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Reihe VI

 

 

Reihe VI

 

1. Advent: Hebr 10, 19 - 25

Wenn es auf den Winter zugeht, wird es Zeit, schon die Urlaubsreise für den nächsten Sommer zu planen. Viele werden schon gebucht haben, obwohl die Kataloge noch gar nicht da sind. Doch zuerst einmal steht Weihnachten vor der Tür. Aber da machen es viele so, daß sie sich auf ein „Last-minute“- Angebot verlassen: Erst im letzten Augenblick wird ihnen dann bewußt, daß ja Weihnachten plötzlich drohend bevorsteht und noch ganz schnell etwas vorbereitet werden muß.

An die Geschenke hat man ja meist gedacht, auch für Essen und Trinken wird gesorgt. In der Kirche aber wollen wir uns fragen, wie wir uns innerlich auf dieses Fest vorbereiten können. Der Hebräerbrief aber weist uns nicht nur auf die jetzt bevorstehenden Christtage hin, sondern auf den Tag, an dem Christus endgültig wiederkommen wird, zu richten die Lebenden und

Toten.

Insofern ist Advent eine Zeit der ernsthaften Besinnung und Prüfung. Aber Kerzenschimmer und ein bißchen Romantik dürfen auch sein, denn wir erwarten nicht nur das Gericht, sondern wir freuen uns auf die Begegnung mit unserem Herrn.

Der Hebräerbrief lädt uns ein, doch zu diesem Herrn zu kommen, weil der Himmel für alle offensteht. Und er fordert uns auf, festzuhalten am Bekenntnis und auch aneinander festzuhalten. Drei Schritte sind es an sich: Erst einmal dazukommen, dann getauft werden und schließlich beisammen bleiben. Bedenken wir zunächst die Einladung, die uns auch heute wieder erreicht.

 

1. Dazukommen:

Der Hebräerbrief beschreibt die Wende, die mit Jesus gekommen ist, mit Hilfe eines Bildes aus dem Alten Testament. Er hat den Tempel in Jerusalem vor Augen. Dort gab es das Allerheiligste, das durch einen Vorhang vor neugierigen Blicken abgeschirmt wurde. Nur einmal im Jahr durfte der Hohepriester in das Dunkel des Allerheiligsten hineingehen und dort ein Opfer darbringen.

Seit Christus aber gibt es diesen Vorhang nicht mehr. Er ist der einzig wahre Hohepriester und hat sich gleichzeitig auch selbst zum Opfer dargebracht. Durch sein Fleisch und Blut hat er eine Bresche geschlagen und auch uns den Zugang eröffnet. Jetzt steht nichts mehr zwischen Gott und uns: keine Tür, kein Vorhang, nicht einmal ein Fußabtreter. Es gibt ja Hausfrauen, bei denen muß man erst einmal durch drei Abtreter hindurch und sich dann über verschiedene Putzlappen bis in die gute Stube vorarbeiten. Da kann einem schon der ganze Besuch verleidet werden.

Zu Gott aber dürfen wir auch mit unseren dreckigen Schuhen kommen. Gott weiß genau: Draußen gibt es allerhand Schmutz, der an den Schuhen hängenbleibt. Kein Mensch kann völlig sauber durchs Leben gehen. Aber er darf dennoch ohne umständliche Vorkehrungen zu Gott kommen. Gott ist immer für uns zu sprechen und sagt nicht: „Ich habe gerade saubergemacht, im Augenblick paßt es nicht, wenn du mit deinen Dreckschuhen kommst!“

Allerdings wird Gott uns schon beraten wollen, wie wir es das nächste Mal besser machen können. Man muß ja nicht unbedingt in den dicksten Dreck treten und dann die Bescherung auf dem guten Teppich verlieren. Wir dürfen zu Gott kommen, wie wir sind. Und wir dürfen dem Weihnachtsfest entgegensehen trotz all unsrer Fehler und Mittelmäßigkeiten. Aber wir dürfen nicht so bleiben wie wir sind.

 

2. Getauft werden:

Der Hebräerbrief spricht davon, daß wir nun mit „wahrhaftigem Herzen“ und in „völligem Glauben“ herankommen dürfen. Das liegt daran, daß wir in der Taufe gewaschen sind mit reinem Wasser. Wir müssen nicht erst ein Großreinemachen veranstalten und erst kommen, wenn alles sauber und untadelig ist. Zu Gott dürfen wir mit aller Unbefangenheit gehen, so wie die Kinder zu ihrem Vater. Wenn der sein Arbeitszimmer mit im Haus hat, dann platzen sie einfach in jedes Gespräch hinein, weil sie etwas fragen oder haben wollen. Da kann man ihnen hundertmal sagen, daß das nicht geht, sie machen es doch immer wieder.

Bei Gott dürfen wir tatsächlich „herein ohne anzuklopfen“, wie es an manchen Amtsstuben steht. Im Gebet haben wir eine ständige Kontaktmöglichkeit zu ihm. Im Abendmahl dürfen wir sogar noch näher bei ihm sein. Da dürfen wir mit ihm am Tisch sitzen und mit ihm reden. Da dürfen wir all unsre Probleme auspacken. Er aber wird uns vor unbedachten Schritten bewahren und immer wieder einen Ausweg aus unseren Nöten zeigen.

In Taufe und Abendmahl ist uns etwas mitgegeben worden, das wir gar nicht hoch genug halten können. Da wurde eine Hoffnung in uns gelegt, die unser ganzes Leben bestimmen kann. An sich ist es unvorstellbar, daß man sich von diesem Bekenntnis der Hoffnung wieder lossagen kann. Da schreibt ein junger Mann, der später Weltmeister und Olympiasieger geworden ist, an den Pfarrer, der ihn konfirmiert hat: „Meine Weltanschauung hat sich geändert. Ich weiß jetzt, daß das alles nicht stimmt, was die Kirche sagt. Ich werde aus der Kirche austreten. Ich habe auch schon mit meinen Kollegen auf der Sportschule gesprochen, daß sie das Gleiche tun!“

Es tut einem weh, so etwas zu lesen. Da knallt einer doch die weit geöffnete Himmelstür zu

und sagt: „Da kannst mich mal....Ich gehe lieber zum Nachbarn!“ Zum Glück ist es mit jenem Mann anders gekommen, er ist nicht aus der Kirche ausgetreten. Seiner Mutter hat er sogar gestanden, daß er gebetet hat, wenn er oben auf dem Sprungturm stand und ins Tal hinunter sollte. Vielleicht haben ihm dabei auch Menschen geholfen, die unbeirrt am Bekenntnis der Hoffnung festgehalten haben, so wie seine Mutter.

 

3. Zusammenbleiben:

Es geht allerdings auch darum, daß wir aneinander festhalten und im Gottesdienst zusammenbleiben. Doch da haben sich offenbar schon damals einige einfach davongemacht. Waren es wirklich nur einige oder nicht doch viele.  Haben sie die Versammlung nur zwischendurch einmal kurz verlassen oder haben sie sich für immer davongemacht?

Bei jeder Abgabenerhöhung bei der Steuer oder der Versicherung überlegen sich wieder

Kirchensteuerzahler, , ob sie nicht doch noch schnell aus der Kirche austreten.  „Ich habe nicht genug Geld!“ klagt eine junge Frau. „Was soll ich nur machen? Ob ich nicht doch lieber aus der Kirche austrete?“ Sie tut so, als ob alles zusammenbreche, obwohl die paar Mark sie nicht ärmer machen als sie zum Beispiel vor zehn Jahren war. Umgedreht können die 500 Mark, die sie im Jahr vielleicht an Kirchensteuer sparen könnte, ihr auch nicht zu größeren Sprüngen verhelfen.

Aber man hört auch die anderen sagen: „Christ kann man auch sein ohne Kirche! Ich kann sogar zur Kirche gehen - wenigstens an Weihnachten! Aber mit der Organisation Kirche, mit der Amtskirche, will ich nichts mehr zu tun haben!“ Doch wer schon vorher nicht zum Gottesdienst kam, wird es nachher erst recht nicht tun.

Wir können nur froh sein, daß wir ein Gotteshaus haben und uns der Gottesdienst angeboten wird. Nicht jeder Ort hat eine Kirche und nicht jede Gemeinde hat einen Pfarrer. Es gab Zeiten und Gegenden, da wurde das den Menschen genommen. Und dann haben viele erst erkannt, was sie vorher allzu selbstverständlich hatten. Auch in unserem Ort sind sicher (fast) alle dafür, daß es eine Kirche und den Gottesdienst gibt. Aber dann selber hinzugehen, das ist eine andere Sache.

Es ist eine unausrottbare protestantische Fehleinstellung, daß man auch fernab von Gottesdienst und Gemeinde ein Christ sein könne. Angeblich kann man die Sache Gottes auch im Herzen haben und in seinen Gedanken bewegen und noch dazu selbstverständlich einen korrekten Lebenswandel beachten, so nach dem Motto: Die Gebote kenne ich auch so, an die kann ich mich auch halten, ohne an Gott zu glauben!

Wer so denkt, der gleicht einem Kraftfahrer auf der Autobahn, der keine Zeit zum Tanken findet. Er denkt: An dieser Tankstelle ist es so voll, das dauert alles zu lange, ich werde es schon bis zur nächsten schaffen. Aber dann bleibt er mit leerem Tank auf der Strecke liegen. Erst aus Erfahrung wird man klug.

Das gilt auch für den Besuch des Gottesdienstes.  Er ist einfach wichtig für das Christsein. Deshalb darf es das einfach nicht geben, daß die Gemeinde während des Gottesdienstes noch etwas anderes ansetzt. Sicherlich geht man manchmal weg und fragt sich: „Was habe ich nun davon gehabt  Der Pfarrer hat nur langatmig zu erklären versucht, was der Bibeltext damals meinte, aber vom Heute hat er nicht gesprochen!“ Oder wir denken: „Der Pfarrer hat mich nur geärgert mit seinen politischen Ansichten, und ich durfte nicht einmal etwas dazu sagen!“ Und manchmal schimpft man auch, weil es entweder zu warm oder zu kalt in der Kirche war. Oder man beklagt, daß alles so kalt und so unpersönlich in der Kirche zugeht.

Doch wenn man keine Vorurteile hat, nimmt man immer etwas mit. Vielleicht ist es nur ein Lied, das einen auf dem Heimweg oder sogar in die nächsten Tage hinein begleitet. Gerade jetzt kommen ja all die schönen Advents- und Weihnachtslieder dran, die allein schon den Weg in die Kirche lohnen. Oder es hat uns eine Formulierung in einem Gebet angesprochen und ist uns im Gedächtnis hängengeblieben. Vielleicht war es aber auch nur der altehrwürdige Kirchenraum mit seiner Ruhe, der uns etwas gegeben hat. Es lohnt sich immer, in die Kirche zu gehen.

Der Hebräerbrief spricht davon, daß wir „aufeinander achthaben“. Damit ist uns eine seelsorgerliche Verantwortung füreinander auferlegt. Es geht nicht darum, uns gegenseitig zu schulmeistern oder zu gängeln oder sogar geistlich zu überwachen. Das ist die Gefahr besonders in den Freikirchen, wo es angeblich soviel menschliche Wärme und Nähe gibt, wo alles aber auch zu einem unheimlichen Zwang ausufern kann. Gemeint ist hier, daß wir einander gut zureden, uns trösten und mahnen, vor allem aber Mut machen.

Die Kirchengemeinde ist keine Interessengemeinschaft und sie besteht auch nicht aus einem Predigtpublikum. Es kann uns nicht egal sein, wenn sich einer aus Gedankenlosigkeit oder in bewußter Verachtung Gottes davonmacht. Man kann dann nicht sagen: „Es muß jeder selber wissen, was er tut! Wir haben Verantwortung füreinander!“

Wir werden sogar aufgefordert, aufeinander acht zu haben und uns gegenseitig aufzureizen zur Liebe und zu guten Werken. Hier sind tatsächlich die guten Werke erwähnt, die seit Luther

doch etwas Anrüchiges haben. Wir tun sie gewiß nicht, damit wir selig werden. Aber weil wir selig sind, versuchen wir gute Werke zu tun. Der Hebräerbrief will uns immer wieder dazu mobilisieren. Gerade am Beginn eines neuen Kirchenjahres könnten wir uns hier gegenseitig einen neuen Anfang wünschen.

An diesem ersten Adventssonntag stehen wir an dem Tor, das hineinführt in den Weihnachtsfestkreis, das den Ausblick eröffnet auf Ostern und Pfingsten und schließlich auch schon wieder auf das Ende des Kirchenjahres, an dem wir an den letzten Advent denken, an die Wieder­kunft Christi. Wird die Kirche bis dann Zukunft haben? Wenn viele die Versammlung verlassen, wird das nicht der Fall sein, dann wird die Kirche auch nach 2000 Jahren noch untergehen, so wie viele Sekten der damaligen Zeit.

Aber zum Glück hängt das nicht allein von uns ab. Da ist ja auch noch der Herr, der das Tor weit aufgemacht hat. Er lädt uns und alle anderen ein, den Weg in das Allerheiligste zu gehen Ihm können wir unsre persönliche Zukunft und die der Gemeinde anzuvertrauen.

 

 

2. Advent: Offbg. 3, 7 - 13

Der Satz: „Halte, was du hast, daß niemand deine Krone nehme!“ wird gern als Konfirmationsspruch genommen. Vielleicht hat ihn der Pfarrer speziell für einen Konfirmanden oder eine Konfirmandin ausgesucht, der besonders eifrig in der Konfirmandenstunde war. Aber er war ursprünglich nicht einer einzelnen Person gesagt, sondern der Gemeinde in Philadelphia. Die Krone hat also nicht ein Einzelner und schon gar nicht der Pfarrer, sondern die ganze Gemeinde und jeder Einzelne in ihr.

Bei der Taufe schon wurde uns diese Krone aufgesetzt. Jetzt gilt es nur, diese Krone aufzubehalten bei unserem Lauf durch das Leben. Anders als bei einem Sportle, der erst nach dem Sieg die Lorbeerkrone aufgesetzt bekommt, wird sie uns schon gleich am Anfang des Lebens verliehen.

Aber sie kann durchaus beschädigt werden, zum Beispiel beim Familienkrach, beim leichtfertigen Umgang mit fremdem Eigentum, beim Durchsetzen gegenüber dem Arbeitskollegen, beim Spott auf den Glauben. Der erste Augenblick ist dabei immer entscheidend: Wenn einer kommt und den Glauben verspottet, dann gilt es, ihm sofort entgegenzutreten, sonst geht es sofort weiter und am Ende helfen wir noch selber dabei mit, unseren Siegeskranz zu zerstören.

Die göttliche Krone ist natürlich unsichtbar. Aber manche Christen tragen als sichtbares Zeichen ihres Glaubens ein Kreuz um den Hals. Manche meinen, das sei gar nichts ernst gemeint, sondern das Kreuz werde nur wie ein Schmuckstück oder wie ein Parteiabzeichen oder ein Vereinsabzeichen getragen. Doch man kann durchaus auch einen tiefen Sinn dahinter sehen. Es ist heute nicht selbstverständlich, ein Kreuz zu tragen. Es gibt genug andere Motive für ein Schmuckstück. Wenn einer das Kreuz wählt, dann muß er auch dahinter stehen. Es ist ein Erkennungszeichen nach außen.

Wer es trägt, bekennt sich zu dem, der ans Kreuz gegangen ist, der aber den Tod überwunden hat und uns eine Zukunft bei Gott gibt. Der zweite Advent lenkt den Blick auf die Wiederkunft Christi, auf sein erneutes Kommen auf die Erde. Dieses Wissen aber gibt die Kraft, bis dahin tapfer durchzuhalten. Die Gemeinde ist schwach, sie ist nur ein kleines Häuflein im Konzert der großen Mächte dieser Welt. Der Lauf der Geschichte wird heute von anderen bestimmt.

Die Macht in der Welt beruht damals wie heute auf den Soldaten, auf dem Geld, auf der Wirtschaftskraft. Der Lauf der Welt scheint von realeren Dingen bestimmt zu sein als vom Kommen Christi. Aber als Christen fragen wir nicht nur danach, w a s kommen sind, sondern w e r kommen wird. Und da wissen wir: Der damals Mensch wurde und dadurch die Welt veränderte, der ist auch heute der Herr der Welt und wird sie einst neu machen.

Unser Herr weiß daß wir nur eine kleine Kraft haben. Als Gemeinde sind wir schwach und als einzelner Mensch auch oft. Mit Proben für unseren Glauben müssen wir dennoch rechnen. Es geht nicht immer so glatt in unserem Leben, wie wir uns das meist wünschen. Aber der Glaube verläßt sich ja nicht auf die eigene Kraft, sondern auf das, was der allmächtige Gott tun will. Er weiß: Ich habe die Krone ja schon auf, ich gehöre mit zu den Siegern!

Damit sind wir bei dem zweiten Bild, das dieser Brief verwendet: Gott hat uns eine Tür aufgetan, seiner Gemeinde und auch jedem einzelnen Christen. Er ist uns vorangegangen und hat die Tür offengelassen. Wir können hinter ihm hergehen und andere mitnehmen.

So wie wir am Adventskalender jeden Tag eine neue Tür aufmachen und uns überraschen lassen, was wohl dahinter ist, so tut Gott uns auch jeden Tag eine Tür auf zu anderen Menschen und zu neuen Taten. Diese anderen Menschen sind auch die Ausländer und die Menschen anderer Religionen..

Die Juden von damals wollten die Christen vom Heil ausschließen. Ihnen wird hier gesagt: „Das Reich Gottes ist wie der Palast Davids, zu dessen vielen Zimmern der Haushofmeister alle Schlüssel hat. So schließt auch Christus die Türen zu Gott auf. Wenn sie aber erst einmal offen ist, dann kann sie keine Macht der Welt wieder zuschließen,!“

Christen sind deshalb keine besseren oder frömmeren Menschen als andere. Aber sie wissen: Wir werden unverdient geliebt! Dieses Wissen gibt dann die richtige Einstellung gegenüber denen, die nicht Christen sein wollen. Dann redet man nicht überheblich mit anderen, sondern man bietet ihnen auch die Liebe Gottes an.

Dann tun sich auch manchmal überraschend Türen auf und Menschen hören ganz neu auf Gottes Botschaft. Gerade in dieser Advents- und Weihnachtszeit hat Gott uns vielleicht einen besonderen Zugang zu den Menschen eröffnet. Da können wir einmal eine „Tag der offenen Tür" machen und alle einladen, die einmal etwas hinter die Kulissen sehen wollen.

Leider sind unsre Kirchentüren in der Regel verschlossen. Und das ist dann meist auch ein Sinnbild dafür, daß die christliche Gemeinde sich abschottet gegenüber anderen. Doch Gott hat die Tür aufgeschlossen, indem er seinen Sohn zu den Menschen schickte. Im Advent wird die Tür zum Christfest aufgemacht, da dürfen wir sie nicht wieder zuschließen

Eine Gemeinde, der die Zukunft gehört, kann sich nicht darauf beschränken, nur       hinter den Kirchentüren zu leben und feierliche Gottesdienste zu halten und museumswürdige Bibel aufzubewahren.

Wir lassen jeden herein durch unsre Kirchentür. Wir nehmen jeden Dienst wie den Gesang eines Volkschores gerne an. Aber wir gehen auch wieder hinaus. Was wir hier gehört haben, geht mit uns hinaus in die Arbeitswoche. Dafür brauchen wir auch immer wieder Kraft. Oft denken wir, aller Vorrat und alle Kraft seien schon aufgebraucht. Aber wenn wir versuchen, etwas auszugeben, dann werden wir überraschenderweise merken, daß da noch viel da ist. Wenn wir die Zusagen Gottes tatsächlich für uns in Anspruch nehmen, dann kann uns das wieder aufhelfen und uns Türen zu den Menschen öffnen.

Dann gelangt man auch an den Ort, wo Himmel und Erde sich berühren. Zwei Mönche hatten in einem alten Buch gelesen, daß es am Ende der Welt eine Ort gebe, an dem der Himmel und die Erde sich berühren. Sie machten sich auf und wollten nicht eher umkehren, als daß sie diesen Ort gefunden haben. Sie trafen gute Menschen, die sie beherbergten. Sie trafen Gleichgültige, die sie hungern und frieren ließen. Sie trafen böse Menschen, die ihnen nach dem Leben trachteten. Aber nichts konnte sie von ihrem Ziel abbringen. Sie suchten weiter die Tür, wo man nur anzuklopfen brauchte, um bei Gott zu sein Als sie schon am Ende ihrer Kräfte waren, fanden sie endlich die Tür. Aber als sie eintraten, standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle. Da begriffen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, befindet sich auf der Erde, und zwar an der Stelle, die Gott uns als Lebensraum zugewiesen hat.

So haben auch wir einen Ort, wo wir als Christen unsre Aufgabe zu erfüllen haben: unsre Familie, unsre Firma, unsren Verein, unsre Kirche. Wir brauchen nicht in uns verschlossen zu bleiben, sondern wir haben noch ein Aufgabe, auch wenn wir meinen, nur eine kleine Kraft zu haben. Vor allem aber ist auch eine offene Tür da, wenn unser Leben einmal ein Ende hat und Christus wiederkommt und wir in die Welt Gottes eingehen dürfen.

Gott erwartet sogar, daß wir zu einem starken Pfeiler in seinem Bau werden. Damit sind wir bei dem dritten Bild, das dieser Bibeltext verwendet. In einer häufig von Erdbeben geplagten Stadt wie Philadelphia ist dieser Vergleich mit einem stabilen Pfeiler besonders anschaulich und stark. Vielleicht hatte man auch eine Säule vor Augen, auf der sich die Priester des Kaiserkultes mit einer Inschrift verewigen ließen. Oder man dachte an den Tempel in Jerusalem, der längst zerstört war.

Aber die christliche Gemeinde weiß: Auf den Pfeiler in dem neuen Tempel ist der Name Gottes geschrieben und der Name des neuen Jerusalem. Das garantiert das Bürgerrecht bei Gott und die bleibende Zusammengehörigkeit Gottes mit seiner Gemeinde. Er garantiert ihre Zukunft.

Wir fragen uns vielleicht: Wie kann ich dann zu so einem tragenden Pfeiler werden, wo ich doch nur eine kleine Kraft oder vielleicht sogar gar keine habe? Doch die Bibel sagt uns: Das ist kein Unglück, sondern der normale Zustand. Der Himmel wird uns zwar nicht vorzeitig auf die Erde geholt und wir müssen uns schon auf allerhand gefaßt machen. Es wird schon Kratzer und Schrammen im Leben geben.

Aber als Ziel unsres Lebens steht die Tür zum Vaterhaus schon offen. Er sagt: „Siehe ich komme bald!“ Noch leben wir getrennt von Gott. Aber wir dürfen uns auf die neue gemeinsame Wohnung schon freuen. Sie ist uns schon zugeteilt, nur der Umzug steht noch aus. Deshalb wird uns gesagt: Halte sorgfältig fest, was du schon hast, den unverwelklichen Siegeskranz, die Krone deines Lebens. Dann wirst du auch eine starke Stütze sein im Bau Gottes und zum Segen für andere Menschen werden.

 

 

3. Advent. Offb 3, 1 - 6

Wenn wir hier zum Gottesdienst zusammenkommen, dann dürfen wir nicht schläfrig sein. Sonst könnte es uns so gehen wie dem jungen Mann, der sich während der Predigt des Paulus in ein Fenster gesetzt hatte und einschlief: Er fiel herunter und war wie tot, so daß Paulus ihn wiederbeleben mußte. Man muß allerdings sagen, daß Paulus bis gegen Mitternacht predigte. Das wird uns heute nicht passieren. Vor 200 Jahren mußten aber die Leute beim ersten Teil der Predigt noch stehen, damit sie nicht einschliefen. Dann durften sie sich setzen und der Pfarrer hat seine Predigt noch einmal wiederholt. Aber wenn wirklich einmal einer mit den Gedanken abschweift oder gar einschläft, dann ist das nicht so schlimm. Aber als ganze Gemeinde dürfen wir keine Schlafmützen sein.

Mit der christlichen Gemeinde in Sardes jedenfalls wurde hart ins Gericht gegangen, weil die

nicht nur schläfrig war, sondern schon tot. Sie verließen sich auf ihre Religion und meinten, es könne ihnen ja nichts passieren. Aber da wird ihnen gesagt: Der kommende Herr wird auch der Richter sein. Er sagt: „Ich weiß deine Werke: Du hast den Namen, daß du lebst, und bist tot!“

Am Jahresende müssen wir auch in der Kirche eine Statistik aufstellen. Da heißt es dann etwa: 60 Kinder getauft, 20 Paare getraut, 70 Leute beerdigt, 60 Gottesdienste gehalten, soundso viel Gemeindekreise und Abendveranstaltungen, soundso viel Kinder im Kindergottesdienst und in der Jungschar. Auch die Höhe der Kollekten und Spenden wird auch auf Heller und Pfennig genau vermerkt. Manches wird auch vielleicht geschönt. Aber jeder soll dann aus diesen Zahlen den Schluß ziehen: Es steht doch eigentlich alles gut mit dieser Gemeinde, zumindest ist es bei uns nicht schlechter als bei anderen.

Gott weiß genau, was hinter dem allen steckt und läßt sich durch bloße Zahlen nicht blenden. Er weiß, was für eine Gemeinde spricht, aber auch, was gegen sie spricht. Er sieht nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern er sieht auf den Grund. Und da können sich Sein und Schein ganz schön voneinander unterscheiden.

Das ist so wie bei einem Röntgenapparat. Äußerlich sieht der Mensch vielleicht gesund und blühend aus. Aber auf dem Röntgenbild sieht man, daß schon eine schlimme Krankheit in ihm steckt, die bald zum Ausbruch kommen wird. Leider - oder zum Glück - gibt es keinen Röntgenapparat, der auch etwa die Gedanken eines Menschen röntgen könnte. Dann würde man vielleicht feststellen, daß da in Wirklichkeit noch viel mehr krank ist, als man ahnt.

Und so müßte man eben auch erst einmal eine christliche Gemeinde röntgen können, ehe man ein Urteil über sie abgibt. Wir blicken zu sehr auf den äußeren Anschein. Aber Jesus sieht wirklich hinter die Fassade, er hat so etwas wie Röntgenaugen und wir können nichts vor ihm verbergen.

Aber auf der anderen Seite wissen wir auch, wie notwendig und segensreich das Röntgen oder der Ultraschall ist. Viele Leute gehen ja nicht gern hin, weil sie fürchten, es könnte eine Krankheit an ihnen entdeckt werden. Aber natürlich wissen auch sie, wie wichtig es ist, daß die Krankheit möglichst frühzeitig entdeckt wird. Nur so kann sie ja rechtzeitig bekämpft und geheilt werden

So brauchen wir sicher auch in der christlichen Gemeinde ab und zu solch eine Röntgenaufnahme unsres inneren Zustandes, damit wir notfalls die erforderlichen Maßnahmen ergreifen können. Vielleicht ist gerade diese Adventszeit dazu angetan, solch eine Bestandsaufnahme zu machen. Es ist ja eine Bußzeit, die der Vorbereitung auf Weihnachten dienen soll. Dieser

dritte Advent ist an sich Johannes dem Täufer gewidmet, diesem Bußprediger aus der Wüste,

der seinem Volk einen Spiegel vorgehalten und der sie alle durchschaut hat.

Ob eine Gemeinde lebendig oder tot ist, das ist nicht ein Frage der Zahl. Eine kleine Zahl von Aktiven ist nicht das Problem. Es geht nicht um die Menge, sondern um die Qualität. Und wenn diese stimmt, dann macht es auch nichts aus, wenn die Umwelt der Kirche den Kampf angesagt hat. Äußerer Druck kann niemals eine Gemeinde gefährden und tot machen. Viel gefährlicher ist das geistliche Versagen in der Gemeinde selbst, wenn die Gemeinde in Wirklichkeit schon halbtot ist. Dann lohnt sich ein Druck gar nicht mehr, dann braucht man nur zu warten, bis sie ganz abstirbt. Umgedreht ist also ein Druck von außen das Zeichen dafür, daß eine Gemeinde noch gesund ist, daß man ihr noch etwas zutraut.

Von außen betrachtet wird in der Kirche an vielen Stellen etwas unternommen und es wird hingebungsvoll gearbeitet. Da gibt es eine wirksame Verwaltung, feierliche Gottesdienste und die kirchlichen Unterhaltungsveranstaltungen. Es wird viel soziale Arbeit geleistet und für

„Bort für die Welt“ wird auch gesammelt.

Aber das ist noch keine Garantie für das „Leben“ in der Gemeinde. Man kann immer dem frommen Leerlauf verfallen und in frommem Getue enden. Ob mehr dahinter steckt, sehen wir daran, was die Christengemeinde an diesem Ort für die Bürgergemeinde tut, was die Christenheit in den Problemen der weiten Welt bewirkt.

Aber der Gemeinde in Sardes wird nicht gesagt: Ihr seid zu unproduktiv, ihr strengt euch nicht genug an. Vielmehr heißt es: „Ihr habt nicht genug Kontakt mit mir. Ihr laßt euch zu wenig schenken. Ihr habt die Zuwendung Gottes zu euch übersehen. Ihr lebt so, als wäre ich nicht da!“

Worin zeigt sich nun die Lebendigkeit? In unsrem Text werden vier Punkte dafür aufgezählt:

1. Unablässige Wachsamkeit im Blick auf die Wiederkunft des Herrn. Jeder muß auf dem Posten sein, denn das Ende kommt wie ein Dieb in der Nacht, gerade wenn man es nicht erwartet hat.

2. Ein Leben in völligem Gehorsam gegenüber Gott, so daß genügend gute Werke da sind, die man von einem Christen erwartet.

3. Ein seelsorgerliches Bemühen um die, die abzusterben drohen. Wer wachsam ist und zu Gott gehören will, läßt die anderen nicht sterben, sondern reißt sie mit sich.

4. Ein offenes Bekenntnis zu Christus, so daß er sich am Ende auch zu uns bekennen kann.

 

Man muß nicht erst ein perfekter Christ geworden sein, ehe man andere zu einem neuen geistlichen Leben führen kann. Es ist ja nicht unsere eigene Energie, die wir auf andere übertragen sollen, sondern die Energie Christi. Selbst eine ganz tote Kirche , die kraftlos und in sich zerstritten ist, kann und soll im Dienste ihres Herrn aktiv werden. Wir empfangen, indem wir geben. Wir lernen nur, indem wir lehren. Wir müssen nicht erst aufladen, um dann abgeben zu können, sondern wir brauchen nur Leiter zu sein, durch die der Strom Gottes fließt.

Ja, wie kann man denn nun wieder lebendig werden? Die Antwort, die uns hier gegeben wird, ist überraschend: „Stärke das andere, das sterben will!“ Wie kann einer, der vielleicht selber schwach ist, einen anderen stärken? Aber das ist so: Wir empfangen immer nur, indem wir geben: Wir lernen nur, indem wir lehren; wir kommen nur voran, wenn wir anderen voran helfen, wir können nur getröstet werden, wenn wir andere trösten.

Wenn wir meinen, eine sterbende Kirche zu sein, denn kann uns nur eins helfen: Anderen das Leben retten! Dem wieder Kraft zuführen, das im Sterben liegt! Dabei geht es gar nicht darum, ob man das im Augenblick kann oder nicht. Der Herr bedient sich manchmal auch solcher Instrumente, die nach unsren Begriffen untauglich sind. Wir müssen nicht erst selbst etwas werden und dann etwas tun.

Bei einem Verkehrsunfall kommt es manchmal vor, daß ein Beteiligter einen Schock erleidet und ohnmächtig wird. Vielleicht setzt auch vor lauter Schreck die Atmung aus, obwohl sonst weiter nichts passiert ist. So ein Mensch kann gerettet werden, wenn er künstlich beatmet wird. Aber wenn ein anderer dazukommt, dann kann er nicht lange warten, bis vielleicht ein Sauerstoffgerät zur Verfügung steht, dann muß er selber eingreifen. Das ist auch gar nicht so schwierig.

Man sollte es gar nicht meinen: Die Luft, die wir ausatmen, enthält noch soviel Sauerstoff, daß man einem Bewußtlosen, der nicht mehr atmet, damit das Leben retten kann. Solch ein Atemspende an verbrauchter Luft kann immer noch einen anderen stärken, auch wenn der Spender vielleicht selber schwach ist oder aus der Puste gekommen ist.

So kann auch eine tote Gemeinde aufgerufen sein, noch das zu stärken, was absterben will. Sie braucht sich nur an das zu erinnern, was ihr von Gott gegeben ist, und es mit ganzem Herzen ergreifen, so daß es zur tragenden Mitte ihres Lebens wird. Eine christliche Ideologie im Kopf nützt noch nichts, wohl aber eine lebendige Glaubensverbindung mit dem Herrn, die auch ihren Wandel prägt.

Mit den „Werken“ ist nicht die Kollekte in der Kirche gemeint und auch nicht, daß wir einmal eine Oma über die Straße geführt haben. Wir müßten hier besser übersetzen: „Ich weiß um dein Christsein, was gut und was schlecht daran ist!“ Hier wird nichts beschönigt: die Gemeinde in Philadelphia i s t schwach und hat nur eine kleine Kraft. Wahrscheinlich sind sie nur eine kleine Zahl .Sie sind fromm und schlicht, aber es fehlt der äußere Glanz und vielleicht auch der innere Reichtum des Glaubens. Darüber wird offen geredet, es wird nichts beschönigt oder vertuscht. Es gibt äußere Hemmnisse und keine großen Erfolge.

Sehr schnell können wir uns hier wiederfinden. Uns werden Steine in den Weg gelegt, wo es nur geht. Ein Wirken in die Öffentlichkeit hinein ist immer weniger wirksam. Unsere Zahl wird geringer. Und selbst bei denen, die der Kirche angehören, gibt es viel Versager und Schwachheit, Angst und Anpassung an die Gegebenheiten. Doch all das ist nicht so schlimm, wenn wir nur an dem Wort Gottes festhalten und der Namen Jesu nicht verleugnen. Die Gemeinde in Philadelphia hat das getan.

Deswegen darf sie auch wissen: Der Herr läßt uns nicht allein, auch  wenn wir seine Nähe eine Zeitlang nicht spüren. Unsere Arbeit für ihn ist nicht vergeblich, auch wenn wir kein Lob dafür ernten.  Christus sieht den guten Willen und erkennt ihn an. Er kennt aber auch alle Schwachheit der Gemeinde und will ihr aufhelfen.

Der Herr bietet seiner darniederliegenden Gemeinde das Leben an. Nicht nur einige wenige sollen überwinden, sondern alle sollen sie mit weißen Kleidern angetan werden und ihr Name

soll nicht aus dem Buch des Lebens getilgt werden. Christus will jeden in seiner Liebe und in seinem Herzen behalten und hat sich deshalb zum Fürsprecher eines jeden Einzelnen gemacht.

Hier ist also nicht die Rede von einem sensationellen kirchlichen Reformprogramm. Es wird uns nur immer wieder vor Augen gestellt, was wir längst zu kennen meinen und uns angeblich schon von den Schuhsohlen abgelaufen haben. Es ist das gleiche alte Evangelium, das wir uns zu Herzen nehmen sollen und in dem wir bleiben sollen.

Alle Gemeinden sind in der Hand Christi - auch die tote Gemeinde von Sardes, auch unsre Gemeinde. Es kommt gar nicht so sehr auf unsre eigene Aktivität an, sondern daß wir nicht länger dem Handeln Gottes im Weg stehen. Solange er uns noch in der Hand hat, uns umwirbt, beschwört und aufrüttelt, sind wir noch nicht tot, solange kann immer noch eine Erneuerung von ihm ausgehen.

 

 

4. Advent:  Jes 52, 7 - 12

Wenn wir doch nur schon die Verhältnisse hätten, wie sie der Prophet hier vorausschaut! Wenn doch von einer internationalen Konferenz einmal die Freudenbotschaft käme: „Man hat sich geeinigt!“ Wenn doch endlich einmal Gutes zu berichten wäre aus dem Weltgeschehen! So aber gehen wir mit noch größeren Sorgen als im letzten Jahr in das Christfest. Die Gefahr ist größer geworden, daß durch ein Versehen oder ein technisches Versagen eine große Katastrophe ausgelöst wird.

Wir kommen jetzt in die Zeit, in der wir die längsten Nächste und die dunkelsten Tage des Jahres haben. Das könnte uns bange machen, wenn wir nicht wüßten, daß es zur Sonnenwende kommt und das wärmende Licht wieder stärker wird. Aber was in der Natur mit gesetzlicher Notwendigkeit eintritt, das ist im Geschichtsablauf nicht abzusehen. Da müssen die Menschen schon etwas dazu tun. Und da muß auch Gott mit eingreifen.

Man könnte sagen, der Prophet Jesaja II. habe die bevorstehende weltpolitische Veränderung gewittert, den Aufschwung des Perserreiches, der dann die Befreiung des Volkes Israel aus der Gefangenschaft bewirkte. Aber für den Propheten hängt die Veränderung der Weltlage mit der Änderung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk zusammen. Die Wende besteht nicht nur in der Heimkehr der Verbannten, sondern zuerst im Kommen Gottes, in seinem Advent zu seinem Volk, vor der Augen der ganzen Welt.

Das sollten wir auch bedenken bei den weltpolitischen Problemen unserer Zeit: Ohne Gott wird es wohl nichts werden! Wenn man überall in der Welt mehr auf Gott hörte, dann käme man leichter überein.

Das leben die Christen vor. Sie sind sieh durchaus nicht immer in allen Dingen einig. Dafür kommen sie aus viel zu vielen verschiedenen Traditionen und Kulturen. Aber sie treffen sich und tauschen sich friedlich aus und gehen mit Gewinn wieder nach Hause. So war es schon immer bei den großen kirchlichen Konferenzen und Treffen. Und so könnten wir es auch in unserem kleinen Bereich machen: Ein Beispiel dafür geben, wie Menschen mit Menschen umgehen sollten.

So kommt Gott in die Welt wie ein König. Er führt die Wende herbei. Daran denken wir jedes Jahr wieder in der Adventszeit. Der Bibelabschnitt aus Jesaja macht uns dabei einige Begleitumstände deutlich.  

Ein Bote kündigt ihn an: Gott ist nicht nur der ewige Weltenlenker, dem sich alle Geschöpfe fügen müssen, weil er nun einmal allmächtig und allwirksam ist. Der Bote kündet ein neue einsetzendes Geschehen an: Gott wird heute Herr in seiner Welt!

Doch das ist nicht so gemeint, als stünde Gott an einem unsichtbaren himmlischen Schaltpult, in dem alle Leitungen zusammenlaufen und jeder Kontakt hergestellt werden kann. Vielmehr ergreift Gott wieder von der sich ihm widersetzenden Welt Besitz. Aber er tut das nicht von außen her - vom Schaltpult aus - sondern ersetzt sich in den Menschenherzen durch und gewinnt Macht in ihrem Wollen und Wünschen, Tun und Lassen. Er will aber nicht über die Menschen Macht gewinnen, sondern i n ihnen.

Träger dieser Botschaft war damals der Prophet. Er ist der Bote, der dem aus Babel zurückkehrenden Volk vorauseilt. Die Jerusalemer erblicken ihn auf der Höhe eines Berges. Er ruft ihnen zu: Frieden und Heil, Gott ist König geworden. Die Zeit ist vorbei, in der Gott es mit einem verlogenen Volk zu tun hatte und wo Menschen sich in ängstlicher Abwehr vor dem Zorn Gottes ducken mußten. Eine neue Weise der Zusammengehörigkeit zwischen Gott und seinem Volk kommt zustande. Weil Gott sich in den Herzen der Menschen durchsetzt, entstehen auch neue Verhältnisse auf der Welt: der Friede kommt, das Gute, die Wende zum Besseren.

Diese Botschaft erhält ihre Wahrheit und Kraft erst von Jesus Christus her. Er ist in diesem Bibeltext verborgen. Nur kommt der Freudenbote nicht mehr über die Berge, sondern er steht auf der Kanzel. In seinem Reden ereignet sich der Advent Gottes. Wir dürfen hören: Jetzt ist die Zeit der Annahme, zwischen Gott und uns ist nur Friede, Gutes und Heil.

Was da ausgerufen wird, ereignet sich auch tatsächlich. Wir können nicht sagen: Die Mensch­werdung Gottes in Jesus müsse nur gepredigt werden, sie brauche nicht wirklich so geschehen. Die Verbannten in Babylon hätten sich schön bedankt, wenn der Prophet ihnen nur gepredigt hätte, aber nichts wäre geschehen. Er wollte ihnen ja gerade sagen: Jetzt, wenn ihr es hört, ist es auch sicher, so als wäre es schon geschehen. Im Wort ist immer der wirksam, in dessen Namen es gesprochen wird. So bewegt sich auch Gott in der Adventsbotschaft auf uns zu, tröstet und ermutigt uns und wird in unseren Herzen mächtig.

Die Späher nehmen ihn wahr: Die Verbannten sind noch in Babel. Aber die Zurückgebliebenen haben ihre Wächter aufgestellt, die das Herannahen Gottes und seines Boten melden sollen. Wer döst oder träumt, kann nicht Späher sein; er würde auch das Kommen Gottes verpassen. Die adventlichen Texte mahnen uns zur Wachsamkeit.

Es gibt Späher, die die Zeichen der Zeit eher erkennen als andere. Sie haben die Verantwortung für Sicherheit und Wohlergehen der Stadt. Aber Jesaja stellt sich vor, daß auch die ganze Einwohnerschaft von Jerusalem dichtgedrängt nebeneinander steht und mit aufgerissenen Augen gespannt in eine Richtung schaut nach dem, was da immer näher kommt.

Das Kommen Gottes will eben wahrgenommen werden. Es gibt Tatsachen, die sich so aufdrängen, daß es keiner besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Aber anderes will im Glauben angenommen werden. Der Glaube bringt das Geglaubte nicht hervor, er empfängt es. Urbild des glaubenden Menschen ist Maria, derer wir am 4. Advent besonders gedenken. Doch der Glaubende ist nicht ein willenloser Gegenstand für das Handeln Gottes, Gott arbeitet nicht wie ein Bildhauer am toten Stein, sondern er geht mit lebendigen Menschen um, die zu seinem Tun ein bereites Ja sagen.

Gott kommt zwar zu allen. Aber sein Selbstangebot wird nur bei denen wirksam, die ihn glaubend aufnehmen. Deshalb müssen wir „spähen“ und darum besorgt sein, den kommenden Gott nicht zu verpassen. Heute kommt er zu uns in Predigt, Taufe und Abendmahl. Viele merken die Nähe Gottes gerade in dieser Jahreszeit. Sie begreifen etwas von dem Wunder, daß Gott sich auf uns zubewegt. Deshalb werden sie auch zum Singen bereit, auch wenn ihnen sonst nicht danach ist.

Jerusalem bestand damals ja auch fast nur aus Ruinen. Aber die Hoffnung die sich an Gottes Kommen knüpfte, ließ sie schon nicht mehr so lähmend wirken wie eben noch. Wo Menschen vom  Kommen Gottes ergriffen und überwältigt worden sind, da wandelt sich schon das Mißliche zum Guten. Wir sollten ausschauen in dieser Zeit, wo wir etwas von der Ankunft Gottes erspähen können.

Alle Welt will ihr sehen: Ein kühnes Bild ist Ausdruck einer kühnen Erwartung: Gott krempelt die Ärmel hoch und handelt in der Weltgeschichte so, daß er für alle erkennbar wird. Er wird den Zionsberg wieder einnehmen und von da aus die Welt regieren. Alle Welt wird sehen, daß Gott ihr himmlischer König ist. Was Gott jetzt noch im Verborgenen tut, wird einmal aufgedeckt und unmittelbar einsichtig sein: „Aller Welt Ende  sehen das Heil unsres Gottes!“

Die Heimkehr der Verbannten nach Jerusalem war nachher alles andere als ein Triumphzug, sondern ein höchst bescheidenen Geschehen; das neue Leben in der Heimat war ärmlich und mühsam. Und die umfassende Weltverwandlung ist erst recht ausgeblieben. Der Verlauf der großen Geschichte enthält noch immer so viel Widergöttliches, daß von Gottes entblößtem Arm nichts zu merken ist.

Trotzdem predigen wir das Kommen Gottes zu allen Völkern. Gott kam zu uns als Mensch. Nun sind wir in den Dunkelheiten der Welt nicht mehr uns allein überlassen. Die Angst vor dem Unberechenbaren ist zwar da, aber Gott ist auch da! „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!“ Wir wollen euch das Erfreuliche sehen. Die Einsicht gewinnt immer mehr an Boden, daß der Krieg nicht mehr taugt, die Konflikte zwischen den Völkern zu lösen. Aus Trümmerlandschaften werden neue Städte. Unterdrückte Völker werden frei.  Es gibt Versöhnung zwischen Völkern und Menschen, die sich einst bekämpften.

Es gibt nicht nur eine Blutspur in der Geschichte der Menschen, sondern es gibt auch die Spur von Frieden und Heimkehr, Trost und Versöhnung. Und diese Spur soll stärker werden, weil Gott es so will, weil er der König über alle Welt ist. Ein König ist ein Machtfaktor. Und auch Gott ist ein Machtfaktor zum Guten. Weil er da ist, sind Frieden und Heil immer wieder möglich.

 

Christvesper: 1. Tim 3, 16

In einem Museum in Köln steht eine Figur aus Holz: Christus auf einem Esel in die Stadt Jerusalem hineinreitend. Er ist fast lebensgroß und hat Räder an den Beinen und wurde also bei kirchlichen Umzügen mitgeführt. Mitten unter den Menschen der jeweiligen Zeit zog er durch die Stadt. Und er war jedem nahe. Er ist so menschlich, er ist so vertraut, man kann ihm die Hand geben. So weit ist Gott also gegangen, soweit hat er sich zu uns herabgelassen, daß man ihm die Hand geben kann.

An Weihnachten bekennen wir: Christ ist erschienen! Er ist sichtbar geworden, man kann mit ihm reden, man kann ihn auf der Straße treffen. Er hat Hunger und Durst, er ist müde, er zittert und zagt - kurz gesagt: Er ist ein Mensch unter Menschen. Er ist nicht ein unzugänglicher und unerreichbarer Gott, wir brauchen ihr nicht erst zu suchen oder zu erfragen, er muß nicht erst erdacht oder erfühlt werden, sondern er ist da. Auf einmal tritt er in den Gesichtskreis der Menschen und stellt sich jedem von uns an die Seite.

Doch er kommt nicht nur einmal flüchtig vorbei. Bei den griechischen Göttern war das so. Von deren erzählt man sich, sie hätten sich ab und zu als Bettler verkleidet und so unter die Menschen gemischt. Aber dann seien sie sofort auch wieder auf den Olymp zurückgekehrt, meist nachdem sie großes Unheil unter den Menschen angerichtet hatten.

Jesus aber ist „ins Fleisch“ gekommen, er ist wahrer Mensch geworden. Das heißt aber nun nicht, daß er gedacht und gehandelt hat wie die Menschen sonst auch. Er hat keinen Anteil an der Welt der Sünde. Aber er hat es doch in unserer Welt ausgehalten.

Wir brauchen unsren Gott nicht in der Ferne zu suchen. Manche Leute stellen sich das ja so vor. Sie sagen: Gott ist nicht da, wo die Raketen hinfliegen, er ist noch viel weiter weg, am Rand des Weltalls, wo niemals jemand hinkommen wird. Aber wie sollte er dann etwas

mit uns zu tun haben können? Sie wollte er uns helfen, wenn er so weit weg ist? Könnten wir uns einen solchen Gott überhaupt noch vorstellen?

Die Bibel sagt es uns anders: Gott ist uns in Jesus nahegekommen, wie er uns nicht näher hätte kommen können. Wir haben ganz unmittelbar mit ihm zu tun, er ist ein Mensch geworden wie du und ich, er ist nicht der ferne Gott, sondern der nahe Gott.

Aber bei diesem „Gott wurde Mensch“ können wir ja nun nicht stehenbleiben. Wir müssen den Satz auch umgekehrt lesen: Dieser Mensch ist Gott! Die Menschheit hat er mit uns gemeinsam. Aber er ist dennoch Gott. In diesem ganzen Vers geht es ja um den Zusammenhang zwischen der Welt der Menschen und der Welt Gottes. Es wird uns hier gesagt, wer Christus ist, welche Bedeutung er für uns und für die Welt hat.

Es beginnt sozusagen auf der Erde: „Er ist offenbart im Fleisch“. Dann geht es aber weiter „im Himmel“. Es heißt: „Gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln“. Dann wieder „gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt“. Und schließlich: „aufgenommen in die Herrlichkeit“. Und immer entspricht dem Geschehen im Himmel ein Geschehen auf der Erde und umgekehrt.

Himmel und Erde werden hier jeweils zusammengeklammert. Sie sind nicht zwei verschiedene Welten. Sondern in Christus wird die Grenze durchbrochen, die Himmel und Erde voneinander scheidet: Jesus kam auf diese Erde, um auf tiefster Erniedrigung wieder zu Gott erhoben zu werden. Damit hat er den Himmel auf die Erde herabgezogen. Jetzt sind sie wie zwei Lappen, die aufeinander genäht wurden.

Im Grunde kann man das nicht mit dem Verstand begreifen und etwa so lange umformen, bis der Himmel im Irdischen aufgegangen ist. Wohlgemerkt: Gott kommt uns nahe, aber er geht nicht in unserer Welt auf, er ist doch der ganz andere. Im letzten Grunde geht es hier um ein Geheimnis. Wir sollten nicht erschrecken vor dem Wort „Geheimnis“, das vielleicht nicht mehr so in unsre vernünftige Welt zu passen scheint. Aber wir merken hier an dieser Stelle, wie der Glaube der Kirche im Grunde nicht mehr aussagbar wird. Dieser Vers ist ja eines der frühen Glaubensbekenntnisse der Christenheit. Aber er legt uns nicht eine Lehre dar, sondern er ist ein Lobpreis auf den, der der Herr ist wie im Himmel so auf Erden.

Seine Herrschaft wird hier beschrieben nach der Art eines Thronbesteigungsfestes eines Königs. Im Alten Orient ging diese Thronbesteigung nach festen Regeln vor sich, wie übrigens heute ja auch noch bei einer Krönung. Zuerst wird der neue Herrscher den Großen seines Reiches vorgestellt. Das sind bei Jesus die Engel, die schon in der Heiligen Nacht wissen, wer da geboren ist. Sie huldigen dem neuen Herrscher, der von Gott gerecht gesprochen wurde und der ein gerechter König werden wird. Dieser Zustimmung im Himmel entspricht auf Erden die Predigt des Evangeliums an die Heiden.  Boten werden ins ganze Reich ausgeschickt, um die Botschaft vom neuen König zu verkünden.

Und das Dritte ist schließlich die eigentliche Thronbesteigung, die Einsetzung zum König. Im Himmel geschieht sie durch die Aufnahme in die Lichtherrlichkeit Gottes und auf Erden dadurch, daß Menschen da sind, die an diesen neuen König glauben.

Von welchen Erwartungen wird doch jedesmal der Herrschaftsantritt eines neuen Königs begleitet. Das ist ja heute noch so: Wenn eine neue Regierung oder ein neuer Mann an die Macht kommt, dann beginnt das Volk wieder zu hoffen. Von nun an soll alles besser werden,

ein goldenes Zeitalter soll beginnen und Friede und Eintracht auf Erden herrschen.

Das war so, als Stalin gestorben war und als Chruschtschow abtrat. Aber das ist selbst auch so, wenn ein Fußalltrainer davongejagt wird und ein neuer eingestellt wird: Der neue Mann soll Wunder vollbringen und ein neues Zeitalter heraufführen.

Bei Jesus sah das ja zunächst nicht so aus. Ja, daß er der König im Himmel ist, das mag ja sein, das können wir nicht nachprüfen. Aber das, was auf Erden davon sichtbar ist, sieht ja nicht sehr verheißungsvoll aus: Da ist ein winziges Kind, hilfsbedürftig und elend, zerknittert und unansehnlich - und das soll der Weltherrscher sein, der jetzt seinen Thron besteigt? Wir können verstehen, weshalb die drei Weisen zuerst im Königspalast in Jerusalem nach dem neuen König fragten. Es ist doch unmöglich, daß ein König im Stall geboren wird!

Niemand hätte etwas davon gemerkt, wenn nicht besondere Zeichen auf dieses Kind hingewiesen hätten und wenn nicht ausdrücklich die Botschaft verkündet worden wäre: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Der von den Malern auf Weihnachtsbildern oft dargestellte Lichtglanz war ja nicht wirklich zu sehen, sondern ist eine Aussage des Glaubens.

Jesus macht aber auch keine Anstrengungen, seiner weltweiten Bedeutung auf weltliche Weise Anerkennung zu verschaffen. Er wird nur gepredigt, ohne daß eine menschliche Macht dem Nachdruck verleiht (oder auch eine göttliche Macht). Bei uns Menschen ist das ja üblich, daß einer seiner Überzeugung durch allerhand Machtmittel Nachdruck verleiht. Aber umso überraschender ist es doch, daß ausgerechnet der mächtigste Herr der Welt darauf verzichtet.

Er wirkt wirklich nur durch das Wort. Aber ich denke, er hat damit eine größte Wirkung erzielt als alle, die ihre Macht nur auf Gewalt aufbauen.

Aber so war eben das ganze Leben Jesu: So wie es angefangen hatte, so ging es auch weiter und so endete es. Immer hielt er es mit den Armen und Ausgestoßenen, er redete die Sprache der einfachen Leute und kümmerte sich um die Kranken und Schwachen. Auch sein Einzug in Jerusalem ist ein Zeichen für diese Einstellung: Auf dem Esel kamen die kleinen Leute, die Könige kamen hoch zu Roß.

Aber dennoch hat sich dieser Jesus in der Welt durchsetzen können. Die Gemeinde bekennt von ihm: „geglaubt in der Welt“, er fand Glauben und Vertrauen, wenn auch nicht bei allen, aber er hat seine Gemeinde.

Der Glaube ist ja selbst wieder ein Wunder Gottes. Aber man sollte vom Glauben nicht kleinlaut sprechen. Wer glaubt, der wird in das Reich dieses neuen Königs mit hineingezogen. Christus zieht die anderen mit sich in die Herrlichkeit Gottes hinein. Aber auf der Erde zeigt er auch schon seine Herrlichkeit an denen, die an ihn glauben.

Aber auch an den Christen zeigt sich die Macht Gottes nur sehr verhüllt. Gott regiert nicht mit Gewalt, sondern er regiert die Herzen. Aber das löst Kräfte aus, die die Welt verändern. Es sind keine überragenden Taten, aber Dinge, die jedem von uns möglich sind. Es wäre das schönste Bekenntnis zu Jesus, wenn wir wirklich so lebten, wie er es uns vorgelebt hat.

An einem Beispiel soll das zum Schluß noch einmal deutlich werden  (Nacherzählung der Geschichte „Ich bin ein Narr“)

Christus war auch so ein Narr, der die eigener Wünsche zurückstellte und anderen Gutes tat. Und Gott war ein Narr, daß er seinen Sohn unter die Menschen geschickt hat. Aber wäre dieser erste Schritt nicht geschehen, dann hätte er auch die Kettenreaktion nicht ausgelöst. Aus einer guten Tat entsteht immer wieder Gutes. Es kommt nur darauf an, daß wir den ersten Schritt tun. Dann ist die Menschwerdung Gottes für uns nicht vergeblich gewesen.

 

 

Christfest I : Gal 4, 4 - 7

Im Krieg ist es oft vorgekommen, daß ein Zug Soldaten abkommandiert wurde, um Geiseln zu erschießen oder um an einem Dorf Rache zu üben, das Partisanen verborgen hatte. Die einen sagten sich: „Befehl ist Befehl“ und taten blindlings alles, was von ihnen verlangt wurde; die anderen hatten Gewissensbisse und versuchten Widerstand zu leisten.

Natürlich sind es schwierige Entscheidungen, die hier zu fällen sind. Wir wissen nicht, wie wir uns in so einer Sache verhalten hätten. Es ist ja auch noch ein Unterschied, ob man einen Befehl nur so pro forma erledigt oder ob man noch über ihn hinausgeht und zum Beispiel selber Lust am Töten findet. Aber jedenfalls wird jeder erst einmal empfinden, daß er Unrecht tut. Wie kommt es da, daß doch so viele sich immer wieder über alle Gebote und Menschenrechte hinwegsetzen ?

Sicherlich kommt es ganz entscheidend auf den ersten Schritt an. Wenn da erst einmal eine gewisse Grenze überschritten ist und der Damm eingebrochen ist, dann hält nichts mehr die Flut des Unrechts auf. Der erste Schritt ist der entscheidende. Wer erst einmal einen Menschen umgebracht hat, wird es auch immer wieder tun. Deshalb ist es auch nicht entscheidend, ob während des letzten Krieges 3 Millionen oder 6 Millionen Juden umgebracht wurden, sondern ob einer oder gar keiner umgebracht wurde  - das ist die einzig wichtige Frage.

Wer erst einmal ein Unrecht getan hat, der steht unter der Macht des Bösen und wird es immer wieder tun, der ist gebunden durch die Mächte der Welt. Paulus sagt hier: Entweder ihr gehört zu Christus und hört nur auf ihn, oder ihr seid anderen Mächten ausgesetzt, die euch alles mögliche einreden wollen, die bald locken und bald drohen, aber immer fordern, man müsse ihnen folgsam sein.

Das ist ein Beispiel dafür, wie der Mensch unter den Gesetzen und Zwängen dieser Welt zu leiden hat. Wir sind eben Kinder unsrer Zeit und eingefügt in das Weltganze. Wir sind abhängig von geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten und technischen Notwendigkeiten. Wir sind beherrscht von der öffentlichen Meinung und von Modeerscheinungen, vom Konsumzwang und vom Geld. Gerade  in der Weihnachtszeit mit ihren oft unmäßigen Geschenken macht etwas davon deutlich.

Wie plagen uns doch manche Leute ab, um gewisse Programme und Satzungen zu erfüllen. Sie müssen Verpflichtungen übernehmen und Dinge tun, zu denen sie überhaupt keine Lust haben. Aber auch schon beim Trinken und Rauchen können die Meisten nur schlecht aufhören.

Gerade auch unsere frommen Leistungen beweisen doch, daß wir unfrei handeln. Wir sind darauf bedacht, daß unsere schwachen Stellen nicht auffallen; und wir sind empfindlich, wenn jemand uns Versagen vorwirft. Mancher flüchtet sich sogar in die Krankheit, wenn er sich nicht für genügend beachtet hält. Oft macht das Leben uns einander zu Rivalen, es zwingt uns zur Selbstbehauptung und stellt uns in ungewollte Freund-Feind-Gegensätze.

Das alles ist aber noch umschlossen von überpersönlichen Zwängen. Wir glauben zwar nicht mehr an irgendwelche Götter. Aber es gibt doch unsichtbare Ströme und Kräfte in dieser Welt, die unser Leben einengen.

Daß wir uns nicht falsch verstehen: Unsre Welt muß durch Gesetze geordnet werden, es kann nicht jeder machen, was er will. Wir sehen im Glauben darin sogar Gottes Gesetz, entweder als Weisung an den Menschen oder als Naturgesetz. Natürlich soll unser Leben geordnet verlaufen. Die Frage war nur, schon damals in Galatien: Muß man das Gesetz halten, um ein normalisiertes Verhältnis zu Gott zu gewinnen? Kann man sich den Himmel verdienen, wenn man sein Leben sauber hinkriegt, ohne Schaden zu verursachen oder zu erleiden.

Die Frage heißt aber nicht: „Wie kriege ich mein Leben sauber hin?“ sondern: „Wie komme ich aus der vor Gott hoffnungslosen Situation heraus?“ Das Gesetz ist dazu da, uns die Sünde bewußt zu machen. Aber meist sind wir uns unserer Lage vor Gott gar nicht bewußt. Die einen versuchen, sich seinem Willen zu entziehen und frei und ungebunden zu leben. Die anderen wollen durch übergenaue Gesetzeserfüllung eine mögliche Strafe von sich abzuwenden. Aber in beiden Fällen wird man nicht frei, sondern es ist, als steckten die Füße im Beton und die Hände in Ketten.

In diese widergöttliche und unfreie Welt hat Gott seinen Sohn gesandt. Die Menschen jammerten ihn, wie sie mit ihren höchsten und edelsten Grundsätzen sich dennoch immer Qual und Angst bereiteten. Dieser Welt war nur noch mit Liebe zu helfen. Das hat Gott gewollt und will er noch: Er sandte seinen Sohn in das Aufstandsgebiet, mitten unter die aufrührerischen Menschen, ein ganzer Mensch, auch ganz dem Gesetz unterworfen. Stellvertretend erlitt er die Verlorenheit der  Menschen, zog sie auf sich und erlöste so die Menschheit. Das alles schließt die Geburt von Bethlehem schon ein.

Es ist aber nicht so, als hätte Gott seinen Rechtsstandpunkt aufgegeben und sich enttäuscht darauf verlegt, durch die Finger zu sehen. Er macht schon sein Recht geltend. Aber nicht so, daß er uns vernichtet, sondern seinen Sohn. Aber dadurch hat er gesprengt, was unsre Hände und Gedanken bindet. Jetzt müssen wir nicht mehr das tun, was man so tut. Jesus hat uns freigemacht, frei für die Liebe und füreinander.

Gott hat gehandelt, als die Zeit erfüllt war. Die damalige Welt brauchte den Erlöser, so wie bisher konnte es nicht weitergehen. Seit Abraham war er verheißen. Tropfen um Tropfen kam dazu, bis das Faß überlief. Aber es war nicht so, daß die Welt in einem Prozeß göttlicher Erziehung oder auch innerer Eigenentwicklung immer reifer geworden wäre. Das Kommen Jesu ist nicht aus den Gegebenheiten dieser Zeit zu erklären, sondern Gott hielt die Zeit für gekommen und hat den Zeitpunkt festgelegt.

Die Sendung des Sohnes hat eine Wende mit sich gebracht. Seitdem zählen wir die Jahre „seit  Christi Geburt“. Es ist eine Welt entstanden, die frei ist von der Furcht vor bösen Geistern, die die Naturkräfte nutzt und ein glänzende Technik aufgebaut hat. Die Menschen sind selbstbewußt geworden und können sich wohlfühlen. Sie sind nicht mehr Sklaven, sondern Kinder, sie müssen nicht mehr, sondern sie dürfen und können.

Allerdings ist die Welt noch nicht so verändert, daß das Heil Gottes schon voll in ihr verwirklicht wäre. Zweifellos hat der Glaube an Christus auf den Verlauf der Geschichte eingewirkt. Ohne ihn wäre vieles anders verlaufen. Gottes Reich ist aber immer noch unter dem verborgen, was man in der christlichen Sprache „das Kreuz“ nennt. Es sind auch neue Ängste entstanden, denn man weiß nicht, ob der Mensch mit seiner Freiheit auch fertig wird. Vielleicht könnten wir schon heute wieder einen Erlöser brauchen. Oder sagen wir lieber: Wir haben ihn ja schon in Jesus Christus. Er ist in unsrer Welt nötiger denn je.

Durch Jesus sind wir auch zu Kindern Gottes geworden. Gott nimmt uns für voll, weil er uns zu Geschwistern seines Sohnes gemacht hat. Damit haben wir auch ein Zuhause, das uns niemand mehr nehmen kann. Es ist also bei Gott nicht so, wie es manche heute empfinden, daß Eltern ihre Kinder einengen und ihnen Schranken setzen und sie an der Selbstverwirklichung und dem Mündigsein hindern. Wir sind nicht Bauteile in der von Gott gesteuerten großen Weltmaschine, sondern wir sind Personen, die von Gott angeredet werden und aufs Antwortgeben angelegt sind.

Es wäre nicht verwunderlich, wenn Gott es satt hätte mit diesen eigensüchtigen und vertrauenslosen Menschen. Aber er läßt uns seine Kinder sein. Was Jesus von seinem Ursprung her war, das sind wir durch einen Rechtsakt geworden in der Taufe. Kinder aber sind nicht Unterworfene und Befehlsempfänger. Natürlich müssen sie auch ihren Eltern gehorchen - aber  n u r  ihnen. Ein Kind braucht auf keinen anderen zu hören, wenn es die Eltern nicht wollen. Das ist die Freiheit der Kinder.

Das erhebt den Menschen auch weit über das Tier. Der Mensch ist nicht das höchst entwickelte Tier, sondern er ist zur Gemeinschaft mit Gott geschaffen. Das ist allen Menschen zugedacht. Wenn einer noch nicht Kind ist, so kann er es doch werden. Keiner von uns ist es an sich wert. Aber das ist ja das Weihnachtswunder, daß Gott seinen Sohn zu denen gesandt hat, mit denen er eigentlich ein für allemal fertig sein müßte: Er will uns als seien Kinder haben, und zwar uns alle.

Als Kinder haben wir das Recht, Gott „Vater“ zu nennen, und mit ihm zu reden ,wie Kinder mit ihrem Vater reden. Kinder erkennt man daran, wie sie mit ihren Eltern reden. Fremden gegenüber sind sie oftmals zurückhaltend. Aber wenn die Eltern kommen, dann rennen sie ihnen entgegen und rufen laut „Papa“ oder „Mama“. Mit diesen Worten dürfen wir auch Gott anreden, meint Jesus. Ja, er möchte sogar, daß die Anrede  „Abba“ nur Gott vorbehalten

bleibt. So werden wir ermächtigt, Gott um Hilfe zu bitten und all unsre Sorgen und Wünsche ihm vorzutragen. Wir sollten dieses Recht der Kinder wahrnehmen, dann haben wir auch Freiheit. Dann bleibt unser Glaube auch nicht nur eine abstrakte Überzeugung, sondern unser Leben wird davon verändert und geleitet.

Das ist aber die Entscheidung, vor die wir immer wieder in unserem Leben gestellt werden: Folgen wir Gott, unsrem himmlischen Vater, oder folgen wir anderen Herren? Wer nicht Kind sein will, wird Sklave, aber dann Sklave anderer Mächte. Luther hat in seiner Schrift „Vom unfreien Willen“ einen schönen Vergleich angestellt. Er sagt: Wir Menschen sind wir ein Reittier. Entweder reitet uns der Teufel oder Gott, ein Mittelding gibt es nicht. Wir können

höchstens den einen Reiter abwerfen, aber dann ist gleich wieder der andere da: Wenn wir Gott abschütteln, dann ist der Teufel da; und wenn wir den Teufel abschütteln wollen, dann geht das nur, wenn wir Gott zu Hilfe rufen und ihn über uns herrschen lassen. Wir können wählen!

Als Luther und Melanchthon einmal bei Hochwasser über die Elbe mußten, hatte Melanchthon Bedenken: die Sterne stünden ungünstig und die Fahrt in dem kleinen Kahn sei zu gefährlich. Doch Luther sagte nur „Domini sumus“ und sie kamen gut am anderen Ufer an. Die zwei lateinischen Wörter kann man verschieden übersetzen. Entweder:“Wir sind des Herrn“ und deshalb kann uns nichts passieren. Oder: „Wir sind Herren“, auch über die Wasserfluten. Luther wollte sicher, daß man beides heraushört: Weil wir zu dem Herrn gehören,

sind wir auch Herren!

So stellt uns das Kind von Bethlehem vor die Entscheidung, wie wir unser Leben einrichten wollen: Entweder wir folgen den Herren dieser Welt und werden damit zu Sklaven. Oder wir folgen dem Herrn über alle Welt und werden zu Söhnen und damit zu Herren. Wir haben uns alle die Frage vorzulegen: Wollen wir frei werden von Gott oder wollen wir frei werden von den Kräften und Mächten, die über uns bestimmen wollen. Wer sich aber ganz entschieden

auf die Seite Gottes stellt, der kann sicher gehen, daß ihm niemand etwas anhaben kann. So wie ein Vater seine Kinder schützt, so verteidigt Gott uns gegen alle Angriffe. Diese Gewißheit dürfen wir haben, seit Gott ein Mensch wurde.

 

[Anderer Einstieg, der auf die Verhältnisse in der damaligen DDR Bezug nimmt:

Da kommt ein Mädchen nicht mehr zum Konfirmandenunterricht. Sie will Lehrerin werden, sagt sie, und da könne sie nicht konfirmiert werden. Aber die Kirchensteuer werde sie schon zahlen, wenn sie 18 Jahre alt ist. Aber damit macht sie sich sicher etwas vor. Das muß man eben genau wissen: Wenn man erst einmal an einem Punkt nahgegeben hat, dann muß man es immer wieder, dann gehen die Forderungen schrittweise immer weiter:  Erst wird man aufgefordert, in die Partei einzutreten; dabei muß man aber aus der Kirche austreten; schließlich muß man als Lehrerin die Schüler bearbeiten, daß sie nicht zum kirchlichen Unterricht gehen; und ganz zuletzt wird man geworben, bei der Staatssicherheit mitzuarbeiten. Beim ersten Nachgeben ist das schon vorgezeichnet].

 

 

2. Christtag: 2. Kor 8, 9

„Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“

An Weihnachten lebt man um einige Kalorien üppiger als sonst. Das ist einfach auch ein Erbe aus der Frühzeit der Menschen: In der Winterzeit muß der Körper, um gesund und warm zu bleiben, einiges mehr umsetzen. Deshalb muß ihm auch mehr Nahrung zugeführt werden. Das gute Weihnachtsessen ist also nicht abzuwerten. An Heiligabend gibt es  zwar nur Kartoffelsalat mit Würstchen, aber am 1. Weihnachtstag soll es schon eine Gans oder eine Ente sein, bei der das Fett so richtig die Mundwinkel herabläuft.

Das Weihnachtsessen ist bis zu einem gewissen Grade durchaus gerechtfertigt. Zu einem Festtag gehört auch das Essen, damit er ein Festtag ist, man sollte das nicht verachten oder als unchristlich abtun. Aber wenn wir es uns wohl sein lassen, dann dürfen wir natürlich die nicht vergessen, denen das nicht möglich ist, die vielleicht sogar so hungern, daß sie um ihr Leben fürchten müssen.

Paulus aber weist im zweiten Brief an die Korinther auf einen weiteren Gesichtspunkt hin. Er sagt: Es gibt nicht nur dem Hungertod preisgegebene Menschen, sondern das Kommen unseres Herrn in die Welt ist ein Akt des Verzichts. Doch indem Christus selber arm wird, macht er uns Mut zum Ärmerwerden. Dabei sollen wir aber nicht benachteiligt werden, sondern wir können durch seine Armut reich werden.

So geht es zwar in der Kirche in erster Linie um Glaube und Liebe, aber auch uns Geld. Aber es ist nicht so, wie es einmal ein Kirchenfremder nach dem Besuch des Gottesdienstes erzählte: „Ach, es war ganz schön in der Kirche. Am Schluß ging ein Teller mit Geld herum, da habe ich mir auch zwei Euro genommen!“

Die beiden Kapitel 8 und 9 handeln von der Kollekte, die auf der Zusam­menkunft der Apostel in Jerusalem vereinbart worden war: Die von Paulus gegründeten Gemeinden sollten für die Urgemeinde in Jerusalem sam­meln. Die Korinther haben schon vor einem Jahr zu diesem Liebeswerk angesetzt. Aber die Sache ist dann doch wieder ins Stocken geraten, wohl auch wegen des Konflikts, den einige in der Gemeinde mit Paulus hatten.

Paulus will aber sein Versprechen an die anderen Apostel einhalten und die Anerkennung der Christen, die früher Heiden waren, bei ihnen bekräftigen. Deshalb versucht er, die Kollekte zu einem Abschluß zu bringen. Dafür hat er drei Argumente: Die Mazedonier können dabei ein gutes Vorbild sein, auch der Glaubensstand der Korinther ist ausreichend, vor allem aber ist Christi eigenes Handeln das Vorbild.

Jesus Christus ist selbst ein Armer gewesen. Aber er war das nicht von Hause aus, sondern er ist es erst kraft seines eigenen Entschlusses geworden: Er hat die göttliche Seinsweise abgestreift, hat auf den himmlischen Glanz verzichtet und ist Mensch geworden.

Weihnachten ist nicht nur dazu da, daß man sich wärmt und mit Genuß lebt. Das Kommen des Herrn in die Welt muß auch zu einem bestimmten Handeln veranlassen, zu einer Lebenshaltung, die an diesem Kommen orientiert ist.

Wir haben so unsere Einstellung zu Hab und Gut. Die Politiker ermahnen uns ja auch ständig dazu, daß wir vorsorgen (und dabei auch kräftig für die private Versicherungswirtschaft sorgen). Aber wann haben wir genug vorgesorgt, wann hört endlich diese Angst einmal auf, es könnte nicht langen?

Man kann in äußerem Wohlstand innerlich sehr arm sein, immer gierig nach Neuem, unersättlich nach Neuerwerbungen, gelangweilt inmitten aller Üppigkeit. Aber immer in der Sorge, man könnte das verlieren, was man hat, und in ständiger Sorge vor einem Herzinfarkt oder einer anderen Krankheit.

Unsere Art ist es, das Leben sichern zu wollen. Schmälerungen unseres Besitzstandes versuchen wir leidenschaftlich abzuwehren. Unsere Rohstoff- und Energieprobleme hängen zu einem nicht geringen Teil mit unserer Unersättlichkeit zusammen oder mit unserer fehlenden Bereitschaft zur Beschränkung und zum Verzicht. Immer mehr Wachstum, ist das Schlagwort. Aber  ging es uns etwa vor 20 Jahren schlecht?

Oft kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um damit Leuten zu imponieren, die wir nicht leiden können. Zu einem nicht geringen Teil wird das auch noch vom Handel ferngesteuert. Der macht in der Zeit vor Weihnachten vielfach 80 Prozent seines Jahresumsatzes. Und am liebsten hätten sie es, wenn die Kirche die Zahl der Adventssonntage auf sechs erhöhte und diese dann alle verkaufsoffen wären.

Wir geben ja auch etwas für die Armen. Allerdings geben wir nur aus unserem Überfluß, wir selber werden dabei nicht wirklich ärmer. Und irgendwie hat sogar der amerikanische Präsi­dent­schaftsbewerber Mit Romney recht, wenn er sagt: „Die Amerikaner sind nicht arm, sie sind nur noch nicht alle reich!“ Auch wir sind alle reich.

Bei uns ist auch keiner wirklich arm, wenn wir das im Weltmaßstab betrachten. Aber es gibt natürlich Menschen, die sind relativ arm, nämlich im Vergleich zu den Reichen bei uns. Und man sollte jede Regierung nur danach beurteilen, ob die Schere zwischen arm und reich nicht noch weiter auseinandergegangen ist, sondern sich möglichst geschlossen hat.

Noch haben wir zum Glück etwas zum Verschenken. Unser Schenken an Weihnachten ist aber meist ein Geben und Nehmen. Das ist furcht­bar, wenn einer sich nichts schenken lassen will, sondern immer gleich überlegt, wie er das wieder gut machen kann, oder darüber klagt, daß er nichts zum Wiedergutmachen hat.

Paulus nennt einen ganz anderen Antrieb für das Schenken. Für ihn geht es nicht nur um ein soziales Werk, obwohl die ersten Christen in der Tat wohl arm waren. In erster Linie ging es symbolisch um die Einheit der Kirche aus Juden und Heiden, die in dieser Kollekte ihre sicht­bare Unter­stützung finden sollte.

Wenn Paulus von der „Gnade“ spricht, dann schwingt hier die Bedeutung „Dank“ mit und „Gefälligkeit“ und „Liebeswerk“. Wenn Jesus Christus aber sein Liebeswerk tut, dann ist sein Kommen in die Armut dieser Welt eine Aktion der helfen Liebe. Ehe die Heidenchristen den Judenchristen helfen konnten, war ihnen Jesus Christus schon mit seiner Liebesaktion zuvorgekommen. Arm werden und reich machen - das ist halt der Weg Jesu.

Das Armsein ist aber nicht nur ein soziales Schicksal. Jesus faßte schon bei Gott den Entschluß, arm zu werden. Er hat nicht nur auf irdisches Hab und Gut verzichtet, wie es die Krippe  symbolisch zeigt. Viel wichtiger ist aber, daß er auf den Glanz der göttlichen Daseinsweise verzichtet hat. Er hat nicht das Gott-sein aufgegeben, aber das Gott-gleich-sein.

Er hätte ja auch an sich selbst Genüge haben können und auf die Welt und die Menschen verzichten können. Er hätte die Menschen fallenlassen können. Und wenn er sie dann wieder hätte zurückerobern wollen, dann hätte er das in unverhüllter Majestät und ungebremster Allmacht tun können.

Aber Jesus macht es ganz anders: Er begegnet den Sündern so, daß sie zu neuem Vertrauen gewonnen werden. Er macht das Los der Verlorenen zu seinem eigenen und verzichtet auf alles, was er den Menschen voraus hatte. Er bedrängt die Menschen nicht, sondern wirbt immer wieder um sie.

Weil dies vorausging, will Paulus die Korinther gewinnen für das Liebeswerk. Dies ist keine jetzt erst neu aufgenommene diakonische Aktivität. Etwas Vergleichbares hat längst  statt­gefunden in dem großen Gnadenwerk Christi. Die Korinther waren die ersten Empfänger der Gnade Christi.

Und wenn sie nun eine Kollekte geben, dann sollen sie nicht vergessen, daß der Herr zuvor an sie gedacht hat. Das Schenken wird von solchen erwartet, die zuvor beschenkt worden sind. Und die Gabe für die Jerusalemer Urgemeinde ist Dank für den Segen, der von dieser Gemeinde in die Welt gegangen ist.

Wovon Christen sich lösen und was sie tun, das hängt nicht von moralischen Regeln und Grundsätzen ab, sondern es geht aus dem Christusgeschehen hervor, das ihnen widerfahren ist. Bei ihm handelt es sich um eine einbahniges Geschehen, alles geht von ihm aus und wir sind die Beschenkten.

Aber leider klappt das heute unter den Gemeinden auch nicht. Es gibt zum Beispiel keinen ausreichenden innerkirchlicher Finanzausgleich. Wenn die Kirche von Hessen-Nassau darüber klagt, daß ihr für den neuen Haushaltsplan 30 Millionen weniger zur Verfügung stehen, dann steht dem gegenüber, daß der Haushaltsplan der Thüringer Kirche gerade einmal 30 Millionen umfaßt.  Dort erhalten die Pfarrer dann auch 1.000 Euro weniger im Monat.  Aber sage man einmal den Pfarrern im Hessen, die sollten mit den Thüringern teilen!

Und erst recht gilt das im Weltmaßstab. Wir haben zwar seit Jahrzehnten die Aktion „Brot für die Welt“. Aber die ist aus einer innerkirchlichen Bewegung zu einer Spendensammelaktion geworden, die wie andere Organisationen an Bahnhöfen und Kaufhäusern auf vier großflächigen Plakaten nebeneinander um Spenden wirbt. Ich habe einmal dorthin geschrieben, daß mein Geld nicht für die Werbewirtschaft sein soll, aber Antwort habe ich nicht erhalten.

Vielleicht bedrückt es uns, daß wir auch bei allem guten Willen  die technischen Möglichkeiten fehlen, in spürbarem Umfang zu helfen. Aber wenig ist mehr als gar nichts. Wir haben die Freiheit zu beidem: zum Haben und zum Verschenken. Aber auch mit dem Hergeben horten wir kein himmlisches Kapital. Wir werden nicht zu Spekulationsgeschäften mit himmlischen Aktien verleitet.

Christus macht uns reich. Wir werden nicht ärmer, wenn wir den Schwer­punkt unserer Anstrengungen und Unternehmungen in den anderen sehen. Unser Leben ist soviel wert, wie es Dienst am anderen ist. Liebe zu verschenken macht nicht ärmer, sondern reicher. Im nachhinein merkt man, wie man froh wird, wenn man einen anderen Menschen hat froh machen können

 

 

1. Sonntag nach dem Christfest: Jes 49, 13 -16

Vor einer Klassenarbeit fertigt sich ein Schüler gern einen Spickzettel an. Darauf steht das Wichtigste oder das, was man sich nur schwer merken kann. Aber so ein Zettel ist natürlich immer gefährdet, weil der Lehrer ihn leicht erwischen kann. Deshalb sind schon immer einige auf die Idee gekommen, sich die Stichworte auf den Körper zu schreiben, auf den Oberschenkel oder in die Handfläche. Auch wenn man nachher gar nicht hinsieht, weil man auch so alles im Kopf hat - diese letzte Rettung gibt doch Sicherheit.

Was in die Hände geschrieben ist, geht nicht vergessen. Das will auch der Prophet Jesaja der Zweite sagen, wenn er Gott die Worte in den Mund legt: „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet!“ Das ist doch ein wunderbares Bild für das Handeln Gottes: Er hat den Stadtplan des künftigen Jerusalem schon in seine Hand gezeichnet, er hat alles schon vor Augen, wie es

einmal werden soll.

Der Prophet spricht das zu seinem Volk, das in Babylon in der Gefangenschaft sitzt. Davon spricht ja auch die Gruppe „Bonie M" in ihrem bekannten Lied von dem Volk, das an den Flüssen Babylons sitzt und sich an den Zionsberg in Jerusalem erinnert. Doch Gott geht es nicht nur um die Stadt Jerusalem, sondern auch um die Menschen, die wieder in ihr wohnen werden. Und damit gilt diese wunderbare Zusage auch uns allen, die wir Gottes geliebte Kinder sind.

Gott hat sich alle Namen in die Handflächen geschrieben, damit er immer an die von ihm geliebten Menschen denkt. An sich hätte er das nicht nötig, denn er ist nicht vergeßlich wie ein alter Opa mit Kurzzeitgedächtnis. Aber dieses Bild macht uns deutlich, wie Gott zu uns steht, damit wir besser verstehen und glauben können.

Gott schreibt uns nicht aus dem Grund auf, aus dem Herrscher ihr Volk zählen und erfassen. Zur Zeit der Geburt Jesu gab es eine solche Zählung im ganzen römischen Reich. Solche Zählungen dienen meist der Absicht, Steuern einzutreiben und Soldaten zu erfassen. Auch bei uns gibt es immer wieder einmal eine Volkszählung bevor. Angeblich braucht man die Zahlen für die Planung künftiger Vorhaben. Aber irgendwie geht es auch immer darum, das Volk im Griff zu behalten.

Gott aber handelt aus Liebe. Wir sind in keinem Augenblick vergessen, er ist uns immer freundlich zugewandt. Er denkt an uns, er spricht mit uns, er schenkt sich uns. Daß die gefangenen Juden einige Zeit später wieder nach Jerusalem zurückkehren konnten, ist nur ein Beispiel dafür, wie Gott grundsätzlich handelt.

So wie mit dem Volk der Juden, so handelt Gott auch mit der Kirche. Sie scheint manchmal auch von Gott verlassen zu sein, nicht nur in Zeiten der Verfolgung, sondern auch, wenn sie sich zu sehr ihrer Umgebung anpaßt oder wenn sehr menschliche Erscheinungen auch in ihr zu finden sind.

Gott sieht immer vor sich eine wieder errichtete Stadt Jerusalem, eine wieder errichtete Kirche und wieder aufgerichtete Menschen. Unser Leben hängt nicht ab von der Gunst oder Ungunst äußerer Umstände, sondern von dem Gott, der seine Menschen nicht aus den Augen läßt und sie ständig trägt und erneuert.

Dennoch können wir die Probleme und Ängste unsres Lebens nicht einfach beiseite schieben. Es ist nicht so einfach, wenn man einen Kranken zu pflegen hat bis an die Grenzen der eigenen Kraft. Es ist nicht so einfach, wenn man im Vergleich zu den anderen arm ist und sich

Manches nicht leisten kann. Es ist nicht so leicht, wenn man einsam ist und sich nach menschlicher Wärme und Nähe sehnt.

Da kann es schon gehen wie mit dem Volk Israel, daß man klagt über das angebliche Verlas­sen­sein und Gottes Zuspruch völlig abprallt. Gott hat sich dauernd mit diesem Volk beschäftigt. Sie aber sagen, er habe sie verlassen und vergessen.

Das ist für die Juden nicht ein Zeichen von Unglauben, aber doch des Zweifels. Vor allem die erste Generation, die selber die Verschleppung mitgemacht hatte, mußte ihr Schicksal als Gericht Gottes ansehen. Was die älteren Propheten wie der erste Jesaja vorausgesagt hatten, war in grausamer Weise eingetreten. Die Verschleppten haben ja auch ihre Heimat nicht wiedergesehen, sondern erst ihre Kinder und Enkel. Da konnten sie nur schwer daran glauben, was dieser zweite Jesaja ihnen da zusagen will.

In der Zeit der Not muß man sich entscheiden, wie man sein Leben bewältigen will. Es genügt nicht, sich auf ein besseres Jenseits vertrösten zu lassen. Das wirft man der Kirche ja immer wieder vor, daß sie die Probleme der Gegenwart überspielen wolle mit dem Blick auf den Himmel.

Deshalb haben ja die Kommunisten versucht, das Jenseits zu ersetzen durch die Zukunft: Was den Christen erst in der Welt Gottes versprochen wurde, das wollten sie schon innerhalb der Welt herstellen. Aber anstatt ihr eigentliches Ziel zu verfolgen, haben sie sich aufgerieben im Kampf gegen die Kirche, weil sie meinten, diese sei ihnen dabei im Weg.

Nirgendwo in der Welt hat das kommunistische System funktioniert, es ist am Ende immer auf eine mehr oder weniger schreckliche Diktatur und wirtschaftliche Not hinausgelaufen. Es mag funktionieren in kleinen Gemeinschaften von 20 oder 60 Leuten wie auf dem Dotten­felder Hof bei Bad Vilbel, aber auch da ist es sicher noch schwierig.

Aber für ein Staatswesen ist der Kommunismus und selbst der sogenannte „demokratische Sozialismus“ nichts, auch nicht in Zukunft. Die Neu-Kommunisten wie Gregor Gysi und Oskar Lafontaine träumen immer noch davon. Sie sagen: Die 70 Jahre waren ein Experiment, aber wir wurden aus Erfahrung klug und machen es besser!

Es ist allerdings nicht leicht, sich selber einen Entwurf von der Zukunft zu machen. Aber wir brauchen das ja auch nicht, weil Gott unsere Zukunft sichert. Doch so etwas muß man sich erst immer wieder klar machen. Auch die Israeliten in Babylon standen vor dieser Aufgabe.

Dabei haben sie nicht - wie das bei uns heute oft geschieht - an der Existenz des unsichtbaren Gottes gezweifelt. Sie waren von der Wirklichkeit Gottes überzeugt, aber sie meinten, dieser Gott habe sie abgehängt und vergessen. Aber da sagt ihnen der Prophet: Gott hat sein Volk nur zeitweilig verlassen. Die Sklaverei hat nun ein Ende. Gott leidet mit an den Leiden seiner

Menschen. Jetzt ist wieder Zeit, den gnädigen Gott zu verkünden.

Der Prophet wirbt um das Volk, läßt alle Mittel der Überredung spielen, wendet sich einmal an den Verstand und einmal an das Gefühl. Er spielt den Zorn und das Gericht Gottes herunter: Gott hat sein Volk nicht endgültig verstoßen, er hat noch Großes mit ihm vor. Der Prophet wirbt mit beschwörenden Worten: „Glaubt Gott doch seine Liebe!“

Es ist eine geradezu triebhafte Liebe, der man nicht zuvor hat sagen müssen, wie sie sich zu dem Kind einstellen soll. Vielleicht kann man sich so etwas gar nicht mehr recht vorstellen, wo wir in letzter Zeit wir immer wieder vom Gegenteil hören, wie Mütter ihre Kinder umbringen oder verwahrlosen und verhungern lassen. Oft sind das Menschen, die selber schon in ihrer Kindheit keine Liebe erfahren haben. Es sind Menschen in wirtschaftlicher Not oder Drogenabhängige oder auch seelisch Geschädigte.

Doch solches Fehlverhalten ändert nichts an der Tatsache, daß Mutterliebe etwas Wunderbares ist (und natürlich auch die Liebe des Vaters zu seinen Kindern). Und selbst wenn die Mutterliebe versagen würde - sagt der Prophet - die Liebe Gottes versagt nicht.

Für uns Christen wird die Liebe Gottes zu den Verlorenen anschaulich in der Hingabe des Sohnes. Das ist nicht nur eine Liebesgesinnung, sondern Liebe, die tatsächlich handelt. Die Menschwerdung Gottes ist dem jüdischen Denken fremd. Dort kennt man nur den einen, ungeteilten Gott, der sich nicht mit der Schöpfung vermischt, indem er selber Mensch wird. Das Neue Testament sieht es aber anders: Alle Gottesverheißungen sind in Christus bestätigt und erfüllt. In Christus dürfen wir Gott wiedererkennen, der sein Volk getröstet, aus der Not befreit und sich seiner erbarmt hat.

Auch uns und gerade uns gilt diese Verheißung. Es spielt dabei keine Rolle, ob wir reich oder arm sind, gesund oder krank, erfolgreich oder im Schatten, geliebt oder gemieden. All das kann uns nur noch wenig anfechten, wenn wir diese Liebe Gottes erst einmal richtig entdeckt und wahrgenommen haben. Gott erbarmt sich auch über uns, wenn wir in tiefer Not stecken, so wie eine Mutter ihr Kind liebt, weil er unsre Namen in seine Handflächen geschrieben hat. Gott hat es nicht mehr mit ansehen können, er mußte sich seines Volks erbarmen.

Deshalb jubelt auch die ganze Welt über das Gute, das Gott den Seinen tut. Die außermenschliche Kreatur hat es bemerkt und begriffen. Der Prophet fordert sie zu ungedämpftem Jubel auf: Himmel und Erde werden zum Jubel aufgerufen.

Die Rückkehr der Verschleppten nach Jerusalem war kein großes weltgeschichtliches Ereignis. Von der Geburt des Kindes im Stall von Bethlehem hat kaum jemand Notiz genommen.

Aber dieses unscheinbare Kind kann sehr wohl zum Heiland der ganzen Welt werden. Es kann auch unser Heiland werden, der unsre Wunden heilt, die äußerlichen und die innerlichen. Deshalb hat die ganze Welt Grund, in Jubel auszubrechen über Gottes wunderbares Gnadenhandeln.

 

 

Altjahrsabend: Hebr 13, 8 - 9b

„Man sollte am Ende eines Jahres nie ein unfreundliches Gesicht machen. Entweder kann man sagen: ‚Gottlob, ich habe es genossen!‘ oder: ‚Gottlob, ich habe es überstanden!‘ Und wer beides sagen kann, hat sogar ein doppeltes 'gottlob' zu sagen!" So spricht es der Dichter

Johann Peter Hebel. Am Ende eines Jahres blicken wir zurück auf Erfreuliches.uld Belastendes, auf Gelungenes und Fehlerhaftes. Und wir machen uns klar, daß das alles etwas mit Gott zu tun hat.

Wenn im Fernsehen die Uhr die letzter Sekunden des Jahres heruntertickt, dann ist das immer sehr bewegend. Der Fluß der Zeit bewegt sich unaufhaltsam davon. Es gibt kein Staubecken, in dem an die überflüssige Zeit speichern könnte, um sie für späteren Bedarf aufzuheben. An diesem Abend empfindet wohl jeder deutlicher als sonst das Mahlwerk der Ewigkeit. Mancher versucht sich über solche Gefühle hinwegzuhelfen mit mehr oder weniger Alkohol. Richtig lustig können wir oft ja nur sein mit euer gehörigen Portion St. Spiritus.

Die anderen wollen mit ihrer Feuerwerkerei etwas überspielen oder übertrumpfen und sich des Unheimlichen zu erwehren. Millionen Raketen und Knallkörper stehen dafür bei uns bereit. Man muß sich einmal klar machen, was da alles in die Luft gejagt wird. Wer ein Streichholz an die Zündschnur hält, der meldet sich damit zu Wort und macht deutlich: Ich bin noch da  ich kann noch etwas zum großen Konzert beitragen!

Man muß dabei gar nicht an der alten Aberglauben denken, daß in der Silvesternacht böse Geister herumfliegen, die man mit viel Lärm vertreiben will. Heute ist es eher die Angst vor dem unaufhaltsamen Abrollen der Zeit, das wir überspielen wollen. Was dahin ist, können wir nicht zurückholen. Und was auf uns zukommt, können wir nicht abwehren. Nur eins ist uns klar: Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Dennoch dürfen wir gespannt sein, wohin uns die Einladung Gottes noch führt und wie uns Christus noch im Leben begegnet.

Besonders junge Menschen empfinden es so. Wer älter wird, den bedrückt das Verrinnen der Zeit. Er fragt nach dem Bleibenden im Vergehen. Das sind Wahrheiten, Erkenntnisse und Erfahrungen. Das ist aber auch Jesus Christus, der derselbe geblieben ist, gestern, heute und in Ewigkeit. Er bleibt und er gibt uns das feste Herz.

 

1. Jesus Christus ist der Bleibende:

Durch die Zeiten geht der unverwechselbare und zuverlässige Jesus Christus mit. Er ist der Christus von gestern, der als Jesus von Nazareth der mitreisende Prediger und Heiland der Sünder war. Er ist aber auch der Christus von heute, denn wir haben es nicht mit einem Vergangenen zu tun, sondern mit dem Auferstandenen. Es ist nicht so, daß er mit jedem Jahr uns ferner rückte. Nicht nur seine Sache geht weiter, sondern er ist auch selber da. Er nimmt mit seiner Gemeinde Verbindung auf durch die Predigt und durch die Sakramente. Er redet mit uns und wartet auf unsere Antwort.

Wir haben auch heute nichts anderes von ihm zu erwarten als die Menschen von einst. Noch immer ruft er Menschen in seine Nachfolge, holt er Sünder aus ihrer Verlorenheit und führt Gottentfremdete zum Vater zurück. Im Hebräerbrief wird er vornehmlich als „Hoherpriester“ bezeichnet. Er zeigt dem Vater die von den Nägelmalen stammenden Wunden. Dadurch setzt er sicher die Welt ein, die ohne ihn verloren wäre. Nicht der Riese Atlas trägt auf seinen Schultern das Weltgewölbe, sondern der Fürsprecher Jesus Christus trägt die Welt und uns alle. So wie er in seinen Erdentagen die Menschen von der Last ihrer Schuld befreite, so auch jetzt als der Erhöhte. Er regiert auch heute die Gemeinde und berät sie.

