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Darmstadt


Ausflüge Darmstadt

 

Grube Messel:

Rechtzeitig zur 1200-Jahr-Feier im Sommer 2000 erstrahlte die bedeutendste Attraktion von Messel im frischen Gewand. Mit großem finanziellen und ehrenamtlichen Engagement von Gemeinde und Bürgern wurde das Fossilienmuseum für die berühmten Funde der Grube Messel von Grund auf saniert und erweitert. Im Zwischentrakt des ehemaligen Rathauses, einem Fachwerkgebäude aus dem 17. Jahrhundert, findet sich nun eine erdgeschichtliche „Uhr”, die hinführt zur Periode vor etwa 50 Millionen Jahren, jenem Erdzeitalter (Eozän), dem die Versteinerungen entstammen. Die einzigartig konservierte Fauna und Flora, das berühmte Urpferdchen, Fische, Alligatoren, Vögel, Fledermäuse, Schildkröten und selbst Insekten und Blätter, kommen in dem erneuerten Museum besser zur Geltung. Wo es früher beengt zuging, liegen und hängen die Fossilien nun in repräsentativ gestalteten Vitrinen.

 

Am Rande des Weltnaturerbes Grube Messel haben die Vorbereitungen für den Bau eines Informationszentrums begonnen: Vom Frühjahr 2005 an werden die Besucherinnen und Besucher dort auf rund 700 Quadratmetern Wissenswertes über die Fossilienfundstätte und ein gastronomisches Angebot vorfinden.

Seit April 2003 sucht das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit einem Architektenwettbewerb Vorschläge für die Gestaltung des Gebäudes. Außerdem wurde vor einigen Wochen mit dem Abriß einer Müllumladeanlage begonnen: Hier soll von Anfang 2004 an das Besucherzentrum entstehen. Und: Vom Frühsommer an wird eine im Januar gegründete Gesellschaft das Konzept entwickeln. Die Grube Messel-GmbH, deren Gesellschafter das Land und das Frankfurter Senckenberg‑Institut und die Gemeinde Messel sind, soll das Besucherzentrum später auch betreiben.

Die Liste der Vorgaben dafür ist derweil schon fertig. So sollen die Besucherinnen und Besucher künftig die Möglichkeit haben, an einer virtuellen Führung durch die Grube teilzunehmen. Außerdem wird es im Besucherzentrum Fossilien zum Anfassen geben: Denn der Zugang zur realen Grabe ist nur im Rahmen einer Führung möglich. Und auch dann ist das Anfassen und Sammeln von Fossilien verboten ‑ zum Leidwesen der vielen Schulklassen, die jedes Jahr zwischen Frühjahr und Herbst durch die Grube geführt werden.

Geplant sei aber kein neues Museum, sagt ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums: Wir wollen ein Informationszentrum, das auf das Senckenberg‑Museum in Frankfurt, das Hessische Landesmuseum in Darmstadt und das Heimatmuseum in Messel verweist. Das Messeler Heimatmuseum ist bis Ende Oktober dienstags bis sonntags zwischen 14 und 17 Uhr geöffnet. Der Weg von der Grube zum Museum ist ausgeschildert. Dort gibt es auch Informationen über Führungen. Tel: 06159/5064.

 

Den ehemaligen Ölschiefer‑Tagebau, der 1995 in die Liste der Unesco‑Weltnatur­erbe- Stätten aufgenommen wurde, besuchen jährlich rund 60.000 Menschen. Viele von ihnen kommen in Gruppen, die sich vom Senckenberg‑Institut, dem Landesmuseum oder dem Messeler Heimatverein durch die Grube führen lassen. Allein der Heimatverein biete im Jahr rund 200 Führungen an.

Mit etwas Glück können die Interessierten den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Senckenberg‑Instituts bei der Arbeit zusehen. Denn die forschen nach wie vor in der Grube nach weiteren Fossilien: Die Funde waren in der Vergangenheit reichhaltig: Unter anderem wurde hier das berühmte Urpferdchen gefunden mit dem Frankfurt jüngst für Olympia warb. Außerdem brachte die Grube versteinerte Vögel, Reptilien und Pflanzen ans Tageslicht: Viele von ihnen wurden komplett mit Haut, Haaren und sogar Mageninhalt gefunden. Einzelbesucher können von einer offenen Plattform  einen Blick in die 60 Meter tiefe Grube werfen.

 

Das gewaltige Becken von einem Kilometer Durchmesser gehört wieder weitgehend der Natur. Nur sah sie damals, vor Jahrmillionen ganz anders aus als heute. Zu jener Zeit lag die Gegend des vorderen Odenwaldes noch auf dem Breitengrad Siziliens. Statt Kiefern und Lärchen gedieh die üppige Vegetation subtropischer Regenwälder bei einem Jahresmittel von 20 Grad (heute 9 Grad). Der Rhein-Main-Raum lag damals so südlich wie heute Neapel. Mit rund 20 Grad Durchschnittstemperatur war es deutlich wärmer als jetzt.

Vor rund 35 Millionen Jahren: Palmen, riesige Bäume und ein schier undurchdringliches Dickicht aus Gräsern und anderen Pflanzen bedeckten das Land am Main. Idealer Lebensraum für die größten Landbewohner aller Zeiten und ihre Nachfahren. In der subtropischen Atmosphäre wucherten Palmen, Lorbeer- und Walnußbäume, Büsche und mehr. Kleine Seen bildeten ein ideales Terrain für Fledermäuse, Schlangen, flamingoartige Vögel, Pferde, Fische, Krokodile oder Alligatoren und viele andere Tierarten.

Nachdem die Dinosaurier und andere Riesentiere ausgestorben waren, ergriffen sie Besitz vom späteren Regierungsbezirk Darmstadt und seiner Umgebung. Zwischen Neckar und Main breitete sich ein höchst lebendiger und spektakulärer Urwald aus. Heute ist davon weit und breit nichts mehr zu sehen. Jedenfalls an der Oberfläche.

 

Als erste stießen Grubenwerker des Eisenhüttenwerks Michelstadt im Odenwald vor über 100 Jahren auf der Suche nach Braunkohle in einem der früheren Seen dieser Region, der heutigen Grube Messel (ein paar Kilometer südöstlich von Langen) auf Ölschiefer mit hervorragend erhaltenen Versteinerungen von Reptilien aus jener Zeit.

Die Funde ließen die Archäologen aufhorchen und sie fingen selbst zu graben an. Schaufel für Schaufel legten sie einen Fund nach dem anderen frei; einer spektakulärer als der andere.

 

Vielleicht lag es an ihrer fehlenden Übung im PR-Geschäft, daß die Öffentlichkeit erst allmählich von ihren sensationellen Entdeckungen Kenntnis nahm. So konnten noch in den achtziger Jahren eifrige Müllentsorger unbehelligt den Plan verfolgen, aus der archäologischen Schatzkiste eine Müllkippe zu machen.

Erst der energische Protest aufmerksam gewordener Bürger und Wissenschaftler verhinderte den Untergang des weltweit einmaligen Schatzes. Schließlich erwarb 1991 das Land die Grube und stellte sie unter Denkmalschutz. Seit 1995 gehört Messel zum Weltkulturerbe der Menschheit und ihre Funde zum Außergewöhnlichsten, was weit und breit aus der ,,Zeit der Morgenröte“, dem Eozän, erhalten geblieben ist.

 

Warum gerade in Messel? Die Meinung der Wissenschaftler: Durch vulkanartige Ausbrüche entstanden Senken, in denen sich Wasser sammelte. Das stehende Gewässer und das feucht-warme Klima boten ideale Voraussetzungen für rasches Algenwachstum, das dem Wasser Sauerstoff entzog und überdies mit Gasen unterirdischer Herkunft versetzt war. Das lebensfeindliche Gemisch war ideale Voraussetzung für die Bildung von Ölschiefer und dieser wiederum ideal für die natürliche Balsamierung verstorbener Tiere. In ihrem Wassergrab hatten die Tierreste keine natürlichen Feinde und blieben so der Nachwelt erhalten.

Nirgendwo sonst, so schwärmen die Wissenschaftler, hätten sie bis heute so einzigartige und gut erhaltene Versteinerungen aus jener Epoche gefunden wie hier. Die Fossilien enthielten teilweise sogar noch den kompletten Darminhalt. Dies erlaubt Rückschlüsse sowohl auf die Flora jener Zeit wie auch beweist es, daß bei den Urpferdchen ausschließlich Grünes auf dem Speiseplan stand. Damit nicht genug: Gefundene Embryos, Hautschatten und Haarreste sprechen für die Experten eine beredte Sprache.

 

Die Grube Messel, das einzige Unesco‑Weltnaturerbe Deutschlands, besitzt eine neue Attraktion: Dank der 1997 eröffneten Besucher‑Plattform am Rande des 60 Meter tiefen Geländeeinschnitts können erstmals auch interessierte Laien einen Blick durch das weitgeöffnete Fenster der Erdgeschichte tun. Zum Schutz vor Raubgräbern mußte der Zugang zur Grube bislang für die Öffentlichkeit gesperrt bleiben, betreten werden durfte sie nur bei Führungen. Mit dem Aussichtspunkt bietet sich nun die Möglichkeit, auch individuell an das riesige Erdloch zu gelangen. Tief unten sieht man bei gutem Wetter die Paläontologen bei der Arbeit, wie sie geduldig Schicht um Schicht aus dem Ölschiefergestein lösen. Es muß nicht immer eins der berühmten „Urpferdchen“ sein, das dort geborgen wird. Auch die Ausbeute vom konservierten Blatt bis zum vollständig erhaltenen Krokodil ist ohne Beispiel.

Weltweit gibt es keine zweite Fossilienfundstätte, die ein derart differenziertes Bild der Flora und Fauna aus der Zeit vor rund 50 Millionen Jahren, dem Eozän, zeichnet. Dies ist unter evolutionsgeschichtlichen Gesichtspunkten um so bemerkenswerter, da sich nach der großen Zeitenwende zum Tertiär und dem Aussterben der Dinosaurier mit den Funden von Messel die explosionsartige Entwicklung der Artenvielfalt unter den Säugetieren belegen läßt.

 

 „Mutter mit Kind“ haben es die Forscher getauft, das trächtige Urpferdchen, das sie aus der Tiefe der Grube Messel ans Tageslicht geholt haben. Der bei Wirbeltierfossilien aus dem Unesco‑Weltnaturerbe häufig nachgewiesene Magen‑Darm‑Inhalt wird Aufschluß über die letzte Mahlzeit des Foxterrier‑großen Fundes mit dem wissenschaftlichen Namen Propalaeotherium parvulum geben. Bei dem erwachsenen Tier handelt es sich um eine trächtige Stute ‑ im Beckenbereich fanden sich Knochen eines Fötus. Woran „Mutter mit Kind“ gestorben ist, können die Wissenschaftler übrigens nicht rekonstruieren.

Weltweit gibt es nur drei vergleichbare Funde, doch das Messeler ist der schönste. Er gehört auch zu den vollständigsten Zeugnissen des Eozän, die bislang in der südhessischen Grube freigelegt worden sind. Mehr als 70 Urpferde zählt die Messel-Herde inzwischen ‑ und ist damit die größte der Welt. Allerdings sind dabei auch einzelne Knochen mitgerechnet.

Die Urpferdchen sind alle den Weg der schwangeren Stute gegangen ‑ sie sind ausgestorben. Die heute bekannten Pferde stammen nicht von ihnen ab, sondern sind erst sehr viel später über Amerika eingewandert. Dennoch spielen die Urpferde für die Erklärung der Evolution eine wichtige Rolle. Hier in Messel steht die Wiege der modernen Säugetiere.

 

Mit einem kleinen Sprung hüpfen Diplom-Geologin Janine Treusch und eine Gruppe Kinder in die Vergangenheit. „Wir sind jetzt 47,6 Millionen Jahre vor unserer Zeit, um uns herum ist Regenwald”, stimmt die Umweltpädagogin die sechs bis zwölf Jahre alten Besucher auf einen Gang durch die Grube Messel ein, Deutschlands einzigem UNESCO-Weltnaturerbe.

Direkt vor den Kindern klafft ein großes rundes Loch: Die Grube Messel war früher ein tiefer See, der durch einen Vulkanausbruch entstanden ist. Damals lebten in dem Gebiet bei Darmstadt exotische Tiere wie bis zu fünf Meter lange Krokodile oder das berühmte Urpferdchen, der kleine Vorgänger heutiger Pferde. Das Klima war heiß und feucht, die Region war ein großer Regenwald.

Die Grube hat einen Durchmesser von rund 800 Metern und ist etwa 130 Meter tief. Dem Protest der Messeler Bürger ist zu verdanken, dass die wichtige Fundstätte nicht als Mülldeponie endete, sondern statt dessen 1995 von der UNESCO unter Schutz gestellt wurde. Das Wasser des ehemaligen Kratersees wird seit den Deponieplänen allerdings abgepumpt: So können heute Paläonto‑

logen forschen, während die Besuchergruppen der Fossilienfundstätte auf den Grund gehen.  „Lange haben die Forscher gerätselt, wie dieses tiefe runde Loch entstand”, berichtet Treusch ihren jungen Zuhörern, die für die Dauer des Ausflugs in die Vergangenheit Namen von Regenwald-Tieren tragen.

Erst vor sechs Jahren habe man die Antwort gefunden: Bei Bohrungen in mehr als 400 Metern Tiefe wurden Steine entdeckt, die nur bei vulkanischen Explosionen standen sein können. Nach der Explosion füllten Wasser und hinabrutschende Schuttmassen den See teilweise wieder auf, Algen setzten sich als Faulschlamm ab. Daraus konnte der Ölschiefer entstehen, in dem die Paläontologen mehr als 50.000 Spuren ehemaligen Lebens entdeckten. Viele Funde sind sehr gut erhalten: komplette Skelette mit Haut und Haaren, Muttertiere mit Föten und Mägen mit der letzten Mahlzeit wurden hier entdeckt. „Die Grube Messel ist eine der reichsten Säugetier-Fossillagerstätten der Welt”, sagt Geschäftsführerin Marie-Luise Frey. Zu den besonders aufsehenerregenden Funden gehört das Urpferdchen, das so klein ist wie ein Terrier und an den Vorderbeinen vier, an den Hinterbeinen drei Zehen hat, die später zu Hufen verwuchsen. Während ihre größeren Nachkommen sich von Gras ernähren, fraßen die Urpferdchen Blätter. „Im Bauch eines Tieres wurden auch Weintrauben gefunden”, berichtet Treusch. Während der Faulschlamm für die Nachwelt ein Segen ist, war der verschmutzte See für die Tiere im Regenwald möglicherweise eine tödliche Falle. Viele von ihnen sind wohl ertrunken oder haben sich gar vergiftet, vermutet die Fachwelt - ohne es allerdings genau zu wissen.

„Warum wir Fische im Ölschiefer fanden, ist klar, sie lebten schließlich im Wasser. Aber wie kamen die mehr als 70 Urpferdchen dorthin, die bereits gefunden wurden?”, fragt Treusch ihre jungen Gäste. „Sie sind im Schlamm ausgerutscht und über den steilen Kraterrand gefallen, als sie trinken wollten”. mutmaßt der elf Jahre alte Daniel, der heute Ameisenbär heißt. Warum die fünf Meter langen Krokodile die kleinen Pferdchen nicht fraßen, weiß er aber auch nicht. Die zwölf Jahre alte Sabea vermutet, dass Urpferdchen den Krokodilen vielleicht nicht schmeckten.

Das wäre zwar denkbar, sagt Treusch. Aber wie die Pferdchen tatsächlich starben, sei nach wie vor unbekannt. Fest stehe nur, dass sie meist körperlich unversehrt entdeckt wurden. Wie sie in den See kamen, müssten Forscher jedoch erst noch erkunden. Der achtjährige Leon kann sich diese Aufgabe später einmal durchaus vorstellen: „Wenn ich ein Fossil finde, werde ich Forscher. Sonst gehe ich lieber zum FBI“.

Wanderung: Elvira Klein, Frankfurt II, Seite 139, und Rhein-Main, 206.

 

Messel:                                                                                                        18.12.208

 Den Grundstein für das Ausstellungsgebäude „Zeit und Messel Welten“ legte Wissenschaftsministerin Silke Lautenschläger am 17.12.2008. „Ich freue mich sehn dass wir die Besucher bald angemessen empfangen und informieren können“, sagte Lautenschläger. Bislang stehen am Rand des 130 Meter tiefen ehemaligen Kratersees bei Darmstadt nur Baracken für die jährlich rund 22.000 Besucher bereit.

Das Zentrum an der einzigartigen Fossilien-Fundstätte kostet fünf Millionen Euro, die Ausstattung weitere zwei Millionen Euro. Die Grube Messel wurde 1995 von der Unesco in die Liste des Welterbes der Menschheit aufgenommen. Das Gebäude mit einer Nutzfläche von 870 Quadratmetern ist von der Schichtung des Ölschiefers abgeleitet, in dem die Fossilien in Messel ungewöhnlich gut erhalten blieben: „Die Besucher werden künftig die Erdschichten sinnbildlich durchwandern“, sagte Lautenschläger.

Die Gäste sollen über die rund 47 Millionen Jahre alte Vergangenheit der Fossilienfundstätte informiert werden. Auch das berühmte Messeler Urpferdchen wird zu sehen sein. Die Informationen sollen nach den Plänen des Büros Holzer Kobler Architekturen (Zürich) mit wissenschaftlichen Hintergründen auf „unterhaltsame Art“ vermittelt werden und die „Wertvollen Fossilienfunde atmosphärisch erlebbar machen“.

Angedacht sind unter anderem virtuelle Blicke in die Tiefe der Grube. In einem Dschungel tauchen Besucher in eine schillernde Welt ein, die durch eine Vielfalt von Pflanzen und Tieren medial belebt wird: Als die Grube vor 50 Millionen Jahren durch einen Vulkanausbruch entstand, lag Messel im Regenwald. In der Region herrschte subtropisches Klima. Eine Aussichtsplattform auf dem Dach wird einen Panoramablick ermöglichen. In Außenanlagen sind Themengärten zu den Bereichen Maarvulkanismus, Regenwald und Klima, Evolution und Biodiversität geplant. Außerdem soll ein „Welten- und Expeditionsgarten“ mit den ursprünglichen Pflanzen der Region angelegt werden.

„Es soll eine ganz neue Erfahrungswelt geschaffen werden“, sagte die Geschäftsführerin der Welterbe Grube Messel gGmbH, Marie-Luise Frey. Sie hofft, dass das Zentrum eine zentrale Position bei der Vermittlung von geo -und naturwissenschaftlichem Wissen an die Öffentlichkeit einnehmen wird: „Südhessen soll zum Vorreiter und Zugpferd in der europaweiten Kooperation und touristischen Vermarktung von Welterbestätten mit Geoparks werden.“ Frey erwartet, dass sich die Zahl der jährlichen Besucher in Messel durch das Zentrum auf 100.000 fast verfünffacht.

 

Im März 2009 hat das Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt sensationell erhaltene Neufunde aus der südhessischen Grube Messel vorgestellt, und zwar Überreste aus grauer Vorzeit, die vom metallisch schimmernden Prachtkäfer über die Ur-Echse bis hin zum kletternden Ur-Hufer reichten. Die Fossilien wurden in den Jahren 2007 und 2008 auf Deutschlands einzigem Weltnaturerbe ausgegraben. Die Grube Messel - ein ehemaliger Kratersee - gilt als weltweit einzigartige Fossilienstätte. Die dort entdeckten Skelette aus dem Eozän - der Zeit vor rund 47 Millionen Jahren - sind oft vollständig erhalten.

Die Grube - rund 20 Kilometer südöstlich von Frankfurt bei Darmstadt gelegen - entstand vor 50 Millionen Jahren durch einen Vulkanausbruch. Damals lag Messel im Regenwald mit einem ganzjährig feucht-warmen Klima. Seit 1974 wird in Messel gegraben. Bekannteste von mehreren hundert dort entdeckten Tier- und Pflanzenarten ist das etwa 30 Zentimeter große Urpferdchen, das als Vorfahr des Pferdes gilt. Unter den Neufunden ragt bei den Insekten nach Angaben der Forscher der etwa 15 Millimeter große Prachtkäfer (Psiloptera) hervor, der auch nach 47 Millionen Jahren seine bunte Färbung behalten hat. Vertreter dieser Art kommen heute nur noch in den Tropen vor. Dazu gehört auch eine Weber-Ameise, die während ihres Hochzeitsflugs in den ehemaligen Messelsee gestürzt und ertrunken ist. Die Weber-Ameise baut ihr Nest aus lebenden Blättern.

Unter den Reptilien konnte eine etwa 50 Zentimeter große Krustenechse identifiziert werden, deren heutige Verwandte (Helodermatiden) in den USA wegen ihrer Giftigkeit als „Bullbeißer der Echsenwelt“ gelten. Auch die in Messel gefundene Echse zeige schon typische Giftrinnen an den Zähnen, sagte der amerikanische Reptilienexperte Krister Smith.

Unter den Neufunden sind die Forscher besonders auf den kletternden Urhufer (Kopidodon macrognatus) stolz. Das knapp ein Meter lange Tier hatte eine langen buschigen Schwarz und ernährte sich von Pflanzen und Früchten. Weitere Erkenntnisse über das Tier werden vom gut erhaltenen Mageninhalt des Neufundes erwartet. Auch ein hervorragend erhaltenes Exemplar eines der ältesten Nager der Erdgeschichte (Masillamys) gehört zu den jüngst geborgenen Fossilien. Ebenfalls wieder gefunden wurde ein archaisches Säugetier (Leptictidium auderiense), das durch eine 2001 ausgestrahlte BBC-Dokumentation über Messel weltberühmt wurde. Der Vierbeiner bewegte sich - ähnlich wie ein Känguru - nur auf zwei Beinen fort. Das im vergangenen Jahr gefundene Exemplar ist das erste Jungtier dieser Gattung und hatte einen sehr langen Schwanz. Dieser Urhufer aus der Grube Messel hat den Wissenschaftlern - wie hier Stephan Schaal - sogar seinen gut erhaltenden Mageninhalt hinterlassen.   

 

Ältester Vorfahre des Menschen entdeckt                                                       22.05.09

Ein 47 Millionen Jahre altes Uraffen-Fossil aus der Grube Messel bei Darmstadt liefert nach Forscheransicht bahnbrechende neue Informationen über die Evolution des Menschen. Die sehr gut erhaltene Versteinerung sei möglicherweise ein „missing link“, ein bislang fehlendes Verbindungsstück an der Wurzel zum Stammbaum des Menschen. Die Forscher präsentieren den Fund namens „Ida“ im Fachmagazin „PLoS ONE“ (online). „Ida“ sei damit der bei weitem älteste Vorfahre des Menschen, schreiben die Forscher. „Wir haben nicht nur das komplette Skelett, sondern auch die kompletten Körperumrisse und den Darminhalt“, schwärmt Mitautor Jens Lorenz Franzen vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt. Das Tier hat Ähnlichkeit mit Lemuren, das sind Halbaffen, wie sie heute noch auf Madagaskar leben.

Der Frankfurter Paläontologe Jens Franzen weist die Kritik an der medienwirksamen Präsentation des Uraffen- Fossils „Ida“ zurück. „Welcher Fehler sollte darin bestehen, wenn wir die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, was die Wissenschaft zu bieten hat - dass es noch etwas mehr gibt als erfolgreiche Sportler und gute Musik?“, sagte der Spezialist vom Forschungsinstitut Senckenberg der Deutschen Presse-Agentur. Wichtig sei, dass das Ergebnis auf solider wissenschaftlicher Arbeit ruhe.

Nachdem in der Grube Messel bei Darmstadt ein extrem gut erhaltenes, etwa 47 Millionen Jahre altes Fossil entdeckt worden war, das wahrscheinlich den ältesten bekannten Vorfahren des Menschen zeigt, hatte es Kritik an der weltweiten Vermarktung der Forschungsarbeit gegeben. Unter anderem hatten TV-Spots in den USA die Entdeckung beworben und ihre Bedeutung mit der ersten Mondlandung verglichen.

Für den Paläontologen Jens Franzen ist der Uraffe „Ida“ ein Traum von einem Fossil“. Nicht nur, dass das Skelett des Äffchens nach 47 Millionen Jahre noch fast komplett erhalten sei: „Auch der Weichkörper ist überliefert, und zwar bis in die einzelnen Haarspitzen.“

Franzen hat das versteinerte Tier in seinem Labor in Frankfurt untersucht. „Wir haben vor allem intensive Röntgen- und Mikrocomputerstudien betrieben“, sagte er. Anfang dieser Woche war es dann'so weit: Das Team aus norwegischen, deutschen und US-Forschern stellte das Ergebnis seiner zweijährigen Arbeit in New York vor.

Dass Werbespots im US-Fernsehen den Uraffen mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus oder der ersten Mondlandung verglichen, quittiert Franzen „mit einem Lächeln“, wie er sagte.

Das Fossil habe großes Aufsehen verdient. „Ida“ stelle das besterhaltene Primaten-Fossil dar, das es je gegeben habe. „Dies ist das erste Mal, dass ein uralter Angehöriger der Ordnung, zu der wir uns selbst zählen, in dieser Qualität erhalten ist.“

Durch die Erkenntnisse, die man an „Ida“ gewinne, steige eine ganze Gruppe fossiler Primaten, die so genannten Feuchtnasenaffen, in die höhere Gruppe der so genannten Trockennasenaffen auf.

Aus der letzten Gruppe, die ihren Geruchssinn sozusagen gegen ein besseres Sehvermögen „tauschte“, seien später die höheren Primaten hervorgegangen, erläuterte der Paläontologe.

Feuchtnasenaffen, zu denen auch Lemuren zählen, wurden früher manchmal als Halbaffen bezeichnet. Trockennasenaffen dagegen galten als „echte“ Affen. „Insofern ist es richtig zu sagen, dass. ‚Ida‘ eine Übergangsform einnahm“, sagte Franzen.

Zu Vorwürfen, dass sein Team die Merkmale des Uräffchens bisher nur oberflächlich herausgearbeitet habe, sagte der Frankfurter Forscher: „Es ist nicht aller Tage Abend. Wir freuen uns darüber. Eine Debatte angestoßen zu haben“. Es gebe bereits konkrete Pläne, wie an dem Uraffen weitergeforscht werden soll.

 

 

Kranichstein und Umgebung

 

Schloß Kranichstein

Im Jahr 1399 überließ Graf Eberhard von Katzenelnbogen seinem Burgmann Henne Kranich von Dirmstein einen kleinen Gutshof im Wald nördlich von Darmstadt. Landgraf Georg I., Begründer der Darmstädter Linie, erwirbt 1572 das Gut Kranichstein, um aus den Naturaleinkünften die Versorgung seines Darmstädter Hofes sicherzustellen. In dem Gehöft  wurden Schafe gehalten und eine Schneidemühle sowie Bienen- und Taubenzucht betrieben wurden.

Was so bescheiden begann, wurde zum Kern eines der schönsten Jagdschlößchen Deutschlands, nachdem das Anwesen 1571 von der kurz zuvor gegründeten Landgrafschaft Hessen-Darmstadt gekauft und im Stil der Renaissance ausgebaut worden war. Zwischen 1577 und 1580 erfolgte der Umbau vom Gutshof zum Jagdschloß, zur, durch den Baumeister Kesselhut aus Kassel. Es entstand eine zweigeschossige Dreiflügelanlage, eine hufeisenförmigen Renaissance-Anlage, mit nach Südwesten offenem Hof, die bis heute im Wesentlichen erhalten ist. Das landgräfliche Jagdhaus ist als ländlicher Wohnbau des Fürsten konzipiert, der eine kleine Hofhaltung und Jagdaufenthalt ermöglicht. Dieser Bau aus dem Jahre 1692 ist eine Seltenheit, weil die gewaltige Länge von 112 Metern den Stellenwert verdeutlicht, den die Jagd bei den hessischen Landgrafen einnahm. Das Schloß war 350 Jahre lang Ausgangspunkt der Jagden Hessischer Landgrafen und Großherzoge und zeitweise sogar Sitz der Regierung.

Das Erdgeschoß nahm Wirtschaftsräume, Pferdeställe und Remisen auf. Das Obergeschoß war den fürstlichen Wohn- und Schlafräumen vorbehalten. Die Schlafzimmer wurden, um die Herrschaften nicht zu stören, vom Flur aus beheizt und hatten jeweils ein eigenes Klosett. Insgesamt herrschte eine bescheidene, reduzierte Formensprache der Renaissance vor. Den um 1580 erreichten Bauzustand zeigt eine Bildquelle des 18. Jahrhunderts (Egers Hofansicht von 1760).

Nach Plünderungen und Zerstörungen im 30jährigen Krieg erlebte Kranichstein unter dem Landgrafen Ernst Ludwig (1688-1739) und seinem Sohn Ludwig VIII. (1739-1768) eine neue Blütezeit. Im Jahre 1688 erfolgte der Bau des Jagdzeughauses. Mit der Einführung der Parforce-Jagd steht die Anlage von Parforcesternen in engem Zusammenhang.

Der Provinzfürst mit Hang zum Pompösen hielt sich Trüffeljäger, ließ mobile und beheizbare Jagdhäuser bauen, fühlte sich auf Wagen mit Drehsitzen wohl, von denen aus er nach allen Seiten schießen konnte. Sogar dressierte Hirsche ließ er einer Kutsche vorspannen. Kranichstein war ein Zentrum der Parforce-Jagd, bei der das Wild von Jägern aufgespürt und von Hundemeuten und Reitern gehetzt wurde, bis es erschöpft aufgab - und der Landgraf es bequem erlegen konnte.

Ludwig VIII. erhob Kranichstein zum Residenzschloß. Mit dem kostspieligen Jagdaufwand als Bestandteil des barocken Hofzeremoniells brachte dieser Prototyp eines fürstlichen Nimrods Hessen-Darmstadt an den Rand des finanziellen Ruins. Seiner Regierungszeit verdankt Kranichstein den Ausbau des Rondells in seiner heutigen Form sowie den Bau der Schloßküche, den so genannten Kavaliersbau. Weitere Aktivitäten beziehen sich auf die Innenausstattung mit dem Ziel, standesgemäße Räumlichkeiten für die Hofhaltung zu gewinnen.

Der Provinzfürst mit Hang zum Pompösen hielt sich gar Trüffeljäger, ließ mobile Jagdhäuser bauen, fühlte sich auf Wagen mit Drehsitzen wohl, von denen aus er nach allen Seiten schießen konnte. Sogar dressierte Hirsche soll er vor eine Kutsche gespannt haben. Die Spuren des jagdverrückten Grafen sind noch heute allgegenwärtig, sein Monogramm ziert viele Turen des Hauses.

Der Bestand erfuhr ab 1828 eine neogotische Umformung. Die Nachfolger am Hofe hatten andere Vorlieben. Der gefällige Mittelrisalit (vorspringender Gebäudeteil) und die schwungvollen Voluten (Bauornamente) an den Seitenflügeln kamen erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinzu.

Nach einer „Erholungsphase“ durch Abwesenheit des landesherrlichen Hofes bestimmten die von Napoleons Gnaden zu Großherzögen aufgestiegenen Landesherren Kranichstein zu ihrer Sommerresidenz. Auch unter Ludwig III. bleibt Kranichstein bevorzugte Sommerresidenz. Unter seinem Nachfolger Ludwig IV. (1863-1874) wird der Mittelrisalit historisierend dem alten Bestand angepaßt (1874). Der Besuch der englischen Königin Victoria bewegt den fürstlichen Schwiegersohn zu einer letzten baulichen Anstrengung, indem er den großen Hirschsaal über der Schloßkapelle in einen repräsentativen Ballsaal mit aufwendiger Deutsch- Renaissance-Ausstattung umgestaltet.

Auf die letzte bauliche Aktivität folgt das abschließende museal-konservatorische Engagement des Fürstenhauses, das mit der musealen Betreuung der Objekte in Kranichstein beginnt und unter dem letzten Großherzog Ernst Ludwig mit einem weitgespannten Konzept fortgesetzt wird. Er vereinigt die im Familienbesitz befindlichen Jagdutensilien zu einer groß angelegten Sammlung, die er in dem 1918 eröffneten Jagdmuseum der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Im Jahre 1952 verkaufte Prinz Ludwig von Hessen-Darmstadt die Sammlung nebst Schloß am die Stiftung „Hessischer Jägerhof“, die sich der Erhaltung und Pflege jagdlicher Traditionen verschrieben hat. Zwischen 1988 und 1996 wurden Jagdschloß und Museum aufwendig für 13 Millionen Euro restauriert. Nach nahezu zehnjähriger Bauzeit - Planungsvorlauf nicht mit eingerechnet - konnte Kranichstein wieder der Öffentlichkeit übergeben werden.

Die Anlage um den offenen Hof hat geschweifte Giebel. An der Nordwestecke steht ein starker Rundturm; umgebaut 1739 – 68. Die Kapelle ist von 1580. Schloß Kranichstein ist heute das „Wahrzeichen barocker Jagdleidenschaft“: Die Fassade des markanten Mittelrisalit mit Schweifgiebel, Sonnenuhr und dem aufgesetzten goldenen Kranich ist ausgebessert und frisch verputzt. Auf dem Vorplatz steht das denkmalgeschützte Jagdzeughaus. Das Zeughaus (1689) ist ein einfacher, im 18. Jahrhundert veränderter Barockbau, der längste seiner Art in Hessen.

 

Seit September 2008 ist hier das  „bioversum Kranichstein“ untergebracht. Vögel singen, Grillen zirpen, auf Knopfdruck bringt eine Dachsmutter Welpen zur Welt: Der Ausschnitt aus einem heimischen Buchenwald im Wechsel der Jahreszeiten ist das Herzstück des neuen Museums „bioversum Kranichstein“, das am Sonntag im ehemaligen Zeughaus von Schloss Kranichstein in Darmstadt eröffnet wird. Dieses „Vergrößerungsglas der Natur“ soll wie ein Wimmelbild in Kinderbüchern zum ausgiebigen Schauen einladen, um die Vielfalt des Lebens zu entdecken: Nicht nur Fuchs und Dachs sind hier zu Hause, sondern auch Pilze, Insekten und Mikroorganismen, die nur unter dem Mikroskop erkennbar sind.

„Wir sind ein Familienmuseum mit starkem Fokus auf Kinder und Jugendliche. Deshalb erklären wir komplizierte Themen nicht über Texte, sondern veranschaulichen sie bildhaft“, sagte Museumsleiterin Monika Kessler. Das Museum für biologische Vielfalt will mit seinen 27 neu entwickelten interaktiven „Werkstatt-Stationen“ alle Sinne ansprechen. über Kopfhörer lauschen die Besucher, wie Ameise Karla oder Regenwurm Robin von ihrem Leben berichten.

Das Museum bietet für Natur-Detektive Exkursionen in das 16 Hektar große Jagdschlossareal mit Schlosspark, Buchenwald und Teich an. Bis 2010 soll zudem ein 16.000 Quadratmeter großer interaktiver Museumsgarten mit Spürpfaden und Großmikroskopen am Zeughaus errichtet werden. Die rund 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche im Zeughaus sind in zwei Räume unterteilt. Rund um das Buchenwald-Diorama bieten Stationen Erfahrungen zum Thema Biodiversität. „Hier kann jeder selbst untersuchen, wie groß die Artenvielfalt im Buchenwald ist. Wir bauen nicht wie Archäologen aus Scherben eine Stadt zusammen, sondern erforschen im Gegenteil aus einem großen Waldstück die Details“, erklärt Kuratorin Onno Faller. In dem zweiten Raum des „Bioversums“ wird die Geschichte biologischer Invasionen beleuchtet. „Wissenschaftler sprechen diesen beiden globalen Themen, die eine Schlüsselstellung für den Artenschutz spielen, hohe Brisanz zu“, sagt Kessler. Sie seien bislang jedoch im Lehrplan an Schulen und auch in Museen unterrepräsentiert, betont die Museumsleiterin: „Bei Vorabtests mit Schülern haben wir erhebliche Wissens-Defizite festgestellt.“

Die Ausstellungsmacher möchten die Einfuhr nicht-heimischer Tiere und Pflanzen weder bewerten noch den pädagogischen Zeigefinger heben. „Die Vorstellung einer unberührten Vielfalt ist falsch“, sagt Kessler. Schließlich gab es die Globalisierung von Fauna und Flora schon immer, insbesondere nach der Entdeckung Amerikas.

Allerdings drohte dem Kleinod in den vergangenen Jahrzehnten ein zunehmender Verfall. Erst mit einem außerordentlichen Kraftakt - die 27 Millionen Mark Baukosten waren die drittgrößte Denkmalschutzmaßnahme der hessischen Nachkriegsgeschichte - konnte das Schlößchen bis Ende der neunziger Jahre gerettet werden, ganz so, wie es sich schon Landgraf Ernst Ludwig 1688 zu seinem Regierungsantritt gewünscht hatte: „... und lassen Kranichstein nebst dem, dabey befindlichen Thiergarten wiederum schön renovieren”. Platz fand nun auch ein exquisites Hotel-Restaurant.

Den Instandsetzungsarbeiten lag ein Nutzungskonzept zugrunde, welches die in der Nachkriegszeit in Kranichstein etablierten Nutzungsarten im Wesentlichen fortschrieb. So fand eine Hotellerie-Gastronomie im ehemaligen Scheunen-Wirtschaftstrakt einschließlich Küchenbau in durchgreifend erneuerten Innenräumen einen zeitgemäßen Rahmen. Ost- und Südflügel sichern hingegen der musealen Präsentation der bedeutenden Jagdwaffen und  Jagdutensilien aus landgräflichem Besitz einen adäquaten Hintergrund. Die wiedergewonnenen Großräume des Untergeschosses, ehemalige Pferdeställe und Jagdwaffenmagazin, bieten darüber hinaus Räume für Konzertveranstaltungen.

Der Putz wurde insgesamt erneuert. Aufgrund restauratorischer Voruntersuchungen konnten zwei historische Farbfassungen der Fassaden ermittelt werden, eine entstehungszeitliche Rot-Weiß-Fassung sowie eine Terracotta-Grau-Fassung des 19. Jahrhunderts. Letztere wurde für den Neuanstrich ausgewählt, da die Erstfassung einem Baubestand zuzurechnen ist, der            im 19. Jahrhundert erheblich überformt wurde.

Die Instandsetzungsarbeiten im Inneren waren an die vorgegebenen Nutzungskonzepte, Jagdmuseum im Untergeschoß, museal ausgerichtetes fürstliches Wohnen im Obergeschoß, gebunden. Im so genannten „Großen Hirschgang“ konnte nach Entfernen der nach 1828 eingebauten Kammern der Marstall in seiner ursprünglichen Raumgestalt als dreischiffige Halle auf Holzstützen wiedergewonnen werden. Die entstehungszeitliche farbige Fassung von 1622/23 konnte für Holzwerk und Decke ermittelt werden. Für den Bodenbelag des Großen und Kleinen Hirschgangs konnten in erheblichem Maße die Original-Bodenziegel wiederverlegt werden. Lücken wurden mit Nachbränden gefüllt.

Der museale Bereich „Fürstliches Wohnen“ umfaßt eine Enfilade von sieben Räumen alternierender Größe. Diese Raumfolge enthält im Wesentlichen die Wohnräume Ludwigs VIII., der Kranichstein zu seiner Hauptresidenz erhob. In den Räumen neben dem Hirschsaal, ehemals bescheidenen Gästekammern, wurden nachgewiesene Farbfassungen nach Phasen der Baugeschichte quasi museal-denkmalpädagogisch anschaulich gemacht. Besondere Sorgfalt galt der Restaurierung des Rondells, das einen freien Blick auf die Parforceschneisen erlaubt. Unter der Kuppel wurde eine mit reichem figürlichen Beiwerk geschmückte Rosette mit Windanzeige restauriert. Die Windanzeige, mit dem Wetterhahn auf dem Dach in Verbindung, wurde wieder funktionsfähig gemacht. Der Große Hirschsaal über der Kapelle konnte in seiner neoklassizistischen Raumgestalt wiedergewonnen werden.

Auf dem Turm an der Ostseite dreht sich bei steifer Brise die Wetterfahne. Sie ist verbunden mit einer prächtig verzierten Windrose samt pausbäckigem Engelchen, beides angebracht an der Decke des Rondellsaals, dem edelsten Teil des Schlosses: Von dem halbrunden Aussichtsposten, dem „Jagdtheatrum“, verfolgten einst feine Damen mit Plaisir den Wildwechsel und die Hatz im benachbarten Wald, der zum Park mit sternförmig zulaufenden Schneisen zurechtgestutzt war. Der Blick zur Saaldecke half den Jägern, das pirschende Fußvolk so zu dirigieren, daß Sauen und Hirsche es nicht gleich witterten.

Das Gros der Kosten der Restaurierung hat das in einem der Schloßflügel seit Mitte 1992 betriebene und von den Finanziers auch so gewünschte Luxus-Restaurant mit 15 Doppelzimmern und Suiten verschlungen. Die Spuren des verrückten Jagd-Landgrafen sind noch allgegenwärtig: Sein frisch nachgezeichnetes Monogramm ziert viele Türen. Die sieben Gemächer im „Hirschgang“ werden bis Mitte 1998 wieder mit historischen Stühlen, Sekretären, Chaiselongues und Schränken möbliert und dann zu besichtigen sein. Das Schlendern von Zimmer zu Zimmer ist auch ein Gang durch die lokale Baugeschichte: In jedem Raum wurden an Wänden, Putz und Lamperie alte Farbschichten freigelegt und dokumentiert. Wandbespannungen und die nach alten Vorlagen neu angefertigten Siebdruck-Tapeten geben jedem Raum ein anderes Ambiente.

Das 350 Quadratmeter große Jagdmuseum im Erdgeschoß, wo einst Schafe, Kühe und Pferde untergebracht waren, ist noch ein Provisorium und läßt ebenfalls erst ab Mitte 1997 Gäste ein. Der Fundus besteht aus Waffen und Jagdtrophäen, die im Jahre 1918 auf Wunsch des Großherzogs Ernst Ludwig aus dessen Schlössern in Kranichstein zusammengetragen worden waren. Es sind rund 450 Büchsen zu sehen, Vorderlader, Luftgewehre, Saufedern und Hirschfänger sowie 120 Jagdrelikte, darunter Pulverhörner, Ledertaschen („Hasensärge“) und Jagdlappen; mit ihnen verhängte man einst die Pferche, in die das Wild getrieben wurde (daher der Ausdruck „durch die Lappen gehen“). Waffen und ihre Technik sind in einer abgedunkelten Schatzkammer zu sehen. Und eine raffiniert vom Boden aus beleuchtete Schau führt in die Jagdhistorie ein - von der Frühgeschichte über die vom barocken Hof inszenierten Tierquälereien bis zur heutigen Jagd und ihren Gesetzen.

An der Rückseite des 112 Meter langen Jagdzeughauses von 1692 stimmen Informationstafeln auf die Jagd ein, die hier mal eine herausragende Rolle spielte. Eine Ode an Joseph Haydn, den waidgerechten Jäger und sein Oratorium Die Jahreszeiten, steht am Anfang; die bekanntesten Jagdlieder (Der Jäger aus Kurpfalz, Frischauf zum fröhlichen Jagen.

Es blies ein Jäger wohl in das Horn) sind aufgeschrieben; auf den Jägerchor in Webers Oper Freischütz wird ebenso hingewiesen wie auf Jagdsignale - von „Aufbruch“ bis „Hirsch tot“.

So eingestimmt nutzen wir die erste Brücke hinter der Mauer (nach links). Am folgenden Backhausteich, einst für die Fischzucht angelegt und dank seiner Pflanzenvielfalt eine Augenweide, verweilen wir, bevor das Schloß, das glanzvolle Jagden und höfische Feste erlebte, unsere ganze Aufmerksamkeit fordert.

Anläßlich des Jubiläum vor zwei Jahren hatte das Land Hessen 27 Millionen Mark für die Sanierung - auch des wichtigen Museums - aufgebracht. Die vor mehr als 80 Jahren vom letzten Regenten Hessen-Darmstadts, Großherzog Ernst Ludwig, eingerichtete Jagd-Sammlung, die schon Generationen beeindruckte, ist noch interessanter geworden.

Der neu-ausgeklügelten Konzeption liegt der Gedanke einer kulturgeschichtlichen Begegnung der Besucher mit sich selbst zu Grunde. Im einstigen Marstall wird bei wandhohen Fotografien von Absturzkanten, über die das Wild gehetzt wurde, klar: Der Zwang zum Überleben, also zum Jagen, hat wesentlich zur Geistesausbildung des Homo sapiens beigetragen. Kranichstein besitzt übrigens die größte Sammlung von Windbüchsen, Luftgewehren des 18. Jahrhunderts - und somit viele kleine technische Wunderwerke.

Der Besucher wird auf einen Rundgang zur Geschichte der Jagd geschickt, der in einem abgedunkelten Kubus beginnt, wo im Dämmerlicht die Nachbildungen steinzeitlicher Höhlenmalereien den Zusammenhang von Jagd, Magie und Kunst erfahrbar machen sollen. Der historische Rundgang endet bei der Revolution von 1848, die vor allem auf dem Lande eine Jagdrevolution gewesen ist und jene Rechtsverhältnisse herbeiführte, die auch heute noch die Jagd in Deutschland bestimmen. Die letzte Abteilung informiert über die Jagd in der Gegenwart.

Mit der Wiederherstellung des Zeughauses ist die Sanierung des gesamten Anwesens abgeschlossen. Dort entsteht zudem eine Forschungseinrichtung, die zur Wissenschaftsstadt Darmstadt paßt. Die Kosten für den Umbau und die Sanierung des Zeughauses betragen rund 3,3 Millionen Euro. Die Eigentümerin des Schlosses, die Stiftung Hessischer Jägerhof, greift tief in die Rücklagen und übernimmt rund eine Million Euro.

Das Zeughaus dient derzeit als Fundus für das Jagdmuseum des Schlosses. Nach dem Umbau und der Sanierung entstehen hier ein Artenschutzmuseum und ein Jagdarchiv. Im Museum sollen Besucher über die Ziele des Washingtoner Artenschutzabkommens informiert werden. Das Projekt wird vom Frankfurter Senckenberg-Museum wissenschaftlich begleitet. Ausgestellt werden unter anderem geschmuggelte Pflanzen und Tiere, die der Zoll auf dem Frankfurter Flughafen beschlagnahmt hat.

Gründlich renoviert und konzeptionell von Grund auf überarbeitet wurde nicht zuletzt der Hauptanziehungspunkt vergangener Jahrzehnte - das bereits vor über 80 Jahren eingerichtete Jagdmuseum. Zwar gibt es noch immer eine beeindruckende Kollektion an Jagdwaffen und -trophäen zu sehen, darunter die berühmten Jagdlappen, Gemälde, Zeichnungen, Geweihe und die größte Windbüchsensammlung Deutschlands. Jetzt aber steht mehr die kulturgeschichtliche Bedeutung der Jagd im Mittelpunkt. Im ehemaligen Marstall. wird deutlich: Der Zwang zum Überleben, also zum Jagen, hat wesentlich zur Geistesausbildung des Homo sapiens beigetragen.

Zudem werden im Zeughaus ein Jagdarchiv mit Dokumenten Akten und Schriften zur Jagdgeschichte und Jagdpolitik in Deutschland und eine wissenschaftliche Bibliothek eingerichtet. Hier kann ein in der Bundesrepublik einmaliges wissenschaftliches Forschungszentrum zur Jagd entstehen. Im Obergeschoß des Zeughauses werden 18 Übernachtungszimmer eingerichtet, die vor allem der Hessische Jagdverband bei Schulungen, im Archiv forschende Wissenschaftler und Schulklassen bei Exkursionen nutzen können. In wenigen Wochen soll Baubeginn sein. Die Arbeiten dauern voraussichtlich zwei bis drei Jahre.

 

Zu bewundern ist das alles und noch mehr (zum Beispiel der Schloßpark, Schlüssel an der Museumskasse) im Sommer (l. April bis 31. Oktober), mittwochs bis samstags von 13 bis 18 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie im Winter (l. November bis 31. März), mittwochs bis samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 17 Uhr; Führungen: Telefon 06151/718613.

 

Ideal ergänzt wird das Kranichsteiner Museum von einem jagdhistorischen Lehrpfad. Auf diesen fädelt man sich automatisch ein, nachdem man von der Bushaltestelle Oberwaldhaus am Naherholungsgebiet Steinbrücker Teich die wenigen Meter mit dem Fernradweg Nr. 8 bis Kranichstein herübergelaufen ist. Man kommt an der Rückseite des Zeughauses von 1689 heraus. Schon dessen Länge von 112 Meter spricht für den Stellenwert, den das Jagdwesen für den Darmstädter Hof hatte. Vor dem folgenden Backhausteich, einst für die Fischzucht angelegt, knickt man links zum Jagdschloß ab.

Am Ende des Teiches fädelt man sich wieder in den Lehrpfad ein, der mit dem weißen Trittsiegel (Fährte) eines Wildschweins markiert ist. An der rückseitigen Mauer geht es rechts ab auf eine der schnurgeraden Schneisen, von denen der Darmstädter Stadtwald durchzogen ist. Auch sie sind, wie die Durchmischung des Waldes mit Laubbäumen und Wiesen, eine Folge der planmäßigen Forstwirtschaft seit dem 16. Jahrhundert - das Wild war so besser zu hegen und bequemer zu bejagen.

Der Wald mit seinen herrlichen Eichenbeständen dient den hessischen Jägern heute übrigens als Lehrrevier. An einem ihrer Beobachtungsstände wie der Rottwiese kann man mit etwas Glück Dam- oder Rotwild äsen sehen. Nach Überqueren einer Straße führt der Lehrpfad links ab. Für die Wanderung geht es jedoch geradeaus, über die nicht gesicherten Gleise eines Bahnkörpers, und weiter durch die Schilflandschaft im naturgeschützten Sülzbachtal. Nach weiteren 500 Metern gelangt man zur Schneise „Hanauer Straße”. Hier wendet man sich links und läuft geradeaus fast bis zum Waldausgang - der Abstecher zur nahen Gaststätte „Forsthaus Kalkofen” lohnt sich schon wegen eines weißen Damhirsches, der dort gehalten wird.

Von der Schneise Hanauer Straße biegt man links ab und folgt der Markierung weißes X. Sie umsteuert bald die so genannte Dianaburg, ein Tempelchen, das an den Standort eines 1808 abgebrochenen Jagdschlosses erinnert. Nochmals wird der Sülzbach überquert, dann geht es rechts ab in Richtung Bahnüberführung. Vorbei an einem Weiher und danach nur noch geradeaus. Einmal mehr läuft man durch herrliche Laubwälder, am Ende wieder von allerlei Wissenswertem rund um die Jagd begleitet (Rhein-Main, 197).

Jagdschloß Kranichstein, Kranichsteiner Straße 253:

Mittwoch bis Samstag 14-17 Uhr, Sonntag 10-17 Uhr.

Bioversum: Dienstag bis Samstag 11-17 Uhr, Sonntag 10-18 Uhr.

 

Radtour: Rund um Jagdschloß Kranichstein

Über die Autobahn 661 fährt man bis Egelsbach und dann nach Darmstadt hinein: Man folgt erst der Richtung Heidelberg, dann Dieburg (Nebenstrecke). Auf der Höhe der Mathildenhöhe geht es links ab zum Oberwaldhaus, wo allerdings der Parkplatz oft überlastet ist (notfalls auf dem nächsten Parkplatz and er Straße parken).

Man fährt zunächst auf dem Weg, der im rechten Winkel von der Landstraße gegenüber dem Parkplatz ausgeht. Er biegt bald nach links in die Rondelschneise und die Darmstädter Allee und in die Fasanerie hinein (über das Forsthaus Fasanerie gibt es keinen Zugang bzw. der Weg ist sehr schlecht).

Die hessische Landgräfin Sophie Eleonore hat 1661 einen Teil des Wildparks Kranichstein mit einer Mauer abgrenzen lassen, um geschützt vor den bürgerlichen Darmstädtern lustwandeln zu können. Ihr Nachfahre Ernst-Ludwig beschloß in der Zeit um 1715, innerhalb der Mauern nach französischem Vorbild eine Fasanenzucht anzulegen und die Vögel dort zu jagen.

Die Mauer ist zum großen Teil bis heute erhalten - zwischen dem Forsthaus Fasanerie am Freizeitzentrum Steinbrücker Teich längs der Dieburgerstraße bis zum Forsthaus Hirschköpfe. Von dort beschreibt die Mauer zwischen Wohnbebauung und Wald einen Bogen bis zum nördlichen Darmstädter Stadtteil Kranichstein. Nahe dem Jagdschloß setzt sich die Mauer fort, quer durch den Wald zurück zum Forsthaus Fasanerie. Der Orkan Wiebke, der 1990 über Hessen fegte, beschädigte damals auch die Fasaneriemauer. Zahlreiche Sattelplatten auf dem Mauerfirst, die den Regen abhalten sollen, gingen entzwei. Weil bisher nichts repariert wurde, dringt Wasser in das Mauerwerk ein, das immer mehr verfällt. Die Mauer ist aber wichtig für das Verständnis der Darmstädter Jagdgeschichte.

Man kommt zum Hartigsdenkmal auf einer kleinen Anhöhe. Von dort fährt man weiter nach Norden auf der Arheiliger Allee. Auf ihr fährt man am besten weiter bis auf die Kranichsteiner Straße (man kann auch durch das Wohngebiet fahren über den Mittermaierweg und den Steineckeweg, da hat man weniger Landstraße). An der Wildscheuer, dem Jagdmuseum Falkenhof, biegt man rechts ab. Hier stehen schon die ersten Informationstafeln des Jagdlehrpfades.

Auf dem Wildackerweg fährt man um die Wildscheuer herum und nach links in den Hof des Jagdschlosses Kranichstein. Wenn man diesen wieder verläßt fährt man rechts zwischen Schloßmauer und Backhausteich entlang. Am Ende der Mauer geht es auf einem schmaleren Pfad geradeaus weiter und dann nach rechts auf die Kernschneise.

Die schnurgeraden Schneisen (sogenannte „Schneisensterne“) hatten das Ziel, den Wald von einem zentralen Punkt aus durchsichtig zu machen. Auch die großen Waldwiesen entstanden planmäßig. Früchtetragende Baumarten sollten das Wild anlocken. Aber fast nur noch hier findet man das unter wildökologischen Gesichtspunkten ideale Mischungsverhältnis von zehn zu eins zwischen Wald und Wiesen.

Durch ein Gatter kommt man auf die Hengstriedwiese. Links ist der Fürstliche Jagdschirm, von dem aus die Landgrafen das zusammengetriebene Wild abknallten. Rechts ist ein Hinweis auf die Sauhütte angebracht. Am Ende der Wiese biegt man links ein und kommt nach einer Rechtskurve in die schurgerade Speierhügelschneise. Der Lehrpfad geht nach rechts weiter auf der Rodwiesenschneise. Man findet bald wieder Informationstafeln über Fehlentwicklungen der Jagd (Frondienste, verwüstete Felder, Mast- und Hute verbot) und den Text eines Darmstädter Literaten in der Privilegierten Landeszeitung von 1777, bei der Matthias Claudius ein Jahr Redakteur war.

Man fährt aber geradeaus an der Rottwiese vorbei und kommt zum Parkplatz an der Kranichsteiner Straße. Dahinter ist der Wertholzlagerplatz, an dessen Ende man die Schienen überquert (Vorsicht, nicht gesichert!). Etwa gut hundert Meter weiter geht es rechts ab bis kurz vor die Kreisstraße. Noch vor dem Gatter biegt man im spitzen Winkel nach links ab. Rechts ist

Schutzhütte, dahinter der Georgenbrunnen (der See ist nicht zu sehen).

Der Weg führt weiter nach Westen und dann nach rechts wieder auf die Speierhügelschneise. Auf dieser geht es weiter über das Naturschutzgebiet Charlottenplatz und hinauf zur Hanauer Straße, die aber als Kalkofenschneise ausgeschildert ist. Auf dieser geht es nach links hinunter bis zum Forsthaus Kalkofen. An der Kreuzung vor dem Forsthaus stehen die Dragonereichen. Das Forsthaus ist eine Ausflugsgaststätte mit Tiergehege (darunter ein weißer Damhirsch) und Voliere und Spielplatz.

Man fährt wieder ein stück zurück und nach rechts zur Diana-Burg, ein Jagdpavillon aus dem Jahr 1830, das am Standort eines 1808 abgerissenen Jagdschlosses entstand. Die Fortsetzung auf der anderen Seite ist die Nymphenschneise. Dort wuchert Chinesisches Springkraut an der Rote Vogelbeer-Trauben, knorrige Kiefern beugen sich über den Weg.

Wenn m an zum Dianateich will, muß man weiter nach links in dem Kreis fahren. Die Nymphenschneise führt weiter nach Süden über den Silzbach zu einer Kreuzung. Dort geht es geradeaus auf einem Weg, der schon als Bernhardsackerschneise markiert ist. Bald geht es wieder über die Eisenbahn und dann geradeaus weiter bis zur Kernschneise.

Am Gattertor links fährt man rechts auf das Schloß zu und kurz vorher wieder nach links auf die Wildscheuerschneise. Links ist die „Bläserwarte“. Der Weg führt in Schwüngen zurück zum Oberwaldhaus.

 

Auf der Rückfahrt besucht man noch die Grube „Prinz von Hessen“ an der Straße von Darmstadt nach Dieburg. Vom Parkplatz geht man in Richtung Osten und dann links um den See herum. Das Ufer ist in verschiedene Sportzonen eingeteilt. Am Angelbereich wendet man sich nach links zum Freibad, wo sich zu jeder Jahreszeit auf Futter wartende Wildenten tummeln. Die Badestelle ist auf der Gegenseite. Das Wasser ist angenehm warm.

Der Tagebau der ehemaligen Braunkohlengrube währte nur von der Jahrhundertwende bis 1924. Erst in den siebziger Jahren wurde mit dem Herrichten des acht Hektar großen Geländes als Erholungsgebiet begonnen.

Vor der DLRG-Hütte schlägt man einen Linksbogen um den ehemaligen Abraumberg, nähert sich wieder dem Radfahr- und Fußweg neben der Straße und ist bald am Forsthaus und Gasthaus „Einsiedel“. Auf der Rückfahrt kann man auch noch die Grube Messel besuchen.

 

Radtour südöstlich des Oberwaldhauses:

Die Anfahrt erfolgt über die Autobahn 661 bis Langen, dann Richtung Dieburg, in Offenthal rechts ab Richtung Darmstadt. Vor Messel wieder rechts ab, aber nicht geradeaus nach Darmstadt, sondern links ab in Richtung „Grube Messel“. Am Gasthaus „Einsiedel“ rechts ab zum Oberwaldhaus.

Vom Oberwaldhaus fährt man auf der Oppermannswiesenschneise (zwischen Haus und Steinbrücker Teich) nach Süden. And er ersten Kreuzung geht es nach links über die Brücke und danach gleich wieder rechts auf den Bernhardsbrünnchenweg. Hier steht schon der erste herausragende Baum, die Franz-Baermer-Eiche.

Alte Bäume sind nicht mehr so häufig anzutreffen, die alten Veteranen, die den Stürmen der Jahrhunderte trotzten, um so beglückender, ihnen hin und wieder zu begegnen. Im Darmstädter Forst, dem ehemaligen Jagrevier der Landgrafen von Hessen, hat sich eine Anzahl alter Eichen und Buchen gehalten. Viele der mächtigen Bäume sind benannt. Das Forstamt Darmstadt ehrt damit herausragende, bereits verstorbene Persönlichkeiten, die in der Stadt geboren wurden oder sich um sie verdient gemacht haben.

Wenn man geradeaus auf dem Bernhardsbrünnchenweg fährt, kommt man zu einer Schutzhütte (Ist hier auch der Brunnen?). Rechts führt eine Steinbrücke über den Bach. Man fährt aber links auf die Bernhardsackerschneise (Die Amorbuche war nicht zu finden links. Von dort müßte man nach links über die Höllschneise weiter fahren). Nach rechts geht es weiter auf dem Brunnersweg. Rechts steht die zur Morneweg-Eiche, benannt nach Darmstadts Oberbürgermeister von 1891 bis 1909 unter Ernst-Ludwig, dem letzten Großherzog, Gründer der Jugendstil-Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe.

Der Brunnersweg führt zur Scheftheimer Eiche, letzter Zeuge des ausgegangenen Dorfes Scheftheim. Hier stand einst eines der Falltorhäuser mit Zollfunktion, die den landgräflichen Bannwald abriegelten. Der Brunnersweg führt zum Naturparkplatz Kubigbrücke kurz vor der Bundesstraße 26. Eine Tafel links informiert, daß in diesem Gebiet zahlreiche prähistorische Fundstädten liegen, die bis in die Eisen-, Bronze-, sogar Steinzeit zurückreichen, womit eine Besiedlung dieses Raumes von mehr als 7000 Jahren nachgewiesen ist.

Die Menhiranlage ist hier nicht erwähnt. Um sie zu erreichen, muß man nicht den Weg südlich der Bundesstraße nehmen, der im Wanderbuch beschrieben ist. Man biegt noch vor der Bundesstraße nach rechts ab in den Hasenböhlweg. Nach einer Rechtskurve geht links ein geteerter Weg aufwärts, der aber nur zu einer Abfallhalde führt. Man fährt geradeaus. And er Weise geht es links ab auf den Heuweg. Nach einem kurzen Stück (ehe man die nächste Wiese erreicht) geht links ein Weg ab. Er ist gekennzeichnet mit dem Schild „Loipe“ und führt zur Menhiranlage, zu der man einen Abstecher macht.

Einem Zufall ist es zu verdanken, daß die Menhir-Anlage an der östlichen Gemarkungsgrenze von Darmstadt nicht gänzlich vom Erdboden verschwunden ist. In mühevoller Arbeit konnte sie wieder aufgerichtet werden. Landwirte, die in den fünfziger und sechziger Jahren die „Hirtenwiesen“ am Rutzenbach bewirtschafteten, empfanden mit zunehmender Mechanisierung die großen herumstehenden oder kaum aus dem Gelände herausragenden Steine beim Mähen so hinderlich, daß sie begannen, sie zu sprengen. Die Teile versanken in nahen Bombentrichtern. Sie ahnten nicht, daß sie mit den  Menhir- oder Hünensteine prähistorische Kult- oder Grabsteine zerstört hatten.

Ein Heimatforscher, der beim Stammtisch davon hörte, stellte die Vermutung auf, es sich um Menhire handeln könnte, und leitete die entsprechenden Untersuchungen mit positiven Ergebnissen ein. In mühevoller Arbeit konnten die Menhire wieder aufgebaut werden und stehen als stumme Zeugen früher Besiedlung. Das ungeübte Auge kann nur sieben unterschiedlich große Granitblöcke zählen, tatsächlich sind es 14, auch die gesprengten sind wieder darunter. Die beiden größten messen etwa zwei Meter. Die kleinsten lagern aus Sicherheitsgründen im Museum Ober-Ramstadt. Die zeitliche Einordnung wird durch die zahlreichen Ausgrabungsfunde der Hallstattzeit (800 bis 500 v. Chr.) in diesem Abschnitt vermutet.

 

Auf dem Heuweg geht es weiter nach Westen zur Bernhardackerschneise. Links, jenseits der Kreuzung, liegen Hügelgräber. Man fährt rechts weiter bis zur Katzenschneise. An dieser Kreuzung steht etwa 20 Meter südlich und 20 Meter im Wald die Wedekindeiche. Es ist ein fünfhundertjähriges Prachtexemplar mit einem Umfang von 5,45 Metern und einer Höhe von 31 Metern. Der Baum wahrt das Andenken an den Geheimen Oberforstrat Georg Freiherr von Wedekind (1796-1856).“

Man fährt links auf der Katzenschneise weiter zum Grünen Teich. Von dort kann man einen Abstecher nach Süden machen zur Küchlereiche und zum Küchlerbrunnen, allerdings nur auf schmalen Wegen. Nördlich des Teichs steht (ohne Tafel) die Liebig-Eiche in Erinnerung an Justus von Liebig, der 1803 in Darmstadt geboren wurde.

Wenn man rechts abbiegt in die Woogbergschneise steht gleich links die Heyer-Eiche, in Erinnerung an den bedeutenden Forstmanns Carl Heyer (1797-1896). Man kommt zu den Oppermannswiesen am Letschbach. Man fährt links vorbei auf der Grenzschneise. Dort kommt man an der Ernst-Maler-Ruhe vorbei. Dann geht es rechts in die Oppermannswiesenschneise. Hier steht rechts die Heinrich-Eidmann-Eiche. Eidmann war Heimatforscher und Lehrer an der Morneweg-Schule.

Nach Überquerung der Wiese Kann man noch einmal rechts abbiegen zum Rückbrünnchen (mit Baum). Dort scheint es aber nicht nach links über den Bach zu gehen zur Oppermannswiesenschneise. Man müßte auf dem Scheftheiemr Weg erst weiter fahren und dann links in die Woogbergschneise und wieder nach links. Alternativ wäre der Weg östlich der Oppermannswiesenschneise direkt zum Steinbrücker Teich.

Ponyreiten (4 €) ist werktags ab 14 Uhr, sonntags ab 10 Uhr, aber nur bei trockenem Wetter.

Bootsfahren ist auch nur bei schönem Wetter, aber schon vormittags (Tretboot 5 €, Ruderboot 4 €). Die Rückfahrt kann über Dieburg erfolgen (Odenwald, Seite 103 und Seite 174).

 

Steinbrücker Teich:

Fröhlich gelassen ist die Stimmung an schönen Sommertagen. Gruppen lagern auf den Wiesen, suchen Schatten unter hohen Bäumen, dösen, reden, picknicken. Sogar große Gelage werden abgehalten, Tische und Bänke dazu mitgebracht. Aktive suchen Bewegung und Spiel: Frisbee, Ball, Tischtennis, Federball. Beliebt ist die für Anfänger und Könner geeignete Minigolfanlage. Auch ein Spielplatz mit einigen Geräten und Sand wie am Meer fehlt nicht.

Nicht allzu groß ist der im 16. Jahrhundert durch Landgraf Georg I. angelegte Steinbrücker Teich, doch groß genug für vergnügliche Runden mit Ruder- oder Tretboot. Wohl jeder umkreist einmal die kleine Insel und durchfährt romantisch überhängende Äste am Ufer.

Wer zu Fuß den mitten im Wald liegenden Teich umrundet, findet sattgrüne Sumpfpflanzen am stillen Oberlauf Auch wenn der mehrere Teiche speisende Ruthsenbach noch so spärlich fließt, zieht es Kinder an der kleinen Brücke zu Wasserspielen ins kühle Nass. Bald öffnet sich der Laubwald wieder. Der Pony-Ritt gehört zu den Vergnügungen. Rauchwölkchen ziehen über die Wiese am anderen Teichufer. Grilldüfte kitzeln in der Nase.

 

Naturnah baden rund um Darmstadt

Erlensee in Bickenbach: Einer der schönsten Seen der Region - 17 Hektar groß - mit vielen Bäumen an den Ufern und zahlreichen Badebuchten. Zu erreichen von Darmstadt aus Richtung Süden über die B 3 nach Bickenbach, Eintritt frei.

Grube Prinz von Hessen: Mitten im Wald gelegen, an der Landstraße zwischen Darmstadt und Dieburg zwischen Steinbrücker Teich und Forsthaus Einsiedel. Es gibt eine große Liegewiese und einen Sandstrand. Der Eintritt frei.

Naturfreibad Arheilger Mühlchen in Darmstadt: Das Freibad in Darmstadts nördlichem Stadtteil Arheilgen liegt fernab vom Straßenverkehr (Auf der Hardt 105). Der Naturbadesee mit 21 Hektar Fläche wird seit 1924 als öffentliches Schwimmbad genutzt.. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag zwischen 8 und 20 Uhr, Montag und am Wochenende 9 bis 20 Uhr. Eintritt frei.

Naturfreibad Großer Woog, Darmstadt: Der Badesee liegt im Zentrum der Stadt, ist dennoch ein Ort der Ruhe und Erholung Der Woog wurde Mitte des 16. Jahrhunderts wahrscheinlich als Löschteich angelegt. Um das Jahr 1820 fand er erstmals als öffentlicher Badeteich Erwähnung. Badestelle Familienbad, Landgraf-Georg-Straße 121, Badestelle Insel, Heinrich-Fuhr- Straße 20. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 8 bis 20 Uhr; Montag und am Wochenende 9 bis 20 Uhr Eintritt: Erwachsene 1,80 Euro; Jugendliche 1 Euro.

Naturschwimmbad Fischbachtal-Niedernhausen: Das Bad ist von Groß-Bieberau aus über die Landstraße Richtung Niedernhausen zu erreichen, kurz vor dem Ort rechts abbiegen. Das idyllisch gelegene Bad hat eine große Liegewiese. Campen in der Nähe möglich.

 

Wixhausen

Wohl keine Saison heimischen Obst‑ und Gemüseanbaus macht soviel von sich reden wie die Ende April beginnende, bis 24. Juni währende Spargelzeit, von Liebhabern dieses Gemüses als die „schönsten Wochen des Jahres“ gepriesen. Feinschmecker wissen, daß Spargel je nach Bodenbeschaffenheit geschmacklich variiert. Eines aber haben alle Schößlinge gemeinsam: Nur frisch gestochen entfalten sie ihren vollen Geschmack und werden am besten gleich vor Ort genossen. Vornehmlich im südlichen Teil Hessens nehmen die Spargelanbauflächen zu, seit zehn Jahren haben sie sich nahezu verdoppelt, insbesondere auf den eiszeitlichen Sanddünen des Rieds und seiner bis über Darmstadt hinaus angrenzenden Gebiete.

Dieser Landstrich im Wechsel von Spargelwällen, Feldern, Wäldern und Bachläufen bietet sich für Wandern und Radfahren geradezu an. Er liegt von Frankfurt nur wenige S‑Bahn‑Stationen entfernt (Wanderung in  Elvira Klein, Frankfurt II, Seite 43).

 

 

Erzhausen

Die einzige architektonische Rarität in Erzhausen ist die schmucke evangelische Kirche, deren Ursprung um das Jahr 800 vermutet wird. An der Außenkante des frisch getünchten, rot abgesetzten Kirchenschiffs sind alte Ecksteine mit Einkerbung freigelassen. Das Hauptmerkmal eines frühen Baues sind im Kircheninneren linke drei halbhohe runde Nischen, zu denen es Pendants im 5peyerer Dom gibt. Aus den ähnlichen Maßverhältnissen wird auf die ggleiche frühe Bauhütte geschlossen. Die Nischen haben sicher früher Altäre aufgenommen. Das karolingische Schiff wurde 1565 gotisiert.

Zwischen 1730 und 1740 machten Schreiner und Maler das Gotteshaus mit Emporen, Holzkanzel, einem Gestühl, das man an einer Stelle noch mit Türchen abschließt und dem farbigen Orgelgehäuse (das Orgelwerk ist neuzeitlich) zur bäuerlichen Predigtkirche. Auch das Uhrtürmchen wurde damals auf das Kirchendach gesetzt.

Das hohe Alter die. Kirche, die einst Nazariuskapelle hieß, könnte sich auch aus dem Namen Erzhausen. erklären. Er hat nichts mit Metall zu tun, sondern wird von „Erhard” abgeleitet. „Erhardeshusen” hieß es in alter. Urkunden. Ein Bewohner dieses Namens pflegte im Mittelalter dem berühmten Kloster Lorsch am Tag von dessen Schutzpatron Nazarius Schenkungen zu machen.

Von der Hauptstraße aus erreicht man rechts die Wolfsgartenallee, die zu dem ehemaligen Jagdschloß der Landgrafen von Hessen-Darmstadt rührt. Hier beginnt der Heegberg oder Höhberg, eine langgestreckte Düne, Überblibsel der Eiszeit. Der nur wenige Meter hohe Rücken ist hauptsächlich mit kräftigen Kiefern bestanden. Eine Tafel zeigtdie Rundwege verschiedener Länge an, die an beiden Seiten. auch auf dem Kamm um ihn führen -am Werktag selten von jemandem begangen. Trotz der Nähe der Autobahn herrscht hier Stille.

Auch vom Heegberg  weg führen jene gradlinigen Schneisen, die an die fatale Jagdleidenschaft der Darmstädter Landgrafen erinnern. Vor 250 Jahren wurden sie gehauen, um die Parforcejagd zu ermöglichen, unter der die Landbevölkerung so litt, daß viele auswanderten.

