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Hanau Innnenstadt

Hanau I

 

 

Aus der Geschichte der Stadt Hanau

 

  798  Ersterwähnung von Mittelbuchen

  806  Erstmals Nennung des Ortes Auheim.

1143  Erste urkundliche Erwähnung Hanaus.

1222  Erste urkundliche Erwähnung des Schlosses Steinheim.

1303  Verleihung der Stadtrechte für Hanau. Steinheim erhält die Stadtrechte.

1419  Vereitelung eines mainzischen Anschlags auf Stadt und Burg Hanau.

          Martiniweinspende (bis 1830).

1537  Baubeginn des „neuen“ Rathauses (Altstädter Rathaus, Deutsches Gold           schmiedehaus).

1595  Graf Philipp Ludwig II. tritt die Regentschaft an.

1596  Vermählung des Hanauer Grafen Philipp Ludwig II. mit Katharina Belgica, der  Tochter Wilhelms von Oranien.

1597  Gründung der Neustadt Hanau und der Wallonisch-Niederländischen Gemein de.

1600  Grundsteinlegung der Wallonisch-Niederländischen Kirche.

1603  Philipp Ludwig räumt den Juden einen Platz - die Judengasse - für ihre An       siedlung ein. 

1607  Subsidienordnung zur Unterhaltung einer Hohen Schule in Hanau.

1612  Grundsteinlegung der neuen Hohen Schule.

1635  Beginn der Belagerung Hanaus durch den kaiserlichen General Lamboy.

1636  Landgraf Wilhelm V. von Hessen-Kassel befreit die Stadt.

1661  Gründung der ersten deutschen Fayence-Manufaktur.

1665  Einweihung des Gebäudes der Hohen Landesschule.

1669  Vertragsabschluß Friedrich Casimirs mit der Westindischen Kompanie in Am    sterdam

    über die Gründung des Königreichs Hanauisch-Indien am Orinoco

1678  Beginn des Hanauischen Mercurius, der ältesten hessischen Zeitung.

1701  Grundsteinlegung von Schloß Philippsruhe.

          Entdeckung des Gesundbrunnens in Wilhelmsbad durch zwei Kräuterweiber.

1725  Unter dem Titel „Wöchentliche Hanauer Frag- und Anzeigungsnachrichten“      erscheint     die erste Nummer des Hanauer Wochenblattes (später „Hanauer        Anzeiger“).

1725  Bau des Neustädter Rathaus (bis 1933).

1738  Gründung der Leihbank durch Wilhelm VIII.

1772  Stiftung der Zeichenakademie als älteste Fachschule im Kurfürstentum Hes     sen.

1776  Durch Subsidienvertrag wird der Soldatenhandel im Feldzug Englands gegen  Amerika abgeschlossen (ca. 2400 Hanauer gingen nach Amerika).

1777  Baubeginn für die Kuranlage Wilhelmsbad.

1778  Gründung des Hanauischen Magazins als gemeinnützige Wochenschrift.

1780  Goethe besucht Wilhelmsbad.

1781  Eröffnung des Theaters (Comoedienhaus) in Wilhelmsbad.

1785  Geburt von Jacob Grimm.

1786  Geburt von Wilhelm Grimm.

1793  Beginn des Lamboyfestes.

1813  Schlacht bei Hanau zwischen französischen und bayrisch-österreichischen     Truppen.

1818  Vereinigung der lutherischen und reformierten Bekenntnisse zur Hanauer Uni-           on

1821  Ein gemeinsamer Bürgermeister für Alt- und Neu-Hanau.

1830  Hanauer Deputation kehrt aus Kassel zurück (Mautverhandlungen), danach    Stürmung des Mainzollamtes durch Hanauer Bürger („Hanauer Krawalle“).

1834  Gründung des Handels- und Gewerbevereins als Vorläufer der Handelskam     mer.

Durch die Kurhessische Gemeindeordnung werden Alt-Hanau und Neu-Hanau eins.

1841  Eröffnung der Stadtsparkasse im Stadthaus.

1848  Nach der Französischen Februarrevolution wird Hanau Ausgangspunkt der      kurhessischen Bewegung. Bildung von Bürgergarde und bewaffneten Frei          korps. Hanauer Ultimatum an den Kurfürsten. In Hanau herrscht Kriegs- und      Belagerungszustand. Hanauer Deputierte verkünden die Annahme des Ulti   matums durch den Kurfürsten.

          Am 2.4. Erster Deutscher Turnertag in der Wallonischen Kirche.

          Gründung des Deutschen Turnerbundes - Rede von Turnvater Jahn.

          Am 10.9. Eröffnung der Eisenbahnlinie Frankfurt-Hanau.

1849  Hanauer Turner unter Schärttner ziehen nach Baden.

1851  Wilhelm Carl Heraeus übernimmt die Einhorn-Apotheke.

    Inbetriebnahme von Gaslaternen als Straßenbeleuchtung.

    Inbetriebnahme der Telegraphenlinie von Aschaffenburg nach Hanau.

1869  Geburt von August Gaul in Großauheim.

1874  Eröffnung der ersten Hanauer Diamantschleiferei durch Friedrich Houy.

1875  Entstehung einer Pulverfabrik in der Bulau.

1886  Hanau wird kreisfreie Stadt und scheidet aus dem Kreis Hanau aus

1889  Übernahme der Platinschmelze durch Dr. Wilhelm Heraeus und Heinrich                      Heraeus

1893  Deutsche Dunlop Compagnie AG nimmt ihre Produktion von Fahrradreifen auf

1895  Geburt von Paul Hindemith

1896  Nationaldenkmal der Brüder Grimm wird auf dem Neustädter Markt eingeweiht

1898  Betriebseröffnung des städtischen Elektrizitätswerks

1902  Dunlop AG produziert erstmals Autoreifen

1907  Eingemeindung von Kesselstadt

1908  Einführung der elektrischen Straßenbahn in Hanau

1918  Unruhen in Hanau mit Plünderung des Lebensmittellagers und des Schloß      Philippsruhe.

1920  Französische Truppen besetzen Hanau am 6.4.

          Räumung der Stadt von französischen Truppen am 17.5.

1921  Beginn des Hafenausbaus (bis 1924).

1933  Aussetzung der demokratischen Selbstverwaltung nach der „Machtübernah      me“.

1938  Vereinigung von Groß- und Klein-Steinheim zur Stadt Steinheim.

    Brand der Synagoge in der Reichspogromnacht.

1942  Das Altstädter Rathaus wird Deutsches Goldschmiedehaus.

1945  Vollkommene Zerstörung der Hanauer Innenstadt durch Luftangriff a, 19.3.

1953  Das erste hessische Dorfgemeinschaftshaus wird in Mittelbuchen eingeweiht.

1956  Großauheim wird zur Stadt erhoben.

1958  Erstmalige Ausrichtung des Hanauer Bürgerfestes im Schloßpark Philippsruhe            zur Erinnerung der Leistung des Ehrendienstes beim Wiederaufbau der Stadt        Hanau.

     Wiedereröffnung des Goldschmiedehauses im Altstädter Rathaus.

1963  Hessentag in Hanau.

1965  Baubeginn für den Weststadt-Komplex.

1972  Eingemeindung Mittelbuchens zur Stadt Hanau.

1974  Im Rahmen der Hessischen Gebietsreform werden die Städte Großauheim,       Klein- Auheim und Steinheim, die Gemeinde Wolfgang sowie der ehemalige       Wachenbuchener Ortsteil Hohe Tanne Hanauer Stadtteile.

1984  Teile des Schlosses Philippsruhe werden durch einen Großbrand vernichtet.

 

 

Altertum:

Es ist anzunehmen, daß unser Landschaftsgebiet bereits in der Periode der Jüngeren Steinzeit (2500-2000 v. Chr.) und ebenso in der Bronze- und Halstattzeit besiedelt war, wenn auch nur wenig Spuren von menschlicher Betätigung gefunden wurden. Genaueres wissen wir allerdings erst aus der Zeit vor 2000 Jahren, als die in Germanien eingedrungenen Römer den Grenzwall (Limes) zum Schutz gegen die Germanen errichteten. Zahllose Ausgrabungen mit wertvollen Funden lassen uns die Zeit der Römer-Kastelle, -Villen und -Bäder lebendig werden. Nur den Stadtteil Kesselstadt kann man auf eine römische Gründung unmittelbar zurückführen, auf jenes größte aller Limeskastelle, das einst dort stand.

Und zur Zeit der großen Völkerwanderungen entstanden dann auf dem Boden der römischen Siedlungen neue germanische Dörfer. Aus der Frankenzeit bezeugen schon viele Urkunden die damalige Besiedlung. Um 1100 wird die Wüstung „Kinzdorf“, auf erhöhtem Gelände errichtet, genannt.

 

Gründung:

In der Stauferzeit wurde als Stützpunkt der staufischen Politik auf einer Kinziginsel eine Wasserburg errichtet (später Standort des Schlosses), die ebenso wie die dann in ihrem Schutze entstehende Siedlung „Hagenowe“ genannt wurde. Die Burg hatte ihren Namen von dem Waldgebiet nördlich der Kinzig. „In silvis Hagenove et Bulahe“ (in den Wäldern Hanau und Bulau) heißt es in Urkunden. „Die Hanau“ war so benannt nach einem „Hagen“ (eingefriedeten Gelände) in einer „Au“ (Land am Wasser). Ssüdlich des Flusses lag  „die Bulau“, deren Name heute noch geläufig ist. Sie läßt sich ableiten von „Buchlohe“, vielleicht aber erhielt sie ihren früheren Namen „Pohlau“ auch vom römischen Limes, dem „Pfahlgraben“, der den Wald durchzieht.

Die Stadt hat sich im Anschluß an die alte  Burg der Herren von Hanau entwickelt. Die ersten Besitzer nannten sich Herren von Buchen-Hagenowe (1113-1175). In einer Mainzer Urkunde vom 20. März 1143 wird das Geschlecht erstmals erwähnt: Der Edelfreie „Tammo de Hagenouwe“ ist einer unter vielen Zeugen. Dies ist auch die erste Erwähnung Hanaus. Bereits seit 1191 werden „die von Dorfelden“ als „edle Herren von Hagenowe“ erwähnt. Schließlich von der Mitte des 13. Jahrhunderts an hießen sie nur noch „von Hanau“. 

Die Bedeutung des Kinzdorfes ging zurück, als im 13. Jahrhundert die A1tstadt entstand.

Eine kleine Ansiedlung von Burgmannen und Lehnsleuten bildete sich südlich vor der Burg. Und in ihrem Schutz wuchs sich im Laufe des 13. Jahrhunderts Hanau zu einer festen bürgerlichen Niederlassung aus.

In einer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1234 wird sie „Castrum Hagenowe“ genannt. Diese Siedlung bei der Wasserburg erhielt am 2. Februar 1303 durch König Albrecht I. als „oppidum“ (= Stadt) die gleichen Rechte wie die Stadt Frankfurt und das Recht zur Abhaltung eines Wochenmarktes (am Mittwoch).

Mit dem Bau der Mauern, Türme und Tore wurde bald begonnen: Die Stadt wurde von einer starken Mauer umgeben, die acht Wehrtürme und zwei Tore aufwies. Der Bau konnte im Jahre 1338 als vorläufig beendet gelten. Auf alten Plänen und Ansichten zeigt Hanau geradezu beispielhaft die bauliche Entwicklung einer deutschen Stadt auf, die einem kleinen Landesherren unterstellt ist. Die Zahl der Einwohner mochte etwa 500 betragen.

Im Jahre 1436 verlegten Herren von Hanau ihren Wohnsitz von Windecken, das bereits 1288 Stadtrechte erhielt, nach Hanau. Unter deren landesväterlicher Fürsorge entwickelte sich dann das Gemeinwesen von einem unbedeutenden Landstädtchen zur kleinfürstlichen Residenz.

Im Verlaufe der unruhigen Zeiten des 14. und 15. Jahrhunderts siedelten sich immer mehr Bewohner an. Die Stadtbefestigung wurde unter Philipp II. erneuert: Der Altstadtkern wurde mit acht Meter hohen Mauern mit Rundtürmen und Wassergräben umschlossen. Es entstand vor dem Metzgertor an der Straße zur Kinzigbrücke die Vorstadt. Im Jahre 1484 wurde das erste Rathaus an der Ecke Markt- und Metzgerstraße erbaut, das aber bereits 1537 durch das auf der gegenüberliegenden Seite errichtete Rathaus ersetzt wurde, weil sich das erste Rathaus als zu klein erwiesen hatte.

Etwa 1.250 Einwohner lebten in ungefähr 280 strohgedeckten Fachwerkhäusern auf einem Gebiete, das kaum vier Hektar groß war. Sie trieben fast ausschließlich Ackerbau und schickten ihr Vieh in die nahe Bulau auf die Weide. Bürgermeister und Ratsherren führten die Verwaltung und wurden dabei von der gräflichen Kanzlei durch einen Schultheißen beaufsichtigt.

Hanau war nur eine kleine Ansiedlung, aber es hatte eine Burg und ein Herrengeschlecht, das aus dieser Stätte etwas zu machen verstand. Sie verstanden es, ihren Besitz zu halten und durch eine geschickte Heiratspolitik beträchtlich zu mehren. Reinhard I. heiratete vor 1250 Adelheid von Münzenberg, ihr Sohn Ulrich I. gut 30 Jahre später Elisabeth von Rieneck: Ursprünglich Münzenberger bzw. Rienecker Gebiete waren wesentliche Teile der Herrschaft, ab 1429 Grafschaft Hanau.

Um den durch das Kränkeln des kleinen Grafen Philipp des jüngeren gefährdeten Fortbestand des Territoriums zu sichern, war dessen eigentlich für den geistlichen Stand vorgesehener Onkel Philipp der Ältere auf Brautschau gegangen und hatte 1458 Anna von Lichtenberg im Elsaß geheiratet. Seit dieser Zeit gab es die beiden Linien Hanau-Münzenberg und Hanau- Lichtenberg. Die Namen „Hanauer Land“ in Baden und „Pays d’Hanau“ im Elsaß erinnern heute noch an dieses Ausgreifen der Hanauer Grafenfamilie.

Drei Gebäude ragten aus dem so kleinen Häusermeer hervor: die alte Burg, das stattliche 1537 eingeweihte Rathaus und die alte Marienkirche (etwa 1450 erbaut). So sah Hanau mit seinen krummen Gassen aus, als 1594 Graf Philipp Ludwig II. zur Regierung kam, der bedeutendste Landesherr, den die Geschichte der Grafschaft Hanau-Münzenberg aufzuweisen hat. Die Befestigungsanlagen der Altstadt wurden mit Rondellen verstärkt. Südlich der Altstadt wurde die Neustadt Hanau erbaut. Sie hatte einen geometrisch als Wappenschild mit schachbrettartigem Straßenraster konstruierten Grundriß. Die Residenz wurde damit um das Dreifache erweitert. Umgeben wurde alles von den mächtigen Festungsanlagen des 17. Jahrhunderts.

 

Amalie Elisabeth

Doch Amalie - oder Amelia, wie sie auch genannt wurde - ist durch die Jahrhunderte keineswegs vergessen worden. So war sie beispielsweise schon im Jahr 1919 in der Festschrift zum 75. Jubiläum des Hanauer Geschichtsvereins von Karl Siebert ausführlichst und respektvoll gewürdigt worden. „In der Reihe tatkräftiger und geistig bedeutender Frauen, an denen Deutschland im 17. Jahrhundert nicht arm war, zählt wohl mit zu den ersten die Landgräfin von Hessen-Kassel, Amelia Elisabeth“, schrieb der Chronist (wohl gemerkt, ein Mann): Ihre Wiege stand im gräflichen Schloß zu Hanau, wo sie am 29. Januar 1602 das Licht der Welt erblickte als Tochter des Grafen Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg und seiner Gemahlin Katharina Belgia, einer Tochter des Prinzen Wilhelm von Nassau-Oranien, des Statthalters der Niederlande.“

Ihre Biographie liest sich auch wie eine Kurzfassung des 30jährigen Krieges. Bereits mit 15 Jahren wird Amalia Elisabeth mit dem böhmischen Großgrundbesitzer Smiricki verlobt, ,,nachdem ihre Schwester ihre Verlobung mit diesem gelöst und eine Ehe abgelehnt hatte“.

Smiricky ist 1618 „einer der sechs Defenestranten“ beim so genannten Prager Fenstersturz gewesen und hingerichtet worden. Ein Jahr später heiratete Amalie den gleichaltrigen Landgrafen Wilhelm V von Hessen-Kassel. Die Ehe ist glücklich gewesen, wovon zwölf Geburten in 15 Jahren zeugten. Doch der Landgraf stirbt bald, nachdem er auf Bitten seiner Frau am 13. Juni 1636 mit einem hessisch-schwedischen Heer Hanau vom kaiserlichen General Lamboy befreit hatte. Die junge Witwe übernimmt als „Vormünderin“ für ihren Sohn die Regierung, leitet das Land mit großer Umsicht und Klugheit und ist schließlich maßgeblich am Zustandekommen des Westfälischen Friedens beteiligt. Sie stirbt am 8. August 1651, keine 50 Jahre alt. In Hanau gibt es eine Ameliastraße (von wegen vergessen).

 

Neustadt

Graf Philipp Ludwig II. trieb die Gründung der Neustadt voran und privilegierte nach 1600 auch eine Judengemeinde. Es war eine der ersten Regierungshandlungen des Grafen, daß er dem reformierten Glauben im Sinne des großen Genfer Reformators Calvin zum Siege verhalf. Seit seinen Studienjahren in Herborn und Heidelberg hing er ihm mit ganzer Seele an. Die schwere Verfolgung des Protestantismus in den ebenfalls kalvinistischen Niederlanden

hatte zur Folge, daß schon im 16.  Jahrhundert viele Wallonen und Holländer ihre Heimat verließen, um sich ein neues Vaterland zu suchen. Ein Teil vor ihnen begab sich unter Führung des Johann von Lasko und Valerandus Polanus nach Deutschland und ließ sich in Frankfurt am Main nieder.

Jedoch auch hier, wo  man ganz und gar dem lutherischen Augsburger Bekenntnis anhing, regte sich bald die Unduldsamkeit gegen die Fremden, denen man schließlich sogar die bisherige freie Religionsausübung in der ihnen überlassenen Weißfrauenkirche untersagte, obwohl Melanchton und die Marburger theologische Fakultät für sie ein gutes Wort einlegten. Aber die spießbürgerlichen Patrizier der freien Reichsstadt fürchteten ja weniger für ihr Luthertum als für ihr Geschäft durch die Konkurrenz der rührigen Niederländer und fühlten sich deshalb erleichtert, als diese es vorzogen, dem ungastlichen Frankfurt den Rücken zu kehren. Nichts lag für sie näher als das religionsverwandte Hanau, zumal da dort der junge Graf Philipp Ludwig II. eben Katharina Belgica geheiratet hatte, die dritte Tochter des berühmten niederländischen Freiheitskämpfers Wilhelm von Oranien, die den Landflüchtigen mit herzlicher Anteilnahme entgegenkam.

Schon vor dem Jahre 1593 hatten sich niederländische Familien in Hanau niedergelassen, wo sie in der „Goldnen Hand“ in ihrer Muttersprache und nach kalvinistischem Ritus Gottesdienst hielten. Durch sie auf das Hanauer Asyl aufmerksam gemacht, traten ihre Frankfurter Glaubensgenossen mit dem Grafen in Unterhandlungen, der ihnen am 27. Januar 1597 einen Plan vorlegen ließ, nach dem er ihnen neben seiner Residenz Hanau eine neue Stadt anzulegen und zu befestigen versprach, wenn sich eine genügende Zahl Niederländer verpflichte, sich in Hanau anzukaufen oder Häuser zu bauen.

Jetzt machten aber nicht nur die Frankfurter Ratsherren Schwierigkeiten, weil man einsah, daß es töricht war, den betriebsamen Niederländern den Aufenthalt dort zu verleiden, sondern auch die Hanauer Ratsherren, die die Fremden nicht als Nachbarn haben wollten. Doch ließ sich Philipp Ludwig II. nicht von dem einmal gefaßten Plan abbringen. Er unterschrieb am    1. Juni 1597 die sogenannte „Capitulation“. Darin bot er aus religiösen Gründen verfolgten Calvinisten, Flamen und Wallonen aus den damaligen „Spanischen Niederlanden“ eine Heimat vor den Toren Hanaus. „Nach Steuerangaben“ zogen 200 Familienoberhäupter nach Hanau. Die dazugehörigen Familien und die Nicht-Steuerzahler sind allerdings zahlenmäßig nicht bekannt.

In dem noch heute gültigen Gründungsdokument der Wallonischen und Niederländischen Gemeinden (die sich erst 1960 zusammenschlossen) verpflichteten sich die Flüchtlinge zum eigenwirtschaftlichen Handeln wie dem Städtebau. Unter ihnen befanden sich reiche Kaufleute und unternehmungslustige Industrielle.

Sie erhielten im Gegenzug das Recht zur freien Religionsausübung für alle Zeiten zugesichert und die Genehmigung zum Bau einer Kirche. Sie durften sich ihre Pfarrer und Lehrer selbst wählen, erhielten die Gewerbefreiheit, brauchten keine Frondienste zu leisten und bekamen auch sonst noch Erleichterungen aller Art. Philipp Ludwig versprach ihnen ferner, einen Kanal zum Main mit einem Kran zu erbauen und ein Marktschiff für sie nach Frankfurt fahren zu lassen.

Nun begann südlich von der Altstadt eine rege Tätigkeit. Das Gelände wurde vermessen, die Straßenfluchten wurden festgelegt, die Stadtviertel abgesteckt, und auch die Pest, die damals durch das Land zog, hielt das große Werk nicht auf. Das erste Haus, das vollendet wurde, war das von Georg de Behaigne erbaute „Paradies“ (heute Markt 7). Als der Graf in jungen Jahren im Jahr 1612 starb, waren bereits 237 Plätze bebaut, 1618 waren 364 Häuser fertig. Welch ein Unterschied zwischen der Altstadt mit ihren winkeligen Gassen und der Neustadt mit ihren sich rechtwinklig schneidenden, breiten Straßen und großen Plätzen. Das „städtebauliche Novum“ vor den Toren Alt-Hanaus war die erste planmäßig, angelegte Stadt in Deutschland vor Mannheim, Erlangen-Neustadt und Neu-Isenburg. Als Grundschema entwarfen die Calvinisten ein Rechteckraster von Straßen und Baublöcken. Vorbilder waren Planstädte des 16. Jahrhunderts wie La Valletta auf Malta und Willemstad in Brabant.

In der Zeit von , 1600 bis 1608 entstand die einmalige Doppelkirche an der Französischen Allee, die unter e i n e m Dach die französisch sprechenden Wallonen und die holländisch sprechenden Niederländer vereinigte. In sechs je vier bis fünf Meter hohen Stockwerken türmte sich das Dach, das Alt- und Neu-Hanau, weithin sichtbar, überragte.

Nebenher ging die Errichtung der neuen Stadtmauer, die nach den Entwürfen des berühmten Kriegsbaumeisters Daniel Speckle aus Straßburg erbaut wurde. Im Jahre 1619 wurde sie vollendet, gerade noch zur richtigen Zeit, denn schon verheerte der 30 jährige Krieg Deutschlands Gaue. Fünf Tore führten aus der Neustadt ins Freie: Das Frankfurter-, Kanal-, Steinheimer, Nürnberger- und Mühltor. Zur Belebung des Handels wurde ein Kanal angelegt, der aus dem Main bis zum Heumarkt führte. Hier befand sich ein geräumiges Becken zur Aufnahme der Schiffe, ein Kran und die Stadtwaage.

Durch gräfliche Verordnung vom 9. April 1601 erfolgte die Einsetzung eines Neustädter Stadtrates. Seine Sitzungen fanden bis 1615 in verschiedenen Privathäusern am Markt statt, seit diesem Jahre in einem neben dem jetzigen Rathause gelegenen Hause, seit 1733 endlich in dem damals vollendeten Neustädter Rathaus.

Ihre Gründung war auch städtebaulich eine Großtat: drei große Plätze, regelmäßige und breite gepflasterte Straßenzüge, die stolzen Gebäude der Handelsherren, das Rathaus zeugen von Weitblick, Aufgeschlossenheit und Gestaltungsgabe ihrer Erbauer.

Neue Handwerksberufe und Gewerbe kamen mit den Emigranten nach Hanau. In der Wirtschaftsgeschichte Hanaus trat nun ein völliger Umschwung ein. Neben den Altstädter Bauern wohnten jetzt die gewerbefleißigen, welterfahrenen Neustädter Kolonisten, die aus ihrem Gemeinwesen eine Handels -und Industriestadt fast im modernen Sinn machten und mit den Produkten ihrer Textil-, Tabak-, Gold- und Silberindustrie, ihrer Buchdruckereien und Fayencefabrik auf deutschen Märkten und Messen und im Ausland den guten Ruf ihrer hanauischen zweiten Heimat verbreiteten.

So entstand durch den Fleiß und den Unternehmungsgeist der zugewanderten calvinistischen Handwerker, Kaufleute und Goldschmiede trotz allerlei Widerstände der Innungen, der Räte von Alt-Hanau und Frankfurt mit der tatkräftigen Unterstützung des Grafen und seiner Gattin die Neustadt, mit einer vorbildlichen Verwaltung und einer in ihrer Existenz gesicherten Einwohnerschaft. Die Neustadt Hanau wurde gar bald zu einem Gemeinwesen von wirtschaftlicher und kultureller Bedeutung im gesamten Rhein-Main-Gebiet. Aus dem Kinzigstädtchen wurde die Mainstadt Hanau.

„Die Doppelgründung der protestantischen Flüchtlingsgemeinden und ihrer Stadt' „Neu Hanau“ war ein wichtiges Datum der europäischen Freiheitsgeschichte und eine erfolgreiche Manifestation evangelischer Freiheit gegenüber dem weitanschaulichen Obrigkeitsstaar“, urteilt Walter Schlosser, seit 1979 Pfarrer der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde.

Doch die Gegnerschaft zwischen der Alt- und Neustadt Hanau vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht, weil sich die Unterschiede der Nationalitäten, des Volkscharakters, der Sprache und des wirtschaftlichen Lebens nicht von heute auf morgen überbrücken ließen. Nicht nur Festungswerke trennten Alt- und Neustadt voneinander: bis ins 19. Jahrhundert hinein waren beide Städte selbständig, hatten ihre jeweils eigene Verwaltung, ihre eigenen Räte und Bürgermeister. Erst 1767 wurden die Befestigungsanlagen zwischen Altstadt und Neu-Hanau aufgegeben, im Jahre 1833 wurden auch die Verwaltungen zusammengelegt. Erst 1835 wurde die Vereinigung der beiden Städte in verwaltungsrechtlicher Hinsicht vollzogen, ohne daß die Lösung aller Differenzen gelungen wäre. Es ist das Verdienst des umsichtigen Bürgermeisters Eberhard gewesen, die Kluft zwischen den beiden Gemeinden zu überbrücken. Als eine  gemeinsame Stadtgemeinde wurden die Stadtrats-Sitzungen nunmehr im Neustädter Rathaus abgehalten.

 

 

Dreißigjähriger Krieg (Lamboyfest)

Die Annahme, daß das Lamboyfest als Folge der im Lamboywald um den 30.10.1813 gewesenen Schlacht gefeiert würde, ist falsch. Es hat sich vom 13. Juni 1636, dem Tage der Befreiung Hanaus, überliefert, wie es in der 1886 erfolgten Beschreibung eines F. W. J. anläßlich der 250jhrigen Wiederkehrfeier heißt.

Die Befestigungen der neuen Stadt waren gerade vollendet, als der 30jährige Krieg ausbrach. Hanau wurde in den ersten Jahren nur wenig vom Kriege berührt, während das platte Land schon darunter zu leiden hatte. Katharina Belgica, die Witwe des 1612 verstorbenen Grafen begab sich selbst nach Kreuznach zum spanischen Truppenbefehlshaber, um Schonung für ihr Land zu erbitten, wenngleich die starken Befestigungen Hanaus der Stadt und Bevölkerung Schutz und Sicherheit boten.

Hanau, ein wichtiger Platz, der die Straße vom Rhein ins Frankenland beherrschte, erschien dem Kaiser Ferdinand begehrenswert. Am 1. November 1629 wurde der inzwischen an die Macht gekommene Sohn des Grafen, Moritz, aufgefordert, eine kaiserliche Besatzung aufzunehmen. Nach vorerstiger Weigerung und dreimonatiger Belagerung erbot sieh der Graf, in kaiserliche Dienste zu treten und drei Kompagnien Fußvolk zu werben. Nach Ableistung des Treueides wurde er zum Oberst und Kommandanten von Hanau ernannt.

Durch die Landung des Schwedenkönigs Gustav Adolf und dessen siegreiches Vordringen für die protestantischen Waffen nahmen die Dinge eine Wendung. Gustav Adolf hatte Deutschland im Siegeszug durcheilt, Tilly bei Breitenfeld besiegt, Bamberg und Würzburg eingenommen und schickte sich an, auf Frankfurt zu ziehen. Es mußte ihm viel daran gelegen sein, sich zuvor der Stadt und Festung Hanau zu bemächtigen.

Am 31. Oktober 1631 sandte er Oberstleutnant Huwald mit 6 Kompagnien Reitern und 500 auserlesenen Dragonern ab, um sich Hanaus durch einen Überfall zu bemächtigen. Sie setzten hinter dem Schloß über die Kinzig, erstiegen den Wall, öffneten das Schloßtor mit einer Petarde und drängen in die Altstadt ein, wo es in der Metzgergasse zu einem Gefecht kam. Trotz der strengen Manneszucht der schwedischen Truppen kamen Plünderungen vor.

Sodann rückten die Schweden in die Neustadt vor, nahmen den kaiserlichen Obristleutnant Brandis gefangen und nötigten die ihres Führers beraubten Truppen zur Waffenniederlegung. Huwald war schon am 29. Oktober von Gustav Adolf, der an dem Gelingen des Unternehmens nicht zweifelte, zum Kommandanten von Hanau ernannt worden. Am 15. November kam Gustav Adolf selbst über Steinheim nach Hanau und speiste im Schloß bei dem Grafen zu Mittag.

Der neue Kommandant Huwald ließ es sich vor allem angelegen sein, die Festungswerke zu verstärken, wobei die Kirche vom Kinzdorf und der daselbst befindliche Friedhof zum Opfer fielen. Hecken und Bäume um die Stadt wurden ebenfalls entfernt, was sich als notwendig erwiesen hatte.

Gustav Adolf fiel in der Schlacht bei Lützen. Mit seinem Tode wendete sich auch das Glück der schwedischen Waffen. Die unglückliche Schlacht bei Nördlingen am 4. September 1634 zwang Bernhard von Sachsen-Weimar, sich nach dem Rhein zurückzuziehen. Ihm folgten wie eine Herde blutgieriger Wölfe die raub- und mordlustigen Scharen der Kaiserlichen. Die letzten Tage des September waren es, wo die meisten Dörfer des Hanauer Landes in Flammen aufgingen. Die Einwohner fluteten, um nur das nackte Leben zu retten, hinter die Mauern der Stadt.

Über die Greuel der Verwüstung, die Kroaten und Polacken in den blühendsten Gefilden der Wetterau anrichteten, berichtet Pfarrer und Superintendent Oräus: „Allerorten, wo sie hin kamen (nämlich die Kaiserlichen) erfüllten sie Himmel, Luft und Erde mit Feuer, Rauch, Dampf, Glut, Mord, Schand und Brand, Leid und Geschrei, daß es in den Wolken erscholl und nicht ärger hätte gemacht und erhört werden können. Fast kein Ort blieb ganz stehen, Mensch durfte sich sehen lassen. In Summa, das Land vor ihnen wie eine lustige Aue oder wie ein Paradies, nach ihnen eine wilde wüste Einöde.“

Hanau unter allen Umständen zu halten, ernannte Bernhard von Sachsen-Weimar am 15. September 1634 Jacob Ramsay zum Kommandanten von Hanau, den Mann, der mit seltener Umsicht, Tapferkeit und Ausdauer Hanau neun Monate lang gegen den Feind verteidigte und neben Landgraf Wilhelm V. von Hessen der Retter Hanaus genannt werden kann.

Jacob Ramsay war ein Schotte, 1589 geboren, diente zuerst in England, kam 1630 mit General Hamilton nach Deutschland und nahm als Oberst schwedische Dienste, in denen er nach der Schlacht bei Breitenfeld zum General aufstieg. Er brachte zwei Kompagnien Schotten mit. Die übrige Besatzung bestand aus dem Burgdorf’schen  blauen Regiment, zwei Kompagnien hessischer Reiter und einer von Graf Jacob Johann geworbenen Reiterschar. Mit ihnen versahen den Wachdienst auf den Wällen die bewaffnete Bürgerschaft und der Ausschuß vom Lande.

Kurz vor der Belagerung wurden auf Antrag des Bürgermeisters van der Velde neben den Bandwebern, Tuchmachern und Junggesellen auch die Bauern und die Handwerksgesellen bewaffnet. Philipp Moritz reiste am 1. September 1634, um der Kriegsgefahr zu entgehen, mit seiner Familie erst nach Metz dann nach Holland, nachdem er seinem Bruder Johann Jacob die Regierung übertragen hatte.

Bevor die Stadt von den Kaiserlichen eingeschlossen wurde, machte die Besatzung mehrere glückliche Streifzüge, teils um Proviant zu holen, teils auch, um den Kaiserlichen Schaden zuzufügen, wobei sich Graf Jacob Johann auszeichnete. In der Neujahrsnacht 1635 überfiel derselbe mit 3 Schwadronen Reitern und 150 Musketieren die Kaiserlichen in Alzenau, wo 800 Pferde mit Sattel und Zeug erbeutete und viele Gefangene machte. Am 14. Mai überfiel Graf Jacob Johann in Staden ein Regiment Kroaten, wobei er mit reicher Beute und Gefangenen zurückkam. Von den Kaiserlichen fast bis an die Tore Hanaus erfolglos verfolgt, zündeten diese aus Rache die Orte Eichen und Ostheim an. Am 20. Mai unternahm die Besatzung einen Streifzug nach Gelnhausen, wobei der Oberst Hasenbein und Gemahlin sowie Offiziere und Mannschaften gefangen wurden. Außer acht Standarten wurden eine Menge Pferde und Waffen sowie die ganze Bagage von elf Kompagnien erbeutet. Bei einem vierten Streifzug nach Orb und Salmünster brachten die Schweden 80 Stück Vieh, 600 Malter Korn sowie viele andere Lebensmittel als Beute nach Hanau zurück.

Die reiche Ernte des Jahres 1635 suchte der kaiserliche Oberst Götz, der mit drei Regimentern Kavallerie in der Umgebung lag, zu verhindern, eingesammelt zu werden. In den Gemarkungen Kesselstadt, Dörnigheim und Hochstadt ließ er das Getreide anstecken oder durch Hin- und Herreiten schleifen. Bei einem scharfen Gefecht am Siechenhaus wurde Graf Johann verwundet. Kurz darauf verließ derselbe die Stadt. Er fiel am 15.Juni 1636 beim Sturm auf Zabern im Elsaß.

Trotz allem gelang es der Bürgerschaft, unter dem Schutz der Besatzung viele Wagen voll Frucht und Heu aus dem Hanauer und Steinheimer Feld in die Stadt einzubringen, so daß im Anfang der Belagerung in der Stadt keine Not herrschte, obwohl die Einwohnerzahl durch das hereingeflüchtete Landvolk weit über das Doppelte betrug. Dank der Fürsorge des Kommandanten waren selbst während der Besatzung die Getreide- und Brotpreise in Hanau niedriger als in Frankfurt.

Durch das Zusammensein so vieler Menschen brach schon im Sommer 1635 in Hanau die Pest aus, an der monatlich 70 bis 80 Menschen starben. Dies hatte nur einen Vorteil, daß die Zahl der Verzehrer geringer war und die Vorräte länger ausreichten. Fremde Bettler und Flüchtlinge - Glaubensgenossen ausgenommen - bekamen ein Stück Brot und wurden ausgewiesen.

Mit dem Beginn des Monats September wurde die Stadt durch den kaiserlichen Oberst Götz enger eingeschlossen. Die eigentliche Belagerung begann aber erst mit dem Eintreffen des Generals Lamboy im November 1635. Er umgab die Stadt mit einer Reihe von Schanzen, die zum Teil durch Laufgräben miteinander verbunden waren. Es bestanden: Die Hauptschanze auf der jetzigen Rosenau, die Blutschanze an der krummen Kinzig, die Stahl- oder Kieselschanze auf dem neuen Friedhof, die Galgenschanze zwischen dem alten Auheimer Weg und dem Hauptbahnhof, die Mainschanze, das Storchennest an der Lamboybrücke über die Kinzig und die Sternschanze im Mühlloch nächst des Wehres.

Lamboy nahm sein Hauptquartier im Steinheimer Schloß und schlug eine Brücke über den Main. Eine zweite an der Stelle der nach ihm genannten Lamboybrücke über die Kinzig. Das kaiserliche Lager befand sich nordwestlich Kesselstadt zwischen Kastanienallee und der sogenannten Lache, dem Flutgraben, der den Salisberg von Kesselstadt scheidet. Mit wechselndem Glück suchten die Belagerten die feindlichen Schanzen zu zerstören. Aber was sie heute zerstörten, wurde morgen wieder aufgebaut. Bei diesen Ausfällen floß auf beiden Seiten viel Blut, auch wurde General Lamboy in einem der Gefechte am Munde verwundet.

Im Frühjahr gelang es General Ramsay, zwei für die Frankfurter Messe bestimmte Schiffe mit Lebensmitteln und Kaufmannswaren im Werte von 90.000 Gulden zu nehmen und ihre Ladung in die Stadt zu bringen. Zwei weitere Schiffe mit Speck, Tauwerk und Kugeln für die Belagerer konnten ebenfalls gekapert werden.

Zum Glück fehlte es Lamboy an schwerem Geschütz, um Bresche in die Wälle zu legen. Dagegen ängstigte er von Dezember an die Stadt durch Einwerfen von Bettelsäcken mit Pulver, Blei und Eisenstücken gefüllte Geschosse, die aus Mörsern geworfen wurden, aber wenig Schaden anrichteten. Mit dem eintretenden Frost wurde befürchtet, daß der Feind über die zugefrorenen Stadtgräben eindringen könnte, weshalb Bürger und Bauern verschiedene Male zum Aufeisen der Stadtgräben aufgeboten wurden.

So sorgsam man mit den Lebensmittelvorräten umging, so trat doch allmählich ein Mangel ein, besonders bei den Landleuten, die in die Stadt flüchteten und ihr mitgebrachtes Vieh aus Futtermangel nicht mehr erhalten konnten, getötet und verzehrt hatten. Die Not war so groß, daß man sich um das Fleisch der bei einem Ausfall getöteten Pferde riß. Hunde- und Eselsfleisch wurde auf dem Markt angeboten, Katzen als Wildpret verspeist. Bei vielen Armen bildeten ein Brei von Kleie und Kräutern, ohne Salz und Schmalz gekocht, fast noch die einzige Nahrung. Hierdurch entstanden neue Krankheiten, besonders die rote Ruhr und der Skorbut, woran viele starben.

Die Zahl der während der Belagerung Gestorbenen wird auf 12.000 geschätzt. Doch nicht nur die Armen litten entsetzlich unter der Not der Belagerung, sondern auch die Wohlhabenden, die in der Lage waren, für Vorrat zu sorgen, erlagen dem Druck, den der Unterhalt der Besetzung auf sie ausübte. Die gräfliche Kasse war völlig leer, da ja das Land im Besitz der kaiserlichen Truppen war. Deshalb mußten die beiden Städte, Alt- und Neu-Hanau, den Sold für die Truppen sowohl  als auch die Kosten für den Unterhalt derselben aufbringen. Da die meisten Bürger die auf sie angeschlagenen Beiträge nicht mehr zahlen konnten, nahm man ein Anlehen nach dem anderen bei den reichen Bürgern auf. Als auch diese Hilfsmittel erschöpft waren und Oberst von Burgsdorf auf den rückständigen Sold drückte und. mit Gewaltmaßnahmen gedroht wurde, schenkte man General Ramsay eine goldene Kette im Werte von 150 Reichstalern. Nun drohten aber die Soldaten mit Plünderung, als ihnen die Bürger auf Befehl des Rates die Kost nicht mehr verabfolgten. Ramsay konnte das zuchtlose Kriegsvolk nur durch die äußerste Strenge im Zaume halten. Um das Pulver zu sparen, hatte er alles Schießen in der Stadt, ja selbst das unnötige Schießen auf den Feind verboten, worüber sogar die Soldaten spotteten. Bürger wie Soldaten waren von dem anhaltenden Wachtdienst ganz erschöpft. Hinzu kam noch daß die feindlichen Posten die Soldaten der Besatzung zum Verrat zu locken versuchten. Der Feind war seines Sieges schon so gewiß, daß die Offiziere die schönsten Häuser der Stadt bereits unter sich verteilt hatten.

Vom Januar an pflog man Unterhandlungen mit dem Feind wegen der Übergabe: Die gräflichen Diener und der Rat, um der Stadt die Greuel einer Erstürmung zu ersparen. Ramsay, um Zeit zu gewinnen. Allein sie scheiterten an der Hartnäckigkeit Lamboys, der eine Übergabe auf Gnade und Ungnade verlangte. Die Sage, daß Lamboy die Parlamentäre gegen alles Kriegrecht habe aufhängen lassen, ist unbegründet. Eine Nachricht erzählt, Lamboy habe Ramsay während der Unterhandlung ein fettes Schwein zum Geschenk gemacht, welches dieser durch die Übersendung eines Zentners Karpfen erwidert habe.

Die Lage der Stadt wurde indessen immer bedenklicher. Kaum reichte die immer mehr zusammenschmelzende Zahl der Verteidiger noch hin, die Wälle zu besetzen, geschweige denn einen etwaigen Sturm abzuschlagen. Man schickte deshalb Boten an den Landgrafen Wilhelm von Hessen, des Grafen Schwager, die sich durch die feindlichen Linien durchschlichen und dringend um Hilfe baten. Einer derselben war Kaspar Trickel von Neu-Hanau, genannt der kleine Heinrich, ein anderer, ein Mann von Langendiebach namens Konradi.

Wilhelms Gemahlin, Amalie Elisabeth, drängte den Landgrafen, ihrer bedrohten Vaterstadt zu Hilfe zu eilen. Wilhelm zauderte anfänglich, da er mit dem Kaiser in Friedensverhandlungen stand. Endlich siegte Amaliens Fürsprache. Er ließ dem Kaiser durch einen Trompeter den Waffenstillstand aufkündigen und brach, mit dem schwedischen General Lesle an der Spitze von 6.000 Mann zu Roß und zu Fuß und 30 Geschützen von Kassel auf. Am 12. Juni traf er in Windecken ein. Es war hohe Zeit, denn Lamboy erwartete in wenigen Tagen beträchtliche Verstärkungen von Fulda und aus der Pfalz und beabsichtigte bei deren Eintreffen zum Sturm zu schreiten.

Von der Höhe des Wartbaums wurde den Bewohnern Hanaus durch Kanonenschüsse das Zeichen gegeben, daß Rettung nahe. Die Belagerten antworteten durch einige Schüsse aus der Frankfurter Tor-Bastion: Als die Nacht hereinbrach, wurden auf dem Schloßturm Fackeln angezündet. Von den Wällen und Türmen sah man  bei Tagesanbruch eine lebhafte Bewegung in den Werken des Feindes. Die Schanzen wurden stärker besetzt, das Lager bei Kesselstadt abgebrochen und das Gepäck durch dem Schloß Philippsruhe gegenüber befindliche Furt nach Steinheim befördert.

In der Frühe des 13. Juni begann der Kampf im Bruchköbeler Wald. Am Wartbäumchen hatte Landgraf Wilhelm die übliche Morgenandacht gehalten. Als er sie beendet hatte, soll der Sage nach ein heller Strahl in ein nahes Kornfeld niedergefahren sein, den er seinen Soldaten als göttlichen Wink deutete, daß Gott ihrer gerechten Sache den Sieg geben würde. Zum Andenken habe er den Blitztaler prägen lassen, der auf der einen Seite sein Brustbild und auf der anderen Seite eine vom Blitz getroffene Weizengarbe mit der Inschrift zeigte: „JEHOVA VOLENTE HUNILIS LEVABOR“, zu deutsch: „Wenn Gott will, so werde ich aus meiner Niedrigkeit erhöht werden.“

Schon um 12 Uhr konnte Landgraf Wilhelm V. unter dem Glockengeläute und Jubel der Einwohner an der Spitze seines Gefolges durch das Nürnberger Tor in die von ihm befreite Stadt einziehen. Sein erster Gang war in die  Marienkirche, wo er Gott für das soweit gelungene Werk dankte.

Dem einrückenden Heer folgten sogleich einige hundert Wagen mit Brot, Mehl und anderen Lebensmitteln, eine große Menge Schlachtvieh, wodurch dem Hunger der Überlebenden mit einem Male ein Ende gemacht wurde. Im Laufe des Nachmittags sowohl wie am darauffolgenden Tage wurde der Rest der Schanzen angegriffen und genommen. Was das Schicksal der Stadt bei der damaligen grausamen Kriegsführung gewesen wäre, wenn die Rettung nicht zur rechten Zeit erfolgt wäre, sei an dem der Stadt Magdeburg zu erkennen. Ohne Hilfe Landgraf Wilhelms V. wäre nicht nur der blühende Wohlstand Hanaus auf lange Sicht zerstört, sondern auch, da der Graf sich in Reichsacht befand, das Hanauer Land kaiserlich und der evangelischen Religionsfreiheit beraubt worden.

Angesichts dessen wurde am 22. Juni ein Buß- und Danktag abgehalten. Dieser wurde bald für immer auf den 13. Juni. den Tag der glorreichen Befreiung Hanaus verlegt. Zunächst als Buß- und Danktag gefeiert, kam der 13. Juni nach und nach in die Reihe der größeren Feste. Durch die schöne Jahreszeit begünstigt, die zu einem Ausflug ins Freie, zu einer Feier im Walde einlud, begann das Volk, zumal die strenge Bußfeier an diesem Tage fortfiel, denselben als Tag des Vergnügens und der Erholung zu begehen.

Anfangs  nur von einigen Gesellschaften gepflegt, bürgerte sich der Brauch, am 13. Juni im Lamboywald ein Fest zu feiern, überraschend schnell ein und gab Anlaß zu dem weit und breit bekannten Volksfest. Seine Anfänge fallen in das Jahr 1793, als damals sich eine Anzahl Damen und Herren zu einem Spaziergang zusammenfanden und die Gelegenheit zum Tanze benutzten, wobei ein zufällig des Weges daher kommender Leierkastenmann mit seiner Orgel aufspielte.

