Rhein

 

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Speyer

Mit dem Speyerer Dom begann eine neue Epoche der europäischen Architek­tur. Deutlicher noch als mit St. Denis, dem Schöpfungsbau der Gotik, ist mit dem seit 1025/30 durch Kaiser Konrad II. begonnenen salischen Dom eine lange Überlieferung monumentalen Bauens an ihr Ende gelangt und durch ein neuarti­ges, rationales System ersetzt worden, das in der Folge nicht nur den romani­schen Kirchenbau, sondern auch die Gotik entscheidend bestimmt hat. Was aber war so neu?

Nicht das erst um 1100 vollendete Hauptschiff, sondern die acht Meter brei­ten Seitenschiffe sind die Räume, mit denen die ersten entschei­denden Schritte in Neuland getan wur­den: Die Pfeiler und Wände sind nicht mehr glatt und aus einfachen Elementen bestehend, sondern sie sind aus unter­schiedlichen Teilen zusammengesetzt. Zum ersten Mal in einem monumentalen Kirchenschiff wurde unterschieden zwi­schen schweren, wandartigen Pfeilern, die die Rundbögen der Langhausarkaden tra­gen, und schmal vor die Pfeiler gesetzten Halbsäulen, die die dunklen Gurtbögen der Gewölbe abfangen. Die scharf be­grenzten, durch rote Sandsteinbögen ein­gefaßten Kreuzgratgewölbe, die sich als weiße Kappen ausspannen, waren die wa­gemutige Neuerung.

Mit der Einwölbung entstand eine neu­artige Wandgliederung, Zwar hatte es be­reits tonnengewölbte Kirchenbauten gege­ben, doch nie zuvor in der christlichen Ar­chitektur solch breite, über acht Meter sich hinüberschwingende Kreuzgratge­wölbe. Das war im frühen Mittelalter ein konstruktives Wagnis und erforderte einen präzisen Steinschnitt, eine exakte Mauerung und große schwere Quader für die tragenden Teile.

Die Bauhütte war die technische Hoch­schule des Mittelalters. Hier wurden die konstruktiven Erfindungen gemacht. Ein Dom als Kathedralkir­che enthielt die Summe aller Möglichkei­ten der Architektur. Der unbekannte Bau­meister teilte den Raum in Abschnitte, grenzte die fast quadratischen Wölbungen durch dunkle Quaderbögen ab und ad­dierte sie nacheinander in einer langen Reihe über das Seitenschiff hinweg. Die gestreckten Halbsäulen wurden nötig, um die von den Gewölben herabgreifenden Gurtbögen abzufangen und um der neuen Systematik der Raumteilung Ausdruck zu verleihen.

So setzte sich die Gewölberahmung ­nach unten bis in die Senkrechte, bis in die mit den Pfeilern verbundenen Halb­säulen fort. Es entstand ein neuartiger Raum, der nicht mehr von ungegliedertern Wänden umgeben war, sondern es kam zu einer denkwürdigen Definition und Addi­tion von Raumabteilungen („Jochen“). Das Resultat waren Seitenschiffe, die aus einer Folge von scharf unterschiedenen Jochen gebildet wurden. Sie wurden durch die Halbsäulen und durch die dunklen Gurtbögen der Ge­wölbe herausgehoben. So auch kommt ein stark plastisches Wandrelief zustande.

Mit den Speyerer Seitenschiffen wurde dieser konstruktiv gliedernde Baugedanke in vollkommener Klarheit und in mo­numentaler Größe verwirklicht. Es war die wohl bedeutendste Erfindung des mit­telalterlichen Kirchenbaus. Erst der Ver­gleich mit früheren Bauten verdeutlicht das Ausmaß der Neuerung. Eine flache hölzerne Decke benötigte nicht unbedingt Halbsäulenvorlagen. Es genügten einzeln stehende Säulen oder Pfeiler und darüber eine relieflose, völlig flache Wand, in die die Arkaden und Fenster hineingeschnit­ten waren.

Auch noch die gotischen Gewölbekon­struktionen mit ihren Bündelpfeilern ha­ben von dem Speyerer Ursprungsgedan­ken profitiert. Sogar die Streckung der Halbsäulen weit über die Proportionen einer klassischen Säule hinaus war neu und ließ sich mit der Vertikalisierung der Schiffe begründen. Hier setzt die mittelal­terliche Uminterpretation eines klassi­schen Bauelements, der Säule, ein, Wäh­rend in den tiefliegenden Gewölben der Speyerer Krypta untersetzte Säulen mit ihren Würfelkapitellen noch immer die antiken Proportionen erkennen lassen, mußten sich die Halbsäulen in den Sei­tenschiffen hoch in die Länge strecken, um die Gewölbe zu erreichen. Daraus wurde dann die mittelalterliche Ausdeu­tung der Säule, eine Rundvorlage, später ein gotischer Dienst.

Das Speyerer Gliederungssystem hat in ganz Europa Schule gemacht. Das war nicht nur Anerkennung der Erfindungskraft, die in den Speyerer Dom eingegangen war, sondern auch Wetteifer mit diesem im 11. Jahrhundert höchsten und längsten Bau Europas, der kaiserlicher Dom und kaiserliche Grablege war. Der Speyerer Dom war bereits mit seinen frühesten Bauteilen, der Krypta und den Seitenschiffen, einer der wenigen Schöpfungsbauten der europäischen Architekturgeschichte, so wie St. Denis in Paris die Ankündigung der Gotik und das Florentiner Findelhaus die Anfänge der Renaissance anzeigten.

Bei der Einwölbung der Seitenschiffe ist es nicht geblieben. Einige Jahrzehnte später, seit etwa 1065, wurde in einem zweiten Anlauf sogar das gewaltige Langhaus eingewölbt. Wieder kam es zu Neuerungen, mit dem dieser Monumentalbau auf die gesamte europäische Architektur wirkte: Es entstand das „gebundene System“.

 

Der Judenhof ist das Zentrum und kultischer Mittelpunkt des Judenviertels. Die östliche Außenwand der Männersynagoge ist erhalten. Die Bau­technik ist aus der Zeit um 1100, gemauert mit Kleinsandsteinquadern. In der Mitte ist deutlich an der Mauerflickung die Stelle zu erkennen, an der früher eine kleine Apsis anschloß, die den Schrein für die Heiligen Schriften enthielt. Über der Apsis kleines, gut erhaltenes Rundfenster aus der Erbauungszeit. Darüber Reste eines später einge­bauten gotischen Rundfensters. Rechts und links davon Gewände von später eingebauten gotischen Fenstern zu erkennen. (14. Jahrhundert).

Das Judenbad (1110 ‑ 1120) war ein rituelles Kaltbad (Mikwe) und diente den rituellen Wasch­ungen nach gewissen Zeiten der Unreinheit. Das Judenbad ist eine unterirdische Anlage die zu den monumentalsten Anlagen dieser Art in Deutschland zählt. Wahrscheinlich wurde es von Bauleuten der Dombauhütte erstellt. Der Zugang erfolgt durch ein Sandsteinportal von Norden in ein ge­radläufiges Treppenhaus, das mit einem Tonnengewölbe versehen ist. Rechts und links vor dem zweiten Portal sind große Nischen mit Sitzbänken. Hinter dem zweiten Portal betritt man nach Durchschreiten des engeren Treppen­laufes den Vorraum des Bades. Dieser Raum, der mit Kreuzgratgewölben überdeckt ist, ist kunst‑ und bauge­schichtlich der bedeutendste Teil der Anlage. In diesen, Bereich befindet sich auch die Umkleidekammer. Vom Vorraum aus führt eine halbrund verlaufende Treppe zum eigentlichen Baderaum. Dieser Raum ist ebenfalls mit einem Kreuzgratgewölbe überdeckt.

 

 

Worms

 

Geschichte:

Nahe der vom Klima begünstigten Bergstraße gelegen, war das Worms der hundert Türme, Kaiserpfalz Karls des Großen, Zentrum des Judentums, Podium Martin Luthers, eine der größten und reichsten Städte des deutschen Mittelalters.

Bei der geschichtsträchtigen Stadt Worms handelt es sich hierbei doch um uraltes Siedlungsgebiet, in dem sich bereits vor 6000 Jahren Menschen niedergelassen haben. Bodenfunde gibt es seit der jüngeren Steinzeit. Unter Augustus 27 v. Chr. der römischen Provinz Germania prima zugewiesen, wurde die Stadt wohl um das Jahr 14 v. Chr. von Drusus verschanzt zum römischen Kastell. Aus dem umwallten und umtürmten Römerlager wächst die römischen Freistadt (municipium), das römische Worms.

Die Namensformen haben sich gewandelt: Vormatia schon 621, Vuangiona civitas770, Civitas Vanegionum, quae cognominatur Wormacia 771, Wannia 979, Wangia 11. Jahrhundert, erste Hälfte, Wormeze 1263, Wormize 1287, Wormesze 1300. Dann schreiben die Urkunden Wormbss, bis seit dem 18. Jahrhundert endlich die heutige Schreibweise durchbricht: Worms.

In der Völkerwanderung kommen Vandalen, Alanen und Sueven, bis endlich um 412 nach Auswanderung des Alemannenvolks die Burgunder den entvölkerten Landstrich zum Wohnsitz und Worms zu ihrer Königsstadt erhoben. Gibich, Godomar, Gislahar und Gundahar werden uns im 4. und 5. Jahrhundert genannt (Nibelungenlied). Unter Attilas Hunnen brach die Herrschaft  451 wie­der zusammen. Mit Chlodwigs Sieg bei Zülpich (Tolbiacu) 496 kam die Burgunderstadt unter die Franken-Herrschaft. Über dem rheinfränkischen Worms wird das Kreuz aufgerichtet.

Der Stuhl des Gaugrafen steht hier. Aber unabhängig von Herzog und Gaugraf und unmittelbar unter dem Könige bestellt die civitas regia als königliche Stadt ihren Magistrat sich selber. Bei dem palatium, der späteren Pfalz, ragt der Bischofshochstuhl. Der Hauptkirche des heiligen Petrus schenkt König Dagobert schon etwa um 638 viel königliches Gut in Worms.

Mit dem im 5. Jahrhundert schon zerstörten Mainz hob sich Bedeutung und Besitz des Wormser Bistums. Die Karolinger überschütten Karls des Grossen Lieblingsstadt mit Gütern und Gnaden ihrer Königshuld. Zahlreich sind die Reichstage und Maiversammlungen, die der große Karl hier hält. Seine Vermählung mit Fastrada feiert er zu Worms. Von Worms aus bricht der blutige Bekehrungszug zur Weser auf nach Sachsen. Kirchen und Klöster wachsen empor. Mariamünster 838, St. Martin gegen Ende des 9. Jahrhunderts. Mauern und Türme werfen rheinaufwärtsfahrende Normanneneinbrüche tapfer zurück.

Schon unter Otto II. und Otto III. hat der Bischof eine Art Aufsichtsrecht über die Stadt angenommen. Dazu erhebt sich Burg und Besitz eines gewaltigen und gewalttätigen rheinfränkischen Herzogsgeschlechtes über Bischofshof und Bürger mitten in der Stadt, Bistum und Bürgerfreiheit gleichermaßen schwer bedrohend, bis endlich unter dem wohlwollenden Heinrich II. der große Burkard (1000-1025) durch Tausch und Traktament die Zwingburg in die Bischofshand und Herzog Otto ans dem Stadtbann brachte. Im Jahre 1003 zerstört, baut er aus ihren Steintrümmmern dem heiligen Paulus eine Kirche, vollendet 1016. Die kaiserliche Freigebigkeit aber zu ehren, die das Hochstift reich im Lahn- und Lobdengau und mit dem Wildbann im Föhrhag ansehnlich begabte, baut er die neue Domkirche, legt eine Dornschule an und gibt seinem Bistum 1024 eine musterhafte Verwaltung und Verfassung.

Der Streit Heinrichs IV. mit dem päpstlichen Stuhl bringt den Brand zum Ausbruch. Während Fürsten und Bischöfe samt der gesamten Klerikerschaft des ganzen Reiches ihren Herrn verlassen, erklären sich einzig und allein die Bürger von Worms vor allem deutschen Volk und Land für ihren Kaiser. Des Gegenkönigs, Herzog Rudolfs Bruder, Bischof Adalbert von Worms verschließt die Tore. Die treuen Wormser jagen ihn davon und ziehen in Wehr und Waffen wohlgerüstet ihrem Herrn entgegen, damit er aus ihrer Menge, ihrem Waffengerät und ihren rüstigen jungen Mannschaften Vertrauen zu ihnen gewinnen möchte. So war die Stadt Worms des länderlosen Kaisers letzte Zuflucht. Der dankbare Kaiser aber vergalt mit reichen Gnadenbriefen diese beispiellose Treue seiner anhänglichen Stadt. Sie selbst errichtete ihm zum ewigen Gedächtnis dessen an der Rheinpforte ein Denkmal, Bild und Inschrift (1074.)

Wiederum zu Worms beendet 1122 dann das Wormser Konkordat den Kirchenstreit. Auch die Hohenstaufen bewahren der treuen Stadt die Huld römischer Könige und Kaiser. Im Jahre 1156 erteilt Friedrich Barbarossa der rasch emporblühenden Bischofsstadt einen Gunstbrief, der alle alten Freiheiten bestätigt und vermehrt. Auch er weilt gern in ihren stolzen Mauern. Gar mancher Hof und Rat wird hier gehalten. Die wichtigsten geistlichen und weltlichen Reichsangelegenheiten werden dort geredet und gehandelt. Und 1184 wiederum gewährt der Herr im roten Barte seinen getreuen Wormsern Frei-Eherecht und Zollfreiheit zu Frankfurt, Boppard und Goslar, kaiserlichen Stätten. In Erz gegossen leuchtete lang die eherne Tafel dieses Freiheitsbriefes über der Domtüre am Bischofshof.

Doch mit dem wachsenden Selbstgefühl der Bürger wächst auch der Kampf mit dem Krummstab. Seit 1234 ein hartnäckiger Streit mit dem Bischof Heinrich II., dem 1233 schon der Vertrag der sogenannten ersten „Rachtung“ (transaktio) ein Ende machen sollte, der sich aber aus diesem neuen Quelle des Zerwürfnisses nun auch zwischen Bürgern und Geschlechtern unter Bischof Eckard 1386 seinen Höhepunkt erreichte. Erst unter Johann von Dalberg )1483-1505) kam alles zum Austrag, endgültig allerdings erst 1526. Die Macht des Bischofsstuhles war gebrochen und jede neue Fehde minderte bischöfliche Gewalt.

Ein glänzender Reichstag von 1495 gab dem Reich zu Worms eine Reform der Reichsverfassung, die Kreiseinteilung, das Reichskammergericht, und nach der glücklich beendeten Sickinger Fehde (1513-17), die die Stadt an Gut und Geld, Fruchtäckern und Weingärten schwer geschädigt hatte, gibt eine bürgerlich-politische Verfassung. Im Jahre 1526 endlich der Stadt nun selber in den zwei Ratskammern des Rates der Dreizehner und des äußeren, gemeinen oder abgehenden Rates eine wohlbestellte Stadtverwaltung, die bis zum Untergange ihrer reichsstädtischen Unabhängigkeit auch unverändert beibehalten wurde.

Der fünfte Karl, der auf den 6. Januar 1521 seinen ersten Reichstag nach Worms ausschreibt, erläßt im Namen kaiserlicher Majestät die Vorladung an den kühnen Wittenberger Martin Luther zur Verantwortung seiner neuen Lehre. Am 16. April, um die Zeit des Frühmahls rollt sein armselig Rollwägelein, der Reichsherold Kaspar Sturm voran, zum Martinstor herein zum Johanniterhofe nahe bei dem Schwanen. Am nächsten Nachmittag schon steht er im Bischofshof vor Kaiser und Reich, sechs Kurfürsten, bei vierundzwanzig Herzogen, acht Markgrafen, die Menge anderer Fürsten, Grafen, Erzbischöfe, Bischöfe, Prälaten, Äbte und Gesandte nicht zu zählen.

Der dritte Eroberungskrieg Ludwigs XIV. hatte schon im Spätherbst 1688 französische Besatzung vor das Tor geführt. Statt der ausbedungenen dreihundert Mann der Übergabe wälzt sich sofort beinah das fünffache herein. Eine unerhörte Zeit der Not hebt an. Reiter und Musketiere plagen ihre Hausherrn bis aufs Blut. Dragoner und Grenadiere pressen die Bürger bis aufs nackte Stroh. Die Winterquartierbesatzung wird aufs Doppelte gebracht. Der Magistrat wird geprügelt und eingesperrt. Turm, Tor und Mauerring der Stadt gesprengt und geschleift. Vierzig Türme krachen in den Staub. Und im Umfang von vierzehn Wegestunden werden Bauern und Bürger mit Prügeln und Püffen wie das Vieh zusammengepeitscht, um selber von der Frohngeisel umknallt als Werkzeuge zu fröhnen bei der herzzerreißenden Zerstörung ihrer Herrlichkeiten.

Das Zeughaus wird erbrochen Das alte Stückzeug in den Rhein geworfen. Als die äußere Umwallung dann zerschmettert liegt, werden die inneren Werke hohnlachend zertrümmert. Tag und Nacht krachen die auffliegenden Pulverminen. Und nach dreißig wütenden Minenangriffen fliegt das Mauerwerk des Neuturms in die Luft. Endlich eröffnet am Sonntage vor Pfingsten, am 22. Mai 1689, der Intendant La Fond um neun Uhr Abends nach dem Nachtläuten dem schreckensstarren Rat im Münzensaale, daß nach sechs Tagen ihre liebe  Stadt nun selbst ein Raub der Flammen werden müsse, wie der König will. Umsonst einer rührendsten Bittgänge der ganzen Weltgeschichte: Die kleinen Wormser bitten für ihre Vaterstadt. Alles umsonst: Der König will es. Am 31. Mai Pfingstsonntag nachmittags, da der Domtürmer eben vier geschlagen, dröhnt ein Kanonenschuß über die Stadt und gibt das Zeichen. Vor der Münze auf dem Markte wirbelt der Trommelschlag und heulend  stürzt sich mit flammenden Strohfackeln die Brandmörderrotte in die nächsten Häuser. Aus dem „Weißen Schwanen“ steigt die erste Flamme. Und in einer ungeheuren Feuerflut versinkt die Stadt Worms war gewesen.

Mit dem Zerfall des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im Jahr 1806 ging auch die Stadtfreiheit verloren. Die Russen halten am 2. Januar 1814 mit dem General von Sacken ihren Einzug. Ein provisorischer Zustand, anfangs unter preußischen Intendanten, später unter dem General-Gouvernement des Mittelrheins und endlich unter österreichisch-bayerischer Administration, erweckt die Hoffnung, der Sitz der bayerischen Regierung des Rheinkreises zu bleiben, bis die vielgeprüfte Stadt nun endlich mit Rheinhessen 1816 durch Beschluß der Großmächte dem Großherzog von Hessen und bei Rhein zufiel mit 8326 Bürgern in 963 Wohnstätten. Nach dem französischen Maire Winckelmann besteigt der deutsche Bürgermeister P. Valckenberg den Stuhl (1812-1837).

 

Rundgang:

Über die Ernst-Ludwigs-Brücke und durch das Rheintor fährt man in die Stadt. Sie ist die schönste Straßenbrücke über den Rheinstrom, eingeweiht im Jahre 1900 in Gegenwart des Großherzogs von Hessen und bei Rhein. Die Brücke hat eine Länge von 700 Metern zwischen den Widerlagern.

Erhalten sind jedoch nur noch die Zufahrten zur Brücke, der Mittelteil ist aus Beton erneuert. Stadteinwärts steht das Gymnasium als markantes Gebäude.

Parken kann man auf dem Parkplatz gleich rechts von der Brücke. Von dort geht man geradeaus in die Stadt durch die Rheinstraße. An einem dreieckigen Platz geht man nach links in die Friedrichsstraße zur evangelischen Friedrichskirche, erbaut 1768 mit reicher Unterstützung von König Friedrich dem Grossen von Preußen. Neben der Kirche steht sogenannte „Rote Haus“. Ein
Stück weiter steht der Gasthof  „Römischer Kaiser“.Dort geht es links ab zum Paulsplatz mit der

Pauluskirche.

Die Pauluskirche wurde etwa um das Jahr 1016 von Bischof Burkard aus den Steinen der 1002 zerstörten salischen Herzogsburg erbaut. Von diesem ältesten Bau stammen vielleicht noch die unteren Stockwerke der beiden Türme. Alles andere ist wesentlich jüngeren  Ursprungs. Wiederholt wurde die Kirche durch große Brände zerstört und dann wieder aufgebaut in den Bauformen der jeweiligen Zeit. Ein Umbau erfolgte zum Beispiel im 13. Jahrhundert. Dabei wurden die alten Teile beibehalten und erweitert, so bietet die entstandene und jetzt stehende Kirche einen Überblick über die verschiedensten Baustile und dennoch fügen sich trotz dieses verschiedenen Stil­charakters alle ihre Teile einheitlich zusammen.

Der obere Teil der Türme zeigt die jüngeren romanischen Formen. Ein eigentümlicher Kuppelabschluß schließt die Türme nach oben ab, der bei verschiedenen romanischen Kirchen der Umgebung von Worms angewandt, darunter Hochheim, wohl auf das Bestehen einer Wormser Bauschule hinweist. Es gibt aber auch die Theorie, daß die Kreuzfahrer dieses Bauform aus dem Orient mitgebracht hätten.

Hans-Jürgen Kotzur leitete die Restaurierung der St.-Paul-Kirche in Worms. Nord- und Südturm sind in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts gebaut worden. Material und Konstruktion des Kuppelgeschosses verraten jedoch eine andere Bauzeit. Die Untersuchung der Jahresringe im Gebälk ergab nun, daß die Turmkuppeln zwischen 1100 und 1108 erbaut wurden - direkt nach Ende des ersten Kreuzzuges.

Eine ähnliche Bauweise zeigen Minaretttürme und Grabbauten der fatimidischen Architektur im Orient des 11. Jahrhunderts, nach der auch die christlichen Bauwerke im Nahen Osten in dieser Zeit meist errichtet wurden. Das ist nach Kotzurs Auffassung auch von dem Kirchenkomplex der Grabeskirche in Jerusalem anzunehmen, ebenso von dem im 11. Jahrhundert dort errichteten Turm der Golgathakirche.

Kotzur sagt: Weltweit einmalig sei das, was Rheinhessen gleich in vierfacher Ausfertigung vorzuweisen habe, wegen der Besonderheit eigentlich ein Weltkulturerbe. Es geht um die Türme in Guntersblum, Alsheim, Dittelsheim und Worms, die so anders sind als alle anderen. Im rheinhessischen Dittelsheim erhebt sich auf quadratisch angeordneten Giebelhäuschen ein achteckiger Aufbau, der von einer Kuppel mit einem steinernen Pfahl an der Spitze überwölbt wird.  „Exotisch fremd“ wirken die Turmbekrönungen, Kuppeln aus einer anderen Welt. Eine Einschätzung, die jeder Betrachter, der in der Landesbankfestschrift „Lebendiges Rheinland-Pfalz“ publizierten Bilder sieht oder die Türme aufsucht, sofort nachvollziehbar.

Erklärungsversuche und Deutungsansätze waren in einer für das Mittelalter historisch unbefriedigenden Bandbreite von rund 200 Jahren angesiedelt. Nun legt Kotzur die Datierung neu fest, gestützt auf neueste dendrochronologische Erkenntnisse (Verfahren zur Bestimmung des Alters mit Hilfe der Jahresringe mitgefundener Holzteile). Er ermittelte für Kirchtürme mit orientalischer Anmutung, die der Volksmund schon immer „Heidentürme“ oder „Sarazenentürme“ nannte, einen exakt angenäherten Bauzeitraum zwischen 1100 und 1110 . Damit schreibt Kotzur die ungewöhnlichen Bauten nach Zeit nach dem ersten Kreuzzug zu. Es gebe für sie keine andere Entsprechung in Europa, sehe man von architektonischen Elementen der Maurenzeit in Spanien oder der Sarazenen in Süditalien ab.

Im Jahre 1095 hatte Papst Urban zur Befreiung des Heiligen Landes aufgerufen. Im Juli 1099 wurde Jerusalem von den Christen erobert, die ein Blutbad unter Muslimen und Juden anrichteten. Dabei waren auch viele deutsche Kreuzfahrer, die überwiegend aus dem Rheinland und der Gegend um Mainz und Worms kamen.

Alles spreche dafür, dass sie nach ihrer Rückkehr die Kirchtürme nach dem Vorbild ihres Zielorts, der Golgathakirche auf dem vermuteten Grabesort Jesu Christi, vollendeten. Die Kuppeln waren ein Zeichen des Sieges über die Heiden und des Dankes für die Eroberung der heiligen Stadt Jerusalem. Zugleich mahnten sie, das Heilige Land in christlicher Hand zu behalten und die dort verbliebenen Kreuzfahrer zu unterstützen.

Kotzur vermutet sogar, daß eine Bautruppe zumindest zwei Türme gemauert hat. Aufrisse glichen sich bis auf wenige Zentimeter. Abgesichert ist der Befund durch den „Baumringkalender“, die Jahresringe entdeckter Originalhölzer, die zum Beispiel die Haube von St. Paul in Worms verklammerten. Kutzor vermutet, daß zumindest der Kirchenbau in Worms durch die Kreuzzüge unterbrochen gewesen sei. Bei der Rückkehr der Kreuzfahrer habe man die Türme dann in orientalischer Manier vollendet um dauerhaft vom Sieg in Jerusalem zu künden.

Die für die katholische St.-Paul-Kirche in Worms gewonnenen Erkenntnisse sind Kotzur zufolge auch auf die übrigen drei evangelischen Kirchen mit „Heidentürmen“ anzuwenden. In der Architektur verschmelzen byzantinische und armenische Traditionen, die an den vier Giebelhäusern sichtbar sind, mit islamisch-fatimidischen Traditionen - erkennbar an der Kuppel. Damit sind erstmals Abbilder orientalischer Architektur auch nördlich der Alpen nachgewiesen worden.

Nun hofft er auf interessante ergänzende Forschungsarbeiten der Historiker, die die bautechnischen Befunde flankieren könnten. Noch gibt es keine Dokumente, die Aufschluß über den Auftraggeber der Turmbauten geben. Noch fehlen Hinweise auf die Handwerker, die eventuell selbst am Kreuzzug teilnahmen. Selbst wenn die Architektur nun enträtselt sein sollte, werfen die „Heidentürme“ weiter neue (Forschungs-) Fragen au£

Auch im hessischen Wetzlar könnte es ein Beispiel der durch Kreuzfahrer geprägten Kirchenturmarchitektur geben - der so genannte „Heidenturm“ am Dom. Dort müsse eventuell die Datierung neu vorgenommen werden, meint Kotzur, der durchaus die Auffassung vertritt, daß der rheinhessische Bautypus zur Anwendung gekommen sein könne. Die Forschungsergebnisse sind unter www.Irp.de/publikationen als Datei zum Downloaden greifbar.

Ein Querbau legt sich vor die beiden Türme, der mit ihnen nicht im Mauerverband steht und zeigt die Übergangsformen zur Gotik, der letzten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Er bildet die Vorhalle der Kirche mit reichern Portal, schöner Fensterrose und einer achteckigen Kuppel mit vorspringendem Treppenturm. Auf der Kuppel sitzt jetzt ein bei der Wiederherstellung der Kirche 1767-1716 gebautes barockes Dach, denn das Längsschiff wurde1706–16 zu einem barockem Saalbau umgestaltet.

Der schöne Chor gehört einer ein wenig früheren Zeit als die Vorhalle an und zeigt die jüngeren, aber noch rein romanischen Formen der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Ein zweistöckiger Kreuzgang schließt sich der auf der Südseite des Chores auf gleicher Höhe mit diesem gelegenen Sakristei an, der der Zeit der Gotik, dem 15. Jahrhundert, angehört. Aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammt die kleine Kapelle an der Ostseite des Kreuzganges, mit der gleichzeitig der Treppenaufgang an der Südseite des Kreuzganges angelegt ist. Auf einem Spruchband steht auf einem Bilde des Apostels Paulus an der Türe dieses Aufganges A. D. N. 3. MCCCCL XXXV. 28. Sept.

Bei dem großen Stadtbrand 1689 ging auch das Dach und alles Brennbare in Flammen auf. Erst 1707 konnte aus den Ruinen die Kirche neu erstehen, die 1716 vollendet wurde, wie eine Inschrift in der Kirche angibt. Dabei wurde die frühere dreischiffige Anlage, um Raum zu gewinnen, durch einen weiten, einschiffigen Bau ersetzt, der mit einem Holzgewölbe überspannt wurde. Eine barocke Orgelbühne wurde zwischen den Türmen eingebaut und der ganze Raum, sowie die Kuppel der Vorhalle mit auf die Geschichte des Apostels Paulus sich beziehenden Deckenbildern ausgeschmückt.

Im Jahre 1802 durch ein französisches Konsulardekret aufgehoben, wurde die Kirche 1806 als militärisches Heumagazin verwendet, kam nach dem Übergang der Stadt an Hessen wieder  in den Besitz der katholischen St. Martinspfarrei, und schien - als Tabaks- und Holzmagazin vermietet - ihrer vollständigen Verwahrlosung entgegenzugehen. Doch 1880 bis 1881 wurde sie endlich auf Veranlassung und mit den Mitteln des Herrn Oberst Freiherrn Max von Heyl wiederhergestellt und zu einem Museum eingerichtet, das unter der Verwaltung des Altertumsvereins (Professor Weckerling) als sehenswürdige städtische Sammelstätte alle Kultur- und Kunstreste aus Stadt und Land vereinigt.

Durch ein schönes Portal, einem Abguß der berühmten frühromanischen Bronzetüre am Dom zu Hildesheim des Bischofs Bernward aus dem Anfange des 11. Jahrhunderts (wobei nur deren obere Abteilung weggelassen wurde) kommt man in der Vorhalle. Die Kirche war nur bis 1927 ein Museum. Heute wird sie wieder für Gottesdienste genutzt, angeschlossen ist ein Dominikarkloster.

 

Durch die Obermühlstraße oder die Bauhofstraße kommt man zur Petersstraße, in die man nach links einbiegt. Dann kommt man zu einem Teil der alten Stadtmauer in der Ludwigstrasse. Auf dem Rheintorplatz Platz davor stand früher das Bismarck-Denkmal von dem Wormser Bildhauer Hirt. Dabei steht die 1870 gepflanzte Friedenseiche.

In die alte Stadtmauer eingebaut ist das moderne Nibelungenmuseum. Es ist kein Museum, es wird nämlich keine Sammlung zur Schau gestellt, es gibt kein Original und es wird auch nicht geforscht. Vielmehr haben wir es zu tun mit einer Art von unterhaltsamer Umkreisung des Heldenepos von den Nibelungen, des Nibelungenlieds, verfaßt von einem unbekannten Dichter und etwa so alt wie die Stadtmauer. Die Mittel der Annäherung gehören in die Gegenwart: bewegte, elektronische Bilder, zusammengefaßt in komplexen Collagen und einem Rundum-Panorama, dazu nicht weniger vielteilige Klangräume, von dem französischen Komponisten Thierry Fournier entwickelt aus musikalischen und sprachlichen Elementen, durchsetzt von Zitaten alltäglicher Lebensgeräusche jeder Art.

Versucht wird hier also die Verbindung des Stoffs der alten, blutigen Geschichte des mörderischen Streits von Brunhild und Krimhild, von Hagen und Siegfried und Gunther, des Kampfs schließlich zwischen den Hunnen des Königs Etzel und den Burgunden mit dem avanciertesten. Instrumentarium der Bild- und Tonerzeugung. Daraus ergibt sich manchmal eher eine irritierende Vergrößerung des Abstands als eine Nähe. Zugleich ist das Verfahren aber auch von unbestreitbarem Reiz.

Um die Anlage (Baukosten: 8,6 Millionen) ist in Worms acht Jahre lang gestritten worden. Noch vor zwei Jahren wurde ein Bürgerbegehren dagegen knapp abgewehrt.

Das im Zweiten Weltkrieg schwer getroffene Worms mit dem Wahrzeichen des romanischen Kaiserdoms in seiner Mitte, ein Gang durch die Stadt läßt das leicht erkennen, ist kein Schauplatz der Moderne. So konnte das Projekt des französischen Architekten und Planers Olivier Auber und seines deutschen Partners Bernd Hoge nur mit großer Mühe durchgesetzt werden, an dem Erfolg haben der städtische Kulturdezernent Gunter Heiland und der bestellte Direktor Thomas Schiwek wesentlichen Anteil. Erwartet werden nun jährlich 45.000 Besucher - ein Grenzwert, viel mehr werden sich in dem durch relativ schmale Treppen und Gänge erschlossenen Bau kaum bewältigen lassen, nur fünf Personen können sich gleichzeitig in jedem Segment aufhalten.

Was wird ihnen geboten? Es gibt drei Hauptbereiche: einen Sehturm, mit diesem durch einen Wehrgang verbunden einen Hörturm und als dritte Station ein unterirdisches 360 Grad-Panorama, die Architekten sprechen von einem Weltengrund. Untergebracht sind sie in einer Erweiterung der alten Mauer, der zusätzlich sechs spitzgieblige, in Stahlblech gefaßte Pavillons für die Funktionsräume (wie Entree, Cafeteria, Buchladen, Toiletten) vorgesetzt sind. Für den Sehturm mit seinen sieben übereinander liegenden Ebenen, kaum mehr als Absätzen der Wendeltreppe, wird jeder Besucher ausgestattet mit einem individuell steuerbaren Tonband und Kopfhörern. Die Achse, um welche die Treppe sich windet, ist eine als runde Projektionsfläche mit Hunderten von Bildern bespielte Säule, die das goldene Zepter im Schatz der Nibelungen assoziieren läßt, das „Rütelin“ des Epos. Die Medienkünstlerin Ursula Kraft hat sie konzipiert, die Kölner Historikerin Susanne Wernsing das Fotomaterial zusammengestellt.

Die projizierten Bilder und Bildausschnitte beziehen sich, durchaus auch kritisch, auf die Rezeptiongeschichte des Nibelungenlieds. Sie entstammen Fritz Langs Nibelungen-Film wie Wagner-Aufführungen aus Bayreuth, zitieren bis hin zu Walt Disney eine Fülle älterer und neuerer Anverwandlungen und Paraphrasierungen des Stoffs, thematisieren immer wieder auch dessen politische Inanspruchnahme durch den Nationalsozialismus.

Die Struktur dieser Collage läßt sich interpretieren als Reaktion auf die Komplexität des Nibelungenlied- Textes selber, von dem zwar, entstanden zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert, mehr als dreißig Pergament- und Papierhandschriften bekamt sind, ein Original aber nicht existiert, die St. Galler Handschrift B gilt als die der Urfassung am nächsten kommende Version. Die Konstitution des in 39 Aventiuren gegliederten 2000 Strophen des Epos ist also selber collagiert: Dem entspricht, gleichsam parataktisch, die Komposition der Bildersäule.

Ihre optische Wahrnehmung wird vom Tonband begleitet von der kommentierenden Stimme Mario Adorfs: Der Schauspieler gibt hier den Part des unbekannten Dichters, damit beginnt der Kommentar: „Willkommen in meiner neuen Bleibe“. Die Stimme erzählt dann die Handlung des Heldenliedes nach und berichtet von seiner Entstehung und den mancherlei Deutungen, die es vor allem im 19. und 20. Jahrhundert erfahren hat. Adorf gewinnt Interesse durch einen um Zutrauen bemühten Ton, etwas zunächst Märchenonkelhaftes an seiner Erzählung (verfaßt von Olivier Auber und dem Marburger Germanisten Joachim Heinzle) verliert sich mit der Zeit.                  

Über einen Wehrgang auf dem alten Gemäuer wird der Hörturm  erreicht. In den  Scharten kann man überlieferte Stadtansichten von Worms, die älteste von 1550, mit dem Bild der heutigen Stadt vergleichen.. Hier kommt, auszugsweise, das Nibelungenlied selber zur Geltung; vom Band vorgetragen auf mittelhochdeutsch und in einer Übersetzung. Man nimmt dazu Platz in hohen Thronstühlen.

Im Souterrain dann der Weltengrund. Virtuell wird der Besucher, ganz umgeben von einer Rundum- Projektion und umfangen von einem Klangraum, unter die Stadt Worms versetzt. Mit einem Steuergerät kann er selber die Flut von Bildern beeinflussen, die vom Grund aufsteigen wie aus dem Schatz der Nibelungen, den Hagen, dem Mythos zufolge, im Rhein bei Worms versenkt haben soll. Es sind auch wieder die Bilder des Rütelin darunter, in schwebenden Verwandlungen vergrößern und verkleinern sie sich, bilden immer wieder andere Kompositionen. Worms, Fischerpförtchen 10, geöffnet tägl. außer montags von 10 bis 17 Uhr.

 

Man geht durch das Lutherpförtchen zwischen den alten Türmen, ein Torweg durch die alte Stadtmauer, den Luther auf seiner Flucht benutzt haben soll. Nach links geht es dann über den Fischmarkt zur Hagenstraße und auf dieser nach rechts dann weiter in Richtung zum Dom. Doch zunächst geht es noch einmal rechts ab durch einen Torbogen zum Marktplatz. Der Marktbrunnen ist von 1778. Östlich steht das heutige Rathaus. Das eigentliche Rasthaus stand aber in der Römerstraße, in deren Zug die frühere römische Heeresstrasse gelegen ist, das sogenannte „Stadthaus“. Es wurde 1883 bis 1884 nach den Plänen des Professor Gabriel von Seidl (München) renoviert und enthält einen alten Sitzungssaal mit einem künstlerisch bedeutsamen Wandgemälde von Prof. Hermann Preil (Dresden): Die Überreichung des Privilegs von 1074 durch Heinrich IV. an die Vertreter der Wormser Bürger darstellend, gestiftet von Herrn Landtagsabgeordneten Nikolaus Reinhart. Ferner enthält das Stadthaus als sehenswerten Teil das Archiv, dessen Räume Freiherr Heyl zu Herrnsheim durch den Architekten Professor Seidl und den Maler Otto Hupp in München umbauen und künstlerisch ausgestalten ließ. Der Innenraum ist mit heraldischen Malereien, die Wappen der Geschlechter und Beschützer der alten Reichsstadt und deren Klöster darstellend, geschmückt. An dieser Stelle sei auch berichtet, daß auf Veranlassung des Freiherrn von Heyl zu Herrnsheim die alten Urkunden des Archivs von Professor Boos in Basel geordnet. in drei prachtvollen Bänden veröffentlicht und nach diesen Urkunden die Geschichte der Stadt Worms bearbeitet wurde. Vor dem Rathause wurde an Stelle des alten Lindenplatzbrunnens dem früheren Oberbürgermeister Küchler in dankbarer Erinnerung für sein Wirken zum Wohle der Stadt ein Denkmal errichtet, welches mit hübschen Anlagen umgeben ist. Das Denkmal ist von Bildhauer Hirt, einem geborenen Wormser, modelliert. Im Hofe des Rathauses alter Säulengang.

 

Prägend für den Marktplatz ist aber der stattlichen Barockbau die Hauptkirche der evangelischen Gemeinde, die evangelische Dreifaltigkeitskirche. Erbaut ist die Kirche 1709 bis 1725 auf der Stelle des Hauptgebäudes der städtischen Verwaltung, der „Münze“. Die Kirche bietet zwar in ihrer Ausstattung nichts künstlerisch Hervorragendes, repräsentiert indessen mit ihren reichen Malereien und in ihrer Architektur die letzte originale Stilform des 18. Jahrhunderts.

Eine Hauptzierde der Kirche ist die ausgezeichnete 1881 erbaute Orgel und das Gemälde von Seekatz „Luther vor dem Reichstage zu Worms“. Dort fanden 1521 zwar die regulären Reichstagsverhandlungen statt, die „Luthersache“ freilich hatte man bewußt abgetrennt und in den Bischofshof, das Quartier des Kaisers, verlegt (heute „Heyls-Hof“). Das kleine Mönchlein sollte im Schatten des sechstürmigen Domgebirges nicht vergessen, daß es in einer der ältesten und wichtigsten Stätten der abendländischen Christenheit weilte.

Am Nordrand des Markplatzes ist der Neumarkt. Nach rechts geht es in die lange Kämmererstraße, die Hauptgeschäftsstrasse der Stadt. Wenn man links um die Kirche herumgeht, kommt man zur sogenannten „Münze“, welche von den Franzosen 1689 mit dem größten Teil der Stadt eingeäschert wurde. Außerdem stand dort der „Bürgerhof“, „das schönste Haus der Erde“. Nach rechts geht es zum  Schloßplatz. Mit dem Heyl.schen Schlößchen und dem Park am oberen Rand.

 

Der katholische Kaiserdom: Fast ungläubig wird im 11. Kapitel der Le­bensbeschreibung über den Wormser Bischof Burchard („Vita Burchardi“) seine größte Leistung, der vollständige Dom-Neubau innerhalb von nur zwei Jahrzehnten zu Beginn des 11. Jahrhunderts, geschildert: „Er legte den Grundstein zu einer Kirche von wunderba­rer Größe. Ihren Bau führte er in wenigen Jahren mit großer Schnelligkeit fast bis zur Vollendung, so daß es schien, als sei sie nicht erbaut worden, sondern wie auf Wunsch plötzlich entstanden.“

Auf den Fundamenten die­ses gewaltigen, rund 100 Meter langen Gotteshauses entstand dann ein Jahrhundert später jener romanische Dom, dessen Türme noch heute weithin sichtbar das südliche Rheinhessen beherrschen. Genau im Jahre 1000 wurde Burchard zum Bi­schof ernannt. Seine Lebensleistung wird im Stadtmuseum gewürdigt. Erst durch ihn wurde das Bistum einer der wich­tigsten Stützpunkte königlicher und kaiserlicher Macht. Sein Denkmal steht vor dem Dom auf dem Domplatz, von wo aus sich der Dom am besten präsentiert.

Der „Kaiserdom“ ist eine spätromanische doppelchörige Basilika an der Stelle einer römischen Basilika und ottonischen Kirche und wurde nach 1150 begonnen und vor 1200 vollendet. Das Südportal mit reichem plastischem Schmuck stammt aus dem 14. Jahrhundert. Mit seinen vier schlanken Rundtürmen und den beiden Vierungstürmen und Chören bildet der Wormser Dom neben dem Speyerer und Mainzer Dom eines der Hauptwerke romanischer Baukunst in Deutschland.

And er Nordseite ist das Kaiserportal“ zu sehen, and er Südseite die Nikolauskapelle. Der Kreuzgang ist abgerissen.

Das Innere (Eingang auf der Südseite) ist 135 Meter lang, im Querschnitt 37 Meter breit, die Höhe des Mittelschiffs beläuft sich auf 33 Meter. Die Ausschmückung des östlichen Chores mit Marmor und Gold stammt aus dem 18. Jahrhundert.

In der Anna-Kapelle, gleich rechts wenn man durch das Südportal kommt, mit neuen Glasgemälden, ist rechts oben ein Steinbildwerk „Daniel in der Löwengrube“ aus dem 11. bis 12. Jahrhundert eingemauert. Daneben ist die Taufkapelle. Der spätgotische Taufstein ist aus der 1807 niedergerissenen St. Johanniskapelle.

Vor dem rechten Chor ist der Eingang in die Gruft mit Gräbern der Salier seit dem Jahre 950.

Im Hochchor sind als hervorragende Skulpturen erwähnenswert „Das Julianabild!“ und ferner „Die gespaltene Zunge“ am Hochaltar, ebenso die reich ornamentierten Chorstühle.

An der Wand des nördlichen Seitenschiffes steht der Grabstein der drei fränkischen Königstöchter Embede, Warbede und Willebede aus dem 14. Jahrhundert..

Der Westchor wurde nach 1900 bis auf die Fundamente abgetragen, neu fundamentiert und Stein auf Stein wieder aufgesetzt. Bei der neuen Bodenbelegung im Dom wurden im April 1906 interessante Grabfunde gemacht.

Auf der Südseite des Domplatzes steht die Jugendherberge. Dahinter befindet sich die evangelische Magnuskirche, vor 1141 erbaut, eine dreischiffige romanische Basilika, das Mittelschiff ist teilweise karolingisch.

Am Ende des Platzes steht die Andreaskirche, eine. romanische Pfeilerbasilika aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Sie wurde wiederholt zerstört, diente als Magazin und wurde 1929 zum Städtischen Museum umgestaltet. Sie hat ein interessantes Portal und neben der Kirche befindet sich ein sehr schöner Kreuzgang. Am Kreuzgange finden sich herrliche romanische Formen und Kapitäle..

 

Man kommt zum Willy-Brandt-Ring (mit der Neusatzschule) und geht weiter nach rechts zum jüdischen Friedhof (geöffnet)..Der Wormser Judenfriedhof „Heiliger Sand“ ist bekanntlich der älteste in Deutschland und nächst dem Prager Friedhof der älteste der Welt. Er hat rund 2000 bis ins 11. Jahrhundert zurückreichende Gräber (bis ins Jahr 1076).