Für die Rückkehr zur Allee ist der nördliche Rundweg entlang dem Heegbach reizvoll. Über den „neuen Schlag“ geht es hinter der Allee auf dem anderen Ufer weiter, wo der Bach die Kreisgrenze bildet, zu gräflichen Zeiten als Grenze sogar mit dichtem Gebüsch gesichert war.

Daß der Verkehrslandeplatz Egelsbach bald auftaucht, lädt sich schon an den kleinen einfliegenden Maschinen erkennen. die im Vergleich zu den Brummern von Rhein-Main wie Mücken wirken. Auf dem Flugfeld sind sie nah zu sehen.

Bei Erzhausen ist das „Stortkebrünnchen“

 

Weiterstadt:

Schloß Braunshardt:

Das als „maison de plaisance“ nach französischem Vorbild von Prinz Georg Wilhelm von Hessen‑Darmstadt errichtete Schloß Braunshardt entstand in den Jahren 1760‑1763 nach den Plänen des Ingenieurleutnants Johann Jacob Hill. Die „maison de plaisance“ ist ein stadtnaher Landsitz, der in der wärmeren Jahreszeit bewohnt wird und den Rahmen für die Feste im engeren Freundes‑ und Familienkreis bildet. Der Bautypus wird in den 1730er Jahren in der Architekturtheorie abgehandelt. So bei Blondel: „De la distribution des maisons de plaisance“, eine Abhandlung. die die Funktion eines Musterbuches erlangte, Die Beschreibung der Distribution trifft auf die Grundrißdisposition von Schloß Braunshardt geradezu wortwörtlich zu, so daß man davon ausgehen kann, daß der Ingenieur‑Leutnant Hill Blondels Schrift genau kannte und Blondels Entwurfsideen wörtlich folgte, um seinem Auftraggeber einen Bau nach echt französischer Manier zu erstellen.

Nach wiederholtem Besitzerwechsel im 19. und 20. Jahrhundert, der jeweils mit Umbauten und unsachgemäßem Umgang mit der historischen Bausubstanz verbunden war, konnte Ende der 80er‑Jahre. begünstigt durch die Aufgeschlossenheit des neuen Erwerbers, die Sicherung und Restaurierung der Schloßanlage in Angriff genommen werden. Nach statischer Sicherung des Gebäudes und einer Außeninstandsetzung konnte nach einer restauratorischen Voruntersuchung im Jahr 1987, welche die erste Raumfassung der 60er‑Jahre des 18. Jahrhunderts nahezu ungestört vorfand, mit der Instandsetzung der Innenräume begonnen werden. Die Innenausstattung umfaßt Parkettböden, farbige Holzvertäfelungen, Kamine, Spiegel und Stukkaturen.

Besondere Erwähnung verdienen die überkommenen Stuckdecken, die, in Südhessen singulär, dem Vergleich mit Spitzenleistungen des späten deutschen Rokoko standhalten. Hier waren lediglich spätere Überfassungen mechanisch zu entfernen, um den Primärzustand freizulegen, der uns das ganze Raffinement der Ausstattungskunst des 18. Jahrhunderts vermittelt.

Überlieferte Seidenbespannungen, Gemälde und Möbel sind verlorengegangen. Hervorzuheben ist der glückliche Umstand, daß sämtliche Fenster, zum größten Teil noch mit Originalscheiben, nach Restaurierung im Bestand funktionsfähig erhalten werden konnten. Die Restaurierung der Innenräume vollzog sich in jährlichen Durchführungsabschnitten. Die Arbeiten konnten 1997 abgeschlossen werden.

 

Kirche:

In der Sakristei der evangelischen Kirche  im Gewände des Nordfensters ist das Fragment eines römischen Grabsteins, dessen Inschrift um 90 Grad verdreht ist.

 

Darmstadt

Trotz der verheerenden Zerstörungen 1944 hat sich Darmstadt den Charakter einer Residenz bewahrt, in der herrschaftlicher Gestaltungswillen die ästhetischen und städtebaulichen Proportionen setzte. In jeder Hinsicht bildete dabei das Schloß die Bezugsgröße. Zugleich steht es für die Diskrepanz zwischen Wollen und Sein eines typischen Mittelstaates, der nach Teilung der hessischen Landgrafschaft 1567 praktisch aus dem Nichts beginnen mußte und Improvisation notgedrungen zur höchsten Staatstugend machte. Die Pläne waren immer hochfliegend, vieles wurde begonnen, wenn nur nicht das leidige Geld, die kostspieligen Jagd- und Militaria-Leidenschaften gewesen wäre.

Darmstadt (147 Meter) mit 90.000 Einwohnern vor dem Krieg. Gesunde Lage am Ostrand der Rheinebene und an den Nordausläufern des Odenwalds, auf drei Seiten von Wald umgeben. Hervorragende Bildungsdungs- und Kunstanstalten, reges geistiges Leben (Technische Hochschule, „Schule der Weisheit” des Grafen Hermann Keyserling, städtische Akademie für Tonkunst u. v. a.). Darmstadt wurde durch tatkräftige Förderung des ehemaligen Großherzogs eine Stätte moderner Kunstbestrebungen. Beliebter und angenehmer Ruhesitz. Industrie (chemische Fabriken, Maschinen- und Möbelfabriken) nur außerhalb der Stadt, im Norden und Westen.

Das Stadtbild wird im Wesentlichen durch breite, gerade Straßen - vielfach mit Bäumen bepflanzt - bestimmt, die den vornehm-ruhigen Charakter der ehemaligen Residenzstadt tragen. Die kleine mittelalterliche Altstadt ist von neuen Straßen durchbrochen. Die ausgedehnten, teilweise hügeligen Villenviertel besitzen zahlreiche sehr geschmackvolle Bauten vom Anfang des vorigen Jahrhunderts an; die Bauten auf der Mathildenhöhe mit ihrer Künstlerkolonie bilden den Ausgangspunkt der modernen Architektur-Entwicklung, deren neueste Werke ebenfalls in geschmackvollen Wohnbauten vertreten sind. Zahlreiche und ausgedehnte Anlagen, Gärten und Parks durchziehen und umgeben die Stadt.

 

Geschichtliches:

Der Ort wurde vermutlich im 5. Jahrhundert gegründet, wird aber erst im 12. Jahrhundert urkundlich als „Darmundestat” erwähnt. 1319 wurden die Grafen von Katzeneinbogen vom Bistum Würzburg mit Darmstadt belehnt, 1330 erhielt es Stadtrecht und 1331 eine gräfliche Burg. 1479 ging es an die Landgrafen von Hessen über, nach dem Tode Philipps des Großmütigen wurde es unter Georg I. Residenz der Linie Hessen-Darmstadt. Georg I. baute den Hauptteil des heutigen Schlosses und förderte wie seine Nachfolger den Ausbau der Stadt. Der Dreißigjährige Krieg und die Raubzüge Mélacs brachten im 17. Jahrhundert schwerste Leiden und Verwüstungen. Unter dem Landgrafen Ernst Ludwig (1688 bis 1739) blühte Darmstadt neu auf, die regelmäßig angelegte Neustadt im Westen des Schlosses entstand, Künstler fanden reiche Betätigung. Karoline (1721—74), die „große Landgräfin”, zog nach Darmstadt die größten lebenden Geister, wie Goethe und Herder. Ludwig I. (1790—1830), der erste Großherzog, ließ zahlreiche bedeutende Bauten entstehen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Industrie und Handel. Der letzte Großherzog, Ernst Ludwig (1892 - 1918), war ein tatkräftiger Förderer moderner Kunstbestrebungen. Unter den modernen Architekten, die in Darmstadt tätig waren, sind besonders Joseph Olbrich, Peter Behrens, Karl Hofmann, A. Messel, Fr. Pützer und Christiansen zu nennen.

Im Südosten der Stadt ist das sogenannte „Tintenviertel“ mit geschmackvollen, etwa 1900 entstandenen Villenbauten. An der Ohlystraße steht die 1907 vollendete Pauluskirche (protestantisch) von Pützer, mit Torrelief von Robert Cauer.

 

Gang durch die Innenstadt

[Den Hauptbahnhof kann man natürlich auch auslassen und gleich auf dem Luisenplatz beginnen]

Der Hauptbahnhof, im Westen der Stadt, ist eine technisch und architektonisch vorbildliche Anlage. Das 1912 vollendete Empfangsgebäude wurde von Fr. Pützer erbaut. Zu dem Seitenanbau des Hauptbahnhofes, dem Fürstenbahnhof, dem Privattrakt von Fürst Ernst Ludwig, hatte nur Zutritt, wer zum Gefolge seiner Durchlaucht gehörte. Kaiser und Könige warteten im Jugendstil‑Ambiente auf die Ankunft ihres Zuges. Der russische Zar Nikolaus setzte seine Füße auf das elegante Parkett, und im kunstvoll gekachelten Nebenraum erledigte der Fürst bis zur Abfahrt seine Schreibgeschäfte. Rollte der Zug dann schnaufend und dampfend auf Gleis 1 ein, begab sich der Adel ein Stockwerk tiefer ins Für­stenzimmer, das direkt neben dem Bahnsteig liegt.

Nach Jahrzehnten des Schattendaseins, in denen die Bahnhofsmission und die Bahnpolizei in dem Anbau residierte, ist der Fürstenbahnhof (auch „Kaiserbahnhof“ genannt) wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Zwar ist von der ursprünglich prachtvollen Jugendstil‑Ausstattung des Privattraktes nicht viel geblieben außer den kunstvollen Kacheln des Leiters der Großherzoglichen Keramik‑Manufaktur, Jacob Julius Scharvogel.

Seit Oktober 2002 hat Jorge Droukas das Bauwerk von der Bahn gepachtet und einen Bar‑, Lounge‑ und Restaurantbetrieb eröffnet. Der Gast wandelt auf griechischen Schiffsplanken, sitzt entspannt an der Bar oder auf einem großen roten Ledersofa, pickt im Salat an kleinen Tischen in ochsenblutrot gestrichenem Empfangsraum, umgeben von alten Reisekoffern. und unter eigens angefertigten riesigen Art-Deco‑Lampen. Wer es exklusiver mag, der kann im Restaurant gleich nebenan speisen. Dort, wo die Decken vier Meter hoch sind und die braunblauen Fliesen des Julius Scharvogel und ein Jugendstil‑Keramikbrunnen noch die Wände bedecken. Hier steht dann alles unter Denkmalschutz.

Im Fürstenzimmer im unteren Stock, das der Pächter als Saal für Feiern und Feste vermietet, hängen große Kristallüster an der Decke. Die Wände sind cremeweiß getüncht und im dezenten Wechsel mit flaschengrünen Jugendstil‑Kacheln gefliest. An der Stirnseite prangt das Wappen des Fürsten. 70 Personen können an einer langen Tafel Platz nehmen und im Bewußtsein speisen, daß hier auch schon einmal der russische Zar gewartet hat.

 

Südlich des Hauptbahnhofs führt die Rheinstraße als breite Allee zur Stadt. Bis zum Krieg war die Straße gesäumt von bedeutenden Gebäuden:  Am Anfang rechts die neue Städtische Festhalle auf dem Ausstellungsgelände (ehemaliger Exerzierplatz). Es ging an der Kunsthalle (beim ehemaligen Rheintor) und an dem im Renaissancestil errichteten Gebäude der Bank für Handel und Industrie vorüber. Rechts (Ecke Rhein- und Neckarstraße) das Haus der Vereinigten Gesellschaft. In der Neckarstraße 3 das Hessische Gewerbemuseum. Weiter an der Rheinstraße rechts das Stadthaus, links die 1881 erbaute Hauptpost (auch heute noch Postgebäude), gegenüber rechts das Ständehaus.

 

Man erreicht den Luisenplatz, in dessen Mitte sich die Ludwigssäule erhebt, eine 1841/44 errichtete, 43 Meter hohe Sandsteinsäule, die das 7 Meter hohe Standbild des Großherzogs Ludwig I. von Schwanthaler trägt, in antikem Gewande gehüllt. Unter ihm, und von Napoleons Gnaden, erreichte die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt mit der Standeserhebung zum Großherzogtum und der Hinzugewinnung von Rheinhessen 1816 ihre größte Bedeutung. Visionär blickt Ludwig gen Westen, dorthin, wo er durch seinen Hofbaumeister Georg Moller die Stadt erweitern ließ, ohne sie, wie geplant, in ein klassizistisches Gesamtkunstwerk verwandeln zu können. Buchstäblich hinter sich gelassen hatte der Regent das Schloß - die Bürgerschaft, die Ludwig 14 Jahre nach seinem Tode 1844 auf den hohen Sockel gehoben hatte, ließ ihn der Residenz den Rücken zukehren.

Die Säule ist durch eine im Innern angebrachte Treppe bis zu der in etwa 40 Meter Höhe befindlichen Galerie besteigbar; prächtige Rundsicht über die Stadt und Umgebung. Rechts und links von der Ludwigssäule stehen monumentale Brunnen nach Entwurf von Olbrich. An der Südseite des Platzes das Alte Palais, jetzt Sitz von Behörden. Vor der Merckschen Apotheke ein von Jobst entworfenes Liebig-Denkmal. Vom Luisenplatz geht man nördlich zum Mathildenplatz mit Abt-Vogler-Denkmal und Justizgebäude.

 

Östlich des Luisenplatzes ist das Schloß. Vor dem Schloß steht das Reiterstandbild des Großherzogs Ludwig IV. (gestorben 1892), von Schaper, 1898 enthüllt. Rechts der Ernst-Ludwig-Platz mit Verkehrsbüro. Hier der Weiße Turm, der zu der alten Stadtmauer gehörte.

Das Alte Residenzschloß bildet eine gewaltige, unregelmäßige Gebäudegruppe, deren Teile aus verschiedenen Zeiten stammen, die ältesten von 1375. Das Schloß wurde im 16. Jahrhundert im Barockstil völlig umgestaltet und bedeutend erweitert. Weitere Umgestaltungen und Erweiterungen fanden anfangs des 19. und 20. Jahrhunderts statt. Der Glockenturm hat ein 1671 hergestelltes Spielwerk (wohl das älteste in Deutschland) von 35 Glocken, das bei jedem Schlagen eine Choralmelodie ertönen läßt. An der Nordseite schönes Renaissance-Portal von 1628 und die Schloßkirche. Der das Schloß früher umschließende Wassergraben enthält jetzt Anlagen.

Bewohnt hat sie Ludwig nie. Die verwinkelte Anlage, beim großangelegten Barockumbau unter Louis Remy de la Fosse zu Beginn des 18. Jahrhunderts steckengeblieben, erschien wenig einladend und der alte Renaissanceteil nicht mehr zeitgemäß. So recht wußte niemand etwas mit dem gewaltigen Kasten anzufangen, und so teilen sich heute die verschiedensten Nutzer das adelige Quartier.

Der Vorläufer des Residenzschlosses in der Darmstädter Innenstadt ist die Wasserburg der Grafen von Katzenellenbogen aus dem 13. Jahrhundert. Die Anlage wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut und erweitert. Die letzten Veränderungen ließ im 18. Jahrhundert Landgraf Ernst‑Ludwig vornehmen. Die von seinem Baumeister Remy de la Fosse geplante Neugestaltung des Schlosses wurde aber nicht vollständig ausgeführt, nur zwei Flügel entstanden. Im September 1944 brannte das Schloß bis auf die Grundmauern ab. Es wurde zwischen 1957 und 1966 wieder aufgebaut.

Das Darmstädter Schloß ruht auf Eichenbohlen, die Baumeister vor 500 Jahren in den Untergrund getrieben haben. Bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert ist die gesamte Anlage nicht mehr standfest. Damals wurde der Wassergraben um den Fürstensitz trocken gelegt. Die Erneuerungen der Fundamente in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts sowie beim Wiederaufbau des Schlosses nach dem Zweiten Weltkrieg waren offensichtlich ohne nachhaltige Wirkung In der Fassade sind neue Setzrisse unübersehbar. Zudem haben Abgase den Sandsteinmauern des Schlosses zugesetzt.

Die technischen Anlagen im Inneren sind aus den 60er Jahren. Die Lüftungs- und Klimaanlagen sind unzureichend, Brandmelder und Einbruchsicherungen fehlen weitgehend. Jetzt muß eine Grundsanierung gemacht werden, unabhängig von der zukünftigen Nutzung des Schlosses. Nach einer Bestandsaufnahme der Technischen Universität liegen die Gesamtkosten bei 25 Millionen Euro.

Nach den Worten der Ministerin sollen zunächst die dringendsten Schäden am denkmalgeschützten Gebäude beseitigt werden. Eine Million Euro sind dafür im aktuellen Landeshaushalt vorgesehen. Für das kommende Jahr hat Wagner 500.000 Euro eingeplant. Der Landtag muß aber noch zustimmen.

Im Schloß sind heute geisteswissenschaftliche Institute der Technischen Universität, die Landes‑ und Hochschulbibliothek, das Schloßmuseum, der Studentenkeller und das Innenstadtrevier der Polizei untergebracht. Das Polizeirevier soll in den geplanten Justizneubau umziehen. Ob die Uni‑Institute weiter im Schloß bleiben, soll ein Gutachten ermitteln. Eine Gutachterfirma hat bereits die Entwicklungsplanung für Natur‑ und Ingenieurwissenschaften untersucht.

 

Nördlich ist das Hessische Landesmuseum, von Alfred Messel erbaut und 1906 vollendet, enthält in ausgezeichneter Raumanordnung. Es ist eines der wenigen Universalmuseen mit Kunst- und historische Sammlungen mit hervorragender Gemäldegalerie, Kupferstichen, Bildwerken und Kunstgewerbe, mit einer zoologischen und mineralogischen und geologischen Sammlung. Die Kunstsammlungen enthalten zu einem großen Teil kunst- und kulturgeschichtliche Bestände aus dem Gebiet des Mittelrheins. Es zeigt vorgeschichtliche und römische Altertümer, Völkerkunde, Kunstgewerbe der Renaissance und des Barock. Dazu kommen Waffensaal, kirchliche Altertümer der romanischen und gotischen Zeit, darunter wertvolle frühe Elfenbeinschnitzereien und Emails. Eine umfangreiche Sammlung gotischer Holzbildwerke vornehmlich aus dem mittelrheinischen Gebiet wird gezeigt. Ferner vollständige Zimmereinrichtungen von der Spätgotik bis zum Spätbarock, hessische Bauernzimmer und Apotheke, Kostümsammlung, Münzkabinett.

In der Gemäldegalerie sind besonders beachtenswert die Bilder der altdeutschen Schulen, ein Spätwerk Rembrandts, ferner Bilder von Rubens, van Dyck, Feuerbach, drei Säle mit 13 Gemälden und 70 Handzeichnungen Böcklins und das Kupferstichkabinett mit wechselnden Ausstellungen.

Die zoologischen Sammlungen im Erdgeschoß enthalten unter anderem zum ersten Mal in einem deutschen Museum dargestellt, einen vollständigen Überblick der geographischen Verbreitung der Tiere über die Erde. Die geologisch-mineralogische Abteilung im 1. Obergeschoß des Nordflügels umfaßt unter anderem auch eine petrographische und eine geologisch-paläontologische Sammlung mit zahlreichen Überresten, auch vollständigen Skeletten tertiärer und diluvialer Säugetiere sowie eine reichhaltige Sammlung fossiler Pflanzen.

Daß sich im hinteren, sogenannten Glocken- und Kirchenbau auch ein Museum befindet, wird angesichts des benachbarten, weitaus bekannteren Hessischen Landesmuseums häufig übersehen, kein Hinweis zeigt Ortsunkundigen den Weg. Wer etwas über die Stadt- und Residenzgeschichte, fürstliche Wohnkultur, die Genealogie des Hauses Hessen-Darmstadt und seine in zahlreichen Porträts festgehaltenen Regenten erfahren möchte, sollte sich den einstündigen Führungen durch die gut 20 Räume anschließen. Es gibt reichhaltige Sammlungen von Waffen und Uniformen. Hauptsehenswürdigkeit ist die Madonna des Bürgermeisters Maier von Hans Holbein dem Jüngeren. Die neueren Flügel (Süden und Westen) enthalten die Landesbibliothek mit zwei Lesesälen, 750.000 Bänden und 4.000 zum Teil sehr wertvollen Handschriften und das Staatsarchiv.

 

Östlich davon ist das ehemalige Landestheater. Das Große Haus (1370 Plätze) wurde 1818/19 von Moller in klassischen Formen erbaut. Es brannte 1871 ab, wurde 1879 neu errichtet und 1904/05 umgebaut. Das danebenstehende Kleine Haus (830 Plätze) wurde 1596 als Reithalle erbaut und wiederholt vorübergehend als Theater benutzt, dem es seit 1922 wieder dient. Links neben dem Großen Haus stehen die Standbilder der Landgrafen Philipp der Großmütige (1518-67) und Georg I., von Scholl (1854). Vor dem Landesmuseum steht das Kriegerdenkmal für 1870/71, von Herzig (1879).

Zwischen Landesmuseum und Theater ist der Zugang zum Herrengarten, dem größten Park der Innenstadt. Es ist eine schöne, ausgedehnte Parkanlage im englischen Stil, Ende des 17. Jahrhunderts angelegt, mit weiten Rasenflächen und hübschen Baumgruppen Auf seiner ganzen Länge spaziert man durch den im englischen Stil von Landgräfin Henriette Caroline umgestalteten einstigen Lustpark. Gleich rechts vom Eingang hinter dem Theater steht die Graburne der „großen Landgräfin“ Karoline, die 1714 gestorben ist. Sie war die Goethe-Mentorin und Briefpartnerin Friedrichs des Großen begraben. Der Preußenkönig stiftete auch die freistehende Urne mit der Aufschrift: „Femina sexu, ingenio vir” („Eine Frau nach dem Geschlecht, an Geist ein Mann“), aus dem Munde Friedrichs ein Kompliment.

Beim Weitergehen sieht man links ein im neu-gotischen Stil gehaltenes Denkmal für die gefallenen Darmstädter während der Befreiungskriege. Links vom Eingang Denkmal der als Kind verstorbenen Prinzessin Elisabeth (von Habich).

In der Nähe ist das Goethe-Denkmal, ein Tempel mit einer schlanken Geniusstatue und Reliefbild des Dichters; Architektur von Zeller, Bildwerke von Habich. In der Mitte des Parks ein Cafe-Rest. und ein Teich. Im östlichen Teil, nahe der Technischen Hochschule ein würdiges Freiwilligendenkmal (von Rahtz), ursprünglich für einen Kriegerfriedhof an der Westfront bestimmt, 1918 hier aufgestellt. Nahe dem Nordende des Gartens Veteranendenkmal von Scholl, zum Gedächtnis der in den napoleonischen Kriegen gefallenen Hessen.

Am nordöstlichen Rand des Herrngartens schließt sich die reizende Rokokoanlage des nach Prinz Georg benannten Gartens an. Prinz Georg entwarf die geometrische Grundform mit Haupt-, Quer- und Diagonalachsen, in deren Schnittpunkten Fontänen und vergoldete Sonnenuhren liegen. Das Prinz-Georg-Palais mit seiner bekannten Porzellansammlung ist benachbart, ein schlichter Bau aus dem 18. Jahrhundert mit schönem Renaissanceportal von 1681.

 

Nördlich des Herrengartens kommt man auf den Schloßgartenplatz, wo rechts die neugotische St.-Elisabeth-Kirche mit dem 75 Meter hohen Turm steht. Nördlich davon im Bereich der Moller­straße und Liebfrauenstraße in das Martinsviertel. Noch bis weit ins 19. Jahrhundert ein Armeleuteviertel, hat es sich seit der Gründerzeit zu einem bevorzugten Wohnquartier gewandelt. Besonders augenfällig sind die schönen historisierenden und Jugendstilfassaden. Das große Vorbild warf seinen Glanz auch in die bürgerliche Welt.

Jetzt könnte man über Liebfrauenstraße, Heimheimer Straße, Stiftsstraße, Erich-Ollenhauer-Promenade nach links durch den Nicolaiweg zur Mathildenhöhe gehen. Diese ist aber das Ziel eines weiteren Rundgangs durch den Osten Darmstadts. Man geht lieber auf einem anderen Weg durch den Herrengarten zurück, geht aber jetzt östlich am Schloß vorbei. Das Stadtmuseum (Schloß­graben 9), beherbergt eine Sammlung zur Geschichte und Kulturgeschichte der Stadt, in Verbindung mit der Odenwaldsammlung, einer volkskundlichen Sammlung mit alten bäuerlichen und handwerklichen Geräten. Man kommt in die mittelalterliche Altstadt. Am Marktplatz und Ernst-Ludwig-Platz steht der  1716-27 errichtete sogenannte „Neue Bau“, der den Anfang eines völligen Schloßneubaus bilden sollte, der unvollendet blieb.

Südlich vom Schloß ist der große Markt mit dem 1599 erbauten Rathaus, ein Renaissancebau mit gotischen Anklängen und einem Treppenturm aus dem 17. Jahrhundert.

 

Nach Südosten geht es durch die Kirchstraße zur Stadtkirche. Sie ist aus dem 15. Jahrhundert (Chor und Turm), wurde 1686 erweitert und 1842 „neugotisch” umgebaut. Im Innern beachtenswerte Grabmäler im Chor; am bemerkenswertesten das des Landgrafen Georg I. (1559), ein neun Meter hohes Alabaster-Epitaph. An der Nordwand das Grabmal von Prinz Wilhelm (1576), an der Südwand das von Graf Philipp von Waldeck (1552). Weiter geht es dann auf der Kirchstraße nach Süden und nach rechts in die Hügelstraße. Diese führt zum Wilhelminenplatz. An dessen Südende steht die Ludwigskirche, der schönste Bau Georg Moller. Die kuppelförmige Kirche war ein Geschenk Großherzog Ludwigs an die katholische Gemeinde. Auch eine Form von Huld und Liberalität, schließlich war es das erste katholische Gotteshaus nach Jahrhunderten rein protestantischer Tradition in Darmstadt. Die Kirche wurde 1822 - 1827 nach dem Vorbild des Pantheon in Rom erbaut. Insgesamt 28 Säulen tragen die moderne Stahlkonstruktion, die seit der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg den ursprünglichen Holzüberbau ersetzt. Durch ein einziges, acht Meter großes Fenster im Zentrum der Kuppel strömt Tageslicht in den Innenraum. Im Innern (schöne Raumwirkung) steht der Marmorsarkophag der Großherzogin Mathilde, der Gemahlin Ludwigs III.

Der Obelisk mit Mädchenfiguren von Habich auf dem Vorplatz der Ludwigskirche erinnert an Großherzogin Alice, Gemahlin des Großherzogs Ludwig IV., eine Tochter Queen Victorias, die im sozialen und karitativen Bereich aufopferungsvoll wirkte. Am Platz ferner rechts das Neue Palais, 1865 in italienischer Renaissance erbaut.

Den Rückweg kann man zurück über die Hügelstraße nehmen, jetzt aber an der Schützenstraße nach links zum Ludwigsplatz und nach Norden über die Ernst-Ludwig-Straße wieder zum Markt.

 

 

Rundgang durch den Osten Darmstadts

Über den Rhönring und den Spessartring kommt man in Richtung Osten zur Mathildenhöhe. In der Straße, an der das braune Schild zur Mathildenhöhe weist (Olbrichweg), dürfen aber nur Anwohner parken. Ma muß schon vorher nach rechts in die Dieburger Straße abbiegen und dann nach links in den Lucasweg, dort ist ein kleiner Parkplatz, der sehr nahe an der Mathildenhöhe liegt. Es sind aber auch noch Parkplätze ausgewiesen, wenn man auf dem Spessartring weiter fährt.

 

Hofbaudirektor Georg Moll:

Er gilt als der hessische Schinkel: Hofbaudirektor Georg Moller. Gewirkt hat der Architekt vor allein in der Residenz Darmstadt. Sein Mollermaß ‑ die Vorgabe, nicht höher als zwei Stockwerke zu bauen ‑ prägt noch 150 Jahre nach seinem Tod am 13. März 1852 die Ansicht der Stadt. Doch auch im Umland hat der Baumeister Zeichen gesetzt. So stammen unter anderem die Entwürfe für das Stadtschloß in Wiesbaden und das Mainzer Stadttheater aus seiner Feder. Mit dem Kölner Dom wird sein Name ebenfalls in Verbindung gebracht: Bei seinen historischen Studien stöbert Moller Originalpläne der Kirche auf

Für Professor Michael Groblewski von der Technischen Hochschule in Darmstadt gehört Moller zu den großen Baumeistern seiner Zeit. Seine Stellung im Großherzogtum Hessen sei vergleichbar mit der des Architekten Karl Friedrich Schinkel in Preußen und von Leo von Klenze in Bayern. Er hat Stadtschloß, Ludwigs‑Monument und Theater entworfen.

Nach Darmstadt kam Moller im Jahre 1810. Im Alter von 26 Jahren wird er als Hessischer Baurat an den Hof des Großherzogs berufen. Er kann auf eine Ausbildung beim Karlsruher Bau-Inspektor Friedrich Weinbrenner verweisen sowie auf einen mehrjährigen Aufenthalt in Rom. In der aufsteigenden Residenz Darmstadt soll er nun ein Konzept für neue Wohnviertel vorlegen. Nach klassizistischem Vorbild plant er breite Straßen und Plätze auf einem regelmäßigen Grundriß. Die Häuser versieht er mit repräsentativen Fassaden. Damit keine Konkurrenz zum Stadtschloß entsteht, setzt er das Mollermaß.

Dieses Maß gehört für Professor Groblewski zu den noch nicht gelüfteten Geheimnissen des Hofbaurates. Da steckt mehr dahinter, als nur ein Verbot. Der Professor sieht darin ein Zeichen des Maßhaltens und der Bescheidenheit, die Moller in die moderne bürgerliche Stadtplanung eingebracht hat. Belegen läßt sich diese „politisch‑philosophische Dimension“ jedoch nicht, da die meisten Aufzeichnungen Mollers verbrannt sind. Einfache, klare Formen mit moderner Technik umgesetzt, das verstand Moller unter moderner Baukunst. Für Professor Eckhart Franz, Ex‑Archivdirektor in Darmstadt, ist Moller nicht nur ein großer Architekt, sondern auch ein bedeutender Bauhistoriker und Denkmalpfleger ‑ er hat viele alte Gebäude vor der Zerstörung gerettet.

Moller oder nicht Moller? Diese Frage stellen sich vor allem Darmstadts Denkmalschützer öfter, denn der klassizistische Baumeister, den Großherzog Ludwig I. Anfang des Jahres 1810 aus Karlsruhe nach Darmstadt holte, hat am Woog, aber auch in den Gemeinden Südhessens und darüber hinaus viele schöne Kirchen und Häuser gebaut, die unter Denkmalschutz stehen, deren Urheberschaft aber nicht immer zweifelsfrei belegt werden kann. Sicher ist: Die großen repräsentativen Bauwerke hat der Meister selbst geplant, bei vielen kleineren seinen Untergebenen und Mitarbeitern die Hand geführt.

Die St. Ludwigskirche in Darmstadt zählt zu den prominenten Entwürfen Georg Mollers. Der klassizistische Architekt hat sie dem römischen Pantheon nachempfunden, natürlich etwas bescheidener ausgeführt. Die St. Ludwigskirche ‑ von den Einheimischen ob ihrer recht eindeutigen Form despektierlich als „Käsglock“ betitelt, von Zugereisten (die das selten aussprechen können) kurz „Kuppelkirche“ geheißen – ist eine typische Vertreterin ihrer Zeit: Im Architekturstil des Klassizismus erbaut. Dieser Klassizismus löste nicht nur das königliche Barock ab, er markierte auch den Beginn der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft: Die Zeit des Biedermeier begann in Deutschland.                    

Mit seinem Eintritt in Darmstädter Dienste begann auch Mollers Laufbahn als Denkmalpfleger. Denn nicht nur dem neuen Baustil galt sein Interesse, sondern auch der Erhaltung historischer Baudenkmäler. Moller war gefragter Sachverständiger für mittelalterliche Baukunst. Nach seinen Detailzeichnungen wurde unter anderem der Kölner Dom teilweise erhalten und rekonstruiert. 1818 bedrängte Georg Moller seinen Dienstherren, den Denkmalschutz zur öffentlichen Angelegenheit zu machen. Großherzog Ludwig I. formulierte daraufhin das erste Denkmalschutzgesetz Deutschlands. Anlaß war der damals geplante Abriß der Lorscher Königshalle ‑ heute ein UNESCO-Denkmal. Die lange Tradition hessischer Denkmalpflege ‑ damals und für lange Zeit Maßstab für ganz Deutschland ‑ begann also mit und dank Georg Moller.

Zu den städtebaulichen Leistungen Mollers gehören die Planung und der Bau der Darmstädter Stadterweiterung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - nach wie vor erkennbar am so genannten Monument, der Ludwigssäule auf dem Luisenplatz, die der Baumeister zu Ehren des ersten Großherzogs Ludwig  I. entwarf. Der Mollerbau war und ist Darmstadts klassizistisches Paradebauwerk schlechthin. Er war ehemals Theater und ist nun Sitz des Staatsarchivs, des Stadtarchivs und des Historischen Vereins für Hessen.

Das Hoftheater und Opernhaus entstand in den Jahren 1818 bis 1820 und wurde nach Georg Mollers Plänen an prominenter Stelle zwischen Schloß und Herrngarten gebaut. Im Jahre 1871 brannte das Darmstädter Theater bis auf die Außenmauern und Portikus ab. Architekt Horst von der Großherzoglichen Ober‑Baudirektion übernahm den Wiederaufbau. Er verlängerte das Theatergebäude zum Herrngarten hin und hob das Dach an. Ein zweiter Dreiecksgiebel am Dach, zusätzliche Fenster, rustizierter Putz und neue Schmuckelemente machten aus Mollers klassizistisch‑ schlichtem Bauwerk ein historistisches Theater. Die neue Pracht blieb den Darmstädtern bis zur Zerstörung 1944 erhalten. Die Technische Hochschule, vor deren Tür die Moller-Ruine stand, bemühte sich nach 1964 um die Erhaltung des Baus. Zwei Planer legten den Grundstein für den später ausgeführten radikalen Umbau.

Das Staatsarchiv nutzt nun das Haus sinnvoll und pflegt es wohl, um aber als Archiv zu taugen, mußten der im Krieg ohnehin stark beschädigten Architektur die letzten Reste entkernt werden. Von Mollers schönem Theater steht jetzt nur noch die klassizistische Hülle, eine schöne Kulisse.

Zu Mollers umfangreichem Werk gehören eine Reihe imposanter Schlösser und Schloßentwürfe. Das populärste ist sicher das Wiesbadener Stadtschloß, das der klassizistische Baumeister in der zweiten Hälfte der Dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts für den Herzog von Nassau plante und baute. Das Schloß ist heute Sitz des Hessischen Landtags. Fürst Metternich beauftragte Moller Mitte der zwanziger Jahre mit dem Umbau von Schloß Johannisberg. Auch Schloß Hornburg wurde von Moller innen und außen weitgehend neu gestaltet. Für Fürst Ludwig von Solms-Hohensolms - Lich baute er Mitte der dreißiger Jahre das Licher Schloß um. 

Moller widmete sich auch der architektonischen Erneuerung des Bautypus Dorfkirche. Rings um Darmstadt baute Moller hauptsächlich neun der evangelischen Kirchen. Stilistisch an das deutsche Mittelalter angelehnt, sind sie klar gegliedert und bestehen meist aus einem Schiff und einem Turm. Die Glockentürme weisen schmal und wohlproportioniert gen Himmel und sind wie die Kirchenschiffe aus heimischem Gestein gemauert.

 

Mathildenhöhe:

Für die beiden Stilrichtungen Klassizismus und Jugendstil besitzt Darmstadt die hervorragendsten Beispiele Hessens. Während von den klassizistischen Bauten des Hofbaudirektors Georg Moller nach den Zerstörungen 1944 nur weniges erhalten ist, darf das Jugendstilensemble auf der Mathildenhöhe als einmalig gelten. Gewiß fehlt auch hier manches oder entspricht nicht mehr der ursprünglichen architektonischen Intention. Doch der harmonische Dreiklang von Hochzeitsturm, Ausstellungsgebäude (beide von 1908) und dem Atelier oder Ernst‑Ludwig‑Haus (1901) blieben neben den Plastiken und dem gekachelten Bassin im vorgelagerten Platanenhain unverändert.

Die Mathildenhöhe ist benannt nach der Gemahlin des Großherzogs Ludwig III. Sie ist mit der Darmstädter Künstlerkolonie, einer einzigartigen und für Darmstadt charakteristischen Anlage. Inmitten schöner Gärten mit altem Baumbestand und reicher Vegetation liegen zahlreiche Villen, von denen besonders die im vornehm-ruhigen Geschmack der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts erbauten sowie die modernen Villen zu beachten sind. In diesen wie in den Ausstellungsbauten auf der Höhe war bereits vor dem Ersten Weltkrieg das Streben einer neuen Kunst zur Sachlichkeit, zur Schönheit der Zweckform zu erkennen.

Was zunächst als großherzoglicher Park mit russischer Kapelle angelegt war, entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum wichtigen Schauplatz der europäischen Stilkunstbewegung im 19. Jahrhundert. Großherzog Ernst Ludwig hat 1899 berühmte Künstler auf die Mathildenhöhe herangezogen, um neben der Wirtschaftsförderung Gesamtkunstwerke zu schaffen.

Statt kleiner Arbeiten erschufen die Künstler auf einer rund 10.000 Quadratmeter großen Fläche ganze Häuser samt Einrichtungen, die einen neuen Trend gegen die auslaufende Wohnkultur des endenden Jahrhunderts setzen sollten. So etwas hat es zuvor noch nie gegeben, die komplette Durchformung war neu.

In den folgenden Jahren präsentierten die Künstler individuell eingerichtete und teils temporäre Häuser, die sich zunächst auf das aristokratische Wohnen beschränkten und anschließend den Akzent auf die Arbeiterschicht verschoben. Mit der Arbeitersiedlung sind neue Maßstäbe gesetzt worden. Die Künstler haben gezeigt, was man mit wenigen Mitteln in der deutschen Architektur machen konnte.

Es gab aber auch ein großes Interesse, für die ärmere Bevölkerungsschicht ein lebenswertes Umfeld zu schaffen. Einige Arbeiterhäuser wurden nach der Ausstellung abgetragen und in einer nahe gelegenen Wohnsiedlung wieder aufgebaut.

Das Gesamtkunstwerk Mathildenhöhe entwickelte sich immer weiter. Joseph Maria Olbrich war mit dem Bau eines Aussichtsturms auf der höchsten Stelle des Areals beauftragt worden. Dort befand sich das Wasserreservoir der Stadt, ein flacher Bau mit einer Platte. Mit der Errichtung des Hochzeitsturms und des direkt auf dem Wasserreservoir plazierten Ausstellungsgebäudes habe das Aussichtsplateau an optischer Schönheit gewonnen. Olbrichs letztes Werk ist eine Inkunabel der Architekturgeschichte. Die Arbeit mit dem vor- und zurückspringenden Backstein mache den Turm lebhaft. Eine um die Ecke gehende Fensterführung ist vor hundert Jahren eine völlige Neuheit gewesen.

Am Abend des 15. Mai 1901 gab es Grund zum Feiern und fürstlichen Speisen. Man reichte Möweneier mit Trüffelsoße in römischen Pastetchen, klare Schildkrötensuppe, getrüffelte Gansleber in Gelee, französische Masthühner, gedünstete Früchte und Diplomatenbombe (vermutlich eine fast unverschämt süße wie gehaltvolle Delikatesse). Es war das Festmahl zur Eröffnung der ersten Ausstellung der Künstlerkolonie in Darmstadt: Ein „Dokument Deutscher Kunst“. Die Speisekarte ‑ ein kleines Kunstwerk im Jugendstil.

Die Gäste kamen auf Geheiß des damaligen Großherzogs Ernst Ludwig, dem 23‑jährigen Landesherrn. Er erwies sich als weltoffen und reformfreudig, besaß zudem ein ausgeprägtes künstlerisches wie kulturelles Interesse. Auch in diesem Sinne wollte er sein Hessenland „in die Höhe bringen“ und das Kunstgewerbe reformieren, empfand man den aus diversen kunstgeschichtlichen Epochen zusammengewürfelten Prunkstil der Gründerzeit doch längst als

nicht mehr zeitgemäß.

Im Laufe des Jahres 1899 beschloß Ludwig die Gründung einer Künstlerkolonie als „freischaffende Gemeinde ohne akademische Zwänge. Zu diesem Zweck berief er sieben Künstler in seine Residenzstadt: Hans Christiansen (Maler), Patriz Huber (Innenarchitekt), Paul Bürck (Maler und Grafiker), Rudolf Bosselt (Bildhauer und Medailleur), Peter Behrens (Maler, Kunstgewerbler und späterer Architekt), Joseph Maria Olbrich (Architekt) sowie Ludwig Habich (Bildhauer), der als einziger aus Darmstadt stammte.

Vertraglich wurden sie für drei Jahre verpflichtet. Ludwig sicherte ihnen dafür ein nach Alter, Reputation und persönlichen Verhältnissen bemessenes „nicht pensionsfähiges“ Grundgehalt zu. Anders als für Künstlerkolonien üblich, beruhte die Darmstädter Variante also nicht auf einem privaten, vergleichsweise formlosen Zusammenschluß verschiedener Künstler, sondern auf planmäßiger Initiative der Regierung.

Joseph Maria Olbrich, aus Wien nach Darmstadt gereistes Gründungsmitglied der Wiener Secession, war es, der die architektonische Planung des ersten künstlerischen Auftrags übernahm: Sieben Künstler‑ und Privathäuser sollten für die Mitglieder der Künstlerkolonie erbaut und eingerichtet und der Öffentlichkeit präsentiert werden. Noch als Mitglied der Wiener Secession hatte Olbrich gefordert: „Eine Stadt müssen wir bauen, eine ganze Stadt! Alles andere ist nichts! Die Regierung soll uns ein Feld geben, und da wollen wir dann eine Welt schaffen.“ Nun war das Feld bestellt.

Mit Ausnahme der Villa Behrens, die der Maler Peter Behrens selbst gestaltete, errichtete Olbrich sämtliche Künstlerhäuser und übernahm auch die Planung der Landschaftsarchitektur. Entstanden ist eine bis heute innen wie außen begehbare jugendstilistische Pracht.

Bis zu 23 Mitglieder in wechselnder Besetzung nahmen von 1899 bis ins Jahr 1914 Anteil an dem fürstlichen Reformprojekt. Der immer gleiche Auftrag: Mit ihren Entwürfen sollten sie dem Gewerbe in Hessen innovative Produkt-Ideen zur Verfügung stellen und damit einen wirtschaftlichen Aufschwung einleiten.

Dies sollte vor allem durch die enge Zusammenarbeit mit dem Handwerk und den mittelständischen Unternehmen geschehen. Und die Rechnung des Großherzogs Ludwig ging auf. „Wie der große Krieg ausbrach“, resümiert er in seinen Erinnerungen, „waren Hessens Finanzen auf der Höhe.“ Auch in diesem Sinne bleibt das Konzept der Künstlerkolonie Mathildenhöhe zeitlos vorbildlich ‑ obwohl nach 1918 und der Abdankung von Großherzog Ludwig keine Wiederbelebung gelang.

Das Ergebnis auf der Mathildenhöhe wirkenden Architekten, Bildhauer, Maler und Möbeldesigner nannte Theodor Heuss einmal den „Schlüssel zur Moderne“. Ohne das Mäzenatentum des Großherzogs Ernst Ludwig wäre die Konzentration des deutschen Jugendstils in Darm­stadt in dieser Form nicht denkbar gewesen.

Ausgehend von Darmstadt, dem Zentrum des Jugendstils, orientierten sich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auch viele Künstler und Handwerker auf dem Land für die neue Stilrichtung. Die Künstler unterrichteten Handwerker der Region in so genannten „Sonntagsschulen“. Einigen wenigen gelang es später, aus dem anonymen Kreis der Kunsthandwerker herauszutreten. Zu ihnen gehörte der Töpfer Valentin Braun aus Urberach (Rödermark) und die regionalen Maler Heinrich Zernin, Richard Hoelscher und Emil Littmann.

Die sichtbarsten und prägnantesten Spuren hat der Darmstädter Jugendstil jedoch im Stadtbild der Region Starkenburg hinterlassen. Villen, Verwaltungsgebäude, Rathäuser, Amtsgerichte, Brücken, Kirchen und auch Friedhöfe konservieren bis heute das baukünstlerische Erbe. Beispiele sind etwa das Haus Metzendorf in der Ernst‑Ludwig‑Straße in Bensheim. Den traditionalistischen Stil pflegte der Architekt Friedrich Pützer ‑ zu sehen in dem 1910 erbauten Haus Pützer im Alexanderweg 8 in Darmstadt.

Neben dem Imitat des Darmstädter Jugendstils hat FH-Architekturprofessor Frank Oppermann an der Bergstraße und in Michelstadt auch den „Heimatstil“ gefunden: Eine meist in eine idyllische Landschaft eingebettete malerische Villenarchitektur, die sich durch Materialien wie den gelben Sandstein und große behütende Walmdächer auszeichnet.

 

Wenn man den Olbrichweg hinaufkommt, sieht man rechts an der Rückseite des Ausstellungsgebäudes die Mosaiknische von 1914 und rechts anschließend die Betonpergolen von 1908. Auf der anderen Seite steht die Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gestaltung, ehemals eine Miethäusergruppe von 1914. Dahinter ist das Ateliergebäude von 1914.

Auf der linken Seite des Olbrichwegs ist das letzte Haus das Oberhessische Haus von 1908 mit einem Gartenpavillon an der Ostseite. Es folgen der Museumsshop (das Oktogon von 1904) und gleich daneben Ernst-Ludwig-Haus, das Museum der Künstlerkolonie (die Schauseite ist allerdings von der anderen Seite). Dann wendet man sich nach rechts in Richtung Hochzeitsturm. Zuerst kommt hier allerdings das Ausstellungsgebäude, an der Ecke ist der Treppenpavillon mit Kuppelmosaik

 

Ausstellungsgebäude von 1908:

Im Museum Künstlerkolonie ist bis heute der linke Flügel der Dauerausstellung vor allem dem Werk dieser „ersten Sieben“ gewidmet, die in die Geschichte der Darmstädter Künstlerkolonie eingegangen sind. Die Besonderheit: Zwar unterschiedlichen Kunstgattungen verschrieben, wollten sie sich doch einer gemeinsamen Sache annehmen: der Verschönerung des Alltags durch die Künste.

Die Exponate, die in der Dauerausstellung zu sehen sind, künden von jener avantgardistischen Formensprache der „ersten Sieben“, die den unverwechselbaren Charakter des Jugendstils geprägt hat: geschwungene Linien und Ornamente, stilisierte Pflanzenmotive, Betonung des jeweiligen Charakters unterschiedlicher Materialien. Gebrauchsgegenstände, wie Möbel und Teppiche, Gläser und Keramiken wurden von Pomp und Prunk befreit und in Ausstellungen einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Auf der aussichtsreichen Terrasse stehen zwei Plastiken von 1914 von Bernhard Hoetger: links „Rache“, rechts „Wut“. Vor dem Gebäude stehen unten zwei Steinbänke und zwei große Vasen von 1914. Etwas weiter weg zwei Plastiken von 1914 von Bernhardt Hoetger: „Geiz“ und „Hass“. Noch weiter nach vorne der  Bacchusbrunnen von 1914

 

Hochzeitsturm:

Links neben dem Ausstellungsgebäude ist der Hochzeitsturm. Für den Überblick im Großen kann man die 212 Stufen des Turms besteigen. Er ist fast 50 Meter hoch ein klar gegliedertes Werk neuerer Baukunst. Das Wahrzeichen Darm­stadts wird auch „Stadtkrone“ genannt. Er ist das Hauptwerk von Joseph Olbrich und wurde 1908 von der Stadt zur Feier der Wiedervermählung des Großherzogs gestiftet. An der Vorderseite ist eine figurengeschmückte Relief-Gedenktafel von Jobst. Im Innern des Turms sind Malereien von Hegenbart (München) und Philipp Otto Schäfer (Darmstadt). Heutzutage werden im Hochzeitsturm Eheschließungen vorgenommen. Im Winter ist der Turm geschlossen.

 

Die russische Kapelle:

Erbauen ließ die Kirche das letzte russische Zarenpaar Nikolaus II. und Alexandra. Seitdem gilt das farbenprächtige Gotteshaus mit den goldenen Zwiebeltürmchen als Wahrzeichen Darmstadts.

Die Russische Kirche in Darmstadt verdankt ihre Entstehung der Heirat von Zar Nikolaus II. mit der Prinzessin Alix von Hessen und bei Rhein. Die häufigen Besuche des tief religiösen Zarenpaares in Schloß Wolfsgarten und Darmstadt ließen sehr bald den Wunsch nach einer orthodoxen Kirche aufkommen. Der Bruder der Zarin, Großherzog Ernst Ludwig (1868-1937) stellte den Bauplatz auf der Mathildenhöhe zur Verfügung. Für den Bau wurde Professor Louis Benois verpflichtet, der fast zur gleichen Zeit die Pläne für die Homburger Kirche erstellte. Auch in Darmstadt suchte er, die Stilelemente des russischen Kirchenbaus des späteren 16. Jahrhunderts mit dem aufkommenden Jugendstil zu verbinden.

Die „Russisch orthodoxe Kapelle der Heiligen Maria Magdalena“ wurde von 1897 bis 1899 gebaut - sogar auf echter russischer Erde, die Zar Nikolaus eigens aus Rußland ankarren ließ. Rund 400.000 Goldmark aus Privatmitteln hat der Bau einst gekostet. Auf den vergoldeten Zwiebelkuppeln und auf den Kacheln an der Außenfassade und in den Türmen verewigte Baumeister Louis Benois den russischen Zarenadler.

Die bemalten Mosaiksteinchen über den Eingang bilden die Heilige Maria Magdalena ab. Ein Glockenspiel mit fünf Glocken ruft zum Gottesdienst. Das Glockenspiel erklingt aber auch, wenn ein Evangelium gelesen wird. Die Entwürfe für die Mosaike an den Außenwänden, für die Ausmalung der Kirche und die beiden Kirchenfahnen stammen von dem russischen Maler Viktor M. Vasnecov, der durch die Ausmalung der Vladimir‑Kathedrale in Kiew bekannt wurde. Ausgeführt wurden die Arbeiten von Künstlern aus St. Petersburg. Die lkonostase, ein Werk von T. von Neff, wurde nicht eigens für diese Kirche gefertigt. Sie befand sich in der Hauskapelle Alfreds von Großbritannien in London und ist eine Schenkung des englischen Königshauses.

Sowohl die Grundsteinlegung am 16. Oktober 1897 als auch die Einweihung am 8.Oktober 1899 fand in Gegenwart von Zar Nikolaus II., seiner Gemahlin und der Großherzoglichen Familie statt. Bis zum Jahr 1918 fanden in der Kirche nur dann Gottesdienste statt, wenn sich das Zarenpaar oder orthodoxe fürstliche Gäste in Darmstadt aufhielten. Heute gibt es eine kleine Gemeinde von Russen und Serben, für die Gottesdienste zelebriert werden.

Anfang des Jahres 2002 wurde für die Sanierung der russischen Kirche ein Kuratorium (unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Peter Benz) gegründet. Die Schönheit war nur noch von der Ferne ungetrübt. Bei näherer Betrachtung zeigte sich, daß die Kapelle zusehends verfiel: Risse im Mauerwerk, ein undichtes Dach und feuchte Wände setzen dem Bauwerk zu. Weder die 60 Mitglieder zählende russisch orthodoxe Gemeinde in Darmstadt noch die Eigentümerin ‑ die Russisch‑ Orthodoxe Kirche im Ausland ‑ sahen sich imstande, die Renovierungskosten zu stemmen. Bei einem Unwetter wurde ein Stück des Daches abgehoben und Wasser drang ins Gebäude ein. Die feuchten Wände zersetzen allmählich die buntscheckigen Wandmalereien, und das Blattgold blättert zusehends ab. Im Seitenraum des Altarraums hatten sich etwa faustdicke Steinbrocken aus der Wand gelost. Überdies färbte sich schon der vor dem weiße Sandstein schwarz. Bis zum Jahr 2011 wurde die Kirche restauriert.               

 

Südlich der Kirche steht noch der Gartenpavillon von 1914 („Schwanentempel“). Rechts von der Kirche ist ein Platanenhain (1833 / 1914) mit Bildwerken von Hoetger (1914). Vor dem Hain stehen schmiedeeiserne Bögen mit Steinbänken von 1914. Westlich der Kirche stehen zunächst zwei Plastiken von Bernhard Hoetger aus dem Jahr 1914: „Maria mit dem Kind“ und „Josef“. Es folgt das Lilienbecken von 1914, eine schöne Brunnenanlage von Albin Müller. An der südwestlichen Ecke dann eine Blumenschale.

 

Künstlerhäuser:

Vom Becken geht man dann hinunter zum Alexanderweg. Dort stehen die Häuser der Künstler. Noch westlich des Eugen Bracht-Wegs steht das Haus Ostermann von 1908 von Alfred Messel. Wenn man dann den Alexanderweg nach Osten geht, sieht man links zunächst das das Denkmal für den Darmstädter Dichter Gottfried Schwab, ein Bronzebildwerk von Habich von 1914, das einen „emporstrebenden Genius“ darstellt. Daneben beginnen Betonpergolen von 1914.

Rechts beginnen dann die Künstlerhäuser, alle von Joseph Maria Olbrich: Haus Behrens von 1901, Großes Haus Glückert 1901 (Akademie für Sprache und Dichtung), Kleines Haus Glückert von 1901, Haus Habich von 1901, Haus Keller von 1901 und Haus Deiters von 1901 (schon um die Ecke).

Auf der anderen Seite ist gegenüber des kleinen Hauses Glückert der Ernst Ludwig-Brunnen von 1958 (Bildhauer Karl Hartung). Hier war ehemals das Haus Christiansen von 1901 (die Villa „in Rosen“) der Architekten Olbrich und Hans Christiansen. Etwas weiter oben am Hang sieht man das Ernst Ludwig-Haus von Joseph Olbrich mit dem Eingangsportal von 1901, die riesigen Portalfiguren sind von Habich. Es folgt wieder unten an der Straße das Haus Olbrich von 1901 mit dem Wandbrunnen und dem Relief „Trinkender Jüngling“.

 

Landschaftspark Rosenhöhe:

Man kommt zum Fliednerweg, geht ein Stück links und dann nach rechts in den Olbrichweg. Dieser trifft auf den Spessartring (der hier nicht mehr zum Ring rund um Darmstadt gehört) und dann nach links auf die Brücke über die Bahn. Von dieser aus sieht man rechts den Ostbahnhof liegen. Von hier aus haben einst hochgestellte Gäste die Rosenhöhe betreten, nachdem sie am Ostbahnhof angekommen waren, unter anderen Zar Nikolaus II., Schwager von Ernst Ludwig. An dieser Stelle steht das sogenannte „Wachhäuschen“ mit einem ungewöhnlichen Zinkblechdach. Der Thießweg führt hoch zum Palais Rosenhöhe (s.u.)

Man geht aber von der Brücke leicht rechts weiter zu dem eigenartige Löwentor, das 1926 zum 25-jährigen Jubiläum der Künstlerkolonie errichtet wurde. Sie waren aber ursprünglich für die dritte und letzte Künstlerkolonie‑Ausstellung 1914 geschaffen worden. Der Entwurf ist von Albin Müller, die Bildwerke von Hoetger. Die sechs Steinlöwen werden vom Volksmund die „niesenden Igel“ genannt.

 

Schon 1810 hat der Heidelberger Gartenbauarchitekt Michael Zeyher auf dem ehemaligen herr­schaftlichen Weinberg einen Landschaftsgarten nach englischem Muster gestaltet und Blumenrondelle und malerische Baumgruppen gepflanzt; und Hofarchitekt Moller hatte  alles mit Teehäuschen, Pavillons und Schaukel verschönt.

Großherzog Ernst Ludwig aber wollte der ländlichen Idylle ein ernsteres Moment hinzufügen. Der Park wurde nun auch Begräbnisstätte der Großherzoglichen Familie. Als Vorbild schwebte ihm eine Anlage vor, die den Charakter der Rosengärten Italiens mit ihrer Blütenfülle und den Architektureinstreuungen mit dem Charakter der den künstlerisch und blumenzüchterisch hochstehenden Rosengärten Englands verbinden sollte.

Die Rosenhöhe war früher nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Dadurch geriet etwas aus dem Blick, daß der jugendbewegte Großherzog keine 500 Meter von der Künstlerkolonie entfernt sich so etwas wie seinen zweiten Traum erfüllte. Galten doch seine „künstlerischen Gedanken über Baumkunst, Raumkunst und Kunstgewerbe auch solchen über Gartenkunst“. Angeregt von Reisen nach England und Italien, ging Ernst Ludwig daran, den natürlichen Charakter des Landschaftsparks der Rosenhöhe mit exotischen Baumsolitären zu unterstreichen, während er als optischen und gestalterischen Kontrast am oberen Parkzugang das Rosarium in strengen geometrischen Formen anlegen ließ.

Die Rosenhöhe verfiel nach dem Ersten Weltkrieg, war zunächst Nutzgarten, wurde aber ab 1925 wieder hergestellt. Im Zweiten Weltkrieg mußten wiederum die Rosen dem Gemüse weichen, dann verwilderte der Park. Im Jahre 1989 ging der bis dahin private Park in den Besitz der Stadt über, die unmittelbar danach die Wiederherstellung nach dem alten Vorbild veranlaßte.

 

In den Park geht man unter dem dunklen Dach einer Ahorn‑Allee, wie überhaupt die 18 Hektar große Anlage ihren Charakter als englischer Landschaftsgarten dank der ausgewachsenen Mammutbäume und Douglasien erst jetzt richtig entfaltet. Neben einer Vielzahl von Baum- und Pflanzenarten - Rosen, Blutbuchen, Mammutbäume, Scheinzypressen, Kräuter, Kastanien, Douglasien, Zedern, Ginkgos Weißtannen und Robinien - findet man auch Sehenswürdigkeiten kultureller Art.

Zunächst führt eine Teerstraße etwas bergauf. Rechts stehen Häuser der neuen Künstlerkolonie, die 1954 - 1967 erbaut wurde für Darmstädter Künstler und Schriftsteller.

Durch ein Tor geht es dann in den leicht am Hang angelegten Landschaftsgarten. Gleich links ist das klassizistische Teehäuschen, ein typisches Gestaltungselement biedermeierlicher
Gärten. Es wurde errichtet in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach einem Entwurf von Georg Moller. Rechts liegt das Gartenhaus, erbaut von Georg Moller in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für Prinzessin Elisabeth, Ehefrau von Prinz Carl

 

Etwas weiter oben sieht man rechts die Ruhestätten der letzten Großherzoglichen Familie (1903 bis 1997). Ernst Ludwig neben den fünf Familienmitgliedern, die am 16. November 1937 nur einen Monat nach seinem Tod bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Ihnen gegenüber liegt die 1997 gestorbene Prinzessin Margaret begraben.

Geradeaus steht das Neue Mausoleum, erbaut 1905 bis 1910 für die Eltern von Großherzog Ernst Ludwig bzw. die Grabplastik Elisabeths. Das Gebäude wurde dem Grabmal der Kaiserin Galla Placidia in Ravenna nachempfunden.

Dahinter folgt dann das alte Mausoleum, geschaffen von Hofarchitekt Georg Moller, Architekt Professor Karl Hofmann und Bildhauer Christian Rauch. Es ist eine dreigeteilte symmetrische Anlage mit einem Mittelbau mit seinem streng klassizistischen Äußeren. Der Mittelbau wurde 1826 erbaut als letzte Ruhestätte der Prinzessin Elisabeth, Tochter von Großherzogin Wilhelmine und Großherzog Ludwig II., die im Alter von fünf Jahren starb. In den Jahren 1869/70 wurde das Mausoleum durch symmetrische Flügelbauten des Darmstädter Architekten Heinrich Wagner erweitert, bestimmt für Ludwig I. und seinen Sohn Emil. In diesem Mausoleum ruhen außerdem weitere zwölf Mitglieder des Großherzoghauses und weitere totgeborene Kinder.

Durch ein schmiedeeisernes Tor mit den Versalien „Roesenhoehe“ verläßt den inneren Parkbezirk und läuft geradeaus zum Ludwig-Engel‑Weg, auf den man nach links abbiegt. Unterhalb liegt der Kräutergarten, der 1990 in Verbindung mit der Wiederherstellung des Rosariums angelegt wurde. Es schließen sich Obstwiesen an, und ganz am Ende steht der im 19. Jahrhundert errichtete Spanische Turm, der zu den unerforschten Baudenkmälern Darmstadts gehört.

Rechts aber liegt der wundervollen Rosengarten, den Großherzog Ernst Ludwig ab 1910 auf der höchsten Erhebung des Parks anlegen ließ. Mit einem Rosengarten, „wie man ihn in Deutschland noch nicht kannte“, wollte er den Landschaftspark Rosenhöhe krönen. Hier wurde eine Verschmelzung italienischer Gartenarchitektur mit den Vorbildern englischer Rosengärten versucht, die strengen Formen des Rosengartens sind ein bewußter Gegensatz dem sonstigen Landschaftspark im englischen Stil.

Man geht zunächst etwas links und dann nach rechts die Treppen hoch zum „Rosendom“.

Man geht dabei durch einen der vier Pergolen‑Kreuzgänge, die zur hölzernen Kuppel des „Rosendoms“ führen. Hier wächst seit der Neuanlage des Parks eine der wenigen ursprünglichen Sorten „American Pillar“, eine robuste, monatelang in dichten, rosafarbenen Büscheln blühende Art. Das Parterre daneben ist älteren, englischen und Stammrosen vorbehalten, unterhalb davon schwimmen Seerosen auf kleinen Teichen.

Seit Mitte der achtziger Jahre wurde dieses Blumenareal wiederhergestellt. Von den rund 50.000 Rosenarten werden hier rund 10.000 Rosen gezeigt. Nach fast jedem Prominenten, so scheint es beim Blick über die Namensschildchen, ist eine benannt. Bei öffentlichen Führungen über die Rosenhöhe werden die wichtigsten und schönsten Exemplare vorgestellt und vieles darüber hinaus, was der Großherzog sonst noch anlegen ließ und zuletzt aufwendig wiederhergestellt wurde ‑ etwa die Obstbäume vor dem Oberfeld, ein Gewürzgarten am Gärtnerhaus oder die in alle Himmelsrichtungen führenden Sichtschneisen. Sechs Gärtner sind ausschließlich mit der Pfleg auf der Rosenhöhe beschäftigt. Ohne das Engagement eines privaten Fördervereins wäre es unmöglich, den ursprünglichen Zustand zu rekonstruieren, wie es derzeit im westlichen Teil des Parks geschieht.

Unterhalb des Rosendoms liegen nach Westen ein Kastanienrondell und ein Heckengarten, eine Gartenkomposition, die unter Großherzog Ernst Ludwig entstand. Noch etwas weiter unten und etwas nach Süden steht das Palais Rosenhöhe, erbaut 1894 von Prinz Wilhelm nach Plänen  des Architekten Gustav Jacobi, das zwischen 1903 und 1918 Sitz der preußischen Gesandtschaft in Hessen war.

Vom Rosendom geht man geradeaus weiter, durch ein kleines Tor nach außen, dann gleich wieder nach rechts in einen von einem Gitterzaum eingerahmten Bereich mit einem Kunstwerk. Auf der anderen Seite geht es wieder hinaus und am nächsten Weg, dem Dolf Sternberger Weg - nach links (dort steht ein Schild, daß der Weg an einer Treppe endet). Man kommt in den Römheldweg, auf dem man nach Osten weiter geht und dann nach rechts abbiegend zur

Erbacher Straße, auf der man noch ein Stück nach links geht. Dort ist das Hofgut auf der Südseite.

 

Hofgut Oberfeld (Erbacher Straße 125):

Seit 1717 befand sich die alte Großherzogliche Hofmeierei neben dem Residenzschloß in Darmstadt. Im Jahre 1892 mußte das Hofgut am Herrngarten den Neubauten der Technischen Universität weichen (am Ostrand des Herrengartens). Er wurde an die Erbacher Straße 125 verlegt.

Um einen offenen Anger als Mustergut in Form eines Fünfecks angelegt, bildeten die Stallungen, Scheunen, Remisen und ein repräsentatives Gutshaus sowie die Schmiede und das Milchhaus eine funktionale Einheit mit hohem architektonischem Anspruch. Im Jahre 1919 wurde der Betrieb einer Pächterfamilie übertragen, die über Generationen den Charakter des Hofguts trotz einiger Kriegszerstörungen bis zur Betriebsaufgabe im Sommer 2006 bewahrte. Dann übernahm die Stiftung Hofgut Oberfeld die Anlage, um hier im Rahmen ökologischer Landwirtschaft einen Arbeits- und Lebensort für Menschen mit Behinderung sowie einen Lernort Bauernhof zur pädagogischen Arbeit einzurichten.

Das gesamte Anwesen steht unter Denkmalschutz, einzelne Bauten wie der alte Kuhstall, das Schmiede- und das Milchhaus sowie die verbindenden Außenmauern haben den Status des Einzeldenkmals, da sie als prägende Bauten mit Sichtmauerwerk und erhaltenem Fachwerk die kulturelle Bedeutung dieses Ortes dokumentieren.

Im Ensemble der zwischen 1892 und 1902 errichteten Gebäude ist das direkt neben dem alten Kuhstall gelegene Milchhaus inzwischen ein Schmuckstück: Mit Hilfe des Hessischen Landes­amtes für Denkmalpflege und zahlreicher Spenden ist es gelungen, das Haus denkmalgerecht zu sanieren. Das Dachgeschoß hat eine aus Eichenholz erstellte Fachwerkkonstruktion mit profilierten Schwellen und Konsolen, geschnitzter Feldergliederung und farblichen Absetzungen entsprechend der ursprünglichen Originalfassung. Auch die stark beschädigte Laube mit Freisitz wurde nach dem historischen Erscheinungsbild wiederhergestellt. Im Inneren konnte eine originale Kasettendecke aus Nadelholz freigelegt freigelegt und gesichert werden.

Die Stiftung Hofgut Oberfeld hat sich zum Ziel gesetzt, das ehemalige Kammergut der Landgrafen und Großherzöge von Hessen-Darmstadt in Hof und Grund zu erhalten und einem guten Zweck zuzuführen, der den Menschen und der Umwelt nützt. Das denkmalgeschützte Anwesen soll erhalten bleiben, die landwirtschaftliche Fläche unter ökologischen Gesichts­punkten bewirtschaftet werden. Soziale Aktivitäten finden hier in der Behindertenhilfe, Natur- und Umweltschutz, Erziehung und Bildung, Kunst und Kultur sowie der Wissenschaft und Forschung einen sinnvollen und fruchtbaren Rahmen.

Die bauliche Entwicklung des Hofguts begleitet die Architekten Arbeitsgemeinschaft Gott­stein & Blumenstein, zuständig für das Milchhaus sind Joachim Gottstein und Uwe Blumenstein. Das Haus wird heute als Wohngebäude für Mitarbeiter der benachbarten sozialtherapeutischen Einrichtung genutzt.

Vor dem Hofgut ist die Dreibrunnenanlage: Hier war der Anfang der 1568 von Landgraf Georg I. angelegten ersten Darmstädter Wasserleitung, die durch 726 Rohre aus Erlenholz den Marktbrunnen und das Stadtschloß mit Trinkwasser versorgte. Im Jahre 1597 führte man „gebackene Röhren“ aus Keramik ein. Die Bronzeplatten an der Brunneneinfassung gestaltete der Darmstädter Künstler Gotthelf Schlotter. Die rechte Gußplatte zeigt, wie hier die Störche die kleinen „Heiner“ – die echten Darmstädter – aus dem Teich holen.

Im 17. Jahrhundert lagen hier zwei Teiche, die als Vorratsbehälter dienten, wenn der Große Woog abgefischt wurde oder unter Niedrigwasserzufluß litt. Später wurde dann ein dritter Forellenteich angelegt, der nach dem Teichgräber Heinrich Judt aus Butzbach (Kellereirechnungen aus 1572) den Namen Judenteich erhielt. Heute gehört der Judenteich zum Gelände des Aquarien- und Terrarienvereins Hottonia. Der Ausfluß dieser Quelle ist der Meiereibach, der jetzt wieder in den Darmbach fließt.

 

Auf der Erbacher Straße geht man ein Stück nach Westen und dann links nach Süden in die Straße „Am Judenteich“. Über die Hanauer Straße und die Bahn kommt man zum Botanischen Garten

Das noch weiter südöstlich gelegene Vivarium - ein Zoo - ist einen eigenen Besuch wert.

Auch zum Alten Friedhof kann man noch einen Abstecher machen. Man kann vom Breslauer Platz im Süden zur Heinrich Straße gehen und auf ihr nach Westen in Richtung zum Alten Friedhof (links in die Theodor Heuß-Straße und dann rechts in den Herdweg). Das regelmäßige Viereck enthält eine Reihe von künstlerisch wertvollen Grabmälern, besonders von jenen, die im Darmstadt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts Rang und Namen hatten.

An oder nahe der rechten Umfassungsmauer sind die meisten von ihnen bestattet: Heinrich von Gagern, Georg Moller, Luise und Ludwig Büchner, die Mitarbeiter der Künstlerkolonie Joseph Maria Olbrich und Ludwig Habich, aber auch der reaktionäre Staatsminister du Thil, unter dem Georg Büchner und der ebenfalls auf dem Alten Friedhof bestattete Friedrich Ludwig Weidig verfolgt wurden. Der Mann, der die restaurative Ära du Thil mit seinem „Datte­rich“ unsterblich satirisch aufgespießt hatte, Ernst Elias Niebergall, liegt nun auch dort, nachdem man ihn zu Lebzeiten verkannt und nach seinem Tode in einem Armengrab verscharrt hatte. Zurück über die Heinrich Straße und nach links über die Heidenreich Straße kommt man zum Großen Woog.

 

Vom Botanischen Garten kann man aber auch direkt über die Heinrich Fuhr-Straße zum Großen Woog gehen. In diesen mündet der Darmbach, der jetzt wieder renaturiert ist. Im 18. Jahrhundert war der Darmbach mit Abwassern gefüllt und stank buchstäblich zum Himmel, so daß die Darmstädter ihn nach und nach abdeckten. Seit 1786 ist das Gewässer komplett aus dem Stadtbild verschwunden. Vergessen haben es die Darmstädter zwar nicht. Aber es dauerte mehr als 200 Jahre, bis sich Kommunalpolitik und Bürgerschaft in der Lokalen Agenda entschlossen, den Darmbach wieder zum „Bach in der Stadt” zu machen. Nach mehrjähriger Planung war es 2007 soweit. Mit dem Spatenstich startete Stadtrat Dieter Wenzel die Offenlegung des verlorenen Baches. Bisher wurden der Darm- und der Meiereibach mit Abwasser vermischt. Durch die Einleitung in die Kanalisation entstanden jährlich Abwasserkosten von 2,74 Millionen Euro, die aber jetzt gespart werden. Der Bach wurde auf 3,6 Kilometern vom Südosten der Stadt durch den Großen Woog und quer durch die Innenstadt und den Herrengarten bis zum Bachwasserkanal im Nordwesten geführt. Von dort fließt er weiter Richtung Rhein. Die Arbeiten sollten 8,44 Millionen Euro kosten und nach 2011 abgeschlossen werden.

 

 

Wanderung über die „Darmstädter Höhen“ und durch die „Eberstädter Toskana“

Die Wanderung ist angelehnt an den Wanderweg „Sieben-Hügel -Steig“. Dieser ist allerdings eine Streckenwanderung, die eine Rückkehr zum Ausgangsort mit öffentlichen Verkehrsmitteln voraussetzt. Deshalb wurde für Autofahrer hier eine Rundstrecke zum Wandern ausgewählt. Der Einstieg ist am Südostrand von Darmstadt an der B 449 / Kreuzung mit der Straße „Am Böllenfalltor“. Dort ist auf der Ostseite ein Parkplatz.