Die Gemeinden des Hebräerbriefes standen offenbar in der Gefahr, wieder Bräuche der jüdischen Religion einzuführen! Mitten in der Versammlung der Gemeinde traten Männer auf, die Heil und Seligkeit wieder von der Einhaltung bestimmter Gebote abhängig machten.

Sie wollen sich dadurch einen Namen machen, suchten Anerkennung und Ehre. So schrien die einen  „Hü“ und die anderen „Hot“. .Es drohte Grüppchenbildung und Spaltung der Gemeinde und Unglaubwürdigkeit nach innen und außen.

Demgegenüber sagt der Hebräerbrief: Nur einem Namen gebührt Ehre, Anbetung und Vertrauen. Das klingt sehr konservativ, so als sollte alles beim Alten bleiben. Es klingt sehr kleinlich und ängstlich und aus einer Verteidigungshaltung heraus gesprochen. Heute gilt es doch eher, beweglich zu sein und alles immer wieder neu zu sagen und den Forderungen der Zeit zu entsprechen, weil sich doch alles zu schnell verändert.

Demgegenüber erscheint der Ruf nach dem Beharren auf der Lehre der Gemeinde schon fast peinlich. Doch keine Angst: Gott selber ist beweglich. Er wird auch im kommenden Jahr am Werk  sein und uns mit vielem überraschen. Wir können nur gespannt zuschauen und werden selber aktiv an der Erneuerung und Gestaltung der Welt mitwirken,

Aber wir brauchen auch etwas, das fest bleibt im Fluß der Zeiten und der Veränderung der Welt. Unser Gott bleibt immer derselbe, er ist der zuverlässige Herr. Man könnte an die Stelle im 2. Mosebuch denken, wo Gott seinen Namen erklärt: „Ich bin, der ich bin!“ Er ist der Gott-für-uns, der seinen davongelaufenen Geschöpfen nachgeht und sich zu ihnen bekannt und sie wieder auf den rechten Weg zurückbringen will.

Unser Gott ist nicht einmal so und einmal wieder so. Wir haben keinen wetterwendischen und wankelmütigen Herrn. Wir standen im abgelaufenen Jahr nicht unter einem blinden Schicksal, das kalt und herzlos mit uns gespielt hat. Vielmehr waren wir in Jesu Händen und dieses Jahr war ein Jahr der Gnade Gottes.

Auch in Zukunft haben wir nichts anderes zu erwarten als Jesu Eintreten für uns. Wenn auch der Lauf der Welt sich ändert, bittet doch unablässig für uns, der über allem steht und alles mit seinem Wort trägt. Dieser Beständigkeit des Herrn soll aber nun auch unsre Treue entsprechen.

 

2. Jesus Christus gibt uns das feste Herz:

Von allen Unsicherheiten ist die unsicherste das Menschenherz, also die Tiefe unseres Wesens. Sie ist uns in vielem unbekannt und unkontrollierbar und kaum zu steuern. Niemand von uns weiß, in welche Erprobungssituationen er im kommenden Jahr geraten wird, Da gibt es wechselnde Stimmungen und Launen, ein Schwanken zwischen Begeisterung und Hoffnung auf der einen Seite und Stumpfheit und Lähmung auf der anderen Seite. Oft wissen wir selbst nicht, was wir wollen.

Da brauchen wir schon ein festes Herz. Nicht ein hartes Herz, das begeistert ist von den eigenen Möglichkeiten des Menschen. Auch nicht ein schwaches Herz, das sich vereinnahmen und treiben läßt von dem, was auf den Menschen zukommt. „Fest“ ist, was gut gegründet und verwurzelt ist, bestätigt und garantiert. Ein festes Herz wird man dem wünschen, der durch fremde Lehren vom Kurs abgebracht werden soll. Auf dem Gebiet der Religion sind die Menschen da besonders anfällig, weil man da ja nichts nachprüfen kann.

Manche haben versucht, ihr Herz aus eigener Kraft fest zu machen. Zur Zeit des Hebräerbriefes wollten Einzelne die jüdischen Speisevorschriften wieder einführen und durch solche religiösen Gebote Sicherheit erlangen. Aber das geht nicht. Man kann sich zwar zu guten Werken zwingen und sich immer neue Gesetze auferlegen. Aber das alles macht das Herz nicht fest, sondern höchstens hart und kalt. Wer Beständigkeit vortäuschen oder erzwingen will, wird verkrampft und unmenschlich. Und zuletzt wird er verbittert und haßt seine Umwelt.

Gesetzlichkeit schließt uns und anderen den Himmel zu. Dann wird gesagt: „Wer ein Christ sein will, der muß so oder so sein!“ Warum muß man? Gar nichts muß man! Man wird Vieles tun, aus Liebe zum Herrn und zu den Menschen, die er liebt. Aber heilswirksam ist nicht, was der Christ tut, sondern was der Herr getan hat und noch tut. Das Herz wird nicht fest durch die Beachtung nutzloser Speisevorschriften, sondern allein durch die Gnade. Das Bleiben an der Wahrheit des Evangeliums geschieht durch Gnade. Gottes Geist will uns dabei lenken und bewahren.

Deshalb sollte  unser Gebet gerade heute sein: Vergib mir die Eigenwilligkeiten und Ver­kehrt­heiten meines Herzens, seine Schläfrigkeit und Mutlosigkeit. Gib mir ein gutes und beständiges Herz, das meinem Leben wieder Ordnung und Brauchbarkeit verleiht. Das wäre dann ein „köstlich Ding“, wie es Luther so vortrefflich übersetzt hat.

Wenn Gott sich uns zuwendet und uns festhält, dann ist das das Beste, das uns widerfahren kann. Niemand sollte Angst haben, dadurch unfrei zu werden. Manche sagen: „Laßt doch jedem seinen Glauben und legt ihn nicht auf eine Linie fest!“ Sicher darf niemand mit äußerer Gewalt zu etwas gezwungen werden, wozu man die freie Zustimmung des Herzens braucht. Aber die Freiheit der Glaubensentscheidung darf nicht verwechselt werden mit einer Unentschiedenheit, die alles gelten läßt, wenn es um Gott geht.

Wir brauchen einen zuverlässigen Herrn, weil nur so unser Herz festgemacht werden kann (man beachte das Passiv! Aber wir wissen ja, wer allein es festmachen kann!). Jetzt brauchen wir nicht mehr im Wandel der Zeiten zu zittern, sondern können voller Hoffnung dem neuen Jahr entgegengehen. Dazu müssen wir allerdings Jesus ganz in das Zentrum unserer Person, in unser Herz hineinlassen, damit wir von innen heraus erneuert werden können. Er will nicht nur unsre Gefühle wecken, sondern auch unsere Gedanken beeinflussen und unseren Willen regieren.

Das Herz soll dann das Blut bis in den äußersten Winkel des Körpers pumpen. Es genügt nicht, daß wir nur ein frommes Herz haben, das für Gott schlägt und von seiner Gnade ergriffen ist. Denken und Handeln, Glaube und Leben gehören zusammen, damit wir aus der Isolierung und Selbstbespiegelung herauskommen und auf unseren Mitmenschen zugehen. Durch Gottes Gnade brauchen wir nicht mehr nervös zu sein. Gott schenkt uns die Gelassenheit, das heute Mögliche zu sehen und anzupacken. Auch das neue Jahr wird ein Jahr der Gnade sein. Gott wird schon wissen, wie er uns führt und wie er uns durchbringt.

 

 

Neujahr: Philipper 4, 10- 13

Vielleicht haben wir am Ende des vergangenen Jahres etwas sorgenvoll in die Zeitung geblickt. Da wird ja schon immer vorausgeschaut auf die Zukunft und sogenannten „Prognosen“ gemacht. Dann heißt es etwa, daß das Bruttosozialprodukt oder das Wirtschaftswachstum oder der Export um drei Prozent steigen wird, aber die Löhne sollen nur um 0,5 Prozent steigen. Wenn die Inflationsrate aber auf zwei Prozent steigen soll, dann bedeutet das ein „Nullwachstum“, genauer gesagt um ein Minus. Dann stöhnt sicher wieder mancher: „Was soll das nur werden? Alles wird teurer!“

Dabei wollen wir doch einmal ganz nüchtern feststellen, daß wir auch im abgelaufenen Jahr über die Runden gekommen sind. Letztlich ist es uns doch gut gegangen, besser als der großen Mehrheit der Menschheit. Auch im neuen Jahr können wir darauf vertrauen, daß Gott uns erhalten wird. Wir engen aber unser Leben ein, wenn wir meinen, wir müßten dies oder jenes unbedingt haben. Wir verlieren die Sorglosigkeit und Freiheit, unser Leben zu gestalten. Man glaubt ja gar nicht, wie vieles der Mensch nicht braucht. In Afrika sagte einmal einer: „Ich weinte, weil ich keine Schuhe hatte, bis ich einen fand, der keine Füße hatte!“

Wir möchten das neue Jahr festlegen, soweit es geht. Wir möchten das Leiden möglichst vermeiden, jeden Schmerz mit Tabletten beseitigen. Aber Leidende können auch zu großer menschlicher Reife kommen und beglückende Erfahrungen machen. Das lehrt uns Paulus, der sich in mancherlei Hinsieht eine innere Unabhängigkeit bewahrt hat. Zum Beispiel hat er rauf eine materielle Unterstützung aus den Gemeinden verzichtet, denn er hatte ja ein Handwerk erlernt und konnte sich davon ernähren.

Paulus sagt: „Ich habe mich im Herrn ganz groß gefreut!“ Er fühlt sich geradezu räumlich von Christus umgeben und umschlossen. Das bewirkt bei ihm eine Freiheit des Habens. Paulus hätte ein Recht auf Lohn gehabt, denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Aber in der Regel hat er darauf verzichtet. Nur bei den Philippern war es anders. Mit der ersten Gemeinde auf europäischem Boden war er wohl besonders eng verbunden.

Die Gemeinde hat ihm etwas geschickt. Das macht ihm deutlich: „Sie haben mich nicht vergessen. Sie verachten mich nicht, weil ich im Gefängnis sitze!“ Es besteht eine feste Gemeinschaft im Geben und Nehmen. Materieelle Dinge sind nicht mehr Zeichen für Unterschiede, sondern ein Mittel zur Gemeinschaft: Durch Geben und Nehmen ist man miteinander verbunden.

Es geht also nicht um die Anerkennung der Leistung des Paulus. Wie könnte man auch die Leistung eines Apostels in Geld messen? Bei uns ist das üblich, da werden schon Unterschiede gemacht und es kommen Ungerechtigkeiten vor. Aber für das Evangelium kann man nicht bezahlen. Und Paulus hätte sich auch darum gemüht, wenn er keinen Pfennig gekriegt hätte. Die bescheidene Gabe der Gemeinde ist ihm Zeichen der Verbundenheit und natürlich auch ein wenig Beitrag zu seinem Lebensunterhalt. Doch eine Anerkennung seiner Leistung von Seiten der Menschen hat er nicht nötig.

Eine leise Kritik ist dennoch herauszuhören: „Ihr habt wieder Kraft, für mich zu sorgen!“ Er entschuldigt sie auch gleich wieder und sagt: „Ich weiß schon, es fand sich keine Gelegenheit oder ihr hattet keine Zeit!“ Aber jetzt ist die Sorge für den Apostel aufgeblüht wie eine Knospe, die sich zur Blüte geöffnet hat. Die Freude steht im Vordergrund. Aber es fällt kein Wort des Dankes, eher will Paulus sagen: „Wir sind quitt!“

Wir würden einem Geber doch bezeugen, wie lieb und wichtig uns das Übersandte ist. Paulus aber sagt: „Ich brauche es eigentlich nicht, könnte es entbehren. Denn ich kann bescheiden leben, wenn es sein muß!“ Er meint nicht, daß jedes irdische Gut und jeder leibliche Genuß das Seelenheil gefährde. Aber er versteht sich auf beides: satt sein und hungern, reichlich haben und knapp bei Kasse sein. Er steht über den Dingen und hat eine Freiheit des Habens, die sich schon im Entbehren bewährt hat.

Hier könnten wir uns fragen: Hast du das auch gelernt, bist du innerlich frei von den Gütern und Problemen dieser Welt? Kannst du genausogut mit einer gefüllten Geldtasche leben wie ein Hungerdasein führen? Kannst du genausogut einen herrlichen Urlaub in wundervoller Landschaft verbringen wie monatelang ein schmerzliches Krankenlager durchstehen? Kannst du genausogut deinen Lebensabend im Kreise der Kinder und Enkel verbringen wie im Altersheim unter fremden Menschen?

Vielleicht sehen wir deshalb sorgenvoll ins neue Jahr, weil wir Angst haben, es könnte uns etwas genommen werden von dem, was wir uns erarbeitet haben. Wie es uns geht, das machen wir gern von dem abhängig, was das neue Jahr so „bringt“. Unsere Wünsche und Hoffnungen sind nicht selten Ansprüche an das Leben. Natürlich soll unser Leben reicher und schöner werden: unser Fleiß, unsere Sorgfalt und unsere guten Einfälle sind dazu gefordert. Aber wir machen uns selber unfrei, wenn wir immer nur fordern und begehren. Vielleicht werden wir viel freier, wenn wir verzichten können.

Unser Verlangen nach immer mehr paßt schlecht zum Leid der armen Völker und zu den knapper werdenden Schätzen der Erde. Viele geben aber nicht eher Ruhe, bis sie alles für den Haushalt und ein hochentwickeltes Leben haben. Ein junges Ehepaar schafft sich nach dem ersten Kind (das der Heiratsgrund war) erst einmal Möbel und Auto an. Durch die Sucht nach immer neuen Dingen wird man durchs Leben gezerrt und wird zum Sklaven der Dinge. Ein zweites Kind würde nur den Fortschritt hemmen.

Das ist eben die Frage: Ob wir die Dinge haben oder die Dinge uns haben. Ist uns die Laune gründlich verdorben, war ein Jahr sinnlos, wenn uns etwas gefehlt hat oder etwas noch nicht geklappt hat? Können wir wirklich beides: dankbar genießen und auch über den Dingen stehend verzichten? Unsere innere Freiheit wird in Zukunft  mehr und mehr zur Lebensfrage werden.

Die Älteren wissen, daß es auch schon schlechtere Zeiten gab und es auch gehen mußte.  Doch das bessere Leben soll keinem vermiest werden. Die jungen Leute kriegen oft zu hören: „Wenn ihr das mitgemacht hättet, was wir durchmachen mußten! Aber wartet nur, es kommt auch wieder einmal andersherum!“ Mit Recht sagen dann die jungen Leute: „Wir können doch nichts dafür, daß es früher so war und heute so ist! Wenn es wieder anders kommen sollte, dann werden wir auch damit fertigwerden müssen. Aber das soll uns doch nicht schon heute die Freude nehmen!“

Man kann eine Freiheit, wie sie Paulus hat, nicht von jedem fordern und zum Gesetz machen. Wer sein Hab und Gut in Flammen hat aufgehen sehen, wird oft verbittert sein. Wer noch heute am verlorenen Besitz hängt, den können wir nicht der fehlenden Gelassenheit und des mangelnden Glaubens bezichtigen.

Paulus spricht es lächelnd aus: „Ich habe es gelernt. Ich bin in allem gewachsen durch den, der mir die Kraft gibt!“ Sein Loslassenkönnen ist eine Gnadengabe Gottes. Als Christus in sein Leben trat, hat sich der Schwerpunkt seines Denkens und Begehrens merklich verlagert, so wie der Eintritt eines geliebten Menschen ins eigene Dasein eine Umwertung aller Werte mit sich bringt. Alles wird an Christus gemessen. Das ist das Geheimnis der Freiheit des Apostels. Deshalb kann er alles, was kommt, als Geschenk aus Gottes Hand nehmen, auch den Mangel.

Das Leben in der Christusfreude bewirkt aber auch eine Frucht des Gebens. Wer sich von Christus gehalten weiß, der kann auch mit Freude weggeben, ohne Angst haben zu müssen, er könne zu kurz kommen.

Wir hätten Paulus mißverstanden, wenn wir meinten, nun könnten wir die Kollekte im Gottesdienst und die Kirchensteuer sparen, weil die kirchlichen Mitarbeiter und die Pflegebefohlener der Kirche ja auch hungern können müßten. So übergeistlich ist Paulus nun auch wieder nicht. Er gibt zu: Es gibt Situationen und Bedrängnisse, in denen man der Hilfe bedarf. Er spricht sogar vom Bedarf und spricht vom gegenseitigen Verrechnen. Das wechselseitige Geben und Nehmen und die Liebe zueinander entscheidet.

Es geht nicht um ein Geschenk, sondern Paulus spricht von „Frucht“. Wo das Evangelium wirksam wird, da setzt es diakonische Kräfte frei. Deshalb gehört zum Gottesdienst auch das Opfer dazu, auch wenn es natürlich nicht die einzige Frucht der Wortverkündigung ist: Es ergibt sich von innen heraus ohne Druck. Es geht nicht um die Gemeinde und Paulus, sondern um ein Geschehen zwischen Gott und der Gemeinde. Paulus ist nur der Nutznießer des Dankes an Gott.

Man könnte natürlich sagen: „Das ist eine ganz raffinierte Methode, der Kirche Geld zu verschaffen: Man soll Gott opfern, aber ausgehändigt wird es dem Apostel!“ Schon in Goethes „Faust“ heißt es: „Die Kirche hat einen guten Magen“ Doch wer hier kritisiert, sollte erst einmal in 2. Korintherbrief Kapitel 11 von den Bedrängnissen des Apostels lesen und sich dann fragen, ob er wohl mit dem Apostel hätte tauschen wollen. Paulus wäre ihm sicher in seiner Freiheit von den Dingen voraus. Und zu solcher Freiheit möchte Paulus auch andere anleiten, aus dem Glauben heraus.

Mancher klagt und jammert ständig über seine Armut. Sieht man aber genauer hin, so hat er eigentlich ziemlich viel zum Leben. Aber er hat es nicht gelernt, geben zu können. Mancher andere aber ist wirklich arm, kann aber davon noch verhältnismäßig viel abgeben und jammert nie. In der Gemeinde Gottes ist es so: Man gibt nicht, weil man hat, sondern man hat, weil man gibt.

Dann erkennt man auch, wo den anderen der Schuh drückt. Dann wird man auch für ihn einstehen, nicht nur mit schönen Worten, sondern auch indem man in die Geldtasche greift. Aber es wird auch unsre Zeit gefordert, der Verzicht auf die eigene Bequemlichkeit und unser ganz persönlicher Einsatz; und das ist oft schwerer als das Hergeben von Geld.

Fähig dazu wird man nur, wenn man so wie Paulus gewiß ist: Es ist nicht Gottes Art, uns kurz zu halten. Gott gibt uns alles, was wir brauchen, um ein Mensch zu sein. Er gibt uns sogar mehr, damit wir es weitergeben zu können. Das ist doch eine ermutigende Glaubenseinsicht für das neue Jahr. Wenn wir loslassen können, werden wir auch wahrhaft freie Menschen werden.

 

 

2. Sonntag nach dem Christfest: Röm 16, 25 - 27

An dieser Stelle des Gottesdienstes kommt immer die Predigt. Die meisten Gottesdienstbesucher kommen wegen der Predigt und beurteilen auch den ganzen Gottesdienst danach, wie die Predigt war. In Göttingen gab es eine Zeit, da kamen manche Leute erst zum Beginn der Predigt zum Gottesdienst und gingen auch  nach der Predigt demonstrativ wieder fort. Die wollten nur eine Kanzelrede hören, die der berühmte Professor hielt. Alles andere am Gottesdienst, das wir „Liturgie“ nennen - also Lieder, Lesungen und Gebete - verachteten sie. Der heutige Predigttext ist aber nur „Liturgie“: Ein Lobpreis Gottes am Schluß des Römerbriefs, als Abschluß der Lesung des Briefes im Gottesdienst gedacht.

Ich traue mich gar nicht, diesen Lobpreis nach der Lutherübersetzung vorzulesen. Es ist nämlich ein einziger Satz, der sich über drei Verse erstreckt, aber völlig in sich verschachtelt ist.

Dazu ist dieser Satz vollgestopft mit theologischen Begriffen. Am Ende weiß man gar nicht, was eigentlich gesagt werden sollte. Deshalb habe ich versucht, diesen Lobpreis einmal in kurze Sätze zu zerlegen

„Gott möge groß herauskommen! Er kann uns durch diese neue Nachricht immer wieder voll ermutigen. Diese Sache macht deutlich, wie Gott eigentlich drauf ist. Das haben die Menschen bisher noch nie so gehört. Aber jetzt ist das anders. Die Menschen hören davon, wie es die Propheten schon vor langer Zeit vorhergesagt hatten. Gott wollte es so, er will, daß alle Menschen das wissen, damit sie ihr Vertrauen auf Jesus Christus setzen. Gott weiß alles! Er hat den Überblick! Er soll groß herauskommen durch Jesus Christus! Genau so ist es (nach: Volx-Bibel).

Die Mitte dieser Aussagen ist das Christusgeheimnis, das jetzt ans Licht getreten ist. Dieser komplizierte verschachtelte Satz ist eine einzige große Brücke zur Weihnachtsbotschaft. Im Mittelpunkt dieser Lesung steht: „Jetzt aber!“ Das erinnert an das „Euch ist heute der Heiland geboren“, das die Engel den Hirten sagen. Das ist aber auch gleichzeitig eine Brücke zum Alten Testament. Die Propheten haben immer angekündigt, daß Gott einmal den Messias senden werde. Aber keiner der Propheten konnte sagen: „Heute ist es so weit“ oder „jetzt aber“ hat Gott sein Versprechen eingelöst.

Deshalb ist die Weihnachtserzählung voll von Lobpreisen: „Ehre sei Gott in der Höhe“  und „Die Hirten kehrten wieder heim, sie lobten und priesen Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.“ Und kurz nach der Geburt Jesu singt der greise Simeon in seinem Lied: „Ein Licht, das die Heiden erleuchtet.“ 

Gott hat etwas Neues in die Welt hineingegeben, indem Christus kam. Das Geheimnis Gottes war seit ewigen Zeiten unausgesprochen. Die Menschen haben immer danach gesucht, das Geheimnis Gottes zu ergründen: Wer er ist, wie er denkt, warum er so handelt, warum er das Leid in der Welt zuläßt? Es gibt so viele Dinge in diesem Geheimnis Gottes, die unausgesprochen sind, die über die Jahrhunderte hin verborgen sind. Am Weihnachtsfest hat das Geheimnis Gottes im buchstäblichen Sinne Hand und Fuß bekommen, als Gott Mensch geworden ist.

Dieses jetzt enthüllte Geheimnis dient zur Stärkung für uns, dient der Verbreitung in aller Welt und dient zur Rühmung Gottes.

 

(1.) Stärkung für uns: Auch Christen brauchen Stärkung, auch sie kennen Müdigkeit, Unglauben, Hoffnungslosigkeit. Doch da hilft nicht, wenn man sich selber aufraffen will, sondern Gott will uns stärken. Dann können wir wieder aufrecht stehen und brauchen nicht wieder schwach zu werden und umzufallen. Die Stärke ist nicht das Entfalten der eigenen Kräfte, sondern der Einsatz der Kräfte, die Gott uns zuführt. Das eigene Starksein kann ja fraglich werden.  Aber da hilft es nicht, sich die eigenen Schwächen nicht anmerken zu lassen und deshalb angespannt und empfindlich zu werden, weil man immer von der Angst geplagt wird, man könnte es nicht schaffen.

Vor allem in der Arbeitswelt kann man das feststellen, daß Menschen nach unten treten und nach oben katzbuckeln, weil sie Angst vor dem Versagen haben. Manche greifen dann zu Aufputschmitteln. Wer nichts damit zu tun hat, der ahnt gar nicht, welche legalen Medikamente es gibt, einen Menschen anzustacheln oder auch ruhig zu stellen. Aber so kann man die Probleme unserer Welt doch nicht bewältigen.

Gott stärkt uns durch sein Evangelium, durch die frohe Botschaft, daß Gott Mensch wurde und sich an unsere Seite gestellt hat, alle Not der Menschen kennengelernt hat, aber auch einen Weg aus der Not heraus zeigt. Das Evangelium kommt zu solchen, die sich unter Gottes Zorn befinden. Es ist nicht eine Zutat unseres Lebens, sondern die Botschaft von der Rettung. Wir sind aus einem Kerker herausgeholt und haben wahrscheinlich nicht einmal gewußt, daß es ein Kerker war. Der Gott, der an sich gegen uns hätte sein müssen, ist durch Christus ein Gott für uns geworden. Wir brauchen nicht in innere Schwächen zu verfallen, in Mutlosigkeit oder Verbitterung, weil wir Christus in uns haben.

 

(2.) Verbreitung in aller Welt:

Nicht nur der einzelne Christ wird in seinem Inneren gestärkt, sondern die frohe Botschaft ist allen Völkern weltweit gesagt. Seit Christus gibt es nur noch Jahre des Heils. Das Geheimnis Gottes war lange Zeit verschwiegen, aber jetzt ist es offenbart. Schon das Alte Testament wies auf Christus hin, besonders die Propheten. Im Christusgeschehen ereignet sich, was Gottes Liebe von Anfang an vorgehabt hat. Kein historischer Zufall hat es zu der frohen Botschaft kommen lassen, sondern Gott liebt uns seit aller Ewigkeit und sorgt sich um uns und sehnt sich nach uns. In Gottes Herzen war die Liebe schon  nimmer, aber jetzt ist sie in Jesus Christus Ereignis geworden.

Heute ist die Botschaft in der ganzen Welt verbreitet. Allerdings finden wir sie vor allem in einem Buch, in der Bibel. Statt des lebendigen Gottesgeschehens haben wir nur ein Buch, und Noten sind noch nicht Musik. Vielleicht ist es uns aber leichter, an Jesus zu glauben als seine Zeitgenossen: Die sahen ja nur seine Niedrigkeit, seinen ärmlichen Lebenswandel, seinen schmählichen Tod. Aber für uns geht aus der Schrift das lebendige Wort Gottes hervor, aus dem der dreieinige Gott zu uns spricht. Predigt und Liturgie ergänzen also einander.

 

(3.) Rühmung Gottes:

Man kann eine solche beglückende und rettende Botschaft nicht anders entgegennehmen, als daß man in das Lob Gottes ausbricht. Wen es nicht drängt, Gott zu rühmen, der hat nichts begriffen. Das zeigen unsere wunderschönen Weihnachtslieder oder solche Werke wie das Weihnachtsoratorium. Wo Sünden vergeben werden und neues Leben empfangen wird, entsteht der Jubel. Schon in der Schöpfung hat sich Gott verherrlicht, aber erst recht in der Rettung der Verlorenen. 

Die Liturgie im Gottesdienst ist nicht ein langweiliges Ritual, das man halt mitnehmen muß. Auch hier verwirklicht sich Gottes Gottsein, genauso wie in der Predigt oder wenn Menschen zu Gott Vertrauen fassen. Gott kann nicht schöner zu seiner Ehre kommen, als daß er den in der Schuld Verlorenen wieder zurückholt. Aber umgekehrt gilt auch: Unsere Seligkeit besteht darin, daß Gott wieder  u n s e r Gott geworden ist, dem Ehre gebührt durch Jesus Christus in Ewigkeit.

Deshalb versuche ich es noch einmal zum Schluß mit dem Bibeltext in der Fassung Martin Luthers: „Dem aber, der euch stärken kann gemäß meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, durch die das  Geheimnis offenbart ist, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war, nun aber offenbart und kundgemacht ist durch die Schriften der Propheten nach dem Befehl des ewigen Gottes, den  Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden:

dem Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit! Amen!“

Ein Kirchendiener in einer Universitätsstadt pflegte die Predigten der Studenten im praktisch-theologischen Seminar zu kommentieren, wenn der Kandidat die Kirche verließ und an ihm vorbeiging. Sein höchstes Lob war: „Sie werden eine Posaune des Herrn werden!“ Meist aber sagte er: „Sie haben mich erbaut!“ Aber auch bei einer ganz schlechten Predigt wußte er noch ein tröstliches Wort: „Sie haben die Lieder gut gewählt!“

Auch wenn die Predigt uns manchmal nichts gibt, so haben wir doch die Liturgie. Denken wir an Bittruf und Lobpreis am Beginn des Gottesdienstes, die ein wichtiges Bedürfnis von uns abdecken. Denken wir an die Lesungen und Gebete. Und vor allem die Lieder sind manchmal die beste Predigt im Gottesdienst. Das Gotteslob ist an Weihnachten neu aufgebrochen, es ist auch heute wichtig und nötig.

 

 

Epiphanias : 2. Kor 4,  3 - 6

Es ist ein Unterschied, ob man auf der Kanzel und steht und predigen soll, oder ob man unter der Kanzel sitzt und zuhören darf. Der Prediger wird vielleicht denken: Schon wieder kommt der Sonntag und du mußt dir etwas ausdenken für die Predigt. Ein Text ist vorgeschrieben, der soll nun so ausgelegt werden, daß es beim Hörer ankommt.

Aber es ist ja nun nicht so, daß es dafür Bücher gäbe, aus denen man abschreiben könnte, wie das einmal eine Frau zu ihrem Pfarrer sagte. Es gibt zwar Bücher. Aber die sagen nichts aus über die gegenwärtige Situation der Gemeinde und die aktuelle Lage der Gesellschaft. Da ist Einfallsreichtum und eigenes Denken gefragt, da wird man persönlich gefordert.

Das ist wie bei der Zeitung: Jeden Tag müssen die Seiten voll sein, muß man wieder neue Ideen haben. Ganz so schlimm ist der Druck bei einem Pfarrer nicht, obwohl er außer der Sonntagspredigt auch noch andere Ansprachen zu halten hat. Doch in der Regel vergeht Tag um Tag, der Sonntag rückt näher, auf den letzten Drücker muß dann doch etwas gemacht werden.

Die einfachste Lösung ist dann: Doch die Bücher nehmen und etwas abschreiben. Und so wird dann oft am Sonntag nur der Bibeltext ausgelegt, so wie er damals gemeint war. Das geschieht meist durchaus hochgeistig und originell, eine anerkennenswerte Leistung. Aber erst am Schluß blitzt dann meist etwas auf von der heutigen Situation.

Aber dann wird der Hörer mit der Aufforderung entlassen, sich jetzt selber seine Gedanken zu machen und alles in sein Leben umzusetzen. Wenn er bis dahin nicht eingeschlafen ist, dann wird er jetzt aufmerken. Er wird sich wünschen, •    daß es jetzt erst noch einmal richtig losgeht. Aber da kommt schon das „Amen“ und alles ist vorbei.

Die Auslegung der Bibel ist relativ leicht. Das haben die Pfarrer gelernt, dazu gibt es auch viele kluge Bücher. Aber die Predigt soll mehr leisten. Sie soll die damaligen Aussagen auf einige wenige Punkte zusammenführen und diese dann wieder breit fächern auf unsrer heutige Situation.

Das erwartet auch der Hörer. Er selber will in der Predigt vorkommen und etwas mit nach Hause nehmen. Vielleicht hat er ein spezielles Problem an diesem Tag, auf das er eine Antwort wünscht. Der Prediger kann das natürlich nicht ahnen; vielleicht sollte man es ihm einmal vorher sagen. Aber da das in der Regel nicht geschieht, redet und denkt man aneinander vorbei.

Aber ganz so schlimm wäre das alles nicht, wenn nur Christus gepredigt würde. Paulus schreibt im Korintherbrief ganz klar: „Ich predige nicht mich, sondern Christus!“ Er war angegriffen worden, weil er nicht einen verherrlichten, triumphierenden Christus predigte, sondern einen menschlichen und unscheinbaren Christus. Seiner Botschaft mangele es an Durchschlagskraft und echter Gottesoffenbarung, er kenne nur die Niedrigkeit und Unansehnlichkeit Jesu. Dazu passe auch das Erscheinungsbild seiner Person: so ärmlich wie Paulus sei auch sein Christus. Der wahre himmlische Mensch aber zeige alle Merkmale der göttlichen Herrlichkeit.

In der Tat trug der wirkliche Jesus nicht das feierlich Amtskleid eines orthodoxen Patriarchen, auch nicht das Gewand des katholischen Papstes oder eines evangelischen Bischofs mit einem Amtskreuz. Er schwebte nicht in höheren Regionen über dem Alltag der Menschen, sondern er war ein Geringer unter Geringen. Am Ende wurde er grauenvoll umgebracht. Aber dadurch ist er immer denen am nächsten, die am schlechtesten dran sind. Gottes Gottsein besteht in seiner vorbehaltlosen Menschlichkeit.

Die einen können sich den Herrn nur als ein Himmelswesen vorstellen, den man nur in Visionen und Entrückungen entdecken kann. Die anderen können ihn sich nur als ein Erdenwesen vorstellen, das sich durch ein besonders gottgemäßes Verhalten auszeichnet. Das ist ein Wi­der­spruch, den man auch dem Paulus vorwirft.

Aber anders geht es wohl nicht. Einerseits können unsere Sinne das Göttliche an Jesus nicht wahrnehmen. Die Juden fordern dafür ein Zeichen, weil sie etwas sehen wollen. Die Griechen fragen nach der Wahrheit, weil sie das Göttliche denken wollen. Aber wer Jesus ist, kann man nicht aus einer Zuschauerhaltung heraus begreifen. Nur wenn ich selbst betroffen bin, geht mir Gott auf. Nur in der Nachfolge kann ich Christus erkennen.

An Weihnachten wurde uns vor Augen gestellt, wie Gott in einem Kind in der Krippe ein Mensch wurde. Am heutigen Festtag geht es nun um die Frage, wie wir in diesem schlichten Erdenmenschen Jesus, diesem unterschätzten und gescheiterten Mann aus Nazareth, doch die göttliche Herrlichkeit erkennen können.

Christenglaube beruht auf einer Entdeckung. Das heißt: Es soll wirklich eine Decke weggenommen werden. Mose mußte sich noch eine Decke auf das Haupt legen, nachdem er die Herrlichkeit Gottes gesehen hatte, weil der Glanz auf seinem Gesicht das Volk zu sehr geblendet hätte. Wir aber dürfen ungehindert ins Angesicht Jesu Christi sehen, um darin die Herrlichkeit Gottes erkennen zu können.

Paulus weiß, daß die Auslegung des Wortes Gottes nicht einfach ist. Er weiß, daß da vielfach eine Decke darüber liegt, die uns den direkten Zugang verwehrt. Er weiß auch, daß seine eigene Person zum Hindernis werden kann. Es ist einfach eine Gefahr, daß man nicht nur Christus predigt, sondern auch seine eigene Person in den Vordergrund spielen will.

Die Arbeit eines Pfarrers heute wird immer unterschätzt. Deshalb gibt es kaum soviel Selbstbeweihräucherung wie unter Pfarrern. Sie meinen, immer wieder nachweisen zu müssen, was sie alles tun. Und dann werden Statistiken aufgestellt und Vergleiche herangezogen. Weil niemand sie lobt, müssen sie sich selber auf die Schultern klopfen. Einerseits gibt man sich demütig, aber in Wirklichkeit hofft man doch auf Lohn und Anerkennung.

Die Pfarrer stehen ja auch unter einem besonderen Druck: Da man nur an den Christen sehen kann, wie Christus an ihnen wirkt, soll man wenigstens am Pfarrer ablesen können, wie ein rechter Christ auszusehen hat. Damit ist so ein Mann oder so eine Frau natürlich doch etwas überfordert.

Paulus aber sagt wenigstens: „Wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus!“ Damit tut Paulus wenigstens das ureigene Werk eines Predigers: Er stellt nicht seine Lieblingsgedanken dar, sondern er will das vermitteln, was Gott ihm aufgetragen hat. Viele Prediger von heute aber reagieren sich auf der Kanzel ab und sprechen das an, was sie die Woche über oder schon immer geärgert hat. Der eine hat es immer mit den Ausländern, die andere immer mit den Frauen, ein Dritter macht sogar Parteipolitik. Ein Psychologe hat sogar einmal gesagt: Die Prediger sind an sich weniger gefährdet, seelisch zu erkranken, weil sie sich jede Woche einmal auf der Kanzel abreagieren können. Da können sie dann einmal den Frust raus lassen und sich erleichterten.

Aber in der Kirche sollte man nichts tun, bei dem nicht Gott ausdrücklich vorkommt. An Heiligabend könnte man sich ja einfach auf das Krippenspiel beschränken, wenn es in sich schon genug Verkündigung sei. Aber die Gemeinde erwartet, daß auch in so einem Fall eine Predigt gehalten wird. Man kann ja vor dem Spiel den einen oder anderen Satz aus diesem Spiel hervorheben und mit einem Bibeltext verbinden.

Deshalb sollte es auch kein Konzert in der Kirche und keinen Gesangsgottesdienst geben, in dem nicht auch ausdrücklich Gottes Wort zum Zug kommt. Das muß ein Pfarrer wenigstens können, daß er nicht nur ein Plakat erläutert, sondern dabei auch die Bibel ins Spiel bringt.

Das Geheimnis der göttlichen Botschaft hat er zu verwalten. Er hat etwas empfangen, das er weitergeben soll. Das Wort Gottes ist ihm anvertraut und die Verwaltung der Sakramente. Er selber ist dabei nur Diener. Aber wegen dieser Aufgabe ist er so wichtig. Man kann sich das Evangelium nicht selber predigen und die Sakramente nicht selber reichen. Aber das Amt bringt nicht den Anspruch auf menschliche Überlegenheit mit sich. Die Pfarrer kommen gehen - die Gemeinde bleibt und die Botschaft bleibt.

Deshalb führt jeder Gottesdienst dazu, daß man als anderer Mensch wieder nach Hause geht. Zwar bleiben wir ein natürlicher Mensch. Aber wir haben etwas von der Herrlichkeit Gottes gesehen. Das ist in jedem Gottesdienst möglich, und sei es nur in der Textlesung oder in einem Gebet oder in einem Lied. Es bedarf gar nicht besonderer spektakulärer Erfahrungen, auch nicht einer Bekehrung, wie sie Paulus selber erfahren hat.

Da hört oder liest man ein Wort Gottes, und auf einmal ist man sich gewiß: Jetzt           steht er unsichtbar neben mir! Man empfängt das Sakrament und sieht auf einmal nicht nur Brot und Wein, sondern wird der Gegenwart Christi gewiß. Wer sagt da: „Das habe ich noch nicht erlebt!“ Wir können uns doch wenigstens dafür offenhalten.

 

 

1. Sonntag nach Epiphanias: Jes 42 , 1 - 4 (Variante 1)

„Wir sind noch einmal davongekommen!“ So hat man nach dem Krieg gesagt, als vieles zerstört war und Millionen Menschen umgekommen waren. Die Überlebenden waren dankbar, daß sie noch da waren, und machten sich an den Wiederaufbau. Viele vergaßen auch nicht den Dank gegenüber Gott. Sie besuchten die Gottesdienste und wollten ein neues, besseres und ernsthafteres Leben beginnen.

Das ist schon eine große Befreiung, wenn man nicht mehr Angst vor Bomben haben muß, wenn man ruhig zu Mittag essen kann, ohne durch einen Alarm gestört zu werden. Aber wie meist in solchen Fällen legen sich diese Anwandlungen von Angst auch wieder. Es gab ja viel zu tun. Man ging an den Wiederaufbau. Da trat die Dankbarkeit gegenüber Gott dann allmählich in den Hintergrund. Jetzt hatte man wieder mehr das Gefühl, alles der eigenen Tüchtigkeit und dem eigenen Können zu verdanken. Es wurde ja auch etwas geschafft, und eine neue, gerechtere Gesellschaft wurde aufgebaut.

 

Zur Zeit des Propheten Jesaja II. hoffte man noch auf eine bessere Welt. Das Volk Israel war in Babylon in der Gefangenschaft. Sie hofften auf einen Retter, der sie wieder in die alte Heimat zurückführen würde. Der Prophet versprach ihnen im Auftrag Gottes das Kommen eines Gottesknechtes, der die Wende herbeiführen würde.

In den Gottesknechtsliedern des Jesaja ist nirgends so recht deutlich, wer mit diesem Gottesknecht gemeint sein soll. Ist es der Prophet Jesaja selber? Ist es ein anderer Prophet? Ist es der Perserkönig Kyros, dessen Macht immer mehr wuchs und der die Babylonier einst besiegen und dem Volk Israel die Freiheit geben würde? Oder ist es das Volk selber, das mit seiner Kraft die Wende herbeiführen wird?           

Als Christen denken wir natürlich an Jesus Christus, der der wahre Gottesknecht gewesen ist, der die Verheißungen der Propheten erfüllt hat. Die Taufe Jesu - von der wir im Evangelium des heutigen Sonntags gehört haben - war die Einsetzung in das Amt des Gottesknechtes. Und im Matthäusevangelium wird dieser Abschnitt aus Jesaja ausdrücklich zitiert, weil man Jesus als den angesehen hat, der Gottes Plan verwirklicht.

Gott hat Jesus für seine Aufgabe besonders ausgerüstet. Es kann ja nicht jeder daran gehen, das Recht Gottes in der Welt verwirklichen zu wollen. Wenn einer das tut, dann muß Gott selber in ihm handeln. Gott stützt und hält seinen Knecht; dieser ist sein Erwählter, an dem er Gefallen gefunden hat. Seit Jesus und durch Jesus hat Gott begonnen, sein Recht in der Welt durchzusetzen. Aber auch heute tut er es sicherlich, und zwar durch Menschen, die im Auftrag Gottes handeln.

Ein Knecht Gottes erfüllt seine Aufgabe allerdings auf eine sehr stille und unaufdringliche Weise. Zwar muß das Recht in der Welt auch durch Macht gestützt und durchgesetzt werden. Wir brauchen schon einen Staat und Polizei und Gerichte. Aber man kann die Welt nicht durch den Gebrauch von Gewalt verändern. Das meinen ja alle Diktatoren: Wir müssen erst einmal alle unsre Gegner ausschalten, dann kommen unsre Ideen voll zum Zuge und wir können unser Volk herrlichen Zeiten entgegenführen.

Recht und Gerechtigkeit sind eine alte Sehnsucht der Menschheit. Aber oft hat man diese Worte nur im Munde geführt, in Wahrheit aber die Völker unterdrückt und ausgebeutet und sogar in Kriege verwickelt. Selbst die Kirche hat es oft nicht auf eine „stille“ Weise versucht, sondern mit Sensationen, Besserwisserei und gesellschaftlichem Druck. Doch weder mit frommer „Show“ noch mit dem Zwang des Gesetzes kann man die Menschen für Gott zurückgewinnen. Druck erzeugt immer nur Gegendruck. Zwar hat auch Jesus hart und gepfeffert geredet, wo es nötig war; in der Frage nach der Wahrheit hat er nicht nachgegeben. Aber er gibt den Menschen die Entscheidung frei und hat Geduld mit ihnen.

Der Prophet verwendet dafür zwei schöne Bilder: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Vor Gericht wurde es damals so gemacht: über dem Verurteilten wurde der Stab gebrochen und bei einem Todesurteil wurde sein Lebenslicht ausgeblasen.

So etwas haben wir wohl schon alle in unserem Leben erfahren, daß das Rohr schon geknickt war und ganz zu zerbrechen drohte. Da macht die Firma pleite und die Suche nach einer neuen Arbeit geht wieder los; man hat eine Familie zu ernähren, hat Schulden gemacht, und nun ist die Zukunft auf einmal völlig ungewiß. Oder man hat einen Herzinfarkt erlitten, zwar leicht nur, aber doch so, daß man jetzt zum ersten Mal richtig Angst hat, das Lebenslicht könnte ganz ausgelöscht werden. Oder denken wir an die ökologische Krise, an die Verschmutzung der Umwelt: ist es da nicht schon weiter als 5 vor 12 ? Da können wir doch lange noch nicht sagen: Wir sind noch einmal davongekommen!

Doch wenn wir uns an Gott halten und seine Gebote achten, in seinem Geist leben und seiner Weisung folgen, dann haben wir immer noch eine Hoffnung. Wer hätte 1945 noch etwas auf das deutsche Volk gegeben? Wer hätte 1988 noch etwas auf die Deutschen in der DDR gegeben, als der Generalsekretär der Staatspartei meinte, die Mauer in Berlin werde noch 50 oder 100 Jahre stehen? Wer hätte noch wenige Wochen vorher an die Wende geglaubt? Sie mußten sich doch alle fragen: Werden sie dreinschlagen, wie sie es vorhatten? Werden sie die politischen Gegner entsprechend ihren Listen in die schon vorbereiteten Internierungslager bringen? Oder wird alles friedlich abgehen?

Gott sei Dank ist es anders gekommen. Dieses „Gott sei Dank“ sollten wir wirklich aus vollem Herzen sagen, denn nicht durch eigene Kraft ist es weitergegangen, sondern nur durch Gottes Hilfe. Deshalb sollten wir den Dank an Gott nicht vergessen, weder in unserem persönlichen Leben noch in den Vorgängen der großen Politik.

Jetzt kann endlich in den Staaten Mittel- und Osteuropas ein Stück mehr an Recht und Gerechtigkeit verwirklicht werden. Doch vergessen wir nicht: Vollkommene Gerechtigkeit gibt es nirgends auf der Welt. Zunächst einmal pocht jeder auf sein vermeintliches „gutes Recht“. Gottes Forderung ergeht an Schuldige. Wir sind nicht eine leere Tafel, die erst noch beschrieben werden muß - mit Gutem oder mit Bösem. Auf dieser Tafel steht schon viel zu viel, und meist nichts Gutes. Jesus ist zu solchen gekommen, die eine von Gott verhängte Strafe abzubüßen hätten, auch wenn sie das nicht wahrhaben wollen.

Doch Jesus zerbricht das geknickte Rohr nicht noch vollständig, sondern er begnadigt die Angeknacksten. Aber dafür wird er selber zerbrochen. Schon bei der Taufe wurde angedeutet, wie das alles enden wird: Jesu Lebenslicht wird ausgeblasen, aber w i r dürfen leben! Doch nicht nur wir, sondern alle Menschen in der weiten Welt bis zu den fernsten Inseln. Was an Weihnachten ganz klein und unscheinbar angefangen hat, das hat seinen Lauf durch die ganze Welt genommen.

Doch zunächst einmal gilt die frohe Botschaft ja uns. Wir selber dürfen Mut schöpfen, immer wieder neu. Aber wir sind auch immer wieder gefordert durch die Menschen, die Gott uns vor die Füße legt. Die große Wende in der Welt kommt nur, wenn wir selber anders werden und versuchen, ein Stück der Gerechtigkeit Gottes in der Welt voranzubringen. Es sind so viele Menschen da, die darauf warten, daß ein Auge sie wahrnimmt, daß ein Mund ihnen Trost zuspricht und daß eine Hand sich schützend um ihr Lebenslicht legt.

Wir alle sind aufgerufen, diese Aufgabe auch im neuen Jahr wieder wahrzunehmen. Unsere Welt braucht den lebendigen Glauben. Er ist nicht nur für den Heiligen Abend da, sondern für unser ganz gewöhnliches Leben mit seinen Problemen, Ängsten und Freuden. Wenn es uns in der kommenden Zeit wieder einmal besonders schlecht gehen sollte, dann könnten wir doch an dieses Bild des Jesaja denken: Das Rohr wird nicht zerbrochen, das Licht nicht gleich ausgeblasen; es gibt eine Zukunft, denn Gott steht uns bei.

 

 

1.  Sonntag nach Epiphanias:  Jes 42, 1- 8 V  (Variante 2)

Wir haben sicherlich manches Überflüssige in unserem Haus. Das merken wir etwa, wenn wir auf Reisen gehen, da kann man doch wirklich auf Manches verzichten. Oder überlegen wir uns einmal, was wir zuerst mitnehmen würden, wenn im Haus ein Brand ausbräche; da wird uns schon deutlich, was unbedingt wichtig ist und was weniger wichtig. Überflüssig ist alles, was man im Augenblick nicht braucht. Manches könnte ja für später noch einmal wichtig werden, aber wer will das jetzt beurteilen?! Zunächst einmal ist einem doch das Hemd näher als der Rock. Und was noch Zeit hat, das kann eben warten, bis es soweit ist.

Wir nicht die christliche Kirche von vielen heute so beurteilt? Man braucht sie nicht unbedingt, jedenfalls nicht im Augenblick, vielleicht ist sie sogar schon überflüssig. Aber so ganz auf geben möchte man seine kirchliche Bindung auch nicht, man weiß ja nicht, vielleicht braucht man das doch alles noch einmal. Doch die Gefahr ist dann groß, daß man im Schwung und in der Einsatzbereitschaft nachläßt.

Das Volk Israel zur Zeit des Propheten Jesaja II. befand sich in einer solchen Lage. Sie waren in die Gefangenschaft weggeführt wurden. Weit entfernt von der Heimat mußten sie im Land der Sieger wohnen. Dort in Babylon sprach die Wirklichkeit eine harte Sprache. Zwar war das Perserreich erstarkt und der König Kyros schickte sich an, die Macht der Babylonier einzuschränken. Aber es dauerte noch immer 15 Jahre, bis die große Wende kam.

Wen wundert es da, wenn die hoffende Gemeinde mit der Zeit enttäuscht wurde und resignierte. Viele sagten: Unsere Hoffnung auf Gott hat doch keinen Sinn mehr. Wir müssen einfach mit der Zeit leben und uns unseren Herren anpassen. Vor lauter Kummer verloren sie Vertrauen und Hoffnung. Ihr Glaube wurde vom Zweifel zerknickt wie ein dürrer Zweig.

Manche kehrten sich schon ganz bewußt ab vom Glauben der Väter, von den Überlieferungen, Sitten und Gebräuchen. Sie lösten sich von Gott und wandten sich voll und ganz dem lauten Glanz der Religion der Sieger zu. So verlöschte der glimmende Docht des Glaubens schließlich ganz. Sie sagten eben: Es ist doch zwecklos, noch Widerstand zu leisten! Das bringt nur Nachteile! Wir kennen diese Töne auch aus unserer Zeit.

Der Prophet aber versuchte, in dieser Zeit die Hoffnung lebendig zu erhalten. Offenbar hatte er heftige Diskussionen zu führen, denn die Einwände gegen seine Predigt waren nicht so einfach vom Tisch zu wischen: „Hier sind doch andere Götter! Die anderen Völker sind mächtiger als wir! Wir können einfach nicht mehr!“ Der Prophet ist selber nicht verschont geblieben vor solchen Gedanken. Er mußte mit sich selbst eine innere Auseinandersetzung durchkämpfen und ständig neu nach dem Grund seiner Hoffnung fragen.

Aber er hat es ja mit einem Gott zu tun, der seine Ehre keinem anderen geben will. Er gedenkt sich in der Welt als Gott durchzusetzen und will das ihm zukommende Lob auf keinen Fall an einen der sogenannten „Götter“ abtreten. Er ist ja der Schöpfer der Welt und damit aller Göttern Babylons überlegen. Die Menschen leben doch nur, weil er sie geschaffen hat und solange er ihnen das Leben gibt.

Aber das ist eben nicht allen Menschen deutlich. Gottes Schöpfung ist eben noch nicht Gottes Reich. Er hat seine Herrschaft noch nicht überall durchgesetzt, sondern sein Reich muß erst noch kommen; es muß erst noch verwirklicht werden, damit die Welt wieder Gottes Welt wird. Ehe das aber nicht der Fall ist, werden wir vom Zweifel angefochten. Wir können heute sehr gut nachfühlen, wie den Israeliten zumute war, als man ihnen sagte: „Euer Gott hat doch verspielt. Ihr seid nicht mehr auf der Höhe der Zeit! Macht doch bei uns mit!“

In solcher Gefährdung will Gottes Ruf retten. Er beruft den Knecht Gottes, der Zeichen ist der erneuerten Verbindung mit Gott. Er geht nicht mit unter in der Katastrophe seines Volkes, sondern er ist zum Licht der Völker bestimmt. Er lärmt nicht, wie die Leute in Babylon, sondern er ist erfüllt vom Geist der Wahrheit und kann deshalb in Ruhe seinen Weg gehen, der der Weg Gottes ist

„Knecht“, das war im persischen Staat der Titel für den „zweiten Mann im Staat“ „gleich hinter dem König. Er hatte die Pflicht und die Vollmacht, die Regierungsbeschlüsse bekanntzugeben und in Kraft zu setzen. Und der Knecht Gottes hat der Auftrag, den Verurteilten die Begnadigung mitzuteilen und in Kraft zu setzen.

Hinter dem Bildwort von dem zerstoßenen Rohr und dem glimmenden Docht steht vermutlich ein alter Rechtsbrauch: Wenn ein Todesurteil rechtskräftig werden sollte, dann zerbrach der Richter einer Stab und löschte eine Lampe aus, d.h. dem Verurteilten wurde das Lebenslicht ausgeblasen.

Die erste Aufgabe des Gottesknechtes wird sein, das Recht Gottes aufzurichten. Das Wort an dieser Stelle bedeutet an sich „Rechtsspruch“ oder „Wegweisung“. Meist verstand man darunter den konkreten Rat, den  ein Priester einem Menschen im Gottesdienst oder in der Beichte gab. Erst später hat man das Wort verallgemeinert und im Deutschen mit dem Wort „Gesetz“ wiedergegeben. Aber das ist an sich schon wieder etwas anderes.

Der Gottesknecht soll nicht seine Macht anwenden, sondern ohne Aufwand und Reklame wie ein Priester wirken. Er soll Rat wissen und dem Fragenden weitersagen. Er hat zu versöhnen und Brücken zu bauen zwischen den Menschen und hin zu Gott, er soll den Blinden die Augen öffnen und die Gefangenen befreien, ihnen also zu einem rechten Leben verhelfen. Darunter können wir ruhig auch unsere eigenen Gefängnisse verstehen. Wir bauen doch auch oft hohe Mauern um uns herum, gebildet aus Eigensucht und Eifersucht, aus Forderungen und Ansprüchen. Wir verlieren uns leicht in den Finsternissen unseres Versagens und unserer Schuld.

Spätestens hier wird deutlich, daß wir uns davon nicht allein befreien können. Wie oft aber hat sich die Kirche in früheren Zeiten als Rechtsvollstreckerin Gottes verstanden. Im frommen Eifer für Gottes Recht hat sie sich zum Herrscher über andere gemacht. Noch heute wird ihr das in den hiesigen Geschichtsbüchern genüßlich vorgehalten.

Dabei hat sie doch einen weithin stillen und meist ganz unpopulären Versöhnungsdienst zu leisten. Dazu braucht man viel Geduld, Ausdauer und Vertrauen. Oft dauert es lange, bis Früchte zu sehen sind. Oft wird die Arbeit noch behindert, weil es in der Kirche eben auch Rechthaberei und Übelnehmen gibt, mangelnde Vergebungsbereitschaft und verbissenes Festhalten am Überkommenen. Dazu kommt das Versagen des einzelnen Christen, wo man für den Schwächeren eintreten müßte, wo man Zeit zum Zuhören haben müßte und wo man vielleicht gegen den Strom hätte schwimmen müssen.

Und dennoch hat Gott seinen Knecht beauftragt, Gottes Recht hinauszutragen und auf Erden aufzurichten. Gott hat die Götter zum Prozeß herausgefordert und überwunden, er richtet seine Königsherrschaft auf,  indem er seinen „Knecht“ in sein Amt einsetzt.

An sich sollte das ganze Volk Israel dieser „Knecht“ sein. Aber wir wissen längst, daß diese Ankündigung des Gottesknechtes sich ganz anders erfüllt hat: Der wahre Knecht Gottes ist Jesus Christus. Er ist auserwählt, um als Dienstmann Gottes sich allen Ermatteten und Bekümmerten zuzuwenden.

An seiner Person kann man konkret ablesen, wie der Bund Gottes mit den Menschen aussieht. Ein Bund ist ja die feierliche Selbstverpflichtung eines Mächtigen gegenüber einem Schwachen, dem er Garantien für ein friedliches und geordnetes Miteinander gibt. Jesus macht deutlich, daß Bund Gottes mit den Menschen in Kraft bleibt. Hat Gott erst einmal in der Welt sein Recht aufgerichtet, dann tritt er von dieser Selbstbindung nicht wieder zurück.

An sich würden wir doch annehmen, daß der Gottesknecht zunächst einmal die Menschen in Pflicht nimmt, allen die verdiente Strafe verabreicht und seinem Herrn endlich wieder Respekt verschafft. Gott setzt sich in der Welt schon durch, aber nicht indem er ihr den Garaus macht. Er möchte doch die von ihm geschaffene Welt und die Menschen erhalten. Deshalb spricht er die Welt im letzten Augenblick noch frei: Als der Stab schon zu splittern beginnt und der Docht fast nur noch glimmt, kommt doch noch das Begnadigungsurteil. Gott setzt sich durch, indem er freispricht.

Aber so eine unerwartete und unglaubhaft klingende Wendung der Lage wurde schon dem Propheten damals nur schwer abgenommen. Er muß sich bei den Seinen mühen und abquälen, während sich die übrige Welt nach einer solcher Möglichkeit sehnt. Aber überlegen wir doch einmal: Wenn der Tod Jesu am Kreuz das Letzte gewesen wäre, dann wäre das das Todesurteil über alle Menschen gewesen. Sie hätten dann die furchtbarste Schuld auf sich geladen, die Menschen nur begehen könnten: Sie hätten den Sohn Gottes, ihren Heiland getötet. Durch die Auferstehung Jesu aber werden sie begnadigt und die Möglichkeit zur Vergebung wird ihnen eröffnet.

Seitdem ist die „heile Welt“ kein Luftschloß mehr. Weil wir selber Versöhnte sind, können wir das Wagnis der Versöhnung eingehen. Wer nicht unbedingt etwas leisten und Erfolg haben muß, kann auch scheinbar Erfolgloses anpacken. Er wird sich bemühen, den anderen zu verstehen und Zeit für ihn zu haben. Er wird auch einmal heiße Eisen anpacken und etwas Neues wagen. Auf solche Weise will Gott der Herr über uns werden und sein Recht zur Geltung bringen.

 

 

2. Sonntag nach Epiphanias: Hebr 12, 18 - 25

Sehnen wir uns nicht alle nach den Zuständen der guten alten Zeit zurück? Es gibt ja Menschen unter uns, vor allem ältere Menschen, bei denen fängt jeder zweite Satz an: „Die Alten haben das noch so gemacht!“ Bei den Alten war alles noch richtig, aber unsere heutige Zeit ist in jeder Hinsicht verrückt. Früher gab es noch keine Autos, das Geld war mehr wert, man hatte mehr Ruhe, die Politik war uninteressant. Man kann sogar hören: „Früher wurden die Leute älter, weil noch nicht so viel Kunstdünger in den Lebensmitteln steckte!“

Es war halt alles besser nach Ansicht dieser Leute. Daß es damals aber noch keine Waschmaschine und keinen Kühlschrank gab, daß man in die Kreisstadt zu Fuß gehen mußte und keine Zerstreuung durch den Fernseher hatte - das wollen diese Leute nicht wahrhaben, obwohl sie andererseits ganz selbstverständlich die Annehmlichkeiten unserer Zivilisation in Anspruch nehmen.

Mit der Rückschau auf das persönliche Leben geht es vielen von uns genauso: Die sonnige Kindheit ohne Sorgen und Probleme erscheint auf einmal als die schönste Zeit des Lebens. Man brauchte sich nicht um Essen und Trinken, Kleidung und Ausbildung zu kümmern.

Man durfte immer spielen und wurde von allen in Schutz genommen und geschont. So hat man es in Erinnerung.

Aber stimmt denn das Letzte eigentlich? Wir vergessen viel zu oft, daß Kinder oft schlimmer leiden als Erwachsene, gerade weil sie so zart und benachteiligt sind und sich gegen die Erwachsenen und ältere Spielkameraden nicht durchsetzen können. Und ein Leid, das ihnen zugefügt wurde, nimmt sie viel schwerer mit, weil sie so etwas eben noch nie erfahren haben. Die Kindheit kann also nicht das eigentliche Ideal unseres Lebens sein, wir können uns nicht in sie zurückflüchten, wenn wir vielleicht den Problemen unseres jetzigen Lebens ausweichen wollen.

Manche trauern auch den alten Zuständen in der Kirche nach: Früher ging aus jeder Familie einer zum Gottesdienst, da machten auch die Lehrer mit, keiner arbeitete sonntags auf dem Feld, die Kinder wuchsen ganz selbstverständlich in die Gemeinde hinein, es war alles viel einfacher. Daß vieles aber auch nur Gewohnheit war, ohne da man sich viel Gedanken darum machte, daß vieles nur so seinen üblichen Gang ging, ohne daß einer ganz mit dem Herzen dabei wer, das wollen viele heute nicht sehen.

Von der sogenannten „guten alten Zeit“ behält man ja immer nur die guten Seiten, die schlechten verblassen ja immer mehr. Und auf einmal erscheint alles in verklärter Gestalt, als paradiesisches Ideal, das uns verlorengegangen ist. Und wir verlieren beim Gedanken an dieses Ideal den Mut, die Aufgaben in der Gemeinde unserer Zeit anzupacken, weil wir denken, wir würden es doch nicht so schaffen wie früher.

Natürlich ist heute manches anders, natürlich müssen wir andere Wege gehen. Aber wir haben heute nicht nur einen modernen Fernseher, sondern auch eine moderne Kirche, die die Probleme unserer Zeit von dem alten Evangelium her neu beleuchtet.

Die Gemeinde, an die der Hebräerbrief gerichtet ist, stand in einer ähnlichen Gefahr: Einige waren unsicher geworden, ob sich der neue Weg durchsetzen würde. Sie wollten lieber wieder zurückkehren zu einer Art jüdischem Glauben, wenn sie auch an Jesus festhalten wollten. Aber als eine jüdische Gruppe hätten sie gewisse Vorteile gehabt: dort gab es festumrissene Anweisungen fürs Leben und vor allem hätten sie als staatlich erlaubte Religion mehr Sicherheit gehabt. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß diese Gemeinde hart verfolgt wurde, ihre Glieder wurden in die Zirkusarena gezerrt und mußten dort gegen wilde Tiere kämpfen. Erst war die irdische Erscheinung Jesu so unbedeutend gewesen, nun blieb auch noch das Gericht Gottes über die bösen Menschen aus. Kann man da nicht mutlos werden und sich nach den alten Zuständen in Ruhe und Frieden zurücksehnen?

Aber wenn die alte Ordnung erst einmal zerstört ist, kann man das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen. Zum Beispiel können wir als Kirche nie wieder zu den Zeiten des Staats­kirchentums zurückkehren, in der der Landesfürst zugleich der Bischof war. Zumindest käme etwas ganz anderes dabei heraus. Vielleicht war es damals für die Kirche bequemer, aber andererseits stand sie auch in großer innerer Gefahr. Wenn man schon zurückschaut, darf man nicht nur die Vorteile, sondern muß auch die Nachteile sehen.

Das muß sich die Gemeinde des Hebräerbriefes auch sagen lassen: An eurem ehemaligen Judentum mag manches Gute gewesen sein. Aber vergeßt nicht, welche Angst ihr damals vor Gott hattet: Mit Feuer und Finsternis, mit Sturm und Posaunenschall und mit furchtbaren Worten hat Gott zu euch gesprochen. Damals am Sinai hat er euch das Gesetz gegeben, nach dem ihr euch jetzt vielleicht sehnt. Aber dieses Gesetz hat euch doch nur von Gott getrennt, Gottes Heiligkeit bestärkt und euren Abstand von Gott gesichert.

Eigentlich hat dieses Gesetz euch zu Gott führen sollen. Aber ihr habt es nicht gehalten und deshalb hat es euch von Gott getrennt und er mußte, um seine Heiligkeit zu wahren, Abstand von euch halten. Doch diese Sehnsucht nach dem Gesetz steckt bis heute in uns allen, gerade wenn wir es schwer haben. Wenn alles zu schwimmen beginnt, suchen wir nach einem festen Halt, etwas, das uns eine Richtung gibt.

Für uns gibt es da jedoch nur e i n e Blickrichtung: Wegwenden lassen von dem, was früher war, hin zu dem, was Gott uns heute angeboten hat: „Für euch ist schon eine Gottesstadt erbaut“, sagt unser Text. „Ihr seid schon in das Einwohnerbuch dieser Stadt eingetragen, wenn ihr auch noch nicht habt einziehen können!“

Gott erscheint uns heute erträglicher als den Israeliten damals, denn wir kennen nicht nur den drohenden Gott vom Sinai, sondern Jesus Christus, der uns schuldige Menschen versteht und uns Gott als den Vater verkündigt hat.

Deshalb dürfen wir aber nun nicht überlegen auf die Juden herabsehen. Genauso wie die heutige Zivilisation Gefahren hat, so birgt auch unser Glaube seine Gefahren in sich: Wir können hochmütig werden und uns darauf verlassen, daß Gott ja. der „liebe Gott“ ist. Vielleicht wollen wir ihn gern weit weg haben, damit er uns nichts tun kann und wir uns sicher fühlen können vor ihm. Aber dann wird es uns nicht anders ergehen als den Israeliten damals: Gott wird sich uns nicht zeigen als der Vater Jesu Christi, sondern wieder als drohender und richtender Gott. Sicher werden wir Gott noch einmal ganz anders erleben, so wie wir ihn uns nicht vorstellen können.

Zur Zeit plagen uns noch Zweifel, Unsicherheit und Angst: Wird die Zukunft wirklich besser werden als die Vergangenheit? Wird Gott uns helfen, mit den veränderten Verhältnissen fertigzuwerden? Werden wir noch weiter an den Rand gedrückt werden? Können sich die verheißungsvollen Neuanfänge durchsetzen?

Wir können ruhig offen über diese Fragen sprechen und sie vor Gott im Gebet ausbreiten. Aber wir müssen dabei unsrer Sache immer so sicher sein, daß wir wissen: Gott trägt den Sieg davon. Nur die Einzelheiten, das Wie und Wo und Wann ist uns noch unklar.

Aber wir dürfen wissen, daß wir Vollmacht und Kraft haben, mit diesem Glauben in die Zukunft zu gehen. Die Flucht in die Vergangenheit kann uns dabei kaum eine Hilfe sein. Gewiß, vieles Althergebrachte ist erprobt und bewährt und paßt auch noch in unsere Zeit. Man kann nicht mit einem Mal alles über den Haufen werfen. Aber unser Blick richtet sich doch in die Zukunft hinein, dem    zu, das uns in Jesus Christus geschenkt wurde und das wir nun verwirklichen können: Unser Leben ist von der Zukunft her bestimmt. Wir können voll Zuversicht und Kraft leben, weil uns dort immer nur Jesus Christus erwartet.

 

 

3. Sonntag nach Epiphanias: Apg 10, 21 - 35 (34 -35)

In der Apotheke sind die Medikamente fein säuberlich in Schubkästen untergebracht, von A bis Z. Der Apotheker braucht nur hinzugreifen. Verwechslungen sind so gut wie ausgeschlossen. Das ist eine notwendige und wohltuende Ordnung. Um Ordnung bemühen wir uns auch an unserem Arbeitsplatz und nur unserem Haushalt: die Zange gehört nicht an den Platz für den Hammer, die Salzsäure nicht in die Sprudelflasche, ein Buch wie die „Schatzinsel“ nicht in die Schultasche.

Aber manchmal übertragen wir unsre Ordnungsliebe, die bei Dingen so notwendig ist, auch auf Menschen. Dann ordnen wir die Menschen in unsrer Umgebung auch in Schubkästen ein, von A wie „Ausgetretener“ bis Z wie „Zahlungsverweigerer“. Oftmals ist sehr schnell unser Urteil über den anderen fertig: „Der kommt sowieso nicht zum Gottesdienst“ - „Die lassen ihre Kinder nicht konfirmieren!“ - „Die wollen doch nichts von den Geboten Gottes wissen!“

Wir sehen unsre Mitmenschen, wir hören und erleben sie - und wir ordnen sie ein in unsere inneren „Schubkästen“.  Entsprechend richten wir unser Verhalten diesem Menschen gegenüber ein: mit dem einen reden wir überhaupt nicht, den nächsten grüßen wir nur kurz, und Freundschaft halten wir dann nur mit denen, die sich in unseren „oberen Schubkästen“ befinden.

So etwas gab es schon immer. Im Mittelalter gab es die Standesunterschiede zwischen Adel, Geistlichkeit und Bürgertum. Bei den Juden teilte man ein in „Israel“ und „Heidentum“ bzw. rein und unrein. Man war davon überzeugt‚ daß das von Gott gewollte Unterschiede seien. Da gab es keine Brücke, geschweige denn eine Gemeinschaft.

So dachten auch die Menschen in der Geschichte von der Bekehrung des Kornelius. Dieser römische Hauptmann hielt sich mit seiner ganzen Familie zur jüdischen Gemeinde, er betete zum Gott Israels und gab sein Opfer für die Gemeinde. Trotzdem blieb er ein Ausländer, ein Fremder, ein Heide. So wurde er einsortiert und damit in Wirklichkeit aussortiert. Man sagte: Wir müssen uns gegen Fremdeinflüsse schützen!

Doch bei Gott gibt es kein menschliches „Schubkastendenken“. Er urteilt oft nach Maßstäben, die den unsrigen entgegengesetzt sind. Petrus und. Kornelius müssen es beide erst lernen: Gott ruft auch der Heiden in seine Gemeinschaft.

Die Vorstellungen der ersten Christen über die Grenzen der Kirche waren der Ausbreitung der Christusbotschaft eher hinderlich als förderlich. Von Jesus wußten sie, daß er nur gelegentlich mit Heiden zu tun hatte. Heidenmission war ihnen nicht geläufig. Zunächst einmal war das Evangelium für die Juden bestimmt.

Gott aber wollte, daß sich das Evangelium in die ganze Welt ausbreitet. Deshalb legt er Schritt für Schritt die trennenden Mauern nieder: An Pfingsten wendet sich die Predigt noch an Juden und Judengenossen. Aber dann wir ein immer größerer Kreis erfaßt: Zuerst werden die griechisch sprechenden Prediger noch Samarien vertrieben und breiten dort das Wort aus. Dann erreicht es den Kämmerer aus dem Morgenland und damit die Enden der damals bekannten Erde. Nun bahnt sich der nächste Schritt an: die erste Heidenbekehrung durch einen leitenden Mann des Zwölferkreises, durch Petrus selbst.

Doch man konnte nicht erwarten, daß die Entscheidung ein für allemal für die gesamte Kirche gefallen wäre. Querschläge und Rückschläge bleiben nicht aus: Mit dem Ereignis in Caesarea war es für Petrus noch nicht endgültig geklärt, wie man es mit den Heiden halten sollte. Von Gott geführt und gedrängt handelt Petrus einfach, ohne daß die Fragen umfassend durchge­klärt sind. Im Galaterbrief hören wir, daß Petrus später wider besseres Wissen dem Druck falscher Brüder nachgibt und sich von den Heidenchristen trennt und in seinem Gewissen wieder schwankend geworden ist.

Nur gut, daß Gott die Weichen stellt. Die Kirche hängt nicht von Menschen ab, sonst wäre sie längst vergangen. Wir meinen immer, es sei eine menschliche Entscheidung, ob sich einer zu Gott bekennt oder nicht oder zu welchem Gott oder zu welcher Weltanschauung. Aber wir können unter einem Angebot von Göttern nicht den uns angenehmen heraussuchen. Wir können uns auch nicht kraft eigenen Entschlusses zu dem Gott aufmachen, den wir als den einzigen erkannt haben. Kein Sünder - und das sind wir alle - hat auf Gottes Gemeinschaft und Liebe ein Recht.

Wir können nicht fordern: „Gleiches Recht für alle“, sondern wenn schon, dann eher „Gleiche Gnade für alle“. Gott sieht die Person nicht an. Gnade ist ein unerwartetes und nicht zu forderndes Geschehen. Es ist Gottes Sache, seine Türen zu öffnen, wo und wann er will. Aber wenn er die Türen öffnet, dann sollten wir sie nicht zuschlagen. Auch wir sollten allen Menschen mit der gleichen Offenheit begegnen, wie Gott das tut.

Nach dem Krieg war es nicht einfach, die sogenannten „Flüchtlinge“ in die Gemeinden aufzunehmen, auch in die Kirchengemeinden. Sie brachten ein fremdes Element in die geschlossenen Dörfer und Kleinstädte. Zum Glück waren doch einige dabei, die für einen Aufschwung des kirchlichen Lebens sorgten und den Einheimischen ein gutes Beispiel gaben. Das hat das Zusammenwachsen erleichtert. Aber wenn etwa ein neuer Kirchenvorsteher gesucht wird, dann denkt man immer zuerst an die aus den alteingesessenen Familien, deren Väter und Großväter schon Kirchenvorsteher gewesen waren. Ähnlich schwierig ist es oft mit den Kindern aus den verschiedenen Orten des Kirchspiels

Doch wir sind e i n e Kirche und oft sogar e i n e Kirchengemeinde. Aber alteingewurzelte Vorurteile und Rivalitäten sind nicht so leicht abzubauen. Und gerade in der frommen Gewöhnung sind die Menschen beharrlich, ihr Denken und Empfinden ist bis in tiefe Seelenschichten hinab festgelegt. In der Predigt kann manches anders und freier sein. Aber im Ablauf des Gottesdienstes soll es möglichst keine Veränderungen geben. Vor allem beim Abendmahl rufen Abweichungen immer gleich Unsicherheit hervor.

Was dem Petrus in der herabgelassenen Leinwand zum Essen angeboten wird, ist ein Gleichnis. In  Wirklichkeit geht es ja um Menschen, und da sind Reinheitsvorschriften im Wege. Genauso wie ein Jude kein Schweinefleisch essen durfte, genauso durfte er keine Gemeinschaft mit Heiden haben, schon gar nicht auf religiösem Gebiet.

Man muß das verstehen: Man war ja ringsum mit Heidentum umgeben. Und auch im eigenen Lande war man stets der Versuchung der anderen Götter ausgesetzt. Man mußte sich der Überfremdung und des Verrats an Gott immer wieder erwehren. Im Bewußtsein Israels war es tief eingegraben: Heidnisches verunreinigt, man muß es meiden! Doch Gott sagt dem Petrus: „Ich habe es gereinigt!“

So kann Petrus ganz unbefangen das Haus des römischen Hauptmanns betreten, zusammen mit einigen anderen Christen, für die damit diese Entscheidung auch gilt. Dem Heidentum ist nicht durch Absonderung zu widerstehen, sondern durch aktives Eingreifen. Das wird deutlich, als Kornelius vor Petrus niederfällt und dieser entschlossen kontert: „Steh auf,  ich bin auch nur ein Mensch. Es gibt nur einen Gott, und den wollen wir gemeinsam anbeten!“

Wir alle haben es gleich weit zu Christus. Und er will für alle da sein, wer sie auch sind. Deshalb müssen wir darauf achten, daß wir nicht eine „Gruppenhaut“ um uns legen, die den anderen den Zugang erschwert. Je familiärer es in einer Gemeinde zugeht, desto eher ergibt sich so eine Abstoßung. Wir merken das an der Gemeindekreisen, wo dann nur die hingehen, die dazugehören. Der Gottesdienst in der Kirche ist da schon leichter zugänglich.

Mehr Tuchfühlung kann auch von Vorteil sein. Aber leicht kommt es dann dazu, daß man sich zu sehr für den anderen interessiert und ihn dann in Schubfächer einordnet. Man fragt: „Was bist du, was leistest du? Wie ordentlich war deine Erziehung, wie korrekt lebst du?

In welcher Welt- und Lebensanschauung lebst du? Welche Meinung hast du von der Kirche?“

Für Gott spielt das alles keine Rolle. Niemand braucht etwas mitzubringen, wenn er zu Christus kommt: keine frommen Verdienste, keine eindrucksvolle Lebensbilanz  kein kirchliches Benehmen. Wir sind alle Teil einer weltweiten Bruderschaft. Auch Heiden - oder sagen wir heute vielleicht besser „Ungläubigen“ - können in Christus einverleibt werden, in die Gemeinde als seinen Leib.

Doch wir sollten nicht meinen, man brauche nur Gott zu fürchten und recht zu tun, dann sei man schon Gott angenehm; man brauche also gar nicht die Gottesgnade, sondern nur einen guten Lebenswandel. Es wird nicht gesagt, daß sich das Christwerden erübrigt, sondern daß es ohne weiteres möglich ist. Gott hat auch gleich von Anfang an ins Auge gefaßt, daß die in Cäsare Versammelten „Worte“ hören sollen, also die christliche Botschaft.

Es ist also nicht gleichgültig, ob man Christ oder Heide ist, sondern es wird gesagt: Heiden können genausogut wie Juden nun Christen werden. Dazu sind alle eingeladen. Das Evangelium führt uns alle zusammen. Da hat keiner etwas vor dem anderen voraus, sondern alle werden „umsonst“ geliebt. So kommt es zu der Freiheit der Kinder Gottes, die der Geist schafft.

 

 

4. Sonntag nach Epiphanias: 1. Mose 8, 1 - 12

Hin und wieder geht ein ganz starkes Gewitter nieder. Die Büsche werden vom Sturm fast auf den Boden gedrückt. Es gießt in Strömen. An den Häusern läuft die Dachrinne über.

Das Wasser fließt munter am Haus entlang in Richtung Kellertür. Und bald darauf sprudelt es auch aus der Toilette im Keller wie aus einem Springbrunnen, weil der Kanal in der Straße voll ist und das Wasser in die Keller drückt. In so einem Fall - wenn das Wasser von oben und unten kommt - kriegt man doch etwas Panik. Man stellt einiges auf Stühle. Man ruft die Feuerwehr an. Aber die Nummer ist besetzt, weil jeder anruft, der seinen Keller ausgepumpt haben will. Da heißt es dann selber zu schöpfen

Wenn man so etwas erlebt, kann man eher begreifen, was mit einer Sintflut gemeint ist, einer „umfassenden Flut“, wie die Bedeutung des Wortes ist. Doch sollten wir nicht meinen, daß jemals die gesamte Erde von einer solchen Überschwemmung betroffen gewesen wäre. Solche Sintflutgeschichten gibt es in vielen Völkern des alten Orients, und Überschwemmungen waren im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris nicht selten. Und wir sollten auch nicht meinen, daß die Geschichte von Noah sich tatsächlich so ereignet hat, wie sie in der Bibel beschrieben ist. Es gibt zwar den Berg Ararat an der Grenze zwischen der Türkei und dem Iran. Aber wir brauchen dort nicht nach den Überresten der Arche Noah zu suchen, denn es gibt sie nicht.

Hier werden vielmehr Glaubensinhalte in Form einer Erzählung vermittelt, nicht kurz und knapp in einem Glaubensbekenntnis, sondern in einer anschaulichen Geschichte. Im Hintergrund steht die Anschauung, die auch in der Erzählung von der Erschaffung der Welt vorausgesetzt ist: Die Erde ist eine Scheibe, darüber wölbt sich der Himmel, aber rundherum ist lauter Wasser (das Meer ist blau, der Himmel ist blau, also muß das alles Wasser sein). Und die Angst der Menschen des Altertums war, daß diese Himmelglocke wieder einstürzen könnte und auch von unten das Wasser durch die Erdscheibe brechen könnte und die gesamte Schöpfung wieder untergeht.

Dem wird aber in der Noahgeschichte entgegengehalten: Ihr braucht keine Angst zu haben, die Schöpfung Gottes bleibt erhalten, auch wenn es einmal eine große Überschwemmung

gibt. In all eurer Angst und Panik könnt ihr euch doch auf Gott verlassen, der seine Schöpfung erhält. An Noah wird das beispielhaft dargestellt.

In vier Punkten kann man darstellen, was uns diese alte Erzählung aus der Bibel vermitteln will:

1. Es gibt immer wieder einmal Katastrophen in unserem Leben: Man muß dabei gar nicht so sehr an eine Überschwemmung, wie ich sie am Anfang beschrieben habe. Die ist zwar im Augenblick auch beängstigend, aber doch bald überstanden. Viel schlimmer sind die wahren menschlichen Katastrophen. Dazu einmal drei Beispiele: Da hat eine Mutter ihren behinderten und bettlägerigen Sohn 50 Jahre lang gepflegt. Er ist vor ihr gestorben, und alle dachten: „Wenigstens das hat sie noch erleben dürfen, daß der Sohn nicht doch noch ins Heim mußte!“ Aber was muß diese Frau für eine Kraft erhalten haben, um diese Aufgabe zu leisten. -

Wer sich um eine Arbeitsstelle bewirbt, der hat oftmals keinen Erfolg. Entweder           kommt gleich eine Ablehnung. Oder beim Vorstellungsgespräch muß man sich so verbiegen, daß es einer Demütigung gleich kommt. Es gibt ja sogar Firmen, die lehnen einen Bewerber ab, weil sie aus seinen Antworten entnommen haben, daß er sich vielleicht mit seinen Kollegen gegen die Betriebsleitung solidarisieren könnte. - Viele Familien geraten heute in eine Schuldenfalle: Da wird ein Partner arbeitslos oder krank und schon können die Raten nicht mehr bezahlt werden. Man ist einen bestimmten Lebensstil gewöhnt, aber nun muß man das Auto verkaufen und vielleicht auch das Haus bei der Zwangsversteigerung unter Preis verkaufen. Unser Leben ist vielfältig, da gibt es auch viele Möglichkeiten für Katastrophen.

2. Wer auf Gottes Wort hört, der hat eine Chance: Ohne Glauben geht gar nichts in der Welt. Sicher haben sie Noah ausgelacht, als er mitten im Hochland anfing, ein Schiff zu bauen. Aber Gott hatte es so gesagt, da hat er es auch so gemacht. Man darf nicht fragen, warum Gott nicht alle Menschen aufgefordert hat, es ebenso zu tun. Es handelt sich hier ja um eine ausgedachte Geschichte, die schon voraussetzt, was allgemeine Erfahrung ist: Die große Masse hört nicht auf Gottes Wort. Nur wer gehorsam ist, kann gerettet werden. So wird Noah zum Beispiel des Glaubens. Und Gott hält Wort: Wenigstens eine Familie mit den Tieren wird gerettet. Es besteht kein Grund zur Panik. Man muß nur das Richtige tun, was Gott sagt.

Ein Arzt sagte zu einer Frau: „Ich habe mir schon überlegt, ob ich Sie überhaupt operieren kann, weil Sie so pessimistisch sind. Sie sehen immer das Glas halb leer, wo es doch halb voll ist. Man braucht aber Zuversicht, wenn man wieder genesen will!“ Er hat allerdings netterweise zugegeben, daß er auch eher der pessimistische Typ sei, im Gegensatz zu seiner Frau, die ihn immer wieder aufmuntere.

Das ist ja das Gute, daß ein Mensch dem anderen in der Not beistehen kann, besonders in der Ehe. Aber das reicht noch nicht: Man braucht auch den Punkt außerhalb, braucht Gott, der dem Menschen seinen Segen in der Taufe zugesprochen hat und diesen Segen im Laufe des Lebens immer wieder erneuert.

3. Noah wird nicht sofort errettet, er muß lange in der Gefahr bleiben: Daß die Welt trotz ihrer Gottesferne noch besteht, ist ein Wunder. Es ist ja nicht so, daß es Sünde nur in der Zeit vor der Sintflut gab und jetzt eine zivilisiertere und höher stehende Zeit wäre. Was in der Geschichte von Noah erzählt wird, liegt nicht weit hinter uns, sondern es geht uns an. Hier ist in Erzählung eingekleidet, was Ur-Erfahrung der Menschheit ist. Die sogenannte „Urgeschichten“ der Bibel begreift die Geschichte der ganzen Menschheit in sich und ist deshalb zugleich unsere Geschichte.

Auch in unserer Welt wird immer noch geseufzt und gelitten. Es gibt Unmenschlichkeiten des Alltags, die sich bis zu großen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufschaukeln. Nach der Sintflut ist die Menschheit nicht besser geworden. „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf!“ sagt die Erzählung. Aber es ereignet sich das Wunder, daß Gott dennoch den Menschen seine Barmherzigkeit zuwendet.

Doch Noah kann zunächst nichts tun. Er muß auf seinem Schiff ausharren, bis es Zeit ist und bis Gott das Ende der Not festsetzt. Doch dann darf Noah seinen Verstand und seine Möglichkeiten einsetzen: Er schickt eine Taube aus, um zu sehen, ob sich das Hochwasser verlaufen hat. Noah schafft die neue Lage nicht selber. Aber er erforscht die Verhältnisse. So darf sich auch der Mensch allgemein die Gegebenheiten der Welt dienstbar machen: Der Bauer schafft nicht Boden, Saat und Wetter, aber er nutzt sie mit Sachkenntnis. Der Bergmann kann

nur die vorhandene Kohle fördern, aber er tut es nach allen Regeln der Kunst. Gott braucht den Menschen, um die Welt zu erhalten, gerade auch wenn es gilt, nach einer Katastrophe neu anzufangen.

Aber manche Dinge sind schon schwer in unserer Welt: Da hat sich der Mann einer Zahn­­ärztin das Leben genommen, wahrscheinlich auch deswegen, weil sie einen behinderten Sohn haben. Der Vater der Frau hat dann das Kind versorgt. Aber dann ist der auch gestorben. Da weiß auch der Pfarrer oft nicht weiter, da kann er auch nur still mit der Frau trauern. Manchmal dauert es schon lange, bis es wieder weiter geht.

4. Gott hat immer wieder einen Ausweg aus der Not: Auf einmal heißt es: „Da gedachte Gott an Noah!“ Es ist nicht so, daß ihm Noah nach so vielen Tagen jetzt erst wieder eingefallen wäre, sondern jetzt hat er sich ganz persönlich dem Noah mit all seiner Gnade und Barmherzigkeit zugewandt.

Aber genauso hat er sich auch jedem von uns zugewandt. Darum schlägt unser Herz, atmet die Lunge, funktioniert der Stoffwechsel, können die Hände zufassen und die Füße gehen. Anders als Noah leben wir auf einer festen Erde und unser Dasein ist einigermaßen gesichert. Aber erst daß Gott an uns denkt, macht unser Leben aus. Unser Leben ist immer ein Geschenk, nicht nur, wenn wir aus großer Gefahr gerettet wurden, sondern auch in unserem ganz normalen Leben. Die Grenzfälle erinnern nur daran, daß es nicht selbstverständlich ist, da zu sein.

Wir sind nicht noch einmal davongekommen, sondern Gott gibt der Welt eine Zukunft. Am Schluß des Kapitels heißt es. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht!“ Hier drückt sich ein „Ja“ Gottes zu seiner Welt aus, das nur mit befreitem Aufatmen vermerkt werden kann. Das Neuwerden der Schöpfung nach der Sintflut ist aber nur ein Vorspiel der eigentlichen Erneuerung. Gott will den Bestand der Welt, obwohl sie immer noch eine sündige Welt ist.

Damit ist unser eigenes Sterbenmüssen nicht aufgehoben. Aber Gott widerruft damit nicht sein „Ja“ zu uns. Nichts kann uns aus seiner Hand reißen. Das ist das eigentliche Wunder in unserem Leben.

Doch der Segen für Noah und seine Familie und die ganze Schöpfung wurde dennoch nicht auf Dauer von den Menschen genutzt. Wir hören ja dann davon, wie die Menschen sich gegen

Gott auflehnen und einen Turm bauen wollen, der bis in den Himmel reicht. Diese Geschichte vom Turmbau zu Babel hat aber nicht einen versöhnlichen Ausgang wie all die anderen Erzählungen am Anfang der Bibel. Deshalb setzt Gott neu an und beruft den Abraham und hofft, daß seine Nachkommen besser sind als die übrigen Menschen. Aber wir wissen, daß auch das Volk Israel sich nicht so verhalten hat, wie Gott es erwartet hat. Auch wir heute sind nicht besser als das Volk Israel. Deshalb mußte Gott ja seinen Sohn senden, um die Menschheit zu erlösen.

Das Leben der Menschheit müßte anders sein, nachdem sie gelernt hat, wie wenig selbstverständlich das Dasein der Welt und unser eigenes ist. Alles ist Akt der Liebe Gottes: Die Zeit, die uns gegeben ist, der Boden, auf dem wir leben, der Friede und die Ordnung, die wir genießen, das tägliche Brot, die Menschen, mit denen wir zusammenleben dürfen. Nichts versteht sich von selbst.

 

 

Letzter Sonntag nach Epiphanias: 2. Petr 1, 16 - 21

Einmal kommt der Tag, wo ein junger Mensch das Elternhaus verläßt, um selbständig zu sein und auf eigenen Füßen zu stehen. Das ist nicht so einfach für Eltern‚ wenn sie erkennen müssen, daß ihre Kinder nun ein eigenes Leben führen möchten. Meist geben sie ihnen noch ein paar wichtige Worte mit auf den Lebensweg. Sie legen ihnen ans Herz, die gute Kinderstube nicht zu vergessen und sich anständig zu benehmen. Sie sagen: „Laß immer mal was von dir hören, sei fleißig und mach uns keine Schande!“

Hinter solchen Worten stehen die Wünsche der Eltern, ihr Kind möge ein glücklicher und, geachteter Erwachsener werden. Dahinter stecken natürlich auch die Sorgen, weil der Weg ins Leben so seine Gefahren hat. Leicht kann man auf Abwege geraten oder man sucht sich falsche Freunde und Ratgeber. Da wird sich nun erweisen, was die Eltern dem Kind an Werten haben mitgeben können.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Predigttext für den heutigen Sonntag. Der 2. Petrusbrief ist ja die späteste Schrift des Neuen Testaments. Die Gemeinde ist aus den Kinderschuhen und der stürmischen Jugendzeit herausgewachsen und erwachsen geworden. Drei Generationen von Christen haben sich schon einander abgelöst und haben die Botschaft von Jesus Christus weitergegeben.

Nun haben sie begonnen, sich feste Ordnungen und Organisationen zu geben. Sie haben die Welt genauer in Augenschein genommen, während sie vorher meinten, alles Bestehende werde bald vergehen. Doch das Ende ließ auf sich warten und man mußte mit der Zukunft rechnen und sich in der Gesellschaft irgendwie einrichten. Die Christen des 2. Jahrhunderts wurden in den Alltag entlassen und hatten sich dort zu bewähren. Der guten Erziehung eingedenk sollen sich die Gemeinden auf die Verhältnisse einlassen, ohne die Ausrichtung auf die endliche Wiederkunft Christi aufzugeben.

Keiner vor denen, die Jesus und die Apostel noch persönlich gekannt hatten, ist mehr am Leben. Andererseits läßt der Tag Christi noch auf sich warten. In dieser Lage sind wir heute noch. Deshalb sind uns die Christen jener Zeit noch wichtig. Damals wurden den mündig gewordenen Gemeinden noch ein paar beschwörende Worte mit auf den Weg gegeben.

Weil der Verfasser des 2. Petrusbriefs etwas Lebenswichtiges zu sagen hat und er sich ernste Sorgen macht, leiht er sich die Autorität des Petrus aus. Er tritt bescheiden hinter dem zurück, dessen Stimme entscheidend sein soll. Er will nicht ein Einzelgänger sein, sondern nur das sagen, was die ganze Kirche verantwortet. Er will das Zeugnis der Apostel nicht verdrängen, sondern gerade an ihm Maß nehmen.

Das ist auch unsere Aufgabe. Wie schnell basteln wir uns einen Gott zurecht, der das machen soll, was uns paßt. Und wenn er es nicht tut, dann hat er versagt oder wir behaupten, es gäbe  diesen Gott gar nicht. In der Tat gibt es diesen selbstgemachten Gott nicht. Aber es gibt den lebendigen Gott, der der Vater Jesu Christi ist. An ihn müssen wir uns halten, wenn wir Christen sein wollen.

Doch die Frage ist: Wollen wir das wirklich? Unterliegen wir nicht so vielen anderen Einflüssen, daß das Christsein nur unter „ferner liefen“ kommt? Es gibt heute viele kluge Fabeln, denen wir folgen sollen.

Da sind einmal die Versprechungen im politischen Bereich. Wem soll man nun glauben? Sind es nicht alles „kluge Fabeln“, denen man nach dem 2. Petrusbrief nicht folgen soll? Als Christen werden wir zunächst einmal sagen, daß unser Glaube nicht von dem Gesellschaftssystem abhängt, in dem wir leben. Bewähren als Christen können wir uns an jedem Ort, an den Gott uns hinstellt. Der Sinn unsres Lebens hängt nicht daran , daß wir unsre Träume und Vorstellungen verwirklichen können.

Es gibt ein Jagen nach Lebensstandard, das alles andere in den Hintergrund treten läßt. Da nimmt einer gern den kirchlichen Kindergarten in Anspruch; aber wenn er in einen bescheidenen Dienst in der Kirche gerufen werden soll, dann hat er keine Zeit. Die Ausreden sind dann: Ich habe eine Bauerei vor, wir wandern viel mit der Familie, ich habe schon eine andere Aufgabe in der Kirche.

Die Gefährdungen der Kirche kommen heute mehr vor der „Welt“ her. Das weltliche Denken stellt den Bestand der Kirche in Frage. Ähnlich wie zur Zeit des 2. Petrusbriefs haben reichhaltiges Essen und Trinken und Konsumverhalten den Vorrang. Dazu kommt eine Gleichgültigkeit gegenüber ethischen Regeln: Diebstahl wird nur noch in Einzelfällen als Diebstahl empfunden, böse und unwahre Reden werden als normal empfunden, und wenn alle sich nicht mehr an die Gesetze halten, dann werden diese einfach geändert, wie es bei der Frage der Abtreibung geschehen ist. Ausgangspunkt dafür war aber, daß man nicht mehr auf Gott gehört hat und nicht hören will.

Damit sind wir bei dem anderen, das den Bestand der Gemeinde gefährdet, damals wie zum Teil auch heute: der innere Zustand der Kirche. In neuerer Zeit sind in ihr wieder einmal prophetische Gruppen aufgetreten, die jederzeit zur Himmelswelt einer Zugang finden wollen, auch ohne Christus. Doch inzwischen sind diese „charismatischen Gemeinden“ aus der Kirche ausgetreten und haben eine eigene Gemeinschaft gegründet.

