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Reihe IV

 

 

Reihe IV

 

1. Advent: Offb. 5 , 1-14

Die Geschichte unsres eigenen kleinen Lebens und unsrer ganzen Welt ist voller Rätsel. Sie ist ein Buch mit sieben Siegeln. Das muß jeder auf seine Weise erfahren. Wir sehen es an unsrer persönlichen Last. Wer einen Krankheit und Unfall erfährt oder wenn uns ein Unrecht zugefügt wird oder wenn wir etwas nicht verstehen oder von anderen nicht verstanden werden.

Aber ein Rätsel bleibt uns auch die Welt, in der es Krieg, Hunger, Rassismus, Unterdrückung und wer weiß was alles gibt. Warum ist das so? Wohinaus soll das führen? Werden wir als Spielball des Schicksals sinnlos hin und her geworfen? Ist unser Leben eine einzige Berg- und Talfahrt, mit der wir uns abfinden müssen oder möglichst das Beste daraus machen sollten? Oder sollen wir alles nur seinem Lauf überlassen?

Wir können und müssen die Zukunft planen, ,aber wir können sie nicht machen. Vieles bleibt doch unsicher und ungewiß, und deshalb haben wir auch vielfach Angst vor der Zukunft. In jedem Menschenherzen wacht einmal die Frage auf, warum und wozu man schwere Schicksalsschläge hinnehmen mußte und welcher Sinn in der eigenen Lebensgeschichte liegt. Auch für einen Christen können solche Fragen zu einer Anfechtung werden, wenn ihm der Glaube an die Führung Gottes getrübt wird oder verloren geht.

Das Buch der Offenbarung des Johanes wendet sich an Christen, denen es auch so ging, die ganz besonders solche Fragen haben mußten. Sie wurden nämlich vom römischen Staat hart verfolgt. Sie glaubten an die Macht ihres Herrn Jesus Christus. Aber einstweilen hatte noch der Kaiser Domitian die Macht.

Dieser Kaiser hat skrupellos Blut vergossen. Seine politischen Gegner ließ er verschwinden oder brachte sie um. Unliebsame Menschen ließ in der Arena mit wilden Tiere kämpfen und freute sich, wenn sie zerfleischt wurden. Es war ihm ein Vergnügen, wenn sich die Gladiatoren gegenseitig niedermetzelten. Er freute sich, wenn man vor ihm zitterte. Ein Hauptziel seines Wütens waren die Christen, weil sie bei dem Kaiserkult nicht mitmachten und sich nicht der herrschenden Ideologie beugten. Die Christen ließen sich schon immer schlecht einordnen - selbst in sogenannten „christlichen“ Staaten -so daß sie in besonderer Weise den Haß der Herrschenden herausforderten.

Wie konnte man da einer bedrohten Gemeinde Trost und Hilfe geben? Der Seher Johannes konnte es tun, weil er einen Blick in den himmlischen Thronsaal Gottes tun durfte. Er erlebt sozusagen einen Gottesdienst im Himmel mit, von dem unser irdischer Gottesdienst nur ein schwacher Abglanz sein kann.

Zunächst geht es um das Buch mit sieben Siegeln. Gott hat es auf seiner rechten Hand. Er hält es anbietend hin, damit es jemand nimmt, der die Siegel aufbrechen kann  Aber niemand ist dazu fähig, niemand kann das Buch öffnen und seinen Inhalt erklären. Dabei wäre das so unheimlich wichtig. Das Buch enthält nämlich der Plan Gottes für die weitere Geschichte der Welt und der Kirche. Hier ist der unverbrüchliche Wille Gottes in Form eins rechtsgültigen Dokuments niedergelegt. Was auch kommt - Gott hat es beschlossen, das soll die Gemeinde wissen.

Aber wenn niemand das Buch öffnen kann, bleibt es ein Geheimdokument, dann kann es nicht vollstreckt werden. Denn indem ein Siegel nach dem anderen aufgebrochen wird, geschieht auch tatsächlich im Himmel und auf Erden, was Gott in dem Buch festgelegt hat. Die Heilsgeschichte ist also da, aber nicht zugänglich.

Dabei wäre es unbedingt notwendig, über den Plan Gottes Bescheid zu wissen. Die Gemeinde wird ja verfolgt und vermag an dieser Situation von sich aus auch nichts zu ändern. Der Seher muß das unheimliche Schweigen quälend empfunden haben, jene peinigende Unfähigkeit, das Buch aufzutun und damit das von Gott vorgesehene Geschehen in Gang zu bringen. Die Gemeinde möchte gern den Arm Gottes bewegen, aber es rührt sich nichts, die Heilsgeschichte stockt. Da kann man nur weinen, weil nichts weiterrückt und alles Geschehen total gelähmt ist.

Der Trost kommt vorn einem der 24 Ältesten, die um den Thron stehen und die sowohl die alttestamentliche als auch die neutestamentliche Gemeinde repräsentieren. Er weist hin auf den im Alten Testament verheißenen Messiaskönig, der nun die Macht hat, Gottes Plan mit der Welt Zug um Zug durchzuführen. Dem Seher wird gesagt: „Weine nicht! Christus ist ja der Sieger!“

Allerdings erscheint dieser Christus dann doch anders, als man es zunächst erwartet hatte: Er ist ein Lamm, das sich ohne Widerstreben hat schlachten lassen. Und doch ist er kein kleines wehrloses Lämmchen, wie man es oft auf Bildern sehen kann. Dieses Lamm hat sieben Hörner, die seine Fülle und Kraft andeuten.  Und es hat sieben Augen‚ mit denen es alles sieht und durchschau, auch die Not der Gemeinde. Dieses Lamm ist der Sieger geblieben, es ist in Wahrheit ein Löwe!

Dieser Lamm allein ist würdig, die sieben Siegel zu öffnen, denn es hat mit seinem Blut die Menschen aus allen Völkern erkauft. Der Kaiser Domitian war nicht würdig. Er ließ sich zwar wie ein Gott verehren und hatte überall Gottesdienste zu seinen Ehren eingerichtet. In der kaisertreuen Stadt Ephesus (in deren Nähe sich Johannes ja aufhielt) wurde er besonders unterwürfig verehrt. Aber aller Macht- und Prachtaufwand des Kaisers war eben nur eine kümmerliche und lächerliche Nachahmung des göttlichen Gottesdienstes. Ein Kaiser ist eben kein Gott!

Damit wird aber doch gesagt: Wir brauchen uns nicht zu fürchten. Jesus hat die Macht der Gewaltigen gebrochen. Er ist stärker als Mächtigsten dieser Welt. Die politischen Machthaber sind dabei heute nicht so gefährlich, jedenfalls nicht bei uns. Wie ist es aber mit den Mächten wie zum Beispiel Unglück und Leid? Christus ist auch stärker als diese  Mächte, die so oft das Leben des Einzelnen bedrohen. Vor nichts und niemand brauchen wir Angst zu haben. Denn Jesus ist der Herr der Geschichte, die anderen sind nur kleine Rädchen.

Allerdings sieht die Macht dieses Christus ganz anders aus als irdische Macht. Er verschmäht ja bewußt alles, worauf der Kaiser seine Gewaltherrschaft aufbaut und womit er sie aufrecht erhält. Er geht als Sündenbock ans Kreuz und Trägt die Sünde anderer. Es ist eine stille Macht, die er ausübt. Wer davon nichts weiß, wird auch vor einem solchen König nicht viel Respekt haben.

Auch wir erliegen immer wieder denn Glauben an die Gewalt. Entweder beugen wir uns zu schnell einer weltlichen Macht, oftmals schon wenn sie nur angedroht wurde. Oder wir verlassen uns im Notfall doch lieber auf „groß Macht und viel List“, um uns selber zu retten. Sicherlich wissen wir in der Theorie, daß nur Jesus unser Helfer ist. Aber wenn wir selber in Bedrängnis kommen und nervös werden oder verzagt, dann halten wir doch noch nach andern Helfern Ausschau.

Aber all das ist natürlich nutzlos und sinnlos. Wir müssen uns vor Augen halten: Unter uns ist nicht die Hölle los, aber wir haben auch nicht den Himmel auf Erden.  Aber Jesus Christus ist unterwegs, um alles neu zu machen. Aber er geht seinen eigenen Weg. Seine Herrlichkeit verbirgt sich unter seiner Niedrigkeit.

Auch für uns liegt die Zukunft nur in seiner Art. Wir werden vielleicht widerstreben, wenn wir auch zu Sündenböcken gemacht werde sollen. Aber solche Leute sind notwendig in der Familie und am Arbeitsplatz, wenn es in unsrer Welt einigermaßen weitergehen soll. Das Vorbild Jesu kann dabei Kraft geben, manches auszuhalten, was man an sich gar nicht verdient hat.

All das wird nicht abgehen ohne Hingabe unsrer Zeit und Kraft, unsrer Liebe und unsres Geldes, unsrer Nerven und unsrer Bequemlichkeit. Doch dies bleibt nicht ohne Verheißung. Wer so handelt, wird immer mehr die Macht Jesu in dieser Welt spüren.

Solange die Weltgeschichte noch nicht an ihr Ende gekommen ist, wird die verborgene Herrschaft Christi aber die Welt nur im Bekenntnis und im Leben der Gemeinde deutlich. Wenn der himmlische Hofstaat zum Lobpreis vor der Lamm niederfällt, dann sind die Christen mit ihren Gebeten daran beteiligt. Lob und Anbetung Gottes helfen, über die bedrängende Ge­gen­wart hinauszuschauen auf den König Jesus Christus.

Wenn wir mit den Problemen unsres Lebens fertigwerden wollen, auch mit den oft bedrängenden Zwängen und Notwendigkeiten unsres Alltags, denen wir uns nicht entziehen können, dann hilft nur eins: auf dem gekreuzigten Christus sehen, ihn anbeten und von ihm alles

Erwarten  Das holt die Zukunft schon zu einem Stück in unsre Gegenwart hinein       und hilft dazu, diese Gegenwart zu bestehen.

 

 

2. Advent: Jes 63, 15 - 64, 3

„Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Das ist doch auch sicher schon oft unser Wunsch gewesen: Gott möge kommen und endlich einmal allen seine Macht zeigen. Dann könnten wir endlich beweisen, daß wir mit unserem Glauben an Gott recht haben und daß nicht alles nur eine Einbildung gewesen ist, worauf wir vertraut haben.

So aber erleben wir praktisch jeden Tag: Da ist einer jahrelang krank. Ein gläubiger Mensch, aber er muß doch soviel durchmachen, oft mehr als andere. Ist das nicht ein Beweis dafür, daß es keinen Gott gibt? Wir sehen, wie die Kirche in der Öffentlichkeit nicht mehr die Rolle spielt wie früher. Und Gleich­gültigkeit und Glaubenslosigkeit haben um sich gegriffen. Der Gottesdienstbesuch geht zurück. Wir müssen es sogar erleben, daß die Kirche bekämpft, verdächtigt und an den Rand gedrängt wird. Wie gut täte es uns dann, wenn Gott wirklich einmal seine Macht erwiese!

Oder denken wir an den Zustand unser Welt: Unzählige Menschen kommen um, durch Gewalt und Krieg. Viele müssen hungern und können nicht ihre primitivsten Bedürfnisse befriedigen. Es gibt schwere Naturkatastrophen, die unzähligen Menschen das Leben kosten. Wo spüren wir da etwas von der Macht Gottes? Wir haben ein neues Kirchenjahr begonnen. Aber die Welt hat sich daran gewöhnt, ohne Gott zu leben .Advent will uns auf die Ankunft Gottes hinweisen. Aber wo zeigt sich noch etwas vom Einbruch Gottes in unsre Welt? Ist das nicht einfach eine schöne Illusion?

Es mag uns trösten, daß solche Fragen auch schon vor Tausenden von Jahren zur Zeit des Jesaja aufgebrochen sind. Es handelt sich hierbei schon um der dritten Jesaja, der die Zerstörung des Tempels in Jerusalem und die Vertreibung des Volkes nach Babylonien mitgemacht hatte. Das war eine schwere Enttäuschung für das ganze Volk gewesen: Gott hatte ihren Vorvätern doch immer wieder geholfen, er hatte ihnen und vor allem ihren Feinden doch seine Macht gezeigt. Sie hatten doch ihre guten Erfahrungen mit Gott.

Aber nun scheint dieser Gott sie im Stich gelassen zu haben. Fern der Heimat müssen sie in der Gefangenschaft leben. Sie sind sich sogar unsicher, ob die Macht ihres Gottes bis in dieses ferne Land reicht. Nur ein neuer Machterweis Gottes könnte sie aus ihren Zweifeln herausholen.

Mit dem Schweigen Gottes finden sie sich nicht ab, sondern sie reden weiter mit Gott. Man kann mit ihm reden, auch wenn man den Eindruck hat, er sei weit weg. Wir dürfen uns in unsere Anfechtungen nicht vergraben, sondern dürfen sie Gott offenherzig sagen.

Unser Glaube ist eben immerzu der Anfechtung ausgesetzt. Glauben hat man nicht Ein für allemal, sondern man empfängt ihn immer wieder neu. Die Adventszeit ist eine Gelegenheit dazu, eine Zeit der Besinnung und der Umkehr und der erneuten Vergewisserung des Glaubens. Deshalb soll es hier nicht nur um die Anfechtung gehen‚ sondern um deren Überwindung. Wir haben nicht einen abwesenden Gott, der sich hart gegen uns hält, sondern wir haben einen Gott, der unser Gebet erhört und zu uns kommt.

Beim Advent geht es gar nicht so sehr um das Warten der Menschen, sondern mehr um das Kommen Gottes. Gott selber ergreift die Initiative und macht sich uns auf. Der Himmel ist schon aufgerissen. Das bedeutet nun aber:

 

1 .Gott läßt mich sich reden: Die Israeliten fühlten sich von ihrem Gott wie abgeschnürt und losgetrennt. Diese Meinung kann sehr schnell aufkommen, wenn alles wie am Schnürchen läuft, dann scheint sich Gott zu erübrigen. Und in Zeiten schweren Unglücks wiederum meint man, Gott habe versagt und sich selbst widerlegt.

Aber Gott ist eben nicht tot, sondern er ist nur ganz anders, als wir immer denken. Das war die schmerzliche Erfahrung auch der Leute, deren Klagelied wir hier vor uns haben. Sie fühlten sich von Gott getragen und geführt, nun aber finden sie sich verlassen und preisgegeben.

Und doch kommt es bei ihnen nicht zu dem Kurzschluß, den viele heute machen. Gott wird zwar herausgefordert und fast schon angeklagt. Aber man distanziert sich dennoch nicht von Gott.

An sich wäre das doch nur natürlich, wenn einer nichts mehr mit mir zu tun haben will, dann ziehe ich mich eben auch von ihm zurück. Israel aber trägt seinen Schmerz über die Abkehr Gottes gerade seinem Gott vor. Man weiß eben: Gott läßt mit sich reden. Man kann ihn sogar bedrängen und sagen: „Kehre um!“ Hier wird das gleiche Wort verwendet, wie wenn ein Mensch zur Buße aufgefordert wird. Gott läßt sich das gefallen, ja er will doch geradezu so angerufen werden.

Damit wir immer Mut haben, uns an Gott zu wenden, können uns vielleicht einige Überlegungen helfen: Es ist gut, wenn man in der Gemeinschaft anderer Beter steht. Ein anderer hat unter Umständen ganz andere Erfahrungen gemacht und kann uns wieder aufrichten. Er kann uns deutlich machen: Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende, sondern er hält nur eine Zeitlang an sich, aber es wird auch wieder anders werden.

Denken wir an eine junge Frau, die wegen ihrer Krankheit vor zwei Jahren so weit war, daß sie nicht mehr leben wollte. Die Gemeinschaft mit anderen Christen und die Beschäftigung mit Gottes Wort hat sie wieder so aufgerichtet, daß sie jetzt geradezu ein lebensfroher Mensch geworden ist.

Wir können uns auch an das erinnern, was Gott in früherer Zeit getan hat, was wir selbst erfahren haben. Wir dürfen Gott an sein immer noch gültiges Wort erinnern, wir dürfen ihn auf seine Verheißungen festnageln. Ja wir dürfen sogar gewissermaßen Gott gegen Gott ausspielen, nämlich dem gnädigen Gott gegen den zornigen Gott: „Du bist unser Vater. ‚Unser Erlöser‘, das ist von alters her dein Name!“

Gottes Liebe ist keineswegs dahin. Seine Barmherzigkeit hat nicht aufgehört, er hält nur an sich. Wir sind von Gottes Barmherzigkeit im schlimmsten Fall nur wie durch eine dünne Wand geschieden. Wenn wir ihn auf seine Verheißungen ansprechen, geht der Himmel auf. In dem Augenblick, in dem wir Kontakt zu ihm aufnehmen, ist die Lage schon grundlegend anders.

 

2. Gott steigt zu uns herab: Wir können zwar nicht mehr das alte Weltbild aufrechterhalten, so als wohne Gott irgendwo über den Wolken und brauche nur herabzukommen. Aber wir dürfen ihn doch bitten, aus seiner Verborgenheit hervorzubrechen.

Im Alten Testament stellte man sich das noch als ein großes geschichtliches Ereignis vor: Gott wird durch sein wunderbares Eingreifen die Feinde Israels vernichten! Auch die Natur wird dabei mit einbezogen sein: Berge beben, ein Brand entsteht und es entsteht eine Bewegung, wie wenn nasser zum Kochen kommt. Gott wird Taten tun, vor denen den Menschen angst und bange wird.

Doch Gedanken dieser Art werden im Neuen Testament kräftig korrigiert. Die Strategie der Stärke ist nicht Gottes Sache. Er verzichtet auf jedes Prestige und läßt die Welt nicht erzittern: Wer ihm widerstehen will, der kann es.

Es kommt nicht zu der erwarteten Machtdemonstration Gottes: Jesus reitet auf einem Esel in Jerusalem ein, seine Leute sind unbewaffnet, die Berge beben nicht. Und der Christus, der den Himmel aufreißt, geht selbst ans Kreuz.

Aber in diesem Jesus ist der Himmel für uns aufgegangen, in ihm ist Gott zu uns herabgefahren. Jesus sucht die Menschen auf, knüpft Verbindungen, lädt ein. Er löscht das alte Leben aus und läßt ein neues beginnen. Er bereitet auf das Reich Gottes vor. Gott selber hat eine neue Lage geschaffen.

 

3. Gott dringt in uns ein: Soll uns der Himmel aufgehen, dann müßte Jesus nicht bloß unter uns, sondern auch in uns sein; so wie es in dem Lied heißt: „Unser Herz zum Tempel zube­reit!“ Aber zunächst einmal ist in unserem Herzen ja noch etwas anders: unsre Sünde und Schuld. Diese kommt aus uns selber und ist nicht von Gott geschickt. Es wäre abwegig, wenn wir uns von Schuld freisprechen wollten und sagten: „Du, Gott, hast mich ja so gemacht!“ Es wäre bequem und sogar gotteslästerlich, wenn wir alles auf Gott abschieben wollten. Aber dem steht schon unser Gewissen entgegen.

Andererseits ist zu sagen: Nur mit Jesu Hilfe werden wir inneren Frieden erlangen. Er war bereit zu vergeben; dadurch machte er Menschen fähig, selbst zu vergeben. Wir dürfen ihn um Kraft bitten, daß wir ihm darin nachfolgen und ihm ähnlich werden können. Böses kann dort nicht geschehen, wo Menschen sich der gnädigen Gegenwart Gottes bewußt sind. Jeder gewonnene Kampf um den Gehorsam stärkt aber.

In der Adventszeit werden wir darauf hingewiesen, daß das möglich ist: Gott hat sich zu uns bekehrt. Nun können wir uns auch zu ihm bekehren. Der Himmel ist wirklich aufgerissen und uns damit ein neues Leben ermöglicht. Gottes Advent ist der Angriff auf unsere Herzen. So will Gott uns gewinnen. Wir haben das Recht, auf Gottes Kommen zu warten.

 

 

3. Advent: Röm 15, 4 - 13 (Variante 1)

„Seid nett zueinander!“ Mit diesen Worten warb eine Zeitung nach dem Krieg um Wärme und Verständnis unter den Menschen gerade in der Zeit vor dem Weihnachtsfest.  Damals konnte man sich kaum sorglos auf das Fest freuen. Zu sehr brannte die Not unter den Nägeln. Zu groß waren die Verluste an Menschen und Gütern. Zu stark die Enttäuschung über zerbrochene Ideale. Jeder war sich selbst der Nächste.

Seitdem hat sich vieles verändert. Hunger und Kälte sind nicht mehr das wichtigste Thema. Die Wunden des Krieges vernarbten. Es wuchsen auch neue Ideale und Hoffnungen. Aber die Aufforderung  „Seid nett zueinander!“n hat sich nicht erübrigt. Sie ist im Grunde zu jeder

Zeit nötig.

Auch heute versuchen Viele, ihr Leben abgeschlossen zu gestalten: Sie haben ihre Familie, darüber hinaus noch ein paar  Verwandte und Freunde, aber sonst nichts. Wenn man nach der Arbeit nach Hause kommt, dann wird die Tür zugemacht und keiner mehr hereingelassen. Zu diesem Zweck gibt es ja extra Türen, die nur von innen zu öffnen sind.

Zu dieser Abgeschlossenheit im Erlebnisbereich kommt dann noch eine Starre im Bereich der Meinungen und Urteile. Man ist oft nicht bereit, die Gedanken des anderen ein Stück weit mitzugehen oder sie auch nur anzuhören und zu überprüfen. Jeder hat schon seine Meinung und ist nur schwer davor abzubringen. Mehr Geduld wäre da oft doch nötig.

Paulus fordert dazu auf: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob!“ Oder wie Karl Barth übersetzt hat: „Haltet Gemeinschaft untereinander, wie auch Christus euch Gemeinschaft gewährt hat!“.Das gilt im Verhältnis zwischen Mann und Frau, im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern und auch für die christliche Gemeinde.

Liebende stellen sich die Ehe in der Regel in den rosigsten Farben vor. Jeder sieht im anderen sein Idealbild und hebt ihn in den Himmel. Aber spätestens wenn die Flitterwochen vorbei sind, sieht manches schon anders aus. Vielleicht hat es schon den ersten Krach gegeben und man hat schon manchen Fehler an dem anderen entdeckt. Da gilt es, den anderen mit all seinen Fehlern und Schwächen, aber auch seinen Vorzügen und angenehmen Seiten anzunehmen.

Oft versucht dann der eine, den anderen umzumodeln nach dem Bild, das er sich von ihm gemacht hat. Aber das geht nicht. Jeder Mensch ist eine eigene Persönlichkeit und will als solche ernst genommen werden. Deshalb gilt es, jeden aus Gottes Kind zu nehmen, so wie Gott ihn geschaffen hat. Wer nur einfach Recht haben will, der ist nie im Recht. Das Recht des anderen hat den Vorrang.

Auch im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern kommt es zwangsläufig zu Spannungen. Schon zu jeder Zeit waren die Anschauungen der Jugend etwas verschieden von denen der Alten. Das muß auch so sein, denn sonst gäbe es keinen Fortschritt. Insofern ist es falsch, wenn Eltern von ihren Kindern erwarten‚ daß sie der Alten alles nachmachen. Kinder sind kein haargenaues Abbild ihrer Eltern und müssen ihren eigenen Weg gehen.

Viele Eltern wollen, daß die Kinder eine Kopie ihrer selbst werden. Oder sie wollen, daß die Kinder es einmal besser haben als sie selber: Die Tochter soll genießen, was der Mutter versagt war. Der Sohn soll das Berufsziel erreichen, das der Vater nicht geschafft hat. Doch Kinder sind keine Marionetten, bei denen man nur am Faden zu ziehen braucht und sie parieren dann schon. Es muß jeder auf die Eigenarten des anderen Rücksicht nehmen und auf ihn eingehen.

Den Ehepartner kann man sich ja noch aussuchen (auch wenn dann mancher nachher meint, er habe sich verwählt). Aber Kinder und Eltern kann man sich nicht aussuchen. Da besucht ein frischgebackener Vater seine Frau in der Klinik, wo sie das Kind geboren hat. Seine erste Frage: „Wie sieht er denn aus, unser Sohn?“ Doch             die Mutter gesteht etwas kleinlaut: „Unser Sohn ist eine Tochter!“

Welche Tragödien spielen sich doch manchmal ab, wenn ein Sohn erwartet wurde und es war „nur“ ein Mädchen. Aber auch ein Mädchen ist ein Geschenk Gottes und als solches anzunehmen. Eigentlich ist es sogar besser, wenn man nicht aussuchen kann, denn da muß man den anderen so annehmen, wie er ist.

Die Adventszeit gibt uns wieder einmal Gelegenheit, uns das alles einmal durch der Kopf gehen zu lassen. Wie will man  Weihnachten feiern und Gott loben für seine Tat, wenn man untereinander zerstritten ist und einander nicht gelten läßt. Streit beruht immer auf der Meinung, daß ich allein weiß, wie man leben soll und was man tun darf. Wer aber der anderen annehmen will, der richtet der Blick von sich selbst weg. Er hat Geduld, wo sie angebracht ist. Er tröstet, wo er kann. Und er hat eine Hoffnung für die Zukunft.

Geduld, Trost und Hoffnung sind die Hauptstichpunkte in diesem Abschnitt des Römerbriefs. Es gab Zeiten, da hatte die Hoffnung nur noch einen Platz bei den sogenannten „letzten Dingen“, wenn es also um das Erde der Welt und des eigenen Lebens ging. Heute richten sich unsre Hoffnungen mehr auf das berufliche Fortkommenden, den Urlaub, die Wohnung, ein Leben in Frieden und Sicherheit und Wohlstand.

Aber beides muß sich nicht gegenseitig ausschließen. Hoffnung hat etwas mit dem Glauben zu tun. Sie ist das Hinschauen auf das Kommende oder besser gesagt: auf  d e n Kommenden. Hoffnung hat etwas von der adventlichen Vorfreude auf das ReichGottes. Unsere irdischen Hoffnungen sollten dem untergeordnet sein.

Auch in der Gemeinde gibt es da sicher noch manches zu verbessern. Wir können uns ja nicht aussuchen‚ zu welcher Gemeinde wir gehören und wer noch alles mit dazu gehört. Da ist vielleicht mancher dabei, der uns nicht paßt oder dem wir sogar aus dem Weg gehen. Geduld

und Hoffnung wären da nötig. Die Gemeinde bietet nun einmal ein breites Spektrum von Menschen und Meinungen: Die einen fordern neue Lieder und Diskussionen, die anderen die alten Choräle und eine richtige Predigt. Der eine will alles verändern, der andere hat seine Mühe bei der Erhaltung und Bewahrung des Bestehenden. Die einen wollen einen Gemeinderaum, die anderen schwören auf die Kirche‚ auch wenn sie kalt ist („sakraler Kühlschrank“ hat man das genannt).

Meinungsverschiedenheiten gibt es überall. In Rom ging es damals um die Frage, ob man als Christ Fleisch essen darf, weil die Tiere alle im heidnischen Tempel geschlachtet wurden. Die einen hatten da Bedenken, ihr Glaube würde durch diese Berührung mit dem Heidentum gefährdet. Die anderen sagten: Mit dem Glauben hat das gar nichts zu tun, Hauptsache, es schmeckt uns! Wie man solche Meinungsverschiedenheiten austrägt, das zeigt der wahren Menschen, zeigt etwas davon, wie es mit seinem Glauben bestellt ist.

Aber es geht nicht nur darum, den Streit der Vergangenheit zu bewältigen, sondern auch die Zukunft besser zu gestalten. Mancher sagt: „Man müßte etwas Großes tun, was dem anderen nützt!“ Aber er sagt noch nicht: „Jetzt muß ich etwas tun!“

Einer, der etwas getan hat, war Danilo Dolci. Er stammte aus Triest und wollte eigentlich Architekt werden. Doch dann ging er in  das Dorf zurück, in dem sein Vater vorübergehend Stationsvorsteher war. Er wollte für die Fischer und Bauern dieser Gegend arbeiten. Im Jahre 1952 erreichte er es durch einen Hungerstreik, daß eine Straße und ein Damm gebaut wurden.

In einem Gebiet mit hoher Arbeitslosigkeit kämpfte er für das Recht auf Arbeit. Nicht alles, was er in Angriff nahm, gelang sofort. Aber er glaubte fest daran, daß man Schwierigkeiten überwinden kann.

Die Hoffnung ist ein  wichtiger Teil unsres Lebens Das wollen wir uns besonders wieder in dieser Adventszeit sagen lassen. In der Zeit des Alten Testaments hoffte man noch auf den, der aus der Wurzel Jesse kommen sollte, auf den Nachkommen Isais und Davids.  Wir wissen, daß dieser in Jesus gekommen ist. Deshalb haben wir noch mehr Grund zur Hoffnung.

Dieser Jesus wird eine Welt heraufführen,  die dem Willen Gottes entspricht. Wir haben dieses Hoffnungsbild schon vor Augen. Das macht es uns leichter, diesem Bild immer mehr nachzueifern und ihm immer ähnlicher zu werden. Wir werden Geduld lernen, mit unsrem Mitmenschen auszukommen. Und wir werden alles vom Gott der Hoffnung erwarten und zu seinem Frieden finden.

 

 

3. Advent: Röm 15, 4 - 13 (Variante 2)

Der Papst hat angeordnet, daß Männer mit homosexueller geschlechtlicher Ausrichtung nicht Priester werden dürfen. Und wenn sie schon im Amt sind, dann dürfen sie nur bleiben, wenn sie mindestens drei Jahre keusch gelebt haben. An sich ist das nur folgerichtig, denn wenn ein katholischer Priester es nicht mit einer Frau haben darf, dann soll er es natürlich auch nicht mit einem Mann haben. Aber das erst im Lauf der Kirchengeschichte in die Kirche eingeführte Gebot der Ehelosigkeit ist an sich schon menschenfeindlich, widerspricht der Bibel und stößt bei uns auf Unverständnis. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr wir doch auch heute noch von der katholischen Kirche entfernt sind. Da ist es gar nicht so leicht, untereinander einträchtig gesinnt zu sein und einander anzunehmen, wie Paulus es von der Gemeinde in Rom und damit auch von uns fordert.

Aber sagen wir nicht, daß es nicht auch bei uns in der Kirche Meinungsverschiedenheiten und extreme Ansichten und Handlungen gibt. In einer Gemeinde hatte der Pfarrer am Kreuz in der Kirche eine rote Aids-Schleife angebracht. Das fand mancher unpassend. So eine Schleife, die zur Solidarität mit dem Aidskranken einlädt, ist nicht falsch. Aber ob es in der Kirche keinen anderen Platz gibt für so eine Schleife als das Kreuz auf dem Altar, ist doch immer noch die Frage.

Auf der anderen Seite des Spektrums in der Kirche stehen so Leute wie der amerikanische Präsident Busch, der für ein enges wörtliches Verständnis der Bibel eintritt und zum Beispiel der Ansicht ist, daß alle Menschen von einem Ehepaar Adam und Eva abstammen, das tatsächlich gelebt hat. Aber wir brauchen gar nicht nach Amerika zu gehen, auch der frühere thüringische Ministerpräsident Althaus hat gefordert, ein entsprechendes Buch im Schulunterricht zu verwenden.

Es gibt also eine große Spannweite der Meinungen in der Kirche. Das ist auch nicht falsch oder schädlich. Ich halte es für richtig, wenn in Vereinen oder Parteien über den richtigen Weg gestritten wird und Kampfabstimmungen stattfinden und man sich auch einmal richtig fetzt. Nur nach außen macht das leider einen schlechten Eindruck und kostet vielleicht Wählerstimmen. Aber da müßten wir vielleicht umlernen, denn das ist alles nur demokratisch und dient der Wahrheit.

In der Kirche muß nicht alles einheitlich gestaltet sein (Das will ja die katholische Kirche mit ihrer Unfehlbarkeit der päpstlichen Verordnungen erreichen). Ein Kollege hat mich einmal kritisiert, weil ich in einer Predigt mehrmals „vielleicht“ gesagt habe: Damit verunsichere man die Gemeinde, weil der eine oder andere denken könnte, ich wäre mir nicht sicher im Glauben. Natürlich steht die Grundüberzeugung fest. Aber das bedeutet doch nicht, daß man in Einzelfragen nicht unterschiedliche Folgerungen ziehen darf. Ich wollte nur die Freiheit lassen, selber auch eigene Meinungen zu finden und meine eigene Meinung nicht als die allein seligmachende verstehen.

Wenn Paulus hier die Gemeinde in Rom zur Eintracht auffordert, dann hat er den Streit zwischen den sogenannten „Starken“ und den sogenannten „Schwachen“ vor Augen. Die einen meinten, man könne ohne Bedenken alles Fleisch essen, auch wenn es aus den Opferungen im heidnischen Tempel stammt, das beeinträchtige den Glauben nicht. Die anderen aber dachten, sie würden sich durch den Genuß dieses Fleisches verunreinigen.

Die Gefahr bestand nun, daß die eine Gruppe der anderen die Gemeinschaft aufkündigt. Dabei ging es doch nur um eine Frage der Lebenspraxis und nicht wie bei der Reformation um die Wahrheit des Glaubens. Paulus rechnet sich selber zu den „Starken“, aber er will den sogenannten „Schwachen“ nicht seinen Standpunkt aufdrängen, um so die Einheit der Gemeinde zu retten.

Paulus denkt von Christus her und sagt: Keiner von uns ist der Richter des anderen. Christus ist für alle gekommen und gestorben. Er bindet alle zusammen, die innerhalb der Gemeinde sind und darüber hinaus alle Menschen in allen Völkern. So darf gerade in dieser Advents- und Weihnachtszeit dieser unser Trost und unsre Hoffnung sein: Gott hat uns in Christus angenommen. Darum sind wir untereinander verbunden und auch weltweit vereint.

 

1. Untereinander verbunden: Wer die Kirche zu leiten hat, muß auf ihre Einheit bedacht sein. Die Bildung einander widerstreitender Gruppen und Richtungen ist ein altes Leiden der Kirche. Da gibt es große Unterschiede im Frömmigkeitstyp und im christlichen Lebensstil. Die Vorstellungen, was Gemeinde ist und in welchen Formen sie lebt und arbeitet, gehen doch oft weit auseinander, von den Katholiken bis zu den erzkonservativen Evangelikalen. Aber die Vielfalt muß kein Leiden sein, wenn nur die Einheit gewahrt bleibt. Wenn Präsident Bush mehr an Adam und Eva glaubt als an Gott, dann spreche ich ihm den Glauben nicht ab. Aber er soll mir auch meine Überzeugung lassen.

In der Kirche freut man sich über die Vielfalt der Gaben. Es genügt, wenn alle zusammen bleiben und einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat zu Gottes Lob. Das bedeutet nicht, daß wir alle ein weites Herz haben und alles gelten lassen sollen. Es geht nicht einmal darum, daß wir Andersdenkende gelten lassen, sondern über uns entscheidet der Herr, besser gesagt: Er hat schon über uns entschieden, denn er hat uns angenommen, wie wir sind.

In der Kirche leben wir nicht von dem, was wir sind und tun, sondern von dem, was Gott ist und tut. Dann hat auch keiner mehr etwas vor dem anderen voraus. Nicht die von uns ausgehandelten Gemeinsamkeiten schließen uns zusammen, sondern die grundlose Liebe unsres Herrn.

Daß Christen in der Einheit des Glaubens beisammenbleiben, ist aber eine Sache der Hoffnung. Den gegenwärtigen Zustand der Kirche können wir aushalten, weil wir eine Hoffnung haben und Gott noch nicht mit uns am Ziel ist. Eines Tages wird Christus kommen und all unsren Spielarten von Kirche ein Ende setzen. Deshalb dürfen wir uns heute schon gespannt darauf warten, was Gott noch aus uns und den anderen machen wird.

Gott ist ein Gott der Geduld, des Trostes und der Hoffnung. Vor allem das Wort „Hoffnung“ ist das leitende Wort in diesem Bibeltext, der wohl aus diesem Grund auch für die Adventszeit ausgewählt worden ist.

 

2. Weltweit vereint: Innergemeindliche Probleme kehren im Verhältnis zu den Heiden in vergrößertem Maßstab wieder. Aber wenn Christus Menschen unverdientermaßen annimmt, dann vereint er uns auch mit den Menschen aus allen Völkern. Auch die sind unsre Brüder und Schwestern, von denen wir meinten, sie könnten nie zu uns gehören. Innerkirchliche Enge und ein genießerisch-selbstgefälliges Zurückziehen wäre eine Verleugnung der Einladung Jesu.

Nur geschieht dieses Zusammenwachsen nicht automatisch. Deshalb hat sich ja Paulus auf den Weg gemacht, um die Einladung seines Herrn an den Mann zu bringen. Gottes Heil ereignet sich in der Geschichte, nicht über die Köpfe hinweg, sondern in den Köpfen und Herzen konkreter Menschen. Deshalb spielen wir auch jedes Jahr neu die Weihnachtsgeschichte, in die auch die Fremden aus dem Morgenland und selbst die Tiere einbezogen sind.

Allerdings geht Gott einen bestimmten Weg durch die Welt: Christus hat sein Werk zunächst unter den Juden getan.

Vielen Christen ist gar nicht bewußt, daß Jesus ein Jude war und in der jüdischen Tradition aufgewachsen ist. Er hat sich sogar bewußt zum Diener der Juden gemacht. Damit ist Gott einen erstaunlich schmalen Weg gegangen, hat ganz klein angefangen, in einem Stall und in einem abgelegenen Winkel der Welt. Er hat erst einmal seine alten Zusagen eingelöst, denn er macht wahr, was er verspricht. Und dann hat er auch die Heiden einbezogen, hat er auch uns einbezogen.

Paulus beschreibt hier vier Schritte: Erst fängt einer an, mitten in nichtchristlicher Umgebung Gott zu loben. Dann macht Gott den Nichtchristen Mut, sich mit den Christen zu freuen. Darauf werden alle Völker aufgerufen, ihrerseits Gott zu loben. Und schließlich geht die Hoffnung der Völker auf das Kommen eines neuen Königs in Erfüllung, die Hoffnung auf den Nachkommen Isais, der als neuer David ein gerechter Herrscher sein wird.

Anfangs dachte man dabei an einen irdischen König, der ein friedliches, freies und sorgloses Leben im politischen Rahmen ermöglicht. Das wird uns davor bewahren, unsre Verantwortung für die Welt nur darin zu sehen, daß wir hin und wieder milde Gaben für die Notleidenden dieser Welt geben, vor allem natürlich an Weihnachten. Es muß auch um gerechtere Ordnungen in der Welt gehen, dämmt solche Hilfsaktionen gar nichts erst nötig werden.

Daß uns Christus annimmt, vereint uns weltweit. Alle Menschen sind Gott willkommen, auch wir selbst. Wir sollten keinen anderen Menschen mehr anders ansehen als im Zeichen dieser Hoffnung. An Advent und Weihnachten könnten wir immer mehr nach Einigkeit suchen, in unserer Familie, in unserer Umgebung, in der Kirche und in der Welt.

 

 

4. Advent: 2. Kor 1, 18 - 22

Macher wird Besuch zu den Festtage erwarten. Wenn er angekündigt ist, haben wir uns schon darauf eingestellt. Aber was ist, warn wir vergeblich warten und die Gäste kommen nicht, geben vielleicht nicht einmal Nachricht? Dann sitzen wir da und grübeln: „Woran mag es liegen? Ist jemand krank geworden oder gar ein Unfall geschehen? Oder haben sie den Termin einfach vergessen? Nehmen sie das Versprechen nicht so ernst? Gilt eine Zusage nichts mehr? Ein Ja soll doch ein Ja und ein Sein soll doch ein Nein sein!“

Wieviel leichter und unbeschwerter wäre unser Zusammenleben‚ wenn wir zuverlässig wären. Wie oft werden wir mit einem Ja abgewimmelt, aber der andere denkt: „Daraus wird sowieso nichts!“ Da verspricht ein Handwerker einer alten Frau: „Morgen Nachmittag komme ich!“ Und als sie fort ist, fragt er seinen Gesellen:“Wer ist dein das eigentlich gewesen?“ Mancher läßt sich auch schnell umstimmen und bricht sein gegebenes Wort.

Ob die Betreffenden sich nicht überlegen, daß sie einmal dafür zur Rechenschaft gezogen werden könnten, von Menschen und erst recht vor Gott?  Es ist schlimm, daß wir in ein allgemeines Klima hineingeraten sind, in dem man leichtfertig etwas dahinsagt und von Anfang an weiß, daß man es nicht einhalten wird. Wenn der Pfarrer es aber auch so machen würde, dann hieße es ja nicht: „Der Herr Soundso hat sein Wort nicht gehalten!“ sondern man würde auf die Sache schließen und sagen: „Die Kirche ist nicht ehrlich! Was kann man denn überhaupt noch glauben?“

Dem Apostel Paulus haben die Korinther auch vorgeworfen, er habe sein Besuchsversprechen .nicht termingerecht eingelöst. Er hatte sie von Ephesus aus besuchen wollen, war aber in den Norden gereist. Deshalb wurde seine persönliche Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen. Indirekt aber hat man die Zweifel auch auf die Botschaft übertragen, die Paulus gebracht hatte: Bei Paulus seien Ja und Nein beliebig austauschbar‚ da sei auch seine Botschaft fragwürdig.

Für Paulus aber stellt sich die Sachlage andere dar. Er steht durchaus zu seinem Versprechen. Aber er lehnt ein starres Festhalten an Zusagen ab. Er verliert die Gesamtsituation und seine Zielsetzungen nicht aus dem Blick. Entscheidungen sind immer auf konkrete Situationen bezogen und gelten in der Regel nicht für immer und ewig. Wenn sich die Situation ändert, muß auch die Entscheidung neu gefällt werden.

Das ist der Unterschied zur sogenannten „Nibelungentreue“. Die Nibelungen waren zu den Hunnen gezogen und kämpften dort bis zum letzten Mann‚ auch wenn es im Grunde sinnlos war. Aber weil sie sich nun einmal ihr Wort gegeben hatten, kamen sie nicht vor ihrem hohem Roß herunter. „Nibelungentreue“ heißt: Wir bleiben auf alle Fälle dabei, um jeden Preis und wie auch immer.

Aber das führt dann auch dazu, daß man selbst der schutzsuchender Freund den Häschern ausliefert. So hat es der Philosoph Immanuel Kant gefordert. Er sagte, er sei zu stolz zu einer formalen Lüge. Aber so ein prinzipielles „Ja“ kann tödlich wirken. Wie viele Menschen wären wohl der Gestapo in die Hände gefallen‚ wenn nicht Menschen gelogen hätten. Hier geht es doch um eine höhere Wahrheit, die über allen Prinzipien steht.

Paulus stellt dem Geist, der stets verneint, das Ja Gottes in Jesus Christus gegenüber. Er sagt den Korinthern: „Ich habe euch damals keine unsichere Vermutung mitgeteilt, sondern ich habe euch verkündigt, daß Jesus wirklich der Sohn Gottes ist. Das war eine ganz klare und zuverlässige Botschaft, die ich euch weitergegeben habe.

Auch für uns heute gilt es, sich an diesem konstruktiven „Ja“ Gottes zu orientieren. Wir hören aus den Nachrichten so viel Negatives, hören von Not und Unglück, Gewalt und Krieg. Gott setzt dem seine Botschaft entgegen, daß er eine neue Welt heraufführen wird. Er sagt Ja zur Welt und zu der Menschen. Deshalb haben wir auch das Recht,  Advent und Weihnachten zu feiern.

Aber wir dürfen uns natürlich auch nicht zum Fest in reine Innerlichkeit zurückziehen, nur auf unsre Familie oder auch unsren Glauben. Gottes „Ja“ ist kämpferisch, er ist unterrichtet und ist kritisch. Er möchte, daß es vorangeht mit der Welt. Wir können uns nicht aus der Welt zurückziehen und sie den Mächtigen überlassen. Wer Gott richtig verstanden hat, der beteiligt sich an seinen Bemühungen, die Welt voranzubringen. Doch das können wir nur, wenn wir uns ganz auf Gott verlassen können. Deshalb wird uns gerade in dieser Zeit vor Weihnachten gesagt: Gott steht zu seinem Wort.  Und Gott steht zu uns und läßt uns fest stehen. Man muß den nötigen Rückhalt haben, muß den Rücken aber freihaben von allen Angriffen, damit man arbeiten und kämpfen kann. Gott aber hält uns den Rücken frei und treibt uns gleichzeitig nach vorne. Und darin ist er auch völlig zuverlässig und wahrhaftig.

 

Gott steht zu seinem Wort: Er hat uns besucht. In Jesus Christus ist er da. Er läßt die Menschen zwar manchmal lange warten, aber nie vergeblich. Er kam in die Welt und wurde ganzer Mensch. Die Weihnachtsgeschichte mit der Geburt des Kindes in der Krippe kann es nicht besser verdeutlichen. Gott hatte seinem Volk viele Verheißungen mitgegeben. Nun ist der neue Bund, die Zeit der Erfüllung, angebrochen. Daran erkennen wir: Gott ist zuverlässig. Er hält, was er verspricht.

Deshalb ist es auch nicht nötig, nach zusätzlichen Sicherungen für die Zusagen Gottes zu fragen. Die Katholiken bitten Maria und die Heiligen um Beistand, sie sollen bei Gott sich für sie einsetzen. Und die Neuapostolischen praktizieren die „Versiegelung“ als ein zusätzliches Sakrament; dadurch wollen sie eine letzte Gewißheit gewinnen, daß sie auch tatsächlich erwählt sind. Sie wollen dadurch vor den Christen etwas voraushaben‚ und wenn es nur das Schreiben eines der neuen Apostel ist, das sie dann einmal bei Gott vorweisen können, wie sie meinen.

Für uns aber genügt das Wort Gottes: Entweder sagt Gott „Ja“ und dann ist das auch „Ja“ und braucht keiner zusätzlichen Bestätigungen. Oder wir können den Glauben gleich seinlassen. Höchstens gibt es für uns noch Symbole, die aber nur Hilfen zum Verständnis des Glaubens sind: Eine Kerze weist uns hin auf Jesus, das Licht der Welt. Der Adventskranz weist auf die Krone, die der erhalten soll, der mit Gott gegangen ist, usw. Aber das Entscheidende ist Gott selber und was er uns zugesagt hat.

Gott steht zu uns und läßt uns fest stehen: Wir haben gar keine „Versiegelung“ durch Menschen nötig, weil wir von Gott selber befestigt und gesalbt und versiegelt sind und als erste Anzahlung auf das Weitere der Heilige Geist. Gott bindet uns fest an sich und zieht uns mit ins neue Leben hinein. Von ihm aus wird die Beziehung nie abreißen. Seit unsrer Taufe stehen wir in einer stabilen Verbindung mit Gott und Jesus Christus, die ununterbrochen von ihm neu befestigt wird.

Er hat uns sein Siegel aufgedrückt. Wir sind sein Eigentum. Und wir haben den Heiligen Geist. Einzelne Zusagen sind noch nicht erfüllt. Manche sind nur zum Teil erfüllt. Aber Jesus wird das alles noch vollenden. Er war das „Ja“ Gottes auf viele seiner Verheißungen. Jetzt wird er auch noch den Rest verwirklichen. Das volle Heil steht zwar noch aus. Aber wir dürfen darauf warten mit ganzer Zuversicht.

 

 

Christvesper: Jes 9, 1 - 6

Wir feiern heute Geburtstag. Wir denken an die Geburt des obersten Herrn der Kirche, ja der ganzer Welt. Das ist ein' Ereignis, das man selbst nach 2 000 Jahren noch festlich begehen kann Überall kommen heute Menschen in Festtagsstimmung und Festtagskleidern zusammen. Sie singen frohe Lieder und hören auf das, was vor ihrem Herrn zu sagen ist.

Wir kennen solche Feiern ja auch aus den öffentlichen Leben.  Entweder wird auch der Geburtstag einer bestimmter Persönlichkeit begangen oder es wird eines bestimmter Ereignisses gedacht. Anlässe dafür gibt es ja genug. Und kaum ist der Rummel um einen Gedenktag vorüber, da wird schon wieder der nächste angepeilt. Es muß halt immer Bewegung da sein und ein Ziel, das man ansteuert.

Ob sich aber diese Gedenktage halten werden? Was war das für eine Erschütterung, als Stalin starb, der doch wie ein Gott verehrt wurde; heute ist nur noch ein Häufchen Asche von ihm übrig. Ob man in 100 Jahren noch den Geburtstag Lenins mit großem Aufwand begehen wird? Zumindest müssen wir hier doch ein Fragezeichen setzen! Aber daß man in hundert Jahren auch Weihnachten feiern wird, dessen bin ich sicher.

Gewiß gibt es auch heute schon Leute, die gar nicht mehr wissen, weshalb dieses Fest gefeiert wird. Aber es wird immer Menschen geben, die es wissen und denen es nicht nur um Stimmung und Feierlichkeit geht, sondern um einen Dankgottesdienst für das, was Gott an uns getan hat.

Wir wollen dabei aber nicht nur an das Kind in der Krippe denken. Gewiß, es zeigt uns die grundsätzliche Bedeutung Jesu. In diesem Kind wurde Gott Mensch und begann sein Werk an der Menschheit. Aber so richtig deutlich wird das ja erst an dem erwachsenen Jesus. Deshalb blicken wir heute auch auf sein Gesamtwerk zurück und haben immer auch den gekreuzigten und auferstandenen Herrn mit vor Augen.

Die Maler hatten ja recht, die das Jesuskind darstellten, wie es mit der Weltkugel und dem Kreuz darauf spielt. Im Mittelalter hatten ja die Kaiser einen solchen Reichsapfel als Zeichen ihrer Macht in der Hand. Aber Jesus war natürlich noch mehr als alle Persönlichkeiten dieser Welt. Nur soll eben schon bei dem Kind deutlich werden: Es hält die ganze Welt in seiner Hand, Jesus hat Macht über die Welt und die Menschen.

Doch wir fragen uns natürlich auch: Was ist denn durch dieser Jesus anders geworden in der Welt? Gab es nicht auch weiterhin Krieg und Unfrieden unter den Menschen bis in unsre Tage hinein? Sind wir nicht immer noch „das Volk, das im Dunkeln wandelt“, von dem Jesaja spricht?

Wir wollen uns davor hüten, das Wort „Finsternis“ zu kurzschlüssig auszulegen. Wie schnell hat man gesagt: „Die Welt ist ja so schlecht!“ Aber ein solcher Pessimismus hilft keinem und lähmt jede Aktivität. Wir sollten auch das Schlechte nicht immer nur bei anderen sehen, obwohl es uns dort immer am ehesten auffällt. Zunächst gilt es nüchtern zu erkennen, daß wir auch daran beteiligt sind und daß Jesus sich gerade um unsertwillen in die Welt begeben hat.

Und dann dürfen wir wissen daß die Geburt des Jesuskindes ja gerade einen Hoffnungsschim­mer in der Welt setzen wollte. Jesus ist das Licht der Welt, das ja gerade die Finsternis zu überwinden helfen will.

Unser Predigtabschnitt spricht vor einem Ereignis in der Geschichte Israels‚ wo das schon zeichenhaft im voraus abgebildet ist. Das Volk im Finstern war das Volk Israel und besonders die Stämme im Norden des Landes, die unter die Herrschaft der Assyrer geraten waren. Gott hatte sein Volk strafen müsse, weil es nicht auf ihn  hörte. Die Strafe hatten sie verdient.

Aber derselbe Gott kriegt es auch wieder zu Ehren. Über Nacht sind Sie Assyrer abgezogen. Man errichtet Scheiterhaufen, um das zurückgelassene Kriegsgerät zu verbrennen: dreckige Soldatenstiefel und blutgetränkte Mäntel. Es wird nicht nur abgezogen, sondern vernichtet, weil es nicht mehr gebraucht wird. Da treffen Boten aus Jerusalem ein, die die Thronbesteigung eines neuen Königs melden. Sofort werden wieder Hoffnungen wach, daß ein neuer starker König die Feinde fernhalten wird und der Frieden bewahrt bleibt.

Nun freuen sich die Menschen, so wie man sich nach der harten Erntearbeit freut oder wie wenn man nach dem Krieg die Beute verteilt. Dabei haben sie keinen Finger krumm gemacht, um diese Stunde herbeizuführen. Sie sind auch nicht in einer großen Bußbewegung zu Gott zurückgekehrt. Gott allein hat die Freude groß gemacht und dem Volk im Finstern wieder neue Hoffnung gegeben.

Anlaß dafür war nicht die Geburt eines Kindes, sondern der Regierungsantritt eines neuen Königs, den man damals als die Geburt des Königs bezeichnete. So wie wir es später bei der Taufe Jesu hören, so verkündet der Priester bei jeder Thronbesteigung: „Du bist mein lieber Sohn, heute habe ich dich gezeugt!“ Der König wurde zum Sohn Gottes erklärt. Ihm wurde feierlich das Zepter überreicht und es wurden ihm Herrschernamen gegeben.

Dieser geschichtliche Rückblick verhindert eine weihnachtliche Scheinwelt. Wie leicht sagen wir doch gerade an Weihnachten: „Das ist das Fest der Familie, da mache ich alle Türen zu und lasse die Probleme des Alltags nicht hinein! Und wenn ich einmal im Jahr an Weihnachten in die Kirche gehe, dann will ich dort nichts hören von Politik und Arbeit und den Spannungen in der  Welt!“ Aber die Geschichten vor der Geburt Jesu und auch unser Predigttext weisen uns in eine ganz unweihnachtliche Welt.

Auch in diesem Jahr können wir die aktuellen Tagesnachrichten nicht einfach vergessen. Es gibt immer noch Krieg und Hunger, Unterdrücker und Unterdrückte. Immer noch vertraut man mehr der äußerer Macht und Gewalt. Aber spätestens mit Jesus hat schon etwas Neues begonnen. Die Namen, die man schon dem israelitischen König zulegte, können wir es uns das deutlich machen: Er hat verwirklicht, was unsre Aufgabe ist:

Wunder-Rat: Es gibt manche menschliche Ratschläge. Aber nur wenn wir im dauernder Gespräch bleiben mit Gott‚ werden wir den richtigen Weg finden und Gottes Auftrag erfüllen können.

Gott- Held: Wer sich von Gott mit Kraft ausrüsten läßt, ist der wahrhaft starke Mann. Es ist eine Kraft, die ausgerechnet in der Schwachheit zum Zuge kommt. Trotz aller geistlicher Armut und alles Leidens können wir doch Gottes Auftrag übernehmen und in unsrer Welt verwirklichen. Gott gibt uns die Kraft dazu.

Ewig-Vater: Gott übt seine Herrschaft wie ein Vater aus und nicht wie ein Tyrann. Er denkt nicht an sich selber, sondern will für uns sorgen. Dadurch werden wir ihm auch gern treubleiben können und ebenso dauerhaft und fürsorglich. anderen Menschen helfen können.

Friede-Fürst: Wenn wir Gott herrschen lassen, dann werden wir auch Frieden haben, dann wird unser Leben intakt sein und die gottgewollte Ordnung der Dinge erhalten bleiben, Heil und Wohl werden uns zugleich geschenkt sein.

Vielleicht gab man dem König nach ägyptischem Vorbild noch einen fünften Namen. An dieser Stelle stehen im Urtext noch zwei Buchstaben, die man deuten könnte als „Priester in Ewigkeit“. Dann würde auf die vermittelnde Aufgabe zwischen Gott und den Menschen hingewiesen. In jedem Fall aber wird hier ein Regierungsprogramm verkündet das in Gott allein begründet liegt. Mit großer Leidenschaft hatte Gott die Strafe über sein Volk beschlossen. Aber mit dem gleichen Eifer wird er dann auch das Heil schaffen.

Allerdings war die Befreiung damals nur vor kurzer Dauer. Erst 800 Jahre später deutete Mat­thäus diese Worte auf Jesus und sagte: „Jetzt ist das erfüllt, was der Prophet vorausgesagt hat!“ Jesus kommt zu den Menschen im Norden Israels. Dort fängt das Reich Gottes an. Durch Jesus werden diese Namen ganz reu gefüllt. Gott löst sein gegebenes Wort viel herrlicher ein, als es Jesaja vermuten konnte: Gott schenkt den Sohn, der auch wirklich das ist, was er sein soll. In Jesus wird das Regierungsprogramm Gottes verwirklicht‚ hier auf dieser Erde schon beispielhaft und am Erde der Zeiten dann ganz.

Jesus hat den Frieden, den Gott auf dieser Erde herstellen will, auch tatsächlich gelebt. Dieses Vorbild hat immer wieder Menschen die Kraft gegeben, nicht nur den Frieden zu fordern, sondern auch zu verwirklichen. Allerdings muß man dabei selber verzichten. Man muß auf Gott vertrauen, daß er schon schützen wird, wenn sich einer schutzlos seinem Feind ausliefert. Aber nur so kann Friede werden: Indem er  selber auf den anderen zugeht, ohne eine Waffe, nur die Hand nach ihm ausgestreckt.

Wenn Gott durch sein Wort einzelne Menschen zum Frieden bereit machte, wäre das schon viel. Aber wir dürfen auch darauf vertrauen, daß Gott seine Friedensherrschaft sichtbar in der Welt durchsetzt. Wir können sie nicht heraufführen, denn sie kommt allein von Gott. Aber wir dürfen zuversichtlich darauf warten und jetzt schon im Geiste dieses Friedens tätig sein. Und das nicht nur für ein paar Feiertage, sondern für unser ganzes Leben.

 

 

Christtag I: 1 . Joh 3, 1 - 6

Weihnachten ist ein Fest für Kinder, sagen wir. Weihnachtsfreuden sind Kinderfreuden. Die Erwachsenen entschuldigen sich etwas verlegen für den ganzen Betrieb um Weihnachten. Aber wahrscheinlich wird gerade an Weihnachten in ihnen der Wunsch lebendig‚ noch einmal ein Kind sein zu dürfen‚ noch einmal alles so nehmen zu können wie ein Kind.

Dabei ist dieser Wunsch gar nicht so abwegig. Der 1. Johannesbrief ist eine Art Weihnachtsbrief, denn er sagt uns: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater gezeigt, daß wir Gottes Kinder sollen heißen!“ Weihnachten ist auch für Erwachsene. Auch sie brauchen den, der an diesem Tage geboren wurde.

Aber wir werden hier nicht zurückgeführt in ein Kinderparadies. Hier werden Erwachsene angeredet, die von der Zukunft mehr erwarten, als die Vergangenheit ihnen bisher bieten konnte. Sie sollen wissen: „Ihr seid nicht verdammt, weitermachen zu müssen wie bisher. Eure eigene Schwäche dürft ihr geringer empfinden als die bergende Hilfe Gottes. Ihr dürft euch wie Kinder in die Arme des Vaters Jesu Christi flüchten!“ Das Wort „Kind“ soll dabei nicht so sehr die Abhängigkeit und Unmündigkeit bezeichnen, sondern die Nähe und Zugehörigkeit zu Gott.

Wir werden nicht nur Kinder Gottes genannt‚ sondern wir sind es auch tatsächlich. So wie wir etwas vom Wesen unsrer leiblichen Eltern mitbekommen haben, so haben wir auch seit der Taufe etwas vom Wesen Gottes. Doch unsre „Göttlichkeit“ liegt nicht darin, daß wir Spitzenleistungen im Denken vollbringen oder besonders anständige Menschen wären.

In jeder Familie kommt es auch einmal zum Krach. Das kommt in den besten Familien vor. Auch gegenüber Gott ist unser Verhältnis nicht immer ungetrübt. Als wir noch Kinder waren, da bedeutete uns der Christbaum noch etwas; da sangen wir noch die Lieder voller Begeisterung mit und waren in einem guten Sinne gläubig. Aber je älter wir wurden, desto aufgeklärter  und abgeklärter wurden wir; da ließen uns die Weihnachtsgeschichte und die Lieder doch vielleicht ziemlich kalt.

Manchmal kommt das erst in den späteren Jahren wieder. Dann begreift man erst dem Sinn dieses Festes so einigermaßen und erkennt, daß der Glaube der Kindheit doch der richtige war. Oft handeln wir so wieder verlorene Sohn, der den Faden zu seinem Vater beleidigend durchgeschnitten hatte. Erst Gott kann uns dann von sich aus wieder zu seinen Kindern machen.

Gott mußte sich dafür opfern, damit das wieder möglich wurde. Er hat sich dazu nicht nur einmal flüchtig den Menschen zugewandt, sondern hat sich ganz in die Welt der Menschen hineinbegeben. Wenn man einem helfen will, dann muß man sich zunächst auf die gleiche Stufe stellen wie er.

Man kann sich das einmal deutlich machen am Beispiel eines katholischen Priesters aus Neapel, der von seinen Freunden „Don Vesuvio“ genannt wird. Dieser Mann hat sich besonders um die Straßenjungen in Neapel gekümmert. Zu diesem Zweck hat er sich selber alte Lumpen angezogen und hat sich nachts unter die Kinder gemischt, die irgendwo in einem Schuppen übernachteten. So hat er ihr Vertrauen gewonnen und sie allmählich auf eine andere Bahn gebracht. Seit 1967 hat er ein Lehrlingswohnheim, wo jeweils 120 dieser Kinder eine Bleibe

und eine Ausbildung finden. Nun mußten die Kinder nicht mehr ihr tägliches Brot durch Diebstahl und Raub besorgen, sondern sie gingen einer geordneten Zukunft entgegen. Sie konnten wieder wirklich Kinder sein.

Aber dazu mußte erst einer kommen, der so wurde wie sie. Erst als er ihre Not verstand, konnte er sie auch zu einem neuen Leben führen. So ist auch Gott erst einmal Mensch geworden, damit wir mit unsrem geistlichen Vagabundieren aufhören und bei ihm eine wirkliche Heimat finden. Gott hat das Tor weit aufgemacht‚ damit wir wieder auf ihn zugehen können und wieder richtige Kinder Gottes werden.

Bis dahin wird es vielleicht ein langer und oft beschwerlicher Weg sein. Es werden Stunden kommen, in denen wir am liebsten umkehren  möchten. Man weiß ja auch nie so recht, wie weit man auf diesem Weg schon gekommen ist. Man sieht einem Menschen das Christsein nicht äußerlich an. Jeder muß essen und trinken, ist unzufrieden und hat Probleme. Christen sind auch nicht immer besonders fromm, aber auch nicht besonders verworfen. Es ist ihnen kein Kreuz auf der Stirne gezeichnet und es schwebt kein Heiligenschein über ihrem Kopf

Äußerlich gesehen sind sie Menschen unter Menschen - und doch sind sie Kinder Gottes ! Woran kann man das merken?

Die erste Antwort des Johannesbriefes lautet: „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden!“ Schon Jesus hat man nicht angesehen, wer er ist. Da wird es mit seinen Leuten wohl kaum anders sein. Man muß damit rechnen, daß man uns falsch versteht oder gar bekämpft. Aber das ist an sich ein Zeichen, daß wir auf dem richtigen Weg sind. Früher bestand eine Kluft zwischen Gott und den Menschen. Seit Jesus verläuft die Grenze zwischen dem Christen und der Welt. Wer aber an Gott glaubt, der steht bedenkenlos an der Seite Gottes, so wie ein Kind, das immer wieder zu seinem Vater hält. Deshalb brauchen wir uns nicht beeindrucken zu lassen von Verdächtigungen und Vorwürfen. Wenn das seinen Grund hat in unsrer Zugehörigkeit zu Gott, dann liegen wir richtig.

Ein Mann, der jeden Sonntag im Gottesdienst war, betete gegen die übliche Sitte das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser laut mit. Auf der Straße sprach er Jugendliche an und lud sie zur Evangelisation im Nachbardorf ein. Die Leute sahen ihn immer von der Seite an und lachten über ihn. Er war so ein seltsamer Heiliger, der nicht mehr in unsre Welt zu passen schien. Aber sicherlich lag er ganz richtig, denn er war das, was Jesus auch gewesen ist: ein Gotteskind in einer fremden Welt.

Die zweite Antwort des Johannesbriefes auf die Frage nach den Erkennungszeichen des Christen lautet: „Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht!“ Aber stimmt das denn? Geht es nicht eher so zu wie meist zwischen Eltern und Kinder? Da tun die Eltern ihren Kindern viel Liebes und Gutes. Sie erwarten dafür Gehorsam und kleine Hilfeleistungen. Aber die Kinder versuchen sich zu drücken und haben ihre Ausreden.

Sollen wir auch oft von Gott weglaufen, weil wir fürchten, sonst bevormundet zu werden? Der Johannesbrief aber ist eine Werberede, in der sich Gott uns selbst anbietet. Er ruft uns auf einen Weg, auf dem wir uns entfernen von der Sünde und unser Leben in Jesus verankern. Glauben heißt: Überlaufen vom Feind zum Freund, von der Sünde zur Gerechtigkeit, aus der Finsternis ins Licht, aus der Gefangenschaft in die Freiheit, aus einem erstarrten Erwachsensein in eine entwicklungsfähige Kindschaft.

Wir können also nicht sagen‚ wir seien bessere Menschen als andere und wir seien schon im neuen Leben. Wir sollen uns aber auch nicht durch die Schäden und Mängel unsres äußeren Lebens daran irre machen lassen, daß wir Gottes Kinder sind. Wir wissen noch nicht, wie das neue Leben im einzelnen aussehen wird. Aber wir werden Christus sehen, wie er ist, und werden ihm gleich sein.

Wir wollen aber damit nicht in eine ferne Zukunft ausweichen. Der Johannesbrief sagt: „Wer eine solche Hoffnung hat  der reinigt sich, gleichwie Gott auch rein ist!“ Ein Christ muß da schon dem Vorbild seines Herrn folgen. Aber er darf sich auch nicht bei dem Gedanken zermartern, daß er es doch nie ganz schaffen wird.  Kinder wachsen eben erst heran, sie lernen noch und reifen und verstehen erst am Ende die Eltern richtig.

So werden wir auch erst von Christus richtig erzogen. Er kann die Sünde in uns ausmerzen Aber dazu kommt es darauf an, daß wir in ihm bleiben. Davon können wir nicht mehr leben wie einer, der ihn nicht gesehen noch erkannt hat. Wenn wir Kind Gottes sind, dann können

wir nicht mehr so bleiben‚ wie wir sind. Dann können wir auch nicht mehr bockig und aufsässig sein gegen Gott. Dann können wir nicht mehr unsren eigenen Willen durchsetzen, sondern stehen auf der Seite Jesu gegen alles, was uns von Gott wegziehen will.

Das haben jene Kinder begriffen, die  jener Priester Don Vesuvio bei sich aufgenommen hat: Sie wollten sich äußerlich und innerlich der Liebe würdig erweisen, die ihnen geschenkt wurde. Auch für uns war Weihnachten nicht umsonst, wenn wir in ihm die Liebe Gottes

erkennen . Gott hat alle Voraussetzungen geschaffen ,daß wir wirklich als seine Kinder heranwachsen können. Er will zu jedem von uns kommen. Es gilt, noch heute diese Gelegenheit zu ergreifen.

 

 

Christtag II: Kol 2 , 3 - 10 (Variante 1)

[Wie bei Gottfried Voigt wird hier der eigentlich vorgesehene Text Offb. 7,9-12 ersetzt durch einen mehr weinachtllchen Text]

Vor Jahren schimpfte einmal ein Mann nach dem Gottesdienst an Weihnachten: „Wenn ich schon einmal im Jahr in die Kirche gehe, dann will ich dort nichts vom Politik hören!“ An diesem Satz ist nicht nur falsch, daß man nicht nur einmal in Jahr zum Gottesdienst gehen sollte. Es stimmt ja auch nicht, daß in der Kirche von Politik geredet würde. Hier wird die Bibel ausgelegt und sonst nichts anderes. Allerdings kann es der auszulegende Bibeltext erforderlich machen, auch einmal politische Dinge anzusprechen. Zum Beispiel wird es an Weihnachten um den „Frieden auf Erden“ gehen können. Dabei wird man nicht nur vom Frieden mit Gott, sondern auch vom Frieden unter der Menschen reden müssen.

Mit Recht wird allerdings in Kolosserbrief vor dem Eindringen jeder Ideologie und der Elemente der Welt gewarnt. Wir müssen schon gegen die falscher Brüder aus den eigenen Reihen kämpfen, die das Evangelium preisgeben und die Botschaft durch allerhand philosophische oder politische Gedanken verdünnen.

Aber da ist es auch nicht getan mit Schlachtrufen wie: „Kein anderes Evangelium! Haltet fest am Bekenntnis und der reinen Lehre! Ordnung und Festigkeit in den eigenen Reihen!“ Und dann werden meist überlieferte Sätze aus Bibel und Katechismus zitiert, bei denen man

aber auch keim Häkchen oder Komma verändern dürfe.

Aber dahinter steht wahrscheinlich die Angst vor der eigenen Auseinandersetzung mit dem Glauben. Es könnte sein, daß man sich vor der lebendiger Begegnung mit Christus abschirmt, indem man ein Raster von theologische richtigen Sätzen und Bedingungen über ihn legt. Man meint dann ganz genau zu wissen, wer Jesus ist. Aber man zweifelt selbstsicher daran, ob die anderen es auch wissen. Man ist fest davon überzeugt, voll und ganz hinter dem Glaubensbekenntnis zu stehen, während man andere verdächtigt, sie würden es nur aus Heuchelei mitsprechen.

Vor zwei Extremen werden wir uns hüten müssen: daß wir nur die Glaubensdinge sehen oder daß wir uns nur um die Weltverhältnisse kümmern. Die Verbindung zwischen beiden herzustellen und doch keine Seite überzubetonen, aber auch den Glauben nicht zu verwässern, das ist eben die schwere Aufgabe. Hüten sollten wir uns aber auf jeder Fall, Jesus Christus in ein System einzubauen, das die unmittelbare Verbindung mit ihm ersetzt. So machten es die Juden, die ihre festen Vorstellungen vom kommenden Messias hatten, aber an dem konkreten Jesus vor ihrer Haustür vorbeigingen. Erst verachtete Hirten und fremde Wissenschaftler erkennen mit schlichtem Gemüt die Wahrheit.

Die Kolosser sahen die Welt durchwirkt von überirdischen Kräften und Mächten, die geheimnisroll das Schicksal der Menschen bestimmten. Nur durch Beachtung vieler Vorschriften und nur durch ein entsagungsreiches Leben konnte man sich einigermaßen gut mit ihnen stellen. Christus hat auch irgendwo seinen Platz in dieser Welt der Geister, die unter dem Himmel wohnen und über das Leben der Menschen bestimmen. Alles blieb grauenvoll und unberechenbar.

Wozu muß es heute noch in der Zeitung ein Horoskop geben? „Die Sterne lügen nicht!“sagen auch heute noch Menschen. Das mag zwar stimmen; aber bestimmt lügen die Menschen‚ die aus der Sternen das Schicksal anderer Menschen und ihr eigenes ablesen wollen.

Gewiß haben die Weisen aus dem Morgenland auch die Sterne beobachtet. Aber die Sterne haben sie ja nur hingewiesen auf Jesus Christus, der als Kind in einer Krippe geboren wurde. Und die Männer, die bisher den Gang der Geschichte aus den Sternen ablesen wollten, die erkannten auf einmal: „In Jesus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig!“

Jesus ist der alleinige Gott . Es gibt nur  e i n e n Gott: der Gott in der Krippe! Er ist nicht nur das Haupt seiner Kirche, wie sonst immer gesagt wird, sondern auch das Haupt der himmlischer Mächte. Dadurch wird die Welt entgöttert. Ein Christ darf nicht mehr Schöpfer und Geschöpf miteinander verwechseln und dem Geschöpf göttliche Ehren erweisen. Die Gestirne oder sonstige Naturkräfte sind keine Götter.

Nun wollten ja die Kolosser Christus nicht ganz abschaffen. Aber sie meinten, sie müßten ihn noch durch etwas anderes ergänzen. Die Wirklichkeit Gottes sei nicht völlig in Jesus eingegangen und man müßte noch anderweitig etwas suchen‚ ehe man die ganze Fülle der Gottheit vorhanden hat.

Aber der Kolosserbrief hält mit Recht fest, daß dann der ganze Glaube unsicher wird und man sehr leicht sich wieder auf seine guten Werke verlassen will. Dann erkennt man zwar an: In Christus ist zwar der Friede mit Gott geschlossen, aber in der Tiefe des Herzens Gottes lauert doch noch die alte Feindschaft. Jeden Augenblick kann sie wieder hervorbrechen, kann Gott seinen Freispruch wieder zurücknehmen. Doch wer Jesus Christus kennt, der kennt Gott ganz. Er braucht nicht zu befürchten, auf den Gott der Vergeltung und des Zorns zu stoßen, wenn er den Gott der Gnade und der Liebe gesucht hat.

So werden wir aufgefordert, immer nur auf Christus zu schauen. In ihm körnen wir so eingewurzelt sein wie ein Baum. Der hält sich selbst am Erdreich fest und wir auch selber vom Erdreich gehalten. Er kriegt von daher Nahrung und Leben, Saft und Kraft. Und so erhalten wir auch alles von diesem Jesus.

Mancher wird sagen: „Das ist doch zu einseitig! Es gibt doch noch andere mächtige und kräftige Wirklichkeiten, die man nicht einfach vernachlässigen und abblenden kann! Da wird man doch einseitig und geht an vielem Wichtigem in der Welt vorbei! Man kann doch nicht die ganze Welt vernachlässigen und nur seinem Glauben leben!“ Nun, wir sollen die Welt ja auch nicht verleugnen. Wir brauchen ja nur zu erkennen: In dieser Welt ist die ganze Fülle Gottes bis in den letzten Winkel da!

Nun ist zwar der Aberglaube zurückgegangen, Gestirnsgottheiten könnten über unser Leben bestimmen. Aber dafür gibt es andere Ansichten, die uns am ungeteilten Glauben an Gott hindern. Schon wenn einer vom „Schicksal“ spricht, traut er Gott nicht die ganze Fülle zu. Warum haben wir nur solche Scheu, den Namen „Gott“ in den Mund zu nehmen und reden lieber von einem „höheren Wesen“ oder von der „Vorsehung“ oder davon, daß da „noch etwas“ da sein müsse in der Welt? Auch wem jemand behauptet: „Es gibt keine Liebe Gottes!“ oder wenn er meint: „Ich bin an Gottes Gerechtigkeit irre geworden!“ dann traut er Gott nicht genügend zu.

Es ist auch erstaunlich, wie viele Menschen Angst haben. Manchmal mag das auch auf einer Krankheit beruhen. Aber man kann sich auch denken, daß das sehr mit dem Glauben zusam­menhängt. Nicht so, daß ein Mensch nicht an Gott glaubte, der Angst hat. Aber er hat doch wohl die leise Frage, ob da nicht außer Gott noch etwas ist, das auf uns Einfluß haben könnte und wo Gottes Macht eben doch nicht so ganz hinreicht und ausreicht.

Diese Angst findet sich bei Reichen und Armen, bei Alten und Jungen. Sie kann nicht durch Wissen und Belehrung überwunden werden, sondern allein durch den Glauben.  Gott brauchen wir für unser Leben und sonst nichts weiter. Wenn wir Gott haben, dann haben wir auch die Welt Gottes; nur besteht diese dann nicht aus bedrohender Mächten, sondern ist ein Geschenk Gottes. Wenn wir dafür reichlich danken können und auch für die Menschwerdung

Gottes in Jesus von Nazareth unseren Dank sagen können, dann werden  wir mit Gottes Hilfe die Angst überwinden.

 

 

Christtag II: Kol 2, 3  (Variante 2)

In einer alten thüringischen Sage wird vor einem armen Schäfer erzählt, dem beim Hüten eine fremdartige Blume ins Auge fiel. Als er sie pflückte, öffnete sich plötzlich der Berg vor ihm und ein breiter Gang wurde sichtbar. Der Schäfer ging hinein und bekam eine nie geahnte Pracht zusehen: Gold, Silber und Edelsteine. Sofort begann er sich die Taschen zu füllen, die Blume hatte er zur Seite gelegt. Als er sich dem Ausgang zuwandte, hörte er eine Stimme: „Vergiß das Beste nicht!“ Er meinte: Du hast vielleicht zuviel Silber eingesteckt, Gold ist wertvoller. Er warf alle Silbersachen weg und steckte nur Gold ein. Doch wieder ertönte die Stimme: „Vergiß das Beste nicht!“ Da warf er das Gold fort und nahm nur Edelsteine mit. Doch als er an den Ausgang der Höhle kam, ertönte wieder ganz eindringlich die Stimme: „Vergiß das Beste nicht!“Aber er sah nur auf seine vollen  Taschen und meinte, damit könne er wohl beruhigt und zufrieden sein. Doch kaum war er draußen, da schloß sich der Berg mit großem Getöse. Im gleichen Augenblick aber fiel ihm ein: Du hast ja die Wunderblumbe im Berg vergessen! Das war das Beste gewesen! Aber nun blieb ihm der Berg, mit all seinen Schätzen verschlossen.

Machen wir es nicht auch oft so wie jener Schäfer mit den Schätzen, die in Jesus Christus verborgen sind?  Uns wurde in der Taufe eine Wunderblume geschenkt, durch die wir Zugang gewinnen können zu Jesus. Viele benutzen diesen Schlüssel auch tatsächlich. Kinder etwa bringen alle ihre Wünsche vor Gott und meinen: Wenn es einen Gott gibt, dann wird er alle diese Wünsche auch erfüllen! Auf diese Weise beginnen sie sich die Tasche mit Schätzen zu füllen, die ihr Leben einmal in einem ganz tiefen Sinn reich machen könnten.

Aber es ist nicht genug, wenn wir uns in der Kinderzeit die Tasche gefüllt haben mit dem Wissen von Gott, das uns vermittelt wurde. Manche meinen ja: Nach der Konfirmandenprüfung wisse er genug, für sein ganzes Leben wisse er nun über den christlichen Glauben Bescheid.

Aber Glaube ist mehr als totes Sachwissen. Glauben heißt: eine vertrauensvolle und lebendige Beziehung zu Gott haben. Es bedeutet auch: Immer wieder zurückkehren zu den verborgenen Schätzen des Glaubens, zurückkehren zu Jesus Christus, der diese Schätze verwaltet. Wenn man sich nur  e i n m a l  bedient und dabei den Schlüssel verliert, dann hat man zwar auch etwas, aber man hat nicht  a l l e  Schätze, die man haben könnte. Und das ergibt dann jene ärmlichen Christen, die in ihrem Glauben nie über das Konfirmandenalter hinauswachsen bzw. auch das noch wieder vergessen, was sie gelernt haben. Wenn man sie fragt, können sie sich bestenfalls mühselig an das erinnern, was sie als Kinder gelernt haben, aber sie können es nicht mehr auf ihr jetziges Leben anwenden. Das Beste nicht vergessen, das ist die Aufgabe, die uns jeden Tag neu gestellt ist.

Manche meinen allerdings, sie könnten den Schatz ihres Lebens anderswo finden. Zur Zeit des Kolosserbriefes ging es um eine Erkenntnislehre, die aus der Weltanschauung der Gnosis in die Kirche eingedrungen war. Manche Christen meinten, einen Lichtfunken aus einer jenseitigen Welt in sich zu tragen, der ihnen ganz von selbst die ewige Seligkeit sichert.

Ihnen gegenüber wird gesagt: „In Christus (!) findet ihr alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis. Hier sind die Schätze, die jene zu haben meinen. Und diese sind für alle da, auch für euch, ihr braucht euch nur an der richtigen Stelle zu bedienen!!“

Heutzutage halten auch manche das für wertvoller, was ihren von anderer Seite geboten wird.

Aber dabei soll man die Ellenbogen einsetzen oder die anderen bespitzeln  oder zur Eile antreiben. Da werden dann auch Schätze geboten, solche vor allem, die sich auch in heutige klingende Münze umsetzen lassen. Aber geht es dabei wirklich um einen Schatz, der einem im Leben weiterhilft?

Jesus Christus hilft uns zum Erkennen unsres Lebenssinns. Wir sehen unsre Aufgaben und Möglichkeiten, wenn wir auf ihn sehen. Uns wird deutlich, daß wir allen Grund zur Hoffnung haben .Jesus hilft uns dazu, Gewohntes neu zu sehen‚ Schwieriges zu bewältigen und Unerträgliches zu ändern. Wir sehen auf einmal, was wir tun können und was wir tun müssen. Alle Freiheit zum Handeln bleibt uns aber.

Wichtig ist dabei aber auch, daß wir uns wirklich an Christus halten und nicht an Randerscheinungen des Glaubens. Viele halten sich ja für besonders christlich, wenn sie sagen: „Am Sonntag gehe ich in den Wald oder in der Garten. Da ist es so schön. Das erinnert mich an Gott, da brauche ich keinen Gottesdienst!“Andere Leute wieder hören gern gute Musik, ein Orgelstück oder eine gute Platte. Manche Musik hat zwar auch etwas mit dem Glauben zu tun, ist aber nur eine Auswirkung des Glaubens und nicht dieser selber. Das ist, wie  man wenn man sich das Bild eines Schatzes ansieht und auf der Schatz selber verzichtet.

In Jesus Christus ist alles zusammengefaßt, was wir von Gott wissen können. Und wer sich für den Glauben an diesen Gott entschieden hat, der wird auch seine Erfahrungen mit ihm machen. Er setzt sich Ziele und hat Maßstäbe gewonnen, nach denen er leben kann. Die Schätze des Glaubens werden ihm zum Lebensmittel und zur Grundlage des Glaubens.

Den Glauben praktizieren heißt: für neue Erfahrungen und neue Entdeckungen offen zu sein. Es bedeutet: sich anreden zu lassen und mit Wort und Tat zu antworten. Es schließt aber auch ein: dazuzulernen und sich korrigieren zu lassen. Es genügt nicht‚ von einem Schatz zu hören oder ihn zu kennen. Man muß auch damit umgehen und dranbleiben. Eigeninitiative, Neugier und Energie gehören mit zur Schatzsuche. Und wenn man ihn gefunden hat, dann genügt es nicht, ihn im Panzerschrank zu sichern. Wenn man etwas davon haben will‚ muß man ihn auch anwenden und unter die Leute bringen.

Einen Schatz haben bedeutet aber nicht nur, daß man Gold, Silber und Edelsteine hat. Wenn ein junger Mann einen Schatz hat, dann denkt man dabei an seine Freundin. Auch ein Mensch kann ein großer Schatz sein und alles im Leben bedeuten. So ist auch Jesus mehr als alle Kostbarkeiten der Welt, nicht eine Sache, sondern eine lebendige Person. So heißt es ja auch in der Bergpredigt: „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz!“ Oder man könnte es auch umgedreht sagen: „An wen oder woran ihr euer Herz hängt, das ist euer Schatz!“

Seit Weihnachten sind wir in der glücklichen Lage, nicht wie ein Schatzgräber einfach auf Verdacht hin zu graben. Wir haben einen sicheren Anhaltspunkt in Jesus Christus. Dort können wir ansetzen und werden diesen Schatz immer mehr ausgraben und nutzen können. Dadurch werden wir zum Teilhaber an einem Schatz, der sich nicht verbraucht, sondern der sich gerade durch unser Tun erneuert. Dieser Schatz will aber beansprucht werden, sonst ist er sinnlos.

Im kommenden Jahr werden wir wieder Gelegenheit haben, etwas vor diesem Schatz zu heben. Wir brauchen keine Angst zu haben, daß er dabei ausgehen und verbraucht werden könnte. „In Christus sind verborgen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis!“ Eigentlich könnte man in diesem Satz jedes Wort betonen und über jedes Wort wieder neu nachdenken (eventuell. durchexerzieren). Dann körnten wir vielleicht mit Paulus (Röm 11) eines Tages auch ausrufen: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und Erkenntnis Gottes!!

 

 

1. Sonntag nach dem Christfest: 1. Joh 2, 21 - 25

 

Dieser Text soll mit der Perikopenrevison wegfallen wegen möglichem antisemitischem Mißverständnis. Alternativtexte sind Gal 4,4-7 (bisher 1. Christtag) oder Hi 42,1-6.

 

Zwei Frauen unterhalten sich auf der Straße: „Jetzt sind bald wieder die Weihnachtsfeiertage. Aber mir sagt das alles gar nichts mehr. Erst die Ruhe und die Feststimmung, und danach wieder das graue Einerlei des Alltags. Das Leben ändert sich ja doch nicht!“ Vielleicht fürchten viele von uns heute auch schon wieder den Alltag mit seinen, Mühen und Lasten .Und da man diesen Aufgaben nicht ausweichen kann, war Weihnachten halt nur so ein Täuschungsmanöver.

Es gibt Menschen!‚die an einer regelrechten Feiertags-Depression leiden. Alleinlebende haben Angst vor dem Fest, weil sie auch in diesem Jahr von niemanden eingeladen werden; oder sie haben niemanden, den sie einladen könnten. Aber es gibt auch die anderen, für die diese Tage einerseits eine Zeit des Ausschlafens, andererseits aber auch der Hektik sind. Da sind Besuche zu machen und Briefe zu erledigen, im Fernsehen darf man nichts verpassen und am dritten Feiertag wird vielleicht schon eine kleine handwerkliche Sache erledigt.

Wir fragen uns vielleicht: „Wo ereignete sich an diesem Fest des Friedens für mich etwas Friedevolles? Gab es weniger Streit und mehr Ruhe? Fühlte ich mich weniger einsam als sonst, wurde ich positiv überrascht? Habe ich mehr Musik gehört und gesungen als sonst, habe ich mehr geschlafen und gegessen, hatte ich eine bessere Laune?“

In diesem Gottesdienst sollen wir noch einmal auf den hingewiesen werden‚ um den es ja an Weihnachten geht. Wir feiern den Geburtstag Jesu, aber in ihm haben wir Gott. Gott ist in Jesus, Jesus aber haben wir im Wort, und im Wort haben wir das Leben. So stellt es uns dieser Abschnitt aus dem 1. Johannesbrief vor Augen.

 

(1.) Gott ist in Jesus: Die meisten Menschen haben heute eher einen Zugang zu Jesus als zu Gott. Sie sehen in ihm einen Freund der Menschen, aber eben nur einen Menschen, der sich allerdings durch die Kräftigkeit seines Gottesbewußtseins und die Echtheit seiner Gemeinschaft mit Gott auszeichnet. Dann hätte Gott in Jesus nur einen ersten Glaubenden geschaffen, an dessen Glauben sich der Glaube der anderen entzündet.

Der 1 .Johannesbrief sagt aber viel mehr: „Gott rettet seine verlorene Welt, in dem er seinen Sohn Mensch werden läßt!“ Gott verbindet sich mit Fleisch und Blut. „Fleisch“ ist in  der biblische Sprache der stärkste Ausdruck für das Niedrige, für das von der Wirklichkeit Gottes Entfernte und ihr Entgegengesetzte. Aber verloren ist die Welt nicht, weil sie Welt ist, sondern weil die Menschen die Finsternis mehr geliebt haben als das Licht. Gott hat die Welt nicht abgeschrieben, sondern sie so geliebt, daß er ihr seinen Sohn geschickt hat.

Seitdem sollen wir Gott nicht mehr über oder jenseits dieser Welt finden, sondern Gott hat sich auf einmalige Weise mit dem Stück der Welt vereinigt, das den Namen „Jesus“ trägt. Wir stehen heute genauso wie die Menschen damals in der Versuchung, von Gott nur abstrakt

zu reden: Er soll der „Grund unsres Seins“, das „Absolute“, das „höchste Wesen“ oder „die Vorsehung“ sein. Mit solchem Reden will man beweisen, daß man kein einfältiger Mensch ist, sondern kritisch und denkend.

Aber damit ist man nicht unbedingt auf dem Weg zum wahren Gott. Wir sollen Gott nicht irgendwo suchen, weder in der Höhe noch in der Tiefe, nicht in der Ferne noch in der unmittelbaren Nähe. In Jesus‚ wo Gott Mensch geworden ist, da sollen wir ihn suchen. Und wer wollte denn aus einer trüben Pfütze Wasser schöpfen, wenn ihm klares Quellwasser zur Verfügung steht?

Nun sehen wir allerdings Jesus nicht mehr leibhaft vor uns. Wir haben kein Bild und nicht einmal eine Beschreibung von ihm. Aber wir können ihn kennen. Die Evangelien liefern uns weder ein blasses Bild von Jesus noch ein Bild, das durch die Überlieferung bis zur Unkenntlichkeit entstellt ist. Einen „schlichten“ Jesus, der frei ist von allen dogmatischen Verkleidungen, hat es nie gegeben. Jesus war immer das, was er war, auch wenn es zunächst noch unerkannt war und erst nach und nach die Christuserkenntnis gewachsen ist. Wenn die Christenheit dem Jesus von Nazareth nach und nach solche Titel wie „der Herrn, der Christus, der Sohn“ und schließlich die Bezeichnung „Gott“ beigelegt hat, dann tat sie schon völlig recht daran.

Man kann auch nicht sagen: „Es ist ganz gleich, wer Jesu Worte gesprochen und seine Taten getan hat, auf das Geschehen allein komme es an!“ Das wäre grundfalsch! Zu solchem Tun war nur dieser eine Jesus bevollmächtigt. Was Jesus getan hat, kann man gar nicht anders beschreiben, als daß man von seiner Person spricht: Jesus ist der Christus!

Indem Gott so für uns konkret wird, wird es ernst mit Gott. Wir können nicht mehr in Ruhe über Gott philosophieren, denn jetzt heißt es: „Folge mir nach!“ Jetzt ist das Reich Gottes in der Person Jesu mitten unter uns. Der unnahbare Gott hat auf einmal unser Schicksal auf sich genommen und sich in naturhafte und geschichtliche Notwendigkeiten verstrickt und Freude und Leid mit uns geteilt.

Aber dadurch begegnet er uns auch unausweichlich. Wir begegnen ihm in einem Hohlweg, in dem es keinen Ausweg mehr gibt. Da geht es nicht mehr um den Weihnachtsmann, sondern in der Begegnung mit Jesus geht es um die Frage der Vergebung der Sünde und die Neubegründung unsres Lebens vor Gott.

Wenn wir Gott außerhalb Jesu suchen, dann werden wir früher oder später dem Gott des Gesetzes in die Arme laufen. Solange wir nicht bei Christus vor Anker gegangen sind, versuchen wir selbst es auch immer wieder mit dem Gesetz. Dann sind wir immerzu darauf aus, was wir selbst sind und leisten‚ um uns so Gott vom Leib zu halten. Aber das geht nicht, es ist auch nicht nötig. Adam hat sich noch vor Gott versteckt, als er ertappt worden war. Aber wir brauchen uns nicht mehr verstecken, seit Gott in Christus bedingungslos zu uns steht.

 

(2.) Jesus haben wir im Wort: Es ist nicht so einfach, Gott im Menschen finden zu können. Wir müssen uns dazu mit einem fernliegenden Stück Geschichte vertraut machen. Wir müssen uns in eine ganz andere Weise des Denkens und des Lebensverständnisses, in andere Gewohnheiten und Sitten und in eine andere soziale Ordnung hineindenken. Aber danach müssen wir dieser Weg auch wieder zurückgehen in unsre gegenwärtige Lage hinein.

Immer wieder hat man versucht, sich diesen Weg zu ersparen und eine irgendwie geartete Gottunmittelbarkeit zu gewinnen. Man wollte Gott aus der Natur erkennen, aus ihrem Reichtum, ihrer Schönheit und ihrer Ordnung. Oder man wollte Gott mit den Mitteln des menschlichen Denkens innewerden, durch Versenkung oder auch durch die Kunst. Oder man dachte, man brauche nur auf eine innere Stimme zu hören und den inneren Funken anblasen zu lassen und auf das Wehen des Geistes zu warten. Angeblich wäre so alles viel einfacher und müheloser, auch viel echter und überzeugender. Was hilft in Glaubensdingen schon Angelerntes und Übernommenes?