Durch einen etwas erweiterten Kreis fand im folgenden Jahre eine Wiederholung dieses ersten Ausfluges statt. Man trank, tanzte, spielte und sang und kehrte spät abends unter Musikbegleitung in die Stadt zurück. Man hatte an dem Feste einen solchen Gefallen, daß man sich nicht mit einem Tage allein begnügen wollte, sondern noch eine Vorfeier hinzufügte. Allgemein hatte der Wettergott ein Einsehen, und bei herrlichem Sonnenschein zog dann am Festtage eine wahre Völkerwanderung hinaus in den Wald, wo zur Belustigung und Bewirtung der sich stets einfindenden, unübersehbaren Scharen schon längst die nötigen Vorbereitungen getroffen waren.

Familien, Vereine und die sich hier zusammenfindenden Bekannten hatten meist ihre Plätze im Walde belegt, Speisen und Getränke wurden reichlich in Schließkörben hinausgeschafft, nicht nur zum eigenen Gebrauch, sondern auch um weitgehende Gastfreundschaft beweisen zu können. Bald bemächtigte sich der Gruppen der Geist der Behaglichkeit, harmloser Fröhlichkeit und Ausgelassenheit, der von Tisch zu Tisch überspringend, die anfangs außer Zusammenhang stehenden Teile des Ganzen miteinander vereinte und vermengte.

Ein buntes Leben und Treiben herrschte zwischen den Spiel- und Kaufbuden, ohrenbetäubender Lärm, aufwirbelnder Staub, vieltausendfaches Stimmengewirr, hervorgerufen durch das Jauchzen und Lärmen des Volkes, das an diesem Tage der Ausgelassenheit bis zur Erschöpfung huldigte. Wandernde Musikkapellen, Künstler mit Ziehharmonika- und Orgelspieler wetteiferten miteinander in der Darbietung ihrer Leistungen. Schon bei Dunkelheit bot das Bild einen wunderbaren Anblick. Zahlreiche Lichter schimmerten durch das Dunkel, der Lärm und das Getöse von Hunderten von Musikinstrumenten und des Volkes selbst, das sich in Gesangsdarbietungen übertreffen wollte, dies alles hinterließ bei jedem Festteilnehmer den Eindruck, daß heute Hanaus höchster Festtag und er auch in Zukunft zu halten sei.

 

Das Lamboyfest ist tot, es lebe das Lamboyfest hieß es Donnerstagnachmittag für eine rund 200 Leute starke Feiergemeinschaft in einer Waldlichtung in der Bulau. Wider der Kommerzialisierung und der Enthistorisierung beging man dort das Traditionsfest - seit sechs Jahren mit zunehmender Publikumszahl. Die Initiatoren, Mitglieder der Märtenswein-Vereinigung, sparen nicht mit Kritik an der geplanten neuen Festkultur der Stadt.

Dicht besetzte Tische, die mit Kuchenblechen, Salatschüsseln, Brotkörben und anderen Behältnissen mit Speisen überladen sind, bilden einen großen Kreis. Der verbleibende freie Platz auf den Tischen der Festzeltgarnituren nahmen rasch Limonaden- und Biergläser ein.

Strohhüte auf den Häuptern unterstrichen nach altväterlicher Sitte den Willen zum geselligen Beisammensein. Unabdingbares Mitbringsel war der „Ziehewagen“, auf dem Speisen, Getränke, Sitzgelegenheiten und anderes ins Wäldchen transportiert wurde.

Aber erst einmal war Feiern angesagt und das bedeutet beim „Lambewaldfest“ ein großes Miteinander. Jeder kann sich zu jedem setzen, auch wenn Vereine vor ihren Tischen mit aufgepflanzten Wimpeln und Wappen vermeintlich ein Hoheitsgebiet absteckten. Nichts ist organisiert. Ab 14 Uhr treffen die Ersten hier ein. Es gibt keinen Veranstalter. Kein Kommerz. Freßbuden und Fahrgeschäft sind absolut unerwünscht. Der Bürgersinn belebt dieses Fest, das seit 366 Jahren Bestand hat. Damals bewiesen die Menschen von Hanau der Überlieferung nach ebenfalls gehörigen Bürgersinn gegen den Belagerer Lamboy, der die Stadt Schlag neun Uhr einnehmen wollte. Dazu kam es nicht, weil die Turmuhr stumm blieb. Dafür gab es für die mutigen Hanauer vom Grafen Gulden und einen Humpen Wein (Ursprung der Märtenswein-Vereinigung).

Die Gegenveranstaltung zum offiziellen Lamboyfest entstand 1996 nach dem Auszug vom Lamboywald auf den Freiheitsplatz. Das historische Festareal fiel Gewerbeansiedlungen weitgehend zum Opfer. Die Randlage, wo bis vor zwei Jahren das „Original Lambewaldfest“ veranstaltet wurde, ist nunmehr Großparkplatz der Landesgartenschau.

Helmut Geyer, Präsident der Märtensweiner, ist auf die neue Festkultur, die Oberbürgermeisterin Margret Härtel (CDU) einführen will, nicht gut zu sprechen. „Andere Städte suchen Hände ringend nach historischen Anlässen für Veranstaltungen“, nur in Hanau werfe man die Geschichte fort. „Das wäre ja gerade so, als wenn die Frankfurter Wäldchestag, Dippemess und Museumsuferfest an einem Tag feiern würden“, schimpfte er über die anvisierte Fusion von Lamboy- und Bürgerfest zu einem Stadtfest. Härtel messe Feste nur nach den Besucherzahlen, erregte sich der Präsident. „Dabei hat die Qualität eines Festes nichts mit der Quantität zu tun.“ Deshalb steht für die Vereinigung fest: „Historische Feste sollen außerhalb jeden Kommerzes stehen.“ Gewiß ist für die Feiergesellschaft aber auch, im nächsten Jahr heißt es wieder „Original Lambewald“ in der Bulau, selbstverständlich nur am historischen Datum 13. Juni.

 

Die ersten Goldschmiede in Hanau

Unter den elf Neubürgern, die den Vertrag vom 1. Juni 1597 über die Gründung der Neustadt  unterzeichneten, befanden sich nicht weniger als vier, die man später als Juwelier bzw. als Goldschmiede nachweisen kann. Wie am Anfang des neuen Jahrhunderts die Kirchenregister der niederländisch-wallonischen Gemeinde erkennen lassen, waren Goldschmiede indessen nur unter den Flamen, nicht aber unter der französisch sprechenden Neuhanauer Bevölkerung vertreten. Deutschstämmige Niederländer sind es also gewesen, die das Gold- und Silberschmiedehandwerk in Hanau bodenständig gemacht haben.

Das ergibt sich aus der Zunftordnung, die sich die Hanauer Gold- und Silberschmiede im Jahre 1610 von der gräflichen Regierung genehmigen ließen und in der bodenständig-zünftlerische Bestimmungen neben solchen enthalten sind, die nur in dem freiheitlichen Klima der Niederlande mit ihrer seit dem 15. Jahrhundert blühenden gewerblichen Wirtschaft entstanden sein können.

Die Zahl der in Neuhanau tätigen „Gold- und Silberschmiede“ stieg auf 33 im Jahre 1613 an.

Ihre Erzeugnisse erreichten auch in künstlerischer Beziehung eine beachtliche Höhe, wie der Hanauer Ratsbecher zeigte, der leider in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von kurzsichtigen Stadtvätern für 20.600 Mark an den Frankfurter Baron Carl von Rothschild verkauft wurde und heute unseres Wissens verschollen ist.

Durch den Dreißigjährige Krieg aber erhielt das neue Gewerbe einen Schlag von solcher Nachhaltigkeit, daß es sich während des ganzen restlichen Jahrhunderts davon nicht mehr erholen konnte. Um 1700 war das Gewerbe der Goldschmiede in Hanau fast ganz ausgestorben, auch die Silberschmiede waren nur noch in geringer Anzahl vorhanden.

Eine Neubelebung brachte das 18. Jahrhundert, und abermals war der Aufschwung auf landesherrliche Initiative zurückzuführen. Merkantilistische Gesichtspunkte waren es, die als bald nach dem Übergang der Grafschaft Hanau-Münzenberg an Hessen-Kassel den Landgrafen Wilhelm VIII. veranlaßten, es anderen Fürsten und Herren gleichzutun und ein Freiheitspatent zu verkünden. Nach Anpreisung der für die „Ansiedlung von Industrie“ günstigen Lage Hanaus wurde allen, die sich hier niederlassen wollten, absolute Glaubens- und Handelsfreiheit, Steuerfreiheit für zehn Jahre und freier Abzug ohne Nachsteuer für den Fall, daß es jemandem in Hanau, nicht gefiele, zugesichert. Und in der Tat, das Patent sprach weite Kreise an.

Neben Zuwanderern aus allen Teilen Deutschlands stellten sich solche aus Frankreich in besonders starker Zahl ein. Unter letzteren befanden sich wieder zahlreiche Gold- und Silberschmiede, die in Hanau unverzüglich ihre Produktion aufnahmen und sehr schnell den Erwerbszweig mächtig voranbrachten. Im Jahre 1772 wurde die Zeichenakademie als Bildungsstätte für den Nachwuchs gegründet.

Im Gegensatz zu den Erzeugnissen der alten Niederländer verlegte man sich jetzt vorzugsweise auf die Herstellung von sogenannten Bijouterie- oder Galanterieware (Dosen, Tabatieren, Degengriffe, Erinnerungsstücke aller Art, u. ä.). Aus dem vom Meister geführten Handwerksbetrieb wurde eine Industrie, und als es schließlich noch gelang, Auslandsaufträge nach Hanau zu ziehen, wurde die Bijouterie-Industrie für die Stadt Hanau, für die Stadt des edlen Schmucks, zugleich zu einem Wirtschaftsfaktor ersten Ranges.

Heute fällt es schwer sich vorzustellen, daß bei Beginn des Ersten Weltkrieges die Zahl der in den Hanauer Gold- und Silberwarenfabriken Beschäftigten mehr als 3.000 betrug. In den Jahren vor und nach der Jahrhundertwende erlebte das Hanauer Edelmetallgewerbe eine seiner bedeutendsten Blütezeiten. So beschäftigten beispielsweise die 59 Betriebe der Goldwarenindustrie 1.833 Personen, davon 220 Lehrlinge und 89 Lehrmädchen. In 19 Betrieben der Silberwarenindustrie fanden 524 Personen Beschäftigung. Obwohl sich schon seinerzeit der Zug zum großen Betrieb stark bemerkbar machte, überwogen doch bei weitem die kleineren und mittleren Werkstätten mit durchschnittlich 30 Beschäftigten, in denen noch echte handwerkliche Arbeit getrieben werden konnte.

Im Jahre 1632 kaufte König Gustav Adolf von Schweden in Hanau ein Brillantkollier für seine Gemahlin Eleonore von Brandenburg. 1814 notierte Goethe: „Und so läßt sich mit Wahrheit behaupten, daß Hanau Arbeiten liefert, die man weder in Paris noch in London zu fertigen weiß, ja, die nicht selten jene des industriösen Genf übertreffen.“

Der „Hanauer Stil“ ist ganz einfach das Handwerk, die Handwerkskunst, ist das Fortleben der Tradition, die individuelle Arbeit. Wenn anderswo alles maschinell und per Fließband geht, in Hanau werden der Goldschmuck, das Silberzeug noch mit der Hand gearbeitet. Es gibt noch Familienbetriebe, und es gibt noch Goldschmiede, zu denen geht man hin und erzählt ihnen, wie der Ring, den man sich wünscht, ungefähr aussehen soll. Und so machen sie ihn.

Den Titel „Schmuckstadt“ hatte Hanau schon viel früher, als es noch viele reiche und zugleich vornehme Leute gab. Wenn sie während ihres Urlaubs in den Taunusbädern residierten, bekamen die Damen Schmuck aus Hanau. Wenn die russische Zarenfamilie Verwandtschaftsbesuche in Darmstadt oder Bad Homburg machte, hatten die Hanauer Goldschmiede alle Hände voll zu tun.

Der französische Einfluß konnte nie die einheimische Eigenart überschwemmen. Mitte des 18. Jahrhunderts begann auch der Aufschwung der Silberschmiede. Der Silberschmied August Schleißner, der in Paris gelernt hatte, brachte Hanau den typischen Stil: handgeschlagenes, getriebenes, reich ornamentiertes Silberzeug. Individualismus gegen Industrialisierung war seine Maxime. Sie trifft für Hanau noch immer zu.

 

Das Kolonialunternehmen „Königreich Hanauisch-Indien“

Dieser Tage kehrte Polizeidirekior a. D. Ferdinand Hahnzog, Sohn eines ehemaligen Beamten der Kgl.-Fr. Pulverfabrik und Abiturient der Hohen Landessehule, von seiner Forschungsfahrt in den Norden von Südamerika, in das Gebiet jener fragwürdigen Kolonie, die der Hanauer Graf Friedrich Casimir auf Anraten seines Ratgebers Dr. J. Joachim Becher im Jahre 1669 durch Abschluß eines Vertrages mit der Niederländischen Westindischen Compagnie (Amsterdam) erwarb, zurück.

Allerdings blieb es damals nur bei dem Vertragsabschluß. Der Graf Friedrich Casimir konnte aus mancherlei Gründen die Bestimmungen des Vertrages nicht erfüllen und bot deshalb im Jahre 1672 durch Vermittlung des Prinzen Ruprecht v. d. Pfalz seine Anrechte auf die Kolonie Hanauisch-Indien dem britischen König Karl II. an. Die Verhandlungen endeten ergebnislos,  und die ganze Angelegenheit verlief allmählich im Sande.

In diesem Frühjahr ist er in das ehemalige Kolonialgebiet am Orinoco gereist, um an Ort und Stelle in den Archiven weitere Forschungsarbeiten zu betreiben. Seine Erkrundungsfahrt führte ihn also nach Niederländisch- und Französisch-Guayana. Er kam nunmehr nach einvierteljähriger Forschungsarbeit in Cajenne, Caracas. Surinam, Paramaribo und anderen Orten mit wertvollen Ergebnissen zurück.

 

Hanauer Buchdrucke des 17. und 18. Jahrhunderts

Erkennbar wird die Blütezeit des Hanauer Buchdrucks im frühen 17. Jahrhundert mit großen Folianten und bedeutenden wissenschaftlichen Werken. Im 18. Jahrhundert werden die Formate bescheidener, werden viele Gelegenheitsschriften und Auftragsarbeiten hergestellt. Am raschen Wechsel der Besitzer mancher Druckereien lassen sich auch die wirtschaftlichen Probleme erkennen. Die Bücher sind überwiegend in deutscher und lateinischer Sprache verfaßt, aber es gibt auch französische, ein niederländische, ein hebräische und griechisch-lateinische Bücher. Das Themenspektrum reicht von Theologie über Kirchengeschichte, Philosophie, Recht, Pädagogik, Geschichte bis hin zu Naturwissenschaft und Medizin.

Das älteste Buch stammt aus dem Jahr 1596. Besonderheiten der lokalen Geschichte sind die „Hanauische Kirchen-Disziplin- und Elstesten Ordnung“ von 1688, der Leichenzug der Gräfin Anna Magdalen, der Mutter der beiden letzten Hanauer Grafen aus dem Jahr 1691, die Geschichte der Neutadt Hanau, ebenfalls von 1691, die „Fürstlich Hessen-Hanauische Hof- und Ehe-Gericht-Ordnung“ von 1745 oder das Gesangbuch der Niederländischen Gemeinde von 1770 sowie der Stiftungs-Brief und das Gesetz der Hanauer Zeichen-Academie aus dem Jahr 1774.

 

„Hanauer Anzeiger“

Der „Hanauer Anzeiger“ ist die älteste deutsche Zeitung mit klassischer Vollredaktion und die achtälteste Zeitung in der Welt. Die frühen Zeitungen Europas, die in der Folge der Flugschriften des 16. Jahrhunderts entstanden, verstanden sich vorwiegend als politisch- philosophische Zeitungen, die auf lokale und regionale Belange nicht eingingen. Erst mit der Entstehung der Intelligenzblätter im frühen 18. Jahrhundert bildete sich eine lokale Presse heraus, die jedoch nur wenige redaktionelle Beiträge druckte. Vielleicht waren dies eher Anzeigenblätter, was sich oft schon im Titel niederschlug.

Im Jahre 1725 erteilte Graf Johann Reinhard von Hanau das Privileg für die „Wöchentlichen Hanauer Frag- und Anzeigungsnachrichten“, eine Zeitung, die auf vier Seiten „von allerhand, so wohll in allhiesigen beyden Staedten als auff dem Land zu kauffen und zu verkauffen, zu verleyhen und zu lehnen seyenden auch verlohmen, gefundenen und gestohlenen Sachen, so dann Personen, welche Geld lehnen oder auslevhen wollen, Bedienungen oder Arbeit suchen, oder zu vergeben haben: Ingleichem denen in beyden Städten Copulirten, Getaufften und Gestorbenen, wie auch ankommenden Fremden und deren Einkehr“ berichtete.

Dieses Nachrichtenblatt wurde zur Keimzelle des „Hanauer Anzeiger“. Gedruckt wurde die neue Zeitung in Neu-Hanau bey dem Herrschaftl. Hoff-Buchdrucker Johann Jacob Beausang. Nachdem die Beausang’sche Druckerei einging, verlieh Landgraf Wilhelm VIII. im Jahre 1745 die Verlagsrechte an das Hochdeutsch- reformierte Waisenhaus in der Altstadt: Dies geschah in der Absicht, die ökonomische Situation dieser Einrichtung zu verbessern. Alsbald wurde die Zeitung auch in der waisenhauseigenen Druckerei hergestellt, die an der Hospitalstraße 36 untergebracht war. In der Schlacht bei Hanau am 30./31. Oktober 1813 brannte das Haus aus. Doch gelang es, die Druckerei schnell wieder in Betrieb zu nehmen. so daß das Blatt weiter erscheinen konnte. Im Jahr 1817 erwarb die Waisenhausstiftung das Anwesen Hammerstraße 9, ein weitläufiges Areal, auf dem Waisenhaus und Druckerei Platz fanden. Noch heute, befinden sich dort Verlag und Druckerei des „Hanauer Anzeiger“.

Der Zusammenschluß der Reformierten und der Lutherischen Waisenhausstiftung 1825 führte zum Verkauf der Altstadthäuser an der Hospitalstraße. So wurden Mittel frei, die für eine für damalige Verhältnisse moderne Druckerei eingesetzt wurden. Noch bis 1877 waren in dem Anwesen Hammerstraße die Waisenkinder untergebracht. Später fanden sie bei Familien in Hanau und dem Umland Aufnahme, so daß die Hammerstraße nunmehr alleine für die Druckerei und den Verlag genutzt werden konnte. Die Zeitung erschien jetzt werktäglich und trägt seitdem den Kopf „Hanauer Anzeiger“.

Nachdem man die Zeit des Ersten Weltkrieges gut überstanden hatte, wurde in der turbulenten Zeit nach dem November 1919 die Zeitung von der extremen Linken beschlagnahmt und erschien nun wenige Wochen als „Organ des Hanauer Arbeiter - und Soldatenrates“. Wenige Jahre später bedrohten während der Inflation wirtschaftliche Schwierigkeiten das Blatt in seinem Fortbestand. Das Vorsteheramt der Waisenhaus-Stiftung erwog mehrmals. die Zeitung zu verpachten. Doch es gelang, sie dem Waisenhaus zu erhalten, ein bleibender Verdienst des Stiftungsvorstehers Oberbürgermeister i. R. Dr. Gebeschus und des neuen Verlagsdirektors und Druckereileiters Paul Nack.

Insbesondere die Druckerei nahm von nun an durch die Herstellung von bedeutenden Zeitschriften für große Frankfurter Verlage einen steilen Aufstieg. Aus eigenen Mitteln konnten ein moderner Stahlbetonbau erstellt, eine neue Rotationsmaschine angeschafft und die neuesten Druckmaschinen aufgestellt werden. Die Zeitung gewann immer mehr an Auflage und Umfang.

Einschneidende Veränderungen traten dann in den 30er Jahren ein. Im Jahre 1935 ordnete der Präsident der Reichspressekammer an, daß aufgrund des neuen Pressegesetzes die Stiftung nicht mehr als Verlegerin einer Tageszeitung handeln kann. Um den Bestand der Zeitung als unabhängiges und selbständiges Publikationsorgan zu erhalten, verkaufte der Stiftungsvorstand das Verlagsrecht an Paul Nack. Seiner unternehmerischen Initiative und seiner reichen beruflichen Erfahrung ist es zuzuschreiben, daß sich der „Hanauer Anzeiger“ zu einer Tageszeitung mit beachtlicher Auflagenhöhe entwickeln konnte, wobei es oft nicht leicht war, sich den politisch Mächtigen gegenüber zu behaupten.

Das zeitweilige Ende der Zeitung besiegelte ein Einschreiben der Reichspressekammer vom 25. April 1941, in dem der Zeitung aus kriegswirtschaftlichen Gründen jede weitere Papierlieferung, gesperrt wurde. Damit entfiel die wirtschaftliche Grundlage des Betriebes, was 1942 zum Verkauf der Firma und der Grundstücke durch die. Vorsteher der Waisenhaus-Stiftung und der Aufsichtsbehörde an den Herausgeber Paul Nack führte.

Am 19. März 1945 brannten die Verlags- und Betriebsgebäude nach Bombentreffern völlig aus. In mühevoller Arbeit wurden jedoch einige Maschinen wieder funktionsfähig gemacht. Mit ihnen wurde das „Amtliche Mitteilungsblatt Stadt Hanau“ für vier Jahre hergestellt. Erst am 1. September 1949 konnte der „Hanauer Anzeiger“ wieder erscheinen, seiner Tradition als lokale Zeitung die Stadt und den Landkreis Hanau verpflichtet.

Im Wettbewerb mit vier weiteren überregionalen Tageszeitungen, die als Hanauer Kopfblätter oder Regionalbeilagen erscheinen, jedoch in Frankfurt und Offenbach gedruckt werden, hat er sich zur führenden Zeitung im Hanauer Raum entwickelt. Als der Verleger Paul Nack im Jahr 1968 starb, übernahm sein Schwiegersohn Dr. jur. Horst Bauer, der schon 1951 im Betrieb tätig war, die Leitung des Unternehmens und wurde Herausgeber der Zeitung.

Als einer der ersten deutschen Zeitungsverleger gründete er Jahre 1970 die „Hanauer Wochenpost“, ein Anzeigenblatt, das heute mit einer Auflage von 96.000 Exemplaren jeden Haushalt im Verbreitungsgebiet erreicht. Damit wurde den Bedürfnissen der werbenden Wirtschaft Rechnung getragen, aber auch der Verlag wirtschaftlich gestärkt, denn zwei Drittel seiner Einnahmen muß sich jeder Zeitungsverlag auf dem Werbemarkt holen, nur Drittel wird durch Abonnement und Einzelverkauf erlöst. Im Jahre 1974 wurde die „Langenselbolder Zeitung“, das angestammte Heimatblatt der Langenselbolder Bürger, mit einer Druckerei übernommen.

Wenig später begann dann auch im „Hanauer Anzeiger“ die Umstellung des von Gutenberg vor 550 Jahren erfundenen Schrift-Satzes mit gegossenen beweglichen Bleibuchstaben auf den rechnergesteuerten Lichtsatz. Heute arbeitet der Hanauer - Anzeiger mit einem modernen Redaktions-Textsystem und einer EDV der jüngsten Generation. Mit den Hochleistungsrechnern und Belichtungseinheiten sind alle Periphergeräte im Zeitungs- und Werkdruckbereich - Redaktion, Anzeigen-, Vertrieb Auftrags- und Kalkulations-Abteilung und Buchhaltung- sowie über Standleitungen der Betrieb in Langenselbold und die Redaktion eines bedeutenden Zeitschriftenkunden in Frankfurt vernetzt.

Neben dem Zeitungsrotationsdruck mit der seit einigen Wochen im neue Druckhaus im Industriegebiet Nord installierten Rollenoffset- Rotation betreibt der „Hanauer Anzeiger“ auch den Werkdruck in seiner ganzen Breite. Von Familiendrucksachen über Bücher, Broschüren, Kataloge, Plakate und Formulare werden zahlreiche wöchentlich und monatlich erscheinende Periodika und Fachzeitschriften hergestellt. In den vergangenen Jahren wurden bereits alle Hochdruckmaschinen durch moderne elektronisch gesteuerte Offsetmaschinen ersetzt, darunter eine 4-Farben- und eine 5-Farben-Anlage für den großformatigen Zeitschriftendruck.

im Versandraum im neuen Druckhaus steht eine dem letzten technischen Stand entsprechende Einsteckmaschine, die alle Zeitungsbeilagen im direkten Verbund zwischen der Rotation und der automatisierten Packanlage in die Zeitung einsteckt.

Nach den hohen Investitionen der vergangenen Jahre - wobei neben der Errichtung des neuen Druckhauses auch die Neugestaltung der Einrichtung aller Räume der Hammerstraße dazugehörte - ist der Betrieb heute eines der modernsten und leistungsfähigsten deutschen mittelständischen Druckereiunternehmen. Mit 170 Vollzeitbeschäftigten, zahlreichen freien journalistischen Mitarbeitern und über 900 Zeitungsträgern, ist das Verlagshaus auch für die Hanauer Wirtschaft von unverzichtbarer Bedeutung.

Dem entspricht, daß der „Hanauer Anzeiger“ das „Amtliche Verkündungsorgan“ des Main- Kinzig-Kreises, der Städte Hanau, Bruchköbel, Nidderau und der Gemeinden Erlensee, Hammersbach, Neuberg und Schöneck ist. Auch das offizielle Verkündungsorgan der Industrie- und Handelskammer Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern wird im Hause hergestellt und im Anzeigenteil betreut. Im neuen Druckhaus wird nunmehr der „Hanauer Anzeiger“, „Langenselbolder Zeitung“ sowie das wöchentlich erscheinende Anzeigenblatt „Hanauer Wochenpost“ im Offsetverfahren produziert werden.

Auch der „Maintaler Tagesanzeiger“, an dem das Haus 1996 die Mehrheitsanteile erwarb, wird nun in dem neuen Druckzentrum an der Donaustraße hergestellt. Anfang Mai stellte der HA seine Erscheinungsweise um: Die traditionelle Erscheinungsweise in der Mittagszeit wurde zugunsten der morgendlichen Erscheinungsweise aufgegeben. Der HA ist seither frühmorgens beim Abonnenten und am Kiosk.

Seit dem Jahre 1988 ist die dritte Generation der Familie in der Geschäftsleitung. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften, dem großen juristischen Staatsexamen in München und der Ausbildung in fremden Zeitungsverlagen ist Thomas Bauer als Mitverleger mit seinem Vater, Dr. Horst Bauer, Geschäftsführer. So ist die Familiengebundenheit des mittelständischen Unternehmens gewahrt, das mit dem „Hanauer Anzeiger“ durch Leistungsfähigkeit seinem Motto „über ein Vieteljahrtausend alt und jung dazu“ in vielfältiger Weise gerecht wird und sich den Herausforderungen der Zukunft stellt.

 

Ein zwiespältiges Urteil über den ersten Militärunternehmer: Kurfürst Wilhelm I.

Die Hanau-Münzenberger Linie endete 1642 im Mannesstamm, und für fast einjahrhundert unterstanden nun alle Hanauer Gebiete den Lichtenberger Grafen. Mit dem Tod Graf Johann Reinhards III., des „alten Hanauers“, auf dessen Ableben die Erbberechtigten so lange gewartet hatten, erlosch das Hanauer Grafenhaus; die Hanau-Münzenberger Gebiete fielen an Hessen-Kassel, die Lichtenberger Teile an Hessen-Darmstadt.

Im Jahre 1736 erlosch das Hanauer Grafenhaus. Die Grafschaft Hanau fiel an Hessen-Kassel, wurde aber auch weiterhin noch selbständig verwaltet, zunächst von Wilhelm VIII. und seit 1764 von seinem Enkel, dem Erbprinzen Wilhelm (IX.) von Hessen. Seine Mutter, Maria von Großbritannien, hatte in ihrer kurzen Regierungszeit in Hanau den „Friedrichsbau“ des Stadtschlosses errichten lassen. Der Sohn, der in der Grafschaft Hanau wirklicher „Landesherr“ war, während sein Vater Friedrich in Kassel regierte, ist der Schöpfer vieler Bauten in der Stadt. Er prägte das Bild des spätbarocken Hanau. Hanau erlebte noch einmal die „güldene Zeit“ einer kleinen absolutistischen Residenz.

Der erste hessischen Kurfürst Wilhelm I. (1743-1821) konnte sowohl Reaktionär als auch Avantgardist sein, denn als letzter Vertreter des Feudalabsolutismus war er zugleich der erste Kapitalist seines Standes. Bis zu seinem Tod war der Herrscher „von Gottes Gnaden“ ein Verfechter der Autokratie und ein entschiedener Gegner der Französischen Revolution. Er war aber zugleich wegen seiner zukunftsweisenden Kreditpolitik gegenüber Staaten, Fürsten und Privatleuten ein erfolgreicher Finanzier.

Erbprinz Wilhelm (ab 1764) brachte unserer Stadt einen baulichen, kulturellen und sozialen Gewinn. Er ließ seine Residenzstadt modernisieren. Die Fachwerkhäuser wurden verputzt, auch verschwanden die Wallanlagen zwischen Alt- und Neustadt. An ihrer Stelle entstand ein großer Platz (Paradeplatz und Esplanade) mit dem Zeughaus und dem „Kollegiengebäude“ (1768). Im selben Jahre gründete er das Theater, 1772 die „Akademie der Zeichenkunst“ und im Salzhaus“ in der Erbsengasse ein „Arbeitshaus für leiblich und geistig arme Personen“, und errichtete 1775 die „Ehrensäule“ als Wegweiser für zwei geplante Handelsstraßen.

Das Urteil über den ersten hessischen Kurfürsten ist bis heute so zwiespältig, da er sich bereits früh als „Militärunternehmer“ einen Namen gemacht hat. Wilhelm vermietete 1776 rund 2.400 Soldaten an seinen englischen Vetter, König Georg III., wofür er reichlich Subsidien kassierte. Die hessischen Söldner wurden von der Kolonialmacht im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die „Rebellen“ eingesetzt, was Wilhelm den Vorwurf einbrachte, daß er das Blut seines Volkes verkaufte, um seine Schatzkammer zufüllen.

Seine intensiven Geschäftsbeziehungen mit dem Wechselhändler Meyer Amschel Rothschild, der für ihn die Subsidien zinsbringend weiterverlieh, war übrigens für beide Seiten äußerst erfolgreich. Wilhelm wurde zu einem der reichsten Fürsten Europas, und das Haus Rothschild legte den Grundstein für den eigenen Aufstieg zu einem internationalen Bankhaus.

Den Gewinn aus den englischen Zahlungen investierte Wilhelm in aufwendige Parkanlagen - von 1777 bis 1785 in die neue Kuranlage Wilhelmsbad bei Hanau, die er im von England ausgehenden landschaftlichen Stil anlegen ließ. Er gesteht, daß er dort in seiner künstlichen Burgruine vor den höfischen Intrigen Zuflucht gesucht und in der romantischen Stimmung die Einsamkeit genossen habe. Er verrät zudem, daß immerhin zeitweise bis zu 900 Arbeiter und Handwerker in Wilhelmsbad beschäftigt gewesen seien und so auch an den englischen Geldern verdient hätten.

Also kann der Vorwurf nachfolgender Generationen, der Fürst habe sein eigenes Vergnügen über die Interessen seiner Untertanen gestellt, relativiert werden. Zwischen 1786 und 1798 führte der Regent dann in Kassel auf der Wilhelmshöhe, dem größten Bergpark Europas, den englischen Stil mit romantischen Wasserfällen und der mittelalterlichen Löwenburg zur höchsten Vollendung.

Im Jahre 1803 erreichte der Landgraf sein langersehntes politisches Ziel: Er stieg zum Kurfürsten von Hessen auf. Doch schon drei Jahre später begann für ihn das unglücklichste Jahr seines ganzen Lebens. Da Wilhelm zugunsten Preußens taktiert hatte, mußte er vor dem Einmarsch der napoleonischen Truppen außer Landes fliehen und konnte erst 1813 aus dem Exil zurückkehren. Seine Aufzeichnungen brach der 75jährige Kurfürst 1818 resignierend ab, weil er sich nicht mehr in der Lage sah, Rechenschaft abzulegen. Die Fehler einer Welt, „die von Tag zu Tag mehr aus den Fugen gerät“, hindere ihn daran, seine Arbeit gewissenhaft fortzuführen.

 

Franzosenzeit

Mit dem Reichsdeputations-Hauptschluß 1803 wurde Wilhelm IX. Kurfürst in Hessen und Fürst von Hanau, er nannte sich als letzterer Wilhelm I. Für das politische Schicksal Hanaus in dieser turbulenten Zeit war also die Stellung, die der Kurfürst von Hessen in Europa und speziell in seinem Verhältnis zu Napoleon einnahm, allein entscheidend. Und gerade das war nicht gut. Der Kurfürst war zwar ein Gegner alles Französischen, konnte sich jedoch nicht weder politisch noch militärisch auf die Seite der Gegner Napoleons schlagen. Allerdings hatte er vieles getan, das den Unwillen Napoleons erregte. So hatte er sein Militär auf Kriegsstärke gebracht und die Festungswerke in manchen Städten, so auch in Hanau, erneuern lassen, obwohl Napoleon vorher hatte verlauten lassen, daß er dies als Kriegsdrohung auffassen würde. Als nun Napoleon im Herbst 1806 die Preußen bei Jena und Auerstädt entscheidend geschlagen hatte, verfügte er von Berlin aus die militärische Besetzung der kurhessischen Länder und damit auch des Fürstentums Hanau.

Das Fürstentum Hanau  war ein aus den verschiedenartigsten Teilen zusammengesetztes Land. Es erstreckte sich durch die Täler des Mains und der Kinzig hinauf in die Berge des Spessarts und der Rhön und bildete, da es von anderen Territorien mannigfach durchschnitten war, kein zusammenhängendes Ganzes. Das Land umfaßte an Flächengehalt nur etwa 1060 Quadratmeilen und war drei Jahre nach dem Reichsdeputationshauptschluß - von nicht weniger als sechs kleineren und kleinsten Territorien umlagert. - ,

Im Westen grenzte es an Frankfurt und Nassau, im Süden an Hessen-Darmstadt und das Isenburgische Amt Offenbach, im Osten an das neugeschaffene Fürstentum Aschaffenburg; die nördlichen Grenzen wurden von den Fuldaischen, Ysenburgischen und zum Teil Hessen-Darmstädtischen Landen gebildet. Es war also eine Ausgeburt der vom Mittelalter her überkommenen deutschen Kleinstaaterei. Es hatte eine eigene in der Stadt Hanau ansässige Regierung, die nur von dem Fürsten in Kassel abhängig war. Dieser Regierung unterstanden die verschiedenen Amtsbezirke mit ihren Gemeinden.

Stadt Hanau (Alt-, und Neustadt)                                                                       12.102 Einwohner.

Amt Bergen (Bergen-Enkheim, Seckbach, Fechenheim, Bischofsheim, Gronau, Massenheim, Berkersheim, Preungesheim, Eckenheim,  Eschersheim, Ginnheim, Bockenheim, Vilbel):                                                                                                              8.678 Einwohner.

Amt Schwarzenfels (Schwarzenfels, Mottgers, Neuenaronau, Breunigs, Sterbfritz, Weichersbach, Züntersbach, Oberzell, Heubach, Uttrichshausen)                            4.653 Einwohner

Amt Dorheim (Dorheim, Nauheim, Schwalheim, Röden)                                 974 Einwohner.

Amt Rodheim (Rodheim, Holzhausen, Obereschbach, Niedereschbach, Steinbach):

                                                                                                                      3489 Einwohner

Amt Altengronau (Altengronau, Jossa, Obersinn, Mittelsinn):                         964 Einwohner.

Amt Brandenstein (Elm, Hutten, Gundhelm, Oberkahlbach):                       2.101 Einwohner.

Amt Steinau (Steinau, Seidenroth, Schlüchtern, Breitenbach, Kressenbach, Wallroth, Hintersteinau, Reinhards, Marjoß, Bellings, Hohenzell, Niederzell, Ahlersbach, Raith, Drafenberg, Gomfritz, Röhrigs):                                                                                                7.743 Einwohner.

Amt Bieber (Bieber, Büchelbach, Gassen, Röhrig, Lanzingen, Breitenbom, Lützel, Lohrhaupten, Flörsbach, Kempfenbrunn, Mosborn):                                                    3.160 Einwohner.

Amt Altenhaßlau (Altenhaßlau, Eidengesäß, Geislitz, Großenhausen, Lützelhausen, Markwald):                                                                                                                1.542 Einwohner

Amt Freigericht (Somborn, Altenmittlau, Bernbach, Neuses, Horbach):      2.372 Einwohner.

Stadt und Burg Gelnhausen:                                                                               2.944 Einwohner.

Amt Büchertal (Kesselstadt, Dörnigheim, Rumpenheim, Hochstadt,Wachenbuchen, Oberdorfelden, Kilianstädten, Mittelbuchen, Rossdorf, Butterstadt, Niederissigheim, Oberissigheim, Rüdigheim, Niederrodenbach):                                                              5.911 Einwohner.

Amt Babenhausen (Stadt Babenhausen, Dudenhofen, Harreshausen, Langstadt, Oberstadt, Sickenhofen, Hergertshausen):                                                               4.201 Einwohner.

Amt Windecken (Stadt Windecken, Marköbel, Hirzbach, Ostheim, Eichen, Erbstadt, Schloß Naumburg):                                                                                                            4.547 Einwohner.

Burggräfenrode:                                                                                             390 Einwohner.

Amt Ortenberg (Bleichenbach, Bergheim, Gelnhaar, Wippenbach, Selters, Enzheim, Hainchen):                                                                                                              2.033 Einwohner

Das waren also etwa 48.000 Einwohner, die die Gesamtbevölkerung des Fürstentums darstellten.

Von einem allgemein verbindlichen Zusammengehörigkeitsgefühl konnte im Hanauischen sowieso nicht die Rede sein. Denn was hatte zum Beispiel der Einwohner von Bockenheim mit dem Landsmann in der Rhön oder im hohen Spessart gemeinsam? Oder was verband den Bauern in der Wetterau mit dem Industriearbeiter in der Stadt Hanau? Von einem staatsbürgerlichen Sinn für gemeinsame politische Ziele bei den „Untertanen“ war man weit entfernt. Wenn wir uns heute fragen, welche Kraft überhaupt die verschiedenen Teile eines solchen Landes zusammengehalten hat, so können wir nur antworten, indem wir uns in den Geist dieser absolutistischen Zeit hinein zu versetzen suchen: es war der Fürst und die allein von ihm abhängige Maschinerie der Verwaltung.

Zwei Beispiele zeugen von der politischen Naivität der Menschen und ihrem kindlichen Glauben an die Macht des angestammten Fürstenhauses. Als einmal noch vor dem Einmarsch der Franzosen ein Hanauer Beamter von einem Einwohner gefragt wurde, ob denn die Franzosen ins Land kämen, antwortete dieser, das sei nicht möglich, denn an der Grenze hingen Schilder mit der Aufschrift „pay neutre“. Oder ein anderer Beamte brachte es tatsächlich fertig, Napoleon bei seinem ersten Aufenthalt in der Stadt Hanau eine Bittschrift, zu überreichen, er möge den Kurfürst wieder in sein Amt einsetzen. Er hatte dabei stotternd die Worte hervorgebracht: „Je suis le premier consul de.....“. Napoleon, so wird überliefert, zerriß ungelesen das Papier. Der Kurfürst war zu dieser Zeit auch schon längst über alle Berge geflohen und hielt sich in Prag auf. Napoleon mag sich über die Naivität dieses Mannes lustig gemacht haben.                 

Wilhelm I.  wurde 1806 von Napoleon abgesetzt. Die Festungswerke wurden geschleift. Hanau gehörte von 1810 bis 1813 zum Großherzogtum Frankfurt unter dem Fürstprimas des Rheinischen Bundes, Carl von Dalberg. Das Hanauer Land gehört also rechtlich in dieser Zeit zum französischen, Kaiserreich.

Wenn zwar die Hanauer Beamten vielleicht mit einem politischen Umsturz gerechnet hatten, so brachte sie doch die Plötzlichkeit, mit der er geschah, völlig in Verwirrung. Sie fanden jetzt kaum Zeit, die Bevölkerung und die niederen Dienststellen auf die bevorstehenden einschneidenden Veränderungen vorzubereiten. In einem Aufruf wurden die Untertanen zu Ruhe und Ordnung gemahnt: „Da es geschehen kann, daß heute oder morgen französische Truppen dahier einrücken, so wird solches der hiesigen Bürgerschaft zu dem Ende bekannt gemacht, damit sie sich bei dem Einmarsche derselben nicht nur ruhig verhalte, sondern sich auch mit den erforderlichen Lebensmitteln in Zeiten versehen könne. Man ist von den hiesigen Einwohnern im voraus überzeugt, daß sie sich gegen die einrückenden Truppen mit aller Bescheidenheit betrauen und sich nicht der sie sonst unweigerlich treffenden strengen Bestrafung aussetzen werden.“ Bezeichnend werden die empfohlenen vorbereitenden Maßnahmen zur Bereitstellung der notwendigen Lebensmittel für die Einquartierungen!

Die Mitglieder der Regierung selbst berieten lange, wer von ihnen mit den französischen Beamten verhandeln und den unter Umständen übermäßigen Forderungen derselben in geeigneter Weise entgegentreten könnte. Ein jüngerer Beamte erbot sich dazu, weil er, wie er meinte, „einigermaßen der französischen Sprache mächtig“ sei. Um eine schnelle Erledigung der durch die Besatzung entstehenden Arbeiten zu gewährleisten, bildete man eine sogenannte Kriegskommission. Sie sollte nach den ihr mitgegebenen Richtlinien „die eiligen Geschäfte sofort abtun“, falls sie einstimmiger Meinung war, in strittigen Fällen aber darüber der Regierung referieren. Diese Kriegskommission war eine sehr wichtige Behörde, denn sie verteilte in den folgenden Jahren während der französischen Besatzung alle Kriegslasten, sowie die Einquartierungen auf die Bevölkerung.

Französicherseits war mit der Verwaltung des gesamten kurhessischen Staates, mit dem das Fürstentum Hanau vorläufig verbunden blieb, General Lagrange betraut worden. Das erste, womit dieser hervortrat, war eine Proklamation an die Bevölkerung. Einleitend verpflichtete er darin die Untertanen zu Gehorsam gegen die neuen Machthaber, versprach, die Gebräuche und Sitten des Landes zu schützen und „das Land blühend zu machen“. Weiter verordnete er, daß die Erhebung der Einkünfte, so wie bisher für den Kurfürsten, in Zukunft im Namen Napoleons zu geschehen habe. Die Gelder sollten an den französischen „Generaleinnehmer“ abgeführt werden.

In Hanau hatte der französische General Laval, vorläufig noch unter dem Kommando Lagranges in Kassel stehend, die Leitung der Regierung übernommen. Zusammen mit dem französischen Platzkommandanten für die Stadt Hanau, Joannon, und dem kaiserlichen Kommissar Dumesnil, brachte er die ersten, sich auf die militärische Sicherheit beziehenden Maßnahmen zur Durchführung.

Die beiden Hanauisch-hessischen Regimenter „Kurprinz Hessen“ und Gamisonsregiment „von Schallem“ wurden aufgelöst und entwaffnet. Die Soldaten mußten die Armaturen, Geschütze der Hanauer Festung, sowie Gewehre und Uniformen ins Zeughaus nach Hanau abliefern und später auf Schiffen nach Mainz befördern, Standarten und Fahnen kamen nach Kassel.

Schon am 7. November gab General Laval den Befehl zum Schleifen der Hanauer Festung. Napoleon hatte von Berlin aus persönlich verfügt, daß die Befestigungsanlagen Hanaus zu zerstören seien, „so daß der Platz kahl sei wie die Hand“. General Laval befahl, daß 800 Arbeiter - zum Teil aus den umliegenden Ortschaften zusammengezogen - die Festungswerke abrissen und die Wälle abtrugen. Diese Arbeiten dauerten noch lange bis in das Jahr 1807 hinein und kosteten die Gemeinden nach einer Aufstellung im Marburger Staatsarchiv 20.9000 Franken.

Die deutschen Behörden mußten sämtliche Amtssiegel, auf denen sich das kurhessische Wappen befand, abliefern und neue Siegel mit der Aufschrift „Fürstentum Hanau“ anfertigen lassen. An den behördlichen Gebäuden, sowie an Kirchen und Schulen des Landes, an deren Eingängen bisher der kurhessische Löwe befestigt war, wurde der kaiserliche Adler angebracht und der hessische Löwe mit weißer Farbe übertüncht.

Ihr Hauptaugenmerk richteten die Franzosen auf den kurfürstlichen Haus- und Staatsschatz, der, wie man wußte, sehr groß war. In den Schlössern Hanau, Philippsruhe und Wilhelmsbad wurden alle Räume durchsucht und nach der Inventarisation der beweglichen Güter und Wertgegenstände versiegelt. Was den Franzosen wertvoll schien, wurde nach Mainz transportiert. Mainz war damals französischer Brückenkopf, das ganze linke Rheinufer war französisches Territorium.

Am 26. November 1806 teilte Lagrange von Kassel aus den Hanauer deutschen Behörden mit, daß das Hanauer Land in Zukunft von Kassel unabhängig sei und unter eigener französischer Leitung stehen würde. Kurhessen wurde mit anderen deutschen Landesteilen zum sogenannten „Königreich Westfalen“ unter der Regierung Jeromes, des Bruders Napoleons, zusammengeschlossen. Das Fürstentum Hanau blieb also zunächst selbständig, bis es im Jahr 1810 mit anderen Gebjetsteilen zum Großherzogtum Frankfurt vereinigt wurde.

Die Spitze der französischen Verwaltung des Fürstentums Hanau bildete der Generalgouverneur Marschall Kellermann, der zugleich Generalintendant der Reservearmee war und seinen ständigen Wohnsitz in Mainz hatte. Er war einer der ältesten Generäle unter Napoleon. Im Jahre 1735 in Straßburg im deutschen Elsaß geboren, widmete er sich früh dem Soldatenberuf und zeichnete sich unter anderem im Siebenjährigen Krieg aus. Im Jahre 1789 schloß er sich der Revolution an und wurde einige Jahre später mit der Verteidigung des Elsasses betraut. Im Jahre 1792 focht er mit in der „Kanonade von Valmy“. Dafür bekam er später von Napoleon den Titel „Herzog von Valmy“ verliehen. Im Jahre 1805 wurde er Generalintendant der“ armee de reserve“ mit dem Hauptquartier in Mainz. Da er in dieser Eigenschaft nur selten persönlich in Hanau sein konnte, setzte er hier seinen Adjudanten, den Obersten Le Court de Villière als seinen Vertreter ein.

