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Taunus III Lahn

 

Ausflüge Taunus  III  Hintertaunus und Lahn

 

Hintertaunus

 

Langenhain

Jenseits der B 275, auf der Höhe östlich von Langenhain, liegt auf einer Fläche dicht über dem Usatal das Kohortenkastell Langenhain. Zufahrt über die Hauptstraße (Straße nach Fauerbach) nach rechts in den Nauheimer Weg (der einen Links-Rechts-Knick macht) bis kurz vor einen breiten Feldweg nach Norden, wo eine Obstplantage ist. (Die Straße „Am Kastell“ liegt allerdings in südlicher Richtung, das östlich anschließende Gelände des Heimatvereins war wohl ein Wasserbehälter, jedenfalls nicht das Kastell).

Das 32.000 Quadratmeter große Militärlager, etwa 350 Meter hinter dem Grenzwall, lag einst an einer alten Verkehrsstraße. Ein kleiner Vorgängerbau aus Holz, ähnlich dem der Saalburg, ist wahrscheinlich. Friedrich Kofler konnte Ende des vorletzten Jahrhunderts Mauerzüge, Tore, Gebäudeteile und Gräben untersuchen: Im Lagerdorf östlich des Kastells grub 1987/88 Heinz-Jürgen Köhler zwei Erdkeller von Vicushäusern aus, deren einer das Depot eines Keramikhändlers enthielt. Oberirdisch ist von den Anlagen nichts mehr zu sehen. Stationiert war hier vom Beginn des 2. bis Mitte des 3. Jahrhunderts nChr. eine teilweise berittene Kohorte von 500 Mann Stärke, die „cohors Biturigum Aquitanorum equitata“.

Die Kirche in Langenhain (im Norden an der Fauerbacher Straße) ist mit Steinen aus dem Kastell erbaut. Sie hat einen runden Turm und ein großes Langhaus. An der Südost-Ecke ist sekundär eingemauert ein  heller Inschriftenstein der 22. Legion aus Mainz, die am Bau des Kastells beteiligt war. Er steckt zur Hälfte im Boden und ist nicht gleich zu entdecken.,

 

Ziegenberg:

Der Ort wird 1388 urkundlich genannt. Die Falkensteiner Herren erbauten 1360-70 eine Burg zur Sicherung der Straße. Dazu muß man ein Stück weiter auf der Bundesstraße nach Westen zum Ortsteil Ziegenberg fahren. Westlich der Straße nach Wiesenthal liegt das Schloß auf einem steilen Hügel. Der Besitz wechselte an die Eppsteiner. an Katzenelnbogen und Hessen. Die Reste der Burg kann man noch im unteren Teil der heutigen Anlage sehen. Man kann rechts um das Schloß herumgehen und hat einen guten Blick auf das Tal und die Reste des Parks.

Der Friedberger Burggraf Wilhelm Christian von Diede gestaltete die Burg zu einem Barockschloß um und die Anlagen zu einem Naturpark. Von Diede wurde beeinflußt durch die Anlagen von Weimar. Goethe nahm an den Plänen regen Anteil. Nach Zwistigkeiten fanden der Ziegenberger Freiherr Wilhelm Christoph von Diede und der Dichter Goethe ab 1779 durch ihr beider Interesse an der Parkgestaltung zu einer engeren Beziehung. Von Diede hatte in den vorangegangenen Jahren ein Park angelegt und trat nun mit Goethe in einen regen Schriftwechsel über den Parkbau ein. Goethe entwarf und skizzierte Empfehlungen und Verbesserungen, die von Diede dann auch umsetzte. Park und Landschaft finden sich in Goethes „Wahlverwandtschaften“ wieder.

Die Stimmung und Wirkung solcher Parkanlagen fand damals einen besonderen Ausdruck in der Errichtung von Monumenten. So hatten auch Goethe und von Diede den Gedanken, ein Denkmal zu errichten. Aus dem gemeinsamen Bestreben rührt das Denkmal vom „Dreifach gefesselten Glück”, Versinnbildlichung der Herzenseintracht zwischen dem Ehepaar und der Schwester des Freiherrn.

Die Inschrift lautet: „Dem dreifach gefesselten Glücke/Widmet dankbar der Gatte/Widmet der Bruder den Stein”. Die geflügelte Kugel stellt das vorwärtsstrebende Glück dar. Die drei Rosengirlanden versinnbildlichen: Das Glück ist gefesselt durch die Liebe der Schwester der Gattin und der Gatten zueinander. 1782 ließ der damalige Schloßbesitzer Reichsfreiherr Wilhelm Diede zum Fürstenstein dieses Denkmal in seinem Park errichten. Nach einer Idee Goethes und künstlerischen Plänen Adam Friedrich Oesers wurde es vom herzoglich sächsischen Hofbilderhauer  Martin Gottlieb Knauer ausgeführt.“

Der Stein steht unterhalb des Schlosses an der Straße „Am Schloßberg“, die parallel zur Bundesstraße verläuft und wohl auch eine Auffahrt zum Schloß ist. Gewürdigt wurde das Denkmal erstmals in einer Festschrift des Freien Deutschen Hochstiftes aus dem Jahr 1899, die im Goethejahr 1982 von der Gemeinde Obermörlen nachgedruckt wurde.

 

Der Park ist längst zerstört. Er wurde im „Dritten Reich” Bestandteil des Führerhauptquartiers „Adlerhorst”, was 1945 die vollständige Zerstörung des Schlosses Ziegenberg zur Folge hatte. In der riesigen, 1940 fertig gestellten Bunkeranlage unter dem Ziegenberger Schloß wollte Hitler den Krieg gegen den Westen planen. Für einen guten Monat war der kleine Ort Ziegenberg im Taunus der Mittelpunkt des Deutschen Reichs.

Als Ende 1944 der Krieg für Deutschland bereits militärisch verloren war, sollten die deutschen Truppen im Westen mit einem großem Gegenangriff die heranrückenden Alliierten abwehren und das drohende Ende für Nazi‑Deutschland noch einmal abwenden. Befehligt wurde die Offensive von Schloß Ziegenberg. Hier saß die militärische Führung der Wehrmacht in unmittelbarer Nähe zu Adolf Hitler, der in zwei Kilometer Entfernung im „Adlerhorst“ residierte.

Vom ehemaligen Führerhauptquartier finden sich heute noch viele Relikte. Verantwortlich für Auswahl und Bau des Führerhauptquartiers in einem kleinen Nebental der Usa war die „Organisation Todt“, deren Mitglieder neben dem Bau von Autobahnen im Reich auch den Westwall planten und errichten ließen. Ausschlaggebend für die Wahl Ziegenbergs als Standort für ein Führerhauptquartier war 1938 die Lage außerhalb der Reichweite aller Geschosse der westwärts gesehenen Feinde. Wenn man nach Wiesenthal fährt, sieht man gleich hinter dem Schloß auf der linken Seite ein langgestrecktes kasernenähnliches Gebäude.

Das jedenfalls vermuten die Autoren des 1998 erschienenen Buchs „Adlerhorst ‑ Autopsie eines Führerhauptquartiers“. Zudem seien Autobahn‑ und Bahnanschluß ebenso nahe gewesen wie der nächste Militärflugplatz im heutigen Usinger Stadtteil Merzhausen, begründen Werner Sünkel, Rudolf Rack und Pierre Rhode die Wahl. Verläßliche Unterlagen gibt es dazu ebenso wenige wie zum genauen Ablauf der Bauarbeiten.

Eines ist jedoch sicher: Die Arbeiter errichteten zwischen Ziegenberg und dem heutigen Örtchen Wiesental ein komplexes System aus Gebäuden, Bunkern und Versorgungseinrichtungen. Die Bevölkerung bekam davon nur in unmittelbarer Umgebung etwas mit ‑ die Bauarbeiter wurden zur Geheimhaltung verpflichtet. Untergebracht waren sie in Lagern in der Nähe. Deren einstige Lage kann man bei einigen heute noch in der Landschaft ausmachen. Auf wenigstens zehn schätzt Kurt Rupp die Zahl der Barackenunterkünfte.

Weniger auffällig und ohne Lagepläne nur schwer aufzuspüren sind hingegen die Bunker und etliche Flakstellungen rund um Langenhain‑Ziegenberg, die den „Adlerhorst“ bei Luftangriffen sichern sollten. Der ehrenamtliche Gemeindearchivar aus Ober-Mörlen hat sich intensiv mit der Geschichte des Führerhauptquartiers beschäftigt und 1997 als erster eine 50 Seiten starke Broschüre zu diesem Thema herausgebracht.

Wie viele Menschen an dem Großprojekt arbeiteten, konnte Rupp nicht herausbekommen. Aber allein im Lager Schiefertal bei Ober-Mörlen habe es 394 Betten gegeben. Ungefähr 14 Monate wurde 1939 und 1940 am „Adlerhorst“ gearbeitet. Nach Fertigstellung bis zur Nutzung durch Hitler und die Wehrmacht diente das Objekt als Erholungsheim für Kriegsversehrte.

Das eigentliche Führerhauptquartier ‑ eines von mehreren, das Hitler bauen ließ ‑ lag versteckt im hinteren Teil des abgelegenen Waldtals. Es bestand aus sieben zweigeschossigen Bunkern: Neben dem „Führerhaus“ wurden sie als Casino, OKW‑Haus (Oberkommando der Wehrmacht), Generalshaus, Pressehaus, „Reichsleiterhaus“ und Wachhaus bezeichnet. Diese Gebäude wurden nach Einnahme der Ortschaft durch die US‑Amerikaner Ende 1945 gesprengt.

Erhalten oder nur unvollständig zerstört sind hingegen militärische Anlagen, die im ehemaligen Außenbereich des Führerhauptquartiers standen. Hierzu zählen Schloß Ziegenberg, die Bunkeranlage in der Weimerwiese, das Fahrbereitschaftshaus, ein Hochbunker in der Ziegenberger Schloßstraße, das Wachhaus und auch die Kraftfahrzeughalle, in der heute eine Computerfirma arbeitet. In einen vollständig erhaltenen Gebäudekomplex zwischen Schloß und Adlerhorst zog Mitte der 50er Jahre die Bundeswehr ein. Besichtigungen sind nur nach schriftlicher Anmeldung möglich.

Vom 11. Dezember 1944 bis 15. Januar 1945 hielt sich der Diktator im „Adlerhorst“ auf. Das gesamte Bachtal zwischen Ziegenberg und den Bunkern des eigentlichen Hauptquartiers war gut getarnt, daß die amerikanische Luftwaffe am 19. März 1945 lediglich das Schloß Ziegenberg und seine nächste Umgebung bombardierte, nicht aber das Waldtal nördlich davon. Schloß und Dorf Ziegenberg sanken damit weitgehend in Schutt und Asche, 14 Menschen wurden getötet.

Die von den Amerikanern gesprengten Bunkeranlagen dienten in den späten 40er Jahren Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten als Baugrund, auf ihren Fundamenten entstanden einige Häuser des neu gegründeten Dörfchens Wiesental.

Landrat Rolf Gnadl (SPD) strebt eine zivile Nutzung der alten Bunkeranlagen des ehemaligen Führerhauptquartiers „Adlerhorst“ in Langenhain‑Ziegenberg an. Er könne sich vorstellen, die 64 Hochbunker mit einer Fläche von jeweils 200 Quadratmetern zu einem Zentraldepot für archäologische und paläontologische Funde umzubauen. Gnadl griff damit ein Konzept der Landesarchäologie auf, die ihre Fundstücke gern an einem zentralen Ort lagern würde. Bislang werden Keramikscherben aus verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte, Metallfunde vom keltischen Werkzeug bis hin zum Frankenschwert, Holzfunde aus prähistorischer Zeit, dezentral in den Archiven und Magazinen von Landes‑, Regional‑ und Kommunalmuseen aufbewahrt. Der bisherige Nutzer der Reste des Führerhauptquartiers, die Bundeswehr, wird die Anlage über kurz oder lang auflösen, um sie nicht zu einer Kultstätte von Rechtsradikalen werden zu lassen.

Bürgermeister Siegbert Steffens schlägt sogar in einem weiteren Schritt vor, auf dem 50 Hektar großen Areal auch regionalen Museen Depotplätze zur Verfügung zu stellen. Am Ort mit „hervorragender Zugänglichkeit“ wäre es möglich, modernste Depots einzurichten. Ob diese Ideen tatsächlich mit dem Abzug der Bundeswehr umzusetzen sind, hängt letzten Endes auch von der Finanzsituation des Landes ab.

 

 

 

 

 

Gaulskopf (Wanderungen am Wetteraulimes, Seite 94).

Von Ober-Mörlen kommend liegt kurz vor Beginn des Ortsteiles Langenhain, unmittelbar am Südrand der B 275, der Parkplatz „Vogeltal” (Punkt 1 der Karte). Hier parkt man das Auto und beginnt die Wanderung auf einem schmalen und unbefestigten Pfad, der parallel zur Bundesstraße in südöstlicher Richtung verläuft. Nach etwa 100 Metern wählt man an einem Abzweig die geschotterte Strecke, die geradeaus bergauf führt, ein Rundwanderweg des Zweckverbandes Naturpark Hochtaunus, der mit einem braunen Eichhorn ausgeschildert ist.

Bei Punkt 2 wendet man sich nach rechts/Westen und folgt weiter dem Eichhorn. Der Wanderweg verläuft hier auf einer idyllischen Wegstrecke durch einen Buchen-Eichen-Mischwald mit Heckenrosen, Ginster und Brombeersträuchern beiderseits des Weges; der ziemlich schlechte, trockene Boden läßt anspruchsvollere Bäume wie die Buche nur langsam wachsen.

 

Links oberhalb des Weges liegt auf der Bergkuppe das schwer zugängliche Kleinkastell „Am Eichkopf”, ein Holzkastell der älteren Limeslinie von etwa 250 Quadratmeter Ausdehnung, das auch als Wachtposten Wp 4/19 gezählt wird (Abb. 54). Sichtbar ist die ehemalige Umwehrung als niedriger Wall; ein alter Steinbruch durchschneidet die Anlage diagonal von Südwesten nach Nordosten. Eduard Anthes stellte Ende des vorletzten Jahrhunderts den römischen Ursprung der Anlage durch mehrere Schnitte fest, konnte aber keine Spuren der Innenbauten sichern. Auch das Zaungräbchen der älteren Limesbefestigung wurde nicht gefunden.

 

Der Wanderweg schlängelt sich weiter am Westhang des Eichkopfs entlang und trifft bei Punkt 3 auf den Limes, der in der tiefen Schlucht nicht gut begehbar ist. Man läßt deshalb den Limes rechts liegen, verläßt die Markierung mit dem Eichhorn und befindet sich jetzt auf einem breiten, geschotterten Wirtschaftsweg, den Wanderwegen „Rotes Kreuz” und „Limesweg” des Taunusklubs, letzterer markiert durch einen schwarzen Wachtturm. Der Weg führt ab hier parallel zu einem kleinen Gewässer. Linker Hand türmen sich mächtige Felsen aus Schiefer auf. Nach wenigen Metern kommt eine kaskadenförmig angelegte und mit massiven Hölzern befestigte Entwässerung eines Militärgeländes ins Blickfeld. Auf diese Weise soll ein allzu schnelles Abfließen des Wassers verhindert werden. Nur wenig später, kurz vor einer Wegeschleife, kommt man zu einer zweiten Kaskade.

 

Bei Punkt 4 wird rechter Hand im Tal wieder der Limes erreicht, der hier allerdings auf einem längeren Teilstück nicht mehr sichtbar ist. Man bleibt weiterhin auf dem Weg bis zur nächsten Schleife bei Punkt 5, wo sich einst wohl Wachtposten Wp 4/17 befand. Dieser Wachtposten ist nicht erhalten, er wird am Rande der steilen Schlucht des Schwarzlochs an einer Stelle vermutet, die etwa in der Mitte zwischen den Turmstellen WP 4/16 und WP 4/18 liegt.

Nur wenige hundert Meter in östlicher Richtung liegen in einem unwegsamen militärischen Übungsgelände die beiden Holzturmstellen von Wachtposten Wp 4/17 „Am Ameisenkopf” (Abb. 55), im Volksmund „Ameisenkippel” genannt. Diese Turmstelle der älteren Limeslinie wurde 1896 von Eduard Anthes entdeckt und ausgegraben. Danach ist die Gesamtanlage des nördlichen Holzturms I mit zwei Ringgräben und etwa 26 Meter Durchmesser wesentlich größer als die des südlich gelegenen kleineren Holzturms II, der nur einen einfachen Ringgraben von etwa 15 Meter Durchmesser aufweist. Beide Türme bestanden nicht gleichzeitig, Holzturm I war der jüngere und wurde nach Abbruch des älteren Turmes II errichtet. Die Ausgrabungen erbrachten nur einige wenige Keramikscherben; bei beiden Turmstellen konnten die vier Eckpfosten der hölzernen Wachttürme gut erkannt werden. Etwa 30 Meter weiter westlich wurde der Verlauf des Zaungräbchens auf einer Länge von 60 Meter nachgewiesen.

 

Die Wanderstrecke schneidet bei Punkt 5 den Limes. Wir empfehlen den Weg auf dem Limeswall, der steil bergauf zu Wachtposten Wp 4/ 16 führt (Punkt 6). Wer die steile Strecke umgehen will, folgt dem ausgebauten Wirtschaftsweg (siehe gestrichelte Markierung). Wp 4/16 „Am Gaulskopf” wurde im Auftrag der Reichs-Limeskommission von Friedrich Kofler 1893 und Eduard Anthes 1896 untersucht. Wegen seiner ungewöhnlich starken Fundamentreste beschloß man, wenige Meter seitlich davon eine Rekonstruktion zu errichten.

Unter Leitung von Paul Helmke wurde deshalb der Turm im Jahre 1922 vollständig ausgegraben. Aus den Aufzeichnungen Helmkes geht hervor, daß der Bau einen annähernd quadratischen Grundriß von etwa 8 Meter Seitenlänge und eine Mauerstärke von 1,45 Meter aufwies. Er ruhte auf einem starken Sockel mit strebepfeilerartigen Widerlagern (Abb. 56).

 

Die Turmrekonstruktion wurde 1923 von dem Deutsch-Amerikaner Dr. Gustav Oberlaender aus Reading, Pennsylvania/USA gestiftet. Über dem Eingang erinnert eine Inschriftentafel an diese großherzige Tat. Unter Leitung von Paul Helmke führte das Hochbauamt Friedberg den Wiederaufbau im Jahre 1926 durch, und das Ergebnis zählt zu den besten Rekonstruktionen aller römischen Signaltürme am obergermanischen Limes (Abb. 57); allerdings fehlt der Außenverputz. Dieser ungewöhnlich große, auf 400 Meter Höhe gelegene Turm – ein vergleichbarer liegt auf dem Johannisberg bei Bad Nauheim und stellte die sonst nicht vorhandene Sichtverbindung vom Kastell Friedberg zur Limeslinie her – ermöglichte, bei niedrigerem Bewuchs, einen Ausblick über die gesamte Wetterau bis zum östlichen Limes und bot damit die Möglichkeit, optische oder akustische Signale in praktisch alle Richtungen auszusenden. Ein Holzturm befand sich nicht an dieser Stelle, da die ältere Limeslinie mit ihren Wachtposten aus Holz weiter östlich verläuft (siehe z.B. Wachtposten Wp 4/17 „Am Ameisenkopf").

 

Die Wanderstrecke führt von Punkt 6, von der Nordseite der Turmrekonstruktion, auf einem schmalen, geschotterten Weg immer geradeaus nach Westen; dieser Weg weist keine Wandermarkierung auf. An der nächsten Wegekreuzung bei Punkt 7 wählt man den breiten Wirtschaftsweg nach rechts/Norden und erreicht nach etwa 550 Meter Punkt B. Hier hält man sich links und trifft nach wenigen Metern auf den „Hühnerpfad”, der sich durch einen schattenspendenden Nadelholzbestand schlängelt. Ältere Einwohner berichten, daß man in früheren Zeiten auf diesem Weg Waren zu Fuß nach Bad Homburg zum Markt brachte. Bei Punkt 9 an einer großen Wegespinne bleibt man auf dem befestigten Weg, der halbrechts weiter bergab führt und schon nach etwa 150 Meter scharf nach rechts abknickt. Auf diesem geht es weiter in östlicher Richtung bis zum Limes bei Punkt 10.

Eine kurze Strecke verläuft der Wanderweg östlich des Limes und trifft schon bald auf die bis zu einer Höhe von einem Meter gut erhaltenen Mauerreste des Wachtpostens Wp 4/18 links des Weges. Der Wachtturm wurde hier an der einzig möglichen Stelle in dieser engen Schlucht erbaut. Friedrich Kofler fand bei seinen Untersuchungen einen quadratischen Bau von 5,10 Meter Seitenlänge, der aus dem hier anstehenden Tonschiefer errichtet war. Im Innern des Turmes entdeckte er das Mundstück eines bronzenen Signalhorns (Abb. 58 und 59).

 

Die Wanderstrecke verläßt an dieser Stelle zunächst den Limes und schlängelt sich entlang der Hangkante, vorbei an einem Jagdhaus, auf einem besonders schönen Wegstück hinunter ins Vogeltal zu einem großen Fischteich bei Punkt 11, wo Wachtposten Wp 4/19 vermutet wird. Im Bereich des Vogeltales ist der Verlauf des Limes nicht bekannt, die genaue Lage der Turmstelle Wp 4/19a ist daher nicht gesichert. Weiter geht es geradeaus am rechten Ufer des Teiches entlang, vorbei an Felsgestein aus dicken Schieferplatten, auf dem mit grünem Eichenblatt und roter Schnepfe ausgeschilderten Teilstück der Wanderstrecke des Zweckverbandes Naturpark Hochtaunus. Nach wenigen Minuten erreicht man wieder den Parkplatz Vogeltal bei Punkt 1.

 

Jenseits der B 275, auf der Höhe östlich von Langenhain, liegt auf einer Fläche dicht über dem Usatal das Kohortenkastell Langenhain. Das 32.000 Quadratmeter große Militärlager, etwa 350 Meter hinter dem Grenzwall, lag einst an einer alten Verkehrsstraße. Friedrich Kofler konnte Ende des vorletzten Jahrhunderts Mauerzüge, Tore, Gebäudeteile und Gräben untersuchen; im Lagerdorf östlich des Kastells grub 1987/88 Heinz-Jürgen Köhler, RGK, zwei Erdkeller von Vicushäusern aus, deren einer das Depot eines Keramikhändlers enthielt. Oberirdisch ist von den Anlagen nichts mehr zu sehen. Stationiert war hier vom Beginn des 2. bis Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. eine teilweise berittene Kohorte von 500 Mann Stärke, die „cohors Biturigum Aquitanorum equitata“. In der gotischen Dorfkirche von Langenhain fand sich ein sekundär verbauter Inschriftenstein der 22. Legion aus Mainz, die am Bau des Kastells beteiligt war; ein kleiner Vorgängerbau aus Holz, ähnlich dem der Saalburg, ist wahrscheinlich.

 

Usingen

Weil Osinga, Osanga, Osungen, Otsingen oder Oasunge an einer alten Königsstraße von Frankfurt nach Sachsen lag, jeweils eine Tagesetappe (etwa 27 Kilometer) von den Reichsstädten Frankfurt und Wetzlar entfernt, entstand Usingen vermutlich als ein Rastort. Es war ein Königshof der dem König oder seinen Gesandten, Boten oder Beamten Quartier bot, nimmt gar der Usinger Lokalhistoriker und Geschichtsvereinsvorsitzende Frank‑Michael Saltenberger an. Seine These sieht er durch eine Flurbezeichnung „Alte Burg“ unterstützt.

Doch so wenig sich heute nachweisen lässt, wie und wo genau Usingen in der Beckenlandschaft des Flusses Usa entstand, so ungewiss ist der Zeitpunkt. In einem Urkundenbuch des Klosters Fulda ist erstmals in der Zeit zwischen 750 und 802 von dem Ort die Rede. Ein gewisser Rihdrud, ein Rudpraht mit seiner Ehefrau Folcrat, die Nonne Rihsumt und weitere Wohltäter schenkten damals dem Kloster Güter in Usingen. Als offizielle „Geburtsstunde“ Usingens gilt das Jahr 802, wie das Hessische Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden der Stadt bestätigt hat. Seiner Auskunft nach kann bei einer Zeitspanne als sicherer Termin einer Ersterwähnung immer nur das späteste Datum angenommen werden.

Die Erinnerung an ihre rund 1200 Jahre alte Geschichte prägt im Jahr 2002 den Usinger Festkalender. Als Symbol des Jubiläums erweckt die Stadt den Fürsten Walrad (1635‑1702) wieder zum Leben. An den Gründer der Linie Nassau‑Usingen erinnern Gerald König und Heribert Daume abwechselnd in einem originalgetreu nachgeschneiderten Kostüm. Walrad, dessen Tod sich im Jubiläumsjahr zum 300. Mal jährt, gilt als einer der bedeutendsten Förderer der Stadt. Er machte Usingen zu seinem Fürstensitz. Unter seiner 43 Jahre dauernden Regentschaft entwickelte sich die Stadt, deren Wirtschaft nach dem 30jahrigen Krieg und durch große Brande zum Erliegen gekommen war, zu neuer Blüte. Der Fürst baute das Usinger

Schloss zu seiner Residenz aus und legte den Schlossgarten an. Er siedelte aus Frankreich geflüchtete Hugenotten an, ließ für sie eine Neustadt bauen, förderte die Wirtschaft und das Schulwesen.

Sein Sohn Wilhelm Heinrich und nach seinem Tod dessen Witwe Charlotte Amalie setzten die Reformen der Verwaltung und des Sozialwesens fort. Die Fürstin, der Geigerkönig August Wilhelm und Herzog Friedrich August sind neben Walrad als weitere herausragende Persönlichkeiten in der Stadt präsent. Ihre lebensgroßen Porträts zieren die Fassade eines renovierungsbedürftigen Fachwerkhauses an der Bahnhofstraße.

 

Die Gemeinde hat hier ihrem größten Sohn ein passendes Plätzchen hergerichtet. Vom terrassenförmigen Herrngarten „blickt" der erste Herrscher Usingens, Graf Walrad (1640 -1702). über sein Städtchen. Vor ihm staffeln sich das frühere Schloß, die wuchtige Laurentiuskirche – Wahrzeichen des Usinger Landes –. und im Hintergrund tun sich die höchsten Taunus-Erhebungen auf.

Schloß und Herrngarten ließ Walrad zwischen 1660 und 1662 anlegen. Wiedererkennen würde er die Residenz wohl nicht mehr. An ihrer Statt steht ein gelbes (Schul-) Backsteingebäude, das nach einem verheerenden Brand 1873 gebaut wurde. Usingen war im 17. Jahrhundert nur deshalb Herrschaftssitz geworden, weil zwei erbberechtigten Nassauer Brüdern keine bessere Lösung als eine Landesteilung eingefallen war. Die von Walrad begründete nassauisch-saarbrückisch-usingische Linie hielt es dann nur gut 80 Jahre im Hintertaunus, 1744 wurde der Regierungssitz nach Wiesbaden verlegt.

Walrad hatte sich nach Kräften bemüht, mit seiner Bautätigkeit, der Förderung von Ackerbau und Gewerbe. die schlimmsten Folgen des Dreißigjährigen Krieges zu überwinden. Kaum hatte sich das Städtchen erholt. wurde es 1692 von einer großen Feuersbrunst erneut fast vollständig zerstört. Ganz im absolutistischen Geist der Plan-und Machbarkeit aller Dinge ließ Walrad das Zentrum nach einheitlichem Plan – gerade Straßen und freie Plätze – wiederaufbauen. Die Hauptachsen prägen noch heute das Usinger Stadtbild, im Mittelpunkt wie eh und je der Schloßplatz zwischen Schule und Fachwerk-Rathaus. Auf beide blickt der nassauische Löwe von einer hohen Sandsteinsäule am Brunnen herab.

 

Junkernhof (Wilhelmjstraße):

Das Gebäude ist erbaut 1692 als Fachwerkhaus auf Fundamenten von drei Wohnhäusem. Es war erst freiadliger Hof, dann Flanellfabrik. Teile der Innenausstattung aus dem 17.-19. Jahrhundert sind erhalten. Der heutige Besitzer schreibt:

Den ersten Besitzer unseres Hauses, des Junkernhofs in Usingen, kannte ich schon als Kind: einmal aus der Erzählung meiner Großmutter, die ihn wie einen edlen Prinzen aus Grimms Märchen schilderte, und dann von seinem Grabstein an der Kirche, auf dem er als untersetzter, energischer Mann in voller Rüstung, mit dem Streitkolben in der Hand dargestellt ist. Dieser Reinhard von Schletten hatte kurz vor dem 30jährigen Krieg aus der Mitgift seiner Frau und durch Zukäufe ein freiadeliges Gut erworben und durch den Umbau dreier Häuser ein repräsentatives Wohnhaus geschaffen.

Sein Grundstück wurde an einer Westseite auf etwa 90 Meter Länge von der Stadtmauer begrenzt, für deren Verteidigung er zu sorgen hatte. Das aufwendig mit stuckierten Decken, ornamentierten Bodenfliesen und prächtigen Kachelöfen ausgestattete Haus geriet am 23.4.1692 in Brand und entfachte einen Feuersturm, dem große Teile Usingens zum Opfer fielen: fast 100 Anwesen brannten nieder und zehn Tote waren zu beklagen.

Energisch ging man an den Wiederaufbau. Das ganze Straßennetz wurde neu konzipiert. Für den damaligen Besitzer des Junkernhofes, einem Herrn von Kniestedt, ergab sich so die Gelegenheit, nicht nur die erhalten gebliebenen Keller, sondern auch die alte Straße vor dem Haus mit zu überbauen und dort ein Gutteil des Brandschuttes abzuladen. Auf der eingeebneten Brandstelle wurde ein großes, fünfachsiges Fachwerkhaus errichtet. Schmuckelemente unter den Fenstern zeigen, dass es zunächst nicht verputzt war. Der Erbauer verkaufte sein Gut an einen Herrn von Schildeck, der es über lange Jahre verpachtete. Von dessen Erben erwarb es der Landesherr, um dem Gut seinen rechtlichen Sonderstatus zu nehmen und es Stück für Stück an steuerpflichtige Bürger zu verkaufen. Das Wohnhaus mit Garten und Wirtschaftsgebäuden ersteigerte 1810 ein Flanellfabrikant und betrieb darin sein Gewerbe. Im Jahre 1826 verkaufte er das Haus an einen meiner Vorfahren.

Rund 100 Jahre später hat mein Großvater die baufälligen Scheunen abgerissen und das Haus den damaligen Wohnstandards einigermaßen angepasst. Er nutzte es als Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung. Nach dem Krieg musste es nicht nur der Familie, sondern auch Evakuierten und Flüchtlingen als Unterkunft dienen. Bis zu 34 Personen lebten zeitweise im Haus - und verwohnten es. Nach und nach zogen sie aus und schließlich stand es zur Hälfte leer und nur noch zwei alte Tanten hausten darin. Durch Erbschaft waren schließlich 15/112 Anteile am Junkemhof bei mir gelandet. Was nun? Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es um es zu besitzen!

Meine Schwestern und ich haben uns nach einigem Zögern entschlossen, das Haus zu sanieren und dabei möglichst viel der Originalsubstanz zu bewahren und vielleicht das Fachwerk der Fassade freizulegen. Die schlimmsten Bauschäden sind mittlerweile behoben und der erste Bauabschnitt abgeschlossen, der zweite begonnen. Am „Tag des offenen Denkmals“ können so alle Stadien der Sanierung, vom Abbruchhaus bis zur fertigen Wohnung gleichzeitig besichtigt werden. Im Schutt unter den Fußböden haben sich eine Menge interessanter Relikte aus den letzten 500 Jahren gefunden, die ebenfalls zu sehen sein werden. Schätze haben wir aber leider trotz eifrigen Grabens und Siebens nicht gefunden (Ulrich Würz)

 

Hattsteinweiher:

Westlich von Usingen führt die K 739 Richtung Wilhelmsthal. Dort zweigt nach Norden die Straße zum Hattsteinweiher ab.

Der Hattsteinweiher ist das einzige natürliche Gewässer im Taunus, in dem Baden erlaubt ist. Saison ist dort fast das ganze Jahr über, im Herbst, Winter und Frühjahr bevölkern Spaziergänger den Uferweg. Doch der Ansturm hält sich in den Grenzen des regionalen Einzugsgebiets. Selbst bei strahlendem Sonnenschein darf man begründete Hoffnung haben, am Rasen- und Sandstrand oder auf der Terrasse des See-Restaurants noch ein freies Plätzchen zu finden.

Anders als im Langener Waldsee etwa, wo neuesten Gerüchten zufolge für den Aufenthalt im Wasser Stehplatzkarten ausgegeben werden, läßt es sich im Hattsteinweiher fast ungestört schwimmen. Die Füße stoßen sich weniger an den Rippen des Nachbarn als daß sie schnell wieder Boden unter sich haben: Das Gewässer ist kaum vier Hektar groß. Gut ein Viertel der Uferlandschaft ist zudem als Naturschutzzone abgegrenzt, und darf nicht angeschwommen oder betreten werden.

 

Kransberg:

Kransberg war „Dolles Dorf 2006“. Es liegt in sehr schöner Umgebung und hat ein Schloß, das auch angefahren werden kann. Es ist die Burg der Craniche von Cranichsberg, die 1326 ausstarben. Sie hat einen halb-kreisförmigem Bergfried und einen Palas und Wirtschaftsgebäude. In der neugotischen Kirche (1872–75) im Dorf steht die alte Kanzel des Limburger Domes, ein Werk des Manierismus von 1609. 

 

Eschbacher Klippen

Bewohner des Rhein-Main-Gebiets. die in freier Natur Sport treiben wollen und für ihr Vergnügen mehr brauchen als Feld, Wald und Wiesen, sind ja bescheiden: Nur Stoiker unter den Surfern und Seglern. Drachenfliegern und Skiläufern werden hierzulande die rechte Freude an ihrem Hobby finden. Dennoch – auch der neuen Mode. dem Bergsteigen, auch (Free-Climbing) genannt, kann der Mangel an Übungsgelände nichts von ihrem Reiz nehmen. Die Felsklötze können noch so niedrig sein, das metallische Geklapper der Haken und Ösen ist unüberhörbar.

An der Steinwand in der Rhön sieht man die besten Kletterkünstler. Für die ersten Hangelversuche tut es auch der Taunus: am Marmorstein unterhalb vom Herzberg beispielsweise oder an den Eschbacher Klippen zwischen den Usinger Stadtteilen Eschbach und Michelbach. An die Steilseite und das bis zu 17 Meter hoch aufragende östliche Ende des Quarzit-Riffs sollten sich allerdings nur Geübte wagen. Ob sich ein gestandener Alpinist oder ein Freizeitkraxler versucht – jeder kann sich der gebührenden Aufmerksamkeit stets zahlreicher Zuschauer gewiß sein.

Glücklich oben angelangt, erwartet die Bergfexe als Lohn ihrer Anstrengungen ein wunderbarer Blick über das Usinger Becken auf die Rückseite des Großen Feldberges. Diese Aussicht eröffnet sich zwar genauso schön von den beiden Rundwanderwegen aus, die durch das Gelände führen. doch den meisten Kletterern ist ohnehin der Weg das Ziel.

Ach ja, an der westlichen Schmalseite kann der Fels auch problemlos von Halbschuhträgern erklommen werden.

Geologisch betrachtet. stellen die Eschbacher Klippen, zu denen noch der auf der anderen Straßenseite versteckt im Wald liegende Saienstein gehört. nicht mehr dar als der Überrest eines unvorstellbar langen Verwitterungsprozesses. Nach den tektonischen Einbrüchen vor etwa 40 Millionen Jahren in der Wetterau, dem Limburger und Usinger Becken. bei gleichzeitiger Auffaltung des Rheinischen Schiefergebirges, somit auch des Taunus, begann die Erosion des weichen Schiefers, nur das härtere Quarzitgestein blieb stehen.

Einige besonders schöne Stücke. beim Erkalten der Quarzkristalle entstanden. sind im Sockel des Walrad-Denkmals in Usingen eingelassen. Wie von Menschenhand geformt und geschliffen wirken die vielen Dutzend kegelförmiger Kristalle, aus denen sich die konkav gebogenen Steine zusammensetzen. Die Gemeinde hat hier ihrem größten Sohn ein passendes Plätzchen Start und Ziel sind die etwa 60 Millionen Jahre alten Eschbacher Klippen, denen ein Usinger Stadtteil seinen Namen geliehen hat. Entweder passieren wir die vier Stockwerke hohe senkrechte Wand aus Quarz mit sicherer Bodenhaftung, oder wir klettern über den zerfurchten Kamm dieses Felsens. einer Laune der Natur. Der bei Bergsteigern zu Übungszwecken beliebte Felsen ist Teil eines Quarzganges, der sich quer durch den Taunus erstreckt und für geologisch geschulte Augen an mehreren Stellen sichtbar ist. Wir folgen dem mit einem Häschen ausgeschilderten Wanderweg in Richtung Maibach, einem Dörfchen, das durch den Anschluß an Butzbach zum Stadtteil erhoben wurde.

Das Gelände rund um die Buchsteinfelsen genannte Klippe erfreut Botaniker, vorzugsweise Dendrologen. Dort gedeihen in seltener Vielfalt verwilderte Kernobstbäume, Ahorn und Birke, Erle und Hainbuche, sogar Wacholder und Mehlbeere, hier und da leuchtet Ginster und kriecht Erika am Boden. Und dann die erste lange Grenze: Links ein noch kerngesund wirkender Mischwald mit einem stufig aufgebauten Waldrand, rechts nur weite offene Landschaft, begrenzt vom Taunus mit den Türmen auf dem Großen Feldberg und dem Winterstein. Der liebe Gott muß sich beim Modellieren dieses Landstrichs mit den sanften Linien besonders viel Mühe gegeben haben.

Nach halbstündigem Marsch stehen wir plötzlich im Schatten eines dichten Daches aus Blättern und achten auf den rechten Weg, denn wir verlassen das Häschen und folgen dem Weg mit einem Dreieck. Der führt nach rechts und abwärts und direkt ins Paradies. Vor uns öffnet sich die Aue des kleinen Michelbachs mit Blumenwiesen, wie sie in Märchenbüchern beschrieben werden.

Das Gasthaus heißt „Maibacher Schweiz“ und bietet noch viel mehr: einen Biergarten (empfehlenswert Handkäs mit Musik, dazu ein Schoppen Apfelwein), gemütliche Gasträume und eine Küche, an die hohe Ansprüche gestellt werden dürfen.

Die Gemarkung rund um das weltabgeschiedene Hintertaunus‑Dörfchen Maibach schmückt sich mit dem Prädikat „Maibacher Schweiz“ wegen seiner von zerklüfteten Felsen durchzogenen romantischen Wälder. Landmesser sollen zwischen den Weltkriegen die ersten wohlversorgten Gäste des heute bekannten Landgasthofes gewesen sein.

Der Weg zurück führt vorbei an einem renovierten Backhaus (erbaut 1865) zum Michelbach. Wir überqueren ihn aber nicht, sondern biegen nach rechts in den Weg entlang des Bachs, dem Wasserlauf entgegen. Wieder sind wir Grenzgänger: links der mäandrierende Bach mit einer üppigen Flora, rechts ein felsiger Hang mit einem typischen Stockwald, auch Bauernwald genannt. Aus den Wurzelstöcken gefällter Eichen und Hainbuchen wachsen armstarke Triebe zu einem niedrigen Wald. Zur rechten Zeit darf dort jedermann ernten, ohne zuvor gesät zu

haben: Kräftige Haselbüsche stellen nahrhafte Nüsse und Walderdbeeren rote Köstlichkeiten in Aussicht. Und Ritterlinge und andere Edelpilze müßten dort Oktober sprießen, gerät der genußfrohe Waldfreund ins Schwärmen.

Nach einer guten halben Stunde wechseln wir das Bachufer, begrüßen auf dem Wegschild unseren alten Bekannten, das Häschen, bestaunen links fantastische Schieferformationen und sind wieder einer Grenze, der alten Grenze zwischen dem Großherzogtum Hessen‑Darmstadt und der preußischen Provinz Hessen‑Nassau. Der jahrhunderte alte Weg wird gesäumt von Grenzsteinen mit den hoheitlichen Initialen und der Jahreszahl 1827. Hin und wieder fällt unser Blick auf wird verdrehte uralte Hainbuchen. Wir deuten sie als Reste einer historischen Allee.

Rechts taucht das kleine zu Usingen hörende Dörfchen Michelbach auf. Dort wird die Grenze von Gerstenähren gebildet. Unser Wanderweg führt im rechten Winkel auf die mäßig befahrene Kreisstraße zwischen Eschbach und Michelbach zu. Wir hüpfen rüber und sind wieder der Grenzgänger, entlang des von Stieleichen und Kastanien beschatteten Asphaltstreifens. Aber nur 300 Meter, dann erreichen wir wieder die bizarren Quarzfelsen, in deren Nähe sich ein jetzt der Rastplatz des Naturparks Hochtaunus befindet.

 

Steinbruch

Die kleine Stadt Usingen im Taunus ist weltweit bekannt - zumindest in den Kreisen der Glashersteller. Der in der Hochtaunuskreis-Gemeinde abgebaute Quarz ist so rein, dass er sogar für die Raumfahrt benutzt wird. „Es ist der reinste Quarz, der heute noch in Deutschland abgebaut wird“, erzählt der Geschäftsführer der Bremthaler Quarzitwerke, Detlef Täfler. Das Mineral wird so lange gehauen, zerrieben und gemahlen, bis aus ihm ein Pulver geworden ist. Dann wird der Quarz in die ganze Welt verkauft, jeden Monat sind es etwa 100 bis 200 Tonnen.

Das meiste davon geht in die Glasindustrie, sehr begehrt ist er auch in der Raumfahrt. „Natürlich war Quarz von uns auch schon im Weltall“, sagt Täfler. Präzisionsgeräte in den Raumschiffen bestehen aus dem Usinger Mineral, das auch für den Bau von Teleskopen benutzt wird. So zum Beispiel für „OWL“. Die Buchstaben stehen für „Over Whelmingly Large Telescope"“ also für ein extrem großes Teleskop. Fertig gebaut ist das gigantische Gerät mit einem Spiegeldurchmesser von 100 Metern allerdings noch nicht. Es soll das größte Teleskop der Erde werden.

Den Steinbruch in Usingen hinter den großen Firmengebäuden mit der Aufschrift „Bremthaler Quarzitwerk“ direkt an der Bundesstraße 275 gibt es schon lange. „Hier wurde schon vor über 100 Jahren Quarz abgebaut“, erzählt Täfler. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs kaufte Erich Schott den Steinbruch der Stadt Usingen ab. Er war der Sohn des Gründers der Jenaer Glaswerke, aus der schließlich die heute in Mainz ansässige Firma Schott entstand. Damals baute die Firma auch in den nahe gelegenen Orten Kransberg und Bremthal Quarz ab, daher der Name „Bremthaler Quarzitwerke“. Viele Jahrzehnte lang wurden die Steine mit der Hand eingesammelt und in Karren zur Verarbeitung ins Werk gebracht. Die grobe Arbeit erledigen heute die Maschinen. Sechs Menschen arbeiten in dem Werk, das 1997 an die Firma Mineralmühle Leun, Rau im Lahn-Dill-Kreis verkauft wurde.

 

 

Weiltalweg

Aus einem kühlen Grunde, nämlich vom „Talgrund” im romantischen Weiltal aus, kann man zu kurzen oder längeren Wanderungen aufbrechen, bei denen man Luft erster Qualität, gemischt mit Wald- und Wiesenduft, schnuppert und viel schöne Landschaft sieht.

Erst im Jahre 2000 wurde der Wan­der- und Radweg in Gänze fertiggestellt. Er folgt, soweit es Topographie und Naturschutz zulassen, dem Verlauf des Gebirgs­flusses Weil. Vom Startpunkt am Roten Kreuz unterhalb des Kleinen Feldbergs sind es nur wenige Gehminuten zur renaturierten Weilquelle unterhalb des Großen Feldberges. Hier können auch die konser­vierten Überreste eines Glasofens aus dem 15. Jahrhundert und die Fundamente des römischen Feldbergkastells besucht werden. Die Wege dorthin sind ausgeschil­dert.

Der durchgehend gut beschilderte Weg führt entlang des Naturschutzgebietes „Reifenberger Wiesen“ nach Oberreifen­berg, wo die Burgruine mit ihrem mächti­gen, runden Bergfried, dem rechteckigen, sechsgeschossigen Wohnturm mit seinen vier Meter starken Mauern sowie in den Fels gehauenen Pulverkammern vom Geschlecht der Reifenherger kündet. Auf steiler Abfahrt geht es hinunter ins Weiltal. Durch die Freizeitanlage „Oberes Weiltal“ gelangt man in den Luftkurort Schmitten. Dem idyllischen Bachlauf folgend, schließt sich nach Hunoldstal die einzige steile Pas­sage an.

Mit dem Auto kann man auch über Usingen einsteigen. Dazu muß man in Usingen in Richtung Waldems nach links abbiegen. Über Merzhausen fährt man auf der Bundesstraße 275 weiter, biegt aber nicht rechts nach Altweilnau ab (Der alte Ortskern entstand schon sehr früh am Fuße einer um 1200 erbauten Burg der Grafen von Diez und erhielt sogar für kurze Zeit Stadtrechte. Ein viereckiger Torturmes ist Rest der Stadtbefestigung aus dem 14. Jahrhundert. Die Burg hat einen  runden Bergfried.  An der Zufahrtsstraße nach Altweilnau zeigt ein Schild. „Zu den 100 Stufen” zu einem Aus­sichtspunkt hoch oben auf einem Fels. Ein schöner Hangweg im Buchenforst hält darauf zu. Zum Aufstieg zur ersten Sta­tion, der Schutzhüne Albertsruh, sind es 50 Stufen, von da geht es mit kaum erkennbarem Pfad zu einer aussichtsrei­chen Felsplatte mit Bank).

Man besucht zunächst die Ruine Landstein links an der Straße, davor die Landsteiner Mühle. Eine schon im 15. Jahrhundert vorhandene Kornmühle mit Gasthaus ging im Dreißigjährigen Krieg unter. Das wüst gewordene kleine Dorf wurde nicht mehr besiedelt; aber Ende des 17. Jahrhun­derts entstand die Korn-, Öl- und Schneidemühle wieder, jetzt ein beliebtes Ausflugslokal. Mehr als das Fachwerkgeviert fällt die dahinter aufragende Kirchenruine Landstein ins Auge. Die Kirche, Ende des 13. Jahrhunderts errichtet, war noch bis zur Reformation als Wallfahrtsort bekannt. Nach dem verheerenden Krieg wurde die große Glocke im Brandschutt gefunden und nach Ober­ursel verkauft.

Dann geht es auf der Bundesstraße weiter, aber wieder nicht rechts ab ins Weiltal 8dort geht es zur Erbismühle. Sie gilt als die älteste in diesem Raum, wird bereits 1213 im Zusammen­hang mit einem Kloster im Westerwald genannt. Seit der Jahrhundertwende ist sie ein gastronomischer Betrieb), sondern noch ein Stück weiter bis zur Einfahrt nach rechts nach Neu-Weilnau. 

Dort ist links ein schöner Park mit einer Mauer, rechts ein schöner Blick auf Alt-Weilnau. Zum Schloß geht es. rechts die Straße hoch. Das hoch über dem Weiltal gelegene Renaiss­sanceschlößchen Neuweilnau wurde von Graf Ludwig I. von Nassau-Weilburg 1506–1513 auf der Höhe des Rödelnberges über dem Dorf errichtet

Hier residiert seit 1816 das hessische Forstamt, konnte allerdings nur noch das Erdgeschoß des Haupthauses nutzen, das die Grafen von Nassau‑Weilburg 1506 bis 1513 an Stelle der früheren Burg ge­baut hatten. Das Obergeschoß, das früher als Wohnsitz des Forstamtsleiters diente, und das Torhaus, ein Fachwerkbau aus dem 16. Jahrhundert, standen seit Jahren leer. Als dann bei einem Erdbeben Mitte der neunziger Jahre ein Teil der alten Burgmauer eingeb­rochen ist, war endgültig klar, daß sa­niert werden mußte.

Nach der Sanierung durch den Landesbetrieb Hessen Forst bis zum Jahre 2004 enthält das Obergeschosses des Haupthauses die neuen Büros des Forstamts.. Aus den vielen kleinen Zimmern entsteht ein großer Saal, den Hessen Forst für repräsentative Zwecke nutzen will, in dem sich aber auch Heiratswillige das Jawort geben können. Hier können repräsentative Veranstaltungen wie Festivals, Trauungen und Abenteu­erevents stattfinden. Mit Singleabenden im Schloßkeller und mit Klettertouren will man Besucher locken. Die Wohnungen im Torhaus sollen an Privatleute vermietet werden.

Vom Parkplatz „Talgrund” führt der Weg zur Ruine Burg Hattstein. Hier fällt die Entscheidung: Kleiner Spaziergang mit kurzen Steigungen, Spaziergang nur durch Wald oder Spa­ziergang mit mäßigen bis mittleren Steigungen? Weg Nummer 1 hat die Markierung Ahornblatt. Zunächst geht es aufwärts durch den Talgrund und dann rechts in den Wald. Etwas im Holz versteckt sind rechts die Reste der Burg Hattstein zu sehen.

 

Von der weiß man, daß sie im 10. Jahrhun­dert vom Mainzer Erzbischof zum Schutz der Eisenerzvorkom­men im Umland errichtet worden ist. Erbauer soll Hatto von Reifenberg gewesen sein, sein Sohn wäre der Gründer des Hattsteinschen Geschlechts gewesen. Im Jahre 1226

wurde die Burg erstmals urkundlich erwähnt. Doch meist hatten die Hattsteiner Streit mit den Nachbarn, die „Bündnisse“ mit ihnen abschlossen, die sie sich gut bezahlen ließen. Frankfurt versuchte 1393 die Burg zu stürmen, 1429 kamen die Cronberger den Hattsteiner gegen Frankfurt zu Hilfe. Erst 1432 konnten sie Philipp und Conrad von Hattstein gefangen nehmen

Im späteren Mittelalter waren die Frankfurter nicht gut auf die Herren von Hattstein zu sprechen, denn sie waren zu Raubrittern geworden, die es auf die Waren der Kaufleute abgesehen hatten, die auf der Taunus­straße vom Rhein nach Frankfurt und zurück fuhren.

Im Jahre 1467 gelang es den Reifenbergern, die Burg zu erobern. Doch nach der Gefangennahme des Domherrn Philipp Ludwig von Reifenberg durch den Erzbischof von Mainz wurde die Burg der Verfall überlassen, das Geschlecht der Hattsteiner erlosch 1767 mit Johann Conmstantin Philipp von und zu Hattstein.

Die Hauptburg der Hattsteiner bestand aus einem Turm und einem Wohnbau. Sie war durch einen Zwinger und einen tiefen Graben geschützt. Im 17. Jahrhundert wurde die Burg verlassen und fing zu bröckeln an. Seitdem steht sie als Ruine im Walde. Der Weg führt dann nach einem kurzen Stück nach rechts und zurück zum Parkplatz. Weg Nummer 2 hat die Markierung Rehbock. Während Weg 1 nur rund zwei Kilometer lang ist, sind es nun vier Kilometer.

Vom Parkplatz geht es in nordöstlicher Richtung aufwärts. Der Weg führt über eine große Sturmscha­denfläche, die von einer nur zwölf Minuten dauernden Gewit­terbö im Sommer 1966 stammt, die im Nu 8.000 Festmeter Holz umriß. Die Fläche wurde wieder aufgeforstet, jedoch ist sie am Unterschied des Vegetationsbildes gegenüber der umgebenden Waldfläche zu erkennen. Der Weg biegt nach etwa 500 Metern rechts ab ins Tal. Zwischendurch hat man einen Blick auf Ar­noldshain und den Großen Feldberg. Auf dem Tal-grundweg kommt man zum Parkplatz zurück.

Weg Nummer 3 hat die Markierung Schmetterling. Er ist etwa fünf Kilometer lang. Vom Parkplatz geht es über die Straße und über die Weil. Am Waldrand nach links auf einen schmalen Pfad, der im Weiltal aufwärts vorbei an einem Kinderspielplatz bis zum Trippelweiher führt. Bald geht es wieder - immer entlang der Markierung „Schmetterling” - auf die andere Tal­seite und dann links aufwärts. Rechts zeigt sich der Schmitt­grund und geradeaus vor dem Wanderer auf der Höhe Oberrei­fenberg mit seiner Ruine. Dies war vermutlich bereits im 12. Jahrhundert Sitz eines der bedeutendsten Geschlechter dieser Landschaft. Der stämmige, runde Burgfried geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Seit 1646 ist die Burg nur noch Ruine.

An der nächsten Wegkreuzung geht es scharf nach links und am Westhang des Sängelberges entlang zur Ruine Hattstein und in den Talgrund. Auf dem Talgrundweg kommt man zum Parkplatz.

Überall an der Weil sind idyllische Plätzchen zum Rasten und Schauen; auch ein Grillplatz ist im Steinbruch zwischen Rod an der Weil und Cratzenbach angelegt. Wer im Weiltal reiten möchte, kann sich in Weilrod-Riedelbach in der Langstraße bei Päckert ein Pferd satteln lassen. Ponys stehen bei der Familie Gräf im Islandponyhof Seelenberg, Schmitten, im Stall.

 

Durch Neu-Weilnau geht es weiter Richtung Weilrod. Kurz vor Rod a.d. Weil. Kurz vorher biegt man aber links ab nach Cratzenbach. Dort steht rechts ein Hinweisschild nach „Hattenbach über Eichelbacher Hof“. Der Weg ist allerdings sehr schlecht, in der Mitte nicht mehr als wein Waldweg. Aber der Besuch des Eichelbacher Hofs lohnt sich, ist doch das Herrenhaus derer von Rheinberg 1568 erbaut. In den Land­gasthof muß an einem Mittwoch, Samstag oder Sonntag kommen, um sich mit „Hirten­schmaus“ (Lammbraten), „Burgforelle“, „Gesindeteller“ (Sülze vom Schwein) oder gar „Singender Wandersgeselle“ (Handkä­se mit Musik) oder hausgemach­ten Krautsalat zu stärken.

Man kommt dann wieder auf die Straße von Weilrod nach Bad Camberg. Man fährt aber nicht geradeaus nach Hasselbach, sondern nach links in Richtung Schweikershausen. Dort liegt links die Vogelburg mit mehr als 100 Papageien und Eulen. Die Papageiern sprechen, setzen sich auf die Schulter und sich auch lernbegierig. Sie wurden meist aus Privathand hier übernommen. Öffnungszeiten sind vom 15. März bis 15.November von 10 bis 19 Uhr, im Winter nur an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 19 Uhr.

Die schwarz-braune Uhu-Dame plustert sich mächtig auf, als der Betrachter etwas näher an ihr Gehäuse herantritt. Mit starkem Blick fixiert sie den Betrachter und klappert mit dem Schnabel. Die Drohgebärde soll einschüchtern und den Nachwuchs vor Räubern schützen. „Wenn kein Gitter da wäre, würde sie angreifen”, erläutert Hans Steiner.

In seinem Vogelpark Weilrod-Hasselbach kann der Besucher das Verhalten der Vögel, insbesondere der Papageien und Eulen, in naturnaher Umgebung beobachten. Anders als Greifvögel, die ihre Beute im Flug entdecken und auf sie herniederstürzen, verharrt die Eule erst einmal regungslos auf einem Ast, fixiert ihr Opfer und fliegt dann plötzlich auf die Beute zu. Die sagen­umwobenen Vögel haben es Hans Steiner angetan. Für sie hat er Volieren aus Naturstein gebaut, in denen die Eulen genug Dec­kung haben, wie sie sie in der Natur suchen. Deshalb sind auch die Sichtfenster für die Besucher des Parks recht klein, und manchmal muß man genau hinschauen, wenn man den Stein­kauz, beispielsweise in seiner Höhle, entdecken will.

Steiner hat in seinem Vogelpark den Kompromiß gefunden zwischen dem Interesse der Menschen an den Vögeln, deren Lebensgewohnheiten und den Möglichkeiten zur Erholung. Im Zentrum des Parks liegt der Ara-Kaffeegarten mit mehr als 100 teilweise überdachten Sitzplätzen. Der Garten gruppiert sich um eine kleine Teichanlage mit einer Insel, auf der sich zwei Papageien die Zeit vertreiben. Papageien fliegen im Vogelpark Hoch­taunus frei umher. Sie sind anders als die scheuen Eulen, kon­taktfreudig und lassen sich füttern. Vom Gartencafe hat der Besucher einen herrlichen Blick über Täler und Wälder. Wer möchte. kann seinen Picknickkorb mitbringen oder sich an der Theke mit hausbackenem Blechkuchen oder Schwenkbraten vom Grill versorgen. Etwas abseits liegt der Spielplatz mit Klet­tergerüsten und - als besondere Attraktion für Kinder - dem Meerschweinchenfreigehege.

„Der Vogelpark dient der Erho­lung, der Bildung und dem Artenschutz”, sagt Hans Steiner. Er hat einen Vogel-Lehrpfad angelegt und ist besonders stolz darauf, daß die Vögel pärchenweise leben, so daß die Nachzucht möglich ist. Besonders eindrucksvoll ist die Artenvielfalt. In den Volieren kann man die Schnee-Eule in ihrem weißen Gefieder ebenso bewundern wie den Sperlingskauz, der nicht viel größer als ein Spatz ist. Diese kleinste europäische Kauzenart gehört zu den wenigen tagesaktiven Eulen. Die anderen Eulen erwachen erst zur Dämmerstunde zum aktiven Vogelleben.

Außer Eulen und Papageien sind in Weilrod-Hasselbach Steinadler, Kakadus, Enten und Sittiche zu sehen. Der jährlich wachsende Vogelpark gilt unter Vogelfreunden fast noch als ein Geheimtip. Neue Volieren kommen hinzu. Inzwischen wurde eine Aussichtsplattform errichtet, und beim Spielplatz entstand ein überdachter Versammlungsraum, in dem die Intelligenz der Papageien anhand von Kunststücken wie Fahrradfahren gezeigt wird.

Der Vogelpark ist ganzjährig geöffnet, in den Sommermo­naten von neun Uhr bis zum Sonnenuntergang. Der Eintritt beträgt für Erwachsene fünf, für Kinder drei Mark. Kinder unter sechs Jahren haben freien Eintritt.

 

Auch Dämme und Einschnitte der Bahnstrecke Grävenwiesbach - Weilmünster sind in der Landschaft noch zu erkennen. Die Bahnlinie querte das Steinkertztal zwischen Mönstadt und Naunstadt über ein 23 Meter hohes Viadukt. Die imposante Stahlfachwerkbrücke wurde 1973 abgerissen, zwei gemauerte Widerlager an beiden Talseiten sind noch erhalten.

 

Dann fährt man nach Weilrod hinein und links ab Richtung Weilmünster. Links zweigt steil die Straße „Am Kirchberg“ ab. Sie führt zu  Kirche und Pfarrhaus. Dieses war, wie ein Schild infor­miert, „seit 1283 ununterbrochen Wohn­haus hiesiger Pfarrer“ und damit das ältes­te in Deutschland. Allerdings blieb es nicht un­verändert blieb: Ein Fachwerkteil wurde 1522 draufgesetzt, 1962 wurde es reno­viert. Vor der Kirche steht die 1884 gepflanzte „Luther‑Linde“.

Über Emmershausen gelangt man zur Run­kelsteiner Mühle. Hier, an der engsten Stelle des Weiltales, kreuzt man gleich drei Mal auf kleinen Brücken die namensgebende Weil.

Mit dem kleinen Ort Winden verlässt man die schroffen Taunushänge und den Hochtaunuskreis. Mit Audenschmiede er­reicht man den Landkreis Limburg-Weil­burg. Nach Weilmünster folgt der Weiltalweg der ehemaligen Bahnstrecke Grävenwiesbach-Limburg. Weiter nach Essershausen und Weinheim mit der Freienfelser Burgruine mit herrlichem Ausblick in das Weiltal.  . Dann verläuft der leicht abschüssige Weg bis zur Mündung in die Lahn bei der Guntersau.

Abstecher kann man noch machen zur Kristallhöhle bei Kuhbach und nach Elkershausen (südlich von Weinheim) mit der ehemaligen Wasserburg.

Von Treisberg aus kann man aussichtsreichen Pferds­kopf gehen.

 

Weilmünster-Rohnstadt:

Ehemaliges Rat- und Backhaus (Langenbacher Straße 4):

Erbaut wurde es 1927 als Rathaus im Heimatstil (Backstein), danach wurde es genutzt als Schule, Kirche und Jugendraum, heute ist es Heimatmuseum und Archiv.

 

Weinbach-Elkerhausen (westlich von Weilmünster)

Das Schloss Elkerhausen (Burgring 18) wurde. erbaut im 12. Jahrhundert als Wasserburg, heute ist es Renaisssanceschloss in Privatbesitz.

 

 

Idstein

Idstein, die alte Residenzstadt der Nassauer, verfügt über einen Fachwerkreichtum, wie er sonst im Taunus kaum noch vorkommt. Über die bunten Fachwerkgiebel ragen die Stadtkirche, das auf einem Felsen thronende Rathaus, Torhaus und Amtshäuser sowie Bergfried einer ehemaligen Burg, Zehntscheuer und schließlich das hochgestreckte Schloß. Was für eine Ansammlung von Kunstdenkmälern für ein Städtchen von 11.500 Einwohnern! Im vorigen Jahrhundert soll es noch „finster” gewesen sein in Idstein, die Schönheit unter verstaubtem Putz, von den vielen Feuerstätten der Häuser und Werkstätten der Lohgerberstadt mit „Schmutzqualm " erfüllt, daß es sich kaum atmen ließ. Damals also schon Umweltprobleme und keine Abhilfe. Erst in den 30er Jahren wurde das Fachwerk freigelegt, in letzter Zeit farbig restauriert, Idstein als ein lebendiges Museum, in dem noch Holzbaukunst in höchster Ausprägung aus der Zeit vor dem 30jährigen Krieg zu bestaunen ist. Trotz vieler Not hat sie in Idstein alles überstanden.

Idsteins Charme gründet auf der Fachwerk‑Idylle seiner Altstadt ‑ ein wunderbares Freilichtmuseum, in dessen mittelalterliche Szenerie das moderne Leben integriert wurde. Die Stadt hat 150 Fachwerkhäuser überwiegend aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Die Fachwerkhäuschen, in denen sich die Geschäfte befinden, sind zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert entstanden und mit Schnitzereien kostbar verziert. Um sie ranken sich unzählige Geschichten und Anekdoten.

 

Bandkeramiker

Verstehen kann man sie ja schon, die Bandkeramiker, die einst in der Idsteiner Senke nördlich der heutigen Hexenturmstadt ihre Häuser gebaut haben: Sanft liegt die Mulde am Fuß des Taunus, noch heute geschützt vor zu heftigen und im Winter kalten Winden, die über das Mittelgebirge ziehen. Wahrscheinlich hatten sie aber noch einen besseren Grund, hier zu siedeln und ihre Felder zu bestellen. Der Boden ist sehr fruchtbar; wer hier sät, wird meist mit einer reichen Ernte belohnt. Woher die frühen Idsteiner wußten, daß der Boden besonders ertragreich sein würde, wenn man versucht, auf ihm Getreide anzubauen, weiß auch der Archäologe Christoph Schade von der Universität Frankfurt nicht, aber die Menschen der Bandkeramikzeit, sagt er, haben sich fast immer die heute noch besten Böden ausgesucht, um dort ihre aus Langhäusern bestehenden Dörfer zu bauen.

Ihre Kultur war im Übrigen die erste, die nicht mehr hauptsächlich auf Jagen und Sammeln basierte; die Menschen betrieben Ackerbau und waren damit seßhaft. Daß die Idsteiner Senke gegen 5500 vor Christus von Menschen besiedelt worden ist, ist seit mehr als zehn Jahren erforscht. Eine kleine Sensation ist aber, daß dies der nordwestlichste Punkt ist, von dem bekannt ist, daß hier auch schon Bandkeramiker, deren Ursprung in Transdanubien, dem heutigen Ungarn, vermutet wird, eine Heimstatt hatten. Mehr als 500 Jahren bauten sie in der Senke immer wieder an anderer Stelle neue Dörfer.

Als sie sich das Gebiet zwischen Idstein im Süden und Bad Camberg im Norden aussuchten, fanden sie, wie überall in Europa, Urwälder vor. Die Bandkeramiker rodeten die Wälder und waren damit die ersten, die in diesem Gebiet gestalterisch eingriffen; so entstand hier erstmals eine Kulturlandschaft.

An Funden aus dieser Zeit mangelt es im Prinzip nicht. Bereits vor mehreren Jahren hat der Hobbyarchäologe Horst Nauk das rund 15 Quadratkilometer große Areal systematisch begangen und Fundstellen, meist Tonscherben oder Hinterlassenschaften aus Feuerstellen, markiert. Rund 700 Menschen lebten im Schnitt in den Dörfern ‑ eine stattliche Zahl und entsprechend viele Spuren. Lediglich Friedhöfe haben die Forscher, die jetzt in einer dreiwöchigen Aktion das Gebiet noch einmal geomagnetisch vermessen haben, bislang nicht gefunden. „Die Bandkeramiker haben leider nur besonders wichtige Leute bestattet, die anderen wurden verbrannt“, sagt Schade. Eine richtige Sensation wäre es daher, wenn bei den nächsten Abschnitten des Forschungsprojekts noch Friedhöfe gefunden werden. Dann könnten die Archäologen möglicherweise auch ermitteln, wie es den Bandkeramikern in der Idsteiner Senke ging, wie sie gelebt haben, wie sie sich ernährt haben und wie alt sie geworden sind.

Für diesen Herbst ist geplant, einzelne Fundstellen exakter als bisher möglich zu vermessen und vielleicht auch einen Häusergrundriß freizulegen. Wie es mit dem Projekt weitergeht, hängt unter anderem auch davon ab, wie viel Geld die Forscher um Christoph Schade zusammenbekommen. Sein Ziel ist, zusammen mit interessierten Idsteinern eine Initiative zu gründen. Die könnte sich nicht nur um die Zukunft der Erforschung ihrer Heimat kümmern, sondern deren Ergebnisse vielleicht auch in einem Museum präsentieren.

Interessenten erreichen Christoph Schade unter IM 069194259 oder per Mail an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

 

Römer:

Auf den Dasbacher Höhen bei Idstein steht der Limesturm. Den Römerturm hatten Idsteiner Bürger mit Hilfe ihrer Freunde aus den Partnerstädten auf Initiative eines pensionierten Idsteiner Bauingenieurs in mehr als 4.700 Stunden freiwilliger Arbeit rekonstruiert. Vielleicht wird der Wachturm dereinst Teil des Weltkulturerbes. Der Limes verlief über 550 Kilometer vom Rhein bis zur Donau durch die römischen Provinzen Obergermanien und Raetien. Mit 120 Kastellen und 900 Wachtürmen, von denen einer in der Nähe des Idsteiner Stadtteils Dasbach stand, sollte er vor germanischen Überfällen schützen.

 

Geschichte:

Zwei Brüder aus „Etichestein“ bezeugten im Jahr 1102 eine Pfändungsurkunde. Es ist das älteste Schriftstück, auf dem der Name Idstein amtlich erwähnt wird und damit Nachweis, mindestens 900 Jahre alt zu sein.

Während des Dreißigjährigen Kriegs waren im Jahre 1629 noch 89 Familien in Idstein ansässig, 1648 waren es noch gerade einmal zehn. Der Landesherr von Idstein, Graf Johannes, hatte sich als überzeugter Protestant auf die Seite von König Gustav Adolf von Schweden geschlagen und musste nach dem Sieg der kaiserlichen Liga sein Territorium im Taunus vorübergehend verlassen. Die Folgen des reformatorischen Eifers ihres Grafen hatten die Handwerker und Bauern der Stadt auszubaden: Sie wurden von durchmarschierenden Truppen und Verpfändungen drangsaliert, durchlitten Hungersnöte und Pestepidemien.

Nach der Rückkehr von Johannes aus seinem Straßburger Exil ging es mit Idstein rasant aufwärts: Das Schloss wurde renoviert, die Stadtkirche erweitert, im Park wuchsen exotische Pflanzen. Künstler gingen in Idstein ein und aus, unter anderem Merian der Jüngere, der den Schlossherrn künstlerisch beriet, niederländische Meister bemalten Wände und Decken des Kirchenschiffs. Unter der Regierungszeit des Grafen Johannes und seines Sohnes Fürst Georg August Samuel erlebte die Residenzstadt als wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt ihre Blütezeit.

Doch die Gottesfürchtigkeit des Grafen hat den Idsteinern noch ein weiteres Mal arg zugesetzt: Weil sich Johannes verpflichtet fühlte, den „Teufel und dessen An hang zu verfolgen“, und er sein Land „nicht schutzlos den Hexen auszuliefern“ gedachte, ließ er 1676 in nur einem Jahr 39 Frauen und Männer aus Idstein und Umgebung grausam foltern und hinrichten. Übrigens war keines der bedauernswerten Opfer jemals im Hexenturm eingekerkert. Die mussten vielmehr in einem Verließ in der Stadtmauer oder in leerstehenden Häusern auf ihre Peiniger warten. Der Schlossturm wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts zum Gedenken an die erbarmungslose Verfolgung unschuldiger Mensehen umbenannt. Während Johannes einen vergleichsweise bescheidenen Lebensstil pflegte, hat sein Sohn und Nachfolger Georg August Samuel auf großem Fuß gelebt.

Christel Lentz, stellvertretende Stadtarchivarin, hat in den damaligen Rechnungsbüchern geblättert und stieß unter anderem auf Ausgaben seiner Gemahlin Henriette Dorothea von 300 Gulden allein zum Kauf von Spitzen fürs Kindbett. Georg August Samuel, der sich 1688 zum Fürsten erheben ließ, begann mit dem Bau des Biebricher Schlosses. Offenbar überstieg die luxuriöse Hofhaltung die Finanzkraft des Fürsten, so dass er sich zu nicht ganz legalen Mitteln der Geldbeschaffung veranlasst sah. Im Jahre 1697 wurde er von der oberrheinischen Kommission der Falschmünzerei überführt und musste 700 Gulden Strafe zahlen.

Georg August Samuel starb ohne männliche Erben, Idstein fiel an die Nassau-Usinger Linie und war nicht langer Sitz der gräflich‑fürstlichen Residenz. Im Jahre 1729 wurde im Schloss ein Archiv eingerichtet, das dort bis 1881 verblieb. Danach wurde in den einstigen Gemächern Hutleder verarbeitet, sie dienten den Katholiken vorübergehend als Gotteshaus, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hier ein Gymnasium eingerichtet.

Die Lederindustrie, die sich um 1800 in Idstein etablierte, sicherte den Bürgern bescheidenes Auskommen. Aufmüpfige Bewohner der Stadt, von den revolutionären Umtrieben 1848 erfasst, versammelten sich zu aufrührerischen Reden in der Unionskirche und sorgten dafür, dass Idstein fortan als „Demokratennest“ verrufen war.

Mehrere hundert Deputierte, die sich in der Idsteiner Unionskirche versammelt haben, müssen die Revolution retten. Sie, die vom Volk Gewählten, haben sich die Freiheit und Einheit Deutschlands auf die Fahnen geschrieben. Ein Redner will viel: Wir sind nicht bloß gekommen, um Forderungen zu stellen. „Der Hund muß endlich beißen, und wenn es selbst in eine geheiligte Wade wäre.“ Eine (gemäßigte) Resolution wird verabschiedet, hinter der sich eine neue März‑Bewegung formieren soll, denn die Revolution war beinahe zur Ruhe gekommen. Doch es kam, was befürchtet worden war: Herzog Adolf befahl Hausdurchsuchungen und Festnahmen. Der folgende Hochverratsprozeß gegen die Rädelsführer endete zwar mit Freisprüchen. Doch trotz dieses Erfolgs: Der Demokratenkongreß im Juni 1849 ‑ am 18. März hatte die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche die Reichsverfassung verabschiedet ‑ wollte retten, was nicht mehr zu retten war. Bald darauf wendeten sich die Bürger von der Politik ab ‑ das Regime des Herzogs von Nassau hatte vorerst gesiegt.

Schreckliche Bekanntheit erlangte Idstein in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Kalmenhot - ursprünglich 1888 von Frankfurter Bürgern gegründetes Heim für geistig behinderte Zöglinge ‑ wurden während des nationalsozialistischen Regimes kranke Kinder mit Arzneimitteln vergiftet. Eine Mahn‑ und Gedenkstätte auf dem Friedhof des heutigen Heilerziehungsheims Kalmenhof erinnert an die mindestens 600 Jungen und Mädchen, die hier umgebracht wurden.

 

Rundgang:

Von der ursprünglichen Burg »Etichenstein« hat nur wenig die baulichen Anpassungen an die jeweiligen Erfordernisse der Zeit überdauert. Den Verlust der Wehrfunktion zeigen die schönen Fachwerkaufsätze aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an, die sogenannten Kanzleigebäude, deren geschweifte Giebel am ehesten den Vergleich mit dem des Killingerhauses standhalten.

Einzig der intakt stehengebliebene, gleichwohl „um 50 Fuß“ verkürzte Bergfried erinnert noch an den mittelalterlichen Bau. Möglicherweise blieb er auch als eine Art Menetekel erhalten: sein Beiname „Hexenturm“ gemahnt an eines der dunkelsten Kapitel in der Idsteiner Geschichte. Vermutlich wurden während des hier besonders heftig wütenden Hexenwahns im 17. Jahrhundert etwa 40 Männer und Frauen im Verlies vor den Verhören und Hinrichtungen gefangengehalten.

Über eine später ausgebaute Treppe können Besucher heute bis fast an die Spitze des kreisrunden Turmes hinaufsteigen. Der luftige Ausguck eröffnet die besten Perspektiven über das Dächergewinkel und die Taunusberge ringsum.