Doch der 1. Johannesbrief sagt: „Was euch in der Taufe mitgegeben wurde, das bleibt. Da ist es nicht nötig, daß euch noch jemand anders lehrt!“ Damit soll aber nicht gesagt sein, daß man die Predigt des Wortes und die anderen Gnadenmittel nicht mehr braucht, wenn man nur erst glaubt. Vielmehr geht es hier gegen Irrlehrer, die die schlichten Gläubigen auf eine höhere Stufe der Erkenntnis führen wollten. Sie sagten: „Der himmlischer Erlöser hat sich nur vorübergehend - zwischen Taufe und Kreuzigung Jesu  -in ein irdisches Gewand verkleidet. Er hat die Menschen an ihre himmlische Heimat erinnert, damit sie sich frei machen von ihrem Körper und in die überirdische Welt zurückkehren!“ Doch das ist nicht nur ein Irrtum, so als sähe man das nur falsch, sondern das ist eine Lüge, bei der sich Menschen gegen eine erkannte Wahrheit auflehnen. Hier wird Gottes rettendes Tun nicht nur geleugnet, sondern es soll durchkreuzt werden.

Der 1. Johannesbrief dagegen sagt: „Was ihr von Anfang an gehört habt, das bleibe in euch. Der Glaube braucht die Überlieferung, denn in diesem Wort spricht Gott selbst. Hier hat er sich gewissermaßen noch ein zweites Mal erniedrigt, in das Wort hineinbegeben, aber

er will es so. Deshalb brauchen wir keine neuen Offenbarungen, sondern nur das Wort der Bibel. Und es ist auch nicht getan mit stimmungsvollen Augenblickserfolgen, sondern auf das Bleiben kommt es an.

 

(3.) Im Wort haben wir das Leben: Wenn Gott in der Verkündigung die Gemeinschaft mit uns herstellt, dann haben wir das neue Leben schon jetzt. Es geht dabei nicht um das biologische Leben, das jeder Mensch mit allem organischen Leben gemeinsam hat. Der Mensch kann sich entscheiden und wird zur Verantwortung gezogenen. Er kann seine Bestimmung auch verfehlen. Wahres Leben aber hat er nur, wenn er auch Gott hat. Da wir Gott aber jetzt schon haben können, weil Jesus einer von uns geworden ist, haben wir dieses göttliche Leben  jetzt auch schon.

Aber das ewige Leben ist auch wiederum mehr. Wir haben noch nicht alles, aber Vater und Sohn werden uns zu sich ziehen. Die Gott so geliebt hat, daß er seinen Sohn für sie gab, die läßt er nie wieder fallen. Es gibt etwas zu hoffen, dann Gott kam und hat froh gemacht, die traurig waren. Deshalb gibt nicht die äußere Form der Weihnacht den Ausschlag über dem Wert der Festtage, sondern das Ernstnehmen der Botschaft: „Euch ist heute der Heiland geboren!“

 

 

2. Sonntag nach dem Christfest: Jes 61, 1 - 3 und 10 - 11

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten? Nun, der Optimist sagt, ein Glas sei halbvoll, ein Pessimist dagegen meint, es sei nur halbvoll. So kann man auch das abgelaufene Jahr sehen: Die einen sagen: „Es war ein Jahr der Katastrophen!“ Dafür liefern die Jahresrückblicke im Fernsehen genug Belege.

Aber es gibt auch genug hoffnungsvolle Zeichen: Der Ost-West- Gegensatz hat aufgehört, es wird abgerüstet, Europa wächst weiter zusammen. Selbst in ganz hoffnungslosen „Fällen“ wie ist etwas in Bewegung gekommen. Die Diktaturen haben im Augenblick keine Chance mehr. Wir leben in einer Zeit, in der man wieder Hoffnung haben darf. In unsrer Welt ist etwas in Bewegung gekommen. Kein Reich ist so festgefügt, daß es nicht doch ins Wanken geraten könnte.

Viele haben sich den Gewaltherrschaften zur Verfügung gestellt in der Meinung, es werde alles ewig so bleiben, es käme schon nichts heraus und sie würden nicht zur Rechenschaft gezogen. Aber heute stehen nicht nur die Mauerschützen vor Gericht, sondern auch ihre Auftraggeber.

Wir dürfen wissen: Gott kommt immer wieder, um den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit und zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn.

Sicherlich dürfen wir auch die dunklen Wolken über unsrer Welt nicht vergessen. Auch im persönlichen Leben haben wir vielleicht Schlimmes erfahren: der Tod hat einen lieben Menschen von unsrer Seite gerissen, Krankheit und Schmerzen, Alter und Einsamkeit quälen uns. Und schnell kommt dann die Anklagen! „Es gibt keinen Gott, denn wie könnte sonst soviel Leid und Versagen in unsrer Welt sein!“

So wurde auch schon unter den Israeliten geredet, die aus der Gefangenschaft in Babylon wie­der in ihr Land zurückgekehrt waren. Es war nichts von der großen Wende zu spüren, die der Prophet Jesaja der Zweite angekündigt hatte. Man haust in den Trümmern der Städte, die seit Generationen verwüstet sind. Der Tempel Gottes ist zerstört und das Königshaus machtlos. Fremde und Andersgläubige betrachten argwöhnisch die Neuankömmlinge und geben ihnen nichts ab von ihren Vorräten.

Man hält zwar scheinheilig Gottesdienste, aber im Alltag herrscht Gewalt: Da leben Menschen in getäfelten Häusern und werfen die ins Gefängnis, die aufbegehren. Es sollte zwar jenes „gnädige Jahr des Herrn“ geben: Alle sieben Jahre sollten alle Schulden erlassen werden, sollte jedes Abhängigkeitsverhältnis wieder aufgehoben werden. Aber ob das jemals in der Praxis durchgeführt worden ist, weiß man nicht. Die Natur des Menschen ist jedenfalls anders, als es diese schönen Worte sagen.

Das ist auch seit Jesus nicht anders geworden, der ja seit seinem ersten öffentlichen Auftritt in Nazareth diese Worte des Propheten Jesaja ausgelegt hat. Damals hat er die berühmten Worte gesprochen: „Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren!“ Recht hat er natürlich damit. Was gläubige Menschen seit Jahrhunderten erhofft haben, ist mit Jesus eingetreten. Seine Geburt war tatsächlich die große Wende in der Welt, die einzige wirkliche Wende. Daß wir auch heute Optimisten sein dürfen, das können wir nicht am Lauf der Welt ablesend. Das sagt uns Gott und das hat mit Jesus begonnen, Wirklichkeit zu werden. Das gibt uns auch heute Kraft, die nötigen Dinge anzupacken.

Es ist aber nicht damit getan, die Not der Unterdrückten und Hoffnungslosen mit Spenden etwas zu lindern. Ein Paket in Notstandsgebiete ist natürlich gut und hilft dem Empfänger sehr. Aber im Sinne Jesus ist es zu wenig, wenn man dem Armen nur gerade so viel zukommen läßt, daß er gerade noch genug zum Überleben hat. Jesus will mehr. Er will, daß das ganze Verhältnis zwischen Gott und Welt in Ordnung kommt, und damit auch das Verhältnis der Menschen untereinander.

Niemand braucht mehr sein eigenes Schäfchen ins Trockene zu bringen. Es ist ja längst im Trockenen, weil Gott für uns sorgt. Nun haben wir den Rücken und die Hände frei . Es lohnt wieder, zu leben und zu arbeiten, für den Mitmenschen da zu sein, für sie zu kämpfen und zu hoffen.

Allerdings kann man das Gute, das Gott uns geben will, nicht unbedingt aus den gegebenen Lebensumständen ableiten oder ablesen. Optimismus und Humor kann nicht zur Pflicht gemacht werden, nur weil jetzt unter anderem auch die Fastnachtszeit beginnt. Aber man kann doch auch die Freude lernen. Es gibt ja Experten der Traurigkeit, denen mit nichts zu helfen ist; sie sind „untröstlich“, um sich bei anderen Menschen wichtig zu machen, sie genießen es

in vollen Zügen, daß sie es so maßlos schwer haben.

Doch so darf es bei uns im Rückblick auf das Christfest und im Vorausblick auf das neue Jahr nicht sein. Gott meint es gut mit uns! Bei ihm stehen alle Türen offen! Auch wenn ich in einer schweren Situation bin, ist ihm an mir gelegen und er denkt sich täglich Gutes für mich aus. Wir haben das Heil doch immer noch vor uns. Gott hält durch mit allseinen Plänen und Zusagen.

Schon der Prophet rief seine Gemeinde auf, auch gegen den Augenschein zu glauben. In immer neuen Bildern beschreibt er das Positive in seinem Leben: Gott hat mir die Kleider des Heils abgezogen, mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mich mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Schmuck prangt. Wie ein Gewächs aus der Erde wächst, wie Same im Garten aufgeht, läßt Gott seine Gerechtigkeit aufgehen.

Wenn wir Gott danken, geben wir ihm zu erkennen: Ja, ich habe es gemerkt, was du an mir getan hast! In frohen und festlichen Stunden ist es natürlich leichter, an Gott zu glauben und ihm zu danken. Aber wenn ein Fehlschlag kommt, dann sehen wir oft nur noch die schlechte Gegenwart. Dann vergessen wir leicht das Große und Schöne, das wir in der Vergangenheit erlebt haben. Und wir vergessen auch, daß vielleicht gerade eine Notzeit uns zum Segen geworden ist.

Gerade an den Tiefpunkten des Lebens werden wir aufgerufen, gegen den Augenschein an Gottes Güte und Liebe zu glauben. Es gibt nur nicht den großen Knall und alles ist anders. Der Prophet spricht vom Wachstum, und das ist langsam, aber stetig.

Der Segen Gottes ist kein sensationeller Szenenwechsel, sondern er trifft uns gerade im Alltäglichen und Gewöhnlichen. Wie oft schickt uns Gott in unserem Leben einen Menschen, der gerade im rechten Augenblick das richtige Wort zu sagen weiß. Wie oft werden wir selber aufgefordert, der Helfer der Mühseligen und Beladenen zu sein.

Kraft für uns selber und Kraft für die anderen erhalten wir durch das Zeichen, das es erst seit Jesus gibt: durch das Abendmahl. Es verbindet uns mit Gott und macht uns sicher, daß wir Optimisten sein dürfen, auch im neuen Jahr. Wir müssen die ausgestreckte Hand Gottes nur ergreifen.

Zum Schluß möchte ich das noch einmal deutlich machen mit einer Geschichte: Im Atlantik ist ein Schiff untergegangen. Nur wenige Passagiere haben sich auf Bretter retten können. Aber durch den starken Seegang werden die meisten weggespült. Zuletzt bleiben nur noch ein Mann und der Schiffsjunge übrig. Der Mann flucht und schimpft über sein Schicksal. Er läßt alle Hoffnung fahren und bringt sich schließlich selber mit einem Messer um.

Der Schiffsjunge aber betet zu Gott. Tagelang treibt er auf dem Meer unter der Gluthitze des Äquators. Obwohl er doch so viel Wasser um sich herum hat, muß er furchtbaren Durst erleiden. Schließlich greift er doch ins Wasser und trinkt davon.

Doch da geschieht das Wunder: das Wasser ist gar nicht salzig, man kann es trinken. Der Junge hält es noch zwei Tage aus und wird dann von einem Schiff gerettet. Erst jetzt stellt sich heraus: Er befand sich im Mündungsgebiet des Amazonas, der so viel Wassers ins Meer bringt, daß man noch kilometerweit im Meer solche Süßwasserstellen findet. Hätte der andere sein Vertrauen nicht weggeworfen, dann hätte er auch gerettet werden können. Der Schiffsjunge aber hat in einer ausweglosen Lage auf Gott vertraut und hat sein Leben erhalten.

 

 

Altjahrsabend:

Noch nicht  bearbeitet

 

 

Neujahr: Jos 1, 1 - 9

Ein altes Jahr liegt hinter uns. Es gab manche gute Wegstrecke und fröhliche Tage. Es gab aber auch beschwerliche Aufstiege, Staub und Steine auf der Straße unsres Lebens. Mancher Mensch, der uns viele Jahre begleitet hat, geht nicht mit ins neue Jahr. Wir müssen dann allein weiterziehen, mit einem immer größeren Gepäck an Erinnerungen.

Nun haben wir die Grenze zum Neuen überschritten und werden niemals mehr in das Vergangene zurückkehren. Wir ziehen in die Zukunft wie in ein unbekanntes Land. Wir wünschen uns ein „gesundes neues Jahr“ oder auch ein „gesegnetes neues Jahr“ Immer wenn etwas Neues beginnt, wünschen wir uns Glück und Segen. Wir haben nicht immer tiefe Gedanken dabei. Wir müssen ja doch abwarten, was im neuen Jahr tatsächlich auf uns zukommt.

In diese Haltung spricht das Wort Gottes hinein. Das geschieht in jedem Gottesdienst. Aber heute haben wir ein tieferes Gespür dafür, daß unser Leben nicht einfach immer so dahingleitet. Die neue Jahreszahl soll uns bewußtmachen: Es gibt Einschnitte im Ablauf der Zeit. Es gibt Einschnitte in unserem Leben.  Wir gehen auf Neues zu, das nur undeutlich erkennbar ist. Doch gut wäre es, wenn wir in dem nicht Durchschaubaren doch Gott erkennen könnten, der sich uns in Jesus Christus erschlossen hat. Wir wissen nicht, was er im einzelnen tun wird. Aber wir wissen, wer es ist und wie er es meint.

Josua und das Volk Israel waren auch an der Grenze zu etwas Neuem. Vor sich hatten sie das Land Kanaan, fruchtbar, aber weithin unbekannt, mit festen Städten und militärisch überlegen. Sie dagegen waren ein im Kampf noch unerfahrenes Nomadenvolk, erschöpft durch die jahrzehntelange Wüstenwanderung. Es war das Land der Verheißung. Sie freuten sich darauf, dort einzuziehen.

Aber zuerst mußten sie über den Jordan ziehen‚ der tief ins Gelände eingeschnitten vor ihren lag. Wer zu diesem Fluß hinabstieg und ihn überquerte, wußte nicht, was ihn erwartete. Wie sollten es wagen ohne Mose, ihren vertrauten Führer an der Spitze? In dieser Lage erhält

Josua den Auftrag: „Mache dich auf und ziehe über den Jordan!“ Da gibt es keine Diskussionen und kein Zaudern mehr. Die Verheißung ist so formuliert, als sei ihnen das Land schon gegeben, als brauchten sie es nur noch in Besitz zu nehmen.

So besteht auch unser Leben aus einer einzigen Kette von Übergängen: vom Säugling zum Kind und zum Jugendlichen und Erwachsenen, vom Einzeldasein zum partnerschaftlichen Leben, vom Berufstätigen zum Ruheständler, vom Leben zum Tod („über den Jordan gehen“, sagen wir ja auch dazu). Jeder dieser Übergänge ist schwierig und mit Gefahren verbunden, aber er hat auch etwas Verlockendes, so wie viele junge Leute von zu Zuhause fortstreben, aber auch wieder Angst haben vor der Freiheit.

Heute stehen wir am Anfang eines Jahres und blicken gleichsam wie vor einem Berg in ein Tal hinab. Vor uns ist ausgebreitet, was für uns bereitgehalten wird und was wir erreichen werden ,wenn wir die Anstrengung des Abstiegs und Aufstiegs auf uns nehmen.

Mit Bestimmtheit können wir natürlich noch nicht sagen, was vor uns liegt. Aber aus den Erfahrungen der Vergangenheit können wir Hoffnung schöpfen für den Weg, der vor uns liegt. Wir sind schon vielfach von Gott hindurchgetragen worden. Das wird uns helfen, zuversichtlicher und gläubiger den Weg ins unbekannte Land zu gehen.

Einiges wird auch jetzt schon erkennbar sein: in der Weltlage, im gesellschaftlichen Leben, in der Kirche, in Beruf und Familie ist vieles schon vorgeprägt. Wir fangen ja nicht ganz neu an, sondern führen auch vieles fort. Aber es bleibt noch genügend Unvertrautes. Es warten Entscheidungen auf uns, bei denen wir unsicher sein werden.

Auch im Privatleben bleiben uns im neuen Jahr Schritte ins Neuland nicht erspart. Hier kann uns auch jeder Schritt verunsichern. Vielleicht werden sich ja doch allerhand Veränderungen ergeben: eine neue Wohnung oder eine neue Arbeit‚ neue Menschen oder auch Menschen, die fehlen werden; und vielleicht könnte es sogar die letzte Etappe unsres Lebens sein.

Da wird es gut sein, wenn wir auf Gottes Zusage und Versprechen hin ins neue Jahr gehen. Menschlich gesprochen laufen wir in  den Nebel. Aber mit Gott gehen wir voller Spannung in die Zukunft hinein. Noch ist alles offen. Aber das Schicksal wirft nicht wie im Spiel die Lose, sondern wir dürfen gespannt sein, wie Gott nun Schritt für Schritt seine Verheißung wahr macht.

Wanderer brauchen allerdings eine Landkarte, einen Kompaß und Wegweiser. Auch wenn der Weg einmal eng wird, wenn die Aussicht fehlt, wenn man Weg und Ziel kennt, wenn man weiß, wie man sich verhalten muß, dann liegt kein Grund zur Beunruhigung vor. Gott gibt uns als Wegweiser seine Gebote an die Hand. Schon für Israel war das Gesetz eine Hilfe. Gott erinnert daran und sagt: „Ihr habt selber den Nutzen davon, wenn ihr euch weiter daran haltet!“ Wenn wir uns an seine Gebote halten, können wir nicht irre gehen. Und wenn das doch einmal passiert sein sollte, leiten sie uns auf den richtigen Weg zurück. Wir können für den Jahresbeginn keinen besseren Rat bekommen als diesen, daß wir uns gut an Gottes Gebote erinnern.

Auch im neuen Jahr wird uns wieder Gelegenheit gegeben, Gottes Wort zu hören und seine Weisungen zu empfangen. Es wird gepredigt werden, die Bibel wird ausgelegt und der Wille Gottes gelehrt werden. Das Große und Allgemeine wird uns in Gottes Namen gesagt werden, aber auch vom Alltäglichen und von Einzelheiten wird die Rede sein. Jeder trägt in seinem Beruf und in der Familie ein Stück Verantwortung für die kommende Gestalt der Welt und seines Lebens.

Für Josua hätten die militärischen und siedlungspolitischen Probleme der Landnahme im Vordergrund stehen können. Für uns könnte wichtig sein, ob wir gesund sein werden, Erfolg haben werden, ob wir uns dies oder jenes leisten können. Aber das alles ist dem untergeordnet: ob ich die Spur einhalte, auf der Gott mich sehen will. Nichts erhält unser Leben mehr als Gottes gute Ordnung, nichts zerstört es mehr als unser Ungehorsam.

Besonders  e i n Gebot wird eingeschärft: „Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und freudig seist. Laß dir nicht grauen und fürchte dich nicht!“ Dieses Wort verbietet uns einfach, verzagt und mutlos zu sein. Wer den Mut sinken läßt und ein freudloses Leber führt, der handelt gegen Gottes Gebot und Verheißung. Gott befiehlt uns ein fröhliches Jahr.

Aber kann man denn einfach befehlen, getrost und freudig zu sein? Wird man dadurch nicht eher erschreckt als erfreut und getröstet? Kann man sich so etwas einfach vornehmen und dann geht es schon? Und die Mutlosigkeit wird sich nicht wieder einstellen? Nein, auf Befehl kann keiner getrost und freudig sein. Wir können das nur, wenn wir auch tatsächlich einen Grund dafür sehen.

Der Grund liegt darin, daß Gott uns väterlich liebt. Wohin wir auch gehen, Gott wird mit uns sein. Wohin wir kommen, da wird er schon vorher angekommen sein. Es wird keinen Tag geben, von dem Gott nicht schor Besitz genommen hätte. Es gibt keinen Ort menschlichen Daseins, den Gott in Jesus Christus nicht schon durchschritten hätte bis hin zu Tod und Grab.

Alles Neuland ist Gottes Gelände. Jede neue Situation gehört Gott.

Das Volk darf nicht nur irgendwie mit Gott rechnen, sondern es wird ihm Genaueres gesagt: „Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit Josua sein!“ Und wir heute könnten sinngemäß ergänzen: „Wie ich mit Josua gewesen bin, so werde ich auch mit euch Christen des Jahres 20……. sein!“

Der Name „Josua“ bedeutet dasselbe wie „Jesus“ (und übrigens auch „Hosea“). Zu deutsch bedeutet dieser Name: „Gott hilft!“ In der Kirche feiert man seit alten Zeiten den 1 . Januar als den Gedenktag der Namensgebung Jesu. Damit wird das ganze Jahr begonnen im Namen Jesu. Dabei erinnern wir uns daran, daß wir Grund haben, auch in diesem Jahr wie in allen Jahren getrost und freudig zu sein, weil dieser Herr mit uns geht.

Gott sagt : „Ihr sollt wissen: An unserem Verhältnis ändert sich nichts!“ Wir sind dankbar, wenn einer einen schwierigen Weg mit uns geht, wenn er sagt: „Ich komme mit, ich begleite dich!“ So ist Gott mit uns unterwegs, auch im unvertrauten Gelände. Es können ja auch Tage

kommen, an denen wir von innen heraus müde sind, wo wir nicht wissen, wozu wir auf der Erde sind und woran wir uns freuen sollen, in denen uns bange ist, weil wir nicht sicher sind, ob wir unserer Aufgaben gewachsen sind.

Da wird es gut sein, sich an Gottes Gebot zu erinnern „Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und freudig seist!“ Wir wünschen einander Glück. Aber mancher hat vielleicht einen schweren Weg vor sich. Vielleicht gehören wir selbst zu denen, deren Glaube im begonnenen Jahr hart erprobt werden wird. Schwierige Situationen bieten uns aber die Möglichkeit, Gott unser Vertrauen zu beweisen. Selbst wenn Gott uns im kommenden Jahr dies und jenes mißlingen läßt, wird er bei uns sein, vielleicht gerade dann am meisten!

 

 

Epiphanias: Kol 1, 24 - 27

Manche Menschen werden ganz verrückt, wenn sie einer berühmten Persönlichkeit begegnen. Als der amerikanische Präsident Kennedy im offenen Wagen durch Deutschland, da sind viele auch aus den umliegenden Dörfern dorthin geeilt, um ihn zu sehen. Und wenn man sie fragte: „Weshalb macht ihr das? Was ist denn so interessant an dem Mann?“ dann wußten sie es gar nicht zu sagen. Genauso ist es, wenn Herbert Grönemeyer oder Mario Barth kommen: die Leute rennen hin, als käme dort eine Offenbarung.

Jetzt habe ich ein Wort gebraucht, das zu dieser Kirchenjahreszeit paßt, zu Weihnachten oder noch genauer zum Fest „Epiphanias“. Dieses war am 6. Januar und wird auch „Dreikönigstag“ genannt. In der alten Kirche war es das eigentliche Weihnachtsfest, und in den Ostkirchen wird es auch heute noch so gefeiert.

„Epiphanias“ heißt auf deutsch: „Erscheinung“. Im Altertum sprach man von „Erscheinung“, wenn Götter unvermutet sichtbar wurden und in das Geschehen auf der Erde eingriffen; so konnten sie zum Beispiel allein durch ihre Gegenwart eine Schlacht entscheiden. Von „E­r­schei­nung“ sprach man aber auch, wenn ein Statthalter oder Kaiser sich irgendwo im Lande sehen ließ. Dabei kam es aber auch immer darauf an, daß er seine Würde und Kraft demonstrierte.

Der Begriff eignete sich also gut für die christliche Gemeinde, wenn sie die Bedeutung ihres Herrn beschreiben wollte. Nur kam dieser nicht mit Würde und Kraft, sondern unscheinbar als ein Kind. Dadurch gab Gott sich zu erkennen und ging auf die Menschen zu.

An Weihnachten öffnet sich für uns ein Geheimnis: Haben wir an diesem Fest etwas von diesem Geheimnis bemerkt?

In einem Dorf hat die Jugendfeuerwehr sich ein eigenes Weihnachtsspiel ausgedacht: Maria und Josef fanden eine Bleibe im Gasthaus mit Wasserbett und Fernseher. Die Heiligen Drei Könige brachten ein schnurloses Telefon, eine Taschenlampe und eine Fußballfahne. Es mag nicht immer alles so theologisch einwandfrei gewesen sein. Aber die jungen Leute haben sich doch mit der Sache auseinandergesetzt und vielleicht mehr von ihr begriffen als mancher sogenannte „gute Christ“. Zumindest haben sie erkannt, daß Weihnachten in unsre Welt gehört und sich auch heute noch ereignet.

Wohlgemerkt: das war eine Feuerwehrgruppe. Die Feuerwehr erfüllt eine sehr menschenfreundliche und auch christliche Pflicht, aber sie befaßt sich ansonsten nicht mit biblischen Geschichten. Wie armselig sieht es demgegenüber oft in christlichen Weihnachtsfeiern aus! Weihnachtsfeier heißt für die meisten: gut essen und trinken. Auch bei christlichen Feiern steht das meist im Vordergrund. Und an Weihnachten erinnert höchstens noch einmal ein Lied, vielleicht als Hintergrundmusik von der Platte gespielt.

Ich wünsche Ihnen, daß Sie ein anderes Weihnachten erlebt haben, mit Gottesdienst und selbstgesungenen Liedern unter dem Christbaum, mit Nachdenken und Gesprächen, mit Besuchen und neuen Einsichten. Und wenn nicht, dann ist ja immer noch Zeit dazu. Die engere Weihnachtszeit geht ja bis zum Dreikönigstag, bis zu Epiphanias, und die erweiterte Weihnachtszeit bis zum letzten Sonntag nach Epiphanias.

Wir machen meist die Adventszeit zu einer Vorweihnachtszeit, und nach Weihnachten ist dann die Luft raus. Da ist man von allem so erschöpft, daß man von Weihnachten gar nichts mehr gehabt hat. Nutzen wir deshalb die Zeit nach den Feiertagen, um noch etwas von dem Geheimnis der Geburt Jesu mitzukriegen.

Manche wollen das Geheimnis weglassen. Jesus ist für sie ein bemerkenswerter Mann aus Galiläa, den man wegen seiner Reden und seines Tuns hochachten muß. Vielleicht kann man ihn auch durchaus liebhaben. Vielleicht fühlt man sich durch sein Wort getroffen und ermutigt. Zwar ist man irgendwie durchschaut, aber dennoch angenommen. Eine solche Begegnung mit dem Menschen Jesus kann durchaus als Befreiung empfunden werden. Aber es bleibt eben alles auf der menschlichen Ebene. Doch manchem genügt das durchaus. Er fragt sich: Wozu da noch die Rede von dem göttlichen Geheimnis, von der Erscheinung und vom Heil?

Vielleicht gehört dazu erst die Erkenntnis, daß etwas zerbrochen ist im Verhältnis der Menschen untereinander und in ihrem Verhältnis zu Gott. Auch an diesem Fest haben die Waffen nicht geschwiegen, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen. Es geht dabei nicht nur um den Krieg vor unsrer Haustür. Man zählt immer wieder viele Kriege in der Welt, die meisten davon in Afrika. Aber sie sind vergessen, man hört nichts von ihnen.

Wie vergleichsweise gering sind da unsre Probleme am Beginn dieses neuen Jahres: mehr Steuern und Abgaben, relativ weniger Einkommen -  jedenfalls für die große Masse, nicht für die sowieso schon Reichen. Wir haben Angst vor Gewalttat, Verlust des Arbeitsplatzes, Krankheit. Wer davon betroffen ist, für den ist das auch ein großes Problem. Doch ganz gleich, ob wir viel oder wenig zu leiden haben: wir haben schon ein Gefühl dafür, daß unsre Welt nicht in Ordnung ist. Deshalb genügt es nicht, Jesus gewissermaßen wie auf einer Bühne handeln zu sehen.

Man muß auch wissen, was hinter der Bühne ist. Und da sagt uns die Bibel: Die Welt ist verloren, wenn Gott nicht eingreift, wenn er nicht auf der Weltbühne erscheint und alles wieder richtet. Mit der Geburt Jesu wurde damit der Anfang gemacht. Seitdem ist es auch uns möglich, im Sinne Gottes zu leben und zu handeln. Seitdem können wir - jeder an seinem Ort -  mit dazu beitragen, daß es in der Welt ein wenig mehr im Sinne Gottes zugeht. Das ist das ganze Geheimnis.

Doch die Tür zu Gottes Geheimnis geht nur von innen auf. Der Satz: „Gott ist Liebe“ sagt noch gar nichts, weil er zu allgemein ist. Wahr wird dieser Satz erst, wenn noch ein Geschehen dazu kommt, nämlich daß Gott seinen Sohn gesandt hat zur Versöhnung der Welt. Das Kommen Gottes ist ein weltweites Ereignis: Beim Epiphanias fest geht es nicht nur um die Erscheinung Gottes in der Welt. Wichtig ist auch, daß diese Erscheinung ein weltweites Ereignis ist. Das macht die Geschichte von den Heiligen Drei Königen deutlich. Sie kommen von allen Enden der Welt, um das Kind anzubeten. Von dort ist die Botschaft in die ganze Welt gekommen. Sie wird auch uns heute gesagt und soll uns wieder aufrichten.

Den Zuspruch Gottes brauchen wir eigentlich jeden Tag neu. Aber vor allem am Sonntag wird er uns angeboten. Die Predigt ist nicht eine private Meinungsäußerung zu Fragen des Glaubens. Sie ist auch nicht die Selbstdarstellung eines Menschen, der zum Besten gibt, was Gott ihm bedeutet. Man sollte es auch nicht so ernst nehmen, wenn ein Pfarrer sagt: „Ich habe deshalb studiert, weil es zu mehr nicht reichte!“

In dem Wort eines Menschen kommt das Geheimnis Gottes unter die Menschen. Das ist allerdings eine Aufgabe für uns alle, nicht nur für die beamteten Mitarbeiter der Kirche. Mancher wird freilich sagen: „Das kann ich nicht. Ich habe selber Probleme. Ich will nicht immer nur geben müssen, sondern auch einmal etwas empfangen!“ Hier ist dann auch von dem Leiden zu reden, von dem auch Christen nicht frei bleiben.

Trotz aller Leiden bleibt uns die Hoffnung: Der Kolosserbrief tut so, als sei er von Paulus aus der Gefangenschaft geschrieben. Doch das Leiden wird nicht verherrlicht. Wir dürfen zwar vor Bedrängnissen nicht ausweichen, aber wir dürfen auch nicht das Leiden suchen. Wenn es uns an Leib und Seele gut geht, dürfen wir dankbar sein. Aber nach christlicher Sicht haben wir auch ein gewisses Maß an Leiden durchzustehen, bis Jesus in Herrlichkeit wiederkommt.

Man redet nicht gern vom Leiden, auch nicht in der Kirche. Aber wir müssen auch im kom­menden Jahr damit rechnen, daß wir nicht von Konflikten und Demütigungen, von Leiden und Schmerzen und vielleicht auch nicht vom Tod verschont werden. Das Leben eines Christen hat nichts Triumphales an sich.

Der Kolosserbrief leitet uns an, daß wir uns gegenseitig im Leiden beistehen und uns stärken. Und er spricht von der Hoffnung, die wir trotz allem haben dürfen. Wenn wir vielleicht einer schwer betrübten Zeit entgegengehen, so bringt sie uns doch dem Tag Christi immer näher. Der einst als Kind erschienen ist und seinen Siegeszug durch die ganze Welt angetreten hat, wird einst in Herrlichkeit erscheinen und alles Leid überwinden. In dieser Gewißheit können wir getrost in dieses kommende Jahr gehen.

 

 

1 . Sonntag nach Epiphanias: 1. Kor 1, 26 - 31

In der christlichen Gemeinde wird es wohl immer Menschen geben, die von der Art des Pfarrers besonders angetan sind, und solche, die weniger davon angesprochen werden. An sich sollte das ja nicht so sein, es geht um die Bindung an die Sache und nicht an Menschen. Aber wir können halt auch nicht so leicht aus unsrer Haut und machen die Sache oft von den Menschen abhängig, die sie vertreten. Das ist überall in der Welt so, bei einem politischen System, bei einem Verein, auch in der Kirche.

Doch das ist besonders ungünstig, wenn dann der betreffende Pfarrer nicht mehr in der Gemeinde ist. Die große Menge der Gemeindeglieder läßt sich natürlich nicht davon beeindrucken, die kommt zum Gottesdienst, egal wer dran ist oder ob „nur“ Lesegottesdienst ist. Aber es gibt auch einige, bei denen erst einmal etwas abgerissen ist. Sie finden dann viele wichtige Gründe, weshalb sie nicht mehr oder doch seltener zum Gottesdienst kommen. Da muß dann erst wieder etwas wachsen.

Besser aber ist es, wenn man den Glauben gar nicht erst an eine Person bindet. Es geht nicht um menschliche Vorzüge und Fähigkeiten, sondern um die Bindung an Gott. Das hat jedenfalls Paulus den Korinthern deutlich machen wollen. Die Gemeinde war in verschiedene Lager gespalten, die sich um bestimmte Persönlichkeiten in der Gemeinde gruppierten bzw. bestimmte Apostel als ihre großen Vorbilder ansahen.

Paulus aber sagt demgegenüber: Was habe ich euch denn zu bringen? Ich habe euch doch nichts voraus, woran ich euch Anteil geben könnte und wodurch ich euch ins Schlepptau nehmen könnte. Menschen sind doch nicht euer Heiland. Ich bin doch nicht für euch gekreuzigt worden, sondern Christus wurde gekreuzigt. Ich bin nur Verwalter seiner himmlischen Gnadenmittel.

Auf dem Gebiet des Glaubens ist die Gefahr des Auseinanderfallens besonders groß. Man hat es ja mit etwas Unsichtbarem zu tun‚ über das sich jeder gerne seine eigenen Gedanken macht. Man will auch gern persönlichste Erfahrungen für alle verbindlich machen und sagt dann: „Das habe ich nun einmal erkannt, ich kann nicht anders!“ Schon ist eine Spaltung in der Gemeinde da. Besonders schwierig ist natürlich immer, daß jeder behauptet, er sei im Besitz der Wahrheit. Das Problem wird auch nicht dadurch gelöst, daß man weitherzig sein will und nahezu alles gelten läßt. Wir haben ja gar nicht zwischen verschiedenen „Wahrheiten“ zu wählen, zwischen Programmen‚ Leitbildern, Arbeitsmethoden.

Paulus mahnt aber nun nicht: „Strengt euch an, damit er es zu etwas bringt, dann werden

auch die andere nicht mehr so verächtlich die Nase aber euch rümpfen!“ Paulus schreibt ganz anders: „Gerade euch hat Gott berufen. Wer ihr auch seid, woher ihr auch kommt, was ihr auch hinter euch habt: er hat euch herausgerufen aus eurem bisherigen Leben. Das verdankt ihr ihm allein!“ Paulus diskutiert die Argumente der Parteien nicht mit, sondern es geht ihm um das Zentrum: der gekreuzigte Christus soll wieder für alle in den Blick kommen.

Man hat es so ansehen wollen, als seien gerade die Menschen zu Christen geworden, die es sonst zu nichts bringen konnten: Weil sie in der Welt nichts zu hoffen hatten, hätten sie mehr auf das Angebot himmlischer Güter angesprochen. Wir wollen nicht bestreiten, daß das auch mit im Spiel war. Es stimmt schon, daß sich vorwiegend die Kinder, die Alten, die Witwen, auch die Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen zur Kirche halten. Das ist kein Mangel, sondern der Stolz der Kirche. Hier können diese Menschen aus ihrem gesellschaftlichen Schicksal herausgeholt werden und eine neue Heimat finden.

Aber die soziale Gerechtigkeit war nicht das eigentliche Wirkungsfeld Jesu. Ihm ging es darum, die Verlorenen zu Gott zurückzubringen. Nicht sie haben Gott gewählt, sondern

Gott hat sie gewählt. Zum Christsein entschließt man sich nicht wie zu einem Beruf oder zu einer Liebhaberei oder zu irgendeinem Verein. Man kann nur dazu gehören, weil man von Gott schon vorher dazu. auserwählt wurde.

Paulus will natürlich nicht die Angesehenen und Gebildeten wegschicken oder gar wegekeln. Das Niedrigsein ist nicht die Voraussetzung für die Zugehörigkeit zu Jesus. Auch Pharisäer und Schriftgelehrte hat er in seiner Nähe gehabt. Jesus hat am Pharisäer nicht

Getadelt, daß er etwas geleistet hat, sondern daß er sich dieser Leistung gerühmt hat. Und der Zöllner war nicht deshalb gerecht, weil er so demütig war. Das Sündenbewußtein macht es nicht, sondern entscheidend ist, was Christus für uns ist.

Kirche lebt nicht davon, daß es eben doch nicht die Schlechtesten sind, die zu ihren Gliedern zählen. Sie lebt davon, daß sie einen Herrn hat, der ihr immer wieder Chancen gibt. Für ihn ist auch der nicht verloren, den wir längst aufgegeben haben, weil unsre Kraft klein war. Er öffnet auch dort noch Wege, wo wir nur schwarz sehen. Gott hat immer wieder Türen aufgestoßen, durch die das Evangelium die Menschen erreicht.

Nur die Wahrheit Christi kann uns verbinden. Sie läßt uns einen Platz jenseits aller menschlichen Standpunkte einnehmen, ja wir werden in Wahrheit von Christus an einen ganz anderen Platz gestellt. Wir werden in dem Maße eins sein können in der Kirche, wie wir uns nicht unsrer Programme, unsrer Besonderheiten, unsrer Leidenschaft rühmen, sondern das rühmen, was Christus uns geworden ist. Was uns das Recht gibt, uns vor Gott überhaupt sehen zu lassen, liegt allein an Christus, der für uns gutsteht.

Deshalb schafft es Christus auch mit einer armseligen Kirche. Er erwählt das Geringe. „Wie war das denn, als ihr Christen wurdet“, erinnert Paulus die Korinther. Die Berufung traf doch Menschen, die ihrer Herkunft und ihrem Herkommen nach zumeist ganz unten waren. Es waren ganz einfache Menschen‚ auch wenn man darüber staunt, was ihnen Paulus in seinen Briefen an Mitdenken zugemutet hat.

Es waren nicht die Mächtigen und Einflußreichen‚ nicht die Schlüsselfiguren des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens, auch nicht Menschen, die durch ihre Geburt und Herkunft hervorgehoben waren. Es waren Proletarier, aber zum Teil auch Gesindel, jedenfalls konnte man mit solchen Leuten keinen Staat machen. Sie standen nicht in besonderem Ansehen und konnten auch nicht auf besondere Verdienste hinweisen.

Das ist nicht immer so geblieben. Aus der Gemeinde der Armen und Verachteten ist eine Kirche geworden, die über Jahrhunderte hinweg Kultur und Wissenschaft geprägt hat. Bedeutende Persönlichkeiten der Kirchengeschichte werden, heute auch von denen respektiert, die sonst nicht viel mit dem christlichen Glauben anzufangen wissen. Auch heute sind wir Christen doch meist solche, die im öffentlichen Leben nichts zu sagen haben, wenn wir es wirklich ernst meinen. Man will uns im Grunde gar nicht dabei haben, jedenfalls nicht an der Spitze. Doch dumm sind wir deswegen noch lange nicht.

Die göttliche Art, gerade den Schwachen nachzugehen, hilft uns auch persönlich weiter. Jeder hat schwache Stellen. Wenn sie zufällig angesprochen werden, dann reagiert er gereizt. Es fällt auch immer wieder schwer, mit den eigenen Grenzen fertig zu werden. Wir sind verletzt, wenn uns gesagt wird: „Eigentlich müßtest du das schneller bringen!“ Oder wenn es heißt: „Man merkt dir deine Jahre schon an!“

An unsren Grenzen sind wir meistens verwundbar. Aber zum Glück braucht unser Herr keine hochgezüchtete Elitetruppe. Er freut sich vielmehr, wenn auch schwache Menschen frei von Angst und Druck leben. Wir müssen nicht erst beweisen, daß wir alles im Griff haben. Es genügt, wenn wir mit Vertrauen und gutem Willen auf sein Angebot eingehen.

In der Gemeinde ist deshalb auch Platz für die Menschen, die in den Augen der Gesellschaft schwach und ohne Ansehen sind. Wir müssen uns manchmal fragen, was bei uns nicht stimmt, wenn die Außenseiter nicht zur Gemeinde kommen. Sie hat nicht nur für diese Menschen da zu sein, sondern sie gehören zu den Kennzeichen einer Gemeinde.

Gott entwertet sogar das Hohe, reißt es ab, um etwas Neues bauen zu können. Auf der mensch­lichen Ebene haben die Menschen Vieles geleistet. Dabei gibt es Unterschiede: die Großen bekommen einen Artikel im Lexikon, die Kleinen nicht. Es gibt auch echte Menschlichkeit, die uns von ergreifenden Vorbildern vorgelebt wird und sich  bei vielen Menschen im Alltag bewährt hat.

Aber vor Gott stehen wir doch in der gleichen Situation, daß wir nämlich Sünder sind. Sünde ist nicht da Verbrechen oder der moralische Fehler, obwohl sie meist mit diesen einhergeht. Sünde ist die Beleidigung Gottes. Der Sünder läßt Gott nicht mehr seinen Gott sein, will nicht mehr aus seiner Liebe leben und sich von ihm nichts schenken lassen. Er pocht auf seine Verdienste und leitet daraus Forderungen ab und will Gott zu seinem Schuldner machen. Er ist im Zentrum seiner Person von Gott abgewandt und darum im Konflikt mit ihn.

Tritt Christus in mein Leben, dann werde ich nur noch das rühmen, was er ist und vollbringt. Die Zugehörigkeit zu Christus verändert das äußere Leben. Aber darauf kann man nicht bauen. Der Christ sagt nicht: „Seht her, das bin  ich, der Christ!“sondern er wird sagen: „So ist er - mein Herr!“

 

 

2. Sonntag nach Epiphanias: 1. Kor 2, 1 - 10

Wissen wird heute groß geschrieben. Manche Großmutter stellt bekümmert fest, daß sie ihren Enkeln bei den Hausaufgaben kaum noch helfen kann. Was sie gelernt hat, das beherrscht sie zwar. Aber die Kinder von heute sollen so viel in ihre Köpfe hineinstopfen, daß sie nichts richtig behalten. Früher galt: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ Aber heute sollen sich noch die Erwachsenen qualifizieren, über Meisterlehrgang, Abendschule, Fernstudium. Vergessen wir auch nicht, wie das Fernsehen und das Internet die neuesten Erkenntnisse von Wissenschaft, Technik und Medizin frei Haus liefert. Dafür können wir nur dankbar sein.

Da wollen wir Christen natürlich nicht als die Dummen gelten. Nicht nur im Beruf, auch im Glauben wollen wir Bescheid wissen und auf der Höhe der Zeit sein. Wir müssen nicht auf dem Wissensstand eines Konfirmanden bleiben. Es gibt auch auf dem Gebiet des Glaubens eine Menge von Weiterbildungsmöglichkeiten: Bibelwochen, Rüstzeiten, Evangelische Akademien und sogar ein Fernstudium.

Aber das Wissen allein führt noch nicht zum Glauben. Paulus war selbst ein großer Denker. Ihm war es gelungen, Menschen zum Glauben zu führen, er hat Erfolg gehabt. Aber er bekennt freimütig: „Daß Menschen zum Glauben kamen, das ist nicht seinem überragenden Wissen und seinen überzeugenden Argumenten zu verdanken. Allein Gottes Kraft hat das Fundament des Glaubens gelegt. Der Glaube ist Gottes eigenes Werk!“

1n der Predigt kann nicht Selbsterdachtes dargeboten werden. Der Philosoph baut seine Weisheit aus eigenem Wissen und eigener Denkkraft auf. Ein Dichter erlebt die Welt, filtert sie in seinem Inneren und versucht ihr mittels der eigenen Formkraft eine Gestalt zu geben. Aber Paulus erklärt: „Solche in Menschenhirnen entstandene Weisheit stellt nicht den letzten Wert dar!“

Es gibt keine Wesensverwandtschaft zwischen Mensch und Gott, so daß der Mensch nur in sich hineinzuhorchen brauchte und dabei auf Gott stößt. Erst recht nicht ist Gott der ins Unendliche gesteigerte Mensch, nicht der in den Himmel verlängerte Mensch, die höchste Steigerung des Menschlichen.

So haben es offenbar einige Korinther angesehen. Sie meinten, mit ihrer Weisheit könnten sie Gott jetzt schon von Angesicht zu Angesicht sehen. Das ist sicher das Begehren eines jeden Menschen, gerade auch des gläubigen. Aber die Korinther verstrickten sich dabei immer mehr in Diskussionen über Begriffe, die wenig oder nichts mit dem Glauben und dem Leben zu tun hatten. Wir kennen das ja auch aus unsrer Zeit.

In Korinth war man in der Lage, geistreiche Diskussionen zu führen. Die Berufsredner standen hoch im Kurs. Die Griechen waren das Volk der Denker, und darauf bildeten sie sich viel ein. Weisheit war damals ein aktuelles Thema.

Paulus dagegen predigte einen Gott, den sich kein Mensch ausgedacht hätte. Er verkündet einen Gekreuzigten, der schändlich hingerichtet worden ist. Ein Todesurteil will doch deutlich machen: „Du bist nichts mehr wert, in dieser Welt zu leben Für dich ist kein Platz mehr in dem unter den Menschen gültigen Grundsätzen und Idealen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir gelten ließen, was du bist!“

Die Botschaft des Paulus schlug allem ins Gesicht, was unter der Menschen gültig ist. Nur mit Furcht und großem Zittern ist er nach Korinth gekommen, in Schwachheit, ganz anders als die einheimischen Denker. Man könnte meinen, nach dem Mißerfolg in Athen habe er den neuen Schauplatz seines Wirkens nur zaghaft betreten. Vielleicht hat ihn auch seine Krankheit behindert, vielleicht war er ein Stotterer unter den beredten Weisheitslehrern in Korinth. Aber das ist nicht das Entscheidende. Paulus macht deutlich: Seine Bangigkeit ist in der Sache begründet. Er fragt sich: „Wer wird denn einen Gott annehmen, der dem natürlichen Menschen nur Anstoß und Unsinn bietet?“

Nun hätte Paulus natürlich die schockierende Botschaft mildern und dämpfen und mit ein­leuch­tenderen Aussagen polstern können. In der Zeit der Aufklärung hat man nur das von der biblischen Botschaft gelten lassen wollen, was sich vor der Vernunft rechtfertigen konnte.

Auch Paulus hätte versuchen können, seine Botschaft schmackhafter zu machen. Aber das ist eine völlig unsachgemäße und untaugliche Missionsmethode. Man kann die Menschen vielleicht da abholen, wo sie sind, man wird einen Einstieg suchen. Aber man kann es keinem leichter machen. Wir werden uns um Verständlichkeit und Glaubwürdigkeit bemühen. Aber den Anstoß des Kreuzes Jesu können wir nicht wegnehmen.

Wie kann Paulus da hoffen, daß seine Predigt dennoch gehört und angenommen wird? Er verläßt sich auf den Beweis des Geistes und der Kraft, den Gott selbst leistet. Er erwartet allerdings nicht irgendwelche ins Auge springende Machttaten, durch die der Mensch doch noch umgestimmt und überzeugt wird. Er meint die Selbstbeglaubigung Gottes, dessen Wort „höher ist als alle Vernunft“ und das den Menschen einfach ergreift.

In diesem Zusammenhang spricht Paulus dann doch von der Weisheit. Er nimmt den Sprach­ge­brauch seiner Gegner auf‚ v ersteht aber etwas anderes darunter. Er meint die verborgene Weisheit Gottes, die aber den Außenstehenden als Torheit erscheint. Der ganze Heilsplan

Gottes wird erst durch diese Weisheit erfaßbar und verständlich. Vor allem wird dadurch erst klar, was Jesus Christus für die Menschen getan hat, indem er gehorsam den vom Vater ver­ordneten Weg ging. Diese Weisheit genügt völlig, um in Glaubensdingen Bescheid zu wissen.

Doch die Gemeinde stand in der Versuchung, es ihrer Umgebung gleich zu tun. Dort regierte die Weisheit dieser Welt, die Weisheit der Gebildeten und der Mächtigen des Geldes und der Politik; dabei verstand sich der Mensch als das Maß aller Dinge. Die Gegner des Paulus sahen die Verbindung zwischen Gott und Mensch nur als ein Erkenntnisproblem. Man meinte, in jedem Menschen sei ein Stück des göttlichen Lichts. Und diesen Lichtfunken brauche man nur auf dem Wege der Erkenntnis heimbringen ins himmlische Lichtreich. Man meinte, man brauche keinen Erlöser, der durch das Kreuz das Getrenntsein von Gott überwindet.

Der Glaubende aber hat nach Paulus den Blick für das Gottsein Jesu und für die in Jesus sich erschließende Weisheit Gottes. Das ist wichtiger als alle Weisheit der Welt. Menschliches Wissen und Denken soll damit nicht abgelehnt oder abgewertet werden. Wir leben ja täglich von den Ergebnissen menschlichen Könnens. Ohne das könnten wir uns unser Leben doch gar nicht mehr vorstellen. Gott hat ja selbst den Menschen den Auftrag gegeben, sich die Welt untertan zu machen.

Gefragt ist heute besonders das Wissen, das die Probleme des täglichen Lebens besser bewältigen hilft, von der höheren Produktivität in den Betrieben bis zum Umweltschutz. Als Christen schließen wir uns nicht gegenüber solchen Bemühungen ab. Es ist halt eines der unausrottbaren Märchen, daß man nur unter Aufgabe seines Verstandes glauben könnte.

Es geht nicht um die Ablehnung der Wissenschaft, sondern um die richtige Einordnung. nie Wissenschaft ist gut, um die Technik und den Wohlstand der Menschen voranzubringen. Aber das reicht nicht aus, um im letzten Sinne das Leben zu bewältigen. Für das Göttliche ist das natürliche Erkenntnisvermögen nicht zuständig. In der Epiphaniaszeit hören wir von den Weisen aus dem Morgenland, die zur Krippe kamen. Aber allein hätten sie den Weg nicht gefunden, sie brauchten den Stern Gottes als Zeichen.

Unser Wissen muß nicht alles schaffen. Das entlastet uns. Auch wer nicht besonders klug und weise ist, kann an Gott glauben. Unser Wissen kann es gar nicht schaffen, daß Gott für uns erreichbar wird. Er hat selber den Punkt bestimmt, wo er uns erreichen will: Es ist das Kreuz Jesu, wo Gott in ungöttlichster Gestalt erschien, den menschlichen Weisheit unverständlich.

Aber wie soll denn dann überhaupt jemand zum Glauben kommen? Gott ist doch zweifach verschlossen in seinem Tun: Die einen haben keine Antenne für Gott. Und die wirklich etwas sehen, erschaudern vor dem Abstoßenden des Kreuzes. Mit diesem Jesus kann man nur etwas anfangen, wenn man den Heiliger Geist in sich hat. Dann ist man an den göttlichen Kreislauf angeschlossen, dann hat man Gott in sich und kann dadurch auch Gott erkennen, wie er wirklich ist.

Der Geist Gottes führt nicht am Gekreuzigten vorbei. Er zeigt die andere Seite des Kreuzesgeschehens. Er macht die Hülle durchsichtig, unter der der erniedrigte Gott und Herr uns begegnet.  Dann weiß man: Christus ist für unsre Errettung und Wiedergewinnung gestorben. Das ist die Weisheit, die der Geist Gottes uns erschließt.

 

 

3. Sonntag nach Epiphanias: 2.  Kön  5, 1 - 19 a

[Hinweis: Der Name „Naeman“ wird „Na-e-man“ gesprochen]

Was tut der Mensch nicht alles, wenn er verzweifelt ist! Besonders wenn es um die Gesundheit geht, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt. Da ist kein Arzt zu weit, kein Mittel zu teuer. Man klammert sich an jeden Strohhalm. Vor allem vertraut man blind einem jeden Mittel, das einem angeboten wird. Da gibt es ja eine Wundergläubigkeit, die erstaunlich ist. Manche Medikamente wirken ja schon, wenn man nur an sie glaubt.

So machte es auch der syrische Feldherr Naeman. Er war Generalissimus und Kammerherr seines Königs, der zweitwichtigste Mann im Staat. Im Thronsaal stand er über die anderen erhoben, gleich neben dem König. Aber dann wurde dieser Mann mit einer Hautkrankheit geschlagen,  die man als Aussatz ansah. Damit war er erledigt, aus der Gemeinschaft der Menschen ausgestoßen. Der Mächtigste nach dem König - und nun droht ihm ein Bettlerdasein irgendwo fernab von menschlichen Siedlungen zusammen mit einigen Leidensgenossen. Welch ein Sturz!

In seiner Verzweiflung hört er sogar auf die kleine israelitische Sklavin, die seine Leute von einem der Grenzübergriffe mitgebracht haben. In dieser Frau aber begegnet Naeman der Gemeinde Gottes. Sie wurde in eine andersgläubige Umgebung versetzt, weil Gott sie dort braucht. Sie riegelt sich auch nicht ab gegen die Fremden, sondern gibt bereitwillig Auskunft und fragt dabei nicht nach religiösen oder weltanschaulichen Gegensätzen. Sie will auch dem Feind und dem Heiden helfen.

Der Vorschlag der Sklavin ist allerdings riskant. Naeman setzt sich dem Verdacht aus, dem Aberglauben einer Dienstmagd zum Opfer gefallen zu sein. Noch schlimmer aber ist: Er soll als Bittender zu den Besiegten und Abhängigen hinüberziehen. Wer ist denn nun von wem abhängig?

Der König versucht noch der Schein zu wahren: Er gibt dem Feldherrn einen Zettel mit, durch den er dem König in Samaria befiehlt: „Sorge gefälligst dafür, daß mein wichtigster Mann wieder gesund wird. Setzte den Propheten in deiner Stadt unter Druck. Kommt der General nicht geheilt zurück, dann werde ich das als eine Provokation auffassen!“ Diese Sprache der Mächtigen ist ja bekannt. So haben sie immer etwas erzwingen wollen, was man mit Gewalt oder mit Geld nicht erlangen kann.

Aber wo Gott zuständig ist, da ist mit Machtandrohung nichts zu wollen. Doch der König zerreißt seine Kleider zum Zeichen des Entsetzens und des Schreckens. Er fragt: „Bin ich denn Gott?“ Doch der Prophet Elisa behält die Ruhe: „Keine Panik!“ will er deutlich machen, „Laß ihn nur kommen. Der Mann muß lernen, wo die zuständige Stelle ist!“ Aber vielleicht könnte auch gesagt sein: „Laß ihn nur kommen, diesen Mühseligen und Beladenen, ich will

ihn erquicken! „

Dieser große Mann wird auf einmal ganz klein. Eben hat er noch einen Drohbrief übergeben. Jetzt muß er sich bequemen, einige Gassen weiterzuziehen. Statt einen König zu erpressen, muß er einen Propheten bitten. Der Prophet aber verhandelt nur durch einen Boten mit dem Fremden. Elisa will ihn damit nicht demütigen. Naeman muß nur vom hohen Roß herunter. Er soll sich ja nicht vor dem Propheten demütigen, sondern vor Gott.

Das ist auch das, was wir im Verhältnis zu Gott immer wieder lernen müssen. Wir haben nichts zu fordern, wir können nur bitten. Aber wir dürfen auf einen gnädigen Gott hoffen; das wissen wir noch mehr als Naeman.

Aber der Syrer muß noch mehr lernen: Der Prophet gibt ihm nur ein Wort mit auf den Weg. Er soll an den Jordanfluß gehen - immerhin ein Weg von 40 Kilometer - und dort eine Badekur machen. Der Jordan war für ihn ein ganz gewöhnlicher Fluß, wie er in seiner Heimat genug hatte. Er hätte sich veralbert fühlen können und wieder nach Hause gehen. Er hätte denken können, für ihn hätte man doch mehr Aufwand treiben müssen nach dem Motto: „Viel hilft viel!“

Aber bei Gott gilt das nicht. Er kann auch mit Wenigem und Unscheinbarem etwas erreichen. Das Jordanwasser hilft auch nicht als solches, sondern weil Gott es für seinen Zweck nutzt. So ist es auch bei Taufe und Abendmahl: Das Wasser und der Wein wirken nicht aus sich selbst, sondern weil Gott in ihm gegenwärtig ist. Das Jordanwasser ist für den Syrer so etwas wie das Taufwassser, denn dadurch kommt er in Berührung mit Gott. Aber vorher hat er erst das Gehorchen lernen müssen. Er geht aber den Weg, ohne daß etwas passiert ist, ohne daß er ein Faustpfand in der Hand hat. Er kann nicht sehen und soll doch glauben. Aber das muß er eben

Auch lernen: Gott bewirkt auch durch so etwas  Unscheinbares wie das Wasser eines Flusses etwas.

Aber der Feldherr wird noch mehr lernen müssen: Gott läßt sich nicht kaufen, sondern er schenkt das Unbezahlbare. Der Feldherr war der Meinung: Wer etwas haben will, muß etwas geben! Deshalb hat er Geschenke von ungeheurem Wert mitgebracht. Aber das ist heidnisch gedacht, daß man die Hilfe Gottes durch irgendetwas abgelten könnte. Durch eine Kollekte kann man Gott nicht bestechen und eine Belohnung für Wohlverhalten erwarten, durch eine Vorauszahlung kann man Gott nicht zum Eingreifen nötigen.

Immerhin will Naeman seine Kisten erst abladen, als die Heilung schon geschehen ist. Doch er könnte ja auch denken: „Ich will mir nichts schenken lassen, will nicht der Schuldner dieses Gottes sein: Er hat mir die Haut gesund gemacht, jetzt soll er eine Drittelmillion als Lohn erhalten!“

Aber Gott kassiert keine Honorare. Was er schenkt, kann sowieso kein Mensch bezahlen. Das Verhältnis zu ihm ist nicht eine Art Geschäftsverbindung. Der Mensch bleibt immer der Nehmende. Das begreift der Heide allmählich. Nicht begriffen hat es dagegen Gehasi, der Diener Elisas. Er fordert das Geld noch nachträglich von Naeman und wird dafür von Gott selber mit Aussatz bestraft.

Das Schönste an der ganzen Erzählung ist vielleicht das Bekenntnis Naemans zum Gott Israels: „Jetzt habe ich begriffen, daß es keinen Gott auf der ganzen  Erde gibt außer in Israel!“ Israels Gott ist der Herr aller Welt und hat sein Gutes auch anderen Völkern zugedacht. Israel hat nicht einmal Anspruch auf seinen Beistand im Krieg. Im Gegenteil: Er hat ja den Syrern unter dem Feldherrn Naeman den Sieg gegeben. Gott hilft nicht nur denen, die ihn kennen und sich zu ihm bekennen.

So darf der Heide Naeman im Laufe dieser Geschichte erkennen: „Dieser Gott Israels ist nun auch mein Gott geworden. Er hat mir geholfen und hat sich so an mich gebunden!“ Im Grunde aber hat er gar keinen neuen Gott gefunden, sondern nur der Gott entdeckt, mit dem er es unwissend immer schon zu tun gehabt hat. Jetzt ist dieser aus der Verborgenheit herausgetreten und hat sich ganz persönlich mit diesem Mann verbunden.

Auch uns könnte es so gehen, wenn wir von Krankheit geplagt werden. Da könnten wir auf einmal eine ganz neue Beziehung zu Gott gewinnen. Insofern kann uns eine Krankheit sogar zum Segen werden. Wie mancher hat in eigener Krankheit oder bei der Krankheit eines Familienmitgliedes das Beten wiedergelernt oder doch auf eine ganz neue Art gelernt. Die entscheidende Frage lautet an sich nicht: „Wie werde ich die Krankheit los‚ die mich plagt?“ Sondern auf weite Sicht ist an sich nur fragenswert: „Finde ich meinen Gott?“ Wer Gott wirklich findet, für den lösen sich früher oder später alle anderen Fragen: dem werden auch, wenn es Zeit ist, die schweren Lasten abgenommen und ein Ausweg gezeigt.

Naeman kehrte als Geheilter zurück. Aber er kam auch als ein zu Gott Bekehrter heim. Doch nun kommt er wieder in eine andersgläubige Umgebung. Das wirft auf einmal neue Probleme auf. Er wird ja mit seinem König auch an den heidnischen Gottesdiensten teilnehmen müssen. Wenn der König sich vor seinem Gott niederwirft und danach wieder aufsteht, dann stützt er sich auf dem Arm seines ersten Ministers.

Solche Gewissenfragen treten auch immer wieder auf, wo Christen in einer nichtchristlichen Umgebung leben. Soll man von Naeman verlangen, daß er sein Amt aufgibt? Doch Elisa legt dem Syrer nichts auf, was dieser doch nicht halten kann. Einmal gibt er ihm zwei Maultierladungen israelitischer Erde mit. Daran soll er einen Halt haben für seinen Glauben, so etwas wie ein Sakrament, an dem der Glaube einen Anhaltspunkt hat. Es soll wirken wie eine Isolierschicht gegenüber Heidentum und Weltlichkeit.

Und dann sagt Elisa noch: „Ziehe hin in Frieden!“ In seiner schweren Lage begleitet ihn Gottes Trost. Da wird er auch die rechten Entscheidungen treffen können. So schließen wir ja auch jede Predigt und jeden Gottesdienst mit der Bitte um Gottes Frieden und Segen. Das ist nicht nur so eine Schlußformel, sondern die Kraft Gottes, die mit jedem geht in seine Umwelt hinein: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!“

 

 

4. Sonntag nach Epiphanias: Eph 1 , 15 - 20 a

Wenn wir unsre Gemeinde betrachten, dann können wir sicher manche Schäden an ihr feststellen. Das ist mit jeder Gemeinde so, da machen wir sicher keine Ausnahme. Wir sind eben auch eine menschliche Organisation wie andere auch, haben selber unsre Schwächen und

haben Anteil an der Brüchigkeit dieser Welt. Wenn es wirklich nur an uns läge, bestünde die Kirche wahrscheinlich gar nicht mehr.

Sicherlich: Äußerlich sieht alles noch einigermaßen passabel aus. Die Gebäude sind in einem zufriedenstellenden Zustand, Geld ist auch noch da, es finden Gottesdienste und Unterricht statt und wenn man eine Amtshandlung wünscht, wird das alles auch möglich gemacht. Äußerlich gesehen scheint alles in Ordnung zu sein, und viele in der Gemeinde sind auch voll davon überzeugt.

Doch ein Schade wird deutlich, wenn man einmal jemanden sucht, der der Gemeinde hilft und sich für einen Dienst zur Verfügung stellt.  Da wird zum Beispiel ein Zimmer für eine Kindergartenmitarbeiterin gesucht. Jeder erklärt: „Bei uns geht es nicht, aber gehen Sie doch einmal zu den oder dem, der hat Platz!“ So etwas ist demütigend für den Fragenden, weil er ja genau weiß, daß das Zimmer sehr wohl an andere vermietet wird (sonst hätte man ja gar nicht gefragt) .

Oder denken wir an die Suche nach nebenamtlichen Mitarbeitern, die für eine bestimmte Zeit eine Aufgabe übernehmen sollen, zum Beispiel im Kirchenvorstand. Da kann man die ganze Palette von Ausreden hören: „Ich bin im Beruf so angespannt, ich habe eine Trainingsgruppe übernommen, ich will für meine Kinder da sein!“ Die Älteren sagen: „Das ist doch etwas für die Jungen!“ Und die Jüngeren meinen: „Ich habe nicht genug Erfahrung, da müssen erst einmal die Älteren ran!“

Ganz schlimm ist das Erschrecken bei manchem der Angesprochenen: „Wie kommt der Pfarrer nur dazu, mich zu so etwas haben zu wollen? So heilig bin ich doch auch wieder nicht! Natürlich will ich zur Kirche gehören. Aber doch nicht gleich eine Funktion übernehmen, nicht Verantwortung mit tragen und im Licht der Öffentlichkeit stehen. Wir gehen doch sowieso nur an Heiligabend zum Gottesdienst!“ Und die Folge ist dann, daß man auch nicht mehr an Heiligabend kommt, um nur ja nicht als zu fromm zu erscheinen.

In den Freikirchen haben sie damit sicher keine Probleme. Da ist es selbstverständlich, daß jeder mittut. Da geht es reihum und jeder sieht es als eine Ehre an, mithelfen zu dürfen. Dennoch sollte man nun nicht die Folgerung ziehen, sich einer solchen Gemeinde anzuschließen. Dort wird auch nur mit Wasser gekocht, da gibt es wieder andere Probleme. Vielmehr sollten wir versuchen, das Leben unsrer Kirche zu verbessern und uns ihr gefragt oder ungefragt zur Verfügung stellen.

Im Epheserbrief aber - jedenfalls in dem Stück, das wir heute betrachten wollen - ist nicht von Problemen und Schwächen, nicht von Verirrungen und Gefahren die Rede. Vielmehr ist das im Blick, was Gott in der Gemeinde bewirkt hat. Fast sieht es so aus, als habe der Verfasser ein geradezu unwirkliches Bild der Gemeinde vor Augen. Aber was immer den Apostel zur Besorgnis veranlassen könnte: Zuerst denkt er immer an das, was Gott an dieser Gemeinde

getan hat und weiter tun wird.

In dieser Zeit nach Weihnachten denken wir daran, daß Gott in Jesus Christus erschienen ist (wie es im Lied heißt: „Gott selber ist erschienen“). Aber dazu gehört auf der anderen Seite auch der Mensch, dem die Augen für Gott aufgehen. Hier liegt der Ton mehr auf der Gemeinde, die von der Selbstkundgabe Gottes betroffen wird. Er ist es aber, der das geistliche Leben der Gemeinde sicherstellt. Darum sollten wir: 1. danken für das, was wir haben, 2. bitten um das, was wir brauchen, 3. den Blick haben für das, was uns erwartet.

 

(1.) Wir danken für das, was wir haben: Gott hat an jeder Gemeinde etwas Grundlegendes und Großes getan. Wenn es vielleicht auch der Veränderung und des Umbaus bedarf, so dürfen wir doch dankbar werden für das, was wir haben. Das kann man nicht so stumm und stumpf

einfach hinnehmen, als müßte es so sein. Dank ist eine Ur-Regung des menschlichen Lebens. Wer sich bedankt, bringt zum Ausdruck: „Du hast mir etwas Gutes getan, ich habe es gemerkt und verstanden. Ich will es dir nicht vergessen und weiter mit dir verbunden bleiben durch Geben und Nehmen!“

Der Verfasser dankt nicht nur flüchtig, sondern unaufhörlich für den Glauben der Leser, weil er darin eine Tat Gottes sieht. Wo immer sich Christen finden, da hat Gott etwas getan, was ohne ihn nicht wäre. Wir sind einbezogen in die Wirklichkeit des Christus, werden von ihr umhüllt, werden hineingetaucht in das neue Sein. Trotz allem, was uns an ihr irre machen will, wir dürfen danken für die Kirche, für unsre Kirche.

Es geht dabei nicht darum, daß der äußere Bestand der Kirche erhalten geblieben ist. Wir danken nicht dafür, weil sich Menschen einfinden,  die „Religion“ irgendwie brauchen oder die die Gewohnheiten der Vorfahren einfach beibehalten wollen. Glaube ist immer ein Wunder. Er ist der Anfang der neuen Welt. Den kann aber nur Gott setzen. Und dafür danken wir ihm.

Doch: Tun wir es wirklich? Betreten wir das Gotteshaus mit dem Dank an Gott dafür, daß mitten in der Welt die Sammlung derer sich befindet, die Gott in seiner Liebe erwählt hat? Versuchen wir die heranzuholen, die es noch nicht wissen? Begriffen haben wir Gottes Tat nur in dem Maße, in dem wir uns wundern, - und auch darüber wundern, daß wir selbst dabei sind.

Aus manchen Gemeinden berichtet man: „Der Gottesdienstbesuch hat zugenommen, aber die Arbeit mit den Kindern ist schwierig!“ Anderswo ist es eher umgedreht, da sieht man voller Dankbarkeit auf die Beteiligung der Kinder. Sie verkriechen sich nicht auf den hinteren Bänken, wie die Erwachsenen, sondern setzen sich selbstverständlich ganz vorne hin. Auch als Mitarbeiter lassen sie sich viel leichter gewinnen, manche bieten sich sogar von selber zum Dienst an.

Wer sich aber zum Dienst in der Kirche rufen läßt, der hat dann manchmal doch den Eindruck, daß er gebraucht wird. Manchmal genügt schon ein Besuch, über den sich der andere freut. Aber manchmal erwartet einer auch eine tiefe Hilfe aus dem Glauben heraus. Da können wir ihm doch aus Gottes Wort eine Hilfe anbieten. Wir haben wenigstens etwas in der Hand, was wir weiterreichen können. Das macht uns dankbar gegenüber Gott.

 

(2.) Wir bitten um das, was wir brauchen: Kaum ist im Epheserbrief der Dank zu Papier

gebracht, da geht es auch schon zur Bitte über. Wir haben zwar das geistliche Leben - wir brauchen es aber auch immer wieder neu.

Das ist kein Gegensatz: Ein Kraftwerk hat zwar im Augenblick Wasser, aber es braucht ständig auch wiederum neues Wasser. Gott kann man nur „besitzen“, indem man ihm in jedem Augenblick neu empfängt. Wir. leben als Kirche „von der Hand in, den Mund“ ‚genauer gesagt: aus Gottes Hand in unseren Mund! Das aber ist Glaube: sich bleibend an Gott und sein Geben gebunden wissen.

Das gilt schon für den „Normalbetrieb“, aber erst recht, wenn man an ein Wachstum und Fortschreiten im Glauben denkt. Es gibt nicht Christen verschiedenen Ranges, wie das die damaligen Irrlehrer behaupteten. Für  a l l e Glieder der Gemeinde wird das Gleiche erbeten, nämlich der Geist der  Weisheit und Offenbarung.

Gotteserkenntnis ist nicht Kenntnisnahme von Lehrsätzen über Gott, sondern Begegnung mit ihm, der uns durch Jesus Christus zu seinen Kindern gemacht hat. Was wir aber erkennen, können wir uns nicht zusammenfabulieren, sondern es wird uns durch die Bibel und durch die Kirche vermittelt. Dazu brauchen wir allerdings erleuchtete „Augen des Herzens“, wie es in dem Predigttext heißt.

Es gibt ein inneres Schauen aus der Mitte der Person heraus. Man kann lange zu Christus Abstand gehalten haben, aber auf einmal geht einem der Blick für das Besondere an Jesus auf. Dann kann man ihm nur gegen besseres Wissen und Gewissen  ausweichen, dann muß man auf ihn hören, weil in ihm Gott uns begegnet.

 

(3.) Wir haben den Blick für das was uns erwartet: Der Blick des Herzens gilt auch der Hoffnung, die sein Ruf eröffnet. Die Zukunft ist ja bereits angebrochen darin, daß Gott in seiner Macht. Christus von dem Toten auferweckt hat. Aber Christen haben ihr Bestes immer noch vor sich, nämlich dann, wenn Himmlisches und Irdisches zusammengefaßt werden. So bittet der Schreiber für seine Leser um erleuchtete Augen des Herzens für das, was uns erwartet. Wir sind ja längst in den Liebesplan Gottes einbezogen. Doch das ist nicht eine Sache des Denkens und Wissens, sondern eine Vertrauenssache. Aber weil wir ja unsren Gott kennen, dürfen wir auch unsrer Hoffnung gewiß sein.

 

 

Letzter Sonntag nach Epiphanias: Offb. 1, 9 - 18 (Variante 1)

Wenn die Herrschenden in einem Staat mit einer großen Gruppe von Menschen nicht mehr fertigwerden, da greifen sie oft zum Mittel der Internierung. Wenn die Gefängnisse schon voll sind, richtet man Lager ein, in denen konzentriert die Gegner gefangengehalten werden. Internierung ist nicht Gefängnis, sondern mehr eine Art Schutzhaft. Es wird kein Haftbefehl ausgestellt und kein Gerichtsverfahren durchgeführt. Die Leute haben ja auch nichts verbrochen, sie sollen nur in Schach gehalten werden.

Besonders wendet man dieses Verfahren an, wenn man die Anführer einer Bewegung von der Masse der Gefolgsleute trennen will. Man schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein, damit sie nicht im Sinne ihrer Bewegung tätig sein können. Man unterbricht die Kontakte, damit man mit den einzelnen Gruppen leichter fertigwerden kann und sie sich nicht zu einer geballten  Macht zusammenrotten können.

So war es jedenfalls dem Johannes aus dem letzten Buch der Bibel und seinen Gemeinden ergangen. Den Gemeindeleiter hatte man auf die Insel Patmos vor der kleinasiatischen Küste verbannt. Er hatte sich die Ausbreitung des Wortes Gottes und das offene Bekenntnis zu Jesus nicht verbieten lassen. Das aber lief den Interessen des römischen Staates zuwider. Deshalb hatte man ihn auf der Sträflingsinsel interniert.

Die Christen widersetzten sich nämlich der Weltanschauung des Staates. Von dieser wurde der Kaiser in Rom in der Himmel gehoben. Domitian ließ sich Gott und Heiland nennen. Auf Geldstücken war er dargestellt mit einem Gesicht, das wie die Sonne leuchtete. Durch die Münzen trug er seinen Anspruch auf die Weltherrschaft bis ins kleinste Dorf. Die Stadt Ephesus drüben auf dem Festland war ein Brennpunkt dieses Kaiserkultes, sienannte sich „kaiserliche Tempelhüterin“.

Aber in  dieser Stadt gab es auch eine christliche Gemeinde. Doch was waren sie schon gegenüber diesem allmächtigen Staat!? Sie waren eine verschwindend geringe Zahl‚ die bald an die Wand gedrückt werden würden. Johannes macht sich Sorgen um sie. Sie brauchen ihn doch. Er fühlt sich für sie und ihren Glauben verantwortlich. Werden sie ohne seine Hilfe und seinen Schutz durchhalten können?

Die Verfolgungen werden ja erst jetzt so richtig losgehen! Das Schicksal des Johannes wird sogar von den Gegnern benutzt werden, um die Gemeinden unsicher zu machen. Man wird sagen: „Da sieht man es doch, daß euer Jesus tot ist. Er wurde als Aufrührer hingerichtet und hat nun keine Macht mehr. Euren Bischof Johannes hat er nicht beschützen können, Und euch wird er auch nicht beschützen. Es lohnt sich nicht, an diesem Glauben festzuhalten. Wer aber einem Aufrührer die Treue hält, ist selber ein Aufrührer!“

Johannes weiß genau: Viele werden diesem Druck erliegen und sich wieder vom Glauben lossagen. Er wird sie nicht davor bewahren können. Jetzt sind sie drüben auf dem Festland zum Gottesdienst versammelt, es ist ja Sonntag. Johannes weiß sich über das Meer hinweg mit ihnen vereint im Leiden und im Hoffen. Er hat sogar der Auftrag erhalten, ein Buch zu schreiben für die Gemeinden und für die ganze Kirche.

Johannes sieht die Gemeinden vor sich in Gestalt von sieben Leuchtern bzw. eines Leuchters mit sieben Armen. Und mittendrin ist der erhöhte  Christus. So sind die Gemeinden untereinander und vor allem mit Christus verbunden. Weil er gegenwärtig ist, sind sie untereinander eines und brauchen keine Angst zu haben. Sie werden dem Druck von  außen und den vielleicht noch größeren Gefahren von  innen widerstehen können.

Das wollen wir uns auch vor Augen halten, wenn wir manchmal bedrückt und voll Sorgen an die Zukunft der Kirche denken. Gewiß gibt es auch viel Erfreuliches aus dem Leben der Kirche zu berichten: Kirchen werden renoviert, Nachbargemeinden arbeiten zusammen‚ die Opferfreudigkeit wächst; es gibt Gemeindetage, Feste, Gottesdienste ein neuer Gestalt. Dennoch sehen wir in vielen Ortsgemeinden wenig Imponierendes und Verlockendes. Manches sieht nach Sterben und Ende der Kirche aus.

Aber wir haben doch einen Gott, der der allein wahre ist. Was kann uns da helfen, im Glauben fest und stark zu werden oder zu bleiben? Da wäre als Erstes der Gottesdienst zu nennen. Jeder Gottesdienst vereint uns mit dem Gottesdienst im Himmel. Im Diakonissenmutterhaus in Dresden ist das folgendermaßen dargestellt: An der Stirnwand der Kirche ist Jesus gemalt, wie er mit seinen Jüngern um den Abendmahlstisch sitzt. Über ihnen schweben die Engel. Und unten, wo die eine Seite am Tisch freigeblieben ist, da versammelt sich die Gemeinde von heute am Altar.

Der Gottesdienst verbindet die Gemeinde auf Erden, mit der Gemeinde im Himmel. Er verbindet uns auch mit unseren Vorvätern. Ihre Plätze nehmen wir hier im Gotteshaus ein ihre Lieder singen wir, ihre Bekenntnisse sprechen wir nach. Dieses Wissen: „Wir sind nicht allein!“ gibt uns Kraft in den Anfechtungen unsrer Gegenwart. Um der Selbsterhaltung willen sind wir immer wieder zu faulen Kompromissen geneigt und wollen uns unsrer Umwelt anpassen. Es fällt uns schwer, anders zu sein als die anderen und nicht überall dabei sein zu können.

Jesus Christus erspart uns nicht das Kreuz. Er hat es ja selber zuerst getragen. Aber er gibt sich uns auch als der Herr der Welt zu erkennen, damit wir keine Angst vor der Zukunft zu haben brauchen. Johannes darf durch die bedrückenden Verhältnisse seiner Zeit hindurchsehen auf Jesus, der die ganze Machtfülle Gottes in sich vereint.

Johannes erlebt Christus auf einmal ganz anders. Es mag ihm gegangen sein wie einem Jungen, der zum ersten Mal erlebt, wie sein Vater auf einem Bauplatz einen großen Kran bedient. Bisher war er ein Mensch wie andere auch. Jetzt erscheint er als einer, der an den Schalthebeln sitzt und Großes bewirkt.

So ist auch Christus nicht nur ein idealer Mensch, dessen Beispiel man nacheifern kann, sondern ein gewaltiger Herrscher. Johannes, der vor keinem Kaiserbild die Knie gebeugt hat‚ fällt vor diesem Herrn auf sein Angesicht. Was er gehört hat, gibt er uns wieder. Was er aber gesehen hat in diesem Augenblick, kann er nur mit vergleichenden Bildern andeuten: wie Wolle‚ wie Schnee‚ wie Feuerflammen, wie glühendes Erz im Ofen. Christus steht vor ihm mit den Kennzeichen des Kaisers und Hohenpriesters. Sein Gesicht leuchtet wie die Sonne, seine Zuge ist wie ein zweischneidiges Schwert.

Dadurch wird deutlich gemacht: Die vom Kaiser beanspruchte Allmacht gehört in Wirklichkeit dem erhöhten Christus. Er ist der Herr seiner Gemeinde und auch der ganzen Welt. Er ist der wahre Herr und Gott. Wir haben uns Jesus gegenüber manchmal einen kameradschaftlichen Ton angewöhnt. Das ist auch nicht falsch, denn er will ja unser Bruder sein. Aber er ist auch der Herr.

Johannes fühlt die rechte Hand seines Herrn auf sich. Sie sagt ihm deutlich: Du gehörst mit zu den Sieger, auch wenn man dir noch so schrecklich mitspielt. Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige! Das römische Kaiserreich ist längst vergangen. Und manch anderer, der Weltherrschaftsansprüche hatte, kommt kaum noch in den Geschichtsbüchern vor.

Unser Herr aber geht seinen Weg durch Bedrängnis und Widerspruch. Er hat sogar unsre eigene Schuld übernommen und uns auch davon befreit. Er ist der Hohepriester, der sich für seine Leute einsetzt und seine gnädige Hand über sie hält, so daß keine Gefahr von außen oder von innen sie überwinden kann.

Wir brauchen nur seiner Spur zu folgen, dann werden wir auch teilhaben an seinem Sieg. Hier im Gottesdienst wird uns das immer wieder gewiß gemacht. Er ist nicht eine mehr oder weniger gut besuchte Versammlung derer, die sich für Glaubensfrager interessieren. Hier treffen sich nicht Menschen, die ein Referat hören wollen oder gar über den lieben Gott diskutieren wollen.

Hier feiert der Herr der Welt mit seiner Gemeinde. Himmel und Erde werden zusammengeschaut, Menschen werden angesprochen und beschenkt und dürfen ihren Glauben bekennen.

Durch den Gottesdienst sind wir mit den Gemeinden rund um den Erdball verbunden. Auch wenn unsere Welt gar nicht so offen ist für den christlichen Glauben, so gibt es doch überall Christen, bei uns und in Tansania und selbst in China. Vor allem aber können auch wir ihm begegnen, so wie er dem Johannes begegnet ist und so wie er den Jüngern bei der Verklärung Jesu erschienen ist.

Doch dazu müssen wir natürlich kennen, was uns überliefert ist. Nur weil Johannes schon von Jesus Christus wußte, hat er ihn auch erkennen können. Wir müssen auch bereit sein, den Weg mit Christus zu gehen, auch wenn er uns in manche Tiefen führt. Aber vielleicht können wir ihn gerade dann besonders erfahren. Mit einer Möglichkeit der Begegnung sollten wir auch gerade da rechnen‚ wo sie uns am unwahrscheinlichsten zu sein scheint.

 

 

Letzter Sonntag nach Epiphanias: Offb. 1 - 18 (Variante 2)(Gottesdienst mit Schaustellern)

„Die weite Welt ist Gottes Feld!“ Das hätte auch der Johannes aus dem letzten Buch der Bibel sagen können. Er hatte es auch sehr nötig, sich das vor Augen zu halten. Seine Welt erstreckte sich nur auf die Insel Patmos vor der kleinasiatischer Küste. Die Römer hatten ihn auf diese Sträflingsinsel verbannt, weil er den christlichen Glauben verbreitet hatte.

Damit hatte er etwas getan, was den Interessen des römischen Staates entgegenlief. Die Christen widersetzten sich nämlich der Weltanschauung des Staates, der den Kaiser in den Himmel hob. Domitian ließ sich Gott und Heiland nennen. Auf Geldstücken war er dargestellt mit einem Gesicht, das wie die Sonne leuchtet. So trug er seinen Anspruch auf Weltherrschaft bis ins kleinste Dorf. Die Stadt Ephesus drüben auf dem Festland war der Brennpunkt des Kaiserkultes. Dort gab es kaiserliche Hohepriester. Die Stadt  nannte sich „kaiserliche Tempelhüterin“.

Was sind demgegenüber die Christen? Eine verschwindend geringe Zahl‚ die bald an die Wand gedrückt werden wird. Und doch gibt es sie schon überall in der damals bekannten Welt. Auch in Ephesus und den umliegenden Städten gab es Christen. Der Apostel Paulus war wesentlich an der Gründung dieser Gemeinde beteiligt. Aber es geht dabei gar nicht so sehr um Personen, um Paulus und Johannes, sondern um Jesus Christus, der diese Gemeinden in ihrer Bedrängnis erhalten wird.

Das wollen auch wir vor Augen haben, deren Zahl doch immer kleiner wird. Gewiß gibt es auch viel Erfreuliches aus dem Leben der Kirche zu berichten: Kirchen werden renoviert, Nachbargemeinden arbeiten zusammen, die Opferfreudigkeit wächst, es gibt Gemeindetage, Feste, Gottesdienste in neuer Gestalt. Es gibt selbst eine Schaustellergemeinde, die ganz eigene Formen des Gemeindelebens entwickelt hat. Gottes Feld ist an vielen Ecken und Erden bestellt und bringt Frucht.

Dennoch sehen wir in vielen Ortsgemeinden wenig Imponierendes und Verlockendes. Manches sieht nach Sterben und Ende der Kirche aus. Die Machtverhältnisse sind klar. Schon ein Domitian hat versucht, seine göttlichen Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen. Wir aber haben doch nun einen anderen Gott, der der allein wahre ist. Wir können uns doch dem Atheismus oder irgendeinem Weltherrschaftsanspruch nicht beugen. Was kann uns da helfen, im Glauben fest und stark zu werden oder zu bleiben?

Jeder Gottesdienst vereint uns aber auch mit dem himmlischer Gottesdienst. Im Diakonissenmutterhaus in Dresden ist Jesus dargestellt, wie er mit seinen Jüngern um den Abend­mahls­tisch sitzt. Über ihnen schweben die Engel. Und unten, wo die eine Seite am Tisch freigeblieben ist, steht der Altar der Kirche, an dem die Gemeinde von heute zum Abendmahl zusammenkommt. Der Gottesdienst verbindet die Gemeinde im Himmel und die Gemeinde auf Erden. Er verbindet uns auch mit unseren Vorvätern. Ihre Plätze nehmen wir hier im Gotteshaus ein, ihre Lieder singen wir, ihre Bekenntnisse sprechen wir nach.

Dieses Wissen: „Wir sind nicht allein!“ gibt uns Kraft in den Anfechtungen unserer Gegenwart. Um der Selbsterhaltung willen sind wir immer wieder zu faulen Kompromissen geneigt und wollen uns unserer Umwelt anpassen. Es fällt uns schwer, anders zu sein als die anderen und nicht überall dabeisein zu können. Jesus Christus erspart uns nicht das Kreuz. Er hat es ja selber zuerst getragen.

Aber er gibt sich auch uns als den Herrn der Welt zu erkennen, damit wir keine Angst mehr vor der Zukunft zu haben brauchen. Der Seher Johannes darf durch die bedrückender Verhältnisse seiner Zeit hindurchsehen auf Jesus, der die ganze Machtfülle Gottes in sich ver­eint. Er erlebt Christus ganz anders, so wie ein Junge über seinen Vater staunt, der auf dem Bauplatz den großen Kran lenkt. Jesus ist nicht ein idealer Mensch, dessen Beispiel wir nacheifern, sondern ein gewaltiger Herrscher.

Johannes, der vor keinem Kaiserbild die Knie gebeugt hat, fällt vor diesem Herrn auf sein Angesicht. Er ist geblendet vor dem Licht Gottes. Es fehlen ihm die Worte für einen Vergleich: Es ist wie Wolle, wie Schnee, wie Feuerflammen, wie glühendes Erz im Ofen. Doch er stampft nicht auf und sagt: „Unser Herr ist doch größer als der Kaiser in Rom!“Er hat keinen Grund zum Triumphieren. Die Christenheit empfängt ihr Licht nur von dem Herrn und spiegelt es weiter in den Alltag hinein. Vor diesem Licht kann man sich nur zu Boden werfen wie ein Toter.

Aber Johannes fühlt auch die rechte Hand seines Herrn auf sich. Er ist nicht nur der Richter der Welt, sondern auch der Hohepriester und Fürsprecher. Er sagt:  „Fürchte dich nicht! Ich. bin der Erste und der Letzte und der Lebendige!“ Das römische Kaiserreich ist längst vergangen. Und manch anderer, der  Weltherrschaftsansprüche hatte, kommt kaum noch in den Geschichtsbüchern vor. Unser Herr aber geht seinen Weg durch Bedrängnis und Widerspruch. Wir brauchen nur seiner Spur zu folgen, dann werden wir auch teilhaben an seinem Sieg. Hier im Gottesdienst wird uns das immer wieder gewiß gemacht.

Johannes darf ein Bild sehen, das ihm Mut und Zuversicht gibt. Es ist Sonntag. Drüben auf dem Festland in den sieben Gemeinden sind sie jetzt zum Gottesdienst versammelt. Da erscheint Christus vor dem inneren Auge des Johannes mitten unter der Leuchtern, er ist bei seinen Gemeinden. Johannes darf ihn auch sehen und ist so mit seinen Gemeinden verbunden. Weil sie alle auf den gleichen Herrn schauen, sind sie auch alle untereinander verbunden zu einer Gemeinschaft

Das wird dem Johannes in seiner Gefangenschaft deutlich, als er ganz allein für sich den Gottesdienst feiert. Der Gottesdienst ist nicht eine mehr oder weniger gut besuchte Versammlung derer, die sich für Glaubensfragen interessieren. Hier treffen sich nicht Menschen, die ein Referat hören wollen oder gar über den lieben Gott diskutieren. Im Gottesdienst feiert der Herr der Welt mit seiner Gemeinde.  Der Himmel als die Welt Gottes und die Erde als die Welt der Menschen werden zusammengeschaut, Menschen werden angesprochen und beschenkt und dürfen ihren Glauben bekennen.

Durch den Gottesdienst sind wir mit der Gemeinden rund um der Erdball verbunden. Auch wenn unsre Welt gar nicht so offen ist für den christlichen Glauben, so gibt es doch überall Christen. Heute ist uns sicher auch deutlich geworden, daß Christen auch dort sind, wo wir

es vielleicht gar nicht vermuten, nämlich unter den Schaustellern.

Dabei haben es unsere Freunde von der Schaustellergemeinde gar nicht so leicht mit ihrem Glauben. Wenn man praktisch jede Woche an einem anderen Ort ist, dann kann man in keiner Gemeinde so recht heimisch werden. Manchmal kommt so ein Paulus oder ein Johannes: Da ist ein Kidd zu taufen oder zu konfirmieren, da ist einmal ein Problem zu besprechen. Aber ist schon einmal einer von den Christen einer solchen üblichen Ortsgemeinde gekommen und hat Kontakt zu diesen Mitbrüdern aufgenommen?

Gott hat ein weites Feld. Vor manchem Christen aus der Schaustellergemeinde könnten wir vielleicht noch etwas lernen. Sie stellen ja in unserer Zeit im wörtlichen Sinne das wandernde Gottesvolk dar. Immer wieder neu haben sie sich so wir allen aufzumachen zu unserem Gott und können ihm an jedem Ort unseres Landes begegnen. Sie gehören mit zu dem weltumspannenden Leib des Christus, der seine irdische Darstellung in der Kirche findet. Wir werden  uns in Zukunft auch mit diesen Christen verbunden wissen, wenn wir hier den Gottesdienst beginnen.

 

 

Septuagesimä: Jeremia 9, 22 - 23

Ein bekannter Mann im Ort ist gestorben. Er war ein selbständiger Kleinunternehmer. Viele Menschen nehmen Anteil, selbst aus der Kreisstadt sind Abordnungen gekommen. Am Grab werden verschiedene Nachrufe gehalten: Von der Firma, vom Gesangverein und von den Geflügelzüchtern. Alle loben sie den Verstorbenen, er muß ein Muster an Tugend und Einsatzbereitschaft gewesen sein. Aber seine Angehörigen wissen auch, wo seine schwachen Seiten lagen und daß er für sie immer nur wenig Zeit gehabt hat.

Aber es ist nun einmal unter uns so üblich, daß ein Mensch gerühmt wird, wenn er gestorben ist. Vorher hat man sich vielleicht über ihn aufgeregt und ihm Schwierigkeiten bereitet. Aber nachher wird er gerühmt, als wollte man das Versäumte nachholen. Jeremia führt drei Dinge an, deren sich die Menschen gerne rühmen: Reichtum, Stärke und Weisheit. Darauf sind viele stolz und suchen darin ihren Halt und setzen es vielfach an Gottes Stelle.

1. Vergleichsweise harmlos ist noch das Prahlen mit dem Reichtum. Beim einen ist es die Wohnung, beim anderen das Auto, beim dritter die Münzsammlung. Die Leute sollen es sehen können, daß man es zu etwas gebracht hat. „Wer angibt, hat mehr vom Leben!“ Das ist eine Erkenntnis, die tief in uns drinsteckt. Der Mensch will nicht nur da sein und dem Leben etwas Schönes abgewinnen, er will auch etwas gelten. Kein Mensch kann mit beschädigtem Ansehen leben. Und er läßt es sich etwas kosten, sein Ansehen zu steigern. Beruflicher Erfolg und ein gewisser Wohlstand sollen Tüchtigkeit nachweisen und den Menschen auch vor Gott rechtfertigen.