Mit solchen Erscheinungen mußte man sich schon zur Zeit des 2. Petrusbriefes auseinander­setzen. Damals gab es ja noch kein festes Lehramt, das den Einfluß von Irrlehrern hätte zurückdrängen können. Jede Gemeinde machte es so, wie sie es für richtig hielt, und oft machte in ihr dann noch ein Einzelner das, was er als Evangelium glaubte erkannt zu haben.

Das ist überhaupt eine Versuchung in der Kirche: Weil man sich im staatlichen und gesellschaftlichen Bereich ducken muß und auch ducken w i 1 1, weil man sonst Nachteile fürchtet, will man sich wenigstens in der Kirche verwirklichen. Was man sich im Betrieb oder gegenüber Vorgesetzten dort nie erlauben würde, versucht man in der Kirche. Dort soll es nicht so genau zugehen, dort wenigstens will man Freiheit haben, die aber nur eine Freiheit auf Kosten der anderen ist.

Zum Glück haben wir unter prophetischen Gruppierungen in der Gemeinde nicht zu leiden. Im Gegenteil: Wir könnten eher froh sein, wenn von daher etwas frischer Wind käme und man im theologischen Decken zu Neuansätzen vorstieße. Eine Belebung wird all das sein, was an den Worten und dem Verhalten Jesu gemessen wurde. Das gilt in Glaubensfragen wie in den mehr praktischen Dingen des Lebens.

Der 2. Petrusbrief erinnert an die Verklärung Jesu vor den Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes. Damals hörten sie die Stimme: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ Sie durften ihn sehen in all seiner Herrlichkeit, so daß ihnen die Augenübergingen. Er gab ihnen einen Vorgeschmack der künftigen Vollendung, so daß sie am liebsten oben auf dem Berg Hütten gebaut hätten, um diesen Augenblick festzuhalten. Die Erinnerung an diesen Augenblick ist aber immer noch wie der helle Morgenstern, der in der Dunkelheit dieser Welt leuchtet, bis der Tag Gottes anbricht und der Morgenstern aufgeht in den Herzen der Glaubenden.

Jesus und sein Wort ist auch heute noch die Hauptsache in der Kirche. Wir sollten nicht nur einen Bibeltext verlesen und dann über das reden, was uns wichtig ist. Ein Pfarrer meinte ja einmal, er könne von jedem Predigttext zu dem Thema kommen, das er gern anbringen möchte, er könne die gleiche Predigt halten und zwei unterschiedliche Bibeltexte vorher verlesen. Die Christuserfahrung erschließt sich uns aber nur durch das Zeugnis der Augenzeugen und die Predigt, die darauf zurückgreift. Stichhaltig ist für uns nicht, was wir an uns selbst feststellen, sondern was das Wort Gottes zu uns sagt.

Das will der Verfasser des 2. Petrusbriefes seinen Nachkommen einschärfen. Er will die Erinnerungen nicht dem Vergessen überlassen, damit die Hoffnung festgehalten wird. Denn wer seine wichtigen Erfahrungen vergißt, verspielt seine Zukunft, denn er gerät in die Hände derer, die festlegen wollen, was gewesen ist und was nicht. Erfahrungen muß man aufschreiben, Fakten muß man prüfen, dann widersteht man denen, die sagen: „Es ist alles egal, wir können doch nichts ändern!“

Natürlich geht es nicht um eine verdrängende und beschönigende Erinnerung, sondern sie muß schon wahrhaftig sein, auch wenn sie vielleicht schmerzhaft ist und nicht immer das beste Licht auf uns selber wirft. Jesus sagt uns: „Erinnert euch an mich! Bewahrt diese Erinnerung in eurem Alltag, der oft staubig und mühselig ist. Der tägliche ermüdende Kleinkram wird euch nicht erspart bleiben. Aber ich bin ja bei euch. Ich stehe ein für den Weg und das Ziel. Da ihr nun mündig und erwachsen seid, brecht ruhig auf! An Wein und Brot und guten Worten wird es euch unterwegs nicht mangeln. Denn ich bin ja bei euch, bin Ursprung, Mitte und Ziel für euer Leben.

 

Septuagesimä: Röm 9, 14 - 24

Warum gibt es so viele Menschen, denen der christliche Glaube gleichgültig ist oder die ihn deutlich ablehnen? Liegt es an uns, weil wir das Evangelium nicht richtig weitersagen? Liegt

es an den Fehlern und Mängeln der Kirche? Oder liegt es an Gott selbst, weil er die Ohren und Herzen versehließt? Da kann mal als überzeugter Christ doch nicht ruhig und unempfindlich bleiben und sagen: „Das ist Privatsache des Einzelnen!“ Wir sollten uns nicht moralisch entrüsten über die, die nicht mehr zur Kirche gehören, sondern uns um sie mühen. Es geht ja nicht um Weltanschauungen und Theorien, über die man diskutieren kann und die man bejahen oder ablehnen kann; vielmehr geht es doch um der Gott, der uns erschaffen hat und erhalten will.

Es ist bedrückend, wenn Menschen leichtfertig oder böswillig die Gemeinschaft mit Gott aufgeben. Vor allem geht es dabei ja auch um die Kinder. Erst waren sie eifrig bei der Kirche dabei und haben begeistert mitgemacht. Aber dann lassen die Eltern sie nicht mehr hin. Welches Kind würde sich schon gegen seine Eltern stellen? Das wäre vielleicht auch nicht so gut, selbst wenn es um den Glauben geht.

Aber man muß doch auch voller Unruhe fragen: Wie kommt es, daß Menschen nicht an Gott glauben, wo Gott doch für alle Menschen da sein will? Ist es etwa nicht in unsere Macht gegeben, ob wir in einem christlichen Elternhaus geboren wurden und getauft und christlich erzogen wurden? Ist alles von Gott vorherbestimmt, so daß der Mensch nichts dagegen oder dafür unternehmen kann? Sind wir unfrei in unseren Entscheidungen?

Bedeutende Denker der Menschheit und vor allem natürlich die Theologen haben sich immer wieder den Kopf darüber zerbrochen: Wie lassen sich die Allmacht Gottes und die Freiheit des Mengten miteinander vereinbaren? Vielleicht werden wir erst in Ewigkeit diese beiden Aussagen zusammendenken können, so wie zwei Schienenstränge, die erst in der Ferne zusammenzulaufen scheinen. Paulus versucht auf seine Art eine Antwort zu geben mit zwei Sätzen: Erstens verweist Paulus auf die Freiheit Gottes. Gott kann retten und verlorengehen lassen, wen er will. Er ist auch frei, sich nicht zu erbarmen. Das ist hart. Aber dieser Einsieht muß man erst einmal standhalten, ehe man auch den zweiten Satz vom Erbarmen Gottes hören darf. Gott erbarmt sich, wessen er will; und er verstockt, wen er will.

Wir dürfen ihn deshalb nicht kritisieren. Wir stehen nicht auf einer Ebene mit ihm. Wir haben nichts zu fordern oder einzuklagen. Wenn er wirklich alle Macht hat im Himmel und auf Erden, dann können wir ihn zwar bitten, aber nicht zwingen. Eltern legen den Kindern gegenüber ja auch nicht Rechenschaft ab über ihr Tun. So ist auch Gott nicht unserem Richten unter­worfen, sondern w i r dem seinen.

Und doch wird immer wieder gefragt: „Ist denn Gott ungerecht? Warum hat er denn die Gaben so unterschiedlich verteilt, in der Schule und im Beruf und auch beim Glauben?“ Man kann sich nur wundern, daß die Konfirmanden noch nicht mit der Ausrede gekommen sind: „Gott ist doch selber schuld daran, wenn er mich so dumm gemacht hat, daß ich nicht einmal das Glaubensbekenntnis auswendig lernen kann!“ Aber offenbar ist das doch kein Argument, um die eigene Faulheit zu entschuldigen.

Aber es könnte doch einer kommen und sagen: „Ich. kann und darf doch dem Willen Gottes nicht widerstehen. Wenn er mich nicht gut haben w i 1 l, dann kann ich auch nicht gut sein!“ Paulus wird böse, als er an diesen möglichen Einwand denkt. Er sagt: „Mensch, wer bist du eigentlich? Wie kommst du dazu, auch noch Widerworte zu haben? So etwas ist ja direkt frech!“

Als Begründung bringt er das Beispiel von dem Töpfer und dem Ton: Der Töpfer kann aus dem Ton machen, was er will - einen kostbaren Weinkrug oder einen Abfalleimer. Wenn er aber einmal die Form hergestellt hat, dann bleibt es dabei. Der Ton kann keine Vorwürfe machen, warum er gerade zu diesem Gefäß geschaffen wurde - der Töpfer macht das eben so und nicht anders.

Deshalb darf aber noch keiner von uns Menschen zu Gott sagen: „Du warst es ja selbst, der mich so geschaffen hat, ich kann nichts dafür, wenn ich ungläubig bin!“ Hier stimmt das Bild vom Töpfer und Ton nicht mehr. Am Anfang der Bibel wird zwar in bildhafter Weise erzählt, daß Gott den Menschen aus Erde geformt habe; aber zum Menschen wird er erst durch den Hauch Gottes. Wir Menschen sind keine Roboter, die nach einem bestimmten Programm entweder Gutes oder Böses tun. Wir haben einen eigenen Willen und werden immer wieder vor Entscheidungen gestellt. Gott ruft uns. Aber viele bleiben ihm die Antwort schuldig. Gott zwingt niemanden in seine Richtung, sondern er hat übergroße Geduld. Er trägt auch, was seinen Zorn herausfordern könnte: Verachtung seines Wortes, Verschleudern seiner Gaben, Hartherzigkeit. Damit sind wir bei der anderen Aussage des Paulus.

Zweitens verweist Paulus auf die Barmherzigkeit Gottes. Wenn einer fragt: „Ist denn Gott ungerecht?“ dann antwortet Paulus: „Zum Glück ist er es: Gott ist ungerecht, wenn er barmherzig ist. Er gibt nicht, was wir eigentlich verdient hätten, sondern er rechnet nach dem,

was wir nötig haben!“ Das macht ja auch das Evangelium des Sonntags von den Arbeitern im Weinberg deutlich: Gott schreibt einfach bei den später Dazugekommenen mehr Stunden auf, damit auch sie das erhalten, was sie nötig haben.

In Wirklichkeit können wir uns ja bei Gott überhaupt nichts verdienen. Paulus sagt: „Es liegt nicht an unserem Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen!“ Im Beruf und in der Schule, im Alltag und im Sport erreichen wir nur etwas, wenn wir uns anstrengen. Ohne Mühe und Arbeit gibt es weder Anerkennung noch Lohn. Doch: Wenn es aber um Gottes Reich geht, ist alles anders. Wenn es da nur nach dem Soll ginge, wäre das Urteil bald gesprochen. Mit all unsrer Frömmigkeit und unsren Werken bleiben wir aber weit hinter dem zurück, was Gott von uns erwartet. Deshalb können wir nur auf sein Erbarmen hoffen.

Das hört sich jetzt vielleicht so an, als brauchten wir überhaupt nichts zu tun, als müßten wir alles Gott überlassen und könnten nur auf sein Erbarmen hoffen. Und wenn einer verdammt ist, dann wäre das eben Gottes Schuld, weil ja der Mensch nichts mitzureden hat. Manchmal könnte man den Eindruck haben, daß einer zum Verbrecher bestimmt ist: erst Automaten, dann Autos, dann Mord und Totschlag.

Es werden zwar viele Anstrengungen unternommen, einen Menschen wieder auf die richtige Bahn zu bringen. Aber wenn er wieder in seine alten Kreise gerät, dann geht alles von vorne los.

Doch ist es denn wirklich „Schicksal“, wenn man aus einem solchen Teufelskreis nicht mehr herauskommt? Gibt es denn keine Bewährungshelfer, bemühen sich nicht Staat und Kirche, Verwandte und Bekannte? Wenn einer sich anstrengt, kann ihm auch geholfen werden. Es ist nicht alles nur Schicksal, sondern auch viel Nachlässigkeit und mangelnde Willenskraft. Über sein tatsächliches Schicksal bestimmt jeder selber mit.

Noch ein Beispiel: Es gibt immer eine Reihe von Männern und Frauen, die zwar verheiratet sind, es aber doch mit einem anderen haben. Die könnten sagen: „Ich kann nichts dagegen tun, wenn mich halt die Natur plagt, muß ich einfach so handeln“" Als ob nicht jeder wüßte, daß Ehebruch nach den Geboten Gottes verboten ist, und als ob nicht jeder gegen seine plötzlichen Einfälle und Gelüste vorgehen könnte. Wir dürfen nicht jeden Fehltritt Gott in die Schuhe schieben wollen.

Es ist unsre Natur, daß wir schlafen müssen. Aber es ist nicht naturnotwendig, wenn wir früh nicht aufstehen und die Arbeit (oder auch der Gottesdienst) versäumen. Es ist natürlich schwer, diese beiden Sätze nebeneinander verstehen zu sollen: „Gott ist frei und kann das Wesen eines jeden vorherbestimmen!“ und „Jeder ist für sein Tun verantwortlich und kann nur auf die Barmherzigkeit Gottes hoffen!“

Gott läßt jedem zunächst einmal die freie Entscheidung. Aber diese Entscheidung nimmt er dann in seiner Plan auf. Und dann gibt es nur noch Erbarmen oder Zorn, Segen oder Fluch. Man muß nicht unbedingt ein Verbrecher werden, zunächst ist man noch frei. Aber wenn man erst einmal drin ist, gibt es meist keine Änderung mehr, dann muß man alles tun, was gefordert wird.

Weinkrug bleibt Weinkrug und Abfalleimer bleibt Abfalleimer. Die Frage ist nur: Wer sind

wir? Gottes  Weinkrug oder ein Abfalleimer? Es gibt Menschen, die waren von Anfang an Abfalleimer. Die sind von der kirchlichen Verkündigung nicht zu erreichen, auch wenn diese in noch so moderner Former geschieht. Die reagieren auch nicht mehr, wenn sie persönlich angesprochen werden. Uns wird daran deutlich: Es ist nicht unser Verdienst, wenn wir an Gott glauben dürfen.  Jubelnd ruft Paulus aus: „Die Gefäße der Barmherzigkeit, das sind wir!“ Wir können da nicht Zuschauer bleiben, wir sind selber betroffen. Wir wissen ja selbst, wie schwer der Glaube manchmal wird und wie schnell man unsicher werden kann. Und Gott bangt immer wieder darum, ob wir seine ausgestreckte Hand auch ergreifen.

Dennoch ist Gott auch für die Gottlosen da. Er hat auch mit ihnen immer noch Geduld und wartet darauf, daß sie doch ihren Sinn ändern. Sie stellen den dunklen Hintergrund dar, auf dem das Licht Gottes nur umso heller erstrahlen kann. An den anderen können wir sehen, was wir eigentlich verdient hätten und wovon Gott uns befreit hat.

Vielleicht begreifen wir nur schwer, daß viele Menschen um uns herum ohne Gott auskommen können. Aber Gottes Ruf erging an alle. Sein Handeln ist nicht ungerecht oder unsinnig. Gott gebe es uns, daß wir ihn verstehen. Und daß wir selber seine Barmherzigkeit annehmen und dadurch vielleicht anderen den Weg weisen zu dem, der auch sie annehmen will. Wir sollten dankbar dafür sein, daß Gottes Sohn sich zum „Gefäß des Zorns“ hat machen lassen, damit wir „Gefäße der Barmherzigkeit“ sein können.

 

 

Sexagesimä: Apg 16, 9 - 15

In einer Tageszeitung lag eine Anzeige bei, die das Buch „Kraft zum Leben“ anpries. Auch auf großflächigen Plakaten wurde dazu aufgefordert, sich kostenlos dieses Buch kommen zu lassen. Geldgeber ist ein Amerikaner, der ganz konservativen Kreisen angehört. Man kann sagen: Das sind christliche Fundamentalisten, die die Bibel wörtlich verstehen und diese enge Auslegung als Maßstab für das Handeln in der heutigen Welt ansehen. Prominente Zeitgenossen wie den Sänger Cliff Richard, die Schauspielerin Jutta Speidel und den Golfspieler Bernhard Langer haben sie gewonnen, um für ihr Buch zu werben. Ihr Angebot klingt ja auch durchaus christlich, da kann man sich leicht blenden lassen. Aber in Wirklichkeit sind diese Leute rechtsradikal, fremdenfeindlich,   

Der Vorgang zeigt aber: Religiosität ist ein Bedürfnis unsrer Zeit, wenn auch nicht unbedingt Religiosität in Form des Christentums. Da befassen sich Menschen mit fernöstlicher Religion, mit Buddhismus, Ayurveda und Feng Shui. Der Islam übt eine große Anziehungskraft aus, gar mancher bei uns ist zu dieser Religion übergetreten, obwohl sie doch gar nicht bodenständig ist. Die Palette geht hin bis zum Satanskult, dem junge Menschen anhängen und der manche bis in die Kriminalität geführt hat. Wie soll sich der christliche Glaube in dieser Umwelt behaupten? Er darf doch nicht dem Wirtschaftsgesetz von Angebot und Nachfrage unterworfen werden. Ein Witzbold hat ja einmal behauptet, die Kirche gebe Antworten auf Fragen, die kein Mensch stellt.

So ganz unrecht hat er damit gar nicht einmal. Der selbstgerechte Sünder weiß nämlich gar nicht, daß er die Vergebung braucht. Aber man sollte auch nicht versuchen, ihm dieses Gefühl einzubleuen, indem man ihm kräftig mit der Hölle und anderem einheizt, wie das leider auch christliche Gruppen tun. Erst der, dem Gott aufgegangen ist, erkennt seine Lage.

Doch es geht nicht darum, daß einer ein „Bedürfnis“ nach Glauben entwickelt oder daß wir dieses Bedürfnis erst durch Werbung hervorrufen müßten. Vielmehr sieht Gott, wo Hilfe nötig ist und setzt seine Leute entsprechend ein. Dabei will er auch zu uns kommen und erwartet von uns eine offene Tür, ein offenes Herz und ein offenes Haus.

 

1. Offene Tür:

 Eine offene Tür fanden Paulus und die anderen Apostel in jener Zeit vor. Die Menschen waren erfüllt von einer religiösen Sehnsucht. Religion ist wahrscheinlich ein Grundbedürfnis des Menschen: Er will wissen, was der Sinn des Lebens ist und wie es nach diesem Leben weitergehen soll, nach welchen Regeln er sein Leben ausrichten soll und wie er mit Krisen in seinem Leben fertig werden kann.

Allerdings bleibt Gott auf diesem Weg immer der Handelnde. Nicht menschliche Missionsprogramme bestimmen den Gang der Kirchengeschichte, sondern Gottes Plan. So wird Paulus gehindert, den Weg nach Asien und zum Schwarzen Meer einzuschlagen. Statt dessen erscheint ihm in der Nacht ein Mann aus Mazedonien und ruft: „Komm herüber und hilf uns!“

Es muß nicht immer ein Traum sein, durch den Gott den Weg zeigt. Nach einer Bibelhandschrift haben die Apostel auch durchaus ganz nüchtern überlegt, wie es weitergehen soll. Die Leitung durch Gottes Geist schließt nicht aus, daß man die anstehenden Fragen auch ganz menschlich durchdenkt. Gott leitet nicht dadurch, daß er ein übernatürliches Signal gibt. Wir müssen bei fälligen Entscheidungen nicht immer auf ein äußeres Zeichen warten, unsere eigenen Überlegungen sind dabei durchaus gefragt.

Auch in unserem persönlichen Leben läuft nicht immer alles so ab, wie wir uns das gewünscht haben. Es ist schon erforderlich, daß wir uns in den Plan Gottes mit uns einfügen. Aber wir werden auf eigenwillige Pläne verzichten müssen und auch einmal warten, bis wir Klarheit gewinnen.

Pläne gehören mit zu unserem Leben, zum Beispiel wenn wir einen Urlaub vorbereiten. Manchmal ist das Planen und die Vorfreude sogar so viel wie die eigentliche Ausführung. Aber auch wenn man schon fertig ist zur Abreise, kann noch etwas dazwischen kommen, weil einer krank wurde oder der Gastgeber noch absagte. Manche Pläne lassen sich eben nicht verwirklichen, und damit müssen wir eben fertig werden.

Man kann nicht eine Tür einrennen, die Gott zugeschlossen hat. Aber wenn Gott Wege verlegt, dann zeigt er anderwärts neue Wege. Auf unsrem Lebensweg stehen wir manchmal vor einem Stoppschild. Aber dann wird uns plötzlich ein Ziel vor Augen gestellt, mit dem wir gar nicht gerechnet hatten. Das mag uns ein starker Trost sein, wenn einmal einer unsrer Pläne gescheitert ist. Es gilt nur, ein offenes Herz für das Handeln Gottes zu behalten.

 

2. Offenes Herz:

Das offene Herz hat Paulus auch in Philippi gefunden. Seine Anfänge dort waren aber durchaus bescheiden, ein paar Tage passiert überhaupt nichts. Aber das macht nichts, Gott wird schon Mittel und Wege finden. Die Apostel werden auch nur das Wort einsetzen können, die gute Nachricht von Jesus Christus. Aber anders will der Glaube gar nicht geltend und verbreitet werden.

Aber so beginnt die Kirchengeschichte Europas, eine Sternstunde auch unsrer Geschichte. Was wäre wohl geworden, wenn Paulus ein Afrikaner erschienen wäre? Dann hätte es wohl kein „christliches Abendland“ gegeben, also unsere europäische Kultur, die fast den ganzen Erdball ergriffen hat. So aber war es Gottes Wille, daß zunächst Europa die frohe Botschaft erhalten sollte. Was wäre, wenn wir ohne sie hätten auskommen müssen?

Sicherlich gibt es auch viele dunkle Seiten auf dem Weg des Christentums durch Europa: Zwangsbekehrung, Glaubenskriege, Unterdrückung, Anhäufung von Reichtum, Zusammenarbeit mit den Herrschenden. Aber es gab auch viel Positives: Predigt, aufopferungsvolle Liebe, kulturelle und wissenschaftliche Leistungen. Da ist doch vieles eingesickert in den Boden unserer Geschichte, in unsere Sitte und Kultur, das uns prägt, ob wir es wissen oder nicht.

Wir haben es leichter, zum Glauben zu finden, wenn unsre Gesellschaft vom Christentum geprägt ist und zumindest ihm nicht feindlich gegenüber steht. Es ist hilfreich, wenn in der Schule Religionsunterricht ist und Rundfunk und Fernsehen Gottesdienste übertragen. Doch es gibt auch bei uns Abbau christlicher Sitte und Lebensart. Den Zerfall der Volkskirche wird man nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen.

Zu Zeiten des Paulus gab es diesen Hintergrund noch nicht. Philippi war eine Weltstadt, gegründet vom Vater Alexanders des Großen. Hier fanden die Mörder Cäsars ihr Ende. Verdiente Krieger wurden hier angesiedelt. Es war eine Stadt, in der Männer Geschichte machten.

Gott aber fängt nicht im Zentrum der Stadt an, sondern an ihrem Rande. Er fängt an mit ein paar Frauen. Die Männer kamen offenbar nicht zum Gottesdienst, so wie sie heute auch in der Minderheit sind. Wir werden heute sagen: Da sieht man einmal, daß Frauen viel klüger sind als Männer. Aber damals war das eher ein Zeichen dafür, wie unscheinbar sich das alles zutrug.

Gott will aber niemanden listig vereinnahmen oder drohend einschüchtern und allen Widerstand brechen. Gott sucht auch nicht bloß den Verstand, sondern unser Herz. Nicht die hochtrabende Predigt, nicht der gelehrte Vortrag sind erforderlich, sondern das schlichte Zeugnis. Gott will unser freies Ja, die freiwillige Übergabe, daß wir ihn wirklich lieb gewinnen.

Die Purpurhändlerin Lydia ist allerdings schon in gewisser Weise vorbereitet. Sie ist ein „Gottesfürchtige“, die zum jüdischen Gottesdienst geht, aber nicht selber Jüdin ist. Sie hört deshalb interessiert, was Paulus zu sagen hat. Weil Lydia aber ein geöffnetes Herz hat, wird das gepredigte Wort auf einmal interessant und wichtig, es trifft und zündet, so daß man aus einem fröhlichen inneren Muß heraus Antwort gibt. Bei Lydia geschieht das auch in Form der Taufe.

 

3. Offenes Haus:

Lydia hat auf einmal ein offenes Haus. Ein langer Unterricht ist da nicht mehr möglich. Sie fragt die Apostel, ob sie anerkennen können, daß sie an den Herrn glaubt. Und damit beginnt eine große Taufe, die erste christliche Hausgemeinde Europas entsteht. Indem Christus in dieses Haus einzieht, nimmt er auch Wohnung in Europa. Kinder, Enkel, Sklaven und deren Angehörige sind mit dabei. Dabei wird deutlich, daß Gott die Menschen in die Taufe hineinzieht, sogar ehe sie selber davon wußten, wie das bei den Kindern der Fall ist. Er wartet nur darauf, daß man glaubend auf das eingeht, was er zuvor getan hat.

Sie hatten noch keine großartige Kirche und keinen großen Taufstein. Aber darauf kommt es ja auch gar nicht an. Der kleine Kreis, die Hausgemeinde, ist sogar vielfach wieder ein Modell für heute. Eine volle Kirche oder gar ein Kirchentag ist natürlich auch sehr schön. Aber vielleicht lebt es sich doch leichter in kleinen Räumen wie in einem Gemeindehaus oder gar in einer Wohnstube. Hier kann man mehr voneinander wissen und einander mehr sein als in einer volkskirchlichen Großgemeinde. Das ist ja das, was Sekten und Freikirchen oft so anziehend macht.

Aber es gibt auch die anderen, die mehr die Anonymität suchen, die mehr unverbindlich die Kirche besuchen möchten. Das muß ja nicht heißen, das sie nicht auch Suchende wären und sich von dem Gehörten anrühren ließen. Die Kirche ist für vieles offen und macht unterschiedliche Angebote. Entscheidend ist immer, ob Gott uns ganz von innen her gewinnen kann, ob er auch bei uns ein Zuhause finden kann, heute und in Zukunft. Er wirbt um unser Herz und wird es am Ende aufschließen. Er wartet auf die offene Tür, das offene Herz und das offene Haus.

 

 

Estomihi: Jes 58, 1 - 9a (auch Reihe III, Erntedankfest)

In diesen Tagen geht die „Fastnacht“ zu Ende. Die wenigsten werden wissen, woher dieser Name kommt. Das ist ja auch egal, Hauptsache man kann sich ein paar schöne Tage machen. Und dabei spielt es auch keine Rolle, wieviel Geld dabei draufgeht. Mancher wird sich dabei auch übernehmen. Deshalb werden am Aschermittwoch in Mainz die Geldbeutel im Rhein gewaschen. Mancher wird hinterher kürzer treten müssen.

Allerdings wird wohl keiner deswegen fasten müssen, dafür haben wir immer noch genug. Aber vielleicht ist uns inzwischen eingefallen, daß nicht nur „Fastnacht“ ist, sondern jetzt auch die „Fastenzeit“ beginnt. Beides hat an sich nichts miteinander zu tun, auch wenn die Wörter ähnlich klingen. „Fastnacht“ kommt von „faseln“, was so viel heißt wie „dummes Zeug machen“.

In der Fastenzeit dagegen werden wir aufgefordert, an das Leiden und Sterben Jesu Christi zu denken, wie es damals gewesen ist und was es für uns heute bedeutet. Es geht also nicht um den Besuch einer Abnehmklinik, wo man nichts zu essen kriegt, aber viel bezahlen muß. Der zeitweilige Verzicht auf Essen und Trinken hilft vielmehr dazu, daß man sich einmal nicht so sehr auf die leiblichen Bedürfnisse konzentriert, sondern mehr Gottes Sache im Sinn hat. Das ist der eigentliche Sinn des Fastens.

Aber wer nimmt so etwas schon ernst? Ein früherer Bischof aß gern Marmelade, aber in der Fastenzeit verzichtet er bewußt darauf. Wenigstens an einem Punkt will er sich noch an der altkirchlichen Übung des Fastens beteiligen. Und richtig daran ist natürlich, daß man dafür eine Speise auswählen sollte, wo es einem schwer fällt. Ein Nichtraucher braucht nicht auf

Zigaretten zu verzichten, aber vielleicht keine Schokolade oder Schokoladenprodukte in dieser Zeit..

Fasten gibt es in manchen Religionen. Die Mohammedaner haben einen ganzen Fastenmonat, in dem sie den ganzen Tag über nichts essen und trinken und erst nach Sonnenuntergang wieder etwas zu sich nehmen. Andere religiöse Gruppen verzichten generell auf bestimmte Speisen, und sei es auch nur die berühmte Blutwurst.

Bei uns aber ist nur die Fastnacht populär, nicht aber die Fastenzeit. Aber wir sollten uns schon einmal überlegen, ob nicht doch etwas dran ist. Vor allem geht es auch darum, die positiven Sinn des Fastens zu sehen, denn es geht ja nicht darum, einige Pfunde zu verlieren, sondern auch etwas für andere zu tun.

Der Prophet Jesaja III. mußte seine Landsleute auch dazu auffordern, die anderen nicht zu vergessen. Sie waren aus der Gefangenschaft in Babylon zurückgekehrt in ein verwüstetes Land. Sie mußten erst wieder am Nullpunkt anfangen. Da liegt es natürlich nahe, daß jeder nur seine Probleme sieht und nur seinen Vorteil sucht und die Nächstenliebe dabei auf der Strecke bleibt. Wie soll man dem Hungernden Brot geben, wenn es für einen selber nicht reicht?

Bei den Israeliten aber kamen noch zusätzliche Mißstände hinzu: Geschäftemacherei, schwarzer Markt, Antreiben zur Arbeit, unbarmherzige Rückzahlungsforderungen, Unbarmherzigkeit gegenüber den Heimatlosen. In einer solchen Situation hat der Prophet sein Volk zum Fasten aufgefordert. Man hielt zwar die traditionellen Fastentage ein, aber das führte nicht zu einer kritischen Haltung gegenüber der eigenen Gegenwart. Man flüchtete sich ins fromme

Werk, um nicht mit den Hungrigen und Heimatlosen teilen zu müssen.

Der Prophet geißelt die Zweigleisigkeit der Leute: Fasten und Geschäftemacherei, Gottesdienstbesuch und Zank - das paßt doch nicht zusammen. Sie ließen zwar im Gottesdienst den Kopf hängen als Ausdruck der Verzweiflung. Aber das war noch keine Demut und schon gar nicht Gottes Wille. Fasten heißt nicht, nur mit sich selbst beschäftigt zu sein, sondern es kommt auf den Einsatz und das Opfer für andere an.

Damals wurden die Menschen, die jahrzehntelang selber in der Gefangenschaft gelebt hatten, nun zu Unterdrückern für andere. Wir in Deutschland haben aus der Naziherrschaft zu lernen versucht. Aber die Regierenden hatten schon ihre Mühe, den Einheimischen die Flüchtlinge aufzuzwingen. Und mit den Flüchtlingen von heute, die aus der ganzen Welt kommen, ist es nicht anders. Weil damals viele Staaten Menschen aufnahmen, die in Deutschland verfolgt

wurden, wollte nun Deutschland auch anderen Asylrecht gewähren. Das Problem ist nur, daß nur in geringer Zahl politisch Verfolgte kommen, sondern vielmehr Wirtschaftsflüchtlinge. Auch das ist verständlich, daß sie ihre Lage verbessern wollen.

Aber man kann da nicht so einfach sagen: Brich mit dem Hungrigen dein Brot? Damit kann man heute die Weltprobleme nicht lösen. Große Aktionen sind vielleicht auch gar nicht nötig. Der Prophet dachte wohl eher an eine Nachbarschaftshilfe. Es ging ihm darum, daß man ein offenes Haus hat und Zeit für den anderen. Der andere Mensch ist nie ein Fremder, sondern ein Schicksalsgenosse, ja sogar ein Stück von mir selbst. Wer Gott dienen möchte, der sollte so für den Mitmenschen sorgen,

Allerdings klingelt bei uns selten ein Bettler an der Tür. Die Hungrigen wohnen weit weg. Man sieht sie nur auf dem Bildschirm, wo man sie sich noch vom Leibe halten kann. Sicher, es gibt die Aktion „Brot für die Welt“. Sie ist immerhin ein Zeichen unseres Bemühens. Was wir tun können, das sollten wir schon tun. Aber im Grunde ist es doch immer nur herzlich wenig.

Das liegt daran, daß wir natürlich unsere Wohlstandsgesellschaft erhalten und möglichst noch ausbauen wollen. Dafür nehmen wir sogar immer neue Schulden in Kauf, die irgendwer ja einmal zurückzahlen muß

Unsere Hauptaufgabe wäre aber ein Brotbrechen im weltweiten Maßstab, ein Teilen mit denen, die nicht einmal das Existenzminimum haben. Für die Menschen in den Industriestaaten könnte das Fasten heute so aussehen, daß wir uns auf das Wesentliche besinnen und uns dann

manches versagen, das den anderen zugutekommt. Ein solches Verzichten könnte uns zu einer neuen Lebensqualität helfen und zu einer neuen Erfahrung mit Gott.

Gott will, daß allen Menschen geholfen wird, im weltweiten Rahmen. Deshalb gilt es, zunächst einmal auf die öffentliche Meinung einzuwirken, damit die Gewichte in der Welt richtig verteilt werden. Wir sind verpflichtet, uneigennützig und ohne machtpolitische Hintergedanken Menschen in der Welt zu Hilfe zu kommen. Nicht nur die vermeintlichen Freunde sollten wir dabei im Auge haben, sondern diejenigen, die in der größten Not sind. Und sicherlich können wir auch nicht helfe mit unserem ausgedienten Kriegsgerät, das dann noch gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wird.

Hier liegt überhaupt der Krebsschaden. Zwar hat es mit der Rüstung etwa nachgelassen, die Armeen werden verkleinert. Eins können wir aber nur haben: entweder Rüstung oder Entwicklungshilfe. Es ist keine Frage, wofür Christen sein sollten: Sie sollten führend sein in der Friedensbewegung, beim Umweltschutz, bei der Information über die wahren Probleme der Welt. Unsere Aufgabe ist es, wie ein Prophet auf die öffentliche Meinung einzuwirken im Sinne des Evangeliums.

Fasten soll nicht um seiner selbst willen geschehen, sondern dem anderen Menschen dienen. Der Gammler, der nur gerade so viel tut, daß er sich noch über Wasser halten kann, hat noch nicht gefastet. Und der Arbeitslosengeld-II- Empfänger darf sich nicht in der sozialen Hängematte ausruhen, sondern er kann immer noch zum Gemeinwohl beitragen.

Fasten bezieht sich einerseits auf die Vergangenheit, denn es hilft uns, mit dem Vergangenen aufzuräumen. Aber es soll uns auch helfen, es in Gegenwart und Zukunft besser zu machen, vor allem auch das gestörte Gottesverhältnis wieder in Ordnung zu bringen. Im Dienst am Menschen kann unsre Gottesbeziehung wieder heil werden.

Solche Liebe wird oft mit einem Opfer verbunden sein. Aber man sollte sie sich nicht schmerz­haft abringen müssen. Aber sie wird mit dem Aufgeben eigener Vorteile einhergehen. Wer etwas hergibt, wird vielleicht bei der nächsten Gelegenheit Mangel leiden. Und wer zu einem halt, auf den die anderen mit Fingern zeigen, wird sich vielleicht selber unmöglich machen.

Aber wer ärmer wird an materiellen Dingen, wird vielleicht reicher an menschlichen Beziehungen. Wir werden vielleicht ärmer an der Zeit, die man mit der Uhr mißt; aber wir werden reicher an Zeit, die wir als sinnvoll und erfüllt erleben. Wir büßen vielleicht unsere Bequemlichkeit ein, aber wir gesunden in unserem Denken und Fühlen. Und man wird herausfinden, daß Liebe nicht nur den anderen, sondern auch einen selber froh und bescheiden und glücklich macht.

 

 

Invokavit: Jak 1, 12 - 18

Die Schriftstellerin Christa Wolf erzählt in einem Roman aus ihrer Kindheit von einem Mädchen namens Nelly, dessen Vater ein Lebensmittelgeschäft hat, in dem sie immer einmal Schokolade stiehlt. Eine Zeitlang hatte sie der Versuchung widerstanden. Aber eines Tages holt sie plötzlich wieder den Schlüssel zum Lagerraum und versorgt sich mit großen Mengen Schokolade, die sie im Bett auf ißt. Dabei ist ihr „gräßlich wohl“, aber gleichzeitig kann sie

„körperlich spüren, wie ihre Achtung vor sich selbst weiter schwindet“.

Kennen wir das nicht auch aus unserem Leben? Jeder hat doch mindestens eine schwache Seite. Eine Zeit leistet er der Versuchung Widerstand, um ihr dann aber doch wieder zu erliegen. Einerseits hat sich die Spannung gelöst. Andererseits aber schämen wir uns, weil wir der Versuchung wieder einmal unterlegen sind. Woher kommt das, daß wir oft so gar nicht nach Gottes Willen leben, gar nicht leben können?

Im Evangelium des Sonntags hörten wir vom Teufel, der selbst vor Jesus nicht haltgemacht haben soll. Aber als aufgeklärte Menschen wissen wir, daß es so eine Gestalt wie den Teufel nicht wirklich gibt. Das wäre ja einfach, wenn wir ihn am Pferdefuß und den Bockshörnern erkennen könnten; dann wäre es einfacher, uns gegen ihr zu wappnen. Aber in Wirklichkeit ist es eine verborgene Macht, die uns unerwartet anspringt von außen oder auch aus unsrem eigenen Inneren.

Der Jakobusbrief spricht nur von der Begierde und sagt: Sie kommt allein aus dem Menschen. Am Anfang geht es ihm um die Anfechtung im Glauben. Da sagt er: „Selig der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen!“ Nun aber geht es ihm um die sogenannten „kleinen Sünden“, um die Begierden des Leibes.

Bezeichnenderweise kommt der Schreiber des Briefes gleich auf Ausdrücke aus dem sexuellen Umfeld. Er sagt: Wenn die Lust empfangen hat, dann wird sie schwanger und gebiert die Sünde; und die gebiert dann den Tod. So hat man es lange gemacht in der Kirche: Sünde

war nur das, was mit dem sechsten Gebot zusammenhängt. Darüber hat man die anderen Gebote übersehen und die Anfechtungen des Glaubens. Da konnte man auch leicht sagen wie der Jakobusbrief: Sünde ist allein Schuld der Menschen, denn gegen diese Begierde kann man noch am leichtesten etwas tun.

Aber man übersieht dabei die soziale Verflochtenheit des Menschen: Wenn bittere Not herrscht, wird man eher zum Diebstahl verführt. Wenn viele das tun, wird der Einzelne auch leichter dazu bereit sein. Mancher wird zum Mörder, weil er für die Befreiung seines Volkes kämpfen will; wären gerechte Verhältnisse, käme er nicht auf diese Idee. Das gesellschaftliche Umfeld spielt schon eine große Rolle für unser Tun oder Lassen.

Wenn man nur dem einzelnen Mensch die Schuld zuweist, dann übersieht man auch die Frage nach dem Leiden des Unschuldigen. Warum müssen Menschen leiden an einer unheilbaren Krankheit?  Warum sind in einem Krieg immer die Zivilisten die Hauptopfer? Wie kann Gott das zulassen, daß ein ganzes Volk ausgerottet werden soll? Weshalb gibt es soviel Unheil in der Welt?

Es ist ein abgedroschenes Argument „Es gibt keinen Gott, denn sonst würde er die Kriege nicht zulassen!“ Aber es muß doch immer wieder darauf eingegangen werden. An sich ist die Antwort sogar leicht, denn selbstverständlich will Gott keinen Krieg; wenn sich alle nach ihm richteten, gäbe es auch keinen Krieg.

Wir können nicht immer alles Gott in die Schuhe schieben wollen, was wir selbst verbockt haben. Wer behauptet, Gott sei der Urheber des Bösen, will nur sich selbst entschuldigen und die Verantwortung für sein Tun von sich wegschieben. Schon am Anfang der  Bibel wird beispielhaft deutlich gemacht, wie die Menschen zu allen Zeiten gewesen sind. Da sagt der Mann: „Gott, du hast mir doch erst die Frau gegeben, die mich zum Übertreten deines Gebotes verführt hat!“

Oder man könnte auch sagen: „Warum hat Gott den Menschen denn so programmiert, daß er Böses tun kann?“ Er hätte es doch auch so richten können, daß der Mensch immer nur gut ist.

Aber Mancher wird sagen: „Ach, das wäre aber langweilig! Die Sünde macht das Leben doch erst interessant!“ Ernsthafter geredet: Es ist gut, daß der Mensch frei geboren ist, sich entscheiden kann, Verantwortung übernehmen soll. Wenn er durch seine Instinkte festgelegt wäre, dann könnte er nicht Mensch sein. Die Freiheit zur Entscheidung ist ein wichtiger Punkt des Menschseins. Seien wir froh, daß wir die Möglichkeit der Entscheidung haben. Aber

der Preis dafür ist, daß wir uns auch falsch entscheiden und dann die Strafe dafür zu tragen haben. Jedenfalls dürfen wir Gott nicht verklagen, er sei der Ursprung des Bösen.

Der Satz „Gott versucht niemand“ kann angefochten werden. Denn sonst hätte es ja keinen Sinn, wenn wir beten: „Führe uns nicht in Versuchung!“ Selbst Jesus ist ja „vom Geist“ in die Wüste geführt worden, um vom „Teufel“ versucht zu werden. Aber sicherlich sollte er nicht planvoll zum Bösen verführt werden mit dem Ziel, ihn scheitern und untergehen zu lassen. Vielmehr will Gott ihn erproben und ihm die Gelegenheit zur Bewährung geben. Durch die Anfechtung will Gott ihr nach dem Glauben fragen und ihm eine Gelegenheit geben, ihm Liebe und Gehorsam zu zeigen. So gesehen kann Versuchung eine Hilfe sein und zur Festigung des Vertrauens führen.

Wir sollten auch nicht immer nur nach dem Bösen in der Welt fragen, sondern nach unserem eigenen Bösen. Denn an dem Bösen in der Welt haben wir immer selbst aktiv Anteil. Dieser mag uns manchmal winzig erscheinen; aber das entlastet uns nicht. Auch in einer sogenannten „kleinen Sünde“ wirkt sich die sündige Grundentscheidung aus;

und die ist es, die alles verdorben hat. Es kann uns nicht um eine theoretische Auskunft über der Ursprung des Böser gehen, sondern es geht um eine menschliche Verantwortung für das Böse. Wichtig ist, daß wir unsere eigene Verantwortlichkeit nicht abschütteln, indem

wir Gott verklagen, er sei es, der uns wieder einmal ein Bein gestellt hat.

Es ist aber auch oft nicht allein unsere Schuld. Eine Rolle spielen auch die Naturanlage, schwere Kindheitserlebnisse, soziale Verhältnisse, harte Schicksalsschläge, Umweltzwänge. So etwas ist immer auch in den Versuchungen wirksam. Was für Entscheidungen wir auch zu treffen haben: Wir sind immer schon vorbelastet, wir sind überhaupt kein unbeschriebenes Blatt mehr.

Der Teufel haben wir als moderne Menschen wegrationalisiert. Er ist nicht mehr da wie ihn etwa Dürer auf seinem Blatt „Ritter, Tod und Teufel“ dargestellt hat. Aber er wirkt in Modeerscheinungen, in Parolen, durch Zweifel und Angst. Die Versuchung kommt auch von außen, und es ist schon gut, wenn wir dafür einen scharfen Blick haben.

Wir haben aber noch keine spezielle Sünde getan, in die wir nicht eingewilligt hätten. Für unsere Einbrüche und Versager können wir nicht den Zustand der Welt allein verantwortlich machen, und für der Zustand der Welt dann wiederum Gott. Zwar ist die Begierde fast wie eine persönliche Macht, die bei uns zur Untermiete wohnt. Aber wir werden auch persönlich haftbar gemacht. V o  r der sündigen Tat ist immer schon das sündige Verlangen, jede Tat hat ihre Vorgeschichte.

Gott aber hat die Welt gut gemacht. Es ist nicht auf ihn zurückzuführen, was es in der Welt an Bösem und Häßlichem, Entwürdigendem und Verletzenden gibt. Das Leben empfangen wir täglich neu von ihm. Von ihm stammen die Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung. Was auf den Tisch kommt, stammt von ihm. Die Liebe zwischen Menschen ist sein Geschenk. Nur mit Dank können wir es empfangen.

Aber woher kommt dann das andere? Der Teufel ist kein Gegengott, sondern Gottes Geschöpf, das sich gegen ihn aufgelehnt hat. Aber würde dann das Böse nicht doch letztlich auf Gott zurückgehen? Aber die ganze Einstellung, aus der diese Frage kommt, ist falsch. Wir können uns nicht unserer Verantwortung entziehen und unsere Zurechnungsfähigkeit verleugnen. Wir sind nicht Stein oder Blume oder Tier, sondern Menschen, die ihre Bestimmung bejahen oder verneinen können. Der Mensch braucht die Freiheit, um zu sein, was er sein soll. Liebe gibt es nur in Freiheit. Hingabe ist nur möglich, wo auch Verweigerung sein könnte.

Wer von Gott verlangt, er müsse den Menschen unfehlbar machen oder zumindest jetzt das Böse in der Welt mit aller Macht austilgen, der würde auch das Ende der Menschheit verlangen. Meist behaupten wir allerdings, es seien nur die anderen, die die Welt kaputtmachen. Doch richtig sehen wir die Sache erst, wenn wir mit einem betroffenen Gewissen entdecken, daß uns das selber angeht, ja daß es uns zuerst angeht: Wir sind es, die mithelfen, Gottes gute Welt wieder kaputt zu machen.

Doch zum Glück brauchen wir nicht an der Vergangenheit kleben bleiben Gott wirft uns nicht  nur vor: „Ihr habt euch euer Unheil ja selbst bereitet!“Vielmehr will er uns herausführen und setzt einen neuen Anfang. Gott wendet sich uns freundlich zu. Diesen Anfang sollten wir nicht versäumen. Und wir sollten immer wieder die Gelegenheit ergreifen, Gott unser Vertrauen zu erweisen.

 

 

Reminiszere: Hebr 11, 8 - 10

Wir möchten in unserem Leben gern „auf Nummer sicher“ gehen. Beim Hausbau wird die Tragfähigkeit der Decken berechnet. In den Firmen sind dauernd Arbeitsschutzbelehrungen. Die Autos werden immer mehr auf Sicherheit gebaut. Manchmal stöhnen wir über die kleinlichen Vorschriften, aber sie haben sicher ihren Sinn und sind aus bösen Erfahrungen erwachsen.

Und was dann noch als Risiko bleibt, das versuchen wir durch Versicherungen abzudecken: wir versichern Wertstücke und Autos, wir sind in Kranken- und Rentenversicherung, wir haben eine Feuer- und Wasserversicherung und sogar eine sogenannte „Lebensversicherung“. Wir schaffen uns ein Dach über dem Kopf, wir legen uns einen Vorrat an, wir suchen uns einen sicheren Beruf und bemühen uns um Freunde und Ansehen. Niemand gibt Sicherheiten gern auf.

Gerade das aber mußte Abraham tun. Er ließ alles stehen und liegen, was ihm Sicherheit geben konnte: Haus und Hof, Heimat und Freunde, Pläne und Erträge. Und das in einem Alter, wo man sich normalerweise zur Ruhe setzt und das genießt, was man sich erarbeitet hat. Die Nachbarn werden sich an den Kopf gefaßt haben und gesagt haben: „Wie kann der nur!“ Zudem war der Gott, der ihn aus allem herausrief, ihm ja zunächst völlig fremd. Er soll in ein Land aufbrechen, das er nicht kennt. Aber auch wenn er dort ist, wird er nur Gast bleiben, nur eine Grabstelle kann er dort erwerben.

Und dennoch handelt Abraham nicht aus Übermut und Abenteurerlust. Vor sich hat er ja Gott, der ihm einen Auftrag gibt. Dafür riskierte er viel, ja er riskierte alles. Er hatte das feste Vertrauen: Gott ist glaubwürdig, es lohnt sich, gegen allen Augenschein seinem Wort zu gehorchen! So wurde Abraham zum Urbild des Glaubenden. Beim Glauben gibt es eben keine Sicherheiten. Beweise, Kontrollen und Berechnungen sind nicht möglich. Es wäre ganz unsachgemäß, dem Glauben so etwas zuzumuten. Er ist wie eine schwimmende Bohrinsel im Meer. Es gibt ja solche Inseln, die in Ufernähe noch auf dem Meeresboden verankert sind. Aber weiter draußen sind die Stützen nicht mehr möglich, da schwimmt alles wie ein großes Schiff.

So muß auch der Glaube die helfenden Stützen aufgeben und sich ins freie Meer hinauswagen. Er weiß sich dann nur von Gott getragen, der allein Gewißheit und Zuversicht geben kann. Er wirft alle irdisch-menschlichen Sicherheiten weg und läßt sich allein Gott in die Arme fallen.

Wir suchen immer wieder einmal nach Hilfen und Beweisen für den Glauben. Es gibt ein dickes Buch mit dem Titel: „Und die Bibel hat doch recht“. Da soll mit großem wissenschaftlichem Fleiß nachgewiesen werden, daß jede Aussage der Bibel eine natürliche Erklärung finden kann, also auch tatsächlich stattgefunden haben soll. Aber das ist ein Versuch der Vernunft, mit der Bibel fertig zu werden.

Der Glaube braucht solche Beweise nicht. Oft sind sie sogar hinderlich zum rechten Glauben, weil sie das eigentliche Anliegen der Bibel verstellen. Glaube ist nicht die Kenntnisnahme irgendwelcher unsichtbarer oder gehoffter Tatbestände. So hört sich der erste Vers dieses Kapitels an: „Der Glaube ist eine gewisse Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht!“ Aber solche Glaubenssätze „über“ Gott sind Niederschlag einer persönlichen Gottesbegegnung.

Der Glaube Abrahams ist nicht eine ruhende Glaubensmeinung, sondern er wurde zum wagenden Gehorsam herausgefordert. Ein Entschluß, ein Aufbruch, ein Start nach vorn ist immer nötig. Ein Stein liegt, wo er liegt, er kann sich nicht entscheiden. So ist es auch mit Pflanze und Tier. Der Mensch aber reagiert nicht nur auf einen Schub, sondern auch auf Zug, er muß sich immer wieder entscheiden.

Glaube ist nicht bloß die Überzeugung, daß es einen Gott gibt, sondern das Vertrauen zu Gott und das Wagnis des Lebens auf diesen Gott hin. Das Wort „Vertrauen“ bringt am besten zum Ausdruck, daß es hier um etwas Persönliches geht. Wenn ein Kind seine Eltern lieb hat, dann doch nicht nur, weil sie ihm Nahrung und Kleidung geben, denn das könnte notfalls auch jemand anders geben. Die Liebe des Kindes zu den Eltern hängt nicht an solchen Äußerlichkeiten.

Wer seiner Frau Vertrauen schenkt, sichert sich nicht außerdem noch, indem er sie von einem Detektiv beschatten läßt. Das wäre der Bankrott des Vertrauens und der Liebe. Vertrauen gibt es nur ohne Sicherung und Beweise. Man verbündet sich auf Gedeih und Verderb mit dem anderen, obwohl man weiß, daß er sich auch anders entscheiden könnte.

Das Glück der Gemeinschaft liegt gerade in der Freiheit: Du müßtest nicht zu mir halten, aber du tust es trotzdem und wirst es auch in Zukunft tun. So verdient auch Gott unser Vertrauen. Der Glaube wagt es mit ihm und geht mit ihm durch dick und dünn. Und wenn er sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben“ dann sind sie es, auch wenn ich noch so viele Gedanken und Taten, Worte und Versäumnisse weiß, deren ich mich jetzt schäme.

Das ist etwas ganz anderes als das naturwissenschaftliche Denken, das den Kindern in der Schule beigebracht werden soll. Dort muß man natürlich nach der Vernunft gehen, das ist die Aufgabe der Schule. Falsch wäre nur, diese Einstellung auch auf die religiöse Überzeugung  übertragen zu wollen.

Manche Weltanschauungen geben sich ja sehr wissenschaftlich. Nehmen wir einmal den Marxismus. Das ist auch nur ein Glaube. Er beruht auf Voraussetzungen, die man auch erst einmal glauben muß. Da gibt es doch auch Glaubenssätze wie: „Am Anfang war die Materie! Es gibt keinen Gott! Alles Geschehen beruht auf einem materiellen Unterbau! Alle Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen! Dem Sozialismus gehört die Zukunft!“ Das sind doch alles Glaubenssätze, die schwerer zu glauben sind als die der Kirche. Gerade die Aussagen über die Zukunft sind reiner Glaube, nämlich der Glaube an eine bessere Welt im Diesseits. Trotz aller Bemühungen um eine wissenschaftliche Grundlegung bleibt der Marxismus eine Weltanschauung, die vom Glauben ihrer Anhänger abhängt.

Umgedreht ist der Glaube nicht einfach eine Fahrt ins Blaue. Viele Zusammenhänge kann man erklären und einsichtig machen. Sonst brauchte es ja gar keine Lehre in Predigt und Unterricht zu geben. Aber wenn man an den Mittelpunkt kommt, wenn man das Herz der Sache erreicht, dann ist ein Sprung erforderlich. Dann muß man alle Stützen hinter sich lassen und kann nur noch auf Gott vertrauen.

Der Glaube hat es nicht in erster Linie mit sichtbaren Dingen zu tun, sondern was Gott verspricht, ist nicht von seiner Person ablösbar. Vertrauen haben kann man nicht zu den Dingen, sondern zu Gott, der sie uns geben will. Glaube entsteht ja auch meist durch die Begegnung mit einem Menschen. Anstoß kann sein die Schilderung des Lebens eines Vorbilds im Glauben, etwa Abraham oder Dietrich Bonhoeffer. Meist aber ist es die persönliche Begegnung mit

einem heutigen Menschen, die uns den Glauben vermittelt.

Aber dennoch springt der Glaube immer ins Dunkel: Wenn wir über eine Brücke fahren, dann denken wir nicht darüber nach, ob sie auch halten wird. Keiner kann nachprüfen, ob die Pfeiler auch wirklich tragfähig sind; aber er traut dem Baumeister zu, daß er sich nicht verrechnet hat. Insofern ist Vertrauen dann doch wieder eine persönliche Sache, denn es gilt nicht dem Material, sondern den Personen, die für alles verantwortlich sind.

Manchmal ist es natürlich schwer, das Vertrauen festzuhalten. Es ist nicht leicht, am Krankenlager oder Grab eines lieben Menschen einen getrosten Glauben zu bewahren. Wir bleiben Außenseiter, wenn wir nicht  sagen: „Da kann man nichts machen“ , sondern auf mögliche Veränderungen drängen. Wir bleiben Fremdlinge, wenn wir uns Menschen zuwenden, die von anderen links liegengelassen werden.

Aber auch wenn es ein Wagnis ist, das andere belächeln: Es ist ein gutes Wagnis, wenn es aus dem Glauben kommt. Es wird begleitet von Gottes Verheißungen und wird deshalb nicht ohne gute Wirkungen bleiben. Auch Abraham mußte noch in Zelten wohnen. Das eigentliche Ziel war noch nicht erreicht, der Weg war noch nicht zu Ende. Aber Abraham lebte aus der Gewißheit: Gott wird eine feste Stadt bauen, in der ich endgültig zu Hause bin. Da wird sich erweisen, daß mein Weg der richtige war. Als Einzelner mußte er gehen, aber er wurde zum großen Volk.

Seit Jesus wissen wir, daß diese Welt zu klein ist, um alle Hoffnungen zu erfüllen. Die neue Welt Gottes werden wir nicht schaffen können‚ sondern sie wird uns von Gott geschenkt werden. Aber das Ziel ist durch Jesus schon sichtbar geworden. Nach Passionszeit und Karfreitag kommt Ostern. Darum können wir ausharren und werden nicht müde, unseren Glauben in dieser Welt zu leben.

Der Glaube ist auch ein Schritt ins Helle. Der Glaube ist nicht ein verzweifelter Mut, in dem der Mensch sich selbst aufs Spiel setzt oder gar aufgibt. Er ist das kindliche Vertrauen zu dem, bei dem alles am besten aufgehoben ist. Wir glauben und hoffen nicht ins Nichts hinein, sondern halten uns an den zuverlässigen Gott.

Wir haben als wanderndes Gottesvolk die Heimat noch vor uns - aber wir werden auch wirklich in die Heimat kommen, in die Stadt, die einen festen Grund hat und deren Baumeister Gott ist. Christlicher Glaube ist nicht ein Glücksspiel, sondern das zuversichtliche und dankbare Ergreifen der Hand Gottes. Zwar steht alles auf dem Vertrauen. Aber das Vertrauen steht auf Gottes Zusage.       

 

 

Okuli: 1. Kön 19, 1 - 8

Es gibt Stunden und Tage in unserem Leben, da sind wir ganz am Boden zerstört. Nichts ist gelungen, alles schiefgelaufen, kein Vorhaben hat sich verwirklichen lassen: Da hat man auf einen Handwerker gewartet, noch Leute bestellt und das Essen vorbereitet. Der Mann hat es noch am Tage vorher fest versrochen - und dann ist er doch nicht da! Da droht dann alles zusammenzustürzen, denn von seiner Leistung hängt der weitere Fortgang der Arbeiten ab. Das ist dann wirklich zum Verzweifeln.

Doch solche Verzweiflung gibt es meist nur bei solch äußeren Dingen. Und es geht in der Regel um unseren eigenen Nachteil und nicht die Not anderer. Wer aber macht sich Gedanken darüber, daß so relativ wenig Leute zum Gottesdienst gehen und die Kinder und Enkel sich

von der Kirche entfernen? Wer ist besorgt darüber, daß einerseits immer mehr Waffen hergestellt werden und andererseits Menschen verhungern? Es gibt so viele Dinge, die uns eigentlich zur Verzweiflung bringen müßten. Aber wir sagen: „Da können wir nichts machen!“

Nur wenn wir selber unmittelbar betroffen sind, dann klagen und schreien wir auch.

Wenn man schon sowieso alles grau in grau sieht, dann kann auch der Blick auf Gott verdunkelt werden. Oft sind es dann nur ganz geringe Dinge, die uns dann in Furcht und Schrecken versetzen. Es muß sich keiner schämen, wenn er einmal in eine solche Lage kommt. Selbst

der Prophet Elia ist am Sieg der Sache Gottes irre geworden.  Er hatte sein Bestes gegeben und ist doch genauso gescheitert wie seine Vorväter. Das Volk Israel betet weiter den Gott der Ureinwohner des Landes an. Angeblich beschert er Wohlstand und Sicherheit. Die Königin - eine Ausländerin - fördert noch den Gottesdienst jenes Götzen.  Angeblich gewährte man Religionsfreiheit, aber in Wirklichkeit bürgerte man die Vielgötterei ein. Dae erste Gebot wurde nicht mehr beachtet.

Viele paßten sich den Gepflogenheiten der Mehrheit an. Damit stellten sie sich auch nicht in Gegensatz zu den Herrschenden im Land. Die sehen es doch gern, wenn man bei allem mitmachte, was gefordert wurde. Weshalb soll man sich denn nur wegen der Religion in einen Gegensatz zur Gesellschaft bringen? Da paßt man sich doch besser an und führt sein Leben wie die große Mehrheit: glaubenslos, gottfern, modern um jeden Preis, dem Zeitgeist ergeben. Da hat man wenigstens seine Ruhe und sogar noch manche Vorteile davon.

Wie soll man ein solches Volk noch herumreißen können? Es hat doch nichts vom Eigentlichen begriffen. Sie hängen doch alle ihr Mäntelchen nach dem Wind. Wer sieh aber bewußt zu Gott hält, der ist doch wie ein Überbleibsel aus vergangener Zeit, er wird als dumm und rückschrittlich angesehen. Oft muß er mehr einstecken als nur ein müdes Lächeln über soviel unnötigen Eifer.

Auch bei uns kann man Entsprechendes feststellen: Da haben Paten bei der Taufe versprochen, bei der christlichen Erziehung des Kindes mitzuhelfen. Aber wenn das Kind dann nicht konfirmiert wird, tun sie auch nichts und finden nichts dabei. Anstatt die Eltern rechtzeitig zur Rede zu stellen, tun sie noch so, als sei alles in Butter. Und wenn der Pfarrer sie deswegen kritisiert, dann schimpfen sie noch verständnislos und nennen ihn einen Fanatiker.

Ja, wenn wir lauter entschiedene Leute hätten, dann brauchte uns nicht bange zu sein. Aber weil es nicht so ist, muß die Gemeinde aufgebaut werden aus lauter Versagern. Auch die

Pfarrer sind ja in mancher Hinsicht Versager. Auch sie - und gerade sie - sind oft verzagt und müde und fragen sich, was denn dabei „herauskommt“.

Wenn einer aber auf seine angeblichen „Erfolge“ noch stolz ist, dann hat er die Erfahrung des Elia noch vor sich, der schließlich erkennen mußte: „Ich bin nicht besser als meine Väter!“ Er zog daraus die Schlußfolgerung: Ein Leben ist nicht mehr lebenswert‚ wenn man sich nur noch für eine aussichtslose Sache einsetzen soll. Da möchte er lieber doch gleich die Flinte ins Korn werfen als nachher noch als Letzter übrig zu bleiben. Ein Leben in ständigem Kampf, in Angst und Verfolgung - wer soll denn das auf die Dauer aushalten? So steht Elia schließlich nicht mehr hinter seiner Botschaft. Es ist etwas zerbrochen bei ihm, Elia ist völlig am Ende.

Aber Gott der Herr ist da noch lange nicht am Ende. Ob der Weg seiner Boten einen Sinn und ein Ziel hat, das entscheidet er allein. Gottes Sache geht weiter trotz der müden Männer, die seine Boten sein sollen. An sich war doch auch Grund zur Zuversicht, denn der Gott Elias hatte doch gerade erst auf dem Berg Karmel über den früheren Gott triumphiert: Feuer war vom Himmel gefallen und hatte das Opfertier verzehrt. Auf Elias Gebet hin war ein großer Regen gekommen und hatte eine lange Dürreperiode beendet. Was wollte Elia noch mehr?

Mit dem Gottesurteil war offenbar der Kampf nicht ein für allemal entschieden und ausgestanden. Zunächst einmal geschieht mit Elia, was oft in solchen Fällen vorkommt: Wenn man bei einer großen Aufgabe alle Kräfte angespannt hat und durchgehalten hat, dann fällt die Energiekurve steil ab, wenn alles überstanden ist. Eben noch hat Elia die überwältigende Macht Gottes erfahren. Nun aber gerät er in Anfechtungen, ist voller Angst und ganz am Ende. Die unverhüllte Morddrohung der Königin gibt ihm den Rest. Plötzlich fürchtet er sich und läuft um sein Leben.

Elia flieht zu Gott. Das macht er sicher richtig. Er geht in den Süden, um dem Gott der Wüste und des Heiliges Berges nahe zu sein. Aus eigener Kraft wird er sich nicht wieder aufraffen können. Es sind nicht nur die körperlichen Strapazen der Flucht, die ihn fertig machen. Er ist auch mit seinem Glauben und seinem Gehorsam am Ende.

Erst wollte er dem Tod entfliehen, der die Königin ihm zugedacht hatte. Aber nun wünscht er ihn selber, damit alles ein Ende hat und er Ruhe findet. Elia ist nicht nur lebensmüde, sondern auch „gottes-müde“.

Es wird ihm so gegangen sein wie einem Schwerkranken, der zunächst noch mit allen Kräften gegen den Tod gekämpft hat. Aber dann spürt er doch: Die Krankheit ist übermächtig, er wird ihr doch unterliegen müssen. Da gibt er sich innerlich auf und wünscht nur noch den Tod herbei.

So erfährt auch Elia jene trostlose Müdigkeit und das Erlahmen aller Kräfte, das uns wohl auch nicht fremd ist. Es mag tröstlich für uns sein, daß so etwas auch einem Eiferer für Gott vom Format des Elia passieren kann. Er ist eben doch kein überragender Glaubensheld, sondern ein schwacher Mensch wie wir alle. Aus dem Sieger vom Karmel wurde ein an der Sache Gottes verzweifelnder Mensch. So schnell kann Stärke in Schwachheit umschlagen! Und das ist nicht nur eine Panne, sondern der Zusammenbruch gehört notwendig zum Glauben hinzu. Die Sache Gottes ist in der Welt unter dem Kreuz verborgen, sie besteht in der Nachfolge des gekreuzigten Christus. Aber vielleicht ist Gott uns nie so nah gewesen wie in den Stunden, in denen wir alles verloren gaben. Die Kirche lebt nicht von Karmel-Siegen, sondern davon, daß Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist.

Durch das Eingreifen Gottes wird der Nullpunkt zum Wendepunkt. Elia legt sich zwar schlafen, um nie wieder aufzuwachen. Aber Gott will es ganz anders. Er hat für Elia noch weitere große Aufgaben bereit. Immer geht es nach Gottes Willen: Ein Starker kann zusammenklappen; und einer, der an sich selbst verzweifelt, kann auf einmal große Dinge tun. Auch in uns steckt sicher beides drin.

Manchmal muß man eine Sache auch erst einmal überschlafen. Elia entspannt sich einmal für ein paar Stunden und läßt sich einfach in Gottes Arme fallen. Und als er aufwacht, sieht die Welt schon anders aus. Er ißt und trinkt sogar schon wieder etwas. So kennen wir das auch von Kranken: Wenn einer erst wieder richtig zu essen beginnt, dann wird es besser mit ihm.

So sagt Gott auch zu Elia: Ich will nicht, daß dein Leben hier endet und mein Werk unvollendet bleibt. Darum iß und trink, denn du wirst Kräfte brauchen. Was du zunächst für das Ende hieltest, das ist für mich ein neuer Anfang! Mein Auftrag erlischt nicht, wenn die Situation für dich ungünstig wird!

Gott gibt auch die Kraft dazu: sein gepredigtes Wort, ein Bissen Brot und ein Schluck zu trinken helfen schon für den weiteren Weg. Wir werden hier stark an das Abendmahl erinnert. Das Mahl des Herrn ist zwar noch etwas anderes. Aber es ist auch gerade für solche bestimmt, die ähnlich wie Elia in eine Krise geführt werden, die Bedrängnis von außen und Angefoch­ten­­sein von innen erleben.

Mit den Augen der Menschen betrachtet ist nur bescheiden, was Gott tut: Ein Stückchen Brot, ein Schluck Wein - das ist alles. Aber es ist genug für den weiten Weg, den wir vor uns haben. Gott ist nicht nur da, wo große Dinge passieren. Es fällt nicht immer Feuer vom Himmel.

Aber Gott ist auch da, wo ganz kleine Dinge geschehen und uns mit wenig geholfen wird: mit einem anteilnehmenden Wort, einer hilfreichen Geste, einem freundlichen Lächeln, einem herzlichen Händedruck. Eine Hilfe ist auch der Gottesdienst, der uns jeden Sonntag angebo­ten wird. Hier in der Stille des Hauses Gottes können wir Ruhe finden für unsere Seelen und Kraft empfangen durch sein Wort und Sakrament.

Dort werden wir vielleicht auch entdecken, daß Gott noch mehr Leute hat, als wir denken. Bei Elia waren es noch 7.000 Mann, die dem alten Glauben treu geblieben waren. Er war also nicht allein. Auch wir sind nicht allein mit unserem Glauben in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule. Da ist die ganze Gemeinde, die mit uns unterwegs ist. Wir haben keinen Grund aufzugeben und Gottes Sache verloren zu geben.

 

 

Lätare: Jes 54, 7 - 10

Immer wieder einmal hören wir von Erdbeben und Vulkanausbrüchen in irgendeiner Ecke der Welt. Für uns sind die Berge der Inbegriff des Beständigen. Sie waren schon vor Jahrtausenden so und werden es auch in tausend Jahren noch sein; das können wir jedenfalls annehmen. Aber anderswo kann plötzlich die Erde aufreißen und ein Vulkan ausbrechen und ein neuer Berg entstehen. Oder die Erde bebt und läßt alles zusammenstürzen, was Menschen auf ihr errichtet haben.

Der Prophet Jesaja II. benutzt dieses Bild, um die Unverbrüchlichkeit der Gnade deutlich zu machen. Er sagt: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen!“ Er sagt das in einem Augenblick, als Gott selber sagt: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen!“ Er gibt zu, die Gemeinschaft mit seinem Volk aufgegeben zu haben.

Für den Glaubenden hat alles menschliche Geschick mit Gott zu tun. Was uns widerfährt, ist auf alle Fälle von Gott bedacht und gewollt. Die Verbannten in Babylon mußten annehmen, daß Gott sie „abgehängt“ und der Heillosigkeit überlassen hatte.

Im Jahre 1945 schrieb ein Ausgebombter an seine Verwandten, die Christen waren: „Euer Gott hat uns verlassen!“ Damit brachte er zum Ausdruck: Unser Gott kann es nicht sein. Es ist nichts mit diesem Gott. Er hätte sonst das persönliche Schicksal und vielleicht sogar des ganzen Volkes anders wenden müssen. Man stellt sich Gott da so vor als wäre er auf dem Turm eines Flughafens und würde alle Flugbewegungen so steuern, daß alles ohne Reibung und Gefahr abläuft. Aber so ist unser Gott nicht!

Bei Jesaja bekennt sich Gott selber dazu, sein Volk verlassen zu haben. Er ist voller Zorn und deshalb nicht mehr ansprechbar. Ja, so ist Gott auch! Wir müssen auch mit Gottes Zorn rechnen trotz allem, was über seine Liebe zu sagen ist. Gott haßt die Sünde und setzt ihr seinen Widerstand entgegen; und wenn es sein muß auch mit hartem Zugriff. Das gilt auch für die Zeit nach Christus. Allerdings dauert der Zorn nur einen Augenblick.

Damals allerdings dauerte die Gefangenschaft schon rund ein halbes Jahrhundert. Die Zahl derer, die Jerusalem noch gesehen hatten, wurde immer kleiner. Doch für Gott ist das alles nur ein Durchgang, ein vorübergehender Augenblick.

Gott sieht alles aus der Rückschau, als wäre es schon vorbei. Und in der Rückschau erscheinen Zeiten der Belastungen und Entbehrungen tatsächlich manchmal kurz. Dann kann man auf Ängste zurückschauen wie auf einen winzigen Augenblick. Der entscheidende Unterschied aber ist: Das Unheil dauert nur einen Augenblick, aber das Erbarmen geschieht mit „ewiger Huld“.

Das Zorneshandeln und das Gnadenhandeln stehen nicht gleichrangig nebeneinander. Gott straft nur ungern; vielmehr drängt es ihn zur Gnade. Das Richten ist nicht sein eigentliches Werk, wie Luther sagt. In der noch nicht erlösten, in der von Sünde gefährdeten und gestörten Welt m u ß Gott dem Bösen widerstehen. Sonst würde er ja die sündige Welt der Selbstvernichtung preisgeben. Gott setzt dem Bösen seine richterliche Gewalt entgegen. Damit ist die Sünde nicht aus der Welt geschafft, aber sie wird in Grenzen gehalten. Aber Gott will, so schnell er kann, über das Zürnen hinauskommen. Eigentlich kann er es gar nicht erwarten, bis es soweit ist.

Aber wir verstehen das Heilshandeln Gottes meist als ein großen weltweiten Szenenwechsel, der alle Dinge umfaßt und die Leiden der Menschheit wie in einem Nu in Freude und Glück verkehrt. Wir nehmen es Gott sogar manchmal übel, daß er uns unser vermeintliches Glück schuldig geblieben ist.

Gott macht aber wahr, was er versprochen hat. Er ist wirklich der Erlöser und Erbarmer. Er macht dem unheilvollen Zerwürfnis zwischen sich und uns ein Ende. Ja, er h a t es getan in Jesus Christus. Aber die neue W e 1 t erwarten wir noch. Nur ein neues Gottesverhältnis ist uns schon möglich. Ohne neue Menschen kann es keine neue Welt geben. Neu werden kann man, indem man das Werk Christi als sein Heil annimmt.

Angeboten wird es allen. Doch verwirklicht wird es nur im Glauben. Die Wende geschieht also nicht pauschal im weltweiten Maßstab, sondern indem der Einzelne sich an Jesus Christus hält. Er hat dabei zwar die Gemeinschaft der Mitglaubenden neben sich. Aber die Glaubensentscheidung muß er doch  unvertretbar für sich vollziehen. Indem einer zum Glauben kommt, ist für ihn der Augenblick des Zorns vorbei und er lebt aus der Gnade.

Der Überschritt vom Leben unter dem Zorn zum Leben unter der Barmherzigkeit Gottes ereignet sich von Fall zu Fall da, wo Menschen Anschluß an Christus bekommen. Wenn wir Gottes Erbarmen und seine Zusagen glaubend annehmen, werden wir zunächst zwar

in der Nachfolge des Gekreuzigten leben müssen.

Aber wenn die Stunde da ist, werden wir auch an der Herrlichkeit Gottes Anteil haben. Das will uns dieser Sonntag „Lätare“ mitten in der Passionszeit deutlich machen. Er bedeutet „Freut euch“ und blickt schon auf das Ende des Ganzen, nimmt schon Ostern voraus. Aber nur der Glaube hat an dem Neuen teil.

Der Prophet erinnert an die Tage Noahs, in denen Gott versprochen hat, nicht wieder so eine große Sintflut kommen zu lassen. Allerdings wurden harte Gesetze vorgesehen, die die Welt vor dem Zerstörenden bewahren sollten. Jesaja aber sieht die Wende vom Zorn zur Gnade gekommen. Es geht nicht nur uni den Fortbestand des Alten, sondern das ganze Verhältnis zwischen Gott und den Menschen ist geheilt. Gott leistet nicht mehr Widerstand gegen die Sünde, der für uns und sogar auch für ihn schmerzhaft ist. Gott läßt vielmehr seine Gnade walten und zieht den Menschen zu sich.

Ar diesem Heil hat man Anteil, indem man zum Glauben kommt, zum Glauben an Jesus Christus. Aber es kommt nicht eine Global-Wende, sondern sie geschieht jeweils mit dem Einzelnen. Aber das Allgemeine und das Persönliche gehören zusammen. Wenn ich in einen anderen Raum will, muß ich durch eine Tür gehen. Wenn ich nicht durch die Tür will, muß ich draußen bleiben. Aber hindurchgehen kann ich nur, wenn die Tür nicht verschlossen ist. Ob die Tür offen ist,  habe ich nicht in der Hand. Aber seit der „Wende“ durch Gott ist die Tür offen.

Eher weichen Berge und fallen Hügel nieder, als daß Gnade und Bund fielen. Man könnte ergänzen: Da Berge und Hügel sieh bekanntlich nicht von der Stelle rühren, ist das Versagen der Gnade Gottes noch viel unmöglicher. Man kann den Satz aber auch anders verstehen: Obwohl Berge tatsächlich von der Stelle bewegt und Höhen ins Wanken kommen, bleibt Gottes Zusage bestehen und sein Herz bleibt uns zugewandt.

Irgendwann werden für jeden von uns die äußeren Dinge der Welt zurückweichen und keinen Halt mehr bieten. Das äußere Dasein ist zerbrechlich. Aber Gottes Zuwendung zu den Seinen ist unverrückbar und unvernichtbar. Seine Gnade: das ist seine Liebe und Gunst, seine Freundlichkeit, die auch alle Enttäuschungen überwindet, die er mit uns erlebt. Der „Bund des Friedens“ : das ist Gottes Selbstverpflichtung, mit der er ungezwungen sich uns versprochen hat. Zwischen ihm und uns besteht ein heiles Verhältnis, ohne Mißtrauen und Vorwürfe, ohne Trübungen und Störungen

Dieses neue Verhältnis Gottes zu uns wird sich dann über auch auf unser Leben in allen seinen Beziehungen auswirken. Überall wird es Friede und Wohl, Gesundheit und heiles Leben geben. Das alles möchte Gott und schenken, dies verbürgt er auch heute seinem Volke. Solche Sätze lassen wir vielleicht im Augenblick routinemäßig über uns ergehen. Wenn es uns gut geht, sehen wir sie als langweilig an und sagen: „Der liebe Gott macht schon alles recht!“

Aber in bösen Zeiten können sie uns fraglich werden, können uns zu der Frage führen: „Wo bleibt denn nun die Gnade und der Friede Gottes?“Aber gerade für eine solche Situation der Anfechtung sind diese Sätze voller Glaubenszuversicht gesprochen. Wenn auch alles ins Wanken kommt, so hält Gott doch an uns fest. Diese Wahrheit sollten wir lernen und einüben, ehe die große Erprobung kommt.

 

 

Judika: Hebr 13 , 12 - 14

Wenn es draußen in Strömen regnet, möchte man keinen Hund vor die Tür schicken. Drinnen aber findet man viel Geborgenheit unter dem schützenden Dach des Heimes. Wer unbedingt bei schlechtem Wetter „draußen“ sein muß, entbehrt den sicheren Schutz und wird vielleicht krank. Drinnen ist man geborgen und sicher, draußen ist man schutzlos und der Gefahr ausgesetzt.

In früheren Zeiten umgab man die Städte mit schützenden Mauern. Was innerhalb der Mauern in der geschlossenen Gemeinschaft geschah, galt als heilig und rein, hier herrschten Ordnung und Geborgenheit, es war eine „heile Welt“. Außerhalb der Mauern aber lauerten Gefahren. Wer dort lebte, gehörte zu den Unheiligen und Unreinen und wurde von der Gemeinschaft gemieden.

Auch in der Kirche kennen wir dieses Schema von draußen und drinnen. Die Gemeinde verstand sich oft nach dem Bild der Wagenburg oder sogar der Kirchenburg: In der Mitte des Dorfes war die Kirche gebaut, drumherum der Friedhof und darum dann eine Mauer mit einem Torturm. So hatte man einen Zufluchtsort, wenn Feinde herannahten, die Kirche gab einem äußeren und inneren Schutz.

Dieses äußere Bild wirkte sich auch auf die innere Haltung aus: Die Christen schlugen gern ihr Lager hinter den Kirchenmauern auf. Dort war das Leben sicherer als in den Gefahren auf dem freien Feld. Draußen sind die Außenseiter, die sich nicht in das große Ganze einfügen wollen.

Dazu gehört das Kind, das immer wieder zu hören kriegt: „Deine Geschwister waren da aber anders!" Dazu gehört das Familienmitglied, das darunter leidet, daß die Familie sich nichts zu sagen hat, obwohl es an verschiedenen Stellen brennt. Außenseiter ist auch der Mensch, der fragt und eigene Ideen hat. Draußen ist der, der unter der geforderten Leistung bleibt, der kriminell gefährdet ist, bei der Arbeit bummelt und vielleicht auch Alkoholiker ist. Dazu gehören auch die Kranken und Sterbenden, die ins Krankenhaus kommen und zwischen Apparaturen und in steriler Umgebung liegen bleiben.

Wir sprechen auch vom „Kern“ der Gemeinde und den „Randsiedlern“. Diese gehören nicht so richtig dazu, mit ihnen kann man nicht reden, sie sind sogar so etwas wie Gottlose. Wir ziehen uns lieber auf den kirchlichen Raum zurück, auf die Freizeit und religiöse Themen; doch die Probleme der Welt sollen draußen bleiben.

Doch der Hebräerbrief scheucht uns da auf. Er richtet sich an eine Gemeinde, die in der Versuchung stand, wieder in die alttestamentliche Religion zurückzufallen. Man war Christus müde und das Hoffen auf die Zukunft. Man erwartete die Verwirklichung des Erhofften in dieser Welt. Man wollte nicht glauben, sondern schauen, man drängte auf Verwirklichung.

Aber man merkte gar nicht, wie sehr man den eigentlichen Auftrag dabei verfehlte. Das Zurückziehen hinter die Kirchenmauern muß ja nicht nur bedeuten, daß man sich aus der Welt ausgrenzt und auf einer Insel der Seligen leben will. Es kann auch sein, daß man innerhalb der Mauern doch weltförmig wird, sich den allgemeinen Wertvorstellungen anpaßt und auch an der Verwahrlosung der satten Welt teilhat.

Deshalb gilt es, immer wieder hinauszugehen aus dem Lager. Eine feste Burg sind eben nicht die Mauern, sondern wo Gott ist, sind wir sicher; und Gott ist vielleicht eher draußen vor dem Tor. Es gibt ja auch heute keinen sturmfreien Raum mehr. Das Leiden macht nicht halt an der Tür der Gemeinde. Manchmal kann man den Eindruck haben, es verdichte sich geradezu in der Gemeinde. Hier finden sich gerade alte Leute und Kinder. Das sind auch solche, die das Leben nicht „packen“, die es mehr erleiden. Leiden gibt es draußen und drinnen.

In der kirchlichen Jugendarbeit in den Großstädten hat sich etwas herausgebildet, was „offene Arbeit“ genannt wird. Da kümmern sich Jugenddiakone um die langhaarigen Asozialen, stellen Räume für das Gespräch zur Verfügung, versuchen zu helfen bei Ämtern und Nachbarn. Die Arbeit wird mißtrauisch betrachtet, auch von den üblichen Gemeindegliedern. Diese wollen anerkannt und vielleicht auch als Amtsträger angeredet werden, aber sie wollen nicht mit die Schmach tragen.

Aber wenn wir zu Jesus gehören wollen, dann werden wir mit ihm hinausgehen müssen. Wenn er draußen vor dem Tor ist, dann wird man auch uns dort finden müssen. Dieser Christus ist zwar in den Augen der Welt eine tragische Figur, einer, den man nur verachten und ablehnen kann. Aber er hat doch das Zerwürfnis zwischen Gott und uns beseitigt. Er hat sich für uns „geheiligt“, das heißt: zum Opfer gemacht. Dadurch sind auch wir geheiligt und der Konflikt ist bereinigt. Doch das bringt die Verpflichtung mit sich, in der Nachfolge des Herrn notfalls auch die eigene Haut zu Markte zu tragen.

Natürlich ist das nicht immer leicht. Jesus ruft uns zu denen, die gemieden und abgestempelt werden. Er führt uns zu denen , die hartherzig geworden sind und sich gegen ihre Umwelt verschließen. Wir werden zu denen gerufen, die das materielle Wohlergehen als ihr Heil ansehen. Wir sind Jesus nahe, wenn wir versuchen, gerade dem Schwächeren beizustehen, gleichgültig ob Freund oder Feind. Wir werden uns für den Frieden in den Häusern und Dörfern und damit auch für den Frieden in der Welt einsetzen.

Wir werden auch nicht mehr länger meinen, uns seien doch die Hände gebunden und wir könnten nichts machen. Wir werden nicht mehr länger nur fordern und kritisieren, sondern um der Liebe und des Friedens willen leiden und Opfer bringen. Christsein ist nicht nur Privatsache und Gott ist nicht nur für die Seele zuständig.

Sicherlich besteht auch die Gefahr, daß man sich an die Welt verliert. Die Kirche hat auch Grenzen. Und es ist durchaus nicht gleichgültig, ob jemand zu Christus gehört oder nicht. Aber nur Gott weiß, wer wirklich dazugehört oder nicht. Es ist immer bedenklich, wenn sogenannte „Bekehrte“ die Menschen eingeteilt haben in solche, die dazugehören, und solche, die verloren gehen. Für Jesus aber waren alle Menschen mögliche Christen, er wollte allen gehören.

Wir haben halt so unsre eigener Vorstellungen von Gott: Er soll die Ordnung der Welt garantieren oder mit kräftiger Hand wiederherstellen; er soll Glück spenden und die Menschen satt machen, Gerechtigkeit durchsetzen und für Menschlichkeit sorgen. Aber statt dessen läßt er genau das Gegenteil geschehen, nämlich den Karfreitag. Wer am Kreuz Jesu Anstoß nimmt, der wird sagen: Gerade das hätte Gott verhindern müssen.

Aber die Herrschaft Gottes in der Welt ist keine Machtfrage. Vielmehr bedarf es einer inneren Befreiung, die es den abtrünnigen Menschen erlaubt, unbefangen zu ihrem Gott zurückzukehren. Das schließt dann ein, daß man die weltlichen Sicherungen verläßt, auch die religiösen Sicherungen.

Im Tempel von Jerusalem ging alles seinen geordneten Gang, der Betrieb funktionierte: Jedes Jahr beging man das große Versöhnungsfest, dann hatte man erst wieder einmal eine Zeit Ruhe. Man fühlte sich wohl in dieser bergenden Welt der Religion. Und nun sollte man das alles verlassen und nach „draußen“ gehen? Der Spießbürger, der in uns steckt, geht lieber in Deckung und will seine Ruhe haben. Nicht aufzufallen ist nach den Spielregeln der Welt am gefahrlosesten und bequemsten.

Doch draußen vor dem Tor ist das wahre Opfer für alle Menschen geschehen. Golgatha ist der Altar, auf dem Jesus mit seinem eigenen Blut das Sühnopfer gebracht hat. Draußen vor dem Tor starben die Verbrecher, die es nicht mehr wert waren zu leben. Wie kann einer der „Sohn“ sein, der als Verbrecher hingerichtet wurde? An so einen glaubt man doch nicht!

Dennoch ist dieses das bessere Opfer. Es kommt uns zugute, wenn wir uns um unseren Altar versammeln und Brot und Wein im Abendmahl empfangen. Da dient uns der Hohepriester, der sich unablässig bei seinem Vater für uns einsetzt. Wenn er in seinem Sakrament uns nahe ist, dann ist auch das himmlische Heiligtum nicht weit. Dann werden wir mit der Hoffnung verbunden, die wir als Christen haben dürfen.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“ sagt der Hebräerbrief. Manchmal haben wir ein Mißtrauen gegen Menschen, die keine bleibende Stadt haben: wenn ein Pfarrer es nicht lange aushält an einem Ort, wenn Menschen oft umziehen oder die Arbeitsstelle wechseln, dann sind sie uns verdächtig. Der Seßhafte, der ein Haus gebaut hat, der gilt als zuverlässig. Als Christen aber sollen wir versuchen, die Zukunft zu gewinnen. Das Leben ist v o r der Tür. Die Zukunft liegt außerhalb unserer Sicherungen, aber dort, wo der lebendige Gott ist, der aber gleichzeitig auch der leidende ist.

Wer aber hinausgeht, dorthin, wo Jesus am Kreuz hängt, der wird nicht wurzellos, sondern gewinnt seinen festen Standort in Gottes zukünftiger Welt. Was jetzt schon Wirklichkeit ist im Himmel, wird uns so zugänglich. Weil die himmlische und die irdische Gemeinde eins sind, haben wir schon Anteil am himmlischen Jerusalem. Aber wir sind auch noch unterwegs, sind noch das wandernde Gottesvolk. Im Lied heißt es: „O Ewigkeit, du schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit!“ Die Betrachtung des Leidens Jesu kann uns helfen, daß wir uns wieder einmal etwas mehr ausstrecken nach der kommenden Stadt.

 

 

Palmarum: Hebräer 12, 1 - 3

Wenn olympische Spiele bevorstanden, dann wurde im heiligen Hain von Olympia in Griechenland das olympische Feuer entzündet. Von dort tragen es Stafettenläufer bis zum Ort der Spiele. Man muß sehr darauf achten, daß das Feuer nicht unterwegs ausfällt. Am Ende soll ja

der letzte Läufer mit dem Feuer ins Stadion laufen und dort das große Feuer entzünden.

Als Christen sind wir genauso in einen Staffellauf hineingestellt.

Wir haben den Glauben nicht erfunden. Angezündet hat Gott selber das Feuer. Seitdem wurde es durch die Jahrhunderte getragen. Es liegt nicht in unserem Ermessen, ob wir die Flamme weitertragen oder verlöschen lassen. Wir sind mit verantwortlich, daß es an sein Ziel gelangt. Es handelt sich dabei um einen Mannschaftswettbewerb: Hat der letzte Läufer den Lauf gewonnen, so haben alle gewonnen. Versagt aber ein Einzelner, dann gefährdet er den Sieg der Mannschaft.

Für einen Christen geht es auch um einen Wettkampf .Andere wollen uns gern in ihrer Mannschaft haben, stellen uns ein lohnendes Ziel vor Augen und wollen uns einen Sinn fürs Leben geben. Sie versprechen Pokale und Medaillen, während uns „nur“ das Leben in der Gemeinschaft mit Gott verheißen wird. Doch das können wir - jedenfalls im Augenblick - nicht vor Augen sehen.

Aber die Welt wurde schon immer durch diejenigen in Bewegung gehalten, die von der Zukunft her denken. Dazu könnten und sollten auch die Christen gehören. Unser Lebensinhalt und Ideal kann nicht sein, daß alles beim Alten bleibt, so wie in der „guten alten Zeit“. Gott eröffnet uns seine Zukunft. Aber das ist nicht jedem gleich einsichtig.

Die handfesten Tatsachen scheinen gegen Gott recht zu behalten. Doch da gilt es, sich nicht irre machen zu lassen. Wie beim Sport kommt es beim Kampf des Christen auch auf den ganzen Menschen an: Entschlossenheit und Willenskraft, Zielstrebigkeit und Ausdauer, Wachheit und Einsatz aller Kräfte sind gefordert. Aber unser alter Adam ist eben ein Spießbürger: Er ist bequem und leidensscheu, sucht Ruhe und Sicherheit, verlangt sich nicht viel ab. Er meidet den Kampf gegen die Sünde oder führt ihn so gemäßigt, daß er unter Garantie schmerzlos verläuft. Diesen Lebensstil des alten Adam haben wir noch lange nicht hinter uns gelassen. Er verlangt immer wieder sein vermeintliches Recht, anstatt dem Recht Gottes den Vorrang einzuräumen.

Was kann uns helfen, unseren Lebenslauf im Sinne Gottes zu führen? Im Hebräerbrief werden uns gleich zwei Hinweise gegeben. Der Brief richtet sich ja an Christen, die in ihrem Glauben matt zu werden drohen. Sie stehen in der Gefahr, das Staffelholz einfach wegzuwerfen und den Kampf aufzugeben.

Sie leiden nicht nur unter dem üblichen Schicksal der Menschen, unter Krankheit und Tod. Vor allem geht es um Anfechtungen, die sich aus der Christusnachfolge ergeben. Sie ließen sich ja ganz einfach beheben, indem man nur einen kleinen Schritt von Jesus weg tat. Dann wird man schnell kann man alle Belästigungen wegen des Glaubens los. Aber man wird dann auch „Gott-los“ und verspielt das Herrliche, das Gott den Seinen zugedacht hat.

Damit das nicht geschieht, gibt uns der Hebräerbrief einen ersten Hinweis. Er sagt: „Wir haben eine Wolke von Zeugen um uns!“ Machen wir uns dieses Bild einmal klar: Während wir uns auf der Laufbahn des Stadions anstrengen, schauen die Zuschauer von den Tribünen auf uns herab. Sie feuern uns an und möchten, daß wir gewinnen und Ehre einlegen.

Das ist wie wenn die ehemaligen Fußballer den heutigen Aktiven zuschauen. Sie rufen Ratschläge aufs Spielfeld, feuern an, haben Lärminstrumente dabei. Die erste Mannschaft ist der Stolz jedes Vereins, alle anderen Abteilungen und die passiven Mitglieder blicken auf sie. Die Ratgeber sind meist selber Experten, gehören nicht zu denen, die sich selber schonen und nur anderen Beine machen wollen. Sie rufen: Wir haben es geschafft, da werdet ihr es auch können!

Im Hebräerbrief sind mit den Zuschauern die Christen früherer Zeiten gemeint, die vor uns geglaubt haben. Sie sind meist unter viel ungünstigeren Bedingungen gelaufen. Sie wissen, was es heißt, zum Wettkampf anzutreten und ihn durchzustehen. Sie sind an unsrer Leistung interessiert. Sie wollen, daß auch wir gewinnen. Vielleicht sind uns die beobachtenden Blicke auch lästig. Sie können uns unter einen peinlichen Erfolgszwang setzen und dadurch zu Verkrampfung führen. Doch sie werden wahrscheinlich barmherziger und mit freundlichem Humor zusehen als es viele irdische Augenzeugen mit versteckter Kamera tun würden. Es wäre aber beim Laufen auch gar nicht gut, immerzu nach den Tribünen zu blicken. Das verlangsamt nur das Tempo und bringt den Läufer vielleicht zu Fall.

Aber der Hebräerbrief will uns zu Recht auch ein wenig an der Ehre packen: Unsere Vorfahren haben durchgehalten; es wäre blamabel, wenn wir schlappmachten. Deshalb wird an unsre Geduld appelliert, an das Dranbleiben, an unsere Lernbereitschaft. Aber wir müssen nicht immer wieder beim Nullpunkt beginnen, sondern wir haben Vorbilder, von denen wir lernen können, was Glaube ist. Sie zeigen uns: Es geht doch! Sie sind trotz aller Anfechtungen doch ihrer Entscheidungen und ihres Weges gewiß geworden.

Noch ein guter Rat wird gegeben: Weg mit allem Ballast! Weg mit der Sünde, mit allen Gedanken an Aufgeben und Sich-davon-machen. Alles, was uns beim Laufen behindert, muß weg, weil es die Höchstleistung verhindert. Wir machen uns das Bleiben bei Christus und das Mitgehen mit ihm nur unnötig schwer, wenn wir eine Menge unnötiger Dinge für unentbehrlich halten. Wer nichts zu verlieren hat, ist der freieste Mensch .Man kann eben einen Langstreckenlauf nicht mit Hut und Mantel und einem Koffer in der Hand gewinnen.

Wir werden im Kampf des Glaubens viel freier und beweglicher, mutiger und fröhlicher sein, wenn wir mit dieser oder jener Verkehrtheit in unserem Leben entschlossen Schluß machen. Dazu gehören falsche Hoffnungen und eingebildete Ziele, aber auch lähmende Gewohnheiten. Dazu gehören einmal die Dinge, die ablenken und zerstreuen, faul machen und die Sicht vernebeln.

