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Hanau Kreis Osten

 

Neuberg

 

Rüdigheim

Lage: 140 m ü. N. N. Gemarkung (551 Hektar, Gemeindewald 70 Hektar, Staatswald 6 Hektar) liegt in der Mitte zwischen Marköbel, Ravolz­hausen, Oberissigheim und Butterstadt, südlich der Hohen Straße. Zur Gemarkung gehören die Felder der Domäne Rüdigheimerhof und die Tiefe­bornsmühle.

 

Bodenfunde:

Jungsteinzeit: Auf dem „Judenberg“ Siedlung und Gräber der bandkeramischen Kultur.

Ältere Eisenzeit: Kochgrube einer Hallstattwohnung am obersten Teil des Judenberges; Bestattungsgrab neben dem „Pfingst­wäldchen“ dicht hinter dem Limesgraben.

Jüngere Eisenzelt: Siedlungsgruben am Nordabhang des Juden­berges, etwa 200 Meter nördlich von den oberen Gruben der Jungsteinzeit. ‑ Auf dem „Teufelskopf“, ein Kilometer südwestlich vom Orte, liegt eine Gruppe großer Findlinge. Unter einigen der Steine fanden sich rohe prähistorische Scherben, die zeit­lich aber nicht zu bestimmen waren.

Römische Zeit: Der Limes verläuft östlich des Ortes, auf der Oberfläche nicht mehr erkennbar, in Richtung Süd‑Nord. 500 Meter hinter dem Limes auf dem Judenberg Reste eines größeren römischen Gebäudes.

 

Älteste Namensformen: Ruodingheim um 1000, Rudincheim 1222, Rudenheim um 1234, Rüdigheim 1527.

 

Geschichtliches:

Um 1000 geschah die erste urkundliche Erwähnung Rüdigheims („Roudingheim“) in einem Zinsregister des Klosters Seligenstadt. Rüdigheim, das mit Ravolzhausen einen gemein­samen Markwald besaß, muß schon früh unter die Hoheit der Herren von Hanau gekommen sein. Helfrich, Ritter von Rüdig­heim, übertrug seinen Hof und das Patronatsrecht über die Kirche an den Johanniter‑Orden; dieser legte nach 1257 dort eine Kommende an. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts (Re­formation) nicht mehr besetzt, sondern von einem Schaffner im Auftrag des Frankfurter Komturs verwaltet; seit der Säku­larisation Staatsdomäne (Rüdigheimerhof). Die Hoheit und Vogtei hatte von jeher Hanau; das Dorf gehörte zum Amt Büchertal. Schwere Schäden im Dreißigjährigen. Krieg.

 

Sehenswert sind die im gotischen Stil erbaute Johanniterkirche im Ortsteil Rüdigheim und die Hessische Staatsdomäne „Rüdigheimer Hof“.

 

Literatur: Lesestück von Fr. Elsässer über die Johanniter­kommende in: Hanau Stadt und Land

Abbildungen in Hanau Stadt und Land:

 

Kirche: Seite 258

Kapitell und Konsole: Seite 132

Südportal mit Grabstein Christ: Seite 131

Wappen Johanniter­Orden / von Metternich: Seite 351

Dorfplan 1718: Seite 4.

 

 

Rüdigheim: Kirche

Die Rüdigheimer Kirche wird im Jahre 1235 bei einem Streit zwischen dem Patron Helfrich von Rüdigheim und seinem Bruder Heinrich erstmals erwähnt. Im Jahre 1257 überließ Helfrich von Rüdigheim den Johannitern das Patronatsrecht über die der Maria geweihte Kirche in Rüdig­heim. Wenig vorher hatte er ihnen seinen Herrenhof zur Errichtung einer Kommende überlassen.

Die Johanniter haben dann etwa um 1260 die Kirche mit ihrem hohen spitzen Dachreiterturm in der Ge­stalt ausgebaut, wie sie im wesentlichen heute noch steht. Das aus Bruchstein errichtete Mauerwerk war verputzt. Die Fenster sind auch außen bemalt gewesen, sandfarben mit weißen Fugen, desgleichen das rings um die Kirche laufende Dachgesims, im Wechsel, ein Quader weiß, ein Quader rot.

Unter dem Dachsims an der südwestlichen und nordöstlichen  Längsseite befindet sich ein  Fries, etwa ein Meter breit. Jeder Fries besteht aus elf Doppelschildern, nicht Wappen, sondern Kampfschilden, wie sie zur Ausrüstung der Ritter gehörten. Je zwei Schilde sind schräg liegend aneinandergelehnt, so daß der Beschauer in den einen hineinblickt, soweit dieser nicht von dem Schild verdeckt wird, der dem Be­schauer zugewendet ist. Die Umrisse sind tief in den Putz eingeritzt worden und aus den Farbresten war die Bemalung klar ersichtlich. Der rückwärtige Schild, in dessen Hohlseite man blickt, ist schwarz. Der daran gelehnte vordere Schild trägt auf rotem Grund, im Wechsel, ein weißes oder schwarzes gradliniges Kreuz, dessen Arme bis an den Schildrand reichen.

Aus der Zeit des Baus der Kirche stammt vielleicht noch das ehemalige Südportal der Kirche (siehe Abbildung in: Hanau Stadt und Land, Seite 131). Das zugemauerte Portal ist im sogenannten „Übergangsstil“ erbaut (um 1235?). Es zeigt unter einem Spitzbogen einen Kleeblattbogen mit einem eingelegten Rundstab. In der Türfüllung­ dieses Portals stand der Grabstein, der jetzt im Inneren der Kirche steht.

Die Kirche ist eines der wenigen Bauwerke der Frühgotik im Hanauer Raum. Das einschiffige Langhaus schließt im Chor mit einem Dreiachtelschluß. Die langgestreckten gotischer Fenster durchbrechen zwischen ge­treppten Streben die Wand, sie sind zweiteilig mit einem Schlußring, nur das östliche dreiteilige Chorfenster zeigt drei Pässe. Das Kreuzrippengewölbe im Innern ruht auf Konsolen, im Choreingang sind drei Dienste zu einer Gruppe gebündelt. Hörner‑, Blatt‑ und Knospenkapitelle vermitteln zu den steigenden Rippen; sie sind typisch für die frühe Gotik.

Das Mauerwerk ist mit einem Kreuzgewölbe geschlossen, über welchem sich ein frei­tragendes Gebälk mit gewöhnlichem Ziegeldach befindet. Das Langschiff hat vier Joche, davon liegen zwei im Chor und zwei im Vorraum. Die Gewölberippen über dem Vorraum haben Birnenstabform, diejenigen über dem Chor gekehlte Form. Im Vorraum befinden sich rechts und links je ein kleines Fenster. Diese Fenster können ihrer Form nach als romanisch, mindestens aber als Übergangsstil angesprochen werden.

Auch im Innen der Kirche sind die Sandsteintafeln der Ritter zu sehen. Typisch sind die Hörner-, Blatt- und Knospenkapitelle. Bemerkenswert ist der schlanke Turm. Das einschiffige Langhaus schließt im Chor mit einem Dreiachtel­-Schluß. Die langgestreckten gotischen Fenster durchbrechen zwischen getreppten Streben die Wand; sie sind zweiteilig mit einem Schluß­ring, nur das östliche, dreiteilige Chorfenster zeigt drei Dreipässe. Das Kreuzrippengewölbe im Innern ruht auf Konsolen  (Hanau Stadt und Land, Seite 132): am Choreingang sind drei Dienste zu einer Gruppe gebündelt. Hörner‑, Blatt- ­und Knospenkapitelle vermitteln zu den steigenden Rippen; sie sind typisch für die frühe Gotik, als deren einziges, schönes Beispiel im Kreise Hanau die Rüdigheimer Kirche erhalten blieb.

 

Zur Pfarrei gehörte bis 1607 (1659) auch Ravolzhausen. Von 1637 bis 712 versah der reformierte Pfarrer von Rüdigheim auch Oberissigheim. Es gab eine kleine lutherische Gemeinde, die 1683 ge­bildet wurde, mit eigener Kirche (bis 1818); zu ihr gehörten auch die Lutheraner in Bruchköbel, Marköbel und Niederrodenbach. Seit 1930 ist die evangelische Pfarrei mit Ravolzhausen verbunden. Die Katholiken gehören zu Butterstadt.

Durch die Renovierung im Jahre 1957/58 ist der ursprüngliche Zustand in der Kirche weitgehend wieder hergestellt worden. Der Taufstein, der auf einer Domäne als Viehtränke stand, wurde wieder aufgestellt, die Wandbemalung freigelegt und erneuert. Die Kirche besitzt eine wertvolle alte Orgel, die wahrscheinlich aus dem Jahre 1770 stammt.

Die Kirche ist jetzt von jedem Einbau befreit und bietet sich  weit und hoch dem Eintretenden dar. Um möglichst viel Sitzplätze zu schaffen, wur­den im 19. Jahrhundert überlange und überhohe Emporen eingebaut und eine entsprechend hohe Kanzel vor den Fenstern des Chors. Durch ver­kehrte Anlage der Bänke und eine Trennung war der herrliche Innenraum vollends um seine Wirkung gebracht worden. Von der ursprüng­lichen Einrichtung und Ausschmückung war keine Spur mehr vorhanden.

Die sorgfältige Entfernung aller späteren Schichten brachte die Bemalung zutage, die die Erbauer der Kirche ihr verliehen hatten. Gemälde aber fanden sich nicht, man hatte sich be­gnügt, das Gewölbe und die Fensternischen aus­zumalen. Dazu nahm man Erdfarben, die in der Nähe der Kirche gefunden und zur Wiederherstellung genau wie vor 700 Jahren verwendet wurden.

Die Gewölbefelder wurden ge­quadert d. h. mit einem Netz von farbigen Linien überzogen, entsprechend den Fugen der Quader, aus denen das Gewölbe zusammen­setzt ist bzw. zusammengesetzt zu denken ist. Die Gewölberippen wurden nach demselben Prinzip ausgemalt: im älteren westlichen Teil (an der Eingangstür) immer im Wechsel ein Quaderstein schwarz, der nächste gelb und so weiter; im jüngeren Teil zum Chor hin im Wechsel rot und gelb. In denselben Farben sind die Konsolen und Gewölbeschlußsteine gehalten. Nur der sehr große Gewölbeschlußstein in der Mitte der Kirche ent­hält eine stilisierte Darstellung von Weinlaub und Früchten.

Jedes Gewölbefeld  in der Hälfte nach dem Chor zu, enthält innerhalb der Quaderung einen Stern, der je nach Größe des Feldes kleiner oder größer ist. Alle diese Sterne wurden tief in den Putz eingeritzt und sind höchst mannigfaltig in Liniierung und Farbe, keiner gleicht dem anderen ganz. Die sehr tiefen Fensternischen im älteren Teil sind rotweiß gequadert. Die größeren hohen Fenster mit Mittelrippe im Mittelschiff und Chor sind sandsteinfarben gemalt, wie sie aus Sandstein bestehen.

Das Ganze ist von außerordentlicher Wirkung und es dürfte kaum ein Gegenstück zu dieser Kirche gefunden werden. Rings um die Innenwände der Kirche laufen in gleichmäßigem Ab­stand und gleicher Höhe die zwölf Weihekreuze, ein gleicharmiges Kreuz in kreisrundem Feld (nicht „Apostel­kreuze“, sondern die Stellen, an denen der Bischof die Kirche bei der Einweihung gesalbt hat).

Einen wertvollen Fund bedeutete die Frei­legung der Tür zur Sakristei, die um 1750 ab­ge­brochen wurde. Es ist ein schönes gotisches Spitzbogenportal, in Sandstein gearbeitet, mit profilierter Hohlkehle; der Durchgang ist nicht breiter als daß ein Mann hindurchschreiten konnte. Man hatte diese Tür wandgleich zuge­mauert. Durch den Verputz nahm man nur den äußeren Bogen wahr.

Ebenso kam der Sakraments­schrein an den Tag. Er war mit einem großen Stein verschlossen und unter Putz gelegt wor­den. Es ist deutlich zu sehen, daß diesen Wand­schrein ein gotischer Spitzbogen aus Stein ge­ziert hat, den man heruntergeklopft hat. Um den Schrein herum liegt ein Feld von rotschwarzen Rauten.

Die Platte des alten Altars, die im Fußboden lag, wurde gehoben, um wieder als Altarplatte zu dienen. Auch der alte Taufstein aus dem 13. Jahrhundert, der auf dem Hof der Domäne an unziemlicher Stelle ruhte, kam wieder zu Ehren kommen. Würdig aufgearbeitet dient er in der wiederhergestellten Kirche aufs neue seinem Zweck.

Die Fenster der Kirche erhielten eine neue Verglasung: Sechseckglas in Blei. Durch das mattgraue Glas, das eigens für die Kirche hergestellt worden ist, fällt das Licht ge­dämpft in den Raum.

 

In der Kirche befindet sich der Grabstein des Komturs Philipp von Reifenberg, der 1495 starb.

Ein Grabstein, der im Bogen der Tür an der südlichen Langseite stand, steht jetzt an der Rückwand der Kirche. Er wurde von dem gewesenen Johanniter‑Schaffner Johannes Jost Christ (von Neukirchen bei Ziegen­hain) im Jahre 1696 als „Gedächt­nissäule“ für seine am 9. 8. 1691 verstorbene Ehefrau Anna Regina geborene Grimm errichten ließ. Die im Jahre 1634 in Bergen geborene Anna Regina Grimm war eine Tochter des Jo­hannes Grimm (eines Urahns der Brüder Grimm), der 1639 als Gast­wirt „Zum weißen Roß“ in der Vor­stadt Bürger in Althanau wurde; später war er Schaffner des Johanniter-Hauses in Rüdigheim, d. h. eines Verwalters des Klostergutes.

Hinter der Kirche liegt noch der eingeebnete alte Friedhof .Vom Kirchengelände kann man einen Blick auf die hessische Staatsdomäne Rüdigheim werfen.

 

Johanniter-Kommende

Im Ausgang des 11. Jahrhunderts wurde Jerusalem durch das Heer der Kreuzfahrer befreit. Die zurückkehrenden Kreuzfahrer er­zählten von den heiligen Stätten, an denen Jesus gelebt und gelitten hatte, gestorben, begraben und auferstanden war. Immer wieder traten Pilger, angeregt durch die Erzählungen der Kreuzfahrer, die damals schwierige und gefahrvolle Reise nach den heiligen Stätten an, um durch diese Bußübung Vergebung ihrer und ihrer Vorfahren Sünden zu erlangen.

Im Vorfeld der Kreuzzüge war 1024 der Johanniterorden in Jerusalem entstanden. Der Or­den breitete sich über Italien nach Norden aus. Überall wo sich die Handelswege kreuzten  entstanden Burgen als Stützpunkte, die zugleich den Wallfahrern und Pilgern als Herberge und Zufluchtsort dienten.

Ein frommer Bürger von Amalfi hatte schon vor den Kreuzzügen in Jerusalem zur Pflege kranker Pilger eine Hospital‑Stiftung er­richtet. Durch die Kreuzzüge erhielten diese Bestrebungen neuen Antrieb, und der Vorsteher des Hospitals, Gerhard aus der Provence, machte das Hospital durch Einführung einer neuen Regel der Augu­stiner Chorherren zu einem selbständigen Institut. Reimund von Puy (1120‑1160), der sich Ordensmeister nannte, erhob das Institut zu einem geistlichen Ritterorden.

Die Mitglieder des Ordens nannten sich Hospitaliter oder auch nach dem Schutzpatron ihrer in Jerusa­lem gegründeten Kirche Johanniter und teilten sich in Ritter zur Kriegsführung, in Kapläne und in dienende Brüder zur Pflege der Kranken. Papst Paschalis II. (1099‑1118) bestätigte im Jahre 1113 ihre Regel und ihren Besitz. Jerusalem mußte in hartem Kampfe gegen die Sarazenen verteidigt werden. Diese Not drückte den Jo­hannitern das Schwert in die Hand. Jerusalem ging 1187 verloren. Die letzte Festung der Kreuzfahrer, Akkon, erlag 1291 der Über­macht der Mamelucken.

Der Rest der Johanniter zog sich mit dem schwer verwundeten Großmeister Jean de Villiers nach Cypern und dann 1308 nach Rhodus zurück. Nach Verlust auch dieses Vorpostens im Kampf gegen die Türken kam der Orden im Jahre 1530 nach Malta. Deshalb werden die Ritter auch Rhodesier bzw. Malteser­-Ordensritter genannt.

Die Kleidung der Ritter im Frieden war schwarzer Mantel mit achtspitzigem weißen Kreuz (Johanniterkreuz), im Kriege roter Waffenrock. Sie legten das Gelübde des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit ab. Aller Kampf war vergebens. Die heiligen Stätten gingen trotz ungeheurer Opfer verloren. Der schwärmerische Sinn der Menschen wandelte sich. War nicht im eigenen Lande Raum und Gelegenheit genug zur Festigung des christlichen Glaubens und zur Hebung der Kultur?

 

Die Herren von Rüdigheim, die nach dem Dorfe Rüdigheim genannt sind, besaßen hier ein Gut. Dieses Gut schenkten Helfrich von Rüdigheim und seine Kinder Konrad, Gerhard, Heinrich der Lange und seine Töchter Otilie und Gertrud nach einer Urkunde vom 17. Mai 1257 den Jo­hannitern. Auch übertrugen die Herren von Rüdigheim dem genannten Orden das Patronatsrecht der Kirche in Rüdigheim.

Die Johanniter errichteten in Rüdigheim ein Kloster, eine „Kommende“ unter einem „Komtur“. Sie soll um das Jahr 1250 erbaut worden sein. Sie diente als Wohnhaus und war Station auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela. In ihren Mauern finden sich spätromanische und frühgotische Elemente wieder, darunter auch ein steinerner Kopf, der möglicher­weise älter ist als das Gebäude selbst. Er wurde bei der Neukonstruktion einer Wand gefunden und diente früher wahr­scheinlich als Aufleger für eine Holzdec­ke.

Im Convent (der Brüderversammlung) waren an­fangs viele Brüder aus ange­sehenen Familien. Nach einer Urkunde vom März 1275 wer­den u. a. Mitglieder der Fami­lien von Heusenstamm, Falken­stein und Steckelburg genannt. Nur einige wenige Urkunden aus der Zeit vor dem Dreißig­jährigen Krieg über die Johan­niterkommende Rüdigheim sind erhalten geblieben. Die Urkun­den berichten von Landerwerb und Landschenkungen. Nach einer Urkunde vom 12. Mai 1329 verpflichteten sich die Johan­niter als Gegenleistung für eine Landzuwendung für einen Edel­knecht Hermann Halber, „der nun tot ist und bei uns begraben liegt“, zweimal im Jahre Vigilien, d. h. nächtliche Gottesdienste, Totenvesper der heiligen Messe, Gebet und andere guten Dinge in ihrem Hause zuhalten.

Ihr Besitz vergrößerte sich auf diese Weise immer mehr. Sie be­saßen Liegenschaften in den Gemarkungen Rüdigheim, Marköbel. Langendiebach, Oberissigheim und Ravolzhausen. Den Ackerbau be­trieben die Mönche vorbildlich. Auch förderten sie den Weinbau. Großes Geschick zeigten sie bei der Anlage von Gräben und Bächen und im Trockenlegen von Sümpfen.

Mit der Übertragung des Patronatsrechts war die Kirche zu Rüdigheim mit ihrem Einkommen und ihren Pfründen dem Orden einverleibt. Er war dadurch nicht nur Patron, sondern auch Pastor. Der Orden erbaute bald nach der Schenkung die Dorfkirche, die noch heute die schönste Kirche im frühgotischen Stile im Landkreis Hanau ist.

Am 31. Oktober 1517 hatte der Augustinermönch Martin Luther die 95 Thesen gegen den Ablaß an die Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen und damit den Anstoß gegeben zu der Glaubensspal­tung. Schon im Jahre 1536 wurde ein lutherischer Pfarrer, und zwar Berthold Kaus, in Rüdigheim genannt. In demselben Jahre wurde auch noch ein Komtur von Rüdigheim vorstellig wegen Erlaß der Türkensteuer, die ihm auch gewährt wurde.

Im Jahre 1548 trat Graf Philipp III. von Hanau zur protestan­tischen Kirche über. Somit mußten nach dem Grundsatz „Wie die Re­ligion des Landesfürsten, so auch die Religion der Untertanen“ die Einwohner seiner Grafschaft die neue Lehre annehmen. Im Jahre 1548 wird auch die Vereinigung der „Kommende“ Rüdigheim mit derjenigen von Frankfurt erfolgt sein, denn schon im Jahre 1556 wird urkundlich ein Schaffner erwähnt, der der Stadt Hanau für acht Gulden einen Ochsen verkaufte. Nach der Reformation wurde die Kom­mende als Lagerstätte genutzt, später auch vom Pächter des Hofgutes, als es in den Besitz des Landes übergegangen war. Im Dreißigjährigen Krieg wurden das Kloster und das Dorf Rüdigheim von Freund und Feind zer­stört.

Nach dem Presbyterialprotokoll der Gemeinde Rüdigheim wurde vom Pfarrer und Presbyterium am 26. Januar 1662 „ernstlich und weitläufig darüber beraten, wie die abgebrannte Kirche samt dem Pfarrhause möchte wieder erbauet und in ihr voriges Aussehen gebracht werden“. Der Komtur ließ jedoch durch den Schaffner ant­worten, „daß er hiervon nichts wissen wolle mit dem Vorwand, sein Orden habe große Mühe und Unkosten mit dem Wiederaufbau des Klosters“.

Die Kirche innerhalb des Klosters, in der die Mönche ihre täglichen Religionsgebräuche geübt haben, ist nach der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg nicht mehr als Kirche aufgebaut worden. Die Grundmauern wurden später mit einem Dach versehen und das Gebäude für landwirtschaftliche Zwecke benutzt; wiederum später wurden die Mauern jedoch abgebrochen. Durch den Wegfall dieses Gebäudes wurde die Trennung des Klosters in einen inwendigen und einen äußeren Hof beseitigt. Auch das alte und das neue Haus wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts abgebrochen und ein neues Wohnhaus im ehemaligen kleinen Garten errichtet.

Die das Kloster umgebende Mauer ist durch die Erbauung des Arbeiterhauses und bei Erbauung des neuen Wohnhauses nieder­gelegt bzw. verändert worden. Das Gebäude, in welchem die Mönche wohnten, wurde nach der Verlegung der Kommende als Frucht­speicher benutzt Siehe den Plan des Ortes und der Kommende von 1718 in: Hanau Stadt und Land,  Seite 4.

Bild in Hanau Stadt und Land, Seite 345: Wappen des Komturs Bernhard Niclas von Metternich (um 1710) an der alten Kommende der Johanniter in Rüdig­heim. Vorn das Wappen des Ordens mit dem Johanniterkreuz, hinten das Wappen der Freiherren von Metternich (3 Pilgermuscheln).

Im Jahre 1806 wurde das Johanniterkloster von Napoleon beschlagnahmt. Nach der Vertreibung der Franzosen und Wiedereinsetzung des Kurfürsten hat die kurfürstliche Regierung das Kloster als Staatsdomäne behalten. Der Mönchsgesang ist längst nicht mehr zu hören; verstummt sind Vigilien und Totenvesper der heiligen Messen, aber noch heute nennt man in Rüdigheim und seiner Umgebung die Staatsdomäne „das Kloster“.

 

Die Kommende war einst Wohngebäude der Johanniter. Danach wurde sie 1803 im Zuge der Verstaatlichung zum Getrei­despeicher degradiert. Der stattliche Bau wurde um 1260 im frühgotischen Stil er­richtet, erkennbar an den spitz­bogigen Fenstern. Besonders sehenswert ist der reich profi­lierte ehemalige Eingang an der heutigen Rückseite des Ge­bäudes. An der ehemaligen Johanniter‑Kommende sind die Mauern und Architekturteile aus der Erbauungszeit um 1260 erhalten. Heute führt das zierliche spitzbogige Portal in eine Scheuer der Domäne Rüdigheimerhof. Zwischen tiefen, verschliffenen Kehlen steigen Rundstäbe über sehr großen Basen auf. Auf drei Seiten des Gebäu­des sind noch schlanke, gekuppelte spitzbogige Fenster mit acht­eckigen Mittelstützen erhalten.

 

Im Jahr 1984 ent­schloß sich der Rüdigheimer Kirchenvor­stand, die Kommende des Johanniterhof­gutes vom Land zu einem symbolischen Kaufpreis von 500 Mark zu erwerben und zu einem geistigen und gesellschaftlichen Zentrum des Dorfes umzugestalten. Als die Pläne zum Umbau konkret wur­den, entdeckten Beamte der Wasserbehörde in einem angebauten Gewölbekeller Ölablagerungen im Erdreich; das Erdreich war jedoch nicht so schlimm verseucht, wie vorher vermutet. Das marode Dach wur­de abgenommen, neue Fundamente wur­den betoniert. Eine Giebelwand mußte komplett abgetragen und neu aufgemauert werden. Die Mauerkronen waren mit An­kern und Stahlträgern zu sichern.

Bei der Grundsteinlegung durch Pfarrer Christian Trebing am 11.November 1989 waren einige Ordensritter als Gäste dabei und konnten die Verbindung von altem und neuem erleben: In den Grundstein wurde auch eine Computerdiskette eingespeist. Im Frühjahr 1991 wurden die Fenster gesetzt und die Heizung eingebaut.

Nach 13 Jahren, vielen Auseinanderset­zungen und Mühen, wurde die renovierte Johanniter‑ Kommende 1997 als „Haus der Be­gegnung“ mit einem Festakt ihrer Bestimmung übergeben. Rund drei Millio­nen Mark hat die Entkernung und der Wiederaufbau des mittelalterlichen Ge­bäudes gekostet, mehr als doppelt soviel wie ursprünglich veranschlagt. Der älteste Säku­lar­bau in Südhessen wurde wieder auf Vorder­mann gebracht.

Einige alte Bauteile wurden in die moderne Bauweise eingebunden. An einem Fenster der Südseite kann man noch einen Teil der Bemalung sehen (von draußen her ist dem Blick von der Seite der Kirche her möglich). Wenig gelungen ist der Eingang, wo man in den alten Bogen aus Bruchsteinen einen Betonrahmen und eine modernre Tür gesetzt hat.

 

Die Kommende ist heute wieder in Kirchenbesitz und dient der evangelischen Kir­chengemeinde in Rüdigheim seit 1997 nach umfangreichen Renovierungen als Gemeindehaus. Die Kommende ist als eines der wenigen erhaltenen nichtsakralen Gebäude aus die­ser Zeit von großem kulturhi­storischen Wert.

Kernstück des neuen Rü­digheimer Gemeindezentrums ist der hundert Quadratmeter große Saal mit Bühne, in dem zukünftig viele größere Veranstaltungen in einem ansehnlichen Rah­men stattfinden können. Gedacht ist an Konzerte, Dichterlesungen, Theater­aufführungen, Seminare....

Außerdem kann und soll der Raum für private Fei­ern und bei entsprechenden Anlässen an die politische Gemeinde vermietet wer­den. Pfarrerin Gerda Köhler denkt auch dar­an, die Gottesdienste im Winter in der Kommende zu halten, weil die Kirche nur schlecht und damit sehr teuer beheizt werden kann.

Im Erdgeschoß befindet sich auch eine Küche zur Bewirtung der Gäste, außerdem ein Vorbe­reitungsraum. Die sanitären Anlagen sind im Keller un­tergebracht. Dort solle auch die Jugend ihr Domizil in einem ebenso großen Raum wie den Saal darüber finden. Bis dahin müssen sich Jugendliche wie auch Erwachsenengruppen mit zwei jeweils 50 Quadratmeter großen Räu­men im Obergeschoß zufrieden geben. Im bun­ten Jugendzimmer wird auch der Krab­belkreis untergebracht. Außerdem sollen dort Konfirmandenunterricht und Kinder­gottes­dienste stattfinden. Der kleine Saal daneben ist für Sitzungen des Kirchenvor­standes, die Frauenkreise, andere Er­wachsenengruppen und den Kinderchor bestimmt. Für die „kleinen Sänger“ soll noch ein Klavier zur Begleitung aufge­stellt werden. Hinzu kommt ein Medita­tionsraum für Andachten.

 

 

Ravolzhausen

Die Gemeinde Neuberg besteht aus den Ortsteilen Ravolzhausen und Rüdigheim, deren Zusammenschluss im Jahre 1971 erfolgte. Der Ort bietet durch seine zentrale Lage in ländlicher Umgebung ein angenehmes Wohnklima.

 

Lage: Ravolzhausen liegt 140 Meter ü. N. N. nördlich von Langen­diebach, an der Straßenkreuzung Langendiebach‑Hüttengesäß und Langenselbold‑Rüdigheim im Verlauf des Limes. Die Gemarkung umfaßt 526 ha (58 ha Gemeindewald). ‑ In der Gemarkung liegt die Blinkenmühle (bis 1880 auch der Schwarz­haupthof).

 

Bodenfunde: Hügelgräberbronzezeit: Siedlungsgrube „Auf der Wanne“ 1250 Meter nordöstlich vom Orte, 150 Meter südlich von der Gemarkungsgrenze.

Römische Zeit: Der Limesgraben verläuft, äußerlich nicht mehr erkennbar, geradlinig westlich und nördlich von Ravolzhausen, ein Steinturm wurde westlich der Rüdigheimer Straße und 50 Meter entfernt von dem hier schneidenden Limesgraben festgestellt.

 

Am Rötelberg nördlich des Ortes fand man 1876 am Südostabhang eine germanische Thingstätte: drei Steinbänke in deren Mitte sich ein behauener, mit runenartigen Zeichen versehener Stein erhob. Außerdem fand man etwa 20 Hügelgräber.

Am westlichen Fuß des Rötelberges liegt der Bruderdiebacherhof. Dieser Weiler wurde schon 1333 zusammen mit dem Baumweiserhof unter dem Namen Diepach, im Jahre 1388 als „Bruderdiebach“ in einem Weistum erwähnt. Es gehörte wohl den „Brüdern“ von Langenselbold, also den Mönchen.

 

Älteste Namensformen: Ranvolcenhusen um 1227; Ranvoles­husen 1248; Ramfoldeshusen 1266; Ramuldeshusen 1338; Rain­folczhusen 1360; Ranfeltshusen und Huesen 1454; Reinfeltz­husen 1527; Reifelshausen 1550.

 

Geschichtliches: Ravolzhausen war ein Dorf des Gerichts Langendiebach bzw. der Cent Selbold, die ein Reichsgericht war. Im Jahre 1227 wurde der Ort erstmals als „Ranvocenhusen“ genannt. Im Jahre 1313 gehörte der Ort mit Vogtei und Gerichtsbarkeit zur Burg Ronneburg, als Gottfried von Brauneck diese an Mainz verkaufte, und kam mit der Ronneburg 1476 als mainzisches Lehen an Isenburg. Die Ravolzhäuser Ziegelhütte wurde 1688 erstmals erwähnt.

Im Jahre 1700 hatte Ravolzhausen gerade noch 65 Einwohner.

 

Der Markwald der Gemeinde Ra­volzhausen ge­hörte und gehört auch heute noch zur Gemar­kung Rüdigheim. Schon in frühgermanischer Zeit bildeten die Gemeinden Rüdigheim und Ravolzhausen eine Mark­genossenschaft, die eine rein wirtschaftliche Vereinigung war. Das Märkergericht tagte in der Regel zweimal im Jahre. Der herrschaftliche Amtmann nahm am Märkergericht teil, bei dem alle auf dem gemeinsamen Besitz von Wald, Wasser, Weide usw. beruhenden Angelegenheiten geregelt wurden. Dieser gemeinsame Besitz bestand schon zu Recht, als die Johanniter noch gar nicht vorhanden waren.

Der den 1257 nach Rüdigheim gekommenen Johannitern gehörende „Klosterwald“ und der dem 1235 gegründeten Antoniterkloster Roßdorf gehörende „Schaffnerskopf“ - 1777 wurde der Antoniter‑Orden mit dem Johanniter‑Orden vereinigt ‑ ist auch heute noch seit 1806 (Beschlagnahme durch Napoleon) und 1816 (Behaltung durch den Kurfürsten) im Eigentum des Staates als Nach­folger der Johanniter. Die Johanniter-Com­mende Rüdigheim wurde 1648 mit der Com­mende von Frankfurt vereinigt. Das Vermögen der früheren Commende Rüdigheim wurde bis 1806 durch einen Schaffner verwaltet.

Außerdem ist der Markwald mit den Grenzsteinen „1721“ und der Klosterwald mit Grenzsteinen mit dem Johanniterkreuz eingefriedigt. Der „Schaffnerskopf“ hat dagegen eine Einfrie­dung mit Grenzsteinen mit dem Antoniuskreuz „T 1722“. Das dürfte genügen, um zu beweisen, daß der Markwald den Gemeinden Rüdigheim und Ravolzhausen nicht von den Johannitern geschenkt wurde.

Nun zu der Trennung und Auseinanderset­zung zwischen Rüdigheim und Ravolzhausen be­züglich des gemein­samen Waldes. Die Schwie­rigkeit der gemeinsamen Bewirtschaftung des Waldes, - z. B. weite Abfuhrwege für Rüdig­heim, wenn im hintersten Wald Holz geschla­gen wurde ‑ WaIdweginstandsetzung und Forstschutz ‑ ließen den Wunsch zur Trennung des gemeinsamen Markwaldes aufkommen. Im Dezember 1834 stellte die Gemeinde Rüdigheim den Antrag auf Teilung des Markwaldes. Der bisher gemeinschaftliche Markwald sollte in zwei glei­che Teile zwischen beiden Gemeinden geteilt werden, dergestalt, „daß ebensoviel Morgen auf der Seite nach Ravolzhausen zu ausschließlichem Eigentum der Gemeinde Ra­volz­hausen werden solle und an die Gemeinde Ravolzhausen fallen solle, den die Gemeinde Rüdigheim auf der Seite nach Rüdigheim zu behält.

Die Gemeinde Ravolzhausen hatte sich mit diesem Vorschlag einverstanden erklärt mit der Maßgabe, daß der Holzbestand auf beiden Sei­ten durch sachverständige Forstbedienstete ab­geschätzt werde, und daß der Überschuß, den die Gemeinde Rüdigheim an Holzwert mehr empfange, der Gemeinde Ravolzhausen nach und nach an Holz In Natura aus dem Rüdig­heimer Teile zur Hälfte vergütet werde. Fer­ner, daß der gemeinschaftliche Forstschutz schon mit Ende des Jahres 1834 aufhöre.

Die Kurfürstliche Regierung hat am 9. April 1838 die Übereinkunft genehmigt. In den Steuerbüchern ist die Grundstücksänderung allerdings nicht gewahrt worden, und so hat die Gemeinde Ravolzhausen ihre Steuer vom Wald nach Rüdigheim bezahlt.

Nach Einführung der Landgemeindeordnung von 1897 hat dann die Gemeinde Ravolzhausen die Umgemeindung der fraglichen Waldfläche beantragt. Hierauf faßte der Keisausschuß in Hanau den am 26. Juni 1902 verkündeten Beschluß, daß der sogenannte Ravolzhäuser Gemeindewald, nachdem er durch gerichtlich bestätigten Ver­trag am 30. April 1839 der Gemeinde Ravolz­hausen zur ausschließlichen Benutzung zu­gesprochen worden ist, auch politisch zu der Gemeinde Ravolzhausen gehört und ein Ein­gehen auf den Antrag der Gemeinde Ravolz­hausen auf die Umgemeindung des Waldes sich daher erübrige.

Gegen diesen Beschluß richtete sich der Un­willen der Gemeindeväter Rüdigheims. Einspruch wurde allerdings nicht erhoben. Angeblich wurde die Frist versäumt, weil die Akten ver­schwunden waren. Rüdigheim sollte also nun auf die Steuern vorn Wald „zu Unrecht“ ver­zichten. Dem war aber nicht so. Wenn näm­lich ein Einwohner von Ravolzhausen in der Rüdigheimer Gemarkung Grundbesitz hat, dann muß er die Steuern vom Grund und Boden an die Gemeinde Rüdigheim bezahlen. Er nimmt ja auch deren Feldschutz und Gemeindewege bei der Bewirtschaftung der Grundflächen in Anspruch.

Die Gemeinde Ravolzhausen fällt dagegen mit dem zu ihrem Gemeindebezirk gehörenden und in der Ge­markung Rüdigheim liegenden Gemeindewald der Gemeinde Rüdigheim weder mit Forstschutz noch mit Wegeunterhaltungskosten zur Last. Gerade deshalb ist ja die Trennung des ge­meinsamen Waldes vorgenommen worden.  Damit endete der letzte Rest der jahrhun­dertelangen Markgenossenschaft. Niemand kann aber bei dieser Sach‑ und Rechtslage sagen, Rüdigheim hätte dem Nachbardorf Ravolzhau­sen den Gemeindewald vor Zeiten geschenkt.

 

Die erste Fahrt der Kleinbahn auf der Strecke Hanau‑Hüttengesäß erfolgte 1896, der Haltebahnhof in Ravolzhausen war im heutigen Bereich der Rhönstraße/Fallbachstraße. Im Jahr

1897 kam es zur Gründung der „Dachziegelwerke Ravolzhau­sen“. Die Ziegel- und Klinkerproduktion wurde 1986  eingestellt, die beiden Ziegelschornsteine1989 gesprengt. 

Die Erich‑Simdorn‑Schule wurde 1961 erste Mittelpunktschule im Landkreis Hanau eingeweiht. Im Jahre 1971 kam es zur  Gründung der Gemeinde Neuberg aus den beiden Dörfer Ravolz­hausen und Rüdigheim.

 

Die Kirche war Filial von Rüdigheim, das Patronat besaßen die Johanniter in Rüdigheim.

Ravolzhausen besaß im Mittelalter eine Kapelle. Bis 1462 gehörte Ravolzhausen zum Erzbistum Mainz, dann kam es an Ysenburg. Bis 1639 war es nach Rüdigheim eingepfarrt, dann wurde es von Selbold kirchlich versehen. Im Jahre 1659 wurde sie Langen­diebach unterstellt, seit 1696 ist sie selbständige Pfarrei. Der gegen­wärtiger Patron ist der Fürst zu Isenburg‑ Birstein. Seit 1930 ist Rüdigheim mit der Pfarrei Ravolzhausen verbunden. Die Katholiken sind nach Langenselbold eingepfarrt.

Die Kirche in Ravolzhausen wurde im Jahre 1739 erbaut. Die Jahreszahl befindet sich auf dem Wappenstein über dem Eingangsportal. Das Portal hat ein schönes Ehe­wappen Isenburg/Isenburg (der Landesherr zur Zeit der Er­bauung, Wolfgang Ernst von Isenburg‑Birstein, war in der dritten Ehe seit 1725 mit Charlotte Amalie von Ysenburg‑Meer­holz vermählt (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 253). Das jetzige Gotteshaus steht wahr­scheinlich an der gleichen Stelle, an der sich vorher eine kleinere Kapelle befand.

Die Kirche ist in schlichtem Barock erbaut. Die Ausstattung und der freundliche Innen­raum lenken auf das Hören des Gotteswortes hin. Das Gotteshaus hat am Portal einen Türdrücker in Form eines Fisches. Die Kirche weist keinen besonderen Schmuck im Innern auf. Lediglich an der Altar­- bzw. Kanzelwand befindet sich ein Gestühl mit Holzgittern für die Kirchenältesten so­wie eine Kanzel mit reicher Schnitzarbeit und Bemalung, wobei der Kanzelfuß mit Engelkopf wahrscheinlich aus der Vorgängerkirche stammt. Eine Orgel ist ebenfalls vorhanden. An dem Wehrkirchhof steht ein kleines Wach­häuschen,

Die Kirche in Neuberg‑Ravolzhausen, nordöstlich von Hanau, ein Saalbau mit Apsis, wurde 1739 errichtet. Eine Barockkirche, aber der Barock hält sich in Grenzen, da seinerzeit Geldmangel herrschte. Sie ist allerdings eine richti­ge evangelische Predigt‑Kirche. Als Anfang der 90er Jahre eine Renovierung anstand, wurde der Wunsch nach Schmuck und Farbe laut. Der renommierte Trierer Künstler Jakob Schwarzkopf (1926‑2001 ) schuf die Glasmalereien für die beiden Fenster in der Apsis, ein außergewöhnlicher Rahmen aus bunt gefiltertem Licht für die Kanzel. Das Foto zeigt die Taufe Christi durch Johannes (Matthäus 3,13‑17) und die Priester mit der Bundeslade (Josua 3).

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 384; 1855= 610; 1885 = 678; 1905 = 907; 1919 = 1042; 1925 = 1074; 1939 = 1204; 1946 = 1564; 1953 = 16127 davon Heimatvertrie­bene = 180, Evakuierte = 144 (aus Hanau = 130).

Bekenntnis: 1905: ev. = 888, kath. = 19; 1953: ev. = 1350 (rund 90 Prozent, 10 Prozent katholisch und Sonstige).

 

Wirtschaft: 50 Prozent der Ein­wohner sind in der Landwirtschaft beschäf­tigt. Rest: Arbeiter. Handwerker, Gewerbe­treibende. (Firma Heinrich Böh­mer mit etwa 180 Beschäf­tigten).

Eine Dampfziegelfabrik und Falzziegelfabrik wurde 1897 gegründet.

 

Wenn man von Rüdigheim nach Ravolzhausenn kommt, ist rechts von dem Verkehrskreisel das Neubaugebiet Limes III.. Hier wurde – wahrscheinlich in der Straße „An den Römertürmen“ gleich links der am Nordrand Ravolzhausens vermutet Römerturm gefunden und wohl auch noch ein weiterer Turm in der Nähe (der nächste Turm stand am Südrand von Ravolzhausen). Die Stelle soll als Grünfläche in dem Neubaugebiet freigehalten werden.

 

 

Langenselbold

 

 

Langenselbold

Seinen Namen trägt Langenselbold wohl mit Recht. Schließlich erstreckt es sich in einer Länge von fast vier Kilometern im Kinzigtal. Die älteste nachweisbare Ansiedlung war ein fränkischer Königshof an einer Furt über die Gründau. Die erste urkundliche Erwähnung Langenselbolds und seines Klosters datiert aus dem Jahre 1108.

Von besonderer Bedeutung für den Ort waren die alten Kaufmannsstraßen, so die Frankfurt ‑ Leipziger Straße, die Nürnberger Straße und die Hohe Straße, die römischen Ursprungs waren. Es ist der Verlauf der alten Handelsstraße Frankfurt–Leip­zig, der Selbolds Entwicklung zum Gerichts- und Kirchen­mittelpunkt für das Kinzig- und Gründautal begünstigte.

Die Stadt wurde erst am 26. August 1983  aus Anlaß der 875. Wiederkehr der urkundlichen Ersterwähnung des alten Sel­bold zur Stadt erhoben.

Der Weinberg ist als höchste Erhebung Langenselbolds ein wichtiges Obstanbaugebiet für das köstliche Nationalgetränk im Frankfurter Raum, nämlich den Apfelwein.

Der Kinzigsee liegt in den sattgrünen Kinzigauen. Er entstand um 1980 nach dem Bau der

A 45 (Sauerlandlinie). Die Wasserfläche hat eine Ausdehnung von 24 Hektar.

 

Langenselbold liegt im Land Hessen, gehört zum Regierungsbezirk Darmstadt und zum Main‑Kinzig‑Kreis. Die Einwohnerzahl liegt bei 13.000, die Zahl der Erwerbstätige bei etwa 8.000. die Gemarkungsfläche beträgt 2.890,70 Hektar, davon 453 Hektar Wald (größte Gemarkung des Kreises). Höhe. 120 ‑ 200 Meter über NN.

 

Langenselbold ist eine weiträumige Orts­anlage mit verschiedenen Ortsteilen (Hinserdorf, Klosterberg, Hausen, Oberdorf) ohne Ortsbefestigungen. Die Höfe Bruder‑Diebach (Diepach 1238, Bruderdip­pach 1270) und Baumwieserhof (Bennewiesen 1238, Banvesen 1370, Banwiesen 1556), sowie der ausgegangene Hof Lindenloh (so 1238; Lindeloch 1366; 1556 dort noch 7 Zinspflichtige) waren vom Kloster angelegt und kamen nach der Reformation an Isenburg. In der Gemarkung liegen außerdem die Geisfurt‑, die Burg‑, die Ober‑ und die Riedmühle, ferner der Buchberg (220 Meter über N. N.) mit Aussichtsturm von 1909.

 

Bodenfunde:

Jungsteinzeit: Scherben von Gefäßen der Schnur­keramik (wohl zerstörtes Hügelgrab) in der Gemeindesand­grube am Bahnhof; Grabhügel der gleichen Zeit im nördlichen Teil des Waldes „Abtshecke“.

Jüngste Bronzezeit (Urnenfelderstufe): Zwei Steinplattengräber südlich der Straße nach Hanau bei Kilometerstein 10,7 (Bild Seite 33, Grab 1).

Ältere Eisenzeit: Grabhügelgruppe Rötelberg; 3 Brandgräber in der oben erwähnten Sandgrube an der Straße nach Hanau.

Jüngere Eisenzeit: Mehrere Brand‑ und Skelettgräber in der gleichen Sandgrube; Siedlung mit vielen Gefäßscherben und keltischer Münze (Bild Seite 61) an der Straße nach Rothen­bergen bei Kilometerstein 13,1.

Fränkische Zeit: Im Ortsteil Hinserdorf in der Mühlstraße fränkisches Grab, Mitte 6. Jahrhundert, mit Bronzeschüssel, Beinkamm und Spitzbecher aus Glas.

 

Älteste Namensformen: Selbold 1108, Selbolt 1143, Seilbolt 1272, villa Sewold 1233, (zerfiel 1521 und später in die Teile Hausen, Am Markt und Hinserdorf).

 

Geschichtliches:

Langenselbold war Hauptort des Gerichts Selbold. Bei dem Orte (locus) wurde vor 1108 von einem Grafen Dietmar von Selbold (und Gelnhausen) ein Augustiner‑ Chorherrenstift gegründet, das bald in ein Prämonstratenser‑Chorherrenstift umgewandelt wurde; an der Spitze stand ein Propst, seit 1343 ein Abt. Tochterklöster von Selbold waren Meerholz und Konradsdorf. Im Jahre 1543 ver­kaufte der letzte Abt Konrad Jäger das Kloster an den Grafen Anton von Isenburg.

Die Grafen von Selbold sind anscheinend vor 1158 erloschen. Ade­lige (Ritter) von Selbold kamen von 1217‑1398 vor. Im Jahre 1282 wurden sie an Gerlach Reitz von Breuberg (einen Erben der Herren von Büdingen) verpfändet. Gericht und Ort Selbold waren als Reichsgut Lehen der Herren von Büdingen. Um 1355 besaß Isenburg zwei Drittel des Gerichts; das letzte Drittel kam 1476 durch mainzisches Lehen an Isenburg.

Das alte Gericht Selbold war mit einem Zent­grafen und 14 Schöffen besetzt; die Gerichts­sitzungen fanden im Spielhause am Markt in Selbold statt. Der alte Zentplatz lag am Weinberg; der Galgen stand auf dem Galgenküppel bei der Abtshecke.

Der Ort hatte wegen seiner Lage an der Kinzigstraße in allen Kriegen durch Truppendurchzüge und Einquartierungen viel zu leiden, besonders auch in der Na­poleonischen Zeit.

 

1108  Papst Paschalis bestätigt am durch Urkunde vom 16. Oktober das von Graf Dietmar von

    Selbold gegründete Prämonstratenser Kloster.

1158  Der Graf von Selbold wird auch Graf von Gelnhausen genannt.

1236  Die Namen Baumwieserhof und Diebach werden erstmals erwähnt.

1357  Das Dorf Hausen, Ortsteil von Selbold, wird urkundlich noch erwähnt.

1366  Weistum über die Rechte der Märker in Selbold.

1372  Plünderung des Klosters zu Selbold durch Johann I. von Isenburg.

1407  An die Stelle des Zentgrafen tritt ein Amtmann, der von dem Landesherrn ernannt wird.

1462  Isenburg erwirbt den Teil des Gerichts Langenselbold, der bisher zum Erzbistum Mainz

    gehörte und von 1426‑1476 an Hanau verpfändet war. Dadurch erst kam das Dorf Sel-

     bold an Isenburg. In diese Zeit fällt die Entstehung des Bachtanzes.

1525  Das Kloster Selbold wird durch den Bauern­krieg geplündert und verwüstet.

1543  Das Kloster fällt mit allen Gütern und Rech­ten durch den letzten Abt Konrad Jäger

    an Graf  Anton von Isenburg.

1584  Einführung des reformierten Bekenntnisses in Isenburg‑Ronneburg durch Graf

    Wolfgang.

1654  Selbold führt die Bezeichnung Amt Ronneburg (bis 1817).

1669  Bau des ehemaligen Amtsgerichts als isen­burgisches Privathaus.

1704  Anlage des Gemeindebrunnens am Marktplatz.

1718  Bau des ersten Schulhauses am Marktplatz

1725  Abbruch des Klosters durch Graf Wolfgang Ernst von Isenburg.

1727  Wolfgang Ernst von Isenburg erbaut anstelle des Klosters das jetzige, früher dem

    Fürsten von Isenburg‑Birstein, heute der Stadt, gehörige Schloß.

1727  Bau der evangelischen Kirche auf dem Klosterberg. Einweihung am 7.7.1735.

1782  Bau des alten Gefängnisses am Marktplatz.

1792  Das Schloß in Selbold beherbergt den Preußischen König Fr. Wilhelm II., der sich

    auf der Reise in das preußische Feldlager befand.

1813  Am 29.10. Gefecht bei der Abtshecke und Beschießung des Dorfes vom Weinberg

    aus mit Granaten.

1813  Vom 29. auf den 30. Oktober übernachtet Napoleon im Schloß.

1816  Selbold und andere Teile von Isenburg fallen an Kurhessen, doch hatte dieses nur

    die Landeshoheit, während der Fürst von Isen­burg‑Birstein als kurhessischer

    Standesherr die Rechte ausübte.

1817  Das Amt Ronneburg, bis 1654 Amt „Selbold“, erhält die Bezeichnung „Langen­selbold“

1821  Sämtliche Orte des Gerichts Selbold werden dem Kreis Gelnhausen zugeteilt.

1823  Bau des alten Hinserdorfer Schulhauses (Türmchen) am Steinweg.

1830  Seit 1.1. gehört Selbold zum Kreis Hanau.

1836  Bau des Klosterberger Schulhauses. Einwei­hung 1838.

1844  Einweihung des Totenhofs an der Kinzig­straße.

1847  Der  Zehnte, die Spann‑ und Handdienste und Fronen werden abgelöst

1848  Turnvater Jahn hält von einem Fenster des Gasthauses „Zum Goldenen Engel“ aus

    vor versammeltem Volke eine Rede über die politischen Zeitverhältnisse.

1848  Die von der Standesherrschaft erblich ausgeliehenen Güter und Grundstücke der

    Gemarkung werden freies Eigentum der bisherigen Entleiher.

1848  Verlegung der Synagoge aus der Judengasse nach dem Steinweg.

1849  Die nach der bisherigen Gesetzgebung dem Standesherrn zugestandenen Rechte der

    Gerichtsbarkeit und sonstigen Verwaltung sowie der Aufsicht im Kirchen‑ und Schul-

    wesen gehen auf den kurhessischen Staat über.

1853  Gründung der israelitischen Schule im Steinweg.

1854  Kurhessen erwirbt für 3.000 Taler das seit Oktober gemietete Amtsgericht als

    Eigentum.

1854  Die baufällige Peterskirche auf dem alten Friedhof wird auf Abbruch verkauft

1858  Bau des Gefängnisses im Steinweg.

1866  Selbold fällt mit dem übrigen Kurhessen an das Königreich Preußen.

1867  Am 1. Mai Betriebseröffnung der Staatsbahn Hanau‑Wächtersbach.

1870  Bau der Schule in der Schulgasse, Einweihung am 01.05.1872.

1872  Bau der durch Selbold gehenden Frankfur­ter Quellwasserleitung.

1895  Bau des alten Rathauses.

1896  Am 1. Oktober Eröffnung der Hanauer Kleinbahn.

1898  Gründung einer Zigarrenfabrik von Hosse, Hanau, im Nebengebäude des Schlosses.

1899  Alle Straßen des Ortes erhalten amtlich bestimmte Namen und werden durch blaue

    Emailleschilder mit weißer Schrift kenntlich gemacht. Neue Numerierung: auf der

    einen Seite gerade, auf der anderen ungera­de Nummern.

1899 Bau der Knabenschule mit Turnhalle für 130.000 Mark, Einweihung am 31.10.1900.

1902  Erstmalige Erhebung von Umlagen oder Gemeindesteuern (25,5% der Staatssteuern). 1904  Eröffnung der Freigerichter Kleinbahn am 15. Oktober.

1910  Erstmalige Erhebung von Kirchensteuern, 13% der Staatssteuern.

1910  Am 29. Mai Einweihung des Buchbergtur­mes.

1910  Errichtung der Leimfabrik.

1911  Am 29./30. Mai große Überschwemmung. Wolkenbruch bei Mittelgründau.

1911  Stiftung der Jahn‑Gedenktafel durch den Turnverein.

1913  Um‑ und Anbau des Amtsgerichts. Kosten 82000M (bis 1914)

1914  Letzte Zahlung der von den Gemeindeglie­dern zu entrichtenden Zehntgelder.

    Sie dien­ten zur Zinszahlung und Abtragung der geliehenen Ablösungskapitalien.