Vor da ist es nicht mehr weit bis zur Versuchung, sein Leben durch Besitz und Wohlstand sichern zu wollen. Doch es ist schon die Frage, ob alles durch eigene Arbeitsleistung erworben wurde oder zu unrecht oder auf Kosten anderer an sich gerissen wurde. Wir brauchen natürlich auch kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn wir unser Lebenswerk so für uns betrachten.

Wir haben schon für uns und unsere Mitmenschen zu sorgen. Aber wir sollten doch nicht meinen, darin könne unser Leben aufgehen. Wenn ein Mann seiner Frau alle Wunsche äußerer Art erfüllt, so kann die Ehe doch mißlungen sein, weil er trotz einer Fülle materieller Güter zum eigentlichen Leben nicht gekommen ist. Dann fehlt nur noch ein kleiner Schritt, daß der Wohlstand in unserem Leben unversehens die Stelle einnimmt, die Gott gehört. Gott will nicht, daß wir arm sind. Aber unser bester Reichtum will er selber sein.

Die Gemeinschaft mit dem liebsten Menschen, den wir haben, macht uns schon reich. Noch größer aber ist das Glück der Gemeinschaft mit Gott. Wenn man das hat, ist man „reich in Gott“. Dann hat man nicht nur die Vermutung, es müsse ein „höheres Wesen“ geben, sondern man ist in persönlicher Verbindung mit dem, der unser Leben erst lebenswert macht.

2. Eine zweite Möglichkeit ist das Prahlen mit der eigenen Stärke. Wer stark ist, kann sich gegen alle Widerstände durchsetzen. Das fängt an auf dem Kinderspielplatz, wo einer den anderen wegschubst. Das geht weiter bei den Schulbuben, wo der größere und Stärkere den Unterlegenen verhaut. Das findet sich beim Gerangel um eine gute Stelle im Beruf. Und das geht hin bis zum Einsatz der Macht des Staates nach außen und innen.

Es ist keine Frage: Ohne Machtausübung ist das Leben in unsrer Welt nicht denkbar. Solange es den Kampf ums Dasein gibt, muß das Lebensrecht aller von oben her gesichert werden. So ist auch staatliche Machtausübung notwendig, um Ordnung zu schaffen und zu bewahren. Macht und Stärke bedeuten aber auch die Versuchung, mit dem Säbel zu rasseln. Es reizt jeden, seine Überlegenheit darzustellen. Doch richtiger wäre, jede Machtausübung als unvermeidbares Übel ansehen und sich prüfen, ob man heimlich seine Macht genießt und sein Selbstbewußtsein an ihr steigert.

Die Gefahr ist immer, daß man seinen Halt an der Macht sucht. Bei einem Vorgesetzten in der Firma legt das schon die Stellung nahe. Mancher kann auch psychisch auf andere einwirken. Und auch im großen Weltgeschehen versucht man oft, sich allein an die Macht zu klammern. Doch richtig wäre es, zu einem vernünftigen Ausgleich der Interessen zu kommen und das Vertrauen auf die Macht abzubauen. Das aber wird am besten gehen, wenn Gott unsre Stärke ist.

Wer machtgläubig ist, rechnet nicht mehr mit Gott und sucht nach etwas anderem, woran er sein Vertrauen hängen kann. Das kann man sich besonders deutlich machen am Hitlerfaschismus. Damals war fast ein ganzes Volk dem Götzendienst der Macht verfallen und stützte sich auf einen, der mit dem Anspruch des letzten Höchstwertes auftrat. Nur zwölf Jahre war er an der Macht. Aber bis heute gibt es immer noch Leute, die ihn verherrlichen und diese Zeit als eine große Zeit für Deutschland ansehen. In dem Maße aber, in dem wir an Gott glauben, können wir der Macht nicht mehr verfallen sein. Wir werden nicht mehr auf sie vertrauen, aber wir werden sie auch nicht fürchten. Gott wird dann unsre Stärke sein. Und alle unsre Macht wird dann im Dienste Gottes stehen.

3. Die dritte Möglichkeit wäre, daß wir mit unsrer „Weisheit“ prahlen. Das kann durchaus auch ein frommer Mensch tun. Er ist dann eben überzeugt davon, was recht und unrecht ist, lebensfördernd und lebenszerstörend - und er will das alles auch wissen ohne Gott. Er  ist dann auch stolz und hört es gern, wenn man ihn für einen vorbildlichen Christen ansieht. Er meint: „Mit solchen Menschen wie ich muß Gott doch etwas anfangen können. Die anderen haben Gottes gnädige Vergebung nötig, ich aber bin von vornherein gerecht!“ Statt Gott zu rühmen, rühmt er sich selbst. Wahre Weisheit aber bezieht Gott mit ein.

Deshalb ist es schon eine wichtige Frage, was wir unseren Kindern und Enkeln mit auf den Lebensweg geben. Wenn man ihnen Vermögen mitgeben kann, ist das nicht schlecht. Aber wenn man ihnen eine gute Ausbildung mitgeben kann, ist das in der heutigen Zeit vielleicht wichtiger: Schule und Berufsausbildung, vielleicht ein Studium und vielleicht ein Auslandsaufenthalt, das zahlt sich doch irgendwann einmal aus. Aber Bildung ist nicht nur das, was einem bei „Wer wird Millionär“ hilft.

Es gehört auch das dazu, was man mit dem Wort „Herzensbildung“ beschreibt: Höfliches Verhalten gegenüber dem Mitmenschen, Verständnis für die Benachteiligten, Einsatz für Menschen in Not. Und schließlich gehört auch der Glaube dazu. Ein Mann zitierte einmal ein langes Gedicht, das ihn seine Eltern gelehrt hatten und das er als eine Art Vermächtnis seiner Eltern ansieht. Er sagte: Nach diesen Worten hat er immer zu leben versucht, und er möchte, daß auch seine Kinder und Enkel diese Erkenntnisse und Weis­heiten übernehmen.

Ich dachte dabei: An sich müßte man außer dem üblichen Testament auch ein „Testament des Herzens“ machen. Da könnte man alles noch einmal zusammenfassen, was einem wichtig war im Leben und was man der nächsten Generation weitergeben möchte, also die Summe dessen, was man selber übernommen hat und was man im Leben dazugelernt hat.

Vielleicht möchte man, daß die Kinder den vererbten Besitz zusammenhalten, möglichst vermehren und nur im wirklichen Notfall angreifen. Daß sie ihre Stärke zum Wohl der Familie, aber auch zum Wohl anderer Menschen einsetzen, nicht auf der Seite der Mächtigen stehen, sondern auf der Seite der kleinen Leute. Und schließlich möchte man auch die Weisheit des Alters und den Glauben der Vorväter weitervermitteln.

Aber mancher von uns wird sich nicht seines Reichtums, seiner Stärke und seiner Weisheit rühmen, sondern eher das Gefühl der Ohnmacht haben. Sein Selbstbewußtsein ist eher zerstört als zu stark ausgeprägt. Doch unser Ruhm und unsre Stärke ist, daß wir einen Gott haben, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt.

Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich heute an einer Frau, die in einer Krankenschwester eine Hilfe erfahren hat. Sie war wegen erschreckender Gewichtsabnahme ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Ärzte umstehen ihr Bett und sie fürchtet, plötzlich etwas zu erfahren, was sie ihr nicht sagen wollen. Als sie gehen, bittet die Frau eine Schwester, doch noch etwas zu bleiben. Leise sagt sie: „Ich kann nicht mehr beten!“ Da legt die Schwester ihr nur die Hand auf die Stirn und sie weiß nun: Die Schwester wird es für mich tun“

Wie Gott Recht schafft, hat eine Scheidungsrichterin erfahren. Sie muß juristisch feststellen, daß eine Ehe ihren Sinn verloren hat. Mit jeder zerbrochenen Beziehung leidet sie aber mit. Sie möchte lieber verbinden als die Zerrüttung feststellen. Manchmal gelingt es ihr, eine Ehe wieder zu heilen, daß Mann und Frau sich auf einmal erkennen, wie sie sich noch nie sahen. Dann ist etwas vom Recht Gottes verwirklicht worden.

Gottes Gerechtigkeit zeigt sich zum Beispiel bei einer Goldenen Konfirmation. Da sind auch immer einige dabei, die sich in der Kirche gar nicht mehr so recht auskennen. An Gott haben sie immer einmal gedacht, aber Kirchengänger waren sie nie. Und dann wird das Abendmahl ausgeteilt. Da sind sie auf einmal alle eingeladen, auch die, die keine Kirchenchristen waren. Auch ihnen wird gesagt: Für dich gegeben!

Das ist etwas ganz anderes als der Ruhm des eigenen Reichtums, der Stärke und der Weisheit. Hier wird Gott groß gemacht. Und das kommt letztlich uns allen zugute.

 

 

Sexagesimä: 2. Kor 12, 1 - 10

Wenn der Apostel Paulus sich bei einem Kirchenvorstand um eine Anstellung hätte bemühen müssen, dann hatte er dabei sicherlich Schwierigkeiten gehabt.  Schon seine Vergangenheit hätte man ihm vorwerfen können ,war er doch ein entschieden er Gegner des Christentums gewesen. Sein Bekehrungserlebnis hätte man vielleicht als Phantasie oder Zeichen einer Geisteskrankheit angesehen .

Dann hat er mehrfach im Gefängnis gesessen, weil er die Behörden verärgert hat. In Athen war es ihm nicht gelungen, die Lehre von der Auferstehung so einsichtig zu machen, daß gebildete Griechen sie ohne weiteres annehmen konnten. An einer Probepredigt hätte man sicher kritisiert, daß sie zu lang gewesen ist, so daß sogar ein junger Mann dabei eingeschlafen ist.

Vor allem aber hätte man sicher wegen seines schlechten Gesundheitszustandes Bedenken gehabt. Er war ein kleiner und kränklicher Mann, mit einer rätselhaften Krankheit, die ihm sehr zu schaffen machte. Dazu nervös, aus Sorge um die Kirchen hat er oft nachts nicht schlafen können. So einen hätte man auch heute nicht brauchen können, eine Bewerbung hätte kaum eine Chance gehabt.

Wir lieben das Starke. Wir bewundern Kraft und Größe, Eleganz und Überlegenheit und möch­ten ebenso sein. Aktive Menschen sind gefragt, heute mehr denn je, wo so viele unsicher und voll Angst sind. Immer nur Erfolge werden gemeldet, auch wenn nichts dahinter steckt, sondern nur die Statistiken gefälscht sind.

In Heiratsanzeigen suchen Menschen in den besten Jahren einen Partner in den besten Jahren. Man stellt gute Eigenschaften und persönliche Interessen heraus. Selten wird einmal etwas Negatives angegeben. Wenn man es dennoch tut, ist das oftmals nur ein Trick, um auf sich aufmerksam zu machen. Letztlich wollen doch alle sagen, daß sie für jeden bestens für eine Ehe geeignet sind.

Auch in der Kirche rühmt sich gern die eine Gemeinde vor der anderen. Man kommt mit Statistiken und berichtet von bestimmten Aktivitäten, auch wenn andere das längst haben‚ nur nicht so einen Wind darum gemacht haben. Man will einen fähigen und imponierenden Pfarrer haben. Die Gemeinde darf schwach sein, aber er soll es nicht sein. Er soll den Karren wieder aus dem Dreck ziehen, soll der Gemeinde zur Anerkennung und finanziellen Sicherheit verhelfen.

Man möchte etwas gelten in der Welt und die Schwächen möglichst vertuschen. Aber in Wirklichkeit gibt es doch viel Glaubensarmut und Lauheit in den Gemeinden, viel Menschlich-Allzumenschliches. In der Stärke liegt auch die Gefahr der Überheblichkeit. Der starke Mensch vergißt allzuschnell Gott als dem Geber aller Gaben, er ist nicht mehr Anwalt der Schwachen. Wir haben heute wieder mehr ein Gespür dafür,  daß auch das Schwache ein Recht hat.

Die Gegner des Paulus in Korinth dagegen ließen nur das Starke gelten. Für sie mußte ein Apostel sich dadurch ausweisen, daß er besondere Glaubenserfahrungen gemacht hatte. Nur wer sich über das Fußvolk erhebt, nur wer die Erkenntnis höherer Welten hat, kann ein religiöser Führer werden. Solche Bestrebungen gibt es auch heute wieder, wenn Zungenredner, Wunderheilunger und Leute in Verzückung auftreten. Sogar im weltlichen Raum versucht man, sich über den Alltag zu erheben: In der Fastnacht und im Rausch möchte man einmal ein ganz anderer sein. Wer da nicht mitmacht, den bedauert man bzw. man schaut verächtlich auf ihn  herab.

Auch Paulus schreibt von hohen Offenbarungen, die ihm zuteil geworden sind. Wie leicht hätte er denken können: „Was muß ich doch für ein besonderer Mensch sein, daß Gott mich solcher Dinge für würdig hält!“ Er hätte sich wie mancher anderer seiner Glaubenserfahrungen rühmen und auf die anderen herabsehen können. Vielleicht hätte er auch mit seinen Glaubensanfechtungen hausieren gehen können und überall erzählen können, wie schlecht er früher war und wie schwer er es gehabt hat‚ beim Glauben zu bleiben.

Paulus könnte da durchaus mithalten. Aber wer wirklich solche Erlebnisse gehabt hat, der schweigt davon. Er möchte allein Gott rühmen und nicht sich selbst. Oder nur die Dinge rühmen, die allgemein nicht als ruhmvoll gelten. Paulus läßt sich auf die Ebene seiner Gegner herab. Weil sie es ihm aufzwingen,  will er sich auch einmal rühmen. Aber er rühmt sich nicht seiner Stärke, sondern der Schwäche. Er will den anderen in der Gemeinde nichts voraushaben an größerer Nähe zu Gott, an Wunderkräften und Gebetserhörungen. Denn dann würde auf einmal er als religiöser Mensch interessant, nicht mehr Gott.

Auf keinen Fall soll einer meinen, er müsse erst auf etwas Besonderes warten ,um ein richtiger Christ zu sein. Keiner sollte meinen, er könne erst richtig beten, wenn er laut vor anderen betet oder ein solches Gebet sei mehr als ein stilles Gebet. Die Gnade Gottes genügt. Nichts weiter ist nötig, als daß man sich diese Gnade zusprechen läßt.

Damit wir nie vergessen, daß wir alles Gott verdanken und keinen Grund zur Überheblichkeit haben, hat Gott auch Krankheit und Schmerzen in der Welt zugelassen. Es gibt keine heile Welt, kein Paradies auf Erden. Das hat Paulus am eigenen Leib erfahren müssen. Er spricht von einem „Pfahl im Fleisch“, der ihm immer wieder zu schaffen gemacht hat. Wahrscheinlich hat es sich dabei um eine Krankheit gehandelt, oder auch ein körperliches Gebrechen. Paulus hat sich immer wieder gefragt: „Warum muß denn gerade ich mit einer solchen Last geschlagen sein? Ich könnte doch meinen Auftrag viel besser erfüllen, wenn ich ganz gesund wäre!“ Aber nachher erkennt er: Das hat mir Gott geschickt, damit ich nicht überheblich werde und meine, ich könnte alles aus mir selbst.

Wir würden doch in der Regel umgekehrt urteilen:  „Wenn Gott mich mit Krankheit straft, dann will er mich nicht in seinem Dienst haben. Und in der Regel haben wir auch bei einer Krankheit so sehr mit uns selber zu tun‚ daß wir Gott darüber vergessen. Andererseits gilt aber auch wieder: Wem es zu gut geht, der vergißt Gott auch leicht. Erfolge steigen uns immer in den Kopf. Und da ist es manchmal gut, wenn wir auch einmal stolpern und auf die Nase fallen und wieder auf dem Boden der Tatsachen sind.

Damit Paulus der Selbstruhm und die Überheblichkeit ausgetrieben wird, hat er den Pfahl im Fleisch. Das ist wie ein Fremdkörper, der unter der Haut steckt und nicht wieder herauszukriegen ist. Er eitert und verursacht Schmerzen und es wird und wird mit ihm nicht besser. Immer wieder wird ihm das Leiden in Erinnerung gebracht.

Paulus hat schon dreimal inständig gebeten, daß Gott ihm diese Krankheit doch nehmen möge. Er hat ihn um eine Radikalkur in Form einer Art Operation gebeten. Aber er erhält nur die Antwort: „Meine Gnade genügt für dich. Denn meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung!“

Das müßte man eigentlich jedem Kranken sagen: „Du mußt nicht auf jeden Fall und um jeden Preis gesund werden. Du brauchst allein Gottes Gnade, dann kannst du leben!“ Wie mancher hat ständig gearbeitet und geschafft, von einem Tag in den anderen hinein, und hat darin das Leben gesehen, hat gemeint, das sei schon das Leben. Er dachte, es müßte ewig so weitergehen und nichts könne ihn in seinen Erfolgen aufhalten. Aber dann kam die Krankheit und warf ihn um. Jetzt hatte er Zeit, einmal über alles nachzudenken und auch die eigenen Kräfte richtig einzuschätzen. Nun lernte er nach innen zu schauen und allein in Gott einen Halt zu finden.

Es ist vielleicht zuviel gesagt, wenn man behaupten wollte: „Es ist eine Gnade, krank zu sein!“ Denn Gnade wäre es doch, wenn wir gesund würden. Aber als Gesunder geht man oft achtlos an Gott vorbei. Wer aber durch eine Krankheit mit Gott in Berührung kommt‚ der legt dann auch sein ganzes Leben in die Hand Gottes und kann sogar noch zum Segen für seine Umwelt werden.

Es ist sicher gut, wenn wir hie und da Menschen unter uns haben, die schwer krank sind. Sie sind ein Mahnzeichen dafür, daß unsre Welt nicht vollkommen ist, jedenfalls nicht in unseren Augen. Wir sind immer noch auf die Hilfe und Gnade Gottes angewiesen. Niemand erkennt das besser als ein Kranker. Wenn wir also eine Krankheit oder eine Schwäche an uns fühlen, dann hat das vielleicht doch einen guten Grund bei Gott.

Es ist nicht gut, wenn man den Gedanken an Krankheit und Tod immer wieder wegschieben will. Kranke Menschen verschwinden hinter den Mauern von Krankenhäusern und Anstalten. Wir wollen als frohe Menschen durchs Leben gehen und nicht immer wieder an das Leid erinnert werden. Krankheiten sollen überwunden oder doch wenigstens versteckt werden. Doch das ist nicht gut. Wie soll man denn da die Erfahrung machen, daß Gott gerade dem Schwachen nahe ist?

Paulus will nicht sagen, daß man erst so eine schwere Krankheit haben muß wie er, um Christ sein zu können. Das wäre auch Selbstruhm mit umgekehrten Vorzeichen. Auch ohne einen „Pfahl im Fleisch“ bleibt wahr: Die Gnade Gottes genügt. Man braucht nichts aufzuweisen, nicht einmal eine Schwachheit. Niemand braucht ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er von keiner Krankheit geplagt wird.

Wer aber eine Krankheit oder einen Mangel hat, der sollte wissen: Gott kann sein Werk auch so tun, daß er uns das Leiden verordnet. Dazu gehört nicht nur die Krankheit. Auch Spott und Mißerfolg, Scheitern und Müdigkeit gehören dazu. Durch sie sorgt Gott dafür, daß wir schön auf der Erde bleiben und uns nicht schon wie im Himmel fühlen. Das Leiden ist uns nicht nur gegeben, sondern wohlweislich auch belassen.

Dadurch wird deutlich: „Gottes Gnade genügt!“ In seiner Liebe bindet er Menschen an sich, die es an sich nicht wert sind. Gott ist bei dem Schwachen und läßt ihn nicht allein (das wird hier verherrlicht, nicht das Schwache an). Mancher wird meinen: „Lieber im Unfrieden mit Gott, aber gesund!“ Wir wären schon ein großes Stück weiter, wenn wir begriffen: Lieber krank, als ohne Gott und seine Gnade leben  müssen!

 

Weiterführende Gedanken zum Thema „Krankheit“:

Wenn wir auf der einen Seite die Tuberkulose fast ausgerottet, dann wachsen die Krebskrankheiten. Und wenn das Leben eines Menschen durch eine Herzverpflanzung verlängert wird, dann muß erst ein anderer für ihn sterben. Vielleicht wäre es auch gar nicht so gut, eine konfliktlose Welt ohne Krankheit und Leid und Schmerz schaffen zu wollen, denn es wäre am Ende eine unheimliche Welt.

Die Nationalsozialisten hatten ja damit begonnen, die Krankheit auszurotten. Das heißt: sie haben das von ihnen sogenannte „lebensunwerte Leben“ vernichtet. Aber dennoch gibt es ja doch immer wieder neu Schwachsinnige und Geisteskranke. Wenn das so weitergegangen wäre, dann hätte man schließlich auch die alten Menschen oder die politischen Gegner umgebracht, weil die ja auch „lebensunwert“ sind.

Der andere Weg zu einer vollkommenen Welt war die Züchtung von „Menschen neuen Typs“. Doch auch dabei hat man sich getäuscht, denn die Erbgesetze lassen sich nicht so einfach von Menschen lenken: Ein häßlicher, aber kluger Professor, heiratete eine hübsche, aber dumme Frau, in der Hoffnung, die Kinder würden klug u n d hübsch. Doch sie waren häßlich u n d dumm. Wir können Gott nicht ins Handwerk pfuschen und müssen auch in Kauf nehmen, daß manches nicht so ist, wie wir es uns vielleicht wünschen.

In uns steckt nämlich die gleiche Neigung wie in Hitler. Wir versuchen auch, den Gedanken an Krankheit und Tod von uns wegzuschieben: Wenn jemand schwer krank ist, dann kommt er

ins Krankenhaus. Dort stirbt er am Ende auch und wird irgendwohin in ein Krematorium zur Verbrennung gebracht. Man will es nicht mehr so sehr gern wahrhaben, daß wir in manchen Fällen doch weitgehend machtlos sind.

Aber es wäre sicher nicht gut, wenn uns dieser Pfahl im Fleisch genommen würde.. Denn dann würde der Hochmut und das Eigenlob der Menschen bis in den Himmel wachsen. Natürlich wollen wir keine wissenschaftliche Leistung auf dem Gebiet der Medizin schlecht machen. Aber man wünschte sich manchmal etwas mehr Bescheidenheit von manchen großen Medizinern und die Einsicht, daß sie auch einmal versagen und nicht alles so glatt geht wie erhofft.

Von dem Kapstädter Arzt Dr. Barnard war so etwas noch nie zu hören. Es gibt aber keine heile und vollkommene Welt, höchstens in den Augen Gottes ist sie vollkommen; aber dann gehören Krankheit und Leid zu dieser Welt mit dazu, zu  dieser Welt, die auf Gottes Erbarmen angewiesen ist.

Wenn wir vielleicht von dem einen oder anderen Leiden geplagt werden, dann sollten wir uns nicht den Kopf zerbrechen über Gottes Geheimnisse, sondern nur auf diesen einen Satz hören: „Meine Gnade genügt dir!“ Auch wenn wir krank sind, haben wir die Aufgabe, für Gottes Reich zu streiten. Gott hilft uns, über das Schwere in uns und in unserem Leben hinwegzukommen, auch wenn er es uns nicht wegnimmt. Gerade wenn wir schwach sind, dann sind wir Gott ganz nah. Wir sind nicht von Gott verlassen, sondern er ist da, um uns zu helfen.

 

 

Estomihi: Amos 5, 21 - 24

Auch heute braucht man Beziehungen. Ohne Beziehungen ist man nichts und bekommt man nichts. Man findet auch gar nichts dabei, da es nicht ohne Beziehungen geht. Man sagt: „Beziehungen schaden nur dem, der keine hat!“ Und so versuchen wir, das Netz der Beziehungen um uns herum immer fester zu knüpfen.

Aber so ein Netz, durch das wir nur unsre Wünsche erfüllt bekommen wollen, kann uns eines Tages auch einmal ersticken. Wir sehen dann nämlich nicht mehr den Menschen, sondern nur das, was er uns verschaffen kann. Wir freuen uns nicht auf die Begegnung und den Austausch, sondern denken immer: „Gibst du mir, so geb ich dir!“So knüpfen wir keine Beziehungen zu Menschen, sondern nur zu dem Dingen.

Manchmal wir das auch selbst. Wir merken, daß wir innerlich leer sind, auch wenn wir vieles haben. Auch die Bibel läßt keinen Zweifel daran, daß ein Leben ohne menschliche Beziehungen im Grunde sinnlos ist. Sie verweist auf zwei Beziehungen, die der Mensch notwendig braucht: die Beziehung zu Gott und die Beziehung zum Mitmenschen. Und dabei wird nicht gefragt, was ich von dem anderen bekomme, sondern es geht um die Beziehung zu dem Menschen an sich.

Bei Amos hören wir von Menschen, die eifrig dabei sind, ein Netz falscher Beziehungen um sich herum zu knüpfen. Und sie merken nicht einmal, wie sehr ihnen das die Luft abschnürt, wie leblos sie schon geworden sind. Äußerlich gesehen ging es ihnen durchaus gut. Sie hatten sich wirtschaftlich erholen können es war seit einigen Jahren Frieden, Handel und Wandel blühten.

Doch der Prophet will seinem Volk deutlich machen, daß sie einer dreifachen Täuschung erliegen: Die politische Lage ist ernster als man wahr haben will, denn die Feinde im Norden rüsten schon wieder.

Dann übersieht man im eigenen Wohlergehen die Armen und Unterdrückten, beteiligt sich vielleicht selbst an der Unterdrückung und lebt auf Kosten anderer. Und schließlich gestaltet man die Gottesdienste in eigener Regie, sie dienen nicht mehr dem Lob Gottes, sondern der Selbstdarstellung.

Der Prophet aber hat ein feines Gespür für die Verlogenheit solchen Tuns. Deshalb verweist er auf die gespannten Beziehungen zwischen Gott und seinem Volk und sagt: „Gott haßt den verlogenen Gottesdienst. Gott sucht das ungebeugte Recht.

 

(1.) Gott haßt der verlogenen Gottesdienst: Hatte nämlich jemand ein Opfer im Heiligtum dargebracht, dann stellte man durch Opferschau fest, ob Gott es gnädig angenommen hatte. In der Regel gab der amtierende Priester einen bejahenden Bescheid. Doch in einem solcher Augenblicke fiel der Prophet ihm ins Wort und rief im Namen Gottes: „Ich bin euren Feiertagen gram und will eure Versammlungen nicht riechen. Tut weg das Geplärr eurer Lieder!“ Wenn wir es auf unsre Verhältnisse übertragen, dann würde man vielleicht sagen: „Eure Christvespern und Ostergottesdienste kann ich nicht leiden. Eure Kirchentage sind mir ein Greuel. Mit euren Abendmahlsfeiern habe ich nichts zu tun. Ob ihr Orgel oder Gitarre spielt, das ist alles nur Geplärr!“ Solche Zwischenrufe würden doch auch bei uns allerhand Aufsehen erregen.

Amos will damit nicht sagen: „Es kommt nur noch auf der Gottesdienst des Alltags an. Nicht Gottesdienst, sondern Mitmenschlichkeit und Verwirklichung des göttlichen Rechts im Alltag der Menschen!“ Aber zuerst geht es dem Propheten um die Gottesbeziehung. Im Verhältnis zwischen Gott und den Menschen soll es erst einmal stimmen. Aber dann kommt es nicht mehr auf eigene Wichtigtuerei an, auf eindrucksvolle Kirchen und Dome, Kirchenmusik von hoher Qualität und formvollendete Liturgie, dann steht nur noch Gott im Mittelpunkt alles Handelns und Denkens.

Wenn das klar ist, dann wird man auch erkennen: „Verlogen ist der Gottesdienst auch dann, wenn das gelebte Leben dem widerspricht, was im Gotteshaus feierlich abgehandelt wird!“ In der Regel ist man sich ja dabei seines Doppellebens gar nicht bewußt. Man redet überzeugt vom Dienen, und die Mitmenschen leiden unter dem Druck einer Willkürherrschaft. Man spricht von Liebe und übt doch Menschenverachtung und Gleichgültigkeit. Man ereifert sich für die Wahrhaftigkeit‚ aber wenn es drauf ankommt, biegt man die Dinge nach Bedarf zurecht. Oft wird dann das Unrecht schnell verschleiert und man ist dabei auch leidensscheu und feige.

Amos wendet sich gegen die, die ihre edlen Grundsätze nur als Aushängeschilder herumzeigen. Er meint nicht diejenigen, die darunter leiden, daß ihnen im Alltag Recht und Gerechtigkeit nicht gelingen. Jedes Opfer wird Gott gefallen, wenn einer kommt, der wirklich die Versöhnung mit ihm sucht. Aber Amos hat ja Leute vor Augen, die wollen ihre Sünde gar nicht loswerden. Sie suchen im Gottesdienst das Heil, um draußen im Leben um so ungestörter in ihrer Sünde fortfahren zu können. Sie wollen ja gar nicht im menschlichen Miteinander wieder Ordnung schaffen und suchen in ihrer gespielten Religion nur Deckung, um unerschüttert weitermachen zu können wie bisher.

 

(2.) Gott sucht das ungebeugte Recht: Nicht die Feierstunden zeigen, ob wir mit Gott zu leben versuchen, sondern der rauhe Alltag. Dort soll das Recht Gottes verwirklicht werden. Es werden nicht überall und jederzeit die gleichen Gesetze gelten. Aber in ihnen soll immer der Rechtswille Gottes zum Ausdruck kommen.

Wenn etwas im Gesetz geschrieben steht, ist noch lange nicht gesagt, daß es rechtens ist oder gar mit dem Willen Gottes übereinstimmt. Daß man einen Menschen in die Schuldsklaverei verkaufte, war damals vom Gesetz erlaubt. Gott aber fordert mehr. Er möchte, daß immer und überall die Würde des Menschen unangetastet bleibt und verteidigt wird.

Aber wer die Macht hat, der hat noch immer das Recht in seinem Sinne zurechtgebogen. Das Recht wurde zum Instrument der Machterhaltung. Das Recht soll das Böse niederhalten. Aber es wird gefährlich, wenn das Böse sich selbst hinter den Paragraphen versteckt und sein Vernichtungswerk unter dem Schein der Gesetzmäßigkeit betreibt.

Die Mächtigen haben zwei „Methoden“, das Recht in ihrem Sinne hinzubiegen. Einmal stehen die Gesetze nur auf dem Papier. Sie lesen sich ganz gut, scheinen sehr gerecht zu sein, aber in der Praxis hält man sich nicht dran. Da handelt man nach ungeschriebenen Gesetzen oder zieht die Paragraphen wie Gummi, bis man sie da hat, wo man sie hinhaben will. Die andere Möglichkeit besteht darin, daß man erst einmal die Gewalttat verübt und dann nachträglich noch die gesetzlichen Möglichkeiten dafür schafft, also praktisch die Unter­drückten noch die Hand heben läßt zu ihrer eigenen Unterdrückung. Zum Glück ist das bei uns nicht so, da gibt es einen Rechtsstaat. Aber geschriebenes und praktiziertes Recht ist wird leicht mit den Interessen irgendwelchen Gruppen und Parteien vermischt. Gott aber möchte ein Recht, das auch in seinen Augen Bestand haben kann, wo sein unentstellter Rechtswille sich durchsetzt. Das Bessere soll das Schlechtere ablösen. Dafür sollten wir uns alle einsetzen, damit Gottes Recht verwirklicht wird.

Das könnte sich zum Beispiel darin zeigen, daß wir Verständnis haben für die Kinder. Wie gut ist es, wenn kleine Kinder eine Oma oder einen Opa haben, die Zeit haben und auf die Kinder eingehen. Wie gut ist es, wenn sich Eltern im Elternbeirat der Schule wirklich für die Belange der Schüler einsetzen. Es gibt viele Möglichkeiten, das Recht Gottes in unsrer Welt zu verwirklichen.

Wir sollten auch nicht meinen, wir könnten  ja doch nichts ändern. Wir können alles tun, um uns umfassend zu informieren. Dadurch ist zunächst einmal ein Urteil möglich. Und daraus erwächst dann auch das Handeln und die Beteiligung an bestimmten Aktionen. Vor allem in der Kirche kann man auch direkt für Recht und Gerechtigkeit eintreten.

Bei Amos ist von der Gerechtigkeit im Bild des nie versiegenden Baches die Rede. Ein Bach braucht eine Quelle, aus der er sich speist Für uns Christen kann diese Quelle nur das Wort Gottes sein, an dem wir immer wieder unser Handeln überprüfen. Das Bild besagt aber auch, daß erst viele Wassertropfen zusammen einen Bach ergeben. Wir brauchen also die Gemeinschaft mit anderen Christen, die uns in unserem Leben und Tun bestärken oder korrigieren. Nur so werden wir auch das Recht Gottes durchsetzen können.

Gott hat jedenfalls auf die Durchsetzung seines Rechtes nicht verzichtet. Er hat unsre Schuld nicht übersehen. Wenn es einfach hieße: „Schwamm drüber!“ das wäre kein Evangelium. Die Gnade verneint nicht das Gericht, sondern überwindet es. Überwunden hat es für uns Jesus Christus, der an Karfreitag für uns die Hölle ausgestanden hat. Daran wollen wir jetzt schon denken‚ wo wir bald am Beginn der Passionszeit stehen. Gott nimmt unsre Sünde nicht leicht. Aber er hat sie uns abgenommen durch Jesus.

 

Weiterführende Gedanken:

„Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!“

Helau! Der Predigttext paßt wie die Faust aufs Auge. Am Fastnachtswochenende wird uns gesagt: „Ich bin euren Feiertagen gram! Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder!“ Dürfen wir denn nicht auch einmal fröhlich sein? Sicherlich dürfen wir auch Feste feiern und fröhlich sein. Warum nicht auch diese Fastnachtssitzungen, höchstens die Seitenhiebe auf die Einwohner des Nachbarortes könnte man lassen.

Diese Feste dienen ja auch allein der Unterhaltung und Zerstreuung. Sie haben keinen religiösen Hintergrund wie in der Antike. Damals dienten die Feste in erster Linie der Verehrung der Götter. Denen wurden Opfer gebracht, wobei die Brandopfer natürlich für die Menschen verloren waren, aber an den Speisopfern konnten sich dann nachher die Teilnehmer des Festes noch laben. So ein Festgelage war nur möglich, wenn man vorher das Opfer an die Götter veranstaltet hatte.

Also: Gegen harmlose Feste ist nichts zu sagen. Gefährlich wird es aber, wenn diese auch in unserer Zeit religiöse Züge annehmen. Für manchen besteht das Leben nur noch aus Spaß haben und Party machen. Da hat ein Jahrgang Abitur gemacht und dann geht es nach Mallorca und eine Woche wird nur getrunken und getanzt bis zum Umfallen, so daß man sich fragt: Sind das Menschen, denen gerade eine gewisse Reife bescheinigt wurde? Gefährlich wird es, wenn dieser Zustand als alleiniger Sinn des Lebens gesehen wird und alles andere als schwere Last empfunden wird.

Eine viel größere Aufgabe ist es, was positiv an die Stelle einer zwanghaften Feierei gesetzt werden soll: „Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!“ Das ist doch ein sehr schönes Bild, das ein ganz anderes Ziel für das Leben beschreibt: Ständiger Einsatz für das Recht und die Gerechtigkeit.

Zwischen beidem ist durchaus ein Unterschied: Vor Gericht spricht man Recht, aber man kann nicht immer Gerechtigkeit schaffen. Vor Gericht geht es nur darum, daß ein Gesetzestext richtig ausgelegt wird. Da wird gefragt: Stimmt dieser Text mit dem konkreten Fall überein, dann wird so gehandelt, wie es das Gesetz vorschreibt.

Aber besonders im Verwaltungsrecht kann es dann sein, daß zwar nach dem Buchstaben des Gesetzes entschieden wird, aber der gesunde Menschenverstand an sich etwas anderes erwartet hätte. Doch diesen konkreten Fall hatte der Gesetzgeber nicht im Auge, konnte er auch nicht im Auge haben, da muß eine Auslegung her. Und davon leben die Gerichte und vor allem die Rechtsanwälte. Von einem Christen aber wird mehr verlangt, nicht nur Recht nach dem Buchstaben des Gesetzes, sondern Gerechtigkeit, wie Gott sie will.

 

 

Invokavit: 2. Kor 6, 1 - 10

Ein Ehepaar in mittleren Jahren, das nicht mehr zur Kirche gehört, sagt. „Ja, sie seien ausgetreten, weil ein gewisser Pfarrer das und das gemacht habe: er habe die Frau unhöflich behandelt und habe böse Briefe geschrieben!“ Aber das ist doch kein Grund! Man beurteilt eine Sache doch nicht nach dem Menschen, der sie vertritt, und man kann doch nicht das ganze Christentum auf den Abfallhaufen werfen, nur weil ein Mensch nichts taugt; die Sache selbst ist doch in Ordnung!

Aber leider ist das nun einmal so: Eine Sache wird unglaubwürdig, wenn der Mensch versagt, der sie vertritt. Person und Sache hängen für unser Empfinden untrennbar zusammen, wenn uns auch der Verstand etwas anderes sagen müßte. Aber es ist nun einmal so: Der eine tritt wegen eines Pfarrers aus der Kirche aus und der andere tritt wegen eines Pfarrers wieder ein. Beides ist nicht richtig, aber mach einer etwas daran!

Doch es soll nun nicht immer gegen die Schwachen gehen. Nicht nur die Pfarrer sind daran schuld, sondern jeder Christ, der in der Augen eines anderen versagt hat. Wenn einer seine Frau und Kinder schlägt, dann wird man sagen: „Es wird mit seinem Glauben nicht weit her sein!“ Oder wenn einer ein gerissener Geschäftsmann ist und seine Kunden und das Finanzamt von vorne bis hinten betrügt, dann heißt es gleich: „Der ist auch nicht besser als die anderen!“

Paulus meint hier aber noch etwas anderes, das ihm die Ausführung seiner Aufgabe so schwer macht: Man hat ihn geschlagen und ins Gefängnis gesteckt, er hat Nöte und Ängste und große Trübsale durchmachen müssen. Soll das etwas ein Bote Gottes sein, der Apostel des Herrn? Wenn es diesen Gott gibt, warum schickt er dann nicht einen anderen, eine Persönlichkeit, einer der sich durchsetzen kann, der klug und geschickt ist, der Eindruck auf die Leute macht? Doch statt dessen kommt einer, der sich alles gefallen lassen muß.

Aber sicherlich ist das nicht ohne Absicht so: Der Bote soll ganz hinter der Botschaft zurücktreten, die er zu bringen hat. Er soll nicht durch sein äußeres Wesen überzeugen, sondern durch die Sache. Natürlich ist es für Paulus dadurch schwerer geworden, seinen Auftrag auszuführen.

Aber er weiß auf der anderen Seite auch, daß er nicht allein gelassen wird: Sein Dienst geschieht im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem „Wort der Wahrheit“, wie er sagt.

Wir würden doch meinen, in erster Linie seien Geduld und Freundlichkeit oder andere Eigenschaften notwendig. Aber hinter Paulus steht eine Kraft Gottes, die weit über diese menschlichen Tugenden hinausgeht. Er kann ausharren und seinen Dienst erfüllen, weil Gott hinter ihm steht und weil ihm ein unerschütterlicher Glauben geschenkt ist.

Wir wollen uns einmal ansehen, wie das wohl in der Praxis aussieht: Bei der Arbeit an einem Auto muß sich einer auf die Knie niederlassen, damit er an die schadhafte Stelle herankann. Die Kollegen feixen: „Wie ein richtiger Katholik!“ Der Mann ist Katholik und es ist bekannt, daß er sonntags zum Gottesdienst geht und dabei sicher in ähnlicher Weise niederkniet. Nun aber spotten die Kollegen ihn aus und machen seinen Glauben lächerlich.

Wo ist da nun einer, der für diesen Mann eintritt? In der Regel gehören ja die meisten zu einer Kirche. Aber wenn es darauf ankommt, tut keiner den Mund auf. Dann ist es schon viel, wenn einer da ist, der sagt: „Ihr solltet euch schämen!“ Gerade so eine Situation wäre aber doch der gegebene Ausgangspunkt, um nun ein Gespräch über den Glauben zu beginnen und aus dem Spott heraus ein klares Zeugnis für Christus abzugeben. Gerade solch eine Schwäche zeigt erst die wahre Kraft Gottes, denn dann muß sich die Sache selbst durchsetzen, auch unter ungünstigen Umständen.

Allerdings kann nur der sich wirklich durchsetzen, der nicht durch äußere Dinge unglaubwürdig geworden ist. Paulus stellt als Mindestforderung für sich auf: „Ich gebe niemanden begründeten Anstoß, damit der mir von Gott befohlene Dienst nicht mit verdächtigt wird!“ Aber was er dann positiv anführt, geht über das Nicht-Anstoßgeben weit hinaus. Er begnügt sich nicht damit, nicht aufzufallen und ein anständiger Mensch zu sein, sondern er will sich auch positiv für die Sache Gottes einsetzen. Er nimmt die Waffen der Gerechtigkeit und will damit für Gott kämpfen, er ist gewissermaßen ein Soldat Christi.

Das wird auch deutlich an dem Wort „Geduld“. Es ist zweifach zu verstehen: einmal eine passive Geduld, die alles willig trägt und alles als Schickung Gottes hinnimmt, was ihr widerfährt. Zum anderen eine aktive Geduld, die Kraft zu innerer Gegenwehr hat gegen alles, was einen erdrücken will.

Ein Soldat liegt auch manchen Tag im Schützengraben und muß warten. Vielleicht langweilt er sich sogar oder platzt vor Ungeduld, bis es dann endlich losgeht. Aber dann kommt der Befehl zum Angriff und er muß nach vorne. Wenn er es richtig gemacht hat, hat er die Zeit vorher gut genutzt. Dann war er nicht nur passiv, sondern hat sich in aktiver Geduld auf seine Stunde vorbereitet und ist zum Kampf bereit.

Von manchen Christen heutzutage hat man allerdings den Eindruck, sie haben sich in ihrem Schützengraben eingegraben und wollen nie wieder heraus. Sie igeln sich ein, spielen vielleicht noch Karten und rauchen Zigaretten, aber ansonsten wollen sie in Deckung bleiben und nicht gestört werden - sie denken nicht an Kampf und Einsatz.

Was hat Paulus demgegenüber mitmachen müssen und auf sich genommen: Schmerzen, Tumulte, Bestrafungen, Verleumdung - sogar aus den eigenen Reihen. Wir können nur froh sein, wenn uns nicht Ähnliches widerfahren ist oder bevorsteht.

Paulus ist allerdings auch ein Ausnahmemensch. Er stellt nicht das Leben eines Christen schlechthin dar: Es muß nicht einer erst die Prügelstrafe erlitten und peinliche Verhöre im Gefängnis mitgemacht haben, um ein Diener Christi zu sein. Man muß nicht ein Märtyrer sein, um auch ein wahrer Christ zu sein.

Wir sind nicht alle so wie Paulus, und was er mitgemacht hat,  muß nicht für alle Zeiten notwendig zur christlichen Bewährung gehören. Wir sollen auch nicht immerzu kämpfen. Aber wir sollen gerüstet sein für den entscheidenden Augenblick und unsern Mann stehen, wenn es notwendig ist. Paulus ist nur            e i n Beispiel für einen Christen. Ein anderer wird seinen Glauben und seinen Dienst vielleicht auf ganz andere Art bewähren müssen, auch wenn er nicht geschlagen und verhöhnt wird.

Nur eins wird auch für unser Leben an Paulus deutlich: Der Weg des Christen ist schmal und geht mittendurch zwischen Ehre und Schande, Sympathie und Antipathie, zwischen menschlichen Urteilen und Gottes Wahrheit. Paulus erfährt von dem einen Schimpf und Schande und von dem anderen Ehre und Lob. Warum soll es da heute besser gehen. So wie Gott selbst gelitten hat, als er seinen Sohn gab, so werden wir auch leiden müssen.

Doch das andere wollen wir heute auch schon mithören: Das Leiden und Sterben Christi wurde von Gott umgewendet in Leben. Wir stehen jetzt am Beginn der Passionszeit. Sie erscheint uns als eine lange Zeit der Trauer und Bedrückung. Aber wir sollten nicht vergessen, daß an ihrem Ende Ostern steht. Ein Stück von dem Leiden und Sterben Jesu müssen wir auch auf uns nehmen, damit wir mit ihm neu werden können. Nur wer mit gekreuzigt ist, wird auch mit leben.

Zusammengefaßt: Mit unsrer ganzen Person sollen wir uns für die Sache Gottes einsetzen. Nur Risiko und Kampf führen zum Ziel. Wer dazu nicht bereit ist, der hat die Hilfe und die Gaben Gottes vergeblich empfangen. Gott hat uns doch schon oft geholfen und uns eine angenehme Zeit geschenkt. Immer wenn wir etwas von Gott hören, dann ist für uns der Tag des Heils..Es kommt für uns darauf an, dieses „Heute“ zu ergreifen und ohne Furcht immer wieder neu in den Dienst Gottes zu treten.

 

 

Reminiszere: Jes 5, 1 - 7

Wir haben keine Chance! So denken sicher viele unter uns, vor allem auch junge Leute. Deshalb passen sie sich an, teils aus Berechnung, teils weil sie es aufgegeben haben. Sie lassen sich gewissermaßen aus dem Zug fallen und überfahren, vom Alkohol, von Arbeitsmüdigkeit, vom Einsamkeit. Sie sagen sich: Es geht ja doch nicht, was wir vorhaben. Da haben wir einmal eine Hoffnung geschöpft, gleich ist wieder ein Dämpfer gekommen.

Die Eltern und Großeltern aber sagen vielleicht: „Das ist wohl euer Dank für alles, was wir für euch aufgebaut haben? Wir haben auf vieles verzichtet, haben keine Mühe und keine Kosten gescheut, damit ihr es besser haben sollt. Ihr habt euch ins gemachte Nest gesetzt und seid nun noch undankbar!“

Aber die junges Leute fragen dann zurück: Eure Investitionen machen uns doch eher kaputt. Diese großen Hallen, in denen man arbeiten soll, die weiten Wege zur Arbeitsstelle, das ständige Hochschrauben der Forderungen. Wirtschaft, Bürokratie und Rüstung - nichts ist mehr zu bremsen. Der Ertrag all eurer Bemühungen sind dann doch nur Hektik und Beziehungslosigkeit.

Die Wirtschaft mag immer weiter vorankommen, aber die Menschen gehen dabei kaputt, körperlich und seelisch. Die Chemie macht die Lebensmittel zu Giften. Immer mehr Fortschritt zehrt die Energiereserven auf. Auch bei uns gibt es immer mehr Leute - ältere und vor allem jüngere - die da aussteigen wollen, die das alles nicht mehr mitmachen‚ die nach neuen Wegen suchen.

Aber es ist oft so im Leben, daß man ein Ziel nicht erreichen kann. Was mühen sich Eltern und Erzieher um die Kinder. Aber am Ende war alles nur verlorene Liebesmüh. Was arbeitet mancher Mann  für Beruf und Geschäft. Was stecken die hauptamtlichen Mitarbeiter einer Kirchengemeinde im Laufe von Jahren an Ideen und Kräften in ihre Gemeinde, und was am Ende dabei herauskommt, das ist wenig.

Oder noch ein Beispiel: Alle Menschen wollen den Frieden. Viele Einzelne machen sich Gedanken darüber, kirchliche Synoden verabschieden Aufrufe, auf Kirchentagen und Rüstseiten wird darüber nachgedacht. Aber das Ergebnis ist - vorerst -  daß wir am Rande der Selbstzerstörung stehen. Vor Jahrzehnten war noch die Rüstung die große Gefahr. Hatte es 1945 geheißen: „Nie wieder Krieg!“ Aber 1950 sagte man schon: „Nie wieder Krieg, wenigstens nicht gleich!“ Und dann erkannte man, was Professor Helmut Gollwitzer wie folgt formuliert hat: „Entweder wir schaffen die Rüstung ab, oder die Rüstung schafft uns ab!“ Heute können wir Entsprechendes sagen von den Umweltschäden und der Atomkraft.

Ja, was bleibt von den Bemühungen vieler Menschen um eine Verbesserung des Lebens auf dieser Erde? So fragen wir und sind oft enttäuscht vom Leben. Aber gibt es nicht doch irgendwo eine Hoffnung, die uns wieder Mut fassen läßt? Gibt es nicht doch noch eine Chance für den Einzelnen, für die Welt und für die Kirche? Wende statt Ende? Nicht aussteigen, sondern erst recht einsteigen? Das sollte der Wahlspruch der Christen sein.

Doch das Weinberggleichnis beim Propheten Jesaja scheint wieder mehr das andere nahezulegen. Gott hat sich viel Mühe gemacht mit seiner Gemeinde. Er hat viel Liebe aufgebracht, so wie man eben einen Weinberg hegt und pflegt. Jeder Rebstock erfordert einen großen Aufwand an Pflege. Selbst in unsrer technischen Zeit muß das Meister noch mit der Hand gemacht werden.

Die Gemeinde ist Gegenstand der Liebe ihres Gottes. Der Prophet fängt wie ein Bänkelsänger irgendwo auf dem Markt zu singen an. Es hört sich zunächst an wie ein Liebeslied, denn „Weinberg“ ist ein übliches Bild für die Geliebte. Aber nachher wird deutlich, daß er doch einen richtiger Weinberg meint, und dieser wird dann zum Bild für die Gemeinde Gottes. Aber in ihr gibt es Götzendienst und Ungerechtigkeit, Not der Witwen und Waisen, der Gebrechlichen und Alten.

Gott hat alle äußeren Bedingungen für einen guten Ertrag geschaffen. Jetzt möchte er Recht und Gerechtigkeit als Früchte seiner Mühen sehen können. Es ist viel, „was Gott an uns gewendet hat“. Immer wieder hat er durchgeholfen und bewahrt, hat seinen Bund mit den Menschen immer wieder erneuert, hat ihnen Güte und Treue zugewandt. Immer wieder hat er sein entlastendes und ermutigendes und beglückendes Wort gesagt.

Er hat uns - trotz allem - angenommen, wie wir sind. Das schafft auch Gemeinschaft zwischen den Menschen. Ja, es heilt sogar die Gemeinschuft wieder, die schon gefährdet oder zerbrochen war. Durch das Abendmahl verbindet er uns immer wieder untereinander und mit sich. Brot und Wein sind Zeichen seiner Liebe und erinnern uns daran, welche Mühe Gott für uns aufgewandt hat.

Auch seine Kirche ist in äußerer und innerer Gefährdung immer wieder erhalten geblieben. Sie wurde gereinigt, aus Verirrungen zurückgeholt, in Flauten ermutigt und sogar wieder aus dem Schlaf geweckt.

Die Kirche hat kaum etwas unternommen gegen die Ausbeutung der Arbeiter im 19. Jahrhundert. Nur Wenige haben etwas gegen die Konzentrationslager und die Verschleppung der Juden gesagt. Auch in der damaligen DDR haben nur wenige Christen einen hinhaltenden Wi­derstand geleistet. Auch heute können wir nur wenig tun gegen Unterdrückung  wegen Rasse, Religion oder sozialer Stellung. Auch im privaten Bereich schmälern wir das Recht der Mitmenschen und behandeln ihn ungerecht. Keiner darf sich über den anderen erheben, sondern sollte sich selbst fragen, ob er etwas falsch gemacht hat,

Gott sagt aber nicht: „Das ist doch vergebliche Liebesmüh!“ Die Zuwendung zu uns ist ihm „Herzenssache“. Wie ein Liebender könnte er zu jedem vor uns sagen: „Ich kann ohne dich nicht leben, ich brauche dich, ohne dich ist mein Dasein sinnlos!“

Aber der Weinberg brachte keine Trauben, sondern saures und verhutzeltes Zeug, sagt Jesaja im Gleichnis. An der Bodenbeschaffenheit und der Pflege kann es nicht gelegen haben. Aber so treiben wir es mit unserem Gott. Der Prophet erzählt hier die Geschichte vom enttäuschten und erfolglosen Gott.

Bei Jesaja ging es vor allem um die Wahrung des Gottesrechtes. Das Recht kommt vor Gott. Kein Mensch darf es sich zurechtbiegen, wie er es gerade braucht. Es darf nicht Hebel sein zur Durchsetzung der Interessen Einzelner oder bestimmter Gruppen. Es muß für alle gleichermaßen verbindlich und unantastbar sein.

Damals war das Recht die Sache aller. Es gab keinen beamteten Richterstand. Jeder konnte aufgerufen werden‚ in der Volksversammlung Recht zu sprechen. Also konnten auch alle urmittelbar am Recht schuldig werden. So hat auch die Gemeinde Gottes von heute eine Mit­verantwortung für das Recht. Das gilt besonders dort, wo sie große Möglichkeiten der öffentlichen Wirksamkeit hat. Auch wenn uns dieses Recht bestritten wird, sollten wir es doch wahrnehmen. Wenn das aber nicht möglich ist, wird die Kirche wohl durch das Leiden ein Zeugnis ablegen müssen für das Recht Gottes.

Es muß ja nicht erst zum Blutvergießen kommen, ehe in unserem Gewissen die Signallampen aufleuchten. Die Gerechtigkeit ist überall da verletzt, wo die Gebote Gottes verlassen werden, wo man hinweggeht über die Not der Mitmenschen, wo man nur mit sich selbst beschäftigt ist. Hier können wir alle einmal unser Gewissen erforschen und vielleicht doch erschrocken sein.

Einen solchen Weinberg läßt Gott zerstören: Hecke und Steinwall werden zerstört, die Pflege wird eingestellt, die Pflanzen nicht mehr beregnet. Menschen und Tiere werden alles zertreten, das Unkraut wird alles überwuchern. Gott braucht die Menschen nur sich selbst zu überlassen, dann sind sie schon gerichtet.

Aber dieses harte Gericht kann nicht das Letzte sein, das Gott uns zu sagen hat. Gott ist doch wie ein Liebhaber, der an seine Braut denkt und sie sucht. Er ist bereit, sich für sie zu opfern. Er schmiedet Zukunftspläne. Was würde daraus, wenn der Weinberg vernichtet wird? Denken wir aber auch so an Gott? Lassen wir ihn uns etwas kosten? Bestimmt er unsre Zukunftspläne? Oder ertappen wir uns dabei, daß wir gelegentlich fremdgehen? Gott hat hohe Erwartungen an uns. Derer sollten wir uns als würdig erweisen und gegen jede Form der Hoffnungslosigkeit vorgehen.

Dazu werden wir ermutigt durch Jesus. Es wird zwar kein Wort von Jesajas Gerichtspredigt zurückgenommen. Aber nach Niederlage und Gefangenschaft schenkte Gott doch nach der Rückkehr einen Neuanfang. Das Gerichtslied wurde letztendlich wieder zum Liebeslied. Für unsre Fehlleistung ließ Gott seinen eigenen Sohn büßen. Der vernichtende  Stoß des Zornes Gottes traf den Mann am Kreuz. Er ist wie der Hitzeschild an einem Weltraumfahrzeug: Er verhindert die Zerstörung der Kapsel, wenn diese wieder in die Erdatmosphäre einritt. So verglüht nur der Hitzeschild, aber das Fahrzeug selber bleibt erhalten. So ist Jesus Christus der Hitzeschild in der Glut des göttlichen Zorns. Er opfert sich für uns, auch wenn wir versagen, wenn wir Unrecht tun oder es schweigend zulassen?

Wir dürfen Gott bitten wie im 25. Psalm, der dem heutigen Sonntag den Namen gegeben hat: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit!“ Das ist die frohe Botschaft gerade für die, die sich im Weinberggleichnis Jesajas wiedererkennen. Jeder hat eine Chance, weil Gott ihm noch einmal eine gibt, nicht nur einmal, sondern immer wieder.

 

 

Okuli : 1. Petr. 1‚ 13 - 23

Früher gab es die „Konfirmandenprüfung“, bei der in vielen Orten von den Konfirmanden vorwiegend Auswendiggelerntes aufgesagt wurde. Eine Mutter aber fragte ihr Kind: „Nun  habt ihr das alles schön auswendig gelernt und wißt es. Aber handelt ihr auch danach? Seid ihr zum Beispiel bereit‚ wirklich praktische „Nächstenliebe zu üben?" Das ist eine Frage nicht nur an Konfirmanden. Das müssen wir uns alle immer wieder fragen: Leben wir nach dem, was wir gelernt haben? Unterscheiden wir uns in unserem Lebenswandel in guter Weise von anderen?

Dieser Text aus dem erster Petrusbrief fordert mit vielen Tätigkeitsworten dazu auf‚ einen Lebenswandel im Sinne Gottes zu führen. Er wendet sich ursprünglich wohl an Neugetaufte. Ihnen soll deutlich werden, der nunmehr vollzogene Herrschaftswechsel muß auch eine ganz neue Weise des Lebens mit sich bringen. Aus dem Christsein sind Folgerungen ganz praktischer Art zu ziehen.

Damals haben die Menschen ja als Erwachsene ganz bewußt den Schritt zur Taufe vollzogen. Sie mußten sich überlegen, was sie da tun und auf sich nehmen. Wir sind schon als kleine Kinder getauft worden und mußten in das Christsein erst hineinwachsen. Aber die Aufgabe bleibt für jeden, so oder so, das zu werden, was wir nach Gottes Willen schon sind.

Der Frühling kommt von selber. Dazu brauchen wir keine Entschlüsse zu fassen, das ist ein naturhafter Vorgang. Um Christ zu sein müssen wir immer wieder neu werden und immer wieder Schritte nach vorn tun. Es ist schon wichtig, wie die Menschen sich zu uns stellen: ob sie mich mögen oder verabscheuen, ob sie mir helfen oder Knüppel zwischen die Beine werfen, ob sie mit mir Geduld haben oder unbarmherzig sind. Aber noch wichtiger ist, wie Gott sich zu mir stellt.

Er hat schon soviel für uns eingesetzt und geopfert. Er hat noch soviel mit uns vor. Ist es da nicht unverständlich, wie viele Menschen so wenig nach Gott fragen? Gerade wenn man Schweres durchgemacht hat‚ müßte man sich doch fragen: War das nicht ein Fingerzeig Gottes? Ob eine Sache nun gut oder schlecht für uns ausgegangen ist, wir können uns immer fragen: „Was hat Gott mir damit sagen wollen?“ Als Christen wollen wir uns bemühen, diese Frage nie aus dem Sinn zu verlieren.

Wir dürfen nie vergessen, daß Gott ja unser Vater ist. In Jesus ist er uns nahegekommen. Er hat den Graben zugeschüttet, der zwischen ihm und uns bestand. Nun möchte er, daß wir diesen Graben nicht wieder mutwillig aufreißen. Er ist heilig, da sollen wir es auch sein. Wir sind nicht selber Gott, aber wir sind sein Abbild. Wir haben Grund, ihm wie Kinder zu vertrauen und ihm dankbar zu sein.

Das zeigt sich zum Beispiel daran, wie wir die Aufgaben unsres Lebens anpacken. Wir werden aufgefordert, unsre Lenden umgürtet sein zu lassen. Damals hatte man ja lange und weite Gewänder. Die waren schön beim Spazierengehen oder bei geselligen Dingen. Zur Arbeit aber raffte man das Gewand und band es mit einem Gürtel fest.

Auch für einen Christen ist es gut, wenn er alles abtut, was hindernd an ihm hängt oder her­um­schlottert. Zur Arbeit und zum Vorankommen braucht man knappe Kleidung. Ein Christ aber ist beweglich. Er läßt hemmende Gewohnheiten sein, ist nicht weich gegen sich selbst und bemitleidet sich nicht immerzu, sondern ist bereit für die Aufgaben, die Gott ihm gibt.

Ein Christ ist nüchtern und stellt sich der Wirklichkeit. Er hat sich selbst in der  Gewalt und das Steuer fest in der Hand. Er lebt nicht hemmungslos, flüchtet sich nicht in der Rausch, hütet sich vor Taktlosigkeit, braucht sich aber auch nicht vor den Problemen des Lebens zu drücken. Ein Christ hat das böse Leben hinter sich.

„Schön wär's, wenn es so wäre!“ wird jetzt mancher denken. Ja, er hat recht. Wir können nicht so tun, als stünde bei uns alles zum Besten. Im Text werden wir aufgefordert, erst so zu werden und dieses Bild zu verwirklichen. Gott möchte, daß wir heilig sind, so wie er heilig ist.

Ein „Heiliger“ ist nicht ein Einsiedler, der zwar ein grundanständiger Mensch ist, aber doch irgendwie nicht in unsre Welt paßt. Wer zu Gott gehört, darf sich gerade nicht aus der

Welt zurückziehen. Die Welt braucht uns, nicht nur unsre Menschlichkeit und Freundlichkeit, sondern gerade den Glauben an Gott, das eigentliche Christliche. Oft möchten wir aber gerne sein wie alle und nicht wie die Heiligen. Wir möchten in dieser Welt zu Hause sein und nicht als Fremdlinge gelten. Aber wir sind nun einmal die Gesellschaft Jesu. So wie auf den Tempelgeräten eingraviert war „heilig dem Herrn“ , so ist seit unsrer Taufe unsichtbar auf unsre Stirn geschrieben „heilig dem Herrn“.

Darum dürfen wir nicht einfach alles mit uns geschehen lassen. Viele haben Angst und lassen sich alles gefallen und vergessen dabei, daß sie zu Gott gehören. Wir können aber auch nicht so leben wie die Anderen leben. Schließlich hat Christus uns ja losgekauft von aller Sklaverei und Unfreiheit. Wenn einer im Altertum ein gutes Werk tun wollte, dann kaufte er einen Sklaven und gab ihm die Freiheit: Das Geld wurde im Tempel eines Gottes hinterlegt und davon der Sklave freigekauft. Der ehemalige Sklave galt dann als Freigelassener dieses Gottes. Wir können uns unseren Gott nicht aussuchen, so wie wir auf der Speisekarte das aussuchen‚ was uns schmeckt. Es gibt vieles, was dem lebendigen Gott zuwider ist, was aber andererseits den Menschen knechtet, der sich ihm verschreibt.

Wir sprechen ja heute noch von einer „Heiden-Angst“ oder einem „Heiden-Respekt“ . Wer Angst hat und unfrei ist gegenüber irgendwelchen bösen Mächten, der wird sich auch immer mehr in alle möglichen Begierden verstricken. Und umgedreht: Wer davon freikommen will, muß bei der Wurzel ansetzen. Ein Alkoholiker ist mit dem Leben nicht fertiggeworden. Früher gab es einen Armutsalkoholismus, dann den Wohlstandsalkoholismus, heute eher einen Problemalkoholismus. Der  Alkoholiker flüchtet sich in den Rausch, weil er bestimmte Probleme nicht bewältigt hat, immer wieder Niederlagen erlitten und schließlich in der Hoffnungslosigkeit endete.

Und das gilt von vielen ähnlichen Fällen: Wer nicht lieben kann, wird zum Menschenhasser.? Wer mit dem Tieferen nicht zurechtkommt‚ wird oberflächlich. Wer das Glück der Liebe nicht kennt, verfällt der sexuellen Zügellosigkeit. Solange zwischen dem Menschen und Gott noch etwas steht, werden auch diese Dinge nicht in Ordnung kommen. Solange wir uns aber bei Gott noch nicht blicken lassen körnen und das Großreinemachen noch nicht stattgefunden hat, sind wir noch unter die Sünde verkauft. Es muß erst etwas passieren, damit wir wieder zu Gott kommen dürfen. Aber dieses ist ja schon passiert durch den Tod Jesu Christi.

Unsre Schuld wird damit nicht verniedlicht, aber Gott räumt das Belastende weg. Er hat es sich viel kosten lasten. Das Kreuz Jesu zeigt uns, wie schrecklich ernst die Sache war. Aber damit hat Gott auch reinen Tisch gemacht. Durch die Taufe hat er uns seine Barmherzigkeit zugewandt. Jetzt sind wir neue Menschen. Da ist es uns doch auch möglich, Gottes Liebe an die Menschen weiterzugeben. Gott wird uns schon die Kraft geben, das Gehörte und Gelernte beharrlich und eifrig in die Tat umzusetzen.

 

 

Lätare: Phil 1, 15 - 20

Bei einer Beerdigung wird man nur selten singen: „Jesu, meine Freude!“ Und doch hat sich schon mancher gerade dieses Lied für seine eigene Beerdigung gewünscht. Er wollte sich damit zu dem bekennen, der uns zur Freude helfen kann im Leben und im Sterben. Und er wünschte im Blick auf seine Angehörigen: „Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudemeister Jesus tritt herein!“

So haben wir auch mitten in dieser Passionszeit einen Sonntag, der uns in seinem Namen zur Freude auffordert. Er blickt schon voraus auf das, was Gott an diesem Jesus tun wird, der jetzt noch leiden muß. Die Zukunft wird schon in die leidvolle Gegenwart hereingeholt und hilft so, mit dieser fertig zu werden.

Der Apostel Paulus hat im Gefängnis gesessen, als er den Philipperbrief geschrieben hat. Das Verfahren läuft noch. Aber es ist auch möglich, daß er zum Tode verurteilt wird. Dennoch schreibt er von der Freude und fordert zur Freude auf, allein 15 mal in diesen vier Kapiteln. Wir meinen ja, die Freude hätte nur dort ihren Platz, wo es uns wohlergeht. Wir sagen: „Du hast es gut, du kannst dich freuen!“ Aber daß man auch in schwieriger Lage von Freude erfüllt sein kann, das werden wir immer erst wieder lernen müssen.

Keiner von uns ist im Augenblick in einer solchen Lage wie Paulus. Aber wir haben auch Traurigkeiten, die uns die Freude nehmen. Ältere Menschen sagen vielleicht: „Wir sind traurig, weil wir älter werden. Mit einem Male wollen die Beine nicht mehr so wie früher. Unser

Lebenskreis wird enger. Die Arbeit geht nicht mehr so leicht von der Hand!“

Ein anderer wieder ist traurig, weil ihm ein lieber Mensch gestorben ist. Das kann einem die Freude fürs ganze Leben nehmen. Wenn der Ehepartner gestorben ist oder ein Kind, dann bleibt immer ein Schatten, auch wenn man einmal für einige Zeit alles hat vergessen können und sich einmal gefreut hat. Nachher kommt die Erinnerung doch wieder.

Auch junge Menschen sind nicht immer fröhlich, obwohl sie vielleicht noch am ehesten Grund dazu hätten. Wenn eine Liebe zerbrochen ist oder eine Freundschaft, da entsteht oft großes Herzeleid. Wenn sehne Pläne sich nicht haben verwirklichen lassen - für den Urlaub oder fürs ganze Leben - dann ist man traurig. Man könnte sich bei all dem Aufzählen direkt in eine ganz trübsinnige Stimmung hineinrede. So verschieden die Traurigkeiten auch sein mögen, in einem sind sie sich alle gleich: Sie nehmen uns die Freude.

Es gibt auch Menschen, die ganz den Sinn ihres Lebens verloren haben. Durch irgendein Ereignis sind sie aus der Bahn geworfen worden. Nun geht ihnen nur noch das durch den Kopf,  ihre Gedanken sind nur noch auf diese eine Sache gerichtet. Dann stellen sich mit der

Zeit auch körperliche Beschwerden ein. Die Arbeit gelingt nicht mehr. Vielleicht will man sich dann noch in den Alkohol flüchten. Oder man verzweifelt ganz am Leben, so daß man sogar mit dem Gedanken spielt, Selbstmord zu begehen.

Da ist es nicht einfach, von der Freude zu reden oder sie gar einem solchen Menschen zu vermitteln. Das Beispiel des Paulus könnte da aber doch Vorbild sein. Er lebt in Ketten, aber er ist nicht verzweifelt, sondern alles bei ihm ist von der Freude geprägt. Er verkennt nicht seine Situation, er hat nicht Galgenhumor, er läßt sich nicht mit einem künftigen Jenseits vertrösten. Seine Freude ist gegründet auf Christus, der ihm auch im Gefängnis nahe ist und der weiter verkündet wird, auch wenn sein Apostel erst einmal kaltgestellt ist. Hier und jetzt wird die Freude Christi schon wirksam.

Paulus will deutlich machen: Auch in schlimmster Lage kann man sich freuen, wenn nur das Evangelium Gottes zum Zug kommt. Man hat Paulus gefragt, wie es ihm geht. Und er antwortet mit der Auskunft darüber, wie es dem Evangelium geht. Das ist sicher auch für uns überraschend. Wir würden so etwas doch nicht tun.

Ist Paulus vielleicht ein Fanatiker, der sein eigenes Leben ganz hinter der Sache zurückstellt? Weiß er denn nicht, wie gefährlich die Lage für ihn ist? Damals wog ein Menschenschicksal wenig, man war seines Lebens nicht sicher und ein Mensch galt nicht viel.

Auch für Paulus kann das nicht so unwichtig gewesen sein, wie er in seinem Brief tut. Aber er wirkt auch nicht verbissen und verkrampft, er ist kein Eiferer, der die Wirklichkeit nicht mehr sieht. Er hat sich nur ganz an das Evangelium hingegeben. Das macht bei ihm vieles leichter. Wer seine Gedanken immer nur um das eigene Schicksal kreisen läßt, der hat dann auch ein schweres Schicksal. Wer aber sein Leben an andere hingibt, der kann erfüllt und glücklich sein, auch wenn er vielleicht allerhand Beschwerden auf sich nehmen muß. Für Paulus

ist die Hauptsache, daß verlorene Menschen erfahren: Gott wird uns aus der Verlorenheit herausholen, indem er in Jesus Christus unser Gott geworden ist. Wenn das nur gesichert ist, will der Apostel das Gefängnis gern aushalten.

Voller Freude kann Paulus feststellen, daß seine Gefangenschaft dem Evangelium nicht geschadet hat. Man hätte ja annehmen können, daß die jungen Gemeinden es nicht verkraften, wenn ihr Apostel irgendwo in einem Kerker versehwindet. Sie hätten den Schluß ziehen können, daß von dem Gott dieses Mannes nicht so viel zu halten ist.

Aber das Gegenteil ist eingetroffen. Was Paulus widerfährt, ist nur auf eine Förderung des Evangeliums hinausgelaufen. Das konnte Paulus schon in seiner nächsten Umgebung feststellen. Er wird in einem Prätorium festgehalten,  einer Art Soldatenwachstube, wo auch der Prozeß stattfindet. Aber seine Bewacher sind nicht unbeeindruckt geblieben von dem, was er vor Gericht gesagt hat und was er auch sonst mit ihren gesprochen hat. Ihnen ist aufgegangen, daß dieser Gefangene für seine Sache einsteht.

Aber auch draußen in der Stadt wird das Wort geredet. Die Mehrzahl der Christen wagt es um so mehr, das Evangelium furchtlos zu verkündigen. Oft werden Menschen erst auf eine Sache aufmerksam, wenn einer bereit ist, dafür zu leiden. Dann nehmen sie die Botschaft auch eher ab. An der Haltung und Einstellung des Boten studieren sie, was es heißt, Gott ganz ernst zu nehmen.

Eine Kirche, die im Strom der Welt schwimmt und sich von ihm kräftig voranbringen läßt, hat es jedenfalls schwer, ihre Botschaft glaubhaft zu machen. Allzuleicht wird sie im Gegenteil ihre Botschaft eigennützig verbiegen und damit letztlich verleugnen. Einem Paulus aber kann man nicht vorwerfen, er rede ja nur, weil er dafür bezahlt wird. Sein, Leiden beglaubigt seine Botschaft.

Es hat natürlich auch immer Christen gegeben, die sich durch Druck von außen haben einschüchtern lassen. Aber in der Kirchengeschichte hat man immer wieder die Erfahrung gemacht, daß die Christenverfolger nur Milchmädchenrechnungen gemacht haben. Je mehr sie den Glauben unterdrücken wollten, um so mehr ist er gewachsen. „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche!“ sagte man damals.

Paulus glaubt fest an die göttliche Regie auch in seiner Situation. Das sieht man auch an seiner Einstellung zu den Leuten, die Christus nicht in guter Meinung predigen. Sie haben es offenbar begrüßt‚ daß dieser unbequeme Mann Paulus aus dem Verkehr gezogen wurde. Und

nur predigen sie auf eigene Faust, greifen offenbar auch Paulus an und suchen Streit. Aber Paulus macht sich nichts daraus. Er sagt: „Die Hauptsache ist doch, daß Christus verkündigt wird!“

Vielleicht haben diese anderen Prediger sich selber in der Vordergrund drängen  wollen. Aber Paulus freut sich, daß Christus verkündigt wird, auch wenn jene Zeugen fragwürdig sind. Üble menschliche Motive können Gott nicht das Konzept verderben .Das Evangelium ist in seiner Gültigkeit und Kraft nicht von der persönlichen Qualität seiner Überbringer abhängig.

Deshalb macht sich Paulus auch keine große Gedanken um seine Zukunft, wenn nur Christus gepredigt wird. An sich wäre das Lösen von der Gemeinde besser. Aber weil sie noch so neu ist, wäre es doch nötiger, noch dazubleiben.

Auch wenn Paulus sterben müßte, dann hätte sich doch Christus nicht von ihm zurückgezogen, sondern sich erst recht mit ihm verbunden. Kommt es aber zum Freispruch, dann wird das Leben des Apostels erst recht Christus gehören. Ein Christ kann eigentlich immer nur gewinnen. Paulus hat nichts zu verlieren, deshalb kann man ihn auch nicht unter Druck setzen. Wenn er sterben muß, dann wird er halt auch Christus verherrlichen, dann halt nicht mehr durch seine Predigt, sondern durch sein Leiden. Wer so denkt und glaubt, der ist eigentlich unverwundbar.

Unser Leben wird wohl nicht so dramatisch verlaufen wie das des Paulus. Aber es könnte viel für uns bedeuten, wenn wir uns auch so ganz von diesem Christus umfangen ließen. Wir können uns ganz in seine Hand fallenlassen und ihm auch noch und erst recht vertrauen auf unsrem letzten Weg.

Paulus hat jedenfalls die sehnsüchtige Hoffnung, mit diesem Glauben nicht zuschanden zu werden. Ein wenig Angst ist immer noch dabei. Es könnte sein, daß er doch noch einbricht. Nicht daß Christus versagen könnte! Wenn, dann nur der Glaube des Paulus! Aber der Apostel hofft nach vorne und weiß die Gemeinde im Rücken. Wenn die Philipper für ihn beten, dann kommt auch der Geist Christi ihm zu Hilfe. Die Kraft dieses Geistes wird auch die Gefängnismauern durchdringen. Das Gebet wird den gefangenen Apostel umschließen. Wo er auch ist und was auch geschieht, er ist immer „in Christus“.

 

 

Judika: 4. Mose 21, 4-9

Ärzte, Tierärzte und Apotheker verwenden gern das Symbol der Schlange an einem Stab als Markenzeichen. Der sogenannte „Äskulapstab“ erhielt seinen Namen von Asklepios oder Äskulap, dem Gott der Heilkunde in der griechischen Mythologie. Als Sohn des Apollo, Gott des Lichts und der Heilung, wurde er in der Heilkunde ausgebildet. Asklepios soll zu seinen Lebzeiten, bei Wanderungen oder auf dem Weg zu Kranken, immer eine Äskulapnatter dabei gehabt haben, die sich um seinen Wanderstab ringelte. Weil er als Arzt einen Toten wieder zum Leben auferweckte, erzürnte er Hades, den Herrscher des Totenreiches. Auf dessen Drängen wurde er von Zeus mit einem Blitz erschlagen, weil er sich erdreistet hatte, dem Willen der Götter entgegenzuwirken.

Seit Menschengedenken gilt die Schlange als ein bedeutendes mystisches Wesen. Schon in der Erzählung von Adam und Eva spielt sie eine verhängnisvolle Rolle. Dann gibt es diese Erzählung von der „ehernen Schlange“ in den Geschichten vom Auszug Israels aus Ägypten.

In Johannes 3 wird darauf Bezug genommen, wir haben es in der Evangelienlesung gehört:

„Wie  Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden,

damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben!“ Das Johannesevangelium benutzt die anstößige Geschichte von der ehernen Schlange und vergleicht sie mit der Erhöhung Jesu am Kreuz.

In der christlichen Kunst wird einmal die Schlange dargestellt, wie sie sich am Kreuz hochringelt, weil Christus durch den Satan ans Kreuz gekommen ist. Aber es gibt auch die Darstellung, bei der die Schlange nach unten gerutscht ist und der Schaft des Kreuzes ihr den Kopf zermalmt, weil durch den Kreuzestod Jesu der Fluch der Sünde aufgehoben ist.

An sich war die Schlange eine verdächtige Gestalt, weil sie in heidnischen Religionen verehrt wurde. Selbst im Tempel gab es solche ehernen Schlangen, die erst durch den König Hiskia entfernt wurden, weil sie nicht mit dem Glauben an Gott vereinbar waren. Aber im 4. Buch Mose hat man diese zwielichtige Gestalt  als harmloses Symbol der heilenden Kraft Gottes übernommen. Sie wurde eingeordnet in die Zeit der Wüstenwanderung, als das Volk über Gott murrte und zwischen Niedergeschlagenheit und Auflehnung hin und her schwankte. Dieser Zwiespalt führte zu schweren psychischen Krankheiten, die bis zum Tod hätten führen können. Da kann nur ein rettendes Zeichen helfen. Es ist ein Zeichen für die Schuldigen, für die Geängsteten und für die Glaubenden

 

1. Zeichen für die Schuldigen:

Da irrt ein Volk in der Wüste herum. Hunger und Hoffnungslosigkeit plagen die Menschen. Plötzlich kommt ihnen die Gefangenschaft in Ägypten vor wie ein Leben an Fleischtöpfen. So sagen ja auch Menschen aus dem Osten Deutschlands heute noch: „Damals hatten wir wenigstens billige Wohnungen und Grundnahrungsmittel und wenn auch nicht immer Arbeit, aber

Doch einen sicheren Verdienst!“ Wenn es den Menschen vermeintlich schlecht geht, dann erscheint auf einmal ein kärgliches früheres Leben in einem goldenen Licht. Dadurch entstand beim Volk Gottes ein Aufbegehren, das zu einer Strafe Gottes führte, die wiederum einen noch unwilligeren Gegenschlag auf seiten der Menschen auslöste.

Aber so ein wenig Mitgefühl ist doch aus der Erzählung herauszuhören: Das Volk wurde nicht nur ungeduldig, sondern es wurde ihnen „auf dem Wege der Atem zu kurz“, sie waren tatsächlich erschöpft. Aber es ist auch kein Wunder, daß sie durch die Vertrauenslosigkeit den Fortgang verzögert haben und das gelobte Land noch verschlossen ist. Hier kann man sehen, was geschieht, wenn man die Gnade Gottes zurückweist. Aber dann kommt man nur immer weiter unter das Gesetz.

Die Auflehnung gegen den Menschen Mose ist gleichzeitig auch eine Auflehnung gegen  Gott. Es kommt aber wenigstens zum Schuldbekenntnis. Die Strafe allein hätte ihnen ihr Schuldigsein nicht bewußt machen können. So denkt ja noch heute jeder Straftäter: „Ich habe das Geld ja bezahlt oder meine Strafe abgesessen, jetzt ist wieder alles gut und niemand kann mir noch etwas vorwerfen!“ Aber die Israeliten erkennen nun, daß sie Mose wider besseres Wissen zu Unrecht angegriffen haben.

Auf die Fürbitte des Mose hin befiehlt Gott das rettende Zeichen aufzurichten. Dahinter steht die alte Vorstellung, daß man übernatürlichen Kräften ihre Macht nehmen kann, indem man ihnen eine sichtbare Gestalt gibt. Wer das Bedrohliche bildhaft darstellt, bekommt es in seine Gewalt. Schon das Hinschauen heilt. So gibt Gott noch einmal Zeit: Wer zur Schlange aufblickt, wird leben

 

2. Zeichen für die Geängsteten:

Oft straft Gott genau mit dem, worin wir sündigen: Wer sein Leben lang geraucht hat, muß damit rechnen, daß das Leben nicht so sehr lang ist. Mit unserem Bösen strafen wir uns selber. Hier aber kommt die Strafe von außen. Es kann sich tatsächlich so ein Ereignis auf der Wüstenwanderung ereignet haben. Man stelle sich das einmal bildhaft vor: Kriechende und geflügelte Schlangen überall, und die beißen und stechen - so eine Art Dschungelcamp von damals.

Die dämonischen Plagegeistern haben aber keine eigene Gewalt, sondern sie sind die von Gott geschickte Strafe. Gott läßt sich nicht alles gefallen und läßt nicht ewig-lächelnd das Böse gewähren. Auch sein eigenes Volk nimmt er hart ran, wenn es sein muß.

Aber wenn Gott solche Plagen schickt, dann sollen wir uns nicht in Hoffnungslosigkeit darin ergeben, sondern die Strafe annehmen und nach der Schuld fragen, die sie hervorgerufen hat. Not kann zur Selbstprüfung dienen.

Ziel der Strafe Gottes ist es, die Unzufriedenen zur Besinnung zu bringen. Gott hebt die Plage nicht auf, aber er zeigt den Weg zur Überwindung. Dazu bedarf es aber einer Handlung des Menschen. Die Schlange selber hat keine Heilkraft. Aber wer sie ansieht, bleibt am Leben, weil Gott auf diesem Weg die Heilung versprochen hat. Wer sich dem Gericht Gottes beugt, über den verlieren die Dämonen ihre tötende Macht.

Die Schlangen sind das Symbol für die Macht des Bösen, auch für unsichtbare Urmächte, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben. Doch hier hilft nicht allein eine sachliche Aufklärung. Es gilt zu erkennen: Gott straft uns auch hier mit dem was wir selbst gewählt haben. Aber Jesus ist gekommen, den Kampf für uns auszufechten. Was uns Angst bereitet, hat kein Recht mehr an uns. Die von den Schlangen Gebissenen brauchen nur den Blick auf die Schlange und die Christen nur auf Christus zu richten und sind gerettet.

 

3. Zeichen für die Glaubenden:

Im Johannesevangelium heißt es: „Wie die eherne Schlange zur Zeit des Mose, so mußte auch der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben!“ War bei Mose nur das Ansehen der Schlange nötig, so ist bei Christus der Glaube notwendig, um für den einzelnen Menschen wirksam zu werden. Und ein weiterer Unterschied: Christus ist nicht zum Gericht gekommen, sondern zur Rettung der Welt. Sein priesterliches Eintreten für die Seinen bewegt Gott, seine Geschichte mit den Menschen fortzusetzen. Er hat schon so viele Enttäuschungen erlebt, aber er gibt den Menschen dennoch eine Zukunft. Gott hätte die Schlangen verschwinden lassen können. Aber dann wäre er selbst schnell wieder vergessen worden.

Es gilt zu glauben auch gegen das, was man sieht. Die „Leiden der Zeit“ tun wahrscheinlich nur noch halb so weh, wenn man ein „Ja“ dazu findet. Der Glaubende sieht seine Schwäche, aber er hält sich an den Christus, der ihn nicht losläßt. Auch der Glaubende ist aus der Not und Bedrängnis nicht herausgenommen. Man kann nicht fordern: Erst die Plagen weg, dann wende ich mich auch Gott zu. Es gilt aufzusehen auf Jesus, dann wird uns auch in unseren Schwächen und Problemen geholfen werden.

 

Wenn wir heute krank sind, worauf vertrauen wir dann? Sehen wir nur auf zu den Ärzte - diesen „Halbgöttern in Weiß“? Natürlich ist es richtig, bei einer Krankheit zum Arzt zugehen

Man darf die medizinischen Möglichkeiten nicht verweigern mit dem Hinweis auf Gott („Wenn Gott will, kann er mich auch so gesund machen!“).

Jener Skiläufer, der fünf Tage nach einem Autounfall den Ärzten gedankt hat, die ihn „wieder hingekriegt haben“, könnte auch oder noch mehr Gott danken: Einmal dafür, daß es bei dem Unfall nicht schlimmer gekommen ist. Dann dafür, daß es Ärzte und Physiotherapeuten gab, die ihn wieder einigermaßen wiederhergestellt haben. Und schließlich kann er nur Gott danken, daß er ohne Schaden die zwei Skiabfahrten überstanden hat und noch einen respektablen Platz erreicht hat..

Die Kunst der Ärzte und die Hilfe Gottes schließen sich aber nicht aus. Aber einmal kommt jede Medizin an ein Grenze. Ärzte wissen das und kennen auch die Hilfe des Glaubens für die Genesung. Nur darf die Gesundheit nicht vergottet zu werden und zum einzigen Ziel im Leben zu werden („Hauptsache gesund“). Aber es gibt ein Leben von anderer Qualität, das nicht in der Verlängerung des irdischen Lebens entsteht. Dies wird man erlangen im „Aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens“.

Man wünscht sich nicht, daß die Schlangen beißen. Aber wenn sie es doch tun, wird es uns nicht schaden. Durch Christus und sein Kreuz ist den geängsteten, aber glaubenden Menschen geholfen.

 

 

Palmarum: Jes 50, 4 - 9 (Variante 1)

Im Warschauer Judenviertel war ein Mann, der angeblich ein Radio hatte und damit ausländische Sender abhörte, die vom Vorrücken der Roten .Armee berichteten. Im Krieg hatte man die Warschauer Juden in einem bestimmten Bezirk eingemauert und ließ sie dort praktisch verhungern. Bei Todesstrafe war es verboten, ein Radio zu haben. Jener Jakob hat auch gar keins. Aber er traut sich nicht, es den anderen zu sagen, um ihnen nicht die Hoffnung zu nehmen. Deshalb erfindet er immer wieder neue Nachrichten, die den Durchhaltewillen der anderen stärken. Dieser Roman von Jurek Becker „Jakob der Lügner“ zeigt, wie Menschen in Not sich an jeder Strohhalm klammern. Denn wer die Hoffnung fahren läßt, der ist gleich verloren.

Um so erstaunlicher ist es, daß man sich im Volk Israel zur Zeit des zweiten Jesaja anders verhalten hat. Eine östliche Großmacht hatte sie gefangengesetzt, die Babylonier. Aber noch weiter im Osten kam eine neue Großmacht auf, die Perser, die Befreiung verhieß. Der Prophet erwartet von dort her die Wende. Der Perserkönig Kyros ist für ihn ein Werkzeug Gottes. Aber dieser Gedanke ist bei den Frommen seines Volkes wohl auf Widerstand gestoßen. Sie können sich nicht vorstellen, daß ausgerechnet ein Heide der Retter Israels werden soll. Deshalb halten sie Jesaja für einen falschen Propheten und lassen ihn das auch spüren. Sie sind unfähig, den von Gott gewählten Weg zur Rettung zu erkennen.

Aber auch den Babyloniern hat die Botschaft Jesajas nicht gefallen. Wenn einer die heranrückenden Feinde als Befreier begrüßt, dann ist das ein Provokateur, der gute Gründe hat, seinen richtigen Namen nicht zu nennen. So wurde Jesaja von zwei Seiten bedrängt, vielleicht sogar von seinem eigenen Volk an die Unterdrücker ausgeliefert. Er ist der leidende Gottesknecht, in dessen Schicksal wir das Leiden Jesu Christi im voraus abgebildet sehen. Schläge und Verachtung hat auch Jesus ausstehen müssen. Und wer sein Jünger sein will, der wird auch nicht davon verschont bleiben.

Doch das Schicksal einzelner soll unsren Blick nicht von den ungezählten anderen ablenken, die von Menschen mißhandelt worden sind und mißhandelt werden‚ bis hin zu einem grauenvollen Tod. Wie oft werden an vielen Stellen in der Welt Menschen tot aufgefunden, die an sich die Spuren der Folter tragen. Man sagt: „Sie hätten sich ja nicht in Gefahr zu begeben brauchen!“ Spöttischer und zynischer geht es wohl kaum noch.

Hier liegt dann auch die Deutung nahe, daß es sich bei dem „Gottesknecht“ nicht nur um eine Einzelperson handelt, sondern um ein ganzes Volk, das leiden muß. Gerade das Volk Israel hat Unsagbares erlitten, zu allen Zeiten. Aber aus dem Weinen und Schreien des Gottesknechtes bei Jesaja hören das Leiden der Mißhandelten aus allen Jahrhunderten der Geschichte.

Hier spiegeln sich aber auch die Leiden Christi. Er macht sich allen Leidenden der Menschheit gleich, bekennt sich zu ihnen und protestiert durch sein Mitleiden gegen Unmenschlichkeit und Gewalt. Aber er ist auch gekommen um zu trösten und aufzuhelfen. Er muß nicht nur hinnehmen, sondern er kann auch überwinden. Die eigentliche Hilfe besteht darin, daß er wegräumt, was uns den Weg zu Gott verbaut, nämlich unsre Schuld. Indem er für uns leidet, wird unsre Schuld aufgehoben.

Dadurch wird der Teufelskreis von Gewalttat und Vergeltung durchbrochen. Der Gottesknecht weht sich nicht, wenn er geschlagen und gerauft, gedemütigt und angespuckt wird. Er knirscht nicht einmal grimmig mit den Zähnen. Er hält sogar seinen Rücken hin, damit sie ihn geißeln können. Nur sein Gesicht macht er hart wie Kiesel, damit man ihm Angst und Schmerzen nicht ansehen soll.

Auf weite Sieht wird so die Gewaltausübung ausgehöhlt und zum Erliegen gebracht .Das Vertrauen auf Gewalt und das Sich-Wappnen gegen Gewalt ist ja nur Ausdruck einer sündigen Welt. Wenn man wüßte, daß sich jeder so verhielte wie der Gottesknecht, dann könnte man auf alle Vorbereitungen zur Gewalt verzichten, dann brauchte man sich nicht gegen einen Gegner zu rüsten, den man zu kennen glaubt.

Leider muß man aber noch mit der Feindseligkeit des anderen rechnen. Will man die Gewalt abschaffen, dann muß man die Sünde abschaffen. Ich habe doch nur Mißtrauen, weil in den möglichen Gegner kenne und von seinem Schuldkonto weiß. Indem wir einander die Untaten von einst vorrechnen, rechtfertigen wir schon vorsorglich den nächsten Schlag. Das ist in der großen Politik so wie in unserem persönlichen Leben.

Der Gottesknecht aber nimmt die Sünde derer, die ihn schlagen, auf sich. Dazu aber auch alle anderen Sünden‚ mit denen wir eine Atmosphäre des Mißtrauens erzeugen, die wiederum zur Machtausübung führt. Er hat sogar Partei ergriffen für die Peiniger selbst, hat sogar für sie gebetet.

Heute sagt man,  das sei weltfremd. Wer für einen solchen Pazifismus eintrete, der wolle nur, daß der Feind die Oberhand gewinnt. Man könne ihm doch nicht wehrlos gegenübertreten. Das Schlagwort lautet dann: „Der Friede muß bewaffnet sein!“ Als ob das nicht ein Widerspruch in sich selbst wäre, Friede und Waffen in einem Satz! Wirklichen Frieden werden wir nur schaffen ohne Waffen.

Wenn einer sich erst bis an die Zähne bewaffnet und dann sagt: „So, jetzt habe ich genug,  ich rüste nicht mehr weiter! dann ist das zwar etwas ,aber es ist noch nicht viel. Die Gefahr wird wenigstens nicht noch größer, aber sie ist groß genug. Auf der anderen Seite kann man nicht immer nur der gegnerischen Seite die Waffen vorhalten, wo sie ein Übergewicht hat. Wenn schon, dann müssen alle Waffen in die Rechnung einbezogen werden, auf dem Land, auf dem Wasser und in der Luft. Und statt daß alle nachrüsten (es rüstet ja angeblich keiner auf, es rüsten ja alle nach) wäre es notwendig, daß alle abrüsten, dann -  und nur dann - könnte es Frieden gebe!.