Dieser nannte sich Sous-Gouverneur, stellte die Spitze der Regierung dar, leitete die hohe und niedere Polizei, das Gerichtswesen, sowie Kirchen und Schulen. Neben den beiden Gouverneuren trat unter den französischen Beamten in Hanau am meisten der Zivilintendant Marcotte de Forceville hervor. Mit ihm mußten die Hanauer deutschen Beamten täglich verhandeln. Er allein hatte über alle Ausgaben zu entscheiden. Auf seinem Büro sammelten sich statistische Aufstellungen jeder Art, über Steuern, Besoldungen, verarbeitete Waren, Kriegskontributionen und so weiter. Neben der französischen Zivilverwaltung gab es die rein militärischen Behörden, die nicht Kellermann in Mainz, sondern dem Generalintendanten der Armee zwischen Elbe und Rhein, Villemancy, unterstellt waren. Hier ist für die erste Zeit der französischen Besatzung der „Commissaire imperial“ Dumesnil zu nennen, später Roch. Ihnen oblag insbesondere die Sorge für die im Land stationierten Truppen.

Alle französischen Beamten hatten in Hanau ihre Büros eingerichtet, die meisten im Schloß, wo der Gouverneur, der Intendant und der kaiserliche Kommissar auch wohnten. Le Court de Villière ließ am Beginn seines Aufenthalts in Hanau sämtliche führenden deutschen Beamten, die zur Regierung, zum Hofgericht, zur Rentkammer, zu den beiden Konsistorien, zu Landkassen- und Steuerdirektion und zur Polizeidirektion gehören, zur Eidesleistung auf den neuen Landesherrn, Napoleon, ins Regierungsgebäude zusammenrufen.

Der Eid, in französischer Sprache abgefaßt, lautete übersetzt: „Ich schwöre, die mir von seiner Majestät, dem Kaiser von Frankreich, König von Italien, anvertraute Gewalt gesetzmäßig auszuüben, mich damit nur zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der öffentlichen Ruhe zu bedienen, mit meiner ganzen Kraft mitzuhelfen an der Ausführung der Ma0nahmen, die mir für dcn Dienst der französischen Armee aufgetragen werden und keine irgendwelchen Verbindungen mit ihren Feinden zu unterhalten.“

Die Eidesleistung in Hanau ging ohne Zwischenfälle vonstatten. Aber lächerlicher Weise diskutierte man deutscherseits danach darüber - obwohl man genau wußte, daß man nun von Kassel unabhängig war - „ob man über die Eidesleistung der Regierung in Kassel untertänige Anzeige machen solle“. In den einzelnen Hanauischen Ämtern gab es einigen Widerstand bei der Vereidigung der Subalternbeamten. Diese wurden am Anfang des Jahres 1807 am Ort ihrer Tätigkeit vereidigt. Die Hanauer Bürgerschaft leistete vor Marschall Kellermann vor dem Schloß den Treue- und Huldigungseid auf Napoleon. Damit war die staatsrechtliche Zugehörigkeit des Fürstentums Hanau zum französischen Kaiserreich festgelegt.

Zur Zeit Napoleons wurden die Festungswälle und einige Tore geschleift. Um 1830 ließ Kurfürst Wilhelm II. die letzten mittelalterlichen Stadttore und die von Graf Philipp Ludwig II. mit Renaissancegebäuden erweiterte alte Burg abtragen, dort wurde der Schloßgarten angelegt.

 

Die Hanauer Union 1818

Zwei Jahre nach dem Ende der Befreiungskriege erschien der Tag, an dem die 300jährige Jubelfeier der deutschen Reformation stattfinden konnte. Als die kirchlichen Behörden erwogen, wie dieses Fest am besten begangen werden könne, ward auch die Frage gestellt, „ob es nicht ratsam sein möchte, aus Anlaß der bevorstehenden Feier und nach dem Vorgange anderer Staaten eine Vereinigung der beiden evangelischen Kirchen herbeizuführen2. Der Gedanke fand Beifall, und man beschloß, ihn auszuführen. Große Schwierigkeiten schienen nicht vorhanden zu sein. Die Gegensätze, die einst von beiden Konfessionen hervorgekehrt worden waren, waren im Laufe der Zeit fast völlig verschwunden.

Das enge Zusammenleben hatte die Angehörigen beider Kirchen aneinander gewöhnt; infolge von Heiraten gehörten in manchen Familien einzelne Glieder der reformierten, andere der lutherischen Kirche an. Die Not der letzten Jahrzehnte hatte nicht nur das religiöse Empfinden, sondern auch das Gefühl der äußeren Zusammengehörigkeit aufs Lebhafteste angeregt. Die Vereinigung der beiden Kirchen in der Stadt wie im Fürstentum Hanau erschien den Einsichtigen immer deutlicher als eine reife Frucht, die man ergreifen und festhalten müsse. So wurden denn während des Jahres 1817 die Vorbereitungen getroffen zur Herbeiführung der Kirchenvereinigung, der Union.

Am 27. Mai 1818 versammelten sich im hiesigen Gymnasium 59 reformierte und 22 lutherische Geistliche, sowie eine große Anzahl von Kirchenältesten aus den evangelischen Gemeinden des Hanauer Landes. Die Mitglieder dieser Versammlung, der Synode, gehoben von dem Gefühl, zur Herbeiführung einer wichtigen Kirchenverbesserung berufen zu sein, verhandelten in würdiger Ruhe miteinander. Die wichtigsten Ergebnisse ihrer Beratungen waren:

 

1. Beide protestantischen Religionsteile im Hanauischen vereinigen sich zu einer einzigen Kirche unter dem Namen einer evangelischen (Die Bezeichnung „Unierte Kirchengermeinschaft“ ist erst später aufgekommen.)

2. Die Namen lutherisch und reformiert fallen weg; zur Bezeichnung der Gebäude und Anstalten, die seither einen dieser Namen hatten, werden auch passende Namen gewählt (Marienkirche statt reformierte Kirche).

Die Pfarreien und Schulen bleiben vorerst in ihrem bisherigen Bestande; wo die Zahl der Angehörigen einer Konfession gar zu gering ist, können die Kirchen und Schulen derselben aufgehoben werden.

4. Wo mehrere evangelische Kirchen an einem Orte bestehen, bleiben die Mitglieder einer jeden zunächst wie vor bei ihrer Kirche.

5. Bei der Feier des Abendmahls wird gewöhnliches Weizenbrot ohne Sauerteig in Form länglicher Vierecke genommen und gebrochen; die bei der Austeilung zu gebrauchenden Worte sind für alle Kirchen gleich.

6. Bei dem Gebete des Herrn werden die in der Bibelübersetzung Luthers Matth. 6,9-13 vorkommenden Worte gebraucht. Beim letzten Aussprechen des Gebetes wird geläutet.

7. Es wird ein gemeinschaftliches evangelisches Konsistorium gebildet, welches eine einheitliche Form des Gottesdienstes, einen gemeinschaftlichen Katechismus und ein gemeinschaftliches Gesangbuch zur Einführung bringen wird.

8. Alle kirchlichen Güter und Stiftungen usw. sollen ohne Ausnahme fortbestehen, unter der Aufsicht des Konsistoriums verwandelt werden und in allem ihre seitherige Eigenschaft und Bestimmungen behalten.

 

Am 1. Juni 1818 wurde die Synode geschlossen. Sie hat die Gegensätze zwischen den beiden evangelischen Konfessionen beseitigt, evangelische Gemeinden mit einheitlichen Einrichtungen und mit einheitlicher Verwaltung geschaffen und damit Ströme des Segens und das kirchliche Leben unserer Heimat geleitet.

Die beiden evangelischen Kirchengemeinden unserer Neustadt waren die einzigen Gemeinden, die der Union nicht beitraten, weil sie sich nicht entschließen konnten, die ihren Vätern verbürgte kirchliche Selbständigkeit aufzugeben und sich unter das Konsistorium der Landeskirche zu stellen. Sie haben ihre alten Rechte und Freiheiten treu bewahrt bis auf den heutigen Tag.

 

Eine alte Zehntordnung

Wenn wir durch die Dörfer und Flecken gehen, in denen der Sitz eines Amtes oder einer herrschaftlichen „Kellerei“ war, so fallen uns oft die mächtigen „Herren“- oder Zehnt-Scheuern auf, in denen einst die Abgaben der „Untertanen“ eingesammelt wurden. Der „Zehnte“ ehemaliger Zeiten war eine allgemein eingeführte Abgabe bei der Ernte an die Kirche oder den Landesherren oder auch an andere, die dieses Recht auf irgendeine Weise erworben hatten. Er bestand in dem zehnten Teil der landwirtschaftlichen Erträge und wurde ursprünglich immer „in natura“ abgeliefert.

Erst im 19. Jahrhundert wurden diese Verpflichtungen meist in eine Geldabgabe umgewandelt und vielfach von den Gemeinden durch eine größere einmalige Zahlung bei dem Empfangsberechtigten „abgelöst“. Die Ablösungssumme, die die Gemeinde Langenselbold im Jahre 1847 für den bisher in der Gemarkung erhobenen Zehnten an die Standesherrschaft Isenburg-Birstein zu zahlen hatte, betrug 103.500 Gulden; das dafür aufgenommene Kapital mußte von den Zehntpflichtigen verzinst werden und wurde nach und nach abgetragen (bis zum Jahre 1914!).

Für das Einernten des Zehnten bestand wie überall so auch im Fürstentum Isenburg-Birstein. eine Zehntordnung. Verzehntet mußten werden: Weizen, Korn, Gerste, Hafer, Erbsen, Linsen, Wicken, Wein u. a. Eine „erneuerte Zehntordnung“ aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist eine Neuauflage der Ordnung vom 24. Juli 1710. Sie hat (in heutiger Rechtschreibung) folgenden Wortlaut:

1. Sollen zum Ausfahren gewisse Stunden durch die Glocken angezeigt und gehalten werden, absonderlich des Mittags zwischen 11 und 12 Uhren, abends aber nach 7 Uhren keine Früchte eingeführt, noch vor Auf- oder nach Niedergang der Sonne geschnitten. Und

2. eher nicht aufgeladen, verführt oder weggetragen, auch zur Verhütung eines Verdachtes kein Wagen auf den Acker gebracht werden, bis alles auf jedem Acker abgeschnitten, aufgebunden und „abgezehndet“ worden, usw. (Hanau Stadt und Land, Seite 362).

 

Blutiges Ende des Sperrbatzen-Krawalls

Im Kurfürstentum Hessen war Hanau eine politisch wie wirtschaftlich eher vernachlässigte Randprovinz. Als Gewerbe- und Industriestadt war Hanau auf freie Handelswege angewiesen, nach dem Wiener Kongreß aber war es von Landesgrenzen umgeben, war es eingezwängt zwischen dem Königreich Bayern, dem Großherzogtum Hessen und der Stadt Frankfurt. Das Revolutionsjahr 1830 machte die Hanauer wegen ihres Kampfes um die Abschaffung der „Maut“ (Zollschranken) zu „Krawallern“.

Mit entschlossenen Mienen ziehen im September 1830 Männer zur Zollstation an der Mainkur, der Grenze zwischen Frankfurt und Kurhessen. Sie verschaffen sich Zutritt und schleppen Pulte und Stühle nach draußen. Sie schlagen das Mobiliar kurz und klein, um gleich darauf die Reste samt der verhaßten Formulare ins Feuer zu werfen. Letztlich wird bei jenem Zollkrawall das ganze Zollhaus zerstört Protest dagegen, daß man Geld bezahlen soll, wenn man von einem Territorium zum anderen will. In der Stadt kursieren Flugblätter: „Schaffe ab Maut, Stempel, Zoll, Beamten, Maitressen und Juden, damit wir haben unser täglich Brot!“

Ein Jahr später, am zweiten Herbsttage im Oktober des Jahres 1831, kocht die Wut über obrigkeitliche Einschränkung der Bewegungsfreiheit ein zweites Mal hoch. Diesmal ist das Allerheiligentor der Schauplatz und der Zorn richtet sich gegen den frühen Einschluß hinter der Stadtmauer: Wer nach Sonnenuntergang in die Stadt will, mußte an den Haupttoren den „Sperrbatzen“ zahlen. Der „Sperrbatzen-Krawall“ nahm ein blutiges Ende. Die Stadtwache zielt auf die Massen, die gegen das verschlossene Tor drängen, mit langen FIinten - und muß selbst bitter bezahlen: Ein Torwächter liegt tot am Boden.

 

Die Revolution von 1848

Wilhelmsbad:

Das Wissen über die Geschehnisse in Hanau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdanken  wir zum großen Teil einem Mann, der von 1825 bis 1875 in neun dicken Foliobänden von jeweils 500 bis 700 Seiten akribisch und absolut zuverlässig über die Hanauer Ereignisse Tagebuch geführt hat: Johann Daniel Wilhelm Ziegler, von Beruf Klavier- und Gesangslehrer (geboren in Hanau am 11, März 1809, gestorben ebenfalls in Hanau am 11. April 1878). Sein nach ihm benanntes, einzigartiges Werk, die „Ziegler’sche Chronik“, befindet sich heute im Besitz des Hanauer Geschichtsvereins 1844 (Microfiches können im Stadtarchiv Hanau eingesehen werden).

Die Folianten sind in alter deutscher Schrift geführt und enthalten in einer gut lesbaren, flüssigen Schreibe sehr anschauliche Notizen über Persönlichkeiten der Stadt und der Region, Vereinsveranstaltungen, Berichte über Brände, Kriminalfälle, Teuerungen, soziale Notstände, politische Versammlungen, Demonstrationen und noch manches andere.

Auch die Kur- und Badeanlagen Wilhelmsbad sind von Ziegler mit etlichen Eintragungen bedacht worden. Bei der Durchsicht der Notizen kommt man schnell zu dem Schluß, daß sich der Kurort mit Weltgeltung nach der Verlegung der kurfürstlichen Hofhaltung zurück nach Kassel Anfang des 19. Jahrhunderts und der damit knapperen Unterhaltungsmittel der Einrichtung. mehr und mehr zu einem beliebten Ausflugsziel der Stadtbevölkerung - nicht nur Hanaus - entwickelte. Es fanden Hochzeiten, Vereins- und Sängerfeste statt.

Auf politischen Volksfesten verlieh man ersten revolutionären Forderungen nach Freiheit und Einheit Deutschlands Ausdruck (Wilhelmsbader Fest im Juni 1832 mit etwa 10.000 Besuchern). Anhand der Zieglerschen Einträge vom Vormärz bis hin zur Reaktion (1850er Jahre) kann neben einer Beschreibung des gesellschaftlichen Lebens in diesem „Treffpunkt im Grünen“ der gesamte Verlauf der gescheiterten Revolution in Deutschland beispielhaft aufgerollt und nachvollzogen werden.

Wenn der Autor etwa 1847 recht ausführlich Renovierungsarbeiten am Kurhaus Wilhelmsbad, zahlreiche Tanzveranstaltungen und Gartenilluminationen beschreibt, zeugt dies von einer damals eher noch friedvollen, apolitischen, scheinidyllischen Beschaulichkeit des Biedermeier. Im Jahre 1848 wird die Anlage mit zahlreichen Festen, Sonntags-Konzerten und nicht zuletzt mit der feierlichen Eröffnung der Eisenbahnlinie Frankfurt-Hanau als pulsierender Ort der Begegnung vorgestellt, wobei politisch- soziale Spannungen immer deutlicher zu Tage treten - so auf Veranstaltungen im Zusammenhang mit der sogenannten Staatsdienerrevolution in Kassel unter Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Hessen-Kassel und dem vom Volk gehaßten, in Hanau geborenen Chefminister Ludwig Hassenpflug, ist kurz darauf die innerhalb der Bevölkerung gegenüber der Obrigkeit stark ins Negative geänderte Haltung ablesbar: Früher übliche euphorische Hurras zum Geburtstag Friedrich Wilhelm I.. von Hessen-Kassel wandeln sich in ein für den Fürsten bedrohliches Gemurmel.

Nachfolgend nun auszugsweise einige Eintragungen Zieglers über Wilhelmsbad:

Pfingstmontag, 24. Mai 1847: Nachmittags von 4 - 7 Uhr war ich am Wilhelmsbad. Den ganzen Tag über hielt sich das Wetter. Um 3 Uhr hatten wir 23 Grad Wärme. In der vergangenen Woche erbauten Halle (Musikpavillon gegenüber dem Arkadenbau) für die Musiker spielten 30 Mann vom 3. Leibgarde-Infanterie- Regiment und zwar abwechselnd mit Orchester- und Türkischer Musik unter der Direction des Musikmeisters J. G. Heller. Alle nun hergerichteten Säle sind mit Spiegeln vom größten Format, Lustre mit Christalllampen, weiche angezündet einen magischen Efect machen. Es befinden sich 2 Roulette in zwei Sälen. Auf beiden Seiten des Kurgebäudes, sowie allenthalben stehen Blumen terrassenförmig aufgestellt. Vor den Gebäuden sowie an mehreren anderen Orten sind neue eisengußene Laternenpfähle aufgerichtet. Alle Gebäude nebst Theatergebäude, Küche, Wachthaus pp., sind weiß angestrichen worden.

Heute Morgen mögen ca. 8.000 - 9.000( Menschen mit über 150 fremden Wagen daselbst gewesen sein. Portiers und Kellner sind sehr elegant gekleidet. Die heut stattgefundene Etiquette verbot: „Herren, welche keine Halsbinde anhaben, ist der Eintritt in die Säle verboten!“

Montag, 3. April 1848 (in Hanau findet der erste Deutsche Turntag statt):

Nachmittags, 3 Uhr, versammelten sich die Turner abermals mit ihren Fahnen auf dem N(eustädter) Marktplatz und zogen unter Vortritt der Bürgermusik nach dem freundlichen Wilhelmsbad. Hier angekommen, wurden sie von der Kesselstädter Schuljugend, welche bewaffnet mit Fahnen und einer Trommel versehen, begrüßt. Es herrschte ein ungeheuerer Frohsinn, es wurde im Freien getanzt; der Zudrang war so groß, daß viele der Herrn ihr Bier aus Gießkannen trinken mußten.

Sonntag, 14. Mai 1848: Nachmittags fand in Wilhelmsbad ein großes Maifest statt. Schon um 2 Uhr fand im Freien ein Concert mit vollständigem Orchester der Hanauer Bürgergarde Musik statt. Herr Robert Blum, z. Zt. Mitglied des 50er Ausschusses der constituierenden National-Versammlung in Frankfurt, welcher unsere Stadt heute mit einem Besuch beehrte, war ebenfalls in Wilhelmsbad anwesend.

Abends 6 Uhr betrat derselbe den Balkon des Kurhauses, und nachdem ihn Herr Oberbürgermeister Rühl dem versammelten Volke vorstellte, hielt er eine lange, aber sehr gediegene Rede. Namentlich hob er die Gesinnungstüchtigkeit der Hanauer hervor.

Sonntag, 20. August 1848: 46. Geburtstag des Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. von Hessen. Es ist dies der erste Geburtstag, welcher derselbe als Kurfürst feiert. Vergleicht man die Feier dieses Tages in früheren Jahren mit dem heutigen, so findet man einen großen Unterschied. Zum erstenmal, daß sich die Hanauer, sowohl die Bürgergarde, als auch die Staatsdiener in keiner Weise beteiligen; und da im Augenblick auch kein Militär in der Stadt liegt, so unterblieben auch von dieser Seite gewöhnlich gebrachte Huldigungen als: Beleuchtung der Militairkasernen, großer Zapfenstreich am Vorabend, Festessen am Wilhelmsbad. Es verschallte nicht ein Hoch für den Landesfürsten, die Bürgergarde unterließ die jedes Jahr stattgefundene große Parade.

Der Pächter und Wirth vom Wilhelmsbad, Herr Carl Panizza, zeigt auf heute Ball und Concert, um 8 Uhr große Illumination mit 3000 farbigen Lampen zu Wilhelmsbad an, wogegen sich jetzt schon eine Demonstration kund gibt, indem ein großer Theil von unseren s. g. innern Feinden heute Abend nach Wilhelmsbad ziehen und dort den an jenem Vergnügen Theilnehmenden statt eines Hochs ein allgemeines Gemurmel (jetzt an der Tagesordnung) bringen will!“

 

Hanauer trotzten 1848 mit ihrem „Ultimatum“ dem Kurfürsten

In Hanau herrschte eine politisch explosive Stimmung, als Anfang März 1848 mehrmals Delegationen mit konkreten, von der Hanauer Volksversammlung beschlossenen Forderungen zum Kurfürsten nach Kassel geschickt wurden. Sie lauteten unter anderem: Entlassung des Ministeriums und Neubesetzung mit Männern, die das Vertrauen des Volkes genießen; Auflösung und Neuwahl der Ständeversammlung; vollständige Pressefreiheit; Amnestie für die seit 1830 begangenen politischen Vergehen; Hinwirken auf eine deutsche Volkskammer, Petitions-, Einigungs- und Versammlungsrecht; vollständige Religions- und Gewissensfreiheit...

Mit ihren Forderungen nach Pressefreiheit, der Bildung einer deutschen Volkskammer, der unbeschränkten Petitions- und Versammlungsfreiheit, schließlich der Besetzung aller Ministerien mit Männern, „welche das Vertrauen des Volkes genießen“, und von Wahlen ohne Klassenschranken war die Volkskommission zunächst bei ihrem Landesfürsten auf Granit gestoßen. Am 11. März 1848 wies der Kurfürst das Ultimatum rundweg zurück, obwohl die waffentragenden Hanauer mit dem Abfall der Provinz gedroht hatten. Die Delegation schickte sich daraufhin zur Heimreise an.

Der Kasseler Stadtrat brachte schließlich die Wende. Er ließ die Volkskommission, darunter der Freischarenführer Carl Röttelberg, Turnerführer August Schärttner und der spätere Oberbürgermeister August Rühl, solange aufhalten, bis es gelungen war, Friedrich Wilhelm umzustimmen. Bis auf die Neuwahl des Landtags kam er sämtlichen Forderungen nach und übertrug zugleich dem Hanauer Bürgermeister und Rechtsanwalt Bernhard Eberhard das Innenministerium.

Hanau war überfüllt mit spontan zugereisten Leuten, die hier den Beginn der Revolution erwarteten. Am Tag zuvor, dem 8. März, war mit der Volkskommission eine provisorische Regierung gebildet worden, die schon über eine bewaffnete Macht verfügte, „Volksarmee“, genannt. Somit hatte die Warnung handfesten Boden: „Besonnene Männer, Königl. Hoheit, sagen Ihnen hier, daß die Aufregung einen furchtbaren Charakter angenommen hat. Bewaffneter Zuzug aus den Nachbarstädten ist bereits vorhanden, schon wird man mit dem Gedanken einer Lostrennung vertraut und kennt recht wohl das Gewicht der vollendeten Tatsache. Königl. Hoheit, gewähren Sie! Lenke Gott ihr Herz.“

Mit der legendären Schrift der „Volkscommission“ in Hanau an den Kurfürsten von Hessen reisten am 9. März zwei Delegationen nach Kassel, eine über Marburg; die, andere über Fulda, um für Unterstützung zu werben. Währenddessen in Hanau schon Barrikaden errichtet und Wurfgeschosse verschiedener Art gesammelt wurden für den Fall der Ablehnung. Doch lenkte Gott das Herz seiner Königl. Hoheit richtig - wobei offenbar kluge Berater nachhalfen, die fürchteten, daß von der Provinz Hanau aus eine Erhebung im Südwesten Deutschlands ausbrechen könnte und eine Lawine des Aufstands losbräche. Letztlich rettete der Kurfürst durch sein Nachgeben zumindest seinen Thron. Sozialrevolutionäre und republikanische Forderungen nach Volksouveränität und demokratischen Wahlen hätten nicht durchgesetzt werden können. Dennoch sei die ultimative Fristsetzung und die Drohung mit der bewaffneten Bürgermacht unerhört gewesen.

Als der Landesfürst zögerlich nur teilweise nachgab, stellten ihm die Hanauer am 9. März nochmals ihre Forderungen, verschärft durch ein Ultimatum: „Entschließung Eurer Königlichen Hoheit binnen drei Tagen von heute an, deren Verstreichen ohne Antwort als Ablehnung gesehen werden soll. Jetzt ist die Stunde gekommen, wo Sie zu zeigen haben, wie Sie es mit dem Volke meinen.“

Vor 150 Jahren kehrte die Hanauer Delegation unter dem Jubel der Bevölkerung in ihre Heimatstadt zurück. War es ihr doch nach einem vergeblichen Anlauf gelungen, den Kasseler Kurfürsten Friedrich Wilhelm zu einer Reihe von demokratischen Zugeständnissen zu bewegen. Das „Hanauer Ultimatum“ ging als Momentaufnahme der deutschen Revolution von 1848 in die Geschichte ein.

Mit dem zuvor verfemten Germanisten Jacob Grimm und dem Tabakfabrikanten August Rühl, der dem linken republikanischen Spektrum angehörte, saßen in der am 18. Mai 1848 eröffneten Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche auch zwei Hanauer Abgeordnete.

Noch einmal machten Hanauer Freischärler ein Jahr später von sich reden, als rund 300 Bewaffnete im Juli nach Baden zogen, um die Reichsverfassung zu retten. Sie kämpften gegen Reichstruppen und preußische Einheiten. Das Volksheer mußte sich schließlich geschlagen geben. Die Hanauer Turnerwehr floh daraufhin in die Schweiz. Nach ihrer Heimkehr wurde ihnen der Prozeß wegen Hochverrats gemacht. Sie wurden größtenteils freigesprochen. Die verurteilten Anführer, darunter auch August Schärttner, mußten zunächst im Exil bleiben.

 

Die Turner:

Revolutionäres Potential sammelte sich auch in der Hanauer Turnerbewegung. Vom 2. bis 4. April fand folgerichtig auf Einladung von August Schärttner der erste Deutsche Turnertag in der Wallonisch-Niederländischen Kirche statt, zu dem auch Turnvater Ludwig Jahn anreiste.

Der war den Hanauern allerdings zu konservativ, so daß sie sich mit ihm bald überwarfen. Auf dem zweiten Turnertag am 2. Juli gleichen Jahres spaltete sich der Demokratische Verein Schärttners vom Deutschen Turnerbund ab.

Im April 1848 kamen in der Wallonisch-Niederländischen Kirche in Hanau die Turner zum ersten Deutschen Turntag zusammen. Er war eingebettet in die revolutionären Bewegungen der damaligen Zeit. Die republikanischen Ideen nahestehende Hanauer Turngemeinde hatte es eilig, als sie am 19. März 1848 die deutschen Turnvereine für den 2. April zu einem in Hanau abzuhaltenden Turntag einlud. Als Ziel des Turntages hatte man die Gründung eines Deutschen Turnerbundes formuliert, der die Kräfte bündeln und sich vor allem auch politisch artikulieren sollte.

Konkret wollte man sich dann den im Frankfurter Vorparlament tagenden Volksvertretern, die eine Nationalversammlung vorbereiten sollten, unterstützend mitteilen. Dieses Vorgehen entsprach durchaus der Handlungsebene vieler vaterländischer oder demokratischer (republikanischer) Vereine und Verbände, die sich vielerorts in rascher Folge bildeten, um an der politischen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung teilzuhaben.

Die enge Verbindung von Turnern mit den politischen Tagesereignissen wird auch darin deutlich, daß ein Teil der Delegierten den Turntag verließ und nach Frankfurt reiste, als bekannt wurde, daß Friedrich Hecker, der „Führer der Linken“, das seiner Meinung nach zu zögerliche Vorparlament mit einer radikalen Minderheit verlassen habe, um die revolutionäre Stoßkraft zu erhalten. Von den Ergebnissen ihres Turntages waren die Hanauer freilich enttäuscht. Zwar war der Deutsche Turnerbund gegründet worden, der auch für die „Einheit des deutschen Volkes“ tätig sein wollte, was einem traditionellen Streben der Turner entsprach. Eine eindeutige Aussage zugunsten einer demokratischen Republik - wie von den Radikalen erhofft - war allerdings ausgeblieben.

So beriefen die Hanauer einen zweiten Turntag ein, der am 2. Juli 1848 zusammentrat. Die zum Teil heftig geführte Auseinandersetzung über die politische Zielsetzung brachte schließlich eine Abspaltung der „demokratischen“ Richtung, die in ihrem „Demokratischen Turnerbund“ die Forderung nach Errichtung einer demokratischen Republik in die Statuten schrieb. Einig in dem Streben nach nationaler Einheit, aber uneins in der Frage der Staatsform, war die Turnbewegung spätestens nach dem 2. Hanauer Turntag tief gespalten. Die Momentaufnahme über die Hanauer Turntage zeigt, daß die Turnbewegung im Vormärz eindeutig eine politische Rolle spielte. Darüber hinaus waren Turner als Einzelpersonen oder in organisierten Gruppen aktiv in einzelne revolutionäre Ereignisse verwickelt.

Wie ist es dazu gekommen? Sind die Gründe ausschließlich in der Dynamik der erregten Zeitströmung zu sehen? Zunächst ist festzustellen, daß die Turnbewegung seit ihrer Entstehung zu Beginn des 19. Jahrhunderts politisch war und als wichtige (auch überregionale) Organisation der deutschen Nationalbewegung gelten kann. Im wesentlichen waren es drei Anliegen gewesen, die im Brennpunkt der Bestrebungen Jahns (dem herausragendsten Vertreter der frühen Turnbewegung) und seiner Turnfreunde standen: die Befreiung Deutschlands von der napoleonischen Fremdherrschaft, die Idee eines künftigen einigen deutschen Reiches unter Führung Preußens und die Schaffung einer Verfassung, die dem ganzen Volke staatsbürgerliche Rechte sichern sollte.

Von daher war es nur konsequent, wenn Jahn als ein Hauptziel des „vaterländischen Turnens“ formulierte: „.... die Jugend zum künftigen Kampfe für das Vaterland rüstig zu machen.“ Ein Teil der auf der Hasenheide betriebenen Leibesübungen läßt in der Tat klar die militärische Zielsetzung erkennen. Hatte sich die Turnsache zunächst eines gewissen Wohlwollens bei den Behörden erfreut, so konnte vor allem das Einheitsstreben der Turner in der nach dem Wiener Kongreß beginnenden Restaurationsepoche nicht unwidersprochen bleiben. Die enge Verbindung von Turnern mit der politisch verdächtigen Burschenschaftsbewegung führte schließlich 1820 zur sogenannten „Turnsperre“, was einem Verbot des Turnens gleichkam, zumal sich andere deutsche Staaten dem preußischen Vorbild anschlossen.

Die Zeit nach der „Turnsperre“ (1842) war durch einen starken Aufschwung des Turnens geprägt. Die Entwicklung der Vereinsbewegung verlief nach 1845 sogar stürmisch und wies wieder eindeutig politische Züge auf. Allerdings läßt sich eine deutliche Ausweitung der gesellschaftspolitischen Ziele erkennen. Zu dem stark ausgeprägten nationalen Gemeinschaftsbewußtsein kam nun eine beginnende national-revolutionäre Bewegung. Dabei zeigte sich, daß sich in der Revolutionsbewegung von 1848/49 der bürgerliche Liberalismus, die Demokraten und die Anhänger sozial-revolutionärer Strömungen durchaus als Träger der nationalen Plattform verstanden. Diese Art einer gemeinsamen nationalen Idee läßt sich auf Sänger- und Schützenfesten ebenso feststellen wie im Leben der Turnvereine.

Wie die Debatten und Ergebnisse der beiden Hanauer Turntage von 1848 zeigen, hatten die genannten Ziele die Turnbewegung freilich nicht durchgehend erfaßt. Auch in ihr war - ähnlich wie in den Kammern der Landtage und in ideellen Gesinnungsgemeinschaften außerhalb - eine Art Dreiparteiengruppierung gegeben: zwischen Konservativen (zu denen jetzt durchaus Jahn zu zählen ist) und Radikalen (im Sinne republikanischer Demokraten) eine stärke Gruppe von Liberalen, die ein konstitutionelles Staatsrecht auf parlamentarischem Wege umsetzen wollte.

Nun wäre es falsch, alle Turner einer der genannten Gruppierungen zuordnen zu wollen. Man sollte bedenken, daß ein großer Teil der Turnvereine (vor allem in Norddeutschland) die Politik völlig aus dem Vereinsleben ausklammern wollte. Auch wenn nur wenige Mitgliederverzeichnisse von Turnvereinen aus dem Vormärz existieren, so kann man doch von einer starken bürgerlichen Mitgliedschaft in den meisten Vereinen ausgehen. Zwar mochte man durchaus mit der Republik liebäugeln, doch hätte ihre Errichtung letztlich Umsturz der politischen und sozialen Verhältnisse bedeutet. Zum anderen befürchteten viele Turner bei einer politischen Betätigung ähnliche Repressalien, wie sie schon einmal zu einer „Turnsperre“ geführt hatten.

Unrecht hatten die „Unpolitischen“ nicht, hatten sich doch republikanisch gesinnte Kreise - um der Aufmerksamkeit der Reaktion zu entgehen - Wirkungsbereiche gesucht, die nicht scharf überwacht wurden. So traf man sich eben in Turnvereinen und auf Turnfesten und nicht (oder nicht nur) in demokratischen Vereinen und bei Volksversammlungen. Daß sich die „Maulturner“, wie die nicht aktiven Turner zuweilen genannt wurden, in manchen Vereinen das Übergewicht verschafften, verstärkte oft noch die Tendenz zum politischen Verein. Die Folge war, daß schon vor den Märzereignissen zahlreiche Turnvereine polizeilich überwacht und zum Teil verboten wurden (so beispielsweise die Frankfurter Turngemeinde und der Turnverein Offenbach).

Das politische Engagement der republikanischen Turner mündete letztlich in eine aktive Teilnahme an den revolutionären Ereignissen von 1848/49 ein. Eine der Voraussetzungen dafür war, daß zahlreiche Turner der Aufforderung des 1. Hanauer Turntages gefolgt waren, sich zu bewaffnen. Die Volksbewaffnung war eine der Märzforderungen gewesen. In vielen Turnvereinen waren Turnerwehren gebildet worden, von denen sich manche den Bürgerwehren anschlossen.

Über eine Teilnahme von Turnern am „Heckerputsch“ (Hecker hatte im April 1848 in Konstanz die Republik ausgerufen) ist nur wenig bekannt. Stärker war die Beteiligung von Turnern an den Unruhen in Frankfurt im September l848. Anlaß des rasch niedergeschlagenen Aufstandes war die Annahme des Waffenstillstandes von Malmö durch die Nationalversammlung. Auch Jahn hatte dafür gestimmt. Das Abstimmungsergebnis wurde von den Radikalen als Verrat am deutschen Volke angesehen. Die Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. bedeutete das Scheitern der Frankfurter Verfassungsbestrebungen.

Im Mai 1849 kam es zu Kämpfen zur Durchsetzung der Reichsverfassung in Sachsen, in der Pfalz und in Baden. Hieran waren Turner sehr stark beteiligt. In Baden griffen sogar Einheiten von Turnern in die Kämpfe ein, wie beispielsweise die Hanauer Turnerwehr (bei Waghäusel und an der Murglinie).

Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 gingen die Regierungen mit besonderen Vereinsgesetzen gegen politische Vereine vor. Manchenorts wurden Vereine, die dem Demokratischen Turnerbund angehörten, sogar verboten. Viele Turner, die in bewaffnete Auseinandersetzungen verwickelt waren, hatten sich ins Ausland abgesetzt und später dort Fuß gefaßt. So steht beispielsweise die Entstehung der Turnbewegung in den USA eindeutig im Zusammenhang mit der durch die Revolution ausgelösten deutshcenEinwanderung: Getreu ihren Zielen gründeten die ausgewanderten Turner 1851 den „Sozialistischen Turnerbund“ von Nordamerika.

Die Maßnahmen der Reaktion unterbrachen zunächst die Weiterentwicklung der Turnbewegung in Deutschland. Bei ihrem Wiederaufleben 1859/60 bestanden kaum mehr als 100 Turnvereine, nachdem es zehn Jahre davor noch etwa 300 gewesen waren. Die Turnbewegung nach der Revolution hatte nicht mehr den Charakter einer politischen Bewegung, sieht man von der nationalen Frage ab. Allerdings blieb das Turnen die bestimmende Form der in Schule und Verein betriebenen Leibesübungen.

Der politische Bedeutungsverlust der Turnbewegung läßt sich auch damit erklären, daß die politische Meinungsbildung in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts immer deutlicher in Parlamenten und Parteien erfolgte. Spätestens seit der Reichsgründung 1871 sah sich die Turnbewegung dem wilhelminischen Staat mehr und mehr verpflichtet. Die deutsche Einheit, das zentrale politische Ziel der Turner seit Jahn, war erreicht. Fortan befand sich die bürgerliche Turnbewegung - die Zeit des Nationalsozialismus eingeschlossen - im Einklang mit der Obrigkeit.

 

August Schaerttner und seine Turner zogen vor 150 Jahren aus, um die badische Volksregierung zu unterstützen

Es war „Ungeheuerliches“ was da am 2. Juni 1849 an Hanaus westlichem Stadtrand geschah, also etwa dort, wo sich heute Kastanien- und Burgallee befinden: Die Hanauer Turner, etwa 2.900 an der Zahl, trafen sich unter Leitung ihres Vorsitzenden August Schärttner, um einem Hilferuf der damals kurzzeitig in Baden existierenden Volksregierung bewaffnet zur Hilfe zu eilen. Bejubelt von den Hanauern zogen die Turner, denen sich immer mehr Sympathisanten aus Firmen und aus anderen Orten anschlossen, durch die Stadt hin zur Aschaffenburger Straße. Über 300 Männer waren es dann letztlich, die ein Turnerbataillon bildeten, das unter dem Regiment des so zum Major avancierten August Schärttner stand. Das reichte für das Aufstellen von drei Kompanien aus, die jeweils von einem Hauptmann angeführt wurden. Die erste Kompanie stand unter Leitung von Hauptmann Unna, den anderen standen die Hauptleute Christian Lautenschläger und Engel vor.

Es gärte in den deutschen Landen: Zwar war die Paulskirchenverfassung 1849 verabschiedet und damit demokratische Reformen eingeleitet worden. Doch hatte der designierte Kaiser, Preußens König Friedrich Wilhelm IV., die Krone zurückgewiesen und die 1848er Verfassung als „ein revolutionären Produkt“ beschimpft.

Der königlichen Ablehnung schlossen sich deutschen Königs- Herzogs- und Fürstenhäuser durchweg an; der Boden für eine Erhebung von Teilen des deutschen Volkes war bereitet. Heute spricht man nach der Lokalisierung der Ereignisse vom „badisch-pfälzerischen Maiaufstand“. In Baden griff der Aufstand um sich, erhielt teilweise Unterstützung von Soldaten der Großherzoglich-badischen Armee, und auch der polnische General Miroslawski stellte sich mit seinen Truppen auf die Seite der Aufständischen. Ihnen gegenüber standen auf Seiten des Großherzogs neben dessen Truppen auch solche aus Kurhessen und das Erste Preußische Garderegiment, das vom preußischen Prinzen Wilhelm (später: Kaiser Wilhelm I.) geführt wurde.

Zurück nach Hanau: Die Turner hatten im Revolutionsjahr 1848 eine politisch maßgebliche Rolle gespielt, und so war es auch kein Wunder, daß sich die in Baden als Gegenpol zum Großherzog gebildete Volksregierung, als sie sich geballter feindlicher Macht gegenübersah, auch an die verschiedenen Turnergruppierung um Unterstützung wandte. In Hanau stieß man dabei auf offene Ohren: Das Turnerbataillon wurde zusammengestellt und brauchte sich um Rekrutierungsprobleme keine Sorgen zu machen. Die Hanauer Turnertruppe marschierte aus der Goldschmiedestadt heraus, kam über Großkrotzenburg und Kahl, Aschaffenburg, Miltenberg und Buchen nach Hirschhorn.

Am 12. Juni gab es dort die erste „Feindberührung“. Vieles wurde bei diesem Gefecht improvisiert: So mußten die Bleiumrahmungen der Butzenscheiben am Schloß Hirschhorn als Material für Gewehrkugeln herhalten. Richtig „heiß“ wurde es dann bei Waghäusel nahe Hokkenheim, wo es am 21. Juni zu einem Scharmützel kam, und dann bei der „Entscheidungsschlacht“ am 28. und 29. Juni bei Rastatt-Kuppenheim. Dort bezogen die Aufständischen die entscheidende Niederlage. Aus Kampfhandlungen gab es kein einziges Todesopfer auf Hanauer Seite. Die beiden einzigen Toten resultierten aus dem mißglückten Versuch, ein Gewehr zu reinigen. Das wirft sicherlich auch ein Licht auf die Resignation vor einer Übermacht, die die Revolution letztlich zu einer, wenn auch sehr ernstzunehmenden Drohgebärde werden ließ.

Die Hanauer Turner um August Schärttner jedenfalls begaben sich nach der Niederlage bei Kuppenheim auf einen „geordneten Rückzug“ in Richtung Schweiz, bewältigten einen Streckenabschnitt sogar mit der Eisenbahn, um dann aber doch per Fuß am 5. Juli die Grenze bei Basel zu erreichen. Von den Eidgenossen wurden die Kämpfer interniert. In den folgenden Wochen kehrten die ersten von ihnen nach Hanau zurück. Und als ihnen da erst einmal „nichts passierte“, folgten alle anderen nach, mit Ausnahme der Anführer. August Schärttner ging nach London. Der gelernte Gastwirt begründete sich dort mit dem „Deutschen Haus“ eine bürgerliche Existenz, spielte aber nach wie vor in der revolutionären Szene eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wilhelm Kämmerer, der Ordonanzoffizier der Turnertruppe, fand erst einmal in Paris Unterschlupf.

Allein: Die Aufständischen sollten nicht auf Ewigkeit unbehelligt leben können. Im Jahre 1858 wurden 43 von ihnen vom Hanauer Schwurgericht des Hochverrats beschuldigt. 21 der Angeklagten stellten sich auch ihren Richtern. Inzwischen durchweg in den bürgerlichen Alltag zurückgekehrt wurden sie alle freigesprochen. Nicht so jedoch die „Rädelsführer“: In Abwesenheit wurde so August Schamner zu acht Jahren Zuchthaus, Wilhelm Kämmerer zu fünf Jahren verurteilt. Für Schärttner hatte dies zur Folge, daß er nie wieder seine Heimatstadt besuchen konnte, denn gerade 42jährig starb er 1859 in London. In Deutschland wurde die aufmüpfige Turnerbewegung in den Jahren nach der badisch-pfälzerischen Revolution völlig entpolitisiert und Großteils auf  „vaterländischen“ Kurs gebracht, wie sich vor allem auch bei großen Turnfesten in den nächsten Jahren zeigte.

 

Die Künstler:

Von einer seltenen Konstellation in der Kunstgeschichte gehört es,  „daß ein Freundeskreis junger Maler zugleich Turner war.“ Die Zeichenakademieschüler Georg Cornicelius, Friedrich Karl Hausmann, August Schleissner, Heinrich Ludwig, Georg Gerhardt, Friedrich und Johann Deicker,die Söhne des Hanauer Tiermalers, sowie die Hamburger Brüder Gustav und Louis Spangenberg waren nicht nur beflissene Turner, sondern waren auch den freiheitlichen-demokratischen und patriotischen Gedanken der Turnerschaft zugetan. Daß sich dies so ergab, war mit Gewißheit ein Verdienst von Theodor Pelissier, dem damaligen Leiter der Zeichenakademie, gewesen, der nach dem Tod seines Vorgängers, Conrad Westermeyr, der vom Bürgertum getragenen Lehranstalt neue Impulse hinsichtlich des künstlerischen Schaffens und der Pädagogik gab.

Cornicelius, der der Turngemeinde 1837 beitrat, war nach der Schilderung seines Neffen Karl Siebert zunächst ein Turner der Körperertüchtigung wegen: „Daß die überwiegende Tätigkeit in einem geschlossenen Raum für einen jungen Menschen auf die Dauer nicht zuträglich sei“, empfand Cornicelius frühzeitig und versuchte durch „Bewegungen im Freien“ einen Ausgleich zu finden.

Fast alle älteren Pelissier-Schüler waren in der Turngemeinde, und damit auch Karl Hausmann und August Schleissner, die zu den besten Freunden von Cornicelius zählten. Man ließ sich ganz entsprechend der Gesinnung einen sogenannten Hecker-Bart stehen; ein Vollbart, wie ihn der Revolutionsführer Friedrich Hecker trug. Einen Mitanführer, wenn auch ein weitaus konservativerer, kam im April l848 zum Deutschen Turntag nach Hanau. Cornicelius und Hausmann nahmen rasch Kontakt zu Friedrich Ludwig Jahn auf, offensichtlich nicht nur zum ideologischen Gedankenaustausch.

Jahn und seine Frau Emilie wurden während des längeren Aufenthaltes in Hanau von den beiden Künstlern auch gemalt. Dies in einer Darstellungsform, die bislang nur Adeligen vorbehalten war - stolz in ganzer Statur, losgelöst von jeglichem Hintergrund. Später werden so auch der Freischärlerführer Karl Röttelberg und der Turnerführer August Schärttner ganzfigürlich portraitiert. Dieser, auf Repräsentation ausgerichtete Bildansatz, wird sozusagen demokratisiert. Dazu hat außerdem beigetragen, daß die Zeichnungen im Lithographiedruck in hoher Auflage reproduziert wurden und somit als Wandschmuck und Träger einer ideologischen Richtung für jedermann erschwinglich waren. Das Bildnis von Turnvater Jahn, das vom Frankfurter Eduard May-Verlag herausgegeben wurde, soll ein Verkaufsschlager gewesen sein.

Nur zwei Künstler aus dem Kreis von Cornicelius nahmen am Hanauer Turnerzug, den er in einer Bleistiftzeichnung festhielt, gen Baden teil. Im Herbst 1848 gingen er und Hausmann nach Antwerpen - wie manch anderer deutscher Maler auch. Dort widmete man sich der Historienmalerei. Hausmann zeichnete die Paulskirche als Stätte der Nationalversammlung und setzte sich 1849 mit dem Bildnis „Der Freischärler tot auf dem Boden liegend, von einer Frau beweint“ mit dem Scheitern der Revolution auseinander.

Die „Strafbayern“ besetzten am 1. November 1850 die unruhige Stadt.