1918  Bildung des Arbeiter‑ und Soldatenrates. 10 Arbeiter und 5 Bauern.

   Infolge Waffenstill­standes Truppendurchmärsche und ‑ein­quartierungen.

1927 Der Kreistag beschließt am 11.2. den Ankauf des Langenselbolder Wasserwerkes für

   140.000 M von der Allgemeinen Gas‑ und Elektrizitätsgesell­schaft, Bremen.

   Inbetriebnahme des Grup­penwasserwerkes am 1.11.1927.

1945  Einmarsch der Amerikaner in Langen­selbold am 30.3.

1946  Mai: Flüchtlinge aus dem Sudetenland finden ein Notlager im Saal des „Hotel Adler“.

1950  Beginn der Kanalisationsarbeiten.

1963  Beginn der Gewerbeansiedlung am Bahnhof.

1963  Das Freischwimmbad wird eröffnet (heute beheizt).

1964  Einweihung der Schule am Weinberg.

1968  Am Europatag 5.5.1968 Verschwisterung mit den Gemeinden Simpelveld

    (Niederlande) und Mondelange (Frankreich).

1968  Das Altenwohnheim Haus Gründautal wird bezogen.

1969  Beginn der Gesamtschule mit Errichtung der Förderstufe ‑ heute Käthe‑Kollwitz‑Schu­le

1969  Eröffnung des Kindergartens Buchbergblick.

1974  Die ersten Camper kommen zum künftigen Campingplatz Kinzigsee.

1976  Die Stadt erwirbt die Schloßanlagen vom Fürsten von Isenburg‑Birstein.

1976  Einweihung des neuen Feuerwehrgeräte­hauses.

1979  Eröffnung des Strandbades Kinzigsee.

1982  Das Autobahndreieck Langenselbold entsteht durch Umwidmung der B 40 zur A 66.

1983  Fertigstellung der Festhalle.

1983  Verleihung der Stadtrechte.

1991  Einweihung der Kindertagesstätte „In den Hohlgärten“.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 1682; 1855 = 2628; 1885 = 3149; 1905=4951; 1919 = 5311; 1925=5725; 1939=6335; 1946=7968; 1953 = 8755, davon Heimatvertriebene = 1066, Evakuierte = 545.

Bekenntnis: (1835 von 2276 Einwohner 6 Katholiken, 170 Ju­den) 1905: ev. = 4584, kath. = 139, israel. = 224, sonst. = 4; heute: ev. = 6907, kath. = 1140, sonst. = 608.

 

Wirtschaft: In der Land‑ und Forstwirtschaft sind tätig 584, in Industrie und Handwerk 2053, in Handel, Geld‑, Versicherungs- ­und Verkehrswesen 443, im öffentlichen Dienst 639 Personen. Unter diesen Erwerbspersonen sind 1678 Auspendler. ‑ Ein Neu­bürger gründete einen Webereibetrieb. Zahlreiche Bauhand­werker, Pflasterer usw.; Baugeschäfte.

 

Rundgang

Von der Autobahn fährt man geradeaus über die Ampelkreuzung zum dreieckigen Marktplatz.

Dort steht rechts das Hotel Gasthaus „Zum Engel“ von 1707, ein ehemaliges Jagdhaus der Grafen von Ysenburg-Birstein. Anfang des 18. Jahrhunderts ging es durch Schenkung an die Familie Köhler über. Das Fachwerk zeigt im Ober­geschoß den „Wilden Mann“ (Türklopfer in: Hanau Stadt und Land, Seite 10). Vom Gast­haus „Zum Engel“ sprach am 12. April 1848 Turnvater ]ahn zu einer Volksversamm­lung auf dem Platze. Der Marktbrunnen (ein Ziehbrunnen) trägt die Jahreszahl 1704 (oder 1794ß) mit dem Ysenburger Wappen, mithin ohne den Löwen. Das gegenüberliegende kleine Eckhaus mit rauhem Steinunterbau war das ehemalige Amtsgerichtsgebäude und Gefängnis.

 

Etwas nördlich des Marktplatzes kommt man über die neu erbaute Gründaubrücke. Die alte Gründaubrücke von 1612 (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 227) trug vier Inschrifttafeln mit folgendem Wortlaut:

1.    Isen­burg. Wappen mit den Buchstaben W. E. G. Z. Y. V. B. (Wolfgang Ernst Graf zu Ysenburg und Büdingen.

2.    ALS MAN ZELT 1612 JAR / IM AUGSTMONT ICH GFBAUWET WAR , DURCH EINEN REICHEN GOTTES SEGEN / DEN SELSOLDER MARCK MIR BRACHT ZVWEGEN  (d. h. die Brücke wurde im August 1612 aus dem Ertrag des Selbolder Markwaldes erbaut).

3.    VOR­STEHER GEORG LVCK KELLER. / BALTHASAR FISCHER SCHVLTHEIS

4.    IOCOB MEL. HANS KNEISEL. HANS RVS. 1. S. S. B. (vielleicht die Stein­metzen?).

 

Von der alten Peters­kirche am Friedhof in der Nähe der Gründaufurt (bzw. Brücke) gibt es keine Reste, sie wurde 1854 ab­gebrochen. Diese alte Pfarrkirche wurde 1368 dem Heiligen Petrus geweiht. Sie war Mutter­kirche des Gerichts Selbold. Das Patronat besaß das Kloster Selbold, das vor 1108 bei der Johanneskirche gegründet wor­den war. Tochterkirchen waren Hüttengesäß und das Kirchspiel Nieder­mittlau. Schon früher wurde eine Liebfrauenkapelle bis auf Fun­damentreste abgetragen. Die Ummauerung des gemeinsamen Kirchhofes geschah zum Teil im Fischgrätenverband mit Eckverstärkung zum Flußufer als Wehrkirchhof.

 

Man fährt dann wieder zurück und biegt rechts ab und dann wieder nach links in den Steinweg, die andere Hauptstraße im alten Ortskern. Am Ende biegt man rechts ab zur Kirche und zum Schloß.

Langenselbold besitzt unter den Landgemeinden die weiträumigste und hoch­ragendste Kirche des unteren Kinzigtales. Man erkennt deutlich den mächtigen Körper der quergestellten Ellipse mit drei rechtwinklig schließenden Kreuzarmen, deren südlicher das Untergeschoß des Turmes bildet. Der Turm steht in der Mitte der Langseite und hinter ihm steigt das hohe geschieferte Zeltdach auf, die gesamte Ellipse überspannend. Die Kirche hat ein auf­fallend hohes Dach und gotisierende Fenster.

Die heutige Pfarrkirche wurde in den Jahren 1727 bis 1735 errichtet. Der Erbauer des neuen Gotteshauses war Graf Wolfgang Ernst III. von Isenburg, der als Fürst sich seit 1744 Wolfgang Ernst I. nannte. Ob die Kirche vom Baumeister des Schlosses erbaut wurde, steht nicht fest.

Das Innere der Kirche hat durch die Restaurierung die ursprüngliche Klarheit zurückge­won­nen und das durch die hohen Fenster einströmende Licht gibt dem weiten Oval des Raumes seine volle Entfaltung. Der Altar steht an der Nordseite, ebenso die Kanzel.

Am 11. Februar 1883 wurde die durch die Firma Wilhelm Ratzmann, Gelnhausen, auf­ge­stellte Orgel eingeweiht. Im Jahre 1959/60 wurde sie durch die Firma Walcker, Ludwigsburg, umgebaut und befindet sich auf der der Kanzel gegenüberliegenden Empore, darunter stand einstmals der Stuhl des Landesherrn. Auf die Kanzel als dem Ort der Verkündi­gung sind die ausgreifenden Emporen ausgerichtet.

Nach aufwendigen Reparaturarbei­ten ist auch die historische Uhr aus dem Jahre 1893 in der evangeli­schen Kirche wieder intakt. Die Firma Turm‑, Hof‑ und Eisenbahn-­Uhren‑Fabrik J. W. Weule zu Bockenem am Harz, welche die Uhr „in erster Quali­tät“ hergestellt hat, existiert schon lange nicht mehr. Im Zuge der Kirchturmsanierung war auch die Zeitan­zeige einer Generalüberholung unterzogen worden. Sie ist eine der letzten funktionsfä­higen mechanischen Turmuhren in der Re­gion. Als im Jahre 2000 das Zifferblatt der Turmuhr erneuert und das Uhrwerk aus­gebaut werden musste, entschied sich der Kir­chenvorstand für die historische Analage mit weiterhin großem Wartungsauf­wand. Der technisch gute Zustand der Uhr und die Möglichkeit, Motor getriebene Selbstaufzüge für die schweren Uhrge­wichte zu installieren, bewogen den Kir­chenvorstand dazu. So wurde eine der letzten funktionsfähigen mechani­schen Turmuhren im Main‑Kinzig‑Kreis bewahrt. Ende April 2002 kehrte die Kirchturmuhr zurück.

Es ist heute nicht mehr festzustellen. ob die Langenselbolder Kirche in einem Zuge mit der Schloßanlage geplant worden war. Einiges legt diese Vermutung nahe. Gleich als man die erste Bauphase dort abgeschlossen hatte, begann man mit dem Bau der Kirche. Sie ist zwar nicht direkt in die symmetrische Schloßanlage eingebunden. nimmt aber mit ih­rer Turmfassade darauf Bezug. Unter Förderung von Wolfgang Ernst III. entstand hier in Langenselbold keine Schloßkirche, sondern ein großzügiger Kirchenbau für die Ge­meinde.

Die Kirche wurde in achtjähriger Bauzeit in den Jahren 1727 bis 1735 errichtet. Der Tag der feierlichen Grundsteinlegung wird uns überliefert. Am 23. Mai 1727 fand das Er­eignis im Beisein Wolfgang Ernsts, der die Grundsteinlegung vornahm, und vieler Gä­ste statt. Ein anderes Datum überliefert uns das Gebäude selbst. Im Turmobergeschoß wurde neben den Initialen Wolfgang Ernsts die Jahreszahl 1728 eingemeißelt. Es ist anzunehmen, daß in diesem Jahr die Arbeiten am Rohbau weitestgehend beendet wur­den. Es läßt sich nachweisen, daß der Turm noch im gleichen Jahr fertiggestellt wurde. Am 14. Oktober wurden Kosten vermerkt,  die beim Aufstecken des Thurm-Straußes entstanden waren. Turmknopf, Hahn und Kreuz wurden noch im gleichen Jahr vom Hanauer Maler Appelius vergoldet. 1729 ist man dann schon mit dem Innenausbau beschäftigt. Der herr­schaftliche Kirchenstuhl wird angefertigt. Am 7. September 1735 konnte die Kirche eingeweiht werden. Wieder war Wolfgang Ernst mit Gästen anwesend. Mit Trauungen und einer Taufzeremonie übergab man die Kirche ihrer Bestimmung.

Bis heute konnte die Kirche die Zeit relativ unbeschadet überstehen. Einquartierun­gen im 7jährigen Krieg oder etwa der Durchzug der französischen Truppen nach der Schlacht bei Leipzig hinterließen nur geringe Schäden. Natürlich fanden im Laufe der Zeit immer wieder Reparaturen statt. Einiges mußte ausgebessert werden, anderes war zu er­neuern. 1893 erst soll die Kirche nach Auskunft von Siemon (Festschrift). ihre Turmuhr erhalten ha­ben. Im Jahr 1891 baute man eine Heizung ein. 1906 folgten Wasserleitung und Gasbe­leuchtung. Die beiden farbigen Fenster wurden der Kirche 1911 übergehen Damals wur­den sie rechts und links vom Altar eingesetzt. Heute sind diese Fenster hinter West- und Ostempore zu sehen. Auch die Stuckrosette der Decke stammt aus der Zeit um die Jahr­hundertwende.

In den Jahren 1959 und 1960 fanden umfangreiche Renovierungsarbeiten statt'. Heute präsentiert sich die Kirche äußerlich nahezu unverändert, im Innern jedoch wurden Umbauten vorgenommen. Verschwunden sind die alten Kirchenstühle, auf die Siemon in seiner Beschreibung von 1935 noch hinweist, und auch die Kanzelwand wurde verän­dert.

Baubeschreibung

Die nördlich der Schloßanlage gelegene Kirche von Langenselbold steht in deutlicher Beziehung zu den Schloßgebäuden. In leichter Schrägstellung dazu liegend, wendet sich die Kirche mit ihrer Turmseite der Schloßanlage zu'. Die Kirche erreicht eine West-Ost-Ausdehnung von 31 Meter. die Tiefe läßt sich in etwa mit 28,50 Meter angeben. Der Turm ragt rund 42 Meter in die Höhe.

Wir stehen in Langenselbold vor einem Kirchengebäude, dem ein Oval zu Grunde liegt. Wie in Steinau wurde dem Baukörper nach jeder Seite hin ein rechteckiger Anbau vorgelegt. Der Turmvorbau liegt nicht vor der Schmalseite, sondern vor der südlichen Langseite, so daß in Langenselbold die Querorientierung schon äußerlich in Erscheinung tritt. Die drei übrigen Vorbauten sind risalitartig mit einem niedrigen Walmdach. das an das hohe Kirchendach stößt. Man kann Margarete von Isenburg zustimmen, die die Silhouette des Bauwerks als Dreieck beschreibt. Vor der Südfassade stehend erfahrt man Turmuntergeschoß und den dahinterliegenden Baukörper als Basis dieses Dreiecks. Das hohe steile Dach des Kirchenschiffs leitet über zur Dreiecksspitze, die vom Turm gebil­det wird.

Das Baumaterial, das bei der Kirche Verwendung fand, haben wir schon bei der Schloßanlage kennengelernt. Wir sehen hier ähnliches Bruchsteinmauerwerk. das rötlich-braun wirkt und daneben , wie bei allen Hermannschen Bauten, Sandstein..

Wie Wohn- und Fruchtbau erhielt auch die Kirche ein Schieferdach. Das Dach der Kir­che ist sehr hoch aufsteigend, zeigt aber auch wie die beiden Profanbauten eine Reihe von Giebelgauben, die den darunterliegenden Fenstern zugeordnet sind.

Wie wir es schon bei anderen Gebäuden kennengelernt haben, erhebt sich die Lan­genselbolder Kirche über einem dem übrigen Mauerwerk gleichartigen Sockel, der durch seinen Sandsteinabschluß optisch abgetrennt wird. Genutete Sandsteinbänder betonen die Ecken der Vorbauten und die des Turmaufbaus. Fenster und Portale werden durch Sandsteinrahmung hervorgehoben. Ein breites Sandsteinfeld, das von zwei Gesimsen gerahmt wird, wir haben es ähnlich schon in Steinau kennengelernt. schiebt sich zwischen Turmgeschoß und rechteckigen Unterbau. Auch in Langenselbold überspielen zwei Sand­steinvoluten den Obergang von rechteckigem Untergeschoß zu quadratischem Turmauf­bau.

Die Kirche zeigt acht große Rundbogenfenster, je zwei dort, wo zwischen den Vorbau­ten die gekrümmte Wandfläche des Kirchenovals in Erscheinung tritt. Auch in Langensel­bold werden die Fenster von einem schlichten Sandsteinrahmen mit Schlußstein umgeben. Zum ersten Mal lernen wir das  „Hermannsche Maßwerk“ kennen, das noch bei späteren Bauwerken des Baumeisters zu sehen sein wird. Es ist ein Maßwerk der einfachsten Art. Das Fenster wird vertikal halbiert, der trennende Steinstab teilt sich im oberen Bereich, so daß die Fensterfläche in zwei schmale Spitzbogenfelder mit einem dazwischenliegenden Zwickel geteilt wird.

Man kann die Kirche durch vier Eingangsportale betreten. Wir finden eines in jedem Vorbau. Im Westen. Norden und Osten zeigt das Portal jeweils gleiche Gestaltung. Wir se­hen als oberen Abschluß ein waagrechtes Gesims, dessen verkröpfte Enden als Kapitell der das Tor flankierenden Pilaster erscheinen. Die Türöffnung selbst wird wieder zusätz­lich von einem schlichten Rahmen mit Schlußstein umgehen. Der verbleibende Raum zwi­schen der Tür und abschließendem Gesims wird plastisch hervorgehoben, so daß eine Art Bekrönungsfeld über der Türöffnung zu sehen ist. Das Portal im Süden zeigt wie die übri­gen schlichte Rahmung mit Schlußstein. Auch hier sehen wir die flankierenden Pilaster. Doch bilden hier im Süden die Kapitelle die gesprengte Basis eines Dreieckgiebels. Durch­brochen wird diese Basis von einem querovalen Fenster.

Über jedem der Eingangsportale ist ein weiteres Rundbogenfenster mit Maßwerk zu sehen, doch ist dieses Fenster kürzer als die zuerst erwähnten. Das Nordportal wird zusätz­lich von zwei hochovalen Fensteröffnungen flankiert. Weitere Fenster zeigt der Turmvor­bau. Im Untergeschoß ist in West- und Ostwand je ein Rundbogenfenster. Im oberen Be­reich sieht man nach Süden. Osten und Westen hin je zwei übereinanderliegende Rundbo­genfenster. Über den südlichen Fenstern, schon vor der Haube gelegen, sieht man eine sandsteingerahmte Uhr.

Wenden wir uns abschließend der schiefergedeckten Turmhaube zu. Wir sehen eine Haube mit mächtiger Laterne. Diese Laterne erhebt sich über einem mächtigen Gesims und zeigt eine quadratische Form mit abgeschrägten Ecken. Wiederum über einem Gesims ist das Laternendach und darüber sind. wie gewohnt. Knopf. Kreuz und Wetterhahn zu se­hen.

Das Innere der Kirche ist als Oval zu erfahren. Ähnlich wie in Steinau fallen die recht-eckigen Vorräume kaum ins Gewicht. Die Langenselbolder Kirche ist auch im Innern querorientiert. Kanzel und Altar liegen vor der nördlichen Langwand. Stühle und Emporen sind darauf ausgerichtet. Siemon gibt die Maße im Innern an. Laut seiner Aussage mißt die große Achse 23,80 Meter, die kleine 18,40 Meter. Die lichte Höhe beträgt 10,30 Meter.

Bei der letzten Renovierung bemühte man sich darum, den barocken Farbeindruck wiederherzustellen. Wir sehen blaßrosa Wände. die gerade Decke, die den Raum über dem Abschlußgesims überspannt, ist weiß. Stühle. Emporen und Kanzel zeigen Grauab­stufungen. Die Kanzel wird zusätzlich durch sparsame Verwendung von Gold betont.

Kanzel und Altar sind noch an ihrer ursprünglichen Stelle zu sehen. Der Altar. heute ein moderner Sandsteintisch. steht vor der Kanzel. Verändert hat sich die Kanzelwand. Der nördliche Vorbau war ursprünglich nur durch eine Holzwand verbaut, an der die Kanzel aufgehängt war. Über ihr waren ursprünglich Emporeneinbauten. Hier fand die erste Orgel ihre Aufstellung. Erst die Orgel des 19. Jahrhunderts wurde auf der gegenüberliegenden Seite untergebracht. Heute wird der Vorraum durch eine Wand vom Kirchen­raum getrennt. Die Kanzel, gemeint ist das barocke Original, ist an dieser Wand aufge­hängt. Eine Wandverkleidung aus Holz erinnert an den alten Zustand'.

Ähnlich wie in Steinau ordnen Einzelstühle halbkreisförmig um Altar und Kanzel. Der Kirchenbeschreibung von Siemon ist die alte Stuhlordnung zu entnehmen. Der Her­renstuhl der Isenburger Grafen lag im Süden, Altar und Kanzel gegenüber'"

Die geschwungene Empore prägt entscheidend den Raum-Eindruck. Im Osten. Süden und Westen verlaufend ragt sie weit in den Raum hinein. Man kann sie über Treppen errei­chen, die in den Vorbauten untergebracht wurden. Auf der südlichen Empore, die hier in den Raum vorschwingt,  ist heute die Orgel zu sehen. Im Westen und Osten sieht man je­weils ein zweites Emporengeschoß. Hinter den Emporeneinbauten wird hier der Vor­raum sichtbar. Auch im Erdgeschoß ist er zu erfahren. Die trennende Wand zwischen Kir­chenraum und Vorraum wurde hier, im Gegensatz zu der im Süden, leicht zurückgesetzt.

 

Bachtanz

Der Bachtanz entstand aus einer Haferstrafe, die irgendwann in eine Wasserstrafe umgewandelt wurde. Des­wegen mußten die Menschen durch die Gründau stapfen. Bis 1790 mußte der

Bachtanz an der Gründaubrücke als Verpflichtung der Gemeinde durchgeführt werden.

Die Geschichten, die über der Bachtanz erzählt werden,­ weisen die Langenselbolder als tapfer und aufmüpfig aus. Nach einer Sage, aufge­schrieben von dem Hanauer Pfarrer Cala­minus, sollen sich die Selbolder Bauern zwischen 1460 und 1464 gegen auferlegte Steuern der Grafen von Isenburg aufge­lehnt haben. Eine Schar verbündeter Mainzer Soldaten soll daraufhin das Dorf angegriffen, aber von den mit Mistgabeln und Dreschflegeln bewaffneten Bauern in die Flucht geschlagen worden sein. Vor Freude tanzten die Frauen im Gründau­bach. Die Steuern wurden dem Dorf zwar vom Fürst erlassen, aber als Strafe sollten sie fortan zum Jahrestag durch den Bach tanzen müssen.

Es gibt noch eine andere Version der Geschehnisse. Danach zog der spanische Genaral Spinola 1621 plündernd durch das Land und überfiel, gemeinsam mit den Mainzer Soldaten, das Dorf. Auch hier wehrten sich die Selbolder Bauern er­folgreich und tanzten anschließend über­mütig in der Gründau.

Weil eine „Interessenge­meinschaft Bachtanz“ den historischen Brauch als Volksfest wiederbeleben will, herrscht Streit in der Gründausstadt. Denn für den Heimatverein verbinden sich damit vor allem die großaufgezoge­nen Heimatspiele während der Nazi‑Zeit. Zwar distanziert sich die IG Bachtanz öffentlich davon, daß der Bachtanz 1935 bis 1939 für nationalsozialistische Propa­gandazwecke ausgenutzt wurde. Er will laut seinem Ersten Vorsitzenden Georg Spatz kein pompöses Heimatspiel, son­dern die Wiederbelebung des Festes zur Kirchweih in „einer überarbeiteten, zeit­lich angepaßten Version“.

Jedoch auch mit Umzügen der Vereine durch die Stadt, Mainzer Reitern, Tanz in der Grün­dauhalle und einem Jahrmarkt mit Marktständen, Gauklern, Schiffschaukel oder Ballwurfbude, wie es im Handzettel der IG und in einer Protokoll‑Nieder­schrift heißt. Auch das Rollenbuch von Hermann Gottlieb soll wieder als Theater­stück aufgeführt werden und eine Tanz­gruppe in Selbolder Tracht auftreten.

Was den Heimatverein stark an die Ziele in den 30er Jahren erinnert, assoziiert ein Bachtanzvertreter auf der Grün­dungsversammlung der Interessenge­meinschaft eher mit den Ritterspielen auf der Ronneburg. Die Bachtanz‑Wie­dergeburt könne touristische Attraktion werden, wie vor Jahrhunderten schon, glauben sie.

Doch selbst überarbeitete Versionen des Bachtanzes, wie die IG sie in Ansätzen formuliert hat, erfüllen den Heimatverein mit Skepsis. In dieser großen Form gab es das Fest vor 1935 nicht. Wenn überhaupt könne sich der Heimat­verein nur für die authentische schlichtere Fassung mit Tanz, Trinkspruch und Musik erwärmen.

Ein Redner der IG wirft den Kritikern vor, „kein richtiger Heimatverein zu sein, der das Brauchtum pflegt". Denn sonst habe man schließlich jetzt nicht extra einen eigenen Verein aufmachen müssen. Die Satzung der „IG Bachtanz“ liest sich denn auch wie die Gründung eines zweiten Heimat‑ und Geschichtsvereins. Von Babbelabenden ist die Rede, und von der Pflege des Brauchtums, von der Wie­derbelebung des Bachtanzes sowie dem Angebot von Seminaren und Ausstellun­gen.

Bei der Gründung der Interessengemeinschaft verteilt Georg Spatz zur Information einen Artikel, der sich ausgerechnet auf die Bachtanz‑Forschungen des inzwi­schen verstorbenen Langenselbolder Hei­matforschers Wilhelm Völker bezieht. Völker war in den 30er Jahren ein stadt­bekannter Parteigänger der NSDAP.

Acht Aktenordner mit Heimatforschung zum Thema hat Georg Spatz inzwischen gesammelt. Den Bachtanz samt Kerb wie­der aufleben zu lassen, sei seit Jahren „sein großer Wunsch“. Auch der von Emi­lie Steinhauser, der nach eigenen Worten „das Brauchtum am Herzen liegt“. Sie kennt die Bachtanz‑Hei­matspiele der 30er Jahre noch aus eigener Anschauung. Sie spielte damals die Für­stin von Isenburg in Gottliebs Theater­stück.

Für den Heimat‑ und Geschichtsverein der Stadt fängt die Krux damit an daß es viele Sagen, Vermutungen und Legenden gibt, aber wenig konkretes zum Bachtanz. Um ein Fest über den Bachtanz wiederzubeleben, müsse aber der historische Hintergrund klar sein und auch die Art, wie das Fest in seinen Ursprüngen gefeiert wurde. Allein auf Sagen oder auf das, was die National­sozialisten 1935 bis 1939 aus dem Bach­tanz gemacht haben, will sich der Ge­schichtsverein nicht beziehen.

Zieg ging in die Archive. Seit Ende ver­gangenen Jahres hat er in den fürstlichen Archiven in Büdingen nach Dokumenten geforscht. Er stieß auf 76 Urkunden über den Bachtanz. Die früheste stammt von 1621 und die älteste von 1769. Sein Fazit: Der Bachtanz ist aus einer Haferstrafe entstanden. 20 Strich Hafer mußte das Dorf zahlen, weil sich die Langenselbolder nicht an das sonntägliche Tanzverbot des reformierten Adligen von Isenburg gehal­ten hatten. Weil die Bauern zu dieser Zeit wenig zu Essen hatten, wurde die Haferstrafe ­in eine Wasserstrafe umgemünzt.

Später wurde daraus ein Volksfest, das sogar Gäste aus Frankfurt und Hanau anlockte und ein einträgliches Geschäft für die örtlichen Gastwirte wurde. Um 1720 schlief der Brauch ein, wurde gegen 1755 wiederbelebt, aber 1769 dann doch abge­schafft.

Auf die 1867 verfaßten Erzählungen des Pfarrers Calaminus fand Michael Zieg keinen historisch belegbaren Hinweis: Wohl waren damals Mainzer Soldaten in der Gegend aktiv, denn Dieter von Isenburg‑Büdingen war Erzbischof und Kur­fürst von Mainz und durch sein politi­sches Engagement in längere Kriege ver­wickelt. Doch ein Aufstand der Bauern zu dieser Zeit wäre revolutionär gewesen. Fast so wie die französische Revolution und das hätte sich sicher in den Archiven niedergeschlagen. Es gibt 321 Urkunden über die fürstliche Fehde Dieter von Isenburgs im Büdinger Archiv, aber keine erwähnt eine solche Begebenheit wie ein Scharmützel zwischen Soldaten und Bauern.

Laut Zieg gibt es aber auch Historiker wie Georg Maldfeld, die die blutrünstige Sage in Zweifel ziehen und auch Veröffentlichungen in den hessi­schen Blättern für Volkskunde äußern sich skeptisch. Auch Calaminus selbst ha­be zugegeben, nicht Einsicht in die Archi­ve genommen zu haben, sondern sich auf Erzählungen im Volke bezogen.

Zumindest aber der Bachtanz als sol­cher ist belegt. Auch wie er in seinen Ur­sprüngen gefeiert wurde. Nämlich zum Kirchweihfest, mit Kerbbaum, drei Paa­ren, die ausgewählt wurden und durch den Bach tanzten, anschließendem Trink­spruch auf den Fürsten. Musikanten spielten auf dem Marktplatz.

Mitte des 18. Jahrhunderts wird der Bachtanz abgeschafft. Wohl weil die Lust daran vergangen war, die Haferstrafe mittlerweile nicht mehr galt und auch es immer häufiger zu Streitigkeiten während des Festes kam. Wieder aufgefährt wird er erst wieder 1911 im Selbolder Gasthaus „Zur deutschen Einigkeit“ in Form eines Theaterstückes. Text und Lieder sollen von Fritz Schleucher stammen, der schon zuvor einen Gedichtsband über den Bach­tanz verfaßte. Im Jahre 1917 wird im Saal des „Friedrichseck“ der Dreiakter von Her­mann Gottlieb aufgeführt. Er lehnt sich allerdings an die Sage des Pfarrers Cala­minus an.

Gottliebs Rollenbuch war es auch, das die Nazis 1935 als Grundlage für ihre Heimatspiele zum Bachtanz in Langenselbold nutzten. Doch darin tauch­te plötzlich der raffgierige Jude auf, der die germanischen Bauern mit Zinsen knechtete. Als Blut‑und-Boden‑Spekta­kel wurde aus dem Bachtanz ein großan­gelegtes Freilicht‑Fest, an dem das ganze Dorf teilhatte. Es gab Umzüge und ein Heimatspiel. Der Selbolder NSDAP‑Orts­gruppenführer war zugleich auch der Spielleiter.     

Eine Dokumentation des Geschichtsvereins zum 25 jährigen Bestehen des Vereins zeigt die Ver­strickungen. Über hundert Fotos des Lo­kalhistorikers Richard Gerner aus der Zeit zwischen 1935 und 1938 halten die Festlichkeiten mit Umzug und Theater­stück fest. Die Bilder zeigen aber auch den Ortsgruppenführer der Nazis mit sei­nen Parteianhängern auf der Tribüne. Er war gleichzeitig auch der Festspielleiter. Auf vielen Fotos sind Männer in Uniform zu sehen und auch die Hitler‑ Jugend ist beim Festumzug vertreten. Es durften aber nur diejeni­gen teilnehmen, die in der Partei oder deren Eltern in der Partei waren.

Die Ausstellung gliedert sich in zwei Abschnitte: Den historischen Abriß mit Urkunden und Auszügen aus den Fürstenarchiven und alte Transpa­rente, Fahnen, Kleidungsstücke und auch Auszüge aus dem Rollenbuch. Diese Fun­de stammen aus den Archiven des Hei­matvereins. Dort lagerten sie seit Jahren, waren jedoch wegen der kontroversen Auffassungen nicht gezeigt worden.

Laut Thea Schneider von Langenselbolder Vereinsge­meinschaft handelt der Bachtanz von der Erinnerung an ein siegreiches Scharmüt­zel Langenselbolder Bauern mit Soldaten des Kurfürsten von Mainz. Das Heimat­spiel soll seit rund 60 Jahren nicht mehr aufgeführt worden sein. Das Bachtanz‑Ritual, das am Samstag im August 2001 an der Gründau so ausgesprochen harm­los daherkam, galt einst als umstritten, hatten es doch die Nationalsozialisten für ihre Ziele mißbraucht und als völkisches Heimatspiel groß aufgezogen. Burgermeis­ter Heiko Kasseckert als auch Rudi Bar, Pressesprecher der Interessengemein­schaft Bachtanz, hatten dazu erst im März erklärt, daß man sich klar von jegli­chen Anklängen an die NS‑Zeit distanzie­re. Gezeigt wurde nun eine eigene Fas­sung der angeblich bis ins 14. Jahrhun­dert zurückreichenden Sage. Allein elf Vereine hatten große Festzelte aufgestellt. Mit dem 6. Stadtfest feierte man auch den 18. Jahrestag der Stadterhebung.

 

Wanderung:

Vom Bahnhof läuft man ge­radeaus auf den Waldstreifen zu, dort links zur ampelgere­gelten Verbindungsstraße zwischen B 43, A 66 und Stadt, folgt nach rechts dem begleitenden Rad-/Fußweg, bis nach Queren der Kinzigbrücke der Waldrand erreicht ist.

Hier biegen wir rechts auf den Radweg Nummer 3 hinaus in die Kinzigauen, einen geschützten Landstrich mit weidenbestan­denen Feuchtbiotopen, über dem sich die Kette der begin­nenden Spessartberge erhebt. Nach Waldende, wenn schon links auf einer Anhöhe die ersten Häuser Langenselbolds sichtbar werden, folgen wir dem befestigten Weg bis zur Kreuzung an einer Bank. Hier biegen wir links aufwärts ab, queren die Brücke über die A 66 und treffen drüben auf die Gelnhäuser Straße, der wir uns links anschließen und damit zugleich einen Schritt in die Vergangenheit tun.

Wir halten durch die Gelnhäuser, anschließend Hanauer Straße auf das Schloß zu. Die barocke evangelische Kirche kündigt die Lage des ansehnlichen, streng symmetrischen Schloßge­vierts um den Park an. Heute in städtischem Besitz, beherbergt es neben öffentlichen Einrichtungen eine Kulturhalle sowie das Heimatmuseum mit bäuerlichen, handwerklichen und bürgerlichen Exponaten aus vergangenen Zeiten; auch das Hotel-Restaurant „Dragonerbau“.

Vom Rathausplatz biegen wir links in die Schloßstraße am Hinweis Kinzigsee. Mit ihrer Verlängerung Am Felsenkeller wird die Autobahnbrücke gequert. Wer zum Badesee (mit Parkplatz) und dem Restaurant möchte, geht geradeaus, der eigentliche Wanderweg zieht nach rechts durch die Feld-Auen-Landschaft weiter, zunächst noch in einiger Entfer­nung zu See und Campingplatz im nördlichen Bereich, dann, mit Erreichen des Schafhofs und vor der Gründaubrücke links ab, kommen wir zum Dorado der Segler und Surfer.

Gegenüber auf dem Buchberg (232 Meter) ragt der gleichna­mige Aussichtsturm über die Baumwipfel, zu dem wir als Abschluß noch zum umfassenden Rundblick aufsteigen wollen.

Das westliche See-Ende ist erreicht, der Weg schwenkt herum, und weiter geht es, der Kinzig ganz nahe, durch Wiesen am südlichen Rand entlang bis zur östlichen Spitze, wo für uns der Seenrundgang endet. Über ein Brückchen und geradeaus zum Waldrand wird die bekannte Straße wieder erreicht.

Mit ihr nach rechts bis zur Ampel, dort links, kom­men wir zum Bahnhof zurück, setzen aber zum Endspurt auf den Buchberg an. Das heißt: durch die Unterführung, über den Parkplatz zur B 43, jetzt mit der Markierung roter Strich, auf den Rad-/Fußweg nach rechts, Rodenbach heißt die Richtung, kurz abwärts, dann links über die B 43 zum Na­turparkplatz, von wo der rote Strich einen Pfad den Berg hinaufklettert. Auf der Höhe rechts, an einem Kinderspielplatz vorbei, dann locken Einkehr und Aussichtsturm. Ab­wärts geht es bequem die Zufahrtsstraße hinunter zum Na­turparkplatz und zurück zum Bahnhof (Rhein-Main, 125).

 

Schloß

Mitte des 18. Jahrhunderts entstand unter Verwendung der noch vorhandenen Bausubstanz des Prämonstratenser-Klosters auf dem Klosterberg  das Schloß der späteren Fürsten von Isenburg‑Birstein. Diese Schloßanlage mit Gutscharakter zählt zu den besterhaltensten zwischen Hanau und Fulda und ist vor einiger Zeit in den Besitz der Stadt übergegangen. Baumeister des Schlosses und der benachbarten evangelischen Kirche war Christian Hermann.

Bauherr war Graf Wolfgang Ernst III. zu Isenburg‑Birstein, der bald darauf zum Fürsten von Birstein ernannt wurde. Baumeister war Chri­stian Ludwig Hermann aus Hanau. Die Schloßanlage sollte sich bis fast zur Kinzig er­strecken. Die Bauten wurden im Jahre 1722 mit den Wirtschaftsbauten wie der Dragonerbau und die Herren­scheune begonnen. Als nächster folgte die barocke evangelische Kirche. Im Jahre 1752 begann der ei­gentliche Schloßbau.

Graf Philipp von Isenburg gilt im 16. Jahrhundert als der Begründer der Bir­steiner Linie, dem auch die Langenselbol­der Verwandten zugeschrieben werden. Philipp erhielt nach der Teilung der Graf­schaft 1521 unter anderem die Ronne­burg, die Gerichte Selbold, Gründau, Wächtersbach und Spielberg. Während die Familiengeschichte der Fürsten von Isenburg‑Birstein in vielen Facetten ausgeleuchtet ist, liegt die des we­niger vermögenden Langenselbolder Fami­lienzweiges eher im Dunkeln. Zwar gab es umfangreiche Akten, die in der Rentei la­gerten, doch wurden diese in Laufe des 20. Jahrhunderts vernichtet.

Da der Graf Wolfgang Ernst III. mittlerweile Fürst geworden war, was mit erheblichen Ausgaben verbunden war, fehl­ten die Mittel für den Weiterbau in Langenselbold. Der halbkreisförmige Ge­bäudetrakt, der das Schloß und das heuti­ge Rathaus eigentlich verbinden sollten, wurde daher nie realisiert. Genutzt wurde das Langenselbolder Do­mizil fortan vor allem als Jagdschloß.

Das Schloß ist eine einfache barocke Anlage (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 156). Sechs Gebäude gruppieren sich im Rechteck locker um einen kleinen Park. An den östlichen und westlichen Lang­seiten stehen Scheunen und Remisen, an der südli­chen Schmalseite Gesindewohnungen, je­weils schlichte eingeschossige Baukörper.

An der Nordseite zum Dorf und zur Straße hin sind zwei gleiche Hauptflügel, zwei größere Kavaliershäuser mit Mansarddä­chern aus Bruchsteinen und Sand­­stein­glie­derungen. Die Pilaster auf den Ecken und an den dreiachsigen Mittelrisaliten haben Sperr­fugenteilung. Genutete Eckleisten fassen die Fassaden ein.

Das ehemals als Fruchtbau genutzte Kavaliersgebäude im Westen ist heute Rathaus. Der Wohn­bau im Osten wurde 1749 errichtet und enthält einen Saal mit hervorragenden Stuckarbeiten (vermutlich von Johann August Nahl aus Kassel) und Supraporten (von Chr. G. Schütz d. Älteren). Im Hochparterre des Hauses befinden sich eine Vorhalle und eine Ba­lustertreppe zum Obergeschoß und in der Mitte des Hauses oben und unten ein weiterer großer Saal.

 

Die Bewoh­ner wechselten häufig in den darauffolgen­den Jahrhunderten. In einem kleinen Zimmer mit dunklen Holzwän­den und noch verbliebenen antiken Mö­beln soll Napoleon in der Nacht vor der Schlacht von Hanau  (30. Oktober 1813) geschlafen haben. Nun soll der korsische Feldherr bekanntlich an vielen Orten schon genächtigt haben. Doch zum Beweis deutet die Adlige Fiona von Isenburg auf die Seidentapete an einer Wand: Die hat einen Schlitz, an­geblich vom Degen, den der Franzosen­-Kaiser in die Wand stieß, um sicher zu ge­hen, daß sich kein Feind dahinter ver­barg.

König Friedrich Wil­helm von Preußen übernachtet hier, der frühere König von Portugal und der Schah von Persien. Prinz Alfons von Isenburg und seine Frau Pauline (die Großeltern des heutigen Fürsten John von Isenburg) zogen 1901 ins Schloß ein und lebten dort bis 1951. Wäh­rend des 1. Welt­krieges war das Schloß Lazarett. Im Dritten Reich wurde das Schloß als Arbeitsdienstlager und als Führerschule der HJ genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Schloß sieben Monate lang Außenstelle des US‑Hauptquartieres von General Eisenhower. Bis 1927 und von 1968 bis 1976 war das herrschaftliche Haus Wohnort Ernsts von Isenburg und seiner Fami­lie (Vater des jetzigen Fürsten John).

Nach langen Verhandlungen faßte das Gemeindeparlament von Lan­genselbold im Dezember 1975 den Beschluß zum Kauf des Schlosses. Am 6. 2. 1976 wurde es aus dem Besitztum des Fürsten Franz Alexan­der von Isenburg, Birstein, zu einem Kaufpreis von 900.000,‑ DM von der Gemeinde Langenselbold erworben, zum Teil waren städtische Grundstücke dafür im Tausch an das Adelshaus gegangen. Die Übergabe erfolgte am 1. März 1976. Das Schloß sollte nach den Wünschen des Gemeindevorstandes ein kulturelles Zentrum werden. Die dort lebenden Prinzessinnen erhielten aber Wohnrecht auf Lebens­zeit für die erste Schloß-Etage. Nach dem Tod der Schwester und der Erkrankung von Margarete von Isenburg geht nun auch die „Bel-Etage“ in städtischen Besitz.

Das denkmalge­schützte Ensemble wurde 1996 erstmals seit Jahrzehnten restauriert. Die gelunge­nen Sanierungsarbeiten an der Außenfas­sade sind abgeschlossen, das Dach erneu­ert und nun denkt die Stadt an einen Aus­tausch der Fenster. Rund 570.000 Mark hat die Kommune bislang aus eigener Tasche gezahlt.

Für die Innenrestaurie­rung des Schlosses und des wertvollen Stucksaales hofft die Stadt auf die vom Land zugesagten Zuschüsse, nicht nur für den Stucksaal mit seinen seidenen Textilbespannungen, auch für die erste Etage und die nicht mehr verkehrs­sichere, aber kunstvoll gearbeitete Holz­treppe in die oberen Stockwerke. Der Förderverein habe in Vergangenheit immerhin rund 13.000 Mark an Spenden und Eigenbeiträgen die Anlage des Schloßgartens investiert.

 

„Ma chère Pauline“ beginnen die Zeilen eines Geburtstagsbriefes, der 1926 in Pa­ris verfaßt wurden. Andere zusammengefaltete Papiere berichten vom harten Leben 1937, von kalten Wintern, in denen nur ein Raum im Schloß beheizt ist, von der Sorge um den Garten und das Gemüse. Wiederum andere sind mit dem Über­see­dampfer aus Amerika gekommen. Der Schwiegervater Ernst von Isenburg schrieb sie Anfang des Jahrhunderts aus Tanzania. Die Löwin, die er dort schoß und in deren Schulter auch ein afrikani­scher Krieger seinen Speer stieß, hängt noch mottenzerfressen an der Wand.

„Wir haben die gesamte Korre­spondenz der Familie seit 1900 in Kisten, Schränken und Schubladen gefunden.“ Das muß nun sortiert werden. Und täglich finden sich neue Erinnerungsstücke, die die 96jährige Margarete, Prinzessin von Isenburg, seit ihrer Geburt im Schloß Langenselbold, aufgehoben hat. Seit dem Tod der Schwester und der schweren Erkrankung von Prinzessin „Maggie“ packt die Familie in der ersten Schloßetage die Kisten. Der endgültige Auszug der Adelstochter steht dem Haus bevor.

Einst kunstvoll gearbeitete Parkettbö­den wirken nun abgenutzt, wertvolle handgemalte Seidentapeten aus dem 18. Jahrhundert sind verschlissen, eine Dec­ke muß mit einem Balken abgestützt wer­den und an vielen Stuckdecken bröckeln die Ornamente. Die eingelassenen Ölge­mälde über den Türen haben die Jahr­hunderte nicht ohne Blessuren überstan­den und auch die goldenen Spiegel über den offenen Kaminen haben blinde Stel­len. Es fehlte an Geld, Möglichkeiten und lange auch an der Initiative, den Zerfall zu stoppen.

Über hundert zum Teil wertvolle Gemälde bangen in den Etagen des Langenselbolder Schlos­ses. Die Jahrhunderte haben an den histo­rischen Ölgemälden ihre Spuren hinterlas­sen. Eine Restaurierung der Werke kostet viel Geld, das Stadt und Denkmalpflege vorerst nicht ausgeben wollen. Wieder einspringt der Förderkreis Schloß in die Bresche. Vorsitzender Hans Badstübner will eine Spendenaktion initiieren.

Die meisten Werke stammen aus dem 18. Jahrhundert. Allein in den vielen Räu­men im ersten Stock und im mittlerweile restaurierten Großen Saal des Schlos­ses tragen 28 Gemälde zum besonderen Flair der Beletage bei. Dabei handelt es sich neben großformatigen Ölgemälden über den Kaminen auch um so genannte Supraporten, zumeist Landschaftsdarstel­lungen, die über den Türen des Saales an­gebracht sind. Elf davon sind in einem be­sonders schlechten Zustand. Starke Ver­schmutzungen nehmen den Arbeiten ih­ren Glanz, lassen sie düster und vergilbt wirken. Feuchtigkeit aus den Lehmwän­den, Salze, Heizungswärme und auch die UV‑Stahlen des Tageslichtes haben ihr Üb­riges zum allmählichen Verfall der Kunst­werke beigetragen.

Ein Anblick, den der Vorsitzende des Förderkreises, Hans Badstübner, jetzt än­dern möchte. Seit 1994 engagieren sich der agile Langenselbolder und sein Förder­kreis für den Erhalt des denkmalgeschütz­ten Schloßensembles. Er und seine Mit­streiter haben in den vergangenen Jahren sichtbare Erfolge im Schloß und auch bei der Gestaltung des Parks erzielt. Dazu zählt erst jüngst die Replik eines neuen, kunstvoll geschmiedeten Zaunes am Ein­gangsbereich des Schloßparks.

Eine der Supraporten hat der Förder­kreis nunmehr in Absprache mit dem Denkmalamt in die Obhut der Hammers­bacher Restauratorin Ina Werns gegeben. Sie soll dem Gemälde von Christian Georg Schütz, einem bekannten Portraitisten, dessen Werke auch im Frankfurter Städel hängen, wieder zu seiner ursprünglichen Brillanz verhelfen.

 

Neben dem sogenannten Napoleon‑Zim­mer gibt es einen gelben Salon, das Emp­fangszimmer, so groß wie ein Ballsaal, ein Jagdzimmer mit hunderten von Trophäen und einen kunstvollen Tisch, an dem an­geblich Strahlenforscher Röntgen schon gesessen haben soll. Im grünen Salon hat Marie‑Luise von Toskana ihr Haupt ge­bettet und gar ein portugiesischer König soll dort zur Welt gekommen sein. „auf portugiesischem Boden übrigens“, wie Fiona von Isenburg erzählt: Vor der Geburt hatte man Erde aus dem Heimat­land unter das Bett der Gebärenden ge­legt.

Gespeist wurde früher im Stucksaal, das Essen wurde über einen Durchgang vom damaligen Fruchthaus, dem heuti­gen Rathaus, in die Küche herüberge­bracht. Im Ersten Weltkrieg war das Schloß Lazarett, im Zweiten Zuflucht für Flüchtlingsfamilien.

Die Räume geben Zeugnis von dieser bewegten und wechselhaften Geschichte, nicht nur die Möbel und Gemälde. Auch die Dokumente wie das Tagebuch des Schwiegergroßvaters Alfons aus dem Er­sten Weltkrieg, Briefe aus seiner Hand, die von Botenhunden überbracht wurden. Schnelle, aber kunstfertige Zeichnungen der Kunststudentin „Maggie“ oder auch so ganz profane Raritäten wie ein akribisch geführtes „Hühnerbuch“ über seine Durchlaucht Geflügelzucht.

 

Bei dem Verkauf des Schlosses im Jahre 1976  blieb nur die „Prinzessin“ zusammen mit ihrer Schwester in der Bel-Etage des Schlosses wohnen. Sie war eine  kunstsinnige, liebenswert skurile Tan­te, die alle „Maggi“ nannten.

Ihr Neffe und seine Familie wohnen schon lan­ge nicht mehr in dem herrschaftlichen Ge­mäuer, sondern in der benachbarten Ren­tei, das große ehemalige Verwalterhaus (Fachwerkbau rechts des Rathauses). Am Klingelschild an der Rückseite steht schlicht „von Isenburg“. Prinz John oder Prinzessin Sigrid sagt keiner in Langensel­bold. Der Umzug damals, erzählt John von Isenburg, fiel eigentlich nur seinem Vater Ernst schwer. Er selbst hatte lediglich von 1968 bis 1976 die Schloßräume bewohnt und in seiner Erinnerung waren die vor al­lem kalt und zugig. 400 Mark Heizkosten pro Zimmer fielen im Jahr an, denkt sei­ne Frau Sigrid ganz pragmatisch. Richtig toll war das Schloß eigentlich nur für gro­ße Feiern, ansonsten kam man sich ziem­lich verloren vor.

Da sind die Räume in der Rentei gemütlicher. „Auf mich hat das Schloß und auch der Titel eher einschüch­ternd gewirkt“, erinnert sie sich an ihren ersten Besuch bei der Familie ihres zu­künftigen Mannes. Kennengelernt hatten sie sich am Frankfurter Flughafen, wo bei­de Arbeit gefunden hatten. Wenn der 57jährige John von Isenburg an Heimat denkt, ist das für ihn ohnehin die Farm im heutigen Tansania, wo er auf­gewachsen ist. Eine Farm an den Ausläu­fern des Kilimandscharo.

Der Vater Ernst von Isenburg war als Marinekadett auf dem Segelschulschiff „Berlin“ auf Weltumseglung gewesen. Als Adeliger von den sozialistischen Ideen der Weimarer Republik abgeschreckt, wander­te er 1927 nach Afrika aus, ließ sich dort mit Kaffeeanbau und Viehzucht nieder. Die Großeltern, Schotten, lebten bereits dort. Als eines von fünf Kindern wurde Sohn John 1944 geboren. Mit wechselnden Stationen, begleitet von den Unabhängig­keits­kämpfen der Afrikaner gegen die Ko­lonialherrschaft, verschlug es die von Isen­burgs von Tansania in den Kongo und schließlich nach Kenia.

John lernte zunächst Kaffeeröster auf der heimischen Plantage, später Maschi­nenschlosser. Sein Vater sattelte von der Landwirtschaft auf den erstarkenden Ferntourismus um und begleitete zuletzt für den Reiseveranstalter Neckermann Fo­tosafari‑Touristen. Im Jahre 1968 kehrte ein Teil der Familie nach Deutschland zurück, da sie angesichts zunehmender innenpoliti­scher Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen für sich keine Zukunftsper­spektiven mehr sah. Während die Schwes­ter blieb, siedelte ein Bruder nach Eng­land, ein anderer in die USA über.

Bis dahin kannte John Eu­ropa nur von einem einmaligen Besuch in der Schweiz. Das war im Sommer. Im ersten nassen und kalten Winter in Langenselbold hat ihn dann ganz schön das Heimweh nach den Tropen gepackt. Hinzu kamen Sprachbarrieren. Der da­mals 24‑Jährige hatte die englische Staats­angehörigkeit und sprach nur Englisch. Ein Akzent, der auch heute noch herauszu­hören ist. Einen deutschen Paß erhielt der Brite erst 1976. Beruflich sattelte er um auf Flugzeug‑Mechaniker, lernte seine Frau am Frankfurter Flughafen kennen. Nach Afrika zog es ihn nur selten zurück. Zwar heirateten er und seine Frau noch in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, aber der Unterschied zu meinen früheren Jahren dort war so deutlich, daß ich nicht wieder zurückgekehrt bin, erzählt er.

Eher englisches Understatement als Adelstradition herrscht im Hause Isen­burg. Am Nachmittag wird statt Kaffee Tee serviert, während der Cockerspaniel auf der barocken Chaiselong im Wohnzim­mer wohlig vor sich hin schnarcht.

Auf den Titel Prinz oder Prinzessin legen die Langenselbolder keinen Wert. Andere adelige Verwandte, mit denen wir ms regelmäßig treffen, reden uns so an, aber im Ort ist das eher unangenehm. „Die Leute denken da immer an tolle Kleider and nobles Auftreten, und davon sind wir doch weit entfernt“, sagt die Mutter dreier Kinder im Alter zwischen 20 und 24 Jah­ren. „Der Titel isoliert. Er schafft Abstand, den wir nicht wollen“, so Sigrid von Isen­burg. Die Familie ihres Mannes habe nie Einwände gegen die Heirat mit einer „Bür­gerlichen“ gehabt.

Zwar bleibt die Familiengeschichte ih­res Mannes für sie interessant, aber ir­gendwie paßt das heute nicht mehr, „Wir haben ja auch nichts dafür getan, sondern ihn geerbt“, erklärt die 57‑Jährige nüch­tern. Am Arbeitplatz und in der Schule wird der Prinz also verschwiegen. Die Kinder wären nur gehänselt worden.

Ortsvereine dagegen kokettieren gern damit, daß die „Prinzessin“ für die Ferienspiele kocht und im Sozialdienst des DRK mitarbeitet. Sie kümmert sich zudem um die kranke Schwiegermutter. Ihr Mann ist bei den Imkern aktiv, aber eigentlich bin ich eher bekannt als der Vater von Phi­lipp, sagt er. Der Sohn ist bei der Jugend­arbeit, beim DRK und der Feuerwehr. Nur eine adelige Tradition haben sich die Isenburgs nicht verkneifen können: Al­le ihre Kinder haben neun Vornamen.

 

Kapelle:

Nach der Vermählung von Prinz Alfons von Isenburg-Birstein mit der Gräfin Pauline von Beaufort wurde in einem Nebenbau der Gutsscheune hinter dem Schloß eine Kapelle zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis eingerichtet und 1902 geweiht (heute nicht mehr zu erkennen). Eine katholische Kirchengemeinde entstand neu am 1. Juni 1924, nachdem seit 1902 in einer Kapelle im Schloß Gottesdienst gehalten worden war. Zu ihr gehören heute Langendiebach, Rückingen, Ravolzhausen und Hüttengesäß. Eine neue Kirche wurde 1953 gebaut. Außerdem gibt es die katholische Kirche  „Maria Königin“ von 1967-69.