Man überquert die Bundesstraße und geht links an dem Restaurant „Bölle“ vorbei. Dort ist ein niedriges Holzgeländer, an dem man rechts vorbei geht und dann einen Trampelpfad hoch. 

Man kommt zu dem 220 Meter hohen Felskoloß „Herrgottsberg“. Als erstes trifft man auf einen Gedenkstein für die frühere Martinskapelle. Der Berg war sowohl vorchristliche Kultstätte und als auch Wallfahrtsort der Bessunger Kirche. Im 13. Jahrhundert wurde hier eine Martinskapelle errichtet. Im 14. Jahrhundert wurde sie Filialkirche der Darmstädter Stadtkirche und der Martinspfad führte zu ihr. Im Jahre 1535 wurde ihr das Altarlehen entzogen und dem Philippshospital in Goddelau übertragen. Deshalb wurde sie 1557 abgebrochen. Links von dem Gedenkstein liegt auf dem Boden ein zerbrochenes Steinkreuz.

Der Berg war auch der Hausberg des im 30jährigen Krieg untergegangenen Dorfes Klappach. Hier finden sich an vielen Stellen die Zeichen einer Steinbruchnutzung. Das sagenumwobene Naturdenkmal Teufelskralle befindet sich im Osten des Berges. Die Sage erzählt, der von den Bessungern betrogene Teufel habe den Stein nach der Martinskapelle geworfen

Dann geht es nach Süden den Berg hinunter mit dem Wanderzeichen liegender roter Strich. Links liegt der 1976 von Bürgermeister Sabais angelegte Goethe-Teich, gespeist die Saubachquelle. Rechts ist der „Goethefelsen“. Das „G“ am Goethefelsen wurde vom Bildhauer Scholl für den Literaturhistoriker Gervimus geschlagen. Im Jahre 2002 wurde hier eine Bronze-Gedenktafel errichtet. Hier war ein beliebter sonntäglicher Treffpunkt des Dichters und seiner Darmstädter Freunde und Freundinnen, der „Kreises der Empfindsamen“.

 

Mit Datum vom 9. März 1772 meldete das „Darmstädtische Frag- und Anzeigungsblättgen” unter der Rubrik der „ab- und durchgereisten Passagiers” den Besuch eines gewissen Johann Wolfgang Goethe. Es war dies der erste Aufenthalt des aufstrebenden Dichtergenies in der südhessischen Residenzstadt. Goethe scheute sich nicht, noch einige Male zu Fuß den Weg nach Darmstadt auf sich zu nehmen. Hier fand er, was ihm in seiner geschäftigen Vaterstadt bislang versagt geblieben war: Anerkennung, wenn nicht gar Bewunderung. Für den so genannten Kreis der Empfindsamen um Johann Heinrich Merck und Caroline Flachsland, der Braut von Johann Gottfried Herder, kam der junge Goethe wie gerufen. Ganz verzückt zeigt sich der schwärmerische Bund von seinen Dicht- und Rezitationskünsten. „Goethe steckt voller Lieder”, schrieb Caroline Flachsland an ihren Verlobten, überall sei sie ihm „nachgegangen”. Den darauf eifersüchtigen Herder nannte Goethe einen „intoleranten Pfaffen”.

Viel erinnert nicht mehr in Darmstadt an Goethe und den Kreis der Empfindsamen. Am ehesten wird man ihrem poetischen Naturverständnis an der Felsgruppe auf dem Herrgottsberg gewahr. Hierher zog sich gerne Caroline Flachsland zum Lesen von Shakespeare und Klopstock zurück, hier schrieb Goethe seinen „Fels-Weihegesang an Psyche” (gemeint war Caroline unter ihrem Kultnamen).

Die Bronzetafel erinnert daran, daß im Mai 1772 Goethe hier seinen „Felsweihegesang an Psyche“ gedichtet hat. Einige Zeilen daraus stehen auf der Bronzetafel:  „Ich irrer Wandrer fühlt erst auf dir Besitztumsfreuden und Heimatsglück. Da, wo wir lieben, ist Vaterland. Wo wir genießen, ist Hof und Haus“. Das ganze Gedicht lautet:

 

An Psyche

Veilchen bring ich getragen,

Junge Blüten zu dir,
Daß ich dein moosig Haupt
Ringsum bekränze,
Ringsum dich weihe,
Felsen des Tals.

Sei du mir heilig!
Sei den Geliebten
Lieber als andre
Felsen des Tals!

Ich sah von dir
Der Freunde Seligkeit,
Verbunden Edle
Mit ew'gem Band.

Ich irrer Wandrer
Fühlt erst auf dir
Besitztumsfreuden
Und Heimatsglück.

Da, wo wir lieben,
Ist Vaterland;
Wo wir genießen,
Ist Hof und Haus.
Schrieb meinen Namen
An deine Stirn;
Du bist mir eigen,
Mir Ruhesitz.

Und aus dem fernen
Unlieben Land
Mein Geist wird wandern
Und ruhn auf dir.

 

Sei du mir heilig,
Sei den Geliebten
Lieber als andre
Felsen des Tals!

Ich sehe sie versammelt
Dort unten um den Teich;
Sie tanzen einen Reihen
Im Sommerabendrot;
Und warme Jugendfreude
Webt in dem Abendrot.

Sie drücken sich die Hände
Und glühn einander an.
Und aus den Reihn verlieret
Sich Psyche zwischen Felsen
Und Sträuchen weg, und traurend
Um den Abwesenden,
Lehnt sie sich über den Fels.
Wo meine Brust hier ruht,
An das Moos mit innigem
Liebesgefühl sich
Atmend drängt,
Ruhst du vielleicht dann, Psyche.
Trübe blickt dein Aug
In den Bach hinab,
Und eine Träne quillt
Vorbeigequollnen Freuden nach;
Hebst dann zum Himmel
Dein bittend Aug,
Erblickest über dir
Da meinen Namen.
- Auch der -
Nimm des verlebten Tages Zier,
Die bald welke Rose, von deinem Busen,
Streu die freundlichen Blätter
Übers düstre Moos,
Ein Opfer der Zukunft!

 

Dann geht es zunächst ein Stück weiter mit dem roten Strich. Wo dieser aber rechts abknickt, geht man geradeaus weiter mit dem Wanderzeichen „S“ (aber der rote Strich kommt dann wieder dazu). Der ganze Weg ist hier gesäumt von modernen Kunstwerken wie einer Hexe aus Reisig. Es geht auf die 230 (oder 246) Meter hohe „Ludwigshöhe“. Links sieht man schon ein Gebäude mit Turm, aber der Ludwigsturm liegt weiter oben auf der rechten Seite.

Eine kleine Gaststätte lädt zur Einkehr ein und die Kinder können die Wanderung auf dem Spielplatz unterbrechen. Im Kiosk erhält man auch den Schlüssel zum 28 Meter hohen Ludwigsturm von 1882 (Eintritt ein Euro).

Vom Turm aus kann man im Südwesten den Pfälzerwald und die Vogesen sehen, im Westen den Donnersberg, und im Nordwesten den Soonwald und Hunsrück, im Norden die Frankfurter Skyline. Aber auch am Fuß des Turms hat man eine gute Sicht auf Darmstadt. Der Turm ist der historische Ausflugsort der Darmstädter Bürger und Hausberg des Darmstädter Stadtteils Bessungen.

Südöstlich steht die Volkssternwarte, an der man einen Abstecher auf den Planetenweg machen kann. Dieser Weg soll die Größenverhältnisse im Sonnensystem verdeutlichen. Dazu sind entlang des Planetenwegs Tafeln aufgestellt. Beginnend bei der Tafel über die Sonne an der Sternwarte sind die Abstände der Tafeln maßstäblich im Verhältnis 1:1 angeordnet (ein Meter im Wald entspricht 1 Million Kilometer im Weltraum). Die Tafeln der vier Planeten des inneren Sonnensystems befinden sich auf den ersten 230 Metern. Im äußeren Sonnensystem sind die Abstände wesentlich größer. Es geht auf den 2,8 Kilometern fast bis an die Bundesstraße im Osten. Der nächste Fixstern Alpha Centauri wäre übrigens in diesem Maßstab 43.000 Kilometer von der Sonne entfernt.

Wenn man die Marienhöhe auslassen will, geht man wie folgt weiter:

Etwas unterhalb der Sternwarte deutet ein „Obelisk“ auf der rechten Seite schon an, daß man zum Gehöft eines Steinmetzes kommt. Man geht links vorbei und kommt zu einem Wiesental. Hier geht es zunächst ein Stück links und dann und dann mit den Wanderzeichen „1“ und „2“ rechts ab auf die „Alte Bogenschneise“ (am Beginn ist an einem Baum das rote Schild „20 Kirchschlag“). An einer Bank auf der rechten Seite geht es links und bald darauf (an einer Bank auf der linken Seite) wieder rechts. Am Ende des Waldes beginnt ein großes Apfelstück. Dort geht es links weiter mit dem Wanderzeichen „roter Strich“ auf den „Oberen Prinzenbergweg“.

 

Wenn man über die Marienhöhe gehen will, geht man an der Ludwigshöhe am Turm direkt nach Süden (nicht weiter nordwestlich auf die Salzlackschneise). Man kommt auf die Alte Bogenschneise, auf der man ein Stück nach links und dann gleich wieder nach rechts geht und dann noch einmal rechts am Waldrand entlang. An der Gabelung rechts bleiben und dann im Linksbogen zum Standort des ehemaligen Marientempels, der heute nur noch durch eine Gruppierung von Steinstelen markiert ist. Der in barockisierender Form auf einer kleinen Anhöhe errichtete Marientempel war der zentrale Ort des Waldparks. Anfang des 20. Jahrhunderts stürzte er ein. Im Jahre 1936 wurde etwas weiter südlich der „Neue Marientempel“ errichtet, der spätere „Schembstempel“, der wieder neu errichtet wurde.

Die Marienhöhe verdankt ihren Namen der russischen Kaiserin Maria Alexandrowna, die als hessische Prinzessin - Tochter der Großherzogin Wilhelmine - zur Welt kam. Ansonsten ist die Marienhöhe eine Villensiedlung mit einer Privatschule (Schulzentrum Marienhöhe) und der Adventgemeinde an ihrem Nordende.

Der „Waldpark Marienhöhe“ wird 1840 erstmals erwähnt und bis zum Anfang des Zweiten Weltkriegs als ein „landschaftliches Wesen von besonderem Reiz“ gepriesen. Das Landschaftsparkkonzept sollte sich vom Langener Wald über Darmstadt bis nach Viernheim erstrecken und Erholungseinrichtungen beherbergen. Es wurden Quellen gefaßt, Tempel und Erinnerungsplätze gestaltet und andere Anlagen errichtet. Von den Ausblicken hatten die Besucher einen freien Blick auf die Bergstraße und in die Rheinebene.

Die Wege des „Waldparks Marienhöhe“ waren geschwungene Parkwege. Bäume wurden gezielt und einzeln gepflanzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwilderte der Waldpark, er wurde zu einem ganz gewöhnlichen Wald. Nur die geschlungenen Wege erinnern noch an den Park.

Heute erinnert nur noch eine Informationstafel an den ehemaligen Wald- und Landschaftspark Marienhöhe.

Der weitere Weg vom Schembstempel muß zum Steckenbornweg führen. Dazu geht man am besten wieder zurück zur Alten Bogenschneise, auf ihr nach rechts und am nächsten Weg wieder nach rechts bis zur Steckenbornschneise. Hier ist eine Wiese, an der man rechts weiter geht, um am Ende der Wiese an dem Apfelstück nach links abzubiegen zum Prinzenberg.

 

An einer Schutzhütte am 235 Meter hohen „Prinzenberg“ hat man nochmals einen herrlichen Blick über die „Eberstädter Toskana“: Über die nach Westen offene Landschaft reicht der Blick in die Rheinebene, die Bergstraße und Darmstadt. Am Fuße des Prinzenberges befinden sich die wertvollsten Magerwiesen Darmstadts. Von der Höhe aus erschließt sich der Blick auf das größte zusammenhängende Streuobstwiesengebiet der Hessischen Bergstraße, das vom „Freundeskreis Eberstädter Streuobstwiesen“ betreut wird.

Der Prinzenberg hieß bis 1836 „Hetterberg“. Er war unbewaldet und ein entlegenes, wenig ertragbringendes Feld für die Eberstädter. Daher wurden große Teile im 19. Jahrhundert aufgeforstet. Im Jahre 1895 wurde am Gipfel eine Schutzhütte („Tempel“) und danach ein Arboretum (Ansammlung nicht einheimischer Baumarten) angepflanzt. Das Gebiet ist Vogelschutzgebiet, Leitvogel ist der Wiedehopf, der in den alten Obstbäumen beste Brutmöglichkeiten besitzt. Am Prinzenbergfuß befinden sich die wertvollsten Magerrasenstandorte Darmstadts.

Der Name „Prinzenberg“ entstammt nicht dem Begriff „Sprinzen“ (= Quellen), sondern steht im Zusammenhang mit der großherzoglichen Familie und der Angewohnheit, Tempel, Wege, Teiche und Hügel nach Mitgliedern der Fürstenfamilie zu benennen. Im Winter ist der Prinzenberg ein beliebter Rodelhang.

Nach rechts geht es mit dem Wanderzeichen „roter Strich“ über eine Wiese zum Melitta­brunnen. Er wurde 1894 zu Ehren der Herzogin Victoria Melita, der Gemahlin von Großherzog Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt, erschlossen wurde. Das Wasser ist trinkbar. Von hier geht es immer geradeaus zum „Steigertsweg“.

Auf diesem geht man nach links weiter nach Nordosten (nicht links oder rechts ab) bis kurz vor der Bundesstraße. Man geht nach links auf dem Nieder-Ramstädter Fußpfad Richtung Draudt-Eiche, aber schon vor dieser nach rechts über die Bundesstraße und gleich danach links zum Dommerberg, mit  254 Metern der höchste Berg Darmstadts, der hohen In den Jahren 1904-1908 bauten Darmstädter Studenten hier den Bismarckturm, der heute der Bundesnetzagentur gehört.

Von dort geht man nach Nordosten auf dem „Dommerbergweg“ (nicht: Oberer oder Unterer Dommerbergweg) zur Alten Ober-Ramstädter Straße, auf der man nach rechts weitergeht.

Man kommt zur Eisenbahnlinie Darmstadt-Höchst i. Odw. Diese wird auf einer Brücke überquert, auf der anderen Seite ist eine Schutzhütte.

Auf der Ober-Ramtädter-Straße geht es weiter bis an den Ortsrand von Traisa. Rechts ist ein Wasserhochbehälter, am Ende des Ortes eine Reihe von Sportplätzen. Man kommt über den 246 Meter hohen Steinbuckel am Ortsteil Dippelshof vorbei zum Forsthaus „Eiserne Hand“, rechts liegen Reithalle und Friedhof.

Hier geht es im rechten Winkel nach links und dann mit dem Wanderzeichen „blauer Punkt“ und „weißes Andreaskreuz“ nach links. Man kommt zur Darmbachquelle am Oberjägermeisterteich. Hier beginnen schon die Teiche der Fischzucht, wo man rechts im Ausflugslokal „Zur Fischerhütte“ die Rast machen kann. An der Nordseite der Gaststätte geht es dann nach

links weiter. An der Gabelung geht es links weiter (zunächst Wegweiser „Modautal“, an der nächsten Abzweigung aber nicht mehr, sondern geradeaus).

Hinter der Bahnlinie geht es links ab. Wo rechts ein Baum mit der Nummer 36 steht, geht es nach rechts auf einem Trampelpfad steil hinauf auf den „Dachsberg“ (246 oder 250 oder 258 Meter) mit einer Schutzhütte, die im Darmstädter Sprachgebrauch „Tempel“ heißt. Der Berg beherbergt seit Menschengedenken eine große Dachsbauanlage, von der aber nichts zu bemerken ist. Hier gibt es auch vier ungeöffnete Hügelgräber (eins im Süden und zwei nördlich jenseits des Kirchwegs). An der Ostseite des Berges ist der Klippstein-Tempel (zu dem man aber auf diesem Weg nicht kommt, nur wenn man auf dem offiziellen Sieben-Hügel-Steig geht). Am Wasserhochbehälter geht es rechts abwärts, unten aber gleich wieder links mit dem Wanderzeichen „Roter Strich“. Wenn man links einen großen Rastplatz sieht und rechts die Schießstände und das Schützenhaus, dann ist man wieder am Ausgangspunkt der Wanderung. Länge etwa 13 Kilometer mit 250 Metern Höhenunterschied (ohne Marienhöhe).

 

Alternative:

Wenn man noch mehr von der „Eberstädter Toskana“ sehen will, beginnt man am Ortsrand von Darmstadt-Eberstadt in der „Mühltorstraße“ am Mühltalbad. Man fährt bis zum obersten Parkplatz und kommt auf den „Steigertsweg“, auf dem man auf den Rundweg kommt. Um von diesem wieder zum Schwimmbad zu kommen, biegt man nach Verlassen des Waldes rechts ab und dann nach links den steilen Weg auf die Anhöhe hinauf. Es lohnt sich, noch einen Abstecher nach rechts ganz auf die Höhe zu machen, weil man da einen schönen Blick auf die „Eberstädter Toskana“ hat. Dann geht man wieder zurück und auf dem Weg weiter. Wo rechts ein eingezäunter Garten ist, geht es links ab, so daß man wieder auf den „Steigertsweg“ kommt. Die gesamte Wegstrecke beträgt 16,5 Kilometer bei 270 Höhenmetern.

 

Der „Sieben-Hügel-Steig“ wird wie folgt beschrieben:

Die Wanderung beginnt am Ostbahnhof in Darmstadt an der „Erbacher Straße“. Auf der Rückseite des Bahnhofs im Norden geht es durch den Eingang am Pförtnerhäuschen auf dem Thieß­weg in den Landschaftspark Rosenhöhe. Im Landschaftspark geht es in West-Ost-Richtung über den Ludwig-Engel-Weg (das Mausoleum liegt nördlich, das Rosarium südlich). Man trifft auf den  Zuckmayer-Weg. Links liegt das Hofgut Oberfeld mit der Dreibrunnenanlage davor.

 Ab der Dreibrunnenanlage folgt man dem Meiereibach. An der Erbacher Straße geht man links und dann rechts auf die Straße „Am Judenteich“ und über die Bundesstraße. Westlich der Eisenbahn kommt man zum Botanischen Garten. Für einen kurzen Rundgang durch diese schöne und interessante Parkanlage aus dem Jahre 1874 sollte man sich Zeit nehmen. Hier wird man auf Wunsch von April bis September durch die Anlagen und die Gewächshäuser geführt. 

Auf dem „Schnampel­weg“ westlich eines Hochschulinstitutsgeht es zum „Vivarium“. Im vier Hektar großen Zoo leben 150 Arten exotischer und einheimischer Tiere. Muntere Affen, farbenprächtige Vögel, exotische Fische und Reptilien haben in naturnah gestalteten Gehegen, Aquarien und Terrarien ihr Zuhause.

Man hält sich rechts des Darmbachs und bleibt auf der westlichen Seite der Bahngleise. Rechts geht die „Vorderwiesenschneise“ ab zum Dachsberg, dem zweiten Hügel der Wanderung. Man kann ihn östlich umgehen, aber auch über den Gipfel gehen. Nach Süden geht es zum Dommer­berg.

Hinter dem Dommerberg überquert man die Bundesstraße 449 und geht westlich der Bundes­straße nach Nordwesten bis zum Herrgottesberg. Dort geht es links ab in die Salzlackschneise und geht rechts am Goethe-Teich vorbei. Durch einen geschwungenen Waldweg geht man an der Sternwarte auf der Ludwigshöhe vorbei und erreicht bald darauf den Schembstempel der Marienhöhe. Anschließend führt der Weg durch den Wald zum Prinzenberg – dem letzten der sieben Hügel. Von hier geht es durch die Eberstädter Streuobstwiesen (Steckenbornweg und Heinrich-Delp-Straße, Thomasstraße) zur Straßenbahn an der Haltestelle „Wartehalle“ in der Heidelberger Landstraße/Darmstadt-Eberstadt.

Doch empfehlenswerter ist an sich der Rundweg. Die anderen Ziele sollte man lieber zusammen mit der Mathildenhöhe besuchen.

 

Darmstadt-Roßdorf:

Nordwestlich von Roßdorf ist eine Menhir-Anlage. Hier stehen 14 Menhire an einem Bach, wurden aber von einem Bauern durch eine Sprengung teilweise zerstört. Man gelangt dorthin, wenn man auf der Bundesstraße 26 in Richtung Westen fährt und nach der Anschlußstelle Roßdorf unter einer Brücke hindurch fährt und am nächsten Parkplatz am Hasenböhl rechts hält. Von dort geht man östlich des Bachs entlang auf einem S-förmigen Weg. Wenn dieser sich mit einem anderen Weg kreuzt, geht es links und dann wieder rechts. Dort ist dann gleich die Anlage.

Sprengung der Steine, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten geübt wurde und der in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts auch noch ein Stein der einmaligen Menhir-Anlage auf den „Hirtenwiesen” bei Darmstadt-Bessungen zum Opfer fiel, gehört glücklicherweise zu den Ausnahmen.

 

 

 

Darmstadt-Roßdorf:

Nordwestlich von Roßdorf  ist eine Menhir-Anlage. Hier stehen 14 Menhire an einem Bach, wurden aber von einem Bauern durch eine Sprengung teilweise zerstört. Man gelangt dorthin,

wenn man auf der Bundesstraße 26 in Richtung Westen fährt und nach der Anschlußstelle Roßdorf unter einer Brücke hindurch fährt und am nächsten Parkplatz am Hasenböhl rechts hält. Von dort geht man östlich des Bachs entlang auf einem S-förmigen Weg. Wenn dieser sich mit einem anderen Weg kreuzt, geht es links  und dann wieder rechts. Dort ist dann gleich die Anlage.

Sprengung der Steine, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten geübt wurde und der in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts auch noch ein Stein der einmaligen Menhir-Anlage auf den „Hirtenwiesen” bei Darmstadt-Bessungen zum Opfer fiel, gehört glücklicherweise zu den Ausnahmen.

 

Bessungen: (Südlicher Stadtteil von Darmstadt)

Orangerie: Sobald sich die ersten Sonnenstrahlen zeigen, wird es zur Mittagszeit eng auf den Bänken im nördlichen Teil des Orangeriegartens: Angestellte der nahen Büros essen Sandwiches; Mütter beobachten ihre Kleinen, die auf Kinderrädern das Fischbecken umrunden; Rentner lesen Zeitung. Kaum einer der Stammgäste hat noch einen Blick für den wunderschönen Garten, der vor ihnen liegt: sattgrüner Rasen, akribisch bepflanzte Beete, Schatten spendende, 200 Jahre alte Kastanienbaume und drei Brunnen, die Wasserfontänen speien.

Der renommierte Baumeister Louis Remy de la Fosse, nach dessen Plänen auch das Darmstädter Schloß errichtet wurde, entwarf 1715 die Grundplanung für die streng symmetrische Gartenanlage, die in drei Terrassen leicht nach Süden hin ansteigt. Vier Jahre später legten Maurer den Grundstein für das Orangeriegebäude, in denen Zitronen‑, Feigen‑ und Orangenbäume überwintern sollten. Eine Mauer aus unverputzten Steinen schottet den Garten von der Umgebung ab. Die Fürstenfamilie wollte hier ein geordnetes Paradies schaffen, das sich von der wilden Natur abgrenzt.

Wilde Natur gibt es rundherum nicht mehr, sondern Wohnhäuser, Geschäfte und Büros. Die Hauptachse des rund acht Fußballfelder großen Gartens bildet ein Weg, der mit rotem Sand bestreut ist. Links und rechts sind Blumenbeete gepflanzt, die von Buxbaum‑Gewächsen umrahmt werden. Es bleibt aber noch genug Rasen, den die Besucher des Parks nutzen können. Die einen bringen Decken mit und machen ein Picknick, andere werfen Frisbees hin und her. Bei schönem Wetter liegen Sonnenbadende dicht an dicht. Auf dem Grün vor dem Orangeriegebäude spielen die kleineren Jungs Fußball.

Auf dem weiter oben liegenden Bolzplatz kicken die Großen. Er liegt am Rande des Gartenteils, der an englische Parks erinnert. Während weiter unten in der barocken Anlage alles einer strengen Geometrie unterliegt, fehlt hier die ordnende Hand eines Gartenbaumeisters. Statt Beeten gibt es Wiesen und Kastanien. Das Orangeriegebäude ist nach dem Umbau von 1978 ein beliebter Veranstaltungsort mit historischem Saal und modernen Tagungsräumen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war hier provisorisch das Darmstädter Theater untergebracht. Von der ursprünglichen Aufgabe der Orangerie zeugt ein alter Pflanzturm aus dem Jahr 1840, der heute aber ein tristes Dasein fristet und zeitweise als Schuppen diente. In diesem Turm zogen die Gärtner mit Eisenketten schwere Pflanzentröge zum Umtopfen nach oben. Sie zerschlugen die Tontöpfe und setzten die Pflanzen in größere Schalen wieder ab. Nach Recherchen von Steinbeck ist dieses gartenbau‑technische Instrument einzigartig in Deutschland. Es ist absolut wichtig, es zu restaurieren. In der Orangerie schlägt das Herz des Stadtteils. Aber auch Besucher von außerhalb könnten hier eine grüne Oase innerhalb einer Großstadt genießen.

80 Jahre lang war das gemeine Volk vom Garten ausgeschlossen. Landgraf Ludwig X, öffnete erst 1800 die Pforten für die Bürgerschaft. Allerdings nicht ganz freiwillig: Die Revolution in Frankreich hatte das nahe Mainz erreicht. Da schien es dem Herrscher ratsam, das Volk durch Vergünstigungen zu besänftigen.

 

Roßdorf

Nordwestlich von Roßdorf, nördlich des Bessunger Forsthauses, nördlich der Bundesstraße 9 stehen 14 Menhire an einem Bach, wurden aber von einem Bauern durch eine Sprengung teilweise zerstört. Sprengung der Steine, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten geübt wurde und der in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts auch noch ein Stein der einmaligen Menhir-Anlage auf den „Hirtenwiesen” bei Darmstadt-Bessungen zum Opfer fiel, gehört glücklicherweise zu den Ausnahmen.

 

Ober-Ramstadt

Ein römischer Gutshof lag unter einer Fabrikhalle in der Flur „Ober der Pfingstweide“. Ein römisches Brandgrab fand sich unter dem Haus Heyerstraße 8.

Ober-Ramstadt war einst Sitz eines Zentgerichts und Mittelpunkt des oberen Modautales. Die auf einer Höhe liegende Kirche wurde 1717 nach Plänen des Darmstädter Hofbaumeisters L. R. Delafosse errichtet. Der alte Kern um die Barockkirche ist sehenswert. Davor steht das zum Heimat- und Technikmuseum umgewidmete frühere Rathaus, Prälat-Diehl-Straße (Öffnungszeiten ganzjährig sonntags 14.30 bis 17.30 Uhr). Hier bewahrt man vor allem die Erinnerung an die beiden größten Söhne der Stadt, den Experimental-Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 in Ober-Ramstadt geboren) sowie den Autokonstrukteur Hans Gustav Röhr. Sechs Jahre, bis 1930, baute er hier den legendären „Röhr 8“ (Frankfurt II, Seite 150).

Die Hammermühle ist nur durch Modau und B 426 von Kirche und Altem Rathaus getrennt. Sie ist ein stattlicher, heute als Kulturzentrum genutzter Fachwerkhof, der in den achtziger Jahren denkmalpflegerisch wiederaufgebaut wurde und sinnvoll als Bürgersaal, Bücherei, Restaurant genutzt wird. Ein neues Rad ruft es symbolisch in die Erinnerung zurück.

Im Südbereich Ober-Ramstadts konzentrieren sich die Mühlen. Wasserläufe prägen in starkem Maße das Landschaftsbild des Odenwalds. Sie streben von den Höhen des Gebirges Rhein, Main oder Neckar zu. Weschnitz, Mümling, Gersprenz, Itter, zahllos sind die Namen all der Flüßchen, Bäche und ihrer Zubringer, die Täler voller Reiz, Ortschaften an ihrem Rand nicht minder. Verbleiben wir heute im nördlichen Bereich des Odenwalds, dort wo die Modau sich entschließt, aus der Süd-Nord-Richtung nach Westen abzudrehen, um sich dem Rhein statt dem Main zuzuwenden. Genau in diesem Knie liegt Ober-Ramstadt, altes Siedlungsgebiet, wie zahlreiche Funde aus Vor- und Frühgeschichte beweisen. Die Modau fließt mitten durch das Städtchen, Lebensader des einst hier stark vertretenen Mühlengewerbes. Ihre Wasserkraft betrieb auf kürzester Distanz nicht weniger als zwölf Mahl-, Öl-, Pulver-, Loh- Schleif- und Hammermühlen.

 

Nieder-Modau, Rohrbach, Wembach

Auf der Hauptdurchgangsstraße von Ober-Ramstadt, der südlich gelegenen B 426 fährt man weiter bis zum Ortsausgang in Richtung Reinheim (rechts am Parkplatz Schwimmbad kann man den Wagen abstellen). Der „Waldenserweg“ mit der gelben Ziffer 4 begleitet auf der gesamten Strecke. Der Hohen Straße folgend geht es hinauf zum Wald. Erster Anlaufpunkt ist das genau südlich gelegene weiße Gebäude eines Naturfreundehauses, das unübersehbar oben am Waldrand thront. Hinter dem Gebäude schwenkt man links in den Wald.

Südlich des Naturfreundehauses liegt der Silberberg, ein langgestreckter Bergrücken, der in einer Höhe von 328 Metern gipfelt.

Haselberg war sein ursprünglicher Name, doch der Volksmund benannte ihn um, nachdem hier Ende des 16. Jahrhunderts auf Veranlassung Landgraf Georgs I. Bergbau betrieben worden war. Ein Versuch, den Wohlstand seines durch den Schmalkaldischen Krieg stark mitgenommenen Landes zu verbessern. Der Landgraf knüpfte dabei an die Überlieferungen an, daß bereits 1507 in diesem Bereich eine Schmelzhütte in Tätigkeit gewesen war. Er nahm 70 Jahre später den Erzbergbau auf, vornehmlich zur Silber- und Kupfergewinnung.

Fast auf der Höhe des Silberberges wird mineralogischer Anschauungsunterricht zuteil durch sechs etwas links vom Weg aufgestellte Gesteinsproben: Buntsandstein, Basalt, Granit, Porphyr, Syenit und Gabbro. Kurz nach Waldbeginn aus Richjtung Nieder-Modau, zwischen Jagen 104 und 105, biegt man mit der verwitterten gelben 2 halbrechts ab, ein Weg, der sich durch das ehemalige Schürfgebiet schlängelt, zwischen tiefen Furchen, Gräben und Schluchten, von hohem Buchenwald überzogen.

Die Blütezeit der „Gnade Gottes“, wie die Grube damals genannt wurde, währte nicht lange. Obwohl stets fündig - rund 40 Pfund Kupfer und sechs Lot (etwa 100 Gramm) Silber auf einen Zentner -  verschlang sie mehr Geld zum Ausbau der Schächte bis in 28 Meter Tiefe, eines Poch- und Schmelzwerkes, als sie einbrachte. Bereits 1586 kam das Bergwerk zum Erliegen. Spätere Verkaufsverhandlungen scheiterten. Die Grube blieb 300 Jahre verschlossen. Erst 1907 wurden umfangreiche Aufschlußarbeiten begonnen, der Betrieb jedoch nicht wiederaufgenommen trotz guten Zustandes der Schächte.

Aufgelockerter Buchen- und Kieferbestand begleitet hinunter nach Nieder-Modau mit der ehemaligen Burg auf dem nördlich gelegene Schloßberg.. Man quert die Durchgangsstraße und folgt ihr auf einem parallel verlaufenden Sträßchen bis zum Wiesenweg. Wie sein Name verrät, führt er über eine Kuppe hinaus in die offene Landschaft. Nach einem Rechts-links-Haken geht man gerade auf Rohrbach und durch ein Neubaugebiet zur Ortsmitte. Eine ungewöhnliche Anlage in Rohrbach: Alle Häuser der um den Dorfplatz herumgeführten Straßen stehen in Traufstellung und umrahmen die Kirche.

In drei großen Wellen sind protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und Wallonen nach Deutschland gekommen. Nach den großen Schüben im 16. Jahrhundert und der Aufhebung des Ediktes von Nantes 1685 kam es ausgangs des 17. und zum beginnenden 18. Jahrhundert zu einer dritten Fluchtbewegung. Diesmal waren es vor allem „Waldenser“ aus Piemont und den Savoyen im heutigen französisch-italienischen Grenzgebiet. Hatten hierzulande zunächst Frankfurt, Hanau und Hessen-Kassel die Hauptlast getragen, war es jetzt die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, die sich von den fleißigen Flüchtlingen Wohlstand versprach. Dabei kam es, wie in (Mörfelden-Walldorf) zu Neugründungen, den Ankömmlingen wurden die Ländereien herrschaftlicher Höfe zugewiesen, wie in Rohrbach, Wembach und Hahn im Vorderen Odenwald.

Landgraf Ernst Ludwig überließ den in Frankreich und Italien aus Glaubensgründen Verfolgten 1699 die drei Hofgüter, aus denen sich später die Dörfer entwickelten. Rund 50 Familien aus Pragela im oberen Chisonetal fanden eine neue Heimat. Es waren Landwirte, Strumpfwirker und Weber, die aus den Dörfern blühende Gemeinwesen machten. Im 19. Jahrhundert zählte man 90 Strumpfwebstühle - Kristallisationskern der stürmischen Industrialisierung Ober-Ramstadts, zu dessen Gemeindegebiet heute die drei Waldensergründungen gehören. Gleichwohl haben sie sich ihren ländlichen Charakter bewahrt.

 

(im Folgenden muß man erst noch die Alternativen auswählen).

Vom Zeichen rotes Viereck läßt man sich noch bis fast zum Ortsende von Rohrbach geleiten und wechseln dann nach links zum weißen Punkt über, der am Friedhof vorbei zum Wald weist und gleich eingangs halb rechts abwärts in die Hüttenschneise.

Hat man schon fast am Waldende an einer Sitzgruppe die stattliche Breitwieser-Eiche erreicht und kurz danach den schmalen Feld-Wiesen-Streifen gequert, werden wir am jenseitigen Waldrand vom neuen Zeichen blauer Strich in Empfang genommen. Er gilt bis zum Schluß.

Nach links wenden wir uns Wembach zu, werden durch den ganzen Ort gelotst. Um den einzigen Bauzeugen aus der Waldenserzeit zu sehen, ein einfaches Barockkirchlein, läuft man die Pragelatostraße kurz nach links, ansonsten führt diese Straße ohne Umschweife aus Wembach hinaus.

Ihrer Rechtskurve folgen wir nicht mehr und steuern ohne Richtungswechsel auf Hahn zu. Dieses kleinste der drei Waldenserdörfer läßt die Ziffer buchstäblich rechts liegen, um den Wanderer nach einem Linksknick sogleich in Genuß des schönsten Abschnitts kommen zu lassen.

Man folgt an der Zufahrt dem Schild Waldenserhalle, dann aus der Straße vor Hahn links auf den Wirtschaftsweg, geradeaus Richtung Waldspitze und weiter entlang der „Langeberger Chaussee“. Der Waldrand gilt als Leitlinie bis zum Hinweis „Feuerlöschteich“, erst dann knickt das Zeichen rechts ab in den Wald hinauf. Blaues R und blaue Streifen zuvor sollten uns nicht irritieren.

Ist man am Ende des Waldstücks an der Johann-Pra-Eiche angelangt, schwenkt man zunächst ohne Markierung rechts auf dem asphaltierten Weg durch die Felder ein, kommt mit ihm bis zur B 426 und jenseits nach rechts ans Ende des Industriegebiets (vgl. Elvira Klein, Frankfurt I, Seite 187 und Odenwald, Seite 67).

 

 

 

Groß-Umstadt

 

 

 

Dieburg

Dieburgs Stadtgeschichte läßt sich bis in die Römerzeit zurückverfolgen. Bedingt durch seine günstige Lage spielte Dieburg eine herausragende Rolle im Gebiet zwischen Rhein, Main, Neckar und Limes. Etwa um 125 nCh wurde Dieburg zum Hauptort der sogenannten „Civitas Auderiensium“, einer Region, die etwa das Gebiet des heutigen Südhessen umfaßte.

 

Römer:

Zwischen Kleestadt und Altheim wurde 1831/32 an der „Hohen Straße“ von Dieburg nach Stockstadt das Bruchstück eines Meilensteins gefunden.  Der Stein trägt eine auf beiden Seiten fragmentierte Inschrift, deren Lesung bis auf die letzte noch vorhandene Zeile keine Schwierigkeiten bietet: (I)mp(eratori) Caesari) G(aio) Iul(io) (V)ero Maxsimin(o) (Pi)o Felici Aug(usto) et G(aio) (I)ulio Vero Maxsi(mo) Caes(ari), Nobilissimo A( ...) A ( ... ) M(. . .). Auf römische Meilensteinen oder auch Leugensteinen (Leuge = 2.220 Meter), wird die Entfernung von dem Stein zur nächsten größeren Stadt oder zum Hauptort der jeweiligen Gebietskörperschaft (civitas) gerechnet, hier Dieburg als Hauptort der Civitas Auderiensium. Dieser Meilenstein muß also die Entfernung Kleestadt-Dieburg angeben und darüber hinaus auch dessen römische Namen.

Die Forschung hat in den drei Buchstaben der jetzt letzten Zeile die Abkürzung dieses Namens gesehen und verschiedene Auflösungen vorgeschlagen. Mir scheint, auch nach der Stellung der drei Buchstaben in der Gesamtschrift folgende Ergänzung der beiden letzten Zeilen sinnvoll: (Civ) A(uderiensium) a(b) M.

Eine zweite Inschrift aus Nida, dem Hauptort der benachbarten Civitas Taunensium, Frankfurt am M.-Heddernheim, läßt möglicherweise eine weitere Ergänzung des Ortsnamen zu. Die bekannte Dendrophoreninschrift scheint den gleichen Rechtsstatus von Nida und dem ebenfalls in der Inschrift genannten Ort Med (. . .) anzudeuten, so daß in Med (...:) ein Civitas-Hauptort gesehen werden kann. Was liegt näher, als die genannten Wortanfänge beider Inschriften aufeinander zu beziehen und den Namen des römische Dieburg nunmehr mit Med ( . . .) anzugeben. Die Entfernungsangabe folgte dann in der nicht mehr vorhandenen Zeile der Inschrift. Die hier ergänzte Leugenzahl orientiert sich an dem möglichen Originalstandort des Steines bei der „Straßenmühle“, einem Anwesen, das exakt vier Leugen von Dieburg entfernt in Nähe einer Kreuzung zweier Römerstraßen liegt.         

 

Die römische Siedlung erstreckt sich zwischen Bahnhof und Minnefelderseestraße im Norden, Ringstraße im Osten und Süden bis etwa zur Steinstraße im Westen. Der antike Ort war somit beträchtlich größer als die mittelalterliche Stadt, deren Zentrum beim Marktplatz lag. Von den zahlreichen Anschnitten römischer Bauten im Stadtgebiet ist bis auf einen restaurierten Mauerzug im Keller des Hauses Frankfurter Straße nichts mehr zu sehen.

Die ersten römischen Funde in Dieburg kamen Anfang des 16. Jahrhunderts zum Vorschein. Im frühen 19. Jahrhundert beschrieb J. W. Chr. Steiner die bis dahin bekannten römischen Altertümer und wies auf ein ausgedehntes »Trümmerfeld« östlich der Stadt hin. Noch in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts dienten die in den »Blutäckern« gelegenen römischen Überreste als Steinbruch. Systematische Untersuchungen fanden statt um die Jahrhundertwende in der ehemaligen Vorstadt »Altenstadt«, Beobachtungen in den 20er und 30er Jahren im Zuge der Stadtkanalisation und nach dem 2. Weltkrieg in den von den Neubaugebieten betroffenen Gräberfeldern an den Rändern der antiken Siedlung. Die letzte Grabung erfolgte 1978 auf einem größeren noch unberührten Areal östlich der Kreuzung der Groß-Umstädter mit der Aschaffenburger Straße.

Sehr früh nahm die örtliche Forschung an, die spätere römischen Zivilsiedlung in Dieburg habe sich, analog zu anderen Plätzen, aus dem zu einem Kastell gehörenden Lagerdorf entwickelt. Bis heute hat sich aber noch kein Hinweis auf eine solche Militäranlage gefunden. Daß jemals ein Kastell zum Vorschein kommen wird, ist wohl auszuschließen. Die Siedlung wurde etwa um 125 nChr am Rande eines ausgedehnten, fruchtbaren Lößgebietes (Dieburger Bucht) gegründet, als die Truppen aus dem benachbarten Kastell  Groß-Gerau bereits abgezogen, die Limeslinie am Main und auf den Odenwaldhöhen konsolidiert war. Offenbar sollte sie die in den Limeskastellen stehenden Truppen versorgen. Der Civitas-Hauptort ist möglicherweise aus einer Straßenstation entstanden, die hier an sich kreuzenden Fernstraßen lag. Es ist anzunehmen, daß mit der offensichtlich systematischen Gründung von Dieburg auch die Einrichtung der Civitas Auderiensium erfolgte. Auch die in der Umgebung liegenden römischen Gutshöfe (villae rusticae) scheinen nicht vor 120 nChr angelegt worden zu sein. Die Civitas Auderiensium ist aus zwei Inschriften bekannt, von denen die eine zu Beginn des 16. Jahrhundert in der St.-Albans-Kirche zu Mainz, die andere in Frankfurt-Heddernheim, dem antiken Nida gefunden wurde. Beide nennen Ratsherren (decuriones) dieser Civitas.

 

Im Jahre 1924 fand man am südlichen Ortsausgang von Dieburg (10) das 1,50 Meter hohe Unterteil einer qualitätvollen Jupitergigantensäule aus gelbgrauem Sandstein. Auf dem Viergötterstein, der Säulenbasis, sind Juno, Herkules, Vulkan und Ceres abgebildet, während der siebeneckige Zwischensockel die Wochengötter zeigt, von denen Sol, Luna, Mars und Merkur noch gut erhalten sind. Die beiden unteren Ränder des Wochengöttersteins tragen die Inschrift »(Den dargestellten Göttern geweiht) von Licinius Ob ..., Ratsherr der Civitas Auderiensium, und Messoria Tetrica, seiner Gattin, die für erwiesene Wohltat (ihr Gelübde) gern und freudig (erfüllt haben).« Mit diesem Fund ließ sich nun Dieburg als Hauptort der Civitas Auderiensium zuweisen.

Bereits 1894 war aus einem Steinbrunnen in der Rittergasse ein Altar mit Weihinschrift zutage gekommen. Sie lautet:  «Zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses. Dem Genius des Vicus V( - - -) V(---) haben Lucius Martialinius Messor und Titus Eudemius Cupitus (diesen Altar) zum Geschenk gemacht.« Vici V(---) V(---) wurde zumeist mit Vicus Vetus Ulpius aufgelöst und angenommen, die Siedlung sei unter Kaiser Trajan (98-117 nChr) gegründet worden und habe zu Ehren des Kaisers dessen Familiennamen (Ulpius) geführt. Offenbar versteckt sich aber hinter der Bezeichnung in der Inschrift der Name lediglich eines Stadtteiles der größeren Gesamtsiedlung.

Der Name der Gesamtsiedlung muß mit dem Buchstaben M begonnen haben, da dieser auf dem Kleestädter Meilenstein erscheint und dort die Abkürzung für den nächstgelegenen Civitas-Hauptort, nämlich Dieburg, angibt. Wahrscheinlich ist der in der bekannten Dendrophoren-Inschrift aus Frankfurt a. M.-Heddernheim mit der Abkürzung MED (---) wiedergegebene Ort mit der römischen Siedlung in Dieburg zu identifizieren. Eine weitere Vervollständigung des alten Namens ist derzeit nicht möglich. Es ist auch nicht bekannt, welche etymologische Bedeutung sich dahinter verbirgt.

Die zahlreichen Fundpunkte auf dem modernen Stadtplan von Dieburg zeigen, daß die römischen Siedlung dicht bebaut gewesen sein muß. Allerdings sind nur in wenigen Fällen eindeutig im Kataster lokalisierbare Gebäudestrukturen vorhanden. So kommt es, daß der jüngst erstellte Siedlungsplan erhebliche Lücken aufweist. Der Verlauf der Stadtmauer  wurde in zahlreichen Anschnitten jeweils an der Nord, Ost- und Süd-Seite nachgewiesen. Im Jahre 1972 konnte das 1,60 Meter breite Mauerfundament in der südlichen Ringstraße auf 67 Meter Länge verfolgt werden. An der Einmündung der »Hohen Straße« in die Stadt (nördlich der Offenbacher Straße) im Osten wurden bereits vor 50 Jahren ein Straßenpflaster sowie zahlreiche etwa 0,70 Meter lange und 0,40 Meter breite Sandsteinplatten – wohl Zinnensteine – und auch das Profil des Grabens beobachtet.

Die Stadtmauer scheint in größter Eile hochgezogen worden zu sein, denn das Mithräum lag außerhalb der Umwehrung. Die aus dem Mithräum geborgene Keramik, welche nur bis in den Beginn des 3. Jahrhundert reicht, scheint damit einen Hinweis auf den Zeitpunkt des Mauerbaus zu geben. In der Vorahnung drohender Alamanneneinfälle wurde auch die römischen Siedlung von Dieburg zu Beginn des 3. Jahrhundert umwehrt.

Das Mithräum , 1926 ausgegraben, stellt mit seinen zahlreichen Skulpturen- und Relieffunden, darunter das hervorragend gearbeitete Kultbild, den bisher spektakulärsten Fund auf Dieburger Boden dar. Das Heiligtum war in West-Ost-Richtung orientiert. Der Grundriß entspricht dem bekannten Schema: Durch eine hölzerne Vorhalle (pronaos), die nicht ergraben werden konnte, betraten die Gläubigen den langrechteckigen Kultraum, an dessen Längsseiten sich Liegebänke (Klinen) befanden. In der rechten Ecke der Cella stand ein Mauerklotz, auf dem wohl das drehbare Kultbild montiert war. In der linken Ecke lag die Kultgrube, aus der einige Skulpturen, Keramik und Knochen geborgen werden konnten. Nördlich außerhalb des Heiligtums befand sich der Brunnen. Mit Vorhalle war der Bau 20 Meter lang und 6,40 Meter breit. Das Mithräum wurde offenbar bei einem der ersten Alamanneneinfälle zerstört. Ein zweites Mithräum ist durch das Bruchstück eines weiteren Kultbildes nachgewiesen. Es zeigt als Randfries die Darstellung der Wochengötter.

Ein weiteres Heiligtum (wurde 1977/78 südöstlich der Kreuzung Groß-Umstädter-/ Aschaffenburger Straße ausgegraben. Hervorstechendstes Merkmal ist eine abgewinkelte Mauer, die das Gelände im Osten begrenzt. In einen Mauerknick ist ein nahezu quadratisches Gebäude (14 x 12 Meter) eingebaut. Darunter liegende Verfärbungen in Form von Mauergruben oder Pfostengräbchen machen eine Zweiperiodigkeit der Anlage wahrscheinlich. Die Fundamente aus unregelmäßigem Sandstein- und Trachytmaterial waren 1,50 Meter breit. Außerhalb des über 40 Meter langen Mauerzugs konnten nur noch einzelne Mauerausbruchgruben festgestellt werden, die aber keinen zusammenhängenden Grundriß ergaben.

Zwölf Meter westlich der Mauer befand sich ein kleineres quadratisches Gebäude (6,40 x 6,50 Meter), um das im Abstand von 1,50 Meter mehrere Pfostengruben lagen. Offenbar handelte es sich um ein Gebäude mit Steincella und außen umlaufender überdachter Veranda wie es als Bautyp von zahlreichen gallorömischen Umgangstempeln her bekannt ist. In unmittelbarer Nähe wurde ein kleiner Münzschatz sowie ein vollständig erhaltenes Kultgeschirr freigelegt. Da der in den Mauerzwickeln eingesetzte Bau im Grundriß dem beschriebenen gleicht, war der ummauerte Bereich wohl ein Kultbezirk mit mehreren kleinen Tempeln, der hier an der Peripherie der antiken Siedlung lag. Welche Gottheiten hier verehrt wurden, läßt sich nicht sicher sagen. Das Kultgeschirr verweist wohl auf einen orientalischen Kult.

Bei einer Ausgrabung 1893 stieß man nördlich der Theobaldstraße auf die Mauerzüge eines größeren Gebäudes  im Zentrum der römischen Siedlung. Eine Lage regelmäßig behauener Sandsteinquader von 1,20-1,60 m Länge, 0,80-1,20 Meter Breite und bis zu 0,25 Meter Stärke wurde in über 50 Meter Länge in Nord-Süd-Richtung hergestellt. Parallel, einige Meter östlich, kamen ebenfalls noch einzelne Blöcke zutage. Alle Sandsteinquader besaßen Wolfslöcher in der Mitte und waren ehemals durch Eisenklammern miteinander verbunden. Unter den Steinen befand sich eine Rollierungsschicht. Bei den Plattenreihen handelt es sich also um das Fundamentmauerwerk eines größeren Gebäudes, das zudem noch unterteilt war. Zwischen den Mauerzügen wurden nämlich noch die Fundamente einer 17,20 x 9,60 Meter großen, teilweise hypokaustierten Raumflucht ergraben. Die Dimension des Bauwerks legt es nahe, in ihm ein Gebäude mit offiziellem Charakter zu sehen, vielleicht die Reste der Marktbasilika von Dieburg. Wie weit der Gebäudekomplex in das antike Stadtgebiet reichte, ist ungewiß. Möglicherweise läßt sich der Mauerrest im Keller des Hauses Frankfurter Straße 1 mit den angenommenen Basilika- oder Forumbauten in Verbindung bringen. Obgleich keinerlei gesichertes Fundmaterial aus den Grabungsbefunden des Gebäudes vorliegt, wird der Baubeginn der Basilika wohl mit der Einrichtung der Civitas Auderiensium zusammenfallen.

Beim heutigen Finanzamt in der Marienstraße führte Behn in den 30er Jahren eine Grabung durch. Sie ergab einen größeren Gebäudegrundriß, über dessen Funktion man sich noch nicht im klaren ist. Es handelt sich um ein 13,50 x 15,50 Meter großes Gebäude, dessen Innenfläche durch Zwischenwände unterteilt war. An der Süd-Seite lehnte nach einem korridorartigen Zwischenraum eine nach Westen abzweigende Mauer an, an derem  hinteren Ende zwei kleine rechteckige Räume angegliedert waren. Im westlichen Raum fanden sich Hypokaustreste, während der daneben gelegene Raum mit Estrich versehen war und an seinen Wänden einen rechtwinklig umbiegenden Sickerkanal besaß. Behn sah in dem wie es scheint keineswegs vollständig ergrabenen Gebäuderest eine Markthalle und verglich den Grundriß mit der Markthalle von Bregenz. Möglicherweise gehört der Baukomplex zu einem Wohnquartier (insula).

An der Straße „In der Altstadt“ wurden noch einige Mauerzüge und Hypokaustreste sowie ein Brunnen beobachtet, die wohl zu den typischen Langhäusern einer römischen Siedlung gehörten. Ein kleineres rechteckiges Bauwerk wurde an der Wallfahrtskirche ausgegraben, ein Töpferofen im Bereich der Marienschule, einzelne Holz- und Steinkeller sowie Brunnen im Stadtbereich. Mehrere Gebäudereste südlich der Stadtmauer gehörten wohl zu einem größeren Komplex.

Von den römischen Straßen im Stadtgebiet ist der Straßenzug aus Richtung Groß-Umstadt, der in Höhe des heutigen Amtsgerichts die Straße von Klein-Zimmern kreuzt und in Richtung Gundernhausen das Stadtgebiet verläßt, gesichert.

Eine weitere Römerstraße kommt von Klein-Zimmern und durchzieht das Stadtgebiet geradlinig bis zur heutigen Minnefelderseestraße und scheint über den Dammweg nach Nordosten weiterzuführen. Sie stellt möglicherweise die Verbindung zum Kastell Seligenstadt her.

Bis zur Siedlung ist die von Osten kommende »Hohe Straße« gesichert. Dann verliert sie sich allerdings. Der weitere Verlauf durch den nördlichen Teil der Siedlung ist nur angenommen. Sicher ist, daß dieser Straßenzug nordwestlich von Dieburg auf die im Wald zwischen Münster und Urberach sehr gut erhaltene, ebenfalls »Hohe Straße« genannte Römerstraße zuführt.

Ein Straßenstück südlich der Stadtmauer scheint die Verbindung der von Groß-Umstadt kommenden Straße mit der Klein-Zimmerner Straße herzustellen.

Insgesamt ließen sich in Dieburg sechs Gräberfelder feststellen. Sie lagen außerhalb des antiken Mauerberings an den aus der Siedlung herausführenden Straßen. Bisher wurden 211 Gräber geborgen, die ein reichhaltiges Spektrum der am Ort verwendeten Keramik lieferten.

Gräberfeld I an der nach Groß-Umstadt führenden Römischenerstraße, hinter dem heutigen Friedhof »Im Altstädter See«, war (125 untersuchte Gräber) der größte römischen Begräbnisplatz von Dieburg. Alle Gräber der Friedhöfe 1–VI waren Brandbestattungen. Die meisten Gräber von Gräberfeld I gehören in die Zeit zwischen 140 und 20C nChr. Im Gräberfeld II, dem zweitgrößten, fand sich das bisher früheste Grab (120–130 nChr).

Die römischen. Siedlung von Dieburg erlebte nach Ausweis des Fundmaterials ihre Blütezeit um die Wende des 2. zum 3. Jahrhundert nChr. Der Hauptort der Civitas Auderiensium fand sein Ende in den Alamannenstürmen der Jahre 259260 n Chr.

Für die Zeit nach dem Limesfall um 260 und die Jahre der Völkerwanderung gibt es bislang keine Belege. Archäologische Zeugnisse liegen erst wieder für die Merowingerzeit vor. Der Fund eines reich ausgestatteten fränkischen Reitergrabes bezeugt für das 7. Jahrhundert die Anwesenheit einer bedeutenden Persönlichkeit in Dieburg.

Das mittelalterliche Dieburg geht auf eine Neugründung im 12. Jahrhundert zurück. Neben der staufischen Burganlage entstand eine bedeutende Stadt, die seit 1207 urkundlich nachweisbar ist. Kaiser Rudolf von Habsburg gewährte Dieburg im Jahr 1277 die erweiterten Stadtrechte. Im Jahre 1310 ging Dieburg in den vollständigen Besitz von Kurmainz über. Mit der Zugehörigkeit zu diesem mächtigen Kurfürstentum entwickelte sich die Stadt zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum.

Die große Zahl der hier ansässigen Adelsgeschlechter, die Klostergründungen, gut besuchte Märkte und der Nachweis, daß der Mainzer Erzbischof Diether von Ysenburg zeitweise seinen Sitz in Dieburg hatte, weisen auf die einstige Bedeutung der Stadt hin. Davon künden auch die drei Schlösser, die Kirchen sowie die teilweise bis heute erhaltenen bürgerlichen Wohngebäude, meist Fachwerkhäuser. Der Dreißigjährige Krieg brachte mit seinen Verwüstungen einen vorläufigen Niedergang der Stadt.

Einen Aufschwung erlebte die Stadt erst in der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert: Nach dem Ende des absolutistischen Staatssystems und der Säkularisation 1803 wurde dem Mainzer Erzbischof seine Herrschaft entzogen und Dieburg fiel an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt.

 

Rundgang:

Auf der B 45 fährt man bis Dieburg-Nord und dann nach rechts auf der Frankfurter Straße in Richtung Dieburg. Wenn man rechts in Richtung Städtischer Bauhof abbiegt und nach den Schienen wieder links, kommt man zum jüdischen Friedhof. Zurück auf der Frankfurter Straße kommt man über die Schienen und biegt gleich nach rechts in die Straße „Minnefeld“ ein (brauner Wegweiser „Grube Messel“). Dort ist gleich rechts ein Parkplatz.

 

Wendelinuskapelle:

An der Ostseite des Parkplatzes steht die Wendelinuskapelle im orthodoxen Stil. Wendelin ist der Schutzpatron  der Bauern, Hirten und Pilger. Die Kapelle wurde erstmals 1514 erwähnt auf einem Platz gegenüber der heutigen Kapelle. Diese wurde 1904 vorwiegend aus Sühnegeldern erbaut. Neben der Kapelle steht ein Brunnen von 1985.

 

Gasthaus „Zum Reichsadler“ (Marienstraße 23):

In Höhe der Kapelle geht es nach Süden in die Marienstraße. Links ist die Marienschule, rechts ist das Finanzamt. Geradeaus steht das Haus Marienstraße 23, das 1905 als Gasthaus „Zum Reichsadler“ im Jugendstil erbaut wurde und nahezu unverändert blieb. Baumeister war Franz Xaver Stix II. Das Haus zeigt eine reiche Gliederung aus Gründerzeit- und Jugendstil-Elementen. Es hat aufwendige Schmuckformen in Haustein, die Erkerkonsole ist in Adlergestalt, die Zwerchhauskonsolen sind als Eulenköpfe gestaltet. Im Jahre 1912 kam die Gastwirtschaft zum Erliegen

 

Wallfahrtskirche (Altstadt 18):

Nach links kommt man zunächst zu einem Friedhof mit Kreuzwegstationen. Dann steht da die

„Gnadenkapelle“, heute eine große Wallfahrtskirche. Hier standen römische Vorgängerbauten (Ruinen eines Mithrastempels) und im frühen 9. Jahrhundert ein karolingischer Saalbau. Das Turmfundament ist aus dem frühen 9. Jahrhundert

Das Bauwerk, in T-förmiger Anlage mit Hauptanlage im Westen ist in sechs Abschnitten entstanden:

1. Der karolingisch-ottonische Gründungsbau  (8./9 Jahrhundert) mit freistehendem Glockenturm

2. Anfang des 12. Jahrhunderts  wurde eine romanische Basilika mit Seitenschiffen errichtet (der Baukörper des Langhauses stammt wohl noch aus dem 12. Jahrhundert).

Neu-oder Umbau des Langhauses in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts als dreischiffige Pfeilerbasilika

3. Im Jahre 1216 erfolgte eine Beschädigung durch einen Brand. Vermutlich danach kam es zum Abbruch des Glockenturmes und an seiner Stelle wurde eine 1232 geweihte Marienkapelle gebaut.

4. In der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts wird der heutige Chor erbaut, die Seitenschiffe werden abgebrochen. Ab dem frühen 15. Jahrhundert erfolgte eine Gotisierung.

5. In den Jahren 1569 - 1697 geschah eine vorbarocke Umgestaltung. In den Jahren 1697-1715 wird das westliche Querschiff errichtet und der gesamte Kirchenraum wird barockisiert und einheitlich gewölbt. Damit erfolgten die Fertigstellung des heutigen Baubestandes und die Entstehung der kreuzförmigen Anlage.

6. Im  Jahre 1831 erhält der Turm seine heutige Gestalt. Die Wallfahrtskirche wurde 1930/31 und 1968/70 gründlich restauriert. Im Jahre 1931 wurde der Außenaltar fertiggestellt und 1948 der Friedhof eingeebnet.

Bis zum Jahre 1569 war die heutige Wallfahrtskirche den Aposteln Petrus und Paulus geweiht und die Pfarrkirche von Dieburg, die sich dann zu einer Walfahrtskirche entwickelte.

Seit dem Hochmittelalter ist diese Kirche Wallfahrtsstätte. Besonders seit der Entstehung des Gnadenbildes (1420) wird hier Maria als Mutter der Schmerzen verehrt.

Bedeutendstes Kunstwerk und Mittelpunkt der Wallfahrten ist das nach 1420 entstandene Vesperbild im Hochaltar. Diese Pietà eines unbekannten Meisters ist in einer seltenen Technik gearbeitet, in der auf einen Lederkern mehrere Schichten mit Stuckgips und Leinwand aufgebracht wurden. Die Plastik gehört zu den seltenen mittelrheinischen Arbeiten dieser Art. Im Jahre 1498 erfolgte die Weihe dieses Gnadenbildes. Es stand zunächst in einer kleinen Kapelle. Seitdem ist auch die Wallfahrt zu diesem Bild bezeugt. Später hat es seinen Platz gefunden im westlichen Querhaus der Kirche, im Hochaltar von Johann Peter Jäger (um 17450).

Aus dem Barock stammt neben dem ungewöhnlichen Westquerhaus auch der größte Teil der Innenausstattung. Lediglich der schöne Ulner-Altar im östlich gelegenen gotischen Chor, ein Grabaltar von 1604, der auf einem aufwendigen Alabaster-Relief die Anbetung der Hirten zeigt (daher der volkstümliche Name „Krippches-Altar“), stammt aus der Renaissance.

Die Seitenaltäre von 1715 und  1733 sind von Peter Achtekirch und Josef K. Hohenbusch aus Neckarsulm, auch der Orgelprospekt (1759) von Peter Achtekirch. Die Kanzel ist vor 1750 entstanden. Eine Holzplastik „Christus als Weltenrichter“ ist um 1520 entstanden. Die übrigen Plastiken und Gemälde stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Große Wallfahrten finden heute vor allem in den Monaten Mai und September statt, die Hauptwallfahrt ist am 7. und 8. September.

 

Früheres Kapuzinerkloster:

Südlich der Kirche befindet sich die Strafanstalt. Hier befand sich ein ehemaliges Kloster, in dem von 1650 bis 1820 Kapuziner untergebracht waren. Heute wird das Gelände als Justizvollzugsanstalt genutzt.

 

Zuckerstraße:

Man geht in Richtung Westen in die Straße „Altstadt“. Wo die Zuckerstraße beginnt, quert man den Stadtgraben, der von der Gersprenz abzweigt. In der „Zuckerstraße“, einer schon früh erwähnten Geschäftsstraße, hat sich eine Anzahl schöner Fachwerkhäuser erhalten bzw. sie wurden in den letzten Jahren mit erheblichem Aufwand restauriert.

Auf der linken Seite ist zunächst bemerkenswert das Haus Nummer 37 mit den zwei Eckfiguren. Das Haus Nummer 18 hat altes Fachwerk. Nummer 19 wurde 1466 erbaut, das Obergeschosses hat Schmuckfachwerk und wurde Ende des 16.Jahrhunderts umgebaut und seitlich erweitert. Der Giebel wurde im 18. Jahrhundert barock abgeschrägt. Die Fachwerkdekoration zeigt Feuerböcke und das Runen-Symbol zur magischen Brandwehr.

Nummer 17 wurde um 1470 erbaut. Es hat ein von Knaggen gestütztes, vorkragendes Obergeschoß über massivem Erdgeschoß. Während des 19. Jahrhunderts waren im Hinterhaus ein Stall und ein Schlachthaus und zwischen 1803 und 1869 war hier ein jüdischer Betraum. Die Farbgestaltung erfolgte nach den restauratorischen Befunden. Das Haus erhielt den Denkmalschutzpreis 1989.     

Nummer 15 wurde 1592 erbaut. Die Fachwerkdekoration zeigt Feuerböcke als magischer Schutz vor Feuer. Das Andreaskreuz: ist ein Zeichen für Mehrung. Am Eckpfosten finden  sich Klötzchenornament und Taustab. Die barocke Dachgestaltung erfolgte im 18. Jahrhundert. Die Fensterreihung ist Ausdruck des reichen Bürgerturms. Am Haus ist das Wappen des Martin Satig, Ratsherr und Metzger. Das Haus erhielt den Denkrnalschutzpreis 1993.

 

Nummer 4 wurde 1384 errichtet und ist der einzige erhaltene Ständerbau der Stadt und das

ältestes erhaltenes Fachwerkhaus Dieburgs (nachdem das Haus Zuckerstraße 7 abgebrannt ist). Es hat eine Hängepfostenkonstruktion und war ursprünglich mit weit auskragendem Schwebegiebel versehen. Bemerkenswert sind die vier nebeneinanderliegenden Kreuzstockfenster im Obergeschoß mit Schlagläden und Bleiverglasung Das Haus Nummer 6 wurde 1588 erbaut. 

An der Kreuzung zur Steinstraße befindet sich der sogenannte Fastnachtsbrunnen, der an die heute noch lebendige Kurmainzer Tradition der Dieburger Fastnacht erinnert. Man macht dann erst einen Abstecher nach links in die Badgasse.

 

 

 

 

 

Badhaus (Badgasse 10):

Das renaissancezeitliches Badhaus wurde wahrscheinlich 1579-1581 erbaut. Als eines der letzten erhaltenen Badhäuser Deutschlands ist das Gebäude ein kultureller Zeitzeuge. Das Erdgeschoß aus Bruchsteinmauerwerk war ursprünglich flachgedeckt, wurde aber1594 als Kreuzgewölbe eingewölbt. Im Erdgeschoß befanden sich die Badestuben mit dem gemauerten Herd in der Hausmitte.

Das Fachwerkobergeschoß ist aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das Fachwerk zeigt neben Andreaskreuzen auch den „Wilden Mann“ als Zierform und als fränkische Verstrebungsform das Andreaskreuz als Zeichen für Mehrung. Im Obergeschoß ist ein Fresko der Heiligen Katharina mit Schwert und Rad, ein möglicher Hinweis auf ein Spital oder Stift.

Darüber ist ein steiles Satteldach.

Bald nach der Fertigstellung, eventuell auch erst Anfang des 17. Jahrhunderts, wurden in den Baderäumen im Erdgeschoß Ziegelgewölbe unter der Holzbalkendecke eingezogen, die weniger anfällig gegen Feuer und Wasserdampf sind. Es gab Veränderungen an den Fenstern, der Innenaufteilung und am Dach im frühen 19. Jahrhundert. Die Wiederherstellung 1982-1984 hatte das Ziel, den ursprünglichen Zustand weitgehend wiederzugewinnen. Das Haus erhielt eine Farbfassung nach Originalbefunden

Wenn man nach links in die Gasse blickt,  sieht man dort noch zwei schöne Fachwerkhäsuer, Durch eine kleine Gasse geht es nach Westen in die Löwengasse.

 

Fachwerkhaus Löwengasse 6:

Dieses Fachwerkhaus wird in das Jahr 1516 (oder 1576) datiert und zeigt ein schönes zeitgenössisches Zierfachwerk, das zum Markt ausgerichtet ist. Der Eckständer an der Südwest-Ecke) weist auf einen mittelalterlichen Vorgängerbau hin. Das Haus wurde 1985 renoviert, und nach der gelungenen Renovierung wurden hier das Stadtarchiv und die Stadt-Information untergebracht.

 

Fachwerkhaus Rheingaustraße 5:

Wenn man auf den Markt kommt, sieht man links ein auffallendes Fachwerkelhaus in der Rheingaustraße. Das zweigeschossige Fachwerkhaus mit massivem Erdgeschoss stammt aus dem Jahr 1566. Es zeigt eine Anzahl von auffälligen Andreaskreuzen in den Brüstungsfeldern, möglicherweise ein Zeichen für Mehrung. An einigen Stellen sind noch die ursprünglichen Fenstergrößen ablesbar. In der Firstachse findet sich eine vereinfachte Form der Fachwerkfigur „Wilder Mann“. Die Schwellen sind profiliert. Am rundbogigen Giebeldachfenster richtet sich die Farbfassung nach dem Originalbefund.

Von hier aus kann man noch einen Abstecher zum Groschlager Park mit dem ehemaligen Schloß Stockau machen (von der Rheingaustraße nach links in die Groschlagstraße). Im 17. und 18. Jahrhundert ließ Johann Philipp Ernst von Groschlag ein Schloß mit ausgedehnter Park- und Nutzgartenanlage errichten. Es war 1699 bis 1799 Sitz der Groschlag von Dieburg. Es wurde aber 1857 niedergelegt und durch einen neoromanischen Neubau ersetzt. Lohnender ist der angrenzende Schloßpark, eine unter Kennern weit gerühmte Parkanlage. Der Besuch von bedeutenden Persönlichkeiten wie Goethe und Wieland hebt die kulturgeschichtliche Bedeutung des Parks noch hervor.

 

Synagoge (Markt 17):

Dann geht man wieder zum Markplatz. An der Südwestecke steht heute der Neubau der Sparkasse. Hier war der Platz der Synagoge. Nachdem die alte Synagoge baufällig war, wurde im Jahre 1929 ein Gebäude im Bauhausstil errichtet. Aufgrund seiner Einfachheit und Schmucklosigkeit wurde diese Architekturform von den Zeitgenossen kaum verstanden und galt im dritten Reich als entartet.

Dennoch überstand der Synagogenbau die Nazizeit hinter Pappeln versteckt und wurde in der Nachkriegszeit bis zur Unkenntlichkeit überformt bzw. 1963 fast ganz abgerissen. Heute ist eine Gedenktafel den dem Neubau.

 

Marktplatz:

Im Zuge der Neugestaltung der Stadt wurde unter anderem auf dem Marktplatz der Mithrasbrunnen aufgestellt, der an die Zeit der Römer in Dieburg erinnern soll. Die Südseite des Marktplatzes bilden die Häuser Zuckerstraße  5 und 7.

Nummer 5 hat einen Bruchsteinkeller aus der Zeit um 1360, darüber eine mächtige Balkenlage. In den Vollgeschossen sind Fragmente eines Baus um 1534 nachweisbar. Heutiger Baubestand und Fassade gehen auf Umbauten des 19. Jahrhunderts zurück.

Nummer 7 wurde 1358 als zweistöckiger Geschoßbau errichtet. Nach einem Brand 1437 wurde das Haus verkleinert und in drei Geschosse aufgeteilt. Nach 1600 erfolgte ein massiver Ausbau zweier Geschosse und 1753 ein barocker Dachumbau. Das Haus hatte eine einzigartige Ausstattung mit gotischen Fresken, profane und sakrale Wandmalereien, die heute im Kreis- und Stadtmuseum zu sehen sind. Das Haus brannte während der Sanierungsarbeiten 1992 ab. Aber die originalen Eckquadersteine aus dem 16. Jahrhundert wurden wieder mit verbaut. Eine Inschrift benennt den einstigen Besitzer Philippus Kretzer, der 1627 Opfer der Hexenprozesse wurde.

Das heutige Hotel „Mainzer Hof“ (Markt 22) wurde um 1555 vom Erzbistum Mainz erworben; bis 1803 war hier das Amtshaus untergebracht.

Die ehemalige Reitschmiede (Markt 23) wurde 1465 als zweigeschossiger Bau errichtet und bereits 1587 als Schmiede erwähnt. Das mittelalterliche Sparrendach ist noch vollständig erhalten. Der Giebel ist heute barock abgeschrägt. Im Jahre 1656 wurde die Schmiede durch Nicolaus Thomas übernommen, eine Fahnenschmied, der mit schwedischen Truppen nach Dieburg kam.

Im nordwestlichen Bereich des Marktplatzes stand einst auch das Renaissance-Rathaus, dessen Fundamente bei Ausgrabungen zu Beginn der 90er Jahre untersucht wurden; seine einstigen Ausmaße werden durch im Pflaster eingelassene Ecken gekennzeichnet.

Das Haus Nummer 2 an der Nordseite des Marktes wurde um 1515 erbaut. Es  war möglicherweise ein Amtshaus des Mainzer Erzbischofs Uriel von Gemmingen (Datierung und Wappen des Erzbischofs Uriel von Gemmingen nahe dem rechten Eckpfosten). Das spätmittelalterliche Fachwerk zeigt Vorformen des „Wilden Mannes“. Das heutige Krüppelwalmdach war ursprünglich mit einem sogenannten Schwebegesperre, einem vorgezogenen Dach ausgestattet.

 

Schloß:

Von der Nordwestecke des Marktplatzes kommt man durch die Schloßgasse kommt zum Schloß, dem heutigen Landratsamt. Durch den Torbogen geht man ins Innere. Links stand früher eine staufische Wasserburg, die 1809 durch einen Neubau von Staatsminister Albini ersetzt wurde, das „Albini-Schloß“, ein nahezu schmuckloser langgestreckter Bau.

Rechts stand die ehemalige kurmainzer Burg, von der noch der „Schloßturm“ an der Nordwestseite erhalten ist. Im Jahre 1802 wurde ein großer Teil der noch vorhandenen Gebäude niedergelegt. Das Kreisamtsgebäude in neugotischen Formen wurde 1900 bis 1902 erbaut.