Aber wir denken auch an unverschuldetes Leid wie Krankheit, Enttäuschung, Einsamkeit und Sorgen, aber ebenso auch an selbstverschuldete Last, die in der Bibel „Sünde“ genannt wird.

Unnötiger Ballast kann aber auch der Lebensstandard sein oder die Bindung an die Meinung der Mitmenschen. Auch die Angst vor dem Wagnis kann eine Rolle spielen, oder die Sorge, als praktizierender Christ im Leben zu kurz zu kommen oder hintenan zu stehen. Es gibt eben so vieles, woran wir unser Herz hängen und was uns veranlaßt, den Kampf des Glaubens aufzugeben oder ihn gar nicht erst anzufangen. Wir haben uns den Kampf ja auch nicht selber gewählt, so wie man sich einer bestimmten Sportart verschreibt, das Laufenmüssen ist uns ja verordnet.

Unsere größte Not ist wohl die Mutlosigkeit, die sich doch bei vielen Christen einfindet. Was hilft denn alles Zureden und Anfeuern, wenn einer müde ist und wirklich nicht mehr kann? Da hilft kein Blick zu den Tribünen, auf die Zuschauer. Deshalb gibt der Hebräerbrief noch einen zweiten Rat, wie wir unsre Mutlosigkeit überwinden können. Er sagt: „Laßt uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens!“

Unsere Vorfahren waren keine Heiligen, trotz aller Vorbildwirkung, die sie auf uns habenkönnen. Leider gibt es Anlaß, sich an diesem oder jenem Christen zustoßen. Die Leute sagen dann: „Wenn der in die Kirche geht, dann will ich nicht dazugehören!“ Besonders gut macht es sich auch, wenn ein Pfarrer daran schuld sein soll, wenn man nicht mehr zur Kirche gehört.

Doch diese Menschen haben es versäumt, auf Christus zu sehen. Sie sind wie Kraftfahrer, die in der Gegend herumschauen anstatt auf die Fahrbahn, und die sich dann wundern, wenn es kracht .Wenn man sich schon auf den Glauben einläßt, dann darf man nicht auf Menschen sehen, sondern nur auf Jesus.

Dieser ist so etwas wie ein Trainer, ein bewährter Sportsmann, der nun andere ausbildet. Er gibt Erfahrungen weiter, bereitet auf die Wettkämpfe vor und betreut die Wettkämpfer. Doch Jesus gibt nicht nur Ratschläge. Er ist nicht nur damals Mensch geworden und hat alle Leiden der Menschen mit gelitten, sondern er ist auch heute beim Kampf unseres Lebens mit dabei. Insofern ist er mehr als ein Vorbild, denn er hat nicht nur den Weg gebahnt, sondern er ist auch selbst der Weg.

Deshalb brauchen wir ihm nur zu folgen, dann werden wir auch ans richtige Ziel kommen. Laufen wir da, wo er läuft, dann laufen wir richtig und gefahrlos. Er bestimmt die Richtung und das Tempo. Allerdings hat er selber auch Gehorsam lernen müssen. So einfach war es sicher nicht, sich verhöhnen zu lassen und ans Kreuz zu gehen. Zu Beginn der Karwoche sollten wir schon diesen Leidensweg Jesu betrachtend verfolgen.

An Jesus kann man erkennen, was Glaube ist. Andererseits ist er es aber auch, der allein glauben zu wirken vermag: Er ist „Anfänger und Vollender des Glaubens“. Glaube ist dabei die Treue, die man Gott und seiner Verheißung erweist. Dabei läßt man sich geduldig durch das gegenwärtige Leiden in die himmlische Zukunft führen. Man bleibt dabei in der Gruppe des wandernden Gottesvolkes und Zurückbleiben wäre Sünde.

Es gibt aber keine Situation, in der Jesus nicht mit dabei wäre. Er läßt uns nicht auf halbem Weg allein. Er weiß immer noch einen Weg, wo wir keinen sehen. Er ebnet uns auch den Weg, gerade weil er unsere Not kennt. Hier wird nicht angeklagt, sondern Mut gemacht. Wir brauchen nur nach vorn zu sehen, wo Jesus ist. Wenn einer am Ziel ist, dann können auch die anderen leicht nachkommen. Wenn wir den Anfänger und Vollender des Glaubens nicht aus dem Blick verlieren, dann werden wir unser Ziel erreichen.

 

 

Gründonnerstag: Hebr 2, 10 - 18

Am Gründonnerstag kommen wir abends noch einmal zum Gottesdienst zusammen. Vielleicht sind wir doch etwas müde und abgespannt. Unser Alltag mit all seinen Belastungen kommt mit hinein in unser Hören und Beten, denn so schnell kann niemand abschalten. Aber

wir versammeln uns hier so wie Jesus sich am Vorabend des Karfreitag ein letztes Mal mit seinen Jünger zusammensetzte. Wir denken an das Abendmahl und die Gefangennahme Jesu. Da wird erzählt von der engen Gemeinschaft, die er mit den Jüngern hatte. Vielleicht möchten wir ihm auch einmal so nahe sein, wie es die Jünger waren. Aber ist das nicht gerade durch das Abendmahl möglich? Kommt er uns da nicht so nahe, wie er es damals den Menschen war, auch wenn wir ihn nicht sehen können? Der Hebräerbrief sagt uns:

 

1. Einer, der auf Gottes Seite gehört, stellt sich an unsre Seite: 

Gewöhnlich erleben wir es anders: Wenn wir versagt haben oder sonst irgendwie arm dran sind, da tritt keiner an unsere Seite. Gerade wenn wir einen dringend brauchten, sind wir allein. Im Gegenteil: Gerade die zu uns gehören schämen sich unser und ziehen sich zurück. Vielleicht möchte uns einer beistehen, aber er fürchtet die Mehrheit und wagt es deshalb nicht. Wenn einer in der Schule oder in der Firma sich zur Wehr setzt, dann kann er sehr schnell allein sein. Die anderen stimmen ihm zwar innerlich zu und sagen ihm das auch hinterher, aber öffentlich will keiner für ihn eintreten.

Es ist ganz unwahrscheinlich, daß sich einer auf unsere Seite stellt, der es gar nicht nötig hat. Aber Jesus tut es! Er hätte es nicht nötig. Aber er weiß, daß wir es nötig haben. Er fragt nicht nach seinem Ansehen und auch nicht danach, ob wir denn ansehnlich sind. Vielmehr sieht er uns mit den Augen Gottes. Und in der Sicht der Liebe sind wir die geliebten Kinder.

Sicher sind wir keine besonders guten Menschen und nicht einmal besonders gute Christen, Jeder von uns kennt sich doch sehr genau und weiß in der Tiefe um seine Schuld und sein Versagen. Deshalb wollen wir ja auch heute das Abendmahl empfangen, damit uns die Schuld wieder genommen wird und wir in ungetrübter Gemeinschaft mit Gott sein können.

Wir haben es natürlich gelernt, unsere Schattenseiten zu verbergen, weil wir fürchten, deswegen verachtet zu werden. Jesus aber verachtet uns nicht und schämt sich nicht, uns Brüder und Schwestern  zu nennen. Er läßt uns auch nicht allein, wo wir uns schwach und ausgeliefert fühlen an eine starke Mehrheit. Seine Liebe überwindet auch die Sachzwänge, denen wir oft ausgesetzt sind.

Wir fragen vielleicht: Warum mußte Jesus so tief ins Leiden? Die Bibel gibt uns die Antwort: Er wollte unser Bruder sein! Gemeint ist natürlich ein echter Bruder, der sich so verhält, wie man es von einem Bruder erwarten kann. Ein Bruder wird zwar unter vier Augen Kritik üben, wo es nötig ist: aber nach außen wird er sich mit allen Mitteln für den Bruder einsetzen, ihn verteidigen und die Gemeinsamkeit herausstellen.

Jesus aber besinnt sich nicht darauf, daß doch eigentlich alle Menschen Brüder sind, so daß er zu brüderlichem Verhalten verpflichtet ist. Das Bemerkenswerte ist doch, daß der Sohn Gottes sich zum Bruder der Menschen macht. Er schämt sich nicht, uns Brüder zu nennen. Dabei hätte er allen Grund. Er könnte es für unterseiner Würde halten, den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf zu überspringen. Er könnte seine Majestät wahren und es vermeiden, sich unter uns zu mischen.

Überlegen wir uns nur einmal: In was für ein peinliches Licht gerät der Sohn Gottes, wenn er sich uns gleichmacht und uns nachläuft! Der Gottes Ebenbild ist, stellt sich auf eine Stufe mit Gottes Zerrbild. Er nimmt teil an Fleisch und Blut, am Menschlichen in all seiner Fragwürdigkeit. Er kannte Hunger und Durst und Müdigkeit. Dennoch wurde er von den Menschen in Anspruch genommen, bis er nicht mehr konnte. Von seinen Gegnern wurde er umlauert und bis auf den Tod gehaßt.

Dazu kommt die Versuchung im eigenen Inneren. Auch er wurde vom Teufel versucht, so wie wir. Auch ihn hat die Stimme angeredet, die sich der Gedanken und Strebungen des eigenen Herzens bedient, die manchmal auch aus der wohlmeinenden Rede des besten Freundes redet.

Wie weit kann er da gehen in der Solidarität mit den Menschen? Gibt es da nicht einen Punkt, wo er sagen muß: „Nun ist es genug!“

Er könnte doch sagen: Gemeinschaft, Seelsorge, Diakonie - alles gut. Aber kein Leiden! Dann hätte er in allem mit uns ausgehalten, uns am Ende dann aber doch im Tode allein gelassen. Das aber will er gerade nicht tun.

Gerade die Angst vor dem Tode macht uns ja zeitlebens zu Sklaven. Immer wieder wollen wir den Gedanken an den Tod wegschieben: nur nicht daran denken, nicht davon sprechen, nur hoffen, daß es noch Zeit damit hat.  Dabei verdecken wir die eigentliche Problematik des Todes. Sie liegt nicht in der natürlichen Erschöpfung aller Kräfte und dem biologischen Verfall. Entscheidend ist die Frage nach unserem Wert und dem Ertrag unseres Lebens, ist die Frage

nach unserem Verhältnis zu Gott.

Es würde doch alles fadenscheinig und unglaubwürdig, was er bisher als Bruder den Brüdern getan und auf sich genommen hat. Alle Kinder zur Herrlichkeit zu führen, das ist doch sein Auftrag. Keiner soll sagen können, Jesus wisse ja nichts von dem, was e r auszustehen habe. Kein Kampf, kein Leiden ist schwerer als seines. Will er unser Bruder bleiben, muß er unsere Verlorenheit auf sich nehmen.

Diese Bruderschaft zwischen Christus und uns wird nicht aufhören. Jesus ist auch heute noch mitten in seiner Gemeinde. In seinem Wort und im Abendmahl ist er gegenwärtig. Er hat uns, seine Gemeinde, immer mit dabei. Jesus und seine Brüder lassen sich in Ewigkeit nicht mehr auseinanderteilen.

Aber dadurch werden auch uns die Augen geöffnet. Weil Jesus uns mit den Augen der Liebe Gottes ansieht, können wir auch unseren Mitmenschen so ansehen. Dann schämen wir uns nicht mehr, dem Versager an die Seite zu treten oder dem Schwachen beizuspringen. Wir brauchen uns ja nicht mehr zu fürchten, weil wir Gott auf unsrer Seite haben. Das bedeutet aber auch:

 

2. Einer geht in den Tod, damit wir unsre Todesfurcht verlieren: 

Todesfurcht ist ja nicht nur die Furcht vor dem Sterben, sondern auch die Furcht um das Leben. Wir kennen diese Furcht, zu kurz zu kommen und das Entscheidende zu versäumen. Wenn der Berufswunsch nicht in Erfüllung geht, wenn menschliche Beziehungen nicht gelingen, dann überfällt uns die Furcht und nimmt uns gefangen.

Da können wir kaum noch etwas anderes denken und alles dreht sich nur noch um diesen einen Punkt. Wir sind besessen, auf alle Fälle unser Leben zu sichern.

Dabei übersehen wir die Menschen neben uns und lassen ihnen keinen Raum zum Leben. Aber so sehr wir uns auch bemühen und vielleicht mit großer Anstrengung unser Ziel erreichen, es ist nicht das ersehnte Leben. Manchmal sagen wir dann selbst: „Das ist ein Teufelskreis, aus dem ich nicht mehr herauskomme!“

Einer aber gibt sein Leben daran, um durch seinen Tod den zu vernichten, der die Macht über den Tod hat. Jesus hat sich von Gott hereinziehen lassen in unsre Teufelskreise, um sie aufzubrechen. So ist die Todesdrohung nur noch eine leere Drohung, wenn wir uns an den gekreuzigten Christus halten, der das Leben verbürgt. Nun brauchen wir nicht mehr um unser Leben zu fürchten und sind frei von dem Zwang, auf Kosten anderer uns selbst durchzubringen. Wir sind frei für ein aufgeschlossenes und fröhliches Leben, in dem wir Menschen und Situationen annehmen können.

Jesus ging nicht wie ein Himmelswesen wie auf  Wolken, sondern er mußte sein Menschsein bewähren und ganz menschlich Gehorsam lernen. Dazu mußte er auch den Weg durchs Leiden gehen, um so Bahn für uns machen zu können. Unser Leben ist oft wie ein unwegsamer Dschungel.  Aber uns voran geht einer, der mit der Axt die Bahn macht, so daß die anderen im Gänsemarsch folgen können. Alles, was uns vor Gott belastet, wird aus dem Weg geräumt. So wurde der Weg zu Gott frei gemacht.

Jesus hat hier ein priesterliches Amt auf sich genommen. Wenn er nur Wegbereiter gewesen wäre, dann hätte man den Weg vielleicht auch noch allein finden können, im Notfall. So aber geht es um Stellvertretung. Hier mußte erst einer am Kreuz sterben, ehe der Weg frei war. Aber Jesus hat sich durch nichts zurückhalten lassen, auch nicht durch die eigene Angst, damit wir keine Furcht vor dem Tod haben müssen.

Wir müssen nicht in den Fesseln umkommen, die wir uns und anderen anlegen. Unsere selbst­gewählten Lasten müssen uns nicht erdrücken. Jesus hält an uns fest, wenn wir ihm untreu werden wollen. In Jesus hat er seine ganze Liebe uns zugewendet. Das dürfen wir

glauben und davon leben, heute und jeden Tag neu.

 

 

Karfreitag: Jes 52, 13 - 53, 12

Jesus war doch eigentlich eine nichtssagende Erscheinung! Äußerlich gesehen hat nichts an ihm beeindruckt. Die Volkshelden von heute sind Sportler oder Filmstars oder Weltraumfahrer. Man muß erst etwas geleistet haben, aus den anderen herausragen, den Leuten gefallen. Aber bei Jesus ist davon keine Spur zu finden. Deshalb hat er so verhältnismäßig wenig Anhang gefunden.

Jesus hat den Leuten im Gegenteil manchmal ganz schön ins Gewissen geredet. Er war kom­pro­mißlos, offen und ehrlich, und hat sich nicht gescheut, allen die Wahrheit zu sagen. Damit war er natürlich unbequem. Man empfand es als unfein, immer wieder an seine Pflichten erinnert zu werden. Jesus ist den Leuten auf die Nerven gegangen und war auch in gewissem Maße ein Außenseiter.

Können wir uns eigentlich damit abfinden? Oder möchten wir diesen Jesus lieber loshaben und dazu so einen Tag wie den „Karfreitag“? Es ist doch ein trauriger Tag, der an eine beschämende Sache erinnert. Wir haben uns zu schämen für das, was Menschen damals getan haben; aber vielleicht schämen wir uns auch, weil unser Herr den Tode eines Verbrechers gestorben ist.

So begehen wir heute keinen Feiertag, sondern den Todestag Jesu. Voller Erschütterung können wir diesen Tag nur still und besinnlich begehen. Es ist äußerst unpassend, an so einem Tag Sportveranstaltungen durchzuführen, Betrieb und Unruhe zu schaffen. Neuerdings wird sogar gegen das Verbot von Tanzveranstaltungen an diesem Tag demonstriert. Da wäre ein Arbeitstag schon sinnvoller. So aber ist uns dieser Tag als arbeitsfreier Tag erhalten geblieben. Da können wir uns ganz dem Gedenken an den Tod Jesu widmen und die Gottesdienste besuchen.

Das Jesajabuch spricht von einem Gottesknecht, der nicht in seine Gesellschaft paßte. Sein Aussehen war unmenschlich entstellt. Er war krank und von allen verachtet. Man sagte: „Der muß etwas auf dem Kerbholz haben, wenn Gott ihn so entstellt!“Man hat ihn bedrängt und vielleicht gefoltert. Kein Mensch hat sich darum gekümmert, daß hier einer unschuldig und auf elende Weise zugrunde ging. Nicht einmal ein ehrenvolles Begräbnis hat man ihm gegönnt.

So ergeht es dem, der sich nicht an die anderen anpaßt Eigentlich soll doch alles seinen Gang gehen, ohne Kampf und Leiden, ohne Gewalt und Verzicht. Wenn einer einen natürlichen Tod stirbt, ist das unvermeidlich. Stirbt er im Kampf, kann er zum Helden werden. Wird einer aber hingerichtet, dann ist er auch moralisch vernichtet; dann sagt man ihm: „Du bist es nicht wert zu leben!“

Mit dem Gottesknecht ist wahrscheinlich der Prophet selbst gemeint oder eine andere geschichtliche Persönlichkeit aus der Zeit der Gefangenschaft Israels in Babylon. Aber er hat das Schicksal Jesu im voraus abgebildet. Vielleicht hat Jesus sich in diesem Gottesknecht wiedererkannt. Zumindest haben die ersten Christen das Kapitel Jesaja 53 auf Jesus gedeutet und herangezogen, wenn sie vom Leiden und Sterben Jesu erzählten. Bestes Beispiel ist dafür

die Auslegung, die Philippus dem Kämmerer aus dem Mohrenland gegeben hat, der ja dieses Kapitel gelesen hat,

Aber regt uns eigentlich noch der Widerspruch auf zwischen dem unscheinbaren äußeren Erscheinungsbild und dem Anspruch, in der Vollmacht Gottes zu reden und zu handeln? Auf der einen Seite der schimpfliche Tod und auf der anderen Seite das Bekenntnis der Christenheit: „Jesus lebt und ist unser Herr!“ Wollen wir wirklich zu einem Mann gehören, der auf dem Friedhof in der Ecke für Mörder und Selbstmörder begraben wurde? Das grauenvolle Geschehen des Karfreitags war ja nicht ein bedauerlicher Zufall, sondern ist in der Natur der Menschen begründet, die jeden Störenfried ausschalten wollen.

Doch zu so einem bekennen wir uns, wenn wir uns unter das Kreuz stellen. Vielleicht sind wir schon zu sehr abgestumpft, daß wir das Grauenvolle des Geschehens gar nicht mehr erfassen. In jeder Kirche ist das Kreuz zu finden, manchmal noch in mehrfacher Ausführung. Manche haben es in ihrem Haus hängen oder auch als Schmuck um den Hals. Und die Bischöfe hängen es sich um als Zeichen ihrer Würde. So weit ist es gekommen mit dem Kreuz von Golgatha!

Aber in Wirklichkeit wollen wir das gequälte Gesicht eines Gekreuzigten nicht sehen. Wir sehen ja auch nicht gern die Bilder vom Leiden der Menschen, die uns Abend für Abend über das Fernsehen erreichen. Da wird auch täglich gelitten unter Krieg und Unterdrückung, Hunger und Katastrophen. Fast ist es schon etwas Alltägliches geworden.

Auch heute leidet und stirbt Christus noch, solange Böses geschieht, Menschen zum Opfer werden. Wo ein Mensch andere leiden läßt, da fügt er die Schmerzen auch Jesus zu. Auf dem Friedhof in Zakopane in Polen steht ein Grabmal, bei dem man einen Baumstamm ausgehöhlt hat als Hinweis auf die Gaskammern von Auschwitz. Und in der Höhlung hängt der Gekreuzigte, denn er ist mit gestorben in den Gaskammern und stirbt noch heute mit, wo Menschen unter der Gewalt anderer zu leiden haben.

Sollen wir uns daran gewöhnen und damit abfinden? Nein, das dürfen wir nicht. Der Gekreuzigte stellt sich uns in den Weg und lenkt unsren Blick auf die Menschen, für die wir verantwortlich sind. Er sagt: Wenn ihr das Leiden zulaßt, seid ihr mit daran schuld, daß ich immer noch leiden muß. Jesus mußte sterben, weil es Krieg auf der Welt gibt, weil Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder ihrer politischen Gesinnung unterdrückt werden, weil wir eben alle unseren Anteil an der Schuld der Menschen beitragen.

Doch wir können auch froh sein, daß Jesus für uns gestorben ist. Denn er trug unsere Krankheit und litt stellvertretend für uns. Kein Mensch ist ja imstande, seine Schuld selber zu tragen oder gar gutzumachen. Deshalb erschien Gott selbst in der leidenden Welt als Leidender. Seine göttliche Allmacht verhüllte er in der Schande und verzichtete auf alles, was ihn stark und erfolgreich machen könnte. Aber so solidarisierte er sich mit der verlorenen Welt und trug ihre Schuld.

In Südamerika gibt es einen gefährlichen Raubfisch, den Piranya. In großen Scharen bevölkern diese Fische die Flüsse und fressen in Minutenschnelle jedes Lebewesen auf, das sich ins Wasser wagt. Nun müssen aber die Hirten manchmal mit ihrer Herde auf die andere Seite wechseln, wenn die Weideplätze erschöpft sind. Dann nehmen sie eins der schwächeren Tiere, ritzen ihm die Haut auf und treiben es mit Stockschlägen in den Fluß. Sofort stürzen sich die Piranyas auf das verwundete Tier, vom Blut werden noch andere angelockt. Die Hirten aber ziehen mit ihrer Herde ein Stück flußabwärts unbehelligt durch den Fluß. E i n Tier muß geopfert werden, damit die anderen gerettet werden können.

So ist auch Jesus für die Menschen gestorben. Aber er mußte nicht mit Stockschlägen dazu getrieben werden, sondern er ging freiwillig. Er war das Kostbarste, das Gott opfern konnte. Aber er tat es im Gehorsam gegen den Vater, er wußte sich eng mit ihm verbunden. Wir meinen ja oft, Gott sei nur mit dem, der Glück und Erfolg hat und sich durchzusetzen vermag. Wer aber scheitert, der müsse von Gott verlassen sein und von dem müsse man sich als anständiger und frommer Mensch auch abwenden.

Am Gottesknecht aber kann man lernen, daß Gott nicht da ist, wo die größten „Erfolge“ sind. Gott ist nicht bei denen, die die dicksten Banknoten, die ausgeklügelster Führungsfähigkeiten und die schrecklichsten Waffen haben. Gott geht in unscheinbarer Gestalt durch die Welt, wird verachtet und gedemütigt. Aber in dem verabscheuten Dulder Jesus von Nazareth hat Gott sein großes Werk getan: die Wiedergewinnung der Verlorenen!

Zu dieser Selbsterkenntnis müssen wir aber erst einmal kommen. Wir geben zwar zu, daß wir nicht strafpunktfrei sind. Aber wir versuchen doch, mit unsrer Schuld ganz gut zu leben und sagen: „Ausrutscher kommen halt immer einmal vor!“ Wir fühlen uns im Recht, obwohl jeder Ausrutscher doch nur Zeichen für die falsche Grundentscheidung des ganzen Menschen ist. Nichts belastet uns so sehr wie unsere Sünde. Will Gott uns retten, dann muß er auch hier ansetzen.

Aber Schuld kommt nicht dadurch aus der Welt, daß man sie geflissentlich übersieht oder verdrängt. Schuld muß ausgeräumt werden, wirklich bereinigt. Das ist an Karfreitag geschehen, als einer auf Gottes Geheiß sich einsetzte bis zum letzten. Er hat nicht nur auf seinen eigenen Weg gesehen, sondern er dachte daran, was aus uns wird. Deshalb hat Gott auch Gefallen gefunden an dem Zerschlagenen und hat ihn gesund gemacht. Er wird leben und Nachkommen haben. Gott wird sich zu ihm bekennen. Er ist der Gerechte und wird viele gerecht machen. Äußerlich sah er ohnmächtig aus, aber gerade deshalb hat Gott ihn mächtig gemacht. So hieß es schon vom Gottesknecht bei Jesaja.

Jesus aber hat dieses Bild dann voll und ganz erfüllt. Seine Gottverlassenheit wurde zur Grundlage einer neuen Gottverbundenheit. Der Vater hatte den Sohn in die Hölle geschickt, weil er uns nicht dort lassen wollte. Das Gericht ist nicht ausgefallen, aber Jesus hat es auf sich gezogen. Nun kann sich jeder zu diesem Jesus flüchten, wenn er vor dem Gericht verschont werden will.

Das Einstehen für die anderen erhielt aber seinen letzten Sinn erst durch die Errettung Jesu vom Tode. Deshalb gehört zu Karfreitag auch gleich Ostern mit dazu. Wir können diesen Tag nicht abschließen ohne den Ausblick auf die Auferstehung. Im Grunde ist dann der Karfreitag doch nicht nur ein Trauertag, sondern ein Tag der Freude, weil wir wissen: Das alles ist für    u n s geschehen!

 

 

 

Ostern I: 1. Kor 15, 19 - 28          

Ein Friedhofsarbeiter wurde einmal gefragt, was er von der Auferstehung der Toten halte. Seine Antwort war: „Daran kann ich nicht glauben! Ich habe schon soviel Gräber zugeschaufelt, aber noch nie ist jemand wieder herausgekommen, sie sind alle verwest!“ Diese Tatsache läßt sich auch von einem Christen nicht bezweifeln. Wir sehen den Tod ganz realistisch: auch unsere Leiber werden in der Erde verwesen oder zu Asche zerfallen. Und doch glauben wir an eine Auferstehung durch Christus. Durch diesen Glauben wird uns das Sterben nicht erspart. Aber es wird uns die Furcht vor dem Tode genommen.

„Wir haben eine Zukunft“ - so könnte man diesen Abschnitt aus dem Brief des Paulus überschreiben. Die Optimisten sagen: Durch die Fortschritte der Medizin wird das Leben im Durchschnitt immer mehr verlängert. Das Beherrschen der Naturgesetze wird uns allen zu einem besseren Leben verhelfen, der Mensch und die ganze Welt werden sich zum Guten verändern. Die Pessimisten aber sagen: „Der Mensch ist des Menschen Feind, er zerstört seine Welt und damit sich selber. Die Welt geht einem schrecklichen Ende entgegen, es hat ja doch alles keinen Zweck!“

 

Paulus hält dem einen ersten Satz entgegen: „Die Zukunft hat schon begonnen!“ Voraussetzung dafür ist, daß Christus auferstanden ist. Das kann nicht bewiesen werden, auch wenn man jetzt meint, in Jerusalem das echte Grab Jesu gefunden zu haben. Die Auferstehung kann nur verkündet und geglaubt werden. Bei Paulus ist es noch das knappe Glaubensbekenntnis: „Gott hat Christus auferweckt!“ Das genügte, die Ostererzählungen kannte Paulus ja noch nicht.

Wir wissen nicht, wie die Auferstehung vor sich gehen soll. Auferstehung ist ein Geschehen, das keines unsrer Meßgeräte feststellen könnte. Auch die Auferstehung Jesu wird nirgends beschrieben, es war ja niemand dabei. Wir wissen aber auch alle, daß das nicht so leicht ist mit dem Tod. Wir wollen uns zwar auch damit trösten, daß wir noch viel Zeit haben. Wir fliehen, obwohl wir wissen, daß wir eingeholt werden. Wir wollen nicht gern an den Tod erinnert werden, nicht in diesen Frühlingstagen und nicht wenn wir noch jung sind. Aber die Bibel nimmt diese Wirklichkeit ernst. Sie weiß, daß man alt und lebenssatt aus dieser Welt scheiden kann. Aber sie weiß auch, wie ein Mensch am Sterben leiden kann und wie ihm vor dem Abgrund graut. Jesus selber ist ja ein Beispiel dafür.

Unsere Möglichkeiten erschöpfen sich mehr und mehr, schon durch das Alter: Was noch vor Jahren mühelos möglich war, geht jetzt nicht mehr. Der Atem wird kürzer, die Glieder sind nicht mehr so beweglich, die Organe lassen nach. Wir trösten uns damit, daß man im Alter reifer und weiser wird. Aber es kann auch ganz anders sein, nämlich daß der Verstand nachläßt und man nicht mehr Herr seiner Glieder und Sinne ist. Doch vielfach drängen wir den Gedanken daran zurück. Wer hat schon eine Patientenverfügung, die festlegt, was im Falle geistiger Umnachtung an medizinischen Maßnahmen gemacht werden soll und was nicht? Wer hat überhaupt ein Testament, auch wenn er erst vierzig Jahre alt ist?

Gelassen und zuversichtlich kann man nur sein, wenn man sich fest vor Augen stellt: Gott beginnt noch einmal von vorn! Es muß uns nicht grauen vor dem Tod, sondern wir können uns beruhigt in Gottes Hand fallen lassen, so wie man sich abends nach einem anstrengenden

Tag in den Schlaf fallen läßt und am nächsten Morgen fröhlich erwacht.

Das ist wie nach dem Kriege, als die Nachricht kam: Die ersten Entlassungen aus der Kriegsgefangenschaft haben schon begonnen. Die anderen haben den Entlassungsschein schon in der Tasche. Jetzt kann nichts mehr dazwischen kommen. Genauso klingt das, was Paulus nach Korinth schreibt: Nun aber ist Christus auferstanden und der Erste unter den Verstorbenen, die anderen werden folgen! Die Zukunft hat schon begonnen!

So haben auch die Gegner des Paulus in Korinth gesprochen. Sie haben nicht bestritten, daß Christus auferstanden ist. Streit gab es nur darüber, was aus dieser Tatsache für das Leben der Christen folgt. Die Korinther meinten, das Leben der zukünftigen Welt durch die Taufe schon in sich zu tragen. Sie würden das neue Leben schon von Natur aus in sich zu tragen, einer Auferweckung durch Gott bedürfe es gar nicht mehr. Diese Ansicht hat sich selbst bei guten

Christen bis heute erhalten: Sie sprechen dann von der Unsterblichkeit der Seele, die den Tod überdauert. Doch das ist nicht christliche Lehre: Auch die Seele wird sterben, denn sie gehört zu dem „alten Adam“. Aber der Mensch „in Christus“ stirbt nicht, sondern bleibt auf ewig mit Christus verbunden.

Jesus Christus können wir aus diesem Vorgang nicht herauslassen. Seinen Tod und seine Auferstehung können wir ebenso wenig überspringen wie unseren Tod und unsere Auferstehung. Was uns noch bevorsteht, hat er schon hinter sich. Aber in seiner Auferstehung ist unsere Auferstehung schon verbürgt. Für die Irrlehrer hat sich mit Jesu Auferstehung nichts verändert, für Paulus aber begründet sie alle Hoffnung und Gewißheit. Wenn wir uns zu Christus halten, dann haben wir schon Anteil an diesem neuen Leben.

Gott setzt durch den Tod einen Punkt hinter unser altes Leben. Aber er setzt nicht nur einen Punkt, sondern einen Doppelpunkt: Nach dem Doppelpunkt kommt erst das Wichtige. So läßt Gott unser Leben noch einmal in ganz neuer Weise unter ganz neuen Bedingungen erstehen.

 

Aber Paulus macht noch eine zweite Aussage: „Die Zukunft steht noch aus!“

Daß es bis zur Zukunft noch dauert, soll nicht heißen, daß sie dadurch ungewiß würde. Luther hat dafür einen schönen Vergleich gebraucht. Er sagt: „Wenn ein Kind geboren wird, sagt die Hebamme: Der Kopf ist schon da, jetzt ist es gleich geschafft!“ Wenn Christus den Durchbruch geschafft hat, zieht er die anderen automatisch mit sich. Deshalb singen wir auch im Lied: „Lässet auch ein Haupt sein Glied, welches es nicht nach sich zieht!“

Christus will in Zukunft nie mehr ohne seine Gemeinde sein. Und wenn Gott ihn auferweckt

hat, dann ist damit auch über unsere Zukunft entschieden. Es ist also gut, wenn wir uns an Christus halten. Der Zugang zu ihm wird uns ja leicht gemacht. Adams Kinder wurden wir durch die Geburt. Gottes Kinder und Brüder Christi aber werden wir durch die Taufe und den Glauben. Der Glaube an die Auferstehung spielt dabei die entscheidende Rolle. Damit steht und fällt alles.

Es geht dabei nicht darum, unseren natürlichen Lebenshunger in ein jenseitiges Paradies zu übertragen. Mancher Ungläubige wird das wohl sagen: „Ihr redet euch das so lange ein, bis ihr es selber glaubt. Weil ihr es euch wünscht, geht schließlich die Phantasie mit euch durch!“ Ja, wenn es tatsächlich so wäre, hätte Jesus nicht auferweckt zu werden brauchen. Wenn es nur um einen psychologischen Trick ginge, um eine Art Morphium, das uns über die wahren Verhältnisse hinwegtäuscht, dann hätte Gott es sich leichter machen können. Was hätte dann aber er Tod Jesu und seine Auferstehung für einer Sinn gehabt? Nein, Gott wußte schon, was er tat. Er mußte es tun, um uns aus der Gewalt des Todes befreien zu können.

So aber werden wir zu einer stichhaltigen Hoffnung aufgerufen. Die Echtheit dieser Hoffnung erweist sich gerade an Sterbebetten und an Gräbern. Zum Glück brauchen wir an einem Grab nicht zu sagen: „Leute, beugt euch unter Gottes unwiderstehlichen Willen. Mit dem Tode ist alles aus. Ihr habt gottergeben die Schmerzen und der Verfall auszuhalten, bis Gott es endgültig dunkel um euch werden läßt!“ So ähnlich wird es bei weltlichen Trauerfeiern gesagt, nur daß dabei natürlich nicht von Gott die Rede ist.

Als Christen aber brauchen wir nicht der Schwere der Wirklichkeit zu erliegen, wir brauchen uns nicht mit den Realitäten abzufinden. Gott bringt uns eine gute Nachricht, die viel Schönes und Wünschenswertes enthält. Sie richtet unser Leben wieder auf, gibt uns Freude am Leben, Mut zum Verändern und ermöglicht uns erst ein menschliches Leben.

Das kann uns auch davor bewahren, den Anforderungen der Gegenwart auszuweichen, indem wir nur auf die Zukunft blicken. Es gibt ja auch unter uns immer neue Menschen, die in einer gewissen Atemlosigkeit immer wieder Ziele und Projekte in Angriff nehmen und dadurch sich unter einen ständigen Zeitdruck bringen. Wiederum tut uns hier Nüchternheit gut. Auch diese Hektik gehört mit zu der unerlösten Welt, die durch der Tod aufgehoben wird.

Paulus gibt sogar eine Reihenfolge an, in der immer schön eins nach dem anderen kommt: Erst ist Christus auferstanden. Dann werden die auferstehen, die zu Christus gehören, aber erst, wenn er kommen wird. Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Und dann kommt das Ende.

Wie dieses Ende aussehen wird, das wissen wir auch schon. Paulus sagt: „Christus wird alle Macht in der Welt beenden und die Herrschaft an Gott zurückgeben. Still und unbemerkt hat

diese Herrschaft schon begonnen. Nicht nur der einzelne Christ oder die Kirche sollen aus der Welt herausgerettet werden, sondern die ganze Welt wird heil werden. Am Ende der Zeit wird Christus sein Werk beenden. Dann meldet er dem Vater: ‚Alles ist unterworfen!‘ Dann ist die Herrschaft Gottes durchgesetzt!“

Wir aber haben das Recht, dieser Zukunft entsprechend heute schon zu leben, obwohl sie noch unter dem Kreuz verborgen ist. Ostern läßt uns ausblicken auf unser neues Leben und den neuen Himmel und die neue Erde. Mit Ostern ist unsre Zukunft angebrochen.

 

 

Ostern II : Apg 10 , 34 - 43

Karfreitag war wie das gewaltsame Ende eines Boxkampfes: Die Verhaftung Jesu war der erste Niederschlag, da mußte er schon auf die Bretter. Die Verurteilung war der entscheidende zweite Schlag. Und seine langsame Hinrichtung ist vergleichbar mit dem Zählen des Ringrichters bis zum „Aus“. Der Kampf war entschieden. Jesus hatte verloren. Aber dann kam etwas, was niemand für möglich gehalten hätte und was es auch beim Sport nicht gibt: Obwohl Jesus k.o. geschlagen wurde, hat Gott ihn zum Sieger erklärt. Das ist unfaßbar, aber eine Tatsache: Der äußerlich Unterlegene ist in Wahrheit der große Sieger!

Für Petrus war es nicht einfach, diese Erkenntnis den Heiden im Haus des Hauptmanns Cornelius zu vermitteln. Sie hatten zwar schon Kontakt zum Judentum, aber Gottes Tat an Ostern ist im Grunde für jeden schwer verständlich. Petrus erzählt zunächst aus dem Leben Jesu, weil dieses mit dem Sterben und Auferstehen zusammengehört. Dadurch wird der Auferstandene nicht zu einer nebelhaften Größe, zu einer überirdischen Gottheit ohne Gesicht, sondern trotz seiner himmlischen Herkunft bleibt er menschlich.

Petrus verwendet keine schwergewichtigen theologischen Ausdrücke, sondern er sagt: „Gott war mit ihm!“ Aber dieser harmlos erscheinende Satz hat es in sich. Damit ist mehr gemeint, als daß Jesus nur im Rückenwind des  Wohlgefallens Gottes gesegelt wäre. Sie haben ihn ja dennoch ans Holz gehängt und umgebracht.

Hier wurde ein harter Kampf ausgetragen um Menschen, die vom Teufel überwältigt waren. Aber Jesus hat dem Teufel sozusagen in der Rachen gegriffen und gerade da, wo der Fürst dieser Welt regiert, die Sache Gottes betrieben. Schon in seinem Erdenleben hat sich das gezeigt. Erdenwirken und Ostersieg Jesu gehören zusammen.

Plötzlich wußten die Jünger: Jesus lebt, er ist bei uns! Sie drückten das dann so aus: „Wir haben ihn gesehen!“ Irgendetwas muß geschehen sein, daß diese feiger Männer zu neuen Menschen gemacht hat. Nirgends wird beschrieben, was da genau geschehen ist, aber seine Auswirkungen waren deutlich festzustellen.

Die Jünger haben für das Ostergeschehen das Wort „Auferstehung“ verwendet, weil man sich damals etwas darunter vorstellen konnte. In vielen Religionen sah man das Absterben der Natur im Herbst und ihr Wiedererwachen im Frühjahr als das Sterben und Auferstehen der Gottheit an. Im Grunde hat sich das ja noch bei uns gehalten. Ostern wird als Frühlingsfest bezeichnet und die Neubelebung der Natur in den Mittelpunkt gestellt. Oder zumindest vergleicht man die Auferweckung Jesu mit der Auferweckung der Natur.

Doch das geht nicht: Bei Jesus handelt es sich um eine einmalige Tat Gottes, die sich nicht alle Jahre wieder ereignet, sondern die sich nicht wiederholen wird. Was wir als „Auferstehung der Toten“ bezeichnen geschieht erst am Ende aller Tage. Das Entscheidende aber, was die Jünger an Ostern verkünden, lautet: „Jesus lebt schon jetzt, hier und heute!“

Jesus war nicht ein Religionsstifter und Menschenfreund, der vor fast 2000 Jahren gelebt hat und dessen Worte noch weiterwirken und Geschichte machen. Er hat auch nicht etwas in Gang gebracht, das nun ohne ihn weiterläuft wie ein Eisenbahnwagen auf dem Rangiergleis. Jesus ist eine Person, deren Namen man anrufen kann, und die Kirche ist die Gemeinschaft der Menschen, in denen Gott selbst gegenwärtig ist und wirkt. Sie ist aus der Botschaft vom auferstandenen Christus entstanden, ohne Ostern gäbe es sie nicht.

Petrus betont immer wieder: „Dafür sind wir Zeugen!“ Den Auferstandenen haben nur die ausgesuchten und bestimmten Zeugen gesehen, die schon zu seinen Lebzeiten mit ihm zusammen waren. Sie durften als Erste erfahren, daß Jesus kein Vergangener ist, sondern Gott ihn am dritten Tag auferweckt hat von den Toten.

Diese Predigt aber richtet sich „an alles Volk“. So hat sich die Botschaft von Ostern über die Welt ausgebreitet und ist eines Tages auch zu unseren Vorfahren gekommen. Keiner gehört von Geburt an zum Volk Gottes. Aber durch die Taufe ist allen Menschen die Möglichkeit eröffnet, Glieder des Gottesvolkes zu werden.

Das gilt auch für die Heiden in unserer Umgebung, die noch nicht oder nicht mehr zur Gemeinde gehören. Wir können nicht einfach sagen: Die sind verlorene und verdammte Menschen! Gott kann auch an ihnen das Wunder tun, daß sie zum Glauben finden. Und wir erleben das hin und wieder ja auch, daß so etwas geschieht, trotz unserer Schwachheit und unseres Versagens in der Liebe.

Allerdings stoßen in anderen Ländern mehr Leute zur Kirche als bei uns. Auf keinen Fall können wir mehr vom „christlichen Abendland“ reden und von den armen, unterentwickelten Heiden in Afrika. Heute geht es um eine Mission in allen fünf Kontinenten. Gott hat viele Möglichkeiten, auch wenn Manches von unseren gewohnten Vorstellungen abweicht. Aber Gott kann immer und überall wirken.

Aber immer kann man sich nur auf das Wort der Zeugen verlassen. Auch zu uns kommt das Osterereignis nur durch die Predigt. Wichtig ist allein, daß wir diesem Wort glauben. Was dagegen damals im Einzelnen geschehen ist, braucht uns nicht so sehr zu interessieren. Entscheidend ist allein, daß Jesus heute der Lebendige ist und im Abendmahl uns nahe kommt. Da ist er greifbar und schmeckbar, da wirkt er in die Welt hinein und will zu allem Volk kommen, da kann man zu seinem Leib werden.

Für Petrus war es nicht leicht, in das Haus eines Römers zu gehen und dort von Jesus zu erzählen. Sein ganzes Inneres muß sich dagegen gesträubt haben, daß auch diese Heiden zum Volk Gottes gehören sollen. Durch die Auferweckung Jesu kann auf einmal jeder „Kind Gottes“ werden, egal aus welchem Volk oder welcher Rasse oder welcher Gesellschaftsschicht er kommt, ob er Mann oder Frau, Kind oder Greis ist. Gottes Sache läßt sich nicht beschränken auf eine bestimmte Gruppe oder eine bestimmte Art des Glaubens oder der Frömmigkeit. Deshalb muß eine christliche Gemeinde Platz haben für die verschiedenartigsten Menschen, Interessen und Anschauungen.

Allerdings ist durch diese Vielfalt der christlichen Kirchen eine Entwicklung eingetreten, die sicherlich nicht im Sinne Gottes war: Wir haben heute nicht mehr die eine christliche Kirche, sondern die verschiedensten Kirchen und Kirchlein, Gruppen und Grüppchen. Man kann diesen Zustand der Kirche am besten mit einem Baum vergleichen, so eine Art „Stammbaum der Christenheit“.

Seine Wurzeln liegen im Judentum und entsprossen ist er aus Jesus von Nazareth. Dann war die Kirche etwa  tausend Jahre eine Einheit, bis es zur Spaltung in Ostkirchen und Westkirchen kam. Weitere 500 Jahre später hat sich die Westkirche noch einmal gespalten in die römisch-katholische Kirche und die Kirchen der Reformation mit den drei Hauptzweigen lutherische, reformierte und anglikanische Kirchen. Aber auch die haben sich verästelt, so daß nur

ein mächtiger Baum mit einer reichgestalteter Krone entstanden ist.

Man mag das einerseits bedauern, daß die Kirche nicht mehr eine organisatorische Einheit ist. Aber andererseits kommt es doch auf die innere Einheit an. Heute arbeiten fast alle christlichen

Kirchen im Weltrat der Kirchen zusammen. Nur die römisch-katholische Kirche ist nicht Mitglied, weil sie sich selbst als die eine weltweite Kirche versteht; aber sie ist auch durch Beobachter vertreten und arbeitet an vielen Stellen mit.

Die Einheit der Kirche zeigt sich heute nicht mehr in einer Einförmigkeit. Die Sitten und Gebräuche können ohne Schaden unterschiedlich sein. Selbst in der Theologie kann es manche Unterschiede geben, weil die eine Gruppe das eine mehr betont und die andere das andere. Wichtig ist allein, daß wir alle den gleichen Glauben und den gleichen Gott haben.

Wir dürfen dankbar sein, daß es in unserer Zeit nicht bei einem Nebeneinander der vielen geschichtlich gewordenen Kirchen geblieben ist. Durch den Austausch und das gegenseitige Kennenlernen ist viel Verständnis gewachsen und jede Kirche selber bereichert worden. Das merken wir auch, wenn wir mit Christen des Auslands zusammenkommen.

Aber die Gemeinschaft der Christen zeigt sich auch am Ort.

Wir haben nicht das Recht, die Weise des Kirchenseins zum Beispiel der Katholiken und ihre Art des Glaubens abschätzig zu betrachten. Gottes Heiliger Geist wirkt auch unter ihnen. Wir sollten eher darauf achten, daß wir ihn auch ungehindert unter uns wirken lassen. Wir haben ihn nicht allein für uns gepachtet. Aber Gott gibt uns die Möglichkeit, uns von dieser Kraft beschenken zu lassen.

Die Herrschaft des auferstandenen Christus erstreckt sich aber nicht nur auf die Herzen der Menschen, sondern auch über die außermenschliche Kreatur. Solange er in Palästina lebte, war sein Wirken begrenzt. Seit Ostern aber ist seine Wirksamkeit entschränkt.  Nun können alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen. Christus will ja nicht verdammen, sondern erretten. Dies geschieht in der Taufe. Und die schon Getauften sollten das immer wieder wahrnehmen, was sie in Christus haben.

Jesus ist gekommen, den Frieden zu verkünden, sagt Petrus am Beginn seiner Predigt; den Frieden zwischen Gott und den Menschen und den Frieden der Menschen untereinander. Das könnte viel bedeuten für das politische Zusammenleben von Ost und West, Nord und Süd, in Deutschland, Mittelamerika und in Vorderasien. Aber wir brauchen gar nicht an die großen Spannungen in der Welt zu denken.

Auch im alltäglichen Zusammenleben der Menschen brauchen wir den Frieden, der von Gott kommt. Da geht doch oft so vieles schief! Wenn wir in unserem kleinen, ganz alltäglichen Be­reich Frieden halten, dann haben wir schon unseren Beitrag zum Frieden des Osterfestes geleistet. Gott selber hat uns das Vorbild gegeben, als er wieder Frieden geschlossen hat mit      d e n Menschen, die seinen Sohn umgebracht haben.

Das neue Leben des Christus muß auch zu einem neuen Leben der Christen führen. In der Folge der Auferstehung haben sie den Frieden zu bezeugen und zu leben. Wir können die Aufgabe an Ostern auch mit dem zweiten Wort sagen, das Petrus hier verwendet: „Vergebung!“ Am Anfang seiner Predigt spricht er nur allgemein vom Frieden. Am Schluß aber wird er konkret und spricht von der Vergebung.

Wir brauchen die Vergebung für all das, was wir Gott angetan haben. Die hat Jesus uns an Karfreitag und Ostern verschafft. Doch nun wird es für uns darauf ankommen, ebenso zur Vergebung bereit zu sein und etwas von der Osterfreude zu allen Menschen zu tragen.

 

 

Quasimodogeniti: Jes 40, 26 - 31

„Gott ist der Herr der Weltgeschichte!“ Diesen Glaubenssatz kann man nicht mit einigen Tatsachen mühelos beweisen. Was gegen den Glauben an Gott spricht, läßt sich leichter darstellen. Die Israeliten waren nach Babylon verschleppt           worden. Seit Jahrzehnten lebten sie schon unter den Heiden. Ihr Gott wohnte in Jerusalem und im fremden Land konnte man nicht einmal zu ihm beten, dachte man: Sie glaubten sich von Gott verlassen und vergessen .Sie haben ihn zum Richter angerufen; aber er ließ ihren Fall an sich vorübergehen, als hätte er nichts gesehen und bemerkt.

Gegen diese Hoffnungslosigkeit tritt der Prophet auf. Er verkündigt den Gott, der sich durchaus nicht zurückgezogen hat, sondern machtvoll und unablässig am Werke ist und den Seinen neue Kraft zum Leben zuführt. Die Veränderung der Welt beginnt für ihn mit der Erneuerung der Menschen. Das ist ja das Thema des heutigen Sonntags. Neue Menschen („Wiedergeborene“) werden wir aber nur aus Gottes Kraft. Denn er hat die Macht, er wird nicht müde und er macht uns wieder jung.

 

1. Gott hat die Macht:

Wir kennen wohl alle das Gefühl der Rechtlosigkeit. Man hat ein gutes Gewissen und wird doch angeklagt und verurteilt. Der Schüler erhält eine ungerechte Benotung und kann nichts dagegen tun. Im Beruf kommt man trotz aller Fähigkeiten nicht weiter, weil man nicht bei allem mitmachen will. Und Gott scheint dazu zu schweigen und alles zuzulassen. Mancher sagt dann: „Jetzt glaube ich gar nichts mehr!“

Was wir schon in unserem kleinen Menschenleben an Verzweiflung spüren, gilt erst recht in der großen Weitgeschichte. Da wird ein Krieg angefangen, Menschen werden gefoltert und gejagt, für die Kinder ist kein Arzt da, viele hungern - und die Weltöffentlichkeit kümmert sich nicht darum. Menschen sind hilflos und ohnmächtig ins Räderwerk der Geschichte geraten. Die kleinen Leute haben ja immer auszubaden, was die großen Drahtzieher sich ausgedacht haben. Aber wen wundert es da, wenn man an Gott zu zweifeln beginnt?

Auch wir erleben es, wie einem glaubenden Menschen der feste Boden unter den Füßen entgleitet. Keiner sollte sich deswegen schämen und keiner ist deswegen zu verachten. Aber gerade in solchen dunklen Stunden sollte er auf Erinnerungen zurückgreifen, auch auf Erfahrungen anderer Christen. Der Glaube hält sich an das Gelernte: ein Gesangbuchlied, einen Satz aus einer Predigt, ein Teil eines Gesprächs. Auf einmal fallen sie uns ein und erinnern und daran, daß wir ja schon einmal fest gestanden haben und auch wieder dahin zurückkehren können.

Der Prophet erinnert an die großen Taten Gottes in der Geschichte („Hast du nicht gehört?“). Aber er will auch den Glauben den Gott den Schöpfer werken („Hebet eure Augen in die Höhe und sehet“). Der Schöpfungsglaube stützt den Heilsglauben. Die Erkenntnis Gottes aus der Natur ist nicht ein Stück Heidentum, dessen wir uns heute schämen müßten. Auch der erste Artikel gehört zu unserem Glaubensbekenntnis. Doch in der Natur wird man Gott nur wiederfinden, wenn man vorher schon von ihm weiß.

Was hätte der Prophet wohl gesagt, wenn er gewußt hätte, was wir wissen: das Weltall mit seinen Ausmaßen, die Sonnen und Monde, die Himmelserscheinungen und Raketen. Wir ahnen heute, daß in dem lebensfeindlichen Weltall die Erde nur eine ganz kleine bunte Kugel ist. Wir wissen, wie wichtig das wärmende Licht der Sonne und die bergende Lufthülle ist. Die Größe des Raums dagegen geht über unser Vorstellungsvermögen. Gott aber ist mitgewachsen, er erfüllt auch die Weiten des Weltraums.

Und doch ist er uns auf unserer Erde nahe. Wenn wir die Augen aufmachen, dann erkennen wir auch in unsrer unmittelbaren Umgebung die Spuren Gottes. Wir sehen die Schönheit des Frühlings, der Blüten und Blätter. Wir hören den Gesang der Vögel und sehen die lachenden Kindergesichter. Wissen wir, daß das alles aus Gottes Händen kommt? Oder sind wir betriebsblind geworden für die Schöpfung?

Der Prophet sieht das Heer der Sterne über den Nachthimmel ziehen. Gott führt sie heraus wie ein Feldherr. Er läßt sie jeden Abend antreten und keiner fehlt. Und dann ziehen sie ihre Bahn nach seinem Befehl. Nach babylonischer Auffassung waren die Sterne Götter, die über das Schicksal der Menschen entscheiden. Noch heute glauben manche Leute das und tragen ihr Sternbild als Glücksbringer mit sich.

Aber der Prophet aus dem kleinen Volk Israel hat sie schon damals vom Thron gestoßen. Nicht die Gestirne verfügen über den Menschen, nicht irgendwelche Mächte regieren die Welt, sondern allein Gott, der das alles erschaffen hat.

Die Götter der Heiden hielten es immer mit den Stärkeren. Sie schienen ja auch über das schwache Israel gesiegt zu haben. Aber unser Gott steht immer auf der Seite der Unfreien und Unterdrückten und Ohnmächtigen. Dieser Gott nimmt nicht nur, sondern er ist immer der Gebende. Die Antwort auf die Frage, ob es einer Gott gibt, lautet nicht: „Ja, es gibt ihn!“ sondern wir sagen besser: „E r gibt!“ Wer begriffen hat, was Gott ihm und der ganzen Menschheit gibt, für den erledigt sich die Frage nach dem Dasein Gottes ganz von selbst.

Das Bekenntnis zu Gott war damals in der Welt der vielen Götter schon ein Wagnis. Immer mehr wurde zur Gewißheit, daß seine Macht auch bis Babylonien reicht. Ja, man wußte sogar: Die Großmacht Babylon wird nur solange am Ruder sein, wie Gott es will. Das dürfen auch wir uns sagen, die wir in einer Welt der Gleichgültigkeit gegenüber Gott leben: „Gott ist der Herr der Schöpfung und der Geschichte!“

Das sollten wir uns immer wieder sagen bei aller Angst vor der Zwängen des Geschichtsverlaufs. Alle verabscheuen die Höllenwaffen unseres Zeitalters. Lieben wird sie keiner, denn jeder fürchtet die Waffen des anderen und vertraut auf die eigenen. Dabei sollen wir doch allein Gott fürchten, lieber und vertrauen. Aber wer die Waffen baut, handelt wie unter Zwang. Diesem Teufelszwang können wir nur begegnen, indem wir das Ungeheuerliche ächten und verachten. Gott sucht Menschen, die festen Boden unter den Füßen haben und den Zwängen widerstehen. Er will uns frei machen zum Vertrauen, damit wir die Vernichtung verhindern können. In seinem Mühen um uns gibt er dabei nicht auf.

 

2.  Gott wird nicht müde:

Gott ist nicht wie ein Uhrmacher, der die Uhr hergestellt und aufgezogen hat, und nun tickt sie von allein und braucht den Meister nicht mehr. Gott hat sich nicht zur Ruhe gesetzt. Er ist nicht so etwas wie ein Ehrenpräsident des Weltalls. Er hat sich nicht aufs Altenteil zurückgezogen, sondern er treibt die Geschichte mit seinem Volk und mit aller Welt weiter. Er wird nicht müde und matt, sondern er schafft das neue, das nicht mehr der Vergänglichkeit unterliegt.

Schöpfung ist nicht nur Gottes Werk von einst, sondern seine Schöpfung geht weiter. In den Vorgängen der Natur, in dem ganz Üblichen und Alltäglichen, ist Gott am Werk. An Ostern hat er gezeigt, wie groß seine Kraft ist. Gott steht zwar hoch über uns. Aber er ist auch ganz nahe bei uns. Er will uns in unsrer Schwachheit helfen, und zwar von unten her, durch das Mitleiden und Auferstehen Jesu.

Aus dem Überfluß seiner Kraft will er die müden Menschen stärken. Er hat soviel aufgestaute Energie, die nur darauf wartet, sich zum Heil der Menschen auszuwirken. Manche möchten alles aus eigener Kraft schaffen, um nicht von einem anderen abhängig zu werden. Aber in Wirklichkeit erhalten wir unsre Lebenskraft von einem Augenblick zum anderen von Gott selbst. Wir brauchen die Last unseres Lebens nicht zu tragen wie der Esel den Sack. Wir tragen vielmehr das Kreuz, und dieses hat die merkwürdige Eigenschaft: Wer es trägt, der merkt auf einmal, daß es i h n trägt.

Das muß3 nicht heißen, daß wir auch große körperliche Kräfte bekommen. Damit sind wir sowieso bald am Ende, auch bei jungen Menschen ist das so. Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, nicht um noch mehr arbeiten zu können bis zum Umfallen, sondern um den Weg Gottes mitgehen zu können. Wer Gottes Pläne mit verwirklichen hilft, der wird davon geradezu beflügelt. Gott fragt uns, ob wir bereit sind, mit ihm für die neue Welt zu wirken. Er braucht uns, damit bei allen Menschen Ostern werden kann.

 

3.  Gott macht uns jung:

Wir haben unter uns sicherlich eine nicht geringe Zahl an verbrauchten und übermüdeten Menschen. Auch der Prozeß des Alterns ist nicht aufzuhalten, sondern man kann höchstens jedem Lebensalter seine besonderen Vorzüge abgewinnen. Aber es geht nicht darum, die in uns selbst liegenden Kraftreserven aufzuspüren und einzusetzen, also dem innerweltlichen Kraftstromnetz noch eine außerweltliche Energiequelle zuzuschalten.

Unser ganzes Leben ist umschlossen von dem Ja Gottes. Wir brauchen nicht mit dem Mut der Verzweiflung gegen alles Mögliche zu kämpfen und anzurennen. Gott hat in allem seine Hand im Spiel. Er bestimmt uns Zeit und Ort, stellt uns Menschen an die Seite und macht sie

uns zur Aufgabe, er öffnet uns Türen, vor allem aber auch eine Zukunft.

Unsere Müdigkeit und unser lähmender Mißmut kommen wohl meist daher, daß wir vergessen , wen wir vor uns haben. Trübe Voraussagen sperren die uns zugedachte Kraftzufuhr. Christi Auferstehung erschließt uns aber einen neuen Horizont. Dann mag zwar der äußerliche Mensch verfallen, aber der innere wird von Tag zu Tag erneuert, wir werden wieder zu „beschwingten“ Menschen.

 

 

Miserikordias Domini: Hebr 13, 20 - 21 (Variante 1)

Wenn ein Kind krank ist, dann versucht die Mutter alles, daß es wieder gesund wird: sie flößt ihm Tee ein, macht heiße Umschläge, greift zu allerhand Hausmitteln. In schwierigen Fällen wird der Doktor geholt. Aber auch dann geht es mit der Besserung noch nicht schnell genug voran: man schluckt die Medizin, probiert aber weiterhin auch all das andere mit aus.... vielleicht hilft es ja doch.

Es liegt wohl in der Natur des Menschen, daß er selber etwas schaffen und leisten will. Er will „machen“, will eine Sache vorantreiben, will selber erfolgreich sein. Er will möglichst auf niemand angewiesen sein, will niemand belästigen, will selber den Ruhm ernten. Auch Gott soll nicht helfen dürfen, man möchte ihm nicht verpflichtet sein, ihm nicht dankbar sein müssen.

Dabei ist es doch so schön, sich helfen zu lassen. Vielleicht sind die wirklich schönen Dinge im Leben das, was uns geschenkt wurde. Wir müssen nicht meinen, wir müßten alles selber tun. Man darf sich auch etwas schenken lassen, vor allem von Gott. Er will wirken. Aber er läßt uns auch die Freiheit zum eigenen Tun.

Der Hebräerbrief stellt vor allem zwei Dinge heraus, die Gott tun will: den Frieden und das Gute! Beides ist nur möglich, weil Christus gestorben und auferstanden ist. Das Reich des Todes wird von einer Mauer umgeben, zu der auch wir täglich neue Steine hinzufügen: jedes böse Wort, jeder Mißbrauch unserer Möglichkeiten, jede Lieblosigkeit, jeder Schaden an der Natur ist solch ein Baustein. Aber Gott hat eine Bresche in die Mauer geschlagen und seinen Sohn als ersten wieder herausgeholt. Jesus mußte auch Etwas dazu tun: sein Blut wurde vergossen. Aber Gott hat den Tod überwunden und den Anfang gemacht für ein gutes Verhältnis zu den Menschen.

Das wird uns auch heute gesagt, wo wir den Sonntag des „guten Hirten“ begehen. Zur Zeit Jesu dachte man dabei an Mose, der sein Volk aus der Gefangenschaft herausführte und der den Bund zwischen Gott und seinem Volk am Sinai besiegelte. Wir aber denken an Jesus,

der durch seinen Tod und sein Auferstehen den neuen Bund geschlossen hat und uns ein neues Leben ermöglicht hat, in dem der Friede und das Gute herrschen.

Der Friede ist der Wunsch aller Menschen. Aber dennoch gibt es viele Konflikte im Zusammenleben sowohl der Völker als auch der Menschen. Deshalb sind viele auch niedergeschlagen oder entmutigt. Sie sagen: Egal wen wir wählen, es nutzt nichts, es machen doch alle das Gleiche. Trotz aller Entspannung geht die Rüstung weiter.  Obwohl wir sorgfältig den Müll getrennt sammeln, wird der Müllberg immer größer und wird vielleicht sogar vor unsrer Haustür aufgeschüttet. Die Steuern werden an der einen Stelle ermäßigt, an der anderen erhöht. Wo können wir da noch mitreden oder gar mitregieren?

Vielfach muß ja auch einfach in unsrer Welt mit dem Gesetz regiert werden. Ein Chef muß das Sagen haben, denn er muß auch den Kopf hinhalten, wenn etwas schief geht. Ohne Befehl und Gehorsam geht es nicht ab in unsrer Welt. Wenn einer am Verkehr teilnimmt, dann kann er nicht so tun, als gäbe es dafür keine Regeln. Doch wie oft setzt sich der Einzelne darüber weg und trägt damit bei zum Unfrieden in der Welt: 100 km pro Stunde sind erlaubt, da gehen auch noch 120 km. Zwei Glas Bier darf man sich genehmigen, warum nicht auch vier? Und wenn Parkflächen fehlen, dann wird auch dort geparkt, wo andere gefährdet werden. In solchen Fällen müssen Übeltäter schon die Härte des Gesetzes spüren. Etwas anderes ist es, wenn sich einer ernsthaft bemüht hat und dennoch etwas passiert ist. Dann sollte man Nachsicht üben und Gnade vor Recht ergehen lassen.

Hieran kann man sich den Unterschied zwischen den Hirten dieser Welt und Jesus, dem guten Hirten, deutlich machen. Die Könige der alten Welt nannten sich gern „Hirten“. Aber wieviel Blut haben sie vergossen, um dieses Hirtenamt auszuüben! Sie meinten, über eine gewisse Strecke hin müsse man auch einmal Gewalt üben, damit es nachher umso besser werden kann. Sie wollten die Menschen zu ihrem Glück zwingen. Aber das war das Argument aller Gewaltherrscher, daß sie schon wüßten, was für die Menschen gut ist.

Christus dagegen hat nicht das Blut der anderen vergossen, sondern hat sein eigenes Blut hingegeben. Er leitet nicht mit dem Gesetz, sondern mit seiner grundlosen Güte. Er steht bedingungslos für uns ein und fängt sogar unser Versagen auf. Regierung und Fürsorge werden bei ihm in eins gesehen.

Dieses Vorbild sollte uns anreizen, nun unsererseits Frieden zu halten. Es ist doch schrecklich, daß es in den letzten Jahrhunderten kaum ein Jahrzehnt gab, in dem nicht irgendwo auf der Erde die Völker miteinander gekämpft haben. Wie schnell gibt es Streit zwischen Nachbarn, wenn einer eigenmächtig etwas verändert oder wenn keiner bereit ist, einmal zurückzustecken. Wie schnell geraten Kollegen aneinander, wenn einer sich vor einer ungeliebten Arbeit drücken will oder wenn einmal schlecht über einen anderen geredet wird.

Gott aber will die Welt durch Christus, den guten Hirten, regieren. Er regiert durch Wort und Sakrament und setzt uns alle als Botschafter an Christi Statt ein. So will er die Welt regieren

mit Güte und herzlicher Liebe. Doch die Wirklichkeit sieht leider immer noch anders aus, selbst in der Kirche. Sie soll zwar von Christus geleitet werden, aber sie ist auch eine Organisation wie andere. Auch den kirchenleitenden Persönlichkeiten ist das Schicksal des einzelnen oft gleichgültig. Sie sagen: „Wir haben da mehr Erfahrung; wir hängen uns da nicht hinein, denn es bringt uns nichts!“ Sie wollen wissen, was richtig ist, ohne hingesehen zu haben. Und auch bei ihnen regiert vielfach das Geld.

Christus aber sieht Regierung und Fürsorge in eins. Sein Dienst geht bis zum letzten Atemzug. Es geht ihm um die Herde und um nichts anderes sonst. Deshalb will er uns alle auch tüchtig machen zum Tun des Guten, fähig und bereit, seinen Willen zu tun.

Was aber ist das Gute? Zunächst möchte man sagen: was das Leben erleichtert und was mir nützt! Doch was im Augenblick als nützlich erscheint, ist nicht unbedingt das Gute. Dazu gehört auch, daß etwas auf Dauer nützlich ist, daß das Leben gefördert und Gemeinschaft bewahrt wird.

Gut ist, wenn die Kollegen und Kolleginnen nicht über einen Fehler lachen, sondern mithelfen, ihn wieder auszubügeln. Dazu gehört das tröstende Wort: „Das ist doch nicht so schlimm, das ist uns allen auch schon passiert!“ Dazu gehört aber auch die helfende Tat, daß man nicht den Pechvogel seinem Schicksal überläßt, sondern ihm mithilft, den Fehler auszubügeln. Dann hält man Frieden, dann tut man das Gute, dann wird ein Stück des Willens Gottes in unserer Welt verwirklicht.

Doch dagegen regt sich auch Widerstand. Er kommt einmal aus dem eigenen bösen Herzen. Aber er kommt auch von Menschen, die uns sagen: Du darfst dich doch nicht von außen bestimmen lassen, auch nicht von einem Gott; du mußt doch frei sein, erlaubt ist, was gefällt!

Aber wenn ein Schiff in Seenot ist, dann muß der Kapitän kommandieren, sonst gibt es mit Sicherheit einen Schaden. In schwierigen Situationen vertraut man mehr dem Gebot Gottes als der Stimme des eigenen Herzens. Gott ist ja nicht der lästige Kontrolleur, sondern seine Gegenwart ist ein Glück. Mit ihm kann man alles besprechen, er bringt uns wieder auf die rechte Bahn und macht uns fähig zum Guten.

Gott hat sicherlich nicht eine unsichtbare Fernsehkamera hinter uns aufgestellt, mit der er jeden unsrer Schritte mißtrauisch überwacht. Aber es wäre doch schon viel gewonnen, wenn wir uns bei unsren Handlungen die Frage vorlegten: Können wir sie unter den Augen Gottes tun?

Das Gute wird uns ja nicht befohlen, sondern es wird in einem Segenswunsch für uns erbeten. Der Hebräerbrief ist so eine Art Lesepredigt, die deshalb auch mit einem Gebet und dem Lob Gottes beschlossen wird. Alle Mahnungen sind im Grunde Gebet, denn das Leben im neuen Gehorsam kann nur erbetet werden.

Der Lobpreis am Schluß des Briefes ist kein frommes Anhängsel und das „Amen“ der Gemeinde ist keine leere Form. Manche Leute fordern ja, den Gottesdienst und die Liturgie einzuschränken und desto mehr die christliche Praxis zu üben. Nun kann zwar das gottesdienstliche Handeln nicht Ersatz sein für das Handeln im Alltag. Aber aus dem Gottesdienst wird hoffentlich auch christliches Leben entstehen.

Was wir von Gott erbeten haben und was uns dann in unserem Leben widerfahren ist, dann schwingt zu Gott zurück, indem wir ihn loben. Gott freut sich, wenn die Menschen ihn rühmen, weil sie erfahren haben, was er in Christus für sie getan hat. Daraus erhalten sie dann auch die Kraft, ihre guten Vorsätze mit Gottes Hilfe in die Tat umzusetzen.

 

Miserikordias Domini: Hebr 13, 20 - 21 (Variante 2)

Jeder hat das schon einmal erlebt: Der Vater muß von zuhause fort, weil die Firma ihn zur Montage oder zu einer Schulung schickt. Oder die Mutter muß für längere Zeit ins Krankenhaus, weil die Behandlung nicht mehr aufgeschoben werden konnte. Es ist alltäglich, daß Menschen aus wichtigen Gründen fern von denen leben, die ihnen anvertraut sind. Aber auch wenn man nicht in der Nähe ist, bleibt doch die Verantwortung.

Man kann manches tun, um den Kontakt zu halten: Man kann Briefe schreiben und darin mitteilen, was wichtig ist. Man kann klare Anweisungen hinterlassen. Aber was wird man vorfinden, wenn man wieder nach Hause zurückkommt? Wird vieles nicht völlig durcheinandergehen oder gar Schaden entstehen?

Dem Schreiber des Hebräerbriefes haben ähnliche Sorgen geplagt. Er saß wahrscheinlich im Gefängnis und sorgte sich um seine Gemeinde, aus der schlechte Nachrichten zu ihm gedrungen sind. Die Gemeinde ist schon durch manche schwere Prüfung gegangen. Nun stehen neue Verfolgungen bevor. Die erste Begeisterung des Glaubens ist vorüber, Angst ist eingezogen, vielleicht auch Lässigkeit und Unsicherheit.

Manche sahen einen Ausweg in der Hinwendung zu anderen Religionen und Weltanschauungen, bei denen man nicht ins Leiden geführt wurde. Oder man wollte sich wieder ins Judentum zurückziehen, das man einst verlassen hatte, um Christus zu dienen. Da ist es schwer, durch einen Brief ein Gegengewicht zu schaffen. Aber der Schreiber des Briefes legt die Gemeinde in die Hände dessen, dem sie gehört, in die Hände Jesu Christi.

Alles, was er auf dem Herzen hat, faßt er zusammen in der Fürbitte für die Gemeinde; und dabei ruft er in Erinnerung, wovon die Gemeinde lebt.

Zunächst spricht er vom „Gott des Friedens“, der von den Toten ausgeführt hat den großen Hirten der Schafe. Wir könnten uns vorstellen: Das Reich des Todes ist von einer Mauer umgeben, zu der wir täglich neue Steine hinzufügen: jedes böse Wort, jeder Mißbrauch unserer Möglichkeiten, jede Lieblosigkeit, jeder Schaden an der Natur ist solch ein Baustein. Und doch hat Gott eine Bresche in die Mauer geschlagen und seinen Sohn als ersten wieder herausgeholt. Weil Jesus  am Kreuz sein Blut vergießen ließ, ist der Tod überwunden und der Anfang gemacht für das neue Verhältnis zwischen Gott und den Menschen.

Das neue Verhältnis wird als der „ewige Bund“ bezeichnet. Die Menschen damals haben vieles mitgehört in diesen Worten. Sie erinnerten sich an den Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hatte, an den Regenbogen nach der Sintflut, an die ganze Geschichte ihres Volkes. Wenn Jesus als der „große Hirte der Schafe“ bezeichnet wird, dann dachte man an Mose, der sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten herausgeführt hat und den Bund am Berge Sinai schloß.

Die Könige der alten Welt nannten sich gern „Hirten“. Nur: Wieviel Blut haben sie vergossen, um ihr „Hirtenamt“ auszuführen! Jesus aber hat sein eigenes Blut vergossen. Er ist der „große Hirte“, der an der Spitze einer großen Herde seine Schafe aus dem Reich des Todes herausgeführt hat. Durch ihn regiert Gott die Welt und die Kirche mit herzlicher Liebe.

Die Konflikte in der Welt, zwischen Gott und den Menschen, aber auch zwischen den Menschen und Völkern, müssen in der Tiefe geheilt werden. Gott stößt immer wieder auf eine Welt, die von ihm abgefallen ist, ihn verachtet und haßt. Aber Gott begegnet unserem Bösen mit dem Werk seines Friedens, mit Heilung und Wohltun, mit geduldigem Werben um uns und mit einer durch nichts zu beirrenden Liebe. Er regiert nicht mit Gewalt, sondern durch sein Wort und die Sakramente, und auch durch seine „Unterhirten“.

Die sich gern als „Leiter der Gemeinde“ verstehen, sind in Wirklichkeit nur Unterhirten. Sie vermögen nichts, was nicht der große Hirte bewirkt und deckt. Der Amtsträger in der Kirche bis hin zum Bischof hat das Wort Gottes auszurichten und die Sakramente zu verwalten. Aber in allem anderen ist er ein Gemeindeglied wie jedes andere. Christus leitet die Gemeinde, niemand anders.

Aber während andere mit dem Gesetz regieren, leitet Christus mit seiner grundlosen Güte. Wenn er etwas gebietet, dann steht er auch bedingungslos für uns ein und fängt sogar unser Versagen auf. Regierung und Fürsorge werden bei ihm in eins gesehen. Sein Dienst geht bis zum letzten Atemzug. Es geht ihm um die Herde, um nichts sonst.

Dieses Vorbild sollte uns anreizen, nun unsererseits Frieden zu halten. Es ist doch schrecklich, daß es in den letzten Jahrhunderten kaum ein Jahrzehnt gab, in dem nicht irgendwo auf der Erde die Völker miteinander gekämpft haben. Und wenn ein Brandherd ausgetreten war, dann ist es anderswo wieder aufgelodert. Heute fürchten wir die Möglichkeit eines alles dahinraffenden Atomkrieges. Und die anderen Waffen rufen Bäche von Blut hervor, vor denen das Blut Christi verblaßt.

Die Regierenden opfern immer neue Menschen. Sie sollten lieber ihre Rüstung und ihre strategischen Positionen opfern. Sie sollten auf den Gott des Friedens achten und sich von ihm zurüsten lassen, damit sie seinem Willen entsprechen. Da ist es aber schon wieder, des Wort „rüsten“ im Zusammenhang mit Gott. Unser Denken ist ja schon so sehr von militärischen Ausdrücken geprägt, daß wir es gar nicht mehr merken. Die Polizei hat einmal bei einem kirchlichen „Rüstzeitenheim“ gefragt, wie denn dieses Wort zu verstehen sei; sie haben sich vielleicht wer weiß was darunter vorgestellt.

Gott rüstet uns nicht auf, er rüstet uns zu. Er will uns tüchtig machen in allem Guten. Gott ist der Gott des Guten. Daß wir fähig und bereit gemacht werden, den Willen Gottes zu tun, ist nicht ein zweites neben dem Hirtenamt Jesu, sondern hängt aufs engste damit zusammen. Er bestimmt, wie es in seiner Gemeinde zugehen soll, was ihr dienlich ist und wie sie bewahrt bleiben und gedeihen kann.

Das Gute ist nicht einfach das, was nützt und das Leben erleichtert, sozusagen die Weltmaschine in Gang hält. Was uns im Augenblick nützlich erscheint ,ist oft nicht das Gute. Eher gilt das Umgekehrte: Nur das Gute wird auf die Dauer auch nützlich sein und Leben fördern und Gemeinschaft bewahren. Etwas ist gut, weil Gott es so will. Gut ist, woran Gott Gefallen hat. Und was wir auch tun, wir sollten es Gott zuliebe tun.

Aber dagegen regt sich Widerstand. Er kommt aus dem bösen Eigenwillen unseres Herzens, in dem wir wider besseres Wissen am Bösen festhalten. Er kommt aber auch von Menschen, die die Beugung unter einen fremden Willen für falsch halten, die lieber einem eigenen Muß folgen wollen. Sie lehnen den Gedanken an eine fremde Autorität völlig ab.

Aber wenn etwa ein Schiff in Seenot ist, dann muß der Kapitän kommandieren, sonst gibt es mit Sicherheit Schaden. In schwierigen Situationen ist es besser, dem Gebot Gottes mehr zu vertrauen als der Stimme des eigenen Herzens.

Es ist ja gar nicht so, daß Gottes Gebot uns von außen her bevormundet. Die Selbstbestimmung wird von denen, die aus dem Glauben in der Liebe handeln, gar nicht vermißt. Die sittliche Entscheidung fällt dann unter den Augen Gottes. Aber Gott ist nicht der lästige Kontrolleur, sondern seine Gegenwart wird als beglückend empfunden. Mit ihm können wir alles besprechen, er bringt uns wieder zurecht und setzt uns instand zum Guten. Dieses wird ja nicht befohlen, sondern im Segenswunsch erbeten.

Gott hat sicherlich nicht eine unsichtbare Fernsehkamera hinter uns aufgestellt, um jeden unsrer Schritte mißtrauisch überwachen zu können. Aber es wäre doch schon viel gewonnen, wenn wir bei manchen Handlungen uns die Frage vorlegten: Können wir sie unter den Augen Gottes tun? Oder man könnte sich auch nach der Regel des Meisters Eckart richten, der ein bedeutender Prediger des Mittelalters war und in Erfurt wirkte: „Der wichtigste Tag ist der jeweils heutige Tag. Der wichtigste Mensch ist der Mensch, der mir gerade begegnet. Und das wichtigste Werk ist die Liebe!“

Der Hebräerbrief ist eine Art Lesepredigt. Und die beschließt der Verfasser mit einem Gebet und dem Lob Gottes. Alle Mahnungen sind im Grunde Gebet und das Leben im neuen Gehorsam kann nur erbetet werden. Der Lobpreis am Schluß des Briefes ist kein Anhängsel: und das „Amen“ der Gemeinde ist keine leere Form. Manche Leute fordern ja, Gottesdienst und Liturgie einzuschränken und desto mehr christliche Praxis zu üben. Natürlich kann gottesdienstliches Handeln nicht Ersatz sein für Gehorsam im Alltag. Aber aus dem, was wir im Gottesdienst erfahren, wird hoffentlich christliches Leben entstehen.

Wo Menschen aus Gott heraus leben, da leben sie für ihn und lassen das Erbetene zurückschwingen im Lob Gottes. Und indem Gott die verlorenen Menschen zurückgewinnt, verherrlicht er zugleich sich selbst. Gott freut sich, wenn seine Menschenkinder ihn rühmen. Wer erfahren hat, was Gott in Christus für uns tut, der muß ihm die Ehre geben. Er wird dann auch die Kraft erhalten, seine guten Vorsätze mit Gottes Hilfe in die Tat umzusetzen.

 

 

Jubilate: Apg 17,22-34)

Im Londoner Hydepark  gibt es die „Redner-Ecke“, wo jeder öffentlich seine Ideen vortragen kann. Menschen der verschiedensten Weltanschauungen und politischen Richtungen  wollen die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden erreichen und werben um die Zustimmung der Stehengebliebenen. Nachdenkenswertes und weniger Sinnvolles wird nebeneinander geboten. Den Neugierigen bleibt es überlassen, ob sie die vorgetragenen Gedanken beachtenswert oder lächerlich finden.

So kann man auch die Rede des Paulus auf dem Marktplatz in Athen sehen. Hier liegt eine typische Predigt vor, die sich an Menschen, richtet die vorher keine Juden waren. Die Eigen­art der Stadt Athen ist gut eingefangen: Die vielen Tempel und Götterbilder, die besondere Frömmigkeit der Athener, ihre Neugier, die vielen Philosophenschulen, der Marktplatz, auf dem man gelehrte Unterhaltungen pflegte. Selbst der Altar des unbekannten Gottes wird in der Literatur erwähnt, auch wenn man keinen solchen Altar gefunden hat.

Doch was Lukas hier den Paulus sagen läßt, erinnert sehr an philosophische Gedanken der Griechen: In Gott leben, weben und sind wir! Wir sind nicht außerhalb des Göttlichen angesiedelt! Die Vernunft ist das Göttliche im Menschen! Der Göttervater Zeus hat aus einem Menschen die ganze Menschheit gemacht! Selbst die Kritik an der Verehrung der Götterbilder kann man bei griechischen Philosophen finden. Hat Lukas hier nicht einfach die Griechen in ihrem Denken bestätigt?  Christlich ist an sich nur der Schluß der Rede.

Das ist auch heute noch die Frage, wenn wir Menschen für Christus gewinnen wollen. Die Werbefachleute raten der Kirche ja, sie solle die Schwelle für den Zugang möglichst niedrig ansetzen. Nur wenn man eine einfache Lehre hat und nicht zu hohe Forderungen stellt, würde man Anhänger gewinnen. Das sagt man ja auch den politischen Parteien: Nur nicht zu viel vorher festlegen, möglichst allgemein reden, Probleme aussitzen, erst einmal die Umfragen abwarten und sich dann anschließen.

Für die Kirche gilt auch, daß sie die Menschen dort abholen muß, wo sie sind. Mit Kindern müssen wir anders reden als mit Erwachsenen. In der Familie herrscht ein anderer Ton als unter Freunden. Und mit Kranken unterhalten wir uns über andere Dinge als wir es mit Gesunden tun.

Wir können auch nicht mehr voraussetzen, daß Kinder biblische Geschichten kennen. Kirchliche Lehren sind heutzutage kein Allgemeingut. Nicht selten passiert es, daß ein neugieriger Dreikäsehoch durch die offenstehende Kirchentür kommt und verwundert fragt, warum der Mann da vorn am Kreuz hängt. Das ist der Sohn Gottes? Wer ist Gott? Ich kenne ihn nicht. Wo wohnt er? Man muß ihn doch sehen können, wenn es ihn gibt!

Sicherlich muß man da vorsichtig beginnen. Mit der kleinen Enkelin kann man vielleicht ein Weihnachtslied singen. Und dann sagt sie: „Ich will noch einmal mir dir das Lied von dem Vater im Himmel singen!“ Aus dem Lied „Ihr Kinderlein kommet“ hat sie sich besonders dieses Stichwort gemerkt. Sie wird noch nicht wissen, wer der „Vater im Himmel“. Aber eines Tages wird sie danach fragen; und dann gilt es, kindgemäß zu antworten.

Wenn die Kinder größer sind und in die Schule kommen, sollten sie nicht nur Lesen und Rechnen lernen, sondern auch biblische Geschichten und Lieder. In Israel ist das so geregelt: Da müssen alle Schüler die Tradition des Volkes kennen lernen, egal ob sie gläubig sind oder nicht. Da lesen sie die Bücher, die wir als Altes Testament kennen. Auch die arabischen Kinder sind daran beteiligt, denn sie sind ja Staatsbürger und müssen die Geschichte und die Kultur ihres Landes kennen.

Das wäre auch für uns richtig. Wir brauchen nicht unbedingt einen konfessionellen Unterricht -  den kann dann die jeweilige Kirche leisten. Aber es muß dann in der Schule auch einen Religionsunterricht geben, der sich nicht nur mit „Fremdreligionen“ beschäftigt, sondern möglichst breit die Bibel und die Kirche von heute behandelt.

Die Kirche kann sich nichts von ihrer Botschaft abmarkten lassen, schon weil Gott das von ihr verlangt. Und vielleicht wird die Botschaft gerade deshalb so interessant, weil sie Ecken und Kanten hat, weil sie neugierig macht. Gerade das Außergewöhnliche ist oft anziehend für die Menschen.

In der Rede auf dem Marktplatz von Athen wird in diesem Sinne vorgegangen: Der Redner umkreist den Hörer zunächst in weitem Bogen. Aber von Vers zu Vers erkennt man, daß er nicht eine Kreislinie beschreibt, sondern eine sich immer mehr verengende Spirale. Immer weniger kann der Hörer in die  Unverbindlichkeit ausweichen. Was zunächst heidnisch klang, ist christlich gemeint. Immer mehr treibt die Predigt auf den Gott zu, der Jesus zur Schlüsselfigur seiner Botschaft gemacht hat. Aber das Ende  war damals der Spott der Zuhörer. Paulus hatte es so geschickt angefangen, aber schließlich doch nichts erreicht („am Ende des Tages“, wie man heute sagt).

1. Wir haben es schon immer mit ihm zu tun:

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer sah in der Zeit der Naziherrschaft ein „religionsloses Zeitalter“ heraufkommen. Das ist nicht unbedingt so gekommen: Es gibt in unserer Zeit sehr viel Religion, aber nicht unbedingt die christliche Religion. Viele Menschen suchen sich etwas anderes oder basteln sich selber etwas zusammen. Heidentum hat heute ein anderes Gesicht. Altäre errichten wir nicht mehr. Was sollen auch die vielen Altäre, wenn Gott nicht in ihnen ist. Gott gleicht keinem der Bilder, die Menschen von ihm gemacht haben.

Uns geht es auch oft so wie den Athenern: Sie verehren viele Götter, aber sie bekommen keine richtig zu fassen. Deshalb haben sie dem unbekannten Gott noch einen Altar errichtet. Man kann ja nie wissen! Doch diese Einstellung ist auch uns nicht fremd: Im Alltag leben wir oft so, als ob es Gott nicht gäbe. Aber für den Notfall soll er doch da sein, damit man ihn aus der Ecke herausholen kann. Aber dann muß er auch wirklich helfen, sonst ist er ein nutzloser Gott. Auch wir haben unsere selbstgemachten Götter  oder fürchten wie damals die Menschen  „namenlose Götter“ wie Sorge um das Einkommen oder die Gesundheit. Luther hat es ja so ausgedrückt: „Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verläßt, das ist eigentlich dein Gott!“

2. Wir haben ihm alles zu verdanken:

Aller menschlicher Kult will der Gottheit etwas bringen, um sie damit gnädig zu stimmen. Aber unserem Gott können wir nur uns selber ganz und gar bringen, aber nachdem wir selbst alles von ihm empfangen haben. Gott braucht uns nicht. Aber er w i l l uns!

Doch wir leben schon immer aus seiner Hand. Das will auch die Geschichte vom kleinen Fisch Emil sagen. Er hatte von irgendwoher gehört, daß Fische Wasser zum Leben brauchen. Da er aber noch nie Wasser gesehen hatte, wollte er aufbrechen und das Wasser suchen, von dem die Leute erzählten, daß es zum Leben notwendig sei. Da fragt er seine Freunde, was denn Wasser sei.

Die  Kaulquappe sagt nur: „Hier gibt es Steine und Muscheln, grüne und blaue Algen, aber Wasser habe ich hier mein Lebtag noch nicht gesehen“. Der Wels sagt:  „Das Wasser ist vor dir!“ Aber Emil widerspricht ihm: „Vor mir ist doch nichts, da bist nur du!“ Da gibt ihm der Wels den Rat, doch einmal zu dem großen Wal zu schwimmen. Dieser sah ihn schon kommen und sagte: „Du bist Emil, der kleine Fisch, der das Wasser sucht? Ich bin Juno, der Wal. Leg dich auf meinen Rücken. Ich werde dir zeigen, wie notwendig das Wasser ist.

Der Fisch tat, wie ihm geheißen, und der Wal stieg immer höher, bis er schließlich aufgetaucht war und wie ein Berg aus dem Wasser ragte. Dann blieb er liegen und rührte sich nicht. Der kleine Emil zappelte auf dem Rücken des Wals. „O, wenn ich doch im Wasser geblieben wäre!“ zuckte es ihm durch seinen kleinen Fischkopf. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Meeresgrund neben dem Wal. „Na, weißt du jetzt, wo das Wasser ist, das die Fische so notwendig zum Leben brauchen?“ - „Das Wasser, das ich so lange gesucht habe, hat mich immer umgeben“, sagte Emil verschämt.

So sieht man auch Gott nicht, und doch brauchen wir ihn wie die Luft zum Atmen, wie der Fisch das Wasser. Er ist es doch, der allen Menschen das Leben gibt und sie atmen läßt. Er ist uns immer schon voraus, wir haben es schon immer mit ihm zu tun. Aber er ist uns allen auch ganz nahe, näher als die Haut. Da gibt es kein Sich-Entziehen. Von allen Seiten umgibt uns Gott.

Das schreit geradezu danach, daß man diesen Gott nun auch kennenlernt, mit dem man es schon immer zu tun hat. Es ist nicht das „höchste Sein“, wie ihn die Philosophen beschreiben, sondern er begegnet uns wie eine Person. Die entscheidende Frage ist nicht: „Wie denkst du von Gott?“ Sondern die entscheidende Frage ist: „Was passiert zwischen Gott und dir?“

3. Wir werden uns ihm zu stellen haben

Paulus ist nicht gekommen, ums eine Meinung unverbindlich zu diskutieren und seine Privatmeinung vorzubringen. Gottes Anspruch ist allumfassend. Er gebietet den Menschen, daß alle an allen Enden ihr Leben ändern. In dem Augenblick, in dem man es mit Gott zu tun bekommt, muß man ein neues Leben beginnen. .Gott läßt sich nicht anschauen wie ein Gemälde. Er kommt auf uns zu, er will etwas von uns.

Damit ist es aus mit dem Gott, über den es sich im Hörsaal oder am runden Tisch in Ruhe diskutieren läßt. Aus ist es mit der „Kanzelrede“, die im Unverbindlichen bleibt. Aber alles, was in Athen und anderswo verkündet wurde und verkündigt wird, zielt auf das Evangelium von Jesus Christus. Gott will, daß seine Menschen durch Christus zu ihm finden.

 

 

Kantate: Offb 15, 2 - 4

Heutzutage wird fast nur noch in der Kirche gesungen. Natürlich gibt es Schlagersänger, es gibt die Oper und es gibt Chöre. Aber dabei handelt es sich um Berufssänger oder Fachleute. Es gibt auch noch das Gegröhle nach reichlichem Alkoholgenuß und gelegentlich einmal ein Arbeiterlied. Und die Fußballer singen nicht einmal die Nationalhymne wird mehr gesungen, wie das in anderen Ländern üblich ist.

Aber so richtigen Gesang, zusammen mit anderen, gibt es nur noch in der Kirche. Nur wir haben ein Gesangbuch mit über 400 Liedern, von denen allerdings 150 nicht singbar sind. Zu jedem Gottesdienst gehört das Lied dazu, so unabdingbar wie Predigt und Gebet. Bei der Liturgie oder bei den Lesungen kann man kürzen, aber nicht am Lied.

Gesungen wird auch ohne Orgel, auch wenn es der Pfarrer da schwerer hat, wenn er auch noch den Gesang anführen soll. Wo man allerdings einen müden und lustlosen Gesang hört, da wird auch meist geistlich etwas nicht stimmen. Das Lied und die Musik allgemein ist eine Lebensäußerung der Kirche.

Gesang gehört auch einfach zum Menschlichen. In Rhythmus und Melodie stellt sich die Bewegung des Lebens dar: Herzschlag, Atem und Schritt, das Auf und Ab der Gedanken und Gefühle verschaffen sich Ausdruck im musikalischen Geschehen. Schmerzenslaute, Freudenschreie, Ausrufe des Staunens, spontanes Aufatmen - das sind Urlaute, die im musikalischen Geschehen Zusammenhang und Gestalt gewinnen.

Käme es bei uns nicht zum Singen, dann hätten wir schon rein körperlich einen Mangel. Wer nicht singt, ist kurzatmig. Er hat ein verschlossenes und abgegrenztes Verhältnis zu seiner Umwelt. Wer nicht frei heraus singen kann, was in ihm vorgeht, verschließt sich in sich selbst und bleibt mit dem allein, was ihn bewegt. Im Singen geht man aus sich heraus, da wird Seelisches leibhaft.

Das gilt auch für die Kirche. Das Singen ist nicht etwas, das in der Kirche ohne Schaden wegbleiben könnte oder sogar etwas ihr Fremdes wäre. Gottes Wort ruft unsre Antwort hervor - in Gebet und Lobgesang. An dem Singe-Sonntag „Kantate“ wollen wir uns das wieder einmal besonders vergegenwärtigen.

Nicht alle Musik, die in der Kirche erklingt, ist auch Kirchenmusik. Wenn ein Dichter oder Komponist oder Sänger nur sich selbst darstellen will, dann ist das noch kein Gottesdienst. Der Gottesdienst ist Sache der Gemeinde. Gesungen wird, was alle angeht und allen gehört. Was nur mich allein bewegt, mich freut oder bedrängt, kann nicht anderen aufgenötigt werden.

Das klassische Lied der Kirche ist das „Wir“ - Lied. Es wird gesungen von der „christlichen Schar“, wie es im Wochenlied heißt. Und wenn in den Lieder einmal ein „Ich“ vorkommt, dann steht es stellvertretend für die ganze Gemeinde. In der Kirche geht es nicht um die Selbstdarstellung des religiösen Menschen, sondern um den Widerklang der großen Taten Gottes. Alle Musik in der Kirche ist daran zu messen, ob sie hervorgerufen ist durch die großen Taten Gottes, so wie es Paul Gerhardt sagt: „…des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinne!“

Deshalb kann die Kirche selbst dann singen, wenn sie in äußerer Bedrängnis ist. In der Offenbarung des Johannes erleben wir eine Kirche, die die Auseinandersetzung zwischen dem Drachen und dem Lamm schon erlebt hat, den Kampf zwischen Staat und Kirche. Man wartet auf der Fall Babylons und das Kommen Christi. Aber vorher kommt es noch einmal zu den letzten schrecklichen sieben Plagen. Das Vorspiel dazu hat schon begonnen.

Aber gerade in den großen Drangsalen singt die Kirche. Paulus und Silas haben im Gefängnis von Philippi gesungen. Die Christen, die man im römischen Zirkus den wilden Tieren vorgeworfen ha, gingen singend in den Tod. In den Konzentrationslagern wurde gesungen. Bis heute ist das Kirchenlied das unverfängliche Mittel, mit dem man den Diktatoren sagen kann, was man wirklich denkt. Und man kann sie empfindlich treffen, wenn man das Lied nicht singt, das sie befohlen haben, wenn man einfach absichtlich quer singt, so daß aufgehört werden muß.

Wenn die Gemeinde auf Erden singt, dann wird das gleiche Lied auch im Himmel gesungen. Mit dem gläsernen Meer ist der Himmel gemeint als der blaue Fußboden des himmlischen Thronsaals, der von dem feurigen Licht der aufgehenden Sonne bestrahlt wird. Dort stehen mit ihren Harfen die Sieger, die es geschafft und durchgehalten haben.