 

Baugeschichte

Mit dem Tode seines Onkels fiel Wolfgang Ernst III. von Isenburg 1719 der Be­sitz Langenselbolds zu. Bald schon begannen dort die Bauarbeiten zur Schloßanlage, die auf dem Gelände des ehemaligen Selbolder Klosters, das schon im 16. Jahrhundert zu­grunde gegangen war, entstehen sollte. Die Bauarbeiten sollten sich über einen langen Zeitraum erstrecken. In den Jahren 1722 bis zum Beginn der 50er Jahre des gleichen Jahr­hunderts wurde mit Unterbrechungen gebaut. Zunächst wurden Wirtschaftsgebäude errichtet, erst 1749 wurde der eigentliche Wohnbau in Angriff genommen. In die Zwischenzeit fällt die Errichtung der Kirche. Sie entstand in den Jahren 1727 bis 1735. so daß denkbar wäre, daß man die Fertigstel­lung der Schloßanlage zunächst zurückstellte, um die Handwerker für den Kirchenbau zur Verfügung zu halten.

 

Wir können in Langenselbold von einer ersten Bauphase, die von 1722 bis 1726 dauerte. ausgehen. In dieser Zeit entstanden die Wirtschaftsgebäude. Der Wohn­flügel wurde dann, wie erwähnt, ab 1749 errichtet.

Als man den Wohnbau in Angriff nahm, stellte man eine Liste der Kosten auf, die bei Errichtung des Fruchtbaus (heute: Rathaus) entstanden waren. Bei dieser Aufstellung berücksichtigte man Geldbeträge, die 1722 bis 1726 ausgegeben wurden. Daß in dieser Zeit nicht nur der Bau des Fruchthauses erfolgte, läßt sich durch die Sel­bolder Kellerei-Rechnung belegen. Auch hier sind Baukosten für die Jahre 1722 bis 1726 festgehalten.

 

Die ersten Vorkehrungen für den Bau des herrschaftlichen Wohngebäudes trifft man im Frühjahr 1749. Schon im Januar fragt man in Seibold wegen des Steinmaterials an, das dem des Fruchtbaus gleichen soll. Die Vorbereitung des Bauplatzes wird in Angriff genom­men. Zwei Hofreihen, die hier noch stehen, müssen abgerissen werden. Im Oktober kön­nen Planierungsarbeiten am Bauplatz vorgenommen werden.

Im Juli 1750 wird der Eingang von drei Rissen bestätigt, die der Hanauer Baudirektor nach Seibold gesandt hat. Erläutert wird, daß der erste Riß den Keller, der zweite Riß die unterste Etage und der dritte die Ein­teilung der Mansarde zeigt. Ältere Risse werden ebenfalls genannt.

Im Mai 1752 wird der Bau von Umfassungsmauern erwähnt, man kann annehmen, daß der Bau des Wohn­hauses bis dahin aufgerichtet war.

Auch wenn ihre Nutzung in den folgenden Jahren mehrfach wechselte, so blieb die Anlage doch wei­testgehend erhalten. Verschwunden ist die barocke Gartenanlage. Heute bestimmen mächtige Bäume das Bild. Der Brunnen. der hier früher aufgestellt war, wurde nach Bir­stein versetzt, wo er im vorderen Schloßhof zu sehen ist.

In der Nazizeit wurde das Fruchthaus für Parteizwecke genutzt, heute ist hier das Rathaus untergebracht. Seit Februar 1976 gehört der ganze Komplex der Gemeinde. Doch be­sitzen einige Angehörige des Isenburger Hauses lebenslanges Wohnrecht. Die ganze An­lage wird für Bürger genutzt. Im Wohnhaus finden sich Versammlungsräume und die Stadt­bücherei, im großen Saal können Konzerte und Vorträge stattfinden. In den Nebengebäuden können Bürger- und Vereinsfeste abgehalten werden. Gäste kann man bewirten

 

Baubeschreibung

Bei der Schloßanlage von Langenselhold handelt es sich um eine Gebäudegruppe be­stehend aus sechs Gebäuden, die sich paarweise aufeinander bezogen, symmetrisch um einen rund 127 x 95 Meter großen Rechteckhof anordnen. Im Osten, Süden und Westen wird der Hof von eingeschossigen Wirtschaftsgebäuden eingegrenzt, im Norden stehen die beiden prächtigen Hauptbauten, Fruchtbau und herrschaftlicher Wohnflügel. Alle Ge­bäude wurden aus dem gleichen Baumaterial geschaffen. Buntes Bruchsteinmauerwerk. der Farbeindruck ist rötlich-braun. mit roter Sandsteingliederung bestimmt das Bild.

 

Die Wirtschaftsgebäude:

Bei den Wirtschaftsgebäuden ist die Sandsteingliederung sehr schlicht. Die Gebäu­deecken werden durch genutete Bänder betont. Fenster und Türen erhielten einen schlich­ten Rahmen. Größe und Form der Wirtschaftsgebäude wechseln, unterschiedliche Dachformen setzen Akzente. Alle Dächer dieser Bauten hatten wohl ursprünglich eine Ziegel­abdeckung. Heute sehen wir hier Dachsteine aus neuerer Zeit, die farblich variieren.

Im Westen und Osten erstreckt sich je ein langgestreckter Scheunenhau. der beidsei­tig noch durch niedrigere Anbauten verlängert wird - in denen Ställe und auch Wohn-räume Platz fanden. Jede Scheune zeigt an Hof und Außenseite je drei große Einfahrts­tore. Das Dach ist ein einfaches Satteldach. Die Flankenbauten haben ein Walmdach mit großer Dachgaube. die jedoch auch später erst hinzugefügt sein könnte.

Die beiden Gebäude im Süden der Anlage, die quergestellt und somit den Hauptge­bäuden gegenüberliegend sind, zeigen je zwei Türen in der Mitte, die nach beiden Seiten hin von fünf schlicht gerahmten Fenstern flankiert werden. Über diesen beiden Bauten erhebt sich ein Krüppelwalmdach. Das Dach des südwestlichen Baus ist heute ausge­baut. Der zwischen ihnen gelegene Raum bot Platz für eine Terrasse. die den Ausblick auf die darunterliegende Landschaft ermöglichte.

Die im Norden liegenden Gebäude treten auf Grund ihrer Gestaltung als Hauptge­bäude hervor. Sie sind zweigeschossig und zeigen eine reichere Sandsteingliederung als die übrigen Gebäude. Wir sehen das uns schon bekannte, schmale horizontale Band, das zwi­schen erstem und zweitem Geschoß verläuft. Auch wird der Gebäudesockel, der aus dem gleichen Material wie das übrige Mauerwerk ist, nur durch seinen Sandsteinabschluß abge­trennt. Die Betonung der Gebäudeecken ist ebenfalls vorhanden. Die Dächer unterstrei­chen die Vorrangstellung der nördlichen Gebäude. Hier sieht man schiefergedeckte Man­sarddächer, die eine Reihe Giebelgauben - der Anzahl der Fensterachsen entsprechend - zeigen.

 

Die Fassaden beider Häuser erreichen eine Länge von knapp 34 Meter. Die Bauten sind 15,50 Meter tief und haben eine Firsthöhe von 14,60 Meter. Hof- und straßenseitig zählen wir je 11 Fensterachsen, die drei mittleren, dichter beieinander liegenden, werden durch zwei ge­nutete Sandsteinbänder, wie sie auch an den Gebäudeecken zu sehen sind, zusammenge­faßt. Zur Straße hin wird das Mittelfenster im Erdgeschoß durch eine Tür ersetzt, die durch die Sandsteinrahmung hervorgehoben wird. Flankierende Pilaster und ein vorspringendes Gesims rahmen die Öffnung, die durch einen einfachen Rahmen mit Schlußstein gefaßt wird. Die Seitenwände zeigen fünf Fensterachsen. Ursprünglich hatten beide Häuser in der einander zugewandten Seite einen Zugang. der benutzt wurde, wenn man von einem Haus in das andere gehen wollte.

Der Fruchtbau zeigt heute großflächige Fensterscheiben. die alte Sprossenfenster ersetzen. Im Gegensatz zum Nachbarbau wurden hier an allen Fenstern Läden angebracht. Das Innere wurde völlig umgestaltet. Verschwunden sind die Fruchtböden. heute wird die­ser Bau in viele Räume unterteilt.

Der herrschaftliche Wohnbau wurde weniger verändert. Hier sind noch Sprossenfen­ster vorhanden. Fensterläden erhielten nur die Fenster der Parkseite. Um die Jahrhundertwende wurde an der Ostwand dieses Gebäudes ein risalitartiger Anbau angefügt, hier fan­den Bäder Platz.

 

Im Innern wurde wenig an der ursprünglichen Einteilung verändert. Der Grundriß des Gebäudes zeigt eine einfache und klare Aufteilung. Zwei quer zur Fassade verlau­fende Tragmauern unterteilen in drei Abschnitte. Im Mittelteil, der fünf Achsen in An­spruch nimmt, fanden Eingangshalle und Haupttreppe Platz. Sowohl im Erdgeschoß als auch im ersten Obergeschoß liegt dahinter ein großer Saal von etwa 13 x 8 Meter. Die seitli­chen Gebäudekomplexe werden in kleinere Räume unterteilt, die besonders im ersten Obergeschoß für privatere Zwecke gedacht waren. Die Mansarde wird ebenfalls in klei­nere Zimmer zerlegt. sie liegen an einem schmalen Mittelgang, der das ganze Gebäude in Ost-West-Richtung durchläuft und so den Zugang zu jedem der Zimmer ermöglicht.

Die Ausgestaltung des Marmorsaals im Erdgeschoß wird mit dem Kasseler Kreis um Johann August Nahl in Zusammen­hang gebracht; seine Stukkaturen sind gut erhalten.

 

Zur Planung

Abschließend möchte ich noch kurz auf die Frage eingehen, ob hier in Langenselbold ein weiterer Bau geplant gewesen ist, der dann, wie F. BLEIBAUM bemerkt. quer zur Mit­telachse gestanden hätte. In einer Grundrißzeichnung, die mir von W. VÖLKER zur

Verfügung gestellt wurde und die er nach eigenen Angaben in den 50er Jahren nach einem alten Original gezeichnet hat, ist ein Bauwerk zwischen Frucht- und Wohnbau angedeu­tet. Aus dem schon erwähnten Brief von FRAEB aus der Birsteiner Bauakte geht hervor, daß HERMANN tatsächlich eine Verbindung im Sinn gehabt haben könnte. FRAEB schreibt. daß HERMANN zeigen will „...auf welche weise die Speisen am füglichsten aus der un­ter dem Fruchthaus befindlichen Küche so überhaupt als besonders bei nassem und Regenwetter in den neuen Bau zu bringen seien....“ Margarete von Isenburg hat die Küche im Fruchtbau noch erlebt. Eine Verbindung zwischen beiden Bauten hat es nie gegeben. Ich könnte mir vorstellen. daß HERMANN eine Art Laubengang oder bestenfalls so etwas wie eine Orangerie als Verbindung im Sinn hatte. An einen geplanten mittleren Schloßbau glaube ich nicht. Ich denke, daß hier in Langenselbold in erster Linie ein Wirtschaftsgut entstehen sollte und die Planung von Anfang an den seitli­chen Wohnbau vorsah, dem aus Gründen der Symmetrie ein gleichgestalteter Wirtschafts­bau entsprach. Gebraucht wurden wohl in erster Linie die Wirtschaftsbauten, der Wohnbau wurde erst dann errichtet, als Christian Ludwig von Isenburg hier das Haus errichten wollte und, das belegt die Bauakte, Gelder dafür bereit stellte.

 

Das Kultur‑ und Tagungszentrum „Klosterberghalle“ wurde 1983 in die barocke Schloßanlage der Stadt Langenselbold integriert. Durch Erweiterungs‑ und Umbaumaßnahmen empfiehlt sich die Halle zwischenzeitlich für Tagungen und Kongresse namhafter Veranstalter aus ganz Deutschland. Der tageslichtdurchflutete große Saal und das Foyer, zusätzliche Seminar‑ und Intensivräume, moderne Tagungstechnik und unterschiedliche Bewirtungsmöglichkeiten bieten ideale Voraus­setzungen für Ausstellungen, Präsentationen, Tagungen und Empfänge. Die Ausstattung und das Ambiente werden dabei höchsten Ansprüchen gerecht. Dazu trägt nicht zuletzt auch der angrenzende Schloßpark bei.

Neben regionalen und bundesweiten Kongressen ist die „Klosterberghalle“ aber auch Bühne für zahlreiche kulturelle Veranstaltungen der Stadt Langenselbold und der ganzen Region. Zudem bieten die unterschiedlich großen Räumlichkeiten auch Gelegenheit für Feierlichkeiten, Jubiläen, etc. von Vereinen und Privatpersonen. Dabei kann man sich durch die Gastronomie des angegliederten Restaurants „Dragonerbau“ verwöhnen lassen oder die Bewirtung selbst durchführen. Zu diesem Zweck stehen leistungsfähige Einrichtungen zur Verfügung

Die zahlreichen Veranstaltungen prägen das Kulturangebot der Region.

 

 

Das Prämonstratenserchorherrenstift

Als flache, aber markante Erhebung liegt der heute vollständig überbaute Klosterberg von Lan­genselbold über dem Kinzigtal im Winkel der Ein­mündung der Gründau in die Kinzig. Von der Geschichte des Klosters, das ihm seinen Namen gab (ursprünglich Augustinerkloster, später Prämon­stratenser‑Chorherrenstift St. Johannes der Täufer), sind durch zahlreiche in den Archiven der Schlös­ser in Birstein und Büdingen erhaltene Urkunden die wichtigsten Daten und Gescheh­nisse bekannt.

Das Kloster wurde zu Anfang des 12. Jahrhunderts gegründet. Der erste schriftliche Nachweis seiner Existenz ‑ ein Schutzbrief des Papstes Pa­schalis II. ‑ datiert vom 16. Oktober 1108. Darin bestätigt der Papst die Gründung des Augustinerchorherrenstifts durch Graf Dietmar von Sel­bold.

Graf Dietmar von Selbold gründete im Jahre 1108 „bei dem Selbold genannten Ort“ ein Chor­herrenstift für sein eigenes Seelenheil und das seiner verstorbenen Frau Adelheid. Näheres über die Grafen, die sich seit 1133 „von Geln­hausen“ nannten, ist nicht bekannt, bereits nach 1158 wird die Familie nicht mehr genannt. Ebenso unbekannt sind sowohl der ursprüngliche Sitz der Grafen in Selbold als auch die Lage ihrer Burg in Gelnhausen.

In den folgenden zweieinhalb Jahrhunderten erlebte das Kloster großen Macht‑ und Einflußgewinn. Es besaß neben ausgedehnten Ländereien die Oberhoheit zahlreicher Pfarreien der Umgebung. Von Selbold aus wurde die Marienkirche in Gelnhausen gegründet, wo noch heute außer dem Grabstein eines Selbolder Abtes ein Hochaltar zu sehen ist, der aus dem Kloster stammen soll. Auch die ehemaligen Klöster in Meerholz bei Gelnhausen und Konradsdorf bei Ortenberg (noch teilweise erhalten) sind Selbolder Tochtergründungen.

Ein folgenschwerer Einschnitt in diese Entwicklung, deren Höhepunkt die Erhebung zur Abtei im Jahre 1343 war, ereignete sich am Anfang des Jah­res 1372. Aufgrund verschiedener Streitigkeiten zwischen dem Konvent des Klosters und seinem Schutzpatron Johann von Isenburg ließ dieser es von seinen Truppen plündern. Als das Kloster daraufhin einige seiner Be­sitzun­gen an die Isenburger abtreten mußte, war seine materielle Macht­stellung geschwächt.

Nahezu eineinhalb Jahrhunderte später ‑ in den Bauernkriegen 1524/25 ‑ wurde es erneut verwüstet, diesmal von Bauern aus Gründau. Nachdem es die meisten Mönche schon verlassen hatten, wurde das Kloster 1543 aufgelöst. Der Klosterberg und die Gebäude ka­men in den Besitz des Grafen Anton von Isenburg. Nach der Säkularisierung des Stifts im Jahre 1543 waren die Gebäude­ noch längere Zeit intakt. Ein Teil der Klosterge­bäude wurde aber auch landwirtschaftlich genutzt, einige fielen dem Dreißigjährigen Krieg zum Opfer. Im 18. Jahrhundert wurden die letzten Stiftsgebäude abgebrochen, um Platz für die 1722 begonnene Schloßanlage zu machen. Die letzten Reste wurden als „Stein­bruch“ für die Schloßanlage verwendet.

Heute sind keine obertägigen Reste mehr zu sehen. Aber das Kloster  ist seit jeher durch die Bezeichnung „Klosterberg“ lokalisiert. Vom Kloster zeugen nur noch spärliche Relikte. So dürfte zum Beispiel das Haus Schloßpark Nr. 1 (ehemalige Rentei des Schlosses, Fachwerkbau rechts vom Rathaus) ursprünglich zum Kloster gehört haben; während der Fachwerkaufbau 1696 errichtet wurde, könnten Keller und Grundmauern spätmittelalterlich sein. An der Ostseite dieses Gebäudes steht der Grabstein des Abtes Johan­nes Antel von 1511, der sogenannte „Abtstein“. Er überdauerte die Jahrhunderte als Treppenstufe. Nach seiner Wiederentdeckung wurde er an der Rentei sichtbar angebracht (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 342). Im jetzigen Schloßpark sind noch an einigen Schloßgebäuden, vor allem an der östlichen „Herrnscheuer“ und dem „Dragoner­bau“, zahlreiche Architekturr

 

Kapelle:

Nach der Vermählung von Prinz Alfons von Isenburg-Birstein mit der Gräfin Pauline von Beaufort wurde in einem Nebenbau der Gutsscheune hinter dem Schloß eine Kapelle zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis eingerichtet und 1902 geweiht. Eine katholische Kirchengemeinde entstand neu am 1. Juni 1924, nachdem seit 1902 in einer Kapelle im Schloß Gottesdienst gehalten worden war. Zu ihr gehören heute Langendiebach, Rückingen, Ravolzhausen und Hüttengesäß. Eine neue Kirche wurde 1953 gebaut. Außerdem gibt es die katholische Kirche  „Maria Königin“ von 1967-69.

 

este („Spolien“) des Klosters zu sehen im Form von großen Steinen und Fenstergewänden

Grundrißplan des Klosterberges von Langen­selbold mit den Schloßgebäuden und der Lage der Grabungsstellen. M. 1:3000.

 

Im März des Jahres 1982 konnte zum ersten Male die Möglichkeit einer Untersuchung noch im Boden vorhandener Klosterreste genutzt werden. Bei der Verlegung von Fernheizungsrohren waren im Schloßpark Mauern angeschnitten worden, die aufgrund ihrer Lage und Orientierung nicht zur barocken Schloßanlage gehören konnten. Dabei wurde deutlich, daß durch die Planierung des Klosterberges zur Anlage des Barockschlosses Grundmauern und Keller des Stiftes unter den aufgebrachten Planierungshorizonten gut konserviert worden sind. Im untersuchten Bereich wurden mehrere Hofplanierungen seit dem 13. Jahrhundert freigelegt. Die Grabungen zeigten, daß das Stift als gut erhaltenes archäolo­gisches Denkmal zu gelten hat, auf das bei Baumaßnahmen und Erdarbeiten Rücksicht zu nehmen ist

Als erstes Gebäude war im späten 14. Jahrhundert ein unterkellertes Haus mit steinernem Untergeschoß und Fachwerkoberbau errichtet worden. Der gut erhaltene Kellerabgang bestand aus einer breiten Sandsteintreppe, unter der ein gemauerter Kanal vom Hof her in den nicht unter­suchten Kellerraum führte. Den Hof vor dem Haus durchzog eine gemauerte Wasserrinne, zu deren Aufbau Spolien einer um 1200 datierten älteren Bauphase verwendet worden waren. Nach der Errichtung eines weiteren Gebäudes wurde die Wasserrinne un­brauchbar und durch eine neue ersetzt.

Durch die mehrfache Planierung des spätmittelalterlichen Hofbe­reichs wurden gute Voraussetzungen für die Bergung stratifizier­ten Keramikmaterials geschaffen. Die Keramikfunde aus zehn Ho­rizonten lassen genauere Aussagen zur hoch‑ und spätmittelalterli­chen Keramikentwicklung im unteren Kinzigtal zu. Über die Innenausstattung der Stiftsgebäude gibt eine größere Anzahl von verzierten Fuß­bodenfliesen Aufschluß. Die Gebäude waren mit Kachelöfen ausgestattet. Die Ofenentwicklung kann von der Verwendung von spitzbodigen Becherkacheln über spät­mittel­alterliche grün gla­sierte Nischenkacheln bis zu einer Neuausstattung mit Plattenkacheln im 16. Jahrhundert ‑ also noch wenige Jahre oder Jahrzehnte vor der Schließung des Stifts - nachvollzogen werden. Einige Fenster des ausgegrabenen Gebäudes waren verglast. Es kamen sowohl Bruchstücke von But­zenscheiben als auch kleine farbige Glasplättchen vor. Die spärlichen Metallfunde, vor allem Hufeisen, Hufnägel, Radnabenstecker, Ketten und Werkzeugfragmente, belegen im weitesten Sinne landwirtschaftliche Tätigkeiten.

Bei der Untersuchung der im südlichen Teil des Schloßparks angelegten Leitungsgräben konnte an verschiedenen Stellen Mauerausbruch festge­stellt werden. Massives Mauerwerk war jedoch nicht mehr vorhanden. In einer dieser stark mit Mörtel durchsetzten Schichten kam eine große An­zahl von mittelalterlichen Fußbodenfliesen zum Vorschein. Sie lagen nicht mehr im ursprünglichen Ver­band, sondern waren teilweise als Bau­schutt und in Zweitverwendung als Mauerziegel dahingelangt. Diese Funde werden in die Zeitspanne vom Ende des 13. bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts datiert.

In einer kleinen Grabungsfläche von 65 Quadratmeter wurden der Rest eines Trep­penabganges und die Ecke eines Gebäudes, vermutlich eines späteren Anbaus, aufgedeckt. Das wohl ältere Bauwerk ‑ die Treppenanlage ‑ wur­de im 13. oder 14. Jahrhundert errichtet. Sie führte in einen Kellerraum, der jedoch außerhalb der projektierten Erdarbeiten lag und daher nicht näher untersucht wurde. Die Verfüllung dieses Gebäudeteils mit reinem Lehm weist auf einen Oberbau in Fachwerkbauweise hin. In diesem Lehm fanden sich zahlreiche zerbrochene Dachziegel und Ofenkacheln. Durch zwei Münzfunde ist die Zufüllung des Treppenraumes zeitlich näher ein­zugrenzen. In den untersten Schichten, unmittelbar auf den Treppenstu­fen, fanden sich ein 1/5 Philippstaler aus den spanischen Niederlanden von 1566 (sog. Kopfstück) und ein Schüsselpfen­nig, der nach 1623 in Frankfurt geprägt wurde. Das Gebäude hat also mindestens bis zum An­fang des Dreißigjährigen Krieges (1618‑48) bestanden; in dessen Verlauf war es zunächst verfallen und dann abgebrochen worden.

Ein quer unter diesem Gebäudeteil verlaufender gemauerter Kanal schien zunächst aufgrund seiner Lage älter als die Treppe zu sein. Bei einer genaueren Betrachtung der Stratigraphie erwies sich dieser Anschein jedoch als falsch. Der Kanal war mit der Erbauung der Treppenanlage in einen damals etwa einen Meter tiefen Graben gelegt worden. Möglicher­weise geschah das sogar erst nach der Errichtung des Gebäudes, bevor die Treppenstufen aus Sandstein eingebaut wurden. Der Kanalgraben hätte dann einen Tunnel unter der Außenwand gebildet. Die untersuchte Strecke des Kanals befand sich noch in gutem Zustand; der Boden war nur von einer dünnen Schlammschicht bedeckt. Aufschluß über die Funktion des Kanals hätte vielleicht eine nähere Untersuchung des Kel­lerraumes bringen können.

Eine weitere ‑ wohl holzgedeckte ‑ Entwässerungsrinne verlief oberir­disch nahezu parallel zur Außenwand des Treppengebäudes. Bei ihrer Freilegung kamen verschiedene Architekturteile von älteren Gebäuden zum Vorschein. Es handelt sich dabei hauptsächlich um die Reste roma­nischer Fenster, von denen eines rekonstruiert werden konnte. Grund­mauern eines älteren Gebäudes, zu dem diese Spolien gehört haben könnten, wurden jedoch nicht aufgedeckt. Die angesprochene Abwasser­rinne wurde wahrscheinlich durch den Anbau eines weiteren Gebäudes an die Außenwand des älteren Bauwerkes unbenutzbar. Aus diesem Grund wurde ein weiterer Wasserabfluß angelegt, jedoch nicht so sorgfäl­tig ausgeführt wie der erste. Diese beiden oberirdischen Kanäle werden durch Kleinfunde in das 14. bis 15.Jahrhundert datiert (Archäologische Denkmale, Seite 202).

 

Erlensee

 

 

Langendiebach

Lage: Nordöstlich von Hanau, eingeschlossen von den Gemar­kungen Ravolzhausen, Langenselbold, Rückingen, Bruchköbel und Niederissigheim, liegt die Gemarkung (1374 Hektar, davon 293 Hektar Gemeindewald) zu beiden Seiten des Fallbachs. Höhe über N.N.  110 Meter.

 

Bodenfunde: Jungsteinzeit: Einzelfunde von Steinbeilen in der Gemarkung Unterfeld und an der Rückinger Straße.

Hügelgräberbronzezeit: Mehrere Gräber am Hasenkippel, Ge­markung Unterfeld und 500 Meter östlich des Ortes, nördlich der Straße (Äpfelallee).

Jüngste Bronzezeit: (Urnenfelderstufe): Gräber am Hasenkippel; am Heidensee; im Distrikt Markwald; im Herrenwald; unter dem Osttor des Limeskastells (Steinplattengrab mit bronzener Lanzenspitze).

Ältere Eisenzeit: Brandgräber am Hasenkippel; auf dem Sport­platz und im Distrikt Markwald (Hügelgrab). Auf dem Sport­platz Abfallgrube einer Siedlung.

Jüngere Eisenzeit: Gräber vor dem Osttor des Limeskastells; 500 Meter östlich des Ortes nördlich der „Äpfelallee“: Gemar­kung Unterfeld, westlich der Metzelohe; im Herrenwald. Sied­lungsgrube auf dem Sportplatz. Bild Skelettgrab, Seite 58.

Römische Zeit: Kleines Steinkastell, Größe 71,5 x 56,5 Meter, dicht östlich davon der Limes; der Landwehrgraben verläuft hier fast einen Kilometer weit im Limesgraben.

 

Älteste Namensformen: Diepach 1238; Dypach 1257; Dippach 1288; Langendietbach 1276.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 979; 1855 = 1325; 1885 = 1776; 1905 = 2116; 1919 = 2263; 1925 = 2464; 1946 = 3824; 1953 = 4223, davon Heimatvertriebene = 487 (meist aus dem Sudetenland), Evakuierte = 437 (aus Hanau = 380).

Bekenntnis: 1905: ev. = 1996; kath. = 63; israel. ‑ 57; heute: ev. = 3300 (rund 70 Prozent); kath. = rund 20 Prozent; Sonstige = 5 Prozent.

 

Wirtschaft: Heute größtenteils Arbeiterwohnsitzgemeinde. Ein großer Teil der Einwohner ist in Hanau in Fabriken und an­deren Betrieben beschäftigt. ‑ Schuhfabrik am Orte. Große Sperrholz‑ und Wickelformenfabrik nach dem ersten Welt­krieg eingegangen.

 

Literatur: Ausführliche handschriftliche Ortsgeschichte von Wilhelm H. Traxel im Besitz der Gemeinde.

Bilder in: Hanau Stadt und Land:

Grabstein Maria Margarete Rufner, gestorben 1805, Seite 10

Tracht Seite 292

Obstkelter Seite 299

 

 

Geschichtliches:

Erstmals er­wähnt wurde Langendiebach in einer Ur­kunde vom 4. Mai 1226. Auch 1317 kommt es in einer Urkunde vor. Der Ort ist indes wohl wesentlich älter. Im Zuge der Reno­vierung der Evangelischen Kirche 1984 wurde im Altarraum auf einem tiefer lie­genden mittelalterlichen Estrichfußboden eine Münze gefunden: ein Denar Heinrich I. von 919 ‑ 936. Ein Hinweis darauf daß die Kirche um diese Zeit schon gestanden haben muß. Und wo eine Kirche ist, ist meist auch eine Siedlung. Langendiebach war stark befestigt. Die Ritter „von Buchen“ besaßen in dem Ort ein Landgut, das sie 1209 an das Kloster in Langenselbold verkauften.

Langendiebach war Gerichtsort. Die Gerichtsbarkeit wurde 1313 von den Herren von Brauneck, die sie wohl von den von Büdingen geerbt hatten, an Mainz verkauft. Seitdem war es Dorf des mainzi­schen Gerichts Ronneburg in der Zent Langenselbold. Bis 1462 gehörte es zum Erzbistum Mainz, dann kam es 1476 zusammen mit der Ronneburg als mainzisches Lehen an Ludwig II. von Ysenburg.

Turbulent wird die Langendiebacher Ge­schichte erstmals im Dreißigjährigen Krieg. Spanische Regimenter suchten den Ort von September 1634 bis Januar 1635 heim. Ein nicht namentlich bekannter Chronist schrieb dazu: In Langendiebach und da herum haben sich kaiserliche und spanische Armeen bey der ersten Ankunft 1634 einlogiert, über das dritte Theil des Dorfes weggebrannt und in Asche gelegt, und sonst alles ruiniert. Die Einwohner sollen während der Lamboyschen Belage­rung zum größten Teil nach Hanau ge­flüchtet sein. Die Folgen des Dreißigjähri­gen Krieges zeigen sich noch im Jahre 1700: Es gab 149 Häuser in Langendie­bach, aber nur 186 Einwohner. Johann Ludwig von Isenburg‑Birstein warb daher Fremde an, darunter vor allem Familien aus der Schweiz. Sie halfen, das verödete Langendiebach wieder aufzubauen und sie sollen auch den Brunnen in der Brun­nenstraße mit der Jahreszahl 1699 errich­tet haben.

In Kriegswirren geriet Langendiebach auch wieder am 30. Oktober 1813 beim Rückzug Napoleons: Französische und bayerische Truppen plünderten alle Le­bensmittel im Ort. Schlimmer war indes, daß die Verwundeten der durchziehenden Franzosen das Lazarettfieber einschlepp­ten, wie man damals den Flecktyphus nannte. Von den 1.000 Einwohnern Lan­gendiebachs starben 81.

Wichtig für die Entwicklung Langendie­bachs war die Hanauer Kleinbahn, die am 1. Oktober 1896 in Betrieb ging. Der Kleinbahnhof befand sich  südlich des heutigen Hanauer Nordbahnhofs. Die eingleisige Bahnlinie führte über das Tümpelgarten­gebiet bis zur Straße nach Gelnhausen, von dort weiter bis zur Rückinger Weiche etwa im Bereich der heutigen Carl‑ Benz­-Straße. Dort zweigte eine Linie nach Lan­gendiebach ab, weiter über Ravolzhausen bis nach Hüttengesäß. Die andere Linie führte über Rückingen bis nach Langensel­bold. Auf beiden Strecken verkehrten täg­lich zusammen 24 Züge, die von Langen­diebach bis Hanau rund 20 Minuten benö­tigten. Bis 1896 hatte ein Privat‑Personen­fuhrwerk Hanau und Langendiebach ver­bunden, das etwa eine Stunde und fünf Mi­nuten für die Strecke brauchte. Die Klein­bahn stellte ihren Betrieb 1931 ein ‑ eine Folge der Weltwirtschaftskrise und der sich anbahnenden Umstellung des Ver­kehrs auf die Straße.

Die letzten freien Wahlen am 5. März 1933 wichen in Langendiebach deutlich vom deutschlandweiten Ergebnis ab: Im deutschen Reich erhielten NSDAP und DNV zusammen 51,8 Prozent aller Stim­men. In Langendiebach dagegen erhielten die Nationalsozialisten 486 Stimmen, die Sozialdemokraten 878, die Kommunisten 256 und das Zentrum 15. Im Jahre 1938 bekannten sich laut einer Schulchronik dann 1.967 Menschen zum Führer ‑ die Gleichschaltung war vollzogen.

Im Jahr 1936 begann der Bau des Fliegerhors­tes, der am 19. März 1939 ganz im Zeichen der nationalsozialistischen Machtentfal­tung eingeweiht wurde. Im November 1944 griffen 229 amerikanische Bomber den Stützpunkt an, rund 9.000 Bomben zer­störten vor allem das Rollfeld. Am 29. März besetzten die Amerikaner den Ort schließlich fast kampflos.

Die ersten Gemeindewahlen nach dem Krieg fanden am 27. Januar 1946 statt: Die SPD erhielt 1.154 Stimmen, die KPD 260 und die Bauern‑Partei 324. Die CDU war noch nicht gegründet. Bürgermeister wurde Heinrich Schäfer, Jan Caspar Rasch Erster Beigeordneter. Größte Belas­tung der Nachkriegszeit war die Aufnah­me von Flüchtlingen: 1953 hatte Langen­diebach 4.223 Einwohner, davon waren 487 Heimatvertriebene und 437 Evakuierte.

Am 24. April 1969 beschloß die Langen­diebacher Gemeindevertretung die Bereit­schaft zum Zusammenschluß mit der Ge­meinde Rückingen: Am 1. April 1970 schließlich tagte erstmals das Parlament der neuen Gemeinde Erlensee.

 

Rundgang:

Von Bruchköbel her kommt man auf die Kreuzung, auf der man nach links in die Bruchköbeler Straße einbiegt. Nach rechts biegt dann die Friedrich-Ebert-Straße ab, auf der man zur Kirche kommt.

Eine Kirche wurde erstmals im Jahre 1232 urkundlich er­wähnt. Sie stand unter dem Landkapitel von Roßdorf. Das Patronatsrecht aber hatten die Herren von Rückingen und Rüdigheim, die es 1454 von Hans von Waldenstein, dem Lehnsträger des Markgrafen Albrecht, empfangen hatten. Graf Wolfgang Ernst I. von Ysenburg wollte in Langendienbach einen reformierten Pfarrer einsetzen und die Bilder aus der Kirche entfernen lassen. Die Kirchenpatrone widersetzten sich, ein Ritter von Rückingen stürmte dem neu ernannten Pfarrer das Haus und schlug ihm die Türen ein. Doch man vergleich sich und Rückingen trat das Patronat an Ysenburg ab, aber unter der Bedingung, einen lutherischen Pfarrer anstellen zu dürfen.

Grabungen des Hanauer Geschichtsvereins, die 1984 im Zuge einer Renovierung des Kirchengebäudes stattfanden, führten im Chor der Kirche zur Aufdeckung einer halbrunden, steingemauerten Apsis mit einer zentralen Steinsetzung, die einst den Altar der Kirche trug. Außerdem kam unter dem Altar ein gemauerter Schacht, der wohl in Not‑ und Gefahrenzeiten die Reliquien der Kirche aufnahm, zutage.

Baugeschichtlich wichtig ist die Tat­sache, daß die Fundamente des Turmes jünger sind als die Apsis. Außer einem zugehörigen mittelalterlichen Ziegelsplitt-Estrich als Fußbodenbelag fanden sich die Reste von drei weiteren mittelalter­lichen und neuzeitlichen Stein‑ und Ziegelböden.

Für die Datie­rung der Vorgängerkirche ist eine neben dem Fundament der halb­runden Apsis gefundene mittelalterliche Münze (Denar Hein­rich I., 919‑936) freilich nur bedingt verwendbar, allenfalls bietet sie einen Zeitpunkt, nach dem gerechnet werden kann, der uns da­rauf hinweist, daß auch Dyppach wesentlich älter als seine schriftlichen Nachweise ist.

Die Kirche war Mutterkirche für Rückingen; sie ge­hörte zum Dekanat Roßdorf. Im Jahre 1324 wurde sie dem Kloster Eber­bach einverleibt. Patronatsherren waren 1257 die von Cron­berg und von Preungesheim; 1320 von Cronberg, von Wasserlos und von Karben; später die Ganerben von Rückingen; heute Isenburg‑Birstein.

Etwa 1544 wurde von der isenburgischen Landesherrschaft die protestantische Lehre eingeführt, seit 1596 nach reformierter Weise (deshalb trennte sich die Tochter­kirche Rückingen, die unter den Rückinger Ganerben luthe­risch blieb, von Langendiebach ab). Seit 1657 ist Ravolzhausen Filial (vorher bei Rüdigheim) bis 1687; 1639‑1672 waren Langendiebach und Langenselbold zu einer Pfarrei vereinigt. Die Katholiken gehörten nach dem Krieg erst einmal zu Langenselbold.

Die evangelische Pfarrkirche ist eine 1860‑1863 errichtete Hallenkirche aus Basalttuff mit dreiseitigem Chor und mit zwei Doppelemporen und einer Orgelempore. An sich wurde die Kirche umgebaut, der romanische Wehrkirchturm mit Schießscharten und Resten der romanischen Schallarkade aus dem Anfang des 13. Jahr­hunderts blieben erhalten. Der Turm aus dem 12. Jahrhundert  erhielt im 18. Jahrhundert seinen cha­rakteristischen Haubenhelm.

Das im Innenraum befindliche Deckengemälde über dem Chor ist eine im Jahre 1952 entstandene Überarbeitung eines Auferstehungsbildes, das der Langendiebacher Maler Wilhelm Ruth 1912 angefertigt hatte. Die Überarbeitung wurde von Hermann Kösling aus Königsberg vorgenommen. Die in der Kirche aufgestellte Walckerorgel wurde 1912 eingebaut. Die Grabsteine auf dem Friedhof aus dem 17. und 18. Jahr­hundert sind zum Teil sehr vernachlässigt.

 

Von der Kirche geht man wieder ein Stück zurück und biegt in Richtung Osten in die Brunnenstraße ein. Dort steht der Ziehbrunnen von 1699 mit Ortswappen („Trinkborn“). Er geht vermutlich auf Schweizer zurück, die nach dem 30jährigen Krieg das schwer beschädigte Dorf wieder aufzubau­en halfen. Aus Dankbarkeit sei damals der sandsteinerne Trinkborn entstanden.

In Langendiebach befand sich noch 1631 ein Ysenburgisches Schloß und eine Kellerei. Die letzten Gebäude davon verschwanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nur ein isenburgischer Wappenstein von 1615 ist erhalten.

Am Ende der Brunnenstraße kommt man auf die Ringstraße. Stellenweise ist hinter den Gärten die Ringmauer zu sehen. Die Mauer ent­stand vermutlich Ende des 15. Jahrhun­derts.

Links ist ein Teil der alten Ringmauer mit einem Turm zu sehen (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 225, Linolschnitt: A. Tamm). Die Aufbauten auf der Turmspitze sollen die Stör­che zum Nisten ein­laden- wenn auch seit Jahren vergebens. Inder Ringstraße geht es nach rechts weiter. Sie wird zu einer schmalen Einbahnstraße. Wo sie auf die Friedrich-Ebert-Straße trifft, ist an dem rechten Eck‑Wohnhaus eine Ge­denktafel zu sehen. Sie erinnert an die Syna­goge, die bis zur Pogromnacht 1938 hier stand.

Über die Friedrich-Ebert-Straße kommt man in die Turmstraße. Hier müßte der zweite Wehrturm stehen. Nach links geht es in  die Uferstraße und noch einmal nach links in die Eugen-Kaiser-Straße. Man kommt zur Fallbachstraße und fährt nach links an der Fallbach entlang. An der Friedrich-Ebert-Straße geht es nach rechts zum Friedhof. Ein bemerkenswertes Feld­kreuz steht am neuen Friedhof (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 11). Außerdem ist erhalten ein alter Grabstein (Seite 10).

Am Ende des Friedhofs trifft man auf den Limesweg. Hier lag wohl auch das Kastell (in der Grünfläche?), ein kleines Steinkastell, Größe 71,5 x 56,5 Meter, dicht östlich davon der Limes; der Landwehrgraben verläuft hier fast einen Kilometer weit im Limesgraben.

Nach Norden kommt man zur ehemaligen Försterei Schwarzhaupt. Über diesen Höhenzug führte einst die Reff- oder Weinstraße. Etwas weiter östlich ist die Untermühle mit einem Denkmal für den ehemaligen Besitzer Heinrich Ditter, der um 1870 in der Nacht hier erschossen wurde.

Auf dem Rückweg nach Langendiebach sieht man rechts in der Ravolzhäuser Straße die Brün­ningsche Fabrik. Hier zim­merten in den 20er Jahren bis zu 600 Menschen Zigarrenkisten zusammen und stellten Zigarrenwickelformen her. Der Ort gelangte dadurch einigermaßen zu Wohlstand.

Jetzt fährt man aber and er Kreuzung geradeaus auf die Umgehungsstraße. Rechts liegt der

Reußerhof. Als „Hof zu der Rüsen“ wurde er 1441 erstmals erwähnt. Damals hatten die von Sterbfritz und von Schelris Anteil. Von 1563 bis 1565 stritt Philipp von Rüdigheim seinetwegen mit der Ge­meinde Langendiebach. Ab 1614 war er eine ysenburgische Domäne, die heute zum Flugplatzgelände gehört.

An der Hanauer Straße biegt man nach links ein und dann wieder in die Langendiebacher Straße. Diese fährt man entlang (nicht nach rechts mit der abbiegenden Hauptstraße abbiegen!) und kommt so in den Ortsteil Rückingen.

 

Rückingen

Lage: Etwa 110 bis 115 Meter ü. N. N. Die Gemarkung (485 ha; davon ca. 166 ha Gemeindewald, 64 ha Staatswald) liegt im Gebiet des Limes am Kinziglauf südlich von Langendiebach an der Leipziger Straße und grenzt an die Gemarkungen von Lan­gendiebach, Langenselbold, Niederrodenbach und Hanau.

 

Bodenfunde: Hügelgräberbronzezeit: Im Orte, an der Straße nach Langendiebach, Siedlungsgrube mit Scherben großer Vorrats­gefäße.

Ältere Eisenzeit: Siedlungsreste südlich der Straße nach Langen­diebach.

Römische Zeit: Kohortenkastell auf der Flur „Altenburg“, Größe 180 x 150 Meter. Die Fundamente des Kastellbades sind südlich vorn Kastellgebäude erhalten. Die Besatzung bildete die 3. dal­matinische Kohorte, die in der Nähe des Kastells eine Ziegelei betrieb, deren Öfen bis jetzt noch nicht gefunden sind. Bürger­liche Niederlassung westlich und nördlich des Kastells. Zwei Gräberfelder an der Straße nach Hanau und „Im Klima“. Römischer Brunnen mit Bildwerken des Mithraskultes (Bild Seite 331) 200 Meter nordwestlich der Nordweststrecke des Kastells; das Mithrasheiligtum in der Nähe dieses Brunnens ist bis jetzt noch nicht gefunden.

Bild des Limes im Kaiserfeld in: Hanau Stadt und Land., Seite 40

 

Älteste Namensformen: Ruckingin 1173, Ruckingen nach 1220, Ruggingin 1248, Rockingen 1366, Rickengen 1370.

 

1173  Rückingen wird erstmals als „Rukkingin“ erwähnt.

1226  Erstmalige Erwähnung Langendiebachs als „Dyppach“.

1248  Erste Erwähnung der Rückinger Wasser­burg.

1311  Stiftung der Rückinger Kapelle (Filiale von Langendiebach)

1313  Verkauf von Langendiebach an das Erzbis­tum Mainz.

1405  Zerstörung der Wasserburg.

1426  Verpfändung Langendiebachs an die Grafen von Hanau.

1476  Übernahme Langendiebachs durch das Haus Isenburg.

1564  Schlößchen mit Treppenturm in Rückingen erbaut.

1569  Wasserburg wieder aufgebaut.

1596  Trennung der Kirchen von Langendiebach und Rückingen.

1598  Einsetzung reformierter Pfarrer in Langen­diebach.

1613  Schloß in Langendiebach erbaut (im 19. Jahrhundert abgerissen).

1632  Gustav Adolf von Schweden in Rückingen zu Gast.

1634  Zerstörung der Dörfer durch Spanier im 34­jährigen Krieg.

1655  Übernahme Rückingens durch Johann von Fargel.

1658  Rückingen kommt zu Isenburg.

1817  Ende des Gerichts Langendiebach, die Gemeinde wird kurhessisch.

1866  Langendiebach wird preußisch.

1896  Bau der Kleinbahn mit Anschluß beider Orte nach Hanau.

1901  Einweihung der Rückinger Kirche.

1936  Bau des Militärflugplatzes „Fliegerhorst“.

1963  Besuch des amerikanischen Präsidenten Kennedy in Langendiebach.

1965  Einweihung einer gemeinsamen Mittel­punktschule.

1967  Einweihung einer gemeinsamen Kläranlage.

1970  Zusammenschluß der beiden Gemeinden zur Gemeinde Erlensee.

1972  Einweihung des Sportzentrums.

1972  Einweihung des heutigen Rathauses. Einweihung des Hallenbades.

1976  Einweihung der Erlenhalle.

1990  Einweihung des Bürgerhauses „Zum Neuen Löwen“.

1991  Partnerschaft mit der Gemeinde Wusterwitz (Brandenburg).

1994  Einweihung der Fallbachhalle.

1997  „25 Jahre Gemeinde Erlensee“ mit großem 6‑Tage‑Fest.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 580; 1855=~ 868, 1885 = 1159; 1905 = 1349; 1919 = 1426; 1925 = 1474; 1939 = 1867; 1946 = 2757; 1953 = 3197, davon Heimatvertriebene = 511

(hauptsächlich        aus CSR und Ungarn), Evakuierte = 245 (aus Hanau = 125).

Die Zahl der Haushaltungen stieg von 390  im Jahre 1930 auf 565 im Jahre 1945 und auf 1131 im Jahre 1952. Diese Familien wohnten im Jahre 1930 in 200, 1945 in 348 und im Jahre 1952 in 423 Häusern.

Bekenntnis: 1905: ev. =1286, kath. = 24, israel. = 39, heute: ev. =2553, kath. Rund 500, Sonstige rund 100 (davon israel. = 8).

 

Wirtschaft: Da der Ort Mangel an gutem Ackerland hatte und dieses größtenteils im Besitz der Herrschaft oder der Gemeinde war (dieses an die „Nach­barn“ verpachtete oder als „Nachbar­recht“ verteilte), gab es schon früh allerlei Nebener­werbe (Leineweber und Arbeiter); heu­te ist die Gemeinde Arbeiterwohnsitz­gemeinde. Das Land wird fast nur gartenmäßig be­stellt. Neue Spar­gelkulturen im Ge­meindeland. ‑ In der Industrie am Orte ‑ Edelstein­industrie ‑ waren 1935 beschäftigt: 35, in der auswärtigen Industrie 2279, in Gewerbebetrieben 484, in der Land­wirtschaft, als Be­amte usw. 125 Ein­wohner.

 

Literatur: Heinrich Bott: Die Besitzer des Dorfes Rückingen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Hanauisches Magazin 1938, Nr. 1‑6.

 

Geschichtliches:

Ob die Entstehung des Dorfes Rückingen mit dem ehemaligen Römerkastell in Zusammen­hang steht, ist geschichtlich nicht nachgewiesen. Die Schreibweise des Ortes wechselt im Laufe der Jahrhunderte mehrfach. Im Jahre 1173 wird der Ort zum ersten Male als „Rukkingen“ genannt. Schon früh war das Dorf aus dem Mainzischen Gericht Langendiebach ausgeschieden, mit dem Rückingen einen gemeinsamen Markwald besaß (bis 1846).

Der Ort kam unter die Lehnshoheit des Herren von Rückingen. Im Jahre 1461 wurden dann die Grafen von Isenburg mit dem Dorfe belehnt, die es als Afterlehen an die Herren von Rückingen und Rüdigheim weitergaben.

Aus büdingischem Erbe kam die Hoheit an die Herren von Hohenlohe‑Brauneck, die sie an die Markgrafen von Bran­denburg verkauften; von diesen wurde Isenburg damit belehnt. Besitzer des Dorfes (als brauneckische bzw. als isenburgische Lehensleute) die Herren von Rückingen und von Rüdigheim als Ganerben (d. h. in ungeteilter Gemeinschaft). Diese besaßen dort eine Wasserburg und einen Herrenhof und einen großen Teil der Dorfflur (des „Burgfriedens“).

Nach dem Aus­sterben der beiden Familien im 17. Jahrhundert kam der Ort an den brandenburgischen Obersten von Fargel und, nachdem auch dessen Familie erloschen war, 1714 an den Darmstädter Geheimrat Kameytski von Elstibors. Im Jahre  1758 fiel er als erledigtes Lehen an das Gesamthaus Isenburg zurück. Schließlich wurde der Grund und Boden von Isenburg‑Birstein erworben.

Östlich der Wasserburg liegt der älteste Teil des Dorfes. Er besteht aus kleinen einstöckigen Fachwerkhäusern, die den südlichen Teil der Hauptstraße einsäumen. Da größere Scheunen fehlen, scheinen sie von Gutsarbeitern bewohnt gewesen zu sein. Sie stammen aus der Zeit vor dem 30jährigen Kriege und wurden 1634 beim Abzug des Kardinal‑Infanten Ferdinand von Spanien durch dessen Truppen angezündet und zerstört. Sehr langsam und nur zögernd wurde das Dorf wieder besiedelt und die Häuser auf den alten Steinsockel neu errichtet.

 

 

Rundgang durch Rückingen:

Wenn man von Langendienbach her kommt überquert man die Bundesstraße und biegt nach rechts ab in die Rhönstraße. Am Ende biegt man links ab in die Taunusstraße und dann wieder rechts in die Römerstraße. In Richtung Westen kommt man zum Römerbad.

 

Limeskastell mit Bad und Lagerdorf

Einige hundert Meter westlich des Dorfes zwischen der Kinzig und der heutigen Bundesstraße 40 war in der Regierungszeit des römischen Kaisers Hadrian (117‑138 n. Chr.) eine mächtige Feste innerhalb der Limesanlagen zum Schutze des Durchgangs zum Kinzigtal entstanden. Das starke Steinkastell, die „Saal­burg des Kinzigtales“, sollte den strategisch wichtigen Kreuzungspunkt des Limes und der alten Kinzigstraße sichern (Bild: Limes im Kaiserfeld, in: Hanau Stadt und Land, Seite 40). Dem Kohortenkastell mußte sogar die Straße (heute B 40) ausweichen. Es lag nördlich des römischen Bades, wo jetzt die Hochhäuser stehen.

Das einzige heute oberirdisch noch sichtbare Baudenkmal aus rö­mischer Zeit sind Teile der Grundmauern einer Therme. Dieses Kastellbad gehört zu den frühesten ausgegrabenen römi­schen Ruinen unseres Raumes. Es wurde, nachdem schon vorher einige Zufallsfunde Zeugnis von der römischen Vergangenheit Rückingens ablegten, in den Jahren 1802‑04 im Auftrag des Für­sten Karl von Ysenburg‑Birstein freigelegt und schon damals zu Recht als „Römerbad“ gedeutet. Die Grundmauern des Bades sind seit dieser Zeit mehrfach zerfallen und wieder konserviert worden. Die Gemeinde Erlensee setzt dabei in lobenswerter Weise die Tra­dition des Hauses Ysenburg‑Birstein fort, das sich schon Im 19. Jahrhundert um den Schutz des Denkmales bemühte. Die Anla­ge ist heute in ein kleines Freizeitgelände mit Sport‑ und Spielplatz integriert und wird vorbildlich gepflegt.

Badeanlagen wie in Rückingen gehörten zu den festen Einrichtun­gen eines römischen Militärstützpunktes und selbst wesentlich kleinere Einheiten brauchten nicht auf eine Therme zu verzichten. Außer zu hygienischen Zwecken dienten die Bäder vor allem auch der Freizeitgestaltung der Soldaten. Das Rückinger Bad gehörte dem Typ der sogenannten „Reihenbäder“ an. Diese Bezeichnung bedeutet, daß die einzelnen Räume längs der Gebäudeachse in der Folge ihrer Benutzung aufgereiht liegen. Das römische Militär hatte bis zum 1. Jahrhundert einen bewährten Standardtyp einer Therme entwickelt, so daß die meisten Bäder der Grenzkastelle, von wenigen Details abgesehen, nur geringfügig variieren (Archäologische Denkmäler, Seite 116-118).

Die mit 2,5 Hektar Flächeninhalt im Vergleich zu anderen Kohortenka­stellen mittelgroße Militäranlage von Rückingen wurde von der Cohors III Dalmatarum pia fidelis erbaut und belegt. Die ursprünglich auf dem Balkan aufgestellte und rund 500 Mann starke Truppe wurde zwischen 82 und 90 n. Chr. aus der Provinz Niedergermanien nach Obergermanien versetzt und durchlief in rasch wechselnder Folge eine Reihe von Garnisonsor­ten (Wiesbaden, Rottweil, Oberscheidental), bis sie zwischen 110 und 115 n. Chr. nach Rückingen verlegt wurde. Dort befand sie sich dann bis zum Fall des Limes und der damit verbundenen Aufgabe des Kastells im Jahre 260 n. Chr. Damals wurde das Kastell wahrscheinlich durch vordringende Alemannen zerstört.

