elf Judenfamilien mit 53 Angehörigen.

Vor 360 Jahren hat der bedeutende Talmudforscher Rabbi Meir Schiff aus Fulda hier in unserer Stadt sein Werk der Talmudaufklärung vollendet (Talmud - Sammlung von jüdischen Überlieferungen).

Die jüdischen Mitbürger durften im Laufe der Jahrhunderte nur bestimmte Tätigkeiten ausführen. So waren sie meistens Händler, Kaufleute, Geldverleiher. In der Zeit von 1918 bis 1933 gingen sie ihrer Arbeit als Geschäftsleute, Händler, vor allem hier beim Handel mit Vieh und Altstoffen, nach. Im Bankgewerbe, in der Drogeriearbeit u. a. m. waren diese Bürger beschäftigt. Durch ihre Tätigkeit nahmen die jüdischen Mitbürger regen Anteil am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben zum Wohle unserer Stadt.

Die Jüdische Gemeinde besaß am Stiller Tor einen sehr alten Friedhof, den „Guten Ort“, wie die Juden sagen. Für Begräbnisse reichte er nicht mehr aus. Nach jüdischer Sitte durften die Gräber nicht eingeebnet werden. So erhielten sie im 19. Jahrhundert einen neuen Friedhof im Eichelbach. Durch bauliche Maßnahmen wurden die sehr alten Grabmäler des Friedhofes am Stiller Tor auf den neuen Begräbnisort verlegt.

Da die alte Synagoge durch einen Brand vernichtet wurde, errichtete 1929 die damalige Firma Walter Peter im Auftrag der Jüdischen Gemeinde hier in der ehemaligen Judengasse ein neues Gotteshaus. Die Synagoge sollte nur acht Jahre und einen Monate alt werden. Nachdem man in den Jahren von 1934 bis 1938 auch die Schmalkalder Bevölkerung zwang, nicht mehr bei den jüdischen Geschäftsleuten zu kaufen, spitzte sich die Haßkampagne der Nazis gegen diese Menschen immer mehr zu. „Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter!“ So lauteten die Schilder an jüdischen Geschäften und dienten der Abschreckung der Bevölkerung.

Dann kam jene schmerzvolle Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Die damaligen Herrscher gaben den Befehl zur völligen Vernichtung der jüdischen Bürger in Deutschland. Auch in Schmalkalden begann diese Nacht um 22 Uhr mit dem Befehl „Zerstörung sämtlicher jüdischer Geschäfte, Verhaftung der gesamten jüdischen Bevölkerung, Vernichtung der Synagoge!“

Hier ein Augenzeugenbericht: „Kaum hatten die Nazigrößen der Stadt den Befehl an die SS- und SA-Abteilungen weitergegeben, als die Zerstörung der Läden begann. Mit Steinen warf man die Schaufenster ein, und wo die Scheiben zu stark waren, mußten Handwerkzeuge wie Pickel, Zuschlaghämmer her. Danach warf man die Auslagen durcheinander. Bis Mitternacht hatte man sämtliche Juden, ganz gleich, ob Männer, Frauen, Kinder, alte Leute, aus den Betten gezerrt und auf dem Altmarkt zusammengetrieben. Von dort ging es im Eilschritt zur Synagoge.

Die Juden mußten ihr neues Gotteshaus selbst ausräumen. Wertvolle Altargeräte, Bänke, Thorarollen und kostbare Teppiche, die an den Wänden hingen, schleppten die verängstigten Menschen zu einem mächtigen Haufen zusammen. Der alte Markt erlebte ein Bild nazistischer Grausamkeit. In den auflodernden Flammen konnte man die verzweifelten Gesichter der jüdischen Bürger sehen. Unter Schlägen und Gebrüll jagte man sie durch die Auer Gasse und sperrte die armen hilflosen Menschen in das Haus des jüdischen Mitbürgers Moritz Jakob, Auer Gasse 29, ein, wo sie unter SS-Bewachung die Nacht verbringen mußten. Am anderen Morgen, dem 10. November, mußten sie vor den Augen der Schmalkalder aufräumen, was andere bei ihnen mutwillig zerschlagen hatten. Die Synagoge war durch eine Sprengladung in sich zusammengestürzt. Der Versammlungsort, die Schule der Juden, war vernichtet. Nun sollten die Menschen an die Reihe kommen!“

 

Die Frage erhebt sich, wie viele jüdische Mitbürger in dieser schrecklichen Zeit in den Mauern der Stadt Schmalkalden wohl lebten. Nach den letzten Forschungen wohnten 37 Familien mit insgesamt 71 Männern, Frauen und Kindern hier. 28 Häuser gehörten den jüdischen Mitbürgern, darin waren 15 Geschäfte bzw. Läden, in denen sie die Schmalkalder Bevölkerung in Stadt und Land weitgehendst mit ihren preiswerten Waren zufriedenstellten.

Namen wie Kaufhaus Eckmann und Hahn (Auer Gasse), Drogerie Müller und Kurzwarenladen Rosenthal (auf dem Altmarkt), Schuhgeschäft Schlesinger (Soldatensprung), Wäschehaus Müller (Salzbrücke 10), Konfektionshaus Meier und Ganz, (Steingasse 9), Altstoffhandel Schlesinger (Entenplan), Bankhaus Gumprich (Weidebrunner Gasse) und viele andere sind den älteren Schmalkalder Bürgern noch gut in Erinnerung.

Diese schätzungsweise 63 Schmalkalder Juden - acht Bürger konnten noch rechtzeitig ohne Hab und Gut auswandern - gingen den letzten bitteren Weg durch die Todeskammern von Auschwitz, Buchenwald, Theresienstadt, Ravensbrück, Mauthausen und anderen Konzentrationslagern des faschistischen Regimes.

Wir verneigen uns vor unseren ermordeten jüdischen Mitbürgern und geben auch 50 Jahre danach das Versprechen ab, der Jugend unserer Stadt und des Kreises Schmalkalden immer wieder Geschichte und Schicksal dieser Menschen nahezubringen, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ihren Friedhof zu pflegen, denn kein jüdischer Bürger lebt mehr in unserer Stadt.

Mögen uns die Worte des Präsidenten des Weltjudenkongresses, Prof. Dr. Israel Singer, stets Erinnerung und Mahnung bleiben: „Wir sind ein kleines Volk der Juden. Was uns geschehen ist, darf niemals anderen geschehen!“

 

Gedanken zu einem Bild

Dieses Bild wurde mir vor wenigen Tagen von einem Bekannten übergeben. Aufgenommen wurde es genau heute vor 50 Jahren in unserer Heimatstadt Schmalkalden von einem mutigen Bürger unter Lebensgefahr.

Wenn ich dieses Zeitdokument betrachte und sehe, wie die jüdischen Männer und auch Kinder unter Aufsicht von SS und Gestapo die von den Faschisten verursachten Trümmer und Scherben aus zerstörtem jüdiscbem Eigentum mit Besen, Schaufeln und den bloßen Händen; auf die-Handkarren aufladen und dann zum Schutt fahren mußten, dann stehen mir diese und ähnliche grausame Bilder dieser Zeit und aus persönlichem Erleben vor den Augen. Unauslöschlich bleiben die zerschlagenen Fensterscheiben, die herausgezerrten und zerstörten Auslagen der jüdischen Geschäfte, die verbrannten Einrichtungsgegenstände der Synagoge auf dem Altmarkt, aber besonders die unmenschliche Art der Behandlung der jüdischen Menschen durch SS und Gestapo in meinem Gedächtnis eingeprägt. Dies aber auch aus eigenem Erleben. Ich weiß und es ist vielen bekannt, daß dies nicht erst in der Pogromnacht am 9. 11. 1938 begann. Der Anfang der Judenverfolgungen und des Antisemitismus liegt in der Geschichte weit zurück. Das, was in dieser Nacht geschah, war Fortführung durch den Faschismus und der Beginn der millionenfachen Vernichtung  der

jüdischen Menschen. Es wäre zu einfach, vom geschehenen Unrecht an den Juden zu sprechen. Das war planmäßig vorbereitetes Verbrechen, das war planmäßig organisierter millionenfacher Mord an den Juden Europas, aber auch an Antifaschisten, Polen, Sowjetbürgern und auch Zigeunern, das war Völkermord im Zweiten Weltkrieg. Es. gab aber auch in dieser Zeit millionenfaches Schweigen zu diesen Grausamkeiten, Dulden dieser Verbrechen und aktives Mittun.

Wir haben in unserem Staat die Lehre gezogen, das Vermächtnis der Opfer dieser Zeit wird geachtet und gewahrt: Das Bild der Pogromnacht in Schmalkalden mahnt und verpflichtet uns aber auch, nicht zuzulassen, daß sich das wiederholt (10. Nov. 1988 Kurt Pappenheim).

 

Schmalkalden

Das Schmalkaldener Adreßbuch von 1936 weist 20 jüdische Familien auf. Da die jeweilige Zahl der Familienmitglieder nicht immer zu ermitteln war, lassen sich keine sehr genauen Angaben über die absolute Zahl der jüdischen Bürger in Schmalkalden machen. Meine Schätzung liegt bei 40 bis 60 jüdischen Bürgern.

Für solch eine Gemeinde war natürlich auch ein Gotteshaus, eine Synagoge, vorhanden. Erst 1930, drei Jahre vor Beginn der Nazidiktatur, wurde die alte Synagoge im Zuge der verkehrsmäßigen Erschließung der Judengasse erneuert und wurde so zu einem Schmuckstück des Stadtkerns von Schmalkalden.

Doch diese Schönheit konnte nicht lange bewundert werden. In der Nacht des 9. November 1938, der sogenannten „Kristallnacht“, fiel die erst acht Jahre stehende neue Synagoge dem Ansturm der Schmalkaldener SS und SA zum Opfer.

Nach Berichten einer Reihe von alten Leuten lief diese Nacht folgendermaßen ab: Gegen 23.00 Uhr marschierte die Schmalkaldener SS in der Judengasse vor der Synagoge auf. Die vorwiegend jungen SS-Leute begannen, die Synagoge zu zerstören, indem sie als erstes die gesamte Inneneinrichtung herausrissen und auf dem Altmarkt verbrannten. Danach wurde die Synagoge in Brand gesteckt und brannte völlig aus. Doch die SS gab sich mit diesem Bild der Zerstörung nicht zufrieden. Die Synagoge sollte dem Erdboden gleich gemacht werden. Nichts sollte mehr an das einstige geistliche Zentrum der jüdischen Gemeinde erinnern. Einige Tage nach der Pogromnacht beschäftigte sich die SS sage und schreibe einen vollen Tag damit, die übriggebliebenen verkohlten Mauern des jüdischen Gotteshauses zu sprengen.

Aber nun wieder zurück zu den Geschehnissen in der Pogromnacht. Natürlich richteten sich die Aktionen der SS und SA auch gegen die jüdischen Geschäfte. Beim Kaufhausbesitzer Emanuel Eckmann wurden z. B. sämtliche Schaufensterscheiben eingeschlagen und er selbst wurde sofort verhaftet und wenig später ins Konzentrationslager geschafft. Eine Schmalkaldenerin, die damals sieben Jahre alt war, erlebte als kleines Kind, wie ganz plötzlich Feindschaft zwischen altbekannten Nachbarn aufbrach. Sie mußte zusehen, wie ein bekannter jüdischer Geschäftsinhaber von seinem „arischen“ Nachbarn auf die Straße getrieben wurde. Der Mann schlug auf seinen jüdischen Nachbarn ein und beschimpfte ihn. Der Geschlagene rief laut: „Warum schlagen Sie mich denn, Herr Nachbar, was habe ich Ihnen denn getan?“ Die Antwort des Schlagenden;  „Halt’s Maul, Judenschwein!“

Eine heute 91 Jahre alte Frau beobachtete, wie die Juden auf dem Altmarkt zusammengetrieben und dann ins Gefängnis abtransportiert wurden. Ein Großteil wurde wieder freigelassen, um später ins Vernichtungslager transportiert zu werden.

Keiner meiner Interviewpartner hatte mitbekommen, wann und wie z. B. sein jüdischer Nachbar von der SA bzw. der SS oder der Polizei abgeholt wurde. Lediglich an einem Beispiel ist es mir möglich, den Weg der jüdischen Bürger Schmalkaldens nachzuzeichnen. Ob dieses eine Beispiel repräsentativ für die anderen jüdischen Bürger im Ort ist, kann ich allerdings nicht sagen, Aus persönlichen Gründen möchte mein Interviewpartner jedoch nicht namentlich genannt werden.

In der Pogromnacht zogen SA und SS vor das Haus, in dem die Familie meines Gesprächspartners wohnte, Seine Großmutter und auch seine Mutter waren jüdischer Abstammung, sein Vater war ein sogenannter Nichtjude und von Beruf Arzt.

SS-Leute traten die Tür ein und verschleppten die Mutter zum Polizeiamt. Ebenso wurde die 70jährige Großmutter, die in einem anderen Haus wohnte, aus dem Bett geholt und an denselben Ort gebracht. Nach ein paar Tagen wurden beide wieder entlassen, waren aber von der SA und der SS körperlich mißhandelt worden. In der Folgezeit durften die Familienmitglieder nur noch bestimmte Geschäfte aufsuchen und waren einem Friseur zugeteilt, der nur „Juden“ die Haare schneiden durfte. Das Tragen des Judensterns wurde Pflicht und keiner der Familie durfte öffentliche Verkehrsmittel benutzen, ins Kino gehen, eine Gaststätte besuchen oder Reisen unternehmen. Mein Gesprächspartner wurde damals vom Gymnasium verwiesen, was er als Kind „nur“ als wahnsinnige Ungerechtigkeit empfand.

Als erster der Familie wurde 1942 die 70 Jahre alte Großmutter meines Gesprächspartners in ein Zwischenlager gebracht, das sich in einem ausgebauten Ghetto von Theresienstadt befand. Von dort wurde sie auf Transport nach Auschwitz geschickt.

Irgendwo zwischen Theresienstadt und Auschwitz verliert sich die Spur der Frau. Die späteren Nachforschungen meines Gesprächspartners blieben erfolglos.

Im Oktober 1944 wurde dann mein Gesprächspartner (damals 16 Jahre alt) ins Zwangsarbeitslager verfrachtet. Ebenso geschah es mit dem sogenannten „arischen“ Vater meines Gesprächspartners.

Die Mutter wurde Ende 1944 unter Bewachung eines Polizisten aus Schmalkalden ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Der Polizist wußte, daß der Weg im Konzentrationslager enden sollte und sagte der Mutter meines Gesprächspartners, daß es ihm sehr leid tue und daß er nichts gegen die Juden habe. Aber auch in diesem Falle müsse er seine Pflicht erfüllen.

Der Vater meines Gesprächspartners überlebte das Zwangsarbeitslager ebenso wie sein Sohn (mein Gesprächspartner), und zur großen Freude der Familie war auch die Mutter noch am Leben, als das Konzentrationslager Theresienstadt befreit wurde, und sie konnte nach Schmalkalden zurückkehren.

Jetzt, nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands, wehte der Wind andersherum, und das merkten viele Schmalkaldener Bürger schnell. Plötzlich gab es keine Nazis mehr. Der Familie meines Gesprächspartners wurde das Haus eingelaufen. Alle möglichen Leute baten um sogenannte „Persilscheine“, die bescheinigen sollten, daß sie eine weiße Weste hatten, also keine Nazis gewesen waren.

Im Verlaufe des Gesprächs nahm mein Gesprächspartner auch allgemein zum Faschismus und seiner Ideologie Stellung. Ich will versuchen, einige dieser Äußerungen sinngemäß wiederzugeben. Das Vokabular habe ich dabei jedoch nicht verändert: Die Bevölkerung muß gewußt haben, was mit den Juden gemacht wurde. Wer damals nicht Augen und Ohren vor diesem Unrecht verschlossen hat, der wußte, was in den Konzentrationslagern geschah.

Den Grund dafür, daß sich viele Nichtjuden am Besitz der Juden bereichert haben, sieht mein Gesprächspartner darin: Die meisten Juden in Deutschland gehörten der besseren Gesellschaftsschicht an (Künstler, Kaufmänner, Intelligenz). Aus dieser Stellung in der Gesellschaft resultierte der Neid der nichtjüdischen Bevölkerung. Mein Gesprächspartner drückte es etwa so aus: „Der Neid ist eine der übelsten Triebkräfte, und wer den Neid weckt, findet offene Ohren!“ Der Bürger war einem System der laufenden Betrommelung ausgesetzt, das bereits im Vorschulalter begann, um den Menschen in seiner Entwicklung zu beeinflussen.

Mein Gesprächspartner führte den Erfolg dieser Massenpsychose auf drei Hauptursachen zurück: religiösen Haß, Rassenhaß und materiellen Neid. Unter Ausnutzung dieser drei Faktoren ist es den Nazis gelungen, ein Machtgebilde zu errichten, das den Effekt hatte, daß jede andersartige Regung mit Erfolg erstickt werden konnte.

Eine Frage wiederholte mein Gesprächspartner immer wieder während der gesamten Unterhaltung. Eben in dieser Frage lag die bitterste Enttäuschung und Traurigkeit: „Wie konnte es geschehen, daß es ein paar fanatischen Irren gelang, die in Jahrhunderten unter den Menschen gewachsene Moral mit einem Schlag zu zerschmettern?“

Ein Teil der Antwort auf diese Frage sieht für mich so aus: „Die buchhalterische Ausrottungspolitik der Faschisten war ein besonders scheußliches Beispiel dafür, wozu der Mensch fähig ist oder fähig gemacht wird, wenn er, ohne sein eigenes Gewissen und seinen eigenen Verstand zu befragen, die von der Obrigkeit geforderte Haltung und geförderte Haltung einnimmt. Ich meine aber auch, daß wir nicht das Recht haben, uns über die Menschen zu erheben, die damals nicht zum aktiven Widerstand fähig waren. Vielleicht hätte ich damals selbst nicht den Mut gehabt, in aller Öffentlichkeit gegen den Faschismus aufzutreten (Hosea Heckert, in: Gegen das Vergessen, Landesjugendpfarramt der Ev.-Luth. Kirche in Thüringen, 1988).