 

Preußen

Am 8. Oktober 1866 wurde Kurhessen von dem im Deutschen Krieg siegreichen Preußen annektiert, seit dieser Zeit war Hanau preußisch. Nach der Reichsgründung 1871 hatte die Stadt teil an dem allgemeinen wirtschaftlichen Wachstum. Hanaus Industrie nahm einen beträchtlichen Aufschwung. Dies war begleitet von einem raschen Bevölkerungszuwachs, was wiederum zur Erweiterung des bebauten Stadtgebietes weit über die von den alten Festungswerken vorgegebenen Grenzen führte. Hanau war in dieser Zeit ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, um 1900 wurde es zu einer bedeutenden Garnisonsstadt: stationiert waren hier ein Ulanen- und ein Infanterieregiment, vor allem aber die Eisenbahnpioniere.

 

Hanau als Vorposten der proletarischen Revolution

Am 8. November 1918 war die Novemberrevolution, Kaiser Wilhelm II. dankte ab, Scheidemann rief die Republik aus und Liebknecht bestand darauf, daß sie eine sozialistische sei. Schon zwei Tage zuvor hatten im Hanauer Rathaus die Stühle gewackelt, war die Stadtverordnetenversammlung von den Massen gesprengt und aufgelöst worden. „Nieder mit dem Krieg!“ - „Auf Sozialisten, schließt die Reihen!“ lauteten die Parolen. Am 8. November konstituierte sich der „Arbeiter- und Soldatenrat“ und in der Nacht auf den 9. November erging ein Aufruf an die Bevölkerung, den Anbruch „der neuen Zeit“ zu unterstützen, „für die die besten Männer und Frauen des Proletariats litten und starben.“

Im folgenden wurde die Sicherung von Ruhe und Ordnung versprochen, wurden Lebensmittel- und Kleiderbeschaffung garantiert und im Gegenzug Sanktionen gegen Plünderer angedroht. Am Samstag, 9. November 1918, wurde der Soldatenrat in einer öffentlichen Versammlung auf dem Marktplatz von der Bevölkerung bestätigt. „In Hanau herrschte ein besonders revolutionärer Geist“, resümierte Hubert Zilch, Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender des Hanauer Kulturvereins.

„Seit dem Wilhelmsbader Fest 1832 - das auf das Hambacher Fest unmittelbar folgte - und den Ereignissen 1848/49 hat man landesweit nach Hanau geguckt und den Ausruf der Revolution erwartet, behauptete Zilch. Clara Zetkin formulierte in einem Vorwort zu Friedrich Schnellbachers Zeitzeugenbericht: „Das Hanauer Proletariat hatte arbeitend, kämpfend seine revolutionäre Reife bewiesen und seine revolutionären Tugenden erwiesen!“

Von dieser pathetischen Einschätzung spannte der Historiker den Bogen von der Ausgangssituation (Lage der Metallarbeiter im 19. Jahrhundert) über die wirtschaftliche Entwicklung während des ersten Weltkrieges (extremer Rückgang im Schmuckgewerbe, Arbeitslosigkeit) bis zur Rolle der Pulverfabrik in Wolfgang und ihrem späteren Ausbau zum Atomdorf. Seine grundlegende Frage hinter allen Fakten war: „Vieles hat sich durch die Technologieschübe verändert - aber hat sich dabei auch der Mensch entwickelt?“ Gravierend wirkte sich auch der technologische Fortschritt aus, hatte doch die Differenzierung der Arbeitsvorgänge und der Trend zur Hochqualifizierung Selbstisolierung und Entsolidarisierung in der Arbeiterschaft zur Folge - Symptome, die sich bis heute auswirken. Clara Zetkin sah das Scheitern der Räte-Regierung unter einem weiteren Aspekt: „Das revolutionäre Hanau gehörte zu den wenigen Inseln im Ozean der Klassenunreife. Es war ein vorgeschobener Vorposten der proletarischen Revolution, der zurückgezogen werden mußte, weil die breiten. starken Heersäulen nicht standhielten!“

 

 

Aufwärtsentwicklung bis 1945

Seit der Gründung der Neustadt durch die französischen und flämischen Reformierten wurde Hanau durch eine rasche wirtschaftliche und industrielle Entwicklung bald zu einer beachtenswerten Geschäftsstadt. Ihre gewaltige Entfaltung zeigte sich nicht nur auf dem Gebiete des Gold- und Silberschmiede-Handwerks mit seinen Nebengewerben (1874 wurde die erste Diamantschleiferei von Friedrich Houy eröffnet), sondern sie entwickelte sehr bald auch ihren Charakter als Stadt des Manufakturei- und Fabrikwesens. Die Teppichfabrik Leis1er und die Tuchfabriken, später auch die Tabakwaren- und Zigarrenfabriken, schickten ihre Waren weit über die Grenzen der engeren Heimat hinaus und begründeten für Hanau den Ruf einer Handelsstadt.

Es entstanden kleinere und größere Fabrikanlagen, von denen sich einige bis auf den heutigen Tag durchgesetzt und teils als Großindustrien sogar Weltgeltung erfahren haben (Dunlop -Heraeus - Quarzlampengesellschaft - Degussa - Hanauer Gummischuhfabrik u. v. a.). Nach dem Zusammenbruch 1918 hatte auch Hanau seine Unruhen; dennoch konnte bereits 1921-24 der Mainhafen gebaut und 1928 die Stadtha1le eröffnet werden.

Mit der wirtschaftlichen Entfaltung ging der kulturelle Aufstieg Hand in Hand. Hanau hatte ein Schulwesen, auf das es stolz sein konnte, und sein Theater- und Konzertwesen konnte sich sehen lassen. Der Einfluß des Zuzuges der Emigranten war nicht nur wirtschaftlich zu spüren; ein neuer Menschenschlag, der Hanauer Typ als der weltoffene, musische, der an südliche Temperamente anklingende, lebhafte und freiheitlich gesinnte Mensch entstand.

 

Niedergang

Da kam der 19. März 1945: In knapp 20 Minuten wurde all das zerstört, was eine strebsame Bevölkerung in Generationen durch Fleiß und mit Entbehrung geschaffen hatte. Die ganze Stadt war ein einziger Trümmerhaufen. Von 14 Schulen stand noch eine. Alle Kirchen waren verschwunden, die Industrie völlig zerschlagen und die Krankenhäuser ganz oder teilweise zerstört. Alle Zeugen der Vergangenheit, Kulturdenkmäler, historische Gebäude waren vernichtet. 85 Prozent der Häuser lagen in Schutt und Asche. Von 42.000 Einwohnern wurden in der Stadt noch etwa 6.000 gezählt. Acht Tage später zogen die Amerikaner ein. Marodeure, Wegelagerer und Gangster trieben in der Ruinenstadt ihr Unwesen. Die paar Menschen, die geblieben, schienen zunächst wie gelähmt und waren unschlüssig.

Als in den frühen Morgenstunden des 19. März im Kriegsjahr 1945 Hanau durch den schweren Bombenangriff zerstört wurde, der Stadtkern ein großes Trümmerfeld bildete und nur noch einige Häuser am Stadtrand übriggeblieben waren, da schien die Geschichte Hanaus beendet, und es war keine Phrase, als man von kompetenter Besatzungsseite dem Stadtoberhaupte den Rat gab. eine neue Stadt außerhalb der bisherigen Stadtgrenzen zu errichten, da es unsinnig und unausführbar sei, über dem Trümmerhaufen mit dem Wiederaufbau zu beginnen.

 

Hoffnungsvoller Wiederaufbau

Aber schon nach kurzer Zeit setzte ein neues Beginnen ein. Zunächst wurden die Trümmer entfernt („Ehrendienst“). Es wurde gebaut, provisorisch und stabil. Fabriken wurden langsam wieder in Gang gebracht. Als am Tage X die Reichsmarkzeit mit ihrer Kompensationswirtschaft zu Ende ging, konnte auch die Stadtverwaltung wieder ordnungsgemäß planen und bauen. Es entstanden Wohnblöcke in Alt- und Neustadt; denn es galt zunächst, die Menschen in Wohnungen unterzubringen.

Sodann mußte man die Schulen wieder aufbauen: es entstanden die schönen und modernen Schulgebäude der Brüder-Grimm-Schule, der Pestalozzi-Schule, der Pedro-Jung-Schule (Hilfsschule) in rascher Folge. Inzwischen war bereits die Gebeschus-Schule zur Aufnahme der Schülermassen hergerichtet worden. Und die Eberhard-Mittelschule konnte frühzeitig den Wiederaufbau hinter sich bringen. Die Kaufmännischen Schulen konnten ihren schönen Bau am Schloßplatz beziehen. Die Gewerbliche Berufsschule wartete noch auf die Erstellung ihres Schulgebäudes in der Nähe der Staatlichen Zeichenakademie, die bereits seit Jahren wieder neu erstanden ist. Das Gymnasium für Mädchen, das nach beschwerlichen Irrfahrten im Gebäude der Pestalozzi-Schule Asyl gefunden hatte, siedelte in sein neues Gebäude am Schloßplatz übersiedeln.

Geplant sind des weiteren für die nahe Zukunft zwei neue Volksschulbauten (Freigericht und Westen). Schon in den ersten Jahren des Hanauer Wiederaufbaues erstanden die neue Stadthalle und das Kulturhaus, dessen Stadtbibliothek im Jahre 1953 eine vorbildliche Freihandausleihe unter der Initiative des damaligen Direktors Dr. Beckers einrichtete. Um den Schloßplatz herum ist mit Kulturamt, Schulamt, Stadtarchiv, Stadtbibliothek, Wetterauischen Gesellschaft, Volkshochschule, Kaufmännischen Schulen und Gymnasium für Mädchen ein wahres Kulturzentrum entstanden.

Eine wichtige Aufgabe war mit dem Wiederaufbau des Stadtkrankenhauses, der gewaltige Summen verschlang, zu lösen. Auch das St. Vincenz-Krankenhaus wurde im Laufe der Jahre wieder aufgebaut und modern gestaltet. Man vergaß auch nicht, an die alten Menschen zu denken, und schuf ihnen Altersheime (Hochstädter Landstraße, Martin-Luther-Anlage, Fasanerie).

Für die Jugend entstand in der Philippsruher Allee das „Haus der Jugend“, und im Schullandheim Rückersbach können Hanauer Schulkinder und Jugendliche frohe Stunden bei Spiel, Sport und Wanderung verleben. Aus eigener Initiative und Kraft schufen sich die Angehörigen der Hanauer Polizei schon frühzeitig eine Sport - und Ku1turhalle. Auf dem Gebiete des sozialen Wohnungsbaues gab es seither keine Ruhepause: überall entstanden moderne Siedlungsbauten. Aber auch der private Wohnungsbau wurde wesentlich gefördert.

Die zerstörten Kirchen wurden wieder aufgebaut, neue sind erstanden: Marienkirche, Katholische Kirche, Christuskirche. Johanneskirche (als Gemeindezentrum). Die Niederländische Kirche soll ebenfalls wieder erstehen. Am Altstädter Markt wurde das Rathaus von 1537 als „Deutsches Goldschmiedehaus“ mit ursprünglicher Fassade aufgebaut. Und auf dem Neustädter Markt ist das Barock-Rathaus mit dem netten sechseckigen Uhrtürmehen (von 1755) mit dem Schwan als Wetterfahne im Werden; es wird die Dominante bleiben in dem wiedererstandenen Marktplatz-Viereck.

Am Freiheitsplatz erstanden das imposante Gebäude des Arbeitsamtes an der sogenannten „Gelben Mauer“ neben dem gewaltigen Bau des Kaufhauses „Hansa“, und auf der Südseite ist ein großer Wohn- und Geschäftsblock geplant. Dieser schöne Platz wird durch die Erbauung eines Hochhauses und die Bebauung der Südseite seinen letzten Schliff bekommen. An verschiedenen Plätzen konnten Spielplätze eingerichtet werden. Der Mangel an solchen ist allerdings noch lange nicht behoben. Ebenso fehlen noch immer Turnhallen für Schulen und Vereine. Die Turnhalle für die Hohe Landesschule konnte kürzlich ihrer Bestimmung, übergeben werden.

Der Wiederaufbau der Stadt wurde wesentlich gefördert durch das Wiedererstehen der Industrie. Kurz nach der Zerstörung ließen es sich die Arbeitnehmer der großen und kleinen Firmen nicht nehmen, ihre alten Arbeitsplätze aus dem Trümmerzustande wieder gebrauchsfähig zu machen. Unsere Weltfirmen hatten in kurzer Zeit ihre Positionen wieder eingenommen, und Dunlop-Reifen, „Höhensonnen“ Original Hanau u. a. preisen längst wieder Hanaus hervorragende weltweite Wirtschaft. Die städtischen Versorgungsbetriebe wurden nach der fast völligen Vernichtung im Jahre 1945 sofort wieder in Gang gebracht. Daneben wurde von der Hanauer Straßenbahn AG ein moderner Omnibusbetrieb eingerichtet, und der Mainhafen mit dem Hafenbahnbetrieb verspricht im Zuge der allgemeinen Wirtschaftsförderung eine günstige Aufwärtsentwicklung. Der Schlachthof wurde teilweise wieder aufgebaut, erfordert aber für die Zukunft wesentliche Baumaßnahmen.

Das Fürsorgewesen, insbesondere die Jugendfürsorge. fand in der Wiederaufbauzeit besondere Förderung. Das Ku1tur1ebenerreichte ein recht beachtenswertes Niveau. Nicht allein das Bibliothekswesen hat einen gewaltigen Aufstieg aus dem Nichts zu verzeichnen; auch auf dem Gebiete des Theater- und Konzertwesens wurde eine ungeahnte Höhe erreicht. In der Stadthalle konnten in den letzten Jahren bei mäßigen Eintrittspreisen wertvolle Werke kulturell Interessierten aus allen Volksschichten geboten werden. Durch die Errichtung und den Ausbau des Sportplatzes Wilhelmsbad erhielt das Sport1eben neuen Auftrieb. Von der Stadt nicht vergessen wurde die Schaffung von Grünflächen. Insbesondere wurden die Parkanlagen im Schloßgarten und am Schloß Philippsruhe so gestaltet, daß sie zu den schönsten Erholungsstätten weit und breit wurden.

Daß auch sonst alles geschah. um das Stadtbild wieder zu normalisieren und dem zunehmenden Verkehr einigermaßen gerecht zu werden, beweisen die zum größten Teil in guter Verfassung befindlichen Straßen. Allerdings bleiben noch manche Wünsche offen: das Hallenschwimmbad stockt im Aufbau, Turn-, Sport- und Spielplätze, Kindergärten und -horte werden benötigt, Aufgaben, die in naher Zukunft gelöst werden müssen.

Wenn es möglich sein wird,. in demselben Tempo wie seither den Wiederaufbau fertigzustellen und wenn auch weiterhin so umsichtige und mutige Oberbürgermeister wie der verstorbene Karl Rehbein und der jetzt an der Spitze der Stadtverwaltung stehende Oberbürgermeister Heinrich Fischer in Verbindung mit einer fortschrittlich gesinnten und tatkräftigen Bürgervertretung die Geschicke unserer so schwer geprüften Stadt lenken, dann wird Hanau seinen alten Ruf als Stadt des edlen Schmuckes, als Stadt der Schulen, als theaterfreudige und konzertliebende Stadt, vor allem auch als Industrie- und Handwerkszentrum, als Tor zum rhein- mainischen Wirtschaftsgebiet behalten.

 

Weitere Artikel in „Hanau, Stadt und Land“:

Hexenverfolgung im Hanauer Land, Seite 363

Eine Hanauer Kolonie (1669), Seite 368

Hessische Soldaten im Dienste Englands (1777), Hanau Stadt und Land, Seite 371

Das Jahr 1813, Seite 375

Vom „Hanauer Krawall“ und dem Krawall-Graben (1830), Seite 378

August Schärttner und seine Hanauer Turnerwehr (1848),Seite 380

Die „Strafbayern“ in Hanau 1850/51, Seite 382

Die Juden in Hanau und ihr Leidensweg, Seite 383

Hanau, die Stadt der Gold- und Silberschmiedekunst, Seite 393

Hanauer Drucker, Seite 394

Hanauer Fayence, Seite 397

Von den alten Hanauer Apotheken, Seite 400

Vom Wein- und Tabakanbau im Hanauer Land, Seite 402

Hanauer Post- und Verkehrsverhältnisse, Seite 405

Die Hanauer Gold- und Zigarrenarbeiter, Seite 406

Kleinbrillanten und Achtkanter, Seite 411

Die Geschichte des Handelshauses Lossow, Seite 412

Ein Hanauer lebte als Reeder in Hamburg, Seite 415

Der Mainhafen und seine Bedeutung, Seite 419

Die Hanauer Großindustrie, Seite 420

Der Hanauer Schlachthof, Seite 427

Die Zerstörung der Stadt Hanau am 19. März 1945, Seite 385

Hoffnungsvoller Wiederaufbau, Seite 388

 

 

Juden

Buch: Hanauer Juden 1933-1945, Entrechtung, Verfolgung, Deportation, 1998

 

Synagoge:

Wer nichts von dieser Stätte weiß, wür­de glatt daran vorbeilaufen an diesem klei­nen Eingang durch eine Hecke.  An dieser ­Stelle stand früher die erste Synagoge, deren Inschrift überliefert ist, gegenüber an der Straßenbiegung das spätere, im Drit­ten Reich verwüstete Gotteshaus. Der Ge­schichtsverein würde sich diesen wichtigen Ort würdiger wünschen. Denn neben dem Altstadtjubiläum feiert Hanau 2003 auch 400 Jahre Judenstättigkeit.

 

Jüdische Bücher nach Hanau

Hanau soll wieder einen Pranger bekommen‑ zumindest einen symbolischen. Das ist eines der Projekte, die die Märteswein‑Vereinigung für das Jahr  2003 angeregt hat. Unter anderem haben die Mitglieder auch zwei historische Bücher in hebräischer Schrift angekauft, die in im 17. und 18. Jahrhundert in Hanau gedruckt wurden.         

„Wir wollen Dinge nur anschieben im kulturellen Leben der Stadt, ohne kommerzielle Interessen und auch ohne den Wunsch, eine eigene Sammlung anzulegen“, erklärt Helmut Geyer, Vorsitzender der Märteswein‑Vereinigung. Unter dieses definierte Ziel fallen in diesem Jahr mehrere Projekte aus den verschiedensten

Bereichen von Kultur und Stadthistorie.

So haben die Mitglieder zwei jüdische Drucke aus dem 17. und 18. Jahrhundert bei einem New Yorker Antiquar zum Preis von rund 3000 Dollar erworben, die demnächst der Stadt übergeben werden sollen - ein passender Zeitpunkt, feiert Hanau 2003 doch neben dem Altstadtjubiläum auch 400 Jahre Judenstättigkeit.     

Die beiden Bücher könnten nach Wunsch des Vereins einen Anstoß geben, sich künftig stärker mit einem eher unbekannten Kapitel Hanauer Geschichte zu befassen: Denn die Stadt war im 17. und 18. Jahrhundert ein Zentrum für den Druck jüdischer Literatur, die von Hanau aus in alle Welt verbreitet wurde. In den historischen Beständen hat sich diese einstige Blütezeit aber bislang kaum niedergeschlagen: Gerade ein Buch in hebräischer Schrift befindet sich in der Stadtbibliothek ‑ dabei sind in 200 Jahren rund 300 Titel erschienen, wie Journalist Werner Kurz, Vorstandsmitglied der Märteswein­-Vereinigung, ausführt. In Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Frankfurt sollen die erworbenen Werke - beides theologische Schriften ‑ übersetzt werden. So groß das Interesse von Georg Heuberger, dem Direktor des Jüdischen Museums sei, so groß indes ist die Enttäuschung der Märteswein‑Vereinigung über die Stadt Hanau: „Es ist betrüblich, wie sich das Verhältnis entwickelt hat“, sagt Helmut Geyer. Seit April 2002 habe der Verein nichts mehr vom Kulturdezernat gehört, nach­dem der Vorstand dort den Wunsch nach Gesprächen über die Gestaltung der Feier­lichkeiten zum Doppeljubiläum 750 Jahre Hanauer Altstadt und 400 Jahre Judenstättigkeit angemeldet habe.

Nun ist der Vorstand selbst aktiv gewor­den: Am 11. November soll an historischer Stätte im Fronhof der traditionelle Märtes­wein ausgeschenkt werden, außerdem der Pranger in Form einer Steinplatte an sei­nem angestammten Platz wieder aufle­ben. Einstmals stand er auf dem Altstäd­ter Markt vor dem Goldschmiedehaus.

Eine weniger düstere Tradition hat der Darstellerpreis der Brüder‑Grimm‑Märchenfestspiele, den die Märtesvereinigung nun wieder in eigener Regie verleiht. Für einige Jahre hatte das der Förderverein des Festivals übernommen ‑ und OB Margret Härtel die Auszeichnung in einem Zelt auf dem Weihnachtsmarkt verliehen

‑ ein Ambiente, das den Schauspielern nicht gefallen hätte, wie Geyer vermerkt. Nun vergibt die Vereinigung den Preis wie­der, den sie ohnehin einmal selbst initiiert hatte. Die Auszeichnung soll jährlich ei­nem Schauspieler oder einer Schauspiele­in im Rahmen der Märchenfestspiele überreicht werden.

 

Märtestag und Märteswein

Auch wenn der Name es nahe legt: Die Märteswein‑Vereinigung ist weder ein Winzerverein noch ein Gruppchen fröhli­cher Zecher, sondern ein Zusammenschluß von Bürgern, die sich vor allem für kulturelle Belange und den Erhalt Hanauer Traditionen engagieren (prominentes Beispiel war zuletzt das Lamboyfest). Der außergewöhnliche Name bezieht sich auf ein 600 Jahre zurück liegendes Ereignis:

Anfang des 15. Jahrhunderts hatte der Bi­schof von Mainz als Vormund die Herr­schaft in der Stadt; vorübergehend allerdings nur.

Doch der Gottesmann hätte Hanau ger­n auf Dauer in sein Bistum einverleibt und plante eine militärische Besetzung. Pünktlich um 9 Uhr am Martinstag des Jahres 1419, der damals „Märtestag“ hieß. Indessen bekamen Hanauer Bürger Wind von der Sache und verhinderten das Neun‑Uhr‑Läuten an jenem Tag.

Das Ausbleiben des Signals verwirrte die Mainzer ‑ und Graf Philipp Ludwig, in die Geschichte eingegangen als weltoffe­ner Gründer der Hanauer Neustadt, eilte aus Windecken herbei, um nun seinerseits die Stadt wieder in Besitz zu nehmen. Als Dank für diese Tat wurde seither jedem Altstadtbürger alljährlich zum Martins­tag im Fronhof ein Maß Wein ausge­schenkt. Dieser Brauch erhielt sich mehr als 400 Jahre lang, bis 1830. Die Märtes­wein‑Vereinigung stellt in Erinnerung an diesen Brauch jährlich einen „Märtes­wein“ vor.

Gegründet hat sich der Verein, der heu­te rund 30 Mitglieder hat, am 11. Novem­ber 1994, in einer Zeit, als in den Städten und Gemeinden die Finanznot immer dra­matischere Ausmaße annahm ‑ was vieler­orts drastische Kürzungen im Bereich der Kultur zur Folge hatte, unter anderem auch bei den Ankaufsetats der Museen. Die Märteswein‑Vereinigung hat es sich zum Ziel gesetzt, solche Kulturschätze durch eigene Mittel für Hanau zu sichern und später in öffentlichen Besitz zu über­führen.

Das ist dem Verein seither in einigen Fällen gelungen, so unter anderem beim Erwerb eines wichtigen Gemäldes des Ha­nauer Malers und Akademiedirektors Friedrich Karl Hausmann 1996 oder eines seltenen Silberbechers aus einer Hanauer Werkstatt des 17. Jahrhunderts. Auch ein Monumentgemälde von Wilhelm Kohlbe­cher aus den 30er Jahren des 20. Jahrhun­derts, das früher in der amerikanischen Pionierkaserne hing, ließ die Märteswein­-Vereinigung gemeinsam mit dem Ge­schichtsverein restaurieren; wartet indes­sen immer noch auf das von Oberbürger­meisterin Margret Härtel zugesicherte Geld von der Stadt.

Wer sich bei der Märteswein‑Vereini­gung engagieren möchte, kann sich bei Hans Katzer vom Vorstand melden, die Te­lefonnummer: 06181 / 663054 oder 249247.

 

 

 

Hohe Landesschule Hanau

 

 

Chronik Heckert:

(Anmerkung: Jede kleine Herrschaft versuchte, eine „Hohe Landesschule“ einzurichten, die fast so etwas wie eine Universität sein sollte. Eine repräsentative Schule gehörte zum Staatswesen wie Schloß, Theater oder die zentrale Kirche. Um die Hohe Landesschule zu unterhalten, wurde aber von den Gemeinden der Grafschaft eine Umlage erhoben. Die Gemeinden mußten dann sehen, wie sie das Geld aufbrachten. Die Gemeinden erhoben dann ihrerseits Umlagen. Geldquellen waren der Weinschank und kirchliche Amtshandlungen, besonders bei Sonderwünschen. Die Abgaben dienten auch dazu, die Schule im Bewußtsein der Bürger zu verankern und ihren Stolz auf die Schule zu wecken).

 

Schulen gibt es zunächst nur in den Städten. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (?) wird die „neue Schul“ in Hanau, die Hohe Landesschule gegründet und wird von den Dörfern unterstützt. Hochstadt muß jährlich vier Gulden geben.

 

Gemeinderechnung Hochstadt von 1585: An die Herrschaft: 233 Gulden Beed, 7 bis 12 Gulden Atzgeld, Kalbgeld, Ungeld (Umsatzsteuer) vom Weinschank, Geschworenenhafer, Kriegssteuer, Beiträge zur Hohen Landesschule, Landgeld (doppelt so hoch wie in Hanau, obwohl nur halb so viele Einwohner)

 

Nach 1600 wird der Weinschank von der Gemeinde verpachtet. Die Wirte zahlen von jedem Fuder 15 Gulden und außerdem 15 Gulden Pacht für das Gemeindewirtshaus. Auch die Herrschaft erhält vier Gulden „ständiges Ungeld“ vom Weinschank. Für jedes verzapfte Fuder Wein erhält sie von den Weinmeistern drei Gulden (und für jede Ohm Bier fünf Albus). Außerdem werden von jeder jungen Maß Wein ein Heller erhoben und eine Abgabe von dem außer Landes verkauften Wein (um die Beiträge für die Hohe Landesschule aufzubringen).

 

In der Kirchenrechnung Hochstadt von 1612 erscheint unter „Ständige Ausgaben“:

Hohe Landesschule Hanau ein Gulden  (der „Schulmeister“ erhielt 7 Gulden aus der Kirchenkasse, hatte aber auch noch anderes Einkommen)

Hochzeitleute müssen generell einen Betrag an die Hohe Landesschule zahlen. Wenn allerdings ein Ehepartner lutherisch ist, geht die Hälfte an die lutherische Kirche. Der Schulmeister muß am Hochzeitstisch das Geld einsammeln.

Eine Haustaufe wird 1676 erstmals erwähnt. Die Haustaufen müssen extra bezahlt werden.

Außerdem muß auch noch etwas für die Hohe Landesschule gegeben werden.

 

Im Jahre 1803 werden einige Gemeinden von den Zahlungen an die Hohe Landesschule entlastet, aber Hochstadt muß noch zwei Gulden zahlen. Die Zahlungen werden 1820 eingestellt, aber 1822 bekommt die „Hola“ wieder vier Gulden.

 

Die Hohe Landesschule ist Versammlungsort bei der sogenannten „Hanauer Union“, der Vereinigung der reformierten und lutherischen Kirchengemeinden im Hanauer Gebiet. Am 28. Mai 1818 zieht die Versammlung vom reformierten Konsistorium neben dem Neustädter Rathaus zur Aula der Hohen Landesschule, wo die Vertreter der beiden Konsistorien schon anwesend sind. Die Kirchliche Vereinigung wird beschlossen. Freudentränen fließen bei den Pfarrern der nun vereinigten Kirchen. Am 1. Juni wird die Synode geschlossen. Der Landesfürst bestätigt die Vereinigung am 4. Juli 1818.

 

Ein Schüler der Hola ist auch Horst Bingel: Sein Vater lehrt später an der Brüder-Grimm-Schule und zieht dann ganz nach Hanau. Horst Bingel besucht die Hohe Landesschule in Hanau bis zur mittleren Reife. Danach macht er eine Lehre im Verlagsbuchhandel. An der Zeichenakademie studiert er zwei Jahre Malerei und Bildhauerei. Nebenbei schreibt er Gedichte. Es erscheint „Der kleine Napoleon“. Gleich nach der Schule wird Horst Bingel Schriftsteller. Sein Äußeres macht ihn im Dorf zum Außenseiter: Die Haare gehen „bis zum Hintern“, wie er selber bei einem späteren Besuch in Hochstadt sagt. Auf der Fahrrad oder zu Fuß ist er immer in Schlappen unterwegs. Auch am späten Nachmittag kann man ihn noch im Morgenrock über die Straße gehen sehen.

 

 

Die Hohe Landesschule:

Universitäten und Schulen sind von jeher geistige Mittelpunkte im Leben einer Stadt gewesen. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es in Deutschland Universitäten. Nach der Reformation bemühten sich die protestantischen Landesfürsten, durch die Errichtung von neuen Landesuniversitäten dem wissenschaftlichen und kulturellen Leben neuen Auftrieb zu geben. Im heutigen Hessen war es neben der Universität Marburg im 16. Jahrhundert besonders die Hohe Schule in Herborn, die Studenten aus allen reformierten Ländern anzog.

Unter den Schülern der Herborner Schule war auch der junge Graf Philipp Ludwig II. Nach dem Vorbild von Herborn wollte er in Hanau eine Schule errichten. Schon im Frühjahr 1612 hatte man mit den Bauarbeiten am Gymnasium, das eine großangelegte Bildungsstätte werden sollte, begonnen. Als Bauplatz war der Baugrund über dem ehemaligen Stadtgraben vor der Stadtmauer am Ende der Judengasse bestimmt worden, an der heute nicht mehr bestehenden Schirnstraße.

Doch der Graf starb im Jahre 1612, wenige Wochen nach der Grundsteinlegung zu einem neuen Schulgebäude. Der frühe Tod des kunstsinnigen und humanistisch denkenden Grafen Philipp Ludwig II., des „Gründers der Neustadt“, unterbrach den kaum begonnenen Bau. Das Kellergeschoß und das Sockelgesims des Unterbaues waren allein fertig geworden. Der Sockel des Gymnasiums zeigte schwere Rustika-Gliederung.

Der Dreißigjährige Krieg verhinderte einen Ausbau der Schule; bei der Einweihung der „neuen Akademie“ im Jahre 1623 bestand der Lehrkörper aus vier „Professoren“. Erst unter Friedrich Kasimir von Hanau-Lichtenberg fand der Schulbau endlich seine Vollendung. Am 28. August 1663 wurde der Baumeister Rumpf mit der Herstellung eines Risses beauftragt. Quader- und Mauersteine, „120 Riegen bretter und 95 böden allerley Gattung Holz“ kamen den Main herunter.

Das Gymnasium war ein dreigeschossiger, hoher Bruchsteinbau. Der Eindruck des gewaltigen Gebäudes war bestimmt durch die harmonischen Proportionen, die klare Gliederung und die großen Fenster. Das steile Schieferdach mit einem Dachreiter und einer volutenverzierten Gaube nach Süden gab dem Steinbau einen architektonischen Akzent.

Den künstlerischen Hauptschmuck des Baues bildete das an der Hofseite gelegene Sandsteinportal. Das in seinem strengen Aufbau altertümlich wirkende Renaissanceportal (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 438) schuf der Steinmetzmeister Caspar Klunzig, der seinen Namen am Hauptgesims uns überliefert hat. Neben den Wappen in der Portal-Bekrönung unter dem Sprenggiebel steht die Jahreszahl 1665. Auch an diesem Portal finden wir die für die Neustadthäuser so charakteristischen Obelisken. Die Ornamentik um die Schrifttafel und die Wappenbekrönung zeigt Rollwerk, geht aber schon zum Ohrmuschelstil über. Besonders die Fratze als Schlußstein über dem Eingang ist typisch für die Zeit um 1660.

Der Herborner Professor Ganterswiler erhielt 1664 seine Bestallung als Professor der Theologie und Philosophie. Zeitweise waren nun an der Schule  alle vier Fakultäten mit Professoren besetzt. Heidelberg und Marburg sollten mit ihren Statuten als Vorbild zur Errichtung einer Universität dienen. Doch der Plan des Grafen Friedrich Kasimir, beim Kaiser ein Universitätsprivilegium zu erwirken, scheiterte durch allerlei Intrigen. Das Gebäude war im Jahre 1664 fertig. Die Inauguration der „Hohen Landesschule“, wie die Anstalt nunmehr genannt wurde, fand am 21. Februar 1665 statt.

Die Versuche, in Hanau eine Hochschule oder gar eine Universität zu errichten, gehen neben der Tradition der gräflichen Lateinschule her, die seit dem Jahre 1538 bestand und deren Geschichte man in ununterbrochener Linie bis zur heutigen staatlichen „Hohen Landesschule“ verfolgen kann. Beide geschichtliche Überlieferungen vereinen sich in dem Begriff „Hohe Landesschule“. Seit dem Jahre 1671 waren an der „Hohen Schule“ die Einkünfte der Professoren von denen der Lehrer an der „Trivialschule“ getrennt. Beide Teile der Schule, das „obere Gymnasium“ und das „Pädagogium“ bestanden von nun an nebeneinander bis zum Jahre 1812.

Das Gebäude war schon 1912 durch einen Brand beschädigt worden. Das Dach brannte ab und wurde durch ein Notdach ersetzt. Die schweren Mauern des Gymnasiums überstanden auch gut den Zweiten Weltkrieg. Das Innere war allerdings ausgebrannt, das Portal blieb unbeschädigt erhalten. Erst im Jahre 1954 zerstörte man das Gebäude, indem man die noch festen Umfassungsmauern mit großer Mühe abriß.

Ein kostbares Stück zur Hanauer Kunstgeschichte und ein wichtiges Dokument zur Geschichte der Schule aber hatte sich an der Rückwand erhalten: Es ist das kunstvolle Portal mit den flankierenden Säulen und Obelisken, mit den beiden Wappen und der Inschrift, die von der Existenz der alten Schule kündet. Es wurde vor der Beseitigung der Ruine ausgebrochen und wurde an der neuen Schule am Alten Rückinger Weg eingebaut (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 147 und 438)( Gerhard Bott in: Hanau Stadt und Land, herausgegeben vom Hanauer Geschichtsverein 1954, Seite 437-438).

 

 

Altstadt

„Hier war einmal ...“ lautet der Standardsatz, den Karin Schmidt bei ihren Führungen häufig verwendet. Denn oft erinnern nur noch Gedenksteine oder Hinweisschilder an einstmals prächtige Bauten, die allesamt der Bombardierung zum Ende des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fielen. Ganze sieben Häuser im alten Ortskern blieben damals verschont.

 

Burg

Die Burg war vermutlich in der Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden. Die erste ausdrückliche Erwähnung des „Castrum Hagenowe“ fällt in das Jahr 1234. Die 1234 erstmals notierte Burg (Hag) auf der Au gab Hanau den Namen. Leider läßt sich für Hanau das Bild der alten Wasserburg nur noch aus Plänen und Ansichten und mit Hilfe archivalischer Nachrichten rekonstruieren. Die Stadtansicht von Dilich aus dem Jahre 1605 zeigt noch den alten Turmabschluß mit dem Zinnenkranz, dem zurückgesetzten Turmaufsatz mit Zinnen und einem Kegeldach. Die Kernburg hatte die charakteristische Gestalt einer mittelalterlichen Talburg. Sie hatte hohe, um einen kleinen Innenhof mit dem Bergfried sich erhebende Wohngebäude. Umgeben war die Anlage von einem Wassergraben.  (Abbildungen in: Hanau Stadt und Land, Seite 98, älteste Ansicht der Stadt von 1595, und Seite 139,  Plan von 1773).

Wesentlicher Bestandteil der Burg war der sechseckige Bergfried. Nach der „Hanau - Münzenbergischen Landesbeschreibung von 1720“ trug „ein alter Turm“ die Jahreszahl 1375.

An der Nordostecke stand der wehrhafte, dicke Archiv- oder Taubenturm, ein kleinerer zinnenbewehrter Turm war nach Osten hin vorgelegt; die Burgkapelle lag im Erdgeschoß, die Wohnräume im ersten Stock.

Schon vom 14. bis ins 16. Jahrhundert hatte die Burg manche Umbauten erfahren. So wurden 1515 Umbauten und Vergrößerungen vorgenommen. Eine Vorburg mit großem Hof legte sich um den alten Kern. Die ganze Anlage wurde durch eine starke Mauer gesichert und mit der Stadtbefestigung verbunden.

Die Burg Hanau war wahrscheinlich aus Buckelquadern erbaut. Sie war genau so von Wasserarmen und Gräben umgeben wie die Burg in Niederdorfelden und die Burgen in Gelnhausen und Büdingen. Ihr ursprüngliches Bild müssen wir uns ähnlich vorstellen wie das der Burg in Büdingen, die in ihrer Gesamtanlage trotz aller Umbauten noch durchaus „romanisch“ ist.

Graf Philipp Ludwig II. wollte zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus der kleinen mittelalterlichen Burg ein Renaissanceschloß machen. Aus dem Plan wurde durch den frühen Tod des Grafen (1612) nicht viel. Der Turm wurde umgebaut und ein „Erkerbau“ mit einem Renaissanceportal errichtet.

Kurz darauf wurde der Turm umgebaut: Er erhielt jetzt über den Steingeschossen einen Aufbau, der sich in drei schieferverkleideten Holzgeschossen bis zur abschließenden Haube verjüngte (siehe Abbildung Seite 130). Vorbild für diese „welsche Haube“ war offenbar der Turmabschluß der Marienkirche, der nach einer Inschrift am oberen Steingeschoß vermutlich aus dem Jahre 1568 stammt. Auch die Johanniskirche erhielt 1679-1691 einen ähnlichen hölzernen Turmaufbau. Die drei gleichartigen Turmabschlüsse gaben der Altstadt ihre charakteristische Silhouette.

Kurfürst Wilhelm II. ließ den ganzen Komplex der mittelalterlichen Burg im Jahre 1829 abreißen. Eine Ansicht des Hanauer Schlosses vom Jahre 1693 findet sich in: Hanau Stadt und Land,  Seite 130. Heute steht von allen abgebildeten Gebäuden nur noch das Regierungsgebäude (E, mit Storchennest links oben, heute Stadtbibliothek) und der Wasserturm (D, daneben).

 

Befestigung:

Die erste Abbildung Hanaus mit der Neustadt (aus W. Dilich, Hessische Chronika, 1605, in: Hanau Stadt und Land, Seite 126 und 139) zeigt ganz rechts das Schloß mit dem alten Bergfried, dann die Altstadt mit Marienkirche, Rathaus von 1537/38 und den Tortürmen; davor die Neustadt mit den sternförmig vorgeschobenen Wällen. Die Niederländisch-Wallonische Kirche hat noch kein Dach (ähnlich wie heute stehen also nur die Umfassungsmauern). Hinter der Spitze des Walles links mit dem spitzen Türmchen die Kinzdorfkirche; dahinter Kesselstadt mit Kirche und Schlößchen (ganz links).

Die Stadt Hanau wurde mit einem Mauerring und starken Wehrtürmen umgeben. Windecken erhielt um dieselbe Zeit eine Stadtmauer. Ebenso stammen auch die Mauerringe um mehrere hanauische Dörfer vermutlich aus dem Beginn des 14. Jahrhunderts. Diese erste Stadtmauer Hanaus ist noch an einigen Stellen erhalten. Am schönsten südlich der Johanneskirche in der Schlendergasse, dann im Innenhof eines Wohnblocks der Großen Dechaneigasse (zwischen Metzgergasse und Dechaneigasse?), weiter in einem Seitengäßchen östlich der Marktstraße und schließlich mit einem Turmstumpf am Knick der Nordstraße, der alten Judengasse. Hier befindet sich auch der Gedenkstein für die im November 1938 zerstörte alte Hanauer Synagoge. Ein etwa 200 Meter langes Stück mit zwei Mauertürmen wurde 1950 beim Bau von Wohnblöcken abgebrochen. Außer den beiden befestigten Tortürmen hatte die Stadtmauer in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens eine Anzahl (wahrscheinlich acht) Wart- oder Wehrtürme, deren stärkster der „Hexenturm“ war, von dem heute noch ein Stumpf im Knick der Nordstraße steht.

 

Das Walltor oder das Rote Tor östlich des Schlosses wurde im Jahre 1535 angelegt und erst 1615 fertiggestellt.

Das Kinzdorfer Tor befand sich im Süden der Stadt vor dem Ausgang der Marktstraße, da, wo vor der Zerstörung im zweiten Weltkrieg das Gasthaus „Zur Sonne“ stand. Es war ein viereckiger, aus der Mauer heraustretender Torturm mit gewölbter Durchfahrt und mit Pförtnerwohnung und Bürgergefängnis im oberen Teil. Der Turm ist im Sommer 1769 beseitigt worden.

Das Fundament für das Kanaltor wurde 1609 gelegt, der Bau erst 1617 vollendet. Als man 1829 bis 1831 ein neues Schlachthaus errichtete, wurden auch am Kanaltor zwei größere Wachthäuser gebaut, die leider in der Nachkriegszeit entfernt wurden, da sie stark beschädigt waren.

Mit dem Bau der Steinheimer Pforte wurde bereits im Jahre 1600 begonnen. Im Jahre 1601 war der Torturm fertiggestellt und mit Glocke versehen. Der Dreißigjährige Krieg war die Veranlassung dazu, daß das Steinheimer Tor 1619 geschlossen wurde. Es blieb gesperrt bis 1776. Im Jahre 1827 erhielt es ein eisernes Gittertor, das Tor wurde abgerissen..

In diesen Jahren wurden die bis dahin hölzernen Brücken durchweg durch steinerne ersetzt, die wesentlich kleiner waren, da der Wallgraben im Laufe der Zeit auf einen schmalen Wassergraben zusammengedrängt worden war.

Das Nürnberger Tor wurde in den Jahren 1600 bis 1605 erbaut. Bereits 1604 war die Brücke über den Wallgraben fertiggestellt. Das Jahr 1614 brachte Hochwasser und zerstörte die Brücke und auch den Torbau, die in den Jahren 1615 und 1616 wieder neuhergerichtet werden mußten. Im Jahre 1820 wurde an dem Nürnberger Tor eine neue Toranlage mit zwei Wachthäuschen und einem schönen Gittertor angelegt wurde. In dem einen Wachthäuschen (Accisehäuschen) war zuletzt das Ehrenmal untergebracht. Das Nürnberger Tor wurde nach 1821 abgerissen (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 358).

 Nach der Schleifung der Festungswerke errichtete man an den Ausfallstraßen Torhäuschen, von denen das eine Wachhäuschen vom Nürnberger Tor (zuletzt Ehrenmal) noch in seinen Umfassungsmauern und dem Säulenvorbau erhalten ist

In dem torlosen Winkel zwischen dem Steinheimer und dem Nürnberger Befestigungswerk, dem sogenannten „Hünnerloch“, stand eine kleine Mittelbastion.

Alle Tore sowohl der Altstadt als auch der Neustadt mit Ausnahme des Frankfurter Tore sind im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen niedergelegt worden. Nur Straßenbezeichnungen wie „Vor dem Kanaltor“ und „Mühltorweg“ erinnern noch an alte Tore.

Das Mühltor, erbaut nach 1609, wurde mit Kriegsbeginn ebenfalls geschlossen. Der Durchgang wurde erst nach mehr als zwei Jahrhunderten (1852) als Passage wieder geöffnet.

Infolge des Erweiterungsbedürfnisses der Stadt und vor allem auch der Notwendigkeit, durch modernste Befestigungsanlagen Stadt und Bürger in Kriegszeiten besser schützen zu können, wurden neue Befestigungswerke nach dem Basteisystem am Anfang des 16. Jahrhunderts erbaut und damit auch weitere Tore. Es entstand die erste Vorstadt. Den Abschluß der alten Vorstadtzone oder - wie sie später hieß - Spitalzone, bildete das 1528 entstandene Spitaltor, ein viereckiger Torturm mit gewölbter Durchfahrt. In den Jahren 1816 und 1817 wurde es als verkehrshemmend abgerissen. Im Jahre 1531 entstand das Neue Tor (am nördlichen Vordereck des heutigen Behördenhauses), auch Schützentor genannt, mit dem daran gebauten Schützenhaus.

Das Metzgertor wurde auch „Katzenturm“ genannt. Es befand sich an dem westlichen Ausgang der Metzgergasse. In dem runden Türmchen des Tores hing das Armesünderglöckchen. Im Jahre 1510 erhielt das Tor eine „Uhr mit Zeiger“. Abgebrochen wurde das Metzgertor im Jahre 1771 auf Befehl des Erbprinzen Wilhelm, des späteren Landgrafen Wilhelm IX. Der alte Margarethenturm der Kinzigbrücke wurde 1829 abgerissen,

Auf Befehl Napoleons wurden die Festungswerke im Winter 1806/07 niedergelegt. Damit verschwanden das Nürnberger Tor, das Mühltor und das sogenannte Haustor oder Walltor.

Alle anderen Tore sowohl der Altstadt als auch der Neustadt sind im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen niedergelegt worden (Zeichnungen der Tore in: Hanau Stadt und Land, Seite 356).

 

Stadtschloß

Von der Gebäudegruppe des Hanauer Stadtschlosses sind nur noch die Stadthalle und das Regierungsgebäude erhalten. An der Stelle des Schlosses stand die ehemalige Wasserburg der Herren von Hanau, „die Keimzelle Hanaus“, die im Jahre 1143 schon bestanden haben muß.. Aber durch chronodendrologische Gutachten wird man nach den Grabungen im Jahr 2001 auf eine Dekade genau sagen können, wann die Eichen geschlagen worden sind, deren Stämme zur Gründung der Wasserburg beziehungsweise Schloßanlagen in den Boden getrieben und gitterartig aufgelegt worden waren (die Stelle der Burg liegt aber außerhalb des Aktionsfeldes der Grabungen).

Vor die alte mittelalterliche Burg wurde ein stattliches Barockschloß mit hohen Räumen und langen Zimmerfluchten gelegt. Dicht neben der Altstadt Hanau wuchs so eine kleine barocke Residenz empor. Schon während der Arbeiten zum Marstall ließ 1713 Graf Johann Reinhard III. (der Bruder Philipp Reinhards) mit der Errichtung des Nordflügels des neuen Stadtschlosses, des sogenannten Fürstenbaues anfangen.