Dem in Steinbauweise etwa 300 Meter hinter dem Limes in der Flur „Alteburg“ nahe dem nördlichen Ufer der Kinzig errichteten Ka­stell ging möglicherweise ein kleinerer, bis jetzt aber noch nicht nachgewiesener Militärstützpunkt in Holzbauweise voraus. Die rechteckige Wehranlage des Steinkastells maß an den Außenseiten der 1, 50 Meter starken Mauern ca. 140 x 180 Meter. Umgeben war das Lager von zwei je sieben Meter breiten und mit etwa 1, 5 Meter Tiefe nur relativ flachen Gräben, was möglicherweise mit dem hohen Grundwas­serstand zusammenhängt. Das Haupttor des Kohortenkastells war in Richtung des Limes nach Nordosten gerichtet. Von der Innenbe­bauung des Lagers fand sich lediglich der aus Bruchsteinmaterial erbaute Westflügel des Stabsgebäudes (principia) sowie in seiner Mitte das „Fahnenheiligtum“. Die übrigen Gebäude scheinen, wie auch kleinere Grabungen anläßlich der nahezu vollständigen Über­bauung des Kastells im Jahre 1969 zeigten, überwiegend in Fach­werkbauweise errichtet gewesen zu sein.

 

Außerhalb erstreckte sich nördlich und westlich des Kastells ein ausgedehntes Lagerdorf, in dem sich außer der bisher nur durch gestempelte Ziegel nachgewiesenen Ziegelei der Kohorte auch ein bisher allerdings noch nicht lokalisiertes Mithräum befand. Ein 1950 etwa 200 Meter nordwestlich des Kastells im Bereich der heuti­gen Hainstraße am Rande eines römischen Brunnens entdecktes Mithras‑Kultbild und zahlreiche weitere Steindenkmäler aus der Verfüllung dieses Brunnens belegen auch in Rückingen die Vereh­rung des weitverbreiteten orientalischen Erlöserkultes.

Von den orientalischen Kulten, die in der Kaiserzeit im Westen des Römischen Reiches Eingang fanden, haben zwei Kulte auch in den beiden germanischen Provinzen seit etwa der Mitte des zweiten Jahrhunderts durch die römischen Soldaten weite Verbreitung ge­funden: der des Jupiter Dolichenus, des syrischen Baal von Doliche am Euphrat, und der des persischen Lichtgottes Mithras. Ein Altar des Jupiter Dolichenus wurde in Großkrotzenburg gefunden, Mithras­heiligtümer sind in unserer Gegend bis jetzt bei den Kastellen Saal­burg, Oberflorstadt, Rückingen, Großkrotzenburg und Stockstadt be­kannt geworden.

Die Mithrasreligion beruhte auf dem Gegensatz zwischen guten und bösen Göttern als den Vertretern heilsamer und schädlicher Naturkräfte. Ormuzd, der Weltenschöpfer, kämpft mit seinem Heer von Lichtgeistern, den Jzeds, gegen Ahriman, der mit seinen Daevas durch Finsternis und Kälte alles Lebende mit Verderben bedroht. Der oberste dieser Lichtgötter ist Mithras, der Genius des himmlischen Lichtes, dessen göttliche Kraft sich im Lichte der Sonne offenbart. Da das Licht von der Luft getragen wird, nahm man an, daß Mithras die Mittelzone zwischen Himmel und Unterwelt bewohne und gab ihm daher den Namen „Mittler“. Er galt als der Mittler zwischen dem unerkennbaren Gott, der in den oberen Sphären herrscht, und dem Menschengeschlecht, das hier auf Erden lebt. In seiner Stellung als Mittler war ihm deshalb auch der 16. Tag jeden Monats, die Monats­mitte, geheiligt.

Auf dem Wege der Ausbreitung nach Westen nahm die altiranische Religion Anschauungen der semitischen Völker von Babylon, Syrien und Kleinasien auf, vor allem wirkte der babylo­nische Gestirndienst umgestaltend ein. Mithras rückte an die erste Stelle der Götter und wurde von seinen Anhängern nun als der un­besiegbare Sonnengott verehrt, der jeden Tag auf seinem, von vier Rossen gezogenen Wagen das Weltall in einem bestimmten Kreise durcheilt. Auch Luna, die Mondgöttin, die in den oberen Sphären auf einem mit zwei Stieren bespannten Wagen fährt, genoß Ver­ehrung.

Eine bedeutende Rolle im Kulte des Mithras hatten außerdem die Planeten, denen Opfer dargebracht wurden, weil ihnen gute oder schlechte Eigenschaften zugeschrieben wurden, die das menschliche Leben beeinflußten. Jeder Planet beherrschte einen Tag der Woche, und ihrer Anzahl verdankt die Zahl sieben eine besondere Bedeu­tung im Kulte des Mithras. In manchen Mithräen führten sieben Stufen in das Heiligtum, und jeder der sieben Weihegrade, die der Mithrasanhänger mit Prüfungen und Kasteien durchlaufen mußte, war mit einem Planeten verbunden. Neben den Planeten genossen die zwölf Zeichen des Tierkreises für die zwölf Monate Verehrung ebenso die Elemente und die Jahreszeiten. Die Planeten und die Zei­chen des Tierkreises regierten das menschliche Dasein und den Lauf der irdischen Dinge.

Die Anhänger des Mithras, nur Männer, waren zu kleinen Kult­gemeinschaften zusammengeschlossen, woraus die geringe Größe der Mithrastempel zu erklären ist. Wenn die Zahl der Mitglieder einer Gemeinschaft anwuchs und zu groß wurde, baute man einen neuen Tempel und die Kultgemeinde teilte sich. So finden wir an größe­ren Plätzen mehrere Mithräen, in Nidda‑Heddernheim und Friedberg sind je drei bekannt geworden, bei Kastell Storkstadt zwei.

Die Tempel oder Speläen, in denen die geheimen Kulthandlungen stattfanden, waren in Nachahmung des Urbildes der iranischen Grotte, in der Mithras die Opferung des Urstieres, des ersten von Ormuzd geschaffenen lebenden Wesens, vollzog, mehr oder weniger tief in die Erde eingegraben, um den Höhlen‑ oder Grottencharakter zu wahren. Der Grundriß ist rechteckig; in Großkrotzenburg be­trugen die Maße 12 X 5 Meter. Aus einem kleinen Vorraum führten Stufen oder eine Rampe in die dreiteilige Cella mit tiefliegendem Mittelgang und zwei erhöhten Podien entlang der Langseiten, auf denen die Gläubigen in kniender oder liegender Stellung der Kult­handlung beiwohnten; einige Treppenstufen führten am Eingang der Cella zu den Podien hinauf. Am Ende des Mittelganges stand, etwas erhöht und manchmal in einer apsisartigen rechteckigen Erweiterung das große Kultbild, davor einer oder mehrere Ältäre, auf denen die Opfer dargebracht wurden.

Das Kultbild zeigt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, unter­halb des Tierkreises in einer, die Höhle andeutenden Nische, die Tötung des Stieres durch Mithras. Der oben links im Zwickel des Bogens sitzende, vom Sonnengott ausgesandte Rabe hat Mithras den Befehl zur Opferung des Tieres überbracht. Mithras reißt mit der Linken den Kopf des Stieres zurück und führt mit der Rechten den tödlichen Stoß in die Flanke des Tieres. Aus dem Körper des ster­benden Tieres entstehen alle Pflanzen und heilsamen Kräuter, aus dem Rückenmark sproßt das Getreide, angedeutet durch drei aus dem Schwanzende des Stieres hervorwachsende Ähren. Aus dem Blute entsteht der Weinstock, der den heiligen Trank für die Kulthand­lungen liefert. Der vom Monde, der Luna, gesammelte Same des Tieres erzeugt die Tiere der Erde. So wurde aus dem Tode des Stieres neues fruchtbares Leben geboren.

In den Zwickeln über dem Tierkreisbogen sind die Büsten von Sol und Luna angebracht, anscheinend der Opferung zusehend. Zu beiden Seiten des Stieres stehen zwei Kinder, das Haupt wie bei Mithras mit einer phrygischen Mütze bedeckt, von denen das eine eine erhobene, das andere eine gesenkte Fackel in der Rechten hält. Ihre Namen sind uns von einem Heddernheimer Denkmal als Cautes und Cautopates bekannt; sie sind aber nichts anderes als ebenfalls Mithras und bilden mit der großen Mittelfigur eine Dreiheit. In diesem dreifachen Mithras sah man entweder die Sonne, deren Auf­gang am frühen Morgen von dem krähenden Hahn verkündet wird, die mittags im Zenith steht und am Abend hinter den fernen Bergen hinabsinkt, oder die Sonne, die den Frühjahrsanfang bezeichnet, deren Wärme dann im Sommer die Früchte zur Reife bringt und die mit abnehmendem Lichte im Herbst den nahenden Winter ankündet. Man könnte die eine der Seitenfiguren auch als die Verkörperung von Wärme und Leben, die andere als die von Kälte und Tod auffassen.

Die meisten Kultbilder (wie Großkrotzenburg) zeigen nur auf einer Seite Darstellungen; das Hauptbild der Stiertötung ist in diesen Fällen von einem torartigen Rahmen umgeben, der mit kleinen Bil­dern vom Leben und den Taten des Mithras geschmückt ist.

Der Rückinger Stein zeigt auf Vorderseite und Rückseite Skulp­turen; er war in zwei eisernen Zapfen, in der senkrechten Mittel­achse drehbar, aufgestellt, und die kleinen Bilder, die sonst den Rahmen schmücken, sind über dem Bilde der Stiertötung in vier Reihen angebracht. Leider ist die oberste Reihe durch das gewalt­same Ausbrechen des Steines aus seinem Lager stark zerstört.

Ver­mutlich war in dieser ersten Reihe dargestellt, wie Mithras aus einem Felsen geboren wurde, schon mit einem Messer bewaffnet und in der anderen Hand eine Fackel haltend, welche die Finsternis erhellte. Das nächste Bild mag Mithras gezeigt haben, wie er, der nackt zur Welt kam, von einem Feigenbaum mit seinem Messer Früchte und Blätter abschnitt, um sich zu nähren und mit den Blättern zu be­kleiden. Ein drittes Bild kann dargestellt haben, wie er aus einem Felsen oder einer Wolke mit dem Bogen Wasser schoß, das ein vor ihm Kniender auffängt. Das letzte Bild der ersten und das erste Bild der zweiten Reihe zeigen dann, wie der stehende Mithras dem vor ihm knienden Sonnengott die Strahlenkrone aufs Haupt setzt, die dieser seit jener Zeit während seines täglichen Laufes trägt, und dann mit ihm, indem er ihm seine rechte Hand reicht, ein feierliches Freundschaftsbündnis schließt. Die neben dem ersten Bild der zwei­ten Reihe angebrachten vier kleinen Büsten, von denen die beiden oberen stark beschädigt sind, stellen die vier Jahreszeiten dar.

Es folgen fünf Szenen, die den Kampf des Mithras mit dem Stier schildern. Dieser endet damit, daß der Heros den Stier auf dem Rücken in die Höhle trägt, um das Opfer zu vollziehen. Auf dem zweiten Bild der dritten Reihe steht Mithras vor einem Baum, der sich in drei Äste gabelt, deren jeder einen Kopf mit phrygischer Mütze trägt, die mithrische Dreiheit. Das mittlere Bild der Reihe zeigt Sol auf dem zweirädrigen mit vier Rossen bespannten Wagen. Die nächste Darstellung ist ein Rabe im Profil nach rechts (der Rabe war Bezeichnung für den untersten Weihegrad des Mysten, die folgenden Grade führten die Namen: Verborgener, Soldat, Löwe, Perser, Sonnenläufer und Vater). Bei gewissen Gelegenheiten legten die Kultteilnehmer Verkleidungen an, die den ihnen gewährten Weihegraden entsprachen.

Die nun folgenden sieben Figuren sind eine Darstellung der Pla­neten, sechs sind zu drei Paaren gruppiert, zuerst Mars mit Venus, dann Saturn, den Blitz an Jupiter übergebend, und als drittes Paar Sol und Luna. Die beiden ersten Paare sind in der Weise zusammen­gefaßt, daß ein Planet mit für den Menschen guten Eigenschaften (Venus und Jupiter), mit einem Planeten mit schlechten Eigenschaften (Mars, Saturn), gepaart ist. Den Beschluß bildet als siebenter Planet der in lebhaftem Gang nach links eilende Merkur, den Geldbeutel in der hoch erhobenen Linken haltend. Merkur war mit neutralen Eigenschaften ausgestattet und nahm die Natur desjenigen Planeten an, mit dem er in Beziehung, in Conjunction, trat.

Die beiden letzten Bilder stellen dar, wie Mithras zum Abschluß seiner irdischen Taten dem Sol die Hand reicht und dann mit ihm das Ende der gemeinsamen Kämpfe in einem Mahle feiert. Diesem letzten Bilde wurde im Kulte besondere Bedeutung beigemessen, denn es wird in großem Maßstab auf der unteren Hälfte der Rückseite wieder­holt, so daß sich der Gedanke aufdrängt, die Umdrehung des Steines sei in dem Augenblick erfolgt, als diese Darstellung in der Liturgie, vielleicht mit einem ähnlichen Mahle der Teilnehmer, gefeiert wurde.

Die obere Hälfte der Rückseite zeigt den nach links galoppierenden Mithras wahrscheinlich mit einem Lasso in der rechten Hand, um­geben von Pferden und Ebern; die Tiere sind so geordnet, daß der Eindruck einer um den Reiter kreisenden Bewegung entsteht. Vier im Kreise sich drehende Rosse werden bei einem antiken Schrift­steller mit den vier Elementen verglichen.

Wenn man bedenkt, daß die Kultbilder ursprünglich in lebhaften Farben - Weiß, Grün, Blau, Gelb, Rot und Schwarz – bemalt waren  und Einzel­heiten durch Vergoldung hervorgehoben wurden, so kann man sich gut ausmalen, wie diese Bilder in den halbdunklen, nur durch kleine Öllämpchen erleuchteten Tempelräumen auf Auge und Geist der Teilnehmer gewirkt haben müssen.

Die gewaltige Ausbreitung im Laufe des dritten Jahrhunderts verdankt der Mithrasglaube dem rasch fortschreitenden Verfall des Römerreiches und seiner Staatsreligion. Die unruhigen kriegerischen Zeiten weckten in weiten Kreisen und besonders bei den Soldaten das Bedürfnis nach einer mehr aufs Jenseits gerichteten innerlichen und persönlichen Stellung des einzelnen zur Gottheit, zum Suchen nach Trost für die Not der Zeit und nach Hoffnung auf ein besseres Jenseits. Die Religion des Mithras, die viele mit dem Christenglauben gemeinsame Züge aufwies, hat diesem längere Zeit den Rang streitig gemacht. Wenn das Christentum schließlich den Sieg davontrug, dann nicht etwa, weil nicht nur Männer, sondern alle Menschen beiderlei Geschlechts, die mühselig und beladen waren, an den Segnungen der christlichen Lehre teilhaben konnten, auch nicht wegen der Überlegenheit der christlichen Moral gegenüber der des Mithrasglaubens. Letzten Endes waren Theologie und Liturgie der Mithrasreligion für den Geist des Abendlandes zu asiatisch geblieben und diese deshalb zum Untergang verurteil (Mithraskultbild von Rückingen in: Hanau, Stadt und Land,  Seite 331).

 

Östlich der Brücke über den Bach (wenn an sich die Waldstraße verlängert denkt) wurden 1883 Pfahlstümpfe entdeckt.Im Vicus war eine Ziegelei. Etwa 200 Meter von der Nordwest-Ecke des Kastells kam 1950 ein Mithraskultbild zutage.

 

Vom Römerbad geht es wieder nach Osten durch die Römerstraße. Vor der Kreuzung mit der Rodenbacher Straße liegt links der heutige Rückinger Friedhof, der 1859 eingerichtet wurde.

Man fährt aber geradeaus weiter und biegt an der Ecke Jakobstraße rechts ab. Dort befindet sich der jüdische Friedhof (rechts alte Sandsteine, links moderne Steine). Durch die Jakobstraße kommt man in die Straße „An der Wasserburg“. Man fährt links weiter, bis man rechts die Wasserburg sieht.

 

Wasserburg

Auf einer durch Grabenziehung entstandenen Kinziginsel errichtet, wird die Wasserburg erstmals im Jahre 1248 urkundlich erwähnt. Die Herren von Rückingen und Rüdigheim hatten sie in ungeteil­tem Lehensbesitz. Hinter der hohen Mauer, die ein Viereck um­schloß, erhob sich ein Wohngebäude und ein starker quadrati­scher Wehrturm. Von dieser gut ausgebauten Befestigung unter­nahmen die Ganerben ausgedehnte Raubzüge. Sie kontrollierten den Handelsverkehr auf den Flüssen und den Fernverkehrsstra­ßen. Ihre Tributforderungen trugen ihnen den Namen „Markt­schiff‑ Schinder“ ein. Diese Einkunftsschmälerungen zwangen Kö­nig (Kaiser) Ruprecht von der Pfalz zum Handeln. Er ließ 1405 die Wasser­burg schleifen. Johann von Rüdigheim mußte geloben, „keinen Graben, keine aufge­hängte Brücke, keinen burglichen Bau oder Befestigung“ zu errichten.

Im Jahre 1461 ging die Burgstätte mit anderem Grundbesitz in das Eigen­tum des Ludwig von Isenburg über. Er belehnte darauf Henne von Rückingen mit seinem Eigentum. In dieser Zeit entsteht die kleine regelmäßige viereckige Burganlage neu.

Im Jahre 1522 ist sie wieder Anlaß für eine kriegerische Auseinandersetzung, denn die verbündeten Heere von Hessen, Pfalz und Trier strafen Philipp von Rüdigheim und erobern seine Burg. Dieser hatte Franz von Sickingen beim Landfriedensbruch gegen Trier unterstützt und mußte fliehen. Die Zerstörung der Burg wird nicht allzu gründlich gewesen sein. Doch schon 1569 (Schlußstein mit Wappen Rückingen/Roth von Burgschwalbach und der Jahreszahl 1569) baute Rudolf Eitel von Rückingen seine Stammburg wieder auf.

Nach dem Aussterben derer von Rüdigheim übernahm der Obristleutnant von Fargel 1655 deren Anteil. Er ließ an der Wasserburg bauliche Um‑ und Erweiterungsarbeiten vornehmen wie das barocke Fachwerk der Obergeschosse, ein Türgewände und der Wappenstein mit Allianzwappen und der Jahreszahl 1713 ausweisen. Schon ein Jahr später war auch diese Familie ausgestorben.

Nach dem Aussterben des Oberst von Fargel kam die Wasserburg an den Darmstädtischen Geheimen Kriegsrat Christian Eberhard Kamytzky von Estibors, fiel aber nach dessen Tod 1759 wieder an Ysenburg zurück.

Im Jahre 1850 verkaufte der Fürst von Isenburg‑Birstein die Burg an die Familie Traudt, die einen landwirtschaftlichen Betrieb einrichtete. Der Wassergra­ben wurde zugeschüttet. Brücke, Tortürme und Zinnen ver­schwanden. Im Jahre 1961 ging die Burg an Fritz Sattler aus Frankfurt/Main über. An der Burg ist eine Gedenktafel für die jüdischen Bürger, deren Synagoge 1938 zerstört und 1942 abgerissen wurde.

Mitte der 70iger Jahre erwarb die Gemeinde Erlensee die baulichen Reste des steinernen Wehrgebäudes mit Rundbo­genfries und Eckrundturm. Seit 1983 nutzt der Heimat‑ und Ge­schichtsverein einige Räume für ein kleines Heimatmuseum. Das Umfeld der histori­schen Wasserburg will die Arbeitsgruppe zur sozialen Stadterneuerung aus dem Dornröschenschlaf küssen. Die sich vor den schweren Holztoren der einstigen Rau­britterfestung auftuende Asphaltfläche, an der drei Gassen anscheinend ohne ein­deutige Verkehrsführung verschmelzen, soll nach dem ersten Plan der Arbeitsgrup­pe zu einem Platz umgestaltet werden. Pflaster, Bäume und Bänke weist das Kon­zept als wesentliche Gestaltungselemente zur Wiederherstellung des dörfliches Cha­rakters aus.

Obgleich die Burg nicht das Zentrum des Ortsteils Rückingen aus­macht, ist sie dennoch eine Visitenkarte der Gemeinde. Das mittelalterliche Ge­mäuer beherbergt ein respektables Hei­matmuseum und ist zudem mit seinem In­nenhof ein beliebter Ort für private und öf­fentliche Feste in den warmen Monaten. Die Schattenseite: Die Besucher mancher Feiern im Hof lärmen zum Ärger der An­wohner nicht selten bis spät in die Nacht hinein.

Auf dem Wiesengrund neben der Was­serburg soll eine Stellfläche für zehn bis zwölf Autos entstehen. Die Bebauung der Fläche ist nicht möglich, weil jüngste archäologische Gra­bungen alte Mauerfundamente ans Tages­licht brachten. Ob es sich hierbei um die Überbleibsel der ursprünglichen Burg han­delt, wird gegenwärtig noch geprüft. Es ist vorstell­bar, die freigelegten Grabungsstücke später dem Publikum zugänglich zu ma­chen.

Das schicke Umfeld in spe an der Wasserburg kommt vermutlich dem Müncheber ­Investor IGV zupass. Vor einem Jahr kaufte die Firma die Alte Mühle, die an der Kinzig liegt und an der sich eine Auen­landschaft anschließt. In dem vorderen Ne­benbau sollen vier, in der viergeschossi­gen, denkmalgeschützten Mühle, zwölf Ei­gentumswohnungen entstehen. Der mächtige Ziegelstein war lange Zeit Lager. Wie von Reinhold Schüßler, Objekt­planer bei IGV, zu erfahren war, haben die geplanten Wohnungen zwei bis drei Zim­mer und eine Fläche von sechzig bis acht­zig Quadratmetern.

 

An der Mühle vorbei kommt man zur Brückenstraße. Rechts ist die alte Brücke nach Niederrodenbach. Man geht aber nach links in die Brückenstraße und sieht rechts den Herrenhof.

 

Herrenhof

Nach 1405 war Johann von Rüdigheim nur noch ein „Bauhof“ gestattet. Dieser Bauhof von 1405, „Herrenhof“ genannt, lag etwa 200 Meter oberhalb der Wasserburg an der Kinzig.. Eine starke Mauer umgab das Anwesen, das aus dem Schloß, der Herrrenscheuer, Stallungen und dem großen Herrengarten bestand. Der Herren­hof ging in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Privatbesitz über. Er wurde 1910 der Gemeinde Rückingen übereignet, die das Wohngebäude 1912 wegen seiner Bau­fällig­keit abbrechen ließ. Das Material wurde damals zum Bau des Buch­berg‑Aussichtsturmes verwandt. Ein Brand im Jahr 1912 trug zu einem weiteren Eingriff in die Bausubstanz des Herrenhofes bei. Heute ist vom früheren Burggut nur noch eine Scheu­ne vorhanden (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 256, heute steht nur noch die Scheune, ganz links vorn auf dem Bild).

 

Nach links geht es dann  in die Herrenhofstraße. Rechts im ehemaligen Garten des Herrenhofes (Herrengarten) steht der Rest des sogenannte „Schlößchen“. 

 

Schlößchen

Im ehemaligen Garten des Herrenhofes (Herrengarten) wurde 1564 ein zweigeschossiger Wirtschaftsbau mit rundem Treppenturm errichtet, das sogenannte „Schlößchen“. Wahrscheinlich ist es ein Nebengebäude eines eigentlichen Schlosses. Der erste Teil mit dem Turm ist 1564 erbaut. Im „Schlößchen“ nahm Gustav Adolf am 20. Januar 1632, als er seiner Gemahlin von Frankfurt aus entgegengereist war, ein Mittagsmahl bei Philipp Burckhardt von Rüdigheim zu Rückingen ein. 

Der zweite Teil des Schößchens wurde 1713 erbaut (Wappen Fargel). Damals wurde das Schlößchen um einen größeren Gebäudeflügel erweitert (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 145). Ab 1880 war hier der Kindergarten untergebracht, der hintere Teil ist seit 1877 Schule, der Rest dient heute zu Wohnzwecken. Nach dem Willen der Arbeitsgruppen zur Sozialen Stadterneuerung soll das Schlöß­chen in absehbarer Zeit kul­tureller Mittelpunkt des Erlenseer Ortsteils Rückingen sein. Ateliers und Ausstel­lungsräume für Laienkünstler sollen dort entstehen. Das stark sanierungsbedürftige Gebäude wird gegenwärtig noch von vier Familien bewohnt.

Das Schlößchen  grenzt unmittelbar an eine Grundschule samt Spielplatz und ist von verkehrsberu­higten Gassen umgeben.

Die öffentli­che Nutzung soll im Vordergrund stehen. Ein Teil des Schlößchens werde der Schule zu­geschlagen, die bereits jetzt aus allen Näh­ten platzt. In den verbleibenden Räumlich­keiten sollen auf vielfältige Art und Weise Kunst und Kultur ihr Zuhause haben. In der Überlegung sind Ateliers zum Malen oder Skulptieren und Werkstätten für Dru­ckerei oder Bildhauerei, Ausstellungs­raum, offene Ortsteilbücherei und Erzähl­café stehen als zusätzliche Einrichtungen ebenfalls zur Diskussion.

 

Kapelle, Lutherische Kirche:

Die Planung eines Kinderspielplatzes durch die Gemeinde Erlensee veranlaßte den Hanauer Geschichtsverein 1984/85 zur Ausgrabung der im Jahre 1912 abgebrochenen Rückinger Kirche (Abbildung in: Archäologische Denkmäler, Seite 120). Bei den Ausgrabungen wurden Grundmauern und 35 Gräber freigelegt. Die Vertiefung für den Spielplatz gibt größtenteils den Standort der Kirche wieder.

Die urkundlich erstmals 1311 erwähnte Kapelle war im Mittelalter Filiale der Pfarrkirche von Langendiebach. Der älteste Kirchenbau war ein einfacher Rechtecksaal von 12,3 Meter Länge und 7,3 Meter Breite, der Anfang des 17. Jahrhunderts auf 18,3 Meter verlängert und im Renaissancecharakter umgebaut wurde. Das genaue Datum der Errichtung dieser Kirche ist nicht festzustel­len; die Auswertung der ältesten von insgesamt 33 geborgenen Münzen und der übrigen Funde läßt eine Gründung der Kapelle vor dem 13. Jahrhundert unwahrscheinlich erscheinen. 35 Bestattun­gen, die im Verlaufe der Grabung in der Kirche geborgen werden konnten, lassen sich auf Grablegungen des lokalen Adels und der Besitzer des Dorfes Rückingen zurückführen. Die Fundamente der Kirche wurden nach ihrer Restaurierung in den heutigen Spielplatz integriert.

Nach einem Abkommen von 1565 verliehen die Pfarrstelle die von Rückin­gen und von Rüdigheim gemeinsam. Als Isenburg 1596 in seinem Territorium das reformierte Bekenntnis einführte, trennten die Rückinger Ganerben ihre Kirche von Langen­diebach ab. Sie blieb in der Folge lutherisch.  Die Herren von Rückingen bauten an der Stelle der Kapelle eine eigene lutherische Kirche. Die einschiffige kleine Kirche war äußerlich und innerlich ganz im Stil der deutschen Renaissance er­baut. Mit ihrem Neubau wurde nach dem Jahre 1596 begonnen, der West­giebel war im Jahre 1609 vollendet. Die Bauzeit der Kirche ist also fast gleich­zeitig mit dem Bau der großen Niederländisch-­Wallonischen Kirche in Hanau.

Der Aufgabe, eine klei­ne Saalkirche zu erbauen, waren die lutherischen Baumeister in Rückingen gewachsen, sie brauchten keine Anleihen bei den Baustilen der Vergangen­heit zu machen. Sie über­nahmen die vorgeprägten Formen der profanen Ar­chitektur und übertrugen sie auf einen Sakralbau. Der Westgiebel der Kirche mit Voluten und Schnör­keln und mit den Obe­lisken war genau dem Wohnhausbau der Zeit abgeschaut. Wir haben die gleichen Schmuck­formen und die gleichen Proportionen an den etwa gleichzeitig er­bauten stattlichen Wohnhäusern der Neustadt Hanau gefunden. Auch die kassettierte Saaldecke im Innern der Kirche könnte gleich­artig in einem Schloß eingezogen worden sein.

Die Emporen zu beiden Seiten des Schiffes entsprachen dem Bedürfnis des protestan­tischen Gottesdienstes. An die Stelle des Hochaltares war im Mittel­punkt der Ostwand die Kanzel getreten. Der Altar trat völlig zurück: eine einfache Mensa erfüllte seine Funktionen. Im ganzen war die Rückinger Kirche das seltene Beispiel einer protestantischen reinen Renaissancekirche (Innenansicht der alten Kirche in: Hanau, Stadt und Land, Seite Rückingen Seite 145).

Im Jahre wurde die Kirche 1912 abgerissen.

Von einem Altar der Kapelle stammt ein Wappenstein der Familie von Rüdigheim. Das in Sandstein gehauene Wappen befand sich bis zu seiner Vernichtung im Hofe des Altstädter Rathauses in Ha­nau und gehörte zu den Sammlun­gen des Hanauer Geschichtsvereins. Von dem einst sicher prächtigen spät­gotischen Altar hat sich nur ein Wappenstein erhalten, bei dem die Worte „Anno domini 1491 hat einer von Rüdig­heim in diese Kirchen einen gewelm­ten altar gestiftet, daran hat das wapen gestanden“ zu lesen waren. Ein Mitglied der Familie von Rüdig­heim hatte ihn in die Kapelle des Ortes Rückingen gestiftet, die eine Filialkapelle von Langendiebach war. Die Familie von Rüdigheim hatte ihren Stammsitz Rüdigheim im Jahre 1257 den Johannitern überlassen.

Zur Zeit der Altarstiftung in Rückingen finden wir mehrere Linien der Rüdigheimer nebeneinander, die an verschiedenen Orten Burgmannen und Amtmänner waren. Der Anteil an Dorf und Burg Rückingen, die ein selbständiges Territorium bildeten, reichte für den Zweig der Rüdigheimer, die hier saßen, nicht zum Unterhalt der zahlreichen Familienmitglieder aus. So wurde ein Rüdigheimer zum „Raubritter“, der durch allerlei Fehden und Händel von sich reden machte. Es war dies Philipp von Rüdigheim. Er wurde 1480/85 geboren und war seit 1508 mit Anna von Heppen­heim vermählt. Im Jahre 1518 hatte er dem Rat von Frankfurt Fehde angesagt. Im Verlaufe des Streites hatte er in Babenhausen den Frankfurter Ratssehreiber Oswald Hug ergreifen und in ein unbe­kanntes Gefängnis verschleppen lassen. Man machte Philipp einen Prozeß, doch er fügte sich nicht in den Richterspruch. Unmittelbar darauf nahm er Anteil an der Fehde des Mangold von Eberstein, eines Verwandten der Rüdigheimer, gegen die Stadt Nürnberg.

Man lauerte dem „Feind“ in Waldverstecken auf, und jeder, der als Nürnberger galt, wurde gefangengenommen, auf Schleichwegen nach Brandenstein gebracht und nur gegen hohes Lösegeld wieder frei­gelassen. Mangold kam in die Reichsacht, entzog sich jedoch der Ge­fangennahme und eilte zu Franz von Sickingen. Bei einer Belagerung in der Fehde Sickingens gegen Trier fiel der Ebersteiner. Auch Philipp von Rüdigheim treffen wir bei den Scharen Franz von Sickingens, die die Reichsritterschaft verteidig­ten. Nach der tödlichen Verwundung Sickingens bei der Verteidi­gung der Burg Landstuhl wurde Philipp von Rüdigheim mit ande­ren Rittern gefangengenommen, aber schließlich begnadigt.

Er trat dann in die Dienste des Siegers, des Landgrafen Philipp von Hessen. Als streitbaren und erprobten Reiterführer finden wir schließlich im Jahre 1542 Philipp als hanauischen Lehensmann bei den Rüstungen zu einem Türkenzug wieder. So läßt sich aus dem Wappen des Rüdigheimer Geschlechts Aufstieg und Niedergang des Landadels ablesen.    

Auf der Hauptstraße am Schlößchen vorbei geht es links weiter zur Kirche.

 

Evangelische Kirche

Die in frühgotischem Stil kreuzförmig gebaute Kirche wurde in der Zeit vom 30.10.1899 ‑ 8.9.1901 in Sandstein-Bruchmauerwerk auf dem ehemaligen Pfarrhausgrundstück aus den Steinbrüchen von Gelnhausen errichtet. Die Gesimse, Fenster und Eckeinfassungen sind aus rotem Wertheimer ­Sandstein hergestellt. In den früheren Turmeingang und um die Kirche herum sind Grabsteine aus dem seit 1859 geschlossenen Friedhof an der Leipziger Straße einge­mauert. Die Höhe des Turmes beträgt ohne Kreuz und Hahn 38,65 Meter. Am 28.3.1945 wurde besonders der Turm der Kirche durch amerikanischen Artilleriebeschuß beschädigt. Eine Reparatur wurde im Jahre 1949 vorgenommen.

Der ursprüngliche Grundriß der Kirche wurde im Rahmen einer umfangreichen Renovierung 1964/65 verändert. Der Turmeingang (Haupteingang) wurde in einen damals neu errichteten Anbau verlegt und der alte Eingang im Turm zugemauert, dies war durch den Ausbau der Hauptstraße notwendig geworden. Im Zuge dieser Renovierung wurde auch ein neuer Altar sowie eine Kanzel eingebaut. Außerdem erhielt das Gottes­haus u.a. eine neue Verglasung, die Innenwände wurden neu angestrichen, das Holz­werk der Decke, die Emporen und die Bänke wurden aufgehellt.

In der Kirche befindet sich ein barockes Altarbild aus der im Jahre 1912 abgerissenen alten Kirche. Aus diesem Altarbild ist die Anbetung Jesu Christi durch die hl. Drei Könige, das Abendmahl sowie Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi zu sehen. Außerdem sind acht Holzbilder mit Aposteldarstellungen, die aus dem alten Gotteshaus stammen, wahrscheinlich von deren Emporeumrandung, vorhanden. Im Jahre 1902 wurde eine Orgel von der Firma Wilhelm Ratzmann aus Gelnhausen erstellt. Sie wurde 1965 und 1970 von der Firma Bosch, Niestetal‑Sandershausen, erweitert und erneuert. An der Kirche stehen gute Grabsteine und Epitaphien der ehemaligen Besitzer Rückingens und  im Eingang ein Epitaph des Johann von Fargel, gestorben 1681. Die Katholiken gehörten früher zu Langenselbold. Die katholische Kirche „Christkönig“ wurde 1956 ‑ 1958 erbaut.

 

Radtour Erlensee-Bulau

Hochstadt - Hohe Tanne - Beethovenplatz - vor der Kinzigbrücke links - Straße „Vor der Kinzigbrücke“ - über die Kinzig  - Kinzigstraße -  rechts links Heinrich-Bott-Straße - Schloßplatz - Schloßhof – Eberhardstraße - Rühlstraße - südlich der Kinzig entlang - unter der Bundesstraße 8 hindurch - weiter an der Kinzig entlang (Schlängelpfad) - bis zum geteerten Waldweg - vor dem Hanauer Kreuz nach links – and er Kinzig unter der Autobahn hindurch - Übersichts­plan für das Erlenseegebiet - geteerten Wald weg entlang - kurz nach dem Knick nach rechts scharf nach links Richtung Nordwesten.

Abstecher zum Limes: Wo der Weg nach Westen abknickt, geht rechts ein Weg nach Nordosten. Nach etwa 30 Metern aber nicht an dem Bachlauf  der Lache entlang, sondern noch einmal nach rechts auf einem verwachsenen Weg. Nach etwa 400 Metern wird der Limes gekreuzt: Besonders nach Norden ist er gut zu sehen als eine gerade Bodenerhebung mit etwa einem Meter Höhenunterschied, die bis an den Bachlauf der Lache reicht (dahinter sieht man schon wieder die Wiesen).dann geht man wieder zurück zum Hauptweg.

An dem Übersichtsplan geht es scharf nach Norden (der Weg geradeaus ist gesperrt). Der Weg führt zum Kinzigsteg südlich von Rückingen (Es gibt auch einen Weg weiter östlich: Man fährt nach dem Rechtsknick auf dem geraden Waldweg nach Osten weiter und dann links am Waldrand entlang durch die Kleingärten bei den Nachbarswiesen, so daß man von Osten her zum Kinzigsteg kommt). Nördlich des Kinzigstegs ist das Römerbad. Von hier aus kann man einen Rundgang durch Rückingen machen (siehe „Rückingen“).

Am Römerbad fährt man weiter auf dem Radweg Richtung Hanau. Vor der Brücke über die Bundesstraße biegt man links an und bleibt an der Gabelung (Übersichtsplan) auch links. Der Weg führt am Erlensee entlang. Der 18 Hektar große Erlensee entstand durch den Kiesabbau der 60er Jahre. Schließlich stößt man auf die Autobahn. Dort geht es nur rechts weiter (nicht nach links zur Kinzig). Man fährt an der Autobahn entlang, bis man sie unterqueren kann.

Dann geht es wieder links und am ersten Weg wieder rechts. Der Weg wird nach einiger Zeit schaler und holpriger und führt schließlich an die Nordseite der Kinzig. Am Steg über die Kinzig geht es rechts-links versetzt weiter, unter der Bundesstraße 8 hindurch und durch das Gelände der Landesgartenschau. Nach Überquerung der Wilhelmstraße geht es weiter auf dem Alten Rückinger Weg (Radweg abmarkiert), über die Bruchköbeler Landstraße. Im Krebsbachweg geht es gleich rechts ab durch den Klausenweg, über die Umgehungsstraße zur Fasanerie (rechts ein alter Grenzstein von 1735). Um die Fasanerie herum kommt man nach Wilhelmsbad und über den Radweg nach Wachenbuchen zu rück nach Hochstadt.

 

Man kann aber auch die Landstraße an der Ampel zum Fliegerhorst überqueren und ein Stück in Richtung Hanau fahren. Dann kommt man zum Vogelschutzpark (Bewirtung am Sonntag). Ein Lehrpfad führt durch die Anlage. Man kommt an einem Springbrunnen vorbei und an einem grünschimmernden See, der aus einem Bombenkrater entstanden ist. In den Volieren finden sich Gold- und Diamantfasane, Sittiche, Türkentauben und Zebrafinken.

Kurz vor dem Eingang ist ein Hinweisschild auf einen Waldlehrpfad. Dessen Tafeln sind allerdings nicht mehr vorhanden. Aber das Wanderzeichen „Vogel mit Zweig“ führt zum Zaun des Bärensees. An diesem fährt man nach rechts entlang, bis man bei der Fallbachbrücke den Birkensee erreicht.

Die Fischzucht Haas wurde seit 1956 an den „Güntherteichen“ betrieben, Im Jahre 1964 entstanden die heutigen Angelteiche in einem Gebiet, in dem früher Altarme von Main und Kinzig verliefen. Der Birkensee ist  durch den Kiesabbau für die Autobahn entstanden. Hier werden Zander, Hecht, Wels, Stöhr, Karpfen und Forellen verkauft.

 

 

 

 

 

Bruchköbel

 

Bruchköbel (Bild in Hanau Stadt und Land, Seite 139).

 

Lage: Nördlich von Hanau am Krebsbach, 110 Meter über N.N., an der Kreuzung der Straßen Hanau‑Windecken und Mittel­buchen‑Langendiebach gelegen. Die Gemarkung (1.351,84 ha) wird von den Gemarkungen Roßdorf, Niederissigheim, Langen­diebach, Hanau und Mittelbuchen eingeschlossen. Südlich des Dorfes die Domäne Kinzigheimerhof (ursprünglich selbständige Siedlung Kensheim; bis 1928 Gutsbezirk).

 

Bodenfunde:

Jüngere Bronzezeit (Urnenfelderstufe): ein großes Steinkammergrab (Abbildung Seite 53) entlang des „Kleinen Höhenweges“, der Fortsetzung der alten Gelnhäuser Poststraße

Jüngere Eisenzeit: Brandgräber entlang des „Kleinen Höhenweges“

Jüngste Bronzezeit: Brandgrab, am Südrand des Waldes, dicht westlich der Landstraße

Römische Brandgräber: östlich der Landstraße

Ältere Eisenzeit: Siedlungsgrube in der Ziegelei westlich der Straße nach Windecken.

Römerzeit: 600 Meter nördlich der Burg eine römische Ansiedlung, eine zweite Siedlung 700 Meter südöstlich des Kinzigheimerhofes.

Fränkische Zeit: Dicht beim Hofe fränkische Reihengräber; die fränkische Siedlung lag also in der Mitte des rechteckigen Ausschnittes aus dem Waldgebiet, dessen Form die Rodung aufzeigt, die das fränkische Herrengeschlecht vorgenommen hat.

 

Älteste Namensformen: locus Cavilla 839, villa Kebella 1057, Kevile 1074 ( = Marköbel oder Bruchköbel?); minor Chevella 1128, Kebele inferior 1247, Bruchkebele 1247 (zum Unterschied von dem ebenfalls am Köbel = Krebs‑Bach gelegenen Marköbel).

Für den Kinzigheimerhof: Kenesheim 1235, Kainshem 1237, Keinsheim 1259, Kynsheim 1392, Kintzheimer oder Kinsheimer Hof 1719; zuerst 1736 daneben Kinzigheimer Hof, ab 1781 nur noch so.

 

Geschichtliches: Das Dorf scheint anfangs dem Kloster Seligenstadt gehört zu haben. Die von Rückingen hatten die Vogtei über den Besitz des Klosters als Lehen; 1301 erkaufte Seligenstadt die Hälfte der Vogtei. Seligenstadt verkaufte 1567 seine drei Höfe in Bruchköbel mit dem höfischen Gericht an Hanau. Die Hoheit über das Dorf scheint Hanau von Anfang an besessen zu haben. Im Jahre 1368 erlaubte der Kaiser dem Ulrich III. von Hanau, daraus eine Stadt und Markt zu machen und es zu befestigen (mit Marköbel, Niederdorfelden und Schaafheim).

Bruchköbel war Sitz eines „Hals‑ und Centgerichts“, zu dem ursprünglich wohl auch Hanau und das ganze Amt Büchertal gehörten. Der Galgen stand südlich des Dorfes; dort wurden

bis ins 16. Jahrhundert auch die Hanauer Übeltäter gerichtet. Im Dreißigjährigen Krieg 1635 „bis auf den Kirchturm“ von Kroaten niedergebrannt. ‑ In der Nacht vom 10. zum 11. Mai

1941 erster Luftangriff im Kreisgebiet auf Bruchköbel. ‑

Im Dorf zwei Gutshöfe: der Mönchshof, ehemals den Antonitern gehörig, 1443 an Kurmainz; von diesem 1644 als Erblehen an den Major Winter von Güldenborn, der Hanau von der Gewaltherrschaft Ramsays befreit hatte. Dessen Nachkommen besitzen den Hof noch heute. Der ehemalige Seligenstädter Hof, 1567 von Hanau erkauft, von diesem an die Familie Crantz

und dann an deren Erben von Savigny.

 

1128  Erste Erwähnung von Bruchköbel als „minor Chevela“, d. h. das kleinere Chevela in

    einer Urkunde des Erzbischofs Adelbert I. von Mainz (1111‑1137).

1247  Der heutige Name findet sich erstmalig in einer Urkunde („Bruchkebele“).

1368  Verleihung der Stadtrechte am 06.12.1368 durch Kaiser Karl IV.

1386  Bundeskrieg der Städte gegen den Adel; Bruchköbel schwer geschädigt

1351 Überschwemmungen mit Dürre­katastrophe.

1410  Errichtung eines Wehrturmes ‑ heutiges Wahrzeichen der Stadt.

1820  In Bruchköbel gab es 478 Einwohner.

1879  Eröffnung der Eisenbahnlinie von Hanau nach Windecken.

1883  Bruchköbel erhielt seinen ersten Telefonan­schluß im Schulhaus, der Kirchturm eine             neue Uhr und der „Freie Platz“ eine Brückenwaage.

1885  Zählte Bruchköbel bereits knapp 1.000 Einw.

1937  Bau eines Schwimmbades.                     

1960 „Kirlesiedlung“

1972  Erfolgte die Sanierung der Bruchköbeler Altstadt.                                                            1972  Zusammenschluß von Bruchköbel, Butterstadt, Nieder‑ und Oberissigheim. 

1974  Folgt dem Zusammenschluß noch Roßdorf.

1975  Verleihung des neuen Stadtrechts (am 07. Mai 1975) aufgrund der Fusion

 

Baudenkmäler:

Ehemalige Johanneskirche: Früher lutherische Kirche. Der Bauplatz wurde 1712 von Georg Hek aus Marköbel geschenkt. Die Kirche wurde 1717 erbaut. Sei hatte am Westgiebel einen Dachreiter mit einer Glocke. Auf Betreiben von Pfarrer Merz wurde sie 1822 geschlossen. Im Jahre 1835 wurde sie zum Wohnhaus umgebaut, 1980 renoviert und 1991 Stadtbibliothek. Davor ein Brunnen von 1709.

 

Altes Rathaus: Nach der Zerstörung im 30jährigen Krieg  wurde auf dem erhalten gebliebenen steinernen Kellergeschoß von 1520 ein neuer Fachwerkbau errichtet (Kellertür). Seit 1874 war im Haus auch ein Raum für Gottesdienste. Im Jahre 1933 wurde das Rathaus umgebaut und erweitert. Im Keller wurde Wein gelagert. Bis 1973 war das Gebäude Rathaus, 1977 wurde es umgebaut und wurde zum Heimatmuseum (Außenquartier schräg gegenüber) und Ratskeller. Schöner Ziehbrunnen von 1709 stand auf dem „Freien Platz“, dem Dorfmittelpunkt, er wurde nach 1945 zerstört und als Verkehrshindernis entfernt.

 

Jakobuskirche:

Pfarrei wird bereits 1192 genannt. Sie war Sankt Jakobus geweiht und gehörte zum Ruralkapitel Roßdorf im Archidiakonat S. Maria ad Gradus in Mainz. Patron war bis 1561 der Abt des Klosters Limburg an der Haardt, dann Hanau. Erst um 1550 wurde die Kirche reformiert. Ursprünglich war sie vielleicht Mutterkirche für Kesselstadt und Oberissigheim. Nach der Reformation war sie zeitweise Niederissigheim Vicariat.

Der wehrhafte Kirchturm von 1410 wurde 1505 erneuert und  trägt als Abschluß Zinnen mit Eck-Erkern; darüber steigt ein spitzer Steinhelm hoch. Ab 1505 wurde der Kirchhof mit einer starken Mauer umgeben, die mit dem Turm zusammen als Gau-Vorwerk ausgewiesen ist (Mauerreste davon sind erhalten). Im Jahre 1561 kaufte Hanau das Patronatsrecht über die Kirche. Das Kirchenschiff wurde 1635 zerstört, aber um 1650 und 1724 renoviert und erweitert, d.h. praktisch wieder aufgebaut mit spätgotischen Fenstern. Letztmals wurde die Saalkirche mit Apsis 1724 im Jahre 1969/1970 renoviert. Im ehemaligen Wehrturm ist über dem Turmeingang die Jahreszahl 1505 zu erkennen. Zur Ausstattung der Kirche gehören ein steinerner Altartisch und Taufstein aus dem Jahre 1969, eine moderne Empore auf der West‑ und Nordseite. Ferner befindet sich in der Kirche ein einfaches Metallkreuz auf dem Altar. Das Kirchenportal ist aus rotem Sandstein (1505), entsprechend dem damaligen Baustil. Die Orgel ist ungefähr 100 Jahre alt. Auf dem Kirchhof stehen schöne Grabsteine des 17. Jahrhunderts.

 

Glasfenster in der Evangelischen. Kirche

Hier wurde einem Kirchen­raum (überwiegend aus dem 19. Jh.) im Jahre 1991 durch architektonische Umgestal­tung und eine neue glasmale­rische Gestaltung durch einen eigenwilligen zeitgenössi­schen Glasmaler ein besonde­rer Akzent gegeben.

Erzählt wird in den Glasbil­dern die schon an mittelalter­lichen Glasfenstern beliebte Geschichte von dem Prophe­ten Jona. Es ist wohl der Augenblick, in dem Jona ins Meer geworfen wird, bevor er von einem großen Fisch ge­schluckt wird: um ihn herum nur das übermächtige Meer. In Bruchkobel schuf der Glas­maler Graham Jones aus Lon­don (Jahrgang 1958) seine ersten großen Glasmalereien. Inzwi­schen ist er weltweit ein ge­fragter Könner.

 

Oberissigheim: Relief im Bogenfeld des Eingansportals der evangelischen Kirche

Der Bildhauer Wilhelm Ha­verkamp (1861‑1929) gestal­tete das Relief  „Christus und die Mühseligen und Bela­denen“ wohl um die Jahrhun­dertwende für die 1898 neu errichtete Westfassade der evangelischen Kirche in Obe­rissigheim. Was führt einen vor allem in Rom. Berlin und in seinen letzten Lebensjah­ren in seiner Heimat Westfa­len arbeitenden Bildhauer nach Oberissigheim? Dazu fand Herr Pfarrer Trusheim in seinem Pfarrarchiv die Er­klärung: Das Relief war ein Geschenk des Bildhauers an die Gemeinde seines Freun­des. des damaligen Pfarrers von Oberissigheim.

 

Kirche:

Die Michaelkirche ist die kleinste in Bruchköbel, aber eine der ältesten im Ha­nauer Raum: Im Jahre 1062 wurde sie erst­mals urkundlich erwähnt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Kirche aber noch älter, denn wenn der Adelige Reginbodo Kirche, Pfarrhof und Garten 1062 zum Heil seiner Seele und der seines Bruders Sigebodo dem Kloster Kloster Bonifatius in Fulda stiftete, hat sie also schon vorher bestanden.

Die Kirche war schon 1216 Sitz des Ruralkapitels Roßdorf im Archidiakonat S. Maria ad Gradus in Mainz. Nach der Reformation wurde die Kirche im 17. Jahrhundert zeitweise von Mittelbuchen und Wachenbuchen versehen. Die heutige Kirche ist ein Neubau von 1765. Sie ist eine kleine rechteckige Kirche mit dicken Mauern, Flachdecke, ohne Chorraum, mit einem auf dem Gotteshaus stehenden Barockturm.

Das Gebäude liegt von Bäumen umgeben am Rande des Friedhofs und ist in seinem zarten Gelb eine echte Augenweide. Was sich hinter dem Verputz der Kirche verbarg, trat ans Ta­geslicht, als Regenwasser das Funda­ment durchfeuchtet hatte und Handwerker beim Trockenlegen den bröckelnden Putz abklopften: Sie stießen auf das ursprüngli­che Mauerwerk aus Feldsteinen. Und alle zwei Meter fanden sich Sandstein‑Säulen, fast wie bei einem Fachwerkbau.

Die ersten, spärlich eingesetzten Fenster trugen romanische Rundbögen. Das Kirchen­innere wurde nur schwach beleuchtet. Das fanden die Gottesdienstbesucher vermutlich gar nicht so schlimm, sie konnten oh­nehin nicht lesen. Erst im Jahre 1765 wurden je drei große barocke Rechtecke auf der Nord­- und der Süd‑Seite eingebaut.

Sehr stabil muß das Gebäude damals nicht gewesen sein. Zwei mehrere Meter hohe Strebepfeiler stützen es an zwei Seiten. Heute werden moderne bauliche Mittel genutzt, damit die Kirche in ihren Grundfesten nicht erschüttert wird. Ein unsicht­barer Netz aus Beton durchzieht die Mau­ern. Ein Spezialunternehmen hat in bis zu 7,50 Meter lange Kanäle eine besonde­re Betonmischung hineingespritzt.

Die Fassade konnte die Gemeinde nicht in ih­rem Originalzustand belassen. Das Ver­putzen zwischen den Feldsteinen wäre reine Handarbeit gewesen und hätte sehr viel Geld gekostet. So wurden nur acht Quadratmeter nach dem Friedhof zu „dokumentarisch“ freigelegt, der Rest verschwand.

Ein direkter, rollstuhlgerechter Zugang vom Gemeinde­haus zum Kirchenportal wurde angelegt. Auch der Pfarrer hat so einen bequemen Zugang vom Pfarrhaus zur Kirche. Die Kirchenfront bekam mit einem von Pfarrer Haas entworfenen Vordach ein neues Gesicht. Die Konstruktion aus Stahlelementen und den einstigen Ei­chenstützen der Empore bilden dabei eine gelungene Einheit.

Schlicht, aber edel präsentiert sich heute der Innenraum. Wände und Decke sind in lichtem Ocker gestrichen, der Originalbe­malung von 1765. Auch die Kunst wird Einzug halten und Akzente an den Wänden setzen. Eine Ni­sche ist dem „Schmerzensmann“ des Mag­deburgers Erhard Angermann vorbehalten, eine andere der Kopie der Kreuzi­gungsszene des bekannten Malers Mathias Grünewald.