 

 

 

Einweihung der Gedenktafel für die Synagoge in Schmalkalden

Zeitungsartikel im Jahr 1988: Stadtausschuß der Nationalen Front                                  09.07.1988

Mit Aufmerksamkeit wird von unseren Bürgern verfolgt, wie in der DDR konsequent die Verpflichtung erfüllt wird, das Andenken an die jüdischen Opfer des Faschismus zu ehren und wach zu halten. Wir begrüßen in diesem Zusammenhang den Beschluß über die Errichtung einer Stiftung „Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum“. In ihrer Funktion als Zentrum zur Wahrung des Andenkens an die jüdischen Opfer, als Erinnerungsstätte und als Stätte des Gebets und der Andacht für jüdische Gläubige wird diese Synagoge zum Symbol der engen Verbundenheit der Bürger unterschiedlicher Weltanschauungen und Religionen in unserer Republik werden und unser Streben nach Frieden in der Welt dokumentieren.

Wir unterstützen dieses Vorhaben. Der Stadtausschuß Schmalkalden der Nationalen Front der DDR überweist daher auf das Konto 6651-34-200 bei der Staatsbank der DDR 500 Mark. Wir wirken weiterhin im Rahmen der Nationalen Front dafür, daß die Grabstätten jüdischer Bürger auf dem Friedhof der Stadt in Pflege genommen werden

 

In der ehemaligen Judengasse in Schmalkalden:                                                 30.07.1968

Gedenktafel wird angebracht, Der jüdische Friedhof im Eichelbach wird wieder in Ordnung gebracht.

Von der Salzbrücke kämmend vor dem jetzigen Werkzeughaus links gelangt man in diese Gasse Auf der rechten Seite schließt sich die jetzige Kfz-Vertragswerkstatt an. Und genau an dieser Stelle stand einst die - Synagoge das jüdische Gotteshaus.

Die Juden waren besonders im faschistischen Deutschland unmenschlichen Diskriminierungen und Verfolgungen ausgeliefert. Dies förderten die faschistischen Politiker durch massive Volksverhetzung und „legitimierten“ es sogar noch in Gesetzen. Für Millionen Juden begann eine Zeit unsagbarer Leiden und mit der berüchtigten Pogromnacht am 9. November 1938 wurde die massenhafte Liquidierung unschuldiger jüdischer Menschen eingeleitet.

50 Jahre sind seitdem vergangen, und nur wenige Schmalkalder werden sich noch an die brutalen Verbrechen hier in Schmalkalden erinnern. Alle Juden wurden gewaltsam auf die Straßen getrieben, Geschäfte und Einrichtungen zerstört und auch die Synagoge niedergebrannt. Am nächsten Morgen mußten die Juden die Scherben- ihres Eigentums zusammenräumen und wurden anschließend in die Vernichtungslager abtransportiert.

Die Judengasse benannte man später um und gliederte sie der „Hoffnung“ zu. Seitdem erinnert in

dieser Gasse eigentlich nichts mehr an diese furchtbaren Ereignisse vor 50 Jahren. Der Vorschlag, den früheren Standort der Synagoge mit einer Gedenktafel zu kennzeichnen, wäre sehr gerechtfertigt. Diese Erinnerung sei gleichzeitig eine Mahnung, alles zu tun, damit sich solche Verbrechen niemals wiederholen können (E. Liebaug).

Anmerkung der Redaktion: Wie eine Rücksprache mit dem Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Kreises für Inneres ergab, wurden exakte Absprachen mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden Thüringens, Scharf-Katz, getroffen. Demzufolge wird in der ehemaligen Judengasse eine Gedenktafel angebracht. Es gibt auch Vorstellungen, wie der jüdische Friedhof (Eichelbach) in Ordnung gebracht werden soll.

 

Am jüdischen Friedhof im Eichelbach stehen umfangreiche Arbeiten bevor, die darauf abzielen, der Anlage ein würdiges .Aussehen zu verleihen. Die vorgesehenen Maßnahmen sind zwischen dem örtlichen Organ und der Jüdischen Gemeinde Erfurt abgestimmt worden. Die FDJ-Grundeinheit Rat des Kreises hat sich zu Arbeitseinsätzen an diesem Objekt verpflichtet (26.08.1988).

 

 

 

Gesperrte Straßenbereiche: Schmalkalden. Aus Anlaß des 50. Jahrestages der faschistischen Pogromnacht wird am 2. 11. 1988, 10 Uhr, in der Hoffnung (hier stand die ehemalige Synagoge) eine Gedenktafel enthüllt. in Abstimmung mit dem VPKA werden die Straßenbereiche Kothersgasse, Stiller Gasse und Hoffnung im Zeitraum vom 1. 11. 1988, 18 Uhr, bis 2. 11. 1988, 11 Uhr, für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Alle Kraftfahrer werden gebeten, diese Maßnahmen zur Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit zu beachten (28.10.1988):

 

Pioniere und FDJler aus Schulen und Einrichtungen der Kreisstadt haben bereits mehrere Einsätze geleistet, um Ordnung und Sauberkeit auf dem Jüdischen Friedhof im Eichelbach zu erhöhen, wobei sie vom Rot der Stadt nach besten Kräften unterstützt werden. Solche Einsätze leisteten z. B. Schüler der Klasse 6o der OS „Ludwig Pappenheim“ gemeinsam mit Mitgliedern des Elternaktivs, die Klasse 8 der OS „Karl Marx“ und Freunde der FDJ-Grundorganisation Rat des Kreises. Ihre Bereitschaft zu solchen Einsätzen bekundeten die FDJ-Studenten der beiden Fachschulen (Pädagogische Schule für Kindergärtnerinnen „Rosa Luxemburg“ und Ingenieurschule „Fritz Heckert“ sowie FDJler aus dem VEB Werkzeugkombinat (26.10.1988).

 

Ausgabetag 8. November: 50.Jahretag der faschistischen Pogromnacht.                        01.11.1988

Anläßlich des 50. Jahrestages der faschistischen Pogromnacht 1938 erscheint am 8. November eine mehrfarbige Sonderbriefmarke zu 35 Pf. Sie zeigt eine symbolische Gestaltung der Menora, des siebenarmigen Leuchters, ein Wahrzeichen des Judentums. Auf dem Ersttagsbriefumschlag ist die Synagoge in der Berliner Rykestraße dargestellt.   Die Entwürfe zu dieser Ausgabe schuf Detlef Glinski, Berlin.

 

Gedenkveranstaltung in Schmalkalden                                                                   03.11.1988

Ehrung für jüdische Opfer des Faschismus

Einweihung einer Gedenktafel für ehemalige Synagoge in Schmalkalden

Aus Anlaß des 50. Jahrestages des faschistischen Pogroms vom 9. zum 10. November 1938 wurde gestern in Schmalkalden auf einer Gedenkveranstaltung am Ort der in der Pogromnacht von SS- und SA-Schergen niedergebrannten Synagoge der vom Faschismus ermordeten und verfolgten jüdischen Bürger der Stadt gedacht. In Anwesenheit von Elke Krieg, 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Schmalkalden, Gerhard Sommer, Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes für Inneres. sowie Raphael Scharf-Katz, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. wurde eine Gedenktafel eingeweiht. Anwesend waren Einwohner der Stadt, vor allem zahlreiche Jugendliche, die bei der Pflege und Erhaltung des jüdischen Friedhofes aktiv sind.

Der stellvertretende Bürgermeister der Kreisstadt, Klaus Schubert, erinnerte an die hemmungslose chauvinistische Hetze und den Massenmord an Millionen Bürgern jüdischen Glaubens durch das faschistische Terrorregime. Die KPD sei die erste Kraft des deutschen Widerstandes gewesen, die die rassistischen „Nürnberger Gesetze“ und den braunen Judenpogrom aufs schärfste verurteilt hat. In jener Novembernacht vor 50 Jahren seien euch in Schmalkalden die Synagoge niedergebrannt, jüdische Geschäfte demoliert und die 44 jüdischen Bürger verhaftet und ins Konzentrationslager verschleppt worden.

Auch im Gedenken daran sei die Politik des Friedens und der Völkerverständigung von Partei und Regierung der DDR ein würdiger Beitrag im Interesse aller Völker. Die DDR sei eine Heimstatt der Bürger aller religiösen Überzeugungen, die gleichberechtigt an der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft mitwirken. Den bei der Pflege des jüdischen Friedhofes engagierten Jugendlichen wurde herzlicher Dank ausgesprochen.

Dekan Kirchenrat Alfred Schreiber machte in seinen Worten die schrecklichen Ereignisse der Pogromnacht deutlich, die er als Schüler in Schmalkalden miterlebte. Deshalb solle die Gedenktafel neue Anstöße geben, die Liebe zu den Mitmenschen zu fördern.

Raphael Scharf-Katz legte besonders der Jugend nahe, durch das Erinnern die Vergangenheit zu begreifen, denn die Aufgabe der jungen Generation sei es, das progressive Erbe in .unserem Staat anzutreten und Ihn als humanistische Gesellschaft weiterzuführen. Die Ereignisse vor 50 Jahren seien nur der Vorhof zur Hölle gewesen, zum Holocaust, der 6 Millionen Juden in den Tod trieb. Das Nachdenken darüber würde besonders auch in den Einrichtungen unserer Volksbildung gefördert. Raphael Scharf-Katz las ein Gebet zur mahnenden Erinnerung an die jüdischen Opfer und die Stätten ihrer Leiden.

Bei einer Begehung und Ehrung auf dem jüdischen Friedhof der Stadt sprach sich der Repräsentant anerkennend über die in Bürgerinitiative gepflegte Stätte aus.

Am  vergangenen Freitag hatten Mitglieder der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in der Erfurter Synagoge der Opfer der faschistischen Pogromnacht gedacht. Gäste des jüdischen Sabbatgottesdienstes waren aus unserem Bezirk Helmuth Vierling, 1. Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Suhl, und Gerhard Sommer, Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes für Inneres.

 

Gedenktafel wird eingeweiht                                                                                   05.11.1988

In der „Hoffnung“, am Standort der in der faschistischen Pogromnacht vor 50 Jahren gesprengten jüdischen Synagoge, wurde dieser Tage eine Gedenktafel eingeweiht. Teilnehmer dieser Zusammenkunft waren Repräsentanten des öffentlichen Lebens, antifaschistische Widerstandskämpfer, Herr Scharf-Katz, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringens, Herr Kirchenrat Schreiber, weitere Bürger und viele Jugendliche, die in freiwilligen Einsätzen den jüdischen Friedhof im Eichelbach in Ordnung gebracht haben.           

 

Augenzeugenbericht:

In der Zeitung wurde nicht sehr auffällig auf die Gedenkveranstaltung hingewiesen. Es stand nur etwas von Verkehrsraumeinschränkungen drin. Es hätten auch kaum mehr Leute in der schmalen Gasse Platz gehabt. Es wurde versäumt, eine Lautsprecheranlage zu installieren, so daß Fernstehende schlecht verstehen konnten, was gesprochen wurde (eiinge Verkäuferinnen unterhielten sich über andere Dinge). Es war eine große Zahl Jugendlicher da. Darunter auch 17 Jugendliche, die Pfarrer Naumann benannt hatte, die den Gedenkgottesdienst am 9.November gestalten wollen. Sie wurden von der Schule delegiert, mußten aber nicht FDJ-Hemd tragen. Sie hörten auch besonders gut zu.

Außerdem sah man Leute, die aus den Betrieben und Geschäften delegiert waren, zum Teil in Arbeitskleidung. Aus Steinbach-Hallenberg waren da der Sekretär des Rates der Stadt, Gerhard König, der Spanienkämpfer Waldemar Gute und der Lehrer Anschütz (Ehemann der Direktorin). Leider wurde in der Autowerkstatt die Arbeit nicht. unterbrochen. Einige Arbeiter schauten während der Veranstaltung durch die Fensterscheiben. Sie hätten in erster Linie dazugehört, wo sie doch „auf dem geheiligten Boden der Synagoge“ arbeiten. So drückte es Raphael Scharf-Katz aus, der Vorsteher der jüdischen Landesgemeinde in Erfurt. Er hat als einziger seiner Familie die Verfolgung überlebt und konnte beim Herannahen der Amerikaner aus dem Konzentrationslager Nordhausen entfliehen. Mit ihm waren zwei Mitarbeiterinnen gekommen. Sie waren nachher noch Gast bei der Pfarrkonferenz, die an diesem Tag turnusmäßig zusammengetreten war.

Es sprach zunächst der amtierende Bürgermeister Schubert. Er gab zunächst gute Informationen (z.B. daß aus Schmalkalden 44 Juden verschleppt wurden). Dann aber fing er an mit dem Wohnungsbauprogramm und daß heute die Juden in diesem Staat in Geborgenheit leben könnten.

Dekan Schreiber berichtete aus eigenem Erleben und legte besonders Wert auf ein Zitat von Elie Wiesel, das die Gleichgültigkeit der Menschen als das Unglück bezeichnet. Er vermied den Namen „Reichskristallnacht“ und die Formulierung „die Juden sind umgekommen“, nachdem ich ihn vorher noch drauf hingewiesen hatte.

Dann sprach Herr Scharf-Katz und schloß mit zwei gesungenen Gebeten. In dem ersten nannte er die Konzentrationslager, in denen Juden umgebracht worden sind, das konnte man natürlich verstehen. Es war ein beeindruckendes Bild, wie dieser alte Mann im strömenden Regen auf der Straße Gebete sang.

Im Dekanat berichtete Herr Scharf-Katz, daß er jetzt jeden Tag zu solchen Einweihungen von Gedenktafeln reise. Er selber gehört zu den liberalen Juden und lebt nicht „koscher“, d.h. er ißt auch Fleisch von Tieren, die nicht nach jüdischer Vorschrift geschlachtet worden sind. Wir sprachen auch über die Zukunft der jüdischen Gemeinde, die insgesamt 28 Mitglieder umfaßt. Es wären vor einiger Zeit vier Kinder beschnitten worden. Sie hofften aus Zuzug aus Osteuropa, aber die dortigen Juden würden lieber in den Westen gehen. Immer wieder betonte er in seinen Reden die großen kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen der Juden in Deutschland, so als wollte er sich rechtfertigen. Sicher sollte man so etwas auch einmal dokumentieren, so wie man das etwa mit den Pfarrerssöhnen gemacht hat. Aber die Juden hätten natürlich auch eine Daseinsberechtigung, wenn sie diese Leistungen nicht vollbracht hätten.

Nach dem Mittagessen wurde zusammen mit den Staatsvertretern der jüdische Friedhof im Eichelbach besichtigt (Peter Heckert)

 

Peter Heckert, Steinbach-Hallenberg,                                             04.10.1988

An den Rat der Stadt Schmalkalden

Betr. Jüdischer Friedhof, Gedenken an die Pogromnacht

Mit Freude habe ich festgestellt, daß die Instandsetzungsarbeiten an dem jüdischen Friedhof im Eichelbaeh schon reit fortgeschritten sind. Der Platz, wo die alten Grabsteine aufgestellt worden sind, war ja sehen immer sehr gut instand gehalten. Die dort aufgewandten Geldmittel sind nicht verloren, denn man kann den nachfolgenden Generationen viel besser Geschichte vermitteln wenn noch Sachzeugen vorhanden sind. Daß das letzte Grab aus dem Jahre 1939 ist, sagt mehr als alle Geschichtsbücher. Ich begrüße es auch, wenn in der ehemaligen Judengasse an der Stelle der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel angebracht wird, wie es u.a. auch mein Sohn angeregt hat. Für diese Initiativen möchte ich dem Rat der Stadt ausdrücklich Dank sagen und ihn bitten, auch weiterhin die Zeugen der jüdischen Geschichte in Schmalkalden zu pflegen.

 

An das Zweite Deutsche Fernsehen, Mainz                                                   04.10.1988

Redaktion: Deutsches aus der anderen Republik

Ihr Bericht über jüdische Friedhöfe in der DDR hat mich wegen seiner Einseitigkeit empört. Hier hat wieder einmal ein Redakteur unbedingt sein vorgefaßtes. Urteil bestätigt haben wollen und dann auch geringe Anhaltspunkte gefunden. Im Bericht selber mußte er sich ja dann auch korrigieren.

Warum wurde denn nichts darüber gesagt, daß in 8 Städten der DDR Synagogen neu .gebaut oder restauriert wurden, schon vor vielen Jahren? Auch eine ganze Reihe jüdischer Friedhöfe wurde seit Jahren mit Millionenaufwand gepflegt. In Berlin wurde der Plan fallengelassen, eine Straße über einen Teil des Friedhofs in Weißensee zu bauen Ein großer Teil der Synagoge in der Oranienburgerstraße wird wieder aufgebaut.

Natürlich  könnte man beim Anblick dieser Ruine auch sagen: „Seht einmal wie das jüdische Erbe verkommt!“ Aber immerhin war dort schon immer eine Gedenktafel, die an vielen derartigen Gedenkstätten in der Bundesrepublik noch fehlt. Man muß ja sehen, daß noch viele Denkmale der deutschen Geschichte renovierungsbedürftig sind. Man kann nicht alles auf einmal schaffen.

Es ehrt die verantwortlichen Leute bei uns, daß sie schon immer das  Andenken der jüdischen Mitbürger bewahren wollten. Andere Gräber werden nach 25 oder 30 Jahren beseitigt, aber die jüdischen Gräber werden erhalten so wie Soldatengräber.

Als man in Schmalkalden den alten Friedhof um die Totenhofskirche auflöste, da hat man nur die jüdischen Grabsteine erhalten und auf dem neueren jüdischen Friedhof erneut aufgestellt. Alle Jahre wurde dieser Friedhof gepflegt und wird auch jetzt wieder mit erheblichem Aufwand instand gesetzt (Anmerkung. Die Grabsteine kamen nicht von dem Friedhof rund um die Totenhofskirche, der war nur „christlich“, sondern von dem Friedhof am Stiller Tor).