Vielleicht fällt uns das eine oder andere Beispiel ein, wo wir Unrecht hingenommen haben und bei einer Demütigung still geblieben sind. Das fällt uns schwer. Wer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat, der kann nur schwer still bleiben, wenn er Unrecht erfährt oder auch bei anderen sieht. Und doch: Das Stillehalten geht dann zwar unter die Haut, aber nicht ans Leben. Der Gottesknecht bei Jesaja und erst recht Jesus Christus können uns Vorbild sein für eine solche Haltung.

Wie aber ist es möglich, zu einer solchen inneren Haltung zu kommen? Der Prophet hat es gelernt im Hören auf Gottes Wort. Er war ja selbst mit hineingenommen in die Zweifel seines Volkes. Auch er schlug sich mit der Frage herum: „Gott, wo bist du?'Warum bist du so?“ Es ist schwer, den anderen Mut zu machen, wenn man selbst hilflos ist.

Doch ein Mann Gottes darf nicht schweigen, wenn Gott ihn reden heißt. Gott will uns nicht einfach unserem Schicksal überlassen. Deshalb beauftragt er Menschen, die nicht schweigen, wenn es schwierig wird. Aber er hilft ihnen dann auch, das Rechte zu sagen: „Alle Morgen

weckt er mir das Ohr, daß ich höre, wie Jünger hören!“ bekennt der Prophet Jesaja. Er lebt allein davon, daß er Gottes Stimme hört;. Nur deshalb kann er dann auch das Gehörte weitersagen.

Auch die Gemeinde Gottes kann nur bestehen, wenn sie ihr Ohr ganz nah an Gott hat und auf die Stimme ihres Herrn hört. Gerade in den schwerer Zeiten unsres Lebens kommt es darauf an, unsre Herzen und Ohren für Gott zu öffnen. Es gibt eben Stunden, wo wir verzagt und müde sind und wo auch der Glaube seine Spannkraft verloren hat. Solche Dürrestrecken können nur überwunden werden im Hören auf Gott, durch Gespräche mit Christen oder durch eine Predigt. Nur wer gehört hat, kann dann auch weitersagen. Ein „heißer Draht“ zu Gott genügt nicht, denn der wird nur in Anspruch genommen, wenn es kriselt. Dauerkontakt ist nötig. Gott ist es, der immer wieder die Hand nach uns ausstreckt, der immer wieder neue Anfänge setzt, der die Marschroute vorschreibt.

Jesus hat uns das vorgemacht. Er konnte hören und hat dann auch gehorcht. Deshalb hat er auch mit dem Hohen Rat nicht doch noch Frieden gemacht und sich auf Kompromisse eingelassen. Er hat sein Letztes gegeben im Dienst an den Menschen. Nun zieht er sie zwar in sein Leiden mit hinein. Aber sie erfahren darin auch gerade seine Nähe. Gott verhindert das Leiden nicht. Aber er ist bei dem, der sich zu ihm hält. Der Gekreuzigte ist immer bei den Opfern der Gewalt und hilft weiter.

Die letzten Verse unsres Abschnittes könnten wir sogar österlich verstehen. Sie sprechen von dem Vertrauen auf den Gott, der tot machen kann und wieder lebendig: Er ist nahe, der mich gerecht spricht. Gott der Herr hilft mir! Gott hat Jesus gerecht gesprochen, deshalb konnte er weiterleben.' Weil Gott auch zu uns immer wieder sein „Ja“ spricht -  trotz aller Nöte, in denen wir oft stecken - deshalb haben wir eine Zukunft und ein lohnendes Ziel vor Augen.

 

 

Palmarum: Jes 50, 4 - 9 (Variante 2, mehr auf Karfreitag bezogen)

Auch in unsrer Zeit wird noch gelitten. Und genauso wie im: Altertum trifft es sowohl einzelne. Menschen als auch ganze Gruppen. Es gibt natürlich auch Leiden an einer Krankheit oder an Kummer und Sorgen. Aber wir wollen heute besonders an das Leiden denken, das Menschen aus Mutwillen anderen Menschen zufügen.

Uns fallen dabei vor allem Ortsnamen und Personennamen ein. Da gab es das Vernichtungslager Auschwitz in Polen, wo Millionen von Menschen umgebracht wurden. Wir denken an das Konzentrationslager Buchenwald, wo in der Jahren 1937 bis 1945 auch Zehntausende umkamen, und nicht nur ein Ernst Thälmann, sondern auch ein Pfarrer Schneider. Wir wissen vielleicht auch von dem Ort Lidice bei Prag oder auch von anderen Orten, wo deutsche Truppen in einer Vergeltungsaktion dem Erdboden gleichgemacht wurden: Die Männer wurden umgebracht, die Frauen kamen ins Lager und die Kinder wurden auf andere Familien verteilt. Wir wissen vielleicht auch von dem Dorf Son My in Vietnam, wo ein Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet wurde. Gewalt und Grausamkeiten gibt es immer auf beiden Seiten, aber so einige Namen werden dann zu Begriffen.

Auch die Schicksale einzelner Menschen stehen uns vor Augen. Da werden Bischöfe und Kardinäle ermordet. Wir könnten sicherlich noch eine lange Liste von Menschen aufzählen, die leiden mußten wie Jesus und viele andere Menschen vor ihm und nach ihm. Meist waren es sogar solche Leute, die sich um ihr Volk besonders verdient gemacht haben.

Das gilt auch von dem Mann‚ dessen Worte uns im zweiten Teil des Jesajabuches überliefert sind und zu denen auch die sogenannten „Gottesknechtliedern“ gehören. In ihnen wird ein Mensch dargestellt, der als Beispiel für das Leiden der Menschen überhaupt dienen kann. Deswegen konnte man auch später das Leiden Jesu mit diesem Gottesknecht vergleichen und es mit den Worten aus dem Jesajabuch beschreiben. Bei Jesaja wurde gewissermaßen eine Form geschaffen, die von Jesus ausgefüllt wurde. Insofern hat dieser alttestamentliche Text dann doch etwas mit Jesus Christus und mit seinem Sterben zu tun.

Überall da, wo um Gottes willen gelitten, wird, ist das Kreuz Jesu unsichtbar gegenwärtig. Jesu Kreuz ist auch das Kreuz seiner Kirche. Sicherlich werden wir nicht so in alle Tiefen der Verlorenheit Jesu hineinmüssen. Aber wir werden doch begreifen müssen, daß Christusnachfolge vor allem auch Kreuzesnachfolge bedeutet.

Das Leiden Jesu kann uns dabei helfen, mit unserem eigenen Leiden besser fertig zu werden.. Es ist nicht immer leicht, von den eigenen Problemen wegzukommen. Wenn man unmittelbar davorsteht,  kommen sie einem vor wie ein unüberwindlicher Berg. Aber es hilft vielleicht, wenn man sieht: Jesus hat noch mehr leiden müssen und hat es doch mit Gottes Hilfe durchgestanden.

Und das Geschick des Gottesknechtes aus dem Alten Testament wiederum hilft uns besser zu verstehen, was mit Jesus geschehen ist. Schon beim Gottesknecht können wir wesentliche Züge des Wesens Jesu ablesen. Dies soll nun in drei Punkten geschehen:

 

(1.) Der Gottesknecht dient uns redlich: Er lebt ganz im Gehorsam gegenüber seinem Gott. Von ihm ist er bei allem Tun abhängig. Er hat seiner Umgebung mitzuteilen, was Gott ihn jeden Tag neu wissen läßt. Gott weckt ihn alle Morgen und öffnet ihm die Ohren, damit er richtig hören kann. Daß er Gott hören und verstehen darf,  ist das Wunder eines jeden neuen Tages.

Hier wird schon unsre eigene Not deutlich: Können wir denn auf andere Menschen hören? Nehmen wir uns die Zeit dazu und mühen wir uns auch wirklich, sie zu verstehen? Hören wir auf Gott? Oft können wir schon nicht auf Menschen hören. Und dann bleibt uns erst recht die Bibel stumm oder wir meinen, das alles ja schon zu kennen und brauchten nicht mehr hinzuhören.

Der Gottesknecht dagegen will nicht seine eigenen Gedanken und Ideen zur Geltung bringen. Der Auftrag, den er von Gott erhielt, bedeutet ihm alles. Er will nicht zunächst den Anschein erwecken, als höre er auf Gott, und dann doch etwas ganz anderes tun, als ihm gesagt und befohlen wurde. So machen wir es doch oft. Wenn gesagt wird: „Ihr müßt bereit sein zum Mitleiden! „dann nicken wir wohlgefällig mit dem Kopf . Aber wenn wir dann wirklich leiden sollen, dann' suchen wir einen bequemeren Ausweg.

Der Gottesknecht dagegen hört weder auf fremde Stimmen noch auf die eigene. Es macht ihm auch nichts aus, wenn er dafür als ein schwieriger Charakter angesehen wird. Er hat Gottes Wort zu sagen, er kann nicht anders, er darf nicht weichen.

Was ich mir selbst ausgedacht und vorgenommen habe, das kann ich wieder ändern. Darüber kann ich auch mit mir reden lassen und da kamen ich darüber verhandeln. Notfalls kann ich auch noch einen Pflock zurückstecken und Konzessionen machen. In Glaubensdingen jedoch,  wenn es um der Auftrag Gottes geht, da kann man das nicht. Da kann man nur wie Luther sagen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!“

 

(2.) Wir danken es dem Gottesknecht nur schlecht: Gottes Wort weist den Gottesknecht an die Menschen. Gerade die „Müden“ hat er anzureden. Das sind die Menschen, denen Zweifel an Gottes Wort kommen, die mutlos und verzagt sind, weil sie keine Änderung in ihrem Leben zu erkennen vermögen. Auch der Mensch, der mit Gott fertig zu sein scheint, weil es nicht nach seinem Willen geht.

So ging es auch jenem Jesaja in Babylon. Dabei hatte er es an sich etwas leichter als der Prophet Jeremia: Jener mußte nur das Unheil Gottes ankündigen. Jesaja dagegen durfte dem Volk das Heil Gottes ansagen. Aber sie waren so voll lähmender Hoffnungslosigkeit, sie hatten einen solchen Vertrauensverlust erlitten, daß sie nichts mehr hören wollten. Sie hatten sich daran gewöhnt, in der Gefangenschaft leiden zu müssen und trugen es als Strafe Gottes für ihre Schuld. Daß es noch einmal anders kommen sollte, glaubten sie nicht mehr. Sie waren es müde, immer wieder zu hören, daß Gott doch noch eingreifen wird.

Den Gottesknecht sahen sie als Lügner und Betrüger an. Zunächst reagieren sie auf ihn mit ungläubigem Kopfschütteln, später mit Haß und zuletzt mit Gewalt: Er wird geschlagen,

man rauft ihm den Bart, man spuckt ihm ins Gesicht. Er erleidet brutalste Mißhandlungen und tiefste Entehrung. Es ist schrecklich, welcher Haß und welche Schandtaten aus Menschen hervorbrechen können, ein Tier wäre dazu nicht fähig.

Der Gottesknecht aber sträubt sich nicht gegen die Menschen‚ die ihm solches antun. Er versucht keine Gegenwehr und keine Verteidigung, er weicht nicht aus und zieht sich nicht zurück. Er rückt sich sogar zurecht, damit sie ihn schlagen können. Er hält still, wenn sie spucken und bedeckt nicht das Gesicht mit den Händen. Er nimmt alles hin, was sich aus seinem Auftrag ergibt.

Aber er läßt sich durch die Mißhandlungen nicht an seinem Auftrag irre machen. Wenn die Menschen ihn auch angreifen, so wird Gott ihn doch nicht zuschanden werden lassen. Gottes Hilfe ist ihm niemals fraglich.

Schwer ist natürlich, daß er gerade bei seiner eigenen Leuten und bei den Frommen im Lande Ablehnung erfährt. So ist es ja auch Jesus ergangen: Ein Römer hat zwar das Todesurteil unterschrieben‚ aber die eigentlich treibende Kraft war doch die oberste geistliche Behörde in Jerusalem. Mitschuldig war nicht nur Judas,  sondern auch alle, die gerufen hatten „Kreuzige ihn“ und auch alle, die ihn in der schweren Stunde verlassen hatten. Gerade die, deren er helfen wollte, haben ihn verlassen, sie haben ihm seinen Einsatz nicht gedankt. Dennoch läßt er sich nicht irre machen von dem, was ihm widerfährt.

 

(3.) Gott steht fest zum Gottesknecht: Die Mißhandlungen bringen nicht das Ende des Auftrags des Knechts. Gott verhindert das Leiden nicht. Aber er steht ihm bei. Weil Gott bei ihm ist, wird sein Angesicht hart wie ein Kieselstein. Sollen sie doch schlagen, kratzen, raufen, spucken! Er ist letztlich unverwundbar, selbst wenn er aus vielen Wunden blutet. Und er hat ein Leben, das nicht auszulöschen ist, selbst wenn das Herz still steht und der Atem aufhört.

Er befindet sich zwar ganz in der Gewalt seiner Peiniger. Er scheint keinen Freund und keinen Verteidiger zu haben. Aber er beruft sich auf Gott. Wir haben hier den Vertrauenspsalm eines Propheten vor uns, der sich durchs nichts, aber auch durch gar nichts von Gott abbringen läßt.

An Jesus, an seinem Leiden und Sterben ,können wir noch einmal ablesen  wie solches Gottvertrauen auch in der schwerster Not aussieht. Das kann uns Kraft geben, unsre eigenen Leiden durchzustehen, unsre ganz persönlichen Probleme, die mit dem Glauben zunächst nur wenig zu tun haben, aber auch das Leiden um des Glaubens willen. Was Jesus getragen hat, werden wir nicht tragen müssen. Aber die Hilfe Gottes, die Jesus erfahren hat, ist uns in gleicher Weise gewiß. Deswegen ist Jesus ja für uns gestorben.

 

 

Karfreitag: Hebr. 9, 15 (24.25a) und  26b - 28 (Variante 1)

Das Rote Kreuz ruft immer wieder zum Blutspenden auf. Es gibt Menschen, die haben schon mehr als das Fünffache ihres Blutes für andere hingegeben. So haben sie geholfen, gefährdetes menschliches Leben zu retten. Bei großem Blutverlust nach Verletzungen, nach einer Geburt oder Operation, bei Blutkrebs ist eine Blutübertragung oft die einzige Möglichkeit zum Weiterleben. Vielleicht hat es der eine oder andere von uns schon am eigenen Leibe erfahren, wie gut das ist.

Schon im Altertum sagte man: „Im Blut ist das Leben!“ Deshalb opferte man Leben, damit anderes Leben erhalten werden konnte. Anfangs brachte man sogar Menschenopfer dar, nachher dann Tieropfer. Die Geschichte von Isaaks Opferung kennzeichnet diesen Übergang.

In Israel wurden die Tieropfer im Tempel von Jerusalem vollzogen. Meist wurden Tiere für die Sünden der einzelnen geopfert: Wer von irgendeiner Sünde geplagt wurde, kaufte ein Tier, ließ es im Tempel schlachten und stiftete das Fleisch dem Tempel - schon war die Sache bereinigt. So meinte man jedenfalls.

Einmal im Jahr aber, am großen Versöhnungstag, ging es darum, die Sünden des ganzen Volkes zu sühnen. Man fastete und stellte alle Arbeit ein. Der Hohepriester wusch seinen ganzen

Leib und ging dann bis ins Allerheiligste des Tempels. Diesen Raum ganz im Inneren des Tempels durfte nur er und nur an diesem Tag betreten. Dort opferte er dann für sich selber, für das Volk und für das Heiligtum.

Uns ist das alles ziemlich fremd. Der Karfreitag spricht uns doch auch so unmittelbar an. Wir sehen, wie Jesus in die Hände der Menschen geraten ist und Objekt ihrer Grausamkeit geworden ist. Aber er hat auch unzählige Schicksalsgenossen. Immer wieder tun Menschen anderen Menschen Unsagbares an: wenn sie sich gestört fühlen, wenn sie dem anderen ihre Macht zeigen wollen, wenn sie Angst vor dem anderen haben (dann ist der Mensch wohl noch am gefährlichsten), wenn sadistische Triebe die Überhand gewinnen.

Wir verabscheuen das und nehmen dagegen Stellung. Aber sind wir denn selber ganz frei davon? Gehören wir nicht auch zu denen, die Jesus ans Kreuz gebracht haben? Sind wir unbeteiligt an dem, was am Kreuz geschah? Natürlich gab es unmittelbar Schuldige. Aber keiner vor

uns kann sagen: Die anderen waren es! Mit unsrer Schuld tragen wir dazu bei, daß Christus auch noch heute gekreuzigt wird.

Wir kennen das, wenn wir „bis aufs Blut gereizt“ werden. Dann ist unser innerstes Leber angegriffen und bedroht. Dann stellen wir mit tiefem Entsetzen fest, daß auch in uns der Funke glimmt, Blut zu vergießen. Dann möchten wir Rache nehmen und alles kurz und klein schlagen. Die Meisten wünschen wohl, daß es anders wäre. Sie sehnen sich danach, mit anderen auszukommen. Und sie möchten auch, daß die Völkerwelt endlich zur Vernunft käme: Friede' und gegenseitiger Austausch von lebenswichtigen Gütern, Freundlichkeit im Miteinander - das wünschen wir uns doch alle.

Wenn es nur so einfach wäre, durch eine Bluttransfusion das gesamte menschliche Leben zu heilen! Die Menschen des Altertums hatten es anscheinend leichter; Sie opferten Tiere und wollten so das Leben des Einzelnen^ und des ganzen Volkes heilen. Nach einem solchen Opfer fühlte sich die ganze Volksgemeinschaft wieder besser.

Immerhin hatten diese Menschen ein tiefes Bewußtsein von menschlicher Schuld. Schuld darf nicht verdrängt, sondern das gestörte Verhältnis zwischen Gott und Mensch bedarf der Bereinigung. Nur so können die Wunden wieder heilen, kann man noch einmal von vorn beginnen. Diese Heilung ist aber geschehen durch den Opfertod Jesu Christi.

Das war auch in Jerusalem, nur etwa 500 Meter vom Tempel entfernt, vor der Westvorstadt außerhalb der Stadtmauer, wo die Schwerverbrecher hingerichtet wurden. Jesus erleidet am Kreuz ,was Menschen erleiden und was bei den Menschen üblich ist. Weil er bis zum letzten Augenblick sich für die in  ihrer Sünde verlorenen Menschen einsetzt und auf ihrer Seite bleibt, erleidet er den Zorn des himmlischen Vaters. Indem er für die Verlorenen Partei ergreift, wird er selber zum Opfer.

Aber damit bringt er in Ordnung, was unsre Beziehungen zu Gott und den Menschen stört. Die Schuld wird dabei nicht wohlwollend übersehen, sondern im stellvertretenden Lebensopfer wirklich aus der Welt geschafft. Die Sünde kann nicht durch Wegsehen unschädlich gemacht werden. Gott will sie nicht verharmlosen, sondern daß sie voll und ganz ausgeräumt wird.

Am großen Versöhnungstag in  Jerusalem ist nicht zuviel geschehen, sondern zuwenig. Es bedurfte eines anderen Opferganges. Weil es aber ohne Blutvergießen keine Vergebung gibt, mußte Jesus diesen Weg gehen. Er war Hoherpriester, aber zugleich auch das Opfer. Eigentlich hätten wir alle sterben müssen. Aber statt dessen nimmt Gott dieses stellvertretende Opfer an. Deshalb war dieser Opfergang so notwendig. Damit ist aller menschlicher Opferkult als Irrweg enthüllt.

Wie weit das auch heute noch führen kann, zeigt ein Vorfall, der sich im Urwald von Peru ereignet hat. Unter den Indios waren Epidemien ausgebrochen. Die Medizinmänner sagten, dieser Fluch der Gottheit könne nur durch Menschenopfer abgewendet werden .Je größer die Schuld ist‚ desto wertvolleres Opfermaterial muß verwendet werden. Das Wertvollste aber ist Menschenblut, die beste „Währung“ im Handel mit der Gottheit. So haben sich diese verblendeten Menschen gegenseitig umgebracht‚ nach amtlichen Berichten sollen etwa 5.000 Indios dabei umgekommen sein.

Uns liegt solches Denken fern. Aber wir haben vielleicht anderes, das wir Gott opfern wollen: Wir spenden Geld, wir reden ab und zu von ihm, wir denken an ihn und einmal in der Woche opfern wir ihm eine Stunde Zeit. Aber was wir auch opfern, wir erreichen nichts bei Gott.

Wir wissen in der Tiefe unsres Herzens aber sehr genau, von welcher Tragweite die Schuldfrage ist. Sonst würden wir nicht so verbissen um unser Bild des Unschuldiger und Sauberen kämpfen. Auch wenn wir vor den Menschen alles vertuschen könnten: In der Tiefe rumort es. Wenn die Gefahr besteht, daß unsre schwachen Stellen sichtbar werden, werden wir mißtrauisch und angriffslustig, vor allem aber unfähig zu ungetrübter Gemeinschaft. Und schließlich versuchen wir auch Gott los zu werden, nicht in der Theorie, aber in der Praxis. Und das ist unsre tiefste Schuld, aus der wir uns nie und nimmer erlösen können.

Zum Glück brauchen wir es auch nicht, brauchen auch gar keine Opfer zu bringen, weil Christus bereits alles für uns erreicht hat. Dadurch sind wir vor der Vergangenheit befreit und uns ist die Zukunft eröffnet. Wir empfangen ein neu geschenktes Recht auf Leben. Um des Gekreuzigten willen sind wir wieder bei Gott anerkannt. Karfreitag ist so nicht nur die Erinnerung an einen Mann, der seinen Feinden am Ende erlegen ist, sondern er ist der Keim einer lebendigen Hoffnung.

Die Fürbitte des Hohenpriesters Jesus Christus hält für uns der Raum zum Leben frei, so wie nach antiker Auffassung der Riese Atlas das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern trug, damit es nicht über dem Lebensraum der Menschen zusammenstürzt. An sich waren wir nicht mehr wert zu leben. Aber das Eintreten des Herrn für uns verschafft uns das Anrecht auf die Zukunft im Frieden mit Gott. Das kann uns nicht wieder genommen werden.

Bei den Opfern der Israeliten war ja immer die Unsicherheit dabei, ob sie auch ausreichen werden. Kaum war der große Opfergottesdienst vollzogen, da begann schon wieder das Konto der neuen Verschuldungen anzusteigen. Und diesem ewigen Auf und Ab des Lebens machte dann der Tod ein Ende.

Auch über uns werden einmal die Akten geschlossen werden. Aber dann werden wir von dem leben, was Christus an Karfreitag für uns getan hat. Nach seinem Opfer laufen keine neuen Schulden mehr auf. In seinem Opfer war bereits enthalten und berücksichtigt, was ich ihm zu tragen gegeben habe und leider auch noch in Zukunft zu tragen geben werde.

Das liegt daran, daß Jesus sich selbst als Opfer eingebracht hat. Der Hohepriester konnte

sich selber schonen. Er hat fremdes Blut vergossen, aber sich selber herausgehalten. Christus aber ist bewußt auf der Strecke geblieben. Darauf aber werden wir uns berufen können, wenn  es zu der letzten großen Begegnung mit dem Herrn kommt.

 

 

Karfreitag: Hebr. 9,15 (24.25a) und  26b - 28 (Variante 2)

Wenn der Sterbetag eines lieben Menschen sich wieder jährt, dann sind wir immer sehr traurig. Dann fällt uns wieder ein, wie alles gewesen ist. Wir müssen an den Verstorbenen denken, wie schön es mit ihm war und was er alles für uns getan hat. Wir bedauer, daß er nicht mehr da ist und trauern dem nach, was wir nun entbehren müssen. Ein solcher Tag ist oftmals sehr schwer für uns.

Der Karfreitag ist ja nun der Todestag Jesu. Aber er soll kein Trauertag sein. Er ist nicht einfach ein Gedenktag an ein längst vergangenes Ereignis, der sich alle Jahre wiederholt. Es geht gar nicht so sehr um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft, die an diesem Tag begonnen hat. Dieser Todestag hat einen neuen Sinn: Die Kreuzigung Jesu ist der Anfang einer neuen Welt.

Man kann den Karfreitag auch so begehen, wie man im Theater eine Tragödie erlebt. Dann bleibt man Zuschauer, der eine furchtbare Tragödie miterlebt, aber im Grunde unbeteiligt bleibt. Er wird vielleicht gerührt oder innerlich erhoben, aber er sagt sich doch letztlich: Es ist ja alles nur ein Spiel.

Bei Jesus aber war es blutiger Ernst. Der Hebräerbrief aber will erklären, weshalb das damals nötig war und heute noch ist: Hier sollen die Menschen ihre Rettung erfahren. Hier geschieht die Versöhnung Gottes mit den Menschen, die unser Leben verwandelt und uns zu anderen Menschen macht.

Die Christen, an die dieser Brief geschrieben wurde, haben Jesus als eine große Enttäuschung empfunden. Sie hofften, er werde schon gleich die Gottesherrschaft auf Erden durchsetzen. Aber statt dessen kam er und erlitt den Tod. Nun haben Einige schon die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi aufgegeben und haben die Gemeinde verlassen. Die Übriggebliebenen sind müde geworden und scheuen das Leiden.

In dieser Situation wird ihnen eingeschärft: Niemand kann das verheißene Erbe empfangen, wenn nicht erst einer stirbt, wenn nicht Christus sein priesterliches Werk vollbringt und die Christen zum            Mitleiden bereit sind. Sicherlich paßte es uns allen besser, wenn uns in der Kirche verheißen würde: Christus wird in absehbarer Zeit kommen und eine Welt ohne Probleme, ohne Angst, ohne Schmerzen und  ohne Tod schaffen. Aber eine solche Welt setzt die Bereinigung unsres zerstörter Verhältnisses zu Gott voraus. Es gibt kein Heil ohne Versöhnung, ohne das priesterliche Werk Jesu.

Seinem Vorbild gefolgt ist Pater Maximilian Kolbe: Im Konzentrationslager Auschwitz waren  einige Häftlinge ausgebrochen und nun rächte sich die Wachmannschaften an den anderen. Alle Bewohner der Baracke mußte in Reih und Glied antreten, jeweils zu zehn abzählen und jeder Zehnte dazu verurteilt, in den Hungerbunker zu gehen. Das aber bedeutete den sicheren Tod.

Aber ein Mann hatte einen Fürsprecher: Der katholische Priester Maximilian Kolbe trat vor und sagte: „Schickt mich an seiner Stelle in den Hungerbunker. Der Mann hat Familie und für kleine Kinder zu sorgen. Ich aber bin allein und hinterlasse niemanden!“ Der Lagerkommandant war erst verdutzt, doch dann willigte er ein. Der andere Mann hat tatsächlich überlebt, während Maximilian Kolbe umgekommen ist.

Jener andere Mann war schon zum Tode verurteilt. Er konnte nur am Leben bleiben, wenn ein anderer sein Leben für ihn gab. So mußte auch Jesus sein Leben lassen, damit ein neuer Bund geschlossen wurde. So war das ja im Alte Testament: Jeder Bundesschluß zwischen Menschen und entsprechend auch der Bund Gottes mit dem Volk  wurde mit einem Tieropfer besiegelt.

In alten Zeiten gehörte zu einem Bundesschluß eben immer Blut dazu. Wenn die  Indianer Blutsbruderschaft schlossen, dann haben sich die beiden Freunde die Hand aufgeritzt und das herauslaufende Blut miteinander vermischt. Jetzt waren  e i n  Blut und gehörten untrennbar

miteinander zusammen.

So gehören wir auch durch das Opfer Christi ganz fest mit Gott zusammen, so als ob wir mit ihm verwandt wären. Wenn wir beim Abendmahl den Wein trinken, dann denken wir dabei

an das Blut Jesu, das für uns vergossen wurde, damit wir wieder Gottes Freunde werden können.

Im Tempel von Jerusalem hat man bis zu seiner Zerstörung im Jahre 70 nach Christus weiter Tieropfer dargebracht. Meist waren es die Opfer für die Sünden der Einzelnen. Einmal im Jahr aber am „Großen Versöhnungstag“ sollten die Sünden des ganzen Volkes gesühnt und mit dem Blut der Tiere zugedeckt werden.

Dazu opferte der Hohepriester zunächst viermal zur Tilgung seiner eigenen Sünde, dann dreimal für das Volk und noch einmal für das Heiligtum. Es war immer ein feierlicher Augenblick, wenn er die Stufen zum Allerheiligsten hinaufschritt, durch den Vorhang hindurchging, der das ganze Jahr über nicht geöffnet wurde, um dann an dem Altar im Inneren das Tierblut auszuschütten.

Aber es hatte sicherlich auch etwas Schauriges und Gespenstisches an sich. Zum Glück sich im heutigen Israel die vernünftigen Leute durchgesetzt.  Als man dort nämlich wieder in den Besitz des Tempelgeländes gekommen war, wollten einige strenge Juden

Unbedingt wieder diesen Opferdienst aufnehmen. Das wäre wohl etwas, wenn man in der heutigen Zeit in einem modernen Staat wieder einen solchen fast heidnischen Brauch eingeführt hätte.

Wir als Christen wissen, daß längst ein anderes Versöhnungsopfer  dargebracht wurde, das alle anderen Opfer überflüssig macht. Nicht überflüssig ist‚ daß ein Mensch sich für den anderen einsetzt und vielleicht sogar opfert. Das Opfer Jesu will uns im Gegenteil ermuntern, so zu Hadeln wie Pater Kolbe. Aber um Gott mit den Menschen zu versöhnen, ist kein Opfer mehr nötig, es ist aber auch überhaupt nicht möglich.

Das Opfer des Karfreitags gilt ein für allemal. Die Opfer des alten Bundes mußten immer wieder wiederholt werden; sie reichten nicht aus und waren unsicher. Kaum war der Opfer­gottesdienst beendet, begann das Schuldkonto wieder zu steigen. Das ganze Jahr über lud sich Gottes Zorn auf wie die Atmosphäre vor dem Gewitter. Es war eine Arbeit wie in der alten griechischen Sage von Sisyphos. Der mußte immer wieder einen schweren Stein den Berg hinaufwälzen. Und wenn er dann fast oben war. Rollte er immer wieder hinab und die Tiefe und es ging wieder von vorne los.

Vieles im Leben kann man und muß man sogar wiederholen: Essen und Schlafen, Waschen und Aufräumen, die Handgriffe unsrer Arbeit. Meist kann an  sogar auch die mißlungenen Dinge wiederholen; selbst ein mißlungenes Examen kann man  ein zweites Mal versuchen. Nur eins ist einmalig: der Tod und das Gericht, das ihm folgt. Einmal werden die Akten über uns geschlossen sei. Und dann werde wir nur noch von dem Ein-für alle-Mal leben, mit dem Jesus die Sünden der Vielen getragen hat. Nach diesem Opfer laufen keine neuen Schulden mehr auf

Wie kann aber das Opfer Jesu eine solche Kraft haben? Das liegt daran, daß hier Priester und Opfer die gleiche Person sind. Im Alten Bund wurden immer nur Tiere geopfert. Der Priester aber konnte sich immer heraushalten. Christus aber ist als der wahre Priester selber auf der Strecke geblieben. Er hat nichts für sich getan, sondern alles für uns.

Wohlgemerkt: Hier handelt es sich nicht um eine hübsche Erzählung ohne geschichtlichen Hintergrund. Hier ist tatsächlich ein Mensch einen qualvollen Tod gestorben, damit hat er alles mögliche frühere oder spätere Leiden einer Person schon vorweg erfüllt.

Alle menschlichen Opfergänge sind damit überflüssig geworden, jedenfalls wenn man damit bei Gott etwas erreichen will. Christus hat schon längst das Opfer gebracht und uns damit losgekauft von der verdienten Strafe. Deshalb haben wir auch an einem Tag wie heute doch Grund zur Freude.

Wir werden dann auch unsre menschlichen  Opfer nicht überbewerten: Eltern opfern sich für ihre Kinder, in der Firma opfern sich manche auf für andere Menschen, Sportler opfern ihre Gesundheit; manche opfern auch ihre Überzeugungen oder verzichten darauf,  Wahrheiten auszusprechen. Daß wir uns nicht falsch verstehen: Solche Opfer müssen schon sein. Aber Jesu Opfer ist doch noch einmal etwas ganz anderes. Und unsre menschlichen Opfer können das Opfer Jesu nicht überflüssig machen. Es ist nichts erreicht, wenn wir uns zwar für die Familie aufopfern, aber Gott darüber vergessen.

Wir sollten auch nicht meinen, durch unsre Arbeit könnten wir die Zukunft gestalten und zum Beispiel erreichen, daß es unsre Kinder und Enkel leichter haben. Mit dem Karfreitag ist zwar das erste Kommen Jesu zünde gegangen. Aber damit hat auch die letzte Zeit begonnen. Jesus wird wiederkommen, wenn auch anders als beim ersten Mal. Aber der Zugang zu Gott dem Vater ist schon frei. Wir dürfen kommen, und das heißt: Wir sollen auch kommen. Nur so kann Gott uns helfen.

 

Ergänzung:

Jesus hat ein dreifaches Amt:

(1) Er ist der Mittler des neuen Bundes..Er bringt einen besseren Bund als Mose. Er bürgt dafür, daß Gott seine Heilsverheißungen trotz der Übertretungen unter dem erster Bund einlöst. Das Wort „Mittler“ in Vers 15 beschreibt Jesu Werk in der Vergangenheit. Es fordert uns aber heute auf, daß wir uns dieses Mittlers bedienen und zu Glauben und Gehorsam rufen lassen.

(2) Er ist der wahre Hohepriester. Er ist in das himmlische Heiligtum hineingegangen. Er brauch­te den Opfergang nur einmal anzutreten, er hat sich selbst geopfert. Das Wort „Hohepriester“ in Vers 24 bis 26 beschreibt Jesu Werk in der Gegenwart. Er erscheint jetzt vor Gott und tritt uns ein. Er erwartet aber auch von uns, daß wir die einmal vollzogene Entscheidung für Jesus durchhalten und nicht mehr von ihm fortgehen.

(3)  Er ist der Messias, der am Erde der Zeiten wiederkommen wird. Im  Tod werden die Taten der Menschen offengelegt. Jesus aber wird durch seinen Tod offenbar werden vor denen, die auf ihn warten. Das Wort „Messias“ bzw. „Christus“ (Vers 27 und 28) beschreibt Jesu Werk für die Zukunft. Es fordert uns auf, getrost und standhaft auf ihn zu warten und uns durch nichts darin irre machen zu lassen.

Gerade dieser Ausblick in die Zukunft soll uns dieses Jahr an Karfreitag einmal trösten. Der Hinrichtungshügel vor der Stadt Jerusalem war der Altar, auf dem Gottes Sohn geopfert wurde. Aber gleichzeitig ist auch im Himmel etwas geschehen:  Hier am Kreuz beginnt nach der Meinung des Hebräerbriefs schon die Himmelfahrt. Hier bekennt sich Gott schon zu  seinem Sohn und nimmt ihn zu sich auf.

Sein erstes Kommen hat mit dem Karfreitag ein Ende gefunden. Doch damit hat die letzte Zeit begonnen. Dieser Jesus wird wiederkommen, wenn auch anders als beim ersten Mal. Für und kommt es darauf an, auf ihn zu warten, egal wie lange es dauert.

Wir  können nicht allein in das Heiligtum hineintreten. Auch die Israeliten in Jerusalem mußten warten, bis der Hohepriester wieder herauskam. Aber sie konnten sicher sein, daß er wieder kommt und dann alles wieder gut ist. So dürfen wir auch geduldig und zuversichtlich auf das Wiederkommen Jesu warten. Der Zugang zu Gott dem Vater ist jetzt frei geworden. Wenn wir aber kommen dürfen, dann sollen wir auch kommen Gott hilft nur denen, die an ihn glauben und auch zu ihm kommen.

 

 

Ostern I: 1. Sam 2, 1 - 2. 6 - 8a

„Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn!“ Können wir denn heute fröhlich sein, nur weil im Kalender Ostern ist? Man hat sich über die Kinder geärgert, an der Arbeit klappt es nicht mehr, es hat Streit gegeben mit dem Verwandten - kann man  denn da noch fröhlich sein? Mancher hat auch wirklich Schweres mitgemacht: Da hat ein Gotteslästerer sich nach einem Schlaganfall wieder gut erholt, aber einem frommen Mann ist die Frau an Krebs gestorben. Soll er da nicht mit Gott hadern und verzweifelt sein?

Sind wir denn wirklich so unangreifbar in unserem Glauben, wie das dieser siegessichere Psalm uns deutlich machen will? Christen sind doch alle Jahrhunderte hindurch angegriffen und verfolgt worden. Auch heute müssen wir unseren Glauben mitten im Leben bewähren und können uns nicht in ein Kloster oder eine Burg zurückziehen. Wer sich als unangreifbar bezeichnet, der gerät in dem Verdacht, er habe sein Christentum schön verborgen gehalten und sei deshalb nicht angegriffen worden.

Hier in der Kirche kann man solche glaubensgewissen Sätze leicht sprechen, vielleicht noch im Chor, das macht besonders Mut. Aber würden wir sie auch sprechen mitten in der Woche, wenn wir irgendwo in der Klemme sitzen? Unsre Alltagserfahrungen sind doch eher geprägt von Vergeblichkeit und Erniedrigung, von Leiden und Tod. Unser Glaube ist mehr einem Pflänzchen ähnlich, das den Unbilden der Witterung nicht gewachsen ist und im wuchernden Unkraut unterzugehen droht.

Und dennoch gibt es Kraft in der Schwäche, Macht in der Ohnmacht und Leben im Tod. Zum Glück gibt es Mutmacher, die nicht verstummen vor den Tatsachen dieser Welt, weil sie mehr erlebt haben als das, was vor aller Augen steht. Dazu gehört auch der Mensch, der diesen Psalm aus dem 1. Samuelbuch gedichtet hat. Er scheint zunächst mit Ostern wenig zu tun zu haben. Aber auch in ihm klingt die Botschaft wieder: Gott ist unser Heil, denn er ist stärker als selbst der Tod!

Der Psalm ist der Hanna in den Mund gelegt, die unter dem Problem der Kinderlosigkeit litt. Sie könnte durchaus einen solchen Psalm gebetet haben, denn er spricht davon, daß Gott einer Frau noch sieben Kinder geben kann, die schon als kinderlos galt. Denn bei Hanna hatte Gott ja den Mangel behoben und ihr einen Sohn geschenkt, den sie dann in dem Tempel brachte, damit er dort zum Priester ausgebildet wird.

Wir haben vielleicht einen anderen Kummer: Körperliche Schwächen, geringes Ansehen bei den Leuten, ein Fehltritt krimineller oder moralischer Art. Manchmal spüren wir so richtig unsre Hilflosigkeit gegenüber der Mängeln unsres irdischen Lebens. Aber Gott handelt auch in unsrer Welt und gerade in kleinen Dingen. Wir dürfen uns an ihn wenden und alles von ihm erbitten.

Die Hanna hätte ja vielleicht auch ein Kind adoptieren können. Oder sie hätte in der Verwandtschaft Kinder finden können , für die sie gesorgt hätte. Aber sie fand sich nicht einfach mit ihrem Unglück ab. Ihr Gebet wurde erhört und sie bekam den Samuel, der später ein wichtiger Prophet seines Volkes wurde. Gott schafft eben an wichtigen Stellen der Geschichte des Gottesvolkes neues Leben. Er kann auch heute Neues schaffen gegen alle menschliche Erfahrung.

Al­lerdings rettet Gott uns nicht vor unseren persönlichen Feinden. Das wäre ja noch schöner, wenn Gott uns noch beistehen sollte, wenn wir zum Beispiel einen Menschen beleidigt haben. Es geht in dem Psalm um Gottes Feinde, die hoch daherreden und die Gottes Kinder in die

Enge treiben wollen. Zu diesen Feinden gehört auch der Tod.

Aber auch er ist durch die Auferstehung Jesu überwunden. Durch die Begegnung mit ihm wurden seine Jünger zu neuen Menschen. Erst waren sie verzweifelt und bedrückt. Nun taten sie auf einmal ihren  Mund weit auf, weil sie sich als Gottes Freunde wissen dürfen. Noch steht vieles gegen sie: feindselige Menschen, eine gottferne Welt‚ auch unsichtbare Gewalten. Aber sie lassen sich nicht einschüchtern .Sie haben einen Gott, der ihre Zuflucht und ihr Fels ist.

Gott kann erhöhen und erniedrigen. „Der Herr tötet und macht lebendig!“ Wegen dieses Verses dürfte man den Psalm als Text für Osten ausgesucht haben. Ein Mensch kann stark, satt, kinderreich, wohlhabend und hochgeboren sein - Gott kann ihn ersetzen durch einen, der schwach, hungrig, kinderlos, arm und niedrig ist. Sogar aus dem Totenreich kann Gott einen Menschen wieder heraufholen, weil seine Macht unbegrenzt ist.

Im  zweiten Teil des Psalms wird in langer Reihe aufgezählt, wie Gott alle irdischen Verhältnisse umkehrt. Gemeint ist nicht ein Ausgleich in einer zukünftigen  Welt, das wäre ein zu billiger Trost. Es geht aber auch nicht um eine billige Gegenwartshoffnung. Das machen die Politiker, die uns immer wieder neue schöne Sachen versprechen und es ändert sich dann letztlich doch nichts. Unsre Hoffnung sollte nicht zu kurzatmig, aber auch nicht zu langatmig sein.

Daß Niedriges erhoben wird, halten wir ja auch durchaus für gerecht. Es dürfte wohl auch gerecht sein, wenn die stürzen müssen‚ die ihr Hochsein genießen und ausnützen. Aber wir fragen uns wohl doch: Soll denn das immer so gehen, wie bei einem Riesenrad, einmal hoch, einmal runter? Aber Gott will, daß die Bewegung vor allem in eine Richtung geht, daß der Arme aus der Asche erhoben wird (wie es in dem Psalm heißt). Gott will uns nicht arm machen, sondern reich. Er will uns immer das Bessere geben.

Aber seinen Sohn konnte er nicht anders zur höchsten Würde aufsteigen lassen als durch den Tod hindurch. Aber indem dies geschah, sollte der Tod seine Macht verlieren. Erst mußte Jesus ja einmal tot sein, ehe Gott an ihm seine Macht über der  Tod erweisen konnte. Dieser Beweis aber wurde an Ostern erbracht.

Seit Jesu Auferstehung aber können wir mehr sagen als das noch die Hanna aus dem Samuel­buch konnte. Christus war ja der Erste, der überhaupt die Todesgrenze durchbrochen hat. Wenn er will, daß wir sterben, so sterben wir. Aber wenn er will, daß wir leben, dann hat er auch dazu Macht. Seit Ostern gibt es kein Entweder-Oder mehr, sondern ein Nacheinander: Erst ist Christus gestorben, dann hat Gott ihn auferweckt- Erst werden wir sterben, dann werden wir mit Christus leben. Gott läßt uns sterben, weil er ein besseres Leben für uns bereit hat. In Jesus sehen wir bereits das Land der Verheißung.

Diese Gewißheit kann uns auch helfen, mit Angriffen auf die Osterbotschaft und den Glauben überhaupt fertig zu werden. So erging es vor Jahren einem Mitglied des „Bundes kämpfender Gottloser“ in Rußland. Er hatte mit viel Schwung vor den Bauern einen Vortrag gehalten, in dem er zu begründen versuchte, warum der Glaube an Gott nicht mehr in unsere aufgeklärte Welt paßt. Dann wollte er seine Ausführungen zur Diskussion stellen. Aber dazu kam es gar nicht. Denn ein Bauer stand auf und sprach laut und deutlich drei Worte, die alle oft genug gehört hatten: „Christus ist auferstanden!“ Da fielen die anderer im Chor ein, wie sie es aus dem Gottesdienst kannten: „Er ist in Wahrheit auferstanden!“ Damit war eine Diskussion überflüssig geworden.

Ein solches Bewußtsein kann auch uns helfen‚ mit den Nöten unsres Lebens fertig zu werden. Manchmal könnte man wirklich denken, die Hölle sei los und Gott habe sich aus allem zurückgezogen. Da gibt es wirklich Dinge, mit denen wir nicht so leicht fertigwerden. Ein Unglück nimmt uns erst einmal ganz schön mit.

Aber in der Auferstehung Jesu zeigt sich, wer unter allen Umständen das letzte Wort spricht. Da hat sich Gott vor aller Welt hinter seinen Christus gestellt. Er ist wie ein Fels, an dem alle Angriffe zerschmettern. Auf diesen Felsen können auch wir uns verlassen. Dann werden wir auch die Nöte unsres Lebens und die Angriffe auf unsren Glauben bestehen können.

Wir hatten gefragt, warum wir oft nicht mehr so recht fröhlich sein können. Vielleicht liegt das auch daran, daß wir gar nicht mehr so recht mit Gottes Hilfe rechnen. Oder wir nehmen zu selbstverständlich hin, was Gott uns geschenkt hat; weil wir nicht danken können, deshalb können wir dann auch nicht fröhlich sein.

Wenn wir etwas von Gott erwarten und ihn auch wirklich bitten, dann hilft er auch. Es ist noch nichts gewonnen, wenn wir nur von der Freude reden; erst wenn wir auch in ihr leben, wird sie sich uns erschließen. Aber in der Freude werden wir wohl noch am besten leben, wenn wir alle das bedenken, was Gott schon an uns getan hat. Das gibt uns dann auch Gewißheit für die Zukunft.

 

 

Ostern II: 1 .Kor  15, 50 - 57

„Ich fühle mich noch gar nicht so alt!“ Diesen Satz können wir öfter hören, haben ihn vielleicht auch schon selber gesprochen. nur ist das „Fühlen“ etwas anderes als das „Wissen“. In Wirklichkeit wissen wir alle, daß wir altern und einmal sterben werden. Alles, was geboren ist, muß auch sterben! An jedem Geburtstag wird uns bewußt, daß unser Leben der Vergänglichkeit unterworfen ist. Der Geburtstag ist eine Alterserscheinung.

Wir können den Gedanken an den Tod vielleicht eine Zeitlang von uns fernhalten. Aber wir werden durch das Sterben geliebter Menschen immer wieder schmerzlich daran erinnert. Jeder Mensch muß sich auch für sein eigenes Leben damit auseinandersetzen, daß er sterben muß.

Vom 40.Lebensjahr an denkt jeder Mensch häufiger an den Tod. Er überschlägt, wieviel Zeit ihm wohl noch gegeben sein mag. Jeder Mensch, der nicht nur in den Tag hinein lebt, wird sich dabei auch fragen, welchen Sinn wohl das Leben für ihn hat. Dabei wird er unvermeidlich auch an die Grenze des Todes stoßen. Er wird feststellen, daß der Tod mit seinen Vorboten die große Störung unsres Lebens ist.

In diese Situation hinein spricht die christliche Botenhaft von der Auferstehung der Toten. Paulus tröstet nicht über Vergänglichkeit und Tod hinweg, sondern besingt den Sieg des Lebens über den Tod. Doch bei einer Befragung gaben 63 Prozent der Evangelischen an, sie glaubten nicht an ein Weiterleben nach dem Tode und unter den regelmäßigen Kirchgängern waren es immerhin noch 35 Prozent. Wir sind doch alle Realisten und wissen: Wer tot ist, der ist tot. Und manche werden sogar sagen: Ein Glück, daß das so ist, denn es wäre doch unangenehm, wenn ein Toter wiederkäme und sähe, was alles aus seinen Nachkommen geworden ist.

Auch in Korinth gab es einige Leute, die verspotteten die Predigt das Paulus von der Auferstehung. Sie haben etwa so gesagt: „Wenn wir einen Toten in die Erde legen, zerfällt sein Leib. Wenn wir etwa ein Jahr später nachgraben, ist nicht mehr viel da. Der irdische Körper ist damit zerstört und kann nicht wieder in gleicher Form auferstehen!” Sie meinten aber auch, es bedürfe gar keiner Auferstehung, jedenfalls keiner Auferstehung von den Toten. Der Mensch habe vielmehr einen ewigen Lichtfunken in sich selbst, der unzerstörbar ist und aus der Umklammerung der verhaßten Materie gelöst werden muß.

Viele denken heute noch so ähnlich. Sie sagen: „Der Leib zerfällt zwar, aber die Seele kommt in den Himmel!“ Es ist nicht alles falsch an diesem Gedanken von der Unsterblichkeit der Seele. In ihm drückt sich aus‚ daß wir als Menschen dazu bestimmt sind, Gottes Gegenüber zu sein. Aber wir sind ja auch Sünder, auch die Seele ist sündig, vielleicht ist sie es gerade. Deshalb muß der natürliche Mensch sterben, und zwar mit seiner Sünde.

Aber der Christ weiß, daß ein neues Leben schon heimlich in ihm angefangen hat seit der Taufe, auch wenn es immer noch im Konflikt mit dem alten Leben ist. Dieser Konflikt wird erst durch Tod und Auferstehung beendet sein. Paulus spricht zunächst von der Auferstehung Jesu Christi. Dann aber kommt er auf die Auferstehung der Toten und sagt: Beides gehört unlöslich zusammen. Was von Christus gepredigt wird, ist auch für uns geschehen. Aber wir

könnten nicht auferstehen, wenn Christus nicht auferstanden wäre.

Deshalb sagt Paulus: Unsere Zukunft heißt Auferstehung. Einerseits können wir nicht bleiben, wie wir sind .Andererseits aber werden wir bleiben‚ die wir sind. Und wir hoffen aufgrund dessen, was schon ist.

 

1. Wir können nicht bleiben, wie wir sind: Wenn Paulus von der Leibern der Auferstandenen redet, dann meint er damit nicht das  „Verwesliche“. Dieses soll ja gar nicht wiederbelebt werden, denn die Auferstehung ist der Beginn eines völlig Neuen. „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben!“ sagt Paulus ganz unmißverständlich.

Das liegt nicht daran, daß sie geschaffen sind und aus vergänglichem Stoff bestehen, sondern daß sie gegen Gott verschlossen und für die Wirklichkeit des Göttlichen nicht empfänglich sind. Der Mensch ist nicht untauglich für Gottes Reich, weil er geschaffen ist, sondern weil er sündig ist.

Es ist auch nicht damit getan, daß wir uns nun anders verhalten als bisher und damit käme schon Gottes Reich. Vielmehr muß Gott etwas ganz anderes aus uns machen. Die gegenwärtige Welt aus Fleisch und Blut kann dabei nicht der Schauplatz dieses Neuen sein. Vielmehr muß sie durch den Tod hindurch zu einem neuen Leben der Auferstehung.

Immer wieder spüren wir, daß wir vom Tod ringsum eingeschlossen sind. Der Raum, in dem wir existieren, verengt sich immer mehr. Wir spüren früher oder später den Verfall, die Abnutzung, das Weniger an Spannkraft. Das ist uns auch deshalb besonders schmerzlich, weil wir spüren: Es ist ja Gott, der vergehen läßt, was das Reich Gottes nicht erben kann. Aber vom Glauben her ist das kein Grund zum Jammern, weil unsre Zukunft ja „Auferstehung“ heißt. Wer etwas davon ahnt, freut sich auf das, was kommt.

 

2. Wir werden bleiben, die wir sind: Bei der Auferweckung schafft Gott nicht immer wieder neue Menschen, so da die bisherigen einfach untergehen. Wer stirbt, fällt nicht ins Nichts. Derselbe Mensch, der stirbt, wird erweckt, wenn auch zu einem anderen Leben. Aber es bleibt immer die gleiche Person. Wir sind von Gott bei unserem Namen gerufen, ja unsre Namen sind ja sogar im Himmel geschrieben. Wir sind unsrem Gott als Person wichtig, als das Gegenüber, das er angesprochen hat. Insofern aber ist er einmalig und unwiederholbar, aber eben nicht zum Untergang bestimmt‚ sondern in der Gemeinschaft mit Christus dem Untergang entrissen.

In uns ist der Trieb, uns selbst zu erhalten. Ein Tier findet sich mit dem Sterbenmüssen ab: Wenn sein Ende naht, verkriecht es sich irgendwo und stirbt seinen Tod. Der Mensch aber wehrt sich. Er weiß um seine Einmaligkeit und die Einmaligkeit der Geschichte, die er

schon bestanden hat und noch zu bestehen hat. Aber er kann nicht bleiben, weil er selber sich das wünscht. Gott muß an uns festhalten. Anspruch auf das Leben der Auferstehung haben wir nicht durch das, was wir sind, sondern durch das, was Gott in Jesus Christus aus uns gemacht hat.

Paulus spricht von Verwandlung, nicht von Neuschöpfung. Bei der Verwandlung von Wasserkraft in Energie wird der Strom ja nicht aus dem Nichts erzeugt, sondern aus der Wasserkraft. Verwandlung ist eine Veränderung an dem gleichbleibenden Gegenstand. So wird auch nicht „rückwärts“ gestorben, in das alte Leben hinein. Aber es besteht ein Zusammenhang zwischen dem, was ist, und dem, was in ganz neuer Gestalt kommen wird.

Das ist auch gemeint mit dem Anziehen der Unverweslichkeit: Der alte Leib gleicht einem Bettlergewand. Aber wenn der Bettler zum König kommt, dann erhält er ein neues Gewand. So wird auch Gott uns einen neuen Leib geben, wenn wir zu ihm kommen. Der neue Leib ist wie ein Königsgewand, umstrahlt von der Herrlichkeit Gottes. Aber der Träger des Kleides bleibt der gleiche. Nur das Beengende und Entstellende, das Schändliche und Unansehnliche wird durch das Auferstehungskleid ersetzt.

Warum sollte Gott, der am Anfang den Menschen geschaffen hat, nicht auch einen neuen Leib für die Ewigkeit schaffen können, der dann unvergänglich ist? Vor allem aber wird die Sünde ihm nichts mehr anhaben können. Sie ist der Stachel des Todes, der immer noch Sieger bleibt über Fleisch und Blut. Aber Christus hat beide besiegt. Seit Ostern hat der Tod nur noch Gewalt über unsren Körper, nicht aber über uns selbst.

 

3. Wir hoffen aufgrund dessen, was schon ist: Wir sterben nicht nur an der natürlichen Erschöpfung und dem Verfall des Lebens‚ sondern wir sterben an Gottes Zorn. Man könnte sich ja sonst zum Sterben legen‚ wie man sich abends nach einem mühevollen Tag zur Ruhe ausstreckt. Aber da kommt ja noch das Rechenschaftgebenmüssen vor Gott, der auf unser Leben ein Recht hat.

Wenn unser Wohl und Wehe bei Gott nur vom Gesetz abhinge, hätten wir nichts zu hoffen. Das Gesetz ist der Dynamo und Akkumulator der Sünde. Wenn der Sünder aus eigener Kraft damit fertigwerden will, wird er nur noch tiefer in die Auflehnung geführt. Dem allen aber hat Christus ein Ende gesetzt. Jetzt gilt nicht mehr das Gesetz, sondern der Glaube. Niemand braucht mehr etwas zu verdienen oder zu erzwingen. Durch Christus ist unsre Sache bei Gott immer schon zu unseren Gunsten entschieden.

Wir können nichts verdienen‚ sondern wir sind Erben. Wir haben einen guten Vater und gehören zu seiner Familie. Wir dürfen schon jetzt mithelfen und den Vater um Rat fragen und ihm immer wieder Freude bereiten. Manche werden sagen: „Was müht ihr euch denn so ab, wenn ihr sowieso alles erben werdet?“ Aber ein rechter Erbe möchte schon heute seine Dankbarkeit zeigen.

So haben wir schon jetzt die Freude, in der großen Familie der Christen zu leben. Und wir wissen: Dieses Leben hat dann noch kein Ende, wenn Fleisch und Blut nicht mehr sind. Der Tod ist für die Christen dasselbe wie für Christus: der Eingang in das eigentliche Leben.

Wen Gott liebt, den läßt er nicht im Tode. Wir können sogar den Tod auslachen. Er hat keinen Stachel mehr und kann gegen Gott und gegen uns nichts mehr ausrichten. Wenn wir sterben, dann gelangen wir nur dorthin‚ wo des Herr selbst ist. Vielleicht wird uns das Sterben dennoch schwer werden. Keiner weiß ja, wie er einmal sterben wird. Aber wir könnten uns beizeiten darin einüben. Dazu hilft uns, was wir heute schon wissen: Unsre Zukunft heißt Auferstehung! Durch Christus ist uns heute schon der Sieg gegeben!

 

 

Quasimodogeniti: Kol 2, 1 - 15

Im Jahre 1848, als die Nationalversammlung in der Paulskirche tagte und das deutsche Volk seine Freiheit zu erreichen versuchte, erhob sich auch das ungarische Volk gegen Österreich. Einer von zwei Brüdern nahm am Freiheitskampf teil, der andere nicht. Als die Österreicher nach ihrem Sieg Vergeltung übten, wurde auch der Freiheitskämpfer zum Tode verurteilt. Doch die Militärbehörden verwechselten die Vornamen der beiden Brüder. So wurde der Bruder, gegen den gar nichts vorlag, festgenommen. Weil er den Irrtum nicht aufklärte, wurde er erschossen. Der andere aber lebte völlig unbehelligt in seiner Heimat weiter. Auf seinem Todesurteil stand: „Hinrichtung vollzogen“. Es wurde als erledigt“ abgeheftet, obwohl doch sein Bruder für ihn gestorben war.

Auch auf unserem Todesurteil steht „erledigt“. Es ist wie ein Schuldbrief, angeheftet an das Kreuz Jesu. Eigentlich müßte unser Name auf dem Schuldbrief stehen. Wahrscheinlich müßte die Tafel sehr groß sein, bei all den bösen Gedanken, den lieblosen Worten, den vielen versäumten Gelegenheiten, den Sorgen, als wüßten wir nichts von der Fürsorge Gottes. Auf der Tafel stünde etwas von unsrer Jagd nach den Werten dieser Welt, die uns oftmals hartherzig machen gegen das Elend in der Welt. Und jeden Tag käme Neues dazu. So aber stehen nicht die Anklagen gegen uns auf der Tafel, sondern die falsche Anklage gegen Jesus.

Am heutigen Sonntag werden wir daran erinnert, daß wir durch die Taufe noch einmal neu geboren sind. Es ist der „weiße Sonntag“, an dem in der alten Kirche die an Ostern Getauften noch einmal in ihren weißen Kleidern zum Gottesdienst kamen. Er heißt „Quasimodogeniti‘“, zu deutsch: „Wie die Neugeborenen“. Und so dürfen wir an diesem Sonntag hören: Durch die Taufe sind wir zu einem neuen Leben erweckt, wird sind von Schuld entlastet und wir sind zu Gott befreit.

 

1. Zu einem neuen Leben erweckt: Der neue Mensch ist nicht nur eine Verbesserung des alten. So etwas machen Mercedes und Ferrari, wenn sie jedes Jahr ein verbessertes Rennauto herausbringen. Ein Christ aber ist eine völlige Neuentwicklung. Er hat nicht nur einige Kurskorrekturen an seinem Denken und Verhaften, an seinem Lebensstil und sozialen Verhalten angebracht. Das Alte an ihm mußte sterben und begraben werden, damit neues Leben entstehen konnte.

Das neue Leben entsteht aus einem neuen Material, das nicht mehr der Sünde und dem Tod unterworfen ist. Christus hat es an Ostern ans Licht gebracht, er hat es anschaubar und erfahrbar gemacht. Es steht nicht wie ein Programm oder Fernziel vor uns, sondern es ist seit der Taufe schon Wirklichkeit.

Doch wenn wir solche Spitzensätze hören, denken wir: In der Kirche muß so geredet werden, die sind halt etwas weg von der Wirklichkeit, die wissen doch gar nicht, wie es im richtigen Leben so aussieht. Wo merken wir denn etwas von dem neuen Menschen in uns? Wie merken wir etwas von dem Christus, der in uns lebt? Der alte Mensch aus Fleisch und Blut ist doch noch da. Und der hat seine Fehler und Schwächen, seinen Stolz und seine Eigensucht, seine Gottlosigkeit und seine Selbstzufriedenheit. Wie kann man da nur so weltfremd in der Kirche reden?

Wenn einer so anmaßend von sich selber redet, dann fühlt sich jeder andere doch herabgesetzt. Manche Christen sind sich sicher, daß sie sich als „Wiedergeborene“ bezeichnen dürfen. Aber sie gehen nicht selten anderen Menschen auf die Nerven und bieten gerade kein ermutigendes Bild für die anderen. Vielleicht ist es doch besser, wenn einer sich bescheiden zurückhält und sachlich und nüchtern sein Leben betrachtet, wie es wirklich ist.

Unsre charakterlichen und natürlichen Anlagen bleiben uns leider erhalten. Im Alter prägen sie sich oft noch besonders unangenehm aus. Es ist schwer, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und mit inneren und äußeren Erscheinungen unsrer Person fertig zu werden. Wir arbeiten zwar an uns. Aber wir sind auch davon betroffen, wie wenig unsre Selbsterziehung fruchtet. „Du bleibst doch immer, der du bist!“  läßt Goethe im Faust den Teufel sprechen. Es ist leider nicht so, daß wir Christen immer die angenehmsten und umgänglichsten Menschen wären.

Doch der Kolosserbrief redet hier nicht von Tatbeständen, die man direkt ablesen kann. Er spricht von dem, was Gott in Christus an uns getan hat. Gewiß wird sich ein Christ ganz entschlossen absetzen wollen von dem, was in seiner Vergangenheit böse und schändlich war. Er wird den Existenzwandel auch spürbar und sichtbar machen durch seinen Umgang mit Menschen, durch seinen Lebensstil und sogar bis in seine Gesichtszüge hinein.

Aber ein Christ vertraut nicht auf das, was er selbst aus sich macht, sondern auf das, was Gott aus ihm macht. Der Christ ist in der wunderbaren Lage, sein Heil allein bei Gott finden zu können. Noch überlagern sich aber die beiden Möglichkeiten, das Alte und das Neue. Aber auch wenn mein alter Mensch immer noch vorhanden ist, so werde ich doch an das verborgene neue Leben glauben. Ich habe schon eine Anzahlung auf das zukünftige Leben erhalten und setze diese schon jetzt nutzbringend ein.

Was ich morgen sein werde, das wirkt sich heute schon aus. Wenn ich heute noch böse und unehrlich, lieblos und mißtrauisch, unbeherrscht und lähmend für andere bin, dann doch nur, weil ich vergessen habe, daß Christus in mir ist. Die Rückfälle in das Alte werden immer wieder kommen. Aber sie können das Neue nicht mehr ungeschehen machen, das uns wie mit magnetischer Kraft nach vorne zieht. Doch daß wir das wirklich glauben können, hängt auch davon ab, daß wir tatsächlich von aller Schuld entlastet sind.

 

2. Von Schuld entlastet: Wir können nur eine tragfähige Zukunftshoffnung haben, wenn wir die Last der Vergangenheit los sind. Manche meinen ja, sie könnten mit ihrem Schuldkonto durchaus leben, man müsse sich nur nicht erwischen lassen. Das meinten die Naziverbrecher, die unter einem falschen Namen untertauchten. Das meinten die Stasispitzel, die ihre Verstrickung immer wieder leugneten. Das meinten die Steuersünder und Spendenbetrüger, bis ihnen die Fahndung doch auf die Spur kam. Das meinen wir alle, solange wir noch unsre bürgerliche oder fromme Fassade wahren können.

Es kann aber kein gesundes und ungestörtes Verhältnis zu Gott und zu den Menschen geben, solange die alte Schuld nicht bereinigt ist. Ich kann nicht bei Gott erscheinen und so tun, als sei nie etwas Störendes gewesen. Und was einer dem anderen getan hat, belastet das Verhältnis schon sehr.

Der Kolosserbrief spricht zunächst von „Übertretungen“. Da ist schon an ganz massive Taten des Ungehorsams zu denken. Es wird sogar mehr von uns verlangt als nur die Gesetzte einzuhalten. Auch bei einem Christen sind die Untaten nicht einfach vorbei. Seltsamerweise entdecken wir sie aber eher beim anderen als bei uns selbst. Typisch dafür ist der Straßenverkehr, wo wir uns immer über die Fehler der anderen aufregen, aber die eigenen entschuldigen wollen.

Der Kolosserbrief spricht sogar vom Verfallensein in heidnisches Wesen, denn nichts anderes ist mit dem „Unbeschnittensein“ gemeint. Auch heute gibt es ein neues Heidentum. Es billigt zwar noch einigermaßen die Gebote der zweiten Tafel, die mehr das Zusammenleben der Menschen regeln, aber es lehnt den Glauben an Gott, also das erste Gebot, ab.

Soll unser Verhältnis zu Gott und unseren Mitmenschen von Schuld entlastet werden, dann muß Gott viel vergeben. Aber er hat es getan. Der Kolosserbrief verwendet dazu das Bild vom ausgelöschten Schuldbrief. Unser Schuldsein wurde zur Urteilsbegründung für den gekreuzigten Jesus, denn Gott hat das Dokument mit allen uns belastenden Daten ans Kreuz genagelt und damit unsre Hypothek gelöscht. Durch die Taufe werden wir Nutznießer des Todes Jesu: Der alte Mensch wird getötet und unsre böse Vergangenheit ist aus der Welt. Das Gericht Gottes, das wegen unsrer Schuld fällig wäre, wird aufgehoben: Gegen einen Toten wird kein Prozeß mehr geführt.

 

3. Zu Gott befreit: Einige in der Gemeinde in Kolossä aber meinten, der Weg zu dem Ziel sei noch weit. Sie fürchteten unsichtbare Mächte, die nach dem damaligen Weltbild den untersten Himmel bewohnen sollten und Gott und die Menschen voneinander trennen. Wenn der Mensch nun in seine himmlische Heimat zurückkehren wolle, dann würden sie ihm noch ein letztes Hindernis bereiten. Nur durch besondere gottesdienstliche Veranstaltungen und durch Fasten oder andere Verzichte könne man sie besänftigen oder gar überlisten.

Diesen Zweiflern wird gesagt: Eure Sorge ist unbegründet. Christus hat diese Mächte unterworfen durch sein Kreuz und seine Auferstehung. Bei seiner Fahrt durch die Himmelsräume hat er diese Mächte abgestreift, hat sie abgeschüttelt, hat sie ausgezogen und damit bloßgestellt. Wer mit ihm verbunden ist, der hat das Auferstehungsleben schon in sich und niemand kann es ihm wieder streitig machen.

Sagen wir nicht: Das ist doch ein vergangenes Weltbild, das geht uns nichts mehr an. Auch bei uns gibt es angeblich Strömungen und Tendenzen, Sachzwänge und fatale Notwendigkeiten, die unsre freie Entscheidung beeinträchtigen. Diese unsichtbaren Mächte lähmen uns. Sie reden uns ein, unser Schicksal sei unentrinnbar und die ganze frohmachende Botschaft von Christus sei eine Einbildung: Was man einmal im Leben verbockt habe, das könne nicht wieder weggenommen werden.

Doch wir sind zu Gott befreit. Christi Kreuz und Auferstehung, die in der Taufe uns zugewendet wurden, haben die Herrschaft solcher Schicksalsmächte gebrochen. Die Vergebung der Sünden gilt. Wir haben nun immer Zugang zu unserem himmlischen Vater. Wir haben keine bösen Mächte zu fürchten, sondern wir dürfen sie getrost verachten.

 

 

Miserikordias Domini: 1. Petr. 5, 1 - 5

„Ihr Jüngeren seid untertan den Älteren!“ man kann sich vorstellen, daß ein solcher Satz junge Leute ganz schön auf die Palme bringt. Wer ordnet sich schon gerne unter? Ob es zu Hause oder in der Schule oder im Betrieb ist: Von einem bestimmten Alter an fühlt man sich erwachsen und läßt sich nicht mehr einfach alles sagen.

Viele der jungen Leute werden denken: „Das ist wieder einmal typisch Kirche! Immer wird man zum Gehorsam ermahnt und soll sich alles gefallen lassen. Das Wort  ‚untertan sein' gibt es eigentlich nur noch in der Kirche. Dort wird noch von oben nach unten regiert, während man anderswo längst zu demokratischen Lebemsformen gefunden hat!“

Das heißt aber nun nicht, daß es in der Kirche kein besonderes Amt geben dürfte. Keine Gemeinschaft kann bestehen, ohne daß nicht ein Einzelner oder ein Kollektiv irgendwie die Leitung übernimmt. Auch in der Kirche gibt es Menschen, die mehr Verantwortung tragen als andere und die deshalb auch das Einfügen der anderen in den großen Verband fordern dürfen. Die Frage ist nur, wie man ein solches Amt ausüben und gestalten soll.

Zunächst einmal ist zu sagen: Das Bild von „Hirt und Herde“ für das Verhältnis von Amt und Gemeinde ist heute sehr mißverständlich. Das fängt damit an, daß die wenigsten heute noch eine Schafherde kennen, die mit dem Hirten über die Felder und Wiesen zieht. Lange Zeit hat mag zum Schäfer denjenigen genommen, der zu nichts anderem zu gebrauchen war. Wer möchte sich schon einem solchen Hirten unterordnen und auf ihn hören?

Auf der andern Seite möchte auch keiner ein „Schaf“ sein. Das ist ja fast ein Schimpfwort und wird gleichgesetzt mit Wörtern wie „dumm, einfältig, unselbständig, folgsam. So möchte doch auch treue Kirchengänger nicht sein.

Vor allem aber hat man heute erkannt: Auch in der Kirche kann ein Amt nur noch auf demokratischer Grundlage wahrgenommen werden. Die Verantwortung muß auf möglichst viele Schultern verlagert werden. Jeder ist dann für einen Teilbereich verantwortlich und der Mann am der Spitze kann von Zeit zu Zeit ausgewechselt werden. Der Kirchenvorstand ist nicht nur zur Beratung des Pfarrers da, sondern fällt die alleinige Entscheidung in geistlichen und weltlichen Sachen. Es kann sogar ein anderer als der Pfarrer den Vorsitz übernehmen.

Der Sinn des Amtes in der Kirche besteht ja nicht darin, die Gemeinde möglichst unmündig zu halten. Wir sind selbständige, denkende und verantwortliche Menschen. Es wäre auch höchst gefährlich, wenn wir nur andere für uns denken ließen. Ein rechter Hirte ist traurig über die Unmündigkeit der Gemeinde und tut alles, um dem abzuhelfen. Die Schreiber der neutestamentlichen Briefe haben ihren Gemeinde ganz schön etwas zugemutet an Mitdenken und Verantwortung. Aber eine solche Gemeinde freut sich dann auch darüber, daß es in ihr ein Amt gibt, das dem Wohl der ganzen Gemeinde dient.

Es ist eigentlich falsch, wenn ein Pfarrer sagt: „Meine Gemeinde!“ Es ist ja in Wahrheit die Gemeinde Gottes, in der er Dienst tun darf. Wenn er eng mit der Gemeinde verbunden ist, dann ist das etwas Erfreuliches. Aber die „Herde“ gehört nicht ihm. Der eigentliche Hirte ist Jesus Christus allein. Menschen sind nur seine Werkzeuge. Sie dürfen nur das sagen, was die Botschaft ihres Herrn ist, nicht menschliche Meinungen, nicht den Zeitgeist oder nur ihre

eigenen Lieblingsgedanken vertreten. Sie dürfen auch nicht ihre geistige Überlegenheit und Bildung einsetzen, ihre Beredsamkeit und Erfahrungen. Ein Amtsträger in der Kirche ist auch nur ein armer Mensch, ein Sünder wie alle.

Je besser ein Mitarbeiter in der Kirche seine Sache macht, desto größer ist die Gefahr, daß die Gemeinde sich um i h n sammelt. Das gilt für Kantor und Chorsänger, für Religionslehrer und Sozialarbeiter und natürlich auch für den Pfarrer und die einzelnen Gemeindeglieder. Ein Mitarbeiter soll so wirken‚ daß seine Person ganz durchscheinend wird für dem Herrn der Gemeinde: Er soll durch seiner Dienst allein Christus interessant machen, so daß nur er noch gefragt ist.

Dennoch wird zu bestimmten Menschen gesagt: „Weidet die Herde Gottes!“ Der Herr tut sein Werk durch seine Leute. Deshalb wird bestimmten Gliedern in der Gemeinde ein bestimmter Dienst anvertraut. Das fängt an beim Kirchendiener und endet noch nicht beim Pfarrer. Einer ist eben der Hirte im Auftrag des Oberhirten Jesus Christus, den jeder Hirte auch wieder unbedingt für seine Aufgabe nötig hat.

Wie könnte denn ein rechter Hirtendienst aussehen? Ein guter Hirte tut allen für seine Herde, ohne sich selber zu schonen. Zur Zeit der Bibel mußten die Hirten ganze Kerle sein und ihre Herde oft unter Einsatz des Lebens gegen wilde Tiere und Räuber verteidigen.

Ein Hirte geht den Verirrten nach und bringt sie zur Herde zurück. Er hat Geduld, wo andere ungeduldig werden. Er versteht, wo andere nicht verstehen können oder wollen. Er liebt, wo andere hassen. Wir verstehen‚ daß an sich nur Jesus dieses Bild eines Hirten voll ausfüllen kann. Aber sicherlich gibt es auch Menschen, die sich diesem Bild ziemlich nähern.

Der 1. Petrusbrief zählt noch andere Eigenschaften des rechten Hirten auf. Im Grunde ist es nichts Besonderes, was da den Ältesten und den Jüngeren gesagt wird. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß diese Gemeinde eine Notzeit durchzumachen hat, nämlich eine zentral gelenkte Christenverfolgung.

Die Not wertet vieles um und verlangt eine neue Rangliste der wichtigsten Dinge. Neue Verhältnisse verlangen, daß auch Neues gewagt und wichtig gemacht wird. „Not kennt kein Gebot“, sagt man. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliches Regeln und Maßnahmen.

Aber im 1. Petrusbrief ist statt dessen die Rede von lauter Selbstverständlichkeiten und alltäglichen Dingen. Die Gemeindeglieder werden ermahnt, ein ordentliches Leben zu führen. Vor allen  Dingen sollen sie am Glauben festhalten, der sich nun erst recht im Alltag bewähren muß.

Durch Notmaßnahmen könnte man nämlich leicht verlieren‚ was man retten wollte. Vor allem könnte auch der Glaube leiden an den Gott, der seine Leute auch durch das Leiden hindurch erhält. In Notzeiten helfen nicht alle möglichen Tricks, sondern nur ein unbeirrbarer Glaube an Gott. Der 1.Petrusbrief warnt noch vor drei Versuchungen:

1 . Keiner sehe sein Amt als eine Last an, er übe es nicht gezwungen , sondern willig aus. Die Gemeinde sieht meist nur die Sonnenseiten des Amtes. Aber es gibt auch viel Mühseliges und Belastendes: Man kämpft um Menschen, aber letztlich geht die Ehe doch kaputt oder ein Mensch nimmt sich das Leben. Man geht Menschen nach, aber sie wollen sich nicht rufen lassen oder helfen lassen. Und dennoch kann es in der Kirche keinen „Dienst nach Vorschrift“ oder nur nach dem Arbeitsvertrag geben. Wer mithelfen will, der soll es gern und willig tun.

2. Als nächstes wird verlangt: „Nicht um schändlichen  Gewinns willen!“ Nun wird in Notzeiten wohl kaum einer ein Amt in der Kirche annehmen, um dadurch große Gelder einzuheimsen. Aber es könnte doch einer sagen: „Jetzt können wir es mit Gelddingen nicht mehr so genau nehmen!“ Demgegenüber wird aber gesagt: Auch das ist eine Glaubenssache. Gerade in der Not kommt es darauf an, auch im Geringsten treu zu sein. Hab und Gut der anderen müssen zuverlässig und exakt verwaltet werden, in der Verwaltung gemeindlicher Gelder muß absolute Sauberkeit herrschen.

3. Eine dritte Versuchung ist die Aufrichtung neuer Leitbilder. In Notzeiten verläßt man sich gern auf einen Führer und Herrscher. Doch Geltungssucht und Machthunger haben in der Gemeinde schon schrecklichen Schaden angerichtet. Hirtendienst besteht aber vor allen Dingen in der Fürsorge. Das lehrt das Vorbild Jesu, der nicht herrschen‚ sondern dienen wollte.

Er will uns alle in seinen Dienst rufen. In der heutigen Zeit kann er nicht allen selber nachgehen, er braucht viele Helfer. Gerade die Besuche bei Gemeindegliedern werde n in Zukunft eine immer größere Bedeutung erlangen.

Hoffentlich finden sich auch in unserer Gemeinde immer wieder Menschen, die Fernstehende und Zurückhaltende, Kranke und Einsame immer wieder besuchen. Es sage nur keiner: „Das kann ich nicht!“ Sicher kann nicht jeder gleich ohne Ausbildung Religionslehrer oder Kantor oder Pfarrer werden; gar nichts wäre da besser als Falsches. Aber wenn einer zu zaghaft ist, obwohl er etwas kann, dann muß man ihm sagen: „Der Herr steht hinter dir und übernimmt die Verantwortung!“ Selbst wenn etwas schief geht, dann biegt der Herr es schon wieder zurecht.

Das können wir uns deutlich machen an Petrus‚ dem dieser Brief zugeschrieben wird, obwohl er nicht von ihm stammen kann. Petrus war ein Versager, der zur zurückgeholt werden mußte in den Dienst Jesu. Aber dann ist er Hirte gewesen bis zur Drangabe seines Lebens.

Er ist zu denen gegangen, die den lockenden Ruf des Hirten Jesus Christus noch nicht gehört hatten. Er hat viel für die Kirche geleistet und war doch nur ein „Mitältester“. So wie Jesus und so wie Petrus wollen wir uns auch zu den verlorenen Schafen aufmachen und dabei unsren Oberhirten um Kraft bitten.

 

 

Jubilate: 2. Kor 4,16-18

In Paris mußte einmal ein ganzer Stadtteil erneuert werden. Die Einwohner wurden evakuiert und sollten auf die anderen Stadtteile verteilt werden, in alle Winde verstreut. Nun standen sie am Rand ihres Wohnbezirks und sahen, wie ihre Häuser niedergebrannt wurden. Aber sie waren nicht traurig: Sie hatten ja die Baupläne für die neuen Häuser gesehen. Alles sollte ja doch moderner und schöner und besser werden. Sie kannten auch den Baumeister, den Architekten, der ihnen die neuen Häuser bauen wollte. Sie hatten Vertrauen zu ihm; er würde ihnen schon wieder eine neue und schönere Heimat geben. Im Augenblick fiel es schwer, Abschied zu nehmen von der altvertrauten Umgebung, von den Nachbarn und Freunden. Aber sie würden wieder zurückkehren in ihren alten Stadtteil, der aber inzwischen ein neuer geworden war.

So geht das auch mit unserem Leben. Unser Leib ist solch ein alter Stadtteil, der abgebrannt werden muß. Er paßt nicht mehr in die neuen Verhältnisse, paßt nicht mehr zu dem Leben, das Gott uns geben will. Dieses Leben hat einmal ein Ende und wird abgebrochen. Aber dann kann uns ein Trost sein: Wir müssen zwar weg in die Fremde, durch das dunkle Tor des Todes. Wir müssen all unsre Lieben zurücklassen. Wir können auch alle materiellen Güter dieses Lebens nicht mitnehmen. Unser Dasein wird sich total verändern - aber seit der Auferste­hung Jesu an Ostern ist uns die neue Welt bei Gott verheißen.

 

Die Hoffnung ist nicht diesseitig:

Doch es genügt nicht, daß wir nur unsere alte Welt nur auf eine neue Weise sehen wollen oder den alten Menschen und die alte Welt nur renovieren wollen. Es geht wirklich um Abbruch und Neuaufbau. Damit soll nicht alles auf die ewige Zukunft vertagt werden, was bereits in der sichtbaren Welt getan werden kann und soll. Wir müssen beim Gedanken an die Ewigkeit nicht ein finsteres Gesicht ziehen und können unsere Aufgaben in der Welt mit Zuversicht anpacken. Wir brauchen nicht zu verzagen, wenn unser irdisches Tun an enge Grenzen stößt. Dies aber nicht, weil das erwartete Letzte sowieso nicht kommt, sondern gerade  w e i l  es kommt.

Einige Korinther meinten, sie seien über die Grenzen des irdischen Lebens schon hinweggekommen und hätten in ihren vom Geist erfüllten Erlebnissen bereits die Vollendung. Sie verlangten, das Neue schon jetzt sehen. Sie wollten schon auf der Erde im Himmel leben, eine Vorstellung, die sie mit vielen anderen Heilslehren in dieser Welt teilen.

 

Das Leiden gehört mit zu unserer Welt:

Deshalb war diesen Korinthern der leidende Apostel in seiner Schwachheit und Unscheinbarkeit kein überzeugender Christusbote. Ein vollgültiger Apostel müßte doch eine hervorragende Persönlichkeit sein, die das Himmlische in unmittelbar einleuchtender Weise vor Augen stellt. Sie haben nicht begriffen, daß der Glaube von dem lebt, was jenseits des Menschlichen liegt.

Das Innenleben der Menschen ist immer noch der Hinfälligkeit und den Anfechtungen der vergehenden Welt ausgesetzt. Christen müssen nicht einen verklärten Tod sterben, sondern sie sind Teil der Natur und damit ihrer Vergänglichkeit unterworfen.

Wir versuchen aber, das zu bekämpfen was unseren äußeren Menschen zerstört. Wir gehen regelmäßig zum Arzt, wir schlucken unsere Pillen, wir gönnen uns vermeintlich gesunde Nahrung und Wellness. Aber früher oder später setzt der Tod seine Zeichen, schon mitten im Leben: Die Spannkraft läßt nach, die Beweglichkeit, die Leistung der Sinnesorgane - der alternde Mensch wird anderen und sich selbst zur Last. Wir müssen auch feststellen, daß man jenseits der 70 nicht mehr so gut vom Gesundheitssystem versorgt wird und ruhig einmal bei roter Ampel über die Straße gehen darf. Und vielleicht wird uns auch bewußt, daß der Tod der Sünde Sold ist, die Strafe für die Sünde.

Paulus rühmt sich seiner Schwachheit und seiner Gebrechen. Sie sind ihm kein Anzeichen dafür, daß der Herr sich mit seiner Liebe und Fürsorge von ihm zurückgezogen hat,  sondern  dafür, daß er den Schwerpunkt deutlich zum Kommenden hin verlagert.

Zwischen der gegenwärtigen Trübsal und der kommenden Herrlichkeit ist ein gar nicht groß genug zu denkender Unterschied.  Leiden und Herrlichkeit sind nicht nur die beiden Seiten einer Münze. Das bißchen Trübsal ist zeitlich begrenzt und die Herrlichkeit hat ein jedes Maß übersteigendes Übergewicht. Das Kommende ist so groß, daß es sich nicht lohnt, über das zu jammern, was jetzt weh tut.

Es ist vielleicht ein bißchen viel verlangt, wenn wir die mehr oder weniger deutlichen Anzeichen des Sterbens positiv bewerten sollen. Wir brauchen uns unserer Gesundheit nicht zu schämen - wenn wir sie denn haben. Aber wir werden auch das andere aus Gottes Hand nehmen. Je bedrängender die Leiden werden, desto mehr sollten wir Gott am Werk sehen, der uns ans Ziel bringt. Aber wir können in guten Tagen uns innerlich in die Möglichkeit einüben, daß Gott im Abbau unseres äußerlichen Menschen gerade sein Bestes an uns vollbringen will. So wird der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert. Dieser ist nicht sichtbar, aber wir dürfen mit ihm rechnen.

Der Neubau:

Der Neuaufbau geschieht unter Beibehaltung des ursprünglichen Entwurfs. Gottes erste Schöpfung wartet auf die zweite, in der sie vollendet und ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt wird. Wir kennen ja den Architekten, der uns das Neue bauen wird. Wir dürfen sogar „Vater“ zu ihm sagen. So wie ein Vater doch oftmals sein Haus für die Kinder ausbaut und erneuert, so bereitet uns auch der himmlische Vater eine neue Wohnung vor. Er wird sie so gut einrichten, daß wir alles haben, was wir brauchen. Wir werden uns wohlfühlen dort. Und wir dürfen Vertrauen haben zu Gott, der schon weiß, was er mit uns vorhat und was er uns Neues schenken wird.

Es geht nicht um Vertröstung, sondern wir dürfen uns heute schon freuen. Wenn ein Mann sich ein Häuschen baut mit weitgehender Eigenleistung, dann sieht er schon den fertigen Bau vor sich und freut sich schon jetzt: Eines Tages wird sein Haus stehen. So dürfen auch wir schon heute wissen, daß uns die Ewigkeit gewiß ist.

Die Gewißheit des Neuwerdens entwickelt eine verblüffende Wirkungskraft. Paulus weiß, daß er nicht abgehängt ist. Das gibt ihm neue Kraft, so daß er nicht mehr kaputtzukriegen ist. So stachelt auch uns jede kleine Hoffnung in unserem Leben neu an. Wir dürfen uns auf etwas Künftiges freuen. Das macht auch die Wartezeit erfüllt und beschwingt.

Gewiß: Für den alternden Menschen engt sich der Spielraum des Hoffens immer mehr ein. Die Gedanken wenden sich mehr nach rückwärts statt nach vorn, wo nur der Tod ist. Aber deshalb muß man nicht gierig nach allem greifen, was sich eben noch bietet. Man kann sich noch einsetzen, erträgt Belastungen und Nöte, kämpft sich durch Widerstände hindurch, weil es sich lohnt. Wir sehen im Schmerzhaften und Bedrängenden meist nur das Zerstörende und Zersetzende. Aber weil in Christi Auferstehung die neue Kreatur begründet ist, wirkt sich das Zerstörende aufbauend aus. Einen, der sein Leben so versteht, kann nichts mehr erschüttern, denn er ist abgehärtet gegenüber allen Rückschlägen und Mißerfolgen.

Das neue Leben bei Gott wird anders sein; aber es wird dem irdischen Leben sehr ähnlich sein, nur ohne dessen Fehler und Schwächen. Man muß sich ja hin und wieder einmal verbessern und auch einen Fortschritt sehen. Gott will uns dazu verhelfen.

Deshalb dürfen wir uns ganz in die Hände dieses Herrn befehlen. Es sind schützende und bewahrende Hände, aber auch sorgsame und aufbauende Hände. So wie man einen verletzten Vogel in den Händen schützt, so will auch Gott uns mit seinen starken Händen bewahren, im Leben und im Tod.

 

Ein Kind vertraut sich ja auch bedenkenlos den Händen des Vaters an. Es geht blindlings mit, weil es weiß: Der Vater wird mich schon den richtigen Weg führen, bei ihm kann nichts schiefgehen. Der Vater wird es schon halten und nicht fallen lassen. Und so können wir uns auch den starken Händen Gottes anvertrauen.

Wir müssen uns fragen, ob wir Vertrauen haben zu dem Gott, der uns nach dem Tod neu schaffen will und uns Zukunft geben kann. Jeder Tod ist eine Frage an uns, die wir weiterleben: Wie stehst du zu Gott? Kannst du dem Ende deines Lebens mit Ruhe entgegensehen oder mußt du Angst haben vor der Begegnung mit Gott? Ist er nur ein strenger Richter für dich oder wartest du auf einen liebenden Vater?

Wer sich in diesem Leben zu Gott gehalten hat, den wird  e r  auch halten in der letzten Stunde seines Lebens. Er wird ihn durch den Tod hindurch zu sich holen. Wer dessen gewiß ist, kann auch seiner letzten Stunde getrost entgegensehen.

 

 

Kantate: Apg 16, 23 - 34

[Vorspann vor der Textlesung: Nachdem Paulus und Silas in Philippi auf Befehl des höchsten römischen Beamten ausgepeitscht worden waren, warf man sie ins Gefängnis]

Wir hören und lesen täglich von schweren Unglücksfällen und bedrohlichen Situationen für Menschen: Ein Flugzeugabsturz, ein Brandunglück, kriegerische Verwicklungen. Wir erfahren von Menschen, die gefoltert werden oder in Lager gesteckt werden. Ob die Betroffenen wohl in dieser Situation beten  werden? Wir sagen ja: „Not lehrt beten!“ Vielleicht lernt man es erst in einer solchen Lage richtig.

Aber wir können uns doch kaum vorstellen, daß man in einer solchen Gefahr auch noch Gott lobt. Genau das aber wird vor Paulus und Silas berichtet, als sie in Philippi im Gefängnis sitzen. Ihre Füße sind in den Block gelegt und am nächsten Tag werden sie vielleicht zum Tode verurteilt. Ihrem Wirken ist zunächst einmal ein Ende gesetzt. Wo Gott seine Macht erweist, da ist auch der Widersacher immer gleich da.

Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Einige Leute waren schon für das Christentum gewonnen. Aber sie werden kaum das Zeug haben, das Evangelium weiterzuverbreiten. Was eben erst zu keimen begonnen hat, erstickt schon wieder. Was werden wohl die denken, die vielleicht schon die Absicht hatten, sich taufen zu lassen? Sie müssen doch denken: Dieser Christus läßt wohl seine Leute im Stich, die Überbringer der „guten Nachricht“ werden brutal mißhandelt und die Sache wird sich nicht lange halten können. Das ist keine gute Reklame für den neuen Glauben.

So geht es den Kindern, die wegen des Besuchs von kirchlichen Veranstaltungen ausgelacht werden. Da sagen die anderen in der Klasse: „Wer da hingeht, der ist doch dumm!“ Wer ein bißchen empfindlich ist, wird sich das nicht gern sagen lassen wollen. Dann geht er nicht mehr hin, um nicht ausgelacht zu werden. Man läßt sich nicht so gern auf eine Sache ein‚ bei der man von vornherein sieht: Man wird äußerlich betrachtet nur Nachteile davon haben1

Auch die Erwachsenen rechnen sich aus: Du könntest Nachteile im Beruf haben! Oder zumindest könntest du Vorteile haben, wenn du dich von der Kirche trennst. Weshalb sich Unannehmlichkeiten machen, wenn man es leichter haben kann; es ist doch immer einfacher, mit dem Strom zu schwimmen.

Die Geschichte von Beten und Singen der Apostel will uns helfen, von dem Starren auf die Nöte des Augenblicks frei zu werden. Es ist nicht gut, wenn man klagt: „Ich bin doch für Gottes Sache eingetreten und jetzt geht es mir gerade deswegen zu schlecht!“ Paulus und Silas quälen sich nicht mit Gedanken über ihre ausweglose Lage. Sie jammern nicht und machen Gott keine Vorwürfe.

Das ist so unsre Art, wenn einmal etwas nicht nach unsren Wünschen läuft. Aber Grund zum Klagen hätten eher die Apostel gehabt. Wir haben es heute leicht, Loblieder zu singen. Wir haben den Sonntag „Kantate“, da ist das dran. Aber wenn man im Gefängnis Loblieder anstimmen soll, dann scheint das doch so unbegründet und sinnlos zu sein wie nur möglich.

Aber diese Männer können das, weil sie vorwärts schauen auf das Ziel der Wege Gottes. Sie wissen: „Was jetzt geschieht, ist nur vorläufig. Gott hat noch mehr mit uns vor!“ Und diese künftigen Taten Gottes preisen sie. Mitten im Leiden vertrauen sie ihren Lebensweg ihrem Gott an und stellen ihm die Zukunft anheim.