 

Man geht dann die Anlagen weiter durch den Willy-Brand-Ring und den Adenauer-Ring. Rechts sieht man den Rest einer römischen Stadtmauer mit zwei Durchgangsbögen und mit altem Fischgrätmuster. Am Sintidenkmal vorbei kommt man zum Lutherdenkmal. Es wurde zur Erinnerung an Luthers mutiges Auftreten vor Kaiser und Reich im Jahre 1521 als „Weltreformations-Denk­mal“ im Jahre 1868 aus Mitteln der ganzen evangelischen Christenheit errichtet und ist das größte Reformationsdenkmal der ganzen Welt. Es ist eine in Erz gegossene Verkörperung des Liedes: „Eine feste Burg ist unser Gott“. Die Figur Luthers ist das größte und letzte Werk des Bildhauers Rietschel (gestorben 1860), der die Vollendung, des Denkmales selbst nicht mehr erlebte, dessen Fertigstellung durch seine Schüler Donndorf, Kietz und Schilling erfolgte.

Die feierliche Enthüllung des Denkmals fand am 25.Juni 1868 im Beisein König Wilhelms I. von Preußen statt. Die Bausumme belief sich auf nahezu eine halbe Million Mark. Besonders verdient um das Zustandekommen des herrlichen Denkmals haben sich von 1856-68 die Herren Dekan Keim und Dr. Eich gemacht, weshalb auch die Künstler die Genannten am Relief „Luther vor dem Reichstage zu Worms“ porträtähnlich wiedergegeben haben.

Umgeben von zwölf Persönlichkeiten der politischen und theologischen Reformationsgeschichte, steht der überlebensgroße Luther auf erhöhtem Podest, mit dem Kopf gegen den Ort seines Auftretens zum Bischofshof am Dom zeigend. Das ganze Denkmal erhebt sich auf einem durch fünf Stufen erhöhten viereckigen Granit-Unterbau, von dem jede Seite 12,55 Meter mißt. Die Vorderseite des Vierecks ist offen und bildet zwischen den vorderen Statuen den 19,42 Meter breiten Eingang in den inneren Raum; die drei übrigen Seiten dagegen sind durch drei 1,23 bis 1,57 Meter hohe Zinnenmauern, ebenfalls aus poliertem Syenit abgeschlossen, aus deren Mitte sich auf 2,18 Meter hohem Syenit-Postament je eine 1,88 Meter hohe sitzende Städtefigur erhebt, nämlich: Augsburg mit der Friedenspalme, die trauernde Magdeburg und die protestierende Speyer. Auf der Innenseite der 24 Zinnen sind die Wappen von 24 Städten angebracht, welche für die Reformation gestritten und gelitten haben, nämlich Braunschweig, Bremen, Konstanz, Eisenach, Eisleben, Emden, Erfurt, Frankfurt a.M., Schwäbisch-Hall, Hamburg, Heilbronn, Jena, Königsberg, Leipzig, Lindau, Lübeck, Marburg, Memlingen, Nördlingen, Riga, Schmalkalden, Straßburg, Ulm, Wittenberg.

Aus der Mitte der eben beschriebenen Umgebung erhebt sich das eigentliche Luther- Denkmal. Auf den vorspringenden vier Sockelpfeilern des 5,02 Meter hohen, reichverzierten Hauptpostamentes sitzen vier Vorkämpfer der Reformation, nämlich hinten links der Franke Petrus Waldus (gestorben 1197), hinten rechts der Engländer Johann Wiclif (gestorben 1387), vorn links der Italiener Hieronymus Savonarola (gestorben 1488) und vorn rechts der Böhme Johann Huss (gestorben1415). Gewissermaßen aus den Vorkämpfern herauswachsend und gleichsam die Krone des Ganzen bildet die alles andere überragende 3,30 Meter hohe Kolossalstatue Luthers, mit dem Postament etwa 8,47 Meter hoch.

Das Hauptpostament besteht aus drei Teilen: dem Untersatz der Sockel von poliertem Syenit und dem unteren und oberen Würfel von ungleicher Höhe und Breite, in Bronzeguß ausgeführt.

1.) Der obere Würfel enthält auf seinen vier Seitenflächen je in Kraftwort aus Luthers Mund und Feder und darunter je zwei Porträtmedaillons von Zeitgenossen, welche vor, mit und nach Luther für die Reformation tätig waren.

a. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“ Darunter sieht man die Bildnisse der beiden sächsischen Kurfürsten Johann des Beständigen und Johann Friedrich des Großmütigen; jener links, dieser rechts vom Beschauer.

b. Auf der Rückseite steht die Stelle: „Das Evangelium, welches der Herr den Aposteln in den Mund gelegt hat, ist sein Schwert: damit schlägt er in die Welt, als mit Blitz und Donner.“ Darunter sind die Bildnisse der beiden Ritter Ulrich von Hutten und Franz von Sickingen: jener links, dieser rechts vom Beschauer.

c. Auf der Seitenfläche zur Rechten Luthers findet man die zwei Stellen: „Der Glaube ist nicht anders, denn das rechte, wahrhafte Leben in Gott selbst.“ „Die Schrift recht zu verstehen, dazu gehört der Geist Christi.“ Darunter die Bildnisse der treuen Gelehrten und Mitarbeiter Luthers, des Justus Jonas und des Johann Bugenhagen; jener links, dieser rechts vom Beschauer.

d. Auf der Seitenfläche zur Linken Luthers stehen die Worte: „Die Christum recht verstehen, die wird keine Menschensatzung gefangen nehmen können. Sie sind frei nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Gewissen.“ Darunter die beiden Schweizer Reformatoren Johann Calvin und Ulrich Zwingli: jener links, dieser rechts vom Beschauer.

2.) Der untere Würfel enthält Basreliefs, welche die Haupttaten aus Luthers Leben veranschaulichen.

a. Auf der Vorderseite: Luther vor dem Reichstage zu Worms am 17. und 18. April 1521.

b. Auf der Rückseite: Anschlag der Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517.

c. Zur Rechten Luthers: Das Abendmahl in beiderlei Gestalt, von Luther gespendet, und die Priesterehe: Luther von Bugenhagen getraut.

d. Zur Linken Luthers: Die Bibelübersetzung und die Lutherpredigt.

3.) Der Untersatz oder Sockel zeigt auf seinen vier Feldern die Wappen der fünf deutschen Fürsten und zwei Städte, welche die Augsburgische Konfession unterschrieben und am 25. Juni 1530 dem Kaiser überantwortet haben, nämlich:

a. Auf der Vorderseite: Kursachsen.

b. Zur Rechten Luthers: Anhalt und Brandenburg, jenes links, dieses rechts vom Beschauer.

c. Zur Linken Luthers: Hessen und Braunschweig-Lüneburg, jenes links, dieses rechts vom Beschauer.

d. Auf der Rückseite: Nürnberg und Reutlingen, jenes links dieses rechts vom Beschauer.

 

Rechts folgt dann Heyls Hof, Wohnhaus des Reichstagsabgeordneten Freiherrn von Heyl zu Herrnsheim. Das stattliche Haus von 1884 steht an der Stelle des ehemaligen Bischofshofes, in dem der Reichstag 1521 abgehalten wurde. Bodenplatten im heutigen Heylsgarten markieren den Mauerverlauf und die Stelle, wo der Wittenberger Professor unbeeindruckt von den kurialen und weltlichen Reichsgrößen sein Gewissen über die kaiserliche Aufforderung zum Widerruf stellte.

Der Bischofshof wurde 1504 erbaut und fiel 1689 dem Stadtbrande zum Opfer. Im Jahre 1717 wurde ein neuer Bischofshof erbaut, welcher den früheren Palast an innerer und äußerer Schönheit bei Weitem übertraf. Der Bischofshof wurde 1794 zum zweiten Male von den Franzosen niedergebrannt. Heute ist im Kunsthaus Heylshof ein städtisches Museum

Das Hauptportal am Heyls Hof, von dem Münchener Künstler Gedon „Abschied und Ankunft“ darstellend, ist ein Meisterwerk der Holzschneidekunst. An den Hauptbau schließt sich ein hübscher mit interessanten Altertümern und prächtigen Gewächshäusern gezierter Garten, der dem Publikum täglich von 11 bis 5 Uhr offen steht (Eingang vom Schloßplatz).

 

Ein Stück weiter auf der rechten Seite geht es zum Obermarkt, auf dem der „letzte Ritter“ Kaiser Maximilian Turnierspiele veranstaltete. Links das Amtsgerichtsgebäude, ferner das „Wormser Weinhaus“ mit goldenem Pokal auf dem Dache.

Wieder ein Stück weiter steht die Martinskirche, in der erstmals im Südwesten des Reiches Luthers Lehre gepredigt wurde. Die heutige katholische Pfarrkirche St. Martin wird auf Bischof Burkard zurückgeführt (11. Jahrhundert). Sie wurde um 1170 begonnen und 1265 vollendet. Durch den Stadtbrand wurde sie stark mitgenommen, danach mehrfach restauriert. Schönes reiches Portal auf der Westseite mit Kelchkapitälen an den Rundsäulen, und reichen Ornamenten. m Innern gibt es sehenswerte Wandmalereien.

Auf dem Platz steht das Ludwigsdenkmal. Es wurde nach dem Entwurf des Stadtbaumeisters Hofmann errichtet. Die Löwen, der Wasserspeier, Ornament und Bronze-Relief stammen von dem Wormser Bildhauer Hirt, später Karlsruhe. Das Denkmal gilt dem Andenken des verstorbenen Großherzogs Ludwig IV. von Hessen. Dem mit schönen Anlagen versehenen Ludwigsplatz sind 1899 zwei große Gedenksteine hinzugefügt worden, deren vier Flächen auf Bronzetafeln die Namen derjenigen Wormser tragen, die im Krieg 1870-71 im Feld standen.

Gegenüber dem Hauptpostamt in der Kämmererstraße stehen zwei nachgebildete römische Meilensteine, deren Originale sich im Paulusmuseum befinden. Neben der Post der ehemalige „Wambolder Hof“, jetzt Geschäftshaus Nummer 42. In der Kämmererstrasse (nach rechts) stand das Gasthaus „Johanniterhof“ (Nummer 27). An diesem Hause wird zur Erinnerung an den Aufenthalt Luthers daselbst eine Gedenktafel angebracht.

Es geht aber wieter nach lach links in die Kämmererstraße, an deren Ende die Martinspforte steht, durch die Luther in die Stadt und aus der Stadt heraus zog. Hier stand eine Nachahmung des 1699 eingeäscherten alten Stadttores.

Geradeaus geht es weiter in die Judengasse, die dem Verlauf der Stadtmauer folgt, und in dieser nach rechts zur alten Synagoge (Männer Kippa aufsetzen). . Sie wurde 1034 erbaut und 1145 zerstört. Der Neubau ist von 1175. Im Jahre 1938 wurde sie erneut zerstört und 1959–61 wieder aufgebaut.

Wenn man rechts um die Synagoge herum geht, kommt man zur Mikwe von 1185, in die man hinabsteigen kann. Noch ein Stück weiter steht das Raschi-Haus, das seinen Namen nach einem französischen Rabbi Raschi trägt, der eine Zeit lang in Worms gewirkt haben und 1180 in Troyes gestorben sein soll. In dieser Kapelle befindet sich ein die Wand eingelassener steinerner Sitz für den Rabbi Raschi. Dann zeigt man der romanischen Zeit angehörige Gebetbücher für die Festtage in hebräischer Quadratschrift auf Pergament geschrieben und mit Miniaturmalereien versehen, eine Thorarolle, Messingleuchter u. a. mehr. Die Juden sollen seit Christi Geburt in Worms ansässig sein und wie die Sage geht, ihren Glaubensbrüdern in Jerusalem die Kreuzigung Christi widerraten haben. . Heute ist in dem Haus das Judaika-Museum Raschi-Haus untergebracht,

Nach links geht es durch das Raschi-Tor mit einem Stück alter Stadtmauer und dann rechts weiter durch die Nordanlage. In der Wallstraße dann nach links und durch die Nibelungenschule, eine städtische Volksschule, erbaut nach Plänen des vormaligen Stadtbaumeisters Hofmnn. Der Bau ist 1900 vollendet und seiner Bestimmung übergeben worden. Nach rechts geht es dann wieder zum Parkplatz.

Von dort geht man noch einmal auf der Rheinstraße entlang der Kieselswiese (früher Bleiche, heute Festplatz, im Voksmund „Juxplatz“) zum Rhein. Vom Hafengebiet erstreckt such ein Industriegebiet bis zur stattlichen Eisenbahnbrücke überspannt den Rhein. Heute gibt es hier aber viele Ausflugslokale. Hier befinden sich auch die Landungsbrücken der Dampfschiffahrtsgeellschaften. Man geht ein Stück rheinabwärts bis zum Hagendenkmal. Hier  versucht der Meuchelmörder Hagen von Tronje, das unheilbringende Rheingold im Fluß zu versenken. Am gegenüber liegenden Ufer liegt der sogenannte „Rosengarten“. Stromaufwärts auf dem linken Ufer befindet sich der Floßhafen. Die Einfahrt desselben dehnt sich ungefähr 715 Meter in die Länge und 66 Meter in die Breite. Vom Hagendenkmal dort geht es auf direktem Weg wieder zurück zum Parkplatz.

 

Plan der Stadt Worms, ohne Vororte:

(Die Hauptsehenswürdigkeiten sind auf dem Stadtplan mit den Ziffern  gekennzeichnet):

1. Judenfriedhof

2. Städtisches Spiel- und Festhaus (Rathenaustraße)

3. Museum der Stadt Worms (Andreasstift)

4. Magnuskirche

5. Stadtbibliothek

6. Dom

7.Kunsthaus und Heylshof und Schloßgarten

8. Lutherdenkmal

9. Rathaus und Cornelianum

10. Dreifaltigkeitskirche

11. Martinskirche

12. Stadtmauer am Torturmplatz

13. Pauluskirche

14. Friedrichskirche

15. Synagoge

16. Liebfrauenkirche

17. Lutherkirche (Westlicher Stadtteil).

 

Vororte:

Vom Parkplatz an der Rheinbrücke fährt man zunächst nach Norden und biegt hinter der Liebfrauenkirche nach links ein. Die spätgotische katholische Basilika ist 15. Jahrhundert in gotischen Stil mit zwei Türmen aus Kapuzinersteinen erbaut. Im Jahre 1689 ist sie eingestürzt und 1882 wiederhergestellt  Sie wurde im Jahre 1883 restauriert, dank den eifrigen Bemühungen des Pfarrers Reuss. Beachtenswert das Hauptportal mit reichen Ornamenten. Im Innern verdient die Grablegung Christi aus dem 15. Jahrhundert Erwähnung. In der Nähe sind Überreste der Notkirche Amanduskirche (Friedhof Würdtweinstraße, jetzt Anlage)

In der Umgebung der Kirche gedeiht die weltberühmte Liebfrauenmilch. Durch die Weinberge des Weinguts Valckenburg (Gutshof in der Stadt beim Stadtmuseum) geht es nach Westen und dann wieder ins Zentrum bis über den Marktplatz hinaus und rechts in die Alzeyer Straße in Richtung Pfiffligheim.

Nach rechts geht eine Straße ab nach Hochheim. Zwischen Pfiffligheim und Hochheim liegt  dieschön gelegene Restauration „Westendhöhe“ mit herrlichem Blick auf Worms und die Bergstrasse. In Hochheim ist bemerkenswert die romanische Bergkirche (mit original erhaltenem Turm) sowie die Kirche am Römergarten.

Dann geht es aber wieder zurück auf die Straße nach Pfiffligheim. An der Durchgangsstraße steht rechts der Lutherbaum, eine Ulme von 1511. Der Sage nach stritten zur Zeit des Beginns der Reformation zwei Frauen über die Lehre Luthers. Die eine war der Lehre Luthers zugetan, die andere dagegen. Während des Streites stieß die erste einen Stock in den Boden und behauptete: So gewiß wie dieser Stock grünen und Äste und Zweige tragen wird, so gewiß wird auch Luthers Lehre ewig fortdauern. Und siehe da, der Stock gedieh, grünte und ward zu dein Riesenbaum, dessen unterer Teil von 11 Mann umfaßt werden kann und die stattliche Höhe von 40 Meter erreichte. Am Vorabend der Kapitulation von Metz, 26. Oktober 1870, fiel der Baum einem furchtbaren Orkan zum Opfer, so dass nur der untere Teil blieb, der durch sorgfältige Pflege erhalten wird. Am Baume ist ein prächtiges Gedicht „Der Lutherbaum“- von Gerok unter Glas und Rahmen angebracht. Vom Baum sind allerdings nur kärgliche Reste vorhanden, ein neuer Baum ist zwischen den Stümpfen gebaut.

Die Straße führt dann unter der Autobahn hindurch nach Pfeddersheim (nach rechts über die Bahnschienen).Dort sind Überreste einer mittelalterlichen Umwallung und Türme vorhanden.

Nordöstlich geht es aus dem Ort heraus nach Leiselheim und nasch links nach Herrnsheim.. An der Kirche geht es rechts zum Gut Herrnsheim. Es war früher Sitz der Familie von Dalberg und kam nach deren Aussterben in den Besitz des Freiherrn Heyl zu Herrnsheim. Herrliche, Das Schloß wurde 1845 restauriert.  Im Jahr 1812 angelegte Parkanlagen mit denn historischen „Schillerturm“ umschließen in weitem Bogen die Schloßgebäude und das stattliche Dorf.. Der Besuch des herrlichen Schloßgartens ist dem Publikum gestattet. Bemerkenswert ist auch die herrliche katholische Kirche mit vielen Grabdenkmälern der Familie von Dalberg. In der Nähe des Gutes liegt das Mausoleum der Familie Heyl. Im Ort gibt es auch viele Weingüter.

An der Kirche geht es dann links ab in Richtung Abenheim und dort nach rechts in Richtung Osthofen, an einer schönen Weinbergkirche vorbei. In der Hauptstraße von Osthofen ist rechts eine Gedenktafel für die Synagoge. Am Ortsausgang kurz vor den Schenen geht es links ab zur KZ-Gedenkstätte. Östlich aus dem Ort heraus geht es dann auf die B 9 und nach links nach Oppenheim.

 

Lampertheim:

Lampertheim, heute im Dreiländereck von Hessen, Rhein­land-Pfalz und Baden-Württem­berg, gehörte in seiner langen Geschichte zu Worms und der Kurpfalz. Erst 1803 fiel es an Hessen-Darmstadt. Neuschloß geht auf Kurfürst Friedrich 1. zurück, der sich hier um 1470 in seinem Wildbann ein großes Jagdschloß errichten ließ. Die heutige Siedlung entstand auf dem ehemaligen Schloßgelände. Im Dreißigjährigen Krieg zerstört, wurde die Anlage schließlich abgebrochen. Geblie­ben ist ein noch immer Schloß genanntes stattliches Ge­bäude, der ehemalige Verwaltungs- und Wirtschaftstrakt.

Die katholische  Pfarrkirche St. Andreas ist von 1700-31.Die evangelische Kirche (1863) gilt als „Dom des Rieds“ mit dem 65 Meter hohen Turm. Das Rathaus ist barock (1739). Auch das Kurfürstliche Jagdhaus (1756) ist ein stattlicher Barockbau. Das Neuschloß ist ein kurfürstliches Jagdschloß (um 1470), seit dem 18. Jahrhundert teilweise abgebrochen bis auf die stattlichen Wohngebäude (16. Jahrhundert).

Im Altstadtkern findet man manches Fachwerkjuwel,  darunter auch in Nummer 21 das Heimatmuseum in einem vollständig erhaltenen Gehöft von 1737. Sowohl innen wie außen ist das dörfliche Leben früherer Tage sehr anschaulich nachgestellt, ergänzt durch die regionale Besonderheit des Tabak- und Spargelanbaus.

War es früher Tabak, der Lampertheim weithin bekannt gemacht hat, ist diese Sonderkultur längst vom Spargelanbau verdrängt worden. Dank der sandigen Böden im Ried, zählt Lampertheim heute zu den bedeutendsten Spargelanbaugebieten Hessens. Die Anfänge? Es ist wie mit der Weinrebe: Römische Legionäre brachten auch den Asparagus nach Ger­manien. Im Mittelalter sollen erstmals Mönche züchterische Versuche unternommen haben. Doch es dauerte bis ins 16. Jahrhundert, ehe richtige Spargelkulturen im Stuttgarter Lustgarten entstanden.

In Lampertheim legte um 1900 der Lehrer Karl Faustmann erste Spargelfelder an, vermutlich mit Seitenblick auf das benachbarte Schwetzingen, wo um diese Zeit bereits der Handel mit Übersee florierte und das königliche Gemüse auf Passagierschiffen serviert wurde. Doch man holte schnell auf: Prestigeträchtig wurde Lam­pertheimer Spargel im Luftschiff „Hindenburg” zum Diner gereicht. Heute sieht man in der Südwestecke Hessens nur noch vereinzelt herkömmliche landwirtschaftliche Betriebe. Spargel hat Getreideanbau auf den dafür viel besser prädesti­nierten Sandböden abgelöst.

 

Zullestein:

Westlich des Ortes im Naturschutzgebiet, am Rhein, liegt Burg Zullestein. Der spätrömische Wohnturm (burgus) wurde beim Bau des Kernkraftwerks Biblis entdeckt. Unweit der Weschnitzmündung lag die staufische Burg Stein von 1232. Darunter lag die karolingische Burg Zullestein. Der karolingische Königshof schied 846 aus dem Reichsgut aus und ging an das Kloster Lorsch.

Darunter wiederum fanden sich und vor allem nordwestlich daneben die mächtigen Mauern einer spätrömischen Festung. Der Grundriß ist wie bei den befestigten Schiffsanlegestellen aus der Zeit Valentians I. (364-375) auf dem germanischen Gegenufer des Rheins zur Sicherung der rechtsrheinischen Puffer- und Einflußzone der Römer. Der rechteckige Turm (21 x 15 Meter) mit zwei Meter dicken Außenmauern hatte drei Stockwerke und ein Satteldach, zahlreiche Schießscharten. An beiden Seiten waren Flügelmauern zu den Ecktürmen (einer steht unter der karolingischen Burg). Von den Ecktürmen gingen zwei Flankenmauern zum damaligen Flußbett der Weschnitz zu einer 42 Meter breiten Landestelle. Der Hafen wurde vielleicht auch für den Transport der Steine aus dem Felsenmeer genutzt.

 

Altrheinarm:

Jahrhundertelang hatte Lampertheim im äußersten Südwe­sten von Hessen mit den Hochwassern des Rheins zu kämpfen. Verheerende Überschwemmungen verwüsteten das frühere Dorf und das ganze Ried. Heute bilden der „Lampertheimer Altrhein” mit Wasserarmen und -buchten, Tümpeln, Feuchtge­bieten, Wiesen, Feldern, hohen Bäumen im wasserumschlosse­nen „Naturschutzgebiet Biedensand” ein ideales Freizeitgebiet für Naturstudien, zum Wandern, Radfahren und jeder Art von Wassersport.

Genau seit dem 2. Mai 1802 haben Natur und Mensch gewaltig an dieser Landschaft gearbeitet. Damals „brach der Rhein den Biedensand entzwei”, beschreibt eine Chronik die Inselbildung durch ein Hochwasser. Der Rhein bahnte sich, seine bisherige Schleife abschneidend, ein neues Bett, formte einen Halbkreis. Die neue Wasserführung verlief in unterschiedlicher Breite.

Nach dem ersten Schiffer, der die Befahrung mit seinem Nachen wagte, dem Johann Welsch aus Nackenheim, nennt sich ein See noch „Welsches Loch”, eine andere Verbreiterung „Fet­terloch”, volkstümlich auch „Lüderitzbucht”.

1879 wurde dem Strom etwas weiter westlich sein heutiges Bett angelegt - zur Regulierung ebenso wie zur Schiffbarmachung für die aufkommende Industrie. Die zurückbleibende
Wasseroase wurde bereits seit 1928 naturgeschützt und seit 1969 - wie es auf Tafeln etwas umständlich heißt - als „naturnahe Einheit vom Menschen wenig beeinflußter Lebensgemeinschaften und und Landschaftsbilder“ eingerichtet. Das hessische Forstamt, Odenwaldclub und Naturschutzstellen waren daran beteiligt.

Nur der begehbare Rheindamm trennt die Stadt von diesem Altrheinparadies mit seinen hohen Bäumen. Lediglich eine Brücke führt hinein. Bötchenfahrer bevölkern fast immer den Wasserarm. Rundwege führen an Reservaten vorbei, wo sich seltene Vögel, Amphibien, Insekten, Pflanzen ungestört entwickeln können und weitgehend Naturzustände herrschen.

Ein Weg endet erst am Ufer des Rheinstromes, den beiderseits ebenfalls Baumriesen säumen. Zwischendurch Felder, Wiesen, Schilfpartien, Büsche. Versteht sich, daß die immer zahlreicher kommenden Besucher aufgefordert sind, die Natur nicht zu stören, nicht zu beschädigen, nicht mit Abfällen zu belasten.

Auch diesseits des Rheindammes kann man Wasserfreuden genießen. In das Sportzentrum mit Hallen- und Freibad ist ein gepflegter Badesee einbezogen. Die Stadt Lampertheim selbst, in den letzten Jahren fast zu schnell gewachsen, bietet nur wenige Sehenswürdigkeiten. Neben altem Rathaus, Pfarrkirche St. Andreas, kurfürstlich mainzischem Rentamt - alles aus dem 18. Jahrhundert - ist das Heimatmuseum die interessanteste.

Als typisches altes Riedgehöft in Fachwerk verfügt es noch über Scheunen, Ställe, funktionierende Schmiede und Backhaus. Innen ist es bäuerlich eingerichtet und zeigt Funde aus der sehr weitreichenden Vergangenheit dieses frühen Siedlungsraumes (geöffnet am 1. und 3. Sonntag jeden Monats von 10 bis 12.30 Uhr oder auf Vereinbarung)

 

Hofheim:

Menhir: „Sackstein“. Über Lampertheim – Hofheim, Bahnhofstraße Richtung Bobstadt, vor der Eisenbahn rechts in die Bensheimer Straße bis zum Mühlgraben.

 

Kühkopf-Knoblochsaue

In der Eiszeit floß hier der Rhein in weiten Mäandern - und bis vor schlappen 2000 Jahren war die Gegend noch mit dschungelartigem Auenwald bedeckt. Die Schleife des heutigen Stockstadt-Erfelder Altrheins war einmal das Bett von Vater Rhein. Aber 1828/29 griff der Mensch in die Natur ein: Der Strom wurde im Interesse der Schiffahrt begradigt, der Kühkopf zur Insel.

Bis dahin nämlich dümpelte Vater Rhein noch auf der Kurve der engen Altrhein-Trasse und strömte nicht ziemlich gerade von Worms nach Mainz. Deswegen überquerte hier auch Gustav Adolf während des Dreißigjährigen Kriegs mit dem protestantischen Heer den Rhein und stieß von hier aus erfolgreich in den militärisch gesehen weichen Unterleib des katholischen Mainz vor.

Der Kühkopf liegt im Südwesten des Kreises Groß-Gerau in einem traditionellen Überschwemmungsgebiet des Rheins. Eben davon und wie dies alles zu einer ungewöhnlichen Fauna und Flora geführt hat, vermitteln das Modell und vieles mehr im Informationszentrum einen umfassenden Eindruck. Mit Kühen allerdings hat der Name Kühkopf nichts zu tun, sondern stellt vermutlich wegen der Form des Landstrichs eine Verballhornung von „Königskopf“ dar, aus karolingischer Zeit datierend. Der Name Kühkopf entstand aus dem althochdeutschen Wort „Kunigskopf“ (Königskopf) und bezeichnete die Nordwestecke des königlichen Bannforstes Forehahi. Und der Gebietsteil Knoblochsaue wurde nach den Ex-Besitzern, der Familie Knobloch, benannt.

 

Die ersten 20 Jahre hat das Vogelparadies „keine gute Zeit“ gehabt. Vor 50 Jahren gegründet, war zwar schon damals klar, daß sich dort wie an sonst kaum einem anderen Ort am Oberrhein eine Auenlandschaft von europäischer Bedeutung hatte erhalten können. Klar war zudem, daß am Kühkopf ein Vogelreichtum vorhanden war, der den anderer Schutzgebiete bei weitem übertroffen hat und bis heute übertrifft. Doch der Schutztitel dieses Gebietes, das im Wesentlichen 1828 durch die Abtrennung einer Schlinge bei der Begradigung des Rheins entstanden ist, schien anfangs das Papier nicht wert, auf dem er stand.

Einer der kritischen Punkte: die Staatsdomäne, die auf dem Kühkopf nach Einschätzung des Forstamtsleiters Henner Gonnermann „wenig beispielhaft wirtschaftete“. Der Pestizid-Einsatz und die gewählten Landbauformen seien ausbeutend „wie in der Wetterau“ gewesen. Das ging nicht konform mit dem Naturschutz. Doch es kam noch schlimmer: Anfang der achtziger Jahre ließ sich auf der Insel sogar noch ein besonders intensiv wirtschaftender Saatzuchtbetrieb nieder. Gonnermann: „Das war der Gipfel des Widerspruchs.“

Auch Autos durften jahrzehntelang in beiden Teilen des Naturschutzgebietes verkehren - heute ist das nur noch in zwei Stichstraßen auf der Knoblochsaue möglich -, nachdem die Pächter der Domäne freien Zugang für ihre Maschinen gefordert und durch den Bau einer Brücke bei Stockstadt auch bekommen hatten. Hinzu kamen die Entschlammung des Altrheins und natürlich die ständigen Manöver der Nato-Verbände an den Ufern der Knoblochsaue, wo Militärs Ponton-Bau und Anlandungen übten. Das führte am Ende dazu, daß das erst 1968 von der Deutschen Sektion des Internationalen Rates für Vogelschutz verliehene Prädikat „Europareservat“ für fünf Jahre gleich wieder entzogen worden war,

Von den 749 Naturschutzgebieten mit 38 148 Hektar (1,8 Prozent der Landesfläche) ist das Areal Kühkopf-Knoblochsaue mit 2.370 Hektar das weitaus größte Naturschutzgebiet Hessens - im Durchschnitt sind die Refugien gerade 51 Hektar groß.

 

Schon in den dreißiger Jahren wußten die Fachleute um die Bedeutung von Auen und Vogelreichtum, doch erst 1952 wurde das Gebiet entlang der Altrhein-Schlinge ausgewiesen. Es ist heute zugleich FFH- Gebiet, EU-Vogelschutzgebiet sowie Europareservat. 60 Kilometer Wanderwege erschließen das Dorado, es gilt ein Wegegebot. Zusätzlich sind Tabuzonen in Röhrichten, Altarmen und Auwälder benannt, um zufälliges Betreten zu verhindern.

Das System hat sich bewährt. Nur zwei Probleme bestehen: die beiden Stichstraßen in der Knoblochsaue sowie die Schnakenbekämpfung, wie sie von Beginn an erlaubt ist. Oder gibt es noch eins? Nach jeder Hochwasserkatastrophe neu diskutiert wird der Kühkopf als ein technisch gesteuerter Polder (Hochwasserrückhaltebecken). Das wäre das Ende der wilden Natur am Kühkopf.

 

Hessens Vorzeige-Naturschutzgebiet, das Europareservat Kühkopf-Knoblochsaue, ist 50 Jahre alt geworden. 265 Vogelarten werden dort gezählt. Charaktervogel ist der Schwarzmilan, der es auf die Fische in der Aue abgesehen hat. Hunderte von Kranichen übernachteten in diesem November auf überschwemmten Wiesen; Hirsch- und Blatthornkäfer sowie die seltene Bechsteinfledermaus leben in den Wäldern, in denen weder Eiche noch Ulme gefällt werden dürfen.

Heute trägt dieser wichtige Knotenpunkt für euroasiatische Zugvögel den Titel wieder, und zu verdanken ist dies dem Schlüsseljahr 1983: Wäre das Hochwasser jenes Sommers nicht gar so heftig ausgefallen, dann würden Naturschützer wahrscheinlich bis heute einen vergeblichen Kampf für mehr natürliche Dynamik auf der Insel und der nördlich angrenzenden Knoblochsaue fechten. Damals brachen die Sommerdeiche, und der Rhein kann die Landschaft seither wieder überfluten, was Intensiv-Landwirtschaft allerdings unmöglich macht. Doch die Kosten für Aufbau der Dämme und Reaktivierung der Drainagen stiegen ins Uferlose. Pacht gegen Investitionen gerechnet ergab, so Gonnermann: Auch bei sanfter wirtschaftlicher Betrachtung wäre die Deichreparatur unsinnig gewesen.

In diesem Jahr beginnt, was Naturschützer und Wissenschaftler ein „einmaliges Experiment nennen“. 300 Hektar Intensiväcker und Wiesen fielen brach. Was seither auf den 150 Hektar ehemaliger Mais- und Roggenfelder geschehen ist, das lockt heute ein internationales Fachpublikum an. „Das waren blanke Äcker“, vergleicht Naturschützer Gonnermann die Entwicklung, wo heute 15 bis 20 Meter hohe Silberweiden wachsen. „Wie im Lehrbuch“, so beschreibt der Förster die Auwaldentwicklung, zu der auf höher gelegenen Flächen der Insel „interessante Waldgebilde“ aus Eschen, Eichen, Ulmen und Wildobst gehören. Holländer kommen nun zu Besuch, beobachten die Abläufe interessiert, da sie sich auf verlassenen Poldern wiederholen dürfen. Gonnermann: „Da haben wir einen Vorsprung.“

Der Zeit voraus war man auf dem Kühkopf schon länger: Denn mit der Verbannung der Autos im Jahre 1978 war eine bis heute erfolgreiche Besucherlenkung geboren. Wirtschaftswege wurden in Wanderwege umgebaut, ein erster Lehrpfad geplant, ein zweiter zum Thema „Aue“ kam hinzu und ein Besucherleitsystem samt Informationszentrum entwickelt. Es wurden sogar Liegewiesen ausgewiesen: Im Europareservat, das auch ein großes Naherholungsgebiet ist, will man, sagt Revierförster Ralph Baumgärtl, Verständnis für die Besonderheit der Kühkopfauen schaffen.

Besonderheiten hat das Gebiet reichlich: sechs Spechtarten, darunter der rare Mittelspecht. Die Spechte profitieren von der Aufgabe der Forstwirtschaft: 1.000 Hektar Urwald entstehen und mit ihnen viele Brathöhlen. Nur noch gebietsfremde Hybrid-Pappeln dürfen gefällt werden, und auch das nur bis 2005. Eine 40 Paare große Kormoran-Kolonie sowie 100 brütende Reiher fallen auf, bis zu 3500 rastende Graugänse kann man hier im Winter beobachten: Und 2001 kehrte der Uhu als Brutvogel zurück. Das einst so seltene Blaukehlchen hat sich in dieser Gegend inzwischen fast zum Massenvogel entwickelt, sagt Herbert Zettl; doch das Erstaunlichste ist wohl die Größe der Schwarzmilan-Population: 62 Paare brüten im Areal, begünstigt durch den Fischreichtum der Gewässer. Eine solche Konzentration nennt Ornithologe Zettl „enorm“, sie werde in Europa sonst nirgends erreicht.

Seit dem Verzicht auf den Neubaud es Damms findet eine für die Wissenschaft äußerst spannende „Sukzession“ (natürliche Entwicklung) in den Wäldern und auf den Wiesen statt. Einen Wiederanschluß derart großer, eingedeichter Flächen an das Überflutungsregime eines Flusses hatte es bis dato in Europa nicht gegeben. Der Rhein fließt träge im Bereich des Kühkopfs („Küh“ von althochdeutsch für „König“), sein Gefälle beträgt nur 0,07 Promille - es wird nur in den Niederlanden noch geringer. Der Fluß hat also wenig Erosionskraft, lagert feine Sedimente ab, kennt kaum vegetationsarme Kies- und Sandbänke und ist auch nur von einem schmalen Streifen von Silberweiden und Schwarzpappeln gesäumt.

Dominierende Pflanzengesellschaft sind eher die Hartholzauenwälder des „Querco-Ulmetum“ (Eichen-Ulmen- Auwälder), die auf den höher gelegenen, trockneren Kernzonen des Kühkopfs wachsen. Stieleichen sowie Flatter- und Feldulmen beherrschen den Dschungel an Kühkopf und Knoblochsaue. Diese Wälder, sagt Dister, haben sich auf beachtlicher Fläche und teilweise in bemerkenswerter Naturnähe erhalten. 250 Jahre alte Stieleichen, die damit vor dem Rheindurchstich keimten, und 150 Jahre alte, an ihrer Altersgrenze angelangte Eschen zeichnen das Gebiet aus:

Eine Urwald-Dynamik beobachten die Wissenschaftler. Wie bedeutsam diese Au-Wälder im internationalen Vergleich sind, zeigt der Wissenschaftler in einer Gegenüberstellung. Viele vergleichbare Au-Wälder in Europa hätten nicht die Qualität des Kühkopfes. Lediglich die Wälder im niederösterreichischen Naturschutzgebiet Marchauen-Marchegg könnten mit dem Kühkopf und der Knoblochsaue konkurrieren.                  

„Land unter“ heißt es auf Knopfdruck, und dann versinkt Hessens größtes Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue beinahe wie Atlantis in den Fluten des Rheins. Nein - dies ist kein Katastrophenszenario aus dem südhessischen Ried, sondern Simulation an einem überlebensgroßen Modell. Das steht mitten im landeseigenen Naturschutz-Informationszentrum Kühkopf-Knoblochsaue (etwa 200 Meter vom Altrhein-Parkplatz bei Stockstadt) - dem Herz des rund 2400 Hektar großen Refugiums, das sich aus der Altrheininsel Kühkopf und der angrenzenden Knoblochsaue zusammensetzt. Wegen seiner ökologischen Bedeutung wurde diese Landschaft mit dem Unesco-Prädikat „Europareservat“ ausgezeichnet.

 

Heute geht es auf dem Kühkopf und der Knoblochsaue friedlich und ruhig zu. Inzwischen sind nach vielen Irrungen und Wirrungen fast alle Kraftfahrzeuge aus dem Naturschutzgebiet verbannt, findet kaum noch Landwirtschaft oder, was zeitweilig der Fall war, Erdölförderung mehr statt. Auch ein Wasserübungsplatz der Nato ist verschwunden. Umweltbewußte Besucher sind auf den etwa 60 Kilometern langen Wanderwegen willkommen.

Der Wechsel zwischen Überschwemmungen und Trockenperioden, durch keine Deiche gebremst, ließ eine ungewöhnliche Landschaft entstehen. Hier finden sich Weichholzauen mit bis zu 200 Tagen jährlich im Wasser stehenden Weiden ebenso wie dschungelähnliche Hartholzauen. Seit 1961 ist das Gebiet ein Europareservat für den Vogelschutz, mehr als 260 Vogelarten wurden gezählt. Unter ihnen ist der Schwarzmilan, der Symbolvogel von Kühkopf und Knoblochsaue. Mehr als 40 Gehölzarten und 43 Fischarten gehören ebenso zum Reichtum dieser Landschaft wie etwa 150 malerische Kopfweiden und 2000 alte Obstbäume.

Letztere erinnern an die Zeiten intensiver landwirtschaftlicher Nutzung rund um das bis auf 1580 zurückgehende Hofgut Guntershausen, das in Steinwurfweite vom Naturschutzinformations-Zentrum und seinem umliegenden Naturlehrpfad entfernt liegt. Das Verwalterhaus wird heute von einem gemeinnützigen Trägerverein unterhalten, der hier ein Zentrum für Naturschutz, Umweltpädagogik und Ausstellungen eingerichtet hat.

Heute stellt dieses Naturschutzgebiet nach Meinung von Fachleuten den größten zusammenhängenden naturnahen Auenkomplex am Oberrhein dar. Außerdem ist es ein natürlicher Rückhalteraum für Hochwasser.

 

Rundfahrt:

Über die 1965 errichtete Stockstädter Brücke über den Altrhein kommt man auf den Kühkopf. Voraus die „Altrhein-Schänke“ (Ruhetag: dienstags). Nach knapp 200 Metern, in nördlicher Richtung rechts abbiegend, beginnt der Haubentaucherweg (mit einem weißen „H“ markiert), ein anfangs alleenartig mit starken Roßkastanien gesäumter Dammweg. In der Hartholzaue wachsen Stieleiche und Esche, Bergahorn und Feldulme. Mehr als 200jährige Alteichen sind von Eschen ummantelt, darunter Haselbüsche. Ein grünes Dach überspannt unseren Pfad. Rechts dann eine Schutzhütte und die Schinderhannesr-Eiche, wo der legendäre Räuberhauptmann gelagert haben könnte. Und häufig am Wegesrand: Hinweise auf Fauna und Flora, befinden wir uns doch zeitweise auf einem Lehrpfad.

Am Rheinarm zur Rechten wird das Typische der Auenlandschaft sichtbar: Die Weidenstangen wurden bis zum Beginn der 40er Jahre im Winter geschlagen und als Brennholz verwendet - oder zur Gewinnung von Faschinen (Reisigbündel) für die Sicherung der Böschungen des Stromes. Auffallend beiderseits des Dammweges die für den Auenwald typischen, teils bis in die Baumkronen aufrankenden Schlinggewächse wie Efeu, Waldrebe oder Hopfen.

Bald kreuzt sich unser Pfad mit dem vom Erfelder Steg her kommenden Weg. Linker Hand die Gaststätte Forsthaus Kühkopf (Montag Ruhetag).

Immer dem „H“ nach passieren wir eine ausgedehnte Wiesenfläche mit Obstbäumen (Kinderspielplatz) und erreichen das Naturreservat Schlappeswörth mit dem einsehbaren Rheinarm gleichen Namens. Dann sind wir im Innern des Auewaldes mit seinen ausgedehnten Schilfflächen zwischen Wanderroute und dem Altrhein.

Am Krönkesarm endlich, wo die Ufer zur gleichnamigen Insel rechts von uns sanft ansteigen, die Begegnung, auf die wir uns besonders gefreut haben. Vielleicht 30 Meter vor uns Haubentaucher, gleich ein Dutzend dieser selten gewordenen, prächtigen Wasservögel. Link der Schwedenfriedhof, wo Gebeine der Gefallenen aus dem schwedischen und spanischen Heere ruhen - und dort ein leibhaftiger Storch.

Dann sind wir am Rhein, dem begradigten, auf dem sich Container- und Passagierschiffe, Motor­boote und Kähne drängeln, und dort, wo die Fähre nach Guntersblum ablegt. Welch ein Kontrast zum eben erlebten Urwald. Wir schreiten drei Kilometer lang den Rhein ab, riesige Pappeln säumen den steinigen und staubigen Pfad. Wir versuchen mit einem schwimmenden Ungetüm Schritt zu halten. In einem sanften Rechtsbogen verschwindet unsere Route beinahe im Wiesengelände. Doch als das „H“ wieder auftaucht und der Weg breiter wird, ist die Ungewißheit verflogen.

Etwa 1,5 Kilometer lang folgen wir parallel dem Stockstadt-Erfelder Rheinarm - wieder unter Pappeln. Am Alten Wörthchen schreiten wir sogar auf einem betonierten Wirtschaftweg, der an das Naturreservat Reichertsinsel grenzt.

An der Schutzhütte bei der sogenannten Dicken Eiche folgt der Haubentaucherweg dem Damm in Richtung Hofgut Guntershausen. In Höhe der Königsinsel tritt der Dammweg erneut unmittelbar an den Altrhein heran - wieder Urwald, wieder Lianen. Am Hofgut gilt unsere Aufmerksamkeit dem dortigen Naturschutzinformationszentrum (freier Eintritt). Darin ein Landschaftsmodell von Kühkopf und Knoblochsaue, bei dem auf Knopfdruck Wasser freigesetzt und Winterhochwasser simuliert wird. Öffnungszeiten: dienstags und donnerstags, samtags, sonn- und feiertags von 9 bis 17 Uhr.

 

Schwedensäule

Der Mantel der Weltgeschichte streifte 1631 das südhessische Ried: In eiskalter Dezembernacht setzte bei Stockstadt und Riedstadt (Kreis Groß-Gerau) Schwedenkönig Gustav Adolf mit seinen protestantischen Truppen im 30-Jährigen Krieg über den Rhein und eroberte von hier aus das katholische Mainz. Einsam steht heute ein zwölf Meter hoher Obelisk am Altrhein bei Riedstadt-Erfelden - die Schwedensäule. Sie erinnert an den Rheinübergang des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf. Diesen Titel wählte der Stockstädter Heimatforscher und Maler Hans Pehle, der am Donnerstag, 21. Februar, in einem Vortrag dieses Ereignis wieder wachruft. Von frühester Jugend an war Pehle davon fasziniert. Schon sein verstorbener Vater Clemens, ein im Ried bekannter Freizeitmaler, hatte sich in Bildern und Texten um den Rheinübergang gekümmert und diese Leidenschaft auf den Sohn vererbt. Der 57-Jährige, Beamter einer Kommunalbehörde, wurde durch intensives Quellenstudium inzwischen zum Fachmann. Dabei befindet er sich in guter Gesellschaft, hatte sich doch auch Friedrich Schiller dieses Stoffs angenommen, und hielt der berühmte Merian das Ganze in einem Stich fest.