Machen Sie erst einmal einen Bericht über jüdische Friedhöfe und Gemeindehäuser in der Bundesrepublik! Dann zeigen Sie einmal die ehemalige Synagoge in Wachenbuchen bei Hanau, in der jetzt eine Autowerkstatt ist und wo erst kürzlich eine Gedenktafel angebracht wurde. Dann werden Sie nicht mehr so leicht auf die DDR zeigen können, weil man im Gebiet um Eberswalde einige Friedhöfe übersehen hat.

Sicher bleibt es eine Aufgabe, solche Plätze der Vergessenheit zu entreißen. Und wenn ein Mann sich darum besonders kümmert, ist es nur zu begrüßen. Die Reaktion der staatlichen Stellen zeigt doch, wie man solche Initiativen aufnimmt. Man kann in diesem Falle den staatlichen Stellen kein Versagen nachweisen wollen, sondern sollte ihr ehrliches Bemühen anerkennen. Woher sollen sie aber wissen, daß jüdische Grabsteine nach Osten ausgerichtet werden (ich hätte es auch nicht gewußt), wenn es ihnen niemand sagt? Ihr Bericht war jedenfalls tendenziös und diente nicht einer guten Information. Ich würde empfehlen‚in solchen Fällen sich nicht nur auf zufällige Informanten au verlassen, sondern die staatlichen und vor allem auch die jüdischen Stellen mit einzubeziehen.

 

Friedhof:

Im Juni 1988 erschien ein Artikel in „Glaube und Heimat“: Hinweise erbeten: In vielen Teilen unseres Landes sind Menschen auf Spurensuche nach der deutsch-jüdischen Vergangenheit. Eine Gruppe aus Eberswalde sammelt Hinweise zu allen jüdischen Friedhöfen, die sich auf dem Gebiet der DDR befinden oder befanden. Sie möchte eine Gesamtliste dieser Friedhöfe erstellen und allen Interessierten in Bibliotheken und Archiven, die sich mit jüdischer Geschichte befassen, zustellen. Zur Zeit wurden 150 jüdische Friedhöfe verzeichnet, vermutet werden jedoch 800.   Die Gruppe bittet nm Mithilfe bei der Erfassung. Die Hinweise richten Sie bitte an: Kai-Uwe Schulenburg, Lessingstraße 3, Eberswalde, 1300.

Diese Bitte erschien später noch einmal mit dem gleichen Text, nur wurden jetzt Hinweise erbeten an Eckehart Ruthenberg, Kollwitzstr. 54, Berlin, 1055, später Breite Straße 19, 1000 Berlin 33..

 

06.04.1989: Herr Ruthenberg antwortet auf meine Karte vom 19.08.1988, die ich an Herrn Schulenburg gerichtet hatte und die dann bei ihm angekommen ist (inzwischen auch Berlin-Grunewald, er spricht von einem Mißgeschick, das ihm widerfahren ist). Er bittet um Einzelheiten, um eine Skizze und Auskunft über die Inschriften. Er vermutet doch in Steinbach-Hallenbegr und Zella.

-Mehlis einen jüdisichen Friedhof, denn 1910 gab es in Steinbach 3 drei Juden und in Zella-Mehlis einen.

 

17.06.1989: Am 17. Juni 1989 schrieb ich an Herrn Ruthenberg (jetzt: Berlin –West): Der erste Friedhof der jüdischen Gemeinde Schma1kalden lag beim Haue Stiller Tor 3, unmittelbar vor dem Osttor der Stadt. Auf Stadtplänen aus dem vorigen Jahrhundert ist er eingezeichnet, in den 30iger Jahren dieses Jahrhunderts stand dort noch ein Baum, unter dem die alten Grabstein standen. Es ist nur ein kleines Grundstück, wie ein Garten bei dem Haus. Heute wird der Ort eicht mehr als Friedhof angesehen und ist durch Bauarbeiten (Abriß) total heruntergekommen. Die Juden wurden nämlich später auf  dem neuen Friedhof im Eichelbach neben dem allgemeinen Friedhof im Westen der Stadt bestattet.

 

Dort befinden sich jüdische Gräber aus diesem Jahrhundert, das letzte aus dem Jahr 1939. Dorthin hat man aber euch die alten Grabsteine von dem früheren Friedhof gebracht. Es steht dabei noch. eist Gedenkstein aus dem Jahr 1962, der auf diese Veränderung hinweist. Kirchliche Gruppen waren, damals beteiligt und heben auch bei der Pflege geholfen.

Die Grabsteine stehen in östlicher Richtung, wie es auch die Gelände an einem Hang allein zuläßt.

Einige Grabsteine sind hebräisch beschriftet, ob nur einseitig, kann ich nicht sagen. Dieser Teil, auf dem die alten Grabsteine stehen, wurde all die Jahre in Ordnung gehalten, d.h. vor allem das Gras gemäht. Die neueren (echten) Gräber waren die letzte Zeit etwas verkommen,

sind aber im vorigen Jahr von den staatlichen Stellen mustergültig hergerichtet worden, der Friedhof erhielt ein neues Eingangstor usw. Zur Einweihung einer Gedenktafel an der Stelle der Synagoge war auch der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Erfurt da, und man bat ihm euch den Friedhof vorgeführt. Auch der Barchfelder Friedhof ist gut in Ordnung.

Deshalb habe ich auch damals einen etwas empörten Brief an das ZDF geschrieben wegen der Sendung über die jüdischen Friedhöfe in der DDR. Es mag noch viele  Friedhöfe gehen, die unentdeckt  und deshalb nicht gepflegt .sind. Aber in unserer Gegend war und ist das nicht so. Man gibt sich sehr Mühe bei den staatlichen Stellen. Da sie nicht wissen, von der Ost-Ausrichtung der Grabsteige, kann man ihnen das nicht übel nehmen, das müssen ihnen Leute sagen, die es wissen.

In Steinbach-Hallenberg hat es übrigens keinen jüdischen Friedhof gegeben, trotz der 14 km-Regel, meines Wissens auch nicht in Zella-Mehlis, dazu war die Zahl der Juden doch wohl zu klein.

 

24.06.1989: Herr Ruthenberg spricht von einer Publikation, die er vorhat und bittet um Fotos. Er bittet um die Zahl der Grabstellen und die Größe des Friedhofs. Er schreibt: Es mag sein, daß die Friedhöfe im Süden der DDR besser gepflegt sind als anderswo. In der Mitte und im Norden hat er meist schlechte Erfahrungen gemacht.

 

04.10.1989: Gestern war ich wieder einmal auf dem jüdischen Friedhof in Schmalkalden; er ist jetzt wohl in der Regel verschlossen, ich war schon einmal vergeblich dort, aber gestern wurden dort Pflegearbeiten durchgeführt.

Auf dem Inschriftstein von 1962 steht leider auch nur, daß die alten Steine von dem „alten jüdischen Friedhof hierher versetzt wurden. Leider geht daraus nicht hervor, wo dieser Friedhof war. Sie könnten also doch von dem alten Friedhof vor dem Stiller Tor stammen (der Garten dort ist übrigens inzwischen wieder aufgeräumt).

Der Friedhof im Eichelbach ist etwa 75 x 35 Meter groß. Die alten Steine stehen in mehreren Reihen, in drei Gruppen etwas versetzt gegeneinander. Es sind 86 Steine. Dazu kommen noch 21 echte Gräber aus der neueren Zeit.

Einige Steine tragen Inschriften in deutscher Sprache. Andere sind auf einer Seite deutsch und auf der anderen Seite hebräisch beschriftet. Zwei Steine und zwei Säulen sind beidseitig hebräisch beschriftet. Die anderen Steine tragen nur an einer Seite hebräische Inschriften.

( Aus: Die Novemberpogrome: Gegen das Vergessen. Eisenach, Gotha, Schmalkalden. Spuren jüdischen Lebens, 1988, Landesjugendpfarramt der Ev-Luth. Kirche in Thüringen, Eisenach).

 

Sprendlingen

Das Auffinden, die Freilegung und das Sichern der Sprendlinger Mikwe ist den „Freunden Sprendlingens“ Verein für Heimatkunde e.V. zu verdanken: Laut Angaben der Eigentümer eines Hauses in der Hellgasse wurden bei einem Umbau hebräische Buchstaben in einem Türbalken festgestellt. Während eines Gespräches fiel dann das Wort „Judeloch“ mit dem Hinweis auf die Hofreite Hellgasse 15-17. Wie sich herausstellte, war auch dem Besitzer, Fritz Schäfer, dieser Name von seinen Eltern her bekannt.

Mit der Erlaubnis von Schäfer fingen die „Freunde Sprendlingens“ im Juni 1979 an, dort zu graben. Durch einen Einstieg von ca. 75 mal 75 Zentimeter wurden 11 Kubikmeter meist schlammiger Morast mit einer Unzahl von Keramikscherben und sonstigem Abfall nach oben geschafft. Nach 175 Arbeitsstunden war die als Kartoffelkeller und später als Hausmülldeponie genutzte Mikwe wieder freigelegt. Ihre Größe beträgt 340 mal 235 Zentimeter, ihre Gewölbehöhe 168 Zentimeter. Sie ist überwiegend aus Naturbruchsteinen gebaut, mit einer kleinen als Lichtquelle dienenden Öffnung im Deckengewölbe. Das eigentliche Tauchbecken erreicht man über sieben Stufen, es ist 130 mal 110 Zentimeter groß und hat eine Tiefe von 143 Zentimetern.

Im August 1979 wurde von dem jüdischen Historiker und Mikwen-Kenner Diamant und dem Kreisbeauftragten für Bodenaltertümer, Ulrich, nach eingehender Besichtigung bestätigt, dass es sich bei der Anlage um ein altes jüdisches Ritualbad handelt. Bei späteren Untersuchungen wurde das Alter des Bauwerks auf circa 300-350 Jahre geschätzt; es wurde also im 17. Jahrhundert erbaut. Der erste urkundliche Hinweis auf jüdische Bürger in Sprendlingen stammt zwar schon aus dem Jahre 1563, doch weder bei den von den „Freun­den Sprendlingens“ befragten, im Ausland lebenden Sprendlinger Juden noch in den Judenmatrikeln des Stadtarchivs wurde etwas gefun­den, was bereits auf eine alte jüdi­sche Gemeinde hinweisen würde.

Der größte Einschnitt im Leben der hiesigen Bevölkerung war der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), und nach ihm lebten in Sprend­lingen nachweislich nur noch fünf Familien, worunter sich keine jüdi­sche Familie mehr befand. Es wäre denkbar, dass die damaligen Juden abgewandert oder umgekommen sind und die später neu zugezoge­nen Juden nichts von ihren frühe­ren Glaubensbrüdern und der noch vorhandenen Mikwe erfuhren.

 

 

Steinau

Im Nationalsozialismus wurde die jüdische Geschäftswelt in Deutschland ausgelöscht. Betriebe mit jüdischen Inhabern sollten reichsweit in „arische Hände“ überführt werden. Das war von Anbeginn erklärtes Ziel nationalsozialistischer Politik. Bevor Juden in Vernichtungslager gebracht wurden, wurden sie ausgeraubt. Ihre Ausgliederung aus der Rechtsordnung geschah zügig und planvoll. Eine regelrechte „Arisierungswelle“ setzt in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre ein, sehr zum Nutzen der Profiteure der Judenverfolgung. Aber schon vorher gab es entschädigungslose Enteignungen jüdischer Eigentümer. Ein einzigartiges Beispiel dafür ist die Geschichte der Enteignung der Seifenfabrik „Dreiturm“ in Steinau (heutiger Main-Kinzig-Kreis), die bereits 1934 erfolgte. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass sich hier, im idyllischen Bergwinkelland, ein Wirtschaftskrimi abspielte. Dabei war der Umstand, dass der Dreiturm-Eigentümer Max Wolf als Sozialist bekannt war, von entscheidender Bedeutung.

Noch sind die Nationalsozialisten nicht an der Macht: Im Jahr 1930 zieht die Seifenfabrik Dreiturm, 1825 von der jüdischen Familie Wolf in Schlüchtern gegründet, wegen der Erweiterung des Firmengeländes ins benachbarte Steinau an der Straße. Die „Dreiturm“ entwickelt sich zum größten Arbeitgeber der Region. Sie gilt als fortschrittliches Unternehmen mit mustergültigen Sozialleistungen, übertariflichen Löhnen und der zu dieser Zeit seltenen 40-Stunden-Woche.

Nach den Reichstagswahlen im März 1933 beginnt in Schlüchtern und Steinau der Terror gegen den jüdischen Firmenbesitzer Max Wolf. Die Herrschaft des Faschismus beginnt auch in der Bergwinkelregion - wie überall im Deutschen Reich - mit Verhaftungen und Hausdurchsuchungen. Bei den Reichstagswahlen im März 1933 erhalten die Nationalsozialisten in Schlüchtern und Steinau satte Mehrheiten von über 50 Prozent. Das ist das Fanal für den örtlichen Terror gegen politisch anders Denkende. Max Wolf wird unter Hausarrest gestellt; sein Bruder Arnold, der als promovierter Chemiker ebenfalls im Werk arbeitet, wird mit einer Reihe anderer Dreiturm-Mitarbeiter in Schutzhaft genommen und ins Steinauer Gefängnis im Schloss gebracht.

Der NSDAP-Fraktionsvorsitzende des Kreistages, Oberförster M., avanciert zum Kreispolizeikommissar. Sein Parteifreund Adolf G. wird zum Landrat für den Kreis Schlüchtern gemacht. Ihm zur Seite steht der schnell zum Kreisoberinspektor aufgestiegene SS-Mann August D. Das erklärte Ziel der Nazis ist, die „rote Hochburg“ Dreiturm politisch zu liquidieren.

 

Frühjahr 1933: Max Wolf versucht zu retten, was noch zu retten ist. Sein Steuerberater Karl E., NSDAP-Mitglied seit 1931, schlägt ihm vor, die Firma zu verpachten und „in rein arische Hände“ zu legen, - damit „Sie künftig Ihre Ruhe haben“, wie er sich ausdrückt. Er rät, die Prokuristen Adolf Bell und Bruno Hoppe als Geschäftsführer einer neu zu gründenden Gesellschaft einzusetzen, und bietet sich selbst an, den Vorsitz des Aufsichtsrates zu übernehmen und als Verbindungsmann zur NSDAP zu fungieren. Die Familie Wolf lässt sich schweren Herzens auf diese „Gleichschaltungs“-Ratschläge ein. Das Unternehmen bekommt nun eine so genannte „arische“ Leitung, und Max Wolf hat nur noch durch einen Beratungsvertrag Einfluss auf sein Werk.

 

Aber das genügt der örtlichen Parteiprominenz keinesfalls. Sie will die Enteignung. Dafür setzen Landrat G., sein Adjutant August D. und die Gestapo Kassel mit ihrem obersten Leiter Friedrich P. S. alle Hebel in Bewegung. Allerdings ist man sich in der NSDAP keineswegs einig, wie man gegen Dreiturm und die Familie Wolf vorgehen soll. Die Partei war kein monolithischer Block. In der Folgezeit widersetzen sich einige NSDAP-Funktionäre den Enteignungsbestrebungen, insbesondere der Kreispolizeikommissar Kurt M.

Vorläufig sammelt das Landratsamt Schlüchtern, das wie eine Gestapo-Außenstelle agiert, emsig Material gegen Dreiturm. Behilflich ist ihm dabei ein Chauffeur des Werkes: Nikolaus K., seit Jahren bei Dreiturm beschäftigt und intimer Kenner vieler politischer Details, die für die Gestapo von Interesse sind. Mit der Bitte, seine Denunziation vertraulich zu behandeln, gibt er bereits im April 1933 zu Protokoll, dass er verschiedene Dreiturm-Mitarbeiter jeden Dienstag nach Frankfurt gefahren habe. Nach seinen Beobachtungen hätten diese dann an der Hauptwache linke politische Publikationen verkauft. Auch erfährt die Gestapo, dass im Sommer 1932 bei einer Autofahrt zwischen Max Wolf und anderen die Fortschaffung wichtigen Schriftmaterials erörtert wurde.

Auch andere Denunzianten melden sich zu Wort: Der Dreiturm-Portier Karl B., der Friseur und spätere Tankstelleninhaber Fritz K. und der Dreiturm-Angestellte Waldemar L. tragen allerlei zusammen, was die Gestapo interessiert: Zum Beispiel, dass die Geschäftsleitung im Werk nicht mit „Heil Hitler“ grüßt, wer was über die neue NS-Herrschaft geäußert hat, wer an wen verdächtige Bücher ausgeliehen hat. Der Gelnhäuser SS-Truppführer Albert E. im Verbund mit der Gestapo Kassel und dem Landratsamt Schlüchtern setzt Spitzel auf Personen an, von denen man weiß, dass sie rückhaltlos zu Max Wolf und gegen die geplante Enteignung seines Betriebes stehen werden: Opfer dieser Machenschaften ist in erster Linie Max Wolfs ehemaliger Kriegskamerad Adolf Bell, der seit Jahren in der Leitung der Dreiturm arbeitet. Bell setzt alles daran, die Enteignung zu verhindern.

 

In den Sommermonaten 1933 wird der Spielraum für die Dreiturm spürbar enger: Die NSDAP, vertreten durch ihren Steinauer Ortsgruppenleiter Fritz F., zwingt die Geschäftsleitung, linke Arbeiter zu entlassen und statt dessen verdiente alte Kämpfer der NSDAP einzustellen.

Max Wolf zieht mit seiner Familie nach Frankfurt, um sich dem Druck der Nazis in der Kleinstadt zu entziehen. Die Gestapo hat schließlich genug Material gegen die Dreiturm zusammengetragen, um zu dem gewünschten Ergebnis zu kommen, dass dieser Betrieb volks- und staatsfeindlichen Bestrebungen gedient hat und folglich enteignet werden muss.

Im März 1934 ist es so weit: Max und Arnold Wolf werden kurzerhand in Schutzhaft genommen. Wenige Tage später beschlagnahmt der Kasseler Regierungspräsident Konrad M. das Dreiturmwerk und setzt einen Wirtschaftskommissar ein, der das Vertrauen der Gestapo genießt: Walther R., Kaufmann aus Kassel. Die ersten Amtshandlungen, die der neue Wirtschaftskommissar vornimmt, sind die Kündigung des Beratungsvertrages mit Max Wolf und die Entlassung von Arnold Wolf.