Aber das war öfters so in der Geschichte der Kirche. Gerade in Verfolgungszeiten ist das Gott gewachsen. Wir singen heute nach dem Vaterunser den Lobpreis: „.....denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!“ Dieses Bekenntnis hat sich gerade in einer Zeit in der Kirche durchgesetzt, als die Verfolgungen begannen und immer schärfer wurden. Man hat damit doch sicher ausdrücken wollen: „Trotz allem - unserm Gott ist das Reich in alle Ewigkeit!“

Diese Gewißheit werden wir aber nur erlangen, wenn wir fest an der Sitte des Gebets und des Lobpreises festhalten. Das tägliche Gebetsläuten will uns daran erinnern. Das regelmäßige Gebet sollte uns keine Last sein. Je sorgfältiger wir an ihm festhalten, desto mehr wird es uns helfen. Wer nur auf den Augenblick wartet, wo er einmal Lust zum Beten hat, der lernt es nie.

Wir brauchen auch etwas Ordnung und Einübung. Die Gewöhnung wird uns dann auch tragen und über Krisen hinweghelfen. Woran sich die Gemeinde in vielen Jahrhunderten gehalten hat,  das ist auch uns in der Stunde den möglichen Schwachwerdens eine Hilfe. Deshalb sollten wir auf die altvertrauten Gebete und Lieder zurückgreifen. Damit stellen wir uns in die Gemeinde der Beter und werden von ihr mitgetragen, weil unser Ruf tausendfach verstärkt wird. Dadurch erwacht auch oft die innere Bereitschaft zum Beten; was zunächst nur Formsache und Gewöhnung war, wird zur Herzenssache.

Wer betet und Gott lobt, der gibt damit zu erkennen, daß er auch in einer ausweglosen Lage eine Hilfe und einen Halt hat. Äußerlich gesehen mag es vielleicht nicht viel anders werden. Ein Christ hat es genauso schwer wie andere Leute auch. Und die Striemen von der Peitschen haben die Apostel nicht weniger geschmerzt als bei anderen Leuten.

Aber sie hatten einen Punkt außerhalb, an den sie sich halten konnten und vom dem Kräfte bis ins Gefängnis hineinreichten. Sie wußten genau, daß Christus auch diese Situation fest in der Hand hat. Und sie wußten: das augenblickliche Leid, alle Demütigungen und Schmerzen, aller Jammer und alle Not, gehören mit zu der Führung Christi. Aber sie sind nicht unabänderlich, sondern werden überboten durch eine große Hoffnung.

Ja, Loblieder waren im Gefängnis von Philippi sicher etwas Neues. Aber für viele Christen in ähnlicher Lage ist diese Geschichte zum Vorbild geworden. Wer so betet und lobt, der ist gewiß, daß der lebendige Herr zu seiner Stunde seine Sache weiterführen wird. Auch in den Konzentrationslagern haben die Christen gesungen und gebetet und sogar das Abendmahl gefeiert. Dietrich Bonhoeffer hat im Gefängnis Gedichte und Lieder geschrieben.

So etwas hat natürlich auch seine Ausstrahlungskraft auf die anderen, die es hören. Selbst wenn man die Boten Gottes hindern will, können sie noch wirken, wenn Gott es will. Im Ge­genteil: Auf diese Art und Weise haben sie Menschen erreicht, zu denen sie sonst nie gekommen wären. Auch im Gefängnis soll man doch von Gott hören. Und das Lob Gottes wird vielleicht gerade dort am glaubhaftesten gesungen, wo es aus der Tiefe kommt.

Für Paulus und Silas tun sich hier im Gefängnis Türen auf, nicht nur im wörtlichen Sinne, sondern auch die Türen zu den  Herzen der Menschen. Der Erste, bei dem das deutlich wird, ist der Gefängnisaufseher. Der möchte auf einmal auch zu dieser Männern gehören, die im Gefängnis ihren Gott loben und dann noch die anderen Gefangenen von der Flucht abhalten. Sie haben ihm ja das Leben gerettet, denn wenn nur e i n Gefangener gefehlt hätte, wäre es ihm an den Kragen gegangen. So aber ist er durch das Bekenntnis und das Handeln der Apostel mit Gott zusammengebracht worden.

Der Gott dieser Männer hat aber auch zu erkennen gegeben, daß seine Boten nicht festgehalten werden sollen. Die Missionierung Europas kommt in Philippi nicht zum Stillstand, sondern beginnt erst richtig. Auch das innerste Gefängnis ist ihm nicht zu fest verschlossen,

der lebendige Herr setzt sich doch durch: Er gibt offene Türen auch zu den Herzen der Menschen.

Das Erdbeben war ja nur ein kleines Wunder. Es ist gar nicht gesagt, daß es postwendend auf das Gebet der Apostel folgte. Sie werden nur die üblichen Gebete gesprochen haben und gar nicht um ihre Befreiung gebetet haben. Aber natürlich besteht hier doch ein Zusammenhang: Wer so betet und lobt, der ist gewiß, daß der lebendige Herr schon die Seinen erretten wird und ihnen einen neuen Auftrag gibt.

Das große Wunder aber kam erst noch: Eine ganze Familie wurde getauft! Es sieht so aus, als habe Gott das alles nur inszeniert, weil er am Ende mit dieser Familie ans Ziel kommt. Das mag uns ein ziemlich kompliziertes und umständliches Vorspiel sein. Aber billiger ging es offenbar nicht.

Soviel ist also ein Mensch bei Gott wert: Er scheut keine Umwege, bringt viele Opfer, setzt manches in Bewegung und bahnt sich mühsam den Weg zu diesen Menschen. Es muß nicht in jedem Fall zu um jeden Einzelnen gekämpft werden. Aber vielleicht könnten wir doch einmal voller Dankbarkeit erkennen, was Gott alles aufgeboten hat, um u n s zu gewinnen‚ wie viele Menschen dafür nötig waren und wie viele Umwege er uns dabei hat fuhren müssen.

Es ist doch nicht so, daß wir nur einfach in diesen Glauben hineingewachsen wären. Einmal hat sich jeder entscheiden müssen, ob er dabei bleibt und ob der Glaube ihm etwas bedeutet.

Mancher hat sicherlich geschwankt und im ersten Augenblick noch nicht gewußt, wie es weitergehen wird. Und auch später kommen immer wieder einmal Zeiten , wo es auf der Kippe steht. Dann kommt es darauf an‚ daß man in einer Familie und in einer Gemeinde steht‚ die Rückhalt geben können. Dem Einzelnen wird dadurch die Entscheidung nicht abgenommen; auch bei dem Gefängnisaufseher mußte es erst einmal gezündet haben.

Aber dann hat er seine ganze Familie hinter sich, sind sie eine richtige kleine Gemeinde. Nach der Taufe setzen sie sich an den gedeckten Tisch und haben vielleicht bei dieser Gelegenheit auch das Abendmahl miteinander gefeiert. Mit dem Lobgesang der Gefangenen hatte die Geschichte begonnen, nun endet sie mit dem Jubel des Gefängnisaufseher und seiner Familie.

Sie können sich alle freuen, weil diesen Hause Heil wiederfahren ist.

Nicht nur die Apostel wurden in dieser Nacht frei, sondern auch die Wächter. Was zunächst als das Ende erschien, wurde zum neuen Anfang. Der Herr läßt sich eben nicht aufhalten, er ist auferstanden und lebt und wirkt. In dieser Gewißheit will uns der Sonntag „Kantate“ führen. Vielleicht gibt es auch bei uns solche Familien, wo miteinander gebetet und gesungen wird. Dann würden von da aus auch Türe geöffnet werden können und Menschen das Heil in Christus ergreifen.

 

 

Rogate:

Noch nicht bearbeitet

 

 

Himmelfahrt: Offb. 1 ,4 - 8

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, hat es mit solchen Dingen zu tun, die man heute aus dem Fernsehen oder durch die Zeitung erfahren würde. Es geht um Kriege und Unruhen, Aufstände und deren Niederschlagung, Hungersnöte und Preislawinen, Seuchen und Naturkatastrophen. Und in dem allen lebt und wirkt die kleine Christengemeinde, die vom Staat bedroht und verfolgt wird. So sah der Alltag für die Christen am Ende des 1. Jahrhunderts aus.

Da konnte schon die Frage aufkommen: Wer regiert die Welt? Ist es der grausame Kaiser Domitian? Sind es die Generäle oder die Wirtschaftsführer oder die Geheimdienste? Oder ist es der Gott der Christen, der die Welt erschaffen hat und erhält? Unser Glaube ist, daß Gott der Herr der Weltgeschichte ist und in der Welt regiert und das Sagen hat.

Was er aber tut, das tut er durch uns Christen. Die Christenheit darf nicht Däumchen drehen und darauf warten, was ihr Herr vom Himmel her unternehmen wird. Da würden wir unseren Auftrag versäumen und hätten nicht erkannt, daß Gott aktiv wirken will.

Nur sind die Wirkungen des erhöhten Herrn nicht auf die Aktivitäten der Christen beschränkt. Und erst recht dürfen wir nicht so tun, als sei unser Tun deshalb erforderlich, weil Jesus ja nicht mehr als Person zur Stelle ist.  Vielmehr hält der erhöhte Christus auch da die Dinge in der Hand, wo wir der Situation nicht gewachsen sind und nur allzuleicht alles für verloren halten.

Die Offenbarung des Johannes ist ein Trostbuch für die angefochtene Gemeinde. In ihrem Gottesdienst findet sie Kontakt mit der „oberen Wirklichkeit“, mit dem dreieinigen Gott. Dieser Gott war in Jesus Christus da, aber er ist in ihm auch der Kommende, der ihnen die Zukunft garantiert. Alles ist in den Händen Jesu.

Jesus ist als König beim Vater: Himmelfahrt läßt zunächst den Eindruck entstehen ,als sei Christus den Menschen entrückt und entzogen. Er weilt ja nicht mehr sichtbar unter den Seinen, sondern er ist wieder in die Verborgenheit Gottes eingetaucht. Es sieht so aus, als sei die Welt wieder ohne Gott.

Es sieht also so aus, also ginge die Geschichte der Welt weiter ihren Gang, ohne Christus, sich selbst überlassen, mit einer unaufhaltsamen Eigengesetzlichkeit. Und was „in Kürzer“ geschehen soll, das ist auf einmal belastend und beängstigend. Die Geschichte verläuft so, als hätte Gott in der Welt verloren. Verloren hat Gott, wo in der Welt gestöhnt und geseufzt wird und wo er der Nöte nicht mehr mächtig zu sein scheint. Verloren hat er aber auch, wo der römische Kaiser triumphiert und er sich gegen seine Selbstvergötzung nicht durchsetzen kann. Die glaubende Gemeinde leidet unter der Verborgenheit Gottes.

Mitten in diese Lage hinein hat Johannes seinen Friedensgruß auszurichten: „Gnade sei mit euch und Friede!“ Dieser Gruß scheint wie ein Hohn zu sein. Aber der Glaube denkt nicht nur auf  e i n e r  Ebene. Er sieht über das Erfahrbare hinaus und rechnet mit dem, was nicht von dieser Welt ist.

Doch die Welt bleibt nicht sich selbst überlassen. Jesus kommt. Er bleibt nicht im Hintergrund, in seiner tiefen Verborgenheit. Er will wieder in der Welt Fuß fassen. Ja, noch mehr: Er will in ihr wieder der Herr werden und sich in ihr durchsetzen. Er ist nicht durch die Erhöhung von uns fern gerückt, sondern er hat Teil an der Weltgegenwart und an der Gewalt Gottes.

Allerdings ist seine Herrschaft noch unter dem Kreuz verborgen. Wir können es nicht sehen, daß er Macht hat über die Geschichte. Aber es geschieht nichts ohne seinen Willen. Natürlich: Wer von dem Kommenden nichts wissen will, wird an seiner Herrschaft irre werden. Aber die wartende und hoffende Gemeinde nimmt seinen Friedensgruß an als die gültige Zusage seines Kommens.

Auch die sündige Welt bezieht alles aus seiner Hand, was sie zum Leben braucht, auch wenn sie es nicht wissen will. Auch der Kaiser hätte sein Amt nicht, wenn Gott es nicht wollte. Auch der amerikanische und der russische Präsident sind Werkzeuge Gottes. Der amerikanische Präsident würde dem sicher sofort zustimmen, denn er fühlt sich so etwas wie ein Stellvertreter Gottes, zumindest für sein eigenes Land. Der russische Präsident dagegen wird nicht anerkennen wollen, daß er im Auftrag Gottes handelt. Aber vielleicht tut er mehr im Sinne Gottes als die, die sich Christen nennen.

Durch seine Erhöhung wurde Jesus nicht nur so etwas wie ein König, ein Herrscher, der an der Regierung über die Welt beteiligt ist. Er ist auch so etwas wie ein Priester, der Vermittler zwischen Gott und den hoffnungslos von Gott Entfremdeten. Er macht Frieden und verbürgt sich mit seiner Person dafür. So regiert er nicht gegen die Welt, sondern f ü r sie.

Sicher wird man fragen, warum zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft so ein quälend langer Zeitraum bleibt, in dem die Sünde sich in der Welt immer noch austoben kann. Aber Christi Verborgenheit ist auch die Chance für die Welt: Die Welt besteht noch, weil sie diesen Für­sprecher hat. Vielleicht hätte diese verkommene Welt schon längst ein Ende haben müssen. Aber weil Jesus wie ein Priester für die Seinen bittet, wird das Gericht erst noch aufgehalten.

Jesus macht aber auch uns zu Priestern: Die sieben Gemeinden sind die Kirche mitten in der Welt, Gottes Volk, die endzeitliche Schar, der die Verheißungen der Schrift gelten. In diese Gemeinde begibt sich Christus hinein, damit dort ein Stück des himmlischen Lebens Platz greift.

Himmelfahrt begründet einmal die Königsherrschaft Jesu Christi, aber auch seine bleibende Nähe zu den Glaubenden. Er hat sie von Sünden frei gemacht. Nun werden sie ihr Leben so zu führen trachten, daß sie ihm gefallen und seiner Art ähnlich werden. Das wird für das Miteinander nicht nur in der christlichen Gemeinde, sondern auch im Zusammensein mit Nichtchristen weitreichende Folgerungen haben.

Nur muß man der immer wieder anzutreffenden Auffassung widersprechen, das Reich Gottes bestehe nur in einer neuen Verhaltensweise, in neuen Grundsätzen des menschlichen Zusammenlebenes, in einem großen Ordnungmachen in der Welt. So verstehen ja immer noch viele den kirchlichen Unterricht. Die Eltern sagen zu ihrem Kind: „Geh du nur dort hin, da lernst du nichts Schlechtes!“ Und am Anfang des Katechismus stehen ja auch die 10 Gebote, so daß sich das Mißverständnis nahelegt, als seien sie das wichtigste am Glauben.

Doch viel wichtiger ist, daß wir erst einmal von der Macht der Sünde freigekauft werden. Solange wir noch unter der Sünde sind, sind wir unfrei. Christus kann seinen Willen in unserem Leben nicht durchsetzen, ehe nicht die Belastung weg ist. Jesus aber will es zu einem neuen Anfang kommen lassen.

So erfahren wir immer wieder Jesu priesterliches Tun an uns selbst. Dadurch beruft er uns aber alle zu Priestern. Priester sind Menschen, die dem Dienst Gottes geweiht sind und sich für andere bei Gott einsetzen. Aber Jesus hat das Entscheidende zu tun. Die Versöhnung ist allein sein Werk. Keiner von uns kann dem priesterlichen Tun Jesu etwas hinzufügen. Nur    m i t  ihm können wir beim Vater für andere eintreten. So bleibt Gottes Reich nicht auf seine Gemeinde beschränkt, sondern es weitet sich aus, indem diese wächst.

Es läge nahe, daß um ihres Glaubens willen bedrängte Menschen ihren Widersachern gegenüber hart und feindselig werden, auf alle Fälle aber zurückhaltend und verschlossen. Man muß schon in der Sache scharf bleiben und widersprechen, wenn die Beteiligung am Kaiserkult verlangt oder der christliche Glaube auf andere Weise zum Bekennen herausgefordert wird. Aber das darf an der priesterlichen Existenz der Christen für die Welt nichts ändern.

Um dieses Auftrags willen werden wir die Zwischenzeit nicht ungeduldig abkürzen wollen. Einerseits sehnt man sich danach, daß die Verborgenheit des erhöhten Herrn bald aufgehoben wird. Andererseits möchte man wünschen, daß noch Zeit bleibt‚ um derer willen, die ihn noch nicht kennengelernt und angenommen haben.

Niemand kommt an dem zu Gott erhöhten Christus vorbei. Wer den Frieden und die Gnade Gottes ausschlägt, kann keinen anderen Retter finden. Unsre Entscheidungen haben eine große Tragweite, die Sache Gottes ist kein Kinderspiel. An Christus kommen wir nicht vorbei. Er ist das A und das O, der Anfang und das Ende. An ihm entscheidet sich Wohl und Wehe aller Menschen. Aber er ist froh über jeden, den er für immer mit sich verbinden kann.

 

 

Exaudi:  Jer 31 , 31 - 34

Wir wollen neu anfangen! Das haben wir uns schon oft an bestimmten Punkten des Lebens vorgenommen. Eine Gelegenheit ist zum Beispiel die Konfirmation und der erste Abend­mahls­gang. Es ist gut, wen man wieder einmal neu anfangen kann, wenn man zurücklassen kann, was das Herz beschwert und das Gewissen belastet.

Bei manchen Gelegenheiten ist Gott uns schon ganz nahe zu kommen. Jeremia spricht von dem neuen Bund, den Gott mit den Menschen schließen will. Ein Bund wurde damals nicht zwischen zwei gleichberechtigten Partnern geschlossen, sondern ein Mächtiger schloß mit einem Schwachen einen Bund und gewährte ihm darin Schutz und Rechtssicherheit. So hatte Gott einst sein Volk Israel an der Hand gefaßt und aus Ägypten herausgeführt. In dem Bundesschluß am Sinai hat er dieser starken Zuwendung eine feste Gestalt gegeben. Gott und sein Volk sollten von nun an immer zusammengehören.

Auch mit uns hat Gott einen Bund geschlossen in der Taufe. Ein Bund verpflichtet. Gott hat sich zuerst verpflichtet, daß er unser Gott sein will, das ganze Leben lang und darüber hinaus. Aber selbstverständlich sollen auch wir uns bundesgemäß verhalten. Heute ist für uns alle Gelegenheit, uns zu diesem Taufbund zu bekennen, besonders gilt das auch für die Konfirmanden.

Doch wenn wir ehrlich sind, dann geben wir auch zu, daß wir diesen Bund schon oft gebrochen haben. So war das auch schon mit dem Volk Israel. Der erste Bund konnte nicht funktionieren, weil er mit Sündern geschlossen war. Nun ist er zerbrochen und Israel hängt praktisch in der Luft und genießt keinen Schutz mehr. In dieser Situation ist es wie eine Erlösung, wenn Jeremia einen neuen Bund ankündigen darf.  Gott beendet die Rechtsunsicherheit, er will sich von neuem selbst an sein Volk wenden. Die Talsohle ist bereite durchquert, es geht wieder aufwärts, das Volk darf neue Hoffnung schöpfen.

Gott fängt mit uns noch einmal neu an. Das ist die frohe Botschaft, die wir immer wieder hören dürfen. Gott sagt nicht: „Wir wollen es noch einmal miteinander versuchen, vielleicht kommt beim zweiten Anlauf etwas Besseres dabei heraus!“ In den neuen Bund kommt Jesus mit hinein. Er besiegelt den Bund mit seinem Blut. Früher war jeder Bundesschluß mit einem Tieropfer verbunden. Die Indianer ritzten sich die Haut auf und vermischten das Blut miteinander, um Blutsbruderschaft zu schließen. Jesu Blut aber war noch wertvoller, so daß es dem neuen Bund zwischen Gott und den Menschen viel mehr Festigkeit und Dauer verleihen konnte.

Darauf dürfen wir heute dem Finger legen und uns auf das einmal gegebene Wort berufen. Gott hat ja bindende Zusagen gemacht, da dürfen wir auch im Namen Jesu um Gnade bitten.  Wir dürfen uns auf den Bund berufen, an dem vor allem drei Dinge neu sind:

Gott schreibt sein Gesetz in das Herz der Menschen. Alle werden Gott erkennen und anerkennen. Gott wird den Menschen ihre Schuld vergeben.

 

(1.) Gott schreibt sein Gesetz in das Herz der Menschen: Früher war das Gesetz auf steinerne Tafeln gemeißelt oder in Buchrollen geschrieben. Jetzt aber wird der Mensch jederzeit um Gottes Willen wissen. Er wird tun wollen, was Gott gefällt. Er wird den Willen Gottes nicht als etwas Fremdes und Forderndes empfinden, sondern aus dem eigenen Inneren heraus ihn verwirklichen wollen. So ist das ins Herz geschriebene Gesetz im Grunde kein Gesetz mehr, sondern en fördert die Freiheit des Menschen.

Gott könnte uns natürlich auch zwingen. Sein Wille gilt unter allen Umständen. Wir müßten uns zähneknirschend beugen oder wir bekommen sein Gericht zu spüren. Die Sünde in uns soll ja nicht übergroß werden. Nimmt sie überhand, dann wirkt sie zerstörend auf uns selber zurück und wir müssen sie wieder eingrenzen.

Gott möchte aber, daß wir freiwillig im Innersten mit ihm einig sind und ganz selbstverständlich in der Ordnung des neuen Bundes leben. Wir müßten uns dann Zwang antun, wenn wir etwas anderes unternehmen wollten, als Gott es will. Dann wäre nicht mehr der Gehorsam ein Problem für uns, sondern der Ungehorsam.

 

(2.) Alle werden Gott erkennen und anerkennen: Im Vorhof des ApolloTempels in Delphi stand das Wort: „Erkenne dich selbst!“ Aus der Selbsterkenntnis sollte der Mensch eine Änderung seiner selbst herbeiführen. Im neuen Bund aber bringt nicht der Mensch, sondern Gott die Wandlung. Er schenkt uns ein neues „Wissen“, nämlich das mittelbare Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Jetzt sind nicht mehr Schrift und Bekenntnis, Predigt und Amtsträger nötig, sondern jeder hat sein unmittelbares Verhältnis zu Gott.

Früher war zwischen Gott und den Menschen immer das Gesetz. Wenn wir aber mit Gott aufs Engste vertraut sind, dann brauchen wir nicht durch ein Gesetz zu regeln, was zu tun ist. Ein Gesetz zeigt immer an, daß die Verbindung problematisch geworden ist und der Kontakt gestört ist. Wenn zwei Menschen sich aber wirklich liebhaben, dann brauchen sie keine Belehrung darüber, was sie einander zuliebe tun könnten. Nicht anders aber ist es mit Gott.

 

(3.) Gott wird den Menschen ihre Schuld vergeben: Doch das ist nicht ein Akt der Großzügigkeit. Es soll nicht gesagt sein, daß die Sünde nicht ernst zu nehmen wäre. Jesus mußte ja sein Leben geben als Bezahlung für die vielen, der neue Bund besteht ja nur auf Grund des Opfers Christi. Der neue Bund wurde erst wirksam, als Jesus ihn mit seinem Blut besiegelt hatte.

Wenn wir das Abendmahl empfangen, werden wir gewissermaßen an den Blutkreislauf Christi mit angeschlossen. Wenn einer schwerkrank ist, dann muß ihm oft  neues Blut zugeführt werden, damit er wieder hochkommt. So ist das aber auch mit dem Abendmahl: Christus nimmt da Wohnung in uns, wir sind an seinen Blutkreislauf angeschlossen und empfangen Kraft von ihm.

Das setzt aber voraus, daß alle Schuld vergeben ist. Nicht einmal mehr im Gedächtnis Gottes kommt sie noch vor. Uns Menschen fällt es oft schwer, etwas Böses zu vergessen. Viel zu viel bewahren wir in unserem Unterbewußtsein auf, bis es dann im ungeeignetsten Augenblick wieder vor uns steht und uns lähmt. Wenn man aber vergeben hat, dann geht es auch vergessen und ist aus der Welt geschafft. Unsre alten Kleider sind wirklich ins Meer geschleudert und hängen nicht mehr an einer Angel, um uns bei nächster Gelegenheit wieder vor die Füße geworfen zu werden.

Gott will einen Bund mit uns schließen. Er hat auch Erwartungen an uns. Aber er legt uns nicht ein Gesetz auf, sondern gibt uns Freiheit. Es wird niemand gezwungen, am Gottesdienst teilzunehmen, aber jeder darf dieses Angebot wahrnehmen. Wir können immer wieder in unmittelbare Verbindung zu Gott treten, denn er hat uns die Vergebung unsrer Schuld geschenkt. Das ermutigt uns dann auch, mit anderen wieder klar zu kommen, mit denen wir etwas hatten. Gerade an diesem Punkt kann sich zeigen, ob wir neue Menschen geworden sind und ein neues Herz haben..

Eine besondere Stärkung auf diesem Weg ist das Abendmahl. Da bindet sich Gott an alle, die seinen Leib und sein Blut empfangen. Ganz sichtbar dürfen wir beim Abendmahl das Ehrenwort Gottes mitnehmen: „Ich will mit dir neu anfangen!“ Wer vom Tisch des Herrn kommt, geht nicht allein in den Alltag. Christus geht mit und hilft, sein Leben als Christ zu leben. Er gibt Kraft zum Bekennen, Halt im Versagen und Mut zu einem freien Leben.

Wir sind auch weiterhin noch schwache Menschen. Der alte Mensch mit seiner Krankheit ist noch nicht erledigt. Aber Gott läßt uns nicht im Stich. Der neue Mensch ist schon da. Er wird immer wieder von Gott gestärkt durch sein Wort und sein Abendmahl. In der Predigt können wir es nur hören. Im Abendmahl dagegen dürfen wir sehen und schmecken: „Wir sind ganz nah dran!“ Zwischen Gott und uns ist weniger als eine Wand aus Seidenpapier! Wir können ihn noch nicht direkt sehen‚ sondern wir sehen nur Brot und Wein. Aber diese äußeren Zeichen machen uns dessen gewiß: Gott ist schon heute bei uns da. Er geleitet uns mit seinem Segen durchs Leben. Er gibt uns seiner heiligen Geist, daß er uns stärke und bewahre vor dem Bösen und uns helfen zu allem Guten. Einst aber werden wir ihn schauen von Angesicht zu Angesicht.

 

 

Pfingsten I : 1 . Kor 2, 12 - 16

Pfingsten  war wenigstens eine spontane Sache, völlig freiwillig und von einer großen Begeisterung getragen.  Und es wurde zum Ausgangspunkt einer weltweiten Bewegung, zu der wir noch heute dazugehören. Aber bei uns wird nicht erst dann Pfingsten, wenn großartige Wirkungen des Geistes Gottes sichtbar werden. Manche meinen ja, die urchristlichen Gaben der Heilung, der Prophetie und des Zungenredens müßten heute wiederbelebt werden. Aber die gibt es auch außerhalb der Gemeinde. Menschen in großer Zahl auf die Straße bringen kann auch ein ausgesprochen „unheiliger Geist“. Das Sensationelle ist noch keineswegs das Göttliche.

Unter den auffälligen Geistesgaben erwähnt Paulus fast unauffällig auch den Glauben. Der Heilige Geist ist mit seinen Gaben auch im Unscheinbaren, ja vielleicht ist er gerade dort. Paulus läßt nicht zu, daß die Geistbegabten in Korinth diejenigen niedriger einstufen, die „bloß“ glauben. Es gibt keine verschiedenen Qualitätsstufen unter den Christen. Es gibt nur den Gegensatz zwischen Christen und Heiden, aber diese können der Glauben der Christen nicht verstehen und verstehen ihre Handlungen deshalb auch oft falsch. Mit diesem Risiko muß man immer rechnen.

Es gibt eben einen Geist der Welt und einen Geist aus Gott. Der Heilige Geist lehrt uns, beides voneinander zu unterscheiden, aber auch wieder miteinander zu verbinden. Wer Gottes Geist hat, der ist zugleich Glaubender und Wissender. Der Glaube führt erst zu den letzten Ursachen der Erkenntnis: Er sagt uns, daß wir von Gott herkommen, daß wir ihm für unser Leben verantwortlich sind und daß wir auch noch eine Hoffnung über dieses Leben hinaus haben.

Das Wissen andererseits verhindert, daß wir zu Schwärmern werden und den Kontakt mit der Wirklichkeit verlieren. Unser Stolz auf unsre Erkenntnisse und Erfolge wird gedämpft die Überheblichkeit verhindert. Wir erkennen auf einmal: Nicht wir erforschen Gott, sondern er erforscht uns. Weshalb richten wir unser Denken nicht nur auf das‚ was auf dieser Erde machbar und möglich ist. Wir ziehen auch Dinge in Betracht, die man nicht erforschen und beweisen kann. Der vom Geist erfüllte Mensch kann auch oft mehr, als er sich manchmal

zutraut. Er wird oft auch da verstanden‚ wo nach menschlichem Ermessen keine Verständigung mehr möglich ist.

Doch vergessen wir nicht: Die Glaubenden schaffen das nicht aus eigener Kraft. Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes, er hat für die Wirklichkeit Gottes keine Antenne (Vers 14). Glaubt aber jemand, dann empfängt er etwas, das er vorher nicht hatte: Gottes eigenes Leben wird auf ihn ausgegossen.

Es hat auch die Auffassung gegeben, in jedem Menschen stecke ein Stück des Weltgeistes oder des göttlichen Geistes. Das brauche man nur zu entwickeln und zu fördern, dann werde man schon zu Gott gelangen. Aber das wäre Religion als menschliche Leistung, und das wäre

die Sünde in ihrer gefährlichsten Gestalt, wenn sie sich nämlich unter dem Frommsein verbirgt.

Deswegen brauchen wir den Menschengeist und seine Schöpfungen nicht verachten. Er gehört zu den Schöpfungsgaben Gottes und soll in dieser Welt zur Anwendung kommen. Gottes Geist will das Denken und Wollen des Menschen nicht verdrängen, sondern als sein Werkzeug benutzen. Immerhin hilft uns der Verstand, bestimmte Glaubensinhalte erst einmal zu begreifen. Aber man kann den Glauben nicht wie einen Lehrsatz beibringen, man hat den Erfolg nicht in der Hand. Der Glaube ist ein Wunder. Gott kann nur von Göttlichem erkannt werden. Deshalb muß der Geist Gottes in uns wohnen‚ wenn wir an Gott Anteil haben wollen. Eigentlich hat niemand des Herrn Sinn erkannt. Wir aber haben Christi Sinn und deshalb eine Verbindung zu Gott.

Nun denkt und redet Gott in uns, er fühlt und will, er arbeitet und bezeugt sich in uns. Wer in die Tiefen der Gottheit hineingeschaut hat, der sieht das Erbarmen, in dem Gott die Verlorenen zurückgeholt hat und sich freut, daß er sie wieder hat. Das ist mit dem natürlichen Auge nicht zu sehen. Aber wer den Geist Gottes hat, der merkt das Brennen der Liebe Gottes. So machen wir an Pfingsten neue Entdeckungen mit Gott.

Aber die neue Schau setzt uns dann auch in Bewegung. Nun tragen wir ja Gott mit uns herum; er bewegt unsre Gedanken, erobert unser Herz, er treibt uns an. Wir sind jetzt seine Botschafter,  die ihn in der Welt zu repräsentieren haben. Doch vertreten kann man eine Sache oder ein Land nur, wenn man mit dem Sendenden eng verbunden ist und seine Sache gut darzustellen weiß.

Gottes Geist könnte uns auch heute konkret lehren, daß alle Waffen schlecht sind für die Lösung von Problemen, von der Faust und der Keule bis zu dem hochmodernen Waffen. Nicht nur die Raketen mit dem vierzackigen Stern bedrohen die Menschheit, sondern auch die mit dem fünfzackigen. Und Sicherheit haben wird nicht dann, wenn wir doppelt soviel Waffen haben wie die anderen. Das ist die höhere Wahrheit, zu der uns besonders auch in diesen Tagen der Geist Gottes anleiten will.

Um eine einmal gewonnene Erkenntnis festzuhalten, brauchen wir auch wieder die Hilfe des Heiligen Geistes. Er gibt uns die Gewißheit, daß wir auf dem richtigen Weg sind. Allerdings können wir diese Gewißheit nicht zu einer Forderung machen in dem man sagt: „Wenn du nicht in allen Punkten voll überzeugt bist, dann bist du kein Christ!“

Auch der geistliche Mensch hat noch an der Dingen dieser Welt teil. Er hat seinen Glauben vor der Welt zu vertreten und zu erläutern. Aber er darf ihn nicht vor den Maßstäben dieser Welt beurteilen lassen. Auch wenn wir im Glauben manchmal angefochten werden, wenn wir über unserer Weg unsicher sind, so dürfen wir doch wissen: Der geistliche Mensch ist schon in uns!

Wo ich versage, da nimmt Gott mir die Dinge aus der Hand und macht sich für mich stark. Ich brauche mich von keiner menschlichen Einrichtung kontrollieren zu lassen. Gottes Geist steht für mich ein. Das macht mich in einem letzten Sinne unangreifbar. Das Abendmahl

stärkt mich noch zu dieser Gewißheit: Wenn ich nur Gott für mich habe, wer sollte dann noch gegen mich sein? Wenn wir heute wieder zu einer solchen Gewißheit gelangen, dann könnte dies die größte Entdeckung dieses Festes sein.

 

[Pfingsten I : 1 . Kor 2, 12 - 16

(Hier wird die Predigt noch einmal wiedergegeben, wie sie im Original gehalten wurde, mit dem Bezug auf eine bestimmte Situation in der damaligen DDR)

Dieser Jahr haben wir ein Pfingstfest besonderer Art erlebt. In Scharen wurden die Menschen auf die Straße geschickt. Das war etwas anderes als das vergleichsweise bescheidene Pfingst­fest damals in Jerusalem, wo aber immerhin auch 3 900 Menschen vom Geist Gottes ergriffen worden sein sollen. Das war wenigstens eine spontane Sache, völlig freiwillig und von einer großen Begeisterung getragen.  Und es wurde zum Ausgangspunkt einer weltweiten Bewegung, zu der wir noch heute dazugehören.

Aber bei uns wird nicht erst dann Pfingsten, wenn großartige Wirkungen des Geistes Gottes sichtbar werden. Manche meinen ja, die urchristlichen Gaben der Heilung, der Prophetie und des Zungenredens müßten heute wiederbelebt werden. Aber die gibt es auch außerhalb der Gemeinde. Menschen in großer Zahl auf die Straße bringen kann auch ein ausgesprochen „unheiliger Geist“. Das Sensationelle ist noch keineswegs das Göttliche.

Das war also vorgestern eine Demonstration für den Frieden. Endlich wurde dem Bedürfnis oder Bevölkerung Raum gegeben, ihren Willen zum Frieden zu bekunden . Jetzt erst ist alles in die richtigen Bahnen gelenkt und nicht mehr mißzuverstehen. Und der Abschluß des Ganzen ist dann ein Schießwettbewerb. Nun hat auch der Letzte begriffen, was mit „Frieden” gemeint sein soll. Das ist eben der Friede, den sie meinen.

Bedauerlich ist, daß hier der gute Wille der Menschen ihre Sehnsucht nach Frieden totgeschlagen wird. Als wir über ein Thema für den Gemeindetag berieten, da wollte ich gern die Friedensfrage anschneiden. Aber aus der Synode wurde abgeraten, weil davon überall geredet würde. Nun würden wir das Thema in der Kirche natürlich anders behandeln als im politischen Bereich. Aber ich kann inzwischen verstehen, daß den Menschen der Friede zum Hals heraus hängt.

Der ganze Rummel soll natürlich die Aktion gegen die Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ vergessen machen.  Man hat sogar einen anderen Aufnäher herausgebracht. Das ist doch direkt kindisch; dadurch wird doch keine Überzeugung geändert. Vor allem wird es viele geärgert haben, daß hier völlig einseitig demonstriert wurde und eben eine wohlorganisierte Staatsaktion daraus gemacht wurde. Umso nötiger wird es sein, daß die Kirche den biblischen Weg des Friedensschaffens ins Bewußtsein zu rufen versucht, mit ihren Mitteln und in geduldiger Kleinarbeit.

Unter den auffälligen Geistesgaben erwähnt Paulus fast unauffällig auch den Glauben. Der Heilige Geist ist mit seinen Gaben auch im Unscheinbaren, ja vielleicht ist er gerade dort. Paulus läßt nicht zu, daß die Geistbegabten in Korinth diejenigen niedriger einstufen, die „bloß“ glauben. Es gibt keine verschiedenen Qualitätsstufen unter den Christen. Es gibt nur den Gegensatz zwischen Christen und Heiden, aber diese können der Glauben der Christen nicht verstehen und verstehen ihre Handlungen deshalb auch oft falsch. Mit diesem Risiko muß man immer rechnen.

Es gibt eben einen Geist der Welt und einen Geist aus Gott. Der Heilige Geist lehrt uns, beides voneinander zu unterscheiden, aber auch wieder miteinander zu verbinden. Wer Gottes Geist hat, der ist zugleich Glaubender und Wissender. Der Glaube führt erst zu den letzten Ursachen der Erkenntnis: Er sagt uns, daß wir von Gott herkommen, daß wir ihm für unser Leben verantwortlich sind und daß wir auch noch eine Hoffnung über dieses Leben hinaus haben.

 

Das Wissen andererseits verhindert, daß wir zu Schwärmern werden und den Kontakt mit der Wirklichkeit verlieren. Unser Stolz auf unsre Erkenntnisse und Erfolge wird gedämpft die Überheblichkeit verhindert. Wir erkennen auf einmal: Nicht wir erforschen Gott, sondern er erforscht uns. Weshalb richten wir unser Denken nicht nur auf das‚ was auf dieser Erde machbar und möglich ist. Wir ziehen auch Dinge in Betracht, die man nicht erforschen und beweisen kann. Der vom Geist erfüllte Mensch kann auch oft mehr, als er sich manchmal

zutraut. Er wird oft auch da verstanden‚ wo nach menschlichem Ermessen keine Verständigung mehr möglich ist. Deshalb ist der Papst zum Beispiel  nach Großbritannien und Argentinien gereist, um auf seine Art einen Beitrag zu Verständigung und Frieden zu leisten.

Doch vergessen wir nicht: Die Glaubenden schaffen das nicht aus eigener Kraft. Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes, er hat für die Wirklichkeit Gottes keine Antenne (Vers 14). Glaubt aber jemand, dann empfängt er etwas, das er vorher nicht hatte: Gottes eigenes Leben wird auf ihn ausgegossen.

Es hat auch die Auffassung gegeben, in jedem Menschen stecke ein Stück des Weltgeistes oder des göttlichen Geistes. Das brauche man nur zu entwickeln und zu fördern, dann werde man schon zu Gott gelangen. Aber das wäre Religion als menschliche Leistung, und das wäre

die Sünde in ihrer gefährlichsten Gestalt, wenn sie sich nämlich unter dem Frommsein verbirgt.

Deswegen brauchen wir den Menschengeist und seine Schöpfungen nicht verachten. Er gehört zu den Schöpfungsgaben Gottes und soll in dieser Welt zur Anwendung kommen. Gottes Geist will das Denken und Wollen des Menschen nicht verdrängen, sondern als sein Werkzeug benutzen. Immerhin hilft uns der Verstand, bestimmte Glaubensinhalte erst einmal zu begreifen. Aber man kann den Glauben nicht wie einen Lehrsatz beibringen, man hat den Erfolg nicht in der Hand. Der Glaube ist ein Wunder. Gott kann nur von Göttlichem erkannt werden. Deshalb muß der Geist Gottes in uns wohnen‚ wenn wir an Gott Anteil haben wollen. Eigentlich hat niemand des Herrn Sinn erkannt. Wir aber haben Christi Sinn und deshalb eine Verbindung zu Gott.

Nun denkt und redet Gott in uns, er fühlt und will, er arbeitet und bezeugt sich in uns. Wer in die Tiefen der Gottheit hineingeschaut hat, der sieht das Erbarmen, in dem Gott die Verlorenen zurückgeholt hat und sich freut, daß er sie wieder hat. Das ist mit dem natürlichen Auge nicht zu sehen. Aber wer den Geist Gottes hat, der merkt das Brennen der Liebe Gottes. So machen wir an Pfingsten neue Entdeckungen mit Gott.

Aber die neue Schau setzt uns dann auch in Bewegung. Nun tragen wir ja Gott mit uns herum; er bewegt unsre Gedanken, erobert unser Herz, er treibt uns an. Wir sind jetzt seine Botschafter,  die ihn in der Welt zu repräsentieren haben. Doch vertreten kann man eine Sache oder ein Land nur, wenn man mit dem Sendenden eng verbunden ist und seine Sache gut darzustellen weiß.

Das wird auch nötig sein in der Friedensfrage. Sicherlich sind diese Pfingsttreffen nichts Schlechtes. Es sollte kein Christ ein schlechtes Gewissen haben, wenn er daran hat teilnehmen müssen. Immerhin ist ja eine Seite dessen deutlich geworden, was wir alle wollen. Aber es ist halt nur das möglich gewesen, was Anliegen des Menschengeistes ist. Der Geist Gottes aber lehrt uns, über den engen Bereich unsrer Gesellschaft hinwegzusehen.

Er könnte uns auch heute konkret lehren, daß alle Waffen schlecht sind für die Lösung von Problemen, von der Faust und der Keule bis zu dem hochmodernen Waffen. Nicht nur die Raketen mit dem vierzackigen Stern bedrohen die Menschheit, sondern auch die mit dem fünfzackigen. Und Sicherheit haben wird nicht dann, wenn wir doppelt soviel Waffen haben wie die anderen. Das ist die höhere Wahrheit, zu der uns besonders auch in diesen Tagen der Geist Gottes anleiten will.

Um eine einmal gewonnene Erkenntnis festzuhalten, brauchen wir auch wieder die Hilfe des Heiligen Geistes. Er gibt uns die Gewißheit, daß wir auf dem richtigen Weg sind. Allerdings können wir diese Gewißheit nicht zu einer Forderung machen in dem man sagt: „Wenn du nicht in allen Punkten voll überzeugt bist, dann bist du kein Christ!“

Auch der geistliche Mensch hat noch an der Dingen dieser Welt teil. Er hat seinen Glauben vor der Welt zu vertreten und zu erläutern. Aber er darf ihn nicht vor den Maßstäben dieser Welt beurteilen lassen. Auch wenn wir im Glauben manchmal angefochten werden, wenn wir über unserer Weg unsicher sind, so dürfen wir doch wissen: Der geistliche Mensch ist schon in uns!

Wo ich versage, da nimmt Gott mir die Dinge aus der Hand und macht sich für mich stark. Ich brauche mich von keiner menschlichen Einrichtung kontrollieren zu lassen. Gottes Geist steht für mich ein. Das macht mich in einem letzten Sinne unangreifbar. Das Abendmahl

stärkt mich noch zu dieser Gewißheit: Wenn ich nur Gott für mich habe, wer sollte dann noch gegen mich sein? Wenn wir heute wieder zu einer solchen Gewißheit gelangen, dann könnte dies die größte Entdeckung dieses Festes sein.]

 

 

Pfingsten II: Eph  4, 11 - 16

Das Wort „Kirche“ hat ganz verschiedene Bedeutungen. Zunächst einmal bezeichnen wir so ein Gebäude, das Gotteshaus. Aber auch was in diesem Haus geschieht, nämlich der Gottesdienst, bezeichnen wir als „Kirche“. Und schließlich heißt so auch der Zusammenschluß der Menschen, die an Gott und Jesus Christus glauben, also das Volk Gottes. „Kirche“ heißt also das Gotteshaus, der Gottesdienst und das Gottesvolk.

„Was soll das werden?“ fragten einst die Menschen, die das erste Pfingstfest erlebten. Wie die Kirche in die Welt kam, das konnte man nur als Wunder ansehen. Heute fragen wir eher verwundert: „Was ist daraus geworden?“ Die heutige Wirklichkeit der Kirche gibt wenig Anlaß, einer wunderbaren Anfang zu vermuten.

Wie steht es denn mit der Aufteilung der Dienste in der Gemeinde auf möglichst viele Mitarbeiter? Gibt es nicht viel Unsicherheit im Umgang mit Nichtchristen und eine Ahnungslosigkeit in Glaubensfragen, so daß wir uns von manchem Wind der Lehre umwerfen lassen? Gibt es nicht viel Uneinigkeit unter Christen und eben kein Zusammenwirken wie in einem Leib?

Was ist aus der Kirche von damals geworden

Und doch ist die Kirche da! Erstaunlicherweise hat sie all die Jahrhunderte überdauert. Offenbar kann sie nicht sterben. Aber die Frage ist immer wieder: „Kann sie so bleiben‚ wie sie ist?“ Daß die Kirche überhaupt noch existiert, das liegt an Christus. Er ist die Hauptsache in der Kirche. Darüber läßt sich nicht streiten. Er ist der Herr im Haus der Kirche. Er ist der Herr

auch all der Menschen, die sich zur Kirche halten. Die Kirche ist nicht der Zusammenschluß religiös interessierter Menschen, sie ist kein Verein oder eine Untergruppe des Kultusministeriums. Die Kirche ist „von oben her“‚ wenn man das einmal so bildhaft sagen darf, sie hat ihren Ursprung und ihre Mitte in Jesus Christus.

Aber die Kirche entfaltet sich wie ein Fächer: An einer Stelle wird er zusammengehalten, aber er besteht dennoch aus vielen Teilen. Nur wenn er entfaltet ist, kann er seine Aufgabe erfüllen, Nur wenn eine christliche Gemeinde aus vielen Mitarbeitern und Mitwirkenden besteht, ist sie überhaupt brauchbar. Nur so kommt auch der auferstandene  Christus überhaupt zur Wirkung.

Christus ist überall und wirkt überall. Allerdings nicht, indem er befiehlt oder gar nötigt, sondern indem er schenkt. Er gibt der Gemeinde bestimmte Menschen‚ die die notwendigen Dienste tun.  Und er gibt diesen Menschen die Gaben, die sie für ihre Aufgaben brauchen.

Er gibt der Gemeinde zum Beispiel einer Pfarrer.

Es ist nicht selbstverständlich, daß auch in der heutigen Zeit fast jede Gemeinde einen Pfarrer oder gar deren mehrere hat. Vielleicht werden wir einmal Pfarrer aus Stadtgemeinden mit mehrerer Pfarrern für ein halbes oder ein ganzes Jahr in eine verwaiste Gemeinde abordnen. Jede Gemeinde kann also froh sein, wenn sie einen  Pfarrer hat. Ein Pfarrer muß eben sein, zumindest einer, der für besondere Dienste in der Gemeinde freigestellt ist und dafür auch von den anderen mit finanziell getragen wird.

Wenn die Gemeinde nun zwar einer Pfarrer anstellt, so ist er doch nicht dazu da, um ihr nach dem Munde zu reden. Seine Aufgabe ist ja, der Gemeinde Christus nahezu bringen. Er ist so etwas wie ein Trainer, der eine Mannschaft ausbildet für das Zusammenspiel und den besten Einsatz aller Kräfte. Um dieses Ziel zu erreichen‚ tut der Trainer ja auch das, was er für richtig hält.

Manche Gemeinde wird deshalb schwer sagen können, daß ihr der Pfarrer geschenkt ist; vielleicht leidet sie sogar unter ihm. Es gibt auch genug Stellen im Neuen Testament, die vor einem Mißbrauch der verliehenen Stellung warnen und ihn verurteilen. Und doch wird auch immer wieder deutlich gemacht: Ein Amt in der Kirche ist nicht allein von der Gemeinde abhängig, sondern es ist auch von Christus geschenkt. Deswegen wird man auch unter der Fürbitte der Gemeinde in ein Amt eingeführt.

Allerdings ist das Amt in der Gemeinde nicht auf eine einzige Person beschränkt. Hier im Epheserbrief werden ja gerade viele Ämter aufgezählt und deutlich gemacht : Jeder Dienst hat seiner besonderen Sinn und richtet sich jeweils nach den Gaben der Einzelnen. Da uns viele Gaben von Christus geschenkt sind, können wir auch nie genug Mitarbeiter in der Gemeinde haben.

Mitarbeiter aber sind nötig, wenn die Gemeinde gefestigt und gestärkt werden soll. Das fängt an bei dem Gotteshaus‚ das erhalten werden muß. Das trifft zu für den Gottesdienst, für den viele Mitwirkende gebraucht werden. Und das geht bis zu der Aufgabe, dem Gottesvolk und allem Volk das Wort Gottes zu sagen. Und auch für diese letzte und hauptsächliche Aufgabe gibt es kein Monopol des Pfarrers, sondern wir stehen alle in einer umfassenden Dienstgemeinschaft.

Wen es also Ämter in der Gemeinde gibt, dann heißt das nicht, daß die Gemeinde sich zur Ruhe setzen kann. In mancher Gemeinde, die auf einen Pfarrer wartet, kann man durchaus der Eindruck haben: Die warten nur darauf‚ daß einer kommt‚ dem sie wieder alles zuschieben können. Und wenn er dann da ist, verfallen sie wieder in Schlaf und wollen auch vom Pfarrer oder gerade von ihm nicht daraus aufgeschreckt werden.

Gaben gibt es aber in jeder Gemeinde und bei jedem Gemeindeglied. Dazu ist uns ja der Heilige Geist in der Taufe gegeben, deshalb wirkt er ja bis heute in seiner Gemeinde. Und zu tun gibt es in einer Gemeinde immer. Jeder kann etwas tun für die Ausbreitung der guten Botschaft. Er kann selbst den Mund aufmachen. Er kann aber auch einladen, Verbindungen herstellen, Mut machen. Er kann mithelfen, den Gottesdienst zu einer Sache aller zu machen. Er kann einen christlichen Lebensstil in der Familie pflegen und den Kontakt zu den Nachbarn halten.

Nur im Zusammenspiel der Vielen ist der Leib funktionstüchtig. Es gibt kein isoliertes Christsein zuhause im stillen Kämmerlein. Es wird nichts draus, wenn einer sagt: „Man kann ja auch zu Hause für sich beten!“ Dieses Beten - wenn es überhaupt tatsächlich geschieht - wird bald aufhören, wenn man nicht die Gemeinschaft mit anderen hat. Amputierte Glieder des Leibes sind lebensunfähig.

Wer im Kampf gegen die Sünde versagt, schwächt den ganzen Leib. Wenn aber einer treu ist im Beten, dann kommt das auch anderen zugute. Und wenn einer schon mit seinem Christsein allein zurechtzukommen meint: Die anderen darf er nicht im Stich lassen! Um der anderen willen sollte er seine Gaben in das große Ganze mit einbringen.

Das bedeutet aber auch: Jeder .hat die Pflicht, seine Gabe entsprechend ausbilden zu lassen. Qualifizierung wird ja heute großgeschrieben. Auch in der Kirche spricht man heute von einer Lern- und Dienstgemeinschaft .Wenn man dienen will, muß man auch etwas gelernt haben.

Mit der Konfirmation haben wir noch nicht unsre christliche Ausbildung abgeschlossen. Nur wer am Ball bleibt, kann mitspielen. An der Bibel lernt man nie aus. Sie ist auch das Buch, das uns täglich neu ist, unser ganzes Leben lang. Nur wer immer wieder die Taten Gottes verstehen lernen will, bleibt ein lebendiges Glied der Gemeinde. Mit der Zeit wird er ein Könner  werden. Und Könner können wir gebrauchen. Wer in der Gemeinde mitmacht, kann dann auch mitreden.

Doch vergessen wir wiederum nicht: Vom Haupt her hat der Leib seine Lebendigkeit‚ von daher wird er gesteuert und wird aktiviert. Die Kirche lebt vor dem, was Christus gibt. Nur von daher haben wir eine Erneuerung und Änderung zu erwarten, nicht von irgendwelchen Ämtern oder unsren eigenen Anstrengungen. Auch unsre Qualifizierung im Glauben wird uns geschenkt. Aber wenn wir dieses Geschenk annehmen, dann werden wir uns auch nicht von jeder falschen Lehre umblasen lassen, sondern mit Christus vereint und vom Heiligen Geist gestärkt unsren Glauben leben.

 

 

Trinitatis: Epheser 1, 3 - 14

Jeder Mensch muß einmal Lesen und Schreiben lernen. Und jeder Christ muß einmal mit den Grundlagen des Glaubens vertraut werden, auf den er einst getauft worden ist. Er hat auch den kirchlichen Unterricht abgeschlossen. Aber nach einiger Zeit muß man auch einmal Bilanz zu machen und sich zu fragen: „Was hat mir denn dieser Glaube im Leben gegeben, hat er mir genützt oder geschadet?“

Der Sonntag Trinitatis ist vielleicht besonders für ein solches Nachdenken geeignet. Er weist uns ja darauf hin, daß ein und derselbe Gott uns in drei Gestalten begegnet, nämlich als Vater, Sohn und Heiliger Geist. So wie Wasser nicht nur flüssig sein kann, sondern festgefroren wie Eis und flüchtig wie Dampf, so erscheint Gott uns auch in drei Formen. Er ist „dreifaltig“, das heißt. Er ist in drei Erscheinungsformen auseinandergefaltet. Aber er ist dennoch  auch „dreieinig“, das heißt: Er ist doch immer nur e i n Gott.

Unser Predigttext aus dem Epheserbrief gibt uns nun eine knappe Zusammenfassung dessen. Was jeder  Christ über diesen dreifaltigen und dreieinigen Gott wissen sollte. Er ist gewissermaßen das ABC unsres Christseins, eine eiserne Ration für unser Leben im Glauben. Doch es geht dabei nicht nur um bloßes Wissen. Die Theorie allein erweckt noch kein geistliches Leben. Ein kirchlich geprüfter Konfirmand ist         noch nicht ein lebendiger Christ. Man kann das Vaterunser zwar auswendig können, aber es doch nie von ganzem Herzen gebetet

haben. So werden wir uns auch heute wieder fragen müssen: „Worin liegt denn die Bedeutung unsres Wissens von Gott für das alltägliche Leben?“

Wenn wir hier eine Antwort finden wollen, dann bewährt sich wieder einmal die Einteilung unsres Glaubensbekenntnisses in drei Artikel. Wir können ja direkt fragen: „Gibt es nicht eine Kurzfassung des ganzen Glaubensbekennt­nisses, in der gleichzeitig die Bedeutung dieses Glaubens für uns deutlich wird?“ Man kann es einmal mit drei Sätzen versuchen:

 

(1.) Ich glaube, daß mich Gott erwählt hat: Vielleicht meint der eine oder andere, nur wenig von dem Segen Gottes zu spüren, von dem hier im Epheserbief die Rede ist. Im Alten Testament gilt der als gesegnet, dem die Güter dieser Erde  in Fülle zugefallen sind: reiche Ernte, wirtschaftlicher Wohlstand, Kinderreichtum, Ansehen bei den Nachbarn usw. Aber darüber haben sich die Auffassungen längst gewandelt: Kinderreichtum zum Beispiel wird von den meisten unsrer Zeitgenossen eher als eine Last denn als Segen empfunden. Und unseren Wohlstand verstehen wir doch auch nur als das Werk unsrer regsamen und nimmermüden Hände.

Wenn es uns heute besser geht als früher, dann haben wir das doch allein uns selber zu verdanken. Was soll das mit dem Segen Gottes zu tun haben? Noch  dazu ein „geistlicher Segen in himmlischen Gütern“! Ist das Ende etwa erst etwas, das jenseits unser Welt liegt?

Der Segen Gottes zeigt sich nicht so sehr in materiellen Dingen, sondern tatsächlich auf dem Gebiet des Glaubens. Gott zeigt sich uns in seinem Sohn Jesus Christus. Er kommt uns hier als Mensch nahe und zeigt uns darin seine Liebe. Gott kommt uns entgegen, nicht wir ihm.

Er hat eine Treffpunkt bestimmt, an dem er uns begegnen will.

An uns liegt es nun, ob wir diese Verabredung einhalten. Der genaue Termin ist offengelassen. Aber das heißt doch wohl: Gott kann uns an  jedem Tag und zu jeder Stunde begegnen. Hier in diesem Gottesdienst ist er uns nahe, wenn wir sein Wort hören und das Sakrament des das  Abendmahls miteinander feiern.

Aber er ist uns auch nahe in den Menschen, die er uns schickt: im Ehepartner, in den Kindern, in den Verwandten, in den Freunden, aber auch in den Unbekannten, deren Not uns vor die Füße gelegt wird. Gott hat sich mit uns verabredet, er will uns begegnen. Das war sein Wille von Anfang an, dazu hat er uns erwählt.

Es könnte Gott kalt lassen, was aus uns wird. Er könnte zu den Unmengen an Menschen ein ganz unpersönliches Verhältnis haben wie zu einem Ameisenhaufen. Aber wir sind nicht Inventarstücke einer großen bunten Welt, sondern von ihm geliebte Wesen, so wie ein Vater seine Kinder liebhat. Er hat uns erwählt. Daran sollten wir nicht zweifeln, sondern ihn dankbar loben. Gott ist auch nicht der große Unbekannte, sondern in Christus hat er für uns Gestalt angenommen.

Es ist nicht ein glücklicher Zufall, daß Gott auf uns gestoßen ist. Es ist auch nicht zu befürchten, daß er unversehens wieder anderen Sinnes werden könnte. Schon vor der Erschaffung der Welt hat er an uns gedacht. Er hat uns als seine Kinder haben wollen, denen er Gutes tun kann und die gern zu ihm gehören.

Hierin liegt der Segen für uns: Wir haben einen Gott, der uns liebhat. Deshalb ist unser Leben nicht eine Fahrt ins Blaue. Es waltet nicht ein blindes Schicksal über uns und das Ziel unsres Lebens ist nicht ungewiß. So wie bei einer Wanderung über das freie Feld der Kirchturm uns die Richtung nach der Heimat zeigt, so zeigt uns  Gott den Weg zur himmlischen Heimat

Seit unsrer Taufe gehören wir zu Gott. Hier hat er seine Erwählung in die Tat umgesetzt. Seitdem haben wir die Möglichkeit, die Liebe Gottes in unserem Leben umzusetzen und unter die Leute zu bringen. Mancher hat schon viel Gutes im Leben tun können. Wir wollen Gott dafür dankbar sein, daß er uns die Fähigkeiten dazu mitgegeben hat.

 

(2.) Ich glaube, daß Jesus Christus mich erlöst hat:

Vielleicht sehen wir aber gar nicht so recht ein, daß wir von etwas losgemacht werden müssen. Wir sind doch freie Menschen und können tun und lassen, was wir wollen. Aber wenn jemand krank ist, dann täuscht er sich ja auch oft über seiner tatsächlicher Zustand: entweder hält  er sich für kränker als er tatsächlich ist. Oder er will die Gefahr für sein Leben nicht wahrhaben.

Man kann sich sehr über sich selbst täuschen. Entweder man hält sich für größer und tüchtiger sie man tatsächlich ist. Oder man meint, zu nichts mehr zu taugen und im Grunde ein wertloses Leben zu führen. Wenn man jung ist, wird man eher der Gefahr der Überschätzung unterliegen. Wenn man älter ist, wir man eher seine Möglichkeiten unterschätzen.

Auf dem Gebiet des Glaubens ist eine solche Täuschung aber noch viel gefährlicher. Da versucht man oft, die Schuld mit einem Mantel des Vergessens zuzudecken. Gott reißt uns diesen Mantel herunter und zeigt uns allen Leuten, so wie wir wirklich sind. Aber Christus bekleidet uns wieder mit Mantel der Vergebung und verändert so unser Leben ganz tiefgreifend.

Dazu hat Jesus sein Blut am Kreuz vergossen. Dazu ist er von Gott am dritten Tag auferweckt worden. Er ist jetzt der Herr des Weltalls und räumt alles weg, was Gott und uns beschwerlich sein könnte. Allmählich füllt er die ganze Welt auf mit der Liebe Gottes und zuletzt wird nichts mehr sein,  was nicht von seiner Liebe erreicht wird.

Wir wollen heute dafür danken, daß sie vor allen Dingen uns erreicht hat. Gerade die Älteren haben hier eine Aufgabe, anderen davon zu erzählen, wie sie die Liebe Christi in ihrem Leben erfahren haben. Gewiß war für jeden viel Schweres dabei, auch Schuld und Versagen. Aber heute haben wie die  Gelegenheit, mit Christus in Berührung zu kommen und ihm zu danken für das, was er an uns getan hat.

 

(3.) Ich glaube, daß der Heilige Geist mich erleuchtet hat: Die volle Verwirklichung des Heils liegt noch vor uns. Wir können das Erbe noch nicht voll antreten. Aber wir haben einen An­rechtschein darauf. Das ist der Heilige Geist, der und seit der Taufe mitgegeben wurde. Sicherlich werden wir erst jenseits des Todes in einem neuen Leben erkennen, welche Bedeutung dieser Geist Gottes  für unser Leben hat.

Gott selbst schafft durch seinen Geist die neue  Erkenntnis: Für den Maulwurf besteht die Welt aus kleine Erdlöchern und Gängen. Der Mensch aber denkt in den Weiten des Weltalls. Der glaubende Mensch aber dringt in noch tiefere Geheimnisse ein. Es ist ja nicht so, daß der Glaube alles vernebelt, wie manche behaupten. Im Gegenteil: Er schafft Klarheit. Einmal läßt er uns die Geheimisse Gottes erkennen. Zum anderen aber gibt er uns Klarheit für unser praktisches Leben. Daß ich mich selbst Welt im Lichte Gottes sehe, verdeckt mir ja nicht den Blick auf gegebene Tatbestände. Ich werde vielmehr dankbar und aufgeschlossen immer wieder Neues entdecken‚ aber auch kritisch und nüchtern bleiben.

Wenn wir jetzt in diesen Tagen die Natur betrachten, dann werden wir all ihre Schönheit entdecken. Aber wir sehen auch den wirtschaftlichen Nutzen, den sie für uns hat; und wir bemerken auch die Gefahren‚ die der Welt durch die Umweltverschmutzung drohen. Dennoch begreifen wir die Natur als eine Schöpfung Gottes. Und wenn wir sie genießen oder benutzen, dann sind wir Gott dankbar für seine Gabe. Der Glaube an Gott hindert nicht  unsre Erkenntnis, sondern erweitert sie nur noch.

Dieser Geist Gottes macht uns aber auch zugleich deutlich, wessen Eigentum wir sind und unter wessen Schutz wir stehen. Ein Sklave hatte im Altertum eine Tätowierung        an sich, an der man gleich erkennen konnte, welchem Herrn er gehörte. So ist uns auch bei der Taufe gewissermaßen ein Siegel aufgeklebt worden, das unsre Zugehörigkeit zu Gott klarlegt.

Gewiß, mancher hat die Berufung in die Gemeinde Gottes nachher nicht mehr wahrhaben wollen. Er hat gewissermaßen das Siegel Gottes abgerissen und versucht sich so durchs Leben zu schlagen. Es sind heute ja längst nicht alle diejenigen hier, die einmal konfirmiert worden sind.

Wir aber dürfen freudig bekennen, was Gott uns geschenkt hat: Ich glaube‚ daß mich Gott erwählt hat! Ich glaube‚ daß Jesus Christus mich erlöst hat! Ich glaube, daß der Heilige Geist mich erleuchtet hat! Ohne unser Zutun hat Gott das an uns getan. Wir werden auch weiterhin nur Empfangende sein. Aber gerade deshalb könnte alle Verdrießlichkeit von uns abfallen und alle Müdigkeit schwinden. Wir haben doch wenigstens eine Perspektive, uns ist doch schon längst  die Zukunft  durch Gott gesichert.

 

 

1. Sonntag nach Trinitatis: Jer 23, 16 - 29 (Variante 1)

In dem griechischen Drama „Antigone“ geht es auch um den Konflikt zwischen zwei verschiedenen Wahrheiten: Antigone will ihren toten Bruder bestatten, aber der König, ihr Stiefvater, läßt den Rebellen auf offenem Feld liegen. Das Gesetz der Bruderliebe und das Gesetz des Staates stehen hier gegeneinander, beide haben ihr Recht, aber wer hat nun recht? Wer sagt die Wahrheit und wem kann man zustimmen?

Der Prophet Jeremia hat zeitlebens vor der Frage gestanden: „Wer sagt denn nun wirklich die Wahrheit: ich oder die anderen Propheten?“ Jeremia war sich da durchaus nicht so sicher. Als der Prophet Chananja dem Volk zurief: „Gott wird uns von der Herrschaft des Nebukadnezar befreien!“da ging Jeremia still seines Wegs. Vielleicht hatte dieser andere Prophet doch recht und Gott würde wirklich sein Volk aus der Gefangenschaft in Babel nach Palästina zurückführen.

„Wie kann man merken, welches Wort von Gott stammt oder nicht?“ fragt einer im 5. Buch Mose (18, 21). Dort wird ganz einfach geantwortet: „Man wird ja sehen, was daraus wird! Ist es von Gott, dann trifft es ein; ist es menschliches Wort, dann erfüllt es sich nicht!“ Daß es aber nicht so einfach ist, hat Jeremia gespürt. Er hat selbst erst lange lernen müssen, zwischen Gottes Wort und den eigenen Gedanken zu unterscheiden. Deshalb ist er nun auch so empfindlich, wenn andere das nicht tun.

Geht es uns nicht auch manchmal so, daß wir denken: „Haben wir denn wirklich den einzig wahren Glauben?“ Was ist denn dran an Christus und dem Christentum? Es gibt doch so viel andere Religionen. Sollten die alle Unrecht haben? Es gibt doch so viele Freikirchen und Sekten. Sollte an deren Glauben nicht doch etwas Wahres dran sein? Es gibt verschiedene Weltanschauungen, die uns als Lebenshilfe angeboten werden. Sollte man damit nicht auch ein guter Mensch sein können? Woher wissen wir denn, daß unser Glaube der allein seligmachende ist? Wollen wir warten, bis sich herausstellt, wer denn nun recht hat? Dann müßten wir bis zum Ende der Welt warten! Nein, hier und jetzt wollen wir eine Entscheidung!

Aber diese Entscheidung müssen wir halt selber treffen: „Glaubst du, daß Jesus ist der Christus?“ Wir werden in einem Wort Gottes nur dann die Wahrheit erkennen, wenn wir uns immer wieder dafür entscheiden und uns fragen: „Gilt dieses eine Wort, das ich jetzt höre, denn mir?“ Wer immer nur warten will, bis sich eine Sache durchgesetzt hat, der hat sie eben nicht anerkannt.

Es ist eben schon eine wichtige Frage, ob wir bei der Kirche bleiben wollen, wenn die Gegner des Christentums sich sammeln, Methode in ihrem Kampf annehmen und äußerliche Druckmittel in ihre Hand kriegen. Dann ist es - äußerlich gesehen - gar nicht so sicher, wer den Sieg davontragen wird. Wer da unsicher wird, ist gleich verloren. Und am ekligsten sind die Rückversicherer, die zwar abspringen, aber sich doch ein Hintertürchen offenhalten, falls es wieder einmal anders kommen sollte. Ob unser Glaube der wahre ist, das ist eine Frage, die wir jeder für sich beantworten müssen. Daß unser Glaube aber einmal siegen wird, das steht fest - wir können uns getrost Gott anvertrauen und ihm vertrauen.

Aber dafür haben wir nun keine eigenen Beurteilungsmöglichkeiten. Es ist falsch, wenn wir versuchen, in unser eigenes Innere zu horchen, ob sich da eine Antwort ergibt. Jeremia sagt: „Ihre Träume sollen sie ruhig erzählen, aber sie sollen sie nicht als Gottes Wort ausgeben!“ Im Traum, bei solchen menschlichen Eingebungen, kommt immer nur das Ich des Menschen zum Vorschein.

Es gibt aber auch Christen, die behaupten steif und fest: „Das hat mir Gott offenbart!“ Warum sollte das nicht so sein? Gott hat viele Möglichkeiten, in denen er sich offenbaren kann. Aber es ist doch immer besser, wenn wir bei solchen Behauptungen vorsichtig sind. Manche Menschen reden sich halt etwas solange ein, bis sie es selber glauben. Die Gefahr ist heute nicht mehr so sehr, daß wir fremden Göttern anhängen, sondern daß wir Gott nach unsren eigenen Vorstellungen umbilden und uns einen menschlichen Gott einbilden, so wie wir ihn gern haben möchten.

Hier zu Jeremia spricht Gott: „Bin ich nicht ein Gott aus der Ferne? Ihr denkt, ich sei nahe und würde euch helfen. Dabei ist mein Wort wie brennendes Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt! Ein wahrer Prophet verkündet jetzt Gericht, weil ich Gericht über dieses Volk und sie falschen Propheten beschlossen habe!“

Es ist aber nicht so, daß Gott immer nur Gericht halten will mit uns, daß er uns nur die Gebote vorhält und nicht auch seine frohmachende Botschaft vom Freispruch des Sünders. Die Predigt sagt „Heil“, wo Heil ist, und „Unheil“, wo Unheil ist. Aber ihre Hauptaufgabe ist doch immer, Gottes frohe Siegesbotschaft weiterzusagen, das Evangelium zu verkünden. Das ist wichtiger, als über die Sünden der Menschen zu schimpfen. Über das Gesetz, über die Gebote Gottes zu predigen ist immer leichter, weil uns unsre Sünden so plastisch vor Augen stehen. Doch unsre Aufgabe ist es: Das Evangelium so zu verkündigen, daß dabei auch ganz von selbst deutlich wird, was Gott mit seinen Geboten meint: Wer die frohe Botschaft nicht annimmt, richtet sich selbst, wer das Evangelium hört, hält Gottes Gebot.

Aber das haben die falschen Propheten damals doch gerade so gemacht! Sie riefen: „Gott hat Frieden mit euch, das Heil ist euch nahe!“ Doch gerade da entzieht ihnen Gott die Grundlage für ihre Verkündigung: „Ich habe sie nicht gesandt, ich habe mit ihnen nichts zu tun! Nur wem  i c h mein Wort gebe, der redet in Wahrheit mein Wort!“

Jeremia hat deshalb doch einen Maßstab, an dem er die Wahrheit messen kann: das Wort Gottes! Er beruft sich auf das, was Gott schon früher zu dem Volk Israel gesagt hat, er beruft sich auf seine Bibel. Wir sollten uns ruhig auch einmal auf unsre Bibel berufen, wenn jemand uns fragt: „Woher willst du denn wissen, daß du recht hast?“ Gottes Wort läßt uns die Wahrheit erkennen!

Zum Schluß müßten wir uns noch einmal überlegen, wer denn die falschen Propheten unsrer Zeit sind. Religiöse Sekten, die etwa, den nahen Untergang der Welt ankündigen, regen sich ja bei uns kaum. Auf die falschen Propheten, die sagen: „Die Kirche ist überlebt, die Zukunft gehört uns!“ brauchen wir ja nicht zu hören. Wir brauchen solche Propheten nicht, weil unsere die Zukunft schon feststeht, weil Jesus Christus für uns die Zukunft ist und uns den Sieg gibt.

Aber auch in den eigenen Reihen haben wir falsche Propheten, die sagen: „Mit der Kirche wird es ja doch immer schlechter, es gibt keinen rechten Sonntag mehr und alles wird von Tag zu Tag anders!“ Aber dabei steht im Hintergrund der Gedanke: „Auch wenn ich mich nicht zur Kirche halte, bin ich dennoch kein schlechter Mensch?“ Solchen Miesmachern möchte man am liebsten sagen: „Machen Sie es doch anders. Halten Sie sich doch an Gott!“ Wir kommen nicht weiter, wenn wir immer alles miesmachen, aber auch nicht, wenn wir alles in einem zu rosigen Licht sehen und uns in Sicherheit wiegen, obwohl Gott über uns Unheil beschlossen hat. Es geht um eine nüchterne und praktische Einschätzung unsrer Wirklichkeit, aber auch um das Zutrauen, daß Gott uns - allen Unkenrufen zum Trotz - den Sieg gegeben hat.

 

 

1. Sonntag nach Trinitatis: Jeremia 23, 16 - 17 und 21 - 29 (Variante 2)

„Diese Frau sieht für Sie in die Zukunft. Gabriele Stahlberg - Star-Astrologin. Bisher arbeitete sie nur für die Großen dieser Welt. Ab sofort soll ihre Gabe allen zugänglich gemacht werden, auch denen, die nicht vom Glück begünstigt sind. Gabriele Stahlberg erstellt für Sie ihr ganz spezielles, persönliches Horoskop mit Eurogeld-Horoskop. Aufgrund Ihrer Daten erhalten Sie von Gabriel Stahlberg eine klare Aussage, wie ihre nächste Zukunft aussehen könnte. Gabriele Stahlberg sagt dazu: Es ist zu meiner Lebensaufgabe geworden zu helfen, und ich tue es gern. Ich erschrecke jedoch immer wieder, wie oft sich die Menschen von falschen Propheten in die Irre führen lassen und viel Geld dafür bezahlen!“

So steht es in der Programmzeitschrift, die der Tageszeitung beiliegt. Das Witzige ist daran, daß sie sich von falschen Propheten abgrenzt, aber selber so eine falsche Prophetin ist. Und Geld kostet es natürlich auch, wenn auch „nur“ 15 Euro und erst nach Erhalt des Horoskops.

Aber solche Anzeigen wecken doch die Frage: Von wem lasse ich mir etwas sagen? Auf wen höre ich?

Bei einer Wahl sind viele ratlos und fragen sich: „Wen soll ich wählen?“ Die Arbeit des europäischen Parlaments zum Beispiel ist für den Bürger so unanschaulich. Im Internet gibt es dafür den Wahl-o-mat: Da beantwortet man 30 Fragen zu Europa und dann wird einem am Ende gesagt, welche Partei die eigenen Ansichten am besten vertritt. Da wird dann vielleicht auch die Frage eine Rolle spielen, ob ein Gottesbezug in die Verfassung soll, so wie es in unserem Grundgesetz heißt „….in der Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Hier ist unser klarer Verstand gefragt und nicht der Rat einer sogenannten Astrologin.

Wenn wir hier in die Kirche kommen, dann erwarten wir wohl auch, daß uns nicht nur der Sinn eines alten Bibeltextes erläutert wird, sondern daß uns nach Möglichkeit auch Antwort auf unsre Fragen von heute gegeben wird. Zur Zeit des Jeremia war es das Problem, daß sich zwei Gruppen von Predigern auf Gott beriefen, aber konkret Unterschiedliches sagten. Das war verwirrend für die Gemeinde und für die Nichtglaubenden ein Beweis dafür, daß keiner im Namen Gottes redet.

Natürlich gibt es keine allein verbindliche Auslegung der Bibel, wie es die römisch- katholische Kirche behauptet. Es muß in der Kirche auch um die Wahrheit gerungen werden, die Bibel selber ist ja vielstimmig. Es kann auch nicht sein, daß allein die Pfarrer die Wahrheit gepachtet haben.

Ein Kollege hat mich einmal kritisiert, weil ich oft das Wort „vielleicht“ verwendet habe, das würde nur die Gemeinde verwirren, man müsse klare Vorgaben machen. Doch dabei ging es nie um die eigentliche Glaubensaussage, da gibt es keine Zweifel. Aber es gibt Einzelfragen, wo man verschiedener Ansicht sein kann und wo auch das einzelne Gemeindeglied sich ein Urteil bilden kann.

Nach Meinung des Jeremia gibt es drei Prüfsteine, an denen wir erkennen, ob uns die Wahrheit gesagt wird: Ist das Wort fremd, ist es ernüchternd und ruft es zur Umkehr?

 

(1.) Das fremde Wort: Jeremia befindet sich in einer schwierigen Lage. Da sind andere Propheten, die das Volk beruhigen und ihm eine glückliche Zukunft versprechen und ihm raten, sich mit anderen zu verbünden und gegen die Großmacht Babel zu kämpfen. Sie berufen sich auf die Zusage Gottes, daß das Volk ja von ihm erwählt sei und der Zionsberg in Jerusalem deshalb uneinnehmbar wäre.

Jeremia aber sagt: „Nehmt den Sieg der Feinde und die Verschleppung eines Teils des Volkes an als Strafe Gottes und ändert euer Leben!“ Das Problem ist nur: Beide Seiten berufen sich auf den gleichen Gott und sagen: Wir verkünden das wahre Wort Gottes!“ Da gibt es auch keinen Kompromiß, da kann man die verschiedenen Ansichten nicht auf einen Nenner bringen.

Es kann nur e i n e Wahrheit geben. Die kann man aber nicht beweisen wie den Satz des Pythagoras. Da muß man etwas wagen und Vertrauen haben. Da muß man auch in Kauf nehmen, daß diese Wahrheit vielen als „fremd“ erscheint. Die Soziologen sagen uns ja, man müsse erst erforschen, was die Menschen so denken und dann die eigene Botschaft dem anpassen: Was sie sowieso nicht hören wollen, das müsse man weglassen.

Verdächtig ist aber jede Rede von Gott, in der eigentlich nur menschliches Denken und menschliche Interessen vertreten werden unter Berufung auf Gott. Dann ist der Glaube nur dazu da, das zu untermauern, was man sich selbst ausgedacht hat. Da sind im Grunde schon die Sachentscheidungen gefallen, ehe man auch noch Gott bemüht hat. Er soll nur mit ziehen helfen. Daß er uns auch aus der Ruhe bringen und uns das Konzept verderben kann, ist nicht mehr im Blick.

Auch in der Kirche von heute gibt es solche unterschiedlichen Standpunkte: Die einen sagen, man könne Frieden nur haben, wenn man bis an die Zähne bewaffnet ist, die anderen sprechen dagegen von „Frieden schaffen ohne Waffen“.

Auch in der Vergangenheit gab es viel faule Predigt in der Kirche, zum Beispiel als man im 19. Jahrhundert sich auf die Seite der Herrschenden stellte und die soziale Not der Menschen übersah. Oder als man in der Nazizeit ein „völkisches Christentum“ vertrat und die „Bekennende Kirche“ verfolgte. In der DDR gab es Pfarrer, die am 1. Mai den Gottesdienst ausfallen ließen, um auf der staatlich gelenkten Mai-Kundgebung zu sprechen. In Südafrika rechtfertigten die weißen Christen die Unterdrückung der Schwarzen mit der Bibel. Und der amerikanische Präsident George W. Buh ging fast jeden Sonntag in die Kirche und kämpfte am Werktag gegen das vermeintliche „Reich des Bösen“. Darf man foltern oder Terror ausüben, um noch größeres Unheil zu verhindern?

Solche Fragen müssen in der Kirche beantwortet werden im Hören auf Gottes Wort. Astrologie oder Traumdeutung helfen da nicht weiter. Die falschen Propheten sagten zwar, der Traum sei die Stelle, in der das Licht von oben einfällt. Aber die heutige Traumforschung sagt uns, daß Träume aus dem eigenen Herzen kommen und im Grunde nur das verarbeiten, was den Menschen seelisch beschäftigt. Der Mensch ist nicht von Haus aus „gottbegabt“, kann nicht aus sich heraus Gottes Willen erkennen. Deshalb darf in der Kirche nicht geträumt werden, sondern da wird sehr genau auf das Wort Gottes gehört. Und ob man dabei aus den vielen Worten das richtige Wort heraushört, das erkennt man auch daran, ob es uns als fremd erscheint, uns vielleicht sogar ärgert, aber letztlich doch auch froh macht.

 

(2.) Das ernüchternde Wort: Falsche Prophetie vernebelt, aber Gottes Wort gibt Klarheit. Unser Trost kann nicht darin bestehen, daß wir den Menschen etwas vormachen. Wo man an den Gekreuzigten glaubt, da kann man nicht nur beschwichtigen und vertrösten oder gar in Narkose versetzen. Es gibt auch unangenehme Wahrheiten, die ausgesprochen werden müssen. Das gilt in der Kirche wie in der Gesellschaft.

Wenn in die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr genug eingezahlt wird, weil es zu wenig junge Leute gibt und zu viele Arbeitslose, dann müssen eben die Leistungen zurückgeschraubt werden. Wenn Steuern fehlen, dann muß man zurückstecken beim Straßenbau, aber vielleicht auch bei den Kindergärten. Man kann nur verteilen, was eingekommen ist. Wer aber so etwas sagt, macht sich natürlich nicht beliebt. Aber was ist denn gewonnen, wenn man immer nur verspricht und dann eines Tages dann doch den Offenbarungseid leisten muß. Dann doch lieber eine unangenehme Wahrheit zur rechten Zeit als ein böses Erwachen. Das muß man ganz nüchtern so sehen und sagen.

Manches ist nicht leicht zu ertragen im Leben. Aber man kann vielleicht doch zu einem schwe­ren Schicksal „Ja“ sagen, wenn man sich selbst alles ganz anders gedacht und gewünscht hat. Man kann darin die Hand Gottes erkennen, der weiß, was er mit uns vorhat. Oft erkennen wir erst hinterher, daß es doch gut war, was uns widerfahren ist: Wenn ich den Zug nicht verpaßt hätte, dann hätte ich auch nicht den für mich wichtigen Menschen getroffen. Wenn ich meinen Wunschberuf bekommen hätte oder eine bestimmte Arbeitsstelle, dann wäre ich heute vielleicht unglücklich. Silo muß man es oft hinterher ganz nüchtern sehen.

 

(3.) Das Wort der Umkehr: Bußprediger werden dann gern gehört, wenn sie den anderen so einmal richtig heimzahlen. Doch sinnvoller ist es, diejenigen anzureden, die man vor sich hat. Natürlich geht das gepredigte Wort auch an den Prediger selbst. Wir sind alle gemeinsam unterwegs auf dem Weg zur Wahrheit.

Jeremia hatte den Mut, auch konkrete Verfehlungen anzusprechen. Es muß schon gesagt werden, an welchen Stellen es besser mit uns werden muß. Natürlich ist es angenehmer, wenn man selbst bestätigt wird. Aber wirklich geholfen wird nur, wenn auch sichtbar wird, wo harte Arbeit nötig ist. Jeremia hat den Leuten nicht nach dem Munde geredet und die Lage nicht verharmlost.

Aber er hat immer wieder gehofft. Er wußte: Der ferne Gott ist doch der nahe Gott. Er muß so fern sein, damit sein Gesichtskreis nicht eingeengt ist. Deshalb wohnt er nicht im Tempel von Jerusalem, sondern er hat einen weiten Horizont. Doch dafür wurde ein hoher Preis bezahlt: Der Tod seines Sohnes. Das ist eine harte Wahrheit, aber nur so sind wir gerettet.

Für Jeremia war der Bund zwischen Gott und seinem Volk vielleicht nicht zerstört, aber doch stark gestört. Aber seit Jesus von Nazareth ist ein neuer Anfang gemacht. Seitdem ist das Wort Gottes nicht mehr fremd und ernüchternd. Und wenn es zur Umkehr ruft, dann nur zu unserem Heil.

 

 

2. Sonntag nach Trinitatis: 1. Kor 14, 22 - 25

Wenn ein Neuling oder ein Ungläubiger jetzt in unseren Gottesdienst käme, dann würde er sich wohl nicht so einfach zurechtfinden. Da werden Lieder gesungen und Bibelstellen vorgelesen. Der Pfarrer spricht eine Aufforderung und die Gemeinde antwortet wie selbstverständlich, von der Orgel unterstützt. Die Eingeweihten kennen das, es ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen.

Aber ein ganz Unwissender wird nichts mit dem Kreuz auf dem Altar anzufangen wissen, auch nicht mit solchen Namen wie Paulus und Korinther. Da gibt es viele Fachausdrücke wie zum Beispiel das Wort „Agende“. Das ist das Buch, in dem die Gottesdienstordnung steht und vor allem auch die Gebete. Aber wenn man die Mehrzahl „Agenden“ verwendet, dann hört sich das fast an wie Geheimdienstagenten.

So ist das eben mit der kirchlichen Sprache. Das gilt auch für die Formulierung der Gebete in diesen Gottesdienstbüchern. Man sagt heute: An sich müßten diese Bücher alle 20 Jahre neu geschrieben werden, weil die Sprache sich so schnell ändert. Auch das Gesangbuch wird ja immer wieder überarbeitet.

Damals in Korinth war es das sogenannte „Zungenreden“, das bei Außenstehenden besondere Verwunderung auslöste. Da fing plötzlich einer an, in unverständlichen Worten vor sich hinzureden. Angeblich sprach dann Gott in diesem Augenblick aus ihm. Aber die anderen konnten es ja nicht verstehen. Doch der Betreffende steigert sich dann immer mehr in Ekstase und Verzückung hinein, die anderen lassen sich vielleicht noch davon mitreißen - aber am Ende gerät alles in Unordnung und ruft bei Fremden nur Kopfschütteln hervor.

Der Gottesdienst erscheint dann wie ein Reden in einer fremden Sprache, so daß man erst einen Dolmetscher braucht, ehe man sich hineinfinden kann. Bei einer kirchlichen Tagung

haben Journalisten händeringend darum gebeten: „Sagt es doch so, daß unsre Leser es verstehen können! Wir schreiben doch nicht nur für das Kirchenvolk, sondern auch für die draußen!“ Für die ist eine Predigt oft wie das Zungenreden in Korinth, für „normale“ Menschen einfach etwas Mysteriöses, nur den Eingeweihten verständlich.

Paulus stellt dieser Praxis des Zungenredens die Prophetie bzw. die Weissagung entgegen. Dabei meint er nicht die Vorhersage der Zukunft, sondern die klare Erkenntnis des Willens Gottes mit Welt und Kirche. Das Zungenreden stellt nur die Verbindung zwischen Gott und den geistbegabten Menschen her, es erbaut nur Denjenigen, der diese Gabe hat. Wichtiger ist aber, daß die ganze Gemeinde erbaut wird und auch die Gemeindeglieder untereinander verbunden werden. Vor allem aber soll auch die Botschaft Gottes in unsre Zeit und Welt hineingetragen werden.

Damit soll nicht gesagt werden, daß es nicht auch in der Kirche etwas Begeisterndes geben dürfte. So ein Landesjugendsontag oder ein Kirchentag ist schon etwas Begeisterndes. Wir waren alle schon einmal von etwas ergriffen und hingerissen. Aber wir haben auch erlebt, daß andere sagten: „Wir verstehen nicht, wie man davon begeistert sein kann!“ Wer nicht auch

einmal hingerissen sein kann -  ganz „weg“ sein kann - der ist arm dran. Aber es ist auch gefährlich, wenn man nicht mehr vernünftig miteinander reden kann, wenn man nicht mehr einleuchtend machen kann, worum es geht und warum gerade auf diese Weise.

In der Pfingstgeschichte wird von den Aposteln gesagt, daß sie zunächst auch in einer anderen Sprache geredet hätten,  als in der eigenen. Aber dann sind Ausländer und Andersdenkende doch erstaunt darüber, daß jeder sie in seiner eigenen Sprache reden hört. Der Geist, der aus den Aposteln hervorbrach, redete also durchaus verständlich und baute eine Brücke zu den Menschen.

Wir kennen aus christlichen Kreisen das, was man „Zeugnis ablegen“ nennt. Das heißt: .

Man bekennt mit überschwenglichen Worten seiner Glauben uns schildert, wie schlecht es einem früher ging und wie gut mag man es jetzt mit Jesus hat. Dadurch sollen andere überzeugt werden, sich doch auch diesem Glauben zuzuwenden. Doch dabei grenzt man sich scharf von der Welt und den Ungläubigen ab.

Jesus aber ist zu der Menschen hingegangen und hat mit ihnen gesprochen. Sie haben gespürt, da sie vom Jesus angenommen wurden und bei ihm ein Stück Heimat und Geborgenheit finden konnten. Und so etwas hat immer etwas mit einer verständlichen Sprache zu tun. Warum wird denn die Bibel in immer neue Dialekte übersetzt? Warum machen sich Missionare daran, urbekannte Sprachen zu erforschen? Doch nur, damit Gottes Wort auch in die Herzen der Menschen dringen kann.

Das war auch das Anliegen Luthers bei seiner Bibelübersetzung. Er wollte den Leuten „aufs Maul schauen“, damit sie möglichst genau den Ursinn der Bibel verstehen können. Doch seine Übersetzung mußte immer weiterentwickelt werden, seine Sprache ist vielen heute nur schwerverständlich. Aber die vielen Überarbeitungen seit der damaligen Zeit waren sicher im Sinne Luthers, damit die biblische Sprache nicht eine Fremdsprache wird. Deshalb haben ja auch die Katholiken das Latein im Gottesdienst weitgehend abgeschafft, nur die Orthodoxen verwenden immer noch das Kirchenslawisch.

Am. heutigen Sonntag wird uns vor Augen gestellt, daß Gott die Türen weit auf macht und auch die von den Landstraßen und Zäunen herbeiruft. Was Christus geschenkt hat, das soll doch allen gehören. Deshalb darf nichts abgeschlossen werden, sondern es soll geöffnet werden. Gottes Tür steht weit auf für jeden.

Eine Gemeinde, die nicht über ihre Ränder und Grenzen hinausdenkt, lebt nicht im Sinne Gottes. Sie bleibt hinter dem zurück, was Gott von ihr will und wird sich schließlich auch in den

eigenen vier Wänden dem entfremden, was sie sein soll. Der Unterschied zwischen denen drinnen und denen draußen ist zwar groß, aber Gott will sich aller erbarmen.

Es gibt sicher eine Reihe von Gründen für eine Gemeinde, sich einzuigeln. Vielleicht hat man sich längst mit der Tatsache      abgefunden, eine Minderheit zu sein. Es fehlt dann am missionarischen Mut, am Wirken über die eigenen Grenzen hinaus. wenn man unter sich ist, dann wird man nicht gefordert und muß nicht Antwort geben. Es erlaubt ein geruhsames Christsein.

Neue Menschen sind immer eine Herausforderung. Dann muß man auch von denen her denken, die sich zufällig in die Gemeindeversammlung hineinverirrt haben oder auch von missionarisch-bewußten Christen dahin eingeladen worden sind. Sich auf einen neueren Menschen einzustellen verlangt mindestens ein wenig Beweglichkeit. Meist gehört auch eine gute Menge Liebe dazu, diesen Menschen abzunehmen: mit seiner Vergangenheit‚ seiner vielleicht ganz anderen Lebensart und seinen ungewohnten Anschauungen.

Durch beides machen wir uns schuldig: wenn wir andre nicht anziehen oder wenn wir sie abstoßen. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die ganze Gemeinde. Abstoßend wirken kann das ganze geistliche Klima, in dem einer die Gemeinde vorfindet. Vielleicht kommt einer ein oder zweimal und dann bleibt er wieder weg, weil wir ihn enttäuscht haben.

Der eine hat der kleinen Kreis gesucht, wo es wie in der Familie zugeht. Der andere wollte mehr auf Abstand bleiben und nicht gleich vereinnahmt werden. Die einen gehen lieber in die Kirche, weil dort alles unverbindlicher bleibt. Die anderen suchen lieber das Gemeindehaus auf, wo man gemütlich beieinander sitzen und sich unterhalten kann? Doch es geht nun nicht darum, möglichst viel zu machen, um jedem etwas zu bringen. Es liegt nicht an der Methode, ob ein Mensch sich eingeladen fühlt, sondern der Schlüssel zu ihm ist die Liebe, mit der wir ihm begegnen.

Maßstab bei allem ist, ob durch unsren Gottesdienst und unser Verhalten die Gemeinde auf­erbaut wird. Allerdings wäre es auch nicht richtig, nur das gelten zu lassen, was man in vernünftige Begriffe fassen kann. Ein großes Erleben  - sei es nun Traurigkeit oder Freude, Schmerz oder Jubeln - drückt sich auch unartikuliert aus. Das kann man zum Beispiel in einem Fußballstadion erleben, besonders wenn man mittendrin ist und sich von der Umgebung anstecken läßt. Auch die Musik ist etwas, das den ganzen Menschen erfaßt. Es gab einmal vier junge Leute aus Liverpool, die durch ihr „Yeh, Yeh“ die Massen zu einer entfesselten Begeisterung mitrissen. Dadurch kann das Unbewußte entlüftet und Verdrängtes ans Licht gebracht werde. Auch Erwachsene müssen sich manchmal kräftig auf diese Weise austoben, um gesund zu bleiben.