Von der ehemaligen Burg Etichostein wird erzählt, wie Ritter Ulrich sich mit seiner Mechthilde herabstürzte, als der Schwiegervater zur Rache wegen des Raubs seiner Tochter anrückte. Die Ankündigung des nahen Untergangs der Nassau-Idsteiner Linie erkannte man später in dem Todessturz des vorletzten Grafen Johann Ludwig. Bei der Taufe des Söhnchens, mit welchem das Geschlecht enden sollte, stürzte er aus dem Schloßfenster in den Weiher und ertrank. Er hatte Medizin zusammen mit Alkohol genossen.

Adolf von Nassau machte die Burg zu seinem Hauptsitz. Er wurde am 5. Mai 1292 zum König gewählt. Aber er stand in der Abhängigkeit der Kurfürsten, deren er sich zu entledigen versuchte. Die Kurfürsten setzten ihn aber in Mainz ab und riefen Albrecht von Österreich gegen ihn auf. Sein zweiter Sohn Gerlach baute die Stadt, die 1287 die Stadtrechte erhielt, weiter aus

Von der alten Burg ist nur noch der 42 Meter hohen Bergfried erhalten. Er heißt „Hexenturm“, weil in seinem Gemäuer um 1676 Hexenprozesse stattfanden und er seither seinen Namen weghat. 35 Frauen und acht Männer wurden vor 323 Jahren in Idstein auf dem Scheiterhaufen verbrannt, vor allem auch Waldenser, die als Ketzer angesehen wurden. Die Mauern waren eineinhalb Meter dick, damit man die Schreine der Gefolterten nicht in der Umgebung hören sollte Von der Plattform hat man eine überwältigende Aussicht auf die Stadt (Den Schlüssel gibt es im Killingerhaus).

 

Das neue Schloß, das sich an der Stelle der 1615 niedergelegten Burg erhebt, wurde 1614 bis 1634 unter dem Grafen Ludwig (Wappen über dem Tor) und seinen Sohn Johann im Renaissancestil erbaut. Das Renaissanceschlosses wurde  oberhalb der Burg zwischen 1614 und 1653 mit kriegsbedingten Unterbrechungen errichtet. Mit dem Bau setzte die Weilburger Linie der Nassauer Grafen ein unübersehbares Herrschaftszeichen. als sie ihre Idsteiner Vettern nach deren Aussterben 1605 beerbt hatte. Ihre größte Blüte erlebte die kleine Residenz unter dem bereits genannten Grafen Johann, der nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges nicht nur das Schloß. innen wie außen, fertigstellte (heute ein Gymnasium). Er ließ auch einen leider verschwundenen Lust- und Mustergarten mit exotischen Gewächsen anlegen

Baumeister des Schlosses waren Jost und Heinrich Heer, mitzureden hatte aber auch der Erbauer des Schlosses in Wiesbaden-Biebrich, Maximilian von Welsch. Dennoch konnte im 30jährigen Krieg das Schloß nicht eigentlich prunkvoll ausfallen. Es imponiert mit einfacher Renaissanceverzierung eher von der Masse her als dreiflügeliger Baukörper. Nur bis 1721 hat es als Residenz gedient. Das jetzige Schloß erlebte das Erlöschen der nachfolgenden Linie. Gleichzeitig mit Fürst Georg August wurden seine beiden letzten Töchter 1721 von den Blattern dahingerafft. Im Schloßkeller ließ die Fürstin die Leichen bis zur Überführung in die Fürstengruft in der Stadtkirche in Sand aufbewahren. Im Schloß der Grafen von Nassau‑Idstein ist seit 1945 das Gymnasium untergebracht.

 

Das alte Rathaus und das Torbogengebäude sind ansehnlich. Die Treppe vor dem Rathaus in der Schloßgasse, das 1698 erbaut wurde, bietet einen großartigen Blick auf die Fachwerk‑ Kulisse. Nach einem Felssturz im Jahre 1928 wurde das Rathaus unmittelbar über einer tunnelartigen Straßenöffnung wieder aufgebaut. Vor dem Rathaus führt eine breite Treppe hinauf. Von ihr aus hat man den schönsten Blick auf das Killingerhaus und die Versammlung von Fachwerkgebäuden rund um den König-Adolf-Platz. Wer hier läuft, wandelt auf den Spuren Kaiser Maximilians I. Als er 1502 Idstein besuchte, schritt er diese Treppe hinauf zur Burg. Zu seinen Ehren wurde eigens das spätgotische Tor in die Anlage gebrochen.

 

Das prächtige Killingerhaus am König-Adolf‑ Platz 7 wurde 1615 von dem gräflichen Amtsschreiber Johann Conrad Killing für sich und seine Frau als dreigeschossiges Fachwerkhaus mit großem Erker und reicher, symbolischer Schnitzkunst erbaut. Zwischen phantasievoll gekreuzten roten Balken taucht die Jahreszahl 1615 auf, an Erker, Giebel, Stützen, Kanten sind Ornamente, Pflanzen, Tiere, Fratzen eingeschnitzt und farbig abgesetzt. Hartnäckig hielt sich die Geschichte, es hätte ursprünglich in Straßburg gestanden, wäre in Einzelteile zerlegt, rheinabwärts bis Wiesbaden verschifft und in Idstein wieder aufgestellt worden. Das gilt heute als eindeutig widerlegt.

Für den ungewöhnlich reichen Schmuck des sogenannten Killingerhauses gibt es bei dem im hiesigen Raum vor-herrschenden rheinisch-fränkischen Fachwerktyp kaum Vergleichbares. selbst in Idstein nicht. Keines der Nachbarhäuser hat einen derart schönen Schweifgiebel und einen über zwei Stockwerke reichenden Mittelerker vorzuweisen. Alle Fensterumrahmungen und Eckpfosten sind mit farbig ausgelegten Flachschnitzereien verziert. Ihr gebrochenes Grün und das Rostrot des Balkenwerkes kontrastieren lebhaft zu den hellen Flächen. Die Gefache unter den Fenstern und die beiden Giebel sind mit kunstvoll ausgeführten Wappen und symbolischen Darstellungen gefüllt, deren Deutung noch immer nicht zweifelsfrei gelungen ist.

Die Reichtum. bürgerlichen Stolz und Glaubensfestigkeit ausstrahlende Fassade verweist auf die Bedeutung und das Repräsentationsbedürfnis des einstigen Bauherrn - und, glaubt man der Legende, auch auf die Herkunft des Hauses. Danach wäre es 1615 gebaut worden. allerdings nicht in Idstein, sondern weitab, rheinaufwärts in Straßburg. Dem Nassauer Grafen Johann soll es indirekt zu verdanken sein. daß dieses architektonische Schmuckstück auf Reisen ging. Während des Dreißigjährigen Krieges zog Johann es vor, sich ins sichere Straßburg zu begeben. Dort nahm er den Amtmann Johannes Killinger in seine Dienste und nach dem Friedensschluß mit nach Idstein. Doch da gab es ein Problem; die Gattin wollte sich partout nicht von ihrem Eigenheim trennen. der Amtmann sich aber auch nicht von seiner Frau.

Die drohende Ehekrise soll mit dem Umsetzen des gesamten Hauses vom Elsaß in den Taunus abgewendet worden sein. Zu schön, um auch wahr zu sein? Nach Jahrzehnten spekulativer Hobbyforschung hat sich nun die Wissenschaft in einem Projekt ernsthaft des für das 17. Jahrhundert höchst ungewöhnlichen Balken-wechsel-dich-Spiels angenommen. Und. wie nicht anders zu erwarten, die schöne Legende ist entzaubert: Das Killinger-Haus ging nie auf Reisen.

Im Mai 1987 wurde dort  ein Heimatmuseum eingerichtet. Eines der ältesten Exponate darin wird eine Fußbodenplatte der XXII. römischen Legion sein, die an die römische Besetzung bis ins 3. Jahrhundert erinnert. Nahe Idstein verlief die Befestigungslinie gegen die Germanen, der Limes. Von der Stadt, die für die Römer noch als „ desertum” galt - Wüste - ist es nur ein Spaziergang vorbei am ehemaligen Mustergut Gassenbach zum Limeswanderweg, der in Tagesmärschen insgesamt 550 Kilometer lang vom Rhein bis zur Donau führt.

Ins Killingerhaus ist auch der Verkehrsverein eingezogen. Öffnungszeiten: montags bis donnerstags von 8 bis 12 und 14 bis 16 Uhr, freitags von 8 bis 12 Uhr, sonn- und feiertags von 15 bis 17 Uhr.

Der Höerhof in der Obergasse 26 wurde zwischen 1620 und 1626 erbaut. Der Bauherr heißt Heinrich Heer (= Höer). Erst schuf er seit 1613 für Graf Ludwig II. von Nassau Weilburg das Residenzschloß anstelle der alten Burg, dann baute sich Heer sein eigenes Traumhaus auf einem Grundstück, das ihm der Landesherr als Dank für die großartige Leistung zur Verfügung gestellt hatte. Das kräftige Türkis seiner Gefache und die kunstvollen Einlegearbeiten stimmen ein auf das farbenprächtige Fachwerkrund. Mittlerweile hat sich in ihm das gleichnamige renommierte Feinschmeckerlokal etabliert.

Es gibt noch das Schiefe Haus und das Gasthaus „Zum Löwen“, von dem erzählt wird, daß dort ein Schatz vergraben sei.

 

Beherrschend ist auch die Stiftskirche (Martinsklirche, Unionskirche). Der Unterbau des Kirchturms ist noch älter als der um 1400 erbaute Bergfried.  Mitte des 14. Jahrhunderts wurde die gotische Hallenkirche errichtet, ihre heutige Gestalt und reiche Innenausstattung stammt zumeist aus dem 17. Jahrhundert. Nach dem großen Krieg im 17. Jahrhundert erhielt die Martinskirche ihr jetziges Aussehen, mit 38 schon im vorigen Jahrhundert gelobten „trefflichen altdeutschen Gemälden”.

Graf Johann ließ auch in eigenartiger Weise die St.-Martins-Kirche umgestalten, heute Unionskirche genannt. weil hier 1817 die Union zwischen Lutheranern und Reformierten für das Herzogtum Nassau geschlossen wurde. Unter Johann ist ein Gesamtkunstwerk geschaffen worden, das im protestantischen Europa ohne Beispiel ist. Nur die besten Maler, der Rubensschüler Angelo Immenradt und Johann von Sandrart, waren dem Grafen gut genug. um seine Vision einer biblischen Gemäldegalerie in dem gotischen Gotteshaus umzusetzen. Über den für lutherische Kirchen typischen Emporen. auf denen die Gemeinde nach Stand und Geschlecht geschieden saß – das Mittelschiff blieb frei –. wurden die Hochwände und die Decke lückenlos mit Szenen der Heilsgeschichte ausgemalt. Die auf Leinwand festgehaltenen und durch Rahmen unterteilten 38 Bilder geben dem Kircheninneren eine besondere Raumgliederung. Jede Darstellung wirkt in sich abgeschlossen. Der Eindruck eines für evangelische Kirchen außerordentlichen Farb- und Schmuckreichtums wird noch durch die prachtvollen Grabdenkmäler und eine Kanzel aus Lahnmarmor gesteigert.

Die Leinwände des Rubensschülers Michael Angelo Immenradt und seiner vier Gesellen bedecken Seitenwände und Decke völlig und erzählen Geschichten des Neuen Testaments. Bei der Hochzeit zu Kana läßt er den Maler Rubens unter den Gästen sitzen, der eine Jünger von Emmaus trägt die Züge des Grane Johann von Nassau. Auch die übrige Kirche ist restlos ausgeschmückt mit Schnitzereien, Spruchmedaillons, Kanzel, gräflichen Epitaphen und Altar aus Lahnmarmor. Die unterschiedliche Pracht des geschnitzten Gestühls bezeichnet die Sitzordnung nach Ständen. Männlein und Weiblein getrennt, einschließlich der gräflichen Familie. Deren Abkommen ruhen in der Fürstengruft unter dem Altar.

Der jetzige Name Unionskirche erinnert seit 1817 an die hier vorgenommene Verschmelzung von lutherischer und reformierter Konfession zur „Nassauischen Union”, auf ein Edikt hin, das  „Wir, Wilhelm von Gottes Gnaden, souveräner Herzog von Nassau“ in Wiesbaden verordnete. Allerdings entsprach es den Bestrebungen in der Bevölkerung. Der Schlüssel für die Kirche ist im Buchladen gegenüber oder im Verkehrsamt im Killingerhaus zu haben.

 

Heute:

Die Stadt war jahrhundertelang landesherrlicher, kirchlicher und geistiger Mittelpunkt und im 19. Jahrhundert bis zum Anschluß Nassaus an Preußen sogar Gerichtsort. Heute zählt Idstein zu den aufstrebenden Städten im Rheingau‑Taunus‑Kreis. In insgesamt zwölf Stadtteilen wohnen rund 23.000 Menschen. Das Jazz‑Festival im Sommer und der Alteburger Markt, der dreimal im Jahr ausgerichtet wird, lockt viele Tausend Besucher in die Stadt. Vom 14. bis 23. Juni 2002 war die ehemalige Residenzstadt im Taunus heimliche Hauptstadt Hessens, Gastgeber für die Menschen zwischen Werra und Neckar, auf dem 42. Hessentag. Idstein, 23.000 Einwohner in der Kernstadt und seinen elf Stadtteilen, lebt mit und in seiner Geschichte, nicht von seiner Geschichte, wie immer wieder zu hören ist. Das Mittelzentrum für das Idsteiner Land, für die Menschen aus Niedernhausen, Hünstetten, Waldems und Aarbergen an der A 3 zwischen Frankfurt und Limburg, zehrt nicht von dem, was frühere Generationen geschaffen hatten.

Die Bürger verdienen ihr Brot in 1300 Betrieben vor Ort mit 7000 Arbeitsplätzen, in der Dienstleistung, vor allem in der Informations‑ und Medizintechnik ‑ die größten Anbieter sind Black & Decker (Verwaltung) und Thermoplast (Zulieferer für Autoindustrie). Im Gerben von Leder hatte die Stadt einen guten Ruf ‑ heute gibt es nur noch eine Fabrik in Ehrenbach. Arbeit bieten auch das Krankhaus, die 13 Schulen, darunter das Gymnasium Pestalozzischule im Residenzschloß, die Fachhochschule Fresenius und das Sozialpädagogische Zentrum Kalmenhof des Landeswohlfahrtsverbandes.

Idsteins Altstadt ist zweifellos in der Vorweihnachtszeitszeit am stimmungsvollsten, wenn die Straßen und Häuser mit Lichterketten und Tannengrün geschmückt sind. In diesem Jahr ist besonders das zweite Adventswochenende (4./5. Dezember) zu empfehlen. Der Weinachtsmarkt, der dann veranstaltet wird, gilt als einer der schönsten im Rhein Taunus‑Kreis. Zwischen den Buden gibt es Kinderkarussells, Jäger servieren Wildgulasch und Idsteiner Chöre und Orchester musizieren vor dem Rathaus an  beiden Tagen haben auch die Geschäfte den ganzen Tag geöffnet, so daß beim Bummel auch gleich ein paar Weihnachtsgeschenke erstanden werden können.

 

Von der Hasenmühle aus unternahm der Räuber Schinderhasses  seine Streifzüge, das Posthaus in Würges wurde von hier aus überfallen.

 

Oberauroff: Bei der kleinen evangelischen Pfarrkirche ist der Chorraum bedeutend höher als das Langhaus. Vermutlich war schlicht das Geld beim Umbau 1310 vom romanischen Vorgängerbau zu einem gotischen Kleinod ausgegangen.

 

Südlich von Heftrich ist das Römerksastell Altenburg (wo die Straße nach Süden sich teilt nach rechts fahren).

 

Wallrabenstein (nördlich): 1339 entstand unter Graf Walram von Nassau-Idstein eine Burg, die im 30jährigen Krieg verfiel. Die wenigen Reste bilden mit den Fachwerkgehöften eine malerische Gruppe.

 

 

Bad Camberg

Bad Camberg: 1000 erstmals als Cagenberg erwähnt, erhielt 1365 Stadtrechte. Von der im 14. Jahrhundert angelegten Stadtwehr sind das Obertor und das Untertor (Schiefer Turm) erhalten geblieben, sonst nur geringe Reste, unter anderem auch ein Wehrturm von 1580, der der Pfarrkirche St. Peter und Paul als Turm dient. Schöne Fachwerkhäuser. erbaut 1676 -1723. kennzeichnen den Stadtkern. Nahe der Stadt liegt auf einer Kuppe die Kreuzkapelle von 1682, erneuert 1725. Von der Stadt führt ein Kreuzweg mit barocken Bildwerken (Sieben Fußfälle) aufwärts. Die Kapelle liegt in einem achteckigen Mauerring (schöne Aussicht).

Die Taunusstadt Bad Camberg (Kreis Limburg‑Weilburg) ist 1000 Jahre alt, romantisch und modern: ältestes Kneippheilbad Hessens und einstige Metropole des Goldenen Grunds. Die gemütliche Badestadt mit malerischer Altstadt und wechselvoller Geschichte ist nicht nur für Kurgäste attraktiv.

Im Erlebnisrestaurant „Zum Schmied“ servieren Knechte und Mägde, vom lieblichen Lautenspiel der Minnesänger begleitet, täglich eine Brotzeit für arme Wanderer. Umsonst. Aber nicht zu früh gefreut: Ein feuchter Händedruck genügt dem Wirt dann doch nicht. Die Gratis‑Mahlzeit muß abgearbeitet werden. Der Bettelgast hat die Wahl zwischen Besteck polieren oder Straße fegen.

Am 6. Februar vor 1000 Jahren schenkte Kaiser Otto III. dem Kloster Burtscheid bei Aachen seinen Hof Cagenberg und verschaffte damit dem heutigen Bad Camberg seine erste urkundliche Erwähnung ‑ zumindest die der Kernstadt der Großgemeinde, von den teils noch älteren Stadtteilen Oberselters, Erbach, Würges, Dombach und Schwikkershausen einmal abgesehen.

Gepflegte, reichverzierte Fachwerkhäuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert säumen die engen Gassen der Altstadt und den Marktplatz. Fachgeschäfte, gemütliche Cafés, urige Weinlokale und Gaststätten laden zum Einkaufsbummel oder Verweilen ein. Die Altstadt ist ruhig, vielleicht ein wenig verschlafen, aber genau das Richtige, um dem Alltagsstreß zu entfliehen.

Höhepunkt und ganzer Stolz der Stadt ist der 144 Meter lange Amthof, 1605 erbaut und in den 80er Jahren für zwölf Millionen saniert. Der ehemalige Sitz der kurtrierischen Amtmänner ‑ jetzt Rathaus, Archiv, Galerie und Stadtmuseum (ab April geöffnet) ‑ gilt als der längste Fachwerkbau im ehemaligen Regierungsbezirk Wiesbaden. In das imposante Gebäude integriert ist das Wahrzeichen der Stadt, der Obertorturm, einer von einst 13 Türmen der alten Stadtmauer, die nur noch teilweise erhalten ist.

Denn zu seinem historischen Unglück liegt Bad Camberg in einem fruchtbaren Gebiet, dem Emsbachtal, das wegen dei üppigen Weizenanbau auch als  „Goldener Grund“ bekannt ist. Das nahrungsreiche Tal mit Camberg als Metropole zog hungrige Heerscharen wie die Fliegen an. Der Krieg ernährt den Krieg ‑ Wallensteins Devise bekam die Stadt nicht nur im 30jährigen Krieg zu spüren. Auch die Recken des Siebenjährigen Krieges sowie napoleonische Truppen und deren Feind schätzten zum Leidwesen der Bevölkerung diese Reiseroute. Die mittelalterliche Stadtmauer hielt dem Ansturm der gierigen Mäuler und plündernden Horde nicht lange stand.

Richtig aufwärts ging es mit dem kriegsgeplagten Örtchen, das 1665 gerade noch 40 Einwohner zählte, erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Jahre 1927 etablierte der damalige Bürgermeister Johannes Pipberger in Camberg die Kneippkur. Die Idee bracht er aus Pfarrer Kneipps Heimatstadt Wörishofen mit. Pipbergers Vorhaben gefiel den Bürgern. Private Kurheime schossen aus dem Boden, ein Badehaus wurde gebaut, Kurpark und Kräutergarten wurden angelegt. Dem Bürgermeister lag in erste Linie die Gesundheit der Camberger an Herzen. Daß die importierte Idee 1981 in ehrwürdigen Titel „Bad“ münden und die Kleinstadt zur einzigen staatlich anerkannten Kurstadt im Kreis Limburg-Weilburg avancieren würde, davon konnte Initiator Pipberger nur träumen.

Derzeit kommen jährlich rund 23.000 Kurgäste in das traditionsreiche Kneippheilbad, um Herz, Kreislauf und Immunsystem mit Güssen, Bädern, Waschungen Bewegung und Kräutern zu stärken. Ode uni die heilsame Wirkung des berühmten Bad Camberger Lehms zu testen, de Giftstoffe bindet und Hautausschläge lindert. Oder um einfach im etwa 1,5 Hektar großen Kurpark zu spazieren, Licht zu baden und die Wasserspiele zu beobachten.

Zwei moderne Kliniken, Sanatorien und Kurheime bemühen sich um die Gesundheit der Gäste. Am Rand des Parks entsteht derzeit ein neues Kurmittelhaus das voraussichtlich noch im Jubeljahr er öffnet wird ‑ gemeinsam mit dem neuer Kräutergarten.

 

Bad Camberg: Von der Stadtbefestigung (Mitte 14. Jahrhundert) sind erhalten: Untertorturm = „Schiefer Turm”, Obertorturm und Reste von ehemals elf Türmen • Malerische Fachwerkhäuser, besonbders am Marktplatz, teilweise reich geschnitzt und. erkergeschmückt; alte Gehöfte, darunter der Amtshof mit Herrenhaus, (1608), daneben die Hohenfeldsche Kapelle (1650). Kath. Pfarrkirche St. Peter und Paul (1779), Turm (1580); reiche Ausstattung.

Kreuzkapelle (1681) Zentralbau in Kreuzform; achteckige Ummauerung; Kreuzweg mit sieben Stationen (1700).

 

Bad Camberg-Schwickershausen:

Bad Camberg, das im Jahr 2000 sein tausendjähriges Bestehen feiern konnte, gehört zu den Orten, deren Vergangenheit noch sichtbar und lebendig ist. Bis weit ins Mittelalter reicht die erhaltene Bausubstanz zurück. Zwischen Untertor- und Obertorturm der Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert ist ein fast lückenloses Fachwerkensemble seit der Renaissance unverändert geblieben. Prunkstück ist der so genannte Amtshof, mit 140 Meter Fassadenlänge nicht nur eines der größten, dank seiner reichen Verzierungen auch eines der schönsten Fachwerkgebäude Hessens.

Schon der bloße Augenschein macht freilich deutlich, daß dieser trapezförmig um einen Innenhof gruppierte Bau ursprünglich nicht als eine Einheit geplant war. Die Fassadenbrüche, die versetzten Eckpfosten zeigen, daß der kurtrierische Amtssitz erst nach und nach zum Karree geschlossen wurde - im Osten reizvoll von einer Straßenüberbrückung mit einer Kapelle und diese mit dem Obertorturm der Stadtbefestigung verbunden. Beide, Kapelle wie Turm, beherbergen heute das Stadtmuseum. Die Exponate sind über den gesamten Sakralbau und vier Geschosse bis hinauf in die frühere Türmerwohnung ausgebreitet. Die Kapelle wird nicht mehr liturgisch genutzt, die barocke Ausstattung aber blieb vollständig erhalten.

Die Museumsräumlichkeiten darüber zeigen Urkunden, Siegel, alte Handwerke, bäuerliches Gerät, frühe Apothekenutensilien und natürlich Erinnerungen an die Anfänge der Kneippkur in Camberg 1927. Zum krönenden Abschluss geht der Blick aus dem Oberstübchen über das beschwingte Auf und Ab des Goldenen Grunds, dieser fruchtbaren Senke zwischen Idstein und Limburg. In der Ferne erkennt man die Aufbauten am Großen Feldberg und in der Nähe die frei stehende Kreuzkapelle, unser Wanderziel.

Gestartet wird am außerhalb liegenden Bahnhof - zunächst Richtung Stadtmitte auf der Bahnhofstraße, um bald links in die Rheinstraße zu biegen. Dort können wir uns am Radfernweg R 8 orientieren, dessen grüne Tafeln links vom Emsbach bis zum Camberger Ortsteil Erbach führen. An der großen Straßenkreuzung in der Dorfmitte richten wir uns nach dem Hinweis „Erlenbachhalle” erst kurz rechts dann die Horststraße links hinauf. Rasch bleiben die Häuser zurück. Gelegenheit für einen weiten Blick in den Goldenen Grund. Auf der Höhe angelangt, läuft man geradeaus in den Wald und folgt dem leichten Rechtsknick des Hauptweges. Von links tritt noch die Markierung schwarzes Dreieck hinzu, der man ebenen Weges durch abwechslungsreichen Mischwald folgt. Im weiteren Verlauf geben die Bäume rechter Hand die Sicht frei zur markanten Erhebung, auf deren Spitze die Kreuzkapelle thront. Diese wird von der Markierung schwarzer Punkt angesteuert, den man bald am Waldrand sichtet. Er zielt mit Rechts-links-Knick auf den Sportplatz von Schwickershausen. Problemlos wird man durch den kleinen Camberger Ortsteil geführt und - vorbei an einer barocken Wallfahrtskirche - mit kurzem Stich hinauf zur Kreuzkapelle.

Das Gotteshaus wurde an Stelle einer Einsiedelei 1683 als Wallfahrtskapelle erbaut. Die Ausstattung stammt aus dem Früh- und Spätbarock. Durch Ausschnitte in der Tür kann man einen Blick auf den Hochaltar mit frei stehender Kreuzigungsgruppe und die farbig gefasste Kanzel werfen. Ungewöhnlich ist vor allem die Architektur der Kreuzkapelle, deren Name sich aus dem Grundriß herleitet, einem Zentralbau, der das griechische Kreuz variiert. Vier gleichförmige Kreuzarme mit jeweils dreiseitigem Chorschluß sind von einem achteckigen Mauerring umgeben. Und über dem Kreuzungspunkt der abgewalmten Schieferdächer krönt weithin sichtbar ein Vierungstürmchen das ungewöhnliche Gotteshaus.

Vom Wahrzeichen des Goldenen Grunds braucht man sich die letzten Meter nur abwärts treiben zu lassen. Mit der Kapellenstraße kommt man unmittelbar am Obertorturm und dem Amtshof heraus. Über den Marktplatz und die Strackgasse erreicht man den Untertorturm, ein Kuriosum der besonderen Art. Bei 21 Meter Höhe zeigt dieser eine Lot-Abweichung von 1,44 Metern. Umfallgefahr beim „Schiefen Turm von Camberg” gibt es aber nicht (Rhein-Main, 55).

 

 

 

 

Aartal

Zwischen Diez und Taunusstein-Bleidenstadt gibt es eine Draisinenbahn

Niederselters: Quellenhaus, das Rathaus war Unterkunft des Militärs zur Bewachung der Quellen.

Münster (nördlich von Selters): Das Wohnhaus einer Hofreite (Neustraße 8) wurde erbaut 1830 als verputzter Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach und symmetrischer fünfachsiger Fassade sowie zweiläufiger Freitreppe.

Das Kulturzentrum Alte Kirche (Alois-Born-Straße 22) wurde 1717 erbaut als Nachfolgekirche einer 1340 erwähnten Kapelle. Seit 1909 stand sie leer und wurde 1989-91 umgebaut zum Kulturzentrum.

Hünfelden- Kirberg: Aus falsch verstandener Pietät wurde ein Menhir zum Kriegerdenkmal umgearbeitet und fand im Friedhof seine Aufstellung (Der Friedhof ist östlich der Durchgangsstraße in der Hainbuchenstraße).

Südlich von Dauborn ist auch ein Menhir eingezeichnet, südlich der Kalascher Mühle und des Leidenbergs.

Hahnstätten:

Ehemalige Wasserburg des 16. Jahrhunderts, dreiflügelig mit Treppenturm und 4 Erkern. Kirche von 1217 mit erneuertem Langhaus aus dem 17. Jahrhun­dert.

Burgschwalbach:

Erbaut 1368–71 von den Gra­fen von Katzenelnbogen. fiel 1479 an die hessischen Landgrafen und 1536 an die Grafen von Nassau-Weilburg. die bis 1630 hier wohnten. Erhalten sind Schildmauer. Halsmauer. Turm und Zwin­ger. Doppelmauer und Türme. Palas. Wohnbauten und Stallungen. Romanische Kirche mit Rokoko-Stuckdecke.

Aarbergen- Michelbach: Der Ort besitzt zwei Kirchen. Die alte Kirche inmitten des Friedhofs ist ein niedriger Bau mit romanischem Chorturm ohne Apsis. 1655 wurde die Nas­sau-Idstein'sche Eisenhütte mit Eisenhammer gegründet (heute Eisengießerei Passavant).

 

Balduinstein südlich nach Aarbergen-Kettenbach

Aus dem Bahnhof Balduinstein kommend, zum Stadtzentrum von Balduinstein gehen und auf der zur Schaumburg führenden Straße die Stadt durchschreiten. Auf dieser Straße bleiben, aber beim Talhof nicht nach links zum Schloß abbiegen. sondern auf der nach rechts schwenkenden Straße 150 Meter weitergehen (zurückschauend Blick auf die Schaumburg)

Dann nach links in den Wald einbie­gen (ab hier Europäischer Fernwanderweg). Auf fast geradeaus verlaufendem Pfad den Wald durchqueren in südlicher Richtung bis zum sehr alten Flecken Habenscheid. Der Ort wurde bereits 790 urkundlich erwähnt und hat eine alte Kirche, die einst Kirche für die umliegenden Orte Cramberg. Steinsberg und Wasenbach war.

In Habenscheid der Straße nach links folgen bis zum Hof Bär­bach. Hier finden sich Mauerreste des Klarissinerinnenklosters Bärbach, das im 14. Jahrhundert errichtet wurde. Stifter und Förderer waren Grafen Gerlach von Nassau und Wilhelm II. von Katzenelnbogen. Das Kloster kam nach Ausster­ben der Grafen von Katzenelnbogen zu Hessen und wurde 1539 aufgegeben und bereits Ende des 16. Jahrhunderts zerstört.

Bärbach durchschreiten und weiter nach Schönborn (Kirchturm weithin sichtbar). Am Ortsausgang bei Straßendreieck nach links in den Wald abzweigen in südöstliche Richtung. Auf herrlichem Waldweg geht esohne wesent­liche Richtungswechsel stetig ansteigend bis zur Rintstraße (uralter Höhen- und Grenzweg). Straße überqueren und mit merklichem Gefälle zum großen Kalksteinbruch Hibernia. Hier nach links abwinkeln und weiter abwärts zur Burg Hohlenfels. Sie wurde im14. Jahrhundert ge­meinsam durch Grafen von Nassau und von Langenau auf steilem Kalkfelsen erbaut. Von drei Seiten durch fast senkrechte Felsen nahezu unangreifbar, zur vierten Seite durch breiten Graben, 5 Türme und 5 Tore verteidigungsstark gemacht. Die Burg kam später zu Kronberg und über die Waldecker 1753 wieder an die Nassauer, die Teile der alten Burg abbrechen ließen: Die Burg dient heute den Nerother Wandervögeln als Jugendburg. In der Domäne am Fuß der Burg Verpflegungsmöglichkeit.

Bei der Burg sehr steil hochsteigen. Nach 400 Metern stößt man auf Zufahrtstraße zum Kalkwerk Hibernia. Auf der Straße nach links 300 Meter bis zu stillgelegtem Kalksteinbruch (Blick auf Mu­dershausen). Nun nach rechts abwinkeln und auf der alten Hessen­straße (alter Verkehrsweg von Schloß Rheinfels nach Kassel) 800 Meter bergangehen. dann nach links hinunter, die Straße Nastät­ten Zollhaus überqueren. durch eine Senke gehen und stark ansteigend hinauf nach Bonscheuer. Im Dorf von der Straße nach Berghausen nach links abbiegen und wieder durch Wald. 800 Me­ter hinter Bonscheuer links unterhalb des Weges (30 Meter) eine Mine­ralquelle. Nachdem der Wanderweg auf Straße Rückershau­sen -  Dörsdorf gestoßen ist, kurzer, steiler Aufstieg zum Waldrand. Hier nach links gehen bis zur Straße. Auf dieser wenige Meter nach links gehen dann nach rechts abwinkeln und 1,2 Kilometer fast ge­radeaus durch Wald. dabei über den Galgenkopf (369 Meter, östlich Dörsdorf). Dann mit mehreren Richtungswechseln (Hauptrichtung Osten) mit Ausblicken auf das Aartal (rechts Michelbach) hinunter zur Michelba­cher Hütte (nördlich von Michelbach. Hier stand früher Eisenhütte mit Eisenhammer. durch Graf Johann von Nassau-Idstein nach dem 30jährigen Krieg errichtet, holzgefeuerter Hochofen bereits Ende des 19. Jahrhunderts abge­baut; Erzeugnisse: Öfen. Ofenplatten. Töpfe). Heute Werk der Firma Passavant. Dann 300 Meter auf der B 54 nach links gehen, nach rechts die Aar überqueren und die Bahnlinie. Dann nach links zum Bahnhof Ket­tenbach.

 

 

Bad Schwalbach

Bad Schwalbach ist seit dem 16. Jahrhundert als Moor-Stahl-Bad bekannt. Das Kurhaus ist von 1873. Die spätgotische Kirche stammt von 1471, das Rathaus aus dem 17. Jahrhundert.

Der Ort wurde früher Langenschwalbach genannt und ist  318 Meter hoch gelegen. Er hat neun Mineralquellen, die sich (nach Urteil des Prof. Seegens) durch ihren starken, reinen Eisengehalt und ihren Reichtum an gebundener Kohlensäure bei gänzlichem Zurücktreten aller anderen festen Bestandteile auszeichnen. Sie sind besonders wirksam gegen Frauenkrankheiten, Bleichsucht und Nervenleiden, Krankheiten des Herzens und der Zirkulationsorgane, Gicht und Rheumatismus. In unmittelbarer Nähe des Brodelbrunnens entströmt der Erde eine so große Menge reiner Kohlensäure, daß man sie auffängt, in eiserne Flaschen preßt und so versendet. Stahl- und Moorbäder werden verabreicht in dem mit allen neuzeitlichen Einrichtungen versehenen Stahl- bzw. Moorbadhaus.

Schwalbach wird zuerst 1352 erwähnt, 1509 wurden seine Wasser von Bischof Uriel zu Speyer und dem Abte Johann Schrott zu St. Ulrich gegen ihre Leiden gebraucht, 1585 vom Kurfürsten August von Sachsen. Landgraf Georg von Hessen-Darmstadt (1626) war für das Bad tätig. Unter Landgraf Ernst von Hessen-Rotenburg entstanden um 1651 ansehnliche Bauten.

Bad Schwalbach ist seit dem 16. Jahrhundert als Moor-Stahl-Bad bekannt. Es gilt als klassisches Mineral‑ und Moorbad für Frauenleiden, Rheuma sowie Herz‑ Kreislaufkrankheiten. Seit dem 16. Jahrhundert, als Dr. Tabernaemontanus, der Medicus des pfälzischen Kurfürsten, die Quellen für wirksam befand, ist der Kurbetrieb etabliert. Auch hier gab sich die Prominenz ein Stelldichein: Sissi von Österreich, König Ludwig von Bayern, Leibniz, Goethe sowie der 14. und 26. Präsident von Amerika waren unter den Gästen.

Die zwei Hauptbrunnen, der Stahlbrunnen in dem einen, der Weinbrunnen in dem anderen Tal, sind durch einen niederen Ausläufer des Gebirges geschieden, durch hübsche Anlagen miteinander verbunden. Eine Besonderheit Schwalbachs sind die Liegekuren im Kurpark.

Im Kurpark wird nachmittags zum Tanztee aufgespielt. Das Kurhaus ist von 1873. Die spätgotische Kirche stammt von 1471. Rathaus aus dem 17. Jahrhundert. Die Aar entspringt unterhalb des Kastells Zugmantel östlich von Orlen und mündet nach 40 Kilometern bei Diez in die Lahn.

Außer den Badeeinrichtungen dienenden Gebäuden, dem in italienischem Renaissancestil erbauten schönen Kurhaus, dem Stahlbadehaus, dem Moorbadehaus, befinden sich hier das „alte Schloß“, jetzt Amtsgebäude, ferner vier Kirchen, eine katholische, zwei evangelische und eine englische, sowie eine Synagoge.

Hinter den Tennisplätzen fährt man kurz die Straße rechts hoch, biegt dann aber gleich links auf den Rad- und Fußgängerweg ein. Der trifft schließlich auf eine Straße, den man überquert (rechts die „Alte Kapelle"). Man fährt in die kleine Parkanlage, nun der Markierung „roter Kreis” des „Sauerbornweges” folgend. Immer geradeaus, in etwa dem Bachlauf folgend, geht es durch die Gärten, einmal eine Straße kreuzend, in die Eichendorff-Anlagen.

Halbrechts hinter dem Teich führt der markierte Weg weiter, schließlich unter der Straßenbrücke durch, dahinter links, oben über die Bahnlinie und dann immer geradeaus, nun wieder von der Markierung „schwarzer Kreis” begleitet.

Kurz vor der sachten Linkskurve am Rande des Wäldchens steht links der römische Viergötterstein, die Kopie eines im Wiesbadener Museum befindlichen Originals, das 1839 unweit von hier auf dem einstigen Areal eines reichen römischen Gutshofes ausgegraben wurde. Abgebildet sind die Göttermutter Juno, Minerva, die Beschützerin der Künste. Herkules sowie der Götterbote Merkur, Schutzgott der Kaufleute und Diebe.

Im Jahre1816 kam der Ort mit der Grafschaft Nieder-Katzenelnbogen an Nassau, 1866 mit diesem an Preußen. Bad Schwalbach war Kreisstadt des Untertaunuskreises und ist heute Kreisstadt des Rheinhautaunuskreises.

Die Umgegend bietet Gelegenheit zu vielen Spaziergängen und Ausflügen in den Taunus, an die Lahn und den Rhein. Schöne Aussicht bieten in nächster Nähe die Platte (405 Meter) und der Bräunchesberg (eine Stunde.).

Sehr lohnend ist der schöne Weg im Aartal abwärts (Eisenbahnlinie Schwalbach-Diez-Limburg) zu den Ruinen Adolfseck und Hohenstein  weiter ins Aartal mit den Ruinen Hohlenfels und Burg Schwalbach bei Zollhaus und Aardeck bei Freiendiez.

Eine Wanderung nach Schlangenbad über Wambach ist sehr empfehlenswert.

 

Bad Schwalbach-Sulzbach:

Allee für El Lissitzky: Man muß innehalten für die beiden Sätze: „Jede Form ist das erstarrte Momentbild eines Prozesses. Also ist das Werk Haltestelle des Lesens und nicht erstarrtes Ziel.“ EI Lissitzky hat die Worte 1924 wie ein Fanal in riesigen Bleisatzlettern auf ein Plakat gedruckt. Bald sollen sie als neue Attraktion entlang der Regionalpark

route zwischen Schwalbach und Sulzbach auf riesigen Betonplatten prangen. Für Lissitzky, den russischen Maler, Grafiker und Architekten, der sich in den 20er Jahren mit avantgardistischen Architekturprojekten, Fotoarbeiten und Plakatentwürfen weltweite  Anerkennung verschaffte, drückten die Sätze den Kern  allen Kunstschaffens aus. Kunst als steter Prozeß, das einzelne Werk ein Momentbild daraus.

Für den Darmstädter Kunstprofessor Gerhard Schweizer haben die Sätze nicht nur für die Kunst Gültigkeit, sie treffen auf die Politik, auf alle Bereiche des Lebens zu. Und: Schweizer empfand sie geradezu als Motto für den Regionalpark, der die Rhein‑Main‑Region irgendwann einmal als durchgängiges grünes Band durchdringen soll.

Schweizer hat Lissitzkys Worte in eine Stelenallee umgesetzt und dafür den Originalschriftzug von 1924 detailgetreu auf seinen Betonstelen nachgebildet. Beim Durchschreiten der Allee fügen sich die Worte an bestimmten Punkten zum zusammenhängend lesbaren Ganzen. Gehen, innehalten, lesen. Gehen, innehalten, weiterlesen. Die Betrachter vollziehen en passant am eigenen Leibe nach, was nach Lissitzkys Worten das Wesen eines jeden Werks ist: das Momentbild eines Prozesses, Haltestelle und nicht erstarrtes Ziel.

Für diese optische Meisterleistung hat Schweizer die natürliche Perspektive aufgehoben ‑ mit einem Trick, der bereits bei Gartenkünstlern des Barock populär war: Er variierte Höhe und Breite seiner Bildtafeln, so daß sie beim Durchschreiten der Allee immer gleich groß und breit erscheinen. Bislang ist die Kunstinstallation erst auf Bildern zu betrachten, die von heute an im Bürgerhaus Schwalbach ausgestellt sind. Noch hat die Stadt Schwalbach als Mitgesellschafterin der Regionalparkgesellschaft Kronberg/Schwalbach den nötigen Geländetausch nicht unter Dach und Fach, um die Allee auf der gewünschten, rund drei Hektar großen Fläche aufzustellen. Im nächsten Frühjahr 2002 aber, hofft Schwalbachs Bürgermeister Horst Faeser (SPD), wird es so weit sein.

Damit sind die Regionalparkpläne bei Schwalbach allerdings nicht abgeschlossen. Die Allee für EI Lissitzky soll nur Höhepunkt des Wiesenparks sein, der sich auf 130.000 Quadratmeter Fläche in der dicht besiedelten, ausgeräumten Flur erstrecken soll. Das hochfliegende, mehrere Millionen Mark teure Projekt wird wohl noch auf sich warten lassen.

 

Burgruine Adolfseck:

Landschaftliche Gegensätze kennzeichnen den Lauf der Aar auf ihrem Weg durch den Taunus zur Lahn. Bevor das Flüßchen gemächlich der Mündung zustreben kann, muß es sich im Abschnitt Bad Schwalbach durch ein wildromantisches Felsental zwängen. Diese Lage für strategische Zwecke zu nutzen, bot sich schon früh an. So entstanden gleich zwei Burgen in direkter Nachbarschaft nebeneinander: die Burg Hohenstein der Katzenelnbogener im 12. Jahrhundert und die Burg Adolfseck der Nassau-Idsteiner im 14. Jahrhundert. Beide haben unübersehbare Spuren hinterlassen. Unser Wanderbogen spannt sich von der einen zur anderen mit Beginn in Adolfseck.

Durch das Felsentor, das das Tal als angestauter Halsgraben abriegeln konnte, winden sich heute Straße und Fluß. Auf der Spitze einer ins Aartal vorspringenden Bergnase ist die Ruine der bis zum Dreißigjährigen Krieg uneinnehmbaren Burg Adolfseck noch erkennbar.

Von der Straße (B 54, Richtung Limburg) geht es nach rechts ins Naturschutzgebiet Pohlbachtal. Die Burg entstand im 13. Jahrhundert. war Burg des Grafen Adolf I. von Nassau. Erhalten sind die ovale Gesamtanlage, der Burggraben und die spätgotische Kapelle.

Die jüngere Linie zog vom Kleinkastell Adolfseck (nordwestlich des Ortes Adolfseck) in östlicher Richtung durch offenes Gelände den Hang hoch, sie ist aber nicht erhalten. Von der Straße (B 54, Richtung Limburg) geht es nach rechts ins Naturschutzgebiet Pohlbachtal.

 

Burg Hohenstein (in Hohenstein, nördlich von Bad Schwalbach): Am Ende der Neubausiedlung weist das große Schild „Burg 300 m” die Richtung. Die Lage der Burg auf einem nach drei Seiten steil abfallenden 200 Meter hohen, von der Aar umflossenen Felsgrat ist faszinierend. Nicht minder die Masse Mauerwerk der verbliebenen Türme und Wehrmauern, einer 2,50 Meter starken Schildmauer, Fortifikationen, die im Laufe der Jahrhunderte stetig verstärkt und erweitert wurden.

Über die Burggeschichte berichtet die „Hessische Cronica” aus dem Jahre 1604: „Hohenstein ist ein altes Schloß, so von den Graffen von Catzenelnbogen auff einem spitzigen felsen erbawet und bewohnet worden.” Dieses Geschlecht zählte auf seinem Höhepunkt im 15. Jahrhundert innerhalb seines Territoriums 225 Dörfer, neun Städte und elf Burgen oder Schlösser.

Wie die Hohenstein ausgesehen hat, wissen wir heute ganz genau nach den Zeichnungen von Wilhelm Dillich, die er Anfang des 17. Jahrhunderts angefertigt hat und erhalten sind. Zwei gewaltige Schildmauern deckten gegen feindlichen Beschuß von der Bergseite her ab: die zweieinhalb Meter dicke äußere zwischen Tor- und östlichem Eckturm, die innere, teilweise aus dem Felsen gehauene Schildmauer zwischen dem fünfeckigen Westturm und Bergfried zum Schutz der Kernburg. Auch kleinste Mauerteile sind mit behauenem Schiefer sauber aufgeschichtet, so daß alles wie aus einem Guß erscheint.

Plünderungen und Feuer während des Dreißigjährigen Krieges leiteten das Ende ein, nach schwerem Beschuß mußte sich die Besatzung 1647 ergeben. Seitdem verfiel Hohenstein, ist aber dennoch eine der größten und eindrucksvollsten Burgruinen im Taunus. Heute betreut das Land Hessen die Ruine, in der man frei herumklettern kann. Das integrierte Hotel-Restaurant Waffenschmiede hat nur beschränkte Raumkapazität.

 

Bei Bad Schwalbach gibt es eine Moorbahn, auf der Ausflügler transportiert werden. Nur an Sonn- und Feiertagen bis Oktober. Kontakt: Kurbahn Verein 06124/ 726342.

 

Nördlich von Bad Schwalbach ist südlich von Linschied die Adolphus-Busch-Allee. An ihr liegt eine Klinik für Suchtkranke, das Therapiedorf Villa Lilly. Die Anlage wurde ursprünglich als Jagdschloß und Urlaubsort von Adolphus Busch aus Mainz-Kastel erbaut, der in Amerika als Bierbrauer zu Weltruhm kam.

In Langenseifen westlich von Bad Schwalbach wohnt der Zahnarzt Jens Lehmann (Zur Rehwiese 6), der  99 Weinstöcke betreut, der höchste Weinberg im Taunus.

 

Wehen

Welten trennten die Dorfbewohner am Nordrand des Tau­nus in ihrem mühevollen Alltag noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vom Glanz der nahen Residenz- und Bade­stadt Wiesbaden. Daran hatte auch nichts geändert, daß sie ebenfalls zum Territorium der früheren Grafschaft und des späteren Herzogtums Nassau gehörten. Nur auf Wehen fiel zeit­weise ein kleiner Schimmer, wo unter der Nassau-Weil­burger Linie schon um 1330 ein Schloß entstanden war, das von 1593 bis 1655 als Witwensitz diente. Unter späterer Nut­zung – auch als Amtsgericht – ging allerdings das Bewußtsein vom eigentlichen Ursprung der Anlage in der Bevölkerung fast verloren. Heute ist man stolz auf sein Schloß in Wehen, jetzt Stadtteil von Taunusstein im Verwaltungsverbund von zehn einst selbständigen Gemeinden mit 27.500 Einwohnern.

Vor geraumer Zeit haben die Renovierungsarbeiten am Schloßkomplex begonnen. Ein Abschnitt, in dem das ehema­lige Heimatmuseum untergebracht war, öffnete vor kurzem wieder seine Türen unter der neuen Konzeption „Regionale Geschichte und Volkskunde”, beginnend mit dem Ausstel­lungsthema „Vom Acker in die Küche”, die Lebenswelt die­ser Region zwischen 1900 und 1925.

 

Kastell Heidekringen:

Etwa auf halbem Weg zwischen Wiesbaden und dem Kastell Zugmantel, ungefähr ein Kilometer südöstlich von Taunusstein-Wehen, befand sich an der römischen Verbindungsstraße, die von dem Civitashauptort Aquae Mattiacorum (Wiesbaden) zum Kastell Zugmantel am Limes führte, das kleine Kastell Heidekringen (0,4 Hektar). Die Entfernung zum Limes beträgt fünf Kilometer. Das Kastell bestand nur relativ kurze Zeit in der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts und diente als zusätzliche, rückwärtige Sicherung und wohl auch als Straßenstation. So war das Kastell wohl ein kleiner, militärischer Straßenposten zur zusätzlichen Sicherung des römischen Wiesbaden. Da es für eine vollständige Hilfstruppe zu klein ist, war die Besatzung wahrscheinlich eine zeitweise abkommandierte Abteilung einer Auxiliareinheit, die in einem anderen Kastell stationiert war.

Die Reste des Kastells findet man noch gut sichtbar. Sie liegen im Wald am Nord-Hang des Taunus. Ausgrabungen fanden 1897 und 1949 statt (E. Ritterling und H. Schoppa). Die Umwehrung war vorne durch eine senkrechte Bohlenwand versteift. Der Erddamm der Umwehrung und der Verteidigungsgraben davor sind noch rundum sichtbar. Das Kastell besaß zwei Tore, die sich in den Langseiten befanden. Im Kastellinneren verband eine Straße, die der via principalis größerer Militärlager entsprach, die beiden Tore miteinander. Die hölzernen Mannschaftsunterkünfte, die man voraussetzen muß, sind nicht ausgegraben worden. Außerhalb des Wehrbaus lag vor dem Nord-Tor ein kleines Badegebäude, dessen Umriß noch schwach sichtbar ist. Außerdem fand man ein ehemals holzverschaltes Bassin (B), vielleicht eine Pferdetränke. Die römische Straße unmittelbar nördlich davon ist bei den Ausgrabungen festgestellt worden.

Dann wieder zurück auf die B 417. Nördlich von Neuhof liegt das Kastell Zugmantel.

 

Kastell Zugmantel, 300 Meter hinter dem Pfahlgraben:

Von Wiesbaden aus zieht die B 417 in nördlicher Richtung nach Limburg. Sie folgt einem alten Weg, der Hühnerstraße, der schon in römischer Zeit die Verbindung zwischen dem Rheingau bei Wiesbaden und dem Limburger Becken herstellte. Nördlich von Neuhof überquert die Straße den Limes. Hier lag das Kastell Zugmantel in der Nähe des Parkplatzes an der B 417 gegenüber der Waffelfabrik Loser. Vom Parkplatz führt in nördlicher Richtung (parallel zur Straße, Markierung Eule) ein bequemer, archäologischer Rundwanderweg aus. Er führt zu den Spuren des Kastells, zu den Rundschanzen und zu dem rekonstruierten Wachtturm 3/15 am Limes.

Die Aufgabe des Kohortenkastell war es, die Civitas-Hauptstadt Aquae Mattiacorum (Wiesbaden) und das fruchtbare Land im Rheingau vor Überfällen zu schützen, die aus dem germanisch besiedelten Limburger Becken zu befürchten waren. Wegen seiner wichtigen Sperrfunktion gehörte das Kastell am Zugmantel zu den ältesten römischen Wehrbauten im Taunus. Es begann um 93 nChr mit einem Numeruskastell aus Holz (1. Holzkastell, 3,7 Hektar). Dieses wurde unter Kaiser Hadrian erweitert (2. Holzkastell, etwa 1,1 Hektar). Wohl in der Mitte des 2. Jahrhundert entstand das wiederum etwas größere Steinkastell I (1,7 Hektar).

 

Im Jahre 223 ist schließlich das auf 2,1 Hektar ausgebaute Steinkastell II fertig geworden. Als Besatzung ist in dieser Zeit die Cohors I Treverorum equitata auf Inschriften bezeugt; sie ging aus einer älteren, kleineren Hilfstruppe der keltischen Treuerer (»Trierer«) hervor, einem numerus Treverorum. Mit 2,1 Hektar Fläche war Steinkastell II das kleinste Lager einer cohors equitata in Obergermanien. Es hat bis zum Ende des Limes um 263 bestanden. Heute ist die Umwehrung des Steinkastells II rundum als Erdwall, stellenweise auch als Böschung zu erkennen.

Auf dem Weg kann man auch eine der beiden Rundschanzen des Zugmantel sehen, die eine Besonderheit am Taunuslimes darstellen. Vermutlich handelte es sich um ein kleines Amphitheater, das möglicherweise unter anderem militärischen Übungen gedient hat. Sichtbar ist indessen eine »Rundschanze« zwischen Kastell und Limes, nicht weit von der Bundesstraße. Sie besaß im Norden und im Süden je einen Eingang. Die «Schanze« war kein Wehrbau, sondern ein kleines Amphitheater, wie man es oft neben Legionslagern, gelegentlich auch neben Auxiliarlagern gefunden hat. Sie dienten wahrscheinlich als Arena zur Vorführung von Übungen der Truppe. Eine zweite «Rundschanze« mit möglicherweise ähnlicher Zweckbestimmung liegt 400 Meter östlich am Galgenköppel. Der archäologische Rundwanderweg führt auch zu dieser Schanze.

Der rekonstruierte Turm gibt einen zutreffenden allgemeinen Eindruck eines Limeswachtturms, doch weist er einige Mängel auf: leider ist er nicht verputzt worden; sämtliche antiken Steintürme des Taunuslimes trugen einen hellen Verputz, in dem eingerissene und rot eingefärbte Linien Quader nachahmten. Auch waren die römischen Limestürme sicherlich etwas höher. Und es gab bei ihnen keinen ebenerdigen Eingang. Vor dem Turm sind etwa 50 Meter des Pfahlgrabens mit Palisade hergerichtet worden. Der Limeswall war allerdings im Altertum oben nicht abgeflacht. ?  Wachtposten 3/15 „Am Zugmantel“. Das Fundament des Steinturms wurde 1966 kurz vor der Zerstörung durch den Straßenbau von H. Schoppa untersucht. Dicht daneben entstand 1971/72 ein rekonstruierter Limesturm, den man besteigen kann.

 

Das Haupttor war in allen Bauphasen nach Osten gerichtet. Schon vom ältesten Haupttor führte ein Weg in südöstlicher Richtung zur Aarquelle. Die Aar entspringt unterhalb des Kastells Zugmantel und mündet nach 40 Kilometern bei Diez in die Lahn. An dieser Quelle, die noch heute fließt, hat die Truppe am Anfang des 2. Jahrhundert einen Thermenbau errichtet. An dem Weg vom Haupttor zu den Thermen entwickelte sich der Kern des Vicus. Der Weg wurde später zu einem dreieckigen Platz erweitert. Er wurde von einem kleinen Heiligtum beherrscht, das dicht vor dem Kastelltor lag (H). In dem Vicus befand sich außerdem ein Heiligtum des Jupiter Dolichenus, von dem man geringe Mauerreste und auch Skulpturen dicht vor der Nord-Ost-Ecke des Kastells gefunden hat. Es gab ferner einen Tempel zwischen Kastell und Limes, dessen Spuren im Wald noch sichtbar sind. Vielleicht war er der Mater Magna geweiht. Der Vicus besaß einen zweiten Schwerpunkt an der Straße, die vom Süd-Tor des Kastells ausging. An ihr begann das Gräberfeld hinter dem Vicus in reichlich 200 Meter Entfernung vom Kastell.

Bei der Ausgrabung des Vicus hat H. Jacobi zum erstenmal über die Haustypen Klarheit gewonnen, die in einer solchen dörflichen Ansiedlung üblich waren. Die Häuser waren länglich-rechteckig; ihre Breite lag bei 6-13 Meter, die Länge meist zwischen 30 und 43 Meter. Sie wendeten die Schmalseite der Straße zu, und dort befand sich fast immer der einzige Kellerraum des Hauses. Von der Inneneinteilung der Häuser ist wenig bekannt. Gelegentlich konnten geheizte Räume im Inneren der Häuser nachgewiesen werden, viele besaßen auch einen eigenen Brunnen. Im Vicus der Saalburg sind Ruinen solcher Vicus-Häuser sichtbar; der Vicus des Zugmantel-Kastells ist dagegen völlig von der Oberfläche verschwunden.

Unter den Funden aus dem Vicus gibt es ungewöhnlich zahlreiche germanische Fundstücke des 2. Jahrhunderts nChr, die in anderen Kastellvici des römischen Hessen gelegentlich auch vorkommen.

Sie fanden stets besondere Beachtung in der Forschung und haben manche Diskussion hervorgerufen. Sie kamen zusammen mit römischen Funden aus den Kellern, Brunnen und Bodenschichten des Vicus und bezeugen, daß neben dem Kastell der 1. Trevererkohorte eine germanische Bevölkerungsgruppe wohnte. Offenbar haben die Römer auch im 2. Jahrhundert nChr gelegentlich kleineren Gruppen von Germanen die Ansiedlung in der Provinz gestattet, möglicherweise mit der Verpflichtung zum Heeresdienst.         

Man kann dann weiter am Limes entlanggehen bis zum Waldrand vor Eschenhahn. Hier geht man 100 Meter am Waldrand nach rechts bis zur Eisenstraße (alter Verkehrsweg für Beförderung von Eisen und Erzen zwischen Lahn und Main). Der Eisenstraße dann nach rechts durch den Wald folgen. Nach 1,2 Kilometern bis zur Kreuzung mit der Markierung Eule gehen, mit dieser nach links gehen, vorbei an alter Rundschanze, dann mit mehreren Richtungswechseln vorbei an einem stillen Wiesental (hier Quelle der Aar) und über die Stätte des einstigen Kastelldorfes zurück zum Ausgangspunkt.

Schlangenbad

Bäderstraße:

Die als „Bäderstraße“ gekennzeichnete B 260 zweigt ein paar Kilometer westlich von Wiesbaden ab. Bald erreicht man den lauschigen Weinort Martinsthal. Rollt man auf der Bäderstraße weiter, so kommt man in den anmutig in eine Talsohle ge­schmieg­ten Kurort Schlangenbad und nach Bad Schwalbach und Bad Ems.

Als Logo der Bäderstraße durch den Rheingau dient der muntere Römer Livius, der fröhlich in der Wanne planscht. In der Hand hält er einen Weinpokal, den Helm hat zum Baden abge­legt. Vor mehr als 2000 Jahren haben er und seine Legionäre hier im Taunus den Limes errichtet und in der Freizeit in war­men Quellen gebadet.

Schlangenbad:

Das staatliche Bad ist 300 Meter hoch gelegen. Der Kurort (300 Einwohner) wird wegen seiner heilkräftigen, merkwürdig blau gefärbte Thermalquellen stark besucht: Heilanzeigen. Nervenleiden aller Art, chronische Frauenleiden. Zwei Warmbadeanstalten mit allen modernen Einrichtungen. Das Thermalwasser hat eine stark regenerierende Wirkung auf Wunden und Hautdefekte, sowie merkwürdige geradezu kosmetische Wirkung auf die Haut. Schlangenbad hat ein in Deutschland einzigartiges Thermalwasser: Das Schwimmbad hat eine Wasserwärme gleichbleibend 22-24 Grad auf einer Waldwiese am Hang des Hansenkopfes, mit großen Liegewiesen, Turngeräten und neuzeitlichen Kabinen.

Im 19. Jahrhundert wurden in Schlangenbad elegante Hotels und ein mondänes Kurhaus errichtet. Schlangenbad galt als das teuerste der zahlreichen Taunusbäder, seine Quelle wurde zum Modegetränk der feinen Gesell­schaft. Die russische Zarin, die spanische Königin und die deutsche Kaiserin setzen den Standard für das kleine Kurbad mit dem schmeichelnd weichen Heilwasser. Vom Glanz von dazumal künden das heute als „Parkhotel“ firmierende alte Kurhaus und Villen aus der guten alten Zeit.

Es gibt ein Kurhaus mit vornehmen Sälen, eine protestantische und eine katholische Kirche. Kurhaus und ein Erholungsheim für Kriegsbeschädigte.

In den gut gepflegten Anlagen finden sich Hainbuchennalleen aus der Rokokozeit. Im Adelheidtal hinter dem Kurhaus sind die Rheingauer Gebückbäume noch vorhanden. Das Rheingauer Gebück, um 1100 bereits vorhanden, war ein undurchdringlicher Hag, der den Rheingau (von Lorch über Hausen, Schlangenbad bis Niederwalluf) in einer Breite von 50 Schritt schützte. Hainbuchen wurden gekappt, die alsdann nachschießenden Stockausschläge mußten waagerecht weiter wachsen; die Nachbarbäume wurden miteinander verflochten, und so entstand dadurch ein undurchdringlicher, lebender Astverhau. Dann entstanden zahlreiche kleine, gemauerte Befestigungsanlagen,, von denen jedoch keine Spur mehr vorhanden ist. Diese merkwürdige, in der Geschichte des Mittelalters fast einzige Befestigungslage hat den Rheingau bis zum 30 jährigen Kriege vor feindlichen Einfällen bewahrt, nach Einführung der Schußwaffen und Sprengmittel wurde sie bedeutungslos. Reste noch bei Hausen und Mappen und die zwei Gebückbäume im Adelheidtal.

Schöne Hainbuchen-Alleen umgeben den Badeort und führen nach den nahen Bergkuppen, zum Beispiel auf den 495 Meter hohen Hansenkopf mit Turm, den Bärstadter Kopf, den Wilhelmsfelsen, den Grauen Stein, die eine Stunde entfernte „Hohe Wurzel“ (618 Meter) mit hohem eisernen Aussichtsturm, zur Altaneiche usw.

 

Bubenhäuser Höhe (268 Meter); herrlicher Rheingaublick; ebenso von der Hallgarter Zange; Weg von Schlangenbad mit gelben Strichen bezeichnet.

 

Holzhausen an der Haide

Zwei Gegensätze, nämlich die alten Römer und moderne Motoren, prägen die Geschichte des Ortes. Hier, wo der römische Limes verlief, sicherte ein Kastell den Grenzübergang. Die Reste der Anlage liegen am Nordhang des „Grauen Kopfes“ (siehe auch Kastelle).

Direkt an der Ecke, wo die B 274 in die B 260 einmündet, wurde 1832 Nikolaus August Otto geboren. Seine Erfindung eines Verbrennungsmotors mit vier Takten: Ansaugen, Verdichten, Arbeiten und Ausstoßen aus dem Jahr 1876 eroberte als Ottomotor die Welt. In seinem Geburtshaus hat die Gemeinde ihrem berühmten Sohn ein technisches Museum eingerichtet.

 

Nastätten:

Stadt im al­ten Einrichgau (heute nur als Einrich bezeichnet). Pfarrkirche von 1250 mit romanischem Westturm und spätgotischem Helm. Das Langhaus ist barock. der Chor von 1479. Rathaus von 1609. Schlernscher Hof von 1692.

 

Miehlen:

In Miehlen wurde ein Schinderhannes-Museum eingerichtet. Johann Wilhelm Bückler, genannt Schinderhannes, geboren am 25. 5. 1783 in Miehlen, ge­storben am 21. 11. 1803 (hingerichtet), war Tierkörperverwerter, Scharfrichter und Räuberhauptmann in den Rhein­landen.

 

Katzenelnbogen:

Östlich des Ortes and er Straße nach Zollhaus liegt  Burg Hohlenfels. Sie wurde im 14. Jahrhundert ge­meinsam durch Grafen von Nassau und von Langenau auf steilem Kalkfelsen erbaut. (1355 - 63 für Graf Johann von Nassau-Herrenberg errichtet). Von drei Seiten durch fast senkrechte Felsen nahezu unangreifbar, zur vierten Seite durch breiten Graben, 5 Türme und 5 Tore verteidigungsstark gemacht. Fünfeckiger Bergfried, Schildmauer mit Ecktürmen, Zwinger und Halsgraben. Bergfried und Wohnturm. Die Burg kam später zu Kronberg und über die Waldecker 1753 wieder an die Nassauer, die Teile der alten Burg abbrechen ließen. Die Burg dient heute den Nerother Wandervögeln als Jugendburg. In der Domäne am Fuß der Burg Verpflegungsmöglichkeit.

 

Arnstein (an der Lahn) -  Katzenellenbogen (siehe auch „Lahn“)

Daß das Jammertal „Jammertal“ heißt, ist angesichts seiner wildromantischen Schönheit wirklich unfair. Nein, wenn es hier etwas zu klagen gibt, dann ist das einzig und allein auf die Länge dieses Tals zurückzuführen, das von dem Ort mit dem - ebenfalls seltsamen - Namen Katzenelnbogen bis an die Lahn reicht, zum Kloster Arnstein und dem Ort Obernhof.

Für den traurigen Namen des Tales hal­ten verschiedene Begründungen her: Die romantischste führt ihn auf die unglückliche Liebe eines Jägers zu einer schönen Müllerstochter zurück, die in einer der vielen Müh­len des Tales lebte.

Außer den 200 Soldaten, die während des Dreißigjährigen Krieges im Tal ihre letzte Ruhe fanden, wird auch noch eine Kindergruppe, die auf dem Heimweg von Kloster Arnstein in einen Schnee­sturm geraten und erfroren sein soll, als Grund genannt.

Radtour: Jammertal vom Kloster Arnstein aus

An der Auffahrt zum Kloster Arnstein zweigt ein Wanderweg mit der Markierung Schwarzes L auf weißem Grund nach links ab ins Jammertal, durch das der Dörsbach fließt. Linkerhand steht ein Gedenkstein für im Jahr 1795 hier gestorbene österreichische Soldaten. Plätze wie „Lieselei“ und „Geisenlei“ finden sich - laut Taunusklub-Karte - hier, aber es ist rätselhaft, was sie sind und warum sie so heißen.

Der Weg führt zunächst nah am Bach entlang, der sich durch einen Wald mit kräftigem Unterholz schlängelt. Nach einer Weile entfernt sich der Weg et­was vom Wasser und führt mal über Wie­sen, mal höher über dem Talgrund an stei­len Schieferwänden vorbei. Die stets feuch­te Luft des Tales läßt Moose und Farne üppig gedeihen. An einigen Stellen wird das Tal recht eng und der Weg wird zu einem schmalen Pfad.

Auf einer kleinen Holzbrü­cke überquert man den Bach. Hier verläßt man die Markierung Schwarzes L auf wei­ßem Grund und folgt auf einem schmalen Waldweg der Markierung Schwarzer Punkt. Über Neubäckersmühle und Untermühle erreicht man das Gasthaus Mittelmüh­le, etwas später den Landgasthof Obermüh­le, beide an dem Sträßchen, das die Dörfer Attenhausen und Miehlen verbindet. Der Landgasthof Obermühle hat freitags ab 17 Uhr und samstags, sonntags ab 10.30 Uhr geöffnet und immerhin einen netten Biergarten.

Hin­ter dem Landgasthof Obermühle geht man ein kurzes Stück auf der Fahrstraße nach Osten. Gasthaus Mittelmühle und Landgasthof Obermühle - Sie merken schon, hier gibt es lauter ehemalige Mühlen und vielleicht waren es ja einst die hart arbeitenden Müller, die Grund zum Jammern hatten.

In einer Kurve führt die Markierung Schwarzer Punkt wieder in das grüne Talbett. Außer dem Rauschen des Bachs und dem Zwitschern der Vögel sind über länge­re Zeit keine Geräusche zu hören. Sie kom­men vorbei am „11-Uhr-Stein“. Der Sage nach dreht sich dieser Stein täglich um 11 Uhr herum. Wer das Umdrehen sehen will, muß gleichzeitig das Vater-unser-Läuten der Kördorfer Kirchenglocken hören und den Stein beobachten.

Nach Passieren der Neuwagenmühle (nur Getränkeverkauf) am Sträßlein nach Kördorf führt die folgende Strecke meist nah am Bach entlang An der Kesselmühle wird das Tal breit, man ver­läßt den Wald und nähert  sich am Beilstein vorbei dem Ziel der Wanderung, der Burg Katzenelnbogen.

In der Neuwagenmühle gibt es gelegentlich auch Veranstaltungen wie Vollmond- und Kindertheater gibt. Ein Schild verspricht, dass man Getränke kaufen kann, aber am besten, man hat alles für den Tag Nötige dabei, denn kulinarisch bietet die Tour nicht gerade viel.

 

Rückfahrt über Kördorf nach Seelbach und Arnstein. Wochentags geht der Bus Nr. 8232 von Obernhof nach Kördorf und Katzenelnbogen.

 

Dachsenhausen (nordwestlich von Nastätten)

Im 18. Jahrhundert siedelte sich hier eine Korbflechterfamilie aus dem Hunsrück an. Sie gab im Lauf der Jahre ihr Wissen an die einheimischen Bauern weiter und so sind in der Region die Dachsenhäuser bis heute als die „Mannemächer“ (Manne = Korb, Mächer = Macher) bekannt. Eine weitere ortsspezifische Besonderheit ist der seit 1573 nachweisbare Familienname „Opel“. Rund 1000 Personen haben diesen Namen seither getragen, darunter auch die Vorfahren des Auto-Pioniers Adam Opel. Sehenswert im Ort ist auch die spätklassizistische evangelische Pfarrkirche von 1834/35.

 

Wispertal:

Etwa 30 Kilometer langes Seitental des Rheines. das sich in vielen Windun­gen, oft tief eingeschnitten. von der Quelle zwischen Mappersheim und Kemel durch die Wälder des Taunus/Rheingaugebirges bis zur Mündung bei Lorch herabzieht. Im Wispertal: Geroldstein mit Re­sten der Burgruine Haneck (12. Jahrhundert) und darüber liegend Burg Schwarzenberg (12. Jahrhundert ). Bergfried, Türme und Mauern sind erhal­ten. Von 1589 – 1634 wurde hier Holzkohle gewonnen und ein Hochofen betrieben. Die Erze kamen aus dem Aartal. Die Lau­kenmühle wurde bereits 1390 genannt. Darüber sind die Reste der mainzischen Lauksburg zu sehen. die seit 1573 verfällt. Oberhalb der Kammerburger Mühle liegt die Kammerburg, die im 13. Jahrhundert von den Mainzer Erzbischöfen erbaut wurde. Oberhalb der Kammerburg liegt die Ruine Rheinberg. eine Mainzer Feste aus dem 12. Jahrhundert zur Sicherung der Rheingaugrenze. die 1301 zerstört wurde.

 

 

Ausflüge Lahn

 

Gießen

Bei der Anfahrt über die Autobahn aus Frankfurt muß man darauf achten, daß man schon am Gambacher Kreuz in Richtung Gießen fährt. Über das Südkreuz Gießen geht es über Bergwerskwald und Schiffenberger Tal hinein in die Stadt. An der Ampelkreuzung liegt links das Stadttheater. Man fährt geradeaus bis zu einem Sperrschild vor der Fußgängerzone, dort biegt man rechts ab und kommt zum Brandplatz. Dieser ist entstanden durch einen Brand im Jahre 1680. Dort kann man (außer Mittwoch und Samstag) parken.

Zuerst kommt man am Alten Schloß vorbei, das vermutlich im Zuge der ältesten Stadtbefestigung um 1300 als zweite Wasserburg die östliche Flanke der ersten Stadtbe­festigung sicherte.

Es diente  später als Kanzlei und wurde am 6.Dezmber 1944 bei einem Bombenangriff  zerstört: In den 70er und 80er Jahren wurde es nach dem Renaissance‑Erschei­nungsbild neu aufgebaut. Heute sind dort die Gemäldegale­rie und Kunsthandwerkausstellung des Oberhessischen Museums untergebracht.

An das Alte Schloß schließt sich der Botanische Garten an. Die rund vier Hektar große schatti­ge Grünanlage war bis in die 70er Jahre fast ausschließlich For­schungsort der Uni­versität. Sie ist der älteste botanische Garten Deutschlands, der seit seiner Anlage nicht verlegt worden ist. Seine Anfänge gehen auf das Jahr 1609 zurück, als Land­graf Ludwig von Hessen der wenige Jahre vorher gegründeten Universität ein Stück Parkgelände zur Errichtung eines Heilpflanzengartens („hortus medicus“) überließ. Mehr als 7500 verschiedene Pflanzenar­ten haben inzwischen dort ihre Heimat gefunden.

Darun­ter sind allein 250 verschiedene Baumar­ten. Zu deren eindrucksvollsten Vertre­tern gehört die etwa 25 Meter hohe, rund 150 Jahre alte Chinesische Flügelnuß, die mit ihrer wuchtigen Krone gleich neben dem Gärt­nerhaus steht. Der Ginkgobaum nahe des Eingangs wur­de bereits 1815 gepflanzt.

Eine Besonderheit ist auch die kultur­historische Abteilung ‑ dort sind die Pflan­zen nach den Zeitabschnitten geordnet, in denen sie erstmals von Menschen genutzt wurden: beispielsweise Holunder in der Jungsteinzeit oder Eßkastanien und Pfir­sichbäume, die von den Römern einst mit über die Alpen gebracht wurden.

Auf rund 2000 Quadratmetern Gewächshausfläche gedeihen in Gießen tropische Nutzpflan­zen wie Kaffee, Kakao, Vanille, Papyrus, Zuckerrohr oder auch riesige Farne genau­so wie die kleinen, fleischfressenden Ve­nus‑Fliegenfallen. Eindrucksvoller Blick­fang ist die Victoria‑Seerose aus dem Ama­zonasgebiet, die als Attraktion in keinem Botanischen Garten fehlen darf.

 

Botanischer Garten

Der Botanische Garten gilt nach Angaben der Universität Gießen als ältester seiner Art in Deutschland, der sich noch am ursprünglichen Standort befindet und der einst für eine Hochschule angelegt wurde. Die Universität feiert das 400-jährige Bestehen des Gartens in diesem Jahr mit Ausstellungen, Vorlesungen und weiteren Aktionen.

Etwa 7500 verschiedene Pflanzenarten wachsen auf der knapp drei Hektar großen Fläche des Botanischen Gartens. Dazu gehören Buchen aus der heimischen Flora, aber auch Steppengräser aus Amerika und Blumen aus Neuseeland. Auch wenn jedes Jahr rund 30.000 Menschen in den Botanischen Garten kommen, ein öffentlicher Park ist er nicht. „Wir sind im Grunde ein reiner Lehr- und Forschungsgarten“, sagt der Leiter des Gartens, Professor Volker Wissemann. Studenten der Biologie, Agrarwissenschaften, Tiermedizin, Geografie und angehende Lehrer lernen hier, Pflanzen zu bestimmen: und Wissenschaftler nutzen die Gewächse für ihre Forschungen. Die 13 Gärtner müssten dafür jedes Jahr mehrere zehntausend Pflänzchen kultivieren und ernten, sagt der Technische Leiter des Gartens, Holger Laake. Sie kümmern sich auch um den internationalen Samentausch. Botanische Gärten auf der ganzen Welt stehen in engem Kontakt und schicken sich auf Wunsch und kostenlos Samen ihrer bedeutendsten Pflanzen zu.