Nun haben die Nazis freie Hand im Betrieb, wenngleich es sich vorerst nur um eine Beschlag­nahme, nicht um eine Enteignung handelt. Die Geschäftsführer Bell und Hoppe werden massiv unter Druck gesetzt, sich der neuen Firmenleitung zu beugen. Dabei ist die Drohung mit der Einweisung in ein Konzentrationslager durchaus im Bereich des Üblichen. Auf Hoppes Nachfrage, er könne sich nicht vorstellen, dass man jemanden ohne Grund ins Konzentrationslager verbringen kann, antwortet ihm der Kreisoberinspektor D. in unverblümter Offenheit: Es kann jeder in Schutzhaft genommen werden. Eine Begründung findet sich dann schon.

Max Wolf und seinen Freunden wird klar, dass sie auf höherer Ebene agieren müssen. Gegen die provinzielle Partei-Mafia, bestehend aus dem Landratsamt Schlüchtern, dem Regierungspräsidenten und der Gestapo Kassel, haben sie keine Chance. Also wendet man sich an das Reichswirtschaftsministerium. Max Wolf fährt nach Berlin, nimmt Kontakt zu Anwälten auf und trifft sich mit einem alten Bekannten aus Schlüchtern: dem Oberförster Kurt M. M. weilt zu dieser Zeit in einem Forsthaus in Brandenburg, wo auch die Nazi-Prominenz, unter anderen der Reichsjägermeister und Ministerpräsident Hermann Göring, des Öfteren zu Besuch kommt.

M. schreibt von dort aus an seinen Schlüchterner Parteifreund, den Landrat G., und betont, dass er Max Wolf „rein zufällig“ in Berlin getroffen habe: „Als ich neulich nach Besichtigung der Geweihausstellung mit einigen Parteifreunden im Berliner Hofbräuhaus saß, tauchte plötzlich ein alter Bekannter aus politisch sehr bewegter Zeit auf -Max Wolf aus Steinau, seines Zeichens Seifensieder ... Er teilte mir mit, daß beabsichtigt wäre, seine Fabrik zu enteignen, weil sie staatsfeindlichen Zwecken gedient hätte ... Die Behauptung, die Wolf’sche Fabrik hätte vornehmlich oder überhaupt staatsfeindlichen Interessen gedient, ist meines Erachtens vollkommen abwegig. Ein Beweis hierfür wird sich wohl niemals erbringen lassen. Fest steht lediglich eins, daß sich leitende Angestellte vor der Machtergreifung in jetzt staatsfeindlichem Interesse betätigt haben, daß Wolf selbst sich in diesem Sinne betätigt hat ... Eine Mitgliedschaft bei einer der damals links orientierten Parteien ist ihm meines Wissens aber nicht nach zuweisen, ebensowenig wie ein irgendwie loyales Verhalten nach der Machtübernahme“.

Damit stellt sich M. vorsichtig auf die Seite der Wolfs, was ihm allerdings in den nächsten Monaten viele Probleme bereiten wird. Sein Parteifreund D. aus  dem Landratsamt antwortet ihm denn auch postwendend: „Lieber Kurt! Durch Herrn Landrat erfahre ich von dem Versuch des Max Wolf, Dich vor seinen Wagen zu spannen. Du siehst die Dinge, von denen Du zeitlich inzwischen stark abgerückt bist, in jeder Beziehung unzutreffend. Zunächst, bitte, rufe Dir in Erinnerung, aus welchen Gründen Dir damals die Kreispolizei übergeben worden ist. Es geschah dies allein zu dem Zwe­cke, um den gefährlichen Wolfschen Be­trieb politisch tot zu machen.

Du weißt noch, daß unsere ersten gemeinsamen Maßnahmen nur darauf abgestellt waren ..“.

Aber damit war der ehemalige Polizei­kommissar vom Kreis Schlüchtern offenbar nicht auf Linie zu bringen. Der Drei­turm-Geschäftsführer Adolf Bell fährt ebenfalls nach Berlin. M. verspricht ihm, die Sache seinem obersten Parteifreund Hermann Göring vorzutragen, der demnächst zu Besuch käme.

Aber auch hohe Beamte der Kasseler Gestapo reisen nach Berlin, um zu interve­nieren. Als Adolf Bell Ende Mai 1934 Von seiner letzten Berlin-Reise nach Schlüch­tern zurückkehrt, findet er zwei Briefe vor: In dem einen verbietet ihm der Wirt­schaftskommissar R. das Betreten der Fir­ma Dreiturm, in dem anderen wird ihm vom Gestapochef P. S. mitgeteilt, dass er unter Hausarrest steht. Die Berliner An­wälte erreichen nach einigen Tagen die Aufhebung des Hausarrests.

Bell geht an diesem Abend zum Essen ins Hotel „Deutscher Kaiser“, wo er von eini­gen Schlüchternern verhalten gewarnt wird. Ein SS-Mann spricht ihn an: „Gehen Sie noch nicht weg, bleiben Sie noch etwas hier, das wird besser sein“. Bell spielt noch eine Partie Billard und geht gegen halb elf nach Hause. Eine halbe Stunde später hört er das Klirren der eingeworfenen Fensterscheiben bei seinem etwa 200 Me­ter entfernt wohnenden Kollegen Bruno Hoppe in der Alten Bahnhofstraße. Es fal­len auch Schüsse, und man hört Rufe wie  „Judenknecht verrecke“. Ein Anruf dort bestätigt Bell, dass bei Hoppe gerade das Haus demoliert wird.

Hoppe bittet ihn, die Polizei anzurufen; er könne nicht telefonieren. Im gleichen Augenblick werden auch schon im Hause Bell die Fenster zertrümmert. Bell versucht telefonisch die örtliche Polizei zu erreichen - ohne Erfolg. Er meldet beim Postamt ein Ferngespräch an, will seinen Anwalt sprechen - ohne Erfolg.

Inzwischen tragen die Kontakte nach Berlin erste Früchte: Oberförster M. wird als Sonderbeauftragter des Ministerpräsidenten Hermann Göring eingesetzt, um die Vorfälle in Schlüchtern zu untersuchen. Er schlägt sein Hauptquartier im Hotel Löwe auf. Kurt M., alter Kämpfer und erfahren als früherer Kreispolizeikommissar, will in Schlüchtern aufräumen, Er will – wie er sagt – die Staatsautorität wieder herstellen und ist weitgehenden Vollmachten von Hermann Göring ausgestattet. Der Anschlag auf die Häuser von Bell und Hoppe soll nun aufgeklärt, der die Kreisoberinspektor D. entlassen und der von Kassel eingesetzte Wirtschaftskommissar bei Dreiturm, Walther R. abgesetzt werden.

Als Erstes verhaftet M. den Gelnhäuser SS-Sturmführer Albert E., der den Pogrom gegen Bell und Hoppe organisiert hatte. Er nimmt ihn in Schutzhaft ins Schlüchterner Gefängnis. Dann lässt er in einer spektakulären Aktion verschiedene stadtbekannte Nazis öffentlich zum Verhör vorführen, indem er sie wie Angeklagte vorladen und durch die Stadt führen lässt. Auch der Landrat wird verhört. Dieser und die Gestapo Kassel sehen allmählich, ihre Felle davonschwimmen.

Nochmals interveniert der Gestapo-Leiter P. S. in Berlin beim Ministerpräsidenten und droht, von seinem Amt zurückzutreten. Damit hat er schließlich Erfolg: Hermann Göring scheint die Lust verloren zu haben an diesem Fall. Er lässt M. zurückrufen und erklärt seinen Auftrag für beendet.

Nun geht es geradewegs auf die Enteignung zu. Anfang Juli 1934 wird das Dreiturm-Vermö­gen, das bis dahin nur beschlagnahmt war, entschädigungslos eingezogen. Gleichzeitig werden sowohl Max Wolf als auch Adolf Bell verhaftet.

Bei Wolf lautet der Vorwurf, wie meist bei politischen Verfahren gegen Sozialdemokraten und Kommunisten, „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens2. Bell wirft man vor, durch seine Äußerungen das Ansehen des Staates und der NSDAP schwer geschädigt zu haben. Fast fünf Monate sitzt Max Wolf in Untersuchungshaft in Berlin-Plötzensee. Langfristig kann die Justiz allerdings den Haftbefehl gegen ihn nicht aufrechterhalten. Die Anklage wird fallen gelassen. Der Zweck der Prozedur - die Enteignung der Dreiturm-Werke - war erreicht.

Auch Adolf Bell sitzt mehrere Monate in Untersuchungshaft. Ihn aber will man verurteilen. Natürlich finden sich genügend gesinnungstüchtige Richter und Staatsanwälte, die die volle Härte der Nazi-Gesetzgebung gegen Adolf Bell ins Feld führen. Und es finden sich willfährige Zeugen, die Bell seit geraumer Zeit bespitzelten: der Chauffeur K., der Portier B. und der Friseur K. Im Oktober 1934 verurteilt das Sondergericht Kassel den 43-jährigen Adolf Bell zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis. Damit ist der entschiedenste Kämpfer gegen die Dreiturm-Enteignung hinter Gitter gebracht.

Der Dreiturm-Konzern gehört nun dem Staat. Er wird ein Jahr später von der Konkurrenzfirma Sidol zu einem Spottpreis von rund eineinhalb Millionen Reichsmark aufgekauft. Der Wert des Unternehmens betrug zu diesem Zeitpunkt etwa dreieinhalb bis vier Millionen Reichsmark.

Max Wolf und seine Familie emigrieren nach England, wohin ihm später auch sein Bruder Arnold und der aus dem Gefängnis entlassene Adolf Bell folgen. Mit Hilfe von Freunden gelingt es ihnen, in England ein neues chemisches Werk zu errichten. Die meisten der leitenden Mitarbeiter der Dreiturm und die politischen Freunde Max Wolfs sind in alle Winde zerstreut. Geschäftsführer Hoppe wird entlassen.

Wie viele Betriebe wurde auch die Dreiturm in Steinau auf die Produktion von Rüstungsgütern im Krieg umgestellt. Der Sidol-Konzern, zu dem die Dreiturm seit der „Arisierung“ gehörte, arbeitete an der Rüstungsfertigung auf höchster Dringlichkeitsstufe nach dem „Führernotprogramm“. Der Arbeitskräftebedarf wird mit Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen gedeckt, insbesondere mit russischen Kriegsgefangenen.

Kurz vor Kriegsende, Karfreitag 1945, fällt das Dreiturmwerk einem Tieffliegerangriff zum Opfer. 70 Prozent der Gebäude und 85 Prozent der Maschinen und Einrichtungsgegenstände werden ein Raub der Flammen.

Nach Kriegsende versucht Max Wolf, die Dreiturm wiederzuerlangen. Aber es dauert noch drei Jahre juristischer Auseinandersetzung, bis die Rückgabe durchgesetzt ist. Max Wolf konnte sich darüber nicht mehr lange freuen. Er starb im selben Jahr 1948. Max Wolfs Sohn Gerald Wolf, der heute 82jährig in England lebt, übernahm 1948 die Leitung der Dreiturm, verkaufte 1970 aber 50 Prozent an Rudolf Hedler, der die Unternehmensführung als geschäftsführender Gesellschafter übernahm. Die Hälfte des Unternehmens gehört noch heute der Familie Wolf (Dr. Christine Wittrock).

 

Um die soziale Einstellung des Firmenchefs Max Wolf zu verstehen, muss man wissen, dass er, wie auch sein jüngerer Bruder Arnold, in der Weimarer Republik mit sozialistischen Ideen in Berührung gekommen ist. Max und Arnold Wolf gehörten dem Internationalen Jugend-Bund an, einer Organisation, die links von der SPD im Spektrum der Arbeiterbewegung agierte Für die Sozialdemokratische Partei waren die jungen Leute aus dem Internationalen Jugend-Bund, dem IJB, lästige Parteigenossen, von denen sie immer wieder an ihre eigenen, aber schon in Vergessenheit geratenen sozialistischen Ziele erinnert wurden.

Die SPD entledigte sich schließlich 1925 ihrer linken Kritiker durch einen Unvereinbarkeitsbeschluss. Nun gründete sich aus dem IJB heraus unter Führung des Göttinger Philosophen, Mathematikers und Politikers Professor Leonard Nelson eine neue Partei: der Internationale Sozialistische Kampf-Bund, kurz ISK genannt. Der ISK wollte die Welt verändern. Er wollte mutige und prinzipientreue Menschen heranbilden, wollte sie zu ernsthaften Sozialisten erziehen und eine Brücke zwischen den beiden Arbeiterparteien - der SPD und der KPD - in der Weimarer Republik schlagen.

Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund verpflichtete seine Mitglieder zu besonderer Lebensführung: Einhaltung vegetarischer Lebensweise in Achtung vor dem Lebensrecht der Tiere, Austritt aus der Kirche, da ihre Glaubenslehre die Menschen entmündige, Abstinenz von Alkohol, dessen Genuss den Vernunftgebrauch einschränke und Abgabe einer rigorosen „Parteisteuer“.

Der ISK legte keinen Wert auf große Mitgliederzahlen; eine straff geführte, gut geschulte sozialistische Elite war ihm wichtiger. Nach Schätzungen soll er in Deutschland etwa 300 Mitglieder und ein Umfeld von 1.000 Sympathisanten gehabt haben, gab eine eigene Zeitung heraus und war hauptsächlich in Deutschland und England vertreten.

Eines der wichtigsten Projekte, die Max Wolf im Rahmen des ISK mit großem Engagement unterstützte und förderte, war das Landeserziehungsheim Walkemühle bei Melsungen, eine linke Reformschule mit Internatscharakter. Der Dreiturmchef Max Wolf verstand sich als Sozialist. Er wollte seinen Reichtum für sinnvolle Aufgaben verwenden. Er gehörte zu den wenigen Wohlhabenden, deren vorrangiges Ziel nicht Profitmaximierung war, sondern Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse: Abschaffung des Elends, der Massenarbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Verrohung und Verdummung der Menschen. Für dieses Ziel arbeitete und kämpfte er, dafür gab er große Summen seines Geldes aus, dafür wurde er letztlich ins Gefängnis gebracht und aus Deutschland vertrieben.

In den unruhigen Jahren zwischen 1918 und 1933 wurde die Dreiturm-Seifenfabrik in Schlüchtern und später in Steinau ein Auffangbecken für Sozialisten aller Schattierungen. Arbeitslose Gewerkschafter, gefeuerte kommunistische Arbeiter, leitende ISK Mitglieder, sozialdemokratische Familienväter - alle fanden Brot und Arbeit in dem vorbildlich geführten Werk; ein Umstand, der wenige Jahre später dazu führt, dass die örtlichen Nationalsozialisten die Dreiturm als „rote Hochburg“ unerbittlich verfolgen (Christine Wittrock).

 

Sterbfritz

Basierend auf einem Buch vom Max Dessauer (1893-1962) haben sich Monica Kingreen und Thomas Müller auf die jüdischen Spuren in Sterbfritz begeben. Ihre Forschungsarbeit ist vom Heimat- und Geschichtsverein Bergwinkel in der Broschüre „Beiträge zur Geschichte jüdischer Sterbfritzer“ dokumentiert.

Wie vielfach in der Provinz wütete der Mob in Sterbfritz mit Verzögerung. Erst in den Abendstunden des 10. November zog ein SA-Kommando in die Mittelstraße, um sich an der Zerstörung jüdischen Besitzes zu ereifern. Die Nazi-Schergen stürmten in die Synagoge, randalierten im Betraum und warfen die Kultgegenstände auf die Straße. Augenzeugen des Geschehens berichteten später, wie der heiligste Besitz der Glaubensgemeinde, die Thora-Rollen, auf der Straße ausgerollt wurde.

 Das Geschehen vor 51 Jahren öffnete auch den letzten verbliebenen Juden im Ort die Augen. 29 verließen in den kommenden Monaten ihre Heimat, die meisten davon unmittelbar nach dem Pogrom. Zurück blieben 15 arme und alte Menschen. die keine Möglichkeiten zur Auswanderung hatten. Im Mai 1942 folgte auch für sie der Abschied aus Sterbfritz. Über Schlüchtern wurden sie drei Monate später in die Konzentrationslager und Vernichtungsstätten deportiert.

Heute erinnert in Sterbfritz nichts mehr an die rund 300jährige Geschichte der jüdischen Gemeinde. Die Mittelstraße heißt nun „Im Aspen“. Die einstige Synagoge vermochte auch eine zwischenzeitlich angebrachte Gedenktafel nicht zu retten. Nach dem Krieg als Wohnhaus genutzt, verfiel sie zusehends und wurde Mitte der 70er Jahre abgerissen.

Max Dessauer (Bild) ist es zu verdanken, dass von der jüdische Tradition in Sterbfritz neben dem dunkelsten Kapitel auch freundlichere Bilder überliefert sind. In seinem Buch aus unbeschwerter Zeit“ schildert der. 1962 Verstorbene Geschichten und Episoden aus einer Zeit, in der Christen und Juden an der Kinzigquelle ein gut nachbarliches, häufiger gar freundschaftliches Miteinander pflegten.

 

 

Auf 100 Seiten zeichnet der am Grimmelshausen-Gymnasium beschäftigte Referendar Thomas Müller (34) den Lebensweg Dessauers nach, der Kindheit und Jugend in Sterbfritz verbrachte, im ersten Weltkrieg schwer am Arm verwundet wurde, während der Weimarer Republik als Kaufmann in Fulda und Offenbach arbeitete und 1936 vor den Nazis nach Frankreich floh.

Dort gelang es ihm nicht nur, mit Frau und Tochter unterzutauchen, sondern über Kontakte zu Widerstandsgruppen auch vielen verfolgten Juden zu helfen.

Mitte der 50iger Jahre war Dessauer maßgeblich am Aufbau eines Altenwohnheims bei Paris für Überlebende des Völkermordes beteiligt. Dabei knüpfte er Kontakte zu namhaften deutschen Politikern, darunter Carlo Schmidt, der ihn drei Jahre nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1961 mit dem Bundesverdienstkreuz auszeichnete.