In einer waghalsigen Aktion setzte im Dezember 1631 der auf den Seiten der Protestanten kämpfende Gustav Adolf mit etwa 600 Mann, Pferden und Kanonen im Ried über den um die 300 Meter breiten Rhein. Das Datum der militärischen Meisterleistung sorgt noch heute manchmal für Verwirrung, denn es gibt zwei Terminangaben. Zum einen die des 7. Dezembers nach dem heute allgemein gültigen gregorianischen, damals meist von Katholiken genutzten Kalenders; zum anderen einen Termin zehn Tage später nach dem Julianischen Kalender, den seinerzeit die Protestanten verwendeten.

Der Hauptstrom des Rheins verlief damals - vor dem großen Rheindurchstich 1828/29 für den heutigen Verlauf - im Bett des heutigen Altrheins von Biebesheim im Süden her an Stockstadt und Riedstadt vorbei zum heutigen Hauptbett nach Norden. Die heutige Altrheininsel Kühkopf, Hessens größtes Naturschutzgebiet, gehörte daher 1631 noch zum linksrheinischen katholischen Herrschaftsgebiet. Die Mainzer wußten sehr wohl um die Bedeutung jener Stelle im militärstrategisch gesehen weichen Unterleib ihrer Bischofsstadt und ließen den durch zeitwellig 1000 spanische Söldner schützen. Die katholischen Truppen wähnten sich sicher und ließen fast alle Boote in der nahen Umgebung konfiszieren oder vernichten, um so eine Rheinüberquerung der Protestanten unmöglich zu machen. Dennoch schätzte Gustav Adolf genau diesen Punkt als entscheidende Schwachstelle der Mainzer Verteidigung ein - und behielt am Ende Recht.

Gustav Adolf selbst nahm am Vorabend der Überquerung, am 6. Dezember, bei einem Spähtruppunternehmen die Szene am Kühkopf in Augenschein: Wenig später wurde es Ernst. Durch einen Trick ermöglichten sich die Schweden und ihre Verbündeten den Übergang: In den Tagen zuvor hatten sie an vielen Bauernhöfen im Ried die großen hölzernen Hof- und Scheunentore ausgehängt und diese flach über die wenigen, der Zerstörungswut der Spanier entgangenen Boote gelegt. Auf solch wackeligen Flößen wurde über die bitterkalten Dezemberfluten ans andere Ufer gerudert. Zwei Punkte der Invasion gelten als verbrieft: einer im Süden und einer im Norden, am Hahnensand, wo heute die Schwedensäule steht.

Gustav Adolfs Rechnung ging auf: Die katholischen Truppen auf dem Kühkopf ergriffen ob des gewaltigen Ansturms die Flucht, weil sie fürchteten, die Gegner könnten ihnen im Flaschenhals Kühkopf den Rückzug ins Hinterland abschneiden. Den Schweden gelang es von hier aus wenig später, Mainz zu erobern.

Wie wichtig Gustav Adolf selbst die Rheinüberquerung einschätzte, davon zeugt sein persönlicher Befehl von 1632 zum Bau der Schwedensäule. Auf dem Sockel und der etwa sieben Meter hohen Säule darüber thront ein 1,5 Meter hoher Löwe mit Helm und Krone als Symbol des Schwedenkönigs und seiner Mannen. Mit einem Schwert in den Tatzen deutet der Löwe ans jenseitige Ufer. An die Rhein-Überquerung erinnert am Fuß der Säule eine Tafel in deutscher, englischer und schwedischer Sprache. Bis 1834 wurde das Denkmal auf schwedische Kosten unterhalten, danach vom hessischen Staat. Heute ist die Schwedensäule ein beliebter Ausflugspunkt - auch Station im Elisabeth-Langgässer-Wanderweg durchs Ried (Wochenende 156).

 

Naturschutz in Hessen

Von den 749 Naturschutzgebieten mit 38 148 Hektar (1,8 Prozent der Landesfläche) ist das Areal Kühkopf-Knoblochsaue mit 2.370 Hektar das weitaus größte Naturschutzgebiet Hessens - im Durchschnitt sind die Refugien gerade 51 Hektar groß. Schon in den dreißiger Jahren wußten die Fachleute um die Bedeutung von Auen und Vogelreichtum, doch erst 1952 wurde das Gebiet entlang der Altrhein-Schlinge ausgewiesen. Es ist heute zugleich FFH-Gebiet, EU-Vogelschutzgebiet sowie Europareservat. 60 Kilometer Wanderwege erschließen das Dorado, es gilt ein Wegegebot. Zusätzlich sind Tabuzonen in Röhrichten, Altarmen und Auwälder benannt, um zufälliges Betreten zu verhindern. Das System hat sich bewährt. Nur zwei Probleme bestehen: die beiden Stichstraßen in der Knoblochsaue sowie die Schnakenbekämpfung, wie sie von Beginn an erlaubt ist. Oder gibt es noch eins? Nach jeder Hochwasserkatastrophe neu diskutiert wird der Kühkopf als ein technisch gesteuerter Polder (Hochwasserrückhaltebecken). Das wäre das Ende der wilden Natur am Kühkopf.

 

Rundfahrt:

Mörfelden, Worfelden, Nauheim,  Trebur, Leeheim, Goddelau, Biblis, Lampertheim

 

 

Goddelau-Erfelden:

Südlich liegt das Philippshospital von 1536, heute psychiatrisches Krakenhaus, mit Psychiatriemuseum.

Büchnerhaus.

 

Leheim:

Südlich liegt der Bensheimer Hof, ein großes Hofgut, das sich früher selbst versorgte und alle Handwerker hatte.

 

Worfelden (östlich von Groß-Gerau):

Orgel von 1624 in einer schönen Fachwerkkirche

Lorsch:

 

Altenmünster:

Man verläßt den Ort in Richtung Osten die Karlsstraße, bis die Weschnitz überquert wird. Sie begleiten wir nach rechts abknickend, wechseln abermals das Ufer und folgen nun diesem. Hier taucht auch gleich das im Lorscher Codex anno 764 als Schenkung erstmals genannte Altenmünster auf.

Ein Gedenkstein zeigt an, daß hier im einstigen Sumpfgebiet, die Urzelle des Klosters Lorsch stand, das Inselkloster Altenmünster, das der fränkische Gaugraf Cancor 760 dem großen Staatsmann und Erzbischof von Metz, Rudgang, geschenkt hatte. Es wurde auch unter den ausdrücklichen Schutz der internationalen Staatengemeinschaft gestellt.

Mit der Ausdehnung des fränkischen Reiches in den alamannischen Raum beginnt schon vor 733 eine Neubesiedlung und Besitznahme bestehender Siedlungsanlagen im Zuge der Landnahme durch die Franken. In dieser Zeit dürften weite Landstriche zunächst Königsgut geworden sein, das dann als Lehen und später in den Besitz einzelner Familien übergegangen ist. Als nach 750 die Reichsadligen der karolingischen Hausmeier Leitungsfunktionen im Grundgutbereich oder als Gaugrafen übernahmen, wurden die Gebiete nach den Verwaltungs- und Eigentumsverhältnissen in Gaue aufgeteilt.

In diese Zeit fällt also nicht zufällig die Ersterwähnung einer Schenkung im genannten Gau „Pagus Rhenensis“ (Oberrheingau) am Flusse Wisgoz (Weschnitz), mit welcher die Geschichte des Klosters Lorsch eingeleitet wird. Die Urkunde 1 (Reg. 2) im Lorscher Codex erwähnt am 12.7.764 eine Schenkung an „die überaus heilige Kirche des Hl. Petrus und alle übrigen Heiligen, welche errichtet ist in dem Lauresham (Lorsch)...“. durch die Witwe des ersten Grafen im Oberrheingau, Williswinda und deren Sohn, Graf Cancor, an den „genannten Herrn Ruodgang (Chrodegang) bzw. seine Mönche . . ., welche bekanntlich eben da im Kloster wohnen . . .“.

Die Stifterfamilien waren Verwandte des fränkischen Königs Pippin III. (auch „der Kurze“ oder „Kleine“ genannt), welcher von 751-768 König der Franken war. Auch der Empfänger der Stiftung, Erzbischof Ruodgang von Metz, war, wie die Stifterfamilie, ein Angehöriger des königlichen Hauses der Arnulfinger, die wir heute Karolinger nennen.

Im Vermerk Nr. 3 berichtet uns der Codex, daß Ruodgang die Schenkung annahm und die Bitte der Stifter erfüllte. Er selbst sei jedoch mit den Amtsgeschäften für Kirche und König so überhäuft gewesen, daß er die Verwaltung und Leitung des jungen Klosters seinem Bruder Gundeland - bisher Abt von Gorzia bei Metz - übertrug und ihn mit den Vollmachten in dem Umfang ausstattete, wie sie ihm selber zur Verfügung übergeben worden waren. Gundeland übernahm mit 16 weiteren Mönchen das auf einer Weschnitzinsel gelegene Kloster um 765; von da an wird die monastische Besiedlung von Lauresham durch die gewaltige Lorscher Handschrift über Jahrhunderte lückenlos beschrieben.

 

 Im Codex wird Altenmünster sodann im Urkundenverzeichnis in den Jahren 779, 1071, 1123 und mehrfach Mitte des 12. Jahrhunderts erwähnt, um danach zu verfallen, als Steinbruch benutzt zu werden und in Vergessenheit zu geraten.

Die erste dokumentierte Grabung auf der Kreuzwiese erfolgte durch Friedrich Kofler im Jahre 1882. Er selbst berichtet, daß seit vielen Jahrhunderten jedwede Spur des Klosters verschwunden und selbst die Tradition nichts mehr wußte von seiner einstigen Stätte zu berichten. Strittig war selbst die Lage, ob auf der Kreuzwiese oder dem dritten Lorscher Klosterstandort, südöstlich des Seehofs, Altenmünster zu suchen sei. Kofler berichtet in den Quartalblättern des historischen Vereins für das Großherzogtum Hessen im Jahre 1883 sehr anschaulich, wie er nördlich eines Begräbnisplatzes die Überreste eines genau orientierten Oratoriums von 23,10 Meter Länge und 7,50 Meter Breite fand. Interessant ist auch seine Erwähnung, daß schon etwa 50 Jahre vor ihm auf dem Klostergute nicht nur Mauerwerk ausgebrochen, sondern auch Steinsärge gefunden worden seien.

Den Plan von Kofler (siehe Abbildung) benutzte auch Heinrich Gieß für seine Grabungen in den Monaten März und April 1910. Er erwähnt, daß die Arbeiten zunächst aufgrund des Kofler’schen Planes von 1883 eingeleitet wurden, wobei der dort angegebene Grundriß der Kirche und des Kreuzgangs wieder festgestellt worden ist. Die Grabung von 1910 diente allerdings nicht zur Bestimmung des Klosters St. Peter zu Altenmünster, sondern der Suche nach Anhaltspunkten für den Standort der Grabkirche der letzten Karolinger. Nachdem der Codex die „ecclesia varia“ (bunte Kirche) zwar erwähnt, ihren Standort aber offen läßt, wurden die Suchgrabungen nach dieser Gruftkirche auch auf das Gebiet der Kreuzwiese mit dem Standort Altenmünster ausgedehnt.

Mit der letzten Jahrhundertwende hatte sich in der Ausgrabungstechnik ein entscheidender Wandel vollzogen. Ausgehend von der Arbeitsweise der vorgeschichtlichen Altertumsforschung hatte man gelernt, in den Schichten des Bodens zu lesen und dessen feine Spuren zu deuten.

Die 1932 von Prof. Dr. Friedrich Behn vorgenommene dritte Ausgrabung konnte so die verschwundene Bauanlage von Altenmünster erforschen und wiedergeben. Im Grabungsbericht von 1934 wird der Gang der Grabungen und das Ergebnis für „Das Altenmünster auf der Kreuzwiese“ eingehend beschrieben. Der von Dipl.-Ing. E. Samesreuther erstellte Plan (siehe Abbildung) zeigt Grundriß und Typologie des kleinen Klosters. Der Grundriß von Kofler und Gieß wurde in verschiedenen Einzelheiten ergänzt. Die Köpfe der Seitenbauten (Klausurgebäude) sind risalitartig über die Nordfront vorgezogen, Kirche und Kirchenvorraum (Narthex oder Paradies) erhielten im Längen- und Breitenverhältnis andere Dimensionen, der Chor des Kirchenschiffes wird durch ein Lettner oder Spannwandfundament abgeteilt. Behn erwähnt, daß sich die Mauerzüge im Boden nur noch als Schuttstreifen abzeichneten und deshalb die Abdeckung des gesamten Gebietes nötig war, um ein einwandfreies Bild zu gewinnen.

Keine der vorerwähnten Grabungen war auf Landeskoordinaten oder sonstige blei­bende Bezugspunkte eingemessen worden. Weschnitzregulierungen, Flurbereinigungen und eine immer intensiver werdende landwirtschaftliche Nutzung ließen den Grabungsplatz innerhalb von 20 Jahren verschwinden. Eine zu Beginn der 80er Jahre erneut eingeleitete Flurbereinigung für größere Straßenbaumaßnahmen riefen den Heimat- und Kulturverein von Lorsch auf den Plan mit der Forderung, die Flurstücke des ehemaligen Altenmünsters der öffentlichen Hand zuzuteilen und die Stätte dieses Kulturdenkmals auf Dauer sichtbar zu halten. Zur genauen Lagebestimmung und zur Aufklärung der Proportionsdifferenzen in den vorgenannten Grabungsplänen erschien eine Such- und Bestimmungsgrabung unverzichtbar. Immerhin fällt auf, daß der Plan von Kofler und Gieß im Kirchengrundriß, entgegen den Angaben im Koflerschen Grabungsbericht, ein Seitenverhältnis der Kirchenwände von 1 :2 darstellt, der Behnsche Plan dies aber 1:3 wiedergibt. Darüber hinaus wurde auch von Fachleuten wiederholt bezweifelt, ob Altenmünster tatsächlich einen rechteckigen Chor - sogenannte eingeschnürte Apsis - hatte.

Im Einvernehmen mit dem zuständigen Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Abteilung für Vor- und Frühgeschichte, wurden vom Heimat- und Kulturverein Lorsch und dem Beauftragten für Bodendenkmäler im Kreis Bergstraße in den Monaten September/Oktober 1983 zwei Suchgräben angelegt. Die Kirchenaußenwände und die südliche Kreuzgangswand zeichneten sich im Fundamentausbruch mit eingefüllten Mörtel-, Stein- und Estrichresten deutlich im ungestörten Boden ab, die Kreuzgangswand trat dabei sogar in einer Mörtel-Steinschicht, wohl unterste Fundamentlage, zutage.

Die im Lorscher Codex ersterwähnte Kirche wurde zwischenzeitlich von allen Beteiligten für so bedeutend angesehen, daß sich das Landesamt für Denkmalpflege Hessen zu einer Flächengrabung im Chorbereich entschloß, welche im November 1983 durchgeführt wurde und die Ergebnisse der Behn’schen Grabung von 1932/33 bestätigte.

Nur wenige Meter lang ist das kleine Gotteshaus, der Chorraum noch eckig. Die Lage von Kreuzgang und Innenhof ist durch Sträuchermarkierung zu erkennen.

Nachdem im Juli 765 die Reliquien des hl. Nazarius hierher überführt worden waren, erwies sich laut Lorscher Codex „der verfügbare Raum ... für die Aufnahme einer solchen Menschenmenge und selbst der alltäglichen Besucher” als nicht mehr ausreichend. Die darauf erfolgte Neugründung 600 Meter weiter westlich erwuchs nach der Erhebung zum Reichskloster 774 durch Karl den Großen mit 3.500 Schenkungen zu einer der reichsten Sakraleinrichtungen nördlich der Alpen. Die gut sichtbar an der Bergstraße thronende Starkenburg war nur einer der befestigten Plätze, von denen Lorsch geschützt wurde. In dessen Schatten geriet Altenmünster bald in Vergessenheit und verfiel noch im Mittelalter.

 

Basilika

Im Jahre 764 hatte der fränkische Gaugraf Cancor zusammen mit seiner Mutter Williswinda die Lorscher Abtei gegründet - und sie sogleich an seinen weitläufigen Verwandten Chrodegang, den Erzbischof von Merz, verschenkt. Der schickte wenig später die ersten Mönche aus seinem eigenen Kloster Gorze nach Lorsch, die dort nach den Vorgaben des heiligen Benedikt von Nursia leben und arbeiten sollten.

Um ihre Existenz brauchten die Lorscher Benediktiner aber schon bald nicht mehr zu fürchten. Denn Chrodegang sandte ihnen eine wertvolle „Starthilfe“, die Gebeine des heiligen Nazarius nämlich, die ihm Papst Paul I. überlassen hatte. Dank dieser Reliquien, die als so bedeutend galten, dass sie den Mönchen zahlreiche Schenkungen aus allen Teilen des Landes einbrachten, wurde die Abtei zu einem der wichtigsten und reichsten klösterlichen Zentren in Europa; ihre Besitzungen reichten schließlich von der Nordseeküste bis in die Schweiz. Eine der größten Schenkungen erhielt Lorsch übrigens aus der Hand Einhards, des Beraters und späteren Biografen Karls des Großen. Er übereignete dem Kloster 819 die Mark Michelstadt.

 

Im Jahr 772 schenkte der Lorscher Abt Gundeland, ein Bruder Chrodegangs, das Kloster Karl dem Großen. Das war ein geschickter Schachzug: Von nun an stand Lorsch unter dem Schurz des Königs und genoss eine Reihe von Privilegien, wie etwa Immunität und freie Abtwahl. Dafür mussten die Mönche jährliche Abgaben entrichten, Soldaten für den Militärdienst zur Verfügung stellen und regelmäßig für den Herrscher und seine Dynastie beten. Als Königskloster war Lorsch auch fest in das mittelalterliche Lehnsystem eingebunden. Es verwaltete das Land des Königs und übte die Grundherrschaft über die ansässigen Bauernfamilien aus. Der Lorscher Abt gehörte zur obersten Führungsschicht des fränkischen Reiches und war an wichtigen politischen Entscheidungsprozessen unmittelbar beteiligt.

Von den kleinen Klosterkirchen aus vor- und frühkarolingischer Zeit existiert kein Bauwerk mehr. Die immerhin zahlreichen Bauten, die ergraben wurden, befinden sich innerhalb großer Nachfolgebauten oder waren durch solche überholt und vernachlässigt worden. So auch in Lorsch, durch die Neugründung auf der etwa 600 Meter südwestlich von Altenmünster entfernten Düne.

Wir erkennen für die Zeit zwischen der Völkerwanderung und Karls des Großen Regierungsantritt in der Architektur und Kunst eine Geschichte der Kleinkünste. Altenmünster zeigt dies im Vergleich mit anderen kleinen Kirchengrundrissen aus dieser Zeit. Es konnte, weil außerhalb jeder Besiedlung liegend, im Originalgrundriß als schmale lange Saalkirche, mit noch schmälerem Altarraum, wieder entstehen. Aufgelegt über den ergrabenen Fundamenten zeigen sich heute die Mauerzüge von zwei Fuß Breite über dem Gründungsstandort.

 

Es darf als glückliche Synthese bezeichnet werden, daß einer der beiden ersten großen nachfolgenden Steinbauten des neuen karolingischen Herrscherhauses, mit dreischiffigen Basiliken, ebenfalls in Lorsch errichtet und wieder ergraben wurde. Mit Saint Denis bei Paris (754-775) und der Nazarius-Basilika in Lorsch (768-774) werden im ersten Jahrzehnt von Karls Regierungszeit zwei Großbauten nach römischem Vorbild vollendet. Karls Enkel, Ludwig der Deutsche, steigerte die Bedeutung des Klosters durch einen Staatsakt: Mit seiner Grablegung in Lorsch wurde das Kloster zum bedeutenden Bestattungsort.

Welche Funktion die frühmittelalterliche Torhalle einmal erfüllt hat, darüber rätseln die Experten bis heute. Eine Variante ist zwar wissenschaftlich entkräftet, aber immer noch schön anzuhören: Die Halle könnte für Karl den Großen erbaut worden sein, als dieser 774 als Sieger über die Langobarden aus Italien heimkehrte.

Das kleine, etwa zehn Meter lange Torgebäude des Klosters in Lorsch gehört zu den ausgewiesenen Baudenkmälern, die in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurden. Neben dem Aachener Münster ist es das wohl besterhaltene Gebäude der karolingischen Architektur, im achten Jahrhundert entstanden. Es besteht aus drei gleich hohen Bogenstellungen, denen ein Obergeschoß aufgesetzt ist. Ein steiles. ehemals flach ansteigendes Satteldach bekrönt den kleinen Bau.

Was ihn so kostbar macht, ist seine Fassadendekoration. die einen ausgesprochen klassischen Eindruck hervorruft: Die Halbsäulen mit antik anmutenden Kapitellen vor den Pfeilern der Bogenstellungen, die wiederum das altrömische Kolosseumsmotiv wiederholen; darüber eine dünngliedrige Pilasterordnung Mit perfekten ionischen Kapitellen; schließlich das an islamische Bauten erinnernde Steinmuster in rotem und hellem Sandstein - auch dieses ahmt nicht islamische, sondern klassische römische Vorbilder nach, das sogenannte „opus sectile“, das sich in ähnlicher Form an vielen Bauten in Ostia und an anderen Orten des Alten Roms wiederfindet - ein einzigartiges Gebäude des frühen Mittelalters.

Es gehörte zu einer der größten und bedeutendsten Klosteranlagen der Karolingerzeit. Als Reichskloster wurde es unmittelbar von Karl dem Großen gefördert und von diesem mit reichen Stiftungen ausgestattet. Bei der Einweihung des Klosters, wohl im Jahre 874, war Karl mit seiner Familie anwesend. was wiederum den besonderen Rang des Klosters Lorsch bestätigt.

 

Königshalle:

Von der einst so mächtigen Anlage sind heute noch die karolingische Torhalle, ein Teil der Klosterkirche und einige Umfassungsmauern zu sehen. Die Torhalle, auch „Königshalle“ genannt, ist so gut erhalten, dass man auf den ersten Blick nicht vermuten würde, hier eines der herausragenden Beispiele frühmittelalterlicher Baukunst vor sich zu haben. Allerdings ist noch immer unklar, wann genau die Halle gebaut wurde und welchem Zweck sie diente. Lange dachte man, sie sei zu Ehren des Sieges Karls des Großen über die Langobarden errichtet worden. Doch deutet mittlerweile einiges darauf hin, dass sie erst einige Jahrzehnte später gebaut wurde, wahrscheinlich als Empfangs- und Aufenthaltsraum für den das Kloster besuchenden König.

Wer das Innere der Halle besichtigt, was im Rahmen einer Führung möglich ist, wird mit einem exklusiven Blick auf zum Teil mehr als 1000 Jahre alte Wandmalereien belohnt. Die in mehreren Schichten übereinander liegenden Bilder wurden 1927 entdeckt und in den folgenden Jahren freigelegt, restauriert und ergänzend übermalt.

Das nach allen Seiten frei inmitten eines von Mauern umgebenden Hofs stehenden Torgebäude erinnert an seinen drei beidseitig geöffneten Bogenstellungen wie auch den schmückenden Halbsäulen an einen römischen Triumphbogen. Wie die römischen Kaiser, so sollte auch Karl mit einem Triumphmonument, der „Königshalle“, als Weltenherrscher geehrt werden. Schon die Freistellung des Gebäudes im Zentrum des ersten Klosterhofs bestätigt den Triumphbogencharakter. Als König und - seit Karls Krönung im Jahr 800 - als Kaiser zog Karl in das Kloster ein, durch das äußere Eingangsportal, dann durch das dreiteilige Tor hindurch, weiter durch das Atrium in die Verhalle und von dort in die Kirche hinein und schließlich durch das gestreckte Langhaus zum Chor - ein sich ständig steigender Prozessionsweg bis zum Hochaltar.

Gelangt man in den seitlichen Treppentürmen hinauf in das Obergeschoß, so überrascht die nüchterne, ja antik anmutende Ausmalung. Auf einen quadrierten Sockel erheben sich - ähnlich wie außen - schmale Pilaster, die leere Wandfelder rahmen. Wiederum kein symbolischer oder bildhafter Hinweis auf kirchliche Inhalte.

Statt dessen scheinen die ionischen Pilaster mit dem breiten klassischen Architrav und den weißen Zwischenfeldern die Renaissance vorwegzunehmen. Deshalb erkennen wir in der Lorscher Torhalle jene Formenhaltung, die wir als „karolingische Renaissance“ bezeichnen, also eine Wiederbelebung der Antike lange vor der eigentlichen Renaissance. Karl der Große bezog sich auf das antike Rom, berief sich auf die römischen Kaiser, deren Machtanspruch er als imperialer Herrscher übernommen hatte.

Im Obergeschoß an der Ostwand findet sich ein Relief mit einem Armteil neben dem Laubwerk eines Baums (Herkules am Baum der Hespiriden). Oberhalb eines Rundbogenfensters das Relief eines römischen Schuhs.

 

Wie nun jüngste Forschungen ergeben haben, ist dieser gänzlich von profaner Dekoration bestimmte Raum nicht von Anfang an eine „Michaelskapelle“ gewesen, in die er wohl im 14. Jahrhundert verwandelt wurde, sondern eine Bibliothek. Kerstin Merkel hat nachgewiesen, daß die Ausmalung der Ausschmückung antiker Bibliotheksräume entspricht.

Möglicherweise war hier auch, wie Christian Beutler vermutet, das Scriptorium, wo jene kostbaren Codices geschrieben wurden, die zur Klosterbibliothek von Lorsch gehörten. In einer im 9. Jahrhundert dort aufgestellten Liste besaß das Kloster etwa 375 Handschriften, ein kostbarer Besitz, der die Predigten der Kirchenväter ebenso umfaßte wie die Texte antiker Autoren - Vergils, Ciceros und Senecas.

Neben dem repräsentativen Zweck als zeremonieller Ort des kaiserlichen Einzugs war die Torhalle zugleich das reichgeschmückte Schatzhaus der Bücher. Als freigestelltes Gebäude war die Bibliothek sicher vor überspringenden Bränden. Und die die Wendeltreppen an jeweils einer der Seitenflanken sorgten nicht nur für Symmetrie, sondern für einen sicheren Fluchtweg, wenn eine der beiden Türen hätte versperrt sein können.

So erfüllte die Torhalle einen doppelten Zweck: Sie war das kaiserliche Triumphtor wie auch Schreibstube der Benediktinermönche und Aufbewahrungsort  der Pergamentcodices, die ebenso wie die in kostbaren Gefäßen einbeschlossene Reliquien zum Schatz des Klosters gehörte und  lange vor Erfindung des Buchdrucks - als handgeschriebene Bücher ein unschätzbares Vermögen darstellte. Für diesen Bücherschatz war der reiche Architekturschmuck der Torhalle gerade gut genug (Heinrich Klotz).

 

Doch die Geheimnisse um das karolingische Bauwerk in Lorsch, das wir heute Königshalle oder Torhalle nennen, sind noch nicht gelüftet. Weder die Bauzeit noch der Anlaß noch die ursprüngliche Nutzung sind mit Sicherheit zu bestimmen, und allen unseren Überlegungen fehlt die Bestätigung durch einen zeitgenössischen Bericht. In keiner Chronik, die sonst so genau jede Bautätigkeit festhalten, findet sich der geringste Hinweis auf dieses einzigartige Bauwerk-

Wie ist der Stand der Forschung heute? Schon seit einiger Zeit wird das Bauwerk nicht mehr mit Karl dem Großen in Verbindung gebracht, seit Werner Jacobsen einleuchtend eine Verbindung zur „ecclesia varia“ herstellte, der nach 876 begonnenen Grabkirche für Ludwig den Deutschen und die ostfränkische Karolingerdynastie. Er fand Unterstützung durch Sebastian Scholz, der die Entstehung der Buchstaben SNBMA, die im Inneren der Torhalle unmittelbar auf das rohe Mauerwerk vor dem Verputz aufgemalt wurden, auf Grund ihrer Linienführung in die Mitte des 9. Jahrhunderts oder etwas später datierte. Karl der Große hat die Königshalle also wahrscheinlich nie gesehen.

Auch die Deutung als Triumphtor wurde unwahrscheinlich, seit in Mainz-Kastel die Fundamente des römischen Ehrenbogens des Germanicus (19 n. Chr.) freigelegt wurden, der im 9. Jahrhundert möglicherweise noch stand und als Vorbild diente: Wie die Ehrenbögen dieser Zeit hatte auch der Ehrenbogen des Germanicus  einen überhöhten mittleren Bogen, der seitlich durch niedrigere, schmalere und flach gedeckte Durchgänge flankiert wurde. Die Gleichwertigkeit der drei Lorscher Arkaden im Erdgeschoß fehlte.

Über die Art der Nutzung herrscht keineswegs Einigkeit. Achim Hubel versuchte, das Bauwerk als eine dem König vorbehaltene Halle zu erklären, indem er es mit einem verlorengegangenen Bauwerk neben St.-Emmeram in Regensburg verglich, dessen Charakteristik sich aus den Unregelmäßigkeiten einer jüngeren Bogenreihe erschließen läßt. Hermann Schefers hält eine Kapelle als Teil eines Kapellenkranzes um die Klosterkirche herum für möglich, womit er den mittelalterlichen Gedanken des Kirchenkranzes , der viele damalige Städte umgab, aufgreift.

Zum ersten Mal trug Kerstin Merkel die Idee vor, bei der Königshalle handele es sich um die Bibliothek des Klosters. Sie stützte sich in ihrer Argumentation auf die Ausmalung des Innenraumes mit Säulen mit attischen Basen und ionischen Kapitellen auf gequadertem Sockel und einer flachen Nische, die sich im Obergeschoß in der Mitte der Ostseite befindet und die eine charakteristische Eigenart antiker Bibliotheken gewesen sei.

Wir haben daraufhin das Mauerwerk der Nische genauer untersucht und konnten am Wechsel des Sandsteinmauerwerks zu Tuffsteinmauerwerk feststellen, daß sie nicht zum ursprünglichen Bestand gehört, sondern nachträglich eingesetzt wurde; dies geschah vielleicht im 12., möglicherweise erst im 14. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Einbau eines Altares.

Ein vor wenigen Wochen aufgefundener, reich bebilderter Bericht über die Restaurierungsarbeiten der Jahre 1934/35 zeigt, daß dieser Befund schon damals bekannt war. Hans-Michael Hangleiter konnte während der laufenden Konservierungsarbeiten zusätzlich feststellen, daß die gemalte Säulenstellung keineswegs Rücksicht auf die Nische nimmt, wie Kerstin Merkel annahm, sondern sich mit ihr überschneidet. Damit fallen die wesentlichsten Argumente für eine (auch von Heinrich Klotz behauptet) Nutzung der „Königshalle“ als Bibliothek fort.

Auch die von Christian Beutler vorgetragenen Argumente für die Bibliothek und das Scriptorium des Klosters in der Königshalle sind wenig überzeugend. Da ist zunächst die Lage der Königshalle zur Kirche. In einer Klosterbibliothek wurden vor allem Bücher gesammelt, die für den Gottesdienst und die geistliche Erbauung gebraucht wurden, sei es am Hauptaltar oder an einem der zahlreichen Seitenaltäre oder für die Lesung im Refektorium bei den Mahlzeiten.

Warum sollte man die Bücher weit entfernt von dort unterbringen, wo sie bevorzugt gebraucht wurden? Trug man die mit vielen Mühen und großer Sorgfalt in vielen Monaten abgeschriebenen und illustrierten, kostbaren Handschriften bei Wind und Wetter, bei strömendem Regen oder im Schneegestöber von der Königshalle über den Hof in die weit entfernte Kirche oder Refektorium? Soweit wir wissen, waren im Mittelalter die Bücher eines Klosters immer in der Nähe des Hauptaltars untergebracht, und dort findet man auch die Bibliothek auf dem berühmten St. Galler Klosterplan, der uns wie kein zweites Dokument des frühen 9. Jahrhunderts die Gedanken zur baulichen Einrichtung eines Klosters überliefert.

Beutlers zweites Argument, das isoliert stehende Gebäude sei damit gegen überschlagende Flammen geschützt, und zwei gegenüberliegende Treppenhäuser böten bei einem Brand bessere Möglichkeiten der Rettung des in ihm Aufbewahrten, erscheint weniger als karolingischer Baugedanke und Beweggrund, sondern viel mehr dem Protokoll einer modernen Brandverhütungsschau entnommen.

Heinrich Klotz fügt Beutlers Argumenten den Gedanken des reichgeschmückten Schatzhauses der Bücher hinzu. Doch ein Kloster besitzt neben seiner Bibliothek noch größere Schätze, die eines reich geschmückten Behältnisses bedürfen, und die dringender als Bücher vor einem Brand zu schützen oder aus einem Brand zu retten wären.

Lorschs größter Schatz waren die Reliquien des heiligen Nazarius, deren Übertragung aus Rom nach Lorsch im Jahre 765 der eigentliche Beweggrund der Klostergründung an seiner jetzigen Stelle war. Merkwürdigerweise ist an keiner Stelle erwähnt, wo die Reliquien des heiligen Nazarius niedergelegt waren. Ihr Platz wäre eigentlich in der Hauptapsis hinter dem Hauptaltar zu suchen, doch Theo Jülich brachte mich auf den Gedanken, zumindest Teile des heiligen Körpers könnten am Eingang des Klosters aufgestellt worden sein, als Zeichen des überirdischen Reichtums des Klosters. Zwar steht Hilde Claussen diesem Gedanken eher skeptisch gegenüber, da Reliquien gerade in dieser Zeit Gegenstand der Begierde und damit häufig Opfer von Diebstahl waren, doch viele Eigenheiten der Königshalle ließen sich mit einer Deutung als Aufstellungsort von Reliquien erklären.

So wären die beiden gegenüberliegenden Treppenhäuser als Zu- und Ausgang zum Heiligenschrein für die zahlreichen Pilger zu verstehen, eine Wegeführung, wie sie sich für viele frühmittelalterliche Krypten und Emporen - angefangen mit dem Umgang in St. Peter in Rom - als die zweckmäßigste architektonische Lösung erwiesen hat. Die von Matthias Exner vorgeschlagene Deutung der bereits erwähnten Buchstaben SNBM als „Sanctus Nazarius Beatus Martyr“ bezöge sich unmittelbar auf das im Inneren Ausgestellte. Und die innen gemalten Säulen mit ihre ionischen Kapitellen und die außen angebrachten kannellierten Pilaster mit ionischen Kapitellen müßten nicht mit räumlich und zeitlich weit entfernten Beispielen verglichen werden, sondern fänden ihr unmittelbares Gegenstück in einem Sarkophag, der auf seinen Außenseiten mit gleichen kanellierten Pilastern und ionischen Kapitellen verziert ist. Er wurde 1802 auf dem Klostergelände aufgefunden, steht heute im Kirchenrest des Klosters, und es wird angenommen, bei ihm handele es sich um den Sarkophag Ludwigs des Deutschen.

Betrachten wir die Lorscher Königshalle als einen über Bögen aufgestellten, ins Architektonische vergrößerten Sarkophag oder Schrein, so läßt sich auch die unarchitektonische Gestaltung des Obergeschosses mit seinen drei- und sechseckigen Ziersteinen und den spitz endenden Giebeldreiecken über den Pilastern mit ihren ionischen Kapitellen erklären. Walter Haas hat eindrucksvoll die restauratorischen Arbeiten am Sebaldussehrein in Nürnberg beschrieben: Stück für Stück wurden die Beschläge - aufgenagelte Silberplättchen und Silberstreifen - entfernt, bis schließlich der hölzerne Schrein frei lag. Kann nicht diese Idee - ein mit Gold- und Silberbeschlägen und mit Kleinodien geschmückter Schrein des heiligen Nazarius - der Grundgedanke dieser Architektur sein, die durch ihre äußere Kostbarkeit die Menschen über Jahrhunderte hinweg beeindruckte, die den Abbruch des bereits als Baumaterial verkauften Bauwerks verhinderte, und die uns noch heute immer wieder in ihren Bann schlägt?

Wir wissen es nicht. Torhalle? Triumphtor? Königshalle? Bibliothek? Scriptorium? Kapelle im Kapellenkranz? Heiligenschrein? Vielleicht ist es auch das ungelöste Rätsel - wie wir es aus zahlreichen Fabeln, Märchen und Geschichten kennen -, das diesem Bauwerk größeren Reiz und Faszination verleiht als eine möglicherweise recht banale Antwort (Thomas Ludwig, Leiter des Fachgebietes Bauangelegenheiten und Denkmalpflege in der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen).

Weil Altenmünster zu klein geworden war, wurde 600 Meter weiter westlich auf einer nahen Düne mit dem Bau einer größeren Anlage begonnen. Bereits 774 konnte die dreischiffige Basilika in Gegenwart Karls des Großen eingeweiht werden. Schon zu dieser Zeit war das Kloster königliches Eigentum (Reichskloster), also Reichsabtei mit allen Rechten und Freiheiten, die der Herrscher und seine Nachfolger stetig erweiterten und durch Schenkungen fundamentierten. Lorsch wurde zu einer der bedeutendsten Klosteranlagen nördlich der Alpen - zu den reichsten mit über 3500 Schenkungen zählte es ohnehin. Im zwölften Jahrhundert, dem beginnenden Niedergang der Reichsabtei, reichten die Besitzungen von der Nordsee bis zu den Alpen. Das Ende war gekommen, als spanische Truppen die gesamte Anlage einäscherten.

 

Die Königs- oder Torhalle wird als das erste frühmittelalterliche Bauwerk bezeichnet, in das mediterrane Ideen der Römer, Griechen, ja orientalischer Paläste stilvollendet mit einbezogen worden sind. Die Außenwand des dreibogigen offenen Hallenbaus ist mit farbigen Kacheln belegt, verziert mit Halbsäulen, kunstvollen Kapitellen und einem Blattmusterfries.

Unter dem steilem Giebeldach befindet sich ein Ein-Raum-Obergeschoß, das vermutlich als Thronsaal benutzt worden ist. Kostbare Fresken bedecken die Wände in zwei Schichten, wobei die unterste, die karolingische, von einer freigelegten gotischen noch zum größten Teil verdeckt ist. Erst später wurde in dem Königsraum die Michaelskapelle eingerichtet

Außer dem als Torhalle genutzten Gebäude blieb nach den Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg und späteren Abrissen nur noch das 1140 erbaute Mittelschiff der Vorkirche zur romanischen Basilika erhalten. Und das auch nur, weil es die Lorscher Tabakpflanzer als Trockenraum nutzten. Lediglich der Verlauf einer Ligusterhecke läßt die Ausmaße des auf einer Grundfläche von 25.000 Quadratmetern angelegten Klosters erahnen.

Torhalle

Hauchdünn trägt Michael Walter die braune Farbe auf. Jeder Pinselstrich muss sitzen, denn der Restaurator malt nicht an irgendeiner Säule. Sein Bild schmückt die weltberühmte Königshalle im hessischen Lorsch, eines der ältesten Bauwerke in Deutschland. Rund 20 Jahre lang haben Wissenschaftler und Restauratoren die Wände auf Farbreste aus der Karolingerzeit im 9. Jahrhundert untersucht und die ursprünglichen Motive verpuzzelt. Jetzt wird diese Bemalung unter Denkmalschutzauflagen nachempfunden. Ende des Jahres soll das Kunstwerk nach altem Vorbild fertig gestellt sein.

Das Motiv ist wenig spektakulär: In Beinhöhe verläuft ein Band mit zwei Reihen farbiger Quadrate in dunkelblau, hellblau und gelb, darauf steht eine Säulenreihe, auf der wiederum eine Deckplatte ruht. Zwischen den Säulen ist nichts weiter zu sehen als die gelbliche Wand. Trotz dieser Schlichtheit birgt das mehr als 1000 Jahre alte Motiv Geheimnisse, die entschlüsselt werden wollen. So liegt die genaue Bauzeit und der Sinn des Gebäudes, das vor zwölf Jahren zum Weltkulturerbe erklärt wurde, noch immer im Dunkeln.

Es ist schon ein Wunder, dass das Motiv aus den wenigen Farbresten überhaupt kenntlich gemacht werden konnte. Besucher sehen nicht mehr als ein paar Schmutzreste, die anscheinend schlecht übermalt wurden. Für Restaurator Hans Michael Hangleiter, zu dessen Team Michael Walter gehört, öffnen diese Flecken eine ganze Welt. Seit 1982 untersucht er die Wände. Mit dem Skalpell hat er Farbschicht um Farbschicht abgetragen und unter dem Mikroskop begutachtet, hat Proben chemisch analysiert und den Malstil erforscht.

 

Mit diesen Methoden hat der Restaurator etliche neue Erkenntnisse über die Malerei zu Tage gefördert: So waren die Altvorderen keineswegs schlampig. „Sie haben bis zu zehn Farbschichten aufgetragen, um den von ihnen gewünschten Ton zu erreichen“, erklärt Hangleiter. Außerdem malten sie zuerst die Säulen und dann den Zwischenraum aus. Eine eher ungewöhnliche Reihenfolge. Die Kunsthistorikerin Kerstin Merkel aus Kassel wertet das als Indiz dafür, dass in den Wandfeldern detaillierte Ausmalungen geplant waren.

So zieht jedes neue Untersuchungsergebnis eine Vielzahl von Spekulationen nach sich, mit denen die Wissenschaftler dem Gebäude auf die Spur kommen wollen. Die aufwendige Malerei spricht gegen die Theorie, die Halle im Vorhof des Klosters sei die Wohnung eines Wächters gewesen. Die Verzierung passt schon eher zu einem Gerichtsgebäude, in dem der König bei seinen Visiten Urteile fällte. Doch dafür erscheinen die engen Aufgänge an der Seite nicht repräsentativ genug.

 

Merkel hat nun eine neue Theorie vorgelegt: Die Königshalle diente als Bibliothek. Die Unterbringung im ersten Stock sicherte die trockene Lagerung der Buch-Schätze, über die das reiche Kloster verfügte. Auch diese Ansicht klingt plausibel, belegt werden kann sie jedoch noch nicht.

Unbeantwortet ist auch die Frage, wie der Maler auf das Motiv kam. Er hat keineswegs, wie oft behauptet wird, die Säulen im Außenbereich nachgeahmt.

Vielmehr erinnert der Säulengang an den Schmuck alter römischer Häuser, solche Villen standen damals

noch in der Region um Lorsch. Den Beweis kann jeder in der Königshalle bewundern, die zum Teil aus Steinen römischer Häuser gebaut wurden. Dabei drehten die Arbeiter die „störenden“ Reliefs einfach nach innen und verputzten sie. In einer Aussparung in drei Metern Höhe ist ein solcher Stein freigelegt worden.

Er stammt aus einem größeren Werk und zeigt angeblich einen Teil vom Arm des Herkules.

Der karolingische Künstler hat also das von den Römern importierte „Prinzip der ionischen Ordnung“ gekannt, ist sich Merkel sicher. Allerdings hat er sich nicht an sie gehalten. Ob „aus Absicht oder Unfähigkeit“ wagt die Kunsthistorikerin nicht zu beurteilen. Doch die „Ionische Ordnung“ kam sowieso bald aus der Mode. „Das Kloster war reich, und so wurde oft umgebaut und verändert“, sagt Klaus-Peter Schmid von der Staatlichen Schlösser- und Gartenverwaltung.

Die Säulen wurden erst übermalt, was für Restaurator Hangleiter kein großes Problem darstellt, da diese Schichten gut abzutragen sind. Doch dann wurde die Halle zu einer Michaels-Kapelle umfunktioniert. Die Konstrukteure trugen das Dach ab und ersetzten es durch ein Tonnengewölbe. In die Ostwand schlugen sie ein Loch für den Altar, befreiten fast alle Flächen vom alten Putz und malten neue Motive auf im gotischen Stil: Engels-Chöre, Marientod und Christusdarstellungen.

Auch diese Bilder sind inzwischen verblasst und zum großen Teil nicht mehr zu erkennen. Hangleiter hat diesen Farbmix genau unter die Lupe genommen und dort tatsächlich noch minimale Reste aus der Karolingerzeit entdeckt. Sie reichten für eine neue Einschätzung aus, wie die Säulen der ursprünglichen Bemalung angeordnet waren.