Zu den täglichen Aufgaben gehört auch die Pflege der rund 25 Sammlungen und Abteilungen der Anlage, die im Freien oder in zwei Gewächshäusern untergebracht sind. Die größte Sammlung sind etwa 1000 Arten von Hochgebirgspflanzen im Alpinum. Raritäten sind Edelweiße, Victoria-Seerosen und Ginkgos. Die ältesten Pflanzen sind ein 1816 gepflanzter Ginkgo-Baum, zwei Platanen von 1826 und eine Blutbuche von 1820. Es gibt ein Regenwaldhaus und eine Sammlung von Edelweißen, die laut Laake eine Rarität darstellt.

Im Jahre 1609 wuchsen im Botanischen Garten nur Heilpflanzen. Zwei Jahre nach Gründung der Gießener Universität 1607 erlaubte Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt der Medizinischen Fakultät, im Park des Alten Schlosses einen „hortus medicus“ anzulegen, einen Heilpflanzengarten. Auf rund 1200 Quadratmetern wurden damals Kräuter und Sträucher gezogen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Areal ständig erweitert, denn mit der Entwicklung der Botanik zur Wissenschaft wuchs auch die Bedeutung von Universitätsgärten. Die Forscher konnten so vor Ort zum Beispiel die unterschiedlichen Merkmale von Pflanzen studieren. Vom 18. bis frühen 20. Jahrhundert hatte dann die klassische Systematik. also die Lehre von der Entwicklung und Verwandtschaft der Arten, ihre Blüte in Deutschland.

Die systematische Abteilung ist das Herzstück der Anlage. Genau in deren Mitte wachsen in 22 langen Beeten etwa 750 Pflanzenarten, die nach bestimmten äußeren Merkmalen und ihrem Verwandtschaftsgrad angeordnet sind. Doch die Ahnenreihe hat Fehler. „Man dachte lange Zeit, dass die Zuordnung der Arten in die Pflanzenfamilien feststeht. Jetzt, durch die Möglichkeiten der Molekularbiologie, wird das kräftig durcheinandergeschüttelt“, sagt Laake. Wo früher beispielsweise eine enge Verwandtschaft als sicher galt, belegen moderne Untersuchungen das Gegenteil. Nicht nur für den Garten in Gießen lautet daher laut Wissemann die Devise: „Wir müssen unser System verändern und dem neuen Wissensstand anpassen.“ Dafür soll in den kommenden Jahren ein Teil der Pflanzen neu arrangiert werden und ein „Garten der Evolution“ entstehen.

 

Am anderen Ende des Parkes hinter dem Gärtnerhaus links stand einst das im Zwei­ten Weltkrieg zerstör­te, architektonisch ein­drucksvolle Palmen­haus. Heute lädt dort ein idyllischer Teich (Schwanenteich?) umrandet von Park­bänken zum Verwei­len ein. Vielleicht wird das Jugendstilgebäude einmal wieder aufgebaut.

Der vielleicht schönste Rastplatz im Garten ist aber unmittelbar neben einem der ersten klassizistischen Denkmäler aus Gußeisen, 1826 zu Ehren des ersten Gar­tenleiters, Friedrich Lud­wig Walther (1759‑1824), errichtet (vom Eingang aus geradeaus an der Ostseite des Parks).

Von dort ist der Blick frei auf das Al­te Schloß.

 

Östlich des Botanischen Gartens kommt der Landgraf-­Philipp‑Platz und auf der anderen Seite das schmucke „Neue Schloß“, das Philipp der Großmütige gleich nach dem Ausbau der Stadt zur Festung errichten ließ. Hier im neuen Schloß entstand 1607 die alte Universität. Daneben steht der monumen­tale Renaissancebau des Zeughauses, der später dann als Kaserne genutzt wurde.

An der Nordseite des Platzes geht man durch die Straße mit den Marktlauben zum Lindenplatz und dort nach links zum Kirchenplatz. Von der Stadtkirche steht nur nach der Turm, der an bestimmten Tagen bestiegen werden kann. Hinter dem Turm liegen östlich das  Wallenfels’sche Haus (Vor‑ und Frühgeschichte, Völkerkun­de und Archäologie) und links daneben das Leib’sche Haus mit dem Oberhessischen Museums (Werdegang Gießens und sein Wachs­tum seit dem 12. Jahrhundert bis in die heutige Zeit). In der Gasse links davon sieht man auf der linken Seite die Synagoge.

Weiter nach links kommt man zum Marktplatz, wo sich auch eine Informationstafel befindet. Man hält sich zunächst rechts und biegt dann links ab in die Bahnhofstraße. Diese geht man entlang über die Westanlage. Dort befindet sich in Höhe der Post (aber noch vor dem Bahnhof) auf der linken Seite geht es zum Liebigmuseum mit dem Liebig-Laboratorium in dem ehemaligen Wachgebäude einer Kaserne. Hier befand sich 1879 die neue Universität.

An der Straßenecke gegenüber der Post aber steht das Mathematicum im ehemaligen Provinzialgefängnis (Arndstraße 2: Mo-Fr  9-18, Sa und So 10-18 Uhr, Familie 12 €, Person  5 €).

Um der vermeintlichen Ge­heimwissenschaft den Schrecken zu neh­men, spielt er schon mal im voll besetzten Linienbus ein Theaterstück mit Handpup­pen über die Unendlichkeit, steht als Marktschreier für Mathematik auf dem Wochenmarkt in Halle oder schreibt ein Buch „Über seine Italienische Reise in die Mathematik“. Albrecht Beutelspacher entspricht so gar nicht dem Klischee des Mat­he‑Professors, der im Elfenbeinturm über gemeinhin unverständlichen Formeln brü­tet. „Ich hatte schon immer Lust, Dinge zu erklären“, sagt der 52‑Jährige, seit 1988 Professor an der Gießener Universität mit den Spezialgebieten Geometrie und Kryp­tologie.

Das macht der ideenreiche Forscher, der einst eine Prüfziffermethode für die D‑Mark‑Scheine entwickelt hat, zum Bei­spiel mit einem Riesenkaleidoskop, Mat­he‑Knobeltischen, oder Seifenblasenexpe­rimenten. Spaß sollen die Exponate der Ausstellung „Mathematik zum Anfassen“ machen ‑ und zum Mitdenken anregen. Längst ist die Schau ein Publikumsrenner, die der gebürtige Tübinger seit 1994 mit ei­nem Team von fünf Mitarbeitern immer weiter entwickelt hat. Mehr als 500.000 Be­sucher in ganz Europa zählt die Wander­ausstellung. Für seine „hervorragenden Leistungen in der Vermittlung von Wissen­schaft“ erhielt Beutelspacher vor zwei Jah­ren den Communicator‑Preis der Deut­schen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Das „Museum“ ist ein Science Center ohne belehrende Schautafeln, dafür mit interaktiven Expo­naten, bei dem die Besucher durch spiele­rischen Umgang ganz automatisch versu­chen, den mathematischen Hintergrund zu verstehen, sagt Beutelspacher. Er hofft auf 60.000 Besucher pro Jahr.

Beutelspacher will  die eigentlich gar nicht so sprö­de Materie vermitteln, ohne die weder ein Handy noch die Kasse im Supermarkt funktionie­ren würde. „Die Schüler müssen Formeln anwenden und einsetzen, ohne zu wissen, wofür sie gut sind.“ Statt die schönen Sei­ten der Zahlenakrobatik zu zeigen, werde Mathe häufig zum Disziplinierungsele­ment. Um das zu ändern hat der talentier­te Orgelspieler einmal monatlich im Ma­thematikum eine Fortbildungsveranstal­tung für Lehrer geplant. Schließlich ist Mathe für Beutelspacher eine „außeror­dentlich demokratische und emanzipatori­sche“ Wissenschaft: „Wenn ich an der Ta­fel einen Fehler mache, kann das jeder Stu­dent sofort nachrechnen. Da gibt's kein Rausreden, und das ist auch gut so.“

Wenn man nur das Mathematicum besuchen will, fährt man am Abzweig Bergwerkswald in Richtung Wetzlar und dann zunächst in Richtung Universitätskliniken. Aber geradeaus geht es dann in die Stadt. Am Selterstor (kenntlich an der über die Straße führenden Fußgängerbrücke) fährt man nach links und dann in Richtung Hauptbahnhof. Man muß aber vor der Lahnbrücke nach links abbiegen und kann dort auf der rechten Straßenseite parken. Zum Mathematicum kommt man, wenn man ein Stück zurück geht und durch das Parkhaus und den Bahnhof in die Straße vor dem Bahnhof.

Wenn man schnell zur Autobahn kommen will, fährt man über die Lahnbrücke. Wenn man aber noch ein Stück an der Lahn entlang fährt und erst eine Brücke weiter nördlich auf der Rodheimer Straße über die Lahn, kommt man zum Harthof. Die ehemalige Versuchsanstalt der Universität  sollte im Zuge des Gießener Autobahnrings abgerissen werden, ist aber heute eine Künstlergalerie („Harthofgalerie“).

Wenn man vom Mathematicum wieder zum Brandplatz gehen will, geht man am Liebigmuseum vorbei zum Seltersweg (zwei Straßen westlich der Bahnhofstraße). Die Stadt hat einen Anlagenring, der auf der alten Stadtmauer gebaut wurde. Zugang von Süden her ist das Selterstor (mit dem Bauwerk „Elefantenclo“). Nach links geht es hinein in den Seltersweg. Dort ist eine Gedenktafel für Büchner, den anderen berühmten Gießener. In der Straße befindet sich auch noch ein altes Gasthaus (Name?) und die Skulptur „Die Schwätzer“.

Vom Brandplatz fährt man weiter in Richtung Licher Straße. An dieser Straße liegt westlich der Alten Friedhof (1530-33) mit dem Grab Wilhelm Röntgens. Südwestlich des Friedhofs (Goethestraße und andere) sind Gründerzeitbauten. Die Licher Straße führt auf die Autobahn.

Auf dem Schiffenberg steht ein ehemaliges Kloster, bei dem jährlich ein großes Fest stattfindet. In der Stadt gibt es auch noch ein Kindermuseum von Wolfgang Magel. Die genossenschaftliche Siedlung in der Landmannstraße ist eine Arbeitersiedlung aus der Zeit um 1900.

 

Wettenberg:

Das Gießener Becken mit seinen angrenzenden Senken, seit Jahrhunderten ein wichtiger Durchlaß zwischen Nord und Süd, war in Zeiten territorialer Auseinandersetzungen hart umkämpft. Hier am Kreuzungspunkt alter Handelsstraßen saßen die Merenberger, Nassauer, Dillenburger, hier begründeten die Grafen von Gleiberg ihre Dynastie um das Jahr 1000 mit dem Bau einer Burg genau an jener Stelle, wo schon die fränkischen Konradiner eine erste Befestigungsanlage errichtet hatten. Noch heute läßt sich vom Bergfried auf dem 308 Meter hohen Basaltkegel der einstige Weitblick nachempfinden.

 

In Gleiberg fährt man dort, wo die Hauptstraße rechts abbiegt links in die Burgstraße und dann immer um den Berg herum. Man muß nicht gleich am Anfang des Parkplatzes parken, er zieht sich noch ein Stück den Berg hinauf.

Die Burg Gleiberg auf 308 Meter hohem Basaltkegel wurde 1646 zerstört und ist seitdem als Ruine erhalten, aber gut restauriert. Es gibt Unterburg und Nassauer Bau (16. Jahrhundert) mit Gaststätte.

Die Oberburg hat einen Palas und einen 30 Meter hohem Bergfried. Der Eingang lag ursprünglich an der Nordseite.

Die gesamte Anlage ist im Besitz des 1837 gegründeten Gleibergvereins, der sich mit der Übernahme verpflichtet hat, den Verfall aufzuhalten, Restaurierungsarbeiten durchzuführen und der Öffentlichkeit den Zugang zu ermöglichen. Diese Auflagen werden in bewundernswerter Weise noch immer erfüllt.

Zur Kirche kommt man nur (der direkte Weg von der Burg ist oft verschlossen) durch das Südtor am unteren Ende des Parkplatzes (um 1350, mit Wachstube und Halseisen) und dann immer links weiter. Die evangelische  Katharinen-Kirche ist die ehemalige Burgkapelle, entstanden um 1350, im Jahr 1619 um die Querachse erweitert. Die zwei Emporen sind von außen betretbar.

Man tritt zunächst in das eine Kirchenschiff mit drei bemalten Holzpfeilern. Nach links geht dann noch ein Kirchenschiff ab mit einem Holzpfeiler, offenbar für die Burgbewohner. Am Scheitelpunkt steht die prächtig bemalte Kanzel. Im Chor finden sich Wandmalereien (15. Jahrhundert).

Die Kirche wurde von 1961 bis 19-65 restauriert und 1997 nach dem alten Patronat wiederbenannt.

 

Zum Kirchennamen

Der 1996 von Manfred Schmidt bei den Vorbereitungen zur 725-Jahrfeier aus Anlaß der ersten urkundlichen. Erwähnung der Krofdorfer Kirche 1271 wiederentdeckte Patronatsname St Margaretha führte am 12. Juli 1997 zur Benennung in „Evangelische Katharinenkirche Gleiberg“. Gleichzeitig wurde die Krofdorfer Kirche nach ihrem historischen Patronatsnamen benannt in „Evangelische Margarethenkirche Krofdorf“.

Die aus römisch-katholischer Zeit stammende Patronatsbezeichnung hat sich - anders als die Patronatsbezeichnung der Krofdorfer Kirche im Zuge der Reformation - nie vollständig aus dem Bewußtsein der evangelischen Bevölkerung verloren, hatte aber auch keine Bedeutung mehr für den inzwischen evangelischen Glauben.

Die heilige Katharina von Alexandrien wird wie Margaretha von Antiochia (Krofdorf) zu den 14 Nothelfern gezählt. Der Legende nach soll sie während der frühen Christenverfolgungen den Märtyrertod gestorben sein (+310). Aufgrund ihrer Abstammung als Tochter des Königs Costus war sie hochgebildet und konnte sich als junge Christin gegenüber dem römischen Kaiser Maxentius in Alexandrien für den christlichen Glauben und gegen seine heidnische Götzenanbetung einsetzen. So wurde sie aufgrund ihrer Weisheit als Patronin und Schutzheilige der Gelehrsamkeit, der Bibliotheken und Schulen, Studenten und Schüler verehrt. Wegen des Rades ist sie auch zuständig für die Wagner und Müller sowie alle anderen Gewerbetreibenden. Wegen ihrer Schönheit ist sie auch die Patronin der Schneiderinnen und Modistinnen.

Das ihr zugeschriebene Symbol ist das Rad, mit dem sie der Legende nach durch den Kaiser gefoltert wurde. Selbst in größter Anfechtung des Glaubens hielt sie am Glauben fest und erinnert so an das biblische Wort: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ (Psalm 46,2). Das kann Mut machen, heute den eigenen, christlichen Glauben zu bekennen. Als Gemeinde glauben wir, daß positive Vorbilder uns Wegweiser im Glauben sind. Darum haben wir mit der Rückbenennung ein Zeichen setzen wollen.

 

Die Baugeschichte

Bereits aus der Ferne fällt mit der auf einem Basaltkegel liegenden, das Gleiberger Land beherrschenden Burg Gleiberg als dem Wahrzeichen der Gemeinde Wettenberg, die evangelische Katharinenkirche Gleiberg auf. Sie schmiegt sich eng an den Berg an. Die kleine bronzene Gedenktafel rechts des Kirchenportals verrät bereits Wesentliches über die Katharinenkirche: Sie wurde um 1350 errichtet, zu Beginn des 30jährigen Krieges erweitert, umfassend in den 60iger Jahren restauriert und trägt seit 1997 wieder ihren alten Patronatsnamen. Im Jahr 2003 erfolgte eine erneute Sanierung, insbesondere des barocken Dachstuhls. Damit sind baugeschichtlich die wesentlichen, für uns faßbaren Phasen beschrieben:

I.. Eine erste Spur der Feier des christlichen Gottesdienstes auf dem Gleiberg finden wir in dem aus dem 12./13. Jahrhundert stammenden Merenberger Bau der noch auf das 10. Jahrhundert zurückgehenden Befestigungsanlage Burg Gleiberg. Die kleine aus spätstaufischer Zeit stammende Burgkapelle befindet sich östlich im Palas, noch heute erkennen wir das in die Wand eingelassenes Weihwasserbecken sowie Reste der ehemals zwei Kreuzgewölbe auf Wanddiensten mit Knospenkapitellen. Die heute noch erhaltene und nun sich in der Katharinenkirche befindende kleine Ave-Glocke rief einst die Burgbewohner zum Gebet.

 

II. Um 1350 wurde nach der Verleihung der Marktrechte 1331 an Gleiberg für die wachsende Bevölkerung, bestehend aus den Burgmannen (Verwaltungsbeamte, Ritter, Bedienstete der Burgherren) und ihren Familien. die Errichtung einer etwas größeren Kirche vor dem damaligen Haupteingang der Burg Gleiberg nötig. Sie wurde der Heiligen Katharina von Alexandrien geweiht und gehörte als Filial zur Krofdorfer Mutterkirche. Wie drei kleine noch erhaltene Strebepfeilerreste auf romanischem Sockel zeigen. erhielt die Apsis mit ihren hohen Maßwerkfenstern in gotischer Zeit ein Deckengewölbe, das später (1742) durch eine flache Holzdecke ersetzt wurde. Auffällig sind noch heute die Freskenfragmente im Chorraum, die bei den großen Renovierungen in den 1960iger Jahren wiederentdeckt wurden.

 

III. Gleich zu Beginn des 30jährigen Krieges, 1619 (Bauinschrift über dem Hauptportal), kommt es zu einer für die damalige Zeit doch recht kurzen Phase (bis 1621) der baulichen Erweiterung der inzwischen baufällig und zu klein gewordenen Kirche. Da nicht in den Felsen verlängert werden kann, wird im rechten Winkel zum in Ostwestachse liegenden Chor ein großes, zudem hohes Kirchenschiff in Nordsüdachse liegend angebaut Das erklärt den ungewöhnlichen L-förmigen Grundriß der Kirche. Der große Chorbogen mit gemalten Bossenquadern trägt dabei wesentlich zur räumlichen Verbindung beider Raumteile bei, dient vor allem aber der Lastenverteilung des auf den Chor aufgesetzten achteckigen, verschieferten Turmes mit kleiner Laterne und Haube.

Die Balkendecke des Schiffs wird über Mittelunterzug auf Längsachse durch eine mit Weinranken bemalte Mittelsäule (1621) gestützt. Das originale Dachgestühl ist noch in sehr gutem Zustand erhalten.

Im Jahr 1626 werden die beiden übereinanderliegenden, jeweils von außen betretbaren Emporen eingebaut. Dabei ist aus dieser Zeit die untere Empore mit ornamentalen Brüstungsmalereien sowie biblischen Bild- und Wortmotiven versehen; die obere besitzt gedrehte Docken (1. Hälfte 18. Jahrhundert). Im Jahre 1643 wird der Kirchenraum ganz im reformatorischen Sinn mit einer geschnitzten Kanzel vervollständigt.

 

IV. In den folgenden Jahrhunderten wird 1743 der Chorraum renoviert (Inschrift), dabei werden um die vier Maßwerkfenster Fensterumrandungen und Putten gemalt. Im Jahr 1809 werden weitere Stützsäulen im Kirchenschiff nötig, da der Längsunterzug sich stark durchbog.

 

V. Eine umfassende Restauration und Sanierung wird unter Pfarrer H.-Christoph Barnikol 1961-65 unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten durchgeführt. Ein Flugzeugangriff hatte 1945 schwere Schäden verursacht, so daß die Kirche danach unbenutzbar blieb. Zahlreiche, teilweise rekonstruierbare Fresken (5) wurden entdeckt, die in der Reformation überstrichen worden waren, ebenso die Brüstungsmalereien. So sehen wir heute Fragmente beispielsweise der Katharina mit dem Rad, mit dem sie nach der Legende gefoltert wurde. Im Jahre 1979 erfolgte eine umfangreiche Außenrenovierung des Daches samt Turm und Mauerwerk.

 

VI. Im Zuge der Untersuchungen für die Sanierungsmaßnahmen 2003 ist der historische Dachstuhl aus der Barockzeit neu ins Blickfeld gerückt Die durch Feuchtigkeit und Fäule geschädigten Holzbauteile im Dachstuhlbereich mußten entfernt werden. An die verbleibenden Holzbalken wurden neue Eichenbalken mit allen zimmermannsmäßigen Verbindungen angeschlossen, so daß die Bauteile wieder voll tragfähig sind und der Charakter der Dachkonstruktion erhalten bleibt Die wesentlichen Schäden lagen im Bereich der Sparrenfüße und der Mauerlatten. Auch die Deckenbalken wurden geprüft und teilweise durch neue ersetzt. Die Ostseite des Daches (Längsseite) mußte wegen Undichtigkeit neu eingedeckt werden. Im Innenbereich wurden die Elektroleitungen modernisiert und unter Putz gelegt Eine neue Beschallungsanlage wurde installiert Der Innenraum wurde unter denkmalrechtlichen Gesichtspunkten gestrichen bzw. die durch die Baumaßnahmen geschädigten Teile wiederhergestellt (Wandbemalungen). Die Fresken wurden davon ausgespart. Wesentlich zur Ermöglichung der Renovierung 2003 beigetragen hat die großzügige Unterstützung durch de Landesdenkmalpflege Hessen und die Gemeinde Wettenberg.

 

Kleiner Rundgang:

(1) Wer durch das Portal (1619) tritt, sollte sich dessen mittelalterlicher Hinweisfunktion auf Christus als der Tür zum Heil bewußt sein: „Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, der wird selig werden“ (Joh 10,9).

(2) Drei Grabdenkmäler begegnen uns, die ihren Platz in der Kirche gefunden haben (nicht ursprünglich) und die alle miteinander mutige Zeugnisse des Glaubens an das ewige Leben sind:

(2a) Das erste Epitaph ist der Grabstein der Familie Johannes und Anna Maria Kingelhöfer 1695. Unter anderem lesen wir: „Selig sind die Todten, die im Herrn sterben von nun an, Ja der Geist spricht“. Abgebildet ist der auferstandene Christus, wie er links vom Vater mit seinen drei Söhnen und rechts von der Mutter Klingelhöfer mit ihren drei Töchtern, alle betend, umgeben ist.

(2b) Das zweite Epitaph befindet sich im Chorraum und wurde für den mit 42 Jahren, 1666 verstorbenen Burgmannen und Kellermeister des Grafen von Nassau-Weilburg, Johann Kaspar Rottenberger, gefertigt Die beeindruckende Inschrift erzählt von der Glaubenszuversicht dieses Mannes mitten in schwerster Zeit „in Angst bracht ich mein Leben zu“ -  30jähriger Krieg, Verwüstungen, Überschwemmungen, Kindersterblichkeit, Hungersnot, Pest.

(2c) Der dritte Grabstein erinnert an das frühe Sterben der drei Töchter des britischen Capitaine George Schneider und seiner Frau Louise geb. Lesch von Mühlheim in den Jahren 1782/83.

 

(3) An Brüstungsmalereien gibt es einiges zu entdecken. Bereits beim Betreten der Kirche fällt rechts ein Bild auf einer Bankbrüstung auf: Es zeigt eine mittelalterliche Darstellung vom Gleiberg mit der Kirche auf dem Berg, ein Beter kniet zu Füßen des Gleibergs. Er betet den christlichen Gott an, der verhüllt in einer Wolke durch die hebräischen, roten Buchstaben für Gott („Elohim“) gekennzeichnet wird. Diese verhüllende Darstellung Gottes war Impuls für die Namensgebung unseres Gemeindebriefes „WOLKE“.

Hinter dem Altar sind fünf Bildtafeln zu sehen: die vier Evangelisten mit ihren Attributen (Johannes mit Adler, Lukas mit Stier, Markus mit Löwe, Matthäus mit Engel) und in der Mitte ist der König und Psalmdichter David dargestellt, der im Gebet die Auferstehung Christi voraussieht

 

(4) In der Verschränkung von moderner Kunst mit dem denkmalgeschützten Kirchenraum und seinem historisch gewachsenen, besonderen Gesicht fügt sich der bronzene moderne Taufstock (1998, 107 Zentimeter hoch) des Berliner Künstlers Kassiel Kaehler in Aufnahme der etwa 300jährigen ovalen Taufschale ein: Aus einem Baumstumpf wächst ein neuer Stamm mit einem sich darum windenden Weinstock empor, der zwischen einigen Blättern die wertvolle Schale trägt. Den achteckigen Sockel ziert als Umschrift ein Zitat aus Johannes 15,5: „Jesus Christus spricht ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“. Damit ist ein Thema vorgegeben. - Der auf den Sockel aufgebaute Baumstumpf erinnert an abgehauenes Leben, der Hoffnung auf eine Zukunft beraubt. Eine Warnung stellt die auf der Oberfläche angebrachte Bibelstelle aus Jesaja 34,4c dar („... wie ein Blatt verwelkt am Weinstock“), dem Psalm 1,3 mit einer Verheißung antwortet („... und seine Blätter verwelken nicht2). Der auf den leblosen Stumpf eingesetzte, emporragende Stamm wird wiederum Lebensträger für einen Weinstock, der sich an ihm hoch schlängelt. Zwölf Blätter und eine Weintraube zieren den Taufstock; einige der filigranen Blätter halten die alte Taufschale, als wollte dies sagen: Wer aus dir getauft wird, wird Teil am Weinstock Christi und ist Lebens- und Segensträger in Gottes Reich. Dem aufmerksamen Betrachter entgeht sicher nicht die Verbindung zum Krofdorfer Taufstein: Die Lebenskrone aus Kubus und kleinen Dächern, hier stark auf die Oberkante des Stammes verdichtet, findet sich ebenso wieder wie de den Stumpf übersäenden Bauklötzchen.

 

(5) Die vermutlich in der Reformationszeit übertünchten Fresken in der Apsis wurden 1961 wiederentdeckt und konserviert. Fragmentarisch erhalten sind unter anderem: (a) die Heilige Katharina von Alexandrien als Patronin der Kirche mit dem ihr zugeschriebenen Signum des Rades auf der südlich-östlichen Wandseite in den Chorfensternischen (b) der Heilige Hieronimus. (c) die Muttergottes auf der Weltkugel, (d) der Heilige Christopherus und (e) zur Kanzel hin, durch den Triumpf­bogenaufbruch zerstört, Reste des jüngsten Gerichts.

 

(6) Beeindruckend ist die schwere, mit breiten Eisenbändern versehene Eichentruhe, die ihren Platz in der Apsis gefunden hat Sie stammt aus dem Jahr 1588 und diente damals zur Aufbewahrung der gottesdienstlichen Spenden (Geldschlitz) und wichtiger kirchlicher Akten.

 

(7) Die auffallend reich verzierte und hohe Kanzel samt mächtigem Schalldeckel von 1643 beherrscht wesentlich den Kirchenraum mit. Sie wurde von dem Vetzberger Schreinermeister Volbert Bauernfeind 1629 begonnen, der aber 1635 an der Pest verstarb. Die Kanzel wurde 1643 von einem anderen, uns unbekannten Künstler vollendet, vielleicht einem Sohn. Der Kanzelstuhl trägt die Inschrift: „Wer diesen Stylrecht will beschreiden, mvs lehren, weren, leiden. Meiden“. Den Schalldeckel verziert ein älter wirkendes Kruzifix, das vermutlich einmal ein Prozessionskreuz darstellte. Die beiden Inschriften des Schalldeckels lauten: „Mal 2. Des Priesters Lippen sollen die Lehr bewahren, das man avs seinem Mvndt das Gesetz svche“. und „Psalm 51: Herr, thve meine Lippen avff, das mein Mvnd deinn Ryhm verkvndige; Anno 1643“"

Der hohe Kanzelaufgang beginnt mit der Aufschrift über das Evangelium von der Auferstehung Christi in Ewigkeit („Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbt und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Johannes 11 V, 25,26-, das thematisch die drei folgenden Bildmotive überschreibt: Der siegreiche Christus, die Siegesfahne schwenkend und die Gestalten der Hölle tötend (Aufschrift: „Gott sey dank, der uns den Sieg gegeben hat, durch unsern Herrn Jesum Christ. Cor.1, V 55“"). - Der Christus resurrexit über dem leeren Sarg mit der Siegesfahne. - Die Himmelfahrt Christi.

 

(8) Weit ins Gleiberger Land hinein macht die Katharinenkirche sich heute mit ihren drei bronzenen Glocken bekannt. Seit alters her rufen sie die Menschen zu sonntäglichem Gottesdienst und täglichem Innehalten und Gebet. Sie tragen zugleich die Freude des Glaubens in die Welt zum Zeugnis hinaus. Ursprünglich noch in der kleinen Kapelle der Burg eingebaut, erklang die kleine romanische Glocke im Schlagton f " ab 1350 in der neuerbauten St. Katharinenkirche. Als sogenennbte „Ave-Glocke“, trägt sie die lateinische Inschrift „in prinzipio erat verbum et verbum erad apud deum. ave maria gratis plena dominus tecum et b(enedicta)“: deutsch: „lm Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Gegrüßet seist du, Maria, du bist erfüllt mit Gnade, der Herr sei mit dir und du seist gesegnet“ - Die große Glocke von 1571 (Ton h’) zeigt auf ihrem Mantel die Gefangennahme Jesu in Gethsemane und seine Grablegung. Erst 1978 trat durch die Spendenlei‑

stung der Gemeindeglieder eine dritte, mittlere Glocke hinzu mit Schlagton d und der Inschrift aus Jeremia 22,29: „O Land, Land, höre des Herrn Wort“.

 

Verwendete Literatur u.a.: H.-Chr. Barnikol, Evangelische Kirchengemeinde, in: J. Leib, Krofdorf-Gleiberg zwischen Tradition und Fortschritt (Heimatbuch zur 1200-Jahrfeier) 1974.

M. Schmidt, 1643-1993. Die Gleiberger Kanzel ist 350 Jahre alt (Hrsg. Kgm), 1993.

M. Schmidt, 1271-1996: 725. Wiederkehr der ersten urkundlichen Erwähnung der Krofdorfer Kirche (Hrsg. Kgm), 1996.

G. Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Hessen, 1982.

Im April gibt es ein Kutschentreffen in Krofdorf.

 

Man kann mit dem Auto durch das Südtor fahren, an einem Brunnen vorbei und durch das Nordtor (um 1350) mit der Linde davor. Im Ort sind noch  Stadtmauerreste zu sehen. Über die Burgstraße fährt man dann nach Krofdorf. Am Nordrand des Ortes (in Richtung Salzböden) fährt man auf einem geschotterten Weg nach links. Nach etwa einem Kilometer kommt man zum Fohnbachtal, in das man aber nur ein Stück hineinfahren kann.

Der Fohnbach hat eine Länge von 12,8 Kilometern. Er entspringt in der Nähe des Forsthauses Waldhaus in etwa 330 Meter Höhe. Der Fohnbach besitzt keine eigene Quelle, sondern entsteht aus mehreren Hangsickerquellen, die in Rinnsalen zusammen fließen.

Ein natürlicher Bachlauf, mit einem Saum aus Schwarzerlen, Feuchtwiesen und den angrenzenden naturnahen Waldbeständen kennzeichnen einen ökologisch und auch landschaftlich hochwertigen aber sensiblen Lebensraum.

Das Fohnbachtal mit seinen Feuchtwiesen und Gewässern, vorgelagerten Streuobstbeständen und natürlichen Waldbestän­den, mit zahlreichen Pflanzen und Tieren, bildet einen bedeutenden Bestandteil unserer Kulturlandschaft. Feuchtwiesenbereiche mit ihren Orchideenvorkom­men sind als besonders wertvoll anzusehen.

 

Von dort geht es wieder direkt in den Ort bis zur Kirche. Die evangelische. Pfarrkirche (um 1350), ist ein ausgezeichnetes Beispiel für eine spätgotische Holzpfeilerkirche. Nach rechts geht es dann weiter and er Ruine Vetzberg vorbei. Die Ruine Vetzberg ist die einstige Vorburg der Gleiberger, ebenfalls auf einem dominierenden Basaltkegel. Sie ist seit etwa 1770 verfallen, Bergfried und Reste des Palas sind erhalten. Im Ort Vetzberg gibt es eine Ringmauer mit Torturm (14. Jahrhundert). Dann kommt man nach Biebeltal-Rodheim.

Wißmar bei Wettenberg: Holz- und Technikmuseum, Dampftage und Vorführungen

 

Wanderung bei Elvira Klein, Rhein-Main, 276.

 

 

Biebertal:

In Biebertal-Rodheim fährt man am Ortseingang nach links in die Straße „Am Turnerplatz“. Auf ihr fährt man zunächst einmal geradeaus über die Hauptstraße zum Schmitter Hof mit dem dreistöckigen Herrenhaus mit Fachwerkoberbau (1457) und dem neuen Herrenhaus (1790). Wieder zurück biegt man nach links in die Hauptstraße ein. Zwischen Sparkasse und Altenheim ist ein Parkplatz, der zum Gail’schen Park führt.

 

Gail’scher Park in Rodheim

Die Geschichte der Familie Gail und des Rodheimer Anwesens

Der Kaufherr Georg Philipp Gail (1785-1865) gründete, aus Dillenburg kommend, im Jahre 1812 eine Rauchtabakmanufaktur in Gießen. Anlaß wr das im napoleonischen Großherzogtum Berg, zu dem auch Dillenburg gehörte, eingeführte staatliche Monopol für die Tabakindustrie. Aufgrund seiner Geschäftstüchtigkeit wuchs das Unternehmen schnell und entwickelte sich zum wichtigsten Industriezweig in Gießen. Georg Philipp Gail erlangte großes Ansehen und wurde 1822 erster Bürgermeister nach der neuen Gemeindeordnung in Gießen.

Im Jahr 1857 wurde die Filiale in Rodheim gegründet. Wie auch an ihrem Stammsitz in Gießen, legte die Familie Gail an ihrer Niederlassung in Rodheim neben der Fabrik auch ein Haus (Schweizer Haus) und einen Park an. Wann der erste untere Parkteil genau angelegt wurde, ist nicht bekannt.

Zur Ankunft seiner Braut Minna Mahla aus Amerika verschönerte Wilhelm Gail, Enkel von Georg Philipp Gail, den noch kleinen Park mit Wasserkünsten als Folge von Becken und Gerinnen.

Ein Reklameplakat der Firma Gail aus dem Jahr 1884 zeigt bereits einen kleinen Teich vor dem Schweizer Hauses mit einer Fontäne.

Wilhelm und Minna Gail, beide große Parkliebhaber, müssen damals bereits von einer Vergrößerung ihres kleinen Paradieses außerhalb der Stadt Gießen geträumt haben. Im Jahr 1888 begannen die Aktivitäten, die sich bis zum Jahr 1896 hinzogen und mit dem Bau einer Villa abgeschlossen wurden. Über die Gesamtkonzeption ließ sich Wilhelm Gail durch den Frankfurter Architekten Franz von Hoven, sowie Heinrich Siesmayer, den bedeutendsten Gartenarchitekten dieser Zeit in Hessen, beraten. Die weiteren Planungen sowie der Ausbau der Parkanlage wurden später durch den Frankfurter Stadtgartendirektor Andreas Weber fortgeführt und umgesetzt.

Wilhelm Gail hat als Kenner der Gartenkunst des 19. Jahrhunderts selber großen Einfluss auf die Gestaltung genommen. Genießen konnte er den Park mit seiner geliebten Frau jedoch nur sehr kurze Zeit, da sie nach der Fertigstellung an Krebs erkrankte und bereits 1898 verstarb. Auch drei seiner vier Söhne starben früh. So war der Park Zeit seines Lebens „eine grausame Erinnerung an mein geschwundenes Glück”, wie Wilhelm Gail sich in einem Brief an seinen Schwiegervater 1899 ausdrückte.

Die Villa diente der Familie Gail weiterhin als Sommersitz. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie der Hauptwohnsitz der Nachfahren. Nach heutigen Erkenntnissen ist der Park nur unwesentlich verändert worden. Aus den zwanziger Jahren ist eine größere Pflanzaktion der Firma Wirtz & Eicke aus Rödelheim überliefert. Ursprünglich war der Park mit vielen Birken, Linden und Weiden, wie es auf alten Fotos zu erkennen ist, bepflanzt. Nur die Bäume mit sehr kräftigen Stämmen und einige Sträucher stammen noch aus der Entstehungszeit.

Die Wege hatten zunächst eine Kiesdecke und wurden im Laufe der Jahre betoniert oder mit Bitumen versehen, sind aber 2005 größtenteils wieder rückgebaut worden. In einem Lageplan des Anwesens aus dem Jahr 1902 lassen sich die Veränderungen unterhalb des Teiches zum heutigen Stand gut ablesen.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Villa von der amerikanischen Besatzung beschlagnahmt.

Im Jahr 1948 konnte die Familie Rumpf-Gail die Villa wieder beziehen, baute das Erdgeschoß um und legte ein Schwimmbecken mit Pavillon und eine Terrasse im Stil der Zeit an.

 

Seit dem Erwerb des Anwesens durch die Gemeinde Biebertal im Jahr 2003 und der Vermietung an die Firma Schunk Dienstleistungs-GmbH nutzt diese die Villa als Büro und für Veranstaltungen.

Die Innenräume, die Fassaden und die Terrassen sind durch die Firma Schunk in den Jahren 2004 und 2005 renoviert worden.

 

Heinrich Siesmayer (1817-1900)

In Frankfurt am Main wirkte Anfang des 19. Jahrhunderts mit Sebastian Rinz ein bekannter Gartenkünstler. Im Jahr 1832 ging Heinrich Siesmayer bei ihm als Gärtner in die Lehre. Der Chef erkannte das Talent des jungen Siesmayers und übertrug ihm nach einigen Jahren das Zeichnen von Entwürfen und die Leitung bei der Ausführung größerer Aufträge.

Siesmayer, auf den Namen Franz Heinrich getauft, kam 1817 als Sohn des Kunstgärtners Jakob Philipp Maria Siesmayer aus Niederselters an der Lahn in Mainz-Mombach zur Welt. Heinrich trat völlig mittellos seine Lehrjahre an. Er blieb 8 Jahre bei seinem Lehrmeister, besuchte nebenbei die Gewerbe- und Sonntagsschule und nahm Unterricht im Planzeichnen.

Am 1. Mai 1840 machte sich Heinrich Siesmayer selbständig. Der Durchbruch gelang ihm mit der Gestaltung der Parkanlagen für den Fürsten zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. Die Firma Siesmayer erlebte einen kometenhaften Aufstieg. Der Erfolg der Firma ergab sich aus den sich glücklich ergänzenden Talenten der Brüder: Heinrich, der kreative Gestalter, und Nikolaus, der Baumschulist und Geschäftsmann. Sein größter Auftrag in diesem Zeitabschnitt war die Anlage des Kurparks in Bad Nauheim. In den siebziger Jahren schuf er Gärten u.a. für die Barone Wilhelm und Karl von Rothschild, Fürst Metternich in Johannisberg, Freiherr von Bethmann in Königstein und den Kommerzienrat von Stumm zu Schloss Hallberg. Im Jahr 1888 ließ Wilhelm Gail sich von Heinrich Siesmayer hinsichtlich der großen Parkerweiterung beraten.

Die Frankfurter verehren Siesmayer wegen seiner Verdienste um die Gründung des Palmengartens. Auf der Höhe des Ruhmes hatte die Firma bis zu 500 Beschäftigte mit einer großen Baumschule in Bad Vilbel. Zunehmend kränkelnd, übergab der verwitwete neunfache Vater 1890 die Firma an seine Söhne Philipp, Joseph und Ferdinand. Nach langer Bettlägerigkeit verstarb er am 22. Dezember 1900.

 

Andreas Weber (1832

Im Gegensatz zu dem freischaffenden Gartenarchitekten Heinrich Siesmayer war Andreas Weber Angestellter der Stadt Frankfurt. In seiner dortigen Tätigkeit hat er sich besonders um die schmuckvolle Bepflanzung der Frankfurter Anlagen verdient gemacht. Aber auch große Parks, wie der Ostpark, die Anlagen zum Zoo und der Georgengarten wurden von ihm entworfen. Nebenbei war er auch für zahlreiche wohl-habende Familien tätig. Im Auftrag des Kommerzienrat Wilhelm Gail gestaltete er einen englischen Landschaftsgarten an seinem Wohnsitz am Oswaldsgarten in Gießen und das Grabmal der Schwiegermutter auf dem alten Friedhof.

1832 in Frankfurt geboren, erlernte er, wie Siesmayer, den Gärtnerberuf bei Sebastian Rinz, dessen Enkel er war. Dieser finanzierte ihm eine Reise zur Weiterbildung, die ihn nach Paris, Brüssel und London führte. Von unterwegs berichtete er seinem Förderer in regelmäßigen Briefen über die erworbenen Kenntnisse und seine finanziellen Belange. Darüber hinaus führte er ein Tagebuch in der jeweiligen Landessprache. Zurück in Frankfurt trat er als Adjunkt des damaligen Stadtgärtners, seines Großvaters Sebastian Rinz, in städtische Dienste. Neun Jahre später, im Jahr 1861, übernahm er dessen Stelle und leitete als städtischer Gartendirektor die Stadtgärtnerei bis zu seinem Lebensende. Eine jahrelange Zusammenarbeit mit Herrn Kommerzienrat Wilhelm Gail ist durch zahlreiche Briefe aus dessen Kopierbuch belegt.

Während Heinrich Siesmayer mit Franz von Hoven die Parkerweiterung konzipiert hat, bekam Andreas Weber 1890 von Wilhelm Gail einen Generalauftrag für die weitere Planung und die Überwachung der Arbeiten im Park. Als Grund für den Wechsel des Gartenarchitekten kann das Erkranken von Heinrich Siesmayer zu diesem Zeitpunkt angesehen werden.

 

Über ein Jahrhundert konnte die Bevölkerung, mit wenigen Ausnahmen, das Anwesen nicht betreten. Mit einer über zwei Meter hohen Natursteinmauer schirmten sich die Eigentümer gegen die umgebende Bebauung inmitten der Gemeinde ab. Im Herbst 1999 fand eine Ortsbegehung des Bauausschusses auf dem Schindwasengelände statt, um das angrenzende, als Neubaugebiet vorgesehene Gelände zu begutachten. Hierzu musste der Park durchquert werden. Die Mitglieder des Ausschusses und viele interessierte Bürger hatten somit erstmals die Möglichkeit, hinter die „Gail’sche Mauer” schauen.

War zuerst die Neugierde groß, so war bald die Überraschung um so größer. Vor allem der Park, der im englischen Stil angelegt ist, begeisterte durch seine Fülle von Einbauten und schöner Details. Die Wegeführung, die Bodenmodellierung und die Pflanzenanordnung ließen sofort die Hand eines großen Gartenkünstlers erkennen. Anschließende Begehungen mit Fachleuten der Gartenhistorik und des Denkmalschutzes bestätigten den kulturhistorischen Wert der Anlage. Der Park war bis zu diesem Zeitpunkt der Gartenfachwelt nicht bekannt und stand daher auch nicht unter Denkmalschutz.

 

Rundgang durch den Park

1. Sie betreten den Park talseits im Süden durch den im Jahr 2004 neu gestalteten Eingang. An der Stelle, an der sich heute die Sparkasse und das AWO-Heim befinden, standen früher die Zigarrenfabrik und die Stallungen (Bild Seite 4).

Folgen Sie oberhalb der Treppe dem Weg nach rechts. Sie befinden sich hier im ersten zwischen 1857 und 1890 geschaffenen Parkteil mit Blick auf das Schweizer Haus. Der Wasserlauf mit zahlreichen Becken unterschiedlicher Ausformung war Teil der Parkverschönerung, die Wilhelm seiner Frau Minna 1883 zur Hochzeit schenkte.

Wenn Sie den Weg geradeaus weiter gehen, werden Sie hinter einer Wegeabbiegung durch den Blick in eine wunderschön modellierte Rasenfläche, in der gekonnt Baumpflanzungen gruppiert sind, überrascht. Hier wird deutlich, dass wir einen Park im Stil eines englischen Landschaftsgartens vor uns haben. Diese neue Ausdrucksform der Gartengestaltung entstand Anfang des 18. Jahrhunderts in England. Im Gegensatz zu den geometrisch gestalteten Gärten der Epochen der Renaissance und des Barocks nimmt sich der landschaftliche Stil die Naturschönheit zum Vorbild. Durch schmückende Einbauten (Staffagen) werden malerische Parkbilder inszeniert. Charakteristisch für einen Landschaftspark sind der Aufbau von Sichtachsen und eine malerische Gruppierung von Bäumen und Sträuchern.

 

2. Geht man den breiten Hauptweg weiter, erlebt man eine Abfolge von einzelnen Parkbildern. Nach einer verdichteten Pflanzung und einer Wegebiegung öffnet sich überraschend der Blick über den Teich auf die Villa. Auf der rechten Seite sehen Sie auf einer kleinen Anhöhe das gleichzeitig mit der Villa entstandene Keramiktürmchen. Die Klinker sowie die bunten Dachziegel stammen aus der Produktion der Gießener Dampfziegelei und Tonwarenfabrik, die Wilhelm Gail 1891 erworben hat. Auf dem Plan von 1902 (Seite 5) erkennt man südlich des Keramiktürmchens am Hang einen kleinen Weinberg. Der östliche Teil der Terrassierung aus Natursteinen ist noch vorhanden.

 

3. Wenn Sie dem Weg um den Teich nach rechts folgen, fällt hinter einer Pflanzung. Ihr nächster Blick auf eine kleine, aus den fünfziger Jahren stammende, Bogenbrücke, die zu einer Insel führt. Die Insel war ursprünglich mit Bäumen bepflanzt.

 

4. Nach wenigen Schritten wird Ihnen das nächste Parkbild, mit dem Teichhaus und einer Trauer-weide präsentiert. Andere Parkeinbauten sind von hier nicht zu sehen. Das Teichhaus mit seiner Birkenfront hatte nicht nur Schmuckwert, sondern diente auch einem nützlichen Zweck. Hinter der etwa 1,50 Meter dicken Frontwand befindet sich ein Eiskeller, in dem man im Winter geschnittene Eisblöcke aufbewahrte. Ein künstlich aufgeschütteter Hügel überbedeckt den Raum, gibt Schutz vor Wärme und ist zugleich eine willkommene Modellierung im Gelände.

 

5. Hinter dem Hügel des Eiskellers wird der Blick auf die Villa wieder frei. Auf der rechten Wegseite sehen Sie das Bienenhaus. Ein Hinweis darauf, dass sich die Familie Gail mit vielen Dingen des täglichen Lebens vor Ort selbst versorgte.

Das östlich angrenzende, inzwischen bebaute Gelände wurde früher als Obstplantage und zur Anzucht von Gemüse und Blumen genutzt. Hier befanden sich Trauben- und Gewächshäuser. Mehrere Gärtner waren mit Pflanzenanzucht und Parkpflege beschäftigt. Wilhelm Gail hat hier auch verschiedene Obstsorten getestet und seine Ergebnisse an die Bevölkerung weitergegeben.

 

6. Vorbei an einem großen Mammutbaum folgen Sie dem Weg weiter bergan. Sie befinden sich nun östlich der Villa. Hier hatten die Kinder der Industriellenfamilie ein eigenes Spielhaus zur Verfügung. Es wurde um 1910 für Marianne, die Tochter aus zweiter Ehe von Wilhelm Gail gebaut. In einem von einer Hecke eingefaßten Areal sind die Gestelle einer Schaukel und eines Seilkarussells (Rundlauf) noch vorhanden. Es sind seltene Beispiele der ersten Spielgeräte in unserer Region.

Die Innenwände des Spielhauses sind in den fünfziger Jahren mit einem Märchenfries verziert worden, welcher dem Vetzberger Malermeister Baumbach zugeschrieben wird, jedoch mit Max Weilzierl signiert ist. Er wurde im Jahr 2006 saniert.

 

7. Ober die Parallelwege gehen Sie zurück zu der schönen Keramikskulptur am Teich, die einen Faun darstellt. Seitlich am Sockel finden Sie den Namenszug der Firma Gail, der die Skulptur als eigenes Produkt ausweist. Der Entwurf stammt von dem Gießener Architekt und Künstler Hans Meyer.

Die Wasserrinne wird über ein Drainagesystem, welches östlich im Turnerplatzgelände angelegt wurde, gespeist und hatte die Aufgabe, den Teich mit Wasser zu versorgen. Zur Zeit ist jedoch diese Funktion ganzjährig nicht mehr gesichert. Nur nach sehr starken Regenfällen spendet die Drainage noch etwas Wasser.

Nachdem Sie dem Teichhaus einen Besuch abgestattet haben, gehen Sie den Weg unterhalb der Villa weiter und erreichen wieder die Sichtachse zwischen Villa und Keramiktürmchen. Dort haben Sie einen sehr schönen Blick über den Teich, die Insel, zum Turm und in die Landschaft.

Geschickt wurde durch die Stellung des Turms auf eine kleine Anhöhe die angrenzende Bebauung verdeckt. Die bewaldeten Berge im Hintergrund hat man gekonnt in das Parkbild mit einbezogen. Dies ist ein oft verwendeter Kunstgriff der englischen Landschaftsarchitektur, um eine Anlage optisch zu vergrößern. In der Teichmitte ist eine Fontäne in einer Felsengruppe installiert, für die es ursprünglich eine besondere Druckleitung mit elektrischer Pumpe gab.

Die Villa steht als dominierendes Element, leicht erhöht, auf dem oberen Niveau an einer künstlichen Hangkante. Alle Blickachsen, Parkeinbauten und das Wegesystem sind auf sie abgestimmt. An der Fassade des Dachgeschosses sehen Sie schöne Putzmotive mit Tier- und Pflanzendarstellungen. Im Jahr 1948 wurde leider die schöne Klinkerfassade des Erdgeschosses  verändert.

Seit dem Jahr 1896 verfügt die Villa über eine eigene Wasserversorgung. Quellwasser, welches man unterhalb des Ortes Vetzberg am Hang auffing, wurde in einen großen Keramikbehälter auf dem Dachboden gepumpt. Von dort führte man es zu den Bädern und zur Küche. Unter der großen Terrasse westlich der Villa befindet sich eine Zisterne, aus der das Haus zusätzlich mit Wasser versorgt wurde.

 

8. Der Rundweg führt Sie weiter um den Teich nach Westen und zeigt Ihnen stimmungsvolle Bilder, schöne Bäume und Ausstattungsstücke, sowie den Blick zur Insel samt Brücke am gegenüberliegenden Ufer. Ein außergewöhnlicher Platz im Park ist die kleine Halbinsel am Westufer, zu der Sie zum Teich hinab gehen sollten. Mit einer Felswand (Grotte) als Rücken ist hier eine der wärmsten Stellen des Parks angelegt. Sie wurde als Sitzplatz genutzt, auf der man, wie überliefert, gelegentlich am Nachmittag den Tee einnahm. Von diesem Standort aus, tief im Gelände, fast auf Wasserspiegelhöhe, wirkt die Parkanlage in sich geschlossen und sehr prachtvoll. Die umgebende Bebauung ist nicht zu sehen und der Ort Rodheim ist nicht zu spüren. Haben Sie nicht das Gefühl sich in einem weitläufigen Park zu befinden? Dabei ist er nur 2,8 Hektar groß.

 

9. Westlich, oberhalb des Teiches, treffen Sie auf einen Tennisplatz. Er ist mit Sicherheit einer der wenigen in seinen Umrissen noch erhaltenen Plätze aus dem 19 Jahrhundert. In den fünfziger Jahren ist er auf das aktuelle Wettkampfmaß verlängert worden. Dabei wurde eine im Westen angrenzende Schießbahn aufgegeben. Der Platz war bis zum Jahr 1999 noch bespielbar.

 

10. „Die Wege sind die stummen Führer des Spaziergängers und ein Mittel, die einzelnen Szenen in einer bestimmten Reihenfolge und von den vorteilhaftesten Punkten aus zu zeigen” (Gustav Meyer 1859). Ein Musterbeispiel einer Wegeführung nach der Lenne-Meyerschen Schule wurde hier im Rodheimer Park verwirklicht. Alle Wege sind in gezogenen Bögen gestaltet, die vertieft in den Rasenflächen liegen. Jeder mündet am Ende eines Bogens in ein Wegekreuz ein. Am Westrand des Parks treffen sich in vollendeter Ausformung fünf dieser Wege. Besondere Keramikrandsteine aus Gail’scher Fabrikation fassen die Wege.

 

11. Folgen Sie dem Weg hinab in südliche Richtung. Sie erreichen wieder den ältesten Parkteil, der unterhalb des Schweizer Hauses um 1880 entstanden ist. Am Ende des Weges finden Sie separate Sitzplätze. Ein runder kleiner Kiesplatz auf der rechten Seite war einst von fünf Kastanien umstanden. Die sogenannten „Kastanienrondelle” waren seinerzeit ein beliebtes Gestaltungsmotiv. Zu einer Schießanlage westlich des Tennisplatzes gehören ein Sitzplatz mit Bank und Steintisch. Der Hügel diente als Kugelfang. In dem Plan von 1902 kann man diese Anlage links neben dem Tennisplatz erkennen.

 

12. Der Wasserlauf unterhalb des Schweizer Hauses führte ursprünglich bis an die Gießener Straße heran. Er wurde, wie der umgebende Parkteil, als Hochzeitsgeschenk für Minna Mahla vom Kommerzienrat Wilhelm Gail angelegt.

Die Hauptwegeverbindungen im Park bestückte man bereits 1896 mit Mastleuchten. Am Wasserlauf steht eine besonders schöne Leuchte, unter der sich früher ein Sitzplatz befand. Die Ansätze eines Weges, der den Wasserlauf einst begleitete, sind noch zu erkennen.

Als erstes Wohngebäude entstand oberhalb der Fabrik 1880 das Schweizer Haus. Im romantischen Stil ist es auf einer künstlich mit Felsen aufgeschichteten Anhöhe errichtet. Ein Weg und zwei Steintreppen führen von drei Seiten zu ihm hinauf. Das ungeteilte Erdgeschoß diente der Familie Gail als Aufenthaltsraum. Karl, der Vater von Wilhelm Gail, ließ das Schweizer Haus als Hochzeitsgeschenk für seine zweite Frau von dem Gießener Architekten Hugo von Ritgen, der durch den Umbau der Wartburg bekannt geworden ist, erbauen.

 

13. Wir schließen unseren Weg an einem mit Felsen direkt am Teich steil aufgetürmten Aussichtspunkt und haben von hier nun viele vorher einzeln betrachtete Szenen in einem Panoramabild vereint.

 

Ausblick:

Die Charta von Florenz von 1981 (Charta der historischen Gärten) stellt in Artikel 1 fest: „Ein historischer Garten ist ein mit baulichen und pflanzlichen Mitteln geschaffenes Werk, an dem aus historischen oder künstlerischen Gründen öffentliches Interesse besteht. Als solches steht er im Rang eines Denkmal“. Die heutige und die kommenden Generationen haben die Aufgabe und die Verpflichtung solche historischen Denkmale zu erhalten.

Der Rodheimer Park ist zweifelsfrei ein Gartendenkmal, gestaltet nach gartenkünstlerischen Ideen und Gestaltungsprinzipien. Das Ensemble von Villa und Park, in einem einzigartigen modellierten Gelände, stellt ein Gesamtkunstwerk dar. Es ist in großen Teilen noch im Original erhalten. Dies ist nicht nur in Hessen selten.

Der Park wurde am Ende des 19. Jahrhunderts in der zur Neige gehenden Epoche der englischen Landschaftsgärtnerei in Deutschland nach der Lenne-Mayer’schen Schule von den bekannten Frankfurter Gartenarchitekten Heinrich Siesmayer und Andreas Weber geschaffen. Die Besonderheit des Rodheimer Parks liegt in der gekonnten Inszenierung einzelner Parkbilder auf einer kleinen Fläche. Die Raumaufteilung ist so geschickt gewählt, daß der Park wesentlich größer erscheint als er tatsächlich ist.

Klassische Ausdrucksformen, wie der Aufbau von Blickachsen, die Einbeziehung der umgebenden Landschaft und die Einfügung von Parkbauten lassen sich zahlreich finden. Als lebendiges Denkmal, das einer ständigen Veränderung unterliegt, bedarf er einer fortwährenden fachkundigen Pflege, um ihn auf Dauer zu erhalten.

 

Der Freundeskreis Gail’scher Park e. V.

Einigen Bürgern, die im Herbst 1999 die Schönheit und den Wert des Parks erkannten, war sofort klar, dass die Anlage für die Bevölkerung offen stehen sollte und man Sorge dafür zu tragen hatte, den Park in seiner Art zu erhalten. Sie gründeten im August 2000 den „Freundeskreis Gail’scher Park e.V.” mit der Zielsetzung, dieses gartenhistorische Kulturgut zu bewahren, Nutzungen für die Villa zu finden und den Park für die Bevölkerung zugänglich zu machen. Auf Initiative des Freundeskreises wurde der Park sofort in die Liste der unter Denkmalschutz stehenden Objekte aufgenommen. Aufgrund der vom Freundeskreis vorgetragenen Änderungsvorschläge bezüglich der geplanten Neubauten am Schindwasen wurde der Eingriff in den Park vermindert.

 

Mit dem Erwerb des Anwesens durch die Gemeinde Biebertal begann die eigentliche Arbeit des Vereins. Im Zuge der Verkaufsverhandlungen hatte sich der Freundeskreis bereit erklärt die fachliche Begleitung bei der Parksanierung sowie die Organisation der Öffnungszeiten an den Wochenenden zu übernehmen. Durch die intensive Hilfe von Sponsoren konnte der südliche Parkteil durch den Bau eines neuen Eingangs wieder in die Gesamtanlage eingebunden werden.

Der Freundeskreis wurde im Jahre 2000 gegründet. Die intensive Arbeit des Freundeskreises gipfelte im Jahr 2002 nach langen Verhandlungen im Erwerb des Anwesens durch die Gemeinde Biebertal mit gleichzeitiger Verpachtung an die Schunk-Group aus Heuchelheim. Diese ideale Konstellation stellt die Gemeinde frei von finanziellen Belastungen und eröffnet dem Freundeskreis weitreichende Nutzungsmöglichkeiten, fordert aber parallel dazu einen hohen Einsatz zur Sanierung der Parkanlage. So wurden in den Jahren 2004 bis 2006 fast alle Wege mit einem neuen Kiesbelag versehen. Auch konnte der Teich und der Bachlauf am Schweizerhaus sowie das Spielhaus renoviert werden. Vielfältige Neuanpflanzungen rundeten das Bild ab.

Der Bekanntheitsgrad des Gail’schen Parks stieg in den letzen Jahren stetig an, was den vielen ausführlichen Berichten in Presse, Funk und Fernsehen zu verdanken ist. Zu den regulären Öffnungszeiten an den Wochenenden und Feiertagen kommen viele Besucher und erfreuen sich an der Schönheit des Parks. Besuchergruppen aus ganz Deutschland lassen sich von uns fachkundig durch den Garten führen.

Einen großen Anteil am Gelingen der Parkrettung trägt die Gemeinde Biebertal mit ihren politischen Gremien und Entscheidungsträgern. Der ehemaligen Bürgermeisterin Helga Lopez (MdB) kam hier eine tragende Rolle zu.

Neben der Organisation der Öffnungszeiten, die durch „Parkwächter” aus dem Kreis der Mitglieder durchgeführt wird, bietet der Freundeskreis Exkursionen zu Parkanlagen der Region und das Mittsommerfest für die Mitglieder an. Darüber hinaus werden in Zusammenarbeit mit der Kulturinitiative Biebertal und des Rodheimer Heimatvereins kulturellen Veranstaltungen im Park geplant. Die Termine werden in der örtlichen Presse angekündigt oder sind über die Internetadresse des Freundeskreises zu erfahren.

Der Freundeskreis wird getragen von der Arbeit seines Vorstandes und vielen freiwilligen Helfern. Der Mitgliederzuwachs auf aktuell über 450 bestätigt diese Arbeit. Mit der Öffnung Ostern 2004 ist ein Ziel des Freundeskreises erreicht worden. Der Park konnte seither an den Wochenenden besucht werden. Er ist geöffnet vom 1.März bis 31.Oktober, samstags von 14-18 Uhr und sonntags von 10-18 Uhr, sowie vom 1. November bis 29.Februar, sonntags von 13-16 Uhr. An Feiertagen kann er entsprechend der Sonntagsregelung ebenfalls besucht werden. Führungen werden jeweils am ersten Sonntag der Monate März bis November um 14 Uhr angeboten oder können für Gruppen, auch außerhalb der Öffnungszeiten, unter der Tel. Nummer 06409-6347 vereinbart werden.

 

Freundeskreis Gail’scher Park e.V. Karlstraße 20, 35444 Biebertal, Fon: 06409-81070 Fax: 810730 Internet: www.gailscherpark.de

 

Auf Bitten von Herrn Dr. Michael Rumpf-Gail hat der Freundeskreis das Archiv nach Aufzeichnungen und Fotos, die die Geschichte der Fabrik, der Familie Gail und die Entstehung des Parks dokumentieren, durchgesehen. Eine Auswahl der Unterlagen wurde von Herrn Prof. Dr. Hans-Joachim Weimann auf zwei CD-s mit den Titeln: „Tabakrauch und Gartenlust“ und „Reisen von Dr. Georg Gail“ veröffentlicht. Sie können für je 6,00 € frei Haus unter der Telefonnummer 06409 6436 erworben werden.

Im Jahr 2005 hat der Freundeskreis einen Bildband „Der Gail’sche Park“ herausgegeben. Über drei Jahre hat Karlheinz Krahl in unzähligen Besuchen den Gail’schen Park mit seiner Kamera eingefangen. Das Ergebnis ist eine Anzahl von beeindruckenden und stimmungsvollen Fotos. Einleitend wird die tragische Geschichte von Wilhelm und Minna Gail, die diesen Park schufen, erzählt. Der Bildband ist im örtlichen Buchhandel für 15.00 € erhältlich.

Die evangelische Kirche an der Hauptstraße hat einen spätromanischen Chorturm, ein gotisches Schiff und dreiseitige Emporen (17. Jahrhundert) mit Brüstungsmalerei; außerdem gibt es Bildnisgrabsteine.

Wanderung inElvira Klein, Rhein-Main, 285.

 

Ehringshausen

Die Wehrkapelle (Am Kirchberg) wird erstmals im 15. Jahrhundert erwähnt, ein, kubisches Gebäude mit Walmdach, Schießscharten, Gauben mit Uhren, Totenkronen: Heute ist sie Trausaal und Veranstaltungsraum.

 

Katzenfurth: (Strecke Gießen–Siegen)

Für den Urpreußen Bismarck waren es schlicht „die besten Deutschen”, jene französischen Glaubensflüchtlinge, die seit Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 zu Tausenden nach Deutschland kamen. Neben Preußen profitierten vom Zuzug besonders die hessischen Landgrafschaften Kassel und Darmstadt, daneben aber auch kleinere Fürstentümer wie die Grafschaft Solms-Greifenstein. Hier, in der Region zwischen Wetzlar und Herborn, erinnert man jetzt mit einem „Hugenotten-Wanderweg“ an die halb realen, halb legendenhaften Ereignisse bei der Ansiedlung von 445 französischen Protestanten durch den Solmser Grafen Wilhelm-Moritz.

Der Überlieferung nach soll der Fürst die aus der Dauphine stammende Flüchtlingsgruppe an einer Quelle im Wald, später „Welscherborn“ genannt, entdeckt und großherzig aufgenommen haben. Angesiedelt wurden die Hugenotten im Dörfchen Daubhausen; außerdem übergab Wilhelm-Moritz den fleißigen Handwerkern und Händlern noch seinen Meierhof, um den 1690 das Dorf Greifenthal entstand. Diese Stationen - Welscherborn, Daubhausen, Greifenthal - umklammert der Hugenottenweg bis hinauf zur weithin sichtbaren Burgruine Greifenstein mit dem Deutschen Glockenmuseum.

Wanderung in Elvira Klein, Rhein-Main, 289.

 

 

Edingen

Der in 1341 erstmals erwähnte Edinger Hof wurde in 1629 von den Grafen von Solms erbaut. Er war über lange Zeit Sitz des Vogtgerichts, welches zweimal im Jahr tagte. Graf Ludwig zu Solms-Greifenstein nahm hier nach seiner Heirat in 1656 seinen Wohnsitz und Graf Wilhelm weilte als Kind oft hier in Edingen bei seiner Tante, der Gräfin Anna Maria. Nach dem Tode Graf Ludwigs (1679) wurde der Hof neu aufgebaut (1681).und das Herrschaftshaus in 1733 total verändert. In 1726 ging der Hof in den Besitz der Gräfin Amalia über. Zum Hof gehörten damals neben landwirtschaftlichen Gebäuden auch ein Brau- und  Brennhaus, sowie ein Lustgarten. Ab 1750 war das Hofgut verpachtet.

Dem Pächter Heinrich Schäfer wurde 1881 die Konzession einer Gastwirtschaft „Solmser Hof“ erteilt, die sich heute noch in dem ehemaligen Herrschaftshaus befindet. Nach dem Ersten Weltkrieg löste der Fürst von Solms-Braunfels das Hofgut auf. In 1922  erwarben drei Edinger Familien die Hof- und  Gebäudeflächen für 245.000 Reichsmark und teilten sie unter sich auf. Ein Modell steht im Glockenmuseum Greifenstein.

 

Dünsberg                                                                                      

Am Südkreuz Gießen auf B 29, Anschlußstelle Wettenberg, geradeaus nach Wettenberg (Datei „ Krofdorf-Gleiberg“), am nördlichen Ende von Krofdorf Richtung Salzböden links ab, etwa einen Kilometer zum Fohnbachtal, von dort wieder direkt in den Ort, an der Kirche rechts, an Vetzberg vorbei  nach Biebertal-Rodheim (Datei „Biebertal“). Von Biebertal-Rodheim fährt man über Fellinghausen und dann an der Gabelung links zum Parkplatz Dünsberg auf der linken Seite.

 

Führungsblatt 60

Weithin das Umland beherrschend, erhebt sich im Gladenbacher Bergland als Ausläufer des Westerwaldes die mächtige Kuppe des Dünsbergs. Aufge­baut aus Kieselschiefern des Kulm, überragt er mit seiner Höhe von fast 500 Metern die Siedlungslandschaft des Marburg-Gießener Lahntals. Der An­blick dieses großartigen Berges, seine natürlichen Gegebenheiten machen verständlich, daß er zu verschiedenen Zeiten der Vor- und Frühgeschichte als naturbestimmter zentraler Ort besiedelt und befestigt wurde.

Am nordwestlichen Rand des Gießener Beckens, am Übergang zu den Ausläufern des Rothaargebirges liegt der Dünsberg in der Gemeinde Biebertal. Mit seiner Höhe von 499 Meter dominiert der kegelförmige Berg die Region Mittelhessen. Der Anblick dieses großartigen Berges und seiner natürlichen Gegebenheiten machen verständlich, dass er zu verschiedenen Zeiten der Vor- und Frühgeschichte als naturbestimmter zentraler Ort besiedelt und befestigt worden ist.

 

Um den Berg ranken sich viele Sagen. Denn auf dem 498 Meter hohen Dünsberg bei Bibertal (Kreis Gießen) lag einst eine der bedeutendsten spätkeltischen Siedlungen: ein Oppidum, eine befestigte, stadtartige Anlage, die ihre größte Ausdehnung vermutlich im letzten Jahr hundert vor Christus hatte. Auf dem rund 90 Hektar großen Areal mit drei Befestigungswällen und 14 Toren lebten mehrere tausend Einwohner - für die damalige Zeit großstädtische Verhältnisse.

Das Oppidum lag nahe an der Grenze, bis zu der die Römer in Germanen vordringen konnten. Und so wird zum Beispiel überliefert, dass sich Germanen und Römer im „Dünsbergrund“ im oberen Biebertal, eine gewaltige Schlacht lieferten. Zwar seien die Römer zu Beginn des Kampfs zahlenmäßig überlegen gewesen, doch die germanischen Krieger hätten kurz vor der Niederlage Verstärkung bekommen und deshalb die römische Armee besiegen können. Seitdem werde das ehemalige Schlachtfeld Todmal und der Hügel, von dem die Verstärkung kam, Helfholz genannt. In jedem Fall ist die Siedlung die einzige bekannte keltische Befestigung, die bis zum kulturellen Umbruch zur römischen Kaiserzeit existierte. Vermutet wird heute, daß die Kelten im Jahre zehn vor Christus hier ihre letzte Schlacht gegen den aus Main anrückenden Feldherren Drusus geschlagen haben.

Seit drei Jahren wird mit groß angelegten Ausgrabungen auf dem Dünsberg den Spuren der Kelten nachgeforscht. Die Ergebnisse der Grabungen sind seit September in Wetzlar dokumentiert. In der Ausstellung „Dünsberg - Keltenmetropole an der Lahn“ werden rund 150 ausgewählte und restaurierte Fundstücke sowie Leihgaben aus ganz Deutschland gezeigt. Darunter sind Werkzeuge, Schmuck und Waffen von Römern und Kelten. Rekonstruktionen, Videofilme und Computerpräsentationen geben außerdem einen Einblick in das Alltagsleben der Kelten.

Die Ausstellung soll nicht nur eine Bestandsaufnahhme dessen sein, was wir inzwischen vom Dünsberg aus keltischer Zeit wissen, sagte Kurator Christoph Schlott von Terra Incognita (Institut für kulturgeschichtliche Medien in Frankfurt) bei der Eröffnung. Sie solle vielmehr neugierig machen auf eine verlorene Welt, die genau da vor mehr als 2000 Jahren existierte, wo heute Wälder stehen oder sich Neubaugebiete erstrecken. Ein Konzept, das in Wetzlar wohl aufgegangen ist. Mit bislang rund 3900 Besuchern seit September ist die Ausstellung laut der Wetzlarer Stadtverwaltung ein voller Erfolg.

Die Ausstellung im Stadt- und Industriemuseum Wetzlar (Lottestraße 8-10) ist täglich außer Montag von 10 bis 13 und von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen können unter Telefon 06441/99269 vereinbart werden. Eintritt 3 Mark Die ausstellungsbegleitende Dünsberg-Illustrierte kostet 7,80 Mark

 

Anders als die keltischen Ringwälle am Altkönig im Tau­nus oder dem pfälzischen Donnersberg wurde die Anlage auf dem Dünsberg früher nie eingehend erforscht. Dabei wird das Verteidigungssystem als noch bedeutsamer angesehen, und das nicht nur, weil hier, anstatt der üblichen zwei, ein dritter Ringwall mit einem Durchmesser von mehr als einem Kilometer den Gip­fel umzieht. Vor allem gilt das darin liegende Oppidum als die einzige rechtsrheinische Siedlung der Kelten, die so lange bestand, daß deren Bewohner in unmittelbaren Kontakt mit den Römern kamen.

Diese Annahme konnte durch archäologische Funde in der näheren Umgebung untermauert werden, so mit dem erst kürzlich freigelegten, fünf Kilometer entfernten römischen Lager bei Lahnau-Waldgirmes. Letzte Zweifel beseitigten die von der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts veranlaßten Grabungen. Dabei konnten zahlreiche Funde wie Lanzenspitzen, Schildbeschlä­ge oder Reste eines Pferdegeschirrs gesichert werden. Alles deutet auf einen militärischen Zusammenstoß zwischen Römern und Kelten.

Dort oben sie­delten auf 90 Hektar Kelten hinter ‑ noch teilweise erhaltenen ‑ Ringwällen. Drei Wall­ringe, die Überreste verfallener Mauern, umziehen den Berg, jeweils in etwa den Höhenlinien folgend. Ihre Ausmaße und die Gesamtausdehnung der Anlage, de­ren äußerer Wall die Fläche von über 90 Hektar umschließt, , zeigen deutlich, daß wir hier vor einem der eindrucksvollsten Denkmäler hessischer und mittel­europäischer Vorzeit stehen.

Es ist im einzelnen noch nicht erforscht, wie die Mauern des Dünsbergs konstruiert waren.

Auf jeden Fall waren sie Holz-Stein-Erde-Mauern mit tragendem Pfosten-Balken-Gerüst, Verblendung der Front oder der Fronten mit Trockenmauern und Füllung des Mauerkörpers oder Aufschüttung einer Rampe mit Steinen und Erde.

Sicher waren sie im Lauf der Jahrhunderte von der späten Bronzezeit im 8. Jahrhundert vChr über die spätkeltische Zeit im 2./1. Jahrhundert vChr bis in alamannische Zeit im 5. Jahrhundert nChr in verschiedener Art, jeweils nach dem Stand der Wehrtechnik gebaut. Für den Zeitraum der größten Ausdehnung und Blüte der Bergbefestigung, das spätkeltische Oppidum, ist eine sogenannte Pfostenschlitzmauer (Typ Kel­heim) anzunehmen und nach den neuesten Grabungen für den äußeren Wall nachgewiesen. Sie bestand aus mächtigen Pfosten, eigentlich großen Baum­stämmen, die im Abstand von 1,50-3,00 Meter in den Boden gesetzt waren. Die Zwischenräume waren mit als Trockenmauer aufgesetzten Bruchsteinen ausgefüllt und dahinter eine breite Erdrampe angeschüttet, davor lag ein Graben.

Auf dem Dünsberg liegt ein spätkeltisches Oppidum, eine jener großen stadtartigen Anlagen der keltischen Welt, die Hauptorte von Stämmen oder Stammesteilen waren und in denen sich Ver­waltung, Handel, Münzprägung, Gewerbe wie auch Kult und Religion konzentrierten. Von der Innenbesiedlung zeugen in großer Zahl künstliche Verebnungen an den Hängen (Podien), auf denen Baulichkeiten standen. Mit dem äußeren Wall hat sich die um mauerte Fläche gegenüber den älteren Burgen fast verdreifacht, einbezogen sind jetzt die Bergausläufer des Kleinen Dünsbergs im Nordwesten und vielleicht - unfertig geblieben - des Hinteren Bulenkopfes im Südwesten.