Die Erinnerungen Dessauers vermitteln einen lebendigen Eindruck vom Landjudentum, das in Hessen und speziell im Bergwinkel einen vergleichsweise überdurchschnittlichen Bevölkerungsanteil stellte. Zur Blütezeit 1885 waren in Sterbfritz immerhin 15 Prozent der etwas mehr als 1000 Bewohner jüdischen Glaubens. Der Anfang des 19. Jahrhunderts gebauten Synagoge war sogar eine eigene einklassige Elementarschule angegliedert. Obgleich Juden und Christen auf dem Land im Glauben stark traditionsgeprägt waren, „gab es im Alltag viele Bindungen, die konfessionelle Unterschiede aufhoben“, schrieb Dessauer. Nicht zuletzt auch die Armut, das kärgliche Dorfleben, verband beide Bevölkerungsgruppen. So fanden sich Juden in der Gemeindevertretung, politischen oder geselliger. Vereinsvorständen bis hin zur Feuerwehr. Ein Ort der Geselligkeit war das jüdische Café Schuster, in dem auf einem Grammophon alte Platten liefen und später das erste Radio im Dorf angeschaltet wurde. Juden und Christen spielten hier Karten. sonntags wurde getanzt.

Doch zwischen aller scheinbaren Normalität tat sich auch immer eine Kluft auf. Schon im Kaiserreich sahen sich die Juden gerade in wirtschaftlichen schweren Zeiten auch ob ihrer Handelstätigkeit wiederkehrender Hetze ausgesetzt. Im Jahr 1933 lebten noch 93 Juden in Sterbfritz (7,3 Prozent). In dem protestantischen Ort hatte die NSDAP schon früh überdurchschnittliche Wahlergebnisse erzielt. Schnell schwand der bürgerliche Anstand, schon zehn Wochen vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler wurden dem Bäcker und Cafébesitzer Schuster die ersten Fensterscheiben eingeworfen.

Auf Druck der Nazis zerbrachen nach und nach fast sämtliche Bindungen. Wer weiter Kontakte pflegte, konnte öffentlich verunglimpft werden. „Heinrich hat 2 Kg Wagenfett beim Juden in Sterbfritz gekauft“ stand im Mai 1935 auf einer Anschlagtafel in Weichersbach zu lesen. Nur wenige hatten Zivilcourage wie der Zahnarzt Richard Reinhard und der Tierarzt Walther Bergien, die trotz Verbots weiter jüdische Patienten oder ihr Vieh behandelten.

Bergien versorgte darüber hinaus heimlich den Hausierer Lazarus Hecht mit dem Lebensnotwendigsten.

Das Schicksal des kleinen treuherzigen, im gesamten Kreis Schlüchtern bekannten Originals zeichnet die Nidderauer Geschichtsforscherin und Autorin Monica Kingreen noch einmal gesondert nach. Sie bezeichnet Lazarus Hecht, der sich mit einem kleinen Bauchladen mehr schlecht als recht über Wasser hielt als „prägnante und typische Gestalt des hessisch-jüdischen Landlebens“. Gebückt zog er über die Dörfer, verkaufte Nähnadeln und Fliegenfänger und wurde vor allem als Nachrichtenübermittler geschätzt.

Die Nazis verboten ihm sein Gewerbe und bald darauf den Kontakt mit jeglichen Bauern. Fast ein Jahr musste er mit dem Judenstern durch Sterbfritz gehen, ehe er am 30. Mai 1942 über Schlüchtern nach Theresienstadt und drei Wochen später nach Treblinka verschleppt wurde. Am 29. September 1942, unmittelbar nach seiner Ankunft, wurde der liebenswürdige Hausierer, 67 Jahre alt, vergast. Lazarus Hecht ist einer von 58 Namen in einer gesonderten Auflistung Monika Kingreens. Darin skizziert sie das Leben aller bekannten Juden aus Sterbfritz, die im Rassenwahn ermordet wurden.

 

Südhessen

Auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Darmstadt-Dieburg standen 1945 noch fünfzehn ehemalige Synagogen, heute sind gerade noch vier davon als einstiges Gotteshaus erkennbar, eine weitere steht im Hessenpark. Im Kreis Bergstraße bestehen noch fünf der einst sechs ehemaligen Synagogen, im Kreis Groß-Gerau noch neun von zehn, und im Odenwaldkreis sind noch drei der vier einstigen jüdischen Gotteshäuser aus der Nachkriegszeit erhalten.

Die meisten Juden auf dem Lande waren keine reichen Leute. Sie leisteten sich zwar einen Betsaal, aber für Synagogenbauten hatten sie oft kein Geld. Sie kauften alte Hofreiten und bauten sie zu kleinen Gemeindezentren um. In den alten Wohnhäusern brachten sie Schulräume und die Wohnungen der Lehrer und Vorbeter unter. Die alten Scheunen wandelten sie in Synagogen um. Zum Gemeindezentrum gehörten außerdem die Mikwe, das Ritualbad, und das Backhaus, in dem alle gemeinsam ihr Brot buken. Äußerlich waren Dorfsynagogen – im Gegensatz zu den kleinen christlichen Kirchen – oft nicht zu erkennen. Allenfalls schmale, hohe Fenster, die auf zweigeschossige Innenräume mit Emporen hinwiesen, ließen die Bedeutung des Gebäudes erahnen. Eine typische Synagogenarchitektur gab es auf dem Land nicht.

 

Die Synagoge in Pfungstadt wurde inzwischen denkmalgerecht saniert und zum sehenswerten Kulturzentrum ausgebaut. Ein Beispiel, das Freude macht. Gut erhalten ist die Synagoge in Auerbach dank des „Auerbacher Synagogenvereins“, der sich 1984 zusammenfand und beschloss, das ehemalige barocke jüdische Gotteshaus in der malerischen Bachgasse wieder in Ordnung zu bringen. Eine rührige Bürgerinitiative engagiert sich auch für den Erhalt der großen Zwingenberger Synagoge. Sie stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert. Im Innern sind noch die Empore, wie auch interessante Reste der einstigen Art-Deco-Wandbemalung auf der Frauenempore erhalten. Die ehemalige Synagoge ist zurzeit in Privatbesitz – über mögliche zukünftige Nutzungen wird nachgedacht.

 

Reichelsheim im Odenwald: Im Gerichtsbuch des Amtes Reichenberg ist bereits 1733 ein Flurstück am Kirchpfad erwähnt, das „Der Judenfriedhof”    genannt wird. Da der damals zuständige Friedhof der Juden sich in Michelstadt befand, eine Überführung der Verstorbenen in Seuchenzeiten über große Strecken aber untersagt war, behalf man sich mit einem eigenen Begräbnisplatz, der jedoch nur für Notfälle vorgesehen war. Bis zum Jahre 1857 beerdigten die Juden von Reichelsheim, Pfaffen-Beerfurth und Fränkisch-Crumbach ihre Verstorbenen in der Regel auf dem Judenfriedhof in Michelstadt.

Im Jahr 1856 kaufte der „Israelische Bruderverein Reichelsheim“ dann das Stück Acker „An der Ruh“ und beantragte die Einrichtung eines jüdischen Friedhofs. Er war zunächst Begräbnisplatz für die Juden von Reichelsheim und Fränkisch-Crumbach. Im Jahr 1860 wurden auch die Juden von Pfaffen-Beerfurth in den Friedhofsverband aufgenommen. Seit 1906 war dann die Israelische Religionsgemeinschaft Reichelsheim Eigentümerin des Friedhofs, der 1929/30 erweitert wurde. Heute hat die Gemeinde Reichelsheim die Betreuung des jüdischen Friedhofs übernommen. Sie erhält dazu einen Landeszuschuss.

Im Jahr 1992 hat ein Angehöriger der jüdischen Familie Meyer für seine ermordeten Eltern und Geschwister auf dem Gelände einen Gedenkstein setzen lassen.

Am 1. September 2002 fand im historischen Rathaussaal des Regionalmuseums Reichelsheim die Sonderausstellung „Gegen das Vergessen - Juden in Reichelsheim“ statt. Es gab geführte Rundgänge zu Häusern, die früher einmal im Besitz jüdischer Reichelsheimer Familien waren, sowie zum Platz, auf dem einst die Mikwe stand, und zur ehemaligen Synagoge geplant. Zeitgleich fanden Führungen auf dem Reichelsheimer Judenfriedhof statt.

 

 

Rhön (thüringische Rhön):

Woher kamen die Juden zwischen Rennsteig und Rhön?

In meiner Heimatstadt Suhl kann keiner der einstmals Suhler Juden mehr berichten, was in einer der schrecklichsten Nächte des 20. Jahrhunderts geschah. Ich meine jenen Pogrom, den die Faschisten als „Kristallnacht“ bezeichneten und der die massenhafte Liquidierung unschuldiger jüdischer Menschen in Deutschland und Europa einleitete. Über 6 Millionen luden fielen dem faschistischen Rassenwahn zum Opfer. Als Zeitzeuge jener barbarischen Ereignisse erfüllt es mich mit Genugtuung und Stolz, daß in meinem sozialistischen Vaterland, der DDR, die Wurzeln des Antisemitismus und des Rassenwahns ausgerottet sind.

Im 14. Jahrhundert hatte sich auch in unseren Breiten das Fronhof-System überlebt  Der verstärkte  Bedarf an Rohstoffen, Vieh, Kramwaren o.ä., aber auch der Umsatz der Fertigware brachte den verstärkten Handel hervor. Dabei bildeten sich an besonders verkehrsgünstigen Knotenpunkten bedeutende Markt- und Messeorte heraus. Die kürzeste Direktverbindung einer Vielzahl von Städten führte durch die Rhön und über den Thüringer Wald. In diesem Gebiet hatten die Grafen von Henneberg ihre Territorialherrschaft errichtet

Ihr Machtausbau, Fehden und Hofstaat verschlangen mehr, als einkam. Geldnot blieb der ständige Begleiter des Feudaladels, und nicht nur in Henneberg. Unter den Kaufleuten befanden sich ihren religiösen Bekenntnissen noch auch Juden, die für den hohen Feudaladel von besonderem Interesse waren, dies ihrer besonderen Stellung wegen. Zur rechtlichen Stellung der Juden in damaliger Zeit heißt es in einer Norm Karls IV. aus dem Jahre 1347: „Die Juden gehören mit Leib und Gut unserer Kammer und sein in unserer Gewalt und Händen, daß wir mit unserer Mächtigkeit damit tun und lassen mögen, was wir wollen.“

Die Henneberger. wie auch andere Grafen – ihres Zeichens zugleich auch oberste christliche Kirchenfürsten – erteilten gegen beträchtliche Gebühren Schutzbriefe an Gläubige der jüdischen Religion. Dies taten sie keineswegs aus Sorge um das Wohlergehen der Menschen jüdischer Abstammung, denn .“Schutzverwandte“ konnten nur wohlhabende Juden werden. Ihnen gestatteten die Grafen, im bestimmten Umfang in ihrem Hoheitsbereich Handel zu treiben und auf begrenzte Zeit seßhaft zu werden. Damit aber forderten sie den massiven Widerspruch ihrer eigenen Geistlichkeit wie euch der Landstände heraus, von denen maßgeblich der Antisemitismus ausging. So ersuchten im Jahre 1548 die Geistlichen zu Schleusingen und vier Jahre später die Hennebergischen Landesstände „umb Forträumung der Jüden“. Drei weitere Jahre später ist in einem Visitationsprotokoll zu lesen,  daß „zu Ilmenau viel Jüden erhalten werden ... so wollten sie doch auf die Wege und Mittel denken, daß Sie derselben loswerden möchte.“

Oftmals wurden Vorwände ersonnen, sich der Juden und mit ihnen der herrschaftlichen Schulden zu entledigen. Auch die Henneberger Grafen ließen im Jahre 1555 ihre Vorbehaltsklausel  „.. die Juden, wenn sie sich des Schutzes unwürdig bewiesen, aus der Grafschaft zu weisen ..“ wirksam werden.

Unter Ausnutzung weitverbreiteten Aberglaubens wurden Juden unter dem Vorwand der Brunnenvergiftung, Schuld an Mißernten,. des Ausbruches von Seuchen und anderen Bezichtigungen verfolgt, mißhandelt, des Landes verwiesen oder getötet. Einer der blindwütigsten und fadenscheinigsten Exzesse des Antisemitismus im Mittelafter ist der Meininger Chronik entnommen. Eine Zusammenkunft jüdischer Bürger zum Palmsonntag des Jahres 1349 wurde als Zusammenrottung und Konspiration angeprangert, bei der Pläne zum Überfall auf Christen besprochen worden seien. Durch  „sonderbare Schickung“ seien sie daran gehindert worden, zahlreiche Juden wurden sofort erschlagen, Gefangengenommene wurden am 17. Juli mit Gesinde, Weib und Kind verbrannt. An jener Stelle aber, wo die Synagoge der Juden gestanden hatte, wurde am 22. 7. 1384 eine christliche Kirche geweiht.

 

Auch in anderen Bereichen gipfelt der von christlichen Fanatikern und der sich in den Kleinstädten herausbildenden neuen Oberschicht geschürte Antisemittsmus darin, daß die Juden des Landes verwiesen und Synagogen, wie 1492 in Ilmenau, in Christenkirchen umgewandelt wurden. Im Hennebergischen wurde offensichtlich im Zuge der Visitationstätigkeit zur Durchführung der Reformation erreicht, daß ab 1566 in diesem Territorialbereich Juden nicht mehr ansässig waren. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden Schutzjuden wieder verstärkt ansässig.

Um die arg gebeutelten herrschaftlichen Kassen spürbar aufzubessern, ging der Adel Mitte des 17. Jahrhunderts dazu über, erneut „Schutzjuden“ anzunehmen. In unserem Territorialbereich geht die Ersterwähnung wieder seßhaft gewordener jüdischer Familien auf das Jahr 1658 in der kleinen Gemeinde Bibra zurück. Um die Wende des 17. Jahrhunderts aber hatten sich bereits wieder zahlreiche jüdische Gemeinden herausgebildet. Doch erst im Ergebnis der bürgerlich-demokratischen Revolution wurden alle Gesetze und Verordnungen, die der bürgerlichen Gleichstellung von Menschen jüdischen Glaubensbekenntnisses entgegenstehen, aufgehoben.

Nunmehr ist es jüdischen Unternehmern möglich, bedeutenden Anteil am Aufschwung der Industrie in unserem Bereich zu nehmen. Ein Beispiel war die große Barchentweberei von Siegel, Elsbach und Co. in Walldorf. Die Hildburghäuser Firma Wilhelm Simon war führend an der Entwicklung der Spielzeugindustrie in Deutschland beteiligt und erlangte Weltruf. Im Jahre 1866 erwarb Moses Simson den Alleinbesitz am Alten Stahlhammer zu Heinrichs, .dem Ausgangsunternehmen des späteren Großbetriebes „Simson-Werke“.

Die gesetzlich verbriefte Emanzipation ließ zu, daß Juden, wenngleich nicht Bürgermeister, so aber doch Mitglied des Magistrats oder der Gemeindevertretung werden können. Auch die Bildung von Synagogenbezirken, die sich nach Möglichkeit mit den landrätlichen Bezirken decken sollten, vollzog sich im Rahmen dieser Entwicklung. Zahlreiche Synagogen wurden um-, aus - oder neu gebaut.

Zum Bau der im Jahre 1892 geweihten Synagoge zu Bauerbach hatte Herzog Georg von Sachsen-Meiningen eine ansehnliche Summe gespendet. In einem Schreiben an die dortige Kultusgemeinde versicherte er: „Angesichts der Versuche, der Verirrung des Antisemitismus auch bei uns Eingang zu verschaffen, können die Israeliten Meiningens auf mich zählen“.”

„Der israelitischen Gemeinde zur Ehre, der Stadt Suhl zur Zierde!“ - das waren die Worte des Suhler Bürgermeisters Janssen anläßlich der symbolischen Schlüsselübergabe an die israelitische Gemeinde in Suhl am 7. August 1906. Weiter brachte er seine Hoffnung dahingehend zum Ausdruck, „... daß der Friede zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften, wie in Suhl der Fall, stets so bleiben möge“.

Drei Jahrzehnte später offenbarten und praktizierten die faschistischen Machthaber mit ihrem verbrecherischen Juden-Pogrom ein wahnsinniges, chauvinistisches Vorgehen gegenüber jüdischen Gemeinden (Hans Nothnagel)(Fortsetzung nicht erhalten)..

 

Aschenhausen:

Aschenhausen ist ein verträumtes Dorf im Kreis Meiningen abseits der großen Landstraßen. Doch hier war etwa die Hälfte der 200 Einwohner jüdischen Glaubens. Die erste Erwähnung in einer Urkunde ist auf das Jahr 1425 datiert. Wenige Jahre später wird der Ort als Lehen dem Adelsgeschlecht derer von Speßhadt übergeben. Durch den 30jährigen Krieg und die Pest war das Dorf geleert worden. Im Jahr 1699 gewährte Freiherr Balthasar von Spessart  dem ersten Juden das Recht, sich hier niederzulassen.

Jeder bekam ein Stück Land. Jeder entrichtet den Speßhardts die geforderten Gebühren - für jede Geburt, für jede Beschneidung eines Knaben, für Eheschließung und Begräbnis. Außerdem mußte jeder einen Beruf haben, um so die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Als geachtete Mitbürger leben sie hier, gehen unterschiedlichsten Gewerben nach: Peitschenmacher, Mützenmacher, Händler.                                                   

Nach Zahlung. einer entsprechenden Summe erhielt die jüdische Gemeinde 1767 das Recht, sich eine eigene Synagoge zu errichten. Reich war sie nicht, diese kleine Gemeinschaft jüdischer Rhönbewohner. Es entstand hier ein kleines, bescheidenes jüdisches Gotteshaus inmitten von Aschenhausen

Mit den Jahren kommen immer mehr hierher, um der Verfolgung an anderen Orten zu entgehen. sich auf eigenem Land ernähren zu können. Über die Jahrhunderte hinweg lebten Juden und Christen in Aschenhausen einträchtig nebenein­ander. Ja, um die Mitte des vergan­genen Jahrhunderts war es fast die Hälfte der Dorfbewohner, die sich zum jüdischen Glauben bekannte.