Nach dem Niedergang des Klosters Mitte des 16. Jahrhunderts stand die Halle lange leer und wäre 1803 fast abgerissen und als Steinbruch für eine Kirche in der Nachbarschaft verwendet worden. Der kunstsinnige Großherzog Ludwig I. von Hessen stoppte das Vorhaben in letzter Minute. Seit dieser Zeit wird das Kleinod gepflegt. Doch Pflege ist der Kunst nicht immer gut kommen. So gab es im vergangenen Jahrhundert drei umfangreiche Renovierungen, bei denen zum Teil mehr zerstört gerettet wurde.

Ausgangspunkt waren die Arbeiten 1934, mit denen das Gebäude soweit wie möglich in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden sollte. Die Holztüren zwischen Toren kamen heraus, ein Aufgang, der bei Straßenbauarbeiten zusammengefallen war, erstand neu.

Auch die Wandmalereien erfuhren eine gründliche Überarbeitung. So wurde der Säulengang neu gemalt und in den Zwischenräumen Bilder dazu erfunden. „Die Restauratoren waren weniger von Wissenschaft geprägt als von Intuition“, bedauert Hangleiter. Hinzu kam, dass sich das verwendete Kasein, ein Bindemittel aus Quark und Kalk, als untauglich erwies. „Das führt mit der Zeit zu Abplatzungen“, erläutert Klaus-Peter

Schmid. Deshalb mußte in den 50er und 70er Jahren erneut saniert werden. „Wir haben zuerst die Vibrationen durch den Auto- und Flugverkehr als Ursache vermutet, bis wir die Materialschwäche erkannten.“

Das gab den Auftakt für eine groß angelegte Untersuchung, die inzwischen rund 600.000 Euro gekostet hat. Mit Hangleiter wurde ein Restaurator verpflichtet, der bereits auf der Insel Reichenau ein ähnliches Projekt betreute. In seiner mehrjährigen Analyse hat er die Befunde im Maßstab 1:1 auf Pläne übertragen. „Das ist einmalig in Deutschland“, sagt Schmid. Inzwischen sind die Ergebnisse elektronisch erfasst und so für nachkommenden Generationen gesichert.

Danach begann die Konservierung. Hangleiter entwickelte einen speziellen, weichen Mörtel, der sich mit dem karolingischen Mauerwerk „versteht“. Bei früheren Arbeiten wurde darauf keine Rücksicht genommen. Die Folge: Risse und Löcher, die wertvolle Informationen vernichtet haben.

 

Außerdem erforschte der Restaurator ein flüchtiges Bindemittel, mit dem er die Originalfarben während der Arbeiten schützen konnte, ohne Spuren zu hinterlassen. „Diese Methode wird inzwischen auf der ganzen Welt verwendet“, erklärt er stolz. „Wir haben damit in Lorsch auch Restaurierungsgeschichte geschrieben. Bei der Bearbeitung der weißen Flächen zwischen den Befunden bediente sich Hangleiter der so genannten Trateggio-Technik. Dabei wird auf die Wand eine ähnliche Farbe wie bei dem benachbarten Original mit deutlich sichtbaren Pinselstrichen aufgetragen. So entsteht von weitem der Eindruck einer einheitlichen Fläche, aus der Nähe kann aber jeder sofort erkennen, wo die Grenzen zwischen dem Original und der Bearbeitung verlaufen.

Dass die karolingischen und die gotischen Malereien gerettet werden müssen, war unbestritten. Doch was sollte mit den Werken aus den 30er Jahren geschehen? „Der Denkmalschutz will grundsätzlich alles erhalten“, erklärt Schmid das größte Problem. Zur Lösung berief die Schlösserverwaltung eine Kommission mit renommierten Denkmalschützern aus ganz Europa. Diese kam dann schließlich zu dem Ergebnis, die nachgemalten Säulen zu entfernen und durch eine eigene Version, die den neuen Erkenntnissen entspricht, zu ersetzen.

„Die Entscheidung, die Wände wieder zu bemalen, ist uns alles andere als leicht gefallen“, sagt Schmid. „Wir wissen, dass wir damit das Bild in den Lehrbüchern prägen.“ Und ob die Basen und Kapitelle wirklich so ausgehen haben, kann niemand mit Sicherheit sagen, auch wenn Vergleiche mit anderen Malereien in Trier oder Reichenau dafür sprechen. „Natürlich werden wir angefeindet werden“, ist sich Hangleiter sicher und fügt hinzu: „Bei den Restauratoren fressen die Kinder ihre Väter.“ Schließlich waren seine Vorgänger in den 30er Jahren auch von ihrer Arbeit überzeugt.

Für die rund 30.000 Touristen, die das Weltkulturerbe jährlich besuchen, macht die Ausmalung Sinn, denn sie könnten aus den bestehenden Farbklecksen nichts herauslesen. Um ihren Blick zu führen, wollen die Museumspädagogen zusätzlich noch Tafeln oder Videoinstallationen aufstellen.

Eine Entscheidung steht in der Königshalle noch aus: Wie kräftig die Farben aufgetragen werden sollen. „Im Original waren die Töne sehr stark. Wenn wir das umsetzen, erschlagen wir die verblassten Befunde“, erläutert Schmid. Deshalb soll die Neuauflage soll erst mal pastell-farbig bleiben.

Im September kommt die Kommission nochmals zusammen und begutachtet das Ergebnis. Wenn sie es dann doch kräftiger will, muss Restaurator Walter nachsitzen. Bis dahin dürfte er das Motiv jedoch im Schlaf auftragen können.

 

Klosterkirche:

Von der Klosterkirche, die 774 im Beisein Karls des Großen eingeweiht worden war, steht heute nur noch ein Rest, doch kann man auf dem dahinterliegenden Rasen gut die ursprüngliche Größe erkennen. Am östlichen Ende der Freifläche erinnert eine Bodenplatte an die Stelle, an der König Ludwig der Jüngere nach dem Tod seines Vaters Ludwigs des Deutschen im Jahr 876 eine Gruftkirche („Ecclesia varia“) für seine Familie errichten ließ.

Neben Ludwig dem Deutschen, einem Enkel Karls des Großen, dessen Ostfränkisches Reich zum Vorläufer des späteren Deutschen Reichs wurde, liegen auch sein Sohn Ludwig der jüngere, sein Enkel Hugo und Kunigunde, die Frau des späteren Königs Konrad I., in Lorsch begraben. Übrigens: Die im Kloster gestorbenen Mönche wurden nördlich der Basilika bestattet - dort, wo seit einigen Jahren ein üppig bepflanzter und sorgsam gepflegter Kräutergarten mit langen Sitzmauern aus Heppenheimer Sandstein zu einer kurzen Verschnaufpause einlädt.

 

Kräutergarten:

Zu einem Kloster gehörte früher ein Kräutergarten wie der Kreuzgang oder das Refektorium. In den autark wirtschaftenden Abteien bildeten nach antiken Vorgaben gezogene Pflanzen die Grundlage der Heilkunst. Ein solcher Kräutergarten ist nun nach jahrelangen Vorbereitungen vom Heimat- und Kulturverein der Gemeinde im Gelände von Kloster Lorsch angelegt worden. Als Vorbild diente das in Latein geschriebene, 150 Seiten starke „Lorscher Arzneibuch” aus dem 8. Jahrhundert. Eine Auswahl von etwa 100 Gewächsen wurde auf einer Gesamtfläche von 200 Quadratmetern gepflanzt. Um Kamille, Mönchspfeffer, Seidelbast oder Rosmarin besser betrachten und das Aroma wahrnehmen zu können, legte man für vier Hochbeete an.

 

Museumszentrum Lorsch

Die achtvolle Abtei ist wieder auferstanden - in der virtuellen Welt der Computer. Ein Knopfdruck, und man fährt mit einer imaginären Kamera quer durch die Gebäude, taucht in Kreuzgang und Basilika ein. Der „Flug“ über und in das Benediktinerkloster gehört zu den Höhepunkten des neuen „Museumszentrums Lorsch“, das nun eine schmerzhafte Lücke schließt. Bis auf das Lapidarium im Kirchenmittelschiff mußten die Besucher bisher auf eine Sammlung zur Klostergeschichte verzichten. Mit dem Museum wird man jetzt auch wissenschaftlich und in der erläuternden Darstellung dem Rang gerecht, den die Unesco mit der Anerkennung als Weltkulturerbe vorgegeben hat.

Parallel zur Rekonstruktion des mittelalterlichen Klosterlebens gehen seit Jahren die archäologischen Grabungen im parkartigen Gelände der 1556 aufgehobenen Benediktinerabtei weiter. Im Museumszentrum von Kloster Lorsch werden die dabei gewonnenen Erkenntnisse nach und nach dokumentiert. Wie die einstmals mächtigste Abtei im Karolingerreich vermutlich ausgesehen hat, kann aber auch so nachempfunden werden - in der virtuellen Welt der Computer. Ein Knopfdruck und man „fliegt” mit einer imaginären Kamera durch die Gebäude. Nach Bränden, Zerstörungen und weitgehendem Abriß ist ja außer der berühmten Tor- oder Königshalle kaum etwas von den eigentlichen Bauten stehen geblieben.

Anhand der rechnergestützten Animation von Texten, Karten, Modellen und lebensgroßen Szenen aus dem Leben der Mönche werden grundlegende Informationen gegeben zur Geschichte des karolingischen Großreichs und der Funktion von Kirche und Klöstern für dessen geistige, politische und ökonomische Entwicklung. Daneben kommt die besondere Bedeutung von Lorsch zur Geltung. Das einzigartige „Kataster“ des Lorscher Codex wird ebenso im Faksimile gezeigt wie zwei der bedeutendsten mittelalterlichen Handschriften: das ganz in Goldtinte geschriebene Lorscher Evangeliar und der Lorscher Roulus. Diese Heiligenlitanei gilt als die älteste liturgische Buchrolle des Abendlands.

Die jüngere, profane Entwicklung der im Schatten des Klosters entstandenen Gemeinde Lorsch wird in zwei weiteren Abteilungen des Museumszentrums gezeigt. Das bekannte Tabakmuseum hat nach den beengten Verhältnissen im Rathaus einen adäquaten Ort im Eingangsbereich auf der Empore gefunden. Erst jetzt kommt frei stehend die „größte Pfeife der Welt“ richtig zur Geltung. Und endlich hat die volkskundliche Abteilung des Hessischen Landesmuseums von Darmstadt geeignete Räumlichkeiten erhalten. Die Darstellung von Alltag, Brauchtum und Handwerk der vergangenen Jahrhunderten ist nach modernsten visuellen und akustischen Kriterien konzipiert.

 

Im Schatten der berühmten Lorscher Königshalle haben sich drei Museen unter dem Dach des Museum zentrums zusammengeschlossen. Das Tabakmuseum dokumentiert die Geschichte des Tabakanbaus, der in Südhessen über 300 Jahre betrieben worden ist. In Lorsch wurde erstmals Ende des 17. Jahrhunderts Tabak angebaut. Die letzte Zigarrenfabrik schloss 1983 ihre Pforten. Die Ausstellung des Heimat- und Kulturvereins zeigt zum Trocknen aufgehängte Tabakblätter, Werkzeuge und Maschinen. Auch Exotisches wie ein Meerschaum-Zigarrenhalter oder die Bruyere-Pfeife gehören zu den Exponaten.

Die Alltagskultur in Hessen ist Schwerpunkt des Museums für Volkskunde. Themen sind die holzverarbeitenden Handwerke in den hessischen Mittelgebirgen. Zu sehen ist außerdem volkstümliche Keramik, Ton- und Steinware aus Mittel- und Südhessen.

Die klostergeschichtliche Abteilung, die jetzt den Lorscher Codex zeigt, ist kein Museum im herkömmlichen Sinne, denn die meisten der Exponate sind Nachbildungen, Repliken und Karten. Im Museum erläutern Texte, Karten und großflächige Modelle die engen Verflechtungen zwischen Politik und Kirche, Herrscher und Kloster.       

 

Die Tabakscheunen in der Nähe von Lorsch an der Straße nach Einhausen sind gerade unter Denkmalschutz gestellt worden. Inmitten der Felder stehen zwei lange, mehrgeschossige Holzscheunen mit Lüftungsklappen zum Trocknen des Tabaks, sie sind kaum zu übersehen. Denn in der warmen Rheinebene mit sandigen, humusreichen Böden wird die ursprünglich m den Anden beheimatete Tabakpflanze seit 300 Jahren angebaut. Wer zwischen Lampertheim, Hockenheim und Schwetzingen offenen Auges unterwegs ist, wird hier und da Felder mit den stattlichen zwei Meter hohen Tabakpflanzen entdecken, deren Anbau, Verarbeitung und Konsum das überregional ausgerichtete Tabakmuseum Lorsch dokumentiert.

Der Tabakanbau war mühsam: Die Tabaksamen winzig klein - 12.000 Samenkörner wiegen gerade ein Gramm -, die Pflege der feucht zu haltenden Pflanzen aufwendig, vor allem, bevor es Beregnungsanlagen gab. Geerntet werden die klebrigen, teerigen Blätter je nach Reifegrad von Ende August bis Oktober, und zwar von unten nach oben - alles Handarbeit, wie großformatige historische Fotos zeigen. Bevor es Tabaknähmaschinen gab, saßen Frauen und Kinder stundenlang in geselliger Runde beim Auffädeln, Blatt für Blatt, um die „Bandelieren“ im Trockenschuppen aufhängen zu können.

Auch Verkauf der Rohware, Tabakverarbeitung und -herstellung in örtlichen Zigarrenfabriken werden im Museum dargestellt. Zwar erleichterten im Laufe der technischen Entwicklung Maschinen einzelne Arbeitsvorgänge, gute Zigarren allerdings werden bis heute von Hand gemacht.

Das Zigarrenmachen ist eine Kunst, ein wohlgehütetes Geheimnis ihrer Produzenten. Drei Faktoren seien wichtig für eine gute Zigarre, erklärt Museumsleiter Reinhard Diehl: „Sie muß ein gutes Brennverhalten haben, ihre Asche muß weiß sein und lange gehalten werden.“

Allerdings fehlt, laut Diehl, dem heimischen Tabak die tropische Sonne. Deshalb führten die Zigarrenfabriken bessere Übersee-Tabake ein und mischten den heimischen lediglich bei. Seit 1983 gibt es in Lorsch keine Zigarrenfabrik mehr, die letzte in Lampertheim schloß 1994. Heute gehe der Tabak, überwiegend die Sorte Badischer Burley, in erster Linie an die Zigarettenmarke Rothändle.

Das Lorscher Museum informiert auch über sozialgeschichtliche Hintergründe und überrascht mit einer Vielfalt kultur- und kunstgeschichtlich wertvoller Gegenstände rund um den Tabak, nicht nur zum Rauchen, vielmehr auch zum Schnupfen und Kauen: große Kautabaktöpfe, feinste Schnupftabakdosen aus Silber, Holz, lackiertem Pappmaché, Horn, Muscheln, wohlgehütete Familienerbstücke. Auch Kurioses wie Schnupftabakdosen in Toilettenform oder Treffendes in Form eines Sarges, auf dessen Deckel ein Raucher liegt.

Zu sehen sind Pfeifen aller Art, dabei auch exotische Exemplare wie Wasserpfeifen und einfache Indianerpfeifen. Die wertvollsten Ausstellungsstücke: filigran geschnitzte, weiße oder vom Gebrauch bereits gebräunte Meerschaumpfeifen. Pfeifen prominenter Raucher fehlen nicht: Herbert Wehner, Helmut Kohl. Jetzt sind wir an Helmut Schmidt dran, verrät Diehl. Neben Tabak, Pfeife, Fidibus wird eine Fülle an Raucher-Accessoires gezeigt, vom Zigarrenhalter bis zu Rauchergarnituren, Notwendiges und Nippes, je nach Mode der jeweiligen Zeit.

Sogar ein komplettes Tabakgeschäft mit einer Einrichtung von 1903 beherbergt das Museum seit 1999. Im Laufe des 20. Jahrhunderts allerdings hat die lässige, so praktische Zigarette die gemächlicheren und umständlicheren Arten des Rauchens verdrängt. Schließlich ist das Rauchen einer Zigarre ein Ritual von einer Stunde. Doch die Zigarre liegt wieder im Trend, hat Reinhard Diehl gemerkt, denn es sei wieder „in“, das Leben zu genießen, sich bewußt Zeit zum Rauchen nehmen.

Das Tabakmuseum im Museumszentrum Lorsch im Klosterbezirk ist täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen drei Euro, Kinder einen Euro. Infos im Internet unter: w-ww.kloster-lorsch.de.

 

Stadt:

Die katholische Pfarrkirche St. Nazarius ist von 1725, der Hochaltar um 1750 entstanden.

Das Rathaus ist von  1715, ein prächtiges Fachwerkbau mit drei Erkern, im Inneren enthält es idealisierende Ausmalungen zum Nibelungenlied. Unter den Fachwerkhäusern ragt die alte Apotheke (1717) hervor.

 

Unesco-Kulturerbe

Das ehemalige Lorscher Reichskloster wurde vor genau zehn Jahren 1991 in die begehrte Liste aufgenommen - als bislang einzige historische Stätte in Hessen. Der erste Blick gilt der Königshalle mit ihrer farbigen Fassade und den drei Torbogen. Das prachtvolle Gebäude, das zu den bedeutendsten Relikten karolingischer Baukunst in Deutschland zählt, ist jedoch nur ein Teil jenes Komplexes, der zum Weltkulturerbe der Unesco, gehört. Hinter dem restaurierten Schmuckstück liegt das eigentliche Zentrum des ehemaligen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Knotenpunkts im frühmittelalterlichen Europa, oder vielmehr: das, was davon übrig geblieben ist.

Von der einst so mächtigen Benediktinerabtei ist nur noch ein romanischer Kirchenrest zu sehen. Mit Hecken und Steinen hat man die alten Umrisse der Klosterkirche markiert, um den Besuchern einen Eindruck vom einstigen Ausmaß der Anlage zu vermitteln. Durch das Studium überlieferter Schriften und durch Grabungen weiß man, daß der Komplex um 1150 seine größte Ausdehnung hatte. Die dreischiffige Basilika, Kreuzgang, Atrium und die Klausurgebäude der Mönche sind als Computersimulation im benachbarten Museumszentrum zu sehen.

Das Kloster Lorsch hat bisher als einziges historisches Baudenkmal in Hessen den Sprung in die Weltkulturliste geschafft. Lediglich die Grube Messel genießt als Weltnaturerbe das gleiche Privileg. Zwar ist das Prädikat nicht mit einer finanziellen Förderung verbunden, doch die prestigeträchtige Auszeichnung gereicht den Kulturstätten alles andere als zum Nachteil: Es ist schon etwas Besonderes, zum Kulturerbe der Menschheit zu zählen, sagt der Kulturreferent der deutschen Unesco-Kommission, Roland Bernecker. Das habe nicht nur eine hohe Attraktivität für Sponsoren und andere Geldgeber, sondern steigere auch die Besucherzahlen. So habe die Altstadt von Lyon nach ihrer Eintragung in die Liste ihre Besucherzahlen um 15 Prozent erhöht.

Zwar kann sich das abseits gelegene Lorsch nicht mit Publikumsmagneten wie den Pyramiden von Ägypten oder der Chinesischen Mauer messen, doch auch das Fachwerkstädtchen hat vom Weltkulturerbe auf seinem Terrain profitiert. In den vergangenen sieben Jahren hat sich die Besucherzahl verzehnfacht, sagt der Leiter des Museumszentrums, Hermann Schefers. Zwischen 25.000 und 30.000 Menschen lassen sich pro Jahr durch das 1995 eröffnete Zentrum führen, das drei Museen unter einem Dach vereint (Klostermuseum, Tabakmuseum und Museum für Volkskunde). Hinzu kommen all jene, die sich die Königshalle und die Reste der alten Klosteranlage anschauen, ohne das angegliederte Museum zu betreten.

Neben zahlreichen Grabungen rund um die Mauern des alten Klosters hat das Land Hessen seit Mitte der 80er Jahre kräftig in die Restaurierung der Königshalle investiert. Unter anderem wurden die karolingischen Wandmalereien rekonstruiert, die die Wände im Innern des Torhauses schmücken. In den nächsten drei Jahren gibt es nach Angaben Schefers noch einmal drei Millionen Mark für eine bessere Vernetzung der Einzelangebote am Kloster Lorsch.

Die Arbeiten an der Königshalle sind fast beendet.

 

Codex

Der Lorscher Codex wurde vom 7. August bis 30. September 2001 im Museumszentrum Lorsch ausgestellt. Er wird heute in Würzburg aufbewrahrt. Geschrieben wurde er jedoch im 12. Jahrhundert im Kloster an der Weschnitz.

Das geschichtliche Gedächtnis der einstigen Abtei verbirgt sich zwischen zwei kräftigen, lederüberzogenen Buchenholzdeckeln. Der erste Teil des Lorscher Codex, der sogenannte „Chronicon Laureshamense“, enthält Auszüge aus fast 4.000 Urkunden, die eine beeindruckende Übersicht über die einstigen Besitzverhältsse und die Entwicklung des Hausklosters der Karolinger bieten.

Die Überlieferung der zahlreichen Schenkungen an das Kloster wiederum dient heute vielen Städten und Gemeinri als Nachweise ihrer Gründung. Die Besonderheit des Codex liegt darin, dass keine einzige der in ihm aufgelisteten Urkunden im Original erhalten ist.

Der Einflussbereich des 746 erstmals erwähnten Klosters Lorsch reichte von der heute niederländischen Nordseeküste bis in die Baseler Gegend. Die größte Konzention Lorscher Besitzungen habe jedoch im Rhein-Neckar- Raum gelegen.

Einen „riesigen Rummel“ hat  das Museum zuletzt 1999 gehabt, als das Lorscher Evangeliar gezeigt ist. Das kunstvoll ausgestattete, ganz in Goldtinte geschriebene Buch mit Elfenbeindeckeln gilt als eine der bedeutendsten Prachthandschriften aus dem Hofskriptorium Karls des Großen. Der Lorscher Codex ist zwar nicht ganz so spektakulär, aber dennoch nicht weniger interessant. Denn die Handschrift dokumentiert die ökonomischen Grundlagen des Klosters. Ebenso wie das Lorscher Evangeliar und das Lorscher Totenbuch, das vermutlich 2002 ausgestellt wird, markiert der Lorscher Codex einen Eckpfeiler des Selbstverständnisses des Konvents.

Der (vorübergehende) Umzug des Codex von Würzburg ins Lorscher Museumszentrum ist nichts gegen die Odyssee der Handschrift in den vergangenen Jahrhunderten. Man nehme an, dass das Buch zusammen mit anderen Archivalien nach dem Tod des letzten Prämonstratenserpropstes im Jahr 1555 nach Heidelberg gebracht worden sei. Aus der Stadt am Neckar, wo die Handschrift von dem gelehrten Hofhistoriker Kurfürst Friedrichs II., Thomas Leodius, benutzt worden sei, sei der Codex Mitte des 17. Jahrhunderts nach Mainz gelangt. Später sei das Verzeichnis, vermutlich in den Wirren der Französischen Revolution, nach Aschaffenburg ausgelagert worden. Doch dann kam das Ende des Alten Reiches und der Codex gelangte ins Staatsarchiv nach Würzburg.

 

Nonnenkloster Hagen:

Weitgehend unerforscht ist die dritte monastische Siedlung im Süden der Lorscher Gemarkung beim ehemaligen „Seehof“. Das Nonnenkloster Hagen - dieser Name wird in der neuzeitlichen Literatur benutzt - tritt in den wenigen urkundlichen Erwähnungen mit den Bezeichnungen zum „Hane“, „Hain“, „Hagen“ und „Hegene“ auf. Minst - der Obersetzer des Codex ins Deutsche - versieht die Abstammungstafel des Abtes Sigehard (Abt von 1167- 1198) auf Seite 46 mit einem besonderen Vermerk: „Uta von Calw, geb. um 1055, 1130 Stifterin von Hegene“. Der Codex nennt Hagen nur zweimal (Urk. 157 und Vermerk 164), was wohl darauf zurückzuführen ist, daß das Nonnenkloster im Lobdengau, die beiden anderen Lorscher Klöster aber im Oberrheingau lagen. So ist auch erklärlich, daß die verbliebene Überlieferung einer Weihe im Jahre 1141 durch den Bischof von Worms erfolgte, da dieser Nachfolger der Gaugrafen des Lobdengaues war. Noch heute ist ein über ein Jahrtausend unveränderter Waldweg erhalten, das sogenannte Lampertheimer Gescheid, der die Gaugrenze bildete (siehe die Übersichtskarte im vorderen Teil des Heftes).

Auf der leichten Bodenerhebung, welche einst die Klosteranlage trug, ist heute nur noch der Rundbau eines Hirtenhäuschens (Bruchhäuschen) zu sehen, das als Unterstand der Pferdehirten aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts stammt. H. Gieß hat im Nachgang zu seinen Ausgrabungen von 1904 durch J. Maier, Heppenheim, im August des gleichen Jahres den Kirchengrundriß zeichnen lassen (siehe Abbildung).

Wertvollste Steinmetzkunst zeigt der im Lapidarium des Hauptklosters zu sehende „Seehofer Sarkophag“, auf dessen Seitenwänden das christliche Kreuz von zwei germanischen Runen (Zeiten- oder Lebensbäume) flankiert wird. Er wird zwischen 600 und 800 n. Chr. datiert. Sollte Hagen doch der älteste Lorscher Klosterstandort sein?

 

 

Oppenheim

Im Stadtbild überwiegt das barocke Element aus der Zeit des Wiederaufbaus nach der Brandkatastrophe von 1689. Die ursprünglich getrennten Siedlungsbereiche um den ehemaligen Königshof, die Burg und die beiden Märkte wurden erst seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts rechtlich und durch eine gemeinsame Stadtbefestigung tatsächlich zusammengefaßt. Kaiser Friedrich II. verlieh der Stadt Sonderprivilegien (zwei Großhandelsmessen, teilweise Abgabenfreiheit).

Parken kann man wenn man durch die Stadt am Marktplatz vorbei fährt und dann nach links in die Spitalstraße abbiegt. Sehenswert sind in der Stadt ein Stadttor, der Marktplatz mit unterirdischen Kellergewölben und die Bartholomäuskiriche unterhalb des Marktplatzes.

 

Das Bauwerk, das der Kunstkenner mit dem Namen Oppenheim verbindet, ist die gotische St.‑Katharinen‑Kirche aus leuchtend rotem Sandstein, berühmt vor allem wegen ihrer Radfenster Rose und Lilie. Die Katharinenkirche  ist der bedeutendste gotische Kirchenbau zwischen Straßburg und Köln. Sie wurde gegründet im Zuge der 1226 begonnnen Stadterweiterung, 1258 wurde sie zur Pfarrkirche der Neustadt, 1317 zum Kollegiatstift erhoben. Der Bau wurde um 1220 begonnen und 1439 beendet. Dies geschah in vier Abschnitten: Romanisch ‑ frühgotisch ‑ hochgotisch ‑ spätgotisch.

Dieses in mehr als 200 Jahren entstandene Gottes­haus dokumentiert die reiche Vergangenheit der einstigen freien Reichsstadt. Mehrmals in Teilen zerschlagen, entstand es immer wieder neu, selbst nach den Zerstörungen des Drei­ßigjährigen Krieges und des Pfälzischen Erbfolgekrieges, meist unter größten Entbehrungen der Bevölkerung.

Die Südseite des Bauwerks hat reichen Maßwerkschmuck der hochgotischen Zeit. Rose und Lilie sind deutlich zu erkennen. In den spitzen Giebeln darüber (wo das Schiefer­dach beginnt) ist - von rechts nach links ‑ das Reifen des Lebens bei Menschen und Pflanzen dargestellt. Jewiels in der Mitte der Giebel: Vorn Jüng­ling zum Mann. Jeweils am Rande der Giebel: Von der Knospe zur Rose. Der zweite Manneskopf von links stellt den früheren Bundespräsidenten Theodor Heuss dar, 1958 ge­staltet (Beispiel für das Alter)..

 

Die Fenster von innen ‑ von rechts nach links:

1.)  Das Lilienfenster, nach dem Grundriß einer Lilie gestaltet. Im Mittelalter galt sie als Zeichen der Reinheit. Neuverglast 1937. Eine Lutherrose ist in der Mitte. Das mittlere Fenster ist nur farbig gestaltet ohne Motive. Links davon:

2.)  Die berühmte „Oppenheimer Rose“, nach dem Grundriß einer Heckenrose gestaltet; die Rose als Zeichen der Liebe. In der Mitte das Wappen der freien Reichsstadt Oppenheim. Das Glas in den Grundfarben der Gotik: Gold, rot und blau. 90 Prozent altes Glas aus dem 14. Jahrhundert.

3.)  Das Grabmal der Eheleute Johann von Dalberg und Anna von Bickenbach, gestorben 1415. Sie waren ein bekanntes Adelsgeschlecht, das in Oppenheim seinen Sitz hatte.

4.)  Das Reformationsfenster, gestiftet 1889 aus An­laß der ersten großen Renovierung der Kirche, 200 Jahre nach der teilweisen Zerstörung von 1689.

5. )  Grabmal Wolf von Dalberg des Jüngeren (gestorben 1522) und seiner Gemahlin Agnes von Sickingen (gestorben 1517).

6.)  Über dem Altar das Passionsfenster, zum großen Teil aus altem Glas. Rechts davon ein biblisches Fenster, links das Wappenfenster.

7.)  Der Taufstein von 1888 wurde gestiftet von Wilhelm Wallot aus Oppenheim, nach einem Entwurf seines Sohnes Paul Wallot, der den Reichstag in Berlin erbaute.

8.)  Links vom Altar in der Seitenkapelle befindet sich das berühmte Grabmal der Anna von Dalberg, Tochter der Eheleute Dalberg‑Bickenbach, ge­schaffen von einem Meister der Spätgotik um 1420 (insgesamt drei Steine)..

9.)  Über dem Grabmal zwei Fenster mit der Darstellung der Reformatoren Calvin, Zwingli, Luther und Melanchthon aus dem Jahre 1889. Darüber: Die Austeilung des heiligen Abendmahl und die Trauung Martin Luthers.

10.) Grabmal Wolf von Dalberg (gestorben 1476) und seiner Ge­mahlin Gertrud von Greiffenklau (gestorben 1502).

11.) Bibelfenster aus dem Jahre 1520. Die Scheiben im Mittelteil zählen zu den kostbarsten Fenstern der Kirche.

12.) Grabmal Friedrich von Dalberg (gestorben 1506) und Katharina von Gemmingen (gestorben 1517).

13.) Darstellung von Gott‑Vater, Maria und dem Jesuskind. Die Fenster dieser Nordseite sind zu 80 Prozent aus altem Glas (14 Jahrhundert).

14.) Darstellung von sechs biblischen und frühchristlichen Heiligen (14. Jahrhundert).

15.) In dem Hauptschiff darüber befindet sich das Elisabethenfenster. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, mit gleichem Thema 1962 neu gestaltet. Elisabeth von Thüringen reicht den Armen Brot. Umgeben von biblischen Darstellungen der gött­lichen Barmherzigkeit.

16.) Darstellung des Urteils Salomos (Reste vom 14. Jahrhundert).

17.) Im Obergaden (höchste Stelle in der Mitte der Kirche) Dreikaiserfenster (Wilhelm I., Friedrich Wilhelm, und Wilhelm II.) von 1906.

18.) Das Gebet Jesu Christi in Gethsemane. „Es geschehe dein Wille“ (14. Jahrhundert).

19.) Freitragende Treppe, 13. Jahrhundert.

20.) In der südlichen romanischen Turmhalle das Grabmal des Ritters von Hantstein, kaiserlicher Kriegsrat von Oppenheim, der 1553 starb. Hochrenaissance.

21.) Orgel von 1871, auf der Max Reger und Albert Schweitzer öfters spielten. Renoviert 1959 und 1971. „Spanische Trompeten“ ragen horizontal heraus (?).

22.) Durch das „Verkündigungsportal“ in den Westchor der Kirche. Das Portal zeigt im oberen Teil die Verkündigung der Geburt Jesu an Maria ‑ und den Satz aus dem Glaubensbekennt­nis: „Empfangen durch den heiligen Geist“.

23.) Im Spitzbogen ist ein Pelikan eingemeißelt, der sich die Brust aufstößt, um mit seinem Blut die Jungen zu nähren. Ein Symbol für das Opfer Christi am Kreuz.

23.) Westchor mit dem Netzgewölbe. Erbaut 1415 bis 1439, zerstört bei der Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen, Neueinwölbung 1934 – 1937. Neue Farbverglasung in den nächsten Jahren.

24.) Stadtfenster mit der Darstellung der Geschichte Oppenheims (1980).

25.) Grabmal Eberhard Ludwig von Schmittburg, gestorben 1783.

26.) Grabmal Heinrich zum Jungen und Gisel von Wickers­heim, gestorben 1437.

27.) Grabmal Hans von Wolfskehl, gestorben 1518.

28.) Grabmal Katharine von Kronberg.

29.) Weinbergsfenster (Darstellung biblischer Wein­bergsgleichnisse und der Arbeit des Winzers, 1981).

30.) Grabmal des Chorherren Reyrner (gestorben 1477).

31.) Grabmal Wolf Heinrich von Sturmfeder (gestorben 1598) und Gemahlin.

32.) Heilig‑Geist‑Fenster (Farbverglasung 1977).

32a) Evangelistenfenster I  (1988,)

33.) Schöpfungsfenster (Farbverglasung 1977).

34.) Christusfenster (Farbverglasung 1977).

34a) Evangelistenfenster II (1986)

35.) Zwei Grabmäler aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

36.) Grabmal des Chorherrn Johannes Droneck (gestorben 1524).

37.) Alte Wasserspeier der Kirche.

38.) Gleichnisfenster (Farbverglasung 1984).

40.) Außen ist noch ein Wasserspeier (Jona) zu sehen.

 

Wenn an rechts um die Kirche herumgeht, kommt man zu verschiedenen Kellern, unter anderem mit einem Lapidarium. Vor allem aber steht hier die Michaelskapelle mit einer kleinen Ausstellung von Bibeln und Steinmetzarbeiten, z.B. mit Duplikaten der Köpfe, die die einzelnen Lebensalter darstellen.

Im Erdgeschoß enthält die Kapelle das noch gefüllte Beinhaus, in dem die Gebeine von etwa 20.000 Oppenheimer Bürgern aus den Jahren 1400 bis 1750 und Soldaten des 30jährigen Krieges ruhen. Das Ossuarium wurde wahrscheinlich um 1400 eingerichtet, als ein Teil des kirchlichen Friedhofs dem Anbau des Westchors weichen mußte. Die Gräber wurden damals ausgehoben, die sterblichen Über­reste in das Gewölbe unterhalb der Mi­chaelskapelle auf der Nordseite der goti­schen Kathedrale gebracht.

Die aus der Not geborene Idee machte Schule. Denn auf dem Friedhof um die Katharinenkirche wurde es langsam eng: Ein Bürgerrecht garantierte den Oppen­heimern, daß sie in der geweihten Erde an oder in der Kathedrale bestattet wer­den. Ein Privileg, auf das kein Bürger verzichten mochte. Der Bereich in und um die Katharinenkirche galt als heiliges Land, die Kathedrale als „irdisches Jeru­salem“: Wer hier bestattet wurde, konnte nach der damaligen Vorstellung besonders sicher sein, „am Jüngsten Tag mit von der Partie zu sein“.

Das brachte die Zuständigen in ein Dilemma, das die Einrichtung des Beinhauses löste. Seit 1400 wurden die Gräber nach zehn Jahren Ruhezeit geleert, die Knochen in das Beinhaus, das zum Kirchenbereich gehörte, umge­bettet. Um die Verwesung voranzutreiben, seien die in Leintücher gehüllten Toten flach unter der Erde bestattet worden, in nur 40 Zentimeter Tiefe, ohne Sarg.

Nach Ablauf der Frist blieben Schädel, Becken‑ und Beinknochen übrig, die im Ossuarium zum gruseligen Stapel ge­schichtet wurden. Egal ob Arm oder Reich, Frau oder Mann ‑ jeder Oppenhei­mer, der außerhalb der Kirche bestattet worden war, fand hier seine letzte Ruhe: Am Beinhaus herrschte soziale Gerechtig­keit. Das Oppenheimer Bürgerrecht auf Bestattung auf dem Kirchhof überlebte Reformation und Kurpfälzischen Calvi­nismus. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts setzten die Stadtväter aus hygienischen Gründen dem Brauch und damit der Nut­zung des Beinhauses ein Ende.

Im Jahre 1750 erkannten die Bürger, daß die flach vergrabenen Leichen das Grundwas­ser verseuchten und die Brunnen im unte­ren Teil der Stadt vergifteten.. Ein neuer Friedhof vor den Toren der Stadt würde angelegt. Die Lebenden waren dann doch wichtiger als die Toten. Und die aufgeklärten Christen der Neu­zeit hatten sich zudem längst von den kindlich‑naiven Auferstehungsvorstellun­gen des Mittelalters verabschiedet.

Der Knochenstapel im Oppenheimer Beinhaus wurde aber nie beseitigt. Während die meisten anderen Ossuarien des Rheinlands aus hygienischen Gründen geräumt und die sterblichen Überreste bestenfalls der Erde zugeführt wurden, blieb das der Katharinenkirche bis heute unangetastet. „Wir halten uns an das alte Versprechen!“ Und so können Besucher der Oppenheimer Katharinenkirche im Beinhaus der Michaelskapelle ein wenig gru­seliges Mittelalter schnuppern ‑ bis zum Jüngsten Tag'

Kathedrale und Beinhaus in Oppenheim, sind täglich im Winter von 9 bis 17 Uhr und im Sommer von 8 bis18 Uhr zu besichtigen. Führungen bietet Küster Betcher täglich, außer montags, nach Absprache, Telefon 06133/92 6685.

 

Über der Stadt erhebt sich die seit dem 15. Jahrhundert „Landskron“ genannte Burg. Sie war durch Wehrmauern mit der Stadtbefestigung verbunden. Als die Staufer sie zum Schutze ihrer Reichsgüter in diesem Gebiet errichteten, war bereits ein umfangreiches Kapitel von Oppenheims Geschichte abgeschlossen, als römischer Stützpunkt, weingesegnetes karo­lingisches Königsdorf, Besitztum des Klosters Lorsch. Die Burg wurde 1689 von den Franzosen in Brand gesteckt und der Bergfried des 13. Jahrhunderts sowie die Stadtbefestigung gesprengt. Erhalten sind von der Burg nur noch die Umfassungsmauern des im 16. Jahrhunderts erbauten dreigeschossigen Palas.

 

 

Mainz

Auf mehr als 2000 Jahre bewegte Geschichte blickt rheinland-pfälzische Landeshauptstadt zurück. Kanzler, Erzbischöfe und Johannes Gutenberg prägten sie genauso wie das rheinische Temperament seiner Einwohner und seit 1961 das Zweite deutsche Fernsehen auf dem 200 Meter hohen Lerchenberg.

Bereits um 38 vCh gründeten die Römer am Zusammenfluss von Rhein und Main ein Militärlager. 25 Jahre später wurde „Moguntiacum“ erstmals urkundlich erwähnt. Strategisch wichtig, da am Schnittpunkt alter Völkerstraßen. blieb Mainz auch im Mittelalter. Im 8. Jahrhundert machte der hl. Bonifatius Mainz zum Sitz seines Erzbistums und legte damit den Grundstock für den weiteren Auflsteg der Stadt. Fortan residierten Erzbischöfe und. ab dem 10. Jahrhundert auch Erzkanzler im „Goldenen Mainz“. Repräsentative Bauten, darunter im 11. Jahrhundert der Dom. entstanden. und die reichste und wichtigste jüdische Gemeinde Europas siedelte sich hier an. Als zwischen 1452 und 1455 Johannes Gensfleisch zum Gutenberg die nach ihm benannte Gutenberg-Bibel zum ersten Mal in lateinischer Sprache druckte, waren die Erzbischöfe schon längst zu weltlichen Kurfürsten aufgestiegen. Das 17. und 18. Jahrhundert bescherte Mainz unter den Erzbischöfen von Schönborn eine weitere Blüte sowie zahllose, bis heute erhaltene barocke Gebäude. Mittlerweile leben in der Landeshauptstadt fast 200.000 Einwohner, die sich in der Altstadt mit ihren pittoresken Gassen und Winkeln, faszinierenden Fachwerkhäusern, sakralen Bauten und den vielen Weinstuben genauso wohl fühlen wie die zahlreichen Besucher.

Mainz gehörte zu den wichtigsten Außenposten des römischen Reiches im Norden, war zeitweise Frontstadt des römischen Reiches, zentraler Verwaltungssitz für die Provinz Germania superior, die sich von Koblenz bis zum Genfer See erstreckte. In Mainz prallten die Kulturen der Römer und der Germanen aufeinander. Das römische Mainz war Drehscheibe zwischen der römischen Kultur und dem „Babaricum“, dem Land der Barbaren.

Die Stadt Mogontiacum (Mainz) gehört zu der Handvoll Städte in der Bundesrepublik, deren  Gründungsdatum vor mehr als zwei Jahrtausenden war. Imageprägend für Mainz waren (und sind) jedoch nicht die Römer, sondern eher der Karneval und das ZDF. Selbst der Kaiserdom steht weniger für Mainz als die helau-selige Fünfte Jahreszeit.

Im Jahre 346 ist erstmals ein Bischof in Mainz beurkundet. Der heilige Bonifatius hat mit der Übernahme des Bischofsstuhls die über tausendjährige Epoche des „Goldenen Mainz“ einleitet. Und außerdem ist da ja noch Gutenberg, der Erfinder der Druckkunst, der von den Amerikanern gekürter „Mann des Jahrtausends“.

 

„Wie kamen die Datteln in die römische Militärbastion Mainz? Gab es in Mainz eine Art PX, wie ihn das US-Militär weltweit hat, der Römer-Legionen mit heimischen mediterranen Produkten versorgt hat?“ Denn Mainz gehörte zu den wichtigsten Außenposten des römischen Reiches im Norden, war zeitweise Frontstadt des römischen Reiches, zentraler Verwaltungssitz für die Provinz Germania superior, die sich von Koblenz bis zum Genfer See erstreckte. In Mainz prallten die Kulturen der Römer und der Germanen aufeinander.

Denn das römische Mainz, erläutert Ungeheuer, Vorstand der Glaswerke Schott, war Drehscheibe zwischen der römischen Kultur und dem „Babaricum“, dem Land der Barbaren, und braucht heute engagierte Fürsprecher. In Mainz wurde die erste feste Brücke über den Rhein gebaut, und in Mainz wurde vor drei Jahren bei Bauarbeiten in der Innenstadt ein Heiligtum des Volksglaubens entdeckt, eine Opfer- und Kultstätte. Als dies wieder verschütt gehen sollte, wie so viele Römerrelikte der vergangenen Jahrhunderte in Mainz, da gründete sich die „Initiative Römisches Mainz“, um das römische Erbe zu bewahren, zu pflegen und zu fördern.

In Mainz gibt es viel aus Römertagen zu entdecken. Aber manches, stellte die Initiative fest, ist mehr als lieblos präsentiert, fast verborgen. Nicht einmal einen ordentlichen, halbwegs aktuellen Führer durchs Römische Mainz gab es. So legte die Initiative zum Tag des offenen Denkmals 2001 einen kleinen Führer mit dem Titel „Streifzüge durch das sichtbare römische Mainz“ auf. Die zeigte die „Römersteine“, die Relikte einer alten Wasserleitung, die das Heerlager auf dem Kästrich versorgte, den Drususstein, steingemauerte Erinnerungsstätte an den Heerführer Drusus, Stiefsohn des Kaisers Augustus, der in Mainz starb.

Dabei liegt in Mainz das nachweislich größte römische Bühnentheater nördlich der Alpen. Die Spielstätte, Ort der jährlichen Drusus-Staatsgedenkfeiern, hatte eine Bühnenbreite von 42 Metern. Der 116 Meter breite Zuschauerraum faßte mehr als 10.000 Besucher. Allein dieser Bau unterstrich die zentrale Rolle, die das römische Mainz einst hatte. Das Theater, das im 19. Jahrhundert schon einmal ausgegraben werden sollte, wird seit Jahren von vielen freiwilligen Helfern freigelegt. Die Helfer melden sich zu Wochenend- oder Ferienschichten und begeistern sich für die Geschichte unter dem Stadtboden. Rupprecht träumt von einer Teilrekonstruktion in einem Theater-Segment, damit nicht immer per Hand gezeigt werden müsse, wie hoch sich die Ränge erstreckt haben. Zur Zukunftsmusik gehört auch, daß der Südbahnhof so gestaltet wird, daß aus den vorbeifahrenden Zügen ein Blick in das Theaterhalbrund möglich ist.

Die römische Wasserleitung soll zumindest in zwei Bögen rekonstruiert werden, um eine Vorstellung von der Baukunst der Römer und ihrem handwerklichen Können in der Grenzstadt Mainz zu geben. Aber nicht immer sind es die großen Monumente, um die sich Geschichten ranken.