Es gab etwa 1.000 Wohnpodien (kleine eingeebnete Fläche an den Berghängen), die auf eine Einwohnerzahl von mehr als 1.000 Menschen bis hin zu 10.000 schließen lassen. Das Kerngerüst der Häuser bestand aus mächtigen Holzpfosten, die in den Boden eingegraben wurden. Die Löcher haben sich als Erdverfärbungen im Boden erhalten. Am Ostsporn wurden Pfostenlöcher mit einem Abstand von 2,50 x 2,50 Meter gefunden. Ein solches Lagerhaus wurde im sogenannten „Keltenhof“ rekonstruiert.

 

Am Parkplatz geht man durch ein nachgebautes keltisches Tor, das vom Dünsberg-Verein mit finanzieller Förderung durch das Land Hessen und die Gemeinde Biebertal errichtet wurde. Das Keltentor ist die freie Rekonstruktion eines Tangentialtores unter Berücksichtigung aktueller Ausgrabungsergebnisse von Tor 4. Neben dem touristischen Aspekt sieht der Dünsberg-Verein das Tangentialtor als Beitrag, die Leistung der damaligen Bewohner und die historische Bedeutung des Dünsbergs einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Oberhalb steht der Keltenhof mit vielen Informationen zum Dünsberg und zum Leben der Kelten. Dann geht es immer auf der geteerten Straße weiter, die hier auch archäölogischer Rundweg und Kunstweg ist.

Durch den Archäologischen Wanderweg wird eines der eindrucksvollsten Denkmäler hessischer und mitteleuropäischer Vorzeit erschlossen. Im Jahre 1986 ist dieser Rundwanderweg vom Dünsberg-Verein in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen, dem Forstamt Biebertal und der Gemeinde Biebertal eingerichtet worden. Unter dem Stichwort „Celtic Art“ haben 2002 die Revierförsterei Königsberg und der Dünsberg-Verein einen Skulpturenweg entlang des Archäologischen Wanderweges angelegt.

 

Das erste Ziel ist der Schulborn, für den schon eine Anbindung an die frühlatènezeitliche Befestigung des mittleren Walles ver­mutet werden kann. Der Schulborn (sul = Lache) ist eine der beiden großen Wasserstellen innerhalb des befestigten Bereichs. Er liegt jetzt in einer winkligen Ausbiegung des äußeren Walles. Grabungen in dem Wasserreservoir erbrachten den Nachweis eines aus Holz sorgfältig gebauten großen Wasserreservoirs von 13,08-13,50 Meter Länge und 4,20-4,55 Meter Breite, das ein älteres kleineres Bassin und verschiedene Brunnenschächte überlagerte. . Die Wände dieses Beckens bestanden aus Pfosten und Bohlen, wobei die Bohlen in Falze in die Pfosten eingelassen waren.

 

Hier am Schulborn trifft man auf den äußeren Ringwall. Er wurde in der Mittellatènezeit (Mitte des 2./1. Jahrhundert vChr.) begonnen und in der Spätlatène­zeit vollendet. Die Datierung erfolgt nach Ausdehnung, Funden und den typischen Zangentoren.

An Tor 7 ist die Zangenform nur noch undeutlich zu erkennen. Tor 7 ist wahrscheinlich eines der für die befestigten Anlagen der Spätlatènezeit typischen Zangentore. An dieser Stelle biegt der Wall nach Nordwesten aus, um den Kleinen. Dünsberg in die Befestigung einzuschließen. Ein „Strahlenwall“ begleitet die Mauer eine weite Strecke und zieht nach Norden tief den Berg hinab.

Hier beginnt der Aufstieg zum mittleren Wall, der bei der Erläuterungstafel gekreuzt wird. Am Steilhang des Berges ist die Befestigungslinie meist nicht mehr als Wall erhalten, sondern nur noch als Terrasse sichtbar, auf der heute teilweise Wege verlaufen. Im Schnitt dicht nördlich dieser Stelle findet sich dafür ein deutliches Beispiel. Ob der Mauer an den Steilhängen ebenfalls ein Graben vorgelagert war, ist nicht sicher.

Der Befund östlich von Tor 8 (das man auf dem Rundweg nicht erreicht) mit dem talwärts zielenden Wall legt nahe, daß die Quelle des Schulborns durch später wieder aufgegebene Annexwälle in die Befestigung des mittleren Walles einbezogen war, wie es von anderen zeitgleichen Beispielen bekannt ist. Der Bau dieses Wallringes erfolgte viel­leicht in der Späthallstatt-Frühlatènezeit um 500 v.Chr., die mit den frühen Kelten zu verbinden ist; allerdings liegen nur wenige Funde dieser Zeit vor. Sicher bestand er in der entwickelten Frühlatènezeit am Ende des 4./Beginn des 3. Jahrhunderts v.Chr., aus der vom ummauerten Ostsporn des Berges die meisten Funde stammen.

Auf der Höhe von Tor 13 sieht man dann schon den inneren Ring. Dieser im Oval die Bergkuppe umziehende Wall ist wahrscheinlich erstmals in der späten Bronzezeit, der Urnenfelderzeit im 5. Jahrhundert v.Chr., in unbekannter Bauweise angelegt und später immer wieder erneuert und ausgebaut worden. Starke Brandspuren zeigen, daß in ihm mehr Holzwerk verbaut wurde, als für eine Pfostenschlitzmauer notwendig wäre. Auf­fällig ist der kräftige Materialgraben hinter dem Wall, aus dem Erde und Steine für den Mauerbau entnommen wurden.

Der Ring ist besonders gut zu erkenn, wo ihn die Teerstraße schneidet. Diese führt dann im Bogen auf den Gipfel. Links sieht man den Fernsehturm, rechts eine Lichtung mit Liegestühlen und schöner Aussicht. Das letzte Stück geht man direkt zum Plateau mit Tischen und Bänken und einem kleinen Spielplatz. Der Kiosk ist Mittwoch, Samstag und Sonntag geöffnet und bietet auch Speisen an. Auf den alten Aussichtsturm kann man hinaufsteigen (rund 80 Stufen zur unteren Plattform) und hat eine herrliche Rundumsicht.

 

Beim Abstieg geht man den Fußweg direkt hinunter zum inneren Ring mit Tor 12. Hier kann man besonders gut sehen, daß der innere Wall eine sechs bis acht Meter hohe Außenböschung hat. Das Tor ist wie die meisten Tore der anderen Wälle ein sogenanntes „Tangentialtor“ mit gegeneinander ver­setzten Wall-Enden. Man geht (oberhalb) am Wall entlang und kommt zum zweiten  Tor des inneren Walls, dem Tangentialtor 13. 
Es geht hinunter zur Teerstraße, die gekreuzt wird. Der Weg führt hinunter zu Tor 14 oberhalb des mittleren Walls. Dieser scheint ursprünglich wie der innere ein geschlossenes Oval gebildet zu haben. Darauf deutet ein Wallrest im Nordosten mit dem Tangentialtor 14 hin. Erst zu einer späteren Zeit ist dann offenbar der weit vorspringende Ostsporn umschlossen und die Wallführung verändert wor­den.

Der mittlere Wall umschließt in diesem Bereich den nach Osten ragenden Geländeporn mit Tor 9. Von einer älteren Mauerführung stammt offenbar das hier liegende Wallstück mit Tor 14.

Auf dem Geländesporn wurden vor allem Fundstücke aus spätrömischer und frühgeschichtlicher Zeit gefunden. Danach hatte der Dünsberg auch zu diesen Zeiten noch Bedeutung als Mittelpunkt für das Umland und trug wahrscheinlich eine alamannische Gauburg als Sitz eines Kleinfürsten.

 

Etwas weiter unten (zweimal rechts gehen) trifft man auf den mittleren Wall. Er liegt tiefer am Berg und führt teilweise an Steilhän­gen. Hier sind die Mauerreste abgestürzt und der Wall ist nur noch als Terrasse erhalten. An diesem Wall geht man nun auf der Fortstraße abwärts.

Man kommt zu Tor 10 und Tor 11. Der Weg macht jetzt eine starke Linkskurve zum Tor 5. Von hier könnte man noch einen Abstecher zu Tor 6 (einem Zangentor) und zur Quelle am hinteren Eulenkopf machen. Diese dritte, heute hangabwärts verlagerte Quelle lag vor Tor 6 hinter dem Strahlenwall bzw. dem zum Hinteren Eulenkopf führenden Wall. Wieweit sie in die Befestigung eingebunden war, ist noch unklar. Man kann diese Stelle aber auch auslassen.

Der Weg führt dann weiter zu Tor 4 (ein Zangentor) und Tor 3. Von dort geht man hinunter zum Grinchesweiher. Am Grinchesweiher wurde ein noch größe­res Reservoir als am Schulborn angegraben. Hier sieht man schon im Verlauf der Annexwälle, die die Quelle einschließen, zwei Bauperioden. Ein älterer Annex setzt nörd­lich von Tor 3 an und führt in rechtem Winkel nach Norden zum Wall zurück. Er wird überlagert und abgeschnitten von einem jüngeren Annex, der in sanf­tem Bogen dem Wall vorgelagert ist und zu dem Tor 3 den Zugang bildete. Man kann aber auch geradeaus weiter gehen und dann wieder hinunter zum Parkplatz (zum Tor 2 und 1 kommt man dann nicht, sonst müßte man noch einmal zum Schulborn gehen).

 

Ungeklärt in ihrer Bedeutung sind die sogenannten Strahlenwälle, die vorzugsweise vor den Toren ansetzen und den Berghang hinunterziehen. Sie können nicht sämtlich dazu gedient haben, weitere Geländeteile der Befestigung hinzuzufügen - wie es noch für einen Wall (oder Ackerrain?) vermutet wird, der östlich von Tor 4 abgeht und zum südlichen Sporn mit Geschützständen aus dem Siebenjährigen Krieg (1756-63) hinführt. Eine abgeschlossene, noch nicht bearbeitete Neuvermessung wird hier vielleicht Klärung bringen.

 

Überblicken wir die Geschichte des Dünsbergs, so reichen einige steinzeit­liche Funde - darunter eine Scherbe der Michelsberger Kultur - und ein Radnadelfragment der Hügelgräberbronzezeit nicht aus, um für diese Zeiten eine dauerhafte Besiedlung anzunehmen. Das Gipfelplateau wird in der Ur­nenfelderzeit besiedelt und wohl auch befestigt. Eine Befestigung der Spät­hallstatt-Frühlatènezeit ist höchstens zu vermuten, vielleicht schon mit der älteren Wallführung des mittleren Ringes.

Bronzezeitliche Burg?

Im Jahre 1999 hat die Römisch-Germanische Kommission Frankfurt am Main mit Ausgrabungen an Tor 4 begonnen. Vielfältige Funde von keltischen und teilweise auch römischen Waffen und Gegenständen erschließen bessere Kenntnisse zur Geschichte des Dünsbergs. Trotz der Forschungen gerade in den letzten Jahren hält unsere Kenntnis unserer Bewunderung allerdings kaum Schritt.

Grabhügel am Südhang des Dünsbergs und einzelne Funde aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit deuten darauf hin, dass schon vor den Kelten Menschen in irgendeiner Form den Berg nutzten.

Doch erst im 8. Jahrhundert vChr, am Ende der Bronzezeit, entstand auf der Bergkuppe anscheinend eine Art Burganlage. Zumindest wird das aus Keramik- und Metallfunden geschlossen. Die besondere Erhaltung des obersten Walls mit seiner heutigen Höhe von bis zu 10 Metern und relativ viele Reste verbrannten Holzes sind Indizien für eine massive und       wuchtige Holz-Erde-Verbauung.

Wer jedoch die Erbauer waren, wissen wir nicht - frühe Kelten?

 

Von der Höhenburg zum Oppidum

Die Datierung des mittleren Walles ist ungewiss. Der Bau erfolgte vielleicht in der Späthallstatt-/Frühlatènezeit um etwa 500 vChr, allerdings liegen nur wenige Funde dieser Zeit vor. Möglicherweise bestand er bereits am Ende des 4./ Beginn des 3. Jahrhunderts vChr, sicher jedoch im 2. Jahrhundert vChr, aus welchem der Ostsporn die meisten Funde geliefert hat.

Seit dieser Zeit ist der Dünsberg eine keltische Stadtanlage.

Etwa gleichzeitig werden auch andere Berge im Lahn-Dill-Gebiet mit Befestigungen versehen. Eine keltische Regionalkultur bildet sich heraus - wahrscheinlicher Hintergrund: Örtlicher Eisenerzabbau und -verhüttung.

Mit dem Bau des untersten Walles in der Mittellatènezeit etwa um 100 vChr vollzog sich vermutlich die Vergrößerung der Siedlung zum „Oppidum“. Mehrere tausend Fundstücke sind Indizien für eine deutliche Zunahme der Bevölkerung.

 

Landwirtschaft, Handwerk, Handel

Das Oppidum auf dem Dünsberg war eine Stadt der Bauern. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebte vermutlich als Selbstversorger mit geringen Überschüssen, so dass davon die Handwerker „bezahlt“ werden konnten. Trotzdem dürften in der Blütezeit Bauernhöfe der Umgebung zugeliefert haben.

Die Gesellschaft der Kelten war also eine agrarische Gesellschaft. Pflugschare, Hacken und Sensen aus Eisen, die am Berg gefunden wurden, sind dafür direkte Beweise. Die Felder trugen vermutlich vor allem Gerste, seltener Emmer und Hirse.

A1s Nutztiere für die Versorgung I Fleisch, Horn und Leder wurden vor allem Rinder, Schweine,  Schafe und Ziegen gehalten. Das legt auch das Grabungsergebnis aus anderen keltischen Städten nahe.

Viele Tätigkeiten, die heute als „Beruf“ etabliert sind, waren in keltischer Zeit „Hausfrauen- oder Hausmannsarbeit“, da sie von Jedermann und mit leicht zu beschaffenden Materialien ausgeführt werden konnten: Weben, spinnen, nähen, Möbel bauen, Schuhe anfertigen, Jagdwaffen herstellen, jagen, schlachten.

Arbeiten, die vor allem mit einer aufwendigen Technik und einer besonders schwierigen Rohstofflage zusammenhingen, erforderten schon in keltischer Zeit professionelle Handwerker: Schmiedearbeiten (Eisen, Bronze, Silber, Gold), Töpferei, Schmuck- und Geräteherstellung, Schnitzarbeiten, Köhler, Emmailleure.

Rund 300 Münzen sind vom Dünsberg aus unterschiedlichen Herkunftsgebieten bekannt. Sie bestätigen, dass bereits in vorrömischer Zelt die einheimischen Kelten Geldwirtschaft mit Gold-, Silber- und Kupfermünzen und damit auch Handel betrieben. Anhand der Münzfunde lassen sich Handelskontakte nach Süddeutschland, nach Böhmen, sowie Mittel- und Nordfrankreich, aber auch in das nähere Umfeld des Dünsbergs, z.B. das Heidetränk-Oppidum im Taunus belegen. Was hatte der Dünsberg als Handelsgut zu bieten? Wahrscheinlich Felle, Leder, Roheisen.

 

Eisenland am Dünsberg

Seit mehr als 2000 Jahren bildet der heimische Raum eines der bedeutendsten Montanzentren im Lahn-Dill-Gebiet. Am südlichen und westli8chen Fuß des Dünsbergs und in den angrenzenden Hügeln befinden sich reiche Eisenerzvorkommen. Der Abbau des Eisenerzes erfolgte vermutlich im Tagebau. In „Rennnöfen“ wurde das Eisenerz geschmolzen und anschließend zu Barren verarbeitet. Spezielle Essenschmiede übernahmen danach die Weiterverarbeitung. Zum Schmelzen des Erzes waren große Mengen Holzkohle erforderlich, die Köhler in Kohlenmeilern erzeugten.

Da das Ganze eine „feuergefährliche“ Angelegenheit und auch mit Geruchsbelästigungen verbunden war, ist davon auszugehen, dass die Köhlerei und die Schmelze außerhalb der Höhensiedlung in einiger Entfernung von den Wohnhäusern stattfand.

Die Weiterverarbeitung, also das Schmieden des Eisens, könnte durchaus dann ein „innerstädtisches“ Handwerk gewesen sein.

Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte die Erzgewinnung im Umfeld des Dünsbergs eine erneute Blüte. Elsenerzgruben wie „Elennore”, „Elisabeth”, „Königsberg”, „Abendstern“, „Morgenstern” und „Friedberg”, letztere in unmittelbarer Nähe des heutigen Hotels „Keltentor“ bei Fellingshausen stellen für erfolgreiche einhundert Jahre heimischer Industriegeschichte. Im Jahre 1963 wurde die letzte Schicht in der Grube „Königsberg“ gefahren.

 

Mit der entwickelten Frühlatènezeit (Latène B 2) setzt jedenfalls eine dichtere Besiedelung ein und der mittlere Wall hat zu dieser Zeit sicher bestanden. Ob eine Siedlungskontinuität zum Oppidum der Mittel-Spätlatènezeit (Latène C 2-D 2) vorhanden oder dies eine Neugründung war, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen.

Das Ende des Oppidums dürfte nach zahlreichen neuen Funden mit einer Zerstörung durch römische Truppen wahrscheinlich bei einem Feldzug des Drusus in den Jahren 10/9 v.Chr. gekommen sein. Nach der vernichtenden Varusschlacht haben sich, vermuten die Wissenschaftler, die Römer auf ihre ausgebauten Linien zurückgezogen. Einer Bedrohung ihrer Vorposten wie bei Waldgirmes wurde mög­licherweise präventiv begegnet. Ein direkter Zusammen­hang mit den neu entdeckten römischen Anlagen im Lahntal aus - späterer - augusteischer Zeit ist allerdings derzeit nicht zu belegen (Waldgirmes). Jedenfalls spielte entgegen älterer Meinung der Berg, als fast 100 Jahre später unter Domitian der Wetteraulimes ange­legt wurde, schon lange keine Rolle mehr. Auch nach dem Limesbau duldeten die Römer keine Besiedlung mehr am Dünsberg. Das Oppidum verfiel. Sicher ist, dass das Oppidum zur Zeit des Römerlagers in Dorlar und des Römerforums in Waldgirmes, also seit 10 v. Chr., keine für die Römer gefährliche Bedeutung mehr hatte.

Noch einmal ins Licht der Geschichte tritt der Dünsberg in spätrömischer Zeit, als nach dem Fall des Limes um 260 n.Chr. die Alamannen im Lauf der Jahrzehnte das Land besiedelten. Dichte Fundstreuung auf dem Ostsporn spricht für eine alamannische Gauburg des 4./5. Jahrhunderts, den Sitz eines Kleinkönigs, die mit dem Ausgreifen der fränkischen Macht um 500 ihr Ende fand. Einige merowingerzeitliche Funde des 7. Jahrhunderts lassen sich in ihrer Bedeutung für die Geschichte des Berges noch nicht abschätzen.

 

Auf der Straße geht es dann weiter nach Frankenbach, links ab nach Erda, wieder links ab nach Hohensolms. Die Zufahrt zum alten Otsteil ist gleich am Ortseingang links zur Evangelischen Jugendburg. Nach dem Ort geht es wieder links ab nach Bieber und dann entweder über Waldgirmes (Datei „Waldgirmes“) weiter oder direkt nach Wettenberg und zum Gießener Ring oder über Dorlar, Atzbach (Achtung: nicht nach Kinzenbach), Heuchelheim Autobahn.

 

 

 

Burg Greifenstein (bei Wetzlar):

Die Anfahrt erfolgt über die A 45 (Sauerlandlinie) bis Abfahrt Ehringshausen. Im Ort geht es nach rechts ihn Richtung Edingen. Westlich liegen die Hugenottendörfer Daubhausen und Greifenthal (siehe Ehringshausen). Von Edingen (Datei „Edingen“) geht es nach Greifenstein. Im Ort geht es nach links in die Straße „Lustgarten“ zu einem Parkplatz unmittelbar unter der Burg.

 

Burgruine Greifenstein ist die bedeutendste Wehranlage im Westerwald. Bewohnt war die Anlage bereits im 12. Jahrhundert. Erhalten ist die aus zwei gleich hohen Türmen bestehende Schildmauer: Um die Kernburg gibt es einen inneren Bering mit mehreren Ecktürmen (13. Jahrhundert). Der äußere Bering (1447–80) ist versehen mit Eck-, Tor- und Batterietürmen (1610–20), besonders die „Roßmühle“. Dort ist auch das Deutsche Glockenmuseum, dessen Gründung angeregt durch Glockengießerei Rincker im nahen Sinn.

Unter den rund 280 Burgen und Burgruinen Hessens nimmt Greifenstein eine in jeder Hinsicht herausragende Stellung ein. Die durch eine hohe Steinmauer verbundenen Doppeltürme - der eine mit Kuppel. der andere spitzhelmig - beherrschen weithin sichtbar das Dillbergland nordwestlich von Wetzlar. Schon auf der Autobahn 45 in Fahrtrichtung Norden kommen linker Hand die Zwillingstürme ins Blickfeld. Von jenem. den man besteigen kann, wie von der Burgterrasse und den Mauerumgängen bieten sich hervorragende Aussichten auf die Umgebung.

Das Bauwerk mit den 5,70 Meter dicken Wänden und dem  Geschützturm war Unterkunft  der Truppen der Solms-Braunfelser Grafen. Ihr rührigster Graf Wilhelm I., hatte sie im frühen 17. Jahrhundert gleichermaßen zu einem stattlichen Schloß mit hohen Fachwerkaufbauten, wie sie Merian auf einem Stich überlieferte, und zu einer uneinnehmbaren Festung erweitert. Gesichert wurde die Anlage durch gewaltige, teilweise erhaltene Geschützbastionen mit bis zu sieben Meter dicken Mauern.

Im Jahre 1673 belagerten die Franzosen die Burg. Die Sage erzählt, daß der Burgherr, Graf Wilhelm, dem Belagerer, Marschall Turenne, eine Wette anbot. Die Burg werde an ihn übergeben, wenn er an jedem Tor der Burg einen Krug Wein leere. Der Franzose wußte nicht, daß die wehrhafte Burg 20 Tore hatte. So geht noch heute der Spruch im Westerwald um: „O Greifen- stein, du edles Haus, nüchtern hinein, betrunken heraus“.

Später verfiel die Burg und erst in unserer Zeit wurde der Baubestand konserviert. Heute kann die Anlage in vielen Teilen besichtigt werden. Sehenswert ist vor allem die Schloßkirche, die aus zwei übereinanderliegenden Gotteshäusern besteht: Gotisch das untere, barock reich ausgestattet das obere vom Ende des 17. Jahrhunderts. Die beiden Bergfriede sind das Wahrzeichen der Burg. Der 1384 erbaute Nassauer Turm und der spitzbehelmte Bruderturm von 1390 mit dem Greifen auf der Turmspitze.

In der Burg befindet sich das Deutsche Glockenmuseum, das über 40 sehr wertvolle Glocken zeigt, deren älteste aus der Zeit um 1200 stammt. Im Ort kann ein Burg- und Dorfmuseum besichtigt werden.

 

Historischer Überblick:

1208 wird erstmals in Urkunden ein „Crafto“ von Greifenstein erwähnt.

1280  Erste Zerstörung der Burg durch die Grafen Otto von Nassau-Dillenburg und Heinrich von Solms-Burgsolms.

1298  Zweite Zerstörung, veranlasst durch König Adolf von Nassau, durch den Wetterauer Städtebund und die Grafen von Nassau und Solms.

1322 König Ludwig der Bayer belehnt Gottfried von Sayn mit dem Burgberg und erteilt Stadtrechte für Greifenstein.

1381 Nassauer und Solmser bauen den Greifenstein wieder auf, nach festungsartigem Ausbau uneinnehmbar

1432 Greifenstein wird alleiniger Besitz der Grafen zu Solms-Braunfels und wird nun von dort aus verwaltet.

1593 Witwensitz der Gräfin Elisabeth zu Solms-Braunfels, Schwester Wilhelms von Oranien.

1602 Bruderteilung im Haus Solms-Braunfels. Graf Wilhelm I., der Festungsbauer, macht Greifenstein zu seiner Residenz (selbstständige Grafschaft).

1643 Die Greifensteiner erhalten durch Graf Wilhelm II. einen Freiheitsbrief.

1685 Aufnahme und Ansiedlung von Hugenotten durch Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein in Daubhausen und Greifenthal.

1693 Die Solms-Braunfelser Linie stirbt aus. Das Erbe fällt an Graf Wilhelm Moritz. Er verlegt seinen Hof nach Braunfels. Greifenstein ist unbewohnt und zerfällt.

1969 Übergabe der Burgruine an den am 12.12.1969 gegründeten Greifenstein-Verein e.V. durch Schenkung des letzten Fürsten zu Solms-Braunfels, vertreten durch Hans Georg Graf von Oppersdorff.

1974 Erwerb des Hauses „Äußere Talpforte“ und Einrichtung des Burg- und Ortsmuseums.

1984 Sammlung historischer Glocken in der Rossmühle und Übergabe als „Stiftung Deutsches Glockenmuseum“.

1985 Verleihung der Silbernen Halbkugel durch das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz.

1987 Kauf des 350jährigen Bott’schen Hauses. Ausbau zum Archiv- und Seminargebäude des Greifenstein-Verein e.V. und des Deutschen Glockenmuseums.

1995 Burg Greifenstein, ein Denkmal von nationaler Bedeutung.

 

Rundgang:

Durch die Äußere Befestigung kommt man in den großen Burgbezirk mit vielen Wohnhäusern. Links steht in der Talstraße die „Äußere Talpforte“ mit dem Burg- und Ortsmuseum.

Unten am Aufgang der Burg rechts steht das Bollwerk „Der Drache“ (Nr. 19 des Burgführers). Es ist ein 1479 errichteter Geschützturm. Das untere Geschoss mit Maulscharten ist erhalten. Es hat die stärksten Mauern der Burg (bis 7 Meter). Seine Geschütze konnten Feuer speien wie ein Drache. Den neuen Aufgang hinauf kommt man zur Kasse (Erwachsene 3 Euro, Kinder 1 Euro).

 

Rechts ist das tiefe Gefängnis (Nr. 1), ein gotisches Gewölbe, Anfang des 15. Jahrhunderts erbaut. Zuerst Tor, später Gefängnis - heute mit Folterwerkzeugen versehen.

Links sieht man das Rondell (Nr. 2), ein runder Turm, der seit 1684 mit einer Wendeltreppe versehen ist als Aufgang der Dorfbewohner zur Schlosskirche. Die jetzige Auffahrt zum Kirchplatz wurde 1830 angelegt.

Der Glockenstuhl (Nr. 3) ist aus Hüttenberg-Hochelheim. Die Glocke stammt aus dem 14. Jahrhundert, ihr Gewicht beträgt 350 Kilogramm.

 

Die „Roßmühle“ (Nr. 4) ist das größte Bollwerk, ein Geschützturm, der 1620 von Graf Wilhelm I. zu Solms-Greifenstein erbaut wurde. Vor der Mühle steht eine Kanone. Ein Blick durch die Schießscharten zur Katharinenkapelle läßt erkennen, wie diese Bastion in Verbindung mit den Kasematten früher einen Schutz für die gefährdeten Ostflanken der Burg bedeutete. In Belagerungszeiten konnte hier eine von Pferden  angetriebene Mühle das Getreide mahlen. Der „Roßgang“ befand sich im oberen Teil der Mühle und ist noch heute gut zu erkennen.

Glockennmuseum: Eine gute Idee war es, die im Zuge der Restaurierungsarbeiten wiederhergestellte Roßmühle zur Stätte des „Deutschen Glockenmuseums“ zu machen. Die seit 1972 provisorisch in einer Kasematte untergebrachte Sammlung wurde 1984 als „Stiftung Deutsches Glockenmuseum“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Geschichte der Glocke reicht bis ins vierte Jahrtausend vor Christus zurück, lange bevor die ersten metallenen Klangkörper in christlichen Kirchen Einzug hielten. Zur Abwehr böser Geister seien in vorgeschichtlicher Zeit Nüsse, Fruchtschalen oder Muscheln als Rasseln eingesetzt worden. Seit etwa 3000 Jahren werden Glöckchen und Schellen aus Metall gefertigt.

Rund 900 Jahre Glockengeschichte können im Glockenmuseum bestaunt werden. Heute werden 43 Glocken aus neun Jahrhunderten deutscher Glockenbaugeschichte gezeigt.

Ausgestellt wird im ersten Untergeschoß gleich links ein Nachguß der „Oldenburgglocke“, die ins 9. bis 10. Jahrhundert datiert wird und die älteste nördlich der Alpen entdeckte Glocke ist. Gleich daneben ist die älteste originale Glocke des Museums, eine „Bienenkorbglocke“ aus dem 12. Jahrhundert zu sehen. Wuchtigster Klangkörper ist die Van-Trier-Glocke aus der Mitte des 16. Jahrhundert mit 1,20 Metern Durchmesser und 1100 Kilogramm Gewicht im zweiten Untergeschoß auf dem Boden.

In den Nischen des Geschützturmes sind die bis ins 12. Jahrhundert zurück reichenden 40 Glocken frei aufgehängt. Fast alle dürfen vom Besucher selbst angeschlagen werden. Mit Gummihämmern können Besucher die Klangfülle der Glocken testen.

Die Architektur scheint ohnehin wie geschaffen für die 40 Exponate. Ein „kuppelförmig überwölbter Raum mit tiefen Wandnischen“, so heißt es im Prospekt. Der bienenkorbartige Raum vermittelt das Gefühl, sich inmitten einer überdimensionalen Glocke zu befinden. Oder man sieht in dem „Roßgang“ eine Vergrößerung jener Gußformen, die im Museum die Technik der Glockenherstellung dokumentieren.

Im Prinzip hat sich daran seit 1000 Jahren nichts geändert, wie der gern zitierte Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ überliefert hat: „Fest gemauert in der Erden / steht die Form aus Lehm gebrannt“. Beim Bau der Kirchenglocken hat sich seit dem 14. Jahrhundert wenig geändert:78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn werden in einer Gußform unter Fichtenholzfeuer zu den Klangkörpern geformt. Gestimmt werden die Glocken aber inzwischen weniger mit der althergebrachten Stimmgabel, sondern per Frequenz-Analyse mit dem Laptop.

Fünf Glockengießereien gibt es in noch Deutschland. Eine davon, die Gießerei Rincker, hat ihren Sitz im wenige Kilometer entfernten Sinn. Mit einer Spende von neun Glocken aus der Gießerei begann auch die Geschichte des Museums.

Neben der Glockensammlung hat der Museumsverein inzwischen eine rund 3.000 Bücher umfassende Bibliothek zur Glockenkunde aufgebaut, die größte ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Außerdem veranstaltet der Verein ein jährliches internationales Kolloquium für Wissenschaftler und Glockenbauexperten und gibt ein Jahrbuch der Glockenkunde heraus.

 

Über den Kirchplatz mit dem Baum, der an das Drei-Kaiser-Jahr 1888 erinnert, kommt man zur   Doppelkirche mit Kasematten (Nr. 5). Der Eingang zur Schloßkirche erfolgt vom Kirchplatz. Sie ist auf die Katharinenkapelle aufgesetzt. Wegen Aufschüttungsarbeiten liegt die 1448–1476 als Wehrkirche entstandene gotische St. Katharinenkapelle inzwischen unter der Erde. Namenspatronin ist die heilige Katharina von Siena, die im Jahre 1461 heilig gesprochen wurde. Im Jahre 1618 erfolgte der Einbau der Gruft mit Gedenkstein. Reste von Fresken sind sichtbar. Unter der Kapelle geht der alte Zugang nach draußen. Er wurde 1603 überwölbt, links und rechts sind Kasematten (kein Durchgang zur Roßmühle).

Über der Kapelle wurde unter dem Grafen Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein ein barockes Gotteshaus erbaut, in dem noch heute jeden Sonntag Gottesdienst abgehalten wird. Es ist eine in Hessen einzigartige Doppelkirche. Der Baubeginn war 1683, die Weihe 1702.

Von außen nur unscheinbar anzusehen. überrascht das Innere des Gotteshauses mit großartigen Stukkaturen im Stil des italienischen Frühbarocks, die die gesamte Decke, die Kanzel und die auf runden Säulen mit Volutenkapitellen ruhenden Emporen schmücken. Die prunkvolle Stuckdekoration mit Putten, Engeln, Fruchtkörben und gedrehten Bändern aus Muschelkalk mit Gips, stammt von renommierten Künstlern wie dem Holländer Jan de Paeren. An der südwestlichen Empore hat sich der Künstler der Stuckarbeiten verewigt: „Jovanes de Paerni fecit 1686“. Die italienische Inschrift deutet darauf hin, daß er in Italien gewesen ist.

Die Zwischenfelder sind ausgefüllt mit Putten, eingerahmt von flatternden Bändern und Blumengirlanden. Man zählt 72 Engel und Putten. Muscheln, Vasen und große Kartuschen bedecken die übrigen Flächen. Der Künstler soll seine Arbeiten an der Nordempore begonnen haben. Hier sind die Beine der ersten Putten allegorisch zu Palmwedeln ausgeformt. Das ging dem Bauherrn schließlich jedoch zu weit: Der Graf und eine Abordnung der Bürgerschaft sollen bei einer ersten Besichtigung energisch auf Engel mit Beinen bestanden haben. Der heutige Besucher kann beide Puttenausführungen miteinander vergleichen.

Die Frontseite wird von der Kanzel beherrscht, die vor der glatt verputzten Wand besonders stark hervortritt. Mit ihrem von fünf Putten gestützten Oberteil gilt sie als eine der schönsten Kanzeln im weiten Hessenland. Nur hier und bei der Arbeit an den Emporen hat es der am italienischen Barock geschulte Stukkateur wohl etwas leichter gehabt. Die Decke mußte er auf dem Rücken liegend mit dem eigens aus Holland herbeigeschafften Muschelkalk formen.

Auf der Turmempore steht eine Orgel. Ihr Hauptregister soll 1700  von dem französischen Orgelbauer in der Kirche selbst hergestellt worden sein. Sie hatte ein Manual, ein Pedal, 16 Register und 685 Pfeifen, eine für die damalige Zeit beachtliche Größe. Der neoromanische Prospekt ist von der Firma Knauf in Gotha aus dem Jahre 1869. Im Jahre 1982 wurde ein Trompetenregister eingebaut.

Unter der Orgel sieht man die Wappen des Grafen Wilhelm Moritz und seiner Gemahlin Magdalena Sophia Landgräfin von Hessen-Homburg in Bingenheim.

Nachdem Graf Wilhelm Moritz 1696 wegen der Erbfolge nach Braunfels übergesiedelt war, vermachte er 1702 die Kirche der evangelischen Gemeinde, die sie heute noch nutzt

 

Gegenüber der Kirche steht der Nachbau eines historischen Gießhauses für Glocken, das voll funktionstüchtig ist. Dort sind beispielsweise Projektwochen für Schüler geplant, bei denen Glocken - oder auch Kanonen - hergestellt werden. Denn Arbeit hatten die Glocken- und Stuckgießer über die Jahrhunderte im Krieg wie im Frieden. In Friedenszeiten wurden alte Kanonen zur Metallgewinnung für die Glockenproduktion eingeschmolzen. Im Krieg lief die Schmelze dann in entgegengesetzter Richtung.

Noch im Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland die Hälfte aller Glocken von den Türmen geholt. Im Zweiten Weltkrieg waren es gar 78 Prozent aller Glocken im Deutschen Reich, die als Materialreserve für die Kriegsführung beschlagnahmt und teilweise eingeschmolzen wurden. Zudem sind zehntausende  Glocken in den besetzten Ländern geraubt worden. So sind auch in Greifenstein acht Glocken aus Osteuropa zu sehen. Man betrachtet die Stücke als Leihgabe. Es kann durchaus sein, daß jemand aus Polen bei einem Besuch hier seine alte Kirchenglocke wiederfindet.

 

Dann geht man hinauf zum Marstall (Nr. 6). Hier kann man durch Einwurf eines Euro das eindrucksvoll laute achtstimmige Glockenspiel and er Wand zum Tönen bringen. Das überdachte Kellergewölbe wurde früher genutzt zur Vorratshaltung, heute ist es Teil der Gasträume. Links vom Eingang an der Längswand außen ist unregelmäßiges Mauerwerk sichtbar, die ältesten Reste sind vor 1298 entstanden. Der Fußboden besteht stellenweise aus Fischgrätmuster.

 

Jetzt geht es erst links hinunter zum Bollwerk (Nr. 79 „Der Kuchen“, auch die „Münz“ genannt. Es ist mit seinen Schießscharten und gewölbtem Innenraum noch ein vollständig erhaltenes Bollwerk von Graf Otto zu Solms-Braunfels (regierte 1459-1504) 1463 erbaut. Einst befand sich östlich davon ein Anbau, in dem nach 1681 eigene Münzen geprägt wurden. Heute hat das Standesamt eine Niederlassung im hohen Gewölbe und man kann auf Wunsch hier Eheschließungen vornehmen.

Weiter vorne liegt das Neue Tor (Nr. 8) mit den früher darüber liegenden neuen Gemächern. Der untere noch erhaltene Komplex wurde 1603-1608 von Graf Wilhelm I. zu Solms-Greifenstein erbaut, der nur wenige Jahre später (vollendet 1615) einen Wohnbau mit Arkadengang (Renaissance) darauf setzen ließ.

Die Peter-Leppen-Pforte wurde erbaut 1462 und benannt nach dem ersten Torwächter. Es schließt an das davor gebaute Neue Tor an und ist nur noch in Ansätzen erhalten. Der noch gepflasterte Weg zur Oberburg führte weiter durch das Feuchte Gewölbe (Nr. 9) wurde 1482) erbaut, ein Gewölbeansatz ist rechts noch vorhanden. Seitlich der Peter-Leppen-Pforte  ist die Südbastion (Nr. 10), ein nach außen vorspringender Geschützturm. Dort befindet sich noch ein Ausfallschacht (Gitter von oben sichtbar), der vor die Mauer führt.

Dann geht man wieder hinauf zur Oberburg. Der Lange Keller (Nr. 11) ist der Durchgang zum Großen Burgkeller (und zu den Toiletten). Er ist ein Tonnengewölbe unter dem Küchenhof mit Eingang an der Freitreppe. Darin ist auch eine kleine Waffenkammer. Er ist der Zugang zum großen Burgkeller, dem früheren Weinkeller, der heute in die Gastronomie mit einbezogen und für größere Gesellschaftsfeiern geeignet ist. Links vom Langen Keller hohe Mauer eines Stall- und Wirtschaftsgebäudes mit zwei noch erhaltenen Turmansätzen außen (Erker) und einstiger Tordurchfahrt.

Über die Treppe neben dem langen Keller geht es zum Wohnbau mit Burgküche (Nr. 12). Der Bau von 1475/76 besaß ursprünglich drei Stockwerke und war an den Palas anstoßend. Im Erdgeschoss war die Küferei (überdacht). Im Durchgang zum inneren Burghof war die Hof- und Gesindestube, daran anschließend der Hausflur (Ern) mit Treppe nach oben und die Burgküche seit 1687, darüber dann die Grafenwohnung.

 

Vom  Palas (Nr. 13) ist noch die hohe Mauer über dem Marstall erhalten, links ist noch eine zugemauerte gotische Tür sichtbar. Der mittelalterliche Rittersaal ist als südlicher wehrhafter Abschluss der Kernburg nach 1381 erbaut. In der Burghofecke steht eine vorspringende steinerne Wendeltreppe (Nr. 14). Im Jahre 1687 erfolgten Umbau und Erweiterung durch Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein.

Auf der alten Schildmauer aus dem 13. Jahrhundert wurden nach 1381 die Doppeltürme (Nr. 15) errichtet durch Ruprecht Graf zu Nassau-Sonnenberg und Johann Graf zu Solms-Burgsolms, genannt Springsleben: Der Nassauer Turm hat ein rundes Dach und der Bruderturm ein spitzes Dach. Der Bruderturm beherbergt heute das Glockengeläut mit drei Glocken). Im Inneren ist die Türmerstube. Von oben hat man eine großartige Sicht über die Burganlage und das Greifensteiner Land, allerdings nur durch kleine Fenster. Mit dem Kopf eines Adlers, dem Leib eines Löwen, mit Krallenfängen und Adlerflügeln dreht sich die große Wetterfahne auf der Spitze des Bergfrieds.

Die alten Wetterhähne der Burg  und Ofenplatten sind im unteren Teil des naussauischen Turms zu sehen.

Die Bornkammern (Nr. 16) sind  ein überdachtes Doppelgewölbe. Im rechten Raum befindet sich der etwa 20 Meter tiefe, heute zugeschüttete Leierbrunnen. Der Bornsaal (Nr. 17) ist ein zwischen Bornkammern und Burghof gelegener Wohnbau mit sogenannten Frauenzimmern aus der Zeit um 1420. Ein Umbau erfolgte 1605-1607durch Graf Wilhelm I. zu Solms-Greifenstein. Der größte Raum ist im Erdgeschoß, später Bornsaal genannt.

Man kann noch neben den Bornkammern hinunter gehen zum Neuen Bau (Nr. 18).Er ist ein östlich an den Bruderturm 1687-1693 angefügter Saalbau des Grafen Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein, der begann, aus Greifenstein ein Barockschloss zu machen. Dieser Bau diente nur zu Wohn- und Repräsentationszwecken. Er wurde über einem älteren Flügel mit noch erhaltener Durchfahrt errichtet. Dieser Bau stand noch bis 1809 unter Dach. Von hier hat man einen Blick auf die Reste des „Drachen“. Im Neuen Bau steht ein Modell der Burg.

 

Greifenstein-Verein:

Die Bastion mit ihren markanten Zwillingstürmen konnte in den vergangenen Jahren durch das ehrenamtliche Engagement des rund 1.000 Mitglieder zählenden „Greifenstein-Vereins” gerettet werden. Im Jahre 1969 taten sich sieben ältere Herren zusammen, um die vom Zahn der Zeit gezeichnete Burg vor dem endgültigen Zerfall zu bewahren.

Ohne den Einsatz dieser Bürgerinitiative hätte die Burg Greifenstein längst das Schicksal anderer dem Verfall preisgegebener Burganlagen geteilt: Weite Teile der Ruine hätten wegen Einsturzgefahr gesperrt oder sogar gesprengt werden müssen. Leicht war der Kampf um den Erhalt der Burganlage jedoch nicht - weder in bautechnischer noch in finanzieller Hinsicht. Nur schrittweise konnte, je nach Kassenlage des Vereins, das Ensemble restauriert werden. Man erhielt Mittel der Landesregierung, Spenden sowie mit den Erlös aus Festen, Tombolas und anderen Veranstaltungen. die der Verein organisierte.

In fast 20 Jahren ehrenamtlicher Arbeit wurde die Anlage mustergültig in ihren Grundzügen wiederhergestellt. Im Jahre 1985 wurde der Verein für seine Mühen mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz ausgezeichnet. Im Jahre 1992 folgte die Erhebung zu einem „Denkmal von nationaler Bedeutung“.

Bei der Vermarktung des Greifensteins setzt der Verein nun auf Partner aus der heimischen Wirtschaft. Zwei Unternehmen (Firma Herhof, Umweltmanagement, Friedhelm‑Loh-Gruppe mit dem Rittal‑Werk, Schaltschranktechnik) finanzierten dabei nicht nur den Prospekt mit, für die Zukunft wolle man die „Synergieeffekte“ eines „Sponsorships“ nutzen. Für Touristiker und Kommunalpolitiker geht es in erster Linie um ein in sich stimmiges Vermarktungskonzept, das großen Wert legt auf ein einheitliches Erscheinungsbild. Greifenstein soll Synonym werden für vielfältige Freizeitaktivitäten und für historisches Sightseeing. Wer Post vom Greifenstein‑Verein erhält, wird oben auf den Seiten ein neu gestaltetes Logo sehen. Bei allen Bemühungen, die Burg als Wirtschaftsfaktor für die gesamte Region zu etablieren, ist man aber auch weiterhin vor allem auf den Einsatz ehrenamtlicher Helfer und Vereinsmitglieder angewiesen.

Anlässe, die Burg zu besuchen, gibt es viele, auch wenn die sommerlichen Freilichtaufführungen von Theaterstücken mit historischen Bezügen Pause haben. Am 28. März etwa findet der Ostermarkt statt. Die Barockkirche ist zudem Ort festlicher Adventskonzerte.

Wo einst die alten Greifensteiner den Humpen kreisen ließen, kann heutzutage Jedermann und Jedefrau Burgherr oder Burgfrau spielen und Gäste einladen. Inklusive Mundschenk, Kaminfeuer, Kerzenlicht, Mobiliar, Geschirr und viel altem Schmiedeeisen an den Wänden kostet der Spaß im großen Keller der Burg, in 100 Leute Platz haben, 100 Mark und 50 Mark für den Raum der Münze, in dem 25 Personen sitzen können. Speis und Trank müssen natürlich extra berappt werden; ebenso, wenn ein Musikant aufspielen soll.

Frankfurter, die dort oben feierten, behaupten steif und fest, sie hätten sie gesehen - die weiße Frau mit weißem Haar. Um Mitternacht sei sie fast schwebend, wortlos in den Keller der alten Münze gekommen, habe kurz am wärmenden Kaminfeuer verharrt und sei dann im Dunkel der Kellertreppe, im Nichts, verschwunden. Kann sein, daß die Gäste schon zu tief ins Glas geschaut hatten, was sie auch unbesorgt tun konnten, war doch unten im Dorf ein Nachtlager für sie bereitet. Geht man unerschrocken und mit der Kombinationsgabe deutscher Fernsehkommissare der Spukgeschichte nach, stellt sich bald heraus, daß der „Geist” für sein Auftreten honoriert wird. Nicht gerade fürstlich, wie es sich für einen Burggeist gehört. Immerhin reicht es für einige kühle Blonde vom Faß, das des öfteren im Partykeller der Burg aufgemacht wird.

 

Öffnungszeiten: Burgruine Greifenstein, Museen und Doppelkirche, 15. März bis 31. Okt tägl. 10–18 Uhr; 1. November bis 14. März nur Sonntag 10–17 Uhr. Burgmuseum, Talstraße (in der alten „Torpforte"), gleiche Zeiten.

Erwachsene zahlen für den Besuch der gesamten Anlage zwei Euro, Kinder 0,50 Euro. Gruppenführungen durch die Burganlage und das Glockenmuseum nach Voranmeldung. Weitere Infos unter Tel. 06449/6460 oder www.glockenmuseum.de im Internet über Ausstellungen und Veranstaltungen, das Restaurant Marstall und seine Leistungen.

Werden Sie Burgbesitzer! Informationen über eine Mitgliedschaft im Greifenstein-Verein e.V., dem Verein zur Erhaltung der Burg Greifenstein, finden Sie ebenfalls unter „www.burg-greifenstein.net“

Kontakt: Greifenstein-Verein e.V., Talstraße 19 • 35753 Greifenstein, Telefon 06449/6460 • Telefax 06449/6073, Internet: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Restaurant Marstall: Telefon 06449/6736 . Internet: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. . Warme Küche: Dienstag bis Sonntag 11.00 Uhr - 18.30 Uhr Donnerstag, Freitag und Samstag 11.00 Uhr - 22.00 Uhr oder nach Vereinbarung. Montag Ruhetag.

 

Wenn man weiter durch den Ort fährt, kommt man auf die Straße Ehringshausen-Holzhausen. Man fährt in Richtung Holzhausen, und - wenn man will - noch ein Stück nach Norden zur

Ulmbachtalsperre mit einem großen flachen Badestrand, mit Bootssteg, Liegewiese, Restaurant und Kiosk. Für das Schwimmbad innerhalb des Campingplatzes zahlen Erwachsene 1,50 Mark, Kinder von 6 bis 16 Jahren eine Mark Eintritt.

 

Wenn man weiter durch den Ort Greifenstein fährt, kommt man auf die Straße Ehringshausen-Holzhausen. Man fährt in Richtung Holzhausen, und - wenn man will - noch ein Stück nach Norden zur Ulmbachtalsperre mit einem großen flachen Badestrand, mit Bootssteg, Liegewiese, Restaurant und Kiosk. Für das Schwimmbad innerhalb des Campingplatzes zahlen Erwachsene 1,50 Mark, Kinder von 6 bis 16 Jahren eine Mark Eintritt. Südlich von Holzhausen geht es nach Ulm und Allendorf.

Südlich des Ortes ist der „Sagen- und Märchenwald Ulmtal”. Er ist Teil des Outdoor-Zentrums Lahntal. Aber ein Besuch lohnt sich nicht. Dort lungern einige Jugendliche herum, die offenbar die Darstellungen von den Bremer Stadtmusikanten, Schinderhannes, Siegfried, Aschenputtel, Dornröschen. Urwaldtiere stehen oder liegen in dem schattigen Waldgelände, Kinder können auf Ponys reiten; auch ein Spielplatz ist vorhanden.  Der „Sagen- und Märchenwald” ist vom ersten Ostertag bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene drei Mark, Kinder zwei Mark Eintritt. Weiter geht es über Bissenberg und Stockhausen nach Leun (überaus schöne Fachwerkhäuser), dann nach Niederbiel und Oberbiel und dort durch die Grundstraße nach links bis zum Schaubergwerk Grube Fortuna. Wieder zurück in Oberbiel geht es ein Stück in Richtung Wetzlar und dann links hoch zum Kloster Altenberg. Dann wieder zurück auf die B 49 und zur Autobahn Wetzlar-Ost.

 

Kloster Altenberg:

Die Abtei mit ihrer gotischen Kirche liegt am Ende einer Felderfläche. Leicht ab­wärts führend ist die von einem großen Gutshof flankierte Anlage rasch erreicht. Über Altenberg verläuft auch der Elisabethen-Pfad, ein Fernwanderweg, der die Lebensstationen der Heiligen Elisabeth verbindet (Zeichen E).

Das Kloster geht auf den Mönch Gottfried zurück. Laut Legende sollen ihn wundersame Begebenheiten dazu bewogen haben, aus einer Einsiedelei ein Klösterlein zu errichten. Es wurde 1178 gegründet. Gottfried fing 1180 mit sechs Prämonstratense­rinnen an.

 

Elisabeth von Thüringen (1207 bis 1231) machte 1229 das Ge­lübde wahr, das sie noch gemeinsam mit ihrem Mann geleistet hatte, der beim Kreuzzug umkam: Barfuß kam sie von Marburg, um ihre jüngste Tochter Gertrud im Alter von 18 Monaten ins Kloster zu bringen.

Das jüngste Kind sollte von der Außenwelt ferngehalten werden, um ins Glaubensleben hineinzuwachsen. Das war damals nicht unüblich und in späteren Jahrhunderten für die Eltern auch ziemlich einträglich. Elisabeth selbst hatte sich als Witwe ohnehin allem entäußert, um sich in Mar­burg im eigenhändigen Dienst an Kranken und Armen in weni­gen Jahren zu verzehren.

 

Unter strenger Zucht, der schlimmstenfalls auch im dunklen Karzer nachgeholfen wurde, entwickelte sich Ger­trudis zur Klosterfrau, die von den Nonnen 1248 zur ihrerseits strengen Meisterin - Magistra - gewählt wurde. Bereits mit 20 Jahren wurde Gertrud (1227 bis 1297) die Meisterin (Magistra) des Ordens und blieb es bis zu ihrem Tode. Selten ist ein Platz so dauerhaft in Frauenhand wie Kloster Altenberg. Gut 50 Jahre hatte diese „Meisterin“ (Magistra) das damalige Prämonstratenserinnenkloster geleitet. Unter ihrer Leitung wurde die reichsunmittelbare Anlage ausgebaut und entstand die erhalten gebliebene Abteikirche in den Jahren 1260 bis 1270.

 

Man tritt durch die Klosterpforte in Hof und Kreuzgarten. Die Abteikirche ist von außen eher schlicht anzuschauen, aber im Inneren eröffnet sich ein ungewöhnliches Mit- und Nebeneinander von barocker Ausstattung und gotischen Wandmalereien in feinsten Pastelltönen.

Die Kirche wurde erbaut in einheitlicher Frühgotik. Nach der Elisabethkirche von Marburg haben sich ihre Baumeister gerichtet, als sie die ungewöhnlich aufgeteilte Klo­sterkirche anlegten. Äußerlich unauffällig, entfaltet sie innen eine reine Gotik, die im 18. Jahrhundert barocke Ergänzungen erfahren hat. Das einschiffige, in Kreuzrippen gewölbte, farbig abgesetzte Langhaus ist unterteilt in zwei Geschosse mit Kapel­len, Fürstengruft, Kapitelsaal und Nonnenempore.

Die reiche Ausmalung ist um 1300 entstanden. Gut erhalten sind im Chorbereich die Ausmalungen aus dem späten 13. Jahrhun­dert, darunter ein überlebensgroßer Christopherus.

Kunsthistori­schen Seltenheitswert besitzt die gegenüber dem Langhaus um acht Stufen erhöhte Vierung. In ihrer Mitte liegt Meisterin Gertrud als schöne junge Frau in Stein gemeißelt auf einer Tumba vor dem barocken Hochaltar begraben. In einer Vitrine wird Elisabeths vermeintlicher Verlobungsring gezeigt. Zu den Altenberger Konzerten erklingt die zweitälteste spielbare Orgel, ein Mei­sterwerk von 1765.

 

Elisabeths Entscheidung war für Altenberg die beste Wer­bung. Vornehme Familien brachten fortan ihre unverheirateten Töchter samt Mitgift in dem von der wunderwirkenden Frau bevorzugten Kloster unter. Altenberg wurde so reich, daß Ger­trudis ihm in langen Baujahren sein jetziges Aussehen geben konnte.

Zuletzt soll sich das Kloster mehr zum vornehmen Alters­stift entwickelt, die Glaubensstrenge sehr gelockert haben. Den Fürsten von Solms-Braunfels wurde der Besitz zugeschlagen, die ihn schon Jahrhunderte vorher begehrt hatten

Auf dem Michaelsberg ist das Klostergut vorgelagert, das die Nonnen zu ihrer Versorgung selbst bewirtschafteten und das heute noch Domäne ist. Es ist ein Reich für sich abgeschlossen, zum Teil noch durch die große Klostermauer, durch deren Einfahrt es nur zu erreichen ist. Das Kloster wurde 1802 aufgehoben.

 

Wunderbarerweise kam bei einer Brandkatastrophe 1952, als Altenberg Kinderheim war, niemand zu Schaden. Es wurden auch wichtige Teile der Gertrudisbauten verschont, darunter auch ihre vermutliche Zelle. Die Klostergebäude und der Kreuzgang wurden in alter Form wiederhergestellt.

 

Aus Altenberg ging Friedrike Fliedner (1800 bis 1842) hervor, die Tochter des fürstlichen Gutsverwalters. Das Fluidum des Ortes soll ihren protestantischen Glauben geför­dert haben, aus dem heraus sie und ihr Mann das Diakonissen­mutterhaus Kaiserswerth gründeten. Daraus ist wiederum der Orden der Schwestern der Barmherzigkeit in Königsberg (Preu­ßen) hervorgegangen, denen Altenberg seit 1955 als Feier­abendhaus und Ausbildungsstätte dient. Hier fanden nach der Vertreibung aus Ostpreußen die Königsberger Diakonissen der Barmherzigkeit im Jahr 1953 ein neues Mutterhaus. Sie setzten in der Abtei auf dem Altenberg fort, was dort im 13. Jahrhundert unter der Leitung der seligen Gertrud. einer Tochter der heiligen Elisabeth, zur vornehmsten Pflicht geworden war: die Aufnahme und Pflege von Alten und Kranken.

Im Frankfurter Städel  hängen im ersten Stock zwei vom gotischen „Altenberger Altar” stammende Seitenflügel von 1334, die wie ein Bilderbogen auf goldenem Grund das Marienleben zeigen. Dazu treten Erzengel Michael als Patron und in bedeutungsvoller Anordnung die beiden Frauen, die für Ent­wicklung und Bestand des Klosters ausschlaggebend waren: die Heilige Elisabeth, die ihren Fürstenmantel einem Bettler reicht, und hinter ihr knieend ihre Tochter Gertrudis, winzig darge­stellt, wie ein Ableger vom großen Stamm.

Das Schicksal des Altenberger Altars erklärt sich aus der Säkularisierung. Die Fürsten veräußerten bedauerlicherweise Altarteile. Selbst behielten sie im Schloß Braunfels das zu be­sichtigende zartgliedrig geschnitzte Mittelstück, das Schrein für Reliquien der Elisabeth gewesen sein soll (Rhein-Main, 279).

 

In Heuchelheim ist an zwei Seen Badegelegenheit.

 

Waldgirmes:                                                                                                          Führungsblatt 148

 

Großgemeinde Lahnau:

Lahnau liegt im hessischen Lahn-Dill-Kreis östlich der Stadt Wetzlar an der Lahn. Die Großgemeinde Lahnau ist am 1. August 1979 aus den ehemals selbständigen Dörfern Atzbach, Dorlar und Waldgirmes entstanden. Sie liegt etwa in der Mitte zwischen den Städten Gießen und Wetzlar auf der nördlichen Lahnseite und ist verkehrsmäßig optimal zu erreichen. Es bestehen gute Busverbindungen nach Gießen, Wetzlar und Biebertal; über die Auffahrt zur B 49 in der Gemarkung Dorlar ist Lahnau an das dichte Autobahnnetz Hessens angeschlossen.

Lahnau liegt in einer reizvollen Landschaft, inmitten eines waldreichen Gebietes und bester landwirtschaftlicher Böden, überdies seit alters her am Schnittpunkt interessanter Fernwege, insbesondere in Verbindung mit dem Lahnübergang bei Dorlar. So verwundert es nicht, dass die Siedlungsgeschichte der drei Dörfer erstaunlich weit zurückreicht.

Beim Bau der Sport- und Kulturhalle Lahnau (1990) legte man Wohngruben aus vorgeschichtlicher Zeit frei. Keramikfunde und Steinwerkzeuge lassen auf eine Besiedlung bereits um etwa 5000 vor Christus schließen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts fand man bei Bauarbeiten mitten in Waldgirmes, aber auch westlich des Ortskerns, Teile von Tonwaren und fünf menschliche Skelette, die auf eine Siedlung in der Römerzeit hinweisen.

Graf Otto, dem die westliche Hälfte der Grafschaft Gleiberg zugefallen war, heiratete zwischen 1129 und 1141 die Erbtochter des Grafen von Solms. Er brachte sein Herrschaftsgebiet in die Solmser Besitzungen ein und nannte sich fortan Graf Otto von Solms.

Im Jahr 1255 wurde die Grafschaft Solms unter den Brüdern Heinrich und Marquard aufgeteilt. Marquard, der sich schon um 1240 in Königsberg eine eigene Residenz errichtet hatte, bezeichnete sich nunmehr als Graf von Solms-Königsberg. Waldgirmes gehört zu seiner Herrschaft. Graf Philipp, das letzte männliche Glied in dieser Dynastie, verkaufte 1350 seine Besitzungen an den Landgrafen Heinrich II. den Eisernen von Hessen. Der Kaufvertrag soll auf dem Königstuhl abgeschlossen worden sein. Erst 1629/1631 wurde dieser Teilungsvertrag durch den Kaiser genehmigt. In den drei Jahrhunderten zuvor waren die Waldgirmeser „Zwei Herren Untertan“, d.h. sie mussten an zwei Herren Zehntabgaben leisten.

Auch die Ortsnamen weisen auf ein beträchtliches Alter der drei Dörfer hin. Die Entstehung Dorlars ist aufgrund der Endung des Ortsnamens auf „lar“ in die vorfränkische Zeit des 4. und 5. Jahrhunderts anzusetzen; die „bach“-Orte, wie Atzbach, werden der fränkischen Zeit zugerechnet, und Wald-„germice“ dürfte keltischen Ursprungs sein. Waldgirmes und Atzbach werden erstmals 771 bzw. 774 im Lorscher Codex urkundlich belegt; Dorlar wird 1182 in der Merenberger Chronik erwähnt und außerdem zu Anfang des 13. Jahrhunderts im Zusammenhang mit einer Legende zur Gereonskirche in Köln, die um einen Dorlarer Pfarrer rankt. Die Entstehung des alten Taufsteins in der Dorlarer Kirche wird auf das 12. Jahrhundert datiert.

Die drei Lahnau-Dörfer gehörten im 8., 9. und 10. Jahrhundert zur Grafschaft an der mittleren Lahn. Als erster Graf ist ein Heimo im 8. Jahrhundert bezeugt. Es folgten die Weilburger Grafen, die Konradiner, von denen Otto zwischen 911 und 918 vermutlich die Burg Gleiberg errichten ließ (Ersterwähnung 992). Ottos Bruder, Graf Konrad, ging als König Konrad I. (911 - 918) des Deutschen Reiches in die Geschichte ein.

Bis zum Jahr 1104 gehörten Atzbach, Dorlar und Waldgirmes zur Grafschaft Gleiberg. In jenem Jahr fand eine Teilung des Besitzes in eine westliche und östliche Hälfte statt. Die Grenze verlief zwischen Dorlar und Waldgirmes. Die Osthälfte erhielt Hermann III., die Westhälfte Otto.

Der Nachfolger Hermanns III., dessen Sohn Wilhelm, hatte als Erben zwei Töchter, die um 1180 eine nochmalige Teilung der östlichen Hälfte der Grafschaft Gleiberg notwendig machten. Dorlar und Atzbach kam dabei an die Herren von Merenberg. Mit Hartrad VI. starb das Geschlecht der Merenberger 1328 in der männlichen Linie aus. Hartrad hatte zuvor seine Tochter Gertrud mit dem Grafen von Nassau-Weilburg verlobt. Mit deren Heirat 1333 wechselten Atzbach und Dorlar in den Besitz der Grafen von Nassau Weilburg über. Die Herrschaftsverhältnisse blieben unverändert, bis Nassau-Weilburg 1815 an Preußen fiel.

 

Stellvertretend soll hier nur an die Glaubenskämpfe der nachreformatorischen Zeit und die Wirren und Seuchen des Dreißigjährigen Krieges erinnert werden, in denen die Lahnau-Dörfer stark in Mitleidenschaft gezogen wurden; schließlich waren die Bewohner der Dörfer nahezu ausgerottet, die Häuser zerstört und Felder verwüstet. Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges wurde die Waldgirmeser Kirche durch marodierende Schweden geplündert und sogar teilweise zerstört.

 

Die drei Gemeinden besaßen von Alters her gemeinsame Markwaldungen am Königstuhl, der früher verschiedene Namen trug, wie Spitzenberg, Hämuskopf oder Himberg. Der Wald war für den Lebensbedarf der Menschen in früherer Zeit unersetzlich. Das Holz benötigten sie zum Heizen und Bauen, die Beeren für die Ernährung, Gras und Laub als Viehfutter, aber auch als Streu in den Ställen, bzw. als Waldweide für Rinder, Schafe und Schweine. Im Jahr 1584 fand eine erste Teilung der „Rodheimer Mark“ statt, zu der damals auch die drei Lahnau-Dörfer gehörten. Der Streit um die Nutzung der Markwaldungen am Königstuhl zwischen den Dörfern Heuchelheim, Kinzenbach, Atzbach, Dorlar und Waldgirmes erstreckte sich über Jahrhunderte. Im Jahr 1766 wurde eine Teilung einvernehmlich beschlossen und 1773 die Aussteinung der Grenzen vorgenommen. Die Grenzsteine stehen zum Teil heute noch.

Im Jahre 1734 war Atzbach Sitz eines Justizamtes geworden, das erst 1849 aufgelöst und dem Kreisgericht Wetzlar einverleibt wurde. Atzbach blieb bis 1860 Bürgermeisterei für die Dörfer Atzbach, Garbenheim, Dorlar, Dutenhofen, Kinzenbach, Vetzberg, Krofdorf und Gleiberg. In jenem Jahr fand eine Zusammenlegung mit dem Bürgermeisteramt Launsbach in Krofdorf-Gleiberg statt. Erst 1934 erhielten die Dörfer Atzbach und Dorlar ein eigenes Bürgermeistamt.

Mit dem Ende des Deutschen Reiches 1806 und den Umgliederungen durch den Wiener Kongress 1815 gelangte das nassauische Amt Atzbach in preußischen Besitz. Am 24. Oktober 1816 übernahm der preußische Staatsrat von Hatzfeld das Amt Atzbach und fügte es dem Kreis Wetzlar zu. Atzbach und Dorlar waren preußisch und gehörten, wie der gesamte Kreis Wetzlar zur Rheinprovinz.

Im Jahre 1867 wurde das alte hessische Dorf Waldgirmes preußisch, wie schon zuvor seine Nachbarn Atzbach und Dorlar. Es verblieb jedoch eine Kreisgrenze zwischen den Dörfern bis 1932, denn ab 1816 gehörten Atzbach und Dorlar zum Kreis Wetzlar, Waldgirmes zum Kreis Gießen, jedoch ab 1867 zum Kreis Biedenkopf.

Am 1. August 1972 schloss sich Dorlar auf freiwilliger Basis der Stadt Wetzlar an. Vom 1. Januar 1977 bis zum 31. Juli 1979 gehörten die drei Dörfer Atzbach, Dorlar und Waldgirmes unter der Stadtteilbezeichnung „Lahntal“ zur Stadt Lahn.

 

Lahnau heute: Wald- und Landwirtschaft haben in vergangener Zeit die Menschen in Atzbach, Dorlar und Waldgirmes ernährt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam der Bergbau hinzu, der denen, die nur wenig oder überhaupt kein Land besaßen, zu Arbeit und Brot verhalf. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gründeten sich in den Dörfern Firmen zur Zigarrenherstellung. Fast ausschließlich Frauen arbeiteten dort und brachten so ein wichtiges Zubrot nach Hause, was sich vor allem in den Jahren der Weltwirtschaftskrise um 1930 notlindernd bemerkbar machte.

In Lahnau leben heute etwa 8.500 Menschen. Die Großgemeinde ist ein nicht unerheblicher Industrie- und Gewerbestandort. In den Betrieben finden etwa 1.500 Menschen Arbeit und Brot (Texte: Erwin Schmidt, Waldgirmes).

 

 

Anfahrt zum römischen Forum:

Auf der Autobahn bis Wetzlar-Süd fahren. Von dort ist der Weg nach Lahnmau ausgeschildert. In Waldgirmes fährt man durch den Ort in Richtung Wetzlar. An den letzten Häusern auf der rechten Seite steht einWegweiser „Römer-Forum“, der zur Ausgrabungsstelle weist (Parken schon vor der Baustoffhandlung). Zur  Geschäftsstelle des „Fördervereins röm isches Forum Waldgirmes e.V.“ kommt man, wenn man wieder zur Hauptstraße zurückfährt, dann ein kurzes Stück in Richtung Wetzlar und dann links in das Gewerbbegebiet „Polstück“. Dort ist links in der  Georg-Ohm-Straße die Geschäftsstelle. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag 10-12 und 13-15 Uhr (Telefon 06441/65240. Intzernet: „www.roemerforum-lahnau“. Email: „ Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Es gibt auch noch ein sehr großes Heimatmuseum in der Friedensstraße 20 (westlich der Rodheimer Straße, die nach Norden führt). Das Heiamtmuseum ist aber geschlossen und auch nicht für Gruppen zugänglich.

 

Grabungsgeschichte:

Am Westrand der Gemeinde hatte Gerda Weller aus Waldgirmes, die als ehrenamtliche Mitarbeiterin für das Landesamt für Denkmalpflege Hessen regelmäßig die Äcker begeht, in den 1980er Jahren und Anfang der 90er Jahre römische und germanische Scherben aufgesammelt.

Im Westen von Waldgirmes nördlich der Naunheimer-Straße im Feld stieß man in der Flur „Am Golden Acker“ (wegern der Funde von vergoldeter Bronze) auf einen einst befestigten 7,7 Hektar großen römischen Stützpunkt.

Daraufhin führte die Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts (RGK) im Spätherbst 1993 erste Sondagegrabungen durch, die weitere Hinweise auf die römische Präsenz am Ort erbrachten. Eine geomagnetische Prospektion des Geländes ergab den trapezförmigen Grundriss einer römischen Befestigungsanlage mit abgerundeten Ecken. 1994 und 1995 kam es im Rahmen eines Schwerpunktprogrammes der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zu weiteren Ausgrabungen durch die Römisch-Germanische Kommission. Es kamn noch viele weitere Funde zutage, zum Teil von hervorragender Qualität in Herstellungsweise und Material.

Da die Gemeinde Lahnau in diesem Areal ein Gewerbegebiet ausweisen wollte, begannen 1996 in Projekt der RGK in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen erste großflächige archäologische Untersuchungen.

In den Grabungssommern 1997/98 kamen jedoch neben einigen Häusern aus Holz und Lehm auch die Steinfundamente eines 2200 Quadratmeter großen Zentralgebäudes zutage, was absolut untypisch ist für ein Militärlager. Aufgrund der spektakulären Ausgrabungsergebnisse („erste römische Stadtgründung rechts des Rheins“) gab 2002 die Gemeinde Lahnau das geplante Gewerbegebiet auf.

Dies machte den Weg für eine langfristig angelegte Untersuchung der römischen Stadt von Waldgirmes frei. Der in seiner historischen Bedeutung bisher einmalige Fundplatz wird seit 2002 mit maßgeblicher Unterstützung durch die Deut­sche Forschungsgemeinschaft (Laufzeit bis 2012) archäologisch erforscht. Wegen der besonderen Bedeutung des Ortes für die Geschichtsforschung wurde 2006/07 der Grundriss des römischen Zentralgebäudes rekonstruiert und damit für die breite Öffentlichkeit erschlossen.

Zuständig sind Prof. Dr. Siegmar von Schnurbein, Direktor der Römisch-Germanischen Kommission Frankfurt, einer Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin und Prof. Dr. Egon Schallmayer (Landesamt für Denkmalpflege Hessen in Wiesbaden).

Die beiden Grabungsleiter vor Ort waren Dr. Armin Becker und Dr. Gabriele Rasbach (RGK)

sowie Dr. Alexandru Popa und seinen Studenten aus Moldawien. Das Grabungsteam erreichen Sie per eMail unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

 

Bild 01: Gesamtansicht

Zur Geschichte der Römer in Deutschland:

Die Kelten sind unter anderem aus dem Bericht Julius Cäsars über den Krieg mit den Galliern (De bello Gallico) bekannt. Ihre archäologischen Zeugnisse, besonders Schmuck und Trachtbestandteile aus Metall, zeichnen sich durch große kunsthandwerkliche Fähigkeiten aus. In seinem Bericht geht Caesar auch erstmals ausführlicher auf das Gebiet rechts des Rheins ein, das er als Siedlungsgebiet von Germanen bezeichnete. Von den Kelten wie auch von den Germanen sind keine zeitgleichen eigenen Schriftzeugnisse auf uns gekommen.

Der rechtsrheinische deutsche Mittelgebirgsraum bildete eine Übergangszone zwischen der keltischen und der germanischen Kultur, wobei der Rhein nicht als trennende Grenze anzusehen ist, wie Cäsar es tendenziös darstellte. Auf dem nur sieben Kilometer nördlich von Wald­girmes liegenden Dünsberg bestand ein sogenanntes Oppidum, eine der großen Zentralsiedlungen, die für die spätkeltische Zivilisation so typisch waren. Diese Siedlung wurde nach Ausweis der Funde um 30/20 vCh von den Bewohnern verlassen.

Mit dem Erscheinen der Römer im Lahntal kurz vor der Zeitenwende wurde dieses Oppidum aber erobert und zerstört und somit die letzten Kelten in der Gegend von ihrem Berg vertrieben. Ob nun ein Zusammenhang mit der erst einige Jahre später angelegten Stadt bei Wald­girmes oder auch dem Marschlager bei Dorlar besteht, lässt sich aber bisher nicht belegen. Vielleicht haben die Römer zur Demonstration ihrer Macht ganz bewusst die Nähe des ehemaligen Oppidums gewählt, um zu zeigen, wer jetzt hier das Sagen hat.

In Waldgirmes wurden Hinterlassenschaften beider Völkerschaften zutage gefördert. Die Ausgrabungen ergaben, dass die Römer ihre Stadt über einem keltischen Gräberfeld errichteten, das rund 100 Jahre zuvor aufgelassen worden war und wohl nicht mehr als Bestattungsplatz zu erkennen war. Nach dem Zusammenbruch der keltischen Herrschaft wanderten die Germanen in den Mittelgebirgsraum ein. Deren Hinterlassenschaften (Keramik und Gewandspanngen) fanden sich in den römerzeitlichen Gruben und belegen das friedliche Miteinander der verschiedenen Gruppen. 

Mit der Eroberung Galliens durch Julius Cäsar zwischen 58 und 52 vCh wurde der Rhein Grenze des Römischen Reiches. Die Bürgerkriege, die in Rom auf Caesars Ermordung 44 vCh folgten, banden die römischen Kräfte und Interessen für die nächsten Jahrzehnte. Erst als sich Caesars Großneffe und Adoptivsohn Oktavian als Kaiser Augustus endgültig durchgesetzt hatte, richtete sich die römische Aufmerksamkeit wieder auf Gallien. Dort war es während der römischen Bürgerkriege immer wieder zu germanischen Einfällen und Plünderungen gekommen, sodass Rom ab den 20er Jahren des 1. Jahrhunderts vCh erste Gegenmaßnahmen ergriff.

In der Folge kam es zwischen 12 und 9 vCh zu einer Reihe von Feldzügen nach Germanien, die die römischen Truppen unter dem Kommando des Drusus, des Stiefsohnes von Augustus, bis an die Elbe führten. Auf dem Rückmarsch verunglückte Drusus tödlich. Sein Bruder Tiberius übernahm daraufhin den Oberbefehl und brachte die Kämpfe 8 vCh zu einem vorläufigen Abschluss. Intensität und Ausdehnung der 8/7 vCh erreichten römischen Herrschaft zwischen Rhein und Elbe sind in der historischen Forschung umstritten. Die Archäologie, darunter maßgeblich auch die Grabungsergebnisse von Waldgirmes, liefert zunehmend Argumente für eine schon bald nach 8 /7 vCh beabsichtigte Provinzialisierung Germaniens.

 

Bild 02: Germanendorf

 

Der römische Stützpunkt von Waldgirmes ist im wesentlichen zeitgleich mit dem bekannten Lager von Haltern, das in den Jahren vor Christi Geburt gegründet wurde und bis 9 nCh bestand. Er gehört damit in eine Phase, in der Rom nach den Feldzügen des Drusus 12-9 vCh erneut im rechtsrheinischen Germanien aktiv wurde.