So sieht die kleinasiatische Kirche, an die sich die Offenbarung wendet, die Auseinandersetzung mit dem sich selbst vergottenden Kaisertum. Es galt, einen großen Kampf zu bestehen. Es sah alles so aus, als siegten die die Gemeinde bedrängenden Mächte: das Tier aus dem Abgrund als Symbol des gottfeindlichen Staates, das Bild, das der Kaiser Domitian nach Ephesus hatte bringen lassen, damit man ihm Verehrung erweise. Wer hier seinem Herrn und Gott treu bleiben wollte, riskierte sein Leben. Da galt es, nicht „umzufallen“ und schwach zu werden, sondern allein Gott die Treue zu halten. Das „Du allein bist heilig“ bekommt seine Aussagekraft erst auf diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund.

Aber den Christen wird gesagt: Mitten im Gedränge des irdischen Geschehens siegt das „Lamm“, siegt Christus. Allerdings muß das für den Einzelnen nicht bedeuten, daß man sich äußerlich durchsetzt und ungeschoren davonkommt. Oft muß man auch unter Gefahr und Opfer das Gebotene durchhalten. Damals wie heute wird es auch welche gegeben haben, die sagten „Wer wird denn so dumm sein, seine Haut zu Markte zu tragen? Man muß sich auch etwas anpassen und kann doch nicht immer gegen den Strom schwimmen! Man kann es den Kindern doch nicht unnötig schwer machen!“

Doch in den Anfängen der Kirche hat man anders gedacht. Sie singen das Lied des Mose, der mit seinem Volk das andere Ufer erreicht hat. Sie haben durchgehalten und haben die Freiheit und Gottes Verheißungen gewonnen. Doch das ist kein Grund, sich selbst zu rühmen. Ihr Lied

ist ein großes Staunen über den herrlichen Gott.

Dann aber ist das Moselied nichts anderes als das Lied des Lammes. So wie Mose sein Volk durch das Wasser führte, so führt Christus durch das Wasser der Taufe zu einem neuer Leber. In diesem Wasser wird der alte schuldbeladene Mensch ertränkt, der Mensch ist nicht mehr in der Knechtschaft seiner Schuld gefangen. Eine neue Richtung wird gezeigt, ein Ausweg aus dem Karussell, in dem man sich nur immer um sich selbst gedreht hat. Nun kann man auch den Menschen neben sich ertragen und ihm vergeben, kann aus sich herausgehen und Liebe verschenken.

Wer es  „geschafft“ hat, ist dem Mitmenschen und vor allem Gott zugewandt. Mancher wird vielleicht gar kein Verlangen danach haben, eine Ewigkeit lang Psalmen und Hymnen zu singen. Aber „im Himmel soll es besser werden“, nicht nur mit unserem Singen, sondern auch mit unserer gesamten Gotteserfahrung. Das unmittelbare Verhältnis zu Gott löst spontanes Gotteslob aus, das Staunen über Gott wird uns so überwältigen und Äußerungen der Freude wecken, die uns niemand zu befehlen braucht.

Man kann Gott verschieden loben: im Gebet, mit der Tat, in der Art wie man gehorcht und notfalls auch leidet. Das Singen ist das vergleichsweise „Himmlischste“ in unserem Leben. Es ist auch möglich, wenn die Vergangenheit mancherlei Rätsel und Wirrnisse aufgegeben hat. In der Kirche soll den Menschen nicht das Gruseln gelehrt werden, sondern sie sollen erkennen: Auch in dieser Welt der Konflikte und Störungen kann man singen und Gott loben. Man

kann Gott sogar noch für die Ungereimtheiten des Geschichtsverlaufs loben, denn er ist immer unser Gott und nichts mehr steht zwischen ihm und uns.

„Was uns singen macht, ist, was im Himmel ist!“ So hatten wir gesagt. Aber wir singen schon auf dieser Erde - und das mit gutem Grund. Der Glaube sieht alles mit neuen Augen. Er rechnet mit Gott. Er blickt nicht bloß auf die in der Welt vorliegenden Gegebenheiten und begnügt sich nicht mit der Frage: Was ist drin?

Natürlich wird auch der Glaubende die Welt durchforschen nach den in ihr liegenden Möglichkeiten zum Guten. Zeitliches Leben ist nicht zu verachten, sondern auszukaufen. Und wir werden uns auch mit denen verbunden wissen, die sich nicht in der Lage sehen, auf Gott zu hoffen und seine neue Welt zu erwarten, die dafür aber selbst umso kräftiger zupacken. Wir werden selbst auch versuchen, alle Plagen - soweit wir können- zu mildern oder gar abzuwenden. Geschaffenes Leben zu erhalten und zu pflegen - das ist Aufgabe der ganzen Menschheit, zu der die Christen ganz besonders verpflichtet sind.

Doch der Christ rechnet dabei mit dem Kommen des Reiches Gottes. „Dann werden alle Völker kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden!“. Aber sind sie denn schon offenbar? Für uns sind sie es noch nicht. Der Lauf der Weltgeschichte ist uns undurchsichtig. Gott kann auch die Menschen, die er liebhat und denen er weiterhelfen will, erst recht in die Tiefen schicken.

Die Gemeinden Kleinasiens befanden sich in einer solchen Tiefe, als das Buch der Offenbarung sie erreichte. Sie hatten keinen Anlaß zum Triumphieren, aber sie singen. Sie sehen Gott noch nicht von Angesicht zu Angesicht, aber sie kennen ihn durch Jesus             Christus. Sie wissen: Was jetzt geschieht, das geht vorüber. Wichtig ist allein, wer kommt. Weil man den kommenden Herrn kennt und weiß, wer die Weltgeschichte aus dem Hintergrund heraus steuert, kann man singen.

Wir können schon leben als gehörten wir zur Gemeinde der Vollendeten. Was sich jetzt noch in der Welt ereignet, ist nur Vorspiel für das Kommen des Herrn. Wir können uns nur freuen auf das, was uns bevorsteht. Auf jeden Fall haben wir guten Grund zum Singen.

 

 

Rogate: 2. Mose, 32, 7 - 14

Eine Familie ist aus beruflichen Gründen umgezogen. Doch die 16-jährige Tochter fühlt sich an dem neuen Ort nicht wohl. Es fehlen ihr die Freundinnen und die gewohnte Umgebung. Sie möchte nach dem Ende der zehnten Klasse wieder in den alten Ort zurückkehren und dort eine Berufsausbildung beginnen. Bei einem Schulpraktikum war sie bei einer Ärztin, und die hat ihr angeboten, sie als Auszubildende einzustellen. Nun gibt es solche Ausbildungsstellen zwar auch am neuen Ort, aber für die Jugendliche muß es unbedingt die Arztpraxis in dem alten Wohnort sein.

Die Eltern sind natürlich dagegen. Die Tochter ist erst 16, noch unter der Aufsicht und Ver­antwortung der Erziehungsberechtigten. Aber die Tochter sieht nur diesen einen Weg. Und weil der ihr verwehrt wird, schaltet sie auf stur: Sie geht zwar zur Schule, arbeitet aber nicht mehr mit. Drei Lehrer sagen, daß die Abschlußprüfung gefährdet sei. Mittags legt sich das Mädchen nur hin und heult. Die Eltern gehen mit ihr zum Psychiater, aber ohne Erfolg. Am Telefon ist sie nur noch mit ihren alten Freundinnen verbunden.

Schließlich sagen die Großeltern zu den Eltern. „Dann laßt sie doch gehen! Vielleicht muß sie erst selber Erfahrungen machen!“ Da sagt der Vater: „Wir haben ihr schon gesagt, daß sie gehen kann!“ Sie helfen bei der Wohnungssuche und bezahlen auch vom Kindergeld die Miete. Die Tochter fängt sich, schafft die Abschlußprüfung und tritt die Lehrstelle an, durchaus mit Erfolg.

Kann man auch Gott so bitten, wie diese Tochter ihre Eltern gebeten hat? Sicherlich kann man ihn nicht so unter Druck setzen wie diese Tochter. Aber bitten darf man ihn natürlich, auch intensiv und leidenschaftlich. So hat es jedenfalls Mose getan, als sein Volk sich selbst  in eine schwere Krise gebracht hatte.

Da waren sie nach der Flucht aus Ägypten schon wochen- und monatelang in der Wüste unterwegs. Zweifel kam auf, ob man je in dem versprochenen Land ankommen würde. Nun war auch noch Mose auf den Berg gestiegen, um einen Vertrag über einen Bund zwischen Gott und dem Volk zu schließen und um die Zehn Gebote als Urkunde dieses Bundes entgegenzunehmen. Aber wer weiß, ob er jemals zurückkehren würde.

Das Volk hält diese Ungewißheit nicht aus und will etwas mehr Greifbares vor Augen haben, das ihm wieder Zuversicht geben kann. Deshalb beschließen sie, ein goldenes Stierbild anzufertigen, an dem sie Gott verehren wollen. Nein, sie wollen nicht die Religion der anderen Völker übernehmen, wollen sich keinen  anderen Gott suchen. Sie stellen sich nur vor, daß Gott sich dieses vergoldete Tierbild als Sockel nimmt, auf dem er unsichtbar steht.

Wenn man also um das „goldene Kalb“ herumtanzt, dann weiß man: Gott ist hier, wir haben ihn umzingelt, er ist gewissermaßen in unserer Macht.

Doch Gott läßt sich nicht zwingen - aber er will gebeten sein. Das ist die Aussage dieses Predigttextes. Und diese Aufgabe ist uns allen gestellt, uns als Gemeinde und uns als Einzelne. Und diese Fürbitte ist kräftig und berechtigt.

 

1. Die Fürbitte ist kräftig:

Die Verfehlung des Volkes ist ganz schwerwiegend. Immer wieder hat dieses Volk gegen die Vermischung des Glaubens an den lebendigen Gott mit dem Glauben der anderen Völker mit ihren vielen Göttern kämpfen müssen. Genauso müssen auch wir heute gegen die Überhöhung des Weltlichen kämpfen. Nur bestehen unsere Götter nicht aus Standbildern aus Holz oder Stein,  sondern sie heißen Geld, Macht, Sex, Droge oder Spiel. Hier müssen wir auch aufpassen, daß sie nicht über uns herrschen.

Niemand kann sich herausreden, daß er in der Stunde der Versuchung einmal schwach geworden sei oder daß er aus Ahnungslosigkeit oder Dummheit ein Opfer geworden sei. Bei den Israeliten ist die Rede von „Halsstarrigkeit“: Das Verkrampfen der Nackenmuskeln  ist ein Ausdruck  für Nichtwollen, Widerstand und eine Kampfhaltung. Es geht also um etwas Bewußtes  und Stetiges. Deshalb ist Gott zu hartem Zugreifen entschlossen.

Aber das setzt die Fürbitte des Mose ein. Hier geht es um eine Sache auf Leben und Tod. Mose muß für sein Volk mit Gott kämpfen. Fürbitte ist Kampf, zumindest aber Arbeit. Die Glaubenden sind immer gefordert, sich wie ein Priester für diejenigen stark zu machen, die in Gefahr sind und vielleicht selber nicht mehr beten können. Das Gebet ist ein Notschrei, der an Gott ergeht. Bangt man um andere, so wird es zur Fürbitte.

Man muß nicht Mose sein, um für andere zu beten. Es sieht so aus, als sei das hier mitgeteilte Gebet des Mose ein Stück aus einem Bittgottesdienst der späteren Gemeinde, das dem Mose nur in den Mund gelegt wurde, denn es nimmt auf die Situation am Berg Sinai gar keinen Bezug. Aber wenn es sein Gebet wurde, dann kann es auch unser Gebet sein. Wir dürfen die Gebete im Gottesdienst als unsre Gebete annehmen. Aber es bleibt auch Raum für das eigene Gebet und auch für ein stilles Gebet, das durchaus auch ein wichtiger Teil unserer Gottesdienste ist.

Man hat das Gebet immer wieder einmal als eine Art Selbstgespräch aufgefaßt: Man denkt über einen Sachverhalt nach, aber es geschieht nur etwas im Menschen selbst. Schließlich sieht er ein, daß alles so kommen mußte, wie es gekommen ist, und fügt sich in sein Schicksal.

Aber dann hat den Glauben aufgegeben, daß infolge des Gebets doch Dinge geschehen, die ohne das Gebet nicht geschehen würden. Und ganz fromm klingt auch die Erklärung: „Man darf ja nicht in die Weltherrschaft Gottes eingreifen!“ Gebet also nur als Ergeben in Gottes Willen.

Aber jeder Mensch darf einen anderen bitten. Jeder Mensch darf sich ja frei entscheiden: Der eine entscheidet sich für eine Schuld, der andere kann sich dafür entscheiden, eine Schuld zu vergeben. Auch Gott handelt natürlich frei, heute wie einst. Die Abläufe in der Welt sind nicht ein für allemal festgelegt, sondern Gott hat mit uns eine Geschichte: Zwischen ihm und uns spielt sich etwas ab, das sich immer erst im Augenblick entscheidet.

Das ist gerade das Aufregende, daß Gott sich durch die Fürbitte eines Einzelnen zur Gnade für ein ganzes Volk bewegen läßt. Mose kann Gott nicht die Freiheit nehmen. Aber er kann für sein Volk bitten. Er ist  aber nicht nur ein Fürbitter, sondern am Ende bietet er sich sogar selber als Opfer an, um sein Volk zu retten. Doch die Fürbitte erweist sich als so mächtig, daß Gott sich die Strafe  leid sein läßt

Selbstverständlich übt das Gebet nicht einen mechanischen Druck aus. Gott ist kein Automat, aber er hat ein Herz. Er kann zögern, uns hinhalten, unseren Glaube auf die Probe stellen und herausfordern. Aber er will, daß wir ihn bitten. Vieles empfangen wir ja auch von ihm, ohne daß wir es bewußt bemerken. Aber manchmal gibt er nur, wenn wir es bewußt bei ihm abholen. Aber immer ist Fürbitte kräftig und wirksam.

An Jesus Beten lernen wir , daß der Beter sich in Gottes Hand gibt, wenn er sagt: „Dein Wille geschehe“. Aber andererseits ist er immer für uns bei Gott vorstellig und bittet für uns. Zwi­schen dem Vater und dem Sohn passiert dann etwas. Das Unheil, das Gott den Menschen enden wollte, tut ihm leid um des Sohnes willen. Es ist gut, daß wir diesen Fürbitter für uns haben.

2. Die Fürbitte ist berechtigt:

Man könnte schon fragen: Wer sind wir eigentlich, daß wir so intensiv zu bitten wagen?  Mose bittet für Schuldige, die es verdient hätten, ein für allemal fallengelassen zu werden. Versucht er hier nicht, der Gerechtigkeit Gottes in den Arm zu fallen? Fast sieht es so aus, als wolle Mose seinen Gott überlisten. Die Schuld des Volkes erwähnt er gar nicht. Aber er hält ihm vor: „Es wäre doch unlogisch, wenn du dich jetzt von deinen Volk lossagen würdest. Welchen Eindruck würde wohl der Untergang des Volkes Israel auf die Ägypter machen? Sie würden doch behaupten, daß Gott sein Volk nur aus Ägypten herausgeholt habe, um sie nun erst recht in der Wüste untergehen zu lassen. In deinem eigene Interesse solltest du einlenken,“ sagt Mose gewissermaßen.

Es ist kein Trick in der Rechtfertigung des Mose, sondern ein Hinweis auf das eigentliche Wesen Gottes. Mose nimmt seinen Gott beim Wort und erinnert ihn an die Zusagen, die er schon Abraham und Isaak gegeben hat. Gott will auf seine Zusagen angesprochen  werden. Man soll - sagt Luther - Gott mit seinen Verheißungen die Ohren reiben. Wir sind von Gott ermächtigt, ihn darauf anzusprechen - für uns und für andere.

Man kann natürlich sagen: „So darf man doch mit Gott nicht umgehen!“ Aber vielleicht  bewundern wir auch, wie beherzt Mose mit Gott spricht in einer Situation, in der man alles verlieren, aber auch alles gewinnen kann. Mose flüchtet sich vom zornigen Gott zum Gott der Gnade. Gott ist nämlich beides: Außerhalb seiner Gottesoffenbarung  ist Gott zornig und es gilt sein unerbittliches Gesetz. Aber das ist sein „fremdes Werk“, sein eigentliches Werk ist die Gnade.

So handeln ja auch die Eltern mit ihrem Kind, indem sie etwas erlauben, was sie eigentlich gar nicht erlauben könnten. Es gibt ja auch den Fall, daß ein Vater mit seinem ungeratenen Sohn „fertig“ ist und nichts mehr von ihm wissen will. Aber das Kind bleibt dennoch das Kind. Eines Tages wird man wieder zusammenfinden.

Gottes Volk bedarf der Fürbitte. Wir haben viel Anlaß, über die Kirche zu klagen und uns über sie zu entrüsten. Jeder von uns trägt leider auch selber  mit zu dem bei, was einen an der Kirche irre werden lassen kann. Die Kirche ist nicht die Gemeinschaft derer, an denen Gott nichts auszusetzen hat. Aber sie hat ja Jesus Christus an ihrer Seite: Sie wie Mose oben auf dem Berg mit Gott gerungen hat, so steht Jesus Christus vor dem Vater und betet seine Kirche heraus. Aber wir selbst, die wir ja die Kirche sind, beten für die Kirche, damit es in ihr besser wird. Gott lädt uns dazu ein. Und er läßt sich auch bewegen, etwas zu tun, was er nicht vorhatte.

 

Himmelfahrt: Epheser 1, 20b - 23

Es gibt einen Fernsehsender, der heißt „Astro TV“.  Was in den Zeitungen das Horoskop leisten soll, wird hier aufs Fernsehen übertragen. Auch hier will man aus dem Stand der Sterne das Schicksal eines jeden Menschen herauslesen können. Dort kann man anrufen, und dann antwortet eine Frau oder auch ein Mann auf alle Fragen des Lebens: Beruf, Geld, Liebe, Familie, Gesundheit. Der erste Anruf ist noch kostenlos. Aber damit sollen die die Zuschauer nur angefüttert werden, damit sie immer wieder anrufen.

Und manche tun das ganz intensiv: Bei jeder Frage, die sie an sich selber entscheiden könnten oder müßten, wird erst noch einmal angerufen. Es entsteht ein Suchtverhalten, das dann viel Geld kostet. Aber die vom Fernsehen sagen hinterher immer, um jede Haftung auszuschließen: „Garantieren können wir nicht, daß unser Rat auch der richtige ist!“ Sie machen aber gern negative Voraussagen, denn wenn diese eintreffen, haben sie richtig „vorausgesagt“. Wenn sie aber nicht eintreffen, ist der Kunde auch zufrieden, weil ihm das Unglück erspart geblieben ist.

Man sage nun aber nicht: Dieser Gestirnsaberglaube ist doch nur etwas für Hinterwäldler. Wenn die Lokalzeitung gegen ihre Überzeugung meint, ein Horoskop abdrucken zu müssen, weil die Kundschaft das fordert, dann zeigt das doch einen Bedarf. Und wenn  so ein Fernsehsender sich halten kann, dann zeigt das doch, daß das Verlangen danach groß ist. Offenbar liegen hier uralte Bedürfnisse vor, die gerade in unserer modernen Welt immer noch als notwendig angesehen werden (vielleicht gerade weil sie so modern ist).

Im Altertum gab es ja noch das Weltbild mit den drei Stockwerken: Himmel - Erde - Unterwelt. Außerdem sollte es noch ein Zwischengeschoß geben, das von allerhand guten Geistern bevölkert war, vor allem aber auch von bösen Geistern. Und diese waren vor allem darauf be­dacht, keinen durchzulassen, der zu Gott will. Außerdem stellte man sich vor, daß diese Mächte  über die Schicksale der Menschen auf der Erde bestimmen.

Aber wenn Christus dieses Zwischenstockwerk durchschritten hat und jetzt über allem „zur Rechten Gottes im Himmel“ ist, dann hat er all diese Mächte überwunden. Er hat gezeigt, daß das geht und uns damit Mut gemacht, uns von einem solchen Aberglauben an böse Mächte frei zu machen. Nichts anderes will uns die Aussage über die Himmelfahrt Christi verdeutlichen. Gott allein ist das Haupt, und zwar des Weltalls wie der Kirche.

Ist uns schon einmal aufgefallen, daß im Glaubensbekenntnis eine zeitliche Abfolge genannt wird?  „Aufgefahren in den Himmel“ ist für uns Vergangenheit. „Er sitzt zur Rechten Gottes“ ist Gegenwart. „..zu richten die Lebenden und die Toten“ aber wird erst Zukunft sein. Wir ste­hen also jetzt an dem Punkt, daß Christus die Mitherrschaft angetreten hat. Rechts vom Herrscher sitzt immer sein Stellvertreter und erster Ratgeber. Und wenn Jesus Christus diese Stelle eingenommen hat, dann dürfen wir vertrauen, daß keine fremde Macht uns beherrschen kann.

Wir haben es also nicht nur mit einem erdachten oder nur erinnerten Gott zu tun, sondern mit einem lebendigen Herrn, der an der Weltregierung des Vaters beteiligt ist.

Christus ist der Herr in dieser und der kommenden Welt. Diese beiden überlagern sich gewissermaßen räumlich. Wenn wir mit Christus auferweckt sind, dann hat die Auferstehungswelt für uns schon begonnen, allerdings nur so, daß das erst in den kommenden Zeiten erkennbar werden wird. Was vom Ende her gesehen schon verwirklicht ist, muß in der Geschichte erst durchgesetzt werden.

Da wird es aber Zeit, daß wir das alte Weltbild ablegen und uns nicht mehr vor irgendwelchen himmlischen Mächten fürchten. Man meinte ja, diese seien so etwas wie Lebewesen, die Macht ausüben auf das Ergehen in der Welt und der Menschen. Die Gestirnsbahnen sind festgelegt und sollen auch den Ablauf des Lebens der Menschen bestimmen. Aber wer das heute noch glaubt, der ist immer noch der alten Zeit verhaftet.

Doch seltsamerweise hält sich das immer noch. An sich meinten wir doch, daß wir den Himmel ausgefegt hätten von bösen, aber auch von guten Engeln. Diese Vorstellungen haben wir nicht mehr nötig. Aber dann sprechen wir doch wieder von „Schicksal“ und „Sachzwängen“. Wir sind zwar stolz darauf, uns die Erde untertan gemacht zu haben und die Natur  zu beherrschen. Und doch spüren wir etwas von der Gefährlichkeit dessen, was wir im Blick zu haben meinen. Die Frage kommt auf: „Dürfen wir das, was wir können? Sind wir Manns genug, gewisse verderbenbringende Entwicklungen aufzuhalten?“

Dabei brauchen wir gar nicht nur an die Gefahren der Atomkraft zu denken. Was wird aus dem Anwachsen des Verkehrs? Was wird aus den Gewässern und Wäldern? Werden  unsere Enkel noch genügend Sauerstoff zum Atmen haben? Daß eine Stadt wie Peking wochenlang unter einer gesundheitsgefährdenden Dunstglocke liegt, gibt doch zu denken. Da werden Teile unserer Umwelt zum Bannwald oder Landschaftsschutzgebiet erklärt, aber wenn man sie an­geblich braucht, werden sie doch „verbraucht“. Oder da wird Genmais gezüchtet, aber schon nach kurzer Zeit haben doch wieder Schädlinge überlebt, aber der genveränderte Mais bleibt in der Welt.

Hier kann man nicht nur von „Schicksal“ reden, sondern man muß auch die eigene Schuld zur Sprache bringen. Dabei ist das „Böse“ in der Welt nicht nur die Summe all der vielen kleinen Bosheiten unseres Lebens, sondern es gibt auch eine unsichtbare Macht der Lüge, der Eigensucht, des Mißtrauens und der Menschenverachtung. Und wer einmal schuldig geworden ist, kann nicht einfach ausscheiden aus der Gangsterbande, dem Spionagering oder der Terrorgruppe. Es gibt also doch unsichtbare Mächte, die uns gefangenhalten.

Doch diese kann man nur überwinden, indem man sich an den hält, der jetzt beim Vater mitbeteiligt ist an der Herrschaft über die Welt. Gott hätte natürlich die von ihm geliebte, aber sündige Welt einfach wegfegen und vernichten können. Aber die Himmelfahrt macht uns deutlich,  daß Gott seine Vollmacht dem übergeben hat, dessen ganzes Werk darin bestanden hat, die Sünder zu retten.

Das heißt aber nicht, daß damit alle „Mächte“ ausgeschaltet und beseitigt sind: Krieg, Hunger, Haß, Machtmißbrauch, Krankheit, Naturkatastrophen. Wir haben noch zu kämpfen. Aber wir dürfen eine Hoffnung haben: Gott gewinnt zurück, was ihm widersteht, Christi Herrschaft besteht in dem vergebenden Wort.

Des Teufels beste Waffe war, daß er den Menschen sagte: „Bei Gott habt ihr nichts zu hoffen!“ Aber die Himmelfahrt macht und uns deutlich, daß wir alles zu hoffen haben. Zwar herrscht Christus noch aus der Verborgenheit heraus, er greift oft nicht unmittelbar ein. Die bösen Mächte toben sich noch aus in einer vergehenden Welt. Aber inzwischen sind die Menschen, die noch vor ihnen Angst hatten, in Gottes Liebe geborgen. Alles, was uns Angst machen könnte, wird ausgehungert, indem es zu etwas Vorläufigem wird, das gar nicht mehr ernsthaft in Betracht kommt.

Damit sich Gottes Herrschaft besser ausbreiten kann, gibt es die Kirche. Sie soll erkennen, was ihr gegeben ist. Dazu braucht sie erleuchtete Augen und eine starken Glauben. Die Kirche ist auch ein großes Sozialgebilde. Aber das  ist nicht das, was sie eigentlich ausmacht. Sie ist kein Verein, der sich mit dem christlichen Glauben  beschäftigt und diesen Glauben ins Leben umzusetzen versucht. Die Kirche ist der Platzhalter Christi auf Erden.

Himmelfahrt bedeutet nicht, daß Christus nun entrückt ist in eine unerreichbare Ferne. Der Erhöhte  ist immer der Fleischgewordene in seiner ganzen Menschlichkeit. Nur ist seine Leiblichkeit nun nicht mehr an den irdischen Raum gebunden.

Christus ist allgegenwärtig, darum ist er auch in seiner Kirche gegenwärtig. Er herrscht in ihr aber nicht wie über die Mächte der Welt, sondern weil die Kirche sein „Leib“ ist, herrscht er hier anders. Haupt und Leib hängen aber aufs engste miteinander zusammen, aber der Leib ist nicht das Haupt. Christus gibt es also nicht nur in der geschichtlichen Umsetzung als Kirche, denn er sitzt weiter zur Rechten Gottes. Er ist also von allem Irdischen unterschieden, auch von der Kirche, insofern sie aus Menschen besteht. Aber sein Leben ist in ihr, vom Haupt her wird der ganze Leib belebt. 

Ist Christus der zu Gott erhöhte, dann werden wir in der Kirche immer mehr Leute werden und so ihm entgegenwachsen. Himmelfahrt wird so zum Programm: Was schon ist, soll verwirklicht werden, indem Christus nach und nach das Ganze der Welt in sich vereinigt. Geht es nach ihm, so bleibt keiner draußen.

 

 

Exaudi: Röm 8 , 26-30

Wir haben heute den Sonntag von der wartenden, sich sehnenden, um den Geist bittenden Kirche. Sie hat den Geist Gottes verliehen bekommen. Durch die Handauflegung soll das jedem einzelnen Konfirmanden noch einmal deutlich gemacht werden. Aber wir müssen doch immer wieder darum bitten.

Wir kennen alle das Gefühl, ohnmächtig zu sein und nichts tun zu können. Wir sehen das Leid, aber können nicht dagegen ankommen. Menschen werden gefoltert und verhungern, immer mehr und gefährlichere Waffen werden in Stellung gebracht, Wälder werden vergiftet und Flüsse verseucht. Gelangt da nicht auch der hoffnungsbereite Mensch an eine Grenze?

Die Eltern können ihren Kindern und Enkeln keine geordnete und friedvolle Welt übergeben. Sie können nur hoffen, daß es die Kinder besser machen. Und wir können auf den Geist Gottes verweisen, der unsrer Sehwachheit aufhilft. Durch Gott sind wir schon neue Menschen geworden. Aber da wir noch „im Fleisch“ leben, sehen wir nur die Vorderseite der Münze: Schwachheit und Versagen, Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Aber diese Münze hat noch eine Rückseite, die im Gegensatz zur unansehnlichen Vorderseite aus Gold ist: Wir sind das Ebenbild Gottes und haben das himmlische Leben schon sicher. Allerdings haben wir es nur anbruchsweise und der Geist ist eine erste Anzahlung auf das Kommende.

Deshalb kann man von einem Christen auch nicht verlangen, daß er sein Christsein in bestimmten nachprüfbaren Erscheinungen beweist, wie das manche christliche Gruppen tun. Sie verlangen Geistesgaben, die sich etwa in lauten Rufen während des Gottesdienstes äußern sollen. Von bestimmten Sünden müßte man sich ein für allemal trennen, bestimmte Dinge unterlassen. Als fröhlicher Mensch darf ein Christ niemals niedergeschlagen sein. Man verlangt Gebetserhörungen und besondere Gotteserfahrungen. Es muß nicht jeder alles vorweisen, aber mit irgend etwas dieser Art sollte jeder Christ aufwarten können.

Doch wer solche Forderungen aufstellt, macht den Glauben zu einem harten Gesetz. Der Christ darf sich gerade zu seiner Schwachheit bekennen. Bei Gott wird die Schwachheit nicht durch Stärke ersetzt, sondern in der Schwachheit kommt die Gnade ans Ziel  denn der

Geist kommt unserer Schwachheit zu Hilfe. Er will uns aber nicht so religiös aktivieren, daß wir es nun von selbst können, sondern der Geist vertritt uns und besorgt, was wir nicht können. Wir brauchen es nicht zu „können“. Keiner weiß, was er beten soll. „Gottgemäß“ beten kann nur der Geist selbst. Aber er tut es auch.

Vielleicht bitten wir manchmal um etwas sehr Naheliegendes und nach unserem Urteil auch sehr Nötiges. Wir dürfen es erbitten, und Gott verachtet das Begehren seiner Kinder nicht. Aber er hat noch ganz anderes, ungleich Besseres für uns bereit. Er allein weiß, was wir wirklich nötig haben. Die Sprechverbindung mit Gott ist immer da, nur der Geist hat das Sprechen für uns übernommen.

Aber er könnte natürlich etwas für uns erbitten, was wir uns selbst gar nicht gewünscht hätten. Wir geben da unser eigenes Interesse ja völlig aus der Hand. Aber es wäre wohl auch kein gutes Zeichen, wenn all unsre Bitten erfüllt würden. Aber oft gibt Gott uns noch Besseres, als wir im Auge hatten, nämlich das, was der Geist im Sinn hat.

Wir sollten auch nicht vergessen, was Gott uns in den ersten drei Bitten des Vaterunser in de- Blick rückt. Erst die vierte Bitte geht zu den Alltagsanliegen über, die in Jesu Botschaft ihr volles Recht haben, aber nicht ohne den Ausblick auf das ewige Heil gesehen werden sollten.

„Alle Dinge müssen uns letztlich zum Besten dienen“. Luther sagt dazu: „Es ist Gottes Art, erst zu zerstören und zunichte zu machen, bevor er seine Gaben schenkt!“ Wir sollen dadurch merken, daß es sich wirklich um ein Geschenk handelt. Auch das Nicht-Gewünschte dient dabei zu unserem Besten, sofern Gott es uns zugedacht hat. Auch das Widrige kann Gott in seiner Güte und Weisheit uns dienlich sein lassen.

Allerdings gilt das nur,  Gott uns nicht gleichgültig ist. Gottes Liebe wirkt sich nur aus, wenn wir ihn auch lieben. Aber er hat damit längst den Anfang gemacht. Bei der Kindertaufe wird das besonders             deutlich, daß Gott unserm Handeln und Glauben zuvorkommt. Wir können

immer nur antworten auf seine Anrede. Aber wenn wir es tun, dann sollten wir auch alles von ihm annehmen, ob wir es gewünscht haben oder nicht, ob wir es begreifen oder nicht.

Wir könnten jeden Tag mit der Bitte um den Heiligen Geist beginnen, so wie wir das in jedem Gottesdienst tun. Wir könnten uns gegenseitig erzählen, was der Geist aus uns macht. Mancher hat vielleicht etwas erlebt, das ihm „zum Besten“ wurde. Ein anderer konnte gerade noch

mit Gottes Hilfe der eigenen Lieblosigkeit etwas Einhalt gebieten. So können wir merken, daß Gott in seiner Liebe an uns interessiert ist. Ihm gegenüber können wir nicht Zuschauer bleiben. Wir hören ja im Augenblick sein Wort. Wir können erleben, wie Gott sich um uns müht und die Verbindung mit uns sucht. Er hat uns berufen. Da sollten wir auch gerne in seinen Dienst treten.

 

 

Pfingsten I: Röm 8, 1 - 11

Es wird wohl kaum einer von uns schon im Gefängnis gesessen haben. Aber wenn man einmal aus irgendeinem Grund 24 Stunden lang in einem Zimmer sitzen mußte, das nur von außen zu öffnen ist, dann wird einem bewußt, was Gefangenschaft bedeutet: Man ist nicht Herr seiner selbst, sondern man kann nur warten, was andere tun werden. Es gibt aber viele andere Dinge, die uns gefangen halten.

 

1. Wir leben in Gebundenheiten:

Manchem mag schon der lange Winter wie eine Gefangenschaft vorgekommen sein und der nun aufbrechende Frühling wie eine Befreiung. Nach einer langen Zeit der Totenstarre und Eintönigkeit wird jetzt wieder alles lebendig, wir fühlen uns gleich freier und wohler.

Ein anderer wieder ist von einer Krankheit gefangen gehalten. Vielleicht war er wochenlang ans Bett gefesselt und nun kann er zum ersten Mal wieder aufstehen. Das ist doch eine Befreiung, auch wenn man zunächst noch auf wackligen Füßen steht. Vor allem wird mancher froh sein, daß er nun wieder zum Gottesdienst gehen kann, um wieder Mut zu empfangen für ein befreites Leben.

Wieder ein anderer sieht seine Sicherheit im Geld. Erst will er 1.000 Euro zurücklegen, dann 10.000, dann 20.000, dann 50.000 und so weiter. Aber Sicherheit erlangt er damit nicht. Im Gegenteil: Das Geld wird ihm immer unentbehrlicher und er wird abhängig davon.

Andere wieder vertrauen auf eine Freundschaft. Um den Freund nicht zu verlieren, bringen sie alle möglichen Opfer und geben sogar ihre Gesinnung und schließlich sich selbst auf. Wie manche junge Frau verleugnet ihr ganzes bisheriges Leben, nur um einem jungen Mann zu gefallen. Sie gerät aber immer mehr in Abhängigkeit und am Ende läßt er sie doch sitzen – oder auch umgekehrt.

Andere wieder sind in ihrem Denken so festgefahren, daß sie sich im Augenblick gar nicht mehr frei entscheiden können. Man hat ihnen Verhaltensmuster eingeprägt und denen folgen sie unbedenklich. Sie sehen aber nicht, daß die Zeiten sich ändern und jeder Einzelfall eine eigene Entscheidung erfordert. Man kann heute zum Beispiel nicht mehr einfach den Beruf des Vaters ergreifen, sondern man muß sich fragen: Hat er auch Zukunft?

Unfrei sind wir auch, wenn wir immer recht haben wollen und immer aufs richtige Pferd gesetzt haben wollen.

So gibt es heute viele Gebundenheiten, in denen wir stehen. Mancher wird es gar nicht merken, aber im Grunde ist er sehr unfrei. Er fühlt sich wunderbar frei: „Ich bin mein eigener Herr, ich schaffe mein Leben selbst!“

Paulus aber sagt: Wir sind immer in Gesetzmäßigkeiten hineingestellt. Da gibt es den Glauben an den Wohlstand, an die Macht, an den Ruhm. Gut essen und viel erleben, das spielt eine weit größere Rolle, als wir zugeben wollen. Wir sind eine „Spaßgesellschaft“. Aber alles Jagen nach Glück und das Streben nach Erfolg lassen kaum Raum für Gott und dann auch keine Zeit für den anderen Menschen, der auf unsere Hilfe angewiesen ist.

Paulus spricht hier von der Knechtschaft unter die Sünde. Er hat dabei vor allem die Menschen im Blick, die fromm und diszipliniert leben. Sie tun alles, was das Gesetz verlangt, und meinen dann: „Wir sind mit der Sünde selber fertig geworden!“ Aber Gott brauchen sie dazu nicht mehr.

In Wirklichkeit aber sind sie wie ein Mensch, der im Sumpf steckt: Er strampelt verzweifelt und will sich retten, aber in Wirklichkeit sinkt er dadurch nur noch tiefer. Er kann sich auch nicht wie Münchhausen am eigenen Schopf fassen und wieder herausziehen. Da muß schon ein anderer kommen, der die nötigen Hilfsmittel hat und der auch bereit ist, notfalls sein eigenes Leben zu riskieren.

Das aber hat Gott getan. Er hat die verzweifelte Lage der Menschen nicht mehr mit ansehen können. Er hat ihnen seinen Sohn geschickt. Der sollte nun die Sünde an der Wurzel treffen. Dazu hat er sich selber in das Sündenfleisch begeben, um es von innen heraus zu überwinden. Als aber Jesus starb, da wurde mit seinem Tod auch die Sünde in ihm verdammt. Weil sie aber selbst verdammt ist, kann sie nun nicht mehr die anderen verdammen. Sünde und Tod haben kein Recht mehr und keine zwingende Macht über die, die zu diesem Christus gehören. Sie können zwar noch in Versuchung kommen, aber sie werden oder müssen ihr nicht erliegen.

 

2. Der Heilige Geist sagt uns diese Befreiung zu:

An Pfingsten wird uns nun gesagt: Ihr seid von all diesen Gebundenheiten befreit, ihr seid nicht mehr Gefangene, sondern freie Menschen. Das ist ein so radikaler Umschwung, wie ihn damals die KZ-Häftlinge empfinden haben müssen, als sich für sie die Tore in die Freiheit öffneten. Wer einmal in Buchenwald war, der hat dort sicherlich das große Denkmal gesehen, auf dem dieser Augenblick der Befreiung dargestellt ist. Die Menschen warteten eben noch auf den Ausgang ihrer Sache und erfahren nun, daß sie wieder frei leben, planen und schaffen können.

So ist auch Pfingsten ein Fest der Freiheit. Für die Jünger Jesu von damals hat es bedeutet: Sie haben ihre Angst vor den Menschen überwunden und sind wieder an das Licht der Öffentlichkeit getreten und haben von Jesus erzählt. Den Mut dazu haben sie allerdings nicht aus sich selber genommen, sondern die Kraft zu solchem Handeln kam von Gott. Diese Kraft nennen wir „Heiliger Geist“. An Pfingsten war sie zum ersten Mal zu spüren.

Aber wir müssen uns fragen: Ist sie auch in unsrer Gemeinde lebendig? Spürt man da etwas von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes? Haben wir Menschenfurcht und Abhängigkeiten hinter uns gelassen und weht uns der freiheitliche Wind eines Anhängers Jesu Christi um die Nase? Pfingsten will uns jedenfalls Mut dazu machen.

 

3. Wie können wir sicher sein, daß wir wirklich befreit sind?

Vielleicht sehen wir auch jetzt noch nicht, wie die neue Freiheit aussehen soll. Aber eine Regel gilt: Alle allgemein gehaltenen Vorschriften sind Gesetz. Es ist leichter, nur nach dem Buchstaben des Gesetzes zu handeln. Da kann man sich immer auf das Gesetz berufen. Jesus aber will es anders von uns. Gottes Geist will uns frei machen, ohne Gesetze zu handeln, aber aus dem Geist der Liebe heraus.

Dann können wir auch in der Krankheit den Mut zum Leben finden. Dann hängt unsere

Sicherheit nicht am Geld, sondern an der Fürsorge Gottes. Dann sind wir nicht mehr von Menschen abhängig und handeln ihnen zu Gefallen, sondern können uns neue Freunde suchen. Dann können wir auch unsre Entschlüsse und Pläne einmal ändern und sind frei, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Auch alles, was man messen und kontrollieren kann, ist fleischlich. Der Geist Gottes aber ist ja gerade das Unkontrollierbare. Aber das heißt nicht, daß er eine Einbildung wäre. Er wird uns doch gerade an Pfingsten machtvoll bezeugt.

Vielleicht haben wir Bedenken, ob die Wirklichkeit Gottes wirklich so im eigenen Leben wirksam werden soll. Gott ist verzehrendes Feuer, und seine Kraft dringt wie Röntgenstrahlen in uns ein. Aber wir wissen, welche heilende Wirkung die Röntgenstrahlen haben können: Sie zerstören das bösartige Gewebe und lassen das gute wieder zum Zuge kommen. So will auch der Heilige Geist uns zu neuen Menschen machen.

4. Das neue Leben im Geist:

Das vom Heiligen Geist erfüllte Leben ist voll Freude und Hoffnung. Unsere Vergangenheit ist zwar aufgezeichnet, aber Christus hat durch sein Sterben und Auferstehen die Löschtaste gedrückt. Alles ist vorbei und belastet uns nicht mehr. Wenn uns Christus vergeben hat, dann wird Gott uns auch nicht mehr verurteilen. Der „alte Adam“ ist zwar noch da und macht uns sogar zu schaffen. Aber der immer noch stattfindende tägliche Kampf ist längst entschieden, weil wir jetzt „in Christus leben“, in seinem Kraftfeld. Aber man muß sich halt auch in dieses Kraftfeld hinein begeben, so wie man bei Regen unter das Dach des Buswartehäuschens treten muß, wenn es etwas nutzen soll.

Der Geist Gottes ist nicht ein lästiger Aufpasser wie das Gesetz und nicht ein Staatsanwalt und Richter, sondern er ist Fürsprecher und Verteidiger. Wir würden alle vor dem Gericht Gottes unsere Bestrafung erwarten. Aber dann heißt es auf einmal: Nicht Verurteilung, sondern Freispruch!

Das Geborgensein in Christus wird uns nicht aufgezwungen. In der Bindung an Christus und im Machtbereich seines Geistes können wir gegen unser eigenes Ich und gegen fremde Einflüsse ankämpfen. Er hilft uns, von uns selber und von anderen frei zu werden.

Dann können wir unbefangen und ohne Gier nach Beifall der Menschen tun, was uns vor die Finger kommt. Wir sind unabhängig von Kritik und Lob. Wir wissen um die eigenen Fehler und können auch die Fehler der anderen ertragen. Wir fragen dann nur noch danach, ob Gott uns Beifall zollt für unsere Taten, denn darauf kommt es ganz allein an.

Freiheit bedeutet nicht, sich gar keiner Ordnung zu unterstellen. Der Mensch im Geist Gottes wird sich auch jetzt in einen größeren Lebenszusammenhang einfügen, wird sich der Ordnung Gottes unterstellen. Er schwimmt nun mit kräftigen eigenen Bewegungen im Strom Gottes, aber mit einer günstigen Strömung.

Zur Freiheit will uns der Geist Gottes gerade an Pfingsten anleiten. Er hat uns frei gemacht von der Gewalt der Sünde. Nun sollen wir diese Freiheit auch nutzen und mit frohem Mut in die Zukunft gehen. Gottes Geist will uns dabei leiten und uns die Kraft geben, auch durchzuhalten bis ans Ende.

 

 

Pfingstmontag: Apostelgeschichte 2,22-23.32-33.36-39

Es hat schon manchmal schlecht ausgesehen um die Kirche. Schon den Wochen vor dem er­sten Pfingstfest sah es so aus, als sei alles erledigt. Aber der von Jesus verheißene Geist Gottes hat die Gemeinde neu zusammengeschlossen und zur unüberwindlichen Kirche gemacht. Natürlich kann man sich auch gegen diese Kraft sperren und sich wieder von der Gemeinde abspalten. Wer aber erst einmal im falschen Eisenbahnzug sitzt, kommt nie ans richtige Ziel. Er kann dann zwar einem alten Mann einen Sitzplatz anbieten oder einer Frau den Koffer ins Gepäcknetz heben. Das nennt man dann „Humanismus“. Man kommt dann zwar auch irgend­wo an. Aber  in Wahrheit läuft alles falsch.

Im Grunde kann man auch nicht zweigleisig nebeneinander her fahren, hier Humanismus und dort Christentum. Denn bei der Eisenbahn gibt es auf der linken Strecke immer Gegenverkehr und es kommt dann zum Zusammenstoß. Es fährt  nur der Zug weiter, der auf dem rechten Gleis ist. Es kommt alles darauf an, daß wir im richtigen Zug sitzen. Aber wir können immer noch umsteigen.

Dazu fordert Petrus in seiner Pfingstpredigt alle Menschen auf. Sicherlich hat Lukas in seiner nachträglichen Schilderung etwas übertrieben, denn ohne Lautsprecher kann man kaum zu 3.000 Menschen sprechen und man kann sie auch nur schwer auf einmal taufen. Aber ihm geht es um das Grundsätzliche. Er will sagen: Jetzt gibt es nicht mehr nur das kleine Grüpp­chen, das Jesus um sich geschart hat, sondern es geht jetzt auf die weltweite Kirche zu. Gott hatte es von Anfang an darauf abgesehen.

Aber die Kirche ist kein von Menschen entworfenes und geplantes Wirtschaftsunternehmen, sondern sie ist durch den Geist Gottes ins Leben gerufen worden. Das sogenannte „Sprachenwunder“ - daß sie sich nämlich auf einmal alle verstehen können - ist dabei nur der Einstieg. Die Predigt führt bald zu der Sache selbst, zu der Botschaft vom Leben, Leiden und Auferstehen Jesu. Aber wenn diese innere Einheit dann da ist, dann spielen auch die Sprachunter­schiede nicht mehr so eine große Rolle. Das Wunder an Pfingsten besteht darin, daß das Wort durchs Herz geht, daß die Taufe den Geist vermittelt und daß die Kirche die Nahen und Fernen vereint.

 

1. Das Wort geht durchs Herz:

Wer Herzrhythmusstörungen hat, der weiß, wie das ist, wenn „etwas durchs Herz“ geht: Dann bleibt das Herz einen Augenblick stehen, um dann durch zwei schnelle Schläge wieder in den richtigen Rhythmus hineinzukommen. Das ist meist mit der Angst verbunden, es könnte ganz stehen bleiben. Aber letztlich ist man doch froh, wenn es weitergeht. In schwereren Fällen wird ein Herzschrittmacher eingebaut, der dann bei Bedarf den Herzrhythmus zuverlässig regelt.

So kann es auch beim Glauben gehen: Erst stockt das Herz, weil man plötzlich erkennt, daß bisher alles falsch gelaufen ist. Dann aber greift der Geist Gottes ein und bringt alles wieder in die richtige Spur und hält diese auch zuverlässig ein. So hat auch die Predigt des Petrus die verhärtesten Herzen der Zuhörer aufgeschlossen, weil der Geist Gottes in seinen Worten wirksam war.

Der göttliche Geist kommt nicht nur von außen. Er wirkt nicht nur in außerordentlichen Vorgängen und Erscheinungen wie Prophetie und Zungenreden. Er erweist vor allem in dem was, im Herzen vorgeht. Unser natürliches Menschsein wird nicht ausgeschaltet oder übergangen, sondern es wird in Dienst genommen und erfüllt. Der Geist wendet sich nicht nur an unseren Verstand, sondern an unsere Personmitte, in der alle Kräfte und Regungen unseres Menschseins zusammenlaufen und ihren Ursprung haben.

Wem etwas durchs Herz geht, der ist in seinem ganzen Menschsein  betroffen und wird ganz in Anspruch genommen. Er kann beunruhigt oder gefragt sein, aber auch beglückt und befreit. Wenn man aber über die eigene Lage unruhig geworden ist, wird man sich selbst auch ganz anders sehen lernen.

Petrus mutet den Leuten dabei etwas zu. Das war keine Predigt für die Durchschnittsfrommen. Es nutzt nämlich gar nichts, wenn man die christliche Botschaft glattzuhobeln versucht, um damit mehr Erfolg zu haben. Vielmehr ist hier etwas Unerhörtes zu entdecken. Petrus sagt unmißverständlich, daß jetzt die Stunde geschlagen hat. Jetzt geht es nicht mehr um allgemeine Wahrheiten

Jetzt wird Jesus in den Mittelpunkt gestellt. Sein Auftreten hätte die Menschen aufmerksam machen müssen wegen seiner Machttaten und Wunder. Aber Petrus wirft ihnen vor: Ihr habt ihn kreuzigen lassen! Aber dann hat er etwas Überraschendes mitzuteilen: Gott selbst hat es so gewollt. Das entlastet euch nicht. Aber es ist nicht vorbei mit dem gekreuzigten Christus. Was ihr gerade erlebt habt - die Ausgießung des Heiligen Geistes - das ist sein Werk. Gott hat Jesus zum Christus gemacht, er ist noch da, jetzt erst recht.

Man hätte erwarten können, daß die Leute diesen Petrus empört von der Bühne geholt hätten. Aber das Gegenteil tritt ein: Sie sind betroffen und sehen ihren tiefen Irrtum ein. Aber diese völlig neue Sicht der Dinge ist die Wirkung des Geistes Gottes. Das hat auch der Dichter Heinrich Heine erfahren: Er war ein entschiedener Gegner des Christentums, hat ätzende Kommentare gegen Christus geschrieben, um dann im Alter zu sagen: „Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt!“

Dabei handelt es sich aber nicht um das Begreifen einer neuen Lage, die man nur zähne­knirschend eingesteht, so wie ein Feldherr einsieht, daß er die Schlacht verloren hat. Ist das Herz betroffen, dann ist der Mensch innerlich überwunden und das sonst so rechthaberische Herz sieht sein Unrecht ein.

 

2. Die Taufe vermittelt den Geist:

Als die „Männer von Israel“ fragen, was nun  zu tun sei, antwortet Petrus nicht. „Ihr habt verspielt, für euch ist nichts mehr drin!“ Er hat sie zunächst erschreckt und nicht getröstet. Aber der Zuspruch des Evangeliums folgt dann doch. Petrus antwortet: „Tut Buße!“ Damit meint er einmal ein rückschauendes Nachdenken über das Vergangene, aber auch einen Wandel des Denkens und der Gesinnung und die Umkehr zu Gott. Er sagt: „Ihr sollt und könnt noch anders werden!“

Das ist auch die große Chance für uns, die wir doch auch vieles falsch gemacht haben im Leben. Gott gibt die Möglichkeit zur Umkehr. Diese ist nicht allein unsere Tat, sondern sie ist einbezogen in das große Heilshandeln Gottes. Die sich schuldig gemacht haben, bekommen die Erlaubnis, zu ihrem Gott zurückzukehren.

Damals wurde das äußerlich sichtbar in der Taufe. Durch die Taufe wird man Christus übereignet, wird mit seinem Namen zusammengeschrieben. Das bedeutet aber auch die Vergebung der Sünden und die Tilgung der ganzen bösen Vergangenheit. Sie gibt aber auch den Geist als ein Geschenk Gottes und ein neues Leben. Hier geht eine Tür auf für die, die gerade noch so betroffen waren.

Die Taufe ist aber nicht nur so eine symbolische Handlung, sondern sie bewirkt Abwaschung von Süden und Übereignung an Gott in Christus und sie verleiht den Geist. Da wir alle schon getauft sind, dürfen wir uns darauf verlassen: Was auch geschehen mag, nichts kann uns von Gott trennen. Wir sind nun einmal getauft und gehören damit zu Gott und dürfen uns darauf verlassen, daß der Geist Gottes an uns wirkt.

 

3. Die Kirche vereint die Nahen und Fernen:

In unserem Leben sind wir nicht allein, sondern wir haben die Gemeinschaft der Kirche als Hilfe. Petrus bezieht die Verheißung des Propheten Joel von der Ausgießung des Heiligen Geistes auf die an Pfingsten Versammelten, aber auch auf die, die noch von ferne herangeführt werden sollen. Lukas beschreibt hier ja  den Weg der Kirche bis an die Enden der Welt und bis an das Ende der Zeit.

Die alte Verheißung des Propheten bezieht er auf diejenigen, die vor gut sieben Wochen noch gerufen haben: „Kreuzige ihn!“ Gerade ihnen wir nun das Heil angeboten, damit aber auch allen ihren Nachkommen. Schon am ersten Pfingsttag waren die „Fernen“ im Blick. Gott ruft sie heran - durch uns. Dem Volk Gottes wird dadurch noch Zeit gegeben. Sie können sich alle  in freiem Glauben ihm zuwenden. Geht es nach dem Willen des dreieinigen Gottes, dann geht keiner verloren.

Wenn von dem Angebot der Kirche und ihres Herrn die Rede war, dann muß man aber auch die Pflichten mit bedenken. Aber beides ist wichtig für unser Leben und wird uns bestimmt helfen. Alle in der Gemeinde haben mit Verantwortung zu tragen.

Deshalb fordert Petrus auf dem Höhepunkt seiner Predigt auch die Zuhörer auf: „Tut Buße! Dreht euch um und ändert euer Leben!“ Was müßte wohl in unserem Leben erst noch anders werden, ehe es ein wahres Pfingstfest bei uns und in unsrer Gemeinde geben kann? Auch damals waren sie keine idealen Menschen. Aber j e d er hatte die Möglichkeit, herbeizukommen, sich taufen zu lassen und die Gabe des Heiligen Geistes zu empfangen.

Aber so etwas bringt immer mit sich, daß man diesen Geist dann weitergeben muß an die anderen. Ob man in unserer Gemeinde etwas von dem neuen Gottesgeist spürt, hängt allein von jedem einzelnen von uns ab.

 

 

Trinitatis: 2. Kor 13, 11 und 13

Man lernt nie aus im Leben. Die Konfirmation ist bis heute mit einer Vorstellung der Konfirmanden verbunden, die man früher als „Prüfung“ bezeichnete. Das könnte zu der Meinung verführen: Wenn ich die Prüfung geschafft habe, dann brauche ich mich das ganze Leben über nicht mehr darum zu kümmern. Aber wenn einer die Fahrprüfung gemacht hat, dann ist damit nicht für alle Zeiten alles erledigt. Erst einmal muß er eine gewisse Fahrpraxis gewinnen. Dann ändern sich die gesetzlichen Bestimmungen und Nachschulungen sind erforderlich. Bei einer  Übertretung wird man durch eine Ordnungsstrafe belehrt. Gelegentlich sind ärztliche Untersuchungen notwendig. Eine Prüfung ist nur der erste Schritt, die Bewährung kommt erst noch.

So ist auch die Konfirmation nicht das Ende, sondern der Einstieg in ein Leben mit Gott und der Kirche. Es ist nicht so, wie eine der Konfirmandinnen meinte, als der Pfarrer sie zum Jugendabend einlud: „Ach, es geht noch weiter, ich dachte, daß jetzt Schluß ist!“ Für diejenigen, die heute an der Goldenen Konfirmation teilnehmen, ist nicht Schluß gewesen. Mancher wird vielleicht nicht so viel Verbindung zur Kirche gehabt haben. Aber er kann immer und jederzeit wieder kommen, sich an Vergangenes erinnern und mit Gott in die Zukunft gehen.

Als Konfirmand hat man vielleicht manches noch gar nicht so richtig verstanden, was zu lernen war. Manches wird man auch nie richtig verstehen, weil Gott all unser Begreifen übersteigt. Aber nach der Erfahrung eines halben Jahrhunderts gewinnt man vielleicht doch

eher Zugang zu der einen oder anderen Glaubensaussage.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema des heutigen Sonntags „Trinitatis“. Da wird uns der dreieinige Gott vor Augen gestellt, Gott als der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Der Naturwissenschaftler und Philosoph Ernst Haeckel, der um das Jahr 1900 in Jena lebte, hat darüber gespottet: „In der Schule lernen die Kinder in der ersten Stunde im Religionsunterricht: 3 x 1 = 1 , aber in der zweiten Stunde im Rechnen heißt es: 3 x 1= 3. Die kirchliche

Lehre richtet nur Verwirrung in der Köpfen der Kinder an!“ Doch lassen wir uns nicht verwirren und hören auf den Predigttext, ein Bibelwort, das uns ja als Segensformel aus vielen Gottesdiensten vertraut ist.

Vielleicht können wir uns zunächst einmal klar machen: Wir haben Gott ü b e r uns, wir haben ihn als Menschen mitten unter uns und wir haben ihn als Heiligen Geist i n uns. Besonders wichtig wird uns dabei heute sein, daß Gott unter uns als Mensch da war. Schon bei Paulus steht „die Gnade unsres Herrn Jesus Christus“ am Anfang seines Segenswunsches. Hier bekommen wir es doch mit Gott unmittelbar zu tun.  Der rückt er uns gewissermaßen auf den Leib. In der Gestalt Jesu Christi wird er uns am deutlichsten greifbar.

In Jesus werden wir gewiß, daß Gott sich uns zuwendet. Allerdings können wir dabei nicht auf Tatsachen hinweisen, die auch der Unglaube anerkennen muß. Nicht selten wird der Glaube sogar den gegen ihn sprechenden Tatsachen trotzen müssen. Aber er erfährt, was er aus sich selbst nicht hervorbringen könnte. Er erfährt den Gott, der            auf uns zukommt, um der Unsrige zu werden. Es geht ihm nicht um das ja doch zugängliche Wesen Gottes, sondern um seine Erscheinung in der Geschichte und in unserer Welt.

Paulus nennt in seiner Schlußformel ja auch nicht einfach die drei Personen Gottes, sondern er spricht von „Grade, Liebe, Gemeinschaft“, also von der Art und Weise, in der Gott jeweils auf uns zukommt und an uns wirkt.

Das Wort „Gnade“ ist bei Paulus der zentrale Begriff, der am klarsten sein Verständnis des Heils ausdrückt. Er meint das „Erfreuende“, aber auch „Gütigkeit“ und „Erbarmen“, ist also immer etwas, was uns geschenkweise und unverdient mitgeteilt wird. Das hat der Mann erfahren, der an Händen und Füßen gelähmt war und von seinen Freunden auf einer Bahre zu Jesus gebracht wurde. Durch das Dach ließen sie ihn zu Jesus hinunter und legten ihn dem Helfer vor die Füße.

Jesus aber will ihm zuerst die unsichtbaren Lasten seines Lebens nehmen, indem er zu ihm sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ Er spricht ihn innerlich frei an Leib und Seele. So dürfen wir auch von Jesus Christus nur Gutes erwarten, auch in diesem Gottesdienst. Wir dürfen wieder aufatmen und durch das Abendmahl gestärkt wieder nach Hause gehen in der Gnade eines neuen Anfangs.

Mit der Liebe Gottes ist im Grunde nichts anderes gemeint. Gott hat Weltall, Erde und Mensch geschaffen in seiner Liebe. Er hat alles aufgebaut und entwickelt, wie ein guter Gärtner seinen Garten anlegt und hegt und behütet. Dann hat er der Menschen hineingesetzt, damit er ihn erhalte und zu einem Garten der Menschlichkeit mache, damit er ihn bebaue und bewahre. Unter dem Zuspruch der Liebe Gottes sollen Mann und Frau einander erkennen und lieben.

Der Mensch ist nicht bloß Materie und Material, mit dem man operieren und das man zugrunde richten kann. Angesichts der atomaren Gefahren und der Naturzerstörung haben wir die Liebe Gottes von ganzem Herzen und mit allen Sinnen zu erfassen.

Für diese Welt und die Menschen in ihr ist der Sohn gestorben. Nun will Gott nicht mehr ohne die Menschen sein, nachdem er soviel für sie eingesetzt hat. Auch wenn sie ihm davonlaufen, ist er doch mit seiner Liebe hinter ihnen her und müht sich darum, sie zurückzugewinnen. Gott wäre nicht glücklich ohne uns, weil er uns mit heißem Herzen liebt.

Die „Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ schließlich ist zunächst die Gemeinschaft des Geistes mit dem Vater und dem Sohn. Aber er bewirkt dann auch die brüderliche Gemeinschaft der Christen untereinander. So werden die engen Gehäuse unserer Meinungen und Vorurteile gesprengt, über Gräben werden Brücken geschlagen und Grenzen zwischen kirchlichen Gruppierungen überschritten.

Der Segenswunsch steht am Ende eines Briefes, der zum dem Schärfsten gehört, was Paulus je geschrieben hat. Aber nun sagt er: „Laßt euch zurechtbringen, laßt euch mahnen!“ Dabei heißt „mahnen“ auch gleichzeitig „trösten“. Zuletzt vertraut Paulus diese aufsässige und irregeleitete Gemeinde dem Handeln Gottes an. Aller Streit wird dadurch überholt, daß jetzt Gottes Gnade, Liebe und Gemeinschaft herbeigewünscht werden. So kann Paulus den Brief nicht schließen mit Zerwürfnis und Zorn, sondern nur in der Entspanntheit, die Gottes Gnaden- und Liebeshandeln schafft: er wünscht den Korinthern das Beste, das es zu wünschen gibt.

Im Urtext fehlt in diesem Vers das Tätigkeitswort. In der Übersetzung ist die Wunschform eingefügt „sei mit euch allen“. Man kann aber auch übersetzen: „Gnade, Liebe und Gemeinschaft sind mit euch!“

Das letzte Wort hat immer der dreieinige Gott zu sprechen. Er h a t es schon gesprochen. Daß es überhaupt noch zu Konflikten unter Christen kommt, liegt daran, daß sie dies vergessen haben. Alle Mißhelligkeiten in der Gemeinde kommen aus dem glaubenslosen Absehen vom Handeln Gottes in unsrer Mitte.

Es mag Situationen geben, in denen gestritten werden muß. Aber der Streit ist nur berechtigt, wo er zu dem ruft, was dem Frieden dient, also letztlich zusammenführt. Sicher haben wir es oft schwer miteinander: Es gibt zu viel unvereinbare Gedanken, zu viel widerstreitende Interessen, zu viel Wertlegen auf die eigene Person, zu viele Mißverständnisse und Unterstellungen.

Am Schluß seines Briefes fordert Paulus zum „heiliger Kuß“ auf, der dann zum Abendmahl überleitete. Wir kennen das nur noch vor manchen Politikern (die das aber auch von der Kirche haben). Wir werden das wohl kaum wieder in der Gottesdienst einführen können. Vielleicht sollten wir uns lieber zum Schluß die Hände reichen. Aber was damit gemeint war, sollten wir uns schon in Erinnerung rufen.

Aller Streit ist immer überwölbt durch den Frieden Gottes. Bei Gott ist alles Belastende und Kränkende von vornherein aufgehoben und wird weggetragen. Deshalb gilt zuletzt: auch wenn wir aufgebracht und mißtrauisch, verletzt oder verbittert sind - es gibt doch viel Grund, sich zu freuen. Laßt ihn nur heran an euch, sagt Paulus, an eure Probleme im Miteinander. Dann wird alles gut und heil, denn Gott ist ein Gott der Liebe und des Friedens.

So kann auch der heutige Tag für uns alle zu einem Tag des Segens werden. Wir sollten uns nicht nur dazu gratulieren, daß wir diesen Tag erreicht haben, denn dafür können wir nichts, das verdanken wir nur der Grade Gottes. Wir sollten uns auch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes wünschen.

 

 

1. Sonntag nach Trinitatis 5. Mose 6, 4 - 9

Manche Menschen - gleich welchen Alters - finden es modisch, um den Kopf ein Stirnband zu tragen. Besonders Langläufer greifen gern darauf zurück, weil so der Schweiß aufgefangen wird. Aber noch mehr ist dieses Stirnband ein Zeichen einer bestimmten Lebensauffassung.

Nun stellen wir uns einmal vor, es brächte jemand an diesem Band noch einen kleinen Beutel an, der dann zwischen den Augen hängt. Und in dem Beutel wäre ein geschriebener Text aufbewahrt, der diesem Menschen besonders wichtig ist: ein Gedicht, ein Gesetzestext, eine Anschrift oder eine Telefonnummer oder die Geheimzahl der Scheckkarte.

Genau das machten aber schon die alten Israeliten, indem sie den heutigen Predigttext wörtlich nahmen. Auch die Juden zu Jesu Zeiten hielten es noch so: Auf Pergamentstreifen schrieben sie bestimmte Bibelstellen, legten sie in Kapseln und hängten sie sich vor die Stirn. Dadurch wollten sie Gottes Wort gewissermaßen ständig vor Augen haben. So halten es auch heute noch manche strenggläubige Juden.

Diese Methode ist gar nicht so schlecht. Ein Student hat einmal an den Schrank am Fußende seines Bettes einen Zettel mit einem „G“ darauf gehängt. Die Mitbewohner fragten ihn, ob das etwa der Anfangsbuchstabe einer Freundin wäre, an die er abends vor dem Einschlafen denken wollte. Doch der Buchstabe stand für „Gebet“, weil der Student sich vorgenommen hatte, das tägliche Abendgebet nicht zu vergessen.

Ein Lieblingstext der Juden für dieses Erinnerungskapseln am Kopf war der heutige Text, der sozusagen das Glaubensbekenntnis Israels ist: „Der Herr ist unser Gott, der Herr allein!“ Man kann sich vorstellen, daß die Stämme Israels vor dem Einzug in das gelobte Land einen große Glaubensversammlung machten und Josua sie fragte, ob sie den auch im neuen Land dieses alte Gebot einhalten wollen.

Dadurch wird es immer wieder auf die neue Situation bezogen. Auch Jesus hat das Gebot wie alle frommen Juden zweimal täglich gesprochen und in ihm sogar das vornehmste Gebot gesehen. Für uns gilt es natürlich ebenso, auch wenn wir es nicht unbedingt an einem Stirnband tragen. Dabei können wir auseinanderhalten, was schon im Alten Testament nebeneinander steht: Einmal wird eingeschärft, daß es nur einen Gott gibt. Aber es ist auch schon von der Liebe die Rede, die man Gott mit ganzem Herzen und mit allen Sinnen entgegenbringen darf.

 

1. Gott allein:  Im Normalfall haben wir nicht zwischen verschiedenen Göttern zu wählen, auch wenn fremde Religionen bei uns auf dem Vormarsch sind. Für die Israeliten dagegen war die Ein-Gott-Lehre durchaus noch nicht sichergestellt. In anderen Ländern hatten und bei anderen Völkern hatten andere Götter die Macht. Aber der Gott Israels hatte sich dieses bestimmte Volk ausgesucht. Nun durfte Israel auch nur noch diesen Gott verehren. Erst im Laufe der Zeit wurden die Götter der anderen Völker immer uninteressanter, so daß man die Folgerung zog: Es gibt keinen Gott außer dem Gott Israels.

Für uns geht es eher darum, ob man an Gott glauben oder atheistisch denken und leben will. Luthers Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ ist nicht mehr die Frage in einer Zeit, in der man zuerst einmal fragt: „Gibt es überhaupt einen Gott?“

Natürlich gibt es einen Gott. Wie der aussieht, hat schon Luther im Großen Katechismus in der Erklärung zum ersten Gebot beschrieben: „Gott nennt man den, von dem man alles Gute erwartet und zu dem man flüchtet in allen Nöten. Einen Gott zu haben bedeutet nichts anderes, als einem von Herzen zu vertrauen und an ihn zu glauben. Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verläßt, das ist dein Gott!“

Wir brauchen Gott, wenn ein Mensch ins Leben tritt oder wenn er wieder gehen muß, wenn wir in ein Auto oder ein Flugzeug steigen, wenn wir körperlich oder seelisch krank sind. Aber Gott ist nicht nur für die „Grenzsituationen“ da, sondern gerade auch denn, wenn wir glücklich und erfolgreich sind und uns stark fühlen.

Doch es können auch ganz einfach irgendwelche Dinge sein, an die wir unser Herz hängen und die für uns zum Gott werden: Geld und Macht, Klugheit und Können, Ehre und Erfolg. In der Theorie ist alles klar, da wollen wir uns schon an den einen Gott halten. Aber im gelebten Leben fällt die Entscheidung oftmals anders.

Der schroffe Ausschließlichkeitsanspruch des Gottes Israels kann uns dabei durchaus hilfreich sein. Viele sagen, das sei ein Ausdruck religiöser Rechthaberei. Man müsse doch jeder Religion und jeder Auffassung ihr Recht lassen.

Und dann wird gern der Alte Fritz zitiert, der gesagt hat, in seinem Land solle jeder nach seiner Fasson selig werden. Doch dabei übersieht man, daß der preußische König nur jedem seine Konfession, seine Art von Christentum, lassen wollte, egal, ob evangelisch oder katholisch. Doch selig werden konnte man auch nach seiner Meinung nur über Gott.

Lessing hat in seinem Schauspiel „Nathan der Weise“ die Meinung vertreten, den echten Ring könne man nicht mehr erkennen, nachdem die drei Ringe vertauscht worden waren. So könne man auch nicht mehr wissen, welche von den drei großen Religionen im Recht ist.

Eine moderne Demokratie wird das auch so sehen und jedem Bürger eine umfassende Religionsfreiheit zugestehen. Doch der einzelne Bürger muß sich entscheiden. Und auch wenn er sich nicht entscheiden will, hat er sich damit für die Glaubenslosigkeit entschieden. Wer aber sein Leben mit Gott gestalten will, der muß sich auch total verpflichten. Er muß sich ja nicht unbedingt solche Denkzettel um den Kopf binden. Aber umso mehr muß die Entscheidung innerlich stehen und auch im Leben nach außen deutlich werden.

 

2. Von ganzem Herzen und mit allen Sinnen: Da Gott nur einer ist, sollte unsre Hingabe an ihn auch ganzheitlich sein. Doch geht das überhaupt: Gott von ganzem Herzen und mit all unsern Sinnen lieben? Mancher wird sagen: Das kann ich nicht einmal bei meinem Ehepartner oder bei den Kindern! Ist das nicht zu viel verlangt?

Wir dürfen unser Konto da nicht überziehen: Weder können wir behaupten, daß diese ganzheitliche Hingabe an Gott schon vorhanden sei, noch können wir sie in gesetzlicher Weise fordern. Jesus hat natürlich immer viel gefordert, weil er den Menschen als Ganzheit sah. Nur mit dem Höchsten war er zufrieden. Nur ein guter Baum kann gute Früchte bringen. Jesus war da schon radikal.

Aber Jesus hat doch auch eine andere Sicht hineingebracht. Vorher ging es mehr um Gottesfurcht und Gehorsam gegen die Gebote. Jesus aber spricht vom Liebhaben Gottes. Damit hat er nur etwas hervorgeholt, was im Alten Testament schon vorhanden ist, aber verschüttet gegangen war. Schon ganz am Beginn des Volkes Israel wird davon gesprochen, daß der Glaubende seinen Gott lieb haben darf.

Wenn wir ehrlich sind, dann ist Gott doch mehr eine unsichtbare und namenlose Größe, die allenfalls in unserem Denken vorkommt. Vieles in unserem Alltag läuft so ab, als wäre Gott überhaupt nicht da. Lieb haben aber ist eine ganz andere Einstellung zu ihm. Liebe ist ein tiefes, vom Grunde des Herzens herkommende Interesse am anderen. Da denkt man und fühlt man von ihm her und zu ihm hin. Da ist man so mit ihm verbunden, daß man ihn nicht mehr entbehren kann. Da will man dem anderen zuliebe tun, was man nur kann. Da fällt es auch gar nicht schwer, für ihn da zu sein.

So kann man auch Gott lieben, hingebungsvoll und opferbereit, mit ganzer Kraft und vielleicht auch kämpferisch. Gott über alle Dinge lieben heißt: nichts soll in unserem Leben die Bedeutung haben, die i h m zukommt. Ihm gehört unser Denken und Wollen, unser Sehnen und Trachten. Ihm gehört unsre Freude und auch unsre Traurigkeit. Läßt er uns leiden, so soll auch darin unsre Liebe nur ihm gehören. Und die Art, wie wir alles auf uns nehmen, soll ihn ehren.

Wieder könnte man sagen: Da ist doch alles zu hoch gestochen, solche Gottesliebe gibt es nicht. Natürlich kann man sich diese Liebe  nicht abringen, so wie das Luther in seinen jungen Jahren versucht hat. Aber als Sünder leben wir davon, daß Gott selber das rechte Verhältnis zu uns herstellt in Jesus Christus. Seitdem können wir glauben und Gott unser Herz geben.

Oft reden wir uns ein: Das Kirche-Gehen macht es nicht, und es geht auch ohne Bibellese und feste Gebetszeiten. In der Tat: das Leben eines Christen verläuft nicht so, daß man beständig fromme Reden führt oder mit gefalteten Händen herumläuft. Aber es ist gemeint: Gottes Raum ist nicht nur der religiöse Bereich, sondern wir dürfen ihn ständig bei uns wissen. Das engt uns aber nicht ein, sondern macht uns erst richtig frei.

Wer aber mit Gott leben will, wird sich auch seine Worte einprägen müssen. Dabei sind aber nicht die Gebote oder die Reihenfolge der biblischen Bücher  entscheidend. Kernworte der Bibel, ein Liedvers, vor allem aber den Spruch von der Konfirmation und Trauung, die sollte man schon können. Man kommt sehr schnell in Situationen, wo man nicht erst im Buch nachsehen kann, sondern so ein Trostwort gleich parat haben muß. Dann ist Gottes Wort auch bei uns an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer des Arztes oder bei einem Bewerbungsgespräch.

Gott allein, aber mit ganzem Herzen! Das haben wir heute durch diesen Bibeltext vor Augen gestellt bekommen. Beides ist zusammengekommen in dem Überlebenskampf der griechisch-orthodoxen Kirche während der Türkenherrschaft. Ein bulgarischer Priester hat einmal gesagt: „Wir haben 500 Jahre Türken überstanden, da werden wir auch die 50 Jahre Kommunismus überstehen!“ Den Schluß hat er nicht so gesagt, aber das haben sich die Zuhörer selber ergänzt. Er konnte ja auch gar nicht wissen, daß es nicht einmal 50 Jahre dauern würde.

Aber auch in Griechenland war es so: Da haben sie in den Klöstern die Jugend die Muttersprache gelehrt, die verboten war. Und mit der Sprache wurde natürlich auch der Glaube übermittelt, über viele Jahrhunderte. Das ist Glaube an den einen Gott, von ganzem Herzen und mit allen Sinnen.

 

 

2. Sonntag nach Trinitatis: 1. Kor 9, 16 - 23

In einer Konferenz von Theologen hatte man sich entschlossen, auch einmal jemand von außerhalb zu befragen, damit man nicht zu sehr nur im eigenen Saft schmort. Also kam ein Professor für Soziologie und gab Empfehlungen, wie die Kirche ihre Sache an den Mann bringen könne. Er meinte, man solle auf alles Schwere verzichten, zum Beispiel auf die Sache mit der Kreuzigung und der Auferstehung, und ganz zu schweigen von Wundern und Heilungen. Statt dessen sollte sie Kirche nur das verkünden, womit die Menschen unsrer Zeit auch etwas anfangen können.

Dann müßten wir uns also nach dem richten, was Befragungen  herausgefunden haben wollen. Der Hessische Rundfunk hat einmal eine Befragung in Auftrag gegeben „Was glauben die Hessen?“ Danach müßten wir uns also zum Beispiel auf das Thema „Engel“ stürzen und vielleicht sogar noch Schutzengelfiguren in der Kirche verkaufen. Dann müßten wir den Anbau und den Verkauf von Haschischpflanzen erlauben und die Geschwindigkeit auf den Straßen völlig freigeben.

Man könnte man auch an Fastnachtspredigten denken, um den Zuhörern entgegenzukommen. Ein Pfarrer in Nordhessen macht das jedes Jahr. Und einer hat sogar ein ganzes Buch mit solchen Predigten herausgebracht. Die lesen sich zwar mit ihren gereimten Versen ganz gefällig. Aber  am Ende fragt man sich doch: „Was hat er denn jetzt eigentlich sagen wollen?“ Vielleicht ist das doch etwas zuviel Anpassung an den Geist der Zeit.

Paulus entwirft hier ein anderes Bild von der Haltung eines Christen und wie man auf andere eingehen kann.. Er sagt als Erstes: Ein Christ ist frei zum Verzicht. Kurz vorher hat er sich mit der Frage auseinan­der­gesetzt: „Darf man als Christ das Fleisch essen, das bei den heidnischen Opferfesten übriggeblieben ist?“ Seine Antwort lautet: „Wer damit Schwierigkeiten hat, soll es lassen!“ Ihm selber würde es nichts ausmachen. Aber um der Schwachen im Glauben willen ist er so frei, auch darauf zu verzichten.

Ebenso ist es mit der Frage, ob er für seine Arbeit in der Kirche entlohnt werden soll. Paulus sagt dazu: An sich hätte er Anspruch auf Unterhalt durch die Gemeinden wie die anderen Apostel auch. Aber von diesem Recht macht er keinen Gebrauch und bestreitet seinen Lebensunterhalt mit seiner eigenen Hände Arbeit, damit nicht der Vorwurf erhoben werden kann, er predige ja nur um des Geldes willen.

Unsere Probleme sind das nicht mehr: Für uns gibt es kein Götzenopferfleisch mehr, weil es weil es keine anderen Götter gibt. Gerade das Evangelium Gottes hat uns frei gemacht, die weltlichen Dinge auch mit weltlichem Sachverstand zu entscheiden.

Nur wo eine Bindung verlangt wird, die mit unserem Gebundensein an Gott in Widerspruch steht, muß man als Christ  bekennen und da bedarf es einer klaren Entscheidung.

Weil wir von Gott gehalten werden, brauchen wir nicht ängstlich, gesetzlich und klein­kariert sein. Natürlich darf der Christ tanzen, ins Theater gehen, und mit nichtchristlichen Menschen in weltlichen Dingen gemeinsam Hand anlegen. Eine Christin darf sich auch nach der Mode kleiden; sogar eine Pfarrfrau muß nicht auf den zweifarbigen Faltenrock verzichten, wie das noch vor fünfzig Jahren erwartet wurde.

Aber bei Paulus kommt dann doch die überraschende Wende: Was er dürfte, nimmt er nicht in Anspruch. Er verzichtet auch einmal, wenn es um die Menschen geht, für die er da sein soll, damit er dem Evangelium kein Hindernis in den Weg legt. Es gibt ja nicht nur die Böswilligen, die außerhalb stehen, sondern auch in der Gemeinde könnte es Zweifel an der Ehrlichkeit des Apostels geben. Da gibt es zum Beispiel Gemeindeglieder, die machen eine Test-Spende, um dann nachher zu kontrollieren, ob auch alles ordnungsgemäß in die Bücher ein­getragen ist oder ob die Spendenquittung auch kommt.

Ein Pfarrer steht da unter besonderer Beobachtung. Es gibt auch heute viele Kirchen, in denen die Pfarrer so arm sind wie Paulus. Es sollte niemand den Eindruck haben: „Der redet ja nur so, weil er dafür bezahlt wird!" Es ist ja nicht jeder so geschäftstüchtig wie der frühere Pfarrer Jürgen Fliege, der gewöhnliches Leitungswasser segnet und dann für 40 Euro die Flasche verkauft.

Wenn Paulus keinen Gebrauch macht von dem, was er dürfte, dann ist das aber kein Rückfall in das Gesetz. Vielmehr nimmt er nur die evangelische Freiheit wahr und stellt sich so auf die anderen ein, daß sein Lebensstil keinen Anstoß erregt. Aus Liebe paßt er sich an. Er versteht, daß die Menschen nicht so schnell das Gewohnte von einem Tag auf den anderen abtun können. Was der eine in souveräner Freiheit des Glaubens weit hinter sich gelassen hat, kann dem anderen zur Anfechtung seines Glaubens oder gar zum Verhängnis werden. Wer da Schwierigkeiten hat, dem ist nur zu helfen, wenn man mit ihm verzichtet.

Der eine ist halt mehr der Welt zugewandt und läßt sich in seinem Glauben nicht dadurch einschränken; der andere schafft alles nur mit angespannter geistlicher Konzentration. Der eine wird durch die kritische Bibelforschung noch in seinem Glauben gestärkt. Der andere hat das Gefühl, der Boden weiche ihm unter den Füßen, wenn er kritische Fragen nur an sich heranläßt. Deshalb wird ein Pfarrer die sogenannten bibeltreuen Christen in seiner Gemeinde anerkennen. Die Frage ist nur, ob sie den Pfarrer anerkennen, oder ihm den rechten Glauben absprechen.

Für diese genügt es, wenn einer in Marburg studiert hat, dann  ist er schon ein „Ungläubiger". In Marburg wirkte nämlich der Theologieprofessor Rudolf Bultmann, der angeblich ein Leugner der Auferstehung war. Der Mann war Kirchenvorsteher und hat am Ausgang der Kirche den Kollektenteller gehalten. Sicher muß man ihn heute auch kritisch sehen. Er hat in der Vorlesung des Philosophen Martin Heidegger gesessen und sich von diesem beeinflussen lassen. So wollte er, daß man die ganze biblische Botschaft nur auf ihren innersten Kern beschränkt und nur das bestehenläßt, was den Menschen in seiner Existenz anspricht. Die ganzen Einzelheiten und das Leben Jesu waren ihm nicht wichtig. Doch schon seine Schüler haben das wieder korrigiert. In diesen Fragen müssen wir einander Freiheit geben. Dabei ist das Gewissen des anderen zu schonen n auch das Gewissens des Pfarrers, der durch das Feuer der wissenschaftlichen Kritik gegangen ist. Nur die Liebe baut auf.

Frei für jedermann weiß sich Paulus jedoch jedermann verpflichtet. Er hat seine Freiheit nicht für sich, sondern für die anderen. Weil er die Menschen liebt, geht er mit einem Höchstmaß an Elastizität und Anpassung auf sie zu. Fünfmal gebraucht Paulus das Wort „gewinnen“. Aber das kann nicht heißen: „Sag ihnen, was sie hören wollen - Hauptsache, du gewinnst sie!“ Eine der Welt nach dem Munde redende Kirche verrät nicht nur ihren Auftrag, sondern sie macht sich vor der Welt ganz und gar unglaubwürdig.

Es ist keine kirchliche Jugendarbeit, wenn die Sozialarbeiterin nur aufpaßt, daß das Mobiliar nicht beschädigt wird. An sich ist diese Jugendarbeit eine Sache der Stadt. Aber dann kürzt diese die Zuschüsse um 20.000 Euro, so daß die Kirche jetzt jedes Jahr betteln gehen muß, um die Finanzierungslücke zu schließen. Das ist ein Skandal, wenn die Stadt sich darauf verläßt: Die Kirche wird das aus Nächstenliebe schon machen! Nur ist das dann eine rein diakonische Arbeit und kaum christliche Verkündigung. Auch bei dieser diakonischen Arbeit könnte und sollte die Kirche mehr Flagge zeigen und laut und deutlich sagen, was ihre eigentliche Botschaft ist..

Auch Paulus selbst ist nicht etwa ohne Standpunkt. Er verändert auch nicht das Evangelium je nachdem, welcher Hörer ihm gegenübersteht. Nicht das Evangelium wird angepaßt, sondern er selbst will sich anpassen. Er gebraucht nicht nur die Worte des Gegenübers, sondern will sich auch in seine Denkweise versetzen. So hat es auch der Evangelist Johannes ein Evangelium geschrieben, mit dem er die Anhänger einer damals weitverbreiteten Weltanschauung gewinnen wollte. Und der Evangelist Matthäus hat wieder mehr für die Juden geschrieben. So ist in Afrika das Kind in der Krippe natürlich schwarz und die Lieder stammen zum Teil auch aus den einheimischen Melodien.

Für diese Einstellung hat man den Ausdruck geprägt „Diakonische Solidarität“. Damit ist aber nicht gemeint: „Ich passe mich dir soweit an, daß du gar nicht mehr merkst, wenn du vor dir hast!“ Vielmehr wird dadurch ausgedrückt: „Du bist mir wichtig, ich nehme dich ernst in allem, was in dir vorgeht,  ich versuche es wenigstens!“

Luther hat das in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ so ausgedrückt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr und niemand untertan. Ein Christenmensch ist aber auch ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan!“ Ergänzen müßte man noch ganz im Sinne Luthers: „In erster Linie aber ist der Mensch Gott untertan!“

 

 

3. Sonntag nach Trinitatis: Hes 18, 1 - 4 und 21 - 23 und 30 - 32 (Variante 1)

„Es hat ja doch alles keinen Zweck!“ Diesen Satz haben wir sicher schon einmal gehört, haben ihn vielleicht auch schon selber gesprochen. So etwas sagt man, wenn man alles satt hat, wenn man keinen Weg mehr vor sich sieht, wenn alles grau in grau erscheint. Wir sagen: „Es

ist alles anders geworden als früher. Wie soll es denn weitergehen?“ Ganz verräterisch ist das kleine Wörtchen „noch“. Wenn wir sagen: „Wir haben n o c h soundso viel Konfirmanden!“ dann bringen wir doch damit zum Ausdruck: früher waren es mehr und in Zukunft werden es noch weniger sein.

Es ist gut, wenn solche Befürchtungen und Klagen ausgesprochen werden. Aber wir sollten auch sehen, daß Gott uns einlädt zu einem Leben mit ihm. Er gibt uns immer wieder die Möglichkeit zu einem Neuanfang. Dabei soll dann auch vergessen sein, was in der Vergangenheit an Belastendem gewesen ist.

Es stimmt ja nicht, daß alle Schuld auf Erden sich räche. Dieser Satz rechnet nicht mit der Freiheit Gottes, zu strafen oder noch zu warten, zu richten oder freizusprechen. Wahr darin ist aber: Was dem einzelnen Menschen widerfährt, hängt nicht nur von der Gunst der äußeren Umstände ab oder ob einer mit Klugheit und Geschick der Schmied seines Glücks ist. Man kann das eigene Leben durch den Gehorsam gegenüber Gott fördern oder man zerstört es selbst im Ungehorsam. Nicht nur die individuelle, sondern auch die gemeinsame Zukunft wird bestimmt durch die Umkehr des einzelnen zu Gott.

Gott will uns aber aus unserer Verlorenheit heraus helfen und zu einer Bewältigung unseres Schicksals. Dabei kommt es auf uns     an, es kommt auf das Heute an und es kommt auf das Leben an, auf das Gott hinaus will.

 

(1.) Auf uns kommt es an:

Ein großer Teil des Volkes Israel war in die Verbannung nach Babylon gebracht worden. Doch sie können dieses Schicksal nicht bewältigen und zur Umkehr und zu einem Neuanfang finden, weil sie die Vergangenheit falsch deuten. Sie meinen: Wir löffeln die Suppe aus, die uns die Generationen vor uns eingebrockt haben: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, und uns sind die Zähne davon stumpf geworden!“

Auch wir machen das gern. Auch wir sagen: Unsere Vorfahren hätten doch weitsichtiger planen können, dann ginge es uns heute besser. Hätten sie solider gebaut, gäbe es heute nicht so viel Reparaturen. Wenn sie keinen Krieg begonnen hätten, müßten wir nicht heute noch darunter leiden. Wären sie bessere Christen gewesen, dann wäre die Kirche heute glaubwürdiger.

Auch bei uns kommt leicht die Meinung auf: Was uns beschwerlich und gefährlich ist, das haben wir den Vorfahren zu verdanken. So bevorzugen wir die billigste Deutung der Lage: die anderen sind es gewesen! Natürlich ist daran etwas Richtiges: Wir tragen an der Last der Geschichte, die Gegenwart ist immer durch Vergangenes belastet. Die Vorfahren haben gewiß vieles falsch gemacht. Gewiß sind wir heute in vielem klüger, als sie es waren, denn hinterher ist man meist klüger.

Die jungen Leute, die die Alten für die Untaten des faschistischen Regimes verantwortlich machen, haben ja weithin recht. Aber man muß sie doch fragen: Was hättet ihr denn damals tun können und was h ä t t e t ihr wohl getan, wenn ihr dabei gewesen wärt? Was tut ihr denn heute gegen das Unrecht, das es in der Welt gibt?

Wir haben kein Recht, die Schuld immer auf die Vorfahren zu schieben und uns selbst für schuldlos zu halten. Gott ist ein gerechter Gott. Er wird mit den Vätern und Müttern abrechnen über die Sünden ihrer Zeit, und er wird mit uns abrechnen über die Sünden u n s e r e r Zeit. Gott hat das Recht, den Vorfahren Vorwürfe zu machen. Wir haben nur das Recht, unsere Zeit und unsre Gegenwart zu fragen: Machen wir es denn besser? Haben wir gelernt aus den Fehlern der Alten?

Wenn unsre Kirche nicht so ist, wie wir sie uns wünschen, dann müssen wir uns doch fragen: Sind wir nicht selbst schuld daran, weil wir heute nicht bessere Christen sind? Wenn die Welt in Unruhe und Zwietracht ist, liegt das nicht auch an uns, weil wir nicht bessere Friedensstifter sind? Für das, was heute geschieht, macht Gott uns Heutige verantwortlich. Er sagt: Ihr habt ja selber nicht aufgehört, von den sauren Trauben zu essen. Für euch ist nicht wichtig, ob sie damals umgekehrt sind, sondern ob ihr heute bereit seid zur Umkehr.

Gott sagt ganz eindeutig: Was es auch immer an Ererbtem gibt, so trägt doch immer jeder die Verantwortung für sich selbst. Gott verrechnet nicht die Hypotheken, die wir haben übernehmen müssen.  Er weiß auch sehr wohl, welche Möglichkeiten des Gehorsams und der Bewährung wir heute haben und welche nicht. Es gibt bei Gott keine Sippenhaft.

Das Sprichwort von den sauren Trauben ist so gefährlich, weil man sich damit herausredet und die Eigenverantwortlichkeit leugnet. Man spricht von einer „sinnlosen Katastrophe“ und beschuldigt die Vorfahren und den lieben Gott und sieht nicht, daß es zuerst einmal auf einen selbst ankommt. Über uns kommt nicht eine Schicksalmaschinerie, sondern Umkehr ist immer möglich und sinnvoll.

 

(2.) Auf das Heute kommt es an:

Eine Gefahr ist, daß wir uns immerzu Vorwürfe machen wegen unserer Vergangenheit: „Ach, hätte ich nur damals...“. Damals haben wir alles verpatzt, jetzt hat es keinen Sinn mehr, heute ist es zu spät. Aber durch dieses „Wenn“ und „Hätte" verschütten wir uns den Weg in die Zukunft. Da werden wir hoffnungslos und tatenlos und damit unfähig für das Heute. Doch es ist nie zu spät. Gott ist zwar ein gerechter Gott, aber er ist auch ein barmherziger Gott. Er hat keinen Gefallen am Tod des Sünders, sondern will, daß er umkehrt.

Die andere Gefahr ist, daß wir uns zu sehr auf unsre vermeintlich gute Vergangenheit verlassen. Wir haben kein Recht, uns heute zur Ruhe zu setzen. Wenn wir in der Vergangenheit vielleicht Gutes getan haben, so befreit uns das nicht von der Verpflichtung, heute noch viel Besseres zu tun. Vielleicht gibt es manchen Menschen, der uns dankbar ist für eine gute Tat von gestern. Aber Gott fragt uns: Wie seid ihr heute? Die Erfolge von einst sind kein Sicherheitsgurt für immer, der uns vor Gottes Anspruch schützt. Die eigene Vergangenheit wird ausgelöscht, wenn wir zu Recht und Gerechtigkeit umkehren. Aber wenn wir uns heute dem Bösen zuwenden, wird auch unsere gute Vergangenheit ausgelöscht. Es kommt immer auf das Heute an. Zwar sind wir Teil einer Familie, der Gesellschaft und der Menschheit. Aber die Verantwortung vor Gott tragen wir doch allein. Ihm allein müssen wir Antwort geben, er allein darf Rechenschaft fordern, sonst keiner. Das sichert unsere Freiheit. Aber wir haben sie nicht isoliert von der Gemeinschaft der anderen,. sondern Freiheit haben wir so wahrzunehmen, daß wir damit den anderen dienen. Auch unsre Vergangenheit ist nicht einfach belanglos. Der Mensch hat eine Geschichte. Was er heute ist, das ist er nicht ohne das, was ihm widerfahren ist. Aber die Macht der bösen Gewohnheit läßt Gott nicht gelten. Ebensowenig unsere Unlust oder angeblichen Verstrickungen. Er erwartet unsere Umkehr und will nur über das Heute mit uns reden.

Gott sagt uns: Wenn du jetzt das Steuer herumwirfst, soll dir deine ganze gottwidrige Vergangenheit nicht mehr anhängen. Der Weg zur Schicksalsbewältigung ist freigemacht. Unbelastet durch eigene oder fremde Sünde dürfen wir heute unsere Entscheidung treffen. Das liegt daran, daß Christus für die Sünden der Väter und Kinder gestorben ist. Davon konnte Hesekiel noch nichts wissen, Aber wir wissen, daß Jesus der Heiland der Früheren und der Jetzigen ist.

 

(3) Gott will auf's Leben hinaus:

Daß es um Leben oder Sterben gehe, klingt etwas überzogen. Irgendwie ist das Leben doch immer wieder weiter gegangen, obwohl wir Gott die Umkehr schuldig geblieben sind. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ist das Land neuer und schöner wieder erstanden. Und auch nach Tschernobyl haben wir uns daran gewöhnt, mit der Kernkraft zu leben. Doch wir sind nach wie vor von der Selbstvernichtung bedroht. Da dürfen wir die Frage „Tod oder Leben“ nicht für übertrieben erklären.

Wie viele Male haben wir schon Gott angeklagt, er habe die Welt gefälligst anders zu regieren. Er aber sagt: Nicht ich habe unrecht gehandelt, sondern ihr! Es ist eure Schuld, wenn ihr euch das Leben unnötig schwer macht. Deshalb werft eure Vergehen schnell weg, nur so kann es besser werden.

Gott erwartet zunächst nur einmal das Nächstliegende und Normale: Recht und Gerechtigkeit üben, sich vom Unrecht fernhalten, nicht in eine andere Ehe einbrechen, dem Hungernden Brot geben. Gott will das Leben. Die Auflehnung gegen ihn will Gott verwandeln in eine Zuwendung zu ihm. Das neue Verhalten zu Gott führt dann auch zu einer Veränderung des ganzen Menschen.