Im Jahre 1713-1714 wurde großenteils auf dem zugeschütteten Burggraben mit dem Bau des Nordflügels des Schlosses, dem sogenannten Fürstenbau (?) begonnen. Als breite Durchfahrt wurde das prächtige Hauptportal zur damals noch bestehenden Wasserburg erbaut. Dicht dahinter schlossen sich die beiden langen Flügel im flachen Winkel nach innen an. Der dreistöckige mit einem Mansardendach abgeschlossene Bau stellte sich in betonter Schlichtheit dar. Das Hanauer Stadtschloß war künstlerisch kein sehr wertvoller Bau, weder im Grundriß noch in der Ansicht bot sich Bemerkenswertes. Der Speisesaal mit einer mächtigen Holztonne wurde im Jahre 1721 vollendet; der Saal wurde unter Kurfürst Wilhelm II. in zierlichen Formen des späten Empirestiles ausgemalt.

Auf dem Gelände des Fürstenbaues wurde in den 60er Jahren das Bürgerhaus errichtet. Bei den Bauarbeiten im Jahr 2001 wurden parallel zur Heinrich- Bott-Straße die Grundmauern des nordwestlichen linken Flügels freigelegt (zudem wesentlich ältere Reste einer Brücke über den Burggraben). Pflaster kam zum Vorschein: Der Fußboden des Erdgeschosses des Stadtschlosses in der äußersten nordwestlichen Ecke. Man erhofft sich aber auch Aufschlüsse zur Geschichte von zwei deutlich älteren Gebäuden. Sie standen separat, wie auf Darstellungen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts zu sehen ist. Beide Häuser wurden dann aber Anfang des 18. Jahrhunderts abgebrochen, um Platz für das Stadtschloß zu schaffen.

 

Auch der Erweiterungsbau des Schlosses, des sogenannten Friedrichsbaues der im Jahre 1763 (also schon in landgräflich-hessischer Zeit) ausgeführt wurde, brachte keine neuen Momente in die Schloßanlage. Er war genau so schlicht und bescheiden wie der Nordflügel des Schlosses. Im Inneren dieses Südflügels waren einige Zimmer in sehr geschmackvollen Rokokoformen ausgeschmückt. Der Stuck und die Holzverkleidung eines Saales und zweier Zimmer hatten sich erhalten. Die künstlerische Qualität des Stuckes war gut, die Formen standen der leichten und beschwingten Manier des Johann August Nahl nahe.

Bei der Renovierung des Schlosses im Jahre 1829 wurden auch mehrere Zimmer im gleichen Stil ausgeschmückt. Diese Ausstattung hatte große Ähnlichkeit mit Schmuckformen in Schloß Adolfseck bei Fulda, das ebenfalls unter Kurfürst Wilhelm II. von Hessen 1825-1827 im Inneren ausgebaut wurde. Kurfürst Wilhelm ließ in den Jahren 1829 und 1830 auch die Reste der romanischen Burg Hanau abreißen, weil er plante, an dieser Stelle ein neues Schloß zu errichten.

Das Stadtschloß wurde 1866 der gräflichen Linie Hessen-Philippsthal überlassen und ging 1890 in das Besitztum der Stadt Hanau über. Am 6. Januar 1945 brannten die Schloßbauten aus. Das Stadtschloß wurde 1960 abgerissen. Die Fläche blieb zum Teil unbebaut und wurde ein Teil des Schloßgartens. An der Stelle des Friedrichsbaues entstand die Karl-Rehbein- Schule.

Bilder in: Hanau Stadt und Land:

Stadtschloß vom Schloßgarten aus vor der Zerstörung am 6. Januar 1945, Seite 149

Stuckdekoration im Stadtschloß in Hanau, nach 1763, zerstört, Seite 150.

Stadthalle, Seite 172

 

Regierungsgebäude:

Ehe man aber an den Bau eines Schlosses gehen konnte, wurden erst einmal die Nutzbauten errichtet. Das Regierungsgebäude war das erste große Barockgebäude in Hanau. Philipp Reinhard erbaute dieses Gebäude für Konsistorien, Kanzlei und Ratsstube. Das Erdgeschoß sollte als „Marstall, Kutschen- und Reithaus“ dienen. Die Risse wurden im August 1685 von dem gräflichen Baumeister Johann Philipp Dreyeicher (Architekt beim Neubau der Südfassade der Johanniskirche) und dem Zeugwart Heuringer gemacht.

Ein schönes Sandsteinportal mit dem Doppelwappen Philipp Reinhards und seiner Gemahlin Magdalena Claudina von Pfalz-Zweibrücken bezeichnet mit dem am Kranzgesims eingehauenen Datum 1691 die Vollendung des Baues (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 439). Durch das stattliche Portal gelangt man zur barocken Treppe des Baues. Dieser erste Bau des Regierungsgebäudes hatte noch nicht so viele Fensterachsen wie heute. Auf der Ansicht des Stadtschlosses aus dem Jahre 1693 sehen wir nur zwei Fensterachsen links und drei Achsen rechts vom Portal.

Das Haus wurde nach 1691 auf beiden Seiten erweitert, auf der Rückseite des Gebäudes erkennen wir heute noch eine Baunaht. Eine Jahreszahl über einem rückwärtigen Eingang des Anbaues neben dem „Wasserturm“, dem alten Wehrturm der Stadtmauer an der Marienstraße, gibt uns das Datum des Erweiterungsbaues an: 1700. Das Regierungsgebäude, heute Kulturhaus, trug nach seiner Erbauung ein einfaches Satteldach. Erst später setzte man ihm ein Mansarddach auf, das nach dem Brand der Stadt im Jahre 1945 wieder durch das „stilreinere“ Satteldach ersetzt wurde.

Das breit gelagerte Gebäude am Schloßplatz ist, wie fast alle Hanauer alten Bauten, aus Basalt gebaut. Man brach diese haltbaren Bausteine in den Steinbrüchen bei Wilhelmsbad, die der Herrschaft gehörten. Die Architekturteile des Regierungsgebäudes sind aus rotem Mainsandstein. Die Rahmungen der Fenster, die steinernen Fensterpfosten und das schöne Portal heben sich gliedernd und schmückend von dem Bruchsteinmauerwerk ab.

Als Kulturzentrum war das Haus Stätte naturwissenschaftlicher Arbeiten: Das Ende des 18. Jahrhunderts brachte für die kleine Residenz Hanau eine kulturelle Blüte. Die absolutistischen Fürsten des Barock und Rokoko waren großzügige Förderer aller kulturellen Bestrebungen. Die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, seit der Renaissance in den Vordergrund des wissenschaftlichen Forschens getreten, brachte auch in Hanau an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert gleichgesinnte Menschen zusammen. Die Vorliebe des Barock, Gegenstände kurioser Art zu sammeln und in Raritätenkabinetten aufzubewahren, war einer systematischen wissenschaftlichen Methode beim Sammeln von naturwissenschaftlichen Gegenständen gewichen.

Einer der führenden Naturwissenschaftler in Hanau war der Mineraloge Carl Caesar Leonhard. Er besaß eine große Mineraliensammlung, und seine Veröffentlichungen brachten ihn bald mit Goethe, der ja auch als Naturwissenschaftler Bedeutendes geleistet hat, in Berührung. Leonhard und andere Naturforscher gründeten in Hanau, mitten in den Kriegswirren unter französischer Herrschaft, im Jahre 1808 eine wissenschaftliche Vereinigung, die „Wetterauische Gesellschaft für die gesamte Naturkunde“. Die Gesellschaft bildete lange Zeit eine Pflegestätte und einen Sammelpunkt für die naturwissenschaftlichen Bestrebungen eines großen Teiles von Mittel- und Süddeutschland. Sie wurde das Vorbild für die berühmte Senckenbergische Gesellschaft in Frankfurt. Goethe erhielt als einer der ersten ein Diplom als Ehrenmitglied der „Wetterauischen Gesellschaft“; er kam mit fast allen führenden Männern und tätigen Mitarbeitern der Vereinigung in Berührung.

Aus den Sammlungen der Mitglieder und durch eine systematische Ergänzung der Bestände hatte die Gesellschaft in Hanau ein bedeutendes naturwissenschaftliches Museum eingerichtet. Die Sammlungen waren zuletzt in dem ehemaligen Regierungsgebäude der gräflich-hanauischen Verwaltung am Schloßplatz aufgestellt. Leider sind die Bestände dem Krieg zum Opfer gefallen. Die Gesellschaft aber ist bemüht, die Tradition ihrer Arbeit weiter leben zu lassen.

Das alte Regierungsgebäude wurde zeitweise als „Kulturhaus“ bezeichnet und beherbergt heute die Stadtbibliothek, das Stadtarchiv und die Räume des Geschichtsvereins und der Wetterauischen Gesellschaft (die reichhaltige Bibliothek der „Wetterauischen Gesellschaft“, vorwiegend naturwissenschaftliche Schriften des 18. und 19. Jahrhunderts, ist gerettet und nimmt die Hälfte der unteren Räume des Gebäudes ein).

Hinter dem Regierungsgebäude liegt der Fronhof mit dem Polizeigefängnis (andere Überlieferung: im Turm ein Adelsgefängnis). Rechts davon das Denkmal Winters von Güldenborn, der 1638 die Stadt aus den Händen der Schweden befreite. Der an das Regierungsgebäude angelehnte Wasserturm war einst die Überleitung von der Burgbefestigung zur Stadtmauer der Altstadt.

 

Marstall (Stadthalle):

Der Bruder Philipp Reinhards, Johann Reinhard III., vollendete im Jahre 1713 den bereits 1712 begonnenen Neubau des Marstalles, der heutigen Stadthalle. Der schlichte, wohlproportionierte Bau mit Mansarddach hat am Portal zur ehemaligen Reithalle zwei relifierte Pilaster.

Das beachtliche große Portal der Südseite zeigt das gräfliche Wappen und seitlich gute Reliefs von allerlei Reit-Utensilien und Stallgeräten. Das Hanauer Gesamtwappen aus der Lichtenberger Zeit besteht in der oberen Reihe aus den Hanauer Sparren, den Rienecker Balken und dem roten Zweibrücker Löwen in goldenem Feld, in der unteren Reihe aus dem geteilten Münzenberger Schild, dem schwarzen Lichtenberger Löwen im rot eingefaßten silbernen Schild und den silbernen Ochsensteiner Balken in rotem Feld. Der Herzschild zeigt das goldumrandete rote Bitscher Wappen.

Die früheren Herrscher von Hanau arrangierten viele reiche Hochzeiten, um das eigene Salär aufzubessern. Auf diese Weise kamen sie auch zu ihrem heutigen Wappentier: der Schwan. Der gehörte eigentlich den Münzenbergern und wurde durch eine solche Heirat erworben.

Ansonsten hatten die Hanauer Grafen lediglich ihre - recht langweiligen - roten Sparren auf goldenem Grund als Enblem aufzuweisen. Schwan und Sparren thronen auf dem Giebelportal des ehemaligen Marstalls - heute Stadthalle und zukünftiges Kongreßzentrum. 

Vom Schloß ist nur noch der riesige Pferdestall übrig geblieben ist. Auf dem Seitenportal aus Sandstein sind noch die Utensilien zu sehen, die zur Pflege der Rösser benötigt wurden. Nur den Tränkeimer hatte der Bildhauer vergessen. Daß sich der Baumeister umgebracht haben soll, als man diesen Fauxpas bemerkte, ist allerdings Legende.

In den Jahren 1926-1928 wurde der Marstall unter Oberbürgermeister Kurt Blaum zur Stadthalle umgebaut. Heute ist sie Stätte der kulturellen Veranstaltungen, der Kongresse und im Winter der Bälle.

Neue und mm Teil unerwartete Funde legten Archäologen im Jahr 2001 vor und in der Stadthalle frei. An der Wand des ungefähr zwei Meter tiefen Grabens reicht der geschichtliche Blick bis in das 13. Jahrhundert zurück, angefangen bei den Sanddünen des Kinzig-Deltas, auf denen die frühe Siedlung gegründet wurde.

Einen halben Meter höher erstreckt sich eine ziegelrote Erdschicht, ein Brandhorizont, den man auf das 14. Jahrhundert datiert. Wenn Fachwerkhäuser brannten wird die Lehmfüllung zwischen dem Gebälk zu Ziegelstein. Offensichtlich fielen damals mehrere Häuser den Flammen zum Opfer, ein möglicher geschichtlicher Hintergrund ergibt sich mit der Jahreszahl 1348. Seinerzeit soll der Burgherr die Bürger zu einem Pogrom gegen die Hanauer Juden angestachelt haben, weil diese angeblich das Archiv angezündet haben sollen.

Den Verlauf der verschiedenen Erdschichten dokumentierte man mit hunderten weißen und numerierten Plastiklöffeln, um ihn dann zu zeichnen und zu fotografieren - ebenso wie die Mauerreste kurz vor dem Orchestergraben, die von der Stärke her auf die rund 400 Jahre alten Reste einer Zeugkammer schließen lassen. Aus dem gleichen Jahrhundert datiert man die zwei Erdkeller an der Außenwand, auf denen Fachwerkbauten standen. Vermutlich wurden die Keller, deren Wandung möglicherweise aus Holz und Weidengeflecht bestand, noch in jener Zeit mit Erde und Bauschutt gefüllt. Ob dies geschah, weil das Grundwasser zu oft im Vorratsraum stand, bleibt Spekulation. Möglicherweise wohnten Bedienste des Burgherren, etwa Waffenträger, in den Häusern. Grünlasierte Kacheln (von einem Ofen?) zeugen jedenfalls davon, das dort keine armen Leute lebten.

Der größte Fund ist ein mehrere Meter langer, fast unversehrter Abschnitt einer gepflasterter Straße aus dem 17. Jahrhundert. Sie hat den Querschnitt einer zur Mitte zulaufenden Rinne hat, in der das Regenwasser abfließen konnte. Erhalten ist auch die dicht darunter liegende Straße, die die Archäologen gut 200 Jahre älter schätzen.

Was tragbar ist, wie die Scherben oder die mittelfingerlange Eisenspitze eines Großarmbrustpfeils, wird nach der Dokumentation abgeräumt. Leider wurde auch die Brücke über den Schloßgraben beseitigt. Das einmalige Bauwerk aber an Ort und Stelle zulassen, das hätte in der Tiefgarage sechs Stellplätze gekostet und das sei für die Stadt nicht vertretbar gewesen.

 

Stadthalle

Ob die Dimensionen der Wandelhalle und das Zerschneiden des Reiterportals bereits in der Beratungsphase zu den Architektenplänen ersichtlich waren, kann Geibel heute nicht mehr nachvollziehen. „Wir haben dutzende Pläne in einer halben Stunde gezeigt bekommen“, erklärte er und räumte ein: „Wir sind ja alle nur Laien, da hätte man uns darauf hinweisen müssen“. Und so verkannte man, daß in der Vertikalen das Reiterportal von zwei Betonsäulen auf Höhe der reich mit kunstvollen Steinmetzarbeiten geschmückten Pilastern und in der Horizontalen von dem Boden des Obergeschosses verdeckt und zerschnitten wird. Die einstige Forderung des Geschichtsvereins Hanau an den Magistrat, die Stadtverordnetenversammlung und den Denkmalbeirat, das „kunstvoll gestalteten Sandsteinportal ( ... ) zu schützen und für zukünftige Generationen zu bewahren“, ist zwar gegeben, nur mit dem freien Blick auf die Marstallfassade ist es Essig.

Martin Hoppe, Vorsitzender des Geschichtsvereins, spricht von einem „bedauernswerten Zustand“, in dem sich das „prächtige Seitenportal“ befindet, das unter Graf Philipp Reinhard 1712 begonnen und unter seinem Bruder und Nachfolger Johann Reinhard III. 1713 vollendet wurde. An das Versprechen von Projektsteuerer Klaus Gramlich kann sich Hoppe noch gut erinnern. Das Portal solle schöner werden als vorher und der freie Blick solle ungetrübt bleiben. Das konnte auch Michael Maaser, stellvertretender Vorsitzender des Denkmalbeirates der FR bestätigen.

Aber das Südfoyer sei nun einmal politisch gewollt, erklärte er die Erfolglosigkeit der Einwände. Ob allein die Betonkonstruktion blickversperrend ist, bezweifelt man ebenso bei der Unteren Denkmalschutz Behörde. Je nach Lichteinfallswinkel könne man durchsehen oder nicht. Weil die Glasfassade aber zur Sonne zugewandten Seite liegt, sei davon auszugehen, daß man in den meisten Fallen nicht durchgucken kann.

Wenig Fingerspitzengefühl bei Umgang mit historischer Architektur wirft Hoppe indes dem Frankfurter Büro Braun & Schlockermann vor. Er kann nicht verstehen, warum etwa die Säulen direkt in Blickachse auf die Pilaster eingeplant und nicht 1,5 Meter weiter rechts oder links gesetzt wurden. „Nicht ganz glücklich mit dem Erscheinungsbild“ ist auch Caroline Krumm von der Landesdenkmalpflege in Wiesbaden. Eine gewisse „Ansichtigkeit der Fassade“ sei aber letztlich gegeben, gibt sie zu bedenken. Warum ihre Behörde, besetzt mit Fachleuten, nicht auf eine denkmalgerechtere Lösung drängte, entzieht sich der Kenntnis von Krumm.

Das war’s dann wohl mit dem Blick auf das prächtige Reiterportal, dem letzten Überrest, der auf den ursprünglichen Nutzen des Gebäudes verweist. Aber gibt es Grund, deshalb zu jammern?  Für die Kritiker, die an der Entscheidung beteiligt waren, eigentlich nicht, denn es war absehbar, was mit der Stadthalle geschieht.

Die Pläne und das Modell waren den beteiligten Gremien mehr oder weniger bekannt. In der entsprechenden Sitzung des Denkmalbeirates gab es eine mehrheitliche Zustimmung, obgleich offenbar einigen Mitgliedern des Gremiums nicht ganz wohl bei dem Gedanken an das Südfoyer war, das seine Planer als Pendant zum Nordfoyer und damit als architektonisch unabdingbar verkauften. Dem Denkmalbeirat die Schuld zuzuschieben, wäre grober Unfug. Alles Warnen hätte hier ohnehin wenig genützt. Außerdem: Hartnäckige Warner meierte Oberbürgermeisterin Margret Härtel (CDU) in der Vergangenheit persönlich ab, auch davon können Maaser und seine Mitstreiter ein Lied singen.

Die Landesdenkmalpflege hat die Pläne des Bauherrn abgesegnet, um die Nutzung des Hauses nicht zu gefährden. Ob diese allein vom Südfoyer abhing? Man wird sich auch fragen müssen, was aus den einfachen Mietshäusern vis-à-vis des Südfoyers wird, das den Straßenraum nicht nur optisch einengt. Werden die Baugesellschaftshäuser ersatzlos abgerissen? Vor Monaten hatte die OB bei einer Veranstaltung des Geschichtsvereins diese Möglichkeit immerhin in Erwägung gezogen. Damit stünde der CCH-Komplex dominant am Schloßplatz, die Stadthalle reduziert als stadtgeschichtliches Alibi, bis auf einen Fußbreit eng umklammert von einer Moderne, die von blanker Funktionalität getrieben ist. Das war’s dann wohl mit dem Blick auf dem Marstall, wird sich vielleicht mancher Betrachter sagen, wenn die Bauzäune und das 80.000 Euro teure Riesengemälde, mit dem die Baugesellschaft die Stadthallenstirnseite schamhaft verdeckt, gefallen sind. Aber nicht nur dann ist es für Korrekturen und Meckerei zu spät. Tröstlich: Zum Bessermachen bleibt den Hanauern immer noch das Hotel in spe neben dem Kongreßzentrum.

 

 

Schloßplatz

Im Wohnkarree Ecke Nordstraße/ Im Schloßhof  wurden im Jahr 2001 zwei der vier Wohnblocks abgerissen, die anderen zwei sollen saniert werden. Auf einem steht in riesigen rotbraunen Lettern: „Am 19. März 1945 niedergebrannt: Im Jahre 1951 wieder aufgebaut von der Baugesellschaft Hanau.“ Darunter prangt ein Wappen und eine stilisierte Stadtmauer mit Bastionen. Hier ist eine siedlungs- und kulturgeschichtlich bedeutsame Ecke. Beim Wiederaufbau wurde hier die ehemalige Wolfsgasse teilweise überbaut, teilweise mit Trümmerschutt überdeckt.

Zu Tage traten eher unbedeutende Funde: Bestecke aus den 20er Jahren, Löscheimer, verbrannte Bettfedern. Aber es fanden sich auch die Fundamente eines ehemals zum Schlossambiente gehörenden Barockgebäudes, dessen Keller offenbar im letzten Krieg auch als Luftschutzraum benutzt wurde (davon zeugen die noch sichtbaren Steigeisen). Hier stand eines der schönsten Gebäude im gesamten Stadtschloss-Ensemble:  Das barocke Witwen-Palais der Gräfin Anna Magdalena von Hanau, ein schlichter wie raffinierter, stattlich-behäbiger Bau mit Walmdach und Gauben. Der Bau war später der Sitz der Finanzkammer.

Neben den Barockfundamenten lag in etwa einem Meter Tiefe das historische Kopfsteinpflaster. Unter den Fundamenten fanden sich Gründungen in Form von Rahmen und Rosten, durchaus nicht nur aus Eichenholz, sondern teilweise auch aus Nadelhölzern. Und nicht nur auf senkrechten Pfosten, sondern auch auf Sand, wo die Gründungen nur aufgelegt wurden. Nicht nur die alte Wasserburg, sondern auch die ganze Altstadt war auf höchst unsicherem Grund errichtet worden - moorig, sandig, schlammig.

Noch interessanter war ein gemauerter historischen Abwasser-Kanal, der teilweise freigelegt und auch aufgebrochen wurde: Die letzten Verfüllungen stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die ältesten vom Anfang des 18. Jahrhunderts. Der Kanal liegt direkt neben einer Mauer, die von der Richtung und Struktur her die historische Stadtmauer sein könnte. Schräg durch den Innenhof verläuft nämlich die historische Stadtmauer (natürlich auch nur unterirdisch in Resten). Die eigentlich noch geplante Grabung zur Dokumentation der Stadtmauer ist unterblieben, weil damit eines der Häuser in der Louise- Schröder-Straße gefährdet worden wäre.

Es wurden auch ungewöhnlich gut erhaltene Skelette von Frauen, Männern und Kindern gefunden. Die Menschen sind nach den ersten Erkenntnissen der Archäologen in der ersten Hälfe des 17. Jahrhunderts gestorben und wurden ganz ordentlich begraben - obwohl es sich bei der Fundstelle durchaus nicht um einen ehemaligen Friedhof handelt, sondern um einen Teil des Zwingers, also eines Trockengrabens der historischen Wehranlage. Daß der Hanauer Stadtmauer einst ein Zwinger vorgelagert war, wußte man bisher nichts, denn auch Merian hat ihn in seinen Stichen nicht dargestellt.

Es handelt sich um Grablegungen in Holzsärgen, wie man aufgrund gefundener Nägel mit anhaftenden Holzresten weiß. Es wurden auch Metallhaken von standardisierten Totenhemden gefunden. Die Gräber werden wohl aus den Jahren 1635/36 stammen, als Hanau während des 30jährigen Krieges belagert wurde. Es gab ungewöhnlich viele Tote - und keinen Weg raus auf die Friedhöfe. Die Begräbnisstätte könnte früher ein Garten außerhalb der Stadtmauer gewesen sein. Die Gräber sind nebeneinander im rechten Winkel zur Mauer ausgerichtet, in drei hintereinander gestaffelten Reihen. Die Skelette sind so gut erhalten, weil sie unter einer dicken Kalkschicht lagen.

 

An der Südseite des Schloßplatzes befindet sich die Schule am Schloßplatz, früher Kaufmännische  Schule. Von dort geht man die Graf-Philipp-Ludwig-Straße (ehemals „Schloßstraße“) entlang in Richtung Altstädter Markt. Links geht es in die Steinstraße. Das Eckehaus links, Hausnummer 4, war das „das Edelsheimsche Palais“, weil das Fachwerkhaus um das Jahr 1680 von dem Hanauischen Geheimrat und Regierungspräsidenten Freiherrn Johann Georg von Edelsheim erbaut und von seinen Nachkommen bis 1820 bewohnt wurde. Nach der Steinstraße zu sieht man noch eine Sandsteinskulptur, der Oberkörper eines Mannes, der sich aus dem Haus zu lehnen scheint. Ein Männchen aus Sandstein mit übergroßen Ohren und dem Finger auf dem Mund stützte einst den gotischen Erker; eine Nachbildung schmückt das Haus in der Steingasse 8. Auch an anderen Gebäuden der Altstadt finden sich beim genaueren Hinsehen solche skurrilen Figürchen; sie wurden bei den Aufräumarbeiten nach dem Krieg aus den Trümmern geborgen.

An der Ostseite des Hauses schräg gegenüber ist erhalten ein Stein von 1550 und ein Stein mit der Inschrift „1992 Baugesellschaft Hanau“. In der Graf-Philipp-Ludwig-Straße Nummer 1 auf der rechten Seite sieht man eine Pfeiler, der noch halb aus der Wand herausragt.

Einige Häuser in der Altstadt Hanau um den Altstädter Markt und in den Hauptstraßen zeigten die gleichen Fachwerkstellungen und kündeten so von ihrem Alter. Die meisten anderen Fachwerkhäuser in der Hanauer Altstadt stammten aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert. Fachwerkhäuser in der Nähe des Rathauses, die mit ihren schmalbrüstigen Giebelfronten nach der Straße standen, ließen den Stilwandel, der im 16. Jahrhundert in Deutschland einsetzte, deutlich werden. Die Häuser der Renaissance zeigten mit ihrer Traufseite nach der Straße, die „Vertikale“ war der „Horizontalen“ gewichen.

 

Ein wie auch immer gestalteter Hotel-Neubau im Bereich des Schloßplatzes, Fronhofes und hinter dem heutigen Staatlichen Schulamt (Bottstraße) stelle einen erheblichen über- und unterirdischen Eingriff in unmittelbarer Nähe der „Keimzelle“ Hanaus dar, warnt Geschichtsvereinsvorsitzender Hoppe. Auch im Hinblick auf das 2003 anstehende Altstadtjubiläum sei auf eine behutsame Einbindung entstehender Neubauten in diesem historischen Umfeld zu achten.

Um seine mahnende Stellungnahme zum Hotelprojekt am Schloßplatz anschaulich zu machen, hat der Vorsitzende des Geschichtsvereins 1844 Hanau, Martin Hoppe, den Angeschriebenen Kopien von Plänen und Ansichten zukommen lassen, die sozusagen einen Blick durch die Jahrhunderte rückwärts ermöglichen.

„Die leider nur noch spärlich erhaltene historische Bausubstanz (ehemaliger Fruchtboden, Wasserturm, Regierungsgebäude) rund um den Fronhof als einen der städtischen Plätze gilt es zu sanieren, der Öffentlichkeit zugänglich zu erhalten und mit Leben zu füllen“, fordert der Vereins-Vorsitzende.

Durch den geplanten Abriß des so genannten Handwerkerhauses sowie das Anlegen von Kellern und einer dem Vernehmen nach zweigeschossigen Tiefgarage für ein Hotel würden wieder archäologische Untersuchungen nötig. Dazu weist Hoppe eindringlich darauf hin, „daß, sobald der Boden aufgenommen wird, mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit neben Stadtmauerresten, Grabensysteme, Straßenpflasterungen und Brunnen die Fundamente der Bücherthaler Rentnerei, der Hofküferei, des Fruchtbodens, von Remisen, Waschhaus und anderen Gebäuden zu Tage treten werden, die bis in das 14. Jahrhundert zurückreichen können“. Diese Funde müßten zeitlich angemessen archäologisch begleitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wenn es 2003 zur zeitlichen Überschneidung mit dem Altstadtjubiläum käme, könnte für die Öffentlichkeit eine „Archäologische Stadtbaustelle“ installiert werden.

Schließlich bietet Hoppe an, mit der Geschichtsvereins-Arbeitsgemeinschaft „Archäologische Denkmalpflege“ die Untersuchung des Altstadtquartiers zu übernehmen. „Diese Arbeiten würden ehrenamtlich, das heißt quasi kostenlos erfolgen“, verspricht Hoppe, es sei denn, es würden ABM-Kräfte eingestellt oder Zeitarbeitsverträge geschlossen. Durch den sich nun bereits wieder abzeichnenden Zeitdruck erscheint dem Verein aber eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung auf Vereinsbasis kaum noch möglich, so daß die Arbeiten wieder durch kommerzielle Profis erfolgen müßte. Deshalb fordert der Verein dazu auf, bei Planung und Ausschreibung des Hotelprojektes realistische Kosten für archäologische Untersuchungen in den Etat aufzunehmen.

 

Steingasse (die zweite Straße nördlich der Marienkirche): Das Haus Nummer 4 hieß früher „das Edelsheimsche Palais“, weil das Fachwerkhaus um das Jahr 1680 von dem Hanauischen Ge­heimrat und Regierungspräsidenten Freiherrn Johann Georg von Edelsheim erbaut und von seinen Nachkommen bis 1820 bewohnt wurde.

 

Johanniskirche:

Durch die Straße Johanniskirchhof kommt man Richtung Westen zur Johanniskirche. Der Grundstein der Johanneskirche wurde am 25. Mai 1658 unter Schirmherrschaft des Kurfürsten Johann Georg II. von Sachsen gelegt, der auch Namensgeber des Sakralbaus ist. Johann Georg kam 1658vom benachbarten Frankfurt, wo er sich anlässlich der Kaiserwahl Leopolds I. aufhielt. Er ließ sich zu einem Abstecher nach Hanau überreden, um der Grundsteinlegung beizuwohnen. In ganz Deutschland habe man damals für die Kirche gesammelt. Und obwohl der 30-jährige Krieg die Lande verheerte, reichten die Spenden zumindest für einen Anfang.

Der Kirchenbau entstand auf besonderes Betreiben des lutherischen Grafen Friedrich Kasimir von Hanau-Lichtenberg gegen den Protest der reformierten Körperschaften in der Stadt. In den Bau wurde die alte Stadtmauer einbezogen: Ihre Westseite wurde auf die überflüssig gewordene alte Stadtmauer aufgesetzt, eine im modernen Putz der Südfassade ausgesparte Stelle zeigt das Profil der Stadtmauer.

Am 17. Januar 1664 fand die Einweihung der Kirche statt. Als Planleger der Johanniskirche wird Johann Wilhelm aus Frankfurt genannt. Er stammte aus Betzenau im Bregenzer Wald und hatte 1621 in Frankfurt als Zimmermann Bürgerrechte erhalten, 1649 gab er ein Buch, „Architectura civilis“ betitelt, heraus. Bauten kennen wir sonst von ihm nicht.

Der Gründungsbau war eine schmale einschiffige Kirche mit einem Drei-Sechstel-Schluß. Die Fenster des ersten Baues, die sich auf der Ostseite und am Chorschluß noch erhalten haben, sind spitzbogig und schließen mit einfachem Maßwerk. Im Außenbau hatte also dieses Kirchlein durchaus noch den Charakter einer gotischen Kapelle. Ein kleiner Dachreiter saß über der einfachen Südwand. Die Portale waren in den klassischen Ordnungen der Renaissance vorgesetzt worden.

Nachdem sich der ursprünglich kleine Kirchturm nach 20 Jahren als zu schwach für einen Glockenturm erwies, wurde 1679 mit dem Bau eines neuen massiven Turms begonnen. Das 1691 vollendete Mauerwerk mit seiner kräftigen umlaufenden Sandsteingalerie als Krönung und dem dort befestigten Wasserspeier - kupferner Drachenkopf von kunstvoll geschmiedeter Stütze getragen - besteht heute noch.

Leider zerstörte schon der Umbau aus dem Jahre 1727 den einheitlichen und stilreinen Raumeindruck der Renaissancekirche. Die Westwand der Kirche wurde nach außen geschoben, die Sakristei angebaut und eine Herrschaftsloge mit kunstvollem Wappen und einem neuen Osteingang eingebaut. Den Umbau zur großen Saalkirche leitete vermutlich der Baumeister Hermann.

Während die Grafen von Hanau sich für ihr großes Lustschloß vor den Toren der Stadt auswärtige Baumeister und Stukkateure holten, konnte die kleineren Aufgaben der einheimische gräfliche Baudirektor erfüllen. In dem Baudirektor Christian Ludwig Hermann hatte das Grafenhaus einen vortrefflichen Baumeister gefunden. Nach dem „Dienerbuch“ des Hanauer Archivars Bernhard (Manuskript im Geschichtsvereins-Archiv) kam Hermann in den zwanziger Jahren als Baumeister aus Berlin nach Hanau; er wurde später Baudirektor und starb im Mai 1751 im Alter von 63 Jahren (demnach kann er beim Bau des Stadtschlosses 1712/15 nicht mitgewirkt haben).

Der hohe Turm vor der Kirche mit dem charakteristischen Balustergeländer als Abschluß wurde noch im 17. Jahrhundert mit einer neuen Südfassade vorgesetzt. Über dem dreistufigen Steinsockel saßen, nach oben schmäler werdend, drei Holzgeschosse auf, die eine welsche Haube trugen und so den Turmabschluß der Marienkirche und des Schloßturmes wiederholten. Vom Jahre 1679 bis 1691 wurde der Turm mit der barocken Doppelhaube nach den Plänen von Johann Philipp Dreyeicher erbaut. Der gräflichen Baumeister war auch Architekt des Regierungsgebäudes am Stadtschloß..

Der Bau der Johanniskirche brannte am 19. März 1945 aus. Die Kirche in weiten Teilen zerstört. Der Bausubstanz konnte der Brand nichts anhaben, die Außenmauern und der schwere Turmsockel blieben erhalten; die Mauern wurden erst 1955 eingerissen (Bild in Hanau Stadt und Land, Seite 155, Aufnahme vor 1945). Die Johannesgemeinde baute sich an der Frankfurter Landstraße ein neues Gotteshaus mit Campanile, das wegen seiner höchst eigenwilligen Form schon längst unter Denkmalschutz steht. In den Jahren 1955/56 wurde die Kirche als Gemeindehaus wieder aufgebaut. Der Geschichtsverein will mit anderen kulturtreibenden Vereinen, Organisationen, Verbänden, Privatpersonen und der evangelischen Kirche als Eigentümerin bis zum Altstadtjubiläum 2003 den Turmhelm der Alten Johanneskirche wieder errichten. Die Mitglieder des Geschichtsvereins setzen sich seit einiger Zeit dafür ein, dass der seit dem Krieg „amputierte“ Turm wieder seinen Helm bekommt.

Der Platz der Alten Johanneskirche liefert ein trauriges Bild. Rund um das frühere Gotteshaus, das heute Gemeindezentrum ist, drängen sich parkende Autos, nebenan steht ein hässlicher flacher Betonklotz, in dem die Sucht- und Drogenberatung untergebracht ist, zwischen beiden Gebäuden prangt eine tiefe tote Ecke.

Südlich des Turms der Johanniskirche kommt man in die Schlendergasse. Dort steht noch ein sehr schöner Rest der alten Stadtmauer. Dann kommt man in die Metzgergasse. Nach links geht es zum Altstädter Markt. Das Eckhaus links war das älteste Rathaus der Stadt Hanau.

 

 

Altstädter Markt:

Neben den kleinen Häuschen und Bauten der Altstadt nahmen die Häuser der Neustadt sich merkwürdig weit und prächtig aus. Man kann sich vorstellen, wie fremd den Bewohnern der Altstadt diese neue Stadt vorkam. Zwei Welten standen sich gegenüber.

 

Brunnen: Der Rat der Altstadt Hanau ließ im Jahre 1611 durch den Büdinger Bildhauer Konrad Büttner als Gegenstück zu den Neustädter Marktbrunnen auf dem kleinen Marktplatz der Altstadt ebenfalls einen stattlichen Brunnen errichten. Er vermeidet (ebenso wie die gleichzeitigen Fachwerkbauten der Altstadt) bewußt alle Zierformen, die wir in der Neustadt finden: Über kannelierten Rundsäulen mit korinthischen Kapitellen steht auf dem kräftig profilierten Sturz eine „Justitia“ zwischen zwei wappenhaltenden Löwen, die im Kriege Schwert und Waage verlor. Die Schilde zeigen die Wappen der Grafschaft Hanau-Münzenberg und der Altstadt halten. Die Bestandteile des Hanauer Wappens vor der Lichtenberger Zeit sind die rot- goldenen Sparren, der rot-gold geteilte Münzenberger Schild und die rot-goldenen Balken von Rieneck. Das Wappen der Altstadt ist ein gespaltener Schild mit den halben Hanauer Sparren und einem goldenen Löwen im schwarzen Feld.

 

Das älteste Rathaus: An der Ecke zur Metzgergasse stand an der Nordseite auf einem steinernen Untergeschoß mit einer ehemals sicher offenen Halle das alte Fachwerk-Rathaus. Das Rathaus wurde 1484 vorgebaut, damit die Stadtväter vom Ratszimmer im ersten Stock aus die Kontrolle über die beiden Stadttore am Ende der Markt- beziehungsweise der Metzgerstraße hatten. Auf der Zeichnung des Maurermeisters Feldmann vom Altstädter Markt aus dem Jahre 1731 kann man sehen, daß die Ecken des stattlichen Hauses durch kleine, spitze Türmchen hervorgehoben waren. Ein Erker an der Metzgergasse trug eine Aufschrift mit der Jahreszahl 1484. Die Fachwerkbalken des Obergeschosses hatten die typische Stellung des Fachwerkes aus der Zeit um 1480. An das alte Spielhaus erinnert heute nur noch ein Relief an dem neueren Gebäude.

 

Altstädter Rathaus:  Im Jahre 1537 wurde der „Newe Baw“ begonnen. Das Formgefühl der Renaissance bestimmte den großen Neubau des Rathauses. Auf einem Konsolstein liest man Jahr 1538 als Jahr der Vollendung. Der Bauverlauf ist aus den erhaltenen Baurechnungen (Staatsarchiv Marburg) fast lückenlos darzustellen. Als Baumeister wird in den Rechnungen Conrad Speck genannt. Als Steinmetzen waren eine Reihe auswärtiger Meister beschäftigt: Hans von Gießen, Johann von Lich, Peter von Aschaffenburg u.a. Ihre Steinmetzzeichen sind an zahlreichen Werkstücken noch vorhanden.

Es scheint verwunderlich, daß das „neue“ Rathaus kaum 50 Jahre nach der Errichtung des überlieferten ältesten Rathauses an der Ecke zur Metzgerstraße erbaut wurde. Das 16. Jahrhundert hatte der kleinen Residenzstadt einen guten Aufschwung gebracht. In den Jahren 1501 bis 1505 war am Ende der damaligen Vorstadt ein großes Hospitalgebäude mit einer kleinen Kapelle entstanden. (Reste 1951 abgerissen). Im Schloß waren 1515 Umbauten und Vergrößerungen vorgenommen worden. Die Altstadt hatte man 1528 bis 1535 durch eine neuartige Bastionsbefestigung zur starken Festung gemacht. Die Bürger der Stadt konnten es sich leisten, ein stattliches Rathaus zu erbauen.

Eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Summe hat die Stadt 1537 dabei verbaut: 770 Gulden, das waren mehr als 90 Prozent des gesamten Bauhaushalts. Und auch im folgenden Rechnungsjahr verschlang des „new huß“ noch einmal 75 Prozent des Etats.

Das Rathaus war nicht nur Behördensitz, sondern auch Wirtschaftsgebäude. Die städtischen Gremien kamen mit weniger Platz aus als heute und nahmen nur das erste Geschoß in Beschlag. Dort tagte einmal in der Woche der zwölfköpfige Rat, zu dessen Aufgaben auch die Justiz zählte - von außen gut erkennbar am Pranger. Für die Bürgerschaft gab es zwei Waagen und eine Tabakpresse im Erdgeschoß, Keller und Böden waren vermietet.

Der Bau des Rathauses nimmt eine Seite des Altstädter Marktplatzes völlig ein. Auf einem steinernen Untergeschoß sitzen zwei von vielen Fenstern durchbrochene Fachwerkwände, die zwischen den hohen steinernen Staffelgiebeln eingespannt sind. Die Rückwand des Hauses ist eine dicke Steinmauer. Die doppelt vorkragende Fachwerkfront mit den Schmuckformen des hessischfränkischen Fachwerks wurde von zwei Erkern belebt, die auf hölzernen Knaggen ruhten. Weitere Knaggen vermittelten zwischen der Steinwand des Untergeschosses und dem ersten Fachwerkgeschoß. Kunstvoll skulptierte Steinkonsolen mit Wappen und Fratzen trugen die Knaggen. In der ursprünglich offenen Halle des Untergeschosses waren für die Stadt wichtige Dinge wie die Stadtwaage, Feuerlöschgeräte u. ä. untergebracht. Rechts der Freitreppe ist ein Längenmaß, die „Hanauer Elle“ angebracht, an der die Käufer nachmessen konnten, ob sie von ihrem Tuchhändler nicht etwa betrogen worden waren. Denen blühte ansonsten das Halseisen, das früher auf der anderen Seite des Treppenaufgangs stand.

Von Anfang an waren die beiden beherrschenden Brandmauern mit den fünfmal terrassenförmig gestaffelten Giebeln das charakteristische Merkmal des Hauses. Das schöne Fachwerk und das steile Dach mit den zweifach reihenweise aufgesetzten Giebeln waren die anderen Charakteristiken, die bestimmend für die Eigenart des Baues wurden. Die zahlreichen Fenster in den beiden Stockwerken mit den zwei Erkern, die steinerne Halle und die breiten Tore prägten im übrigen das Bild dieses imposanten Baues. Auch die doppelte Freitreppe war von jeher auffallend. Sie führte zur Diele neben der rechts und links die Amtsstuben und der Ratssaal lag.

Es war eine städtebaulich genau abgewogene Absicht des Baumeisters zwischen die hohen Steingiebel die leichten Fachwerkwände einzuspannen. Der schwer und breit hingelagerte Baukörper gewann so an Leichtigkeit und Bewegtheit. Der Hanauer Baumeister wollte mit der Fachwerkfront dem Rathaus ein charakteristisches und einmaliges Gesicht geben. Die breite und behäbige Ruhe des nur durch kleine Dachgauben gegliederten Daches stand in starkem Kontrast zur bewegten Sprache der Fachwerkstreben (Bild in Hanau Stadt und Land, Seite 137: Die Fachwerkverstrebungen entsprechen der Zeit und sind Vorläufer des „ Wilden Mannes“; die des Hauses rechts sind noch älter, etwa von 1480-1500).

Einschneidende Veränderungen erfuhr Haus 1767 unter Erbprinz Wilhelm, der in Hanau als Bauherr großen Stils auf trat: Der heutige Freiheitsplatz, das im zweiten Weltkrieg zerstörte Stadttheater die Kuranlage Wilhelmsbad mit dem Comoedienhaus gehen auf ihn zurück. In die im Geschmack dem Klassizismus verpflichtet, konnte der Erbprinz dem vom Fachwerk geprägten Erscheinungsbild des Altstädter Rathauses nicht viel abgewinnen. Kurzerhand ließ er die „altmodische“ Fassade unter schmucklosem Putz verschwinden, dabei gleich die Erker abschlagen und die Fenster verändern.

Im Jahre 1835 verlor das Gebäude mit der Vereinigung von Alt- und Neu-Hanau noch seine bisherige Funktion, Verwaltungssitz wurde die modernere Neustadt. Ins Altstädter Rathaus zog das kurfürstliche Landgericht ein - und bereits knapp 30 Jahre später wieder aus. Dabei ließ man die Erkerfront beseitigen und von einer wenig malerischen Putzwand übertünchen ließ.

Anschließend durften dort Knaben die Schulbank drücken, ebenfalls nur für 26 Jahre.

Danach stand der einstige Mittelpunkt Hanaus stand so gut wie leer und verkam zusehends, bis 1898 Stadtbaurat Johann Peter Thyriot das Gebäude nach originalen Plänen mit seiner alten Fachwerkfassade restaurieren ließ. Im Jahre 1902 machte es sich der Geschichtsverein zu seinem Domizil und blieb 40 Jahre mit dem Heimatmuseum.

Dann wurde das ehemalige Rathaus „Deutsches Goldschmiedehaus“. Treibende Kraft war der Berliner Goldschmied und ehemalige Schüler der Hanauer Zeichenakademie, Ferdinand Richard Wilm. Doch schon drei Jahre nach der glanzvollen Eröffnung mit viel Naziprominenz wurde das Goldschmiedehaus durch den Luftangriff auf Hanau im März 1945 zerstört. Alte Fotografien zeigen die Ruine mit den freistehenden Giebeln, die einsam in den Himmel ragen.

Nur das Untergeschoß, die hohen Steingiebel und die Rückwand blieben erhalten. Beim Wiederaufbau im Jahre 1955 als „Deutsches Goldschmiedehaus“ werden die beiden Fachwerkwände rekonstruiert.

In einem finanziellen Kraftakt zog die Stadt auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Karl Rehbein, der selbst gelernter Goldschmied war, das einstige Wahrzeichen Anfang der 50er Jahre wieder hoch, von den Hanauern als Höhepunkt des Wiederaufbaus euphorisch gefeiert. Für heftige Gemütsbewegungen sorgte bei den Bürgern Anfang der 80er Jahre noch einmal die Entscheidung, das bisher schwarz-braune Fachwerk rot zu streichen - so soll die originale Farbgebung gewesen sein. Am Giebel nach der Marienkirche zu wurde ein Portal eingebaut, daß sich früher in der Altstraße 2 befand.

 

Deutsches Goldschmiedehaus

Das Rathaus wurde 1942 zur Heimstätte der Schmuckindustrie. Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg ging unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Heuss vonstatten. Nach einer Bauzeit von rund drei Jahren entstand aus den Trümmern  das Deutsche Goldschmiedehaus wieder. Architekten und Bauleute haben das Haus so aufgebaut, wie es einmal war. Wer heute die Abbildungen des alten Gebäudes und des neuen Gebäudes miteinander vergleicht, dem fällt es schwer, einen Unterschied zu finden. Nur geringfügige Veränderungen sind vorgenommen worden, die sich aber so in den Stil und den Rahmen des ganzen Hauses einfügen, daß nichts von der Ehrwürdigkeit des alten Gebäudes verloren gegangen ist. Seit 1958 ist es nun wieder, im alten Glanz, das „Haus der Ratgebung“ für die Gold- und Silberschmiede und für alle Schmuckliebhaber überhaupt.

Heute steht das Goldschmiedehaus wieder da wie einst, aber seine Umgebung hat sich gewandelt. Die verträumten alten Häuser haben modernen Bauten Platz machen müssen, und die winkligen Gäßchen sind verschwunden. Als eindrucksvolles Baudenkmal an eine vergangene Zeit wird das Deutsche Goldschmiedehaus täglich und stündlich daran erinnern, daß am 19. März 1945 für die Stadt Hanau eine Epoche zu Ende gegangen ist, die man nicht wiedererstehen lassen kann. Das Goldschmiedehaus ist unter solchen Gesichtspunkten Wahrzeichen und Denkmal zugleich.