 

Zu weiteren Kämpfen in Germanien kam es erst wieder zwischen 1 und 5 nCh. Aus unbekannten Gründen brach ein allgemeiner Aufstand der Germanen aus, der die meisten germanischen Stämme zwischen Rhein und Elbe erfaßte und alle vorangegangenen militärischen Erfolge in Frage stellte.  Über den Verlauf der Kämpfe ist nahezu nichts bekannt.

Velleius Paterculus sprach von einem „immensum bellum“, einem gewaltigen Krieg, und die Tatsache, daß der Nachfolger des Domitius, Marcus Vinicius, ein erfahrener und in vielen Feldzügen bewährter Heerführer, in dreijährigen Kämpfen nicht in der Lage war, Herr des Aufstandes zu werden, spricht für die Härte der Auseinandersetzungen. Die Auseinandersetzungen sind in ihrer Ausdehnung und tatsächlichen Intensität allerdings nur schwer einzuschätzen.

Ob der für das Jahr 1 nCh überlieferte „gewaltige Krieg“ eine germanische Reaktion auf das römische Vordringen war, oder ob umgekehrt die Anlage neuer Lager im rechtsrheinischen Raum auf dem Zusammenbruch der bisherigen Grenzsicherung in jenem „immensum bellum“ beruhte, läßt sich anhand der Quellen nicht entscheiden. In jedem Fall verändert die Entdeckung römischer Anlagen in Dorlar und Waldgirmes die bisherigen Vorstellungen vom Ablauf der augusteischen Feldzüge in Hessen. Neben die Wetterau tritt als mögliche Vormarsch- und vor allem Nachschubroute die Lahn.

Rom hat dann doch die Verträge mit den Germanen nicht gehalten. Die nächste Phase des Germanenkrieges begann, als Kaiser Augustus seinem Stiefsohn Tiberius im Jahre 4 nChr wieder den Oberbefehl über das Rheinheer übertrug. Mit großer Energie eröffnete Kaiser Tiberius erneut den Krieg, dessen Ziel jetzt offenbar war, eine neue römische Provinz Germania vom Rhein bis zur Elbe zu schaffen. Köln sollte wohl ihre Hauptstadt werden. In unserem Raum könnten die Militärlager in Frankfurt am Main-Höchst und Bad Nauheim und der Stützpunkt Waldgirmes bei Wetzlar aus dieser Zeit stammen. Besonders der Statthalter Varus übte eine Schreckensherrschaft aus und hat die Germanen bis zum Jahr 4 nCh völlig unterworfen.

Tiberius gelang es 4 und 5 nCh, die Lage so weit zu stabilisieren, daß Rom sich stark genug fühlte, im folgenden Jahr gegen den scheinbar letzten Gegner, das Markomannenreich des Marbod in Böhmen, vorzugehen. Dieses Unternehmen mußte wegen des pannonisch-dalmatischen Aufstands abgebrochen werden.

Bis zum Jahr 6 nCh hatte es den Anschein, als könne das neu eroberte Gebiet in eine Rom tributpflichtige Provinz umgewandelt werden. An einigen Stellen wurden bereits erste Umstrukturierungsmaßnahmen durch die Schaffung stadtartiger Siedlungen vorgenommen. So besitzen, nach den archäologi­schen Ausgrabungen zu urteilen, die Lager von Haltern an der Lippe, von Marktbreit am Main und von Waldgirmes an der Lahn neben zahlreichen militärischen Komponenten auch zivile Struk­turen, die verdeutlichen, daß mit der Einrichtung und dem Aus­bau dieser Stützpunkte bereits Mittelpunktsorte geschaffen werden sollten, die für die zivile Verwaltung des Umlandes vor­gesehen waren.

In Germanien wurde nun Publius Quinctilius Varus zum Statthalter ernannt. Sein Auftrag war vermutlich die Vorbereitung der Gründung einer Provinz Germania. Ob eine solche Provinz im Jahre 9 nCh bereits existierte, gehört zu den am heftigsten umstrittenen Fragen der augusteischen Germanienpolitik. An Schriftquellen stehen für diese Problematik nur Cassius Dio 56.18,2 und eine kurze Notiz bei Tacitus annales I 59 zur Verfügung. Insbesondere die Interpretation der Dio-Stelle wird kontrovers diskutiert: „Ihre Truppen überwinterten dort [in Germanien] und gründeten Städte, und die Barbaren paßten sich an ihre Ordnung an, gewöhnten sich an Märkte und trafen sich in friedlichen Versammlungen§ (zitiert nach: Goetz/ Welwei 53).

Von althistorischer Seite wird die Gründung regelrechter Städte mangels eindeutiger Beweise meist bestritten. Lediglich für das Lager von Haltern konnte Siegmar von Schnurbein auf Grund von Baubefunden eine Verlagerung der Funktion von militärischen hin zu administrativen und logistischen Aufgaben wahrscheinlich machen.

Für Waldgirmes scheidet nach dem momentanen Grabungsstand die Umnutzung eines Militärlagers aus. Statt dessen verdeutlichen die bisher aufgedeckten Baubefunde die Unterschiecc zur Innenbebauung von Militärlagern. Dies betrifft zum einen die straßenbegleitende Bebauung mit Portikus und dahintergelegenen Freiflächen. Zum anderen läßt das Zentralgebäude mit seinem vorgelagerten Platz eine Interpretation als Forum zu. Weitere Ausgrabungen werden zeigen, ob es mit Waldgirmes erstmals gelungen ist, eine der in den antiken Schriftquellen als „Polis agora“ oder „nova colonia“ beschriebenen Anlagen aufzudecken.

Mit dem Aufstand des Cheruskerfürsten Arminius gegen den römischen Statthalter Publius Quinctilius Varus begann im Jahr 9 nCh das Ende der römischen Herrschaft in Germanien.

Die Münzfunde deuten darauf hin, dass die Anlage im Jahre 9 nCh nach etwa zehnjähriger Besiedlung wieder aufgegeben wurde. In diesem Jahr hatten die Römer in der Varusschlacht (auch bekannt unter dem Namen „Schlacht im Teutoburger Wald“) eine verheerende Niederlage erlitten. Danach zogen sie sich zunächst wieder auf die linksrheinischen Gebiete zurück. Die Anlage nahe dem heutigen Waldgirmes wurde niedergebrannt und verschwand schließlich im Laufe der Jahrhunderte im Auelehm des Lahntales.

Der Feldherr Germanicus, Adoptivsohn des neuen Kaisers Tiberius, versuchte in den Jahren 14 bis 16 nCh, das verlorene Territorium in einer Reihe von Feldzügen erneut zu unterwerfen. Nach den neuesten Grabungsergebnissen spielte dabei auch die Siedlung von Waldgirmes eine Rolle. Kaiser Tiberius ließ die Feldzüge jedoch im Herbst 16 nCh mit der wohl richtigen Einschätzung beenden, dass man Germanien von nun an seinen inneren Zwistigkeiten überlassen könne.

Er entschied sich schließlich in einer Kosten‑Nutzen-­Abwägung dafür, die Eroberungspläne aufzugeben. Die römi­schen Truppen wurden wieder in ihre Ausgangsbasen an der Rhein‑ und Donaulinie zurückgezogen. In Hessen sind spätestens damals die römischen Lager in der Wetterau, Frankfurt‑Höchst, Friedberg, Bad‑Nauheim und Rödgen sowie im Lahntal die von Dorlar und Waldgirmes geräumt worden. Waldgirmes brannten sie wahrscheinlich selber nieder. So konnte 300 Jahre später das große Eindringen von Germanen erfolgen, so daß eine Romanisierung Germaniens verhindert wurde.

 

Die Struktur der Stadt:

Die Stadt war umgeben mit einer Mauer aus Holz und Erde mit zwei vorgelagerten Spitzgräben. Die Holz-Erde-Mauer selbst besaß eine Breite von 3,2 Metern. Die Pfosten wiesen untereinander einen Abstand von 0,9 Metern auf, was drei römischen Fuß entspricht. Die Mauer bestand aus zwei Pfostenreihen, an deren Innenseite Bohlen angesetzt waren. Der Raum zwischen der so entstandenen Schalung wurde mit dem Aushub aus den Spitzgräben aufgefüllt; an der Oberseite wurde eine Brüstung aufgesetzt.

 

Bild 03: Mauer

 

Die Stadt hatte mindestens drei Tore. Ost- und Westtor besaßen einfache Durchfahrten und je zwei hinter die Holz-Erde-Mauer zurückspringende Seitentürme. Türme hatten entweder vier oder an besonders gefährdeten Stellen sechs Pfosten. Die Gesamtanlage des Osttors war 11,80 Meter breit und besaß zwei hinter die Holz-Erde-Mauer zurückspringende Seitentürme. Die Breite der Tordurchfahrt betrug zwischen 3,7 und 4 Meter. Das im Verlauf der Nord-Süd-Achse an der Nordseite vermutete Tor war an dieser Stelle nicht vorhanden. Die Umwehrung war dort jedoch durch einen 7 Meter breiten Zwischenturm verstärkt, der auf sechs Pfosten stand.

Zwischen den Toren verlief die West-Ost-Straße. Im Zentrum zweigte eine weitere Straße nach Süden ab (heute durch Platten markiert). Das sicher anzunehmende Tor im Süden lag boch noch südlich der heutigen Baustoffhandlung.

 

 

In der Mitte beider Straßen verliefen Wassergräben, die sicherlich mit Holz abgedeckt waren. Ein Brunnen  lag im Innenhof des Zentralgebäudes 6 (nördlicher Anbau). Die Wasserversorgung hing aber nicht allein von Brunnen ab: Reste von Bleirohren belegen das Vorhandensein einer Frischwasserleitung, die aus dem Nordosten herbeigeleitet wurde (die Leitung wurde teilweise ausgegraben).

Die Stadt unterscheidet sich in der Struktur und einzelnen Gebäuden  wesentlich von zeitglei­chen römischen Militäranlagen. Mit Ausnahme der steinernen Fundamentmauern des Forums wurden in Waldgirmes bisher lediglich Holz- bzw. Fachwerkbauten nachgewiesen. Durch die Erosion des Bodens im Areal der römischen Stadt waren nur an wenigen Stellen noch Reste der ehemaligen römischen Oberfläche erhalten.

 

Vorgängerbauten:

Die bisher ältesten römischen Baumaßnahmen in Waldgirmes umfassten ein etwa 1.700 Quadrat­meter großes Areal im Zentrum, an der Südwestecke des heute sichtbaren Forums. Die Fläche war von einem flachen Gräbchen eingefasst. In der Nordhälfte dieser Anlage war mit dem Bau massiver Steinfundamente in rechteckigen Gruben begonnen worden. Die Spuren wurden durch das jüngere Forum und durch den Wassergraben der Straße zerstört. Ein Vergleich mit den Dimensionen des später errichteten Forums zeigt eine so deutliche Symmetrie beider Anlagen, dass ein enger Zusammenhang beider Grundrisse anzunehmen ist. Die begonnenen, jedoch nicht vollendeten Steinfundamente und die frühe Datierung lassen einen Zusammenhang mit römischen Feldzügen der Jahre 9 bis 7 vCh nicht mehr ausgeschlossen erscheinen.

 

Forum der Stadt:

Im Zentrum der römischen Siedlung von Waldgirmes wurde nur wenige Jahre nach ihrer Gründung ein monumentales Gebäude errichtet. Der Grundriss entspricht genau dem Typ des römischen Forums, d. h. dem administrativen und wirtschaftlichen Zentrum einer römischen Stadt und ihres Territoriums. Es war zugleich der wichtigste Platz zur Repräsentation und Selbstdarstellung einer Gemeinde, ihrer Herrscher, ihrer verdienten Bürger und Förderer. Das  Forum verweist also deutlich auf den zivilen Bereich.

 

Bild 04: Forum

 

Die Fundamente des 2.200 Qadratmeter großen Bauwerks bestehen aus steinernen Sockelmauern. Auf dieser bislang im ausgusteischen Germanien einzigartigen Fundamentierung standen Fachwerkwände auf Schwellbalken. Nur vier Pfosten standen in Pfostengruben. Die Übrigen saßen auf quadratischen, 50 mal 50 Zentioemter großen Steinfundamenten auf.

 

Bild 05: Forum und  Bild 06:Forum

 

Drei 6 Meter breite Gebäudeflügel umgaben einen 24 x 32 Meter großen Innenhof. Er wurde im Norden durch eine durch eine 45 Meter lange und 12 Meter breite Halle abgeschlossen, deren Dach durch mächtige Pfosten gestützt wurde.

 

Bild 07 Forum Querhalle und Bild 08 Forum Apsis

 

Die Halle besaß an ihrer nördlichen Längsseite drei Anbauten: Im Zentrum ein quadratischer, zehn mal zehn Meter großer Raum. Dieser war von  von zwei je 6 Meter breiten Räumen mit halbrunden Abschlüssen flankiert. Diese Anbauten sind für die Interpretation des gesamten Baukomplexes als Forum von zentraler Bedeutung.

Die gesamte Anlage war von der West-Ost-Straße zurückgesetzt, so daß zwischen Straße und Gebäude ein freier Platz entstand, der in seiner Größe in etwa dem Innenhof entsprach. Auf ihm lagen 15 Meter vor der Südfront des Gebäudes zweigroße Gruben. Zwei Gräbchen sind als Drainagegräben anzusprechen.

Der zentrale Saal könnte als Versamrnmlungsort eines Stadtrates genutzt worden sein, die beiden Apsiden könnten als Gerichtssaal oder als Ort für den Kaiserkult gedient haben. Die große Querhalle stand dann für Geschäfte und  Verhandliungen aller Art zur Verfügung.

Aus den im Innenhof gelegenen Gruben konnten zahlreiche Bruchstücke von Sockeln für bis zu fünflebensgroßen Reiterstandbildern Standbilder (Postamente) geborgen werden. Sie bestanden aus einem Muschelkalkgestein, das leicht und exakt zu bearbeiten ist. Das Gestein ist im Lahntal fremd und wurde von den Römern aus der Region um das lothringische Metz nach Waldgirmes gebracht.

 

Wohngebäude:

Unter den Gebäuden ließen sich ganz verschiedene Bauten identifizieren. Im Innern der Siedlung standen mindestens sechs anspruchsvolle Wohnbauten. Diese Häuser erinnern mit ihrer Raumverteilung um einen zentralen Raum an Atriumhäuser des Mittelmeerraumes. Dieser Gebäudetyp wurde nicht über Korridore erschlossen, sondern über einen zentralen Raum (Atrium), vom dem aus alle übrigen Räume zugänglich waren. Über dem Atrium befand sich eine Licht­öffnung im Dach, der durch die Öffnung einfallende Regen wurde durch ein Wasserbecken im Fußboden aufgefangen. Für Waldgirmes ist jedoch eine geschlossene Dachkonstruktion anzunehmen, die den Klimabedingungen besser entsprach.

Eine weitere Gruppe von Bauten wird durch Laubengänge und zu den Straßen hin offene, an Verkaufslokale (Tabernae) erinnernde Räume charakterisiert. In diesen Bauen wurde produziert, verkauft und vielleicht auch gewohnt. Zumindest ist für einen Teil der Gebäude ein zum Wohnen dienendes Obergeschoss durchaus denkbar. Dieser Gebäudetyp fand sich vor allem entlang der Straßen. Als Gewerbe, die in solchen Bauten ausgeübt wurden, sind Töpferei und Eisenverarbeitung belegt.

Daneben gab es reine Wirtschaftsgebäude. Bei den bisher nachgewiesenen Speichern ruhte der eigentliche Boden des Gebäudes auf Pfostenreihen etwas erhöht über der Oberfläche. Diese Bauweise diente dem Schutz vor Ungeziefer und Schädlingen und der besseren Belüftung der gelagerten Vorräte, überwiegend wohl Getreide. Daneben kommen noch einfache Schuppen- oder Hallenbauten vor, bei denen größere Gebäudeteile nach außen geöffnet waren und in denen die unterschiedlichsten Waren lagerten.

Zwei Gebäude im Westen der Anlage könnten eine frühe römische Kaserne gewesen sein, die aus Mannschaftsbaracke und davon getrennter Unterkunft für die Offiziere bestand. Bauten, die sicher religiösen Zwecken dienten, wurden bisher nicht entdeckt. Es muß auch eine militärische Bewachung der Stadt gegeben haben.  Das Militärlager in Dorlar kam dafür nicht in Frage, denn es hatte nur 100 Jahre früher für kurze Zeit bestanden.

 

Bild 09: Wohnbauten

 

Die Innenbebauung orientierte sich am Verlauf der Straßen. Erfaßt wurden mindestens acht anspruchsvolle Wohnbauten. Die Wandpfosten dieser Bauten waren überwiegend in schmale Pfostengräbchen eingesetzt. Nach der Straße zu hatten sie Überdachungen (Laubengang), damit die Händler dort ihre Waren ausstellen konnten und die Besucher auch bei regnerischem Wetter weitgehend trockenen Fußes ihrer Arbeit und Geschäften nachgehen konnten. Der Eingang befand sich zwischen zwei rechteckigen, gleich großen Räumen. Er führte in einen großen, annähernd quadratischen Raum im Zentrum des Hauses, der von schmäleren Räumen flankiert wurde.

Eine rückwärtige Raumreihe schloss die Gebäude ab. Die Gebäude an den Straßen dienten zum Teil als offene Läden oder wurden als Werkstätten benutzt. Schmieden und Töpfern sind nachgewiesen.

 

Bild 10: Grundriß

 

G e b ä u d e 1  lag nahe der Südostecke (in der zweiten Reihe südlich der Straße). Ausgegraben wurde ein 32 Meter langes Stück der Nordseite. Die nach Süden anschließenden Gebäudeteile. bei denen sich auch eine regelmäßige Gestaltung andeutet, sind durch moderne Überbauung zerstört. Der Ostteil ist noch nicht ergraben. Im freigelegten Ausschnitt zeigte sich eine regelhafte Abfolge von je drei nebeneinanderliegenden Räumen, die durch Korridore voneinander getrennt waren.

 

G e b ä u d e  2 befand sich direktsüdlich an der ost-west-verlaufenden Straße. Mit seiner westlichen Schmalseite stieß es an den nord-süd-verlaufenden Straßenzug. Das Bauwerk war 60 Meter lang und 12 Meter breit (mit Lauubengang 15 Meter) und besaß an beiden Straßenseiten einen vorgelagerten Laubengang (porticus). Teilweise waren die hinter den Laubengängen gelegenen Räume zur Straße hin offen.  Vermutlich war das Gebäude nach Süden offen.

Im Westteil nimmt die Raumaufteilung deutlich auf einen dort angelegten Töpferofen Rücksicht. Erhalten waren lediglich die in den Boden eingetieften Teile des birnenförmigen, 1,3 mal 1,7 Meter großen Ofens. Im Innern der Brennkammer war die Ofenzunge noch vorhanden, Reste der Ofentenne konnten dagegen nicht nachgewiesen werden. Unmittelbar westlich vor dem Ofen lag die rechteckige. 2 mal 1,5 Meter große Bedienungsgrube. Die gesamte Anlage wurde noch vor dem Ende des Stützpunktes aufgegeben und verfüllt. Das Gebäude diente handwerklichen Zwecken, eine Interpretation, die auch durch die zur Straße hin offenen Räume des Baues gestützt wird.

 

G e b ä u d e 3  lag gleichfalls südlich der West-Ost-Straße, aber östlich von Gebäude 2. Es wurden nur im Osten der Grabungsfläche einige Teile aufgedeckt, Es war 15 Meter breit und bestand aus Einzelpfosten, die im Abstand von 3 bis 3,2 Metern in Pfostengruben eingesetzt waren. Lediglich bei diesem Gebäude  saßen die Pfosten in einzelnen Pfostengruben. Der Ostteil des Gebäudes ist noch nicht ergraben.

 

G e b ä u d e  4  war in der zweiten Reihe südlich der West-Ost-Straße, aber schon fast an der Südstraße. Es war 12 Meter breit und nur durch einen knapp 3 Meter breiten Korridor von Bau 2 getrennt. Es besaß ebenfalls zur Straße hin offene Räume, jedoch keinen vorgelagerten Laubengang. Der Südteil ist durch moderne Überbauung zerstört.

 

G e b ä u d e  5  war nördlich der West-Ost-Straße und östlich der Verlängerung der Südstraße. Dieses Gebäude war 12 Meter breit und einschließlich der beiden im Norden und Süden vorgelagerten Laubengänge 22 Meter lang. Es war älter als das Zentralgebäude 6 und wurde vor dessen Bau niedergelegt. Die quadratische Grube an der Südseite gehört ihrer Ausrichtung nach zu Zentralgebäude 6, sie hat einen Teil des südlichen Laubengangs zerstört.

 

G e b ä u d e  6  war das Zentralgebäude: die große Halle mit den Erweiterungen nach Norden und dem Brunnen im Süden (B 1)

 

G e b ä u d e  7 - 9 : In diesem Bereich konnten keine vollständigen Gebäudegrundrisse ermittelt werden. Erfaßt wurden neben einem Töpferofen (T 1) nördlich de  r Gebäude lediglich Einzelpfosten und Gräb­chenstücke, die zum Teil eine gemeinsame Ausrichtung aufwiesen. Hier könnten drei Gebäude gelegen haben. Im Ostteil dieses Bereichs konnten wegen des beträchtlichen Oberflächenverlustes keine vollständigen Grundrisse mehr erfaßt werden. Letztlich ist es jedoch offen, ob es sich bei den Befundkomplexen 7 - 9 um kleinere Einzelgebäude oder um eine straßenbegleitende Bebauung vergleichbar mit Gebäude 2 handelte. Unter der Nummer 7/1 (ganz im Westen) ist eine Reihe von Einzelpfosten zusammengefaßt. Vermutlich handelte es sich hierbei nicht um ein Gebäude, sondern um einen umzäunten Bauhof, der bei Errichtung des Stützaunes angelegt und später abgerissen wurde

 

G e b ä u d e  10  lag im Winkel zwischen der West-Ost-Straße und der Südstraße.

Hier fand sich eine Reihe von fünf Pfosten, die den Laubengang des Gebäudes (bildeten.

 

B r u n n e n:

Es gab Brunnen im Bereich des Forums. Dann wurde der Brunen 1 an der südwestlichen Ecke der Gesamtanlage gefunden. Der zweite Brunnen is der Bedeutendste und war an der Straße nach Westen schon in der Nähe des Westtores. Der Baum für das Holz dieses  Brunnens wurde im Jahr 4 vCh gefällt und wurde im Jahr 3 vCh in den Brunnen eingebaut, der somit das Jahr der Gründung der Stadt angibt. Er war mit 11 Meter überraschend tief. Über 4 Meter des hölzernen Brunnenkastens waren erhalten und als unterste Konstruktion hatten die Römer ein ausgedientes Fass als Brunnenstube eingebaut.

 

Bild 11: Brunnen

 

Herausragend sind die Funde, die aus dem Brunnenschacht geborgen werden konnten, denn es handelt sich um über 100 Bruchstücke hölzerner Gegenstände, die sich nur dank der Lage im Grundwasserbereich bis heute erhalten haben. Neben Architekturteilen aus Holz, einem römischen Schanzpfahl (pilum murale) und Bruchstücken von Holzgefäßen wurden auch mehrere Fragmente der zerschlagenen Bronzefigur geborgen.

Bis zur Auffindung des rechten Fußes des Reiters, der auf dem Rand des Fasses am unteren Ende des Brunnenkastens zu liegen gekommen war, verrieten die Funde bisher nichts Näheres über die Person des Reiters. Bis zur Grabungskampagne 2009 waren unter dem Fundbestand nur einige Gewandfalten sowie einzelne Locken dem Reiter zuzuweisen. Die Annahme, dass es sich um eine Kaiserstatue gehandelt hatte, wurde nun erhärtet, denn der Fuß trägt den knöchelhohen Calceus mit seiner seitlich herabhängenden Schnürung, einen Schuh, der höhergestellten Persönlichkeiten des Patrizier- bzw. Senatorenstandes vorbehalten war.

Nachdem zu diesem Zeitpunkt der Ausgrabung der Brunnen bis auf den Rand des Fasses abgegraben war, konnte mit dem Freilegen der äußeren Fasswand begonnen werden. Dies ge­staltete sich schwierig, weil die Fassdauben nur mit Ruten verbunden waren, die sehr schlecht erhalten waren. Nachdem die Hälfte der Fassdauben entfernt worden war, konnte die Verfüllung untersucht und die darin befindlichen Funde konnten geborgen werden. Im unteren Bereich des Fasses kam neben acht fast neuwertigen Mühlsteinen der Kopf eines lebensgroßen Bronzepferdes zutage.

 

Bild 12: Mühlsteine

 

 

 

 

 

 

 

 

R e i t e r s t a t u e:

Die planmäßig angelegte, zivile römische Stadt von Waldgirmes erbrachte bereits 1994 das erste Bruchstück vergoldeter Gussbronze. Das nur wenige Zentimeter große Fragment war eine archäologische Sensation, belegte es doch, dass die Römer hier eine Statue errichtet hatten (wenn nicht mehrere).

 

Bild 13 und 14: Bronzestücke

 

Zu dem Bild „Bronzestücke“:

1 -  5 Fragmente der vergoldeten Bronzestatue. Uber 80 dieser zumeist sehr kleinen - Teile wurden bis Ende 1998 gefunden. Die Blattvergoldung ist in der Regel sehr gut erhalten. Der größte Teil der bisher geborgenen Stücke hat eine glatte Oberfläche. Einige sind jedoch als Bestandteile des Haares (2-3), der Pferdeschirrung (1) oder als Teile von Gewandfalten anzusprechen.

6 Bearbeitetes Kalksteinfragment. Diese Kalksteine gehörten wohl zur Basis der Statue. Der Stein ist weich und damit gut zu bearbeiten. An den verschiedenen Werkzeugspuren lassen sich die Technik und Vorgehensweise römischer Handwerker gut beobachten.

 

Ihre Größe und die Identität der dargestellten Person blieben hingegen ungewiss, auch als in den folgenden Jahren immer wieder Bruchstücke zutage gefördert wurden. Erst als 1998 ein Bruchstück des vergoldeten Brustgurts eines Pferdes geborgen werden konnte, konkretisierte sich die Vorstellung von dieser Statue.

 

Bild 15 Pferdegeschirr

 

In Waldgirmes hatten die Römer offenbar mit der Fertigstellung des zentralen Verwaltungsgebäudes (des Forums) eine lebensgroße, vergoldete Reiterstatue aus Bronze aufgestellt. In den folgenden Jahren gab der Boden rund 180, zum überwiegenden Teil sehr kleine Bruchstücke frei, darunter auch das größere Fragment eines Pferdefußes.

 

Bild 16: Reiterfuß

 

Die Bronzestücke stammen überwiegend aus dem Brunnen (B 1) und den Gruben im Innenhof des zentralen Gebäudes 6. Das größte Bruchstück ist auf der Vorderseite mit einer relativ grob gearbeiteten Ranke verziert, aus der in regelmäßigen Abständen Blüten entspringen. Dieses Stück ist aufgrund von Parallelen als zum Brustgeschirr von Pferden gehörig anzusprechen.    

 

Bild 17: Pferdekopf

 

Die größte Überraschung ist aber die hohe künstlerische Qualität. Der Pferdekopf ist äußerst filigran gearbeitet und reich verziert. Er ist vollständig erhalten, mit Nüstern, Zähnen, Auge und Resten der Goldauflage. Das mit sechs Zierscheiben reich geschmückte Zaumzeug ist auch noch gut zu sehen. Die Medaillons des Zaumzeugs sind an den Seiten mit drei Büsten der Siegesgöttin Victoria geschmückt, gut erkennbar an den in ihrem Rücken sichtbaren Flügeln. Ursprünglich waren es wohl vier Darstellungen der Siegesgöttin, denn ein Medaillon ist verloren.

 

 

Die ovale Schmuckplatte auf dem Nasenrücken des Pferdes ziert ein Bild des sitzenden Kriegsgottes Mars, der Schwert und Schild hält. Auf dem seitwärts gewandten Kopf trägt er einen Helm mit hoch aufragendem Helmbusch. Die Gestaltung dieser Platte besitzt nicht die künstlerische Qualität des Pferdekopfes, woran man bereits erkennen kann, dass verschiedene Handwerker bei der Herstellung der Statue beteiligt waren. Das über der Nasenplatte angebrachte Rundmedaillon war wie die anderen figürlich verziert, doch ist der Kopf verloren. Ebenfalls unklar ist zurzeit die Ansprache der Figur, die auf der Schmuckplatte über den Nüstern dargestellt ist. Vermutlich gehören beide ebenfalls in den Zusammenhang der Bildersprache von Krieg und Sieg, was gut zur Situation einer römischen Stadtgründung in neu erobertem Gebiet passen würde.  „Götter, die für den siegreichen Staat stehen“, deutet Landesarchäologe Professor Egon Schallmayer die politische Aussage.

Der Pferdekopf aus Waldgirmes ist von außergewöhnlicher künstlerischer Qualität. Er besitzt mit seinen geblähten Nüstern, der feinen Äderung und den wachen Augen sehr große Ausdruckskraft. Das Maul ist aufgerissen, das vorwärts drängende Pferd wird vom Reiter gezügelt, die Öse der Trense ist ebenso wie der Hengstzahn gut erkennbar. Der qualitätvollen Darstellung des Pferdekopfes entsprechend ist das Zaumzeug reich geschmückt. Figural verzierte Medaillons zieren die Riemenkreuzungen, am Riemenwerk selbst sind kleine Schnallen und Nieten erkennbar. Am Stirnriemen zeugen rechteckige Aussparungen von ehemals eingesetztem Kopfschmuck.

Mit rund 55 Zentimeter Länge und 14 Kilogramm Gewicht ist der Pferdekopf mit Abstand das größte bisher bekannte Teil der Statue aus Waldgirmes. Einen Fund solcher Qualität und Erhaltung hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. Zwar ist vor längerer Zeit auch in Augsburg ein Pferdekopf gefunden worden. Der ist aber nicht so aufwändig gearbeitet wie der Fund von Waldgirmes.

Um eine etwa lebensgroße Reiterstatue gießen zu können, benötigt man mindestens 450 Kilogramm Bronze. Rechnet man das Gewicht des Pferdekopfes ein, konnten bisher bei den Ausgrabungen Fragmente im Gesamtgewicht von 24 Kilogramm geborgen werden. Diese Zahl führt im Vergleich deutlich vor Augen, wie viele Teile verloren sind. Doch überraschenderweise kamen an anderen Orten des Lahntals, in Wetzlar-Naunheim und in Wetzlar-Dalheim, bei Ausgrabungen in germanischen Siedlungen Stücke der vergoldeten Bronzestatue zutage. Hier zeigt sich der Wert des Rohmaterials Bronze, denn Teile der Statue wurden offensichtlich als Rohmaterial zur Wiederverwendung verhandelt.

Der Lagerung im Wasser ist es zu verdanken, dass der Bronzekopf so gut erhalten ist. Die Archäologen haben sieben Eimer mit Aushub aus dem Brunnen ans Licht befördert und hoffen nun, darin noch mehr Teile des Reiterstandbild zu finden, dessen künstlerische Qualität auch von hoher Bedeutung ist. Es gehört zu dem Besten, was in dieser Zeit geschaffen wurde.  Die Statue wurde den Erkenntnissen zufolge von den bedeutendsten Künstlern im Römischen Reich geschaffen. Die Restaurierung des Sensationsfundes in der Werkstatt der Hessischen Landesarchäologie werde voraussichtlich zwei Jahre dauern. Anschließend soll der Kopf im Rahmen einer Son­derausstellung an einem zentralen Ort in Hessen der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

 

Aus historischen Überlegungen heraus kann es sich während der Gründungsphase einer Stadt in einer neu zu gestaltenden Provinz nur um die Reiterstatue des Kaisers Augustus (23 vor bis 14 nach Christus) gehandelt haben. Auch der Schuh ist ein typischer senatorischer Stiefel, den nur sehr hochrangige Römer trugen.

Eine solche Statue war in der Antike ein Sinnbild dafür, dass der Kaiser selbst anwesend ist. Er war der Imperator des Römischen Reiches, als in Betlehem oder Nazareth Jesus Christus als sein Untertan geboren wurde. Er war das politische Aushängeschild für diese neueroberte Region. Er wollte, daß Germanien für immer zum römischen Reich gehören sollte.

Aufgrund der Fundlage ergibt sich die einzigartige Möglichkeit, die Statue auf wenige Jahre genau zu datieren - und einen Zusammenhang zu den Ereignissen im Umfeld der Varus­schlacht vor 2000 Jahren herzustellen. Von einem „einzigartigen Fund in Europa mit Weltrang“ ist die Rede. Die archäologische Entdeckung aus Mittelhessen sei auf einer Stufe mit der Himmelsscheibe von Nebra und den Keltenfürsten vom Glauberg zu sehen. Diese Bronzeskulptur gehört qualitativ zu den besten Stücken, die jemals auf dem Gebiet des ehemaligen Römischen Reichs gefunden wurden.

Es gibt die Theorie, daß das Reiterstandbild nicht von den sich zurückziehenden Römern zerstört wurde, denn diese hätten die Statue doch mitgenommen, wenn sie genügend Zeit gehabt hätten. Vermutlich haben die Germanen nach Einschätzung der Archäologen das Standbild zerstört und den Kopf im Brunnen versenkt. Die Germanen haben den Kopf rituell in Brunnen versenkt, um eigene Götter zu besänftigen. Mit echten Pferdeköpfen wurde damals so verfahren. Das feingearbeitete römische Reiterstandbild muss auf die Germanen unglaublichen Eindruck gemacht haben. Es könnte als besondere Gabe gedient haben. Es gibt aber auch die andere Ansicht, daß die Römer selbst die Statue zerstört hätten, weil die Funde überall auf dem Gelände verstreut waren und nur der Kopf in den Brunenn geworfen war.

Die Aufstellung einer Reiterstatue vermutlich des Augustus in Waldgirmes ist der früheste sichere Beleg für eine vergoldete etwa lebensgroße Statue nördlich der Alpen. Sorgfältig bearbeitete, profilierte Kalksteine sowie zwei Architekturquader und kleine Bruchsteine, denen teils Mörtel anhaftete. aus demselben Fundbereich werden derzeit als Reste der Statuenbasis gedeutet. 

 

Bilder 18 und 19. Neues Reiterstandbild

 

Das neue Reiterstandbild: Der Künstler und Designer Heinrich Janke aus Braunfels erstellte anhand der vorliegenden Bronzescherben und deren Größenangaben eine modernen Nachbildung des Reiterstandbilds, die sich auch an der bisher einzigen erhaltenen Darstellung des römisichen Kaisers Marc Aurel als Reiterstandbild (Kapitolinisches Museum in Rom) orientiert. Da eine authentische Nachbildung des Reiterstandbilds aufgrund der Funde nicht möglich war,wurde auf den Versuch einer sich am Original annähernden Darstellung  des Kaiserrs Augustus als gerüsteter Feldherr und Imperator verzichtet. Vielmehr wurde das Objekt von dem Künstler bewußt zivil und schlicht gehalten, um auf die überwiegend friedliche Nutzung der römsichen Stadt Waldgirmes als Markt- und Handelsstadt hinweisen. Der Bronzeguß der hier stehenden Nachbildung wurde im Jahr 2007 angefertigt und im Jahr 2009 anläßlich der 2000jährigen Geschichte  der Varusschlacht (9 nCh) im Forum aufgestellt. Als Material für die Nachbildung des Sockels wurde Musuchelkalkstein verwendet, der auch seienerzeit beinm Original Verwendung fand.

Die Aufstellung von wahrscheinlich bis zu fünf lebensgroßen, vergoldeten Reiterstandbildern im Innenhof des Forums von Waldgirmes verdeutlichen ebenso wie die gesamte, im Verleich

zur Siedlungsgröße völlig überdimensionierte Forumsanlage, eine Repräsentation, die weit über den privaten oder kommunalen Bereich hinausging, In Waldgirmes präsentierten sich das Römische Reich und der römische Kaiser einer einheimischen Bevölkerung, die beeindruckt, aber auch für Rom und seine Lebensweise gewonnen werden sollte.

 

Botanische Funde in den Brunnen der römischen Stadt:

Der Brunnen, in dem wir den Pferdekopf gefunden haben, enthielt auch Haselnüsse, Zwetschgen- oder Olivenkerne. Dadurch können wir Speisegewohnheiten untersuchen oder Handelsverbindungen nachweisen. Die Römer haben hier Märkte gebaut und die Einheimischen an die römische Verwaltung gewöhnt. Wir untersuchen die ersten Schritte eines friedlichen Zivilisierungsprozesses.

Die Ausgrabungen in Waldgirmes werden kontinuierlich von einem archäobotanischen und archäozoologischen Beprobungsprogramm begleitet. Während der kalklose Boden das Knochenmaterial weitgehend zerstört hat und dadurch Knochen nur in geringem Umfang für weitergehende Untersuchungen geborgen werden konnten, konnten inzwischen mehr als 1.000 botanische Proben technisch aufbereitet werden.

Der Fundplatz liegt auf trockenen, durchlüfteten Mineralböden, in denen - dank der aktiven Bodenlebewesen - nur verkohlte oder mineralisierte Pflanzenreste erhalten sind. Eine willkommene Ausnahme stellen die beiden 2005 und 2009 ausgegrabenen Brunnen dar, die in den heutigen Grundwasserbereich hineinreichten. Unter solchen Ablagerungsbedingungen bleibt auch unverkohltes (subfossiles) organisches Material erhalten.

In den beiden Brunnen fanden sich neben importierten Arten Obst und Nüsse, die in römischer Zeit in der Umgebung zu sammeln waren, wie Haselnuss (Corylus avellana), Schlehe (Prunus spinosa) oder Brombeere (Rubus fruticosus). Solche Arten gehörten seit dem Neolithikum stets zur Alltagsernährung der Menschen.

Eine Besonderheit für die römische Zeit und geographische Lage von Waldgirmes sind die Fruchtsteine bzw. Kerne von Pflaume (Prunus domestica ssp. insititia), Apfel (Malus spec.)

und Olive (Olea europaea), die in einigen der Brunnenproben auftraten. Während Wildäpfel (Malus sylvestris) in den natürlichen Auenwäldern des Lahntales gesammelt worden sein könnten, wurden nach den antiken Schriftquellen von den Römern bereits mehrere wohlschmeckende Apfelsorten in Gärten gezogen. Der Pflaumenbaum ist ein weiteres Obstgehölz, das in Hessen erst seit Beginn der römischen Gutshofwirtschaft innerhalb des Limes ab dem 2. Jahrhundert nCh angepflanzt wurde.

Der Ölbaum ist hingegen in der mediterranen Hartlaubregion beheimatet. Daher handelt es sich bei den gefundenen Pflaumen- und Olivensteinen um Überreste von aus dem Süden importierter Nahrung. Offenbar waren in Waldgirmes Menschen ansässig, die - im Gegensatz zu den im Umland siedelnden Germanen - solche Exotica schätzten und das nötige „Kleingeld“ besaßen, um diese Waren zu beziehen.

Auch Getreide und andere Grundnahrungsmittel wurden wohl teilweise so beschafft. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang Funde der Wintergetreide Dinkel Triticum spelta und Nacktweizen (T. aestivum s.l./durum/turgidum) in Waldgirmes. Diese beiden Wintergetreide waren nicht Teil der frühgermanischen Landwirtschaft, wie ihr Fehlen in 22 untersuchten germanischen Fundstellen Hessens nahelegt. Das römische Waldgirmes bezog diese Getreide wie auch Pflaumen und Oliven offenbar aus größerer Entfernung. Geregelter Nachschub und überregionaler Handel mit Grundnahrungsmitteln sind eine Grundvoraussetzung während der Eroberungs- und Konsolidierungsphase.

Dendrochronologie und Pollenanalyse (Brunnen 1):

Zu einer modernen archäologischen Ausgrabung gehören heute auch Untersuchungen zur Flora und Fauna des Umfeldes. Daraus lassen sich direkte Rückschlüsse auf die Ernährungs- und Wirtschaftssituation des Ortes und seiner Bevölkerung gewinnen, die aus den archäologischen Funden nur lückenhaft zu erschließen sind.

In Waldgirmes konnte 2005 der erste römische Brunnen aus dem Jahr 3 vCh erforscht werden. Er war rund 7 Meter tief und erreichte das heutige Grundwasserniveau. In der Baugrube hatten die Römer einen Kasten aus Spaltbohlen errichtet, der noch etwa einen halben Meter hoch erhalten war. Doch neben den konstruktiven Hölzern erbrachte der Brunnen auch ein zerbrochenes Scheibenrad aus Holz und Brettchen, die vermutlich als Dachschindeln anzusprechen sind. Auf einem dieser Brettchen befanden sich die Reste von 2.000 Jahre altem Moos, in dem sich Pollen unterschiedlicher Pflanzen erhalten hatten; herausragend war der Nachweis von Anispollen. Damit ist der Anbau dieses wichtigen römischen Würzkrauts in Waldgirmes belegt.

 

Doch nicht nur Pollen, sondern auch andere botanische Reste geben wichtige Hinweise auf die Ernährung der im römischen Waldgirmes lebenden Menschen. So wurde in der Verfüllung des Brunnens ein Olivenkern gefunden. Die Belieferung mit Oliven aus Spanien war bis zu diesem direkten Beweis nur durch Amphoren erschließbar, die als Transportbehälter für ­die­se Südfrüchte dienten. Die verschiedenen Amphoren lassen ein breites Spektrum erkennen, das Lebensmittellieferungen aus dem gesamten Mittelmeerraum umfasst. Öl und Oliven wurden vom südspanischen Guadalquivir angeliefert; auch die für die römische Küche notwendige Würzsauce stammte von der Iberischen Halbinsel. Spanischer Wein wurde offenbar nur wenig getrunken, denn beim Wein dominieren Importe aus dem östlichen Mittelmeerraum, und etwa ein Viertel der Weinamphoren stammt aus Italien.

 

 

Weitere Funde aus Waldgirmes:

Zur zeitlichen Einordnung einer Fundstelle sind die bei einer archäologischen Ausgrabung geborgenen Funde von zentraler Bedeutung. In römischer Zeit besitzen Keramikfunde und Münzen den größten Wert für die Datierung eines Ortes. Alltags- und Luxusgegenstände geben Aufschluss über die dort lebende Bevölkerung und lassen erkennen, inwieweit die Siedlung in das römische Wirtschaftsgefüge eingebunden war. Die Funde von Waldgirmes zeichnen sich durch zwei Besonderheiten aus: zahlreiche Fundstücke stammen aus weit entfernten Gegenden des Römischen Reiches. Die Herstellungsorte dieser teilweise einmaligen Stücke sind sicher im Mittelmeerraum zu suchen. Nur Mitglieder einer relativ kleinen römischen Oberschicht konnten die Besitzer der prachtvollsten Stücke gewesen sein.

Die anderen Funde sind der einheimischen Bevölkerung des Lahngebiets zuzurechnen. Spärliche Waffenfunde auf der einen Seite und das Auffinden einheimischer Keramik auf der anderen legen die Vermutung nahe, dass hier Römer und Germanen offensichtlich friedlicher zusammenlebten als andernorts. Diese Mischung zeugt von einer friedlichen Koexistenz der einheimischen Bevölkerung mit den neuen Machthabern. Waffen und für Militärlager typische Kleinfunde fehlen in Waldgirmes bisher weitgehend.

 

Auf die  L a n d w i r t s ch a f t  deuten Fragmente von eisernen Sicheln und Sensen und einem schweren Astmesser (auch Hippe genannt) und anderen Werkzeugen, aber auch Schlacken, verweisen auf vielfältige landwirtschaftliche Tätigkeiten. Kleine ehemals um einen Stock gebogene bronzene Stachel dienten zum Treiben des Viehs. Untersuchungen von Tierknochen belegen bisher jedoch nur einheimische Tierarten. Aber die größeren römischen Zuchtrinder ließen sich bisher nicht nachweisen. Der Naturraum im Umfeld war geprägt durch die von Waldweide (Schweine und Rinder wurden in Wäldern gehütet) aufgelichteten Eichen- und Buchenwälder. Durch den Einschlag von Eichen, die die Römer zum Bau der Stadt benötigten, entstanden Freiflächen, die wohl zum Anbau von Getreide genutzt wurden.

Handel und H a n d w e r k prägten das Leben in der Stadt, wovon Eisenwerkzeuge und verschiedene Geräte zeugen. Die Tätigkeit der Schmiede verdeutlichen zahlreiche Schmiedeschlacken und ein pilzförmiger Amboss zum Treiben von Blechen. Zum Werkzeug des Feinschmiedes gehören verschiedene Punziereisen und ein Hammerlötkolben. Schlossbeschläge und verschiedene große und kleine Schlüssel lassen sich dem häuslichen Bereich zuordnen.

 

Bild 20: Münze

 

In den Jahren um die Zeitenwende gelangten mit den römischen Kriegszügen erstmals in größerem Umfang auch Silber- und B r o n z e m ü n z e n aus den Prägestätten Rom, Nimes (Nemau­sus) und Lyon (Lugdunum) in die neu eroberten Gebiete.  Die rund 200 Münzen sind die Grundlage für die Datierung des Stützpunktes. Sie fanden sich  größtenteils in einer Schicht, die der Zerstörungszeit zuzuweisen ist.

Die Münzreihe enthält eine große Anzahl von Münzen, die während der Regierungszeit des Kaisers Augustus geprägt wurden, sowie wenige Münzen aus der Spätzeit der Römischen Republik.

 

Bild 21: Münzen

 

Die jüngsten Münzen, die nach Waldgirmes gelangten, tragen zusätzlich einen sogenannten „Gegenstempel“. Dieser zeigt das Namenskürzel „VAR“ des Publius Quinctilius Varus und ist damit ein deutlicher Beleg für die Existenz der Siedlung während seiner Statthalterschaft in der Germania von 7 bis 9 nCh. Da sie sämtlich aus der Zerstörungsschicht stammen, läßt sich das Ende der römischen Besiedlung sicher mit der Niederlage der Römer in der sogenannten „,Schlacht im Teutoburger Wald“ 9 nCh in Verbindung bringen. Weder die Münzreihe noch andere Funde lassen Anzeichen für eine über das Jahr 9 nCh hinausreichende Besiedlung oder erneute Besetzung dieses Platzes etwa unter Germanicus in den Jahren 14-16 nCh erkennen (heute wird wieder angenommen, daß eventuell doch bis zum Jahre 16 noch Römer dort waren).

 

K er a m i k s c h e r b e n sind die häufigsten Funde. Die römischen Gefäße wurden mit der schnell rotierenden Töpferscheibe hergestellt, im Unterschied zu den Gefäßen der einheimischen Bevölkerung, die von Hand aufgebaut sind und dickwandiger und gröber in der Ausführung sind. Manche Stücke unter der römischen Keramik sind mit dem Namen des Töpfers gestempelt. Herstellerstempel nennen die Namen italischer Töpfer aus Arezzo, Pisa und Puteoli sowie eines Handwerkers aus dem antiken Lugdunum, dem heutigen Lyon. Das Graffito APR ist auf der Unterseite eines Sigillata-Tellers eingeritzt und läßt sich in den Namen Apronius, Aprilis o.ä. auflösen. Scherben des feinen römischen Tafelgeschirrs Terra Sigillata sind allerdings relativ gering vertreten.

 

Bild 22: Keramik

 

Dank zahlreicher gut untersuchter Töpfereien können heute mit chemischen Analysen die Herkunftsregionen bestimmt werden. Nach Waldgirmes gelangte Keramik aus der Champagne, Lyon in Gallien sowie Pisa und Arezzo in Italien. Aber auch direkt am Ort wurde Keramik hergestellt. Dies belegen zwei Töpferöfen. In dem Töpferofen nördlich der Befundkomplexe 7 bis 9 (T 1) fanden sich noch einige Gefäße aus der letzten Beschickung des Ofens.        

Insgesamt entspricht das Spektrum der Drehscheibenwaren dem anderer reitgleicher römischer Anlagen wie beispielsweise Haltern an der Lippe. Durch einen hohen Anteil an handgemachter germanischer Keramik unterscheidet sich Waldgirmes jedoch deutlich von römischen Militäranlagen aus dieser Zeit. Der überwiegende Teil der handgemachten Ware besteht aus sehr groben Scherben, die mit Kammstrich und Schlickerbewurf verziert sind. Nur wenige Stücke sind auf der Außenseite geglättet und haben einen abgestrichenen Rand.

Besonders in der Osthälfte des Stützpunktes wurde beiderseits der ost-west-verlaufenden Straße römische Drehscheibenware zusammen mit handgemachter germanischer Keramik gefunden. Innerhalb des Zentralgebäudes kamen hingegen nur wenige Scherben zutage, diese aber ausschließlich von Drehscheibenkeramik.

 

G e w a n d s p a n g e n (Fibeln) dienten dazu, Kleidungsstücke zu schließen oder aneinander

zu befestigen. Sie gehören aufgrund ihrer teilweise regionalen Verbreitung und engen Dat­ier­ung neben Münzen und Keramik zu den chronologischen Leitfunden einer archäologischen Fundstelle. Mehr als 40 Fibeln konnten geborgen werden. Sie stammen sowohl aus dem römischen wie dem einheimischen Kulturbereich und vermitteln damit ein Bild der Bevölkerungsverhältnisse. Zwei Fibeln verdeutlichen dies exemplarisch:

Die römische Scheibenfibel besteht aus einer Grundscheibe von etwa drei Zentimeter Durchmesser. Auf dieser Scheibe befindet sich ein filigran verziertes Silberblech in Form von Lotusblättern. Die Lotusblätter zieren zusätzlich blaue und grüne Glaseinlagen. Ein Bernstein sitzt auf der Schauseite des zentralen Nietes. Diese Fibel wurde vermutlich in Oberitalien hergestellt. Der beste Vergleich für diese Gewandspange ist ein Stück aus Trier.

 

Bild 23: Fibeln

 

Die germanische Silberfibel zählt aufgrund ihrer Gestaltung zu den Augenfibeln. Auch sie weist auf dem Bügel und sogar auf der Unterseite der Nadelrast Verzierungen in typischer Manier auf. Beide Stücke dienten sicherlich höher gestellten Persönlichkeiten als Schmuck und Bestandteil der Tracht, die die neu gegründete Stadt als gemeinsamen Raum nutzten.

 

Bild 24: Gemme

 

F u n d e  a u s  G l a s sind in Waldgirmes selten, aber darunter befinden sich zwei herausragende Stücke: eine Gemme und eine Mosaikperle. Die Gemme imitiert in ihrer Gestaltung einen geschnittenen Schmuckstein. Ihre Vorderseite zeigt ein Bild aus dem antiken Mythos der ihren toten Bruder haltenden Niobe.

 

Bild 25: Glasperle

 

Eine Mosaikperle aus Glas zeigt drei eingelegte Bilder des ägyptischen Stiergottes Apis. Er trägt die Sonne zwischen den Hörnern. Die Perle hat einen Durchmesser von nur 1,5 Zentimeter. Die Herstellungsorte dieser teils einmaligen Stücke sind sicher im mediterranen Raum zu suchen.      

 

Bild 26: Schmuck

 

Zu dem Bild „Schmuck“:   

Neben der vergoldeten Bronzestatue zeichnet sich Waldgirmes durch eine Reihe herausragender Kleinfunde aus, die in Auswahl abgebildet sind.

1. Glasgemme mit der Darstellung einer Niobide.

2. Wandscherbe eines Glasmosaikgefäßes. Über einer Form wurden Scheiben mehrfarbiger Glasstäbe zusammengesetzt und durch Hitze verbunden. Deshalb ist die Innenseite des Gefäßscherbens, die auf der Form auflag. rauh. die Außenseite, die dem Schmelzprozeß direkt ausgesetzt war, glänzend und glatt. Alle drei Glasobjekte wurden in einer ähnlichen Technik hergestellt.

3. Perle, in die drei Glasmosaikbilder des ägyptischen Stiergottes Apis eingelegt sind. Vor dem Bild des Stieres ist ein Altar erkennbar, auf dem Räucherwerk verbrannt wird.

4.Kleiner Silberanhänger.

5. Bronzemünze aus der Münzstätte Lugdunum mit einem Gegenstempel des Varus.

6. Scheibenfibel aus Silberblech. Während die Nadel eine bei römischen Fibeln häufige Scharnierkonstruktion aufweist, ist die übrige Gestaltung der Fibel bisher einmalig: eine durchbrochen gearbeitete Blechauflage in Form von Lotusblättern. die mit blauen und grünen Glaseinlagen verziert ist.

 

 

 

 

Die Bedeutung der Stadtgründung:

Die römischen Truppen fanden in den Gebieten  östlich des Rheins völlig andere Bedingungen vor als in Gallien. Politische, wirtschaftliche und administrative Zentren, auf die sich die römsiche Herrschaft stützen konnte, existierten bis auf wenige Ausnahemn nicht mehr. Statt dessen herrschte in Germanien eine bäuerliche Subsistenzwirtschaft vor: In Germanien (in griechischen Texten dieser Zeit ebenfalls als „Keltike“ bezeichnet) gab es vielmehr nur kleine weilerartige Siedlungen, die auf Eigenversorgung ausgerichtet waren. Für die Römer war deshalb der Aufbau städtischer Verwaltungsstrukturen im eroberten Germanien von zentralem Interesse.

Diese Wirtschaftsweise war kaum in der Lage, den zuweilen plötzlich auftretenden Bedarf der römischen Truppen aus dem Lande heraus sicher zu stellen. Wollte man das eroberte Germanien auch tatsächlich bejerrschen und verwalten, war der Aufbau einer eigenen Infrastruktur unumgänglich. Rom tat das durch die Gründung von Städten. In Germanien erfolgte zum einen der Um- und Ausbau bereits exiesierender Militärlager, in denen sukzessive weitere Anlagen  für administrative und auch wirtschaftliche  Zwecke errichtet wurden. Daneben berichtet der im 3. Jahrhundert nach Christus  lebende Senator und Autor Cassius Dio über die Anlage von Märkten und die Gründung von Städten.

Dazu berichtet der römische Senator und Historiker Cassius Dio: „Denn um dieselbe Zeit hatte sich in der [rechtsrheinischen] Keltike Folgendes ereignet: Die Römer hatten dieses Gebiet nicht als geschlossenes Territorium in ihrem Besitz, sondern beherrschten nur Teile, wie diese gerade unterworfen worden waren. ... Ihre Truppen überwinterten dort und gründeten Städte, und die Barbaren passten sich ihrer Ordnung an, gewöhnten sich an Märkte und trafen sich in friedlichen Versammlungen, sie vergaßen freilich nicht ihre traditionellen Bräuche, ihre angestammte Art und ihre auf dem Recht des Waffentragens beruhende freie Lebensweise. Daher waren sie nicht empört über die Veränderung ihres Lebens und bemerkten den Wandel kaum, solange sie nur allmählich und nach einem behutsamen Verfahren ihre alten Gewohnheiten verlernten.“ (Cassius Dio 56,18, 1-3; Übersetzung nach Goetz/Welwei 1995).

Die Ausgrabungen in Lahnau-Waldgirmes stellen derzeit zusammen mit den Untersuchungen des Schlachtfeldes von Kalkriese, dem wahrscheinlichen Ort der „Schlacht im Teutoburger Wald“, die wichtigste Forschungsgrabung zur augusteischen Germanienpolitik in Deutschland dar. Die Ergebnisse der laufenden Grabungen haben schon jetzt die bisherige Interpretation dieser zwar kurzen, für die weitere historische Entwicklung des Gebiets zwischen Rhein und Elbe aber entscheidenden Zeitspanne grundlegend beeinflusst.

Trier, Mainz, Köln, Bonn, Xanten - alle diese Orte wurden vor etwa 2000 Jahren von den Römern gegründet und zählen zu den ältesten Städten Deutschlands. Und Waldgirmes? Der kleine Ort im Lahntal zwischen Wetzlar und Gießen ist natürlich wesentlich jünger, aber am Ortsrand hat man Reste einer römischen Niederlassung gefunden, die nach Feststellung der Archäologen fast genau zwei Jahrtausende alt ist. Zunächst war man davon ausgegangen, ein weiteres Militärlager entdeckt zu haben, das die Römer im Zuge ihrer Eroberung Germaniens vom Rhein bis zur Elbe als Stützpunkt angelegt hatten.  Nur in Waldgirmes wird eine historische Variante erfahtrbar, in der Germanien ein Teil der römischen Welt werden sollte.

 

Daß die Römer dabei auf ihre repräsentative Staatsbaukunst zurückgriffen, um ihre Macht und die Überlegenheit ihrer Kultur zu demonstrieren, haben gerade die sensationellen Entdeckun­gen in Waldgirmes an der Lahn erkennen lassen. Hier fand sich im Zentrum der umwehrten Stadtanlage, in der man vielleicht schon eine römische Kolonie (colonia) erblicken kann, ein großer Forumskomplex ‑ übrigens der früheste Steinbau östlich des Rheins ‑ dessen Grundriß sehr gut die Vorstellung erweckt, hier könne der kaiserliche Statthalter, der oberste Militärchef oder der mit der Schaffung der Verwaltungsstruktur betraute hohe Beamte residiert haben. Das befestigte Forum sollte die Veraltungsaufgaben in der Provinz Germanien übernehmen. Die Lahn wurde zum wichtigsten Verbindungsweg in den römischen Westen.

Nach seinem Grundriss mit dem großen Innenhof, der gewaltigen Querhalle und den drei Apsiden entspricht das Bauwerk genau einem römischen Forum, d.h. dem Zentrum für Politik, Verwaltung und Wirtschaft einer römischen Stadt. Dieses, in Verbindung mit zahlreichen vergoldeten Bronzefragmenten eines lebensgroßen Reiterstandbildes und andere einmalig wertvollen Funden belegen, dass Rom begann, hier ein ziviles Zentrum im neu eroberten Germanien aufzubauen.

„Das Projekt gehört aufgrund des Forschungsgegenstandes im Rahmen der provinzial­römischen Archäologie zur absoluten Spitzengruppe, für Deutschland möchte man ihm eine Ausnahmeposition zubilligen.“ Die Einschätzung der Deutschen Forschungsgemeinschaft: „Die Ausgrabungen von Waldgirmes stellen im Bereich der provinzialrömischen Archäologie Deutschlands die wichtigste Entdeckung der letzten zehn Jahre dar. Selbst in Trier hatten wir während dieser Zeit wohl keine Grabung, die unser Geschichtsbild ähnlich tiefgreifend verändern könnte.“ Dr. Hans-Peter Kuhnen, Direktor des Rheinischen Landesmuseums Trier: „Es handelt sich hier um den ältesten römischen Steingrundriss, den wir überhaupt in Germanien kennen. Wie wir aus antiken Quellen wissen, haben die Römer in Germanien bereits angefangen, stadtartige Siedlungen anzulegen, und wir nehmen an, dass es sich hierbei um eine dieser Stadtgründungen handelte, die nicht mehr zum Blühen gekommen ist. Wenn die Geschichte anders verlaufen wäre - davon bin ich persönlich überzeugt - dann wäre hier einer der Mittelpunkte römischer Herrschaft in Germanien entstanden.“

Die beteiligten Archäologen gehen nun davon aus, dass es sich bei der ganzen Anlage um eine „Stadt in Gründung“ gehandelt hat, deren wirklicher Name wahrscheinlich für immer im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben wird. Allem Anschein nach planten die Römer hier ein oder sogar „das“ Verwaltungszentrum in einer noch zu schaffenden Provinz Germanien zu errichten, aus dem in späteren Zeiten vielleicht einmal eine größere deutsche Stadt entstanden wäre.

Das Leben in der römischen Stadt Waldgirmes endete mit einem gewaltigen Brand. Vermutlich hatten die letzten römischen Siedler die Stadt selbst angezündet, um sie nicht der einheimischen Bevölkerung in die Hände fallen zu lassen. Im Jahr 17 nCh berief Kaiser Tiberius, der Nachfolger des Augustus, den Feldherrn Germanicus aus Germanien zurück und gab damit den Plan endgültig auf, Germanien rechts des Rheins in das Römische Reich als Provinz einzugliedern. Die Römer kontrollierten in den folgenden Jahrhunderten das Vorfeld der Rheingrenze bzw. des Limes, ohne dort wieder feste Stationen zu errichten. Der erst sehr viel später errichtete Limes verläuft etwa 15 Kilometer südöstlich von Waldgirmes und schließt sie nicht mehr mit ein.

 

 

 

In Waldgirmes wünscht man sich, daß dort einmal ein archäologischer Park entsteht, mit einer Anbindung an die Landestelle an der Lahn (Hafenweg)..

 

 

 

 

Dorlar:

Luftbildarchäologen entdeckten im Jahr 1986 auf einer leichten Anhöhe nordöstlich des alten Ortskerns von Dorla  in der Flur „Eberacker“, ein etwa 20 Hektar großes römisches Marschlager, das im Jahr 1991 ergraben wurde. Hier könnten etwa eine Legion Soldaten kurzfristig stationiert gewesen sein.

Im gleichen Jahr wurden bei Grabungen im Bereich der Dorlarer Klosterkirche neben zahlreichen karolingischen Scherben rottonige Ziegelfragmente entdeckt, darunter eines mit dem Truppenstempel der römischen Militäreinheit signiert, die diese Ziegelsteine in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts hergestellt hatte.

Bei Grabungen im Chorraum der Dorlarer Kirche stieß man auf mehrere Vorgänger-Chor­bauten, wobei der älteste die gleichen Maße aufweist wie der in das 8. Jahrhundert datierte Chor der Theutbirgkapelle in Nauborn. Auch bei der Kirchensanierung in Waldgirmes (1978 bis 1983) fand man Mauerreste eines alten Chorraumes mit den gleichen Maßen, was ebenfalls ein Kirchengebäude im 8. Jahrhundert belegt.

Im 13. Jahrhundert ist die Dorlarer Kirche als Eigenkirche der Merenberger und deren Begräbnisstätte nachgewiesen. Um 1218 entstand nach einer Brandkastrophe die heutige Dor­larer Kirche in einem frühgotischen Baustil. In der Mitte des 13. Jahrhunderts bemühten sich die Merenberger beim Erzbischof in Trier erfolgreich auch um die Patronatsrechte für die Kirchen in Atzbach, Waldgirmes und Naunheim.

Im Jahr 1297 beschloss die in unserem heimischen Raum mächtige Familie der Merenberger, in Dorlar ein Prämonstratenser-Nonnenkloster zu errichten, das 1304 eingeweiht wurde. Die Oberhoheit über das Kloster und das Recht Ernennung der Äbtissinnen oblag dem Abt des Klosters Rommersdorf bei Neuwied.

Um 1310 wurde eine Straße von Niedergirmes durch Naunheim und südlich an Waldgirmes vorbei zum Dorlarer Lahnübergang gebaut. Es kann unterstellt werden, dass dies wohl primär wegen einer Verbindung zwischen den beiden Prämonstratenserklöstern in Altenberg bei Oberbiel und Dorlar geschah. Flurnamen in der Dorlarer und Waldgirmeser Gemarkung erinnern noch heute an diese untergegangene Straßenverbindung.

Das Nonnenkloster in Dorlar bestand bis 1437 und wurde dann aus wirtschaftlichen Gründen in ein Mönchskloster umgewandelt. Es war ein vermögendes Kloster und bestand bis zur Reformation im Oktober 1526. Die Mönche - nur noch drei oder vier waren es vermutlich - folgten der Lehre Luthers. Der Erzbischof in Trier genehmigte 1531 den Verkauf des Klosters „weil der Ketzerei verfallen“, und am 12. März 1532 wurde ein Kaufvertrag mit den Herren von Buseck über 2.300 Gulden abgeschlossen.

Die Busecker hatten mit diesem Kauf auch die Verpflichtung der „Collateur“ übernommen, d.h. die Pflicht, Pfarrer zu bestellen und zu besolden, aber auch die Kirchengebäude in Ordnung zu halten. Die Busecker verarmten und konnten der Collateur nicht nachkommen. Das Klostergut musste darum verkauft werden. Die Gemeinden des Dorlarer Kirchspiels erhielten recht hohe Ablösungssummen. Mit den Dörfern Waldgirmes und Naunheim hatte es 1610 bei einem Ablösungsangebot von 10.000 Gulden zunächst noch keine Einigung gegeben. Mit dem Geld wurden die Kirchen in Atzbach und Waldgirmes umfangreich renoviert und Emporen eingebaut.

Seit dieser Zeit gab es zwei Kirchspiele: Dorlar mit Atzbach und Waldgirmes mit Naunheim (bis 1959) Auf dem Schwarzweißbild ist die aus dem 14. Jahrhundert stammende evangelische Gemeindekirche von Waldgirmes zu sehen. Es gab auch eine jüdische Gemeinde Waldgirmes.

 

Oberbiel:

Zeche Fortuna:

Das Museumsgelände läßt sich von Oberbiel aus mit dem Auto direkt anfahren: Im Ort links ab in die Kirchstraße und dann immer geradeaus in die Grundstraße und im großen Bogen nach links und noch einganzes Stück nach außerhalb bis zum Parkplatz.

 

„Bergbau“ gehört gemeinhin nicht zu den Begriffen, die ein typisches Merkmal von Hessen benennen. Und doch gab es Zeiten, da übertraf insbesondere der Eisenerzabbau den anderer Regionen um ein Mehrfaches. Im Kaiserreich förder­ten allein im Revier Wetzlar 115 Eisenerzgruben, noch 1920 deckte der Bergbau an Lahn und Dill gut ein Fünftel des deutschen Bedarfs. Der Niedergang begann seit den fünf­ziger Jahren. Im letzten hessischen Hochofen gingen 1981 die Feuer und im letzten Eisenerz-Bergwerk, der Grube Fortuna bei Solms-Oberbiel, kaum zwei Jahre später die Zechenlam­pen aus.

Anders als bei den meisten Förderanlagen, um deren Erhalt vergeblich gekämpft wurde, sprang die römische Glücksgöttin Fortuna insofern einer Handvoll Idealisten bei, als es ihnen nach langem Ringen gelang, die Anlage in Oberbiel wenigstens für ein Industriemuseum zu retten. Der Publikumszuspruch gab ihnen recht. Seit 1987 führen nun ehemalige Steiger und ehrenamtliche Helfer in 150 Me­tern Tiefe durch das einzige Eisenerz-Besucherberg­werk Deutschlands. Dort unten wird in einer großen, freitra­genden „Halle das zuletzt eingesetzte Gerät - Bohrer, Schrapper, Wurfschaufellader - ebenso eindrucksvoll wie ohrenbetäubend vorgeführt. Zusätzlich Anziehung bekam „Fortuna in den vergangenen Jahren durch die Einrichtung eines Feld- und Grubenbahnmuseums. Mehr als 50 histori­sche Dampf- und Diesellokomotiven können besichtigt werden. An besonderen Fahrtagen wird auf dem Gelände auch rangiert.

Das Revier mit Erz zog Hüttenwerke und metallverarbeitende Betrie­be nach sich, die teilweise bis heute das mittelhessische Gewerbe prägen - gingen auch im Zuge der einschneidenden Strukturveränderungen im letzten hessischen Hochofen Ende 1981 die Feuer und im letzten Eisenerz-Bergwerk, der Grube Fortuna, kaum zwei Jahre später die Zechenlampen aus.

Anders als bei den meisten Förderanlagen, um deren Erhalt vergeb­lich gekämpft wurde. sprang die römische Glücksgöttin insofern einer Handvoll Idealisten bei, als es ihnen nach zähem Ringen gelang, die Grube in Oberbiel wenigstens für ein Industriemuseum zu retten. Die wenigen Monate Zaudern der politisch Verantwortlichen zwischen dem endgültigen Schichtende im März 1983 und dem entsprechenden Beschluß im Sommer hatten allerdings genügt, die Zeche fast zu zerstören: Alle heute dem Besucher funktionstüchtig vorgeführten Gerätschaften, inklusive Aufzug, standen unter Wasser.

Nur mit gro­ßen Mühen und großem finanziellem Aufwand konnten die Stollen wieder trocken gelegt werden.

Noch immer müssen Minute für Minute eineinhalb Kubikmeter kri­stallklaren Wassers abgesaugt werden. Das trägt nicht unerheblich zu den jährlich anfallenden Verlusten der Anlage in Höhe von 800.000 Mark bei. die der Lahn-Dill-Kreis trägt. Daran ändern weder die großenteils ehrenamtlich wirkenden Mitglieder des Fördervereins der Grube etwas noch der Eintrittspreis von neun Mark - zur Kosten­deckung müßte er beim Fünffachen liegen.

Die Umwandlung in die Rechtsform eines „Eigenbetriebes“ seitdem 1. Januar 1992 soll die Zeche - die nebenbei sechs hochqualifizierte Arbeitsplätze sichert - nun auf stabile finanzielle Beine stellen.

Es geht nicht nur um den Erhalt eines einmaligen Industrie-Denkmals, des einzigen Eisenerz-Besucherbergwerks Deutschlands. Darüber hinaus soll „Fortuna“ einmal zum Kristallisationskern eines den Hes­senpark ergänzenden historischen Technikparks werden. Rund 30 Feld- und Grubenbahnen sind schon gekauft worden. und ge­nügend Gleise sind ebenfalls vorhanden, um in dem viel Platz bietenden Seitental der Lahn nördlich von Oberbiel die einzelnen In­dustrie- und Technikdenkmäler miteinander zu verbinden.

Beste Be­dingungen also, einmal den entwicklungsgeschichtlichen Dreisprung vom Bergbau als der Voraussetzung zur Industrialisierung über deren Träger (Hüttenwerke, stahl- und metallverarbeitende Betriebe) bis hin zur High-Tech-Revolution an einem Tag nachzuerleben.

Der erste Schritt ist schon spannend und vielversprechend. So wirk­lichkeitsnah wie möglich sind die Helfer der Grube Fortuna bemüht. plastische Eindrücke vom früheren Leben und der Arbeit der Berg­leute zu vermitteln. Hammer und Schlegel bekommt man zwar nicht in die Hand gedrückt. der Schutzhelm aber ist Pflicht. „Glück auf!“ begrüßt der Grubenführer. zumeist ein ehemaliger Kumpel, alle, die „einfahren“ wollen. Dabei geht es zu Fuß in das Stollenmundloch. „Gegangen“ wird nicht in der Welt des Bergmanns. So eigen wie sein Arbeitsfeld ist seine Sprache.

Unter Tage führt der Weg zu einem Förderkorb, der in einem Blind­schacht hängt. Nach zweimaligem Anschlagen fährt der Aufzug auf eine Sohlentiefe von 150 Metern. Dort wird auf die rittlings zu erklim­mende Grubenbahn umgestiegen. Gespenstisch bricht sich das ein­zige Licht, von der Grubenlampe am Helm des Lokführers. während der rumpelnden Fahrt an dem grob behauenen Gestein.

Am Ende des jetzt voll ausgeleuchteten Schachtes wird erst die farbenpräch­tige Welt des Stollenlabyrinths, in dem konstant 13 Grad herrschen. sichtbar. Durchzogen von weißen und gräulich-schwarzen Maserun­gen schimmert das Gestein in kräftigen dunkelroten Tönen. Ein Griff an die Wände, und die Finger sind gezeichnet wie nach dem Berüh­ren eines Stempelkissens.

In rund 140 Jahren wurden aus der Grube Fortuna mehr als 4.5 Mil­lionen Tonnen Roteisenstein gefördert. allein in den zehn Jahren vor der Stillegung 1983 waren es gut eine Million. Nicht das Erschöpfen der Ressourcen, sondern eine weltweite Absatzkrise bei zu hohen Produktionskosten zwang zur Aufgabe. Die Zeche könnte jederzeit wieder angefahren werden. Das Gerät. Bohrer, Schrapper, Wurf­schaufellader funktioniert tadellos, wie es die Besucher ebenso ein­drucksvoll wie ohrenbetäubend vorgeführt bekommen. Mit jeder Er­läuterung und jeder Demonstration steigt der Respekt vor den Män­nern, die früher nur im Schein ihrer Grubenlampen einen einsamen, gefahrvollen Kampf gegen das Gestein geführt haben.

Das Besucherbergwerk Grube Fortuna hat täglich außer montags von 9 bis 16 und am Wochenende bis 17 Uhr geöffnet (letzter Einlaß eine Stunde vorher). Zu empfehlen ist auch die zweieinhalbstündige Führung in „unerschlossene« Stollen“, nur für Kleingruppen bis zehn Personen (für Kinder ungeeignet) und nach Voranmeldung, Telefon 0 64 43/4 01. Das Freigelände mit Grubenbahnen und technischem Gerät ist kostenfrei zugänglich – für die (unregelmäßigen) Fahrt­zeiten der Bahnen telefonische Vorabinformation empfehlenswert.

Man kann die Grube auch von Aßlar aus erreichen, indem man nördlich des Ortes nach Berghausen abbiegt. Man kann die ganze Strecke von Oberbiel nach Aßlar auch durchfahren, an der Gaststätte ist nur eine verkehrsberuhigte  Zone.

 

Wetzlar

Da wurde Einkaufen zur sportlichen Ertüchtigung: „Sie müssen sich mal die Wohnverhältnisse des Türmers Mitte des 15. Jahrhunderts vorstellen“, sagt Hermann Eucker. Damals lebte der Turmwärter mit Frau, Kindern, Ziege und Hühnern in der wenige Quadratmeter großen Kuppel des Wetzlarer Doms. Sämtliche Verpflegung mußte per pedes über die etwa 50 Meter hohe Treppe geschleppt werden. Eucker, gelernter Bäckermeister und seit 18 Jahren mit Leib und Seele Stadtführer in Wetzlar, erzählt dies in eine mittelalterliche Kluft mit Kniebundhosen und Wanst gehüllt.

Er spielt den Türmer bei den Erlebnis-„Statt Führungen“, die an den Wochenenden vom 9. bis 11. August und vom 16. bis 17. August das Spätmittelalter in der ehemaligen Reichsstadt wiederaufleben lassen. Das Rahmenprogramm zur jetzt in Wetzlar eröffneten Ausstellung über Kaiser Maximilian I.(1459‑1519), Oberhaupt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, beschäftigt sich weniger mit Lebensverhältnissen der Hochwohlgeborenen, denn mit denen der einfachen Leute.