Als um die Jahrhundertwende die Beschränkungen für jüdische Ge­meinden in vielen Teilen des dama­ligen Deutschlands gelockert wurden, ziehen viele fort in die großen Städte, um dort ihr Glück zu versuchen. Immer weniger Juden wohnten  Als der Antisemitismus eine neue Blüte erreichte, wanderten viele aus, nach Israel oder Amerika und auch in andere Länder. Andere gingen in die großen Städte wie Frankfurt (Main) oder nach Erfurt.

Höhepunkte im Leben der jüdischen Gemeinde waren die großen Feiertage: das Passahfest, das Laubhüttenfest, der große Versöhnungstag. Jede Woche wurde feierlich der Sabbat, der „Schabbas“, begangen. Der Diener der Schule (Synagoge) ging Freitagabend durch das Dorf, klopfte mit einem Holzhämmerchen an die Tür und rief „Schule“. Dann gingen alle Juden zur Synagoge, sangen und beteten.

Das Leben der Juden in Aschenhausen war sehr sparsam. Aber man wollte allen Kindern eine bestmögliche Ausbildung gewähren. Doch die jüngeren Leute zogen in die Städte oder ins Ausland, die Alten starben. Die Häuser wurden an die andere Bevölkerung verkauft. Auch die Synagoge wurde verkauft an einen Bauern, der sie als Scheune nutzen wollte, allerdings unter der Bedingung, sie niemals als Schweinestall zu nutzen.

Der 78jährige Bauer Erich Schmidt aus Aschenhausen erinnert sich: „Wir brauchten die jüdischen Händler. Sie brachten uns Öle, Fette, Stoffe für Hemden und Hosen auf die Höfe. Eben das, was wir dringend brauchten. Einer, der Kaufmann Stern aus Kaltennordheim, kam immer mit dem Rucksack zu uns auf den Hof und packte seine Sachen aus. Manchmal mußte er ein halbes Jahr auf sein Geld warten, obwohl er selbst arm war“. Im Laden von Adolf Kahn im Ort kauften alle. Erich Schmidt: „Es gab im Dorf keine Trennung, keine Verachtung“. Alle litten unter der gleichen Armut.

Die Juden lebten integriert in der dörflichen Gemeinschaft. Es gab eine jüdische Gemeindeschwester namens Kitty Schmidt. Sie gab Spritzen und besorgte die Erste Hilfe, auch bei Nichtversicherten. Die älteren Einwohner erinnern sich, so Frau Jobst, die noch heute voller Anerkennung von der jüdischen Krankenschwester Kali spricht, die im Ort ihren Dienst versah: „Hier waren sich alle gut!“

Der Antisemitismus wurde von außen in das Dorf getragen. So kam öfters der Kaltennordheimer Zahnarzt Günther und sang:

„Fünfzehn Eier zählt man auf ein Mandel

und der schachre Jude lebt vom Handel,

bimmle, bimmle, bei, gedidelt munter,

so’n koscher Jüdche geht nicht unter.

Denn mit den Viertelche

und mit den Achtelche

tut halt der Christ nit viel verstehn!“

Aber der Zusammenhalt der Einwohner mit den Juden war vorerst stärker als der Terror. Die Juden bekamen weiter Milch und Brot. Fleisch bekamen sie vom Kaltensundheimer Fleischer Armin Schneider. Als die Juden nicht mehr im Backhaus backen durften, gab man die Kuchen durch den Zaun weiter, so daß auch die Juden weiter backen konnten.

Doch schon schnell nach dem Machtantritt der Faschisten änderte sich das alltägliche Miteinander. Auch in der Rhön erklangen Parolen wie „Wer beim Juden kauft, ist ein Judenknecht. Die Juden den sind unser Unglück“. Die Leute da wußten es besser. Waren es nicht die jüdischen Händler, die den armen Rhönbauern auch mal anschreiben ließen, wenn das Geld knapp war?

Doch nach 1933 wuchs die Angst. Mancher wagte nur noch im Dunkeln in Kahns Laden zu gehen. Viele ahnten wohl, wie die Ent­wicklung werden würde, auch so mancher aus der jüdischen Gemeinde, die von Jahr  zu Jahr kleiner wurde. Im Jahr 1934 wurde zum letzten Mal eine Bestattung auf dem jüdischen Friedhof. Im Jahre 1938 lebten nur noch wenige Juden in Aschenhausen.

In der Pogromnacht kam die Kaltennordheimer SA und wollte die Synagoge zerstören. Es waren viele Dorfbewohner auf den Beinen, als Nazis aus den Nachbarorten auftauchten, die das inzwischen als Scheune genutzte Bauwerk brennen sehen wollten. Doch die Bauern aus Aschenhausen sagten sich: Wenn erst die Synagoge in Flammen steht, brennt bald das halbe Aschenhausen. Als sich die Leute aus dem Dorf schützend vor das Portal gestellt hatten, mag so mancher auch daran gedacht haben, daß die jüdischen Nachbarn auch ihm gute Nachbarn gewesen sind. Es war schwer und es war mutig,. Damals zu verhindern, daß in jener Nacht in Aschenhausen auch. nur eine einzige Scheibe zu Bruch ging.

Die jüdischen Einwohner wurden zunächst nach Buchenwald gebracht. Einige kamen zurück, wurden aber 1943 nach Theresienstadt deportiert. Man brachte sie auf einem Dorffuhrwerk nach Kaltennordheim. Von dort wurden sie unter Begleitung des Dorfgendarmen nach Eisenach geschickt. Der Jude. Max Kahn konnte noch rechtzeitig auswandern. Seine Frau konnte nicht genügend Kaution stellen, sie wurde ermordet. Im Aschenhäuser Kirchenbuch wurden nach dem Krieg einige Seiten herausgerissen und die Geschichte über die Nazizeit neu geschrieben.

An die Juden in Aschenhausen erinnert noch heute die ehemalige Synagoge inmitten des Dorfes. Der erste Blick verrät nicht sofort die ehemalige Bestimmung des Gebäudes, das inzwischen Eigentum der Gemeinde ist. Eine gegliederte Holzfassade, das blau-weiße Schild vom Denkmalschutz.  Im Inneren ein saalartiger Raum mit Empore, eine mit Wolkenhimmel bemalte Kuppel.  Baumaterialien zeigen an, daß hier ein Bauwerk rekonstruiert wird, an dem sich über 200jährige Geschichte widerspiegelt. Dazu gibt es Beschlüsse des Meininger Kreistages ebenso wie Überlegungen für eine künftige kulturelle Nutzung.

Auch der jüdische Friedhof ist heute noch erhalten. Es gab dort zwei Abteilungen: eine für den Priesterstamm und eine für die anderen Stämme. Das Leichenhemd bekam jeder Jude, ob männlich oder weiblich, in der Aussteuer mit. So war für alles gesorgt. Bei armen Juden führte der Lehrer Katz aus Stadtlengsfeld die Beerdigung durch. Bei reichen Juden kam der Landesrabbiner aus Eisenach. Totengräber waren zwei christliche Männer  (Markus Heckert, in: Gegen das Vergessen, Landesjugendpfarramt der Ev.-Luth. Kirche in Thüringen, 1988, sowie ein Zeitungsartikel „Die bewahrte Synagoge in Aschenhausen“ vom 5.11.1988).

 

Gehaus:

In den zwanziger Jahren wohnten in dem kleinen Dorf mit 860 Einwohnern über 20 Juden. Einiges ist noch heute über sie zu erfahren:

So lebte im Haus Nr. 11 Sally Weil mit seiner Frau Sophie und fünf Kindern (zwei Jungen, drei Mädchen). Sie handelten mit Getreide und Futtermitteln. In den Jahren 1935/36 sind sie nach Dermbach verzogen und dann emigriert.

Im Haus Nr. 19 lebte die Familie Nußbaum. Sophie Nußbaum arbeitete beim Nachbarn und wurde, wie ihr Mann, in Gehaus begraben. Ihr Sohn, Bowie Nußbaum, heiratete seine Frau Jetti. Sie bewirtschafteten 40 Morgen Land. Von seiner Schwester Anne fehlt jede Spur. Seine Schwestern Lisbeth und Lotte sind nach Paris und England gezogen. Ein Schwager namens Theodor soll im Konzentrationslager umgebracht worden sein.

Joseph Wachtel bewohnte das Haus Nr. 20 mit seiner Schwester, die „Ettelje“ gerufen wurde, und deren Tochter Rosa. Beide lebten vom Kuhhandel. Die Tochter heiratete Sally Kahn. den Ersten Vorsitzenden der Gemeinde.

Das Haus mit der Nr. 24 war die Synagoge. In der Pogromnacht im November 1938 wurde sie von der Dermbacher SA zerstört, ebenso die jüdischen Geschäfte. Wegen der angrenzenden Häuser wurde die Synagoge aber nicht niedergebrannt. Heute existiert sie nicht mehr.

In der Nr. 28 wohnte Sally Kahn, der 1. Vorsitzende der Gemeinde, mit seiner Frau Rosa. Er reparierte Fahrräder, unterhielt eine Shell-Tankstelle und handelte mit Radios, Lampen und anderen Sachen. Ir Jahre 1914 wurde die Tochter Ruth geboren. Sally Kahn wurde vermutlich während der Nazizeit in Erfurt. wegen Spionage hingerichtet, Frau und Tochter wurden ins Konzentrationslager deportiert. Sein Vater, Nathan Kahn;. lebte im Nachbarhaus. Er handelte mit Lebensmitteln und hatte alles „von der Kuh bis zum Schnürsenkel“. Er starb 1935 in Gehaus.

Im Haus Nr. 31 befand sich früher eine Metzgerei. die bis etwa 1927 von jüdischen Einwohnern geführt wurde.

Im Haus Nr. 100 wohnte und arbeitete Hans Lichtenstädter. Später unterhielten Fritz Andorn und seine Frau Marianne hier ein Geschäft für Schnittwaren, Stoffe und Kleidung. Sie konnten noch vor 1938 Deutschland verlassen und gingen nach Amerika.

Martha Gottgetreu aus dem Haus Nr. 113 handelte mit Hasenfellen, Schuhcreme und anderen Sachen. Nach 1938 wurde sie in ein Konzentrationslager verschleppt.

Ein Kolonialwarengeschäft betrieb Hans Rehbock mit seiner Frau Jetti und Tochter Martha im Haus Nr. 114. Jetti wurde in Gehaus begraben, Martha konnte nach Amerika entkommen. Ein Sohn heiratete in Suhl eine evangelische Frau. Über sein Schicksal und das seines Vaters ist nichts bekannt.

Im Haus Nr. 116 lebte Meier Rosenthal mit seiner Frau. Beide sind in Gehaus begraben. Ihre Tochter Lene war mit dem Russen Joseph Klüger verheiratet. Im Jahre 1930 wurde ein Sohn geboren. Die ganze Familie kam vermutlich im Konzentrationslager um.

Meier Nußbaum, ein Bruder von Samuel Nußbaum, lebte im Haus Nr. 122. Er war ein Viehhändler. Seine Kinder Lene, Fritz und Kurt zogen nach Erfurt. Der Leidensweg des Vaters endete im Konzentrationslager.

Das Haus Nr. 123 war die Schule der jüdischen Gemeinde. Hier unterrichtete Siegmund Kahn. Seine Frau war eine geborene Rehbock. Zwei Töchter konnten vermutlich nach Amerika fliehen. Als sich eine eigene jüdische Schule nicht mehr lohnte, unterrichtete Herr Kahn zusammen mit dem Lehrer Kister. Dieser hatte die Klassen 1 bis 3 und 7 bis 8. Er war ein eingeschworener Nazi und Mitglied der Waffen-SS. Einen jüdischen Schüler hat er in besonderer Weise gequält. Wegen seiner Verbrechen kam er 1945 in Kriegsgefangenschaft. Später lebte er in Öchsen.

In der Pogromnacht lebten nur noch drei bis vier jüdische Mitbürger in Gehaus. Sie mußten sich am Ortsausgang aufstellen und wurden vom Ortsgendarm in Richtung Stadtlengsfeld deportiert. Ein Einwohner gab ihnen noch etwas Stroh mit  (Markus Heckert, in: Gegen das Vergessen, Landesjugendpfarramt der Ev.-Luth. Kirche in Thüringen, 1988).

 

 Kestrich (Vogelsberg)

Sie hießen Liebmann, Isaac, Godschalc oder Wolf und waren Gemischtwaren- oder Viehhändler. Auch ein Schulmeister Veit findet sich in den Akten des Örtchens Kestrich im Vogelsberg. So unterschiedlich ihr sozialer Status war, eines hatten diese Menschen doch gemeinsam: ihren Glauben. Als „Jirre“, wie die Juden im Oberhessischen genannt wurden, waren sie fester Bestandteil der dörflichen Gemeinschaft und lebten Haus an Haus mit ihren christlichen Nachbarn.

Nach der Vernichtung jüdischen Lebens in der NS-Zeit gibt es im heutigen Vogelsbergkreis nur noch steinerne Spuren der Opfer. Darum, dass diese nicht gänzlich verloren gehen, kümmert sich seit 1999 der Verein „Judaica Vogelsberg“. Nicht immer stößt der Verein mit seinem Anliegen auf Sympathie. „Immer noch wird das Thema Juden in vielen Ortsgemeinschaften totgeschwiegen“, sagt der Alsfelder Journalist Joachim Legatis, Mitbegründer und Vorsitzender des Vereins.

Der Verein mit seinen 23 Mitgliedern will die Reste einstigen Zusammenlebens zwischen Christen und Juden erhalten. Dass dieses Kapitel Heimatgeschichte reichhaltige Forschungsansätze liefert, belegen nach Legatis auch die Zahlen. 18 jüdische Gemeinden gab es bis in das 20. Jahrhundert im Hohen Vogelsberg. In manchen Orten stellten die Juden zeitweise bis zu 15 Prozent der Bevölkerung. Im Vogelsberg hatten zehn der einstmals zwölf ehemaligen Synagogen noch bis 1987 Bestand, die meisten als Wohnhaus oder Stall zweckentfremdet. Nur wenig erinnert noch an ihre einstige Nutzung.

In einigen Gebäuden wie etwa in Romrod oder in Kestrich kann man deren einstige Nutzung noch erkennen: die traditionelle Trennung zwischen Männerplätzen, Almenor (Tisch, auf den die Thora-Rolle bei der Lesung gelegt wird) und Thoraschrein im Erdgeschoss und die Frauenplätze auf der Empore. Augenfälliger sind die jüdischen Friedhöfe. Immer noch gibt es 16 Begräbnisstätten im größten Landkreis Hessens.

Für Legatis sind die verbliebenen Relikte ein Zeichen dafür, dass Juden und Christen im Vogelsberg über Jahrhunderte eng zusammengelebt haben. So schwierig die Überzeugungsarbeit vor Ort, so groß ist das internationale Echo auf die Bemühungen des Vereins. Heinrich Dittmar, Lokalhistoriker und treibende Kraft bei Gründung des Fördervereins, wurde 2003 für seine Forschungen mit dem „Obermayer German Jewish History Award“ ausgezeichnet.

In Kestrich gibt es trotz intensiver Verhandlungen immer noch keine Erinnerung an die Bacharachs, Kapenbergs und Goldenbergs. Insgesamt sollen nach Recherchen des Vereins mindestens zehn Kestricher Juden in den Vernichtungslagern umgekommen sein. Die letzten in Kestrich verbliebenen, das betagte Ehepaar Kapenberg und Sally Bacharach, wurden im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Internet: www judaica-vogelsberg.de

 

 

Wiesbaden

Stellen sich vor: Wiesbaden an einem Sommertag im August des Jahres 1869. Zur Stadtsilhouette gesellt sich am hoch gelegenen Michelsberg die neue Synagoge der jüdischen Gemeinde. Am Abend wird das Haus mit einem großen Fest eröffnet. In den Gassen quirlt das Leben. Der preußische König reist eigens an, auch die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche gehören zu den Festgästen.

Der von Philipp Hoffmann entworfene Bau im maurischen Stil schimmert in hellem Sandstein. Er ist Ausdruck des Selbstbewusstseins der liberalen jüdischen Reformgemeinde. Als die Baugenehmigung 1863 erteilt wurde, finanzierten die 92 jüdischen Familien   (567 Menschen) das Vorhaben. Nun ist der Bau fertig. Über der Stadt leuchtet die blaue Kuppel der Synagoge mit ihren goldenen Sternen in der Sonne. Und wartet darauf; gefeiert zu werden.

Am Morgen des 10. November 1938 stecken Wiesbadener Nazis die Synagoge in Brand. In der Pogromnacht zuvor waren bereits tausende jüdische Läden demoliert, Menschen gedemütigt, geschlagen, ermordet worden. Die Wiesbadener Synagoge steht um 10 Uhr im Feuer. Es brennt und kracht, die blaue Kuppel mit ihren goldenen Sternen stürzt in den Bauch der Synagoge. Nur Reste bleiben stehen, die 1939 vollends abgerissen werden.

Die Synagoge am Michelsberg verschwindet aus der Stadtsilhouette - mehr und mehr auch aus der Erinnerung der Wiesbadener Bevölkerung. Bis eine Gruppe von Studenten des Fachbereichs Gestaltung an der Fachhochschule Wiesbaden 1998 ein Projekt starten:

Memo 38, die virtuelle Wiederauferstehung der Synagoge am Michelsberg – um den Menschen die Augen zu öffnen für Bilder und Taten aus der Vergangenheit. Eine aufwendige Recherche beginnt. „Sämtliche Baupläne waren verbrannt oder absichtlich vernichtet worden, es gab nichts mehr“, sagt Dorothee Lottmann-Kaese­ler vom Aktiven Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden. Im Auftrag der Stadt realisierte der Verein das Projekt zusammen mit der, Gruppe Memo 38, um an die Zerstörung der Synagoge vor damals 60 Jahren zu erinnern.