Im Isis-Tempelbezirk fand man eine kleine Tonfigur - eindeutig als Mann ausmachen. Diese Figur war rituell zerbrochen und wie bei einem Voodoo-Zauber durchstoßen und gedreht gebettet. Für die Archäologen ist klar - eine verwünschte Person. Ein Rätsel mehr im Mainzer Boden.

Römisches Andenken, das sind auch solche Terrakotta-Figuren aus dem einmaligen heiligen Bezirk römischer Volksgläubigkeit in Mainz. Wie schwer es ist, gute Ideen umzusetzen, zeigt der Südbahnhof in Mainz, der wie ein lange vergessener, abgenutzter und vernachlässigter Bahnhalt aussieht, aber bald modernisiert werden soll. Der Bahnhof soll künftig „Mainz - Römisches Theater“ heißen, um auf den einmaligen Theaterbau hinzuweisen. Denn als die Bahn im späten 19. Jahrhundert durch Mainz gebaut wurde, da führten die Gleise mitten durch die Theateranlage.

Die Stadt Mogontiacum (Mainz) gehört zu der Handvoll 2000er Städte in der Bundesrepublik - Gründungsdatum vor mehr als zwei Jahrtausenden. Imageprägend für Mainz waren (und sind) jedoch nicht die Römer, sondern eher der Karneval und das ZDF. Selbst der Kaiserdom steht weniger für Mainz als die helau-selige Fünfte Jahreszeit. Und außerdem ist da ja noch Gutenberg, der Erfinder der Druckkunst, von den Amerikanern gekürter Mann des Jahrtausends. Das Stadtmarketing, so die Kritiker, hat sich bislang stets des eingefahrenen Stadtbildes bedient: Karneval statt Römer. Dabei verfügt Mainz über eine Vielzahl interessanter Plätze mit römischer Vergangenheit und manchmal neu zu konzipierender musealer Präsentation - vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) bis zum Römerschiffmuseum (Museum für antike Schiffahrt). In einer neuen Einkaufspassage in der Innenstadt („Römer-Passage“) kommt nun im Herbst noch eine „Taberna Archaeologica“ hinzu - Info-Bar für den „Heiligen Bezirk“ mit direkten Einblick in den Isis-Tempel. Die Römer sollen wieder stärker ins Bewußtsein der Stadt rücken und warten darauf, als Werbefaktor neu entdeckt zu werden.

 

In Mainz wurde die erste feste Brücke über den Rhein gebaut, und in Mainz wurde vor drei Jahren bei Bauarbeiten in der Innenstadt ein Heiligtum des Volksglaubens entdeckt, eine Opfer- und Kultstätte. Es gibt die Überreste einer alten Wasserleitung, die das Heerlager auf dem Kästrich versorgte, den Drususstein, steingemauerte Erinnerungsstätte an den Heerführer Drusus, Stiefsohn des Kaisers Augustus, der in Mainz starb. Es gibt das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM), das Römerschiffmuseum (Museum für antike Schiffahrt mit fünf römischen Patrouillen-Booten), im Mittelrheinischen Landesmuseum gibt es Ausstellungstücke von der Jupitersäule bis zum kostbaren Geschmeide und in einer neuen Einkaufspassage in der Innenstadt („Römer-Passage“) die „Taberna Archaeologica“ (Info-Bar für den „Heiligen Bezirk“ mit direkten Einblick in den Isis-Tempel).

In Mainz gründete sich die „Initiative Römisches Mainz“, um das römische Erbe zu bewahren, zu pflegen und zu fördern. In Mainz gibt es viel aus Römertagen zu entdecken. Aber manches, stellte die Initiative fest, ist mehr als lieblos präsentiert, fast verborgen. Nicht einmal einen ordentlichen, halbwegs aktuellen Führer durchs Römische Mainz gab es. So legte die Initiative zum Tag des offenen Denkmals 2001 einen kleinen Führer mit dem Titel „Streifzüge durch das sichtbare römische Mainz“ auf.

 

R u n d g a n g:

Mainz-Süd empfiehlt sich der Einstieg ins Schiffahrts-Museum für die 1981 geborgenen Schiffe. In ihren originalen Resten eher unscheinbar, dafür als Nachbauten um so beeindruckender, liegen die Boote in den lichtdurchfluteten Hallen der ehemaligen Großmarkthalle. Ein mit 32 Ruderern besetztes ist fertig, während an einem zweiten, vermutlich mit Pfeilgeschützen bestückten Boot vor den Augen Besucher gewerkelt wird.

Was sich nicht aus den Holzfunden erschließen läßt, bildet man an antiken Reliefs nach, die jedes Detail von Takelage oder Steueranlage festhalten. Neben Repliken geben zahlreiche Bildnisse, Grabmäler, Karten, Inschriften und ausführliche Texttafeln einen umfassenden Einblick in das römische Flottenwesen.

Vermutlich hatten die fünf im Flußsediment konservierten Rheinschiffe nie ernsthafte Feindberührung. Sie dürften bei der Katastrophe zum Jahreswechsel 406/07, als mehrere germanische Stämme in breiter Front den Rhein überschritten, noch vor dem Feindeszugriff versenkt oder schon zuvor abgewrackt worden sein (Museum für antike Schiffahrt, Neutorstraße 2 b, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr).

 

Drususstein:

Welche Bedeutung die Römer dem strategisch so günstigen Platz gegenüber der Mainmündung zumaßen, vermag man am sogenannten Drususstein zu ermessen. Das granatenförmige Monument steht heute an der linken hinteren Ecke der Kurmainzer Zitadelle aus dem 17. Jahrhundert. Vom Schiffsmuseum geht man vorbei an einem Parkplatz, unterquert die Bahnhofsgleise Mainz-Süd - zu Römischer Zeit befand sich hier ein Amphitheater mit 16.000 Plätzen - und geht nach rechts hinauf über den Zitadellenweg in den Festungsbereich. Für den im Jahre 9 nCh bei einem Pferdesturz tödlich verletzten populären Feldherrn Drusus errichteten seine Soldaten das gewaltige Denkmal von 30 Meter Höhe an exponierter Stelle. Damals wie heute bieten sich hervorragende Aussichten über das vieltürmige Mainz in den Rheingau und ins Untermaingebiet.

Von den römischen Friedhöfen ist nur erhalten der „Eichelstein“ an der Südspitze der Zitadelle, ein runder Grabturm auf vierseitigem Steinsockel.

 

Römisches Theater:

In Mainz liegt das nachweislich größte römische Bühnentheater nördlich der Alpen. Die Spielstätte, Ort der jährlichen Drusus-Staatsgedenkfeiern, hatte eine Bühnenbreite von 42 Metern. Der 116 Meter breite Zuschauerraum faßte mehr als 10.000 Besucher. Allein dieser Bau unterstrich die zentrale Rolle, die das römische Mainz einst hatte. Das Theater, das im 19. Jahrhundert schon einmal ausgegraben werden sollte, wird seit Jahren von vielen freiwilligen Helfern freigelegt. Die Helfer melden sich zu Wochenend- oder Ferienschichten und begeistern sich für die Geschichte unter dem Stadtboden. Zur Zukunftsmusik gehört auch, daß der Südbahnhof so gestaltet wird, daß aus den vorbeifahrenden Zügen ein Blick in das Theaterhalbrund möglich ist. Die römische Wasserleitung soll zumindest in zwei Bögen rekonstruiert werden, um eine Vorstellung von der Baukunst der Römer und ihrem handwerklichen Können in der Grenzstadt Mainz zu geben. Der Südbahnhof in Mainz soll künftig „Mainz - Römisches Theater“ heißen, um auf den einmaligen Theaterbau hinzuweisen. Denn als die Bahn im späten 19. Jahrhundert durch Mainz gebaut wurde, da führten die Gleise mitten durch die Theateranlage.

 

Aquädukt

Man verläßt die Zitadelle durch den Hof einer Wirtschaftsschule, überquert eine tiefgeschnittene Straße und hält sich uns am Eisgrubweg links. Weiter folgt man der Straße „Am Gautor“ nach links, die am Fichteplatz in die „Obere Zahlbacher Straße“ übergeht. Mit dem Universitätsklinikum zur Rechten, läuft man bis zu ihrem Ende. Dort heißt es rechts in den „Zahlbacher Steig“ abbiegen, dessen scharfer Linkskehre man bis zum Ausgang folgt. Etwa 50 Meter danach spaziert man über einen unscheinbaren Fußweg rechts abwärts, um gleich wieder, nach dem Queren der „Unteren Zahlbacher Straße“, leicht bergan zu gehen.

Das Legionslager für zwei Legionen auf 36 Hektar Fläche reichte vom Kästrich (oberhalb der Kupferbergstraße, durchschnitten von der B 40) bis zu den Universitätskliniken, aber heute ist davon nichts mehr zu sehen. Seit 92 nChr lag hier die „Legio XXII primigenio pia fidelis“, ihr Name ist auf vielen Inschriften zu finden. Nur vom Aquädukt gibt es noch verwitterte Pfeiler („Römersteine“) im Zahlbachtal (am Zahlbacher Steig), die ursprünglich 30 Meter hoch waren.

Die höckerartigen Gebilde am Rand des Weges sind Reste des einstmals 30 Meter hohen Aquädukts. Bei nur einem Prozent Gefälle wurde das kostbare Naß von Finthen („ad fontes“) zu einem zentralen Verteiler im Lager transportiert. Aus der täglichen Fördermenge von gut 6.000 Kubikmetern läßt sich auf die Einwohnerzahl von etwa 12.000 Einwohnern im antiken Mainz schließen.

Am Ende der 58 verbliebenen Pfeiler kommt man zur Albert- Schweitzer-Straße. Von ihr läßt man sich nach rechts die Richtung weisen bis zum Hauptfriedhof. Auf seiner ganzen Länge kann er durchschritten werden. Besonders beeindruckend sind die Ehrenmale der in Mainz stationierten Garnisonen neuerer Zeit und etwa in der Mitte, die Grabstätten mit Gruft der Sekt-Dynastien.

Am Haupteingang hält man sich links durch die „Untere Zahlbacher“ und die „Binger Straße“ bis hin zum Hauptbahnhof. Man läuft weiter zur Straße „Große Bleiche“ und zum Mittelrheinischen Landesmuseum und zum Römisch-Germanische Zentralmuseum. „Arbeitsteilig“ bietet man im Landesmuseum die römischen Funde von Mainz aus (Grabsteine, Denkmäler, Büsten, Viergöttersteine, Altäre, Reliefs oder Schmuck), während man sich im Zentralmuseum auf die Übersicht über die gesamte römische Geschichte und weitere Hochkulturen konzentriert (Mittelrheinisches Landesmuseum, Große Bleiche 49-51, dienstags 10 bis 20Uhr, mittwochs bis sonntags 10 bis 17 Uhr. Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Ernst-Ludwig- Platz, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr). Zwischen den beiden Sammlungen stehen die Kopien eines reich gearbeiteten Dativius- Victor-Bogens aus dem 3. Jahrhundert einer um 60 nCh zu Ehren Neros errichteten Jupiter- Säule.

 

Am Rhein entlang kommt man  zum Hilton-Hotels II, links der Rheinstraße, hier wurden die Römerschiffe bei Ausschachtungsarbeiten entdeckt, Repliken markieren die Stelle. In der Rheinstraße stehen der „Holzturm“ aus dem 15. Jahrhundert und der „Eiserne Turm“ aus dem 13. Jahrhundert, beides Reste der ehemaligen Stadtbefestigung. Der 1366 erstmals erwähnte Holzturm steht an der Nahtstelle zwischen der Altstadt und der im 13. Jahrhundert in den Mauerring einbezogenen Vorstadt. Der Name Holzturm leitet sich von dem nahe gelegenen Holzmarkt ab. In der Neuzeit diente der sechsgeschossige Turm als Gefängnis. Der wohl bekannteste Gefangene war der legendäre Räuberhauptmann Johannes Bückler, besser bekannt als Schinderhannes. Die Zeit bis zur Vollstreckung der gegen ihn verhängten Todesstrafe im Jahre 1803 verbrachte er im Holzturm.

Sehenswert sind in Mainz die schönen Rheinkais mit den alten Toren, der Hafen, die Stadthalle mit Terrasse und einem 6000 Personen fassenden Saal, guter Gastwirtschaft usw. Der Rheinhafen lag nordwestlich des Stadtkerns am Dimesser Ort südwestlich des heutigen Zoll- und Binnenhafens.

 

An der Weintorstraße geht man links zum Augustinerkloster und zur Augustinerkirche. Diese ist ein Saalbau, der von 1768-72 erbaut wurde. Der rote Sandsteinbau sowie seine Innenausstattung blieben im Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt. Dem Besucher bietet sich so ein Blick auf die ausladende barocke Prachtentfaltung im Originalzustand. Die großen, lichten Deckenmalereien mit der Verherrlichung des Lebens des Heiligen Augustinus fertigte der Maler Johann Baptist Enderle an.

Die Himmelsgasse führt auf die Augustinerstraße, und erst nach rechts und dann nach links kommt man die in die Straße „Kirschgarten“: Die alten und sehr schmalen Fachwerkhäuser in diesem Viertel südlich des Doms zeigen, wie es früher in Mainz ausgesehen haben muss. Das Backhaus „Zum Treppchen“ und der Marienbrunnen mit Marienstatue sind nur zwei der prägenden Erscheinungen dieses Stadtteils.

Über die Augustinerstraße und den Leichhof kommt man zum Dom, einer der drei großen Kaiserdome am Rhein. Kurz nach 975 wurde mit dem Bau dieses Domes begonnen. Der Ostchor war dem Heiligen Stephan, der Westchor dem Heiligen Martin geweiht. Er wurde im Jahre 1009, einen Tag vor seiner Einweihung, durch ein Feuer zerstört. Seine Wiederherstellung und endgültige Einweihung ließ dann bis zum Jahr 1036 auf sich warten. Nach Sturmschäden und einem weiteren Brand 1081 folgte eine bis 1137 dauernde Erneuerung. Das war auch gleichzeitig das Ende der romanischen Bauperiode des Doms. In die Zeit der Gotik fielen einige Erweiterungen, wie die an das nördliche und südliche Seitenschiff anschließenden Kapellenreihen und die Errichtung des östlichen Vierungsturmes. Auch sein westliches Pendant wurde damals bis auf 82,5 Meter erhöht. Insgesamt hat der Dom heute sechs Türme.

Sieben Königskrönungen fanden im Laufe der Jahrhunderte im Dom statt und immerhin 45 Mainzer Bischöfe und Erzbischöfe wurden im Dom bestattet. Die Bischofskirche des Erzbischofs von Mainz, der zugleich Erzkanzler des Deutschen Reiches war, sollte die Bedeutung des Mainzer Bischofs für Kirche und Reich deutlich machen.

Der Dom ist die Kathedrale, die Bischofskirche. Im Westchor, in der Achse des Domes, befindet sich die „Kathedra“, der Platz des Bischofs beim feierlichen Gottesdienst. Denn für die Feier des Gottesdienstes, vor allem der Eucharistie und des Stundengebetes, wurde dieser Kirchenraum geschaffen.

Kunstgeschichtlich bedeutsam sind die vielen Grabmäler, die man vor allem an den Pfeilern findet. Sie sind eine Dokumentation der Grabmalskunst vom 13. bis um 19. Jahrhundert. Sie zeigen aber auch die geschichtliche Bedeutung der Mainzer Erzbischöfe als „Königsmacher“, der Erzbischof von Mainz zählte zu den sieben Kurfürsten, denen die Wahl der deutschen Könige (und damit des römischen Kaisers deutscher Nation) oblag, bis dieses Deutsche Reich in den Wirren der Französischen Revolution unterging.

Viele der Grabdenkmäler aus dem 11. bis 20. Jahrhundert sind an Säulen und Mauern der Kirche und des Kreuzganges angebracht oder befinden sich seit 1928 in der neuen Krypta unter dem Westchor. Allein schon diese Porträtgalerie kirchlicher Würdenträger macht den Dom zu einer außergewöhnlich interessanten Sehenswürdigkeit.

Besonders wertvoll ist für uns das Grab von Bischof Ketteler (gestorben 1877) in der Marienkapelle. Es hält für uns die Erinnerung an den Bischof wach, der sich in Deutschland als erster mit den sozialen Fragen umfassend beschäftigt hat. Auf ihn geht in wesentlichen Teilen die Soziallehre der Kirche zurück.

Vielleicht ist auch Gelegenheit, sich auch die verborgenen Schätze der Kathedrale anzusehen. In der Krypta unter dem Westchor befindet sich die Grablege der letzten Bischöfe von Mainz. Die Ostkrypta, nach Erzbischof Bardo benannt, ist dem Gedächtnis der heiligen Männer und Frauen geweiht, die eine besondere Beziehung zum Bistum Mainz hatten. Ihre Reliquien werden in einem kostbaren Schrein aufbewahrt. Die Gotthard-Kapelle, ehemals Palastkapelle des erzbischöflichen Hofes, ist dem stillen Gebet reserviert.

Das Hauptschiff ist stets geöffnet, Kreuzgang, Krypta usw. werden vom Küster gegen Trinkgeld geöffnet. Genauer anschauen sollte man sich auch die einzelnen Portale. So sind die bronzenen Türflügel am nördlichen Marktportal bereits im 11. Jahrhundert gegossen worden.

 

Kaum fertig und schon ein Raub der Flammen: Vor einem Jahrtausend beendete Erzbischof Willigis den Bau des Mainzer Dorns - doch schon kurz darauf brannte dieser ab. Unverdrossen ordnete der Oberhirte den sofortigen Wiederaufbau an. Im Jahre 2009 nun steht der Dom als eine der bedeutendsten Kirchen Deutschlands anlässlich seiner ersten Fertigstellung vor 1000 Jahren im Mittelpunkt zahlreicher Jubiläumsveranstaltungen.

Zu den Höhepunkten zählen im Sommer ein Benefiz-Fußballspiel des Zweitligisten FSV Mainz 05 gegen den Erstligisten FC Bayern München sowie die Herausgabe einer Sonderbriefmarke, wie der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann mitteilte. Beim zentralen Fest­akt am 11. Oktober 2009 wird unter anderem Bundespräsident Horst Köhler erwartet. Gefeiert wird fast das ganze Jahr über: vom 1. Februar bis zum 15. November.

Auf dem Programm stehen feierliche Gottesdienste, Autorenlesungen - beispielsweise mit Martin Walser - sowie Konzerte von Klassik bis Pop, für die etwa „Die Prinzen“ und die „Wise Guys“ im Gespräch sind. Hinzu kommen Fachvorträge, Tagungen und besondere Domführungen, ein Handwerkermarkt, ein Benefiz-Golfturnier und auch eine Fastnachtssitzung mit

dem Titel „Da wackelt der Dom“.

Der Dombrand vor 1000 Jahren stellt Historiker mangels aussagekräftiger Quellen vor ein Rätsel. Vorstellbar seien viele Ursachen - zum Beispiel Blitzschlag, sagte Kardinal Lehmann, der möglicherweise bereits der 102. Mainzer Bischof ist. Auch nach dem Wiederaufbau des Domes und seiner Weihe im Jahr 1036 brachen immer wieder Feuer aus - insgesamt siebenmal brannte er in 1000 Jahren ab. Aber auch von Beschießungen und Bombardements sowie von der Nutzung als Stall und Soldatenlazarett berichten die Historiker.

Den Erbauern des Domns hatte vermutlich die St. Peterskirche in Rom als Vorbild gedient. Das Mainzer Wahrzeichen erhielt die aufwendigste Ausstattung aller deutschen Bischofskirchen. So lang wie ein Fußballfeld und so hoch wie ein Mammutbaum bildete der sechstürmige Dom lange das Zentrum der größten Erzdiözese Europas. Neue Generationen bauten immer wieder um: Mittlerweile prägen alle großen Stilepochen von der Frühromanik über die Gotik und die Renaissance bis zu Barock, Rokoko und Historismus die Bischofskirche. Könige wurden hier gekrönt und Erzbischöfe begraben. Heute ist der Dom Mittelpunkt eines Bistums mit 790.000 Katholiken, das zu einem Drittel in Rheinland-Pfalz und zu zwei Dritteln in Hessen liegt.

Kardinal Lehmann hat das Jubiläum 2009 unter ein Leitwort aus dem ersten Korintherbrief gestellt: „Denn der Tempel Gottes ist heilig - und das seid ihr.“ Die Menschen bilden also gleichsam die lebendigen Steine des Domes. Vor diesem Hintergrund betonte ZDF-Intendant Professor Markus Schächter: „Kaum ein Gotteshaus steht so sehr mitten unter den Menschen wie der Mainzer Dom: eng umgeben von Wohnhäusern und Geschäften, mitten im Marktgeschehen, im Alltagsleben, im Leben überhaupt.“

Die geplanten Jahrtausend-Feierlichkeiten sind eigentlich schon der zweite derartige Veranstaltungsreigen: Bereits 1975 feierte das Bistum „1000 Jahre Mainzer Dom“. Damals galt es als historisch ziemlich gesichert, Erzbischof Willigis habe schon 975 mit dem Bau der riesigen Kirche begonnen. „In der Zwischenzeit ist die Forschung jedoch mit einem konkreten Datum wie 975 zurückhaltender geworden“, erläuterte Lehmann. Immerhin biete die Überlieferung ein anderes exaktes Datum: „Am 29./30. August des Jahres 1009 ist der von Willigis erbaute Dom kurz vor oder nach der Weihe einem Brand zum Opfer gefallen“", berichtete Oberhirte Lehmann.

 

Auf dem Marktplatz vor dem Mainzer Dom wurde 1526 der Marktbrunnen errichtet. Er gehört zu den schönsten Renaissancebrunnen in Deutschland. Drei reich ornamentierte Pfeiler tragen das Gebälk, in dem eine Inschrift besagt, dass Erzbischof Albrecht von Brandenburg der Stifter ist. Dreimal in der Woche, wenn rund um den Brunnen herum Marktstände stehen, pulsiert das Leben hier ganz besonders.

 

Am Liebfrauenplatz, dem Dom gegenüber, steht das zwischen 1960 und 1962 zum „Weltmuseum der Druckkunst“ ausgebaute Gutenberg-Museum. Es wurde von Mainzer Bürgern im Jahre 1900 anlässlich des 500. Geburtstags von Johannes Gutenberg gegründet. Seit 1901 ist Mainz auch Sitz der Gutenberg-Gesellschaft. Der ältere Teil des Museums bildet das 1653 bis 1664 erbaute Familienpalais. Das Gebäude wurde später als Gasthof mit dem Namen „Zum Römischen Kaiser“ genutzt. Über dem Eingang ist eine Kaiserfigur zu sehen, die Stuckdecke zieren ein Wappen Gutenbergs und der Stadt Mainz.

Im Museum geben die Sammlungen einen Überblick über die Kunst des Buchdrucks von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Zu den besonderen Schätzen des Museums gehört auch die Rekonstruktion der alten Druckerstube Gutenbergs mit benutzbarer Presse. Hier wird live vorgeführt, wie vor 550 Jahren gedruckt wurde. Daneben gibt es auf den 2700 Quadratmeter Ausstellungs­fläche mittelalterliche Handschriften, historische Drucke. Druckpressen und Setzmaschinen zu bewundern sowie die weltberühmten 42-zeiligen Bibeln Gutenbergs.

 

Nördlich vom Gutenbergmuseum ist die Mailandsgasse. In ihr steht die 1253 erbaute Hospitalkirche zum Heiligen Geist, jetzt eine schön ausgestattete Bierwirtschaft. And er Rheinstraße geht es dann links weiter zur

 

Wo die Rheinstraße sich teilt, liegt links das Karmeliterkloster aus dem14. Jahrhundert. Die Rheinstraße geht in die Peter-Altmeier-Allee über. Hier steht links die Deutschordenskommende. Da der Name den Mainzern zu lang ist, nennen sie den stattlichen Bau kurz „Deutschhaus“. In dem Gebäude, dessen Fassade Richtung Rhein ausgerichtet ist, residierte unter anderen Napoleon. Heute tagt hier der rheinlandpfälzische Landtag.

 

Einstück weiter steht das kurfürstliche Schloß. Diese zweiflügelige Renaissanceanlage am Rhein entstand zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert Der dem Rhein zugewandte Ostflügel wurde von 1627-78 erbaut, der Nordflügel entstand von 1687 bis 1752. Früher diente das Schloss Kurfürsten und Erzbischöfen als Residenz, heute beherbergt es unter anderen. das Römisch-Germanische Zentralmuseum. Drei Dauerausstellungen widmen sich der Vorgeschichte, der Römerzeit und dem Frühmittelalter. Zu sehen gibt es unter anderem eine Kopie des Papstthrones und Grabbeigaben der Franken.

 

Am Eingang der Kaiserstraße steht die Christuskirche. Mit ihrer 80 Meter hohen kupfergedeckten Kuppel steht diese Renaissancekirche am Übergang zur Neustadt. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie fast völlig zerstört, beim Wiederaufbau 1952 fügte man ein Glockenspiel hinzu. Dessen Klänge sind jetzt dreimal am Tag zu hören.

Man gehrt die Kaiser-Straße ein Stück weiter, biegt dann links in die Bauhofstraße ein und kommt durch die Flachsmarktstraße wie in Richtung Markt. Hinter dem Theater liegt die Römerpassage.

Die Zivilstadt Mogontiacum lag im heutigen Stadtkern und hatte einen eigenen Mauerring, der an die Kastellmauer anschloß. Nach dem Ende des Kastells wurde die Mauer auf dem Kästrich auf den zum Teil erhaltenen römischen Mauern gebaut..

Aber nicht immer sind es die großen Monumente, um die sich Geschichten ranken. Im Isis- Tempelbezirk fand man eine kleine Tonfigur - eindeutig als Mann ausmachen. Diese Figur war rituell zerbrochen und wie bei einem Voodoo-Zauber durchstoßen und gedreht gebettet. Für die Archäologen ist klar - eine verwünschte Person. Römisches Andenken, das sind auch solche Terrakotta-Figuren aus dem einmaligen heiligen Bezirk römischer Volksgläubigkeit in Mainz. Wer nur tief genug gräbt, sagt der Volksmund, stößt bald auf antike Hinterlassenschaften.

Mit einem einzigartigen Einkaufstempel will die Stadt Mainz Besucher und Touristen anlocken. Die „Römerpassage“ liegt hinter dem Theater in  westlicher Richtung. Ein Jahr später als geplant wird im Februar 2003 in der Innenstadt die „Römerpassage“ eröffnet. Der Grund für die Verzögerung waren die Überreste einer fast 2000 Jahre alten römischen Tempelanlage, die bei den Bauarbeiten zum Vorschein kamen. Weil sich kein Geldgeber fand, war lange Zeit unklar; ob das antike Relikt überhaupt ausgegraben werden kann. Nun ist eine Kombination aus Einkaufsmarkt und antiker Sehenswürdigkeit entstanden, die nach Ansicht der Planer auch Neugierige aus Wiesbaden, Frankfurt und Hanau anziehen wird.

Fast 400 Bauarbeiter arbeiten seit September 2001 auf Hochtouren. Ein Jahr zuvor war der Bau des Einkaufszentrums bis auf weiteres gestoppt worden. Beim Abriß der alten „Lotharpassage“ entdeckten Mainzer Archäologen die Überreste aus der Römerzeit. Sie fanden Hunderte von Öllämpchen und vermuteten im tieferen Erdreich Gebäude römischer Handwerker und Händler. „Als wir auf eine Inschrift stießen, war uns klar, daß es sich um mehr handelte als um eine normale Siedlung“, erzählt der Leiter der Landesarchäologie, Gert Rupprecht. Wie sich herausstellte, waren die Archäologen auf ein seltenes Heiligtum gestoßen: Eine Tempelanlage für Opfergaben an die orientalischen Göttinnen Isis und Magna Mater aus dem ersten bis vierten Jahrhundert nach Christus. „Die Erforschung der Tempelanlage wird der Wissenschaft einen tiefen Einblick in die Kultpraktiken der Römerzeit vermitteln“, sagt Rupprecht. Noch müssen etliche Tonnen Erde vom Fundort auf Hinterlassenschaften durchsucht und die Fundstücke ausgewertet werden. Nach Darstellung Rupprechts befindet sich das nächste der Göttin Isis geweihte und uns durch Ausgrabung bekannte Heiligtum in Ungarn.

Auch aus baulicher Sicht war die Ausgrabung der Tempelüberreste ein Problem. Die Grundmauern mußten um etwa 15 Meter verschoben werden, weil sie nicht vollständig in das Gebäude integriert werden konnten. Ein Platz fand sich im Untergeschoß. Im Nachhinein ist Hagen erleichtert, daß für alles eine Lösung gefunden worden ist. Mit der „Römerpassage“ sei etwas Einmaliges entstanden, sagt er. 40 Geschäfte, 36 Wohnungen und eine Bürofläche von 4500 Quadratmetern befinden sich oberhalb des antiken Heiligtums. „Die Leute müssen keinen Umweg machen, um sich den Tempel anzusehen, sie kommen bei ihrem Einkauf automatisch daran vorbei“, sagt Rupprecht. Bis dahin müssen sich die Besucher allerdings einige Monate gedulden. Erst von Herbst an können sie sich während der Ladenöffnungszeiten ein Bild von den Überresten des Tempels machen.

Über eine Treppe geht es hinab in die zweitausendjährige Geschichte der Stadt. Unter einem nachgebildeten Sternenhimmel können die Besucher auf Glasstegen über den Tempel schreiten. „An die Wände projizierte, bewegte Bilder, eine spezielle Beleuchtung und imitierte Gerüche von den Opferverbrennungen sollen den Besuchern helfen, in die Welt der Römer einzutauchen“, sagt der Vorsitzende der IRM, Gerd Krämmer, die den Ausstellungsraum betreiben wird.

Erstmals haben Archäologen eine römische Tempelanlage in Deutschland freigelegt, in der sie auch die Kulthandlungen nachvollziehen können. Im Schatten des Innenhofes richten die Gläubigen kleine Altäre her. Auf einem Stapel Holz werden Datteln, Feigen und Pinienzapfen verbrannt. Der Duft von Räucherwerk durchzieht die heiligen Räume. Nebenan opfern andere den Göttinnen Magna Mater und Isis. Aus der Gaststätte dringt der Lärm eines rituellen Gelages.

So rekonstruieren Archäologen das sakrale Treiben im Mainz der Römerzeit. Mit der Ausgrabung ist den Landesarchäologen ein Coup der Extraklasse gelungen. Dr. Marion Witteyer sitzt wieder an ihrem Schreibtisch, vor sich eine Kiste mit Kostbarkeiten aus dem Tempelareal, und schwelgt in den Ergebnissen der Buddelei: „Über die Tempelarchitektur weiß man Bescheid. Aber wir hatten hier die einmalige Chance, etwas über die Kulthandlungen zu erfahren.“

Nur drei Monate waren den Archäologen zugestanden worden, dann sollten die Bauarbeiten für die Einkaufsmeile in der Mainzer Lotharpassage fortgeführt werden. Doch mit einer Plakat- und Unterschriftenaktion „Gebt den Archäologen Zeit“ unterstützte die Mainzer Bevölkerung die Wissenschaftler in Zeitnot. Insgesamt ein Jahr konnte dann geforscht werden. Ergebnis: Der römische Tempelbezirk bestand vom Ende des 1. bis zum 4. Jahrhundert n.Chr. Er lag an der Hauptstraße, die vom Legionslager auf dem Berg hinunter zur Rheinbrücke führte. Hier lebten sonst Handwerker und Händler. Das Heiligtum war mit einer rechtwinkligen Mauer umschlossen. Im Innern gab es neben zwei Tempelgebäuden und einem Restaurant ein freies Hofareal, in dem die Gläubigen ihre Opferhandlungen vollzogen. Hier verbrannte man seine Gaben auf einem Altar oder vergrub sie im Boden.

An den meisten Opferstellen fanden sich Unmengen von Asche und darin die immer gleichen Früchte: Datteln, Feigen und Pinienkerne. Stolz ist Marion Witteyer auf die Entdeckung eines Reiskorns. Keine von diesen Pflanzen wuchs in den unwirtlichen Breiten nördlich der Alpen, Früchte und Samen kamen aus dem Mittelmeergebiet. „Südimporte sind etwas absolut Seltenes“, erklärt die Ausgräberin. Im Tempelbezirk in der Lotharpassage klaubte sie die fremden Früchte zu hunderten aus dem Boden.

Der größte Teil der Opfergaben sind Speisen, doch es gibt auch Gruben, in denen Nichteßbares für die Götter niedergelegt wurde. Gebrannte Tierfiguren aus Ton zum Beispiel, die vermutlich ein echtes Fleischopfer ersetzten. 300 Öllampen zeigen deren wichtige Rolle bei den Brandopfern. Teils verbrannt lagen sie auf den Holzkohleschichten der Altäre. Offenbar hat man die Lichtspender am Ende eines Ritus geopfert. Bei einer neuen Kulthandlung ließ man sie an ihrem Platz auf der Kohle, stapelte neue Scheite darüber und zündete ein Feuer an.

Zum römischen Gottesdienst gehörten auch rituelle Feste. Die Archäologen haben innerhalb des Heiligtums eine Gaststätte ausgegraben: An zahlreichen Herden lagen Geschirr und Weinkrüge in Scherben herum, vermischt mit Essensresten. Die Überbleibsel von mehreren Festgelagen bilden eine dicke Schicht auf dem Fußboden. Die Mainzer Archäologin rätselt: „Vielleicht gab es die Kehrwoche im Heiligtum nur einmal im Jahr?“

Vom Fleisch eines geopferten Tieres bekamen die Götter nur die Eingeweide oder Knochen als Brandopfer. Einen weiteren Anteil erhielt der Priester für seine Dienste, den Rest verspeisten die Gläubigen selbst. Opferfleisch konnte ein Römer problemlos auf dem Markt erwerben. Dann lud er zur Party ins Tempelrestaurant - Mainz besitzt Deutschlands älteste Kult-Kneipe.

Noch zwei Monate vor Ende der Grabung wußte niemand, welche Götter in den Tempeln verehrt wurden. Die Archäologen hatten keinerlei relevante göttliche Zeugnisse gefunden. Dann tauchten zwei in den Boden eingelassene Steinplatten auf. Zwei identisch formulierte Inschriften („Weihungen zum Wohl der Kaiser, des römischen Volkes und des Heeres“) unterschieden sich nur durch den Namen der Gottheit, für die sie gestiftet wurden: Auf der einen Tafel wurde die anatolische Fruchtbarkeitsgöttin Magna Mater, auf der zweiten die ägyptische Isis geehrt. Magna Mater taucht in Mainz selten auf, Isis war den Wissenschaftlern hier bislang völlig unbekannt. Marion Witteyer datiert die Inschriften in die Regierungszeit des flavischen Kaiser Vespasian (69 bis 79 n.Chr.). Auf einem anderen, kleineren Inschriftenfragment im Mainzer Heiligtum wird Vespasian zusammen mit Magna Mater genannt. Mit der Göttin Isis verbindet ihn sowieso ein enges Band: Vespasian war 69 n.Chr. in Alexandria vom Militär zum Kaiser erkoren worden. Die ägyptischen Götter, vor allem das Paar Isis und Serapis, betrachtete er seither als seine persönlichen Schutzgötter. Nach der Eroberung Jerusalems 70 n.Chr. verbrachte er mit seinem Sohn Domitian die Nacht vor dem Triumphzug in Rom im Isis-Heiligtum vor den Toren der Stadt.

Vor diesem Hintergrund wagt die Mainzer Archäologin die Hypothese: „Die flavischen Kaiser richten in der Provinz einen Kult ein, der eng mit ihrer Person verbunden ist. Wird hier der Versuch unternommen, eine Dynastie zu gründen?“ Die Flavier stammten aus bescheidenen Verhältnissen. Mit der Stiftung solcher Heiligtümer stellten sie sich unter den besonderen Schutz einer Gottheit und schufen sich so eine göttliche Legitimierung ihrer weltlichen Macht.

Soweit die offizielle Seite des Mainzer Tempels. Neben den anerkannten Kulten sind aber auch Zauberhandlungen belegt, die im Römischen Reich verboten waren. Etliche zusammengerollte Bleitäfelchen zeugen vom Aberglauben des Volkes. Auf ihnen schrieben die römischen Mainzer ihre geheimsten Wünsche auf, rollten sie um einen magischen Gegenstand und vergruben sie bei Nacht und Nebel im Tempelhof.

Die Bleiröllchen aus der Lotharpassage müssen noch restauriert werden, Spezialisten müssen das heute bröckelige Blei vorsichtig auseinander biegen. Marion Witteyer ist gespannt: „Das sind so intime Quellen. Da erfährt man die Gedanken einer Person, die sonst völlig verschlossen bleiben.“ Aus antiken Schriftquellen kennen die Historiker derlei Hokuspokus. Die Zaubersprüche reichen von juristischen Dingen wie „Bestrafe den Dieb!“ bis zu Liebesleid: „Wenn ich sie nicht kriege, soll sie keiner haben!“

Die Archäologin zieht ein erstes Resümee: „Das Heiligtum ist schillernd, da wurden nicht nur die zwei Hauptgöttinnen verehrt. Es war ein Platz, an dem jeder jedem Gott gehuldigt hat.“ Das Besondere des Ortes soll sichtbar bleiben. Die Mauern des heiligen Bezirks - für die archäologischen Arbeiten abgetragen - werden nun wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückversetzt. In der Lotharpassage, so Marion Witteyer, soll „Geschichte in Szene gesetzt werden“.

Die römische  Götterwelt war allumfassend - zu den alteingesessenen Göttern kamen die Überirdischen der eroberten Gebiete hinzu. Nicht alle wurden in den zentralen Pantheon aufgenommen. Magna Mater allerdings, die „Große Mutter“-Göttin aus Kleinasien, hatte keine Schwierigkeiten bei ihrer Etablierung in Rom. Nach einer Befragung der sibyllinischen Bücher wurde ihr Kult im 3. Jahrhundert v. Chr. offiziell eingeführt. Sie sollte den Römern im Zweiten Punischen Krieg gegen Hannibal helfen.

Weit umstrittener im Römischen Reich war die ägyptische Isis. Ihr schlechter Leumund rührte aus der Zeit, als Kleopatra den Römern den Kopf verdrehte. Die Pharaonin wurde mit der Göttin Isis gleichgesetzt - das war in Rom verpönt. Hier konnten Kaiser erst nach ihrem Tod zu Göttern werden. Wer sich vorher so verehren lassen wollte, galt als anmaßend und lebte gefährlich.

Antonius, der mit der Göttin Kleopatra-Isis verheiratet war, wurde von Octavian zum Staatsfeind erklärt. In dieser Zeit wäre ein Isiskult in Rom undenkbar gewesen. Erst ein Jahrzehnt später führte Caligula (37 bis 41 nCh) das orientalische Gottkönigtum in Rom ein. Mit Vespasian (69 bis 79 nCh) wurden die ägyptischen Götter auch in Rom und den westlichen Provinzen endgültig populär.

Westlich vom Markt geht es auf den Gutenbergplatz. Links liegt das Gutenbergdenkmal, rechts das Theater. Man kommt über den markierten 50. Breitengrad. Über die Ludwigsstraße geht man zum Schillerplatz. Auf dem lang gestreckten Schillerplatz steht nicht nur das Schillerdenkmal, sondern auch der neun Meter hohe Fastnachtsbrunnen mit seinen etwa 200 Bronzefiguren. Auf dem Schillerplatz beginnt und endet auch die so genannte „Fünfte Jahreszeit“ mit der Verkündung der elf Fastnachtsgesetze am 11.11. bzw. am Aschermittwoch mit dem Waschen der leeren Geldbörsen im Brunnen. Zwei Barockpaläste zieren den Platz: im Süden der im 18. Jahrhundert von Freiherr von Ritter zu Grünstein erbaute Bassenheimer Hof, in dem heute das Innenministerium untergebracht ist. Im Südosten der Osteiner Hof, ein 1747-52 errichtetes Familienpalais für den Reichsgrafen von Ostein. Vor einem der Palais forderten die Mainzer einst von dem französischen General Rizambeau die Feier der Fastnacht.

 

Rechts an diesem Palais vorbei geht es zur Stephanskirche. Schon von weitem gut zu erkennen ist diese auf dem Stephansberg, einem der höchsten Punkte von Mainz, errichtete gotische Hallenkirche. Die Pfarrkirche St. Stephan ist aus Kalkbruchsteinen gebaut, weiß verputzt, schmückende und tragende Teile in rotem Sandstein abgesetzt. Mit dem achtseitigen Turm und der aufgesetzten Kuppellaterne prägt St. Stephan die Stadtsilhouette mit.

Die heutige, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaute Kirche wurde um 1350 (Kreuzgang 1499) erbaut. Sie ist die einzige Kirche in Deutschland, die mit Fenstern des jüdischen Künstlers Marc Chagall (1887-1985) ausgestattet ist. Die neun blau leuchtenden Glasfenster (sechs im Ostchor, drei im Querhaus) sollen ein symbolisches Zeichen für die Versöhnung zwischen Juden und Christen setzen. Im Jahre 1978 wurde das erste Chagall-Fenster des damals 91-jährigen Künstlers eingesetzt. Das letzte Fenster vollendete Chagall kurz vor seinem Tod im 98. Lebensjahr. Marc Chagall wurde Ehrenbürger von Mainz, die Stadt selbst hat er aber nie besucht.

Doch es ist nicht die Architektur dieses hervorragenden spätgotischen Werks in Mainz, die selbst an tristen Tagen die Besucher in die Kirche lockt. St. Stephan ist einmalig wegen seiner Kirchenfenster, die den Kirchenraum mit einem blauen Licht band umfangen. 18 verschiedene Blautöne, die die neun Fenster miteinander zu einer Einheit verschmelzen, hat Marc Chagall in sein Werk komponiert. Die alttestamentarischen Motive zeigen die jüdisch-christliche Verbundenheit.

Es war Pfarrer Klaus Mayer, der Chagall als „Meister der Farbe und der biblischen Botschaft“ überzeugte, in St. Stephan ein vielfaches Zeichen zu setzen. im hohen Alter von bald 90 Jahren begann Chagall sein Werk. Kurz vor seinem Tod, Chagall stand damals im 98. Lebensjahr, wurde das letzte Fenster vollendet. Der Ehrenbürger von Mainz, der die Stadt nie besuchte, schuf in dem im Zweiten Weltkrieg von Bomben zerstörten St. Stephan ein Zeichen von Völkerverständigung und jüdisch-christlicher Verbundenheit.

Der Raumeindruck mit dem Grundton Blau wird komplettiert durch Fenster von Charles Marq, der als Seniorchef eines Glas-Ateliers in Reims fast drei Jahrzehnte mit Chagall zusammenarbeitete. Diese Einheit von Kunstwerk, Künstler und Atelier findet sich in der mehr als 1000 Jahre alten Kirche von St. Stephan in Mainz in Vollendung.          

St. Stephan ist montags bis samstags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr geöffnet - im Dezember und Januar allerdings nur bis 16.30 Uhr; sonntags nur zwischen 14 und 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Termine, Führungen und Gruppenbesuche sind beim Pfarramt St. Stephan (Telefon 0 6131/ 23 16 40 oder Telefax 06131/231646) zu erfragen. Dort gibt es auch Auskünfte über die Fenster-Meditationen, die Klaus Mayer regelmäßig abhält; er hatte den Kontakt zu Chagall hergestellt und gepflegt.

 

Durch die Breidenbacher Straße und dann links den Berg hoch auf der Emmerich-Josef-Straße kommt man zum Kupferberg-Museum. In Mainz liegen die Anfänge der berühmtesten deutschen Sektkellereien begründet. Eine von ihnen die Sektkellerei Kupferberg. Die Kellerei hat in einem klassizistischen Gebäude auf ihrem Firmengelände mitten in der Stadt n Museum eingerichtet, in dem an sich auf den Spuren der Geschichte des prickelnden Getränks bewegt. Die Sammlung von Sekt- und Champagnergläsern ist einmalig. Nicht minder merkenswert ist der Blick von der oberhalb der Stadt liegenden Kupferbergterrasse.

 

Drei Brücken-Weg:

Die Theodor-Heus-Brücke führt über den Rhein und bietet wundervolle Aussicht zum Taunus und Rheingau. Am linken Ufer rheinaufwärts am Hafen vorbei nach Mainz. Am Schloß geht es rechts in die Große Bleiche, vorbei an dem Justizgebäude und der barocken Peterskirche. Am Ende der Großen Bleiche links das neue Telegraphenamt (Hochbau). Einbiegend in die Schillerstraße weiter zum Schillerplatz mit Schillerdenkmal und Gouvernementsgebäude. Hier links in die Ludwigstraße zum Gutenbergplatz mit Gutenbergdenkmal und schönem Stadttheater.