Im Keller des Landratsamtsneubaus von 1991 sind Teile des Fundamentes der ehemaligen Kurmainzischen Burg zu sehen.

 

Stadtmauer:

Wenn man um die modernen Gebäude rechts herumgeht, kommt man auf die andere Seite des Schloßturms. Er steht in der Flucht der Reste der Stadtmauer, die hier noch ein ganzes Stück erhalten ist. Man geht links vorbei durch den Park zum Steg über die Gersprenz.

Links sieht man auf den letzten erhaltenen Turm (Mühlturm) der Stadtbefestigung, rechts ist der Übertritt der um 1218 errichteten Stadtmauer über den Flußlauf.

Geradeaus sieht man das in der Stadtmauer eingelassene „Wasserpförtchen“ mit dem Allianzwappen zweier Dieburger Adelsgeschlechter, der Ulner (vormalige Besitzer des Fechenbach-Schlosses) und der Kratz von Scharffenstein von 1564.

Man geht nach rechts weiter und dan quer über den Platz in Richtung Marktplatz. Von hier aus sieht man am besten die Front des Schlosses Fechenbach.

 

Schloß Fechenbach (Eulengasse 8):

Das mehrfach umgebaute heute klassizistische Schloß, dessen Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen, beherbergt das Kreis- und Stadtmuseum, in dem zahlreiche archäologische Funde, insbesondere aus der Römerzeit, ausgestellt sind. Von großer Bedeutung unter den römischen Funden in Deutschland ist die beidseitig skulpturierte Reliefplatte eines einst um die Mittelachse drehbaren Mithras-Kultbildes aus dem römischen Tempel, der an der Stelle der Wallfahrtskirche stand. Nach links geht es zum Rathaus.

 

Rathaus (Markt 4):

Das Rathaus  wurde 1828 von Landbaumeister Lerch, einem Schüler des Architekten Georg Moller, auf dem Gelände des ehemaligen Groschlag‘schen Stadtschlosses im klassizistischen Stil erbaut. Es trägt einen Uhrturm mit einem Zifferblatt vom ehemaligen Rathaus auf dem Markt. Bemerkenswert ist der Stundenschlag („Gaaßbecks-Uhr“). Das danebenliegende Kreisamt wurde im gleichen klassizistischen Stil (ebenfalls nach Plänen von Lerch) 1834 errichtet. Man trifft auf die Steinstraße und geradeaus auf die Stadtkirche.

 

Barocke Zentscheuer (Markt 6):

Das Haus war ursprünglich im Besitz der Familie von Groschlag. Es war einst kurmainzische Zentscheuer, später Fruchtspeicher. Im Jahre 1825 wurde das Gebäude privatisiert und als Warenlager und zu Wohnzwecken umgebaut.

 

Steinstraße 4:

In der Steinstraße steht rechts ein Haus im Biedermeierstil (1815-48), das Obergeschoß hat Fachwerk aus dem 19. Jahrhundert. Bis 1803 stand auf dem Gelände der Stadtsitz der Freiherren von Groschlag bzw. der Gräfin von Lerchenfeld. Ab 1828 war hier der Lebensmittel- und Eisenwarenhandel der Familie Weiler/Reh. Seit 1850 ist das Gebäude  im Besitz der Familie Reh, die dort unter anderem Kolonialwarenhandel, Drogerie, Reformhaus und Parfümerie betreibt.

 

Stadtpfarrkirche (Steinstraße 3):

An dieser Stelle stand die ehemalige Minoritenkirche. Sie wird 1291 erstmals erwähnt als Franziskanerkirche. Aber 1568 wird das Kloster aufgelöst. Der Mainzer Erzbischof Daniel Brendel von Homburg schenkt die Kirche 1569 der Stadt als Stadtpfarrkirche. Im Jahre 1854 (oder 1845) wird der Turm erhöht und erhält seine heutige Form. In den Jahren 1891 bis 1893 wird die ganze Kirche als heutige Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul 1893 nach den Plänen des Diözesenbaumeisters Franz Emanuel Meckel in neugotischem Stil erbaut.

Diese Kirche enthält gleich am Eingang rechts ein weiteres mittelalterliches Vesperbild, eine „Ledermadonna“. Sie ist wohl das Frühwerk eines unbekannten mittelrheinischen Meisters, vielleicht  aus der gleichen Hand wie in der Wallfahrtskirche.

 

Steinstraße:

Nach Norden geht es dann weiter durch die Steinstraße. Nummer 14 ist der sogenannte Frankensteiner Hof, ehemaliger Adelssitz der von Frankenstein. Im Jahre 1772 wurde das Haus durch von Fechenbach erworben, 1812 erbaute Joseph Franz von Fechenbach das neue Hauptgebäude des Wirtschaftshofes. Im Jahre 1926 wurde das Haus verkauft an Ministerialpräsident Philipp Uebel, den Verwalter derer von Fechenbach. Im Jahre 1994 erfolgte die Sanierung mit Auszeichnung.

Am Haus Nummer 18 sieht man ein Wappen von 1545. Ein Stück weiter steht links der Hanauer Hof (heute Pizzeria) und rechts kommt man zur Lohmühlenbrücke von 1847. Eine doppelseitige Treppenanlage führt um Waschplatz, früher gab es hier geschweifte Sandsteinbarrieren. Das Tonnengewölbe ist aus Buntsandstein und wurde 2002 renoviert

Dann geht man die Straße weiter und biegt nach rechts in die „Minnefeldstraße“, wo gleich links eine Kreuzigungsgruppe zu sehen ist.

 

Neues Kapuzinerkloster:

Am östlichen Ende der Minnefeldstraße steht links das neue Kapuzinerkloster. Im Jahre1822 wurde  das Kloster in der Altstadt aufgelöst. Im Jahre 1860 wohnten die Kapuziner in der Alten Schule, Pfarrgasse 4. Durch einen Geländekauf des Mainzer Domkapitulars Maufang war 1862 eine Neugründung möglich. Auf dem Gelände des ehemaligen Wolfenststetterschen Anwesens wurde 1863 das Kloster gebaut und  1866-67 die Kirche. Im Jahre 1868 wurde das Anwesen an Freiherr von Wamboldt aus Umstadt verkauft, der dann das Protektorat ausübte. Das Kloster ist heute Katholisches Jugendzentrum, daneben steht die Klosterkirche.

Damit ist man wieder am Parkplatz angelangt. Über die Darmstädter Straße kann man noch nach Westen fahren zum Mainzer Berg (siehe Wanderung unten) und über Messel und Urberach zur Bundestraße 45. Man kann aber auch über Marienstraße und nach rechts Hinter der Schießmauer (jetzt eventuell noch den Groschlager Park besuchen) nach Süden zur Bundestraße 26 und dann weiter auf die Bundestraße 45

 

Peter Prüssing: Ofenkacheln aus nachgotischer Zeit

Bei Grabungen und begleitenden archäologischen Maßnahmen der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises. Darmstadt-Dieburg (UDSchB) im Zuge von Bauvorhaben ist in Dieburg neben der im großen Umfang begegnenden spätgotischen wiederholt renaissancezeitliche bzw. neuzeitliche Ofenkeramik sowohl im Töpfer- als auch im Verbrauchermilieu zum Vorschein gekommen.

Vor dem Hintergrund der spätmittelalterlichen Blütezeit der Dieburger Töpfereien mit ihrem reichen -teils sehr qualitätsvoll- und äußerst konkurrenzfähigen Ausstoß an Keramik - im Bereich der Ofenkeramik sei insbesondere an die Halbzylinderkacheln gedacht, die den Markt auch überregional beherrschten hat das so blühende Gewerbe ab der frühen Neuzeit an Einbußen zu leiden.

Mit dem Durchsetzen des schon länger bekannten Steinzeugs auf dem (internationalen) Markt2 verlor Dieburg zumindest für Teile seiner Keramikpalette die wohlbetuchte Käuferschicht, der es nach echtem Steinzeug verlangte. Da die Tonvorkommen aus der Dieburger Region für eine Steinzeugproduktion nicht geeignet sind3, konnten die Dieburger Häfner den Bedarf an dieser voll durchgesinterten (damit wasserundurchlässig) und einträglichen Modeware nicht decken.

Die renaissancezeitliche Ofenkachelproduktion, an das hohe Level der spätmittelalterlichen (14. und 15. Jahrhundert) Fertigung anknüpfend, besaß weiterhin über das Umfeld von Dieburg hinausgehende Bedeutung. Den Dieburger Häfnern scheint neben ihrer auf einer langen Tradition beruhenden Fertigkeit auch der in dieser Hinsicht günstige Standort zum nahen Frankfurt gut bekommen zu sein, das mit den jährlichen Messen immer den neuesten

Geschmack bzw. Trend, die jeweilige Mode präsentierte und zugänglich machte.

Kachelfunde in der Altstadt, selbst kleine Fragmente, sind für die Beurteilung der Dieburger Verhältnisse von Wichtigkeit. Aufgrund der Stellung der hiesigen Meisterbetriebe und der bekannt gewordenen Model muß man davon ausgehen, dass die hier im Verbrauchermilieu gefundenen Stücke, die einst in z.T. prunkvoll gestalteten Kachelöfen verbaut waren, örtlichen Werkstätten entstammen. So trägt jeder noch so unscheinbar wirkender Kachelscherben dazu bei, zunächst eine Vorstellung von der Produktion und der Palette der diversen Formen zu gewinnen und ein Chronologiegerüst aufzubauen.

 

Radtour:

In der Frankfurter Straße fährt man ein kleines Stück nach Norden, biegt aber vor den Schienen nach links ab in die Bahnhofstraße (Markierung doppelter roter Strich). Diese führt fast wieder auf die Darmstädter Straße. Man fährt ein Stück nach rechts und dann nach links in den Messeler Weg. Am Reiterverein biegt er links ab und fährt bis zur Forstgartenschneise

(vorher vielleicht nach rechts und links ein Abstecher zu einem Haus mit Teich). Es geht nach links auf die Forstgartenschneise, an zwei Häusern vorbei, über die Darmstädter Landstraße bis zum Herrnweg. Auf diesem geht es nach rechts, an der Schutzhütte vorbei zum Mainzer Berg.

Dieser Berg in dem sonst ebenen Gelände dient als Funkübertragungsstelle der Deutschen Post in einem 90 Meter hohen Turm und als Skiabfahrt (mit Lift), im Sommer Spielwiese.

Vom „Gipfel“ des 227 Meter hohen Mainzer Berges bietet sich ein Blick über die Rhein‑ Main‑Ebene über die Abraumhalden der Messeler Grube hinweg. 

Westlich des Berges kommt man auf der nach Südwesten führenden Schneise zum Naturfreundehaus. Von dort fährt man auf der Kleeplattenschneise parallel zum Herrnweg zu einem Parkplatz am See. Dort fährt man links und dann rechts und noch einmal links-rechts zum Freizeitzentrum Spießfeld.

An der nächsten Kreuzung geht es links ab, an einem kleinen Teich vorbei und am zweiten Weg wieder nach rechts zum Freizeitzentrum Wolfgangsee. Über die Alte Mainzer Landstraße  und nach rechts in den Steinweg kommt man in die Rheingaustraße. Diese fährt man nach rechts weiter und dann nach links in die Groschlagstraße. An ihrem Ende findet man das Schloß Stockau. Es war 1699 bis 1799 Sitz der Groschlag von Dieburg. Es wurde aber 1857 niedergelegt und durch einen neoromanischen Neubau ersetzt. Lohnender ist der angrenzende Schloßpark. Durch diesen kommt man über den Festplatz in die Altstadt, die man links umrundet in Richtung Darmstädter Straße (Wochenende, Seite 158).

 

 

Babenhausen

Zwischen Darmstadt und Aschaffenburg liegt in der Ebene am Unterlauf der Gersprenz die romantische Fachwerkstadt Babenhausen. Die ehemalige Residenzstadt der Grafen von Hanau-Lichtenberg ist heute die östlichste Stadt des Kreises Darmstadt-Dieburg. Ein verzweigtes System von Bächen, Gräben und Seitenarmen der Gersprenz kennzeichnet die  nähere  Umgebung. Im Norden bis zum Rodgau und im Osten bis zur bayerischen Grenze liegt ein großes  Waldgebiet, das Babenhausen zu einer der waldreichsten Städte Hessens macht. Im Süden erreicht das heutige Stadtgebiet die hügeligen Ausläufer des Odenwaldes. Im Westen konkurrieren  landwirtschaftliche  Nutzflächen mit Feuchtgebieten, die zum Teil unter Naturschutz gestellt sind. In weiten Bereichen des Stadtgebietes sind heute Seen zu finden, die durch Kiesabbau entstanden sind.

Nach Windecken (1288) und Steinau (1290) bekam Babenhausen 1295 die Stadtrechte noch vor Hanau (1303). Durch die Heirat Reinhard I. von Hanau mit Adelheit von Münzenberg kam 1255 das Gebiet  um Babenhausen durch Erbteilung an die Grafschaft Hanau. Bereits 1295 verlieh König Adolf von Nassau  dem Ort Babenhausen die Stadtrechte. Die Stadt erfreute sich der gleichen Rechte wie die freie Reichsstadt Frankfurt am Main. Durch

eigenes Marktrecht, eigene Wehr- und Feuerordnung war ein wirtschaftlich aufstrebendes und bürgerliches Leben geprägt.

Nachdem Philipp der Ältere 1458 Anna von Lichtenberg heiratete, kam dieser Teil der Grafschaft zur neu gegründeten Linie derer von Hanau-Lichtenberg, während Philipp der Jüngere die Hanau-Münzenberger Linie weiterführte. Im Jahre 1642 starb die Münzenberger Linie aus und die ganze Grafschaft wurde von der Lichtenberger Linie übernommen.

Als dann 1736 auch das Grafenhaus Hanau-Lichtenberg mit Johann Reinhard III. ausstarb gab es Erbsteitigkeiten wegen Babenhausen zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. Erst ein Staatsvertrag von 1816 (nach anderer Angabe 1810) regelte, daß Babenhausen zu Hessen-Darmstadt kam. Nachdem alle wichtigen Ämter in andere Städte verlegt worden waren, verlor Babenhausen seine Bedeutung.

 

 

Erst um die Wende des 20. Jahrhunderts gelang den damaligen Stadtvätern wieder eine gewisse wirtschaftliche Belebung, als sie eine Kaserne bauten, die auch heute noch belegt ist.

Babenhausen hat heute mit seinen fünf Stadtteilen 17.000 Einwohner und nimmt eine bedeutende Stellung am Rande des Rhein-Main-Gebiets ein. Die Wirtschaft der Stadt wird sowohl von Einzelhandelsgeschäften, Dienstleistungs- und Handwerksbetrieben als auch von Gewerbe- und Industriebetrieben geprägt. Dazu gehört sowohl eine private Traditionsbrauerei wie ein international tätiges Unternehmen der Autozulieferindustrie.

 

Schloß:

Die Grafen von Hanau‑Lichtenberg haben in ihrer fast zweihundertjährigen Regentschaft das Gesicht der Stadt geprägt, baulich und kulturell. Adelshöfe, reichverzierte Fachwerkhäuser, Türme und die kostbar ausgestattete St.‑Nikolaus‑Kirche stammen aus dieser Zeit des Aufstiegs und Wohlstands.

Das heutige Schloß war in früheren Jahrhunderten eine stark befestigte Wasserburg. Die romanische Burganlage der Münzenberger wurde von den Grafen von Hanau-Lichtenberg im 16. Jahrhundert zu einer Residenz im Renaissance-Stil umgebaut. Die Stadt selbst war durch eine starke Ringmauer mit Türmen geschützt, von denen der Hexenturm (das Wahrzeichen der Stadt) und der Breschturm noch erhalten sind. Während der Blütezeit der Stadt entstanden viele schöne Adels- und Patrizierhäuser, die vor allem in der Amtsgasse und am Marktplatz noch heute das Stadtbild prägen.

Auf der Bundesstraße fährt man bis zur Bürgermeister-Rühl-Straße und dann nach rechts in Richtung Stadthalle durch ein früheren Zeiten nachempfundenes Stadttor, in dessen Nähe ein alter Wasserturm steht. Nach rechts geht es auf den Parkplatz vor der Stadthalle.

Die Fläche vor der Stadthalle war früher ein Renaissancepark. Östlich war das Bachtor in Richtung Altdorf (wo sich erst die Straße in sechs Zweige gabelte). An der Westseite des Parkplatzes sieht man gut erhaltene Reste der Stadtmauer.

Die heutige Platanenallee war ursprünglich ein Damm, der das Wasser der Gersprenz aufstaute, so daß ein See entstand, der später als „Schwanengraben“ bezeichnet wurde. In diesem See wurde eine Wasserburg errichtet, ursprünglich nur ein Wachtturm für den Forst Dreieich. Bei Hochwasser wurde schon bei Hergershausen das Wasser der Gersprenz in die Lache abgeleitet, die westlich des Ortes vorbeifließt. Kurz vor der Stadt wurde das Wasser noch einmal geteilt und der Ohlebach abgezweigt. So verteilte sich das Wasser besser und die Stadt konnte geschützt werden. Hinter der Stadt werden die drei Arme wieder zur Gersprenz vereinigt.

Der mittlere Arm, die eigentliche Gersprenz, läuft östlich an  der Stadtmauer vorbei. An ihr entlang läuft der „Neue Weg“, der seit 1780 so heißt, weil der Graf ihn als Zufahrt zum Schloß anlegen ließ, damit er nicht mehr mit seinen Kutschen durch die Stadt mußte, um ins Schloß gelangen zu können. Am jenseitigen Ufer der Gersprenz sieht man die Häuser, die auf die Stadtmauer gebaut wurden. In Richtung Schloß sieht man schon die südwestliche Eck-Bastion mit dem spitzen Dach. Im Inneren gab es erst noch einmal eine Zwingermauer, dann kamen die Bastionen und dann der Wassergraben

Man kommt zur Schloßbrücke, die früher durchgehend von der Stadtmauer zum Schloß ging und von zwei Mauern gesäumt war, die so hoch waren wie die Stadtmauer. Nach links geht es zum Schloßtor. Innen ist über der Durchfahrt das Hanauer Wappen zu sehen (die anderen Wappen sind spätere Zutaten).

Das Schloß war von 1888 bis 1892 Eigentum des Privatmannes Gustav Hickler, der Samen für Bäume produzierte. Er ließ den Wassergraben zuschütten und legte dort den Park an. Noch heute stehen dort seltene Bäume aus der ganzen Welt.

Im Innenhof markiert das Pflaster die Umrisse des ursprünglichen Turms: Das helle Pflaster markiert die Wände, das dunkle Pflaster den Innenraum. Die Anlage wurde in 800 Jahren nie zerstört. Sie ist heute ein Beispiel für alle Baustile.

 

Das Schloß in Babenhausen erscheint erstmals im Jahr 1236 in einer Urkunde. Die Grafen von Münzenberg ließen die staufische Burg in dem sumpfigen Wiesengelände zwischen dem Ohlebach im Süden und der Gersprenz im Norden erbauen. Die wehrhafte Anlage bestand aus einem quadratischen Bergfried und einen Palas mit den damals üblichen Befestigungen.

Der älteste Teil ist die staufische Burg (gleiche Entstehungszeit wie die Pfalz in Gelnhausen) mit der nach den Innenhof zu offenen Halle und der mächtigen Balkendecke. Sie wurde im 12. Jahrhundert von Kuno von Münzenberg gebaut. Auf Bildern wird er immer in der Nähe des Kaisers gezeigt. Der Kaiser hat ihm wahrscheinlich den Reichsforst übertragen, und er hoffte wohl, daß in der neue errichteten Burg einmal ein Reichstag stattfinden könnte. Der imperiale Palast im italienischen Stil bestand aus drei Stockwerken mit einem Dach darüber. Die Halle ging über die ganze Breite des Gebäudes. Der Boden lag ursprünglich tiefer. Die Balken in der Decke wurden nach einem dendrochronologischen Gutachten im Winter 1187 gefällt. Im ersten Stock war ein Jagdsaal.

In den Besitz der Grafen von Hanau gerät die Burg nach dem Aussterben der Münzenberger.

Im Jahre 1450 begann Philipp I. die Erweiterung der Wasserburg zu einem Renaissanceschloß und befestigte sie  mit einer durch vier Bastionen abgesicherten Ringmauer, Wällen und Wassergräben.

Um 1500 wurde der große Raum geteilt, weil man wegen der Klimaverschlechterung am Ende des Mittelalters einen bequemeren Raum haben wollte. Unter den hochgelegten Saal kam ein Keller (über der Kellertür steht die Jahreszahl 1694). In den Saal wurden große Fenster gebrochen. Damit mehr Helligkeit in den Raum kam, wurde alles geweißt. Doch dann wurden wieder Ornamente und Bilder angebracht (Jagdgesellschaft).

Die Hanauer haben dann vor den Palast einen Vorbau gesetzt und ein romanisches Treppenhaus zur Erschließung der Stockwerke errichtet. In der Ecke steht dann ein gotischer Turm. Die weiteren Bauten reichten dann bis zu dem Turm im Norden, der Rest war zunächst durch eine Mauer abgedeckt.

Mit den Staufern sind auch die Münzenberger untergegangen. Ihnen fehlten vor allem die männlichen Nachkommen. Die Töchter allerdings haben sie geschickt verheiratet. Das münzenbergische Erbe blieb dadurch zusammen. Die Grafschaft Hanau-Babenhausen bestand aber nur aus zwölf Dörfern. Erst durch die Erbschaft im Elsaß, die ungefähr zehnmal größer war, entstand die Herrschaft Hanau-Lichtenberg (Die Burg Lichtenberg im Odenwald hat nichts mit den Babenhäuser Lichtenbergern zu tun).  Der Babenhäuser Graf, der mit 40 Jahren eine 15 jährige Frau geheiratet hatte, mußte allerdings fast 25 Jahre warten, ehe der Onkel im Elsaß starb. Als er voller Freude nach dort ritt, um das Erbe anzutreten, erlitt er einen Schlaganfall.

Jetzt war aber Geld da. Philipp V. baute das Renaissance-Schloß im Osten mit einem großen Ballsaal (Wappen am Eingang des Renaissanceturms). Die Hanau-Lichtenbergische Linie machte Babenhausen zu ihrer Residenz. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Areal durch ständige An‑ und Umbauten zu seiner heutigen Form einer geschlossenen quadratischen Anlage, umgeben von Befestigungen und Wassergraben, verändert.

Doch im Jahre 1736 (?) starb auch der letzte Lichtenberger. Die Mobilien kamen nach Darmstadt, das Schloß kam an Kassel. Doch der Graf residierte zunächst wieder hier und legte den „Neuen Weg“ an. Ab dem Jahr 1771 (?) waren die Landgrafen von Hessen‑Kassel Herren in Babenhausen und nutzen das Schloß als Sommerresidenz und Witwensitz.

Im Jahr 1818 wird die Burg zur Militärstrafanstalt und beherbergt von 1869 bis 1891 als Kaserne ein Regiment der Roten Dragoner. Rund 300 Soldaten und 300 Pferde hielten sich hier auf, außerhalb des Schlosses wurden Ställe und ein Exerzierplatz angelegt. Danach kam das Schloß in Privatbesitz. Der schon erwähnte Gustav Hickler ließ auch verschiedene Räume mit Jagdszenen ausmalen. Schließlich wurde das Schloß vom Großherzog zurückgekauft. Es war zeitweise auch Polizeischule.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde in dem Gebäude ein Altenheim der Inneren Mission untergebracht. Besitzer war seit 1981 Eugen Wolpert, Chefs des Darmstädter Elisabethenstifts. Er hatte die Burg mit öffentlichen und privaten Mitteln in Millionenhöhe ausgebaut und für Kongresse genutzt, aber auch den Vereinen und Bürgern Babenhausens geöffnet. In dieser Zeit wurden aber große Schäden angerichtet, z.B. durch den Einbau von Fahrstühlen.

Seit Wolpert im Jahre 2001 starb, stand der älteste und markanteste Gebäudekomplex der Stadt zum Verkauf. Den meisten Babenhäusern wäre es wichtig, daß das Schloß der Stadt gehört. Eine Bürgerinitiative setzte sich dafür ein, daß die Kommune das Gebäude von den Erben Wolperts erwirbt. Auf keinen Fall wolle man ein museales Objekt. Die Stadt Babenhausen wollte und konnte das Schloß nicht kaufen, aber beim Nutzungskonzept für das historische Gebäude mitreden. Der Außenbereich der historischen Anlage soll nach dem Willen der Stadt weiterhin von den Bürgern genutzt werden können.

Schließlich beschloß die Stadt Babenhausen doch, das Schloß zu kaufen. Sie gründete

eine Gesellschaft und übernahm das Schloß gegen den Willen des CDU‑Bürgermeisters und seiner Partei für knapp vier Millionen Mark von den Erben des verstorbenen Eigentümers Eugen Wolpert.

Ende 2001 interessierte sich die „Deutsche Instandhaltungs-Universität“ bzw. die erste European Maintenance University (EMU) für das alte Gemäuer, ein Team von 80 Wissenschaftlern aus sieben Nationen. Inhaltlich befaßte sie sich mit Fragen der Instandhaltung von Maschinen und Gebäuden, aber auch der Umwelt. Zur Ausbildung gehörten neben Grundlagen aus den Ingenieur und Computerwissenschaften auch Risikomanagement und Betriebswirtschaft. Leiter war Professor Mexis aus Darmstadt. Es wurden aber nur 45 Studenten von sechs Dozenten ausgebildet. Niemand konnte aber den Studierenden garantieren, ob sie das Studium mit einem anerkannten akademischen Grad abschließen können, denn bislang die deutschen Behörden haben die EMU nicht als Universität anerkannt.

Im September 2006 wurde das Schloß von dem Hauptgläubiger, der hessischen Landesbank, kurz vor der Zwangsversteigerung verkauft an eine Kapitalgesellschaft, die dort ein Hotel und Restaurant schaffen will. Der Kaufpreis soll 1,25 Millionen Euro betragen haben. Im Grundbuch ist eingetragen, daß der Schloßhof und die Säulenhalle öffentlich zugänglich sein müssen. Das Land wird fünf Millionen für den Denkmalschutz zuschießen, es wird mit Kosten von 12 Millionen gerechnet.

 

Wiederentdeckte mittelalterliche Wandmalereien

Das Schloss Babenhausen blickt  auf eine über 800jährige Baugeschichte zurück. Errichtet durch Kuno von Münzenberg, den Reichskämmerer Kaiser Friedrichs I. Barbarossa, sollte die Burg möglicherweise als Jagdsitz im Bannforst Dreieich dienen. Der Bau weist verschiedene Besonderheiten auf, die für einen Profanbau dieser Zeit, des ausgehenden 12. Jahrhunderts, einzigartig sind: Die nahezu quadratische Grundrissform, die Verwendung von Backstein als Hauptbaumaterial, die offene Säulenhalle im Palas und der Treppenturm mit einer Spindeltreppe. Diese Elemente und die mit Perfektion ausgeführten Maurerarbeiten deuten darauf hin, dass Ausführende zum Einsatz kamen, denen dies alles vertraut war. Die Gesamtform und Detaillierung lässt Bauleute aus Norditalien vermuten.

Mit dem Tod des letzten Münzenbergers 1255 fiel Babenhausen an dessen mit dem Hanauer verheiratete Schwester. Es fanden diverse bauliche Maßnahmen im 14. Jahrhundert statt. Nachdem die Hanauer in den Grafenstand erhoben wurden und 1458 die Heirat mit Anna von Lichtenberg (Elsass) erfolgte, wurde Babenhausen Residenz und es wurden ab 1460 umfangreiche Umbauten durchgeführt. Ab 1570 fand die Erneuerung des Südflügels in Renaissanceformen statt. Der Ost- und der Westflügel wurden unter das neue Dach mit eingebunden sowie ein achteckiger Treppenturm errichtet. Damit war im Wesentlichen die Form des Schlosses erreicht, die wir heute noch vorfinden.

Nach dem Tod des letzten Grafen von Hanau-Lichtenberg 1736, wurde Babenhausen 1771 Hessen- Kassel zugesprochen. Nach der Napoleonischen Zeit wurde das Schloss als Lazarett, später als Kaserne genutzt. In diesem Zuge erfolgte der Abbruch verschiedener Gebäudeteile. Erst bei einer Sanierung 1901-1905 wurde die offene Säulenhalle wieder hergestellt und andere Maßnahmen ausgeführt. Nach 1945 als Altenheim genutzt, kam es seit den 1980er Jahren in Privatbesitz. Seit 2006 ist es im Besitz einer GmbH mit dem Ziel, hier ein Hotel unterzubringen.

Umnutzung und Sanierung bedeutet immer Verlust historischer Substanz. Um jedoch die Substanz beurteilen zu können, muss man sie kennen, in vielen Fällen aufwendig erforschen. Dazu gehört die Erfahrung von Fachleuten: dem Bauhistoriker, dem Restaurator u.a. Es soll hier am Beispiel des „Sommersaales“ aufgezeigt werden, welche tiefgreifenden Auswirkungen ein bauhistorischer Befund auf die Nutzung von Räumen haben kann.

Im nördlichen Viertel des Erdgeschosses im Palas, an die offene Säulenhalle anschließend, befanden sich vier Räume mit Flur, die zu Büros ausgebaut werden sollten. Die Abfolge der in der Halle sichtbaren Eichen-Deckenbalken des 12. Jahrhunderts sollte untersucht werden, um die Säulenhalle in ihrer Ausdehnung innerhalb des Westflügels zu dokumentieren.

Nach Abnahme der Gipsfaserplatten an Decke und Wänden wurden Malerei-Reste entdeckt, die nach punktueller Vorsichtung eine komplette Freilegung erforderlich machten. Es zeigte sich, dass in diesem Bereich durch den Einbau eines Kellergewölbes ein erster Schritt zur Aufgabe der offenen Halle getan worden war und dass in dem über dem Keller abgeteilten Raum eine fast vollständig erhaltene Raumfassung vorhanden war. Es handelt sich um eine einfache Malerei mit Jagdmotiven, die zunächst renaissancezeitlich angesprochen wurde.

Untersuchungen einer Trennwand ergaben jedoch ein dendrochronologisch belegtes Datum von 1467/68, welches den Zeitpunkt der Aufgabe des Saales markiert. Die Malerei stammt also aus der Zeit kurz nach 1400; damit kommt ihr ein noch größerer Stellenwert zu.

 

Das Beispiel zeigt, wie ein baugeschichtlich wertvoller Befund die in der Baugenehmigung dargestellte Raumeinteilung grundsätzlich ändern kann und die Flexibilität des Planers und des Bauherrn erfordert, um die Raumanforderungen an anderer Stelle umzusetzen.

 hinaus müssen die           Darüber hinaus müssen die finanziellen Mittel für die restauratorische Sanierung bereitgestellt und eine angemessen Nutzung für das wieder entdeckt Kleinod gefunden werden.

 

Rundgang:

Vom Schloß geht man über die Brücke in die Stadt zu dem (nur kleinen) Schloßplatz. Rechts liegt das Gelände des Fronhofs, links an der Mauer sind die Maße der Stadt angegeben. Weiter geht es nach links zur Stadtmühle, dem heutigen Bürgerzentrum. Die Stadtmauer hat hier eine Beule nach innen. Der erste Hinweis auf diese Mühle findet sich 1383. Im Grunde handelt es sich um ein ganze Straße, in der sich links ein Wohnhaus, die heimatkundliche Bibliothek und der Bürgersaal (für Festlichkeiten) befinden. Rechts ist der Fremdenverkehrsverein, das Standesamt (mit Brautkränzen und einem Hanauer Wappen aus Holz) mit Trausaal im Oberstockwerk. Am Ende der Straße ist ein Café, durch das man in den Biergarten geht.

 

Links ist der Mühlgraben mit der Turbine, die heute noch Strom erzeugt. Von 1898 bis 1973 war in der Mühle das Elektrizitätswerk, das Voraussetzung war für den Bau der Kaserne an der heutigen Bundesstraße. Im Hof findet sich als Naturdenkmal eine Baumgruppe.

Nach rechts geht es hinter der Stadtmauer weiter zu einem Gedenkstein für die  jüdischen Bürger am Weg zur Mikwe. Man sieht den nach innen offenen Hexenturm.

 

 

Es geht erst ein wenig nach rechts und dann gleich wieder links in die Sackgasse. Dort steht das Burgmannenhaus von 1544, das den Herren von Babenhausen gehörte. Dahinter steht der Breschturm, der eigentlich „Spitzer Turm“ heißt und seinen anderen Namen hat von der Belagerung im Jahre 1635, als man hier eine Bresche in die Mauer schlug. Die Stadt mit einer schwachen schwedischer Besatzung, die von den Bürgern tatkräftig unterstützt wurde, trotzte damals der sechs Wochen andauernden Belagerung durch etwa 5.000 Mann kaiserlicher Truppen.

Nach rechts geht es weiter entlang der Stadtmauer. Dann geht es rechts ab in die Gaylinggasse, die auf die Amtsgasse führt, wo - wie üblich - die vornehmsten Häuser der Stadt stehen.

Rechts ist das Haus der Gayling von Altheim, die im Rang gleich nach dem Grafen kamen, Dieses Haus ist aus dem Jahre 1541, die beiden nicht renovierten Häuser gegenüber gehören auch ihnen. Geradeaus ist der Sitz derer von Bernstoff-Axthausen aus dem Jahre 1697. Links ist das Amtshaus von 1560 (Amtsgasse 31).

Im mittelalterlichen Ortskern der Stadt Babenhausen gelegen, bildet das Amtshaus mit den umstehenden, ähnlich imposanten Gebäuden ein beeindruckendes Ensemble. Mit einer Grundfläche von 160 Quadratmetern  und einer Firsthöhe von 16 Metern unterteilt sich das Haus in Keller, zwei Vollgeschosse und zwei Dachgeschosse. Als ältestes Bauwerk der umliegenden Gebäude, die in Stein gehauene Jahreszahl 1546 konnte dendrochronologisch bestätigt werden, diente es wohl ursprünglich als Amts- und Schreibhaus. Dieser Funktion wurde es bald beraubt, eine Wohnnutzung ab dem frühen 17. Jahrhundert ist wahrscheinlich.

Der Bau erlebte vielfältige Umgestaltungen und Grundrissveränderungen. In beeindruckender Form ist nach dem Freilegen des Fachwerkes die ursprüngliche Gestaltung lesbar. Jeder Raum der beiden Vollgeschosse ist mit einer wechselnden farblichen Gefachfassung versehen, die nun sichtbar wurde. Ziel der Sanierung ist es, eine Vielzahl dieser Informationen zur Baugeschichte zu dokumentieren, zu sichern und auch nach Fertigstellung erlebbar zu erhalten.

Katja Boost-Munzel und Reinhard Munzel haben 2004 das zu diesem Zeitpunkt baulich sehr angegriffene Haus erworben und sich mit viel Engagement und Eigenleistung an die Arbeit begeben. Gerade der hohe Anteil an Eigenleistung verzögerte die Arbeiten immer wieder. Reinhard Munzel als gelerntem Zimmermann und Architekten war es sehr wohl klar, auf was für ein Projekt sie sich einlassen, doch sie konnten sich auf eine Vielzahl von Helfern verlassen, die - wie z.B. der Bruder, Vater und Onkel des Bauherrn - als regelmäßige Helfer oder der große Freundeskreis an „Bautagen“ tatkräftig mit anpackten.

Nachdem im ersten Jahr das Ausräumen des Dachgeschosses und die Dachsanierung anstanden, folgten in den Jahren 2006-2008 das Freilegen der Vollgeschosse und die Fachwerkreparatur.

Unsachgemäße Sanierungen der letzten Jahrhunderte hatten zu starken Setzungen geführt, die durch eine Neufundamentierung abgefangen werden musste. Der Fußboden des Erdgeschosses wurde auf einer Fläche von etwa 50 Quadratmetern  um etwa zwei Meter aufgeschüttet, dieses Material mußte auch mit etwa 1700 Schubkarrenladungen nach draußen gefahren werden.

Seit Sommer 2008 ist nun die Sanierung des Baues abgeschlossen, der Innenausbau beginnt. Wir konnten dabei stets auf die fachkundige Beratung der zuständigen Kommunal- und Landesbehörden zurückgreifen, die das Projekt als herausragendes Einzeldenkmal finanziell unterstützen. Die Frage nach dem Zeitpunkt des Einzuges wird jedoch immer noch mit dem inzwischen klassischen Zitat beantwortet: „Wenn es fertig ist!“ (Katja und Reinhard Munzel).

 

Weiter geht es nach links durch die Amtsstraße. Links steht ein Haus von 1705, rechts eins von 1753. Dann geht es nach rechts in die Backhausgasse, in der rechts ein Haus von 1589 steht. Am Ende steht rechts das Pfarrhaus, eines der schönsten Häuser der Stadt mit einem großen Garten.

Die Straße führt auf die ehemalige Apotheke, heute eine Zahnarztpraxis. Die Schnitzerei an dem Haus (und an anderen Häusern) ist von dem gleichen Künstler, der in den 30iger Jahren auch das Wappen im Trausaal des Standesamtes geschnitzt hat.

Dann geht es nach links n die Schloßgasse. Rechts Nummer 10 ist das Kornhaus oder Centhaus, der Fruchtspeicher mit gräflicher Brauerei. In die Wand des Hauses Nummer 3 ist ein Ofenfußstein eingelassen. Er wurde unter gußeiserne Öfen gesetzt und wurde meist bei der Hochzeit zusammen mit den Initialen des Ehepaares und der Jahreszahl geschenkt.

Nach links geht es in die Fahrstraße. Links steht das Haus „Fleischbein“ von 1544 mit einer lateinischen Inschrift. Rechts steht der Gasthof „Zum Schwartzen Bären“.

Damit ist man schon am Marktplatz und sieht auf das Rathaus. Dieses war ursprünglich ein Fachwerkbau von 1804. Es wurde aber im März 1945 zerstört und neu gebaut. Auf dem Platz steht die Martin-Luther-Eiche, eine Pyramiden-Eiche, die von der „Schönen Eiche“ bei Harreshausen abstammt und 1890 gepflanzt wurde. An der Ostseite des Marktplatzes neben dem „Schwartzen Bären“ steht noch das Haus Nummer 3 von 1691.

Die Kirche bestand ursprünglich nur aus dem Chor. In der Westfront der Stadtkirche von Babenhausen steckt unten rechts eine verzierte, ungefähr 28,5 Zentimeter hohe und 43,5 Zentimeter breite Platte. Die Verwitterung ist unerwartet schnell vorangeschritten. Dennoch ermöglicht die optimale Ausleuchtung der Abbildung 1 eine eindeutige Interpretation der Zeichenkomposition. Links kann man die 24 bis 25 Zentimeter langen eingerillten Konturen einer Tuchschere als Zeichen erkennen. Die Tuchschere ist eine mächtige Bügelschere und als Werkzeug von fast zweitausendjähriger Geschichte. Ob bereits die Etrusker die Tuchschere kannten, wissen wir nicht. Die Römer verfügten über dieses Werkzeug. So besitzt das Hessische Landesmuseum Darmstadt in seinen Sammlungen, die im Jahr 1971 im vicus des Kastells Echzell in der Wetterau gefundene, inzwischen restaurierte römische Tuchschere (Abb. 3~. Diese Tuchschere ist 1,05 Meter lang. Im Lauf der Jahrhunderte wurden die Tuchscheren immer schwerer und leistungsfähiger. Die spätmittelalterlichen Tuchscheren dürften um 1,20 Meter lang gewesen sein.

Die Tuchschere war ein Werkzeug der historischen Textiltechnik zur Herstellung dichter, wasserabweisender wollener Tuche. Hierzu wurden die gewebten Tuche zunächst durch mechanisches Walken verfilzt, das verfilzte Tuch mit Distelkarden naß gerauht und die hierdurch aus der Oberfläche des Tuches heraustretenden Fasern mit der auf einem Schertisch liegenden Tuchschere geschoren. Die Tuchschere war nicht nur ein wichtiges, sondern zugleich auch ein teures Werkzeug der historischen Tuchmacherei, weshalb sie im Spätmittelalter den Tuchmachern als Handwerkszeichen diente.

Das Werkzeug rechts ist eine langschneidige, charakteristisch spätmittelalterliche Axt des Zimmermanns zur Bearbeitung des Holzes längs der Faser, also zum Behauen von Kanthölzern und Balken. Diese charakteristische Axt ist in der frühen Neuzeit untergegangen, als man zunehmend das Behauen der Kanthölzer und Balken durch das Sägen ersetzte. Die langschneidige Axt ist das spätmittelalterliche Handwerkszeichen der Zimmerleute. In der Mitte des Reliefs ist das auf Christus zu beziehende Kürzel „ihs“ (in hoc signum) in spätgotischen Minuskeln leicht entzifferbar.

Das Relief zeigt aufgrund seiner beiden Handwerkszeichen der Tuchmacher und Zimmerleute an, daß diese beiden Zünfte der Stadt Babenhausen wesentliche Beträge zum Kirchenneubau im Jahr 1472 stifteten. Üblicherweise findet man die Handwerkszeichen von Stiftern auf Schlußsteinen gotischer Rippengewölbe. In Babenhausen hingegen ließen die stiftenden Zünfte ihre „Stiftungsurkunde“ als Relief in Sandstein hauen und unübersehbar in die Marktfront der Stadtkirche einsetzen. Insofern war und ist dieses Relief ein wichtiger Beleg zum Babenhausener Kirchenneubau des Jahres 1472.

 

 

Rechts vom Altar ist der Grabstein Philipps des Älteren und seiner Frau Anna von Lichtenberg, zusammen mit zwei früh verstorbenen Kindern. Er war der Begründer der Linie Hanau-Lichtenberg, wurde aber in Buchsweiler vom Schlag getroffen und wurde in Babenhausen in der Kirche beerdigt. Die Gräber sind links vor dem Altar und zeigen je zweimal die Hanauer Sparren und den Lichtenberger Löwen. Rechts davon liegt Philipp II. von Lichtenberg mit seiner Frau

In der Reihe davor liegen Philipp III. mit seiner Frau, einer geborenen von Baden-Sponheim.

Sie war streng gläubig im römisch-katholischen Sinne und hatte sogar einen „Beatus“ in der Familien, einen Onkel, der seliggesprochen war. Dieser Bernhard von Baden hatte aufgerufen zum Kreuzzug gegen die Türken. Philipp III. dagegen war ein Studierter und soll sogar den neuen Predigern der Reformation Arbeitsmöglichkeiten gegeben haben.

Weil der Gräfin ein Sohn geboren wurde (der spätere Philipp IV.), stiftete sie den Schnitzaltar in der Kirche. Dieser dreiflügelige Altar mit drei überlebensgroßen Plastiken wurde er um 1515 geschaffen und ist ein bedeutendes Kunstwerk. Der Altar hat allerdings nichts mit Renaissance zu tun, sondern ist noch ganz bestimmt vom Geist der alten Zeit: Im Mittelpunkt stehen der Papst und zwei Bischöfe; rechts ist vielleicht Nikolaus zu sehen (mit dem Fallsüchtigen). So lautet jedenfalls die Erklärung von Herrn Lötzsch vom Geschichtsverein. Andere sagen, der Altar zeige die Heiligen Nikolaus, Valentin und Cornelius.

Links von dieser Dreiergruppe stehen Philipp und Bernhard von Baden (der Mann und der Onkel der Gräfin), rechts die Namenspatrone der Gräfin: Helena (mit dem Kreuz) und Katharina (mit dem Bart).

Unter diesen Schnitzfiguren stehen die Reliquienbehälter. Dabei sind auch Hände, die bei Gerichtsverhandlungen auf den Richtertisch gestellt wurden, so daß man „bei den Heiligen“ schwor. Unten in der Predella ist die Weihnachtsgeschichte dargestellt. Aber man sieht, daß hier ein anderer Künstler am Werk war. Der Stil ist mehr bäuerlich.

Lange Zeit war, die Frage offen, ob der Altar von Riemenschneider stamme. Man nahm ein wenig Einfluß an, größer sei aber aber noch der von Backoffen. Dann hieß es wieder, Mathias Grünewald sei der Schöpfer, der sich auch als Bildschnitzer betätigt hat und sich als solcher 1502 in Seligenstadt niederließ. Der Schnitzaltar stammt aber wohl von keinem der großen Holzschnitzer, sondern wohl von verschiedenen Meistern bzw. Meisterschülern.

An der Wand des Chores sieht man links Bilder aus dem Marienleben. Unter dem Chor befindet sich noch eine Gruft, die mit zwei Steinplatten verschlossen ist. Darin befinden sich Särge aus der Barockzeit, wohl von niedrigen Adligen. Dahinter ist noch eine Kirchenbank mit vier Apostelbildern.

Der Boden des Chors und der Kirche lagen ursprünglich tiefer und soll jetzt auch wieder tiefer gelegt werden. Erst nach der Elsäßer Erbschaft wurde das heutige Kirchenschiff angebaut. Die Kanzel ist von 1594 und hat eine Sanduhr. Gegenüber steht der steinerne Taufstein. Hinter dem Taufstein steht an der Wand der Kirchenstuhl für den Grafen. Der Kirchenstuhl für die Geistlichkeit dagegen steht im Chorraum (es gab in Babenhausen ein Hospital). Die Chorschranke in Form eines eisernen Gitters ist nur noch teilweise vorhanden.

Die Ausmalung der Kirche stammt angeblich von einem Fischer aus Babenhausen, etwa aus dem Jahr 1620. Die Medaillons zeigen Himmelfahrt, Verklärung, Geburt Jesu, Beschneidung Taufe und Gethsemane. Bibelsprüche und Bibelstellen sind jeweils unter die Bilder geschrieben. An den Außenwänden der Kirche sind vorreformatorische Bilder (Wochenende, Seite 148).

Auf dem Rückweg fährt man auf der Platanenallee in Richtung Bahnhof. Dann nach links ein Stück die Bundesstraße entlang und dann gleich wieder rechts nach Harreshausen. Dorthin führt eine doppelte Lindenallee, nur unterbrochen durch die Bahnlinie. Im Ort liegt links ein Jagdschlößchen. Dann biegt man nach links ab, fährt and er Kirche vorbei und aus dem Ort hinaus. Rechts sieht man dann bald eine Baumgruppe, deren markantester Baum die „Schöne Eiche“ ist.

Diese steht dort seit 550 Jahren und ist eine zufällige Mutation, die den pyramidenförmigen Wuchs der Eiche hervorgerufen hat. Von ihr stammen alle Pyramideneichen in der Welt ab, auch die Luthereiche vor der Babenhäuser Kirche. Man kann sie allerdings nicht richtig aus Samen ziehen, sondern man muß ein Reis auf eine andere Eiche aufpfropfen. Eine Zeichnung dieser Eiche gibt es schon aus dem Jahr 1790 (aus dem „Hanauer Magazin“).

 

Ein badischer Markgraf zwischen Heiligen - der selige Bernhard auf dem Altarschrein in Babenhausen

Der gotische Schnitzaltar in der evangelischen Stadtkirche von Babenhausen ist seit einigen Jahrzehnten aus seinem Dornröschenschlaf wiedererwacht und zieht viele Besucher an, die sich am Anblick eines der bedeutendsten Altäre der deutschen Spätgotik erfreuen wollen.

Der Altarschrein  wurde zwischen 1515 und 1518 geschaffen. Seine Schnitzwerke sind aus Lindenholz. Die obere Zone des geöffneten Altares zeigt uns in der Mitte drei überlebensgroße vollplastische Figuren, die beiden Flügel jeweils ebenso große Relieffiguren, links vorn Betrachter aus gesehen, zwei männliche, rechts zwei weibliche Figuren. Die untere Zone zeigt in sieben Gefachen Reliquienträger.

Der Meister dieses Altares ist unbekannt. Die Stilmerkmale weisen auf eine Mischung von fränkischer und mittelrheinischer Herkunft hin. Eindeutig ist, daß es sich um ein Werkstatterzeugnis handelt, was sich in der unterschiedlichen Formensprache des Altarschreines ausdrückt. Walter Hotz bringt Meister Mathis, genannt Grünewald, als leitenden Künstler ins Gespräch, die Darmstädter Ausstellung „Alte Kunst am Mittelrhein“ von 1927 wies ihm kunstgeschichtlich eine Stellung zwischen „Riemenschneider und Backoffen“ zu.

Der Altarschrein stand fast dreihundert Jahre verschlossen im unteren Teil des Kirchturmes, wohin ihn die Reformation in Babenhausen um 1645 verbannt hatte, bis man ihn um 1820 wiederentdeckte und an der Südwand des Kirchenschiffes aufstellte. 1887 wurde der Schrein renoviert und 1939 fand er nach einer großen Kirchenrenovierung seinen alten Platz im Chor der Kirche wieder, wo er sich heute den vielen Besuchern zeigt.

Neben der Frage zu der kunsthistorischen Bedeutung des Altares, seinem Künstler oder „Schöpfer“, seiner Geschichte im Ablauf der Jahrhunderte, taucht beim Betrachten der Schnitzfiguren irgendwann auch die Frage auf, um wen es sich eigentlich bei diesen Figuren handelt, wer sie waren, warum man gerade diese Personen bzw. Heiligen ausgewählt hat, um sie auf dem Altar darzustellen.

Im Mittelalter war der Bezug der Gläubigen zu den Heiligen der Kirche ein anderer als heute, man lebte mit ihnen in enger geistiger Verbindung und einer fast persönlichen Beziehung. Man hatte seinen Namenspatron, den man um Schutz und Hilfe bei irdischen Problemen bitten konnte; es gab unzählige Heilige, die für ganz bestimmte Notlagen „zuständig“ waren. Die bildliche Darstellung dieser Heiligen konnte natürlich nicht so exakt erfolgen, daß man sie anhand ihres Aussehens hätte unterscheiden können, da man gar nicht wußte, wie sie zu ihren Lebzeiten ausgesehen hatten. So wurden den oft schematisch dargestellten Figuren im Laufe der Zeit „Attribute“ beigegeben, also ganz spezielle Merkmale, anhand derer man den Heiligen als eine ganz bestimmte Person identifizieren konnte. Dies geschah z. B. durch die Kleidung (Mönch, Bischof, Papst, Ritter) oder durch Beigabe eines Palmzweigs (Märtyrer) oder spezielle Symbole wie Pfeile (Hl. Sebastian) und vieles andere.

Mit diesem Wissen um die Attribute ging man daran, die Heiligenfiguren des Schnitzaltars zu identifizieren. Da diese Attribute jedoch nicht immer eindeutig waren, gibt es noch heute Differenzen über die dargestellten Personen, z.B. über die Papstfigur im Mittelteil des Schreines. Ursprünglich nahm man an, es handele sich um Papst Gregor den Großen (590 - 604). Heute neigt man mehr zur Auffassung, daß es sich um den hl. Kornelius (251-253). „Papst und Märtyrer“ handelt, während andererseits immer noch der hl. Gregor favorisiert wird. Die Begründung für die eine oder andere Auffassung liegt jeweils im Bezug zur Lokalgeschichte.

Man kann die Deutung der Altarfiguren jedoch aus einer ganz anderen Sicht vornehmen, die die Auffassung entkräftigen könnte, daß hier die Figuren thematisch recht beziehungslos neben- und untereinander stehen. Der Ansatz zu dieser anderen Deutung der Ikonographie des Altares liegt in der Person der Stifterin und ihrer Zeit.

Die Überlieferung erzählt, daß die Gemahlin des damaligen regierenden Grafen, Philipp Ill. von Hanau-Lichtenberg, Sybille, eine geborene Markgräfin von Baden, nach der Geburt von vier Töchtern wieder guter Hoffnung war, ein Gelübde ablegte, sie würde, falls das Kind ein Knabe wäre, zum Dank einen Altar stiften. Ihre Gebete wurden erhört und sie gebar am 20. 9. 1514 einen Sohn, den späteren Philipp IV. Sybille löste ihr Gelübde ein und stiftete den Altar, der kurz vor ihrem Tode im Jahre 1518 fertig wurde.

Die Geschichte des Gelübdes ist eine Legende, aber die Person der Sybille ist historische Tatsache. Sie war eine Tochter des Markgrafen Christoph 1. von Baden, geboren am 26. 4. 1485. Am 24. 1. 1504 heiratete sie in Baden Philipp III., Graf , von Hanau-Lichtenberg, und gebar ihm sechs Kinder. Von den fünf Mädchen starb eines im Jahr seiner Geburt; die Älteste ehelichte einen Grafen Eberstein, die drei anderen gingen ins Kloster Marienborn. Eine dieser drei Nonnen wurde später Äbtissin dieses Klosters. Der einzige Sohn, Philipp IV., führte 1545 die Reformation in Babenhausen ein.

Sybille stammte aus einer streng katholischen Familie, die sich immer - auch aktiv - für den Glauben eingesetzt hatte. Zahlreiche Bischöfe und Äbtissinnen gehörten zu ihren Vorfahren. Ihr Mann, Philipp IIIU., hegte bereits Sympathien für die neue Lehre von Martin Luther, blieb jedoch dem alten Glauben noch treu. Aus dieser Zeit, als sich die herrschende Amtskirche selbst bei ihren treuen Anhängern in Mißkredit gebracht hatte und die Reformvorschläge von Martin Luther immer mehr Zustimmung fanden, stammt der Altar von Babenhausen: Auftraggeberin und Künstler versuchen, noch einmal die alten Werte zu beschwören in einer Zeit des Umbruchs. In der Kunst geht die Zeit der Gotik zu Ende mit ihren strengen Gesetzen der Darstellung religiöser Themen, und die Renaissance, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, nimmt allmählich ihren Platz ein. Im gesellschaftlichen Bereich kämpfen die Bauern um ihre Befreiung aus der Fron. Das mittelalterliche Weltbild, das von der Kirche geprägt war und von ihr beherrscht wurde, war plötzlich in Frage gestellt.

Sybille muß aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Erziehung sehr unter diesen Veränderungen gelitten haben. Wenn man nun die lkonographie des Babenhäuser Altares unter diesem Blickwinkel neu betrachtet, so erscheint die Auswahl der Heiligen plötzlich logisch. Maria Renner schreibt: „Der Bildgedanke, das ikonographische Thema des Altares, ist die Verteidigung des Glaubens in den Gestalten der Heiligen, der Gottesstreiter. So steht in der Mitte der Papst als das Oberhaupt der Kirche, und zwar in einer jener Gestalten, welche den Gläubigen den eigentlichen und - um jene Zeit so traurig verratenen - Sinn des Papsttums vorstellen sollten: Cornelius, der, milde gegen die Irrenden und Abtrünnigen, selber um des Glaubens willen Verbannung und Tod in der Fremde litt. Die beiden Bischöfe an seiner Seite, Nikolaus und Valentin, galten in der Tradition für Wohltäter und Vorbilder der helfenden Liebe - ganz im Gegensatz zu der Welt-Fürstlichkeit mancher der zeitgenössischen Prälaten. In den historischen Heiligen sollte die ideale Erfüllung des Sinnes der kirchlichen Ämter anschaulich vergegenwärtigt werden.“

Die beiden Flügel zeigen in ihren Darstellungen Heilige, die in enger Verbindung zur Familie der Stifterin stehen: Der Apostel Philippus, Namenspatron ihres Gatten, hatte in seinem Reisegespräch einen Fremden vom christlichen Glauben zu überzeugen vermocht, ein erster Verteidiger des jungen Christentum, voll suchender Unwissenheit. Katharina von Alexandrien, die Philosophin, hatte vor den Gelehrten ihres Kreises siegreich für die christliche Offenbarung gesprochen und ihren Glauben mit dem Leben bezeugt. Katharina war die Patronin der Markgräfin Katharina, der Schwester Kaiser Friedrichs III. und Mutter des Markgrafen Christoph.

Kämpfer für den Glauben waren auch Helena, die Kaiserin, die das Kreuz des Erlösers aufgefunden und nach dem Abendland gebracht hatte, und Bernhard von Baden, der Ahnherr der Stifterin.

Merkwürdigerweise ist Bernhard von Baden, der „selige Bernhard“, der am wenigsten Bekannte unter den Schnitzfiguren, obwohl sein Lebensweg durch Urkunden belegt und er uns zeitlich und menschlich näher sein müßte als seine Gefährten auf dem Altar.

In unserer Region wußte man relativ wenig über ihn: Man hatte Kenntnis, daß er mit der Stifterin verwandt war, wobei die Möglichkeiten Bruder, Onkel und Großonkel angegeben werden. Er hat all sein Hab und Gut den Armen vermacht und sich in den Dienst Gottes gestellt. Als 30jähriger ist er auf einer Reise in Italien verstorben,

Das Leben Bernhards und die Geschichte seiner Verehrung sind jedoch so interessant, daß sie verdienen, wieder in die Erinnerung gerufen zu werden. In anderen Gebieten hat das Wissen um Bernhard von Baden über die Jahrhunderte gehalten.

Markgraf Bernhard II. von Baden wurde 1429, wahrscheinlich auf Burg Hohenbaden geboren. Sein Vater war Jakob I., Markgraf von Baden, seine Mutter Katharina von Lothringen. Bernhard war nach Karl der zweite Sohn und hatte noch drei weitere Brüder: Johannes, Georg und Marcus. Seine Erziehung genoß er bei französischen Verwandten am Hof des Königs René von Anjou in Angers. Zu Lebzeiten seines Vaters war Bernhard zweimal in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt, einmal im Städtekrieg 1448 - 1451 (Auseinandersetzungen zwischen den Landesherren von Württemberg und Baden und den in diesen Gebieten liegenden Reichsstädten), ein zweites Mal als Truppenführer für seinen Onkel René von Anjou, der versuchte, in Oberitalien Gebietsansprüche durchzusetzen.

Am 13. 10. 1453 starb Bernhards Vater, Markgraf Jakob I.. Sein Testament bestimmte die Teilung des Landes unter die Brüder Karl, Bernhard und Georg. Die beiden anderen Brüder gehörten dem geistlichen Stand an und wurden nicht bedacht. Auch Georg entschied sich noch für ein geistliches Amt und wurde Bischof in Metz. Am gleichen Tag, dem 1. 8. 1454, stellte auch Bernhard seinen Teil des Erbes für die nächsten zehn Jahre unter die Verwaltung seines Bruders Karl, des neuen Markgrafen. Dies hing jedoch nicht damit zusammen, daß er auch Bischof geworden wäre, denn das war er nie.

Bernhard hatte in der Zwischenzeit eine größere Aufgabe gefunden. Bei seiner Reise an den kaiserlichen Hof nach Wien (453), als er Kaiser Friedrich III. aufsuchte, um das Testament seines Vaters anerkennen zu lassen (Friedrich III. war durch die Heirat seiner Schwester Katharina mit Karl 1. von Baden sein Schwager) lernte er den italienischen Franziskaner Capistran kennen. Johannes von Capistrano hatte ursprünglich Rechtswissenschaften studiert und war Richter, bevor er in den Franziskanerorden eintrat und Priester wurde. Er wirkte über 40 Jahre in Italien, Deutschland' Böhmen und Polen. Zu der Zeit, als Bernhard ihn kennenlernte, trat er als Kreuzzugsprediger gegen die Türken auf und versuchte, die christlichen Führer des Abendlandes zu einer gemeinsamen Abwehr gegen die drohende Türkengefahr zu veranlassen. Am 29. 5. 1453 war Konstantinopel gefallen, als letztes christliches Bollwerk des Abendlandes gegen die andrängenden mohammedanischen Türken.

Bernhard unterstützte ihn bei dieser Aufgabe. Er weilte nun hauptsächlich am kaiserlichen Hof in Wien und betätigte sich als Schiedsrichter und Vermittler in den politischen Wirren und Streitigkeiten. Nachdem Capistran 1456 gestorben war, übernahm Bernhard dessen Amt und versuchte nun selbst, eine Einigung der abendländischen Fürsten zu einem gemeinsamen Widerstand gegen die Türken herbeizuführen. Auf einer zu diesem Zweck durchgeführten Reise wurden seine Gefolgsleute bei Genua von der Pest befallen. Bernhard versuchte, sich mit dem Rest seiner Leute zurückzuziehen, jedoch auch er war schon von der Krankheit gezeichnet und starb im Franziskanerkloster von Moncalieri südlich von Turin am 15. 7. 1458.

 

Mit Bernhards Tod wäre seine Lebensgeschichte eigentlich abgeschlossen und sicher auch für die meisten Menschen in Vergessenheit geraten, wenn sich nicht schon bei seiner Beisetzung Dinge ereignet hätten, die die Ursache dafür waren, daß er heute noch als der „selige Bernhard“ verehrt wird.

Es gibt zeitgenössische literarische Quellen, die die wundersamen Ereignisse nach dem Tode Bernhards schildern, mit von Zeugen bestätigten schriftlichen Aufzählungen und Beschreibungen der Wunder an seinem Grabe, unterstützt von Aussagen der Mitglieder des Kollegiatstiftes von Santa Maria della Scala, der Grabeskirche von Bernhard.

Die erste wunderbare Gebetserhörung fand nach diesen Berichten bereits bei der Totenfeier statt. Bernhard befand sich, als er sich wegen seiner Krankheit in die Obhut der Mönche in Moncalieri begab, nur noch in Begleitung seines alten Lehrers, eines Pforzheimer Franziskanerpaters und seines Knappen. Er starb als Fremder in einer fremden Stadt. Sein Lehrer, Pater Johannes hielt die Gedächtnisrede, er beschrieb den Lebenslauf des von seinem Auftrag Abberufenen. Während dieser Totenfeier legte ein Mann, der infolge eines Beinleidens an Krücken ging, ein Gelübde ab, daß er ein Bild des Verstorbenen malen lassen würde, wenn er von seinem Leiden erlöst würde. Er ging ohne Krücken davon. Die Kunde dieser Erhörung verbreitete sich rasch. In den folgenden Jahren häuften sich die Berichte über ähnliche unerklärliche Heilungen und bald galt Bernhard dem Volk als Heiliger

Auch die offizielle Kirche schließt sich dieser Meinung an. Der ehemalige Sekretär von Kaiser Friedrich III., Enea Silvio Piccolomini, der im Todesjahr Bernhards als Papst Plus II. die Leitung

der Kirche übernahm, erklärte bei einem offiziellen Anlaß, daß er den Umgang, mit dem Markgrafen Bernhard von Baden, der im Rufe der Heiligkeit gestorben sei, überaus geschätzt habe.

Bereits im Todesjahr Bernhards begannen, zusammen mit seiner Verehrung, auch die bildlichen Darstellungen. Die älteste bekannte Darstellung ist eine Votivtafel, ein Geschenk der Brüder von Bernhard an die Kirche in Moncalieri aus dem Jahr 1475. Diese Tafel wurde 1890 von dem Schweizer Pater Odilo Ringholz bei den Reliquien in Moncalieri gefunden. Pater Ringholz hatte Ende des vorigen Jahrhunderts die schriftlichen Quellen über Bernhard erforscht und 1892 eine wissenschaftliche Monographie über ihn herausgegeben, die 1908 in einer erweiterten italienischen Ausgabe erschien.

Auf dieser Votivtafel wird Bernhard als Ritter dargestellt, in der rechten Hand eine Lanze mit Wimpel in den badischen Farben haltend, in der linken einen Schild. In Kinnhöhe befindet sich die Aufschrift „bon bernhart“ Diese Votivtafel kann als bestimmend für den Typus der Bernhard-Darstellungen bis ins 18. Jahrhundert hinein gelten.

Auf Betreiben der Brüder Bernhards wurde im Jahre 1480 der Seligsprechungsprozeß eingeleitet und durch ein Breve von Papst Sixtus 1480 bestätigt. Diese Bestätigung hielt man fast zwei Jahrhunderte lang für die erfolgte Seligsprechung; der Seligsprechungsprozeß war aber damals formell nicht beendet worden.

Im Glauben an die Benifikation setzte nun eine starke Verehrung auch außerhalb Italiens ein, nämlich in Baden und Lothringen, überall dort also, wo sich Mitglieder des Hauses Baden befanden. So kam auch die Darstellung Bernhards auf den Altar in Babenhausen. Sechzig Jahre nach seinem Tode wird er ähnlich dargestellt wie auf der Votivtafel in Moncalieri: als Ritter mit Wimpel in den badischen Farben, jedoch mit Schwert statt Schild.

Während der Reformationszeit ist das Wissen um Bernhard nördlich der Alpen ziemlich in Vergessenheit geraten, nicht nur außerhalb der badischen Lande. Auch in Babenhausen, wo 1545 die Reformation eingeführt wurde und der Altar, im Kirchturm eingelagert, den Blicken der Menschen entzogen war, wußte bald niemand mehr etwas von einem „seligen Bernhard“. Als der Altar 1820 wieder aufgestellt wurde, sah man in der Figur des Ritters den hl. Florian, wie man in der Beschreibung des Altares von 1829 durch J.W.C. Steiner nachlesen kann.

In Italien blieb die Verehrung Bernhards jedoch immer lebendig. Es erschienen mehrere Lebensbeschreibungen über ihn, die zum Teil auch ins Deutsche übersetzt wurden. Die bildlichen Darstellungen wandelten sich, dem Zeitgeschmack entsprechend, vom gotischen Ritter zum antiken Krieger. Als solcher wird er auch auf einem Kupferstich von 1722 als Schutzpatron der Stadt Moncalieri dargestellt. Parallel zur Verehrung in Moncalieri hielt sich diese auch ununterbrochen in Lothringen.

Im Jahre 1758 teilte der Bürgermeister von Moncalieri dem Markgrafen Ludwig Georg von Baden mit, daß man am 15. 7.1758 die dritte Hundertjahrfeier von Bernhards Sterbetag begehen werde. Der Markgraf wollte daraufhin diesen Gedenktag auch in seinem Land festlich begehen und erbat dafür die Genehmigung beim Bischof von Speyer. Diese Genehmigung wurde ihm jedoch nicht erteilt, denn die Seligsprechung war nicht beurkundet. Durch das Einsetzen der Gegenreformation war die katholische Kirche vorsichtig geworden, was die Verehrung von Personen als Heilige betraf. Ein Dekret von Papst Urban VIII. von 1634 bestimmte, daß jede Verehrung untersagt war, wenn kein Selig- oder Heiligsprechungsprozeß durchgeführt worden war. Es gab jedoch eine Vereinfachung des Prozeßverfahrens, wenn der Nachweis einer vom Jahr 1634 ausgehenden mindestens hundertjährigen Verehrung geführt werden konnte. Diese Verehrung konnte aber nur in Moncalieri nachgewiesen werden. Als jedoch Markgraf Ludwig Georg hörte, welche Kosten die Wiederaufnahme das Seligsprechungsverfahrens verursachen würde, verschob er vorerst einmal den Antrag auf einen neuen Prozeß. Er verstarb im Jahre 1760 kinderlos und sein Bruder August Georg trat sein Erbe an. Dieser veranlaßte 1767 eine Voruntersuchung durch den Bischof von Turm, die die Unterlage für den römischen Prozeß bildete, der mit der Anerkennung der rechtmäßigen Verehrung Bernhards von Baden als Seliger endete. Papst Clemens XIV. bestätigte am 16. 9. 1769 dieses Dekret.

Jetzt wurde die Seligsprechung in Baden vielfach gefeiert, nicht nur im Bistum Speyer, sondern auch im Bistum Straßburg und Konstanz, die sich ermächtigen ließen, die Verehrung Bernhards zu gestatten. 177/1 wurde nach dem Tode des Markgrafen August Georg die badischen Lande wiedervereinigt und erweiterten sich in den folgenden Jahrzehnten stark. Das Großherzogtum Baden reichte 1806 vom Bodensee bis Wertheim. Zwei Drittel der Bevölkerung waren katholisch. 1821

wurde Bernhard von Baden badischer Landespatron. Seinen 400. Todestag im Jahre 1858 beging man mit großen Feiern. Zum Gedächtnis seines 500. Todesjahres wurde ein Bernhardus-Jahr ausgerufen. In einem Pilgerzug brachte man seinen Sarkophag von Moncalieri nach Freiburg. Mit einem Pilgerzug wurde der Schrein auch wieder zurückgebracht und in der Stiftskirche Santa Maria della Scala wie            der aufgestellt. Die Verbindung zwischen Baden und Moncalieri besteht bis in unsere Tage.

Die politischen        Verbindungen zwischen Babenhausen und Baden gehören der Vergangenheit an, aber sie waren der Anlaß für die Darstellung Bernhards auf dem Babenhäuser Schnitzaltar: der selige Bernhard, ein Großonkel der Stifterin, und ein Kämpfer für die Erhaltung des christlichen Glaubens in den Zeiten der Türkengefahr.

Die Verehrung Bernhards in Babenhausen ist Erinnerung geworden, aber seine Darstellung auf dem Altar hat heute aus religions- und vor allein kunstgeschichtlicher Sicht eine besondere Bedeutung gewonnen: es handelt sich um die älteste erhaltene Darstellung Bernhards auf einem Altar, zudem noch außerhalb der eigentlichen Gebiete seiner Verehrung.

Maria Renner schreibt in ihrem Buch über die Ikonografie Bernhards: „Für die lkonografie Bernhards bedeutet der Altar zu Babenhausen ein einmaliges Zeugnis der Darstellung in der Zeit der Wandlungen, das Bild, das erhalten blieb, während in der alten Markgrafschaft Aufruhr und Entfremdung, alles Bildwerk der vergangenen Zeit wegräumten. Diese Darstellung Bernhards gestattet Schlüsse auf andere in den Gebieten, in denen Angehörige der badischen Familie die Erinnerung bewahrten.“

 

 

Stadtteile:

Sickenhofen

ist im alten Evangelienbuch der Abtei Seligenstadt bereits im 9. Jahrhundert erwähnt. Sickenhofen hat heute 1200 Einwohner und ist bekannt  für seinen vorzüglichen Spargel. Die klassizistische Kirche von 1831 ist ein Werk des Landbaumeisters Georg Lerch.

 

Harreshausen

gehörte zum hanauischen Herschaftsbesitz und war seit jeher eng mit Babenhausen verknüpft. Im Ortskern wurde 1740 ein historisches Jagdschlößche0 erbaut. Von dort führt auch heute noch eine schnur-gerade Allee nach Babenhausen. Harreshausen hat heute etwa 1300 Einwohner.

Unweit des Ortskerns nach Westen zu (einfach durch den Ort weiterfahren) steht die sogenannte "Schöne Eiche", die Mutter aller Pyramideneichen. Sie eine Mutation, bei der die Äste nach oben wuchsen und dem Baum das Aussehen einer Pyramide gaben. Im 18. Jahrhundert wurde sie in alle Welt exportiert an Baumliebhaber (aber nur zwei Prozent der Samen haben diese Mutation). Sie ist 540 Jahre alt und heute nur noch ein kräftiger Stamm  mit einzelnen Trieben. Eine neue Pyramideneiche steht im Ort (beim Gutshof?).

 

Langstadt

Das bereits 1267 urkundlich erwähnte Langstadt ist in seiner dörflichen Struktur besonders gut erhalten. Zentrum des Dorferneuerungsprogramms von 1983 - 1992 war die zu einem Anger ausgebildete Hauptstraße. Überragt wird Langstadt von der neugotischen Kirche aus dem Jahre 1880. Langstadt hat heute 1650 Einwohner.

 

Harpertshausen

ist mit etwa 700 Einwohnern der kleinste der fünf Stadtteile. Von besonderem Interesse sind zwei Gebäude, die im sogenannten „historistischen Stil“ errichtet wurden, das kombinierte Rat-, Bet- und Spritzenhaus von 1867 und das ehemalige Schulgebäude mit schönem Zierfachwerkgiebel.

 

Hergershausen

ist mit 1950 Einwohnern der größte Stadtteil und wurde 1340 erstmals urkundlich erwähnt. Im ehemaligen Dorf sind mehr als 20 Bauernhäuser denkmalgeschützt. Die Barock~Kirche von 1712 besitzt schöne ornamentale Malereien und eine historisch wertvolle Orgel aus dem Rokoko.

 

 

Schaafheim

Alte Kapelle, Weinbergstraße.

Die wurde 1515 erbaut, 1570 zum ersten Schaafheimer Schulhaus umgebaut und restauriert 2004-06, Hessischer Denkmalschutzpreis 2007.