Mit Führern in historischen Kostümen geht es in fünf Stationen rund um den gotischen Dom. Vor der Michaelskapelle, wo einst der städtische Friedhof war, wird von der Mehrklassengesellschaft der Toten berichtet. Henker, Bader, Abdecker oder auch Schauspieler durften im Spätmittelalter nicht auf dem Friedhof beerdigt werden. Ihre Leichen wurden vor den Stadtmauern verscharrt. Auch der Besuch von Maximilian I. anno 1505 kommt nicht zu kurz. Damals kam er noch als König. Erst 1508 nahm der Begründer des Reichskammergerichts ohne päpstliche Kaiserkrönung als erster deutscher König den Titel „Erwählter Römischer Kaiser“ an.

Die mittelhessische Stadt war von 1689 bis zum Ende des Alten Reichs 1806 Sitz des weitgehend unabhängigen Reichskammergerichts, das die Aufgabe hatte, anstelle von Fehde, Gewalt und Lösegelderpressung ein geregeltes Streitverfahren zu entwickeln. Bei den Finanzen gibt's übrigens Parallelen zwischen dem Kaiser und den Wetzlarer Stifts‑ und Stadtherren, die im 14. Jahrhundert den Dom erbauen ließen, sagt Stadtführer Eucker: Ein Turm des Doms ist bis heute nicht fertiggestellt, weil den Bauherren schlicht das Geld ausging. Auch der begnadete Selbstdarsteller „Maximilian Ohnegeld“, wie der Kaiser in genannt wurde, ließ aus selbigem Grund manches Projekt unvollendet.

Die etwa zweistündige Stadttour endet mit dem zeitgenössischen Lustspiel „Henno“ um einen schlauen Bauern, einen noch schlaueren Knecht und zwei schöne und kluge Frauen. Das 1497 uraufgeführte Werk von Johannes Reuchlin (1455‑1522) „war ein Erfolgsstück, was alles in Schatten stellte, was die deutschen Humanisten bis dahin zu Wiederbelebung des Dramas inszeniert hatten“, sagt Regisseur Oliver Meyer‑Ellendt.

Goethe, von dem außer seiner Unterschrift in die Gerichtsmatrikel keine weiteren Aktivitäten in Kammernähe bekannt wurden, zog daraus seine eigenen Konsequenzen. Statt in verstaubte Akten blickte er lieber den hübschen Bürgertöchtern in die Augen, bis er an einer, der Amtsmannstochter Charlotte Buff, hängenblieb; literarisch in den »Leiden des jungen Werthers« verewigt.

Vater Buff war Verwalter der Deutschordensniederlassung in Wetzlar. Dort laufen heute die Fäden der Vergangenheit zusammen. Das Wohnhaus wurde zu einer Erinnerungsstätte an Goethes Wetzlarer Zeit hergerichtet (»Lottehaus«), in den Ordensgebäuden hielt das Stadtmuseum Einzug. Neben allen Facetten der Regional- und vor allem der Industriegeschichte (Leitz) nimmt auch hier die bis 1806 dauernde »Kamera)-Zeit« breiten Raum ein. Allerdings unter umgekehrten Vorzeichen, nämlich aus Sicht der Bewohner, die die steiflippige Welt der Richter und Advokaten, Prokuratoren und Assessoren wie ein Staat im Staate empfunden haben müssen.

Fast jeder fünfte Wetzlarer stand in einem direkten Beschäftigungsverhältnis zum Gericht. Der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung ließ dann auch nicht auf sich warten. Wer dank der anspruchsvollen Kameralisten, der Beamten der fürstlichen Kammer, zu Geld gekommen war – Kaufleute, Handwerker, Nahrungsmittelhersteller –, ahmte den Lebensstil der neuen Oberschicht nach, freilich ohne daß dadurch die Standesgrenzen überwunden wurden. Wie stark die Zweiteilung der Wetzlarer Einwohnerschaft war, verrät noch heute die Abfolge der Häuser in den Gassen um den gotischen Dom. Die Gerichtsangehörigen erbauten sich steinerne Barock- und Rokokohäuser. die Alteingesessenen beließen es bei Fachwerk.

 

Über das Reichskammergerichtsmuseum (Hofstatt 19), Lottehaus und Stadtmuseum (Lottestraße 8, in der Nähe des Doms) hinaus. sind besonders die Sammlung Europäische Wohnkultur in der Kornblumengasse 1 und das Jerusalemhaus am Schillerplatz 5 sehenswert. Alle Museen sind außer montags täglich von 10 Uhr bis 13 Uhr und von 14 Uhr bis 17 Uhr geöffnet (das Jerusalemhaus nur nachmittags).

 

Goethe

Der selbstgewählte Abgang eines bis dahin unaufälligen jungen Mannes von dieser Welt hat einen Tatort selten so bekannt gemacht wie Wetzlar. Es ist nicht das Unglück dieses Carl Wilhelm Jerusalem allein, das in seiner geheimnisvollen Unergründlichkeit die Herzen über 200 Jahre lang rührt. Es ist die Verquickung mit dem Lebens‑ und Liebesleid ein paar Altstadtgassen weiter, das einen gleichaltrigen Kollegen beinahe in gleiche Verzweiflung stürzte. Hätte jener Johann Wolfgang Goethe sich nicht durch rücksichtslose Flucht gerettet, der leuchtende Stern am deutschen Poetenhimmel wäre nie aufgegangen. Erst in dem Nachgesang auf die äußeren und inneren Verhältnisse schrieb er in den „Leiden des jungen Werther“ wenigstens seine Seele von der Last frei, indem er die Kunstfigur wie Jerusalem enden ließ. Welche riesige weltweite Wirkung dieser Briefroman hatte, weiß in Wetzlar jedes Schulkind. All diesen Spuren nachzugehen, macht mit der wohlkonservierten Idylle der malerischen Lahnstadt bekannt.

Zuerst zum „Reichskammergericht“, dessen Hauptbau am Fischmarkt noch den gekrönten Doppeladler trägt (jetzt Café). Wetzlar

Das Alte Reich mit seinen rund 3000 Rechtseinheiten, vom Kurfürstentum bis zur kleinsten Ritterschaft. kannte praktisch keine „Reichsbehörden“. Nur lose wurde das untereinander heillos zerstrittene Gebilde namens Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation zusammengehalten. Der Kaiser war weit. und der Nachbar führte grundsätzlich Arges im Schilde. Recht hatte. der es sich nahm.

Da grenzte es schon an ein Wunder, daß die Spitzen des Reiches – Kaiser und Stände – Ende des 15. Jahrhunderts zur Bekämpfung von Selbstjustiz und Eigennutz eine Institution auf den Weg brachten. die es erstmals jedem erlaubte, außerhalb des eigenen Herrschaftsverbandes (Zivil-)Recht einzuklagen: das Reichskammergericht. Nach seiner Installierung 1495 zeigte es allein durch seine räumliche Trennung vom Hof eine gewisse Unabhängigkeit, behielten sich auch der Kaiser das Besetzungsrecht für die Kammerrichter und die Stände ein Mitspracherecht bei der Berufung der Beisitzer vor. Die Herren waren natürlich immer von Adel. der Klageweg stand grundsätzlich aber jedermann offen. Schließlich sollte bei der hehren Aufgabe. den inneren Reichsfrieden zu wahren, auch der „gemeine Untertan“ vor Willkür geschützt sein.

Nach einer Standort-Odyssee durch mehrere süddeutsche Städte nahm das Gericht 1527 seinen Sitz in Speyer, ehe es 1690 vor den brandschatzenden Franzosen verlegt werden mußte. Daß ausgerechnet das verarmte, wenig repräsentative Reichsstädtchen Wetzlar zum neuen Tagungsort erkoren wurde, war den obersten Gesetzeshütern des Reiches alles andere als recht. Den Gemeindevätern um so mehr, erhoffte man sich doch nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch im Spätmittelalter viel Glanz und noch mehr Geld.

Als vorläufiges Sitzungsgebäude überließ man dem Gericht sogar das Rathaus. Aus dem Provisorium wurden Jahrzehnte. Unterhalb des Domplatzes steht es noch heute: kenntlich am dunkelroten Anstrich und dem schwarzen Doppelkopfadler an der Front.

Nach dreijähriger Vorbereitungszeit war es soweit. Feierlich nahm das Reichskammergericht am 15. Mai 1693 seine Arbeit wieder auf. Der Kammerrichter bestieg seinen Thron. und im Beisein einer großen Menschenmenge wurde das Gericht nach einem zeitgenössischen Bericht. »durch einen von des Herrn Cammerrichters Churfürstlichen Gnaden in öffentlicher Rede des Advocati Fisci, zur höchsten Freude der durch den Speyerischen sehr verarmten Gerichtspersonen und aller nach Recht seufzenden Partheyen, nicht ohne Gemüthsbewegung, mit vielen Solennitäten endlich einstweilen wieder eröffnet«.

Das nach (römischem) Gewohnheitsrecht urteilende Reichskammergericht ist zwar nicht mit dem Bundesverfassungsgericht vergleich-bar, doch der 300. Wiederkehr der Eröffnung wurde im Frühjahr 1993 gebührend gedacht. In Anwesenheit von Bundespräsident und Justizministerin erinnerten die Festredner daran, daß sich mit dem Reichskammergericht seit dem 16. Jahrhundert allmählich ein allgemeines Rechtsbewußtsein herausgebildet hatte, an dessen Ende die Schaffung des Rechtsstaates heutiger Prägung steht. Die Unabhängigkeit der Justiz bildete den ersten Schritt für die Gewaltenteilung und damit der Gleichstellung aller Individuen.

Der Arbeit und Bedeutung des Reichskammergerichts gedenkt seit 1987 ein kleines Museum in der Wetzlarer Altstadt. Knappe Erläuterungen zu den Exponaten und eine Ton-Dia-Schau führen in die Materie ein: Wie arbeitete überhaupt das Gericht, wie war es zusammengesetzt, wer durfte wann klagen? Die Schattenseiten werden nicht verschwiegen. Urteile waren kaum zu vollstrecken, der Vetternwirtschaft war Tür und Tor geöffnet, zu wenig Personal hatte mit zu hohen Aktenbergen zu kämpfen. Sprichwörtlich mahlten die Justizmühlen langsam – manchmal Jahrzehnte. Kein Wunder, daß die Richter und Beisitzer zur Beschleunigung der Wahrheitsfindung für »Handreichungen« empfänglich waren.

Schon das Museumsgebäude steht für eine der größten Skandale in der Geschichte des Gerichts. Es ist im sogenannten Avemannschen Haus untergebracht, das 1760 vom Assessor Papius erbaut worden war. Nach dem Auffliegen einer Bestechungsaffäre hatte der Assessor binnen 24 Stunden die Stadt zu verlassen. Johann Wolfgang von Goethe, 1772 Praktikant in Wetzlar. verarbeitete diesen Vorfall verschlüsselt im »Götz von Berlichingen« und beklagte in seinen Lebenserinnerungen »Dichtung und Wahrheit« die Mißstände: »Ein ungeheurer Wust von Akten lag aufgeschwollen und wuchs jährlich, da die 17 Assessoren nicht einmal imstande waren, das Laufende wegzuarbeiten. 20 000 Prozesse hatten sich aufgehäuft, jährlich konnten 60 abgetan werden und das Doppelte kam hinzu.«

Um die Praxis dieses vielbespöttelten höchsten deutschen Gerichtshofes kennenzulernen, war Jungadvokat Goethe auf Vaters Wunsch im Mai 1772 nach Wetzlar gegangen, hielt sich aber bald statt in der „Alten Kammer“ lieber in der häuslichen Nähe einer frischen Jugendblüte auf. Wir kommen noch darauf. Jerusalem dagegen, den er nur beiläufig kannte, hatte es als braunschweigischen Legationssekretär in das damals verschrieene „deutsche Sibirien“ verschlagen. Schon jahrelang quälte er sich in der Gerichtsvisitation um Aufdeckung von Korruption bei diesem bekannten „Verschleppungsinstrument“, über das man wenige Schritte unterhalb im „Reichskammergerichtsmuseum“ in der altertümlichen Hofstatt 19 mehr erfährt (geöffnet dienstags bis sonntags 10 bis 13 Uhr, 14 bis 17 Uhr).

Unter dem höheren „Cameralen‑Geschmeiß“ Wetzlars waren Schnüffler ohnehin nicht geschätzt. Jung, fremd, nicht von Adel und mit gerade mal einem Diener in zwei gemieteten Zimmern hausend, war man nichts. Dazu ohne Aussicht auf Liebe, wenn das Objekt der Sehnsucht längst vergeben und selbst von unangreifbarem Anstand war. Melancholische Stimmung mag ihm eigen gewesen sein. Sah man Jerusalem nicht oft trübsinnig aus dem Erker seiner Stübchen im prächtig fachwerkgetragenen „Jerusalemhaus“ am Schillerplatz (geöffnet dienstags bis sonntags 14 bis 17 Uhr) auf den Gottesacker der Franziskanerkirche gegenüber starren? Da fehlte als Auslöser nur noch das „Hausverbot“ des beleidigten Ehemannes, worauf sich der 25jährige Pistolen für eine „Reise“ lieh und diese am Folgetag in dieser Räumlichkeit auf Nimmerwiederkehr antrat. Auf die Couchnische soll man den Sterbenden noch gebettet haben.

Bis 1945 hat man noch die originale Tatwaffe in ihrer verzierten Eleganz betrachten können. Beim Einmarsch der Amerikaner geriet sie in unbekannte andere Hände. Unauffindbar ist ebenfalls die Ruhestätte des Unglücklichen. Selbstmörder wurden außerhalb der Mauern verscharrt. Erst seit liberaleren Tagen darf im „Rosengärtchen“ hinter dem Dom, alter Grabesplatz vieler Prominenter und Festspielort im Sommer, an einem Obelisken seiner gedacht werden.

Und an benachbartem Gedenkmal der vielen Nachkommen jener Lotte Kestner geboren Buff die unseren Frankfurter Dichter davon abhielt, sich häufiger in den anderen Bauten des provisorisch untergebrachten Gerichts blicken zu lassen, wenn er schon nicht in seinem Quartier im Kornmarkt, rechts neben dem Haus „Zum Kaiser“ war, erst recht nicht an der Ecke gegenüber im Haus der wenig geschätzten Tante Lange. Ihn zog es vielmehr hinaus zum Deutschordenshof, wo die 19jährige Charlotte für Vater Buff und zehn muntere Geschwister nach dem Tod der Mutter in einem für heutige Begriffe dürftigen Fachwerkanwesen den Haushalt mit Umsicht und Fröhlichkeit führte. Allein wie sie das Brot für alle am Busen schnitt und die Kleinen begierig um sie herumhüpften: Der aus viel steiferem Frankfurter Bürgerhaushalt stammende Musensohn war hingerissen. Dann erst die gemeinsamen Ausflüge, der Tanz droben in Volpertshausen, wo das Tanzhaus noch eine Tafel trägt.

Allein, auch Lotte war ja vergeben. Denn allein versprochen zu sein, galt als Verlöbnis unauflöslich bindend. Hätte dieser Johann Christian Kestner, hannoverscher Legationssekretär, seine Pistolen nicht schon an Jerusalem verliehen gehabt, wer weiß, wer sie hätte benötigen wollen.

Lottes häusliche Welt tut sich nun im „Lottehaus“ (geöffnet dienstags bis sonntags 10 bis 13, 14 bis 17 Uhr) in den Dielenstuben und der winzigen Küche für Besucher auf. Eine Holzstiege hoch geht der Blick von den inneren Befindlichkeiten des jungen „Werther“ und seiner Protagonisten über den kaum veränderten Deutschordenshof hinweg quasi rund um den Erdenball, wo man in allen Sprachen mit und gegen Werther gelitten hat ‑ mancher sogar bis zum bitteren Ende.

 

Reichsburg Kalsmunt

Den schönsten Blick über die Wetzlarer Altstadt hat man von den beiden Lahnbrücken oder von der staufischen Burgruine Kalsmunt. Sie ist in wenigen Minuten zu Fuß ab der neuen Lahnbrücke zu erreichen. Hinter dem Leitz-Werk nimmt der Spaziergänger die Markierung »schwarzes L« auf.

Kalsmunt - welch ein exotisch klingender Name für Bergkegel über Wetzlar und der breiten Lahn-Dill-Ebene, über dessen Bedeutung es nur Vermutungen gibt. Weil er als Vorposten die ganze Gegend beherrscht, ließ Kaiser Friedrich Barbarossa eine Reichsburg darauf bauen, von deren einzig übriggebliebenem Bergfried der Panoramablick nach allen Seiten reicht.

Die Auffahrt bis kurz unter den Gipfel ist ausgeschildert. Fußpfade führen von der Wetzlarer Vorstadt bald durch Wald hinauf. Wald ist auch längst in den Burgbereich eingedrungen, von dem nur noch Mauerreste übrig sind, die das Ausmaß des inneren von ursprünglich zwei Mauerringen erkennen lassen. Beachtlich ein unter Bäumen übriggebliebenes Burgtor.

Für Bewahrung des Turms hat 1836 der Wetzlarer Geschichtsverein gesorgt. Durch die drei Meter dicke Turmmauer ließ er Eingang hauen. Eine Treppe führt innen hinauf, von der aus der Kaminabzug und die praktische Anlage einer Toilette zu erkennen sind. Es plumpste einfach alles außen herunter.

Unten die Stadt wie auf dem Tablett. Dom und kleinere Häuser kleben an der Oberstadt, tiefer Lahn und Dill in verzweigten Rinnsalen. Darum herum gigantische Auftürmungen des Industriezeitalters, zu Füßen Leitz, im Hintergrund Buderus, beide weltberühmt. Teile von Aßlar und Lahnau schließen sich an. Gegenüber einem Bergrücken Kloster Altenberg und alles in der Ferne einrahmt von den Lahnbergen und ihren höchsten Spitzen, Dünsberg und Stoppelberg. Fast jede Erhebung hat ihren Turm, von denen die mittelalterlichen der Burgen und Warten bis hin zu den Zinnen von Braunfels miteinander im Sichtkontakt stehen. Das ergab ein vorzügliches Signalsystem - ohne Funk und Kabel. Der „Bleistift”, wie die Brühlsbacher Warte der ehemaligen Wetzlarer Stadtbefestigung bildhaft bezeichnet wird, und der Aussichtsturm auf dem Stoppelberg sind die markantesten dieser Fixpunkte.

Daß die Burg Kalsmunt Ende des 12. Jahrhunderts errichtet wurde, beweist ein aus ihrer Münze stammender Pfennig im Stadtmuseum Wetzlar. Damals lag der Burgberg außerhalb der Stadt, diente aber gleichwohl ihrem Schutz. Bewohnt jeweils von Lehnträgern, hat das Gemäuer diese Funktion allerdings nie erfüllen müssen. Zum Verfall führte seit 400 Jahren nicht nur seine Aufgabe, sondern auch der Baustoffbedarf der Häuslebauer von Wetzlar. Sie bedienten sich - wie das vielerorts der Fall war - daran selbst.

Nur durch das sonderbare Ereignis des Auftritts eines falschen Kaisers ragt Kalsmunt geschichtlich heraus. Von Neuss, wo ihm der Boden zu heiß wurde, traf im Juli 1285 ein Alter mit willfährigem Gefolge ein. Die Wetzlarer trauten ihm nicht recht, ob er wirklich der Staufenkaiser Friedrich II. sei, den alle Welt seit 35 Jahren tot wußte. Dennoch ließen sie ihn ein, hielten ihn aber bewacht, wiewohl sie sich vor einem Kriegszug des herausgeforderten richtigen Königs Rudolf von Habsburg fürchten mußten.

Der kam wenig später, und dann ging alles ganz schnell: Der falsche Kaiser kam ins Turmverlies auf dem Kalsmunt, wurde verurteilt und zwei Tage später öffentlich verbrannt. Unter der deshalb angesetzten Folter hatten er und ein Getreuer die wahre Identität verraten: Tile Kolup hieß er - zu deutsch Dietrich Holzschuh. Linkerhand vom „Bleistift” liegt der Kaisersgrund, der nach Volksglaube der Richtplatz gewesen sein soll. Historiker aber halten den „Alten Galgen” nahe der Garbenheimer Warte, dem heutigen Bismarckturm, für die tatsächliche Richtstätte.

 

Naunheim (nördlich von Wetzlar)

Die eine ist grob, das Streifenmuster mit Fingern eingedrückt, die andere fein geschliffen und mit einem zarten Blumenrelief verziert. Die beiden Tonscherben, aus einem Acker bei Wetzlar‑ Naunheim im Lahn‑Dill‑Kreis zu Tage gefördert, zeigen den großen Unterschied zwischen der römischen und der germanischen Kultur im zweiten Jahrhundert nach Christus.

„Wir wollen herausfinden, ob und wie die Germanen, die an der Grenze zum römischen Reich quasi in einem Entwicklungsland wohnten, von der römischen Hochkultur beeinflußt wurden“, beschreibt der Direktor der Römisch‑Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, Siegmar von Schnurbein das Ziel, das man sich beim Ausgraben der germanischen Siedlung in Naunheim gesetzt hat. Wie haben die Germanen auf den Wohlstand im römischen Reich reagiert, auf die wunderbaren Errungenschaften in ihrer unmittelbaren Nähe, die steinernen Villen, die Glas‑ und Silbergefäße?

Spuren von Steinhäusern hat das Team der Ausgräber unter Angelika Wigg und Dörte Walter bisher nicht entdeckt. Sie graben seit dem 12. August mit zahlreichen Studenten aus Gießen, Marburg und Frankfurt im Boden der ehemaligen germanischen Siedlung rund 15 Kilometer nordwestlich der 100 Jahre nach Christi Geburt angelegten römischen Grenzbefestigung, des Limes. Neben Scherben römischen und germanischen Ursprungs, römischen Bronzegefäßen und Schnallen haben sie bisher Pfingsten von Holzbauten freigelegt und einen Graben aufgedeckt.

Sicher zu sein scheint, daß Römer und Germanen im Grenzgebiet des Limes im Lahntal zwischen Wetzlar und Gießen friedlich miteinander verkehrten. Dafür sprechen nicht nur die Funde im Boden dieser von Archäologen unter die Lupe genommenen ehemaligen germanischen Siedlung. Auch die ebenfalls von seiner Kommission gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege im nahen Waldgirmes betreuten Ausgrabungen eines römischen Militärlagers; deuten darauf hin.

Das auf einer Fläche von acht Hektar errichtete Lager war laut Grabungsleiter Armin Becker rund hundert Jahre vor dem Bau des Limes für etwa 2000 Legionäre angelegt worden.

Becker arbeitet mit zehn Sozialhilfeempfängern aus dem Kreis. Auf der Fläche von der Größe eines Fußballfeldes, die seit 1993 aufgegraben wird, haben sie Pfosten von zwei Wirtschaftsgebäuden und einem Lazarett freigelegt. Neben Münzen, Bronze‑ und Tonfragmenten römischer Herkunft wurden Scherben germanischen Ursprungs gefunden. Schnurbein wertet das als Beweis für einen intensiven und friedlichen Kontakt zwischen Römern und Germanen.

 

Nauborn (westlich von Wetzlar):

Führungsblatt zu der Wallanlage und dem vorromanischen Kirchenbau bei Nauborn.

Archäologische Denkmäler in Hessen 149.

 

Wetzlar-Dalheim:

Auf den ersten Blick ist es nur ein Bruchstück: 118 Gramm schwer und so groß wie eine Handfläche - aber rund 2000 Jahre alt. „Dieses außen vergoldete Fragment aus Bronze ist ein Sensationsfund“, sagt Archäologe Andreas Schäfer. „Es gehört zu einer lebensgroßen Reiterstatue, die in einer römischen Siedlung im heutigen Lahnau-Waldgirmes gestanden hat, doch gefunden haben wir es im mehrere Kilometer entfernten Wetzlar-Dalheim, wo Einheimische wohnten - das gibt uns Rätsel auf.“

Das Fragment ist eines von rund 20.000 archäologischen Fundstücken, die Schäfer und sein Forscherteam seit 2006 in Dalheim ausgegraben haben. Der allergrößte Teil davon sind Rückstände aus der frühen Eisenproduktion wie Schlacken.

Seit 2006 nämlich erforscht der Wissenschaftler der Universität Jena mit Kollegen die frühe Eisenproduktion im mittleren Lahntal, sucht also nach Überbleibseln aus der Zeit zwischen dem ersten Jahrhundert vor und dem ersten Jahrhundert nach Christus. „Was wir hier machen, ist wahre Detektivarbeit, bei den Grabungen versuchen wir Spuren zu sichern, das ist wie eine Tatortbegehung“, sagt der 43-Jährige. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat die Förderung des Projekts vor kurzem bis 2010 verlängert.

Wo die Archäologen Erdschicht um Erdschicht abtragen und nach Sachzeugen aus längst vergangenen Jahrhunderten suchen, war früher der Acker eines Biobauern. „Hier wurde Biogemüse angebaut. jetzt graben wir metertief“, sagt Schäfer. Dabei brachten die Forscher das Bronzefragment zutage. Zuerst untersuchten Schäfer, Grabungsleiter Bernhard Schroth und etwa zehn Studenten der Universitäten Jena und Marburg die Oberfläche der 15 mal 35 Meter großen Fläche. An zwei Stellen gab es auffällige Abweichungen vom Erdmagnetfeld, dort gingen die Archäologen dann mit Kellen und Schaufeln Stückchen für Stückchen tiefer. „Dass wir so viel finden, hätten wir nie und nimmer gedacht“, sagt Schäfer.

Neben dem Bruchstück der Reiterstatue fanden sie: Mit Pflanzenmuster reich verschnörkeltes und für Südgallien typisches Geschirr, das die Einheimischen aus dem heutigen Dalheim von den Römern importierten, Keramikgefäße germanischen Ursprungs und einige vollständig erhaltene etwa zwei Zentimeter große Gewandspangen aus patinierter Bronze, so genannte Nauheimer Fibeln. „Dass die so gut erhalten sind, ist schon extrem ungewöhnlich“, sagt Schroth. „Die Fibeln waren im ersten Jahrhundert vor Christus so eine Art Modeschmuck, mit der Männer wie Frauen ihre Gewänder zusammenhielten und die paarig getragen wurden“, sagt der Archäologe aus Marburg.

Außer den Dingen des täglichen Bedarfs stießen die Forscher auch auf Eisenschlacke von bis zu 40 Kilogramm Gewicht, Abfallprodukte der Erzverhüttung, und auf Reste von Ofen zur Eisengewinnung - an den Wänden einer rechteckigen Werkstattgrube. „Das ist die größte und besterhaltene Eisenproduktionsanlage aus dieser Zeit in Deutschland“,  sagt Schäfer. In Wetzlar-Dalheim könne die Entwicklung der heimischen Eisenproduktion von der Eisenzeit bis ins Mittelalter nachvollzogen werden.

Von jedem einzelnen Fundstück erfassten die Forscher mit Hilfe eines so genannten Tachymeters, ein Messgerät, dreidimensional die genaue Position im Grabungsfeld. „So können wir bei der späteren Auswertung die Arbeitsabläufe rekonstruieren“, sagt Schäfer. Jedes Teil wurde mit einem Fundzettel versehen, sorgfältig verpackt und zur Auswertung nach Jena geschafft.

Was sie bisher ausgegraben haben, macht die Archäologen sicher, dass an der Fundstelle sowohl im ersten Jahrhundert vor Christus, als auch im ersten Jahrhundert nach Christus Menschen lebten. „Das Bruchstück ist Beleg dafür, dass sich in der zweiten Besiedlungsphase bereits um neun Jahre nach Christus Menschen hier niedergelassen hatten2, sagt Schäfer. Genau zu dieser Zeit besiegte der Cherusker-Fürst Arminius den römischen Statthalter Varus in der bis heute berühmten Varusschlacht. Nach der Niederlage zogen die Römer sich aus den rechtsrheinischen Gebieten Germaniens zurück. Viele Siedlungen und Anlagen wurden aufgegeben. So wurde auch die vergoldete Reiterstatue zerstört und die Siedlung in Waldgirmes geplündert. Heute gebe es vom Standbild noch etwa 200 Fragmente, sagt Schäfer. Mit dem Ausgraben hat das Puzzeln für die Wissenschaftler noch lange kein Ende. Denn vieles ist noch ungeklärt: Wie kam das Fragment der Reiterstatue hierhin? Waren die Siedler von Dalheim vielleicht an der Plünderung von Waldgirmes beteiligt? Gab es Handelsbeziehungen mit den Römern oder wurde das Eisen sogar im deren Auftrag produziert? Nun müsse das Gefundene erst einmal in einen gemeinsamen Sinnzusammenhang gebracht werden, sagt Schäfer und im Sommer will das Forscherteam weitergraben.

Die Periode der Eisenzeit            

Die Eisenzeit ist nach der Stein- und Bronzezeit die dritte große Periode der Menschheisgeschichte, in der Eisen als Werkstoff für Waffen, Geräte und Schmuck verwendet wurde. In Europa wird die Eisenzeit in einen älteren und einen jüngeren Abschnitt geteilt: In die Ältere Eisenzeit, die auch Hallstattzeit genannt wird, vom achten bis vierten Jahrhundert vor Christus und in die Jüngere Eisenzeit, auch La-Tene-Zeit genannt, vom vierten bis ersten Jahrhun-

dert vor Christus. Daran schließt sich die Römische Kaiserzeit vom ersten bis vierten Jahrhundert nach Christus an. Aus Eisen wurden vor allem Waffen, Werkzeuge wie Beile, Äxte, Sägen und Messer und landwirtschaftliche Geräte hergestellt. Die Entwicklung von Sense und des mit Metall verstärkten Holzpflugs führte zu intensivem Ackerbau. Zum Ende der Eisenzeit finden sich erste frühstädtische Anlagen, in denen mehrere tausend Menschen zusammenlebten (21.04.2009).

 

Braunfels:

Das Schloß der Fürsten Solms-Braunfels steht auf einer Basaltkuppe über der Stadt. Der älteste Teil stammt aus dem 13. Jahrhundert, das Übrige wurde nach den durch den 30jährigen Krieg verursachten Schäden und einem Brand von 1679 neu aufgebaut und im neugotischen Stil 1846-91 erweitert. Innerhalb der ausgedehnten Anlage sind der Rittersaal sowie die Sammlungen von Plastiken, Gemälden, Mö­beln und Waffen sehenswert.

Marktplatz und Altstadt: Auf dem unbebauten Vorgelände des Schlosses wurde nach dem großen Brand von 1696 auf Veranlassung von Graf Wilhelm Moritz eine einheitliche Gestaltung des Marktplatzes begonnen. Jedes Haus mußte »60 Schuh lang und 40 Schuh in die Breite gebaut werden«.

 

Waldmuseum

Den Besucher des einzigartigen Waldmuseums Dr. Kanngiesser in Braunfels (Lahn‑Dill‑Kreis) erwartet mehr als eine Sammlung von Schätzen der Natur: Muscheln, Schmetterlinge, Insekten, Fossilien, Mineralien und eine Südsee‑Bibliothek. Kaum  überschreitet der Gast die Schwelle des Hauses, betritt er eine andere Welt, in der die Zeit stehen geblieben ist. Keine Kasse, kein Eintritt, jeder Be­sucher wird persönlich durch das Jugend­stil‑Wohnhaus geführt. Bereits im Flur ist kein Weiterkommen. Wände voller Gewei­he, daneben Sägefische, Wal‑ Barthaare, Schildkröten, Tropenhelme, Büsten, Mas­ken aus Afrika, Holzscheiben. Nirgendwo Beschriftungen, Broschüren, Kataloge. Dafür setzen sich die Erzählungen der Familie Schleifer für den Zuhörer wie kun­terbunte Mosaiksteinchen zusammen.

Die Vielfalt der Eindrücke verwirrt, gleichzeitig treibt sie den Besucher zu im­mer neuen Entdeckungen in den Wohnräumen. Da eine riesige Vogelspinne, dort ein Kugelfisch, die schönsten Achate aus Brasilien, prachtvoll schillernde Schmet­terlinge, Totenschädel, Blitzröhren aus Sibirien, Mammutbackenzähne. Unge­zählte Sammlerstücke hat der verstorbe­ne Friederich Kanngiesser aus allen Tei­len der Welt von seinen Forschungsreisen mitgebracht. Sie lagern in stilvollen Schränken, Vertikos, Vitrinen: Möbel der Biedermeier‑ und Gründerzeit. Wie es der Verstorbene hinterließ, wird es hier gesi­chert. An den Wänden hängen Gemälde und Zeichnungen dicht an dicht ‑ das Auge kann nur einen Teil erfassen.

Seit dem Tod des Arztes und Philoso­phen Friederich Kanngiesser 1965 wah­ren die Geschwister Margarete und Oskar Schleifer, die schon als Kinder bei Kann­giessers ein und aus gingen, sein Erbe. Der dritte im Bunde, Hermann Müller­-Schleifer, stieß 1972 dazu. Das Trio wohnt im Museum, offenbar beengt, denn fast alle Räume werden von Sammlungen in Beschlag genommen.

Innen ist alles original ‑ der große Stolz der Drei. Die düsteren Tapeten von 1905, ebenso die bemalten Jugendstildec­ken im oberen Stockwerk. Auch Marmela­dengläser mit Steinproben, Pappkartons mit unbekanntem Inhalt, Hölzer, Wur­zeln, Baumfrüchte im Flur ‑ alles blieb unverändert. Fast alles. Denn das Jagd­zimmer von 1975 ist quasi ein Stilbruch, über den keine Einigkeit besteht, denn der Doktor jagte nicht.

Friederich Kanngiesser wurde 1884 in Frankfurt am Main geboren, studierte Medizin und Naturwissenschaften, pro­movierte in Medizin und in Philosophie. Bis 1916 lehrte er an der Schweizer Universität Neuchatel Toxologie und Botanik. Anschließend ließ er sich als Privatgelehr­ter mit seiner Frau Constance, einer Engländerin, in dem von seinen Eltern 1905erbauten Haus in Braunfels nieder. Das einsame Grundstück mitten im Wald hatten die Eltern mit Blick auf die naturkundlichen Interessen ihres Sohnes aus­gewählt. Bereits 1916 führte Kanngiesser Besucher durchs Haus „eine geistige Stätte, ein Sanatorium für Gemüt und­ Seele“. Er informierte, bildete und klärte auf, denn als Toxikologe hatte er sich dem Kampf gegen die Suchtgifte, vor allem Alkohol und Nikotin, verschrieben. Noch heute entdeckt der Besucher seine schrift­lichen Ermahnungen.

Auch wenn die Zeit im Inneren Hauses stehen zu bleiben scheint. Drumherum hat sich zum Leidwesen Schleifers stark verändert. Seit dem Bau des Kreiskrankenhauses nebenan ist mit der Abgeschiedenheit vorbei. Wald wurde ebenfalls gelichtet. Auch Sorge um die Zukunft ihres Museums beschäftigt die Familie. Ihr fortgeschrittenes Alter zwingt bereits zu Einschränkungen. Im Winter heizt sie lediglich im Untergeschoß. Auch die Stadt Braunfels blickt sorgenvoll in die Zukunft des in Privatbesitz befindlichen Museums, eine Rarität, die erhalten bleiben sollte. Verhandlungen mit der Familie scheiterten bisher.

Waldmuseum Dr. Kanngiesser, Heckberg Straße 21, Braunfels, Telefon 0644/6241. Geöffnet täglich 10 bis 17 Uhr, Anmeldung im Winter empfehlenswert, Eintritt frei, um Spende wird gebeten.

 

Weilburg

Weilburg aus der Vogelperspektive muss herrlich sein - wie die Lahn den Fels mit dem weitläufigen Schloss umschlingt, wäre von oben am besten zu erkennen. Aber wir sind keine Teilnehmer des jährlichen Ballonfahrerfestivals, sondern lediglich Besucher mit Bodenhaftung. So erhaschen wir vom Parkdeck Mauerstraße nur einen Bildausschnitt von bewaldeten Steilhängen der Lahn, bevor es durch holprige Gassen hinauf zu Marktplatz und Schloss geht.

Weilburg Stadtgeschichte beginnt 906, im Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung. Die erste Blüte erlebte Weilburg nach der Verleihung der Stadtrechte 1295 durch Adolf I., dem ersten Deutschen König aus dem Hause Nassau. Internationales Flair durchzog Weilburg, als es Residenz des Hauses Nassau-Weilburg wurde (1355). Im 16. Jahrhundert entstand das Hochschloß im Stil der Renaissance. Im 18. Jahrhundert wurden das Lahntor und die Steinerne Brücke errichtet, später das klassizistische Postgebäude sowie im Jahre 1847 der einzige Schiffstunnel Deutschlands.

Wenige Jahre nachdem Nassau Herzogtum geworden war (1816), wurde der Sitz der Regierung nach Wiesbaden verlegt. Weilburg blieb jedoch Sommerresidenz der Herzöge. Im Jahre 1890 wurde Herzog Adolf von Nassau Großherzog von Luxemburg. Heute ist das Weilburger Schloß im Besitz des Landes Hessen. Kenner zählen es zu den eindrucksvollsten und schönsten Schloß- und Gartenanlagen Deutschlands.

Im 18. Jahrhundert galt Weilburg als die modernste der kleinen Residenzen Deutschlands. Mit dem Schloß gestaltet Baumeister Julius Ludwig Rothweil viele Teile der ursprünglichen Stadt um. So entstand vor der Schloßkirche der barocke Marktplatz mit dem Neptunbrunnen als optischem Mittelpunkt.

Die Stadt an der Lahn am Rand des hessischen Westerwaldes wird überragt von dem barocken Ensemble aus Schloß, Schloßkirche, Parkanlage und den Häusern am Marktplatz. Man bummelt durch die Fußgängerzone mit sehenswerten Häusern aus mehreren Jahrhunderten.

 

Marktplatz

Ursprünglich war es nur ein kleiner freier Platz, über den die mittelalterliche Nordsüdachse des Ortes verlief und der den östlichen herrschaftlichen Stadtbereich von dem westlichen bürgerlichen Wohnbereich trennte. Erst nach 1700 entstand der zentrale, großzügig gestaltete innerstädtische Freiraum, als welchen wir den Weilburger Marktplatz heute kennen: Graf Johann Ernst zu Nassau-Weilburg prägte das Bild seiner Residenz durch umfangreiche Baumaßnahmen entscheidend und verlieh dem Stadtkern sein heutiges Gesicht. Zwischen 1703-1713 schuf der Baumeister Julius Ludwig Rothweil aus der bescheidenen mittelalterlichen Kleinstadt eine barocke Residenz.

Sonnenanbeter genießen vorm Bistro am Neptunbrunnen die heitere Atmosphäre des barocken Platzes, ein Geviert von Bürgerhäusern mit der Schlosskirche. Graf Johann Ernst zu Nassau-Weilburg ließ 1707 bis 1713 Rathaus und Schlosskirche zusammen mit dem neuen Marktplatz errichten. Der Graf tat noch mehr: Schlosserweiterung, Orangerien, Gärten, neue Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude, Alleen und Chausseen machten Weilburg zur modernsten unter den Kleinresidenzen.

Der Marktplatz hat in seiner großzügigen Weite als Mittelpunkt den Neptunbrunnen, der von den Weilburgern auch liebevoll „Christoffel“ genannt wird. Der Bildhauer Anton Wilckens aus Vallendar gestaltete 1709 die mit Meeresfrüchten und kleinen Delfinen verzierte Mittelsäule, auf der Neptun mit einem Dreizack seinerseits auf einem Delfin reitend thront. Das geschwungene Sandsteinbecken auf einem achteckigen Sockel aus Lahnmarmor ist an dem Platz der früheren Weede, einer Pferdetränke errichtet.

So ist der Marktplatz in Weilburg als Zeugnis handwerklichen und künstlerischen Könnens nicht nur ein Spiegelbild des Lebens früherer Generationen, sondern auch ein unverzichtbarer Baustein unseres Gedächtnisses. Die Bürgerinitiative "Alt-Weilburg e.V.", die 1973 gegründet wurde, sieht die Erhaltung von Weilburg unter Bewahrung denkmalpflegerischer Aspekte als eine ihrer wichtigsten Aufgaben an.

 

Schloß

Man wird Graf Johann Ernst zu Nassau-Weilburg kein Unrecht tun, wenn man ihn einen kleinen Fürsten nennt. Bestand sein Herrschaftsgebiet, die Grafschaft Nassau-Weilburg, vor dreihundert Jahren doch aus einer Fläche von gerade einmal 21 Quadratmeilen und hatte nicht einmal 60.000 Einwohner. Einen dem eigenen Verständnis nach absolutistischen Herrscher wie Graf Johann Ernst hielt das aber nicht davon ab, seiner selbstempfundenen großen Bedeutung auch einen entsprechenden architektonischen Ausdruck zu verleihen.

Und so ließ er die Burg, die seine Vorfahren Ende des 13. Jahrhunderts zusammen mit der Stadt Weilburg erworben hatten und die in der Renaissance zu einer vierflügeligen Schlossanlage umgestaltet worden war, von 1702 an zu einer gewaltigen barocken Residenz ausbauen. Noch heute hält man erstaunt inne, wenn man die weitläufige, prachtvolle Anlage zum ersten Mal majestätisch auf einem steilen Felsrücken über der Lahn thronen sieht. Zu einer Kleinstadt wie Weilburg scheint sie irgendwie nicht recht zu passen.

Eindrucksvoll auf einem Bergsporn hoch über der Lahn erbaut, gehört Schloss Weilburg zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern Hessens. Die seit dem Mittelalter in mehreren Bauabschnitten errichtete Anlage gilt als typisches Beispiel einer Residenz deutscher Duodezfürsten, deren Geschichte bis ins 19. Jahrhundert reicht. Auch im Deutschen Reich, das damals in Dutzende Grafschaften und Fürstentümer zerfiel, orientierte man sich am Vorbild des französischen Königs und versuchte, dessen glanzvolle Hofhaltung nachzuahmen. Das führte zu einer Bautätigkeit größten Ausmaßes. Mit ihren umfangreichen Aufträgen an die großen Baumeister jener Zeit zur Aus- und Neugestaltung ihrer Burgen und Schlösser veränderten die Fürsten mehr und mehr das Erscheinungsbild ihrer Landeshauptstädte, schufen sie von weltlichen und kirchlichen Prachtbauten geprägte, mit Parkanlagen und Alleen großzügig gestaltete repräsentative Residenzstädte.

 

Als Wohn- und Regierungssitz der Grafen zu Nassau verbinden sich in Schloss Weilburg drei bedeutende Bau- und Ausstattungsphasen miteinander:

I. Die mittelalterliche Burg der Grafen Weilburg-Nassau.

II. Im Jahr 1533 begann Graf Philipp III. mit dem Ausbau der Burg zum vierflügeligen Renaissanceschloss, das 1573 vollendet wurde und alle wichtigen Residenzfunktionen erfüllte. Renaissancemalereien und Rippengewölbe zeugen von dieser Zeit. Der märchenhafte Innenhof gehört zu den wenigen vollständig erhaltenen Bauwerken aus dieser Zeit. Geschweifte Steingiebel, Zwerchhäuser in Stein und Fachwerk, Erker, Portale, Arkaden, Freitreppe, Löwenbrunnen sowie Uhrturm und Stadtpfeiferturm, von dem der dort oben wohnende Stadtpfeifer einst die Uhrzeit verkündete, geben die würdige Kulisse für die berühmten Weilburger Schloßkonzerte.

III. Unter Graf Johann-Ernst und seinem Baumeister Rothweil entstand zwischen 1700 und 1719 ein barockes Architekturkunstwerk, das noch heute das Bild der Stadt prägt. Unter der Leitung des Architekten und Baumeisters Julius Ludwig Rothweil ließ Graf Johann Ernst nicht nur das Renaissanceschloss um Verwaltungs-, Wirtschafts- und Gartengebäude erweitern, sondern auch die Innenräume im Barockstil umgestalten. Das Stadtbild von Weilburg änderte sich ebenfalls: Für die Erweiterung des Schlossgartens und die Umgestaltung des Marktplatzes mussten mehrere Dutzend Häuser abgerissen werden. Die betroffenen Bürger erhielten zur Entschädigung Bauplätze in der Vorstadt. Das Rathaus wurde zusammen mit der Stadt- und Schlosskirche in einem Bau untergebracht. Diese Erweiterungen mit Nebengebäuden und Gartenanlagen prägen bis heute das Erscheinungsbild der Gesamtanlage.

 

Die meisten Schloßteile sind - auch im Innern - zugänglich. Die Innenräume bieten eine Zeitreise in die höfische Welt Wer die Räume betritt, sieht im Wesentlichen den Stand des 19. Jahrhunderts. Das gilt auch für das Mobiliar, das Ende des 18. Jahrhunderts nahezu vollständig ausgetauscht wurde. Eine Ausnahme stellt das Badekabinett dar, das Graf Johann Ernst 1711 anlegen ließ. In der Wanne aus schwarzem Schupbacher Marmor, in der bequem eine ganze Familie Platz fände, pflegte schon der Graf selbst zu baden. Für die damalige Zeit äußerst komfortabel war auch die Wasserzuleitung: Drei Hähne spendeten sowohl kaltes als auch heißes Wasser.

Auch das Prunkschlafzimmer ist durch und durch barock: Spiegelkabinett, kostbare Wandbespannungen, prächtige italienische Stuckarbeiten, dazu das scharlachrote Imperialbett nebst Baldachin. Die zahlreichen anderen herrschaftlichen Räume sind überwiegend im Empire-Stil gehalten. Der Schönheit des variantenreich gestalteten Parkettbodens, der seidenen Wandbespannungen, der Vertäfelungen, Stuckarbeiten, Kristallüster, Spiegelwände, Möbel und Gemälde tut das gleichwohl keinen Abbruch. Fürstliche Pracht allenthalben.

Unter den herrschaftlichen Wohn- und Repräsentationsräumen bilden vor allem das Kurfürstliche Gemach und das Chinesische Kabinett sehenswerte Beispiele barocker Prachtentfaltung.

Das Chinesische Kabinett verband als ehemaliges Kabinett der Fürstin einst die Gemächer Graf Johann Ernsts und seiner Gemahlin Maria Polyxenia. Das Kurfürstliche Gemach diente als Prunkschlafzimmer vorrangig repräsentativen Zwecken. Kostbares Mobiliar und wandfeste Dekorationen bilden eine wirkungsvolle Einheit.

In seiner kurzen Regierungszeit zwischen 1801 und 1816 ließ Fürst Friedrich Wilhelm die Ausstattung der fürstlichen Wohnräume         im Stil des zeitgenössischen Empire modernisieren. Besonders deutlich zeigt sich die veränderte Wohnkultur des 19. Jahrhunderts in der strengen Formensprache vieler Einrichtungsgegenstände, wie etwa an den mächtigen Greifenköpfen des Bettes im Gelben Schlafzimmer. Zeittypisch sind die sowohl im Pariser Zimmer als auch im Salon der Herzogin erhaltenen Bildtapeten.

Die herrschaftliche Hofküche unter wuchtigem Gewölbe offenbart die in ihrer Kargheit ungeahnte Neuerungen: mehrere Einzelfeuerstellen und fließendes Wasser. Kupferne Pfannen, Kasserollen, Kessel, Schaber, Messer, Hackklotz, Riesenmörser - so als läge alles für den Küchenmeister bereit.

Nach dem Gang durch Räume der gräflichen Administration mit kunstvollen Stern- und Netzgewölben geht es in eine schier unendliche Abfolge von herrschaftlichen Räumen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, die erstaunlich wenig kühlen Pomp, sondern fast Gemütlichkeit ausstrahlen. Jeden Raum ziert ein anderes Parkettmuster, vom Allerfeinsten ist der Fußboden des Chinakabinetts aus Nußbaum mit eingelegten Blei- und Zinnintarsien. Dazu gibt es Decken- und Wandmalereien zu bewundern, kostbarer Stuck, Vertäfelungen, Spiegelwände, Kristallüster, edelstes Mobiliar, gußeiserne Öfen und besonders wertvoll sind die seidenen Wandbe­spannung.  Ein fantastischer Blick bietet sich den Besuchern vom Ostflügel aus auf die ewig rauschende Lahn mit der Alten Brücke, den Zollhauseben und dem historischen Postamt.

 

Mit dem Schloss wurde auch der dazugehörige Park umgestaltet. Er wurde Teil eines architektonischen Gesamtkonzepts. Dahinter verbarg sich ein tieferer Sinn: Indem es dem Fürsten gelang, die Natur zu bändigen und ihre Pracht nach seinen Vorstellungen zu gestalten, zeigte er seine Macht und seinen Reichtum. Barockgärten sind immer ganz und gar künstliche, von Menschenhand geschaffene Räume. Vorbild war auch hier wieder Versailles, wo für eine unvorstellbare Summe Geldes tausende Arbeiter unter Anleitung berühmter Gärtner und Architekten eine Landschaft von höchster Regelmäßigkeit und perfekter Symmetrie geschaffen hatten.

 

Über das repräsentative Treppenhaus gelangt man zur Oberen Orangerie, einst der Weg zur Herrschaftsloge in der Stadt- und Schloßkirche. Die 1703-05 errichtete und mit gemalten Tapeten prächtig ausgestattete Obere Orangerie diente vorrangig für Feste und Lustbarkeiten des Hofes. Die aufwändig ausgestattete Obere Orangerie, die das Schloss mit der Hof- und Stadtkirche verbindet, vermittelt mit ihren großen Fenstertüren zwischen dem künstlerisch gestalteten Innen- und Außenraum. Die Obere Orangerie vereinigt Pflanzenhaus und Festsaal. Die gläsernen Flügeltüren und die Tapete mit gemalten Fliesen von Chr. Seekatz beherrschen den Raumeindruck.  Die Untere Orangerie nutze man in erster Linie zur Überwinterung der Zitrus- und Orangeriegewächse während der kalten Jahreszeit,

Im Halbrund der beheizbaren Orangerie überwinterten die frostempfindlichen exotischen Kübelpflanzen aus dem Schloßgarten. Heute wird sie für Konzerte genutzt. Zwei Galerien umrahmen die mit Stuck über reich verzierte Musik- und Tanzhalle. Die eine zeigt 2070 verschiedene aufgemalte Kachelimitationen, die andere eine Scheinarchitektur mit perspektivisch aufgemalten Ofennischen, die zuerst kaum von den daneben stehenden Ofen zu unterscheiden sind - ein gelungener Bluff am Ende der Führung.

Schloß Weilburg, Schloßplatz 3, Weilburg/Lahn. Telefon 06471/2236, Öffnungszeiten: November bis Februar Dienstag bis Sonntag 10 bis 16 Uhr. März, April und Oktober 10 bis 17 Uhr, Feiertage geöffnet. Mai bis September Montag bis Freitag 10 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertage 10 bis 18 Uhr. Die letzten Führungen beginnen jeweils eine Stunde vor Schluß.

Am Schlossplatz finden wir das Bergbau- und Stadtmuseum mit dem "Tiefen Stollen", einer unterirdischen Schaustollenanlage.

 

Die höfische Prachtentfaltung beschränkt sich in Weilburg nicht nur auf das Schlossgebäude mit seinen Repräsentationsräumen, sondern schließt die Gartenanlagen, Nebengebäude und das städtische Umfeld mit ein. Die Anlage erstreckt sich über verschiedene Plateaus, die durch Stützmauern getrennt kleinteilige Terrassen bilden.

Die im Barock üblichen symmetrischen Parterres schmücken mit ihren Rasen- und Kiesflächen, Buchsbaumhecken und blühenden Beetstreifen die auf verschiedenen Plateaus liegenden Garten räume. Einen Ausgleich hierzu bildet der im Raster gepflanzte, wie ein Baukörper anmutende Lindensaal. Mächtige Blutbuchen innerhalb des Parterres vor der Oberen Orangerie berichten von der landschaftlichen Gestaltung der oberen Terrasse im 19. Jahrhundert. Auf der unteren Terrasse laden farbenfrohe Sommerblumen zum Verweilen ein.

 Nur auf der einen Seite grenzt die Altstadt an die terrassenförmig angelegte Schloßanlage. Auf der anderen fällt das wilde Gebück tief zur Lahn hinab. Graf Johann Ernst zu Nassau-Weilbur, war es, der mit seinen zahlreichen barocken Bauten die Residenzstadt Weilburg bis heute prägte. Orangerien, neue ausgelagerte Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude, gekonnt zu einem Ganzen zusammengefügt, Alleen und Chausseen - all diese prächtigen Bauwerke gehen auf Johann Ernst zurück.

Der schlichte Weilburger Renaissance-Park wurde, wie es den Regeln des barocken Gartenbaus entsprach, in verschiedene Terrassen unterteilt. Der größeren oberen Terrasse, die man vom Schloss aus am besten sehen konnte, gaben 18 Statuen aus Blei, Wasserkünste aus Marmor und mehrere hundert Gewächskästen ihr damaliges Gesicht. Heute ist es vor allem das Mitte des 18. Jahrhunderts angelegte Boskett aus 156 Linden, alle exakt 5,60 Meter hoch, das die Blicke der Besucher anzieht.

In die obere Terrasse integriert und von zwei Treppen aus Schupbacher Marmor flankiert ist eine Orangerie, die im Winter exotische Pflanzen beherbergte und heute zum Teil als Cafe genutzt wird. Ihre Fassade ist dem Grand Trianon von Versailles nahezu original nachempfunden. Auf ihrem Dach stehend genießt man die „Kavaliersperspektive“ auf die untere Gartenterrasse. Die präsentiert sich nach einer zwischenzeitlichen Umgestaltung in einen englischen Landschaftsgarten heute wieder so, wie sie ursprünglich angelegt worden war: als von Zierwegen und Zierflächen unterbrochenes Rasenstück, mit einem Brunnen und zwei bronzierten Statuen in der Mitte, eingerahmt von Mauerwerk und bepflanzt mit bunt blühenden Blumen. Die Sonnenuhr oberhalb des Brunnens mit dem Wappen des Grafen Johann Ernst schuf der Weilburger Steinmetz Balthasar Seyfert 1694.

Ein Spaziergang durch das Gebück hinunter zur Lahn bietet einen reizvollen Kontrast zur formalen Terrassenanlage. Das heutige Waldstück am Steilhang war ehemals eine mehrreihige Pflanzung ineinander verflochtener Hainbuchen, die vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert als unüberwindbare natürliche Wehrmauer und Grenzmarkierung diente.

Der jahreszeitliche Wandel der Pflanzen formt die Gestaltung eines Gartens immer wieder neu. Gerade ein historischer Garten braucht besonders regelmäßige und fachkundige Pflege, um das ganze Jahr über attraktiv zu sein. Zu den gärtnerischen Aufgaben der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gehören nicht nur die Vermehrung, Anzucht, Pflanzung und Pflege der historischen Parterres und der Wegflächen. Zitruspflanzen und Obstspaliere sind zu erziehen und die Kronen der Bäume im Lindensaal in ihre barocke Form zu bringen.

 

Schloßkirche

Die nicht mehr so recht funktionierende alte Dampfheizung und der schmuddelig grau wirkende Innenraum veranlaßten 1984 den Kirchenvorstand, die Schloßkirche von Grund auf zu renovieren. Eine erste Begutachtung durch Restaurator und Statiker im Frühjahr 1985 deckte gewaltige Schäden in der hölzernen Gewölbekonstruktion der Stuckdecke auf.. Stuckaturen, die sich vom Untergrund gelöst hatten, wurden als Erstes provisorisch gesichert. Im Frühjahr 1986 konnte das Restaurierungskonzept für das Stuckgewölbe vorgelegt werden, das zuvor in einer Musterachse erarbeitet worden war.

Graf Johann Ernst ließ in seiner Residenzstadt von dem Architekten Julius Ludwig Rothweil das Rathaus und die neue Schloßkirche in einem Baukomplex am Marktplatz errichten. Nach Abbruch der Vorgängerkirche dauerten die Arbeiten von 1707 bis 1713. Der mittelalterliche Kirchturm wurde in die Planung mit einbezogen. An der künstlerischen Ausgestaltung waren namhafte Künstler der Zeit beteiligt, wie Christian Seekatz d. Ä., Andreas Gallasini, Anton Ruprecht für den Kanzelaltar und Johann Jakob Dahm aus Mainz für den Orgelprospekt. Die barocke Orgel wurde 1903 durch ein spätromantisches Werk von Wilhelm Sauer, Frankfurt (Oder), ersetzt. Die Schloßkirche kann mit Recht zu den bedeutendsten evangelischen Kirchenbauten des deutschen Barock gezählt werden, vergleichbar der Michaelskirche in Hamburg oder der Frauenkirche in Dresden.

Fürst Carl Christian schenkte die Kirche der Kirchengemeinde, ließ aber weiterhin die Bauunterhaltung durch sein Haus besorgen, bis sie 1866 an Preußen kam. Nach 1945 übernahm das Land Hessen die Unterhaltungsverpflichtung. Durch den Staatskirchenvertrag gelangte die Kirche schließlich in die Verwaltung der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau in Darmstadt.

Aus dieser Baugeschichte ließen sich durch die restauratorische Voruntersuchung fünf Farbfassungen belegen. Zwischen 1900 und 1910 mußte die Kirche schon einmal wegen Einsturzgefahr geschlossen werden.

Die Voruntersuchung zeigte 1986, daß die gesamte Raumschale infolge der Umluftbewegung durch die alte Dampfheizung stark vergraut und verschmutzt war, insbesondere in den durch Kondensation gefährdeten Randbereichen. Etliche Partien zeigten gelbliche Wasserflecken. Das Stuckgewölbe war von einem Netz aus Rißbildungen durchzogen. Eine der Puttengruppen mit großer Vase hatte sich bereits gelöst und drohte abzustürzen.

Die Holzunterkonstruktion war teilweise von Holzschädlingen befallen, die Brettschalung in vielen Bereichen an den Fußpunkten verfault. Häßliche braune Flecken zeigten sich in der Putzfläche des Gewölbes, die durch Teeröle bei früheren Arbeiten im Dachstuhl aus Holzschutzmitteln entstanden waren. Während im ersten Bauabschnitt 1987 die Heizung ausgewechselt und ein neuer Sandsteinfußboden verlegt worden waren, wurde das Muldengewölbe ausführlich untersucht. Die Holzkonstruktion des Muldengewölbes ist mit Hängepfosten am Dachstuhl aufgehängt. Wie der Statiker im Februar 1988 feststellen mußte, war das Gewölbe akut einsturzgefährdet. Die Kirche mußte sofort geschlossen werden. Der Dachstuhl aber war zum Glück gesund und standsicher, mußte jedoch konstruktiv mit Holz und Stahl verstärkt werden, um die Hängelast des Gewölbes besser aufnehmen zu können. Der Status der Verformung wurde dadurch stabilisiert.

Nach Abnahme der Dispersionsschicht stellte sich heraus, daß ein Großteil der Putzflächen versintert war. Um die verschiedenen Arten von Schadstoffen, unter anderem Salze durch Regenwasser oder Teeröle durch Holzschutzmittel, aus dem Putz herauszulösen, wurde die ganze Schale mehrmals mit Kompressen aus Zellulose überzogen. Große Stuckornamente und Putten wurden durch Gewindestäbe aus Edelstahl an der Brettschalung gesichert.

Nach den Ausbesserungsarbeiten an Putz und Stuck wurde ein dünner Anstrich aus Marmorkalk aufgetragen, Reparaturstellen waren vorher mit Ölkalk behandelt worden. Dann erhielt das ganze Gewölbe einen einlagigen dickeren Kalkanstrich im Farbton der Erstfassung. Zu Ostern 1992 konnte das Kirchenschiff der Gemeinde für den Gottesdienst wieder zurückgegeben werden. Nun konnten auch wieder in den Sommermonaten die Schloßkonzerte stattfinden.

Im letzten und dritten Bauabschnitt ab 1993 wurden die vier Wände des Kirchenschiff es und die Nebenräume wie Orgelempore und Fürstenloge restauriert, ebenso die Ausstattung wie der Kanzelaltar mit den fünf Wechselbildern und der Orgelprospekt, das Allianzwappen über der Fürstenloge und die Bankreihen. Diese Arbeiten konnten wegen der Schloßkonzerte im Sommer immer nur in den Wintermonaten von September bis April durchgeführt werden.

In den Jahren 1993/94 wurde die Altarwand im Westen von der Dispersionsfarbe befreit und in Kalk neu gefaßt. Der Kanzelaltar behielt seine Fassung von 1927 von Otto Linnemann, Frankfurt. Der Altar wurde gereinigt und stellenweise restauriert. Das ursprüngliche Konzept einer Neufassung im Stile der Bauzeit wurde zugunsten der letzten und authentischen Linnemann-Fassung nach eingehender Diskussion verworfen. Die fünf Wechselbilder des Kanzelaltars wurden in der Werkstatt des Landesamtes restauriert.

Einen immer wiederkehrenden Streitpunkt zwischen Nutzer und Fachleuten stellte die ungeregelte Steuerung der neuen Heizanlage dar. Schließlich wurde ein Gutachten zur Messung des Raumklimas in Auftrag gegeben. Das Messergebnis zeigte, daß während der Meßdauer die Temperatur- und Luftfeuchteschwankungen bei weitem nicht die restauratorischen Vorgaben erfüllten, sondern viel zu hoch lagen. Das Gutachten empfahl den gesamten Raum durchgehend zu beheizen, bei einer Grundtemperatur von 10 Grad, als Maximaltemperatur darf ein Wert von höchstens 15 Grad erreicht werden. Aufheizen und Abkühlen sollen zeitlich gedehnt werden. Die Diskussion zwischen Nutzer und Bauausschuß um die richtigen Heizwerte zog sich weiter hin, bis endlich 1997 ein Gerät zur automatischen Steuerung installiert wurde.

Als letzte große Baumaßnahme wurde 1997 die Sanierung des Kirchturmes durchgeführt. Der Turmschaft erhielt einen neuen Anstrich, schließlich ist er das Wahrzeichen der Stadt. Die barocke Turmhaube wurde in Schiefer neu eingedeckt. Die Holzarchitektur der Laterne erhielt eine Verkleidung aus Kupfer. Zum Schluß wurden Kreuz und Wetterfahne mit dem Engel neu vergoldet.

 

Das Wasser für die Stadt kam von der anderen Lahnseite, es gab herrschaftliche und bürgerliche Brunnen.

 

Besuchenswert sind auch das Bergbau- und Stadtmuseum mit Schaustollenanlage.

 

Das Jagd- und Sommerschloß „Windhof“ liegt am östlichen Stadtrand.

 

Die Heilig-Grab- Kapelle liegt auf dem alten Friedhof etwas oberhalb der Stadt (wahrscheinlich im Ostteil der Stadt am Braunfelser Weg). Sie wurde 1505 erbaut zur Erinnerung an die Wallfahrt des Grafen Johann Ludwig nach Palästina. Heute dient sie als Winterkirche. In unmittelbarer Nähe entstand die Kreuzigungsgruppe auf dem Kalvarienberg.

 

Flugpionier

Die Stadt hütet reizvolle Erinnerungen an den technischen Pioniergeist der Väter: Als erstem Flugpionier in Deutschland gelang es beispielsweise dem Franzosen Jean-Pierre Blanchard, sich mit seinem Heißluftballon in die Lüfte zu erheben. Als er 1785, von Frankfurt kommend, in der Lahn bei Weilburg landete, schenkte er der Stadt seine Fahne zum Dank für die Bergung und den freundlichen Empfang. Sie ist heute im Bergbau- und Stadtmuseum zu bewundern, in guter Gesellschaft mit zwei weiteren „Fahnen der Lüfte“, die an die erste Nachtüberquerung des Ärmelkanals erinnern. Im Jahre 1910 strandete das Luftschiff „Zeppelin Z II“ am Webersberg in Weilburg.

Weilburg ist die Stadt der Ballone: Da war zum Beispiel die Reise des Jean Pierre Blanchard. Der war am 3. Oktober 1785 bereits etwas unglücklich in Frankfurt mit einem nur zu zwei Drittel gefüllten Ballon gestartet, wurde mit dem Wind Richtung Weilburg getragen und mußte schließlich in der Lahn wassern.

Von gänzlich anderen Winden getrieben waren 51 Jahre später die Herren Charles Green, Robert Hollond und Thomas Monk-Mason: Sie waren in London gestartet, hatten den Ärmelkanal überquert und waren nach 18 Stunden in Niedershausen bei Weilburg heruntergekommen. Da in Niedershausen niemand des Englischen mächtig war, brachte man die Herrschaften nach Weilburg, wo schließlich im Marstall die Taufe des Ballons auf „Royal Vauxhall and Nassau“ stattfand.

Käthchen Paulus wiederum, die 1906 vom Marktplatz bei der 1000-Jahr-Feier Weilburgs mit dem Ballon startete, war die erste Frau, die mit dem Fallschirm von ihrem Gefährt sprang. Ihr zu Ehren feiert die Stadt jährlich im August ein Ballonfestival, bei dem in einem historisch nachempfundenen Ballon eine Käthchen-Paulus-Darstellerin zum Flug abhebt. Die Fremdenverkehrs Marketing GmbH, an der die Stadt mehrheitlich beteiligt ist, stieg inzwischen selbst in das Ballon-Geschäft ein. Sie veranstaltet nicht nur das Festival, sondern organisiert über ihr Tochterunternehmen   ,,ax-ballooning-Fahrten über das Weilburger Land“. Derzeit gehört der Firma ein Ballon. Bald, so Weilburgs  Bürgermeister  Hans-Peter Schick, sollen es drei sein.

Auch der Zeppelin sorgte für Schlagzeilen. Grund: Der Zeppelin Z II war in Weilburg gestrandet. Das Luftschiff, das wegen Sturms bei Limburg vor Anker gegangen war, hatte sich losgerissen und trieb führerlos nach Weilburg. Dort schleuderte der Sturm den Zeppelin gegen den Webersberg. Eine Gedenktafel erinnert an das Wrack.

 

Drei Tunnels im Abstand von nur 150 Metern: Das ist, neben der Residenz auf der Kuppe der Altstadt, das Aushängeschild Weilburgs. Da ist zunächst der 1847 eröffnete, 195 Meter lange Schiffstunnel, der die Lahnschleife durchsticht: Er diente dem raschen Transport der Erze aus dem Lahnbergbau flußaufwärts. Doch bald hatte er seine ursprüngliche Aufgabe verloren. Denn mit dem Bau der Lahntalbahn entstand auch ein mehr als 300 Meter langer Eisenbahntunnel, wurden die Erztransporte auf die Schiene verlagert. Diesen beiden Jahrhundertbauwerken folgte nun im Frühjahr dieses Jahres der 130 Meter lange Autotunnel durch den Mühlberg.

Der Schiffstunnel, der gerade mal 15 Jahre von wirtschaftlicher Bedeutung war, hat freilich nicht ausgedient. Denn in den vergangenen beiden Jahrzehnten entwickelte sich die Lahn zu einem Freizeitdorado der Kanuten. Und da gehört eine Fahrt durch den Tunnel unbedingt dazu. „Das ist unsere touristische Attraktion“, sagt Schick, der auch dafür kämpft, daß die Lahn Bundeswasserstraße bleibt. Denn nur so lange, glaubt er, sei der Fluß „offen“ und frei befahrbar, ohne daß man sich mit lästigen Naturschützern herumschlagen müsse. An manchen Tagen ist die Lahn derart von Kanuten bevölkert, daß es vor der Doppelschleuse jenseits des Tunnels regelrechte Staus gibt.

 

Keine Stadt ohne Prominenz: Der erste deutsche König, Konrad I, der irgendwann zwischen 880 und 885 in der Stadt geboren wurde, ließ sich von den deutschen Stammesherzögen 911 in Forchheim zum König von Ostfranken wählen. Ihm zu Ehren soll während des Hessentages ein Denkmal enthüllt werden.

Oder Friedrich Ludwig Sckell, 1750 in Weilburg geboren: Der Landschaftsgärtner entwarf den Aschaffenburger Park Schönbusch und den Englischen Garten in München.

Zu den berühmten Töchtern und Söhnen Weilburgs zählt Heinrich von Gagern, der 1848/49 die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche leitete. Gagern, in Bayreuth geboren, machte in Weilburg sein Abitur.

Auch in Weilburg machte Abitur Ulrike Meinhof. Die RAF-Terroristin, in Oldenburg geboren, lebte in den fünfziger Jahren in Weilburg und ging dort aufs Gymnasium, schloß an der Lahn mit dem Abitur ab, bevor sie an die Uni nach Marburg wechselte.

Der wohl prominenteste noch lebende Bürger der Stadt dürfte schließlich Gerd F. Unger sein, eine Art „Karl May von Weilburg“: Der mit weit mehr als 650 Romanen fleißigste  deutschsprachige  Western-Schriftsteller wurde zwar 1921 in Breslau geboren, lebt aber seit langem zurückgezogen in der Lahnstadt und schreibt immer noch eine wilde Geschichte nach der anderen.

 

Die Technikerschule wiederum liefert Anknüpfungspunkte zu Weilburgs zweitgrößter nationaler Bevölkerungsgruppe, denn das sind 55 Chinesen. In der Technikerschule gibt es eine Klasse mit Schülern aus China. Die Geschichte dazu geht so: 1995, Weilburg feierte gerade 700 Jahre Stadtrechte, fragten Schüler am Ende einer Projektwoche des Gymnasiums, wie das denn mit einer Partnerschaft nach China wäre? Statt immer nur Italien, Frankreich oder Niederlande und, seit 1998, Slowakei.

Bürgermeister Schick setzte einzigen Sieben-Spalter in der Lokalpresse ein. „Schick strebt Partnerschaft mit China an“, lautete die Schlagzeile, die das Interesse einer chinesischen Firma aus Köln weckte. Bald war der Draht ins Reich der Mitte geknüpft. Heute unterhält Weilburg nicht nur Kontakte zu chinesischen Städten wie Qingtao oder Lianyungang und Tianjin, sondern aus der Partnerstadt Daliah kommt auch einer der Akrobaten, die mit Johnny Klinkes Tigerpalast zum Hessentag auf den Weilburger Schloßplatz kommen.

 

Musikfestwochen

Die internationalen Musikfestwochen in der fürstlichen Residenz haben sich längst vom Geheimtip zur regelrechten Pflichtveranstaltung gemausert. Die unvergleichliche Atmosphäre der Freiluftkonzerte im Renaissancehof oder im Schloßgarten, das Flair und die Akustik in der Schloßkirche, der Oberen Orangerie oder der Alten Hofstube des Schlosses ziehen jährlich zehntausende von Besuchern in ihren Bann. Künstler von internationalem Rang haben Weilburg für sich entdeckt und schlagen einen musikalischen Bogen von der Renaissance bis zur Moderne. Nahtlos binden sich die Veranstaltungen der Weilburger Musikschule, des Gymnasiums Philippinum und des Vereins „Alte Musik im Weilburger Schloß“ ein. Theateraufführungen, Kabarett und Folkveranstaltungen in der Stadthalle runden das kulturelle Programm ab.

 

Schiffstunnel:

Die Lahn ist die natürliche Grenze zwischen Westerwald und Taunus. Mit hunderten von Schleifen durchfließt sie das nassauische Land auf ihrem Weg zum Rhein: Manchmal zieht sie sich behäbig und breit durch fruchtbare Täler, dann wieder furcht sie sich tief in schroffe Felsformnationen. Und über dem Fluß: die endlose Kette der Schlösser, Burgen und Kirchen. Sie beeindrucken als imposante Zeitzeugen, die von der Geschichte unserer Landschaft erzählen.

Wie eine Insel liegt die historische Altstadt Weilburgs auf hohem Felsrücken in einem fast kreisförmigen Lahnbogen. Die natürliche Befestigung war die Keimzelle der Stadtgeschichte.

Später erst, im 19. Jahrhundert, behinderte die Schleife den Schiffverkehr auf der Lahn. Die Weilburger griffen zu einer unorthodoxen Lösung des Verkehrsproblems: Im Jahre 1847 durchstießen sie den Bergrücken zum Bau des einzigen Fluß-Schiffahrtstunnels in Deutschland. Eine Bootsfahrt durch den Tunnel und durch die anschließende Doppelkammer-Schleuse gehört zu den eindrucksvollsten Erlebnissen einer Lahnfahrt.

Neben der historischen Wasserversorgung aus dem frühen 18. Jahrhundert ist der Schiffstunnel mit der Koppelschleuse ein weiteres wasserhistorisch interessantes Bauwerk in Weilburg; 1844-47 im Zuge der Lahnregulierung zur Schiffbarmachung erbaut, ist er eines der herausragenden Verkehrsdenkmäler des 19. Jahrhunderts, nicht nur in Hessen. Die Verbindung eines Tunnelkanals mit anschließender Koppelschleuse findet sich so nicht noch einmal in Europa. Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung und  des  daraus  resultierenden erhöhten Gütertransports im frühen 19. Jahrhundert mußten neue Verkehrswege erschlossen werden. Die Lahn bot sich dabei besonders zum Transport des in der Region gewonnenen Eisenerzes zur Verhüttung ins Ruhrgebiet an. Im Zuge der Regulierung wurden auch Schleusen benötigt, um die Wehre bequemer umschiffen zu können. Die Lahnschleife um Weilburg mit zwei Wehren, sehr schmalen Uferstreifen und zwei Brücken war jedoch für die Anlage von Schleusen denkbar ungeeignet. Diese Situation mag denn Oberbergrat Schapper wohl auf den Gedanken einer Untertunnelung des Bergrückens gebracht haben. Die Regierung entschied sich tatsächlich für den Tunnel, und so konnte 1844 mit dem Bau begonnen werden.

Zunächst wurde in bergmännischem Abbau von beiden Seiten gleichzeitig der Tunnel in den Berg getrieben. Anschließend errichtete man die Schleusenkammern und den Schleusenkanal mit den beiden Straßenbrücken.   Nach vielen Schwierigkeiten beim Bau wurde am 1. Oktober 1847 das Bauwerk seiner Bestimmung übergeben. Der Tunnel hat eine Länge von 195 Metern, eine Höhe von 6,30, eine Breite von 6,00 und eine Wassertiefe von 1,75 Metern. Die Koppelschleuse mit drei zweiflügeligen  Toren  hat  zwei Schleusenkammern von 42 Metern Länge und 5,35 Metern Breite.