Das Deutsche Goldschmiedehaus ist ein wahres Schmuckstück. Sein wunderschönes Fachwerk läßt die Herzen der Betrachter höher schlagen. Ihn beeindruckt der mächtige Giebel ebenso wie das schlichte und dennoch so prachtvolle Portal mit der bronzenen Eingangstür. Tritt er durch diese Tür, so ruft das Innere des Hauses sein Erstaunen hervor. Hier ist wirklich mit künstlerischer Hand geschaffen worden und man merkt sofort, daß es den Menschen, die gearbeitet beben, darum gegangen ist, etwas Vollendetes zu schaffen. Vollendet ist hier schlechthin alles, was man in diesem Hause sieht, angefangen von den stilvollen Räumen des Ratskellers über das schlichte Treppenhaus bis zu den Ausstellungsräumen im ersten und zweiten Stockwerk, deren Beleuchtung ebenso wie die des Treppenhauses bei allen Besuchern auf besonderes Wohlgefallen stößt.

Man hat den Eindruck, als sei bei der Gestaltung der Innenräume des Goldschmiedehauses ein besonderer Künstler am Werk gewesen, so harmonisch zusammenkomponiert ist alles. In wirkungsvollem Kontrast zu den Ausstellungsstücken stehen im Gold- und Silbersaal die Perkettfußböden (in dem einen Saal hell, im anderen dunkel) und die Vorhänge.

In dieses Ganze vom Parterre bis zum Dachgeschoß des Hauses reicht, gehört auch die Gaststätte hinein. Gerade gegen den Einbau dieses Ratskellers hatten viele Bürger Protest erhoben mit der Begründung, im Altstädter Rathaus sei nie ein Ratskeller gewesen. Aber auch die ursprünglichen Gegner haben sich davon überzeugen lassen müssen, daß dieser Ratskeller, so wie er hier errichtet worden ist, dem Haus zur Zierde gereicht und außerdem einem dringenden Bedürfnis nachkommt, denn zu einem Ausstellungshaus gehören auch Restaurationsräume. Und wenn der Stil dieses Gebäudes so gewahrt wird, wie das bei dem Hanauer Ratskeller der Fall ist, dann kann man sich glücklich schätzen.

Zwei Ausstellungsräume hat das Deutsche Goldschmiedehaus. Im ersten Stock befindet sich der Silbersaal und darüber, im zweiten Stock, ist der Goldsaal. In den geräumigen Ausstellungsvitrinen werden Schmuck- und Ziergeräte aus zwei Jahrhunderten gezeigt. In den Räumen sind wechselnde Ausstellungen zu sehen, die sich auf Hanaus Tradition als „Stadt des edlen Schmuckes“ beziehen.

Seit mehr als 400 Jahren ist es das Schmuckstück in der Hanauer Altstadt. Das dreigeschossige Gebäude bietet nicht nur Platz für hochkarätige Ausstellungen von Schmuck und Gerät, sondern beherbergt auch eine umfangreiche Sammlung von Fachliteratur und die „Internationale Gesellschaft für Goldschmiedekunst“.

 

Die Stadt des edlen Schmuckes

Vor allem im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert hatte Hanau weithin einen Namen als „Stadt des edlen Schmuckes“. Der Grundstein dafür wurde nicht von den alt eingesessenen Bürgern, sondern von flämischen und wallonischen, später auch hugenottischen Einwanderern gelegt. Vertrieben aus ihrer Heimat, hatten sie vor 400 Jahren Zuflucht in Hanau gefunden und dort die Neustadt gegründet, wo ihnen Graf Philipp Ludwig das Recht auf freie Religionsausübung und in beschränkter Form auch Gewerbefreiheit zubilligte.

Unter den Glaubensflüchtlingen waren auch einige namhafte Goldschmiede. Bereits bis zum Jahr 1610 war ihre Zahl in Hanau so stark gewachsen, daß sie eine eigene Zunft der Gold- und Silberschmiede gründeten. Ihr Geschäft florierte, begünstigt auch durch die gute Straßen- und Schiffsverbindung zum Handels- und Börsenplatz Frankfurt. Durch den Dreißigjährigen Krieg kam das Gewerbe zwar fast völlig zum Erliegen, erlebte aber knapp 100 Jahre später einen erneute Blüte, als Landgraf Wilhelm ein Patent erließ, das den Fabrikanten Abgaben auf zehn Jahre ersparte und Handelsfreiheit gewahrte. Das zog viele Manufakturen nach Hanau, darunter etliche französische Goldarbeiter und Bijoutiers, die einen neuen Erwerbszweig mitbrachten: die Anfertigung von Galanteriewaren und ähnlichen Preziosen in Gold und Silber, die bisher nur in Paris und Genf hergestellt worden waren. Ihre Kunden verkauften diese Artikel als Pariser Arbeit von Hanau aus in die Welt.

Die Bijoutiers waren es auch, die 1772 die Gründung einer Akademie der Zeichenkunst forderten, die nicht nur Nachwuchs für das heimische Gewerbe garantieren, sondern auch die Grundlage des künstlerischen Lebens in der Residenzstadt bilden sollte - das war die Geburtsstunde der Staatlichen Zeichenakademie in Hanau. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert gelang der Branche durch die nun mögliche Serienfertigung ein weiterer Aufschwung. Damals wurden einige der heute noch existierenden Betriebe gegründet.

Von den traditionsreichen Betrieben haben nur wenige überlebt: die einer historisierenden Formensprache verpflichteten Silberwarenmanufakturen Schleissner (seit 1816) und Neresheimer seit 1890), die Firma Otto Klein für Juwelen und Goldarbeiten (seit 1909) sowie die. bereits seit 1759 in Hanau etablierte, auf die Anfertigung von Ketten spezialisierte Firma Bury. Ingesamt gibt es in Hanau noch rund ein Dutzend Betriebe für Gold- und Silberschmiedekunst, darunter Ateliers einzelner Künstler,

Zwei Galerien für selbst entworfenen und gefertigten Schmuck haben in den vergangenen fünf Jahren eröffnet: „Made in Hanau“ in der Innenstadt, eine Ateliergemeinschaft ehemaliger Absolventen der Zeichenakademie ebenso wie „Possible“, eine Galerie mit integrierter Werkstatt in einem ehemaligen Laden in der Nachbarschaft des Deutschen Goldschmiedehauses.

 

Links vom Deutschen Goldschmiedehaus geht es in die Marienkirchstraße. Das Haus Nummer 2 (Haus nach dem Eckhaus) hieß früher „Zur Linsensupp“, heute ist dort unter anderem sinnigerweise die „Hanauer Tafel“ untergebracht.

 

 

Marienkirche:

Ein alter Erbteilungsvertrag zwischen zwei Brüdern aus dem Geschlecht der Herren von Dorfelden und Hagenowe vom Jahre 1234 erwähnt zum ersten Male, daß bei der Burg Hagenowe dem Zisterzienserorden das Recht zum Bau einer Kirche samt dem dazugehörigen Gelände eingeräumt wurde. Dies ist der erste Anstoß zum Kirchbau gewesen.

Der Baubeginn läßt sich nicht genau fixieren, er lag wohl um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Als im Jahre 1303 Hanau sein Stadtrecht erhielt, hat die Kirche sicherlich schon gestanden. Urkundlich erwähnt ist die „eclesia Marie Magdalena in Haynoe Moguntine diocesis“ (Maria-MagdalenenKirche in Hanau in der Mainzer Diözese) in drei Ablaßbriefen aus den Jahren 1316 (Ablaßbrief), 1317 und 1322. Fest steht weiterhin, daß im Jahre 1353 bereits fünf Geistliche an der Kirche amtierten.

Der einzige spätgotische Bau im Hanauer Land von besonderer Bedeutung ist der Neubau des Chores der Marienkirche. Der erste „Graf“ von Hanau, Reinhard II., verlegte den Begräbnisplatz seines Geschlechtes vom Kloster Arnsburg nach Hanau. Dem Grafengeschlecht einen würdigen Ruheplatz zu schaffen und der Erhebung der Pfarrkirche zur Stiftskirche Ausdruck zu geben, war der Anlaß zum Neubau des prächtigen Chores. Das Schiff wurde deshalb in den Jahren 1449-1454 erweitert. Das vorher einschiffige Langhaus erhielt zwei Seitenschiffe, die mit den heutigen Ausmaßen übereinstimmen. Die Apsis wurde auf neun Meter Tiefe erweitert und diente von da an als Begräbnisstätte der Hanauer Grafen. Auch ist wohl um diese Zeit der heute noch stehende Turm erbaut worden.

Bauherr war Reinhard II., der erste „Graf“ von Hanau (er wurde 1429 in den Grafenstand erhoben). Er wurde als erster 1451im erweiterten Chorraum beigesetzt. Sein Grabstein befindet sich heute noch an der Nordwand.

Den wesentlichsten Umbau verdanken wir Graf Philipp dem Jüngeren. Von einer Jerusalemfahrt heimkehrend baut er den Chor in den Jahren 1485-92 zu seiner heutigen Größe um. Der Grundstein zum hohen Chor wurde am 4. August 1485 gelegt. Eine Bauinschrift in der halben Höhe der Chornordwand im Chor gibt diesen Tag an. Die Bauzeit zog sich bis zum Jahre 1492 hin.

Aus einer Urkunde vom 30. Mai 1485 hören wir, daß die Steinbildhauerarbeiten an Siegfried Ribsche aus Büdingen vergeben worden sind. Der Hanauer Steinmetzmeister Martin Merkel und sein Sohn waren bei dieser Vergebung anwesend. Ob Ribsche der Planleger des Chorneubaues ist, erfahren wir nicht. Wir müssen nur annehmen, daß der erfahrene Bildhauer das kostbare Netzgewölbe, die reichen Steinmetzarbeiten an den Dienstsockeln, das Sakramentshäuschen am Äußeren des Chores und ein verschollenes Sakramentshaus im Innern gearbeitet hat. Siegfried Ribsche ist - zusammen mit Hans von Düren - der Meister des 14 Meter hohen Sakramentshauses in der Friedberger Liebfrauenkirche.

Dieser Bau ist ein herrliches Werk spätgotischer Baukunst. Von dem ursprünglichen Bau stammt nur noch der untere Teil des Turmes bis zur Höhe des Chordachansatzes. Das sauber geschichtete Basaltbruchstein-Mauerwerk durchbrechen schlanke, gekuppelte Fenster aus Sandstein; unter dem spitzbogigen Schluß sind steile Kleeblattbögen.

Mit Blick von Süden auf die Marienkirche erkennt man den Kontrast zwischen Kirchenschiff und spätgotischern Chorbau. Die äußeren Strebepfeiler des Chores aus Sandsteinquadern tragen konkave Pultdächer. An dem nordöstlichen Eckstrebepfeiler des Chores ist auf den Sandsteinquadern eine von zwei Engeln gehaltene gotische Monstranz in Relief ausgehauen. Der übernächste Pfeiler nach Süden zeigt eine hockende vogelartige Figur, ein leeres Spruchband haltend. Von Westen her ist die Giebelfront mit den kleinen rechteckigen Fensteröffnungen zu sehen. Beim Betreten der Marienkirche über das erst 1963 fertiggestellte Eingangsportal im Westen sieht man über dem Haupteingang das Wappen Philipps III. von Hanau-Münzenberg und seiner Gemahlin aus dem Jahre 1561.

Über der Eingangtür liegt innen die Empore mit der 1964 fertiggestellten Orgel. Sie wurde in zwei Abschnitten durch die Firma Hammer, Hannover, erstellt. Unter dieser Empore befinden sich zahlreiche, bei den Ausgrabungen (1946) sichergestellte Grabplatten. Der östliche Schluß des Schiffs enthält die dabei in den Boden eingelassenen Grabplatten.

Vom Schiff aus sieht man in den Chor. Am Chorbogen rechts der Epitaph der Adriane von Nassau. In dem ausgemalten Gewölbe, in den Schnitt- und Gabelpunkten des Netzgewölbes, sieht man  die heraldische Ahnengalerie Philipps des Jüngeren sowie seiner Familienangehörigen.

Von dem Durchgang in der Chorsüdwand gelangt man in die jetzt links anschließende Sakristei (im 15. Jahrhundert Kapitelsaal der Stiftsgeistlichen, Laurentiuskapelle). In der Ostwand dieses Raumes befinden sich die erst 1945 entdeckten Wandgemälde aus dem 15. Jahrhundert.

Sehenswert sind auch die spätgotischen Glasmalereien dieser Kirche. Die Kirche bewahrt eine Gruppe von alten Bildfenstern, die zusammen mit der Architektur ein Stück von Hanaus Vergangenheit wiederspiegeln. Sie erinnern an Zeiten tiefer Frömmigkeit, in der die Kirche vor allen anderen Bauten mit dem Kostbarsten ausgestattet wurde, und sind Zeugen einer Kunst, die durch die besondere Eigenschaft, Materie in verklärtes Licht aufzulösen, das Mittelalter ganz besonders faszinierte.

 

Der Chor ist nicht nur atemberaubend schön ist mit seinem Kreuzrippengewölbe und den erwähnten Fenstern, sondern auch Hanaus ältestes original erhaltenes Gebäude. Der Chorraum von erstaunlichen Ausmaßen (22 Meter tief, 10 Meter breit und 16,4 Meter hoch) ist überwölbt von einem kunstvollen Netzgewölbe aus profilierten Sandsteinrippen, die in ihrem östlichen Abschluß einen Stern bilden. Er besteht aus vier Jochen und hat einen Drei-Achtel-Schluß. Die Dienste, die die Joche voneinander trennen und das Netzgewölbe vorbereiten, beginnen auf der Höhe der Fensterbrüstungen. Sie stehen auf reich geschmückten Konsolen, die prachtvolle Meißelarbeiten zeigten.

Die mittleren Schnittpunkte der Rippen sind gekrönt mit den Wappen des Erbauers, seiner Gemahlin, seiner Eltern und Großeltern. Der Schlußstein im Stern trägt das Bild der Kirchenpatronin Maria-Magdalena, wie sie vor dem auferstandenen Herrn kniet. Die seitlichen Rippenschnittpunkte tragen 48 kleinere Wappen. Alle Wappen sind als Hochrelief in Sandstein gehauen und bunt gemalt. Auch zwischen den Rippen sind reizvolle Rankenmalereien angebracht. Von gleicher Schönheit ist das Maßwerk der hohen Kirchenfenster, deren Abschluß im Spitzbogen jeweils andere Ornamente zeigt.

Aus den die Chorwände gliedernden Diensten wachsen unorganisch die Rippen des Netzgewölbes, das den Chor der Marienkirche überspannt. Dieses Netzgewö1be ist der kostbarste Schatz aus dem Mittelalter, der sich in Hanau bewahrt hat. Das System des Gewölbes ist verhältnismäßig einfach. Von jedem Dienst gehen drei Rippen aus, die sich in der Zone des Gewölbescheitels netzförmig überschneiden. An jeder Überschneidungsstelle sitzen Wappensteine. Die besonders schönen sechs Wappen der Mittelreihe im Gewölbescheitel geben dreimal das Hanauer, zweimal das nassauische und einmal das pfälzische Wappen wieder (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 134).

Der Schlußstein im Gewölbe des Chorschlusses zeigt in plastischer Arbeit Christus als Gärtner vor Maria Magdalena. Ein spitzbogiger Triumphbogen, der als Schlußstein das Hanauer Wappen trägt, schließt den Chor gegen das Schiff ab. Unter dem Triumphbogen war ehemals ein Lettner vom Jahre 1492.

Was sofort auffällt, ist ein Kontrast zwischen dem fast wie ein Würfel geschnittenen Kirchenschiff in neuzeitlich wirkender Nüchternheit und dem dahinter hochaufragenden Chor von etwa gleicher Tiefe. Der scheint gleich ein paar Nummern zu groß geraten. In der linken Wand über einem Grabdenkmal ragt ein großer Stein ein wenig hervor, über dessen Bedeutung die Übersetzung seiner Inschrift informiert: „Grundstein zum Neubau des Chores im Jahr 1485 zur heutigen Gestalt“. Bauen ließ Graf Philipp der Jüngere, Enkel von Reinhard II., der die ehemals bescheidene Marien-Magdalenen-Kirche bereits zwischen 1449 und 1454 größer und prächtiger hatte bauen und den Chorraum als Erbbegräbnis hatte errichten lassen. Reinhart II. starb allerdings schon während der Bauzeit 1451 und wurde an Ort und Stelle begraben.

Doch schon 34 Jahre später wollte sein Enkel Philipp der Jüngere noch weit höher hinaus

Die Stellung des Chores zum Schiff - der Chor ist leicht abgewinkelt - läßt darauf schließen, daß der Bauherr wahrscheinlich auch das dreischiffige Langhaus erneut erweitern oder gar ein neues Schiff bauen lassen wollte. Der Plan kam nicht mehr zur Durchführung; die Reformation setzte all diesem Streben um die Verschönerung der Stiftskirche ein Ende. Man erhöhte nur die Seitenwände des Schiffes (1561) und brachte das Dach auf gleiche Höhe mit dem Chordach.

In der Gruft der Marienkirche ruhen neben vielen anderen adligen Gebeinen auch die sterblichen Überreste von Graf Philipp Ludwig II., der 1597 glaubensflüchtigen Wallonen und Niederländern die Gründung der Neustadt ermöglichte. Die Büste des klugen und toleranten Herrschers, der zudem 1603 auch den Juden die Wiederansiedlung in Hanau ermöglichte, steht in der Französischen Allee vor der Wallonisch- Niederländischen Kirche.

Zur Zeit der Fertigstellung des hohen Chores befanden sich fünf Altäre in der Kirche: Die in den vier Ecken des Schiffes waren „Unserer lieben Frau“, St. Katharina, St. Georg und St. Bartholomäus geweiht, der Hochaltar im Chor der Kirchenpatronin Maria-Magdalena, deren Bild er auch trug (Ölbild des Malers Fyol aus Frankfurt, das später durch ein geschnitztes Retabel ersetzt wurde). An weiteren Ausschmückungen dieser Zeit sind noch zu erwähnen: Die Kreuzwegstationen, deren Ölbergszene noch bis zur Zerstörung der Kirche relativ gut erhalten war. Das Grabmal der Gattin des Chorerbauers, der Gräfin Adriane von Nassau, hat vorgenannte Zerstörung überstanden, ebenso die geschnitzten Chorwangen, deren eine das Bildnis Philipps selber trägt.

Bei der Renovierung der Sakristei hat man alte Fresken entdeckt, die sich in der dortigen Altarnische befinden. Sie stellen das Martyrium des Heiligen Laurentius und die Anbetung des Kindes durch die drei Könige dar; darüber sind Gruppen von Heiligen abgebildet. Diese Fresken und einige Weihekreuze an den Wänden wurden restauriert und bilden eine wertvolle Bereicherung der leider nicht mehr so zahlreich vorhandenen kunstgeschichtlichen Zeugnisse einer reichen Vergangenheit. Gelegentlich ist eine Besichtigung der Krypta unter dem Chor möglich.

Mit der Einführung der Reformation wurde die Kirche einer ziemlich radikalen Bereinigung von Bildern, Altären und Stationen unterzogen. Der leer gewordene Chorraum wurde mit einer Chorbühne versehen, die in ihrem unteren Teil eine Glasfensterfront zeigte. Auf den oberen Teil der Chorbühne wurde später die prächtige Orgel gestellt. So blieb im wesentlichen die Gestaltung des Chores bis zum Jahre 1945.

In den Jahren 1559-1561 wurde das Langhaus zum Saalbau umgebaut. Das Kirchenschiff wurde unter Philipp III. im Jahre 1561 erhöht. Das hohe weiträumige Dach konnte dadurch als Lagerraum für die Naturalien aus den Pfründen Verwendung finden, wovon heute noch die vielen Luken und Türen im Oberteil des Westgiebels zeugen. Im Inneren des Kirchenschiffs wurde durch Einbau einer doppelten Emporenreihe und einer erhöhten Kanzel der reformatorische Charakter des Gotteshauses als einer Stätte der Wortverkündigung zum Ausdruck gebracht. In dieser Gestalt blieb die „Hochdeutsche Reformierte Kirche“ seit den letzten drei Jahrhunderten im wesentlichen unverändert.

Das Gotteshaus der Hochdeutsch-Reformierten diente früher auch als Lagerhaus. In den drei obersten Stockwerken wurden die Vorräte aus den Ernten der Pfarräcker aufbewahrt. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wohnte im hohen Turm ein Wächter, der eigentlich nie richtig schlafen konnte. Laut Vertrag mit der Stadt mußte der Tag und Nacht alle Viertelstunde Ausschau halten, ob ein Feind heranrückte oder ein Feuer ausgebrochen war. Dann mußte er ins Horn stoßen. Besucher konnten ihm damit eine Freude machen, Kohlen, Wasser oder Nahrungsmittel hinauf in seine Stube zu schleppen.

Nach der Reformation verschwanden auch die zahlreichen wertvollen Schnitzaltäre und mit ihnen die gesamte Ausstattung an Meßgewändern, an Meßbüchern und kirchlichen Geräten. Besonders Graf Philipp Ludwig Il. räumte 1596 „in calvinischern Eifer“ die Kirche aus. Nur Teile der alten Glasmalereien haben sich erhalten. Eine Rundscheibe mit einem Wappenpagen stammt von dem am Mittelrhein tätigen Hausbuchmeister. Einem anonymen Meister „W. B.“ will man andere Scheiben zuschreiben. Großartig in Komposition und Farbwirkung ist die Scheibe mit dein Heiligen Georg und der Pietà im westlichen Chorfenster der Nordwand.

Der hohe Chor war gegen das Schiff hin durch einen Lettner abgeschlossen, so daß der Gottesdienstraum der Laien gegen den der Kleriker abgeteilt war.

Hier ist zu bemerken, daß Philipp der Jüngere die Marien-Magdalenen-Kirche zu einer Stiftskirche erheben ließ, an welcher ein Kapitel von zwölf Geistlichen und einem Dechanten dienten. Die heutige Sakristei war damals Kapitelraum. Die Pfründen der Stiftsherren sind heute noch in der sogenannten „Hanauer Präsenz“, einer kirchlichen Vermögensverwaltung, im wesentlichen enthalten.

Zwischen den Diensten steigen hohe, dreiteilige Fenster auf, die mit Spitzbogen schließen. Reiches Fischblasenmaßwerk füllt die Felder der Spitzbogen. Auf der Südseite der Kirche reichen die Fenster nur bis zum Dachansatz der Sakristei, die sich an den Neubau des Chores anschließt. In den Jahren 1847 bis 1849 erfolgte eine „Restaurierung“ ohne jede Rücksicht.

 

Wie durch ein Wunder überstand der Chor der Marienkirche den Bombenhagel der Sprengbomben. Brandbomben setzten das Dach und das Innere der Kirche in Brand. Die Flammen zerstörten das Schiff und die Inneneinrichtung des Chores. Ein besonders großer Verlust war dabei die Zerstörung der im Jahre 1696-1697 von dem Hanauer Orgelbauer Valentin Marekart erbauten Barockorgel auf der breiten Chorbühne.

Die Zinksärge derer von Hanau, die in der Gruft lagerten, überstanden das Feuer einigermassen unbeschädigt. Einer der Grafen hatte sich hingegen in einem Marmorsarkophag zur letzten Ruhe betten lassen: Der schmolz in der Hitze zur Unkenntlichkeit zusammen.

Nach dem Brand bot sich uns aber der hohe Raum des Chores in seiner alten Reinheit und Größe dar. Die störenden Einbauten waren verschwunden und das mittelalterliche Bild war wiedergewonnen worden, so daß wir heute einen beglückenden Raumeindruck von großer Würde und künstlerischer Qualität finden.

Nach der schweren Kriegszerstörung am 19. März 1945 wurde sie in den drei vorgenannten Bauabschnitten unter großen Opfern wiederaufgebaut. Im Jahre 1946 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Nach dem Entwurf von Prof. Gruber, Darmstadt, sollte das Kirchenschiff wieder seine ursprüngliche Gestalt einer dreischiffigen Basilika erhalten. Diese, ohne Emporen ausgestattet, ist betont schlicht gehalten, um den hohen Chor in seiner ganzen Schönheit als die beherrschende Dominante des Kircheninneren hervortreten zu lassen. Die neue Orgel wurde auf die Westseite verlegt, damit die Höhe und Tiefe des Chores zu ihrer vollen Geltung kommt.

So ist der Blick frei auf das herrliche Netzgewölbe mit seinen Wappen und dem Schlußstein, der Maria-Magdalena vor dem auferstandenen Herren zeigt. Die wertvollen Glasmalereien aus dem Mittelalter leuchten wieder in ihren kräftigen Farben von den Fenstern. Die Epitaphien der Hanauer Grafen an den Chorwänden sind erneuert, und die Gestühlswangen mit ihren alten Schnitzereien haben wieder ihren Ort gefunden.

Die Bombardierungen und Feuerstürme überstanden unter anderem vier Chorgestühlwangen. Auf einer hat sich Philipp der Jüngere 1496 mit ungewöhnlicher Kopfbedeckung - einem Turban ähnelnd - darstellen lassen und damit einen Hinweis gegeben auf den Zusammenhang seiner Pilgerfahrt 1484 ins Heilige Land und der Grundsteinlegung für den Chor 1485.

Original ist die Kirche nur noch in Fragmenten, etwa in den wenigen spätgotischen Glasmalereien oder den Fresken in der Sakristei. Eine Renovierung erfolgte 1975.

In der Kirche befindet sich eine Kurzbeschreibung „Kleiner Rundgang“ mit Daten zur Geschichte und Baugeschichte auf der Rückseite.

 

Restaurierung:

Nachdem im November 2001 bereits der Vertrag mit der spanischen Firma Grenzing über den Neubau einer Orgel für 1,8 Millionen Mark innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen wurde, ist inzwischen auch die Gesamtfinanzierung des Kirchenumbaus gesichert. Ausschlaggebend war eine zusätzliche Zuweisung über eine Viertelmillion Mark von der „Stiftung Kirchenerhaltungsfonds“ der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Die Marienkirche soll mit dem Neubau der Orgel und der damit zusammenhängenden Umgestaltung der Decke, dem Ausbau der Empore zur Aufführung von Chorwerken - inklusive Erneuerung der Heizung - ein „würdiges Zentrum der Hanauer Kirchenmusik in der Innenstadt“ werden.

Die Finanzierung der mit 942.000 Mark veranschlagten Kosten teilen sich drei Geldgeber: die Landeskirche, der Kirchenerhaltungsfonds und die Evangelische Präsenz Hanau (ein Baukostenträger für evangelische Kirchen, resultierend noch aus Jahrhunderte altem Grafenrecht). Indem der Fonds 250.000 Mark Zuschuß gewährt, teilen sich Landeskirche und Hanauer Präsenz den Rest etwa zu gleichen Teilen.

Der neue Eingangsbereich ist kühl und klar. Ein Foyer ist vom Kirchenschiff abgetrennt durch eine Glaswand und zwei Vitrinen mit Plakaten, Broschüren, Büchern und Informationsmaterial. Die Doppel-Schwingtür aus Glas hat Griffe in Form von senkrechten Edelstahlstäben.

Die spanische Firma Grenzing baut die Orgel nach einem Prospekt-Entwurf des Hanauer Architekten Simon Platt. Mit der neuen Orgel soll sich die Marienkirche - das älteste und unbestritten auch schönste Gotteshaus Hanaus - zu einem regionalen Kulturzentrum und zu einer touristischen Attraktion entwickeln.

Die Landeskirche von Kurhessen-Waldeck habe vier Schwerpunkte der Kirchenmusik gesetzt: Kassel, Bad Hersfeld, Marburg und Hanau. In Hanau habe man traditionell ein hohes Niveau gehabt, das mit Kantor Christian Mause fortgesetzt werde. Um ihm ein adäquates Spielen auf einem guten Instrument zu garantieren, habe die Landeskirche beschlossen, hier in Südhessen einen ganz besonders bedeutenden Schwerpunkt zu setzen, was sich auch in Zahlen ausdrücke. Im November 2001 war für 1,8 Millionen Mark der Auftrag an die Firma Grenzing gegangen, die bereits rund 150 musikalisch und technisch hochwertige Orgeln nach der seit der Barockzeit bewährten Mechanik gebaut hat, unter anderem für die Kathedrale in Brüssel und die Konservatorien in Lyon und Paris.

Für die Aufstellung der Orgel ist die Decke im Hauptschiff angehoben und - nahezu gotisch anmutend - gewölbt worden. Für die Konstruktion hat sich Rainer Krebs von dem Göttinger Akustik-Spezialisten Dr. Alphei beraten lassen. Die alte Empore hat Krebs so erweitert, das ein hundertköpfiger Chor auf gestuften Podesten Platz hat und davor ein 40-köpfiges Orchester.

Darüber baute der Architekt eine zweite Empore. Auf einem mächtigen Stahlträger ruht eine Betonplatte, die der Grundriß der Orgel ist. Ein Vorsprung in der Mitte trägt die Orgelbank und bietet Raum für einen Solisten. Der schwarz gestrichene Stahlträger ist als solcher zu erkennen, der Beton bleibt nackt, auch in Form von zwei flankierenden Wänden, die nicht nur tragende Funktion haben, sondern auch die Treppen verbergen. „Ich will bewußt zeigen, was neu ist“, sagt Krebs. Die Kirche ist ja eigentlich ein Bauwerk der 50er Jahre. Die Wiederherstellung war 1956 abgeschlossen. Es gab zwar wieder gotische Fenster, aber keine Einporen mehr. Nur der Chor war erhalten geblieben. Er ist heute das einzige original historische Bauwerk der Altstadt.

„Spannung war schon immer da und wurde bewußt gepflegt“, sagt Rühl, „weil die Kirche im Werden ist, nicht im Bleiben“. Krebs kommentiert: jede Zeit hat sich ihre Formensprache gesucht und ihr Formempfinden dargestellt. Und auch die Orgel wird formal modern sein.“

 

Geht man die Marktstraße weiter, so zweigt links die „Große Dechaneigasse“ ab. Das Haus Nr. 25 an der Südseite hieß das „Geibelhaus“, weil dieses Haus mit seinem Erker das Stammhaus des Dichters Emanuel Geibel gewesen ist. Es gehörte dem Großvater des Dichters, dem Ratsdiener Johannes Friedrich Geibel. Johann Geibel, der Vater Emanuels, wurde 1776 in diesem Haus geboren.

Ein Stück weiter geht es links in eine Stichstraße, wo ehemals die Stadtmauer und der Graben der Altstadtbefestigung sich hinzogen. Ein Stück Altstädter Stadtmauer steht noch. Schließlich kommt man zum Freiheitsp1atz, ehedem Paradeplatz genannt. Doch hier beginnt schon die Neustadt.

 

 

 

 

Bilder Hanau in: Hanau Stadt und Land

Goldberg, Glockenbecherkultur   Seite 48

Brandgrab Urnenfelderzeit                       Seite 52

Dunlopgelände, Hortfund             Seite 54

Hanauer Wappen                           Seite 82 und 106

Mainkanal und Marktschiff                       Seite 369 und 370

Schlacht bei Hanau                                   Seite 377

Ehrensäule                                      Seite 392

Fliegendes Pferd Druckerei Wechel  Seite 395

Fayencen Seite                              Seite 398 f

Stadtschloß, Stuckdecke              Seite 150

Deutscher Friedhof                                    Seite 436

Rathaus Neustadt                          Seite 154

Theater                                             Seite 442

Grimm-Denkmal                              Seite 447

 

 

Modell von Alt-Hanau

Durch den engen Flur des alten Bürgerhauses in der Rosenstraße steigt Matthäus Steiger hinab in das Allerheiligste, einen kleinen Kellerraum, in dem alte Hanauer Ansichten im Format 1: 52 wiederauferstehen, hergestellt aus Gips, Leim und Balsabrettchen, die leichter zu verarbeiten sind als Sperrholz. Eine seiner jüngsten Nachbauten ist das ehemalige Regimentsquartier der Hessen-Homburg-Kaserne, auch als Bavariahaus bekannt. Das Original im Stadtteil Lamboy wurde vor einigen Jahren renoviert, diente dann der Bereitschaftspolizei und nunmehr der Justiz als Domizil.

Am liebsten widmet sich der 73-Jährige allerdings Gebäuden, die nicht mehr existieren, und davon gibt es in Hanau jede Menge oder eben nicht, etwa das frühere Arbeitsamt am Sandeldamm. Nach alten Plänen und Zeichnungen werden sie im Keller des Friseurgeschäftes rekonstruiert. In manchen Fällen wie beim Nachbau der Wallonisch-Niederländischen Kirche stehen ihm noch nicht einmal solche Unterlagen zur Verfügung. Dann nimmt Steiger auch schon einmal den Zollstock zur Hand und vermißt das betreffende Gebäude neu.

Für die ausgebombte Kirche stand dem Modellbauer lediglich der Grundriß zur Verfügung. Kein Wunder, daß er die steile Dachkonstruktion zweimal anfertigen mußte, bevor sie den statischen Belastungen gewachsen war. Der vielstündige Aufwand hat sich jedoch gelohnt. Das damalige Herz der Hanauer Neustadt, errichtet gleich für zwei Glaubensgemeinschaften, ist ein Prachtstück in der umfangreichen Sammlung, die sich über den gesamten Dachboden erstreckt. Auf dem Kirchenvorplatz ist die Übergabezeremonie mit Zinnfiguren nachgestellt: Umgeben von Alt- und Neubürgern nimmt Graf Philipp Ludwig II., der die Niederlassung der Glaubensflüchtlinge in Hanau förderte, den Gebäudeschlüssel entgegen.

Mit dem Zinngießen hat alles angefangen, vor rund 30 Jahren, erzählt Matthäus Steiger. Sein Sohn Joachim, der inzwischen das elterliche Geschäft übernommen hat, brachte eine Figur mit nach Hause. Damit erwachte die Neugier. Die erste Form wurde gekauft, die erste Miniatur gegossen, Literatur für die geeignete Bemalung besorgt.

Schon bald reifte die Idee, die Schlacht bei Hanau im Jahr 1813 nachzubauen. „Wenn ich seinerzeit gewußt hätte, auf was ich mich da einlasse“, grinst Steiger, ohne den Satz zu vollenden. So war ihm beispielsweise nicht bewußt, daß die napoleonische Armee häufig die Uniformen wechselte und die zunächst angeschafften Figuren die falschen Röcke trugen. Diese Einzelheiten bei hunderten von Miniaturen zu ändern, war schon alleine eine Sisyphusarbeit, die man dem heutigen Diorama nicht mehr ansieht.

Auf vier Etagen sind die einzelnen Abschnitte der Rückzugsschlacht der Franzosen gegen die Bayern verteilt. Allein die Darstellung der Hauptattacke benötigt einen Raum von zwei Quadratmetern. Überhaupt ist der Steiger’sche Speicher dicht an dicht mit Modellen und Szenerien besiedelt. In Zinn besitzt er übrigens auch eine Reihe von historischen Persönlichkeiten aus Hanau, neben dem Neustadtgründer Philipp Ludwig und Feldmarschall Lamboy, der im Dreißigjährigen Krieg die Belagerung der Stadt leitete, sind das Ulrich Ritter als Gründer der Altstadt, der Revolutionär von 1848 August Schärttner, natürlich die Brüder Grimm und einige weitere Prominente der Vergangenheit. Die Gußformen wurden nach seinen Entwürfen von einem Graveur aus Krakau gefertigt. Fein und aufwendig bemalt von Matthäus Steiger gibt es sie inzwischen als Serie im Stadtladen zu kaufen. Auch die japanische Delegation aus der Partnerschaft Tottori erhielt einen Satz.

Zurück zu den Gebäudemodellen, die der Senior zusammenbaut: Wiedererstanden ist die älteste Burganlage in der Nähe des heutigen Kongreßzentrums aus dem 13. Jahrhundert, das erste Rathaus das Goldschmiedehaus, die alte Kommandantur (dort steht jetzt die Ludwig-Geißler- Schule), Johannes- und Marienkirche, ein Patrizierhaus und die Hellerbrücke in einer Zeit, als dort noch Wachposten standen und nicht jeden in die Stadt ließen.

Daneben erhebt sich der „Goldene Löwe“ in einer Szenerie der Biedermeierzeit, schließlich die gewaltige Anlage von Schloß Wilhelmsbad. Für die zahlreichen Säulen und Gesimse hat Matthäus Steiger eigens Formen aus Silikon entwickelt, um nicht jedes Teil einzeln anfertigen zu müssen. Es folgen weitere historische Darstellungen, etwa der Bau des Walls nach dem Hochwasser am Nürnberger Tor oder eine Revolutionsszene am früheren, runden Stadttheater. Der Steiger’sche Dachboden - eine Fundgrube der Hanauer Geschichte, die nur selten, etwa bei Ausstellungen im Puppenmuseum oder an anderen Orten, auch von einem größeren Personenkreis bestaunt werden kann.

Matthäus Steiger braucht für sein Hobby kein applaudierendes Publikum. „Ich tue das für mich, einfach weil es mir Freude macht“, sagt er. In der dritten Generation erlernte der Pensionär das Friseurhandwerk. Der Begründer dieser Hanauer Dynastie war Adam Steiger, der das erste Geschäft im Jahr 1890 in der Rappengasse eröffnete. Vater Louis machte sich 1930 mit einem eigenen Laden in der Rosenstraße selbständig, wo Enkel Joachim inzwischen die Regie übernahm. Anfang der 90er hat der 73-Jährige die Verantwortung Stück für Stück abgegeben und widmet sich seitdem noch stärker seinem Hobby. So lange er noch über ruhige Hände verfügt, wird das auch so bleiben.

Über das Zinngießen kam Matthaus Steiger vor fast drei Jahrzehnten auch zum Modellbau. Beides ist für ihn wie für andere Hobbybastler keine nostalgische Schwärmerei, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte, die akribisch betrieben wird. Sie sind also zugleich Historiker, sich mit dem Leben der Menschen in der abgebildeten Epoche, ihrer Kleidung, ihren Wohnungen, Geräten und Techniken ebenso wie Sitten und Gebräuchen auseinander setzen. Sie müssen - oder besser: wollen - wissen, wie die Architektur zu jener Zeit aussah, in welchem geografischen Umfeld sich die Vorbilder der Metallfiguren bewegten, ja sogar, in welcher Botanik sich die Szenen abspielten.

Die Art und Weise der Herstellung von Zinnfiguren ist schon seit über 100 Jahren die gleiche. Für den Guß wird eine Mischung von Zinn und Blei im Verhältnis von 60:40 verwandt. Bei den selteneren halb- oder vollplastischen Miniaturen kann der Bleigehalt höher sein. Matthaus Steiger verwendet auch noch ein geringen Anteil Wismut. Außerdem braucht man „viel Gefühl“. Diese Mischung eignet sich am besten für das Gießen der typischen, etwa 30 Millimeter großen, abgeflachten Figuren, dessen Erfolg davon abhängt, ob das flüssige Metall in alle Ritzen der Form dringt und keine Lufteinschlüsse bildet. Blei alleine wäre für die Bearbeitung der Figur zu weich, Zinn zu fest. Das Material bezieht Matthäus Steiger übrigens von Altwarenhandlungen. Eingeschmolzen werden auch alte Bierleitungen oder Coladosen.

Vor der Herstellung der Figur steht die Idee. Dann beginnt das Quellenstudium. Alles was am Ende auf einer Fußplatte steht, wird in Originalgröße gezeichnet und dann spiegelverkehrt auf Transparentpapier übertragen, ehe der Graveur mit der Arbeit beginnt. Für Matthäus Steiger erledigt ein polnischer Künstler diese Aufgabe. Er hat beispielsweise die Hanauer Persönlichkeiten entwickelt, die in größerer Zahl gegossen wurden und im Stadtladen erhältlich sind.

Mit Nadel und Stichel werden die auf Schieferplatten durchgepausten Zeichnungen in Vertiefungen umgesetzt. Ein Gußkanal wird eingegraben, ferner kleine Kanäle zum Entweichen der Luft. Dann kann der Probeabdruck mit Plastilin genommen werden, um zu sehen, ob und wie die Feinheiten der Figur rüberkommen.

Schließlich folgt der Guß: Der Tiegel mit der Legierung wird in einem Ofen auf 400-Grad erhitzt, die beiden Formhälften aufeinander gepreßt, das geschmolzene Metall läuft hinein, wo es nach wenigen Sekunden erstarrt. Dann werden die Formen auseinander genommen, die Figur vorsichtig mit einer Zange gelöst. Ist sie gelungen, müssen nur noch die unvermeidlichen Grate abgefeilt werden, ehe die Figur grundiert und bemalt wird. Die Form kann nach dem Guß immer wieder verwendet werden.

 

Neustadt

 

Baugeschichte:

Das 16. Jahrhundert brachte noch in seinen letzten Jahren ein für die kleine Stadt Hanau völlig unvorhergesehenes Ereignis. Religionsflüchtlinge aus den Niederlanden, die in Frankfurt Unterschlupf gefunden und dort eine eigene kirchliche Gemeinde gegründet hatten, wandten sich, da sie mit den weltlichen und geistlichen Behörden der freien Reichsstadt Zwistigkeiten bekommen hatten, an den Grafen Philipp Ludwig II. von Hanau und an seine Vormünder wegen einer Übersiedlung nach Hanau.

In einem Schreiben vom 27. Januar 1597 verpflichteten sich 58 Gemeindemitglieder in einer neu zu erbauenden Stadt, von der dem Grafen ein genauer Plan vorgelegt werden sollte, je ein bis vier Häuser zu errichten, wenn der Graf den Bau der Befestigungen und Tore und die Anlage eines Kanals übernehmen wolle. Am 1. Juni 1597 unterschrieben die vertriebenen Niederländer und Wallonen die „Kapitulation“ mit der Verpflichtung zum Bau einer neuen Stadt.

auf dem Garten- und Ackergelände südlich der Altstadt, durchschnitten von den vom Neutor ausgehenden Wegen nach dem Kinzdorf, nach Auheim und nach der Lehmkaute.

Der Grundrißplan für die gesamte neue Stadt stammte von Nicolaus Gillet. Die Neustadt Hanau ist das typische Beispiel einer auf dem Reißbrett entworfenen Stadt der Renaissance. Überall in Deutschland entstanden bis zum Dreißigjährigen Krieg durch die wegen ihres Glaubens vertriebenen Flüchtlinge solche Städte. Pfalzburg, Hanau, Freudenstadt, Mannheim, Lixheim, Mühlheim am Rhein und Glückstadt waren durch bastionierte Umwallungen befestigt. Der Grundriß all dieser Städte bildet eine regelmäßige Figur oder einen Teil davon. Das Straßennetz ist überall regelmäßig angelegt. Harmonische Zahlenverhältnisse in den Abmessungen der ganzen Anlagen oder einzelner Baublöcke spielen eine große Rolle (Mannheim, Hanau). Die Städte liegen durchweg in der Ebene, wo die Entwicklung des Straßengrundrisses auf keine Hindernisse stößt.

Ein Blick auf einen Stadtplan von Hanau zeigt die Anlage der Neustadt Hanau: Plan der Stadt Hanau 1775 von Johann Jakob Müller: Die Befestigungen zwischen Alt- und Neustadt sind gefallen. An ihre Stelle ist der große Paradeplatz mit Kollegienhaus und Theater getreten (Hanau Stadt und Land, Seite 139).

Vor der kleinen Residenzstadt Althanau muß ein ungeheurer Baubetrieb eingesetzt haben. Von überall her waren die Bauarbeiter zusammengeströmt, die in notdürftigen Unterkünften hausten. In wenigen Jahren war auf einem freien Felde eine Stadt entstanden. Eine Stadt, die in nichts der Nachbarschaft ähnelte, die in ihrem Grundplan und in ihren Bauten eine völlig neue Zeit repräsentierte.

Die Wohnbauten waren Reihenhäuser vom gleichen Typ; je nach den Vermögensverhältnissen waren sie mehr oder weniger patrizierhaft ausgestattet mit Zwerchhäusern und Prunkportalen, mit großen Eingangsdielen und breiten Treppenhäusern. Die meisten Häuser der neuen Stadt waren bis zum Jahre 1606 fertig. Sie waren meist zweigeschossig. In den Straßen in der Nähe der Festungswälle durften die Häuser wegen der Gefahr der Beschießung nur ein Stockwerk hoch sein. Einzig um den Marktplatz standen elf Häuser, die dreigeschossig erbaut waren.

 

Freiheitsplatz.

Der große Freiheitsplatz trennt weiterhin Alt- und Neustadt. Die Schleifung der Festungsanlagen zwischen Alt- und Neuhanau brachte die Voraussetzung für diesen Platz und für die Bauten an seinem Rande. Die neuen Bauten in der Stadt schlossen sich in ihrer strengen Auffassung an die vorher entstandenen Schloß- und Profanbauten in Hanau an. Auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verhielt sich Hanau gegen das süddeutsche Rokoko abwehrend und blieb bei einem strengen und sachlichen Stil. Der Baumeister des Erbprinzen war Franz Ludwig von Cancrin. Er kam 1764 an die Rentkammer in Hanau, wurde dort Assessor, dann Professor der Mathematik am Gymnasium und schließlich auch Leiter des Bauwesens in der Grafschaft.

Kollegienbau: Der erste Bau, den Wilhelm 1768 am Paradeplatz errichtete, war der „Collegienbau“, das Amtsgebäude für die gesamte Verwaltung der Grafschaft. Der monumentale Bau, der die Ostseite des Platzes einnahm, wurde 1858 zur Infanteriekaserne umgebaut bzw. der Collegienbau in die Kaserne eingebaut. Im Jahre 1945 wurde die Kaserne zum Behördenhaus mit dem Finanzamt und anderen behördlichen Stellen. Im Jahre 1954 konnte man die Ausdehnung des Kollegienbaus noch genau in dem Baugefüge der Kaserne erkennen: Ein Mittelrisalit von drei Achsen war vor die Fassade gezogen, eine geschwungene Freitreppe lag vor diesem Mittelteil. Die „neugotischen“ Formen wurden beim Wiederaufbau des „Behördenhauses“ weitgehend beseitigt. An der Südwestecke des Behördenhauses sind heute zwei alte Stadtansichten zu sehen.

Zeughaus: Das Zeughaus auf dem Platz vor dem Kollegienbau wurde 1777 von Cancrin erbaut. Es war ein reiner Zweckbau. Das hohe Mansarddach gab ihm die charakteristische Silhouette. Es wurde 1945 zerstört. An der Nordostecke des Platzes (heute: Gewerkschaftshaus) stand  das Gymnasium in der (heute nicht mehr vorhandenen) Schirnstraße.