Dann könnte sogar eine Unglückszeit wie die Verbannung in Babylon zu einer Segenszeit werden. Wir brauchen nur das Angebot Gottes annehmen. Wenn Umkehr geschieht, dann wird jede Zeit zur Segenszeit.

 

 

3. Sonntag nach Trinitatis: Hes 18,1 – 4 und 20 – 24 und 30-32 (Variante 2)

Lidice ist ein Ort in der Nähe von Prag, der im Krieg von der SS dem Erdboden gleichgemacht wurde. Die Männer wurden alle erschossen, die Frauen kamen in Konzentrationslager und die Kinder wurden in andere Familien gegeben. Vorausgegangen war das Attentat auf Reinhard Heydrich, den Statthalter Hitlers in Prag. Angeblich hatten sich die Attentäter in dem Dorf Lidice versteckt und mit seiner Ausrottung sollte ein warnendes Beispiel gegeben werden.

Dabei waren die Attentäter wahrscheinlich gar nicht dort. Zumindest waren die Einwohner aber unschuldig an dem Attentat. Aber weil man dort traditionell kommunistisch war, wurde eben wahllos an diesem Ort Rache genommen. Unschuldige Menschen mußten für etwas büßen, womit sie gar nichts zu tun hatten.

Inzwischen ist das Dorf - auch mit Hilfe einer internationalen Spendenaktion - ganz in der Nähe wieder aufgebaut. Es wohnen dort Verwandte der Opfer jenes Massenmordes. Man wird sich denken können, daß man als Deutscher mit beklemmenden Gefühlen dort hin geht. Natürlich können sie alle nichts für die Taten der Deutschen von damals.

Und doch werden sie mit anderen Empfindungen da stehen als etwa ein  Ungar oder Franzose.

Irgendwie wird dann doch deutlich, daß man sich nicht der Mitverantwortung entziehen kann, auch wenn man ja menschlich gesehen völlig unschuldig ist.

Aber wir werden auch heute  nur mit Scham an das denken können, was Deutsche damals den Tschechen und Polen und Juden angetan haben. Und wir sind heute mitverantwortlich dafür, daß sich so etwas nicht mehr wiederholt.

Doch hier müßte es uns eigentlich schon beklemmend werden. Heute geschieht doch das Gleiche an den Orten, wo Krieg geführt wird. Da wird auch Rache an einem ganzen Dorf genommen, weil Untergrundkämpfer dort Zuflucht gesucht haben. Die Bevölkerung soll dadurch davon abgehalten werden, mit den Kämpfern zusammenzuarbeiten.

Was tun wir heute gegen solche Massaker durch Bomben, Granaten, Drohnen oder auch Massenerschießungen, wie sie ja auch vorgekommen sind? Unsere Schuld ist genauso groß wie die Schuld der Menschen von damals, die auch zu all dem geschwiegen haben, bzw. sich selber aktiv daran beteiligt haben. Es soll nur keiner überheblich sein und sagen: „Ich hätte bei so etwas nicht mitgemacht!“

Wir leiden aber eben alle unter dem, was unsre Vorfahren falsch gemacht haben. Damals haben die meisten alle Warnungen vor Hitler in den Wind geschlagen. An den Folgen tragen wir heute noch. Der Krieg mit seinen Auswirkungen hat Schuldige und Unschuldige getroffen, selbst die, die damals noch nicht geboren waren. Was die eine Generation frevelhaft zerstört, müssen die folgenden unter Entbehrungen und mit viel Ausdauer wieder aufbauen. Auch heute sind die äußeren und inneren Schäden des Krieges noch nicht überwunden. Zerstört hat man schnell, aber wieder aufgebaut hat man es so schnell nicht wieder.

Auch im kleinen Bereich büßen die Kinder für die Sünden der Eltern. Die Entscheidungen, die wir fällen, die Arbeit die wir leisten, die Tatsachen, die wir schaffen, bestimmen das Leben unsrer Nachkommen. Wenn ein Kind zu streng erzogen wird, kann es als Erwachsener

leicht unselbständig und eingeschüchtert werden, so daß es mit den Schwierigkeiten des Lebens nicht fertig wird. Wer als Kind aber verwöhnt wurde, kann sich nachher nur schwer in die Gemeinschaft einordnen und seine Kinder werden noch unter seiner Rücksichtslosigkeit zu leiden haben.

Ebenso lassen sich aber auch gute Auswirkungen durch die Generationen verfolgen. Der Segen einer guten Erziehung kann bis zu den Enkeln und Urenkeln reichen. Einstmals haben unsere Vorfahren die Angst vor Dämonen und bösen Geistern überwunden. Sie haben es gelernt, die Natur und ihre Kräfte sachlich zu erforschen, so daß Naturwissenschaft und Technik entstehen konnten. Wir ernten heute, was unsre Vorfahren geschaffen haben.

Wir sehen aber auch, wie ein lebendiger christlicher Glaube sich in vielen Familien von Generation zu Generation forterbt. Die Kinder wachsen eben ganz wie selbstverständlich in alles hinein und folgen ihren Eltern nach. Und es wird dann wirklich so, wie es in der Bibel heißt, daß die Wohltat Gottes bis ins tausendste Glieds reicht.

Beim Propheten Hesekiel geht es nun auch um das Verhältnis zwischen der Schuld der Väter und dem Schicksal der Kinder. Hier beklagen sich die Kinder, die von den Babyloniern in die Gefangenschaft verschleppt worden sind: Wir müssen nun auslöffeln, was die Alten uns eingebrockt haben. „Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden!“ So konnte man es damals in einer Art Sprichwort hören. Und man merkt deutlich den Hohn über die göttliche Gerechtigkeit heraus, die die Schuld der Väter bei den Kindern einkassiert Aber es ist immer so: Wenn einer erbt, dann erbt er auch die Schulden mit

Der Prophet verbietet aber im Auftrag Gottes dem Volk Israel, dieses Sprichwort weiter im Munde zu führen. Es stimmt einfach nicht. Gott hat alle Menschen lieb, die Väter wie die Kinder. Jeder muß selber für seine Schuld einstehen. Es wird keinem etwas zur Last gelegt, wofür er nichts kann.

Wenn aber Israel nun bestraft wird, dann bedeutet das doch: Es ist selber schuldig. Es benutzt dieses Sprichwort nur, sich von seiner Schuld freizusprechen. Anstatt selber umzukehren, gibt es Gott die Schuld und behauptet: Es hat wieder einmal die Unschuldigen getroffen. Hier liegt der verhängnisvolle Irrtum des Volkes. So darf man nicht reden, weil man damit nur von den eigenen Problemen ablenkt.

Man kann zum Beispiel nachweisen, daß die Kirche im 19.Jahrhundert allerhand gegenüber der Arbeiterschaft versäumt hat und auch Schuld auf sich geladen hat. Wir haben heute noch darunter zu leiden, daß sich die Arbeiter von der Kirche verraten fühlten. Aber es ist doch

billig ,nur auf das Versagen der Väter hinzuweisen und damit die eigene Untätigkeit zu entschuldigen. Wir können nicht nur immer auf die Fehler der Vergangenheit verweisen, sondern wir müssen uns fragen, was wir Heutigen um Christi willen dem arbeitenden Menschen schuldig sind.

Wer immer nur sein Schicksal beklagt, verbaut sich den Weg zur Umkehr und zum Neuanfang. Er läßt auch die ihm selber gebotenen Möglichkeiten aus und wird wieder an seinen eigenen Nachkommen schuldig. Er findet sich mit seinem Schicksal ab und bindet sich damit selber die Hände. Gott will aber, daß wir verantwortlich an der Zukunft mitarbeiten, jeder an seiner Stelle.

Gott redet nicht irgendwelche Kollektive an, sondern er hat es mit Personen zu tun, das heißt. mit Menschen, die sich selber entscheiden sollen und deshalb auch selber Verantwortung haben, die sie nicht an andere weitergeben können. Keiner kann sich hinter den Gewohnheiten, den Umständen oder den Verhältnissen verkriechen, sondern ist selber gefordert. Niemand kann sich aus der Affäre ziehen, indem er auf einen anderen  verweist.

Hesekiel macht uns deutlich: Gott läßt in der Tat nicht die Söhne für die Väter büßen. Darin ist er sich mit dem Volk einig. Aber er stimmt nicht der Meinung zu, das Volk müsse ungerecht leiden. Er sagt im Gegenteil: Gerade weil jeder an seiner eigenen Sünde stirbt, hat es euch getroffen. Wir haben alle die Neigung, unsere Schuld zu verdecken und einen anderen zu verklagen. Vorhin hat bestimmt mancher gedacht: Was haben aber erst die Tschechen und Polen den Deutschen getan. Nun, Gott wird sie zur Rechenschaft ziehen für das, was von ihrer Seite geschehen ist. Aber das spricht uns nicht frei.

Wenn ein Kind in der Schule ein fünf geschrieben hat, dann entschuldigt es sich zu Hause: „Der und der hat auch eine fünf geschrieben!“ Als ob das eine Ausrede wäre. Aber so kindisch denken auch manche Erwachsene, wenn sie etwa sagen: „Ich gehe nicht zum Gottesdienst, weil dort viele sind, die doch nur scheinheilig tun!“  Gott wird uns einmal nicht danach fragen, was die anderen getan haben, sondern was w i r getan haben.

Doch nachdem nun von unsrer Schuld und von unsrer Verantwortung die Rede war, soll nun auch noch das Evangelium zum Zuge kommen. Gott fragt nach dem Heute und Jetzt und nimmt uns in jedem Augenblick so, wie wir gerade sind: Wenn einer sich jetzt zu Gott bekehrt, ist seine ganze dunkle Vergangenheit ausgelöscht. Wenn er aber jetzt von Gott abfällt, dann nutzt ihm seine ganze christliche Vergangenheit nichts mehr.

Die Heiden stellen sich ihren Gott oft mit einer Waage in der Hand vor. Auf die eine Schale legt er die guten Taten des Menschen, auf die andere die bösen. Überwiegt das Gute, dann ist der Mensch gerettet. Unser Gott aber ist nicht so. Er rechnet nicht den Durchschnitt aus, sondern er sieht auf die Richtung des Weges: Wenn heute die Richtung stimmt, dann ist der frühere Irrweg vergeben. Wenn aber die Richtung falsch ist, dann nutzt es auch nichts, wenn man früher einmal richtig gegangen ist.

Gott sortiert die Menschen nicht mit der seelenlosen Genauigkeit einer Maschine aus. Er beginnt bei jedem Menschen wieder mit dem Nullpunkt. Daß er einem schuldig gewordenen Volk die Möglichkeit zum Neuanfang gibt, ist einfach ein Zeichen seiner Gnade. Daß die

Umkehr noch möglich ist, war schon zur Zeit des Hesekiel ein gewaltiges Evangelium.

Uns aber ist durch Christus erst recht deutlich gemacht, wie sehr Gott in seinem Herzen für uns Partei ergriffen hat. Er verhält sich nicht abwartend neutral, sondern er denkt und handelt ausgesprochen parteiisch. Er sagt: „Ich habe nicht gefallen am Tod des Gottlosen!“ Er möchte, daß wir unsere Schuld einsehen und von da aus einen Weg zum Neuanfang finden.

Wir Menschen haben oft noch Gefallen daran, wie ein Mensch gequält wird und umkommt. Gott aber ist nicht so unmenschlich. Er ist immer froh, wenn einer von uns gerettet wird. Damit wir aber nicht als Gottlose sterben müssen, starb Jesus für uns, der Einzige, der  n i c h t gottlos war. Bei Gott wird immer Freude sein, wenn wieder einmal ein Verlorener zu ihm heimkehrt.

 

 

 4. Sonntag nach Trinitatis: Röm 12, 17 - 21

„Gute Zäune machen gute Nachbarn!“ So lautet ein Sprichwort. Aber so häufig wie der Streit unter Eheleuten ist auch der Streit unter Nachbarn. Nehmen wir nur den Streit um die Grenze, die vielleicht durch eine Maschendrahtzaun gekennzeichnet wird, durch den aber dann doch zum Ärger des Nachbarn der Knallerbsenstrauch hindurchwächst. Dann muß so ein Zaun auch einmal wieder erneuert werden. Die Regel ist: Wer den Zaun das letzte Mal erneuert hat, der nagelt die Latten auf seiner Seite an! So steht es im Nachbarrecht. Aber wird das auch vom Nachbarn so gesehen? Wenn eine Mauer die Grundstücke abtrennt, dann ist die Frage: Wie richtet man die Abdeckung aus, damit das Regenwasser zur eigenen Seite läuft oder zu der des Nachbarn?

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich mit Nachbarn zu zerstreiten. In Wiesbaden fühlte sich ja ein Richter durch das Licht einer Lampe des Nachbarn gestört, dann sogar von einer Lampe im Inneren des Hauses. Der nächste Grund waren die weiß gestrichenen Fenster, wo doch alle Nachbarn braune Fenster haben. Und letztlich lag wohl alles daran, daß der Nachbar einen ausländisch klingenden Namen hatte, der den Richter nicht ruhen ließ.

Es gibt aber auch andere Möglichkeiten des Zusammenlebens: Da haben drei Nachbarn in einem Reihenhaus auf den Zaun zwischen den Grundstücken verzichtet. Dadurch haben die Kinder mehr Spielfläche und können auch die Geräte in jedem Garten nutzen. Nur der vierte Nachbar macht nicht mit, der hat fein säuberlich seinen Zaun gezogen. Aber das muß man ertragen, das ist sein gutes Recht, man darf ihn deswegen nicht schief ansehen.

Theoretisch ist das alles klar. Schön wäre es schon, wenn nirgendwo mehr Böses mit Bösem vergolten würde und unter den Menschen Friede wäre, im Kleinen und im Großen. Und wo noch Feindseligkeiten wären, da würden sie vom Guten besiegt. Aber die Praxis sieht anders aus, denn in die Wirklichkeit unsrer Welt will eine solche Liebe nicht passen. Die Liebe wird es nicht leicht haben. Sie entzündet sich nicht - wie die Erotik - am Liebenswerten, sondern sie muß immer eine Dennoch-Liebe sein. Doch es wird immer unsere Aufgabe sein, nicht vor der Lieblosigkeit zu kapitulieren.

Paulus gibt dazu im Römerbrief einige Hinweise. Er sagt: Liebe setzt immer neue Anfänge, sie überläßt Gott das Ende und sie überwindet alle Schranken.

 

1. Liebe setzt immer neue Anfänge:

Das Ziel ist zwar hoch gesteckt, mit allen Menschen eingeordnetes und einvernehmliches Verhältnis herzustellen. Das Prinzip der gegenseitigen Vergeltung geht uns sofort in Fleisch und Blut über, das brauchen wir nicht zu lernen: Wenn mich einer beleidigt hat, hänge ich ihm wieder etwas an. Wenn einer böse mit mir ist, dann bin ich auch mit ihm böse. Wenn mich einer reingelegt hat, dann versuche ich ihm auch eine Falle zu stellen.

Die Liebe dagegen müssen wir erst lernen. Paulus weiß auch ganz nüchtern, daß das nicht immer so einfach möglich ist. Schon Schiller läßt Wilhelm Tell sagen: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt!“

Das christliche Menschenbild kann uns da vielleicht helfen. Die Erkenntnis daß alle Menschen Sünder sind, muß uns jedoch nicht lähmen. Weil wir ohne Illusionen sind, können wir es gut anpacken. Ich weiß: Der andere, mit dem ich mich vertragen und mit dem ich zum Frieden kommen muß, ist ein Sünder. Aber noch viel wichtiger: Ich selber bin es auch. Friede unter Sündern ist ein Problem, aber auch eine Aufgabe. Wir gehen alle von der gleichen Ebene aus, das verhindert Enttäuschungen, die zum Aufgeben führen.

Das ist ja die Schwierigkeit in vielen Problem-Ehen: Eines Tages entdeckt man wechselseitig, daß man einen Sünder geheiratet hat. Das hätte man vorher wissen können und sollen. Dann hätte man einander vergeben und die Sünde damit unschädlich gemacht.

Aber mancher Friedwillige prallt an seinem Gegenüber geradezu ab. Vielleicht ist der andere charakterlich zu schwierig, vielleicht schon erblich vorbelastet oder in seiner Erziehung fehlgeleitet. Vielleicht hat er mit Menschen schon üble Erfahrungen gemacht, daß er keinem mehr glaubt. Seine Ansichten und seine Lebensart sind unmöglich.

Aber auch im eigenen Leben ist vieles nicht so gelaufen, wie es hätte sein sollen. Zu schnell geht der Jähzorn mit einem durch. Dann hat man es dem anderen einmal zeigen wollen. Wir haben uns von dem anderen das Gesetz des Handelns aufzwingen lassen und nicht mehr nach den eigenen Überzeugungen gehandelt.

Und der „böse Nachbar“ sieht es leider nicht anders. Er will zwar auch ein redlicher und guter Mann sein, er will keinen Konflikt. Aber weil ich ihn geärgert habe, rastet er dann doch aus. Das gilt in unserem kleinen zwischenmenschlichen Bereich wie im Zusammenleben von Menschengruppen und Völkern.

Da gibt es auf einmal Spannungen zu Ausländern, mit denen an jahrelang friedlich zusammen gelebt hat. Da droht plötzlich der Islam unsre Kultur zu überfremden. Da will man immer noch die Tschechen zur Kasse bitten, weil sie die Deutschen einst vertrieben haben, ohne dabei daran zu denken, das Deutsche den Tschechen angetan haben. Noch trauriger ist die Einstellung mancher Menschen bei uns zu den Juden, die jetzt angeblich selber daran schuld sein sollen, daß man sie nicht liebt.

In der Regel kann man gar nicht ausmachen, wer mit dem Bösen angefangen hat. Deshalb sagt Paulus: „Überwinde das Böse mit Gutem!“ Es ist völlig egal, wer mit dem Bösen angefangen hat. Hauptsache ist, es wird durch die Liebe überwunden. Die Bosheit des anderen könnte zwar eventuell zur Grenze des Friedens werden, aber das befreit nicht von der Pflicht, sich ständig für Frieden und Entspannung einzusetzen. „Seid im vorhinein auf Gutes gegen alle Menschen bedacht!“ Dann denkt man nicht mehr darüber nach, ob der andere vielleicht ein mieser und verachtenswerter Mensch sein könnte, sondern man nimmt von vornherein an, daß er es gut mit einem meint und geht in die Begegnung hinein mit der Erwartung, daß sich Gutes und Erfreuliches ergeben wird.

Paulus macht zwar ganz nüchtern die Einschränkung: „Wenn es möglich ist“ und „soweit es an euch liegt“. Aber Christen rächen sich nicht, weil sie selbst Geliebte sind. Er hat immer wieder einen neuen Anfang gesetzt und mein Böses mit Gutem überwunden. Er hat seine Liebe vorgegeben, hat Gutes mit mir im Sinn gehabt, er denkt Gutes von mir und wendet alles zum Besten. Da wird es mir doch auch möglich sein, meinem Mitmenschen in gleicher Haltung zu begegnen.

 

2. Liebe überläßt Gott das Ende:

Die Richtlinien des Paulus sind nicht für den Himmel gedacht, sondern für das Verhalten in dieser Welt. Doch mancher wird fragen: Wo kommen wir denn da hin, wenn wir dem Bösen nicht auf gleicher Ebene begegnen? Wird es nicht überhand nehmen? Bestärken wir den Sünder nicht in seiner Bosheit? Wo kämen wir da hin, wenn jeder ungestraft tun und lassen könnte, was er will. Die Menschen lassen sich doch nicht freiwillig umstimmen, sondern sie werden Nachgiebigkeit als Schwäche auslegen und bedenkenlos für sich ausnutzen und wir selber wären die Dummen!

Daß wir nur eine angemessene Vergeltung üben sollen, das sehen wir sofort ein. Aber daß wir auf jede Vergeltung verzichten sollen, das ist doch unvernünftig. Aber wenn wir auf jede Kleinigkeit mit Vergeltung antworten, dann wird der andere auch wieder reagieren.

Oder wir fühlen uns von dem anderen nur bedroht und wischen ihm zur Vorsicht schon einmal eine aus, damit er uns nichts tun kann. Schließlich sind wir dann wieder bei der Blutrache

Es kann schon einmal sein, daß man mit Härte auf seinem Recht bestehen muß. Wir könne die Welt nicht zum Paradies machen, aber wir können mit unserem Handeln Zeichen für das Kommende geben. Dazu gehört auch, daß man sich selbst nicht rächt. Dazu gehört auch, daß man einmal auf sein Recht verzichtet. Man muß nicht aller Welt demonstrieren, daß man Recht gehabt hat.

Deshalb bricht noch nicht alle Ordnung zusammen. Ich muß mir nicht ein Pistole besorgen und jeden niederknallen, der mir angeblich Unrecht getan hat. Das Recht setzt der durch, dem es allein zusteht: entweder der Staat oder Gott im Himmel. Wer sich selber rächen will, greift in die Zuständigkeiten Gottes ein und versucht eigenmächtig, ein Stück Himmel vorwegzunehmen. Wir dürfen die Gewißheit haben, daß unser Recht nirgendwo in so guten Händen ist wie bei Gott.

 

3. Die Liebe überwindet alle Schranken:

Gott erlaubt nicht, daß ich eine Beleidigung mit einer Gegenbeleidigung beantworte. Er erlaubt nicht, daß ich dem anderen nun meinerseits etwas anzuhängen versuche oder eine Verschwörung gegen ihn anzettele oder ihn schikaniere. Der Gang zum Gericht muß manchmal sein, weil man nur mit Hilfe eines Dritten zu einer Lösung kommen kann. Aber Gott sagt: „Die Rache ist mein!“ Dann können wir das Gericht ihm überlassen und brauchen nicht seine Rache auf andere Menschen herabzuwünschen. Er hat seine Hand bereits auf jeden Menschen gelegt, da dürfen wir ihm nicht ins Handwerk pfuschen. Wie seine Rache aber aussieht, das hat er am Kreuz gezeigt: Dort wurde das Böse vernichtet, aber der Sünder gerettet. Die Liebe sortiert die Menschen auch nicht in solche, die ein Recht auf Liebe haben und solche, die man zu hassen hat. Im „Feind“ sehen wir einen, der uns bösartig in die Quere kommt. Er legt uns Lasten auf, aber wir sind nicht bereit, sie zu tragen. Wenn wir ihm mit Zorn und Zank begegnen, dann werden wir unseren Ärger los und entlasten uns, dann kommen wir wieder ins seelische Gleichgewicht und werden endlich in Ruhe gelassen

Aber der „Feind“ ist in Wahrheit der Mitmensch, den Gott genauso lieb hat wie uns und für den Christus genauso gestorben ist wie für uns. Wir sollten ihn erst einmal so sehen wie er ist und was er will und ihn nicht gleich als Feind ansehen.

Schon Jesus sagte: „Liebet eure Feinde!“ Doch die Bibel weiß natürlich ganz nüchtern, daß es schon den Feind gibt, in unsrem alltäglichen Leben wie in der großen weiten Welt. Es gibt Interessenkonflikte, Arm und Reich, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Einheimische und Fremde, Olympiabefürworter und Olympiagegner, Christen und Nichtchristen. Aber das Wort „Feind“ trifft doch auf das Verhältnis zwischen diesen Gruppen nicht zu. Nicht einmal das Wort „Gegner“ trifft die Sache. In den politischen Parteien spricht man manchmal von dem „Mitbewerber“. Das ist eine gute Bezeichnung.

Die Liebe schafft nicht schlagartig die Sachprobleme aus der Welt. Aber sie gewinnt eine neue Einstellung zu dem anderen Menschen, der einem vermeintlich gefährlich werden und Not bereiten könnte. Sie erkennt: Mein „Feind“ und ich, wir haben schmerzhafte unerledigte Probleme. Aber der andere soll merken, daß ich es gut mit ihm meine und auch sein Wohl im Blick habe. Ich will nicht gegen dich denken, sondern mit dir und möglichst auch für dich. Ich will leben, und du sollst es auch. Ich brauche Sicherheit, aber du sollst sie auch haben. Wir können es nur miteinander meistern.

Das gilt für Nachbarn untereinander. Das gilt auch für Völker untereinander. Die Probleme zwischen Indien und Pakistan, zwischen Israel und Palästina, kann man nur miteinander meistern. Das alte Widereinander ist längst überholt, weil Gott mit uns längst weiter ist.

5. Sonntag nach Trinitatis: 2. Thess 3, 1 - 5

In Rußland hatte sich eine Sekte  in eine Höhle zurückgezogen, um dort das Ende der Welt zu erwarten. Die Behörden haben dann nach langem Abwarten wenigstens die Kinder und ihre Mütter herausgeholt. Aber die anderen blieben drin. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch dort.

Der heutige Sonntag hat das Thema „Nachfolge“. Aber das darf man nicht so verstehen, daß man sich aus der Welt zurückzieht, die Hände in den Schoß legt und selber einen Zeitpunkt für das Ende der Welt festsetzen will. So etwas gab es schon zur Zeit des zweiten Thessalonicherbriefs. Doch hier wird der Gemeinde gesagt: Die Kirche lebt noch in einer Zeit, in der sie sich bewähren muß. Die Welt ist gottlos und christusfeindlich. Die Kirche ist noch unterwegs, sie soll noch Mission treiben. Die persönliche Glaubensentscheidung muß sich erst noch in vielen Anfechtungen bewähren.

Damals galt es, echte Heiden zu bekehren. Heute ist die Kirche wieder in eine ähnliche Lage gekommen. Nur steht sie heute neuen Heiden gegenüber, die zwar viel von Gott und der Kirche wissen, sich ihr aber dennoch nicht anschließen wollen. Und wir haben zunehmend mit anderen Religionen zu tun, die plötzlich für religiös gleichgültige Menschen eine Anziehungskraft gewinnen.

Gegen solche Entwicklungen gilt es zu kämpfen, nicht mit Waffen, sondern mit dem Gebet und mit der Predigt. Und damit ist nicht in erster Linie die Predigt am Sonntag von der Kanzel gemeint, sondern das Bekenntnis des Einzelnen zum Glauben in seiner üblichen Umwelt, in der Familie, in der Schule, in der Arbeitsgruppe in der Firma, auf dem Bürostuhl, im Laden,

im Verein. Hier ist der richtige Ort, Gottes Wort weiterzusagen.

Allerdings muß man hier damit rechnen, daß auch Gegenargumente kommen. Der Pfarrer auf der Kanzel ist ja praktisch unangreifbar, denn man könnte höchstens einmal nach dem Gottesdienst etwas sagen. Aber im Alltagsleben, von Mensch zu Mensch, da geht es oft hart auf hart.

Man kann man sogar in Gefahr kommen, wenn man zu laut von Gott redet. Aber eher noch kann Gott uns in Gefahr bringen, wenn wir nicht von ihm reden. Man muß man mit Widerstand rechnen. Schon Paulus mußte aus der Stadt Thessalonich unter großem Druck weichen. Wir wissen von schweren Verfolgungen, denen Christen heute in anderen Staaten ausgesetzt sind: in China, im Irak, in der Türkei. Wir leben zum Glück in einem Staat, in dem die Christen wohl gelitten sind und sogar manche Vorrechte haben. Aber gekämpft werden muß trotzdem, um jeden Menschen.

Man kann nicht mit Massenerfolgen rechnen, sondern muß sich darauf einstellen, daß der Glaube nicht jedermanns Ding ist. Die Minderheitssituation der Kirche in der Welt darf uns nicht überraschen. Wir dürfen uns freilich auch nicht mit ihr abfinden. Wir dürfen nicht davon träumen, daß einmal die ganze Welt christlich wird. Aber wir können auch nicht ruhig darüber sein, daß so viele Menschen „draußen“ sind.

 

1. „Der Glaube ist nicht jedermanns Ding!

Das merken wir sofort, wenn wir einmal mit jemandem sprechen, der nicht aus Gleichgültigkeit die Kirche verlassen hat, sondern weil er nichts davon hält. Jemand sagte einmal: „Ich bekämpfe die Kirche nicht, aber ich will auch nichts damit zu tun haben. Meine Jugend war hart, ich stamme aus einer armen Arbeiterfamilie und deshalb bin ich heute Marxist!“ Gegen solche Argumente kann man nicht an: eine klare, entschiedene Haltung, die vom christlichen Glauben keine Änderung der gegenwärtigen Zustände erwartet. Einen solchen Menschen kann man nicht von der Wahrheit der göttlichen Botschaft überzeugen, der Glaube ist halt nicht „sein Ding“.

Da nützt es auch nichts, wenn wir darauf hinweisen, daß christliche Menschen schon seit dem 19. Jahrhundert sehr viel zur Beseitigung der größten Notstände getan haben. Wer nicht glauben w i 1 1, der schnappt alles auf, was so erzählt wird, ohne lang zu prüfen.

Was soll man denn antworten, wenn einer ins Feld führt: „Der Glaube nützt doch nichts. Im Krieg sind gerade die den qualvollsten Tod gestorben, die jeden Tag erst gebetet haben. Und heute erlebt man es, daß gerade die strengsten Kirchgänger ihre Kinder am meisten schla­gen!“ Bei solchen Worten kann man froh sein, wenn wenigstens anerkannt wird, daß es auch Gegenbeispiele gibt. Aber wir merken hier doch, welch großes Geschenk es ist, wenn wir glauben können, denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding.

Der Schreiber dieses Briefes fordert die Gemeinde auf, für die unverständigen und böswilligen Menschen zu beten. Aber er weiß halt auch, daß da immer ein Rest bleibt. Er bittet nicht darum, daß die Ungläubigen ganz von der Erde verschwinden, sondern darum, daß das Wort Gottes unters Volk gebracht wird. „Laßt das Wort Gottes nur umlaufen, dann schafft es sich schon selber Platz!“ Dann werden die böswilligen Gegner ganz von selber weniger.

Das ist schon einmal so gewesen zur Zeit Luthers. Luther war auf der Wartburg in Schutzhaft. Er durfte nicht weg, man hätte ihn erschlagen können. In Wittenberg aber hatten religiöse Fanatiker einen Aufruhr angezettelt, die Kirchen gestürmt und die Bilder darin verbrannt. Melanch­thon wurde der Sache nicht mehr Herr. Luther brennt es unter den Nägeln. Er verkleidet sich und eilt nach Wittenberg. An seinen Kurfürsten schreibt Luther: „Ich komme in einem höheren Schutz als dem des Kurfürsten. Gott muß hier allein schaffen!“

Nach einigen Predigten stellt Luther die Ruhe wieder her, die Bilderstürmer müssen die Stadt verlassen. So schnell kann das Wort Gottes wirken, wenn es lauter und rein gepredigt wird. Aber dazu muß man ganz entschieden auf die Seite Gottes stellen. Es gibt ja heute Gemeinden, da ist kaum jemand gegen die Kirche, aber auch kaum jemand ist so ganz dafür, sondern alles ist so ein zäher Brei, mit dem überhaupt nichts geschieht. In anderen Gemeinden wieder ist ein großer Teil dagegen, aber ein ebenso großer Teil auch ganz dafür, Menschen, auf die sich Gott verlassen kann.

 

2. Der Platz für Gottes Wort ist nicht nur der sogenannte „kirchliche Raum“:

In der früheren DDR hieß es: „Religiöse Veranstaltungen dürfen nur in kirchlichen Räumen stattfinden, also in Gebäuden, die der Kirche gehören!“ Und mancher Bischof sagte dazu: „Wir als Kirchenleitung haben die Aufgabe, diesen Raum von Einflüssen von draußen freizuhalten!“ Doch wir können uns nicht damit zufrieden geben , im Raum der Kirche eine gewisse Windstille zu haben, aber ansonsten auf einer Insel zu leben, die mit der Umwelt nichts mehr zu tun hat. Wir könnten unseren Mitmenschen nur von Gott erzählen, nachdem wir sie vorher in unseren Fuchsbau, genannt „kirchlicher Raum, hineingeholt haben. Wie schwer das aber ist, wissen wir alle.

Die Kirche hat ihre Stimme zu erheben, wenn Kriege geführt werden, wenn Menschen unterdrückt werden, wenn sie wegen ungerechter Wirtschaftsverhältnisse hungern müssen. Sie hat ihre Stimme auch im eigenen Land zu erheben, wenn die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, wenn Kinder nicht genügend gefördert werden, wenn es eine Zwei-Klassen-Medizin gibt und Menschen in der Altenpflege nur als ein Mittel angesehen werden , um viel Geld zu verdienen. Die Kirche tut das aber nicht, um ihren Einflußbereich zu erweitern, sondern weil Gottes Wort ausgebreitet werden muß.

Wir dürfen zwar darauf vertrauen: „Gottes Wort schafft sich selber Raum!“ Aber wir sind die Stromleitungen, in denen Gottes Botschaft bis in den fernsten Winkel der Erde gebracht wird. Allerdings weiß der Verfasser unseres Briefes auch, daß letztlich nur Gott unsre Herzen zur Gottesliebe und Christusgeduld lenken kann. Wir können nicht aus eigener Vollmacht ans Werk gehen. Aber wir müssen damit anfangen, denn dann begleitet uns die Verheißung Gottes. Damit werden wir auf das Dritte hingewiesen, was uns dieser Brief empfiehlt:

 

3. Auf die Weisung der Bibel hören und danach tun:

Der Glaube ist oftmals nur deshalb nicht jedermanns Ding, weil es so wenig überzeugende Beispiele für ihn gibt. Das Gebet muß deshalb unbedingt ergänzt werden durch unser Tun, sonst hängt es im luftleeren Raum und seine Wirkung verpufft.

Wir dürfen froh sein, wenn Gott seiner Kirche immer wieder Menschen geschenkt hat, die in kritischen Stunden das entscheidende Wort sagten. Das gilt für Johann Hinrich Wichern, der durch seine Rede auf dem Wittenberger Kirchentag von 1848 praktisch zum Begründer der Inneren Mission wurde. Das gilt auch für Karl Barth, der 1933 warnend seine Stimme erhob, als die christliche Botschaft durch die politischen Ideen des Nationalsozialismus verfälscht wurde.

Auch heute brauchen wir solche Leute, die uns Weisung geben können, wie unser Glaube konkret aussehen kann. Sicherlich darf keiner bevormundet werden und jeder muß die Entscheidung für sich selber fällen. Aber viele werden dankbar sein, wenn sie auf einiges hingewiesen werden und sich nicht nur allein abzumühen brauchen. Und es ist auch immer ein Risiko dabei, denn man kann dabei ins Fettnäpfchen treten. Dennoch ist das kein Grund, ganz auf Weisungen zu verzichten.

Wir haben keine leichte Aufgabe. Es ist nicht schwer, die Menschen für Essen und Trinken, für Sex und Krimi zu interessieren. Aber es ist schwer, ihnen das zu vermitteln, was sie wirklich für ihr Leben brauchen.

Der Verfasser des Briefes aber ist überzeugt, daß die Gemeinde in Thessalonich das schaffen wird. Er weiß, daß sie lange durchhalten muß, weil der Tag des Herrn immer noch ausbleibt. Aber sie soll nicht dem Hochmut verfallen, durch eigene Taten alles schaffen zu können. Und sie soll nicht dem Kleinmut verfallen, nur einen vermeintlichen Idealzustand der Kirche in der Vergangenheit nachzutrauern. Es wird in der Zukunft nicht immer nur bergab gehen, wenn die Gemeinde auf den kommenden Herrn schaut. Ein Seiltänzer stürzt ab, wenn er nicht nach vorne sieht. Wir dürfen wissen, auf wen wir zu schauen haben.

 

4. „Der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Argen!“:

Der Herr hat uns einen Auftrag gegeben. Wir können ja nur ausrichten, was er uns aufgetragen hat. Aber dies sollen wir auch tun. Dafür verspricht er uns, treu und verläßlich zu sein, die Gemeinde zu stärken und vor dem Bösen zu bewahren. Gott wird uns das Arge nicht einfach aus dem Weg räumen. Aber er wird dafür sorgen, daß wir stark genug dagegen angehen können und vor dem Schlimmsten bewahrt werden.

 

 

6. Sonntag nach Trinitatis; 1. Petr. 2, 4 - 10 (Variante 1)

In der Kreuzkirche in Frankfurt-Preungesheim hat man im Turm und auf dem Kirchhof die Fundamente einer alten Kirche gefunden. In dem kleinen  Dorf Preungesheim gab es eine Kirche, die so bedeutend war wie der Frankfurter Dom. Der Ausgrabungsleiter erläuterte die verschiedenen Entwicklungsstufen des Baus. Besonders beeindruckt war er von einem Stein, der so breit war wie das ganze Fundament. Auf solche Steine hat man also die große Kirche gebaut, gewissermaßen für die Ewigkeit.

Ein Kirchengebäude besteht aus Steinen. Erst muß man die Grundmauern legen, dann werden die Ecksteine aufgerichtet, dann die Mauern und schließlich wird in die Bögen und in das Gewölbe die Schlußsteine eingefügt. Alle Steine sind nötig, alle sind wichtig. Und dann gibt es in der Kirche noch einen Stein, der einem besonderen Zweck dient: der Taufstein.

Die Taufe ist das Thema des heutigen 6. Sonntags nach Trinitatis. Er will uns daran erinnern, daß wir getauft sind und dadurch eingefügt wurden in den Bau der Kirche. Der erste Petrusbrief aber, der eine Art Predigt zur Taufe ist, weist darauf hin: Die Kirche ist nicht nur ein Gebäude aus Stein, sondern sie ist vor allem die Gemeinde, die sich in diesem Gebäude versammelt. Jesus Christus ist der lebendige Eckstein in dieser Kirche. Und auch wir werden durch die Taufe in diesen Bau der Kirche eingefügt und sollen als lebendige Steine ein geistlichen Haus bilden.

Für viele unter uns wird die Taufe mehr ein Familienfest sein. Sie hoffen: Gott wird den Täufling durch sein Leben begleiten, ihm beistehen und ihn schützen. Sie denken: Taufe ist nur etwas zwischen dem himmlischen Vater und dem Kind. Sünden werden nur dem Einzelnen vergeben. Er wird zur neuen Kreatur, wenn in der Taufe das in das Ewige hineinragende Leben beginnt.

Taufe ist jedoch Eingliederung in den Leib Christi und das Eingehen in die Gemeinschaft der Kirche. Die Gemeinde ist das „geistliche Haus“. Deshalb gehört die Taufe an sich in den Gottesdienst der Gemeinde hinein. Die Gemeinde soll erfahren, wer jetzt neu zu ihr gehört. Und die Familie soll wissen, daß ihr Kind jetzt ein Teil in dem Bau der Kirche wird. Deshalb legt die Kirche ja auch Wert darauf, daß die Taufe im Kirchengebäude stattfindet, nicht unter einem Apfelbaum oder an einem sprudelnden Bach. So wollte es schon in den zwanziger Jahren eine jugendbewegte Familie, aber wegen Regen mußte man doch in die Kirche. Taufe im Freien ist nicht verboten, aber sie sollte nicht die Regel sein.

Die Gemeinde ist ein geistliches Haus,

-           erbaut auf Christus den Grundstein und Eckstein,

-           gebaut aus lebendigen Steinen und

-           gebaut für den Dienst des Volkes von Priestern.

 

1. Die Kirche ist erbaut auf den Grundstein und Eckstein Christus:

Haus ist mehr als ein Dach über dem Kopf. Haus bedeutet, eine Heimat zu haben, eine Verbindung zum Land und zu einem bestimmten Ort zu entwickeln, Wurzeln zu haben. Haus bedeutet aber auch Familie und Nachbarschaft, Lebensgemeinschaft und In-Verbindung-treten mit anderen.

Jesus hat das Haus seines Vaters - den Tempel in Jerusalem - durchaus hoch geschätzt und ihn täglich besucht. Auch die urchristliche Gemeinde hat sich zunächst dort versammelt. Aber Christus und seine Gemeinde ist mehr als der Tempel. Mit Christus beginnt ein ganz neuer Gottesdienst. Wo er ist, da ist auch Gott, und die Gemeinde, die er aufbaut, ist der neue Tempel.

Diese neue Gemeinschaft trägt sich aber nicht selbst, sie lebt nicht von ihrer eigenen Anziehungskraft und den gemeinsamen Interessen ihrer Mitglieder. Dieses Haus beruht vielmehr auf einem starken Fundament und auf einem starken Eckstein. Andere mögen ihn für unwichtig gehalten und weggeworfen haben. Aber für Christen wird er ein Stein an hervorragender Stelle.

Und auch die einzelnen Steine in dem Bau werden aufgewertet: Fühlten wir uns vorher vielleicht klein und unbedeutend, durch die Taufe werden wir ein wichtiger Stein in dem Bau der Kirche. Selbst die ganz kleinen Steine, die man früher in die Fugen geklemmt hat, sind wichtig für die Standfestigkeit des Hauses.

 

2. Die Kirche ist gebaut aus lebendigen Steinen:

Steine sind Inbegriff der unbelebten Materie, des Standhaften und Beständigen. Was versteinert ist, überdauert Jahrtausende. In Stein gemeißelte Schrift bleibt über Jahrhunderte erhalten. Ein Baustein für sich genommen ist nahezu nichts, wie sorgfältig und perfekt er auch behauen sein mag. Nur im Verband mit den anderen Steinen gewinnt er Sinn. Nur der Aufbau des Ganzen gibt dem einzelnen Stein seine Aufgabe, seine Bestimmung, seinen Wert. Wir können uns das an unserem Gotteshaus verdeutlichen: Ein Stein gehört zur Umfassungsmauer und schützt vor den Einwirkungen des Wetters oder des Lärms. Ein anderer Stein gehört zum Pfeiler und trägt die Last des Gewölbes. Ein anderer Stein ist Bodenplatte oder Stufe. Jeder Stein wird von anderen getragen und gehalten.

Das gilt auch für die Gemeinde: Vielleicht fühlen wir uns in der Kirche auch nur als so ein Platte, auf der alle herumtrampeln. Aber im Ganzen des Baues sind wir unentbehrlich. Wo wäre ich mit meinem Glauben, gäbe es die anderen nicht, die ihn mir vermittelt haben, ihn verständlich und ins Leben umgesetzt haben und die ihn auch in Anfechtungen mit durchgetragen haben? Aber ich selber trage auch andere mit, sie brauchen mich, sie sollen an mir Halt haben. Wenn die Konfirmanden einen Freund mitbringen, wenn Nachbarn ein Trauerhaus besuchen, wenn Kranke nicht allein bleiben, wenn man Probleme miteinander berät, wenn man Feste miteinander feiert, dann wird dieses Gebäude mit Leben erfüllt.

Das Gotteshaus ist nicht an sich selbst heilig. Es ist nur ein heiliger Ort, weil hier der Gottesdienst stattfindet, weil Menschen getauft werden, Paare getraut werden und Gestorbene in die Ewigkeit verabschiedet werden. Das Gotteshaus ist nur die Hülle für all das. Das neue Israel ist nicht angewiesen auf den Tempel oder eine Kirche als sichtbares Zentrum, sondern die Gemeindeglieder selbst sind die lebendigen Steine, die zu einem geistlichen Haus zusammengefügt sind, weil Christus selbst das Fundament und der Eckstein ist.

Aber wir brauchen auch den ganz bestimmten Ort, an dem wir Gott nahe sein können. Sicher kann das auch ein Wohnzimmer oder ein Bürgerhaus sein. Wo es nichts anderes gibt, muß man halt darauf zurückgreifen. Aber wir dürfen auch dankbar sein, wenn wir eine schöne Kirche haben, in der wir uns versammeln können und unsere Gedanken sammeln können für Gott. Und wenn uns das gelungen ist, dann können wir auch den Glauben hinausgetragen in die Welt. Nur so ist eine Kirche wirklich lebendig.

Alle Wasser dieser Welt können Taufwasser werden. Aber sie sind es nur dort, wo sie wirklich für die Taufe benutzt werden. Und selbst wenn wir Wasser aus dem Jordan für die Taufe verwenden, so ist das doch nichts anderes als unser Leitungswasser. Die äußeren Zeichen gehören schon dazu. Aber erst wenn wir sie sinngemäß gebrauchen, haben sie eine höhere Bedeutung.

Wo Menschen zu dem Grundstein Christus kommen, entsteht Kirche. Wenn man durch die Taufe zu Christus kommt, wird ganz von selbst ein Haus daraus. Das persönliche Verhältnis zwischen Christus und dem Einzelnen wird damit nicht geleugnet.

Aber zu diesem Verhältnis kommt es nur innerhalb der Kirche. Indem Christus uns mit sich verbindet, verbindet er uns zugleich mit denen, die ebenfalls zu ihm gehören, auch wenn diese uns vielleicht gar nicht gefallen und uns Mühe machen.

Wir selber wurden ja auch aus der unübersehbaren Vielzahl der Menschen ausgewählt, ohne unser Verdienst. Durch die Taufe wird man ein unverwechselbarer Mensch mit einem bestimmten Namen und kann von Gott und den Menschen gerufen werden.

Aber Christus hat uns an sich gezogen, ohne dadurch die anderen abzustoßen. Er will nicht nur fromme Einzelne, sondern er will Kirche, in die wir durch die Taufe hineinkommen. So ist die Gemeinde wie ein Mosaik: Der Einzelne ist nur auf eine kleine Fläche begrenzt. Aber in der Gemeinschaft mit anderen entsteht ein schönes Bild.

Durch die Taufe wird auch ein unscheinbarer grauer Stein zu einem wertvollen Glied der Gemeinschaft. Das gibt dann auch untereinander neue Energie und die Gewißheit des Gehaltenseins.

Die schöne Architektur einer Kirche, ihr Ausstattung und ihre Lage, rühmt Gott. Aber auch wir als die „lebendigen Steine“ sollen Gott mit unserem Leben rühmen. Es geht nicht nur um eine formale Mitgliedschaft, sondern die Zugehörigkeit zur Kirche hat Folgerungen für den Alltag der Christen. Wenn wir einen Gottesdienst versäumen, versagen wir Gott den Lobpreis und verschließen uns der Zuwendung Gottes, die er seinem Volk und auch jedem Einzelnen von uns zuwendet.

 

3. Die Kirche ist gebaut für den Dienst des Volkes von Priestern:

In dieser Kirche sind wir alle Priester. Das bedeutet nicht, daß das spezielle Amt in der Kirche damit abgewertet wird. Wir brauchen auch Menschen, die für diesen Dienst freigestellt sind. Aber all die anderen nehmen das der ganzen Gemeinde gegebene Amt schon dadurch wahr, daß sie am Gottesdienst teilnehmen. Sie eröffnen den Zugang zu Gott, indem sie vor Gott erscheinen. Sie tun etwas für andere und schalten sich damit in die priesterliche Fürsprache und Fürbitte Christi mit ein. Sie sind immer Priester für andere. Sie bitten für die, die nicht mehr beten können. Sie opfern sich und vergegenwärtigen damit das Opfer Christi. Sie verkündigen aber auch, indem sie die großen Taten Gottes weit hinaus in die Welt preisen.

 

 

6. Sonntag nach Trinitatis: 1. Petr. 2, 1 – 10  (Variante 2)(Schwerpunkt auf Vers 1 und 2)

Es wird in unserer Zeit immer mehr zum Problem, was mit dem vielen anfallenden Müll werden soll. Kein Mensch ist begeistert, wenn sich hinter seinem gepflegten Garten oder in der Nähe seiner Wohnung eine Müllhalde auftürmt. Noch schlimmer ist es mit den wilden Müllkippen, wo Dosen und Scherben, Asche und alte Kinderwagen stillschweigend vor sich hin verwittern. Vielfach liegt das Zeug genau unter dem Schild „Schutt abladen verboten“.

Was würden wir aber sagen, wenn wir eines Tages an unserer Kirchentür das Schild lesen könnten: „Schuttabladen erwünscht!“? Einige würden das sicher als bösen Scherz auffassen und das Schild sofort entfernen (- und hoffentlich in die Mülltonne tun und nicht irgendwo hinwerfen).

Gewiß wollen wir keinen Unrat vor der Kirche. Aber eine andere Art von Müll können wir hier abladen. Der erste Petrusbrief spricht davon: „Leget ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und üble Nachrede!“ Dieser irrere Unrat kann unsere Umwelt genauso verschmutzen wie der richtige Müll. Deshalb kommt es darauf an, ihn nur an der dafür vorgesehenen Stelle abzuladen. Die Kirche aber ist diese Stelle.

Wer in eine Kirche kommt, darf alles mitbringen, was ihn beschwert und bedrückt, was ihm die gute Laune nimmt und mitunter auch die Sicht versperrt. Er darf der Ehekrach und die Erziehungsschwierigkeiten mitbringen, alles Unbeherrschte und Verfehlte, Unehrlichkeit und Verstellung, giftige Gedanken gegenüber dem Mitmenschen und des feige Lästern hinter seinem Rücken. All das darf man in der Kirche ablegen und muß es nicht wieder mit nach Hause nehmen und bis in alle Zukunft mit sich herumschleppen.

Jeder weiß, daß das aber trotz allem nicht so leicht ist. Manche Fehlleistung bei uns hat sich tief festgesetzt. Einen Mantel, der dreckig und speckig ist, kann man leicht ablegen. Aber eine üble Nachrede hängt dem anderen an wie eine Klette. Oder das Leid, das ich einem anderen zugefügt habe, sitzt tief bei ihm. Dennoch duldet der 1. Petrusbrief keinen Aufschub. Er sagt uns: Legt j e t z t alles ab, was euer Leber erschwert, damit Platz wird für Neues und Besseres. Hier ist die Gelegenheit dazu, von dem allem frei zu werden.

Dennoch wird mancher sagen: Wie macht man das? Wie kriegt man das wieder aus seinem Leber heraus, was sich festgeklemmt hat? Eine immer wieder bewährte Möglichkeit ist das Aussprechen. Dazu gehört zwar auch Mut, aber es hilft. Einen Menschen dafür dürfte eigentlich jeder finden. Und schließlich stehen ja auch die Pfarrer unserer Kirche für diesen Dienst bereit, auch an einem fremder Ort, den jemand jetzt vielleicht in seinem Urlaub aufsucht.

Wir können es auch Jesus selber sagen im Gebet, indem wir etwa sprechen: Ich bringe dir da wieder allerhand, was mein Leben entstellt. Ich war feige, ich war falsch, ich war eigennützig. Ich wollte es nicht, aber es ist doch geschehen. Viele halten mich für besser als ich bin. Aber vor dir möchte ich nichts vertuschen. Laß nicht zu, daß ich so weiterlebe. Laß mich nicht

auf meiner Schuld sitzen!

Auf diese Art und Weise kann man ein neuer Mensch werden, ein „Wiedergeborener“, wie es in der Bibel heißt.. Ein Christ ist wie ein großes Kind: Nichts von Verstellung und Verschlagenheit, keine Sucht nach Selbsterhöhung, indem man. den anderen hinter seinem Rücken vernichtet. Ein Christ ist arglos und ohne Berechnung und sucht nur das Gute zu erkennen und zu verwirklichen.

Ein kleines Kind hat immer Hunger. Es ist triebhaft gierig nach seiner Milch. So aber sollten wir auch verlangen nach dem, was Christus für uns getan hat. Er bringt uns seine Liebe und Freundlichkeit entgegen, also etwas, das jeder Mensch zum guten Wachsen und Gedeihen braucht. Und zunehmen sollen wir ja auch noch, so wie das bei einem Säugling ja auch sein soll.

Bei solchen Menschen spürt man dann schon in Beruf und Familie, daß dort ein guter Ton vorherrscht. Man sieht es schon einem Gesicht an, ob dieser Mensch mit der Rute erzogen wurde oder mit Verständnis und Zuwendung. Wie einer von seiner Arbeit heimkehrt und wie er von seiner Arbeit erzählt, das zeigt schon, ob ein freundliches Arbeitsklima vorherrscht.

Alle könnten und sollten solche Menschen sein, denen man abspürt: Die haben einen freundlichen Herrn und sind deshalb selber auch freundlich. Dieser Jesus ist nicht nur eine Verzierung in ihrem Leben, nicht nur ein untauglicher Stein, der mit dem Bauschutt wieder abgefahren wird, sondern der Eckstein, auf dem sich ihr Leben aufbaut. Diese Christen haben einen neuen Standort, der sie so freundlich zu den Menschen sein läßt.

Zu Jesus gehören, aas bedeutet aber auch eine neue Aufgabe. Alle Christen sind Priester, die sich bei Gott für andere einsetzen. Wenn wir hier am Gottesdienst teilnehmen, dann ist das nicht eine Angelegenheit unsres frommen Bedürfnisses. Vielmehr erscheinen wir hier vor Gott und bitten gewissermaßen um eine Audienz, damit wir unsere Anliegen vorbringen.

Aber unsre Anlieger sind nicht nur unsere höchst privaten Dinge, sondern auch die Anliegen anderer Menschen. Wir können anderen auch Gutes tun und damit nach dem Willen Gottes handeln, indem wir ganz praktisch ihnen helfen. Aber hier wird uns gesagt, daß wir auch durch unser Erscheinen vor Gott für andere da sein können.

Auch in der Liturgie des Gottesdienstes „tun“ wir etwas. Das Gebet ist die Arbeit der Herzen. Das Fürbittengebet am Schluß des Gottesdienstes ist deshalb nicht zu lang. Hier versuchen wir ja etwas in Bewegung zu setzen und anderes abzuwenden. Wir könnten uns ja einmal überlegen, wer es alles nötig hat, daß wir uns an höchster Stelle zu seinem Anwalt machen.

Es gibt nämlich auch ein stellvertretendes Einstehen für solche, die aus irgendwelchen Gründen nicht selbst zu Gott kommen können. So wie Eltern für ihre Kinder und Paten für die Täuflinge beten, so betet auch die Gemeinde für einzelne Menschen, für bestimmte Gruppen und für die ganze Welt.

Christen sind sogar Priester, die opfern. Wir haben etwas Hemmungen so zu sprechen, weil wir ja wissen, daß durch den Opfertod Jesu alle menschlichen Opfer überflüssig geworden sind. Aber hier ist ja die Rede von „geistlichen“ Opfern, wo der Mensch nicht irgend etwas gibt, sondern sich selbst.

Ein Pfarrer hatte einmal in einem Gottesdienst von dieser Art Opfer gesprochen. Ein junger Mann ging nachdenklich auf den Ausgang der Kirche zu. Er überlegte sich: Was soll ich opfern? Eine Mark oder zehn oder mein ganzes Geld? Der Kirchendiener hielt ihm die Kollektenschale hin. Der junge Mann sagte: „Halt sie tiefer!“ Der Mann tat es. „Noch tiefer!“ befahl der junge Mann. Der Kirchendiener schüttelte den Kopf. „Immer noch tiefer!“hörte er den jungen Mann sagen. Da stellte er sie auf den Boden. Und der Mann trat mit beiden Füßen in die Schale und sagte „Ich muß mich ganz hingeben und nicht nur etwas von mir!“ So wird alles, was wir sind und tun, wenn es „in Christus“ geschieht, zur Hingabe an Gott: Unser Gehorsam und Dienst für Gott, unser Loben und Bekennen, unsere Kollekte und das Zufassen und auch unser Leiden.

Wenn heutzutage einer kommunistischen Partei angehört, dann hat er sich ihr ganz und gar verschrieben. Sein ganzes Handeln und sogar sein Denken erhält von daher seine Richtung. Und jedes Mitglied ist zugleich verpflichtet, ein Propagandist zu sein und immer und überall den Standpunkt der Partei zu vertreten.

Gleiches aber erwartet auch Christus von uns. Alle Christen sind Priester, die Gottes Wort verkündigen. Das ist die „Frucht der Lippen“, die von uns erwartet wird. Kein Christ darf für sich behalten, was Gott an ihn gewendet hat. In manchen katholischen Wallfahrtsorten findet man in den Kirchen kleine Tafeln angebracht, auf denen Menschen ihren Dank für die Errettung aus einer Not zum Ausdruck bringen.

Das aber ist nur eine Form, es gibt roch viele andere Möglichkeiten der Verkündigung. Die Gemeinde wird nicht mundtot gemacht, sondern ihre Aufgabe ist es, Gottes Ruhm weiterzusagen. Hier innerhalb der eigenen Mauern wird das Weitersagen eingeübt. Aber die Anwendung kann nur draußen geschehen.

 

 

7. Sonntag nach Trinitatis: 2. Mose 16, 2 – 3 und 11-18

Bei einer Rüstzeit mit Konfirmanden wurde über das „Glück“ gesprochen. Die Konfirmanden stellten dabei zusammen, was alles zum Glück gehört. Das Essen kam dabei nur unter „ferner liefen“. Aber als gefragt wurde, was ihnen denn an der Rüstzeit  am besten gefallen hat, da stand es schon an dritter Stelle. Doch im Grunde nehmen wir es als viel zu selbstverständlich hin, daß wir genug zu essen haben. Wir können uns gar nicht so recht eine Vorstellung davon machen, was Hunger heißt.

Das war bei den Israeliten ganz anders. Sie hatten Ägypten verlassen und waren auf dem Weg in das Land, das Gott ihnen versprochen hatte. Aber plötzlich waren die mitgenommenen Vorräte zu Ende. Es gab ein schreckliches Erwachen: Worauf hatte man sich da eingelassen?

Jetzt kamen die zum Zug, die schon immer gewußt hatten, daß die Sache nicht gut ausgehen würde. Riesige Wegstrecken hatten sie schon zurückgelegt, ungeheure Anstrengungen und Entbehrungen hatten Menschen und Vieh auf sich nehmen müssen. Und bei alledem konnte man nicht absehen, wie lange der Zug durch die Wüste noch dauern wird.

Zunächst war nur einer unzufrieden, dann flüsterte man es von Ohr zu Ohr, schließlich bricht der Unmut offen aus und wird zur Revolte. Fäuste erheben sich gegen Mose und Aron. Aber in Wirklichkeit meint man damit den Gott, den Mose ihnen gebracht hat. Was ist das für ein Gott, der ihnen so etwas zumutet?

Man merkt: Hier diktiert der Hunger die Sprache und die Gefühle. Auf einmal erinnert man sich wieder an die Zeit des Sattseins und übertreibt natürlich sofort: In den Fleischtöpfen Ägyptens wird man wohl so ziemlich nach Fleischstückchen haben suchen müssen. Aber alles, was sie zum Aufbruch veranlaßt hat, scheint vergessen. Je weiter man vom Unangenehmen entfernt ist, desto schöner wird es gefärbt. Dann muß ein Schuldiger her. Natürlich kann das nur Mose sein, den sie erst als Befreier gefeiert haben. Aber nun werfen sie ihm vor, er habe das Volk in die Wüste geführt, um des dort verhungern zu lassen.

Heute sagen auch viele Christen: „Früher war es mit der Kirche besser!“ Und dann wird aufgezählt, was angeblich alles besser war. In mancher Hinsicht hat man damit auch durchaus recht. Aber man vergißt dabei die negativen Seiten: die Kirche war zum Beispiel ganz in den Apparat des Staates eingebaut, diente der Kontrolle der Bevölkerung und war oftmals ein Instrument der Unterdrückung. Die Kirche war zur Aufrechterhaltung der Moral eingesetzt - und das hängt uns bis heute nach.

Heute sind wir wieder mehr in der Lage des wandernden Gottesvolkes. Wir leben in einer unsicheren Zeit für Christen und müssen mit Schwierigkeiten rechnen. Wenn man sich selbständig macht, merkt man erst einmal, wie unsicher und gefährdet man ist. Die Gefahr ist groß, dann doch wieder nach äußeren Sicherungen zu suchen. Wir richten uns in der Welt doch ganz schön häuslich ein und setzen unser Vertrauen mehr auf das Vorhandene als auf Gottes Wort. Deshalb wird auch gleich gejammert, wenn Wagnis und Verzicht zugemutet werden. Man gleicht sich an die Welt an, aber man wird nervös, wenn die weltlicher Sicherheiten fraglich werden.

Es ist nicht immer leicht, am Glauben festhalten. Da läßt sich einer als Erwachsener taufen und wird  bald nach der Taufe ganz schwer krank. Oder er sieht etwas mehr hinter die Kulissen und stellt fest, daß es auch in der Kirche sehr menschliche Dinge gibt. So etwas kann man nur durchstehen, wenn man dem rufenden Gott alles zutraut. Ohne ihn und ohne Verzicht auf die äußeren Sicherungen gibt es keine Freiheit. Er hat doch bisher immer geholfen und sein bindendes Versprechen gegeben. Er führt auch in eine neue Zukunft. Das ist doch an sich ein starker Trost, daß die Kirche bisher mit Hilfe Gottes immer noch alle ihre Gegner überlebt hat und mit allen Gefährdungen fertig geworden ist. Gottes Hilfe fängt immer erst an, wenn wir am Ende sind.

Gott mutet uns etwas zu, aber er teilt uns auch etwas zu und gibt, was wir brauchen. Es ist an sich erstaunlich, daß Gott so reagiert. Wollte er nach unserem Vertrauen zu ihm gehen, so wäre für keinen etwas zu hoffen. Er könnte sagen: „Wenn ihr mich schön bittet, will ich auch helfen, aber wenn ihr mault, gibt es erst recht nichts!“ Aber er hört auch noch aus dem Murren den Hilfeschrei seiner Kinder heraus. Die Kirche besteht aus lauter Sündern; aber Gott zieht sie an sich und läßt sie nicht mehr los. Ein Kabarettist hat einmal gesagt: „Ich glaube zwar an Gott - aber ich fürchte: Er glaubt nicht an mich!“ Doch das ist ja gerade das Umwerfende: Gott glaubt an mich und seine Kirche, er wendet uns immer wieder seine Liebe zu.

Die Israeliten haben das daran gesehen, daß er ihnen in der Wüste Nahrung gab. Manna ist der süßte Saft einer Wüstenpflanze, der tagsüber auf die Erde tropft und in der Abendkühle fest wird. In der Sonne schmilzt es wieder. Die Wachteln ziehen im Herbst in großen Scharen nach Süden, oft mehr laufend als fliegend. Durch den Flug über das Mittelmeer sind sie besonders erschöpft und können dann oft mit den Händen gefangen werden. Man kann also gar nicht von einem „Wunder“ reden, sondern es ist ein ganz natürlicher Vorgang. Doch Gott wirkt in der Regel nicht gegen die Natur, sondern er sorgt für die Seinen im natürlichen Geschehen. Gott ist nicht nur da am Werk, wo es außergewöhnlich zugeht, sondern auch die ganz alltäglichen Liebeserweise Gottes sind seine Wunder.

Das Wunder liegt eigentlich darin, daß Gott treu bleibt, wo die Seinen untreu werden. Daß er überhaupt helfen will, ist das Wunder. Wie er das dann macht, wird er schon wissen, das ist seine Sache. Wachteln und Manna sind ein sehr bescheidene Speise. Aber sie bewahrt das Volk vor dem Verhungern. Gott achtet also die leiblichen Bedürfnisse nicht gering und vertröstet nicht auf ein besseres Jenseits. Aber er hat halt mehr mit den Menschen vor als nur das äußere Dasein zu fristen.

Man kann dieses Geschehen natürlich auch ganz innerweltlieh deuten und sagen: „Es war ein glücklicher Zufall!“ So kann man in seinem Leben ungezählte Male gerettet worden sein und doch nichts gemerkt haben. Wenn einer bei einem Verkehrsunfall umgekommen ist, dann

wird ein großer Wirbel darum gemacht und von einem tragischen Unglücksfall gesprochen. Aber wenn es gerade noch einmal gut gegangen ist, dann fällt es keinem ein, sich bei Gott zu bedanken, dann ist es eben „Glück“ gewesen. Der Glaubende aber sieht, daß nichts „zufällig“ ist.

So wollen wir zum Schluß nach der Zumutung und der Zuteilung auch noch von der Zuwendung Gottes reden. Es geht nicht so sehr um die äußeren Dinge des Lebens, sondern um den, der sie uns gegeben hat. Wir können nicht die Gaben „kassieren“ und den Geber dabei übersehen. Wenn er uns etwas zuteilt‚ dann erleben wir darin seine Zuwendung.

Deshalb gibt Gott auch immer nur das, was gerade nötig ist. So erlaubt er seinem Volk keine Vorratswirtschaft: Wenn einer mehr sammeln will als nötig, dann ist es am anderen Tag verdorben. Jeden Tag müssen die Israeliten bittend zu Gott zurückkehren und sich wieder neu beschenken lassen. So leben sie von der Hand in den Mund, aber sie leben aus Gottes Hand. Keiner kann für lange Zeit oder für immer ohne Gott leben.

Ein jüdischer Rabbi wurde einmal gefragt, weshalb Gott das Manna nicht auf einmal für ein ganzes Jahr gegeben habe. Er antwortete mit einem Gleichnis: Ein König überreichte seinem Sohn die Nahrung für ein ganzes Jahr auf einmal. Der Sohn besuchte seinen Vater infolgedessen auch nur einmal im Jahr. Da gab ihm der Vater nur immer die Nahrungsmittel für einen Tag; und der Sohn besuchte den Vater täglich. So will auch Gott jeden Tag mit uns zu tun haben. Es wäre verhängnisvoll, wenn unser Aktionsradius so groß würde, daß wir einmal für eine gewisse Zeit ohne Gott leben könnten.

Die Frage, wie die Menschen heute und künftig satt werden sollen, ist nach der Friedensfrage die bedrängenste. Natürlich ist die Brotfrage zunächst eine Sache der Produktion, der Verteilung und des Transports. Hier müssen wir alles tun, was wir tun können. Aber die Ernährungsfrage gehört auch hinein in die Geschichte zwischen Gott und den Menschen. Deshalb beten wir: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“Deshalb wenden wir uns im Tischgebet an den Gott, dessen schenkende Hand immer mit im Spiel ist. Gott gibt durch das ökonomische Handeln der Menschen. Auch dafür sollten wir danken und Gott vertrauen und seiner Fürsorge.

Gelegentlich werden wir auch einmal in Ausnahmesituationen geführt. Sie wird dann zur Teststrecke für den Glauben, der sich bewähren soll. Bei geordneter Versorgungslage ist es nicht schwer, Gott etwas zuzutrauen. In der Wüste sieht es anders aus. Aber auch da und gerade da können wir unseren Gott erfahren. Es geht gar nicht so sehr darum, ob wir satt geworden sind, sondern ob wir unseren Gott erfahren und gefunden haben.

Finden können wir ihn vor allem auch im Abendmahl. Dieses ist das Manna für die Christen. Es hilft uns, manche Durststrecke zu überwinden, und bringt uns dem Ziel unseres Lebens näher..Einst werden wir es im Reich Gottes und an seinem Tisch essen. Wir haben zwar man­che Schwierigkeiten durchzustehen. Aber wir haben auch einen Gott, der uns immer wieder weiterhilft, so weit es gerade nötig ist.

 

 

8. Sonntag nach Trinitatis: Röm 6, 19  23 (Variante 1)

Es ist nun einmal in unserem Leben so, daß wir uns entscheiden müssen. Ob es da um Krieg oder Frieden in der Welt geht oder um Krieg oder Frieden zwischen dem einzelnen Menschen und Gott - immer geht es um ein Entweder – Oder, das seine Folgen für die Zukunft hat. Gott läßt uns keinen Mittelweg und erst recht nicht läßt er zu, daß wir uns überhaupt nicht entscheiden: Entweder für ihn oder gegen ihn, etwas anderes gibt es nicht.

Wir können uns das schon am Leben des Paulus selber deutlich machen, der ja diese Sätze geschrieben hat. Er war erst ganz gegen die Christen, hat sie fanatisch verfolgt und sein Seelenheil darin gesucht, sie alle zu vernichten. Aber dann kam alles anders für ihn: Er unterstellte sich dem Herrn Jesus Christus und wurde sein Apostel. Damit hat er sein altes Leben aber auch ganz und gar abgetan, es spielte nun keine Rolle mehr für ihn. Er war jetzt genauso eifrig ein Streiter für Christus, wie vorher dagegen war

Wir können das heute sicherlich gar nicht mehr so recht nachempfinden. Wir sind ja alle in diese Kirche hineingeboren worden, wir haben ja nie echtes Heidentum kennengelernt, höchstens bei anderen. Wir haben nie eine so radikale Wende erlebt wie Paulus. Selbst das, was man so „Bekehrung“ nennt, baut ja doch auf einem Grundstock christlichen Wissens auf, das man sich dann nur persönlich angeeignet hat.

Aber gerade diese Gewöhnung an das Christliche ist gefährlich. Allzuleicht entsteht nämlich der Eindruck: Ich gehöre ja zu Gott, damit ist alles in Ordnung. Sünde gibt es für mich nicht. Mein Leben verläuft in geordneten Bahnen. Auch Gott muß mit mir zufrieden sein. Ich brauche mich nicht mehr zu entscheiden, die Sache ist doch ganz klar.

Aber gilt dieser Satz nicht auch uns: „Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht?“ Nur sieht die Sünde bei uns in mancher Hinsicht etwas anders aus als bei den alten Römern. Wir sind zum Beispiel der Meinung: „Ein gesunder Egoismus kann gar nichts schaden. Hauptsache, ich habe mein Schäfchen im Trocknen. Jeder ist sich selbst der Nächste!“ -  „Meine Kinder sollen es einmal besser haben. Aber was gehen mich andrer Leute Kinder an?“

Oder man sagt: „Die Welt will betrogen sein!“ Ganz ohne Lüge geht es eben in unserem Leben nicht ab. Das ist ja alles nur halb so schlimm. Einen Fehltritt macht eben jeder einmal: Der eine zecht bis tief in die Nacht hinein mit seinen Freunden. Der andere wird seiner Frau untreu. Der dritte bummelt bei der Arbeit auf Kosten anderer.

Viele kennen auch nur die eine Frage: „Was fehlt mir noch zum Leben? Was muß ich noch haben, um glücklich zu werden?“ Und sie meinen dann: „Ich will machen können, was ich will! Sie machen es ja alle so. Es wäre ja langweilig, wenn wir alle Engel wären. Hauptsache, man hält eine gewisse Linie ein!“ Man denkt dann: Sünde ist ein Naturzustand, mit dem man sich abfinden muß. Man redet sich ein: So wie ich bin, so lebe ich nun mal, Gewissensbisse machen nur krank. Und mancher wird dabei doch charakterlos, tut vielleicht nicht direkt etwas gegen die Gesetze, ist aber in Wahrheit doch ein Schuft.

In solchen Formen zeigt sich heute die Sünde. Sie ist oft nur schwer zu erkennen, ist aber ein wirkliche Macht. Nur steht sie uns nicht gegenüber, so daß wir uns gegen sie wappnen könnten, sondern sie steckt in uns selber mit drin. Und das macht sie so sehr gefährlich.

Es gibt ein Unkraut mit einer hübschen, zartroten Blüte, das heißt „Teufelsauge“. Mancher wird sagen: Aber es sieht doch gar nicht so teuflisch aus! Aber der Teufel ist nicht schwarz und abstoßend, da würde ihm ja kaum einer auf den Leim gehen. Er ist vielmehr ein hübsches rotes Pünktchen inmitten der grünen Gräser. Wer jenem Unkraut den Namen gab, der hat den Teufel sicher gut gekannt. Er wußte etwas von seiner Anziehungskraft auf die Menschen und wie er sich immer wieder zu tarnen weiß. Oft erkennt man erst zu spät hinter all dem Liebreiz das Schädliche, manchmal zu spät, nämlich dann, wenn der Lohn ausgezahlt wird.

Paulus spricht deshalb unverblümt von einem harten Kriegsdienst, in dem wir als Christen stehen. Man kann dabei nicht in zwei Heeren zugleich sein, die sich aufs schärfste bekämpfen. Man kann nicht in der Firma den Atheisten markieren und andere von der Kirche abzubringen versuchen und heimlich still und leise gehört man selber zu Kirche. Das ist Verrat an Christus, und der wird im Krieg bekanntlich hart bestraft, so wie in einer Gangsterbande, in der es kein Aussteigen mehr gibt.

Paulus sagt: Es kommt nichts dabei raus, wenn man es auch einmal mit der Sünde versucht. Hinterher schämt man sich nur. Man kann dann bestimmten Leuten nicht mehr in die Augen sehen. Wenn wir auf bestimmte Dinge treffen, werden wir wieder an unsere Verfehlungen erinnert. Und erst recht wird keiner vor Gott bestehen können. Wer erst hat frei werden wollen, indem er sich dem Einfluß Gottes entzog, der wird nun erst recht unfrei.

Das Böse hat sogar eine Sogwirkung, es geht „von einer Ungerechtigkeit zur anderen“, bis in die Gesetzlosigkeit und die Anarchie. Gewiß sind Christen freie Menschen. Aber das bedeutet

nicht, daß ein Christ machen könnte, was er will, ohne Rücksicht auf Verluste und auf Kosten anderer Menschen. Vor allen Dingen kann er nicht frei werden von der „Gerechtigkeit“, das heißt von Gott. Natürlich klingt es verheißungsvoll, wenn einer sagt: „Niemand wird dir hineinreden, kein Mensch und kein Gott! Du kannst auch ohne Gott leben! Kündige ihm nur den Gehorsam auf! Dann bist du seine lästigen Gebote los und kommst im Leben besser voran!“ Solche Reden haben auch für uns Christen einen gewissen Reiz. Manchmal hätte man schon Lust, Gott den ganzen Krempel vor die Füße zu werfen.

Aber mit solchen Gedanken und mit kleinen Dingen fängt es an. Aber je länger je mehr merkt man, daß da eine Macht dahinter steht, die alles in ihre Gewalt bekommen will. Zunächst heißt es:  „Einmal ist keinmal“. Aber dies „einmal“ hat den Drang zur Wiederholung in sich. Wer sich mit dem Bösen einläßt, kommt bald unter die Räder.

Oberhalb der Niagarafälle steht an einer bestimmter Stelle ein Schild mit der Aufschrift: „Von hier ab keine Rettung mehr!“ Wer doch noch weiterfährt, wird unbarmherzig mit in den Strudel gezogen, da kann kein Mensch mehr helfen. Das „Sich-Einlassen“ ist leicht. Aber das Herauskommen ist schwer; ob es noch möglich sein wird, liegt nur in Gottes Hand.

Paulus weiß allerdings einen Ausweg. Er sagt „Für euch ist die Frage ja gottlob entschieden! Ihr seid getauft und gehört nun Gott. Damit habt ihr nur noch diesen einen Herrn. Nun hört auch auf den, dem ihr gehört. Nur so könnt ihr als Menschen leben und eures Lebens froh werden!“ Und das stimmt auch: Viele Christen, die sich entschieden haben ,gehen gerade und sicher durchs Leben. Sie machen nicht den Eindruck, als müßten sie etwas entbehren, als fehle ihnen etwas, als seien sie zu kurz gekommen im Leben.

Wenn einer eine Strafe verbüßt hat, dann öffnet sich die Tür seiner Zelle und er ist wieder frei .Er wird die Freiheit wie ein neues Leben empfangen. Und er wird sich sagen: Nur nicht wieder rückfällig werden. Ich will neu anfangen, mein Leben soll anders werden. Das könnte auch unser Vorsatz sein, nachdem wir nun einmal zu Gott gehören: Nur nicht wieder rückfällig werden.

Gewiß haben wir die Möglichkeit dazu. Aber um den Preis, daß wir dann unser Leben verfehlen. An sich ist die Sünde klein und unbedeutend neben Gott. Aber wenn wir uns ihr zuwenden, dann wird sie auf einmal riesengroß und verdeckt Gott für uns. Dann erst wird sie durch unsere Schuld zur scheinbar gegengöttlichen Macht. Am Anfang kann man sich noch entscheiden, kann man noch zurück - nachher nicht mehr. Und eines Tages wird dann der Lohn ausgezahlt. Und die Soldaten der Sünde erhalten dann als Sold den Tod, das heißt ein ewiges Dasein fern von Gott.

Durch Christus und durch unsere Taufe ist uns aber eine andere Möglichkeit erschlossen. Dese hatte Gott von Anfang an für uns bestimmt: die Gnadengabe des ewigen Lebens. Dieses sollte uns bei jeder Entscheidung unseres Lebens vor Augen stehen. „Sollen“ ist eigentlich falsch gesagt. Wir „sollen“ gar nichts. Aber es gilt zu bedenken, daß wir Christen sind und darum auf den Weg Gottes gestellt sind.

Die Taufe hat den Grundstein gelegt, daß wir diesen Weg auch gehen können. Wir können nun dem Bösen widerstehen im Namen Jesu. Wir können sogar aus der Umarmung des Bösen wieder freikommen.

Gott hat sich in diese Welt begeben, die sich im Aufruhr gegen ihn befindet. Aber er hat nicht mit der Sprache der Welt klar gemacht, wer das Sagen hat. Er hat nicht die Aufständischen abgeurteilt mit der Sprache des Gesetzes. Vielmehr ging er den schweren Weg der alles einsetzenden und sich selbst aufopfernden Liebe. Die zu ihm kommen, sollen in Freiheit kommen. Nicht die göttliche Machtüberlegenheit soll sie überwinden, sondern das Wunder, daß Gott auch die Feinde liebt und den Versagern die Schuld vergibt.

Gott gibt uns die Möglichkeit zu einem neuen Leben. Und er gibt uns das Abendmahl mit als Wegzehrung. Es soll uns stärken, damit wir unterwegs nicht verhungern und damit wir kräftige Streiter Gottes gegen das Böse sein können. Gott läßt uns nicht allein in unserem Kampf. Er gibt uns sein Wort und sein Sakrament, er steht uns selbst zur Seite. Da werden wir unseren Weg durchs Leben auch in seinem Sinne und mit seiner Hilfe gehen können.

 

 

8. Sonntag nach Trinitatis: Röm 8,23   (Variante 2)(Jahreslosung 1987)

„Die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus unserem Herrn!“

Am Beginn eines neuen Jahres empfinden wir sehr stark, wie unberechenbar und unabsehbar das ist, was da auf uns zukommt. Sicherlich gibt es auch eine Menge Dinge, die wir planen und steuern können. Viele werden sich auch ihren Plan machen. Jede Partei und jede Bewegung hat ein Programm. Die Schule hat einen Erziehungs- und Bildungsplan und die Kirche vielleicht einen Missionsplan.

Unser Leben kann uns vorkommen wie eine Wüste, mit wenig wasserspendenden Oasen und wenig schattenspendenden Bäumen, mit wenig guter Nahrung und keiner Abwechslung, mit wenig Freuden und oft viel Leid, ein einziger Kampf ums nackte Dasein.

Oder wir kommen uns heute vor wie ein Mensch, der durch einen dunklen Wald gehen soll. Wenn nur irgendwo das Laub raschelt, erschrecken wir schon. Alle Geräusche sind auf einmal unheimlich. Sehr leicht kann man sich auch verlaufen. Bei Tageslicht durchschreitet man denselben Weg sicher und fest. Auch bei Nacht kann es ganz gut gehen, wenn man nur ein Licht dabei hat. Also wenigstens eine Taschenlampe braucht man. Aber noch besser ist das Licht des Tages.

Gott will das helle Licht auf unserem Lebensweg sein. Deshalb können wir uns am heutigen Tag nur den Segen Gottes und seinen Beistand wünschen. Das ist mehr als unsere menschlichen Wünsche zum neuen Jahr. Die Jahreslosung spricht von einer Gabe Gottes, die mehr ist, als Menschen uns geben können.

Es geht um eine Gabe und nicht um einen Lohn. Was Gott uns geben will, können wir uns nicht verdienen. Wir möchten uns ja gar nicht so gern etwas schenken lassen. Wir denken: Wir haben nun ein ganzes Jahr lang gut gearbeitet. Davon ist uns etwas geblieben, was wir mit ins neue Jahr nehmen. Wozu brauchen wir da noch Gott und seine Gaben?

Doch alles Leben ist Gottes Gabe. Wenn wir den Begriff „ewiges Leben“ herauslassen, dann ist uns die Jahreslosung vielleicht einleuchtender: „Die Gabe Gottes ist das Leben!“ Damit können wir eher etwas anfangen. Das andere ist so ein schöner theologischer Satz, der natürlich richtig ist und stimmt, aber doch für viele etwas unglaubhaft ist. Das Leben hier auf dieser Erde ist das eine, das ewige Leben ist etwas anderes, aber beides hat wenig miteinander zu tun.

Was Leben ist, das wissen wir. Wir leben ja und wissen nicht einmal warum. Daß ich lebe, ist nicht mein Verdienst. Überhaupt verdanke ich ja mein Leben anderen. Aber auch daß ich jetzt noch lebe, während andere schon gestorben sind, das liegt nicht in meiner Hand.

Ich finde mich einfach vor als ein lebendiger Mensch mit allen Freuden und Leiden, Schmerzen und Sehnsüchten, Verzweiflungen und Hoffnungen. Deshalb müssen wir diese Gabe Gottes annehmen. Wir können sie nicht an uns reißen, sondern, müssen warten, daß sie uns immer neu gegeben wird.

Deutlich machen können wir uns das auch an der Taufe: Man kann sich nicht selber taufen, sondern man muß immer getauft werden. In der Taufe empfangen wir Gottes Gabe. Hier werden wir erst zum richtigen Menschen. Deshalb wurde je auch schon die Taufe als zweite Geburt bezeichnet.

Das alles ist mehr als unsere sonst üblichen Wünsche zum neuen Jahr. Da ist viel die Rede von der Gesundheit. Darin sollen all unsere Wünsche zusammengefaßt sein. Die Gesundheit ist natürlich auch ein hohes Gut. Aber die Jahreslosung nennt uns ein noch wichtigeres: „Das ewige Leben in Christus Jesus unserm Herrn!“

Wieder können wir an die Taufe denken. Sie befreit uns heute schon aus der Macht des Todes und gibt uns heute schon Anteil an dem Auferstehungsleben des Herrn. In der Taufe wird Christus unser Herr, für dieses und das zukünftige Leben. Durch die Beziehung zu Gott erhält unser Leben eine neue Dimension, erweiterte Möglichkeiten. Es ist ein Leben ohne Furcht und mit einer Hoffnung auf ein Ziel hin.

Am Leben Jesu können wir uns das deutlich machen. Er hatte den Anspruch erhoben, den Menschen Gott nahe zu bringen. Er hatte verkündet: Gott hat euch lieb, das seht ihr an mir! Aber dann war er gekreuzigt worden. Es entstand die Frage: Ist Jesus gescheitert!? Aber die Auferweckung Jesu hat deutlich gemacht: Gott hat seine Treue auch an Jesus durchgehalten und hat ihm nicht nur das irdische Leben gegeben, sondern auch das ewige.

Was Leben in der Nähe Gottes und unter den Augen Gottes ist, macht Jesus in dem Gleichnis von den verlorenen Söhnen deutlich. Da hat sich der eine Sohn von seinem Ursprung entfernt. Er wollte das Leben suchen und es genießen. Er wollte etwas vom Leben haben, wie man so sagt. Aber es war tatsächlich nur „etwas“ vom Leben, nicht das volle, das wahre Leben. Der jüngere Sohn wollte sein Leben selbst in die Hand nehmen - und hätte es beinahe verloren. Weil er nur von seinem Vorrat lebte, den er nicht einmal selber erarbeitet hatte, war er bald am Ende. Er hat gedacht, er könnte allein auskommen, er brauchte den Vater nicht mehr Aber weil er von der Quelle des Lebens abgeschlossen war und keinen Nachschub mehr erhielt, hatte er sich bald verausgabt. Nur eins kann ihm noch helfen: die Rückkehr zum Vater, von dem er gekommen ist.

Als er zum Vater zurückkehrt, bekommt er das Leben noch einmal geschenkt. Aber es ist jetzt doch ein anderes Leben, Der Sohn hat gelernt: Er wird nie mehr wieder fort wollen. Jetzt erst hat er das Leben von besonderer Qualität, das er jetzt nicht mehr leichtfertig wegwerfen wird. Es ist schon eine Art „ewiges Leben, denn er lebt nun in einer heilen und beständigen Beziehung zu dem Vater. noch nicht begriffen. Er war der anständige Sohn, der immer bei dem Vater geblieben ist, aber jetzt diesen Vater nicht mehr verstehen kann. Der Vater sagt ihm: „Freue dich doch m

Der andere Sohn hat das noch nicht begriffen. Er war der anständige Sohn, der immer bei dem Vater geblieben ist, aber jetzt diesen Vater nicht mehr verstehen kann. Der Vater sagt ihm: „Freue dich doch mit, denn dein Bruder war schon tot und ist wieder lebendig geworden!“ Der ältere Sohn hat nie die Erfahrung machen können, daß das andere ja gar kein Leben war. Es war ihm zu selbstverständlich, daß er ja die ganze Zeit schon das ewige Leben gehabt hat oder zumindest ein Leben, das dem ewigen Leben ähnlich war.

So könnte auch die Geschichte gemeint sein, die Luise Rinser einmal erzählt hat: Eine alte Frau ist dabei, einen Haufen Wäsche zu bügeln. Da. tritt der Todesengel zu ihr und will sie mitnehmen. Sie sagt: „Gut, ich gehe mit, aber laß mich erst noch die Wäsche fertig bügeln, denn wer soll es sonst tun?“ Der Engel geht darauf ein und kommt erst nach einiger Zeit wieder. Doch da ist die Frau gerade dabei, ins Altersheim zu gehen. Sie sagt: „Ich muß dort ein halbes Dutzend Leute besuchen, die keine Besuche bekommen und von ihren Familien vergessen sind!“ Als der Engel das dritte Mal kommt, sagt die Frau: „Ja, ja, ich weiß schon. Aber wer bringt meine Enkel in den Kindergarten, wenn ich nicht mehr bin?“ Der Engel seufzt und sagt: „Nun gut, solange dein Enkel nicht allein gehen kann!“ Einige Jahre später sitzt die Frau am Abend müde da und denkt: Eigentlich könnte der Engel jetzt kommen. Nach der vielen Arbeit muß die ewige Seligkeit doch recht schön sein!“Als der Engel kommt, fragt sie ihn: „Bringst du mich jetzt in die ewige Seligkeit?“ Da sagt der Engel:“Und wo, glaubst du, warst du all diese Jahre?“

Man weiß nicht so recht, was die Dichterin mit dieser Geschichte hat sagen sollen. Soll es nur die etwas oberflächliche Aussage sein, daß ein Leben voller Mühe und Arbeit schon so etwas wie die ewige Seligkeit ist? Oder wollte sie sagen: Die Frau hat gar nicht gemerkt, daß sie schon im Himmel ist, weil es da auch Mühe und Plage wie auf der Erde gibt! Oder geht es darum, daß die Frau durch ihre Hilfe schon ein Stück vom Himmel auf dieser Erde  verwirklicht hat? Das scheint  noch am ehesten möglich.

Man kann aber vielleicht auch nur dies herauslesen: Das ewige Leben ist dem irdischen Leben ähnlich. Es ist zwar etwas anderes, aber doch auch wieder so, daß man die Parallelen zum irdischen erkennen kann. Wer also weiß, was das irdische Leben ist - und das weiß an sich jeder - der könnte auch wissen, was das ewige Leben ist. Vom irdischen Leben dürfen wir auf das himmlische schließe [Hier kann man vielleicht noch das Neujahrswort des Bischofs anschließen].

 

 

9. Sonntag nach Trinitatis: 1. Petr 4, 7 - 11

Die allgemeine Auffassung von der Zeit verändert sich mit den Jahren. Es gibt Zeiten, das sieht man konnte man die Zeit noch wie ein lange Gerade. Man hat schon viele Jahre hinter sich und meint, auch noch viele Jahre vor sich zu haben. Die Zeit scheint ins Unendliche zu gehen und die Zukunft unerschöpflich zu sein. Das Weltgefühl ist optimistisch, man meint, jetzt gehe es nur noch bergauf.

Aber dann schlägt die Grundstimmung um. Das Symbol der Zeit ist die große Weltuhr, auf der die Zeiger auf fünf vor zwölf stehen oder sogar schon auf eine Minute vor zwölf. Das hängt sicher wesentlich auch zusammen mit den Atomwaffen und den Trägerraketen, die es heute gibt, aber auch mit dem Klimawandel und der Begrenztheit der Bodenschätze.

In diesen Tagen hat sich wieder der Tag von Hiroshima genährt. Damals sind auf einen Schlag Hunderttausende von Menschen umgekommen. Und auch Jahrzehnte später starben noch Menschen an den Spätfolgen der Strahlung. Und das war damals die kleinste mögliche Bombe, solche werden heute mit Kanonen verschossen. Die Vernichtungskraft der heutigen Waffen ist tausendmal größer. Und dazu kommt für uns, daß auch die friedliche Nutzung der Atomenergie ihre Opfer fordert. Für uns könnte dieser Satz aus dem 1.Petrusbrief beklemmende Wirklichkeit werden: „Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge!“

Das Furchtbare daran ist, daß dieses Ende heute zum Teil auch in die Hände der Menschen gegeben ist. Damals konnte man sich nur vorstellen, daß Gott das Ende herbeiführen wird. Und der Christ konnte wissen: Es geht nicht um das Ende schlechthin, sondern mit der Zukunft kommt Gott immer mehr seinem Ziel näher. Es ging um s e i n Ziel und nicht um das, was Menschen vielleicht anstellen.

Wir warten auch nicht nur auf das „Ende der Welt“, sondern dieses fällt ja für uns zusammen mit der Vollendung des Reiches Gottes. Vielleicht können wir uns nicht so recht vorstellen, was das sein soll. Und doch wissen wir etwas davon, weil wir Christus kennen. Von ihm können wir lernen, was Reich Gottes bedeutet. Ein Bräutigam weiß nicht, wie die Ehe sein wird; aber er vertraut seiner Braut und freut sich auf die Ehe. Eine werdende Mutter weiß nicht, wie ihr Kind aussehen wird; aber sie stellt sich auf das Kind ein. Ein Christ weiß nicht, wie das Ende sein wird; aber er stellt sich auf Christus ein, der das Ende bringen wird.

Wie können wir uns nur recht auf das Ende und auf den, der dann kommen wird, einstellen? Zunächst einmal darf das Wissen um das Ende uns nicht zur Panikmache verführen. Das hat man uns Christen ja immer wieder einmal vorgeworfen, wir verbreiteten nur eine gruselige Weltuntergangsstimmung.

In der Tat ist eine vernünftige und nüchterne Einstellung zu dieser Frage zu gewinnen. In manchen christlichen Kreisen herrscht da eine phantastische und aufgeregte Enderwartung, daß man schon Bedenken haben kann. Denn die Gefahr ist doch, daß man dann die Gegenwart vergißt oder verachtet und alle Bemühungen um die Erhaltung und Erneuerung des Irdischen für sinnlos hält.

Doch andererseits sollte man auch nicht sagen: „Schon in der Urchristenheit hielt man das Ende der Welt für nahe, und es ist nicht gekommen. Die Geschichte ist weiter gegangen, und sie wird auch immer weitergehen. Es gibt kein Ende!“ Das wäre auch gefährlicher Leichtsinn. Irgendwann wird einmal das Ende der Welt gekommen sein. Aber bis es soweit ist, haben wir uns dieser Welt zu bewähren. Der 1.Petrusbrief nennt drei Kennzeichen des auf Gott wartenden Menschen: Gebet, Liebe und Dienst.

 

1. „Seid mäßig und nüchtern zum Gebet!

Es gibt dieses fälschlicherweise Luther zugeschriebene Wort, das durchaus von ihm stammen könnte, aber ausnahmsweise nicht von ihm ist: „Wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute noch einen Apfelbaum pflanzen!“ Das ist die nüchterne Haltung, die uns erst zu einem sinnvollen Gebet befähigt: Wir tun dann zwar alles, was für das Leben in dieser Welt nötig ist. Aber wir beziehen auch das Ende in unser Denken und Planen, Hoffen und Fürchten ein. Nur wenn man die Gegenwart und die Zukunft im richtigen Verhältnis zueinander sieht, kann man recht beten.

Oft sehen wir nur, was wir sehen w o 1 1 e n. Das kann unbewußt geschehen, weil wir das verdrängen, was wir nicht bewältigen können. Es kann aber auch bewußt geschehen, weil wir nicht genügend Mut haben. Aber wir dürfen die Zukunft nicht nur negativ sehen. Leider sind wir einfach blind für das Erfreuliche. Für einen Christen ist die Rede vom Ende der Welt aber kein Klagelied, sondern mit dem Ende aller Dinge wird ja auch der große neue Anfang gesetzt. In der Zukunft sollten wir nicht nur das sehen, was wir gern übergehen möchten, sondern auch voller Vorfreude das beachten, was auf uns als Gabe Gottes wartet und was unser Herz oft noch nicht erfassen will.

Die nüchterne Einstellung der Christen gegenüber der Zukunft wird deutlich am Gebet. Da können die Dinge mit Gott durchgesprochen werden, die uns bedrängen oder erfreuen. Solches Beten macht nicht untätig, sondern hilft zur richtiger Tat. Wir müssen mit Gott über unser richtiges Verhalten reden. Wo wir richtig beten, da ist Gottes Reich bereits unter uns.

 

2. „Vor allen Dingen habt untereinander eine brennende Liebe!

Wenn draußen ein scharfer Wird weht, dann und ist man drinnen erst recht aufeinander angewiesen und muß zusammenhalten. Ausdauer gerade auch in der brüderlichen Liebe zueinander ist nötig. An sich sollte man meinen, je stärker man sich bedrängt sieht, desto mehr rückt man zusammen. Aber offenbar war das nicht immer so. Deshalb muß zu brüderlicher Liebe ermahnt werden, denn Liebe kann auch farblos und verblichen sein.

„Liebe deckt der Sünden menge!“ heißt es in der Bibel. Liebe deckt auch die Sünde des anderen zu. Sünde gibt es auch innerhalb der Gemeinde, sogar „in Menge“. Da wird getadelt und gerichtet, aufgerechnet und angeprangert, da macht man sich groß und interessant. Da wird dann auch aufgedeckt, was bei dem anderen faul ist. Die Liebe aber „bedeckt“ der Sünden Menge. Da wird Gutes vom anderen Menschen geredet und alles zum Besten gekehrt. Der andere wird nicht fertig gemacht, sondern es wird ihm aufgeholfen, auch wenn er nicht liebenswert ist oder sich nicht lieben lassen will.