Aber für einen anderen kann das geradezu abstoßend wirken. Deshalb fragt Paulus danach, ob die Gemeinde einen Nutzen davon hat. Mancher sagt: „Ich habe mich erbaut!“ Natürlich ist zunächst nichts dagegen zu sagen, daß jemand im Gottesdienst etwas für sich selbst gewinnt: Stille und Sammlung, das innere Durchatme und das Hingezogensein zu Gott, Trost und Linderung. Aber der Gottesdienst ist nicht die Versammlung von frommen Genießern!

Alle Gaben sind dazu da, zum Besten des Gazen, und damit auch zum Besten des Einzelnen eingesetzt zu werden. Stein soll auf Stein gesetzt werden, damit so ein „geistliches Haus“ entsteht. Alles Empfangene ist also sofort wieder in der Dienst anderer zu stellen. Dann hat die Frömmigkeit einen Sinn gehabt.

Für einige Korinther war das Unverständliche und Geheimnisvolle das Merkmal einer höheren Vollkommenheit. Natürlich ist das Göttliche ein Geheimnis. Aber im Kommen Jesu Christi ist es aussagbar und verstehbar geworden. Deshalb gibt Paulus der klaren und unverschlüsselten Rede dem Vorzug. Verstehbar machen bedeutet ja nicht, daß man das Evangelium abflacht zu etwas Belanglosem. Gottes Selbstkundgabe kann nicht auf die Einsichten der Vernunft herabgesetzt werden.

Außenstehende nehmen nicht Anstoß an der Predigt, wenn sie das Evangelium in seiner manchmal schockierenden Größe und Tiefe bezeugt, sondern wenn es zu einer billigen Sache gemacht wird. Es kommt zum Verstehen, wo jemand im Gewissen getroffen wird. Das kann auch einer merken: Inder Mitte dieser Menschen ist Gott! Hier wird nicht nur über Gott geredet, sondern hier tut Gott selber etwas! Hoffentlich gelangen auch wir zu einer solchen Erkenntnis!

 

 

3. Sonntag nach Trinitatis: 1. Joh 1,5 - 2,6

Noch nicht bearbeitet

 

 

4. Sonntag nach Trinitatis: 1. Petrus 3, 8 - 15 a

Nach einer Kurve war ein Motorradfahrer verschwunden. Ein junger Mann, der das mitgekriegt hatte, suchte ihn im hohen Gras. Er hob die Maschine von ihm herunter und verständigte einen Arzt. Als sich der Motorradfahrer aber berappelt hatte und aufgestanden war, fing er an zu schimpfen, als er aber die Polizei sah, die der Arzt noch verständigt hatte. Es stellte sich nämlich heraus, daß er betrunken war und deshalb das Motorrad nicht mehr in der Gewalt hatte.

So kann eine gut gemeinte Hilfe falsch verstanden werden und zu heftiger Kritik führen. Aber das darf dennoch nicht dazu verführen, in einem solchen Fall gleichgültig weiter zu fahren. Vernünftige Menschen sehen das auch anders. Und auch Gott wird so eine Sache anders beurteilen. Wir fragen ja nicht nach dem, was die Leute zu unserem Handeln sagen, sondern nach dem, was Gott dazu sagt. Gott kennt unsre Gedanken, ob wir es nun gut oder böse gemeint haben.

Im 1. Petrusbrief heißt es dazu: „Laßt den Herrn Christus in euren Herzen heilig sein!“ Es geht dabei aber nicht um eine innere Herzensfrömmigkeit, so daß wir nur im stillen Herzenskämmerlein fromm sind, sondern der Glaube will und soll nach außen. Deutlich wird das, wenn das Wort „Herz“ durch „Leben“ ersetzt wird: „Heiligt den Herrn Christus in eurem Leben!“

Doch die hier aneinandergereihten Ermahnungen könnten auch im Sinne einer allgemein-menschlichen Anstandslehre verstanden werden. Man hat dem 1. Petrusbrief eine gewisse kleinbürgerliche Enge nachgesagt, eine nicht weiter aufregende Allerweltsethik. Was hier steht, könnte man sich für jede menschliche Gemeinschaft wünschen, das ist alles nicht besonders christlich, aber es wird leider gerade unter Christen oft vermißt.

Auch als Christen müssen wir uns diese Mahnungen durchaus sagen lassen, denn wir müssen immer erst w e r d e n, was wir nach Gottes Willen eigentlich schon sind. Gehen wir die Stichworte vom Anfang einmal einzeln durch.

Gleichgesinnt: Wir sind zwar verschieden, denn wir haben unterschiedliche Gaben, aber unser Blick ist doch gerichtet auf das Eine, das uns als Menschen und Christen zusammenbindet.

Mitfühlend: Wir sind nicht nur mit uns selbst beschäftigt, sondern nehmen das mit ins eigene Herz hinein, was den anderen bewegt.

Brüderlich: Wir kommen alle von dem gleichen Vater und sind gewissermaßen eine Familie, die sich gegenseitig beisteht.

Barmherzig: Wir haben eine Liebe, die sich den anderen nahe gehenläßt, die innerlich Anteil an ihm nimmt und alles zu seinem Besten wendet.

Demütig: Jeder denkt maßvoll von sich und achtet den anderen höher als sich selbst und kommt ihm mit Ehrerbietung zuvor.

Was uns dabei zusammenbindet, ist nicht das Liebenswerte und Faszinierende am anderen Menschen, sondern die Tatsache, daß wir miteinander zu Christus gehören und deshalb das Liebenswerte in ihn hineinsehen und hineinbringen. Das wird besonders wichtig im Kon­flikts­fall, wenn unsre Liebe nicht angenommen, sondern geschmäht wird, wenn nicht nur Böses mit Bösen vergolten wird, sondern auch Gutes mit Bösem.

Unsre Aufgabe ist es dann, das uns allen selbstverständliche „Reaktionsgesetz“ zu durchbrechen, das sich in solchen Redensarten ausdrückt wie „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“ oder „Wie du mir, so ich dir“ oder „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“ oder gar „Wer Wird sät, wird Sturm ernten“. Diese Überzeugungen brauchen wir nicht zu lernen, die liegen in uns allen drin..

Manche Menschen meinen auch, solche Regeln seien unerläßlich für die Selbsterhaltung und Selbstbehauptung. Und manche Eltern sagen das schon ihren Kindern so, ehe sie in den Kindergarten kommen. Muß man nicht sein Recht erstreiten, wenn man im Recht ist? Verlangt Druck nicht Gegendruck, damit nicht alles ins Wanken kommt?

Doch dieses Reaktionsgesetz ist Zeichen der unvollkommenen Welt, der „sündigen Welt“, wie die Bibel sagt. Feindschaft wird mit Feindschaft bekämpft, Rüstung mit Gegenrüstung, ein diplomatischer Zwischenfall mit Krieg. Die entsprechenden Beispiele (aus ….. und …..) werden uns täglich ins Haus geliefert.

Aber auch in unserem persönlichen Leben ist es nicht anders. Die Geschichte mancher Ehe oder Hausgemeinschaft zeigt diesen Teufelskreis, den Schiller so formuliert: „Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären!“ Natürlich juckt es auch uns in den Fingern, wir möchten auch so reagieren wie die anderen. Wir verspielen viele Möglichkeiten christlichen Lebens: Einmal trennen wir uns zu stark von der Welt, das andere Mal passen wir uns ihr zu sehr an. Wir haben einen Mangel an Liebe zu den Menschen, unter denen wir leben. Und wir haben einen Mangel an Vertrauen zu dem Gott, der uns sein Gutes schon mitten in dieser Welt zuwenden möchte.

Doch wenn ich mir nichts gefallen lasse und dafür mit gleicher Waffe zurückschlage, mache ich mich von dem anderen abhängig. Wenn ich sage: „Dem habe ich es aber gegeben!“ dann genieße ich zwar meine Schlagfertigkeit, aber in Wirklichkeit war ich nur Echo oder Spiegelbild. Scharfwerden und Poltern verrät meist die Angst. Ein Tier wird gefährlich, wenn es Angst hat, es kratzt und schlägt aus.

Mit Jesu Gebot, auch die Feinde zu lieben, wird dieser Teufelskreis aufgebrochen. Dann schaltet sich in das Spiel der Kräfte die schöpferische Liebe ein, die nicht mehr auf Schmähungen reagiert, sondern auf den segnenden Gott. Weil Gott mir Gutes zuspricht, macht mich dies heute schon fähig, anderen Gutes zuzusprechen und sie zu segnen.

Es könnte ja auch sein, daß denen, die uns angreifen und herausfordern, doch etwas aufgeht davon, weshalb wir anders sind als sie und andere. Dann werden sie vielleicht doch aufmerksam und fragen: „Warum verhältst du dich so anders?“ Und wenn wir dann sagen: „Ich tue das im Gehorsam gegen Gott!“ dann haben wir so ganz nebenbei die frohe Botschaft Gottes weitergesagt

Wer sich aber auf den Weg des Gewaltverzichts einläßt, muß auch bereit sein, Leiden auf sich zu nehmen. Das muß nicht heißen, daß man gleich eingesperrt und gefoltert oder gar getötet wird. Aber leiden muß man auch, wenn man nicht ernst genommen wird, wenn man als Träu­mer bezeichnet wird, dem der Blick für die Wirklichkeit fehlt, wenn man abgewertet und ins Abseits gestellt wird.

Aber das Leiden ist oft die einzige Möglichkeit, das Dschungelgesetz dieser Welt zu durchbrechen. Der Petrusbrief meint zwar zunächst: „Wer könnte euch schon schaden, wenn ihr dem Guten nacheifert?“ Aber dann räumt er doch ein: „Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig!“ Aber wer das alles auf sich nimmt, der hat einen Schritt nach vorne gemacht.

Kann man wirklich so leben? Der gesunde Menschenverstand sagt „Nein““. Wo kämen wir denn hin, wenn es nur noch nach den Lehren Jesu oder den Vorschlägen des Petrusbriefes ging? Die Ordnungen der geschaffenen Welt werden nicht weggefegt.

Aber mit einem Fuß steht das Neue bereits im Alten, das Zukünftige ist bereits in der Gegenwart wirksam. Gott ist noch lange nicht am Ende seiner Wege und Gedanken. Christen sind dabei Eiferer für das Gute. Sie zucken nicht mit den Achseln und sagen: Das ist nun einmal der Lauf der Welt und damit muß man sich abfinden. Man kann die Welt nicht mit der Bergpredigt regieren!“ Vielmehr setzen sie die ganze Kraft ihres Herzens und Willens ein. Sie geben nicht klein bei.

Aber sie hüten ihre Zunge und wenden sich vom Bösen zum Guten. Sie suchen Frieden und jagen ihm nach. Wir wissen natürlich, daß die Kirche in Kriegszeiten um den Sieg der eigenen Waffen gebetet hat, sie vorher (zum Teil) auch gesegnet hat. Selbst vor dem Abwurf der ersten Atombombe hat ein Pfarrer um das Gelingen des Unternehmens gebetet. Heute sehen wir das anders. Da wissen wir: Wir können nicht darauf warten, daß der Frieden vom Himmel fällt. Man muß ihm hinterher laufen, ihn entdecken und sich anstrengen.

Das Problem dabei hat der russische Kinderbuchautor Marschak beschrieben. Er beobachtete sechs- bis siebenjährige Kinder, wie sie Krieg spielten. Er spricht sie an: „Wie kann man nur Krieg spielen? Ihr wißt doch sicher, wie schlimm Krieg ist. Ihr solltet lieber Frieden spielen!“ Die Kinder halten das für eine gute Idee, beraten, tuscheln miteinander. Dann tritt eines der Kinder vor und fragt: „Väterchen, wie spielt man Frieden?“

Das ist wirklich das Problem, daß wir oft nicht wissen, wie man Frieden hält oder schafft. Wo aber Menschen nichts Böses sagen oder tun, sondern dem Frieden nachjagen, lieber Unrecht leiden als Unrecht tun, da wird es besser in unsrer Welt. Hauptsache ist, daß wir Gottes Willen tun, alles andere können wir getrost ihm überlassen.

Der hier fordert und zugleich erfüllen hilft, ist Jesus Christus. Er hat auf sein Recht verzichtet und ist am Kreuz gestorben. Wer ihm im Glauben und in der Liebe nachfolgen will, der wird den gleichen Weg gehen müssen. Wer aber weiß, daß Gottes Auge die Gerechten sieht, der wird auch durch die Kränkungen nicht aus der Bahn geworfen, die Menschen ihm zufügen. Unser Heil oder Unheil hängt nicht von den Menschen ab, sondern unser Glück hängt allein von Gottes Schutz ab. Wir lassen uns nie von der Angst, sondern von dem Willen unsres Herrn bestimmen.

 

Zusatz:

Eins gilt aber doch wohl für alle Menschen: Sie wollen glücklich werden! Doch wie macht man das? Wer glücklich werden will, der soll erst einmal andere glücklich m a c h e n. Darauf kommt es an: Nicht etwas für sich haben wollen, sondern für andere da sein; dann kommt das Glück ganz von selbst, ohne daß man viel dazu tun muß.

Denken wir vielleicht an einen Krankenpfleger oder eine Krankenschwester. Wie müssen die sich für andere einsetzen, oft unter Zurückstellung ihrer persönlichen Wünsche. Aber wieviel Freude und Befriedigung in ihrem Beruf finden sie doch, wenn sie die Dankbarkeit der Menschen sehen, die sie pflegen. Natürlich gibt es auch Unzufriedene, denen es keiner recht machen kann. Aber  in der Regel wird es doch so sein, daß glücklich ist, wer andere glücklich macht.

Selbst Schwachsinnige kann man noch glücklich machen. Und es ist wirklich die Frage, ob chronisch Kranke unglücklich sein müssen. Mancher hat vorher nur geschafft und keinen Gedanken für etwas anderes gehabt. Aber durch seine Krankheit ist er zur Besinnung gekommen und sie wurde ihm und seiner Umgebung zum Segen. Hat solch ein Leben nicht doch auch einen Sinn, wenn er auch anders ist als erhofft.

Die Frage nach dem Glück des Menschen wird in unserem Predigttext nicht einfach beiseite geschoben. Man vertröstet nicht auf ein besseres Jenseits, sondern das alttestamentliche Erbe wirkt auch im Neuen Testament weiter. Im 34. Psalm wird eben die Meinung vertreten: Ein Leben in der Furcht Gottes und in der Liebe Christi führt normalerweise zu dem, was man so Glück nennt, es führt dazu, daß man gute Tage sieht.

Es wird sehr weltlich und diesseitig vom Glück gesprochen. Aber es wird auch gesagt: Der echte Weg zum Leben und zum Glück ist der Weg Christi. Wer das Glück finden will, der muß zu Jesus gehen und zu ihm gehören und in seinem Namen Gutes tun. Dieser christ­liche Bezug führt über den Grundsatz: „Tue recht und scheue niemand!“weit hinaus.

 

 

5. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 12, 1 - 4a

Mancher kann sich  als Jugendlicher vorstellen, jemals aus seinem Heimatort wegzugehen. Aber zum Studium war es natürlich erforderlich. Und auch danach wird man oft woanders arbeiten müssen. Man zieht im Leben öfters um. Und die Kinder waren schon in aller Herren Länder. Heute wird  „Mobilität“ verlangt, reisen, umziehen, anpassen, immer wieder Neues unternehmen.

Im Altertum war das nicht so einfach. Da war man eingebunden in seine Familie, seine Nachbarschaft, seine Heimat und sogar in seine Religion. Es war so gut wie undenkbar, das alles aufzugeben, weil man damit im Grunde seine ganze Existenz aufgab. Die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen unter uns haben es am eigenen Leib erfahren, was dieses plötzliche Aufgeben der Heimat bedeutet.

Wenn man dazu gezwungen wird, läßt es sich nicht ändern. Aber wenn man heutzutage freiwillig etwas Neues anpacken will, dann geht man nicht ins Ungewisse. Da prüft man erst alles, da fragt man nach Sicherheiten, ehe man sich aus der gewohnten Umgebung löst. Von Abraham aber wird verlangt, daß er sich auf eine solche ungewisse Zukunft einläßt. Das geht nur, wenn man gehorsam ist, wenn man Vertrauen hat und wenn man nicht allein ist.

 

1. Zum Aufbruch in Gottes Zukunft gehört Gehorsam: Abraham war ein Heide wie die anderen auch. Er hatte also keine besondere religiöse Neigung. Gott kann halt jeden auswählen und er braucht jeden. Er wirkt nicht von außen mit Gewalt auf die gesamte Menschheit ein. Vielmehr ruft er den e i n e n , um ihn auf den Weg zu bringen und eine Geschichte mit ihm zu beginnen.

Der Befehl an Abraham wird nicht begründet, ein Ziel wird nicht genannt. Außerdem war er ja auch in einem Alter, in dem man nicht mehr den Drang hat, von Zuhause fortzukommen und in dem man sich nicht mehr so leicht verpflanzen läßt. Dennoch läßt sich Abraham von Gott rufen in eine auf den ersten Blick unsichere Zukunft. In Wirklichkeit war diese Zukunft natürlich sicher, aber das konnte Abraham ja nicht wissen.

Wir erfahren nicht, wie Abraham den Ruf Gottes hat vernehmen können. Seine Mitbewohner haben nur gesehen, daß er eines Tages aufbrach. Aber den Ruf Gottes hat nur Abraham vernommen. Irgendwie weiß er, daß er gemeint ist.

Gott hatte schon immer versucht, Menschen zu finden, die seinen Vorstellungen entsprechen. Die vorhergehenden Versuche Gottes waren ja fehlgeschlagen. Die Erzählungen am Anfang der Bibel schildern in bildhafter Weise diese Bemühungen. Aber schon Adam und Eva schlagen nicht so ein, wie Gott es sich vorgestellt hat, mit Kain und Abel geht es weiter. Der Höhepunkt ist der verfehlte Versuch, einen Turm bis in den Himmel zu bauen und so zu werden wie Gott. Doch Gott gibt nicht auf und reicht den Menschen immer wieder die Hand. Nur nach dem Turmbau fehlt dieser hoffnungsvolle Ausgang.

Deshalb setzt Gott ganz neu ein, indem er sich den Abraham aussucht und mit diesem einzelnen Menschen einen neuen Anfang versucht. Er segnet einen, damit er allen den Segen bringen kann. Indem Abraham sich auf den Weg macht, zieht das Gute Gottes mit ihm, das am Ende allen Menschen zugedacht ist. Nur darf dieser Erste nicht gleich versagen. Es genügt ja, wenn einer gerufen wird und sich rufen läßt. Dabei ist es egal, was die anderen tun. Nur einer muß antworten und Aufgaben übernehmen. Nur so kann der Segen Gottes sich auswirken, nur so können andere nachgezogen werden.

Bei Abraham war das alles gleich klar. Aber für uns ruft die Stimme Gottes oft sehr leise und nur indirekt. Nur ein wachsames und geschärftes Gewissen kann sie vernehmen. Allerdings wird unser Gewissen scharf eingestellt durch die Bibel. In ihr wird uns gezeigt, daß Gott mit den Menschen geredet hat und wie er das getan hat. Das hilft dann, auch eine eigene Entscheidung zu finden. Das heißt allerdings nicht, daß man die Bibel nur aufzuschlagen brauchte wie ein Kursbuch und gleich weiß, wann die Reise losgeht und wohin sie führt. Wir brauchen das Gebet über der Bibel, um uns ganz auf Gottes Willen ausrichten zu lassen.

Im Grunde haben wir es leichter als Abraham: Für uns ist Gott der Vater Jesu Christi. Als Jesus auftrat, gab es schon eine lange Geschichte von Erfahrungen mit Gott. Jesus selber konnte sich sogar Abraham als Vorbild nehmen, der im unmittelbaren Kontakt mit Gott stand und von Gott auf einen schweren Weg geschickt wurde und sich entscheiden mußte, ob er

dem Ruf Gottes folgt oder nicht.

Jesus wiederum ist uns vorausgegangen. Wir brauchen ihm nur nachzufolgen, nicht nur so, daß wir sein Vorbild nachahmen, sondern auch unser ganzes Leben auf ihn hin wagen. Andererseits hat Abraham Jesus nicht kennen können. Aber wenn er seinen Gott einigermaßen verstanden hat, dann hat er den „Tag Jesu“ schon von ferne gesehen.

 

2. Zum Aufbruch in Gottes Zukunft brauchen wir Vertrauen in die Zusagen Gottes:

Wir Heutigen haben gegenüber solchem bedingungslosen Gehorsam unsre Vorbehalte. Wir wollen doch selbst verantwortlich sein, wollen unsre Entscheidungen selber treffen, wollen uns Rechenschaft geben über unsre Gründe. Abraham läßt sich von solchen Überlegungen nicht beeinflussen. Gottes Befehl bedeutet für ihn nicht, daß Gott ihm etwas abverlangt, sondern daß er ihm im Gegenteil etwas schenken will.

Der zugedachte Gewinn übersteigt das Aufgegebene doch um ein Vielfaches: Er wird nicht kaltherzig aus seiner Verwandtschaft gelöst und in ein beziehungsarmes Leben geworfen, sondern er wird zum Stammvater eines großen Volkes werden.

Wer mit Gott geht, achtet nicht so sehr auf das, was er aufgibt. Er sieht vielmehr auf das, was Gott ihm schenken will. Dadurch wird er frei, Neues zu beginnen. Das gilt, wenn zwei Menschen ihren gemeinsamen Lebensweg beginnen oder wenn einer den Beruf wechselt. Das gilt aber auch für die Kirche, die in ein verändertes Zeitalter geht, aber dabei auch Viel gewinnen kann.

Die Bibel bezeichnet das als „Segen“. Doch damit ist nicht nur Segen am Schluß des Gottesdienstes gemeint. Den brauchen wir natürlich auch, denn er ist ja nicht der Segen des Pfarrers, sondern der Segen Gottes. Doch dieser Segen zeigt sich nicht nur auf dem Gebiet des Glaubens, sondern auch in unserem Alltag.

Bei Abraham zeigte er sich in der Verheißung vieler Nachkommen. Das war ungeheuer wichtig für einen Orientalen, für den der Segen Gottes sich vor allem in einer großen Kinderschar zeigte. Aber Abraham und seien Frau waren alt und hatten keine Kinder. Abraham hatte nur die Zusage Gottes, daß er dennoch zum Stammvater eines großen Volkes werden würde. Dieses Wort hören, damit Ernst zu machen und sich darauf zu verlassen - das ist Glaube. Ohne Diskussion tut er das, was Gott befiehlt. So ist das beim Glauben immer.

Natürlich ist das viel verlangt. Wir fragen dann gern: „Könnte man nicht beides miteinander verbinden? Gott und die irdischen Absicherungen wie Familie, Arbeitsstelle und Eigenheim!“. Nun, der Glaube ist kein Gesetz. Nicht von jedem wird verlangt, was von Abraham verlangt wurde. Das Wort „verlangt“ triff die Sache gar nicht so richtig. Wem Gott konkurrenzlos groß geworden ist, der traut ihm alles Gute zu. Und er läßt es fröhlich und guten Mutes auf die Überraschung ankommen, die Gott für ihn bereit hält.

Dann wird er auch frei, den Segen Gottes anzunehmen und selber zum Segen für andere zu werden. Kinder und Enkel zu haben ist auch für uns ein großes Glück. Aber wir wollen den Kindern auch etwas mitgeben. Dazu gehört nicht nur Geld, sondern vor allem Erziehung, Liebe, Können, Erfahrung, Wissen. Wir möchten ihnen ein tiefes Vertrauen vermitteln ohne Angst vor dem nächsten Tag.

Aber auch für andere können wir zum Segen werden. Da sind die Arbeitskollegen, die unsere Hilfe brauchen. Man kann viel dazu tun, daß der andere es leichter hat. Wenn man die eigene Arbeit gut macht, hat der andere keine Schwierigkeiten damit. Man kann sich überlegen, wie man sich selber und dem anderen die Arbeit erleichtert. Man kann darauf achten, daß nicht immer die gleichen die unangenehmere Arbeit zugewiesen bekommen. Man kann dem Schwächeren helfen oder bei Konflikten vermitteln. Man kann ein guter und verständnisvoller Vorgesetzter sein.

Segen zeigt sich auch im Verhältnis zu den Nachbarn. Da streiten sich zwei Brüder wegen einiger Quadratmeter, die angeblich bei der Teilung des Grundstücks falsch zugeteilt wurden. Da wird der Bruder mit „Herr Müller“ angeredet, so als wäre er nicht der Bruder. Hier ist noch viel zu tun, damit wieder Segen wirksam wird.

Können auch alte Menschen noch zum Segen werden? Als eine Frau gefragt wurde, ob sie denn schon dem neuen Verein „Seniorenhilfe“ beigetreten sei, meinte sie:“Ich bin doch selber hilfsbedürftig!“ Dabei hatte sie selber vorher schon angekündigt, daß sie in dem neuen Altersheim etwas vorlesen wolle. Damit kann sie doch auch mit ihren geringen Kräften noch zum Segen werden.

Ganz schwer wird es allerdings, wenn Menschen einen behinderten Angehörigen versorgen sollen. Da müssen sie oft ihr ganzes Leben umstellen, nicht nur das Haus umbauen, sondern auf Vieles verzichten. Und doch gibt es den Mann, der seinen gelähmten Bruder im Hause pflegt. Und doch gibt es die junge Frau, die vielleicht keinen Mann bekommt, weil sie nach dem Tod der Eltern die kleinen Geschwister versorgt.

Es gibt ja auch Veränderungen in unserem Leben, die ohne unser Zutun kommen: Menschen verlassen uns, es kommt eine schwere Krankheit, es kommt der Übergang in ein anderes Lebensalter. Das ist dann oft mit Lebenskrisen verbunden. Doch Gott ruft uns aus dieser Krise heraus. Oft beauftragt er dann andere Menschen, uns wieder ins Leben zurückzurufen. Sie helfen uns, tapfer und ohne zu trauern den nächsten Schritt zu tun.

 

3. Zum Aufbruch in Gottes Zukunft haben wir Weggefährten: Umgedreht sind wir aber auch aufgefordert, anderen beizustehen, die unsere Hilfe brauchen. Das bedeutet: Wir brauchen andere Menschen, um leben zu können. Mit einem Menschen hat es einmal angefangen. Schon in der Bibel wird das symbolisch in den Figuren von Adam und Eva dargestellt. Wir wissen heute, daß es am Anfang eine Vielzahl von Menschen gab. Aber man hat durch genetische Vergleiche festgestellt, daß alle heute lebenden Menschen von einer „Urmutter“ abstammen, die vor etwa 80.000 Jahren gelebt hat. Die Geschichte der Menschen sieht also aus wie eine Pyramide. Doch darin gibt es auch Lücken, weil Familien ausgestorben sind. Da ist es gut, wenn andere Familien diese Kette fortsetzen.

So hat auch der Glaube an Gott mit einem Menschen angefangen, nämlich mit Abraham. Durch Jesus und seine Jünger ist er dann auf eine neue Stufe gestellt worden. Von dort hat er sich auch pyramidenartig verbreitert. Nun kommt es darauf an, daß diese Kette nicht unterbrochen wird. Dabei ist jeder Einzelne wichtig. Sonst entsteht eine Lücke in der Pyramide und der Glaube stirbt an einer Stelle ganz ab. Aber zum Glück finden sich immer noch genug, die an Gott glauben, irgendwie geht der Glaube immer weiter. Doch letztlich ist es ein Wunder Gottes, daß es die Kirche immer noch gibt.

Dennoch kommt es auf jeden Einzelnen an. Bei einer Tagung sagte einmal ein junger Mann, sein Ziel sei es, wenigstens einen Menschen zum Glauben an Gott zu führen. Schon Abraham hatte in Bezug auf den Glauben eine Verantwortung für die Nachkommen. Wir sind alle eingebunden in eine Familie, in eine Nachbarschaft, in die Gemeinschaft mit Arbeitskollegen. Die können nicht immer alle mit uns gehen.

Aber Abraham ging nicht allein, sondern immerhin seine nächsten Verwandten gingen mit ihm. Auch Jesus hatte seine Jünger. Wir brauchen Hilfen zum Glauben, um auf dem Weg zu bleiben, denn Gott uns führen will. So haben auch wir Weggefährten, die so wie wir Gott vertrauen und seinen Weg gehen wollen.

Die christliche Gemeinde ist eine solche Weggemeinschaft, in der einer den anderen stärkt. Sie ist das neue Volk Gottes. Sie ist da mitten in der Welt, nicht selten leider auch in verhängnisvoller Weise. Wenn wir mit Gott im Frieden sind, dann dürfen wir einerseits unbefangen weltlich leben und der Welt mit dem Besten zu dienen, was wir vermögen. Dieses Beste wir sich vielleicht nicht von dem unterscheiden, was Nichtchristen wollen. Aber die Beziehung zu Gott macht das Besondere des Christseins aus. Das bedeutet: Christen hören den Ruf Gottes und vertrauen seiner Zusage, daß er fortan ihr Gott sein werde.

Das heißt nicht, daß wir die Weltpolitik steuern werden und zu den tonangebenden Völkern der Erde gehören. Segen soll von diesem Volk Gottes ausgehen, Hilfe für alle in einem umfassenden Sinn. Wir sind nicht nur selbst die Gesegneten, sondern stehen unter der Verheißung, daß durch uns die Güte Gottes in die Welt hineinstrahlt. Der Strahlkraft dieses Segens ist keine Grenze gesetzt!

 

 

6. Sonntag nach Trinitatis: Apg 8, 26- 39

Noch nicht bearbeitet

 

 

7. Sonntag nach Trinitatis: Phil 2, 1- 4

Das Buch „Der Papalagi“ enthält die Reden eines Häuptlings aus der Südsee, der 1913 eine Rundreise durch Europa machte und nach der Rückkehr seinem Volk berichtete. Dabei verglich er die Lebensweise der Europäer -  der Papalagi -  mit dem Leben der Menschen in der Südsee. Als Christ hat er natürlich auch die Glaubensgewohnheiten in Europa kritisch unter die Lupe genommen. Er schreibt:

„Der weiße Mann hat die Lehre Gottes mit dem Munde und mit seinem Kopf verstanden, aber nicht mit seinem Leibe. Das Licht, das man auch Liebe nennen kann, ist nicht in ihn gedrungen. Christsein heißt: Liebe zu dem großen Gott und zu seinen Brüdern und dann erst zu sich

selbst haben. Der Papalagi trägt das Wort ,Liebe` nur in seinem Munde. Aber sein Herz beugt

sich nicht vor Gott. Zehnmal eher geht er in den Ort des falschen Lebens als einmal zu Gott, der weit, weit ist!“

Doch auch heute nehmen wir diese Unglaubwürdigkeit als normal hin. Christen leben halt auch im Kraftfeld anderer Mächte und lassen sich von ihnen bestimmen. Es gibt auch bei ihnen Besserwisserei und Uneinigkeit. Sie lassen sich zur Mißachtung derer hinreißen, die anders als üblich sind. Oft prallen auch Christen hart aufeinander und es fällt ihnen schwer, die Gemeinschaft miteinander festzuhalten. Sie begegnen sich mit Abneigung, machen sich gegenseitig schlecht und verurteilen sich gegenseitig erbarmungslos. Besonders die ganz Frommen standen schon immer in der Gefahr, überheblich auf andere herabzusehen, die angeblich weniger fromm sind.

Die Gemeinde in Philippi war hier noch ein positives Beispiel. Während Paulus mit den anderen Gemeinden zum Teil schwere Probleme hat, kann er an die Philipper in großer Freude schreiben. Aber er wäre nicht Paulus, wenn er nicht doch auch ermahnen müßte. Allerdings macht er es ganz geschickt und wählt eine Methode, die wir uns auch für unser Leben vornehmen könnten: Erst einmal loben, ehe man mit Kritik kommt! Irgend etwas Positives kann man an jedem Menschen finden. Das sollte man ihm erst einmal sagen, anstatt ihn gleich mit mehr oder weniger berechtigter Kritik zu überfallen.

Paulus erwähnt in seinem Brief vier Dinge, die eine christliche Gemeinde tragen: Der Trost, der gleichzeitig Ermahnung ist und aus dem versöhnenden Tun Christi kommt. - Der freundliche Zuspruch der Liebe, die den anderen nicht in seiner Not allein läßt. - Die Gemeinschaft des Geistes, die den einzelnen die Nähe Gottes erfahren läßt. - Schließlich die innerste Zuwendung zum anderen, die „aus dem Bauch heraus“ kommt.

Paulus erinnert die Philipper an das, was sie schon sind, um sie dadurch zu christlichem Tun zu bewegen. Darunter versteht er in diesem Fall drei Dinge: Christen bedenken vor allem das Gemeinsame, sie achten den anderen und nehmen ihn wichtig.

 

1. Gemeinsamer Glaube: Man sollte meinen, daß der gemeinsame Glaube miteinander verbindet. Doch vom Streit in Kirchengemeinden können die Kirchenleitungen ein Lied singen. In der Kirche geht es nicht anders zu als in den Vereinen und Parteien auch. Auch im Berufsleben gibt es oft Streit, auch wenn er manchmal verdeckt ist. Es gibt Streit der Kollegen untereinander, weil einer dem anderen das Fortkommen neidet. Aber es gibt auch Spannungen zu den Vorgesetzten, die zu selbstherrlich und bestimmerisch sind. Streit ist etwas Menschliches. Wie schön könnte es sein, wenn es anders wäre!

Es ist leider nicht so, daß Menschen sich untereinander sofort besser verstehen, nur weil sie sich mit Gott verstehen. Im Gegenteil: Man bezieht seine Stellung „um Gottes willen“ und trifft Entscheidungen, die angeblich aus einem an Gott gebundenen Gewissen kommen. Das Ergebnis ein fürchterliches Rechthabenwollen.

Einmütigkeit bedeutet allerdings auch nicht, daß einer den Ton angibt und die anderen ihn nur nachplappern. Paulus vermeidet jede gesetzliche Schärfe. Er sagt gewissermaßen nur: „Der Becher meiner Freude ist schon ziemlich voll. Aber füllt ihn jetzt noch bis zum Rand, dann ist meine Freude vollkommen“

„Einerlei Sinn“ gewinnt man dadurch, daß man „das Eine“ im Sinn hat, nämlich Christus und sein Werk für uns. Was uns als Gemeinde zusammenschließt, das sind nicht die eigenen Aktivitäten und die erworbenen Vorzüge, sondern allein die Aktivitäten Gottes. Er wendet sich uns zu, egal wie wir sind - aber das macht uns zur Gemeinde.

„Gleiche Liebe“ ist der andere Ausdruck, mit dem Paulus das Christsein beschreibt. Die Liebe kennt zwar kein Schema, sie muß sich schon der gegebenen Situation anpassen. Aber sie ist doch in ihrem Wollen auf das Gleiche gerichtet. Vor allem aber bewirkt sie, daß einer sich dem anderen nah zur Seite stellt und ihm ermunternd zuspricht. Sie nimmt den anderen an, wie er ist, und wertet ihn damit auf. Christen lieben, weil Christus hinter ihnen steht, ihnen die Hand führt und durch sie spricht.

 

2. Den anderen achten: Paulus warnt davor, daß man sich nach vorn spielt zum eigenen Ruhm. Er ist gegen jeden Geltungsdrang und die Sucht nach Beifall. Er sagt: „Christus hat sich doch für euch eingesetzt. Mehr Geltung könnt ihr nicht mehr erlangen. Worum kämpft da noch einer, der sich mit den Ellenbogen seinen Platz im Leben erobern will? Fürchtet er, im Leben kurz zu kommen? Fürchtet er, daß sich alles gegen ihn verschworen hat, daß er um sein Recht kämpfen muß?“

Der Sünder ist sowieso ein Rechtloser. Vor Gott hat er verspielt. Aber dagegen kann er sich nicht wehren, indem er gegen Menschen kämpft, die ihm vermeintlich etwas schuldig bleiben. Konflikte im menschlichen Bereich sind deshalb so aufregend und tun so weh, weil man "mit Gott und der Welt zerfallen" ist.

Dagegen hilft nur die Erkenntnis: Wir haben unser Daseinsrecht vor Gott, wir sind gerechtfertigt und haben unsren Platz in der Welt doch längst gefunden. Auch das „leere Prahlen“ und die gemeinschaftssprengende Geltungssucht sind überflüssig. Zwar müssen wir schon ein Stück auf unsre Ehre und unser Ansehen aus sein, Beleidigungen und Unwahrheiten brauchen wir nicht unbedingt zu schlucken. Aber unser Ansehen und unsre Geltung haben wir doch längst als Geschenk von Gott empfangen. Da brauchen wir uns unsre Ehre nicht bei anderen zu suchen oder unsre Ellbogen einzusetzen. Ehrgeiz und Geltungssucht zeigen nur an, daß wir die „Rechtfertigung“ durch Gott noch nicht begriffen haben.

Christus hat uns längst zu einer Höhe erhoben, die nicht überboten werden kann und die uns auch keiner streitig machen kann. Wenn man das ernst nimmt, fällt alles Verkrampfte ab und man wird locker und gemeinschaftsfähig.

Man büßt doch nichts ein, wenn man einmal nicht die erste Geige spielt. Dann braucht man auch den anderen nicht herabzusetzen mit dem Ziel, dadurch selber höher zu klettern. Auf welcher Stufe der Leiter wir stehen hängt nicht von unsrer eigenen Einschätzung ab oder von den Noten, die andere uns geben. Gott entscheidet: Christus hat uns angenommen und gibt uns den höchsten Wert.

 

3. Den anderen wichtig nehmen: Ein Christ wird den anderen wichtig nehmen, seine Anliegen aufnehmen, sein Leiden mit tragen, sein Wohl fördern. Aber leider gibt es noch einen Bereich in unserem Herzen, in dem wir alles daran messen, ob es zu unserem Vorteil ist. So erteilen wir dann Plus- und Minuspunkte und teilen unsre Mitmenschen danach ein. Aber damit unter­graben und sprengen wir jede Gemeinschaft.

Es wäre zu viel verlangt, wenn das Eigeninteresse ganz verneint würde. Unser Selbsterhaltungstrieb dient auch dazu, daß wir uns nicht selber wegwerfen. Es wäre schon ein unerhörtes Wunder, wenn wir es über uns brächten, den Mitmenschen genauso aufrichtig zu lieben wie uns selbst.

Anschließend an diesen Predigttest zitiert Paulus ja ein altes Christuslied, das die Art Jesu beschreibt. Er hat nicht auf das Seine gesehen. Er hätte sich ja in seiner Gottgleichheit sonnen können und ihm wäre der Weg ins tiefste Leiden erspart geblieben. So aber war er Gott gehorsam. Er ließ sich zum Knecht machen und ging den Weg bis ans Kreuz. Er nahm den Tod auf sich, um uns vor dem ewigen Tod zu retten.

Diese unendliche Liebe Christi hat Paulus im Blick, wenn er uns das Wohl unsres Mitmenschen aufs Gewissen legt. Das bedeutet: In der Gemeinde bemühen wir uns darum, daß alle vorankommen und im Glauben gewiß werden. In der Ehe versuchen wir, den Partner glücklich zu machen. In der Gesellschaft versuchen wir, mindestens so viel hineinzugeben, wie wir selber empfangen haben.

Eine große Hilfe für das Leben „in Christus“ ist uns das Abendmahl. Wir können Christus nicht hundertprozentig nachahmen, das würden wir nie schaffen, denn gehorsam bis zum Tod am Kreuz wollten wir nicht sein. Aber wir können seinen Gehorsam zum Vorbild nehmen. Durch die Taufe sind wir in seinen Einflußbereich gekommen. Es geht nur noch darum, in diesem Bereich zu bleiben.

Wir dürfen ja wissen: Alle Mächte der Uneinigkeit und der Besserwisserei, der gegenseitigen Abneigungen und des lieblosen Verurteilens, haben keine Macht mehr. Wenn wir uns zum Abendmahl zusammenfinden, dann vergewissern wir uns, daß wir immer noch in diesem Kraftfeld Christi sind. Und wir lassen uns gegenseitig stärken und neu aufladen mit der Kraft Gottes.

In Wirklichkeit geschehen ja auch Taten der Liebe unter uns: Menschen werden getröstet, im Leid gestärkt, in ihrer Not unterstützt. Viele Christen versuchen, im Einflußbereich Christi zu bleiben und in seinem Sinne zu leben. Auch wir können dazu gehören.

 

 

8. Sonntag nach Trinitatis: 1. Kor 6, 12 - 20  (9 - 14 und 18 - 20)

Viele Ältere unter uns schütteln sicher mit dem Kopf, wenn sie sehen, wie andere Leute mit der sogenannten „Liebe“ umgehen. Besonders aufregen werden sie sich über die jungen Leute, die so ganz anders denken  über diese Dinge als die Menschen früher. Da sind sie kaum konfirmiert, da gehen sie schon Händchen in Händchen durch die Stadt. Und wenn sie das schon so in der Öffentlichkeit tun, dann kann man daraus schon schließen, was alles sein wird, wenn niemand dabei ist.

In  den Fragen des Verhältnisses von Mann und Frau hat sich bei vielen Christen eine tiefe Ratlosigkeit eingestellt. Viele haben noch die traditionellen Vorstellungen über Ehe und Treue; aber meist denken sie nur in Verboten: keine geschlechtlichen Beziehungen vor der Ehe, keine „wilden Ehe“, und nur nicht darüber reden.

Doch andere fragen wieder: Kann man noch von „Unzucht” reden, wenn die erwachsener Kinder auch vor der Ehe im Urlaub zusammen zelten, wenn sie sich mit dem Heiraten Zeit lassen und  ein Kind vor der Hochzeit nicht als Unglück ansehen. Es wird heute viel offener und freimütiger über solche Dinge gesprochen als früher. Falsche Hemmungen und Verklemmungen haben sich gelöst. Dafür dürfen wir dankbar sein. Früher ist auch manches passiert, aber aus einem falschen bürgerlichem Moralverständnis hat man es totschweigen wollen. Das war bestimmt kein Zeichen einer christlichen Freiheit.

Andererseits kann auch nicht alles gutgeheißen werden, was heute geschieht. Auch heute gibt es Mißbrauch der guten Gabe Gottes, daß Menschen einander lieben können. Sie wird leicht herabgesetzt zum eigensüchtigen Genuß, zum „Geschlechtsverkehr“ (das Wort sagt schon alles). Viele sind einfach der Meinung: Was der Mensch braucht, das muß er haben! Liebesbedürfnis und Nahungsbedürfnis sind ganz natürliche Dinge und müssen zu ihrem Recht kommen! Aber hier besteht schon ein Unterschied Wenn der Magen knurrt, dann muß er etwas haben. Das ist nicht anders als beim Tier. Aber hier sind wir auch nicht mit unserem ganzen Wesen beteiligt. Anders aber ist es mit der Liebe. Sie erfaßt die ganze Person. Sie hat etwas zu tun mit der Verantwortung für den anderen und unterscheidet Freiheit von Willkür. Deshalb hat die geschlechtliche Erfüllung nicht den gleichen Rang wie die Befriedigung des Hungers.

Das sagt Paulus jedenfalls ganz schroff gegenüber  einigen Leuten in Korinth, die es im diesen Sachen nicht so genau nahmen. Sie sahen den Körper als den weniger wichtigen Teil des Menschen an, nur das Gefängnis der Seele, die als der eigentliche Mensch angesehen wurde. Deshalb sollte man mit dem Körper auch machen können, was man will, das würde den eigentlichen Menschen nicht berühren, mit Herz und Seele könne man trotzdem zu Christus gehören. Daß Paulus im gleichen Atemzug mit Diebstahl und Raub auch von der Unzucht, sprach, das leuchtete ihnen nicht ein.

Die Kirche hat es bis heute meist umgedreht gehalten. Unter Sünde verstehen viele Christen nur das‚ was mit dem Geschlechtlichen zu tun hat, aber mit dem Eigentum nehmen sie es nicht so genau; für sie ist ein uneheliches Kind eine größere Sünde als der Diebstahl von

Eigentum. Wenn ein Pfarrer (an ihm werden diese Ansichten immer noch am ehesten deutlich) Geld unterschlagen hat, dann wird das unter den Teppich gekehrt; wenn er es aber mit einer anderen Frau gehabt hat, dann muß er gehen

Man kann nicht sagen, daß ihm damit Unrecht geschähe. Es ist erschreckend, wie viele Pfarrer auch geschieden werden. Sicher geschieht das nicht nur aus eigenem Verschulden; aber hier legt man eben immer noch strengere Maßstäbe an. Doch die christliche Gemeinde besteht eben nicht nur aus lauter untadeligen Menschen .Immer wieder einmal passieren in ihrer Mitte schreckliche Dinge. Schon Paulus hatte es nötig, von ganz massiven Sünder zu reden.

Stellen wir uns doch einmal vor, mit wem wir da alles auf einer Kirchenbank sitzen könnten: Räuber, Säufer, Geldgierige, Ehebrecher, Anhänger heidnischer Kulte. Sollte man in der christlichen Gemeinde sich die Leute nicht ein wenig besser ansehen und mehr sieben? Wird einem nicht zeitlebens anhängen, was er getrieben hat?

Jesus aber hat sich mit allen an einen Tisch gesetzt. Er ist für alle gestorben und hat ihnen vergeben, um ihnen einen neuen Anfang zu ermöglichen. Auch in Korinth kamen Taufbewerber mit skandalöser Vergangenheit und mit viel Ekel behaftet. Aber sie wurden abgewa­schen, gerechtfertigt und geheiligt. Dabei blieb es dann auch, denn dazu paßte nicht die Zweigleisigkeit „neuer Glaube, altes Leben“ .Man kann sich die Gabe Gottes auch verscherzen .

In Korinth sagten sie: „Mir ist alles erlaubt, deshalb mache ich, was ich will!“Paulus setzt dem entgegen: „Mir ist alles erlaubt, es frommt aber nicht alles!“ Wir brauchen nicht ängst­lich nach allen Seiten zu schauen, was die anderen machen. Aber wir sollten fragen, was hilfreich und förderlich ist und zu etwas Gutem führt, was aufbaut und stärkt.

Das gilt auch für das Verhältnis von Mann und Frau. Wenn man sich mit einem anderen Menschen verbindet, dann übernimmt man auch Verantwortung für ihn und sollte die eigentlichen Entscheidungen in äußerster Nüchternheit fällen. Eine Wartezeit vor der Ehe ist auch heute nicht überholt. Und ebenso gehört auch dazu, daß man die Verantwortung füreinander vor der Gesellschaft auf dem Standesamt und vor Gott in der Kirche zum Ausdruck bringt.

Es geht nicht darum, eine Liste von Verhaltensweisen aufzustellen, die für immer und für alle Fälle gelten sollen, und die man nur einzuhalten braucht, damit alles wie am Schnürchen geht. Es geht nicht um erlaubte oder unerlaubte Handlungen, denn als Christen sind wir frei vom Gesetz. Aber es ist nicht mehr Freiheit, wenn es mit einem durchgeht, wenn wir die Gewalt über uns verlieren, so wie man die Gewalt über ein Kraftfahrzeug verliert.

Unsre Freiheit besteht darin, daß wir wissen, wem wir mit Leib und Seele gehören. Paulus bezeichnet unsren Leib als dem „Tempel Gottes“, als den „Tempel des Heiliger Geistes“. Ausgerechnet in unserem Leib will Gott sich verleiblichen. Wenn wir ihn also in Abhängigkeit bringen, dann nehmen wir Gott die Herrschaft, vertrauen wir uns einem anderen Gott an, berauben wir auch andere Christen ihrer Freiheit. Was uns fesselt, das fesselt ihn, was uns getan wird und was wir uns tun, das wird ihm getan .

Wenn wir nach Erfahrungen der Wirklichkeit Gottes in unserem Leben Ausschau halten, dann blicken wir gern nach Inseln besonderer geistlicher Erlebnisse im Meer unsres oft sehr diesseitigen Alltags: nach Gedanken, nach der Stille des Gebets, nach Höhepunkten wie einem gelungenen Gespräch oder einem mutigen Bekenntnis. Gott will aber nicht beschränkt werden auf irgendwelche Reservate unseres Lebens, auf einen Herrgottswinkel der Gedanken oder Gefühle.

Gott gibt sich nicht zufrieden mit der Rolle eines Untermieters. Man kann ihn nicht halten wie ein Auto, dessen Kraft man nur nutzt, wenn man sie benötigt, aber im übrigen steht er in der Garage. Gott ist nicht nur so etwas Gedankliches, eine Erkenntnis oder ein Gefühl. Gott ist durchaus etwas Handfestes, denn er hat einen Körper; den kann man sehen und anfassen,  mit dem tut er etwas und dem wird etwas getan: Unsere Person ist Teil seiner Person auf der Erde. Natürlich bin ich jeweils nur ein kleiner Teil. Aber ich bin es ganz oder gar nicht. Wer also zur Dirne geht, der bringt auch Christus mit ihr in Verbindung, so kompromißlos sagt Paulus es.

Positiv gesagt bedeutet das aber: Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist in Übereinstimmung mit dem Geist Gottes zu gestalten. Maßstab ist nicht eine bürgerliche Moral, sondern allein der christliche Maßstab. Zu fragen wäre, ob in dem Verhältnis der Menschen untereiander auch  Grundmuster Gottes deutlich werden, nämlich Nächstenliebe, Vergebung und Annahme des anderen. So gesehen könnte auch einmal eine wilde Ehe christlich sein und eine gutbürgerliche Ehe zur Unzucht werden, weil in ihr Liebe und Vergebungsbereitschaft nicht mehr vorkommen.

Gott wohnt dabei in unserem ganzen Leih. Meine Hand ist die Hand an seinem Leib, es ist nicht gleichgültig, ob sie den anderen streichelt und aufrichtet oder wegstößt und schlägt. Mit meiner Hand will er in die Hand nehmen, was anzupacken ist. Er will abwehren, wo Unrecht geschieht. Er will tragen, wo einem anderen die Last zu schwer wird. Er will wärmen und bergen, wo Lieblosigkeit herrscht und Berührungsangst einsam macht.

Nicht einmal das ist gleichgültig, ob unsere äußere Erscheinung gewinnend oder abstoßend wirkt. Wenn wir sie vernachlässigen, dann vernachlässigen wir die Erscheinung Christi bzw. Gottes. Es ist nicht gleichgültig, ob wir unsre Kraftreserven überdrehen und auspumpen, ob unser Körper fit oder schlapp ist. Gott hat ja noch etwas damit vor, will noch etwas draus machen, so wie ein Goldschmied ein Stück Edelmetall zu etwas Schönem und Kostbarem verarbeitet.

Gott entscheidet über meinen Körper. Aber er entscheidet durch. meine Entscheidung. Das macht jede meiner Taten so wichtig. Wo weigern sich meine Hände, sich von Christus gebrauchen zu lassen? Wohin tragen mich meine Füße,  ins Gotteshaus oder ins Hurenhaus? Welchen Rang haben Essen und Trinken? Was redet die Zunge, was singt die Stimme? Was gestalten Hände und  Werkzeuge? Welchen Rang hat die Liebe zwischen Mann und Frau? Halte ich meinen Leib leistungsfähig durch eine gesunde Lebensweise?

Aber selbst wenn wir krank und schwach sind und vielleicht ein quälendes Leiden haben, so wohnt doch Christus in uns. Er will an unserem Leib verherrlicht sein. Er hat uns leibhaft geschaffen, er will uns leibhaft auferwecken - da ist er auch leibhaft in uns. Alles, was wir sind, soll ihn verherrlichen.

 

 

9. Sonntag nach Trinitatis: Jer 1, 4 - 10

Wenn jemand für einen Lesegottesdienst gebraucht wird, dann sind kann man dazu die Kin­dergottesdiensthelferinnen einsetzen. Sie haben die Liturgie im Kindergottesdienst geübt und sind darin sicher. Und Vorlesen können sie meist auch, auch wenn nun alles in etwas größeren Rahmen geschieht als im Kindergottesdienst. Da kann es sein, daß drei Konfirmanden den ganzen Gottesdienst einschließlich Orgelspiel halten. Die jungen Leute haben da keine Hemmungen. Und die Gemeinden sollten einer solchen Dienst gern annehmen.

Anders wird es, wenn die Betreffenden dann älter .werden. Da haben sie dann Hemmungen und wollen nicht so recht an die Sache ran. Sie sagen nicht: „Ich bin  zu jung!“ wie Jeremia, sondern sie sagen: „Ich bin zu alt!“ Von einem bestimmten Alter an ist es offenbar mit der Unbekümmertheit vorbei, da wird einem auf einmal doch bewußt, worauf man sich da eingelassen hat.

Anders sieht es auch aus, wenn jemand einen kirchlichen Beruf ergreifen soll oder man ihn daraufhin sogar anspricht und ich werben will..Bei Krankenschwester und Kindergärtnerin und sogar Kantor geht es noch. Das sind Berufe, die es auch anderswo gibt, da ist die kirchliche Ausbildung staatlich anerkannt. Aber schwerer ist es bei den eigentlich kirchlichen Berufen wie zum Beispiel Pfarrer. Da sagen auch viele: „So etwas kann ich nicht, mich so einfach vor die Leute hinstellen und etwas sagen!“ Viele scheuen auch  vor der Verantwortung zurück und fühlen sich den Aufgaben nicht gewachsen.

Man kann das auch verstehen, wenn jemand da eine gewisse Scheu hat. Es wäre auch gar nicht gut, wenn man allzu sorglos an so einen Beruf heranginge. Ein wenig Furcht und Zittern darf schon dabei sei,. Und das gilt nicht nur für die hauptamtlicher Mitarbeiter der Kirche, sondern für jeden Christen, dessen Bekenntnis zu Christus gefordert wird.

Wir nehmen es uns sicher immer wieder vor, mutig zu sein und anderen gegenüber von unserem Herrn zu reden. Hier in der Kirche können wir uns das auch leicht vornehmen. Aber wenn es dann darauf ankommt, dann sind wir doch oft schwach und kneifen. Vor lauter Angst, nicht die richtigen Worte zu finden, sagen wir dann lieber gar nichts.

Allen Ängstlichen  aber soll das gesagt sein, was Gott auch dem Propheten Jeremia bei seiner Berufung gesagt hat: „Gott hat uns erwählt, Gott hat uns gesandt und Gott hat uns sein Wort gegeben.

 

1. Gott hat uns erwählt: Sicher rat auch Jeremia eine bestimmte Lebensgeschichte gehabt und eine Entwicklung durchlaufen. Sein Vater war Priester. Ud das Gespräch zeigt, daß er bei der Berufung nicht zum ersten Mal seinem Gott begegnet ist. Aber man darf wohl nicht daran denken, daß er im Charakter oder im Glauben ein besonders guter und vollkommener Mensch gewesen sei oder besondere persönliche Qualitäten geht hat.

Das Entscheidende war: Gott hat ihn gebraucht, hat ihn ausgewählt und berufen, er hat über ihn verfügt und hat ihn dienstverpflichtet. Jeremia gehörte nicht zu den Menschen, die sich nach vorne drängen. Nur zu gern hätte er sein Prophetenamt an den  Nagel gehängt oder gar Gott vor die Füße geworfen. Er hat seinen Auftrag als Last empfunden und wäre sicher gerne wieder untergetaucht in der großen Masse der Menschen. Aber er war gebunden an seine  Berufung, an den Auftrag Gottes, dann konnte er nicht wieder raus.

War es vielleicht nur ein Vorwand, wenn er sagte: „Ich bin zu jung!“ Hatte er in Wirklichkeit nicht viel mehr Angst vor dem, was es da auszustehen gilt? Der Hinweis auf seine Jugend könnte aber auch durchaus ernstgemeint sein. Ein Stück Lebens- und Berufserfahrung wiegt doch ganz schön. Das wußte auch die Gemeinde, die einen jungen Pfarrer suchte, nicht über 25‚ mit langjähriger Berufserfahrung. Das eine schließt ja wohl das andere aus.

Aber die Erfahrung ist auch wieder nicht das Entscheidende. Jeder muß einmal anfangen, ganz von vorne, mit Fehlern und Schwächen. Und auch wer schon seine Erfahrungen hat, macht dennoch immer wieder Fehler. Aber zum Glück hat eben keiner seine Predigt aus seinem eigenen Wissen und aus seiner Erfahrung zu bestreiten. Beim Predigen drängt nicht etwas nach außen, was im eigenen Inneren gespeichert worden ist und nun rumort und gart und an die Öffentlichkeit will.

Der Prophet ist ein Bote. Allein Gottes Befehl treibt ihn zum Reden. Gott sagt ihm nicht: „Du wirst es mit der Zeit schon einsehen, deine Einwände werden von Tag zu Tag an Stichhaltigkeit verlieren!“ Er macht ihm vielmehr deutlich: „Befehl ist Befehl!“ Das ist auch sicher gut so: Wenn einer ohne Grund ängstlich und zaghaft ist, dann ist ein Befehl das Richtige für ihn. Dann trägt er nämlich nicht mehr selber die Verantwortung, sondern derjenige, der den Befehl erteilt

So etwas befreit und gibt Zuversicht. Ein Bote Gottes soll sein Amt ja gar nicht aus Eigenem bestreiten, sondern nur das Wort Gottes auszurichten - das ist alles. Man hat die Aufgabe des Propheten mit einer Brunnenröhre verglichen, die nur das Wasser weiterleitet, aber nicht selber Wasser hervorbringen muß. Man braucht dazu also kein großer Mann zu sein.

Und dennoch hat jeder von uns Hemmungen, ein Bote Gottes zu sein. Mancher will zwar dem Befehl folgen, ist aber doch unsicher, ob er die inneren Voraussetzungen für alles hat. Die Zweifel können verschiedene Ursachen haben: Jeremia fühlte sich zu jung. Andere sagen: Ich bin zu schüchtern, im Reden unbeholfen, zu langsam im Denken. Es könnte auch sein, daß man innerlich ausgedörrt ist, müde und miedergeschlagen; vielleicht ist man der Sache nicht gewiß und mit Gott nicht im reinen.

Aber Gott braucht in seiner Kirche keine bedeutenden Menschen, keine Superchristen und keine Superstars. Er braucht Boten, die gehen‚ weil sie sollen, und die reden, was ihnen aufgetragen ist. Dazu hat er sie erwählt, dazu hat er auch uns erwählt.

2. Gott hat uns gesandt: Gott hat uns nicht um unsrer selbst willen erwählt, sondern um unsrer Mitmenschen willen, auch derer, die nicht an Gott glauben. Wir leben nicht aus Zufall in dieser Zeit und in diesem Land, sondern Gott hat uns hierher gestellt. Da ist keiner überzählig, da wird jeder gebraucht. Keiner kann sagen: „Das geht dich nichts an, dafür sind andere zuständig“

Gott geht dabei ein Wagnis ein. Er legt sein  Wort in den Mund eines Menschen. Dieser könnte es ja auch umformen und dabei verfälschen. Jeder ist halt doch ein fehlsamer Mensch und Stimmungen und persönlichen Überzeugungen unterworfen. Insofern ist der Prophet doch

nicht nur Brunnenröhre, sondern auch als Mensch persönlich beteiligt. Das wird besonders deutlich in seinen „Bekenntnissen“, die ab Kapitel 15 zu finden sind. Doch dort wendet sich Jeremia an Gott und nicht an die Öffentlichkeit.

So ist der Prophet nicht nur Befehlsempfänger und Lautsprecher. Er ist auch mit dem Herzen dabei,  mit seiner ganzen Person betroffen und leidet unter dem, was er zu sagen hat. Aber er nimmt sich in Zucht, damit er nicht persönliche Gedanken und Wünsche mit daruntermischt und Gottes Willen verdunkelt. Nur das wird die Menschen beeindrucken, wenn sie spüren: Hier spricht nicht einer aus Eigenem, sondern hier hat einer die Botschaft eines Höheren auszurichten.

Wenn dieses Wort aber erst einmal gesagt ist, dann macht es auch Geschichte. Es ist nicht nur eine Mitteilung, sondern es hat Vollzugscharakter. Es sagt nicht, was Gott tun wird, sondern es tut selbst, was es besagt. Bei Jeremia setzte es das Gericht über die Völker und auch über das eigene Volk in Gang. Es löste also die Dinge auch aus, die es ankündigte.

Trauen wir das heute dem Wort Gottes auch noch zu? Es ist nicht eine Rede über Gott, sondern eine Art und Weise, durch die Gott in die Welt hinein wirkt. Es ist nicht nur Verkündigung von einem Geschehen, sondern selber Geschehen. Was wird heute geschehen mit dem Wort, das wir gehört haben und das wir weitergeben sollen an unsre Mitmenschen?

 

3. Gott hat uns sein „Wort“ gegeben: Wem Gott sein Wort gegeben hat, der steht auch unter seinem persönlichen Schutz. Das ist sicher doch tröstlich für uns zu wissen. Jeremia mußte mit Spott rechnen. Sogar seine Verwandten haben ihm nach dem Leben getrachtet. Und natürlich kam es zum Konflikt mit den staatlichen Machtträgern, er galt ihnen als Verräter und Überläufer.

Aber Gott sagt zu ihm: „Fürchte dich nicht; wenn du ihnen gegenüberstehst, denn ich bin mit dir, um dich herauszureißen!“ Er wird die Kraft erhalten, in allem Leiden durchzuhalten. Auch wenn er selbst angefochten und oft verzweifelt ist, so wird er doch seinem Auftrag treu bleiben können.

Diese Gewißheit dürfen wir heute auch sicher haben. Wir stehen unter Gottes Schutz, wenn wir seine Sache vertreten. Wir dürfen wissen: Gott hat uns       erwählt, er hat uns gesandt und er hat uns sein Wort gegeben. Das ist unser Rückhalt in allen Gefährdungen. Das macht uns auch Mut, frei und offen die Sache dieses Gottes zu vertreten und von ihm zu erzählen.

 

 

9. Sonntag nach Trinitatis: Jer 1, 4 -10

Noch nicht bearbeitet

 

 

10.  Sonntag nach Trinitatis: Röm 9, 1 - 5 und 32 - 33 und 10, 1 - 4  (Variante 1)

In Aschenhausen bei Kaltennordheim in der Rhön steht an zentraler Stelle des Ortes eine Synagoge, ein jüdisches Gotteshaus. Außen hängt ein Schild „Denkmal“ dran. Entsprechend heruntergekommen sah das Gebäude auch aus. Noch trostloser war es innen drin: Man konnte noch die Kuppel erkennen, als Himmel ausgemalt, an dem Wänden waren an einigen Stellen Palmzweigen. Früher war das sicher ein schönes Bethaus. Aber dann wurde die Synagoge als Scheune genutzt, vollgepropft mit Erntegut und landwirtschaftlichen Geräten. Der Mann, der sein Zeug dort unterbrachte wird noch gar nicht gelebt haben, als den Juden ihr Gotteshaus genommen wurde und sie vertrieben und umgebracht wurden. Ein Unrechtsbewußtsein hatte er jedenfalls nicht. Vielmehr wunderte er sich nur, wenn einmal Leute in das verschlafene Nest kamen und die Synagoge sehen wollten. Heute ist die Synagoge wieder mustergültig hergestellt und dient kulturellen Zwecken.

Diese verfallenen Synagogen erinnern uns an das schreckliche Gericht, das in unserer Zeit über das Volk der Juden gekommen ist. Sie erinnern uns aber auch daran, daß Menschen unsres Volkes die Übeltäter gewesen sind. Unser Volk hat ja auch dafür wiederum seine Strafe gekriegt. Wenn wir am heutigen Sonntag traditionell über unser Verhältnis zu den Juden nachdenken, dann wollen wir uns auch immer selber fragen: „Machen wir es denn, besser? Haben wir aus dem Schicksal der Juden etwas gelernt?“

Einige Kilometer entfernt liegt das kleine Dorf Ort Geba. Auch dort konnte man sehen, wie ein Gotteshaus zerstört wurde, allerdings nicht durch Gewalt, sondern durch Gleichgültigkeit

Die kleine Kirche stand offen, so als habe es jemand nicht für nötig befunden, sie noch abzuschließen. Überall lag Dreck herum, ein Stück der Lehmdecke war heruntergebrochen, niemand hatte den Dreck weggekehrt. Auf dem Altar und dem Lesepult lagen die Bücher aufgeschlagen.

Ist das nicht auch ein Gericht Gottes an unserem Volk, das auch uns droht? Viele sehen unser Volk immer noch als christliches Volk an. Sie blicken mit einem gewissen Hochmut auf „heidnische“ Völker und auch auf die Juden. Sie heißen auch heute noch die Verfolgung der Juden gut, zum Teil sogar mit dem scheinbar christlichen Argument, sie hätten sich ja selbst verflucht für den Fall, daß Jesus unschuldig hingerichtet worden wär (Mt 27, 25) . Doch die Nazis können sich sicher nicht auf einen Befehl Gottes berufen, als sie versuchten, die Juden in Europa auszurotten. Und ohne die Gedankenlosigkeit und die Feigheit vieler Sympathisanten hätten sie ihr Werk auch nicht vollbringen können.

Aber auch abgesehen von all dem: Das Volk des Alten Bundes geht uns Christen schon etwas an. Wir glauben an den gleichen Gott, wir haben einen großen Teil unsrer Bibel mit ihnen gemeinsam. Jesus war ja ein Jude. Die Geschichte der christlicher Gemeinde begann in der Synagoge. Es ist eine harte Sache gewesen, daß es zum Bruch gekommen ist. Aber das lag nicht an den Christen, sondern an den Juden, die Jesus nicht als ihren Heiland anerkennen wollten.

Paulus trauert deshalb um dieses Volk. Aber er bekennt sich mit großer Liebe zu ihm, denn er gehört ja selber dazu. Die Juden sind nach wie vor seine Brüder. Er weiß sich mit ihnen verbunden, auch wenn er im Glauben ganz woanders steht. Das Schlimme ist nicht, daß da  menschliche Brücken abgebrochen wurden oder daß sie sich der Meinung des Paulus nicht angeschlossen haben. Paulus ist deshalb so traurig, weil es ihm um die Rettung dieses Volkes geht.

Jesus Christus ist für Paulus der Grund und Eckstein seines Lebens geworden.

Den Juden aber ist er ein Stein des Anstoßes. Sie sehen in ihm zwar einen vorbildlich frommen Menschen, aber nicht den Messias. Daß sein Tod den Haß Gottes und sein Gericht über Jerusalem und die Juden herbeigeführt haben, halten sie für eine Verleumdung. Daß sich Israels Erwählung in der christlichen Kirche fortsetzt, das sei eine überhebliche Enterbungstheorie. Und Jesus sei nicht des Gesetzes Ende, sondern er habe das Gesetz erst recht aufgerichtet.

So urteilen heutige Juden über Jesus. Aber der Jesus, den sie gerade noch gelten lassen, ist nicht der wirkliche Jesus. Daß sie da so uneinsichtig sind, hat schon Paulus fertiggemacht. Wer könnte auch ruhig sein, wenn er einen Menschen so an Gott scheitern sieht?

„Sie eifern um Gott, aber nicht in rechter Einsicht!“sagt Paulus. Sie suchen eine eigene Gerechtigkeit und nicht die Gerechtsprechung durch Gott. Sie merken nicht, daß es auf dem Weg der eigenen Anstrengung nicht zu einem normalisierten Verhältnis zu Gott kommen

kann. Dabei gibt es nur e i n e Möglichkeit, im Gottes Gericht bestehen zu können, und das ist der Glaube an Christus.

Vielleicht geht es uns aber ganz ähnlich wie Paulus mit unsren eigenen Kindern und Enkeln und nahestehenden Menschen. Wir haben die Wahrheit Gottes erkannt, sie ist uns wertvoll und liegt uns am Herzen. Aber die anderer ziehen nicht mit. Das kann uns schon fertigmachen. Paulus würde es sogar auf sich nehmen‚ von Christus geschieden zu sein, wenn nur die anderen gerettet werden. Aber es ist ihm von vornherein klar, daß dies keine wirkliche Möglichkeit ist - auch wenn Paulus es durchaus ernst meint.

Aber wir haben alles, um zum Glauben kommen zu können: Wir haben die Bibel Alten und Neuen Testaments, wir haben den Gottesdienst. Bei der Taufe sind uns die Verheißungen Gottes mitgegeben worden. Aber was haben wir mit diesem Erbe gemacht, brauchen wir es wirklich in unserem Leben, auch zu unserem Leben als Gemeinde? Wir haben gar keinen Grund, hochmütig auf die Juden herabzublicken, weil sie die wahre Bedeutung Jesu nicht erkannt haben. Vielmehr sollten wir uns fragen, ob wir als Christen bei unseren Verheißungen geblieben sind, ob wir aus den Fehlern der Juden gelernt haben.

Leider schlagen oft gerade die Gottes erwählendes Handeln aus, die eigentlich die besten Voraussetzungen haben. Wie viele christliche Eltern müssen schmerzhaft erleben, daß ihre Kinder einen ganz anderen Weg einschlagen. Sie hatten fest eingeplant, daß Gott ihre Kinder der Weg führen wird, den sie selber vorgedacht hatten. Nun ist es anders gekommen, da ist ihnen auch Gott fremd geworden, der sich nicht hat zwingen lassen.

Dennoch sollten wir wissen: Gott gibt keinen auf. Er hat auch sein altes Bundesvolk nicht aufgegeben. Nach der schweren Verfolgung in Europa hat man der Juden in dem Staat Israel eine neue Heimstatt geben wollen. Sie sollten nie mehr einem solchen Vernichtungsfeldzug ausgesetzt sein. Aber leider haben sie bisher keine Ruhe gekriegt. Das lag aber schon an der unrealistischen Aufteilung der Staaten. Aus dem ehemaligen Mandatsgebiet Palästina sollten drei Staaten gebildet werden: östlich des Jordans Jordanien und westlich Israel und Palästina, die aber völlig in sich verzahnt waren. Palästina verschwand wieder von der Landkarte, weil sich Ägypten, Jordanien und Israel das Staatsgebiet unter den Nagel gerissen haben. Nun geht es den Palästinensern so, wie es den, Juden früher gegangen ist. Die Israelis haben eine einfache Lösung dafür: Palästina östlich des Jordans, Israel westlich. Die im israelischen Staatsgebiet  wohnenden Araber sollen als Minderheit mit Autonomiestatut leben bleiben können, die Bewohner der Flüchtlingslager sollen von den arabischen Staaten aufgenommen werden, weil ja auch Israel jüdische Bürger aus den arabischen Staaten aufgenommen hat und noch aufnimmt.

Viele bei uns stehen Israel wohlwollend gegenüber, weil sie ein schlechtes Gewissen haben gegenüber diesem Volk. Sie .haben Verständnis dafür, daß die Juden ein eigenes Land haben und in gesicherten Grenzen leben wollen. Die ständigen Überfälle - meist gegen Frauen und Kinder - sind eine schwere Belastung. Die Israelis sagen: „Wir finden uns nicht mehr mit der Rolle der Leidenden ab wie in all den Jahrhunderten, wir wehren uns!“ Die Juden sind heute ein Volk, das auch wieder durch die gleiche Sprache verbunden ist. Sie sind eine Religion, der aber nicht alle Staatsbürger anhängen. Vor allem aber sind sie auch ein Staat wie jeder andere auch, der sich auf seine Waffen und Bündnisse verläßt. Aber viele bei uns sagen doch:  „So etwas ist Notwehrüberschreitung, der Vormarsch in die Nachbarstaaten hinein hat nichts zu tun mit der Abwehr der Angriffe auf das eigene Staatsgebiet. Die Israelis wollen zwar nicht das palästinensische Volk vernichten, sondern nur die Kämpfer der Hamas, aber zu leiden hat wie immer vor allem die Zivilbevölkerung. Sie konnte sich nicht wehren‚ als man mitten in ihre Wohngebiete Bunker baute. Sie mußten erleben, wie es einem ergeht, wenn man sich selber nicht gegen eine Bedrohung von außen wehren kann.

Als Christen werden wir auch Mitgefühl mit diesen Menschen haben und sie in unsere Fürbitte einschließen. Wir werden nicht alles, was in Israel geschieht, gutheißen können oder gar als Zeichen der Heilszuwendung Gottes verstehen können. Aber wir werden doch begreifen müssen, daß auch dieses Volk noch unter der Verheißung Gottes steht und seinen Segen erfährt.

Gott hat dieses Volk noch nicht aufgegeben. Es ist nicht enterbt worden, sondern schon Paulus hat es aufgefordert sein Erbe nun endlich anzutreten. Sie sollen nicht aufhören, Juden zu sein, sondern sie sollen es erst wirklich sein. Sie sollen ihre Erwählung nicht aufgeben, sondern ernst nehmen und Gottes Willen tun. Deshalb hat schon Paulus dafür gebetet, es möchte zu Israels Rettung kommen.

Wir sollten das auch tun, aber auch für unsre eigene Rettung beten. Die Verheißungen an Israel gelten heute uns, dem neuen Gottesvolk der Christen. Gott steht unbeirrbar zu denen, die einmal sein geworden sind, zum Beispiel in der Taufe. Er hält sein Gutes für uns bereit, auch wenn wir uns ihm zeitweilig verschließen. Auf unsrer Seite findet sich oft nur ein wackliger und oft erkaltender Glaube. Aber Gott kommt uns zu Hilfe. Er belagert sogar unsre festvermauerten Herzen, damit wir ihm ganz gehören. Gerade weil die frohe Botschaft von der treuen Gnade Gottes kräftig ist, besteht für Israel und uns alle noch immer Hoffnung.

 

 

10.  Sonntag nach Trinitatis: Röm 9, 30b  - 33 (Variante 2)

Als der frühere Ministerpräsident Filbinger endlich seine Bereitschaft zum Rücktritt mitteilte,  fand er auch da noch keine Worte des Bedauerns, sondern sprach davon, ihm sei schweres Unrecht angetan worden und er habe in den letzter Wochen lediglich taktische Fehler begangen. Menschlich gesehen ist seine Haltung verständlich: Er hat da einen wurden Punkt in seiner Vergangenheit, der ihm sicherlich zu schaffen gemacht hat. Schließlich war er im Krieg ein Militärrichter und war auch an Todesurteilen beteiligt.

Aber er hat sich sicher all die Jahre nicht eingestehen wollen, daß er da Schuld auf sich geladen hat. Und wenn er es dann doch noch zugegeben hätte, dann wäre das ganze Gebäude seiner Beschwichtigungsversuche eingestürzt. Um sein seelisches Gleichgewicht erhalten zu können‚ hat er zu Lügen und Halbwahrheiten seine Zuflucht zu nehmen versucht. So ist das ja oft, wen Politiker zum Rücktritt gezwungen werden.

Nun wissen wir als Christen zwar, daß Gott auch die schwerste Schuld vergeben kann. Aber dazu muß man sie erst einmal als seine Schuld erkennen und anerkennen. Gott vergibt nur dem reuigen Sünder. Sicher war das schlimm, was unter der Verantwortung des Richters Filbinger damals geschehen ist. Aber wir können heute kaum noch über diese Zeit urteilen. Andere haben das Gleiche und noch Schlimmeres getan. Man kann einem Menschen nicht von den späteren Erkenntnissen her seine Jugendsünden vorwerfen. Aber erschreckend ist doch, daß dieser Mann heute immer noch sagt: Er habe sich nichts vorzuwerfen, er habe nichts falsch gemacht, auch Gott habe ihm nichts zu vergeben.

Doch von uns hat keiner das Recht, über dieser Mann zu urteilen. Das Urteil steht allein Gott zu. Und letztlich sind wir alle solche Filbinger. Wir haben genauso Dreck am Stecken, wenn auch in anderer Hinsicht. Aber wir wollen uns alle selbst entschuldigen, wollen uns bestätigen, wie gute Menschen wir im Grund sind und wieviel schlimmer die anderen sind. Wir meinen doch auch, die Vergebung Gottes nicht nötig zu haben, und wenn, dann nur in Kleinigkeiten.

Dabei ist seit Luther die Rechtfertigungslehre der zentrale Punkt des Glaubens, also die Frage von Sünde, Gnade und Vergebung. Doch die wenigsten Christen werden mit diesen Ausdrücken gleich etwas anfangen können. Vielleicht ist gar nicht so sehr der Atheismus eine Gefahr für den Glauben, sondern vielmehr die Tatsache, daß dieses Herzstück des Glaubens von den Christen nicht so recht verstanden und erfaßt ist.

Wie sollen wir auch begreifen, was „Grade“ ist, wenn dieses Wort im sonstigen Sprachgebrauch so abgeflacht ist! Wir sprechen von „Gnadenbrot“ und „Gnadenschuß“ und davon, daß wir ausnahmsweise noch einmal „Gnade vor Recht“ ergehen lassen wollen. Normalerweise verstehen wir die Gnade als Ausnahmefall, als etwas, das dem Menschen von Rechts wegen gar nicht zusteht. Gnade ist, wenn wir uns voller Mitleid gelegentlich zu jemand herablassen und hin und wieder einmal auf unser „gutes Recht“ verzichten. Aber an sich wird einem nichts geschenkt‚ wir leben in einer Welt, die keine Gnade kennt.

Bei Gott aber geht es nur um die Gnade. Ihm gefallen nur solche, die es nicht wert sind. Diesen Eindruck mußte auch der ehemalige Jude Paulus zunächst haben. Er zerbrach sich den Kopf darüber, weshalb das Volk Israel so sehr Gott nacheifern will und dennoch seinen Sohn Jesus nicht haben wollte. Die Heiden aber, die das Gesetz Gottes doch gar nicht kennen, haben Gerechtigkeit erlangt und sind begnadigt worden.

Gerecht ist für uns ein Richter, der sachlich und unparteiisch einen Fall klärt und die Sache nach Recht und Gesetz entscheidet. Gerecht ist ein Lehrer, der alle Kinder seiner Klasse gleich liebhat und die Zensuren nach den tatsächlicher Leistungen verteilt. In der Bibel aber meint „Gerechtigkeit“ den Zustand des ganzen Lebens, zu dem Gott „Ja“ sagen und an dem er Gefallen finden kann. Zum Geburtstag wünschen wir uns Glück, Erfolg und Gesundheit.

Aber wir wünschen uns nicht, daß jemand gerecht sein möge und Gott Gefallen an ihm haben möge.

Doch es kann einer ein Leben voller Mühsal und Kampf‚ voller Verzicht und Leiden geführt haben und doch gewußt haben: Gott steht zu mir, ich bin bei ihm geborgen. Über den Wert oder Unwert des Lebens entscheidet nur Gott,. Wie er über uns denkt und urteilt - das ist die Frage Nummer eins

Aber wie Jesus es gemacht hat, das war doch wirklich ärgerlich. Er hat doch gerade die Menschen an sich gezogen, die ein verkorkstes Leben hatten. Da sind doch alle Werte zerstört, die die Welt zusammenhalten. Pflicht und Leistung sollen nichts mehr gelten? Gott soll Gefallen haben an denen, die nichts wert sind? Alle guten Werke sollen auf einmal nichts mehr gelten?

Die Juden wollten Gott gefallen, indem sie beteten, Geld spendeten, opferten, die Gebote hielten und die Reinheitsvorschriften beachteten.

Wir haben dazu entsprechende christliche Ge­genstücke: Sich mitten in einer gottfremden Welt zu Gott bekennen, Geld spenden, sich zum Gottesdienst halten, die Kinder christlich erziehen, in der Gemeinde mitarbeiten‚ viel tun für Mission und Diakonie - das ist die Gerechtigkeit, die wir heute leisten wollen. Keiner läßt sich auch gern absprechen, daß er sein Bestes tut.

Auch Paulus hatte es in jener menschlichen Gerechtigkeit weit gebracht, er konnte wirklich stolz sein auf seine Leistungen. Aber nun muß er erkennen: Selbst wenn er sein Soll hundertprozentig erfüllt hätte, dann wäre noch nicht alles gut, dann hätte er noch nicht die Gerechtigkeit. im Sinne Gottes erreicht. An der eigenen Haaren kann man sich nicht aus dem Sumpf ziehen. Diesen Weg hat Jesus versperrt, indem er alle Lieblosigkeit und Unwahrhaftigkeit aufdeckte. Er zerschlug alle Selbstgerechtigkeit und zeigte uns, wie sehr wir jeden Tag auf die Gnade Gottes angewiesen sind.

Es gehört wohl doch viel Einsicht dazu, bis man begreift, was „Gerechtigkeit Gottes“ bedeutet. Heinrich  Böll hat in seiner Erzählung „Daniel, der Gerechte“ einen Gesichtspunkt herausgehoben. Er schildert darin einen Lehrer, der eine Aufnahmeprüfung abzunehmen hat und sich dabei an seine eigene Aufnahmeprüfung erinnert. Damals hatte er Gerechtigkeit mit „ä“ geschrieben, weil er meinte, das habe etwas mit „Rache“ zu tun. Nun sieht er die ängstlichen Gesichter der Prüflinge vor sich und erkennt: Man kann einen Menschen nicht nur noch seinen Leistungen mit Zensuren bewerten, sondern es muß auch dem Schwachen eine Chance gegeben werden. So streicht er gewissermaßen die Rache aus der Gerechtigkeit. Sein hartes Gesicht kann er absetzen, so wie man einen Hut wegtut, der ausgedient hat. Das Prinzip von Vergeltung und Belohnung gilt nicht mehr.

Aber das ist doch eine verkehrte Welt , werden wir denken .Man muß doch Maßstäbe haben, nach denen die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden. Wo kommen wir denn hin, wenn die Frommen und Kirchlichen nichts erlangen und Jesus bei den Unkirchlichen und Atheisten ist? Irgendwie muß es doch einen Lohn für alle Mühen und Entbehrungen, für alle Treue und Zuverlässigkeit geben!

Paulus macht das Erstaunliche des Verhaltens Gottes mit einem Bild aus dem Sport deutlich: Da haben Sportler lange trainiert und sich gut vorbereitet. Nun laufen sie und strengen sich an und holen das Letzte heraus. Aber unterwegs stolpern sie über einen großen Stein, fallen hin und haben keine Chancen mehr. Jeder Protest ist sinnlos, weil sich herausstellt  Der Veranstalter selber hat den Stein dort hingestellt. Und den Siegespreis erhalten überraschend diejenigen, die sich einfach auf diesen Stein gestellt haben und gar nicht mitgelaufen sind - ohne Bild gesprochen: die nur geglaubt haben und Jesus zur Grundlage ihres Lebens gemacht haben.

Aber wenn Gott wirklich so handelt, dann kann man doch nur an ihm irre werden. Er verhält sich doch wie ein Betriebsleiter, der die Höchsten Löhne und Prämien den Bummelanten gibt, während die anderen leer ausgehen, obwohl von ihrer Arbeit der ganze Betrieb lebt. Es ist doch kein Wunder, wenn einer da sagt: „Mit einem solchen Gott bin ich fertig!“ Doch wer so protestiert, der hat schor den ersten Schritt zum Verständnis des Evangeliums getan.. Er beginnt zu ahnen, daß bei Gott auch die Versager eine Chance haben. Nun muß er nur noch einsehen, daß er selber auch so ein Versager ist. Das ist wohl das Schwerste bei allem. Wir rechnen uns doch nicht zu den Zöllnern und Sündern, wir haben doch nicht Schiffbruch erlitten, sondern unser Leben ist geordnet und normal verlaufen.

Aber bei Licht besehen liegt es im Interesse aller, wenn es nicht auf unsre Leistung ankommt. Da hätte keiner von uns etwas zu hoffen. Es gibt keinen, dessen Fall zu verfahren wäre, daß sich Gott mit seiner Liebe nicht dafür interessieren würde. Und niemand ehrt Gott so wie der, der sich einfältig und vertrauensvoll alles vor ihm schenken läßt,

Auch eine Art Arbeitsteilung ist nicht möglich: Die etwas aufzuweisen haben werden durch ihre guten Werke gerettet und die anderen aus Gnade. Dann könnte man ja vor Gott hintreten und sagen: „Siehst du, gerechter Gott, ich habe es geschafft. Ich bin dir nun nichts mehr schuldig! Nur du bist mir noch den Lohn und die Anerkennung für mein Leben schuldig. Jetzt fordere ich meinen Lohn . Ich brauche nicht zu bitten, ich will mein Recht!“

Gott ist nicht unser Geschäftspartner. Aber er hat Jesus als den Felsen hingelegt, damit wir darauf stehen können. Wer sich auf ihn verläßt, der wird nicht zugrundegehen. Hier werden wir zum Glauben aufgerufen. Gott gefallen nur solche, die es nicht wert sind, wird uns gesagt. Also gilt es, mit dem Irrtum aufzuräumen, wir müßten es wert sein. Der Glaube ist keine Leistung; aber er ist die neue Gemeinschaft mit Gott. Wer nicht glaubt, der wird zuschanden. Wer aber an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.

 

 

11. Sonntag nach Trinitatis: Gal 2, 16 - 20

Es gibt Menschen, die wollen sich nichts schenken lassen. Nicht nur das Schenken, sondern auch das Annehmen ist eine Kunst. Man könnte eine Hilfeleistung, eine Einladung oder ein Geschenk doch einfach mit einem freudigen „Danke“ entgegennehmen. Doch oft werden sie wie eine Rechnung behandelt, die bei passender Gelegenheit wieder beglichen werden muß. Man will dem anderen nichts schuldig bleiben, man will sich wenigstens noch nachträglich das Geschenk verdienen. Auch der Schenkende könnte Liebe heucheln und heimlich doch mit Gegenleistung rechnen.

„Jeder nach seinen Verdiensten, jeder nach seiner Leistung!“ Dieses Regel findet allgemeine Zustimmung, und wir finden es ungerecht, wenn sie nicht beachtet wird. Nach der Leistung richtet sich nicht nur die Bezahlung, sondern auch das Selbstbewußtsein und die Beurteilung durch andere. Es ist halt auch ein befriedigendes Gefühl, wenn man sein Tagespensum geschafft hat und die Jahresbilanz erfolgreich aussieht und man im Leben das erreicht hat, was man sich zum Ziel gesetzt hat.

Mancher allerdings meint, aus seinen Möglichkeiten nicht das Beste gemacht zu haben. Er fürchtet sich auch davor, Rechenschaft ablegen zu müssen über sein Tun und Lassen. Leicht fühlt man sich dann als Versager und hat Minderwertigkeitskomplexe. Man vergleicht sich

mit dem Nachbarn und stellt fest, daß man nicht so gesund und leistungsstark, so selbstbewußt und sympathisch wie er. Das Leistungsprinzip kann manchen Menschen auch fertigmachen.

Vor Gott allerdings ist die Frage nach der Leistung des Menschen total uninteressant. Wir stehen bei ihm nicht im Leistungslohn. Wir können ihn nicht mit Erfolgsmeldungen freundlich stimmen. Wir brauchen aber auch keine Angst zu haben‚ unsre Fehlleistungen könnten das Gespräch mit ihm unmöglich machen. Gott verteilt keine Zensuren, er vergibt keine Auszeichnungen oder Tadel. Bei Gott wird uns ein Geschenk gemacht. Wer es sich nachträglich noch verdienen will, der würde es ablehnen. Er kann vielmehr frei sein von der Sorge, hinter der geforderten, Leistung zurückzubleiben. Er braucht auch die eigene Pflichterfüllung nicht zu überschätzen. Gott allein hat sein Leben in die Hand genommen.

Diese Erkenntnisse haben sich in der Kirche nicht gleich durchgesetzt. Zu sehr steckte in allen noch das Leistungsdenken der jüdischen Religion drin. Man wollte ja Gott gewähren lassen. Aber so ein klein wenig wollte man doch auch selber mitwirken. Schließlich hat man ja bestimmte Fähigkeiten, die man doch auch anwenden kann.

An sich war man in der Kirche aber übereingekommen, daß die früheren Juden und früheren Heiden alle zusammen in e i n er Gemeinde sein sollten. Es entstand ein ganz neues Weltgefühl: Sowie die Regeln des Elternhauses nicht mehr gelten, wenn eine neue Familie gegründet wird, so galt das Gesetz der Juden auch nicht mehr in der neuen Gemeinde mit Menschen aus aller Welt.

Auch Petrus, der Leiter der Gemeinde in Jerusalem‚ hatte dem zugestimmt. Er hat sich zunächst auch in der Praxis daran gehalten, als er in Antiochia in Syrien war. Aber dann kamen Abgesandte von Jakobus aus Jerusalem. Petrus schämte sich und zog sich von den ehemaligen Heiden zurück. Wahrscheinlich haben einige andere noch mitgemacht, und die Gemeinde war gespalten.

Wahrscheinlich war es nicht so, daß diese Abgesandten so etwas verlangt hätten. Nein, Petrus ist aus eigenem Antrieb wieder „umgefallen“ und hat seine frühere Gewissensentscheidung nicht mehr aufrechterhalten. Erst hatte er sich von den gesetzlichen Vorschriften der Juden freigemacht, nun war er wieder in sie zurückgefallen.

Paulus aber hält dem Petrus entgegen: „Wir haben alle ganz gewaltig umlernen müssen. Als gebürtige Juden haben wir uns als Erwählte Gottes verstanden. Und wir waren der Meinung: „Selig wird man, indem man glaubt u n d gute Werke tut. Wir hielten viel vom Gesetz.  Aber es kann immer nur die Übertemperatur oder Untertemperatur anzeigen‚ nicht aber die eigentliche Krankheit heilen. Das kann nur Christus. Er hat uns gelehrt, allein zu glauben und nichts von den guten Werken zu erwarten!“

Als Petrus sich aber von den Heidenchristen zurückzog, da hat er diesen Standpunkt des „allein aus Glauben“ als einen Fehler angesehen und Christus damit „zu einem Sündendiener gemacht“, sagt Paulus. Er geht hier sehr hart mit Petrus ins Gericht, weil er in der Sache unklar und in seiner Glaubensüberzeugung schwankend geworden ist.

Aber wir wollen nicht zu schnell den Stab über Petrus brechen. Wer von uns kann wohl die Hand dafür ins Feuer legen, daß es ihm nicht ähnlich geht? Das Werkdenken liegt in uns allen drin: Wenn ein Kind etwas angestellt hat, dann will es schnell etwas Gutes tun, damit den Eltern die Verzeihung leichter wird.

Und das gibt es doch auch in mancher Gemeinde, daß man wie Petrus sagt: „Du hast eine andere Glaubensüberzeugung, mit dir will ich keine Gemeinschaft mehr haben, mit dir kann ich nicht mehr beten und das Abendmahl feiern!“ So wie bei Petrus und seinen Leuten unterscheidet man zwischen den „Frommen“ und den „Anderen“.

Es mag tröstlich sein, daß es solche Versager auch an höchster Stelle der Kirche gegeben hat und gibt, die den anderen ungläubiger Motive verdächtigen. Aber der Herr weiß auch diese noch zuletzt für seine Zwecke zu benutzen: Nur weil Petrus sich in solche Halbheiten flüchtete, kam Paulus dazu, seinen Glauben noch schärfer und klarer zu formulieren. Unser ganzes Glaubensbekenntnis ist ja in Auseinandersetzungen mit Irrlehrern entstanden. Oft kann man erst bei Auseinandersetzungen den eigenen Standpunkt noch klarer umreißen. Paulus fordert als Ergebnis seiner Erkenntnis: Mut zum Glauben, Gemeinschaft im Glauben und Leben aus Glauben.

 

1. Mut zum Glauben: Zunächst war in Antiochien noch nichts entschieden: Alle konnten miteinander leben und auch ihre alten Gewohnheiten behalten. Aber nachdem einige umgefallen waren und die Freiheit, über den Dingen zu stehen, verloren hatten, wurde  dieses Problem zu einer Glaubensfrage. Jetzt wurde der Anschein erweckt, Christus schaffe das Heil nicht allein, sein Handeln sei noch ergänzungsbedürftig und die Einhaltung des jüdischen Gesetzes und die eigene Leistung seien notwendig.