Die Evangelische Kirche (Weinbergstraße) ist 1839-41 erbaut von Georg Moller.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausflüge Darmstadt

 

Grube Messel:

Rechtzeitig zur 1200-Jahr-Feier im Sommer 2000 erstrahlte die bedeutendste Attraktion von Messel im frischen Gewand. Mit großem finanziellen und ehrenamtlichen Engagement von Gemeinde und Bürgern wurde das Fossilienmuseum für die berühmten Funde der Grube Messel von Grund auf saniert und erweitert. Im Zwischentrakt des ehemaligen Rathauses, einem Fachwerkgebäude aus dem 17. Jahrhundert, findet sich nun eine erdgeschichtliche „Uhr”, die hinführt zur Periode vor etwa 50 Millionen Jahren, jenem Erdzeitalter (Eozän), dem die Versteinerungen entstammen. Die einzigartig konservierte Fauna und Flora, das berühmte Urpferdchen, Fische, Alligatoren, Vögel, Fledermäuse, Schildkröten und selbst Insekten und Blätter, kommen in dem erneuerten Museum besser zur Geltung. Wo es früher beengt zuging, liegen und hängen die Fossilien nun in repräsentativ gestalteten Vitrinen.

 

Am Rande des Weltnaturerbes Grube Messel haben die Vorbereitungen für den Bau eines Informationszentrums begonnen: Vom Frühjahr 2005 an werden die Besucherinnen und Besucher dort auf rund 700 Quadratmetern Wissenswertes über die Fossilienfundstätte und ein gastronomisches Angebot vorfinden.

Seit April 2003 sucht das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit einem Architektenwettbewerb Vorschläge für die Gestaltung des Gebäudes. Außerdem wurde vor einigen Wochen mit dem Abriß einer Müllumladeanlage begonnen: Hier soll von Anfang 2004 an das Besucherzentrum entstehen. Und: Vom Frühsommer an wird eine im Januar gegründete Gesellschaft das Konzept entwickeln. Die Grube Messel-GmbH, deren Gesellschafter das Land und das Frankfurter Senckenberg‑Institut und die Gemeinde Messel sind, soll das Besucherzentrum später auch betreiben.

Die Liste der Vorgaben dafür ist derweil schon fertig. So sollen die Besucherinnen und Besucher künftig die Möglichkeit haben, an einer virtuellen Führung durch die Grube teilzunehmen. Außerdem wird es im Besucherzentrum Fossilien zum Anfassen geben: Denn der Zugang zur realen Grabe ist nur im Rahmen einer Führung möglich. Und auch dann ist das Anfassen und Sammeln von Fossilien verboten ‑ zum Leidwesen der vielen Schulklassen, die jedes Jahr zwischen Frühjahr und Herbst durch die Grube geführt werden.

Geplant sei aber kein neues Museum, sagt ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums: Wir wollen ein Informationszentrum, das auf das Senckenberg‑Museum in Frankfurt, das Hessische Landesmuseum in Darmstadt und das Heimatmuseum in Messel verweist. Das Messeler Heimatmuseum ist bis Ende Oktober dienstags bis sonntags zwischen 14 und 17 Uhr geöffnet. Der Weg von der Grube zum Museum ist ausgeschildert. Dort gibt es auch Informationen über Führungen. Tel: 06159/5064.

 

Den ehemaligen Ölschiefer‑Tagebau, der 1995 in die Liste der Unesco‑Weltnatur­erbe- Stätten aufgenommen wurde, besuchen jährlich rund 60.000 Menschen. Viele von ihnen kommen in Gruppen, die sich vom Senckenberg‑Institut, dem Landesmuseum oder dem Messeler Heimatverein durch die Grube führen lassen. Allein der Heimatverein biete im Jahr rund 200 Führungen an.

Mit etwas Glück können die Interessierten den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Senckenberg‑Instituts bei der Arbeit zusehen. Denn die forschen nach wie vor in der Grube nach weiteren Fossilien: Die Funde waren in der Vergangenheit reichhaltig: Unter anderem wurde hier das berühmte Urpferdchen gefunden mit dem Frankfurt jüngst für Olympia warb. Außerdem brachte die Grube versteinerte Vögel, Reptilien und Pflanzen ans Tageslicht: Viele von ihnen wurden komplett mit Haut, Haaren und sogar Mageninhalt gefunden. Einzelbesucher können von einer offenen Plattform  einen Blick in die 60 Meter tiefe Grube werfen.

 

Das gewaltige Becken von einem Kilometer Durchmesser gehört wieder weitgehend der Natur. Nur sah sie damals, vor Jahrmillionen ganz anders aus als heute. Zu jener Zeit lag die Gegend des vorderen Odenwaldes noch auf dem Breitengrad Siziliens. Statt Kiefern und Lärchen gedieh die üppige Vegetation subtropischer Regenwälder bei einem Jahresmittel von 20 Grad (heute 9 Grad). Der Rhein-Main-Raum lag damals so südlich wie heute Neapel. Mit rund 20 Grad Durchschnittstemperatur war es deutlich wärmer als jetzt.

Vor rund 35 Millionen Jahren: Palmen, riesige Bäume und ein schier undurchdringliches Dickicht aus Gräsern und anderen Pflanzen bedeckten das Land am Main. Idealer Lebensraum für die größten Landbewohner aller Zeiten und ihre Nachfahren. In der subtropischen Atmosphäre wucherten Palmen, Lorbeer- und Walnußbäume, Büsche und mehr. Kleine Seen bildeten ein ideales Terrain für Fledermäuse, Schlangen, flamingoartige Vögel, Pferde, Fische, Krokodile oder Alligatoren und viele andere Tierarten.

Nachdem die Dinosaurier und andere Riesentiere ausgestorben waren, ergriffen sie Besitz vom späteren Regierungsbezirk Darmstadt und seiner Umgebung. Zwischen Neckar und Main breitete sich ein höchst lebendiger und spektakulärer Urwald aus. Heute ist davon weit und breit nichts mehr zu sehen. Jedenfalls an der Oberfläche.

 

Als erste stießen Grubenwerker des Eisenhüttenwerks Michelstadt im Odenwald vor über 100 Jahren auf der Suche nach Braunkohle in einem der früheren Seen dieser Region, der heutigen Grube Messel (ein paar Kilometer südöstlich von Langen) auf Ölschiefer mit hervorragend erhaltenen Versteinerungen von Reptilien aus jener Zeit.

Die Funde ließen die Archäologen aufhorchen und sie fingen selbst zu graben an. Schaufel für Schaufel legten sie einen Fund nach dem anderen frei; einer spektakulärer als der andere.

 

Vielleicht lag es an ihrer fehlenden Übung im PR-Geschäft, daß die Öffentlichkeit erst allmählich von ihren sensationellen Entdeckungen Kenntnis nahm. So konnten noch in den achtziger Jahren eifrige Müllentsorger unbehelligt den Plan verfolgen, aus der archäologischen Schatzkiste eine Müllkippe zu machen.

Erst der energische Protest aufmerksam gewordener Bürger und Wissenschaftler verhinderte den Untergang des weltweit einmaligen Schatzes. Schließlich erwarb 1991 das Land die Grube und stellte sie unter Denkmalschutz. Seit 1995 gehört Messel zum Weltkulturerbe der Menschheit und ihre Funde zum Außergewöhnlichsten, was weit und breit aus der ,,Zeit der Morgenröte“, dem Eozän, erhalten geblieben ist.

 

Warum gerade in Messel? Die Meinung der Wissenschaftler: Durch vulkanartige Ausbrüche entstanden Senken, in denen sich Wasser sammelte. Das stehende Gewässer und das feucht-warme Klima boten ideale Voraussetzungen für rasches Algenwachstum, das dem Wasser Sauerstoff entzog und überdies mit Gasen unterirdischer Herkunft versetzt war. Das lebensfeindliche Gemisch war ideale Voraussetzung für die Bildung von Ölschiefer und dieser wiederum ideal für die natürliche Balsamierung verstorbener Tiere. In ihrem Wassergrab hatten die Tierreste keine natürlichen Feinde und blieben so der Nachwelt erhalten.

Nirgendwo sonst, so schwärmen die Wissenschaftler, hätten sie bis heute so einzigartige und gut erhaltene Versteinerungen aus jener Epoche gefunden wie hier. Die Fossilien enthielten teilweise sogar noch den kompletten Darminhalt. Dies erlaubt Rückschlüsse sowohl auf die Flora jener Zeit wie auch beweist es, daß bei den Urpferdchen ausschließlich Grünes auf dem Speiseplan stand. Damit nicht genug: Gefundene Embryos, Hautschatten und Haarreste sprechen für die Experten eine beredte Sprache.

 

Die Grube Messel, das einzige Unesco‑Weltnaturerbe Deutschlands, besitzt eine neue Attraktion: Dank der 1997 eröffneten Besucher‑Plattform am Rande des 60 Meter tiefen Geländeeinschnitts können erstmals auch interessierte Laien einen Blick durch das weitgeöffnete Fenster der Erdgeschichte tun. Zum Schutz vor Raubgräbern mußte der Zugang zur Grube bislang für die Öffentlichkeit gesperrt bleiben, betreten werden durfte sie nur bei Führungen. Mit dem Aussichtspunkt bietet sich nun die Möglichkeit, auch individuell an das riesige Erdloch zu gelangen. Tief unten sieht man bei gutem Wetter die Paläontologen bei der Arbeit, wie sie geduldig Schicht um Schicht aus dem Ölschiefergestein lösen. Es muß nicht immer eins der berühmten „Urpferdchen“ sein, das dort geborgen wird. Auch die Ausbeute vom konservierten Blatt bis zum vollständig erhaltenen Krokodil ist ohne Beispiel.

Weltweit gibt es keine zweite Fossilienfundstätte, die ein derart differenziertes Bild der Flora und Fauna aus der Zeit vor rund 50 Millionen Jahren, dem Eozän, zeichnet. Dies ist unter evolutionsgeschichtlichen Gesichtspunkten um so bemerkenswerter, da sich nach der großen Zeitenwende zum Tertiär und dem Aussterben der Dinosaurier mit den Funden von Messel die explosionsartige Entwicklung der Artenvielfalt unter den Säugetieren belegen läßt.

 

 „Mutter mit Kind“ haben es die Forscher getauft, das trächtige Urpferdchen, das sie aus der Tiefe der Grube Messel ans Tageslicht geholt haben. Der bei Wirbeltierfossilien aus dem Unesco‑Weltnaturerbe häufig nachgewiesene Magen‑Darm‑Inhalt wird Aufschluß über die letzte Mahlzeit des Foxterrier‑großen Fundes mit dem wissenschaftlichen Namen Propalaeotherium parvulum geben. Bei dem erwachsenen Tier handelt es sich um eine trächtige Stute ‑ im Beckenbereich fanden sich Knochen eines Fötus. Woran „Mutter mit Kind“ gestorben ist, können die Wissenschaftler übrigens nicht rekonstruieren.

Weltweit gibt es nur drei vergleichbare Funde, doch das Messeler ist der schönste. Er gehört auch zu den vollständigsten Zeugnissen des Eozän, die bislang in der südhessischen Grube freigelegt worden sind. Mehr als 70 Urpferde zählt die Messel-Herde inzwischen ‑ und ist damit die größte der Welt. Allerdings sind dabei auch einzelne Knochen mitgerechnet.

Die Urpferdchen sind alle den Weg der schwangeren Stute gegangen ‑ sie sind ausgestorben. Die heute bekannten Pferde stammen nicht von ihnen ab, sondern sind erst sehr viel später über Amerika eingewandert. Dennoch spielen die Urpferde für die Erklärung der Evolution eine wichtige Rolle. Hier in Messel steht die Wiege der modernen Säugetiere.

 

Mit einem kleinen Sprung hüpfen Diplom-Geologin Janine Treusch und eine Gruppe Kinder in die Vergangenheit. „Wir sind jetzt 47,6 Millionen Jahre vor unserer Zeit, um uns herum ist Regenwald”, stimmt die Umweltpädagogin die sechs bis zwölf Jahre alten Besucher auf einen Gang durch die Grube Messel ein, Deutschlands einzigem UNESCO-Weltnaturerbe.

Direkt vor den Kindern klafft ein großes rundes Loch: Die Grube Messel war früher ein tiefer See, der durch einen Vulkanausbruch entstanden ist. Damals lebten in dem Gebiet bei Darmstadt exotische Tiere wie bis zu fünf Meter lange Krokodile oder das berühmte Urpferdchen, der kleine Vorgänger heutiger Pferde. Das Klima war heiß und feucht, die Region war ein großer Regenwald.

Die Grube hat einen Durchmesser von rund 800 Metern und ist etwa 130 Meter tief. Dem Protest der Messeler Bürger ist zu verdanken, dass die wichtige Fundstätte nicht als Mülldeponie endete, sondern statt dessen 1995 von der UNESCO unter Schutz gestellt wurde. Das Wasser des ehemaligen Kratersees wird seit den Deponieplänen allerdings abgepumpt: So können heute Paläonto‑

logen forschen, während die Besuchergruppen der Fossilienfundstätte auf den Grund gehen.  „Lange haben die Forscher gerätselt, wie dieses tiefe runde Loch entstand”, berichtet Treusch ihren jungen Zuhörern, die für die Dauer des Ausflugs in die Vergangenheit Namen von Regenwald-Tieren tragen.

Erst vor sechs Jahren habe man die Antwort gefunden: Bei Bohrungen in mehr als 400 Metern Tiefe wurden Steine entdeckt, die nur bei vulkanischen Explosionen standen sein können. Nach der Explosion füllten Wasser und hinabrutschende Schuttmassen den See teilweise wieder auf, Algen setzten sich als Faulschlamm ab. Daraus konnte der Ölschiefer entstehen, in dem die Paläontologen mehr als 50.000 Spuren ehemaligen Lebens entdeckten. Viele Funde sind sehr gut erhalten: komplette Skelette mit Haut und Haaren, Muttertiere mit Föten und Mägen mit der letzten Mahlzeit wurden hier entdeckt. „Die Grube Messel ist eine der reichsten Säugetier-Fossillagerstätten der Welt”, sagt Geschäftsführerin Marie-Luise Frey. Zu den besonders aufsehenerregenden Funden gehört das Urpferdchen, das so klein ist wie ein Terrier und an den Vorderbeinen vier, an den Hinterbeinen drei Zehen hat, die später zu Hufen verwuchsen. Während ihre größeren Nachkommen sich von Gras ernähren, fraßen die Urpferdchen Blätter. „Im Bauch eines Tieres wurden auch Weintrauben gefunden”, berichtet Treusch. Während der Faulschlamm für die Nachwelt ein Segen ist, war der verschmutzte See für die Tiere im Regenwald möglicherweise eine tödliche Falle. Viele von ihnen sind wohl ertrunken oder haben sich gar vergiftet, vermutet die Fachwelt - ohne es allerdings genau zu wissen.

„Warum wir Fische im Ölschiefer fanden, ist klar, sie lebten schließlich im Wasser. Aber wie kamen die mehr als 70 Urpferdchen dorthin, die bereits gefunden wurden?”, fragt Treusch ihre jungen Gäste. „Sie sind im Schlamm ausgerutscht und über den steilen Kraterrand gefallen, als sie trinken wollten”. mutmaßt der elf Jahre alte Daniel, der heute Ameisenbär heißt. Warum die fünf Meter langen Krokodile die kleinen Pferdchen nicht fraßen, weiß er aber auch nicht. Die zwölf Jahre alte Sabea vermutet, dass Urpferdchen den Krokodilen vielleicht nicht schmeckten.

Das wäre zwar denkbar, sagt Treusch. Aber wie die Pferdchen tatsächlich starben, sei nach wie vor unbekannt. Fest stehe nur, dass sie meist körperlich unversehrt entdeckt wurden. Wie sie in den See kamen, müssten Forscher jedoch erst noch erkunden. Der achtjährige Leon kann sich diese Aufgabe später einmal durchaus vorstellen: „Wenn ich ein Fossil finde, werde ich Forscher. Sonst gehe ich lieber zum FBI“.

Wanderung: Elvira Klein, Frankfurt II, Seite 139, und Rhein-Main, 206.

 

Messel:                                                                                                        18.12.208

 Den Grundstein für das Ausstellungsgebäude „Zeit und Messel Welten“ legte Wissenschaftsministerin Silke Lautenschläger am 17.12.2008. „Ich freue mich sehn dass wir die Besucher bald angemessen empfangen und informieren können“, sagte Lautenschläger. Bislang stehen am Rand des 130 Meter tiefen ehemaligen Kratersees bei Darmstadt nur Baracken für die jährlich rund 22.000 Besucher bereit.

Das Zentrum an der einzigartigen Fossilien-Fundstätte kostet fünf Millionen Euro, die Ausstattung weitere zwei Millionen Euro. Die Grube Messel wurde 1995 von der Unesco in die Liste des Welterbes der Menschheit aufgenommen. Das Gebäude mit einer Nutzfläche von 870 Quadratmetern ist von der Schichtung des Ölschiefers abgeleitet, in dem die Fossilien in Messel ungewöhnlich gut erhalten blieben: „Die Besucher werden künftig die Erdschichten sinnbildlich durchwandern“, sagte Lautenschläger.

Die Gäste sollen über die rund 47 Millionen Jahre alte Vergangenheit der Fossilienfundstätte informiert werden. Auch das berühmte Messeler Urpferdchen wird zu sehen sein. Die Informationen sollen nach den Plänen des Büros Holzer Kobler Architekturen (Zürich) mit wissenschaftlichen Hintergründen auf „unterhaltsame Art“ vermittelt werden und die „Wertvollen Fossilienfunde atmosphärisch erlebbar machen“.

Angedacht sind unter anderem virtuelle Blicke in die Tiefe der Grube. In einem Dschungel tauchen Besucher in eine schillernde Welt ein, die durch eine Vielfalt von Pflanzen und Tieren medial belebt wird: Als die Grube vor 50 Millionen Jahren durch einen Vulkanausbruch entstand, lag Messel im Regenwald. In der Region herrschte subtropisches Klima. Eine Aussichtsplattform auf dem Dach wird einen Panoramablick ermöglichen. In Außenanlagen sind Themengärten zu den Bereichen Maarvulkanismus, Regenwald und Klima, Evolution und Biodiversität geplant. Außerdem soll ein „Welten- und Expeditionsgarten“ mit den ursprünglichen Pflanzen der Region angelegt werden.

„Es soll eine ganz neue Erfahrungswelt geschaffen werden“, sagte die Geschäftsführerin der Welterbe Grube Messel gGmbH, Marie-Luise Frey. Sie hofft, dass das Zentrum eine zentrale Position bei der Vermittlung von geo -und naturwissenschaftlichem Wissen an die Öffentlichkeit einnehmen wird: „Südhessen soll zum Vorreiter und Zugpferd in der europaweiten Kooperation und touristischen Vermarktung von Welterbestätten mit Geoparks werden.“ Frey erwartet, dass sich die Zahl der jährlichen Besucher in Messel durch das Zentrum auf 100.000 fast verfünffacht.

 

Im März 2009 hat das Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt sensationell erhaltene Neufunde aus der südhessischen Grube Messel vorgestellt, und zwar Überreste aus grauer Vorzeit, die vom metallisch schimmernden Prachtkäfer über die Ur-Echse bis hin zum kletternden Ur-Hufer reichten. Die Fossilien wurden in den Jahren 2007 und 2008 auf Deutschlands einzigem Weltnaturerbe ausgegraben. Die Grube Messel - ein ehemaliger Kratersee - gilt als weltweit einzigartige Fossilienstätte. Die dort entdeckten Skelette aus dem Eozän - der Zeit vor rund 47 Millionen Jahren - sind oft vollständig erhalten.

Die Grube - rund 20 Kilometer südöstlich von Frankfurt bei Darmstadt gelegen - entstand vor 50 Millionen Jahren durch einen Vulkanausbruch. Damals lag Messel im Regenwald mit einem ganzjährig feucht-warmen Klima. Seit 1974 wird in Messel gegraben. Bekannteste von mehreren hundert dort entdeckten Tier- und Pflanzenarten ist das etwa 30 Zentimeter große Urpferdchen, das als Vorfahr des Pferdes gilt. Unter den Neufunden ragt bei den Insekten nach Angaben der Forscher der etwa 15 Millimeter große Prachtkäfer (Psiloptera) hervor, der auch nach 47 Millionen Jahren seine bunte Färbung behalten hat. Vertreter dieser Art kommen heute nur noch in den Tropen vor. Dazu gehört auch eine Weber-Ameise, die während ihres Hochzeitsflugs in den ehemaligen Messelsee gestürzt und ertrunken ist. Die Weber-Ameise baut ihr Nest aus lebenden Blättern.

Unter den Reptilien konnte eine etwa 50 Zentimeter große Krustenechse identifiziert werden, deren heutige Verwandte (Helodermatiden) in den USA wegen ihrer Giftigkeit als „Bullbeißer der Echsenwelt“ gelten. Auch die in Messel gefundene Echse zeige schon typische Giftrinnen an den Zähnen, sagte der amerikanische Reptilienexperte Krister Smith.

Unter den Neufunden sind die Forscher besonders auf den kletternden Urhufer (Kopidodon macrognatus) stolz. Das knapp ein Meter lange Tier hatte eine langen buschigen Schwarz und ernährte sich von Pflanzen und Früchten. Weitere Erkenntnisse über das Tier werden vom gut erhaltenen Mageninhalt des Neufundes erwartet. Auch ein hervorragend erhaltenes Exemplar eines der ältesten Nager der Erdgeschichte (Masillamys) gehört zu den jüngst geborgenen Fossilien. Ebenfalls wieder gefunden wurde ein archaisches Säugetier (Leptictidium auderiense), das durch eine 2001 ausgestrahlte BBC-Dokumentation über Messel weltberühmt wurde. Der Vierbeiner bewegte sich - ähnlich wie ein Känguru - nur auf zwei Beinen fort. Das im vergangenen Jahr gefundene Exemplar ist das erste Jungtier dieser Gattung und hatte einen sehr langen Schwanz. Dieser Urhufer aus der Grube Messel hat den Wissenschaftlern - wie hier Stephan Schaal - sogar seinen gut erhaltenden Mageninhalt hinterlassen.   

 

Ältester Vorfahre des Menschen entdeckt                                                       22.05.09

Ein 47 Millionen Jahre altes Uraffen-Fossil aus der Grube Messel bei Darmstadt liefert nach Forscheransicht bahnbrechende neue Informationen über die Evolution des Menschen. Die sehr gut erhaltene Versteinerung sei möglicherweise ein „missing link“, ein bislang fehlendes Verbindungsstück an der Wurzel zum Stammbaum des Menschen. Die Forscher präsentieren den Fund namens „Ida“ im Fachmagazin „PLoS ONE“ (online). „Ida“ sei damit der bei weitem älteste Vorfahre des Menschen, schreiben die Forscher. „Wir haben nicht nur das komplette Skelett, sondern auch die kompletten Körperumrisse und den Darminhalt“, schwärmt Mitautor Jens Lorenz Franzen vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt. Das Tier hat Ähnlichkeit mit Lemuren, das sind Halbaffen, wie sie heute noch auf Madagaskar leben.

Der Frankfurter Paläontologe Jens Franzen weist die Kritik an der medienwirksamen Präsentation des Uraffen- Fossils „Ida“ zurück. „Welcher Fehler sollte darin bestehen, wenn wir die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, was die Wissenschaft zu bieten hat - dass es noch etwas mehr gibt als erfolgreiche Sportler und gute Musik?“, sagte der Spezialist vom Forschungsinstitut Senckenberg der Deutschen Presse-Agentur. Wichtig sei, dass das Ergebnis auf solider wissenschaftlicher Arbeit ruhe.

Nachdem in der Grube Messel bei Darmstadt ein extrem gut erhaltenes, etwa 47 Millionen Jahre altes Fossil entdeckt worden war, das wahrscheinlich den ältesten bekannten Vorfahren des Menschen zeigt, hatte es Kritik an der weltweiten Vermarktung der Forschungsarbeit gegeben. Unter anderem hatten TV-Spots in den USA die Entdeckung beworben und ihre Bedeutung mit der ersten Mondlandung verglichen.

Für den Paläontologen Jens Franzen ist der Uraffe „Ida“ ein Traum von einem Fossil“. Nicht nur, dass das Skelett des Äffchens nach 47 Millionen Jahre noch fast komplett erhalten sei: „Auch der Weichkörper ist überliefert, und zwar bis in die einzelnen Haarspitzen.“

Franzen hat das versteinerte Tier in seinem Labor in Frankfurt untersucht. „Wir haben vor allem intensive Röntgen- und Mikrocomputerstudien betrieben“, sagte er. Anfang dieser Woche war es dann'so weit: Das Team aus norwegischen, deutschen und US-Forschern stellte das Ergebnis seiner zweijährigen Arbeit in New York vor.

Dass Werbespots im US-Fernsehen den Uraffen mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus oder der ersten Mondlandung verglichen, quittiert Franzen „mit einem Lächeln“, wie er sagte.

Das Fossil habe großes Aufsehen verdient. „Ida“ stelle das besterhaltene Primaten-Fossil dar, das es je gegeben habe. „Dies ist das erste Mal, dass ein uralter Angehöriger der Ordnung, zu der wir uns selbst zählen, in dieser Qualität erhalten ist.“

Durch die Erkenntnisse, die man an „Ida“ gewinne, steige eine ganze Gruppe fossiler Primaten, die so genannten Feuchtnasenaffen, in die höhere Gruppe der so genannten Trockennasenaffen auf.

Aus der letzten Gruppe, die ihren Geruchssinn sozusagen gegen ein besseres Sehvermögen „tauschte“, seien später die höheren Primaten hervorgegangen, erläuterte der Paläontologe.

Feuchtnasenaffen, zu denen auch Lemuren zählen, wurden früher manchmal als Halbaffen bezeichnet. Trockennasenaffen dagegen galten als „echte“ Affen. „Insofern ist es richtig zu sagen, dass. ‚Ida‘ eine Übergangsform einnahm“, sagte Franzen.

Zu Vorwürfen, dass sein Team die Merkmale des Uräffchens bisher nur oberflächlich herausgearbeitet habe, sagte der Frankfurter Forscher: „Es ist nicht aller Tage Abend. Wir freuen uns darüber. Eine Debatte angestoßen zu haben“. Es gebe bereits konkrete Pläne, wie an dem Uraffen weitergeforscht werden soll.

 

 

Kranichstein und Umgebung

 

Schloß Kranichstein

Im Jahr 1399 überließ Graf Eberhard von Katzenelnbogen seinem Burgmann Henne Kranich von Dirmstein einen kleinen Gutshof im Wald nördlich von Darmstadt. Landgraf Georg I., Begründer der Darmstädter Linie, erwirbt 1572 das Gut Kranichstein, um aus den Naturaleinkünften die Versorgung seines Darmstädter Hofes sicherzustellen. In dem Gehöft  wurden Schafe gehalten und eine Schneidemühle sowie Bienen- und Taubenzucht betrieben wurden.

Was so bescheiden begann, wurde zum Kern eines der schönsten Jagdschlößchen Deutschlands, nachdem das Anwesen 1571 von der kurz zuvor gegründeten Landgrafschaft Hessen-Darmstadt gekauft und im Stil der Renaissance ausgebaut worden war. Zwischen 1577 und 1580 erfolgte der Umbau vom Gutshof zum Jagdschloß, zur, durch den Baumeister Kesselhut aus Kassel. Es entstand eine zweigeschossige Dreiflügelanlage, eine hufeisenförmigen Renaissance-Anlage, mit nach Südwesten offenem Hof, die bis heute im Wesentlichen erhalten ist. Das landgräfliche Jagdhaus ist als ländlicher Wohnbau des Fürsten konzipiert, der eine kleine Hofhaltung und Jagdaufenthalt ermöglicht. Dieser Bau aus dem Jahre 1692 ist eine Seltenheit, weil die gewaltige Länge von 112 Metern den Stellenwert verdeutlicht, den die Jagd bei den hessischen Landgrafen einnahm. Das Schloß war 350 Jahre lang Ausgangspunkt der Jagden Hessischer Landgrafen und Großherzoge und zeitweise sogar Sitz der Regierung.

Das Erdgeschoß nahm Wirtschaftsräume, Pferdeställe und Remisen auf. Das Obergeschoß war den fürstlichen Wohn- und Schlafräumen vorbehalten. Die Schlafzimmer wurden, um die Herrschaften nicht zu stören, vom Flur aus beheizt und hatten jeweils ein eigenes Klosett. Insgesamt herrschte eine bescheidene, reduzierte Formensprache der Renaissance vor. Den um 1580 erreichten Bauzustand zeigt eine Bildquelle des 18. Jahrhunderts (Egers Hofansicht von 1760).

Nach Plünderungen und Zerstörungen im 30jährigen Krieg erlebte Kranichstein unter dem Landgrafen Ernst Ludwig (1688-1739) und seinem Sohn Ludwig VIII. (1739-1768) eine neue Blütezeit. Im Jahre 1688 erfolgte der Bau des Jagdzeughauses. Mit der Einführung der Parforce-Jagd steht die Anlage von Parforcesternen in engem Zusammenhang.

Der Provinzfürst mit Hang zum Pompösen hielt sich Trüffeljäger, ließ mobile und beheizbare Jagdhäuser bauen, fühlte sich auf Wagen mit Drehsitzen wohl, von denen aus er nach allen Seiten schießen konnte. Sogar dressierte Hirsche ließ er einer Kutsche vorspannen. Kranichstein war ein Zentrum der Parforce-Jagd, bei der das Wild von Jägern aufgespürt und von Hundemeuten und Reitern gehetzt wurde, bis es erschöpft aufgab - und der Landgraf es bequem erlegen konnte.

Ludwig VIII. erhob Kranichstein zum Residenzschloß. Mit dem kostspieligen Jagdaufwand als Bestandteil des barocken Hofzeremoniells brachte dieser Prototyp eines fürstlichen Nimrods Hessen-Darmstadt an den Rand des finanziellen Ruins. Seiner Regierungszeit verdankt Kranichstein den Ausbau des Rondells in seiner heutigen Form sowie den Bau der Schloßküche, den so genannten Kavaliersbau. Weitere Aktivitäten beziehen sich auf die Innenausstattung mit dem Ziel, standesgemäße Räumlichkeiten für die Hofhaltung zu gewinnen.

Der Provinzfürst mit Hang zum Pompösen hielt sich gar Trüffeljäger, ließ mobile Jagdhäuser bauen, fühlte sich auf Wagen mit Drehsitzen wohl, von denen aus er nach allen Seiten schießen konnte. Sogar dressierte Hirsche soll er vor eine Kutsche gespannt haben. Die Spuren des jagdverrückten Grafen sind noch heute allgegenwärtig, sein Monogramm ziert viele Turen des Hauses.

Der Bestand erfuhr ab 1828 eine neogotische Umformung. Die Nachfolger am Hofe hatten andere Vorlieben. Der gefällige Mittelrisalit (vorspringender Gebäudeteil) und die schwungvollen Voluten (Bauornamente) an den Seitenflügeln kamen erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinzu.

Nach einer „Erholungsphase“ durch Abwesenheit des landesherrlichen Hofes bestimmten die von Napoleons Gnaden zu Großherzögen aufgestiegenen Landesherren Kranichstein zu ihrer Sommerresidenz. Auch unter Ludwig III. bleibt Kranichstein bevorzugte Sommerresidenz. Unter seinem Nachfolger Ludwig IV. (1863-1874) wird der Mittelrisalit historisierend dem alten Bestand angepaßt (1874). Der Besuch der englischen Königin Victoria bewegt den fürstlichen Schwiegersohn zu einer letzten baulichen Anstrengung, indem er den großen Hirschsaal über der Schloßkapelle in einen repräsentativen Ballsaal mit aufwendiger Deutsch- Renaissance-Ausstattung umgestaltet.

Auf die letzte bauliche Aktivität folgt das abschließende museal-konservatorische Engagement des Fürstenhauses, das mit der musealen Betreuung der Objekte in Kranichstein beginnt und unter dem letzten Großherzog Ernst Ludwig mit einem weitgespannten Konzept fortgesetzt wird. Er vereinigt die im Familienbesitz befindlichen Jagdutensilien zu einer groß angelegten Sammlung, die er in dem 1918 eröffneten Jagdmuseum der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Im Jahre 1952 verkaufte Prinz Ludwig von Hessen-Darmstadt die Sammlung nebst Schloß am die Stiftung „Hessischer Jägerhof“, die sich der Erhaltung und Pflege jagdlicher Traditionen verschrieben hat. Zwischen 1988 und 1996 wurden Jagdschloß und Museum aufwendig für 13 Millionen Euro restauriert. Nach nahezu zehnjähriger Bauzeit - Planungsvorlauf nicht mit eingerechnet - konnte Kranichstein wieder der Öffentlichkeit übergeben werden.

Die Anlage um den offenen Hof hat geschweifte Giebel. An der Nordwestecke steht ein starker Rundturm; umgebaut 1739 – 68. Die Kapelle ist von 1580. Schloß Kranichstein ist heute das „Wahrzeichen barocker Jagdleidenschaft“: Die Fassade des markanten Mittelrisalit mit Schweifgiebel, Sonnenuhr und dem aufgesetzten goldenen Kranich ist ausgebessert und frisch verputzt. Auf dem Vorplatz steht das denkmalgeschützte Jagdzeughaus. Das Zeughaus (1689) ist ein einfacher, im 18. Jahrhundert veränderter Barockbau, der längste seiner Art in Hessen.

 

Seit September 2008 ist hier das  „bioversum Kranichstein“ untergebracht. Vögel singen, Grillen zirpen, auf Knopfdruck bringt eine Dachsmutter Welpen zur Welt: Der Ausschnitt aus einem heimischen Buchenwald im Wechsel der Jahreszeiten ist das Herzstück des neuen Museums „bioversum Kranichstein“, das am Sonntag im ehemaligen Zeughaus von Schloss Kranichstein in Darmstadt eröffnet wird. Dieses „Vergrößerungsglas der Natur“ soll wie ein Wimmelbild in Kinderbüchern zum ausgiebigen Schauen einladen, um die Vielfalt des Lebens zu entdecken: Nicht nur Fuchs und Dachs sind hier zu Hause, sondern auch Pilze, Insekten und Mikroorganismen, die nur unter dem Mikroskop erkennbar sind.

„Wir sind ein Familienmuseum mit starkem Fokus auf Kinder und Jugendliche. Deshalb erklären wir komplizierte Themen nicht über Texte, sondern veranschaulichen sie bildhaft“, sagte Museumsleiterin Monika Kessler. Das Museum für biologische Vielfalt will mit seinen 27 neu entwickelten interaktiven „Werkstatt-Stationen“ alle Sinne ansprechen. über Kopfhörer lauschen die Besucher, wie Ameise Karla oder Regenwurm Robin von ihrem Leben berichten.

Das Museum bietet für Natur-Detektive Exkursionen in das 16 Hektar große Jagdschlossareal mit Schlosspark, Buchenwald und Teich an. Bis 2010 soll zudem ein 16.000 Quadratmeter großer interaktiver Museumsgarten mit Spürpfaden und Großmikroskopen am Zeughaus errichtet werden. Die rund 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche im Zeughaus sind in zwei Räume unterteilt. Rund um das Buchenwald-Diorama bieten Stationen Erfahrungen zum Thema Biodiversität. „Hier kann jeder selbst untersuchen, wie groß die Artenvielfalt im Buchenwald ist. Wir bauen nicht wie Archäologen aus Scherben eine Stadt zusammen, sondern erforschen im Gegenteil aus einem großen Waldstück die Details“, erklärt Kuratorin Onno Faller. In dem zweiten Raum des „Bioversums“ wird die Geschichte biologischer Invasionen beleuchtet. „Wissenschaftler sprechen diesen beiden globalen Themen, die eine Schlüsselstellung für den Artenschutz spielen, hohe Brisanz zu“, sagt Kessler. Sie seien bislang jedoch im Lehrplan an Schulen und auch in Museen unterrepräsentiert, betont die Museumsleiterin: „Bei Vorabtests mit Schülern haben wir erhebliche Wissens-Defizite festgestellt.“

Die Ausstellungsmacher möchten die Einfuhr nicht-heimischer Tiere und Pflanzen weder bewerten noch den pädagogischen Zeigefinger heben. „Die Vorstellung einer unberührten Vielfalt ist falsch“, sagt Kessler. Schließlich gab es die Globalisierung von Fauna und Flora schon immer, insbesondere nach der Entdeckung Amerikas.

Allerdings drohte dem Kleinod in den vergangenen Jahrzehnten ein zunehmender Verfall. Erst mit einem außerordentlichen Kraftakt - die 27 Millionen Mark Baukosten waren die drittgrößte Denkmalschutzmaßnahme der hessischen Nachkriegsgeschichte - konnte das Schlößchen bis Ende der neunziger Jahre gerettet werden, ganz so, wie es sich schon Landgraf Ernst Ludwig 1688 zu seinem Regierungsantritt gewünscht hatte: „... und lassen Kranichstein nebst dem, dabey befindlichen Thiergarten wiederum schön renovieren”. Platz fand nun auch ein exquisites Hotel-Restaurant.

Den Instandsetzungsarbeiten lag ein Nutzungskonzept zugrunde, welches die in der Nachkriegszeit in Kranichstein etablierten Nutzungsarten im Wesentlichen fortschrieb. So fand eine Hotellerie-Gastronomie im ehemaligen Scheunen-Wirtschaftstrakt einschließlich Küchenbau in durchgreifend erneuerten Innenräumen einen zeitgemäßen Rahmen. Ost- und Südflügel sichern hingegen der musealen Präsentation der bedeutenden Jagdwaffen und  Jagdutensilien aus landgräflichem Besitz einen adäquaten Hintergrund. Die wiedergewonnenen Großräume des Untergeschosses, ehemalige Pferdeställe und Jagdwaffenmagazin, bieten darüber hinaus Räume für Konzertveranstaltungen.

Der Putz wurde insgesamt erneuert. Aufgrund restauratorischer Voruntersuchungen konnten zwei historische Farbfassungen der Fassaden ermittelt werden, eine entstehungszeitliche Rot-Weiß-Fassung sowie eine Terracotta-Grau-Fassung des 19. Jahrhunderts. Letztere wurde für den Neuanstrich ausgewählt, da die Erstfassung einem Baubestand zuzurechnen ist, der            im 19. Jahrhundert erheblich überformt wurde.

Die Instandsetzungsarbeiten im Inneren waren an die vorgegebenen Nutzungskonzepte, Jagdmuseum im Untergeschoß, museal ausgerichtetes fürstliches Wohnen im Obergeschoß, gebunden. Im so genannten „Großen Hirschgang“ konnte nach Entfernen der nach 1828 eingebauten Kammern der Marstall in seiner ursprünglichen Raumgestalt als dreischiffige Halle auf Holzstützen wiedergewonnen werden. Die entstehungszeitliche farbige Fassung von 1622/23 konnte für Holzwerk und Decke ermittelt werden. Für den Bodenbelag des Großen und Kleinen Hirschgangs konnten in erheblichem Maße die Original-Bodenziegel wiederverlegt werden. Lücken wurden mit Nachbränden gefüllt.

Der museale Bereich „Fürstliches Wohnen“ umfaßt eine Enfilade von sieben Räumen alternierender Größe. Diese Raumfolge enthält im Wesentlichen die Wohnräume Ludwigs VIII., der Kranichstein zu seiner Hauptresidenz erhob. In den Räumen neben dem Hirschsaal, ehemals bescheidenen Gästekammern, wurden nachgewiesene Farbfassungen nach Phasen der Baugeschichte quasi museal-denkmalpädagogisch anschaulich gemacht. Besondere Sorgfalt galt der Restaurierung des Rondells, das einen freien Blick auf die Parforceschneisen erlaubt. Unter der Kuppel wurde eine mit reichem figürlichen Beiwerk geschmückte Rosette mit Windanzeige restauriert. Die Windanzeige, mit dem Wetterhahn auf dem Dach in Verbindung, wurde wieder funktionsfähig gemacht. Der Große Hirschsaal über der Kapelle konnte in seiner neoklassizistischen Raumgestalt wiedergewonnen werden.

Auf dem Turm an der Ostseite dreht sich bei steifer Brise die Wetterfahne. Sie ist verbunden mit einer prächtig verzierten Windrose samt pausbäckigem Engelchen, beides angebracht an der Decke des Rondellsaals, dem edelsten Teil des Schlosses: Von dem halbrunden Aussichtsposten, dem „Jagdtheatrum“, verfolgten einst feine Damen mit Plaisir den Wildwechsel und die Hatz im benachbarten Wald, der zum Park mit sternförmig zulaufenden Schneisen zurechtgestutzt war. Der Blick zur Saaldecke half den Jägern, das pirschende Fußvolk so zu dirigieren, daß Sauen und Hirsche es nicht gleich witterten.

Das Gros der Kosten der Restaurierung hat das in einem der Schloßflügel seit Mitte 1992 betriebene und von den Finanziers auch so gewünschte Luxus-Restaurant mit 15 Doppelzimmern und Suiten verschlungen. Die Spuren des verrückten Jagd-Landgrafen sind noch allgegenwärtig: Sein frisch nachgezeichnetes Monogramm ziert viele Türen. Die sieben Gemächer im „Hirschgang“ werden bis Mitte 1998 wieder mit historischen Stühlen, Sekretären, Chaiselongues und Schränken möbliert und dann zu besichtigen sein. Das Schlendern von Zimmer zu Zimmer ist auch ein Gang durch die lokale Baugeschichte: In jedem Raum wurden an Wänden, Putz und Lamperie alte Farbschichten freigelegt und dokumentiert. Wandbespannungen und die nach alten Vorlagen neu angefertigten Siebdruck-Tapeten geben jedem Raum ein anderes Ambiente.

Das 350 Quadratmeter große Jagdmuseum im Erdgeschoß, wo einst Schafe, Kühe und Pferde untergebracht waren, ist noch ein Provisorium und läßt ebenfalls erst ab Mitte 1997 Gäste ein. Der Fundus besteht aus Waffen und Jagdtrophäen, die im Jahre 1918 auf Wunsch des Großherzogs Ernst Ludwig aus dessen Schlössern in Kranichstein zusammengetragen worden waren. Es sind rund 450 Büchsen zu sehen, Vorderlader, Luftgewehre, Saufedern und Hirschfänger sowie 120 Jagdrelikte, darunter Pulverhörner, Ledertaschen („Hasensärge“) und Jagdlappen; mit ihnen verhängte man einst die Pferche, in die das Wild getrieben wurde (daher der Ausdruck „durch die Lappen gehen“). Waffen und ihre Technik sind in einer abgedunkelten Schatzkammer zu sehen. Und eine raffiniert vom Boden aus beleuchtete Schau führt in die Jagdhistorie ein - von der Frühgeschichte über die vom barocken Hof inszenierten Tierquälereien bis zur heutigen Jagd und ihren Gesetzen.

An der Rückseite des 112 Meter langen Jagdzeughauses von 1692 stimmen Informationstafeln auf die Jagd ein, die hier mal eine herausragende Rolle spielte. Eine Ode an Joseph Haydn, den waidgerechten Jäger und sein Oratorium Die Jahreszeiten, steht am Anfang; die bekanntesten Jagdlieder (Der Jäger aus Kurpfalz, Frischauf zum fröhlichen Jagen.

Es blies ein Jäger wohl in das Horn) sind aufgeschrieben; auf den Jägerchor in Webers Oper Freischütz wird ebenso hingewiesen wie auf Jagdsignale - von „Aufbruch“ bis „Hirsch tot“.

So eingestimmt nutzen wir die erste Brücke hinter der Mauer (nach links). Am folgenden Backhausteich, einst für die Fischzucht angelegt und dank seiner Pflanzenvielfalt eine Augenweide, verweilen wir, bevor das Schloß, das glanzvolle Jagden und höfische Feste erlebte, unsere ganze Aufmerksamkeit fordert.

Anläßlich des Jubiläum vor zwei Jahren hatte das Land Hessen 27 Millionen Mark für die Sanierung - auch des wichtigen Museums - aufgebracht. Die vor mehr als 80 Jahren vom letzten Regenten Hessen-Darmstadts, Großherzog Ernst Ludwig, eingerichtete Jagd-Sammlung, die schon Generationen beeindruckte, ist noch interessanter geworden.

Der neu-ausgeklügelten Konzeption liegt der Gedanke einer kulturgeschichtlichen Begegnung der Besucher mit sich selbst zu Grunde. Im einstigen Marstall wird bei wandhohen Fotografien von Absturzkanten, über die das Wild gehetzt wurde, klar: Der Zwang zum Überleben, also zum Jagen, hat wesentlich zur Geistesausbildung des Homo sapiens beigetragen. Kranichstein besitzt übrigens die größte Sammlung von Windbüchsen, Luftgewehren des 18. Jahrhunderts - und somit viele kleine technische Wunderwerke.

Der Besucher wird auf einen Rundgang zur Geschichte der Jagd geschickt, der in einem abgedunkelten Kubus beginnt, wo im Dämmerlicht die Nachbildungen steinzeitlicher Höhlenmalereien den Zusammenhang von Jagd, Magie und Kunst erfahrbar machen sollen. Der historische Rundgang endet bei der Revolution von 1848, die vor allem auf dem Lande eine Jagdrevolution gewesen ist und jene Rechtsverhältnisse herbeiführte, die auch heute noch die Jagd in Deutschland bestimmen. Die letzte Abteilung informiert über die Jagd in der Gegenwart.

Mit der Wiederherstellung des Zeughauses ist die Sanierung des gesamten Anwesens abgeschlossen. Dort entsteht zudem eine Forschungseinrichtung, die zur Wissenschaftsstadt Darmstadt paßt. Die Kosten für den Umbau und die Sanierung des Zeughauses betragen rund 3,3 Millionen Euro. Die Eigentümerin des Schlosses, die Stiftung Hessischer Jägerhof, greift tief in die Rücklagen und übernimmt rund eine Million Euro.

Das Zeughaus dient derzeit als Fundus für das Jagdmuseum des Schlosses. Nach dem Umbau und der Sanierung entstehen hier ein Artenschutzmuseum und ein Jagdarchiv. Im Museum sollen Besucher über die Ziele des Washingtoner Artenschutzabkommens informiert werden. Das Projekt wird vom Frankfurter Senckenberg-Museum wissenschaftlich begleitet. Ausgestellt werden unter anderem geschmuggelte Pflanzen und Tiere, die der Zoll auf dem Frankfurter Flughafen beschlagnahmt hat.

Gründlich renoviert und konzeptionell von Grund auf überarbeitet wurde nicht zuletzt der Hauptanziehungspunkt vergangener Jahrzehnte - das bereits vor über 80 Jahren eingerichtete Jagdmuseum. Zwar gibt es noch immer eine beeindruckende Kollektion an Jagdwaffen und -trophäen zu sehen, darunter die berühmten Jagdlappen, Gemälde, Zeichnungen, Geweihe und die größte Windbüchsensammlung Deutschlands. Jetzt aber steht mehr die kulturgeschichtliche Bedeutung der Jagd im Mittelpunkt. Im ehemaligen Marstall. wird deutlich: Der Zwang zum Überleben, also zum Jagen, hat wesentlich zur Geistesausbildung des Homo sapiens beigetragen.

Zudem werden im Zeughaus ein Jagdarchiv mit Dokumenten Akten und Schriften zur Jagdgeschichte und Jagdpolitik in Deutschland und eine wissenschaftliche Bibliothek eingerichtet. Hier kann ein in der Bundesrepublik einmaliges wissenschaftliches Forschungszentrum zur Jagd entstehen. Im Obergeschoß des Zeughauses werden 18 Übernachtungszimmer eingerichtet, die vor allem der Hessische Jagdverband bei Schulungen, im Archiv forschende Wissenschaftler und Schulklassen bei Exkursionen nutzen können. In wenigen Wochen soll Baubeginn sein. Die Arbeiten dauern voraussichtlich zwei bis drei Jahre.

 

Zu bewundern ist das alles und noch mehr (zum Beispiel der Schloßpark, Schlüssel an der Museumskasse) im Sommer (l. April bis 31. Oktober), mittwochs bis samstags von 13 bis 18 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie im Winter (l. November bis 31. März), mittwochs bis samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 17 Uhr; Führungen: Telefon 06151/718613.

 

Ideal ergänzt wird das Kranichsteiner Museum von einem jagdhistorischen Lehrpfad. Auf diesen fädelt man sich automatisch ein, nachdem man von der Bushaltestelle Oberwaldhaus am Naherholungsgebiet Steinbrücker Teich die wenigen Meter mit dem Fernradweg Nr. 8 bis Kranichstein herübergelaufen ist. Man kommt an der Rückseite des Zeughauses von 1689 heraus. Schon dessen Länge von 112 Meter spricht für den Stellenwert, den das Jagdwesen für den Darmstädter Hof hatte. Vor dem folgenden Backhausteich, einst für die Fischzucht angelegt, knickt man links zum Jagdschloß ab.

Am Ende des Teiches fädelt man sich wieder in den Lehrpfad ein, der mit dem weißen Trittsiegel (Fährte) eines Wildschweins markiert ist. An der rückseitigen Mauer geht es rechts ab auf eine der schnurgeraden Schneisen, von denen der Darmstädter Stadtwald durchzogen ist. Auch sie sind, wie die Durchmischung des Waldes mit Laubbäumen und Wiesen, eine Folge der planmäßigen Forstwirtschaft seit dem 16. Jahrhundert - das Wild war so besser zu hegen und bequemer zu bejagen.

Der Wald mit seinen herrlichen Eichenbeständen dient den hessischen Jägern heute übrigens als Lehrrevier. An einem ihrer Beobachtungsstände wie der Rottwiese kann man mit etwas Glück Dam- oder Rotwild äsen sehen. Nach Überqueren einer Straße führt der Lehrpfad links ab. Für die Wanderung geht es jedoch geradeaus, über die nicht gesicherten Gleise eines Bahnkörpers, und weiter durch die Schilflandschaft im naturgeschützten Sülzbachtal. Nach weiteren 500 Metern gelangt man zur Schneise „Hanauer Straße”. Hier wendet man sich links und läuft geradeaus fast bis zum Waldausgang - der Abstecher zur nahen Gaststätte „Forsthaus Kalkofen” lohnt sich schon wegen eines weißen Damhirsches, der dort gehalten wird.

Von der Schneise Hanauer Straße biegt man links ab und folgt der Markierung weißes X. Sie umsteuert bald die so genannte Dianaburg, ein Tempelchen, das an den Standort eines 1808 abgebrochenen Jagdschlosses erinnert. Nochmals wird der Sülzbach überquert, dann geht es rechts ab in Richtung Bahnüberführung. Vorbei an einem Weiher und danach nur noch geradeaus. Einmal mehr läuft man durch herrliche Laubwälder, am Ende wieder von allerlei Wissenswertem rund um die Jagd begleitet (Rhein-Main, 197).

Jagdschloß Kranichstein, Kranichsteiner Straße 253:

Mittwoch bis Samstag 14-17 Uhr, Sonntag 10-17 Uhr.

Bioversum: Dienstag bis Samstag 11-17 Uhr, Sonntag 10-18 Uhr.

 

Radtour: Rund um Jagdschloß Kranichstein

Über die Autobahn 661 fährt man bis Egelsbach und dann nach Darmstadt hinein: Man folgt erst der Richtung Heidelberg, dann Dieburg (Nebenstrecke). Auf der Höhe der Mathildenhöhe geht es links ab zum Oberwaldhaus, wo allerdings der Parkplatz oft überlastet ist (notfalls auf dem nächsten Parkplatz and er Straße parken).

Man fährt zunächst auf dem Weg, der im rechten Winkel von der Landstraße gegenüber dem Parkplatz ausgeht. Er biegt bald nach links in die Rondelschneise und die Darmstädter Allee und in die Fasanerie hinein (über das Forsthaus Fasanerie gibt es keinen Zugang bzw. der Weg ist sehr schlecht).

Die hessische Landgräfin Sophie Eleonore hat 1661 einen Teil des Wildparks Kranichstein mit einer Mauer abgrenzen lassen, um geschützt vor den bürgerlichen Darmstädtern lustwandeln zu können. Ihr Nachfahre Ernst-Ludwig beschloß in der Zeit um 1715, innerhalb der Mauern nach französischem Vorbild eine Fasanenzucht anzulegen und die Vögel dort zu jagen.

Die Mauer ist zum großen Teil bis heute erhalten - zwischen dem Forsthaus Fasanerie am Freizeitzentrum Steinbrücker Teich längs der Dieburgerstraße bis zum Forsthaus Hirschköpfe. Von dort beschreibt die Mauer zwischen Wohnbebauung und Wald einen Bogen bis zum nördlichen Darmstädter Stadtteil Kranichstein. Nahe dem Jagdschloß setzt sich die Mauer fort, quer durch den Wald zurück zum Forsthaus Fasanerie. Der Orkan Wiebke, der 1990 über Hessen fegte, beschädigte damals auch die Fasaneriemauer. Zahlreiche Sattelplatten auf dem Mauerfirst, die den Regen abhalten sollen, gingen entzwei. Weil bisher nichts repariert wurde, dringt Wasser in das Mauerwerk ein, das immer mehr verfällt. Die Mauer ist aber wichtig für das Verständnis der Darmstädter Jagdgeschichte.

Man kommt zum Hartigsdenkmal auf einer kleinen Anhöhe. Von dort fährt man weiter nach Norden auf der Arheiliger Allee. Auf ihr fährt man am besten weiter bis auf die Kranichsteiner Straße (man kann auch durch das Wohngebiet fahren über den Mittermaierweg und den Steineckeweg, da hat man weniger Landstraße). An der Wildscheuer, dem Jagdmuseum Falkenhof, biegt man rechts ab. Hier stehen schon die ersten Informationstafeln des Jagdlehrpfades.

Auf dem Wildackerweg fährt man um die Wildscheuer herum und nach links in den Hof des Jagdschlosses Kranichstein. Wenn man diesen wieder verläßt fährt man rechts zwischen Schloßmauer und Backhausteich entlang. Am Ende der Mauer geht es auf einem schmaleren Pfad geradeaus weiter und dann nach rechts auf die Kernschneise.

Die schnurgeraden Schneisen (sogenannte „Schneisensterne“) hatten das Ziel, den Wald von einem zentralen Punkt aus durchsichtig zu machen. Auch die großen Waldwiesen entstanden planmäßig. Früchtetragende Baumarten sollten das Wild anlocken. Aber fast nur noch hier findet man das unter wildökologischen Gesichtspunkten ideale Mischungsverhältnis von zehn zu eins zwischen Wald und Wiesen.

Durch ein Gatter kommt man auf die Hengstriedwiese. Links ist der Fürstliche Jagdschirm, von dem aus die Landgrafen das zusammengetriebene Wild abknallten. Rechts ist ein Hinweis auf die Sauhütte angebracht. Am Ende der Wiese biegt man links ein und kommt nach einer Rechtskurve in die schurgerade Speierhügelschneise. Der Lehrpfad geht nach rechts weiter auf der Rodwiesenschneise. Man findet bald wieder Informationstafeln über Fehlentwicklungen der Jagd (Frondienste, verwüstete Felder, Mast- und Hute verbot) und den Text eines Darmstädter Literaten in der Privilegierten Landeszeitung von 1777, bei der Matthias Claudius ein Jahr Redakteur war.

Man fährt aber geradeaus an der Rottwiese vorbei und kommt zum Parkplatz an der Kranichsteiner Straße. Dahinter ist der Wertholzlagerplatz, an dessen Ende man die Schienen überquert (Vorsicht, nicht gesichert!). Etwa gut hundert Meter weiter geht es rechts ab bis kurz vor die Kreisstraße. Noch vor dem Gatter biegt man im spitzen Winkel nach links ab. Rechts ist

Schutzhütte, dahinter der Georgenbrunnen (der See ist nicht zu sehen).

Der Weg führt weiter nach Westen und dann nach rechts wieder auf die Speierhügelschneise. Auf dieser geht es weiter über das Naturschutzgebiet Charlottenplatz und hinauf zur Hanauer Straße, die aber als Kalkofenschneise ausgeschildert ist. Auf dieser geht es nach links hinunter bis zum Forsthaus Kalkofen. An der Kreuzung vor dem Forsthaus stehen die Dragonereichen. Das Forsthaus ist eine Ausflugsgaststätte mit Tiergehege (darunter ein weißer Damhirsch) und Voliere und Spielplatz.

Man fährt wieder ein stück zurück und nach rechts zur Diana-Burg, ein Jagdpavillon aus dem Jahr 1830, das am Standort eines 1808 abgerissenen Jagdschlosses entstand. Die Fortsetzung auf der anderen Seite ist die Nymphenschneise. Dort wuchert Chinesisches Springkraut an der Rote Vogelbeer-Trauben, knorrige Kiefern beugen sich über den Weg.

Wenn m an zum Dianateich will, muß man weiter nach links in dem Kreis fahren. Die Nymphenschneise führt weiter nach Süden über den Silzbach zu einer Kreuzung. Dort geht es geradeaus auf einem Weg, der schon als Bernhardsackerschneise markiert ist. Bald geht es wieder über die Eisenbahn und dann geradeaus weiter bis zur Kernschneise.

Am Gattertor links fährt man rechts auf das Schloß zu und kurz vorher wieder nach links auf die Wildscheuerschneise. Links ist die „Bläserwarte“. Der Weg führt in Schwüngen zurück zum Oberwaldhaus.

 

Auf der Rückfahrt besucht man noch die Grube „Prinz von Hessen“ an der Straße von Darmstadt nach Dieburg. Vom Parkplatz geht man in Richtung Osten und dann links um den See herum. Das Ufer ist in verschiedene Sportzonen eingeteilt. Am Angelbereich wendet man sich nach links zum Freibad, wo sich zu jeder Jahreszeit auf Futter wartende Wildenten tummeln. Die Badestelle ist auf der Gegenseite. Das Wasser ist angenehm warm.

Der Tagebau der ehemaligen Braunkohlengrube währte nur von der Jahrhundertwende bis 1924. Erst in den siebziger Jahren wurde mit dem Herrichten des acht Hektar großen Geländes als Erholungsgebiet begonnen.

Vor der DLRG-Hütte schlägt man einen Linksbogen um den ehemaligen Abraumberg, nähert sich wieder dem Radfahr- und Fußweg neben der Straße und ist bald am Forsthaus und Gasthaus „Einsiedel“. Auf der Rückfahrt kann man auch noch die Grube Messel besuchen.

 

Radtour südöstlich des Oberwaldhauses:

Die Anfahrt erfolgt über die Autobahn 661 bis Langen, dann Richtung Dieburg, in Offenthal rechts ab Richtung Darmstadt. Vor Messel wieder rechts ab, aber nicht geradeaus nach Darmstadt, sondern links ab in Richtung „Grube Messel“. Am Gasthaus „Einsiedel“ rechts ab zum Oberwaldhaus.

Vom Oberwaldhaus fährt man auf der Oppermannswiesenschneise (zwischen Haus und Steinbrücker Teich) nach Süden. And er ersten Kreuzung geht es nach links über die Brücke und danach gleich wieder rechts auf den Bernhardsbrünnchenweg. Hier steht schon der erste herausragende Baum, die Franz-Baermer-Eiche.

Alte Bäume sind nicht mehr so häufig anzutreffen, die alten Veteranen, die den Stürmen der Jahrhunderte trotzten, um so beglückender, ihnen hin und wieder zu begegnen. Im Darmstädter Forst, dem ehemaligen Jagrevier der Landgrafen von Hessen, hat sich eine Anzahl alter Eichen und Buchen gehalten. Viele der mächtigen Bäume sind benannt. Das Forstamt Darmstadt ehrt damit herausragende, bereits verstorbene Persönlichkeiten, die in der Stadt geboren wurden oder sich um sie verdient gemacht haben.

Wenn man geradeaus auf dem Bernhardsbrünnchenweg fährt, kommt man zu einer Schutzhütte (Ist hier auch der Brunnen?). Rechts führt eine Steinbrücke über den Bach. Man fährt aber links auf die Bernhardsackerschneise (Die Amorbuche war nicht zu finden links. Von dort müßte man nach links über die Höllschneise weiter fahren). Nach rechts geht es weiter auf dem Brunnersweg. Rechts steht die zur Morneweg-Eiche, benannt nach Darmstadts Oberbürgermeister von 1891 bis 1909 unter Ernst-Ludwig, dem letzten Großherzog, Gründer der Jugendstil-Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe.

Der Brunnersweg führt zur Scheftheimer Eiche, letzter Zeuge des ausgegangenen Dorfes Scheftheim. Hier stand einst eines der Falltorhäuser mit Zollfunktion, die den landgräflichen Bannwald abriegelten. Der Brunnersweg führt zum Naturparkplatz Kubigbrücke kurz vor der Bundesstraße 26. Eine Tafel links informiert, daß in diesem Gebiet zahlreiche prähistorische Fundstädten liegen, die bis in die Eisen-, Bronze-, sogar Steinzeit zurückreichen, womit eine Besiedlung dieses Raumes von mehr als 7000 Jahren nachgewiesen ist.

Die Menhiranlage ist hier nicht erwähnt. Um sie zu erreichen, muß man nicht den Weg südlich der Bundesstraße nehmen, der im Wanderbuch beschrieben ist. Man biegt noch vor der Bundesstraße nach rechts ab in den Hasenböhlweg. Nach einer Rechtskurve geht links ein geteerter Weg aufwärts, der aber nur zu einer Abfallhalde führt. Man fährt geradeaus. And er Weise geht es links ab auf den Heuweg. Nach einem kurzen Stück (ehe man die nächste Wiese erreicht) geht links ein Weg ab. Er ist gekennzeichnet mit dem Schild „Loipe“ und führt zur Menhiranlage, zu der man einen Abstecher macht.

Einem Zufall ist es zu verdanken, daß die Menhir-Anlage an der östlichen Gemarkungsgrenze von Darmstadt nicht gänzlich vom Erdboden verschwunden ist. In mühevoller Arbeit konnte sie wieder aufgerichtet werden. Landwirte, die in den fünfziger und sechziger Jahren die „Hirtenwiesen“ am Rutzenbach bewirtschafteten, empfanden mit zunehmender Mechanisierung die großen herumstehenden oder kaum aus dem Gelände herausragenden Steine beim Mähen so hinderlich, daß sie begannen, sie zu sprengen. Die Teile versanken in nahen Bombentrichtern. Sie ahnten nicht, daß sie mit den  Menhir- oder Hünensteine prähistorische Kult- oder Grabsteine zerstört hatten.

Ein Heimatforscher, der beim Stammtisch davon hörte, stellte die Vermutung auf, es sich um Menhire handeln könnte, und leitete die entsprechenden Untersuchungen mit positiven Ergebnissen ein. In mühevoller Arbeit konnten die Menhire wieder aufgebaut werden und stehen als stumme Zeugen früher Besiedlung. Das ungeübte Auge kann nur sieben unterschiedlich große Granitblöcke zählen, tatsächlich sind es 14, auch die gesprengten sind wieder darunter. Die beiden größten messen etwa zwei Meter. Die kleinsten lagern aus Sicherheitsgründen im Museum Ober-Ramstadt. Die zeitliche Einordnung wird durch die zahlreichen Ausgrabungsfunde der Hallstattzeit (800 bis 500 v. Chr.) in diesem Abschnitt vermutet.

 

Auf dem Heuweg geht es weiter nach Westen zur Bernhardackerschneise. Links, jenseits der Kreuzung, liegen Hügelgräber. Man fährt rechts weiter bis zur Katzenschneise. An dieser Kreuzung steht etwa 20 Meter südlich und 20 Meter im Wald die Wedekindeiche. Es ist ein fünfhundertjähriges Prachtexemplar mit einem Umfang von 5,45 Metern und einer Höhe von 31 Metern. Der Baum wahrt das Andenken an den Geheimen Oberforstrat Georg Freiherr von Wedekind (1796-1856).“

Man fährt links auf der Katzenschneise weiter zum Grünen Teich. Von dort kann man einen Abstecher nach Süden machen zur Küchlereiche und zum Küchlerbrunnen, allerdings nur auf schmalen Wegen. Nördlich des Teichs steht (ohne Tafel) die Liebig-Eiche in Erinnerung an Justus von Liebig, der 1803 in Darmstadt geboren wurde.

Wenn man rechts abbiegt in die Woogbergschneise steht gleich links die Heyer-Eiche, in Erinnerung an den bedeutenden Forstmanns Carl Heyer (1797-1896). Man kommt zu den Oppermannswiesen am Letschbach. Man fährt links vorbei auf der Grenzschneise. Dort kommt man an der Ernst-Maler-Ruhe vorbei. Dann geht es rechts in die Oppermannswiesenschneise. Hier steht rechts die Heinrich-Eidmann-Eiche. Eidmann war Heimatforscher und Lehrer an der Morneweg-Schule.

Nach Überquerung der Wiese Kann man noch einmal rechts abbiegen zum Rückbrünnchen (mit Baum). Dort scheint es aber nicht nach links über den Bach zu gehen zur Oppermannswiesenschneise. Man müßte auf dem Scheftheiemr Weg erst weiter fahren und dann links in die Woogbergschneise und wieder nach links. Alternativ wäre der Weg östlich der Oppermannswiesenschneise direkt zum Steinbrücker Teich.

Ponyreiten (4 €) ist werktags ab 14 Uhr, sonntags ab 10 Uhr, aber nur bei trockenem Wetter.

Bootsfahren ist auch nur bei schönem Wetter, aber schon vormittags (Tretboot 5 €, Ruderboot 4 €). Die Rückfahrt kann über Dieburg erfolgen (Odenwald, Seite 103 und Seite 174).

 

Steinbrücker Teich:

Fröhlich gelassen ist die Stimmung an schönen Sommertagen. Gruppen lagern auf den Wiesen, suchen Schatten unter hohen Bäumen, dösen, reden, picknicken. Sogar große Gelage werden abgehalten, Tische und Bänke dazu mitgebracht. Aktive suchen Bewegung und Spiel: Frisbee, Ball, Tischtennis, Federball. Beliebt ist die für Anfänger und Könner geeignete Minigolfanlage. Auch ein Spielplatz mit einigen Geräten und Sand wie am Meer fehlt nicht.

Nicht allzu groß ist der im 16. Jahrhundert durch Landgraf Georg I. angelegte Steinbrücker Teich, doch groß genug für vergnügliche Runden mit Ruder- oder Tretboot. Wohl jeder umkreist einmal die kleine Insel und durchfährt romantisch überhängende Äste am Ufer.

Wer zu Fuß den mitten im Wald liegenden Teich umrundet, findet sattgrüne Sumpfpflanzen am stillen Oberlauf Auch wenn der mehrere Teiche speisende Ruthsenbach noch so spärlich fließt, zieht es Kinder an der kleinen Brücke zu Wasserspielen ins kühle Nass. Bald öffnet sich der Laubwald wieder. Der Pony-Ritt gehört zu den Vergnügungen. Rauchwölkchen ziehen über die Wiese am anderen Teichufer. Grilldüfte kitzeln in der Nase.

 

Naturnah baden rund um Darmstadt

Erlensee in Bickenbach: Einer der schönsten Seen der Region - 17 Hektar groß - mit vielen Bäumen an den Ufern und zahlreichen Badebuchten. Zu erreichen von Darmstadt aus Richtung Süden über die B 3 nach Bickenbach, Eintritt frei.

Grube Prinz von Hessen: Mitten im Wald gelegen, an der Landstraße zwischen Darmstadt und Dieburg zwischen Steinbrücker Teich und Forsthaus Einsiedel. Es gibt eine große Liegewiese und einen Sandstrand. Der Eintritt frei.

Naturfreibad Arheilger Mühlchen in Darmstadt: Das Freibad in Darmstadts nördlichem Stadtteil Arheilgen liegt fernab vom Straßenverkehr (Auf der Hardt 105). Der Naturbadesee mit 21 Hektar Fläche wird seit 1924 als öffentliches Schwimmbad genutzt.. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag zwischen 8 und 20 Uhr, Montag und am Wochenende 9 bis 20 Uhr. Eintritt frei.

Naturfreibad Großer Woog, Darmstadt: Der Badesee liegt im Zentrum der Stadt, ist dennoch ein Ort der Ruhe und Erholung Der Woog wurde Mitte des 16. Jahrhunderts wahrscheinlich als Löschteich angelegt. Um das Jahr 1820 fand er erstmals als öffentlicher Badeteich Erwähnung. Badestelle Familienbad, Landgraf-Georg-Straße 121, Badestelle Insel, Heinrich-Fuhr- Straße 20. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 8 bis 20 Uhr; Montag und am Wochenende 9 bis 20 Uhr Eintritt: Erwachsene 1,80 Euro; Jugendliche 1 Euro.

Naturschwimmbad Fischbachtal-Niedernhausen: Das Bad ist von Groß-Bieberau aus über die Landstraße Richtung Niedernhausen zu erreichen, kurz vor dem Ort rechts abbiegen. Das idyllisch gelegene Bad hat eine große Liegewiese. Campen in der Nähe möglich.

 

Wixhausen

Wohl keine Saison heimischen Obst‑ und Gemüseanbaus macht soviel von sich reden wie die Ende April beginnende, bis 24. Juni währende Spargelzeit, von Liebhabern dieses Gemüses als die „schönsten Wochen des Jahres“ gepriesen. Feinschmecker wissen, daß Spargel je nach Bodenbeschaffenheit geschmacklich variiert. Eines aber haben alle Schößlinge gemeinsam: Nur frisch gestochen entfalten sie ihren vollen Geschmack und werden am besten gleich vor Ort genossen. Vornehmlich im südlichen Teil Hessens nehmen die Spargelanbauflächen zu, seit zehn Jahren haben sie sich nahezu verdoppelt, insbesondere auf den eiszeitlichen Sanddünen des Rieds und seiner bis über Darmstadt hinaus angrenzenden Gebiete.

Dieser Landstrich im Wechsel von Spargelwällen, Feldern, Wäldern und Bachläufen bietet sich für Wandern und Radfahren geradezu an. Er liegt von Frankfurt nur wenige S‑Bahn‑Stationen entfernt (Wanderung in  Elvira Klein, Frankfurt II, Seite 43).

 

 

Erzhausen

Die einzige architektonische Rarität in Erzhausen ist die schmucke evangelische Kirche, deren Ursprung um das Jahr 800 vermutet wird. An der Außenkante des frisch getünchten, rot abgesetzten Kirchenschiffs sind alte Ecksteine mit Einkerbung freigelassen. Das Hauptmerkmal eines frühen Baues sind im Kircheninneren linke drei halbhohe runde Nischen, zu denen es Pendants im 5peyerer Dom gibt. Aus den ähnlichen Maßverhältnissen wird auf die ggleiche frühe Bauhütte geschlossen. Die Nischen haben sicher früher Altäre aufgenommen. Das karolingische Schiff wurde 1565 gotisiert.

Zwischen 1730 und 1740 machten Schreiner und Maler das Gotteshaus mit Emporen, Holzkanzel, einem Gestühl, das man an einer Stelle noch mit Türchen abschließt und dem farbigen Orgelgehäuse (das Orgelwerk ist neuzeitlich) zur bäuerlichen Predigtkirche. Auch das Uhrtürmchen wurde damals auf das Kirchendach gesetzt.

Das hohe Alter die. Kirche, die einst Nazariuskapelle hieß, könnte sich auch aus dem Namen Erzhausen. erklären. Er hat nichts mit Metall zu tun, sondern wird von „Erhard” abgeleitet. „Erhardeshusen” hieß es in alter. Urkunden. Ein Bewohner dieses Namens pflegte im Mittelalter dem berühmten Kloster Lorsch am Tag von dessen Schutzpatron Nazarius Schenkungen zu machen.

Von der Hauptstraße aus erreicht man rechts die Wolfsgartenallee, die zu dem ehemaligen Jagdschloß der Landgrafen von Hessen-Darmstadt rührt. Hier beginnt der Heegberg oder Höhberg, eine langgestreckte Düne, Überblibsel der Eiszeit. Der nur wenige Meter hohe Rücken ist hauptsächlich mit kräftigen Kiefern bestanden. Eine Tafel zeigtdie Rundwege verschiedener Länge an, die an beiden Seiten. auch auf dem Kamm um ihn führen -am Werktag selten von jemandem begangen. Trotz der Nähe der Autobahn herrscht hier Stille.

Auch vom Heegberg  weg führen jene gradlinigen Schneisen, die an die fatale Jagdleidenschaft der Darmstädter Landgrafen erinnern. Vor 250 Jahren wurden sie gehauen, um die Parforcejagd zu ermöglichen, unter der die Landbevölkerung so litt, daß viele auswanderten.