In 12.000 Arbeitsstunden rekonstruieren die Studenten das Gebäude. Gespräche mit Zeitzeugen aus aller Welt helfen dabei. „Ohne ihre Erzählungen und Fotografien, die sie von der Synagoge noch hatten, wäre die Umsetzung nicht möglich gewesen“, sagt Dorothee Lottmann-Kaeseler. Bilder tauchen in Paris, Israel und den USA auf. Die Studenten legen nach ihrer zeitgreifenden Arbeit einen Videofilm vor, der als fotorealistische 3-D-Visualisierung in Form einer Computeranimation die Synagoge von außen und innen zeigt.

Am Anfang gibt eine Zeitreise einen Überblick über das Schicksal des Gebäudes. Dazu hört der Betrachter das Stück Different Trains von Steve Reich. Zu den Außen- und Innenansichten haben die Studenten Synagogengesänge des Berliner Kantors Estrongo Nachama ausgesucht. „Als Yogi Mayer, ein heute in London lebender Jude aus Wiesbaden, das hörte, sagte er: „Woher wusstet ihr, wie der Herr Nußbaum gesungen hat?“, erzählt Lottmann-Kaeseler. Abraham Nußbaum war bis 1933 Kantor in der Wiesbadener Synagoge.

Das Video ist in einem Gedenkraum zur Wiesbadener Geschichte in der NS-Zeit im Rathaus zu sehen. „Informationsraum nenne ich ihn lieber“, sagt Dorothee Lottmann-Kaeseler, „hier soll niemand auf Befehl gedenken, das geht doch nicht“. Der Raum war Teil des etwa 55.000 Euro teuren Auftrages, den die Stadt dem Aktiven Museum erteilt hatte. Wer ihn besuchen will, muss ihn erst suchen. Es verweist im Rathaus kein Schild auf ihn. Der Raum findet sich direkt nach dem Eingang rechts am Ende des Ganges. An den Wänden informieren Tafeln über das Synagogen-Projekt. Es soll aber wechselnde Ausstellungen geben.

„Für Herbst planen wir ein Zeitzeugenprojekt, aber auch Schulklassen könnten hier Unterrichtsprojekte zu einer Ausstellung machen“, sagt und wünscht sich Lottmann-Kaeseler. In dem Raum steht auch ein Beamer, der das zwölfminütige Video der Synagogen-Rekonstruktion an eine Leinwand werfen kann (dienstags und donnerstags, 14 bis 16 Uhr). So nehmen das Gebäude und der Ort, an dem es stand, wieder Raum ein.

Es gibt mehr Orte in Wiesbaden, die an die vernichtete jüdische Kultur erinnern. „ortung“ heißt ein Computerterminal im Informationsraum, das seit kurzem einen interaktiven Zugang zu den Spuren der Stadtgeschichte zwischen 1933 und 1945 bietet. Der Spurensucher kann auf historische Bilder klicken und bekommt Informationen zu dem Ort von damals und wie er heute aussieht: beispielsweise die Gedenkstätte „Unter den Eichen“, eine Außenstelle des Konzentrationslagers Hinzert im Hunsrück und die Schlachthoframpe, von der aus etwa 1.200 Juden aus Wiesbaden deportiert wurden. „Den Verlust bewusst machen, das treibt uns an”, sagt Dorothee Lottmann-Kaeseler.

Der „Gedenkraum” im Rathaus, Schlossplatz 6, ist montags bis freitags von 9 bis 19 Uhr und samstags von 9 bis 14 Uhr geöffnet. Gruppen, die das Video zu anderen Zeiten sehen möchten, können sich an das Aktive Museum wenden, 0611 /305221.

 

Windecken

Synagoge:

„Die Windecker Juden waren immer stolz auf ihre Synagoge gewesen, weil sie eine der ältesten von Deutschland sein sollte. Diesen Stolz gab auch schon ein Reisebericht über Windecken aus dem Jahre 1783 wieder: „Ihre Synagoge soll nächst der zu Metz die allerälteste in Deutschland seyn“.

Den Synagogeninnenraum betraten die Männer durch einen Vorraum, in dem sich die Garderobe und ein Waschbecken befanden, in dem vor dem Gottesdienst die Hände zu waschen waren. Der Raum war bis Schulterhöhe mit Holz verkleidet, fünf Seitenleuchten an jeder Seite beleuchteten den Innenraum. An jeder Seite befanden sich sechs Holzbänke. Die hintere Reihe hatte auch in der Mitte noch eine Bank. Hier hatte jedes Gemeindemitglied seinen festen Platz, den ein Namensschild markierte. Vor den Bänken, an der Rückwand der davorliegenden Bankreihe befanden sich pulsartige Fächer für die Gebetbücher, den Gebetsschal und die Gebetsriemen. Die Synagoge hatte 66 Männergebetsplätze.

Vorne nach Osten, in der Richtung Jerusalems, befand sich der Thoraschrein - Aron Hakodesch -, in diesem befanden sich in einer nach außen gebauten Nische die Thorarollen. Der Schrein wurde durch ein Gitter verschlossen, über das ein reich bestickter großer Samtvorhang - Parochet –

hing. Drei halbrund in den Raum hineinragende Treppen aus Sandstein führten zum Aron Hakodesch. Der eigentliche Schrein war von einem hohen Säulenaufbau, einem aus Holz geschnitzten Aufbau umgeben, mit den beiden Tafeln der zehn Gebote als Bekrönung. Der gesamte Thoraschrein war schon einige hundert Jahre alt. Links und rechts des Thoraschreins befand sich ein Leuchter. Der Stolz einer jeden jüdischen Gemeinde ist die Anzahl ihrer Thorarollen. Die jüdische Gemeinde Windecken hatte zwölf sehr alte Thorarollen und sechs neuere. Dazu besaß sie vier antike Thorakronen aus schwerem Silber. Dazu gehörten acht Paar antike Thoraaufsätze mit Schellen. ebenfalls aus Silber mit reicher Filigran. arbeit verziert.

Zwölf Thoraschilder, alle aus Silber und reich verziert, ebenfalls alt und wertvoll gehörten zur reichhaltigen Ausstattung für die Thorarollen. Die Thorarollen waren mit den Thoramänteln bedeckt, die aus Samt und goldbestickt waren, davon gab es in der Windecker Synagoge 30 alte Thoramäntel und zwölf neuere. Vor dem Schrein und den zu ihm führenden Stufen hing das ewige Licht - Ner Tamid -, eine aus Messing gefertigte Lampe zur Erinnerung an das ewige Licht im Tempel an einer Kette von der Decke herunter. Vor den Stufen des Aron Hakodesch leitete der Kantor den Gottesdienst.

In der Mitte des Synagogenraumes befand sich auf einem viereckigen Podium der Almemor. Darauf stand das Vorlesepult, zu dem man eine Treppenstufe hinaufsteigen mußte. Umrandet war der Almemor mit einer hölzernen Brüstung, die an den beiden Eingangsseiten geöffnet war. An jeder Ecke befand sich ein Leuchter. Auf der westlichen Seite dieser Estrade befand sich eine Bank, die auch Kultgegenstände enthielt wie Silberkronen und Schellen für die Thorarollen, auch das Priesterwaschbecken mit Kanne aus Silber hatte hier seinen Platz.

Zum Thoraschrein gerichtet stand das Vorlesepult, bedeckt mit einer zum Vorhang des Thoraschreins passenden Samtdecke mit Goldstickerei. Von diesen Samtvorhängen und Deckengarnituren gab es in der Windecker Synagoge zehn, von denen einige noch aus dem Mittelalter stammen. Auf diesem Pult fand der Höhepunkt des jüdischen Gottesdienstes statt: die Lesung aus der Thorarolle. Zu dieser Lesung wurden die einzelnen Gemeindemitglieder aufgerufen, die Thora wurde enthüllt. Gelesen wurde mit Hilfe des Jad, eines Lesefingers, dies waren wertvolle Kultgegenstände, oft aus Silber gefertigt. Davon besaß die Gemeinde 15 Stück, die allesamt aus alter Zeit stammten.

Über dem Almemor im Zentrum der Synagoge hing ein vielflammiger, sehr alter Kronleuchter, der auf elektrisches Licht umgearbeitet war. Zwei weitere auch sehr alte Hängeleuchter sorgten für die Beleuchtung. Im hinteren Teil hing eine achtbuchtige Schabbatlampe.

Zum Chanukkafest stand vorne rechts neben dem Thoraschrein der große und alte Chanukka-Leuchter aus Messing. An der nördlichen Seite befanden sich etwa in der Mitte zwei Schränke mit verglasten Türen, in denen Kultgegenstände für besondere Feiertage aufbewahrt wurden: So besaß die Gemeinde zwei Trauhimmel für Hochzeiten aus den frühen Zeiten, die mit reicher Goldstickerei verziert waren, ebenfalls drei mehrere 100 Jahre alte Schofarhörner, ein Widderhorn, das zum jüdischen Neujahrsfest geblasen wurde. Ebenfalls zwei Eurogbüchsen aus Silber für den Gebrauch beim Laubhüttenfest. Der gesamte Synagogenraum war hoch oben mit einer trapezförmigen Holzdecke überspannt, die blau angestrichen war mit gelben Sternen darauf und an den Sternenhimmel erinnerte.

Die Frauen der jüdischen Gemeinde Windecken nahmen von der dem Thoraschrein gegenüberliegenden Westseite am Gottesdienst in zuhörender Weise und in Einzelgebeten teil. Die Frauen erreichten die Frauenempore über den Eingang des Gemeindehauses über eine nach rechts heraufführende Holztreppe, an deren Ende sie von einem Treppenvorplatz rechter Hand in die Frauenabteilung der Synagoge eintraten. Dort befanden sich, durch einen Mittelgang getrennt, an jeder Seite drei Reihen Holzbänke, insgesamt gab es 34 Frauenplätze. Zwei kleine Rundbogenfenster auf der Südseite gaben Licht.

Die Frauen besuchten üblicherweise nur an den hohen Feiertagen den Gottesdienst, einige ältere Frauen auch zum Schabbat. Ein bedeutender Kenner der hessischen jüdischen Gemeinden, der Lehrer Ludwig Horrwitz, stellte in den 20er Jahren fest, daß „die Synagoge in Windecken mit ihrer gesamten Einrichtung wie ein Museum des hessischen Judentums sei und das Spezifische der hessischen Synagogen darstelle“

Entnommen aus dem Buch von Monica Kingreen: Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim und Heldenbergen, Co-Con-Verlag Hanau, 536 Seiten Großformat, 630 Fotos, 34,80 DM. Erhältlich im Buchhandel.

 

Eine heute in den USA lebende Nachfahrin der Rindsmetzgerei Willi Wolf erinnert sich an das damalige Leben in Windecken: Die Rindsmetzgerei Willi Wolf befand sich in der Friedrich-Ebert-Straße 1. Heute unterhält die Sparkasse Hanau in diesem Haus eine Zweigstelle. Besondere Spezialität dieser Metzgerei war die Rindswurst, an deren Geschmack sich auch heute noch zahlreiche Windecker erinnern.

Im Jahr 1926 starb der Metzger Willi Wolf, seine Frau Emma Wolf und die Tochter Recha führten mit dem Angestellten die Metzgerei weiter. Frau Wolf war sehr beliebt in Windecken, vielen Windeckern ist sie noch in besonders guter Erinnerung, da sie den ärmeren Familien, die schon lange unter der Arbeitslosigkeit litten, gerne noch etwas hinzulegte, Nierchen oder sonstiges. Am 1. April 1933 wurde die Metzgerei Wolf von Windecker SA-Leuten boykottiert. Bis 1935 ging der Umsatz um die Hälfte zurück, im Jahre 1936 kam das Geschäft völlig zum Erliegen und mußte auf-gegeben werden.

Die Adresse von Emma und Recha Wolf lautete nun „Hindenburgstraße 1“ Im Hause vermieteten sie dann einige Zimmer, um etwas Geld zu bekommen. Das Haus wurde unter Druck verkauft und ein großer Teil der Möbel zu Schleuderpreisen weggegeben. Im April 1936 wanderte Frau Emma Wolf gemeinsam mit ihrer Tochter Recha nach Amerika aus, wo die Tochter Flora seit 1923 schon lebte. Bei einem Besuch von Monica Kingreen in USA 1985 erzählte die 1901 in Windecken geborene Recha Wolf aus ihrem Leben:

„Die Wolfs waren in Windecken sehr angesehen. Wir fühlten uns nie als Außenseiter, wir gehörten dazu. Wir waren so deutsch. Noch heute, wenn ich im Fernsehen etwas von Deutschland höre, kom­en mir die Tränen. Mein Vater hat immer gesagt, die Zentrumspartei, die Katholischen, ist gut für die Juden, die beschützt die Juden. Meine Freundin Greta Walter sang im Kirchenchor, so ging ich auch manchmal mit in die Kirche, um zuzuhören. Die Tochter des Amtsrichters ging zum jüdischen Neujahrsfest mit in die Synagoge, sie interessierte das alles sehr.

Weihnachten ging ich mit zu Gretas Familie, ihre Mutter buk extra koschere Plätzchen für uns. Ich konnte alle Weihnachtslieder singen. Zum Sederabend des Pessachfestes kam Greta mit zu uns nach Hause.

In Windecken war es gut, wir hatten keine Nationalsozialisten. Es waren alles Sozialdemokraten. Als Hitler die Märzwahl 1933 gewonnen hatte, war noch nicht einmal eine Hakenkreuzfahne in Windecken aufzutreiben gewesen, die mußte erst woanders beschafft werden.

Meine Cousine und ich waren so patriotisch und wollten auch zeigen, wie begeistert wir sind, und hängten die Fahne - natürlich kein Hakenkreuz, heraus. Da kam der SA-Führer von Windecken und gab uns Bescheid: „Ihr müßt die Fahne reinhängen, ihr seid keine Deutschen, ihr könnt hier keine Fahnen heraushängen“. Ein Freund hatte mir auch mal Hitlers Buch „Mein Kampf“ geliehen. Ich habe auch einiges darin gelesen, schleuderte es dann aber doch in die Ecke. Ich konnte das gar nicht glauben, was darin stand. Einmal mußten wir auch für Hitler wählen, es wurde uns befohlen. Mit unseren Nachbarn standen wir sehr gut, sie gehörten dann aber zu den ersten Nazis in Windecken.

Angst habe ich bekommen, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Ich fühlte mich so deutsch, und dann kriegte ich auf einmal gesagt: „Du bist nicht mehr deutsch“. Meine Freundin Lottchen hat immer zu mir gehalten. Meine andere Freundin Gretchen, die war schon zu sehr Nazi, da war dann nicht mehr so viel Kontakt  Ich habe es kommen sehen, wie es sich mit Hitler in Deutschland weiterentwickeln würde. So haben meine Mutter und ich uns zur Auswanderung nach Amerika zu meiner Schwester Flora entschlossen. Nach der Aufgabe des Geschäftes bis zur Auswanderung arbeitete ich in Offenbach bei der Firma Lorsch. Unsere Möbel und das Haus haben wir dann unter Druck verkauft. Einen Teil der Möbel nahmen wir mit nach Amerika, in denen lebe ich noch heute.

 Als ich das letzte Mal durch Windecken ging, war es sehr, sehr schwer für mich denn ich wußte, daß es ein Abschied für immer von meiner Heimat war. Es war fürchterlich, ich wünsche niemandem dieses Gefühl. Ich liebte Windecken, ich habe es sehr gerne gehabt. Wir gingen zurr Kleinen Bahnhof, es war ein schwerer Abschied, als wir dort wegfuhren. Von Frankfurt ging es dann mit dem Zug nach  Bremerhaven und von dort mit dem Schiff „Deutschland“ nach New York im April 1936.

Auf Hitlers Geburtstag waren wir auf einem deutschen Schiff, aber auch viele Deutsche. Ich war fürchterlich seekrank während der Reise. In New York am Hafen holte uns meine Schwester Flora ab gemeinsam mit Verwandten der Familie Stiehl, denen die Mühle in Windecken gehörte. Auch ein Freund von unserem Onkel Theodor, Herr Rotärmel und seine Frau, eine Schwester von Karl Stiehl, dem Mühlenbesitzer in Windecken, holten uns ab. Sie hatten auch einmal eine Zeitlang in Windecken gelebt.

Die erste Woche in Amerika war schrecklich. Wir haben nur geweint und geweint. Ich bin ganz bedrückt durch New York gegangen. Frau Rotärmel hat mich überall herumgeführt in New York. Als ich das erste Mal diese Wolkenkratzer gesehen habe, konnte ich es überhaupt nicht fassen nach unseren kleinen Häuschen in Windecken.

Herr Rotärmel sagte immer „Kopf hoch, Mädchen. So geht es nicht!“ Ich habe mich so geschämt, weil ich Jüdin bin. Ja, in Amerika habe ich mich deswegen geschämt. Es brauchte seine Zeit, bis ich mein Selbstbewußtsein wiedergewonnen hatte, bis ich den aufrechten Gang eine freien Menschen wieder gelernt hatte. Dies ist ja das Schlimmste, wenn Menschen unterdrückt werden. Ich war natürlich sehr froh, daß ich endlich aus Deutschland heraus war. Meine Freundin Lottchen habe ich sehr vermißt. Quillmanns, die bei uns in Windecken zur Miete gewohnt hatten, schrieben noch, bis Amerika Ende 1941 in den Krieg eintrat“.

 

Friedhof:

„Die zivilisierte Menschheit, ganz gleich, welcher Nation oder Konfession, kann es nicht fassen, daß ein Regime systematisch selbst die Ruheplätze der Toten zerstört und verwüstet hat, und ihre Wiederherstellung ist im Ausland als Gradmesser gewertet worden für die Verhältnisse in Deutschland und für die deutsche Demokratie“. Der ehemalige Hanauer Bundestagsabgeordnete Jakob Altmaier, selbst ein jüdischer Überlebender, mußte dies auch viele Jahre nach dem Krieg noch dem Windecker Bürgermeister ins Stammbuch schreiben. Die Nidderauer Vorgängergemeinden taten sich sehr schwer damit, ihre teils jahrhundertealten jüdischen Friedhöfe nach dem Dritten Reich wieder instandzusetzen.