Weiter am Dom vorbei über Höfchen, Markt, Liebfrauenplatz und Fischtorplatz zum Rhein. In der schönen Rheinanlage rheinaufwärts bis zur Eisenbahnbrücke, auf der wir zum zweitenmal den Rhein überschreiten. Kurz vor der Rheinbrücke rechts der neue Stadtpark mit sehenswertem Rosarium (gute Restauration). Jenseits vom Rhein zwischen Festungsanlagen hindurch zur Kostheimer Brücke, die über den Main nach Kostheim führt. Von hier elektrische Bahn nach Kastel und weiter elektrische Bahn oder Eisenbahn nach Wiesbaden. Diese unter dem Namen Dreibrückenweg bekannte Wanderung ist sehr zu empfehlen für Frühjahr oder Herbst, im Sommer sonnig.

 

Museen:

Dom- und Diözesanmuseum, montags bis mittwochs und  freitags 10 bis 16 Uhr, donnerstags 11 bis 17 Uhr, samstags 10 bis 14 Uhr.

Gutenberg-Museum, Liebfrauenplatz 5, dienstags bis samstags 10 bis 18 Uhr, sonntags 10 bis 13 Uhr.

Naturhistorisches Museum, Reichsklarastraße, dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, donnerstags 10 bis 21 Uhr.

 

In Mainz gibt es das Römisch-germanische Zentralmuseum, das Mittelrheinisiche Landesmuseum und das Schiffahrtsmuseum.

 

Wanderung in Elvira Klein, Frankfurt II, Seite 252.

 

Insel Nonnenau

Schon am Ginsheimer Altrheinufer überkommt Ausflügler Ferienstimmung. Ruderer und Paddler kreuzen im Altrheinarm, große Wasservögel drehen ihre Runden. Ein res­taurierter historischer Bagger steht am Uferflanierweg, wo sich bis 1984 ein Kies­umschlagplatz befand. Die kleine Fähre bringt Radfahrer und Fußgänger hinüber zur Rheininsel Nonnenau/Langenau.

Nach der kurzen Überfahrt geht es am besten mit dem Fahrrad weiter, zunächst auf einem Feldweg etwa zwei Kilometer über die idyllische, kaum erschlossene Rheininsel mit verwirrender Namensviel­falt, denn Inselteile heißen Rabenwörth, Nonnenau und Langenau.

Alte Obstbäume und wilde Wiesen ge­hen allmählich in große Raps‑ und Getrei­deäcker innerhalb der Hochwasserdämme über. Weiden und Pappeln begrenzen die Sicht.

Ein Teil der Insel gehörte bis 1972 der Gustavsburger Maschinenbaufabrik MAN, die sie 1917/18 erworben hatte, um für ihre Werkskantine Vieh zu halten und Gemüse, Getreide, Obst anzubauen. Auch heute wird auf dem Hofgut Langenau, des­sen Dächer bald zwischen Bäumen hervor lugen, Landwirtschaft betrieben.

Am Ziel angelangt, sind die Ausflügler meistens beeindruckt vom großzügigen In­nenhof mit Tischen und Bänken für den Gutsausschank, umrahmt von alten land­wirtschaftlichen Sandsteingebäuden. Allein die Scheune von 1850 mit dem weiten Überdach über der Selbstbedie­nungstheke zeugt von bäuerlichem Wohl­stand. Bereits 1357, dem Zeitpunkt einer urkundlichen Belehnung, soll das Hofgut ein respektables Anwesen gewesen sein.

Beliebt bei Besuchern sind die efeube­wachsenen Terrassen mit Blick auf Rhein und Rheinwiesen. Kein Autolärm, nur ge­legentliches Motorbootgeheule unter­bricht die friedliche Stimmung. Lastkähne tuckern vorbei. Auf den breiten Wiesen kann gespielt und getobt werden.

Bei Hitze zieht es alle an den feinen Kiesstrand, wo Kinder Muscheln sammeln oder Schiffchen aus Rinde, Stöckchen und Blättern bauen können. Wer von den El­tern die Erlaubnis bekommt, badet glück­lich im sanften Fluß ‑ durch die quer ins Wasser gebauten Buhnen ist das Baden in Ufernähe dort gefahrlos. So lagern unter riesigen Weiden Familien mit Kindern und genießen neuerdings Badefreuden im Rhein. Und wer den Weg nicht scheut, kann mit dem Rad weiterfahren bis zum Ende der Insel, wo ein schattiges Restaurant am Ufer noch einmal Erquickung bietet.

Hofgut Langenau, Telefon 06144/2285, geöff­net April bis Oktober 11 bis 23 Uhr, Mon­tag Ruhetag. Fähre Ginsheim‑Nonnenau: 1. April bis 31. Ok­tober Montag bis Freitag 1. Fahrt 9 Uhr, 2. Fahrt 11 bis 12 Uhr, am Nachmittag 14 bis 19 Uhr, letzte Fahrt 22 Uhr, zwischen 19 und 22 Uhr keine Fahrten! Erwachse­ne 1 Euro, Kinder und Fahrräder 50 Cent. PKW‑Anfahrt nur über Trebur: A 60 Abfahrt Rüsselsheim‑Mitte oder A 67 Abfahrt Groß‑Gerau, Richtung Trebur Ortsmitte, abbiegen in die Hauptstraße, am Sport­platz vorbei, Auenweg über Gut Hohenau bis auf die Insel. Parken am Hofgut.

 

Insel Rettbergsaue

Zwischen Mainz-Mombach und Wiesbaden-Schierstein liegt mitten im Rhein die Rettbergsaue. Große Teile dieser 65 Hektar großen, 3 Kilometer langen und bis zu 300 Meter breiten Insel, die teilweise von Auwald bedeckt ist, stehen seit 1978 unter Naturschutz. Ehemals landwirtschaftlich genutzte Flächen sind heute sich selbst überlassen.
Dank dieser Entwicklung ist die Vogelwelt der Rettbergsaue trotz der Belastung durch die Autobahnbrücke, die über sie hinwegführt, recht artenreich. Der Nachtigallenbestand ist ungewöhnlich groß, und es existiert eine Graureiherkolonie. Zu der schützenswerten Vogelwelt der Insel gehören auch Schwarz- und Rotmilan, Hohltaube, Kleinspecht und Pirol, die sämtlich auf der Roten Liste stehen.
Die Rettbergsaue ist zugleich ein stark besuchtes Naherholungsgebiet. Es gibt Sandstrände, einen Grillplatz, zwei Campingplätze, einen Kinderspielplatz, mehrere Tischtennisplatten, einen Bolzplatz und auf der Schiersteiner Seite das gemütliche Insel-Café.

Man kann den Besuch der schönen, autofreien Rheininsel in eine 4 Kilometer lange Rundtour einbinden. Es geht zunächst vom Schiersteiner Hafen mit der Fähre zum Westteil der Rettbergsaue. Dann wandert man die 1,5 Kilometer zum Ostteil hinüber. Von dort fährt man mit der Fähre nach Biebrich, und zum Schluss geht es auf dem Fahrradweg in der Rheinaue zum Schiersteiner Hafen zurück.

Öffnungszeiten: April-Okt täglich 8-20 Uhr | freier Eintritt | Tel. 0611 24551 (Biebrich), 0611 24508 (Schierstein).| Info: aus Naturschutzgründen sind Hunde nicht erlaubt |
Insel-Café auf der Rettbergsaue | Tel. 0611 9279898 | Mai-Okt täglich geöffnet ab 10.30 Uhr

 

 

Stadecken-Elsheim (bei Mainz)

Heute im Verbund können die beiden rheinhessischen, einst selbständigen Weinbaugemeinden jeweils auf eine traditions­reiche Vergangenheit zurückblicken. Was Wunder, auf das fruchtbare Kulturland in diesem Raum hatten schon früh Kaiser, Klerus und Fürsten das Auge gerichtet. Die Kaiser­pfalz in Ingelheim war nah. Unter Karl dem Großen wird Elsheim bereits 793 als Reichsdorf „Elisinhain“ genannt.

In Stadecken setzten sich die Katzen­elnbogner mit einer Wasser­burg fest, die bestimmend für den runden Grundriß des Ortes wurde. Und über allem Historischen schwebt die Legende der heiligen Ursula, jener vermeintlich englischen Königstochter, die im vierten Jahrhundert auf dem Rückweg von der Pilgerfahrt nach Rom mit ihren elftausend Mägden die Selz passiert haben soll, bevor sie alle in Köln beim Hun­neneinfall den Märtyrertod erlitten. Auf antikem Gräberfeld, dessen Gebeine man für die der Christinnen hielt, entstand die Kirche St. Ursula. Sie birgt den gotischen Steinsarg der Heiligen, mit 19 Tafelbildern (1456) ist die Ursulalegende dar­stellt. St. Ursula wurde die Schutzpatronin von Köln, auf dem Stadtwappen erinnern elf züngelnde Flämmchen daran.

Bevor wir uns am Elftausend‑Mägde‑Turm in Elsheim ein­finden, schwärmen wir hinaus in die Weinberge. Von der Bus­haltestelle Kirche im Ortsmittelpunkt gehen wir über den Platz aufwärts die Mainzer Straße, die wir hinuntergefahren sind, kurz zurück bis zum kleinen weißen Eckhaus mit blau­er Fensterumrahmung, biegen dort rechts ab und sind schnell draußen in der leicht hügeligen Rebenlandschaft, deren Buckel beiderseits der Selz sich auf 201 Meter runden.

Den asphaltierten Weg geradeaus hinan, wählen wir bei Teilung vor dem Gedenkstein den linken Strang und fassen voraus auf dem höchsten Punkt den Elsheimer Turm als Zielrichtung ins Auge. Immer wenn die Traubenlese im Gang ist, herrscht rundum emsiges Treiben zwischen den Rebzellen, wenn auch hier in Rheinhessen wie andernorts vielfach schon maschinell geerntet wird. Unterhalb des einen römischen Wachtturm ähnlichen Ausgucks schwenken wir vom Hauptweg ab auf einen gepflasterten und sind gleich oben.

In dieser Jahreszeit wird man vermutlich von einem Feld­schütz begrüßt, denn dies ist sein Späherposten, von dem aus er die in den Weinbergen aufgestellten „Lärmmaschinen“ bei Einfall von Vogelscharen computergesteuert in Tätigkeit setzt. Für den Besucher ist das untere Stockwerk offen zum Ausblick hinüber gen Nahe und Rheintal.

Wir laufen wenige Meter abwärts zurück und biegen in den zweiten Weg rechts ein, die Fahrstraße unterhalb im Visier. Nach ihrem Queren kurz aufwärts heißt es im Bogen links im Rebenmeer am Hang entlang bis zum Aufspüren der Markierung Ziffer 4 an einer Kreuzung. Wir folgen dem Hinweis nach rechts oben, umrunden den Bockstein, Symbol gleichnamigen Weinbergslage, und werden hakenschlagend zu einem preisgekrönten neuen Weinbergshäuschen in Form eines Trullos geführt.

Die Form dieses runden spitzkegelig endenden Gebildes wird bei manchem gewiß Ferienerinnerungen an südliche Gefilde, vornehmlich Apulien, wecken. Trulli älteren Datums gibt es im Rheinhessischen vereinzelt auch andernorts, beispielsweise in den Weinbergen Flonheims. Es ist viel gerätselt worden, wie dieser südländische Baustil hierher gekommen sein mag. Man vermutet durch apulische „Gastarbeiter“, die im 18. Jahrhundert hier in Steinbrüchen und Steinmetzbetrieben gearbeitet haben.

Weiter abwärts wechseln wir zur Ziffer 5, die auf Rechts-links‑Kurs dreht, um schließlich im Wiesengrund der Selz dem Elftausend‑Mägde‑Turm zuzustreben. Wir umrunden den Gebäudekomplex der alten ehemaligen Mühle gleichen Namens und stehen vor den Torsi einer spätmittelalterlichen Straßensperre, der Verbindung Mainz‑Kreuznach. Es wurde viel gerätselt und nach einer Erklärung für die unglaublicht hohe weibliche Gefolgszahl St. Ursulas gesucht. Kern der Legende soll die im Chor der Kölner Kirche eingemauerte steinerne Clematius‑Tafel (4. Jahrhundert) sein, wonach die Inschrift XIMV (XI Martyres Virgines) als XI Milia virginum (elftausend Jungfrauen) übersetzt worden sein soll.

Zwischen den Turmstümpfen gehen wir zur Selzbbrücke und setzen jenseits nach links unmittelbar am Bach entlang den Weg fort. Ist das Ende des Sportplatzes erreicht, folgt man rechts aufwärts dem Fußweg, der als Pfad in die Kreuznacher Straße mündet. Rechts versetzt quert man drüben das Siedlungsgebiet und kommt schließlich hinunter an den Saubach, der mit der Selz die Rebenseite von der landwirtschaftlich genutzten trennt. Wir folgen dem Gehweg nach rechts bis zur Brücke, einem zweiten Rinnsal bis zu seinem Übergang und steigen links den Berg hinan, von dem der Blick hinüberschweift zum „Schützenturm“ und zum bisher Erlaufenen.

Ist man am Neubaurand von Stadecken angekommen, geht es abwärts bis zur Durchgangsstraße, drüben die Portstraße entlang und dem Hinweis Burg Stadeck nach wei­ter zum alten Kern, der über dem ehemaligen Burggraben umrundet werden kann. Die Burg wurde 1276 durch die Grafen von Katzenelnbogen gegründet und 1632 zerstört. Von der Burg selbst und ihrer Ummauerung sind nur wenige Reste verblieben. Mit der Kir­che ist der höchste Punkt erreicht, wo Winzerstuben zur Ein­kehr laden.

Der Bus für die Rückfahrt wartet in Elsheim, das heißt, zunächst die Langgasse hinunter zur Selz, unten nach rechts und über die Brücke zum kurzen Anstieg im Weinberg bis zum ersten befestigten Querweg. Nach links mit nochmali­ger Sicht rundum mündet man am Denkmal in die vom Anfang bekannte Route ein (Frankfurt II, Seite 259).

 

 

Budenheim:

Weithin sichtbares Schloß Waldthausen; im Hintergrund der Aussichtsturm auf dem Leniaberg. Gute Wirtschaft mit großem Garten.

 

Gau-Algesheim

Schloß Ardeck, Rathaus auf spätgotischem Erdgeschoß um 1480, Graulturm der Stadtbefestigung nach 1355.

 

 

Heidesheim

Nur wenige Schritte vom Bahnhof Heidesheim entfernt, ragt das Wahr­zeichen der Gemeinde, die 17 Meter hohe Turmburg Windeck, auf, einst Mittelpunkt einer ausgedehnten Wehranlage, um 1209 als Wasserburg im Umkreis der ruhmreichen Ingel­heimer Kaiserpfalz entstanden. So trutzig, mußten Bauwerke wohl errichtet sein, um nicht wie die meisten anderen des Ortes in seiner langen Geschichte durch häufige Über­schwemmungen hinweggespült zu werden.

Durch die Bahnhofstraße kommt man zum Ortsmittel­punkt, an dem Mainzer und Linger Straße abzweigen, rechts der großen katholischen Kirche mit barocker Schau‑ und Portalfront in die Römer‑, Oberdorfstraße und halbrechts in den Wackernheimer Weg. Wenn dieser auf die Wackernheimer Straße trifft, findet man erstmals die Markierung R und schließt sich ihr unmittelbar rechts am Haus Nr. 21, einen kaum sichtbaren Wiesenpfad hinauf, an. Weiter leicht stei­gend zwischen Obstbäumen, später auch mit Reben‑ und Obststücken abwechselnd wie während der gesamten Wan­derroute, sind wir schnell über dem Ort.

Man schaut hinüber zum auffälligen Gebäude der ehemaligen Schloßmühle am Karlsbach, einem schmucken kleinen Renaissanceschloß, dessen Anfänge auf die gleichen Ritter von Winternheim zurückgehen, die die Burg Windeck erbauten und schon bald nach hier übersiedelten. Zur Öl‑ und Getrei­demühle wurde die Anlage erst im vergangenen Jahrhundert. Ein Industriemäzen verhalf dem Schloß zu seinem neuen alten Gesicht.

Auf dem Weinbergweg erreichen wir fast die Höhe des Ra­benkopfes. Der Hinweis „Naturdenkmal“ in einem steinigen Gelände gilt auch den Höhlen. In einer von ihnen soll einst Karl der Große mit seinem Jagdgefolge vor einem Gewitter Schutz gesucht haben. Essend und trinkend wartete die Ge­sellschaft das Unwetter ab und soll später noch manches Ge­lage darin gefeiert haben. Die Höhle bekam den Namen „Karlsgrotte“. Aus Sicherheitsgründen ist sie nicht zugänglich.

Statt in die Tiefe schweift unser Blick in die Ferne, über den Rheingau jenseits des Stromes zum Rheintaunus. Der Radius wird noch vergrößert nach Kreuzen der Straße Mainz ‑ Ingel­heim mit Erreichen des höchsten Punktes dieser Gegend (228 Meter).

Doch was in diesen Tagen weitaus mehr fasziniert, ist die Landschaft diesseits des Rheines, eingehüllt in weiße Blüten­wolken. Zu Zehntausenden reihen sich die Kirschbäume an­ein­an­der. Ein Kirschblütenmeer tut sich alljährlich in der Rheinnie­derung zwischen Heidesheim und Ingelheim auf. Während hier oben noch meist die hochstämmigen Veteranen mit weitausholenden Kronen dominieren, ist man unten im Tal längst zur Bepflanzung mit kleinwüchsigen Neuzüchtungen übergegangen, die zwar alle sieben bis Jahre erneuert werden müssen, aber weitaus ertragreicher sind als die mühsam über Leitern erreichbaren großväterlichen, hier bald nur noch in der Literatur existierenden Schattenspender.

Das R leitet uns einen asphaltierten Weg zwischen Rebenzeilen nach Ingelheim hinunter, auf die malerische Burgkirchenanlage zu, Grablege der Ingelheimer Adelsgeschlechter seit dem 15. Jahrhundert inmitten eines mittelalterlichen Wehrfriedhofs. An dieser Stelle verläßt uns das Zeichen. Wir wenden uns rechts in den Gehauweg, seine Fortsetzung Rotweinstraße, von der Turnerstraße rechts in die Mainzer Straße und links zum Rathausplatz mit Altem Rathaus.

Zwischen Zanggasse und Zuckerberg laufen wir geradeaus in die Heidesheimer Straße und damit aus Ingelheim hinaus, in dieser Jahreszeit sicher nicht, ohne zum Spargelessen eingekehrt zu sein. Hauptsächlich Spargelfelder neben Reben und Obststücken bestimmen denn auch diesen Feldabschnitt auf Heidesheim zu. An der Wegegabelung mit steinernen „Ruhe“, an der einst die Marktfrauen ihre Kiepen und Körbe absetzten, wenden wir uns links, an einer mächtigen Schwarzpappel vorbei, und finden durch Berndes‑Allee und Binger Straße zum Bahnhof zurück (Elvira Klein, Frankfurt I, Seite 259).

Herr Schaub aus Heidesheim teilter 2010 dazu mit, daß er nicths von diesen verschütteten Höhlen wisse. Er vermutet eher, daß es sich um eine Volkssage handelt, die im Zusammenhng mit der Pfalz in Ingelheim (Karl der Große)  entstanden ist.

 

Königsklinger Aue bei Eltville:

Rund zwei Kilometer lang und ein paar hundert Meter breit ist das Zuhause der Oblerichs: Die Königsklinger Aue, eine Rhein-Insel vor Eltville. Das Ehepaar lebt dort ganz alleine - und findet das auch gut so. „Wenn wir mal in Mainz waren zum Shoppen, dann sind wir immer froh, wenn wir wieder hier sind“, sagt Eva-Maria Ohlerich. Sie hat sich jegliche Hektik abgewöhnt, seit sie mit ihrem Mann vor fünf Jahren von der Ostseeküste auf das Eiland zog.

Die beiden 53 und 54 Jahre alten Eheleute verwalten den Besitz einer Unternehmerfamilie aus dem Kreis Offenbach - kümmern sich um die Rinderzucht. bauen Bio-Obst und Bio-Gemüse an und pflegen das Herrenhaus, das eine Gräfin im Jahr 1912 hat bauen lassen. Am Wochenende spannen die Besitzer dort gerne aus, doch ansonsten sind die Ohlerichs unter sich. „Nur ab und zu denken mal junge Leute, sie könnten hier sonnenbaden. Die bitten wir dann, die Insel zu verlassen“, sagt Gerd Ohlerich.

Der Agraringenieur hatte die Stellenanzeige für den Verwalterposten entdeckt und seine Frau überredet. es zu versuchen. „Hier bin ich mein eigener Herr und ich kann auf meine Tiere ganz anders eingehen“, sagt er. 86 Rinder gibt es zu versorgen. Gerd Ohlerich sagt, er habe seinen Traumjob gefunden. Insgesamt bewirtschaften er und seine Frau 52 Hektar, die Insel ist aber auch Naturschutzgebiet. Neben den Rindern, fünf Katzen. einem Hahn und zehn Hühnern leben dort Füchse, Wildschweine, Fasane und Rehe. Greifvögel (Schwarzmilane) kommen zum Brüten vorbei.

Das Ehepaar wohnt in einem schmucken Häuschen, davor picken die Hühner auf dem Boden. Der Kuhstall ist nicht weit, auch das Gewächshaus und die Garage nicht. Sie haben Strom. Telefon und Internet, einen Brunnen zur Wasserversorgung, auch Holz zum Heizen gibt es auf der Insel.

Zum Einkaufen geht es immer montags. „Das will dann allerdings gut geplant sein, denn vergessen sollten wir nichts“, sagt Gerd Ohlerich. Um die Insel zu verlassen, stehen dem Ehepaar neben zwei Booten vier Amphibienfahrzeuge zur Verfügung, die sowohl auf vier Rädern an Land als auch wie ein Boot im Wasser fahren können. Für Notfälle haben sie eine große Tief

kühltruhe, um sich auch mehrere Wochen lang selbst versorgen zu können.

Denn das idyllische Leben auf der Insel stellt die Ohlerichs manchmal auch vor ernste Probleme. Nebel erschwert besonders im Herbst die Flussüberquerung. Irrfahrten auf dem Teil des Rheins, der die Insel vom rheinland-pfälzischen Ufer trennt, können dann die nicht ganz ungefährliche Folge sein. Im Frühjahr kriecht regelmäßig Hochwasser auf Haus und Stall zu. Zudem haben Paketzustelldienste Mühe mit der Adresse. Nach jahrelangem Kampf und einem fast verloren gegangenen, nagelneuen Fernsehgerät haben es die beiden aufgegeben: „Wir können nichts bestellen“, sagt Eva-Maria Ohlerich resigniert.

Briefe immerhin kommen an. der Briefkasten steht nahe dem Ufer auf rheinland- pfälzischer Seite. Denn die auch Eltviller Aue genannte Insel gehört zur Gemeinde Heidesheim am Rhein und damit zu Rheinland-Pfalz. Die Ohlerichs wollen bis zur Rente bleiben. Sie loben die Ruhe und die Selbstständigkeit, die ihnen das Leben auf der Insel biete: „Hier zu leben ist wie ein Lottogewinn“, sagt Gerd Ohlerich.

 

 

 

Ingelheim

Bei Ingelheim ist der Rhein mit 900 Meter breit und hat damit seine größte Breite. Es gibt ein Strandbad und einen Jachthafen. In Ingelheim ist das größte Kirschenanbaugebiet Deutschlands. Ende September wird in Ober-Ingelheim die Rotweinkönigin gewählt. Außerdem ist Ingelheim  eine Hochburg des Spargelanbaus (besonders gut im Sportlerheim).

Von der Autobahnabfahrt Ingelheim-Ost fährt man in den Ort hinein und dann links hoch nach Unter-Ingelheim entsprechend der Schilder „Altes Rathaus, Kaiserpfalz“. Parken kann man in der Straße westlich des Alten Rathauses.

Im Rathaus ist ein Museum, das aber nur werktags am Vormittag geöffnet ist. Es gibt aber einen Wanderweg, der zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Ingelheims führt.

Die Kaiserpfalz Karls des Großen liegt östlich des Alten Rathaus in  der Saalgasse. Die Pfalz, von Kaiser Karl projektiert und von seinem Sohn, Ludwig dem Frommen vollendet, erreichte die Ausdehnung antiker Groß­bauten. Hier wurde 788 der Prozeß gegen Tassilo von Bayern geführt, hier wurde der einzige Gold-Denar Karls des Großen gefunden. Viele Häuser der Stadt sind aus den Steinen der Pfalz gebaut. Mittelpunkt der Anlage war die Aula, der Reichssaal, in dem sich Könige und Kaiser trafen, sowohl die glanzvolle Synode unter Otto dem Großen von 948 als auch die Versammlung, als Kaiser Heinrich IV. von seinem Sohn 1105 zum Abdanken ge­zwungen wurde.

Kaiser Barbarossa verwandelte die Pfalz in einen „Wehrhaften Stützpunkt“ und veränderte damit das Gesamtbild der Anlage grundlegend. Mauerreste und Teile der Saalkirche stam­men aus dieser Zeit. Auf einer Holzrelieftafel ist die Gesamtanlage rekonstruiert. Auf einer Wendeltreppe kann man auf die Mauer steigen und auf das Hauptgebäude der Pfalz sehen. Man kann aber auch noch von der Längsseite her in das Innere gehen. Der befestigte Raum um die Pfalz wird „Saal“ genant, die Mauern wurden erst später um die Pfalz gebaut. Im  Jahre 1689 wurde die Pfalz eingeäschert.

Weiter östlich liegt die Saalkirche. Südlich davon das „Karlsbad“, eine unterirdische Brunnenanlage (kein Bad) und der Saalbrunnen. Östlich der Saalkirche stehen Reste des Heidesheimer Tors. Daran schließt sich südlich an die Stadtmauer. An ihr geht man entlang bis zum Zuckergerbtor (mit Kräutergarten) und dem Eckturm „Bolander“.

Wenn man die Straße westlich des Alten Rathauses entlang fährt, kommt man zur Katholischen Remigiuskirche, ein einfacher Barockbau von 1739, mit reich gegliedertem romanischem Turm.

Ein stück weiter wendet man und fährt in der Einbahnstraße wieder nach Osten. Nach rechts geht es zum Krankenhaus, dort wieder rechts und dann links hoch entlang der Weinberge nach Ober-Ingelheim zur Burg mit der Evangelischen Burgkirche mit Deckengemälden. Die Kirche entstand Mitte des 15. Jahrhunderts anstelle einer romanischen Vorgängerin. Adelsgeschlechter aus Ingelheim erkoren sie zu ihrer Grab­lege. In der Nähe der Kirche ist ein Weingut, das schöne geschnitzte Fässer im Keller hat.

Durch den Gehauweg kann man einen Abstecher in die Weinberge machen. Man kommt zum kleinen Burgberg mit Baumgruppe und Mauerresten. Der nächste markante Punkt ist ein freier Platz mit Kelter und Kruzifix. Hier geht es nach links und kurz darauf noch einmal nach links.

Durch die Burganlage fährt hinein nach Ober-Ingelheim, an der zentralen Kreuzung geht es links zum alten hessischen Amtsgericht. Man fährt aber gerade aus ins Selztal und über den Bach. Am Kreisel zeigen Wegweiser zwei Möglichkeiten: „Haus Waldeck“ führt auf den

den Westerberg („wüster Berg“, weil wenig Regen). Dort steht der Bismarckturm. Man überquert den Rheinhöhenweg, um links versetzt  auf einem Graspfad und nochmals links die Verbindung zur Waldecker Straße herzustellen, die sich in engen Kurven hinanwindet. Man kommt zu „Brausers Berghütte“(Säfte aus eigenen Obstplantagen) oder zum Restaurant Waldeck. Der Bismarckturm hat 124 Stufen.

Oder man fährt Richtung  „Schloß Westerburg“. Dieses  ist ein Weingut, das 1900 von Heinrich von Opel gekauft wurde. Es gibt aber keine Autostraße zwischen beiden Ausflugszielen, nur ein Feld- und Radweg.

Im Selztal am Rande Ingelheims ist die Eulenmühle, ein Reiterhof mit artgerechter Haltung. Durchs Tal führt ein schöner Radweg (Frankfurt II, Seite 263).

 

In der Umgebung stehen links den Laurenziberg, ein Wallfahrtsort, dann Ober- und Nieder-Ingelheim  In der Nähe auf der Waldeck, weithin sichtbar der Bismarckturm.

 

Nierstein:

Welcher Ort am Rhein darf sich mit dem Prädikat „größte Weinbau treibende Gemeinde” schmücken? Einer der berühmten Namen, Bacharach, Rüdesheim, Worms oder Brei­sach am Kaiserstuhl? Es ist das rheinhessische Nierstein süd­lich von Mainz. Mehr als 1000 Hektar sind von Reben be­stockt - das ist fast so viel, wie noch am gesamten Mittelrhein angebaut wird. Und tatsächlich, die Gemeinde scheint förm­lich im Wein zu schwimmen. Kein Wald und kein Feld un­terbricht das Rebenmeer.

Die Großlage Roter Hang verweist durch ihren Namen auf die außergewöhnliche Geologie, der Nierstein seinen flüssigen Reichtum verdankt. Der gesamte Hang besteht aus rotem Tonschiefer, dem so genannten Rotliegenden, einer Formation aus der Permzeit vor 250 Millionen Jahren. Das mineralreiche Gestein begünstigt aber nicht nur die Wein­qualität. Es ist auch ein hervorragender Konservator früher Lebensspuren. Die meisten Funde an Saurierfossilien oder Haifischzähnen hat der Privatsammler Arnulf Stapf gemacht. Daraus erwuchs eine der größten paläontologischen Samm­lungen in Deutschland. Im Alten Rathaus können die nach Alter und Klassen geordneten Schätze aus 570 Millionen Jah­ren bewundert werden, darunter einzigartige Raritäten wie die ältesten Insektenspuren („Trittsiegel") Europas oder der 270 Millionen Jahre alte „Urlurch”, eines der ersten Tiere mit fünfgliedrigen Extremitäten.

Sehenswert ist die evangelische Kirche mit dem Chorturm aus dem 12. Jahrhundert und dem Langhaus (1782-87) inmitten alter Kirchhofbefestigung mit gotischem Rundturm und romanischem Tor. Die katholische Pfarrkirche St. Kilian, auch Bergkirche genannt, hat einen romanischen Chorturm mit Zwiebelhaube (18. Jahrhundert) und Langhaus von 1772-74). Das Alte Rathaus (1838) ist heute Paläontologisches Museum. Das Sironabad ist ein unterirdisches Quellenheiligtum des keltisch-römischen Göttin Siro­na.

Vom Bahnhof kann man nach Belieben entlang der engen, von Weingütern gesäumten Gassen hinauf zum Museums­standort, dem Alten Rathaus am Marktplatz, schlendern. Der direkteste Weg führt von der Mainzer Straße (B 9) durch die Große Fischer-, Glocken- und Langgasse. Zum Wanderbeginn orientieren wir uns dann ab Altem Rathaus am weißen R des Rheinhöhenweges. Karolingerstraße und die Straße An der Bergkirche sind noch zu passieren und dieser Fernwanderweg macht seinem Namen alle Ehre: Vom Vorplatz der barocken Bergkirche St. Kilian eröffnet sich ein herrlicher Blick über den silbrig glänzenden Rhein hinüber ins hessische Ried und weiter bis zur keck vorstehenden „Nase” des Melibocus an der Bergstraße. Beim Weitergehen - das Zeichen ist mehrfach am Boden angebracht - wandert der Blickwinkel nach Nordosten von Darmstadt bis Frank­furt.

Eine Linksschleife bringt uns zu einer Schutzhütte. Unter ihrem Dach hat eine historische Kelter Aufstellung gefunden, an der Rückseite sind Erläuterungen zum Weinbau am Roten Hang angebracht. Selbigen erklimmen wir mit kurzem, rechts abführendem Anstieg. Auf der terrassenartigen Hochebene wenden wir uns - jetzt ohne das R - scharf links und laufen den befestigten Weinbergsberg geradeaus bis zur Nier­steiner Warte, einem mittelalterlichen Signalturm, der aller­dings nicht bestiegen werden darf.

Inzwischen sind uns die farbigen Tafeln eines „Drei-Burgen-Weges” aufgefallen. Wir folgen ab der Warte dem zweiten, gelb markierten Abschnitt zum Schloßturm. Der entpuppt sich beim Näherkommen, nach einem Links­rechts-Knick und längerem Geradeaus, als veritabler Berg­fried einer Reichsburg aus der Stauferzeit. Unbeschadet hat das meterdicke Gemäuer acht Jahrhunderte überstanden - hinzugekommen ist eine Wendeltreppe im Inneren zum Erklimmen der Aussichtsplattform. Auffällig ist beim Blick von oben ein breiter, hell betonierter Weg, der auf der anderen Talseite in die Weinberge führt. Er wird für uns Richtschnur, die bisherige gelbe Markierung endet im Ort.

Durch den Burgweg, die Kirch- und Laidlebstraße und an der folgenden Kreuzung weist der vom Turm gesichtete Weg rechts hinauf. An dessen Ende halten wir uns links und fol­gen mit zwei Rechts-links-Knicken dem Wirtschaftsweg durch die Rebenzeilen immer geradeaus. Kurz vor der Bun­desstraße hält man sich rechts, geht einige Meter links an der Fahrbahn entlang und zweigt in den ersten rechts aufwärts führenden Weg erneut in die Weinberge. Die Richtung geben helle Betonplatten vor. Zunächst geradeaus, dann rechts, schließlich mit weitem Linksbogen bis zur Anhöhe. Dort links entlang der beiden parallel verlaufenden Wege.

Am oberen Rand eines Steinbruchs haben wir die Wahl, einen kurzen Abstecher zur Burgruine Landskrone bei Op­penheim einzulegen oder gleich links mit dem jetzt wieder aktuellen weißen R abwärts zu laufen. Im Neubaugebiet hält man sich rechts bis zur Wörrstädter Straße. Durch Bildstock- und Pestalozzistraße kommt man zum Ausgangspunkt am Rhein (Rhein-Main, 269)..

 

Bingen

Die 50 Kilometer zwischen Bingen und Koblenz sind wie eine Fahrt durch ein einziges, 50 Kilometer langes Freilichtmuseum beiderseits des Stromes. Der Landstrich zählt mit seinen Burgen, Städten und Kirchen zu den schönsten Gegenden Europas, was ihm letztlich auch die Anerkennung als „Weltkulturerbe“ durch die UNESCO eingebracht hat.

Die Städte Bingen und Rüdesheim liegen wie Wächter beiderseits des Eingangs zur tiefen Schlucht des Mittelrheintales, dem sogenannten „Binger Loch“. Beide Städte waren bedeutende Stützpunkte des Erzbistums Mainz und bildeten mit den Burgen Klopp und Ehrenfels eine militärisch starke Tal- und Flussbarriere.

Die Burg Klopp gilt als das Wahrzeichen von Bingen. Sie ruht auf römischen Fundamenten, wahrscheinlich ist auch ihr 52 Meter tiefer Brunnen römischen Ursprungs. Die Burg war Sitz von Burgmannen des Erzbischofs von Mainz, später des Domkapitels. In ihren Mauern wurde am 23.12.1105 Kaiser Heinrich IV (1050-1106) von seinem Sohn, dem gerade mal neunzehnjährigen Heinrich V (1086-1125) gefangen genommen und einige Monate später in Ingelheim zur Abdankung gezwungen. Im Jahre 1689 wurde die Burg zerstört. Heute ist das 1875-79 wieder errichtete Bauwerk Sitz der Stadtverwaltung.

Burg Ehrenfels am anderen Rheinufer wurde 1215 von den Grafen von Bolanden im Auftrag des Mainzer Erzbischofs Siegfried errichtet. Die Burg diente ausschließlich der Zollerhebung zu Lande und zu Wasser. Auf einem Merian-Stich aus dem 16. Jahrhundert sieht man noch, dass zur Burg ein ganzer Gebäudekomplex zählte, der sich bis zum Rheinufer hinzog. Zu den Zollgebäuden gehörte auch der am anderen Ufer gelegene sogenannte „Mäuseturm“. Der Sage nach soll in dem auf einer Felsenklippe im Rhein stehenden Bauwerk der Mainzer Erzbischof Hatto II. (968-70) zur Strafe wegen seines Geizes und seiner Grausamkeit von einer riesigen Mäuseschar aufgefressen worden sein. Tatsächlich hat der Name aber nichts mit den Nagern zu tun. Er leitet sich vielmehr von „Maut“ ab (Mäuseturm = Mautturm). Das in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts errichtete Gebäude diente schlicht und einfach als Aussichts- und Wachturm der Burg Ehrenfels, weil man von dort aus den Rhein wegen einer Flusskrümmung nicht nach beiden Seiten einsehen konnte.

„Ach hätt’ ich nur den Zoll am Rhein, vorbei war'n alle Plagen!“ So heißt es in einem mittelalterlichen Lied. Der Rhein war zur damaligen Zeit einer der wichtigsten Handelswege im Reich. Vor allem im engen Mittelrheintal, das von schwer passierbaren Höhen umgeben war, gab es so gut wie keine wirtschaftliche Alternative zum Schiffstransport. Tatsächlich kann der Zoll am Mittelrhein in seiner Bedeutung für die jeweiligen Landesherrn nicht hoch genug eingeschätzt werden. Im Klartext: Für den, der ihn erhob, kam der Rheinzoll einer Lizenz zum Gelddrucken gleich! Bis weit ins Hochmittelalter war die Zollerhebung allein das Recht der deutschen Könige und es bestanden zwischen Bingen und Koblenz nur zwei Zollstellen. Überliefert sind die Zölle von Boppard (10. Jahrhundert) und Koblenz (11. Jahrhundert). Beide befanden sich in königlicher Hand. Natürlich blieben die lukrativen Einnahmen, die mit der Zollerhebung verbunden waren, den Territorialherren nicht verborgen. Diese wollten von dem Kuchen auch etwas abhaben und errichteten seit Beginn des 13. Jahrhunderts eigene Zollstellen.

Sie stießen damit auf den erbitterten Widerstand des Königs und des Rheinischen Städtebundes, der 1254/56 deshalb sogar einen Zollkrieg führte. Letztendlich aber vergebens. Im Jahre 1301 startete König Ludwig der Bayer einen letzten erfolglosen Versuch, die Zollerhebung durch die Territorialherren zu verhindern. Das hatte zur Folge, dass es ab Anfang des 14. Jahrhunderts zwischen Mainz und Köln zwölf Zollstellen gab, davon alleine 7 (!) auf den rund 50 Flusskilometern zwischen Bingen und Koblenz. Der Zoll wurde so zur bedeutendsten Finanzquelle der regionalen Herrschaften im 14. und 15. Jahrhundert. Vom Mainzer Erzbistum ist z.B. bekannt, dass es alleine mit seiner Zollstelle in Oberlahnstein 15- bis 20.000 Gulden jährlich einnahm. Das war mehr als alle Abgaben der Untertanen zusammen. Dabei sind die Zolleinnahmen von Burg Ehrenfels, die Mainzer Erzbischöfe kassierten nämlich an zwei Stellen, noch nicht berücksichtigt. Die Höhe der Zollabgaben war unterschiedlich. Überliefert ist, dass in Bacharach 10 Prozent und in Kaub 16 Prozent des Warenwertes erhoben wurden. Durch alte Unterlagen belegt ist, dass sich der Warenwert wegen der zu entrichtenden Zölle zwischen Burg Ehrenfels und Koblenz um 75 Prozent verteuerte. Von den Zahlungen befreit waren fremde Zollherren, königliche Hofbeamte, Pilger und Geistliche. Sie mussten zwar wie alle anderen Reisenden an der Zollstelle stoppen, waren aber im Besitz eines Geleitbriefs, der den Zöllnern vorzuweisen war. Wir wissen heute ziemlich genau, wie sich eine mittelalterliche Zollverwaltung personell und logistisch zusammen setzte: An der Spitze stand der Zollschreiber, der oft der jeweiligen Zollherrenfamilie angehörte. Ihm unterstellt waren der Beseher mit zwei bis drei Zollknechten als Helfer sowie militärisches Personal in unterschiedlicher Stärke. Eine besondere Vertrauensstellung hatte der Beseher inne. Ihm oblag nämlich die Taxierung der Ware und die Festsetzung der zu zahlenden Zollgebühr. Logisch, dass er in dieser Tätigkeit manchem Bestechungsversuch durch die Kaufleute ausgesetzt war. Entlohnt wurden die Zöllner mit einem Gehalt, kostenloser Sommer- und Winterdienstbekleidung und Naturalien. Die Zollverwaltungen logierten in Zollburgen, -häusern oder -türmen direkt am Fluss. Zu ihren logistischen Einrichtungen zählten Schiffsanlegestellen, Kaimauern und Lastkräne.

 

Sehenswert in Bingen sind außerdem:

  • Katholische Pfarrkirche St. Martin (um 1410), gotisch mit romanischen Teilen, statt dem nördlichen Seitenschiff zweischiffige spätgotische Halle (1502–05); früh­salische Krypta (11. Jahrhudnert), Baldachinaltar (1768) und reiche mittelalterliche Plastik
  • Alte Nahebrücke (Drususbrücke), älteste mittelalterliche Brücke Deutschlands (um 1000)  Burg Klopp (15. Jahrhundert), 1662 und 1689 zerstört, nach alten Plänen 1875–79 wieder aufgebaut.
  • Rheinkran, Holzkonstruktion um 1550.
  • Rochuskapelle auf dem Rochusberg, 1666 während der Pest gestiftet, 1794 zerstört, 1814 und 1895 erneuert, bedeutender Hildegardis-Altar (siehe unten).

 

Rochusberg:

Als junger Mann von 23 Jahren erlebt Goethe den Rheingau erstmals bei einer Schiffspartie auf einer Yacht von Ehren­breitstein nach Frankfurt. „Und obschon dies an sich sehr langsam ging, so ersuch­ten wir noch überdies den Schiffer, sich ja nicht zu übereilen. So genossen wir mit Muße der unendlich mannigfaltigen Ge­genstände, die, bei dem herrlichsten Wet­ter, jede Stunde an Schönheit zuzunehmen schienen.“

Trotz der Eloge auf die herrliche Gegend läßt Goethe 42 Jahre vergehen, bevor er den Rheingau im Zusammenhang mit einer Badekur in Wiesbaden gründlich bereist. Goethe ist bereits ein gesetzter Herr von 65 Jahren, als er das muntere Treiben der Sankt‑­Rochus‑Wallfahrt zu Bingen im August 1814 beschreibt. An diesem Tag wird das Fest zum ersten Mal seit 24 Jah­ren wieder gefeiert. Die strategisch wichti­ge Hügelkuppe war lange durch französische Truppen besetzt gewesen, das Kirch­lein. stark zerstört worden.

Erst nachdem Napoleon 1813 in der Völ­kerschlacht bei Leipzig vernichtend ge­schlagen wurde, war in Mitteleuropa eine über zwanzigjährige Kriegszeit beendet. Das Rheinland ist wieder deutsch gewor­den fleißige Handwerker bauen in kürzes­ter Zeit die Wallfahrtskapelle wieder auf, die neu geweiht wird. Der Festtag beschwört große Gefühle herauf, die weit mehr als reli­giöser Natur sind. Tau­sende tummeln sich auf der großen Wiese mit Blick auf das Bin­ger Loch, den Mäuseturm und das gegen­über liegende Rüdes­heim. Buden und Zel­te sorgen für das leibliche Wohl, der Wein fließt in Strömen. Goethe erweist sich als spendabel und gibt bei der Malerin Luise Seidler ein Bild des Heiligen in Auftrag, der zum Dank unverkennbar die Züge des jungen Goethe trägt.

 

Seit Goethes Besuch am 15. August 1814 hat sich auf dem Rochusberg über Bingen auf den ersten Blick nicht viel verän­dert. In „Dichtung und Wahrheit” beschreibt er ihn als Hügel nahe dem Rheinstrom, wo einstmals Meer war: „Es läßt sich als Vorgebirg in den alten höheren Wassern denken. An seinem östlichen Ende sieht man eine Kapelle, dem heiligen Rochus gewidmet, welche soeben vom Kriegsverderben wieder herge­stellt wird. An seiner Seite stehen noch die Rüststangen.”

Schon bei der Anfahrt durch den rechtsrheinischen Rhein­gau oder das gegenüberliegende Mainzer Becken ist der Bergrücken mit der Kapelle an der Spitze weithin erkennbar. Mit dem Auto fährt man in Bingen über Mainzer-, Rochusstraße und Rochusallee hoch. Bahnreisende oder Schiffspassagiere finden Wanderwege nach oben, die mit jedem gewonnenen Meter Höhe überwältigendere Aussichten bieten.