Für die Rückkehr zur Allee ist der nördliche Rundweg entlang dem Heegbach reizvoll. Über den „neuen Schlag“ geht es hinter der Allee auf dem anderen Ufer weiter, wo der Bach die Kreisgrenze bildet, zu gräflichen Zeiten als Grenze sogar mit dichtem Gebüsch gesichert war.

Daß der Verkehrslandeplatz Egelsbach bald auftaucht, lädt sich schon an den kleinen einfliegenden Maschinen erkennen. die im Vergleich zu den Brummern von Rhein-Main wie Mücken wirken. Auf dem Flugfeld sind sie nah zu sehen.

Bei Erzhausen ist das „Stortkebrünnchen“

 

Weiterstadt:

Schloß Braunshardt:

Das als „maison de plaisance“ nach französischem Vorbild von Prinz Georg Wilhelm von Hessen‑Darmstadt errichtete Schloß Braunshardt entstand in den Jahren 1760‑1763 nach den Plänen des Ingenieurleutnants Johann Jacob Hill. Die „maison de plaisance“ ist ein stadtnaher Landsitz, der in der wärmeren Jahreszeit bewohnt wird und den Rahmen für die Feste im engeren Freundes‑ und Familienkreis bildet. Der Bautypus wird in den 1730er Jahren in der Architekturtheorie abgehandelt. So bei Blondel: „De la distribution des maisons de plaisance“, eine Abhandlung. die die Funktion eines Musterbuches erlangte, Die Beschreibung der Distribution trifft auf die Grundrißdisposition von Schloß Braunshardt geradezu wortwörtlich zu, so daß man davon ausgehen kann, daß der Ingenieur‑Leutnant Hill Blondels Schrift genau kannte und Blondels Entwurfsideen wörtlich folgte, um seinem Auftraggeber einen Bau nach echt französischer Manier zu erstellen.

Nach wiederholtem Besitzerwechsel im 19. und 20. Jahrhundert, der jeweils mit Umbauten und unsachgemäßem Umgang mit der historischen Bausubstanz verbunden war, konnte Ende der 80er‑Jahre. begünstigt durch die Aufgeschlossenheit des neuen Erwerbers, die Sicherung und Restaurierung der Schloßanlage in Angriff genommen werden. Nach statischer Sicherung des Gebäudes und einer Außeninstandsetzung konnte nach einer restauratorischen Voruntersuchung im Jahr 1987, welche die erste Raumfassung der 60er‑Jahre des 18. Jahrhunderts nahezu ungestört vorfand, mit der Instandsetzung der Innenräume begonnen werden. Die Innenausstattung umfaßt Parkettböden, farbige Holzvertäfelungen, Kamine, Spiegel und Stukkaturen.

Besondere Erwähnung verdienen die überkommenen Stuckdecken, die, in Südhessen singulär, dem Vergleich mit Spitzenleistungen des späten deutschen Rokoko standhalten. Hier waren lediglich spätere Überfassungen mechanisch zu entfernen, um den Primärzustand freizulegen, der uns das ganze Raffinement der Ausstattungskunst des 18. Jahrhunderts vermittelt.

Überlieferte Seidenbespannungen, Gemälde und Möbel sind verlorengegangen. Hervorzuheben ist der glückliche Umstand, daß sämtliche Fenster, zum größten Teil noch mit Originalscheiben, nach Restaurierung im Bestand funktionsfähig erhalten werden konnten. Die Restaurierung der Innenräume vollzog sich in jährlichen Durchführungsabschnitten. Die Arbeiten konnten 1997 abgeschlossen werden.

 

Kirche:

In der Sakristei der evangelischen Kirche  im Gewände des Nordfensters ist das Fragment eines römischen Grabsteins, dessen Inschrift um 90 Grad verdreht ist.

 

Darmstadt

Trotz der verheerenden Zerstörungen 1944 hat sich Darmstadt den Charakter einer Residenz bewahrt, in der herrschaftlicher Gestaltungswillen die ästhetischen und städtebaulichen Proportionen setzte. In jeder Hinsicht bildete dabei das Schloß die Bezugsgröße. Zugleich steht es für die Diskrepanz zwischen Wollen und Sein eines typischen Mittelstaates, der nach Teilung der hessischen Landgrafschaft 1567 praktisch aus dem Nichts beginnen mußte und Improvisation notgedrungen zur höchsten Staatstugend machte. Die Pläne waren immer hochfliegend, vieles wurde begonnen, wenn nur nicht das leidige Geld, die kostspieligen Jagd- und Militaria-Leidenschaften gewesen wäre.

Darmstadt (147 Meter) mit 90.000 Einwohnern vor dem Krieg. Gesunde Lage am Ostrand der Rheinebene und an den Nordausläufern des Odenwalds, auf drei Seiten von Wald umgeben. Hervorragende Bildungsdungs- und Kunstanstalten, reges geistiges Leben (Technische Hochschule, „Schule der Weisheit” des Grafen Hermann Keyserling, städtische Akademie für Tonkunst u. v. a.). Darmstadt wurde durch tatkräftige Förderung des ehemaligen Großherzogs eine Stätte moderner Kunstbestrebungen. Beliebter und angenehmer Ruhesitz. Industrie (chemische Fabriken, Maschinen- und Möbelfabriken) nur außerhalb der Stadt, im Norden und Westen.

Das Stadtbild wird im Wesentlichen durch breite, gerade Straßen - vielfach mit Bäumen bepflanzt - bestimmt, die den vornehm-ruhigen Charakter der ehemaligen Residenzstadt tragen. Die kleine mittelalterliche Altstadt ist von neuen Straßen durchbrochen. Die ausgedehnten, teilweise hügeligen Villenviertel besitzen zahlreiche sehr geschmackvolle Bauten vom Anfang des vorigen Jahrhunderts an; die Bauten auf der Mathildenhöhe mit ihrer Künstlerkolonie bilden den Ausgangspunkt der modernen Architektur-Entwicklung, deren neueste Werke ebenfalls in geschmackvollen Wohnbauten vertreten sind. Zahlreiche und ausgedehnte Anlagen, Gärten und Parks durchziehen und umgeben die Stadt.

 

Geschichtliches:

Der Ort wurde vermutlich im 5. Jahrhundert gegründet, wird aber erst im 12. Jahrhundert urkundlich als „Darmundestat” erwähnt. 1319 wurden die Grafen von Katzeneinbogen vom Bistum Würzburg mit Darmstadt belehnt, 1330 erhielt es Stadtrecht und 1331 eine gräfliche Burg. 1479 ging es an die Landgrafen von Hessen über, nach dem Tode Philipps des Großmütigen wurde es unter Georg I. Residenz der Linie Hessen-Darmstadt. Georg I. baute den Hauptteil des heutigen Schlosses und förderte wie seine Nachfolger den Ausbau der Stadt. Der Dreißigjährige Krieg und die Raubzüge Mélacs brachten im 17. Jahrhundert schwerste Leiden und Verwüstungen. Unter dem Landgrafen Ernst Ludwig (1688 bis 1739) blühte Darmstadt neu auf, die regelmäßig angelegte Neustadt im Westen des Schlosses entstand, Künstler fanden reiche Betätigung. Karoline (1721—74), die „große Landgräfin”, zog nach Darmstadt die größten lebenden Geister, wie Goethe und Herder. Ludwig I. (1790—1830), der erste Großherzog, ließ zahlreiche bedeutende Bauten entstehen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Industrie und Handel. Der letzte Großherzog, Ernst Ludwig (1892 - 1918), war ein tatkräftiger Förderer moderner Kunstbestrebungen. Unter den modernen Architekten, die in Darmstadt tätig waren, sind besonders Joseph Olbrich, Peter Behrens, Karl Hofmann, A. Messel, Fr. Pützer und Christiansen zu nennen.

Im Südosten der Stadt ist das sogenannte „Tintenviertel“ mit geschmackvollen, etwa 1900 entstandenen Villenbauten. An der Ohlystraße steht die 1907 vollendete Pauluskirche (protestantisch) von Pützer, mit Torrelief von Robert Cauer.

 

Gang durch die Innenstadt

[Den Hauptbahnhof kann man natürlich auch auslassen und gleich auf dem Luisenplatz beginnen]

Der Hauptbahnhof, im Westen der Stadt, ist eine technisch und architektonisch vorbildliche Anlage. Das 1912 vollendete Empfangsgebäude wurde von Fr. Pützer erbaut. Zu dem Seitenanbau des Hauptbahnhofes, dem Fürstenbahnhof, dem Privattrakt von Fürst Ernst Ludwig, hatte nur Zutritt, wer zum Gefolge seiner Durchlaucht gehörte. Kaiser und Könige warteten im Jugendstil‑Ambiente auf die Ankunft ihres Zuges. Der russische Zar Nikolaus setzte seine Füße auf das elegante Parkett, und im kunstvoll gekachelten Nebenraum erledigte der Fürst bis zur Abfahrt seine Schreibgeschäfte. Rollte der Zug dann schnaufend und dampfend auf Gleis 1 ein, begab sich der Adel ein Stockwerk tiefer ins Für­stenzimmer, das direkt neben dem Bahnsteig liegt.

Nach Jahrzehnten des Schattendaseins, in denen die Bahnhofsmission und die Bahnpolizei in dem Anbau residierte, ist der Fürstenbahnhof (auch „Kaiserbahnhof“ genannt) wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Zwar ist von der ursprünglich prachtvollen Jugendstil‑Ausstattung des Privattraktes nicht viel geblieben außer den kunstvollen Kacheln des Leiters der Großherzoglichen Keramik‑Manufaktur, Jacob Julius Scharvogel.

Seit Oktober 2002 hat Jorge Droukas das Bauwerk von der Bahn gepachtet und einen Bar‑, Lounge‑ und Restaurantbetrieb eröffnet. Der Gast wandelt auf griechischen Schiffsplanken, sitzt entspannt an der Bar oder auf einem großen roten Ledersofa, pickt im Salat an kleinen Tischen in ochsenblutrot gestrichenem Empfangsraum, umgeben von alten Reisekoffern. und unter eigens angefertigten riesigen Art-Deco‑Lampen. Wer es exklusiver mag, der kann im Restaurant gleich nebenan speisen. Dort, wo die Decken vier Meter hoch sind und die braunblauen Fliesen des Julius Scharvogel und ein Jugendstil‑Keramikbrunnen noch die Wände bedecken. Hier steht dann alles unter Denkmalschutz.

Im Fürstenzimmer im unteren Stock, das der Pächter als Saal für Feiern und Feste vermietet, hängen große Kristallüster an der Decke. Die Wände sind cremeweiß getüncht und im dezenten Wechsel mit flaschengrünen Jugendstil‑Kacheln gefliest. An der Stirnseite prangt das Wappen des Fürsten. 70 Personen können an einer langen Tafel Platz nehmen und im Bewußtsein speisen, daß hier auch schon einmal der russische Zar gewartet hat.

 

Südlich des Hauptbahnhofs führt die Rheinstraße als breite Allee zur Stadt. Bis zum Krieg war die Straße gesäumt von bedeutenden Gebäuden:  Am Anfang rechts die neue Städtische Festhalle auf dem Ausstellungsgelände (ehemaliger Exerzierplatz). Es ging an der Kunsthalle (beim ehemaligen Rheintor) und an dem im Renaissancestil errichteten Gebäude der Bank für Handel und Industrie vorüber. Rechts (Ecke Rhein- und Neckarstraße) das Haus der Vereinigten Gesellschaft. In der Neckarstraße 3 das Hessische Gewerbemuseum. Weiter an der Rheinstraße rechts das Stadthaus, links die 1881 erbaute Hauptpost (auch heute noch Postgebäude), gegenüber rechts das Ständehaus.

 

Man erreicht den Luisenplatz, in dessen Mitte sich die Ludwigssäule erhebt, eine 1841/44 errichtete, 43 Meter hohe Sandsteinsäule, die das 7 Meter hohe Standbild des Großherzogs Ludwig I. von Schwanthaler trägt, in antikem Gewande gehüllt. Unter ihm, und von Napoleons Gnaden, erreichte die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt mit der Standeserhebung zum Großherzogtum und der Hinzugewinnung von Rheinhessen 1816 ihre größte Bedeutung. Visionär blickt Ludwig gen Westen, dorthin, wo er durch seinen Hofbaumeister Georg Moller die Stadt erweitern ließ, ohne sie, wie geplant, in ein klassizistisches Gesamtkunstwerk verwandeln zu können. Buchstäblich hinter sich gelassen hatte der Regent das Schloß - die Bürgerschaft, die Ludwig 14 Jahre nach seinem Tode 1844 auf den hohen Sockel gehoben hatte, ließ ihn der Residenz den Rücken zukehren.

Die Säule ist durch eine im Innern angebrachte Treppe bis zu der in etwa 40 Meter Höhe befindlichen Galerie besteigbar; prächtige Rundsicht über die Stadt und Umgebung. Rechts und links von der Ludwigssäule stehen monumentale Brunnen nach Entwurf von Olbrich. An der Südseite des Platzes das Alte Palais, jetzt Sitz von Behörden. Vor der Merckschen Apotheke ein von Jobst entworfenes Liebig-Denkmal. Vom Luisenplatz geht man nördlich zum Mathildenplatz mit Abt-Vogler-Denkmal und Justizgebäude.

 

Östlich des Luisenplatzes ist das Schloß. Vor dem Schloß steht das Reiterstandbild des Großherzogs Ludwig IV. (gestorben 1892), von Schaper, 1898 enthüllt. Rechts der Ernst-Ludwig-Platz mit Verkehrsbüro. Hier der Weiße Turm, der zu der alten Stadtmauer gehörte.

Das Alte Residenzschloß bildet eine gewaltige, unregelmäßige Gebäudegruppe, deren Teile aus verschiedenen Zeiten stammen, die ältesten von 1375. Das Schloß wurde im 16. Jahrhundert im Barockstil völlig umgestaltet und bedeutend erweitert. Weitere Umgestaltungen und Erweiterungen fanden anfangs des 19. und 20. Jahrhunderts statt. Der Glockenturm hat ein 1671 hergestelltes Spielwerk (wohl das älteste in Deutschland) von 35 Glocken, das bei jedem Schlagen eine Choralmelodie ertönen läßt. An der Nordseite schönes Renaissance-Portal von 1628 und die Schloßkirche. Der das Schloß früher umschließende Wassergraben enthält jetzt Anlagen.

Bewohnt hat sie Ludwig nie. Die verwinkelte Anlage, beim großangelegten Barockumbau unter Louis Remy de la Fosse zu Beginn des 18. Jahrhunderts steckengeblieben, erschien wenig einladend und der alte Renaissanceteil nicht mehr zeitgemäß. So recht wußte niemand etwas mit dem gewaltigen Kasten anzufangen, und so teilen sich heute die verschiedensten Nutzer das adelige Quartier.

Der Vorläufer des Residenzschlosses in der Darmstädter Innenstadt ist die Wasserburg der Grafen von Katzenellenbogen aus dem 13. Jahrhundert. Die Anlage wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut und erweitert. Die letzten Veränderungen ließ im 18. Jahrhundert Landgraf Ernst‑Ludwig vornehmen. Die von seinem Baumeister Remy de la Fosse geplante Neugestaltung des Schlosses wurde aber nicht vollständig ausgeführt, nur zwei Flügel entstanden. Im September 1944 brannte das Schloß bis auf die Grundmauern ab. Es wurde zwischen 1957 und 1966 wieder aufgebaut.

Das Darmstädter Schloß ruht auf Eichenbohlen, die Baumeister vor 500 Jahren in den Untergrund getrieben haben. Bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert ist die gesamte Anlage nicht mehr standfest. Damals wurde der Wassergraben um den Fürstensitz trocken gelegt. Die Erneuerungen der Fundamente in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts sowie beim Wiederaufbau des Schlosses nach dem Zweiten Weltkrieg waren offensichtlich ohne nachhaltige Wirkung In der Fassade sind neue Setzrisse unübersehbar. Zudem haben Abgase den Sandsteinmauern des Schlosses zugesetzt.

Die technischen Anlagen im Inneren sind aus den 60er Jahren. Die Lüftungs- und Klimaanlagen sind unzureichend, Brandmelder und Einbruchsicherungen fehlen weitgehend. Jetzt muß eine Grundsanierung gemacht werden, unabhängig von der zukünftigen Nutzung des Schlosses. Nach einer Bestandsaufnahme der Technischen Universität liegen die Gesamtkosten bei 25 Millionen Euro.

Nach den Worten der Ministerin sollen zunächst die dringendsten Schäden am denkmalgeschützten Gebäude beseitigt werden. Eine Million Euro sind dafür im aktuellen Landeshaushalt vorgesehen. Für das kommende Jahr hat Wagner 500.000 Euro eingeplant. Der Landtag muß aber noch zustimmen.

Im Schloß sind heute geisteswissenschaftliche Institute der Technischen Universität, die Landes‑ und Hochschulbibliothek, das Schloßmuseum, der Studentenkeller und das Innenstadtrevier der Polizei untergebracht. Das Polizeirevier soll in den geplanten Justizneubau umziehen. Ob die Uni‑Institute weiter im Schloß bleiben, soll ein Gutachten ermitteln. Eine Gutachterfirma hat bereits die Entwicklungsplanung für Natur‑ und Ingenieurwissenschaften untersucht.

 

Nördlich ist das Hessische Landesmuseum, von Alfred Messel erbaut und 1906 vollendet, enthält in ausgezeichneter Raumanordnung. Es ist eines der wenigen Universalmuseen mit Kunst- und historische Sammlungen mit hervorragender Gemäldegalerie, Kupferstichen, Bildwerken und Kunstgewerbe, mit einer zoologischen und mineralogischen und geologischen Sammlung. Die Kunstsammlungen enthalten zu einem großen Teil kunst- und kulturgeschichtliche Bestände aus dem Gebiet des Mittelrheins. Es zeigt vorgeschichtliche und römische Altertümer, Völkerkunde, Kunstgewerbe der Renaissance und des Barock. Dazu kommen Waffensaal, kirchliche Altertümer der romanischen und gotischen Zeit, darunter wertvolle frühe Elfenbeinschnitzereien und Emails. Eine umfangreiche Sammlung gotischer Holzbildwerke vornehmlich aus dem mittelrheinischen Gebiet wird gezeigt. Ferner vollständige Zimmereinrichtungen von der Spätgotik bis zum Spätbarock, hessische Bauernzimmer und Apotheke, Kostümsammlung, Münzkabinett.

In der Gemäldegalerie sind besonders beachtenswert die Bilder der altdeutschen Schulen, ein Spätwerk Rembrandts, ferner Bilder von Rubens, van Dyck, Feuerbach, drei Säle mit 13 Gemälden und 70 Handzeichnungen Böcklins und das Kupferstichkabinett mit wechselnden Ausstellungen.

Die zoologischen Sammlungen im Erdgeschoß enthalten unter anderem zum ersten Mal in einem deutschen Museum dargestellt, einen vollständigen Überblick der geographischen Verbreitung der Tiere über die Erde. Die geologisch-mineralogische Abteilung im 1. Obergeschoß des Nordflügels umfaßt unter anderem auch eine petrographische und eine geologisch-paläontologische Sammlung mit zahlreichen Überresten, auch vollständigen Skeletten tertiärer und diluvialer Säugetiere sowie eine reichhaltige Sammlung fossiler Pflanzen.

Daß sich im hinteren, sogenannten Glocken- und Kirchenbau auch ein Museum befindet, wird angesichts des benachbarten, weitaus bekannteren Hessischen Landesmuseums häufig übersehen, kein Hinweis zeigt Ortsunkundigen den Weg. Wer etwas über die Stadt- und Residenzgeschichte, fürstliche Wohnkultur, die Genealogie des Hauses Hessen-Darmstadt und seine in zahlreichen Porträts festgehaltenen Regenten erfahren möchte, sollte sich den einstündigen Führungen durch die gut 20 Räume anschließen. Es gibt reichhaltige Sammlungen von Waffen und Uniformen. Hauptsehenswürdigkeit ist die Madonna des Bürgermeisters Maier von Hans Holbein dem Jüngeren. Die neueren Flügel (Süden und Westen) enthalten die Landesbibliothek mit zwei Lesesälen, 750.000 Bänden und 4.000 zum Teil sehr wertvollen Handschriften und das Staatsarchiv.

 

Östlich davon ist das ehemalige Landestheater. Das Große Haus (1370 Plätze) wurde 1818/19 von Moller in klassischen Formen erbaut. Es brannte 1871 ab, wurde 1879 neu errichtet und 1904/05 umgebaut. Das danebenstehende Kleine Haus (830 Plätze) wurde 1596 als Reithalle erbaut und wiederholt vorübergehend als Theater benutzt, dem es seit 1922 wieder dient. Links neben dem Großen Haus stehen die Standbilder der Landgrafen Philipp der Großmütige (1518-67) und Georg I., von Scholl (1854). Vor dem Landesmuseum steht das Kriegerdenkmal für 1870/71, von Herzig (1879).

Zwischen Landesmuseum und Theater ist der Zugang zum Herrengarten, dem größten Park der Innenstadt. Es ist eine schöne, ausgedehnte Parkanlage im englischen Stil, Ende des 17. Jahrhunderts angelegt, mit weiten Rasenflächen und hübschen Baumgruppen Auf seiner ganzen Länge spaziert man durch den im englischen Stil von Landgräfin Henriette Caroline umgestalteten einstigen Lustpark. Gleich rechts vom Eingang hinter dem Theater steht die Graburne der „großen Landgräfin“ Karoline, die 1714 gestorben ist. Sie war die Goethe-Mentorin und Briefpartnerin Friedrichs des Großen begraben. Der Preußenkönig stiftete auch die freistehende Urne mit der Aufschrift: „Femina sexu, ingenio vir” („Eine Frau nach dem Geschlecht, an Geist ein Mann“), aus dem Munde Friedrichs ein Kompliment.

Beim Weitergehen sieht man links ein im neu-gotischen Stil gehaltenes Denkmal für die gefallenen Darmstädter während der Befreiungskriege. Links vom Eingang Denkmal der als Kind verstorbenen Prinzessin Elisabeth (von Habich).

In der Nähe ist das Goethe-Denkmal, ein Tempel mit einer schlanken Geniusstatue und Reliefbild des Dichters; Architektur von Zeller, Bildwerke von Habich. In der Mitte des Parks ein Cafe-Rest. und ein Teich. Im östlichen Teil, nahe der Technischen Hochschule ein würdiges Freiwilligendenkmal (von Rahtz), ursprünglich für einen Kriegerfriedhof an der Westfront bestimmt, 1918 hier aufgestellt. Nahe dem Nordende des Gartens Veteranendenkmal von Scholl, zum Gedächtnis der in den napoleonischen Kriegen gefallenen Hessen.

Am nordöstlichen Rand des Herrngartens schließt sich die reizende Rokokoanlage des nach Prinz Georg benannten Gartens an. Prinz Georg entwarf die geometrische Grundform mit Haupt-, Quer- und Diagonalachsen, in deren Schnittpunkten Fontänen und vergoldete Sonnenuhren liegen. Das Prinz-Georg-Palais mit seiner bekannten Porzellansammlung ist benachbart, ein schlichter Bau aus dem 18. Jahrhundert mit schönem Renaissanceportal von 1681.

 

Nördlich des Herrengartens kommt man auf den Schloßgartenplatz, wo rechts die neugotische St.-Elisabeth-Kirche mit dem 75 Meter hohen Turm steht. Nördlich davon im Bereich der Moller­straße und Liebfrauenstraße in das Martinsviertel. Noch bis weit ins 19. Jahrhundert ein Armeleuteviertel, hat es sich seit der Gründerzeit zu einem bevorzugten Wohnquartier gewandelt. Besonders augenfällig sind die schönen historisierenden und Jugendstilfassaden. Das große Vorbild warf seinen Glanz auch in die bürgerliche Welt.

Jetzt könnte man über Liebfrauenstraße, Heimheimer Straße, Stiftsstraße, Erich-Ollenhauer-Promenade nach links durch den Nicolaiweg zur Mathildenhöhe gehen. Diese ist aber das Ziel eines weiteren Rundgangs durch den Osten Darmstadts. Man geht lieber auf einem anderen Weg durch den Herrengarten zurück, geht aber jetzt östlich am Schloß vorbei. Das Stadtmuseum (Schloß­graben 9), beherbergt eine Sammlung zur Geschichte und Kulturgeschichte der Stadt, in Verbindung mit der Odenwaldsammlung, einer volkskundlichen Sammlung mit alten bäuerlichen und handwerklichen Geräten. Man kommt in die mittelalterliche Altstadt. Am Marktplatz und Ernst-Ludwig-Platz steht der  1716-27 errichtete sogenannte „Neue Bau“, der den Anfang eines völligen Schloßneubaus bilden sollte, der unvollendet blieb.

Südlich vom Schloß ist der große Markt mit dem 1599 erbauten Rathaus, ein Renaissancebau mit gotischen Anklängen und einem Treppenturm aus dem 17. Jahrhundert.

 

Nach Südosten geht es durch die Kirchstraße zur Stadtkirche. Sie ist aus dem 15. Jahrhundert (Chor und Turm), wurde 1686 erweitert und 1842 „neugotisch” umgebaut. Im Innern beachtenswerte Grabmäler im Chor; am bemerkenswertesten das des Landgrafen Georg I. (1559), ein neun Meter hohes Alabaster-Epitaph. An der Nordwand das Grabmal von Prinz Wilhelm (1576), an der Südwand das von Graf Philipp von Waldeck (1552). Weiter geht es dann auf der Kirchstraße nach Süden und nach rechts in die Hügelstraße. Diese führt zum Wilhelminenplatz. An dessen Südende steht die Ludwigskirche, der schönste Bau Georg Moller. Die kuppelförmige Kirche war ein Geschenk Großherzog Ludwigs an die katholische Gemeinde. Auch eine Form von Huld und Liberalität, schließlich war es das erste katholische Gotteshaus nach Jahrhunderten rein protestantischer Tradition in Darmstadt. Die Kirche wurde 1822 - 1827 nach dem Vorbild des Pantheon in Rom erbaut. Insgesamt 28 Säulen tragen die moderne Stahlkonstruktion, die seit der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg den ursprünglichen Holzüberbau ersetzt. Durch ein einziges, acht Meter großes Fenster im Zentrum der Kuppel strömt Tageslicht in den Innenraum. Im Innern (schöne Raumwirkung) steht der Marmorsarkophag der Großherzogin Mathilde, der Gemahlin Ludwigs III.

Der Obelisk mit Mädchenfiguren von Habich auf dem Vorplatz der Ludwigskirche erinnert an Großherzogin Alice, Gemahlin des Großherzogs Ludwig IV., eine Tochter Queen Victorias, die im sozialen und karitativen Bereich aufopferungsvoll wirkte. Am Platz ferner rechts das Neue Palais, 1865 in italienischer Renaissance erbaut.

Den Rückweg kann man zurück über die Hügelstraße nehmen, jetzt aber an der Schützenstraße nach links zum Ludwigsplatz und nach Norden über die Ernst-Ludwig-Straße wieder zum Markt.

 

 

Rundgang durch den Osten Darmstadts

Über den Rhönring und den Spessartring kommt man in Richtung Osten zur Mathildenhöhe. In der Straße, an der das braune Schild zur Mathildenhöhe weist (Olbrichweg), dürfen aber nur Anwohner parken. Ma muß schon vorher nach rechts in die Dieburger Straße abbiegen und dann nach links in den Lucasweg, dort ist ein kleiner Parkplatz, der sehr nahe an der Mathildenhöhe liegt. Es sind aber auch noch Parkplätze ausgewiesen, wenn man auf dem Spessartring weiter fährt.

 

Hofbaudirektor Georg Moll:

Er gilt als der hessische Schinkel: Hofbaudirektor Georg Moller. Gewirkt hat der Architekt vor allein in der Residenz Darmstadt. Sein Mollermaß ‑ die Vorgabe, nicht höher als zwei Stockwerke zu bauen ‑ prägt noch 150 Jahre nach seinem Tod am 13. März 1852 die Ansicht der Stadt. Doch auch im Umland hat der Baumeister Zeichen gesetzt. So stammen unter anderem die Entwürfe für das Stadtschloß in Wiesbaden und das Mainzer Stadttheater aus seiner Feder. Mit dem Kölner Dom wird sein Name ebenfalls in Verbindung gebracht: Bei seinen historischen Studien stöbert Moller Originalpläne der Kirche auf

Für Professor Michael Groblewski von der Technischen Hochschule in Darmstadt gehört Moller zu den großen Baumeistern seiner Zeit. Seine Stellung im Großherzogtum Hessen sei vergleichbar mit der des Architekten Karl Friedrich Schinkel in Preußen und von Leo von Klenze in Bayern. Er hat Stadtschloß, Ludwigs‑Monument und Theater entworfen.

Nach Darmstadt kam Moller im Jahre 1810. Im Alter von 26 Jahren wird er als Hessischer Baurat an den Hof des Großherzogs berufen. Er kann auf eine Ausbildung beim Karlsruher Bau-Inspektor Friedrich Weinbrenner verweisen sowie auf einen mehrjährigen Aufenthalt in Rom. In der aufsteigenden Residenz Darmstadt soll er nun ein Konzept für neue Wohnviertel vorlegen. Nach klassizistischem Vorbild plant er breite Straßen und Plätze auf einem regelmäßigen Grundriß. Die Häuser versieht er mit repräsentativen Fassaden. Damit keine Konkurrenz zum Stadtschloß entsteht, setzt er das Mollermaß.

Dieses Maß gehört für Professor Groblewski zu den noch nicht gelüfteten Geheimnissen des Hofbaurates. Da steckt mehr dahinter, als nur ein Verbot. Der Professor sieht darin ein Zeichen des Maßhaltens und der Bescheidenheit, die Moller in die moderne bürgerliche Stadtplanung eingebracht hat. Belegen läßt sich diese „politisch‑philosophische Dimension“ jedoch nicht, da die meisten Aufzeichnungen Mollers verbrannt sind. Einfache, klare Formen mit moderner Technik umgesetzt, das verstand Moller unter moderner Baukunst. Für Professor Eckhart Franz, Ex‑Archivdirektor in Darmstadt, ist Moller nicht nur ein großer Architekt, sondern auch ein bedeutender Bauhistoriker und Denkmalpfleger ‑ er hat viele alte Gebäude vor der Zerstörung gerettet.

Moller oder nicht Moller? Diese Frage stellen sich vor allem Darmstadts Denkmalschützer öfter, denn der klassizistische Baumeister, den Großherzog Ludwig I. Anfang des Jahres 1810 aus Karlsruhe nach Darmstadt holte, hat am Woog, aber auch in den Gemeinden Südhessens und darüber hinaus viele schöne Kirchen und Häuser gebaut, die unter Denkmalschutz stehen, deren Urheberschaft aber nicht immer zweifelsfrei belegt werden kann. Sicher ist: Die großen repräsentativen Bauwerke hat der Meister selbst geplant, bei vielen kleineren seinen Untergebenen und Mitarbeitern die Hand geführt.

Die St. Ludwigskirche in Darmstadt zählt zu den prominenten Entwürfen Georg Mollers. Der klassizistische Architekt hat sie dem römischen Pantheon nachempfunden, natürlich etwas bescheidener ausgeführt. Die St. Ludwigskirche ‑ von den Einheimischen ob ihrer recht eindeutigen Form despektierlich als „Käsglock“ betitelt, von Zugereisten (die das selten aussprechen können) kurz „Kuppelkirche“ geheißen – ist eine typische Vertreterin ihrer Zeit: Im Architekturstil des Klassizismus erbaut. Dieser Klassizismus löste nicht nur das königliche Barock ab, er markierte auch den Beginn der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft: Die Zeit des Biedermeier begann in Deutschland.                    

Mit seinem Eintritt in Darmstädter Dienste begann auch Mollers Laufbahn als Denkmalpfleger. Denn nicht nur dem neuen Baustil galt sein Interesse, sondern auch der Erhaltung historischer Baudenkmäler. Moller war gefragter Sachverständiger für mittelalterliche Baukunst. Nach seinen Detailzeichnungen wurde unter anderem der Kölner Dom teilweise erhalten und rekonstruiert. 1818 bedrängte Georg Moller seinen Dienstherren, den Denkmalschutz zur öffentlichen Angelegenheit zu machen. Großherzog Ludwig I. formulierte daraufhin das erste Denkmalschutzgesetz Deutschlands. Anlaß war der damals geplante Abriß der Lorscher Königshalle ‑ heute ein UNESCO-Denkmal. Die lange Tradition hessischer Denkmalpflege ‑ damals und für lange Zeit Maßstab für ganz Deutschland ‑ begann also mit und dank Georg Moller.

Zu den städtebaulichen Leistungen Mollers gehören die Planung und der Bau der Darmstädter Stadterweiterung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - nach wie vor erkennbar am so genannten Monument, der Ludwigssäule auf dem Luisenplatz, die der Baumeister zu Ehren des ersten Großherzogs Ludwig  I. entwarf. Der Mollerbau war und ist Darmstadts klassizistisches Paradebauwerk schlechthin. Er war ehemals Theater und ist nun Sitz des Staatsarchivs, des Stadtarchivs und des Historischen Vereins für Hessen.

Das Hoftheater und Opernhaus entstand in den Jahren 1818 bis 1820 und wurde nach Georg Mollers Plänen an prominenter Stelle zwischen Schloß und Herrngarten gebaut. Im Jahre 1871 brannte das Darmstädter Theater bis auf die Außenmauern und Portikus ab. Architekt Horst von der Großherzoglichen Ober‑Baudirektion übernahm den Wiederaufbau. Er verlängerte das Theatergebäude zum Herrngarten hin und hob das Dach an. Ein zweiter Dreiecksgiebel am Dach, zusätzliche Fenster, rustizierter Putz und neue Schmuckelemente machten aus Mollers klassizistisch‑ schlichtem Bauwerk ein historistisches Theater. Die neue Pracht blieb den Darmstädtern bis zur Zerstörung 1944 erhalten. Die Technische Hochschule, vor deren Tür die Moller-Ruine stand, bemühte sich nach 1964 um die Erhaltung des Baus. Zwei Planer legten den Grundstein für den später ausgeführten radikalen Umbau.

Das Staatsarchiv nutzt nun das Haus sinnvoll und pflegt es wohl, um aber als Archiv zu taugen, mußten der im Krieg ohnehin stark beschädigten Architektur die letzten Reste entkernt werden. Von Mollers schönem Theater steht jetzt nur noch die klassizistische Hülle, eine schöne Kulisse.

Zu Mollers umfangreichem Werk gehören eine Reihe imposanter Schlösser und Schloßentwürfe. Das populärste ist sicher das Wiesbadener Stadtschloß, das der klassizistische Baumeister in der zweiten Hälfte der Dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts für den Herzog von Nassau plante und baute. Das Schloß ist heute Sitz des Hessischen Landtags. Fürst Metternich beauftragte Moller Mitte der zwanziger Jahre mit dem Umbau von Schloß Johannisberg. Auch Schloß Hornburg wurde von Moller innen und außen weitgehend neu gestaltet. Für Fürst Ludwig von Solms-Hohensolms - Lich baute er Mitte der dreißiger Jahre das Licher Schloß um. 

Moller widmete sich auch der architektonischen Erneuerung des Bautypus Dorfkirche. Rings um Darmstadt baute Moller hauptsächlich neun der evangelischen Kirchen. Stilistisch an das deutsche Mittelalter angelehnt, sind sie klar gegliedert und bestehen meist aus einem Schiff und einem Turm. Die Glockentürme weisen schmal und wohlproportioniert gen Himmel und sind wie die Kirchenschiffe aus heimischem Gestein gemauert.

 

Mathildenhöhe:

Für die beiden Stilrichtungen Klassizismus und Jugendstil besitzt Darmstadt die hervorragendsten Beispiele Hessens. Während von den klassizistischen Bauten des Hofbaudirektors Georg Moller nach den Zerstörungen 1944 nur weniges erhalten ist, darf das Jugendstilensemble auf der Mathildenhöhe als einmalig gelten. Gewiß fehlt auch hier manches oder entspricht nicht mehr der ursprünglichen architektonischen Intention. Doch der harmonische Dreiklang von Hochzeitsturm, Ausstellungsgebäude (beide von 1908) und dem Atelier oder Ernst‑Ludwig‑Haus (1901) blieben neben den Plastiken und dem gekachelten Bassin im vorgelagerten Platanenhain unverändert.

Die Mathildenhöhe ist benannt nach der Gemahlin des Großherzogs Ludwig III. Sie ist mit der Darmstädter Künstlerkolonie, einer einzigartigen und für Darmstadt charakteristischen Anlage. Inmitten schöner Gärten mit altem Baumbestand und reicher Vegetation liegen zahlreiche Villen, von denen besonders die im vornehm-ruhigen Geschmack der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts erbauten sowie die modernen Villen zu beachten sind. In diesen wie in den Ausstellungsbauten auf der Höhe war bereits vor dem Ersten Weltkrieg das Streben einer neuen Kunst zur Sachlichkeit, zur Schönheit der Zweckform zu erkennen.

Was zunächst als großherzoglicher Park mit russischer Kapelle angelegt war, entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum wichtigen Schauplatz der europäischen Stilkunstbewegung im 19. Jahrhundert. Großherzog Ernst Ludwig hat 1899 berühmte Künstler auf die Mathildenhöhe herangezogen, um neben der Wirtschaftsförderung Gesamtkunstwerke zu schaffen.

Statt kleiner Arbeiten erschufen die Künstler auf einer rund 10.000 Quadratmeter großen Fläche ganze Häuser samt Einrichtungen, die einen neuen Trend gegen die auslaufende Wohnkultur des endenden Jahrhunderts setzen sollten. So etwas hat es zuvor noch nie gegeben, die komplette Durchformung war neu.

In den folgenden Jahren präsentierten die Künstler individuell eingerichtete und teils temporäre Häuser, die sich zunächst auf das aristokratische Wohnen beschränkten und anschließend den Akzent auf die Arbeiterschicht verschoben. Mit der Arbeitersiedlung sind neue Maßstäbe gesetzt worden. Die Künstler haben gezeigt, was man mit wenigen Mitteln in der deutschen Architektur machen konnte.

Es gab aber auch ein großes Interesse, für die ärmere Bevölkerungsschicht ein lebenswertes Umfeld zu schaffen. Einige Arbeiterhäuser wurden nach der Ausstellung abgetragen und in einer nahe gelegenen Wohnsiedlung wieder aufgebaut.

Das Gesamtkunstwerk Mathildenhöhe entwickelte sich immer weiter. Joseph Maria Olbrich war mit dem Bau eines Aussichtsturms auf der höchsten Stelle des Areals beauftragt worden. Dort befand sich das Wasserreservoir der Stadt, ein flacher Bau mit einer Platte. Mit der Errichtung des Hochzeitsturms und des direkt auf dem Wasserreservoir plazierten Ausstellungsgebäudes habe das Aussichtsplateau an optischer Schönheit gewonnen. Olbrichs letztes Werk ist eine Inkunabel der Architekturgeschichte. Die Arbeit mit dem vor- und zurückspringenden Backstein mache den Turm lebhaft. Eine um die Ecke gehende Fensterführung ist vor hundert Jahren eine völlige Neuheit gewesen.

Am Abend des 15. Mai 1901 gab es Grund zum Feiern und fürstlichen Speisen. Man reichte Möweneier mit Trüffelsoße in römischen Pastetchen, klare Schildkrötensuppe, getrüffelte Gansleber in Gelee, französische Masthühner, gedünstete Früchte und Diplomatenbombe (vermutlich eine fast unverschämt süße wie gehaltvolle Delikatesse). Es war das Festmahl zur Eröffnung der ersten Ausstellung der Künstlerkolonie in Darmstadt: Ein „Dokument Deutscher Kunst“. Die Speisekarte ‑ ein kleines Kunstwerk im Jugendstil.

Die Gäste kamen auf Geheiß des damaligen Großherzogs Ernst Ludwig, dem 23‑jährigen Landesherrn. Er erwies sich als weltoffen und reformfreudig, besaß zudem ein ausgeprägtes künstlerisches wie kulturelles Interesse. Auch in diesem Sinne wollte er sein Hessenland „in die Höhe bringen“ und das Kunstgewerbe reformieren, empfand man den aus diversen kunstgeschichtlichen Epochen zusammengewürfelten Prunkstil der Gründerzeit doch längst als

nicht mehr zeitgemäß.

Im Laufe des Jahres 1899 beschloß Ludwig die Gründung einer Künstlerkolonie als „freischaffende Gemeinde ohne akademische Zwänge. Zu diesem Zweck berief er sieben Künstler in seine Residenzstadt: Hans Christiansen (Maler), Patriz Huber (Innenarchitekt), Paul Bürck (Maler und Grafiker), Rudolf Bosselt (Bildhauer und Medailleur), Peter Behrens (Maler, Kunstgewerbler und späterer Architekt), Joseph Maria Olbrich (Architekt) sowie Ludwig Habich (Bildhauer), der als einziger aus Darmstadt stammte.

Vertraglich wurden sie für drei Jahre verpflichtet. Ludwig sicherte ihnen dafür ein nach Alter, Reputation und persönlichen Verhältnissen bemessenes „nicht pensionsfähiges“ Grundgehalt zu. Anders als für Künstlerkolonien üblich, beruhte die Darmstädter Variante also nicht auf einem privaten, vergleichsweise formlosen Zusammenschluß verschiedener Künstler, sondern auf planmäßiger Initiative der Regierung.

Joseph Maria Olbrich, aus Wien nach Darmstadt gereistes Gründungsmitglied der Wiener Secession, war es, der die architektonische Planung des ersten künstlerischen Auftrags übernahm: Sieben Künstler‑ und Privathäuser sollten für die Mitglieder der Künstlerkolonie erbaut und eingerichtet und der Öffentlichkeit präsentiert werden. Noch als Mitglied der Wiener Secession hatte Olbrich gefordert: „Eine Stadt müssen wir bauen, eine ganze Stadt! Alles andere ist nichts! Die Regierung soll uns ein Feld geben, und da wollen wir dann eine Welt schaffen.“ Nun war das Feld bestellt.

Mit Ausnahme der Villa Behrens, die der Maler Peter Behrens selbst gestaltete, errichtete Olbrich sämtliche Künstlerhäuser und übernahm auch die Planung der Landschaftsarchitektur. Entstanden ist eine bis heute innen wie außen begehbare jugendstilistische Pracht.

Bis zu 23 Mitglieder in wechselnder Besetzung nahmen von 1899 bis ins Jahr 1914 Anteil an dem fürstlichen Reformprojekt. Der immer gleiche Auftrag: Mit ihren Entwürfen sollten sie dem Gewerbe in Hessen innovative Produkt-Ideen zur Verfügung stellen und damit einen wirtschaftlichen Aufschwung einleiten.

Dies sollte vor allem durch die enge Zusammenarbeit mit dem Handwerk und den mittelständischen Unternehmen geschehen. Und die Rechnung des Großherzogs Ludwig ging auf. „Wie der große Krieg ausbrach“, resümiert er in seinen Erinnerungen, „waren Hessens Finanzen auf der Höhe.“ Auch in diesem Sinne bleibt das Konzept der Künstlerkolonie Mathildenhöhe zeitlos vorbildlich ‑ obwohl nach 1918 und der Abdankung von Großherzog Ludwig keine Wiederbelebung gelang.

Das Ergebnis auf der Mathildenhöhe wirkenden Architekten, Bildhauer, Maler und Möbeldesigner nannte Theodor Heuss einmal den „Schlüssel zur Moderne“. Ohne das Mäzenatentum des Großherzogs Ernst Ludwig wäre die Konzentration des deutschen Jugendstils in Darm­stadt in dieser Form nicht denkbar gewesen.

Ausgehend von Darmstadt, dem Zentrum des Jugendstils, orientierten sich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auch viele Künstler und Handwerker auf dem Land für die neue Stilrichtung. Die Künstler unterrichteten Handwerker der Region in so genannten „Sonntagsschulen“. Einigen wenigen gelang es später, aus dem anonymen Kreis der Kunsthandwerker herauszutreten. Zu ihnen gehörte der Töpfer Valentin Braun aus Urberach (Rödermark) und die regionalen Maler Heinrich Zernin, Richard Hoelscher und Emil Littmann.

Die sichtbarsten und prägnantesten Spuren hat der Darmstädter Jugendstil jedoch im Stadtbild der Region Starkenburg hinterlassen. Villen, Verwaltungsgebäude, Rathäuser, Amtsgerichte, Brücken, Kirchen und auch Friedhöfe konservieren bis heute das baukünstlerische Erbe. Beispiele sind etwa das Haus Metzendorf in der Ernst‑Ludwig‑Straße in Bensheim. Den traditionalistischen Stil pflegte der Architekt Friedrich Pützer ‑ zu sehen in dem 1910 erbauten Haus Pützer im Alexanderweg 8 in Darmstadt.

Neben dem Imitat des Darmstädter Jugendstils hat FH-Architekturprofessor Frank Oppermann an der Bergstraße und in Michelstadt auch den „Heimatstil“ gefunden: Eine meist in eine idyllische Landschaft eingebettete malerische Villenarchitektur, die sich durch Materialien wie den gelben Sandstein und große behütende Walmdächer auszeichnet.

 

Wenn man den Olbrichweg hinaufkommt, sieht man rechts an der Rückseite des Ausstellungsgebäudes die Mosaiknische von 1914 und rechts anschließend die Betonpergolen von 1908. Auf der anderen Seite steht die Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gestaltung, ehemals eine Miethäusergruppe von 1914. Dahinter ist das Ateliergebäude von 1914.

Auf der linken Seite des Olbrichwegs ist das letzte Haus das Oberhessische Haus von 1908 mit einem Gartenpavillon an der Ostseite. Es folgen der Museumsshop (das Oktogon von 1904) und gleich daneben Ernst-Ludwig-Haus, das Museum der Künstlerkolonie (die Schauseite ist allerdings von der anderen Seite). Dann wendet man sich nach rechts in Richtung Hochzeitsturm. Zuerst kommt hier allerdings das Ausstellungsgebäude, an der Ecke ist der Treppenpavillon mit Kuppelmosaik

 

Ausstellungsgebäude von 1908:

Im Museum Künstlerkolonie ist bis heute der linke Flügel der Dauerausstellung vor allem dem Werk dieser „ersten Sieben“ gewidmet, die in die Geschichte der Darmstädter Künstlerkolonie eingegangen sind. Die Besonderheit: Zwar unterschiedlichen Kunstgattungen verschrieben, wollten sie sich doch einer gemeinsamen Sache annehmen: der Verschönerung des Alltags durch die Künste.

Die Exponate, die in der Dauerausstellung zu sehen sind, künden von jener avantgardistischen Formensprache der „ersten Sieben“, die den unverwechselbaren Charakter des Jugendstils geprägt hat: geschwungene Linien und Ornamente, stilisierte Pflanzenmotive, Betonung des jeweiligen Charakters unterschiedlicher Materialien. Gebrauchsgegenstände, wie Möbel und Teppiche, Gläser und Keramiken wurden von Pomp und Prunk befreit und in Ausstellungen einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Auf der aussichtsreichen Terrasse stehen zwei Plastiken von 1914 von Bernhard Hoetger: links „Rache“, rechts „Wut“. Vor dem Gebäude stehen unten zwei Steinbänke und zwei große Vasen von 1914. Etwas weiter weg zwei Plastiken von 1914 von Bernhardt Hoetger: „Geiz“ und „Hass“. Noch weiter nach vorne der  Bacchusbrunnen von 1914

 

Hochzeitsturm:

Links neben dem Ausstellungsgebäude ist der Hochzeitsturm. Für den Überblick im Großen kann man die 212 Stufen des Turms besteigen. Er ist fast 50 Meter hoch ein klar gegliedertes Werk neuerer Baukunst. Das Wahrzeichen Darm­stadts wird auch „Stadtkrone“ genannt. Er ist das Hauptwerk von Joseph Olbrich und wurde 1908 von der Stadt zur Feier der Wiedervermählung des Großherzogs gestiftet. An der Vorderseite ist eine figurengeschmückte Relief-Gedenktafel von Jobst. Im Innern des Turms sind Malereien von Hegenbart (München) und Philipp Otto Schäfer (Darmstadt). Heutzutage werden im Hochzeitsturm Eheschließungen vorgenommen. Im Winter ist der Turm geschlossen.

 

Die russische Kapelle:

Erbauen ließ die Kirche das letzte russische Zarenpaar Nikolaus II. und Alexandra. Seitdem gilt das farbenprächtige Gotteshaus mit den goldenen Zwiebeltürmchen als Wahrzeichen Darmstadts.

Die Russische Kirche in Darmstadt verdankt ihre Entstehung der Heirat von Zar Nikolaus II. mit der Prinzessin Alix von Hessen und bei Rhein. Die häufigen Besuche des tief religiösen Zarenpaares in Schloß Wolfsgarten und Darmstadt ließen sehr bald den Wunsch nach einer orthodoxen Kirche aufkommen. Der Bruder der Zarin, Großherzog Ernst Ludwig (1868-1937) stellte den Bauplatz auf der Mathildenhöhe zur Verfügung. Für den Bau wurde Professor Louis Benois verpflichtet, der fast zur gleichen Zeit die Pläne für die Homburger Kirche erstellte. Auch in Darmstadt suchte er, die Stilelemente des russischen Kirchenbaus des späteren 16. Jahrhunderts mit dem aufkommenden Jugendstil zu verbinden.

Die „Russisch orthodoxe Kapelle der Heiligen Maria Magdalena“ wurde von 1897 bis 1899 gebaut - sogar auf echter russischer Erde, die Zar Nikolaus eigens aus Rußland ankarren ließ. Rund 400.000 Goldmark aus Privatmitteln hat der Bau einst gekostet. Auf den vergoldeten Zwiebelkuppeln und auf den Kacheln an der Außenfassade und in den Türmen verewigte Baumeister Louis Benois den russischen Zarenadler.

Die bemalten Mosaiksteinchen über den Eingang bilden die Heilige Maria Magdalena ab. Ein Glockenspiel mit fünf Glocken ruft zum Gottesdienst. Das Glockenspiel erklingt aber auch, wenn ein Evangelium gelesen wird. Die Entwürfe für die Mosaike an den Außenwänden, für die Ausmalung der Kirche und die beiden Kirchenfahnen stammen von dem russischen Maler Viktor M. Vasnecov, der durch die Ausmalung der Vladimir‑Kathedrale in Kiew bekannt wurde. Ausgeführt wurden die Arbeiten von Künstlern aus St. Petersburg. Die lkonostase, ein Werk von T. von Neff, wurde nicht eigens für diese Kirche gefertigt. Sie befand sich in der Hauskapelle Alfreds von Großbritannien in London und ist eine Schenkung des englischen Königshauses.

Sowohl die Grundsteinlegung am 16. Oktober 1897 als auch die Einweihung am 8.Oktober 1899 fand in Gegenwart von Zar Nikolaus II., seiner Gemahlin und der Großherzoglichen Familie statt. Bis zum Jahr 1918 fanden in der Kirche nur dann Gottesdienste statt, wenn sich das Zarenpaar oder orthodoxe fürstliche Gäste in Darmstadt aufhielten. Heute gibt es eine kleine Gemeinde von Russen und Serben, für die Gottesdienste zelebriert werden.

Anfang des Jahres 2002 wurde für die Sanierung der russischen Kirche ein Kuratorium (unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Peter Benz) gegründet. Die Schönheit war nur noch von der Ferne ungetrübt. Bei näherer Betrachtung zeigte sich, daß die Kapelle zusehends verfiel: Risse im Mauerwerk, ein undichtes Dach und feuchte Wände setzen dem Bauwerk zu. Weder die 60 Mitglieder zählende russisch orthodoxe Gemeinde in Darmstadt noch die Eigentümerin ‑ die Russisch‑ Orthodoxe Kirche im Ausland ‑ sahen sich imstande, die Renovierungskosten zu stemmen. Bei einem Unwetter wurde ein Stück des Daches abgehoben und Wasser drang ins Gebäude ein. Die feuchten Wände zersetzen allmählich die buntscheckigen Wandmalereien, und das Blattgold blättert zusehends ab. Im Seitenraum des Altarraums hatten sich etwa faustdicke Steinbrocken aus der Wand gelost. Überdies färbte sich schon der vor dem weiße Sandstein schwarz. Bis zum Jahr 2011 wurde die Kirche restauriert.               

 

Südlich der Kirche steht noch der Gartenpavillon von 1914 („Schwanentempel“). Rechts von der Kirche ist ein Platanenhain (1833 / 1914) mit Bildwerken von Hoetger (1914). Vor dem Hain stehen schmiedeeiserne Bögen mit Steinbänken von 1914. Westlich der Kirche stehen zunächst zwei Plastiken von Bernhard Hoetger aus dem Jahr 1914: „Maria mit dem Kind“ und „Josef“. Es folgt das Lilienbecken von 1914, eine schöne Brunnenanlage von Albin Müller. An der südwestlichen Ecke dann eine Blumenschale.

 

Künstlerhäuser:

Vom Becken geht man dann hinunter zum Alexanderweg. Dort stehen die Häuser der Künstler. Noch westlich des Eugen Bracht-Wegs steht das Haus Ostermann von 1908 von Alfred Messel. Wenn man dann den Alexanderweg nach Osten geht, sieht man links zunächst das das Denkmal für den Darmstädter Dichter Gottfried Schwab, ein Bronzebildwerk von Habich von 1914, das einen „emporstrebenden Genius“ darstellt. Daneben beginnen Betonpergolen von 1914.

Rechts beginnen dann die Künstlerhäuser, alle von Joseph Maria Olbrich: Haus Behrens von 1901, Großes Haus Glückert 1901 (Akademie für Sprache und Dichtung), Kleines Haus Glückert von 1901, Haus Habich von 1901, Haus Keller von 1901 und Haus Deiters von 1901 (schon um die Ecke).

Auf der anderen Seite ist gegenüber des kleinen Hauses Glückert der Ernst Ludwig-Brunnen von 1958 (Bildhauer Karl Hartung). Hier war ehemals das Haus Christiansen von 1901 (die Villa „in Rosen“) der Architekten Olbrich und Hans Christiansen. Etwas weiter oben am Hang sieht man das Ernst Ludwig-Haus von Joseph Olbrich mit dem Eingangsportal von 1901, die riesigen Portalfiguren sind von Habich. Es folgt wieder unten an der Straße das Haus Olbrich von 1901 mit dem Wandbrunnen und dem Relief „Trinkender Jüngling“.

 

Landschaftspark Rosenhöhe:

Man kommt zum Fliednerweg, geht ein Stück links und dann nach rechts in den Olbrichweg. Dieser trifft auf den Spessartring (der hier nicht mehr zum Ring rund um Darmstadt gehört) und dann nach links auf die Brücke über die Bahn. Von dieser aus sieht man rechts den Ostbahnhof liegen. Von hier aus haben einst hochgestellte Gäste die Rosenhöhe betreten, nachdem sie am Ostbahnhof angekommen waren, unter anderen Zar Nikolaus II., Schwager von Ernst Ludwig. An dieser Stelle steht das sogenannte „Wachhäuschen“ mit einem ungewöhnlichen Zinkblechdach. Der Thießweg führt hoch zum Palais Rosenhöhe (s.u.)

Man geht aber von der Brücke leicht rechts weiter zu dem eigenartige Löwentor, das 1926 zum 25-jährigen Jubiläum der Künstlerkolonie errichtet wurde. Sie waren aber ursprünglich für die dritte und letzte Künstlerkolonie‑Ausstellung 1914 geschaffen worden. Der Entwurf ist von Albin Müller, die Bildwerke von Hoetger. Die sechs Steinlöwen werden vom Volksmund die „niesenden Igel“ genannt.

 

Schon 1810 hat der Heidelberger Gartenbauarchitekt Michael Zeyher auf dem ehemaligen herr­schaftlichen Weinberg einen Landschaftsgarten nach englischem Muster gestaltet und Blumenrondelle und malerische Baumgruppen gepflanzt; und Hofarchitekt Moller hatte  alles mit Teehäuschen, Pavillons und Schaukel verschönt.

Großherzog Ernst Ludwig aber wollte der ländlichen Idylle ein ernsteres Moment hinzufügen. Der Park wurde nun auch Begräbnisstätte der Großherzoglichen Familie. Als Vorbild schwebte ihm eine Anlage vor, die den Charakter der Rosengärten Italiens mit ihrer Blütenfülle und den Architektureinstreuungen mit dem Charakter der den künstlerisch und blumenzüchterisch hochstehenden Rosengärten Englands verbinden sollte.

Die Rosenhöhe war früher nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Dadurch geriet etwas aus dem Blick, daß der jugendbewegte Großherzog keine 500 Meter von der Künstlerkolonie entfernt sich so etwas wie seinen zweiten Traum erfüllte. Galten doch seine „künstlerischen Gedanken über Baumkunst, Raumkunst und Kunstgewerbe auch solchen über Gartenkunst“. Angeregt von Reisen nach England und Italien, ging Ernst Ludwig daran, den natürlichen Charakter des Landschaftsparks der Rosenhöhe mit exotischen Baumsolitären zu unterstreichen, während er als optischen und gestalterischen Kontrast am oberen Parkzugang das Rosarium in strengen geometrischen Formen anlegen ließ.

Die Rosenhöhe verfiel nach dem Ersten Weltkrieg, war zunächst Nutzgarten, wurde aber ab 1925 wieder hergestellt. Im Zweiten Weltkrieg mußten wiederum die Rosen dem Gemüse weichen, dann verwilderte der Park. Im Jahre 1989 ging der bis dahin private Park in den Besitz der Stadt über, die unmittelbar danach die Wiederherstellung nach dem alten Vorbild veranlaßte.

 

In den Park geht man unter dem dunklen Dach einer Ahorn‑Allee, wie überhaupt die 18 Hektar große Anlage ihren Charakter als englischer Landschaftsgarten dank der ausgewachsenen Mammutbäume und Douglasien erst jetzt richtig entfaltet. Neben einer Vielzahl von Baum- und Pflanzenarten - Rosen, Blutbuchen, Mammutbäume, Scheinzypressen, Kräuter, Kastanien, Douglasien, Zedern, Ginkgos Weißtannen und Robinien - findet man auch Sehenswürdigkeiten kultureller Art.

Zunächst führt eine Teerstraße etwas bergauf. Rechts stehen Häuser der neuen Künstlerkolonie, die 1954 - 1967 erbaut wurde für Darmstädter Künstler und Schriftsteller.

Durch ein Tor geht es dann in den leicht am Hang angelegten Landschaftsgarten. Gleich links ist das klassizistische Teehäuschen, ein typisches Gestaltungselement biedermeierlicher
Gärten. Es wurde errichtet in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach einem Entwurf von Georg Moller. Rechts liegt das Gartenhaus, erbaut von Georg Moller in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für Prinzessin Elisabeth, Ehefrau von Prinz Carl

 

Etwas weiter oben sieht man rechts die Ruhestätten der letzten Großherzoglichen Familie (1903 bis 1997). Ernst Ludwig neben den fünf Familienmitgliedern, die am 16. November 1937 nur einen Monat nach seinem Tod bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Ihnen gegenüber liegt die 1997 gestorbene Prinzessin Margaret begraben.

Geradeaus steht das Neue Mausoleum, erbaut 1905 bis 1910 für die Eltern von Großherzog Ernst Ludwig bzw. die Grabplastik Elisabeths. Das Gebäude wurde dem Grabmal der Kaiserin Galla Placidia in Ravenna nachempfunden.

Dahinter folgt dann das alte Mausoleum, geschaffen von Hofarchitekt Georg Moller, Architekt Professor Karl Hofmann und Bildhauer Christian Rauch. Es ist eine dreigeteilte symmetrische Anlage mit einem Mittelbau mit seinem streng klassizistischen Äußeren. Der Mittelbau wurde 1826 erbaut als letzte Ruhestätte der Prinzessin Elisabeth, Tochter von Großherzogin Wilhelmine und Großherzog Ludwig II., die im Alter von fünf Jahren starb. In den Jahren 1869/70 wurde das Mausoleum durch symmetrische Flügelbauten des Darmstädter Architekten Heinrich Wagner erweitert, bestimmt für Ludwig I. und seinen Sohn Emil. In diesem Mausoleum ruhen außerdem weitere zwölf Mitglieder des Großherzoghauses und weitere totgeborene Kinder.

Durch ein schmiedeeisernes Tor mit den Versalien „Roesenhoehe“ verläßt den inneren Parkbezirk und läuft geradeaus zum Ludwig-Engel‑Weg, auf den man nach links abbiegt. Unterhalb liegt der Kräutergarten, der 1990 in Verbindung mit der Wiederherstellung des Rosariums angelegt wurde. Es schließen sich Obstwiesen an, und ganz am Ende steht der im 19. Jahrhundert errichtete Spanische Turm, der zu den unerforschten Baudenkmälern Darmstadts gehört.

Rechts aber liegt der wundervollen Rosengarten, den Großherzog Ernst Ludwig ab 1910 auf der höchsten Erhebung des Parks anlegen ließ. Mit einem Rosengarten, „wie man ihn in Deutschland noch nicht kannte“, wollte er den Landschaftspark Rosenhöhe krönen. Hier wurde eine Verschmelzung italienischer Gartenarchitektur mit den Vorbildern englischer Rosengärten versucht, die strengen Formen des Rosengartens sind ein bewußter Gegensatz dem sonstigen Landschaftspark im englischen Stil.

Man geht zunächst etwas links und dann nach rechts die Treppen hoch zum „Rosendom“.

Man geht dabei durch einen der vier Pergolen‑Kreuzgänge, die zur hölzernen Kuppel des „Rosendoms“ führen. Hier wächst seit der Neuanlage des Parks eine der wenigen ursprünglichen Sorten „American Pillar“, eine robuste, monatelang in dichten, rosafarbenen Büscheln blühende Art. Das Parterre daneben ist älteren, englischen und Stammrosen vorbehalten, unterhalb davon schwimmen Seerosen auf kleinen Teichen.

Seit Mitte der achtziger Jahre wurde dieses Blumenareal wiederhergestellt. Von den rund 50.000 Rosenarten werden hier rund 10.000 Rosen gezeigt. Nach fast jedem Prominenten, so scheint es beim Blick über die Namensschildchen, ist eine benannt. Bei öffentlichen Führungen über die Rosenhöhe werden die wichtigsten und schönsten Exemplare vorgestellt und vieles darüber hinaus, was der Großherzog sonst noch anlegen ließ und zuletzt aufwendig wiederhergestellt wurde ‑ etwa die Obstbäume vor dem Oberfeld, ein Gewürzgarten am Gärtnerhaus oder die in alle Himmelsrichtungen führenden Sichtschneisen. Sechs Gärtner sind ausschließlich mit der Pfleg auf der Rosenhöhe beschäftigt. Ohne das Engagement eines privaten Fördervereins wäre es unmöglich, den ursprünglichen Zustand zu rekonstruieren, wie es derzeit im westlichen Teil des Parks geschieht.

Unterhalb des Rosendoms liegen nach Westen ein Kastanienrondell und ein Heckengarten, eine Gartenkomposition, die unter Großherzog Ernst Ludwig entstand. Noch etwas weiter unten und etwas nach Süden steht das Palais Rosenhöhe, erbaut 1894 von Prinz Wilhelm nach Plänen  des Architekten Gustav Jacobi, das zwischen 1903 und 1918 Sitz der preußischen Gesandtschaft in Hessen war.

Vom Rosendom geht man geradeaus weiter, durch ein kleines Tor nach außen, dann gleich wieder nach rechts in einen von einem Gitterzaum eingerahmten Bereich mit einem Kunstwerk. Auf der anderen Seite geht es wieder hinaus und am nächsten Weg, dem Dolf Sternberger Weg - nach links (dort steht ein Schild, daß der Weg an einer Treppe endet). Man kommt in den Römheldweg, auf dem man nach Osten weiter geht und dann nach rechts abbiegend zur

Erbacher Straße, auf der man noch ein Stück nach links geht. Dort ist das Hofgut auf der Südseite.

 

Hofgut Oberfeld (Erbacher Straße 125):

Seit 1717 befand sich die alte Großherzogliche Hofmeierei neben dem Residenzschloß in Darmstadt. Im Jahre 1892 mußte das Hofgut am Herrngarten den Neubauten der Technischen Universität weichen (am Ostrand des Herrengartens). Er wurde an die Erbacher Straße 125 verlegt.

Um einen offenen Anger als Mustergut in Form eines Fünfecks angelegt, bildeten die Stallungen, Scheunen, Remisen und ein repräsentatives Gutshaus sowie die Schmiede und das Milchhaus eine funktionale Einheit mit hohem architektonischem Anspruch. Im Jahre 1919 wurde der Betrieb einer Pächterfamilie übertragen, die über Generationen den Charakter des Hofguts trotz einiger Kriegszerstörungen bis zur Betriebsaufgabe im Sommer 2006 bewahrte. Dann übernahm die Stiftung Hofgut Oberfeld die Anlage, um hier im Rahmen ökologischer Landwirtschaft einen Arbeits- und Lebensort für Menschen mit Behinderung sowie einen Lernort Bauernhof zur pädagogischen Arbeit einzurichten.

Das gesamte Anwesen steht unter Denkmalschutz, einzelne Bauten wie der alte Kuhstall, das Schmiede- und das Milchhaus sowie die verbindenden Außenmauern haben den Status des Einzeldenkmals, da sie als prägende Bauten mit Sichtmauerwerk und erhaltenem Fachwerk die kulturelle Bedeutung dieses Ortes dokumentieren.

Im Ensemble der zwischen 1892 und 1902 errichteten Gebäude ist das direkt neben dem alten Kuhstall gelegene Milchhaus inzwischen ein Schmuckstück: Mit Hilfe des Hessischen Landes­amtes für Denkmalpflege und zahlreicher Spenden ist es gelungen, das Haus denkmalgerecht zu sanieren. Das Dachgeschoß hat eine aus Eichenholz erstellte Fachwerkkonstruktion mit profilierten Schwellen und Konsolen, geschnitzter Feldergliederung und farblichen Absetzungen entsprechend der ursprünglichen Originalfassung. Auch die stark beschädigte Laube mit Freisitz wurde nach dem historischen Erscheinungsbild wiederhergestellt. Im Inneren konnte eine originale Kasettendecke aus Nadelholz freigelegt freigelegt und gesichert werden.

Die Stiftung Hofgut Oberfeld hat sich zum Ziel gesetzt, das ehemalige Kammergut der Landgrafen und Großherzöge von Hessen-Darmstadt in Hof und Grund zu erhalten und einem guten Zweck zuzuführen, der den Menschen und der Umwelt nützt. Das denkmalgeschützte Anwesen soll erhalten bleiben, die landwirtschaftliche Fläche unter ökologischen Gesichts­punkten bewirtschaftet werden. Soziale Aktivitäten finden hier in der Behindertenhilfe, Natur- und Umweltschutz, Erziehung und Bildung, Kunst und Kultur sowie der Wissenschaft und Forschung einen sinnvollen und fruchtbaren Rahmen.

Die bauliche Entwicklung des Hofguts begleitet die Architekten Arbeitsgemeinschaft Gott­stein & Blumenstein, zuständig für das Milchhaus sind Joachim Gottstein und Uwe Blumenstein. Das Haus wird heute als Wohngebäude für Mitarbeiter der benachbarten sozialtherapeutischen Einrichtung genutzt.

Vor dem Hofgut ist die Dreibrunnenanlage: Hier war der Anfang der 1568 von Landgraf Georg I. angelegten ersten Darmstädter Wasserleitung, die durch 726 Rohre aus Erlenholz den Marktbrunnen und das Stadtschloß mit Trinkwasser versorgte. Im Jahre 1597 führte man „gebackene Röhren“ aus Keramik ein. Die Bronzeplatten an der Brunneneinfassung gestaltete der Darmstädter Künstler Gotthelf Schlotter. Die rechte Gußplatte zeigt, wie hier die Störche die kleinen „Heiner“ – die echten Darmstädter – aus dem Teich holen.

Im 17. Jahrhundert lagen hier zwei Teiche, die als Vorratsbehälter dienten, wenn der Große Woog abgefischt wurde oder unter Niedrigwasserzufluß litt. Später wurde dann ein dritter Forellenteich angelegt, der nach dem Teichgräber Heinrich Judt aus Butzbach (Kellereirechnungen aus 1572) den Namen Judenteich erhielt. Heute gehört der Judenteich zum Gelände des Aquarien- und Terrarienvereins Hottonia. Der Ausfluß dieser Quelle ist der Meiereibach, der jetzt wieder in den Darmbach fließt.

 

Auf der Erbacher Straße geht man ein Stück nach Westen und dann links nach Süden in die Straße „Am Judenteich“. Über die Hanauer Straße und die Bahn kommt man zum Botanischen Garten

Das noch weiter südöstlich gelegene Vivarium - ein Zoo - ist einen eigenen Besuch wert.

Auch zum Alten Friedhof kann man noch einen Abstecher machen. Man kann vom Breslauer Platz im Süden zur Heinrich Straße gehen und auf ihr nach Westen in Richtung zum Alten Friedhof (links in die Theodor Heuß-Straße und dann rechts in den Herdweg). Das regelmäßige Viereck enthält eine Reihe von künstlerisch wertvollen Grabmälern, besonders von jenen, die im Darmstadt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts Rang und Namen hatten.

An oder nahe der rechten Umfassungsmauer sind die meisten von ihnen bestattet: Heinrich von Gagern, Georg Moller, Luise und Ludwig Büchner, die Mitarbeiter der Künstlerkolonie Joseph Maria Olbrich und Ludwig Habich, aber auch der reaktionäre Staatsminister du Thil, unter dem Georg Büchner und der ebenfalls auf dem Alten Friedhof bestattete Friedrich Ludwig Weidig verfolgt wurden. Der Mann, der die restaurative Ära du Thil mit seinem „Datte­rich“ unsterblich satirisch aufgespießt hatte, Ernst Elias Niebergall, liegt nun auch dort, nachdem man ihn zu Lebzeiten verkannt und nach seinem Tode in einem Armengrab verscharrt hatte. Zurück über die Heinrich Straße und nach links über die Heidenreich Straße kommt man zum Großen Woog.

 

Vom Botanischen Garten kann man aber auch direkt über die Heinrich Fuhr-Straße zum Großen Woog gehen. In diesen mündet der Darmbach, der jetzt wieder renaturiert ist. Im 18. Jahrhundert war der Darmbach mit Abwassern gefüllt und stank buchstäblich zum Himmel, so daß die Darmstädter ihn nach und nach abdeckten. Seit 1786 ist das Gewässer komplett aus dem Stadtbild verschwunden. Vergessen haben es die Darmstädter zwar nicht. Aber es dauerte mehr als 200 Jahre, bis sich Kommunalpolitik und Bürgerschaft in der Lokalen Agenda entschlossen, den Darmbach wieder zum „Bach in der Stadt” zu machen. Nach mehrjähriger Planung war es 2007 soweit. Mit dem Spatenstich startete Stadtrat Dieter Wenzel die Offenlegung des verlorenen Baches. Bisher wurden der Darm- und der Meiereibach mit Abwasser vermischt. Durch die Einleitung in die Kanalisation entstanden jährlich Abwasserkosten von 2,74 Millionen Euro, die aber jetzt gespart werden. Der Bach wurde auf 3,6 Kilometern vom Südosten der Stadt durch den Großen Woog und quer durch die Innenstadt und den Herrengarten bis zum Bachwasserkanal im Nordwesten geführt. Von dort fließt er weiter Richtung Rhein. Die Arbeiten sollten 8,44 Millionen Euro kosten und nach 2011 abgeschlossen werden.

 

 

Wanderung über die „Darmstädter Höhen“ und durch die „Eberstädter Toskana“

Die Wanderung ist angelehnt an den Wanderweg „Sieben-Hügel -Steig“. Dieser ist allerdings eine Streckenwanderung, die eine Rückkehr zum Ausgangsort mit öffentlichen Verkehrsmitteln voraussetzt. Deshalb wurde für Autofahrer hier eine Rundstrecke zum Wandern ausgewählt. Der Einstieg ist am Südostrand von Darmstadt an der B 449 / Kreuzung mit der Straße „Am Böllenfalltor“. Dort ist auf der Ostseite ein Parkplatz.