Zur Liebe gehört auch die Gastfreundschaft. Ein Gast galt als unantastbar und genoß den Schutz aller seiner Gastgeber. Und wer selber einmal in der Fremde war, durfte auf die Gastfreundschaft anderer Menschen hoffen. Christen brauchen solche Kontakte hinüber und herüber. Über den Gottesdienst hinaus brauchen wir den Zusammenhalt christlicher Lebensgemeinschaft. Deshalb ist es gar nicht so gut, wenn wir bei übergemeindlichen Veranstaltungen unsere Gäste in die Gaststätte zum Essen schicken. Das ist zwar bequem, aber es fehlt der Kontakt zwischen Gästen und Einheimischen. Es ist gut, wenn ein Chor zu Besuch kommt und in den Häusern und Familien zu Gast ist. Da hört man einmal, wie es anderswo ist. Dann gehen die Gastgeber auch mit zum Konzert, es nehmen alle mehr Anteil an dem Besuch.

Zur Gastfreundschaft gehört dabei auch, daß man den anderen erst einmal hereinläßt und dann sieht, wie man ihn unterbringt, und nicht erst überlegt, ob es heute paßt. Gerade auch die Frem­den sollen sich wohl fühlen in unserem Gottesdienst und in unserer Gemeinde. Wo wir bereit sind, jeden freundlich aufzunehmen, da kann auch Christus kommen.           

 

3. „Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat!

Liebe wird im Dienen konkret. Sie ist Auftrag für die ganze Gemeinde, nicht nur für die Spezialisten, die dafür angestellt worden sind. Gott gibt uns viele Gaben, damit wir dem anderen behilflich sein können. Der andere braucht uns, da können wir doch nicht anders, als für ihn da zu sein. Jeder hat Gaben dafür, sie müssen nur aufgespürt werden. Und Gott gibt uns auch immer wieder Kraft, daß wir es schaffen.

Gott handelt da wie ein Chorleiter, der schon alles vorbereitet und sich ganz für das Gelingen einsetzt. Aber Singen müssen wir dann selbst. Wir wissen auch, daß es ein Unterschied ist, ob einer nur allein singt oder eine Gruppe, ob einstimmig gesungen wird oder mit verschiedenen Stimmen, mit oder ohne Instrumente. Und wichtig ist dann auch die Stimme, die kritische Hinweise gibt            und Vorschläge macht, wie Fehler und Mängel in der Gemeinde gebessert werden können.

Allerdings ist Gott immer der Meister und wir nur die Lehrlinge. Wir können uns nicht aussuchen, was uns gerade paßt. Sicherlich werden wir auch noch manches falsch machen. Aber das ist kein Grund, es ganz sein zu lassen oder gleich aufzuhören. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Aber wir dürfen alle in der großen Lehrlingswerkstatt Gottes sein, in der Christus unser Meister ist.

Er verteilt die Aufgaben. Bei ihm gibt es keine Mitarbeiter ohne Geschäftsbereich und keine Ehrenämter. Es gibt immer etwas zu tun.  Jeder Christ ist ordiniert und hat sein Amt, in der Gemeinde, in der Familie, am Arbeitsplatz, im Bekanntenkreis. Dort können wir uns recht darauf vorbereiten, daß Christus wiederkommt. Wir tun es mit unsrem nüchternen und verantwortungsbewußten Gebet. Wir üben Liebe und nehmen Fremde gastfrei auf, so wie wir Christus aufnehmen wurden. Und wir setzen unsere Gaben ein in dem vielstimmigen Chor Christi und loben dadurch schon heute den, der einmal wiederkommen wird.

 

 

10. Sonntag nach Trinitatis: 2. Kön 25, 8 - 12

Einem Deutschen jüdischen Glaubens, der noch rechtzeitig mit seinen Eltern vor den Nazis fliehen konnte, fällt es schwer fallen, ein ehemaliges Konzentrationslager zu besuchen. Sie

denken daran, daß die Großeltern und der Onkel auch in so einem Lager waren. Vielleicht sind sie nicht in die Gaskammern gekommen, sondern an den Entbehrungen und Belastungen des Lagers gestorben. Aber  für einen Überlebenden muß es schwer sein, so einen Ort des Grauens zu besuchen und daran zu denken, was dort passiert ist.

Was hat dieses jüdische Volk doch alles aushalten müssen, zu allen Zeiten und an allen Orten der Welt! Irgendwie waren diese Menschen immer im Weg, blieben fremd, wurden verdächtigt und verfolgt.

Auch heute ist bei manchen Einwohnern der Bundesrepublik nicht unumstritten, was unser Staat für jüdische Menschen tut. Zum Beispiel werden ja bei uns russische Juden aufgenommen, weil sie in Rußland verfolgt werden. Sie haben keine deutsche Vorfahren wie die anderen Spätaussiedler, sie werden nicht politisch verfolgt, sondern „nur" weil sie Juden sind. Durch die Aufnahme dieser Menschen will man versuchen, einen Teil des zugefügten Unrechts wiedergutzumachen und überhaupt wieder jüdische Menschen in unserem Land anzusiedeln.

Doch da sagen doch manche: „Was gehen die uns an?“ Sie sehen es auch skeptisch, wenn Forderungen auf Entschädigung für die Zwangsarbeit oder für Vermögensverluste gestellt werden. Oder es wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, welchen Besitz Frankfurter Juden angeblich schon wieder haben sollen - als ob nicht auch Nichtjuden vermögend wären. So ganz überwunden ist der Antisemitismus, der Haß auf die Juden, auch bei uns noch lange nicht.

Angefangen hat das Leiden dieses Volkes aber schon in ganz alten Zeiten. Das zweite Buch der Könige schildert uns ein Beispiel dafür. Reichlich eineinhalb Jahre hatte die belagerte Stadt Jerusalem den Babyloniern getrotzt. Aber im August des Jahres 587 rissen die Belagerungsmaschinen eine Bresche in die Mauer der Stadt. Der König floh, wurde aber bei Jericho gefaßt und in das Hauptquartier Nebukadnezars gebracht.

Vier Wochen nach der Einnahme der Stadt folgte die Zerstörung. Die Leibgarde des babylonischen Königs hatte das Gericht über die Stadt zu vollstrecken, die sich gegen die Oberherrschaft der Babyloniern aufgelehnt hatte. Diese Soldaten trugen den bezeichnenden Namen

„Die Schlächter“. Die Oberschicht des Volkes wurde nach Babylon verschleppt, nur Bauern und Winzer durften bleiben und führten ein kümmerliches Leben.

So übte Gott Gericht an seiner Stadt. Gott hatte in der Geschichte seines Volkes gewirkt. Aber nun schien diese Geschichte zu Ende zu sein - Heilsgeschichte war umgeschlagen in Unheilsgeschichte.

Schlimmer noch als die äußeren Schicksalsschläge war das Zerbrechen des Glaubens und der Zukunftshoffnungen. Jahrhundertelang war die Stadt Gottes unangetastet geblieben. Selbst die Assyrer hatten gut 100 Jahre vorher wieder abziehen müssen. Aber nun lag selbst der Tempel in Schutt und Asche, der doch die Anwesenheit Gottes in seinem Volk bezeugen sollte.

Die Bibel ist weit davon entfernt, in solchem erschütternden Geschehen ein sinnloses Walten eines blinden Schicksals zu sehen. Gott bestimmt die Geschichte, auch der babylonische König ist sein Werkzeug. Und was über Jerusalem kommt, ist von Gott gewollt und verfügt. Manches bleibt zwar ungestraft. Aber in der Weltgeschichte ereignet sich Gottes Gericht, wenn auch oft nur zeichenhaft und nur in Anfängen. Aber wer schuldig wurde, der sollte nicht Gott anklagen, sondern sich selbst.

Viele bei uns haben in der Bombenhölle des zweiten Weltkriegs ein Versagen Gottes gesehen. Wer wollte es den Menschen auch verübeln, wenn sie in ihrer Verzweiflung nach Gott schreien? Nur hätte man dabei nicht vergessen dürfen, was andere Völker durch unser Volk erlitten haben.

Was uns am heutigen Sonntag aus der Bibel gesagt wird, können wir nur in Betroffenheit hören. Von Gottes Gerichten kann man nicht in der Zuschauerhaltung reden, da können wir nicht mehr nur Zuschauer bleiben.

Jahrhundertelang hat man in der Kirche auf die Juden gezeigt, sie als Christusmörder beschimpft und die Zerstörung des dritten Tempels im Jahre 70 nCh als Strafe Gottes für den Tod Jesu gedeutet. Aber besser wäre die Erkenntnis gewesen, daß Gott auch uns etwas sagen will. Solche Geschichten sind uns geschrieben zur Warnung und zur Selbsterkenntnis und auch zur Demütigung unter die gewaltige Hand Gottes.

In Jerusalem wurden nicht nur Ängste und Schmerzen ausgestanden, wie sie überall in der Welt auftreten. Hier befand man sich zu dem allen noch in der Anfechtung des Glaubens. Man mußte sich doch fragen: „Hatte Gott sein Volk aufgegeben? Wie sollte man ihn noch verehren, wenn der Tempel in Trümmer lag? War der Tempel deshalb zerstört worden, weil Gott so böse auf das Volk war, daß er gar keinen Gottesdienst mehr wollte?“ Man hätte alles ertragen können, wenn man nur Gott auf seiner Seite gewußt hätte. Aber hier hatte man auch Gott verloren. Hier hatte man nicht nur Menschen zu Feinden, sondern Gott selbst.

Der Verfasser der Samuel- und Königsbücher stellt sich mit seiner Darstellung der Geschichte Israels dem Gericht Gottes. Er spürt die Ursachen auf und erkennt, daß das alles innerlich notwendig war. Er berichtet nicht nur, sondern versucht auch das Erlittene im Glauben aufzuarbeiten. Aber er tut das nicht, indem er Schuldige aufspürt und zur Rechenschaft zieht. Das haben schon die Babylonier schon getan. Vielmehr bedenkt er die Schuld des ganzen Volke Israel.

Auch in unserem Volk muß sich jeder Einzelne fragen: Sind wir nicht alle mit schuld an dem, was damals anderen Völkern angetan wurde? Sind wir nicht nach 1945 viel zu schnell von einem anspruchsvollen Wohlstandsdenken erfaßt worden? Viele sagen doch: Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges sollte man nicht mehr davon reden. Und viele beruhigen sich mit der Ausrede: „Ich bin es doch nicht gewesen!“

Die Bibel erlaubt nicht, unsre Sünden als etwas Vergangenes anzusehen, über das allmählich Gras wächst. Wir werden uns durch Gottes Gericht nicht durchmogeln können. Wer ein unruhiges Gewissen hat, w i 11 sich gar nicht unbehelligt aus der Affäre ziehen, sondern das Gericht Gottes zur eigenen Sache machen. Nur so gibt es Umkehr, nur so kann etwas Neues beginnen.

Unsere Aufgabe ist es, in unserer Zeit gegen jede Diskriminierung von Menschen aufzutreten.

In erster Linie ist jeder Mensch ein Geschöpf Gottes - und erst dann ist er Deutscher oder ein

Ausländer, Christ oder Jude, Weißer oder Schwarzer, Reicher oder Armer. Es gibt keinen

Grund, weshalb ein Mensch weniger wert sein sollte als ein anderer, weshalb von seinem Anderssein eine Gefahr ausgehen sollte für die eigene Position, weshalb man gegen einen anderen Menschen kämpfen sollte, nur weil er sich ein wenig von uns unterscheidet.

Dieser biblische Bericht klingt wie eine Zeitungsmeldung. Aber dennoch ist in ihm der Trost des Wortes Gottes verborgen. Gott bleibt im Lauf der Geschichte drin, auch wenn man ihn nicht gleich bemerkt. Das Volk kommt zwar in die Gefangenschaft, aber es darf einen König behalten, es darf weiter Gottesdienste feiern, es darf auf eine Rückkehr hoffen. Der König Israels ist das Unterpfand dafür, daß Gott einmal den wahren König schicken wird, den Messias, auf den die Juden heute noch warten, der aber in Jesu schon da war.

Dieser letzte Ausblick darf nicht fehlen. Aber man muß auch sehen: Gott übt auch Gericht an seinem Sohn. Alle Gerichte in der Geschichte sind nur Vorspiele des großen Gottesgerichtes. Das brennende und zerstörte Jerusalem war nicht Gottes letztes Wort. Gott will unser Heil. Er will, daß dem Recht die Ehre gegeben wird. Aber er möchte auch, daß wir zu ihm zurückfinden und als sein Volk bei ihm leben können. Darum trägt der Sohn Gottes das, was wir eigentlich verdient hätten. Alle Gottesgerichte treffen letztlich ihn. Jetzt steht der Gekreuzigte für uns ein, weil er das Gericht Gottes auf sich gezogen hat.

Deshalb können wir auch mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Unsre Kirche hat eine Zukunft, weil Gott es so will. Er ermutigt uns, das zu tun, was wir tun können, um die Kirche zu erhalten. So etwas wie die Konzentrationslager oder die Vernichtung eines ganzen Teils des Volkes darf es nicht wieder geben. Wo doch jemand wieder so etwas beginnt, ist ihm entschlossen entgegenzutreten.

Aber letztlich liegt es nicht an unserem Wollen und Mühen, sondern an der Liebe Gottes zu seiner Gemeinde und zu allen Menschen. Er möchte, daß wir alle Menschen als seine Geschöpfe sehen, sie achten und ehren und ihnen beistehen und ihnen zu einem lebenswerten Leben verhelfen.

 

 

11. Sonntag nach Trinitatis: 2. Sam 12, 1 - 5 und 7 - 9 und 13 - 14

Kinder wollen immer das haben, was der andere auch hat. Wenn einer ein neues Auto hat, braucht der andere auch eins. Wenn der andere ein blaues Auto hat, kann man mit einem roten nicht zufrieden sein; dann braucht man auch ein blaues oder besser noch zwei. Bei den Erwachsenen ist das nicht anders. Immer erscheint gerade das verlockend, was der andere hat- das muß man auch haben.

So war es auch in der Geschichte von David und Nathan, Bathseba und Uria. David hatte eine ganze Reihe von Frauen, Gott hatte ihn da wahrhaftig nicht kurz gehalten auf diesem Gebiet. Als orientalischer König hätte er sich auch noch mehr Frauen nehmen können. Aber ausgerechnet diese eine Frau will er haben, die ihm mehr zufällig einmal ins Auge gefallen ist.

Allerdings ist sie verheiratet. Da kann auch der Königs nichts machen. Er muß das Gesetz und das Gebot Gottes achten. Aber David weiß eine List: Er läßt den Ehemann im Krieg in die vorderste Linie stellen, bis er umkommt; dann nimmt er die trauernde Witwe großzügig in sein Haus auf. Keiner hat dabei einen Verdacht geschöpft, in den Augen der Leute war alles in Ordnung.

David ahnt nicht, daß sein Fall doch noch zur Sprache kommt. Aber was noch im Raum steht, das ist Gottes Meinung zur Sache: „Dem Herrn mißfiel die Tat, die David getan hatte!“ Er Gott führt auch die Wende herbei durch Überführung, Lossprechung und Sühne.

 

1.Überführung:

Erstaunlicherweise wird hier einer der Mächtigen dieser Welt zur Rede gestellt. In Israel aber ist es nicht Sache der Menschen, über Gut und Böse zu entscheiden. Wäre es Menschensache, dann wäre der König die oberste Instanz, die bestimmt. Der König David aber beugt sich. Es ist eine der eindrucksvollsten Szenen im Alten Testament, in denen König und Prophet einander gegenüberstehen. Der Prophet redet den höchsten Träger irdischer Macht im Namen Gottes an, dem auch der König unterworfen ist. David darf sich nicht benehmen wie ein kleiner Gott, denn er hat den lebendigen Gott über sich. Man übertrage das nur einmal auf uns, auf unser Staatswesen und unsere Politiker.

Nathan aber wagt es, weil er es von Amts wegen muß. Er muß es klug anstellen, damit er nicht selber daran glauben muß. Und er fällt auch deshalb nicht gleich mit der Tür ins Haus,

weil es immer leichter ist, über den anderen ein Urteil zu fällen als über sich selbst. Deshalb erzählt Nathan zunächst die rührende Geschichte von dem einzigen Schaf des armen Mannes. Der König soll die Sache noch unparteiisch und nur als Beobachter betrachten. Damit wird sichergestellt, daß sein Urteil gerecht ausfallen wird. Als die Geschichte eigentlich erst zur Hälfte erzählt ist, unterbricht David den Propheten und spricht das Urteil: „Der Mann, der das getan hat, ist ein Kind des Todes!“

Eigentlich ist das doch typisch menschlich: In der Beurteilung anderer Fälle sind wir außerordentlich scharfsinnig. Wir sind dann scheinbar unbestechlich und „gerecht“ (wie wir sagen)

bis hin zur Unbarmherzigkeit. Immer erkennen wir die Fehler anderer und an den eigenen gehen wir vorüber. Man kann sogar fast sagen: Wenn einer besonders laut einen anderen kritisiert, dann tut er es oft nur, um seine eigenen Schwächen auf diesem Gebiet zu vertuschen. Die lautesten Schreihälse haben meist noch den größten Dreck am Stecken.

David hat zunächst auch getan, was wir alle tun würden: Er hat versucht, die Sache zu vertuschen. Er macht sich selber allerlei vor und sucht nach Auswegen. Aber je mehr er das Gesicht wahren und der Kapitulation aus dem Wege gehen will, desto tiefer gerät er in Schuld. Auf einmal aber heißt es: „Du bist der Mann!“ Da gibt es kein Beschönigen mehr.

Meist läuft die Geschichte jedoch anders. Da setzen sich Menschen in ihrer Machtfülle verantwortungslos über jedes Gebot und alle Ordnung hinweg; sie wollten ihr Ziel mit allen Mitteln erreichen und haben großes Unheil über die Menschen gebracht. Leider hat auch die christliche Kirche oft dazu geschwiegen.

Aber ein solches Verschweigen hat immer seine Folgen. Da hat zum Beispiel Martin Luther nach langem Zögern dem Landgrafen Philipp von Hessen erlaubt, heimlich eine Doppelehe einzugehen, obwohl darauf die Todesstrafe stand. Der Landgraf wurde dadurch noch in seiner Meinung bestärkt, niemand habe ihm etwas zu sagen oder gar zu verbieten. Die Sache kam natürlich heraus und hat der Evangelischen Kirche sehr geschadet. Denn bei einem Überfall der Katholiken konnte der Landgraf von Hessen nicht zu Hilfe eilen, weil ihm dann eine Anzeige beim Kaiser drohte, und der Schmalkaldische Bund der evangelischen Gebiete fiel auseinander.

In unsrer Zeit hat etwa Martin Niemöller nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager selbstkritisch vermerk, er hätte den Mächtigen seiner Zeit noch viel zu wenig Gottes Wort gesagt. Er hat da einen Traum gehabt, wie Hitler vor dem Gericht Gottes sagt „"Es hat mir ja keiner das Evangelium gesagt!“

Ein anderer dagegen hat klar und offen das Unrecht beim Namen genannt und Gottes Gebot verkündet: Paul Schneider, der Prediger von Buchenwald. Die Nazis hatten ihm die Freilassung angeboten, wenn er in ihrem Sinne reden würde. Er aber sagte: „Wenn ihr mich rauslaßt, dann stelle ich mich an jede Straßenecke Weimars und erzähle, was ihr hier macht!“ Dafür ist er dann in Buchenwald ermordetet worden.

In der Geschichtsschreibung Israels dagegen hat man den Fehltritt des Königs schonungslos dargestellt. Wenn es auch die Mitwelt wußte - der Nachwelt hätte man es verschweigen können. Immerhin war David der hochverehrte Lieblingskönig im glänzendsten Abschnitt der Geschichte. Aber Israel konnte es sich leisten, so wahrhaftig und kritisch seine eigene Geschichte darzustellen. Man wußte, daß auch der glänzendste König ein Sünder ist. Er brauchte sich nicht unentwegt zu rechtfertigen, er sei der Tüchtigste und Redlichste. Nicht die Person muß das Amt tragen, sondern das Amt trägt die Person. Aber dann kann man auch

darüber sprechen. Und der erste Schritt zur Bereinigung des Falles war die Überführung des Täters. Diese macht die Lossprechung möglich.

 

2. Lossprechung:

David macht keinen Versuch der Selbstverteidigung. In formelhafter Kürze spricht er sein Beichtbekenntnis. Er redet sich nicht heraus: Ein König ist eben auch nur ein Mensch! Er spielt nicht den Gekränkten, sondern beugt sich unter das Gericht Gottes. Wir können nur mit innerer Bewegung sehen, wie hier einer der Mächtigen unter Gott steht und sich seinem Urteil unterwirft. Israel hatte eben nur den einen Gott, dessen Gebot auch einem König gilt.

Weil David zu vielem berufen war, wurde auch viel von ihm erwartet und viel gefordert. Sein Versagen wiegt doppelt und dreifach.

Aber er mag sich auch bei Gott dafür bedanken, daß er einen Nathan hat. Wir fühlen uns sicher in unsrer kleinen Welt auch oft wie ein König. Ein Mensch, der uns lobt, ist uns sicher lieber als einer, der uns an Gottes Gebot erinnert. Wir können aber Gott nur bitten, daß er uns zur rechten Zeit einen Menschen wie den Nathan in den Weg stellt, damit unsere Schuld aufgedeckt wird und wir die Vergebung empfangen können.

Vielleicht kommt es uns ein bißchen plötzlich vor, wenn der Prophet auf einmal sagt: „Der Herr hat deine Sünde weggenommen!“ Wird David doch besser behandelt? Doch vergessen wir nicht: Das uneingeschränkte Schuldbekenntnis ist vorausgegangen. Da wird auch in aller Sachlichkeit Gottes Vergebung ausgesprochen. Aber die Lossprechung Gottes können wir uns durch nichts verdienen, auch nicht durch eine bestimmte Bußleistung. Das lösende Wort spricht Gott aus freien Stücken. David wird nicht deshalb freigesprochen, weil er nun endlich die innerer Voraussetzungen für die Entlastung bietet, sondern weil Gott es so will.

Das wird auch an dem Zöllner deutlich, von dem wir im Evangelium gehört haben. Bei ihm wird keine konkrete Sünde genannt. Man könnte in dem allgemeiner Schuldbekenntnis (wie wir es ja auch im Beichtgottesdienst haben) ein Ausweichen ins Allgemeine sehen. Aber Gott liegt nicht an der Beschreibung der Sünde, sondern daß wir sie bekennen und lassen. Auch in dem summarischen Bekenntnis ist geistlich von Bedeutung. Das gestörte Verhältnis zu Gott und den Menschen wird sich in der Regel nicht in drastischen Rechtsbrüchen und Lieblosigkeiten äußern, sondern in einer gottfernen und gemeinschaftswidrigen Grundhaltung zeigen.

Vor allem ist Sünde ja auch Entschuldigen vor Gott. David hat sich so verhalten, als gäbe es Gott nicht. Das ist seine eigentliche Sünde: aus dem Verstoß gegen das erste Gebot wurde ein Verstoß gegen das fünfte und sechste Gebot. Moralisches Abirren läßt sich noch korrigieren. Aber die Auflehnung gegen Gott macht aus dem relativ Bösen das absolut Böse.  Deshalb kann nur Gott eine böse Geschichte auslöschen, so daß sie nicht mehr belasten kann. Das ist das Wunder der Lossprechung. Aber Sühne muß deshalb trotzdem sein.

 

3. Sühne:

Man kann nicht Vergebung haben wollen, ohne daß es weh tut. Das von David ausgesprochene Todesurteil muß vollstreckt werden. Aber es trifft nicht den Schuldigen, sondern den Sohn. Gott verzichtet nicht auf sein Herrenrecht und läßt nicht alles gelten. Man kann ihm nicht nachsagen, er habe sich zum Komplizen der Sünder gemacht.

Aber als das Kind gestorben ist, da weiß David auch, daß ihm die Sünde tatsächlich vergeben ist. Bathseba bringt nachher sogar den Salomo zur Welt, der Davids Nachfolger und Ahnherr des Messias Jesus wurde. So gütig kann Gott trotz allem sein. Die Folgen der Schuld bleiben, aber man darf auch den Zuspruch der Gnade Gottes hören. Trotz aller Schuld können wir wieder froh werden und dürfen bei jedem Schuldbekenntnis die Botschaft von der Vergebung mithören. Seit Jesus ist uns immer schon längst vergeben, wenn wir nur zu Gott umkehren wollen.

 

 

12. Sonntag nach Trinitatis: 1. Kor 3, 9-15

„Wenn man sich ein wenig mit der Geschichte seines Ortes beschäftigt - besonders mit der Kirchengeschichte - dann entdeckt man eine lange Tradition. Da gab es also schon Pfarrer in der katholischen Zeit. Dann all die Pfarrer seit der Reformation. Schließlich die Einführung der reformierten Art des Christentums, aber dann doch wieder eine lutherische Gemeinde. Und heute schließlich eine einzige evangelische Gemeinde, die all die geschichtlichen Gegensätze hinter sich gelassen hat.. Zu allen Zeiten gab es Gemeinde, gab es gläubige Menschen hier am Ort. Aber es gab auch kirchliche Mitarbeiter, vor allem Pfarrer, Organisten und Kirchendiener und nicht zu vergessen: christliche Lehrer.

Da wird dann deutlich, daß die Gegenwart immer auch aus der Vergangenheit lebt. Keiner fängt beim Nullpunkt an, sondern jeder hat schon Vorgänger gehabt. Wir haben den Glauben von den Vorfahren übernommen. Und auch wenn wir heute manches anders machen als sie, so sind wir doch unbewußt von ihnen geprägt. Auch ein Pfarrer tut gut, sich mit dem zu befassen, was vor ihm war. Da gab es die verschiedenen Pfarrer. Jeder hat seine eigene Art, seine Stärken und auch seine Schwächen. Alle haben sich gemüht und eingesetzt, und irgend etwas wirkt immer noch nach.

Deshalb läßt man eine Pfarrstelle heute immer erst einmal ein halbes Jahr unbesetzt, damit die Gemeindeglieder etwas Abstand gewinnen von dem Pfarrer, der gegangen ist. Niemand sollte sich zu sehr an eine Person binden, sondern an der Sache hängen. Man kann es nicht verhindern, daß auch die Person eine Rolle spielt. Mancher wird gerade durch die persönliche Art eines Menschen gewonnen. Aber dann sollte doch die Person mehr in den Hintergrund treten und allein die Sache wichtig werden.

Für einen Chor wird es immer kritisch, wenn der Chorleiter geht. Man muß einen neuen suchen, vielleicht von außerhalb oder auch aus dem Chor selber erwachsen. Doch wie oft bekommt er dann von Chormitgliedern zu hören: „Aber bei dem Herrn Soundso oder bei der Frau Soundso haben wir das aber so gemacht!“ Jeder Verein ist konservativ, hält die Tradition und die alten Bräuche hoch. In einer Kirchengemeinde ist es in der Regel nicht anders. Da wird auch oft gesagt: „Das ist schon immer so gewesen, da wünschen wir keine Änderung. Wenn sich schon alles ändert in dieser schnellebigen Zeit, dann soll doch wenigstens in der Kirche alles beim Alten bleiben!“

Das mag auch alles noch seine Berechtigung haben, wenn man nur nicht vergißt: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus!" Warum sollte es nicht Gruppierungen in der Kirche geben dürfen? Um des Dienstes willen ist das manchmal gut und notwendig. Die einen halten Predigt und Abendmahl für wichtig, die ja nach dem Augsburger Bekenntnis die Hauptkennzeichen der Kirche sind. Die anderen erwarten Kultur und Bildung, wieder andere Geselligkeit. Einer möchte mehr passiv, ein anderer mehr aktiv sein. Der eine will Beobachter bleiben, der andere sucht eine mehr familiäre Nestwärme. Einige müssen für die Kinder und Jugendlichen da sein, andere wieder für die alten Menschen. Eine Kirchengemeinde darf und soll vielgestaltig sein.

Aber es darf nicht zu Spaltungen kommen, weil man Anhänger einer bestimmten Person ist. Diese Gefahr wird besonders groß sein in Gemeinden mit zwei oder mehreren Pfarrern. In Korinth damals gruppierte man sich um Personen wie Petrus oder einen gewissen Apollos und auch um Paulus. Man war beeindruckt von ihrer Persönlichkeit, ihren Fähigkeiten, ihrem Frömmigkeitsstil. Ihre Art des Glaubens wurde zum Evangelium, Gott kam erst in zweiter Linie. Dabei ging aber vergessen, daß die Kirche in erster Linie Gottes Werk ist.

Auch wir sehen die Religion leicht als ein menschliches Betätigungsfeld neben anderen an: Da gibt es Gottesdienste, diakonische Einrichtungen, Kunst und Wissenschaft, sogar Sport. Religion ist eine menschliche Lebenshaltung und eine menschliche Betätigung. Doch dabei wird vergessen, was die Kirche zur Kirche macht: Die Kirche ist in erster Linie Gottes Werk!

Der Geist Gottes wirkt nur dann in ihr, wenn der einzelne fromme Mensch nicht wichtig ist, sondern alles von Gott erwartet wird.

Alle Lehrer, alle Vorbilder in der Kirche müssen sich deshalb bemühen, möglichst überflüssig zu werden. Es geht um die Bindung an die Sache und nicht an bestimmte Menschen. Wenn ein Mitarbeiter seine Dienststellung aufgibt, darf nicht alles zusammenbrechen. Und keiner in der Gemeinde sollte sagen: „Weil der nicht mehr da ist, gehe ich nicht mehr hin!“

Das Gleiche gilt ja auch für die Erziehung der Kinder. Eltern haben immer ihren eigenen Wertvorstellungen, die sie zum großen Teil wiederum von ihren Eltern oder aus ihrer Umwelt übernommen haben. Diese möchten sie unbedingt ihren Kindern vermitteln. Sie meinen: „Die Kinder sollen einmal nicht die Fehler machen, die wir gemacht haben!“ Christliche Eltern möchten auch, daß die Kindern ihnen im Glauben folgen.

Dieser Spruch aus 1. Korinther 3: Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus!“ wird gern als Taufspruch genommen. Sicherlich haben die Eltern vieles getan, um ihm den Glauben lieb und wert zu machen. Aber der Erbauer der Kirche ist Gott. Eltern und Erzieher sind im besten Falle ausführendes Organ, sind nur Diener Gottes.

Paulus spricht zunächst davon, daß Gott mit den Menschen ackert. Dann aber springt er gleich auf das andere Bild über: Die Kirche ist der Bau Gottes und Gott allein baut in ihr! Keiner darf sich selbst predigen, nicht seine eigenen Glaubensauffassungen und Glaubenserfahrungen, nicht seine Christlichkeit.

Sicherlich kann man von Gott nicht objektiv reden. Man wird immer Zeuge sein und darf dabei auch Selbsterlebte mit ins Spiel bringen. Aber dabei dürfen wir das Tun Gottes nicht verstellen, sondern müssen durchscheinend bleiben für das Wirken Gottes..Es gilt, nur von dem Herrn und Gott zu reden, der in diesem Zusammenhang allein wichtig ist.

Dennoch darf auch ein Paulus bekennen: „Ich habe den Grund gelegt!“ Gott hat schon durch Paulus gewirkt. Aber dabei ist allein Christus als der Grundstein gelegt worden. Kein Korinther wurde auf Paulus getauft oder auf Petrus oder auf sonst einen anderen, sondern alle auf Christus.

Deshalb ist es auch egal, welcher Pfarrer ein Kind tauft, ob man ihn gut kennt oder ob er fremd ist, ob man ihn leiden kann oder ob man sich schon einmal über ihn geärgert hat, ob er die eigene Glaubenshaltung vertritt oder vielleicht eine andere. Getauft wird allein auf Christus, in seine Gemeinde hinein wird man getauft.

Da kann niemand anders kommen und noch einen zweiten Grund daneben legen wollen, etwa wenn er sagt: „Ein bißchen Christentum kann nicht schaden, aber wichtiger sind mir meine eigenen Erziehungsgrundsätze oder die Bildung, die Schule vermittelt..Das Wichtigste, das man einem Menschen ins Leben mitgeben kann, ist der Glaube an Gott. Aber man kann da nichts erzwingen wollen, man muß da Freiheit lassen und nur Gott wichtig machen. Dazu gehört auch, daß man die Kinder einen eigenen Weg oder sogar einen ganz anderen Weg gehen läßt.

Das soll nicht heißen, daß die Verantwortlichkeit des Menschen ganz verneint wird. Ein Mitarbeiter Gottes ist kein teilnahmslos funktionierender Automat. Paulus hat ein ungeheures Maß an Denkkraft und Hingabe, Mühsal und Kraft eingesetzt. Er weiß auch, daß er dem künftigen Gericht Gottes unterworfen ist.

Es ist nicht gleichgültig, mit welchem Material man auf dem einmal gegebenen Grund weiterbaut:  Nimmt man wertvolles und feuerbeständiges Material wie Gold, Silber und Edelsteine, oder nimmt man wertloses brennbares Material wie Heu und Stroh? Paulus übertreibt hier etwas. Aber er will sagen: Was wird sich einmal als nichtig und verlogen, als angeberisch und eigensüchtig herausstellen? Haben wir wirklich Gottes Werk im Sinn gehabt oder doch den eigenen Ruhm?

Jeder wird sein Baumaterial für das Beste halten und in der Versuchung stehen, das des anderen für Heu und Stroh anzusehen. Sicherlich wir manches von Menschenhand gebastelte Gebäude hinweggefegt werden. Paulus rechnet mit der Möglichkeit, daß das ganze Werk eines Menschen verbrennt, daß all seine Lebensträume nichtig waren und all seine Bemühungen sinnlos.

Er hat nur das Beste gewollt - wie er meint - aber keiner ist ihm dabei gefolgt, nicht einmal die eigenen Kinder. Dennoch ist dieser Mensch nicht verloren. Die Rechtfertigung des Versagers steht auf einem anderen Blatt. Sie hängt nicht davon ab, daß unsere Werke feuerbeständig sind, sondern daß Christus für uns einsteht. Bleiben wird auf alle Fälle der Grund, den Gott gelegt hat. Er wird auch die retten, die nur mit Heu und Stroh auf dem guten Grund gebaut haben. Sie waren ja „nur“ Mitarbeiter. Aber bleiben wird die Gnade Gottes und die Liebe Christi, die alle rettet.

 

13. Sonntag nach Trinitatis: Apg 6, 1 - 7        (Variante1)

In vielen Städten gibt es Heime für ältere Menschen. Das sind sehr segensreiche Einrichtungen. Wir können froh sein, daß wir sie haben. Aber wenn wir es recht bedenken, dann ist so ein Haus auch wieder ein Armutszeugnis. Früher waren solche Heime nicht nötig: Die Alten blieben in der Familie, die Kranken wurden dort gepflegt, und gestorben wurde auch zu Hause.

Die Verhältnisse haben sich natürlich geändert: Die Wohnungen sind nur klein, die Großfamilie gibt es nicht mehr. Meist sind Mann und Frau beide berufstätig, in der Regel sogar noch auswärts, Da kann man sich einfach nicht mehr rund um die Uhr um einen pflegebedürftigen Menschen kümmern. Das ist der Preis des Fortschritts.

Das ist unsere Lösung, wie wir uns auf eine Änderung der Verhältnisse einstellen. Wir können nicht klagen, daß es nicht mehr so ist wie früher. Wir müssen uns vielmehr etwas Zukunftsweisendes überlegen. Es waren zuerst Menschen der Kirche, die im 19. Jahrhundert die Probleme der Industrialisierung erkannten. Sie gründeten die Schwesternorden und richteten Häuser für Nichtseßhafte und Behinderte ein.

Es ehrt die Kirche, wenn sie Lösungen für neue Probleme ausprobiert. Es ist gut, wenn sie Vorreiter ist, bis die Gesellschaft und der Staat ihre Aufgabe erkennen. Wenn das geschieht, dann sind meist schon wieder neue Aufgaben da. Dann braucht man nicht traurig zu sein, wenn der Staat der Kirche eine Aufgabe abnimmt - es gibt immer wieder Neues zu tun und Neues aufzugreifen.

Schon ganz am Anfang hat die Kirche sich in guter Weise an die veränderten Verhältnisse angepaßt. Mit dem Wachsen der Gemeinde konnte die Arbeit  nicht so weitergehen wie zur Zeit Jesu. Seine Jünger waren zunächst einmal die geborenen Leiter der Gemeinde. Sie haben sich diese Stellung nicht angemaßt. Aber jeder in der Gemeinde dachte: Ohne die Apostel kann und darf ich nichts tun! Das führte aber dazu, daß das Arbeitsfeld zu groß und zu unübersichtlich wurde. Da konnte es schon einmal passieren, daß ein an sich wichtiges Gebiet völlig übersehen wurde..

In Jerusalem traf es vor allem die griechisch sprechenden Witwen, die auf ihre alten Tage wieder in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Aber so ein wenig hat man sie doch als Fremde angesehen. Man hat sie verdächtigt, es mit den religiösen Gesetzen nicht so genau zu nehmen. So war es wohl doch nicht nur Zufall, sondern man hat sie auch mit etwas Absicht übersehen und erst einmal für die „eigenen“ Leute gesorgt; und das nicht nur aus Versehen und einmalig, sondern es ist schon ein länger andauernder Mißstand.

Es kann uns tröstlich stimmen, daß es schon in der Urgemeinde solche Spannungen gab. Die Kirche besteht eben aus Menschen mit allen Fehlern und Schwächen. Sie wurden nicht auf die leichte Schulter genommen, sondern die Verantwortlichen haben sofort reagiert. Sie haben sofort erkannt, daß ein Minderheitenschutz notwendig ist.

Bemerkenswert ist vor allem, wie man eine Lösung findet. Die Verantwortlichen sind nicht wegen der Kritik beleidigt. Nichts zertrennt eine Gemeinschaft so sehr wie Rechthaberei. Nichts führt aber auch so sehr zusammen wie das Überwinden von Schwierigkeiten und Spannungen. Richtig war zunächst, daß die Benachteiligten sich meldeten. Sie zogen sich nicht still in ihre Ecke zurück, sondern sie rufen und murrten. Sie reden nicht hintenherum, sondern wenden sich an die richtige Stelle.

Richtig ist auch, wie die Apostel reagierten. Sie erkennen, daß hier die Gefahr einer tiefen Spaltung besteht. Sie fragen aber gar nicht danach, wer Schuld hat, sondern ändern die Aufgabenverteilung. Dabei sprechen sie nicht kraft ihrer apostolischen Autorität ein Machtwort, sondern lassen die Gemeinde demokratisch entscheiden.

In der Gemeinde Jesu müssen nicht alle das Gleiche denken oder sich gleich verhalten. Keiner ist deshalb ein schlechter Christ, nur weil er nicht so ist wie die Mehrheit. Aber alle sollten sich gemeinsam bemühen, allen gerecht zu werden. Ganz geschickt ist es, gerade die Gruppe mit der neuen Aufgabe betrauen, die sich bisher beschwert hat. Dadurch wird sie wieder eingebunden, und die Luft wird wieder rein.

Dabei wird so ganz nebenbei eine Grundentscheidung getroffen: Die christliche Gemeinde hat ihre Mitte in Wort und Gebet. Deshalb müssen Gottesdienste und Gemeindeabende, Religionsunterricht und Jugendarbeit, Beichte und Abendmahl  unter allen Umständen sein. So wie man nicht elektrischen Strom für ein Vierteljahr tanken kann, kann man auch nicht sagen: eine Predigt oder ein Gebet halten erst einmal eine Weile vor.

Die sieben neuen Amtsträger predigen und taufen ja auch, sie haben nur außerdem noch eine Spezialaufgabe. Zur Diakonie gehören immer auch Predigt und Seelsorge dazu. Aber es gilt auch das Umgekehrte: Alle gute Predigt wird unglaubwürdig, wenn die Gemeinde die Armen und Schwachen in ihrer Mitte und außerhalb übersieht. Die Liebe gegenüber dem Nächsten ist die Kehrseite des Wortes Gottes. Ohne sie ist die Gemeinde wie ein abgestellter Anhänger: er kann höchstens bergab rollen, aber nie bergauf Aber wir wollen doch hoffentlich hinaufkommen.

Doch das ist nicht möglich, wie es einmal auf einem Bild in einer Kirchenzeitung dargestellt: war: Ein Pfarrer zieht einen schwer beladenen Karren den Berg hinauf Und die Gemeindeglieder klettern noch oben auf den Wagen drauf und lassen sich mitziehen.

Ein Pfarrer darf nicht als „Mädchen für alles“ verschlissen werden, weil er dann seinem eigentlichen Auftrag untreu wird. Natürlich ist es nicht unter seiner Würde, sich auch einmal die Hände schmutzig zu machen. Es ist kein Ruhmesblatt, wenn einer sagt: „Davon verstehe ich nichts und ich will es auch nicht lernen!“ Aber es dürfen auch nicht alle Mißstände und Mängel dem Pfarrer zugeschoben werden, denn dann kann er es mit seiner Verkündigungsaufgabe nicht mehr so genau nehmen. Seine eigentliche Arbeit ist die Sorge um die Menschen in ihrem Verhältnis zu Gott. Dazu braucht man aber Kraft, Sammlung und Aufmerksamkeit.

Diakonie, die praktische Sorge um den Menschen, ist Sache der ganzen Gemeinde. Da sind alle Ausreden nicht mehr stichhaltig. Einmal könnte man sagen: „Heute tut doch der Staat das, was früher die Kirche tat. Es hat da ganz andere Möglichkeiten und Mittel, die Kirche kann sich zurückziehen!“. Wir dürfen dankbar sein, wenn der Staat sich von der Kirche hat anregen lassen, sich um Alte und Kranke kümmern.

Wir dürfen zum Beispiel froh sein über die Pflegeversicherung. Sicher gibt es da noch Ungereimtheiten, vor allem, weil die Hilfe genormt und egalisiert werden soll. Aber wir können doch beruhigt sein, wenn wir alle diese Absicherung haben, auch wenn wir sie hoffentlich nicht brauchen. Wer gesund ist, sollte über das zu zahlende Geld nicht stöhnen. Es bleibt aber immer noch genug zu tun für die christliche Gemeinde. Vor allem die seelischen Nöte gewinnen eine immer größere Bedeutung.

Zum anderen könnten wir sagen: Es gibt doch die Einrichtungen des Diakonischen Werkes, da wird uns doch die Arbeit abgenommen. Lieber will ich Geld dafür geben, als mich persönlich einsetzen zu müssen. Zum Glück gibt es bei der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage nicht mehr die schweren Personalprobleme für diese Anstalten wie früher. Aber es ist ja nicht damit getan, daß in einem kirchlichen Heim koreanische oder muslimische Schwestern und Pfleger angestellt werden. Es genügt nicht, wenn eine Pfarrerin dort Gottesdienste hält und von Bett zu Bett geht.

Wir brauchen auch christliches Pflegepersonal, das nicht nur richtig zufassen kann, sondern auch die Hände falten kann. Gerade das Wort des nicht beamteten Mitmenschen wird gern aufgenommen. Wie beim barmherzigen Samariter geht es um das spontane Eintreten für den Mitmenschen, über das hinaus, wofür man bezahlt wird.

Wir dürfen dankbar sein, wenn ein großer Teil der mitmenschlichen Hilfe durch offizielle Einrichtungen geregelt ist. Wir haben gar nicht so viele barmherzige Samariter, daß wir alles Leid der Welt lindern könnten. Heute gehört auch die geordnete Diakonie zum Leben der Gemeinde.

Aber für das Tun des Einzelnen gibt es deshalb immer noch ein weites Betätigungsfeld.. Vielleicht kann er die Aufgabe aus seinem Gefühl und seinem natürlichen Wissen heraus wahrnehmen. Vielleicht muß er sich aber auch erst ausbilden lassen, wie das zum Beispiel für die Telefonseelsorge angeboten wird. Vielleicht muß man sich mit anderen zusammentun zu einem Verein. Da ist auch heute manches möglich. Und es ist schon eine großartige Sache, wenn eine pflegebedürftige Frau nicht in einen Heim muß, sondern von ihren Angehörigen unter großen Opfern versorgt wird. Und wo keine Angehörigen da sind, da ist die Gemeinde zur Hilfe aufgerufen, auch wenn dann in der Praxis der Pflegedienst die meiste Arbeit leistet.

Bei einer solchen Aufgabe kann man natürlich keine besonderen Ehren einheimsen. Aber wer sich an die Arbeit macht, der darf wissen: Ich nehme einen wichtigen Dienst in der Gemeinde

wahr. Nicht nur die Hauptamtlichen stellen die Gemeinde dar, sondern wir ziehen alle mit, damit der Wagen der Kirche vorankommt.

Wer mitmacht, der darf sich von Gott beauftragt wissen. Die Diakone sind zwar von unten gewählt worden. Aber letztlich sind sie doch von oben eingesetzt. Deshalb dürfen sie wissen: Gott ist immer mit dabei. Er steht hinter allen, was in der Gemeinde geschieht. Er hilft, daß die Probleme gelöst werden und Aufgaben erkannt und wahrgenommen werden.

 

 

13. Sonntag nach Trinitatis: Apg 6, 1 – 7  (Variante 2)

Günter Jacob, der frühere Generalsuperintendent von Cottbus, schrieb Anfang der 70iger Jahre einen Aufsatz, wie nach seiner Meinung die kirchliche Organisation im Jahre 1985 aussehen werde. Er meinte, dann sei nur noch ein Pfarrer für 20 Dörfer da, aber es gäbe viele ehrenamtliche Helfer. Das Idealbild wäre, daß der Pfarrer sich sonntags auf die Stufe seiner Kirche setzt und zusieht, wie alles auch ohne ihn läuft.

Bis zum Jahr 1985 ist das noch nicht gekommen. Auch in den Ballungsgebieten wird das noch nicht so schnell kommen, weil dort viele Menschen an einem Ort wohnen. Aber es gibt Gegenden in Deutschland, die entvölkern sich zusehends. Da ist alle zwei Kilometer ein Dorf aber in jedem Dorf wohnen nur noch 30 Leute. Da kann man das übliche Angebot mit einer Kirche und einem Pfarrer am Ort nicht aufrecht erhalten.

Günter Jacob hat seinen Aufsatz geschrieben unter dem Eindruck der wachsenden Entkirchlichung in der damaligen DDR. Aber gekommen ist das erst nach der Wende, als auf einmal das Geld eine übergroße Rolle spielte und Pfarrstellen nach dem Wirtschaftlichkeitsprinzip besetzt wurden. Wirtschaftswissenschaftler sagen zwar, die Kirche müsse in den Gemeinden viel Personal einsetzen, um Erfolg zu haben und ihre Zukunft zu sichern. Aber was will man machen, wenn das Geld fehlt?

Da hat ein Pfarrer am Wochenende bis zu acht Gottesdienste zu halten, weil die Leute den Gottesdienst in ihrer Kirche haben wollen. Wenn der Pfarrer ihnen sagt: „Ich lade euch ins Auto und dann fahren wir ins nächste Dorf?“ dann sagen sie: „Dann kommen wir gar nicht!“ Und so kommen dann an Pfingsten in dem einen Dorf fünf alte Frauen zum Gottesdienst, im anderen sind es sieben (Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist das noch ein hoher Prozentsatz!). Im Altenheim, das der Pfarrer auch noch zu betreuen hat,  kommen aber 70 Leute zur Bibelstunde, nur kostet das unheimliche Kraft, das auch noch zu schaffen.

Da wird vielleicht geraten „Du mußt dir Lektoren schaffen!“ Aber das ist leichter gesagt als getan. Und oftmals nimmt die Gemeinde den Lektor nicht ernst und will lieber den Pfarrer haben. Aber die Gemeinde braucht viele Helfer, je mehr es sind, desto geringer ist der Aufwand für den Einzelnen. Sie braucht Helfer für das Wort und Für die Tat.

 

Die Gemeinde braucht das Wort:

Die meisten Menschen in der Urgemeinde in Jerusalem waren arm. Das wären heute zum größten Teil Arbeitslosengeld-II-Empfänger, die froh sind, gelegentlich einmal etwas an einer sogenannten „Tafel“ abzubekommen. Dazu kam die unterschiedliche Herkunft: Die einen waren alteingesessene Jerusalemer, die anderen waren erst aus dem Ausland zugezogen, zwar auch Glaubensgenossen, schon als Juden, aber jetzt erst recht als Christen. Aber offenbar gab es immer noch einen Unterschied zwischen Einheimischen und „Fremden“.

Anfangs hatten die Apostel die Sache noch im Griff: Sie kümmerten sich um alles, um den Gottesdienst und um die Verteilung der Nahrungsmittel. Das ist eigentlich ein wünschenswerter Zustand. Die praktische Hilfe soll nicht abgespalten sein von der Verkündigung des Wortes Gottes.

Und den meisten in der Gemeinde wird das auch recht gewesen sein: Sie hatten Verantwortliche, da brauchten sie sich nicht darum zu kümmern. Das ist eine allgemein menschliche Haltung. In jedem Verein sind sie froh, wenn wieder jemand für eine bestimmte Aufgabe gefunden wurde. Und auch in der Kirche hat man ja den Pfarrer oder die Pfarrerin und dazu einige andere hauptamtliche Angestellte, da kann man außen vor bleiben.

Die Verkündigung des Wortes Gottes, die Austeilung der Sakramente und das Gebet sind aber die Hauptaufgabe der Kirche, sie dürfen nicht zu kurz kommen. Die Rettung der Menschen geschieht nur durch das, was Gott uns anbietet. Deshalb muß gepredigt werden: Traurige brauchen Gottes Zuspruch, Irrende seine Zurechtweisung, Zweifelnde brauchen Unterrichtung. Alles, was in der Kirche geschieht, ist hilfreiches Tun für die anderen. Deshalb gilt aber auch:

 

Die Gemeinde braucht die Tat:

Das heißt aber nicht, daß der Pfarrer oder ein anderer kirchlicher Angestellter nicht auch einmal mit der Hand zugreifen sollte, wenn es nötig ist. Aber das Technische darf nicht so die Kräfte in Beschlag nehmen, daß Predigt, Unterricht und Seelsorge zur Nebensache werden und nur noch mit der linken Hand getan werden.

Für bestimmte Aufgaben haben wir seit über 150 Jahren die Diakonie der Kirche, also die Krankenhäuser und Heime und Pflegedienste. In unserer spezialisierten Welt sind einfach medizinische Fachkräfte nötig. Durch das Vorbild der Kirche hat inzwischen der Staat seine Aufgabe erkannt und selber Krankenhäuser, Kindergärten und Beratungsstellen geschaffen. Wenn die Kirche hier noch tätig wird, dann sollte sie sich Felder suchen, wo der Staat noch nicht erkannt hat, daß hier etwas getan werden muß. Oder sie behält die Aufgaben weiter, die ihr ganz eigenes Gebiet betreffen wie Telefonseelsorge oder Notfallseelsorge.

Aber all das entbindet nicht den einzelnen Christen von seinen Aufgaben. Dazu einige Stichworte:

Bereit werden: Ich müßte schon herauskommen aus der Beschäftigung mit den eigene Problemen. Vielleicht würden sie sich unbemerkt lösen, wenn ich die Probleme meines Nachbarn zu meiner eigenen Sache machte.

Sehen: Wahrscheinlich wohnt der Mensch, der mich braucht, nicht weit. Ich soll nicht zwanzig Menschen in meine Obhut nehmen. Aber einen oder zwei könnte ich finden.

Zeit haben: Mancher Mensch versauert, weil er zu viel Zeit hat. Aber auch jeder andere kann noch Lücken ausfindig machen, ohne seine Aufgaben oder Hobbies zu vernachlässigen.

Lernen: Man lernt, indem man es tut. Man kann sich Rat holen, mit anderen mitgehen und so die rechte Einstellung zum anderen Menschen finden.

Hoffen: Oft lähmt uns der Gedanke, daß man doch nicht auf Dauer helfen kann. Aber bei Gott ist nichts endgültig. Ich kann im leidenden Menschen schon den sehen, den Gott aus ihm machen will. - Zuletzt noch ein Gesichtspunkt:

Ordnung:

Wer helfen will, muß aber auch eine gewisse Ordnung beachten. Die Erfahrungen anderer sind eine große Hilfe. Und Vorschriften sind nicht ein hartes Gesetz, sondern erleichtern das eigene Tun. Wo Liebe ist, da ist auch eine gute Ordnung. Die Einsetzung der Diakone, wie sie uns in der Apostelgeschichte beschrieben wird, ist ein klassisches Beispiel dafür, wie man Probleme in der Kirche löst:

1. Das Problem muß erst einmal erkannt werden, leugnen hilft nicht auf die Dauer.

2. Die Sache muß den Verantwortlichen zu Ohren kommen, Getuschel hilft nichts.

3. Die Leiter der Gemeinde müssen auf die Mitteilung reagieren und etwas unternehmen.

4. Sie wollen und können aber nicht alles an sich reißen, sie brauchen viele Mitarbeiter.

5. Das Problem wird mit allen in öffentlicher Versammlung diskutiert.

6. Es werden Aufträge verteilt und die Aufgaben werden auf mehrere aufgeteilt.

7. Eine Beauftragung im Namen Gottes gehört unbedingt dazu. Dadurch kommt zum Ausdruck: Gott muß seinen Segen dazu geben! Dienen ist zwar unser aller Aufgabe, aber es darf nicht der falsche Eindruck aufkommen, die Kirche lebe von den menschlichen Einfällen und Aktivitäten.

Heute kennen wir nur die Ordination von Pfarrern und Pfarrerinnen, also die ordentliche und offizielle Berufung in das Amt der Kirche. Andere kirchliche Mitarbeiter werden zum Teil auch noch in ihr Amt eingeführt, aber das ist dann schon eine Stufe tiefer. Aber im Grunde braucht auch jeder ehrenamtliche Mitarbeiter so eine Beauftragung, im Auftrag Gottes und vor der Gemeinde. Es gibt nur e i n Amt in der Kirche. Und das fächert sich auf in viele Funktionen, vom Pfarrer bis zum Spendensammler.

Was die Apostelgeschichte uns hier vorführt, ist ein gesundes Wachstum einer Kirchengemeinde. Sie wird wachsen, wenn sie auf Gott vertraut und wenn sich viele zur Verfügung stellen. Die Probleme, die dabei entstehen, nehmen wir gern auf uns und lösen sie.

 

 

14.  Sonntag: 1. Thess 5,  14 - 24

Im Jahr 2011 gab es tagelang schwere Ausschreitungen in Großbritannien: Kinder und Jugendliche stecken Autos und Häuser an, plündern Geschäfte, verletzen Menschen. Auch in einigen Vororten von Paris gab es schon solche Unruhen. Niemand sage, so etwas sei bei uns  in Deutschland nicht möglich: Auch in Berlin, Hamburg und Frankfurt hat es schon solche Krawalle gegeben. Und was sich bei manchen Fußballspielen abspielt, ist auch nicht weit davon entfernt.

Verursacht sind sie vor allem von jungen Leuten, die die Schule langweilig fanden, die ihre Lehre abgebrochen haben, weil sie keinen „Bock“ darauf haben, die nur „herumhängen“ und sich höchstens mit Alkohol oder gar Drogen abgeben. Einzeln mögen sie ja noch ganz passabel sein, aber in der Masse sind sie keine Menschen mehr.

Ursache für dieses Verhalten soll sein, daß diese Menschen keine „Perspektive“ haben. Sie sind schon in der dritten Generation Sozialhilfeempfänger. Sie haben nie erlebt, daß man seinen Lebensunterhalt mit seiner eigenen Hände Arbeit erwerben muß. Und selbst wenn einer da herauskommen will, dann sagt vielleicht der Vater: „Was machst du dir denn solche Mühe, wir leben doch auch so vom Geld der anderen!“ Am Frankfurter Hauptbahnhof hat einmal in der Frühe ein Wohnsitzloser gerufen: „Leute, geht nur schön zur Arbeit, damit ich meine Stütze kriege!“

Diese Haltung ist aber nicht so weit entfernt von der Einstellung mancher Christen in Thessa­lonisch, an die Paulus schreibt im ersten Brief, der von ihm erhalten ist. Auch damals gab es einige, die nicht mehr arbeiten wollten, allerdings aus einem ganz anderen Grund. Er klingt an sich sehr fromm: „Wenn das Ende der Welt sowieso bald kommt, was sollen wir da noch arbeiten?“ Mit anderen Worten: Sie hatten auch keine Perspektive auf der Erde, sondern erwarteten alles vom Himmel.

Dem stellt Paulus das Idealbild eines Christen gegenüber und fordert auf: „Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann!“ In der antiken Welt entzog sich der freie Mann der Arbeit. Zwei Stunden täglich - vielleicht, aber mehr nicht. Arbeit, das war Sache der Sklaven. Und nun wurde das auch noch von Einigen christlich gerechtfertigt. Paulus hält dagegen: Ein Christ arbeitet, gerade weil der Herr kommt. Zum christlichen Leben gehört, daß man etwas schafft, ob man nun viele oder geringe Kräfte hat.

Wenn einer arbeitet - für sich und für andere - dann wird auch dieses schreckliche Gesetz des Immer-mehr-haben-Wollens durchbrochen. Dann wird auch das Reagieren auf die vermeintlichen Untaten des anderen außer Kraft gesetzt. Dann gilt nicht mehr: „Wie du mir, so ich dir!“ Sondern dann heißt es: „Wie Christus mir, so ich dir!“

Das  bedeutet eine bewußte Zuwendung zu dem anderen Menschen. Paulus sagt: „Seht zu, daß keiner dem andern  Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann!“ Diese Zuwendung war schön nötig bei der Zurechtweisung der Bummelanten und Gammler. Erst recht ist sie nötig beim Umgang mit den Verzagten und Schwachen. Auch die christliche Gemeinde besteht ja nicht nur aus starken, überzeugten, standfesten und leidensbereiten Christen. Es ist einfach unbarmherzig, wenn ein vermeintlich „Starker“ zu einem vermeintlich „Schwachen“ sagt: „Wenn du das oder das nicht kannst, dann bist du eben kein Christ“.

Paulus meint, gerade die „Kleinmütigen“ sollen getröstet werden, egal ob es sich um eine leibliche Schwachheit handelt oder um eine Glaubensschwäche. Solche „Fälle“ darf man nicht auf sich beruhen lassen, sondern uns ist die Zuwendung zu den Menschen geboten, die uns brauchen. Dabei geht es nicht darum, daß alle perfekt im Helfen werden, sondern die „Untadeligkeit“ besteht darin, daß sich einer des anderen annimmt. Ein „großes Herz“ hat Paulus an seinem Herrn wahrgenommen und an sich selbst erfahren, da will er es auch anderen gegen­über haben.  Daraus entwickelt er nun sieben konkrete Ermahnungen. Die ersten lauten: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlaß!

1. Wir haben Grund zum Fröhlichsein - oder vielleicht besser: zur Freude -  weil Gott uns seine Freundlichkeit zugewandt hat. Er hat seinen ganzen Charme spielen lassen (diese Bedeutung liegt tatsächlich mit in dem Wort drin). Dieser Gott-in-Christus hat mich so lieb, wie kein Mensch mich lieben kann. Das ist dann für mich Grund zur Freude.

In der damaligen DDR hat einmal ein Pfarrer die Neujahrswünsche des Landrats zurückgewiesen mit den Worten: „Solange die Menschen nicht in den Westen reisen können, kann ich im  neuen Jahr nicht zufrieden sein!“ Sein Bischof sagte ihm dazu: „Als Christ dürfen Sie das nicht sagen, ein Christ ist immer zuversichtlich!“ Der Pfarrer gab ihm auch durchaus recht, sagte aber: „Das habe ich so auch nur dem Kommunisten gegenüber gesagt, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß hier etwas an der Politik nicht stimmt!“

2. Mit dem pausenlosen Beten ist natürlich etwas schwieriger. In manchen Klöstern machen sie das, immer abwechselnd, aber eben pausenlos. Aber man kann auch beten, ohne die Hände zu falten und ohne laute Worte zu sprechen. Man kann aber alles, was man plant, was man zu entscheiden hat, was einen besorgt, immer erst an Gott vorbeischieben und von ihm prüfen lassen.

3. Der zentrale Satz dieser Ermahnungen ist aber die Dankbarkeit, die auch das Thema des heutigen Sonntags ist. Vor allem wird betont, „in allem“ dankbar zu sein. Das ist mehr als nur so eine Höflichkeitspflicht. „Seid  dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch!“

Die Dankbarkeit wird in dem Willen Gottes begründet, der in Christus Gestalt angenommen hat.  Gott hat ihn gesandt und geopfert und auferweckt, damit wir Menschen dadurch dankbar werden. Alles, was wir sind und haben, das haben wir vom schenkenden Gott empfangen. Darum führen wir unser Leben im Dank gegen Gott.

Und deshalb kann es uns gar nicht in den Sinn kommen, unsere Gaben brach liegen zu lassen und unser Leben zu verplempern. Jeder kann noch etwas leisten, sei er auch noch so schwach. Und die Starken, die sind erst recht verpflichtet, sich zum Wohl der Gemeinschaft einzusetzen.

Auch wenn einer genügsam ist und mit Wenigem für sich auskommt, so ist es doch seine Aufgabe für andere da zu sein. Deshalb hat er ja den Überschuß an Kräften, daß er denen hilft, die nicht so viel haben. Rentner zum Beispiel sind mehr oder weniger gut wirtschaftlich abgesichert, sie brauchen nicht mehr zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber dadurch sind sie frei, ehrenamtlich für andere zu wirken. Wenn sich einer für andere einsetzt, dann zeigt er damit seine Dankbarkeit gegen Gott. Dankbarkeit besagt: Ich lasse das Gute Gottes nicht einfach über mich ergehen wie ein milder Regen, ich nehme es vielmehr bewußt an und empfange es wissentlich.

Schließlich fügt Paulus noch vier weitere Ermahnungen an: „Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt!“

In der Gemeinde brennt Gottes eigenes Leben, das soll man nicht auslöschen. Sein Geist gibt Gaben und Kräfte. Besonders genannt ist hier die Prophetie, die den lebendig machenden Geist vergegenwärtigt. Propheten waren immer hellsichtig für Chancen und Gefährdungen ihrer Zeit. Sie hatten ein Gespür dafür, was Gott heute will. Aber es gibt auch andere Gaben: Musik, Erziehung, Verwaltung, Pflege. Der Geist bedient sich dieser natürlichen Fähigkeiten  und stellt sie in den Dienst der Gemeinde. Das alles darf nicht gehemmt oder gar ausgelöscht werden.

Man könnte sich natürlich gegen die Wirkungen des Geistes dichtmachen. Es könnten auch andere den Geist in mir niederhalten: Die Ellbogen-Christen, die immer alles wissen und an sich reißen wollen. Man könnte Scheu haben vor den Menschen. Man könnte das Christsein falsch auffassen, mehr passiv und genießerisch.

Es kann auch in einer Gemeinde ein allgemeines Klima an Nicht-Aktivität herrschen, so wie im Kino, wo das Publikum im Dunkel sitzt und darauf wartet, was vorne auf der Leinwand geschieht. Dem gilt es, mit dem Beistand des Geistes Gottes und mit viel Mut und Entschlossenheit entgegenzuwirken.

Das machte auch der Papst Benedikt XVI. so, der immer wieder zum Glauben ermutigt. Er ist nicht unser Papst, und Vieles an seiner Kirche und an seiner eigenen Haltung ist zu kritisieren. Aber er hat recht, wenn er zum Festhalten am Glauben auffordert und die Menschen zu fröhlicher Zuversicht ermuntert. Die Kirche ist auch in Zukunft nötig für unsere Gesellschaft. Aber leider mehren sich die Stimmen, die die Kirche ganz in den Privatbereich verdrängen wollen. Selbst Bundestagsabgeordnete aus der dritten und vierten Reihe wollen das. Und in jeder Talkshow betonen die Teilnehmer, daß sie ja auch einmal evangelisch oder katholisch waren. Aber irgendwie halten sie es für „cool“, sich von der Kirche abgewandt zu haben. Man kann das nur bedauern, denn sie schneiden sich vom Quell des Lebens ab.

Dieser Bibelabschnitt ist nun aber nicht einfach eine Aufzählung lästiger Ermahnungen, sondern er hat seine Mitte in dem Thema der Dankbarkeit. Und er schließt mit einem Segenswort, das es auf die „Heiligung“ des ganzen Menschen abgesehen hat. „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch  und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun!“

Der Mensch soll so werden, wie Gott es will, wie es in der Nähe Gottes üblich ist. Wer mit Gott in Kontakt ist und mit seinem Geist erfüllt ist, der begegnet den Menschen so, wie es Paulus hier beschreibt. Es geht dabei um einen Menschen aus einem Guß, der  nicht aus verschiedenen Schichten besteht, bei dem Leib, Seele und Geist eine Einheit sind, bei dem Augen und Gedanken auf die zu erwartende Begegnung mit Christus gerichtet sind.

 

 

15. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose  2,  4- 9 und 15

Der frühere hessische Bischof Christian Zippert sagte kurz vor seinem Tod, jeder Mensch solle doch für sich selbst ein Bild suchen, wie er sich die Welt Gottes vorstellt, in die er einmal kommen soll, wie Gott es versprochen hat. Der eine denkt vielleicht an einen Konzertsaal, ein anderer an Mallorca, ein Dritter wieder an sein Geschäft. Aber sicher denken viele Menschen auch an einen Garten . Hier haben sie sich zwar ein Leben lang abgerackert. Aber sie haben auch Erholung und Entspannung erlebt, allein oder mit lieben Menschen.

Die Erzählung vom Anfang der Bibel setzt den Menschen auch in einen Garten. So spannt sich der Bogen vom Anfang des Lebens bis zum Ende: Wir kommen aus der Welt, die dem Garten Gottes entspricht, und wir gehen in eine Welt, die wir uns zum Beispiel wie einen Garten vorstellen dürfen.

Es geht in der Erzählung nicht um die Erschaffung der Welt, sondern um die Erschaffung des Menschen. Damit er sich ernähren kann, werden die Pflanzen und nachher der Tiere erschaffen. Und der Gipfel ist dann die Erschaffung der Frau, denn nur Mann und Frau zusammen bilden den ganzen Menschen. Aber wir dürfen nicht vergessen: Diese wunderbare Erzählung ist nicht ein Bericht über etwas, was wirklich so geschehen ist. Hier wird erzählt, was sich immer neu ereignet und wie der Mensch bis heute ist. Adam ist der typische Mensch, und Adam bin ich. Drei Dinge werden vom Menschen gesagt: Er ist von Gott geschaffen, er wird von Gott versorgt und der Mensch hat einen Auftrag.

 

1. Der Mensch ist von Gott geschaffen:

Der Mensch ist ein Stück Welt, geschaffen aus einem ganz irdischen Stoff. Er wird gebildet wie eine Figur eines Künstlers, der Gott dann das Leben einhaucht. Mensch und Erde gehören zusammen, der Mensch ist hinfällig und nichtig, er ist aus Erde und soll wieder zur Erde werden. Andere Stellen der Bibel sprechen davon, dass der Mensch das Gegenüber Gottes ist. Aber hier wird erst einmal betont, dass er eine Kreatur unter anderen Kreaturen ist.

Damit wird der Mensch nicht abgewertet. Vielmehr erhält er ein Heimatgefühl, weil er Teil der Erde ist. Er darf sich als ein Stück der Natur fühlen, wenn er an einem Sonnentag im Gras liegt und den Käfern zusieht. Franz von Assisi hat in den anderen Geschöpfen seine Brüder und Schwestern gesehen und zum Beispiel auf einer Waldlichtung eine Weihnachtsfeier für sie gemacht. Albert Schweitzer sprach von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ und wollte auch einen Käfer auf dem Boden nicht zertreten.

Insofern hat auch die Entwicklungslehre durchaus recht. Charles Darwin hat sich in seinem ersten Buch noch gescheut, auch etwas über die Herkunft des Menschen zu sagen. Aber natürlich war er überzeugt, dass der Mensch biologisch gesehen auch in sein System der Tiere hineingehört. Man kann aber nicht sagen: „Der Mensch stammt vom Affen ab!“ Wenn das einer behauptet, dann antwortet man ihm am besten: „Du magst zwar vom Affen abstammen, ich aber nicht!“ Aber es ist unstrittig, dass die heutigen Affen und die heutigen Menschen gemeinsame Vorfahren haben. Das ist ja gerade das, was die Bibel meint, wenn sie sagt, der Mensch sei aus Erde gemacht.

Da ändern auch die sogenannten „Kreationisten“ nichts, die es vor allem in den USA gibt. Sie wollen, dass alle heute lebenden Wesen auf einen Schlag von Gott geschaffen wurden, wie es die Bibel auszusagen scheint, wenn man sie eng wörtlich versteht. Und sie verlangen auch, dass man das in der Schule so lehrt und die Lehre Darwins und die ganze moderne Wissenschaft verbietet. Das sind Leute, die nur nicht nachdenken wollen, was die Bibel mit ihren grundsätzlichen Aussagen uns heute sagen will.

Martin Luther sagt im Katechismus: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat“, und trifft damit den biblischen Denkansatz in geradezu verblüffender Weise. Natürlich wissen wir heute auch, dass jeder Mensch aus dem Bauch seiner Mutter gekommen ist und nicht aus dem Matsch auf der Straße gemacht ist. Aber ist das nicht auch ein wunderbarer Gedanke, dass Gott andere Menschen benutzt, um neue Menschen zu schaffen? Es muß doch nicht immer alles so wunderbar sein, dass man es nicht glauben kann! Wichtig ist, dass wir begreifen: Wenn vom Menschen die Rede ist, dann ist von m i r die Rede. Wir können uns alle wiedererkennen in dem, was am Anfang vom Menschen gesagt wird.

Zu diesem Wissen gehört auch, dass ich ein „lebendiges Wesen“ bin. Ich bin nicht nur ein

Teil der Materie, sondern erst Gott hat mir seinen Atem eingehaucht. Damit sind wir nicht selber Gott geworden.

Gemeint ist, dass wir uns bewegen, der Atem geht, das Blut pulsiert, Kraft ist in den Händen und Beinen, wir haben Lebenswille, Tatendrang, Freude, Hoffnung und Glück. All das verdanke ich neben meiner Körperlichkeit allein Gott. Deshalb ist es respektlos, vom „Kinder- machen“ zu reden. Keiner kann ein Kind „machen“, er kann nicht einmal bestimmen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Und selbst wenn man ein Kind im Reagenzglas zeugt, hilft man nur etwas nach. Aber hier entscheidet es sich: Hilft man nur der Natur nach oder versteht man sich als Helfer Gottes? Hier unterscheidet sich der Christ vom Nichtglaubenden. Der Christ weiß: Gott hat mich gewollt und will mich noch. Ihm gehört mein Leben.

 

2. Der Mensch wird von Gott versorgt:

Wenn Gott einen Garten anpflanzt, geht es nicht um die Erschaffung der Pflanzen, sondern der Mensch soll seine Ernährungsgrundlage erhalten. Wie Gott die Vögel unter dem Himmel nährt, die nicht säen und ernten, so macht er es auch mit seinen Menschenkindern.

Auch die Nahrung gibt uns Gott. Es ist heute zwar üblich, von Nahrungsmittelproduktion oder Erdölproduktion zu sprechen. Aber Erdöl kann man nicht machen, sondern nur aus der Erde fördern. Und auch auf den Feldern und im Garten bringt die Natur und in ihr Gott selber die Früchte hervor. Indem wir säen und ernten, machen wir nur von dem Gebrauch, was Gott schon vor all unserem Tun schon gepflanzt hat.

Auch für die wachsende Weltbevölkerung gibt es immer noch genug. Die Erde könnte noch viel mehr erzeugen, wenn wir nicht die Gaben Gottes verschluderten und mißbrauchten. Es

klappt nur nicht wegen übler Geschäftemacherei, Ungerechtigkeit in der Verteilung, sinnlosen Kriegen und Mangel an Opferwilligkeit. Dazu kommen die vom Menschen verursachten Klimaprobleme und die Bedrohung durch die Atomkraft.

Aber Gott gönnt uns diese Welt. Er will uns nicht kurz halten. Wir dürfen ein gutes Gewissen haben, wenn wir seine Welt zu unseren Zwecken gebrauchen. Er gönnt uns sogar mehr, als eigentlich zur Fristung unseres Lebens gehört. Es läßt sich gut leben in dieser Welt, wenn wir nur Gottes Gaben in Dankbarkeit genießen.

 

3. Der Mensch wird von Gott beauftragt:

Der Mensch erhält einen Auftrag an dem Garten. Er darf nicht fauler Nutznießer der Gaben Gottes ein. Das gilt selbst für Rentner, die an sich schon ihre Lebensleistung erbracht haben. Aber solange einer noch etwas tun kann, dann sollte er seine Gaben auch einsetzen. Für Manche ergibt sich ja richtig ein Bruch, wenn sie in den Ruhestand gehen, weil sie denken, nichts mehr leisten zu können oder zu dürfen. Aber ohne die viele ehrenamtliche Arbeit vieler Rentner würde die Gesellschaft nicht mehr funktionieren, denken wir nur an die Vereine oder die sogenannten „Tafeln“.

Ein Rentner ist endlich frei, das zu tun, was ihm Spaß macht. Er ist wirtschaftlich abgesichert und muß nicht mehr nur wegen des Broterwerbs irgendeine Arbeit tun. Da kann er seine Gaben doch gern zum Wohl der Allgemeinheit einbringen.

Arbeit ist kein Fluch. Im weiteren Fortgang der Erzählung wird nur der Acker verflucht und die mit der Arbeit verbundene Mühsal und oftmalige Vergeblichkeit. Die Arbeit gehört zum Menschsein. Und man kann nur froh sein, wenn man arbeiten kann. Es ist doch nicht richtig, wenn am  Montagmorgen die jungen Kollegen - vielleicht nach einem anstrengenden Wochenende - völlig lustlos und geschafft zur Arbeit kommen. Da kann man ihnen nur sagen: „Ihr müßt die Woche anders anfangen und euch sagen: Jetzt hatten wir ein schönes Wochenende. Da gehen wir gestärkt und freudig an die neue Woche!“ Dann ist doch gleich alles leichter.

Gottes Fürsorge macht unsre eigene Arbeit nicht überflüssig, sondern ermöglicht sie erst. Wenn Gott nichts wachsen läßt, nützt alle Arbeit der Bauern nichts. Als die Kommunisten in der damaligen DDR an eine Hauswand schrieben: „Ohne Gott und Sonnenschein, bringen wir die Ernte ein!“ da hat einer darunter geschrieben: „Ohne Sonnenschein und Gott, geht die LPG bankrott!“ Die LPG, das war die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, die angeblich die Nahrungsmittel „produzierte“, aber auch nur von den Gaben Gottes leben konnte, auch wenn die Offiziellen nichts davon wissen wollten.

Arbeiten ist nichts anderes als das Sich-Einschalten in das schöpferische Tun Gottes und das Annehmen dessen, was der Schöpfer gibt. Menschliches Tun ist praktisch in Gottes Tun eingewickelt. Der Mensch soll „bebauen und bewahren“. Oft richtet er allerdings durch sein technisches Handeln großen Schaden an. Da werden die Meere durch Öl verseucht, ganze Landstriche werden vom Atom verstrahlt, immer mehr Natur wird für Zwecke der Menschen verbraucht. Da gibt es das Weltkulturerbe „Oberes Mittelrheintal“, aber gegenüber von Lorch ist ein großer Steinbruch und in St. Goar soll eine Brücke gebaut werden.

Wir sind zu höchster Wachsamkeit verpflichtet aus Liebe zu der von Gott geschaffenen Welt und zu den unzähligen Geschöpfen Gottes. Wir haben uns um die Erde mit ihren Gaben und Schätzen zu sorgen und das ökologische Gleichgewicht zu wahren. Der Kampf gegen die

Vergiftung von Luft, Boden und Wasser muß uns zu höchster Wachsamkeit verpflichten. Der

Mensch trägt eine ungeheure Verantwortung für die Schöpfung. Es bedarf des ständigen Nachdenkens und des Muts, diese Verantwortung auch wahrzunehmen.

 

 

16. Sonntag nach Trinitatis: Hebr 10, 35 - 36 und 39

Bei einem Jubiläum pflegt man meist die eigenen Erfolge breit zu latschen .Man erwähnt nur, was mehr oder weniger gelungen ist und spielt es in übertriebener Weise hoch. Die Mißerfolge aber blendet man ab. Wenn man beim Nullpunkt angefangen hat ,könnte man nach 35 Jahren ja einen Schritt weitergekommen sein; da gibt es Manches, was man vorzeigen kann.

In der Kirche aber haben wir keinen Grund zum jubilieren. Wir haben auch Manches erlebt in 35 Jahren. Aber vor allem haben wir auch erlebt, daß unsre Zahl kleiner geworden ist. Da brauchen wir uns nur umzusehen. Viele sind müde geworden. Da ist es schwer, standhaft zu bleiben und den Glauben zu bewahren.

Der Hebräerbrief zeigt uns, daß es schon am Anfang der Kirche nicht anders war. Einige haben die Versammlung verlassen und sich zurückgezogen. Der große Kampf des Leidens ist ihnen zu viel geworden. Sie können Schmähung, Gefangenschaft und Raub der Güter nicht mehr aushalten. Die Unterwegssituation der christlichen Gemeinde, von der gerade der Hebräerbrief spricht, ist schon eine Belastung. Christus verwandelt zwar einzelne Menschen. Aber die Verwandlung der ganzen Welt steht noch aus.

So ist der Glaube immer der Anfechtung ausgesetzt. Was sie von selbst versteht, ist nicht der Glaube, sondern der Unglaube. Er leuchtet unmittelbar ein. Wer sieh mit den altbekannten Argumenten gegen den Glauben ausspricht, hat schnell die Lacher auf seiner Seite. Man sollte den nicht schelten, der am Glauben irre wird; er mag Gründe haben, die ihn schwer bedrängen.

Aber man darf niemanden in seiner Niedergesehlagenheit und dem Glaubenszweifel drinlassen. Der Hebräerbrief versucht, die Leser aus ihrer Glaubensmüdigkeit herauszuholen. Sie sollen nicht vergessen, was Gott Gutes an ihnen getan hat. Deshalb werden sie aufgefordert:

1. Haltet fest am Vertrauen

2. Übt euch. in Geduld

3. Bedenkt, daß das Heil auf dem Spiel steht.

 

1. Haltet fest am Vertrauen:

Es ist kaum zu fassen, was Menschen alles verlieren oder wegwerfen. Ein Blick auf den Müllplatz spricht da Bände. Manchmal ist man ja auch gezwungen, etwas wegzuwerfen, zum Beispiel, wenn man in eine kleinere Wohnung ziehen muß. Es gibt aber auch ein leichtfertiges Wegwerfen von Dingen, die man bisher für bedeutungsvoll gehalten hat.

Das könnte so sein bei den Glaubensaussagen, die wir im Religionsunterricht und im Konfirmandenunterricht gelernt haben und die uns das Leben hindurch begleitet haben. Auf einmal soll der Glaube am Leben hindern und nicht mehr weiterhelfen können. Auf einmal soll es auch ohne Glauben gehen und sieh sogar besser leben lassen. Wenn man sich zur Gemeinde halten will, dann kostet das doch nur Zeit und Geld.

Aber wer so handelt, wirft damit das Wichtigste weg, was es im Leben eines Christen gibt, nämlich das Vertrauen zu Gott. Er hat uns doch das Beste  gegeben, was wir im Leben brauchen. Er macht uns doch zu seinen Kindern und schenkt uns das Bürgerrecht in seinem Reich. Nicht umsonst war der Leitspruch eines Kirchentages: „Vertrauen wagen“. Darum geht es nämlich: Vertrauen wagen und nicht wegwerfen.

Der Hebräerbrief sagt: „Werfet euer Vertrauen nicht weg!“ Jedes weggeworfene Vertrauen bricht Brücken ab zwischen Menschen und zwischen Gott und den Menschen. Da wird verleugnet, was Gott durch seinen Sohn Jesus Christus getan hat, da wird das Opfer Jesu durchgestrichen. Wo aber Vertrauen schwindet, da wird das Leben unsicher. Entweder Vertrauen oder Mißtrauen, etwas anderes gibt es nicht.

Anfangs sah es bei den Empfängern des Hebräerbriefes ja auch anders aus. Sie haben sich sogar im Leiden um des Glaubens willen bewährt. Der Verfasser erinnert sie daran, wie gut sie glaubensmäßig „in Form“ gewesen sind. Aber nun ist es eben zur Ermüdung gekommen.

Die Gründe dafür können vielfältig sein. Von außen wird man bedrängt durch das, was es als „Schicksal“ zu bewältigen gab. Man muß  mit Menschen auskommen, die einem das Leben schwer machen. Aber man muß auch mit der eigenen Sünde kämpfen, Einbußen und Enttäuschungen verarbeiten, vielleicht auch körperliche Leiden ertragen. Erst war man mit Begeisterung Christ. Aber eines Tages kann es damit dann auch vorbei sein.

In einer solchen Situation werden wir zum Vertrauen ermahnt. Ja, es wird gesagt, daß wir es eigentlich ja haben und nur nicht wegwerfen sollen. Es ist so, als glaubte uns der Hebräerbrief unsere Müdigkeit nicht so richtig. Er sagt: Ihr habt doch etwas, das ihr nur festzuhalten braucht.

Die Übersetzung „Vertrauen“ gibt das Gemeinte noch am besten wieder. Wer sich nur an irdische Gegebenheiten hält, braucht kein Vertrauen. Er weiß: Die Brücke ist fest, sie ist sogar noch mit einer fünffacher Sicherheit ausgelegt. Vertrauen aber beruht nicht auf solchen Sicherungen. Es werdet sieh einer Person zu, die sehr wohl anders könnte, aber nicht anders w i 1 1. Es traut auch Gott etwas zu, nämlich die Verläßlichkeit seiner Zusagen und die Zuwendung zu uns.

Das Wort „Vertrauen“ bedeutete in der griechischen Demokratie die Freiheit, alles sagen zu dürfen. So dürfen wir auch unsrem himmlischen Vater „Alles“ sagen, auch die Schwächen des eigenen Charakters und die dunklen Punkte der Lebensgeschichte. Unbefangen dürfen wir vor Gott hintreten und werden nicht gehindert am Zugang zu ihm. Und das hat seinen Grund in der durch Christus geschaffenen neuer Lage. Deren konkrete Auswirkungen sind uns allerdings nicht immer gleich deutlich.

 

2. Deshalb heißt es: „Übt euch in Geduld!“

Der Glaube muß auch warten können. Doch mancher sagt: „Ich bin es nur müde, immer nur glauben zu sollen, jetzt möchte ich endlich auch einmal sehen!“ Doch wir können Gott nicht in die Karten sehen. Vielleicht wäre es sogar gefährlich, wenn plötzlich der Vorhang aufginge und wir die ganze göttliche Herrlichkeit sehen könnten. Wer gegen Christus ist könnte seine Entscheidung nicht mehr überdenken. Und  wer für ihn ist, würde ihn nur noch in seiner Unwiderstehlichkeit und Allmacht kennenlernen und es käme nicht mehr zu einer in bewußtem Glauben durchgehaltenen  Nachfolge.

Eine Wartezeit ist nötig, weil das Vertrauen eine Sache der persönlichen Entscheidung ist, die auch in Kampf und Leiden erst einmal durchgezogen und ständig erneuert werden muß. Es geht nicht nur darum, den Willen Gottes zu tun, sondern auch die auferlegten Leiden zu bestehen. Gott erhält seine Ehre, wenn wir uns unter das beugen, was er verfügt. Geduld bedeutet aber nicht, daß man passiv alles über sich ergehen läßt, was Gott einem zumutet; vielmehr ist sie ein aktives Tun des Willens Gottes.

Gehorsam gegen Gott verlangt in unsrer Welt doch viel Geduld. Ein Ungeduldiger wird oft aufgeben, wo Gott Bewährung erwartet. Er wird sich durch Mißerfolge entmutigen lassen. Und vielleicht wird er auch den jüngsten Tag herbeizwingen wollen und wenn er nicht kommt dann alles über Bord werfen. Geduld aber hat einen langen Atem. Sie lebt davon, daß Gott selbst geduldig ist. Sie ist wichtig, damit wir das Verheißene empfangen. Der Hebräerbrief fordert dazu auf.

3. Bedenkt, daß das Heil auf dem Spiel steht: Der Ernst der Glaubensentscheidung kann nicht deutlich genug hervorgehoben werden. Die Begegnung mit Christus stellt uns immer wieder in die Entscheidungssituation. Ein Zurückziehen bedeutet im Grunde die Verdammung. Aber der Hebräerbriefverfasser sagt: „Wir aber sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele retten!“

„Die Seele retten“ bedeutet: das Leben gewinnen. Gott will, daß wir leben, sogar noch über dieses irdische Leben hinaus. Wer durch Christus die Offenheit für Gott hat und die Unbefangenheit vor Gott, für den ist ja die Entscheidung schon gefallen. Gott freut sich, wenn Menschen ihm gern vertrauen!

 

 

17. Sonntag nach Trinitatis: Eph 4, 1 - 6

Die Synode einer Landeskirche soll das einigende Band zwischen den Gemeinden und Kirchenkreisen sein. Diese Aufgabe kann sie auch zu einem großen Teil erfüllen, auch wenn sie vielleicht im Bewußtsein der Gemeinden und der Öffentlichkeit nicht so stark verankert ist.

In der Synode gibt es meist keine Parteien wie in einem politischen Parlament. Aber in einigen anderen Landeskirchen ist das anders: Da gibt es eine mehr konservative Partei, eine mehr fortschrittliche und eine, die sich „christliche Mitte“ nennt. Dort werden dann auch nur die Parteien gewählt, während sonst Personen gewählt werden. Diese schließen sich in der Praxis zwar auch oft zu inoffiziellen Gruppen zusammen. Manche sprechen sich vor der Synode über ihr Stimmverhalten ab. Aber der Einzelne ist doch freier, nach seinem Wissen und Gewissen abzustimmen.

Man muß in der Kirche viel Freiheit lassen. Wen zum Beispiel eine neue Gottesdienstordnung herausgebracht werden soll, dann muß man auf all  Traditionen in der Landeskirche auch Rücksicht nehmen. Denn zur Einheit der Kirche ist es nicht notwendig, daß man überall gleiche „Zeremonien“ hat, wie man schon in der Reformationszeit sagte. Dennoch hat es etwas für sich, wenn zum Beispiel die Gottesdienstordnung in ihrem Ablauf überall gleich ist. Wenn man nämlich einmal anderswo zum Gottesdienst geht, findet man die gleiche Ordnung wie zu Hause vor und fühlt sich gleich heimisch. Und auch für die Pfarrer ist es leichter, wenn sie einmal in einer anderen Gemeinde zu vertreten haben. Doch das hat allein praktische Gründe, zur inneren Einheit der Kirche ist es nicht unbedingt nötig.

Da ist es schon problematischer, wenn ein großer Teil der Pfarrer hergeht und die Gottesdienstordnung nach eigenem Geschmack verändert: Da wird etwas weggelassen, dort etwas umgestellt oder auch aus mehreren Möglichkeiten gemischt. Pfarrer sind eben weitgehend Individualisten. Aber vielleicht sollten sie auch einmal das anerkennen, worüber Fachleute sich viele Gedanken gemacht haben und worüber Synoden abgestimmt haben.

Wenn also bisher von der erfreulichen Einheit der Kirche die Rede war, so muß nun auch von ihrer Zerstrittenheit die Rede sein. Fangen wir wieder bei den Pfarrern an. Viele sagen: „Selig sind die Beine, die am Altar steh'n alleine“. Wo zwei zusammen in einer Gemeinde sind, da ist ihr Verhältnis oft so sehr gespannt, daß es auch die Gemeinde merkt. Bei dreien ist es schon wieder leichter, weil es da eine Mehrheit gibt und der Dritte sich vielleicht doch eher fügt .

Die Anlässe für Meinungsverschiedenheiten in der Gemeinde sind unterschiedlich. Es ist ja nicht nur persönliches Gezänk, sondern es geht auch um wichtige theologische Fragen wie die Taufe oder das Abendmahl. Es geht darum, wie streng oder wie leichtfertig man mit der Lebensordnung der Kirche in der Praxis umgeht. Und es gibt leider auch den politischen Meinungsstreit in der Kirche, vor allem in den Kirchenvorständen.

Die Menschen sind eben verschieden nach Anlagen und Erleben. Sie haben unterschiedliche Vorstellungen und Ideale. Das ist auch gut so, das gehört zur Freiheit des Menschen. Auch die Kirche kann davon an sich belebt werden. Wenn es in ihr keine Auseinandersetzungen mehr gäbe, wäre sie tot. Und dennoch erwartet man von ihr, daß sie mit diesen Gegensätzen anders umgeht. Unter Christen müßte es leichter sein, miteinander auszukommen. Aber manchmal scheint es gerade unter ihnen besonders schwer zu sein.

Es geht halt auch in der Kirche sehr menschlich zu. Wir sagen: Gerecht werden wir allein aus Gnade, aber unsre guten Werke wollen wir doch anerkannt haben. Wir reden vom Dienen und achten doch darauf, wer nun der Größte ist. Wir sind oft starr und rechthaberisch und machen unsere eigene Vorstellung vom Christsein den anderen zum Gesetz. Dadurch gibt es dann viel Uneinigkeit unter den Christen.

Dabei können wir nicht nur an die Gegensätze in der eigenen Kirche denken. Auch die ganze Christenheit ist ja uneins, in viele Kirchen zerspalten. Viele meinen, das sei ein Skandal, gerade in den Augen der nichtchristlichen Welt: die christliche Predigt werde in der Praxis ständig widerlegt. Dennoch dürfen wir darauf vertrauen: Die Einheit der Kirche ist uns von Gott gegeben, sie hängt nicht allein von uns ab, sondern sie ist uns geschenkt.

In der Kirche ist es nicht so wie in einer Partei, wo ein Generalsekretär oder ein Fraktionsvorsitzender seine Leute ausrichtet und „auf Vordermann“ bringt. Es ist doch erstaunlich, daß sogar in kommunalpolitischen Fragen alle Mitglieder einer Partei die gleiche Meinung haben,    a n g e b l i c h die gleiche Meinung.

Ein Stadtverbandsvorsitzender einer Partei hat einmal gesagt: „In unserer Partei gibt es keinen Fraktionszwang. Es kann jeder nach seinem Gewissen abstimmen. Aber wenn einer zwei- oder dreimal gegen die Partei gestimmt hat, dann muß er sich fragen, ob er in der richtigen Partei ist“ So kommt es denn, daß auch die auf den hinteren Bänken die Hand heben, wenn die auf den vorderen die Hand gehoben haben.

In der Kirche muß es zum Glück nicht so sein. Sie ist eher wie ein großer internationaler Konzern: Jede einzelne Firma wirtschaftet für sich, aber alle sprechen sich untereinander ab und haben das gleiche Ziel. In der Wirtschaft geht man wieder zurück auf immer mehr kleine Einheiten unter einem großen Dach. Man arbeitet miteinander, aber man läßt den Fachleuten vor Ort genügend Freiheit, das in ihrem Fall Richtige zu tun.

Auch in der Kirche muß um die Wahrheit gerungen werden, aber nicht mit Gefängnis und Scheiterhaufen. Sicherlich gibt es nur e i n e Wahrheit. Aber der Zugang zu ihr ist unterschiedlich. Unser Fehler und der anderer Leute ist es vielleicht, daß wir zu sehr auf die Unterschiede achten. Doch man müßte vielleicht deutlicher herausarbeiten, daß hier in verschiedener Sprache von der gleichen Sache geredet wird.

Für die wöchentlichen Andachten im der Tageszeitung überlegte man, ob man den Titel „Gedanken zum Wochenende“ nicht umwandeln sollte in „Gedanken zum Sonntag“. Bei der Diskussion konnte man auf den ersten Anhieb gar nicht herausfinden, wer nun evangelisch und wer katholisch ist. Quer durch die Konfessionen wurde diskutiert und entschieden, daß die Spalte nicht mehr jetzt  „Gedanken zum Sonntag“ heißen sollte. Dadurch soll mehr Flagge nach außen gezeigt werden und mehr das Christliche herauskommen. Deswegen darf aber dennoch jeder seine evangelische oder katholische Eigenart vertreten. Der Einheit der Kirche tut das keinen Abbruch.

Sicherlich ist es schmerzlich, daß die Kirche immer noch in die drei großen Blöcke Protestanten, Katholiken und Orthodoxe geteilt ist. Man weiß nicht, wie das Maß der Gemeinsamkeit beurteilt wird: mehr als die Hälfte gemeinsam oder weniger. Aber selbst der Epheserbrief zählt das Amt, das den Hauptstreitpunkt bildet, nicht unter die Gemeinsamkeiten. Zum Eins­sein der Kirche gehört nicht der Weltbischof, weil die Einheit allein in Gott und seinem Tun begründet ist.

Wir sagten: Die Einheit der Kirche ist gegeben! Aber nun gehört unbedingt dazu, daß wir auch sagen: Die Einheit der Kirche ist zu erstreben md zu leben! Wenn es heißt: „Bemüht euch eifrig darum!“ dann ist schon auch unsere Aktivität gefordert. Nur können wir die Einheit nicht schaffen, aber wir haben sie zu bewahren, also zu behüten und zu beschützen. Wo das Erscheinungsbild der Kirche dem noch  widerspricht, was Gott vorgegeben hat, da ist aller Fleiß und Eifer aufzuwenden, daß das Erscheinungsbild dem immer ähnlicher wird, was Gott vorgegeben hat. Aber bei allem Tun strecken wir uns nur nach dem, was wir bereits sind.

Heute sprechen wir  von der „Einheit in der Verschiedenheit“. Vielleicht will Gott sogar die verschiedenen Kirchen, damit sie sich gegenseitig befragen nach der Wahrheit und dabei immer tiefer dringen.