Im Osten schimmert der Rhein, den die baumbestandenen Auen teilen, gegenüber säumt Rüdesheim wie ein Spielzeug das Ufer, über sich die Weinberge mit der „Germania” und dem erdfarbenen Kloster Eibingen. Im Norden und Westen zwingen die Rheinberge am Binger Loch den Fluß zur Wende. Darüber wacht die Ruine Ehrenfels. Vor 30 Millionen Jahren soll sich hier der Strom den Weg durch die Felsen gebahnt haben, so daß das Meer abfloß. Aus den zurückgebliebenen Schlämmen und Schwemmsand bildeten sich Schiefer und Quarzite, die einen guten Wein hervorbringen. Am Schliff in den Steinwänden ist heute noch zu erkennen, wie hoch der Meeresspiegel einst reichte. Die Mee­resbrandung kerbte sich ein. Der Amateurgeologe Goethe hielt sich denn auch zuerst unten mit dem Sammeln von Gesteinsproben auf, ehe er mit Scharen von Wallfahrern den damals ziemlich waldarmen Berg erklomm. Heute ist die Höhe ein großer Waldpark.

Die Kapelle im „wohlhäbigen katholischen Kirchenstil”, die der Dichter oben antraf, ist nicht mehr die heutige. Nachdem den Rhein aufwärts bis nach Frankfurt die Pest mit der Schiffahrt einge­schleppt worden war, hatten die Binger sie zu bauen gelobt, wenn sie selbst verschont blieben, und hatten sie dem Pestheili­gen Rochus gewidmet. Allein das Vorhaben sollte schon das göttliche Strafgericht abwenden, als welches die Seuche galt.

Statt der vom Blitz zerstörten alten Kapelle nimmt seit 1895 ein Musterbeispiel der Neugotik die Stelle ein. Im Inneren sind jedoch Altäre, Bilder, Plastiken aus dem 16. und 18. Jahrhundert überkommen, darunter ein Gemälde des früheren Kirchleins und ein Kuriosum: Goethe in Gestalt des Kirchenpatrons. Der Legende nach hat Rochus im 14. Jahrhundert in Italien hinge­bungsvoll Pestkranke gepflegt, bis er selbst infiziert aus der Stadt gewiesen wurde. Er wäre umgekommen, hätte nicht ein kleiner Hund ihn mit stibitztem Brot versorgt. Seitdem wird der Heilige immer mit dem Hündchen dargestellt, das einen Laib Brot apportiert.

Wer heute an einem Frühlingssonntag von Bingen aus hinauf zur Kapelle kurvt, trifft den Ort viel beschaulicher an. Die Kirche mit dem prunkvollen Außenchor strahlt frisch renoviert in der Sonne. Nur wenige Schritte sind es von der Kirche zum Aussichtspunkt Goethe‑Ruhe mit Blick über den Rhein. Doch das Panorama ist heute fast zugewachsen. Wer Rüdesheim richtig erkennen will, muß auf eine Bank steigen und den Hals recken (oder jetzt noch die blattlose Zeit nutzen), denn eine mächtige Kastanie drängt sich ins Bild. Der Bück nach Süden auf den Strom mit seinen Lastkähnen und Inseln bis nach Mainz ist dagegen frei.

 

Der Außenchor der Kirche geht in einen Park, wie in einen Naturdom über. Zu den Wallfahrten herrscht hier ein ähnliches Gedränge, wie unser Dichter es erlebt haben muß. Ihm ist ein Aussichtstempel auf den Rhein gewidmet, einer Gruppe von Wallfahrern, die bei einer Überfahrt kenterten und ertranken, eine Gedächtnistafel. An der „Laterne” vorbei streift der Blick über Weinhänge ins Naheland. Linkerhand im Kloster der Obla­tenpatres kann man um eine Kirchenführung bitten, denn ge­wöhnlich ist - nach etlichen Diebstählen - der Blick nur durch gesicherte Gitter möglich.

Angesichts der Naheniederung geht es vorbei am Weintor der Westseite des Berges und seinem Kaiser-Friedrich-Turm zu. Überall sind Rastplätze, auch ein Grillplatz, auf leichter Anhöhe mit wiederum herrlicher Aussicht. Während Kinder sich lieber auf dem Bolzplatz austoben wollen, mögen die Erwachsenen den Turm besteigen und nun auch noch den Blick in sich aufnehmen, der bisher verborgen war: Auf Bingen und die Nahe, die an der schönsten Stelle oberhalb des Mäuseturms in den Rhein mündet.

Wer danach einkehren will, kann das vielleicht noch in den gerade passierten „Tennis-Terras­sen” tun, wo der Rundblick inbegriffen ist. Sonst gibt es beim Abstieg nach einem Aus­sichtsschlenker über das Rondell auf dem Scharlachskopf in Bingen genügend Lokale. Wieder kann man sich dabei an Goethe erinnern, der auf dem Rochusberg über die Trinkfreudigkeit selbst der Kinder staunte und belustigt die Geschichte von dem trinkfreudigen Pfaffen vernahm, der für seine Predigten wider die Trinklust bekannt war. Nur so viel erlaubt der Herrgott seinen Schäfchen, wie ihnen bekömmlich sei. Ihn selbst, so brüstete er sich aber, habe der „grundgütige Gott gewürdigt”, ein „seltener Fall” zu sein, der sich täglich acht Maß (16 Flaschen) „mit gutem Gewissen” einflößen dürfe. Dann wohl bekomm's!

 

 

Mäuseturm

Zwischen Rüdesheim und Aßmannshausen, wo schroffe Felsen ganz nahe an den Rhein heranrücken, stehen sie sich gegenüber: Ruine Ehrenfels auf dem Rüdesheimer Berg und der berühmte Mäuseturm auf einer Rheininsel. Zwei Bauwerke von ganz unterschiedlicher Gestalt, auf dem Hang die wuchtige Burg und im Fluß der schlanke Turm. Aber dennoch standen beide einst in Verbindung zueinander.

Sozusagen als wichtige Assistenz der mittelalterlichen Zoll­burg Ehrenfels entstand im 13. Jahrhundert der Mäuseturm ais Wacht-, Kontroll- und Zollturm und war zugleich eine Art Inselbefestigung. Nach seiner Zerstörung im 17. Jahrhundert wurde er 1855 im neugotischen Stil wiederaufgebaut.

Victor Hugo schauderte es auf seiner Rheinrei­se 1840 bei diesem Anblick des Turms im Strom. Hatte ihm doch sein deutsches Kindermädchen mehr als einmal die gruselige Geschichte von Hatto, dem hartherzigen Erzbischof von Mainz, erzählt, den die Mäuse bei le­bendigem Leib auffraßen.

Der Sage nach ist der quadratische Mäuseturm jedoch ein gutes Stück älter, denn sie bringt ihn mit dem N1ainzer Erzbi­schof Hatto II. in Verbindung, der schon in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts lebte und als geiziger und grausamer Tyrann geschildert wird. Als nach einer Belagerung die Bevölke­rung unter großer Hungersnot litt, die Scheuern und Fruchtspei­cher des Erzbischofs aber voll waren, zogen die Hungernden Hilfe erbittend zu Hatto.

Offenbar auf das Ersuchen der Leute eingehend, beorderte er die Bittgänger zu einer großen Scheune, wo sie mit Brot versorgt werden sollten. Hatto aber hatte die Menschen in eine grausame Falle gelockt: Als alle Brotholer in der Scheune waren, ließ der Erzbischof das Tor blockieren und rings um die Scheune Brände legen. Das Gewimmer und die gellenden Schreie der Eingeschlossenen ließen Hatto kalt. Er spottete noch dazu und deutete die Todesangstrufe der Menschen als das „Pfeifen der Kornmäuse”.

Aber die Schadenfreude sollte ihm bald vergehen: Aus der Asche der Verbrannten, so erzählt die Sage weiter, seien unzäh­lige Mäuse hervorgekommen, die den Erzbischof ständig scha­renweise verfolgten. Um sich den grauen Nagern zu entziehen, flüchtete Hatto auf eine Rheininsel und ließ in aller Eile einen hohen Turm bauen, der seine künftige sichere Behausung sein sollte, den Mäuseturm. Aber Wasser sowie Turm bildeten für die Mäuse kein Hindernis, sie überwanden beides und sorgten für eine gerechte Strafe: Sie fraßen den hinterhältigen Hatto lebendigen Leibes. Womit die Herkunft des Namens Mäuse­turm hinreichend erklärt sein dürfte. Allerdings nur der Fabel nach.

Historisch verhält es sich etwas anders. Der Turm war ursprünglich ein Wartturm (vor 1350) der kurmainzer Zollburg Ehrenfels am rechten Rheinufer. Er hieß also ursprünglich Mauth­turm, weil darin ein Mauth- beziehungsweise Zollhaus untergebracht war. Mauth ist germanischer Herkunft und bedeutet Warenzoll, Mauthner hieß der Zöllner. Nachdem beide Wörter aus dem deutschen Sprach­schatz verschwunden waren und man sich unter einem Mauth­turm nichts mehr vorstellen konnte, machte die Volksphantasie schließlich den Maus- oder Mäuseturm daraus.

Im Jahre 1855 wurde der Turm mitten im Rhein neugotisch erneuert und diente noch eine Weile als Signalstation für die Rheinschifffahrt. Seit der Entschärfung des klippenreichen Binger Lochs vor einem Jahrzehnt ist die Signalanlage überflüssig geworden und wurde demontiert. Heute ist der schlanke Turm mit seinen gezackten Türmchen einzig noch vielbeachtetes Symbol der alten Sage mit den Mäusen und wird des nachts in Bonbon­farben angestrahlt.

 

Assmannshausen:

Im Jahre 1108 erstmals erwähnt, war bis in das 14. Jahrhundert von Rüdesheim abhängig. Die 1829 wieder entdeckten Thermalquellen wur­den schon 1489 durch den Erzbischof von Mainz genutzt. Auf dem Tonschieferboden gedeiht der Aßmannshäuser Rotwein.

Ruine Ehrenfels: Ehemalige Zollburg des Mainzer Erzbischofs über dem Binger Loch. Erbaut 1211. zerstört 1689.

Die Weine der Steillagen von Assmannshausnen und Rüdesheim: Im Mündungsdreieck der Nahe, just dort, wo Vater Rhein sich anschickt, das Mittelgebirge wieder gen Norden hin zu durchschneiden, wandelt sich das Landschaftsbild. Das breite Flusstal verjüngt sich. Unmittelbar vom Ufer aus steigen die Weinberge steil an. Stützmauern und Treppen formen eine kunstvoll pittoreske Terrassenlandschaft. Die gebändigten Berghänge lassen erahnen, wieviel Mühe der Weinbau hier macht. Das Ergebnis lohnt den Aufwand. In den Steillagen von Rüdesheim und Assmannshausen ernten die Hessischen Staatsweingüter einzigartige Weine.

Entlang der Rheinfront, vom westlichen Rand der Stadt Rüdesheim bis zu der erhabenen Burgruine Ehrenfels, erstrecken sich die Renommierlagen des sogenannten „Rüdesheimer Berges“. Auf „Rottland“, „Roseneck“ und „Schlossberg“ verteilt sich das Gros der 23 Hektar großen Rebfläche, welche die Staatsdomaine Rüdesheim bewirtschaftet. In den bis zu 75 Prozent steilen Südhängen gedeihen unter intensiver Sonneneinstrahlung aus gesprochen fruchtige Weine mit harmonischer Rieslingsäure.

Einzig und allein dem Spätburgunder hat sich die Staatsdomaine Assmannshausen verschrieben. Auf den Südwesthängen des „Höllenberg“ wächst der Edelmann unter den Rotweinen, der in seiner Qualität von keinem anderen deutschen Rotwein erreicht wird. Wen wundert es, dass bei so etwas Feinem wieder die Eberbacher Mönche ihre Hand im Spiel hatten. Die erste Nachricht über den Anbau des „Klebrot“, ein im Rheingau gebräuchliches Synonym für die Rebsorte Spätburgunder, meldete das Nonnenkloster Marienhausen, welches der Abtei Eberbach unterstellt war. So geschehen anno 1507, währenddessen Rebstöcke auf den Hängen des Höllenberg schon nachweislich seit Beginn des 12. Jahrhunderts angebaut wurden.

Die Rotweinbereitung der Domaine Assmannshausen erfolgt im traditionellen Stil. Voraussetzung eines edlen Spätburgunders sind vollreife, gesunde Trauben, die auf der 23 Hektar großen Rebfläche ausschließlich in Steillagen gewonnen werden. Das Lesegut wird in der gutseigenen Kellerei äußerst schonend weiterverarbeitet. In Eichenholzfässern reifen die Rotweine anschließend zu geschmacklicher Harmonie und Bekömmlichkeit heran. Ergebnis sorgfältiger Weinerzeugung ist ein rubinroter, bukettbetonter „Assmannshäuser“. Die Zunge des kultivierten Bacchanten schmeckt feine, bittere Mandeln und samtene Frucht.

 

 

Trechtings­hausen:

Das Morgenbachtal im Binger Wald, wie der östliche, zum Rhein steil abfallende Teil des Hunsrücks genannt wird, gilt als das schönste weit und breit. Besonders im unteren Abschnitt wird der Morgenbach zum Wildwasser, das sich im tiefen, engen Waldtal seinen Weg bahnt. Am oberen Rand ragen Schiefer-Quarzit-Felsen empor, teilweise ausgewiesen für Kletterübungen des Deutschen Alpenvereins. In diesem Naturschutzgebiet ist sogar Damwild angesiedelt, das sich gelegentlich dem Wanderer zeigt. Und wie es sich für einen Ausflug am Rhein gehört, wird das Erlebnis Naturromantik noch durch Burgenromantik gesteigert.

 

Starten wollen wir am Bahnhof von Trechtingshausen. Sehenswert ist hier die katholische Pfarrkirche St. Clemens (1823-25) mit zwei spätgotische Plasti­ken. Die Friedhofskapelle (Klemenskapelle) ist die ehemalige Pfarrkirche (Ende 12. Jahrhundert), eine kleine spätromanische Pfeilerbasilika. Die Ortsbefestigung mit Tor und zwei Türmen ist erhalten.

Es geht hinauf zur B 9 und schräg gegenüber bietet sich sogleich Gelegenheit, Burg Reichenstein aufzusuchen, die mit ihrem düsteren, lang gestreckten Mauerwerk den Ort überragt. Sie ist eine der größten und stärksten Festungen am Rhein, eine Wohnanlage ohne Bergfried, heute Hotel, Restaurant und Museum. Neben Waffen, Rüs­tungen und Jagdtrophäen birgt sie eine Sammlung von etwa 300 gußeisernen Ofenplatten aus mehreren Jahrhunderten. Der Rittersaal ist zugleich Ahnengalerie. Die Anfänge der Burg sollen bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen. Einen un­rühmlichen Namen hat sie sich als Raubritternest im 13. Jahrhundert gemacht. Kaiser Rudolph von Habsburg konnte es erst nach vierjähriger Belagerung 1282 aushungern (1253 und 1282 zerstört).

Der Burgherr und seine Kumpanen wurden an der Klemens­kapelle enthauptet. Mehrmals zerstört, aber wegen ihrer stra­tegischen Bedeutung immer wieder aufgebaut, verfiel Rei­chenstein, durch verbesserte Waffen bedeutungslos gewor­den. Die Adels- und Industriellenfamilie Kirsch-Puricelli ließ das Gemäuer - bemerkenswert originalgetreu -1899 im neugotischem Stil wieder aufbauen.

 

Nach der Burgbesichtigung zurück zur B 9, folgt man ihr bis zum nahen Ortsausgang, wo die Klemenskapelle vom Rheinufer herüberleuchtet. Mit dem Zeichen weißes RV biegt man in die Morgenbachstraße und damit ins Morgen­bachtal, und läuft neben, später über dem sprudelnden Bach. Signal zum Verlassen des Tales geben die rotbraune Schutzhütte, der Wegweiser „Schweizerhaus”, der gelbe Punkt und weitere Markierungen.

Es geht stramm bergauf. Durch den alten steinernen Torbogen steuert der Wanderer direkt auf die Aussichtsterrasse und Einkehr „Schweizerhaus” zu. Der Blick erfaßt gegenüber Assmannshausen, stromaufwärts das Binger Loch, Mäuseturm und Bingen.

Es ist der ehemalige Jagdsitz von Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen nahe der von ihm wieder aufgebauten Burg Rheinstein. Ei­nen schöneren Platz für sein Jagdhaus hätte Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen nicht finden können. Nur wenige Mi­nuten hatte er es hinauf von der Rheinstein, „seiner” 1825 ganz im romantischen Zeitgeist wieder aufgebauten Burg.

Sie ist unser nächstes Ziel.

Gegenüber dem steinernen Bogen beginnt der Eselspfad (Schild), der holperig und kurvenreich uns am steilen Wald­hang entlang zur Rheinstein bringt. Die um 1260 erbaute gotische Hangburg wurde nach 1825 als erste Burg am Rhein (romantisch, neugotisch) wieder aufgebaut. Im Zickzack hinunter zur Zugbrücke und nach Entrichtung des (Eintritt-)„Zolls" darf man nach Belieben durch die neugotische Kapelle, Höfe und Räume streifen, Glasmalereien aus vier Jahrhunderten, Rüstungen, eine Steinschleuder oder die Sammlung antiker Möbel in Augenschein nehmen. Von Wehrgängen und den höchsten Zinnen der ursprünglich im 13. Jahrhundert als Mainzer Zollfeste erbauten Rheinstein genießt man dabei herrliche Blicke ins Rheintal.

Für die letzte Etappe sollte sich der Wanderer je nach Lust und auch Leistungsfähigkeit entscheiden: Entweder auf dem bequemen, aussichtsreichen Treidelpfad am Rheinufer ent­lang oder weiterhin dem nicht ganz ungefährlichen Eselspfad folgen, der sich zunächst noch so unscheinbar wie zuvor gibt, später steinig, rutschig, manchmal kaum erkennbar, steil ab­wärts um Felsnasen herum ins Morgenbachtal zieht. Wer sich für den Treidelpfad entscheidet, läuft vom Burgtor bergab zur B 9, gegenüber den Treppenabgang unter dem Bahn­damm zum Rheinufer, kommt an der Klemenskapelle vorbei nahe der Mündung des Morgenbaches und nach links zurück zum Ausgangspunkt (Rhein-Main, 241).

 

 

Lorch

An der Uferfront steht das bekannte Hilchenhaus, eines der ersten, seit 1646 erbauten Renaissancegebäude Deutschlands. Der be­rühmteste Sohn der Stadt, Hans von Hilchen, Ritter und kai­serlicher Feldmarschall, plante das Haus als seinen Alterssitz.

Das 450 Jahre alte Hilchenhaus in Lorch bleibt weiter ein Sanierungsfall. Öffentliche Gelder bewahrten den Renaissancebau vor dem Einsturz. Doch die Zukunft ist ungewiß: Der Besitzer ist zahlungsunfähig. Wohl aus den letzten Kriegstagen stammen die Einschußlöcher im Sandsteinsockel - doch die und ein Brand im Jahr 1945 haben dem prachtvollen Renaissancebau am Ufer des Rheins nichts anhaben können. Der Zerfall setzte erst richtig ein, als der nach Ansicht von Denkmalschützern wichtigste Bau am Mittelrhein neuen, glanzvolleren Zeiten entgegensehen sollte. Ein Vier-Sterne-Hotel mit Tagungsräumen hatte am Rande des historischen Ortskerns von Lorch entstehen sollen.                     

Doch der Besitzer entkernte nur das Gebäude, die Fenster waren herausgerissen worden, und im Dach klaffte ein riesiges Loch. Hinzu kam, daß die Bauarbeiter noch am letzten Tag vor Bekanntwerden der Insolvenz eine Zwischendecke entfernt hatten und damit der Statik des Hauses fast den Todesstoß versetzt hätten.

Stadt, Kreis und Land hatten lange miteinander und teilweiser auch gegeneinander darum gestritten, wer jetzt dafür zuständig sei, das Haus vor dem endgültigen Verfall zu retten. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Kreis jedoch der Lorcher Bürgerinitiative „Rettet das Hilchenhaus“ nachgegeben und 250.00 Euro bereitgestellt. Die Arbeiten sind jetzt fertig. Für 100.000 Euro wurden die Fenster mit Brettern vernagelt, das Dach behelfsmäßig, aber dauerhaft abgedichtet. Stahlstreben ersetzen jetzt die fehlende Decke zwischen dem ersten und dem zweiten Stock. Auch der Erker an der Rheinseite droht nicht mehr abzukippen.

In der gotischen St.-Martins-Kirche fand das lebens­großes Grabmal des Hans von Hilchen einen würdigen Platz. Das Gotteshaus ist berühmt durch den gewaltigen Schnitzaltar, der mit seinen in mehreren Geschossen übereinander angeordneten Heiligen­figuren und dem Gesprenge 15 Meter bis in die Spitze des Chores ragt.

Lorch war die „Hauptstadt“ des Freistates Flaschenhals, der von 1919-1923 existierte. Damals hatten die Franzosen einen Brückenkopf gegenüber von Mainz besetzt und die Amerikaner einen gegenüber von Koblenz: Weil man die Abgrenzungen mit einem Zirkel geschlagen hatte, blieb in der Mitte ein unbesetztes Gebiet in Form eines „Flaschenhalses“. Es hatt6e nur durch das Wispertal eine Verbindung zum freien Deutschland, und durch den Schmuggel, bei dem man hinter der Rheininsel Güter anlandete. Man druckte eigenes Notgeld. Aber 1923 machten die Franzosen dem allem ein ‚Ende, indem sie das Gebiet besetzten und den Bürgermeister und seine Beamten verhafteten. Heute gibt es eine Interessengemeinschaft, die vor allem Weinvermarkten will. Sie stellt einen „Reisepaß“ zu zwölf Gaststäten im Gebiet aus und hat auch in den Hauptstädten der Bundesländer Gaststäten als“Botschaften“.

 

In Lorchhausen mit einer Kapelle führt ein Kreuzweg mit großen Stationen in die Weinberge.

 

Die Ruine Waldeck und die Sauerburg stehen in engem historischen Zusam­menhang, könnten aber in ihrem Erhaltungszustand nicht unterschiedlicher sein. Hier die fast nur noch in wenigen Ru­dimenten vorhandene Waldeck, dort die mächtige, hervorra­gend restaurierte (und privat bewohnte) Sauerburg mit ihren charakteristischen Fachwerkaufbauten über den dunklen Bruchsteinmauern der Wehranlagen.

Die rechte Einstimmung auf das Burgenduett gibt das dank großartiger Kunsthistorie überaus sehenswerte Lorch an der Wispermündung in den Rhein.

 

In Richtung Sauertal kommt man zuerst an der Kreuzkapelle rechts vorbei. Über dem Ort liegt Ruine Waldeck. Wegen der Sicht ins Tal lohnt die kurze, aber beschwerliche Kraxel­partie hinauf. Der Weg neigt sich wieder abwärts, die Ruine bleibt in grüner Einsamkeit zurück. Unvermittelt steht man am Waldrand vor dem kleinen Friedhof des Dörfchens Sauer­tal.

In der Nähe des Eingangs hebt sich bescheiden ein Sandsteindenkmal von den übrigen ab. Es trägt die Inschrift: „Franz von Sickingen, Reichsgraf – seines Stammes der Letzte – Von einem Freunde vaterländischer Geschichte”. Und auf der Rückseite: „Er starb im Elend – 1834”, das heißt in der Nähe der Burg seiner Vorfahren, der Sauerburg, auf dem völlig verschuldeten Hof Sauerberg in Armut.

Die um 1300 erbaute Gegenburg zur Waldeck, eine der größten Anla­gen am Rhein, kam 1672 in den Besitz der Reichsritter von Sickingen und wurde 1685 durch die Franzosen zerstört.

Bei Anwesenheit des Besitzers – hauptsächlich am Wochenende – steht das Burgtor offen zu einem Blick in den Innenhof. Westlich liegt der Sauerberghof.

 

In Lorch-Ransel ist ein Museum mit landwirtschaftlichen Geräten in verschiedenen Pavillons.

 

Eine gute Straße führt im Wispertal abwärts über Ramschied zur Riesenmühle (gute Wirtschaft) und über Geroldstein mit Ruine Schwarzenberg, Laukenmühle (Wirtschaft und Sommerfrische) nach Lorch a. Rh. (634 St.).

 

 

Bacharach:

Bacharach ist der Hauptort des sog. „Viertälergebiets“, zu dem die Dörfer Rheindiebach, Oberdiebach, Manubach und Steeg gehören. Es war im Mittelalter ein einheitlicher Rechts- und Pfarrbezirk, gehörte ursprünglich dem Reich, kam aber schon im 11. Jahrhundert an das Erzbistum Köln. Die von Köln eingesetzten Vögte, als erster wird 1135 ein Goswin von Stahleck genannt, sagten sich von ihrem Lehnsherrn los und wurden 1142 zu Pfalzgrafen erhoben, so dass Bacharach zum Herzstück der „Pfalz bei Rhein“ wurde. Aufgrund seiner günstigen Lage am Ausgang des sogenannten „Binger Lochs“ mit seinen gefährlichen Felshindernissen genoss das Städtchen einen für die damaligen Gegebenheiten weltweiten Ruf als Handels-, Umschlags- und Lagerplatz vor allem für Weine aus der Pfalz und dem Rheingau. Die Ware wurde in Kähnen und kleinen Booten angeliefert, gelagert und dann auf größere Schiffe umgeladen, für die erst ab hier die Fahrt flussabwärts möglich war. In einem Trinklied aus dem Jahr 1628 heißt es: „Zu Bacharach am Rhein, zu Würzburg an dem Stein, zu Klingenberg am Main, hab’ ich in meinen Tagen, gar oftmals hören sagen, soll’n sein die besten Wein!“

Von der reichen Stadtgeschichte künden zahlreiche steinerne Zeugen. Darunter unter anderem eine der besterhaltenen Stadtbefestigungen am Mittelrhein, die evangelische. Pfarrkirche aus spätstaufischer Zeit und die über der Stadt thronende Burg Stahleck. Sie, 1135 erstmals genannt, war das Bollwerk der Pfalzgrafen zur Beherrschung des Stromes. Gleichzeitig riegelte sie das Steeger Tal mit der alten Straßenführung auf den Hunsrück ab. Stahleck zählte im 12. Jahrhundert zu den führenden Rheinburgen und spielte im Interessenbereich der Hohenstaufen, Pfalzgrafen und Kölner Erzbischöfe eine wichtige Rolle. Im Jahre 1194 fand in ihren Mauern die heimliche Vermählung der Agnes von Hohenstaufen mit Heinrich, Sohn Heinrichs des Löwen statt, womit die langjährige Fehde zwischen den Staufern und den Welfen beendet wurde. Heute befindet sich auf der 1689 zerstörten und 1925-27 und 1965-67 vorbildlich wieder aufgebauten Burg eine der am schönsten gelegenen Jugendherbergen Deutschlands.

Als heutiges Wahrzeichen gilt aber nicht die Burg, sondern die Wernerkapelle, die - obwohl Ruine - zu den Hauptwerken der rheinischen Hochgotik zählt. Seine Entstehung verdankt dieses Kleinod gotischer Baukunst dem Rassenwahn: 1287 fand ein Bauer auf einem Feld in der Nähe der Stadt die Leiche des Knaben Werner, der wahrscheinlich einem Sexualmord zum Opfer gefallen war. Schon bald beschuldigte man die Juden, den Knaben getötet und sein Blut für rituelle Zwecke verwendet zu haben. Über die darauf einsetzende Judenverfolgung heißt es im um 1300 niedergeschriebenen „Gesta Treverorum“: „So wurden die Menschen dieser Gegend nah und fern von Wut ergriffen und wüteten grausam gegen die unglücklichen Juden. Die einen erwürgten sie, andere verbrannten sie mit Frauen und Kindern, andere ertränkten sie und mehrere erschlugen sie mit dem Schwert. Nur die, die sich in die Burgen und Festen des Adels zurückziehen konnten, wurden mit Mühe aus dieser Verfolgung gerettet“.

Werner wurde zum Märtyrer und Volksheiligen. Mit dem Bau der zu seiner Ehre errichteten Kapelle dürfte schon bald nach seinem Tod begonnen worden sein. Schon 1293 wurde ein erster Altar geweiht. Als offizielles Entstehungsdatum gilt das Weihejahr des Ostchores 1337, tatsächlich vollendet war das Bauwerk aber erst 1428. Zerstört wurde die Kapelle 1689 bei der Sprengung der Burg durch die Franzosen.

 

Der alte Weinort ist von einer teilweise begehbaren Ringmauer (um 1350) mit 9 von ehemals 16 Wehrtürmen umgeben. Unter den zahlreichen alten Fachwerkhäusern ragen heraus der Alte Posthof (16. Jahrhundert), das Alte Haus (1568) und das Haus Sickingen (um 1420).

Die evangelische Pfarrkirche St. Peter (11.–14. Jh.) ist eine dreischiffige Emporenbasilika im Übergangsstil von Romanik zur Gotik. Sie ist eines der ungewöhnlichsten Gotteshäuser am Rhein. Den beengten Platzverhältnissen entsprechend, mußte das Kirchenschiff höher als lang errichtet werden. Durch den eingezogenen Turm und umlaufende Galerien im Inneren nach Vorbild des Limburger Domes blieb die proportionale Harmonie dennoch meisterlich gewahrt. Sie enthält mittelalterliche Fresken und Grabdenkmäler. Die katholische Pfarrkirche St. Nikolaus ist von 1688 bis 1745

Die Werner-Kapelle ist ein hochgotischer Zentralbau auf kleeblattförmigem Grundriß mit reichem Fenstermaßwerk. Sie wurde 1293 begonnen, 1426 weitergebaut, im 18. Jahrhundert durch Erdrutsch teilweise zerstört, seitdem ist sie stimmungsvolle Ruine.

Die Burg Stahleck (12. Jahrhundert) wurde 1689 von Franzosen zerstört, im 19. und 20. Jahrhundert. Wurde sie wieder aufgebaut und ist seit 1925 Jugendherberge.

 

Wohl kaum ein anderes Städtchen am Mittelrhein ist häufiger besungen und beschrieben worden als Bacharach. Allen voran wird da Victor Hugo zitiert, der von dem „märchenhaften Ort”, wie er in seinem berühmten Reisebuch „Le Rhin” schreibt, ganz verzaubert war. Vieles vom damals Gesehenen besitzt noch heute Gültigkeit, eher dürfte das Gesamtbild noch schöner geworden sein. Die geschlossene Fachwerksubstanz ist fein herausgeputzt, die alten Wehrmauern und Türme sind teilweise wieder begehbar, und aus den Ruinenresten der „efeuumsponnenen Verzahnungen“ von Burg Stahleck wurde nach ihrer Umwandlung zu einer Jugendherberge in den zwanziger Jahren eine Feste ganz nach dem Geschmack romantischer Ritterfantasien.

Geblieben ist natürlich auch der Wein, der in den steilen Lagen enger Taleinschnitte ringsum wächst. Schon im Mittelalter waren die hiesigen Tropfen begehrt. Den früheren Wohlstand verdanken die Bacharacher freilich nicht allein den Reben. Das berühmt-berüchtigte Binger Loch, die gefährliche Felsbarriere in der Fahrrinne vor Bingen, zwang die Rheinschiffer ihre Fracht in Bacharach zu stapeln und auf Wagen umzuladen. Ein einträgliches Geschäft für die Gemeinde und das Haus Wittelsbach, das hier fernab seiner angestammten Lande über sechs Jahrhunderte Fuß fassen konnte. Erst mit dem Ende des Alten Reiches und spätestens mit der Sprengung der Felsen vor Bingen 1850 sank Bacharach in jenen Zustand pittoresken Verfalls, von dem sich Hugo und viele der Rheinromantiker so angezogen fühlten.

( Wanderung in Elvira Klein, Rhein-Main, 258).

 

Kaub:

Der Ort ist eine der bedeutendsten Weinbaugemeinden am Mittelrhein. Der Pfalzgrafenstein (die Pfalz bei Kaub) im Rhein, Burg Gutenfels und die befestigte Stadt waren früher wegen des gefürchteten Rheinzolls eine ausgesprochene Wehrstätte. Der Anblick der Befestigungsanlagen dürfte manchem Zeitgenossen, der vielleicht ursprünglich anderes im Sinn hatte, die Zahlung des Zolls erleichtert haben! Den besten Eindruck davon erhält der Besucher von der anderen Rheinseite aus.

Der Zollbetrieb für die Rheinschiffahrt begann 1326 mit dem sechsgeschossigen, fünfeckigen von König Ludwig dem Bayern erbauten Turm, an dem die Besucher nun ehrfürchtig empor schauen. Damals stand er noch allein auf dem wasserumspülten Fels, deshalb die stromaufwärts gerichtete scharfe Mauerspitze als Wellen- und Eisbrecher. Doch sogleich erhoben sich massive Proteste seitens des Klerus, der am Rhein zahlreiche Zollburgen unterhielt und dem weltliche Konkurrenz ein Dorn im Auge war.

Über Jahrhunderte hatte die Pfalz nur die eine Funktion: alle Vorbeifahrenden zu schröpfen, so arg, daß sich sogar ein leibhaftiger Papst (Johannes XXII.) in einem Schreiben zur Charakterisierung der Praktiken zu einem „verdammt“ hinreißen ließ. Daß dem Kirchenoberhaupt die maßlosen Zölle Vorwand gaben, den Zollnehmer. König Ludwig von Bayern. 1327 zu bannen, steht auf einem anderen Blatt.

 

Wie ein steinernes Schiff trotzt er seit Jahrhunderten dem Rhein: der Pfalzgrafenstein bei Kaub. Schier unerreichbar liegt diese mächtige mittelalterliche Zollstation auf einer kleinen Felseninsel mitten im Strom. Für ein paar Stunden allerdings lässt im Sommer eine Personenfähre, im Winter die Autofähre, Besucher hinüber, normalen Wasserstand vorausgesetzt. Etwas orientierungslos stolpern diese über Fels und Stein der Zollburg zu, die aus der Nähe noch wuchtiger wirkt als vom Ufer, erklimmen die hohen Stufen zum einzigen Eingang und betreten unter dem gefährlich spitzen Eisenfalltor den engen Innenhof

Bis zu zwölf Meter hoch türmten sich in kalten Wintern noch bis zu Beginn unseres Jahrhunderts die Eisberge vor dem „Bug“ der Pfalz. Die Zerstörungen waren dabei so erheblich. daß 1607 die gesamte Frontpartie mit dicken Steinquadern verstärkt werden mußte. Zugleich diente sie als Geschützbastion. Die für den Abzug des Pulverdampfes in das Dach gebrochenen Gauben vervollständigten dabei jenes belebte Umrißbild, das späteren Generationen zum Inbegriff der Rheinromantik wurde.

Deshalb 1340 die Umbauung des Turms mit der zwölf Meter hohen, sechseckigen Ringmauer mit zwei übereinander liegenden Wehrgängen als Schutz. Mit Erfolg, denn tatsächlich wurde der Pfalzgrafenstein ebenso wie die Marksburg bei Braubach nie zerstört.

Am Pfalzgrafenstein fehlt nichts: nicht der hochaufragende, von einer welschen Haube gekrönte Turm, nicht die Ringmauer mit hölzernen Anbauten (sogenannte Auslug-Erkern) und pittoresken Turmaufsätzen, nicht die farbig abgesetzten Rundbogenfriese, Schießscharten und Fenstereinfassungen. Im Innenhof überraschen dann auch nicht mehr Arkaden und verspielte Fachwerkumgänge.

Eisenklammern halten die riesigen Steinquader an der scharf zulaufenden Spitze des Pfalzgrafenstein zusammen. Darüber der pfälzische goldene Löwe mit dem Wappenschild. Heute nur schwer vorstellbar, dass ihm 1850 bei schwerem Eisgang das Schwert aus der rechten Pranke gerissen wurde.

Durch den von Spätrenaissance‑ Arkaden umrandeten Innenhof kommt man entlang der überdachten Wehrgänge mit den Verteidigungserkern für die Geschütze schließlich zum großen ehemaligen Kanonenstand neben den Aufenthaltsräumen der Zöllner sowie den dicken Turm hinauf

Dennoch hält der Kern nicht ganz, was der romantische Mantel verspricht. Spartanisch ging es auf der Pfalz zu. Da mag die Feuerstelle im Wehrgang den Zöllnern wenig geholfen haben. Bewohnt war diese Zollfestung nie, abgesehen voll der Hauptmannwohnung an der Nordspitze mit Küche, kleinen Räumen und fantastischen Ausblick. Nicht zu vergessen die Gefangenen, die im stockdunklen Verlies auf einem Holzfloß vegetierten, das sie bei Hochwasser vor dem Ertrinken rettete.

Fast behaglich dagegen die spärlich möblierten Wohnräume für 20 Zöllner, die hier mit dem Hauptmann ihren Dienst versahen. Alle Räumlichkeiten hochwassersicher im „Bug‑ oder Heck“ untergebracht, auch im Innenhof fehlen nicht die Abflussrinnen. Länger als an anderer Stelle am Mittelrhein wurde hier Zoll kassiert, erst als das Herzogtum Nassau 1866 preußisch wurde, verließen die Zollbeamten endgültig den Pfalzgrafenstein. Bis in die 1960er Jahre wurde die Pfalz als Signalturm für die Rheinschiffahrt genutzt.

Burg Pfalzgrafenstein: Öffnungszeiten 1. Oktober bis 30. November, 1. Januar bis 31. März von 9 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr, 1. April bis 30. September von 9 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr. 60 Minuten vor Schließung letzter Einlass. Im Dezember und am ersten Werktag der Woche geschlossen. Erwachsene 4 Mark, Kinder 1 Mark 50. Fähre nur von der Kauber Seite zum Pfalzgrafenstein, Telefon 0171/3310375. Erwachsene 3 Mark Kinder 2 Mark.

 

In der Neujahrsnacht 1813/14 waren die Augen Europas auf Kaub gerichtet, als der preußische Generalfeldmarschall Blücher mit seiner Schlesischen Armee auf der Verfolgung Napoleons in einer einzigen Nacht den Rhein überquerte. Diese logistische Meisterleistung wäre ohne die Hilfe der ortsansässigen Schiffer nicht möglich gewesen.

Wer mit dem Vorsatz, einem der dramatischsten Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte nachzuspüren, gezielt Kaub ansteuert. dem vermag die kalte Jahreszeit den authentischsten Eindruck der damaligen Umstände zu geben. Steht man fröstelnd am Rheinufer. lassen sich die Strapazen fast physisch nachempfinden, denen die Soldaten zum Jahreswechsel 1813/14 ausgesetzt waren: Der Schnee glitzert im Mondschein der sternklaren Nacht, vereinzelt treiben Nebelschwaden über dem gespenstig ruhigen Wasser, als die preußische Vorhut von Kauber Schiffern über den Strom gesetzt wird.

Über 60.000 Soldaten, Tausende Pferde und viele Geschütze wälzten sich über 71 schwankende Pontons zum rettenden Inselchen des Pfalzgrafenstein und weiter auf die damals französische Rheinseite, dem flüchtenden Napoleon und einem Teil seiner Armee hinterher.

Blitzschnell hat die Avantgarde linksrheinisch einen Brückenkopf gebildet - jetzt kann das anlaufen, was als eines der spektakulärsten Husarenstücke in die (Militär-)Geschichte eingegangen ist: Der für Freund - die Alliierten - und Feind - die Franzosen - völlig überraschende Vorstoß der Schlesischen Armee unter dem preußischen Feldmarschall Blücher in Verfolgung des geschlagenen Napoleons.

Mit letzter Kraft und gerade noch 80 000 Mann hatte sich Bonaparte nach der verheerenden Niederlage von Leipzig im Oktober 1813 bei Mainz über den Rhein retten können. In drei Säulen stieß die großenteils aus Russen bestehende preußisch-schlesische Armee nach. In Mannheim und Koblenz konnte der Übergang leicht und relativ gefahrlos geschehen, doch wie den tief eingeschnittenen Mittelrhein überqueren, der bis heute an keiner Stelle überbrückt ist?

Daß Kaub zum Ausgangspunkt dieses Bravourstückes wurde, hängt mit dem mitten im Strom liegenden Pfalzgrafenstein zusammen. einer ehemals kurpfälzischen Zollburg. Ihr Standort auf einer etwa 100 Meter breiten Insel erlaubte die Zweiteilung der Pontonbrücke. Ohne diesen natürlichen Brückenpfeiler wäre der Übergang vermutlich nicht möglich gewesen. Begünstigt wurde die Aktion außerdem vom damals noch eisfreien Rhein. Wenige Tage später, und große Schollen hätten jeden schwimmenden Untersatz zermalmt.

Es entsprach dem legendären Ruf des „Marschall Vorwärts“, Gebhard Leberecht Fürst Blücher von Wahlstatt, noch aus der mißlichsten Lage eine Tugend zu machen. Schon Wochen vor dem für Anfang Januar 1814 festgesetzten Rheinübergang zogen russische Pioniere in die Kauber Wälder, um das Holz für insgesamt 71 Pontons zu schlagen. Bespannt waren die Gebilde mit geteertem Segeltuch: am Neujahrstag wurden sie wie eine überdimensionierte Muschelkette über den Rhein gelegt. Aber weil man gegen den Rat der Kauber Schiffer zu kleine Anker genommen hatte, riß sie. Neun Stunden dauerte der Zwangsaufenthalt: die ausgeklügelte Logistik nach den Plänen Blüchers und seines Generalstabschefs Gneisenau. wonach 60.000 Mann mit 15 000 Pferden und knapp 200 Geschützen durch das enge Kaub und über das Wasser geführt werden sollten, drohte zu scheitern. Dank Blüchers persönlichem Einsatz in vorderster Linie blieb das Chaos aber aus. Kaum zu glauben. innerhalb einer Woche war die Armee. zu der noch eine größere Zahl an Verwundeten und ein vielköpfiger Troß kamen. ohne weitere Zwischenfälle über die schwankenden Planken ans andere Ufer gelangt. Der Weg nach Paris war - fast - frei.

 

Welch vergleichsweise noch harmlosen Entbehrungen ein Städtchen wie Kaub auf sich nehmen mußte, kann man sich bei einem Blick aus den Fenstern des Museums vorstellen: Mit ohrenbetäubendem Lärm muß sich der Heereswurm tagelang durch die enge Metzgergasse gequält haben. Zu Hunderten nächtigten die Soldaten in den kleinen Häuschen. Sämtliche Vorräte wurden beschlagnahmt, alles. was nicht niet- und nagelfest war - einschließlich Scheunentore und Weinstöcke -. wurde als Feuerholz verbrannt. Die Anerkennung kam später: Für ihr Verständnis und ihre Unterstützung dankte Blücher 1815 den Kaubern in einem original erhaltenen Brief.

So wie Blücher die Pfalz sah, so sehen wir sie noch heute. Im Wesentlichen blieb auf dem Pfalzgrafenstein alles beim Alten, der Zustand des 14. Jahrhunderts ist noch gut zu erkennen.

Heute immer noch ohne elektrisches Licht, ohne Toilette. Düster vor allem die Treppen an trüben Tagen, wenn die Kälte in den Mauern festsitzt

Bis heute künden in der Stadt zahlreiche Zeugnisse von diesem Ereignis, unter anderem das Denkmal des Marschalls am Rheinufer und ein Museum in seinem damaligen Hauptquartier in der Metzgergasse. Wundersam erscheint der vollständige und originale Erhalt der Räumlichkeiten. in denen Blücher für drei Tage zum Jahreswechsel 1813/14 in Kaub Quartier genommen hatte. Die im ersten Stock des damaligen Hotels „Zur Stadt Mannheim“ liegenden Zimmer konnten schon zur Hundertjahrfeier des Rheinüberganges 1913 in ein kleines Museum verwandelt werden, das sich später unter der Regie des ehrenamtlich wirkenden, mit profundem Wissen ausgestatteten Bruno Dreier zu einer echten Fundgrube entwickelt hat. Seit seinem Ausbau 1977 darf das Museum in Anspruch nehmen, sich als einziges in Westdeutschland den Befreiungskriegen im allgemeinen und dem Leben Blüchers im besonderen zu widmen.

Vor dem Hintergrund der erhaltenen Leinwandtapete von 1780 wird das Zeitpanorama der Erhebung gegen Napoleon im Schicksalsjahr 1813 anschaulich und differenziert anhand von Originalbelegen und zeitgenössischen Aussagen dokumentiert. Die Rheinüberquerung selbst ist in einem großen Zinnfiguren-Diorama nachgestellt. Orden, Waffen und Uniformen dürfen da nicht fehlen, aber auch bedrückende Zeugnisse über die Kehrseite „großer“ Zeiten: Seuchen, Verwundungen. Hunger, Requirierungen und Verwüstungen.

 

Im Volkenbachtal liegt der Hof Sauerberg  Kurz dahinter etwa 250 Meter vom Weg die Burgruine Sauerburg (14. Jahrhundert), ehemals Burg der Grafen von Sickingen, von den Franz von Sickingen der bekannteste war, 1481 -1521, Führer der Reichsritterschaft, Anhänger Luthers, Beschützer der Reformatoren. Bergfried und Bastionen aus dem 17. Jahrhundert noch vorhanden.