Man überquert die Bundesstraße und geht links an dem Restaurant „Bölle“ vorbei. Dort ist ein niedriges Holzgeländer, an dem man rechts vorbei geht und dann einen Trampelpfad hoch. 

Man kommt zu dem 220 Meter hohen Felskoloß „Herrgottsberg“. Als erstes trifft man auf einen Gedenkstein für die frühere Martinskapelle. Der Berg war sowohl vorchristliche Kultstätte und als auch Wallfahrtsort der Bessunger Kirche. Im 13. Jahrhundert wurde hier eine Martinskapelle errichtet. Im 14. Jahrhundert wurde sie Filialkirche der Darmstädter Stadtkirche und der Martinspfad führte zu ihr. Im Jahre 1535 wurde ihr das Altarlehen entzogen und dem Philippshospital in Goddelau übertragen. Deshalb wurde sie 1557 abgebrochen. Links von dem Gedenkstein liegt auf dem Boden ein zerbrochenes Steinkreuz.

Der Berg war auch der Hausberg des im 30jährigen Krieg untergegangenen Dorfes Klappach. Hier finden sich an vielen Stellen die Zeichen einer Steinbruchnutzung. Das sagenumwobene Naturdenkmal Teufelskralle befindet sich im Osten des Berges. Die Sage erzählt, der von den Bessungern betrogene Teufel habe den Stein nach der Martinskapelle geworfen

Dann geht es nach Süden den Berg hinunter mit dem Wanderzeichen liegender roter Strich. Links liegt der 1976 von Bürgermeister Sabais angelegte Goethe-Teich, gespeist die Saubachquelle. Rechts ist der „Goethefelsen“. Das „G“ am Goethefelsen wurde vom Bildhauer Scholl für den Literaturhistoriker Gervimus geschlagen. Im Jahre 2002 wurde hier eine Bronze-Gedenktafel errichtet. Hier war ein beliebter sonntäglicher Treffpunkt des Dichters und seiner Darmstädter Freunde und Freundinnen, der „Kreises der Empfindsamen“.

 

Mit Datum vom 9. März 1772 meldete das „Darmstädtische Frag- und Anzeigungsblättgen” unter der Rubrik der „ab- und durchgereisten Passagiers” den Besuch eines gewissen Johann Wolfgang Goethe. Es war dies der erste Aufenthalt des aufstrebenden Dichtergenies in der südhessischen Residenzstadt. Goethe scheute sich nicht, noch einige Male zu Fuß den Weg nach Darmstadt auf sich zu nehmen. Hier fand er, was ihm in seiner geschäftigen Vaterstadt bislang versagt geblieben war: Anerkennung, wenn nicht gar Bewunderung. Für den so genannten Kreis der Empfindsamen um Johann Heinrich Merck und Caroline Flachsland, der Braut von Johann Gottfried Herder, kam der junge Goethe wie gerufen. Ganz verzückt zeigt sich der schwärmerische Bund von seinen Dicht- und Rezitationskünsten. „Goethe steckt voller Lieder”, schrieb Caroline Flachsland an ihren Verlobten, überall sei sie ihm „nachgegangen”. Den darauf eifersüchtigen Herder nannte Goethe einen „intoleranten Pfaffen”.

Viel erinnert nicht mehr in Darmstadt an Goethe und den Kreis der Empfindsamen. Am ehesten wird man ihrem poetischen Naturverständnis an der Felsgruppe auf dem Herrgottsberg gewahr. Hierher zog sich gerne Caroline Flachsland zum Lesen von Shakespeare und Klopstock zurück, hier schrieb Goethe seinen „Fels-Weihegesang an Psyche” (gemeint war Caroline unter ihrem Kultnamen).

Die Bronzetafel erinnert daran, daß im Mai 1772 Goethe hier seinen „Felsweihegesang an Psyche“ gedichtet hat. Einige Zeilen daraus stehen auf der Bronzetafel:  „Ich irrer Wandrer fühlt erst auf dir Besitztumsfreuden und Heimatsglück. Da, wo wir lieben, ist Vaterland. Wo wir genießen, ist Hof und Haus“. Das ganze Gedicht lautet:

 

An Psyche

Veilchen bring ich getragen,

Junge Blüten zu dir,
Daß ich dein moosig Haupt
Ringsum bekränze,
Ringsum dich weihe,
Felsen des Tals.

Sei du mir heilig!
Sei den Geliebten
Lieber als andre
Felsen des Tals!

Ich sah von dir
Der Freunde Seligkeit,
Verbunden Edle
Mit ew'gem Band.

Ich irrer Wandrer
Fühlt erst auf dir
Besitztumsfreuden
Und Heimatsglück.

Da, wo wir lieben,
Ist Vaterland;
Wo wir genießen,
Ist Hof und Haus.
Schrieb meinen Namen
An deine Stirn;
Du bist mir eigen,
Mir Ruhesitz.

Und aus dem fernen
Unlieben Land
Mein Geist wird wandern
Und ruhn auf dir.

 

Sei du mir heilig,
Sei den Geliebten
Lieber als andre
Felsen des Tals!

Ich sehe sie versammelt
Dort unten um den Teich;
Sie tanzen einen Reihen
Im Sommerabendrot;
Und warme Jugendfreude
Webt in dem Abendrot.

Sie drücken sich die Hände
Und glühn einander an.
Und aus den Reihn verlieret
Sich Psyche zwischen Felsen
Und Sträuchen weg, und traurend
Um den Abwesenden,
Lehnt sie sich über den Fels.
Wo meine Brust hier ruht,
An das Moos mit innigem
Liebesgefühl sich
Atmend drängt,
Ruhst du vielleicht dann, Psyche.
Trübe blickt dein Aug
In den Bach hinab,
Und eine Träne quillt
Vorbeigequollnen Freuden nach;
Hebst dann zum Himmel
Dein bittend Aug,
Erblickest über dir
Da meinen Namen.
- Auch der -
Nimm des verlebten Tages Zier,
Die bald welke Rose, von deinem Busen,
Streu die freundlichen Blätter
Übers düstre Moos,
Ein Opfer der Zukunft!

 

Dann geht es zunächst ein Stück weiter mit dem roten Strich. Wo dieser aber rechts abknickt, geht man geradeaus weiter mit dem Wanderzeichen „S“ (aber der rote Strich kommt dann wieder dazu). Der ganze Weg ist hier gesäumt von modernen Kunstwerken wie einer Hexe aus Reisig. Es geht auf die 230 (oder 246) Meter hohe „Ludwigshöhe“. Links sieht man schon ein Gebäude mit Turm, aber der Ludwigsturm liegt weiter oben auf der rechten Seite.

Eine kleine Gaststätte lädt zur Einkehr ein und die Kinder können die Wanderung auf dem Spielplatz unterbrechen. Im Kiosk erhält man auch den Schlüssel zum 28 Meter hohen Ludwigsturm von 1882 (Eintritt ein Euro).

Vom Turm aus kann man im Südwesten den Pfälzerwald und die Vogesen sehen, im Westen den Donnersberg, und im Nordwesten den Soonwald und Hunsrück, im Norden die Frankfurter Skyline. Aber auch am Fuß des Turms hat man eine gute Sicht auf Darmstadt. Der Turm ist der historische Ausflugsort der Darmstädter Bürger und Hausberg des Darmstädter Stadtteils Bessungen.

Südöstlich steht die Volkssternwarte, an der man einen Abstecher auf den Planetenweg machen kann. Dieser Weg soll die Größenverhältnisse im Sonnensystem verdeutlichen. Dazu sind entlang des Planetenwegs Tafeln aufgestellt. Beginnend bei der Tafel über die Sonne an der Sternwarte sind die Abstände der Tafeln maßstäblich im Verhältnis 1:1 angeordnet (ein Meter im Wald entspricht 1 Million Kilometer im Weltraum). Die Tafeln der vier Planeten des inneren Sonnensystems befinden sich auf den ersten 230 Metern. Im äußeren Sonnensystem sind die Abstände wesentlich größer. Es geht auf den 2,8 Kilometern fast bis an die Bundesstraße im Osten. Der nächste Fixstern Alpha Centauri wäre übrigens in diesem Maßstab 43.000 Kilometer von der Sonne entfernt.

Wenn man die Marienhöhe auslassen will, geht man wie folgt weiter:

Etwas unterhalb der Sternwarte deutet ein „Obelisk“ auf der rechten Seite schon an, daß man zum Gehöft eines Steinmetzes kommt. Man geht links vorbei und kommt zu einem Wiesental. Hier geht es zunächst ein Stück links und dann und dann mit den Wanderzeichen „1“ und „2“ rechts ab auf die „Alte Bogenschneise“ (am Beginn ist an einem Baum das rote Schild „20 Kirchschlag“). An einer Bank auf der rechten Seite geht es links und bald darauf (an einer Bank auf der linken Seite) wieder rechts. Am Ende des Waldes beginnt ein großes Apfelstück. Dort geht es links weiter mit dem Wanderzeichen „roter Strich“ auf den „Oberen Prinzenbergweg“.

 

Wenn man über die Marienhöhe gehen will, geht man an der Ludwigshöhe am Turm direkt nach Süden (nicht weiter nordwestlich auf die Salzlackschneise). Man kommt auf die Alte Bogenschneise, auf der man ein Stück nach links und dann gleich wieder nach rechts geht und dann noch einmal rechts am Waldrand entlang. An der Gabelung rechts bleiben und dann im Linksbogen zum Standort des ehemaligen Marientempels, der heute nur noch durch eine Gruppierung von Steinstelen markiert ist. Der in barockisierender Form auf einer kleinen Anhöhe errichtete Marientempel war der zentrale Ort des Waldparks. Anfang des 20. Jahrhunderts stürzte er ein. Im Jahre 1936 wurde etwas weiter südlich der „Neue Marientempel“ errichtet, der spätere „Schembstempel“, der wieder neu errichtet wurde.

Die Marienhöhe verdankt ihren Namen der russischen Kaiserin Maria Alexandrowna, die als hessische Prinzessin - Tochter der Großherzogin Wilhelmine - zur Welt kam. Ansonsten ist die Marienhöhe eine Villensiedlung mit einer Privatschule (Schulzentrum Marienhöhe) und der Adventgemeinde an ihrem Nordende.

Der „Waldpark Marienhöhe“ wird 1840 erstmals erwähnt und bis zum Anfang des Zweiten Weltkriegs als ein „landschaftliches Wesen von besonderem Reiz“ gepriesen. Das Landschaftsparkkonzept sollte sich vom Langener Wald über Darmstadt bis nach Viernheim erstrecken und Erholungseinrichtungen beherbergen. Es wurden Quellen gefaßt, Tempel und Erinnerungsplätze gestaltet und andere Anlagen errichtet. Von den Ausblicken hatten die Besucher einen freien Blick auf die Bergstraße und in die Rheinebene.

Die Wege des „Waldparks Marienhöhe“ waren geschwungene Parkwege. Bäume wurden gezielt und einzeln gepflanzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwilderte der Waldpark, er wurde zu einem ganz gewöhnlichen Wald. Nur die geschlungenen Wege erinnern noch an den Park.

Heute erinnert nur noch eine Informationstafel an den ehemaligen Wald- und Landschaftspark Marienhöhe.

Der weitere Weg vom Schembstempel muß zum Steckenbornweg führen. Dazu geht man am besten wieder zurück zur Alten Bogenschneise, auf ihr nach rechts und am nächsten Weg wieder nach rechts bis zur Steckenbornschneise. Hier ist eine Wiese, an der man rechts weiter geht, um am Ende der Wiese an dem Apfelstück nach links abzubiegen zum Prinzenberg.

 

An einer Schutzhütte am 235 Meter hohen „Prinzenberg“ hat man nochmals einen herrlichen Blick über die „Eberstädter Toskana“: Über die nach Westen offene Landschaft reicht der Blick in die Rheinebene, die Bergstraße und Darmstadt. Am Fuße des Prinzenberges befinden sich die wertvollsten Magerwiesen Darmstadts. Von der Höhe aus erschließt sich der Blick auf das größte zusammenhängende Streuobstwiesengebiet der Hessischen Bergstraße, das vom „Freundeskreis Eberstädter Streuobstwiesen“ betreut wird.

Der Prinzenberg hieß bis 1836 „Hetterberg“. Er war unbewaldet und ein entlegenes, wenig ertragbringendes Feld für die Eberstädter. Daher wurden große Teile im 19. Jahrhundert aufgeforstet. Im Jahre 1895 wurde am Gipfel eine Schutzhütte („Tempel“) und danach ein Arboretum (Ansammlung nicht einheimischer Baumarten) angepflanzt. Das Gebiet ist Vogelschutzgebiet, Leitvogel ist der Wiedehopf, der in den alten Obstbäumen beste Brutmöglichkeiten besitzt. Am Prinzenbergfuß befinden sich die wertvollsten Magerrasenstandorte Darmstadts.

Der Name „Prinzenberg“ entstammt nicht dem Begriff „Sprinzen“ (= Quellen), sondern steht im Zusammenhang mit der großherzoglichen Familie und der Angewohnheit, Tempel, Wege, Teiche und Hügel nach Mitgliedern der Fürstenfamilie zu benennen. Im Winter ist der Prinzenberg ein beliebter Rodelhang.

Nach rechts geht es mit dem Wanderzeichen „roter Strich“ über eine Wiese zum Melitta­brunnen. Er wurde 1894 zu Ehren der Herzogin Victoria Melita, der Gemahlin von Großherzog Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt, erschlossen wurde. Das Wasser ist trinkbar. Von hier geht es immer geradeaus zum „Steigertsweg“.

Auf diesem geht man nach links weiter nach Nordosten (nicht links oder rechts ab) bis kurz vor der Bundesstraße. Man geht nach links auf dem Nieder-Ramstädter Fußpfad Richtung Draudt-Eiche, aber schon vor dieser nach rechts über die Bundesstraße und gleich danach links zum Dommerberg, mit  254 Metern der höchste Berg Darmstadts, der hohen In den Jahren 1904-1908 bauten Darmstädter Studenten hier den Bismarckturm, der heute der Bundesnetzagentur gehört.

Von dort geht man nach Nordosten auf dem „Dommerbergweg“ (nicht: Oberer oder Unterer Dommerbergweg) zur Alten Ober-Ramstädter Straße, auf der man nach rechts weitergeht.

Man kommt zur Eisenbahnlinie Darmstadt-Höchst i. Odw. Diese wird auf einer Brücke überquert, auf der anderen Seite ist eine Schutzhütte.

Auf der Ober-Ramtädter-Straße geht es weiter bis an den Ortsrand von Traisa. Rechts ist ein Wasserhochbehälter, am Ende des Ortes eine Reihe von Sportplätzen. Man kommt über den 246 Meter hohen Steinbuckel am Ortsteil Dippelshof vorbei zum Forsthaus „Eiserne Hand“, rechts liegen Reithalle und Friedhof.

Hier geht es im rechten Winkel nach links und dann mit dem Wanderzeichen „blauer Punkt“ und „weißes Andreaskreuz“ nach links. Man kommt zur Darmbachquelle am Oberjägermeisterteich. Hier beginnen schon die Teiche der Fischzucht, wo man rechts im Ausflugslokal „Zur Fischerhütte“ die Rast machen kann. An der Nordseite der Gaststätte geht es dann nach

links weiter. An der Gabelung geht es links weiter (zunächst Wegweiser „Modautal“, an der nächsten Abzweigung aber nicht mehr, sondern geradeaus).

Hinter der Bahnlinie geht es links ab. Wo rechts ein Baum mit der Nummer 36 steht, geht es nach rechts auf einem Trampelpfad steil hinauf auf den „Dachsberg“ (246 oder 250 oder 258 Meter) mit einer Schutzhütte, die im Darmstädter Sprachgebrauch „Tempel“ heißt. Der Berg beherbergt seit Menschengedenken eine große Dachsbauanlage, von der aber nichts zu bemerken ist. Hier gibt es auch vier ungeöffnete Hügelgräber (eins im Süden und zwei nördlich jenseits des Kirchwegs). An der Ostseite des Berges ist der Klippstein-Tempel (zu dem man aber auf diesem Weg nicht kommt, nur wenn man auf dem offiziellen Sieben-Hügel-Steig geht). Am Wasserhochbehälter geht es rechts abwärts, unten aber gleich wieder links mit dem Wanderzeichen „Roter Strich“. Wenn man links einen großen Rastplatz sieht und rechts die Schießstände und das Schützenhaus, dann ist man wieder am Ausgangspunkt der Wanderung. Länge etwa 13 Kilometer mit 250 Metern Höhenunterschied (ohne Marienhöhe).

 

Alternative:

Wenn man noch mehr von der „Eberstädter Toskana“ sehen will, beginnt man am Ortsrand von Darmstadt-Eberstadt in der „Mühltorstraße“ am Mühltalbad. Man fährt bis zum obersten Parkplatz und kommt auf den „Steigertsweg“, auf dem man auf den Rundweg kommt. Um von diesem wieder zum Schwimmbad zu kommen, biegt man nach Verlassen des Waldes rechts ab und dann nach links den steilen Weg auf die Anhöhe hinauf. Es lohnt sich, noch einen Abstecher nach rechts ganz auf die Höhe zu machen, weil man da einen schönen Blick auf die „Eberstädter Toskana“ hat. Dann geht man wieder zurück und auf dem Weg weiter. Wo rechts ein eingezäunter Garten ist, geht es links ab, so daß man wieder auf den „Steigertsweg“ kommt. Die gesamte Wegstrecke beträgt 16,5 Kilometer bei 270 Höhenmetern.

 

Der „Sieben-Hügel-Steig“ wird wie folgt beschrieben:

Die Wanderung beginnt am Ostbahnhof in Darmstadt an der „Erbacher Straße“. Auf der Rückseite des Bahnhofs im Norden geht es durch den Eingang am Pförtnerhäuschen auf dem Thieß­weg in den Landschaftspark Rosenhöhe. Im Landschaftspark geht es in West-Ost-Richtung über den Ludwig-Engel-Weg (das Mausoleum liegt nördlich, das Rosarium südlich). Man trifft auf den  Zuckmayer-Weg. Links liegt das Hofgut Oberfeld mit der Dreibrunnenanlage davor.

 Ab der Dreibrunnenanlage folgt man dem Meiereibach. An der Erbacher Straße geht man links und dann rechts auf die Straße „Am Judenteich“ und über die Bundesstraße. Westlich der Eisenbahn kommt man zum Botanischen Garten. Für einen kurzen Rundgang durch diese schöne und interessante Parkanlage aus dem Jahre 1874 sollte man sich Zeit nehmen. Hier wird man auf Wunsch von April bis September durch die Anlagen und die Gewächshäuser geführt. 

Auf dem „Schnampel­weg“ westlich eines Hochschulinstitutsgeht es zum „Vivarium“. Im vier Hektar großen Zoo leben 150 Arten exotischer und einheimischer Tiere. Muntere Affen, farbenprächtige Vögel, exotische Fische und Reptilien haben in naturnah gestalteten Gehegen, Aquarien und Terrarien ihr Zuhause.

Man hält sich rechts des Darmbachs und bleibt auf der westlichen Seite der Bahngleise. Rechts geht die „Vorderwiesenschneise“ ab zum Dachsberg, dem zweiten Hügel der Wanderung. Man kann ihn östlich umgehen, aber auch über den Gipfel gehen. Nach Süden geht es zum Dommer­berg.

Hinter dem Dommerberg überquert man die Bundesstraße 449 und geht westlich der Bundes­straße nach Nordwesten bis zum Herrgottesberg. Dort geht es links ab in die Salzlackschneise und geht rechts am Goethe-Teich vorbei. Durch einen geschwungenen Waldweg geht man an der Sternwarte auf der Ludwigshöhe vorbei und erreicht bald darauf den Schembstempel der Marienhöhe. Anschließend führt der Weg durch den Wald zum Prinzenberg – dem letzten der sieben Hügel. Von hier geht es durch die Eberstädter Streuobstwiesen (Steckenbornweg und Heinrich-Delp-Straße, Thomasstraße) zur Straßenbahn an der Haltestelle „Wartehalle“ in der Heidelberger Landstraße/Darmstadt-Eberstadt.

Doch empfehlenswerter ist an sich der Rundweg. Die anderen Ziele sollte man lieber zusammen mit der Mathildenhöhe besuchen.

 

Darmstadt-Roßdorf:

Nordwestlich von Roßdorf ist eine Menhir-Anlage. Hier stehen 14 Menhire an einem Bach, wurden aber von einem Bauern durch eine Sprengung teilweise zerstört. Man gelangt dorthin, wenn man auf der Bundesstraße 26 in Richtung Westen fährt und nach der Anschlußstelle Roßdorf unter einer Brücke hindurch fährt und am nächsten Parkplatz am Hasenböhl rechts hält. Von dort geht man östlich des Bachs entlang auf einem S-förmigen Weg. Wenn dieser sich mit einem anderen Weg kreuzt, geht es links und dann wieder rechts. Dort ist dann gleich die Anlage.

Sprengung der Steine, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten geübt wurde und der in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts auch noch ein Stein der einmaligen Menhir-Anlage auf den „Hirtenwiesen” bei Darmstadt-Bessungen zum Opfer fiel, gehört glücklicherweise zu den Ausnahmen.

 

 

 

Darmstadt-Roßdorf:

Nordwestlich von Roßdorf  ist eine Menhir-Anlage. Hier stehen 14 Menhire an einem Bach, wurden aber von einem Bauern durch eine Sprengung teilweise zerstört. Man gelangt dorthin,

wenn man auf der Bundesstraße 26 in Richtung Westen fährt und nach der Anschlußstelle Roßdorf unter einer Brücke hindurch fährt und am nächsten Parkplatz am Hasenböhl rechts hält. Von dort geht man östlich des Bachs entlang auf einem S-förmigen Weg. Wenn dieser sich mit einem anderen Weg kreuzt, geht es links  und dann wieder rechts. Dort ist dann gleich die Anlage.

Sprengung der Steine, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten geübt wurde und der in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts auch noch ein Stein der einmaligen Menhir-Anlage auf den „Hirtenwiesen” bei Darmstadt-Bessungen zum Opfer fiel, gehört glücklicherweise zu den Ausnahmen.

 

Bessungen: (Südlicher Stadtteil von Darmstadt)

Orangerie: Sobald sich die ersten Sonnenstrahlen zeigen, wird es zur Mittagszeit eng auf den Bänken im nördlichen Teil des Orangeriegartens: Angestellte der nahen Büros essen Sandwiches; Mütter beobachten ihre Kleinen, die auf Kinderrädern das Fischbecken umrunden; Rentner lesen Zeitung. Kaum einer der Stammgäste hat noch einen Blick für den wunderschönen Garten, der vor ihnen liegt: sattgrüner Rasen, akribisch bepflanzte Beete, Schatten spendende, 200 Jahre alte Kastanienbaume und drei Brunnen, die Wasserfontänen speien.

Der renommierte Baumeister Louis Remy de la Fosse, nach dessen Plänen auch das Darmstädter Schloß errichtet wurde, entwarf 1715 die Grundplanung für die streng symmetrische Gartenanlage, die in drei Terrassen leicht nach Süden hin ansteigt. Vier Jahre später legten Maurer den Grundstein für das Orangeriegebäude, in denen Zitronen‑, Feigen‑ und Orangenbäume überwintern sollten. Eine Mauer aus unverputzten Steinen schottet den Garten von der Umgebung ab. Die Fürstenfamilie wollte hier ein geordnetes Paradies schaffen, das sich von der wilden Natur abgrenzt.

Wilde Natur gibt es rundherum nicht mehr, sondern Wohnhäuser, Geschäfte und Büros. Die Hauptachse des rund acht Fußballfelder großen Gartens bildet ein Weg, der mit rotem Sand bestreut ist. Links und rechts sind Blumenbeete gepflanzt, die von Buxbaum‑Gewächsen umrahmt werden. Es bleibt aber noch genug Rasen, den die Besucher des Parks nutzen können. Die einen bringen Decken mit und machen ein Picknick, andere werfen Frisbees hin und her. Bei schönem Wetter liegen Sonnenbadende dicht an dicht. Auf dem Grün vor dem Orangeriegebäude spielen die kleineren Jungs Fußball.

Auf dem weiter oben liegenden Bolzplatz kicken die Großen. Er liegt am Rande des Gartenteils, der an englische Parks erinnert. Während weiter unten in der barocken Anlage alles einer strengen Geometrie unterliegt, fehlt hier die ordnende Hand eines Gartenbaumeisters. Statt Beeten gibt es Wiesen und Kastanien. Das Orangeriegebäude ist nach dem Umbau von 1978 ein beliebter Veranstaltungsort mit historischem Saal und modernen Tagungsräumen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war hier provisorisch das Darmstädter Theater untergebracht. Von der ursprünglichen Aufgabe der Orangerie zeugt ein alter Pflanzturm aus dem Jahr 1840, der heute aber ein tristes Dasein fristet und zeitweise als Schuppen diente. In diesem Turm zogen die Gärtner mit Eisenketten schwere Pflanzentröge zum Umtopfen nach oben. Sie zerschlugen die Tontöpfe und setzten die Pflanzen in größere Schalen wieder ab. Nach Recherchen von Steinbeck ist dieses gartenbau‑technische Instrument einzigartig in Deutschland. Es ist absolut wichtig, es zu restaurieren. In der Orangerie schlägt das Herz des Stadtteils. Aber auch Besucher von außerhalb könnten hier eine grüne Oase innerhalb einer Großstadt genießen.

80 Jahre lang war das gemeine Volk vom Garten ausgeschlossen. Landgraf Ludwig X, öffnete erst 1800 die Pforten für die Bürgerschaft. Allerdings nicht ganz freiwillig: Die Revolution in Frankreich hatte das nahe Mainz erreicht. Da schien es dem Herrscher ratsam, das Volk durch Vergünstigungen zu besänftigen.

 

Roßdorf

Nordwestlich von Roßdorf, nördlich des Bessunger Forsthauses, nördlich der Bundesstraße 9 stehen 14 Menhire an einem Bach, wurden aber von einem Bauern durch eine Sprengung teilweise zerstört. Sprengung der Steine, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten geübt wurde und der in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts auch noch ein Stein der einmaligen Menhir-Anlage auf den „Hirtenwiesen” bei Darmstadt-Bessungen zum Opfer fiel, gehört glücklicherweise zu den Ausnahmen.

 

Ober-Ramstadt

Ein römischer Gutshof lag unter einer Fabrikhalle in der Flur „Ober der Pfingstweide“. Ein römisches Brandgrab fand sich unter dem Haus Heyerstraße 8.

Ober-Ramstadt war einst Sitz eines Zentgerichts und Mittelpunkt des oberen Modautales. Die auf einer Höhe liegende Kirche wurde 1717 nach Plänen des Darmstädter Hofbaumeisters L. R. Delafosse errichtet. Der alte Kern um die Barockkirche ist sehenswert. Davor steht das zum Heimat- und Technikmuseum umgewidmete frühere Rathaus, Prälat-Diehl-Straße (Öffnungszeiten ganzjährig sonntags 14.30 bis 17.30 Uhr). Hier bewahrt man vor allem die Erinnerung an die beiden größten Söhne der Stadt, den Experimental-Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 in Ober-Ramstadt geboren) sowie den Autokonstrukteur Hans Gustav Röhr. Sechs Jahre, bis 1930, baute er hier den legendären „Röhr 8“ (Frankfurt II, Seite 150).

Die Hammermühle ist nur durch Modau und B 426 von Kirche und Altem Rathaus getrennt. Sie ist ein stattlicher, heute als Kulturzentrum genutzter Fachwerkhof, der in den achtziger Jahren denkmalpflegerisch wiederaufgebaut wurde und sinnvoll als Bürgersaal, Bücherei, Restaurant genutzt wird. Ein neues Rad ruft es symbolisch in die Erinnerung zurück.

Im Südbereich Ober-Ramstadts konzentrieren sich die Mühlen. Wasserläufe prägen in starkem Maße das Landschaftsbild des Odenwalds. Sie streben von den Höhen des Gebirges Rhein, Main oder Neckar zu. Weschnitz, Mümling, Gersprenz, Itter, zahllos sind die Namen all der Flüßchen, Bäche und ihrer Zubringer, die Täler voller Reiz, Ortschaften an ihrem Rand nicht minder. Verbleiben wir heute im nördlichen Bereich des Odenwalds, dort wo die Modau sich entschließt, aus der Süd-Nord-Richtung nach Westen abzudrehen, um sich dem Rhein statt dem Main zuzuwenden. Genau in diesem Knie liegt Ober-Ramstadt, altes Siedlungsgebiet, wie zahlreiche Funde aus Vor- und Frühgeschichte beweisen. Die Modau fließt mitten durch das Städtchen, Lebensader des einst hier stark vertretenen Mühlengewerbes. Ihre Wasserkraft betrieb auf kürzester Distanz nicht weniger als zwölf Mahl-, Öl-, Pulver-, Loh- Schleif- und Hammermühlen.

 

Nieder-Modau, Rohrbach, Wembach

Auf der Hauptdurchgangsstraße von Ober-Ramstadt, der südlich gelegenen B 426 fährt man weiter bis zum Ortsausgang in Richtung Reinheim (rechts am Parkplatz Schwimmbad kann man den Wagen abstellen). Der „Waldenserweg“ mit der gelben Ziffer 4 begleitet auf der gesamten Strecke. Der Hohen Straße folgend geht es hinauf zum Wald. Erster Anlaufpunkt ist das genau südlich gelegene weiße Gebäude eines Naturfreundehauses, das unübersehbar oben am Waldrand thront. Hinter dem Gebäude schwenkt man links in den Wald.

Südlich des Naturfreundehauses liegt der Silberberg, ein langgestreckter Bergrücken, der in einer Höhe von 328 Metern gipfelt.

Haselberg war sein ursprünglicher Name, doch der Volksmund benannte ihn um, nachdem hier Ende des 16. Jahrhunderts auf Veranlassung Landgraf Georgs I. Bergbau betrieben worden war. Ein Versuch, den Wohlstand seines durch den Schmalkaldischen Krieg stark mitgenommenen Landes zu verbessern. Der Landgraf knüpfte dabei an die Überlieferungen an, daß bereits 1507 in diesem Bereich eine Schmelzhütte in Tätigkeit gewesen war. Er nahm 70 Jahre später den Erzbergbau auf, vornehmlich zur Silber- und Kupfergewinnung.

Fast auf der Höhe des Silberberges wird mineralogischer Anschauungsunterricht zuteil durch sechs etwas links vom Weg aufgestellte Gesteinsproben: Buntsandstein, Basalt, Granit, Porphyr, Syenit und Gabbro. Kurz nach Waldbeginn aus Richjtung Nieder-Modau, zwischen Jagen 104 und 105, biegt man mit der verwitterten gelben 2 halbrechts ab, ein Weg, der sich durch das ehemalige Schürfgebiet schlängelt, zwischen tiefen Furchen, Gräben und Schluchten, von hohem Buchenwald überzogen.

Die Blütezeit der „Gnade Gottes“, wie die Grube damals genannt wurde, währte nicht lange. Obwohl stets fündig - rund 40 Pfund Kupfer und sechs Lot (etwa 100 Gramm) Silber auf einen Zentner -  verschlang sie mehr Geld zum Ausbau der Schächte bis in 28 Meter Tiefe, eines Poch- und Schmelzwerkes, als sie einbrachte. Bereits 1586 kam das Bergwerk zum Erliegen. Spätere Verkaufsverhandlungen scheiterten. Die Grube blieb 300 Jahre verschlossen. Erst 1907 wurden umfangreiche Aufschlußarbeiten begonnen, der Betrieb jedoch nicht wiederaufgenommen trotz guten Zustandes der Schächte.

Aufgelockerter Buchen- und Kieferbestand begleitet hinunter nach Nieder-Modau mit der ehemaligen Burg auf dem nördlich gelegene Schloßberg.. Man quert die Durchgangsstraße und folgt ihr auf einem parallel verlaufenden Sträßchen bis zum Wiesenweg. Wie sein Name verrät, führt er über eine Kuppe hinaus in die offene Landschaft. Nach einem Rechts-links-Haken geht man gerade auf Rohrbach und durch ein Neubaugebiet zur Ortsmitte. Eine ungewöhnliche Anlage in Rohrbach: Alle Häuser der um den Dorfplatz herumgeführten Straßen stehen in Traufstellung und umrahmen die Kirche.

In drei großen Wellen sind protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und Wallonen nach Deutschland gekommen. Nach den großen Schüben im 16. Jahrhundert und der Aufhebung des Ediktes von Nantes 1685 kam es ausgangs des 17. und zum beginnenden 18. Jahrhundert zu einer dritten Fluchtbewegung. Diesmal waren es vor allem „Waldenser“ aus Piemont und den Savoyen im heutigen französisch-italienischen Grenzgebiet. Hatten hierzulande zunächst Frankfurt, Hanau und Hessen-Kassel die Hauptlast getragen, war es jetzt die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, die sich von den fleißigen Flüchtlingen Wohlstand versprach. Dabei kam es, wie in (Mörfelden-Walldorf) zu Neugründungen, den Ankömmlingen wurden die Ländereien herrschaftlicher Höfe zugewiesen, wie in Rohrbach, Wembach und Hahn im Vorderen Odenwald.

Landgraf Ernst Ludwig überließ den in Frankreich und Italien aus Glaubensgründen Verfolgten 1699 die drei Hofgüter, aus denen sich später die Dörfer entwickelten. Rund 50 Familien aus Pragela im oberen Chisonetal fanden eine neue Heimat. Es waren Landwirte, Strumpfwirker und Weber, die aus den Dörfern blühende Gemeinwesen machten. Im 19. Jahrhundert zählte man 90 Strumpfwebstühle - Kristallisationskern der stürmischen Industrialisierung Ober-Ramstadts, zu dessen Gemeindegebiet heute die drei Waldensergründungen gehören. Gleichwohl haben sie sich ihren ländlichen Charakter bewahrt.

 

(im Folgenden muß man erst noch die Alternativen auswählen).

Vom Zeichen rotes Viereck läßt man sich noch bis fast zum Ortsende von Rohrbach geleiten und wechseln dann nach links zum weißen Punkt über, der am Friedhof vorbei zum Wald weist und gleich eingangs halb rechts abwärts in die Hüttenschneise.

Hat man schon fast am Waldende an einer Sitzgruppe die stattliche Breitwieser-Eiche erreicht und kurz danach den schmalen Feld-Wiesen-Streifen gequert, werden wir am jenseitigen Waldrand vom neuen Zeichen blauer Strich in Empfang genommen. Er gilt bis zum Schluß.

Nach links wenden wir uns Wembach zu, werden durch den ganzen Ort gelotst. Um den einzigen Bauzeugen aus der Waldenserzeit zu sehen, ein einfaches Barockkirchlein, läuft man die Pragelatostraße kurz nach links, ansonsten führt diese Straße ohne Umschweife aus Wembach hinaus.

Ihrer Rechtskurve folgen wir nicht mehr und steuern ohne Richtungswechsel auf Hahn zu. Dieses kleinste der drei Waldenserdörfer läßt die Ziffer buchstäblich rechts liegen, um den Wanderer nach einem Linksknick sogleich in Genuß des schönsten Abschnitts kommen zu lassen.

Man folgt an der Zufahrt dem Schild Waldenserhalle, dann aus der Straße vor Hahn links auf den Wirtschaftsweg, geradeaus Richtung Waldspitze und weiter entlang der „Langeberger Chaussee“. Der Waldrand gilt als Leitlinie bis zum Hinweis „Feuerlöschteich“, erst dann knickt das Zeichen rechts ab in den Wald hinauf. Blaues R und blaue Streifen zuvor sollten uns nicht irritieren.

Ist man am Ende des Waldstücks an der Johann-Pra-Eiche angelangt, schwenkt man zunächst ohne Markierung rechts auf dem asphaltierten Weg durch die Felder ein, kommt mit ihm bis zur B 426 und jenseits nach rechts ans Ende des Industriegebiets (vgl. Elvira Klein, Frankfurt I, Seite 187 und Odenwald, Seite 67).

 

 

 

Groß-Umstadt

 

 

 

Dieburg

Dieburgs Stadtgeschichte läßt sich bis in die Römerzeit zurückverfolgen. Bedingt durch seine günstige Lage spielte Dieburg eine herausragende Rolle im Gebiet zwischen Rhein, Main, Neckar und Limes. Etwa um 125 nCh wurde Dieburg zum Hauptort der sogenannten „Civitas Auderiensium“, einer Region, die etwa das Gebiet des heutigen Südhessen umfaßte.

 

Römer:

Zwischen Kleestadt und Altheim wurde 1831/32 an der „Hohen Straße“ von Dieburg nach Stockstadt das Bruchstück eines Meilensteins gefunden.  Der Stein trägt eine auf beiden Seiten fragmentierte Inschrift, deren Lesung bis auf die letzte noch vorhandene Zeile keine Schwierigkeiten bietet: (I)mp(eratori) Caesari) G(aio) Iul(io) (V)ero Maxsimin(o) (Pi)o Felici Aug(usto) et G(aio) (I)ulio Vero Maxsi(mo) Caes(ari), Nobilissimo A( ...) A ( ... ) M(. . .). Auf römische Meilensteinen oder auch Leugensteinen (Leuge = 2.220 Meter), wird die Entfernung von dem Stein zur nächsten größeren Stadt oder zum Hauptort der jeweiligen Gebietskörperschaft (civitas) gerechnet, hier Dieburg als Hauptort der Civitas Auderiensium. Dieser Meilenstein muß also die Entfernung Kleestadt-Dieburg angeben und darüber hinaus auch dessen römische Namen.

Die Forschung hat in den drei Buchstaben der jetzt letzten Zeile die Abkürzung dieses Namens gesehen und verschiedene Auflösungen vorgeschlagen. Mir scheint, auch nach der Stellung der drei Buchstaben in der Gesamtschrift folgende Ergänzung der beiden letzten Zeilen sinnvoll: (Civ) A(uderiensium) a(b) M.

Eine zweite Inschrift aus Nida, dem Hauptort der benachbarten Civitas Taunensium, Frankfurt am M.-Heddernheim, läßt möglicherweise eine weitere Ergänzung des Ortsnamen zu. Die bekannte Dendrophoreninschrift scheint den gleichen Rechtsstatus von Nida und dem ebenfalls in der Inschrift genannten Ort Med (. . .) anzudeuten, so daß in Med (...:) ein Civitas-Hauptort gesehen werden kann. Was liegt näher, als die genannten Wortanfänge beider Inschriften aufeinander zu beziehen und den Namen des römische Dieburg nunmehr mit Med ( . . .) anzugeben. Die Entfernungsangabe folgte dann in der nicht mehr vorhandenen Zeile der Inschrift. Die hier ergänzte Leugenzahl orientiert sich an dem möglichen Originalstandort des Steines bei der „Straßenmühle“, einem Anwesen, das exakt vier Leugen von Dieburg entfernt in Nähe einer Kreuzung zweier Römerstraßen liegt.         

 

Die römische Siedlung erstreckt sich zwischen Bahnhof und Minnefelderseestraße im Norden, Ringstraße im Osten und Süden bis etwa zur Steinstraße im Westen. Der antike Ort war somit beträchtlich größer als die mittelalterliche Stadt, deren Zentrum beim Marktplatz lag. Von den zahlreichen Anschnitten römischer Bauten im Stadtgebiet ist bis auf einen restaurierten Mauerzug im Keller des Hauses Frankfurter Straße nichts mehr zu sehen.

Die ersten römischen Funde in Dieburg kamen Anfang des 16. Jahrhunderts zum Vorschein. Im frühen 19. Jahrhundert beschrieb J. W. Chr. Steiner die bis dahin bekannten römischen Altertümer und wies auf ein ausgedehntes »Trümmerfeld« östlich der Stadt hin. Noch in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts dienten die in den »Blutäckern« gelegenen römischen Überreste als Steinbruch. Systematische Untersuchungen fanden statt um die Jahrhundertwende in der ehemaligen Vorstadt »Altenstadt«, Beobachtungen in den 20er und 30er Jahren im Zuge der Stadtkanalisation und nach dem 2. Weltkrieg in den von den Neubaugebieten betroffenen Gräberfeldern an den Rändern der antiken Siedlung. Die letzte Grabung erfolgte 1978 auf einem größeren noch unberührten Areal östlich der Kreuzung der Groß-Umstädter mit der Aschaffenburger Straße.

Sehr früh nahm die örtliche Forschung an, die spätere römischen Zivilsiedlung in Dieburg habe sich, analog zu anderen Plätzen, aus dem zu einem Kastell gehörenden Lagerdorf entwickelt. Bis heute hat sich aber noch kein Hinweis auf eine solche Militäranlage gefunden. Daß jemals ein Kastell zum Vorschein kommen wird, ist wohl auszuschließen. Die Siedlung wurde etwa um 125 nChr am Rande eines ausgedehnten, fruchtbaren Lößgebietes (Dieburger Bucht) gegründet, als die Truppen aus dem benachbarten Kastell  Groß-Gerau bereits abgezogen, die Limeslinie am Main und auf den Odenwaldhöhen konsolidiert war. Offenbar sollte sie die in den Limeskastellen stehenden Truppen versorgen. Der Civitas-Hauptort ist möglicherweise aus einer Straßenstation entstanden, die hier an sich kreuzenden Fernstraßen lag. Es ist anzunehmen, daß mit der offensichtlich systematischen Gründung von Dieburg auch die Einrichtung der Civitas Auderiensium erfolgte. Auch die in der Umgebung liegenden römischen Gutshöfe (villae rusticae) scheinen nicht vor 120 nChr angelegt worden zu sein. Die Civitas Auderiensium ist aus zwei Inschriften bekannt, von denen die eine zu Beginn des 16. Jahrhundert in der St.-Albans-Kirche zu Mainz, die andere in Frankfurt-Heddernheim, dem antiken Nida gefunden wurde. Beide nennen Ratsherren (decuriones) dieser Civitas.

 

Im Jahre 1924 fand man am südlichen Ortsausgang von Dieburg (10) das 1,50 Meter hohe Unterteil einer qualitätvollen Jupitergigantensäule aus gelbgrauem Sandstein. Auf dem Viergötterstein, der Säulenbasis, sind Juno, Herkules, Vulkan und Ceres abgebildet, während der siebeneckige Zwischensockel die Wochengötter zeigt, von denen Sol, Luna, Mars und Merkur noch gut erhalten sind. Die beiden unteren Ränder des Wochengöttersteins tragen die Inschrift »(Den dargestellten Göttern geweiht) von Licinius Ob ..., Ratsherr der Civitas Auderiensium, und Messoria Tetrica, seiner Gattin, die für erwiesene Wohltat (ihr Gelübde) gern und freudig (erfüllt haben).« Mit diesem Fund ließ sich nun Dieburg als Hauptort der Civitas Auderiensium zuweisen.

Bereits 1894 war aus einem Steinbrunnen in der Rittergasse ein Altar mit Weihinschrift zutage gekommen. Sie lautet:  «Zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses. Dem Genius des Vicus V( - - -) V(---) haben Lucius Martialinius Messor und Titus Eudemius Cupitus (diesen Altar) zum Geschenk gemacht.« Vici V(---) V(---) wurde zumeist mit Vicus Vetus Ulpius aufgelöst und angenommen, die Siedlung sei unter Kaiser Trajan (98-117 nChr) gegründet worden und habe zu Ehren des Kaisers dessen Familiennamen (Ulpius) geführt. Offenbar versteckt sich aber hinter der Bezeichnung in der Inschrift der Name lediglich eines Stadtteiles der größeren Gesamtsiedlung.

Der Name der Gesamtsiedlung muß mit dem Buchstaben M begonnen haben, da dieser auf dem Kleestädter Meilenstein erscheint und dort die Abkürzung für den nächstgelegenen Civitas-Hauptort, nämlich Dieburg, angibt. Wahrscheinlich ist der in der bekannten Dendrophoren-Inschrift aus Frankfurt a. M.-Heddernheim mit der Abkürzung MED (---) wiedergegebene Ort mit der römischen Siedlung in Dieburg zu identifizieren. Eine weitere Vervollständigung des alten Namens ist derzeit nicht möglich. Es ist auch nicht bekannt, welche etymologische Bedeutung sich dahinter verbirgt.

Die zahlreichen Fundpunkte auf dem modernen Stadtplan von Dieburg zeigen, daß die römischen Siedlung dicht bebaut gewesen sein muß. Allerdings sind nur in wenigen Fällen eindeutig im Kataster lokalisierbare Gebäudestrukturen vorhanden. So kommt es, daß der jüngst erstellte Siedlungsplan erhebliche Lücken aufweist. Der Verlauf der Stadtmauer  wurde in zahlreichen Anschnitten jeweils an der Nord, Ost- und Süd-Seite nachgewiesen. Im Jahre 1972 konnte das 1,60 Meter breite Mauerfundament in der südlichen Ringstraße auf 67 Meter Länge verfolgt werden. An der Einmündung der »Hohen Straße« in die Stadt (nördlich der Offenbacher Straße) im Osten wurden bereits vor 50 Jahren ein Straßenpflaster sowie zahlreiche etwa 0,70 Meter lange und 0,40 Meter breite Sandsteinplatten – wohl Zinnensteine – und auch das Profil des Grabens beobachtet.

Die Stadtmauer scheint in größter Eile hochgezogen worden zu sein, denn das Mithräum lag außerhalb der Umwehrung. Die aus dem Mithräum geborgene Keramik, welche nur bis in den Beginn des 3. Jahrhundert reicht, scheint damit einen Hinweis auf den Zeitpunkt des Mauerbaus zu geben. In der Vorahnung drohender Alamanneneinfälle wurde auch die römischen Siedlung von Dieburg zu Beginn des 3. Jahrhundert umwehrt.

Das Mithräum , 1926 ausgegraben, stellt mit seinen zahlreichen Skulpturen- und Relieffunden, darunter das hervorragend gearbeitete Kultbild, den bisher spektakulärsten Fund auf Dieburger Boden dar. Das Heiligtum war in West-Ost-Richtung orientiert. Der Grundriß entspricht dem bekannten Schema: Durch eine hölzerne Vorhalle (pronaos), die nicht ergraben werden konnte, betraten die Gläubigen den langrechteckigen Kultraum, an dessen Längsseiten sich Liegebänke (Klinen) befanden. In der rechten Ecke der Cella stand ein Mauerklotz, auf dem wohl das drehbare Kultbild montiert war. In der linken Ecke lag die Kultgrube, aus der einige Skulpturen, Keramik und Knochen geborgen werden konnten. Nördlich außerhalb des Heiligtums befand sich der Brunnen. Mit Vorhalle war der Bau 20 Meter lang und 6,40 Meter breit. Das Mithräum wurde offenbar bei einem der ersten Alamanneneinfälle zerstört. Ein zweites Mithräum ist durch das Bruchstück eines weiteren Kultbildes nachgewiesen. Es zeigt als Randfries die Darstellung der Wochengötter.

Ein weiteres Heiligtum (wurde 1977/78 südöstlich der Kreuzung Groß-Umstädter-/ Aschaffenburger Straße ausgegraben. Hervorstechendstes Merkmal ist eine abgewinkelte Mauer, die das Gelände im Osten begrenzt. In einen Mauerknick ist ein nahezu quadratisches Gebäude (14 x 12 Meter) eingebaut. Darunter liegende Verfärbungen in Form von Mauergruben oder Pfostengräbchen machen eine Zweiperiodigkeit der Anlage wahrscheinlich. Die Fundamente aus unregelmäßigem Sandstein- und Trachytmaterial waren 1,50 Meter breit. Außerhalb des über 40 Meter langen Mauerzugs konnten nur noch einzelne Mauerausbruchgruben festgestellt werden, die aber keinen zusammenhängenden Grundriß ergaben.

Zwölf Meter westlich der Mauer befand sich ein kleineres quadratisches Gebäude (6,40 x 6,50 Meter), um das im Abstand von 1,50 Meter mehrere Pfostengruben lagen. Offenbar handelte es sich um ein Gebäude mit Steincella und außen umlaufender überdachter Veranda wie es als Bautyp von zahlreichen gallorömischen Umgangstempeln her bekannt ist. In unmittelbarer Nähe wurde ein kleiner Münzschatz sowie ein vollständig erhaltenes Kultgeschirr freigelegt. Da der in den Mauerzwickeln eingesetzte Bau im Grundriß dem beschriebenen gleicht, war der ummauerte Bereich wohl ein Kultbezirk mit mehreren kleinen Tempeln, der hier an der Peripherie der antiken Siedlung lag. Welche Gottheiten hier verehrt wurden, läßt sich nicht sicher sagen. Das Kultgeschirr verweist wohl auf einen orientalischen Kult.

Bei einer Ausgrabung 1893 stieß man nördlich der Theobaldstraße auf die Mauerzüge eines größeren Gebäudes  im Zentrum der römischen Siedlung. Eine Lage regelmäßig behauener Sandsteinquader von 1,20-1,60 m Länge, 0,80-1,20 Meter Breite und bis zu 0,25 Meter Stärke wurde in über 50 Meter Länge in Nord-Süd-Richtung hergestellt. Parallel, einige Meter östlich, kamen ebenfalls noch einzelne Blöcke zutage. Alle Sandsteinquader besaßen Wolfslöcher in der Mitte und waren ehemals durch Eisenklammern miteinander verbunden. Unter den Steinen befand sich eine Rollierungsschicht. Bei den Plattenreihen handelt es sich also um das Fundamentmauerwerk eines größeren Gebäudes, das zudem noch unterteilt war. Zwischen den Mauerzügen wurden nämlich noch die Fundamente einer 17,20 x 9,60 Meter großen, teilweise hypokaustierten Raumflucht ergraben. Die Dimension des Bauwerks legt es nahe, in ihm ein Gebäude mit offiziellem Charakter zu sehen, vielleicht die Reste der Marktbasilika von Dieburg. Wie weit der Gebäudekomplex in das antike Stadtgebiet reichte, ist ungewiß. Möglicherweise läßt sich der Mauerrest im Keller des Hauses Frankfurter Straße 1 mit den angenommenen Basilika- oder Forumbauten in Verbindung bringen. Obgleich keinerlei gesichertes Fundmaterial aus den Grabungsbefunden des Gebäudes vorliegt, wird der Baubeginn der Basilika wohl mit der Einrichtung der Civitas Auderiensium zusammenfallen.

Beim heutigen Finanzamt in der Marienstraße führte Behn in den 30er Jahren eine Grabung durch. Sie ergab einen größeren Gebäudegrundriß, über dessen Funktion man sich noch nicht im klaren ist. Es handelt sich um ein 13,50 x 15,50 Meter großes Gebäude, dessen Innenfläche durch Zwischenwände unterteilt war. An der Süd-Seite lehnte nach einem korridorartigen Zwischenraum eine nach Westen abzweigende Mauer an, an derem  hinteren Ende zwei kleine rechteckige Räume angegliedert waren. Im westlichen Raum fanden sich Hypokaustreste, während der daneben gelegene Raum mit Estrich versehen war und an seinen Wänden einen rechtwinklig umbiegenden Sickerkanal besaß. Behn sah in dem wie es scheint keineswegs vollständig ergrabenen Gebäuderest eine Markthalle und verglich den Grundriß mit der Markthalle von Bregenz. Möglicherweise gehört der Baukomplex zu einem Wohnquartier (insula).

An der Straße „In der Altstadt“ wurden noch einige Mauerzüge und Hypokaustreste sowie ein Brunnen beobachtet, die wohl zu den typischen Langhäusern einer römischen Siedlung gehörten. Ein kleineres rechteckiges Bauwerk wurde an der Wallfahrtskirche ausgegraben, ein Töpferofen im Bereich der Marienschule, einzelne Holz- und Steinkeller sowie Brunnen im Stadtbereich. Mehrere Gebäudereste südlich der Stadtmauer gehörten wohl zu einem größeren Komplex.

Von den römischen Straßen im Stadtgebiet ist der Straßenzug aus Richtung Groß-Umstadt, der in Höhe des heutigen Amtsgerichts die Straße von Klein-Zimmern kreuzt und in Richtung Gundernhausen das Stadtgebiet verläßt, gesichert.

Eine weitere Römerstraße kommt von Klein-Zimmern und durchzieht das Stadtgebiet geradlinig bis zur heutigen Minnefelderseestraße und scheint über den Dammweg nach Nordosten weiterzuführen. Sie stellt möglicherweise die Verbindung zum Kastell Seligenstadt her.

Bis zur Siedlung ist die von Osten kommende »Hohe Straße« gesichert. Dann verliert sie sich allerdings. Der weitere Verlauf durch den nördlichen Teil der Siedlung ist nur angenommen. Sicher ist, daß dieser Straßenzug nordwestlich von Dieburg auf die im Wald zwischen Münster und Urberach sehr gut erhaltene, ebenfalls »Hohe Straße« genannte Römerstraße zuführt.

Ein Straßenstück südlich der Stadtmauer scheint die Verbindung der von Groß-Umstadt kommenden Straße mit der Klein-Zimmerner Straße herzustellen.

Insgesamt ließen sich in Dieburg sechs Gräberfelder feststellen. Sie lagen außerhalb des antiken Mauerberings an den aus der Siedlung herausführenden Straßen. Bisher wurden 211 Gräber geborgen, die ein reichhaltiges Spektrum der am Ort verwendeten Keramik lieferten.

Gräberfeld I an der nach Groß-Umstadt führenden Römischenerstraße, hinter dem heutigen Friedhof »Im Altstädter See«, war (125 untersuchte Gräber) der größte römischen Begräbnisplatz von Dieburg. Alle Gräber der Friedhöfe 1–VI waren Brandbestattungen. Die meisten Gräber von Gräberfeld I gehören in die Zeit zwischen 140 und 20C nChr. Im Gräberfeld II, dem zweitgrößten, fand sich das bisher früheste Grab (120–130 nChr).

Die römischen. Siedlung von Dieburg erlebte nach Ausweis des Fundmaterials ihre Blütezeit um die Wende des 2. zum 3. Jahrhundert nChr. Der Hauptort der Civitas Auderiensium fand sein Ende in den Alamannenstürmen der Jahre 259260 n Chr.

Für die Zeit nach dem Limesfall um 260 und die Jahre der Völkerwanderung gibt es bislang keine Belege. Archäologische Zeugnisse liegen erst wieder für die Merowingerzeit vor. Der Fund eines reich ausgestatteten fränkischen Reitergrabes bezeugt für das 7. Jahrhundert die Anwesenheit einer bedeutenden Persönlichkeit in Dieburg.

Das mittelalterliche Dieburg geht auf eine Neugründung im 12. Jahrhundert zurück. Neben der staufischen Burganlage entstand eine bedeutende Stadt, die seit 1207 urkundlich nachweisbar ist. Kaiser Rudolf von Habsburg gewährte Dieburg im Jahr 1277 die erweiterten Stadtrechte. Im Jahre 1310 ging Dieburg in den vollständigen Besitz von Kurmainz über. Mit der Zugehörigkeit zu diesem mächtigen Kurfürstentum entwickelte sich die Stadt zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum.

Die große Zahl der hier ansässigen Adelsgeschlechter, die Klostergründungen, gut besuchte Märkte und der Nachweis, daß der Mainzer Erzbischof Diether von Ysenburg zeitweise seinen Sitz in Dieburg hatte, weisen auf die einstige Bedeutung der Stadt hin. Davon künden auch die drei Schlösser, die Kirchen sowie die teilweise bis heute erhaltenen bürgerlichen Wohngebäude, meist Fachwerkhäuser. Der Dreißigjährige Krieg brachte mit seinen Verwüstungen einen vorläufigen Niedergang der Stadt.

Einen Aufschwung erlebte die Stadt erst in der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert: Nach dem Ende des absolutistischen Staatssystems und der Säkularisation 1803 wurde dem Mainzer Erzbischof seine Herrschaft entzogen und Dieburg fiel an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt.

 

Rundgang:

Auf der B 45 fährt man bis Dieburg-Nord und dann nach rechts auf der Frankfurter Straße in Richtung Dieburg. Wenn man rechts in Richtung Städtischer Bauhof abbiegt und nach den Schienen wieder links, kommt man zum jüdischen Friedhof. Zurück auf der Frankfurter Straße kommt man über die Schienen und biegt gleich nach rechts in die Straße „Minnefeld“ ein (brauner Wegweiser „Grube Messel“). Dort ist gleich rechts ein Parkplatz.

 

Wendelinuskapelle:

An der Ostseite des Parkplatzes steht die Wendelinuskapelle im orthodoxen Stil. Wendelin ist der Schutzpatron  der Bauern, Hirten und Pilger. Die Kapelle wurde erstmals 1514 erwähnt auf einem Platz gegenüber der heutigen Kapelle. Diese wurde 1904 vorwiegend aus Sühnegeldern erbaut. Neben der Kapelle steht ein Brunnen von 1985.

 

Gasthaus „Zum Reichsadler“ (Marienstraße 23):

In Höhe der Kapelle geht es nach Süden in die Marienstraße. Links ist die Marienschule, rechts ist das Finanzamt. Geradeaus steht das Haus Marienstraße 23, das 1905 als Gasthaus „Zum Reichsadler“ im Jugendstil erbaut wurde und nahezu unverändert blieb. Baumeister war Franz Xaver Stix II. Das Haus zeigt eine reiche Gliederung aus Gründerzeit- und Jugendstil-Elementen. Es hat aufwendige Schmuckformen in Haustein, die Erkerkonsole ist in Adlergestalt, die Zwerchhauskonsolen sind als Eulenköpfe gestaltet. Im Jahre 1912 kam die Gastwirtschaft zum Erliegen

 

Wallfahrtskirche (Altstadt 18):

Nach links kommt man zunächst zu einem Friedhof mit Kreuzwegstationen. Dann steht da die

„Gnadenkapelle“, heute eine große Wallfahrtskirche. Hier standen römische Vorgängerbauten (Ruinen eines Mithrastempels) und im frühen 9. Jahrhundert ein karolingischer Saalbau. Das Turmfundament ist aus dem frühen 9. Jahrhundert

Das Bauwerk, in T-förmiger Anlage mit Hauptanlage im Westen ist in sechs Abschnitten entstanden:

1. Der karolingisch-ottonische Gründungsbau  (8./9 Jahrhundert) mit freistehendem Glockenturm

2. Anfang des 12. Jahrhunderts  wurde eine romanische Basilika mit Seitenschiffen errichtet (der Baukörper des Langhauses stammt wohl noch aus dem 12. Jahrhundert).

Neu-oder Umbau des Langhauses in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts als dreischiffige Pfeilerbasilika

3. Im Jahre 1216 erfolgte eine Beschädigung durch einen Brand. Vermutlich danach kam es zum Abbruch des Glockenturmes und an seiner Stelle wurde eine 1232 geweihte Marienkapelle gebaut.

4. In der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts wird der heutige Chor erbaut, die Seitenschiffe werden abgebrochen. Ab dem frühen 15. Jahrhundert erfolgte eine Gotisierung.

5. In den Jahren 1569 - 1697 geschah eine vorbarocke Umgestaltung. In den Jahren 1697-1715 wird das westliche Querschiff errichtet und der gesamte Kirchenraum wird barockisiert und einheitlich gewölbt. Damit erfolgten die Fertigstellung des heutigen Baubestandes und die Entstehung der kreuzförmigen Anlage.

6. Im  Jahre 1831 erhält der Turm seine heutige Gestalt. Die Wallfahrtskirche wurde 1930/31 und 1968/70 gründlich restauriert. Im Jahre 1931 wurde der Außenaltar fertiggestellt und 1948 der Friedhof eingeebnet.

Bis zum Jahre 1569 war die heutige Wallfahrtskirche den Aposteln Petrus und Paulus geweiht und die Pfarrkirche von Dieburg, die sich dann zu einer Walfahrtskirche entwickelte.

Seit dem Hochmittelalter ist diese Kirche Wallfahrtsstätte. Besonders seit der Entstehung des Gnadenbildes (1420) wird hier Maria als Mutter der Schmerzen verehrt.

Bedeutendstes Kunstwerk und Mittelpunkt der Wallfahrten ist das nach 1420 entstandene Vesperbild im Hochaltar. Diese Pietà eines unbekannten Meisters ist in einer seltenen Technik gearbeitet, in der auf einen Lederkern mehrere Schichten mit Stuckgips und Leinwand aufgebracht wurden. Die Plastik gehört zu den seltenen mittelrheinischen Arbeiten dieser Art. Im Jahre 1498 erfolgte die Weihe dieses Gnadenbildes. Es stand zunächst in einer kleinen Kapelle. Seitdem ist auch die Wallfahrt zu diesem Bild bezeugt. Später hat es seinen Platz gefunden im westlichen Querhaus der Kirche, im Hochaltar von Johann Peter Jäger (um 17450).

Aus dem Barock stammt neben dem ungewöhnlichen Westquerhaus auch der größte Teil der Innenausstattung. Lediglich der schöne Ulner-Altar im östlich gelegenen gotischen Chor, ein Grabaltar von 1604, der auf einem aufwendigen Alabaster-Relief die Anbetung der Hirten zeigt (daher der volkstümliche Name „Krippches-Altar“), stammt aus der Renaissance.

Die Seitenaltäre von 1715 und  1733 sind von Peter Achtekirch und Josef K. Hohenbusch aus Neckarsulm, auch der Orgelprospekt (1759) von Peter Achtekirch. Die Kanzel ist vor 1750 entstanden. Eine Holzplastik „Christus als Weltenrichter“ ist um 1520 entstanden. Die übrigen Plastiken und Gemälde stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Große Wallfahrten finden heute vor allem in den Monaten Mai und September statt, die Hauptwallfahrt ist am 7. und 8. September.

 

Früheres Kapuzinerkloster:

Südlich der Kirche befindet sich die Strafanstalt. Hier befand sich ein ehemaliges Kloster, in dem von 1650 bis 1820 Kapuziner untergebracht waren. Heute wird das Gelände als Justizvollzugsanstalt genutzt.

 

Zuckerstraße:

Man geht in Richtung Westen in die Straße „Altstadt“. Wo die Zuckerstraße beginnt, quert man den Stadtgraben, der von der Gersprenz abzweigt. In der „Zuckerstraße“, einer schon früh erwähnten Geschäftsstraße, hat sich eine Anzahl schöner Fachwerkhäuser erhalten bzw. sie wurden in den letzten Jahren mit erheblichem Aufwand restauriert.

Auf der linken Seite ist zunächst bemerkenswert das Haus Nummer 37 mit den zwei Eckfiguren. Das Haus Nummer 18 hat altes Fachwerk. Nummer 19 wurde 1466 erbaut, das Obergeschosses hat Schmuckfachwerk und wurde Ende des 16.Jahrhunderts umgebaut und seitlich erweitert. Der Giebel wurde im 18. Jahrhundert barock abgeschrägt. Die Fachwerkdekoration zeigt Feuerböcke und das Runen-Symbol zur magischen Brandwehr.

Nummer 17 wurde um 1470 erbaut. Es hat ein von Knaggen gestütztes, vorkragendes Obergeschoß über massivem Erdgeschoß. Während des 19. Jahrhunderts waren im Hinterhaus ein Stall und ein Schlachthaus und zwischen 1803 und 1869 war hier ein jüdischer Betraum. Die Farbgestaltung erfolgte nach den restauratorischen Befunden. Das Haus erhielt den Denkmalschutzpreis 1989.     

Nummer 15 wurde 1592 erbaut. Die Fachwerkdekoration zeigt Feuerböcke als magischer Schutz vor Feuer. Das Andreaskreuz: ist ein Zeichen für Mehrung. Am Eckpfosten finden  sich Klötzchenornament und Taustab. Die barocke Dachgestaltung erfolgte im 18. Jahrhundert. Die Fensterreihung ist Ausdruck des reichen Bürgerturms. Am Haus ist das Wappen des Martin Satig, Ratsherr und Metzger. Das Haus erhielt den Denkrnalschutzpreis 1993.

 

Nummer 4 wurde 1384 errichtet und ist der einzige erhaltene Ständerbau der Stadt und das

ältestes erhaltenes Fachwerkhaus Dieburgs (nachdem das Haus Zuckerstraße 7 abgebrannt ist). Es hat eine Hängepfostenkonstruktion und war ursprünglich mit weit auskragendem Schwebegiebel versehen. Bemerkenswert sind die vier nebeneinanderliegenden Kreuzstockfenster im Obergeschoß mit Schlagläden und Bleiverglasung Das Haus Nummer 6 wurde 1588 erbaut. 

An der Kreuzung zur Steinstraße befindet sich der sogenannte Fastnachtsbrunnen, der an die heute noch lebendige Kurmainzer Tradition der Dieburger Fastnacht erinnert. Man macht dann erst einen Abstecher nach links in die Badgasse.

 

 

 

 

 

Badhaus (Badgasse 10):

Das renaissancezeitliches Badhaus wurde wahrscheinlich 1579-1581 erbaut. Als eines der letzten erhaltenen Badhäuser Deutschlands ist das Gebäude ein kultureller Zeitzeuge. Das Erdgeschoß aus Bruchsteinmauerwerk war ursprünglich flachgedeckt, wurde aber1594 als Kreuzgewölbe eingewölbt. Im Erdgeschoß befanden sich die Badestuben mit dem gemauerten Herd in der Hausmitte.

Das Fachwerkobergeschoß ist aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das Fachwerk zeigt neben Andreaskreuzen auch den „Wilden Mann“ als Zierform und als fränkische Verstrebungsform das Andreaskreuz als Zeichen für Mehrung. Im Obergeschoß ist ein Fresko der Heiligen Katharina mit Schwert und Rad, ein möglicher Hinweis auf ein Spital oder Stift.

Darüber ist ein steiles Satteldach.

Bald nach der Fertigstellung, eventuell auch erst Anfang des 17. Jahrhunderts, wurden in den Baderäumen im Erdgeschoß Ziegelgewölbe unter der Holzbalkendecke eingezogen, die weniger anfällig gegen Feuer und Wasserdampf sind. Es gab Veränderungen an den Fenstern, der Innenaufteilung und am Dach im frühen 19. Jahrhundert. Die Wiederherstellung 1982-1984 hatte das Ziel, den ursprünglichen Zustand weitgehend wiederzugewinnen. Das Haus erhielt eine Farbfassung nach Originalbefunden

Wenn man nach links in die Gasse blickt,  sieht man dort noch zwei schöne Fachwerkhäsuer, Durch eine kleine Gasse geht es nach Westen in die Löwengasse.

 

Fachwerkhaus Löwengasse 6:

Dieses Fachwerkhaus wird in das Jahr 1516 (oder 1576) datiert und zeigt ein schönes zeitgenössisches Zierfachwerk, das zum Markt ausgerichtet ist. Der Eckständer an der Südwest-Ecke) weist auf einen mittelalterlichen Vorgängerbau hin. Das Haus wurde 1985 renoviert, und nach der gelungenen Renovierung wurden hier das Stadtarchiv und die Stadt-Information untergebracht.

 

Fachwerkhaus Rheingaustraße 5:

Wenn man auf den Markt kommt, sieht man links ein auffallendes Fachwerkelhaus in der Rheingaustraße. Das zweigeschossige Fachwerkhaus mit massivem Erdgeschoss stammt aus dem Jahr 1566. Es zeigt eine Anzahl von auffälligen Andreaskreuzen in den Brüstungsfeldern, möglicherweise ein Zeichen für Mehrung. An einigen Stellen sind noch die ursprünglichen Fenstergrößen ablesbar. In der Firstachse findet sich eine vereinfachte Form der Fachwerkfigur „Wilder Mann“. Die Schwellen sind profiliert. Am rundbogigen Giebeldachfenster richtet sich die Farbfassung nach dem Originalbefund.

Von hier aus kann man noch einen Abstecher zum Groschlager Park mit dem ehemaligen Schloß Stockau machen (von der Rheingaustraße nach links in die Groschlagstraße). Im 17. und 18. Jahrhundert ließ Johann Philipp Ernst von Groschlag ein Schloß mit ausgedehnter Park- und Nutzgartenanlage errichten. Es war 1699 bis 1799 Sitz der Groschlag von Dieburg. Es wurde aber 1857 niedergelegt und durch einen neoromanischen Neubau ersetzt. Lohnender ist der angrenzende Schloßpark, eine unter Kennern weit gerühmte Parkanlage. Der Besuch von bedeutenden Persönlichkeiten wie Goethe und Wieland hebt die kulturgeschichtliche Bedeutung des Parks noch hervor.

 

Synagoge (Markt 17):

Dann geht man wieder zum Markplatz. An der Südwestecke steht heute der Neubau der Sparkasse. Hier war der Platz der Synagoge. Nachdem die alte Synagoge baufällig war, wurde im Jahre 1929 ein Gebäude im Bauhausstil errichtet. Aufgrund seiner Einfachheit und Schmucklosigkeit wurde diese Architekturform von den Zeitgenossen kaum verstanden und galt im dritten Reich als entartet.

Dennoch überstand der Synagogenbau die Nazizeit hinter Pappeln versteckt und wurde in der Nachkriegszeit bis zur Unkenntlichkeit überformt bzw. 1963 fast ganz abgerissen. Heute ist eine Gedenktafel den dem Neubau.

 

Marktplatz:

Im Zuge der Neugestaltung der Stadt wurde unter anderem auf dem Marktplatz der Mithrasbrunnen aufgestellt, der an die Zeit der Römer in Dieburg erinnern soll. Die Südseite des Marktplatzes bilden die Häuser Zuckerstraße  5 und 7.

Nummer 5 hat einen Bruchsteinkeller aus der Zeit um 1360, darüber eine mächtige Balkenlage. In den Vollgeschossen sind Fragmente eines Baus um 1534 nachweisbar. Heutiger Baubestand und Fassade gehen auf Umbauten des 19. Jahrhunderts zurück.

Nummer 7 wurde 1358 als zweistöckiger Geschoßbau errichtet. Nach einem Brand 1437 wurde das Haus verkleinert und in drei Geschosse aufgeteilt. Nach 1600 erfolgte ein massiver Ausbau zweier Geschosse und 1753 ein barocker Dachumbau. Das Haus hatte eine einzigartige Ausstattung mit gotischen Fresken, profane und sakrale Wandmalereien, die heute im Kreis- und Stadtmuseum zu sehen sind. Das Haus brannte während der Sanierungsarbeiten 1992 ab. Aber die originalen Eckquadersteine aus dem 16. Jahrhundert wurden wieder mit verbaut. Eine Inschrift benennt den einstigen Besitzer Philippus Kretzer, der 1627 Opfer der Hexenprozesse wurde.

Das heutige Hotel „Mainzer Hof“ (Markt 22) wurde um 1555 vom Erzbistum Mainz erworben; bis 1803 war hier das Amtshaus untergebracht.

Die ehemalige Reitschmiede (Markt 23) wurde 1465 als zweigeschossiger Bau errichtet und bereits 1587 als Schmiede erwähnt. Das mittelalterliche Sparrendach ist noch vollständig erhalten. Der Giebel ist heute barock abgeschrägt. Im Jahre 1656 wurde die Schmiede durch Nicolaus Thomas übernommen, eine Fahnenschmied, der mit schwedischen Truppen nach Dieburg kam.

Im nordwestlichen Bereich des Marktplatzes stand einst auch das Renaissance-Rathaus, dessen Fundamente bei Ausgrabungen zu Beginn der 90er Jahre untersucht wurden; seine einstigen Ausmaße werden durch im Pflaster eingelassene Ecken gekennzeichnet.

Das Haus Nummer 2 an der Nordseite des Marktes wurde um 1515 erbaut. Es  war möglicherweise ein Amtshaus des Mainzer Erzbischofs Uriel von Gemmingen (Datierung und Wappen des Erzbischofs Uriel von Gemmingen nahe dem rechten Eckpfosten). Das spätmittelalterliche Fachwerk zeigt Vorformen des „Wilden Mannes“. Das heutige Krüppelwalmdach war ursprünglich mit einem sogenannten Schwebegesperre, einem vorgezogenen Dach ausgestattet.

 

Schloß:

Von der Nordwestecke des Marktplatzes kommt man durch die Schloßgasse kommt zum Schloß, dem heutigen Landratsamt. Durch den Torbogen geht man ins Innere. Links stand früher eine staufische Wasserburg, die 1809 durch einen Neubau von Staatsminister Albini ersetzt wurde, das „Albini-Schloß“, ein nahezu schmuckloser langgestreckter Bau.

Rechts stand die ehemalige kurmainzer Burg, von der noch der „Schloßturm“ an der Nordwestseite erhalten ist. Im Jahre 1802 wurde ein großer Teil der noch vorhandenen Gebäude niedergelegt. Das Kreisamtsgebäude in neugotischen Formen wurde 1900 bis 1902 erbaut.