Paulus aber sagt ganz im Sinne Jesu: „Gerade die Sünder und die Gottlosen sind Gott willkommen; um Christi willen sind gerade sie die Gerechten. Gott zerreißt die Gutscheine der gesetzestreuen Juden. Aber er zerreißt auch die Schuldscheine der anderen, die mit leeren Händen dastehen müssen. Nur die Zuwendung Gottes, die ohne Bedingungen geschenkt wird, kann ihnen noch helfen. Gottes Gnade muß nicht ergänzt werden durch irgend etwas, was von unsrer Seite geschehen könnte. Das zeigt ja auch das Evangelium des Sonntags vom Pharisäer und Zöllner. Wir akzeptieren, daß Schuldscheine zerrissen werden. Akzeptieren wir aber auch,  daß die Gutscheine zerrissen werden?

Hier muß sich nun jeder entscheiden, ob er für sich diesen Mut zum Glauben aufbringt und den Sprung in den Glauben wagt. Solange man noch oben auf der Sprungschanze steht, hat man einigermaßen festen Boden unter den Füßen, da kann nicht viel passieren. Wenn man aber erst einmal in der Spur ist, dann gibt es kein Zurück mehr, dann muß man springen. Aber man hat dann auch für einige Sekunden das schöne Gefühl des Fliegens und kann sich frei wie ein Vogel fühlen.

Natürlich liegt es jedem von uns näher, sich auf sichtbare Leistungen zu verlassen - da hat man doch wenigstens etwas in der Hand. Was man aus Ehrgeiz und Betriebsamkeit geschaffen hat, das kann er doch wenigstens vorweisen, das gibt doch wenigstens einigermaßen Sicherheit. Die Gnade aber kann man nicht sehen, auf die muß man eben blindlings vertrauen. Der Glaube muß den Höhenflug unternehmen und ganz darauf vertrauen, daß Gott ihm hilft.

 

2. Gemeinschaft im Glauben: Wer in Glaubenssachen unklar ist, der zerstört die Gemeinschaft. Jenes „Sowohl - als - auch“ führte zur Trennung. Äußerlich sichtbar wurde das bei der Tischgemeinschaft. Wer nicht mehr mit uns das Abendmahl feiern kann, der gehört nicht mehr zu unsrer Gemeinde. Das gilt für den Einzelnen, der das Abendmahl verachtet. Das gilt aber auch für ganze Gruppen, die sich aus irgendeinem Grunde von ihm fernhalten.

Bei Petrus war es die Angst, durch die Gemeinschaft mit den ehemaligen Heiden auch unrein zu werden. Jesus aber hat mit den Sündern gegessen und sie dadurch rein gemacht. Er hat nicht gefordert:  „Werdet zuerst so wie wir, dann dürft ihr kommen!“ Er sagt nicht: „Du mußt erst zu Boden geworfen sein, ehe du reumütig kommen kannst!“  Bei ihm heißt es: „Wer kommt, der ist willkommen!“

Bei Jesus macht es nicht die Weltanschauung, nicht Bildung und Erziehung, Rasse und Herkommen, Kleidung und Benehmen. Ob sich einer leer fühlt oder übersatt, ob er versagt hat oder erfolgreich war, ob einer sein Leben verpfuscht hat oder es zu etwas gebracht hat, ob er Außenseiter oder Normalbürger ist - Jesus will sie alle.

Die Gewissensfrage an uns ist, ob wir solche Menschen auch in unsre Gemeinschaft mit hineinnehmen. Jesus ruft alle Sünder an seinen Tisch und verschafft ihnen Eintritt bei Gott. Aber keiner kann von sich aus irgendwo diese Eintrittskarte kaufen.

 

3. Leben aus Glauben: Ein Leben aus Glauben ist nicht ein Leben in Zuchtlosigkeit und Lässigkeit, in Ungehorsam oder Gottlosigkeit. Wir können nicht auf Jesu Kosten zechen und es dann bei ihm noch anschreiben lassen. Auch Paulus kennt den Fall, daß die Gemeinde einem die Gemeinschaft aufkündigt, weil er sich nicht anständig benommen hat.

Aber auf der anderen Seite können wir uns durch unser Wohlverhalten auch keine eigene Gerechtigkeit aufbauen. Wir können nicht eines Tages Gott eine bis ins Einzelne gehende Rechnung vorlegen, auf der dann steht: „Zahlbar innerhalb von 14 Tagen  Gerichtsstand für beide Teile ist die Kirche“" Das Schlimmste daran wäre nicht einmal, daß wir beim Aufstellen der Rechnung mogeln. Viel entscheidender ist, daß wir Gott damit zum Schuldner machen, obwohl wir doch in Wahrheit seine Schuldner sind.

Wer aus Glauben lebt, verläßt sich ganz auf Gott. Paulus sagt: „Ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben! Das Gesetz ist zwar noch da - aber ich bin weg!“ Nun ist nicht mehr „der Wurm drin“, sondern Christus lebt in uns. Wir brauchen nichts weiter zu tun, als seine Anwesenheit ganz ernst zu nehmen und uns wie ein Kind darüber zu freuen, daß er uns trotz allem liebt.

 

 

12. Sonntag nach Trinitatis: Apg 3, 1 - 10

Was tun wir, wenn wir einem Bettler begegnen? In Frankfurt auf der Zeil kann man sie sehen:  ein ungepflegter alter Mann mit einem Senfbecher in der Hand oder ein junger Mann mit einem Schild um den Hals „Ich habe Hunger“ , dem man ja eigentlich nicht Geld geben müß­te, sondern zum Beispiel ein Brötchen. Sagen Sie nicht, so etwas gäbe es nicht bei uns, es geschieht nur nicht so offen. Die Pfarrer werden immer wieder von Bettlern aufgesucht, obwohl sie auch nur vom Eigenen den Leuten geben können. Oder soll man ihnen lieber nichts geben?

Wir haben doch schnell das Argument bei der Hand: Die Alten kriegen doch Rente, die anderen mindestens Sozialhilfe, und die aus dem Gefängnis Entlassenen erhalten ein Überbrückungsgeld. Wir sagen auch: „Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit und kann sich selber

etwas verdienen!“ Es gibt viele Gründe, einem Bettler nichts zu geben.

Aber es kann auch sein, daß man so einem Menschen schnell eine Kleinigkeit gibt, damit man ihn schnell wieder los wird. Es ist uns unangenehm, vor diese Entscheidung gestellt zu werden. Es wird an unser christliches Herz appelliert, aber es regt sich auch unsre Vernunft, die uns sagt: „Hilfst du dem Menschen wirklich, wenn du ihn mit ein paar Almosen abspeist?“

Petrus sagt zu dem Gelähmten im Tempel: „Gold und Silber habe ich nicht!“ Hier spricht die Kirche der Armen. Es soll auch so sein, daß die Kirche arm ist. Sie sollte nicht die Güter dieser Welt im großen Stil einsetzen, um das Elend einzudämmen. Wir können auf andere Art und Weise reich machen durch Zuwendung, Heilung und Aufnahme .

 

1. Zuwendung: Zunächst fingt alles ganz undramatisch an. Petrus und Johannes gehen zur üblichen Gebetszeit in den Tempel. Am Tor begegnen sie dem Elend der Welt, einem Bettler, der um eine milde Gabe bittet. „Barmherzigkeit“ nannte man das, wenn man einem Bettler einige Kupfermünzen hinwarf. Aber in Wirklichkeit war das grimmiger Hohn und zur Gewohnheit gewordene Unmenschlichkeit. Weil es keine staatliche Fürsorge hab, hatte man das Almosengeben zum „verdienstlichen Werk“ erklärt: Wer etwas gibt, tut nicht nur dem Bettler, sondern im Blick auf das ewige Heil auch sich selber einen Gefallen. Aber der Bettler durfte nicht mit hinein in den Tempel, er wurde mit einigen Pfennigen abgespeist, und die Frommen durften noch das Gefühl haben, ein gutes Werk getan zu haben.

Daß der Mann dort sitzen mußte, war wahrscheinlich schlimmer als sein Leiden als solches. Daß ihm der Tempel verschlossen ist, macht sein Los erst bitter. Aber Menschen mit einem Gebrechen waren aus der Nähe Gottes verbannt, denn Krankheit und Behinderung galten als Strafe für eine Sünde. Aber Geld geben durfte man ihnen natürlich, das war dann sogar ein verdienstliches Werk. Daß ihm aber auch die milde Gabe verweigert wird, hat den Gelähmten nicht nur enttäuscht, sondern auch verwundert. Die beiden Männer scheinen gar nicht darauf aus zu sein, sich so einen kleinen Anrechtschein für den Himmel lösen zu wollen.

Unsre Gesellschaft hat eine andere Einstellung zu den Behinderten gefunden oder sucht sie zumindest. Sie werden finanziell einigermaßen abgesichert. Aber man versucht auch, sie in

Die übliche Gesellschaft mit hineinzunehmen und sie sogar beruflich zu fördern. Dennoch werden Behinderte oft nicht als vollwertige Menschen angesehen und darum an den Rand des Blickfelds geschoben. Die Gesunden sind den Behinderten gegenüber auch oft befangen. Dabei täte ihnen nichts wohler als daß sie angenommen würden wie andere Menschen auch. Sie wollen nicht „Barmherzigkeit“ und Bedauern von oben herab, sondern ganz normal genommen werden  und mitten drin sein in der Gemeinschaft der Menschen.

Auch der Gelähmte im Tempel wurde nur am Rande gesehen. Die ihm etwas hinwarfen  waren nur „Passanten“, waren nur Vorübergehende. Der Bettler sagte schnell „Danke“, dann war der Geber schon wieder woanders und mit vielem anderen beschäftigt, nur nicht mit diesem Mann, der in seinem Leben eigentlich nur störte.

Die beiden Apostel dagegen nehmen mit diesem Mann eine persönliche Verbindung auf, sie richten ihr Augenmerk und ihr ganzes Interesse auf ihn. Der einzelne Mensch, wer immer er auch sei, ist für einen Christen kostbar. Jesus ist gekommen, die Verlorenen zu suchen. Jetzt wird sein Name auch über diesem Gelähmten genannt, der sich schon fast 40 Jahre mit seiner schweren Behinderung hat abfinden müssen.

Aber jetzt geschieht, was er immer hat vermissen müssen: Er wird als Mensch ernst genommen. Da findet sich einer nicht mit dem Zustand der Welt ab, sondern er will Jesu Herrschaft in ihr durchsetzen. Das geschieht, indem dieser Mann durch die Apostel Zuwendung erfährt, angenommen wird und Zugang zu Gott erlangt.

 

2. Heilung: Mit Geld kann man dem Mann nicht helfen. Aber es muß ihm geholfen werden. Wenn hier einer helfen kann, dann nur Jesus Christus. Als er noch da war, hat er solchen Leuten geholfen. Aber jetzt stehen die Jünger allein da. Petrus wagt es dennoch und handelt im Namen Jesu.

Was wäre, wenn der Gelähmte kraftlos zurücksänke? Die Umstehenden würden grinsen. Und der Kranke wäre enttäuscht und käme sich verhöhnt und beleidigt vor. Aber Petrus rechnet einfach mit Jesus und nimmt dessen Vollmacht für sich in Anspruch. Natürlich weiß Lukas‚ daß e s auch nach Jesu Auferstehung eine Unzahl kranker und behinderter Menschen gibt und die Kirche nicht über die Wundermacht verfügt, allen Menschen zur Gesundheit zu verhelfen.

Um ein „Verfügen“ geht es schon gar nicht. Ein Zauberwort ist der Name Jesu nicht, sondern Petrus spricht vom Glauben an diesen Namen.

Gerade der Glaube weiß, daß man Gott nichts abzwingen kann. Er lebt vielmehr von dem, was Gott in seiner Freiheit und ohne daß er eine Verpflichtung hätte uns gewährt. Er weiß auch, daß Gottes Tun unsrem natürlichen Auge nicht offenliegt. Unser Bestes empfangen wir ja gar nicht im zeitlichen Leben, sondern erst in der Vollendung, zu der es hier noch nicht kommen kann.

Die biblischen Wunder sind Zeichen, sind Hinweis auf das Kommende. Daß der Mann nachher Luftsprünge macht wie ein Hirsch, ist Erfüllung der Verheißung aus dem Propheten Jesaja (Kapitel 35 , 6) ,wo das für die Heilszeit verheißen ist. So will Gott seine Welt zurückgewinnen. Er findet sich nicht mit dem ab, was uns quält, sondern seine Welt soll heil werden.

Es gibt auch heute noch Zeichen seines heilenden Wirkens, die der Glaube wahrnimmt. Es gibt auch dies, daß ein Arzt mit seinem Wissen und Können das Werkzeug Gottes ist. Die Heilungsmöglichkeiten der modernen Medizin grenzen doch manchmal ans Wunderbare: Eine Spritze wirkt oft in Sekundenschnelle und macht jedes Wunder überflüssig. Wir sollten doch nicht meinen, Gott handle nur durch Wunder. In der Regel handelt er auf ganz natürlichen Wegen.

Aber all das ist nur Hinweiszeichen auf das, was noch kommen soll. Wenn unser Heil sich vollendet, dann werden wir auch völlig Heilung erfahren. Das uns zugedachte Gute muß sich nicht immer in dieser Welt verwirklichen. Daß einer in diesem Leben wieder auf die Beine kommt, rettet ihn nicht davor, daß er doch einmal sterben muß. Aber die leiblichen Gebrechen sind nicht das größte Problem. Gott muß mehr an uns tun, wenn uns geholfen werden soll. Vorerst erleben wir es nur zeichenhaft, einst aber in Vollendung.

 

3. Aufnahme: Wir können nicht darauf warten, ob wir vielleicht auch einmal ein solches Wunder tun können wie Petrus. Aber wir können alle Kraft zusammennehmen, um helfende Veränderungen in der Welt vorzunehmen. Hilfe haben besonders die Menschen nötig, die mit ihren Problemen nicht mehr aus eigener Kraft fertigwerden .Wir können uns nicht damit beruhigen, daß schon der Staat mit seiner Sozialgesetzgebung helfen wird.

Niemand sollte sich um einen Platz im Altersheim bemühen müssen, weil er fürchtet, bei einer Krankheit allein zu sein. Niemand sollte darum bitten müssen‚ daß man ihn nach seinem Tode verbrennt und die Asche in einem Massengrab beisetzt, nur weil er denkt: „Es wird ja doch niemand mein Grab pflegen!“ Kein Kind sollte in ein Kinderheim müssen, weil die Mutter krank geworden ist. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man mit Liebe die Lebenssituation im günstigen Sinne verändern kann. Petrus hat das erkannt und das Leben eines Menschen und damit auch ein Stück unsrer Welt verändert.

Vor allem hat der Geheilte aber Aufnahme in der Gemeinde Jesu gefunden, ohne die man kein Heil gibt. Noch schöner wäre gewesen, wenn Petrus und Johannes den Mann gleich mit zur Halle Salomos mitgenommen hätten, noch ehe er geheilt war. Das wäre eine Demonstration gewesen, daß zum Vater Jesu Christi alle kommen dürfen, auch die Behinderten. Es wäre ein schönes Zeichen gewesen ,wenn auch die Gemeinde ihn noch als Behinderten bewußt in ihrer Mitte aufgenommen hätte.

Auch bei uns wäre es gut, wenn Menschen mit einem solchen Schicksal bei uns wirklich zu Hause wären ohne jeden Sonderstatus, einfach als Glied der Gemeinde wie jedes andere auch.

Als Geheilter wird jener Mann künftig seinen Platz in der Gemeinde haben. In dieser Gemeinde wird Gott gelobt und der Name Jesu bekannt. So ist der Mann nicht nur auf die Beine gekommen, sondern er hat auch seinen Herrn gefunden.

 

 

13. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 4, 1 - 16

Jeden Abend werden uns per Bildschirm Mord und Totschlag ins Haus geliefert. Heute wird sogar gezeigt, wie ein Mensch getötet wird, mit der Begründung, das sei ein Zeitdokument und das Fernsehen habe die Pflicht zur Information. Aber ist uns eigentlich schon einmal bewußt geworden, mit welcher Gelassenheit wir dem allem zusehen?  Vielleicht verursacht uns das alles ein wenig Nervenkitzel. Aber eher bleiben wir doch gleichgültig, weil wir wegen der Fülle der Informationen abgestumpft sind. Wir sehen Bilder von Verkehrsopfern, von Folterungen, von Toten auf Kriegsschauplätzen. Aber die täglichen Meldungen von den toten Afghanen, Irakern oder Palästinensern nehmen wir doch gar nicht mehr wahr. Es ist so, als ob der Mord zur Geschichte der Menschheit dazugehöre.

Deshalb ist am Anfang der Bibel in der Geschichte von Kam und Abel schon beispielhaft dargestellt , wie die Menschen sind. Kain ist nämlich immer noch unter uns und begeht seine ruchlose Tat. Nur heißt er heute Großmachtpolitik, Ausbeutung, Gewinnsucht, Terror und Krieg. Das Recht des Menschen ist nicht erst da verletzt‚ wo Blut fließt. Das Gesetz Kains wird auch ausgeübt, wo Menschen in einem Unternehmen entlassen werden, um den Gewinn zu erhöhen.

Auch Abel ist noch unter uns. Das sind die entrechteten und mißhandelten Menschen, meist Frauen und Kinder, Krüppel und Alte. Sie haben am meisten unter den gewalttätigen Verhältnissen zu leiden. Sie möchten gern in Frieden leben. Aber das geht eben nicht, wenn

es dem großen Bruder nicht gefällt.

Wir Europäer müßten nach all den Kriegen die Nase voll haben. Die Beziehungen zwischen den Völkern sollten durch noch mehr Verträge geregelt werden, regionale Konflikte sollten gelöst werden. Aber wir sollten auch Gott um Frieden bitten, der von oben kommt und der/höher ist als alle menschliche Vernunft.

Doch vorerst müssen wir noch mit Konflikten leben. Es gibt den Gegensatz zwischen Alten und Jungen, Einheimischen und Fremden, Betriebsleitung und Arbeitern, zwischen Eheleuten, Geschwistern und Kollegen. Das Wesen Kains ist uns gar nicht so fremd. Die Bibel schildert uns nicht interessante Schicksale einzelner Menschen, sondern hier wird gesagt: „So ist der Mensch, so bist auch du!“ Wir sind so wie Kain der Schuldige, der Gefährdete, aber auch der Bewahrte.

 

1.  Der Schuldige: Nicht daß er tötet, macht Kain zum Mörder, sondern daß er sich am Leben des Mitmenschen vergreift. Alle Menschen sind nach Gottes Willen Brüder und Schwestern und sollen miteinander und füreinander leben.  Aber dem fünften Gebot gegenüber fühlen

wir uns meist einigermaßen unangreifbar. Wir sagen: „Ich bin doch nicht der Mörder meines Bruders oder sonst eines Menschen. Ich verabscheue den Mord, überhaupt die Gewalt. Ich bin auch froh, daß ich mit meinem Auto bisher noch keinem Menschen einen Schaden zugefügt habe!“

Doch es sieht anders aus, wenn man die Auslegung Jesu zum 5. Gebot beachtet: Wer zu seinem Bruder sagt „Du Dummkopf", der ist schuldig! Wer also den anderen in seinem Lebensrecht beeinträchtigt oder ihn irgendwie herabsetzt, ist schon sowie Kain. Gerade auch die

so harmlos erscheinenden Bürger sind beteiligt an dieser Möglichkeit, die im Menschen liegt. An den Bluttaten in der Weltgeschichte sind gerade auch solche Menschen beteiligt gewesen, die so Menschen sind wie du und ich. Diese stehen dann noch dabei und klatschen Beifall, wenn es gegen irgendwelche Ausländer geht.

Es geht um das menschliche Klima, in den das Böse gedeiht. Aus vielen Wassertröpfchen wird eine reißende Flut. Das Erschreckende ist eigentlich, daß die Sünde Kains im Religiösen liegt. In vielen Fällen hat man ganz egoistische Gründe, aber man schiebt religiöse Dinge vor. Bei der Judenverfolgung haben viele das Unrecht damit gerechtfertigt, die Christusmörder müßten bestraft werden. In Südafrika damals behauptet man, die Schwarzen seien von Gott zu Menschen zweiter Klasse geschaffen. Und auch in Nordirland geht es um alte geschichtliche Gegensätze zwischen katholischen Iren und protestantischen Engländern‚ die noch verschärft werden durch die Gegensätze von arm und reich.

Aber wegen solche Dinge werden .Kriege vom Zaun gebrochen und Millionen von Menschen kommen um. Dann werden scheinheilige Gründe vorgeschoben. Aber in Wirklichkeit geht es um die Angst, man könnte etwas verlieren, was man hat, oder man brauchte noch mehr, um in Sicherheit leben können. Weil man sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen will‚ schafft man sich auf Kosten des anderen Sicherheit und Anerkennung.

Eigentlich hat doch jeder genug zum Leben. Aber der vermeintliche Vorteil des anderen wurmt natürlich doch. Man meint auch, Ansprüche gegenüber Gott zu haben. Daraus entsteht dann der grimmige Zorn und die eiskalte Lebensanschauung. Die Bibel aber sagt: „Blut und Leben gehören allein Gott. Der Mensch darf nicht in das Besitzrecht Gottes eingreifen, das geht weit über die Zuständigkeit des Menschen hinaus.

Die Antwort Kains ist natürlich eine Lüge und Frechheit. Selbstverständlich soll er der Hüter seines Bruders sein. Gott will doch, daß anderen Menschen durch uns geholfen wird. Und dieser andere kann sowohl in Afrika leben als auch in der gleichen Straße. Kains Antwort darf nicht unsre Antwort sein, wenn wir die Verantwortung für Kriegsverbrechen, Hunger, Umweltzerstörung, Verkehrsopfer und Selbstmorde von uns abschieben  wollen. Doch oft machen wir dem Mitmenschen das Leben auch schwer, weil wir ihr allein lassen, ihn enttäuschen und verletzten und ihm die Liebe schuldig bleiben. Nicht erst die Tat, sondern der Zorn im Herzen und das böse Wort auf der Zunge sind vor Gott verwerflich.

 

2. Der Gefährdete: Kain hat seine Untat begangen, obwohl Gott ihn zuvor gewarnt hat. Das lag daran, daß das Verhältnis Kains zu Gott schon gestört war. Kain wurmt es, daß Gott den Abel lieber zu haben scheint. Wenn ein Lehrer einen Schüler bevorzugt, dann richtet sich der Haß der anderen nicht gegen den Lehrer, sondern gegen den betreffenden Schüler.

So erhitzt sich Kain auch bis zur Weißglut gegen seinen Bruder. Sein Gesicht fällt herunter, d.

Es heißt: Er richtet den Blick auf den Boden und bricht damit die Beziehungen zum Bruder ab. Er verkrampft sich in sich selbst, weil sein Recht angeblich verletzt wird. Aber er war doch der Erstgeborene, er wurde doch an sich vorgezogen. Sicher sind die Menschen verschieden. Aber das muß doch nicht voneinander trennen. Doch es entstehen immer wieder Spannungen, weil die Begabungen unterschiedlich sind oder weil einer mehr Chancen hat, zum Beispiel auch in der Liebe.

Wir wissen nicht, woran Kain erkannt haben will, daß Gott ihn weniger liebe als den Bruder. Mit der Art des Opfers oder der Gesinnung des Opfernden kann es wohl nichts zu tun haben. Und doch wächst der Jähzorn Kains so, daß er den Bruder erschlägt. Dabei denkt er: „Wenn  Gott nur noch mich hat, dann kann er nur noch mich lieben, ich muß den Rivalen loswerden!"

Das ist wie eine Treppe, auf der es Stufe um Stufe tiefer geht. Erst waren es nur Neid und Haß auf den Bruder, aber am Ende kommt es zum Mord. Weil Gott diese Gefahr kennt, hat er sein Gebot aufgerichtet. Er will nicht erst kurz vor dem Mord einen Schutzwall aufrichten, sondern gleich am Anfang.

Kain wird rechtzeitig auf die Gefährlichkeit seines inneren Zustandes aufmerksam gemacht: „Wenn du etwas Gutes im Sinn hast, dann hebst du den Blick, dann kannst du deinem Bruder in die Augen sehen; aber wenn du nicht recht tust, dann lauert die Sünde vor der Tür!“

Mit diesem Bild wird uns deutlich gemacht, wie es um uns alle steht: I n  uns ist der böse Gedanke, und d r a u ß e n lauert das Böse wie ein Raubtier. Das Böse drinnen und draußen will sich aber miteinander vereinigen, um den Menschen ganz überwinden zu können. Wenn der innere Überdruck immer mehr anwächst, dann platzt eines Tages der Kessel. Nicht die Explosion belastet den Täter, sondern daß er den Kessel aufgeheizt hat. Wenn man immer nur Schlechtes über den Mitmenschen denkt, dann ist klar, daß es eines Tages kracht. Wenn der kritische Punkt überschritten ist, dann kommt jedes Wort zu spät.

Gott aber sagt: „Du sollst aber die Sünde herrschen!“ Du mußt mit Gewalt das Böse in dir niederhalten, sonst überfällt es dich mit Macht, so daß du dich nicht mehr wehren kannst. Doch du bist stark genug, gegen das Böse anzugehen, wenn du nur willst. Du mußt ein

neues  Denken finden: nicht mehr zurückschlagen, sondern einen gemeinsamen Weg finden. Wenn du wieder einmal unwillig bist und mit Gott und der Welt zerfallen, dann halte die Tür fest zu, damit das Böse dich nicht überfällt. Du sollst ja nicht bestraft werden, sondern mit Gottes Hilfe über das Böse herrschen.

 

3. Der Bewahrte: Vergossenes Blut läßt sich nicht zuschaufeln, sondern erhebt Klage vor dem Herrn des Lebens. Es scheint sich alles beruhigt zu haben, als der Tote begraben ist. Aber Gott hört das Schreien, er greift ein. Das kann eigentlich unser Trost sein, wenn wir so viel Gewalttätigkeit in der Welt erleben müssen: Auch die Tage der Mächtigen sind einmal gezählt. Es kommt die Stunde, wo sie sich einmal einen Stärkeren tu spüren bekommen.

Aber Gott hat den Kain ja gar verworfen. Er hat beide Bruder gleich lieb. Nur Kain hat es noch nicht gemerkt. Als der Erstgeborene ist er bei den Menschen immer an erster Stelle gekommen, nun will er auch bei Gott als erster dransein. Hier muß er erst wieder zurechtgerückt werden. Doch er wird nicht aus dem Machtbereich Gottes verstoßen und seinem Wirken entzogen.

Das Kainszeichen soll ihn nicht brandmarken, sondern schützen. Keiner ist so weit von Gott entfernt, daß er nicht durch ihn bewahrt würde. Bestraft wird Kain schon, aber er kann doch wenigstens weiterleben. Er wird nicht der Blutrache preisgegeben, sondern Gott schützt auch noch den schuldigen Menschen. Er möchte, daß die Vergeltung aufhört und nicht alles drunter und drüber geht in der Welt. Er fordert auf zur Vergebung um Christi willen.

Gott hat dem Kain sogar einen neuen Bruder gegeben, nämlich Jesus Christus. Dessen Blut ist zwar auch geflossen, aber es verklagt die Menschen nicht, sondern schreit für sie nach Gottes Barmherzigkeit. Gott hat das Opfer dieses neuen „Abel“ gnädig angesehen und will mit den Menschen einen Neuanfang machen.

Der Bildhauer Wilhelm Groß hat auf seinem seiner Bilder dem fliehenden Kain das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn gemalt. Es ist nicht ein Zeichen der Schuld, sondern der Liebe Gottes. Wir alle dürfen uns auf seine Barmherzigkeit berufen, auch wenn noch so viel zwischen uns und unseren Mitmenschen stünde.

Wir dürfen und sollen wieder Verantwortung für unsre Mitmenschen übernehmen. Das hat ja der barmherzige Samariter getan (Evangelium des Sonntags), der den Niedergeschlagenen versorgt und gerettet hat. Diese Welt braucht nicht so zu bleiben, wie sie ist. Wenn uns die Liebe Christi bewegt, werden wir auch die Kraft erfahren, die Welt im Kleinen und dann vielleicht .auch im Großen zu verbessern.

 

 

14. Sonntag nach Trinitatis: 1. Thess 1, 2 -10

Noch nicht bearbeitet

 

 

15. Sonntag: Gal 6, 1 - 2

In Afrika gibt es eine besondere Hirschart‚ die sich zu bestimmten Zeiten neue Weideplätze auf einer Insel sucht. Um aber auf die Insel zu kommen, missen die Hirschrudel eine ganze Strecke schwimmen. Das Geweih wird ihnen aber dabei zu schwer. So helfen sie sich gegenseitig: Sie schwimmen hintereinander, und jeder Hirsch legt sein Geweih auf den Rücken des vor ihm schwimmenden Tieres. Wenn der Hirsch an der Spitze müde geworden ist, verläßt

er seinen Platz und rückt an die letzte Stelle. Nach einiger Zeit erfolgt wieder eine Ablösung. So trägt ein Tier die Last den anderen.

Dieses Verhalten der Tiere können wir uns zum Vorbild nehmen, für die Familie, für die Arbeit und für die Gemeinde. Das wäre ganz im Sinne Jesu Christi und entspräche der Aufforderung des Paulus an die Galater: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!“

Dieser Spruch wird gern bei Trauungen verwendet. In Ehe und Familie kann man das auch am besten üben, wie man gegenseitig die Lasten trägt. Der Mann macht die schwere körperliche Arbeit, er wäscht das Auto und gräbt den Garten um. Die Frau ist geschickter und näht und strickt. Der Mann geht zu den Behörden, die Frau zum Einkaufen. Die Eltern verdienen das Geld, die Kinder geben es aus - jetzt habe ich mich versprochen: Die Eltern geben es für die Kinder aus. Aber die Kinder tun auch manches, um die Lasten der ganzen Familie zu tragen: Sie übernehmen kleine Handreichungen und erledigen schon manche Sachen.

In der Schule helfen sich die Kinder gegenseitig, weil die einen eben besser in Mathematik und die anderer besser in Englisch sind. Und wenn es eine Strafarbeit für die ganze Klasse gibt, obwohl nur einige die Übeltäter waren, dann muß man auch die Last des anderen tragen.

In der Fabrik helfen sich die Arbeiter gegenseitig, wenn Holz oder Eisen zu rücken ist und keine Maschine das machen kann. Viele Arbeiten kann man überhaupt nur zu zweit oder zu mehreren machen, weil einer hält und die anderen festmachen. Der Lehrmeister bildet den Lehrling aus, und der erfahrene Facharbeiter hilft dem Neuen, damit der auch hinter die Kniffe kommt und sich nicht unnötig abplagen muß. So sollte es sein, und so ist es zum Glück auch vielfach: Einer trägt die Last des anderen mit, man unterstützt sich gegenseitig.

Auch in der christlichen Gemeinde ist das gegenseitige Tragen der Lasten sehr hilfreich. Gerade hier sollten wir es in vorbildlicher Weise üben, weil Jesus es von uns fordert. Es gibt immer welche, die im Glauben schon etwas fortgeschrittener sind. Das ist nicht eine Frage des Alters, denn auf diesem Gebiet können auch die Kinder weiter als ihre Eltern sein.

Es gibt aber immer auch wieder Christen, die bilden sich etwas auf ihren Glauben ein. Sie wollen sich nach vorne drängeln, den anderen Vorschriften machen und sich nicht mehr helfen lassen. Doch je stärker einer ist  desto mehr ist er der Gemeinde verpflichtet. Wer Gaben hat, der sollte denen damit dienen, die nicht so viel haben. Schließlich ist uns alles nur von Gott geschenkt, auch der Glaube.

Wir leben alle von der Vergebung und der Geduld Gottes..Keiner hat das Recht, über den anderen zu richten, denn dadurch würde er am Ende noch aus der Gemeinschaft hinausgeekelt. Damit soll nicht gesagt sein, daß man aus Liebe immer nachgeben müßte und keine Kritik üben dürfte. Es geht gegen das lieblose Aburteilen des anderen, das wir so gern üben, anstatt dem anderen aufzuhelfen, wenn er gefallen ist.

Eine Sache muß auch einmal wirklich aus der Welt geschafft sein. Nur können wir das nicht selber bewerkstelligen‚ sondern das ist die Tat Jesu Christi. Unsre Lasten können wir auf sein Kreuz legen, er schleppt sie dann schon weg.

Wenn er aber unsre Schuld getragen hat, dann sollten wir aus Dankbarkeit auch nach seiner Art leben. Das tun wir, wenn wir gegenseitig die Lasten tragen, die uns auferlegt sind. Dabei sollten wir aber auch nicht vergessen, daß wir auch selber den anderen zu tragen geben und sie unter uns leiden. Unsre Aufgabe wäre, diese Lasten möglichst klein zu halten, damit die anderen mehr von der Freiheit Gottes verspüren können.

Eine gute Gelegenheit, unsre Last und Schuld loszuwerden, ist das Abendmahl. Da werden uns die Klötzer am Bein weggenommen und wir werden gestärkt für unseren weiteren Weg.

Unserem Herrn dürfen wir uns immer wieder zuwenden, weil er es ja gewesen ist, der diese Aufforderung des Paulus in die Tat umgesetzt hat: „Einer trage des anderen Last!"

 

 

16. Sonntag nach Trinitatis: Apg 12, 1 - 11

Da ist ein Mann schon eine Woche im Gefängnis. Er hat nichts weiter verbrochen, als daß er ein Christ ist. Aber da genügt ja oft schon, ihn als „Staatsfeind Nummer eins“ erscheinen zu lassen. Mit einem ordentlichen Gerichtsverfahren hält man sich gar nicht erst lange auf. Jeder Tag kann der letzte für den Gefangenen sein. Doch er schläft ruhig ein, ohne Angst.

Wie ist so etwas möglich? Wir bringen so etwas ja kaum fertig. Uns ist ja schon die Nachtruhe geraubt, wenn wir eine Vorladung zur Verkehrspolizei erhalten. Aber es gibt natürlich auch schwerwiegendere Fälle, wo es verständlich ist, wenn einer nicht schlafen kann: wenn eine Prüfung bevorsteht, wenn einer von seinem Gewissen geplagt wird, wenn man Sorgen in Familie oder Beruf hat - vor allem aber auch, wenn jemand schwerkrank ist, an dem man sehr hängt. Da lassen wir uns oft aus der Bahn werfen.

Nicht so aber Petrus, der Jünger Jesu. Ruhig schläft er zwischen den beide- Soldaten, an die er gekettet ist. Er ha-t mit seinem Leben abgeschlossen. Er wird nun bald als Zeuge für Jesus sterben müssen, so wie sein Herr es ihm vorausgesagt hat. Gefaßt sieht er dem Kommenden entgegen. Gott hat ihm Kraft und Glaubensstärke gegeben, er wird diesen letzten Schritt im Vertrauen auf Gott gehen können. Er weiß:

 

1. Gott kann das Leben fordern! Wir können nur froh sein, wenn uns dieses Letzte erspart bleibt. Wir stöhnen ja oft schon, wenn wir weit Leichteres auszuhalten haben. Aber es kann auch einmal ganz Schweres auf uns zukommen. Keinem der Blutzeugen zwischen 1933 und 1945 war es an der Wiege gesungen worden, daß sie einmal aller Welt zeigen müßten, wieviel ihnen Gott gilt. Es könnte auch sein, daß der eine oder andere von uns so geführt wird.

Doch das bedeutet niemals, daß Gott des Geschehens nicht mehr mächtig ist. Vielmehr treibt er auch dadurch seine Sache nur voran. Schon im Altertum sagte man: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche!“ Je mehr die Kirche verfolgt wurde, desto mehr schloß sie sich zusammen und desto mehr wurde sie auch anziehend für andere. Je mehr man die Kirche unterdrücken wollte, um so mehr ist sie gewachsen, innerlich und auch äußerlich. Der Brand, der durch Druck ausgetreten werden sollte, breitete sich desto mehr aus und war nicht mehr aufzuhalten.

Empörend ist allerdings, daß ausgerechnet ein Mann wie Herodes Agrippa über die Diener Gottes solche Macht hat. Er hatte sich bei den Römern „lieb Kind“ gemacht und war zum König von Roms Gnaden eingesetzt worden. Er herrschte noch einmal über all die Kleinstaaten, über die schon sein Großvater Herodes der König war. Aber auch bei den strengen Juden wollte er sich lieb Kind machen. Wenn er in Jerusalem war, dann gab er sich gesetzestreu, unterstützte die Frommen und förderte den Tempelkult. Aber das alles nicht aus Überzeugung, sondern weil er „gut Wetter“  machen wollte. Dahin gehört auch die Verfolgung der Christen: dadurch wollte er sich den Juden gefällig erweisen. Kurz gesagt: Dieser Herodes Agrippa war ein „fieser Typ“.

Wir meinen leicht: Gott müßte doch verhindern, daß so ein Kerl auch nur irgendeine Macht über seine Boten hat, er müsse solche Geschehnisse doch verhindern. Gott könnte es, das zeigt die Petrusgeschichte. Wenn wir unser Leben einmal überdenken, dann werden wir wohl doch manches Beispiel finden, wie Gott uns vor Schlimmem bewahrt hat.

Aber er m u ß es nicht.

 

2. Gott kann die Freiheit geben: Für die Gemeinde hätte es so aussehen können‚ als werde die Front nun Zug um Zug aufgerollt. Zuerst war Jakobus umgebracht worden. Nun soll das Gleiche mit seinem Nachfolger Petrus geschehen. Die Gemeinde ist erschüttert und bedrückt. Was wird wohl noch alles kommen?

Da tut die Gemeinde das einzige, was ihr zu tun bleibt: Sie betet pausenlos. Herodes wird sicher seine Geheimpolizisten losgeschickt haben, damit sie erkunden, wie die Christen reagieren. Sie hätten ja demonstrieren können oder gar einen gewaltsamen Befreiungsversuch

unternehmen können. Aber nichts von alledem.

Die Spitzel berichten: „Die Christen tun gar nichts, sie sitzen nur in ihrem Haus und beten!“ Da konnte sich Herodes natürlich beruhigt die Hände reiben: Wenn sie ja „nur“ beten, dann kann ja gar nichts passieren, das ist harmlos, das wird ihm nicht gefährlich. So denkt der Machtmensch Herodes.

Doch man hat den Eindruck: Es ist ein kämpferisches Beten, was die Gemeinde dort unternimmt. Sie wollen im Herzen Gottes etwas in Bewegung bringen und damit auch seinen Arm bewegen, damit er eingreift. Vielleicht haben sie es nicht gewagt, um die Befreiung des Petrus

zu bitten. Jakobus hatte ja auch sterben müssen, obwohl sie für ihn gebetet haben. Aber sie werden gebetet haben, daß Petrus stark bleiben kann, daß er nicht an Gott irre wird, wenn er nun wird sterben müssen. Es ist tröstlich, wenn man weiß: Wenn man selber nicht mehr beten kann, dann tritt die Gemeinde fürbittend ein.

Doch Petrus kommt noch einmal davon. Wie seine Befreiung erfolgt, wird nicht im Einzelnen deutlich. Es war nicht ein Erdbeben, das die Türen aufspringen läßt. Gott hat sich in diesem Fall nicht natürlicher Mittel bedient. Der Evangelist Lukas wußte nur: Petrus ist verhaftet worden, aber nachher hat er wieder als Apostel gewirkt. Was dazwischen lag, hat Lukas mit seinen eigene Vorstellungen ausgeschmückt. Für uns heute geht es nicht darum, diese Geschichte so wörtlich zu glauben, wie sie hier erzählt wird. Wir werden vielmehr gefragt: „Traust du Gott zu, daß er auch heute die Seinen aus auswegsloser Lage erretten kann? Betest du darum, daß er dir hilft?“

Aber die Befreiung des Petrus ist ein reines Wunder. Er hat nichts dazu getan, er hat geschlafen. Wie seine Befreiung in Wirklichkeit vor sich gegangen ist, wissen wir nicht. Die Schilderung der Apostelgeschichte aus späterer Zeit klingt für uns ein wenig unwahrscheinlich. Aber Tatsache ist, daß Gott den Petrus aus dem Gefängnis geholt und damit vor dem sicheren Tod bewahrt hat. Für ihn ist eben keine Situation ausweglos. Gott findet immer noch einen Weg - auch für uns.

Gott hat dabei eine Absicht. Es geht vielleicht gar nicht so sehr um das Einzelschicksal des Petrus. Wenn es nötig gewesen wäre, hätte er sterben müssen, so wie Jakobus. Aber Gott braucht ihn noch, seine Stunde war noch nicht gekommen. Und das höhere Ziel dabei war:

 

3. Gott will die Gemeinde mehren!

Es war nur eine kleine Gemeinde in Jerusalem. Sie haben sich wohl wieder in dem Haus zusammengefunden, in dem Jesus das letzte Abendmahl mit ihnen gefeiert hatte. Es sind gerade wieder die Tage der ungesäuerten Brote, also die Zeit, in der Jesus gestorben ist. Seit dieser Zeit haben sie sich mit Gottes Hilfe gehalten. Aber jetzt haben sie eine schwere Gefährdung durchzustehen.

Doch die Hilfe ist schon nahe, ganz anders, als sie es zu hoffen gewagt haben. Mit einem gewissen Humor wird geschildert, wie das Mädchen Rosel ganz bestürzt ist, als Petrus draußen vor der Tür steht. Auch die anderen meinen, sie sei nicht ganz da und spinne sich etwas zusammen. Und als Petrus dann leibhaftig vor ihnen steht, da sind sie doch ziemlich entsetzt.

Es wird auch uns wohl erleichtern, daß auch die ersten Christen nur voller Bangen gebetet haben. Da ist nichts von einer unerschütterlichen Gewißheit, Gott werde schon unmittelbar auf das Gebet eingehen. Sie beten noch - und können es nicht fassen, daß ihr Gebet schon erhört ist. Ganz echt und ehrlich ist das geschildert.

Gott erhört auch unsre kleinmütigen und schüchternen Gebete. Er handelt über unser Bitten und Verstehen. Er tut mehr, als unser Glaube zu fassen vermag. Das ist sicher ein guter Trost für uns.

Manchmal sind wir sicher auch verzweifelt, wollen gar Gott anklagen und fragen: „Warum hilft er nicht? Kann er nicht oder will er nicht? Doch dann erleben wir auch wieder, wie er mehr tut, als wir zu bitten gewagt haben. So ist eben unser Gott, der das Leben fordern, aber auch die Freiheit geben kann. Das alles aber geschieht mit dem Ziel, die Gemeinde zu mehren.

Petrus verläßt Jerusalem und geht auf Missionsreise. Das war nicht Feigheit. Wenn Petrus feige gewesen wäre, dann hätte er auch untertauchen und sich in Privatleben zurückziehe- können. Aber seine Befreiung hatte keinen privaten Charakter. Petrus wird von Gott weiterhin gebraucht. Deshalb verläßt er jetzt die Stadt und riskiert nicht leichtsinnig eine erneute Verhaftung.

Petrus wird jetzt erst recht der Bote Jesu sein. Herodes Agrippa hatte den christlichen  Glauben unterdrücken wollen. Aber das Ergebnis war, daß er sich nun erst recht ausbreitet. Ohne Herodes wäre Petrus nicht oder noch nicht in die Umgebung ausgewichen. Letztlich hat der König doch Gottes Plan gedient.

Das wird auch deutlich an einemBild zu dieser Geschichte: Von unten greift die gewalttätige Hand des Herodes in die Gemeinde hinein und greift sich den Petrus heraus. Die Gemeinde kann nichts anderes tun als die Hände zu Gott zu erheben. Schützend und bergend streckt sich ihr die Hand Gottes entgegen. Je mehr aber der Druck von unten wächst, desto mehr wird die Gemeinde in die Arme Gottes getrieben.

Doch Gott faßt seine Entschlüsse, so wie er es für richtig hält: Der eine muß leiden, der andere wird befreit. Der eine stirbt im Dienst, der andere wird befreit zum Dienst. Für den ausscheidenden Jakobus hat Gott schon einen anderen bereit. Das Leben der Gemeinde geht weiter. Darauf dürfen wir uns auch heute verlassen.

 

Ergänzung:

In einer Gegend Afrikas war einmal eine große Dürre. Die Ernte wäre vernichtet gewesen, wenn nicht bald der Regen einsetzt. Die Christen versammeln sich zu einem Bittgottesdienst um Regen. Sie wollen zu Gott beten, daß e r ihnen doch endlich Regen schickt. Doch der Pfarrer hält erst einmal eine Standpauke. Er sagt: „Ihr wollt um Regen bitten. Aber es glaubt ja gar keiner richtig daran, daß Gott unser Gebet erhören wird. Was wollt ihr denn machen, wenn Gott unser Gebet sofort erhört und ihr wieder nach Hause wollt. Holt erst eure Regen­schirme und dann können wir auch um Regen bitten!“ Es ist nicht überliefert, wie die Sache ausging, ob es wirklich bald geregnet hat. Aber das Beispiel zeigt doch: Wenn man schon betet, dann muß man es auch ernst meinen

Ist das nicht typisch für uns? Wir beten alle immer wieder. Vor allem im Gottesdienst werden sehr viele Gebete gesprochen. Aber meinen wir sie wirklich ernst? Glauben wir wirklich, daß Gott sie auch erhört? Oder denken wir nicht oft: „Man kann es ja einmal versuchen. Aber wenn Gott keine Änderung herbeiführt, muß es auch so gehen!“

Die Gemeinde Gottes weiß: Das ist jetzt unsrer einzige Waffe. Der Macht des Schicksals könne wir nur die Macht des Gebets gegenüberstellen. Aber dieses „nur“ ist etwas anderes als bei Herodes: Er will damit die Harmlosigkeit und Ungefährlichkeit des Gebets kennzeichnen. Die Gemeinde aber bekennt: „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren, es streit für uns der rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren!“

Vielleicht wird das einem erst so richtig deutlich, wenn all die eigenen Rettungsbemühungen gescheitert sind und man ganz am Ende ist. Wir kommen ja manchmal in Situationen, in denen unsre Ohnmacht nur zu deutlich ist. Wir merken das einmal in unserem persönlichen Leben, zum anderen aber auch in der Entwicklung der ganzen Gemeinde.

Da ist eine Krankheit, die trotz allen Einsatzes ärztlicher Kunst zum Tode zu führen droht. Oder da ist ein Mensch, der im Beruf nicht vorankommt und kein Verhältnis zu seinen Mitmenschen findet. Oder da ist ein behindertes Kind, das trotz aller Bemühungen keine Fortschritte macht.

Vielleicht steht uns ein solcher Mensch besonders nahe. Wir möchten gern helfen. Aber alles Reden und Helfen war bisher vergeblich. Wir gleichen einem Löwen im Käfig, der nach Freiheit strebt und sich doch nur an den Gitterstäben wund stößt. Und so verzehren wir uns im Gefühl der Ohnmacht und Ungeduld.

Ähnliches gibt es im Leben der Gemeinde. Da gibt es Orte, wo der Prediger mit Menschen- und mit Engelszungen reden kann und es versammeln sich doch nur drei oder vier Leute zum Gottesdienst. Vielleicht hat einer seiner Vorhänger den Dienst nur nachlässig versehen. Oder ein unerquicklicher Streit hat die Gemeinde zerspalten. Oder es ist einfach kein Bedürfnis für den Gottesdienst mehr da. Da ist es schwer, wieder einen Neuanfang zu finden und wieder etwas aufzubauen.

Ein Gebet muß nicht immer gleich helfen. Insofern zeigt das Beispiel von dem Bittgottesdienst in Afrika nur die  e i n e Seite. Die Erhörung muß nicht immer gleich erfolgen. Aber das Gebet muß von einer starken Glaubensgewißheit getragen sein, wenn es Erfolg haben soll. Die Mutter des großen Kirchenlehrers Augustin hat 16 Jahre lang für die Bekehrung ihres Sohnes gebetet. Der hatte alles mögliche Andere im Kopf: Bald war er Atheist, bald Anhänger Platos, bald Mitglied einer Sekte. Aber dann eines Tages trifft es ihn: Er schlägt die Bibel auf, ändert sein Leben. Läßt sich taufen und wird einer der bedeutendsten Theologen der frühen Kirche. Die Gebete seiner Mutter waren doch noch erhört worden.

Hier hat Gott also mehr getan, als die Gemeinde ihm zugetraut hat. Gott tut nicht nur so viel an uns, wie unser Glaube zu fassen vermag. Er ist unserem Denken vielmehr immer schon ein Stück voraus und überrascht uns immer wieder. Das sollte uns auch Zuversicht geben, wenn wir wieder einmal etwas von ihm erbitten möchten.

 

 

17.  Sonntag nach Trinitatis: Jes 49, 1 - 6

In Addis Abeba in Äthiopien steht ein Rundfunksender der Kirchen, der sich „Stimme des Evangeliums" nennt. Er wird vorwiegend von amerikanischer Lutheranern finanziert und hat eine große Ausstrahlungskraft. Sein Sendegebiet umfaßt ganz Afrika und einen Teil Asiens bis nach Indien hin. In den verschiedenen Landessprachen werden allgemeine Informationen, ,aber vor allem auch kirchliche Programme ausgestrahlt.

Viele Menschen im Sendegebiet können noch nicht lesen und schreiben. Aber sie haben ein Kofferradio und empfangen damit die Stimme des Evangeliums. So wird Gottes Wort in einem früher nicht gekannten Maße ausgebreitet bis in die entferntesten Winkel der Erde. Dank des Rundfunks haben wir heute dazu die technischen Möglichkeiten, die wir gern nutzen wollen.

Mit einer Rundfunksendung werden ja heute mehr Menschen erreicht als der Apostel Paulus in seinem ganzen Leben erreicht hat. Heute ist es möglich geworden, die Völker in der Ferne und den Inseln das Evangelium zu bringen. Und doch müssen wir sagen: Noch längst nicht alle haben es gehört‚ weder in der weiten Welt noch hier bei uns.

So bleibt auch uns heute noch die Aufgabe, die schon dem Knecht Gottes aus dem Jesajabuch gestellt war. Gott hat ihn schon im Mutterleib bestimmt, sein Bote zu sein. Gott verfügt über ihn.  Was er zu sagen hat, ist nicht seine Liebhaberei oder in sein Belieben gestellt. Selbst wenn alles dagegen spräche wenn er gar keinen Mut dazu hätte ,müßte er doch Gottes Heil ausbreiten.

Heute aber sind wir alle solche Knechte Gottes. Gott braucht uns, um seine Sache in der Welt zu verkünden. Er hat keinen Rundfunk- der gar Fernsehsender im Himmel‚ mit dem er alle Menschen der ganzen Welt anspricht, sondern er braucht Menschen, die das in seinem Auftrag tun.

In früheren Zeiten war es durchaus nicht üblich, daß man den eigenen Glauben auch anderen Völkern bringen wollte. Jedes Volk hatte seinen eigenen Gott und blieb bei ihm. Daß es daneben auch noch andere Götter gibt für andere Völker, das hat man auch in Israel zunächst nicht geleugnet. Erst in späterer Zeit erfolgt der Durchbruch zu einer neuen Gotteserkenntnis, der für viele unerhört sein mußte: Der eine Gott für alle Welt, Gottes Heil für alle Völker - das ist ein Programm, das auch uns heute noch gilt.

Aber viele sagen nun: „Das ist doch unmöglich, das wird nie etwas!“ So etwas kriegt man als Pfarrer manchmal zu hören, wenn ein Paar getraut werden soll. Da heißt es etwa: „Was -  der will auch getraut werden! Der tritt ja nachher doch aus der Kirche aus! Was der schon für Eltern hat!“

Das sind Vorurteile, die sich zum Glück meist als solche herausstellen. Gott will mit allen zu tun haben: mit der Heiden in der Ferne und den Heiden hier bei uns, mit denen‚ die der Sache Gottes innerlich fern stehen, obwohl sie zur Kirche gehören; vor allem aber will er mit uns zu tun haben, denn wer wird wohl so hochmütig sein, und sich allein für den wahren Christen halten?  Zum Glück fragt uns Gott nicht danach, wen wir für würdig halten, sein Wort zu hören: er sendet uns zu allen.

Dabei läßt er uns nicht ohne Hilfe. In dem Gottesknechtslied bei Jesaja ist sogar die Rede von Waffen, von Schwert und Pfeil. Aber damit ist natürlich nicht gemeint, daß Gottes Wort mit Gewalt ausgebreitet werden soll. In der Missionsgeschichte hat es das ja leider gegeben: um die Völker politisch zu unterwerfen,  hat man ihnen auch den christlichen Glauben aufgezwungen. Nachher war es dann für die Kirche um so schwerer, dort echten Glauben zu wecken.

In Südamerika ist es deshalb heute noch schwierig für die katholische Kirche. Und auch bei uns war es nicht so günstig, daß ein Kaiser Karl der Große die Sachsen mit Gewalt bekehrt hat und die slawischen Stämme ausgerottet oder eingedeutscht wurden. Manche vermuten sogar, im Osten Deutschlands hätte der Glaube auch nach einem halben Jahrtausend noch nicht in der Herzen der Menschen festen Fuß gefaßt, so daß Luthers Reformation sich dort besonders ausbreitete und auch blieb und nun erst die Menschen ganz erfaßte.

Wo also weltliche Macht der Ausbreitung des Wortes Gottes zu Hilfe kommen will, da wird Gott unmöglich gemacht. Die Kirche hat nur das Wort, mit dem sie wirken kann. Aber dieses Wort schlägt zu wie ein Schwert und es fliegt weit wie ein Pfeil. Es trifft das Böse in uns und macht damit Gott und seiner Herrschaft Bahn. Nur so können wir auch mit dem bloßen Wort gegen alle dunklen Mächte in der Welt antreten.

Allerdings soll das Schwert noch in der verdeckten Hand Gottes gehalten werden und der Pfeil noch im Köcher bleiben. Der Einsatz des Wortes Gottes geschieht nicht blindlings, sondern er hat dafür besondere Zeiten. Aber wenn es soweit ist, dann steht sein Bote auch nicht all ein auf weiter Flur. Der hat zwar der Eindruck, daß seine Arbeit umsonst und seine Kraft vergeblich eingesetzt war. Aber dar über hat er ja nicht zu befinden.

So etwas kennen wir auch. Da haben Gemeindeglieder  andere immer wieder zu kirchlichen Veranstaltungen eingeladen, haben ihnen eine Bibel geschenkt, haben selber ein gutes Vorbild abgegeben und immer wieder Rede und Antwort gestanden und es hat nichts genutzt. Da ist es kein Wunder, wenn man müde zu werden droht . Wir erleben viel Gleichgültigkeit und Lauheit. Alle wollen sie bedient sein, dienen aber nicht selbst.

Auch jener Gottesknecht hat das erleben müssen. Er hat das Heil für alle angesagt, aber passiert ist nichts oder fast nichts. So war sein Glaube schweren Anfechtungen ausgesetzt und in die Krise geraten. Aber über solche Gedanken darf man sich nicht wundern  wenn man im Dienste Gottes steht..

Man fragt uns: „Wie kommt ihr dazu, euren Anspruch aufrecht zu erhalten, zu allen Menschen der ganzen Welt gesandt zu sein? Lohnt sich denn euer Tun überhaupt noch?“ Da können wir nur antworten mit der Worten des Gottesknechtes: „Mein Lohn ist bei meinem Gott! Er allein bestimmt‚ ob mein Tun sinnvoll ist!“

Ziel ist, daß alle Welt gerettet wird. Es geht nicht darum, daß der Gottesknecht Recht behält und sich durchsetzt, sondern daß Israel und allen Völkern geholfen wird. Gott will sich verherrlichen. Und sein Knecht ist sein Werkzeug dafür. Erst will er verzagen und meint, seine Aufgabe an Israel sei schon zu groß. Aber Gott sagt ihm: „Du sollst mein Heil sogar bis an die Enden der Erde bringen!“

Man hat viel daran herumgerätselt, wer dieser Gottesknecht wohl ist. Das ganze Volk kann es nicht sein, denn der Gottesknecht wird ja gerade zu diesem Volk gesandt. Es muß wohl eine einzelne Person sein, deren Namen wir nicht kennen. Er wirkte in Israel, als es dem Volk nicht gerade gut ging. Zehn der zwölf Stämme waren untergegangen und verschollen, ausgerottet und von fremden Völkern aufgesogen. Gott aber stellt sein Volk wieder her, er findet immer wieder Leute, die an ihn glauben.

Das wird besonders deutlich, wenn wir an Jesus denken, der ja der Knecht Gottes der späteren Zeit war. Er hat erst bewirkt, daß wirklich alle Völker zu Gott geführt wurden. Sie werden nicht gedemütigt, nicht ausgerottet, sondern Gott will das Heil aller. .Gott will‚ daß niemand verlorengeht. Er richtet seine armselige, schuldigewordene und zerschundene Kirche wieder auf . Aber er bringt auch die Ungläubigen aus allen Ecken und Enden herbei, damit sie auch zur Kirche stoßen. Alle sollen sie teilhaben dürfen an dem Heil Gottes. Und das Schöne daran ist, daß wir selber mit zu deren gehören, die Gottes Heil erfahren dürfen.

 

 

18. Sonntag nach Trinitatis: Jak 2, 1 - 13 (evtl . 1 - 9)

Früher gab es Beerdigungen in drei Klassen: Wer das Geld bezahlen konnte, der wurde mit allem Aufwand vom Pfarrer beerdigt. Wer weniger hatte, der konnte sich wenigstens ein stilles Begräbnis leisten. Und die Armen mußten froh sein, wenn wenigstens der Kantor für ein paar Pfennige Entgelt mitging und am Grab ein Vaterunser sprach. Die meisten wurden ohne kirchliche Mitwirkung bestattet.  Die bürgerliche Schichtung in drei Klassen spiegelte sich auch in der Kirche wider.

Der Jakobusbrief dagegen mahnt die Gemeinde: „Haltet den Glauben an JesusChristus frei von  aller Ansehung der Person!“ Doch auch bei und sind die Zeiten noch gar nicht so lange vorbei, daß man bei der Beerdigung Unterschiede machte: War jemand aus einer angesehenen und reichen Familie verstorben, dann wurde mehr geredet und mehr gelobt als bei „gewöhnlichen“ Leuten.

Dabei gibt es an sich nur einen Anlaß, weshalb man bei einer Trauerfeier beim Lebenslauf einmal etwas mehr sagen könnte. Das ist, wenn der Betreffende sich kirchlich aktiv gezeigt hat und sich vielleicht besondere Verdienste um die Kirche erworben hat. Das ist der einzige Maßstab, den man an das Leben eines Menschen anlegen sollte.

Wenn heute noch Unterschiede gemacht werden, dann von  der Gemeinde her: Wenn jemand  aus einer alteingesessenen Familie gestorben ist, vielleicht noch ein Geschäftsmann, dann kommen viele Leute zur Trauerfeier. Wenn  jemand noch jünger war und vielleicht noch gar besondere Umstände vorliegen, dann kann es sogar Andrang geben. Dabei wird aber nicht danach gefragt, ob der Betreffende sich zur Gemeinde gehalten hat.

Wenn dagegen eine alte Frau oder eine Zugezogene stirbt, die jeden Sonntag im Gottesdienst war, dann ist die Beteiligung oftmals gering. Gerade die Gottesdienstgemeinde sollte da doch empfinden: Hier ist jemand vom uns heimgerufen worden, dem sollten wir jetzt die letzte Ehre erweisen. Aber dann wird vielleicht gerade noch den Angehörigen die Hand  gedrückt und

dann macht man sich wieder heimlich still und leise davon..

Ansehen der Person gibt es leider auch heute noch in unseren Gemeinden. Es ist nicht mehr der Besitz oder der Verdienst, der da eine Rolle spielt. Aber es sind vielleicht der Einfluß und die Beziehungen, die einer hat, die uns Unterschiede machen lasssen. Wir fühlen uns verpflichtet, weil wir Vorteile für uns selbst erhoffen. Das aber ist auch „Ansehen der Person“.

Jesus war vor allem am Tisch der kleinen Leute zu finden , war  bei den Verachteten und Beiseitegeschobenen. Den Armen hat er das Evangelium gebracht und hat sie selig gepriesen.

Die Liebe zum Nächsten zeigte sich für ihn besonders in der Art und Weise, wie man mit den Armen umgeht.

Allerdings geht es bei Jakobus auch nur um ein innergemeindliches Problem. Die Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung war nicht im Blick. Es ist wohl auch nicht die Aufgabe der Gemeinde Jesu, in das Ordnungsgefüge der Welt einzugreifen und das Reich Gotten auf weltliche Weise zu verwirklichen. Nicht die Menschen werden die Welt wandeln, sondern das Gottesreich wird vom Himmel kommen. Es geht nicht  um Revolution, sondern um das Warten auf Gott.

Doch das heißt nicht, wir hätten der Welt im Namen Jesu Christi Rückständigkeit und Beharren zu predigen. Die gesellschaftlichen Ordnungen sind zwar ein „weltlich Ding“, aber nicht ein gottlos Ding. Auch in ihnen ist Gott als der Schöpfer und Erhalter wirksam. Aber sie gehören zum zeitlichen Leben und werden vergehen. Hier wird mit den Nichtchristen zusammen weltlich gehandelt. Da geht es um Vernunft und um die großen gesellschaftspolitischen Linien, um die sich in erster Linie die Politiker kümmern.

Dennoch kann die Gemeinde an ihrem Ort viel tun, damit sie selber ein gutes Beispiel abgibt und dem Gang der Dinge dadurch beeinflußt. Das Beispiel des Jakobusbriefes ist eindrucksvoll: Da betritt ein prächtig gekleideter Mann die Gemeindeversammlung. Aller Augen wenden sich ihm zu. Und noch schlimmer: Er bekommt einen bevorzugten Platz. Und am noch am Schlimm­sten: Der Arme muß jetztstehen oder sich auf den Boden hocken. Und das wird von allen Seiten als selbstverständlich angesehen; der Reiche ist es gewohnt, daß man ihn so behandelt.

Bei uns könnte es sein, daß man die größten Kirchensteuerzahler für die wichtigsten Gemeindeglieder hält..Es geht dabei nicht nur ums Geld‚ sondern auch wie einer gekleidet ist, wie er wohnt, was er sich alles leisten kann. Wenn ein hoher Besuch zu uns kommt, dann verhalten wir uns doch auch gleich anders.

Dadurch aber werden die anderen herabgesetzt, die nicht so mithalten können. Der Mensch braucht aber Ehre und Ansehen, bei den Menschen und auch bei Gott.' Ws man in der Theologie die „Rechtfertigung“ nennt  hat bei den meisten Menschen doch einen hohen Rang. Manche meinen sogar, es sei leichter, Hunger zu leiden, als ohne Ehre und Ansehen leben zu müssen..Das war halt auch mit eine der Sünde des Kapitalismus, daß er den Abhängigen ihre Ehre vorenthalten hat, nicht nur das Brot, sondern auch die Wertschätzung.

Au f der einen Seite gibt es also Personenkult, auf der anderen Seite aber Menschenverachtung. Beides aber verträgt sich nicht mit dem Glauben an Jesus Christus. Man kann  nicht an Christus glauben und gleichzeitig auf die Vorzüge bestimmter Menschen sehen. Es steckt eine falsche Menschengläubigkeit in dem Respekt vor den Hochgestellten  und Erfolgsmenschen. Dabei geht es nicht nur um Männer, es kann es sich auch um eine Frau handeln, die schön und geistvoll ist und gar manchen fasziniert. Auch das ist Personenkult.

Liebedienerei gegenüber den Großen ist immer auch ein Versuch, sich selbst an ihnen aufzuwerten. Nur zu gern läßt man dann in ein Gespräch einfließen, daß man sich mit diesem oder jenem Prominenten duzt. Doch das geschieht dann auf Kosten des einfachen Menschen, der in seinem Winkel steht oder auf dem Boden sitzt. Darüber geht aber vergessen, daß Christus gerade zu ihm steht und ihn nicht weniger aufgewertet hat als alle anderen.

Was an unserer Nächstenliebe ist, wird sich daran zeigen, wie wir mit den Menschen umgehen, der uns gerade nicht fasziniert, der unseren Blick nicht au sich lenkt und von dessen Beachtung wir selbst keinen Gewinn haben. Dann wird unsre Liebe sich dem zuwenden, der

Von Jesus geliebt und angenommen ist. Das aber sind die verachteten und oft übersehenen und gedemütigten „Armen“, die es in vielerlei Gestalt auch unter uns gibt. Nur sind es nicht immer die an Geld Armen, sondern die Verachteten und Zukurzgekommenen.

Insofern gibt es dann doch ein „Ansehen der Person“. Gott ergreift nämlich Partei für die Armen, er wendet sich dem besonders zu, der es am nötigsten hat. Er ist immer auf der Seite derer, die nach Hilfe schreien. Aber die Reichen sollen deshalb nicht gleich ausgeschlossen werden.  Aber Reichtum gibt eben Macht und diese Macht wird oft in sündiger Weise ausgenutzt. Wohlstand läßt Gott leicht vergessen und der Reichtum wird leicht zum Götzen. Aber auch die Reichen sollen von der Möglichkeit zur Umkehr zu Gott nicht ausgeschlossen werden.

Doch Gott will ganzen Gehorsam. Wir führen normalerweise ein geordnetes Leben und zeigen ein christliches Wohlverhalten..In unserem Lebenskreis leben lauter so brave Christen wie wir, gottesfürchtig und fromm, mit guten christliche Manieren und ernsthaftem christlichem Wollen.

Aber dann passiert so ein Fall, wie ihn der Jakobusbrief schildert: Da muß eine gebrechliche Oma plötzlich hinter einem berühmten Ankömmling zurückstehen. Da wird ein Privatpatient dem Kassenpatienten vorgezogen. Da kriegt der eine die begehrten Eintrittskarten und der andere nicht.

Damit aber stimmt doch das Ganze nicht mehr. Liebe muß sich aber auch in diesem Ernstfall bewähren. Gott will uns ganz. Er will das Herz, die Mitte der Person. Er will in unseren Gedanken  und in unserem Wollen und Begehren regieren.

Hat er uns in der Mitte, dann  hat er uns ganz. Dann begreifen wir auch:  Gottes Barmherzigkeit ist mit uns allen. Aber unsere Barmherzigkeit soll mit denen sein, die uns brauchen.

 

 

19 . Sonntag nach Trinitatis: Jak 5, 13 - 16

Wenn einer krank ist, dann holen wir den Arzt. Wir haben ein fast unbegrenztes Vertrauen zu den Medizinern‚ die vielfach noch angesehen werden wie Medizinmänner: Sie haben ein Geheimwissen, das unseren Fähigkeiten weit überlegen ist. Sie können den Menschen wieder reparieren und funktionstüchtig machen; ohne sie sind wir verloren. Und wenn ein Arzt einmal an die Grenzen seines Vermögens kommt, dann kann er immer noch zu einem Spezialisten überweisen, der wird dann bestimmt helfen. Den Ärzten - diesen „Halbgöttern in Weiß“ - wird ein fast unbegrenztes Vertrauen entgegengebracht.

Aber niemand käme auf die Idee, jemand vom Kirchenvorstand zu holen, wenn einer krank ist. So aber empfiehlt es der Jakobusbrief. Allenfalls erwartet man noch, daß der Pfarrer

die Kranken besucht. Aber selbst da wird das Naheliegende unterlassen. Ganz selten wird der Pfarrer einmal von Angehörigen um einen Krankenbesuch gebeten. Sie denken immer: „Der Pfarrer wird es schon erfahren! Der Nachbar ist doch im Kirchenvorstand, der wird es schonsagen. Aber weil jeder so denkt‚ tut es dann keiner. Und so erfährt der Pfarrer oft erst von einer monatelangen Krankheit, wenn der Patient verstorben ist.

Auch Eltern versäumen da manchmal etwas. Da lag der Sohn vier Wochen im Krankenhaus. Als er schon wieder daheim war, erwähnen sie es in einem Brief an die Pate. Da hat dann - zu Recht - gerügt, daß sie nicht verständigt worden war. Sie wollte ihm nicht nur ins Krankenhaus schreiben, sondern auch für ihn beten.

Aber meist überlassen wir uns im Krankheitsfall einseitig der ärztlichen Wissenschaft und trennen dadurch Geist und Seele vom kranken Leib. Wir vertrauen auf Medikamente zur äußeren Heilung und lassen die Seele im Stich. Gott aber will dem g a n z e n Menschen Heilung bringen. So haben das Jesus und die Apostel und die ersten Christen gesehen .Sie haben Geist und Seele nicht von dem kranken Leib getrennt. Heute weiß auch die Medizin wieder, daß bei einer Behandlung der ganze Mensch im Auge bleiben muß: Es  ist nicht nur ein Magen, sondern ein Mensch mit all seinen Sorgen und Nöten, die ihn ja erst so krank gemacht haben. Krankheit wirkt sich auf den inneren Menschen aus, und das Innere des Menschen beeinflußt wiederum die Krankheit.

Natürlich muß man sich davor hüten, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung an jedem konkreten Einzelfall nachweisen zu wollen. Wir können nicht einem Kranken sagen: „Du hast eine bestimmte Sünde begangen, die Krankheit ist die Strafe dafür; wenn du gesund werden willst, mußt du erst deine Sünde bekennen und Vergebung erlangen!“ Aber wie alle Dinge so haben auch Gesundheit und Krankheit mit Gott zu tun, Gott ist für Körper und Seele zuständig. Deshalb dürfen wir von Gott Gesundheit und Heilung erbitten, aber wir dürfen auch Sünden bekennen und werden so das Heil erlangen. Gott will uns beides geben: Heilung und Heil.

 

1.Wir dürfen Gesundheit und Heilung erbitten: Die Gesunden und Starken sollen für die Schwachen da sein. Zu leicht vernachlässigen wir die Leidenden. Sie kosten Zeit und machen Mühe. Sie sind auch oft nicht leicht zu behandeln. Mancher, der über die Eigenarten der alten und kranken Mutter gestöhnt hat, wird nachher im Alter selber so. Diese Menschen sind dann nicht leicht zu nehmen, weil sie ihrer Umgebung auf die Nerven gehen und bei allem ehrlichen Bemühen der anderen dennoch undankbar sind.

Es fällt uns auch schwer, miterleben zu müssen, wie wenig wir tun können. Wir möchten doch Erfolge sehen, fürchten uns aber vor der Macht des Unheils, das uns in der Krankheit entgegentritt. Auch haben wir eine gewisse Scheu‚ daß wir nur ja nicht unsre Vollmachten überschreiten und in den Bereich der Ärzte eingreifen.

Außerdem ist es uns natürlich leichter, uns mit den Fröhlichen zu freuen als mit den Leidenden zu leiden. Unbewußt haben wir vielleicht auch eine Abscheu vor dem Schwachen. Jedes Lebewesen hat einen Urtrieb            zum Starken, weil es einen leidenschaftlichen Willen zum Leben

hat. Durch Schwaches aber werden wir an die Hinfälligkeit des Geschöpflichen erinnert. Deshalb unterlassen wir so oft den Krankenbesuch oder tun ihn nur widerwillig und pflichtgemäß.

Ein Kranker darf aber nicht allein bleiben. Er gehört in besonderer Weise in die Gemeinschaft der Mitchristen hinein. Er soll nicht ausgesondert werden und soll sich auch nicht selbst aussondern.

Da ist seine Aufgabe, Hilfe in und durch die Gemeinde zu suchen. Kranksein ist dann nicht mehr nur die persönliche Notsituation des Einzelnen, sondern Leid der ganzen Gemeinschaft.

Das ist etwas Großes, wenn man diesen Dienst der Fürbitte erfahren darf: Da sind Menschen, die für dich beten‚ die dich nicht allein lassen, die dich nicht abschieben und abschreiben, sondern die dich und deine Not vor Gott bringen.

Aber oft lassen wir die Kranken‚ aber auch die Erschöpften und Überlasteten, allein? Viel nötiger als die Medizin brauchen sie vielleicht die Fürbitte und Geborgenheit in der Gemeinschaft. Für viele Kranke ist es das Schlimmste, wenn zu den Schmerzen der Krankheit noch Einsamkeit und Alleingelassenwerden kommen. Wie jämmerlich einsam wird heute meist gestorben, den Apparaten und Instrumenten ausgeliefert, ohne die Hilfe der Gemeinschaft. Manche Krankheit könnte schon geheilt werden, wenn der Kranke in einer Gemeinschaft geborgen würde.

Dabei muß gar nicht so viel geredet werden, sondern das Gebet könnte mehr im Mittelpunkt stehen. Da stehen die Glieder der Gemeinde füreinander ein. Da geht es auch um die Gesundung des ganzen Menschen. Wir trauen oft unsren Gebeten nicht viel zu. Aber Gott tut das Eigentliche. Legen wir einem Kranken zum Segen die Hände auf, so handelt Gott an ihm. Auch die Salbung des Kranken macht nur das Gebet konkret, macht dem Kranken deutlich, daß der Herr kraftvoll gegenwärtig ist. Wo sein Name genannt wird, da ist er selbst da. Er gibt Menschen den besonderen Auftrag, für ihn zu den Menschen zu gehen.

Manche wollen sich allerdings gar nicht helfen lassen. Angeblich wollen sie den anderen schonen und nicht belästigen. Aber vielleicht steckt dahinter auch ein gewisser Stolz, es allein schaffen zu wollen. Oder der andere soll nicht sehen‚ daß man schwach und verzagt ist. Oder man glaubt grundsätzlich nicht an den Gott, der helfen könnte. Aber man sollte seelsorgerliches Bemühen nicht als eine aufdringliche Einmischung in persönliche Angelegenheiten ansehen, sondern als Wahrnehmung eines Befehls Jesu.

Krankheitszeiten können Zeiten der Steigerung des Gebetslebens sein. Jetzt hat der Kranke Zeit, oft mehr, als ihm lieb ist. Jetzt kann er im Gespräch mit Gott Fragen durchdenken‚ zu denen ihm sein unruhiges Leben sonst nicht Zeit ließ. Jetzt kann er von Gott bewußt erbitten, was er sonst gedankenlos einkassiert hat.

Die Vertreter der Gemeinde können einen Kranken im Gebet mitnehmen und führen. Vielleicht hat er das Beten ja noch nie richtig gelernt. Oder er hat es wieder verlernt oder Anfechtungen haben das Gebet verhindert. Auf alle Fälle braucht ein Kranker die Verbindung mit Gott, ob er nun bald wieder gesund werden wird oder noch lange liegen wird oder gar heimgehen wird. Wir würden sicher mehr mit Gott erleben‚ wenn wir mehr wagten, wenn wir mehr an die Kraft des Gebets glaubten, wenn wir uns Mut machten zum Gebet des Glaubens.

 

2.Wir dürfen Vergebung erbitten und werden so das Heil erlangen: Krankenbesuch und Gebet sind eng mit Sündenbekenntnis und Vergebung verbunden. Heilung und Vergebung hängen aufs engste beieinander. Beides will Gott ja geben. Nur haben wir natürlich eine Scheu und ein Unbehagen, unsre Übertretungen auszusprechen. Doch es soll uns ja nichts abverlangt werden, sondern es soll uns etwas ermöglicht und zuliebe getan werden. Man braucht Sünden nicht behalten, sondern man darf sie abladen. Da bedarf es doch schon eines kräftigen und ermutigenden Anstoßes. Niemand spricht gern von seinen schwachen Stunden und von dem, was ihn vor Gott und den Menschen belastet.

Auch wenn es ein bißchen weh tut, sollte man am rechten Ort und in der rechten Situation das vielleicht längst fällige Wort sprechen. Auf alle Fälle ist mit demjenigen zu sprechen, an dem wir schuldig geworden sind. Man sollte beschwerende Zerwürfnisse nicht unbereinigt lassen. Unausgeräumtes, auch in kleinerem Ausmaß, belastet das Gemeinschaftsleben mehr, als wir oft denken. Es mag zwar Dinge geben, die die Zeit von allein heilt, aber darauf dürfen wir uns nicht verlassen.

Eine heimliche Schuld kriecht in irgendeinen Winkel unsres Wesens und bleibt nicht untätig. Schlechte Laune und Mutlosigkeit haben hier ihre Ursache. Man reagiert anderen Menschen gegenüber unfrei, hat bestimmte Träume. Es zeigt sich eine auffällige Gereiztheit, wenn es um bestimmte Dinge geht, mit denen man nicht fertig ist. Daraus entstehen dann auch körperliche Störungen, teils sehr massiver Art. Die Zeit der Krankheit kann dazu dienen, Inventur

zu machen.

Ein Sündenbekenntnis kann hier Linderung und Heilung schaffen. Es kann gegenüber einem Amtsträger der Kirche geschehen, aber auch im wechselseitigen Bekenntnis von Mensch zu Mensch, von dem Luther in den Schmalkaldischen Artikeln spricht. Wenn wir willig werden, uns hier helfen zu lassen, können uns Steine vom Herzen fallen. Die Vergebung liegt ja schon längst bereit‚ sie muß nur zu uns hindurehdringen und uns ergreifen. Wir brauchen nur in die Tat umzusetzen, was uns allen zugedacht ist.

 

 

20. Sonntag nach Trinitatis: 1. Kor 7, 29 - 31

Nein, lieber Paulus, da kann ich dir nicht zustimmen: Eine Frau haben, als hätte man keine! Das ist ja wie bei einem evangelischen Pfarrer, der zur katholischen Kirche übertritt und Priester wird: Der darf zwar seine Frau behalten, aber nur als Haushälterin! Das kannst du doch nicht von einem vernünftigen Menschen verlangen. Nur weil du selber nicht verheiratet warst und wie ein Blinder von der Farbe redest, kannst du uns doch nicht solche Ratschläge geben.

Frauen sind das Beste, was es gibt auf der Welt, sage ich einmal als Mann von heute. Du aber hast damit gerechnet, daß die Welt bald ein Ende hat und es sich deshalb nicht mehr lohnt, sich noch groß mit Frauen zu befassen oder gar eine Ehe zu schließen. Doch heute brauchen wir die Partnerschaft zwischen Mann und Frau und brauchen Kinder, damit es weiter geht mit der Menschheit.

Paulus befürwortet natürlich nicht die „wilde Ehe“ oder gar die Scheidung. Er sagt an anderer Stelle in diesem Kapitel: „Wer verheiratet ist, soll es auch bleiben. Nur wer noch nicht verheiratet ist, der soll nicht mehr die Ehe eingehen, weil das Ende der Welt sowieso bald kommt!“ Im Grunde hat er schon die Ordnung der Ehe geachtet. Er wäre bestimmt nicht einverstanden gewesen mit den heutigen Auffassungen: „Jede Beziehung geht einmal auseinander. Es kann doch sein, daß man sich nicht mehr versteht oder sich nichts mehr zu sagen hat. Und wenn man dann einen anderen kennenlernt, dann kann man doch nichts gegen seine Gefühle tun, dann muß man sich doch dem anderen Menschen zuwenden!“

So wird doch heute vielfach gedacht. Und das Ergebnis sind dann die sogenannten „Patch­work­familien“, die zusammengesetzt sind wie ein Flickenteppich, wo die Frau dann zum Mann sagt: „Deine Kinder und meine Kinder verhauen unsere Kinder!“ Solche Verhältnisse hat Paulus bestimmt nicht vor Augen gehabt, wenn er sagt, man solle die Frauen haben, als hätte man sie nicht.

Paulus hat eine Haltung zum Leben, die im Grunde zwei Pole hat: Die Verpflichtung für die Welt, aber auch der Abstand von ihr. Beide Sichtweisen gehören zusammen. Verpflichtung für die Welt: Christen stehen mitten im Leben. Paulus war Zeitmacher und wußte, wie es im Leben zugeht: Man muß arbeiten, damit man Geld verdienen kann und sich etwas leisten kann! Man darf von der Welt Gebrauch machen. Ein Christ darf auch Gefühle haben, darf weinen und sich freuen. Er hat Mut zur Zukunft und gestaltet diese Welt mit, trotz der Zukunftsprobleme, die wir in zunehmendem Maße vor uns sehen.

Was uns Sorge bereitet, sollten wir als Herausforderung sehen, den Problemen mit ganzer Entschlossenheit zu Leibe zu gehen. Allerdings können wir bei allem Lebensmut nicht die Wirklichkeit verdrängen: Die Welt vergeht, unser eigenes Leben wird auch einmal ein Ende haben. Das bedeutet aber: Jede einzelne Stunde ist kostbar, sie kommt nicht wieder und ist deshalb auszuschöpfen. Wir können mit unserem christlichen Leben nicht warten, bis das Unerfreuliche und Belastende aus der Welt verschwunden ist.

Und so wird die Welt zum Feld der Bewährung für uns. H i e r sollen wir Christus und den Menschen dienen. Wenn die Welt auch vergänglich ist, so ist sie doch Gottes Welt, und die Menschen, mit denen wir leben und arbeiten, sind Gottes Geschöpfe. Paulus gebraucht für die Haltung die Formel „haben, als hätte man nicht“. Er sagt damit: „Jawohl, ihr dürft haben“, aber es ist ein jederzeit widerrufliches Haben, ein Haben bis auf weiteres. Betrachten wir unter diesem Blickwinkel noch einmal die beiden Beispiele, die Paulus konkret nennt: die Ehe und das Kaufen.

Paulus ist nicht gegen die Ehe. Aber er hat sich bewußt anders entschieden. Er ist nicht durch ein Schicksal in die Ehelosigkeit getrieben worden oder weil der Beruf es so fordert, sondern er sieht die Ehelosigkeit als eine Gabe an, die ihm gegeben ist. Wahrscheinlich denkt er auch: „Wenn ich an Frau und Kinder gebunden wäre, dann würde ich mir um sie mehr Sorgen machen als um das Ende, das Gott schicken wird. Sie würden mich daran hindern, mich Gott ganz hinzugeben!“

Das behauptet man ja gegenüber den katholischen Priestern, wenn man von ihnen Ehelosigkeit fordert. Das ist schon der Fehler, daß man das von jedem fordert, anstatt es dem Einzelnen selber zu überlassen. Aber abgesehen davon ist es auch ein großer Vorteil, wenn der Pfarrer verheiratet ist: nicht nur daß Frau und Kinder oft bei der Gemeindearbeit helfen, er hat auch immer eine Partnerin für den Gedankenaustausch und redet nicht wie der Blinde von der Farbe, wenn es um Ehe- und Familiensachen geht.

Paulus hat auch nichts gegen das Kaufen. Es müssen nicht alle so arm sein wie Paulus. Kaufen reichert unser Leben an mit Gütern. Wir haben viel und wir besitzen viel. Wir sind reicher als unsere Eltern und Großeltern. Paulus will nicht, daß wir die Geschäfte und Kaufhäuser meiden. In der heutigen Zeit wäre es sogar gut für die Wirtschaft, wenn wir unser Geld nicht auf die hohe Kante legten, sondern möglichst viel kauften, vor allem von den Produkten, die im eigenen Land hergestellt wurden. Konsumverzicht ist heute keine Tugend.

Aber muß es denn so sein, daß ein Besuch bei IKEA so etwas ist wie ein Gottesdienst?  Sams­tag ist IKEA-Tag. Da fährt die ganze Familie auf die Autobahn, bis der hohe Turm das Ziel anzeigt: den modernen Konsumtempel. Zu viert nebeneinander schreitet man wie bei einer Prozession von einer Station zur anderen. Man sieht sich etwas an, probiert es aus, fragt die Verkäufer. An sich hat man gar nichts kaufen wollen, aber irgend etwas nimmt jeder am Ende doch mit und bezahlt es brav am Ausgang wie eine Kollekte. IKEA (und manches andere) ist heute so etwas wie eine Religion.

Abstand von der Welt: Freilich weiß ein Christ auch, daß die Uhr dieser Welt abläuft. Das Neue wird sich dabei nicht aus den Gegebenheiten des Alten entwickeln, sondern es wird zu einer völligen Wandlung kommen. Das zeitliche Leben ist ein Vorletztes, das durch das Letzte abgelöst werden wird. Man kann sich also dem Vorletzten nicht so hingeben, als käme von da alles Heil.

Man wird deswegen eine Ehe nicht halbherzig führen, weil sie zu den zeitlichen Dingen gehört. Es muß auch nicht so sein, daß Eheleute in der Vollendung bei Gott weniger verbunden sein müßten als (hoffentlich) jetzt, denn wahrscheinlich gehören wir bei Gott vollkommener zueinander als im zeitlichen Leben.

Aber für jetzt ermuntert Paulus zu einem gesunden Verhältnis zueinander. Es ist nicht richtig, wenn ein Partner dem anderen völlig hörig wird, sich einerseits schlagen läßt, aber andererseits doch nicht von ihm loskommt. Es ist nicht richtig, wenn man alles gemeinsam tun will und völlig mit dem Partner übereinstimmen will, weil man sich da gegenseitig Fesseln anlegt. Wir müssen uns gegenseitig als fehlerhafte Menschen sehen. Wenn man den anderen unfehlbar macht, dann vergiftet das die Beziehung. Wir brauchen auch den inneren Abstand voneinander, um uns immer neu zu finden. Das ist nicht ein „halbe Liebe“, sondern da wird der andere Mensch ernstgenommen, auch mit seinen Schattenseiten

Jedes Ding hat seine zwei Seiten. Das gilt auch vom Kaufen und Besitzen. Die Dinge, die wir uns zur Erleichterung angeschafft haben, legen uns auch immer wieder neue Pflichten auf: Das Auto muß gepflegt und repariert werden, es braucht eine Garage, es kostet täglich Geld. Schon ist man in ein Programm von Pflichten eingespannt und fragen uns manchmal, wer denn eigentlich der Herr im Hause ist - wir oder unser Besitz.

Kinder wollen manchmal unbedingt ein Spielgerät haben. Sie erpressen fast ihre Eltern (und Großeltern), es ihnen zu kaufen. Doch wenn sie es dann haben, dann läßt die Begeisterung schnell nach, und die Vorfreude war größer als die Freude des Besitzens. Ein alter Mensch fängt oft Streit an, weil er meint, irgendein Gegenstand sei ihm gestohlen worden, obwohl er ihn nur verlegt hat. Er verdächtigt einen anderen Menschen und bricht die Beziehung zu ihm ab. So kann das Besitzenwollen die Beziehungen vergiften.

Eine gewisse Distanz, die sowohl das Haben als auch das Entbehren einschließt, ist schon gut. Wenn einem etwas genommen wird, dürfte es an sich nicht allzu weh tun.  Wenn man einmal ein dreiviertel Jahr ohne Auto auskommen muß, obwohl man es doch beruflich braucht, dann ist das schon sehr heilsam: Es geht zwar schlechter, aber es geht.

Man kann die nur bedauern, die untröstlich sind, wenn sie verlieren. Denken wir nur zum Beispiel an diejenigen Heimatvertriebenen, die auf einmal Forderungen auf ihren früheren Besitz stellen wollen. Sie haben doch inzwischen alles, besser als vorher. Weshalb wollen sie nun das Verhältnis zu den Nachbarvölkern gefährden, wo die Leute doch ärmer sind als bei uns? Gerade die, die schon viel haben, sind voller Angst, es wieder zu verlieren. Sie wollen immer mehr haben, um ganz sicher zu gehen. Aber das ist keine Distanz zum Besitz.

Wir dürfen die vielen schönen Dinge haben. Wir dürfen uns darüber freuen und sollten Gott dafür danken. Aber wir müssen nicht alles haben, was der andere hat. Es braucht keine Welt zusammenzustürzen, wenn wir manches nicht besitzen, zum Beispiel Wäschetrockner oder Mikrowelle oder Gefriertruhe. Wir können uns im Loslassen und Weggeben üben, damit wir es können, wenn wir am Ende alles hergeben müssen.

Zum Schluß noch einige Gedanken zu der Aussage: „Weinen, als weinte man nicht, freuen, als freute man sich nicht!“. Unsere Gefühle gehören zu uns. Der Christ wird an aller Traurigkeit und Freude der anderen teilhaben und auch selber traurig sein und sich freuen. Er gehört nicht zu den Leuten, die nichts erschüttert. Und er wird sich auch seiner Gefühle nicht schämen. Er kann sich in seiner Trauer öffnen für heilendende und helfende Worte. Und er kann sein Fröhlichsein beenden, wenn wieder Ernst am Platz ist. Im Weinen weiß der Christ vom stichhaltigen Trost, der nur von Gott kommt. Und die irdische Freude wird überholt und überboten durch die letzte Freude, die uns niemand nehmen kann.

 

 

21. Sonntag nach Trinitatis:  Jer 29, 1-4. 10 - 14

Ein Pfarrer, der schon in den fünfziger Jahren aus der DDR in den Westen ging, schrieb in einem Brief: „Jetzt erst kann ich wieder an den Altar treten und mit freiem Herzen meinem Herrn dienen!“ Und manche Menschen im Westen meinten, man könne doch überhaupt nicht in einem sozialistischen Staat als Christ leben. Sie wundern sich, daß es dort überhaupt noch Christen gibt. Selbst in der Volksrepublik China gibt es eine große Zahl Christen, auch wenn diese praktisch keine Kontakte zum Ausland haben. Jener Pfarrer hat offenbar nicht begriffen, was wir von Jeremia lernen können: Jeder Ort ist Gottes Ort. Er hat die ganze Welt geschaffen, und wo nur ein Stück dieser Welt ist, da ist er auch. Es gibt keinen Platz, der „unrein“ wäre, so daß Gott dort nicht wohnen könnte.

Das meinten aber die Israeliten, die nach Babylon in die Gefangenschaft weggeführt worden waren. Sie glaubten zunächst, nur im Tempel von Jerusalem könnten sie Gott finden und anbeten. Im heidnischen Land aber wären keine Gottesdienste möglich, da könnte man höchs­tens die Luft an halten‚ bis man wieder zu Hause in Freiheit Gott dienen könnte.

So haben auch viele Christen im Osten zunächst gedacht. Anstatt daß sie das Ende der Naziherrschaft wirklich als eine Befreiung begrüßt hätten, hofften sie auf ein baldiges Ende auch des neuen Gesellschaftssystems. Man sprach damals vom „Überwintern“, bis ein neuer Frühling ausbreche.

Aber worauf wollte man eigentlich warten? Auf eine Kirche wie zu Kaisers Zeiten etwa? Man hat damals viel Zeit vertan,  sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen. Gewiß, sie waren nicht so, wie man sie sich erhofft hatte, man hätte sich mehr Möglichkeiten für die Kirche gewünscht, nicht unbedingt Vorteile‚ aber auch keine Nachteile.

Die Kirchen in der DDR haben einen oft schmerzhaften Umstellungsprozeß durchmachen müssen. Aber klar dürfte sein: Gott war genauso in der DDR wie in der Bundesrepublik, genauso in der Sowjetunion wie in den USA. Wo Gott uns hingestellt hat, da haben wir zu stehen. Und wir können uns nicht den Anforderungen unsrer Umwelt entziehen, indem wir nach anderswohin schielen.

Jeremia schreibt an die Führer seines Volkes in der Gefangenschaft: „Macht euch erst einmal seßhaft, baut Häuser und pflanzt Gärten, gründet Familien und opfert Gott auch im Unreinen Lande, wie ihr es von zuhause gewohnt seid. Die babylonischen Götter erkennt ihr damit -nicht an. Sollen die anderer ruhig ihre Götter anbeten..Die Hauptsache ist, ihr betet weiter zu eurem Gott!“

Es gab auch andere Propheten. Die lenkten den Blick des Volkes nur nach rückwärts, auf die Wiederherstellung des Alten. Eine Tiefenbesinnung und eine Erkenntnis der Schuld war bei denen nicht drin. Jeremia aber forderte zur Bewußtseinsänderung und zur Erneuerung auf, er trieb die Hoffnung nach vorne und forderte zu neuen Erfahrungen mit Gott auf.