Durch den Bau der Eisenbahn, deren Streckenabschnitt von Lahnstein bis Weilburg 1862 fertiggestellt war, verlor die Lahnschiffahrt sehr bald ihre Bedeutung  für  den Warentransport.  Der Schiffstunnel  wurde nur von den Lahnfischern weiterhin genutzt. Seit in den Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Wasserwandern als Freizeitsport entdeckt wurde, ist die Befahrung des Schiffstunnels die größte Attraktion an der Lahn. Mit über 150.000 Paddelbooten, die jedes Jahr den Tunnel und Schleuse passieren, erfährt das Bauwerk  die  größte Auslastung in seiner über hundertfünfzigjährigen Geschichte. 

 

Der Schiffstunnel  wird heute nur noch von Wasserwanderern besucht und von ihnen an den Schleusenanlagen auch bedient. Heute liegen Tunnel für Bahn, Schiff und Straße unmittelbar nebeneinander.

 

Ein Modelbaupark ist in der Hainallee 11 (Eintritt 2,50 €)

 

Tiergarten

Eine besondere Attraktion ist der Tierpark Weilburg im Stadtteil Hirschhausen,  in dem sich Dam-, Rot- und Muffelwild und viele Kleintierarten in natürlicher Umgebung bewegen können. Der Tiergarten ist von 8 bis 19 Uhr geöffnet, im Winter bis zum Einbruch der Dunkelheit, ein großer Abenteuerspielplatz lädt zum Klettern und Toben ein. Der Tierpark ist über 400 Jahre alt und von einer Mauer umgeben.

Der Wildpark Tiergarten Weilburg, im Stadtteil Hirschhausen gelegen (östlich von Weilburg, dann südlich), geht auf eine Gründung des Grafen von Nassau-Weilburg zurück. Heute ist er das populäre Ausflugsziel einer ganzen Region. Der einstmals herzogliche Tiergarten ist an 365 Tagen im Jahr ab neun Uhr morgens geöffnet. Sie finden hier ein Naturidyll, durchzogen von malerischen Bachläufen, verträumten Wiesentälern, uralten Baumbeständen. Auf 92 Hektar lädt der Park zu Streifzug ein, lassen sich vor allem einheimische Tierarten in freier Wildbahn beobachten: Auerochsen, Tarpane, Wildpferde, Wisente, Fischotter, Hirsche... Ein Fachwerkhaus rekonstruiert den Alltag der Urgroßväter, mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen aus dem vergangenen Jahrhundert. In der Tenne kann sich der Besucher über Forstwirtschaft und Naturschutz unterrichten.

Gustav hat es heute nicht eilig. Bei hochsommerlichen Temperaturen schlendert der Elchbulle ganz gemächlich durchs Revier. Die größte Hirschart der Welt hat im Weilburger Tierpark jede Menge Auslauf. Allein zwei Hektar Wald- und Wiesengehege stehen Gustav und seiner Gattin Senta zur exklusiven Nutzung zur Verfügung. Die Auerochsendamen Alma und Lenchen haben sich mit ihren beiden Kälbern Zeus und Wito weit weg in den Schatten verzogen. Nur die Przewalskipferde kommen trotz der Hitze samt Fohlen ans Gatter. Vor allem Hengst Priam holt sich gern Streicheleinheiten ab. Erst 1879 wurden die bis dato völlig unbekannten Wildpferde in der Mongolei entdeckt. In Freiheit gibt es heute kein einziges der sandfarbenen Tiere mehr, im Weilburger Wildpark dagegen kann man sie hautnah erleben.

Doch der Tierpark unweit des idyllischen Städtchens Weilburg, das Goethe einst „die Perle an der Lahn“ nannte, ist kein Freiluftzoo im eigentlichen Sinn. Viele Tiere, wie etwa die ausgedehnten Dam- und Sikawildbestände, streifen einfach frei durch das riesige Gelände von mehr als 90 Hektar. Bereits im 16. Jahrhundert hielt Graf Albrecht von Nassau sich in dem eingezäunten Terrain sein Wild, der Park diente sozusagen als Vorratskammer für die Fleischtöpfe des hohen Herrn.

Später wurde das Gelände mit einer massiven Mauer eingefaßt, die nach außen nur wenig aus dem Boden ragte, innen aber tief abfiel: die schmackhaften Waldbewohner konnten so also leicht hinein, von selbst aber nicht wieder hinaus finden - auf diese Weise war stets für feines Wildbret in der gräflichen Küche gesorgt. Viel Beinarbeit ist im Tierpark angesagt, wenn man das ganze Gelände durchstreifen will. Bis zum Wolfsgehege etwa ist es schon ein Stück zu laufen. Erst seit kurzem sind die beiden Wölfe hier anzutreffen, sie stammen von einem Tierpark in Lippstadt, der Pleite machte. Der Weilburger Tiergarten ist bundesweit das einzige Auffanggehege für heimatlose Wölfe und Luchse.

Bis zu 400 Jahre alt sind die Eichen des „Hutewaldes“, in dem einst, wie der Name sagt, auch Tiere gehütet wurden. Eicheln waren zur Mast von Schweinen wie geschaffen. Die Baumgiganten dienen heute als zuverlässige Schattenspender für Spaziergänger und Tiere. Auch die Schafe, gleich hinter dem Eingang, wissen ein kühles Plätzchen zu schätzen und kuscheln sich zwischen die riesigen Wurzeln. Gegenüber wohnt der Fischotter und gleich daneben findet sich ein schön gestalteter Kinderspielplatz.

Wer von den Streifzügen durch den Park Hunger und Durst bekommen hat, kann im „Hessenhaus“ einkehren. Der schöne Fachwerkbau mit Blick auf den unteren Parkweiher serviert neben vielen anderen Köstlichkeiten auch saftige Braten vom Reh oder Hirsch. Wildbret, wie einst an des Herrn Grafen Tafel, kann sich hier heute jeder schmecken lassen.

Tiergarten Weilburg, 35781 Weilburg, Tel. 06471/ 8066, ganzjährig täglich geöffnet, im Sommer von 9-19 Uhr, im Winter von 9 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit. Eintritt für Erwachsene 2,60 Euro, Kinder von 6-14 Jahren, Schüler und Studenten 1,30 Euro, Kinder bis 6 Jahre gratis. Anfahrt: von Frankfurt auf der A 5 Richtung Kassel bis Homburger Kreuz, weiter über Usingen auf der B 456 bis kurz vor Weilburg.

 

Kubacher Kristallhöhle

Diesmal war es keine eingebrochene Kuh oder das Ergebnis von Steinbruch- und Bergmannsarbeiten. als, wie meist per Zufall, ein Höhlensystem entdeckt wurde. Das Auffinden der für Deutschland einmaligen geologischen Rarität einer Kristallhöhle nahe dem Weilburger Ortsteil Kubach im Hintertaunus geht auf das Beharrungsvermögen eines Mannes zurück. der eigentlich kein Kavernenfachmann ist. Einzig die spärlichen Hinweise Weilburger Bergleute aus dem späten 19. Jahrhundert, sie seien beim Phosphoritabbau auf eine große Tropfsteinhöhle gestoßen, in die eine »Dorfkirche« passe. veranlaßten den Lehrer Karl-Heinz Schröder vor mehr als 20 Jahren. der Unterwelt ihr Geheimnis zu entreißen.

Pech war nur, daß sich die bis zu 100 Jahre alten Berichte in der Beschreibung von Stalagmiten und Stalaktiten überboten, aber keine genaue Lokalisierung hinterließen. Was tun? Trotz intensiver Nachforschungen in Archiven, Zeugenbefragungen und geologischer Expertisen glich die Suche jener nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Erst der Einsatz schweren Bohrgeräts ließ Hoffnung keimen, als unvermittelt das Bohrgestänge in 40 Meter Tiefe in einen großen Hohlraum fiel. Eine herabgelassene Spezialkamera gab Gewißheit: Die langersehnte Höhle schien gefunden. Durch einen eigens angelegten Schacht wurde am 15. Oktober 1974 erstmals ein Mensch in das Erdinnere geschickt.

Daß am Ende eine ganz andere, nie vermutete Höhle entdeckt worden war, konnte das Forscherglück Schröders und seiner in einem gemeinnützigen Verein zusammengeschlossenen freiwilligen Helfer nicht mehr trüben. Statt phantastischer Tropfsteingebilde bedecken glitzernde Kalkspatkristalle die Wände und an vielen anderen Stellen weißer Perlsinter – wie zu schockgefrorenen Wasserfällen erstarrt. Es lohnte sich demnach, den gewaltigen Felsriß von Lehm und Schutt zu befreien und – nachdem auch noch die höchste „Halle“ Deutschlands erkundet war – die Kaverne unter dem Namen „Kubacher Kristallhöhle“ 1981 der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Sie ist mit 30 Metern Deutschlands höchste Schauhöhle.

Am spannendsten erweist sich der Abgang. Eine nicht enden wollende Treppe mit insgesamt 455 Stufen scheint direkt in Hades' Schattenreich zu führen. Mythologisches allerdings umrankt die geologische Entstehung der Höhle nicht. Folgt man den sachkundigen Erläuterungen während der rund vierzigminütigen Führungen, entstand das älteste Gestein, Kalkablagerungen devonischer Meere, bereits vor 350 Millionen Jahren. Im Karbon. rund 100 Millionen Jahre später. wurde es zu einem Gebirge gefaltet und erhielt Strukturen, die die spätere Richtung der Höhle mitbestimmt haben. Während der Eiszeit. vor zwei Millionen bis 10 000 Jahre vCh wurde das Hohlraumsystem der heutigen Höhle aus dem Kalkstein herausgelöst und ständig erweitert. Im jüngsten, noch andauernden Prozeß entstanden die Ablagerungen und der kristalline Schmuck. Seinem Erhalt dient ein künstlicher „See“, um die Luftfeuchtigkeit bei gut 85 Prozent zu stabilisieren. Das Wasser im tieferen Teil setzt den Prozeß der Höhlenbildung fort. Grundwasser und ein aus Regen und Schmelze gebildeter „Sommersee“ nagen Millimeter um Millimeter an dem Gestein. In einigen tausend Jahren wird die Sohle noch tiefer als die bislang erreichten 70 Meter liegen.

Zurückgekehrt ans Tageslicht, runden ein Schauraum in der Gaststätte und ein »Steinmuseum« im Freien die Höhlenexkursion ab. Dokumentiert werden die außergewöhnliche Entdeckungsgeschichte der Höhle und anhand der teilweise mannshohen Felsblöcke die geologischen Verhältnisse im mittleren Deutschland.

Ein Ausflug vor die Tore des alten Nassauer Residenzstädtchens Weilburg an der Lahn kann den Besuch eines weitläufigen Wildparks mit einschließen. Der "Tiergarten Weilburg« geht in seinen Anfängen noch auf die herrschaftlichen Zeiten zurück, als Graf Albrecht von Nassau und Saarbrücken 1590 aus Holland bezogenes »Dähnenwild« (Damwild) östlich der Stadt ansiedelte. Rund 100 Jahre später umfriedete Graf Johann Ernst von Nassau-Weilburg zunächst mit einem Holzzaun, dann mit einer im Frondienst errichteten Steinmauer das Terrain. Die 3.8 Kilometer lange und zwei Meter hohe Umwehrung ist vollständig erhalten. Nach 1816 wurde der Tiergarten unter Berücksichtigung der landschaftlichen und historischen Gegebenheiten nach forstlichen Gesichtspunkten bewirtschaftet. Dabei blieben vor allem die rund vierhundertjährigen Hute-Eichen stehen, deren lange, gerade wachsende Äste sich so frei entfalten konnten – ein Genuß fürs Auge.

Zu einem »Wildpark«. der gleichermaßen der (Rück-)Züchtung und Verhaltensforschung sowie lebendiger Anschauung dienen sollte, wurde das Gehege dann 1969 nach Übernahme in staatliche Regie. Auf einer ungewöhnlich großen Grundfläche von 92 Hektar, durch-zogen von sechs Kilometern Wege. begegnen den Besuchern Muffelwild. Auerochsen. Luchse, Wisente, Rotwild. Wildschweine, Fischotter. Sika und Steinwild; dazu ungezähltes Federvieh auf den weiten Teichflächen. Der putzige Nachwuchs bei Familie Mufflon oder bei den Schwarzkitteln macht im Frühjahr das Herkommen besonders lohnend.

Der ganze Stolz des vom Forstamt Weilburg betreuten Parks sind die erfolgreichen Rückzüchtungen nicht nur der Auerochsen. Seit dem Anschluß des Parks an das »Europäische Erhaltungszuchtprogramm« (EEP) haben die auf das »Urpferd« zurückgehenden Tarpane und Przewalski-Pferde auch in Weilburg eine neue Heimat gefunden. In einigen Jahren, so hoffen die Mitarbeiter des EEP. sollen die Przewalski-Pferde so gesund und vital sein, daß sie sich bei der Wiederauswilderung in ihrer ursprünglichen Heimat. der Mongolei. ohne Schaden zu nehmen fortentwickeln.

Ein zweiter Schwerpunkt liegt für die Parkleitung in der Vermittlung wildbiologischer Zusammenhänge. Ein neu angelegter »Pilzlehrpfad« beispielsweise erläutert die wichtige Funktion von Baumpilzen für die Zersetzung von Totholz. Dank des ökologisch intakten Waldhaushalts innerhalb des Parks läßt sich die Arbeit von »Kupferrotem Lackporling« oder der »Geweihförmigen Holzkeule« auch am lebenden Objekt studieren.

Höhlen, eine dunkle, faszinierende Welt. ein geheimnisvolles Erlebnis. Nach alten Berichten fanden Bergleute vor mehr als 100 Jahren bei der Gemeinde Kubach eine riesige Tropfsteinhöhle. Die Aufzeichnungen waren ungenau und das Wissen um die genaue Lage verlor sich im Laufe der Jahrzehnte.

Der 15. Oktober 1974 war der große Tag im Bestehen des Kubacher Höhlenvereins: Der erste Mensch hangelte sich per Strickleiter hinab in 45 Meter Tiefe. Was er unten vorfand, war zunächst enttäuschend. Hatten die Kubacher sich doch erhofft, dort unten die lange gesuchte Tropfsteinhöhle zu entdecken, die sie aus Chroniken alter Phosphoritbergleute kannten. Diese hatten im Jahre 1881 eine „prächtige Höhle” beschrieben, die so groß sein sollte, daß man die Kubacher Kirche hätte hineinstellen können. Und ein Heuwagen, so stand es bei den Bergleuten geschrieben, hätte ohne weiteres durch die riesige Höhle fahren können.

Davon konnte bei der 1974 entdeckten Höhle keine Rede sein. In engen, zerklüfteten Höhlenwänden fand sich, zur allgemeinen Enttäuschung, auch nur eine einzige Tropfsteingruppe vor: genau jene, die man bei der ersten Fotografie mit einer speziellen Bohrlochkamera zufällig aufgenommen hatte.

Die gesuchte Höhle, das stand fest, war's nicht. Und doch entdeckten die Höhlenforscher bald, daß diese Höhle ganz andere Reize vorwies: Millionen von Kalkspatkristallen glitzern an den Wänden der 30 Meter hohen Halle - sie ist damit übrigens die höchste Schauhöhle in der ganzen Bundesrepublik. Wie die Kristalle entstehen konnten, ist noch nicht endgültig geklärt. Eine konstante Wassertemperatur, ruhiges Gewässer und eine bestimmte Kombination chemischer Elemente müssen zusammengewirkt haben. Das ist so selten der Fall, daß die Höhle jetzt unter Naturschutz steht, da die dichten Kristallgruppen äußerst wertvoll sind: Abbrechen und mitnehmen ist strengstens verboten.

Wer die 346 Stufen in die Höhle hinabsteigt, mit einem bunten Helm auf dem Kopf und einem einigermaßen stabilen Kreislauf, erfährt bei der 45minütigen Führung allerhand über Entstehung und Entdeckung der Kubacher Kristallhöhle. Ein Mitglied des Höhlenvereins erzählt aus der Zeit vor 350 Millionen Jahren, als die Lahngegend mit einem Meer aus Korallen, Muscheln und Seesternen bedeckt war. 100 Millionen Jahre später, im Karbon, faltete sich dort ein Gebirge auf, das bis zum Beginn der Eiszeit beträchtliche Kalkschichten an die Oberfläche beförderte. Durch sie drang Wasser ein - und die Höhle wurde, je nach Stärke der Strömung, ungleichmäßig ausgewaschen und zerklüftet.

Die Kubacher Kristallhöhe ist samstags, sonntags und an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen finden alle halbe Stunde statt. In den Ferien ist die Höhle auch werktags von 14 bis 16 Uhr geöffnet, nach Voranmeldung kann man sich auch anderen Gruppen anschließen (Telefon 0 64 71 147 63). Der Eintritt kostet für Erwachsene 3,50 Mark, für Schüler, Studenten, Behinderte und Gruppen über 20 Personen 2,50 Mark, nichtschulpflichtige Kinder haben freien Eintritt. Die Foto-Erlaubnis kostet zwei Mark.

Erst in den Siebziger Jahren fand sich eine Gruppe von Enthusiasten, die sich mit Begeisterung und Ausdauer auf die Suche machten. Die sagenhafte Tropfsteinhöhle blieb bis heute verborgen, aber die Geduld und der Fleiß wurden dennoch belohnt.

Gefunden wurde nämlich Deutschlands höchste und größte Kristallhöhle. Neben dem Museum im Höhlenhaus findet der Besucher vor dem Höhleneingang ein Freilicht-Steinemuseum. Von Stein zu Stein - eine Seite aus dem Buch der Entstehungsgeschichte unserer Erde.

Länger als zwei Jahrtausende läßt sich der Erzbergbau im Lahntal zurückverfolgen. Bis ins 19. Jahrhundert hatte sich eine Eisenindustrie entwickelt, die während ihrer Blütezeit von fast 1300 Gruben des damaligen Herzogtums-Nassau beliefert wurde. Zunehmende Eisenerzimporte und die zentrale Verhüttung an Saar und Ruhr führten jedoch in unserem Jahrhundert zur Schließung der heimischen Gruben. Im Jahre 1983 stellte die letzte hessische Eisenerzgrube ihre Förderung ein. Die Erinnerung daran bleibt lebendig durch den „Tiefen Stollen“ im Bergbau- und Stadtmuseum, eine Schaustollenanlage, die den Besucher heute hautnah vor Ort führt und die Geschichte des Bergbaus im Lahn-Dill-Gebiet zeigt.

Ein bißchen wie am Sternenhimmel funkelt und glitzert es über den Köpfen der Besucher, beim Abstieg in rund 70 Meter Tiefe. Millionen von kleinen Calcitkristallen zieren die Wände und Decke der Höhle im Weilburger Stadtteil Kubach. Ab Saisonstart am Samstag, 29. März, lädt die einzige bekannte deutsche Calcitkristallhöhle wieder zu einem Gang durch die Erdgeschichte ein. Dabei geht es 456 Stufen in die Tiefe, vorbei an gewundenen Kristallwänden, Tropfsteinen, versteinerten Resten ehemaliger Meeresbewohner, zuckergußartigen feinen Kalkablagerungen bis zum „Sommersee“ in der rund 30 Meter hohen Südhalle der Höhle. Der See, der noch nie Sonnenlicht gesehen hat, füllt sich regelmäßig in den Sommermonaten mit unterirdisch zufließendem Wasser, erzählt Karl-Heinz Schröder, Ehrenvorsitzender des Höhlenvereins.

Das Wasser hat auch die Kubacher Kristallhöhle geschaffen: Ihre Entstehungsgeschichte begann vor 350 Millionen Jahren. Damals, in der Devonzeit, war die heutige mittelhessische Lahngegend noch von einem tropischen Meer bedeckt. Aus den Korallenriffen am Meeresboden entstand über die Jahrtausende Kalkstein. Das Höhlensystem wurde während der Eiszeit vor rund zwei Millionen Jahren bis vor 10.000 Jahren durch Sickerwasser aus dem Gestein ausgespült.

Das warme, kalkgesättigte Wässer in der Höhle sorgte anschließend für den einzigartigen Höhlenschmuck und ließ die Calcitkristalle wachsen. Später, als das Wasser aus der Höhle zum größten Teil abgelaufen war, sorgte die ständig vorhandene kalkgesättigte Feuchtigkeit von etwa 90 Prozent unter der Erde für ein weiteres Phänomen. An den Kristallspitzen hängen Wassertropfen, aus denen sich der gelöste Kalk abscheidet und auch heute noch die etwa einen Zentimeter großen, weißen Perltropfsteine entstehen läßt.

Entdeckt wurde das bisher nur zu einem kleinen Teil freigelegte Höhlensystem von Karl-Heinz Schröder 1974. Zu jener Zeit war der ehemalige Lehrer am Weilburger Gymnasium mit anderen Mitgliedern des frisch gegründeten Höhlenvereins eigentlich auf der Suche nach einer anderen, sagenumwobenen Tropfsteinhöhle gewesen. Bergleute hatten diese bei Phosphoritabbau Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt. Sie berichteten von prächtigen, großen Tropfsteinen sowie von einem unterirdischen See, in dem man bequem die Kubacher Kirche hätte stellen können, erzählt Schröder. Die Erschließung der Touristenattraktion sollte damals nach einem Gutachten 900 Mark kosten. Die Stadt Weilburg wollte nur 30 Mark zahlen - das Projekt scheiterte und die Lage der Grotte geriet in Vergessenheit. Bis heute sucht der Höhlenverein noch nach der großen Tropfsteinhöhle. Die Kristallhöhle wurde für etwa eine Million Euro vom Land Hessen, der Stadt Weilburg, dem Kreis und dem Höhlenverein Ende der 70er Jahre erschlossen und 1981 für Besucher geöffnet. Rund 45.000 zahlt der Hohlenverein inzwischen in jedem Jahr.

Einen Gang durch die Erdgeschichte gibt es heute bereits vor dem Abstieg ins Erdinnere - im Freilicht Steine-Museum, wo bis zu zwölf Tonnen schweren Gesteinsbrocken aus verschiedenen Erd-Epochen ausgestellt werden. Im oberirdischen Höhlenmuseum sind zudem Mineralien aus aller Welt zu bestaunen. Hier wird au0ßerdem auch die Erschließung der Höhle dokumentiert.

Seit vier Jahren wird die Kubacher Kristallhöhle zudem jeweils am zweiten Adventssonntag als von der Natur gegebene Konzerthalle genutzt. Die Chor-Konzerte in der einzigartigen Akustik, bei der die Töne sechs- bis achtfach durch die Höhle laufen, ist immer ausverkauft.

Ein bißchen wie am Sternenhimmel funkelt und glitzert es über den Köpfen der Besucher, beim Abstieg in rund 70 Meter Tiefe. Millionen von kleinen Calcitkristallen zieren die Wände und Decke der Höhle im Weilburger Stadtteil Kubach. Ab Saisonstart am Samstag, 29. März, lädt die einzige bekannte deutsche Calcitkristallhöhle wieder zu einem Gang durch die Erdgeschichte ein. Dabei geht es 456 Stufen in die Tiefe, vorbei an gewundenen Kristallwänden, Tropfsteinen, versteinerten Resten ehemaliger Meeresbewohner, zuckergußartigen feinen Kalkablagerungen bis zum „Sommersee“ in der rund 30 Meter hohen Südhalle der Höhle. Der See, der noch nie Sonnenlicht gesehen hat, füllt sich regelmäßig in den Sommermonaten mit unterirdisch zufließendem Wasser, erzählt Karl-Heinz Schröder, Ehrenvorsitzender des Höhlenvereins.

Das Wasser hat auch die Kubacher Kristallhöhle geschaffen: Ihre Entstehungsgeschichte begann vor 350 Millionen Jahren. Damals, in der Devonzeit, war die heutige mittelhessische Lahngegend noch von einem tropischen Meer bedeckt. Aus den Korallenriffen am Meeresboden entstand über die Jahrtausende Kalkstein. Das Höhlensystem wurde während der Eiszeit vor rund zwei Millionen Jahren bis vor 10.000 Jahren durch Sickerwasser aus dem Gestein ausgespült.

Das warme, kalkgesättigte Wässer in der Höhle sorgte anschließend für den einzigartigen Höhlenschmuck und ließ die Calcitkristalle wachsen. Später, als das Wasser aus der Höhle zum größten Teil abgelaufen war, sorgte die ständig vorhandene kalkgesättigte Feuchtigkeit von etwa 90 Prozent unter der Erde für ein weiteres Phänomen. An den Kristallspitzen hängen Wassertropfen, aus denen sich der gelöste Kalk abscheidet und auch heute noch die etwa einen Zentimeter großen, weißen Perltropfsteine entstehen läßt.

Entdeckt wurde das bisher nur zu einem kleinen Teil freigelegte Höhlensystem von Karl-Heinz Schröder 1974. Zu jener Zeit war der ehemalige Lehrer am Weilburger Gymnasium mit anderen Mitgliedern des frisch gegründeten Höhlenvereins eigentlich auf der Suche nach einer anderen, sagenumwobenen Tropfsteinhöhle gewesen. Bergleute hatten diese bei Phosphoritabbau Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt. Sie berichteten von prächtigen, großen Tropfsteinen sowie von einem unterirdischen See, in dem man bequem die Kubacher Kirche hätte stellen können, erzählt Schröder. Die Erschließung der Touristenattraktion sollte damals nach einem Gutachten 900 Mark kosten. Die Stadt Weilburg wollte nur 30 Mark zahlen - das Projekt scheiterte und die Lage der Grotte geriet in Vergessenheit. Bis heute sucht der Höhlenverein noch nach der großen Tropfsteinhöhle. Die Kristallhöhle wurde für etwa eine Million Euro vom Land Hessen, der Stadt Weilburg, dem Kreis und dem Höhlenverein Ende der 70er Jahre erschlossen und 1981 für Besucher geöffnet. Rund 45.000 zahlt der Hohlenverein inzwischen in jedem Jahr.

Einen Gang durch die Erdgeschichte gibt es heute bereits vor dem Abstieg ins Erdinnere - im Freilicht Steine-Museum, wo bis zu zwölf Tonnen schweren Gesteinsbrocken aus verschiedenen Erd-Epochen ausgestellt werden. Im oberirdischen Höhlenmuseum sind zudem Mineralien aus aller Welt zu bestaunen. Hier wird außerdem auch die Erschließung der Höhle dokumentiert.

Seit vier Jahren wird die Kubacher Kristallhöhle zudem jeweils am zweiten Adventssonntag als von der Natur gegebene Konzerthalle genutzt. Die Chor-Konzerte in der einzigartigen Akustik, bei der die Töne sechs- bis achtfach durch die Höhle laufen, ist immer ausverkauft.

Die Kubacher Kristallhöhle ist vom 29. März bis zum 2.November werktags von 14 bis 16 Uhr geöffnet. An Wochenenden sowie an Feiertagen ist von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Die letzten Führungen durch die Höhle (Dauer ca. 45 Minuten) beginnen in der Woche um 16, am Wochenende um 17 Uhr. Auch außerhalb der regulären Besucherzeiten sind Führungen nach Voranmeldung (Tel. 06471/94000) möglich. Für Gruppenführungen ab 20 Personen wird um Voranmeldung gebeten. Der Höhlenbesuch kostet 3,50 Euro für Erwachsene, 2,50 für Schüler und 0,50 Euro für Kinder bis sechs Jahre. Im Preis ist die Besichtigung des Steine- und des Höhlenmuseums inbegriffen. Die Kubacher Kristallhöhle hat werktags von 14 bis 16 Uhr und am Wochenende von 10 bis 17 Uhr im Sommerhalbjahr geöffnet: Gruppen nach Voranmeldung jederzeit. Rufnummer 0 64 71/48 13. Täglich bis 19 Uhr ist der Tiergarten geöffnet. Die Höhle wie der Wildpark liegen kurz vor den Toren Weilburgs und sind ab der B 456 ausgeschildert.

 

„Herrlich! So etwas Schönes gibt es nicht noch mal!“ Das waren der Überlieferung nach die ersten Worte, die von den funkelnden Wänden der Kubacher Kristallhöhle widerhallten, Gesprochen wurden sie vor 35 Jahren, am 15. Oktober 1974, als erstmals ein Mensch die Höhle in der Nähe der Stadt Weilburg betrat. Umgeben von 350 Millionen Jahre altem Kalkgestein und geschmückt mit unzähligen Kristallen und Tropfsteinen ist sie die einzige ihrer Art in Deutschland. Dass die geologische Sensation 70 Meter tief unter der Erdoberfläche überhaupt gefunden wurde, ist dem Zufall und einem engagierten Lehrer zu verdanken.

Eigentlich hatte der mittlerweile pensionierte Oberstudienrat Karl-Heinz Schröder gemeinsam mit seinen Mitstreitern eine in Vergessenheit geratene Tropfsteinhöhle wiederfinden wollen. Die entdeckten sie zwar nicht, dafür aber die rund 200 Meter lange und 30 Meter hohe Kristallhöhle, die heute unter Naturschutz steht. Rund 40 000 Besucher steigen pro Jahr zu ihr hinab. Ein angrenzendes Museum sowie ein Freilicht-Steinemuseum informieren über die Erdgeschichte und über das Kubacher Höhlensystem, das während der Eiszeit vor etwa       10.000 bis 15.000 Jahren entstand. Die große Höhlensuche begann Anfang der 70er Jahre. Damals zog Gymnasiallehrer Karl-Heinz Schröder in den Weilburger Ortsteil Kubach und erfuhr von Nachbarn, dass in einem Hügel 300 Meter von seinem neuen Haus entfernt eine Tropfsteinhöhle existieren sollte. Wo genau, wusste allerdings keiner. Auch nicht, ob es sie wirklich gab, denn die einzigen Berichte darüber stammten von Bergleuten aus dem 19. Jahrhundert. „Da hat mich die Entdeckungs- und Abenteuerlust gepackt“, erzählt der heute 77-jährige Schröder.

Fortan durchforstete er die Archive der Region, um etwas über die mysteriöse Höhle herauszufinden. Er stieß dabei auf einen Artikel des „Weilburger Tageblatts“ aus dem Jahr 1906, in dem über eine „prächtige Tropfsteinhöhle“ berichtet wurde. Laut Schröder war die tatsächlich 1881 entdeckt worden, als in Kubach Phosphorit abgebaut wurde. Doch die Höhle habe die zuständige Bergbaufirma nicht besonders interessiert. Kurzerhand sei der Stollen zu den Tropfsteinen wieder zugeschüttet worden. 1906 aber waren die Zeitgenossen Feuer und Flamme für den „ungehobenen Schatz“ und wollten ihn für den Tourismus nutzen. 1907 gab das Bergamt Weilburg ein Gutachten in Auftrag, ließ die Ausmaße der Höhle und die Kosten für ihre Erschließung ermitteln. Schnell war klar: Zu teuer. Das Projekt wurde beerdigt, und die Höhle geriet in  Vergessenheit. Wohl auch, weil in dem Gutachten eine wichtige Information fehlte: die genaue Lage der Tropfsteinhöhle. „Ein echter Schildbürgerstreich“, meint Schröder.

Im Januar 1973 gründete er gemeinsam mit mehreren Gleichgesinnten die „Interessengemeinschaft zur Erforschung und Erschließung der Kubacher Tropfsteinhöhlen“, aus der der „Höhlenverein Kubach“ hervorging. Heute gehören ihm rund 300 Mitglieder an. Gemeinsam mit seiner Frau Margrit, den Mitgliedern und mit Unterstützung von Wissenschaftlern, Bohrfirmen und Technik wollte Schröder dem Hügel auf den Grund gehen. Nach Monaten führten die Suchbohrungen zum Erfolg, die Hobby-Geologen fanden zwei Höhlen. Eine davon war die Kristallhöhle.

Viel wusste man von den Hohlräumen in der Tiefe zunächst noch nicht. Zwar wurde eine spezielle Kamera in die Bohrlöcher gelassen, die zeigte aber nur einige wenige Tropfsteine. Schnell wurde klar „Wir müssen da rein.“ Es wurde also weiter gebohrt. Noch heute freut sich Schröder darüber, dass die beteiligten Bohrfirmen kostenlos ihre schweres Gerät und ihre Experten einsetzten. Im Frühjahr 1974 konnte dann die erste Höhle betreten werden, im folgenden Oktober war der große Moment für die Kristallhöhle gekommen. Der Bohrmeister hatte die Ehre, als erster Mensch die funkelnde Sensation in der Tiefe zu bewundern. Schröder stieg erst viel später hinab: „Ich habe den Politikern den Vortritt gelassen.“

Die Begeisterung war groß über die überraschende Entdeckung. Einig war man sich zudem, dass die einzigartige Kristallhöhle für den Tourismus erschlossen werden sollte. Stadt, Kreis, Land und Höhlenverein investierten gemeinsam insgesamt etwa 2,3 Millionen Mark (rund 1,1 Millionen Euro) und viel Arbeit, bis die Höhle im März 1981 feierlich für Besucher eröffnet wurde. Die Suche nach der Tropfsteinhöhle haben Schröder und der Höhlenverein derweil noch nicht aufgegeben, denn deren Entdeckung ist laut Satzung immer noch oberstes Ziel des Vereins. Seit Ende September wird daher wieder eifrig im Kubacher Untergrund gebohrt (13.10.09).

 

Stadtteile:

Ahausen: einen Kilometer lahnaufwärts gelegen, mit einer modernen Anlage für Sportschützen.

Bermbach: der kleinste Stadtteil, mit seinem gemütlichen Freibad.

Drommershausen: ein Eldorado für Reiter.

Gaudernbach mit dem einzigen Baumaschinen-Modelle-Museum Deutschlands.

Hasselbach: mit seinen weiten Flächen ein Paradies für Wanderer.

Hirschhausen: Naherholungseinrichtung „Wildpark Tiergarten Weilburg“.

Kirschhofen: links der Lahn und direkt gegenüber von

Odersbach, mit seinem reizvollen Campingplatz, der Jugendherberge, dem Freibad.

Kubach: mit seiner weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten „Kristallhöhle“.

Waldhausen: ist sogar noch älter als Weilburg (881).

 

Waldbrunn-Ellar (nordwestlich von Weilburg)

Es gibt historische Gebäude und einen Friedhof, eine sehenswerte Ortsmitte. Die Burgruine ist aus dem 12. Jahrhundert, die Burgschmiede aus dem 16. Jahrhundert).Weitere Sehenswürdigkeiten: Gefängnisturm und Stadtmauer, Friedhof der ehemaligen israelitischen Gemeinde, Heimatmuseum mit Kunstausstellung.

 

 

Vilmar

Unscheinbar sieht er in der Natur aus. Erst geschnitten und poliert entfaltet er sein feines Farbspiel. Seit jeher schmückten die Reichen und Mächtigen Paläste und Prunkbauten mit dem teuren Kalkstein. Die Rede ist von Marmor. Das italienische Carrara kennen viele, Schupbach oder Wirbelau ist nur Geologen und Steinbildhauern ein Begriff. Bis vor dreißig Jahren wurde im unteren Lahntal rund um Villmar der repräsentative Stein gebrochen. Er schmückt noch heute nicht nur die Lahnbrücke in Vilmar, sondern auch das Empire State Building, die Moskauer U-Bahn, Kirchen, Bäder und Paläste.

Man muß wissen, wo sie waren, die mittelhessischen Marmorbrüche. Sonst stößt man höchstens zufällig auf Überreste der einstigen Abbaustellen. Zugewachsen mit Gestrüpp, überwuchert von Gras und Sträuchern - kaum etwas weist auf den einstigen Arbeitsplatz vieler hundert Männer hin. Hat man die Bräche aber gefunden, dann entdeckt man überall Spuren einstigen Schaffens.

Geborstene Stahlseile, Winden, Umlenk-Rollen und Mauerreste von Maschinenhäusern bilden ein faszinierend-morbides Technikmuseum in freier Natur. Man muß es entdecken, denn überall holt sich Mutter Natur zurück, was der Mensch einst für seine Zwecke nutzte.

Über 30 Marmorbrüche gab es einst zwischen Vilmar und Weilburg entlang der Lahnmulde. Axel Becker kennt sie alle. Der Informatiker aus Schupbach beschäftigt sich seit fast 20 Jahren mit Lahnmarmor. „Per Zufall“ habe er sich dafür interessiert, erzählt er. Lautsprecherboxen wollte der Bastler sich aus dem feinen Material bauen. Er wußte von den Brüchen in unmittelbarer Umgebung seines kleinen Heimatortes, kannte sie noch aus seinen Kindertagen. Aus praktischem Nutzen wurde Neugier und schließlich Passion. Heute weiß Axel Becker beinahe alles über den Lahnmarmor, der früher unter der Bezeichnung „Nassauer Marmor“ in aller Welt bekannt war. 1997 gründete er mit anderen Interessierten den Verein „Lahn-Marmor-Museum“, der sich für den Erhalt und die Erforschung der Marmorbrüche engagiert. Heute arbeiten Geologen und Kunsthistoriker ebenso darin mit wie Bürger, die mittlerweile stolz sind auf ein derartiges Vorkommen in ihrer Heimat. Aber das habe gedauert.

Grundlage des Marmors ist ein Riff, das hier vor rund 350 Millionen Jahren dem Meer trotzte, das einige hundert Meter hoch über dem Landstrich lag, wo heute die sanften Hügel des Westerwaldes zum Wandern einladen. Dieses mitteldevonische „Stromatoporen-Riff“ ließ abgestorbenes Meeresgetier absinken. Schicht um Schicht bauten sich dadurch riesige Kalksteinvorkommen auf, die sich unter dem Druck des Wassers und des eigenen Gewichtes über Jahrmillionen zu einem kompakten Gestein verfestigten.

In den verschiedenen Riffzonen bildeten sich charakteristische Kalksteine. Drei „Massekalkschichten“ unterscheiden die Geologen heute zwischen Weilburg, Villmar und Katzenelnbogen. Sie begründen die große Anzahl von Lahnmarmorvarietäten: „Schupbach Goldader“, „Unica Blassrot“ oder „Lahnberg dunkel“ - einst hatten diese Namen einen famosen Ruf in der ganzen Welt.

War das Material, das in der Lahnmulde seit Anfang des 17. Jahrhunderts gebrochen wurde, jahrhundertelang ausschließlich Adel und Kirche vorbehalten, diente der noble Baustoff seit dem letzten Jahrhundert auch zur Auskleidung repräsentativer öffentlicher Bauten. Trotzdem ging die Lahnmarmorproduktion nach prosperierenden Zeiten ab den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts zurück. Billigere ausländische Werksteine, die über die schiffbare Lahn und die neugebaute Lahntal-Bahn in das Verarbeitungszentrum nach Vilmar gebracht werden konnten, verdrängten allmählich den Lahnmarmor, der wegen der geologischen Gegebenheiten immer schwieriger zu brechen war

Auch viele Häftlinge mußten übrigens diese schwere Arbeit verrichten. Mit langen Seilsägen wurde der Kalk in losgelöst; wenn das nicht ging, wurden Bohrlöcher eng nebeneinander liegend in das harte Material getrieben, um sie aus dem Gesteinsverband zu lösen. Die so gewonnenen tonnenschweren Blöcke transportierten die Arbeiter auf Holzstämmen rollend zur nächstgelegenen Verladestation. Von dort wurden sie mit Pferdefuhrwerken oder mit kleinen Bahnen bis an die Lahn oder nach Koblenz gebracht. Zu einer kurzen Blütezeit war es in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts gekommen. In dieser Zeit gewonnener Lahnmarmor schmückt etwa die Eingangshalle des Empire State Building, den Palast des Maharadschas von Tagore (Indien) oder das Theater von Rio de Janeiro und hierzulande den Dom zu Würzburg, das Weilburger Schloß und die Amorbacher Abteikirche - um nur einige wenige zu nennen. Nach einer letzten Blütezeit in der Zeit des Nationalsozialismus versanken die Marmorbrüche nach und nach in einen Dornröschenschlaf. Der letzte Betrieb schloß Ende der sechziger Jahre.

Erst allmählich besinnen sich die Verantwortlichen der Region ihrer einzigartigen natur- und industriegeschichtlichen Vorzeigeobjekte und denken an eine touristische Nutzung. Derzeit wird an einer musealen Nutzung eines Marmorbruches in Vilmar gearbeitet.

Vor dreizehn Jahren lebte ein alter Industriezweig noch einmal auf, kurz nur, als ein 1000-Tonnen-Kran die marmornen Gesteinsblöcke aus dem stillgelegten Bruch „Bongard“ in Vilmar im Kreis Limburg-Weilburg emporhievte. Mit dem Stein wurde der im Krieg zerstörte Hochaltar der Mannheimer Jesuitenkirche restauriert. Der Abbau in den Brüchen um Villmar, die unwirtschaftlich geworden sind, ist Vergangenheit. Das Thema ist museumsreif.

Kontakt, Informationen und Führungen über Axel Becker, Telefon 0 64 84 / 14 71

 

Lahn-Marmor Museum:

Nach acht Jahren Vorbereitungszeit hat der Verein „Lahn-Marmor-Museum“ ein Museum eröffnet, in dem uralte Versteinerungen mit faszinierenden Mustern zu bewundern sind, aber auch Werkzeuge zur Verarbeitung und fertige Werkstücke.

Geöffnet jeden ersten Sonntag im Monat (bis September) von 14 – 17 Uhr, Führungen für Gruppen nach Voranmeldung auch außerhalb der Öffnungszeiten.

Eintritt: Erwachsene: 1,50 Euro.

 Villmar, Peter Paul Str. 39 – 41 (am Brunnenplatz), 65606 Villmar

Telefon: 06482 607720, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Internet: www.lahn-marmor-museum.de ,

 

Naturdenkmal Unicabruch, Unterau (gegenüber Bahnhof).

 

Villmar und das nordöstliche Umland bis Weilburg waren über Jahrhunderte bevorzugter Fund- und Verarbeitungsort eines feinkörnigen und festen, dabei in einer breiten Skala unterschiedlicher Farbtöne auftretenden Kalksteins. Dieser wurde, poliert, als Marmor vertrieben und fand insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweite Verbreitung. Später führte die Konkurrenz ausländischer, vielfach billiger „produzierter“ und angebotener Kalkgesteine - darunter auch „echte“, in größerer Erdtiefe gereifte Marmore - zum allmählichen Erliegen des Abbaues.

Durch ein Charakteristikum der Gewinnung - der Kalkstein wurde mit sog. Seilsägen in transportfähige Stücke zersägt - blieben in den zahlreichen Steinbrüchen der Region lange und gerade gestreckte Profile nicht restlos ausgebeuteten Gesteins stehen. Gerade diese, in den letzten Jahrzehnten vielfach von der Natur zurück eroberten Steinbruchareale sind für die Geowissenschaften von größtem Interesse. Denn der Lahnmarmor ist vielfach aus den Skeletten meerischer Rifforganismen aufgebaut.

Zum einen sind Kalkskelette zum Teil bis metergroßer, ausgestorbener schwammartiger Tiere - so genannter Stromatoporen nicht selten, gefolgt von Bechern und Stöcken unterschiedlicher altertümlicher Korallen sowie vielen Überresten im Riff lebender kleinerer Tiere, von denen etwa Seelilien, Schnecken und Armfüßler zu nennen sind.

Diese Fossilien, aber auch die heute noch nachvollziehbare Verbreitung der fossilen Riffe im Landschaftsbild eröffnen ein Fenster in einen frühen Zeitabschnitt der Erd- und Lebensentwicklung vor rund 380 Millionen Jahren. Es ist die Zeit des mittleren Erdaltertums, während der Pioniere der ersten Landpflanzen die Festländer eroberten und auch die Wirbeltiere in Gestalt der frühesten Amphibien ans Land stiegen. Das Klima der Devonzeit war weltweit relativ warm und die Meere standen im Vergleich zur Oberfläche der Kontinente hoch.

Der Feinbau der kalkigen Skelette von Korallen und Stromatoporen, der sich zuweilen bis in tägliche Wachstumszonen auflösen lässt, vermittelt die Erkenntnis, dass im Erdaltertum die Zahl der Tage, die das Jahr umfasste, höher war. Die Erde drehte sich in jener Zeit noch schneller!

Wir können die fossilen Lahnmarmor-Riffe heute in einem großen Ozean lokalisieren, der sich zwischen einem nördlichen Kontinent - Euramerika - und einem großen ausgedehnten Südkontinent erstreckte. Deutschland lag damals ungefähr 20° bis 30° südlich des Äquators. In dieser vorzeitlichen Szenerie ist das Lahn-Gebiet als Senkungsraum auf dem äußeren Schelf Euramerikas zu verorten. Für die Entstehung von Riffen übrigens ein denkbar ungeeigneter Raum beträchtlicher Wassertiefe, hätte nicht gleichzeitig ein phasenweise äußerst heftiger untermeerisch aktiver Vulkanismus unterschiedliche Förderprodukte - Basalte, Laven, Tuffe und Aschen - hunderte Meter bis fast zur Wasseroberfläche angehäuft, den tierischen Riffbauem damit in durchlichtet turbulenter Flachwasserzone Siedlungsraum bietend. So entstanden in Pausen vulkanischer Aktivität Saumriffe; um Vulkaninseln atollartige Riffe.

Im Unica-Steinbruch bei Villmar ist der Zentralbereich eines ausgedehnten Stromatoporen-Riffes dreidimensional aufgeschlossen. Das Wachstum im Riff, aber auch Zerstörungen durch einstige Stürme, werden damit an Ort und Stelle nachvollziehbar. Großflächig polierte Marmorprofile geben Einblick in ein Bodendenkmal von europäischem Rang. An anderen Abbau-Orten der Umgebung Villmars kann der Lahn- Marmor aus überwiegend fragmentierten und im Bereich des Riffs verfrachteten Kalkskeletten bestehen, die als Schuttlagen in steiler Hang- Lagerung erhalten sind, wiederum Hinweis auf einstige Stürme.

Der im Unica-Steinbruch erfahrbare erdgeschichtliche Einblick kann durch zwei gut ausgebaute Rundwege im Bereich des Marktfleckens Villmar erweitert werden. Der Besucher wird hier Baudenkmäler wie die Lahnbrücke, künstlerisch gestaltete Brunnen, Reliefs, Gedenksteine aus

Lahnmarmor, nicht zuletzt auch Werkzeuge und Maschinen der einstigen Marmorverarbeitung kennenlernen können. Dichteste Information bietet das Museum im Zentrum Villmars (Verein Lahn-Marmor-Museum), das auch Führungen anbietet.

 

Wanderung:

Von Villmar sind es nur wenige Kilometer flussabwärts entlang der Lahn nach Runkel. Die einstündige Wanderung führt immer an der Lahn entlang. Unterwegs gibt es viele Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel den alten Steinbruch „Weibshohl“, den König-Konrad-Felsen, die Marmorbrücke und den begehbaren Unica-Marmorsteinbruch, zu bewundern. Das ist der Höhepunkt der etwa vier Kilometer langen Wanderung. Interessierte dürfen den Steinbruch betreten (aber immer auf die eigene Sicherheit achten!) und Einblicke in die außergewöhnlichen Kalkstein-Formationen bekommen. Der Unica-Marmorsteinbruch ist in die Liste der 77 bedeutendsten Geotope Deutschlands aufgenommen worden. Pausieren können müde Wanderer auf den am Wegesrand aufgestellten Bänken mit direktem Blick auf die Lahn.

Wer nicht mehr zu Fuß zurück nach Runkel kehren möchte, kann den Ausgangspunkt auch mit der nahegelegenen Eisenbahn erreichen. Die Bahn fährt in der Nähe des Unica-Marmor­steinbruchs ab und ist innerhalb von fünf Minuten in Runkel.

 

Vilmar-Weiher: Viele schöne Fachwerkhäuser, in einem der Häuser feierte ein Nassauer Fürst seine Hochzeit, weil das Schloß in Runkel zu ruinös war.

 

Runkel

Flüsse haben ihre eigene Geschichte, als Anziehungspunkt früher Niederlassungen, als Handelswege oder politische Grenzen. Zum Schutz und zur Verteidigung entstanden an ihren Ufern mächtige Burgen, wehrhafte Klöster und Kirchen. Ein Musterbeispiel dafür ist die Lahn mit ihrem windungsreichen Lauf von der Quelle im Rothaargebirge bis zur Mündung bei Lahnstein in den Rhein.

Die drei starken steinernen Bogen der Alten Lahnbrücke halten seit 1440 (oder 1448) dem Druck des Verkehrs, des Wassers und des Eisganges stand. Der Ort Runkel ist über schmalen Gäßchen und zusammengedrängten Häusern wieder erstanden nach der Zerstörung von 1634.

Es macht Spaß, durch Runkel zu schlendern, das sich selbst gerne „Felsennest an der Lahn” nennt. Es ist ein gemütliches, altes, romantisches Städtchen mit etlichen idyllischen Plätzen und vielen hübschen Fachwerkhäusern. Besonders schön ist der Blick von der Burg herab auf das Städtchen und das Lahntal. Eines der überragenden Baudenkmäler in dieser eindrucksvollen Landschaft der Auen, Hügel und Felsformationen ist die Burg Runkel.

 

Burg Runkel:

Drüben, über der schmalen Häuserzeile, reckt die gewaltige Feste Runkel ihre drei kantigen Türme empor. Die Burg steht hoch über dem Fluß auf steilwandigen Felsen, seltenes Beispiel frühmittelalterlicher Festungsbaukunst.  Noch heute ist die Burg ein Beispiel eines frühmittelalterlichen Verteidigungsbaues und  die Burg erscheint dem Betrachter von der Lahnseite her als uneinnehmbar. Der Aufgang ist ausgeschildert

Der Legende nach soll die Festungsanlage 778 erbaut worden sein, doch eine spätere Gründung ist realistischer. Im Jahre 1159 wird ein Siegfried von Runkel urkundlich erwähnt. Wahrscheinlich wurde die Burg zur Sicherung des Übergangs über die Lahn von Kaiser Friedrich Barbarossa gegründet. Dann gab es Krach zwischen Siegfried von Runkel und seinem Vetter Heinrich, der von der Burg vertrieben wurde.

Die Kernburg hat drei Türme und eine 45 Meter lange, bis sechs Meter dicke Schildmauer. Natürlich hat die gewaltige Anlage die Zeit nicht unversehrt überdauert, vor allem nach den Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg. Der schlimmste Tag von Burg Runkel war der 15. Oktober 1634. Damals, im 30jährigen Krieg, wurden Ort und Schloss von österreichischen Truppen unter der Führung des Grafen Isolani weitgehend zerstört. Die Kroaten, hausten wüst und zerstörten Burg und Stadt. Abwechselnd stürmten dann Sachsen, Franzosen, Hannoveraner und Darmstädter die Burg. So hatten die anständigen Bürger im Tal immer genug Arbeit damit, die Burg für den nächsten Ansturm und Brand wiederaufzubauen.

Die Kernburg mit ihren drei mächtigen Türmen blieb seit 1634 zwar Ruine, aber die Wohngebäude entstanden in den folgenden Epochen neu.

Die Unterburg mit drei Höfen wurde von 1642 bis ins 18. Jahrhundert. wieder aufgebaut. Durch ein mittelalterliches Doppelturmtor und auf der Fallbrücke über den früher viel tieferen Halsgraben gelangt man in den malerischen Innenhof mit der efeubewachsenen Unterburg. In ihr sind Wohnräume und das Museum untergebracht. Im Ahnensaal Porträts der früheren Burgherren, in den anderen Räumen eine interessante Waffensammlung und vieles mehr, eine Kapelle und ein Archiv und die Fürstlich-Wied'sche Verwaltung. Das Bollwerk mit seiner sechs Meter dicken Schildmauer war bis zum Dreißigjährigen Krieg uneinnehmbar.

Man sollte nicht versäumen, den viereckigen Bergfried in der Kernburg zu ersteigen und die Aussicht ins Lahntal und hinüber auf Burg Schadeck zu genießen, die in einem Jahrhunderte währenden Familienzwist als Trutzburg zur Runkel gegenüber entstanden ist. Oder man kann tief hinab in die Gewölbe klettern. Da steht noch die große alte Kelter und kündet von der Zeit, da hier der Runkeler „Rote” in die Fässer floß.

Im Jahre 1824 stirbt mit Friedrich Ludwig, der letzte Fürst der Wied-Runkelschen Linie. Runkel fällt an die Linie Wied-Neuwied, in deren Besitz die Burg noch heute ist. Heute wird das Schloss von Prinz und Prinzessin zu Wied bewohnt (Prinz Metfried zu Wied) Sie versuchen, die Burganlage so gut es geht zu erhalten.

In der Burg ist ein Museum. Die Burg kann von Ostern bis Ende September von Dienstag bis Sonntag von 10.30 Uhr bis 17 Uhr besichtigt werden. Erwachsene zahlen zwei Mark, Kinder eine Mark Eintritt. Führungen: 10.30, 11, 14.30, 16 und 17 Uhr.

 

 

Rundgang Burg Runkel:

1. Äußeres Tor: Zwischen zwei Rundtürmen steht das rundbögige Tor. Im Obergeschoß ist später eine Wohnung eingebaut worden. Nach hinten versetzt ist ein zweistöckiges Wohnhaus als teilweise verschieferter Fachwerkbau angebaut. Über dem Tor sieht man das Wiedische Wappen mit den Initialen des Grafen Johann Ludwig Adolf zu Wied, Herr zu Runkel und Isenburg 1714.

2. Fallbrücke: Ursprünglich war es ein nach hinten offener gotischer Torturm, nach außen durch ein Doppeltor gesichert. Der Abstand zwischen den Toren wurde später überbaut, der Turm hinten geschlossen und ein runder Treppenturm angebaut.

3. Erker: Er war zur Sicherung des äußeren Zwingers und des Burggrabens, eine wichtige Verteidigungsanlage im Mittelalter. Links steht ein Grenzstein, mit dem die zu Runkel gehörenden Zehnten abgemarkt waren.

4. Wohn- und Stallgebäude von 1701: Im Erdgeschoß ist Bruchsteinmauerwerk verwendet, darüber Fachwerk. In der Mitte trägt das Gebäude einen achteckigen Treppenturm mit Glockenhaube. Der Speicher zur Kornlagerung hat drei Stockwerke. Das Gebäude wird heute privat genutzt!

5. Gotischer Mittelbau mit Durchfahrt zum inneren Hof mit dem Wappen Wied-Runkel und Eberstein-Naugard um 1652.

6. Neuer Kelterraum: Hier wurde der „Runkeler Rothe“ gekeltert und verkostet. Im ersten Raum stehen ein Modell von Burg und Ort im Mittelalter, Gerätschaften für Weinbau, Landwirtschaft sowie Zeichnungen zur Burganlage. Dazu eine Ausstellung über Geologie und Verarbeitung von Lahnmarmor.

7. Wagnerei: Hier wurden früher Wagen und landwirtschaftliches Gerät gefertigt und gewartet.

8. Schmiede: Die Werkstatt für alle Gewerke aus Metall und Pferdeschmiede.

9. Brunnenerker: Er wurde erbaut nach dem 30jährigen Krieg. Der Brunnen ist 22 Meter tief und geht bis zur Grundwassersohle (Lahnspiegel).

10. Hauptwohngebäude: Es besteht seit dem 30jährigen Krieg und hat unten starke Gewölberäume als Schutzgang zum Brunnen. Hier ist der Eingang zur Waffensammlung und zur Burgruine.

11. Waffenkammer: Die Burgherren waren zum Schutz der Bevölkerung verpflichtet. Neben der Verteidigung bei Angriffen gehörte auch die Jagd dazu (Schutz der Landwirtschaft, da bei starken Wildschäden und Mißernten der Landwirte eine Hungersnot drohte). Die Sammlung von Waffen und Gerät gibt Zeugnis des damaligen Lebens.

12. Wehrgang: Er ist ein der Schildmauer vorgelagerter Verteidigungsgang. Später wurde er unterbrochen durch Einbau einer Wendeltreppe, die hinunter zum Ausgang führt.

13. Weinkeller: Der unterste Raum der Burganlage diente im Mittelalter zur Herstellung des begehrten „Runkeler Rothen“. Der Wein war wesentlicher Bestandteil der Versorgung der Bevölkerung in Notzeiten, insbesondere bei einer Belagerung. Die nächsten Räume, ebenfalls mit Tonnengewölben, dienten der Lagerung von Lebensmitteln und Kriegsgerät.

14. Folterkammer: Die diente der Strafvollstreckung, da auf der Burg auch Recht gesprochen wurde. Sie ist ein steinerner Zeuge von Not und Schrecken, insbesondere bei den Hexenprozessen von 1649-52. Die letzte urkundlich erwähnte Nutzung war 1765.

15. Südturm: Er hat einen quadratischen Grundriß aus dem 15. Jahrhundert mit vorkragender Wehrplatte. Die Begehung ist nur mit Leitern möglich. Die Höhe ab dem Fundament beträgt 26 Meter. Die Schildmauer ist gegen die Lahnhöhen als Angriffsseite gerichtet. Die Schießscharten wurden früher durch Holzstege verbunden. Die Stärke der Schildmauer von Norden nach Süden ist bis auf sechs Meter ansteigend.

16. Bergfried: Er ist auf dem Mittelpunkt des Felskegels errichtet, der als Fundament der Burganlage dient. Die Räume wurden als Wachräume genutzt, daneben aber auch für die „eiserne Reserve“ und zur Lagerung von Verteidigungsmaterial. Er war die letzte Bastion ind er Burg.

17. Palas: Er ist der Hauptwohnteil der Burganlage mit einem Dachgeschoß. Der Innenausbau aus Holz wurde beim Brand von 1634 (Dreißigjähriger Krieg) restlos zerstört. Statt Wiederaufbau wurden die Flügel der vorgelagerten Höfe zu Wohnzwecken aufgestockt.

18. Schadecker Turm: Er diente zur Verstärkung der Nordseite gegen Angriffe der gegenüberliegenden Burg Schadeck der verwandten Grafen zu Leiningen-Westerburg, Vermutlich nach 1288 in die Giebelwand mit fünfeckigem Grundriß eingebaut. Im unteren Bereich ist er massiv. Er hat nur oben zwei übereinander liegende Räume mit spitzbogigen Tonnengewölben und Plattform über der Mauerkrone.

 

 

Der Verein „Die Runkelaner“ und das Kerkerbachtal:

Der Verein „Die Runkelaner“ setzt mit einem alten Nachen kostenlos Besucher vom Lahnufer zur Schleuseninsel über. Die „RunkeLahner“ - und die Aktion „Fährmann hol über“ am 19.8 & 20.8. 2006 fährt zwischen 11 & 19 Uhr kostenlos das Fährschiff der „RunkeLahner“ zur Schleuseninsel in Runkel - dort warten lecker Speisen und Getränke. Wer mehr über den Verein „Die RunkeLahner“ wissen möchte, sieht im Internet nach: www.runkelahner.de

 

Am Nordrand von Runkel liegt die Burg Schadeck: Sie wurde im Jahre 1288 (oder 1280) von Heinrich I. von Westerburg nach einem Familienzwist als Trutzburg gegen Runkel erbaut. Zwischen den Nachbarn gab es ständige Fehden. Ende des 18. Jahrhunderts verfiel die Anlage. Ein viergeschossiger Bau ist erhalten (schöne Aussicht). Nur das vierstöckige Steinhaus ist erhalten.

Dort lassen die „Schadecker Landsknechte“ die Vergangenheit lebendig werden und geben so Einblicke in die Zeit, als die Landsknechte als Söldner durch die Lande zogen. Die Schadecker Landsknechte: Der Verein gründete sich 1988 und läßt seitdem die Geschichte der „landsknechet“ wieder lebendig werden. Wer Kontakt zu den Landsknechten aufnehmen möchte schreibt an: Schadecker Landsknechte, Michael Franke, Burg Schadeck, 65594 Runkel-Schadeck. E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

 

Die Tour führt dann weiter ins Kerkerbachtal nördlich von Runkel. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten schwere Dampfloks durch das Kerkerbachtal schnauften, kann man heute ganz genüsslich Radfahren oder Wandern. Das idyllische Seitental der Lahn ist abwechslungsreich und bietet schöne Natur.

Erstes Ziel ist die „Hofener Mühle“ an der Straße von Runkel-Schadeck nach Beselich.Es ist ein wunderschönes Anwesen aus dem 18. Jahrhundert mit einem kleinen Mühlenmuseum, Gästehaus, einer Veranstaltungsscheune und einem lauschigen Innenhof. Die Hofener Mühle ist 300 Jahre alt und denkmalgeschützt. Ein wunderschönes, denkmalgeschütztes Gebäudeensemble. Sie umfasst ein Wasserwerk, Getreidemühle, Frühstückspension und ein Café. Sehr malerisch am Waldrand zwischen Schadeck und Hofen gelegen, strahlt sie die Ruhe und Gelassenheit der ganzen Gegend hier an der Lahn aus. Hofener Mühle, Familie Dorn, 65594 Runkel-Hofen, Telefon: 06482 339, Fax: 06482 607789. E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Internet: www.hofener-muehle.de

Öffnungszeiten: Donnerstag-Sonntag: ab 14:00 Uhr, Dienstag und Mittwoch nach Vereinbarung für Gruppen ebenfalls geöffnet.

 

Südöstlich von Schupbach liegt die Christianshütte. Am Eisenstollen östlich der Hütte ist ein schönes kühles Plätzchen, wo man sich mit dem klaren Wasser erfrischen kann. Wenige Meter entfernt: der Erzstolleneingang der Christianshütte. Wo heute ein kleiner Bach entlang läuft, waren die Gleise, auf denen die Dampflok die Bodenschätze herausfuhr. Die Tour der Bahn ging nach Christianshütte, wo auch unser nächster Stopp ist. Früher war es Sitz der Firma Buderus, dort wurde Eisen verhüttet.

Knapp ein Kilometer entfernt, auch mitten im Wald nördlich von Schupbach: ein Lahnmarmorbruch. Bis in die 70iger Jahre wurde Marmor abgetragen, dann rentierte sich das nicht mehr. Den Lahnmarmor kann man heute in der Eingangshalle des New Yorker Empire State Buildings sehen oder auch in einer Moskauer U-Bahnstation. Letzte Station ist Heckholzhausen. Am Ortseingang nicht zu übersehen: eine alte Kerkerbachbahn, so, wie sie früher aussah. Die Kerkerbachbahn wurde übrigens 1868 in Betrieb genommen und transportierte all die Bodenschätze wie Kalk, Eisenerz, Basalt und Ton, aber auch Marmor.

Wanderung nach Dehrn in Elvira Klein, Rhein-Main, 52.

 

Kriegsgräberstätte:

Hier wurden 232 Opfer der Weltkriege beigesetzt, davon 89 Ausländer und 20 Unbekannte. Es waren Wehrmachtssoldaten, Angehörige der Waffen-SS und zivile Bombenopfer, polnische und sowjetische Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Gefangene eines „Arbeitserziehungslagers“. Darunter sind auch viele Frauen und polnische und sowjetische Säuglinge und Kleinkinder, von denen viele in Niederselters gestorben sind, wo die Frauen beim  Mineralbrunnen arbeiten mußten. In einem Sammelgrab wurden unbekannte Häftlinge aus verschiedenen Konzentrationslagern  beigesetzt, die zu einer SS-Baubrigade gehörten, die seit Februar 1945 zerstörte Bahnanlagen  wieder in Stand setzen sollte. Sie waren in Eisenbahnwagen auf Abstellgleisen untergebracht. Im März 1945 kamen zehn von ihnen durch einen Bombenangriff in Runkel-Aumenau ums Leben. Drei sowjetische Gefangene kamen aus dem „Arbeitserziehungslager“ Frankfurt-Heddernheim, Außenkommando Hundstadt, die  in  einem Eisenbahntunnel Propeller für Jagdflugzeuge herstellen mußten

Die Kriegsgräberstätte Runkel wurde Ende der sechziger Jahre als letzte Sammelanlage in Hessen geschaffen für Tote aus den Kreisen Oberlahn, Usingen und Limburg. Am 6. Oktober 1968 wurde die Kriegsgräberstätte eingeweiht und der Stadt Runkel übergeben.

 

Dehrn:

Dehrn, angesichts der riesigen Steedener Kalk­steinbrüche, wo immer wieder frühe Siedlungsfunde ge­macht werden, denen aber auch altsteinzeitliche Kalksteinhöhlen zum Opfer gefallen sind. Über dem Ort ist das Schloß Dehrn.

 

Dietkirchen:

Die ehema­lige Stiftskirche eines 841 erstmals genann­ten Kollegiatstiftes St. Lubentius wurde über einer vom Missionar Lubentius aus Gallien im 4. Jahrhundert errichteten Kapelle erbaut. Die ehemalige Stiftskirche war die Mutterkirche des gesamten Lahn­gaues.

Die Doppeltürme scheinen aus dem Kalkfelsen herauszuwachsen. Die frühromanische. doppeltürmige Kreuzbasilika entstand im 11. und 12. Jahrhundert. Von der alten Ausstattung sind noch ein Taufstein, eine Pieta und ein Kopfreli­quiar des heiligen Lubentius erhalten. Der kostbarsterste Schatz ist das silbervergoldete Kopfreliquiar des heiligen Lubentius. Ein Steinsarg steht unter unter dem Hochal­tar.

Der Fußgänger­steg über die Lahn ist die längste, an zwei Pylonen hängende Holzkonstruktion dieser Art in Deutschland. Elegant schwingt sie über den Fluß.

 

Limburg

An den sieben Türmen des Limburger Doms ist vermutlich jeder schon mal vorbeigefahren. Nur wenige hundert Meter südlich der berühmtesten Radarfalle auf der A3 sieht man seitlich im Limburger Becken einen ganz markanten Punkt: der Limburger Dom, wie er auf einem Felsen über der Altstadt thront.

Um 800 entstand die erste Burganlage auf dem Limburger Felsen. Es handelt sich um eine Schutzburg, die wahrscheinlich zum Schutze einer Furt des Flusses Lahn errichtet wurde. In den folgenden Jahrzehnten entstand in ihrem Schutz die Stadt. Im Jahre 1150 wurde eine hölzerne Brücke über die Lahn errichtet. Die Fernstraße von Köln nach Frankfurt am Main führte von da an durch Limburg.

Anfang des 13. Jahrhunderts wurde die Burg Limburg in ihrer heutigen Form errichtet. Die herrschende Schicht der mittelalterlichen Bürgerschaft waren reiche Kaufmannsfamilien. Im Jahre 1827 wurde die Stadt zum katholischen Bischofssitz erhoben. Ab 1862 war Limburg Knotenpunkt wichtiger Eisenbahnstrecken und so ist es bis heute geblieben. Limburg ist die einzige Stadt Deutschlands, die einen Bahnhof hat, an dem nur ICE-Züge halten.

 

Die Geschichte der Stadt läßt sich nur bis zum 10. Jahrhundert zurückverfolgen. Heute ist Limburg der Mittelpunkt des Nassauer Landes. Neben dem Dom steht das Schloß der Herren von Limburg. In unmittelbarer Nähe steht die mit Vorbauten und Holzwerk reichverzierte Domvikarie. Unten am Fuß des Felsens steht die an Innenarchitektur so kunstreiche Barfüßerkirche (mit dem Domschatz). An der Nonnenmauer steht das Haus Caffiné, das einen weitgedehnten Blick über die Stadt gestattet.

 

Limburg: 910 als Lintburc, 942 als castellum Lintpure erwähnt. Limburg entstand an einer in der fränkischen Zeit militärisch gesicherten Furt über die Lahn. im Schnittpunkt wichtiger Handelsstraßen. Besitzer war der Gaugraf des Nieder­lahngaus. Konrad Kurzbold. der auf dem Felsen über der Lahn das St. Georgen-Stift gründete. Um 1220 übernahmen die Herren von Isenburg-Limburg die Herrschaft und errichteten die Burg auf dem Lahnfelsen. Im 14. Jahrhundert erlebte Limburg eine wirtschaftli­che Blütezeit.

 

 

Burg:

Seit einiger Zeit ist die gesamte Limburger Altstadt zum Sanierungsgebiet erklärt worden. Der finanzielle, planerische und administrative Aufwand und der hohe denkmalpflegerische Anspruch richteten sich dabei auf ein Stadtdenkmal, das den Rang eines Gesamtkunstwerks innehat - begünstigt durch die Lage und die Topographie der unverwechselbaren Stadtkrone von Stiftskirche und Burg auf dem steilen Felssporn über der Lahn. Dies alles schafft eine einzigartige Silhouette, die ihren Reiz fast ungetrübt über die Jahrhunderte bewahren konnte. Limburg wurde bei diesem Großprojekt indes nicht museal als „überdimensionale Bildpostkarte unterm Glassturz konserviert“ (R. Bentmann), sondern zeitgemäß als Wirtschaftsstandort, Wohnumfeld und soziales Milieu revitalisiert.

Die Burg auf dem Kalkfelsen über der Lahn (das Initialbauwerk für die Ansiedlung und spätere Stadt) entstand, so die Forschung, auf dem fast ebenen Bergplateau des Domhügels in frühkarolingischer Zeit. Die in Schriftquellen greifbare Baugeschichte beginnt freilich erst 910, als der letzte Karolingerkönig dem Grafen des Niederlahngaues seinen Fronhof Oberbrechen mit allem Zubehör, Hörigen und der Berger Kirche schenkte, damit er mit diesem Besitz seine Kirche auf dem Berg Lintburk, die er dort zu bauen im Begriff stand, ausstatten könne. Bei der Gründung handelte es sich um ein Chorherrenstift, das dem Heiligen Georg geweiht war.

Südöstlich der Stiftskirche lag die Kernburg. Der bauliche Gesamtkomplex auf dem Bergplateau (mit der Ummauerung des Burgbezirks) lässt sich allerdings erst seit dem Hochmittelalter festmachen. Die weitere Baugeschichte der Burganlage ist so komplex und facettenreich, dass wir uns vor allem dem bildhaft ablesbaren Wandel der Gesellschaft mit all ihren Formationen und Strukturen widmen: Jede Entwicklungsphase einer Gesellschaft hat auch bei den Baulichkeiten, die sie sich schafft, ihre Standards und Muster der Lebensgestaltung, genuine zivilisatorische und ästhetische Bedürfnisse. Die „formation professionelle", die stark ausgeprägte Neugier der Archäologen und Bauhistoriker, erschloss uns auch in dieser Hinsicht das kunstvolle Ensemble, das wir heute vor Augen haben.

Schon das „Alte Schloss" ist eine malerische Zweiflügelanlage aus Gebäuden unterschiedlicher Entstehungszeiten. Der älteste erhaltene Bau ist die dem Heiligen Petrus geweihte Burgkapelle im Eckbereich der Anlage. Sie wurde in ein Gebäude der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts einbezogen und überbaut - in einem laut Inschrift 1534 errichteten Bruchsteinbau. Der sich nördlich anschließende, heute unverputzte Wohnturm aus Bruchsteinmauerwerk besetzt das Zentrum des östlichen Flügels. Der Bau über quadratischem Grundriss entstand nach französischen und italienischen Vorbildern in der Zeit um 1250. In beiden Geschossen befinden sich heute repräsentative Festsäle mit einer jeweils sehr ansprechender Raumausstattung.

Ein prächtiger und wirkungsvoller Fachwerkbau, mit geschweiftem Zwerchgiebel besetzt zum Hof hin den nördlichen Bereich des Ostfliigels. Hier befand sich ursprünglich die Küche. Die gesamte Süddseite des Burghofs wird von einem zweistöckigen Saalbau mit Treppenlaube beherrscht, die nach einem Brand 1929 in den Jahren 1934/35 wieder hergestellt wurde. Bauhistorische Untersuchungen zeigten, daß es hier einen östlichen Kernbau von 1297 gab, der im spärtn 15. Jahrhundert auf die heetige Länge erweitert wurde.

Vor der Eingangsseite zum Burghof sehen wir das so genannte „Neue Schloss“ mit einem kleinen ummauerten Garten. Das eingeschossige Gebäude wurde 1710 erbaut. Es könnte noch aus der Zeit des Chorherrenstiftes stammen, weil es zusammen mit dem ehemaligen Kurtrierischen Amtshaus (Kolpingstraße 9) und dem Hospital (Hospitalstraße 2) zu den wenigen Barockbauten Limburgs gehört. Mit seiner harmonischen Proportionierung und seiner schlichten Aufmachung ist es ein qualitätvolles Beispiel für die Profanbaukunst dieser Zeit. Seine Funktion galt in erster Linie der Kurtrierischen Administration, später richtete man darin Dienstwohnungen für die Mitarbeiter ein. Im Jahre 1968 ergab sich ein durchgreifender Umbau des Erdgeschosses für die Domsakristei.

Von nassauischer und preußischer Zeit bis heute wurden die Gebäude der Burganlage zum Teil vermietet und dienten unterschiedlichsten Zwecken: etwa als Stadt- und Diözesanmuseum sowie bis heute als Stadtarchiv und als Institut für Lehrerausbildung. Es gab Versuche, Teile des Ensembles zu verkaufen, denn die Bauunterhaltung und Pflege ist außerordentlich aufwändig. Indes konnte bislang kein Käufer für eine dem hochkarätigen Denkmalkonglomerat angemessene und verträgliche Nutzung gefunden werden.

 

Dom:

Die Lahn-Stadt auf der Grenze zwischen hessischem Westerwald und Taunus wird weithin sichtbar überragt von dem prächtigen Dom mit seinen sieben Türmen. Der letzte spätromanische Kirchenbau in Deutschland mit seinen frühgotischen Elementen hat in unserer Zeit bei einer umfassenden Renovierung seine leuchtenden mittelalterlichen Farben zurückerhalten. Einmalig in Europa sind die Fresken aus dem 13. Jahrhundert.

Der Limburger Dom ist einer der imposantesten Baudenkmäler in Deutschland. Die ehemalige Stiftskirche St. Georg, mit der für einen Dom so ungewöhnlich kurzen Bauzeit (1215-1235), verbindet Einflüsse rheinischer Spätromantik und französischer Frühgotik. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde er aufwendig restauriert und erstrahlt seitdem wieder in den Original-Farben ziegelrot und altweiß.

Was den Dom aber vollends zur Rechtfertigung für einen Limburg-Besuch macht, sind die Ergebnisse der Innenrestaurierung, die in mehrjähriger, akribischer Detailarbeit eine kunsthistorische Sensation zutage gefördert haben: farbenfrohe romanische Fresken der Original-Raum­fassung aus dem 13. Jahrhundert. Damit besitzt Limburg einen in Europa einmaligen Kunstschatz.