In der Nordstraße, die a der Nordostseite des Freiheitsplatzes beginnt, stand die Synagoge, in der Kurve, wo jetzt eine Autoreparaturwerkstatt ist. EinStück der Gettomauer ist noch vorhanden an dem Weg nördlich der Polizeidirektion zur Main-Kinzig-Halle. Am Ende dieses Weges stehen noch die Fundamente des Hexenturms. An der Halle vorbei kommt man in den Sandeldamm. Dort geht man rechts weiter und kommt nach einer Linkskurve zum jüdischen Friedhof auf der linken Seite. Vom Nachbargrundstück aus kann man über die Mauer sehen. Den Schlüssel erhält man bei der Friedhofsverwaltung am Hauptfriedhof.

 

Die Hohe Landesschule:

Universitäten und Schulen sind von jeher geistige Mittelpunkte im Leben einer Stadt gewesen. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es in Deutschland Universitäten. Nach der Reformation bemühten sich die protestantischen Landesfürsten, durch die Errichtung von neuen Landesuniversitäten dem wissenschaftlichen und kulturellen Leben neuen Auftrieb zu geben. Im heutigen Hessen war es neben der Universität Marburg im 16. Jahrhundert besonders die Hohe Schule in Herborn, die Studenten aus allen reformierten Ländern anzog.

Unter den Schülern der Herborner Schule war auch der junge Graf Philipp Ludwig II. Nach dem Vorbild von Herborn wollte er in Hanau eine Schule errichten. Schon im Frühjahr 1612 hatte man mit den Bauarbeiten am Gymnasium, das eine großangelegte Bildungsstätte werden sollte, begonnen. Als Bauplatz war der Baugrund über dem ehemaligen Stadtgraben vor der Stadtmauer am Ende der Judengasse bestimmt worden, an der heute nicht mehr bestehenden Schirnstraße.

Doch der Graf starb im Jahre 1612, wenige Wochen nach der Grundsteinlegung zu einem neuen Schulgebäude. Der frühe Tod des kunstsinnigen und humanistisch denkenden Grafen Philipp Ludwig II., des „Gründers der Neustadt“, unterbrach den kaum begonnenen Bau. Das Kellergeschoß und das Sockelgesims des Unterbaues waren allein fertig geworden. Der Sockel des Gymnasiums zeigte schwere Rustikagliederung.

Der Dreißigjährige Krieg verhinderte einen Ausbau der Schule; bei der Einweihung der „neuen Akademie“ im Jahre 1623 bestand der Lehrkörper aus vier „Professoren“. Erst unter Friedrich Kasimir von Hanau-Lichtenberg fand der Schulbau endlich seine Vollendung. Am 28. August 1663 wurde der Baumeister Rumpf mit der Herstellung eines Risses beauftragt. Quader- und Mauersteine, „120 Riegen bretter und 95 böden allerley Gattung Holz“ kamen den Main herunter.

Das Gymnasium war ein dreigeschossiger, hoher Bruchsteinbau. Der Eindruck des gewaltigen Gebäudes war bestimmt durch die harmonischen Proportionen, die klare Gliederung und die großen Fenster. Das steile Schieferdach mit einem Dachreiter und einer volutenverzierten Gaube nach Süden gab dem Steinbau einen architektonischen Akzent.

Den künstlerischen Hauptschmuck des Baues bildete das an der Hofseite gelegene Sandsteinportal. Das in seinem strengen Aufbau altertümlich wirkende Renaissanceportal (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 438) schuf der Steinmetzmeister Caspar Klunzig, der seinen Namen am Hauptgesims uns überliefert hat. Neben den Wappen in der Portal-Bekrönung unter dem Sprenggiebel steht die Jahreszahl 1665. Auch an diesem Portal finden wir die für die Neustadthäuser so charakteristischen Obelisken. Die Ornamentik um die Schrifttafel und die Wappenbekrönung zeigt Rollwerk, geht aber schon zum Ohrmuschelstil über. Besonders die Fratze als Schlußstein über dem Eingang ist typisch für die Zeit um 1660.

Der Herborner Professor Ganterswiler erhielt 1664 seine Bestallung als Professor der Theologie und Philosophie. Zeitweise waren nun an der Schule  alle vier Fakultäten mit Professoren besetzt. Heidelberg und Marburg sollten mit ihren Statuten als Vorbild zur Errichtung einer Universität dienen. Doch der Plan des Grafen Friedrich Kasimir, beim Kaiser ein Universitätsprivilegium zu erwirken, scheiterte durch allerlei Intrigen. Das Gebäude war im Jahre 1664 fertig. Die Inauguration der „Hohen Landesschule“, wie die Anstalt nunmehr genannt wurde, fand am 21. Februar 1665 statt.

Die Versuche, in Hanau eine Hochschule oder gar eine Universität zu errichten, gehen neben der Tradition der gräflichen Lateinschule her, die seit dem Jahre 1538 bestand und deren Geschichte man in ununterbrochener Linie bis zur heutigen staatlichen „Hohen Landesschule“ verfolgen kann. Beide geschichtliche Überlieferungen vereinen sich in dem Begriff „Hohe Landesschule“. Seit dem Jahre 1671 waren an der „Hohen Schule“ die Einkünfte der Professoren von denen der Lehrer an der „Trivialschule“ getrennt. Beide Teile der Schule, das „obere Gymnasium“ und das „Pädagogium“ bestanden von nun an nebeneinander bis zum Jahre 1812.

Das Gebäude war schon 1912 durch einen Brand beschädigt worden. Das Dach brannte ab und wurde durch ein Notdach ersetzt. Die schweren Mauern des Gymnasiums überstanden auch gut den Zweiten Weltkrieg. Das Innere war allerdings ausgebrannt, das Portal blieb unbeschädigt erhalten. Erst im Jahre 1954 zerstörte man das Gebäude, indem man die noch festen Umfassungsmauern mit großer Mühe abriß.

Ein kostbares Stück zur Hanauer Kunstgeschichte und ein wichtiges Dokument zur Geschichte der Schule aber hatte sich an der Rückwand erhalten: Es ist das kunstvolle Portal mit den flankierenden Säulen und Obelisken, mit den beiden Wappen und der Inschrift, die von der Existenz der alten Schule kündet. Es wurde vor der Beseitigung der Ruine ausgebrochen und wurde an der neuen Schule am Alten Rückinger Weg eingebaut (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 147 und 438).

(Gerhard Bott in: Hanau Stadt und Land, herausgegeben vom Hanauer Geschichtsverein 1954, Seite 437-438).

 

Stadttheater (Kommödienhaus“)

Wilhelm, Erbprinz von Hessen und Graf von Hanau, der von seiner Mutter, der Landgräfin Marie, die Liebe zur Kunst und besonders zum Theater geerbt hatte, schreibt im Januar 1768 in seinen „Memoires de ma vie“: „Bau des Theaters zwischen Alt- und Neustadt nach Huth’s Entwürfen als Comédie francaise. Viele Maskeraden und Amüsements in diesem Winter durch Carl angeregt...“

Hier erfahren wir zum erstenmal von der Absicht, in Hanau ein Komödienhaus zu bauen. Die Ausführung der Pläne des Generals Huth lag in den Händen des im Baugewerbe sehr erfahrenen Münz- und Salzwerkdirektors Franz Ludwig von Cancrin, der sehr viel Verständnis für die Ideen seines Auftraggebers hatte. In Hanau gab es zu dieser Zeit keinen Saal, in dem man größere Feste oder Bälle hätte veranstalten können. Deshalb schuf Cancrin 1768 in dem Theater die Möglichkeit, den Zuschauerraum mit der Bühne auf gleiche Höhe zu bringen, und schenkte so der Stadt Hanau den ersten großen Saal.

Am 17. Oktober 1768 wurde das „Comoedienhaus“ eingeweiht. Einen festlichen Auftakt erlebte dies mit zwei Rängen versehene Theater durch den Besuch des Königs Christian VII. von Dänemark, des Schwagers des Erbprinzen, am 22. Dezember 1768.

Das Theater war ein schlichter Bau in guten Proportionen am anderen Ende des Platzes, das halbrunde Bühnenhaus lag am großen Platz. Die Fürstenloge im Inneren des Theaters war reich geschmückt. Diese Einrichtung blieb 100 Jahre erhalten und wurde erst beseitigt, nachdem das Theater in den Besitz der Stadt übergegangen war. Über die kurze Bauzeit berichtete ein unter dem Dach des Gebäudes angebrachter Stein, der die Aufschrift „VOM XI. APRIL BIS DEN XXIII. JUNI MDCCLXVIII IST DIESES MAUERWERK AUFGEFÜHRT WORDEN“ trug. Unter diesem Stein fand man bei dem Abtragen der Gebäuderuine im Mai 1954 eine Kupferplatte und eine Blechbüchse. Die Inschrift auf der Platte war lateinisch und lautet, ins Deutsche übertragen: WILHELM, Landgraf von Hessen, Erbprinz, Graf von Hanau, der fromme glückliche erhabene Fürst hat durch eine hochherzige Spende ein Theater für die zu veranstaltenden öffentlichen Spiele und szenischen Aufführungen dessen Gründung im Anfang des Jahres 1768 und dessen Vollendung im Ausgang des Sommers geschah für den gesamten Chor der Musen und Tugenden geweiht.“

In der Bleibüchse fand man ein größeres und ein kleineres Päckchen von graugrünem Löschpapier, von denen das größere sechs verschieden große silberne und eine kupferne Münze und das kleinere eine Goldmünze enthielt. Alle diese Münzen waren in der Hanauer Münze neben dem Frankfurter Tor geprägt worden.

Von der ersten Aufführung im neuen Komödienhaus erfahren wir in den Memoiren des Erbprinzen, der hier am 17. Oktober 1768 schreibt: „Während meiner Abwesenheit Eröffnung der Comédie francaise im neuen Theater, spielt den ganzen Winter. Direktor Kyraski. Marie hat viel Plaisier, ebenso der Adel, der gratis hingehen darf.“ In der in Hanau erscheinenden „Europäischen Zeitung“ aus dem Jahr 1768 ist über diese Aufführung nichts zu erfahren. Erst in der Ausgabe vom 26. Dezember 1768 wird hier im Zusammenhang mit dem Besuch des dänischen Königs über zwei Aufführungen am 22. und 23. Dezember 1768 berichtet:

„Des Abends (22.) gefiel es dem Monarchen, sich in Gesellschaft unserer gnädigsten Herrschaft in das Comödien-Hauß zu begeben und das auf Höchstdero Befehl aufgeführte Französische Lustspiel ‚La Partie de, Chasse de Henri IV.’ nebst der Opera Comique ‚Rose et Colas’ aufführen zu sehen; worüber Ihro Majestät Dero gnädigste Zufriedenheit bezeigten.“ - „Gegen 6 Uhr des Abends (23.) erhuben sich Ihro Majestät abermal in die Comödie, wo auf gnädigstes Verlangen die ‚Zaire’ und zum Nachspiel die Comische Oper ‚Le Tonnelier’ vorgestellet wurde. Nach geendigtem Schauspiel und eingenommener Abendmahlzeit nahm der masquierte Bal in dem zu dem Ende herrlich erleuchteten hiesigen Comödien-Hause seinen Anfang und wurde bis 6 Uhr des Morgens fortgesetzt. Ihro Majestät wohnten demselben nebst unseren gnädigsten Herrschaften bis gegen 3 Uhr bey . . .“. Bei diesem Ball ist die Hebevorrichtung zum erstenmal verwendet worden.

Das damalige Theaterrepertoire war vorwiegend französisch; auch die Bernardische Truppe, die 1770 die von Kyraski ablöste, spielte fast ausschließlich französische Werke. Erst nach dem Tode der Landgräfin Marie im Januar 1772 kamen auch deutsche Stücke zur Aufführung.

Im Frühjahr 1777 war Adolf Freiherr von Knigge, aus Kassel kommend, in Hanau eingetroffen. Hier versuchte der Schriftsteller vergeblich in Hofdienste zu treten, so wie er ab 1771 in Kassel Hofjunker und Assessor gewesen war. Sein bekanntestes Werk „Über den Umgang mit Menschen“ wie sein „Roman meines Lebens“ sind teilweise in Hanau geschrieben worden. Im Jahre 1777 wurde unter der Leitung des Freiherrn Adolf von Knigge, der damals als „maitre de plaisier“ am Hofe angestellt war, eine Truppe zusammengestellt.

Knigge brachte es dann fertig, daß nicht nur im Hanauer Komödienhaus weiterhin regelmäßig Theater gespielt, sondern auch im Residenzschloß ein Theatersaal eingerichtet wurde, auf dessen Bühne am 28. November 1778 die erste Vorstellung stattfand.

Nach dem Tode des Landgrafen Friedrich II. zog Erbprinz Wilhelm nach Kassel, und damit ging auch die Blütezeit des Hanauer Theaters zu Ende. Nur wenig wissen wir über das Leben und Treiben im Komödienhaus in der Zeit zwischen 1785 und 1877.

Im Jahre 1794 mußten vorübergehend 200 verwundete und kranke Franzosen darin untergebracht werden, da es noch immer keinen geeigneteren großen Saal in der Stadt gab. Nach der Schlacht bei Hanau im Jahre 1813 diente das Theater nochmals als Lazarett. Im Jahre 1817 wurde eine größere Wiederherstellungsarbeit am Gebäude nötig, wobei der südliche Teil wegen schlechter Fundamente abgebrochen werden mußte, dann aber wieder in der alten Form aufgebaut wurde.

Im Jahr 1866 schließlich sollte das Theater für die Zeichenakademie erworben und umgebaut werden. Doch gelang es nach langen Kämpfen im Jahre 1872, es der Stadt als Theater zuzusprechen. Das bedeutete, daß die Stadt es nun an einen Direktor verpachten konnte. Als erster Theaterdirektor wurde der Hanauer Commissionsrat Daniel Frey, der damals in Berlin lebte, verpflichtet. In der Folgezeit übergab die Stadt die Leitung des Stadttheaters an Direktoren (später Intendanten), von denen einzelne einen vorzüglichen Ruf in der Theaterwelt genossen.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts spielten nur Wandertruppen im Hanauer Theater, die meistens für ein oder zwei Jahre hierblieben.

Und dann kam das Ende. Im August 1944 wurden alle Theater geschlossen, auch das Hanauer. Der für die Spielzeit 1944/45 neu verpflichtete Intendant Gerhard Zimmermann konnte nur noch die Auflösungsarbeiten leiten ... Und zuletzt trafen die Bomben das Gebäude am 6. Januar 1945. Die Ruine stand noch bis in den Mai 1954. Aus dem Wiederaufbau wurde nichts mehr; die Trümmer wurden beseitigt. Kein Fremder, der heute nach Hanau kommt, ahnt, was wir Hanauer mit der Vernichtung unseres Musentempels verloren haben.          

Bild in. Hanau Stadt und Land, Seite 442: Das Theatergebäude in Hanau, nach dem Umbau von 1904.

Die kleine Anlage am Stadttheater hieß „Erbprinz-Wilhelm-Anlage“, weil Erbprinz Wilhelm von Hessen-Kassel 1768 das Stadttheater (Paradeplatz 16) erbaute. Es wurde am 22. Dezember desselben Jahres eröffnet.

 

Südseite des Freiheitsplatzes:

An der Südseite des Freiheitsplatzes liegt ein großer runder Stein mit einer Inschrifttafel. Sie weist darauf hin, daß schräg gegenüber vor dem Kino (heute Stadtmetzgerei) sich das Geburtshaus der Brüder Grimm befand. Hier wurde Jakob Grimm am 4. Januar 1785 und Wilhelm Grimm am 24. Februar 1786 geboren. Hanauer Bürger ließen das Haus im Jahre 1871 mit einem Bronzerelief der Brüder und einer Marmortafel mit Inschrift schmücken. Am Eingang der heutigen Fahrstraße war die Philipp-Ludwig-Anlage mit dem Röhrbrünnchen. Das Haus Nummer 7 hieß „Zur buckligen Farbe“ (heute: Reformhaus).

 

Bangert/Katholische Kirche

Westlich des Freiheitsplatzes ist der „Bangert“. Der baumbestandene Platz zwischen Frankfurter und Hospitalstraße heißt „der Bangert“, weil zu Beginn des 16. Jahrhunderts um die Altstadt und die älteste „Vorstadt“ (heute: Hospitalstraße) eine neue Wallbefestigung angelegt wurde. Damals entstand auch der Bangert, d. h. Baumgarten. Er lag zwischen dem alten Kinzdorfer Tor und dem Spitaltor und war ursprünglich und während des 16. bis zum 18. Jahrhundert der Gemüsegarten für den herrschaftlichen Hof.

Im Jahre 1851 wird die Bezeichnung „Der Bangertgarten“ in „Bangert“ umgewandelt. Um diese Zeit wurden verschiedene Parzellen des „Bangerts“ verkauft. Das nördlich der Hospitalstraße liegende Terrain zwischen Stadtmauer und Wall bildete ebenfalls einen größeren baumbesetzten Schloßgarten. Das Haus Bangertstraße 6 hieß zum „Zum Affen“ (östlich der Kirche, heute der Stadtkirchnerei gehörend).

 

Um das Jahr 1750 hatten sich in Hanau die ersten katholischen Familien nach der Reformation angesiedelt. Den Gottesdienst konnten sie nur in den kurmainzischen Orten Großauheim und Groß-Steinheim besuchen. Der jungen Gemeinde erwuchsen rührige Laienhelfer, besonders Hofrat Johann Jakob Bernay de Merville, der Fabrikant Johannes Eckstein, Kaufmann Georg Anton Waltz, Andreas Schulz und die Gebrüder Stöcklein.

Als ersten Erfolg konnten diese wackeren Männer die Genehmigung zu eigenem Gottesdienst verzeichnen, die Landgraf Wilhelm von Hessen-Kassel am 20. April 1787 erteilte. Als Notkirche wurde der obere Stock des Hauses „Am Birnbaum“ in der Gärtnerstraße für 160 Gulden jährlich gemietet. Pfarrer Kuhn von Steinheim weihte den Betsaal ein, wobei Vikar Menninger vom Bartholomäusstift in Frankfurt über Johannes 13,35 predigte.

Der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus verstärkte sich. Die genannten Männer unternahmen Bettelreisen nach Holland, Spanien und Portugal. Andreas Schulz sammelte in Köln von Haus zu Haus. Sogar an Papst Pius VI. erging die Bitte um eine Kollekte im Kirchenstaat. Pius sandte der Gemeinde Hanau ein huldvolles Schreiben mit dem Versprechen, die Kollekte zu unterstützen, doch unterblieb sie wegen der Umständlichkeit (Dieses wertvolle Schreiben ist mit vielen anderen bedeutenden Urkunden und Archivalien leider am 19. März 1945 verbrannt).

Am 14. Juli 1809 gründete Napoleon die katholische Pfarrei Hanau, die dann Fürstprimas Karl von Dalberg von Regensburg aus errichtete. Die Seelsorge der jungen Gemeinde übte zuerst Pfarrer Kuhn von Steinheim aus. Ihn unterstützte der spätere Bischof von Fulda, Johann Adam Rieger, Stadtpfarrer in Kassel. Er wohnte in Wilhelmsbad und hielt den dortigen französischen Emigranten Gottesdienst. Vorübergehend pastorierte in Hanau der Universitätsprofessor Dr. Kaspar Müller und der pensionierte Vikar des Petristiftes zu Fritzlar, Kaspar Henzerling. Letzterer wurde bald Hofkaplan des Königs „Lustik“ von Westfalen in Kassel, später Ehrendomherr.

Mit der Anstellung des ersten Pfarrers Adam Ruppert im Juli 1809 begannen die Streitigkeiten um einen geeigneten gottesdienstlichen Raum. Napoleons Beamte boten die Hospitalkirche an. Wegen Hochwassergefahr wurde sie abgelehnt. Die Gemeinde bat um die französische Kirche, konnte aber mit dieser Bitte nicht durchdringen. Karl von Dalberg, jetzt Großherzog von Frankfurt, versprach, einen Teil des Marstalls im Schloß zu einer Kirche umbauen zu lassen. Die Schlacht von Leipzig setzte seiner Herrlichkeit ein Ende. Pfarrer Ruppert verlor seine Staatseinkünfte, für die sich dann als Minister Freiherr vom Stein, der Reorganisator Preußens, einsetzte, und zwar mit gutem Erfolg. Am 15. März 1828 starb Pfarrer Ruppert, betrauert von arm und reich.

Die Tätigkeit des neuen, erst 27 Jahre alten Pfarrers Johann Franz Schaum galt der brennendsten Hanauer Seelsorgefrage, der Kirchennot. Zehn Jahre lang wandte sich der unermüdliche, mit 32 Jahren zum Dechant ernannte Pfarrer Schaum mit Bittschriften an die Regierung um einen geldlichen Zuschuß. Oberbürgermeister Eberhard unterstützte ihn. Schaum betonte immer wieder das Recht auf Staatsunterstützung, da die Staatskasse durch Einziehung der säkularisierten Klostergüter der Grafschaft Hanau bereichert worden war.

Die Bemühungen Schaums waren von Erfolg gekrönt. Sammlungen in allen Orten des Kurfürstentums erbrachten erkleckliche Summen. Besonders zu rühmen ist, daß die drei evangelischen Gemeinden Hanaus eine beträchtliche Summe opferten. Die Katholiken der Stadt und die Pfarreien des Bistums standen nicht zurück. So hatte die restlose Arbeit Schaums einen verhältnismäßig hohen Betrag zusammengebracht.

Als Bauplatz hatte Schaum sofort den Bangert ins Auge gefaßt, Domänenbesitz der kurhessischen Regierung. Aber der Platz war für ein Polizeigebäude oder eine Kaserne vorgesehen. Die Regierung schlug nun der Gemeinde der Reihe nach die Mühlenschanze, den Umbau des Stadttheaters und den Platz neben der Niederländischen Kirche vor; doch alle diese Pläne zerfielen. Schließlich einigte man sich doch auf den Bangertplatz.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wandte man sich rückwärts und zog einen erneuerten „gotischen“ Stil hervor. Die Katholische Kirche am Bangert in ihrer ursprünglichen Gestalt ist ein Bau dieser Zeit.

Am Mittwoch, dem 11. August 1841, begann der Neubau. Am 2. Mai 1842 wurde der Grundstein unter dem rechten Portal gelegt. In ihm sind verschlossen die Urkunde der Grundsteinlegung auf Pergament, zwei Flaschen Wein von 1798 und 1841, eine Schaumünze von 1821 und mehrere Silbermünzen. Der Aufbau ging rasch seinem Ende entgegen; da stürzte das Gebäude am 14. Januar 1843 abends zwischen sechs und sieben Uhr zusammen. Ein Wirbelwind soll die Ursache gewesen sein. Ein kunstvoller Turm war geplant gewesen, wie auch die Höherführung des Mittelschiffes um einige Meter mit Oberfenstern, was später beim Neuaufbau unterbleiben mußte. (Das Holzmodell befand sich noch in einem Schrank der rechten Sakristei und ist leider ebenfalls verbrannt).

Der so verdiente Pfarrer Schaum mußte die Trümmer seiner jahrzehntelangen opferreichen Tätigkeit mit eigenen Augen sehen. Fast das ganze Kapital war verbaut, und nun brach diese schwere Heimsuchung über Pfarrer und Gemeinde herein. Niemand brachte Hilfe. Weitere Zuschüsse unterblieben; ein neuer Plan wurde verworfen. Das neue Gotteshaus lag fünf Jahre als Trümmerhaufen da, von 1843 bis 1848. Dechant Schaum mußte seine Gemeinde in solch trostlosem Zustand verlassen. Er wurde nach Fritzlar versetzt und starb in den sechziger Jahren als Domkapitular in Fulda. Erst sein Nachfolger konnte den Kirchenbau zu Ende führen; am 28. August 1850 wurde die Kirche feierlich geweiht. Die Stadtpfarrkirche „Mariae Namen“ war eine dreischiffige gotische Basilika mit sechs Fensterachsen. Der ursprünglich quergestreiften Fassade mit blauem und rotem Sandstein diente die italienische Gotik, hier besonders die Dome von Orvieto und Siena, als Vorbild (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite  469: Die katholische Kirche im Bangert in Hanau, erbaut 1841-1850, tich von W. Lang nach einer Zeichnung von L. Rohbock 1850).

Am 7. Dezember 1944 wurde das Gotteshaus durch eine Luftmine zerstört und, brannte am 19. März 1945 vollends aus. Mit dem Wiederaufbau des Gotteshauses wurde am 1. Oktober 1951 begonnen. Am 8. Juni 1952war die Kirche  zunächst ohne Turm fertiggestellt, am 9. Juni 1952 wurde sie neu geweiht. Im Jahr 1956 wurde der Turm gebaut. Zur Ausstattung der Kirche gehören ein großes holzgeschnitztes Kreuz von Wohlfahrt aus Steinheim, ein Kreuzweg von Prof. A. Weckbecker, München, der Marienaltar mit einer modernen Marienfigur von Roland Friedrichsen, München, ein St. Joseph-Altar mit einer modernen Josephfigur von Schwester Eberhardis (Honnef). Der Hauptaltar aus Anröchter Dolomit mit Sepulcrum und Kreuzchen, Ambo aus Anröchter Dolomit mit Lesepult in Bronzeausführung, Tabernakelstele aus Anröchter Dolomit in Bronzeausführung, Ewiglicht-Halter in Bronze mit Glas. Eine Orgel ist ebenfalls vorhanden. Zum Kath. Stadtpfarramtgehören auch die Hauskapelle des St. Vincenz-Krankenhauses und die Hauskapelle des St- Elisabethen-Hauses (Altersheim).

 

 

Straßen:

In der Sternstraße hatten die Häuser 8, 10 und 12 die Namen „Zum kleinen Stern“, „Zum Stern“ und „Zum hohen Stern“ (heute: Karstadt).

Die Schreibweise „Hammerstraße“ ist an sich falsch, weil die Straße nach dem Erbauer des Hauses Nr. 5 (heute: Sauerwein, schon in der Nähe des Marktplatzes), dem Bürgermeister und Colonel Hamer genannt worden ist. Sie müßte also „Hamerstraße“ heißen (allerdings wurde der Name auch „Hammer“ geschrieben).

In der Hammerstraße stehen zwei Skulpturen vom Albrecht Glenz zu dem Grimmsche Märchen von den sechs Brüdern, die in Schwäne verwandelt worden waren und von ihrer Schwester erlöst werden: Der Schwanenbrunnen am Anfang und die Schwester auf dem Scheiterhaufen in der Mitte der Hammerstraße.

Das Haus Langstraße 34 (neben Reisebüro Neckermann) hieß „Das Wasserweibchen“ und zeigt noch heute an der Fassade Reste von Sandsteinschmuck.

In der Langstraße 41 (heute: Stadtladen) stand das Haus „Zur Grünen Linde“. Hier wurde der Maler und Zeichner Ludwig Emil Grimm (14.3.1790 - 4.4.1863) geboren. Er gab zahlreiche Schilderungen des Lebens der Familie Grimm und Illustrierte die Werke seiner Brüder.

Rosenstraße: Haus Nummer 1 „Zur Rose“

 

 

Marktplatz:

Hof- und Schwanenapotheke, Markt 17-19: Sie bildete mit dem Nachbarhaus an der Westseite des Marktplatzes eine Einheit. Die niederländischen „Jubilierer“ Cornelius van Dahl und Hektor Schelckens ließen sich die beiden Häuser am Markt bauen. In das Doppelhaus führten zwei geschmackvolle Portale. Das Portal an der Hofapotheke überstand den Brand der Neustadt, auch Teile vorn Portal des Nebenhauses wurden gerettet. Die Zwerchhäuser gaben dem Haus das charakteristische Gesicht. Durch den großen Giebel in der Mitte des Doppelhauses ging genau die Grenze zwischen beiden Grundstücken. Voluten und abwippende Schnörkel, Obelisken und Hausteinbänder, das „Beschlagwerk“ der Zeit um 1600 und die großen Muscheln in den Giebeln der Gauben waren die stilistischen Merkmale der Renaissance, ebenso wie die beiden Portale für diese Zeit typisch sind (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 141).

Das bürgerliche Wappen des Portals am Haus Nr. 19 zeigt einen Diamantring, für uns eine Erinnerung an die Tradition Hanaus als Schmuckstadt.

 

Das Neustädter Rathaus wurde erbaut von dem Baumeister Christian Ludwig Hermann. Der „Herr Hermann, Bau-Meister ihro Hochgräflichen Gnaden zu Hanau“, machte einen Riß „vor das Neu erbauende Rathaus nach dem Grundriß 3 Stockwerk hoch mit Läng 88 schuh, Breit 46 Schuh, mit einem französischen Dach“. Die feierliche Grundsteinlegung für das Rathaus fand am 11. Juni 1725 statt. Bis Ende 1726 war der Rohbau ausgeführt und unter ein „französisches“ Dach gebracht. Der Innenausbau zog sich bis zum Jahre 1733 hin. Die Fassade des Rathauses ist ganz mit Sandsteinen verblendet. Die neun Achsen der Vorderfront, die in je drei Fensterachsen geschieden sind, ergeben ein harmonisches Verhältnis der einzelnen Teile.

Der herrliche Barockbau hat einen Dreiecksgiebel, Wappenschmuck und ein schönes sechseckigen Uhrtürmchen. Der Dreiecksgiebel mit dem Wappenschmuck in qualitätvoller Steinmetzarbeit hebt den Mittelteil zusammen mit dem Balkon im ersten Obergeschoß aus der Front. Der Giebel des Mittelrisalits zeigt das Allianzwappen des Grafen Johann Reinhard III. und seiner Gemahlin Dorothea Friederike von Brandenburg-Ansbach. Im Balkongeländer des ersten Stockes ist das Wappen der Neustadt, die vor den Hanauer Sparren sitzende „Belgia“ zu sehen.

Die klare und ruhige Verteilung der Akzente, die beinahe klassizistische Sachlichkeit der Architekturglieder und der strenge Aufbau geben dem Rathaus eine gewisse Monumentalität. Es ist dem Architekten ausgezeichnet gelungen, das barocke Rathaus in die etwas trockene Atmosphäre der Neustadt Hanau an die gerade Platzwand des Marktes einzufügen. Das Rathaus hat nichts von dem sprudelnden deutschen Barock der süddeutschen Bauten an sich, seine Haltung ist durch den französischen Einfluß am Hanauer Hof bestimmt, der früher als an allen anderen deutschen Höfen schon mit dem Bau von Philippsruhe um 1700 einsetzte (Bild in Hanau Stadt und Land, Seite 154). Im Jahre 1945 ist das Rathaus ausgebrannt und 1957 wiederaufgebaut,

 

 

 

Neustädter Rathaus:

Baugeschichte

Pläne für einen Rathausbau der Neustadt Hanau existierten schon bei Stadtgrün­dung. In einem Plan von 1597 taucht ein zu erbauendes Rathaus der Neustadt auf, und man fand Baurechnungen, die darauf hinweisen, daß am 31. Juli 1606 eine erste Grund­steinlegung zu einem Rathaus stattfand, das dann wohl aus Finanznot nicht zur Ausfüh­rung kam. Der Rat der Neustadt Hanau kaufte daher schon errichtete Bürgerhäuser auf, die in der Folgezeit als provisorische Rathäuser dienten. Der Platz an der Nordseite des Marktplatzes, der für den Rathausbau vorgesehen gewesen war, wurde nicht bebaut und diente als städtischer Lagerplatz. Später wurde hier eine provisorische Bürgerwacht errichtet.

Erst über 100 Jahre nach der Stadtgründung wurde der Rathausbau erneut in Angriff genommen und konnte mit Unterstützung des Hanauer Grafen endlich durchgeführt werden. Am 11. Juni 1725 fand in Anwesenheit des Grafen Johann Reinhard III. und seiner Gemahlin Dorothea Friederike  von Brandenburg-Ansbach die feierliche Grundsteinlegung statt.

Bis zum Ende des Jahres 1726 konnte der Rohbau vollendet werden. Im Dezember 1726 wurde mit den Dachdeckerarbeiten begonnen. Der weitere Ausbau ging jedoch wesentlich langsamer voran. Im Frühjahr 1728 schienen die durch Baurechnungen belegten Weißbinderarbeiten auf ein baldiges Ende der Bauzeit hinzuweisen. Doch erst am 5. November 1733 konnte die Einweihung des Gebäudes gefeiert werden. Wieder war der Graf erschienen. diesmal begleitet von der Gemahlin seines ver­storbenen Bruders. Ein Bild dieses 1733 eingeweihten Rathauses kann man sich anhand der Zeichnungen in der Chronik Dhein machen. Die Aufrißzeichnung zeigt uns das Rathaus mit dem ursprünglichen Dach. ohne das Uhrtürmchen und mit zwei mächtigen Schornsteinen auf dem Dachfirst.

In den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts wurde das Dach des Rathauses umgestaltet. Man setzte auf das Rathaus ein Türmchen auf, das Raum für eine Uhr mit Glockenspiel bot. Am 22. Dezember 1751 war ein Polizeidekret erlassen worden, das dem Rat der Neu­stadt nahelegte, eine Uhr auf dem „...Rathaus oder sonstigem schicklichen Orthe...“anzu­bringen. Die Stadtväter hatten es aber mit der Anschaffung dieser Uhr nicht sehr eilig. Erst als die Stadt von der Herrnhuter Brüderkolonie bei Büdingen eine Uhr samt Schlagwerk günstig kaufen konnte, kam man der Aufforderung nach. Das Rathaus erhielt sein Türmchen. gleichzeitig wurde der Dachfirst erhöht, auch wurden die auf Dheins Ansicht zu sehenden Schornsteine nach hinten versetzt

Auch im Innern wurde das Rathaus umgestaltet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts muß ein Umbau stattgefunden haben. Der Grundriß, der der Chronik Dhein beigefügt ist, zeigt uns die ursprüngliche Raumaufteilung. Gegen Ende des 19. Jahrhun­derts war die Halle, die hinter sechs zunächst offenen Arkaden lag, verschwunden und es öffneten sich nur noch die mittleren drei zu einem kleinen Vorraum.

 

 

 

Als am 19. März 1945 ein großer Luftangriff die Stadt Hanau fast vollständig zer­störte, wurde auch das Neustädter Rathaus nicht verschont. Es brannte völlig aus und nur das Mauerwerk blieb erhalten. Erst in den Jahren 1962 bis 1965 wurde das Bauwerk wieder hergestellt. Beim Wiederaufbau erhielt das Rathaus äußerlich das Aussehen von 1755, d. h. es wurde wieder ein hohes Uhrtürmchen auf das Dach gesetzt. Der zuständige Archi­tekt, Theo Pabst aus Darmstadt, löste das Rathaus aus dem Verband der Häuserzeile und ließ es isoliert stehen. Es wird heute hufeisenförmig von einem modernen Rathausbau umgeben, mit dem es aber nicht direkt verbunden ist '

 

Baubeschreibung

Das Neustädter Rathaus, ein dreigeschossiger. querorientierter Bau, wendet sich mit seiner Hauptfassade dem Marktplatz zu. Ursprünglich in eine Baulücke eingepaßt. d. h. in seiner Ausdehnung an vorgegebene Bedingungen gebunden, konnte es 23,74 Meter breit werden. Die Tiefe des Gebäudes beträgt 18 Meter und es erreicht bis zum Abschlußgesims eine un­gefähre Höhe von 12,50 Meter.

Die Hauptfassade, die völlig mit rotem Sandstein verblendet ist, zeigt eine strenge Gliederung. Wir sehen neun Fensterachsen, deren drei mittlere zu einem leicht vorsprin­genden Risalit zusammengefaßt werden. der durch einen Balkon im ersten Stock und den krönenden Dreiecksgiebel in der Dachzone betont wird. Wie beim Frankfurter Tor werden die Geschosse durch einfache Sandsteinbänder getrennt. Die Ecken werden durch breite genutete Lisenen betont. Das Erdgeschoß wird gebildet von neun Arkaden.

Heute öffnen sich die drei mittleren zu Eingängen, während die seitlichen jeweils eine leicht zurückge­setzte Fensteröffnung zeigen. Wir wissen. daß ursprünglich nur die drei linken Arkaden ge­schlossen waren, die übrigen sechs öffneten sich zu einer schmalen Vorhalle. Man blickte durch diese Arkaden auf die zurückliegende Wand, deren Tür- und Fensteröffnungen - durch ein blindes Fenster ergänzt - Symmetrie vortäuschen sollten. Erstes und zweites Obergeschoß sind ähnlich gestaltet. Die Fenster zeigen hier eine schlichte Sandsteinrah­mung und auch ihr Brüstungsfeld wird durch einen plastisch vorspringenden Rahmen be­tont. Das erste Obergeschoß wird durch die hier ein wenig höheren Fenster und den Bal­kon mit dem wappengeschmückten Gitter betont. Der Balkon ist durch drei Türen zugäng­lich, die durch ein „Bekrönungsgesims“ hervorgehoben werden.

Das Dach. ein geschiefertes Mansarddach, wird von mehreren Gauben durchbro­chen. Wir sehen drei zu jeder Seite des Frontispiz und zwei kleinere hochovale in der darüberliegenden Dachzone. Es wurde schon erwähnt, daß das Türmchen später aufgesetzt wurde und der Dachfirst ursprünglich nicht so hoch war.

 

 

Der Dreiecksgiebel über den drei Mittelachsen zeigt plastischen Schmuck aus hellgrauem Sandstein. Die Wappenkartusche mit dem farbig hervorgehobenen Allianzwap­pen des Grafen Johann Reinhard III. und seiner Gemahlin Dorothea Friederike von Brandenburg-Ansbach wird von zwei sitzenden Gestalten flankiert. Wir sehen Justitia mit Waage und Zepter. ihr zu Füßen ein Adler mit Schwert. Die Frauenfigur auf der rechten Seite symbolisiert den Frieden. Sie hält Fackel und Buch und wird von einem Kra­nich begleitet.

Die Rückfront des Rathauses zeigt sich als Putzfassade mit Sandsteingliederung. Eck­quaderung und die auch hier zu sehenden schmalen horizontalen Bänder aus rotem Sandstein heben sich stark vom hell verputzten Mauerwerk ab. Auch die Rückfront zeigt neun Fensterachsen. Wieder sind die drei mittleren zu einem Risalit zusammengefaßt, doch springt dieser Risalit so weit vor, daß in jedem Stockwerk ein zusätzliches Fenster bzw. im Erdgeschoß einmal eine Tür an seinen beiden Seitenwänden Platz findet.

Die Fenster ent­sprechen denen der Vorderfront. Sie zeigen eine schlichte Rahmung und werden durch ein einfaches Brüstungsfeld. beides aus rotem Sandstein, betont. Etwas abweichend sind die Fenster des Erdgeschosses. Sie werden nach oben hin durch einen Segmentbogen nicht ge­rade abgeschlossen. Entsprechend der Vorderfront zeigt das Dach je drei Dachgauben links und rechts des Mittelrisalites.

Bei der Wiederherstellung in den 60er Jahren wurde eine kleine Veränderung vorge­nommen. An Stelle des Mittelfensters des Risalites war hier im Erdgeschoß ursprünglich, wie auf alten Fotografien zu sehen ist, der Kellerzugang mit einem darüberliegendem quer-oralen Fenster.

Die ursprünglich verbauten Seitenwände erhielten in den 60er Jahren Fenster im zweiten Stock und in der Mansarde. Auch hier sieht man heute schmale Sandsteinbänder zwischen den Geschossen.

Das Innere des Rathauses zeigt heute keinerlei Ähnlichkeit mit dem Hermannschen Bau. Man nutzt das Gebäude heute in erster Linie für Repräsentations- und Ausstellungs­zwecke. Die ursprüngliche Raumaufteilung ist verschwunden. Da wir - wie schon erwähnt - die Grundrisse aus der Chronik Dhein besitzen. wissen wir von der Aufteilung, die Hermann vornahm. Es galt, in diesem Gebäude die Räume des Rates und der Bürgerwacht unterzubringen. Ein langgezogenes Vestibül in der Mitte zerlegte das Erdgeschoß in zwei Hälften. Rechts waren die Räume der Bürgerwacht untergebracht, die durch die davorge­legene offene Halle zugänglich waren. Die linke Gebäudehälfte stand dem Rat zur Verfü­gung. Die den vorderen Teil einnehmende große Ratsstube war ebenfalls direkt von der Vorhalle aus zu betreten, während der Zugang zu den übrigen Räumen durch das Vestibül erschlossen wurde. Die Treppe zu den oberen Geschossen fand Platz in dem rückseitigen Risalit. Im ersten Stock befanden sich die repräsentativen Räume, so im vorderen Bereich ein großer Ratssaal, im zweiten Stock sehen wir dagegen eine kleinere Raumaufteilung. die ich ähnlich auch für die Mansarde vermuten möchte. doch liegen hier keine Pläne vor.

Der Baumeister: Beim Hanauer Rathaus handelt es sich um eines der Gebäude, die sich unzweifelhaft auf Baumeister Christian Ludwig Hermann zurückführen lassen. Er lieferte also die Risse zum Rat­hausbau. Gebunden an die Weisungen des Rates, der seine Vorstellungen berücksichtigt sehen wollte, stand er hier vor der Aufgabe, ein repräsentatives Gebäude zu schaffen. Gleichzeitig mußte er die ältere Bebauung des Platzes berücksichtigen. Es galt, das Ge­bäude in die Häuserzeile einzufügen aber dennoch als Sitz des Rates hervorzuheben. Lei­der geben die Hanauer Akten nicht darüber Auskunft inwieweit Hermann, auch über die Fertigung der Risse hinaus, noch Einfluß auf die Ausgestaltung nahm. Es existieren in den Bauakten einige Detailzeichnungen. so u. a. zum Balkongitter, die aber alle ohne Signatur sind und dort, wo Erläuterungen zu diesen Entwürfen gemacht wurden, sind die Schrift­züge nicht identisch mit denen Hermanns. Belegt ist er demnach nur als Architekt, der Fassade und Raumaufteilung gestaltete.

 

Der Hinterbau des Rathauses: Zum Neustädter Rathaus gehörte ursprünglich ein separater Hinterbau, der das Grundstück nach der heutigen Langstraße hin abschloß. Wir erfahren aus der oben erwähnten Bauakte, daß Hermann auch die Pläne zu diesem Gebäude lieferte, das dann in den Jahren 1739 bis 1741 gebaut wurde. Aus einem Ratsprotokoll vom 16. Juni 1739 geht hervor, daß Baudirektor Hermann einen Riß zum Hinterbau geliefert hat, den man ganz aus Stein errichten will und der Ratsdienerwohnung, Gefängnis und Archiv beherber­gen soll. Karl Dilmann beschreibt den Bau in einem Aufsatz'. Es war demnach ein dreistöckiges Gebäude mit einer Tordurchfahrt. die den Zugang zum eigentlichen Rathaus von der Langstraße her ermöglichte.

Auf einem Foto ist zu erkennen das dunkle Bruchsteinmauerwerk, und man sieht den Torbogen der bei Dielmann erwähnten Durchfahrt, die mit einem schlichten Sandsteinrahmen versehen und von einem Wappenstein ge­krönt war.

Als man den modernen Verwaltungsbau errichtete, beseitigte man die Reste des Hin­tergebäudes. Der Wappenstein über dem Torbogen kam ins Historische Museum im Schloß Philippsruhe und erinnert dort an ein Bauwerk von Hermann, das heute spurlos verschwunden ist.

 

 

 

 

Brüder-Grimm-Denkmal

„Dieses Denkmal wird Hanau, Hessen und Deutschland zur Ehre gereichen“, befand Hermann Grimm 1894 enthusiastisch. Die Begeisterung des Kunst- und Literaturhistorikers und ältesten Sohnes von Wilhelm Grimm galt dem Entwurf des Doppelsstandbildes der Brüder Grimm, wie es seit nunmehr hundert Jahren den Marktplatz in der Hanauer Innenstadt schmückt: Am 18. Oktober 1896 wurde das 6,45 Meter hohe und sieben Tonnen schwere Bronzedenkmal feierlich enthüllt.

Während sich das Gesicht des einstmals in sich geschlossenen Marktplatzes in den vergangenen hundert Jahren völlig verändert hat, steht das Nationaldenkmal immer noch an seinem ursprünglichen Platz. Auch den verheerenden Bombenangriff auf die Stadt am 19. März 1945 überstand es weitgehend unbeschadet. Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges bildete das Standbild der Brüder Grimm deshalb ein beliebtes Fotomotiv für amerikanische Soldaten, die sich vor den monumentalen Märchensammlern ablichten ließen.

Heute ist das Denkmal umgeben von Verwaltungs- und Geschäftsgebäuden. So sehr die beiden bronzenen Brüder im Laufe der letzten hundert Jahre Standfestigkeit bewiesen, so wechselvoll ist doch ihre Vorgeschichte: Bereits 1853 - noch zu Lebzeiten der Grimms - hatte der Hanauer Bürger Pedro Jung die Idee, den beiden Märchensammlern und Sprachforschern ein Denkmal in ihrer Geburtsstadt zu errichten und stellte dafür 500 Gulden zur Verfügung. Er lag mit seinem Vorschlag im Trend der Zeit, war es im 19. Jahrhundert doch zur regelrechten Manie geworden, geschichtliche Größen mit Standbildern zu würdigen. -

Jungs Initiative blieb allerdings erfolglos, ebenso wie die der Hanauer Zeitung im Jahr 1870 und die von Oberbürgermeister Rauch elf Jahre später. Die entscheidende Anregung lieferte schließlich der Gymnasialoberlehrer und Archäologe Dr. Georg Wolff auf Versammlungen des Hanauer Geschichtsvereins und der Wetterauischen -Gesellschaft im Januar 1884. Schon wenig später wurden ein großes Komitee und ein Grimmverein gegründet und das Vorrecht der Geburtsstadt Hanau gegenüber den Wirkstätten Kassel, Göttingen und Berlin gesichert. Kassel wurde im Städtestreit immerhin mit zwei Doppelbüsten abgefunden, die in der Bibhothek aufgestellt, im Zweiten Weltkrieg allerdings zerstört wurden.

Für das Hanauer Nationaldenkmal warben die Organisatoren in lokalen und überregionalen Zeitungen um Spenden. Allein das „Ministerium der geistlichen und Medicinalangelegenheiten“ sagte einen Zuschuß von   25.000 Mark zu - eine stattliche Summe, auf die Komitee und Grimmverein aber später nicht zurückgreifen konnten. Denn das Berliner Ministerium hatte quasi als „Gegenleistung“ Mitsprache bei der Wahl des Entwurfs gefordert. Elf Bildhauer hatten ihre Modelle bei einem eigens ausgeschriebenen Wettbewerb eingesandt. Die Jury entschied zunächst auch ganz im Sinne des preußisehen Spenders, indem es dem Hanauer Professor Max Wiese, der Direktor der Zeichenakademie war, den ersten Preis zuerkannte.