Ein weiterer Blickfang thront auf dem Dach der blauen Kanzel von 1766: Ein goldener Vogel, der Ähnlichkeit mit einer Gans hat, eigentlich aber einen Peli­kan darstellen soll. Die aus der Barockzeit stammende Figur erinnere an eine Geschichte aus der griechischen Mythologie: Ein Pelikan soll seine Jungen mit sei­nem Blut genährt haben. Dieser Eindruck sei möglicherweise entstanden, weil bei der Fütterung aus dem Hautsack des Schnabels manchmal Blut des vorverdau­ten Futters auf die Brust des Pelikans ge­tropft sei. Diese symbolträchtige Ge­schichte sei auf Jesus übertragen worden, der durch seinen Tod am Kreuz sein Blut für die Menschen gegeben habe. Die Orgel stammt von der Firma B. Schmidt, Gelnhausen.

Die Katholiken ge­hören heute zur Gemeinde in Windecken.

 

 

 

Die Katholiken gehörten zur Gemeinde Butterstadt. Seit 1957/56 gibt es aber die  katholische Kirche „St. Familia“.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 478; 1855 = 834; 1885 = 951; 1905 = 1212; 1919 = 1477, 1939 = 1948; 1946 ~ 2608; 1953 = 3178; davon Heimatvertriebene = 760; Evakuierte = 120 (aus Hanau rund 50).

Bekenntnis: 1905 evangelisch = 1183, katholisch = 28, sonstige = 1; 1953: evangelisch = 2600, katholisch = 450, sonstige 100.

 

Wirtschaft: In Industrie und Handwerk sind beschäftigt: 1514; in der Land‑ und Forstwirtschaft: 337, im Handel‑ und Verwal­tungswesen: 318, im öffentlichen Dienst: 348 Personen. Durch Neubürger hergebrachter Beruf: Mühlenbauer.

Literatur: Handschriftliche Chronik des Lehrers Heinrich Goy im Gemeindearchiv.

 

Die Bruchköbeler zeigen auch Völkerverständigung und internationale Aufgeschlossenheit. So fanden im Jahre 1983 die Verschwisterung mit der niederländischen Stadt Boskoop sowie 1993 mit der ungarischen Stadt Harkany statt.

 

„Dicke Eiche“:

Die „Dicke Eiche“ am Freizeit­gelände gilt als Wahrzeichen von Bruchköbel, obwohl sie gar nicht die dicke Eiche ist, die es in frü­heren Jahren einmal gab. Der Magistrat hatte die Bürger ge­fragt, wer etwas über die Ge­schichte der Dicken Eiche weiß. Alle Informationen wurden dann zu einem kleinen geschichtlichen Abriss zusammengefasst und jetzt mit einer Infortnationstafel festgehalten. Darauf erfährt der staunende Leser, daß eben die heutige „Dicke Eiche“ nicht mehr identisch ist mit diesem Baum, der der Freizeitanlage im Bruchköbeler Wald ihren Namen gegeben hat.

Diesen Baum ver­maßen die dama­ligen Schulkin­der dadurch, dass sie sich an den Händen faßten und feststellten, wie viele Kinder gebraucht wur­den, um den Baum einmal zu um­fassen. Es sollen damals 10 oder 12 Kinder gewesen sein. Das Holz des schließlich gefällten morschen Stammes von einst war dann in der Badeanstalt Laux in Bruchköbel verbrannt worden. Dort trafen sich zur damaligen Zeit die alten Bruchköbeler zum wöchentlichen Bad, das damals noch keineswegs selbstverständ­lich in den einzelnen Wohnungen war. So wurde das Holz der „Di­cken Eiche“ letzt­endlich einem guten und sauberen Zweck zuge­führt. Noch ein Hinweis auf die­ser Tafel: Manch einer, der sich in den Sommermonaten über die Algenbildung auf dem heutigen Teich wundert erfährt, daß noch vor wenigen Jahrzehnten das Sumpfgebiet einschließlich Teich im heutigen Bereich der Freizeitanlage regelmäßig aus­trocknete.

 

Die Alteburg:

Die Alteburg liegt etwa 500 Meter südwestlich des Kinzigheimer Hofs im Wald. Sie ist eine mittelalterliche rechteckige Wallanlage mit bis zu 3 Meter hohen und 20 Meter breiten Wällen, in Nord-Süd-Richtung etwa 120 Meter lang und 60 bis 100 Meter in der Breite. Die Anlage ist von einem Graben umgeben und liegt im feuchten bis sumpfigen Gelände. Nur an der Nordseite, die etwas höher ist, befindet sich ein Eingang.

Früher nahm man an, daß hier an der Stelle einer Niederlassung der jüngeren Eisenzeit in der ersten Zeit der römischen Besetzung eine Station des älteren Straßenlimes angelegt worden wäre. Doch das rechteckige, turmartige Gebäude in der Nordwestecke, 19 mal 11 Meter groß und mit 1,80 Meter starken Grundmauern, ist ein „festes Haus“, das im 9. und 10. Jahrhundert die Frühform der Adelsburg war und im 11. und 12. Jahrhundert neben den Wohntürmen noch vorkam. Man muß sich vorstellen, daß neben diesem Steinbau die ganze Anlage von Holzbauten ausgefüllt war, sich also ein ganzes Dorf hier befand.

Als Besitzer werden - allerdings nicht unwidersprochen - die Herren von Kensheim genannt, die im 16. Jahrhundert aussterben. Die durch Wald und Sumpf geschützte Lage hätte dann in fränkischer Zeit die Erbauung einer Fliehburg für die Bewohner Kensheim veranlaßt.

 

Kinzigheimer Hof:

Der Kinzigheimerhof war ursprünglich eine dörfliche Siedlung Kensbeim („Kinzigheim“), die 1235 und 1244 urkundlich genannt wird und im Bereich des Kinzigheimer Hofs lag. Dorthin kommt man auf dem Weg, der nördlich an der Domäne vorbeiführt. Besitzer war eine Adelsfamilie (1257‑1367). Im 16. Jahrhundert hab es dort drei Adels­höfe: der von Wasen, von Heusenstamm und von Specht. Im Jahre 1597 kaufte Hanau die drei Höfe von den von Lauter. Dann war der Hof eine herr­schaftliche (staatliche) Domäne und wurde verpachtet.

Auf der vom Land Hessen verpachteten Domäne überwiegt die Pferdehaltung (Pensionspferde, Reit- und Springturniere). Angebaut werden Erdbeeren, Getreide und Mais. Das Hauptgebäude wurde 1830 aus Bruchsteinen und Basalt erbaut. In einem Seitentrakt unterhalten die Künstlerinnen Bruni Heller und Elsa Plein eine Keramikwerkstatt.

 

Fechenmühle:

Spärlich sind die Auf­zeichnungen zur Geschichte der 700 Jah­re alten Fechenmühle. Im Jahre 1298 wurde sie unter dem Namen „Falkensteiner Mühle“ erstmals urkundlich erwähnt. Der gelernte Bäcker Johann Fech aus Ortenberg, der der Mühle seinen Na­men gab, pachtete 1616 das Gebäude. Während des 30jährigen Krieges wurde er mehrfach ausgeplündert, er verlor Frau und Kinder und starb im Jahr 1640.

Im Jahre 1848 baute der damalige Besitzer Mül­ler die abgebrannte Mühle wieder auf. Weitere Gebäude kamen 1860 dazu. Zwei Jahre später übernahm Albert Riegel­mann das Anwesen, um dort eine „Thon­warenfabrik“ zu gründen, in der er Dach­ziegel, Tonrohre und Schmuckziegel her­stellte. Er „verwendet“ eine größere Anzahl von Kindern zum Tragen der Ziegel und Hohlsteine in die Trockenräume und in die Öfen. „Das Aussehen der Kinder war ein recht gesundes und die Arbeit ist kei­ne ermüdende“, ist in der Sammlung des Bruchköbeler Geschichtsvereins zu lesen. Manche waren sogar jünger als zehn Jah­re, was gesetzlich unzulässig war. „Dem­nächst sollen sie das ganze Jahr hindurch beschäftigt werden, und deshalb sollte der Ortsvorstand eine öftere Revision des Eta­blissements vornehmen: und darauf ach­ten, daß die Arbeitszeit nicht über zehn Stunden dauert“.

Gustav Knoblauch aus Frankfurt trat 1865 als Teilhaber in die Fabrik ein und übernahm sie 1881 auf alleinige Rech­nung. Im Jahre 1895 ging der Betrieb an H. Höch aus München, 1899 an Reinhold Opificius aus Frankfurt, der 1901 vom Kreisaus­schuß die Genehmigung erhielt, einen Ringofen und den 45 Meter hohen Schorn­stein zu bauen. Im Maschinenraum wurde eine Dampfmaschine aufgestellt, die wahrscheinlich Mahlwerk und Mischer antrieb. Die Räder im Pressenraum liefen weiterhin mit Wasserkraft.

Im Volksmund hieß die Ziegelei „Rus­senfabrik“. Die Pferde, die die Fuhrwerke zogen, mit denen 1.000 Backsteine („Russenstei­ne“) zweimal täglich zu Baustellen nach Hanau transportiert wurden, nannten die Einheimischen „Russengäule“. Im Jahre 1921 wur­de die Ziegelei abgebrochen, da die Ton­vorräte in der „Lehmkaute“ auf dem Ge­lände gegenüber erschöpft waren. Die Fe­chenmühle wurde wieder in ein Bauernhof verwandelt.

Am 12. September 1929 kauften der Landwirt Heinrich Ripps und seine Ehe­frau Lina geborene Baumann das Anwe­sen für 30.000 Reichsmark von den Gesell­schaftern Dreesmann und Vroom aus Hol­land.

Zwei Jahre später veräußerten sie anderthalb Hektar für 12.500 Reichs­mark, weil das Grundstück ihnen zu groß war. Im Jahre 1941 ging dieser Teil an einen neuen Besitzer, der dort eine Hühnerfarm be­trieb. Im Jahre 1970 erwarb eine Familie Haus und Hof, die sie später an die Eheleute Stein verkaufte. Deren Tochter Cornelia Geiß­ler übernahm das Anwesen 1986 und zog mit ihrer Familie ein.

Die eigentliche Fechenmühle nebenan, an der der Krebsbach vorbeifließt, der einst das Mühlrad antrieb, ist seit 1929 in Fami­lienbesitz. Der Enkel von Heinrich Ripps, Thorsten Wenzel, gab die Landwirtschaft vor vier Jahren auf, stärkte sein bisheri­ges zweites Standbein ‑ den Anhänger­verleih ‑ und baute die Ställe für Pen­sionspferde um.

 

Neubaugebiet „Im Peller“:

Die Vermutungen der Archäologen haben sich bei dem künftigen Neubaugebiet Im Peller I in Bruchköbel bestätigt Archäolo­gischen Voruntersuchungen brachten Kel­lerumrisse und einen Kastenbrunnen aus der Römerzeit zu Tage. Unter dem einstma­ligen Ackerboden tut sich offenbar auch ein Forschungsobjekt für die Geologen auf.

In der Form eines über­dimensionalen Kreuzes, das sich selbst vom Flugzeug aus erkennen ließe, haben die Mitarbeitern des Freien Institutes für Bauforschung und Dokumentation aus Marburg die bewachsene Krume abtragen lassen. Das sind die späteren „Haupter­schlies­sunglinien“, erklärt Guntram Schwi­talla, Archäologe beim Landesdenkmalamt, die Wahl der Schnittachsen. Daß der Boden, auf den die Bien‑Haus AG mehr als 90 Wohneinheiten in Reihen und einzeln setzt, Geschichte birgt, gilt für die Be­hörde seit den 70ern als gesichert. Als in dieser Zeit das angrenzende Neubauareal erschlossen wurde, fand man Gegenstän­de aus dem ersten Jahrhundert. Mit den jüngsten Funden eines Römerkastells am östlichen Ortsrand von Mittelbuchen hat sich zudem eine alte These bestätigt, daß es neben dem Limes zwischen dem Hanau­er Stadtteil und Rückingen, wo Mauerres­te von einem Kastell zeugen, einen Han­delsweg gegeben haben muß.

Der nun freigelegte Brunnen hat einen viereckigen Umriß mit einer Kantlänge von knapp einem Meter. Die Schalung ist nach derzeitiger Kenntnis aus Nadelholz­-Brettern. Von dem Kastenbrunnen ist je­doch nur etwas mehr als die Sohle erhal­ten geblieben. Um den und in dem Brun­nen fanden die Fachleute einfache Haus- ­und kostbare Siegelkeramiken. Offenbar waren die Gegenstände seinerzeit bereits zerbrochen, ebenso die einstmals etwa 30 Zentimeter im Durchmesser großen Mahl­steine, die ebenfalls in dem rund vier Me­ter tiefen Wasserloch landeten, als dieses versiegte. Weitere Fundstücke sind aus Bronze etwa ein Ring oder die Nadeln.

Möglicherweise befand sich vor 1800 bis 1900 Jahren an der Stelle des künftigen Neubauareals eine kleine Siedlung oder ein Hof. Die nur wenige Meter vom Brun­nen entfernten Umrisse eines Kellers sind für Schwitalla deutliche Anzeichen hier­für. Eine Komplettuntersuchung der etwa 3,7 Hektar großen Baufläche könnte die­ses Geheimnis eindeutig lüften. Diese Kos­ten seien dem Investor aber nicht zuzumu­ten, sagt der Mann aus Wiesbaden.

Aus diesem Anlaß bekommt Geologe Holger Rittweger ebenfalls nur ein kleines Forschungsfenster zugestanden, das drei Meter tief in den Sandboden reicht, unter dem man eine Kiesschicht von „großer Mächtigkeit“ vermutet. Was sich für den Laien als marmorkuchenartige Vermi­schung von Erdschichten darstellt, ist für den promovierten Erdkundler ein „interes­santer und dokumentationswürdiger“ Querschnitt eiszeitlichen Taschenbodens. Dieser Boden entstand vermutlich vor mehr als 10.000 Jahren, als wärmere, unte­re Erdschichten wie Blasen aufstiegen. Ei­ne Erscheinung, die in Hessen ziemlich selten ist, betont er. Die geologische Rari­tät läßt sich im Gegensatz zu den eiszeitlichen Schneckenfurchen jedoch nur sehr bedingt konservieren. Ähnliche Erdformationen fanden sich beim Bau des Kasseler ICE‑Bahnhofs.

 

Niederissigheim:

Buch: Festschrift 1200 Jahre Niederissigheim, 800- 2000

Bild: Dorfplatz in Niederissigheim in: Hanau Stadt und Land, Seite 240.

 

Lage: Höhe über N.N.: 120 Meter. Niederissigheim liegt ziemlich in Kreismitte und wird von den Gemarkungen Roßdorf, Butterstadt, Oberissigheim und Bruchköbel eingeschlossen. Die Ge­markung Niederissigheim umfaßt 343 ha (kein Wald).

 

Bodenfunde: Hügelgräberbronzezeit: im Felde nach den „Butter­städter Höfen“ 1865 gefunden: Bronzenadel und Bronzearm­ring, wohl aus zerstörtem Grab.

Ältere Eisenzeit: Siedlung etwa 1 km nördlich des Ortes „Am Borkeberg“.

Jüngere Eisenzeit: Aus zerstörten Gräbern befinden sich im Ha­nauer Museum zwei Halsringe und vier Paar Armringe, alle aus Bronze, die 1861 bei Niederissigheim, Gemarkung Richtung Butterstadt, gefunden wurden. Bild, Seite 59

 

Älteste Namensformen: Ohsingeheim um 850, Ussineheim 1240, Ohsenkeim infer. 1251, inferior villa Ussenkeim 1282, Nydern Ussengheim 1342, Nidern Ussigheim 1443, Nieder‑Issigheim 1567.

 

Geschichtliches:  Die erste Erwähnung erfolgt 800 in einem Schenkungsverzeichnis der Reichsabtei Fulda. Das Dorf und Gericht war Eigentum des Klosters Schlüchtern; die Vogtei war braun­eckisches Lehen verschiedener Adelsfamilien (Tugel von Carben, dann von Elkershausen, dann von Auerochs). Landesherren waren die Herren von Hanau. Das „Hofgericht“ des Klosters wurde im „Herrenhof“ gehalten. Im Jahre 1567  taucht der Name „Niederissigheim“ in seiner heutigen Schreibweise erstmalig in einer Urkunde auf.

Im Dreißigjährigen Krieg gab es Plünderungen. Am 6. Januar 1945 gab es Brände und Schäden durch Brand­bomben. Bürgermeister Lind  war zwischen 1920 und 1933 deutschnationaler Reichtagsabgeordneter.

 

Kirchliches: Die Pfarrei stand dem Kloster Schlüchtern zu unter dem Ruralkapitel Roßdorf.

Die Einführung der Reformation erfolgt hier um 1543. Nach der Reformation von 1612‑1637 versah der Pfarrer auch Oberissigheim. Im 30jährigen Krieg wurde die Kirche im Jahre 1636 zerstört. Das nach dem Krieg wiederhergestellte Gebäude war im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts baufällig geworden und von 1735 bis zum 15.10.1738 durch einen Neubau ersetzt worden. Von 1641‑1749 war Nieder­issigheim der Pfarrei Bruchköbel, 1749‑1756 der Pfarrei Roß­dorf als Filial zugewiesen. Im Jahre 1757 erhielt es einen eigenen Pfar­rer, doch war die Gemeinde 1786‑1856 wieder als Filial mit Bruchköbel verbunden. Im Jahre 1856 wurde sie wieder selbständig, seit 1926 ist sie mit Oberissig­heim verbunden. Die Katholiken gehören heute zu Butterstadt. Die barocke Kirche wurde 1969 erweitert. Zur Ausstattung gehören seit 1969 ein Steinaltar und seit 1976 ein Taufstein. Eine Orgel wurde von der Firma W. Peter, Köln, eingebaut.

 

Baudenkmäler:

Alte Schulhaus von 1770 an der Kastanie. Bis 1863 war der Schulsaal im ersten Stock, bis 1953 war hier dann das Rathaus. Etwas weiter unten liegt die Kirche. Evangelische Kirche, 1736‑1738 erbaut; Grabsteine.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 171; 1855 = 272; 1885 = 321; 1905 = 395; 1919 = 403; 1925 = 416; 1939 = 434; 1953 = 636, davon Heimatvertriebene = 128, Evakuierte = 54 (aus Hanau = 45).

Bekenntnis: 1905: Ev. = 387, kath. = 8, heute: ev. 523, kath. = rund 17 Prozent.

 

Wirtschaft‑. Bauern = 27,9 Prozent, Arbeiter = 42,6 Prozent, Handwer­ker = 16,7 Prozent, Angestellte und Beamte = 12,8 Prozent.

In der Blochmühle eine Großschlächterei und Fleischkonserven­fabrik (seit 1918).

 

Oberissigheim

Bild in Hanau Stadt und Land, Seite 246

 

Lage: 1 ½  Kilometer östlich von Niederissigheim am Krebsbach, 127 Meter ü. N. N. Die Gemarkung (460 Hektar, kein Wald) wird von den Ge­markungen Niederissigheim, Butterstadt, Rüdigheim, Ravolz­hausen und Langendiebach eingeschlossen.

Bodenfunde: Keine Funde aus urgeschichtlicher Zeit bekannt.

 

Älteste Namensformen: (Ohsingeheim um 850, weiter siehe Nieder­issigheim) superior Ossinkheim 1270, superior villa Ussekeym 1281, Oberen Ussenckeym 1329, Ussingheym 1373.

 

Geschichtliches: Aus dem früheren „Ohsingeheim“, das an der Schafbrücke über dem Krebsbach gelegen hatte und immer wieder von Über­schwemmungen heimgesucht wurde, ent­standen laut Harich „um die Wende zum 13. Jahrhundert“ zwei Siedlungen, die aus der Senke auf die angrenzenden Hü­gel wanderten. Eine davon ist das heutige Oberissigheim.

Oberissigheim ist eine Gründung aus fränki­scher Zeit. Die älteste Urkunde von 850 besagt, daß ein Edelmann namens Wartmunt und seine Frau Gerlint aus „Ohsinge­heim“ dem Kloster Fulda eine Schenkung zum Heile ihrer Seelen machten. Diese Siedlung lag wohl ursprünglich an der Schafbrücke. Weil sie durch das Hochwasser gefährdet war, verlegten die Bewohner von Issigheim ihre Gehöfte auf die angrenzenden Hügel. So entstanden die Dörfer Nieder‑ und Oberissigheim (erstmals genannt 1248). In den „Wingerten“ blühte einst der Weinbau. ‑ Im Dreißigjährigen Krieg wurden fast alle Gebäude zerstört, nur vier blieben verschont. Während der Belagerung Hanaus starben hinter den Stadtmauern allein 100 Oberissigheimer, die hier Schutz gesucht hatten, an der Pest. Nur 20 Familien überstanden diesen Glaubenskrieg. Im Nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpften auch Oberissigheimer, die auf Geheiß des Landgrafen von Hessen-­Kassel in englischen Diensten standen. Auch in der grande armée Napoleons kämpften Einwohner von Ober­issigheim.

 

Kirchliches: Die Pfarrkirche, dem Hl. Georg (und Vincentius) geweiht, war 1363 Pfarrei, vielleicht Tochterkirche von Bruch­köbel. Patron war (wie in Bruchköbel) seit 1389/1402 Kloster Limburg a. d. Haardt bzw. der Propst des Klosters Naumburg, seit 1567 der Graf von Hanau.

Im Jahre 1550 scheint die Reformation in Oberissigheim eingeführt worden zu sein. Bekannt ist, daß 1629 Soldaten die Kirchenuhr stahlen. Die trotz der Kriegswirren noch erhalten gebliebene Kirche wurde am 16.6.1637 durch ein Großfeuer zerstört. Von dem Grundbestand des spätgotischer Bau des 15. Jahrhunderts sind noch Maßwerkfenster im Chor und Tür zur Sakristei erhalten. Nach dem 30jährigen Krieg wurde das Gebäude wieder aufgebaut. Im Jahre 1721 wurde das Gotteshaus wahrscheinlich teilweise neu erbaut. Im Jahre 1898 wurde es umge­baut und die bisherige Orgel durch eine neue des Orgelbauers Wilhelm Ratzmann aus Gelnhausen ersetzt. Der Turm der Kirche steht an der Nordseite und besitzt einen Haubenhelm. Zur Einrichtung des Gotteshauses gehören eine Kanzel aus dem 17. Jahrhundert und ein Altartisch aus Holz. Auf dem Friedhof stehen Grabsteine des 17. und 18. Jahrhunderts.

 

In der Langstraße stehen einige alte Häuser: Links der Rosenhof, erbaut Mitte des 18. Jahrhunderts von Kaspar Schäfer. Rechts steht ein Fachwerkhaus von 1885, erbaut unter Caspar Lind  durch Zimmermeister Bernges aus Langendiebach. In der Langstraße 25 steht ein Fachwerkhaus, das 1817 im Auftrag von Johannes Lind und Anna-Maria geb. Lind errichtet wurde (das Fundament ist wahrscheinlich aus der Zeit vor dem 30jährigen Krieg).

Die Kirche ist ein spätgotischer Bau, der im 30jährigen Krieg zum größten Teil zerstört wurde. Im Jahre 1721 war der Wiederaufbau abgeschlossen, zwei gotische Fenster mit schönem Maßwerk aus der Zeit vor der Zerstörung sind am Chor noch zu sehen. An der Nordseite stehen alte Grabsteine. Vor der Kirche ist ein Brunnenplatz. Gegenüber in der Straße „Hofgut“ steht ein Fachwerkhaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts auf steinernem Untergeschoß.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 258; 1855 = 349; 1885 = 382; 1905 = 153; 1919 = 457; 1925 = 511; 1939 = 597; 1946 = 751; 1953 = 638, davon Heimatvertriebene = 108, Evakuierte = 34 (aus Hanau 8). Im Jahre 1945 waren 184 Hanauer in Ober­issigheim evakuiert. Aus Ungarn kamen Familien mit den deutschen Zunamen Schwab, Hahn, Fink, März, Aßmann, Sünder, Schnell, Kuhl.

Bekenntnis: 1905 ev. = 449; kath. = 3; heute ev. rund 650, kath. rund 70.

 

Wirtschaft: Fast die Hälfte aller Berufstätigen sind Arbeiter und Angestellte. 43 Familien leben von der Landwirtschaft, 6 ge­hören dem Handwerkerstande an, 4 sind Gewerbetreibende.

Literatur: Dr. Rudolf Bernges und Hermann Schüler, Festschrift zur 1100‑Jahrfeier der Gemeinde, Hanau 1950.

 

Butterstadt

Lage: Unmittelbar südlich der Hohen Straße, zwischen Wind­ecken und Marköbel, 165‑168 m über N.N. Die Gemarkung (150 ha, kein Wald) liegt in einer fruchtbaren Vertiefung nord­östlich des Michelsberges und wird von dem Gemarkungs­gürtel Ostheim‑Windecken‑Roßdorf‑Ober‑ und Niederissig­heim‑Rüdigheim‑Marköbel eingeschlossen.

 

Bodenfunde: Jungsteinzeit: Siedelungen der Bandkeramiker 320 Meter nordwestlich vom Orte; 300 Meter nordöstlich „Am Kirchberg“; auf dem Tannenkopf (Bandkeramik und Michels­berger Kultur), Bilder Seite 45/46.

 

Jüngste Bronzezeit: (Urnenfelderkultur): Drei Siedelungsstellen Flur „Böses Feld“; Siedelungsstelle am Tannenkopf, Nord­hang.

Jüngere Eisenzeit: Siedelungsreste „Am Tannenkopf“, nordöst­lich vom Orte, zwischen den Funden der Jungsteinzeit.

Römerzeit: Gutshof mit Jupitergiganten‑Säule 250 Meter nord­westlich des Ortes.

 

Älteste Namensformen: 850 Butenestat; um 1000 Boterstat; vor 1243 Bodderstat; 1272 Buderstat (Butterstädter Höfe oder Wel­sche Höfe).

 

Geschichtliches: Butterstadt war ein Hof der Roßdorfer Anto­niter, die davon 1288 dem Kloster Seligenstadt das Besthaupt zu geben hatten. Im 16. Jahrhundert fiel die Oberhoheit an

Hanau; doch blieben die Antoniter die Grundherren. Der Hof war verpachtet; die Pächter waren katholisch und stammten vielfach aus französischem Sprachgebiet (Toussaint u. a.; des­halb „Welsche Höfe“). Die Butterstädter Höfe gehörten bis 1900 zur Gemeinde Roßdorf und wurden dann eine eigene Gemeinde.

 

Kirchliches: Die Höfe gehörten vor der Reformation (und auch später) zur Pfarrei Roßdorf; die katholischen Bewohner wur­den von Ilbenstadt (bzw. Baiersröderhof) oder Heldenbergen aus versehen. Seit 1866 gibt es eine eigene katholische Gemeinde und kleine Kirche (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 203). Die 1866 erbaute Kirche in Butterstadt hat eine flache Decke ohne Seitenschiffe und ohne Querschiff ihr Grundriß ist rechteckig, im Osten ist ein fünfeckiger Chor angefügt, im Süden ein Sakristeianbau. Der Chor hat zwei Rundbogenfenster, die noch mit den ursprünglichen, schönen Glasfenstern versehen sind; sie sind in sehr lebhaften Farben gehalten und mit Ornamenten verziert. Der Hauptbau ist mit vier Rundbogenfenstern versehen, deren Verglasung von 1930 stammt und wesentlich einfacher ist als die im Chor. Alle Fenster haben einen Sand­steinrahmen. Außerdem sorgen vier runde Fenster im Hauptbau für Licht, die beiden hinteren davon sind nur mit einfachem Fensterglas versehen. Früher hatte die Kirche einen Holzalter sowie auf der nördlichen Seite des Innenraumes eine Kanzel. Das Marienbild, das früher den Altar schmückte, befindet sich jetzt in der Kirche St. Familia in Bruchköbel, Riedstraße. Die Kirche besitzt einen gemalten Kreuzweg, der schon verhältnismäßig alt sein muß, da auf einer Tafel verurteilt mit „th“ geschrieben wird. ‑Außer diesen 14 Bildern be­sitzt die Kirche vier Figuren, von denen nur eine, nämlich die des Til. Wendelinus, farbig angemalt ist; die drei anderen, Christopherus, Maria und Christus darstellend, sind in ocker mit gold gehalten. Das Bruchsteinmauerwerk ist aus schwarzem und großporigem rotem Basalt gefügt, der aus dem Steinbruch bei Rüdigheim stammt. Der Sandstein ist aus Gelnhausen und von der Naumburg.

 

Statistisches: Einwohnerzahl (gehörte bis 1900 zu Roßdorf): 1895 = 12 Häuser mit 93 Bewohnern; 1905 = 92 Bewohner; 1919 = 96; 1925 = 99; 1939 = 75; 1946 = 129; 1953 = 118 Ein­wohner, davon Heimatvertriebene = 37, Evakuierte = 1(aus Hanau).

Bekenntnis: 1905 = 80 kath. und 12 ev.; 1953: fast alle Einwoh­ner sind katholisch.

 

Wirtschaft: Die Einwohner sind vorzugsweise in der Landwirt­schaft beschäftigt (zwei Drittel aller Familien); 6 Arbeiter­familien, 1 Angestelltenfamilie, 2 selbständige Gewerbetrei­bende.

 

Roßdorf

Buch: 1200 Jahre Roßdorf, Festschrift zur 1200-Jahr-Feier, 2000

 

Lage: 120‑170 Meter ü. N. N., an der Hanau‑Friedberger Straße (Eisenbahn) östlich der Hohen Straße, nördlich von Hanau gelegen. Die Gemarkung umfaßt 621 ha (kein Wald).

 

Bodenfunde: Jungsteinzeit: Siedlung der bandkeramischen Kultur am Nordwestabhang des „Michelsberges“, 300 m nördlich der Straße nach Butterstadt.

Ältere Eisenzeit: Zwei Siedlungsgruben wurden beim Bau des Hauses Buchbergstraße 22 angeschnitten.

Jüngere Eisenzeit: Westlich vom „Michelsberg“, 150 Meter nördlich der Butterstädter Straße, Siedlungsgruben mit Funden der jüngeren Eisenzeit.

 

Älteste Namensformen: Rostorf um 850, villa Rosdorf 1092, Rostroff 1241, Rorstorf 1273.

 

Geschichtliches: Das Dorf im Gau Wetterau wurde 800 erstmals erwähnt. Vermutlich gehörte es zum Stamm­gut der Herren von Hanau, später war es ein Dorf des Amts Büchertal. Im Jahre 1062  kam es zu einer erneuten Erwähnung in einer Schenkungsurkunde des fränki­schen Adeligen Reginbodo.

Vor 1235 wurde hier ‑ vermutlich von Heinrich von Hanau ‑ ein Antoniterhaus gegründet, das vom Kloster in Vienne in Frankreich abhängig war, aber seinerseits als eine „Generalpräzeptorei“ Vorgesetzter der Klöster zu Köln und Alzey war. Im Jahre 1240  wurde die Antoniterkirche gebaut und am und am 18. Januar (Kirchweihdatum) geweiht. Im Jahre 1298 erfolgte von Roßdorf aus die Gründung eines Hauses in Köln. Doch Erzbischof Diether von Mainz wies 1435 (1441) den Roßdorfer Antonitern Höchst am Main (nach anderer Angabe die Niederlassung der Antoniter in der Töngesgasse) als Wohnsitz an (nach anderer Angabe erst 1491). Das Kloster verfiel. Im Jahre 1548  erfolgte die letzte Erwähnung eines Antoniters.

Der Orden blieb zwar der Herr, aber seine Güter wurden von anderen Orten aus verwaltet.

Der Antoniterhof, genannt „das Kloster“ in Roßdorf wurde weiter bis zur Säkularisation 1803 von einem Schaffner verwaltet, dann staatlich (heute in Privatbesitz). Bis 1900 gehörten die ehemals den Antonitern gehörigen Butterstädter (oder Welschen) Höfe zu Roßdorf.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 380; 1855 = 650; 1885 = 720; (bis 1900 mit Butterstadt); 1905 = 814; 1919 = 951; 1925 = 1013; 1939 = 1102; 1946 = 1601; 1953 = 1498, davon Heimatvertrie­bene = 196, Evakuierte = 130.

Bekenntnis: 1905: ev. =  800, kath. = 14, heute: ev. = 1324, kath. = rd. 10 Prozent.

 

Wirtschaft: 60 Prozent Arbeiter, 30 Prozent Landwirte, 10 Prozent Handwerker und Sonstige. Keine Fabriken. ‑ Wasserwerk der Kreisbetriebe.

 

Baudenkmäler:

Kloster: Ein Antoniterkloster  ist 1235 nachweisbar. Erhalten ist noch ein ab­getretener Grabstein des Bruders Jordanus (um 1315) im „Kloster“; das Schaffnereigebäude von 1589.

 

Altes Rathaus: Erbaut um 1700, teilweise auch Spritzenhaus, Nachtwächterdomizil, Wiegehaus und Schule. Dahinter Ziehbrunnen von 1713.

 

Alter Backofen: Backofen mit Steinpyramidendach, erbaut 1773, bis 1923 in Betrieb, Backstube 1958 abgerissen (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 253).

 

Der gebundene Christus in der Kirche von Roßdorf

Seit fast zehn Jahren hängt in der Michaelskirche von Roß­dorf ein Gemälde des Hanau­er Künstlers Erhard Anger­mann: der gebundene Chri­stus. Angermann hatte sich am Wettbewerb beteiligt: Hanauer Künstler sehen und malen biblische Geschichten. Bei der Suche nach einem Mo­dell stieß er auf der Straße auf einen jungen Spanier. Zwei Bilder sind auf diese Weise entstanden: das in der Kirche von Roßdorf und ein kleineres in der Kirche von Erbstadt. Schnell wurden sich die Gemeindeglieder mit Er­hard Angermann einig: das Bild kam in die Kirche und füllt seither die Nische der heute zugemauerten Tür in der Nordwand. In jedem Gott­esdienst brennt eine Kerze vor dem Bild ‑ ein stummes Gebet.

Sonntag für Sonntag sitzen die Gottesdienstbesucher vor diesem Bild, schauen es an: Die wuchtigen Hände wären eigentlich zum Zupacken ge­eignet, aber Jesus hält es aus, daß sie gebunden sind; dem halboffenen Mund entfährt kein Schrei, eher ein resi­gniertes Stöhnen. als wollte er sagen: „Wenn ihr nur wüßtet, was ihr da tut.“: Hell­wach blicken die Augen, noch nicht von Schmerz und Trä­nen getrübt. Mancher von ihnen möchte sich in diesem Je­sus wiedererkennen: gebun­den, weil andere über ihn und sein Schicksal bestim­men: sie möchten schreien über das Unrecht und den Un­frieden in der Welt und sind doch zum Schweigen verur­teilt: mit wachen Augen sehen sie die Welt und bringen sie in ihren Gedanken und Gebe­ten vor Gott: gerade jetzt am Ende des Kirchenjahres. in den Fürbitte für den Frieden, am Volkstrauertag, am Buß- ­und Bettag. So hat die Gemeinde „ihr“ ­Kunstwerk gefunden: ein modernes Bild in der fast 1000­jährigen Kirche.

 

Schubkarrenrennen:

Die Roßdorfer Kerb ist die erste Kirchweih des Jahres im Main-­Kinzig‑Kreis, die zweite in Hessen. Aber nicht dieser Umstand hat die Festivität so bekannt gemacht, vielmehr eine Bierwet­te im Jahr 1927 im historischen Gasthaus „Zum Löwen“, bei der die Kontrahenten ein Rennen rund um das Dorf vereinbar­ten. Um die Sache ein bißchen schwieri­ger zu gestalten, mußten die Wettkämp­fer eine hölzerne, mit Eisen beschlagene Karre vor sich herschieben. Die Zeit ist über die Namen der ersten Teilnehmer hin­weggegangen, das Schubkarrenrennen durch den Bruchköbeler Stadtteil aber ist geblieben. Am kommenden Montag wird es zum 75. Mal ausgetragen.

Eine Meile, also etwa 1600 Meter, war die ursprüngliche Strecke lang. Das stän­dig wachsende Verkehrsaufkommen in der Hauptstraße aber zwang die Veranstalter ‑ inzwischen ein eingetragener Verein ‑ die Distanz auf ein Viertel zurückzu­schrauben. Zwar gibt es inzwischen eine Ortsumgehung, aber ein Busunternehmen machte den Schubkarren‑Freunden bis­lang einen Strich durch die Rechnung, den alten Parcours wieder aufleben zu lassen.

Dennoch ist auch die verbliebene Stre­cke nicht von Pappe: Gestartet wird vor dem Feuerwehrhaus. Nach einer Geraden ist die oft entscheidende Schikane mit 90‑Grad‑Kurve vor dem Friedhof zu bewäl­tigen. Wer von den jeweils drei Läufern dieses Nadelöhr zuerst passiert, hat die halbe Miete eingefahren. Nach einer an­strengenden Steigung, die keine noch so leichte Zigarette verzeiht, biegen die Läu­fer rechte ab und gelangen nach einer wei­teren scharfen Biege auf den abschüssigen Zieleinlauf zurück zum Spritzenhaus.

An den kritischen Stellen sollen Stroh­ballen verhindern, daß die Schubkarren die Zuschauer gefährden, etwa wenn ein Läufer die Kurve mit zu viel Schwung genommen hat. Zwar wurden Anfang der 90er Jahre neue, aerodynamischer Karren gebaut, doch ist es nach wie vorschwierig, das rund 35 Kilo schwere Gefährt in voller Fahrt zu dirigieren. Profis sind so schon am Start daran zu erkennen, daß sie die Lenkholme nach oben drücken, dadurch den Schwerpunkt verlagern, um schneller auf Geschwindigkeit zu kommen.

Seit 1983 gilt der Fabelrekord von Klaus Hühnert, der daß Rennen fünf Mal hintereinander gewann. Die 57,8 Sekunden hat seither niemand unterbieten können, nicht einmal der ehemalige Mittelstreckler und mehrfache deutsche Meister, Karl Eyerkaufer, der 1993 als frischge­backener Landrat im Prominentenrennen obsiegte. Ein Höhepunkt in der Geschichte des Rennens stellte das Jahr 1990 dar, als ein Team aus Roßdorf in der dama­ligen DDR an den Start ging.

Zum Jubiläum haben sich die Organisa­toren um den Oberkärrner Klaus Werner etwas Besonderes ausgedacht: Der Mara­thonläufer Helmut Kreis wird gegen 9.30 Uhr auf die Strecke gehen und das Holzungetüm 42 Kilometer weit bewegen. Gegen ihn treten rundenweise die Schubkarrenfreunde an. Und wieder geht es dabei um ein Faß Bier, so wie vor 75 Jahren.

 

 

Radtour

Die Altenburg erreicht man von Hochstadt über Wachenbuchen  und Mittelbuchen auf der  Straße nach Wilhelmsbad. Kurz nach dem Waldrand biegt man links ab auf einen Weg, der gerade in Richtung Osten führt. Wo er zuende geht, halb links weiter fahren zur „Alte Burg“, die Reste einer Burganlage rechts vom Weg.

Man überquert die Bundesstraße, biegt nach rechts ab parallel zur Straße und fährt bis zum Wald. Dort geht es links weiter auf der Straße Richtung Kirle-Siedlung. Nach Überquerung der Eisenbahn kann man noch einmal geradeaus in den Wald fahren und dann nach links abbiegen, um dann wieder in die Kirlestraße zu kommen. Kurz hinter der rechts abbiegenden Hainstraße, noch vor dem Bach, biegt man rechts ab, fährt entlang des Baches und kommt zur Bruchköbeler Hauptstraße. Nach rechts geht es zum Markt.

Auf der Hauptstraße von Bruchköbel fährt man dann weiter vorbei am alten Friedhof und dem Altenheim. Kurz vor dem Ortsausgang geht es dann links und gleich wieder rechts Richtung Fechenmühle (Wegweiser). Die links am Krebsbach liegende Mühle hat allerdings nur geschichtliche Bedeutung, heute ist sie nicht mehr besonders sehenswert.

Der Weg an der Fechenmühle vorbei führt nach Oberissigheim. Man biegt aber lieber schon vor dem Baugeschäft auf dem gut geteerten Weg nach rechts ab. Man kommt auf die Straße nach Oberissigheim, fährt nach links auf dieser hochwärts an den Aussiedlerhöfen vorbei bis auf die Höhe. Wo eine Bank unter zwei Birken steht, geht es rechts ab zum westlichen Rand von Ravolzhausen. Links liegt das Wäldchen, das „die Tanne“ genannt wird, aber von Eichen und Buchen geprägt ist (der bei Schulmerich, Hanauer Wanderungen Seite 22, beschriebene Weg südlich des Waldrandes ist nur als Wanderweg geeignet).

Vor Ravolzhausen biegt man links ab auf den Limesweg. Er führt in den Reiterhof Sophienhof, den man durchfährt (etwas rechts halten). Links liegt der Affenberg. Man kreuzt die Straße und fährt weiter auf dem Limesweg. Wo der Weg endet biegt man nach rechts ab und dann wieder links an der ehemaligen Deponie vorbei. Man kommt in ein Tal, durch das man nach links nach Rüdigheim fährt. Durch die Waldstraße kommt man in den Ort, fährt immer geradeaus und dann an der Kirchstraße rechts herum Richtung Kirche (Beschreibung bei „Neuberg“).

Wenn man von der Rüdigheimer Kirche herunter kommt, biegt man rechts in die Marktstraße ein, dann wieder rechts in die Ravolzhäuser Straße und dann wieder links in die Mühlenstraße. Am Ende der Straße geht es rechts ab. Man kommt zur malerischen Obermühle. Links ist der Hundesportplatz und dahinter (an dem von der Mühle abbiegenden Weg) das Haus der Vogelschutzgruppe.

Jetzt fährt man am renaturierten Krebsbach entlang. Es wurde eine abwechslungsreiche Bachlandschaft geschaffen, so daß man wieder Rotfedern und Reiher beobachten kann. Der Weg führt nach Oberissigheim hinein.

Am Ende der Langstraße in Oberissigheim kann man wieder nach links abbiegen zur Fechenmühle. Man biegt aber besser am Wegweiser „Hanau/Büdingen“ nach rechts ab, überquert die Straße und biegt wieder links ab. Dann nimmt man nicht den Wanderweg in der Mitte (rechts geht es nach Butterstadt), sondern links die Straße „Brühl“ und kommt in das Naturschutzgebiet in der Krebsbachaue.

Der Weg trifft auf einen Platz vor dem Haus der Schützengesellschaft. Hier erinnert ein Stein an die 1200-Jahr-Feier Niederissigheims. Ein weiterer Stein verweist auf die „Hochzeitsallee“ in der Issigheimer Straße, in der für jede Eheschließung ein Baum gepflanzt. Dieser Teilabschnitt wurde durch die Eheschließenden von 1984 gepflanzt. Inzwischen werden aber auch Eschen angepflanzt und im Bereich Roßdorf sind es Streuobstbäume. Wo die Pappeln von Birken abgelöst werden, stehen die ersten Bäume, die für die Hochzeitspaare gepflanzt wurden. Die frühesten Bäume von 1979 wurden nördlich von Bruchköbel gepflanzt.

 

Weiter auf der Durchgangsstraße in Niederissigheim kommt man zu der abbiegenden Hauptstraße, wo man nach rechts in Richtung Butterstadt fährt. Am Ortsende geht es links ab und dann gleich noch einmal nach links (rechts geht es zum Michelsberg, aber zum Teil unbefestigt).

Man kommt am Sportplatz in Roßdorf heraus, fährt links-rechts durch das Dorf. Man kommt vorbei an Rathaus und Backofen, Hinter dem Backofen steht ein sehr schönes Fachwerkhaus. Überhaupt ist die ganze Oberdorfstraße geprägt von den alten Fachwerkhäusern. Man fährt sie hinter und biegt nach links in die Sackgasse zur Kirche ab. .  Hinter dem Friedhof  (Lehrgarten des Obst- und Gartenbauvereins) biegt man links ab. Der Weg führt über die Umgehungsstraße. Am Schützenhaus und an einem Hof vorbei kommt man durch das Mittelbucher Obertor nach Mittelbuchen (siehe Hanau).

 

 

 

 

Rodenbach

 

 

Niederrodenbach

Rodenbach (rund 11.600 Einwohner) mit den Ortsteilen Ober- und Niederrodenbach liegt am Rande des Vorspessarts umgeben von ausgedehnten Waldungen am Rande des Kinzigtals.

Wehrturm und Reste der alten Wehrmauer im Ortsteil Niederrodenbach sind Wahrzeichen der bis 1960 eher landwirtschaftlich geprägten Gemeinde. Im Heimatmuseum von Niederrodenbach bietet der Geschichtsverein eine ständig wechselnde Ausstellung kulturhistorischer Gegenstände und Einblicke in die Vergangenheit der Gemeinde, deren urkundliche Ersterwähnung 975 Jahre zurückliegt. Auf Wunsch bietet der Geschichtsverein auch Führungen auf dem ausgeschilderten historischen Rundweg durch den Ortskern von Niederodenbach.

 

Lage: 115 Meter ü. N. N., an der Bahnlinie Hanau‑Bebra und an der alten Leipziger Straße, Gemarkung (1058,22 ha, davon Ge­meindewald = 156 ha, Staatswald = 264 ha) südlich der Kinzig zwischen Rückingen, Oberrodenbach und Bulau.

 

Bodenfunde: Hügelgräberbronzezeit: Siedlung nordöstlich des Ortes, Flur „Auf dem Hessenrod“.

Jüngste Eisenzeit: Brandgrab mit Spiralarmring und Fibel, beide aus Bronze, in einer Sandgrube am Westrand des Buchberges, südlich der Straße nach Neuenhaßlau.

 

Älteste Namensformen: (Rotenbeche um 850?); Rodunbach 1025­Rodinbach 1222, Rotenbach 1241, Rodenbach inferior 1338; Nyder Rodenbach 1344.

 

Geschichtliches:

Bei der Ersterwähnung im Jahre 1025  übergibt der Adlige Ruoger u. a. Besitzungen in „Ro­dunbach“ an das Kloster Fulda. Niederrodenbach gehörte wahrscheinlich zum Stammgut der Herren von Hagenowe Hanau, da 1241 das Kirchenpatronat dem Heinrich von Hanau als Erben seiner Vorfahren zuge­sprochen wurde. Es ist eine Rodung im Walde Bulau, in dem Niederroden­bach neben der Altstadt Hanau Holz‑ und Weideberechtigungen hatte und war dann ein Dorf des Amts Büchertal.

In einem Verzeichnis von Einkünften der Pfarrkirche Langendiebach findet sich 1338 die erste urkundliche Unterscheidung von Oberrodenbach und Niederrodenbach. Im Dreißig­jährigen Krieg und in späteren Kriegen hat der Ort schwer zu leiden, besonders 1673 durch die französische Armee unter Turenne (Was Niederrodenbach im Dreißigjährigen Krieg erlitt, in: Hanau Stadt und Land, Seite 365). Im Jahre 1737  wird das „Alte Rathaus“ gebaut. Seit 1803  gehört Oberrodenbach bis zur Säkulari­sierung zum Erzbistum Mainz.

Im Jahre 1866  kommen beide Ortsteile kamen durch Annexion Kurhessens zu Preußen. Am 1. März 1970 werden beide Gemei­nden zur Gemeinde Rodenbach zusammengeschlossen

Die Verwaltung zieht im August 1973 in das neue Rathaus in der Buchbergstraße. Im Jahre 1976  wird erstmals die Einwohnerzahl 10.000 überschritten. Die Bauarbeiten für das dritte Gleis beginnen 1991, der schienengleiche Bahnübergang wird durch eine Fußgänger‑ und Radfahrer­brücke ersetzt. Im Haus Hauptstraße 26 wird 1998  der Seni­orentreff eröffnet, im Jahre 1999 wird die Rodenbachhalle (vormals Bürgerhalle) wird wieder eröffnet.

 

Kirchliches:

Die Pfarrkirche (1337 St. Michael) gehörte zum Ruralkapitel Rot­gau des Archi­diakonats S. Peter und Alexander in Aschaffen­burg. Patrone waren die Herren von Hanau. Die Geschichte der Kirche in Niederrodenbach kann bis in das Jahr 1240 verfolgt wer­den. Bis zur Reformation war Niederrodenbach Mutterkirche von Oberrodenbach, dessen evangelische Bewohner heute wieder dort eingepfarrt sind.

Um keine weiteren Gelder in die alte Kirche zu investieren, begann man im April 1763 mit dem Abbruch des Gotteshauses. Auch das Fundament wurde zum großen Teil herausgebro­chen. Am 15. Mai 1763 erfolgte die Grundsteinlegung zur neuen Kirche, die am 3. Februar 1765 eingeweiht wurde.

Die Kirche ist ein Neu­bau von 1763 mit hessen‑hanauischem Wappen. Rechteckchor und Westturm mit Viertelkreisen an einen Saal angeschlossen (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 243). Gewaltig erbebt sich der hohe Frontturm über die stattlichen Fach­werkhäuser zu seinen Füßen; weit­hin grüßt er in das Kinzigtal als das Wahrzeichen Niederrodenbachs. Über dem Portal trägt er ein schönes hessen‑hanauisches Wappen.

Sie ist ein Saalbau, an den Schmalseiten mit Halbkreisanbauten, denen im Osten ein Recht­ckchor und im Westen ein Turm mit hohem Haubenhelm vorgebaut sind. An den Emporen befinden sich symbolische Brüstungsmalereien. Die Ausstattung ist schlicht ge­halten. Die Orgel der Firma Johann Friedrich Syer aus Nieder‑Florstadt steht seit 1766 im Gotteshaus.

Von 1686‑1818 bestand in Niederrodenbach neben der evangelisch‑reformierten Gemeinde noch eine kleine evangelisch‑lutherische Gemeinde. Als Versammlungsort diente dieser das Gebäude Kirchstraße 4. Die Katholiken Niederrodenbachs gehörten nach Oberrodenbach.

Die Katholische Kirche St. Michael, Rodenbach-Niederrodenbach wurde im Jahre 1962 erbaut. Eine neue Kirche wird im Gebiet der „Gartel“ angestrebt.

 

Baudenkmäler:

Von der alten starken Dorfbefestigung sind große Teile der Ringmauer und ein Wehrturm mit vorgekragtem Umgang und Steinpyramide (mit Storchnest) erhalten (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 101: Am Wehrturm in Niederrodenbach)

Rathaus, erbaut 1737/38; freistehender stattlicher Fachwerkbau auf Steingeschoß.

Große Bauernhöfe mit Toreinfahrten aus Stein oder Holz.

Weiter Bilder in: Hanau Stadt und Land

Hoftor mit Dächelchen, Seite 297

Geschnitzter Eckpfosten, Seite 505 (?)

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 514; 1855 = 819; 1885 = 1010; 1905 = 1392; 1919 = 1572; 1925 = 1762; 1939 = 2063; 1946 = 2877; 1953 = 3112, davon Heimatvertriebene = 385, Evakuierte = 270 (aus Hanau 209).

Bekenntnis: 1905: ev. = 1285; kath. = 75; israel. = 32, heute: ev. = 2587; kath. = 458; sonst. = 70.

 

Wirtschaft:

Der dürftige Sandboden zwang schon früh zu beson­derem Erwerb: Holzfällen und Holzfahren aus der Bulau (heute sind noch viele Frauen als Waldarbeiterinnen im „Pflanz­garten“ beschäftigt), dann in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zur großzügig durchgeführten Ochsenmast (an die noch heute die Ochsenköpfe an den Toreinfahrten mancher Gehöfte er­innern). Der Rektor des lutherischen Gymnasiums zu Hanau, Johann Andreas Benignus Bergsträßer, veröffentlichte 1792 eine Programm‑Abhandlung: „Spaziergänge mit Zöglingen der Schule, ein Beitrag zur Dorfbeschreibung“, die ausführlich Nie­derrodenbachs Wirtschaft, besonders die Ochsenmast beschreibt (auszugsweise abgedruckt in der Festschrift zur Landwirt­schaftlichen Ausstellung, Hanau 1908). Bild Seite 244: Hoftore mit Ochsenköpfen 103 (2. Hälfte 18. Jahrhundert).

Nach dem ersten Weltkrieg durch Anlage ausgedehnter Spargelkulturen.

Arbeiterfamilien = 920, Handwerker = 56, Kaufleute = 47, Angestellte und Beamte = 195, Landwirte = 171.

 

Wichtige Beiträge zur Ortsgeschichte brachte Konrektor Heinrich Stübing, vor allem seine „Niederrodenbacher Kirchengeschichte“ im Hanauischen Magazin 1923, Nr. 4‑12.

 

Oberrodenbach

Lage: 160 Meter ü. N. N. An der Südostecke des Kreises gelegen nahe der Kreisgrenze, zwischen den Höhen vom Weinberg (206 Meter), Kunznickel (227 Meter) und dem Kirchberg (250 Meter) auf der Geln­häuser Seite. Die Gemarkung umfaßt 606 Hektar, davon Gemeinde­wald 21 Hektar, Staatswald 340 Hektar.

 

Bodenfunde: Bis jetzt keine Funde aus urgeschichtlicher Zeit bekannt.

 

Älteste Namensformen: (Rodunbach 1025), Rodenbach 1342, Obernrodenbach.

 

Geschichtliches:

Die fuldische Propstei Neuenberg hatte (seit 1025?) Besitzungen in Oberrodenbach, doch kam das Dorf später in das Eigentum des S. Petersstiftes in Mainz, dem die Waldungen rundum gehörten. Hanau machte im 15. und 16. Jahrhundert Hoheits­rechte geltend, seit 1545 Kurmainz. Im Jahre 1803kam der Ort an Hessen‑Darmstadt, 1816 an Kurhessen.