Der mächtige und dennoch schlanke Dom mit seinen sieben Türmen ist aufgrund seiner überaus malerischen Lage und seines Baustils bemerkenswert. Er stellt das bedeutendste Beispiel für den Übergangsstil von 1210 bis 1250 dar, der in Deutschland weit verbreitet war. Im Äußeren dominiert noch die Spätromanik, das Innere zeigt frühgotische Formen. Hervorzuheben sind die Al­täre. die steinernen Chorschranken, ein Taufstein aus der Entste­hungszeit, ein Sakramentshäuschen von 1496 und mehrere Grab­denkmäler. Im Schloß befindet sich das Diözesan-Museum mit hervorragenden Kunstschätzen (Limburger »Staurothek«, ein by­zantinisches Kreuzreliquiar aus dem 10. Jahrhundert). In der Altstadt sind viele Fachwerkhäuser mit geschweiften Giebeln zu sehen. Die Steinerne Brücke über die Lahn wurde 1341 vollendet. 1232 wurde das Franziskanerkloster gegründet. Die Kirche St. Sebastian ist eine flachgedeckte dreischiffige Basilika mit Spitzbogenarka­den, nur der Chor ist gewölbt. Im Innern: Vesperbild, spätgotisches Kruzifixus, Rokokokanzel. Orgel von 1685. Epitaphien des 16 und 17. Jahrhunderts, Grabplatte des Johannes von Limburg von 1320.

 

Das siebenmal getürmte Gotteshaus ist aus Kalkstein und Marmor, aus Basalt, Trachyt und Schiefer gefügt. Es ist ein einzigartiges Kunstwerk spätromanischen Stils, erbaut zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Im Jahre 1235 fand die Einweihung der Stiftskirche durch den Erzbischof und Kurfürst Theoderich II. von Trier statt.

Schon in den Zeiten der Karolinger stand an der Stelle des Doms eine Kirche, bis Konrad Kurz­bold, Graf des Lahngaues, um 910 neben seiner „Lintburc“ ein Chor­herrenstift mit einer Kirche errichtete. Konrad, der Graf des Niederlahngaus, war ein Mann von auffallend kleinem Wuchs. „Kurzbold“ nannten ihn deshalb die Zeitgenossen. Wie viele andere Adlige seiner Zeit war auch Konrad stets um sein Seelenheil besorgt. Er trachtete deshalb danach, sich durch eine herausragende fromme Tat für das Leben im Jenseits abzusichern. Also gründete er 910 auf dem „Limburger Felsen“ über der Lahn das Stift St. Georg, das er mit eigenen Besitzungen und Rechten ausstattete. Das war an sich nichts Ungewöhnliches. Im frühen Mittelalter entstanden im Gebiet der mittleren Lahn eine ganze Reihe solcher Stifte, in denen Geistliche tätig waren, zwar nicht nur, aber auch, um für das Seelenheil des Stifters zu beten. Die meisten von ihnen gingen auf das einflussreiche Geschlecht der Konradiner zurück, dem auch Konrad Kurzbold entstammte.

Die Konradiner waren ursprünglich Grafen des Lahngaus. Ende des 9. Jahrhunderts stiegen sie zu Herzögen von Franken und damit zur mächtigsten Adelssippe im ostfränkischen Reich auf. Nach dem Tod Karls des Großen war dessen Herrschaftsgebiet ja in einen westlichen Teil, aus dem später Frankreich wurde, und einen östlichen Teil, Deutschland, zerfallen. Als letzter karolingischer König regierte Ludwig das Kind das Reich im Osten.

Einer seiner engsten Berater war Herzog Konrad der Jüngere, ein Vetter Konrad Kurzbolds. Nach dem frühen Tod Ludwigs - er starb 911 im Alter von 18 Jahren - wählten die ostfränkischen Herzöge ihn zum neuen König. Das war eine kleine Sensation, denn bis dahin hatte das Erbrecht die Thronfolge geregelt.

Mit der Wahl Konrads endete die Herrschaft der Karolinger im östlichen Teil des Reiches. Allerdings war auch ihm kein langes Leben vergönnt: Er starb schon sieben Jahre später ohne Nachkommen, und die Königskrone fiel an den sächsischen Herzog Heinrich I. Er begründete die Herrschaft der Ottonen, die sein Sohn Otto I. fortsetzte. Das Geschlecht der Konradiner dagegen erlosch 1036 nach dem Tod des letzten männlichen Nachkommen.

Konrad Kurzbold lebte zu dieser Zeit schon lange nicht mehr. Er starb 948 und wurde wunschgemäß in der von ihm gestifteten Kirche beigesetzt - in der Hoffnung, dass alle dort gesprochenen Gebete und Fürbitten ihm im Jenseits zum Vorteil gereichen würden.

 

Wie es zum Ausbau der von Konrad Kurzbold gestifteten Kirche zu einer prachtvollen spätromanischen Basilika gekommen ist, weiß man nicht genau. Wahrscheinlich regte Graf Heinrich II. von Nassau Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts den Neubau an, die Finanzierung übernahmen wohl zum größten Teil die während der Kreuzzüge zu Wohlstand gelangten Limburger Kaufleute. Es dürfte ihnen gefallen haben, dass der Limburger Dom später fast dreißig Jahre lang die Rückseite des 1000-Mark-Scheins zierte. Im Jahre 1235 weihte der Erzbischof von Trier die neue Kirche, die zugleich die Kirche der Pfarrei Limburg wurde, den Heiligen Georg und Nikolaus von Myra.

Dank des einst von Kurzbold geschickt gewählten Bauplatzes konnten die Besucher der Stadt schon von Weitem über den Reichtum und die Gottesfurcht der Limburger staunen. Besonders auffällig sind neben dem weiß-rot-ockerfarbenen Außenputz, der zwischen 1968 und 1972 nach originalen Resten rekonstruiert wurde, die sieben Türme des Dorns. Ihre Zahl entspricht den sieben Sakramenten. Die Doppeltürme auf der Westseite, zwischen denen das Eingangsportal liegt, sind 37 Meter hoch, der spitze Vierungsturm in der Mitte sogar 66 Meter. Die Ecktürme am südlichen Querhaus wurden allerdings erst 1863 errichtet. In der Mitte der mit Friesen, Säulchen, Fenstern und Blendbögen reich verzierten Eingangsfassade befindet sich eine große Rosette - nicht nur sie ein Element der als Vorbild dienenden französischen Kathedralgotik.

 

Die heutige Kirche, der letzte spätromanische Dombau in Deutschland, wurde etwa 1235 voll­endet. Der bärtige Mann außen am Hauptportal links, nachdenklich auf den Stock gestützt, soll den unbekannten Baumeister darstellen. Der Ritter rechts soll den Bauherrn darstellen, einen Grafen Heinrich, wohl Graf Heinrich von Nassau, den Großvater König Adolfs von Nassau. Seit 1827 ist die ehemalige Stiftskirche Kathedrale des Bistums Limburg.

In dem spätromanischen, trotz kleiner Grundfläche monumental wirkenden Bau ist schon der Geist der Gotik am Werk: Die wuchtige Schwere des romanischen Baustils ist aufgelockert, der Spitzbogen löst den Rundbogen ab, mächtig streben Hallen und Türme nach oben. Man muß von der Lahnbrücke aus sehen, wie sich der Dom aus den urweltlichen Schichten der Kalkfelsen heraushebt, die ungefügen Massen unter das Gesetz des Geistes und der Schönheit zwingend ‑ wie ein Choral in Stein steht die Gottesburg mit ihren sieben Türmen über der Lahn. Die mächtigen Westtürme empfangen den Besucher: Edel gegliedert, wachsen sie aus dem massiven Sockel, erdennah und der Ewigkeit zugewandt, ein frohes Bekenntnis des Hochmittelalters zu Gott und der Welt.

Durch das Portal betritt man einen Feiersaal, der durch seine stille Mächtigkeit zum Herzen spricht und es zu Gott emporzieht. Fromme Innerlichkeit und Weltfreude zugleich haben diesen Raum gestaltet, als ein Gleichnis der verklärten Schöpfung, die uns ver­heißen ist im Bilde der heiligen Stadt, die von Gott kommt, „ge­schmückt wie eine Braut“. Durch den doppelten Kranz der Empore und des Triforiums, der sich um den ganzen Bau legt, sind die Wände durchbrochen und ihrer lastenden Schwere entkleidet.

Ein feiner Sinn für Klarheit und Maß durchwaltet den festlichen Raum, von den schweren Bögen des Erdgeschosses bis zur zierlichen oberen Galerie; die Fülle der Einzelformen ist sicher dem Ganzen eingefügt, das seinen Mittelpunkt in der Vierung hat, vom Licht aus der Kuppel durchströmt. Mehr als 800 Säulen lenken den Blick himmelan zu einem mächtig hervor­tretenden Bild des Weltenrichters, dem die Kirchenpatrone St. Nikolaus und St. Georg zur Seite stehen.

Der Dom hat, abgesehen von seiner unvergleichlichen Lage, einen einzigartigen Vorzug: In keinem großen Bau des deutschen Mittel­alters ist die ursprüngliche Ausmalung so vollständig erhalten. Bei der Restauration 1935 wurden alle Übermalungen beseitigt und die alten Farben hervorgeholt: auf der lichten Wandtönung der kräftige Farbenakkord von Gelb, Rot und Blau. So gibt der Zusammen­klang von Stein und Farbe den ursprünglichen Raumeindruck wieder. Bis 1860 war auch die Außenseite verputzt und leuchtete in den gleichen Farben weithin ins Land. Heute ist dieser Zustand wieder hergestellt.

Man beachte die Freskenmalereien des 13. Jahrhunderts, in schlichten Farben flächig der Architektur eingeordnet: im Bogenfeld über dem Hochaltar Christus mit St. Nikolaus (dem Patron der Stadtpfarrei) und dem hl. Ritter Georg, dem Schutzherrn des Domes (beide Heilige finden sich nochmals bei den Vierungspfeilern bei der Kommunionbank); dazu vor allem die Apostelbilder in den Em­porenbögen des Mittelschiffs. Es sind hoheitsvolle Gestalten, aus den Vorstellungen staufischer Kaiserherrlichkeit geschaffen.

Gleich beim Hauptportal steht der spätromanische Taufstein mit reichem Bildwerk, Tugenden und Laster darstellend, der prächtigste, der sich aus staufischer Zeit in Deutschland erhalten hat. Im Mittelschiff befindet sich ein spätgotisches Sakramentshaus von 1496. Der Hochaltar ist modern, ebenso die Chorfenster (ganz oben: Christus, neben ihm die Heiligen des Bistums: S. Lubentius, Apostel des Lahngaues, S. Elisabeth von Schönau, S. Hildegard von Bingen und Erzbischof Rhabanus Maurus von Mainz). Über dem Chor­gestühl befinden sich die holzgeschnitzten Wappen ehemaliger Stiftsherren und Bischöfe. Im Chorumgang stehen die alten Chorschranken aus der Zeit der Erbauung des Domes; in ihren Feldern Bilder der Leidens­geschichte Christi von 1540.

Der dreischiffige Innenraum des Dorns wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgestaltet und nach dem Zweiten Weltkrieg umfassend restauriert. Er soll das himmlische Jerusalem darstellen: Das schlichte, hohe Mittelschiff führt wie eine Straße durch die Stadt, Seitenschiffe und Emporen stehen für Häuser mit mehreren Geschossen, Fenstern und Türen. Die Malereien an den Wänden und an der Decke erzählen allerlei biblische Geschichten - unabdingbar in einer Zeit, in der die wenigsten Menschen lesen und schreiben konnten. So sieht man zum Beispiel auf den Bögen der seitlichen Emporen zahlreiche Heilige, Apostel und Evangelisten. Das Deckengewölbe zeigt Sündenfall, Sünde und Paradies.

Auf der linken Seite des Querschiffs stellt ein großes Wandbild die Ahnenreihe Jesu dar, auf der rechten befindet sich eine Reihe kleinerer Abbildungen. Dargestellt sind unter anderem die Schlüsselübergabe an Petrus, weiter oben Samson, der einen Baum ausreißt, und Johannes der Täufer im Fellumhang. Auf den Säulen links und rechts vor dem Altar sind Georg und Nikolaus, die beiden Patrone der Kirche, zu sehen. In der Kuppel hoch über dem Altar erscheinen sie noch einmal, diesmal an der Seite des auf dem Thron des Weltenrichters sitzenden Jesus Christus.

Zahlreiche Grabmale, Epitaphe genannt, erinnern an ehemalige Kanoniker oder Stifter, was ja ganz in deren Interesse lag. Das größte und älteste Epitaph gehört Konrad Kurzbold. Der Unterbau seines Grabes und die sechs mit Skulpturen versehenen Säulen stammen noch aus der ersten Kirche, in der er ursprünglich beigesetzt worden war. Die Grabplatte, auf der er lebensgroß in staufischer Tracht abgebildet ist, wurde erneuert, als man das Grab 1235 im linken Querhaus der neuen Kirche aufstellte. Auch das Taufbecken im rechten Seitenschiff ist so alt wie die Kirche selbst und wird heute noch verwendet.

Das Altarkreuz zwischen Vierung und Chor stammt aus dem 15. Jahrhundert. Der Altar selbst ist deutlich jünger: Er wurde 1977 errichtet. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) hatte die Neugestaltung des Altarraums erforderlich gemacht. Der Priester sollte die Messe künftig nicht mehr mit dem Rücken zu den Kirchenbesuchern feiern, sondern ihnen zugewandt.

Das Kruzifix wurde von der Übermalung befreit und die romanische Gestalt wieder hervorgeholt.

Linkes Querschiff: In der Marienkapelle mit barocker Marienstatue stehen die Grabmäler der Bischöfe Peter Josef Blum (1884) und Karl Klein (1898). In der Wand gegenüber ist dargestellt der Stammbaum Christi (16. Jahrhundert). In der Nische daneben steht ein spätgotischer St. Anna‑Altar.

Rechtes Querschiff : In der Kapelle befindet sich seit 1913 die Gruft der Bischöfe von Limburg; rechts an der Wand der Kapelle das fein­gearbeitete Grabmal des Ritters Daniel von Mudersbach und seiner Gemahlin Jutta (15. Jahrhundert). Über der Kapelle befindet sich ein uraltes Kreuzbild, auf das die übrigen Wandbilder des Querschiffes hinweisen.

Im rechten Seitenschiff ist untergebracht die Erasmuskapelle mit Pietà. In den Boden des Domes sind die Grabplatten von Stiftsherren und Limburger Bürgern aus dem 17. und 18. Jahrhundert eingelassen. Das Hochgrab des Lahngaugrafen  Konrad Kurzbold in Form einer Bahre aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts befindet sich auf der Empore ist nur durch Führung zugänglich.

Die Außenrestaurierung des Limburger Domes in den Jahren 1970 bis 1973 war das Ergebnis jahrzehntelanger Überlegungen, Diskussionen, gestalterischer Versuche und Untersuchungen. Spätestens seit den 50er Jahren waren sich alle beteiligten Denkmalpfleger einig, daß der im 19. Jahrhundert abgeschlagene Verputz zur Er­haltung des Bauwerkes erneuert werden müßte. Schnell zunehmendem Steinzerfall folgten immer häufigere Instandsetzungsarbeiten wie Nachfugen des Mauerwerks und Austauschen schadhafter Werksteine. Bereits in den 50er­ Jahren begann man die Fassaden des Domes Fläche für Fläche zu verputzen. Doch bald schon bemerkte man, daß der grau aussehende Trasskalkverputz sehr leblos wirkte und optisch die Gliederung der Fassaden auflöste. Anschlie­ßend durchgeführte Farbgebungsversuche konnten ebenso wenig überzeugen. Die weite­ren Putzarbeiten wurden eingestellt.

In den fol­genden Jahren, von 1967 bis 1969, beschränk­te man sich auf statische Sicherungsmaßnah­men. Die hierfür erstellten Gerüste boten die Gelegenheit, umfassende restauratorische Un­tersuchungen historischer Verputze und Farb­fassungen durchzuführen. Über drei Jahre hin­weg konnten noch zahlreiche Verputz‑ und Be­malungsreste gesichert und dokumentiert wer­den, so dass die farbige Außenfassung aus der Bauzeit rekonstruiert werden konnte.

Die ursprüngliche Außenbemalung hatte man im Mittelalter noch von den Baugerüsten des Domes aus angebracht. Als Putzträger für die in Freskotechnik aufgetragene farbige Architektur­bemalung waren die gesamten Außenflächen, einschließlich der Werksteine, mit einer dünnen, etwa 3 bis 5 Millimeter starken Putzschicht überzo­gen. Von jüngeren Außenbemalungen wurden noch eine weitere mittelalterliche Außenfarbig­keit aus weiß gekalkten Wandflächen mit ocker­gelber Architekturgliederung und aus dem 18. Jahrhundert weiße Wandflächen mit grauer Architekturfassung nachgewiesen.

Nach vielen Diskussionen entschieden sich die Verantwortlichen, die erneute Außenbemalung zu wagen. Im Jahre 1970 wurden die Putzarbeiten wieder fortgesetzt. Es folgte die farbige Rekonstruktion der ursprünglichen Farbfassung mit roter Archi­tekturgliederung, weißen Wandflächen, gelb‑rot­grau im Wechsel abgesetzten Kapitellen und Basen mit schwarzen Säulenschäften. Eine Rekonstruktion der Außenfassung in der alten Freskomaltechnik schied wegen zu geringer Haltbarkeit gegenüber aggressiven Bestandtei­len in der Luft aus. Als Ersatzmaterial kam eine reine, nicht kunstharzvergütete Silikatfarbe zur Verwendung. Die Außenrestaurierung des Do­mes war eine notwendige Konservierungsmaß­nahme zur Erhaltung der Bausubstanz, die Re­konstruktion der Außenfarbigkeit die zwangsläu­fige Folge des erneuerten Außenverputzes.

Auf Wunsch des Domkapitels und des Hessi­schen Ministers der Finanzen sollte nach Abschluß der Außenrestaurierung auch die stark verschmutzte und vergraute Innenausmalung instandgesetzt werden. Die 1871‑77 freigeleg­te und 1934/35 erneut restaurierte staufische Raumfassung befand sich in sehr schadhaftem Zustand. Regenwassereinbrüche in den Gewöl­ben und an den oberen Wänden gefährdeten an vielen Stellen die Haltbarkeit des Verputzes, so daß auch die Innenausmalung ernsthaft bedroht war. Hinzu kam, daß das Fortschreiten der Schäden durch eine für die Raumfassung nicht geeignete Beheizung beschleunigt wurde. Doch nicht nur äußere Einflüsse bewirkten Schä­den und Verschmutzungen, auch die verwende­ten Materialien der Übermalungen hatten zu star­ker Vergrauung geführt.

Umfassende restauratorische Voruntersuchun­gen im Jahr 1974 ergaben, daß man durch die erste Freilegung der ursprünglichen Ausmalung im 19. Jahrhundert sämtliche Zwischenfassun­gen bis auf wenige Reste beseitigt hatte. Eine anschließende Übermalung aus dieser Zeit wurde zum größten Teil später, in den 30er‑Jah­ren. wieder abgenommen, jedoch anschließend eine erneute Überfassung angebracht. Diese Übermalung von 1934/35 wich in Formen und Farbtönen von der in Freskotechnik ausgeführ­ten ursprünglichen Ausmalung stark ab. Die Übermalung bestand aus einer Kasein-Leimfar­be, der man Kreide und Pigmente zugesetzt hatte. Zum Zeitpunkt der Untersuchung stand diese Übermalung zum Teil blätterhaft auf oder krei­dete stark. Eine Reinigung der Malschicht war nicht möglich, da schon beim geringsten Ver­such, den Schmutz und den Ruß von der Ober­fläche zu entfernen, diese Schicht verloren ging. Eine Fixierung hätte die originale Malschicht gefährdet.

Bei den Restaurierungen im 19. Jahr­hundert und in den 30er‑Jahren erfolgten hand­werkliche Reinigungsarbeiten an Gewölben und Wänden mit Malerspachteln und Scheuerbür­sten. Die Folgen waren gravierende Schäden an der Originalfassung. Bis zu  90 Prozent der Fehlstellen an der staufischen Fassung sind auf diese Freilegungs‑ und Reinigungsmethoden zurückzuführen. Anhand von Kleinstbefunden konnten Zwischenfassungen (auch archivalisch belegt) von 1749, 1774 und 1840 bestätigt wer­den. Die staufische Architekturfassung ein­schließ­lich der figürlichen Malereien war rund 500 Jahre sichtbar. Entstanden ist der Innenver­putz mit der Ausmalung zeitgleich mit den drei Bauabschnitten des Domes in der Folge von Westen nach Osten, noch von den jeweiligen Baugerüsten aus. Deutlich wird dies etwa durch die unterschiedlichen Themen der Darstellungen sowie durch Abweichungen in Formen, Farbtö­nen und durch den Pinselduktus der verschie­denen Maler.

Als eines der wenigen katholischen Stifte in Hessen blieb St. Georg bis zur Säkularisierung 1803 bestehen. Es überstand sogar die Einführung der Reformation in Hessen, als die meisten Stifte verstaatlicht wurden, und die wenigen, die übrig blieben, einen enormen Verlust an Einfluss und wirtschaftlicher Macht hinnehmen mussten.

Bei der jüngsten Restaurierung wurden die Übermalungen abgenommen und die noch bis zu 80 Prozent erhaltene, ursprüngliche Raumfassung mit den jüngeren ergänzenden Malereien frei­gelegt und konserviert. Das Bistum Limburg und die beteiligten Dienststellen und Fachleute for­derten eine Retusche an der Ausmalung, die eine im Endzustand möglichst geschlossene Raumfassung zeigen sollte. Auf eine fragmen­tarische Retuschierart sollte verzichtet werden. Die Hauptforderung der Denkmalpfleger war, die Wertigkeit der freigelegten Malereien zu ihren Hintergründen, auch zu den weiß gekalkten Wänden und Gewölbeflächen, durch die Retu­schen nicht zu verschieben. Hintergrund und Malerei als gleichwertige Einheit in die Retuschen einzubeziehen, war die gestellte Aufga­be. Von allen anschließend erprobten Retu­schierarten erwies sich die Punkt-Retusche als die geeignetste für diese Aufgabenstellung.

Wegen der Nutzung des Domes während der 17jährigen Restaurierungsdauer wurden die Arbeiten abschnittsweise durchgeführt. In die­ser Zeit waren ständig 13‑15 Restauratoren ganzjährig im Dom beschäftigt. Am 8. Septem­ber 1991 endete mit einem Dankgottesdienst sowie mit einem Festakt und einem Konzert die große Dornrestaurierung.

 

Die im Stift St. Georg zusammenlebenden Geistlichen, die sogenannten Kanoniker, waren keine Mönche und gehörten keinem Orden an. Ihre Gemeinschaft war der eines Klosters allerdings sehr ähnlich. Ihr Leben richteten sie nach der Regel des heiligen Augustinus. Dem Stift gehörten auch einige Weltgeistliche an, Söhne von Adeligen zumeist, die keine Priesterweihe erhielten, und denen der Besitz von Privateigentum gestattet war. Sie konnten es sich leisten, in eigenen Häusern rings um die Kirche zu wohnen. Insgesamt lebten bis zu sechzehn Kanoniker im Limburger Stift unter der Leitung eines vom Erzbischof eingesetzten Propstes. Ihren geistlichen Führer, den Dekan, wählten die Kanoniker dagegen selbst.

Im nahen Diözesanmuseum mit seinem Domschatz ist vor allem die über 1000 Jahre alte Stauro-thek zu bewundern, ein weltweit bekanntes byzantinisches Reliquiar in der Form eines griechischen Doppelkreuzes. Aus Anlass der Gründung wurde dem neuen Bistum eine kostbare Reliquie übereignet: mehrere Holzpartikel vom Kreuz Jesu Christi, aufbewahrt in der „Staurothek“, einer byzantinischen Goldschmiedearbeit aus dem 10. Jahrhundert. Sie ist das bedeutendste Stück des Limburger Domschatzes, der im Diözesanmuseum nur wenige Schritte vom Dom entfernt besichtigt werden kann. Das Museum wurde 1905 im Beisein von Kaiser Wilhelm II. eröffnet. Damals war es noch im Limburger Schloss untergebracht. Seit 1985 sind die Bestände des Museums und der Domschatz in einem Gebäude zu sehen. Weniger auffällig sind die aus mehreren Jahrhunderten stammenden Teile des alten Schlosses mit u.a. Laubengang, Wohnturm und Fachwerkstockwerken.

Vom Domberg aus erkundet man die malerische Altstadt mit ihren zahlreichen kleinen Märkten, romantischen Gassen und vor allem ausgezeichnet restaurierten Fachwerkhäusern aus dem 13. bis 18. Jahrhundert, die der Stadt ihr charakteristisches Bild verleihen. Unter den zahlreichen Kirchen bauten ragt architektonisch die alte Stadtkirche hervor. Über die Lahn führt eine alte Brücke mit einem Torturm aus dem 14. Jahrhundert.

 

Kunst im „Haus der sieben Laster“, Brückengasse 9:

Eines der Kleinode der Limburger Altstadt ist das „Haus der sieben Laster“, das mittlerweile weitestgehend sanierte, reich verzierte Fachwerkhaus aus dem Jahr 1567. Ein herausragendes Merkmal dieses Hauses, am ursprünglichen Schuhmarkt gelegen, sind die geschnitzten Fratzen am Deckenbalken über dem Eingang zum Museum. Durch diese Köpfe, interpretiert als die biblischen „sieben Laster“ (Hochmut, Neid, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Zorn, Trägheit und Geiz) wurde dieses Haus bekannt und berühmt. Die Köpfe wurden wahrscheinlich ursprünglich zur Abwehr böser Geister beim Umbau oder Neubau des Anwesens im Jahre 1567 angebracht. Vildan Hillenbrand hat mittlerweile einen kleinen Musums-Shop im „Haus der 7 Laster“ eröffnet. Hier kann man neben vielen originellen Kunstwerken vor allem Postkarten, „Ablassbriefe“ und auch Abgüsse der Laster-Köpfe erwerben.

 

Bäckerei Hensler, Kolpingstraße 1:

Die Bäckerei Hensler ist eine nostalgische Kunstbäckerei in den Tiefen der Limburger Altstadt, in der noch nach alter Familientradition selbst gebacken wird. Das Haus ist leicht zu erkennen, da viele Kunstwerke die Häuserfassade zieren. Herr Hensler senior hat diese eigenhändig hergestellt. Mit diesem Kunsthandwerk hat auch eine besondere Spezialität des Hauses zu tun. Seine Mehlbrötchen nannte der Bäckermeister „Belgische Brocken“, weil sie ihn an die Schleifsteine für seine Werkzeuge erinnerten, die aus diesem Fels stammten. Oft kopiert, aber nie erreicht, sind sie mittlerweile Kult in Limburg und werden am liebsten mit einem Schaumkuss gegessen.

 

 Restaurant „Himmel und Erde“, Joseph-Heppel-Strasse 1a:

Von außen eine alte Friedhofskapelle, von innen ein Top-Restaurant: Andreas und Dorothee Strieder haben aus der alten Ruine der Kapelle am Schafsberg eine Topadresse in der Gastronomielandschaft von Limburg geschaffen. Im April 2008 ist sie sogar zum Denkmal des Monats gewählt worden. Besucher erwarten irdische Vergnügen und himmlische Genüsse: also bodenständige Gerichte wie der Namenspate „Himmel und Erde“, aber auch viele Vertreter der Haute Cuisine. Ein Konzept, das aufzugehen scheint, denn das Restaurant, das erst im November 2007 eröffnete, erfährt mittlerweile starken Zulauf.

 

 Lindenholzhausen:

„Harmonie“ Lindenholzhausen, Bahnhofstraße  65:

Die Harmonie ist schon über 100 Jahre alt (1906 gegründet). Sie kommen aus einem Stadtteil von Limburg, Lindenholzhausen, der auch bekannt ist als das Sängerdorf. Die Harmonie ist der größte von elf Chören dort (bei nur 3.500 Einwohnern). Sie haben als Männerchor schon viele Preise gewonnen bei hessischen, deutschen und auch internationalen Wettbewerben.

Der Männerchor der HARMONIE präsentiert mit rund 90 Sängern anspruchsvolle Chormusik. Das A-capella-Repertoire des Chores umfasst Werke der klassischen Vokalpolyphonie, der Romantik sowie des zwanzigsten Jahrhunderts.

 

 

Diez

Wie siamesische Zwillinge sind Limburg und Diez - aller­dings operativ getrennt. Den Einschnitt bilden Bahnlinie und Landesgrenze. Hier Hessen, da Rheinland-Pfalz. Der kleinere Zwilling. Direkt am Zusammenfluss von Aar und Lahn liegt das Städtchen Diez, mit seinem heimeligen Alten Markt, dem Alten Rathaus und hübschen Fachwerkbauten. Die einstige Stiftskirche wurde 1289 errichtet. In der malerischen Altstadt stehen zahlreiche hervorragende Fachwerkbauten aus dem 15.-18. Jahrhundert. Die 1552 entstandene Lahnbrücke hat ein barockes ehemaliges Zollhäuschen. Die Wilhelmstraße führt durch die sogenannte Neustadt, jenen Teil von Diez, der unter Fürstin Amalie Ende des 17. Jahr­hunderts planmäßig zur Ansiedlung von vertriebenen Luthe­ranern und Waldensern angelegt worden war.

 

Unterhalb der Burgmauern drängt sich die gotische Stiftskir­che aus dem 13. Jahrhundert an den Fels und umringt die jetzige Fußgängerzone das Bauwerk. Hier liegt die 1726 verstorbene Fürstin Amalie in einem prächtigen Marmorsarkophag bestattet.

Hübsche alte Häuser gibt es dort, kleine Läden, Lo­kale, Eisdiele, die ihre Stühle beim ersten Sonnenstrahl herausstellen, so geschützt ist es dort. Samstags gruppiert sich male­risch um den „Säckerbrunnen” ein kleiner Markt. Von den Lahnkähnen schleppten früher die „ Säcker” die Lasten dorthin.

 

Erstmals urkundlich erwähnt wird Diez unter der Bezeichnung „Theodossa" in einer Urkunde Karls des Großen aus dem Jahr 790. Die Stadtrechte wurden 1329 verliehen. Die Grafen von Diez, genannt seit 1073, waren namhafte Politiker der staufischen Kaiser und Inhaber der „Gol­denen Grafschaft“ um Diez, die im 15. Jahrhundert an Trier. Katzenelnbogen, Nassau und Eppstein fiel. Die Seitenlinie Diez-Weil­nau stellte mehrere Äbte von Fulda.

Über dem Wasser erhebt sich immer noch ähnlich dem alten Merianstich aus der Altstadt die wohlerhaltene Burg Diez auf schroffem Fels (östlich der B 417). Sie gehört zu einer der wenigen in ihrem mittelalterlichen Aussehen erhaltenen Burganlagen Deutschlands. Die Grundmauern der Burg gehen auf das Jahr 1073 zurück. Seit dem 11. Jahrhundert hat sie die Zeiten zwar verändert, aber weitgehend intakt überstanden. Im 14. und 16. Jahrhundert wurde der Stammsitz der Grafen von Diez ausgebaut. Heute ist sie Jugendherberge und Heimatmuseum. Eine Besichtigung muß wegen dringender Si­cherungsmaßnahmen derzeit ausfallen. Nur als Besu­cher der dort eingerichteten Jugendherberge oder des Heimat­museums (Voranmeldung bei Stadtarchivar Storto, Telefon 0 64 32 / 26 61, von Mai bis September regelmäßig offen sonntags 10 bis 13, donnerstags 19 bis 21 Uhr) kann man sie betreten. Ein Blick vom Burg­hof über das Gewinkel der Fachwerkgassen und die Stiftskir­che zu Füßen der Burg ist gestattet. Hier residierten seit 1607 die Grafen von Nassau-Diez, bis sie 1815 den niederländischen Königsthron bestiegen.

 

Über die Häuser Dillenburg und Nassau ging der Besitz durch Erbfolge 1607 an Oranien-Nassau. Die späteren Fürsten von Nas­sau-Diez wurden als Prinzen von Oranien 1815 Könige der Nie­derlande. Diez wird auch „Oranierstadt“ genannt. über. Fürst Wilhelm von Nassau-Ora­nien gab 1568 das Fanal zum achtzigjährigen Befreiungs­kampf der Niederlande von den Spaniern.

Die Grafen waren zugleich Statthalter der Niederlande und residierten auch dort. Die Verwaltung des heimischen Besitzes überließen sie ihren Gemahlinnen. Diez ist oft von Frauen regiert worden, was sich noch im Stadtbild ausprägt. Eine Hausinschrift erinnert an die Gräfin Sophie-Hedwig, die im 30jährigen Krieg bedrängte Bürger zehn Jahre lang „gnädig im Schloß aufgenommen und wie eine Gluckhenne unter dero Flügel bedecket” hat. Nicht nur ihr Mann, sondern auch viele seiner Nachfolger versahen derweil Statthaltergeschäfte in den Niederlanden. Sie opferten sich auch im Befreiungskampf, den einer ihrer Vorfahren, Wilhelm von Nas­sau-Oranien, zuerst aufgenommen hatte.

Eine dieser Frauen, die die Grafschaft Nassau-Diez deshalb alleine lenken mußten, war Albertine. Auf den Ruinen eines mittelalterlichen Klosters ebenfalls auf einem Lahnfelsen, aber am Rande der Stadt, ließ sie sich von 1672–84 das fünfflügelige Barockschloss Oranienstein als Witwensitz errichten. Es ist jetzt Nassau-Oranien-Museum und wird von der Bundeswehr benutzt. Im präch­tigsten der Säle hängt ihr Bildnis: eine schmale, hochstirnige, dunkellockige Schönheit in tief dekolletiertem Seidenkleid. Ihre Schwiegertochter, Amalie von Nassau-Diez, ließ im 18. Jahrhun­dert die barocke Neustadt gegenüber der Altstadt anlegen und vollendete das Schloß.

Weil 1815 der erste König der neugegründeten Monarchie der Niederlande, Wilhelm I. von Nassau-Oranien, aus diesem Barockschloß hervorging, suchen es die holländischen Besucher ebenso eifrig auf, um den Stammbaum ihrer Königsfamilie zu verfolgen. Ihre jetzige Königin Beatrix verkörpert die sechste Generation. Unvergessen ist in Diez der Staatsbesuch ihrer Eltern 1971, der damaligen Königin Juliane und Prinzgemahl Bernhard, und Empfang im Blauen Saal. Das Königshaus stiftete die Kunstschätze für seine Ausstattung und die des Museums.

 

Das Fürsten­tum Nassau-Diez bestand aus kaum mehr als einer Handvoll Dörfer und der Hauptort aus einer dunkel dräuenden Burg, um die sich einige halbkreisförmig verlaufende Gassen leg­ten. So wie die Neusiedler den alten Kern aufbrechen sollten, wollten auch die Fürstregentinnen das Mittelalter in Gestalt der Burg hinter sich lassen und schufen Schloß Oranienstein als neue Residenz.

Das Schloß liegt im Norden der Stadt am Ende der Oraniensteiner Straße. Sie endet vor den Toren der Kaserne. Auch zu den regulären Öffnungszeiten des Schlosses muß man sich bei der Wache anmelden. Mit Eskorte wird man zum Ehrenhof und weiter von der Museumsführerin indivi­duell durch die Gemächer geleitet.

Eine der schönsten deutschen Barockanlagen, Schloß Ora­nienstein bei Diez an der Lahn, ist im allgemeinen Bewußtsein wenig präsent, kaum ein populärer Kunstführer ver­zeichnet es. Wer vermutet ein solches Kleinod auch hinter dem hohen Zaun einer Bundeswehrkaserne. In der Nachfolge einer preußischen Kadettenanstalt hat dort die Kom­mandantur einer Panzerbrigade ihren Sitz. Dennoch ist der um einen Ehrenhof gruppierte Bau nicht ganz den Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Einige der Gemächer und die Schloßkapelle dürfen besichtigt werden. Nach dem Abschluß langjähriger Restaurierungsarbeiten ist dies jetzt wieder ein besonderes Erlebnis: Das stimmungsvoll aufeinander bezogene Gelb und Weiß der Außen­fassade verströmt ein heiteres Flair, und im Inneren erstrahlen schöner denn je die herrlichen Stuckierungen und Deckenfresken.

Die Bundeswehr ist für die Renovierung des in Ocker und Weiß prächtig leuchtenden, schiefergedeckten ba­rocken Flügelbaues aufgekommen. Seit 120 Jahren beherrscht Militär das Schloß, derzeit der Stab der 5. Panzerdivision. Bundeswehrangehörige übernehmen auch die Führung und mußten sich einüben auf die Geschichte der Niederlande und ihrer familiären Verquickung mit Diez und weiteren Stammhäusern in der Umgebung. Von den 318 Schloßräumen werden nur die prunkvollen im Erdgeschoß des Mittelbaus gezeigt, der noch auf den alten Klostermauern ruht. Auf der Rückseite führt ein reizender Lustgarten mit gußeisernen Staketen aus den Erzgru­ben der Umgebung auf die Felsnase, von wo aus Fluß, Berge, Wälder, Wiesen, Dörfer zu überschauen sind.

Neben der Denkmalpflege leistet der Bund als Eigner von Oranienstein mit dem Bewahren des barocken Kleinods, sei­ner vielleicht schönsten „Kaserne”, auch einen Beitrag zur deutsch­-niederländischen Freundschaft und ihrer Ahnenpflege. Auf die Diezer Linie des Hauses Nassau geht unmit­telbar das bis heute regierende Königshaus von Holland zurück. Ein Blick ins Gästebuch Oraniensteins zeigt, daß das von Fürst-Regentin Albertine Agnes von Nassau-Diez-Ora­nien von 1672 bis 1684 erbaute und von ihrer Schwiegertoch­ter Amalie von Anhalt-Dessau seit 1696 barock umgestaltete Schloß ebenso zu den Pflicht­punkten traditionsbewußter Niederländer auf den Spuren der Oranier gehört wie Dillen­burg, Siegen oder Wiesbaden. Der prominenteste Eintrag erfolgte 1971, als Königin Juliane und ihr Gemahl Prinz Bern­hard auf Oranienstein weilten und als „Hausherren” einen Empfang zu Ehren des Bundespräsidenten gaben.

Fachmännischer Erläute­rung bedarf es auch, um die tiefere Bedeutung der reichen Stukkaturen zu erfassen. Jeden Raum schmückt ein anderes Bildwerk. Im Treppenhaus symbolisieren vier lebensgroße Figuren Ruhm, Weisheit, Stärke und Fleiß. Im Empfangs­zimmer fällt neben Apollo, Diana und Chronos Theodissa auf, die mit Mauerkrone und Schlüssel als Sinnbild für die Stadt Diez steht. Dionysische Lebensfreude herrscht im Fest­saal: Musizierende, essende und trinkende Putten korrespon­dieren mit allegorischen Figuren der vier damals beannten Erdteile. Gekrönt wird das von den Tessiner Stukkateuren Antonio Genone und Eugenio Castelli in dreijähriger Arbeit bis 1709 geschaffene Meisterwerk der Deckenzier von der Ausstattung der Schloßkapelle. Über wandhohen Pilastern rahmt das alttestamentarische Stuckrelief „Passahmahl” ein von Jan von Dvck gemaltes Deckenfresko „Das Pfingstwunder”. In der prächtigen Schloßkirche wird die gleichzeitige Darstellung des christlichen Pfingstgeschehens und des jüdischen Passah­mahles als Zeichen der Liberalität der fürstlichen Erbauerinnen gewertet wird.

 

Drei Kilometer südwestlich liegt Schaumburg auf einer Geländeschwelle über der Lahn. Schon von weitem zieht das dunkle, burgähnliche Schloss alle Blicke auf sich. Erzherzog Stephan von Österreich hat die aus dem hohen Mittelalter stammende Burg 1850-1855 im Stil der englischen Neugotik um- und ausbauen lassen.

Floßfahrt: Rund vier Stunden dauert die gemütliche Fahrt mit der Lahn-Arche. Geflößt wird von Diez aus durch das romantische Lahntal und wieder zurück. Im Sommer legen die Boote samstags um 10 und 14 Uhr von den Lahnanlagen ab. (Reservierungsmöglichkeiten und Detailinformationen unter www.flossfahrt-lahn.de oder über Tourist-lnfo Weilburg, Tel. (06471) 3 14 67.)

 

 

Nördlich von Diez liegt in einem Seitental am Rand von Aull die „Alte Burg", ein ehemaliges Wasserschlößchen als dreistöckiger Fachwerkbau aus dem Jahr 1558.

Bei Altendiez ist in einem ehemaligen Steinbruch ein 35 Hektar großer Freizeit-See entstanden. Ab Altendiez folgt der engste und landschaftlich schönste Talabschnitt, der teilweise von keiner Straße durchzogen ist. Nur die Bahn fährt - oft durch Tunnels - und Wanderer haben hier ein stilles Revier.

 

Hadamar

Die ehemalige Residenzstadt im hessischen Westerwald liegt am Schnittpunkt zweier historischer Fernstraßen. Sie wurde 832 erstmals urkundlich erwähnt und 1324 mit den Stadtrechten ausgezeichnet. Sehenswert ist das malerische Stadtbild. Im geschlossenen Altstadtbereich gibt es zahlreiche schöne Fachwerkhäuser - viele mit interessanten Schnitzereien - aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die barocke Neustadt gruppiert sich um gleich drei Marktplätze. Das Fachwerk-Rathaus ist von 1641.

Mittelpunkt der alten Fürstenstadt ist das mächtige Renaissance-Schloss, eine der Auch die drei Marktplätze der Altstadt sowie das Rathaus mit putzigem Glockentürmchen und reichen Schnitzereien wurden von Graf Johann Ludwig angelegt. bedeutendsten Anlagen des Landes, 1612 von Graf Johann Ludwig von Nassau-Hadamar begonnen. Heute beleben Ausstellungen und Konzerte das Schloss und im ehemaligen Marstall logiert das Stadtmuseum.

In der gotischen, barock ausgestatteten Liebfrauenkirche finden im Sommer Konzerte statt.

Romantisch ist die Nepomukbrücke über den Eibbach, deren älteste Teile bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen.

In Hadamar gibt es das Musische Internat der Limburger Domsingknaben sowie die Staatliche Glasfachschule mit glastechnischer Versuchsanstalt und Bundesfachschule des deutschen Glaserhandwerks.

 

Eine Wallfahrtskapelle ist auf dem Herzenberg.

 

Nördlich von Hadamar zwischen Niederzeuzheim und Oberzeuzheim beginnt ein Mühlental.

Die bedeutendsten Mühlen sind  die römische Aumühle, die wieder aufgebaut wurde, aber nur am Pfingstmontag geöffnet ist. Nördlich liegt die Lochmühle, der 1786 erstmals erwähnt wurde und 1965 abgebrannt ist. Sie dient heute dem Tourismus.

 

Durch herausragendes ehrenamtliches Engagement wurde vor nicht allzu langer Zeit ein jungsteinzeitlicher Bestattungsplatz bei Hadamar-Niederzeuzheim vor der Zerstörung gerettet. Hier im Kreis Limburg-Weilburg kann nun ein 5000 Jahre altes Steinkammergrab besichtigt werden.

 

Dornburg (nördlich von Hadamar)

Dornburg ist der Name einer Zentralgemeinde, die sich aus den Ortschaften Frickhofen, Dornberg, Wilsenroth, Thalheim und Langendernbach zusammensetzt. Hier gab es vor 2000 Jahren eine keltische Stadtanlage. Das „Ewige Eis“ beim Ortsteil Frickhofen ist ein Naturwunder, das einzigartig für den gesamten Westerwald ist. In einem Stollen trifft man hier bereits in zwei Metern Tiefe auf festes Eis, das niemals schmilzt. Eine weitere ungewöhnliche Naturerscheinung ist das „Dornburg-Plateau“ selbst. Starke Magnetnadel-Schwankungen lassen darauf schließen, daß sich im Bergmassiv Magneteisenstein befindet. Falls Sie also einen Kompaß besitzen, - unbedingt mitnehmen. Sie werden erleben, daß die Nadel bereits in größerer Entfernung „verrückt spielt“ und eine entgegengesetzte magnetische Polarität anzeigt.

 

Westerburg:

(Strecke Frankfurt-Limburg, weiter Zug Limburg Richtung Au/Sieg, nördlich Hadamar, vielleicht mit Dillenburg und Herborn verbinden) : Wanderung in Elvira Kklein, Rhein-Main, 282).

 

Birlenbach-Fachingen (westlich von Limburg):

 Der Ort ist seit 1749 durch sein Heilwasser „Staatlich Fachingen“ weltberühmt geworden. In der Nachbarschaft des Ortes sind große Kalksteinbrüche mit farbigem Gestein zu sehen.

 

Habenscheid (südwestlich von Limburg):

Der sehr alte Flecken Habenscheid wurde bereits 790 urkundlich erwähnt. Er hat ein altes Kirchlein, einst Kirche für die umliegenden Orte Cramberg, Steinsberg und Wasenbach.

In Habenscheid der Straße nach links folgen bis zum Hof Bär­bach (Mauerreste des Klarissinerinnenklosters Bärbach. im 14. Jahrhundert errichtet, Stifter und Förderer waren Grafen Gerlach von Nassau und Wilhelm II. von Katzenelnbogen. Das Kloster kam nach Ausster­ben der Grafen von Katzenelnbogen zu Hessen und wurde 1539 aufgegeben und bereits Ende des 16. Jahrhundert zerstört.

 

Geilnau (westlich Limburg):

Gleich am Ortseingang von Geilnau steht ein ehemaliges Jagdschloß (von 1797). Durch eine Kastanienallee geht es zur Lahn und dort zu einem alten Mineralbrunnen in einem runden, offenen Schacht von 9 Meter Tiefe und zwei Quellen nebeneinander-rechts ein eisenhaltiger Säuerling. Links ein Schwefelbrunnen (Schlüssel im Haus neben dem Schlößchen).

 

Laurenburg  (westlich von Limburg):

Auf der rechten Lahnseite über dem Ort Laurenburg steht die gleichnamige Ruine: Im 11. Jahrhundert erbaut von Grafen von Lauren­burg, die sich nach Umsiedlung nach Nassau Grafen von Nassau nannten.

Auch große Geschlechter haben einmal klein angefangen: Die seit etwa 1100 nachweisbaren, bis 1866 regierenden und noch heute neben anderen im niederländischen Königshaus fortlebenden Nassauer nahmen ihren Anfang mit einem be­scheidenen Sprengel rund um die Laurenburg an der Lahn. Erst als es im Verlauf des 12. Jahrhunderts gelang, weiter lahnabwärts in Nassau Fuß zu fassen und sich durch Allian­zen, Erbschaften und eine geschickte Heiratspolitik territo­rial bis an Rhein und Sieg auszudehnen, begann der Aufstieg zu einer der wichtigsten Mächte im Reich - gipfelnd im Kö­nigtum Adolfs von Nassau in den Jahren 1292 bis 1298.

Für eine wirklich bedeutende Rolle stand sich das Haus freilich selbst im Wege: Auf Dauer schwächte es sich durch eine Unzahl von Teilungen und konfessionellen Spaltungen. Zahlreiche Burgen und Schlösser von Wiesbaden über Weilburg, Diez, Dillenburg bis Siegen stehen für diese Zersplitterung.

Die Burg istbereits im 13. Jahrhundert zerfallenen. Aber die steinernen Zeugen der verästelten Linien Nassaus sind heutealle in einem hervorragenden Erhaltungszustand. Doch ausgerechnet der Wiege des Geschlechtes, der immer im Besitz des Hauses ver­bliebenen Laurenburg, drohte noch bis vor wenigen Jahren wegen Baufälligkeit der Abriß. Private Initiative hat das in letzter Minute verhindert, und man kann den restaurierten Wohnturm heute besichtigen.

Über Leitern, wie es im „Illustrierten Lahnführer” von 1901 heißt, müssen An­lage und der helle Wohnturm der Laurenburg dank der Instandsetzungsarbeiten des Burgpächters und -bewohners Horst Wienberg nicht mehr betreten werden. Gefahrlos kann man über eine Wendel­treppe den Turm besteigen. Auf der Aussichtsplattform wird deutlich, wie überlegt die Nassauer, alias Laurenburger, den Burgenstandort ausgewählt hatten: Nach drei Seiten war das Gemäuer faktisch unangreifbar, dabei nah genug an der Lahn, um das Geschehen auf dem Fluß und dem dortigen Übergang zu kontrollieren.

Im mittleren Turmzimmer hat der Hausherr eine kleine Militaria-Sammlung und eine nas­sauische Gedenkstätte eingerichtet, ein privates Waffenmuseum. Da fehlen auch keine Erinnerungsstücke an den größten Sohn des Hauses, Wil­helm von Nassau-Oranien, der 1568 das Fanal zum jahrzehn­telangen Ringen um die Befreiung der Generalstaaten von den Spaniern gegeben hatte. Wie im Gästebuch die zahlrei­chen Eintragungen durch holländische Besucher zeigen, ist die Erinnerung daran bei unseren Nachbarn ebenso leben­dig, wie die Laurenburg quasi als Geburtsstätte der Niederlande im allgemeinen Bewußtsein verankert ist.

An ihrem Fuß im Tal steht ein Schlößchen aus dem 18. Jahrhundert, einst fürstlicher Sommersitz, heute Altersheim. Vom Tal aus sieht man auf den gegenüberliegenden Höhen die Kirchenruine Brunnenburg. Der Ort Kalkofen ist durch seinen Lahnpegel bekannt, der vor dem Ortseingang gleich neben der Durchfahrtsstraße steht.

 

Kloster Arnstein:

Seit 1052 nannten sich die Grafen im Einrichgau nach ihrer Burg Grafen von Arnstein. Dort bauten sie auf steilem Felsgrat zwischen Lahn- und Dörsbachtal eine Burg. Diese wurde im 12. Jahrhundert umgewandelt in ein Klo­ster durch Ludwig von Arnstein. Im Jahre 1139 schenkte der letzte Graf Ludwig III. die Burg den Prämonstratensern für eine Abtei. Ludwig von Arnstein trat selbst als Laienbruder in das Kloster ein, seine Frau Guda wurde Einsiedlerin.

Im Jahre 1208 wird die Klosterkirche ‑ heute auch eine beliebte Wallfahrtsstätte ‑ eingeweiht.

Einer Krone gleich sitzt die viertürmige, effektvoll weiß und gelb gefaßte Abtei­kirche über der Lahnschleife, ein beeindruckendes Beispiel für den Übergang der Kirche von der Romanik zur Gotik. Die Klosterkirche wurde anschließend erbaut und später erweitert. Der Westteil mit zwei Türmen ist romanisch, Mittelschiff, Querschiff und Oktogon-Türme sind gotisch. Innen steht eine Ritterskulptur aus dem 12. Jahrhundert, das gotische Chorgestühl ist aus dem Jahrhundert. Unter den Klosterbauten ist ein rein romanisches Refektorium.

Im 30jährigen Krieg wurde das Kloster mehrfach gebrandschatzt. Im 18. Jahrhundert wurden Abtei‑Gebäude als Lazarett benutzt, deswegen findet sich der Soldatenfriedhof in der Nähe.

Im Jahre 1803 wurde das Kloster aufge­hoben. Von 1869 bis 1871 sind aber wieder Benediktiner in Arn­stein. Seit 1919 gehört das Kloster dann der „Ordensge­meinschaft von den Heiligsten Herzen Jesu und Mariens und der Ewigen An­betung“, dort auch „Arnsteiner Pa­tres“ genannt.

Vom Mönchsfriedhof hat man einen bezaubernden Ausblick auf Obernhof und das Lahntal.

Burg- und Kirchenherren wußten immer, wo die schönsten Plätze sind: Von hier oben schaut man also bequem ins Land.

Obernhof:

Obernhof ist die „Perle des Lahntals“: Hier gibt es einige schöne Fachwerkhäuser und eine zweischif­fige Pfeilerbasilika St. Margarethen mit Bauteilen aus dem 11. Jahrhundert,, die später eingewölbt wurde. Vor allem aber gibt es hier Weinberge und Winzer (mit Gutsausschank). Die Gemeinde ist der einzige verbliebene Weinbauort im Lahntal (heute zum Anbaugebiet Mittelrhein gehörend). Etwas mühsam ist der Aufstieg durch Weinberge zum Goethepunkt. Belohnt wird man aber mit dem schönsten Lahnblick von Westerwälder Seite aus.

In der Nähe steht die Laurenburg, die Stammburg der Nassauer.

An der Lahn unterhalb von Obernhof und gegenüber von Kloster Arnstein liegt außerhalb von Ortschaften die Burganlage Langenau, die im 13. bis 14. Jahrhundert von den gleichnamigen Rittern erbaut wurde, ein Wasserschloß, das einzige dieser Art an der Lahn.

 

Wanderung von Obernhof nach Balduinstein:

Von Obernhof zunächst die in Serpentinen aufsteigende Straße nach Seelbach und Katzeneinbogen benutzen. An einer Kehre nach links mit Markierung rotes L auf Waldweg abzweigen. Bald wird Aussichtspunkt „Falkenhorst“ (Schillertempel?) erreicht. Hier ist ein herrlicher Ausblick auf Obernhof, Lahntal und Westerwald. Weiter geht es auf dem Lahnhöhenweg, der sich nach geraumer Zeit von der Lahn entfernt, um ein tiefes Nebental mit wenig Höhenverlust zu durchqueren. Man kommt zum Vierseenblick. Ein Kilometer hinter dem Bach steht auf steilem Fels die Klosterruine Brunnenburg (100 Meter links vom Wanderweg), ein ehemaliges Nonnenkloster der Benedikti­ner (vermutlich um 1200) von einem Katzenelnbogener Grafen ge­stiftet. Der Westgiebel mit großer Radfensteröffnung und Chorteile stehen noch.

Nun steil durch ein Bachtal hinunter nach Häuserhof an der Lahn und bis kurz vor Laurenburg an der Bahnlinie entlang.

Auf der rechten Lahnseite über dem Ort Laurenburg steht gleichnamige Ruine, im 11. Jahrhundert erbaut von Grafen von Lauren­burg. die sich nach Umsiedlung nach Nassau Grafen von Nassau nannten.

Wieder hinauf auf die Lahnhöhen steigen. Weg mündet in die Straße Gutenacker - Rupbachtal. Der Straße abwärts folgen, den Rupbach überqueren und nach links 500 Meter in Richtung Rup­bach gehen. Dann sehr steil nach rechts hinauf bis Steinsberg. Von hier mit leichtem Gefälle bis zu einem Bach. Dann wieder an der Kante der steilen Lahnhänge entlang bis zum Gabelstein. Das ist ein wenige Meter links vom Wanderweg stehender, fast senkrechter Felsen über der Lahn, ein eindrucksvoller Ausblick auf große Lahnschleife, den gegenüberliegenden Westerwald und nach rechts auf Cramberg.

Bald danach in großem Rechtsbogen in Richtung Schaumburg südlich von Balduinstein. Die Burg ist von weitem, hoch oben auf einem Basaltkegel stehend  sichtbar.  Nachdem der Wanderweg auf eine Straße gestoßen ist, nach links hinuntergehen. Etwa 200 Meter weiter biegt Europäischer Wanderweg zwar nach rechts in den Wald ab. aber nun mit Markierung L auf der Straße bleiben und vorbei am Talhof hinunter nach Balduinstein

 

Bergnassau:

Drei Kilometer hinter Bergnas­sau liegt auf der anderen Lahnseite im Lahnknie eine Eisenhütte. Vorbei an der Schleuse Hollerich, später leicht ansteigend in den Wald und immer die Richtung mit der stark gewundenen Lahn ändern.

 

Nassau

Nassau, ein großer Name, ein weitgespannter Begriff. Alljährlich begeben sich niederländische Touristen auf die Reise zu den Ursprungsstätten ihres Königshauses Oranien-Nassau nach Dillenburg, Beilstein, Diez und natürlich nach Nassau, wo das Herrschergeschlecht, von Laurenburg kommend, als Lehnsherren des Erzstiftes Trier seinen Anfang nahm.

Gewiss: Nassau liegt nicht in Hessen, sondern in Rheinland-Pfalz. Aber von der Burg Nassau kam eines der wichtigsten Herrschergeschlechter im hessischen Raum, die Grafen von Hessen-Nassau. Und kein echter Nassauer ist ein „Nassauer“. Um diesen Satz zu verstehen, muß man folgende Geschichte kennen: Herzog Adolf von Nassau (Wiesbaden) war ein spendabler Landesvater. Unter den nassauischen Studenten, die im vergangenen Jahrhundert in Göttingen, fern der Heimat, studierten, gab es viele arme Teufel. Damit die sich wenigstens satt essen konnten, stiftete der Herzog einige Freitische. Es gab in Göttingen aber nicht nur arme Studenten aus Nassau. Studierende aus allen deutschen Landen gaben sich angesichts der gedeckten Tische als Nassauer aus - um zu „nassauern“, also um kostenlos zu essen. Nassau ist heute wegen zahlreicher touristischer Attraktionen sehenswert:

Bereits 790 als „Nassonga“ erwähnt. Im Jahre 1158 erhielten die Grafen von Laurenburg Tal und Gut Nassau zum Lehen und nannten sich von nun an Grafen von Nassau. Im Jahre 1348 erhielt Nassau Stadtrechte. Von den Stadtmauerresten ist noch der Graue Turm erhalten geblieben (14. Jahrhundert).

Vom Bahnhof Nassau her überqueren Zugreisende die eiserne Lahnbrücke und wenden sich unmittelbar nach rechts. Autofahrer können ihren Wagen schon diesseits des Flusses parken.

Vom Bahnhof Nassau aus ein kurzer Schlenker zu den Sehenswürdigkeiten der im Krieg hart getroffenen, nüchtern wiederaufgebauten Stadt. Hinter der Kirchspielkirche mit dem romanischen Turm eines der prächtigsten Rathäuser in bunt ausgemaltem Schnitzwerk, ein ehemaliger Adelshof von 1607, ein prächtiger dreistöckiger Fachwerkbau,

Das Städtchen zu Füßen der Burg besitzt ein wohlproportioniertes Fachwerkrathaus. Sehenswert sind auch der prächtige Fachwerkbau des Adelsheimer Hofes und die evangelische Johanniskirche, eine mittelalterliche Stadtkirche mit Bauteilen aus dem 10. Jahrhundert, mit einem Turm aus dem 11. Jahrhundert und einer heute noch geläuteten Glocke von 1480.

Eine technische Sensation war zur damaligen Zeit die 1828-1830 erbaute Kettenbrücke über die Lahn, die erste Ihrer Art in Deutschland.

 

Burg Nassau (westlich des Ortes, aber etwas weiter südlich):

Hoch über der Stadt auf dem obersten Berggipfel erhebt sich um 1120 erbaute Burg mit dem mächtigen Bergfried (Burgrestaurant). Es geht die Sage von Trutwin von Laurenburg, der bei der Hirschjagd die Bergspitze entdeckte und ungeachtet des Kirchenbesitzes sogleich den Burgbau dort beschloß. Daß er selbst bald einem Mord zum Opfer fiel und seine weiterbauenden Söhne mit dem Kirchenbann bedroht wurden, hielt das Werk nicht auf. Für Entschlußkraft und Unbeugsamkeit waren die Nachfahren der Grafen bekannt, die sich nach dem Platz Nassau nannten. Auch die Bevölkerung hält sich auf diese Eigenschaften etwas zugute.

Die Burgherren stellten mit Adolf einen deutschen König, drei Mainzer Bischöfe und aus ihrem Geschlecht die Regenten der Niederlande (Haus Oranien -Nassau). Weit ist die Aussicht vom mächtigen vierkantigen Turm mit seinen witzigen Erkertürmchen (die wie hingeklebt aussehen) und dem angebauten Treppenturm. Im Palas bietet die Burggaststätte bürgerliches Essen sowie mittelalterliche Gelage an.

Die Stammburg Nassau wird gern von Niederländern sucht, die sich in deren Geschichte besser auskennen. Es ist eigene, seit Wilhelm von Nassau-Oranien den Grundstein ihrer Befreiung und Staatwerdung, auch zu ihrem Königshaus legte. Auf den Namen Nassau stolz, tauften sie viele überseeischen Niederlassungen danach.

Was wir heute hier vorfinden, ist mühevolle Aufbauarbeit, begonnen in den siebziger Jahren mit dem Bergfried, der nach alten Stichen originalgetreu wie zur Zeit seiner Erstentstehung vor 1124 durch die Herren von Laurenburg, die sich nach 1159 Grafen von Nassau nannten, wiedererstellt werden konnte. Schwieriger wurde es mit dem romanischen Palas daneben. Für ihn gab es keine frühen Unterlagen, bis der Zufall zur Hilfe kam in Form eines freigelegten romanischen Fensterrundbogens und der dazugehörigen Kapitelle. Es entstand ein Meisterwerk handwerklichen Könnens. Im Palas wurde eine Gaststätte eingerichtet. Auf den Bergfried kann man hinaufklettern und sich in den vier Wichhäuschen beim Blick über altes nassauisches Land als Burgwächter fühlen.

 

Stein’sches Schloß (westlich des Zentrums, auf der anderen Lahnseite):

Am Lahn­ufer steht der Hinweis „Stein-Denkmal” und „Burggaststätte”. Der Wanderer steigt links der Lahn hoch zuerst zum Ehrenmal für Stein, einem etwas theatralischen Rundtempel, den Theodor Heuss einweihte.

Auf einem Bergsporn liegt mitten in der Stadt das Stein’sche Schloß. Die Stammburg der Herren von und zu Stein ist seit 1158 der Stammsitz der Familie und wird 1234 erstmals als Lehen der Grafen von Nassau genannt. Es hat ein Renaissanceportal, einen achteckigen Erinnerungsturm und einen Schloßpark (Privatbesitz, Turmbesichtigung möglich).

Es war bis ins 17. Jahrhundert bewohnt, als die Reichsfreiherren es vorzogen, ein Schloß unten in der Stadt zu bauen (Adelsheimer Hof).

Das Schloß ist das Geburtshaus des Reichsfreiherrn Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein (geboren 1757), dem Begründer einer Städteordnung, die als so modern gilt, daß heute in Rheinland-Pfalz und in Hessen als kommunale Auszeichnung die „Freiherr vom Stein Plakette“ verliehen wird. Auf seiner Reform beruht die kommunale Selbstverwaltung, der die Bauern frei machte. Zum Triumph über den von ihm leidenschaftlich bekämpften Napoleon ließ Stein den neugotischen Turm anbauen. Als Goethe zu Besuch kam, unternahmen beide eine Kahnpartie lahnabwärts.

 

Lahnaufwärts:

Aus dem an der westerwälder Seite der Lahn gelegenen Bahnhof Nassau kommend, nach links in Bahnnähe zur Lahnbrücke (Blick auf Burgberg mit Ruine Nassau und geringen Resten der Burg Stein). Nassau ist Geburtsort des Freiherrn vom und zum Stein (siehe Nr. 63). Die Lahnbrücke überschreiten und nach links lahnaufwärts gehen. In Bergnassau wieder nach links abbiegen, nach kurzer Strecke hinunter zur Lahn gehen und flußaufwärts an der Lahn entlang. 3 Kilometer hinter Bergnassau liegt auf anderer Lahnseite im Lahnknie eine Eisenhütte. Vorbei an der Schleuse Hollerich, später leicht ansteigend in den Wald und immer die Richtung mit der stark gewundenen Lahn ändern.

Nach dem nächsten Lahnknie liegt auf der anderen Lahnseite das Wasserschloß Langenau, das einzige dieser Art an der Lahn.

 

Lahnabwärts:

Vom Burgberg geht es in anderer Richtung abwärts nach Bergnassau und dem Beginn des Lahntalweges. Beim historisch bedeutsamen Gasthaus „Goldene Krone” kann man sich noch für ein Leihrad entscheiden, falls man sich nicht schon in der Stadt eins besorgt hat. Wiederum ist dieser Teil des Weges wegen vieler Wellen und Steigungen für den Pedaltreter nicht gerade ideal.

Hinter dem Lahnknie Abschied von Nassau. Die Stadt erleichtert ihn, indem sie ihre industriebesetzte Kehrseite mit einer „chinesischen Mauer“ abgeriegelt hat. Ein Marktbeherrscher, jeder Hausfrau ein Begriff, durfte sein riesiges Hochlager nahe dem Fluß errichten. Als tüchtiger Gewerbesteuerzahler besaß er mehr nassauische Durchsetzungskraft als einige Ästheten, die geglaubt hatten, den Koloß verhindern zu können.

Hinter der Stadt wird das Tal enger. Gegenüber der Lahn erscheint die Wasserburg Langenau, ebenfalls Schauplatz einer Sage. Als sie im Ufergras schlummerte, kam Jutta von Langenau das Söhnchen Heinrich abhanden. Die Suche war vergebens. Die Leute erzählten, eine schöne Wasserfrau haben ihn zu sich geholt in ihren schillernden Palast, eine Art Klein-Tannhäuser in der Lahn. Nach einem Menschenalter kam Heinrich - immer noch ein Kind - heraus. Der kurze Weg vom Ufer zum Schloß seiner Ahnen wandelte ihn zum Mann. Die neue Burgherrin sah ihn, verliebte sich. Am Burgtor angekommen, aber war Heinrich schon zum Greis gealtert, zur Liebe unfähig.

Im Bogen wird der Klosterhof Hollerich in einer Tallichtung umgangen, bevor auf steiler Anhöhe Arnstein erscheint. Die Wallfahrtskirche aus dem 13. und 14. Jahrhundert kann ihre Stilverwandtschaft mit den Kirchen von Niederlahnstein und Limburg nicht leugnen, wenn auch im Inneren spätere Zeiten einiges dazugesetzt haben. Es war aus Buße für seine als Gottesstrafe empfundene Kinderlosigkeit, daß Graf Ludwig III. von Arnstein seine Burg zum Kloster machte, selber darin Laienbruder wurde und seiner Frau Guda eine Zelle bauen ließ, von wo aus sie den Blick auf den Altar hatte, sagt die Legende.

Steile Berge und verborgene Täler sind bevorzugte Orte für das Spirituelle. Tief unten vor der Mündung des kleinen Dörsbachs in die Lahn treffen sich in der ehemaligen Klostermühle Gottessucher zu konfessionellen Seminaren. Wenige Schritte weiter über der Lahnbrücke ist das Geistige in anderer Form zu finden. Hier zieht sich Obernhof entlang dem Weinberg, an dessen Pflege auch die Klosteräbte großen Anteil hatten. Nicht nur vom Lahnwein, auch vom Rundblick über das Erwanderte oberhalb vom Goethepunkt aus kann man sich berauschen lassen.

 

Weitere Aussichtspunkte sind die Rabenlei südlich des Ortes (Parkplatz an der Bäderstraße  260) und der Pavillon Nassaublick südlich des Ortes auf der anderen Lahnseite.

Einer der landschaftlich schönsten, kulturhistorisch interessantesten ist der Lahntal-Rad- und Wanderweg über dem linken Flußufer von Nassau nach Obernhof. Er führt fast ausschließlich durch Wald, dessen Zustand allerdings die Wanderlust beeinträchtigen kann. Überall sind Baumriesen geknickt oder umgekippt und verrotten an schwer zugänglichen Abhängen.

 

Dausenau:

Urkundlich belegt ist, daß der Ort 1348 Stadtrechte erhielt. In der Stadt gibt es zahlreiche, bis zu 300 Jahren alte Fachwerkhäuser. Das alte Rathaus ist spätgotisch. Besonders sehenswert die größtenteils erhaltene Stadtbefestigung und dreischiffige goti­sche die St. Castor-Kirche aus dem 14. Jahrhundert mit ihrem romanischen Turm. Die reiche Innenausstattung, unter anderem ein geschnitzter Altar um 1500 und beachtliche Malereien aus dem 14.-16. Jahrhundert, begeistern die Kunstkenner. Vor dem Ort steht die 1000 Jahre alte Gerichtseiche. Als Wahrzeichen von Dausenau gilt an der Durchfahrtsstraße wegen seines Neigungswinkels der „Schiefe Turm“", ein ehemaliger Wehrturm der Stadtmauer aus dem Jahr 1359. Ein besonders malerisches Bild bietet der Ort von der Lahnseite aus (Schiffahrtsmöglichkeit).

Bad Ems

An der oberen Brücke von Bad Ems kreuzte der römische Limes die Lahn. In der Nähe befand sich das römische Kastell Aviomonte. Heute steht an dieser Stelle die Mar­tinskirche. eine Emporenbasilika mit Turm und Pfarrhaus, Süd­portal romanisch. innen gotische Glasfenster. Im Jahre 880 wird Ems ur­kundlich erwähnt und erhielt als Blei- und Silberbergbaustadt im Jahre 1324 Stadtrecht.

 

Der Ort ist eines der ältesten Heilbäder Deutschlands. Im Jahre 1172 wurden erstmals die Emser Thermen ur­kundlich erwähnt. Im Jahre 1715 entstand das jetzige obere Kurhaus. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte das Bad seinen größten Aufschwung und war Treffpunkt gekrönter Häupter. Am 13. Juli 1870 traf sich hier der König von Preußen (der spätere Kaiser Wilhelm II.) mit dem französischen Gesandten Graf Benedetti zu einer Un­terredung. die zum Krieg mit Frankreich führte. Plötzlich wird in dem beschaulichen Örtchen Weltpolitik gemacht. Die „Emser Depesche Bismarcks).“ wird zum Auslöser des deutsch‑französischen Krieges.

Am Trinkbrunnen, dem Emser Kränchen, wo einst Kaiserin Eugenie von Frankreich mit der Königin von Rumänien und der Herzogin von Orleans plauderte, laben sich keine Hoheiten mehr. Wieder lockt eine Spielbank, die älteste Deutschlands übrigens. Auch hier findet sich ein beeindruckendes Ensemble aus der Belle Epoque, das entlang der Lahn sich in pastellener Pracht aufreiht und mit den Felsschründen des engen Tales kontrastiert. Die Zeit der gekrönten Häupter ist vorbei, geblieben sind die Heilkraft der Thermen und die eindrucksvolle Bäderarchitektur mit dem Kurviertel, den ehemaligen Grandhotels und den Villen.

Richard Wagner vollendete in Bad Ems den Parsifal. Bad Ems an der Lahn, bekannt für sei­ne Salzpastillen, die bei Husten und Heiser­keit Wunder wirken. Im Frühling glänzt das Städtchen mit einem Musikfestival, im Hochsommer, am 25. August, mit dem langen, farbenfrohen Blumenkorso des Bartholomäusmarktes. Den schönsten Blick auf die Emser Traumkulisse hat man vom Ufer der Lahn.

Ein Erlebnis ist eine Fahrt mit der Kurwaldbahn auf die Lahnhöhe (54 Prozent Steigung), ein Besuch in der Spielbank, eine Schiffs- oder Bootsfahrt auf der Lahn oder eine Wanderung auf eine der Waldhöhen der Umgebung mit Restaurationsbetrieben und schönen Aussichten ins Tal. Von Bad Ems aus gut zu erreichen ist die Ruine der Sporkenburg über dem Emsbachtal. Auf der Höhe liegt die weitläufige Golfanlage „Denzer Heide“.

 

Ehrenbreitstein

Gegenüber der Moselmündung breitet sich am Rheinufer und in einem engen Tal zum Unteren Westerwald hin der Koblenzer Stadtteil Ehrenbreitstein aus. Auf steilem, schroffem Fels in beherrschender Lage, 118 Meter über dem Rhein, erhebt sich eine der stärksten Festungen in Europa

aus der Zeit nach 1815. Bereits um 1000 entstand hier die erste Burg, die im Laufe der Jahrhunderte zu einer uneinnehmbaren Feste ausgebaut wurde.

Die heutige Anlage errichteten die Preußen 1817-1828. Die Bauten in schlichten, kubischen Formen passen sich in ihren wuchtigen Maßen dem stufenförmigen Gelände an, die Hauptgebäude wirken monumental.

Im Festungsbereich befinden sich neben zwei Gastronomiebetrieben das Landesmuseum Koblenz – Staatliche Sammlung technischer Altertümer -, die Festungskirche, das Ehrenmal des Deutschen Heeres und die Jugendherberge Koblenz.

Andere Teile des Festungswerkes können von außen besichtigt werden. Von oben gibt es vom Festungshof aus eine grandiose Aussicht auf Koblenz, in das Rheintal und bis weit in die Eifel hinein. Am Fuß des Festungsberges stehen als Reste einer kurfürstlichen Residenz der ehemalige Marstall und das barocke Dikasterialgebäude (Verwaltungsgebäude).

Im Stadtteil ist das Geburtshaus der Mutter des Komponisten Ludwig van Beethoven mit Gedächtnisstätte zugänglich. Ehrenbreitstein ist Ausgangspunkt

Von hier kann man fahren ins romantische Mühlental mit dem Turm der ehemaligen Wasserburg, nach Koblenz-Arenberg mit einer Wallfahrtskirche und einer ungewöhnlichen Parkanlage (Darstellungen aus der Welt der Bibel).

 

Lahnstein

Im Ortsteil Niederlahnstein sind sehenswert die Johanniskirche aus dem 12. Jahrhundert außerhalb des Stadtkerns am Rheinufer und Reste der - heute leider verschütteten - römischen Befestigungsanlage (Hinweistafel).

Auf einem Bergsporn erbaut ist die Allerheiligenbergkapelle auf den Resten einer Einsiedelei aus dem 17. Jahrhundert.

In der Altstadt gibt es historische Häuser, unter anderen das alte Rathaus und einen kurfürstlichen Zehnthof.

Im geschichtsträchtigen „Wirtshaus an der Lahn“ ist auch Goethe eingekehrt. Auf der anderen Lahnseite erhebt sich Burg Lahneck über der Stadt, steht hinter den Bahnanlagen die Martinsburg mit Teilen aus dem 13. und 14. Jahrhundert, sind umfangreiche Reste der Stadtmauer und der Mauertürme zu sehen, erheben sich die Kirche Sf. Martin aus dem 12. und 14., das Rathaus aus dem 16. Jahrhundert.

Auf der Höhe erstreckt sich ein modernes Kurzentrum. Um die wildromantische Rupperts­klamm am Stadtrand zu erkunden, bedarf es der Qualitäten eines Bergwanderers.

Feste: Großfeuerwerk „Rhein in Flammen" zwischen Braubach und Koblenz am 2. Samstag im August.