Es war nicht leicht, damit beim Volk durchzukommen. Die Leute, die in Jerusalem hatten bleiben dürfen, die sagten: „Wir sind die Guten. Das seht ihr ja: Gott hat uns auserwählt, im Lande zu bleiben. Uns ist nichts passiert und wird nichts passieren!“ Diese Meinung war im Augenblick nicht einmal zu widerlegen.

Noch schwieriger war es sicher mit der Aufforderung des Jeremia: „Müht euch um das Wohlbefinden der Stadt und des Landes!“ Die Weggeführten haben doch eher gesagt: „Wenn es denen gut geht, dann bleiben wir weiterhin gefangen!“ Sie hätten doch lieber Lust zur Sabotage und zum hinhaltenden Widerstand gehabt. Aber Jeremia sagt ihnen: „Wenn es Babylon wohl geht, dann geht es auch euch gut!"

Er meint damit nicht das Seelenheil oder „das Beste“, wie es Luther etwas blaß übersetzt. Gemeint ist das Heil und das Wohl, wozu auch gute Nachbarschaft und Frieden gehören, Wohlstand und Glück für alle Menschen. Ja, man kann sogar fast sagen: Die Juden sind nach Babylon gebracht worden, um den Menschen dort das Heil zu bringen. Und sie hatten ja viele Möglichkeiten dazu, sie waren ja gar nicht in so strenger Gefangenschaft, sie brauchten nur den Freiraum zu nutzen, der ihnen zugestanden war.

Natürlich ist es besonders schwer, in gottloser Umgebung dennoch Gottes Gemeinde zu sein. Aber das ist strenggenommen kein außergewöhnlicher Zustand. Auch Christen leben in der Zerstreuung unter Andersdenkenden. Sie leben immer in einer Welt, die Gott den Rücken zukehren will, auch in den offiziell christlichen Ländern.

Es hat in der Kirche immer wieder Strömungen und Bewegungen gegeben, die eine fluchtartige Abkehr vor der gottlosen Welt anstrebten. Man wollte sich eigensüchtig aus allem Weltlichen heraushalten und an einen windgeschützten Ort kommen, wo man in „Heiligkeit“ leben kann.

Aber in Wirklichkeit hat kein Ort in der Welt einen Vorzug vor einem anderen. Gott kann überall in unser Leben treten. Und dies Wunder soll auch in Babylon und auch bei uns geschehen  Gott ist überall. Und wer ihn sucht, der wird ihn auch finden. Auch wenn die äußere Lage des Glaubenden schwierig ist, so kann er doch Gott begegnen. Es muß ja keiner auf die gottlose Umwelt hören. Laßt sie nur reden! Die Hauptsache ist doch: Gott redet zu uns. Jeder Ort ist Gottes Ort.

Aber nun gilt auch: Alle Zeit ist Gottes Zeit! Die Verbannten in Babylon schwankten ja zwischen innerer Lähmung und hochgespannter Erwartung. Sie waren gelähmt, weil sie es nicht fassen konnten, daß sie die Heimat verlassen mußten. Sie hielten sich für das auserwählte Volk und nun hatte Gott so etwas zugelassen. Daneben aber lebten sie in der in der Hoffnung: Gott kann die Seinen nicht der Heiden preisgeben. Es muß doch schon in Kürze der Augenblick gekommen sein, in dem dieses babylonische Zwischenspiel ein Ende findet. Dann wollen sie wieder den Faden da anknüpfen, wo er seinerzeit abgerissen ist.

Jeremia aber macht deutlich: Es gibt keine verlorene Wartezeit. Jede Stunde ist Gottes Stunde, und es gilt, sie wahrzunehmen und auszukaufen.  Zwischen der Vertreibung und der Heimkehr liegt nicht ein großes Nichts, dem man keinen Sinn abgewinnen könnte. Die Zeit, die man für leer und sinnlos hält, ist Gottes Zeit, denn Gott hat das Volk in diese Lage geführt. Siebzig Jahre sind eine lange Zeit, und viele werden die Heimat nicht wiedersehen. Und doch sollen sie Häuser bauen und Bäume pflanzen zum Zeichen dafür, daß sie der Führung Gottes vertrauen.

Und noch einen großen Trost haben sie. Ihnen wird doch gesagt: „Was ihr auch entbehren müßt, eins kann euch niemand nehmen, nämlich daß ihr betet. Gott will ja von euch gebeten sein!“ Allerdings geht es nicht darum, alle möglichen entbehrten und ersehnten Dinge heraus­zuschlagen. Zunächst einmal geht es darum, Gott selbst zu suchen. Oder anders gesagt: Zunächst geht es um die ersten drei Bitten des Vaterunser, erst dann geht es auch um die anderen.

Aber das Volk Gottes kann auch dabei nicht stehen bleiben. Jeremia sagt: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn!“ Seit Jeremia ist im Grunde kein Gebet mehr denkbar, das nicht grundsätzlich die Gesellschaft und den Staat mit einbezieht und selbst das Wohl des Andersdenkenden mit zum Ziel hat. Im Fürbittengebet am Schluß des Gottesdienstes ist ja auch meist dieser Punkt mit enthalten.

Beten ist also keine Weltflucht. Die wenig schönen Ausdrücke „Betschwester“ oder „Betbrüder“ wollen das ja unterstellen. Aber gerade weil Gott auch das Gericht über Babylon vorhat, muß man für diese Stadt (und für jede andere Stadt) beten und ihr Heil suchen.

Wenn man aber für jemand betet, dann ist man ihm auch auf andere Weise verbunden und wird nach Kraft und Möglichkeit für ihn da sein. Man wird das Heil der Stadt auch in den irdischen Dingen suchen‚ aber nicht nur in ihnen. Wahrhafte Solidarität mit unsrer Umwelt wird es nur geben, wenn wir Fürbitte für sie üben. Wir meinen es ja so gut mit der Welt, daß wir nichts Geringeres suchen als ihre Rettung und Seligkeit.

Auf unsre Verhältnisse übertragen bedeutet das: Wenn wir etwas für unsre Gesellschaft tun wollen, dann tun wir es zuerst durch das Gebet und erst dann vielleicht durch Mitarbeit in Parteien oder Vereinen. Erst wenn das Erste klar ist, kann auch das andere möglich sein. Dietrich Bonhoeffer hat es so ausgedrückt „Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen!“

Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Das Gebet macht uns frei zum Tun des Gerechten, zur Lebensbejahung, zum sachlichen Handeln und zur Entkrampfung im Vollzug des Selbstverständlichen.

Beten verändert nicht die Tatsachen‚ aber die eigene Einstellung zu ihnen. Es verändert die Lage, weil sie von Gott her beurteilen lernt. Es verändert auch die Lage zu den Mitmenschen und macht uns frei zur Aussöhnung. Fürbitte selbst für die Feinde schafft ein versöhntes Leben und hilft zu einem gerechten Miteinander. Hier haben wir sicher noch Nachholbedarf.

 

 

22.  Sonntag nach Trinitatis: Röm 7, 14 - 25 a

Ein Mann kommt aus dem Gottesdienst nach Hause. „Wovon hat der Pfarrer gepredigt?“ fragt ihn die Frau. „Von der Sünde!“  ist die Antwort. Die Frau fragt weiter: „Was hat er denn dazu gemeint?“ Darauf der Mann: „Ich weiß nicht mehr so recht, aber ich glaube, er war dagegen!“

Natürlich  ist der  Pfarrer dagegen, was denn sonst. Aber er kennt natürlich auch das berühmte Kapitel Römer 7, wo es heißt: „Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen das Gute finde ich nicht!“ Der Mensch weiß genau, was gut ist. Er hat auch den ausgesprochenen Willen, es zu verwirklichen. Doch dann kommt das Erschütternde: Es kommt zu immer neuem Scheitern.

Nüchtern wird der Zustand des inneren Menschen gesehen.

Üblich ist das verbreitete Reden von der abgrundtiefen Schlechtigkeit der Menschen, wobei man sich selber aber ausnimmt. Auf der anderen Seite aber gibt es auch die Meinung, daß der Mensch von sich aus gut sei und nur durch schlechte Umwelteinflüsse verdorben werde. Aber der Mensch ist weder Engel noch Raubtier. In jedem Menschen ist der Kampf zwischen Gut und Böse ständig in Gang.

Die Meinung ist weltfremd, man müsse nur über das Gute unterrichtet werden, dann würde schon alles in Ordnung kommen. Information  und guter Wille sind oft durchaus vorhanden, aber es fehlt die Kraft zur Verwirklichung. Manchmal tun wir so, als wüßten wir nicht genau, was das Richtige ist. Aber in Wirklichkeit wissen wir nur zu gut, was geboten ist. Wir wollen es bloß nicht wahrhaben, weil wir dann Folgerungen  ziehen müßten, die wir nicht zu ziehen bereit sind. In den Geboten Gottes ist die Richtung klar gewiesen, aber wir haben meist nicht die Kraft, sie auch durchzuhalten.

Mancher sagt, das Leben wäre bequemer, wenn Gottes Gesetz uns anbekamt wäre. Dann könnten wir in einem Urzustand der Menschheit instinktgemäß leben und brauchten nicht unter einem schlechten Gewissen zu leiden. Das ist typisch für den Menschen, daß er ohne Gott fertigwerden will. Er will ohne Gott fertigwerden, obwohl doch die Sünde wie ein Gift von Geburt an in jedem Menschen drinsteckt. Der Mensch ist längst aus seiner Unschuld gerissen. Das Rad der Geschichte kann nicht wieder zurückgedreht werden.

Gottes Wille ist nun einmal offenbart.  Gott hat den Menschen sein Gesetz gegeben. Dazu gehört alles, was uns im Leben als Gebot oder Verbot, als Forderung und Befehl entgegen tritt. Auch der Nicht-Christ weiß, daß es Verpflichtungen gibt, denen man sich nicht entziehen kann. Er weiß sogar, daß auch er tausendfältig versagt. Das Gesetz ist dann keine Hilfe, sondern die Ursache einer tiefen Verzweiflung.

Man kann versuchen, durch Selbstbetrug dieser Not zu entgehen. Wir verstehen es alle gut, uns etwas einzureden. Man kann selbstzufrieden feststellen, daß andere noch viel schlechter sind. Man bildet sich ein, manche gute Tat in selbstloser Weise getan zu haben. Aber bei genauem Hinsehen zeigt sich, daß auch bei der bester Tat von völliger Selbstlosigkeit keine Rede sein kann.

Man könnte hier einwenden, daß man doch über das Edle in Menschen zuversichtlicher reden müßte. Es gibt doch unter Christen und Nicht- Christen wunderbare Beispiele von Güte und Hilfsbereitschaft. Nicht nur das Böse, sondern auch das Gute wird vielfältig getan. Gott sei Dank ist das so. Aber gerade unter den Menschen, die ganz für die Mitmenschen gelebt haben, besteht da eine große Nüchternheit. Ein Mann wie Friedrich Bodelschwingh, der doch Tausenden helfen konnte, betete am Ende seines Lebens immer stärker: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Gott will die völlige Liebe. Aber an dieser Forderung scheitern wir immer wieder. Luther sagt das in seinem Lied: „Mein guten Werk die galten nichts, es war mit ihn‘ verdorben; der frei Will haßte Gott‘s Gericht, er war zum Guten erstorben!“ Luther hat die wahre Lage vor Gott völlig erkannt und hat diesen schwersten inneren Zwie­spalt erlebt. Wenn man von zwei Seelen in der Brust redet, dann ist das viel zu schwach. Es handelt sich um eine dunkle Macht, die den Menschen gefangenhält. Auch Paulus kann nur ausrufen: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leib des Todes?“

Doch unmittelbar danach sagt er: „Ich danke Gott, durch Jesus Christus, unsern Herrn!“ Wer im Lebensbereich des Christus ist - im Kraftfeld seiner Gnade - der erlebt eine völlige Veränderung seiner Lage. Da herrscht nicht mehr das Gesetz und das Tun des Guten ist nicht mehr unerfüllbare Forderung. Vielmehr ist das Tor geöffnet zu einem neuen Leben und die Kräfte sind befreit zu einem sinnvollen Einsatz. Das Gute wird dann aus fröhlicher Dankbarkeit getan.

Doch möglich ist das nur durch Jesus. Durch ihn sind wir mit Gott wieder im Reinen. Durch seinen Tod sind wir vor Gott gerecht. Ja: Erst im Glaube erkennen und erfassen wir das Unheil in seiner ganzen Tiefe. Dann werden wir auch den Kampf mit der Macht aushalten, die uns  am Guten hindern will. Denn dem Zwiespalt sind wir auch durch Christus noch nicht entnommen.

Oft gehen wir mit besten Vorsätzen an eine gute Sache heran und erfahren doch unser völliges Unvermögen zum Durchhalten. Wir wollten gegen einen schwachen Punkt in uns ankämpfen und erleben schon beim ersten Anlauf eine schwere Niederlage. Oder wir haben mit vollen Bewußtsein Dinge getan‚ von denen wir genau wußten, daß sie nicht dem Willen Gottes entsprechen.

Aber wir dürfen wissen, daß Jesus dann für uns eintritt. Allem Versagen zum Trotz ist durch ihn bereits die Kraft des neuen Lebens am Werk. Da schauen wir nicht mehr auf das Kümmerliche, das  w i r t tun, sondern auf das Große, das der  H e r r  tut. Ihm können wir mit neuer Freude dienen, weil es uns einfach dazu drängt. Und jede Enttäuschung treibt uns dann nur noch mehr in die Arme dessen, der allein helfen kann.

 

 

23. Sonntag nach Trinitatis: Röm 13, 1 - 7

Liebe Untertanen! Nein, ich habe mich nicht versprochen. Wir sind alle Untertanen! Allerdings nicht in dem Sinne, wie früher im Kirchenbuch die Gemeindeglieder bezeichnet wurden, nämlich als unmündige Objekte des staatlichen und kirchlichen Handelns. In anderen Gemeinden gibt es einen viel schöneren Ausdruck. Wenn sie einen Einwohner bezeichnen wollten, dann sprachen sie von „Nachbarn“, also Menschen, die freundlich miteinander umgehen und sich gegenseitig helfen.

Wenn Paulus uns auffordert: „Seid untertan der Obrigkeit“, dann werden wir schon zu fragen haben, wie das gemeint ist. Wir sind heute nicht mehr Sklaven einer bestimmten Staatsmacht oder einer herrschenden Klasse, sondern allein „Untertanen“ Gottes. Wir brauchen niemandem zu gehorchen außer ihm. Aber wir tun das nicht als unterdrückte Sklaven, sondern als seine geliebten Kinder. Das bringt aber auch bestimmte Verpflichtungen mit sich.

Für einen Christen verbieten sich zwei Haltungen: Einmal das „ohne mich“, das vor allem nach der Naziherrschaft verbreitet war. Damals hatten viele auf der falschen Seite mitgemacht und wollten sich nun überhaupt nicht mehr einsetzten. Aber genauso falsch ist eine völlige Anpassung, indem man sich etwa gleichschalten läßt für staatliche Ziele oder auch gegen staatliche Ziele.

Ein Christ hat einen höheren Herrn und braucht sich deshalb keinen weltlichen Mächten unterzuordnen. Und dennoch haben diese eine gewisse Macht über ihn, die ihnen sogar von Gott verliehen ist, sagt Paulus. Doch das ist nur Gottes vorläufige Ordnung, aber es ist dennoch Gottes wohltätige Ordnung.

 

1. Gottes vorläufige Ordnung: Paulus hielt das Ende der Welt für nahe und nahm deshalb die Ordnungen der Welt nicht mehr so ernst. Das sollten sich vielleicht auch einmal die Politiker von heute vor Augen halten, die nur die Wahl abwarten, um sich danach wieder als Herrscher aufspielen zu können. „Gib dem Deutschen ein Amt, und du nimmst ihm den Verstand“, sagt man. Macht verändert einen Menschen. Er vergißt dann auf einmal alles, was er vor der Wahl versprochen hat, und meint, er allein wisse, was richtig ist, und das Volk sei doch nur dumm. Erst wird immer gesagt: „Wir beraten noch über die Sache, es ist noch nichts entschieden!“ Aber dann wird plötzlich ein fertiger Vertrag vorgelegt, der nicht mehr diskutiert werden soll, sondern dem die Abgeordneten ganz schnell zustimmen sollen.

Paulus sieht die Welt aber nicht als hoffnungslos gottverlassene Welt, mit der ihr Schöpfer nichts mehr zu tun haben will. Gott hat die Welt nicht preisgegeben, sondern wirkt in ihr und will, daß die Christen in ihr ihre tägliche Pflicht tun. Dazu helfen die weltlichen Ordnungen wie Gesetz. Recht, Macht und Strafe. Aber das alles ist nur eine vorläufige Ordnung für die Zeit zwischen dem Sündenfall und der Neuerschaffung der Welt.

In dieser Zeit ist das Zerstörende zwar nicht ausgerottet, aber es wird doch eingedämmt und am Überhandnehmen gehindert. Zu diesem Zweck über die Regierung auch Gewalt aus, diese Macht ist ihr sogar von Gott verliehen. Mit der „Staatsmacht“ wird der zerstörerischen Gewalt der Menschen mit anderer Gewalt begegnet.

Die Macht wird aber nur dann recht gebraucht, wenn die Regierenden darüber wachen, daß alle Ordnungen eingehalten werden. Macht darf nicht zum Selbstzweck werden. Deshalb müssen neben den Satz „Seid untertan der Obrigkeit“ auch die anderen Bibelsprüche gesetzt werden:“Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Evangelium des Sonntags) und „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Petrus gegenüber dem Hohen Rat).

Es geht dabei nicht nur um die staatliche Ordnung, sondern um jede Ordnung des alltäglichen

Lebens, in die wir eingegliedert sind.  Die Macht ist dabei unterschiedlich groß: Relativ gering ist sie noch bei Vater und Mutter oder bei einem Lehrausbilder. Zunehmend ist sie bei einem Polizeichef oder Richter. Und voll ausgeprägt ist sie bei der Staatsspitze und der Regierung. Je größer die Macht ist, desto schwerer ist das Amt und auch die Verantwortung, daß man auch wirklich Macht ausübt, um Schlimmeres zu verhüten.

Der frühere Berliner Bischof Dibelius hat ja einmal gemeint, in der DDR brauche man keine Verkehrsregeln zu beachten, weil die Regierung dort nicht von Gott eingesetzt ist. Doch das gäbe ja ein schönes Chaos, nicht nur ein Verkehrschaos, sondern überhaupt eine völlige Unordnung, denn ohne Regeln kann keine Gesellschaft bestehen.

Nur ein Terrorist ist nicht bereit, eine Ordnung über sich anzuerkennen und auch gegen sich selbst gelten zu lassen. Er ist unfähig zum Leben im Ganzen und ist deshalb folgerichtig auch bereit, sein Leben für seine Ideen wegzuwerfen.

Andererseits wäre es auch nicht richtig, wenn wir nun alles gut hießen, was die uns Regierenden so machen. Eine Gesetzesgläubigkeit um jeden Preis wäre auch nicht recht. Gesetze müssen auch den veränderten Verhältnissen angepaßt werden:

Unser Strafrecht zum Beispiel ist noch weitgehend auf dem Stand des Jahres 1900, als es darum ging, den Besitz der Kapitalisten zu schützen. Deshalb werden hohe Strafen für den Bankraub verhängt, aber nicht dafür, daß die drei Bankangestellten durch den Überfall und die Todesangst bleibende Schäden davongetragen haben. Oder wer im Alkoholrausch eine Menschen totgefahren hat, der kommt in der Regel mit Bewährung davon, wer aber wiederholt beim Ladendiebstahl erwischt wurde, geht ins Gefängnis.

Ausgeschlossen ist auch der sogenannte „Befehlsnotstand“. Darauf berufen sich ja die Kriegsverbrecher: Sie hätten ja nur nach dem damals geltenden Gesetz gehandelt und auf Weisung ihrer Vorgesetzten, da könne man ihnen das Unrecht nicht persönlich vorwerfen und sie dafür bestrafen. „Befehl ist Befehl“, lautete ihre Ausrede. Oder die Todesschützen an der Mauer berufen sich darauf, daß sie nur nach den Gesetzen ihres Staates gehandelt hätten, die mit den Gesetzen anderer übereinstimmen. Damals hätten sie das Unrecht nicht erkennen können. Gott legt da aber schon strengere Maßstäbe an uns an.

Auch unsere demokratisch gewählte Regierung ist nicht von der Aussage ausgenommen, daß sie nur eine vorläufige Regierung ist. Und auch wenn Christen in ihr tätig sind, dann heißt das nicht, daß sie die ideale Regierung nach dem Willen Gottes wäre. Es gibt keinen göttlichen oder christlichen Staat und keine christliche Politik oder Partei. Das wäre ja einfach, wenn

eine Partei sich nur „christlich“ zu nennen brauchte und schön hätten wir den Gottesstaat. Und deshalb irrte ja auch jener italienischen Priester in einem Film aus den fünfziger Jahren, der am Wahltag seine Gläubigen aufforderte: „Wählt nur christliche und demokratische Parteien, ich wiederhole noch einmal: nur christlich-demokratisch!“ (Damals war die „Christlich-Demo­­kratische Partei“ seit Jahrzehnten die Regierungspartei).

Aber ein Christ weiß wenigstens, daß diese Welt nur vorläufig ist und daß er gerade im Alltag Gott zu dienen hat. Die Welt hat Ordnungen noch nötig. Es muß ein Raum freigehalten werden für das Leben und seinen Fortbestand. Doch in dieser Welt wird immer nur das Wohl erreicht werden können, wir aber warten auf das Heil Gottes.

 

2. Gottes wohltätige Ordnung: In den meisten Fällen werden es die Träger irdischer Macht nicht wissen, daß sie im Dienst Gottes stehen. Sie wurden ja gewählt und fühlen sich bestenfalls ihren Wählern verpflichtet, eher allerdings noch ihrer Partei, die immer geschlossen handeln will.

Paulus hat nicht ein kritikloses Vertrauen auf die Menschen, die weltliche Macht ausüben. Aber er vertraut unerschütterlich auf Gott, der sie eingesetzt hat und auf alle Fälle für sein Vorhaben nutzt. Auch wenn eine Regierung sich weltlich versteht, so handelt sie doch nicht in einem Raum, aus dem sich Gott zurückgezogen hätte. Und deshalb haben wir selbst eine nichtchristliche Welt nicht zu räumen, sondern in ihr Gott zu dienen.

Ohne Staatsorgane geht es nicht, wenn Ordnung gehalten werden soll. Denken wir uns doch nur einmal aus, wir sollten einen Monat ohne Gesetze und Machtausübung auskommen, ohne Versorgung mit Nahrung, Energie und Gesundheitsbehörden oder ohne ein geordnetes Zahlungssystem. Das würde doch sofort den Krieg aller gegen alle entfesseln. Deshalb ist Ordnung schon eine Wohltat.

Gott kann selbst das Verkehrte für seine Ziele benutzen. Er kann das Gute immer wieder zur Geltung bringen, auch wenn Menschen ihm dabei im Weg stehen.. Doch damit kann man nicht alles rechtfertigen: Eine Regierung, die die Benachteiligten schindet oder verarmen läßt, hebt sich selber auf. Auch die Kirche hat in ihrer Vergangenheit die Arbeiter enttäuscht und hat die frühere „Ordnung“ als „Wohltat“ bezeichnet. An uns ist es heute, das besser zu machen.

Paulus möchte sogar, daß wir nicht aus Angst vor Strafe gehorsam sind, sondern um des Gewissens willen. Also nicht weil der Lehrer aufpaßt oder die Polizei ihre Geschwindigkeitskontrollen macht. Aus freien Stücken sollen wir Mitverantwortung übernehmen. Für die Regierung muß es genügen, wenn wir unsere Pflichten erfüllen und die Gesetze halten.

Aber Gott erwartet mehr von uns. Da gibt es ein inneres Muß, das uns nicht erlaubt, nur den

eigenen Vorteil zu suchen und den bequemsten Weg zu gehen. Gott sei Dank aber, daß das Gesetz nicht Gottes letztes Wort ist, sondern das vorletzte. Heil und Rettung kommen nicht durch das Gesetz, sondern durch Vergebung, Versöhnung und Neuschöpfung. Aber nicht die Welt muß verändert werden, sondern der Mensch. Und bei uns selber müssen wir damit anfangen.

 

 

24. Sonntag nach Trinitatis: Hes 37, 1- 14

Wenn wir an Tod denken, dann nehmen wir ihn meist als eine Naturtatsache: Der Mensch stirbt, weil die Natur es so will. Wenn rings um uns herum lauter Werden und Vergehen ist, warum sollten  wir dann nicht auch vergehen und dies ruhig hinnehmen wie ein Baum, der morsch wird und stirbt?

Aber der Tod hat auch noch eine andere Seite. In ihm trifft uns Gottes Gericht und der letzte Feind, mit dem wir in dieser Welt zu tun haben. Wir sterben nicht nur am Schlaganfall oder am Krebs, sondern wir sterben auch an Gottes Zorn. Das macht den Tod so bitter, so verletzend und so beleidigend.

Aber schon das Volk Israel ist ein Volk der besonderen Gottesnähe gewesen. Gott hat es wie ein verwahrlostes Findelkind aufgelesen und gepflegt, so daß es heranwachsen und sich mit ihm verbinden konnte. Dann überwindet aber die Gnade Gottes den Zorn. Die abgebrochene Geschichte zwischen Gott und seinem Volk wird neu begonnen.

Leben oder  nicht leben - das ist in jedem Fall von dem Urteil abhängig, das Gott über uns spricht. Unser Leben ist davon abhängig, daß Gott unser Dasein anerkennen kann. An sich müßte er alle auslöschen, die seine Schöpfung verderben. Aber dann geschieht die Wende, das Unwahrscheinliche, ja geradezu unausdenkbare: Das schon vollstreckte Vernichtungsurteil wird aufgehoben. Gott erneuert das  Leben des Gottesvolks. Jetzt wird die Begnadigung vollstreckt. Es heißt also nicht nur: „Das Leben geht weiter!“ sondern: „Gott nimmt euch wieder an!“

Gott fragt den Propheten: „Meinst du auch, daß diese Gebeine wieder lebendig werden?“ Man möchte sofort antworten: „Das ist unmöglich!“ Aber Hesekiel sagt nur: „Herr, das weißt du wohl!“ In einer feinen, nur andeutenden Weise  läßt er alles offen. Er traut der Allmacht Gottes doch allerhand zu. Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Und alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

So darf dann auch der Prophet Hesekiel sein Wort an die toten Gebeine richten, damit sie sich wieder zusammenfügen, wieder Muskeln und Haut bekommen und so der Prozeß der Verwesung wieder rückgängig gemacht wird. Nun kann ein zweiter Eingriff Gottes erfolgen. Der Prophet befiehlt dem Wind, daß er die Erschlagenen anbläst und ihnen neues Leben einhaucht.

Wir werden hier sicher an die Geschichte der Bibel von der Erschaffung des Menschen erinnert. Auch da muß Gott erst einen Lebensatem dazugeben, ehe die tote Materie sich belebt. Nicht  w i e  das geschieht, ist hier das Wichtige, sondern  daß  Gott durch sein Wort das Neue wirkt.  Das ist dann immer der Anbruch der neuen Schöpfung, ob es nun um das Volk Israel handelt , um Jesus, um die Kirche oder ums uns heute handelt. In keinem Fall haben wir keinen Grund, die Hoffnung fahren zu lassen. Vor allen Dingen aber dürfen wir unsere Toten in getroster Zuversicht begraben.

Allerdings legt gerade dieser anschauliche Text das Mißverständnis nahe, der Mensch werde wieder so aus dem Grab herauskommen, wie er hineingelegt wurde. Trotz Feuerbestattung halten die meisten doch an dieser Vorstellung fest. Doch vergessen wir nicht: Hier handelt es sich nur um ein Bild, um einer Vergleich, nicht um eine Schilderung der tatsächlichen Auferstehungsvorgänge.

Eins aber will dieser Text dennoch sagen: Auferstehung ist nicht etwas rein Geistiges. Wir leben nicht nur im Gedächtnis der Mitmenschen fort und auch Jesus Christus ist nicht nur in den Gedanken der Jünger auferstanden. Es ist nicht nur eine Seele  oder ein Schatten des Menschen, der da weiterlebt, sondern der ganze  Mensch mit Haut und Haar. Wenn auch der alte Körper zerfällt, so kann Gott uns doch einen neuen geben und uns ein zweites Mal neu schaffen.

Doch vergessen wir nicht: Allein bei      Gott ist die Quelle des Lebens! Dreimal heißt es ganz betont: „Ihr sollt erfahren und innewerden, daß ich der Herr bin!“ Er führt die Menschen bis ans Ende, bis sie keinen Ausweg mehr sehen. Aber gerade dann zeigt er sich in aller seiner Macht und macht deutlich, wer hier der Herr ist und allein noch helfen kann.

Vielleicht meinen wir auch, in einer Talsohle zu sein, ob wir nun die Kirche ansehen oder  unser eigenes Leben. Dann können wir uns heute klar machen: Wenn einer ganz unten ist, dann geht es bald auf der anderen Seite wieder hinauf. Gott läßt uns nicht in unserer Verzweiflung allein, sondern er hilft uns auch wieder heraus.

Für ihn gibt es kein „unmöglich“. Wenn er etwas kann, dann will er es auch. Gerade am Unmögliche zeigt Gott, was er will und was er kann. Am Aussichtslosesten auf der Welt - den zerfallenen Skeletten- zeigt Gott seine Gnade und Allmacht. Er kann auch die tote Christenheit wieder zum Leben erwecken und er kann uns allen ein neues Leben geben.

Sicherlich wird hier in diesem Predigttext nicht dem Einzelnen die Auferstehung versprochen. Es geht zunächst um eine Hoffnung für die ganze christliche Gemeinde. Es geht nicht um eine höchst private ewige Seligkeit, sondern um die Sammlung der großen Gottesgemeinde bei Gott. Aber wenn Gott seinem Volk neues Leben gibt, dann wird es wohl auch bei dem Einzelnen so sein.

Vor allen Dingen aber wissen wir mehr als die Menschen des Alten Testaments. Hesekiel hatte nur eine Erscheinung  und sah nur ein Gleichnis. Was in Hesekiel geschildert wird, wird erst in Jesus Christus verwirklicht. An Ostern aber wird uns die Tatsache der Auferstehung verkündet: „Nun aber  i s t  Christus auferstanden!“ Das gibt uns als Christen eine Hoffnung auch für unser persönliches Leben.

Gott schafft Auferstehung. Der Text spricht nicht ausdrücklich davon. Aber die Auferstehung ist schon wie eine Knospe angelegt, die noch zur Blüte entfalten wird. Gott bejaht uns wieder. Es spricht nichts mehr gegen uns, das Schuldkonto ist ein für allemal ausgelöscht. Nichts kann uns von der Liebe scheiden, die in Christus Jesus ist. Die Auferweckten finden eine unverlierbare Heimat.

Einem Pfarrer wird manchmal gesagt: „Sie haben doch eine schwere Aufgabe mit all den Beerdigungen uns so!“ Ja, das ist schon wahr. Man fühlt ja doch immer mit den betroffenen Menschen mit. Aber auf der anderen Seite ist es auch wieder eine schöne Aufgabe: Man darf doch bei solcher Gelegenheit traurigen Menschen den Trost Gottes zusprechen und ihnen die Gewißheit des ewigen Lebens verkündigen. Wenn wir das nicht zu sagen hätten, dann wäre es in der Tat schwer, wenn nicht gar unmöglich.

So aber kommt man nicht mit leeren Händen und nichtigen Worten, sondern man hat das ewige Leben anzukündigen. Das ist so wie wenn man die Nachricht überbringen darf: „Bei der Post liegt ein riesiges Paket für dich zum Abholen bereit!“ Gott ist nicht kleinlich, er gibt mit vollen Händen. Deshalb ist jede Predigt so schön, weil sie nicht mehr vertrösten muß, sondern etwas Konkretes in die Hand gibt.

 

 

Erntedankfest: 1. Tim 4, 4 - 5

(Die Kinder haben Erntedankgaben hereingebracht.  Einige Kinder werden gefragt, woher diese Gaben denn kommen. Antworten könnten sein: „aus dem Garten“ oder aus dem „Geschäft“. eine kurze Diskussion schließt sich an, ob die Milch von der „lila Kuh“ kommt oder aus dem Automaten, stellen die Bauern die Nahrung her oder kommt sie aus der Fabrik?).

 

In der Bibel steht, daß  G o t t alles geschaffen hat und daß es gut ist. Der Predigttext  aus 1 . Timotheus 4 wird vorgelesen: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“

Feiern wir heute ein Erntefest oder das Erntedankfest? Stellen wir nur fest, daß unser Leben wieder einmal für ein Jahr gesichert ist, oder erkennen wir darüber hinaus, daß das alles mit Gott zu tun hat, daß er uns alles geschenkt hat und uns dadurch erhalten will.

Im ersten Timotheusbrief jedenfalls wird uns gesagt: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut!“ Deshalb haben wir Grund, ihm jeden Tag zu danken, nicht nur am Erntedankfest. Dabei geht es nicht um eine höfliche Pflichtübung, so wie man den Kindern sagt: „Nun bedanke dich aber einmal bei der Tante!“ Vielmehr haben die beiden Wörter „gut“ und „Gabe“ ein besonderes Gewicht.

Daß Christen etwas von Gott wissen bedeutet keineswegs, daß sie zu den alltäglichen Dingen kein Verhältnis hätten oder beim Genuß der täglichen Nahrung ein schlechtes Gewissen haben müßten. Bei den Menschen der Bibel wird fröhlich gegessen und getrunken. Jesus wird sogar einmal als „Fresser und Weinsäufer“ beschimpft. Es ist einfach falsch, wenn immer wieder behauptet wird, die christliche Kirche sei nur dem Himmel zugewandt und halte nichts von den irdischen Dingen, sie sei gegen die Natur und gegen die natürlichen Bedürfnisse des Körpers.

Doch da verwechselt man die christliche Lehre mit einer anderen Weltanschauung, die eine starke Konkurrenz gegen das Christentum war und gegen die sich gerade auch der Timo­theus­brief wendet. Diese Lehre nannte sich „Erkenntnis“ (Gnosis) und ist so etwas Ähnliches wie die Esoterik oder Scientology. Diese Leute hätten nie ein Erntedankfest feiern können, weil sie die ganze Welt ansahen als ein Gefängnis für die aus dem Himmel kommenden Seelen. Alles Körperliche mußte möglichst bald vernichtet werden, damit die Seele wieder frei in den Himmel schweben kann.

Deshalb vermied man bestimmte Speisen. Da der Mensch aber irgend etwas essen muß, hatten diese Leute sie wenigstens ein schlechtes Gewissen, wenn sie etwas aßen. Als Christen aber genießen wir gern, was ein gedeckter Tisch uns bietet.

Eine Grenze setzt uns nur unser Kalorienbewußtsein: Wir wissen, daß zu viel Essen schädlich für unsre Gesundheit ist. Wer ein Magen- oder Gallenleiden hat oder an Zucker leidet, der muß besonders vorsichtig sein mit dem Essen. Das ist aber etwas ganz anderes, als wenn wir das Essen und damit unseren Körper verachten müßten.

Wir können nur froh sein, daß sich damals das Christentum durchgesetzt hat und nicht jene andere angebliche Heilslehre. Aber hin und wieder ein wenig Fasten ist auch nicht schlecht, nicht nur aus gesundheitlichen Gründen, sondern weil man dadurch zum Ausdruck bringt: „Ich habe Grund zum Danken!“ Manche verzichten in der Passionszeit auf bestimmte Speisen, vor allem auf solche, die gut schmecken. Aber als moderne Menschen können wir ja auch einmal auf das Auto verzichten und uns an der Aktion „Mobil ohne Auto“ beteiligen, wenigstens einmal im Jahr.

Außerdem ist es nicht gut, wenn wir uns den Bauch vollschlagen, während andere Menschen in der Welt hungern. Deshalb ist es ganz gut, hin und wieder einmal auf einen Genuß zu verzichten. Dadurch haben wir Mittel frei, um andere Menschen zu unterstützen. Die Frage ist nur, ob wir es tatsächlich tun. Denn da wir etwas vom Leben haben wollen und etwas aus unsrem Leben machen wollen, denken wir lieber erst einmal an uns und kaufen uns von dem Ersparten etwas anderes Schönes.

Auch als Christen sind wir nicht frei von unchristlichen Anschauungen. Wir könnten zum Beispiel denken: „Wenn wir ernten, dann hat das nichts mit Gott zu tun, sondern das ist alles Natur. Diese aber schenkt uns nichts, sondern sie bringt zwangsläufig Früchte hervor, egal ob sie gut oder böse sind oder ob der Mensch sie braucht oder seine Freude daran hat!“

Doch wer an Gott glaubt, der weiß, daß er es nicht einfach mit Dingen zu tun hat, an denen er sich zu schaffen macht. Er weiß vielmehr, daß dahinter ein Geber steht, dem am heutigen Tag und an jedem Tag des Jahres unser Dank gilt.

Erntedank ist nur eine Spielart der Gottesverehrung: Wenn es um Saat und Ernte geht, dann wird uns das Schaffen und Erhalten nur vielleicht besonders deutlich. Gott ist aber auch der Schöpfer in jedem Schlag unsres Herzens und in jedem Atemzug (Wir horchen einmal einen Augenblick in uns hinein und achten auf unseren Atem und unsren Herzschlag - es muß ja nicht sein, daß der Prediger immerzu redet). Gott ist da im Entstehen des Sauerstoffs aus den Pflanzen, in den chemischen Vorgängen, im Wetter. Der Christ sieht hinter den Gaben den Geber.

Aber wir könnten auch denken: Es sind doch Menschen, die das „machen“, was wir zum Leben brauchen. Man spricht von „landwirtschaftlicher Produktion“, so als könne man aus Rohstoffen und menschlicher Arbeitskraft und Intelligenz alles alleine herstellen.

Doch es gibt immer wieder einmal Trockenzeit und Regen zu Zeiten, in denen es ungünstig war. Es gab eine Erhöhung der Kraftstoffpreise, die nicht jeder Betrieb einfach wegstecken kann. Die Preise für die Maschinen sind wieder gestiegen, während die Erlöse für die Ernte eher zurückgingen (hier eventuell einen Landwirt die Schwierigkeiten seines Berufsstands schildern lassen).

Wir vergessen gern, daß die Landwirte manche Probleme haben, wenn wir täglich gedankenlos unser Essen verspeisen. Deshalb wollen wir am heutigen Tag den Dank an die Menschen nicht vergessen, die in den hinter uns liegenden Wochen mit großem Aufwand an Kraft und Ausdauer die nötige Arbeit geleistet haben. Sie ist zwar nicht mehr so körperlich schwer wie früher, als fast alles mit der Hand und mit dem Kuh- oder Pferdegespann gemacht werden mußte, aber sie ist immer noch eine große Leistung.

Doch auch die in der Landwirtschaft Beschäftigten sollten nicht vergessen, daß menschliche

Kraft und menschliches Können eine Gabe des Schöpfers sind. Gott wirkt nicht ohne seine Geschöpfe, sondern in ihnen und durch sie. Es wäre schön, wenn man auch in der heutigen technisierten Landwirtschaft diesen Zusammenhang nicht übersehen würde.

Aber das gilt natürlich für jeden, der etwas zum Gelingen des menschlichen Lebens beiträgt. Auch wer in der Industrie, im Handwerk, im Büro, in Ausbildungsstätten, im Haushalt und anderswo arbeitet, hat Grund zur Dankbarkeit. Erntedank ist ein Fest für alle Bevölkerungsschichten, sogar für diejenigen, die nicht oder nicht mehr arbeiten können.

Damit werden wir über das eigentliche Erntedankfestthema weit hinausgeführt. Der Timo­theusbrief sagt sogar: „Alles ist gut, wofür man Gott dankt!“ Es wäre doch ganz gut, wenn man abends vor dem Einschlafen noch einmal den ganzen Tag danach durchmustert: Wofür kann ich danken, wofür nicht? Dann würde uns wohl manches einfallen, was mit dem Gesetz oder mit den allgemeinen Anschauungen nicht übereinstimmt. Aber wir können sicherlich auch Gott danken für vieles, das gelungen ist und gut war an diesem Tag.

Natürlich darf man sich dabei nichts vormachen und gutgläubig oder leichtfertig die eigenen Wünsche in den Willen Gottes einschmuggeln. Man muß dazu schon im Gespräch mit Gott bleiben. Wo wir aber Gott mißachtet haben und Menschen geschädigt oder verletzt haben, wird in der Regel kein Dank an Gott möglich sein. Wer aber danken kann, der weiß, daß Gott ihn beschenkt hat - und das ist dann Glaube.

Die Dankbarkeit schließt den rechten Umgang mit den Gaben Gottes ein. Verwerflich werden die Dinge dieser Welt ja nur dadurch, daß wir gottwidrig damit umgehen. An sich ist alles gut, was Gott geschaffen hat. Essen und Trinken dienen der Erhaltung unsres Lebens und unsrer Kraft.

Fressen und Saufen jedoch (wie es im Römerbrief heißt) verderben Gesundheit und Leben. Oder wenn ich mich satt esse, aber die Hungernden in der Welt darüber vergesse. Das Erntedankfest warnt uns vor jeder Ichsucht.

Wenn Gott die Welt gut gemacht hat, dann kann nur der Mensch das Böse in die Welt gebracht haben. Nur muß man dabei bedenken, daß „gut“ nicht automatisch das sein kann, was uns Menschen angenehm ist. Auch bei Schwerem im Leben kann man doch darauf vertrauen, daß Gott es gut mit uns meint. Auch wenn es ganz schwer wird, darf man sich doch zu Gott flüchten. Doch das geht nur, wenn man auch wirklich in einer persönlichen Beziehung zu Gott steht. Hier geht es nicht um Weltanschauung, sondern gelebten Glauben.

Gott bleibt der Schöpfer, auch wenn uns manches in der Welt erschreckt und ängstet, plagt und quält. Er bleibt der Schöpfer, der uns sein Gutes gibt und uns nicht hungern und verkommen läßt. Indem er es wieder reifen ließ, empfangen wir seine schaffende und erhaltende Liebe. Für das, was ich verlangen kann, brauche ich mich nicht zu bedanken. Wer aber dankt, der sagt damit, daß er auf das Empfangene eigentlich kein Recht hat. Er weiß, daß er es nur empfangen hat, weil der Geber ihm etwas zuliebe tun wollte. Wenn ich danke, dann bringe ich zum Ausdruck: „Ja, ich habe es gemerkt, du hättest es nicht gemußt, aber du meinst es gut mit mir!“

In unsrer Undankbarkeit empfangen wir seine Gaben oft in stumpfer Gleichgültigkeit. Wir klagen Gott sogar noch an, wenn er uns einmal nur karg bedenkt. Würde er uns aber nur das gewähren, wofür er unseren Dank bekommt, dann wäre es längst um uns geschehen. Wenn wir erkennen, daß die Ernte mit dem Schenken Gottes zu tun hat, dann werden wir mit neuen Augen ansehen, was wir täglich genießen, und werden anders damit umgehen. Am Erntedankfest bekennen wir, daß Gott uns beschenkt hat. Der Glaube versteht sogar das ganze Leben als ein Geschenk. Gott könnte seine Hand wieder zurückziehen. Er könnte die Welt still stehen lassen. Aber er will es nicht.

Wer das erkannt hat, der dankt Gott dafür im Gebet. Allerdings findet man das Tischgebet nur noch in wenigen christlichen Familien. Es ist ja auch oft so, daß wegen der unterschiedlichen Arbeitszeiten die Woche über die Familie gar nicht gemeinsam am Tisch zusammenkommt. Aber bei Rüstzeiten wie den Konfirmandenrüsten oder bei Gemeindeveranstaltungen kann immer wieder ein Anfang gemacht werden. Wenn wir beten, dann sind wir Gäste an Gottes Tisch. Indem wir seine Gaben bewußt empfangen, kommen wir mit ihm in Kontakt. Jedes Geschenk hat nicht nur einen Gebrauchswert, sondern auch einen persönlichen Wert. Der es mir übergab, wollte mir damit ein Stück von sich selbst geben und seine Verbundenheit mit mir bezeugen. So schenkt auch Gott uns in all seinen Gaben seine Vaterliebe.

 

 

Reformationsfest: Gal 5, 1 - 11

„In der Kirche wird von der Sünde geredet!“ So lautet das unausrottbare Vorurteil.  Heute soll aber einmal von der Freiheit gesprochen werden. Sicherlich, so ganz unterschlagen kann man die Sünde auch nicht. Sie ist der dunkle Hintergrund, vor dem die Freiheit um so heller erstrahlt. Aber heute sollen niemand mit düsteren Gedanken heimgehen, sondern erleichtert und froh sein. Wir wollen von der Freiheit reden,  zu der uns Christus befreit hat.

Paulus spricht vom Gesetz und von finsteren Gewalten, vom Schicksal und vom Aberglauben, durch die der Mensch gefangen ist. Er möchte sich gern von diesen dunklen Mächten befreien durch Vernunft und gute Taten. Rund 1.000 Verbote und Gebote hatten die Juden zu beachten. Alle Dinge des Alltags wurden bis ins Kleinste geregelt. Und Gottes gutes Gesetz, das helfen sollte, die Freiheit des Menschen zu bewahren, knebelte auf einmal die Menschen bis zum Letzten und machte sie unfrei.

Gerade die Religion wurde dazu benutzt, die Menschen noch mehr in Abhängigkeit zu halten. Das war auch so zur Zeit Martin Luthers. Die Kirche organisierte Wallfahrten und Heiligenverehrung. Sie stärkte die Macht der Priester und des Papstes immer mehr, nicht nur die äußerliche Macht, sondern gerade auch die Macht über die Seelen. Zu diesem Zweck verkaufte sie Ablaßbriefe und versprach dafür den Himmel. Aber in Wirklichkeit haben sich damit nur der Erzbischof und der Papst die Taschen füllen wollen.

Von all dem hat uns Luther befreit, indem er die Bibel wieder nach ihrem ursprünglichen Sinn auslegte. So sagen es viele, die sich als gute Protestanten verstehen und daraus die Folgerung ziehen: „Die Katholiken müssen in die Kirche, wir nicht!“Und von da an ist es nur noch ein kleiner Schritt, sich ganz von der Kirche zu befreien. Nimmt der Staat uns das Geld durch den Solidaritätszuschlag, so spart man es auf der anderen Seite wieder, wenn man aus der Kirche austritt.

Auf den Schildern an den Ortseingängen kann man manchmal den Eindruck haben, hier handele es sich um ein katholisches Dorf. Dort steht: „Heilige Messe um soundso viel Uhr!“ Die evangelische Kirche sieht zwar auch noch so ein klein wenig hinter der katholischen Kirche hervor; es ist auch angegeben, wann evangelischer Gottesdienst ist. Aber ist es in der Tat nicht wirklich so, daß in dem  Ort mehr Katholiken zum Gottesdienst gehen als Evangelische. Wir als Evangelische sind ja frei, wir haben ja den persönlichen Herrgott. Aber so haben weder Paulus noch Luther die Freiheit eines Christenmenschen verstanden.

Auch die heutigen Menschen sind Gesetzen und Zwängen unterworfen. Der Hauptherrscher über den Menschen ist wahrscheinlich das Geld. Wir sind eben nicht zufrieden mit dem Sozialhilfesatz für Essen und Trinken, Wohnung und Kleidung. Wir wollen mehr und können es ja auch kriegen. Aber dazu muß man in der Regel Geld haben, muß man Karriere machen oder Überstunden, muß Macht und Einfluß gewinnen. Und auf einmal ist man ein ganz anderer Mensch, als man hat sein wollen.

Freiheit ist deshalb erst einmal Freiheit von den eigenen Wünschen und Begierden, von den Gesetzen und Vorschriften, die den Menschen unnötig einengen. Sicherlich gibt es viele gute Gesetze, die dem Wohl der Allgemeinheit dienen und die ein Christ besonders sorgfältig einhalten sollte. Nicht unterwerfen darf er sich dagegen den Gesetzen, die Menschen erfunden haben, um anderen ihren Willen aufzuzwingen.

Von den Geboten Gottes darf er sich nicht frei machen, besonders nicht von dem ersten Gebot. Denn es ist ganz klar: „Wer Gott nicht mehr haben will, kommt in ein Abhängigkeitsverhältnis zu anderen Mächten!“ Luther hat das einmal so ausgedrückt: „Der Mensch ist wie ein Reittier, das immer von einem Reiter gelenkt wird, entweder von Gott oder vom Teufel!“ Eine vollständige Selbstbestimmung des Menschen gibt es nicht.

Damit wir nicht vom Teufel geritten werden, mußte Gott uns freikaufen durch den Tod seines Sohnes. Im Altertum kam es manchmal vor, daß ein reicher Mann einen Sklaven freikaufte: Er ging auf den Markt, bezahlte den Kaufpreis und schenkte dem Sklaven die Freiheit. Oft hat dieser sich dann aber freiwillig dem Wohltäter angeschlossen und ihm gedient.

So unterstellt sich auch ein Christ gerne Gott seinem Herrn. Nur hat hier nicht ein Gewaltherrscher den anderen abgelöst, sondern der neue Herr läßt ja gerade Freiheit. Er engt nicht ein, sondern läßt uns den Weg gehen, den wir selber als den guten Weg Gottes erkannt haben.

Doch hier gibt es auch eine Gefahr. Wir meinen doch: „Etwas müssen wir doch auch tun. Wir wollen etwas leisten, denn überall in der Welt geht es nach dem Leistungsprinzip. Nur wer etwas leistet, kann sich auch etwas leisten!“ Und so polieren wir dann an unserem Bild bei den Menschen und wollen möglichst gut dastehen und Pluspunkte sammeln. Und wenn wir dann den Beifall der Menschen erlangen, dann wird auch Gott nicht umhinkönnen, unsre Bemühungen anzuerkennen.

Genauso dachten auch die Leute, die zu den Galatern gekommen waren und ihnen einreden wollten: „Das Christsein bleibt unvollständig, wenn ihr nicht auch die alten Gesetze der jüdischen Religion befolgt. Ihr müßt das Werk Christi ergänzen durch euer eigenes Tun!“ Oder umgedreht gesagt: „Schafft was ihr könnt, und was dann noch fehlt, wird Christus schon noch dazutun. Erst wenn der Gehorsam gegenüber dem Gesetz und der Glaube an Christus sich ad­dieren, ist man ein vollkommener Christ!“

Doch Martin Luther hat erkannt, daß man so nicht froh werden kann. Immer wieder hat ihn die Frage gequält: „Habe ich auch genug getan?“ Es ging ihm wie einem Menschen, der eine Prüfung bestehen soll, aber genau weiß, daß er sie nicht bestehen kann. Das aber ist Unfreiheit, das ist Sklavenjoch.

Luther aber hat erkannt: „Es kann nicht heißen „Christus  u n d  das Gesetz, sondern nur: Christus allein!“ Sicherheit habe ich nur, wenn ich mich ganz auf Christus verlasse. Und da muß man sich auch ganz klar entscheiden, ein Rückfall würde alles nur noch schlimmer machen als am Anfang.

Natürlich liegt uns das nicht besonders. Wir wollen doch etwas schaffen. Wir wollen uns nichts schenken lassen; und wenn uns doch etwas geschenkt wurde, dann wollen wir es bei nächster Gelegenheit wieder gut machen. Bei Gott brauchen wir das nicht und können es auch gar nicht. Erst wenn wir das begriffen haben, wird es uns auch wieder möglich, dennoch gute Werke zu tun.

Paulus will selbstverständlich, daß wir Gott gehorsam sind und daß der Glaube sich auch in Werken der Liebe äußert. Aber er will das nicht, um dadurch ein gutes Verhältnis zu Gott zu bekommen. Diese Sorge sind wir los, weil Gott schon das gute Verhältnis von sich aus hergestellt hat. Dadurch aber können wir uns ganz dem Menschen zuwenden, der auf unsre Liebe Anspruch hat. Da wird nicht lange gefragt, da wird nicht erst befohlen, da wird gleich mit angepackt.

Hier einmal ein Vorschlag für die kommenden Woche: Bei den Galatern ging es doch um die Beschneidung, diesen alten jüdischen Brauch, der zur Einhaltung aller jüdischen Verbote verpflichtete. Wir könnten doch einmal darauf achten, ob wir nicht in einem anderen Sinn den Menschen den Lebensraum beschneiden. Wo setzen wir andere unter Druck, weil wir Angst haben oder mißtrauisch sind? Wo machen wir Menschen das Leben schwer, denen wir doch zur Freiheit verhelfen sollten? Sind wir bereit, Menschen so anzunehmen wie sie sind, so wie Christus uns annimmt, indem er uns zu seinem Mahl einlädt?!

 

 

Kirchweih: Jos 24, 1 - 2a und 13 - 25

(1.)  Gott möchte, daß wir uns für ihr entscheiden! Immer wieder müssen wir uns in unserem Leber für der Gott entscheiden, auf dessen Namen wir einst getauft worden sind. Es genügt heute nicht mehr, einfach nur zur Kirche zu gehören. Man muß auch wissen warum, und man muß diesen Glauben auch begründet können. Aber mit jeder Auseinandersetzung und mit jeder neuen Entscheidung für Gott wird dieser Glaube nur noch mehr gefestigt.

Die Israeliten mußten sich auch immer wieder für oder gegen Gott entscheiden. Die eine Gruppe hatte es schon am Sinai getan, die anderen standen auf dem Landtag von Sichern vor dieser Frage. Sie waren in das verheißene Land gekommen. Aber dort herrschten nach ihrer Meinung andere Götter. Jedes Dorf hatte da seinen eigenen Gott, der ihm Fruchtbarkeit und Segen auf dem Feld, im Stall und im eigenen Haus versprach.

Josua aber erzählt ihnen von dem anderen Gott, der sie am Meer vor den Ägyptern gerettet hat, der sie durch die Wüste geführt hat und der ihnen das Land gegeben hat. Und er legt ihnen die Frage vor: „Wem wollt ihr dienen: den altgewohnten Göttern oder dem Gott vom Berg Sinai?“

Die Entscheidung war sicher nicht leicht. Sie mußten sich ja fragen: „Leben wir jetzt nicht im Machtbereich dieser anderen Götter? Ist man nicht auf ihren Schutz und ihre Gaben angewiesen?“ Es sind die gleichen Fragen, die wir uns auch noch zu stellen haben: „Leben wir heute nicht in einer anderer Zeit als früher? Leben wir nicht auch im Machtbereich fremder Götter? Herrscht bei uns nicht ein wissenschaftlich-technisches Denken und ein Atheismus, der nicht nur Gott leugnet und zum Teil den christlichen Glauben aktiv bekämpft? Kann man da überhaupt noch Christ sein?“

Viele sagen: „Die Zeiten sind nicht mehr so wie früher!“ Das stimmt ja auch. Aber Christ sein kann heute jeder genauso wie früher. Wenn er wegen seines Glaubens angegriffen wird, braucht er ja nicht darauf zu hören. Und gegen unberechtigte Übergriffe kann man sich ja zur Wehr setzen. Unser Gott ist nicht ortsgebunden oder zeitgebunden. Wir finden ihn nicht nur in der Kirche, sondern überall, auch in der heutigen Zeit. Dieser Gott hat Himmel und Erde und auch uns erschaffen. Er ruft uns immer wieder zum Glauben und möchte, daß wir uns für ihn entscheiden.

 

(2.) Gott hat sich längst für uns entschieden!  Wenn Gott einen Bund mit seinem Volk schließt, dann ist das kein Vertrag zwischen gleichberechtigten Partnern. Früher war es immer so, daß der Stärkere dem Schwächeren einen Bund gewährte: Er bot seinen Schutz an und stellte dafür auch gewisse  Forderungen. So hat Gott auch uns durch die Taufe in seinen Bund hineingenommen. Er will uns auch in diesem Bundesverhältnis drinhalten, selbst wenn wir es manchmal nicht verdient hätten. Doch er gibt uns das Abendmahl, um uns immer wieder in seine Nähe zu holen.

Was er vor uns erwartet, das ist eigentlich im ersten Gebot dargelegt: „Du sollst keine anderer Götter haben neben mir!“ Dabei ist auch der Ausweg verschlossen, daß man Gott und diesen anderen „Göttern“ gleichzeitig dienen könnte. Gott duldet keine Konkurrenz neben sich. Entweder man entscheidet sich ganz für ihn oder ganz gegen ihn, etwas anderes gibt es auf die Dauer nicht.

Viele versuchen auch heute immer noch, beides nebeneinanderher laufen zu lassen. Sie wollen es mit Gott und der Kirche nicht ganz verderben, wollen sich aber auch all das andere nicht entgehen lassen, was man bei einem Leben ohne Gott unter Umständen manchmal haben kann. Andere wiederum haben begriffen, daß man nichts verliert, wenn man zu Gott gehört, sondern großen inneren Gewinn für sein Leben davon trägt. Wir müssen aber erkennen:

 

(3) Es ist nicht leicht, zu Gott zu gehören! Josua sagt auch zu seiner Leuten: „Ihr könnt dem Herrn nicht dienen. Er verlangt viel von euch und er wird euch unter Umständen auch bestrafen!“ Vielleicht ist dieser Vers erst von einem späteren Abschreiber eingefügt worden, der solche schlechten Erfahrungen schon vor Augen hatte. Aber es ist schon notwendig, daß man sich rechtzeitig die Folgen überlegt. Es ist schon ein Unterschied, ob man nie etwas von Gott gehört hat oder ob man sich nachher wieder vor ihm abgewandt hat. Wir können niemanden einen Vorwurf machen, der seine Eltern nicht haben taufen lassen oder der nicht christlich erzogen wurde. Aber es ist Schuld vor Gott, wenn sich einer etwa im Konfirmandenalter wissentlich und willentlich von ihm abgewandt hat.

Unser Gott ist nicht wie die Götter dieser Welt, die den menschlichen Wünschen und Neigungen entgegenkommen. Er sagt nicht freundlich zu allem „Ja“, was wir uns zunächst ohne ihn ausgedacht haben. Er beunruhigt uns auch und erlaubt uns nicht, da zu bleiben, wo wir gerade stehen. Aber gerade weil Gott so einen klaren Standpunkt hat und nicht mit sich handeln läßt, lohnt es sich, zu diesem Gott zu gehören?.Gerade junge Menschen wollen sich doch oft für etwas einsetzen, auch wenn sie Opfer dafür bringen müssen. Und unser Gott lohnt den Einsatz und zeigt uns ein Ziel für unser Leben.

Josua jedenfalls sagt ganz entschieden: „Ich aber und meine Familie wollen dem Herrn dienen!“ Er ist allerdings nicht der Meinung, es sei gleichgültig, welchem Gott man dient. Sein Volk soll wählen! Aber nicht deshalb, weil Religion eine Geschmackssache ist, sondern weil sich jeder hier selber entscheiden muß.

Auch bei uns kann man von manchen Eltern hören: „Mein Sohn wird konfirmiert. Was er dann macht, kann mir egal sein!“ Gewiß  muß man einem Menschen in diesem Alter die Entscheidung selber überlassen. Aber egal kann es der Eltern nicht sein, weil es sich hier um eine Sache auf Leben und Tod handelt. Die Frage heißt nicht: „Welcher Gott gefällt dir am besten?“ sondern: „Wollt ihr dem Gott dienen, dem ihr alles verdankt, oder wollt ihr von ihm abfallen?“

„Abfallen“ bedeutet soviel wie all das Gute leugnen, das Gott getan hat: Er hat Christus für uns sterben und auferstehen lassen. Er ist unser Herr seit der Taufe. Gott hat sich mit uns verbündet und uns in seine Gemeinschaft berufen. Soll das alles auf einmal nichts mehr sein?

„Entscheiden“ bedeutet nichts weiter als das Anerkennen dessen, was Gott für uns getan hat. Gott streckt uns die Hand entgegen und wir brauchen nur in sie einzuschlagen; dann wird er uns auch weiterhin an der Hand durchs Leben führen. Das ist die einzig g u t e Möglichkeit, die uns bleibt; alles andere wäre verhängnisvoll.

 

(4.) Unsre Entscheidung soll aber auch zur Tat führen! Das Wort „dienen“ wird manchem vielleicht nicht besonders passen. Aber gemeint ist damit die freiwillige Hingabe an einen, dem man gerne folgt. Es ist wirklich eine große Sache, an der Seite dieses Gottes durchs Leben zu gehen, durch Höhen und Tiefen, durch Dick und Dünn. Es lohnt sich auch, daß auch einmal gegen den Strom zu schwimmen und nicht das mitzumachen, was alle tun. Gott steht dem schon bei, der sagt: „Ich aber will dem Herrn dienen!“ Gott braucht jeden von uns, damit es in der Welt mehr nach seinem Willen zugeht. Aber er verheißt auch seinen Beistand und seine Treue all denen, die sich auf seine Seite stellen und in seinem Auftrag in der Welt wirken wollen (Der Text eignet sich auch gut für die Konfirmation).

 

Drittletzter Sonntag: Hiob 14, 1 - 6

Im Nachbardorf gab es einen Unfall gerufen. Eine Familie war dabei, ein altes Nebengebäude abzureißen. Nur die eine Giebelwand stand noch. Sie beratschlagten, wie sie am besten mit dem Bagger vorgehen sollten. Als der Vater sich gerade umgedreht hatte, stürzte die Wand um und fiel auf ihn. Er war sofort tot. Das ist sicher ganz schwer, wenn ein Mensch eben noch lebendig da stand und nun von einer Sekunde zur anderen tot am Boden liegt. Vor allem der Sohn des Verstorbenen machte sich Vorwürfe, weil der Abriß auf seinen Wunsch zurückging.

Der Notfallseelsorger war auch gerufen worden.  Nachdem die Polizei mit ihren Untersuch­ungen fertig war, konnten sich die Angehörigen sich in Ruhe von dem Vater verabschieden. Der Pfarrer sprach mit ihnen über die Vorwürfe und verwies darauf, daß der Vater ihnen ja etwas Gutes tun wollte. Auch die Polizisten waren dankbar für diesen Dienst.

In so eine Situation spricht auch der heutige Predigttext: „Der Mensch lebt nur eine kurze Zeit. Es ist ihm ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann!“ Im Grunde ist es gut, wenn die Lebenszeit eines Menschen beschränkt ist. Wie wollte man sonst mit einem solchen Unglücksfall zurechtkommen, wenn dadurch ein an sich ewig dauerndes Leben beendet würde? So aber weiß man: Der Mensch muß sowieso sterben, der eine früher, der andere später. Ein Unglücksfall ist zwar im Augenblick schrecklich, aber er ist nicht der Untergang. Auf das

wirklich ewige Leben bei Gott warten wir noch.

Das ist der Unterschied, den wir als Christen kennen. Das Alte Testament weiß noch nichts von der Auferstehung, die erst mit Jesus Christus begonnen hat. Deshalb lesen wir es vom Neuen Testament her und verstehen es nur als dunkle Folie hinter dem Licht der Auferstehung, auf die wir warten dürfen.

Hiob klagt über die Vergänglichkeit des Menschenlebens. Es ist kurz an Tagen und satt an Unruhe. Der Mensch ist wie eine dahinwelkende Blume oder wie der flüchtige Schatten, den man nicht zum Stehen bringen kann. Gott aber spürt diesem kurzlebigen Geschöpf nach und zerrt es vor sein Gericht. Hiob jedenfalls sieht in den Unglücksschlägen, die ihn getroffen haben, ein Gericht Gottes. Bei ihm stürzte das Haus über allen seinen Kinder zusammen, die zu einem Fest versammelt waren. Auch seine Frau kam um, sein reiches Vermögen ging verloren, und zuletzt wurde er selbst von einer schweren Krankheit geschlagen.

Wenn aber kein Mensch es verdient, seinem Schicksal zu entrinnen, dann sollte Gott doch sein Geschöpf in diesem kurzen Leben in Ruhe lassen. Dann sollte er doch nicht um den Menschen kümmern, der wie ein Tagelöhner gewissermaßen von der Hand in den Mund lebt. Dann könnte der Mensch wenigstens in seinem kurzen Leben ein wenig glücklich sein. Soweit die Klage Hiobs.

Damit dürfte er die Lebensauffassung vieler heutiger Menschen getroffen haben, nur daß die statt „Gott“ dann eher „das Schicksal“ sagen: In dem bißchen Leben möchte ich gern ungestört bleiben und mein kleines Glück genießen können. Gott aber sieht das anders: Er will hinein in unser Herz, das sich gegen ihn verschließen möchte. Das ist genau das Gegenteil von dem was Hiob will und was auch der heutige weltlich eingestellte Mensch sich wohl wünscht.

Was der weltliche Mensch denkt, wird - mehr oder weniger heimlich und verstohlen - auch

von Christen gedacht. Eine Frau, die der Pfarrer zum Geburtstag besuchte, war schon etwas verwirrt und hatte wohl nicht so ganz mitgekriegt, daß der Pfarrer bei ihr war. Sonst hätte sie wohl nicht gesagt: „Was nach dem Leben kommt, wissen wir nicht!“ Denn natürlich wissen wir das! Nicht in allen Einzelheiten, aber wir wissen doch, daß Christus in die vergängliche Existenz des Menschen hineingegangen ist, um uns da heraus zu holen. So sprechen wir heute von der Hiobsituation und ihrer Überwindung: Wir sind vergänglich, aber zum Leben bestimmt!

Wir wissen zwar, worauf wir uns einzurichten haben, aber wir schieben den Gedanken immer wieder weg. Daß wir sterben müssen, davon wird nicht geredet, und zwar je näher der Tod kommt, desto weniger. Über den Tod im allgemeinen wird man vielleicht noch reden, aber

nicht über den eigenen Tod, das ist doch taktlos und vielleicht auch unbarmherzig.

Der Tod ereignet sich selten vor aller Augen. Gestorben wird meist in Krankenhäusern, und zwar in Einzelzimmern. Gerade wo das menschliche Leben so sehr dem Verfall ausgesetzt ist, wird es verborgen. Trotzdem merken wir jeden Tag die Hinfälligkeit alles Lebendigen: Das Haar ergraut, der Tritt wird unsicherer, aus Fältchen werden Falten. Noch hilft die Brille, aber vielleicht ist bald ein Hörgerät fällig. Wir tun alles, um diesen Prozeß aufzuhalten oder doch wenigstens zu verlangsamen. Warum ist es so schwer, darin einzuwilligen, daß uns die Tage zugemessen sind?

Wir wissen, daß wir auf mehr angelegt sind, als wir bestenfalls umsetzen. Wir sind noch nicht der, als den uns Gott gedacht hat. Wir müssen das Sterben erst noch als eine zu bewältigende Aufgabe erkennen und annehmen. Eine schwere Krankheit oder Todesgefahr kann da schon so etwas wie eine Generalprobe sein.

Das Sterben ist vielleicht die größte Aufgabe unsres Lebens, so widersprüchlich das klingen mag. Es geht darum, auch im Sterben noch Gott dadurch ehren, daß wir anerkennen: Er hat unsre Zeit in seinen Händen, wir können uns gehorsam in seine Hand fallenlassen.

Aber wir brauchen uns nicht immer mit Todesgedanken zu quälen. Aber wir sollten das Ster­ben müssen einbauen in unser Lebenskonzept. Dazu gehört auch, daß wir - soweit wir das können - den Tod schon vorausdenken und im Glauben bewältigen. Hiob - das ist jeder von uns. Deshalb habe ich mir einzugestehen, daß ich vergänglich bin. Aber ich erfahre zugleich, daß ich zum Leben bestimmt bin. Doch erst mit der Auferstehung Jesu Christi wird der neue Horizont geschaffen, in dem auch unser eigener Tod überwunden wird.

In allem Wechsel gibt es ein Bleibendes, das meinen Namen trägt und das nicht ausgelöscht, sondern durchgehalten wird. Auferstehung ist nicht die Verlängerung oder die Wiederherstellung des alten Lebens. Aber wenn wir mit dem Auferstandenen verbunden sind, können wir die Merkmale des allgemeinen Verfalls mit anderen Augen ansehen. Sie erzeugen nicht mehr das lähmende Gefühl der Hoffnungslosigkeit oder gar der Panik kurz vor dem Absturz ins Bodenlose.

Weil unser Leben in diesem Sinne gesichert ist, können wir bei all den Versprechungen der Gesundheitsindustrie gelassen bleiben. Da verspricht zum Beispiel ein Arzt: „Wenn Sie mit 65 Jahren gesund sind und dann alle Jahre meine teuren Spritzen kaufen, dann können Sie 85 Jahre alt werden!“ Warum verspricht er nicht gleich 100 Jahre? Das ist doch reine Verkaufsstrategie: Erst wird Angst erzeugt, um dann den Ausweg zu zeigen, nicht zum Wohl des Patienten, sondern zugunsten des Geldbeutels des Arztes.

Da ist doch besser, was ein anderer Arzt einmal sagte: „Manche Menschen essen jahrzehntelang wenig und nur nach Vorschrift, um am Ende 20 Minuten länger zu leben!“ Nun wir wissen, daß es wahrscheinlich mehr als 20 Minuten sind. Aber Jesus sagt: „Niemand kann seinem Leben auch nur eine Elle hinzufügen!“ Mit diesem Wissen läßt es sich doch viel gelockerter leben.

Doch wir müssen auch von der Schuld sprechen, die unser Leben prägt. Hiob fragt, ob sein Los nicht zusammenhängt mit dem, worin er selbst gefrevelt hat. Es ist bewegend, wie ernst Hiob seinen Gott nimmt. Er sieht Gottes Augen ständig auf sich gerichtet. Und Gottes Augen sehen kritisch. Wir täten manches nicht, wenn wir nicht im Innersten meinten, Gott sieht es nicht, ja es gäbe gar keinen Gott, der es sehen könnte.

Es ist rührend, wie der Unglückliche meint, er könnte aus seinem kleinen Leben noch etwas machen, wenn Gott endlich wegsähe. Dann würde er auch das Versagen und Schuldigwerden nicht bemerken. Hiob sieht in Gott nur den Aufpasser und Richter und wünscht sich nur das eine: Gott los zu werden!

Von Jesus lernen wir, daß wir genau das Gegenteil nötig haben: Gott möge nur seine Augen über uns offen halten! Wenn unser Verhältnis zu Gott in Ordnung ist, dann sind wir nicht nur durchschaut, sondern auch geliebt. Der uns umgibt, ist nicht unser Beschatter, sondern unser Vater und Helfer. Der in Christus gegenwärtige Gott, der uns von allen Seiten umgibt, ist für uns.

Hiob sagt noch: „Auch nicht einer kann Reines aus Unreinem hervorbringen!“ Wir aber können sagen: „Doch, es gibt einen!“ Der vom Himmel gekommen ist, hat sich unter die Unreinen gemischt, damit Hiob und Seinesgleichen wieder rein werden. Hiob ist für rein erklärt, und wenn das von Gott kommt, dann ist das auch so. So kann auch Hiob seinen Christus finden. So können auch wir unseren Christus finden.

 

 

Vorletzter  Sonntag: Offb. 2, 8 - 11

Mancher Kirchengänger möchte gerne hören, daß seine Treue sich auszahlen wird. Dabei erhebt er sich gern über andere, die leer ausgehen sollen. Doch vielleicht wäre es besser, nicht überheblich zu sein und sich von anderen abzugrenzen. Vielmehr könnten wir uns fragen: „Haben wir schon einmal einen Punkt erlebt, wo es nicht weiterzugehen schien? Haben wir schon etwas erlebt wie einen Tod, und es ging dann doch weiter, wenn auch ganz anders? Wie haben wir unsre Jugendzeit erlebt, oder die Zeit, als die Kinder aus dem Haus gingen, oder das Rentenalter? Wer hat uns da durchgetragen? Sind wir den Krisen ausgewichen und haben das Sterben nur verdrängt und somit auch eine Beziehung zur Auferstehung nicht gewonnen?“

Erst im Leiden wird die Treue zum Herrn bewährt. Der Herr weiß um das Leiden, er hat es erwartet und er lohnt es. So besagt es das Sendschreiben an die Gemeinde in Smyrna. Sie soll lernen: Glaubensgehorsam besteht nicht nur in der Hingabe an den Mitmenschen, sondern auch in der Treue zum Herrn der Kirche selbst.

 

1. Gott weiß um das Leiden: Die kirchliche Lage in Smyrna ist trübe. Das Leben ist durch die Religionspolitik des Kaisers Domitian und seine göttlichen Ansprüche bestimmt. Dabei war das heidnische Denken durchaus populär. Das heidnische Wesen paßte sehr gut zu dem Begehren und Hoffen, zu des Ängsten und Wonnen des natürlichen Menschen. Das ist ja auch heute so: Der Atheismus liegt dem Menschen viel näher als das Christentum, man braucht ihn nicht zu lehren, er liegt im Menschen drin.

Die Gemeinde in Smyrna wurde aber nicht nur vom Staat bedrängt, sondern auch von den Juden. Diese bezeichneten die Christen als Gesetzesbrecher und sahen in ihnen Abtrünnige. Die Christen wiederum bezeichneten sich als das wahre Israel und die Juden als die „Synagoge des Satans“. Der Konflikt dürfte hart gewesen sein. Man lästerte sich gegenseitig. So erfuhr die christliche Gemeinde also Bedrängnis von zwei Seiten. Sie war eine kleine Minderheit in der Stadt, vorwiegend aus armen Leuten bestehend, in einer reichen Stadt doppelt bedrückend. Aber man mußte feststellen, daß man nicht viel tun konnte.

Doch da meldet sich der Herr der Gemeinde durch dieses Sendschreiben: „Ich weiß deine Trübsal und deine Armut!“ Ich kenne deine Situation, auch das mit den Juden weiß ich genau. Ihr sollt nicht denken, daß ihr vergessen und abgehängt seid. Er weiß alles‚ was über seine Gemeinde und die einzelnen Christen kommt.

Das gilt auch für uns heute, die wir vielleicht mehr unter persönlichen Problemen zu leiden haben. Christus registriert unsre Schwächen genau. Aber das soll uns nicht schrecken, er will sie uns ja nicht vorhalten. Vielmehr ist das zum Trost gesagt: „Der Herr denkt und leidet mit uns. Wir glauben nicht an einen toten Christus, der uns zwar bestimmte Impulse mitgegeben hat, aber sonst nur in der Erinnerung weiterlebte.

Was eine christliche Gemeinde auszustehen hat, kommt nicht über sie ohne Christus. Der Herr weiß um die Drangsal und das Verletztsein unter den Schmähungen. Er weiß es, also ist er auch dabei. Sein Wissen ist ein Mitgehen. Er hat auch die Pflicht, die Lage seiner Kirche zu wenden .

Keiner hat etwas zu leiden „aus Versehen“, ohne Grund und Sinn. Christus kennt auch die Grenze unsrer Belastbarkeit. Aber er vergißt niemanden und überläßt niemanden sich selbst. Und wenn Domitian die Christen herausfordert, dann fordert er ihren Herrn heraus. Und wenn die Juden die Gemeinde schmähen, dann schmähen sie Christus.

Die Leiden der Gemeinde sind „Christusleiden“. Sie werden ausgestanden in der Nachfolge des Gekreuzigten. Christus war ja auch arm und machtlos, er wurde ebenfalls geschmäht und verfolgt. Aber die Gemeinde ist auf Gedeih und Verderb mit ihm verbunden. Das ist wie bei kommunizierenden Röhren‚ die untereinander verbunden sind: Füllt man in die eine Röhre Wasser hinein, dann steigt es auch in den anderen hoch.

Christus war tot, aber er ist wieder lebendig geworden. Die Gemeinde hat Anteil am Leiden Christi, aber sie hat auch Anteil an seiner Auferstehung. Das gilt auch für den einzelnen Christen: Er muß leiden in der Welt und eines Tages sterben. Aber er wird auch mit Christus auferweckt zu einem neuen Leben.

Wer also leidet, sollte nicht versuchen auszubrechen. Liebe zwischen Menschen wird ja erst richtig groß und schön, wenn sie auch bereit sind, einander Opfer zu bringen. Man kann nicht nur  Nutznießer gemeinsamen Glücks sein, sondern sollte auch im Leiden zusammenstehen. Eine nur triumphierende Kirche würde mehr und mehr an ihrem Herrn vorbeileben.

 

2. Gott erwartet das Leiden: Die Offenbarung rechnet damit, daß es noch zu großen Trübsalen kommen wird. Trübsale sind dabei nicht zufällige Störungen in einem normalerweise unangefochtenem Leben, sondern sie gehören zu dem, was geschehen muß, was dem Willen Gottes entspricht.

Die Gemeinde soll für das Kommende gerüstet sein. Ihr Herr sagt: „Fürchte dich nicht vor dem, was dir an Leiden bevorsteht!“ Im Leiden bewährt die Gemeinde ihre Treue zum Herrn, und dieser Herr erwartet das.

Hinter dem, was die Gemeinde auszustehen hat, steht der Teufel. Er bleibt als Regisseur im Hintergrund‚ vorne auf der Bühne handeln die Handlanger des Kaisers. Man sollte den Teufel nicht in das Reich der Fabel verweisen. Sicherlich ist er nicht eine Spukgestalt wie in Goethes Faust, halb zum Fürchten und halb zum Lachen. Er läßt sich viel einfallen, um Menschen und Völker gegeneinander aufzuhetzen und die Atmosphäre weltweit zu vergiften. Wenn er das Reich Gottes kommen sieht, wiegelt er die Menschen erst recht auf. Aber dabei wird er nervös und gerät unter Zeitdruck. In diesem Zusammenhang sind die Trübsale zu sehen, auf die die

Gemeinden sich gefaßt zu machen haben.

Doch ihnen wird gesagt: „Das geht vorüber! Ihr werdet nur auf die Probe gestellt‚ wie lange euer Glaube durchhält!“ Wir möchten von Belastungsproben möglichst verschont bleiben oder sie so schnell wie möglich hinter uns bringen. Aber durch die Art, in der wir Leiden tragen, können wir Gott die Ehre erweisen.

Ein Beispiel dafür ist der Bischof Polykarp von Smyrna, der wirklich treu bis zum Tod gewesen ist. Als er im Jahre 155 vor seinen Richter stand, bekannte er: „Schon 86 Jahre diene ich Christus. Er hat mir nichts zuleide getan. Wie kann ich meinen König läster, der mich erlöst hat!“ Vielleicht war er sogar der Bote, der den Brief an die Gemeinde in Smyrna zu verlesen hatte; vielleicht hat er gehört, wie er vorgelesen wurde. Treue bis zum Tod - das war die Erwartung, die der Herr in ihn gesetzt hatte. Mit einem Dankgebet hat er den Scheiterhaufen bestiegen.

 

3. Gott lohnt das Leiden: Wer bis zum Tode treu ist, dem wird der „Kranz des Lebens“ gegeben. Dabei ist weniger an einen Siegerkranz für den Sieger beim Wettkampf gedacht. Vielmehr ist es eine Art Heiligenschein, ein Zeichen für die Teilhabe am göttlichen Leben. Es ist nicht eine Siegerkrone, sondern sie soll Frieden ausstrahlen und bedeutet Geborgenheit in aller Anfechtung. Die Gemeinschaft mit Christus soll nach bestandenem Kampf noch vollkommener werden.

Nichts anderes meist au.cu die „Rettung vom zweiten Tod“. Wir haben, wenn wir ans Sterben denken, meist nur den ersten Tod im Auge: das Ende des Erdendaseins, den Zusammenbruch der körperlichen Funktionen, den Zerfall des Leibes. Das ist die natürliche Seite des Sterbenmüssens.

Aber der Tod hat noch eine ernstere Dimension: Wenn der ewige Richter einen Menschen der Verdammnis überantwortet, dann erleidet er erst sein endgültiges Sterben. Christus aber verheißt den Treuen, daß sie davon verschont bleiben. Sie stehen ja auf der Seite ihres Herrn, der die Verlorenen annimmt und ihnen das Leben schenkt. Wenn die letzte Entscheidung bevorsteht, dann sagt Christus: „Fürchtet euch nicht für den, der bei mir ist und bei mir bleibt, ist alles gewonnen.

 

 

Buß- und Bettag: Offb. 3, 14 - 22

Einen „goldenen Mittelweg“ gibt es beim Christsein nicht. Angeblich fährt man am besten, wenn man möglichst unauffällig bleibt, nie den ausgefallenen Meinungen anhängt und immer den Weg des geringsten Widerstandes geht. Das mag eine Zeitlang gut gehen. Aber einmal

muß man sich doch entscheiden und Farbe bekennen, rechts oder links?

Der Gemeinde in Laodizea aber wird der Vorwurf gemacht: „Du hast dich noch gar nicht entschieden und denkst auch gar nicht daran!“ Man hatte sich zwar von Paulus taufen lassen, aber nach der ersten Begeisterung war alles beim Alten geblieben. Die Stadt war reich, der Handel blühte, man konnte sich im Wohlstand sonnen. Wozu denn da noch Gedanken machen über die „Religion“? Sogar ein schweres Erdbeben hatte man überstanden und die Stadt ohne fremde Hilfe schöner und neuer wieder aufgebaut.

Kennen wir diese Töne nicht irgendwie? Unser „Erdbeben“ war der Zweite Weltkrieg. Mancher ist dadurch wieder in die Nähe Gottes gekommen. Aber heute hat sich vieles beruhigt. Wir leben im Wohlstand, den wir uns geschaffen haben. Uns geht es gut, wir haben keine Sorgen! Unser Verhältnis zu Gott ist in Ordnung, weil unser Verhältnis zur Kirche geregelt ist -  denken wir.

 

1. Ernst machen: Doch so einfach läßt sich das sicher nicht sagen. Natürlich gehören wir zur Kirche. Aber vielleicht müßte Gott auch über unsre Gemeinde sagen: „Ihr seid nur lauwarm!“ Ein lauwarmes Getränk schmeckt uns nicht: wir wollen entweder einen heißen Kaffee oder ein kaltes Bier. Aber so ein Mischmasch - das würden wir ausspucken.

Und so könnte Gott auch uns ausspucken, weil wir nur lauwarm sind. Wo sind denn heute die, die nach dem Krieg wieder in die Kirche eingetreten sind? Was ist mit denen, die zum Gottesdienst kommen, wenn sie wieder draußen sind vor der Kirchentür? Wenn man schon mitmacht, dann muß man auch ganz dabei sein. Vielleicht ist uns auch der Wohlstand nicht gut bekommen. Wir haben uns den Verhältnissen unsrer Umwelt angepaßt und sind in nichts mehr von den anderen Einwohnern unsres Ortes zu unterscheiden. Die Arbeit nimmt uns stark in Anspruch, während das geistliche Leben auf einen Zustand der Mittelmäßigkeit abgesunken ist: ein Durchschnittschristentum! Man ist nicht dagegen, aber auch nicht richtig dafür. Christus hat es aber wohl leichter mit denen, die entschieden „Nein“ sagen, als mit den stumpfsinnigen und unentschiedenen „Christen“.

Das durchschnittliche Bild einer Kirchengemeinde sieht doch so aus: Ein großer Kreis - die Gemeinde! Am Rande leben die Ausgetretenen und die, die noch offiziell dazugehören, aber keinerlei Verbindung mehr haben, nicht einmal durchs Geld. Dann kommen nach der Mitte zu die „Vierradchristen“ und die „Einjährigen“. Die Vierradchristen kommen viermal in ihrem Leben auf Rädern zur Kirche: Zur Taufe im Kinderwagen, zur Konfirmation im Auto, zur Trauung in der Kutsche und zur Beerdigung im Leichenwagen. Und die Einjährigen kommen nur einmal im Jahr, meist an Heiligabend.

Im Kern dieses großen Kreises leben dann die „bewußten“ Christen, die etwas von Gott und der Kirche erwarten und die auch bereit sind, wirklich mitzumachen. Gott will nun, daß die lauwarme Gruppe der Vierradchristen und der Einjährigen sich hineinziehen läßt in diesen inneren Kreis, zu denen also, die sich ganz zur Gemeinde halten. Ein Zwischending gibt es nicht: entweder ganz fort oder ganz dazu ,heiß oder kalt.

 

2. Wertvolles kaufen:

Nur meint halt mancher, er habe das doch nicht nötig, bei ihm sei doch alles in Ordnung, selbst wenn er nicht zu dem inneren Kreis der „ganz Frommen“ gehört, wie man sich dann ausdrückt. Die Leute in Laodizea haben genauso gedacht. Deshalb sagt ihnen Gott in diesem Sendschreiben nicht ohne eine scharfe Ironie: „Ihr seid zwar reich und macht große Bankgeschäfte, so daß sogar der berühmte Cicero empfiehlt, nur bei euch das Geld wechseln zu lassen.  Aber ihr müßt wissen: Wertbeständiges und reines Gold müßt ihr erst von mir kaufen! Und ihr Leute aus der Textilindustrie, ihr gebt an mit euren modischen schwarzen Stoffen, die in der ganzen Welt bei der wohlhabenden Leuten begeht sind. Aber selber lauft ihr nackt herum, denn ihr könnt eure Schandtaten nicht verbergen. Kauft euch lieber weiße Kleider von mir! Und ihr Augenärzte mit eurer berühmten Salbe, ihr könnt ja selbst nicht sehen. Laßt euch erst einmal von mir die Augen öffnen!“

Damit soll auch uns gesagt sein: Man hat vielleicht ein ansehnliches Einkommen und ein dickes Sparbuch und kann doch vor Gott bettelarm sein. Man kann andere einkleiden und selbst in Blöße und Schande herumlaufen. Man kann augenkranken Menschen für teures Geld Salbe verkaufen und doch für dringliche und unaufschiebbare Dinge, für Gott und die Menschen blind sein.

Sicher gibt es auch bei uns manche Dinge, auf die wir uns verlassen, die aber bei Gott gar nichts gelten. Wir streben auch nach äußerem Lebensstandard und haben keine Zeit und kein Geld für den Mitmenschen. Bei allem Reichtum geht die Menschlichkeit verloren. Wie mancher repariert an seinem Haus herum und versäumt darüber den Gottesdienst.-Wie wenig berührt uns doch der Krieg in …… weil wir selber Ruhe haben. Wie wenig kümmert uns eine Naturkatastrophe, wenn es nur uns nicht getroffen hat.

Es kann uns aber als Christen nicht gleichgültig sein, ob die Gemeinde jeden Sonntag Gottesdienst hat oder nicht - ob in der Gemeinde das Abendmahl hochgeschätzt oder geringgeachtet wird - ob die Kinder zum kirchlichen Unterricht und zum Kindergottesdienst gehen oder nicht - ob in den Familien am Tisch gebetet wird oder nicht, ob den Hungernden in der Welt geholfen wird oder nicht.

Nicht der Atheismus ist die größte Gefahr für die Kirche, sondern Selbstgerechtigkeit und Gleichgültigkeit. Der Atheismus gibt sich als Gegner wenigstens gleich zu erkennen und man kann sich dagegen wappnen. Die Gleichgültigkeit aber ist wie eine schleichende Krankheit, ohne Schmerzen, aber am Ende doch tödlich.

Unsre Gefahr ist, daß wir bei aller „Christlichkeit“ Gott gar nicht an uns heranlassen. Warum sollte man nicht zur Kirche gehören, das ist ja Tradition. Aber man braucht sich ja dabei nicht in Unkosten zu stürzen. Den lieben Gott lassen wir einen frommen Mann bleiben und behalten uns selbst alles Weitere vor. Die kirchlichen Fassaden können ruhig stehen bleiben, denn es lebt sich ganz gut hinter ihnen; vor allen Dingen fühlt man sich hier vor Gott sicher.

Manche meinen: „Wenn einer aus der Kirche ausgetreten ist, dann sollte er sich auch dazu bekennen. Darum sollte er auch nichts dagegen haben, daß dieser Austritt genauso wie eine Taufe auch im Gottesdienst abgekündigt wird!“ Aber viele wollen das nicht. Sie wollen zwar ihr Ansehen bei den Nachbarn wahren, wollen sich aber nicht wirklich engagieren.

Es gibt auch Leute, die meinen: „Die Kirche sollte trotzdem solche Leute gegen eine entsprechend hohe Geldzahlung beerdigen!“ Das ist ja nur auch wieder inkonsequent: Entweder hält einer etwas vom Glauben und beteiligt sich voll und ganz bei der Kirche, da wird er auch kirchlich beerdigt. Oder er ist dagegen, dann kann er logischerweise auch nicht mit Gebet und Segen beerdigt werden.

Die Kirche ist kein Dienstleistungsbetrieb, der für Geld alles macht. Hier muß sich schon jeder entscheiden - und zwar zu seinen Lebzeiten - wie er es einmal haben will. Man kann mit Gott kein unernstes Spiel treiben. Er nagelt uns fest, so wie die Menschen damals seinen Sohn Jesus festgenagelt haben. Selbst wenn wir gleichgültig bleiben oder unentschieden, haben wir damit dennoch eine Entscheidung getroffen.

Die Zugehörigkeit zu Christus ist nicht Sache unserer Wahl. So wie wir uns Vater und Mutter nicht aussuchen konnten, so können wir auch nicht den Ursprung aller Schöpfung aussuchen. Wir können uns die Sonne nicht aussuchen, von der wir alle leben, aber wir dösen oft gedankenlos unter dieser Sonne dahin.

Aber es ist nun einmal so, daß die „Religion“ bei wachsendem Wohlstand und zunehmender Sicherheit bei den Leuten an Interesse verliert. Aber wir irren, wenn wir meinen, mit steigendem Monatseinkommen könnten wir Gott für immer entbehrlicher halten. Wir irren aber auch, wenn wir meinen, Gott würde uns absichtlich kurz halten, damit er nicht überflüssig wird in unsren Augen. Er ist nicht ein Gott, der zum Ausgleich einige Trostpreise verteilt.

 

3. Auf Christus einlassen:  Glaube und Wohlstand schließen sich nicht aus. Abrahams Glaube wird in der ganzen Bibel als beispielhaft erwähnt und doch war er sehr reich. Nur ist es eben falsch, wenn man den Wohlstand für den einzigen Sinn des Lebens hält. Es ist nicht bedenklich, wenn wir etwas haben. Es kommt nur darauf an, wie wir das ansehen, was wir haben:

ob wir uns darauf verlassen und Gott für überflüssig halten oder ob wir alles als Gottes Geschenk in Empfang nehmen.

Gott kennt aber unsre Schwächen auf diesem Gebiet. Deshalb warnt er uns und straft uns notfalls auch, aber aus Liebe. Es geht dabei nicht ohne Schmerzen ab. Aber was eigentlich so hart klingt, ist in Wahrheit ein großer Angriff seiner Liebe auf uns. Am Buß- und Bettag sind harte Töne üblich; es ist nicht alles so bequem, was wir uns von der Bibel sagen lassen müssen.

Aber wir wollen zum Schluß doch nicht der Trost vergessen, der uns auch heute gesagt wird: Jesus geht nicht einfach an unsrer Tür vorbei, sondern er klopft an und will hereinkommen, auch wenn wir im Grunde noch so schlechte Menschen sind. Nur wenn wir die Tür zulassen, wird uns das zum Gericht. Wenn wir Jesus aber hereinlassen, dann können wir noch einmal umkehren. Das ist nämlich mit dem Wort „Buße“ gemeint.

Auch wenn wir nicht nach ihm gefragt haben, so klopft er doch bei uns an und fragt nach uns. Dann können wir noch einmal von vorne anfangen. Wir brauchen eben nur die Tür zu öffnen, und zwar nicht nur einen Spalt, sondern richtig weit. Dann kann er hereinkommen und mit uns am Tisch sitzen und essen. Er kommt nicht zum Gericht, sondern zum Mahl. Er kommt als unser bester Freund. Aber gerade deshalb sollten wir für ihn bereit und offen sein. Aber dann sind  nicht mehr wir die  Gastgeber, sondern Christus lädt uns ein zu seinem Mahl.

 

 

Letzter Sonntag: Jes 65, 17 - 19 und 23 - 25

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