Das Dorf war ursprünglich nach Somborn, dann vor der Reformation nach Niederrodenbach eingepfarrt, seit 1597 nach Großkrotzenburg. Patron war ursprünglich das Kloster Seli­gen­stadt, dann das Petersstift, heute der Staat (der ein Viertel der Bau‑ und Unterhaltungskosten zu tragen hat).

Die Pfarrkirche S. Peter und Paul wurde in den Jahren 1836‑1837  durch die poli­tische Gemeinde erbaut. Es ist ein Saalbau mit verschiefer­tem Dach­turm, einem gewölbten Chor mit Apsis. Zur Ausstattung der Kirche gehören eine Kreuzigungsgruppe mit Johannes und Maria, Figuren von Maria Magdalena, den Patronen Petrus und Paulus, die Kopie einer Mutter­gottesstatue von 1480, eine Josefstatue, daneben der Aufgang zur Kanzel und ein Kreuz­weg in Holzrelief. Die Orgel des Gotteshauses stammt von der Firma Kreienbrink.

Die Evangelischen sind nach Niederrodenbach eingepfarrt.

Es gibt bäuer­liche Bildstöcke aus dem 18. Jahrhundert (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 248).

Am 1. März 1970 werden beide Gemei­nden zur Gemeinde Rodenbach zusammengeschlossen

In Oberro­denbach wird 1989 der Bürgertreff eingeweiht.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 292; 1855 = 455; 1885 = 468; 1905 = 545; 1919 = 523; 1939 = 640; 1946 = 824; 1953 = 824, da­von Heimatvertriebene 117, Eva­kuierte 14 (alle aus Hanau).

Bekenntnis: 1905: ev. = 18, kath. = 527, heute: ev. = 73, kath. rd. 750.

 

Wirtschaft: Meist Landwirtschaft, Waldarbeiter.

 

Literatur: Arbeit von Prof. A. Ruppel, Mainz: „Aus der Ge­schichte Oberrodenbachs im Mittelalter.“ (Neues Magazin für hanauische Geschichte, III. Bd. Nr. 1.

 

Hof Trages

Im Vorspessart, am Rande des Bulauer Waldes, liegt versteckt der Hof Trages. Die Chronik  des Hofes Trages beginnt mit der Rodung des Gebietes zwischen Roden­bach (sic!) und Albstadt durch einen Frei­en namens Drago anno 850 nach Chri­stus. Um 1333 wird der Hof als Lehen der Herren von Hanau genanntes. Im Jahre 1751 erbte Carl Ludwig von Savigny das Hofgut und hinterließ es seinem Sohn, dem berühmten Frankfurter Friedrich Carl von Savigny (1779‑1861). Jetzt begann die Blütezeit des Hofes war, als Friedrich Carl von Savigny zwischen 1799 und 1810 die Avantgarde der deutschen Romantik dort um sich versammelte.

Dieser große Rechtshistoriker und Staatsmann verstand es, einen bedeutenden Kreis von Gelehrten und Künstlern auf seinem Landgut Trages um sich zu scharen.

Zum erlauchten Kreis, der sich auf dem Trages verlustierte, gehörten Jacob und Wilhelm Grimm, die bei Savigny in Mar­burg studierten, ihr „Maler‑Bruder“ Lud­wig Emil Grimm, die Brentano‑Geschwi­ster, Karoline von Günderode und Achim von Arnim. Die Treffen der kunstsinnigen und literarischen Avantgarde blieben nicht ohne Folgen: 1805 haben von Armin und Clemens Brentano die Brüder Grimm erstmals zum Märchensammeln angeregt.

Für die Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ (1805/1808) trugen die Brü­der von 1806 an Material zusammen. Von Arnim und Brentano planten nämlich zu dieser Zeit noch, ihre Sammlung durch alte, mündlich überlieferte „Sagen und Mährchen“ zu ergänzen. Das Vorhaben führten schließlich die Grimms alleine aus, immerhin veranlaßte Achim von Ar­nim 1812 die Drucklegung, der Kinder- ­und Hausmärchen; die erste Ausgabe wid­meten die Brüder Bettine Brentano. Diese wiederum schrieb für von Arnims „Zei­tung für Einsiedler“, entlockte der Kinderfrau der Savignys, Frau Lehnhardt, die „wegen der Mährlein scharf exami­niert“ wurde ‑, unter anderem die Ge­schichte vom „Ältesten der königlichen Siebenlinge“, die sie dann zum Kunstmärchen weiter ausspann.

Clemens von           Brentano wählte für sein Märchen „Gockel, Hinkel und Gackeleia“ als Ambiente die unmittelbare Umgebung des Trages: Gelnhausen und die Klosterruine Wolfgang. Von Ludwig Emil Grimm stammen aus dieser Zeit hinreißende Zeichnungen und Porträtskizzen.

Achim von Arnim gab mit Clemens Brentano die altdeutsche Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ heraus. Beide waren ihrem Studienfreund Savigny als gesinnungsverwandte Romantiker nach Trages ge­folgt. Bettina Brentano, die spätere Gattin Achim von Arnims, schwärmte: „Wir tun hier nichts als den ganzen Tag in Feld und Wald umherlaufen und nichts schießen.“ Clemens Brentano jedoch war nicht ganz so müßig wie seine Natur‑ und Wanderfreunde, er schrieb im alten. Gutshaus sein Märchen „Gockel, Hinkel und Gackeleia“ und malte die phantastischsten Tiergeister auf die Wände seines Zimmers.

Allen war eines gemeinsam war: die Verbundenheit zur Natur. Es war die Zeit der Heidelberger Romantik. Der Jurist, liebevoll „Urherr“ tituliert, war Rechtsgelehrter in Marburg, zu seinen Studenten gehörten Jakob und Wilhelm Grimm, die er ebenso wie Clemens. Christian, Gunda und Betti­ne Brentano, Achim von Arnim und Karo­line von Günderode einlud und ihnen im nordwestlichen Spessart „die Pforten zum Paradies auf schloß“.

Hier verbrachten die jungen Leute (alle waren um die 20 Jahre jung) unbekümmerte Tage, tauschten sich über wissenschaftliche und künstlerische Pläne aus, oder suchten Halt, Trost, Anerkennung und Liebe. Auf Trages entstanden Freundschaften und Liebesromanzen, es fanden Hochzeiten und Taufen statt. Hier traf sich eine „Zwischengeneration“, Kinder der französischen Revolution, die ihre Ideale durch die napoleonische Fremdherrschaft pervertiert sahen. Dazu kam einerseits die ungestüme Jugendlichkeit dieser Clique und andererseits die Tatsache, daß fast alle aus unvollständigen El­ternhäusern kamen, von Vormündern, entfernten Verwandten oder in Klöstern erzogen worden waren. So kam es, daß die jungen Leute in Trages weitgehend unter sich blieben. Es gab in ihrem Kreis keine Erwachsenen.

Um so intensiver war das Bedürfnis nach geistigem Austausch, nach jeman­dem, an den man sich halten konnte. Auch dann, wenn man räumlich getrennt war, sollte der Kontakt nicht abreißen. „Deshalb wurden Briefe geschrieben...,“ schreibt Gunda von Savigny. Ihre Inter­pretation begründete sie nicht nur mit dem Verweis auf Bettine von Arnims Briefromane, sondern auch mit eigener Erfahrung. Allein der Briefwechsel, den Friedrich Karl von Savigny mit Jakob und Wilhelm Grimm geführt hat, füllt mehre­re dickleibige Bände. Selbst nach dem zweiten Weltkrieg fand man im Herren­haus von Träges noch 200 Briefe, die die Grimms an Savigny geschrieben hat­ten.

 

Auf dem Boden, auf dem vor knapp 200 Jahren so viel Nachhaltiges geschah, hat sich in jüngster Vergangenheit viel verändert. Der heutige Eigentümer, Hubertus von Savigny, gab im Jahr 1992 einer englisch‑stämmigen Betreiberfirma die Genehmigung zum Bau eines Golfplatzes. Sie übernahm die meisten historischen Hofgebäude und drei Viertel der landwirtschaftlichen Flächen durch einen langfristigen Erbbau­rechtsvertrag bis ins Jahr 2043. Die „Golfplatz Trages GmbH“ verwandelte Wiesen und Felder in gepflegte Spielbahnen einer 18‑Loch‑ Golfanlage. Die Wirtschaftsgebäude unterhalb des Herrenhauses wurden grundsaniert, es entstanden Clubräume und ein Restaurant.

Die Verpachtung an die Golfplatzbetreiberin hat die Familie von Savigny in die Lage versetzt, das Haupthaus zu renovieren. In völlig desolatem Zustand jedoch ist nach wie vor das „Brentano‑Zimmer“, das sich im Verwalterhaus befindet. Es war nach dem Tod Leo von Savignys vom Nachlaßverwalter leergeräumt und verschlossen worden und vier Jahre lang unzugänglich. Nun kriecht der Schwamm den Boden herauf, aus der teils offenen Decke bröckelt der Lehm. Er­staunlich ist, daß die Bleistift‑ und Kohle­zeichnungen der Brentanos unversehrt blieben.

Die Kapelle auf Hof Trages wurde 1866 von Ignatius Statz aus Köln erbaut. Die Kreuzgewölbe mit neugotischen Kapitellen bestimmen das Kircheninnere. Die Fen­ster im Chor sind gotisch und stellen die Geheimnisse des Rosenkranzes dar. im Altar steht ein frühgotisches Kreuz aus Speckstein. Unter der Kirche befindet sieh die Familiengruft derer von Savigny.

 

Wie schon vor 200 Jahren ist der Trages auch heute noch ein beliebtes Ausflugsziel. Wegen der privaten Nutzung sind Schloß, Kapelle und Park nicht zugänglich. Bei einem Besuch des Golfrestaurants kann man sich die historische Gutsanlage mit dem Günderrodehäuschen ansehen.

Der Wanderer steigt am Bahnhof Alzenau‑Burg aus und geht die Stra­ße aufwärts, sichtet an den Tennisplätzen das Diagonal­zeichen und biegt nach links ab.  Vorher auftauchende gleiche Zeichen sind als Zubringer vom Naturparkplatz gedacht und sollten nicht irritieren. Wenn das Zeichen auf das „B“ der Birken­hainer Straße stößt, folgt man diesem nach rechts. Am Schnitt­punkt zweier alter Handelsstraßen, der Seligenstädter Verbindung von Somborn nach Gelnhausen und der bedeutenderen Birkenhainer Straße, dem Abkürzungsweg zwischen Gemünden und Frankfurt über die Spessarthöhen, liegt Hof Trages. Anscheinend wußte die durchziehende Soldateska des Dreißigjährigen Krieges nichts von seiner Existenz, wie hätte er sonst von der Zerstörung verschont bleiben können, während umliegende Ortschaften ausgelöscht wurden. Oberhalb der beiden, mit seinen Wirtschaftsgebäuden im Geviert stehenden schlichten Herrenhäuser wurde 1861 im alten Park ein Schloß erbaut. Niemand verwehrt es dem Wanderer, die einst gepflegten Parkanlagen zu durchstreifen.

Man kehrt zurück zum „B“ der Birkenhainer Straße und zieht mit ihm bis  zu der Stelle, an der es mit dem roten Markierungsstrich zusammentrifft. Ihm schließt man sich nach links an und folgt ihm abwärts auf der Forststraße so lange, bis er kurz nach Unterqueren der Hochspannungsleitung den rotweißen Strich schneidet. Diesem geht man nun durch einen Kiefernwald nach bis Michelbach. Über Lindenplatz, Laurentiusstraße  Spessartstraße und Schloßstraße wird der Bahnhof erreicht Wochenende, Seite 119).

 

Über den Hof Trages hat Gunda von Savigny ein Buch geschrieben: Hof  Trages, Chro­nik der Familie von Savigny, 108 Seiten, 29,80 Mark, CoCon-Verlag Hanau 1998.

 

 

Bulau

Das Gebiet „Bulau“ ist eine naturnahe Auelandschaft, wie es sie in Deutschland nur noch ganz selten gibt. Es liegt in der östlichen Untermainebene im unteren Kinzigtal zwischen der Stadt Hanau und der Gemeinde Erlensee entlang der Kinzig. Die Bulau ist nach dem Kühkopf im südhessischen Ried mit 600 Hektar Fläche die zweite große Auen-Landschaft unserer Region. Sie ist ein Schutzgebiet von europäischem Rang und steht auf der Liste der sogenannten FFH-Gebiete. Darunter sind Flächen zu verstehen, deren Flora und Fauna durch eine Konvention der Europäischen Union geschützt sind, hier Auewald und Feuchtgrünland.

Zu verdanken ist diese Art des flußnahen Bestandes aus Erlen, Pappeln und anderen Baumarten der hier durchfließenden Kinzig, die zwar durchaus nicht träge, aber doch in vielen Mäandern für die nötige Nässe sorgt. Typisch auch die Seitenarme und Überschwemmungsteiche, die allerdings  nach einem besonders trocknen Sommer ohne viel Oberflächenwasser sind.

Dazu kommt noch die Lache, ein kleines, sehr langsam fließendes Gewässer.

Die Kinzig mäandriert idyllisch in naturnahem Lauf mit Prall- und Gleithängen, Uferabbrüchen, Kies- und Sandbänken. Etliche Bäume sind über und in die Kinzig gestürzt und erhöhen  die schor vorhandene Strukturvielfalt dieses Flusses. Ebenso existieren verschiedene Altarme und Altwasser.

Der Auewald besteht aus der Weichholzaue mit Weiden und Erlen und der uferfernen Hartholzaue mit Stieleichen, Hainbuchen, Eschen und Ulmen.

Im Osten der Bulau liegt der 16,5 Hektar große Erlensee, entstanden durch Kiesabbau, heute mit dem ihn umgebenden Wald als Wertvolles Rast- und Brutbiotop verschiedener Wasservogelvogelarten geschützt .

Viele seltenen Tiuer- und Pflanzenarten finden in der Bulau ihren Lebensraum, beispielsweise der Pirol oder der Eisvogel, sechs verschiedene Spechtsarten, Gelbspötter, acht Amphibienarten, die Ringelnatter, Schwalbenschwanz, Schillerfalter, verschiedene Libellen- und Käferarten. Besonders aktiv die Spechte, darunter der nicht überall vorkommende Mittelspecht. Auch den Eisvogel glaubte der eine oder andre zu hören.

Zur charakteristischen Bodenflora in der Bulau gehören Sumpf-Weidenröschen, Wasserfeder. Sumpfhaarstrang, Wasser- Greiskraut, Echter Wasserschlauch, mit Weiden und Erlen. Eine Wanderung durch die Bulau ist zur Blütezeit der Frühblüher im April am eindrucksvollsten. Buschwindröschen, Lerchensporn, Schlüsselblumen, später Bärlauch und viele andere bilden dann regelrechte Blütenteppiche. Der Bärlauch st eine nach Knoblauch riechende Pflanze, die sich vorzüglich für Speisen eignet. Nicht jedermanns Geschmack sind dagegen die Blätter des Aronstabes.

Für Interessenten gibt es ein Faltblatt zur Orientierung. Es kann bei der Naturschutzbehörde der Stadt Hanau oder bei Hessischen Fortsamt Wolfgang  unter  der  Telefonnummer (0 61 81)9 50 19-18 angefordert werden.

 

Auf der Landstraße nach Niederrodenbach vor dem Ort nach Rodenbach-Süd einbiegen und dann wieder nach rechts zum Waldstadion. Dort läßt man das Auto stehen und fährt zum Forstamt Wolfgang. Dieses wurde 1715 vom letzten Hanauer Grafen Johann Reinhard III. als Jagdschloß erbaut und wurde 1736 Forstamt. Im Jahre 1826 wurde die Samendarre zur Baumsamengewinnung angegliedert. Rechts von der Samendarre steht die Kaisereiche

Vom Forstamt macht man einen Abstecher zum Kloster Wolfgang (siehe Ordner „Hanau, Kreis, Rodenbach“). Dann geht der Weg wieder zurück zum Forstamt, aber weiter auf dem Günther-Henrich-Weg in Richtung Südwesten. Das Forstamt hat an manchen Bäumen Namensschilder angebracht. Rechts liegt das Naturschutzgebiet „Rote Lache“ (vom Weg aus gut zu sehen). Man trifft dann auf einen Weg über die Autobahn. Gleich rechts hinter der Autobahn steht die Bismarckeiche. Am nächsten Weg biegt man links ein und fährt bis zum Limes. Dieser ist zwischen Autobahn und Bundesstraße 8 noch gut zu erkennen. Den eingezeichneten Römerturm kann man allerdings nicht finden. Zum Kleinkastell „Neuwirtshaus“ siehe Großkrotzenburg.

 

Am Rastplatz steht die Grenzwalleiche. An der Birkenhainer Straße am Neuwirtshaus steht ein Grenzstein mit Mainzer Rad (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 95).

 

Man macht einen Abstecher zum Neuwirtshaus. Hier steht das älteste Großauheimer Wirtshaus, das „Alte Neuwirtshaus“, das 1693 von Matthias Botzum gegründet wurde. Im Jahre 1739 richtete Kurmainz hier eine Zollstation ein.

Von dort fährt man wieder über den Rastplatz und entlang der Autobahn zu der Brücke kurz vor der Grenze. Hinter der Autobahn könnte man rechts auf die  „Birkenhainer Straße“ fahren.

Die Birkenhainer Straße ist Teil des Handelswegs von Brüssel nach Prag. Vom Neuwirtshaus  läuft sie über den Hof Trages und steigt bis zum Fronbügel stetig an. Danach nimmt sie den Umweg  über das „Hufeisen“ in Kauf, um die Höhenmeter nicht zu verschenken. Bis zur „Bayrischen Schanz“ verläuft sie auf der Grenze zwischen Hessen und Bayern, dann führt sie nach Gemünden hinab. Den Namen hatte sie von den Birken, die an ihrem Rand gepflanzt wurden (ihre helle Rinde erleichterte die Orientierung bei Dunkelheit). Der Weg ist kürzer als über das Mainviereck und auch bei nassem Wetter passierbar. Auf diesem Weg liefen die Flößer zurück, die das Holz nach Frankfurt gebracht hatten. Bauern brachten ihr Vieh zu den Märkten im Rhein-Main-Gebiet. Kaufleute schätzen die Straße als schnelle Verbindung zwischen Frankfurt und Nürnberg. Soldaten ließen sich hier unauffällig bewegen.

Man fährt aber den linken Weg, der dann nach rechts abknickt auf die gerade „Brandschneise“. Diese fährt man entlang über eine Kreuzung mit Wegweisern und an zwei Abzweigungen nach Niederodenbach vorbei.

Man kann natürlich auch schon hier nach Niederrodenbach abbiegen. Andernfalls macht man eine Abstecher zur „Barbarossaquelle“. Dabei fährt man zwei Mal im Zickzack (an der zweiten Stelle fehlt der Wegweiser, es geht aber links ab, immer auf dem geteerten Weg. Dieser steigt jetzt etwas an, aber man kommt doch bald an den kleinen See. Die Sage von der Barbarossa-Quelle steht in „Hanauer Wanderungen, S. 106.

Dann geht es wieder auf dem gleich Weg rückwärts bis zu dem beschilderten Abzweig nach Niederodenbach. Am Weg liegen dann rechts die Steinbrüche mit Kalksteinen aus der Zechsteinzeit und einer besonderen Pflanzenwelt. An den Steinbrüchen biegt man links ab und kommt am ehemaligen Motodrom vorbei wieder zum Waldstadion.

 

Klosterruine Wolfgang                                                               Führungsblatt 114

Das Denkmal aus dem späten 15. und beginnenden 16. Jahrhundert hat Interessan­tes zu bieten. Die Kloster­ruine Wolfgang ist ein Relikt, kunsthistorisch an der Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit und schon deshalb bemerkenswert.. Und wer weiß schon, daß das Kloster dem Stadtteil den Namen gegeben hat, ben­annt nach dem Heiligen Wolfgang, dem Schutzpatron der Holzfäller?

Die Informationen auf der hölzernen Tafel, die sich am Zimmermann“, dem nahezu 100 Jahre alten Wälzer über die Hanauer Ge­schichte, orientiert. Dort ist zum Beispiel zu lesen, daß die Augustiner das Kloster bewohnten: Stimmt nicht, sagt Schwital­la, die Serviten waren es. Weil sich der Bet­telorden auf die Regeln der Augustiner-­Mönche berief sei es zu dem Mißverständnis gekommen, glaubt der Archäologe.

Im Jahre 1468 hatte Erasmus Hasefuß, Förster des Grafen Philipp von Hanau, im Bulau­wald die Kapelle zu Ehren des heiligen Wolfgang errichten lassen, das eigentliche Kloster ist vermutlich 1494 vollendet wor­den. Laut Informationstafel soll 1502 be­reits Schluß gewesen und das Kloster mit dem Hospital in Hanau vereinigt worden sein. Auch das sei nicht richtig, erklärt Schwitalla: Die Annahme, das Haus sei damals bereits geschlossen worden, führt er auf einen Brief zurück, den der Kardinal Raimund von Gurk, seinerzeit in Sachen Gegenreformation unterwegs, an den Erz­bischof von Mainz geschickt habe.

Darin beklagt er die vielen Kupplerin­nen und Kuppler, die sich angeblich im Dunstkreis der Klosters herumtrieben. Unzüchtige Feste und Gelage würden am heiligen Ort gefeiert, häufig käme es auch zu Schlägereien. Der Erzbischof solle die­se Vorgänge prüfen. Guntram Schwitalla ist überzeugt, daß er zu einem negativen Ergebnis kam, denn später seien die Wolf­ganger Serviten noch mehrfach erwähnt.

Das böse Gerücht sei indes auf eine In­trige des jungen Grafen zurückzuführen, der den Mönchen die Zuwendungen seines Vaters neidete. Außerdem hatten sich um­liegende Kaufleute beschwert, daß die Serviten die Jagdgesellschaften des alten Grafen regelmäßig verköstigten, sie sahen in den Ordensbrüdern eine lästige Konkur­renz. Also keine Schließung 1502. Eine lange Existenz war dem Kloster Wolfgang dennoch nicht beschieden: 1525 wurde es im Bauernkrieg zerstört.

Heute ist nicht mehr viel zu sehen von den einstigen Gebäuden: ein paar Mauer­reste und ein markanter, etwa zehn Meter hoher Turm am Wegesrand. Obwohl am auffälligsten und so etwas wie ein Wahrzei­chen der Ruine, gehörte er vermutlich gar nicht zum Kloster, sondern wurde erst we­sentlich später erbaut. Guntram Schwital­la glaubt, daß der Turm im 18. Jahrhun­dert als historisierend‑romantisierendes Bauwerk entstanden ist. Dafür sprächen die Mode der Zeit ‑ man denke nur an die künstliche Ruine im Kurpark Wilhelms­bad ‑ und vor allem die mittelalterlichen Zinnen, die es als Stilform zur Zeit des Wolfgänger Klosters gar nicht mehr gab.

Der einsam‑idyllische Turm im Wald wäre zudem ein hübsches Ausflugsziel für die Bewohner und Besucher des Jagdschlos­ses gewesen, das Graf Johann Reinhard 1715 in der Nähe des ehemaligen Klosters erbauen ließ.

Viel älteren Datums sind dagegen die merkwürdig gleichförmigen Vertiefungen im Waldboden, nur wenige Meter von der Ruine entfernt; unbedarfte Spaziergänger könnten sie für Bombentrichter halten. Tatsächlich haben die Mönche hier jedoch Eisenerz geschürft ‑ damit ist die Kloster­raine eigentlich auch ein Denkmal der frü­hen Industriegeschichte.

 

Steinbruch

Wenn wir die bunte geologische Karte unserer Heimat betrach­ten, so fällt uns am westlichen Rande des Spessarts eine schmale Zone von Zechsteinkalk zwischen den Gebieten des Rotliegenden und den weiten Flächen des Buntsandsteines, aus dem der Spessart hauptsächlich aufgebaut ist, auf. An zwei Punkten im Kreisgebiet, unweit des Forstamtes Wolfgang und südlich Niederrodenbach, tritt dieses Gestein noch westlich des Höhenzuges des Vorspessarts zutage. Der Zechsteinkalk verdankt seine Entstehung Meeresablagerungen im geologischen Erdaltertum, in der sogenannten Permperiode, und übertrifft somit den im Erdmittelalter entstandenen Muschelkalk und erst recht den im Tertiär, der Erdneuzeit, gebildeten Kalk an Alter um den ungeheuren Zeitraum von Jahrmillionen.   

Der Weg zum Nieder­rodenbacher  Steinbruch führt uns aus dem Dorfe südlich in Richtung nach Alzenau hinaus. Schon in der Ortschaft können wir altes Mauerwerk sehen, das aus grauen Kalkstei­nen errichtet wurde. Nicht nur in Niederrodenbach, sondern auch in Ober­rodenbach und Rückingen hat der Zechstein früher für Haus- und Wegebau Verwendung   gefunden. Zunächst begleiten uns beiderseits des Weges Ackerflächen, deren leichter Sandboden in immer größerem Umfange zum Spargelanbau genutzt wird. Etwa zwei Kilometer südlich Niederrodenbach tritt der Weg in das große Wald­gebiet ein, und hier öffnet sich zur Linken der Steinbruch, der auch heute noch in Betrieb ist. Die unmittelbare Nachbarschaft des Bruches ist stark zerwühlt, und zahlreiche kleine, längst verlassene Steinbrüche, die inzwischen mit Wald und Buschwerk bedeckt sind, lassen erkennen, daß der Abbau des Kalksteines hier schon sehr lange betrieben wird.

Diese zerklüftete Umgebung des großen Stein­bruches ist nun der Fundort zahlreicher schöner und seltener Pflan­zen, die auf dem verwitterten Kalkboden die ihnen zusagenden Lebensbedingungen gefunden haben. Von Beginn des Frühlings bis in den Spätherbst hinein bietet die Kalkflora dem Naturfreund immer neue Schönheiten, und eine ganze Reihe seltener Arten ist im Kreisgebiet nur hier zu finden.

Im Frühling eröffnet die Küchenschelle den Blumenreigen. Große lila Blütensterne, umgeben von silbrig behaarten Blättchen, brechen aus dem noch kahlen Boden hervor, bald folgt das Frühlingsfinger­kraut mit seinen goldgelben Blütenpolstern. Das Große Windröschen, eine nahe Verwandte des überall verbreiteten Busch­windröschens, öffnet ein wenig später seine großen weißen Blüten; gleichzeitig erscheinen die duftlosen, zartlila Blüten des Rauhaarigen Veilchens.

Je weiter das Blumenjahr fortschreitet, desto bunter blüht es ringsum. An keiner anderen Stelle im Kreisgebiet finden wir so zahlreiche Orchideenarten wie hier. Von den Kna­benkräutern ist das Helmknabenkraut vereinzelt zu sehen, zwei Ar­ten von Waldhyazinthen oder Kuckucksblumen strömen zarten Wohl­geruch aus, im Gebüsch wächst das Großblütige Waldvögelein, da­neben auch in wenigen Exemplaren das sehr ähnliche Schmalblättrige Waldvögelein. Rotbraune Stendelwurz und in dichtem Unter­holz die braungelbe Nestwurz, die kein eigenes Blattgrün entwickelt und daher auf Verwesungsstoffe des Humusbodens angewiesen ist, sind weitere Vertreter unserer heimischen Orchideen-Flora.

Vor al­lem aber können wir hier auch eine der merkwürdigsten Blumengestalten der deutschen Pflanzenwelt kennenlernen, die Fliegenorchis, deren Blüten eine Fliege täu­schend nachahmen. Bis vor wenigen Jah­ren wurde ganz vereinzelt sogar die noch viel seltenere Bienenwurz, deren Blüte ei­ne Honigbiene vortäuscht, dort gefunden. Allein dieser Reichtum an Orchideen recht­fertigt es, daß der Niederrodenbacher Steinbruch und seine nähere Umgebung jetzt den Schutz des Naturschutz-Gesetzes genießen.

In der bunten Fülle der Sommerblu­men bemerken wir die Ästige Graslilie mit weißen Blütenrispen, aus der Familie der Lippenblüter die dunkellila Großblütige Brunelle und den weißgelben Aufrechten Ziest, von den Schmetterlingsblütern tref­fen wir blaßrosa Kronenwicke, zartblaue Schmalblättrige Wicke und rotgelben Wundklee, dazwischen wachsen Königskerzen, Schwalbenwurz, Kreuzblume, Thymian und Hügelmeister, ein Verwandter des duftenden Waldmeisters. Die Korbblütler sind durch Dürrwurz, Weidenalant und Doldige Wucherblume vertreten. Am Waidrande wuchert Tollkirsche, im dunklen Waldesschatten finden wir Nickendes Wintergrün und Rippenfarn, der die Gebirgsnähe anzeigt.

Auf ganz dürrem Boden im Steinbruch entdecken wir einen eigenartigen seltenen Farn, die Mondraute, deren Sporenähre das fingerhohe Pflänzchen überragt. Als letzter erscheint im Herbst der Wimperenzian mit großen tiefblauen Blumen, für viele Naturfreunde eine Überraschung, da die meisten verwandten Enzianarten Kinder der Hochgebirgsflora sind. Seine Blütenzeit endet, wenn der erste Frost das Blumenjahr abschließt.

Dem aufmerksamen Naturbeobachter fallen in der Welt der Moose mehrere Arten auf, die nur auf Kalkboden zu finden sind. Für die Pilzfreunde aber ist die Umgebung des Steinbruchs besonders schät­zenswert wegen ihres Reichtums an schmackhaften Pilzen der verschiedensten Arten; u. a. wächst in reicher Fülle in den dichten Fichtengehölzen hier der Blutreitzker, ein ausgezeichneter Suppenpilz.

Schließlich wollen wir uns in dem großen Steinbruch noch ein­mal das Felsgestein selbst näher betrachten. Ein besonderer Glücks­fall läßt uns vielleicht auch eine versteinerte Muschelschale finden, als Beweis für die Herkunft des Gesteins aus Meeresablagerungen. Sicherlich aber werden wir auf den grauen Steinbrocken dunkle Gebilde erkennen, die Moospflänzchen oder Farnblättern recht ähn­lich sehen und meistens für Reste pflanzlichen Lebens gehalten wer­den. In Wirklichkeit aber handelt es sich um Ausscheidungen dunk­ler Eisen- oder Mangan-Verbindungen, die ähnlich wie die Eiskristalle am winterlichen Fenster, die vielgestaltigen Eisblumen, Pflanzenformen vorzaubern.

 

Eine andere Tagebauform sind Steinbrüche. Sie finden sich an jeder geologisch geeigneten Stelle in der Region. Ein teils als Naturschutzgebiet ausgewiesener Steinbruch mit imposanter Abbaufläche ist der Kalksteinbruch in Rodenbach, südlich der Ortslage von Niederrodenbach. Bereits im frühen Mittelalter wurden hier Steine für den Hausbau geschlagen, 1566 zum Beispiel auch für die Kinzigbrücke in Hanau.

Da das Gebiet des Kalksteinbruchs zum Gemeinwohl gehörte, sind viele im Wald verstreute kleinere Steinbrüche zu finden, da jedermann hier Steine abbauen konnte. Auffallend sind bis zu sieben Meter hohe Felsformationen, die offen und unbewachsen sichtbar sind. Um 1900 wurden die Arbeiten eingestellt, seitdem erobert der Wald das Gelände zurück.

 

 

Buchberg-Hof Trages-Oberrodenbach

Autobahnabfahrt Langenselbold, zur Bundesstra0e 40, ein kleines Stück rechts, dann über den Parkplatz Buchberg zum Aussichtsturm hoch fahren. Der Berg liegt 200 Meter hoch. Der Turm hat 160 Stufen (Schlüssel notfalls in der Gaststätte). Noch vor 150 Jahren gehörte der Buch­berg zur Mark Langenselbold ‑ Neuen­haßlau ‑ Gondsroth, die in den Jahren 1836‑39 geteilt wurde. Noch heute weisen Grenzsteine mit der Jahreszahl 1836 zwi­schen der Selbolder und der Gondsrother Gemarkung darauf hin.

Erbaut wurde der 29 Meter hohe Buchbergturm im Jahr 1909. Eine Bronzetafel am Eingang er­innert an den Initiator, den Buchbergverein und die treibende Kraft dieses Vereins, den Lehrer Hugo Schäfer. Verwendet worden sein sollen beim Bau des Turmes auch Stei­ne des Rückinger Herrenhofes, der einst an der alten Kinzigbrücke stand und 1909 abgerissen wurde, weil er angeblich bau­fällig gewesen sein soll.

Auch wenn das Bauwerk schon viele Jahr­zehnte steht, seinen jetzigen Bekanntheits­grad hat es eigentlich erst in der jüngeren Vergangenheit erlangt. Lange Jahre fristete der Buchbergturm eher ein Dornröschen­dasein. Allerorten zum Gesprächsstoff wur­de er erst, als die Stadt Hanau als Eigentü­mer ankündigte, den Turm abreißen zu lassen.

Da wurden plötzlich auch die Nach­barge­meinden hellhörig. Eine Rettungsaktion wurde ins Leben gerufen, denn keiner in der näheren Umgebung wollte so recht auf „seinen“ Buchbergturm verzichten. Die Vertreter der Stadt Hanau, der Stadt Langenselbold und der Gemeinden Roden­bach, Erlensee und Hasselroth setzten sich an einen Tisch, arbeiteten ein Sanierungs­konzept aus und teilten sich die Gesamtko­sten von rund 80.000 Mark. Der Turm war gerettet und von da an in aller Munde.

Noch einmal in Erinnerung rief sich das stolze Bauwerk, als die Stadt Hanau das „ungeliebte“ Kind der Stadt Langenselbold schenken wollte. Dort aber lehnte man dankend ab. Denn mit der Schenkung wären auch die Unterhaltsko­sten verbunden gewesen und die wollte man in der Gründaustadt der Stadtkasse nicht zumuten.

Von der Aussichtsplattform des 29 Meter hohen Turmes, der weit aus den Bäumen herausragt, bietet sich dem Besucher ein phantastischer Panoramablick über das gesamte Kinzigtal und bei guter Fernsicht bis hin zu den Höhenzügen von Taunus und Odenwald. Es zeigt sich ein vielseitiges Bild der Region. In nördlicher Richtung ist die jahrhundertealte Ronne­burg zu sehen und beim Blick nach We­sten sticht das gewaltige Kraftwerk bei Großkrotzenburg als markanter Vertreter der technischen Neuzeit ins Auge. Dazwi­schen liegen die Wasserflächen verschie­dener Seen mit dem über 23 Hektar gro­ßen Kinzigsee an der Spitze, auf dem sich auch farbenfrohe Segel von Booten und Surfbrettern tummeln.

Einen besonders guten Überblick erhält man von hier oben über den rund 453 Hektar großen Langenselbolder Gemein­dewald und angrenzende Waldgebiete. Wie schon der Name sagt, ist der Buch­berg überwiegend mit der Rotbuche be­stockt, zum Teil mit der Kiefer gemischt. Reine Kiefernbestände sind vorwiegend au dem sandigen Südhang zu finden. Starke rund 200jährige Eichen ergänzen und beleben das Waldbild rund um den Turm. Aber auch die  Auswirkungen schwerer Stürme mit ihren zum Teil verheerenden Waldschäden lassen sich aus dieser luftigen Höhe gut erken­nen.

 

Am Fuße des Buchbergturmes befindet sich die Raststätte „Buchberghaus“, die von der Gemeinde Langenselbold Anfang der 60er Jahre errichtet wurde und müden Wanderern Erfrischungen bietet. Neben dem großen Unterkunftsraum von 100 Quadratmetern ist auch ein kleines Vereins­zimmer von 30 Quadratmetern vorhanden und bei schönem Wetter verlockt das Ver­weilen im Biergarten, wobei der jetzige Gastwirt nicht nur mit frischgezapftem Bier, einem erfrischenden Apfelwein und natürlich auch alkoholfreien Getränken seine Gä­ste verwöhnt, sondern auch mit einer schmackhaften italienischen Küche.

Unter schattigen Eichen ist ein großer Spielplatz angelegt, der den kleinen Besu­chern vielfältige Betätigung bietet. Die Au­tofahrer finden am Fuße des Buchberges große Parkplatzflächen, die als Ausgangspunkt für Rundwanderungen geeignet sind.

 

Etwa 500 Meter hinter dem Turm biegt man nach rechts ab auf einen schmalen Pfad. Dann immer geradeaus, an der Gabelung links (Schilder „Edelweißhütte“). Man kommt zu einer Wegkreuzung.  Ein Abstecher nach links zur „Edelweißhütte“ lohnt sich aber nicht, die einfache Hütte ist nur am Wochenende bewirtschaftet. Geradeaus geht es nach Somborn. Man geht rechts ab Richtung Spielplatz „Dicke Tanne“. Bald ist man an dem Waldlehrpfad. Am Spielplatz weiter geradeaus bis zur „Birkenhainer Straße“. Achtung: Nicht den Weg abwärts fahren, sondern in einer Spitzkehre scharf rechts. Auf der Birkenhainer Straße weiter bis zur Landstraße Oberrodenbach-Albstadt. Abstecher nach links unten zum Hof Trages (nur über die Straße zu erreichen) (siehe Ordner „Hof Trages“).

 

Der Weg führt wieder auf der Landstraße zurück zum Parkplatz links im Wald. Dort links weiter auf der Birkenhainer Straße. An den Schautafeln rechts weiter auf der Birkenhainer Straße bis zu einer Kreuzung kurz nach Unterqueren der Hochspannungsleitung. Dort geht es links mit dem rotweißen Strich durch einen Kiefernwald bis Michelbach. Über Lindenplatz, Laurentiusstraße, Spessartstraße und Schloßstraße geht es zum Bahnhof (Wochenende, Seite 119).

Der Weg rechts geht nach Oberrodenbach (an der Abzweigung steht ein Schild „Barbarossaquelle“). An der nächsten Kreuzung läßt man die Barbarossaquelle links liegen und fährt die Teerstraße zum Parkplatz am Ortsausgang von Oberrodenbach.

Dort geht es etwa 50 Meter nach rechts auf der Landstraße weiter, dann nach links in den Wald und nach weiteren 50 Metern wieder links. Der Weg führt um Oberrodenbach herum und trifft dann wieder auf den Weg zum Buchberg.

 

Störche

Die Rodenbacher Kinzig­auen mausern sich offenbar wieder zu ei­ner Kinderstube für Weißstörche. Zum zweiten Mal hintereinander ist das heimi­sche Paar damit beschäftigt, vier hungrige Schnäbel zu stopfen. Obgleich die zarten Flugversuche noch unsicher wirken, ist das Nachwuchsquar­tett schon bald auf Abschied eingestellt. Bereits im August werden die jun­gen Störche, einige Wochen vor ihren El­tern, Rodenbach verlassen und sich auf den langen Weg nach Südeuropa und Afri­ka begeben.

Im März waren im Abstand von fünf Tagen die beiden Weißstörche nach Rodenbach zurückgekehrt, welche während des vergangenen Frühjahrs und Sommers nach zehnjähriger Pause erst­mals wieder Storchennachwuchs im unte­ren Kinzigtal großgezogen hatten. Schon da gelang es ihnen, vier Jungtiere großzu­ziehen.

Derartige Bruterfolge seien nicht die Re­gel. Unerfahrene Tiere träfen häufig ver­spätet im Brutgebiet ein. In der Folge könnten die Nachkommen häufig nicht ge­nug Kraft sammeln und Trainingsstunden für die strapaziösen Flüge ins Winterquar­tier absolvieren, läßt der HGON‑Arbeits­kreis in Rodenbach wissen.

Selbst wenn sie unter normalen Umständen aufwüchsen, überlebten nur 40 Prozent der jungen Tiere das erste Jahr.

Auf der 1994 von der HGON und der Ge­meinde errichteten Nistplattform inmit­ten von Wiesenflächen, die den Störchen das Nahrungsangebot bieten, wuchsen die vier Jungen in den ersten drei Lebenswo­chen völlig behütet auf. Ständig bewachte einer der Altvögel das Nest und verweilte dabei oft so regungslos, daß Passanten irrtümlicherweise eine Attrappe vermuteten. Bei starkem Son­nenschein schützen die Eltern den Nach­wuchs mit abgewinkelten Flügeln vor all­zu intensiver Strahlung.

Die jüngsten Bruterfolge sind für die HGON der Beweis, dass die unteren Kinzi­gauen durchaus als ökologische Nische ge­eignet sind, und man dem Ziel, den Weißstorch hier auf Dauer anzusiedeln, ei­nen großen Schritt näher gekommen sei. Wunsch ist es, weitere Nistplattformen zu errichten und zusätzliche Altgrasstrei­fen und extensiv genutzte Wiesenflächen auszuweisen, heißt es.

Wer Storchenpate werden möchte, wendet sich an den Arbeitskreis Main‑Kinzig der HGON, Gartenstraße 37 in 63 517 Roden­bach, Telefon 06184156160, Fax 56171 oder e‑mail: hgon.mkk@t‑online.de     

 

 

Großauheim

 

Großauheim

Lage: Großauheim liegt 100 m über N.N. südöstlich von Hanau, 4 Kilometer davon entfernt, am rechten Ufer des Mains an der Bahnstrecke Hanau-Aschaffenburg. Die Gemarkung umfaßt 1055 Hektar (davon 366 ha Wald). Dazu gehört Neuwirtshaus. Gemeindewappen Seite 359

 

Bodenfunde: Jungsteinzeit: Siedlungsfunde in einer Sandgrube westlich des Ortes, unterhalb der ehemaligen Kunstseidenfabrik (Bautz).

Hügelgräberbronzezeit: An der vorgenannten Stelle Bronzenadel, 2 Bronzearmringe und 3 Tontassen aus zerstörten Gräbern; am Dammskippel Grab mit Halskette aus 4 Brillenspiralen und Tonschale, sowie Siedlungsfunde. Bild Seite 49.

Jüngste Bronzezeit (Urnenfelderstufe): Brandgräber am Dammskippel.

Ältere Eisenzeit: Gräberfeld mit Brandgräbern südwestlich der Straße Hanau-Großauheim und am Dammskippel,

Jüngere Eisenzeit: Große Siedlung am Dammskippel; Brandgräber gefunden beim Bau der Kunstseidenfabrik.

Römische Zeit: Zwei Töpferöfen, Mitte 2. Jahrhundert im Betrieb, südwestlich der Straße Hanau-Großauheim.

Alemannische und fränkische Gefäßreste wurden neben der alten „Wolkenburg“ gefunden.

 

Älteste Namensformen: Ewicheim 806, Eweheim um 850, Oweheim 1062, Auheym 1283; Auheim ex ista parte Mogi versus Hagen 1270, Auwheim bie Hanau 1371, Großen Awheim (Plan von 1597).

 

Geschichtliches: Auheim im Maingau gehörte mindestens schon 1270 den Herren von Eppstein zu ihrem Amt Steinheim und kam mit diesem 1425 an Kurmainz. Von 1438-1458 im hanauischen Pfandbesitz. 1802 kam der Ort an Hessen-Darmstadt, 1816 an Kurhessen abgetreten und mit dem Amt Büchertal vereinigt. - Im Pestjahr 1666 die Rochuskapelle gestiftet: 1852 durch ein Kreuz ersetzt (Prozession am S. Rochustag, 16. August).

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 1114; 1855 = 1898; 1885 = 2761: 1905 = 5336; 1919 = 7048; 1925 = 7383; 1939 = 7542; 1946 = 9651; 1953 = 10 500, davon Heimatvertriebene = 1442. Evakuierte = 405 (aus Hanau rund 300).

Bekenntnis: Ursprünglich rein katholisch (1850 zwei evangelische Familien); 1905: ev. = 1267, kath. = 4064, israel. = 5; heute: kath. rund 6000, ev.  rund 4000, sonst. = 478.

 

Wirtschaft: Eigene große Industrien: Brown, Boverie & Cie. (BBC) und von Arnimsches Eisenwerk (Marienhütte); Landmaschinenfabrik Bautz; Dampfsägewerk Laber; Rütgerswerke u. a. Daneben schon früh Arbeiterwohnsitzgemeinde (Bahnbeamte und Arbeiter, früher Pulverarbeiter, Zigarrenarbeiter usw.). Nur noch geringe Landwirtschaft, da viel Ackerland zum Hanauer Mainhafen und Hauptbahnhof gezogen. Altersheim (St. Vincenz-Schwestern), 2 Kindergärten, 1 Badeanstalt, 1 Licht-, Luft- und Sonnenbad.

 

Rundgang

Hinter dem Hanauer Hauptbahnhof fährt man in die Auheimer Straße. Am Eingang des heutigen Großauheim fährt man nach rechts in die Bahnhofstraße. Am Ende dieser Straße steht ein Bildstock. Hier geht es nach rechts in die Hauptstraße und dann gleich wieder links in Richtung Main. Dort an der Paulskirche parkt man. Rechts sieht man die Eisenbahnbrücke. Sie wurde 1888 gebaut. Heute kann sie von der Bahn, Fußgängern und Fahrradfahrern benutzt werden. Von der Brücke sieht man die Großauheimer „Kirchenfront“: Gustav-Adolf-Kirche, St.-Pauls-Kirche, Jakobuskirche (von Nord nach Süd).

Entlang der Mainlinie in Großauheim finden sich drei Kirchen in nur 500 Meter Abstand: die Katholische Jakobuskirche, die Paulskirche und die Evangelische Kirche. Die Paulskirche wurde in der Zeit der Industrialisierung erbaut. Die Großauheimer Katholiken waren überzeugt davon, daß sich ihre Stadt weiter ausbreitet, viel Industrie anlockt und die Bevölkerungszahl ansteigt - bis dann der Hafen gebaut wurde und die Träume der Ausweitung aufgegeben werden mußten.

In den vergangenen 30 Jahren verringerte sich die Zahl der Katholischen Gemeindemitglieder von 5300 auf 2900. Der Grund waren aber weniger Kirchenaustritte, viel mehr sei dies auf die rückläufige Geburtenrate und Wegzüge zurück zu führen, erklärte Pfarrer Dehm. Die Konsequenz aus dem Rückgang der Kirchenmitglieder: die Jakobuskirche ist zu klein, die Paulskirche zu groß für die Kirchengemeinde, aber der Unterhalt für beide Kirchen muß trotzdem aufgebracht werden.

 

 

Gustav-Adolf-Kirche: Die beiden Orte Großauheim und Großkrotzenburg sind bis um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts rein katholische Orte gewesen. Obwohl im benachbarten Hanau bereits 1523 durch Adolph Arbogast evangelisch gepredigt wurde, fand die Reformation in Großauheim und Großkrotzenburg keinen Eingang, vor allem wahrscheinlich aufgrund des Umstandes, daß beide unter der strengen Herrschaft von Kurmainz standen. Auch der im Jahre 1816 erfolgte Übergang der beiden Orte an Kurhessen änderte zunächst nichts an dem konfessionellen Stand der Orte.

Aber seit dem letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts ließen sich in großer Zahl Bahnbeamte und Bahnarbeiter, kaufmännische Angestellte und Fabrikarbeiter in Großauheim nieder, unter ihnen von Anfang an viele Evangelische aus ganz Deutschland. Lebten 1804 nur zwei evangelische Bürger in Großauheim, war ihre Zahl durch den Zuzug innerhalb von 100 Jahren auf 1.500 angestiegen.

Bis zum Jahre 1896 mußten die Evangelischen Großauheims und Großkrotzenburgs, wenn sie einen evangelischen Gottesdienst besuchen wollten, sich auf den weiten Weg nach der 5 bzw 10 Kilometer entfernten Johanneskirche begeben, denn die Betreuung der Evangelischen in Großauheim und Großkrotzenburg lag in den Anfängen des Kirchspiels in den Händen der Geistlichen der Johannesgemeinde in Hanau. Die Gemeinde war seit 1898 evangelische Filialgemeinde der Johanneskirche in Hanau; seit 1910 war sie eigene evangelische Hilfspfarrei, seit 1914 eigene Pfarrei.

Nach Zwischenlösungen mit einem Betsaal und erfolgreichen Bemühungen um die Gründung einer einklassigen evangelischen Schule im Jahre 1893 führten dann der Eifer eines Kirchbauvereins und die Mithilfe des Gustav-Adolf-Vereins zur Verwirklichung aller Wünsche und Pläne für einen Kirchbau. Der Grundstein für die Kirche wurde am 19.9.1909 gelegt, die Einweihung des Gotteshauses durch Generalsuperintendent D. Pfeiffer Kassel (früher Superintendent in Hanau) konnte am 22. Januar 1911 stattfinden. Später erhielt die Kirche den Namen Gustav-Adolf- Kirche.

Erster Pfarrer in der Gemeinde wurde Oskar Fuchslocher aus Fulda, nachdem er bereits seit 1910 als Hilfspfarrer in der Gemeinde tätig gewesen war. Ein Pfarrhaus für die neue Pfarrei wurde 1916 erworben (Leinpfad 1, nur von der Langgasse her zugänglich). In dem Betsaal wurde eine „Kleinkinderschule“ eingerichtet und die Wohnung im 1. Stock des gleichen Gebäudes zur Errichtung einer „Krankenpflegestation“ benutzt. Am Ende des 2. Weltkrieges wurden Kirche und Pfarrhaus infolge der Sprengung der Mainbrücke und durch amerikanischen Beschuß stark beschädigt.

Die zweischiffige Renaissancekirche, gekennzeichnet durch das steile hohe Dach, den dicken Turm und die schmalen Fenster, vermeidet innen jede Symmetrie. Das Holztonnengewölbe bewirkt eine hervorragende Akustik.

Durch die innere Renovierung im Jahre 1953 wurde der Chorraum durch ein an der rechten Seite neu eingesetztes großes Fenster und durch die helle Farbgebung zu einem lichten Raum gestaltet. Die an der Rückwand des Chorraumes befindlichen kleinen Chorfenster wurden zugemauert und die Rückwand mit einem großen Spruchteppich versehen. Der Altar erhielt ein in englisch Rot gestrichenes, goldabgesetztes Holzkreuz.

Die Orgel wurde 1910 von der Orgelbauanstalt Ratzmann, Gelnhausen, erstellt und bei der Renovierung des Kircheninneren umdisponiert. Zur Zeit wird an Plänen für eine Neugestaltung des Innenraumes gearbeitet, um die Kirche für verschiedene gottesdienstliche Veranstaltungen nutzbar zu machen.

Am letzten Sonntag im April 2002 wurden die Glocken in einem Festgottesdienst gesegnet. Ein gewaltiger Dreiklang: es - g - b. An Pfingsten soll das neue Geläut erstmals vom Turm herab klingen. Kirchenvorsteher Manfred Zach macht einen glücklichen Eindruck. Die alten Glocken sollten oben bleiben, aber die Landes-Kirchenleitung sagte nein. „Nun wird es 100.000 Mark teuer, weil wir die Mauer aufbrechen mußten“, bedauert Zach: „Denn die alten Glocken sind wesentlich größer als die neuen, die durch das Fenster der Glockenstube passen würden...“ Die größte der alten Glocken hatte einen Durchmesser von 1,67 Meter.

Jürgen Hessel, Glockensachverständiger der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, hauptamtlich Kirchenmusikdirektor im Kirchen-Sprengel Hanau, hatte die Töne der neuen Glocken festgelegt, die selben wie die der alte. Das müsse mit den katholischen Nachbarkirchen zusammenpassen, Peter & Paul auf der anderen Mainseite in Klein-Auheim und St. Paul in Großauheim, nur wenige Steinwürfe entfernt. „Die alten Glocken haben wir über Internet angeboten, die große und die mittlere gehen an einen Künstler in der Pfalz,“ freut sich Zach. Die kleine soll als Denkmal im Kirchgarten stehenbleiben.

Aber wo ist die Uhr? Es hat nie eine gegeben, weil vielleicht das Geld fehlte. Indes hatte man 1910 schon mal vorsorglich zwei Zifferblätter installiert, eines nach Norden Richtung Hanau, weil sich Großauheim ja eigentlich dahin am Main entlang entwickeln sollte (statt der Waldsiedlung), und das zweite Richtung Hauptstraße.

Nach Vollendung des 30 Meter hohen Turms bestellte die Gemeinde drei Bronzeglocken von Rincker in Sinn (bei Herborn) im Moll-Dreiklang f - as'- c'. Doch 1917 ließ das Kriegsministerium die große und kleine Glocke (f' + c') holen, um Kanonen oder wer weiß was daraus zu machen. Ab März 1920 war ein neues, komplettes Geläut im Gespräch. Der Prozeß war indes langwierig und höchst kompliziert, weil nicht nur Not herrschte, sondern auch die Inflation. Um drei neue Glocken aus Graueisenguß finanzieren zu können, beschloß die Gemeinde nach langen und heftigen Beratungen, die noch verbliebene, mittlere Bronzeglocke (as) an die pommersche Gemeinde Rützenhagen (Kreis Schlawe, heute Polen) zu verkaufen - für 6,5 Millionen Mark. Mit dem Guß der neuen Glocken wurde Ulrich & Weule in Apolda/ Bockenem beauftragt in den Tönen es-g-b.

Im Januar 1993 waren die Glocken so stark ausgeschlagen, daß Bronzepuffer an die Klöppel angebracht werden mußten, die den Anschlag dämpfen sollten. Doch als im August 1998 vom Sachverständigen festgestellt wurde, daß die Bronzepuffer schon teilweise wieder zerschlagen waren und nicht mehr geläutet werden durfte, war wieder ein neues Geläut das Top-Thema im Kirchenvorstand. Der Beschluß fiel am 24. Mai 2000. Im Januar 2001 wurde eine Spendenaktion gestartet und schließlich im Juni 2001 der Auftrag an Glockengießer Hermann Schmitt in Brockscheid erteilt. Wieder was Solides sollte es sein, natürlich in Bronze. Mit den Tönen blieb man beim Jahrzehnte gewohnten Dreiklang es - g - b. Am 26. April wurde angeliefert, am 28. erfolgte die Segnung.