Im Keller des Landratsamtsneubaus von 1991 sind Teile des Fundamentes der ehemaligen Kurmainzischen Burg zu sehen.

 

Stadtmauer:

Wenn man um die modernen Gebäude rechts herumgeht, kommt man auf die andere Seite des Schloßturms. Er steht in der Flucht der Reste der Stadtmauer, die hier noch ein ganzes Stück erhalten ist. Man geht links vorbei durch den Park zum Steg über die Gersprenz.

Links sieht man auf den letzten erhaltenen Turm (Mühlturm) der Stadtbefestigung, rechts ist der Übertritt der um 1218 errichteten Stadtmauer über den Flußlauf.

Geradeaus sieht man das in der Stadtmauer eingelassene „Wasserpförtchen“ mit dem Allianzwappen zweier Dieburger Adelsgeschlechter, der Ulner (vormalige Besitzer des Fechenbach-Schlosses) und der Kratz von Scharffenstein von 1564.

Man geht nach rechts weiter und dan quer über den Platz in Richtung Marktplatz. Von hier aus sieht man am besten die Front des Schlosses Fechenbach.

 

Schloß Fechenbach (Eulengasse 8):

Das mehrfach umgebaute heute klassizistische Schloß, dessen Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen, beherbergt das Kreis- und Stadtmuseum, in dem zahlreiche archäologische Funde, insbesondere aus der Römerzeit, ausgestellt sind. Von großer Bedeutung unter den römischen Funden in Deutschland ist die beidseitig skulpturierte Reliefplatte eines einst um die Mittelachse drehbaren Mithras-Kultbildes aus dem römischen Tempel, der an der Stelle der Wallfahrtskirche stand. Nach links geht es zum Rathaus.

 

Rathaus (Markt 4):

Das Rathaus  wurde 1828 von Landbaumeister Lerch, einem Schüler des Architekten Georg Moller, auf dem Gelände des ehemaligen Groschlag‘schen Stadtschlosses im klassizistischen Stil erbaut. Es trägt einen Uhrturm mit einem Zifferblatt vom ehemaligen Rathaus auf dem Markt. Bemerkenswert ist der Stundenschlag („Gaaßbecks-Uhr“). Das danebenliegende Kreisamt wurde im gleichen klassizistischen Stil (ebenfalls nach Plänen von Lerch) 1834 errichtet. Man trifft auf die Steinstraße und geradeaus auf die Stadtkirche.

 

Barocke Zentscheuer (Markt 6):

Das Haus war ursprünglich im Besitz der Familie von Groschlag. Es war einst kurmainzische Zentscheuer, später Fruchtspeicher. Im Jahre 1825 wurde das Gebäude privatisiert und als Warenlager und zu Wohnzwecken umgebaut.

 

Steinstraße 4:

In der Steinstraße steht rechts ein Haus im Biedermeierstil (1815-48), das Obergeschoß hat Fachwerk aus dem 19. Jahrhundert. Bis 1803 stand auf dem Gelände der Stadtsitz der Freiherren von Groschlag bzw. der Gräfin von Lerchenfeld. Ab 1828 war hier der Lebensmittel- und Eisenwarenhandel der Familie Weiler/Reh. Seit 1850 ist das Gebäude  im Besitz der Familie Reh, die dort unter anderem Kolonialwarenhandel, Drogerie, Reformhaus und Parfümerie betreibt.

 

Stadtpfarrkirche (Steinstraße 3):

An dieser Stelle stand die ehemalige Minoritenkirche. Sie wird 1291 erstmals erwähnt als Franziskanerkirche. Aber 1568 wird das Kloster aufgelöst. Der Mainzer Erzbischof Daniel Brendel von Homburg schenkt die Kirche 1569 der Stadt als Stadtpfarrkirche. Im Jahre 1854 (oder 1845) wird der Turm erhöht und erhält seine heutige Form. In den Jahren 1891 bis 1893 wird die ganze Kirche als heutige Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul 1893 nach den Plänen des Diözesenbaumeisters Franz Emanuel Meckel in neugotischem Stil erbaut.

Diese Kirche enthält gleich am Eingang rechts ein weiteres mittelalterliches Vesperbild, eine „Ledermadonna“. Sie ist wohl das Frühwerk eines unbekannten mittelrheinischen Meisters, vielleicht  aus der gleichen Hand wie in der Wallfahrtskirche.

 

Steinstraße:

Nach Norden geht es dann weiter durch die Steinstraße. Nummer 14 ist der sogenannte Frankensteiner Hof, ehemaliger Adelssitz der von Frankenstein. Im Jahre 1772 wurde das Haus durch von Fechenbach erworben, 1812 erbaute Joseph Franz von Fechenbach das neue Hauptgebäude des Wirtschaftshofes. Im Jahre 1926 wurde das Haus verkauft an Ministerialpräsident Philipp Uebel, den Verwalter derer von Fechenbach. Im Jahre 1994 erfolgte die Sanierung mit Auszeichnung.

Am Haus Nummer 18 sieht man ein Wappen von 1545. Ein Stück weiter steht links der Hanauer Hof (heute Pizzeria) und rechts kommt man zur Lohmühlenbrücke von 1847. Eine doppelseitige Treppenanlage führt um Waschplatz, früher gab es hier geschweifte Sandsteinbarrieren. Das Tonnengewölbe ist aus Buntsandstein und wurde 2002 renoviert

Dann geht man die Straße weiter und biegt nach rechts in die „Minnefeldstraße“, wo gleich links eine Kreuzigungsgruppe zu sehen ist.

 

Neues Kapuzinerkloster:

Am östlichen Ende der Minnefeldstraße steht links das neue Kapuzinerkloster. Im Jahre1822 wurde  das Kloster in der Altstadt aufgelöst. Im Jahre 1860 wohnten die Kapuziner in der Alten Schule, Pfarrgasse 4. Durch einen Geländekauf des Mainzer Domkapitulars Maufang war 1862 eine Neugründung möglich. Auf dem Gelände des ehemaligen Wolfenststetterschen Anwesens wurde 1863 das Kloster gebaut und  1866-67 die Kirche. Im Jahre 1868 wurde das Anwesen an Freiherr von Wamboldt aus Umstadt verkauft, der dann das Protektorat ausübte. Das Kloster ist heute Katholisches Jugendzentrum, daneben steht die Klosterkirche.

Damit ist man wieder am Parkplatz angelangt. Über die Darmstädter Straße kann man noch nach Westen fahren zum Mainzer Berg (siehe Wanderung unten) und über Messel und Urberach zur Bundestraße 45. Man kann aber auch über Marienstraße und nach rechts Hinter der Schießmauer (jetzt eventuell noch den Groschlager Park besuchen) nach Süden zur Bundestraße 26 und dann weiter auf die Bundestraße 45

 

Peter Prüssing: Ofenkacheln aus nachgotischer Zeit

Bei Grabungen und begleitenden archäologischen Maßnahmen der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises. Darmstadt-Dieburg (UDSchB) im Zuge von Bauvorhaben ist in Dieburg neben der im großen Umfang begegnenden spätgotischen wiederholt renaissancezeitliche bzw. neuzeitliche Ofenkeramik sowohl im Töpfer- als auch im Verbrauchermilieu zum Vorschein gekommen.

Vor dem Hintergrund der spätmittelalterlichen Blütezeit der Dieburger Töpfereien mit ihrem reichen -teils sehr qualitätsvoll- und äußerst konkurrenzfähigen Ausstoß an Keramik - im Bereich der Ofenkeramik sei insbesondere an die Halbzylinderkacheln gedacht, die den Markt auch überregional beherrschten hat das so blühende Gewerbe ab der frühen Neuzeit an Einbußen zu leiden.

Mit dem Durchsetzen des schon länger bekannten Steinzeugs auf dem (internationalen) Markt2 verlor Dieburg zumindest für Teile seiner Keramikpalette die wohlbetuchte Käuferschicht, der es nach echtem Steinzeug verlangte. Da die Tonvorkommen aus der Dieburger Region für eine Steinzeugproduktion nicht geeignet sind3, konnten die Dieburger Häfner den Bedarf an dieser voll durchgesinterten (damit wasserundurchlässig) und einträglichen Modeware nicht decken.

Die renaissancezeitliche Ofenkachelproduktion, an das hohe Level der spätmittelalterlichen (14. und 15. Jahrhundert) Fertigung anknüpfend, besaß weiterhin über das Umfeld von Dieburg hinausgehende Bedeutung. Den Dieburger Häfnern scheint neben ihrer auf einer langen Tradition beruhenden Fertigkeit auch der in dieser Hinsicht günstige Standort zum nahen Frankfurt gut bekommen zu sein, das mit den jährlichen Messen immer den neuesten

Geschmack bzw. Trend, die jeweilige Mode präsentierte und zugänglich machte.

Kachelfunde in der Altstadt, selbst kleine Fragmente, sind für die Beurteilung der Dieburger Verhältnisse von Wichtigkeit. Aufgrund der Stellung der hiesigen Meisterbetriebe und der bekannt gewordenen Model muß man davon ausgehen, dass die hier im Verbrauchermilieu gefundenen Stücke, die einst in z.T. prunkvoll gestalteten Kachelöfen verbaut waren, örtlichen Werkstätten entstammen. So trägt jeder noch so unscheinbar wirkender Kachelscherben dazu bei, zunächst eine Vorstellung von der Produktion und der Palette der diversen Formen zu gewinnen und ein Chronologiegerüst aufzubauen.

 

Radtour:

In der Frankfurter Straße fährt man ein kleines Stück nach Norden, biegt aber vor den Schienen nach links ab in die Bahnhofstraße (Markierung doppelter roter Strich). Diese führt fast wieder auf die Darmstädter Straße. Man fährt ein Stück nach rechts und dann nach links in den Messeler Weg. Am Reiterverein biegt er links ab und fährt bis zur Forstgartenschneise

(vorher vielleicht nach rechts und links ein Abstecher zu einem Haus mit Teich). Es geht nach links auf die Forstgartenschneise, an zwei Häusern vorbei, über die Darmstädter Landstraße bis zum Herrnweg. Auf diesem geht es nach rechts, an der Schutzhütte vorbei zum Mainzer Berg.

Dieser Berg in dem sonst ebenen Gelände dient als Funkübertragungsstelle der Deutschen Post in einem 90 Meter hohen Turm und als Skiabfahrt (mit Lift), im Sommer Spielwiese.

Vom „Gipfel“ des 227 Meter hohen Mainzer Berges bietet sich ein Blick über die Rhein‑ Main‑Ebene über die Abraumhalden der Messeler Grube hinweg. 

Westlich des Berges kommt man auf der nach Südwesten führenden Schneise zum Naturfreundehaus. Von dort fährt man auf der Kleeplattenschneise parallel zum Herrnweg zu einem Parkplatz am See. Dort fährt man links und dann rechts und noch einmal links-rechts zum Freizeitzentrum Spießfeld.

An der nächsten Kreuzung geht es links ab, an einem kleinen Teich vorbei und am zweiten Weg wieder nach rechts zum Freizeitzentrum Wolfgangsee. Über die Alte Mainzer Landstraße  und nach rechts in den Steinweg kommt man in die Rheingaustraße. Diese fährt man nach rechts weiter und dann nach links in die Groschlagstraße. An ihrem Ende findet man das Schloß Stockau. Es war 1699 bis 1799 Sitz der Groschlag von Dieburg. Es wurde aber 1857 niedergelegt und durch einen neoromanischen Neubau ersetzt. Lohnender ist der angrenzende Schloßpark. Durch diesen kommt man über den Festplatz in die Altstadt, die man links umrundet in Richtung Darmstädter Straße (Wochenende, Seite 158).

 

 

Babenhausen

Zwischen Darmstadt und Aschaffenburg liegt in der Ebene am Unterlauf der Gersprenz die romantische Fachwerkstadt Babenhausen. Die ehemalige Residenzstadt der Grafen von Hanau-Lichtenberg ist heute die östlichste Stadt des Kreises Darmstadt-Dieburg. Ein verzweigtes System von Bächen, Gräben und Seitenarmen der Gersprenz kennzeichnet die  nähere  Umgebung. Im Norden bis zum Rodgau und im Osten bis zur bayerischen Grenze liegt ein großes  Waldgebiet, das Babenhausen zu einer der waldreichsten Städte Hessens macht. Im Süden erreicht das heutige Stadtgebiet die hügeligen Ausläufer des Odenwaldes. Im Westen konkurrieren  landwirtschaftliche  Nutzflächen mit Feuchtgebieten, die zum Teil unter Naturschutz gestellt sind. In weiten Bereichen des Stadtgebietes sind heute Seen zu finden, die durch Kiesabbau entstanden sind.

Nach Windecken (1288) und Steinau (1290) bekam Babenhausen 1295 die Stadtrechte noch vor Hanau (1303). Durch die Heirat Reinhard I. von Hanau mit Adelheit von Münzenberg kam 1255 das Gebiet  um Babenhausen durch Erbteilung an die Grafschaft Hanau. Bereits 1295 verlieh König Adolf von Nassau  dem Ort Babenhausen die Stadtrechte. Die Stadt erfreute sich der gleichen Rechte wie die freie Reichsstadt Frankfurt am Main. Durch

eigenes Marktrecht, eigene Wehr- und Feuerordnung war ein wirtschaftlich aufstrebendes und bürgerliches Leben geprägt.

Nachdem Philipp der Ältere 1458 Anna von Lichtenberg heiratete, kam dieser Teil der Grafschaft zur neu gegründeten Linie derer von Hanau-Lichtenberg, während Philipp der Jüngere die Hanau-Münzenberger Linie weiterführte. Im Jahre 1642 starb die Münzenberger Linie aus und die ganze Grafschaft wurde von der Lichtenberger Linie übernommen.

Als dann 1736 auch das Grafenhaus Hanau-Lichtenberg mit Johann Reinhard III. ausstarb gab es Erbsteitigkeiten wegen Babenhausen zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. Erst ein Staatsvertrag von 1816 (nach anderer Angabe 1810) regelte, daß Babenhausen zu Hessen-Darmstadt kam. Nachdem alle wichtigen Ämter in andere Städte verlegt worden waren, verlor Babenhausen seine Bedeutung.

 

 

Erst um die Wende des 20. Jahrhunderts gelang den damaligen Stadtvätern wieder eine gewisse wirtschaftliche Belebung, als sie eine Kaserne bauten, die auch heute noch belegt ist.

Babenhausen hat heute mit seinen fünf Stadtteilen 17.000 Einwohner und nimmt eine bedeutende Stellung am Rande des Rhein-Main-Gebiets ein. Die Wirtschaft der Stadt wird sowohl von Einzelhandelsgeschäften, Dienstleistungs- und Handwerksbetrieben als auch von Gewerbe- und Industriebetrieben geprägt. Dazu gehört sowohl eine private Traditionsbrauerei wie ein international tätiges Unternehmen der Autozulieferindustrie.

 

Schloß:

Die Grafen von Hanau‑Lichtenberg haben in ihrer fast zweihundertjährigen Regentschaft das Gesicht der Stadt geprägt, baulich und kulturell. Adelshöfe, reichverzierte Fachwerkhäuser, Türme und die kostbar ausgestattete St.‑Nikolaus‑Kirche stammen aus dieser Zeit des Aufstiegs und Wohlstands.

Das heutige Schloß war in früheren Jahrhunderten eine stark befestigte Wasserburg. Die romanische Burganlage der Münzenberger wurde von den Grafen von Hanau-Lichtenberg im 16. Jahrhundert zu einer Residenz im Renaissance-Stil umgebaut. Die Stadt selbst war durch eine starke Ringmauer mit Türmen geschützt, von denen der Hexenturm (das Wahrzeichen der Stadt) und der Breschturm noch erhalten sind. Während der Blütezeit der Stadt entstanden viele schöne Adels- und Patrizierhäuser, die vor allem in der Amtsgasse und am Marktplatz noch heute das Stadtbild prägen.

Auf der Bundesstraße fährt man bis zur Bürgermeister-Rühl-Straße und dann nach rechts in Richtung Stadthalle durch ein früheren Zeiten nachempfundenes Stadttor, in dessen Nähe ein alter Wasserturm steht. Nach rechts geht es auf den Parkplatz vor der Stadthalle.

Die Fläche vor der Stadthalle war früher ein Renaissancepark. Östlich war das Bachtor in Richtung Altdorf (wo sich erst die Straße in sechs Zweige gabelte). An der Westseite des Parkplatzes sieht man gut erhaltene Reste der Stadtmauer.

Die heutige Platanenallee war ursprünglich ein Damm, der das Wasser der Gersprenz aufstaute, so daß ein See entstand, der später als „Schwanengraben“ bezeichnet wurde. In diesem See wurde eine Wasserburg errichtet, ursprünglich nur ein Wachtturm für den Forst Dreieich. Bei Hochwasser wurde schon bei Hergershausen das Wasser der Gersprenz in die Lache abgeleitet, die westlich des Ortes vorbeifließt. Kurz vor der Stadt wurde das Wasser noch einmal geteilt und der Ohlebach abgezweigt. So verteilte sich das Wasser besser und die Stadt konnte geschützt werden. Hinter der Stadt werden die drei Arme wieder zur Gersprenz vereinigt.

Der mittlere Arm, die eigentliche Gersprenz, läuft östlich an  der Stadtmauer vorbei. An ihr entlang läuft der „Neue Weg“, der seit 1780 so heißt, weil der Graf ihn als Zufahrt zum Schloß anlegen ließ, damit er nicht mehr mit seinen Kutschen durch die Stadt mußte, um ins Schloß gelangen zu können. Am jenseitigen Ufer der Gersprenz sieht man die Häuser, die auf die Stadtmauer gebaut wurden. In Richtung Schloß sieht man schon die südwestliche Eck-Bastion mit dem spitzen Dach. Im Inneren gab es erst noch einmal eine Zwingermauer, dann kamen die Bastionen und dann der Wassergraben

Man kommt zur Schloßbrücke, die früher durchgehend von der Stadtmauer zum Schloß ging und von zwei Mauern gesäumt war, die so hoch waren wie die Stadtmauer. Nach links geht es zum Schloßtor. Innen ist über der Durchfahrt das Hanauer Wappen zu sehen (die anderen Wappen sind spätere Zutaten).

Das Schloß war von 1888 bis 1892 Eigentum des Privatmannes Gustav Hickler, der Samen für Bäume produzierte. Er ließ den Wassergraben zuschütten und legte dort den Park an. Noch heute stehen dort seltene Bäume aus der ganzen Welt.

Im Innenhof markiert das Pflaster die Umrisse des ursprünglichen Turms: Das helle Pflaster markiert die Wände, das dunkle Pflaster den Innenraum. Die Anlage wurde in 800 Jahren nie zerstört. Sie ist heute ein Beispiel für alle Baustile.

 

Das Schloß in Babenhausen erscheint erstmals im Jahr 1236 in einer Urkunde. Die Grafen von Münzenberg ließen die staufische Burg in dem sumpfigen Wiesengelände zwischen dem Ohlebach im Süden und der Gersprenz im Norden erbauen. Die wehrhafte Anlage bestand aus einem quadratischen Bergfried und einen Palas mit den damals üblichen Befestigungen.

Der älteste Teil ist die staufische Burg (gleiche Entstehungszeit wie die Pfalz in Gelnhausen) mit der nach den Innenhof zu offenen Halle und der mächtigen Balkendecke. Sie wurde im 12. Jahrhundert von Kuno von Münzenberg gebaut. Auf Bildern wird er immer in der Nähe des Kaisers gezeigt. Der Kaiser hat ihm wahrscheinlich den Reichsforst übertragen, und er hoffte wohl, daß in der neue errichteten Burg einmal ein Reichstag stattfinden könnte. Der imperiale Palast im italienischen Stil bestand aus drei Stockwerken mit einem Dach darüber. Die Halle ging über die ganze Breite des Gebäudes. Der Boden lag ursprünglich tiefer. Die Balken in der Decke wurden nach einem dendrochronologischen Gutachten im Winter 1187 gefällt. Im ersten Stock war ein Jagdsaal.

In den Besitz der Grafen von Hanau gerät die Burg nach dem Aussterben der Münzenberger.

Im Jahre 1450 begann Philipp I. die Erweiterung der Wasserburg zu einem Renaissanceschloß und befestigte sie  mit einer durch vier Bastionen abgesicherten Ringmauer, Wällen und Wassergräben.

Um 1500 wurde der große Raum geteilt, weil man wegen der Klimaverschlechterung am Ende des Mittelalters einen bequemeren Raum haben wollte. Unter den hochgelegten Saal kam ein Keller (über der Kellertür steht die Jahreszahl 1694). In den Saal wurden große Fenster gebrochen. Damit mehr Helligkeit in den Raum kam, wurde alles geweißt. Doch dann wurden wieder Ornamente und Bilder angebracht (Jagdgesellschaft).

Die Hanauer haben dann vor den Palast einen Vorbau gesetzt und ein romanisches Treppenhaus zur Erschließung der Stockwerke errichtet. In der Ecke steht dann ein gotischer Turm. Die weiteren Bauten reichten dann bis zu dem Turm im Norden, der Rest war zunächst durch eine Mauer abgedeckt.

Mit den Staufern sind auch die Münzenberger untergegangen. Ihnen fehlten vor allem die männlichen Nachkommen. Die Töchter allerdings haben sie geschickt verheiratet. Das münzenbergische Erbe blieb dadurch zusammen. Die Grafschaft Hanau-Babenhausen bestand aber nur aus zwölf Dörfern. Erst durch die Erbschaft im Elsaß, die ungefähr zehnmal größer war, entstand die Herrschaft Hanau-Lichtenberg (Die Burg Lichtenberg im Odenwald hat nichts mit den Babenhäuser Lichtenbergern zu tun).  Der Babenhäuser Graf, der mit 40 Jahren eine 15 jährige Frau geheiratet hatte, mußte allerdings fast 25 Jahre warten, ehe der Onkel im Elsaß starb. Als er voller Freude nach dort ritt, um das Erbe anzutreten, erlitt er einen Schlaganfall.

Jetzt war aber Geld da. Philipp V. baute das Renaissance-Schloß im Osten mit einem großen Ballsaal (Wappen am Eingang des Renaissanceturms). Die Hanau-Lichtenbergische Linie machte Babenhausen zu ihrer Residenz. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Areal durch ständige An‑ und Umbauten zu seiner heutigen Form einer geschlossenen quadratischen Anlage, umgeben von Befestigungen und Wassergraben, verändert.

Doch im Jahre 1736 (?) starb auch der letzte Lichtenberger. Die Mobilien kamen nach Darmstadt, das Schloß kam an Kassel. Doch der Graf residierte zunächst wieder hier und legte den „Neuen Weg“ an. Ab dem Jahr 1771 (?) waren die Landgrafen von Hessen‑Kassel Herren in Babenhausen und nutzen das Schloß als Sommerresidenz und Witwensitz.

Im Jahr 1818 wird die Burg zur Militärstrafanstalt und beherbergt von 1869 bis 1891 als Kaserne ein Regiment der Roten Dragoner. Rund 300 Soldaten und 300 Pferde hielten sich hier auf, außerhalb des Schlosses wurden Ställe und ein Exerzierplatz angelegt. Danach kam das Schloß in Privatbesitz. Der schon erwähnte Gustav Hickler ließ auch verschiedene Räume mit Jagdszenen ausmalen. Schließlich wurde das Schloß vom Großherzog zurückgekauft. Es war zeitweise auch Polizeischule.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde in dem Gebäude ein Altenheim der Inneren Mission untergebracht. Besitzer war seit 1981 Eugen Wolpert, Chefs des Darmstädter Elisabethenstifts. Er hatte die Burg mit öffentlichen und privaten Mitteln in Millionenhöhe ausgebaut und für Kongresse genutzt, aber auch den Vereinen und Bürgern Babenhausens geöffnet. In dieser Zeit wurden aber große Schäden angerichtet, z.B. durch den Einbau von Fahrstühlen.

Seit Wolpert im Jahre 2001 starb, stand der älteste und markanteste Gebäudekomplex der Stadt zum Verkauf. Den meisten Babenhäusern wäre es wichtig, daß das Schloß der Stadt gehört. Eine Bürgerinitiative setzte sich dafür ein, daß die Kommune das Gebäude von den Erben Wolperts erwirbt. Auf keinen Fall wolle man ein museales Objekt. Die Stadt Babenhausen wollte und konnte das Schloß nicht kaufen, aber beim Nutzungskonzept für das historische Gebäude mitreden. Der Außenbereich der historischen Anlage soll nach dem Willen der Stadt weiterhin von den Bürgern genutzt werden können.

Schließlich beschloß die Stadt Babenhausen doch, das Schloß zu kaufen. Sie gründete

eine Gesellschaft und übernahm das Schloß gegen den Willen des CDU‑Bürgermeisters und seiner Partei für knapp vier Millionen Mark von den Erben des verstorbenen Eigentümers Eugen Wolpert.

Ende 2001 interessierte sich die „Deutsche Instandhaltungs-Universität“ bzw. die erste European Maintenance University (EMU) für das alte Gemäuer, ein Team von 80 Wissenschaftlern aus sieben Nationen. Inhaltlich befaßte sie sich mit Fragen der Instandhaltung von Maschinen und Gebäuden, aber auch der Umwelt. Zur Ausbildung gehörten neben Grundlagen aus den Ingenieur und Computerwissenschaften auch Risikomanagement und Betriebswirtschaft. Leiter war Professor Mexis aus Darmstadt. Es wurden aber nur 45 Studenten von sechs Dozenten ausgebildet. Niemand konnte aber den Studierenden garantieren, ob sie das Studium mit einem anerkannten akademischen Grad abschließen können, denn bislang die deutschen Behörden haben die EMU nicht als Universität anerkannt.

Im September 2006 wurde das Schloß von dem Hauptgläubiger, der hessischen Landesbank, kurz vor der Zwangsversteigerung verkauft an eine Kapitalgesellschaft, die dort ein Hotel und Restaurant schaffen will. Der Kaufpreis soll 1,25 Millionen Euro betragen haben. Im Grundbuch ist eingetragen, daß der Schloßhof und die Säulenhalle öffentlich zugänglich sein müssen. Das Land wird fünf Millionen für den Denkmalschutz zuschießen, es wird mit Kosten von 12 Millionen gerechnet.

 

Wiederentdeckte mittelalterliche Wandmalereien

Das Schloss Babenhausen blickt  auf eine über 800jährige Baugeschichte zurück. Errichtet durch Kuno von Münzenberg, den Reichskämmerer Kaiser Friedrichs I. Barbarossa, sollte die Burg möglicherweise als Jagdsitz im Bannforst Dreieich dienen. Der Bau weist verschiedene Besonderheiten auf, die für einen Profanbau dieser Zeit, des ausgehenden 12. Jahrhunderts, einzigartig sind: Die nahezu quadratische Grundrissform, die Verwendung von Backstein als Hauptbaumaterial, die offene Säulenhalle im Palas und der Treppenturm mit einer Spindeltreppe. Diese Elemente und die mit Perfektion ausgeführten Maurerarbeiten deuten darauf hin, dass Ausführende zum Einsatz kamen, denen dies alles vertraut war. Die Gesamtform und Detaillierung lässt Bauleute aus Norditalien vermuten.

Mit dem Tod des letzten Münzenbergers 1255 fiel Babenhausen an dessen mit dem Hanauer verheiratete Schwester. Es fanden diverse bauliche Maßnahmen im 14. Jahrhundert statt. Nachdem die Hanauer in den Grafenstand erhoben wurden und 1458 die Heirat mit Anna von Lichtenberg (Elsass) erfolgte, wurde Babenhausen Residenz und es wurden ab 1460 umfangreiche Umbauten durchgeführt. Ab 1570 fand die Erneuerung des Südflügels in Renaissanceformen statt. Der Ost- und der Westflügel wurden unter das neue Dach mit eingebunden sowie ein achteckiger Treppenturm errichtet. Damit war im Wesentlichen die Form des Schlosses erreicht, die wir heute noch vorfinden.

Nach dem Tod des letzten Grafen von Hanau-Lichtenberg 1736, wurde Babenhausen 1771 Hessen- Kassel zugesprochen. Nach der Napoleonischen Zeit wurde das Schloss als Lazarett, später als Kaserne genutzt. In diesem Zuge erfolgte der Abbruch verschiedener Gebäudeteile. Erst bei einer Sanierung 1901-1905 wurde die offene Säulenhalle wieder hergestellt und andere Maßnahmen ausgeführt. Nach 1945 als Altenheim genutzt, kam es seit den 1980er Jahren in Privatbesitz. Seit 2006 ist es im Besitz einer GmbH mit dem Ziel, hier ein Hotel unterzubringen.

Umnutzung und Sanierung bedeutet immer Verlust historischer Substanz. Um jedoch die Substanz beurteilen zu können, muss man sie kennen, in vielen Fällen aufwendig erforschen. Dazu gehört die Erfahrung von Fachleuten: dem Bauhistoriker, dem Restaurator u.a. Es soll hier am Beispiel des „Sommersaales“ aufgezeigt werden, welche tiefgreifenden Auswirkungen ein bauhistorischer Befund auf die Nutzung von Räumen haben kann.

Im nördlichen Viertel des Erdgeschosses im Palas, an die offene Säulenhalle anschließend, befanden sich vier Räume mit Flur, die zu Büros ausgebaut werden sollten. Die Abfolge der in der Halle sichtbaren Eichen-Deckenbalken des 12. Jahrhunderts sollte untersucht werden, um die Säulenhalle in ihrer Ausdehnung innerhalb des Westflügels zu dokumentieren.

Nach Abnahme der Gipsfaserplatten an Decke und Wänden wurden Malerei-Reste entdeckt, die nach punktueller Vorsichtung eine komplette Freilegung erforderlich machten. Es zeigte sich, dass in diesem Bereich durch den Einbau eines Kellergewölbes ein erster Schritt zur Aufgabe der offenen Halle getan worden war und dass in dem über dem Keller abgeteilten Raum eine fast vollständig erhaltene Raumfassung vorhanden war. Es handelt sich um eine einfache Malerei mit Jagdmotiven, die zunächst renaissancezeitlich angesprochen wurde.

Untersuchungen einer Trennwand ergaben jedoch ein dendrochronologisch belegtes Datum von 1467/68, welches den Zeitpunkt der Aufgabe des Saales markiert. Die Malerei stammt also aus der Zeit kurz nach 1400; damit kommt ihr ein noch größerer Stellenwert zu.

 

Das Beispiel zeigt, wie ein baugeschichtlich wertvoller Befund die in der Baugenehmigung dargestellte Raumeinteilung grundsätzlich ändern kann und die Flexibilität des Planers und des Bauherrn erfordert, um die Raumanforderungen an anderer Stelle umzusetzen.

 hinaus müssen die           Darüber hinaus müssen die finanziellen Mittel für die restauratorische Sanierung bereitgestellt und eine angemessen Nutzung für das wieder entdeckt Kleinod gefunden werden.

 

Rundgang:

Vom Schloß geht man über die Brücke in die Stadt zu dem (nur kleinen) Schloßplatz. Rechts liegt das Gelände des Fronhofs, links an der Mauer sind die Maße der Stadt angegeben. Weiter geht es nach links zur Stadtmühle, dem heutigen Bürgerzentrum. Die Stadtmauer hat hier eine Beule nach innen. Der erste Hinweis auf diese Mühle findet sich 1383. Im Grunde handelt es sich um ein ganze Straße, in der sich links ein Wohnhaus, die heimatkundliche Bibliothek und der Bürgersaal (für Festlichkeiten) befinden. Rechts ist der Fremdenverkehrsverein, das Standesamt (mit Brautkränzen und einem Hanauer Wappen aus Holz) mit Trausaal im Oberstockwerk. Am Ende der Straße ist ein Café, durch das man in den Biergarten geht.

 

Links ist der Mühlgraben mit der Turbine, die heute noch Strom erzeugt. Von 1898 bis 1973 war in der Mühle das Elektrizitätswerk, das Voraussetzung war für den Bau der Kaserne an der heutigen Bundesstraße. Im Hof findet sich als Naturdenkmal eine Baumgruppe.

Nach rechts geht es hinter der Stadtmauer weiter zu einem Gedenkstein für die  jüdischen Bürger am Weg zur Mikwe. Man sieht den nach innen offenen Hexenturm.

 

 

Es geht erst ein wenig nach rechts und dann gleich wieder links in die Sackgasse. Dort steht das Burgmannenhaus von 1544, das den Herren von Babenhausen gehörte. Dahinter steht der Breschturm, der eigentlich „Spitzer Turm“ heißt und seinen anderen Namen hat von der Belagerung im Jahre 1635, als man hier eine Bresche in die Mauer schlug. Die Stadt mit einer schwachen schwedischer Besatzung, die von den Bürgern tatkräftig unterstützt wurde, trotzte damals der sechs Wochen andauernden Belagerung durch etwa 5.000 Mann kaiserlicher Truppen.

Nach rechts geht es weiter entlang der Stadtmauer. Dann geht es rechts ab in die Gaylinggasse, die auf die Amtsgasse führt, wo - wie üblich - die vornehmsten Häuser der Stadt stehen.

Rechts ist das Haus der Gayling von Altheim, die im Rang gleich nach dem Grafen kamen, Dieses Haus ist aus dem Jahre 1541, die beiden nicht renovierten Häuser gegenüber gehören auch ihnen. Geradeaus ist der Sitz derer von Bernstoff-Axthausen aus dem Jahre 1697. Links ist das Amtshaus von 1560 (Amtsgasse 31).

Im mittelalterlichen Ortskern der Stadt Babenhausen gelegen, bildet das Amtshaus mit den umstehenden, ähnlich imposanten Gebäuden ein beeindruckendes Ensemble. Mit einer Grundfläche von 160 Quadratmetern  und einer Firsthöhe von 16 Metern unterteilt sich das Haus in Keller, zwei Vollgeschosse und zwei Dachgeschosse. Als ältestes Bauwerk der umliegenden Gebäude, die in Stein gehauene Jahreszahl 1546 konnte dendrochronologisch bestätigt werden, diente es wohl ursprünglich als Amts- und Schreibhaus. Dieser Funktion wurde es bald beraubt, eine Wohnnutzung ab dem frühen 17. Jahrhundert ist wahrscheinlich.

Der Bau erlebte vielfältige Umgestaltungen und Grundrissveränderungen. In beeindruckender Form ist nach dem Freilegen des Fachwerkes die ursprüngliche Gestaltung lesbar. Jeder Raum der beiden Vollgeschosse ist mit einer wechselnden farblichen Gefachfassung versehen, die nun sichtbar wurde. Ziel der Sanierung ist es, eine Vielzahl dieser Informationen zur Baugeschichte zu dokumentieren, zu sichern und auch nach Fertigstellung erlebbar zu erhalten.

Katja Boost-Munzel und Reinhard Munzel haben 2004 das zu diesem Zeitpunkt baulich sehr angegriffene Haus erworben und sich mit viel Engagement und Eigenleistung an die Arbeit begeben. Gerade der hohe Anteil an Eigenleistung verzögerte die Arbeiten immer wieder. Reinhard Munzel als gelerntem Zimmermann und Architekten war es sehr wohl klar, auf was für ein Projekt sie sich einlassen, doch sie konnten sich auf eine Vielzahl von Helfern verlassen, die - wie z.B. der Bruder, Vater und Onkel des Bauherrn - als regelmäßige Helfer oder der große Freundeskreis an „Bautagen“ tatkräftig mit anpackten.

Nachdem im ersten Jahr das Ausräumen des Dachgeschosses und die Dachsanierung anstanden, folgten in den Jahren 2006-2008 das Freilegen der Vollgeschosse und die Fachwerkreparatur.

Unsachgemäße Sanierungen der letzten Jahrhunderte hatten zu starken Setzungen geführt, die durch eine Neufundamentierung abgefangen werden musste. Der Fußboden des Erdgeschosses wurde auf einer Fläche von etwa 50 Quadratmetern  um etwa zwei Meter aufgeschüttet, dieses Material mußte auch mit etwa 1700 Schubkarrenladungen nach draußen gefahren werden.

Seit Sommer 2008 ist nun die Sanierung des Baues abgeschlossen, der Innenausbau beginnt. Wir konnten dabei stets auf die fachkundige Beratung der zuständigen Kommunal- und Landesbehörden zurückgreifen, die das Projekt als herausragendes Einzeldenkmal finanziell unterstützen. Die Frage nach dem Zeitpunkt des Einzuges wird jedoch immer noch mit dem inzwischen klassischen Zitat beantwortet: „Wenn es fertig ist!“ (Katja und Reinhard Munzel).

 

Weiter geht es nach links durch die Amtsstraße. Links steht ein Haus von 1705, rechts eins von 1753. Dann geht es nach rechts in die Backhausgasse, in der rechts ein Haus von 1589 steht. Am Ende steht rechts das Pfarrhaus, eines der schönsten Häuser der Stadt mit einem großen Garten.

Die Straße führt auf die ehemalige Apotheke, heute eine Zahnarztpraxis. Die Schnitzerei an dem Haus (und an anderen Häusern) ist von dem gleichen Künstler, der in den 30iger Jahren auch das Wappen im Trausaal des Standesamtes geschnitzt hat.

Dann geht es nach links n die Schloßgasse. Rechts Nummer 10 ist das Kornhaus oder Centhaus, der Fruchtspeicher mit gräflicher Brauerei. In die Wand des Hauses Nummer 3 ist ein Ofenfußstein eingelassen. Er wurde unter gußeiserne Öfen gesetzt und wurde meist bei der Hochzeit zusammen mit den Initialen des Ehepaares und der Jahreszahl geschenkt.

Nach links geht es in die Fahrstraße. Links steht das Haus „Fleischbein“ von 1544 mit einer lateinischen Inschrift. Rechts steht der Gasthof „Zum Schwartzen Bären“.

Damit ist man schon am Marktplatz und sieht auf das Rathaus. Dieses war ursprünglich ein Fachwerkbau von 1804. Es wurde aber im März 1945 zerstört und neu gebaut. Auf dem Platz steht die Martin-Luther-Eiche, eine Pyramiden-Eiche, die von der „Schönen Eiche“ bei Harreshausen abstammt und 1890 gepflanzt wurde. An der Ostseite des Marktplatzes neben dem „Schwartzen Bären“ steht noch das Haus Nummer 3 von 1691.

Die Kirche bestand ursprünglich nur aus dem Chor. In der Westfront der Stadtkirche von Babenhausen steckt unten rechts eine verzierte, ungefähr 28,5 Zentimeter hohe und 43,5 Zentimeter breite Platte. Die Verwitterung ist unerwartet schnell vorangeschritten. Dennoch ermöglicht die optimale Ausleuchtung der Abbildung 1 eine eindeutige Interpretation der Zeichenkomposition. Links kann man die 24 bis 25 Zentimeter langen eingerillten Konturen einer Tuchschere als Zeichen erkennen. Die Tuchschere ist eine mächtige Bügelschere und als Werkzeug von fast zweitausendjähriger Geschichte. Ob bereits die Etrusker die Tuchschere kannten, wissen wir nicht. Die Römer verfügten über dieses Werkzeug. So besitzt das Hessische Landesmuseum Darmstadt in seinen Sammlungen, die im Jahr 1971 im vicus des Kastells Echzell in der Wetterau gefundene, inzwischen restaurierte römische Tuchschere (Abb. 3~. Diese Tuchschere ist 1,05 Meter lang. Im Lauf der Jahrhunderte wurden die Tuchscheren immer schwerer und leistungsfähiger. Die spätmittelalterlichen Tuchscheren dürften um 1,20 Meter lang gewesen sein.

Die Tuchschere war ein Werkzeug der historischen Textiltechnik zur Herstellung dichter, wasserabweisender wollener Tuche. Hierzu wurden die gewebten Tuche zunächst durch mechanisches Walken verfilzt, das verfilzte Tuch mit Distelkarden naß gerauht und die hierdurch aus der Oberfläche des Tuches heraustretenden Fasern mit der auf einem Schertisch liegenden Tuchschere geschoren. Die Tuchschere war nicht nur ein wichtiges, sondern zugleich auch ein teures Werkzeug der historischen Tuchmacherei, weshalb sie im Spätmittelalter den Tuchmachern als Handwerkszeichen diente.

Das Werkzeug rechts ist eine langschneidige, charakteristisch spätmittelalterliche Axt des Zimmermanns zur Bearbeitung des Holzes längs der Faser, also zum Behauen von Kanthölzern und Balken. Diese charakteristische Axt ist in der frühen Neuzeit untergegangen, als man zunehmend das Behauen der Kanthölzer und Balken durch das Sägen ersetzte. Die langschneidige Axt ist das spätmittelalterliche Handwerkszeichen der Zimmerleute. In der Mitte des Reliefs ist das auf Christus zu beziehende Kürzel „ihs“ (in hoc signum) in spätgotischen Minuskeln leicht entzifferbar.

Das Relief zeigt aufgrund seiner beiden Handwerkszeichen der Tuchmacher und Zimmerleute an, daß diese beiden Zünfte der Stadt Babenhausen wesentliche Beträge zum Kirchenneubau im Jahr 1472 stifteten. Üblicherweise findet man die Handwerkszeichen von Stiftern auf Schlußsteinen gotischer Rippengewölbe. In Babenhausen hingegen ließen die stiftenden Zünfte ihre „Stiftungsurkunde“ als Relief in Sandstein hauen und unübersehbar in die Marktfront der Stadtkirche einsetzen. Insofern war und ist dieses Relief ein wichtiger Beleg zum Babenhausener Kirchenneubau des Jahres 1472.

 

 

Rechts vom Altar ist der Grabstein Philipps des Älteren und seiner Frau Anna von Lichtenberg, zusammen mit zwei früh verstorbenen Kindern. Er war der Begründer der Linie Hanau-Lichtenberg, wurde aber in Buchsweiler vom Schlag getroffen und wurde in Babenhausen in der Kirche beerdigt. Die Gräber sind links vor dem Altar und zeigen je zweimal die Hanauer Sparren und den Lichtenberger Löwen. Rechts davon liegt Philipp II. von Lichtenberg mit seiner Frau

In der Reihe davor liegen Philipp III. mit seiner Frau, einer geborenen von Baden-Sponheim.

Sie war streng gläubig im römisch-katholischen Sinne und hatte sogar einen „Beatus“ in der Familien, einen Onkel, der seliggesprochen war. Dieser Bernhard von Baden hatte aufgerufen zum Kreuzzug gegen die Türken. Philipp III. dagegen war ein Studierter und soll sogar den neuen Predigern der Reformation Arbeitsmöglichkeiten gegeben haben.

Weil der Gräfin ein Sohn geboren wurde (der spätere Philipp IV.), stiftete sie den Schnitzaltar in der Kirche. Dieser dreiflügelige Altar mit drei überlebensgroßen Plastiken wurde er um 1515 geschaffen und ist ein bedeutendes Kunstwerk. Der Altar hat allerdings nichts mit Renaissance zu tun, sondern ist noch ganz bestimmt vom Geist der alten Zeit: Im Mittelpunkt stehen der Papst und zwei Bischöfe; rechts ist vielleicht Nikolaus zu sehen (mit dem Fallsüchtigen). So lautet jedenfalls die Erklärung von Herrn Lötzsch vom Geschichtsverein. Andere sagen, der Altar zeige die Heiligen Nikolaus, Valentin und Cornelius.

Links von dieser Dreiergruppe stehen Philipp und Bernhard von Baden (der Mann und der Onkel der Gräfin), rechts die Namenspatrone der Gräfin: Helena (mit dem Kreuz) und Katharina (mit dem Bart).

Unter diesen Schnitzfiguren stehen die Reliquienbehälter. Dabei sind auch Hände, die bei Gerichtsverhandlungen auf den Richtertisch gestellt wurden, so daß man „bei den Heiligen“ schwor. Unten in der Predella ist die Weihnachtsgeschichte dargestellt. Aber man sieht, daß hier ein anderer Künstler am Werk war. Der Stil ist mehr bäuerlich.

Lange Zeit war, die Frage offen, ob der Altar von Riemenschneider stamme. Man nahm ein wenig Einfluß an, größer sei aber aber noch der von Backoffen. Dann hieß es wieder, Mathias Grünewald sei der Schöpfer, der sich auch als Bildschnitzer betätigt hat und sich als solcher 1502 in Seligenstadt niederließ. Der Schnitzaltar stammt aber wohl von keinem der großen Holzschnitzer, sondern wohl von verschiedenen Meistern bzw. Meisterschülern.

An der Wand des Chores sieht man links Bilder aus dem Marienleben. Unter dem Chor befindet sich noch eine Gruft, die mit zwei Steinplatten verschlossen ist. Darin befinden sich Särge aus der Barockzeit, wohl von niedrigen Adligen. Dahinter ist noch eine Kirchenbank mit vier Apostelbildern.

Der Boden des Chors und der Kirche lagen ursprünglich tiefer und soll jetzt auch wieder tiefer gelegt werden. Erst nach der Elsäßer Erbschaft wurde das heutige Kirchenschiff angebaut. Die Kanzel ist von 1594 und hat eine Sanduhr. Gegenüber steht der steinerne Taufstein. Hinter dem Taufstein steht an der Wand der Kirchenstuhl für den Grafen. Der Kirchenstuhl für die Geistlichkeit dagegen steht im Chorraum (es gab in Babenhausen ein Hospital). Die Chorschranke in Form eines eisernen Gitters ist nur noch teilweise vorhanden.

Die Ausmalung der Kirche stammt angeblich von einem Fischer aus Babenhausen, etwa aus dem Jahr 1620. Die Medaillons zeigen Himmelfahrt, Verklärung, Geburt Jesu, Beschneidung Taufe und Gethsemane. Bibelsprüche und Bibelstellen sind jeweils unter die Bilder geschrieben. An den Außenwänden der Kirche sind vorreformatorische Bilder (Wochenende, Seite 148).

Auf dem Rückweg fährt man auf der Platanenallee in Richtung Bahnhof. Dann nach links ein Stück die Bundesstraße entlang und dann gleich wieder rechts nach Harreshausen. Dorthin führt eine doppelte Lindenallee, nur unterbrochen durch die Bahnlinie. Im Ort liegt links ein Jagdschlößchen. Dann biegt man nach links ab, fährt and er Kirche vorbei und aus dem Ort hinaus. Rechts sieht man dann bald eine Baumgruppe, deren markantester Baum die „Schöne Eiche“ ist.

Diese steht dort seit 550 Jahren und ist eine zufällige Mutation, die den pyramidenförmigen Wuchs der Eiche hervorgerufen hat. Von ihr stammen alle Pyramideneichen in der Welt ab, auch die Luthereiche vor der Babenhäuser Kirche. Man kann sie allerdings nicht richtig aus Samen ziehen, sondern man muß ein Reis auf eine andere Eiche aufpfropfen. Eine Zeichnung dieser Eiche gibt es schon aus dem Jahr 1790 (aus dem „Hanauer Magazin“).

 

Ein badischer Markgraf zwischen Heiligen - der selige Bernhard auf dem Altarschrein in Babenhausen

Der gotische Schnitzaltar in der evangelischen Stadtkirche von Babenhausen ist seit einigen Jahrzehnten aus seinem Dornröschenschlaf wiedererwacht und zieht viele Besucher an, die sich am Anblick eines der bedeutendsten Altäre der deutschen Spätgotik erfreuen wollen.

Der Altarschrein  wurde zwischen 1515 und 1518 geschaffen. Seine Schnitzwerke sind aus Lindenholz. Die obere Zone des geöffneten Altares zeigt uns in der Mitte drei überlebensgroße vollplastische Figuren, die beiden Flügel jeweils ebenso große Relieffiguren, links vorn Betrachter aus gesehen, zwei männliche, rechts zwei weibliche Figuren. Die untere Zone zeigt in sieben Gefachen Reliquienträger.

Der Meister dieses Altares ist unbekannt. Die Stilmerkmale weisen auf eine Mischung von fränkischer und mittelrheinischer Herkunft hin. Eindeutig ist, daß es sich um ein Werkstatterzeugnis handelt, was sich in der unterschiedlichen Formensprache des Altarschreines ausdrückt. Walter Hotz bringt Meister Mathis, genannt Grünewald, als leitenden Künstler ins Gespräch, die Darmstädter Ausstellung „Alte Kunst am Mittelrhein“ von 1927 wies ihm kunstgeschichtlich eine Stellung zwischen „Riemenschneider und Backoffen“ zu.

Der Altarschrein stand fast dreihundert Jahre verschlossen im unteren Teil des Kirchturmes, wohin ihn die Reformation in Babenhausen um 1645 verbannt hatte, bis man ihn um 1820 wiederentdeckte und an der Südwand des Kirchenschiffes aufstellte. 1887 wurde der Schrein renoviert und 1939 fand er nach einer großen Kirchenrenovierung seinen alten Platz im Chor der Kirche wieder, wo er sich heute den vielen Besuchern zeigt.

Neben der Frage zu der kunsthistorischen Bedeutung des Altares, seinem Künstler oder „Schöpfer“, seiner Geschichte im Ablauf der Jahrhunderte, taucht beim Betrachten der Schnitzfiguren irgendwann auch die Frage auf, um wen es sich eigentlich bei diesen Figuren handelt, wer sie waren, warum man gerade diese Personen bzw. Heiligen ausgewählt hat, um sie auf dem Altar darzustellen.

Im Mittelalter war der Bezug der Gläubigen zu den Heiligen der Kirche ein anderer als heute, man lebte mit ihnen in enger geistiger Verbindung und einer fast persönlichen Beziehung. Man hatte seinen Namenspatron, den man um Schutz und Hilfe bei irdischen Problemen bitten konnte; es gab unzählige Heilige, die für ganz bestimmte Notlagen „zuständig“ waren. Die bildliche Darstellung dieser Heiligen konnte natürlich nicht so exakt erfolgen, daß man sie anhand ihres Aussehens hätte unterscheiden können, da man gar nicht wußte, wie sie zu ihren Lebzeiten ausgesehen hatten. So wurden den oft schematisch dargestellten Figuren im Laufe der Zeit „Attribute“ beigegeben, also ganz spezielle Merkmale, anhand derer man den Heiligen als eine ganz bestimmte Person identifizieren konnte. Dies geschah z. B. durch die Kleidung (Mönch, Bischof, Papst, Ritter) oder durch Beigabe eines Palmzweigs (Märtyrer) oder spezielle Symbole wie Pfeile (Hl. Sebastian) und vieles andere.

Mit diesem Wissen um die Attribute ging man daran, die Heiligenfiguren des Schnitzaltars zu identifizieren. Da diese Attribute jedoch nicht immer eindeutig waren, gibt es noch heute Differenzen über die dargestellten Personen, z.B. über die Papstfigur im Mittelteil des Schreines. Ursprünglich nahm man an, es handele sich um Papst Gregor den Großen (590 - 604). Heute neigt man mehr zur Auffassung, daß es sich um den hl. Kornelius (251-253). „Papst und Märtyrer“ handelt, während andererseits immer noch der hl. Gregor favorisiert wird. Die Begründung für die eine oder andere Auffassung liegt jeweils im Bezug zur Lokalgeschichte.

Man kann die Deutung der Altarfiguren jedoch aus einer ganz anderen Sicht vornehmen, die die Auffassung entkräftigen könnte, daß hier die Figuren thematisch recht beziehungslos neben- und untereinander stehen. Der Ansatz zu dieser anderen Deutung der Ikonographie des Altares liegt in der Person der Stifterin und ihrer Zeit.

Die Überlieferung erzählt, daß die Gemahlin des damaligen regierenden Grafen, Philipp Ill. von Hanau-Lichtenberg, Sybille, eine geborene Markgräfin von Baden, nach der Geburt von vier Töchtern wieder guter Hoffnung war, ein Gelübde ablegte, sie würde, falls das Kind ein Knabe wäre, zum Dank einen Altar stiften. Ihre Gebete wurden erhört und sie gebar am 20. 9. 1514 einen Sohn, den späteren Philipp IV. Sybille löste ihr Gelübde ein und stiftete den Altar, der kurz vor ihrem Tode im Jahre 1518 fertig wurde.

Die Geschichte des Gelübdes ist eine Legende, aber die Person der Sybille ist historische Tatsache. Sie war eine Tochter des Markgrafen Christoph 1. von Baden, geboren am 26. 4. 1485. Am 24. 1. 1504 heiratete sie in Baden Philipp III., Graf , von Hanau-Lichtenberg, und gebar ihm sechs Kinder. Von den fünf Mädchen starb eines im Jahr seiner Geburt; die Älteste ehelichte einen Grafen Eberstein, die drei anderen gingen ins Kloster Marienborn. Eine dieser drei Nonnen wurde später Äbtissin dieses Klosters. Der einzige Sohn, Philipp IV., führte 1545 die Reformation in Babenhausen ein.

Sybille stammte aus einer streng katholischen Familie, die sich immer - auch aktiv - für den Glauben eingesetzt hatte. Zahlreiche Bischöfe und Äbtissinnen gehörten zu ihren Vorfahren. Ihr Mann, Philipp IIIU., hegte bereits Sympathien für die neue Lehre von Martin Luther, blieb jedoch dem alten Glauben noch treu. Aus dieser Zeit, als sich die herrschende Amtskirche selbst bei ihren treuen Anhängern in Mißkredit gebracht hatte und die Reformvorschläge von Martin Luther immer mehr Zustimmung fanden, stammt der Altar von Babenhausen: Auftraggeberin und Künstler versuchen, noch einmal die alten Werte zu beschwören in einer Zeit des Umbruchs. In der Kunst geht die Zeit der Gotik zu Ende mit ihren strengen Gesetzen der Darstellung religiöser Themen, und die Renaissance, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, nimmt allmählich ihren Platz ein. Im gesellschaftlichen Bereich kämpfen die Bauern um ihre Befreiung aus der Fron. Das mittelalterliche Weltbild, das von der Kirche geprägt war und von ihr beherrscht wurde, war plötzlich in Frage gestellt.

Sybille muß aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Erziehung sehr unter diesen Veränderungen gelitten haben. Wenn man nun die lkonographie des Babenhäuser Altares unter diesem Blickwinkel neu betrachtet, so erscheint die Auswahl der Heiligen plötzlich logisch. Maria Renner schreibt: „Der Bildgedanke, das ikonographische Thema des Altares, ist die Verteidigung des Glaubens in den Gestalten der Heiligen, der Gottesstreiter. So steht in der Mitte der Papst als das Oberhaupt der Kirche, und zwar in einer jener Gestalten, welche den Gläubigen den eigentlichen und - um jene Zeit so traurig verratenen - Sinn des Papsttums vorstellen sollten: Cornelius, der, milde gegen die Irrenden und Abtrünnigen, selber um des Glaubens willen Verbannung und Tod in der Fremde litt. Die beiden Bischöfe an seiner Seite, Nikolaus und Valentin, galten in der Tradition für Wohltäter und Vorbilder der helfenden Liebe - ganz im Gegensatz zu der Welt-Fürstlichkeit mancher der zeitgenössischen Prälaten. In den historischen Heiligen sollte die ideale Erfüllung des Sinnes der kirchlichen Ämter anschaulich vergegenwärtigt werden.“

Die beiden Flügel zeigen in ihren Darstellungen Heilige, die in enger Verbindung zur Familie der Stifterin stehen: Der Apostel Philippus, Namenspatron ihres Gatten, hatte in seinem Reisegespräch einen Fremden vom christlichen Glauben zu überzeugen vermocht, ein erster Verteidiger des jungen Christentum, voll suchender Unwissenheit. Katharina von Alexandrien, die Philosophin, hatte vor den Gelehrten ihres Kreises siegreich für die christliche Offenbarung gesprochen und ihren Glauben mit dem Leben bezeugt. Katharina war die Patronin der Markgräfin Katharina, der Schwester Kaiser Friedrichs III. und Mutter des Markgrafen Christoph.

Kämpfer für den Glauben waren auch Helena, die Kaiserin, die das Kreuz des Erlösers aufgefunden und nach dem Abendland gebracht hatte, und Bernhard von Baden, der Ahnherr der Stifterin.

Merkwürdigerweise ist Bernhard von Baden, der „selige Bernhard“, der am wenigsten Bekannte unter den Schnitzfiguren, obwohl sein Lebensweg durch Urkunden belegt und er uns zeitlich und menschlich näher sein müßte als seine Gefährten auf dem Altar.

In unserer Region wußte man relativ wenig über ihn: Man hatte Kenntnis, daß er mit der Stifterin verwandt war, wobei die Möglichkeiten Bruder, Onkel und Großonkel angegeben werden. Er hat all sein Hab und Gut den Armen vermacht und sich in den Dienst Gottes gestellt. Als 30jähriger ist er auf einer Reise in Italien verstorben,

Das Leben Bernhards und die Geschichte seiner Verehrung sind jedoch so interessant, daß sie verdienen, wieder in die Erinnerung gerufen zu werden. In anderen Gebieten hat das Wissen um Bernhard von Baden über die Jahrhunderte gehalten.

Markgraf Bernhard II. von Baden wurde 1429, wahrscheinlich auf Burg Hohenbaden geboren. Sein Vater war Jakob I., Markgraf von Baden, seine Mutter Katharina von Lothringen. Bernhard war nach Karl der zweite Sohn und hatte noch drei weitere Brüder: Johannes, Georg und Marcus. Seine Erziehung genoß er bei französischen Verwandten am Hof des Königs René von Anjou in Angers. Zu Lebzeiten seines Vaters war Bernhard zweimal in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt, einmal im Städtekrieg 1448 - 1451 (Auseinandersetzungen zwischen den Landesherren von Württemberg und Baden und den in diesen Gebieten liegenden Reichsstädten), ein zweites Mal als Truppenführer für seinen Onkel René von Anjou, der versuchte, in Oberitalien Gebietsansprüche durchzusetzen.

Am 13. 10. 1453 starb Bernhards Vater, Markgraf Jakob I.. Sein Testament bestimmte die Teilung des Landes unter die Brüder Karl, Bernhard und Georg. Die beiden anderen Brüder gehörten dem geistlichen Stand an und wurden nicht bedacht. Auch Georg entschied sich noch für ein geistliches Amt und wurde Bischof in Metz. Am gleichen Tag, dem 1. 8. 1454, stellte auch Bernhard seinen Teil des Erbes für die nächsten zehn Jahre unter die Verwaltung seines Bruders Karl, des neuen Markgrafen. Dies hing jedoch nicht damit zusammen, daß er auch Bischof geworden wäre, denn das war er nie.

Bernhard hatte in der Zwischenzeit eine größere Aufgabe gefunden. Bei seiner Reise an den kaiserlichen Hof nach Wien (453), als er Kaiser Friedrich III. aufsuchte, um das Testament seines Vaters anerkennen zu lassen (Friedrich III. war durch die Heirat seiner Schwester Katharina mit Karl 1. von Baden sein Schwager) lernte er den italienischen Franziskaner Capistran kennen. Johannes von Capistrano hatte ursprünglich Rechtswissenschaften studiert und war Richter, bevor er in den Franziskanerorden eintrat und Priester wurde. Er wirkte über 40 Jahre in Italien, Deutschland' Böhmen und Polen. Zu der Zeit, als Bernhard ihn kennenlernte, trat er als Kreuzzugsprediger gegen die Türken auf und versuchte, die christlichen Führer des Abendlandes zu einer gemeinsamen Abwehr gegen die drohende Türkengefahr zu veranlassen. Am 29. 5. 1453 war Konstantinopel gefallen, als letztes christliches Bollwerk des Abendlandes gegen die andrängenden mohammedanischen Türken.

Bernhard unterstützte ihn bei dieser Aufgabe. Er weilte nun hauptsächlich am kaiserlichen Hof in Wien und betätigte sich als Schiedsrichter und Vermittler in den politischen Wirren und Streitigkeiten. Nachdem Capistran 1456 gestorben war, übernahm Bernhard dessen Amt und versuchte nun selbst, eine Einigung der abendländischen Fürsten zu einem gemeinsamen Widerstand gegen die Türken herbeizuführen. Auf einer zu diesem Zweck durchgeführten Reise wurden seine Gefolgsleute bei Genua von der Pest befallen. Bernhard versuchte, sich mit dem Rest seiner Leute zurückzuziehen, jedoch auch er war schon von der Krankheit gezeichnet und starb im Franziskanerkloster von Moncalieri südlich von Turin am 15. 7. 1458.

 

Mit Bernhards Tod wäre seine Lebensgeschichte eigentlich abgeschlossen und sicher auch für die meisten Menschen in Vergessenheit geraten, wenn sich nicht schon bei seiner Beisetzung Dinge ereignet hätten, die die Ursache dafür waren, daß er heute noch als der „selige Bernhard“ verehrt wird.

Es gibt zeitgenössische literarische Quellen, die die wundersamen Ereignisse nach dem Tode Bernhards schildern, mit von Zeugen bestätigten schriftlichen Aufzählungen und Beschreibungen der Wunder an seinem Grabe, unterstützt von Aussagen der Mitglieder des Kollegiatstiftes von Santa Maria della Scala, der Grabeskirche von Bernhard.

Die erste wunderbare Gebetserhörung fand nach diesen Berichten bereits bei der Totenfeier statt. Bernhard befand sich, als er sich wegen seiner Krankheit in die Obhut der Mönche in Moncalieri begab, nur noch in Begleitung seines alten Lehrers, eines Pforzheimer Franziskanerpaters und seines Knappen. Er starb als Fremder in einer fremden Stadt. Sein Lehrer, Pater Johannes hielt die Gedächtnisrede, er beschrieb den Lebenslauf des von seinem Auftrag Abberufenen. Während dieser Totenfeier legte ein Mann, der infolge eines Beinleidens an Krücken ging, ein Gelübde ab, daß er ein Bild des Verstorbenen malen lassen würde, wenn er von seinem Leiden erlöst würde. Er ging ohne Krücken davon. Die Kunde dieser Erhörung verbreitete sich rasch. In den folgenden Jahren häuften sich die Berichte über ähnliche unerklärliche Heilungen und bald galt Bernhard dem Volk als Heiliger

Auch die offizielle Kirche schließt sich dieser Meinung an. Der ehemalige Sekretär von Kaiser Friedrich III., Enea Silvio Piccolomini, der im Todesjahr Bernhards als Papst Plus II. die Leitung

der Kirche übernahm, erklärte bei einem offiziellen Anlaß, daß er den Umgang, mit dem Markgrafen Bernhard von Baden, der im Rufe der Heiligkeit gestorben sei, überaus geschätzt habe.

Bereits im Todesjahr Bernhards begannen, zusammen mit seiner Verehrung, auch die bildlichen Darstellungen. Die älteste bekannte Darstellung ist eine Votivtafel, ein Geschenk der Brüder von Bernhard an die Kirche in Moncalieri aus dem Jahr 1475. Diese Tafel wurde 1890 von dem Schweizer Pater Odilo Ringholz bei den Reliquien in Moncalieri gefunden. Pater Ringholz hatte Ende des vorigen Jahrhunderts die schriftlichen Quellen über Bernhard erforscht und 1892 eine wissenschaftliche Monographie über ihn herausgegeben, die 1908 in einer erweiterten italienischen Ausgabe erschien.

Auf dieser Votivtafel wird Bernhard als Ritter dargestellt, in der rechten Hand eine Lanze mit Wimpel in den badischen Farben haltend, in der linken einen Schild. In Kinnhöhe befindet sich die Aufschrift „bon bernhart“ Diese Votivtafel kann als bestimmend für den Typus der Bernhard-Darstellungen bis ins 18. Jahrhundert hinein gelten.

Auf Betreiben der Brüder Bernhards wurde im Jahre 1480 der Seligsprechungsprozeß eingeleitet und durch ein Breve von Papst Sixtus 1480 bestätigt. Diese Bestätigung hielt man fast zwei Jahrhunderte lang für die erfolgte Seligsprechung; der Seligsprechungsprozeß war aber damals formell nicht beendet worden.

Im Glauben an die Benifikation setzte nun eine starke Verehrung auch außerhalb Italiens ein, nämlich in Baden und Lothringen, überall dort also, wo sich Mitglieder des Hauses Baden befanden. So kam auch die Darstellung Bernhards auf den Altar in Babenhausen. Sechzig Jahre nach seinem Tode wird er ähnlich dargestellt wie auf der Votivtafel in Moncalieri: als Ritter mit Wimpel in den badischen Farben, jedoch mit Schwert statt Schild.

Während der Reformationszeit ist das Wissen um Bernhard nördlich der Alpen ziemlich in Vergessenheit geraten, nicht nur außerhalb der badischen Lande. Auch in Babenhausen, wo 1545 die Reformation eingeführt wurde und der Altar, im Kirchturm eingelagert, den Blicken der Menschen entzogen war, wußte bald niemand mehr etwas von einem „seligen Bernhard“. Als der Altar 1820 wieder aufgestellt wurde, sah man in der Figur des Ritters den hl. Florian, wie man in der Beschreibung des Altares von 1829 durch J.W.C. Steiner nachlesen kann.

In Italien blieb die Verehrung Bernhards jedoch immer lebendig. Es erschienen mehrere Lebensbeschreibungen über ihn, die zum Teil auch ins Deutsche übersetzt wurden. Die bildlichen Darstellungen wandelten sich, dem Zeitgeschmack entsprechend, vom gotischen Ritter zum antiken Krieger. Als solcher wird er auch auf einem Kupferstich von 1722 als Schutzpatron der Stadt Moncalieri dargestellt. Parallel zur Verehrung in Moncalieri hielt sich diese auch ununterbrochen in Lothringen.

Im Jahre 1758 teilte der Bürgermeister von Moncalieri dem Markgrafen Ludwig Georg von Baden mit, daß man am 15. 7.1758 die dritte Hundertjahrfeier von Bernhards Sterbetag begehen werde. Der Markgraf wollte daraufhin diesen Gedenktag auch in seinem Land festlich begehen und erbat dafür die Genehmigung beim Bischof von Speyer. Diese Genehmigung wurde ihm jedoch nicht erteilt, denn die Seligsprechung war nicht beurkundet. Durch das Einsetzen der Gegenreformation war die katholische Kirche vorsichtig geworden, was die Verehrung von Personen als Heilige betraf. Ein Dekret von Papst Urban VIII. von 1634 bestimmte, daß jede Verehrung untersagt war, wenn kein Selig- oder Heiligsprechungsprozeß durchgeführt worden war. Es gab jedoch eine Vereinfachung des Prozeßverfahrens, wenn der Nachweis einer vom Jahr 1634 ausgehenden mindestens hundertjährigen Verehrung geführt werden konnte. Diese Verehrung konnte aber nur in Moncalieri nachgewiesen werden. Als jedoch Markgraf Ludwig Georg hörte, welche Kosten die Wiederaufnahme das Seligsprechungsverfahrens verursachen würde, verschob er vorerst einmal den Antrag auf einen neuen Prozeß. Er verstarb im Jahre 1760 kinderlos und sein Bruder August Georg trat sein Erbe an. Dieser veranlaßte 1767 eine Voruntersuchung durch den Bischof von Turm, die die Unterlage für den römischen Prozeß bildete, der mit der Anerkennung der rechtmäßigen Verehrung Bernhards von Baden als Seliger endete. Papst Clemens XIV. bestätigte am 16. 9. 1769 dieses Dekret.

Jetzt wurde die Seligsprechung in Baden vielfach gefeiert, nicht nur im Bistum Speyer, sondern auch im Bistum Straßburg und Konstanz, die sich ermächtigen ließen, die Verehrung Bernhards zu gestatten. 177/1 wurde nach dem Tode des Markgrafen August Georg die badischen Lande wiedervereinigt und erweiterten sich in den folgenden Jahrzehnten stark. Das Großherzogtum Baden reichte 1806 vom Bodensee bis Wertheim. Zwei Drittel der Bevölkerung waren katholisch. 1821

wurde Bernhard von Baden badischer Landespatron. Seinen 400. Todestag im Jahre 1858 beging man mit großen Feiern. Zum Gedächtnis seines 500. Todesjahres wurde ein Bernhardus-Jahr ausgerufen. In einem Pilgerzug brachte man seinen Sarkophag von Moncalieri nach Freiburg. Mit einem Pilgerzug wurde der Schrein auch wieder zurückgebracht und in der Stiftskirche Santa Maria della Scala wie            der aufgestellt. Die Verbindung zwischen Baden und Moncalieri besteht bis in unsere Tage.

Die politischen        Verbindungen zwischen Babenhausen und Baden gehören der Vergangenheit an, aber sie waren der Anlaß für die Darstellung Bernhards auf dem Babenhäuser Schnitzaltar: der selige Bernhard, ein Großonkel der Stifterin, und ein Kämpfer für die Erhaltung des christlichen Glaubens in den Zeiten der Türkengefahr.

Die Verehrung Bernhards in Babenhausen ist Erinnerung geworden, aber seine Darstellung auf dem Altar hat heute aus religions- und vor allein kunstgeschichtlicher Sicht eine besondere Bedeutung gewonnen: es handelt sich um die älteste erhaltene Darstellung Bernhards auf einem Altar, zudem noch außerhalb der eigentlichen Gebiete seiner Verehrung.

Maria Renner schreibt in ihrem Buch über die Ikonografie Bernhards: „Für die lkonografie Bernhards bedeutet der Altar zu Babenhausen ein einmaliges Zeugnis der Darstellung in der Zeit der Wandlungen, das Bild, das erhalten blieb, während in der alten Markgrafschaft Aufruhr und Entfremdung, alles Bildwerk der vergangenen Zeit wegräumten. Diese Darstellung Bernhards gestattet Schlüsse auf andere in den Gebieten, in denen Angehörige der badischen Familie die Erinnerung bewahrten.“

 

 

Stadtteile:

Sickenhofen

ist im alten Evangelienbuch der Abtei Seligenstadt bereits im 9. Jahrhundert erwähnt. Sickenhofen hat heute 1200 Einwohner und ist bekannt  für seinen vorzüglichen Spargel. Die klassizistische Kirche von 1831 ist ein Werk des Landbaumeisters Georg Lerch.

 

Harreshausen

gehörte zum hanauischen Herschaftsbesitz und war seit jeher eng mit Babenhausen verknüpft. Im Ortskern wurde 1740 ein historisches Jagdschlößche0 erbaut. Von dort führt auch heute noch eine schnur-gerade Allee nach Babenhausen. Harreshausen hat heute etwa 1300 Einwohner.

Unweit des Ortskerns nach Westen zu (einfach durch den Ort weiterfahren) steht die sogenannte "Schöne Eiche", die Mutter aller Pyramideneichen. Sie eine Mutation, bei der die Äste nach oben wuchsen und dem Baum das Aussehen einer Pyramide gaben. Im 18. Jahrhundert wurde sie in alle Welt exportiert an Baumliebhaber (aber nur zwei Prozent der Samen haben diese Mutation). Sie ist 540 Jahre alt und heute nur noch ein kräftiger Stamm  mit einzelnen Trieben. Eine neue Pyramideneiche steht im Ort (beim Gutshof?).

 

Langstadt

Das bereits 1267 urkundlich erwähnte Langstadt ist in seiner dörflichen Struktur besonders gut erhalten. Zentrum des Dorferneuerungsprogramms von 1983 - 1992 war die zu einem Anger ausgebildete Hauptstraße. Überragt wird Langstadt von der neugotischen Kirche aus dem Jahre 1880. Langstadt hat heute 1650 Einwohner.

 

Harpertshausen

ist mit etwa 700 Einwohnern der kleinste der fünf Stadtteile. Von besonderem Interesse sind zwei Gebäude, die im sogenannten „historistischen Stil“ errichtet wurden, das kombinierte Rat-, Bet- und Spritzenhaus von 1867 und das ehemalige Schulgebäude mit schönem Zierfachwerkgiebel.

 

Hergershausen

ist mit 1950 Einwohnern der größte Stadtteil und wurde 1340 erstmals urkundlich erwähnt. Im ehemaligen Dorf sind mehr als 20 Bauernhäuser denkmalgeschützt. Die Barock~Kirche von 1712 besitzt schöne ornamentale Malereien und eine historisch wertvolle Orgel aus dem Rokoko.

 

 

Schaafheim

Alte Kapelle, Weinbergstraße.

Die wurde 1515 erbaut, 1570 zum ersten Schaafheimer Schulhaus umgebaut und restauriert 2004-06, Hessischer Denkmalschutzpreis 2007.

Die Evangelische Kirche (Weinbergstraße) ist 1839-41 erbaut von Georg Moller.