 

Oberwesel

Die ehemals Freie Reichsstadt, heute gerne als „Stadt der Türme und des Weines“ bezeichnet, bietet mit der Schönburg, ihren Kirchen und der fast vollständig erhaltenen Stadtbefestigung eines der eindrucksvollsten historischen Ortsbilder am Mittelrhein. Und das trotz zahlreicher Kriegszerstörungen und Stadtbrände seit dem 16. Jahrhundert sowie zahlreicher Veränderungen und umfangreicher Neubauten, vor allem der Eisenbahnlinie im 19. und 20. Jahrhundert.

 

St. Goarshausen/Burg Katz und Maus

Schmal und lang zieht sich das Städtchen den Rhein entlang. Mittelpunkt des alten Stadtkerns, der sich hakenförmig um den Burgberg spannt, ist der kleine malerische Marktplatz mit dem historischen Fachwerk-Rathaus von 1532. Begrenzt wird die Altstadt von den beiden hohen Ecktürmen der ehemaligen Stadtbefestigung von 1324. Von der Stadtmauer (14. Jahrhundert) sind zwei Türme erhalten. Bekannt war der Ort schon im Mittelalter, denn der Minnesänger Marner ließ in seinen Liedern hier den Nibelungenschatz ruhen.

Am Ortsende von St.Goarshausen geht es auf der B 274 in Richtung Limburg/Nastätten ab. Auf der Höhe erstreckt sich malerisch der Ort Patersberg mit seiner romanischen Kirche aus dem 12. Jahrhundert und einigen alten Fachwerkhäusern. Von hier oben bietet sich ein großartiger Blick auf die Burgen Rheinfels, Katz und Maus. Nur wenige hundert Meter entfernt erheben sich rechts der B 274 die Ruinen der Burg Reichenberg über der kleinen gleichnamigen Talsiedlung.

 

Die  Burg Katz (nicht zu besichtigen) wurde um 1372 erbaut durch Graf Johann III. von Katzenelnbogen. Im Jahre 1806 wurde sie zerstört und 1896–98 wieder aufgebaut.

 

Beeindruckend, ja fast drohend, erheben sich die umfangreichen Reste der Burg Maus. Die Burg hieß ursprünglich Peterseck. Die heute gängige Bezeichnung Maus erhielt sie wegen ihrer geringeren Größe und Machtposition gegenüber Burg Katz und den Grafen von Katzenelnbogen. Von den Trierer Erzbischöfen im 14. Jahrhundert (1353 bis um 1380) erbaut, war sie zeitweise auch deren Residenz. Im Jahre 1689 wurde sie erstört und 1900–06 wieder aufgebaut; sie hat einen hohen Palas und einen mächtigen Bergfried. Burg Maus zählte zu den modernsten Burgen ihrer Zeit. Unter anderem verfügte sie über große Sitznischen an den Fenstern und Heizmöglichkeiten in allen Gebäudeteilen. Zusammen mit St. Goarshausen, dem gegenüberliegenden St. Goar und der Feste Rheinfels lässt sie bis heute ein wenig von der einstigen Macht derer von Katzenelnbogen erahnen.

Im Stadtteil Wellmich steht die katholische Pfarrkirche St. Martin aus der Mitte des 14. Jahrhunderts mit wehrhaftem Westturm, eine gotische Hallenkirche mit Fresken (14. oder 15. Jahrhundert). Mehrere alte Fachwerkhäuser und die Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung säumen Weg.

 

Loreley

Deutschlands meistbesungener Felsen wird besungen in dem berühmten Gedicht von Heinrich Heine, das von Friedrich Silcher vertont wurde: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin, ein Märchen aus uralten Zeiten, das geht mir nicht aus dem Sinn....“. Die besungene Dame und der in den Strom ragende schroffe Felshang symbolisieren bis heute den Inbegriff der Rheinromantik. Und dabei handelt es sich nicht einmal um eine der zahlreichen alten überlieferten Sagen und Legenden, sondern um eine 1801 vom Koblenzer Dichter Clemens Brentano erfundene und in seinem Roman „Godwi“ erschienene Geschichte. Ihren angestammten Platz auf dem Felsengipfel hat die Loreley übrigens längst aufgegeben. Sie sitzt heute ein paar hundert Meter weiter stromabwärts auf der Spitze der Mole des Winterhafens. Von einem links der Straße gelegenen Parkplatz führt ein Fußweg zu ihr hin.

 

Besucherzentrum:

„Eine Stunde vor Abfahrt des Floßes fuhr der Wahrschauer mit einer rot‑weiß gewürfelten Flagge los, um allen Schiffsverkehr wahrzuschauen, das heißt zu warnen. Außerdem sorgte er dafür, daß die Brücken geöffnet wurden und der vorgesehene Liegeplatz freigehal­ten wurde.“ Die Tücken der Flößerei auf dem Rhein und vieles über Flußlandschaft und Kulturgeschichte erfahren Aus­flügler im Loreley‑Besucherzentrum, das vor zwei Jahren oberhalb von St. Goars­hausen als Projekt der Weltausstellung Ex­po 2000 eröffnet wurde.

Ein begehbarer Reiseführer, der von den Ursprüngen der Landschaft bis heute erzählt und mit interaktiven Installatio­nen, Exponaten zum Anfassen, mit Schau­vitrinen, Kopfhörern, Multimedia‑Statio­nen und Leselupe den Mittelrhein mit dem sagenumwobenen Loreleyfelsen auf faszinierende und spielerische Weise er­schließt.

Mit leuchtenden Augen betrachtet der kleine Junge das Bild der rotflügligen Öd­landschrecke, die sich bis heute in den Schieferhalden wohl fühlt, und bewundert die Zeichnung des Großen Mausohrs, einer Fledermausart, die im Bergwerkstol­len lebt. „Gibt es die wirklich noch hier?“ Während er die Bilder über Fauna und Flo­ra anschaut, tönt das altbekannte Lied „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“, durch den Ausstellungsraum. Nebenan künden Flaschenetiketten von der einsti­gen Bedeutung des Weinbaus, dem viele Winzer Ende des 19. Jahrhunderts den Rücken kehrten, um fortan ihr Brot im Stein­bau zu verdienen. Heute sind die Wingerte im Mittelrhein zwischen Trechtingshau­sen bei Bacharach und Oberdollendorf bei Bonn nur noch auf ungefähr 600 Hektar bestockt.

Der viel besungene Rhein, der die Men­schen mit Fischen und mit Trinkwasser versorgte, war lange Zeit bevorzugter Rei­se‑ und Transportweg, freilich kein unge­fährlicher. Die Verengung des Rheins ober­halb des 180 Meter hohen Loreleyfelsens, die Strudel und die engen Kurven sowie das Binger Riff machten die Gebirgsstrecke zu einem heiklen Abschnitt, und die Steuermänner waren auf Lotsen angewie­sen. Zwischen 1964 und 1976 wurde die Fahrrinne ausgebaut, moderne Navigati­onstechniken mit Echolot und Radar er­möglichen heute sogar nachts eine sichere Rheinpassage. Die Kehrseite der Medaille: 1988 schloß in Kaub die letzte und größte Lotsenstation am Mittelrhein, und die Lot­sen verloren ihren Job.

Zuerst kamen die Künstler, dann die Engländer. Als William Turner zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Gemälde von sei­ner Rheinreise in London zeigte, gab es für seine Landsleute kein Halten mehr: Sie eil­ten zum „Rhine River“ und begründeten den Rheintourismus. Zunächst schwärm­ten junge romantische Dichter, etwa Clemens von Brentano und Heinrich Heine in Romane und Gedichten vom „Vater Rhein“ .Dann wurde der Fluß vom aufkommenden Nationalismus vereinnahmt. Ernst Moritz Arndts Parole „Teutschlands Strom, aber nicht Teutsch­lands Gränze“, steht für diese Variante einer Rheinroman­tik.

Geblieben ist über die Jahrhunderte hin­weg der Mythos: Mit Hexen, Nixen und El­fen sah der Volksglaube seit ewigen Zeiten den Loreleyfelsen verzaubert. Im Mittel­punkt des Besucherzentrums befindet sich denn auch der kreisförmige Mythos­raum, dessen Außenwände blau angestri­chen sind ‑ die Farbe des Wassers. Hier wird das Entstehen der Legende bis hin zu ihren Klischees dargestellt ‑ einschließlich einer Kitschecke, in der die scheuß­lichsten Souvenirs ausgestellt sind. Wie sehr unheimliche Echos, gefährliche Stru­del und dunkle Wasser die Fantasie der Menschen zu allen Zeiten anregte, verdeut­licht mit spannenden Multimedia‑Effek­ten und den Sirenengesängen der Loreley eine Tonfilmschau.

Halbkreisförmig wird man dabei von der Geologie des Rheinischen Schiefergebirges über Weinbau, Schiffahrt und Tourismus in einen abgedunkelten Multimedia-Raum ge­führt. Wie sich Clemens Brentano auf dem Hintergrund mittelalterlicher Sagenstoffe vom Wortklang „Lure = Rau­schen/Echo und „Ley = rheinisch für Fels zu seinem Kunst­märchen anregen ließ und daraus Heines unsterbliche Weise wurde („Ich weiß nicht, was soll es bedeuten"), wird hier mit modernsten visuellen Mitteln aufbereitet. Manches wird da entzaubert, zugleich aber eine neue Qualität geschaffen.

Das Besucherzentrum ist Teil des neu gestalteten Natur‑ und Landschaftsparks, der sich als besondere Attraktion des künf­tigen Weltkulturerbes Mittelrhein ver­steht. Rund um den Loreleyfelsen wurden Wege und Lehrpfade angelegt, die immer wieder aufs Neue einen spektakulären Blick auf das Rheintal eröffnen.

Das Besucherzentrum auf der Loreley in St. Goarshausen ist täglich geöffnet: bis zum 31. Oktober von 10 bis 18 Uhr und vom 1. November bis 31. März von 11 bis 17 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt einen Euro.

 

St. Goar

Heute liegt St. Goar mitten in Rheinland-Pfalz, auf halber Strecke zwischen Bingen und Koblenz. Fast vergessen ist. daß hier früher über Jahrhunderte „Hessen“ die Wacht am Rhein hielt. Der Ort selbst war dabei weniger von Interesse, war gewissermaßen nur eine Dreingabe. Viel Platz zur Ausdehnung blieb da auch später nicht. Auf schmalem Grundriß drängen sich die Häuser. Neben der Rheinpromenade und der Uferstraße ist gerade noch Raum für zwei Parallelgassen

Der Ursprung des Städtchens geht zurück auf einen Einsiedler, der Mitte des 6. Jahrhunderts hier lebte. An seinem Grab entstand ein Kloster, aus dem sich bereits unter den Karolingern eine kleine Siedlung entwickelte. Obwohl nie offiziell mit den Stadtrechten ausgezeichnet, gelangte der Ort im Mittelalter durch die zahlreichen Wallfahrten zu hohem Wohlstand und verfügte über Privilegien wie Markt, Gericht und Zoll.

Die Fußgängerzone führt durch eine Galerie teutonischer Souvenirs, die ein offensichtlich un­ausrottbares Bedürfnis nach romantischen Klischees befriedigen - von der „größten freihängenden Kuckucksuhr Deutschlands“ bis zum „größten Bierkrug der Welt“ (1,50 Meter hoch). Die unvermeidlichen Begleiterscheinungen des Rheintourismus mag man andererseits als Zeichen dafür werten. daß in St. Goar zusam­menkommt, was die Rheinromantik eigentlich ausmacht: Burgen. Kir­chen, Wein, Dampferfahrten und ein Mythos wie aus dem Sagenbuch.

 

Das heutige Bild des Städtchens wird durch die ehemalige Stifts- und heutige evangelische Pfarrkirche geprägt. Sie wurde bereits im 7. Jahrhundert gegründet. Von ihr sind aber keine Reste erhalten. Von einem salischen Neubau im späten 11. Jahrhundert überstand die Krypta den großen Brand des Jahres 1137. Der Chor mit frühgotischem Maßwerk im Mittelfenster entstand um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Der Bau des spätgotischen Langhauses wurde 1444 begonnen und 1469 vollendet. Um 1100 erfolgte die Umwandlung der Kirche in ein Chorherrenstift, das bis zur Einführung der Reformation 1527 zur Abtei Prüm gehörte. Die dreischiffige Hallenkirche besitzt eine reiche Ausstattung, darunter unter anderem eine gotische Kanzel, eine vollständig erhaltene dekorative und figürliche Ausmalung aus der Zeit zwischen 1469 und 1479 und mehrere Grabdenkmäler aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Der 1583 verstorbene Landgraf Philipp II. von Hessen-Rheinfels wurde mit seiner Gemahlin in der Stiftskirche zu St. Goar beigesetzt. Ihre großartigen Renaissance-Epitaphe fügen sich in die reich ausgestattete spätgotische Hallenkirche ein. Deren vollständig erhaltene, flächenfüllende Wand- und Deckenmalereien sind am Rhein ohne Beispiel.

 

Sichtbarster Ausdruck der neu gewonnenen Stärke der Grafen von Katzenelnbogen war und blieb Burg Rheinfels, die größte und mächtigste der Rheinfestungen. Graf Diether V. von Katzenelnbogen ließ sie 1245 auf einem Felssporn oberhalb des Städtchens St. Goar auf dem linken Rheinufer errichten. Mit ihrer Hilfe war es ihm möglich, Zoll von den rheinaufwärts fahrenden Schiffern zu kassieren. Die Schiffe wurden mit Seilen oder Ketten gestoppt, die Waren kontrolliert, erfasst und tarifiert, dann waren die entsprechenden Abgaben zu zahlen. Ein äußerst einträgliches Geschäft, das den Katzenelnbogenern viele Tausend Goldgulden im Jahr einbrachte und sie bis zum Aussterben des Geschlechts 1479 zu einem der reichsten Adelshäuser in Deutschland werden ließ.

Nur zehn Jahre nach der Errichtung von Burg Rheinfels erhöhte Graf Diether den Zoll, obwohl er erst kurz zuvor dem Rheinischen Städtehund beigetreten war. Diesem Bündnis, das nur drei Jahre, von 1254 bis 1257, existierte, gehörten 59 Städte an, unter anderem Mainz, Worms, Oppenheim, Bingen, Frankfurt und Köln, aber auch Zürich, Aachen, Bremen, Lübeck und Nürnberg. Ziel ihres Zusammenschlusses war es zum einen, Konflikte zu vermeiden und durch eine eigene Kriegsflotte den Handelsverkehr auf dem Rhein zu schützen. Daneben wollten die Mitglieder des Bundes aber auch die etwa dreißig verschiedenen Rheinzölle abschaffen, über die sich die Händler allenthalben bitter beklagten. Diese Forderung passte allerdings gar nicht zu den Plänen des Grafen Diether, der die Baukosten für seine Burg wieder hereinholen wollte. So kam es zum Bruch mit dem Rheinischen Städtebund, der Truppen nach St. Goar schickte, um den widerborstigen Grafen in seine Schranken zu weisen und Burg Rheinfels zu besetzen. Doch die hielt stand.

Von der Spitze des Torturms aus sieht man auf der gegenüberliegenden Seite des Rheins die Burg Katz, die die Grafen von Katzenelnbogen um 1370 errichten ließen. Dadurch wurde es möglich, auch von den rheinabwärts fahrenden Schiffen Zoll zu verlangen - den St. Goarer Doppelzoll nannten das die wenig erfreuten Zeitgenossen. Etwas weiter flussabwärts erkennt man außerdem Burg Maus, eine Gründung des Erzbischofs von Trier, eines Rivalen der Katzenelnbogener. Burg Katz gehört heute einem japanischen Millionär, auf Burg Maus ist ein Adler- und Falkenhof untergebracht.

Die umfangreichsten Neu- und  Umbauten auf Burg Rheinfels ließen die hessischen Landgrafen vornehmen, die 1479 die Besitztümer der Grafen von Katzenelnbogen geerbt hatten. Unter ihnen wurde die Burg zu einem repräsentativen Residenzschloss umgestaltet. Im Zuge dessen entstand übrigens gegen Ende des 16. Jahrhunderts auch der große Weinkeller, der mit einer Länge von 24, einer Spannweite und Höhe von je sechzehn Metern als der größte

freitragende Gewölbekeller in Europa gilt Die Mauern sind an einigen Stellen knapp vier Meter dick. In dem Keller befand sich früher ein gemauertes Weinfass mit einem Fassungsvermögen von etwa 200.000 Litern. Vor zehn Jahren wurde der Keller umfassend renoviert und in seinen ursprünglichen Zustand versetzt. Seither dient er als Veranstaltungsort für Konzerte, Theateraufführungen und Firmenfeiern.

Im 14.Jahrhundert entstand ein mehr als 50 Meter hoher Bergfried, von dem aus man weit in den Taunus und den Hunsrück blicken konnte - das war Rekord in Deutschland. Von dem Turm ist heute leider nur noch der Stumpf zu sehen. Anderes hat sich besser erhalten oder wurde wieder aufgebaut, so dass man die Entwicklung der Rheinfels von einer mittelalterlichen Höhenburg zu einer neuzeitlichen Festung gut nachvollziehen kann. Die beeindruckendsten der erhaltenen Teile der Kernburg sind der dreistöckige Palas, auch Darmstädter Bau genannt, der zur Renaissancezeit aus Fachwerk mit spitzen Giebeln bestand, der nördliche Wohnbau mit einem rheinseitigen Eckrundturm und einem hofseitigen Treppenturm, in dem heute das Burgmuseum untergebracht ist, und der Torturm, durch den man die ganze Anlage betritt.

Die hessischen Grafen waren es aber auch, die seit der Wende zum 16. Jahrhundert die starken vorgelagerten Festungswerke rund um die Rheinfels errichteten. Damit zeigten sie zunächst, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt hatten: Die Erfindung des Schießpulvers und der Einsatz von Kanonen machten die mittelalterlichen Burgen verwundbar. Nicht ahnen konnten die Hessen zu jener Zeit freilich, dass sie selber einmal nicht nur Angegriffene, sondern auch Angreifer sein würden. Denn nach dem Tod des berühmten Landgrafen Philipp des Großmütigen 1567 und der Teilung der Grafschaft Hessen entbrannte zwischen den beiden hessischen Häusern Kassel und Darmstadt ein heftiger Streit um die Burg. Besonders während des Dreißigjährigen Krieges, als die Kasseler auf der Seite der protestantischen Union, die Darmstädter auf der Seite des katholischen Kaisers kämpften, lieferten die beiden Häuser sich blutige Kämpfe um die Burg Rheinfels.

Schon die Katzenelnbogener hatten aus ihr eine der mächtigsten Festungen am Rhein gemacht, die alle Belagerungen erfolgreich überstand. Die verschiedenen hessischen Linien. in deren Besitz die Burg wechselweise ging und um die sie sogar Krieg un­tereinander führten, bauten sie schließlich zu einer der größten und schönsten Bollwerke im Reich aus. Ein Gemälde von Dilich aus dem Jahre 1607 zeigt ein herrliches Renaissanceschloß mit rot gestriche­nen Fachwerkbauten. einer Fülle von verschwenderischen Giebeln, Erkern, Türmchen und Gauben. Solch leicht verwundbaren Luxus konnte man sich nur erlauben, weil potentielle Angreifer mit einer tiefgestaffelten Abfolge von Zwingern und Vorwerken auf Distanz ge­halten wurden.

Nach dem Ende des Krieges 1648 schlossen die verfeindeten Verwandten dann einen Vergleich, durch den die Burg Rheinfels und die Stadt St. Goar zwischen ihnen geteilt wurden. Ein Jahr darauf machte Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels-Rotenburg, Sohn des Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel, Rheinfels zu seiner Residenz und ließ die Festungsanlagen noch einmal verstärken. Die erhaltenen Wehrgänge sind heute noch begehbar. Das gilt auch für die unterirdischen Minengänge, die bis weit vor die Burg getrieben worden waren, unter anderem um Sprengladungen unter den Truppen der Angreifer zünden zu können. Die Tunnel sind frei zugänglich, allerdings nicht beleuchtet, so dass man eine Taschenlampe mitbringen sollte, und sehr niedrig, was sie vor allem für Kinder interessant macht.

Die Verstärkung der Bollwerke auf der Bergseite der Burg unter Landgraf Ernst verhinderte 1692, dass die Franzosen, die unter dem „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. versuchten, die westlichen Teile des deutschen Reiches zu erobern, Rheinfels einnehmen und das Mittelrheintal besetzen konnten. Mit nur 4000 Mann verteidigte Graf Görtz, General des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel, die Burg als letzten deutschen Stützpunkt gegen ein Heer von 28.000 französischen Soldaten. Obwohl Ludwigs Truppen mit sechzig Kanonen tagelang in die Burg hineinfeuerten, mussten sie schließlich ohne Erfolg abziehen. Als einzige linksrheinische Burg überstand Rheinfels den Ansturm der französischen Truppen 1692/93. Nur 4000 Verteidi­ger trotzten damals einer Obermacht von rund 28.000 Mann.

Kampflos aufgegeben und größtenteils gesprengt wurde die Anlage erst 1796. Jetzt nahten die Franzosen abermals, diesmal im Namen der Revolution und so zahlreich, dass sie die Festung kampflos eroberten. Wie fast alle Burgen am Rhein zerstörten die Franzosen auch die Rheinfels: 1796 wurden die vorgelagerten Festungswerke gesprengt, 1797 auch das Schloss und der Bergfried.

Bis in die letzten Ecken der verwinkelten Weit­läufigkeit, auf den Bastionen und Schildmauern darf herumgeklettert und in das riesige Tonnengewölbe des Kellers mit seinen stockdunk­len Minengängen hinabgestiegen werden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts standen am Rhein fast nur noch Ruinen. Viele wurden dann aber im Zuge der in dieser Zeit einsetzenden „Rheinromantik“ ganz oder teilweise wieder aufgebaut. Die Reste der Rheinfels wurden 1812 von den Franzosen an einen St. Goarer Händler verkauft. Nachdem die Ruine eine Zeit lang Steinbruch zum Bau der Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz gewesen war, kaufte sie 1843 Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., und bewahrte sie vor weiteren Zerstörungen. Seit 1925 ist sie im Besitz der Stadt St. Goar. Umfangreiche Sicherungsarbeiten haben der Burg seit Mitte des letz­ten Jahrhunderts außer den Türmen weitgehend ihre frühere Sub­stanz zurückgegeben.

 

Ein kleines Burgmuseum vermittelt anhand von Modellen, Karten, Alltagsgegenständen und Waffen noch einen Abglanz der großen Zeit der Veste und ihrer Besitzer.

Nur wenige Schritte weiter gibt es ein ganz anderes Schatzhaus zu bestaunen. das „Deutsche Puppen- und Bärenmuseum“. Trotz der Titulierung „deutsch“ erhebt das aus einer Privatsammlung hervorgegangene Museum keinen Anspruch auf Systematik. Bei 2000 Pup­pen und 700 Bären, unter ihnen fast vollständige Serien mit Käthe-Kruse- und Schildkröt-Puppen sowie Steiff-Tieren, kommen auch Sammler auf ihre Kosten. Museumsinitiatorin Eleonore Goedert geht es aber in erster Linie um die Liebe zum Spielzeug. Da haben dann auch schon mal zerdrückte Püppchen und abgeliebte Bären ihr letz­tes Zuhause gefunden. inmitten von schmucken und teilweise sehr wertvollen Artgenossen. Der Museumsladen am Eingang ist eine wahre Fundgrube für jeden, der sich ein Stück Kindheit bewahrt hat. Dort fehlt es an nichts für die komplette Puppenstubeneinrichtung. es gibt jede Menge Kleidchen und Ersatzteile für Puppen (notfalls repariert Frau Goedert in der angeschlossenen Puppenklinik selbst) – und natürlich Bären in allen Größen.

 

Boppard:

Kaum eine Stadt kann ihre Entwicklung von der Römerzeit über Spätantike und Frühmittelalter bis zur Neuzeit anhand ihrer historischen Bausubstanz derart lückenlos belegen wie das linksrheinische Boppard. Schon die gewaltigen Bruchsteinmauern der römischen Festung „Bodobrica” aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert geben der Gemeinde außerordentlichen Rang. Das Bauwerk sicherte mit drei Meter dicken Mauern und 28 Türmen, von denen zwei vollständig erhalten sind, auf einer Fläche von fast fünf Hektar eine der wichtigsten römischen Siedlungen am Rhein. Es sind noch bis zu 10 Meter hohe Türme und Mauern vorhanden, es handelt sich um die besterhaltene römische Kastellmauern in Deutschland.

Die Ausdehnung entspricht weitgehend dem heutigen Altstadtkern. Auch nach dem großen Alemannen- und Frankensturm 406/07 wurde das festungsartige Kastell weiter genutzt. So konnten 30 Gräber aus fränkischer Zeit nachgewiesen werden. Unter „Schneewittchensärgen” sind drei davon dort zu besichtigen. Von der mittelalterlichen Stadtbefestigung sind Tore und lange Mauerzüge erhalten, erbaut auf Fundamenten der römischen Festung.

Und nicht zuletzt der Fund eines frühchristlichen Taufsteins aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts deutet auf die Weiternutzung der römischen Fundamente unter geänderten kulturellen Vorzeichen. Über dem heute in der Vorhalle sichtbaren Taufbecken (5. Jahrhundert) und dem dazugehörigen Kirchlein erwuchs die romanisch-gotische St.-Severus-Kirche. Ihre Doppelturmfassade mit Stufenportal aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts verleiht Boppard zusammen mit den Türmen der heute als Stadtmuseum genutzten kurtrierischen Festung sein unverwechselbares Ortsbild.

Die katholische Pfarrkirche St. Severus (vor 1225) ist eine spätromanische Emporenbasilika, der Chor ist von 1236, das Kruzifix um 1230 entstanden (eins der bedeutendsten . Werke Staufischer Holzplastik am Mittelrhein. Die katholische Kirche des ehemaligen Karmeliterklosters (1319–1454) ist turmlos; hat aber eine wertvolle Ausstattung: geschnitztes Chorgestühl (um 1460), barocker Hochaltar (1699), Wandmalereien (1407), 15 Totenschilde und Grabdenkmäler.

Die Kurtrierer Burg ist im Kern aus dem 14. Jahrhundert und eine ehemals von Wassergräben umgebene Tiefburg: Nach dem Brand von 1499 wurde sie verstärkt. Sie hat runde Ecktürme und einen Bergfried als Wohnturm; Im Obergeschoß ist eine Kapelle mit wertvollen Fresken (Ende 14. Jahrhundert). Heute ist die Burg das Stadtmuseum, unter anderem mit einer Thonet-Möbelausstellung.

Der Stadthof der Familie von Schwalbach ist aus dem  15. Jahrhundert), der Eltzer Hof von 1566.

Nach dem Bummel durch die Altstadt laufen wir die Rheinpromenade stromabwärts und stoßen bald auf die Markierung mit der weißen Ziffer 37 auf grünem Grund. Sie geleitet uns ein Stück an der B 9 entlang, ehe der Weg links unter den Bahngleisen hindurchführt. Jetzt kann der Aufstieg über fast 100 Stufen durch die so genannte Bopparder Hamm beginnen.

An dem amphitheatrisch geformten Schieferhang gedeihen einige der besten Rieslinge im gesamten Mittelrheintal. Die imponierende Sicht von den Rebenterrassen über das Rheintal wird dann erst einmal unterbrochen. Es folgt der steile Abstieg ins tief eingeschnittene Petersloch. Fast ins Traben gekommen, müssen wir nach einem Wirtschaftgebäude mitten im Wald wieder in den Berggang schalten.

Über Serpentinen geht es hinauf auf den Jakobsberg, wo den Wanderer ein gehobenes Hotel-Restaurant erwartet. Es entstand auf den Fundamenten eines 1157 von Kaiser Friedrich I. gegründeten Klosters. Der Hotelzufahrt folgen wir nur kurz nach links - bald stehen wir wieder im Wald, dort aber etwas im Stich gelassen von der Markierung 37. Deshalb ist Folgendes zu beachten: An einem Fünf-Wege-Stern orientieren wir uns in Richtung „Rhens-Brodendorf”, jedoch nicht an der nächsten Gabelung mit der Anzeige „Jugendzeltplatz/Schauren” und auch nicht an dem späteren Linksabzweig „Panoramaweg“ (P).

 

Wenn das Schild „Vierseenblick” sowie die Markierungen roter Rhombus und schwarze Ziffer 19 auftauchen, erhält man damit zusätzliche Hilfestellung. Vollends auf der richtigen Seite ist man im Geleit des weißen R (= Rheinhöhenweg), nachdem der Pfad stramm bergab führend die Engelseiche erreicht hat. Ohne Umschweife führt das neue Zeichen zum Höhepunkt dieser Wanderung, dem landschaftlichen Vexierspiel am „Vierseenblick”. Von diesem Aussichtspunkt betrachtet, wirken die Rheinschleifen zwischen Boppard und Braubach wie vier nicht miteinander verbundene „Seen”.

Nur wenige Meter weiter bietet sich am Gedeonseck abermals ein spektakulärer Ausblick - hier vor allem auf das an der engen Flußwindung gelegene Boppard. Zum Schluß fliegt uns förmlich die Stadt zu, sofern man den bis Ende Oktober geöffneten Sessellift zur Überwindung der steilen Flanke an der Bopparder Hamm benutzt. Buchstäblich über Stock und Stein kann man aber auch, dem „R” folgend, den Abstieg zu Fuß riskieren oder weniger gefährlich die Zufahrt zu den beiden Gaststätten am Gedeonseck und dem „Vierseenblick” benutzen (Rhein-Main, 265)..

 

Braubach/Marksburg

Der Ort zählt zu den ältesten Ansiedlungen am Rhein. Winkelhakenförmig um den Fuß des Burgbergs errichtet, verbindet der alte Stadtkern mit seinen Gässchen, Winkeln und Fachwerkhäusern den mittelalterlichen Eindruck eines Rheinstädtchens mit der Schönheit der Landschaft. Die in Teilen noch gut erhaltene Stadtbefestigung aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. führt noch den Burgberg hinauf, denn die Marksburg war in die Bewehrung einbezogen. Einen Eckpfeiler der Stadtbefestigung bildete der Turm der ehemaligen Pfarrkirche St. Barbara aus dem 14. Jahrhundert. Außerdem blieben neben beträchtlichen Teilen der Wehrmauer der „Pangrafenturm“, das „Obertor“ mit Turm und die Reste von vier Schalentürmen erhalten. Auch die romanische Friedhofskapelle St. Martin, die Philippsburg von 1568 und im mittelalterlichen Stadtkern zahlreiche schöne Fachwerkhäuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert sind sehenswert. Wenn man entlang des unterhalb gelegenen mittelalterlichen Ortskerns fährt und das historische Obertor passiert und auf der L 335 nach rechts in Richtung Dachsenhausen fährt, zweigt nach einigen hundert Metern rechterhand bei einem Parkplatz der schmale Fahrweg zur Marksburg ab.

Ausgangs Kestert tauchen vor uns halblinks am Hang die Burgen Sterrenberg und Liebenstein auf. Wohl keine andere Burg am romantischen Mittelrhein ist von so vielen Geschichten, Sagen und Legenden umwoben wie diese beiden, im Volksmund „die feindlichen Brüder“ genannt. Im Kern sind alle diese Geschichten gleich: Zwei Brüder sollen sich - je nach Sage aus Neid, Mißgunst oder Eifersucht - zerstritten und nach dem Leben getrachtet haben, weshalb sich die von ihnen bewohnten Burgen „feindlich“ gegenüber stehen. Beflügelt wird die Phantasie noch durch die Tatsache, dass sich zwischen den beiden Wehrbauten zwei Schildmauern und ein Halsgraben befinden. Trotzdem - alles Sage und Legende!

Sterrenberg, die flussabwärts gelegene ältere der beiden Burgen, war vor 1100 Reichsburg und gehörte ab 1195 den Reichsministerialen von Bolanden. Kurfürst Balduin von Trier (1307-1354) erwarb sie Mitte des 14. Jahrhunderts. Die von Bolanden zogen daraufhin auf die jüngere Burg Liebenstein, ursprünglich Vorburg von Sterrenberg. In den meisten dieser Sagen und Legenden spielt auch eine angebliche Schwester der beiden feindlichen Brüder und das am Fuße des Burgbergs gelegene Kloster Bornhofen eine Rolle. Mit dem Wahrheitsgehalt verhält es sich aber wie oben. Tatsache ist, dass eine Kapelle seit 1224 und ein Gnadenbild seit 1289 erwähnt werden. Die heutige Wallfahrtskirche wurde 1435 geweiht. Die im späten 17. Jahrhundert angebaute Gnadenkapelle mit einer Pieta des 15. Jahrhunderts wurde vom Trierer Erzbischof Hugo von Orsbeck gestiftet. Er war es auch, der 1679 Kapuziner zur Betreuung der Wallfahrer einsetzte. Heute kümmern sich Franzis­kaner um den Pilgerstrom. Der Weg zu den Burgen und zur Wallfahrtskirche führt unter der Bahn hindurch rechts ab in Richtung Dahlheim/Lykershausen.

Lang erstreckt sich der Ort Kamp stromabwärts. Von seiner reichen Geschichte künden mehrere Adelshöfe und Fachwerkbauten aus verschiedenen Jahrhunderten. Das ehemalige Flößer- und Schifferdorf ist heute eine bekannte Fremdenverkehrsgemeinde im Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal.

Sehenswert in dem flussabwärts gelegenen kleinen Ort Filsen ist neben mehreren gut erhaltenen Fachwerkhäusern vor allem das reizvolle alte Rathaus von 1611, das als Rest der alten Ortswehr die Dorfstraße torartig überbrückt. Ausgangs Pilsen windet sich der Rhein in einer steilen, S-förmigen Schleife, dem sog. „Bopparder Hamm“ (hamus = Haken), an dessen Ende sich die schöne Flussfront des Ortes Osterspai erstreckt.

 

Die Marksburg gilt als eine der schönsten und bekanntesten Burgen Deutschlands und wird von rund 200.000 Gästen jährlich besucht. Die einzige unzerstörte Höhenburg am Mittelrhein stammt aus dem 12. - 14. Jahrhundert und ist seit ihrer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1231 bis heute ununterbrochen bewohnt. Seit 1900 ist der mächtige Trutzbau Eigentum und Sitz der Deutschen Burgenvereinigung, die sich der Dokumentation, wissenschaftlichen Bearbeitung und denkmalpflegerischen Betreuung von rund 30.000 Burgen und Schlössern im deutschsprachigen Raum verschrieben hat. Die Marksburg beherbergt die größte burgenkundliche Bibliothek Europas. In der „Schatzkammer Deutschland“ wird sie wie folgt beschrieben: „Das Burgleben des Mittelalters wird lebendig in den als Museum hergerichteten Innenräumen der Burg, in Kemenate, Rittersaal mit Toilette aus damaliger Zeit, Kapelle, Waffen- und Rüstkammer und in der Burgküche mit Kamin von 1350, mit Kupfergefäßen und Tonkrügen. Eine Seltenheit ist das Burggärtlein mit mittelalterlichen Heil- und Gewürzkräutern und Zierpflanzen“.

 

Koblenz

 (Besuchen Sie bitte auch Philipp Lohberg "Ausflugsziele am Rhein", eine Seite, die mit einem Teil meiner Ausführungen übereinstimmt).


Die Stadt wurde im Jahre 9vCh von dem römischen Feldherrn Drusus gegründet. Die Römer nannten sie  „Castrum ad confluentes“ = „Lager am Zusammenfluß“, weil hier die Mosel in den Rhein mündet. Aus dem  „confluentes“ wurde dann mit der Zeit „Koblenz“.  Die Stadt hat eine reiche Gesschichte:  Schon im 5. Jahrhundert war hier ein fränkischer Königshof.

Kaiser Karl der Große war in Koblenz und hielt dort Gerichtstage. Kaiser Heinrich II. schenkte im Jahre 1018 die Stadt den Erzbischöfen von Trier.  Und so mancher Kurfürst lebte lieber in Koblenz als in Trier.

Nach 1688 erhielt die Stadt ein barockes Gepräge. Dann wurde sie Ende des 18. Jahrhunderts französisch, schließlich fiel sie an die Preußen. Noch im 19. Jahrhundert galt die Stadt als stärkste Festung Deutschlands. Doch das verhinderte nicht, daß Koblenz in zahlreichen Kriegen immer wieder nahezu dem Erdboden gleichgemacht wurde. Aber immer wieder ist die Stadt neu erstanden. Auch nach 1945 baute man fast alle historischen Gebäude trotzig wieder auf.

Der alte Kern der Stadt liegt an der Mosel, von der Moselmündung bis zu der Stelle, wo schon die Römer eine Brücke geschlagen hatten und wo heute noch die mittelalterliche Balduin­brücke auf kräftigen Pfeilern ruht. Mit 13 Bögen wurde sie im Jahre 1343 unter Kurfürst Balduin errichtet. Aber im Jahre 1975 wurde sie umgebaut, so dass sie heute nur noch zehn Bögen hat.

Die Kurfürstliche Burg (auch „Alte Burg“ genannt) steht gleich bei der Brücke. Sie wurde um 1260 begonnen, die Hauptbauzeit war von 1276 bis 1289. Aber so richtig  fertig wurde sie erst im 17. Jahrhundert, als sie noch einmal stark verändert wurde. Die zwei Rundtürme mit  ihren Zwiebelhauben verleihen ihr ein barockes Aussehen. Außderdem hat der viereckige Bau eine ornamentreiche Wendeltreppe.

Wenige Schritte ostwärts findet sich rund um den Florinsmarkt das vielleicht schönste Bauensemble der Stadt: Die zweitürmige ehemalige Stiftskirche St. Florin steht auf römischen Fundamenten und wurde Anfang des 12. Jahrhunderts erbaut. Sie hat zwei niedrige Türme und eine romanische Westfassade, die schön gegliedert ist. Nach vielen Zerstörungen enthält sie nur noch wenige originale Ausstattungstücke. aber im Seitenschiff eine Reihe wertvoller gotischer Glasgemälde.

Neben der Kirche stehen drei Gebäude, die zusammen das Mittelrhein-Museum bilden: Der alte Adelssitz „Bürresheimer Hof“ aus der Zeit um 1650, das ursprünglich gotische Alte Kauf- und  Danzhaus aus dem 15. Jahrhundert (das seine heutige Form 1724 erhielt) sowie das ehemalige Schöffenhaus von 1530. Hier gibt sehenswerten Sammlungen mittelrheinischer Kunst vom 15. bis 19. Jahrhundert (Di-Sa 10.30-17. So und Fei 11-18 Uhr).

Sehenswert in der Stadt sind weiter der Kastor-Dom (836, heutige Form 1208), die Liebfrauenkirche(12. Jhdt.), die Stiftskirche(12. Jhdt.), das Rathaus, ehemaliges Jesuitenkolleg und das Stadttheater und das ehemalige  kurfürstliche Hoftheater mit Innenarchitektur nach Versailler Vorbild.  An der Kreuzung Altengraben/ Marktstraße stehen die „Vier Türme“: Hofbaumeister Sebastian setzte 1689 an die Kanten der vier Eckhäuser kunstvoll verzierte Hauserker, die sich mit ihrem reichen Schmuck gegenseitig zu übertrumpfen suchen.

Wo Rhein und Mosel zusammenfließen, liegt das Denkmal  „Deutsche Eck“. Es heißt so, weil dahinter das Deutschordenshaus steht. Der Deutsche Orden gründete hier 1216 seine erste Komturei am Rhein. Der stattliche Renaissancebau diente einst dem Ritterorden als Spital. In den Bauten des Deutschherrenhauses ist seit 1922 eine umfangreiche Sammlung moderner französischer Kunst untergebracht, die der mittlerweile verstorbene Aachener Kunstmäzen Peter Ludwig, ein gebürtiger Koblenzer, seiner Heimatstadt - sehr zu deren Freude - vermacht hat.

Umstrittener war dagegen die Wiedererrichtung des pompösen Bronzedenkmals Kaiser Wilhelm I. von 1897, das in den letzten Kriegstagen noch zerstört worden war. Doch seit September 1993 reitet Wilhelm nun wieder in Siegerpose hinaus zu der Stelle, an der Rhein und Mosel sich vereinen.

Zwei Kilometer vom Deutschen Eck rheinaufwärts steht das riesengroße kurfürstliche Residenzschloß, größter und reinster klasssizistischer Bau am Rhein. Mit seinen Rondellen und seinem streng gegliederten Park greift es weit in die Koblenzer Neustadt hinein. Es wurde in den Jahren 1780 bis 1786 von Sebastini unter dem letzten Kurfürsten Clemens Wen­zeslaus erbaut, der auch lieber in Kobnlenz wohnte als in Trier. Zuvor hatten die Kurfürsten auf der Festung Ehrenbreitstein auf der gegenüberliegenden Rheinseite residiert.

Daneben  bei der Pfaffendorfer Brücke  hat man ein  „Weindorf“ eingerichtet. Seine alten Fachwerkhäuser stehen unmittelbar am Rhein unter mächtigen Kastanienbäumen versteckt.

Die Fachwerkhäuser sind allerdings nicht alt, sondern ein Nachbau von 1925. Aber in dieser romantischen Umgebung finden sich gern die Touristen ein und geratern schnell in Stimmung.

 

Ehrenbreitstein

Gegenüber von Koblenz auf der östlichen Rheinseite liegt auf 118 Meter Höhe die Festung Ehrenbreitstein. Ein Besuch lohnt sich allein schon wegen der wunderbaren Aussicht auf  Rhein, Mosel und ins weite Land. Ehrenbreitstein galt im 19. Jahrhundert als eine der stärksten Festungen in Europa. Wegen ihr wurde Koblenz auch schon als die „Militärhauptstadt Deutsch­lands“ bezeichnet. In der Tat ist sie des Landes größte Garnison, vielerlei militärische Ämter und Einrichtungen konzentrieren sich hier.

Schon vor mehr als 2000 Jahren ging es um die Absicherung des Moselübergangs an der römischen Heerstraße von Mainz nach Köln. Bereits um 1000 entstand hier die erste Burg, die im Laufe der Jahrhunderte zu einer uneinnehmbaren Feste ausgebaut wurde. Die heutige Anlage errichteten die Preußen 1817-1828. Die Bauten in schlichten, kubischen Formen passen sich in ihren wuchtigen Maßen dem stufenförmigen Gelände an, die Hauptgebäude wirken monumental. Diese Festung baut sich aus einer Vielzahl einzelner Komplexe auf. Besonders reizvoll ist der barocke Marstall.

Im Festungsbereich befinden sich neben zwei Gastronomiebetrieben das Landesmuseum Koblenz - Staatliche Sammlung technischer Altertümer -, die Festungskirche, das Ehrenmal des Deutschen Heeres und die Jugendherberge Koblenz. Andere Teile des Festungswerkes können von außen besichtigt werden. Von oben gibt es vom Festungshof aus eine grandiose Aussicht auf Koblenz, in das Rheintal und bis weit in die Eifel hinein.

 

Lahnstein

Am Fuß des Festungsberges stehen als Reste einer kurfürstlichen Residenz der ehemalige Marstall und das barocke Dikasterialgebäude (Verwaltungsgebäude). In der Altstadt gibt es historische Häuser, unter anderen das alte Rathaus und einen kurfürstlichen Zehnthof. Auch die Gedächtnisstätte im Geburtshaus der Mutter des Komponisten Ludwig van Beethoven ist zugänglich. Im geschichtsträchtigen „Wirtshaus an der Lahn“ ist auch Goethe eingekehrt.

Im Ortsteil Niederlahnstein sind sehenswert die Johanniskirche aus dem 12. Jahrhundert. Außerhalb des Stadtkerns am Rheinufer finden sich Reste der - heute leider verschütteten - römischen Befestigungsanlage (Hinweistafel). Auf einem Bergsporn erbaut ist die Allerheiligenbergkapelle auf den Resten einer Einsiedelei aus dem 17. Jahrhundert.

Auf der anderen Lahnseite erhebt sich Burg Lahneck über der Stadt, steht hinter den Bahnanlagen die Martinsburg mit Teilen aus dem 13. und 14. Jahrhundert, sind umfangreiche Reste der Stadtmauer und der Mauertürme zu sehen, erheben sich die Kirche St. Martin aus dem 12. und 14., das Rathaus aus dem 16. Jahrhundert.

Auf der Höhe erstreckt sich ein modernes Kurzentrum. Um die wildromantische Rupperts­klamm am Stadtrand zu erkunden, bedarf es der Qualitäten eines Bergwanderers.

Man kann ins romantische Mühlental fahren mit dem Turm der ehemaligen Wasserburg, nach Koblenz-Arenberg mit einer Wallfahrtskirche und einer ungewöhnlichen Parkanlage (Darstellungen aus der Welt der Bibel).

Ehrenbreitstein steht im Mittelpunkt des Feuer- und Lichterzaubers „Rhein in Flammen“, das jedes Jahr am zweiten Wochenende im August Zehntausende von Menschen und Hunderte von Schiffen ans Deutsche Eck lockt und bis nach Braubach reicht.