 

 

St.-Pauls-Kirche: Als die Jakobuskirche wegen des Bevölkerungswachstums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu klein wurde, hat man 1905, damals noch außerhalb der Bebauungsgrenze, den Grundstein für die im neoromanischen Stil errichtete St.-Pauls-Kirche gelegt.

Wegen der achtungsgebietenden Größe und der bevorzugten Lage am hohen Flußufer des Mains trägt die Paulskirche im Volksmund den Namen „Dom am Main“.

Die in neuromanischem Stil in den Jahren 1905 bis 1907 erbaute Paulskirche ist dreischiffig. Das Steingewölbe ruht auf vierzehn Pfeilern. Der Hauptturm wird von zwei Treppentürmen flankiert.

Während des zweiten Weltkrieges und besonders in den Märztagen 1945 entstanden an dem Gotteshaus beträchtliche Bauschäden. Wände und Decken wurden durch Erschütterungen und Granateinschläge an mehreren Stellen eingerissen und alle Fenster durch den Luftdruck zerstört.

Die Fenster wurden nach Entwürfen des hiesigen Kunstmalers August Peukert neu verglast. Es sind Ornamentverglasungen in gedämpften Farben. Die sieben hohen Fenster des Chores zeigen heute Christus-König, von Engeln umgeben. Die leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit fällen jetzt die Rosetten des Querhauses. Den Fenstern des hohen Mittelschiffes und der Querflügel gab man wiederum Farben in hellen Tönungen. Die Triforien an den Mittelschiffwänden, welche die Wandflächen beleben sollten, wurden zugemauert.

Der Hauptaltar als Altartisch steht im Chor der Kirche. Dahinter ein Kreuz mit lebensgroß gestaltetem Kruzifixus. In der Apside des linken Seitenschiffes steht ein Sakramentsaltar, in der des rechten Seitenschiffes ein Altar mit Pietà-Aufsatz. Im linken Querschiff befindet sich eine lebensgroße Holzplastik des Hl. Paulus, im rechten eine ebensolche des Hl. Judas Thaddäus.

Das Hochaltarkreuz und die Holzplastiken der beiden Heiligen stammen von dem Steinheimer Holzbildhauer Wohlfahrt; ebenfalls sind von ihm die Weihnachtskrippe, die Plastik der Hl. Lioba und der Hl. Hedwig in der Apsis des Hauptaltars. Hier befinden sich außerdem neuromanische Plastiken, die die heiligen Könige Ludwig und Heinrich sowie den Hl. Bonifatius und Adalbert darstellen. im Gotteshaus befindet sich eine Orgel der Firma Gebr. Späth, Ennetach-Menningen.

Der Kirchenbau, in den Jahren 1905 bis 1907 im neuromanischen Stil errichtet, hatte eine Rundumerneuerung dringend nötig. Der Sandstein und der Basalt blättert an vielen Stellen ab. Poröse Steine mußten gegen neue ausgetauscht, Zementfugen erneuert werden. Für die sorgfältige Sanierung der Außenfassade hat die Kirchengemeinde eine Spezialistenfirma aus Bamberg beauftragt. Auch die schmiedeeisernen Eingangsportale, die mit ihren Verzierungen dem Jugendstil nachempfunden sind, erstrahlen bald wieder im einstigen Glanz.

Insgesamt ist die Renovierung in drei Bauabschnitte unterteilt. Die Sanierung des hohe Glockenturms ist bald abgeschlossen. Mit der Neueindeckung des Daches geht es weiter. Der im allgemeinen schnörkellose Sakralbau ist mit einigen aufwendigen Verzierungen, Säulchen und Bögen versehen. Die waren ursprünglich gar nicht vorgesehen. Da aber zur Freude des Architekten damals noch Geld übrig gewesen sei, habe er den Außenbereich der Kirche aufwendiger gestaltet als vorgesehen.

 

Man läuft weiter am Mainufer entlang. Man kommt zu einem großen Kreuz für die Kriegsopfer und Opfer das Nationalsozialismus. Dort sind auch Hochwassermarken angebracht. Es folgt das Gasthaus „Engel am Zollturm“ aus dem Jahre 1738. Hier war der spätmittelalterliche Wachposten des Landesherrn zur Kontrolle der Schiffahrt. Im Jahre 1807 wurde der Turm um vier Meter abgetragen. Im Jahre 1862 wurde das Gelände aufgefüllt und in den Garten des Gasthauses „Engel“ einbezogen. Am Wegweiser „Altstadt“ geht man nach links ins Dorf. Man kommt nach rechts auf die alte Langgasse. Rechts ist der historische Gasthof „Zum Stern“, links ein schönes Fachwerkhaus und die Jakobuskirche.

 

St. Jakobus-Kirche: Die Jakobuskapelle gehörte zum Dekanat Rotgau des Archidiakonats St. Peter und Alexander in Aschaffenburg, wurde 1483 vom Kloster Seligenstadt verliehen, das noch 1806 das Patronat besaß. Großauheim war Filiale von Steinheim; seit 1513 ist es eigene Pfarrei. Jakobuskirche. Sie ist die eigentliche Pfarrkirche der Katholischen Kirchengemeinde. Bei ihrer Erbauung im Jahr 1766 hatte man festgestellt, daß an gleicher Stelle bereits eine Kirche gestanden hatte.

Eine Großauheimer Kirche, deren Bau spätestens zu Beginn des 14. Jahrhunderts erfolgt sein muß, wird erstmals 1482 als Jakobskapelle erwähnt. Im Jahre 1622 (oder 1628) wird die zerstörte Jakobskapelle wieder aufgebaut. Obwohl man sich seit 1650 bemühte, das Gotteshaus zu erweitern, so konnte es jedoch nicht verhindert werden, daß die Kapelle 1766 bis auf die Sakristei abgerissen und durch eine Hallenkirche in barockem Stil ersetzt wurde.

Die Kirche ist ein gut gegliederter Barockbau, der in den Jahren 1767- 1768 erbaut wurde und eine barocke „Zwiebel“ aufgesetzt bekam, wie wir sie aus dem süddeutschen Barock kennen.

Bei aller Schlichtheit ihres Äußeren fallen die abgewogenen Verhältnisse von Schiff, Chor und Turm ins Auge.

Beachtenswert ist der Turm in seiner edlen Linienführung, ein Wahrzeichen Großauheims. Beim Turm wurde ein mittelalterlicher Ostturm verwendet. In Höhe des Chorfirstes geht der viereckige Unterbau durch die Abkantung der Ecken in ein Achteck über. Diese polygone Grundform behält er für das Kuppeldach bei, das in einer Laterne endet. Sie leitet über zur zierlichen Zwiebelhaube, die sich im Turmknauf fortsetzt und in dem kunstvoll verschlungenen, eisernen, doppelarmigen Turmkreuz und dem Wetterhahn ausmündet. Den Übergang der Bauglieder vermitteln Kranzgesimse und Schieferabdeckungen.

Der einschiffige hohe Kirchenraum und der am Triumphbogen anschließend gleich hohe Chor bieten im Licht der antikverglasten Fenster mit ihrer angemessenen Ausstattung ein herrliches Bild von Klarheit und Einheitlichkeit. Der großer Hochaltar stammt aus dem Bartholomäusstift Frankfurt a.M. und wurde Im Jahre 1768 von einem Auheimer Bürger der Jakobuskirche geschenkt. Die den Altar flankierenden feingearbeiteten Holzstatuen der Apostelfürsten Petrus und Paulus suchen ihresgleichen weit und breit. Darüber die Skulpturen der Heiligen Jakobus und Valentinus gehörten zum Hochaltar der früheren Kirche. Das Altarbild in der Mitte, Mariä Verherrlichung, entstammt der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Eine Kostbarkeit bildet die Alabastergruppe einer Kreuzigung aus dem 17. Jahrhundert.

Sehenswert sind auch die in den Eckwinkeln der Kirche zu seiten des Triumphbogens stehenden Seitenaltäre mit ihren Engelgruppierungen. Sehr schön ist die holzgefertigte und mit Schnitzwerk verzierte Kanzel, die auf ihrem Baldachin vor einem Strahlenkranz die Weltkugel und das Pelikansymbol trägt.

Kanzel und Nebenaltäre entstanden um 1767. Nur in den drei katholisch gebliebenen ehemals kurmainzischen Gemeinden des Kreises gibt es Bildwerke wie hier den Hl. Nepomuk im ehemaligen Westportal der St. Jakobskirche in Großauheim (um 1740)(Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 158). Die Grabsteine sind aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Den Muttergottesaltar mit der Holzplastik Maria mit dem Kind und Zepter zur Linken erwarb die Kirche 1713. Der Nepomukaltar zur Rechten stammt aus dem Würzburgischen. Auf der Wand gegenüber befindet sich ein schwarzer Marmorepitaph des Prinzen Oettingen-Wallerstein, der am 30. Oktober 1813 in der Schlacht bei Hanau fiel und im Chor der Kirche seine letzte Ruhe fand.

Die Decke mit den Tragebalken ist massiv beschädigt. 30 Prozent der Balken müssen komplett erneuert werden. Teilweise ist auch die Verschalung betroffen. Insekten, Holzböcke und die Witterung haben deutlich ihre Spuren hinterlassen. In der Renovierungsphase, die im kommenden Sommer abgeschlossen sein soll, bleibt das Kirchenhaus für die Gläubigen geschlossen. Die barocke Kirchenorgel muß vorsorglich abgebaut werden, um sie nicht zu beschädigen.

 „Die Großauheimer sind stolz darauf, daß der einheimische Künstler August Peukert die wunderschönen Rosettenfenster der Paulskirche gestaltet hat“. Auch der ebenfalls aus Großauheim stammende Künstler August Gaul, nach dem der Hanauer Kunstpreis „August- Gaul-Plakette“ benannt ist, hat in der Paulskirche seine künstlerischen Spuren hinterlassen.

Eine Besonderheit bilden die Gerichtsstühle im Chor für die Mitglieder des Ortsgerichtes, das während der mainzischen Zeit bestand. Auf die barocken Beichtstühle in den Fensternischen, die herrlich klingende Barockorgel (1836), vom Orgelbauer Josef Oestreich aus Oberbimbach aufgestellt, und auf den im Jahre 1659 entstandenen siebeneckigen Taufstein aus Sandstein soll ebenfalls hingewiesen werden.

 

Man geht rechts an der Kirche vorbei. Vor der Kirche am Ausgang zur Straße steht noch ein alter Grenzstein. Man kommt nach rechts zum Wanderheim „Zum Specht“. Dort geht man nach links in die Pfarrgasse. Das Eckhaus rechts an der Haagstraße ist das Geburtshaus des bekannten Großauheimer Tierbildhauers August Gaul. Er wurde am 22. 10.1869 als Sohn des Steinmetzen Philipp Gaul hier geboren und starb am 18.10.1921 in Berlin. Seine Plastiken würde die Stadt Hanau gern in ihr Museum stellen.

Man geht noch ein Stück geradeaus und kommt auf die Hauptstraße. Rechts ist gleich der Rochusplatz. Hier stand die Rochuskapelle, die im Pestjahr 1666 gestiftet wurde. Ein Fremder soll im Jahre 1666 die Pest in den Ort einschleppt haben, woraufhin die Rochus-Prozession zum „Kapellchen“ auf dem Rochusplatz gelobt wurde. Seit 1852 ist die Kapelle durch ein Kreuz ersetzt.  Die Prozession führt jedoch am Rochustag (16. August) immer noch dorthin (Hanau, Seite 82).

Dann geht man nach links die Hauptstraße entlang. Wenn man an der nächsten Kreuzung rechts geht und noch einmal rechts in die Straße „Pfortenwingert“, findet man auf der linken Seite das Heimatmuseum im ehemaligen Elektrizitätswerk. Hier werden auch wichtige Werke des Großauheimer Tierbildhauers Gaul ausgestellt. Öffnungszeiten: Donnerstag - Sonntag von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr.

Der Ort hat auf kulturellem Sektor durch die Eingliederung in die Stadt Hanau ungemein profitiert hat. Wer hat schon ein -Museum in der Größenordnung aufzuweisen, wie Großauheim es seit 1983 kann. Gewiß, ein rühriger Heimat- und Naturschutzverein hatte schon in den zwanziger Jahren damit begonnen, Objekte aus der Ortsgeschichte zu sammeln und später in eingeengten Räumlichkeiten auszustellen. Doch erst durch die Einbindung in den Museumsentwicklungsplan der Stadt Hanau konnte das jetzige Museum Großauheim projektiert werde Das Leitmotiv „Landwirtschaft, Handwerk und Industrie“ nimmt Bezug sowohl auf die bäuerliche Epoche als auch at das lagebedingt früh einsetzende technische Zeitalter.

Das Museumsgebäude wurde 1936 als Elektrizitätswerk erbaut. Durch den Zusammenschluß der Hanauer und Großauheimer Stadtwerke wurde es frei und bildet nun mit seinen hohen Werkshallen die idealen Ausstellungsräume, besonders für Großobjekte aus der industriellen Produktionsphase der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, darunter Teile einer Maschinenfabrik der Eisengießerei Marienhütte; selbst eine große Dampfmaschine verliert sich fast in der Halle. Ein Werktisch für sieben Silberschmiede, daneben eine komplette Diamantenschleiferei geben Einblick in die Edelmetallindustrie.

Eine Sonderabteilung wurde für den in Großauheim geborenen Tierbildhauer August Gaul (1869-1921) geschaffen. Seine Plastiken befinden sich in großer Zahl in städtischem Besitz und werden hier ausgestellt. Eine der bekanntesten Arbeiten ist die Löwin im alten Friedhof neben dem Museum

 

Museum:

Die großen schweren gußeisernen Schwungräder der Dampfmaschinen stehen als Symbol für die Industrialisierung, die den Schwerpunkt des Museums bildet. Der Übergang von der bäuerlich - handwerklich vorindustriell geprägten Lebens- und Arbeitswelt eines Dorfes zur industriellen Lebens- und Produktionsweise einer Kleinstadt wird am Beispiel des größten heutigen Hanauer Ortsteiles Großauheim dargestellt.

Das Museum ist in den Räumlichkeiten eines villenartigen, zweigeschossigen Jugendstilgebäudes, der ehemals öffentlichen Badeanstalt und in den beiden Hallen des ehemaligen Elektrizitätswerkes Großauheim von 1906 sowie dem sich unmittelbar anschließenden Gebäude der alten Feuerwehr von 1928 untergebracht. Der Gebäudekomplex liegt an der Bahnlinie, an der Schnittstelle zum dörflichen, von Fachwerkhäusern geprägten Ortskern und den neuen, durch die Industrialisierung entstandenen Ortsteilen. Die Lage des Museums spiegelt somit die Thematik der Museumsinhalte wider.

Der Rundgang beginnt mit der Ausstellung von bäuerlichen Möbeln und dem Fachwerkbau, weiter wird Handwerkszeug gezeigt sowie Geräte für die Hausarbeit wie zum Kochen, Backen, Milchverarbeiten, Schlachten, Flachsbearbeiten, und führt in die erste Halle: Landwirtschaft. Die Gegenüberstellung der handwerklich gefertigter Sensen, Rechen, Pflüge, Eggen, Wagen aus Holz und Eisen mit den Pflügen, Mäh- und Dreschmaschinen, Traktoren und Dampfmaschinen offenbart die Veränderung in der landwirtschaftlichen Arbeitsweise durch die Industrialisierung. Im Rundgang folgen die Einrichtung einer Dorfschmiede, Wagnerei, die Darstellung der Ortsgeschichte und eine kleinbürgerliche Küche, um 1910, als Gegenstück zur bäuerlichen Küche.

Die zweite große Halle hat als Mittelpunkt eine liegende Einzylinder-Dampfmaschine mit Generator, MAN, Baujahr 1936, und stellt dadurch teilweise die Ausstattung des ehemaligen Elektrizitätswerkes wieder her. Eine Lokomobile, ASto, Baujahr 1935, mit entsprechendem Generator, eine Dampfmaschine mit Kugelventilsteuerung und Generator von Siemens & Halske, um 1890, sowie weitere Maschinen geben einen Einblick in die Dampfmaschinentechnik. Im Museumshof stehen Schiffsdampfmaschinen und die Dampfkessel zum Betrieb dieser Maschinen. Im Atriumhof sind weitere Dampfkessel zu sehen, die die Vielfalt der Kesseltechnik zum Maschinenbetrieb zeigen.

Im Juli eines jeden Jahres werden die Dampfkessel mit Wasser gefüllt und über die Feuerluken beheizt, damit der Dampf die schweren eisernen Schwungräder in Bewegung setzt. Die Vorführung der Dampfmaschinen des Museums und weiterer Maschinen aus dem Bestand des Fördervereins Dampfmaschinen-Museum Großauheim sowie zahlreiche Dampfmaschinen von Sammlern aus ganz Deutschland sind als die „Großauheimer Dampftage“ seit Jahren bundesweit bekannt. Tausende von Besuchern sehen den Maschinenvorführungen begeistert zu. Die Arbeitsabläufe des Dampfsägens, des Buschholzhackers, des Steinbrechers, der Kornmühle, der Wasserpumpen in Verbindung mit den Antriebsmaschinen der Lokomobilen oder der stationären Dampfmaschinen sind durch ihre relativ einfache Technik für nahezu jeden Besucher nachvollziehbar. Die schwere körperliche Arbeit die Hitze, Unfallgefahr bei laufenden Antriebsriemen und offenen Mechaniken machen den Zuschauern die vergangenen Arbeitsbedingungen deutlich. Eine weitere Dampfmaschinenvorführung im kleineren Umfang findet anläßlich des Großauheimer Rochusmarktes, am letzten Septemberwochenende eines jeden Jahres, statt. Auskünfte und Anmeldungen zu Dampfmaschinenveranstaltungen: Förderverein Dampfmaschinen-Museum e.V. Tel. 06181/5743 79

 

Der Bildhauer August Gaul (geboren 22. Oktober 1869 Großauheim, gestorben 18. Oktober 1921 Berlin) ist als bedeutendster deutscher Tierplastiker der Jahrhundertwende bekannt geworden. In seinem Geburtsort Großauheim begann man in den 1950er Jahren mit der Sammlung der Werke seines berühmtesten Sohnes. Die große stehende Löwin (Bronze 1900), die beiden sitzenden jungen Bären (Bronze 1904) und die beiden Kasuare (Bronze 1917/20), sind drei seiner herausragenden Großplastiken. Eine Reihe von über 20 kleineren Tierfiguren wie z.B. der junge sitzende Löwe (Bronze 1898) oder die zwei liegenden römischen Ziegen (Bronze 1898) geben einen Eindruck vom künstlerischen Schaffen des Tierbildhauers. Das graphische Werk August Gauls wird durch Landschaftsaquarelle und seine Tierdarstellungen, die in Form von Mappen als Lithographien oder Radierungen vertrieben wurden, illustriert. Die Ausstellungsräume mit dem Werk August Gauls befinden sich im Obergeschoß des Museumsgebäudes.

 

Der zweite bekannte Großauheimer Künstler ist der Maler August Peukert (geboren 23. November 1912 Großauheim, gestorben 2. Februar 1986 Hanau). Einblick in sein künstlerisches Werk gibt das Museum ebenfalls in den Galerieräumen des Obergeschosses. Peukerts sozialkritisches Engagement zeigt sich in den Kohlezeichnungen zu den Schrecken des II. Weltkrieges und der Nachkriegszeit, in den Darstellungen der Arbeitswelt aus der Großauheimer Eisengießerei Marienhütte und der elektrotechnischen Fabrik BBC. Portraits und Landschaftsbilder aus der Mainregion sowie Mosaiken sakraler Kunst vervollständigen das

Oeuvre dieses Künstlers.

Museum Großauheim, Pfortenwingert 4, 63457 Hanau-Großauheim. Öffnungszeiten:

Donnerstag bis Sonntag 10.00 bis 12.00 und 14.00   bis 17.00 Uhr, Tel. 06181/573763

Auskünfte und Anmeldung zu Führungen: Museenverwaltung Hanau Tel. 06181/20209 Fax 06181/257939.

Auskünfte und Anmeldungen zu Dampfmaschinenveranstaltungen: Förderverein Dampfmaschinen-Museum eV. Tel. 06181/574379

Auskünfte und Anmeldungen zu ortsgeschichtlichen Veranstaltungen:

Verein für Heimatkunde und Naturschutz Großauheim 1929 e.V., Tel. 06181/571313

 

 

 

Geht man an der Kreuzung an der Hauptstraße nach links, so kommt man in die Straße „Pforte“. Das alte Auheim lag im Halbkreis vor dem Main und wurde von einem Halbkreis von den Scheunen der Hinter- und Haggasse eingeschlossen. Es hatte nur eine einzige Zufahrt, die von der Hauptstraße über das kurze Straßenstück der Pforte (Länge 40 Meter, nur eine Hausnummer) zur Mittleren Maingasse in das Dorfinnere führte.

Alt-Auheim hatte fünf Gassen: Die Pfortengasse (bis 1895 einschließlich der heutigen Mittlere Maingasse), die Taubengasse (schon 1715 so genannt), die Untere Gasse (heute Langgasse) und die Hintergasse und die Haggasse.

Die Pforte, ein steinerner Torbogen, von einem Schindeldache bedeckt, überspannte diese Gasse. In ihm ruhten die Angeln des schweren Tores, das zur Nachtzeit und bei Gefahren geschlossen wurde. Hinter ihm fühlten sich die Einwohner geborgen, denn das Pfortentor bildete sozusagen das Gemeinschaftstor für alle Anwesen des Ortes, denn nur wenige Höfe hatten ein eigenes Tor.

Das Pfortentor fand auf der einen Seite seinen Halt am „Alten Rathaus“. Dieses wurde 1487 erbaut (nicht 1481),ehemals wohl als Zehnthof. Seit dem 18. Jahrhundert war es Gasthaus „Zum Löwen“, durch Umbauten wurde der Bau verändert. Das Haus hat einen Anbau mit Torfahrt, das Obergeschoß ist aus Fachwerk. Vom 1922 bis 1934 war das Gebäude das Rathaus von Großauheim.

 

Geburtshaus des Künstlers August Peukert, Haaggasse 23.

 

In der Figurennische nach der Mittleren Maingasse zu steht eine Muttergottes von 1675, gestiftet von Johannes Klug und Frau (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 214). Danebne ist noch ein Wappenstein zu sehen. Wenn man weiter in die Mittlere Mainstraße sieht, erblickt man rechts die Alte Schule, heute Bürgerhaus.

Genau in der Mitte der Giebelseite dieses Hauses lehnte sich der eine Torpfeiler der Pforte an. Dies läßt darauf schließen, daß das Pfortentor mindestens ebenso alt war wie das Gebäude. 

Auf der anderen Gassenseite war der Torpfeiler an dem längst nicht mehr vorhandenen Gemeindehaus angebaut. Dies vereinigte die Wachstube, die Rathausstube und das Backhaus unter einem Dache. Dem Wachraum angeschlossen war der „Gehorsamb“, die Arrestzelle für Missetäter, bei denen unter Umständen auch die „Strafgeige“ mit ihren Glöckchen zur Anwendung kam.

Die Wächter an der Pforte hatten nicht nur die Aufgabe, bei Nachtzeit das Tor zu bewachen, sondern auch die Nachtwache im Ort auszuführen. An Ausrüstungsstücken besaßen sie den Wachtspieß und das Wachthorn. Diese Geräte mußten alle vier bis fünf Jahre erneuert werden, bis endlich im Jahre 1763 zwei Wachtflinten mit Pulver und Blei angeschafft wurden.

Die Ecke des alten Gemeindehauses mit dem gegenüberliegenden „Löwen“ hat noch um 1890 der spätere Tierbildner August Gaul in einer Aquarellzeichnung festgehalten.

Als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Ortsinnere ganz bebaut war, wagten es immer mehr Auheimer, ihre Häuser auch außerhalb der schützenden Pforte zu errichten. Und so kam es, daß schon vor 1800 außer einfachen Wohnhäusern zwei Schmiedemeister, ein Spezereihändler und ein Gastwirt ihre Besitzungen außerhalb, d. h. vor dem großen Gemeindetor hatten. Um das Jahr 1815 standen bereits genau so viele Häuser vor wie hinter der Pforte.

Was Wunder, wenn am 9. Mai 1817 von Amts wegen beschlossen wurde, das Pfortentor, „ein altes baufälliges Gemäuer, welches schon lange nicht mehr seinem früheren Zweck entspreche“, auf Abbruch zu verkaufen. Johannes Botzum, der neben dem Tor an der „Straße“ wohnende Wirt „Zum weißen Roß“, kaufte das Tor für 38 Gulden und ließ es niederlegen, um der Vergrößerung von Auheim nicht im Wege zu stehen.

 

In Richtung Main sieht man wieder das Gasthaus „Engel“. Man geht aber nach rechts in die Hintergasse, in der viele sehr schöne Fachwerkhäuser stehen. Man kommt wieder auf die Langgasse und geht diese rechts weiter. Man sieht links das Ehrenmal von der anderen Seite. Zwischen dem Ehrenmal und der Paulskirche liegt das Evangelische Pfarrhaus (siehe oben). An der Paulskirche ist man wieder am Ausgangspunkt des Rundgangs.

 

Die Katholische Heilig-Geist-Kirche befindet sich im Neubaugebiet südlich der Neuwirtshäuser Straße. Am 27. Juni 1971 wurde als Mittelpunkt eines entstehenden Gemeindezentrums der Grundstein zu einem weiteren Gotteshaus gelegt, das dem Heiligen Geist geweiht ist. Die Kirche ist ein einfacher und moderner Bau, in dessen Mittelpunkt der aus Muschelkalk bestehende Altar steht.

 

 

Radtouren:

Die Großauheimer Schifflache

Zwischen Großkrotzenburg und Großauheim lagen früher nörd­lich der Bahn zwei Weiher, die kleine und die große „Schifflache“, bekannt nicht nur wegen ihrer reizvollen Lage in einer urwüchsigen Landschaft, sondern noch mehr wegen ihrer eigenartigen Pflanzen- und Tierwelt. Durch den Tagbau auf Braunkohle im Gebiete von Kahl wurden etwa seit 1927 infolge der Absenkung des Grundwas­serspiegels diese Weiher zum Austrocknen gebracht, und hierdurch verschwanden leider auch einige besonders seltene Pflanzen.

Nördlich und nordwestlich der ehemaligen Weiher erstreckt sich eine etwa zwei Kilometer lange versumpfte alte Mainschlinge, die großenteils in ein mit Erlenbruchwald und Bleichrasen (Torfmoos) bewachsenes Flachmoor umgewandelt ist. Dazwischen liegen zahl­reiche tiefe, torfig-schwammige Stellen, verlandende Wasserlöcher, mit Weiden, Erlen, Birken, Zitterpappeln und Unterholz-Sträuchern bestandene Sumpfflächen. In den Jahren 1839-1865 wurde hier Torf gestochen, und die jetzt noch bestehenden Tümpel verdanken ihre Entstehung diesem Torfstich.

Auch dieses Gebiet hat im Be­stande seiner botanischen Seltenheiten, die früher dort festgestellt wurden, durch die vorübergehende Senkung des Grundwassers schwere Einbußen erlitten. Als nach Aufgabe des Braunkohlenberg­baues sich der Grundwasserspiegel wieder stark hob und die ehe­maligen Kohlengruben sich in die heute bestehenden Kahler Seen umwandelten, konnte auch die Sumpfvegetation wieder ihre frühe­ren Lebensbedingungen finden. Trotz der eingetretenen Verluste ist die Großauheimer Schifflache heute immer noch eine Fundgrube für charakteristische Wasser- und Sumpfgewächse, die vielfach in un­serer bis zum letzten Quadratmeter ausgenutzten Heimat hier ihre Zuflucht gefunden haben.

In den Wasserlöchern wachsen u.a. verschiedene Laichkräuter, Igelkolben, Froschbiß und auch der interessante Wasserschlauch, der mit seinen kleinen Schwimmbläschen winzige Wasserinsekten fängt und verzehrt. Im Frühsommer sind die Wassergräben geschmückt mit den zartrosa Blüten der Wasserfeder. Im Bruchwald und auf den Sumpfwiesen wachsen noch einige schöne Orchideenarten, nämlich das fleischfarbene Knabenkraut und die Sumpfwurz, daneben auch Prachtnelke, Bachnelken­wurz, Blutwurz und Fieberklee.

Von Farnkräutern tritt der seltene Sumpffarn und die eigen­artige Natternzunge auf, die auch bereits vorübergehend als ausgestorben galt. Selbst der Sonnentau, der bekannteste Insekten­fänger unserer Heimat, findet sich noch auf einer kleinen Torfwiese und hat hier seinen wahrscheinlich letzten Standort im Kreise Ha­nau.

Charakteristisch für die Großauheimer Schifflache in ihrem jetzigen Zustand ist vor allem der große Artenreichtum von Seggen oder Sauergräsern, unter denen sich eine ganze Reihe besonders sel­tener Arten befindet. Diese Seggen bilden vielfach meterhohe feste Horste oder Bülten und zeigen anschaulich die fortschrei­tende Verlandung offener Wasserflächen durch das Vordringen von Landpflanzen.

Dem Artenreichtum der Pflanzenwelt entspricht auch das reiche Tierleben dieses Gebietes. Der Kenner findet hier Käfer, Schmet­terlinge und Zikaden in einer Fülle, wie kaum sonst in der näheren Umgebung. Vor allem aber ist die Vogelwelt reich vertreten; Wild­enten und Schnepfen sind ständige Brutvögel. Auch die bei uns außerordentlich selten gewordene große Rohrdommel brütete noch vor wenigen Jahren hier und wird sich möglicherweise auch wieder einfinden. Dieses für jeden Natur- und Heimatfreund so reizvolle Gebiet wurde im Jahre 1953 unter Naturschutz gestellt, damit auf diese Weise wenigstens ein kleines Stück der heimatlichen Landschaft mit ihrem reichen Tier- und Pflanzenleben erhalten bleibt.  

 

Neuwirtshaus

Vom Bahnhof Großauheim quert man nach rechts die Gleise, biegt rechts in den Auwanneweg ein und folgt seinem Verlauf zwischen den gleichförmigen Siedlungshausreihen bis zum Ende an der Rochusstraße. Jenseits geht es etwas links versetzt auf dem Spitzenweg hinaus ins Freie. Als Hochbrücke über eine Schnellstraße endet er vor einem Sportgelände. Rechts am Zaun entlang finden wir einen Durchschlupf unter der nächsten Straße und drüben im Rechts‑Links‑Bogen den Eisenbahnübergang. Damit ist man schon auf dem „Alten Kahler Weg“ der direkt dem Wald zustrebt. Zungenartig schiebt sich ein Neubaugebiet in dieser Richtung vor, einschließlich des Schulkomplexes der Limesschule. Am Ende des dazugehörigen Parkplatzes nehmen wir den linken der drei sich hier gabelnden Wege und folgen ihm zwischen Villen und Waldrand hinauf zum Neuwirtshaus an der B 8.

Man spürt die Konkurrenz, es gibt inzwischen ein Alt- und ein Neues Neuwirtshaus, dazu noch eine Imbißstube anstelle einer aufgelassenen Tankstelle. Hinter ebendiesem Gebäude führt unser Weg weiter, jetzt markiert mit schwarzen B und stehendem rotem Kreuz Nr. 8, eine bequeme Forststraße in grünem Hochwald. Nahe der Autobahnbrücke, vor den Hochspannungsmasten, trennen sich die beiden Zeichen. Wir folgen noch kurz dem Kreuz und wechseln nach etwa hundert Metern zum roten Andreaskreuz über, das uns rechts abwärts auf einen lauschigen Jägerpfad weist.

Hat man die B 8 überquert, geht es am Hang eines schmalen Naturschutzstreifens, der eine Waldwiese umrahmt, weiter. Der Pfad mündet in den breiten Krotzenburger Weg. Hier schwenkt das Andreaskreuz links ein, weist über die Wiese und endet für uns am Bahnhof Großkrotzenburg. Der letzte Wegabschnitt verläuft mit weniger oder mehr Abstand parallel zur Bahnstrecke, das heißt vor den Schienen rechts abbiegen und dem Weg am Waldrand folgen, bis er auf freiem Wiesenplatz in eine Forststraße mündet. Ein leichter Linksbogen, dann geradeaus finden wir uns schließlich am bekannten Bahn‑ und Straßenübergang wieder. Ist die Rochusstraße erreicht, biegt man links ein, kommt zur Haupt­straße und sichtet dort die Ausschilderung zum Museum (vom Bahnhof her durch die Bahnhofstraße und links in die Hauptstraße) (Frankfurt I. Seite 48).

 

Zum Schloß Emmerichshofen

Von der Innenstadt kommend überquert man bei der Ampel am Neuwirtshaus in unmittelbarer Nähe der Bushaltestelle die Neuwirtshäuser Straße und die B 8 und folgt ab der anderen Straßenseite dem mit einem schwarzen B markierten Wanderweg Birkenhainer Straße. Man kommt an der Gaststätte vorbei und erreicht kurz danach den Wald. Auf der „Birkenhainer“ verlief die Grenze zwi­schen dem Kurstaat Mainz und der Grafschaft Hanau, Neu­wirtshaus war eine Zollstation. Bei der Wanderung befindet man sich auf der ehemaligen Mainzer Seite, zu der auch Großauheim gehörte, die Grenzsteine stehen auf der linken Seite des Wegs.

Etwa 1,5 Kilometer nach dem Neuwirtshaus stößt man bei einer Hochspannungsleitung auf eine Waldkreu­zung (Punkt 1), an der ein zusätzliches Wanderzeichen auf­taucht, ein rotes Andreaskreuz. Ihm folgt man jetzt und wan­dert auf der Schneise mit dem Schild „Alzenauer Weg“ weiter. Kurz darauf gesellt sich bei Punkt 2 ein weiteres Wanderzei­chen, ein Edelweiß, zur Wanderung. Es markiert den Edelweißweg, der die meist sonntags bewirtschafteten Vereins­heime bei Gondsroth, Kahl und Seligenstadt verbindet.

Mit dem „Edelweiß“ überquert man die Landstraße von Groß­krotzenburg nach Alzenau. Auf der anderen Straßenseite tren­nen sich bei Punkt 3 die Wanderzeichen „Andreaskreuz“ und „Edelweiß“. Man folgt dem „Edelweiß“. Etwa 150 Meter nach der Landstraße stößt man bei Punkt 4 auf ein neues Wanderzeichen, einen braunen Kahler Sandhasen mit der Nummer 4.

Wegen der sandigen Böden wurden die Kahler von ihren Nachbarn als „Sandhasen“ bezeichnet. Selbstbewußt griffen die Kahler den nachbarlichen Spott auf und ließen im Ort ein Sandhasen‑Denkmal errichten. Das Tier wurde zum Wappentier und markiert außerdem ein weitverzweigtes interessantes Wegenetz durch die durch den Braunkohleabbau entstandene Seenplatte.

Mit dem „Hasenweg 4“ biegen wir nach rechts und durchqueren das Wochenendgebiet. Auf der rechten Seite sieht man bald am Schloßsee die malerische Gartenfront des Schlosses Emmerichshofen, kurz darauf weist bei Punkt 5 auch ein Schild zu Schloß, an dem wir den Hasenweg verlassen.

Das Barockschloß wurde 1768 vom Mainzer Kurfürsten Josef von Breidbach‑Bürresheim erbaut. Neuer Besitzer nach Unter­gang des Kurstaates wird Graf Benzel‑Sternau, der im Schloß eine bekannte Gemäldegalerie unterhielt. Für den in Hanau geborenen „ersten jüdischen Maler“, Moritz Daniel Oppenheim, wird der Besuch dieser Gemäldegalerie zu einem Schlüsseler­lebnis. Sehr lebendig beschreibt er in seinen „Erinnerungen“ wie er als Schüler der Zeichenakademie auf Empfehlung des Direktors Conrad Westermayer vom Grafen auf das Schloß ein­geladen wird und zum ersten Mal Bilder der italienischen Mei­ster sieht.

Im Jahre 1817 wird Emmerichshofen vom Freiherrn Waitz erworben. Seine Nachfahren haben auf dem Schloßgelände ein Wochenendhausgebiet geschaffen. Die dazu gehörenden Seen (Schloß‑, Linden‑ und Weihertannensee) stammen nicht aus der Zeit des Braunkohleabbaus, der um 1930 eingestellt wurde, sondern sie sind erst um 1970 entstanden. Das Schloß befindet sich in Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden (Hanau, Seite 74).

Auf der Höhe der Mittelachse des Schlosses überquert man wieder die Landstraße von Großkrotzenburg nach Alzenau und läuft ohne Markierung geradeaus durch den Wald, bis man 700 Meter nach der Landstraße bei Punkt 5 auf eine breite Schneise stößt. Dort biegt man nach rechts und befindet sic kurz darauf wieder auf dem Hinweg, auf dem man zum Neuwirtshaus zurückläuft.

 

 

 

 

Großkrotzenburg

 

Großkrotzenburg

Großkrotzenburg liegt, landschaftlich reizvoll eingebettet zwischen Spessart und Vogelsberg, etwa fünf Kilometer südlich von Hanau in einer malerischen Mainschleife direkt an der Grenze zu Bayern. Die Gemeinde zählt heute 7.783 Einwohner.

Lage: 107 Meter über N. N., an der südlichsten Stelle des Kreises, am Main, hart an der bayrischen Grenze gelegen. Die Gemarkung mit 744 Hektar (35 Hektar Gemeindewald, 65 Hektar Staatswald) grenzt an Großauheimer und Kahler Gelände und wird von der Eisen­bahnlinie Hanau‑ Aschaffenburg durchschnitten. Zu Großkrotzenburg ge­hört die Naßmühle an der Kahl.

 

Bodenfunde: Hügelgräberbronzezeit: Einzelfunde Flur Augewann (Spiralarmband aus Bronze und Bernsteinschmuckscheibe); Un­tere Haggasse (Gefäßscherben).

Jüngste Bronzezeit: Urnenfelderstufe: Gräber im Walddistrikt Neulatte und westlich des Ortes „In den Saulöchern“.

Ältere Eisenzeit: Gräberfeld in der Flur „Das Augewann“ und „Auf die Niederwiesen“.

Jüngere Eisenzeit: Gräberfeld an der vorgenannten Stelle; zwei Gräber Bahnhofstraße 22; Einzelfunde aus Gräbern vom Wald­distrikt Neuplatte.

Römische Zeit: Kohortenkastell, 175 x 123 Meter groß, Besatzung 4. Kohorte der Vindeliker, an der Stelle des heutigen Ortes, mit bürgerlichen Niederlassungen vor dem Kastell westlich und nördlich des Ortes; an der Stelle des Schwesternhauses das Kastellbad; in der Beune Mithrasheiligtum. Ziegelöfen der 4. Kohorte hinter dem Limes am Dammweg (Bahnhofstraße). Römische Brücke über den Main.

 

Älteste Namensformen: Cruzenburch 1175, Crozenburc 1282, Crozenburg trans Mogum 1292, Groß Crotzenberg 1602.

 

Statistisches: Einwohnerzahl 1820 = 617; 1855 = 999; 1885 =1122; 1905 =1686; 1919 = 1969; 1925 = 2173; 1939 = 2679; 1946 = 3266; heute = 3850, davon Heimatvertriebene =525,

Evakuierte = 125 (aus Hanau = 85).

Bekenntnis: 1905: ev. = 63, kath. = 1462, israel. = 161; 1953: kath. = 3130, ev. = 650, sonst. Konfessionen und Religions­lose =70.

 

Wirtschaft: In der Gemeinde wohnen etwa 70 Prozent Arbeiter und Angestellte, 15 Prozent  Beamte, 10 Prozent Rentner und 5 Prozent Landwirte.

Westlich des Ortes befindet sich die Mainschleuse mit Staustufe und Elektrizitäts‑Kraftwerk.

 

 

Großkrotzenburg wurde im Jahr 1175 erstmals urkundlich erwähnt, kann jedoch auf eine wesentliche ältere Geschichte zurückblicken: Vor- und frühgeschichtliche Funde, die den Siedlungsbeginn dokumentieren, sind im Heimatmuseum ausgestellt.

 

Geschichtliches:

Anscheinend war die Ortslage seit der Römerzeit ständig besie­delt. Aus Königsgut ging an das St. Peterstift in Mainz. Deshalb gehörte der Ort jahrhundertelang zum Mainzer Petersstift und war Sitz des Zentgrafen, der hier seine Verwaltungsgebäude und zur Unterbringung der an das Stift abzuliefernden zehn­prozentigen Abgaben eine Zehntscheune hatte. Die Vogtei war als Lehen vom Petersstift an die Grafen von Rieneck gegeben worden, seit 1561 des Kurfürsten von Mainz. Dann war Großkrotzenburg ein Dorf des mainzischen Amts Steinheim, mit diesem 1802 an Hessen‑Darmstadt.

Aus dem 17. Jahrhun­dert sind die hier durchgeführten Hexenprozesse bekannt, wo zum Beispiel im Jahre 1628 allein annähernd 100 Personen, zum Teil bei lebendigem Leibe, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. An der Straße nach dem bayrischen Kahl am Main befindet sich heute noch die unter Denkmalschutz stehende Hexen­eiche.

Die Kirche selbst ist ein Bau aus der ersten Hälfte des 19. Jahr­hunderts. Von ihrem Vorgänger, einem gotischen Bauwerk, ist oberirdisch nur noch die untere Hälfte des Kirchturms erhalten

„Kreuzburg‑Gymnasium“ der „Weißen Väter“ mit 8 hauptamtlichen und 1 nebenamtlichen Lehrenden. Das 1929 begründete Missionshaus der Weißen Väter, staatlich anerkanntes Obergymnasium, am Waldrande Nähe Bahnhof gelegen, beherbergt laufend etwa 200 Insassen.

Katholische Schwesternstation mit Kleinkindergarten und Altersinsassenabteilung.

Die Synagoge wurde 1826 erbaut. Vor 1929 lebten in Großkrotzenburg etwa 150 jüdische Per­sonen. Die Synagoge diente ihnen bis zum Jahre 1938.

 

 

Um 100  Römische Besatzungszeit. Bau des etwa 2,1 Hektar großen Römer­kastells

213  Alemannenschlacht unter persönlicher Anwesenheit des römischen Kaisers Caracalla.

259  Limes wird überrannt; Besiedelung durch Alemannen und keltisch‑römische Bevölkerung.       

Um 500 Unterwerfung der Bevölkerung im Raum Großkrotzen­burg durch die Fran­ken.

Um 986  Übergabe des Ortes an das Kollegialstift St. Peter in Mainz

1175  Erste urkundliche Erwähnung des Ortes als „Crunzenburch“  

1292  Erwähnung als „Gross Crotzenberg“

1602  Erwähnung als „Crotzinburg by Selgenstadt“

1241  Eine Kirche, die sich an den noch vorhandenen Wehrturm anschließt, wird genannt.

1628  Heimsuchung durch Isenburgische Söldner während des 30jährigen Krieges.

    Im glei­chen Jahr fallen dem Hexenwahn 86 Einwohner aus Großkrotzenburg zum Opfer

1632  Von Februar bis Oktober Pest: 110 Menschen starben, nur 50 überlebten.

1686  Letzte öffentliche Hinrichtung an der „Hexeneiche“ (1970 durch Hagelsturm zerstört).

1816  Großkrotzenburg kommt zu Kurhessen­-Kassel.

1825  Bau der jetzigen katholischen Pfarrkirche (bis 18279),

    Im Jahr 1857 Erhöhung des Kirchturms, 1963‑66 umfas­sende Innenrenovierung.

1826  Errichtung der Synagoge.

1854  Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie Hanau­-Aschaffenburg.

1866  Großkrotzenburg wird mit Kurhessen preußisch.

1886  Stapellauf des ersten Kettendampfers.

1894  Baubeginn der im klassizistischen Stil errichteten Alten Schule (heute Hei­matmuseum).

Um 1900 Gründung des Braunkohleabbaus in der Dettinger Zeche Gustav, der 25 Jahre später

          auf Großkrotzenburg übergreift und drei große Seen hinterläßt.

1912  Großkrotzenburg erhält elektrisches Licht.

1915  Kanalisation des Mains, Bau der Schleuse mit Stau‑ und Kraftwerk, Modernisierung der

    Dampfschiffahrt (bis 1917).

1924  Bau der TV‑Turnhalle (aus abgebrochener Werkshalle der Pulvermühle).

1925  Erste Schwesternstation, St. Vincenz‑Schwestern (Fulda), Haus heute gemeindeeigen.

1926  Baubeginn des neuen Schulhauses (Seit5 1966/67 Theodor‑Pörtner‑Haus)

1928  Grundsteinlegung für Kloster Kreuzburg (heute Franziskaner‑Gymnasi­um Kreuzburg),

    1998 Fertig­stellung der großen Schulerweiterung.

1936  Erstes Strandbad am See Freigericht West wird angelegt (1961/62 großzügiger Ausbau)

1945  Nach dem Einmarsch der Amerikaner wird August Schilling Bürgermeister.

1949  Errichtung des neuen Friedhofes (1971/72 Friedhofserweiterung mit neuer Trauerhalle). 1950  Ausweisung eines Baugebietes nördlich der Wilhelmstraße (für Heimatver­triebene).

1958  Martin Woythal wird zum Bürgermeister gewählt.

1961  Einweihung der neugebauten Geschwister‑Scholl‑Schule (13. Januar)(Grundschule)

1963  Erster Bauabschnitt des Kraftwerk Staudin­ger (bis 1965. Heute fünf Blöcke)                   

1964  Bau von Feuerwehrgerätehaus, gemeindlichem Bauhof, Gemeindewerken, Festplatz. 1966  Städtepartnerschaft mit Torsby in Schwe­den.

1966  Neugestaltung des Alten Ortskerns.

1968  Erschließung der Baugebiete „Westend“ und „Flurstadt“ (bis 1970).

1970  Bau der Mainpromenade.

1970  Eröffnung des neugebauten Gemeindekin­dergartens.

1971  Bau der großen Sporthalle (bis 14972).

1972  Bau der gemeindeeigenen Seniorenwohnan­lage I (später auch II)

1972  Partnerschaft mit Achères in Frankreich.

1974  Einweihung des Evangelischen Gemeinde­zentrums.

1975  Großkrotzenburg feiert sein 800‑jähriges Jubiläum.

1975  Einweihung des Bürgerhauses.

1980  Errichtung der Sportanlage „Oberwald“.

1990  Patenschaft mit Oederan in Sachsen.

1993  Sanierte denkmalgeschütz­te „Ehemalige Synagoge“ wird Kultur‑ und Gedenkstätte.

1996  Umgestaltung und Sanierung im gesamten Bereich Kirch‑ und Bahnhofstraße.

1998  Klaus Reuter wird in erster Direktwahl als Bürgermeister in seinem Amt bestätigt.

1998  Großkrotzenburg wird Mitglied der „Deut­schen Limesstraße“.

1999  Ausweisung des Gewerbegebietes West IV“.

 

Im Sommer bietet das herrlich gelegene „Strandbad Spessartblick“ Erholung pur. Rundum von Natur umgeben lockt der beliebte Badesee mit hervorragender Wasserqualität, einer riesigen Liegewiese und vielfältigen Freizeitangeboten; im Winter lädt das Hallenbad zu einem Besuch ein.

 

Im Naturschutzgebiet „Schifflache“ finden Spaziergänger Ruhe und Entspannung beim Entdecken der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt.

 

 

 

Katholische Kirche „St. Laurentius“

Großkrotzenburg gehörte zum Ruralkapitel Rotgau des Archidiakonats St. Peter und Alexander zu Aschaffenburg. Patron war das Petersstift in Mainz. Ein Pfarrer wird 1175, eine Kirche 1241 ge­nannt. Ein zweites Gotteshaus geht in die gotische Zeit zurück, etwa auf 1400. Der untere Teil des jetzigen Turmes stammt aus dieser Zeit. Der mittelalterliche Wehrkirch­turm mit seinen Schießscharten sitzt unmittelbar hinter der hier fast in voller Höhe erhaltenen festen Mauer des Römerkastells. Die Aufnahme in „Hanau Stadt und Land“,  Seite 216, zeigt auch die sorgfältige Verblendung der Kastell‑Mauer mit Quader­steinen.

Diese Kirche des Mittelalters mußte einem Neubau wei­chen, der in den Jahren 1717‑1719 geschaffen wurde. Das jetzige Gotteshaus, eine in klassizistischem Baustil gehaltene Kirche entstand in den Jahren 1827/28. Es besteht aus einem stattlichen Saal mit Apside. Im Innern ist eine Sakramentsnische aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts; im Nebenaltar ist eine Muttergottes um 1700 zu sehen. Der „Gute Hirte“ auf der Kanzel ist vom Anfang des 18. Jahrhunderts. Im Garten steht eine Kreuzigungsgruppe von 1713. Im Jahre 1857 wurde der Turm auf 40 Meter erhöht. Die Benediktion geschah 1829. Zu diesem Festtag hatte der Orgelbauer Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda die neue Orgel geschaffen, die 1896 erweitert wurde.

Zwei Überholungen des Gotteshauses fanden in den Jahren 1860 und 1939 statt. Im Gottesdienst am 7. Oktober 1963, zu dem sehr viele Gläubige gekommen waren, nahm man Abschied von der bisherigen Kirche, die sich nun einer neuen Renovierung unter­ziehen mußte. Das Gotteshaus wurde ausgeräumt, die alte Sakristei niedergerissen, eine Trennwand bis unter die Decke wurde in der Linie der Nebenaltäre aufgestellt. Da die Kirche nicht mehr zur Verfügung stand, war man gezwungen, am angrenzenden Pfarr­hof in einer Notkirche den Gottesdienst abzuhalten. Für 14 Tage stellte auch der Turnverein die Turnhalle zu gottesdienstlichen Zwecken zur Verfügung. Einen Höhepunkt erlebten die Gläubigen nach Fertigstellung der Renovierungs‑ und Neugestaltungsarbeiten am 13. Juli 1965 mit der Altarweihe und am 6. März 1966 mit der Orgelweihe der Kirche.

Das Äußere der Kirche wurde in dem bisherigen Zustand belassen. Erhalten blieben auch der Turm und das Schiff des Neubaues von 1825‑1827. Die Fenster blieben außen wie bisher, verlängert wurden jedoch ihre inneren Laibungen bis zum Boden. Die Wirkung wurde durch einen abgehängten Deckenspiegel verstärkt. Die stärkste Ver­änderung geschah im Chor. Vom alten Inventar blieb das Sakramentshäuschen aus dem 13. Jahrhundert an seinem bisherigen Platz. Die Apsiswand wurde bis auf drei große Fenster geschlossen, ihre Rundung jedoch in den drei Stufen des neuen Presbyteriums aufgenommen. Der neue Altar rückt somit in den Mittelpunkt. Mit dem herabhängenden Kreuz und dem hinter ihm stehenden Tabernakel bildet er den Mittelpunkt des Gotteshauses.

Auf die Nebenaltäre verzichtete man. Lediglich in der benachbarten Kapelle wurde ein solcher zwischen Sakristei und Kirche aufgestellt. Eine Neugestaltung erfuhr auch der Haupteingang . Ein Windfang wurde eingezogen. Die Betonwände tragen die neue Empore, auf der die schöne Barockorgel aus dem Jahre 1829 im erneuerten alten Prospekt aufgestellt wurde. Der Zugang zur Empore wurde in den Turm verlegt, sein Untergeschoß ist gleichzeitig Nebeneingang der Kirche. Das Altarkreuz ist ein Werk des Bildhauers Prof. Mettel und die Fenster ein solches des Glasmalers Friedrich May.

Am Stiftshof ist zu sehen der Schlüssel als Zeichen des Petersstifts (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 96).

 

 

Evangelische Gemeinde:

Die Evangelischen gehören zur evangelischen Pfarrei Großauheim. Sie erwarben 1952 mit  Unterstützung vom Gustav‑Adolf‑Werk, Landeskirchenamt und politischer Gemeinde die Synagoge, die zeitweilig als Fabrikgebäude genutzt wurde, und bauten sie zu ihrem Gotteshaus um. Am 9. November 1952 konnte die ehemalige jüdische Syn­agoge als „Immanuelkapelle“ eingeweiht werden, für die dann auch bald eine schöne Orgel beschafft wurde. Die zehnfenstrige, aus rotem Sandstein erbaute Synagoge wurde vollkommen restauriert und als evangelische Kapelle neu gestaltet. Ein Spruchteppich an der Altarwand, der altes und neues Testament verbindet, sollte eine Brücke zwischen Synagoge und Kirche sein. Im Jahre 1957 wurden die Fenster der Kapelle durch eine Bleiverglasung nach Entwürfen von August Peukert, Großauheim. ersetzt. Die 1955 eingebaute kleine Walckerorgel wurde 1978 verkauft. Im Jahre 1974 wurde ein Ge­meindezentrum an der Schulstraße 4 eingeweiht. Dort finden außer anderen Veran­staltungen der Kirchengemeinde auch Gottesdienste statt. Den Gottesdienstraum schmücken zwei große geknüpfte farbenprächtige Wandteppiche nach Entwürfen des Architekten Schell. Seit 1977 wird die ehemalige Synagoge durch die politische Ge­meinde benutzt.