Doch die Bevölkerung,  angestachelt noch von der Hanauer Zeitung, die in zahlreichen Artikeln kräftig Stimmung machte, war mit diesem Votum nicht einverstanden: Die Bürger favorisierten die Entwürfe, die auf Platz zwei und drei gekommen waren: den des Berliner Künstlers Gustav Eberlein und den des Münchner Bildhauers Syrius Eberle, der am Ende das Rennen machte.

In die erbitterten Streitigkeiten, die monatelang das Thema Nummer eins in der Stadt waren, schaltete sich schließlich auch Hermann Grimm ein: „Jakob würde nie so dagestanden, Wilhelm nie so dagesessen haben“, lästerte er über Wieses Modell. Beleidigt zog das Ministerium sein Geld-Versprechen zurück - es mußte weiter gesammelt werden. 1890 war das. Es dauerte noch weitere Jahre, bis das Denkmal endlich vollendet und auf dem Markplatz plaziert werden konnte; 95.000Mark hat es gekostet. Als es am 18. Oktober 1896 enthüllt - wurde, nahmen die Festredner das publikumswirksame Ereignis zum Anlaß, deutsch-nationales

Kaisertum zu feiern - ein Gedankengut, das mit den Grimms herzlich wenig tun hatte: Ihre politischen Leitgedanken waren Freiheit und Demokratie. Die schweren Bombenangriffe im zweiten Weltkrieg konnten dem Denkmal nur wenig schaden. Die Wiederherrichtung hat der Hanauer Geschichtsverein übernommen,

Man erzählt sich: In der Silvesternacht tauschen die Brüder miteinander. Dann darf sich der andere für ein Jahr lang hinsetzen.

Das Geburtshaus Ludwig Emil Grimms befindet sich in der Straße hinter dem Rathaus neben dem Stadtladen.

 

Brunnen: Vier Ziehbrunnen aus rotem Sandstein. standen früher an den Ecken des Marktplatzes Im Jahre 1605 hatte der Büdinger Steinmetz Conrad Buttener den ersten dieser Brunnen errichtet, und zwar war dies der Fischbrunnen, der an der Südwestecke seinen Platz hatte. Er diente den drei anderen Brunnen zum Vorbild, die in den Jahren 1615 bis 1621 geschaffen wurden. Sie hießen Rabeneck-, Schwanen- und Zangenbrunnen. Später gesellte sich noch ein fünfter Brunnen hinzu: der im Jahre 1768 errichtete Röhrenbrunnen, dessen Obelisk von der steinernen Figur des hessischen Löwen gekrönt wurde. Als jedoch das Denkmal der Brüder Grimm seinen Platz einnahm, mußte der Röhrenbrunnen weichen und in die Philipp-Ludwig-Anlage am heutigen Freiheitsplatz umsiedeln.

Fast alle Brunnen wurden im vergangenen Krieg zerstört. Übrig blieben auf dem Marktplatz. nur ein Rest des Fischbrunnens (des letzten Brunnens, der noch Wasser gespendet hatte), und der Schwanenbrunnen von 1616, allerdings stark beschädigt. Der Schwanenbrunnen wurde restauriert von dem fast 70jährige Steinmetz Josef Hutsteiner. Der Schwanenbrunnen ist heute an der Südseite des Platzes in der Achse Rathaus-Paradiesgasse aufgestellt. (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 142). 

 

Haus „Zum braunen Fels“, Markt 5: Das Haus wurde im Jahre 1599 erbaut. Es war ein Eckhaus an der Paradiesgasse und lag dem ältesten Haus der Neustadt gegenüber. Der Giebel lag nach der Paradiesgasse. Sieben Achsen bildeten die Vorderfront nach dem Marktplatz. Die mittelste Fensterachse war als Risalit aus der Fassade herausgehoben. Auf diesem Mittelrisalit saß die Achse nach oben verlängernd, eine steinerne Dachgaube, die mit Bauornamentik reich geschmückt war. Unter dem kleinteiligen großen Doppelfenster saß eine Steinbalustrade. Zu beiden Seiten der Gaube standen spitze Obelisken. Zwei Voluten stiegen vom Dachgesims auf und trugen einen Architrav, auf dem ein Giebelfeld aufgesetzt war. Den Giebel begrenzten wieder zwei steigende Voluten, die eine Muschel trugen, die von einem Obelisk bekrönt war. Alle diese Bauornamente entsprachen dem Stilgefühl der Renaissance. Das Untergeschoß war durch eine Rustika-Struktur gegliedert. Auch an den Ecken des Hauses stiegen Rustika-Bänder auf. Das Portal mit den gedrehten Säulen und dem reichen plastischen Schmuck stammte aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 140).

 

Wochenmarkt:

Mit der Erteilung der Stadtrechte für Hanau am 2.Feburar 1303 durch König Albrecht an Graf Ulrich I. von Hanau erhielt die Stadt auch das Marktprivileg. Mittwochs wurde ein Wochenmarkt zum Nutzen jeder Art von Handel gehalten und den reisen Marktleuten Schutz zugesichert. Der Markt war einst auf dem Platz vor dem zweiten Rathaus der Altstadt, dem Deutschen Goldschmiedehaus, am heutigen Altstädter Markt. Mit dem Marktprivileg verbunden war auch das Recht, zwei Jahrmessen abzuhalten, die erste Messe fand allerdings erst 1589 statt.

Aufgrund der Lage Hanaus mit seinen Grenzen zur Freien Reichstadt Frankfurt, zum Erzbistum Mainz auf der anderen Mainseite, zu isenburgischen und anderen Grenzen waren verschiedene Maße und Gewichte und Münzen nicht ungewöhnlich.

Am heutigen Goldschmiedehaus findet sich noch die eiserne Elle, ein Längenmaß, als verbindliche Einheit für die Marktleute damaliger Zeit. In den damals offenen Arkaden des Gebäudes befand sich die Waage. Auf dem Platz steht noch der Ziehbrunnen, der Gerechtigkeitsbrunnen, zur Wasserversorgung.

In der „Capitulation“, dem Vertrag zur Neustadtgründung zwischen und wallonischen und niederländischen Neubürgern und dem Grafen Philipp Ludwig II. von Hanau, war in Artikel 16 das Recht auf einen Markt für die Neustadt vereinbart. Mittwochs und Samstag wurde Markt gehalten. Der Rat der Stadt bestimmte einen Marktmeister zur Aufsicht, der Betrug mit Maßen und Gewichten verhindern sollte.

In der neueren Geschichte der Stadt entwickeln sich spezielle Märkte. So wurde ein Fruchtmarkt (Kornmarkt) zeitweise auf dem Platz des Heumarktes gehalten: Ein Weinmarkt war um den Kran am einstigen Mainkanal. Der Fleischverkauf fand bei den Metzgern an der Schirn, der heutigen Nordstraße, statt. Ein Viehmarkt wurde am Sandhof, dem heutigen Heinrich-Fischer-Bad gehalten. Der Marktplatz war auch die Bühne für die Ausübung der Gerichtsbarkeit.

 

Haus „Zum Paradies“: Die Paradiesgasse, die vom Markt zur Wallonisch-Niederländischen Kirche führt, trägt ihren Namen nach dem ersten Haus der Neustadt, dem Haus „Zum Paradies“. Es stand nicht gleich an der Ecke, sondern es handelt sich um das Haus Nummer 7 an der Westseite der Straße. Die Bauinschrift blieb erhalten: „DAS ERSTE GEBAVT HAVS BIN ICH ZVM BAREDEIS MAN HEISET MICH VOR BRANT VND NOT MICH GOT BEIWAR DAS SELBICHE AVCH AN MEINEN NESTEN NIT SBAR 1597“

 

 

Die Wallonische und Niederländische Gemeinde in Hanau

Frei und unbehindert den Gottesdienst und ihr kirchliches Leben führen zu dürfen nach der Art, wie sie es in ihren Herkunftsländern auf reformierte - calvinische - Weise angenommen hatten, war eines der Hauptanliegen der „Fremden“, die in freien Verträgen mit dem damaligen Landesherrn der Grafschaft Hanau, Philipp Ludwig II., die Gründung einer neuen Stadt neben der Altstadt Hanau mit vielen Freiheiten und Privilegien vereinbart hatten. Vaterland und Heimat, Haus und Hof hatten sie aufgegeben, jahrzehntelange Irrfahrten auf sich genommen, bis sie hier in Hanau endlich eine eigene Stadt gründen und eine bleibende Statt finden durften. Wen nimmt es da Wunder, daß das erste der stattlichen Gebäude am Marktplatz „Zum Paradies“ genannt wurde und die vom Markt nach der Kirche führende Straße „Paradiesgasse“?

Die Wallonen und Niederländer kamen aus dem heutigen Nordost-Frankreich, aus Belgien und Holland, aus den reichen, blühenden Handelsstädten Brabants und Flanderns, die, was die Entwicklung von bürgerlichen Freiheiten, bürgerlichem Stolz und Selbstbewußtsein angeht, für die damalige Zeit wohl an der Spitze standen. Handel und Gewerbe, wie auch die Schiffahrt auf Flüssen, Kanälen und den Meeren waren sie gewohnt; sie waren zum Teil stolze Handelsherren mit weitreichenden Verbindungen, vermögend, wenn nicht gar reich.

Und nun hatten sie ein neues Vaterland, einen neuen Landesherrn gefunden in dem Manne, der ihnen als Gemahl von Catharina Belgia, der Tochter des Niederländischen Edlen Wilhelm von Oranien, glaubensmäßig verbunden war! Die Fürstin ihres neuen Vaterlandes entstammte der gleichen Heimat, war ihres Volkes und Glaubens.

Mit der Grundsteinlegung des Hauses „Zum Paradies“ war am Tag der „Capitulation“, am 1. Juni 1597, begonnen worden. Die Erbauung der Kirche erfolgte 1600 bis 1608 mit mancherlei Unterbrechungen durch bauliche und finanzielle Schwierigkeiten.

Psalm 92, Vers 13: „Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum“ ist der Wappenspruch beider Gemeinden durch eine über 350jährige Geschichte. Über diese sei in großen Zügen kurz berichtet. Streitfragen mit staatlichen oder anderen kirchlichen Stellen ließen sich im Laufe der Geschichte nicht vermeiden; sie wurden beigelegt oder sie sind als Spannungen, gewollt oder ungewollt, vorhanden. Jedenfalls beruhen auch heute noch die Existenz und die Freiheiten der beiden Gemeinden auf ihren alten Privilegien, die bei Wechsel der Landesherren und politischen Änderungen - wie Übergang der Grafschaft Hanau an die lutherische Linie Hanau-Lichtenberg, an Kurhessen und schließlich an Preußen - stets neu bestätigt oder durch höchstrichterliche Entscheidungen anerkannt wurden.

Beide Gemeinden hatten sich ausbedungen, ihre Pfarrer frei wählen zu dürfen. Da Französisch und Holländisch bis gegen Ende des letzten Jahrhunderts die Kirchensprachen waren, wählten sie ihre Pfarrer zumeist aus Frankreich, der Schweiz oder Holland. Diese mußten der staatlichen Gewalt vorgestellt werden und ein Treuegelöbnis ablegen. Unter preußischer Herrschaft wurde dann verlangt, daß der Pfarrer auch die Staatsangehörigkeit annahm. Mit dem Ende des Königreiches Preußen hat dessen Rechtsnachfolger, die Landesregierung, auf die Vorstellung der Pfarrer verzichtet, so daß die Wahl und Einsetzung eines Pfarrers ganz allein bei der kirchlichen Leitung der beiden Gemeinden liegt. Beide Gemeinden sind in der Verwaltung und Anlage ihres Vermögens frei, ohne staatliche Aufsicht, natürlich auch ohne jede staatliche Unterstützung und staatlichen Zuschuß.

Neben Gottes Segen, der allem Menschenwerk beigegeben sein muß, wenn es Bestand haben soll, ruhen die Wurzeln des Gemeindelebens der Wallonen und Niederländer in ihren Bekenntnisschriften, „daß sie nämlich ihres Glaubens nach der Art, wie sie in den reformierten Kirchen Frankreichs und Hollands sich herausgebildet hatte, leben dürften.“ Als wichtigste davon seien hier nur für die Wallonen „die französische Kirchenordnung von 1559“, für die Niederländer die „Middelburger Artikel von 1581“ genannt. Beide atmen den gleichen Geist, sind sinnverwandt in der Auffassung, wie eine christliche Gemeinde und Kirche nach reformierter Art aufgebaut, verwaltet und geleitet wird.

Drei kirchliche (geistliche) Ämter sind zur Leitung und Verwaltung einer Gemeinde notwendig: Pfarrer, Älteste und Diakone. Aber nicht ein einzelner steht an der Spitze der Gemeinde, sondern eine Körperschaft, das „Consistorium“, die „venerable Compagnie“. In ihr sitzen Pfarrer, Älteste und Diakone zusammen, jeder mit einem bestimmten Aufgabenbereich betraut und dafür verantwortlich. Der Vorsitzende der Ältestenschaft, auch „Ministerium“ genannt, vertritt gemeinsam mit dem Pfarrer die Gemeinde nach außen hin, in dessen Verhinderung auch allein. Beide allein oder zusammen sind aber an die Beschlüsse des Consistoriums gebunden. Die Ältesten leiten und verwalten die Angelegenheiten der Gemeinde; die Diakonie ist speziell mit der Armenpflege und Liebestätigkeit betraut. In der Regel finden die Sitzungen gemeinsam statt, eben als „Consistorium“, und werden vom Pfarrer geleitet. Auf allen kirchlichen Zusammenkünften haben Pfarrer und Älteste gleiche Rechte.

Anfangs konnten die Hanauer Consistorien an zahlreichen Synoden, also Kirchenversammlungen, teilnehmen; doch durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges rissen die Verbindungen ab. Dazu kamen dann noch staatliche Einflüsse, die die Beschickung von Synoden schwierig machten. Als letzte und oberste kirchliche Instanz hat sich bei den Hanauer Gemeinden daher und gewissermaßen als Ersatz für die verlorengegangenen Synoden das sogenannte „Große Consistorium“ herausgebildet, eine Versammlung aller Glieder, die der Gemeinde mindestens einmal die vorgeschriebenen Jahre als Ältester oder Diakon gedient haben. Wählbar zu den Ehrenämtern als Ältester oder Diakon ist jedes unbescholtene männliche Gemeindeglied. In den letzten zwanzig Jahren wurden zuerst bei der Niederländischen Gemeinde, dann auch bei den Wallonen, Frauen in einem bestimmten Verhältnis als Älteste und Diakone zugelassen. Das Consistorium ergänzt sich durch Wahl, indem diejenigen Ältesten und Diakone, deren Dienstzeit beendet ist, ausscheiden; die neu zu Wählenden werden der Gemeinde vom Consistorium vorgeschlagen (Cooptation).

In Deutschland gibt es noch einige wenige reformierte Gemeinden, deren Freiheiten und Rechtsstellung ähnlich der beiden Hanauer Gemeinden sind. Diese haben sich Ende der zwanziger Jahre zu einem „Bund freier reformierter Kirchen2 zusammengeschlossen, der durch Anschluß der Reformierten Kirche Bayerns Verstärkung erhielt. Dieser Bund hält auch wieder Synoden ab, bildet also gewissermaßen eine reformierte Kirche und ist auch der Evangelischen Kirche in Deutschland angeschlossen.

Einen beträchtlichen Zuwachs erhielt besonders die Wallonische Gemeinde aus Frankreich nach 1685 durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes. Doch kehrten manche der damals eingewanderten Familien in ihr altes Vaterland zurück, nachdem sich die Verhältnisse dort beruhigt hatten. Eine reiche Liebestätigkeit entfaltete die Diakonie jahrzehntelang bei dem Durchzug hugenottischer Flüchtlinge nach der Mark Brandenburg, die dem hochherzigen Angebot und Ruf des Großen Kurfürsten und seiner Nachfolger folgten oder in andere deutsche Fürstentümer zogen, deren Landesherren das Beispiel des großen Kurfürsten nachahmten. Daher auch die innere Verbundenheit der Hanauer Gemeinden, deren Gründer, geschichtlich gesprochen, „Geusen“ waren, zu Hugenotten und Waldensern. Hugenottische und waldensische Gründungen und Siedlungen wurden daher auch jederzeit von den Hanauer Gemeinden unterstützt. Hier seien nur die Orte Frankenthal in der Pfalz, Friedrichsdorf und Dornholzhausen im Taunus, Rohrbach, Wembach und Hahn im Bezirk Darmstadt, Walldorf bei Frankfurt und Waldensberg im Kreis Gelnhausen angeführt.

Hatten die Gemeinden in den ersten Jahren ihres Bestehens oft mit Geldsorgen zu kämpfen, so kamen sie durch Stiftungen, Schenkungen und Vermächtnisse im Laufe der Zeit zu ansehnlichem Vermögen. Es war Generationen hindurch ein edler Brauch, bei Errichtung eines Testaments auch die Ministerien- und die Diakoniekasse zu bedenken. Nachdem durch die Inflation große Verluste entstanden waren, gingen die Gemeinden dazu über, auch von ihren Angehörigen einen Beitrag zur Verwaltung und für die Armenpflege zu erbitten, der sich in Höhe der üblichen „Kirchensteuer“ hält. Nachdem Hanau in Schutt und Asche gesunken war, erwarben die Gemeinden mit dem Rest ihres Vermögens das Anwesen Nußallee 15, die ehemalige „Städtische Kinderkrippe“, die auf eine Stiftung der beiden Gemeinden an die Stadt (1897) zurückgeht.

Sind auch die Namen der alten Familien im Mannesstamme verlorengegangen, so ist das Blut der Gemeinde doch in zahlreichen Familien unserer Stadt von Frauenseite vererbt, und mancher Familienforscher wird sich freuen, bei Aufstellung von Stammbäumen und Ahnentafeln feststellen zu können, daß er zahlreiche „hugenottische“ Vorfahren hat. Ihnen in der Glaubenshaltung und der daraus resultierenden Einstellung zum Leben nachzueifern, soll uns innere Verpflichtung sein!               

 

Wallonisch-Niederländische Kirche

Noch vor dem Rathaus errichteten die Zugezogenen eine Doppelkirche mit der Sakristei in der Mitte. Das Gotteshaus in der Französischen Allee 12, das sich durch sein hohes Dach in der Silhouette Hanaus abhob und zu einem Wahrzeichen der Stadt wurde, hieß im Volksmund „Die französische Kirche“. Sie war eine Doppelkirche, bedingt durch die Zweisprachigkeit der Gemeinde, die  jedoch ihre religiöse Einheit durch die bauliche Verbindung unter einem Dach hervorhob. Das größere, nach Westen gelegene, auf zwölfeckigem Grundriß erbaute Gotteshaus war die Wallonische Kirche. Das kleinere, nach Osten gelegene, war die niederländische Kirche.

Die Erbauung des Gotteshauses erfolgte zwischen 1600 bis 1609 und war ein Denkmal derer, die nicht gewillt waren, sich einem fremden Joch zu beugen und um ihres Glaubens und ihrer Gewissensfreiheit willen ihre Heimat verließen.

Über die Baugeschichte der merkwürdigen Doppelkirche geben das handschriftliche Werk des Wilhelm Sturio: „Jahrbücher“ der Neustadt Hanau und Grafschaft Hanau-Münzenberg (1597- 1620) und die Ratsprotokolle der Neustadt eingehend Auskunft: Die feierliche Grundsteinlegung der Doppelkirche wurde am 9. April 1600 vollzogen. Die Fertigstellung des Baues zog sich bis zum Jahre 1608 hin, der Innenausbau noch länger. Als Architekten werden vor allem René Mahieu, daneben Johann d’Hollande und Daniel Soreau genannt.

Der erste Gottesdienst fand am 29. Oktober 1608 in der Wallonischen Kirche statt. Der Bau als solcher war gerade eben erst roh unter Dach; die Fertigstellung der Innenräume, besonders der Niederländischen Kirche, zog sich aber noch Jahre, bis in die Anfangsjahre des Dreißigjährigen Krieges, hin (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 143).

 

Der Grundriß der beiden „Neustädter“ Kirchen, der Zentralbau, stellt den idealen Typ einer protestantischen Predigtkirche dar. Den Erbauern der Hanauer Doppelkirche an der Wende zum 17. Jahrhundert bot sich keine ausgeprägte Stilrichtung an, nirgends konnte man gültige Vorbilder kopieren, der protestantische Kirchenbau war ohne eine große Tradition. So griff man auf spätgotische Formen zurück. Baugeschichtliche Verwandte der beiden Kirchen sind die „Temples“ der Hugenotten in Frankreich, die als Zentralbauten aus Holz errichtet worden waren. Aber nur der „Temple de Lyon nommé Paradis“ hat sich uns in seinem Aussehen durch einen Kupferstich erhalten..

Die Idee des protestantischen Zentralbaues wurde in Deutschland in der großen Doppelkirche weit vor den anderen Versuchen vorbildlich ausgesprochen. Das Innere der Kirchen hatte sich ganz von dem gotischen Stilvorbild gelöst. Die Emporen, die ringsum liefen, wurden von toskanischen Rundsäulen getragen, die sich über den Emporen als Deckenstützen fortsetzten. Die weitgespannten Decken in beiden Kirchen waren durch Unterzüge gegliedert, in den Feldern waren reiche Stuckornamente in einfachen geometrischen Formen. Eine technische Meisterleistung war die Dachkonstruktion; ohne Mittelstützen ruhte das Dach allein auf den Außenwänden und den in geringem Abstand von der Wand innen umlaufenden Säulen. Das Dach und die Decke waren „in sich selbst aufgehängt“.

Die hohen Kirchenfenster der Niederländisch - Wallonischen Kirche in Hanau zeigen dasselbe reiche Maßwerk wie etwa die spätgotischen Fenster der Marienkirehe; allerdings wurde der Spitzbogen aufgegeben und die Fenster schwingen in einen Rundbogen aus. Seltsam muten diese Fenster über den ganz in den strengen Ordnungen der Spätrenaissance komponierten Portalen der Kirche an.

Die Kirche wurde am 19. März 1945 durch einen Fliegerangriff bis auf die Umfassungsmattern zerstört. In der Ruine der Wallonischen Kirche wurde anläßlich des 2. Deutschen Turntages zu Pfingsten 1952  eine  Schärttner-Gedenktafel angebracht. Die kleinere niederländische Kirche wurde in den Jahren 1957 - 1960 wieder aufgebaut und ist seitdem das Gotteshaus der seit 1960 vereinigten Wallonisch-Niederländischen Gemeinde. Zwischen beiden Kirchen befinden sich zwei eingebaute Treppentürmchen. Über der wiederaufgebauten Niederländischen Kirche erhebt sich ein steiles Dach in ursprünglicher Größe. Die Ruine der Wallonischen Kirche bleibt als Mahnmal bestehen. Im wiederhergestellten Innenraum war man bemüht, dem „Alten“ Rechnung zu tragen, indem die Pfeilererstellung, der Emporeneinbau, die Treppenanlagen, die Raumeinheiten, Orgel und Kanzel an ihrer gewohnten Stelle blieben. Das Kircheninnere ist calvinistisch schlicht gehalten, jedoch modern. Die Orgel wurde von der Firma Willi Peter, Köln, hergestellt. Zwei kleine Glocken befinden sich in einem freihängenden Glockenstuhl in der Ruine.

Südlich der Kirche erinnert das von Max Wiese zum 300jährigen Neustadtjubiläum 1897 geschaffene Denkmal des Hanau-Münzenberger Grafen Philipp Ludwig II. an die Gründung der Neustadt. Dem Grafen, der sie nach Hanau geholt hatte, haben die Neustädter hier ein Denkmal gesetzt.

 

 

Kaufhof

Das Kaufhauszeitalter in der Grimm-Stadt begann, wo das bekannte Gasthaus „Zum braunen Hirsch“ stand und einst die Postkutschen vorfuhren. Am 24. April 1929, nach neunmonatiger Bauzeit, eröffnete in der Nürnberger Straße 18 ein neuzeitlicher Warenpalast. Die Eröffnung des Kaufhauses Tietz war am Mittwoch für Hanau eine Sensation. „Tausende aus der Stadt und dem Landkreise hielten die Straßen besetzt“, jubelte die Lokalzeitung. Rund 4.000 Quadratmeter, von den anfänglich nur die Hälfte für den Verkauf genutzt wurde, umfasste die moderne Eisenbetonkonstruktion des Hanauer Möbelfabrikanten Friedrich Kling. Auf 25 Jahre sollte sie an die Firma Leonhard Tietz vermietet werden, die zwei Jahre zuvor an der Ecke Hammer und Langstraße ihr erster kleines Geschäft in Hanau eröffnet hatte. „Wir sind wichtig für 90 Prozent der Bevölkerung“, notierte die Firma in einer Anzeige.

Aber bereits ein paar Jahre später musste der 1905 zur Aktiengesellschaft umgewandelte Familienbetrieb dem Nazi Terror mit Geschäftsboykott und Enteignung Tribut zollen. Das Kaufhaus in Hanau wurde 1943 Ausweichlager der Firma Heraeus, noch ein paar Monate wurde bescheiden am Markt weitergehandelt, dann fielen die Bomben.

Nur wenige Wochen nach dem Krieg zog das als eines der wenigen von Sprengbomben verschonte der Innenstadt wieder Einzelhändler an. In Ladengemeinschaft übernahm der Kaufhof die Versorgung der auf 9.000 Einwohner zusammengeschmolzenen Bevölkerung. Der offiziellen Wiedereröffnung vor genau 55 Jahren folgte 1957 der Wechsel zum Marktplatz.

Erneut wurde das Warenhaus für neue Technik und moderne Einrichtung gelobt. „Städtebaulich hat der Kaufhof Hanau durch die in Aluminium gefaßte grüne Glasfläche dazubeigetragen, eine für seineZeit modernen Konrtrast zum romantishcneRenaissancestil  des Marktplatzes zu setzen, hießes zum 100.Firmenjübiläum 1979.

Zu diesem Zeitpunkt war das markante Gebäude schon wieder mehrfach erweitert und um eine Tiefgarage unter dem Marktplatz ergänzt worden. Mit dem Wirtschaftswunder erlebte das Haus in den 60er Jahren seine Blütezeit. Mehr als 600 Mitarbeiter kümmerten sich um das Sortiment von etwa 70.000 Artikeln. Heute zählt der Kaufhof in Hanau noch rund 150 Beschäftigte und setzte nach Angaben von Geschäftsführer Ekkehard Busch (57) im vergangenen Jahr rund 50 Millionen Mark um.

Zuletzt investierte der Konzern 1998 noch einmal 14 Millionen in den Standort und wertete das Haus zur Galeria-Kaufhof mit neuen Sortimenten und Markenshops auf. Die Optik des Gebäudes blieb davon unberührt. Die für den 50er Jahre-Stil typische Fassade steht mittlerweile unter Denkmalschutz.

 

 

Straßen

An der Ecke Am Markt/Lindenstraße befindet sich an dem Haus an der Ostseite ein Sandsteinskulptur „Römer-Eck 1788“: Zwei Knaben füllen Weinreben in ein Römerglas.

Der Name „Römerstraße“ hat nichts mit den Römern zu tun, sondern sie wurde so benannt, weil der in den Jahren 1617 bis 1629 als Ratsherr und 1629 als Bürgermeister der Neustadt amtierende Franz Römer die Tochter des Francois de la Boé (verw. Chombart) heiratete, die aus dem Hause Nr. 34 (später: Römerstraße Nr. 9), stammte.

Die Häuser Römerstraße 5 und 7 wurden 1599 erbaut und standen auf der Südseite der Straße östlich vor der Einmündung der Steinheimer Straße (eventuell identisch mit Haus „Zum Bäreneck“ von 1599 an der Ecke Römerstraße/Steinheimer Straße oder auf der anderen Ecke der Einmündung). Das Haus Römerstraße 7 war bis zum Jahre 1914 noch beinahe unverändert in seinem ursprünglichen Zustand erhalten geblieben. Man betrat durch ein schönes Portal die mächtige Diele, die von einer schweren eichenen Kassettendecke überdeckt war. Die Diele maß 12 zu 6 Meter. Rechts neben der Diele lag das Büro des Handelsherrn mit dem Kamin, gegenüber lag das quadratische Speisezimmer, dahinter lag, ganz wie in Alt-Amsterdam, die große Küche. Eine kunstvoll geschwungene Holztreppe führte zum Obergeschoß in den Empfangsraum, der eine Tür auf den Balkon über dem Portal hatte.

Auch nicht mehr vorhanden sind die Häuser „Zur Stadt Antwerpen“ von 1602 (Ecke Römerstraße/Glockengasse) und  Haus „Zum Löwen“ von 1599, eine Apotheke (Ecke Krämerstraße/Am Frankfurter Tor).

In der Glockenstraße stand das Haus „In der silbernen Glocke“ (Die angegebene Hausnumnmer  25 kann aber nicht stimmen, denn die Nummer gibt es gar nicht). In der Fischerstraße war Nummer 11 das Haus zur „Zur silbernen Kette“, Inhaber Ochs & Bonn (heute: Hauptpost). In der Altstraße war die Nummer 20 das Haus  „Die Hechel“ (heute: Maschinenbau Semmler).

 

An der Ecke Am Heumarkt 8, Ecke Krämerstraße steht das Hotel „Zum Riesen“. Es ist trotz der nach wie vor noch etwas schillernden Lage wieder zu einer gediegenen Adresse geworden. Am 11. Dezember 2001 feierten die Besitzer - Ritva und Wolfgang Knof - mit zahlreichen Gästen und etlicher Prominenz das 375. Jubiläum - und präsentierten einen neuen, künstlerisch gestalteten Riesen, der nun das stattliche Haus repräsentieren und bewachen soll. Das Haus ist - wie so viele andere in Hanau auch - eigentlich gar nicht als alt zu bezeichnen. Aber es hat eine wahrlich bedeutsame Geschichte.

Vermessen und verkauft worden ist das Grundstück nach Kenntnissen von Dr. Wolfgang Knof bereits im Jahr 1619. Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Haus 1625/26 als Pferdeumspannstation und Herberge - vermutlich im Zuge der seinerzeit bedeutendsten Handelsstraße von Frankfurt nach Leipzig. Am 16. Dezember 1812 hat der Franzosenkaiser Napoleon Bonaparte im Riesen übernachtet. Wovon auch schon während dreier Jahrzehnte eine schlichte Messingtafel kündete, als hier noch die die Hähnchenbrater-Kette Wienerwald residierte.

Lokal- und kulturgeschichtlich bedeutsam ist dann wieder der 25. November 1898. Der Riese ist das erste Haus in Hanau, das elektrischen Strom von den städtischen Elektrizitätswerken bezieht.

Im Jahr 1912 wird der Riese durch das Ehepaar Repp erworben, den Urgroßeltern von Wolfgang Knof. Doch in der Bombennacht zum 19. März 1945 fällt auch der Riese in Schutt und Asche. In den 50er Jahren wird eine Baracke errichtet und provisorisch als Gaststätte betrieben. 1961/62 erfolgt der Wiederaufbau als Hotel und Wohnhaus.

Nach der Vermietung an den Wienerwald (1961-1991) wird total renoviert, 1998 bis 2001 schließlich aufgestockt und erweitert. Das Haus ist mit drei Sternen klassifiziert. Die Riesenskulptur am Haus ist von Joerg Eyfferth entworfen, von Helmut Kunkel  und Frank Luther ins Dreidimensionale umgesetzt und von Jörg Grundhöfer gegossen worden,

An der gleichen Kreuzung Ecke Krämerstraße/Frankfurter Straße stand das Haus „Zum Löwen“ von 1599 (später eine Apotheke). And er Kreuzung nördlich davon stand das Haus „Zum fliegenden Pferd“, Langstraße 86. Hier war von 1600-1712 die Buchdruckerei Aubry-Wechel. Der Pegasus, das Dichterroß, war das Buchdruckerzeichen.

 

Kölnische Straße (südlich des Marktes): „Der Zuckerhut“

Französische Allee: Haus Nummer 2 „Zum großen Hirschsprung“ , Haus „Zur Stadt Mailand“ mit Hauszeichen

 

Hauswappen: Gärtnerstraße

Wie bei den Familiennamen ging auch hier der Adel wegweisend voran. Er ließ nicht nur sein Wappen an seiner Burg in Stein einmeißeln, sondern gab ihr auch einen stolzen Namen. Und selbst in den Städten, wo sich im Umkreis einer Burg Adlige niedergelassen hatten, wurden die Wappen an dem Torbogen angebracht. Warum sollte der Bürger der Stadt, der, durch geschäftlichen Verkehr zu Wohlhabenheit gekommen, immer sicherer und selbstbewußter geworden war, diesen Brauch nicht nachahmen! Manche Wohnhäuser in der Stadt standen den Häusern der Adligen nicht nach.

Es war nicht notwendig, alle Häuser einer Straße mit Namen auszuzeichnen; es genügten einige, die als Richtpunkte angegeben werden konnten. Wahrscheinlich gingen die Wirtshäuser mit diesem neuen Brauche voraus, und sie haben ja diese Gepflogenheit bis auf den heutigen Tag erhalten.

In der Altstadt hatten nicht alle Häuser einen Namen. da das Recht, ein Schild zu führen, genehmigungspflichtig war. Unter 371 Häusern der Altstadt waren nur etwa 72 mit Namen und diese Zahl genügte durchaus, da durch diese Häuser die Richtungspunkte für den Suchenden gegeben waren. In der Judengasse hatten die 80 Häuser alle Namen, da die Juden damals noch keinen Familiennamen führten.

In der Neustadt waren Hausnamen häufiger, einmal, weil die neuen Bürger aus Frankreich, Belgien und Holland kamen, wo dieser Brauch stärker verbreitet war, und dann, weil die neuen Gewerbe, die diese Hugenotten aus ihrer Heimat mitbrachten, viele auswärtige Geschäftsleute anzogen. Schilder über den Geschäften mit Hausnamen gaben Auskunft, wo der Gesuchte zu finden war. Die Wirte mußten bei der Stadt einen Antrag stellen, ihnen das Schild zu verleihen Die Genehmigung kostete Geld. Der Kronenwirt zum Beispiel mußte 15 Gulden bezahlen.

Die Hausnamen wählte man, um geschäftliche Obliegenheiten anzudeuten wie zum Beispiel:

Eine zweite Gruppe war gewählt worden, um gewisse örtliche Ereignisse festzuhalten.

Eine Gruppe zeigt Hausnamen, die der Einbildungskraft und der Laune der Hausbesitzer entsprungen sind. Gold als Beiwort spielt bei der Namengebung eine große Rolle: 91 mal kommt es vor! Alle bekannten Tiere sind vorhanden, und zwar in natürlichen und unnatürlichen Farben! Eine Reihe von Straßen Hanaus dankt ihren Namen den Hauszeichen und Hausnamen!

 

Es gab in Alt- und Neu-Hanau im Jahre 1865 1.474 Hauptgebäude, die alle numeriert waren. Die Nummern sprangen von einer zur anderen Seite, je nachdem, wie die Häuser entstanden waren - ein sehr unpraktisches Verfahren. So brachte die städtische Steuerverwaltung im Jahre 1840 den Antrag ein, diesen Zustand abzuändern; er wurde jedoch abgelehnt, da als Folge der Umnumerierung auch die Einträge im Grundbuch, bei der Feuerversicherung und anderen Behörden geändert werden mußten. Außerdem wären die Kosten sehr erheblich gewesen.

Aber 1865 wurde endlich Ernst gemacht, daß alle Hauptgebäude straßenweise numeriert wurden. Auf der linken Seite wurde mit der ungeraden, auf der rechten Seite mit der geraden Zahl begonnen. Das Hauptgebäude wurde in derjenigen Straße eingetragen, in der sich der Hauseingang befindet.

Am 25. Juli wurde in der Gärtnergasse (Südrand der Neustadt) am Haus Nr. 1, dem „Blasebalg“, begonnen, und Mitte 1867 war die Numerierung fertig. Straßenschilder und Hausnummern wurden auf Kosten der Stadt ausgeführt und befestigt.

 

Nürnberger Straße: Ecke Sandstraße Haus „Zum goldenen Kamm“ (möglicherweise war hier eine Wollkämmerei).

Nürnberger Tor: Die Torwache war Teil der früheren Toranlage. Sie umfaßte Gittertore, Mauerpfeiler und spiegelgleich flankierend Wachthaus und Zollhaus. Sie wurde um 1820 errichtet  anstelle des um 1807 unter Napoleon niedergelegten Festungstores. Ab 1933 war sie Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Am 19. März 1945 wurde die Wache zerstört und 1981-82 von der  gegenüberliegenden Straßenseite auf die Nordseite versetzt.

 

 

Bilder in: Hanau Stadt und Land:

Seite 433: Wappen des Oberamtmanns Johann Engelbert Halber von Herpern (gestorben 1566) von seinem Hof in der Schloßstraße in Hanau.

Seite 434: Hauszeichen am Hause „Zur Stadt Mailand“ (Französische Allee) und „In der silbernen Glocke“ (Glockenstraße) beide 1945 zerstört.

 

 

Zeichenakademie

In der Gärtnerstraße stand die im 18. Jahrhundert gegründete Zeichenakademie. Heute steht an der Stelle das schöne Gebäude der Pedro-Jung-Schu1e (Hilfsschule). Die heutige Zeichenakademie steht in der Akademiestraße.

Im Jahre 1772 hatte Erbprinz Wilhelm von Hessen-Kassel die Akademie auf Drängen der Hanauer Goldschmiede gegründet - ein Gewerbe, das im 16. und 17. Jahrhundert niederländisch-wallonische Glaubensflüchtlinge in die Stadt gebracht hatten.

Die Anfangsjahre der Schule, die stets durch das Spannungsfeld zwischen Kunst und Handwerk geprägt war; fielen in die Übergangszeit zwischen Spätbarock und Klassizismus. Nach einer ersten Blüte, die die Schülerzahlen in den reinen Zeichenklassen auf bis zu 300 Schüler anstiegen ließen, wurde der Unterricht 1830 auf Drängen der Hanauer Bijoutiers um Modellieren, Bildhauerei, Malerei und Emailmalerei erweitert.

Die Idee zu einer bedeutenden Kunstakademie konnte sich jedoch gegen die Interessen der heimischen Schmuckfabrikanten nicht durchsetzen. Unter Direktor Karl Hausmann, der 1880 auch das neue Schulgebäude eröffnete, gab es eine Neuorientierung hin zu einer praxisbezogenen Schule, an der Muster- und Ornamentzeichnen ebenso gelehrt wurden wie Gravieren und Ziselieren. Im Jahre 1889 wurde die ersten Bijoutierwerkstatt eröffnet, 1902 erhielt die Zeichenakademie den offiziellen Zusatz „Fachschule für Edelmetallindustrie“.

Mit der Einrichtung der Werkstätten kamen nicht nur Lehrlinge aus Hanauer Betrieben, die sich im Zeichnen bildeten, sondern zunehmend auch Ganztagsschüler. Frauen waren eine kleine Minderheit: Um 1900 machten sie etwa zehn Prozent der etwa 330 Schüler aus. Finanziell ohnehin schon gut ausgestattet, wurde die Akademie von der Stadt Hanau, der Handelskammer, den Landkreisen Hanau und Gelnhausen sowie zahlreichen Stiftungen zusätzlich unterstützt. Medaillen bei Weltausstellungen sowie das Interesse zahlreicher ausländischer Schüler belegen ihre Bedeutung um die Jahrhundertwende. Berühmte Maler, Bildhauer und Designer wie Georg Cornicelius, Friedrich Hausmann, August Gaul, Reinhold Ewald, Hugo Leven oder Wilhelm Wagenfeld stehen für die künstlerischen Impulse, die von dieser einzigartigen Lehranstalt im Laufe ihrer Geschichte ausgingen.

Danach folgte eine Zeit des Umbruchs, in der solider handwerklicher Tüchtigkeit mehr Stellenwert als dem schöpferischen Bereich beigemessen wurde. Die Schülerzahlen gingen auf 190 zurück. Neue Impulse brachte erst Hugo Leven, 1909 die Leitung übernahm und die Schule im Sinne der Werkbundidee - mehr Qualität für die gewerbliche Arbeit - reformierte.

In einem neuen Aufschwung entwickelte sich die Einrichtung nun zu einer Ausbildungsstätte von internationalem Rang mit bedeutenden Lehrern, die sich mit der konstruktivistischen Formensprache des Bauhauses auseinander setzten. Das hohe Niveau der Ausbildung schlug sich 1923 in Anerkennung der Abschlußprüfung als Gesellenbrief nieder. Auch Wilhelm Wagenfeld, einer der bedeutendsten Industrie-Designer, erhielt in dieser Zeit wichtige Impulse als Stipendiat an der Zeichenakademie.

Levens Traum, 1927 mit einem Neubau ein „Bauhaus“ nach Hanau zu bringen, ließ sich nicht verwirklichen. Die NS-Diktatur führte zu einem Niedergang. Im Jahre 1933 wurde Leven entlassen, die Akademie verkam zu einer reinen Goldschmiedeschule. Im Jahre 1936 waren noch zehn Schüler übgeblieben. Als „nicht kriegswichtig“ sollte sie schließlich 1943 geschlossen werden, was durch den Einsatz der Schüler in Rüstungsindustrie verhindert wurde.

Bei dem großen Bombenangriff 1945 auf Hanau brannte auch das Akadermie-Gebäude vollständig aus. Der Betrieb wurde bereits 1947 in anderen Räumen wieder aufgenommen, der Wiederaufbau vorangetrieben. Im Jahre 1949 wurde die aus der NS-Zeit stammende Bezeichnung „Meisterschule deutschen Handwerks“ in Staatliche Zeichenakademie für das Edelmetallgewerbe“ umbenannt.

Nachdem Leven aus gesundheitlichen Gründen nur kurze Zeit das Amt erneut antrat, kam 1950 Bernd Oehmichen wieder zum Zug, der bereits 1943 Direktor der Schule war und als Parteigenosse der NSDAP 1945 seines Amtes enthoben wurde. Im Jahre 1953 wurde der Wiederaufbau des Hauptgebäudes beendet, 1965 erstmals über die Einrichtung einer Fachschule diskutiert. Bis zu seinem Ausscheiden 1967 bemühte sich Oehmichen, wieder bedeutende Lehrer an die Schule zu holen, so Eberhard Burgel, Siegfried Männle oder auch Albrecht Glenz.

Die zentralen Themen der vergangenen Jahrzehnte unter den beiden Leitern Walter Dennert und Hermann Schadt, Fragen Schulentwicklung wie beispielsweise Zu einer Fachhochschule und auch der bereits 1989 geforderte Neubau, werden nun die neue Leiterin, Gabriele Jahns-Duttenhöfer beschäftigen, die seit Anfang des Jahres 2001 im Amt ist.

Sie bietet umfangreiche und gefragte Ausbildungsmöglichkeiten mit unterschiedlichen Abschlüssen. Die Berufsfachschule besuchen etwa 170 Schüler. Sie lernen in der dreieinhalbjährigen Ausbildung Goldschmied oder die Spezialberufe Graveur, Schmucksteinfasser, Metallbildner, ehemals Ziseleur, sowie Silberschmied. Für den Beruf des Silberschmieds gibt es allerdings nicht ausreichend Nachwuchs, im Sommer-Semester 2001 blieben noch zwei Plätze in dieser Sparte frei.Ihr staatlicher Abschluss entspricht dem Gesellenbrief des Handwerks. Der Unterricht erfolgt in Werkstattklassen von 14 bis 16 Schülern. Theorie, zu der Kunstgeschichte, Fachmathematik aber auch Chemie oder Edelsteinkunde gehört, wird in größeren Einheiten gelehrt.

Die zweijährige Fachschule bietet eine Weiterbildung zum Staatlich geprüften Gestalter. Diese Absolventen können auch ihre Meisterprüfung vor der Handwerkskammer ablegen. Schließlich werden noch Auszubildende aus edelmetallgestaltenden Betrieben aus ganz Hessen unterrichtet.

Nach wie vor am größten ist der Andrang bei den Goldschmieden. Um die 45 Plätze drängen sich trotz zurückgehender Bewerberzahlen rund 250 junge Menschen aus dem In- und Ausland. Auch Hauptschüler werden bei entsprechendem Talent aufgenommen, sind jedoch eher die Ausnahme. Rund 80 Prozent kommen mit Abitur. In dem aufwendigen Auswahlverfahren ist die künstlerische Begabung ausschlaggebend, die in zeichnerischen oder plastischen Arbeitsproben unter Beweis gestellt werden muß. Die hohen kreativen Anforderungen schlagen sich auch im Lehrplan nieder. Seit der Gründung 1772 lag der Schwerpunkt auf der künstlerischen Bildung. Bis heute hat sie einen hohen Stellenwert.

Erst nach dem zweiten Jahr fällt die entgültige Entscheidung für den Lehrberuf. Im dritten Jahr erarbeiten die Auszubildenden zu Aufgaben des Gestaltungslehrers anspruchsvolle eigenständige Entwürfe. Die praktische Arbeit in der Werkstatt wird mit drei Tagen pro Woche intensiver, die Experiementierlust angeregt, das Selbstvertrauen in das eigene Können gestärkt.

Wichtigstes Projekt im Jahr 2002 wird der seit Jahren geforderte Neubau mit einem Investitionsvolumen von rund acht Millionen Mark sein. Das architektonisch anspruchsvolle zweigeschossige Gebäude soll 680 Quadratmeter Raum für Unterrichtsräume und Cafeteria bieten. In einem zweiten Bauabschnitt wird damit auch ein Teil des archaisch anmutenden Ambientes verschwinden: Mit einer umfangreichen Modernisierung der Werkstätten werden auch in der Staatlichen Zeichenakademie CNC-gesteuerte Maschinen (Computerized Numerical Control, numerische Steuerung per Computer) Einzug halten. Die Computer werden aber den freien Gestaltungswillen nicht behindern. Und die Arbeit mit dem Stichel, seit Jahrhunderten wichtiges Arbeitsmittel der Edelmetallgestalter, wird ebenfalls nicht verdrängt.

 

Der jüdische Friedhof  zwischen Jahnstraße und Mühltorweg ist nahezu unversehrt erhalten geblieben. Die älteren Grabsteine tragen ausschließlich hebräische Inschriften und zeigen neben den Händen der Priester und den Kannen der Leviten auch Reliefs der alten Hauszeichen. Die hebräisch-deutsche und schließlich fast ausschließlich deutsche Beschriftung der neueren Steine zeugen von der allmählichen Angleichung der Judengemeinde an ihre Umwelt, die zur Gleichberechtigung zu führen schien und durch die Mordpolitik der nationalsozialistischen Diktatur so schrecklich endete.