Stellen wir uns einfach einmal vor, die Geschichte hätte sich nicht so ereignet, wie sie sich ereignet hat: In Windecken fänden wir einen wunderbaren, mehr als 500 Jahre alten jüdischen Friedhof mit all seinen versunkenen und sichtbaren Grabsteinen vor.   Doch leider hat es die nationalsozialistischen Pogrome gegeben. Im öffentlichen Bewusstsein steht für diese Tage und Nächte im November 1938 vor allem die Zerstörung von mehr als 2000 Synagogen und Betstuben, weniger bekannt sind die Überfälle auf und Plünderungen bei jüdischen Familien.

Fast überhaupt nicht ins Bewusstsein getreten sind jedoch die Entweihungen, Schändung und Zerstörungen jüdischer Friedhöfe. Die Terrortrupps taten ihr Vernichtungswerk meist ohne Zu-schau­er, da die Friedhöfe vielfach außerhalb der Ortschaften lagen. In den Nachkriegsprozessen wurden diese Zerstörungen kaum erwähnt, da dabei keine Menschen zu Tode gekommen oder verletzt worden waren. So sind die meisten Zerstörungsakte selbst nicht bekannt geworden, lediglich ihre Folgen wurden nach dem Krieg beseitigt.

Zum Verständnis: Für Juden hat der Friedhof eine andere Bedeutung als für Christen. „Der gute Ort“ oder „Haus des ewigen Lebens“ heißt er auf hebräisch. Diese Bezeichnungen weisen auf seinen ewigen Ruhecharakter hin. Eine Abräumung von Gräbern, wie es für uns nach 30 Jahren normal erscheint, ist für jüdische religiöse Vorstellungen absolut undenkbar.

Seit der Stadtgründung 1288 lebten auch Juden in Windecken. Ihre Toten beerdigten sie bis zum Jahre 1497 auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt. Nach einigen Auseinandersetzungen um dieses Beerdigungsrecht gestattete im Jahre 1497 Graf Philipp von Hanau der Windecker Judenschaft die Anlage eines Begräbnisplatzes. Sie durfte die „doden corper“ in der Windecker Terminei begraben und erhielt dazu einen Garten vor dem „Steder Thore“. Der Graf sichert den Juden zu, dass er und seine Erben den Flecken, da der Judenfriedhof entstehen soll, nicht „zürnen“, das heißt der Gemeinde erhalten werde, und sprach für die Toten „unter trostenge und sicherheit“ zu.

Auf dem Friedhof wurden nicht nur die Juden aus Windecken beerdigt, sondern aus der ganzen Region, er war als Zentralfriedhof für die gesamte Grafschaft Hanau angelegt worden. So fanden sich dort bis zum Jahre 1714 Gräber der Juden aus Bockenheim, bis Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts aus Bergen, aus Marköbel und bis 1818 auch aus Heldenbergen. Die Juden von Marköbel wurden bis 1824 auf dem Windecker Friedhof bestattet.

Danach war es einer neuen Rechtslage entsprechend möglich, in Marköbel einen eigenen jüdischen Friedhof anzulegen. Eines der Argumente war, es „wolle im Sommer bei warmen Tagen niemand sich dazu verstehen, die Leiche anderthalb Stunden Wegs weit nach Windecken zu fahren, des Gestanks und der zu befürchtenden Krankheiten halber“ Ostheimer Juden wurden dagegen immer in Windecken beerdigt.

Im Laufe der Jahrhunderte hatte das Gelände des jüdischen Friedhofes in Windecken mehrfach            erweitert werden müssen. Bis zum November 1938 war er ein Platz der Ruhe für die Verstorbenen. „Solange der Tote noch im Hause war, wurde Tag und Nacht Totenwache gehalten“ erinnert sich Recha Wolf an den Dezember1926, als ihr Vater plötzlich starb. „Am Tage der Beerdigung kam der Leichenwagen - er war übrigens für Christen und Juden derselbe -, darauf wurde der einfache Holzsarg gestellt, der mit einer schweren schwarzen Samtdecke mit einem goldgestickten Davidsstern bedeckt war. Viele Windecker gaben meinem Vater die letzte Ehre“.

Das Bild seines Grabsteins ist eines der wenigen Fotos zum jüdischen Friedhof in Windecken. Die Nachbarn der Wolfs nahmen das Bild für ein Erinnerungsalbum auf, als sie 1937 nach Amerika flüchteten. „Aus jahrzehntelanger treuer Nachbarschaft und in bleibender Erinnerung gewidmet von Eurer Familie Alexander Walter, Windecken“ schrieben sie als Widmung hinein.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich dieses Miteinander von Christen und Juden im Ort. Bei der vorletzten Beerdigung im August 1935, als der Kaufmann Julius Kahn aus der Glockenstraße starb, kam es zu massiven Einschüchterungen durch die örtliche SA, die die Teilnahme an der Beerdigung größtenteils verhinderte. Im April 1937 fand die letzte Beerdigung auf dem Friedhof statt, der 440 Jahre lang den Juden als Begräbnisstätte gedient hatte. Er lag nun übrigens an der Adolf-Hitler Straße.

Im November 1938, als die Synagoge, das jüdische Gemeindehaus und die jüdische Schule von Windecker Nationalsozialisten zerstört wurden, ist auch der jüdische Friedhof entweiht und geschändet worden. Grabsteine wurden umgeworfen und zerstört. Die schwere Samtdecke mit dem goldenen Davidsstern für die Särge der verstorbenen Juden - so hatte man Recha Wolf nach dem Krieg nach Amerika geschrieben - hatte eine Windecker Frau bei der Zerstörung der Synagoge gestohlen. Die eiserne Einfriedung des Friedhofes wurde im März 1939 verschrottet.

Salli Reichenberg als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Windecken hatte im Jahr darauf die schwere Aufgabe, das Gelände, das nun schon 443 Jahre lang in der Verfügung der jüdischen Gemeinde gewesen war, unter Druck und unter Preis zu verkaufen. Fast 3500 Quadratmeter Friedhof; daneben auch noch der gesamte Grundbesitz der jüdischen Gemeinde mit Synagoge, Schulhaus und Synagogengarten, konnte der Bürgermeister für lediglich 10 Pfennig pro Quadratmeter erwerben.

Dieser Kaufpreis stand aber nicht den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde zur Verfügung, zum Beispiel, um die seit Jahren ihrer Lebensgrundlage beraubten, verarmten Menschen zu unterstützen, sondern die Stadtverwaltung hatte den Kaufpreis an die sogenannte Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zu zahlen, „zu treuen Händen für die Synagogengemeinde Windecken“, wie es im Kaufvertrag hieß. Diese Zwangsorganisation wurde von der Gestapo kontrolliert und so flossen die Gelder an sie.

Nach dem erzwungenen Verkauf an die Stadt blieb der zerstörte Friedhof unverändert liegen, bis im Februar 1943 Windecken einen neuen Bürgermeister erhielt, der „den früheren Judenfriedhof als eine Stätte der Verwüstung“ in einem Tätigkeitsbericht beschrieb, denn „sämtliche Grabsteine lagen um und kreuz und quer umher. Hier fand eine Aufräumung statt“ Die verbliebenen Steine verkaufte er für 100 Reichsmark an einen Bruchköbeler Steinmetz, der sie vermutlich zu anderen Grabsteinen umarbeitete. Außerdem wurde 1942 im Windecker Rathaus „die verschmutzte und verfallene Wendeltreppe hergerichtet (und wurde zu einem) Rathausaufgang, (der) einen freundlichen und sauberen Eindruck“ mache - so Bürgermeister Strack. Von diesen Treppenstufen berichtete nach einem Besuch seiner früheren Heimat Windecken im Jahre 1950 Max Sommer seinen Verwandten, völlig entsetzt darüber, dass Grabsteine von jüdischen Gräbern dazu verarbeitet worden seien. Auch sollen weitere Grabsteine von Windecker Privatleuten als Baumaterial abgeholt und beispielsweise als Eingangsschwellen genutzt worden sein.

Der Friedhof wurde der Nationalsozialistischen Volksfürsorge (NSV) zur Verfügung gestellt. „Es ist eine schöne gärtnerische Anlage entstanden, und ein N.S.V. Kinderheim ist zur Zeit im Bau“ vermerkte der Bürgermeister. Der Hanauer Anzeiger meldete im Sommer 1943 die Eröffnung „auf dem Gelände des früheren Judenfriedhofs2. Nach dem Bombenangriff auf Hanau im März 1945 wurden in diesem Kindergarten ausgebombte Familien einquartiert. Bis weit in die 50er Jahre blieb dies so.

 

Als die in Amerika lebenden Windecker Juden von dem Zustand und der Bebauung ihres Friedhofes erfuhren, waren sie schockiert, da das nach den jüdischen Religionsvorstellungen für einen Friedhof unmöglich ist. So entwickelte sich eine langwierige Auseinandersetzung, an deren Ende der Friedhof annähernd „wieder hergestellt“ wurde, allerdings ohne Grabsteine, so wie er auch heute zu sehen ist.

Im Folgenden nun einige Stationen des schwierigen Weges dieser sogenannten Wiederherstellung, soweit sie sich aus den Akten ersehen lässt: Nach dem Krieg mussten dem Gesetz Nr. 59 der amerikanischen Militärregierung entsprechend auch die Grundstücke der früheren jüdischen            Gemeinde

Windecken rückerstattet werden und zwar an die Nachfolgeorganisation „Jewish Restitution Successor Organisation” (JRSO). Durch einen Vergleich, in dem die Stadt Windecken sich verpflichtete, „den Friedhof der früheren israelitischen Synagogengemeinde dauernd aufrecht zu erhalten“ erhielt sie im Sommer 1950 die Areale, die sie bereits zehn Jahre zuvor unter Druck und unter Preis erworben hatte, in ihren rechtmäßigen Besitz.

Im folgenden Jahr hatte Siegfried Speier, 1885 in Windecken geboren, erfahren, dass die Gräber seiner Eltern nicht mehr auf dem Friedhof vorhanden waren. Er wandte sich an den Landesverband der jüdischen Gemeinden, um nähere Auskünfte zu erhalten. Von besonderem Interesse für ihn war, „ob die auf dem jüdischen Friedhof Beerdigten in dem neuen Ehrenfriedhof irgendwie erscheinen“. Die Stadt Windecken plante, „etwa in einer Gedenkplatte die Namen der auf dem Friedhof Beerdigten festzuhalten“. Bei einem Besuch 1952 war Siegfried Speier über den Zustand des Friedhofes entsetzt. Ihm reichten die vagen Versprechungen der Stadt vermutlich nicht, denn Ende 1952 führte er über den amerikanischen High Commissionar eine Beschwerde. In New York hatte er viele Unterredungen mit früheren Windecker und Ostheimer Juden; in deren Namen wies er darauf hin, dass „es von herausragender Bedeutung“ sei, die Ruhestätte ihrer Toten wiederherzustellen. Die abhanden gekommenen Grabsteine schmerzten sehr. Insbesondere störe die auf dem Friedhof errichtete Baracke und das Loch in der Friedhofsmauer.

Die Stadt Windecken stand dieser Beschwerde mit völligem Unverständnis gegenüber und in Unkenntnis der jüdischen religiösen Vorschriften über die ewige Ruhe der Toten antwortete sie: „An der Stelle, wo heute die Baracke ist (waren) weniger Gräber, die schon sehr alt waren und für welche die Belegungsfrist nach den für Friedhöfe geltenden Bestimmungen längst abgelaufen war“. Die Angaben von Siegfried Speier wurden angezweifelt. Und man unterstellte ihm, dass .„durch derartige Machenschaften (!) dem Gedanken der Verständigung, der von uns immer wieder gepredigt und gepflegt wird, erheblich Abbruch getan wurde“.

Dieses Wort „Machenschaften“ verdrehte nun Ursache und Wirkung. „Gemacht“ war doch die Zerstörung und Schändung des Friedhofes und nicht die Beschwerde zur Wiederherstellung der Ruhe für die Toten. Die gesamten Akten über Jahre hinweg lassen seitens der Stadtverwaltung keinerlei Unrechtsgefühl zu der Tatsache erkennen, dass der jüdische Friedhof von Windeckern zerstört worden war.

Von 1952 bis 1954 kam es zwischen der jüdischen Treuhandorganisation JRSO und der Stadt zu harten Auseinandersetzungen, die dazu führten, dass im Frühjahr 1954 in einem Prozess der Friedhof von der Stadt an diese Organisation zurückerstattet werden musste, weil kein Ehrenmal errichtet und die Belegung mit Gräbern falsch angegeben worden war und auch die Baracke immer noch stand.

In dieser Situation wandte sich Bürgermeister Reul an den Bundestagsabgeordneten Jakob Altmaier, einem Parteifreund, von dem er sich in der verfahrenen Situation Verständnis und Hilfe erhoffte.

„Die Beseitigung der Baracken (ist) bei der Wohnungsnot ein Ding der Unmöglichkeit“ teilte er Altmaier mit und bat ihn, an die IRSO zu schreiben, „und einmal die Schwierigkeiten aufzuzeichnen, mit denen heute noch die kleineren Gemeinden und Verwaltungen zu kämpfen haben“.

Der Abgeordnete schrieb aber nicht, wie in Windecken erwartet, einen unterstützenden Brief an die JRSO, sondern stellte in klaren eindeutigen Worten die Aufgabe der Stadt Windecken in ihrer Verantwortung der Geschichte gegenüber dar: „Zur Sache selbst muß ich offen und ehrlich sagen: Sie ist sehr peinlich.   Erstens ist es mir unverständlich, warum jemand ohne Ermächtigung einen Friedhof verkauft. Daß der in Amerika lebende frühere Windecker Einwohner dagegen protestiert und die IRSO gezwungen hat, den Verkauf rückgängig zu machen, ist sehr verständlich. Ich hätte es auch getan.

Zweitens: Es war eine der großen Schandstreiche der Nazis, Friedhöfe zu zerstören und selbst den Toten die Ruhe nicht zu gönnen. Daß sie dann in zartsinniger Weise ausgerechnet einen Kindergarten auf dem Todesacker errichtet haben, und dann noch Wohnungen, spricht für sich selbst. Das ist ja das, was den deutschen Namen in der Welt so verächtlich und verhaßt gemacht hat. Seit dem Ende der Naziherrschaft bemühen wir uns und vor allem unsere Partei unablässig, diese Schandtaten vergessen zu machen und den guten deutschen Namen wiederherzustellen. Der Zustand und die Wiederherstellung der zerstörten Friedhöfe spielt dabei eine große Rolle. Die zivilisierte Menschheit, ganz gleich, welcher Nation oder Konfession, kann es nicht fassen, daß ein Regime systematisch selbst die Ruheplätze der Toten zerstört und verwüstet hat, und ihre Wiederherstellung ist im Ausland als Gradmesser gewertet für die Verhältnisse in Deutschland und für die deutsche Demokratie.

Drittens: So sehr ich die Zwangs- und Notlage der Stadt Windecken verstehe, sehe ich nur die Möglichkeit einer angemessenen Fristverlängerung für die Räumung und Beseitigung der Baracken.

Viertens: Ich selbst würde es als eine Ehrenpflicht halten, den Schandfleck, für Windecken Baracken auf einem Friedhof zu errichten, den Euch die Nazis hinterlassen haben, so bald wie möglich zu beseitigen, koste es, was es wolle. Es würde der Stadt Windecken nur zur Ehre gereichen, diesen Rest des Nazitums auszutilgen. Ich bin überzeugt, der in Amerika wohnende ehemalige Windecker, dessen Eltern dort begraben liegen, wird für Euch zeugen, statt sich an amerikanische Behörden oder Besatzungsbehörden zu wenden, was er sicher getan hat und wozu ihm auch das Recht zusteht.

Ich bin also gerne bereit, wegen einer Fristverlängerung mit den betreffenden Herren zu reden. Wie es auch sei, von der Räumung des jüdischen Friedhofes kann Euch niemand befreien“ Von den Reaktionen auf diesen klaren Brief ist mir nichts bekannt.

Nachdem sich die Stadt Windecken verpflichtet hatte, die auf dem Friedhofsgrund-tück errichtete Baracke räumen und das Gelände einebnen zu lassen, kam es im Juni 1955 zu einem Vergleich. Endlich konnte Siegfried Speier von der Stadt Windecken eineinhalb Jahre später mitgeteilt werden, dass mit dem Abbruch der Baracke begonnen worden war.

Die schon Jahre zuvor angekündigte „Errichtung der Ehrentafel dagegen war „noch nicht möglich”, weil sich die Stadt wegen der „Kosten für die Herstellung von Kanalisation und Straßen“ sich nicht in der Lage sah, „Mittel für das Ehrenmal bereit zu stellen“. Das dürfte eher eine bequeme Ausrede gewesen sein.

Auch der folgende Vorschlag „als Anregung aus der Stadtverordnetenversammlung, sich doch mit ihnen in Verbindung zu setzen und Sie uni einen evtl. Zuschuß zur Bestreitung der Kosten zu bitten“, wurde in keiner Weise als peinlich empfunden. Abschließend aber betonte man: „Wir sind fest entschlossen, alles zu tun, daß der Friedhof wieder würdevoll hergerichtet wird“.

Erst Ende der 50er Jahre war die Stadt in der Lage, auf dem „wiederhergestellten” Friedhof einen Stein aufstellen zu lassen mit den Worten „Zum Gedenken der Toten der Jüdischen Gemeinden Windecken und Ostheim“ mit einem Davidsstern darüber. Die Namen der Beerdigten sucht man vergebens. Anregen musste die Errichtung eines Gedenksteines allerdings der frühere jüdische Bewohner Hermann Levi bei einem Besuch in Windecken. Bei Umgrabungsarbeiten wurden noch vier Grabsteine gefunden. Drei Grabsteine sind um den vierten herum ohne Fundamente einfach in die Erde gesetzt.

Sie stehen nach Süden und nicht wie nach den jüdischen Religionsvorschriften nach Osten in Richtung Jerusalem. Ein sehr stark verwitterter Sandsteingrabstein steht am Rande und ist nicht mehr zu entziffern.

Schaut man sich heute den jüdischen Friedhof Windecken an, so sollte man sich vor Augen halten, dass dieses Gelände nur die Hälfte der Fläche darstellt, die Salli Reichenberg 1940 an die Stadt Windecken verkauft hatte