 

Meditationsweg

Christlicher Glauben steht für viele Men­schen nicht zwangsläufig mit Kirche und Gottesdienst in Verbindung. Vier Kirchen­gemeinden im Ökumenekreis von Großau­heim und Großkrotzenburg sowie das Großkrotzenburger Franziskanerkloster haben unter anderem aus dieser Einsicht ei­nen ökumenischen Meditationsweg zwi­schen den beiden Orten gestaltet.

Die erste von zehn Stationen des drei Kilometer langen Meditationswe­ges ist just an der betriebsamen Ecke Theodor‑Heuss‑/John‑F.‑Kennedy‑Straße, entstanden, im Vorgarten des evangeli­schen Gemeindezentrums. Die Anregung zu dem Pfad sei einigen Mitgliedern des Ökumenekreises bei Besuchen im Oden­wald und Südtirol vor knapp drei Jahren gekommen, erzählt Hildegard Simon vom Kirchenvorstand der Heilig‑Geist‑Gemein­de Groß­auheim.

In manchen Orten werde die Tradition der Pilger‑ und Wallfahrtswe­ge und der Flurprozession mit Meditati­onswegen fortgesetzt. Außerdem trage man mit dieser Einrichtung der zuneh­menden Entwicklung Rechnung, daß Menschen die Nähe Gottes suchen, Kir­che und Gottesdienste ihnen aber fremd geworden sind. Solche Menschen gingen zum Beten etwa in den Wald.

Diese Überlegungen und Eindrücke lös­ten beim Ökumenekreis die spontane Ent­scheidung aus, ebenfalls einen. Pfad der Ruhe und der Besinnung zu gestalten. Für die Ausführung konnte man den Großau­heimer Künstler Hans Gipser gewinnen. Die Stationen werden von massiven Holz­stelen markiert, an denen jeweils Textaus­züge aus dem „Sonnengesang“ von Franz von Assisi auf einer schlichten Tafel ste­hen. Zum Zeichen der Verehrung des Heili­gen Franziskus wurde das in die Stelen eingebrannte Kreuz dem griechischen Buchstaben „Tau“ nachempfunden. Franziskus soll diese Form des Kreuzes in sei­nen Briefen bevorzugt haben. Wie Franzis­kanerbruder Michael bei der Eröffnung und Segnung des Pfades am Sonntag Nachmittag sagte, sei der Meditationsweg eine „Lobpreisung an die Schöpfung“.

Franz von Assisi habe den „Sonnenge­sang“ in einer tiefen persönlichen Krise und in der Zeit seiner schweren Augener­krankung verfaßt, die ihm nur den Auf­enthalt in einem abgedunkelten Raum erlaubte. In dieser Dunkelheit ist in Fran­ziskus aber etwas gereift. Die Abgeschie­denheit und Ruhe von zumindest neun Stationen des Meditationsweges soll Ähnli­ches bei den Menschen bewirkten, die ihn begehen. Sie sollen dastehen und stau­nen oder „wahrnehmen, wie wir auf den Boden von Mutter Erde stehen“. Es gehe dabei auch um das Bewußtmachen der Umwelt. Die Stationen stellen die Themen Sonne, Gestirne, Wind/Wetter, die drei Elemente, den Tod, den Menschen und die Lobpreisung dar.

Einen „Meditationsweg zur Schöpfung“ nach dem Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi gestaltet der Ökumenekreis der katholischen Pfarrgemeinden und der evangelischen Kirchengemeinde von Hanau-­Großauheim. Der Künstler Hans Gipser hat jeden Vers der berühmt gewordenen Texte auf Holztafeln einge­brannt.

Zehn Stationen werden durch den Großauheimer Stadtwald bis zum Großkrotzenburger Niederwald führen. Beginnend am katholischen Pfarrzentrum Heilig Geist in der Großauheimer Waldsiedlung geht der Weg vorbei; am „Hasengärtchen“, Rösenbänkchen, Flachbrunnen, an der Schiffslache, in angemessener Entfernung auch am jüdischen Friedhof bis zum Franziskanerkloster Kreuzburg in Großkrot­zenburg. Die Wegweisung ist mit einem Pfeil an der Stele gegeben. Am Sonntag, dem 9. Juni 2002, wird der Meditationsweg eingeweiht.Eine Broschüre zum Sonnengesang und ein Faltblatt mit dem Verlauf des Meditationsweges ist in den Büros der Kirchengmeinden erhältlich.

 

 

Friedhof

Auf die alten Begräbnisstätten weist im Museum ein kunstvoll geschmiedetes Kreuz hin, das einstmals seinen Platz am Eingang des Friedhofes an der Bahnhof­straße hatte. Dieser Friedhof wurde im Jahre 1817 angelegt. Bis dahin wurden die Toten auf dem sogenannten Gottesacker rund um die katholische Pfarrkirche be­stattet.

Der Friedhof an der Bahnhofstraße diente bis zur Errichtung des neuen Friedhofes an der Kahler‑Straße im Jahre 1951 vielen Generationen als letzte Ruhestätte. Hier befinden sich auch der Ehrenhain und die Gedenktafel für die Opfer der beiden Welt­kriege, 38 Steinkreuze mit eingemeißelten Namen erinnern an Männer, Frauen und Kinder, die durch die Wirren des Krieges und durch Bombenangriffe am Ort selbst ihr Leben verloren und hier bestattet wur­den. Es ist 58 Jahre her, daß am 8., 11. und 13. Dezember die Bomben auf Großkrot­zenburg fielen.

Die schlichte und würdige Gedenkstätte auf diesem Friedhof soll nach Meinung des Heimat‑ und Geschichtsvereins ebenso Verpflichtung zur Wahrung des Friedens sein wie der ehemalige jüdische Friedhof im Niederwald, dessen Gräber in einem kürzlich erschienenen Bildband dokumentiert sind. Beide Begräbnisstätten sollen nach Meinung des Heimat‑ und Ge­schichtsvereins als Orte der Besinnung er­halten und erkennbar bleiben.

 

Die Römer in Großkrotzenburg

Nach der Eroberung der Wetterau durch die Römer am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. gerät auch Großkrotzenburg in den Ein­flußbereich der neuen Machthaber. Zur Sicherung des Untermaingebietes ist spätestens unter Kaiser Trajan  (in den Jahren 105 bis 110 nach Chris­tus) ein Kastell im heutigen Ortskern von Großkrotzenburg errichtet worden.

 

In Großkrotzenburg verlief der Limes vom Niederwald kom­mend in gerader Richtung bis zum heutigen Bahnhof und bog dann leicht nach Osten ab. Schließlich schnitt er die Lindenstraße, führte durch die Louisenstraße, kreuzte die Oberhaagstraße und stieß dann, etwa 40 Meter von der östlichen Kastellmauer entfernt, auf den Main. Nur wenige Meter nordöstlich des Lagers lokalisierte man die Spuren des mit Wall, Graben und Holzpalisade gesicherten, heute vollständig eingeeb­neten Limes.

Die Römer hatten die Grenze so abgesteckt, daß sie das untere Kinzigtal einbezog. Das Kastell sicherte die Grenze nach dem linksmainischen Zehntland (Decumatenland, Zehntland ‑ so genannt, weil die Bewohner den Zehnten entrichten müssen) führt und es mit dem Kastell Seligenstadt verbindet, es schützte die römische Mainbrücke und sperrte wohl auch einen anzunehmenden rechtsmainischen Uferweg. Für die Verbindung des Rodgaus mit dem Gebiet an der unteren Kinzig war die Brücke wichtig; vor allem aber ermöglichte sie rasche Truppenbewegungen längs des Limes.

 

Eine feste Brücke hat  den Li­mes und die an beiden Ufern gelegenen Kastelle untereinander ver­bunden. Als im Jahr 1885 Kies aus dem Main gebaggert wurde, stieß man bei der Arbeit auf die hölzernen Pfahlgründungen der steinernen Brückenpfeiler, die mit den zwischen Mainz und Kastel gefundenen Überresten einer Brücke überein­stimmen. Es wurden 50 Eichenpfähle und 12 Eisenschuhe für Pfahlspitzen nahe der Fähre zutage gefördert. Sie werden im Hanauer Museum aufbewahrt. Die Fahrbahn über den Steinpfeilern war vermutlich aus Holz gezimmert. Nach einer dendrochronologischen Zeitbestimmung der Eichenpfähle soll die Brücke etwa um 134 nChr, also gegen Ende der Regierung Kaiser Hadrians entstanden sein (Hollstein 1980; korrigierte Eichenchronologie).

Eine Benefiziarierstation, die wohl der Über­wachung des Verkehrs diente, ist an dieser Stelle zu vermuten. Unweit vom nördlichen Brückenkopf entdeckte K. Hofmann 1960 zwei Weihealtäre für Jupiter und Juno, die von Militärpolizisten (beneficiarü consularis) gestiftet worden waren. Sie bezeugen das Vorhandensein eines kleinen Polizeipostens an dieser Stelle. Die Benefiziarerstationen sind häufig zur Überwachung des Verkehrs an Brücken oder Straßenkreuzungen errichtet worden. Am Main erinnert ein kleiner Gedenkstein an den Standort der Römerbrücke.

 

Kastell

Das Kastell Großkrotzenburg ist erst verhältnismäßig spät entdeckt worden. Sein Plan wurde

durch die Grabungen des Hanauer Geschichtsvereins 1881 und der Reichslimeskommission 1893 festgestellt; beide Untersuchungen standen unter der Leitung von Georg Wolff. Seitdem sind bei Bauarbeiten immer wieder römische Mauern und Fundstücke zutage gekommen, die das Bild dieses römische Grenzpostens ergänzten und bereicherten.          

 

Möglicherweise ging diesem Lager ein kleinerer Vorgängerbau voraus. Da es einige Fund­stücke aus Großkrotzenburg gibt, die schon vor der Gründung des Kohortenkastells in den Boden gelangt sein mögen, kann man mit einem kleineren, hölzernen Kastell als Vorgängerbau rechnen. Dieses könnte schon am Ende des 1. Jahrhundert erbaut worden sein. Es ist verständlich, daß ein solches kleines Holzkastell in dem dicht bebauten Ortskern noch nicht nachgewiesen werden konnte. Aber dafür sprechen würde ein 1982 bei Ausgrabungen entdeckter römischer Spitzgraben nördlich des späteren, etwa 2,1 Hektar messenden Steinkastells. Markante Überreste dieses Steinkastells sind die noch teilweise bestehenden Wehrmauern.

 

Das Kohortenkastell dürfte etwa 135-110 nChr entstanden sein. Der Limes existierte damals bereits in seiner ersten Phase (Postenweg mit Holztürmen). Das Kastell ist etwa 2,1 Hektar groß und bietet Raum für eine Kohorte (etwa 600 Mann). Als Besatzung ist bisher nur die Collors IV Vindelicorum bezeugt.

Das Kastell entstand dicht hinter der Kante des Hochufers auf einem zehn Meter über dem Wasserspiegel des Maines gelegenen Plateau und war daher vor Überflutungen sicher. Wie viele andere Kastelle ist es im Rechteck erbaut; es liegt mit seiner südlichen Längsseite von 175 Metern auf der Terrasse am rechten Mainufer.

 

Über seine drei Meter hohen und 1,80 Meter dicken, aus starken Basaltquadern er­richteten, zinnengekrönten Umfassungsmauern ragen 4 Eck‑, 8 Tor­- und 14 Zwischentürme hinaus. Diese starke Befestigung zeigt, daß das Bollwerk eine besondere Aufgabe zu erfüllen hat.

In einer Baugrube an der Ecke Luisen‑/Oberhaagstraße wurde ein stück der Mauer entdeckt.         

Da, wo die Schmalseiten von 120 Metern an die Längsseiten anstoßen, sind die Ecken mit einem Radius von 15 Metern abgerundet und durch Ecktürme mit trapezförmigem Grundriß verstärkt. Auch diese Schmalseiten sind in ihrer Mitte durch Tore durchbrochen und an den überbauten Toreingängen von 4,50 Meter Breite durch zwei nach innen vorspringende Tortürme gesichert.

 

Teile der steinernen Umwehrung sind heute noch zu sehen, vor allem südwestlich der Kirche. Hier gibt es einige Stellen, an denen das aufgehende Mauerwerk der römische Wehrmauer noch hoch über dem Boden erhalten ist; man darf es allerdings nicht mit den mittelalterlichen Aufmauerungen verwechseln. Das gilt besonders für den südwestlichen Eckturm in der Breiten Straße, dessen Mauerwerk aus Basaltsteinen noch fast zwei Meter mißt. Er besitzt zwar ein römische Fundament, zeigt. in seinem Aufgehenden aber mittelalterliches Mauerwerk.

Die gute Erhaltung verdankt dieses Bauwerk dem Umbau und der Weiterbenutzung in nachrömischer Zeit (der Turm wurde während der Neuzeit als Gefängnis verwendet). Die Fugen sind zerfranst, die Stei­ne locker und bemoost. Ende Juni/Anfang Juli 2002 seine Mauer saniert. Die Idee des Rekonstruierens wurde am Ende verwor­fen, weil es zu teuer geworden wäre. Schließlich hätte dann auch das Funda­ment erneuert und befestigt werden müs­sen. Vor einem Jahr haben sich die Heimat­forscher dann mit der Gemeinde geeinigt, den Kastellturmrest so zu lassen, wie er ist. Nur die Fugen sollten erneuert und die bemoosten Steine gereinigt werden.

 

Der Ortskern von Großkrotzenburg bildet ein gutes Beispiel für jene Orte, deren Plan durch den Grundriß eines römische Kastells festgelegt worden ist. Die Straßen teilen den Innenraum in vier fast gleichgroße Felder. Zwischen dem Plateau und der südlichen hochragenden Umfassungsmauer verläuft die von der Brücke her kommende Kolonnenstraße zum genau in der Mitte der Südmauer gelegenen Südtor (porta principalis dextra). Dieses ist durch zwei starke, oben durch Wehrgang und Bo­gen verbundene Türme gut gesichert. Durch dieses Tor führt die Straße als via principalis (herute:Kirchstraße) durch das Kastellinnere zum gegenüber­liegenden, ebenso bewehrten Nordtor (porta principalis sinistra), und  auf den Kolonnenweg parallel hinter dem Limes und mit diesem nach Norden. Auch die via praetoria (heute: Sackgasse) und die via decumana (heute: Breite Straße), die von dem vorderen und dem rückwärtigen Tor ausgingen, zeigen deutlich ihren Zusammenhang mit dem römische Wehrbau.

 

Das Haupttor ist nach Osten, genau gegen den Pfahlgraben gerichtet, der in der geringen Entfernung von 25 Meter am Kastell vorbeilief. Wahrscheinlich ist hier nur der Graben, nicht aber der Damm der Grenzsperre ausgeführt worden, als diese zusätzliche Grenzsicherung Ende des 2. oder Anfang des 3. Jahrhundert entstand.

Wo die Kirch‑ und Bahnhof­straße sich heute zum „Platz an der Porte“ ‑ eben dem „Dalles“ ‑ aufweitet, stand das Nordtor des Kastells. Verschiedenfarbige Pflasterung markiert die Grundmauern der vergange­nen zwei Jahrtausende.

 

Von den Innenbauten ist kaum etwas bekannt, da in dem Ortskern natürlich keine großen Ausgrabungsflächen untersucht werden konnten. Immerhin kennt man einige Mauern des Stabsgebäudes (principia) das, wie üblich, mitten im Kastell liegt. Eine Anzahl von Gebäuden auf gemauer­ten Fundamenten, auf denen Holzaufbauten ruhen, die der Unter­bringung und Ausbildung der Besatzung, sowie als Werkstätten zur Herstellung von Waffen und Geräten dienen, erfüllen die einzelnen Räume. Unmittelbar südlich des heutigen Kirchturms stößt man auf eine weitere Mauer, deren Kern römischen Ursprungs sein könnte. Zahlreiche Ausbesserungen des Mauerwerks haben den ursprüng­lichen Zustand jedoch so verändert, daß ihr Alter unsicher bleiben muß.

In der östlichen Verlängerung des Südportals, am Schnittpunkt mit der Kirchstraße, ragt ein unscheinbarer Steinklotz aus der Begren­zungsmauer des Kirchengrundstückes. Dies ist der letzte sichtbare Rest des einstigen Südtors des Kastells.

Im Jahre 1988 gelang es, in seinem Südwestteil weitere Teile der Innenbebauung freizu­legen. Zwar erlauben die nur unvollständig erfaßten Gebäudegrundrisse keine Rekonstruktion, doch immerhin weisen Eisen­schlacken und Ofenreste auf eine zumindest zeitweise Nutzung des Areals als Werkstatt hin. Daneben war es möglich, mehrere Bau­horizonte zu verfolgen. Eine dieser Bauphasen fiel einem Brand zum Opfer, der frühestens in der Mitte des 2. Jahrhunderts anzuset­zen ist, so daß ein Zusammenhang mit den historisch überlieferten Germaneneinfällen nicht auszuschließen ist.

 

Unmittelbar nördlich des Lagers erstreckte sich die Ziegelei der Cohors IV Vindelicorum. . Wegen seiner Feuergefährlichkeit legte man ihn abseits von Vicus und Kastell an, und zwar dicht am Pfahlgraben, nordöstlich vom Kastell. Der Betrieb begann wohl erst am Ende des 2. Jahrhunderts und trat die Nachfolge der älteren Ziegelei in Frankfurt‑Nied an. Die fertigen Ziegel konnten von Großkrotzenburg aus bequem auf den Wasserweg abtransportiert werden. Die Produkte der 4. Vindelikerkohorte lassen sich von Walldürn im Odenwald bis in das Neuwieder Becken bei Koblenz verfolgen, so daß wir auf eine umfangreiche Produktion schließen können. Zeitweise muß der Betrieb der 4. Vindelikerkohorte geradezu die Aufgabe einer zentralen, obergermanischen Heeresziegelei erfüllt haben. Bisher sind insgesamt fünf Ziegelbrennöfen aus Großkrotzenburg bekannt.

 

Vom westlich des Kastells gelegenen Decumatenland (Zehntland) ‑ so genannt, weil die Bewohner den Zehnten entrichten müssen ‑ gelangt man in das im Schutze des Kastells gebildete Lagerdorf (canabae). Hier haben sich römische Händler, Handwerker, ausgediente Soldaten und nicht abgewanderte Germanen angesiedelt. Nördlich, aber vor allem westlich vom Kastell erstreckte sich eine umfangreiche Zivilsiedlung (vicus), dessen Häuser bis in 400 Meter Entfernung vom westlichen Kastelltor gefunden wurden. Als besondere Entdeckung mag das Mithräum erwähnt werden, das am Rand des Vicus nordwestlich vom Kastell lag. Aus ihm stammen einige bemerkenswerte mithrische Skulpturen, die leider während des 2. Weltkriegs in Hanau zerstört worden sind.  Neben dem Mithräum begann bereits eines der römische Gräberfelder. Leider kennen wir außer einer großen Reihe von Zufallsfunden und dem nicht völlig gesicherten Verlauf zweier Straßen, nur ihre ungefähre Ausdehnung. Befunde oder gar Hausgrundrisse liegen nicht vor. Lediglich das Kastellbad, wenige Schritte vom Westtor entfernt, ist teilweise ergraben worden.

 

Nordwestlich des Vicus ließ sich das vorauszusetzende Gräberfeld lokalisieren. Dort fand sich auch eine kleine Kultstätte des orientali­schen Gottes Mithras mit mehreren Steindenkmälern, die jedoch während der Bombardierung Hanaus im Zweiten Weltkrieg zer­stört wurden. Ein weiterer Friedhof befand sich nördlich der Sied­lung entlang der Straße zum Kastell Rückingen. Die wenigen dort gemachten Grabfunde lassen an eine eher kleine Nekropole den­ken.

 

Das Kastell und sein Vicus dürften bis zur Aufgabe des Limes bestanden haben. Einige Jahrzehnte nach der Räumung des Lagers ließen sich in seinem Inneren neue Bewohner nieder. Bald nachdem die Römer Mitte des 3. Jahrhundert den Limes verlassen hatten, setzte sich eine germanische Bevölkerung in der Ruine fest, deren Mauern noch hoch aufrecht standen und einen gewissen Schutz boten. Im Mittelalter hat man die Umfassungsmauer repariert; sie diente wiederum jahrhundertelang als Wehrmauer.

Erste sichere Funde liegen vom Ende des 4. Jahrhunderts vor. Einige Einzelfunde, jenseits des Limes entdeckt, sind in das 4. und 5. Jahrhundert zu datieren. Es handelt sich hierbei wohl um Gegenstände aus Gräbern. Jüngere Bodenfunde sind uns frühestens aus dem späten 10. oder 11. Jahrhundert überliefert. So entdeckte man die Überreste eines Gruben­hauses und weitere mittelalterliche Baubefunde in der heutigen Sackgasse. Doch trotz dieser Hinterlassenschaften liegt die Ent­wicklung des mittelalterlichen Dorfes noch weitgehend im dun­keln.

Es ist denkbar, daß der Name des Ortes, der zuerst im Jahre 1175 in der Fassung »Cruzenburch« überliefert ist, auf die Bezeichnung des römische Kastells zurückgeht. Allerdings läßt sich der antike Ortsname aus der mittelalterlichen Namensform nicht erschließen.

 

Im Jahre 2000 wurde die erste Hälfte des Radwegs ent­lang des Limes von Miltenberg am Main bis Regensburg an der Donau beschildert, nun steht auch dessen zweite Etappe von Aschaffenburg bis Bad Hönningen im Rheintal kurz vor der Vollendung. Eine der letzten Lücken dieser neuen touristi­schen Highlights in Deutschland hat die Gemeinde Großkrotzenburgjetzt geschlos­sen und rund 30 Schilder aufgestellt. Der Verein Deutsche Limes‑Straße zahlt die einheitlichen braunen Hinweisschilder, die das Logo des Vereins und einen von den Buchstaben D und L umfaßten Limesturm tragen.

Rund 30 Schilder sorgen in Großkrotzenburg für einen lückenlosen Anschluß zwischen Seligenstadt und Hanau: Der Weg führt von der Station „Neuwirtshaus“ aus Richtung Großauheim kommend durch den „Niederwald“ über die Bahnhof‑ und Kirchstraße vorbei an dem Heimatmu­seum und dem kürzlich sanierten Kastell­turmrest im alten Ortskern. Dann geht es weiter über die Tränkgasse auf die Main­promenade in Richtung Kahl nach Seligen­stadt. Entsprechende Flugblätter mit Informa­tionen und Kontaktadressen liegen ab sofort im Großkrotzenburger Rathaus aus.

 

Leben im Kastell

In diesem Raume herrscht heute Aufregung und emsiges Treiben. Soeben war der Befehlshaber der Besatzung des Kastells, der 4. Ko­horte der Vindelicier, die zur XXII. Legion mit dem Standort Mainz gehörte, dem Morgenbade entstiegen. Da führte der Wachhabende des Nordtores den römischen Händler Flavius, der im Lagerdorf hinter dem Westtor seine Niederlassung hatte, zum Befehlshaber. Der Händler hatte in den alemannischen Siedlungen des Maintales und in denen des West‑ und Südhanges des Spessarts seine dort be­gehrten Waren: Wein, Seide, Schmuck usw. gegen Honig, Felle, Dauerfleisch, Holzkohle und Frauenhaar getauscht. Dabei hatte er das Leben und Treiben der Germanen erkundet und beobachtet. Beim Zwischenkastell Neuwirtshaus hatte er, auf der Birkenhainer Straße kommend, den Limes überschritten und seinen Zoll entrichtet. Nun hatte er dem Zenturio eine wichtige Nachricht zu überbringen. In den Wäldern des Hahnenkammes hatte er Ansammlungen von bewaffneten Alemannen bei Übungen beobachtet, die auf Angriffs­absichten auf das römische Grenzland schließen ließen. Unruhig war es immer am Limes; bald brachen die benachbarten Chatten von Norden, bald die Alemannen vom Osten gegen das fruchtbare, vom Limes geschützte Wetteraugebiet vor. Nun drohte neue Gefahr, die aber durch Wachsamkeit gebannt werden konnte.

Das Niemandsland vor dem Limes war kahl und übersichtlich, der Wall des Limes hoch, die davor liegenden Spitzgräben tief und mit Holzpalisaden verstärkt; und die etwa ein Kilometer voneinander entfernten Wachttürme schauten weit in das Vorland. Das nächste Kastell ‑ Rückingen ‑ war nur fünf Kilometer entfernt, und auf der hinter dem Limes führenden Straße mit fester Schotterung konnte jeder bedrohte Abschnitt von der Reiterei schnell erreicht werden.

Nach der Berichterstattung verließ der Händler durch das West­tor das Kastell und brachte die Tauschwaren in seine Lagerräume. Der Zenturio ließ durch einen Melder sofort alle in den Ziegeleien be­schäftigten Legionäre ins Kastell zurückrufen. Am Prätorium ver­sammelte er seine Kohorte und befahl ihr größte Wachsamkeit und Kampfbereitschaft bei Tag und Nacht. Die Wache an der Feindseite wurde verstärkt und ein Melder auf der Limesstraße zu den Posten und den fünf Wachttürmen gesandt. Nach diesen vorsorglichen An­ordnungen trat der Be­fehlshaber einen Besichtigungs‑ und Kontroll­gang durch das Kastell an. Über die Wallaufschüttung an der Innen­seite der Umfassungsmauer erstieg er den breiten Wehrgang an der Süd­westecke. Von da begann er nach einem prüfenden Blick zur Brücke und der mainseitig führenden Straße seinen Kontrollgang über die südliche Längsseite. Auf dem Wehrgang durchschritt er den die beiden Tortürme verbindenden, überdeckten Toreingang, dessen schwere eisenbeschlagene Eichentore noch offenstanden. Die auf den flachen Vortürmen aufgestellten Steinschleudern (Ballisten) und arm­brustartigen Pfeilgeschütze (Katapulte) waren einsatzbereit. Auf seinem Weitergang ließ er zwischen den Zinnen hindurch seinen Blick über das Gelände zum Main schweifen. So gelangte er auf den die Umfassungsmauer überragenden südöstlichen Eckturm, von wo er das etwa vier Kilometer entfernte Kastell Seligenstadt, von der Morgensonne bestrahlt, erblickte. Den hier nach Norden anstoßenden Befestigungen der Feindseite des Kastells galt seine besondere Auf­merksamkeit.

Der Wachhabende an dieser besonders gefährdeten Seite erhielt vom Befehlshaber ausführliche Anweisungen. Die auf der Plattform der Eck‑, Tor‑ und Zwischentürme aufgestellten Geschütze wurden auf schnelle Verwendbarkeit geprüft; die Vorräte an Steinkugeln und schweren Eisenpfeilen mußten erhöht werden. Die Waffenhalle (ar­mamentarium) mußte eine größere Menge eiserner Wurfspeere aus­liefern. Von den Wachhabenden der Feindseite begleitet, schritt er an den mit unverwandtem Blick nach Osten schauenden Legionären vor­über. Sie haben den gewölbten, mit Eisen beschlagenen, rechteckigen Schild zu Füßen gestellt. Das Haupt wird vom blanken Eisenhelm, Brust und Leib werden vom Kettenpanzer, die Arme und Beine von eisernen Schienen geschützt. Umgürtet sind sie mit dem bronze­beschlagenen, breiten Ledergürtel, an dem in einer Lederscheide das kurze Schwert und der Dolch hängen. In der Faust den eisernen Wurfspeer, so schauen sie nach der Germanenseite.

Die Ruhe und Sicherheit der Vorgesetzten überträgt sich auf die Legionäre. Sie schauen voll Zuversicht dem zu erwartenden Ansturm entgegen. Der Lauf der Angreifer wird durch die beiden, vor der Umfassungsmauer herführenden Spitzgräben gehemmt, und dabei werden ihre Reihen durch Pfeile, Wurflanzen und Schleuderwaffen gelichtet, ehe sie zu den Mauern und zum Nahkampf herankommen. Die Fortsetzung des Kontrollganges zeigt, daß die parallel laufenden Seiten des Kastells in ebenso kampfbereitem Zustande sind.

Die Julisonne hat in der Zwischenzeit ihren Höchststand erreicht, und noch muß die Limesstrecke bis zum Doppelbiergrabensumpf, wo der Befehlsbereich endet, einer Besichtigung und Kontrolle unter­zogen werden; denn der Angriff droht nicht nur dem Kastell, sondern der ganzen Limesstrecke. Deshalb gönnt sich auch der Zenturio am Nachmittag keine Ruhe. In blinkender Rüstung reitet er über die rechtwinklige Straßenkreuzung durch das Nordtor. Sein Haupt reicht fast bis zur Höhe des Torbogens. Hell klingen die eisenbeschlagenen Hufe des Pferdes auf der befestigten Limesstraße, die parallel zum Grenzwall nach Norden führt. Die Posten auf dem Walle und auf den Wachttürmen, die etwa ein Kilometer voneinander hinter dem Grenzwall liegen, sind sein Ziel. Am ersten Turm betritt er den etwa 3,50 Meter im Geviert gemauerten Innenraum des Erdgeschosses, wo die wachfreien Legionäre sich die Zeit mit Würfelspiel vertreiben. Eine angenehme Kühle empfängt den von der heißen Julisonne Er­hitzten. Auf einer starken Leiter steigt der Zenturio dann zum block­hausähnlichen Oberbau mit Rundgang, von wo der Posten nach Süden zum Kastell, nach Norden zum Wachtturm 2 und dann nach Osten über den Limes das freigehaltene Vorgelände überschauen kann. Dieses war sein besonderes Beobachtungsgebiet; denn von den Höhen des Spessarts herab erstreckt sich das Gefahr bergende Waldgebiet. Der überprüfte Posten ist voll bewaffnet und trägt das über die Schulter gehängte Signalhorn. Nachdem der Befehlshaber sich von dem Vorhandensein der Fackeln für Notsignale in der Nacht über­zeugt hat, befiehlt er allen erhöhte Wachsamkeit und setzt seinen Ritt nach Norden fort. Dumpf dröhnt der Hufschlag auf dem Knüp­peldamm über den Sumpf vor dem Turm 2. An alle Legionäre und Unterführer werden Weisungen und Befehle erteilt.

Am Zwischenkastell Neuwirtshaus, wo die alte Birkenhainer Straße den Limes kreuzt, war wegen der Sicherheit und der Zollerhebung ein Offizier Wachhabender, der bei Ankunft des Zenturio Meldung erstattete. Je weiter die Posten und Sicherungen von den benach­barten Kastellen Großkrotzenburg und Rückingen entfernt lagen, um so eindringlicher und umsichtiger wurden des Befehlshabers An­ordnungen. Das zweite Sumpfgebiet hinter dem fünften Wachtturm, das ebenfalls auf einem Knüppeldamm überquert wird, bildet die Grenze zwischen den beiden benachbarten Kastellen.

Heiß hatte die Julisonne auf Rüstung und Helm des Zenturio ge­brannt, als er zum Kastell zurückritt. Ein erfrischendes Bad nach diesem anstrengenden Tag wartete auf ihn. Am Abend schritt er mit den Anhängern des morgenländischen Mithraskultes zum gruft­förrnigen, spärlich erhellten Heiligtum am Rande des nördlich vom Kastell gelegenen Gräberfeldes. Dort brachte er dem Lichtgott ein Opfer dar, um seinen Schutz zu erbitten.

Achtzehn Jahrhunderte sind inzwischen über diesem Geschehen dahingegangen, und das Rad der Geschichte ist mit seinen wechseln­den Geschicken über dieses Gebiet hingerollt. Im Jahre 260 n. Chr. gelang es den Alemannen in einem mächtigen Ansturm, das von Hilfsvölkern der Römer besetzte Limeswerk zu überrennen und das fruchtbare Untermaintal in Besitz zu nehmen. Im Jahre 496 wurden diese ersten Eroberer durch den stärkeren Stamm der Franken unter­worfen. Die für eine Ewigkeit erbauten Mauern bildeten die Funda­mente der Neusiedlungen. Das Brauchbare wurde weiter genutzt, das Unbrauchbare sank in Trümmer. Die neuen Wohnstätten legten sich über das ehemalige Kastell so, daß die alten sich kreuzenden Kastell­straßen und die Tore heute noch im Ortsplan zu erkennen sind. Durch das Nord‑, Süd‑ und Westtor führen heute noch die Ausfallstraßen des Ortes. Räummassen und zerstörter Hausrat füllten die Kastell­gräben und sonstigen, nun störenden Vertiefungen aus, und diese werden in der neuesten Zeit wahre Fundgruben der Limesforscher. Münzen, Urnen und Bilderschüsseln aus terra sigillata helfen dem Forscher, Zeit und Kultur dieses frühen Zeitabschnittes bestimmen. Ungestört blieb nur das Gräberfeld 70 Zentimeter unter der Erdober­fläche, über das der Pflug der Landerben seine Furchen zog. Die Fundamentgruben bei Erweiterungsbauten im Kastellinneren und Ausweitungen des Dorfes innerhalb des Limes fördern Mauerreste, Urnen verschiedenster Formen und Zeiten und Kultbeigaben aus dem Gräberfeld zutage. Planmäßige Grabungen des Hanauer Geschichts­vereins im Auftrage der ehemaligen Reichslimeskommission halfen das Bild der Vorzeit klären, und die gesammelten Funde werden als wertvolles Vermächtnis für die Nachwelt im Museum aufbewahrt.

Das Kastell Großkrotzenburg lag im Dornröschenschlaf, und weder Sage noch Tradition kündeten von ihm, bis die Aufmerksam­keit früherer Bewohner nach gelegentlichen Funden und planmäßige Grabungen im Jahre 1881 durch den Hanauer Geschichtsverein das Bestehen des Kastells bewiesen. Im Laufe der Jahrzehnte wurde Stein auf Stein geschichtet und das Bild vervollständigt (Plan des Kastells Großkrotzenburg im heutigen Dorfplan in: Hanau Stadt und Land, Seite 325).

 

Limesverlauf und Kleinkastell Neu-Wirtshaus (siehe auch Rodenbach)

Nach der endgültigen Inbesitznahme der Wetterau und Südhessens durch die Römer galt es, das eroberte Territorium abzusichern. Zunächst begnügte man sich damit, an der Grenze, dem sogenannten „Limes“, einen durch Holzwachttürme geschützten Weg zu errichten. Dies erfolgte in der Ostwetterau vermutlich erst in der Regierungszeit Kaiser Trajans. Die Türme wurden in regelmäßigen Abständen erbaut und hatten zur besseren Überwachung des Limes untereinander Sichtkontakt. Damit konnte jeder Grenzübertritt ohne Schwierigkeiten beobachtet werden. Dies dürfte zweifellos die entscheidende Aufgabe des Limes gewesen sein, denn zu einer ernsthaften Verteidigung der Anlage gegenüber einem vielköpfi­gen Gegner waren die Besatzungen der Wachttürme, man rechnet mit 4‑6 Soldaten in jedem Turm, viel zu schwach. Hierzu hätte man die Hilfe der in den benachbarten Kastellen stationierten Trup­pen benötigt.

Wohl unter Kaiser Hadrian wurde vor dem Grenzweg eine hölzerne Palisade errichtet, die baufällig gewordenen Holztürme ersetzte man in der Mitte des 2. Jahrhunderts durch steinerne Konstruktionen. Seine endgültige Gestalt erhielt der Li­mes frühestens am Ende des 2. Jahrhunderts, als man hinter der Palisade einen Graben aushob und mit der dadurch gewonnenen Erde einen Wall errichtete.

Auch im Main‑Kinzig‑Kreis sind Teile des Limes, der ihn vom Kastell Marköbel bis zum Kastell Großkrotzenburg durchzieht, noch heute sichtbar. Eine lohnende Besichtigung der Überreste kann man am Kastell Großkrotzenburg beginnen lassen.

Folgt man dem Limes von Großkrotzenburg nach Norden, so stößt man nördlich der sogenannten Schifflache, einein alten Mainarm, auf die ersten oberirdisch sichtbaren Reste des Walles. Wandert man auf dem heute als Weg dienenden römischen Wall weiter nach Norden, so überquert man zunächst die Bundesstraße 8. Nach wenigen hundert Metern liegt, 87 Meter vom  Limes entfernt (300 römische Fuß), in einem zur Zeit nur schwer zugänglichen Dic­kicht, das Kleinkastell Neuwirtshaus.

 

Das Kleinkastell Neuwirtshaus (Waldabt. 75 »Torfhaus«)  ist am ersten Weg, der rechts vom Limes abgeht, etwa 50 Meter im Wald. Es liegt rund 87 Meter (etwa 300 römische Fuß) hinter dem Limes, der in schnurgeradem Lauf die Kohortenkastelle Rückingen an der Kinzig und Großkrotzenburg am Main verbindet.

Aufgrund seiner ungewöhnlich guten Erhaltung war es schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Ziel verschiedener Ausgrabungen (1856, 1862, 1883 und 1913), die jedoch wegen der damals noch wenig entwickelten Grabungsmethoden nur verhältnismäßig unklare Erkenntnisse über die Bauweise der kleinen Befestigung brachten. Die Nachuntersuchung 1977 gewann genauere Vorstellungen über das Aussehen und die historische Entwicklung des Kleinkastells, so daß eine Rekonstruktion des ursprünglichen Ka­stells möglich ist.

 

Im Inneren der 21 x 25 Meter großen Anlage stand wahrschein­lich ein hufeisenförmiger Gebäudekomplex, der sich nach Osten zum Limes hin öffnete - eine charakteristische Bauform, die man auch von anderen, flächenhaft ausgegrabenen Kleinkastellen am Limes kennt. Als Annäherungshindernis wie zur Entwässerung des Platzes besaß das Kleinkastell ferner zwei umlaufende Spitzgräben, die wahrscheinlich vor dem Tor überbrückt waren.

Man kann man den äußeren Wall mit 2,6 Meter Höhenunterschied zwischen Wallkrone und Grabensohle noch gut im Gelände erkennen.

Der etwa 3,5‑4 Meter mächtige Wall war an seiner äußeren Front mit Rasensoden verkleidet, vielleicht gilt dies auch für die Innensei­te. Darüber hinaus dienten wohl hölzerne Bauelemente (hölzerne Querstreben und Anker in größeren Abständen) der Ver­stärkung des Walles, dem zwei Gräben vorgelagert waren. Wäh­rend man den äußeren auch heute noch gut sehen kann, ist der innere Graben durch den Versturz des Walles weniger gut zu erkennen.

An der Ost-Seite unterbricht eine heute noch deutlich sichtbare Mulde den Wall. An dieser Stelle lag das sich zum Limes hin öffnende Kastelltor. Bei den Ausgrabungen 1883 wurden an den inneren Ecken des Erdwalls zwei Steinfundamente aufgedeckt, die wahrscheinlich mit dem Wehrgang oder einer kleinen Turmplattform über dem rund 2 Meter breiten Tordurchlaß zusammenhängen. Hier könnte auch ein Tor­turm gestanden haben.

An der Ost-Seite unterbricht eine heute noch deutlich sichtbare Mulde den Wall. An dieser Stelle lag das sich zum Limes hin öffnende Kastelltor. Bei den Ausgrabungen 1883 wurden an den inneren Ecken des Erdwalls zwei Steinfundamente aufgedeckt, die wahrscheinlich mit dem Wehrgang oder einer kleinen Turmplattform über dem rund 2 Meter breiten Tordurchlaß zusammenhängen.

Die Seitenflügel flankierten einen zum Tor hin offenen, randlich überdachten Innenhof. Während in den ursprünglich sicher in einzelne Räume gegliederten Flügeln die Wachmannschaft untergebracht war, dürfte der Verbindungstrakt dem Kommandanten oder bestimmten Diensträumen vorbehalten gewesen sein. Nach den Baubefunden handelt es sich um ein Holzgebäude, dessen Wände in Fachwerktechnik ausgeführt waren. Das Bruchstück einer Glasscheibe beweist, daß wenigstens einige Fenster verglast waren. Aus dem Fehlen von Dachziegeln muß man auf eine Schindel- oder Strohdeckung schließen.

 

Der geradlinige Limesverlauf und die sorgfältige Auswahl der Wachtturmstandorte waren stets ein wesentliches Argument dafür, daß dieser Streckenabschnitt in einem Zuge geplant, abgesteckt und ausgebaut wurde. Das Kleinkastell Neuwirtshaus dürfte dagegen erst zu einem späteren Zeitpunkt in die bestehende Postenkette eingeschoben worden sein, denn es verkürzt den sonst regelmäßigen Abstand zwischen den Wp 13 und 14 erheblich. Auch das Fundmaterial hat diese Vermutung bestätigt, so daß wir mit dem Bau des Kleinkastells erst in der späten Regierungszeit des Kaisers Hadrian rechnen können.

Auf die Ursachen hat E. Fabricius im Limeswerk hingewiesen: »Es (das Kleinkastell) nimmt fast genau die Mitte des Limesabschnittes ein, der durch die beiden Sumpfgebiete des Doppelbiers und des Auheimer Torfstichs von den Kohortenkastellen auf beiden Seiten getrennt ist. In der feuchten Jahreszeit mag der Abschnitt mit seinen beiden Wachtposten von diesen nicht selten unerreichbar gewesen sein. Ihn auch nur vorübergehend unbewacht zu lassen, war vielleicht um so bedenklicher, als ganz in der Nähe ein vorgeschichtlicher Verkehrsweg, die Birkenhainer Straße, den Limes kreuzt.«. Diese Fernstraße traf knapp 300 Meter südlich des Kastells auf den Limes.

Wie lange das Kastell besetzt war, läßt sich vor-läufig nicht genau bestimmen; Anzeichen einer gewaltsamen Zerstörung fehlen.

 

Etwa 350 Meter nördlich des Kastells sind hinter dem Limes die Überreste eines hölzernen und steinernen Wachtturmes als flache Hügel im Wald erkennbar. Will man dem Limes weiter folgen, muß man die Autobahn auf einer benachbarten Brücke überqueren. Etwa 400 Meter nörd­lich der Autobahn liegt ein weiterer Wachtturm, der, da durch Raubgräber bereits angegraben, in den achtziger Jahren vollständig untersucht wurde. Das hier beginnende Sumpfgebiet zwang die Römer zur Anlage eines Knüppelweges mit einer davor liegenden Palisade, statt des sonst üblichen Ausbaus. Nördlich dieses Sumpf­gebietes, bis südlich des Kastells Rückingen, setzt sich der Limes, auch hier als Wall erkennbar, weiter fort. Leider ist er hier durch den Autobahn‑ und Straßenbau mehrfach zerschnitten und an vie­len Stellen nur noch schwach zu sehen. Zwischen den Kastellen Rückingen und Marköbel ist der Limes oberirdisch nicht mehr erkennbar und eine Begehung dieser Strecke wenig ergiebig (Archäologische Denkmäler, Seite 171).

 

Heimatmuseum:

Im Raum der Vor‑ und Frühgeschichte im Erdgeschoß hat sich eine Gruppe Nomaden, die vor etwa 30000 Jahren lebten, mit Fellen und einem Zelt zum Lagern niedergelassen. Das Leben in der Steinzeit, der Bronzezeit oder auch das Dasein der Kelten wird dokumentiert. Die mit viel Sachverstand zusammengestellten Schaubilder überraschen mit ihren der Zeit nachemp­fundenen Werkzeugen, der selbstgefer­tigten Kleidung und den Gebrauchsge­genständen. Ausgestellt sind auch Funde wie Cha­zedonabschläge und Klingen von einem Schlagplatz, die der Frankfurter Chri­stian Fischer gemacht hat. Der Hobbyar­chäologe engagiert bereits seit längerem für den Großkrotzenburger Verein.

Das Museum steht im Gebiet des ehemaligen Kohortenkastells, und so bilden die römischen Funde auch einen Schwerpunkt innerhalb der heimatkundlichen Sammlungen. Ihnen ist ein eigener Ausstellungsraum gewidmet. Man sieht Fundstücke aus dem Kastell und dem Lagerdorf, Pfähle von der römische Mainbrücke mit eisernem Pfahlschuh, Weiheinschriften des Mithraskults und Altäre der Benefiziarerstation. Außerdem sind gestempelte Militärziegel ausgestellt, die z. T. aus der nahegelegenen Ziegelei der 4. Vindelikerkohorte stammen. Die einstigen römische Bauwerke von Großkrotzenburg werden durch mehrere Modelle veranschaulicht.

Dem für Großkrotzenburg  prägenden Römerkastell ist ein ganzer Raum gewidmet mit einem großen Mo­dell und den Ausgrabungsfunden sowie Darstellungen des römischen Alltags. Die Franken bauten hier ihren Herren‑Hof. Anhand von alten Aufzeichnungen und Bildern hat Werner Derzbach den Hof aus dem Jahr 1722 rekonstru­iert. Selbst kleinste Details wie die Dach­ziegel sind mit Farbpinsel und Tuschestift nachgezogen. Der Herrenhof stand zwischen Zehntscheune und Gefängnisturm. Das Modell zeigt das Ge­lände rund um das Museum und die Kir­che mit dem Haus des Schultheißen, der Zehntscheuer, dem Försterhaus (das heu­te noch steht), der Bäckerei, der alten Ge­richtslinde und dem Gefängnisturm, von dem heutzutage nur noch Mauerreste zu sehen sind.

In den anderen Räumen des Museums wurden Wohnräume und Werkstätten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg mit unzähligen Sammelstücken zu­sammengestellt. Der Schuster, der Schmied, der Buchdrucker ‑ sie scheinen gerade für einen Augenblick ihre Werk­statt verlassen zu haben, um gleich wie­der weiterzuarbeiten. Bis ins kleinste De­tail ist alles Notwendige vorhanden, ohne überladen zu wirken. Die Frau am Stick­rahmen sitzt so selbstverständlich in ih­rem gemütlichen Zimmerchen wie ne­benan das Baby auf der Waage in seiner Wickeldecke liegt. So mancher Besucher blieb fasziniert vor seinem Lieblingsraum stehen und konnte sich nicht satt sehen. Das Museum ist an jedem zweiten Sonn­tag im Monat vormittags geöffnet.

Museum, Breitestraße 20. Öffnungszeiten: Di 19-21 sowie am 2. Sonntag jeden Monats 10-12, 14—16 Uhr.

 

 

Treideln am Main

Unerbittlich fraß sich die Leine in die Pferdeleiber

Heute noch finden sich am Main Spuren des historischen Treidelgewerbes

Den vier Gäulen zittern vor Anstrengung die Knie. Weißer Schaum spritzt in alle Richtungen, wenn sie die verbrauchte Luft durch ihre weit aufgerissenen Nüstern pressen. Mit aller Kraft kämpfen sie gegen die Strömung des Mains. Die droht den Frachtkahn, den die Tiere im Schlepptau haben, zu erfassen. Wüst fluchend feuert der Leinreiter die Tiere mit seiner Peitsche zu immer neuen Höchstleistungen an.

Meter um Meter ringen die Klepper dem Fluss ab, quälen sich voran auf dem gut drei Meter breiten Leinpfad am Mainufer bei Großauheim. Die stählerne Schleppleine, mit der die Tiere das Schiff stromaufwärts ziehen, ist straff gespannt. Unerbittlich frisst sie sich in die Leiber der Gäule; wund und blutig sind die Flanken der Pferde.

Nur selten gönnt der Leinreiter seinen Tieren eine Pause. Schon seit gestern befinden sich Ross und Reiter auf ihrer beschwerlichen Reise. Da ging es von Frankfurt nach Steinheim, sieben Stunden war das Gespann unterwegs. Die Leinreiter-Rast (Am Maintor 6) in Steinheim diente als Quartier für die Nacht. Heute wird es wohl etwas länger dauern: Zwischen neun und zehn Stunden brauchen die Pferde, um das Schiff von Steinheim bis nach Aschaffenburg zu schleppen, je nach Witterung.

In Aschaffenburg angekommen, geht es dann auf der anderen Seite des Mains wieder zurück. Für die Tiere ist das dann wie Urlaub. Denn auf dem Rückweg gibt es für sie nichts zu schleppen, außer dem Wagen, auf dem der Leinreiter nach Hause fährt.

Mit ein bißchen Fantasie kann man sich leicht ausmalen, wie es damals zugegangen sein mag, als die Schiffe auf dem Main noch auf die Muskelkraft der derben Leinreiter und ihrer Tiere angewiesen waren. Schriftliche zeitgenössische Dokumente, die Auskunft über das legendäre Handwerk geben, sind rar.

Doch obwohl die letzten Leinreiter längst verstorben sind, zeugen noch heute zahlreiche Spuren in und um Hanau von dem traditionsreichen Gewerbe aus vergangenen Zeiten. Viele ufernahe Straßen erinnern an das alte Handwerk: der Leinpfad in Großauheim etwa, genauso wie der Leineweg in Steinheim. Bis in unsere Tage waren auch die tiefen Rillen sichtbar, die das Schleppseil der Leinreiter im Laufe der Jahre in den Sandstein einer Brücke auf der Philippsruher Allee gefressen hat.

An der Mainpromenade in Großauheim zeigt ein Fresko des Künstlers August Peukert vorbeiziehende Leinreiter. Und auf der Mainwiese bei Großauheim sind noch Reste des mit Grauwacke, einem Sandstein, gepflasterten Leinpfades er-halten.

Eine Vergnügungsreise war das Treideln zu keiner Jahreszeit. An trockenen, heißen Tagen plagten Durst und Stechmücken Ross und Reiter. Bei Eis und Hochwasser kämpften die Pferde, teilweise bis zum Bauch im Wasser, gegen Kälte, tückische Strudel und reißende Strömung.

Oft standen die Tiere die Knochenarbeit nicht länger als ein Jahr durch, bevor sie ihr letzter Ritt zum Abdecker führte. Dementsprechend billig war das Fleisch der Tiere zur Zeit des Leinritts: Um die 20 Pfennig kostete ein Pfund Pferdefleisch im vergangenen Jahrhundert.

Doch auch für die Männer, die das Treideln besorgten, war die „Reise” von Frankfurt bis Aschaffenburg kein Zuckerschlecken. Aber die vergleichsweise gute Bezahlung entschädigte die rauhen Burschen für das harte Geschäft: Zwischen 60 und 90 Pfennig pro Kilometer betrug ihr Lohn Mitte des 19. Jahrhunderts. Den sollen sie meist schon auf dem Rückweg in einer der eigens für sie eingerichteten Gaststätten versoffen haben.

Getreidelt wurde auf dem Main seit Jahrhunderten. Selbst die Römer benutzten die Wasserstraße, um Tonziegel aus ihrer Heeresziegelei bei Großkrotzenburg an Kastelle und Siedlungen im Umkreis zu liefern. Ging es flussaufwärts, bedienten sie sich dabei der Muskelkraft ihrer Sklaven und Gefangenen, die dann an einer Schleppleine die Schiffe mit ihrer Fracht hinter sich her zogen. Lastentiere waren den Römern für diese Knochenarbeit wohl zu schade.

Erst die industrielle Revolution läutete den Niedergang der Leinreiterei ein. Mit der Erfindung der Dampfmaschine brach das Zeitalter der Kettenschifffahrt an. Anstelle des Peitschenknalls der Leinreiter war nun immer häufiger das Heulen der „Maakühe” zu hören, wie die Kettenschiffe im Volks­mund genannt wurden. Mittels einer Sirene, die sich anhörte wie das Heulen einer Kuh, warnten die Kapitäne der „Maakühe” entgegenkommende Schiffe - daher rührt dann der Spitzname.

Von weitem glichen eine „Maakuh” einer Fähre mit Schornstein: Die Schiffe waren etwa 50 Meter lang, sieben Meter breit und hatten einen Tiefgang von einem halben Meter. Bis zu 30 Schiffe

zog eine „Moakou”, wie die Krotzenburger sie nannten, aus eigener Kraft hinter sich her - eingefädelt in eine schmiedeeiserne Kette, die auf dem Grund des Mains lag und angetrieben durch eine Dampfmaschine.

Der Siegeszug der Eisenbahn bedeutete dann das endgültige Aus für die Leinreiterei. Schon seit 1848, mit dem Bau des Wilhelmsbader Bahnhofs, war. Hanau über die Schiene mit Frankfurt verbunden. Als dann 30 Jahre später der Hanauer Bahnhof mit seinen sechs Strecken hinzu kam und der Frachtverkehr immer mehr auf die Schiene verlegt wurde, mussten die Leinreiter ihre Pferde für immer ausspannen.

 

Zur Sache:

Wie gesagt - dürftig sind die Quellen, die über die Treidelschifffahrt am Main in unserer Region Auskunft geben.

Wer sich für die Leinreiterei und die Schiffahrt auf dem Main in vergangenen Tagen interessiert, sollte dem Heimatmuseum in Großkrotzenburg einen Besuch abstatten. Geöffnet ist das Museum am zweiten Sonntag eines jeden Monats von 10 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr. Wer Glück hat, trifft dort Eduard Hofmann, den ehemaligen Leiter des Heimatmuseums, der sein Wissen über die Treidelschiffahrt gern mit Besuchern teilt.

Wer sich lieber in seinen eigenen vier Wänden schlau machen will, dem sei das Buch „Unsere Heimat am Main - Ein Fluss im Wandel der Geschichte” von Eddi Daus empfohlen. Ein Exemplar des Buches befindet sich im Besitz der Hanauer Stadtbücherei.

Ebenfalls ein Experte in Sachen Leinreiterei in unseren Gefilden ist der Steinheimer Heimatforscher Anton Mahr, der zu diesem Thema bereits eine Reihe von Vorträgen gehalten und auch einige Schriften veröffentlicht hat.