Es darf in den verschiedenen Kirchen jeweils anders gepredigt werden, aber nicht anderes. Und wenn es schon einmal Streit geben muß, dann streitet es sich eben gut, wenn man von vornherein weiß, daß alle unter dem gleichen Christus sind. So hat es Kaiser Karl V. in seiner Einladung zum Reichstag von Augsburg schon 1530 formuliert und so hat es der sächsische Kanzler Brück in seiner Vorrede zum Augsburgischen Bekenntnis ausdrücklich aufgenommen: „Es streitet sich gut, wenn alle unter dem einen Christus sind!“

Die Einheit wird sich vor allem im Alltag und Sonntag der Gemeinde zeigen müssen. Da kann man es in Demut ertragen, daß man unter den Menschen keine große Rolle spielt. Da kann man mit Sanftmut auf gewaltlose Weise um den anderen werben und wird nicht gleich aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Da kann man mit Langmut geduldig warten und einen langen Atem haben, wenn es etwas Bestimmtes durchzusetzen gilt.

Christus selbst hat in seiner letzten Nacht um die Einheit der Kirche gebetet. Er hat sie uns schon gegeben. Aber sie will erstrebt und gelebt sein.

 

 

 

18.  Sonntag nach Trinitatis: Eph 5 , 15 - 20

Nicht für jeden ist das sein Lebensgefühl: „Kaufet die Zeit aus, denn es ist böse Zeit!“ Für viele ist es eine aufregende Zeit mit vielen Höhepunkten: Da bleibt man die ganze Nacht wach, um am Fernsehgerät mitzuerleben, wie der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte. Und unvergessen ist natürlich auch, wie die Mauer in Berlin geöffnet wurde. Ein interessante Zeit war das schon!

Natürlich gibt es auch Schattenseiten. Neben der Dauerkrise in den Elendsgebieten der Welt macht uns auch immer wieder ein Krise starke Sorgen. Auch bei uns gibt es manche Probleme, gibt es arme Leute und Obdachlose, gibt es Kranke und Behinderte, gibt es Arbeitslose und Asylsuchende.

Doch es nutzt nichts, über die böse Welt zu klagen. Es nutzt nichts, schon am Montag zu stöhnen: „Ach, wäre die Woche doch nur erst herum!“ Vielmehr sollten wir voller Dankbarkeit an die Arbeit gehen, dankbar daß wir gesund sind und arbeiten können, daß wir überhaupt Arbeit haben. Und wer das Arbeitsleben schon hinter sich hat, der darf dankbar sein, wenn er noch gesund ist und zum Beispiel zum Gottesdienst gehen kann oder seinen Haushalt noch selbst versorgen kann.

Wenn man so an das Leben herangeht, dann macht es auch Freude, dann wird man mit Gottes Hilfe auch mit Wellentälern fertig. Und wir sollten nicht alles so selbstverständlich nehmen. Daß wir wenigstens hier bei uns seit Jahrzehnten Frieden haben, das kann uns doch nur mit Dankbarkeit erfüllen. Wir können uns etwas schaffen, können uns etwas leisten und viel erleben, unsere Kinder können ungestört heranwachsen, wir können Menschen kennenlernen und Freunde gewinnen. Doch all das werden wir nur zu würdigen wissen, wenn wir einen klaren Kopf behalten, aber auch ein volles Herz haben, wie es uns im Epheserbrief vor Augen gestellt wird.

 

1. Ein Christ braucht einen klaren Kopf:  Als Glaubende sind zwar schon gewissermaßen in den Himmel versetzt. Aber gleichzeitig werden wir auch ganz energisch auf die Pflichten in der zeitlichen Welt hingewiesen. Wir dürfen die Dinge nicht sehen, wie wir sie gern sehen möchten, sondern wie sie wirklich sind. Mit vielen Dingen haben wir uns dabei erst einmal so abzufinden, wie sie eben sind. Aber nie sollten wir meinen, die Welt sei total verloren und nicht mehr zu retten.

Allzulange haben Christen das Bestehende als gottgewollt gesehen und für unantastbar gehalten. Doch alle Ordnungen dieser Welt sind veränderungsfähig und oft auch veränderungsbedürftig. Daß tausendjährige Reiche fallen und eine angebliche Weltrevolution zurückgeschraubt werden kann, haben wir ja gesehen. Ein Christ sieht die Welt immer als etwas Vorläufiges und lebt in einem gewissen kritischen Abstand zu ihr. Das gilt auch für unsere Gesellschaft und ihre Wirtschaftssystem, von denen wir doch oft meinen, sie seien die besten und vernünftigsten.

Dennoch ist unsere Welt die Schöpfung Gottes. Nur weil es in ihr noch den Kampf gegen das Böse gibt, kann man noch von der  „bösen“ Zeit sprechen. Aber das ist wiederum kein Grund, nun völlig untätig zu bleiben. Die böse Zeit ist nicht bloß dazu da, daß sie vergeht. Sie soll nicht totgeschlagen, sondern „ausgekauft“ werden, wie es der Epheserbrief sagt.

Hier wird das Leben mit einem Markt oder einem Warenhaus verglichen. Viele Waren sind vor den Blicken der Käufer ausgebreitet und verlocken zum Geldausgeben. Doch wer mit Überlegung einkauft, wird nicht gleich das erste Beste nehmen: Er wird erst die Qualität der Ware prüfen und ob sie mit dem Preis übereinstimmt und er wird vielleicht erst bei anderen Erkundigungen einziehen. Aber er wird auch wissen, daß man bei einem Sonderangebot zugreifen muß, ehe es zu spät ist.

Auch Gottes Angebot bleibt nur eine bestimmte Zeit auf dem Markt. Vor allem unsere Lebenszeit ist beschränkt. Zeit können wir uns nicht kaufen. Sie wird uns von Gott zur Verfügung gestellt und wir müssen damit rechnen, daß wir nicht unbeschränkt darüber verfügen können. Es nutzt gar nichts, wenn man den Kopf in den Sand stecken will und so tut, als habe man noch unendlich viel Zeit. Vielmehr gilt es, die zur Verfügung stehende Zeit zu nutzen und das Angebot Gottes nicht zu verpassen.

„Auskaufe“ bedeutet dabei nicht, daß man alles herausholt, was drin ist, für sich selbst oder für den Mitmenschen oder für den ganzen Lebensbereich. Aber es bedeutet, daß man mit klarem Kopf denkt und urteilt, sich Sachkenntnis aneignet und möglichst schnell schaltet. Der Glaube macht frei zum Gebrauch der Vernunft und der Erfahrungen der anderen.

Aber es gibt auch Erkenntnisse, die nur der Glaube haben und gewinnen kann. Ein Christ weiß, daß er von Anfang an von Gott geliebt wird; davon wird er getragen und ermutigt. Er wird aber auch sorgsam auf seinen Lebenswandel achten und sich nicht seinen Gewohnheiten und unkontrollierten Stimmungen überlassen. Vielleicht muß er dabei gegen den Strom schwimmen. Aber er richtet sich nach dem, was seinem Herrn gefällt.

In der Theorie ist das auch alles klar. Aber im gelebtem Leben gibt es da doch allerhand Unklarheiten und Konflikte. Durch Gottes Wort werden wir immer wieder ermahnt, Frieden zu halten. Wir nehmen es uns auch vor. Aber wenn dann ein Vorgesetzter über uns schimpft n teils zu recht, teils zu unrecht n dann wird es doch schwer. Die anderen sagen vielleicht: „Laß dir das nicht gefallen, setz dich zur Wehr!“ Doch das nützt meist nichts, da schaukelt man sich nur gegenseitig hoch. Sicherlich gibt es auch irgendwo eine Grenze.

Aber ehe die erreicht ist, gilt es erst einmal ruhig zu bleiben und einen klaren Kopf zu behalten. Doch zum Christsein gehört nicht nur der Verstand, sondern auch die Begeisterung. Das ist nun das Zweite, das der Epheserbrief uns vor Augen gestellt: 

 

2. Ein Christ braucht ein volles Herz: Der Glaube ist nicht nur eine Sache des Verstandes, sondern der Mensch hat ja auch eine Seele. Der Vergleich im Epheserbrief ist vielleicht etwas gewagt: „Sauft euch nicht voll Wein, sondern werdet voll Geistes!“ Als Gegenteil der Vernunft wird hier der Rausch angesehen, wie er zum Beispiel durch den Genuß von Alkohol entsteht. Er wird oft hervorgerufen durch den Zwang übler Sitten: um sein Ansehen nicht zu verlieren, macht man die oft törichten Formen des „Feierns“ mit. Aber in Wirklichkeit ist man nicht fertig geworden mit dem eigenen Leben und hat sich aus der Hoffnungslosigkeit in den Rausch geflüchtet. Dabei will man nur ja nicht zur Besinnung kommen, Unbewältigtes überspielen und Einbildungen aufrechterhalten.

Doch das Herz des Christen soll nicht voll Rausch sein, sondern angefüllt mit dem Geist Gottes, mit Gottes eigenem Leben. Gottes Geist bringt in Bewegung, aber er macht nicht willenlos und unkontrolliert. Er schafft Klarheit, aber er hält auch in Schwung.

Das Bewegtsein vom Geist Gottes zeigt sich im Gottesdienst auch in den Gebeten und Liedern, in der sogenannten „Liturgie“. Mancher Predigthörer wird vielleicht mit dem Kopf schütteln, wenn er von Lobgesängen und geistlichen Liedern hört. In der Universitätsstadt Göttingen gab es Leute, die kamen erst zur Predigt und gingen danach gleich wieder; sie wollten eine Kanzelrede hören, aber nicht singen und beten.

In der gleichen Stadt soll aber auch Folgendes passiert sein: Bei den Probepredigten der Theologiestudenten war auch immer der Kirchendiener dabei, der dem betreffenden Kandidaten am Ausgang sein Urteil mit auf den Weg gab. Einer aber hatte offenbar so miserabel gepredigt, daß der Kirchendiener nur zu ihm sagte: „Die Lieder haben Sie gut ausgewählt!“ Gut daß wir die Lieder -  die Liturgie -  im Gottesdienst haben, da können wir auf alle Fälle etwas mit nach Hause nehmen.

Im Gottesdienst redet Gott zu uns durch sein Wort. Wir aber reden mit ihm durch Gebet und Lobgesang. Dabei muß es ja nicht gleich so zugehen wie bei einem Rockfestival. Da lassen sich Jugendliche vor einem Podium in Verzückung bringen durch Texte, die keiner versteht, und durch eine Musik, die weder melodisch noch rhythmisch originell und aussagekräftig ist. Das Zucken der Arme und Beine, das laute Schreien und die Entfesselung des ganzen Menschseins macht uns noch nicht zu Menschen Gottes.

Aber wichtig ist, daß wir mit vollem Herzen Gott loben und so eine persönliche Verbindung zu Gott knüpfen. Es geht aber nicht, vor den Problemen in der Welt in fromme Liturgie und Anbetung zu flüchten. Das wäre genauso falsch, wie wenn man sich nur in Aktivität stürzt und Anbetung und Lobgesang für frommes Nichtstun hält.

Im Leben eines Christen gehört beides zusammen. Das Leben in der Kirche und das Leben in der Welt sind aufeinander bezogen. Das Denken und Handeln ist bestimmt von einer Senkrechten und einer Waagrechten: Gott zu lieben und die Menschen zu lieben, das gehört zusammen, sowohl ein sachliches Nutzen der Zeit als auch eine Trunkenheit im Geist. Das drückt auch der alte Wahlspruch der Mönche aus: „Ora et labora! Bete und arbeite!“

Richtig genutzt haben wir unsere Zeit, wo wir Gott danken können und aus diesen Dank heraus dem Mitmenschen dienen. Dann gibt es keine böse Zeit mehr, weil jede Zeit eine Zeit des Heils ist, in der wir das Heil Gottes ergreifen und in unserem Leben Gestalt gewinnen lassen.

 

 

Erntedankfest: Hebr 13, 15 - 16       (Variante 1)

Irgendwie ist es doch unnormal bis abartig, daß der größte Teil der bei uns gewachsenen Lebensmittel vernichtet wird. Das fängt schon auf dem Acker an, wenn die Traktoren durch die aufwachsende Saat fahren, um Pflanzenschutzmittel aufzubringen. Natürlich geht es heute nicht mehr anders, es muß schnell gehen und die Masse macht den Gewinn. Bei der Herstellung und Verarbeitung der Lebensmittel geht es weiter: Was zu kurz ist oder krumm wird aus­sortiert. Und wenn ein Apfel einige unschöne Stellen hat, wird er verworfen und nicht einmal zu Apfelwein verarbeitet.

Aber als Verbraucher müssen wir uns da auch an die eigene Nase fassen: Wir nehmen doch auch die gleichgroßen und makellosen Äpfel aus dem Regal. Und wenn sie trotzdem nicht schmecken, werden sie weggeworfen. Was abends übrig ist, kommt ebenfalls in den Container und darf nicht von den Angestellten oder von Bedürftigen mitgenommen werden. Angeblich will der Kunde auch noch abends das volle Sortiment vorfinden. Aber das Brot ist auch am nächsten Tag noch eßbar.

Überhaupt das Haltbarkeitsdatum, das ja etwas anderes ist als das Verfallsdatum. Die Verkäufer räumen extra die älteren Sachen nach vorne, damit sie noch rechtzeitig mitgenommen werden. Aber wie viele Kunden ziehen doch die Lebensmittel von hinten wieder vor, weil alles ganz frisch sein soll. Die sogenannten „Tafeln“ beweisen jedoch, daß auch abgelaufene Lebensmittel noch nicht gleich verdorben sind.

Das aber ist die Wirklichkeit bei einem Erntedankfest von heute: Wir müssen uns nicht überlegen, wie wir das Essen für den nächsten Tag besorgen können, sondern wir überlegen höchstens, wie wir den Gaumenkitzel noch übertreffen können. Der Hebräerbrief aber weist uns in eine ganz andere Richtung: Er spricht vom Opfer als Antwort auf Gottes Wohltaten und unterscheidet dabei das Lobopfer des Mundes vom Tatopfer der Hände.

 

1. Lobopfer des Mundes:

Zunächst einmal gilt es zu erkennen,, daß Gott selber das größte Opfer gegeben hat, indem er seinen Sohn für uns opferte. Wenn die christliche Gemeinde etwas opfert, dann kann sie damit das Opfer Christi nicht verdrängen oder ergänzen. Aber aus dem Opfer Christi ergibt sich unser Opfer, das nur noch ein Lobopfer sein kann. Dabei loben wir Gott, der uns wieder einmal mit allem versorgt hat, was zum Leben nötig ist. Aber gleichzeitig werden wir auch auf den verantwortlichen Umgang mit dem geernteten hingewiesen und dann verpflichtet, mit diesen Gaben anderen wohl zu tun und mit ihnen zu teilen.

 

Alle Gegenstände, die wir zum Leben brauchen, sind Ausdruck der Liebe Gottes zu uns. Er will uns damit erfreuen und den Bund zwischen ihm und uns festigen. Das Geschenk eines lieben Menschen schätzen wir ja auch nicht wegen seines Sachwertes und nach seiner  Ver­wendbarkeit ein, sondern es ist Zeichen der Liebe, die er uns zugewandt hat. Ein Tier verschlingt seine Beute ohne Nachdenken. Der Mensch aber ist Person, er antwortet und erwidert persönlich, er weiß sich mit dem Geber verbunden und sagt ihm Dank. Die Israeliten früher taten das mit Erntegaben oder sogar mit Tieropfern. Wir als Christen aber bringen das „Lob­opfer der Lippen“.

Man kann die ganze Landwirtschaft auch als einen Produktionsvorgang sehen. Die heutigen Agrargenossenschaften hießen früher ja einmal „Landwirtschaftliche Produktionsgenossen­schaften“: Man hat dazu natürliche Dinge wie Saatgut, Boden, Dünger, Sonne und Regen. Dazu kommen die in den Pflanzen vorhandenen Wachstumskräfte und die Fähigkeit zur Umwandlung der chemischen Stoffe. Außerdem braucht man Maschinen und Transportmittel und das System der Verteilung und Zubereitung. Wozu braucht man da noch das Lob gegenüber Gott, das sind doch alles natürliche Vorgänge. Man kann sich freuen, daß die Ernte wieder unter Dach und Fach ist, mehr aber auch nicht.

Und dennoch hat dieses Geschehen auch eine personalen Bestandteil: Der Verbraucher kann die Arbeit der in der Gewinnung der Lebensmittel Arbeitenden würdigen. Sie tun einen Dienst an den Menschen und haben in ihn viel Liebe und Hingabe hineingesteckt. Das sollten wir vielleicht beim Verbrauchen und Genießen mehr im Blick haben.

Und von aus ist es nur noch einen Schritt bis zu Gott, der in dem ganzen Geschehen von Saat und Ernte der Wirkende und Schenkende ist. Schließlich sind wir alle Geschöpfe, die als Person geschaffen sind, die begreifen und denken können. Da kann man auch erwarten, daß wir personal reagieren und als Antwort auf  Gottes Wohltaten das Lobopfer des Mundes bringen, also Gott mit unserem Mund loben.

Was auf den Tisch kommt, enthält nicht nur Kalorien, sondern auch Liebe. Gott freut sich, wenn wir ihm zu erkennen geben, daß wir es gemerkt haben. Es sollte auch nicht nur ein stilles Danken im Herzen sein, sondern ein gesprochenes oder gesungenes Gotteslob. Wir reden viel den ganzen Tag n sollte da Gott schweigend übergangen werden? Erntedankfest ist nicht ein Stück Heidentum, obwohl es solche Fest auch schon im Heidentum gab. Es verbindet uns vielmehr über Christus mit Gott und macht uns so zu dankbaren Menschen.

 

2. Tatopfer der Hände:

Die Früchte des Feldes und des Gartens, die am Erntedankfest mit in die Kirche gebracht werden, sind nicht einfach ein Schmuck. Sie erinnern uns daran, daß am Altar das Abendmahl ausgeteilt wird und daß von dort alle Liebestätigkeit der Kirche ausgeht. Es genügt nicht, wenn wir unseren Erntedank nur im Gebet und Lied zum Ausdruck bringen. Erntedank könnte Gotteslästerung sein, wenn es nicht gleichzeitig zum Tatopfer der Hände kommt. Heute denken wir dabei besonders an die ungelöste Frage des Hungers.

Der Hunger in der Welt ist eine langandauernde Katastrophe. Wir aber verfeinern immer mehr die Ansprüche an das Leben, wir wollen „Lebensqualität“ wir überbieten einander an Aufwand und Luxus. Wir essen und trinken so viel, daß wir davon krank werden. Einzelaktionen können immer nur kleine Löcher stopfen. Nötig ist aber eine grundlegende Veränderung der bestehenden Strukturen.

Es geht doch nicht, daß immer mehr Regenwald abgeholzt wird, damit dort Palmen angepflanzt werden, mit deren Öl dann unsere Autos fahren. Ein großer Teil des Biosprits wird ja nicht auf brachliegenden Feldern bei uns erzeugt, sondern in den sogenannten Entwicklungsländern, wo dann die Ackerfläche für Nahrungsmittel fehlt.

Heute werden Nahrungsmittel an der Börse gehandelt und damit verteuert n und das von Leuten, die nicht selber produzieren, sondern nur Geld haben.  Den Landwirten mag es recht sein: Wenn weniger geerntet wurde, steigt der Preis und am Ende stimmt die Kasse wieder. Wir nehmen Nahrungsmittel wie zum Beispiel Weizen sogar für die Energiegewinnung. Aber die Armen bei uns und in der Welt sind die Leidtragenden.

Es geht auch nicht, daß Länder wie China oder Indien eine Hochtechnologie entwickeln und Raketen ins Weltall schießen, aber die breite Masse der Bevölkerung lebt weiter in bitterster Armut. Auch bei uns sollte man eine Regierung nicht danach beurteilen, ob der Regierungschef gut reden kann oder die Ministerin eine hübsche Frisur hat. Viel wichtiger ist die Frage, ob eine Regierung dafür sorgt, daß die Schere zwischen Arm und Reich nicht immer weiter aufgeht

Es gibt viele Beispiele für helfende Hände. Nach dem Krieg sandten die Amerikaner Care-Pakete. In der DDR freuten sie sich über jedes  Westpaket. Auch die Kirchen nehmen einen gewissen Finanzausgleich vor. Und noch schlimmer ist es in Osteuropa.

Aber mit dem Teilen ist das so eine Sache. Der Kommunist, der in seinem Leben alles durch­gebracht hat, sagt zu dem fleißigen und sparsamen Nachbarn: „Du mußt mit mir teilen, sonst bis du ein Kapitalist!“ Und so argumentieren wir auch gegenüber Griechenland: „Ihr habt jahrelang über eure Verhältnisse gelebt und jetzt sollen wir euch da heraushelfen. Da ist doch besser jeder sich selbst der Nächste!“

Teilen ist nicht so unsere Sache. Wer von den festangestellten Arbeitnehmern würde denn mit den Leiharbeitern teilen? Selbst bei den Pfarrern geht das nicht. Als einmal die Drohung im Raum stand, die neu anzustellenden Pfarrer sollten schlechter gestellt werden, da schlug einer der Pfarrer vor, man könne das doch privat unter sich ausgleichen. Aber da hätte man einmal die Gesichter der anderen sehen sollen, die an ihrem Besitzstand nicht rütteln lassen wollten.

Wenn es konkret wird, dann sind all unsere Beteuerungen oft vergessen. Aber weil Gott allen Menschen helfen möchte,  braucht er uns. Gott hat keine Hände, er hat nur unsere Hände.

 

 

Erntedankfest: Heb 13,16 (Variante 2) (Jahreslosung 1981)

„Vergeßt nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, denn an solchen Opfern hat Gott Gefallen!“

Wir haben oft einen Denkzettel nötig. Einmal weil wir sonst den richtigen Zeitpunkt verpassen würden. Zum anderen um unsere Gedanken auf das Wichtige zu konzentrieren. Für freundliche Erinnerungen anderer Menschen sind wir dankbar und empfinden sie als Hilfe.

In unserer schnellebigen Zeit mit ihren vielfältigen Anforderungen hat man sonst schnell etwas vergessen.

Aber dieses „vergeßt nicht“ ist mehr als nur ein Denkzettel. Es ist ein sehr persönlicher und ernsthafter Weckruf. Denn es geht um die Glaubwürdigkeit unseres Christseins. Wenn wir aufhören, Gutes zu tun, und nicht mehr bereit sind, miteinander zu teilen, können wir uns nicht mehr als Christen bezeichnen. Deshalb ist eine solche ernste Mahnung immer notwendig.

Wenn wir mit offenen Augen durchs Leben gehen, werden wir überall aufgerüttelt, Gutes zu tun. Näher liegt uns allerdings, daß wir erst einmal von anderen Gutes erwarten , und zwar vorwiegend für uns selber. Manchmal ist schon die falsche Erziehung daran schuld. Die Eltern versuchen doch weitgehend, ihren Kindern alle Wünsche zu erfüllen. Die Kinder sollen es einmal besser haben als sie. Aber die Kinder haben dann keine ausreichende Vorstellung davon, daß jeder Wohlstand erst hart erarbeitet werden muß. Sie schütteln den Kopf über die Feierabendarbeit der Eltern, obwohl sie doch davon profitieren. Aber wenn dann einmal an sie selber Anforderungen gestellt werden, dann haben sie keine Lust.

Da kommen Besucher und sagen: „Wir kommen unter anderem auch zu Ihnen, damit unsere Kinder einmal etwas davon mitkriegen, daß man nicht immer alles haben kann. Sie meinen immer, sie müßten alles haben. Die Erfahrung, daß das nicht überall so möglich ist, ist eine wichtige Erziehungsaufgabe!“

Allerdings ist das Denken der Jugend bei dieser Familie auch nicht anders. Sie meinen auch, es müßte immer alles da sein, nach dem letzten Schrei und nach der neuesten Mode. Nur kom­men sie nicht immer so leicht und so schnell an alles heran. Aber die Gefahr ist die gleiche, daß man seine Lebensziele in der Erfüllung materieller Wünsche sieht.

Da ist es gut, wenn auch einmal christliche Handlungsweisen vermittelt werden wie dieses Bibelwort:  „Gutes tun und mit anderen teilen“. Besonders könnte uns das deutlich werden angesichts der vielen Nöte in manchen Teilen der Welt. Wir haben ja alles - oder doch wenigstens fast alles - da sollten wir nicht vergessen, wie es anderswo ist.

Aber mancher wird denken: Alle Anstrengungen nützen doch kaum etwas, denn sie sind doch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Aber vielleicht kommt es gerade auf diesen einen Tropfen an. Wenn einer anfängt, dann folgen oft andere diesem Beispiel. So hat die Arbeit Albert Schweitzers in Afrika den Arzt Doktor Theodor Binder dazu gebracht, seine Lebensaufgabe darin zu finden, südamerikanischen Indianern medizinische Hilfe zu bringen. Das Tun der Mutter Teresa in Kalkutta hat eine Kettenreaktion ausgelöst, durch die viele zu „Missionarin der Liebe“ wurden. Ein einziger Tropfen kann das Gefäß zum Überlaufen bringen. Und jeder von uns könnte derjenige sein, der diesen Tropfen beisteuert, indem er Gutes tut.

Teilen ist dabei mehr als abgeben vor dem, was man gerade übrig hat. Der Heilige Martin hat seinen Mantel in zwei gleiche Teile mit dem Schwert zerteilt, um den Bettler zu bekleiden. Also nicht abgeben, sondern teilen wäre notwendig. Doch nicht so, wie es die Methode der Kommunisten ist. Wenn einer es zu etwas gebracht hat, weil er fleißig und sparsam war, und ein anderer hat nichts, dann sagt der Besitzlose: „Komm, wir wollen teilen, sonst bist du ein Ausbeuter!“ Christlich gedacht geht es andersherum: Da versteht einer seinen Besitz als ein Geschenk Gottes und sagte zu dem Ärmerer: „Komm, wir wollen teilen, denn du kannst ja nichts dafür, daß es bei dir so gekommen ist!“

Wir haben heute wieder mehr erkannt, daß es nicht um Almosen geht, die gnädig einem anderen gewährt werden. Dadurch bleibt er nur von dem Spender abhängig und wird in Unselb­ständig­keit gehalten. Wichtiger ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Es nutzt nichts, wenn

man ein teures Auto nach Afrika schafft, das dann am Straßenrand verrostet, weil ein kleines Ersatzteil fehlt; ein Fahrrad erfüllt vielleicht den gleichen Zweck. Wenn ein Dorf eine Wasserpumpe erhält, die mit einem Windrad betrieben wird, dann kann es selber seine Nahrung produzieren und ist nicht mehr auf Spender angewiesen. So sieht heute Hilfe aus.

Bei uns besteht keine Notwendigkeit, lebensnotwendige Güter miteinander zu teilen. In unserem Land hat jeder, was er zum Leben braucht. Viel Gutes ist in unsrer Gesellschaft verwirklicht und geregelt: eine Versicherung für Krankheit und Alter, Nachbarschaftshilfe, usw. Vieles nehmen wir davon als ganz selbstverständlich hin, es wird einfach erwartet. Aber auch bei uns ist noch Vieles zu tun, das  nicht vom Staat abgedeckt werden kann, sondern die Aufgabe jedes Einzelnen ist.

Teilen könnten wir unser Wissen, unsere Fertigkeiten und Erfahrungen. Wie sehr hilft es doch einem Lehrling, wenn ihm alle Kniffe gleich gezeigt werden und er nicht selber dahinter kommen muß! Wie hilfreich ist es für die Hausfrau, wenn sie von der Nachbarin erfährt, daß es irgendwo irgend etwas gibt! Wie gut ist es doch, wenn einer seine Kraft und seine starken Nerven auch anderen zur Verfügung stellt! Ein aufmunterndes Wort oder der Beistand in Krisensituationen können so viel helfen! Auch die Fürbitte für andere wollen wir dabei

nicht vergessen.

Zu solchem Teilen verpflichtet uns die Dankbarkeit gegenüber Gott. Unsere sogenannten „Wohltaten“ sind ja nur ein Bruchteil dessen, was wir selber von Gott empfangen haben. Dankbarkeit spornt uns deshalb an zu einem Leben im Dienst Gottes. Sie ist zugleich eine unversiegbare Kraftquelle in unseren alltäglichen mitmenschlichen Beziehungen, gibt uns immer wieder Mut zu neuer Hilfe.

Im Neuen Testament finden wir ein Modell für solches Teilen, nämlich die Speisung der Fünftausend. Jesus dankt zunächst für das, was er hat. Dann setzt er seine Jünger ein, um die Gaben zu verteilen. Dabei machen sie die Erfahrung, daß das Wenige für alle reicht. Alle kriegen dasselbe Es reicht für alle. Das wird sie ihrerseits beflügelt haben, sich für andere einzusetzen. Auch das Abendmahl ist so ein Beispiel: Jeder erhält das Gleiche, alle aber erhalten Anteil an der Kraft und der Hilfe Gottes.

Wenn wir unser Leben und unseren Lebensraum mit dem anderen teilen, dann ist das auch eine Bereicherung für uns selber. Zunächst werden wir darin eine Belastung sehen .Wenn wir etwa einen Menschen begleiten, werden wir unter Umständen Umwege machen müssen und unser eigenes Ziel vielleicht sogar verfehlen. Aber was wir zunächst als Nachteil empfanden, bringt oft neue Erfahrungen und Erkenntnisse mit sich und läßt Vertrauen wachsen.

Solches Vertrauen hilft dann einmal zu vergeben und zu verzeihen. Als Christen haben wir besonders die Aufgabe des vertrauensvollen Miteinanders. Dann wissen wir: Trotz Fehler und Enttäuschungen braucht die Gemeinschaft da nicht zu zerbrechen, wo man um die Vergebung

Gottes weiß. Das kann sich auswirken in allen Bereichen unseres Lebens: in Ehe und Familie, in Nachbarschaft und Beruf, aber auch in den Beziehungen der Kirchen und Völker zueinander.

Zum Schluß heißt es dann: „An solchen Opfern hat Gott Gefallen!“ Bei Opfern können wir an das Lob Gottes im Gottesdienst denken. Aber solches Lob durchdringt dann doch alle Bereiche unseres Lebens und Alltags. Wer Gott lobt, wird das eigene Ich und übertriebene Lebensansprüche zurückstellen und Gutes tun und Nächstenliebe verwirklichen. Es geht hier also nicht nur um die Kollekte im Sonntagsgottesdienst. Diese hilft zwar auch dazu, die Gemeinschaft untereinander zu vertiefen. Aber es geht letztlich um mehr: In allen Bereichen menschlichen Miteinanders sind Verzicht und Rücksichtnahme, Geduld und Zeit nötig. Und solche Opfer sind für uns meist spürbarer und kostbarer als Geldopfer. Mit unserem „Sonntagsfünfziger“ können wir uns noch nicht ein gutes Gewissen machen und uns loskaufen vor

dem, was Gott eigentlich will.

Das wahre Opfer hat ja Jesus Christus selber gebracht. Daneben sind keine anderen Opfer mehr möglich. Der Gehorsam Jesu, sein Leiden und Sterben sind das wahre Opfer. Aber sein Opfer spornt auch an, nach draußen zu gehen zu den Menschen, um ihnen, Gutes zu tun und mit ihnen zu teilen. Das Gotteslob und die Liebe zu den Menschen sind Ausdruck dieser neuen Lebenshaltung. Sie könnte unser Programm für das kommende Jahr werden.

 

 

19. Sonntag nach Trinitatis: 2. Mose 34, 1 - 10

Wenn eine Ehe erst einmal einen Knacks gekriegt hat, dann ist das nur schwer wieder zu heilen. Wenn erst einmal eine Ehebruch vorgekommen war und man vielleicht auch schon einen Scheidungsantrag gestellt hatte, dann wird es oft nie mehr so werden wie vorher. Es gibt auch Gegenbeispiele, wo durch eine Krise das Verhältnis nur tiefer geworden ist, wo man vielleicht sogar schon geschieden war und sich dann wieder geheiratet hat. Aber meist ist so ein Bruch der Anfang vom Ende, auch wenn man noch zusammenbleibt.

So ähnlich könnte man auch das sehen, was sich zwischen Gott und seinem Volk Israel ereignet hat. Gott war mit ihnen einen Bund eingegangen, ähnlich einem Ehebund. Nur war es nicht ein Vertrag zwischen gleichberechtigten Partnern, sondern ein Stärkerer hatte dem Schwächeren den Bund gewährt und damit ein verbindliches Gemeinschaftsverhältnis hergestellt.

Aber kaum war er begonnen, da hätte er schon wieder zu Ende sein müssen: Das Volk hatte sich ein Stierbild gemacht und dieses angebetet. An sich wollten sie ihren Gott nicht missen. Aber sie wollten ihn sichtbar vor sich haben und damit auch über ihn verfügen können. Gott sollte nur noch für bestimmte Bereiche des Lebens da sein, vor allem für den Gottesdienst. Aber ansonsten wollte man sein eigener Herr sein und sich nicht in sein Tun hineinreden lassen, auch von Gott nicht. Man wollte ihn mit Feierlichkeiten, mit Liedern und Gebeten abspeisen - aber aus dem Alltag wurde er verbannt.

Diese Gefahr besteht sicher auch noch bei uns. Sehr schnell machen wir aus dem gnädigen Zuspruch, daß Gott unser Herr und Vater sein will, einen fromm-dreisten Anspruch. Der „Gott der Liebe“ wird zu einem „lieben Gott“ gemacht, zu einem milde lächelnden und im Grunde hilflosen Alten. Diese Spottfigur ist aber genausoweit von Gott entfernt wie das Bild eines willkürlichen und jähzornigen Rachegottes.

Gott ist einer, der immer wieder den Menschen nachgeht. Nur so kann das Volk Gottes immer noch bestehen. Das Evangelium des heutigen Sonntags macht das am Beispiel des Gelähmten deutlich, der als erstes zunächst einmal die Vergebung der Sünden braucht. Im Predigttext ist das auf das ganze Gottesvolk bezogen. Die zu Gott gehören, sind eben halt auch Sünder und leben durchaus nicht in einer Gottverbundenheit, wie das sein müßte.

In der Bibel ist immer wieder die Rede von Versagen und Untreue, von Ungehorsam und Glaubenslosigkeit, von Skandalen und himmelschreienden Rechtsbrüchen. Die Welt zeigt zu Recht mit Fingern auf die Gläubigen. Das ist heute nicht anders als damals.

Es ist ergreifend zu sehen, wie Mose sich für das abtrünnige Volk bei Gott verwendet. Er ist zornig und traurig zugleich. Mit geradezu kindlichen Argumenten will er seinen Gott herumkriegen: „Denk doch daran, wie sehr sich die Ägypter freuen würden , wenn du dein Volk fallenlassen würdest! Denk doch an die Verheißungen, die du schon den Erzvätern gegeben hast!“

Im Zorn hat Mose die von Gott selbst hergestellten Tafeln zertrümmert. Das war Ausdruck dafür, daß der Bund zerbrochen und nicht mehr in Geltung war. Nur für kurze Zeit war Israel Gottes Volk. Aber nun war es das nicht mehr. Doch da hört Mose die Stimme Gottes: „Haue dir zwei Steintafeln zurecht. Ich werde auf sie die Worte schreiben, die schon auf den ersten Tafeln gestanden haben!“ Das kann einem schon den Atem nehmen: Gott will die Bundesgeschichte noch einmal beginnen lassen. Er sagt: „Ihr habt's verdorben, aber ich fange mit euch noch einmal von vorn an!“

Das dürfen auch wir wissen: Gott gibt die Menschen nicht auf,  mit denen er sich in der Taufe verbündet hat. W i r lassen los, wenn wir wollen oder leichtsinnig oder stumpfsinnig sind. Aber e r läßt nicht los. Er erlaubt uns den neuen Anfang. Leute erfahren seine Zuwendung aufs Neue, die verspielt und vertan haben.

Mose bringt die Tafeln auf den Berg. Er tut es nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Gottes Befehl. Er meldet sich bei Gott. Zu einer Begegnung Auge in Auge kommt es nicht. Aber Gott geht vorüber, Mose wird von seiner Gegenwart gestreift. Damit ist der neue Anfang gemacht.

Gott erneuert den Bund trotz der erlittenen Beleidigung. Er hat schon immer auf die Umkehr gewartet und als erster die Hand dazu gereicht. Der neue Bund soll ein bleibender Bund sein. Das ist der Unterschied zum ersten Bund. Jetzt hat die Gnade Gottes einen höheren Grad erreicht.

Allerdings steht auf den neuen Tafeln auch wieder das Gesetz. Das ist auch nötig, denn gerade das erste Gebot ist wichtig, denn jede Sünde hat mit diesem ersten Gebot zu tun. Das Gesetz trifft Schuldige. Und das Böse kann man leider nicht nur als einen gelegentlichen Aus­rutscher sehen bei sonst anständiger Lebensführung. Nein, in jeder bösen Tat steckt das „wurzelhaft Böse“.

Auch wenn Gott neu anfängt, so ist das künftige Verhältnis doch immer noch vom Schuldkonto Israels belastet. Was gewesen war, kann man nicht ungeschehen machen. Allerdings wird der Bund dadurch nicht hinfällig. Es kann ja nicht so sein, daß der menschliche Gehorsam eine Säule wäre, auf der der Bund ruhte. Nein, er ruht allein auf Gott. Aber gerade deswegen verpflichtet der Bund zum Gehorsam. Und deshalb ist der nun einmal geschehene Ungehorsam eine schwere Belastung.

Andererseits ist aber dadurch auch die Sündenvergebung erst recht nötig. Nicht jeder sieht das ein. Daß man ohne Atemluft und Essen, Kleidung und Wohnung nicht leben kann, das ist selbstverständlich. Doch die Sündenvergebung scheint nicht zum Dringlichsten zu gehören.

Doch Sündenschuld ist nicht bloß ein sachlicher Mangel, etwa daß man zu wenig geleistet, einen materiellen Schaden verursacht oder Regeln durchbrochen hat. Durch Sündenschuld wird ein personales Verhältnis gestört: Man hat einen Menschen enttäuscht und ihm weh getan, man hat Vertrauen zerstört und Bindungen gelöst und vielleicht auch Liebe verweigert.

Die eigentliche Sünde ist, daß wir Gott nicht Gott sein lassen. Dabei könnte es durchaus so sein wie in einer Ehe: Äußerlich läuft alles wie am Schnürchen, das Essen ist pünktlich auf dem Tisch und das Geld wird ebenso pünktlich abgeliefert. Aber dennoch sind die Brücken untereinander abgebrochen und man ist miteinander „fertig“. Schuld trennt und reißt Gräben auf. Sie muß aus der Welt, wenn es zu einem heilen Leben kommen soll.

Gott aber möchte dazu helfen. Er nennt Mose seinen Namen und gibt sich damit als der zu erkennen, der er ist. Er macht sich damit anrufbar und gibt sich in gewisser Weise in die Hände der Menschen, so wie wir das tun, wenn wir unseren Ausweis vorzeigen. Gott ist eben barmherzig und hat ein Herz; es geht ihm „durch und durch“, wenn er an seine verirrten Kinder denkt. Er ist gnädig, ohne daß wir das fordern könnten. Er ist geduldig und gibt eine Frist zur Umkehr und schlägt nicht zu, wo er könnte oder sogar müßte. Und er gewährt seine vergebende Liebe nicht nur in einer guten Stunde. Wir brauchen keine Sorge zu haben, wir könnten morgen doch wieder von ihm verstoßen werden.

Daß Gott Sünde vergibt, wird schon bei Mose zu einer großen weitreichenden Zusage erhoben. Gott wählt nicht aus und zeigt sich nicht nur seinen Favoriten gnädig. Er ist bereit, allen zu vergeben, sogar „Tausenden“. Vergeben meint aber nicht nur: darüber hinwegsehen und die Dinge auf sich beruhen lassen. Vergeben ist etwas Aktives: Das Belastende wird weggeräumt und aus der Welt geschafft. Darüber hinwegsehen bedeutet: Das Belastende bleibt irgendwo in einer dunklen Ecke liegen und wird vielleicht doch noch einmal wieder hervorgeholt. Vergeben aber meint: Es wird wirklich vernichtet.

Mose nimmt Gott beim Wort. Aber er weiß auch: Wir sind Sünder und werden es leider auch weiterhin bleiben. Aber Mose darf damit rechnen, daß Gott an den Sündern festhält und ihnen die Schuld vergibt. Er rechnet mit diesem Gott, der nun wieder Israels Gott sein will.

So hält Gott auch an der Kirche fest, obwohl sie aus störrischen Sündern besteht. Der Herr geht in ihrer Mitte. So wie bei seiner Kirche ist Gott nirgends. Er ist der mitziehende Gott und der immer wiederkommende Gott. In Jesus ist er uns ganz nahe gekommen. Heute vernehmen wir ihn in seinem Wort und spüren ihn in den Sakramenten. Hier wird sein Bund erfahrbar, hier erhalten wir konkrete Anhaltspunkte für unser Leben.

Wir können ihn nur bitten: Hilf uns, daß wir dich auch außerhalb der Kirche den Herrn unseres Lebens sein lassen - auch im Alltag. Hilf uns in den Entscheidungen unseres Lebens. Laß uns aufpassen, wenn du an uns vorübergehst, damit wir dich nicht verpassen.

Laß uns erkennen, daß du uns in Wort und Sakrament nahe sein willst, aber auch in dem Menschen, der leiden muß und ausgestoßen wird. Und wenn wir schuldig geworden sind an Gott und Mitmenschen, dann können wir erst recht nur bitten; Herr, geh dennoch in unsrer Mitte!

 

 

20. Sonntag nach Trinitatis: 2. Kor 3, 3 - 9 (Variante 1)

Eine Anruferin regte sich bei einer Frankfurter Tageszeitung darüber auf, daß der zuständige katholische Pfarrer den neun Monate alten Sohn der Familie nicht taufen wollte. Beide Eltern waren aus der Kirche ausgetreten, weil sie bei den ständigen Preiserhöhungen das Geld für die Kirchensteuer sparen wollten. Aber mit dem Glauben habe das nichts zu tun, es ginge ja nicht um sie, sondern um ihr Kind. Es dürfe nicht sein, daß man nur als Christ angesehen wird, wenn man monatlich die Kirchensteuer zahlt.

Der Pfarrer aber wies auf den Widerspruch hin: Sie erbitten etwas für ihr Kind, was sie für sich ablehnen. Ein Kind kann nur auf den Glauben der Eltern, Großeltern und Paten getauft werden. Andernfalls würde die Taufe zu einer Beschwörungshandlung und die Kirche zu einem Service-Betrieb. Wenn die Menschen wollten, daß die Kirche sie ernst nehme, dann könne man auch erwarten, daß die Menschen die Kirche ernst nähmen.

Bedauerlich ist nur, daß nun ein evangelischer Pfarrer die Taufe vornehmen will. An sich gilt die Regel: Die evangelische Kirche mischt sich nicht in die Kirchenzucht der katholischen Kirche ein, auch wenn sie noch so sehr dagegen ist. Man kann mir auch kaum vorstellen, daß es sich um einen Pfarrer der Landeskirche handelt, denn in der evangelischen Kirche gelten die gleichen Maßstäbe.

Andererseits gilt natürlich auch, daß die Kirche barmherzig sein soll, weil auch Gott barmherzig ist. Doch das Beispiel mit der Taufe ist dafür wahrscheinlich ungeeignet, denn es wird ja nicht die Taufe an sich verweigert, sondern nur die Kindertaufe in diesem speziellen Fall. Da könnte man sich schon eher vorstellen, daß man einen aus der Kirche Ausgetretenen kirchlich

beerdigt, wenn alle Angehörigen aktive Gemeindeglieder sind.

Da kann man nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes gehen, sondern muß den Einzelfall werten, damit der Sinn einer Bestimmung erhalten bleibt. An sich sind Gesetze und Regeln eine gute Sache. Sie stellen die gesammelte Erfahrung von Generationen dar. Sie sind ein gutes Geländer für die eigene Entscheidung. Zuerst einmal gilt es, die von der Allgemeinheit aufgestellten Regeln einzuhalten.

Es gibt auch Mitbürger, die sehen das anders. Sie sagen: „Gesetze sind nur so etwas wie Vorschläge, wie man es machen könnte. Aber keine Regel ohne Ausnahme! Wenn auch der Staat mit seinen Machtmitteln die Gesetze durchsetzt, so muß es doch in der Kirche anders sein!“ Wer so redet und denkt, macht es sich zu leicht. Er setzt eigene Willkür an die Stelle der Rücksichtnahme gegenüber anderen.

Nur wer sich ehrlich bemüht hat, die bestehenden Gesetze einzuhalten, darf sich vielleicht auch einmal im Ausnahmefall die Freiheit nehmen, von der Regel abzuweichen. Vor allem gilt das, wenn nur so der eigentlich gemeinte Sinn einer Bestimmung eingehalten werden. Jesus hat sich Jesus an das Sabbatgebot gehalten und am Feiertag nicht gearbeitet. Aber als er und seine Jünger Hunger hatten, da hat er doch einmal einige Ähren abgerupft und den schlimmsten Hunger damit gestillt.

Zur Zeit Jesu und zur Zeit des Paulus war die Situation ja noch anders. Da stöhnten die Menschen unter den vielen kleinlichen Bestimmungen, die man aus Gottes Geboten heraus entwickelt hatte. Die Gebote sind eine gute Hilfe und lassen viel Freiheit. Deshalb dürfen sie nicht zu einem engen Geflecht gemacht werden, das die Menschen knebelt.

Deshalb schreibt Paulus: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig!“ Er will auch,

daß es in der Kirche anders zugeht als sonst in der Welt. Dort soll es menschlicher und gerechter sein, einfach frohmachender. Paulus hat ja selbst erfahren müssen, wie ungerecht und unmenschlich man ihn behandelt hat. Es waren gerade die eigenen Leute - zumindest ist es ein Teil der Gemeinde - der ihm zu schaffen macht. Sie zweifeln an, daß er Gottes Wort sagt und ein richtiger Apostel ist.

Paulus macht zum Maßstab, ob das Gesetz oder das Evangelium gepredigt wird. Wer das Gesetz nur als Forderung sieht, der kann ihm nur mit einer Leistung aus eigener Kraft begegnen. Er wird unweigerlich dabei aber zum Knecht des Gesetzes werden und sich in seinen Einzelbestimmungen verfangen.

Paulus aber hat zum Glück eine andere Botschaft. Er vertraut auf die Gabe Gottes, die dem Menschen das möglich macht, was er aus eigener Kraft nicht vermag. Er weiß etwas von der

Freiheit eines Christenmenschen, der sich gern an Regeln hält, aber im Sonderfall es auch anders machen kann.

Diese frohmachende Erkenntnis hat Paulus in der Auseinandersetzung mit Gottes Wort gewinnen dürfen. Nun will er sie der Gemeinde in Korinth und allen Christen vermitteln. Schon Mose hat etwas von Gott erfahren, das ihn so strahlen ließ, daß er sein Angesicht bedecken mußte, damit die anderen nicht geblendet werden. Noch viel strahlender aber ist, wenn man Gott in Jesus Christus sehen darf. Das hat Paulus voller Begeisterung gelernt und möchte es nun weiter vermitteln.

Dabei versteht er sich aber nicht als Amtsträger der als Organisation verfaßten Kirche. Das Amt in der Kirche ist - zumindest theoretisch - nicht auf eine Person beschränkt. Besonders in der Evangelischen Kirche haben wir das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. Es gibt viele Ämter neben dem des Pfarrers. An der Herrlichkeit des Dienstes für Gott kann im Prinzip jeder teilhaben. Aber in der Praxis ist es den kirchlichen Oberen doch lieber, alles im Griff zu haben.

Zum Beispiel muß man, wenn man als Pfarrer aus dem kirchlichen Dienst ausscheidet, die Ordinationsurkunde zurückgeben. Damit hat man zum Beispiel nicht mehr das Recht der freien Wortverkündigung, darf nicht mehr die Sakramente austeilen und nicht mehr die Beichte hören (um nur die drei Hauptverpflichtungen des ordinierten Pfarrers zu nennen).

Höchstens der vierte Punkt bleibt noch: Zusammen mit der ganzen Familie ein Vorbild des christlichen Lebens zu sein. Aber das gilt natürlich sowieso für jeden Christen. Man kann diese Aufgabe auch bejahen: Am Leben des Christen soll etwas deutlich werden von der Liebe Gottes zu den Menschen. Gott ist nicht das strenge Gesetz, sondern der uns liebende gütige

Vater.

Das wird auch in der Erziehung deutlich: Kinder brauchen feste Regeln, sonst finden sie sich nicht zurecht. Dennoch sollen sie auch etwas von der Freiheit erfahren. Da hat ein Kind zum Beispiel eine bestimmte Verpflichtung im Haushalt übernommen. Doch dann ist schönes Badewetter, die Freunde warten. Da übernehmen die Eltern für dieses Mal die Aufgabe. Dadurch kann das Kind etwas von dem erfahren, wie Gott zu den Menschen ist: zwar der fordernde Gott, aber auch der liebende Gott.

Gott ist nicht eine Idee oder ein hartes Prinzip, sondern einer, der unser Herz anrührt und freiwilligen Gehorsam erhofft. Da fragt ein Kind in der Schule die neue Religionslehrerin: „Machst du nur deinen Unterricht oder bist du wirklich christlich?“ Schon so ein Kind weiß und spürt, ob man diesen Dienst nur zum Broterwerb tut - weil man als Lehrer halt noch ein zweites Fach in der Schule braucht - oder ob man mit Leib und Seele dahinter steht. Es ist schon ein Unterschied, ob man nur arbeitet, um Geld zu verdienen, oder um eine Botschaft weiterzusagen.

Da will das Kind wissen: Betest du auch täglich und gehst du (fast) jeden Sonntag zum Gottesdienst? Was von einem Verkünder des Wortes Gottes verlangt wird, kann er im Grunde gar nicht leisten: Er hat studiert, kann Sachinformationen geben, er kann erörtern und argumentieren, er kann sich eine Einführung überlegen. Es ist schon gut, wenn man das alles hat lernen dürfen. Aber es geht nicht um das theoretische Wissen von der Religion.

Vielmehr will in der Predigt und überall, wo Leute der Kirche handeln, Gott selber zu Wort kommen und mit seiner Gemeinde reden. Wer das weiß, hält kein Referat, auch wenn in der Praxis viele nur Referate halten, weil sie das eben gelernt haben. Wer es aber ernst nimmt, der gibt etwas weiter, was er selber von außen gehört hat und was er als lebendigen Zuspruch an andere weitergeben kann.

Es geht nicht um das gute Studium, um natürliche Begabungen und Fähigkeiten, salbungsvolle Reden und witzige Pointen, um Leistungen und Vorzüge. All das ist nur Buchstabe, eigenes Können, Gesetz, so alles könnte man etwas auf den Tisch legen und Gott damit gewissermaßen zum Schuldner machen.

Gottes Geist allein macht es. Er ruft die Gemeinde zusammen, er öffnet die Ohren und Herzen, er läßt Verständnis und Erkenntnis wachsen, er weckt die Liebe zu den Menschen und überwindet das Gesetz. Ob alles richtig angenommen wurde zeigt sich darin, ob die Gemeinde ein Empfehlungsbrief ist. Nicht ein Empfehlung für den menschlichen Boten, sondern für die Botschaft und ihren Absender.

So gilt also: Statt Mosegesetz das Christusevangelium, lebendiger Geist und Einüben der Gerechtigkeit. Doch möglich ist das nur, weil man selbst den Freispruch erlebt hat und gerechtgesprochen ist.

 

 

20. Sonntag nach Trinitatis: 2. Kor 3, 4 - 9 (Variante 2)

In einer Reihe von alten Kirchen steht unter der Kanzel die Gestalt des Mose. Er ist kenntlich an den Gesetzestafeln, die er in der linken Hand trägt und an dem Wanderstab in seiner Rechten. Als Christen können wir allerdings den Mann mit den Gesetzestafeln nicht für sich allein betrachten. Wenn wir in einer solchen Kirche sind, dann werden auch unsre Augen hinüber­wandern zu dem Altar, wo das Kreuz Jesu steht. Der eine hat die Gebote Gottes gebracht, der andere hat gelehrt, daß wir Gott als unseren Vater anreden dürfen. So wurde das Predigtamt des Alten Bundes weitaus überboten durch Jesus, der den neuen Bund brachte.

Dennoch werden wir uns in der christlichen Kirche auf beide berufen, auf Mose und auf Christus. Die Gebote aus dem Alten Testament sind ja schließlich auch für uns die Gebote Gottes und gehören mit zu unserem Glauben. Nur haben wir heute noch sehr viel mehr zu verkündigen als Mose, der alttestamentliche Glaube wurde ja durch Jesus weit überboten. Und hatte schon das Amt des Mose eine gewisse Herrlichkeit, so hat die Aufgabe eines Predigers Jesu Christi noch viel mehr Glanz.

Daß wir uns gleich von Anfang an richtig verstehen: Diese Aufgabe des Predigens ist nicht eine Spezialität des Pfarrers. Und das entsprechende griechische Wort ist weniger mit „Predigtamt“ zu übersetzen, sondern vielmehr mit „Predigtdienst“. In diesen Dienst sind alle Christen mit einbezogen.

Von den Bibelforschern, den „Zeugen Jehovas“ können wir uns da eine Scheibe abschneiden, auch wenn sie natürlich inhaltlich irren. Aber die sind verpflichtet, jeden Monat soundsoviel Stunden „Felddienst“ zu tun, wie sie das nennen, also anderen Menschen von ihrem Glauben zu predigen. Und die lassen sich auch dafür schulen und haben keine Scheu, bei den Leuten mit der Tür ins Haus zu fallen. Bei deren ist jedes Mitglied ein Prediger.

Das ist bei uns theoretisch auch so. Aber viele werden sich jetzt im Stillen gesagt haben: „Ich kann das nicht. Ich kann meinen Glauben nicht so schön und vollendet in Worte fassen, wie das sein müßte. Deshalb scheue ich mich, bei anderen den Mund davon aufzutun. Ich will ja gern für mich ein Christ sein und bleiben. Aber ein Missionar kann ich nicht sein, das ist zuviel verlangt!“

Angesichts dieser Situation, in der sich sicher viele unserer Gemeindeglieder befinden, ist es deshalb sicherlich gut, wenn wir uns noch mehr Gedanken über den Predigtdienst machen (in drei Punkten).

 

1. Ihr seid ein Brief Christi:

Wie kommt Paulus zu diesem Vergleich? Nun, viele reisende Apostel der damaligen Zeit wiesen sich durch Empfehlungsbriefe aus. Paulus hatte solche Briefe nicht. Wer hätte sie ihm auch ausstellen können? Er war ja von Jesus Christus ausgesandt, der allein hatte ihn den Menschen empfohlen.

Aber Paulus hat dennoch Empfehlungsbriefe. Allerdings sind die nicht mit Tinte geschrieben und auch nicht wie die zehn Gebote auf steinerne Tafeln. Vielmehr sind sie mit dem Geist des lebendigen Gottes in die Herzen der Menschen geschrieben. Mit anderen Worten: Die Christen allein sind der Empfehlungsbrief für Christus und seine Apostel.

Was damals richtig war, ist auch für uns heute gut. Nicht mit Papier kann man für die Ausbreitung des Wortes Gottes sorgen, sondern nur durch das lebendige, gesprochene Wort. Das geschieht etwa, wenn ein Kind ein anderes mit zum Kindergottesdienst einlädt oder zum Kindernachmittag mitnimmt. Das geschieht, wenn der Pate sonntags zu Besuch kommt und mit dem Konfirmanden zum Gottesdienst geht und nachher mit ihm darüber spricht. Das geschieht, wenn die Mutter ihrem Kind das Beten lehrt. Das geschieht, wenn ein Arbeiter seinen Kollegen deutlich machen kann, weshalb der Glaube mit zu seinem Leben dazugehört. Das geschieht, wenn eine alte Frau eine Spruchkarte allen ihren Besuchern zeigt und etwas dazu sagt.

Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was man sagt, sondern daß es aus dem Herzen heraus gesagt wird. Wir sind ja nur die Werkzeuge Christi. Das Schreiben besorgt er schon selbst. Wenn man nur bereit ist zum Dienst, wird man auch schon die richtigen Worte finden und das sagen, was nötig ist.

Die Fähigkeit zum Predigen im weitesten Sinne ist ja nicht eine Fähigkeit des betreffenden Menschen. Angesichts der göttlichen Botschaft sind wir alle nur Hilfsprediger. Wer könnte sich schon rühmen, in jedem Fall den genauen Sinn einer Glaubensaussage erfaßt zu haben. Nicht die Diener sind also herrlich, sondern der Dienst.

Dennoch schadet es nichts, wenn man seine sämtlichen geistigen Fähigkeiten anstrengt, um den Sinn des Wortes Gottes zu erfassen. Pfarrer werden nicht nur die Dümmeren. Allerdings kann man nun nicht sagen, daß man erst Theologie studiert haben muß, um richtig glauben zu können. Ein schlichter Bibelleser kann zu den gleichen Einsichten gelangen und auch mehr vom Glauben verstehen als ein Pfarrer. Und ein Pfarrer muß sich das, was er weiß, mit dem Herzen angeeignet haben, sonst ist es ihm nichts nütze. Es ist auch gar nicht erforderlich, die Wahrheit der Bibel wissenschaftlich nachgewiesen zu habe. Daß die Wahrheit in unsrem Herzen drin ist, das ist entscheidend. Und bei wem das der Fall ist, der kann dann auch Prediger Gottes sein, welchen Beruf und welche Aufgabe er auch sonst haben mag.

 

2. Der Geist macht lebendig:

Luther hatte in seiner Zeit betonen müssen, daß der Geist Gottes an den Buchstaben der Heiligen Schrift gebunden ist und man sich deshalb immer nur auf diese berufen darf. Heute dagegen muß man sagen: Es genügt nicht, ein christliches Schriftchen einfach zu überreichen oder unter die Tür zu schieben, sondern das persönliche Wort muß mit dabei sein. Nur wer ein eigenes Glaubenszeugnis mit abgibt, ist ein offener Brief Christi, in dem alle lesen können.

Wenn einer die Bibel in Hebräisch und Griechisch lesen kann, dann ist das gut. Aber das macht ihn noch nicht geeignet zum Diener des neuen Bundes, sondern höchstens zum Diener des Buchstabens. Man kann als Geschichtswissenschaftler oder Philosoph die Bibel lesen und doch nicht weiter davon berührt werden. Christ wird man nicht durch Studieren und Nachdenken, sondern durch der lebendigen Geist Christi.

Dieser allein qualifiziert uns dazu, Diener des neuen Bundes zu werden. Wenn einer sich zum Meister oder Ingenieur qualifiziert, dann muß er viel Arbeit leisten. Auch uns Christen täte es gut, wenn wir uns im Glauben über das Konfirmandenwissen und vielleicht das Predigthören

noch weiter qualifizierten. Das kann nicht schaden, sondern wird eine Bereicherung sein. Aber der entscheidenden Durchbruch wird doch immer Gott erzielen.

Nur so kann man zu der inneren Freiheit der Träger der christlichen Botschaft kommen. Vielen Menschen merkt man es an, daß sie nicht nur fromme Worte machen, sondern erfüllt sind mit dem Geist Gottes. Sie tragen ein Geheimnis bei sich, das zwar nicht strahlend und trium­phierend sichtbar wird, sie aber doch zu Gehilfen Gottes macht. Sie vertrauen darauf, daß sie die Sache der Wahrheit vertreten und kein Wort mehr behaupten, als was ihnen von Gott aufgetragen ist. Gewiß werden sie auch für Christus werben. Es besteht deshalb die Gefahr, daß sie mit Geschäftsreisenden und Reklameleuten verwechselt werden. Davor ist man nie geschützt im Wettstreit der Meinungen und verlockenden Angebote.

Aber sie preisen nicht eine Ware an und versprechen auch nicht den Himmel auf Erden. Im Gegenteil: Sie sprechen eher von den Trübsalen und dem Mitsterben mit Christus. Sie dulden keine frommen Lügen. Und doch bleiben sie innerlich getrost und frei, weil sie Gottes Sache vertreten und von ihm auch mit getragen werden.

 

3. Der Dienst für Gott gibt Herrlichkeit:

Zunächst wird man wieder denken: Das stimmt doch nicht. Wer heute von Gott redet, der wird doch schief angesehen, für rückständig gehalten und unter Umständen sogar benachteiligt. Paulus selbst war ja zu seiner Zeit auch den häßlichsten Verdächtigungen ausgesetzt.

Wir müssen also zunächst feststellen, daß die Herrlichkeit des Dieners Christi verhüllt ist. Nicht jeder Außenstehende wird sie sogleich bemerken. Aber schon von dem Gesicht des Mose ging ein solcher Glanz aus, daß die Menschen sich von ihm abwenden mußten. Dabei hat er doch nur Gesetz und Verdammnis gepredigt. Aber Gott war ihm begegnet und deshalb strahlte sein Gesicht so.

Auch uns ist in Jesus Christus das Angesicht Gottes zugewandt. Wir dürfen heute das gnädige Gesicht Gottes widerspiegeln. Das heißt nun nicht, daß wir dauernd mit strahlendem Gesicht herumlaufen sollen. Und so eine feucht-fröhliche und plump-vertrauliche Christlichkeit stößt eher nur ab.

Oftmals sieht es in unserem Herzen auch nicht so danach aus, daß wir fröhliche Christen sein könnten. Aber Christus gibt uns die Gewißheit ins verzagte Herz, daß wir freigesprochen und nicht verurteilt sind und daß wir das leben und nicht den Tod zu erwarten haben.

Deshalb sehen wir von Mose hin zu Christus, der für uns der Bringer des Lebens ist. Seine Diener dürfen wir sein. Und das kann uns dann auch mit Zuversicht und Freude erfüllen, die man uns ansieht.

 

 

21. Sonntag nach Trinitatis: 1. Kor 12, 12 - 14 und 26 -27

Eine christliche Gemeinde bei uns gleicht oft einem Eisenbahnzug, bei dem eine starke Lokomotive die angekoppelten Waggons über die vorgeschriebene Strecke zieht. Es gibt bei dieser Fahrt keine Überraschungen, alles ist wohlgeordnet, die Weichen sind gestellt. Nur wenn die Lokomotive - sprich der Pfarrer - ausfällt, bleiben die Wagen stehen.

Es ist nicht ganz stehengeblieben, als der Pfarrer vier Monate auf einer Weiterbildung war. Aber was nicht ein Hauptamtlicher übernommen hat, das blieb liegen oder der etatmäßige Pfarrer hatte es trotz Beurlaubung zu machen.

Nicht jede Gemeinde ist in der glücklichen Lage, daß sie einen oder mehrere Pfarrer hat. Es gibt aber auch Gemeinden - und das ist die Regel - da hat ein Pfarrer vielleicht fünf Dörfer oder mehr zu betreuen. Natürlich kann er nicht in jedem Ort am Sonntag einen Gottesdienst halten. Aber die Gemeindeglieder denken dann: Bei uns ist heute nichts! Aber die ein oder zwei Kilometer ins Nachbardorf gehen sie auch nicht! Man könnte natürlich versuchen, Lektoren zu gewinnen, die sozusagen den Gottesdienst des Pfarrers vervielfältigen. Aber die Gemeinden nehmen das oft nicht an, sehen es nicht als einen vollwertigen Gottesdienst an, wenn er von drei Sechzehnjährigen gehalten wird.

Ganz anders ist das Bild, das Paulus von einer christlichen Gemeinde entwirft. Nicht ein Eisenbahnzug, sondern ein Leib mit vielen Glieder, bei dem eins auf das andere angewiesen ist und jedes Teil seine Aufgabe erfüllt, ein Leib, der nur dann gesund ist, wenn die Glieder in ihrer Verschiedenheit aktiv sind. Durch die Taufe sind wir in diesen Leib eingefügt worden, durch das Abendmahl werden wir darin erhalten. Wir haben uns nicht zusammengeschlossen, um miteinander tätig zu werden, sondern wir sind in ein Vorhandenes eingegliedert worden, in eine Ortsgemeinde und damit in die ganze weltweite Kirche.

Die Kirche ist nicht nur mit einem Leib zu vergleichen, sie ähnelt nicht nur einem Leib, sondern sie i s t ein Leib, nämlich der Leib Christi. Auch eine massive Glaskugel ist ein Ganzes. Aber ein Organismus zeichnet sich durch das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente aus.

Einheit bedeutet allerdings nicht Einheitlichkeit: Wir sind nicht ein Maschine, die immer gleiche Schrauben herstellt, sondern wir sind eher wie ein Baum, der verschiedene Blätter hat, die aber zusammen guten Schatten spenden. Aber schon in Korinth ist diese Einheit umstritten und gefährdet gewesen. Und dabei ging es nicht nur um Meinungsverschiedenheiten, sondern das Zusammenspiel war durch die Spaltungen ernsthaft gefährdet.

Auch bei uns gibt es Gemeinden, die aus lauter Einzelpersonen bestehen, die nicht im Dienst ihres Herrn zusammenarbeiten. Da kommt man sich vor wie im Kino, wo vorne auf der Leinwand alles passiert und wo jeder hinkommt mit dem Gedanken: Mal sehen, was uns heute geboten wird! Und wenn die Freizeitbeschäftigung dann vorüber ist, gehen wir wieder auseinander und kennen uns nicht mehr, die Sonntagswelt bleibt zurück, wenn der Alltag wieder sein Recht fordert.

Häufig ist es in unseren Gemeinden wie in einer Ehe kurz vor der Scheidung: Man kennt sich schon lange, aber man erträgt die Andersartigkeit des anderen nicht mehr, obwohl man sie ursprünglich als Beglückung empfunden hat. Man lebt auf Abstand, obwohl man doch eigentlich zusammengehört. Man ist beieinander und hat sich doch getrennt. Gerade weil wir den anderen so gut kennen, lassen wir oft die Beziehungen einfrieren. Dadurch aber entstehen Trennungen. Aber wenn wir ein Glied vom Körper abtrennen, amputieren wir uns selber, der Körper wird zum Krüppel. Und das alles lautlos, kaum bemerkbar, über Jahre hinweg.

Nicht daß wir den anderen hassen oder bekämpfen. Aber wir lassen vielleicht eine Lücke zu dem anderen, wir überhören seine Bitte, wir geben das Gerücht über ihn        weiter. Daß wir viel häufiger übereinander reden als miteinander, das zerbricht die Gemeinschaft. Wir bekennen uns zwar zur „Gemeinschaft der Heiligen“, aber das bleibt dann doch ein leeres Wort. Sehr schnell schieben wir andere ab und schließen sie aus, ohne zu bedenken, daß wir dadurch selber ärmer werden.

Auch bei den großen Kirchenkonferenzen ist das nicht anders. Da findet gewissermaßen eine Heerschau statt, da stellen sich Führerpersönlichkeiten heraus, da blitzen viele Geistesgaben auf, da werden kluge Vorträge gehalten. Aber dann wird zum Gottesdienst eingeladen - und alle laufen sie auseinander: Die Lutheraner für sich, die Reformierten und auch die Unierten, die an sich zwischen beiden vermitteln wollten, von den orthodoxen und den katholischen Christen gar nicht erst zu reden. Besonders beim Abendmahl geht es auseinander, das doch eigentlich ein Gemeinschaftsmahl ist.

Eine Frau hat einmal den katholischen Pfarrer gefragt - ihren Kollegen an der Schule - was er denn machen würde, wenn sie bei ihm zur Kommunion kommen würde. Er hat ganz klar gesagt, er würde sie zurückweisen, weil er sie ja kennt, nur bei Fremden könne er nicht wissen, ob sie berechtigt sind.

Andere Gemeinden können wir froh sein, daß sie viele dieser innerchristlichen Gegensätze überwunden haben. Da gab ja auch einmal am Ort zwei protestantische Kirchen und Gemeinden. Aber dann haben sich die reformierten und lutherischen Gemeinden zu unierten Gemeinden zusammengeschlossen und nennen sich heute schlicht „evangelisch“, ohne jeden Zusatz, und das ist auch gut so.

Es gibt aber auch bei uns Gemeinden, die durch ihren Frömmigkeitsstil, ihre Lebenspraxis, ihr Gemeindeziel bis zum Zerreißen in Spannung versetzt sind. Natürlich geht es schon um die Wahrheit. Wir können nicht alles dulden und gelten lassen. Da gibt es zum Beispiel die charismatische Kirche, in der man Teufelsaustreibungen und Krankenheilungen macht. Die Menschen geraten dort aber unter einen ungeheuren Druck, denn wenn ihre Krankheit nicht weggeht, dann heißt es: „Du hast nur nicht genug geglaubt!“ Von so etwas müssen wir uns schon abgrenzen.

Aber deshalb dürfen wir uns noch nicht als die allein seligmachende Kirche bezeichnen. Es gibt viele Kirchen, von denen wir etwas lernen können. Gewiß, sie sind vielleicht klein und auf die Hilfe der anderen angewiesen, sie haben keine glanzvollen Theologen, sie sind arm und haben keine großen Kathedralen, sie können keine Liebesarbeit leisten. Auch sie können etwas beitragen zum Gesamten der Kirche.

Paulus tritt hier in besonderer Weise für die Schwachen ein: Sie müssen einen besonderen Schutz und besondere Ehre genießen. Es gibt keine besonders qualifizierte Christen, keine Hochstehenden, keine die sich selber als Wiedergeborene sehen dürfen.

Spaltungen entstehen oft daraus, daß wir das Anderssein eines Anderen als gefährlich ansehen. Er soll sich möglichst nicht von uns unterscheiden, weil das bei uns Unsicherheit und Angst erzeugt. Dabei geht es miteinander doch besser, weil man sich gegenseitig ergänzen kann. Wir sind alle aufeinander angewiesen, weil keiner das Ganze hat, sondern immer nur die eine oder andere Gabe. Diese Gabe darf man aber nicht brach liegenlassen, die anderen brauchen sie. Ich habe vielleicht nur eine kleine Erkenntnis und nur eine kleine Kraft. Die Kirche als Ganzes aber hat große Erkenntnis und große Kraft, wenn ich nur meinen Teil dazu beigetragen habe.

Jeder Teil des Körpers ist wichtig, abgesehen vielleicht vom Blinddarm und den Weisheitszähnen. Keiner darf sich mutwillig vom Ganzen trennen. Nicht gebrauchte Muskeln erschlaffen, nicht bewegte Gelenke versteifen, Gaben, die nicht eingesetzt werden, verkümmern und gehen verloren. Wer aber anderen zum Glauben verhilft, wird seines eigenen Glaubens gewisser. Wer andere tröstet, wird selbst getrösteter. Die Fähigkeit zum Helfen wächst, indem man hilft. Lernen kann man nur, indem man es tut.

Vor Gott zählt jeder Dienst gleichermaßen. Das gibt es Menschen, die hören nicht nur aus Höflichkeit zu, wenn andere reden. Sie hören das auch, was zwischen den Zeilen steht. Ihre Antwort hat heilende Kraft. Sie haben Zeit für andere. Sie schlagen vor, was jetzt zu tun wäre und packen es an. Geringe Gaben gibt es überhaupt nicht, das Kleine sieht Gott als das Große an.

Eine alte Frau sagte einmal: „Wenn ich nachts nicht einschlafen kann, dann gehe ich im Gebet alle Häuser im Dorf durch und bete für die Menschen!“ Das ist doch großartig, das ist etwas, das jeder von uns tun kann. Die gegenseitige Abhängigkeit ist etwas Beglückendes: Ich brauche dich - du brauchst mich, und wir beide brauchen Gott, das führt uns zusammen. Bloße Konsumenten erleben das nicht! Wird mein Gebetsleben schwach, wird dies auch auf andere wirken. Werde ich durch mein Leiden an Gott irre, bricht mein Nachbar vielleicht auch ein. Umgedreht: Werde ich mit einer Versuchung fertig, wird es auch mein Nebenmann leichter haben. Gelingt es mir, mein Leiden in Zuversicht aus Gottes Hand zu nehmen, wird es auch dem anderen leichter. Aber das heißt auch: Ich bin nicht allein. Die anderen stellen sich an meine Seite, und vor allem steht Gott an meiner Seite.

 

23. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 18, 20-21.22b-33                         

In unserem Rechtssystem gibt es die Möglichkeit der Begnadigung. Jeder Gefangene kann nach einer Verbüßung von zwei Drittel seiner Strafe eine Aussetzung seiner Strafe zur Bewährung beantragen. In manchen Staaten gibt es auch noch die Möglichkeit, ein Gnadengesuch an den Staatspräsidenten oder den König zu richten. Heute haben wir eine Geschichte gehört, in der sich Abraham an die allerhöchste Instanz wendet, nämlich an Gott. Er bittet allerdings nicht für sich, sondern für die Einwohner zweier Städte.

Im Grunde geht es hier um eine Gerichtsverhandlung bzw. um das Vorfeld einer Gerichtsverhandlung. Man weiß ja: „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand!“ Das heißt: Man weiß nie, wie es ausgehen wird, auch wenn man noch so sehr im Recht zu sein meint. Deshalb wird vor Gericht nicht nur von Seiten der Richter entschieden, sondern man trifft sich im Richterzimmer und verhandelt: die Berufsrichter, die Schöffen und die Rechtsanwälte. Der Richter sagt: „Wenn der Angeklagte alles zugibt, erhält er eine geringere Strafe!“ Oder er sagt: „Wenn er einen Strafbefehl annimmt und eine Geldstrafe zahlt, dann ist er nicht vorbe­straft!“ Offiziell darf man das nicht so machen, aber es wird gemacht, auch wenn am Ende die Richter das letzte Wort behalten.

So versucht auch Abraham in der Erzählung, mit Gott einen Handel zu machen. Es ist direkt rührend, wie er zuerst nur um fünf Personen nach unten geht und sagt: „Weil fünf Leute fehlen,  wirst du doch nicht die ganze Stadt verderben!“ Erst war er noch bei 50 Leuten und dann ist es auf einmal nur noch ein Zehntel davon. Und dann geht er immer in Zehner-Schritten weiter nach unten. Bei Zehn allerdings bricht er ab, da traut er sich nicht mehr. Aber im Grunde geht es darum, ob nicht ein einziger Gerechter die Stadt retten könnte.

Schließlich packt Abraham aber auch noch Gott bei seiner Ehre und sagt: „Du bist doch der Richter der Welt und ein Richter muß gerecht richten. Da kannst du doch nicht die Gerechten wie die Gottlosen behandeln und die einen wie die anderen töten!“ Darf man so mit Gott reden? Ja, man darf! Das will uns diese Geschichte sagen. Sie steht ja ganz einzigartig im Alten Testament. Beim Propheten Hesekiel heißt es ganz anders: „Es kann nicht sein, daß die Väter saure Trauben gegessen haben und den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden. Jede Generation hat ihre eigene Schuld zu tragen, es gibt keine Erbsünde!“

Aber hier bei Abraham wird das differenzierter gesehen. Hieran kann man sehen, daß die Bibel nicht einheitlich ist und unterschiedliche Theologen auch unterschiedliche Auffassungen vertreten. Man darf sich das ja nicht so vorstellen, als habe der echte Abraham tatsächlich mit Gott verhandelt.

Bei den Erzählungen von Sodom und Gomorrha handelt es sich ja um Sagen, die die Frage beantworten sollen, weshalb diese Städte in der Wüste denn zerstört worden sind.  Aber diese Sagen hat ein Prediger zum Anlaß genommen, über eine wichtige Frage des Glaubens nachzudenken.  Es geht um zwei Grundsatzfragen:  a. Wenn Gott gerecht richtet, dürfte der Gerechte doch nicht wegen der Ungerechten  bestraft werden? b. Könnte nicht das Vorhandensein einer gewissen Zahl von Gerechten das Unheil auch von den Ungerechten abwenden?

 

Hinter solchen Fragen aber steht die Vorstellung: Es gibt eine für jeden einsichtige gute Weltordnung, in der die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden. Aber wer so denkt, der klagt dann auch Gott an: „Wie kann er es zulassen, daß ein Flugzeug abstürzt, ein Erdbeben kommt, ein Seuche ausbricht, eine Dürre oder  Flut kommt!“

Menschen kann und muß man verantwortlich machen für das, was sie tun. Das gilt für die kleinen oder großen Vergehen des Einzelnen, aber auch für Geschichtskatastrophen wie Kriege oder Hungersnöte. Aber Sodoms Schicksal hat sich nicht deswegen erfüllt, weil Gott weggesehen oder versagt hätte. Er ist schon der Schöpfer und Erhalter der Welt. Alles geht auf Gott zurück. „Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?“ fragt der Prophet Amos. Aber Gottes Wirken bleibt verhüllt, er wirkt im weltlichen Geschehen, aber das ist nie direkt zu sehen. Und auch wenn Gott die Geschicke der Welt lenkt, so dürfen wir doch versuchen, in das Räderwerk der Geschichte einzugreifen. Gott ist nicht so festgelegt, daß sich gar nichts mehr ändern könnte. Dennoch gilt:

1. Gerechte leiden mit Ungerechten: Die Warum-Frage taucht ja nur immer wieder auf, weil es uns im Blut liegt, immer nur im Schema einer angemessenen Vergeltung zu denken: Wer etwas Unrechtes getan hat, der muß dafür büßen, diese Regel wird eins zu eins umgesetzt! In  Israel dachte man außerdem noch von der Gesamtheit, vom Kollektiv, her: Sündigt einer, so geht sein Sündigen aus der Gemeinschaft hervor und die Gemeinschaft als Ganze haftet dafür. Damals wußte man noch um gewisse Zusammenhänge.

So ist auch das deutsche Volk schuldig an dem Versuch, die Juden in Europa zu vernichten. Natürlich  sind wir Heutigen nicht mehr direkt schuldig an der Ermordung der Juden. Und es ist auch nicht richtig, daß der Staat Israel immer wieder von den heutigen Politikern erwartet, daß sie sich für das damalige Unrecht entschuldigen. Aber wir sind nun einmal Teil dieses Volkes, das solche Schuld auf sich geladen hat. Und da hilft auch nicht der Verweis auf andere Völker und was diese getan haben und tun. Und selbst wer heute die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, der stellt sich in diesen Zusammenhang und kann nicht sagen: „Ich bin Ausländer, mich geht das nichts an!“

Aber natürlich ist die Schuld eines wirklichen Täters von damals noch einmal schwerer zu werten. Er kann sich nicht hinter einer sogenannten „Kollektivschuld“ verstecken. Er kann nicht sagen: „Die Verhältnisse waren nun einmal so, ich habe nur auf Befehl gehandelt!“

Deshalb sind ja die Einzeltäter verurteilt worden, wenn man ihrer habhaft wurde.

Aber wenn einer heute vom Gericht verurteilt wird, dann ist nicht nur er schuldig. Da werden dann die sogenannten „mildernden Umstände“ berücksichtigt: Das freudlose Elternhaus, die leichtsinnigen Freunde, geistige Einflüsse - vieles war da im Spiel. Aber die Suppe, die einer auszulöffeln hat, haben wir alle mit gekocht, und wenn wir nur die Prise Salz dazu getan haben. Deshalb müssen wir die Suppe auch mit auslöffeln. Wir machen damit nicht alle Katzen grau, es gibt auch unter den Menschen noch erhebliche Unterschiede. Aber das Wissen um die gemeinsame Schuld entlastet  unser Gewissen nicht.

2. Um der Gerechten willen werden Ungerechte verschont:

Soll Geschichte denn nur von den Bösen gemacht werden, können es nicht auch einmal die Guten sein? Es muß sich doch nicht alles nach der Schuld der Ungerechten richten, es könnte ja auch einmal die Unschuld der Gerechten die Oberhand bekommen! Führt die  Anwesenheit von Gerechten nicht zu einer Bewahrung  für das Ganze?

Doch - sagt uns dieser einzigartige Bibeltext: Gott erhält die Welt, weil er gute Kräfte am Werke sieht, die Gerechtigkeit wollen und Frieden in der Welt. Gott sieht die Bemühungen der Gerechten - ob sie ihn nun kennen oder nicht. Der Schöpfer hat doch seine Schöpfung lieb, er ist doch ein Richter, der am liebsten freispricht.

Ins Neue Testament übersetzt heißt das: Gott erhält die Welt, weil es Christen in ihr gibt. Doch diese sind nicht aus sich selbst die „Gerechten“, sondern nur weil Gott ihnen seine Gemeinschaft geschenkt hat, allein aus Gnaden. Deshalb haben sie die Aufgabe, in der Fürbitte für die Welt einzutreten, so wie Abraham für Sodom. Wir tun das jeden Sonntag im Gottesdienst. Aber es gibt sicher auch viele Einzelne, die die Probleme der Welt in ihre persönliche Fürbitte einbeziehen.

3. Ein Gerechter stirbt für die Ungerechten: Gott ist dafür zu haben, daß die Gerechten die Ungerechten vor dem Unglück bewahren. Das Zahlenverhältnis entscheidet dabei nicht. Wenn Abraham bei zehn Gerechten aufhört, dann traut er Gott nicht genug zu. Es gibt ja überhaupt keinen Gerechten, der vor Gott bestehen könnte.

 Hatten wir zunächst gesagt: „Die Schuld eines Einzelnen kann eine ganze große Gemeinschaft belasten!“ so können wir jetzt umgedreht sagen: „Die Gerechtigkeit eines einzigen Unschuldigen kommt dem Ganzen zugute!“

Aber dieser eine hat sich in Sodom nicht gefunden, und deshalb ist es untergegangen. Aber immerhin: Abrahams Neffe Lot und seine Familie werden gerettet, indem sie aus der Stadt fliehen können. Doch vom Neuen Testament her wissen wir, daß wir einen viel größeren Retter haben: „Jesus Christus, der von keiner Sünde wußte, wurde für uns zur Sünde, damit wir in ihm Gerechtigkeit erlangen“, heiß es im 2. Korintherbrief.

„Sodom“ war nicht nur eine Naturkatastrophe. Für uns ist es ein Gleichnis für Gottes Gericht, das aber von Christus abgefangen wurde. Es ist mehr geschehen, als was Abraham zu bitten gewagt hat. Wenn wir nur glauben, wird es auch uns zugute kommen.

 

           

Reformationsfest: Phil 2, 12-13

Der spanische Dichter Cervantes erzählt in seinem Hauptwerk „Don Quichote“ folgende Begebenheit: Don Quichote war ein Ritter, der noch ganz in seiner längst überlebten Ritterromantik lebte und die neue Zeit einfach nicht wahrhaben wollte. Einmal reitet er mit seinem Knappen Sancho übers Land. Der Ritter ist schwerbewaffnet und auf alle Abenteuer gefaßt. Auf einem Berg vor sich sehen sie Windmühlen, deren Flügel sich im Winde drehen. Don Quichote ist derartiges noch nie begegnet. Er hält in seiner Einbildung die Windmühlen für Riesen. Sein Knappe will ihn aufklären, aber vergeblich: Don Quichote faßt den Schild fester, legt die Lanze ein und gibt seinem Pferd die Sporen. Da gerät er unter die sich drehenden Flügel der ersten Windmühle. Die Lanze zerbricht, der Schild fliegt weg, und er selbst kugelt über den Acker.

Die Geschichte will besagen: Wir leben nun mal nicht mehr zur Ritterzeit, sondern in einer anderen Welt. Ob wir das begrüßen oder bedauern, ist nicht wichtig. Die Wirklichkeit gilt es zu sehen. Weh dem, der nur möglichst ungeschoren „über die Runden kommen“ will. Wir haben unser Leben zu meistern; sei es als Kind in der Schule, als Mutter und Hausfrau im Hause, sei es als Berufstätiger in der Arbeitswelt oder auch als Mensch des Alters im Ruhestand.

„Das Leben meistern“, das heißt: dieses Leben mit all seinen Anforderungen als Christen zu bestehen. Die Frage ist nur: Wie können wir unser Leben meistern? Der Predigttext antwortet darauf : Erstens durch Einsatz unserer Kraft für unsere Rettung; zweitens durch Hingabe unseres Lebens an den Retter.

1. Einsatz unserer Kraft für unsere Rettung:

Keiner besteht die Ingenieurprüfung, keiner wird in irgendeiner sportlichen Disziplin Olympiasieger, keiner wird Könner auf einem Musikinstrument, der nicht seine ganze Kraft einsetzt. Das ist völlig klar. Ebenso klar scheint unter uns das andere zu sein: daß man für seinen Christenstand nichts einzusetzen braucht. Christ wird man durch die Taufe. Dann ist man sein Leben lang Christ, und wenn nichts Außergewöhnliches passiert, wird man eines Tages als Christ begraben. Das Christsein ist unserer Meinung nach das einzige auf der Welt, das sich sozusagen von allein macht.

Das ist ein gefährlicher Irrtum! Der Apostel Paulus schreibt: „Schaffet, daß ihr selig werdet mit Furcht und Zittern!“ Ist das nicht eine unerhört unbarmherzige Forderung? Man sage das einmal verschütteten Bergleuten, denen jeder Ausweg abgeschnitten ist. Oder einem Ertrinkenden vom sicheren Ufer aus.

Wenn er sein eigene Rettung schaffen könnte,  brauchte er diesen Aufruf nicht! Bergleute und der Ertrinkende sind ganz und gar darauf angewiesen, daß die Hilfe von außen kommt. Und nun heißt es sogar: „Schaffet eure eigene Seligkeit?“

Da fällt uns doch auch Martin Luther ein, der gesagt hat, daß man nicht aus eigener Vernunft noch Kraft zu Gott kommen kann. Er wandte sich ja gerade gegen die Auffassung, man könne sich den Himmel verdienen durch seine eigene Anstrengung, durch gute Taten und Gebete zu den Heiligen oder gar durch Geldzahlungen an die Kirche. Gott hat doch von außen her den Retter zu uns gesandt! Wir brauchen uns nicht von der Umklammerung der Sünde zu befreien, weil Christus uns längst befreit hat!

Es ist schwer, beides im rechten Verhältnis zueinander zu sehen: Das Gnadenwirken Gottes und das Wollen und Vollbringen des glaubenden Menschen. Auf der einen Seite steht das Unvermögen des Menschen und auf der anderen die große Freude darüber, daß das Handeln Gottes an den Menschen keiner Ergänzung und Auffüllung von Seiten des Menschen bedarf. Die Gnadenpredigt macht den Menschen nicht zum leblosen Objekt. Aber es ist in der Predigt der evangelischen Kirche eine der größten Ketzereien, daß man doch wieder an das eigene Tun des Menschen appelliert.

Natürlich sollen wir auch etwas tun, aber nur unter dem Vorzeichen der vorher geschehenen Gnade Gottes. Es kommt darauf an, daß das von uns Gewollte und Vollbrachte nicht sofort wieder zum Heilschaffenden umverfälscht wird, so als brauche man beides: Gottes Gnadenwirken u n d unser Frommsein! Gott freut sich über unser Fromm­sein. Aber heilswirksam ist es nicht, es erwächst vielmehr aus dem von Gott bewirkten Heil. Das ist die große Wende, die Martin Luther gebracht hat,

Übersehen wir nicht den Hinweis des Paulus auf den Gehorsam. Das heißt doch: „Du sollst in allen Dingen Gott gehorsam sein! Du sollst verzichten, wenn er es haben will; du sollst hergeben, was dir lieb und teuer ist, wenn es sein Wille ist!“ Das hieße doch wohl für uns: Das Leben meistern, Ja sagen zu Gottes Wollen auch dort, wo er uns einschränkt. Jesus ist diesen Weg des Loslassens, des Verzichtens und damit des absoluten Gehorsams gegangen.

Deshalb sagt Paulus: Ich brauche euch ja nicht zur Ordnung zu rufen. Der Gehorsam mußte bei euch nicht erst ins Leben gerufen werden, er ist ja da, denn ihr seid in den Gehorsam Christi  eingeschlossen und von ihm durchdrungen, so daß man gar nicht auf den Gedanken kommen kann, man hätte alles selbst geleistet. Paulus vertraut darauf, daß die Gemeinde auch gehorsam bleiben wird, wenn er nicht mehr bei ihnen ist. Der Gehorsam hängt nicht von seiner Person ab.

Auch die Reformation hing nicht von Martin Luther an. Er selber sagt: „Während ich mein gutes Wittenbergisches Bier getrunken habe, hat Gott die Reformation gemacht!“ Der Glaube kann und darf nicht an einer Person hängen.

Niemand kann in eigener Kraft seine Rettung schaffen. Das hat Jesus Christus schon mit seinem Opferweg getan. Ihm gilt es nachfolgen auf diesem Weg. Das ist kein Spaziergang. Es gilt, den Gehorsam im Loslassen zu üben. Oft will Gott von uns gar nicht das Hergeben, sondern nur die Bereitschaft dazu. Denken wir  an Abraham, als er seinen Sohn opfern sollte und Gott ihm dann gnädig das Opfer ersparte.

Aber es geht schon darum, unter Einsatz der ganzen Kraft den Weg der Nachfolge Jesu Christi zu gehen. Das ist der Weg, auf dem man sein Leben meistert. Aber der christliche Glaube ist nicht nur ganzer Einsatz und eine gewaltige Kraftanstrengung. Niemand muß verzagen, denn Paulus fährt ja fort: „Schaffet, daß ihr gerettet werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen!“

 

2. Hingabe unseres Lebens an den Retter:

Der Mensch ist ein lebendiges Wesen. Er kann Ja oder Nein sagen zu dem, was Gott ihm anbietet und schenkt. Er kann auf Gottes Locken eingehen oder sich versagen. Nicht mehr unsere Kraftanstrengung ist entscheidend, sondern unsere Bereitschaft zur Hingabe unseres Lebens an den Retter.

Das ist nicht unbedingt leicht: Wenn nun plötzlich das Ja zum Verlust der Gesundheit oder zum Verlust eines lieben Menschen oder die Bereitschaft zum Verlust irgendwelcher Erfolgsaussichten verlangt wird? Wer um Jesus Christus als dem von Gott gesandten Retter weiß, der darf dann seine Hände falten und bitten: „Herr, gib du mir das Wollen und das Vollbringen: Hilf mir, ja zu sagen von ganzem Herzen, denn ich weiß, du meinst es gut!“ Das nennen wir: Hingabe unseres Lebens an ihn.

Paulus spricht aber auch von „Furcht und Zittern“. Man könnte ja Gott etwas anbieten durch verängstigte Demut, durch Scheu vor Gottes Zorn, durch Unterwürfigkeit und Niedrigkeit. Luther hat das ja in seiner Frühzeit versucht, als er noch Mönch war. Glaube ist aber kein Sich-klein-Machen, kein ängstlicher Verzicht auf jede eigene Leistung, denn dann wäre er ja wieder eine Leistung.

Luther hat bemerkt, daß in dieser tiefen Selbstdemütigung ein verborgener Hochmut stecken kann und im radikalsten Verzicht eine nicht enden wollende Selbstliebe. Es geht nicht darum, daß man sich demütigt und Gott muß das dann anerkennen, sondern die eigene Sache kann man sowieso nicht bei Gott durchfechten.

Hier kann man sich nur selbst zurücknehmen, indem man alles von Gott erwartet. Er muß als Gott anerkannt werden, von ihm muß alles kommen. Wer mit Furcht und Zittern vor Gott tritt, macht nichts geltend, zeigt nichts vor. Aber umgedreht gilt auch: Wer an sich selbst irre geworden ist, weil er selbst nichts vorweisen kann, der braucht nicht an Gott zu verzagen. Er braucht die eigene Gerechtigkeit ja gar nicht mehr, denn für ihn gilt ja die Gerechtigkeit Christi.

Wer seine Rettung mit Furcht und Zittern bewirkt, wird auf keine Fall mit ansehnlichen Ergebnissen vor Gott treten wollen. Er wird es auch nicht können. Die Gerechtigkeit liegt nicht in einer bestimmten neuen Qualität meines Wesens, sondern in der Barmherzigkeit Gottes. Aber das bedeutet nicht, daß es nicht zu einer wirklichen Erneuerung und Veränderung käme. Gnade verändert meine Situation vor Gott, denn die Überwindung der Sünde wird in Gang gesetzt. Die Gnade wirkt gegen den Zorn, die Gabe Gottes gegen die Sünde.

Paulus schrieb diesen Brief aus dem Gefängnis, den gewissen Tod um Christi willen vor Augen. Eine Lage, in der nicht wenige Menschen verzweifelt sind. Paulus jedoch hat sein Leben gemeistert, weil er ein volles Ja zu Gottes Wegen gefunden hat, auch wenn er „geopfert wird“, wie er sagt. Er ist zu ganzem Einsatz bereit. Dazu ist er bereit geworden, weil er sein Leben seinem Heiland Jesus Christus ganz und vorbehaltlos hingegeben hat.

Am Schluß fordert Paulus die Gemeinde auf, sich mit ihm zu freuen. Da ist kein Raum mehr im Herzen für Jammern und Sich-selbst-Bemitleiden, auch nicht für Verzagen und Verzweifeln. So sieht ein gemeistertes Leben aus. Wir leben in Furcht und Zittern. Aber in uns wirkt der Gott, der uns verändert - das ist ermutigend und befreiend für uns.

 

 

 

Drittletzter Sonntag: 1. Thess 5, 1 - 6

Ein junges Paar will Hochzeit feiern. Schon Wochen vorher gibt es viel zu tun mit den Vorbereitungen auf das Fest. Endlich ist der große Tag gekommen. Nur noch die Tante des Bräutigams muß in der Kreisstadt von der Bahn abgeholt werden. Der Bräutigam fährt schnell hin. Doch er findet die Tante nicht. Er fährt hin und her, es vergeht viel Zeit. Zuhause warten sie und sind unruhig, weil der Bräutigam nicht wiederkommt.

Ärger macht sich breit, vielleicht auch ein wenig Sorge. Hat er es sich im letzten Augenblick noch anders überlegt? Oder ist ihm etwas zugestoßen? Der Termin für das Standesamt ist schon vorbei. Schließlich wird die Tante nach langem Suchen doch noch gefunden. Endlich kommen sie beide an, und das Fest kann nun endlich beginnen.

So ähnlich müssen wir uns auch die Spannung in den ersten Christengemeinden vorstellen. Man wartete gespannt auf den wiederkommenden Herrn Jesus Christus. Die Worte Jesu haben sie so verstanden: Er wird bald wiederkommen! Aber plötzlich und unerwartet wird dieser Tag kommen. Deshalb gilt es, immer recht vorbereitet zu sein. Der kommende Tag wird ein ernster Tag sein, ein Tag des Gerichts. Aber es wird auch ein Tag der Freude sein, weil die Welt nicht nur gerichtet, sondern auch gerettet werden soll.

Es hat viele Vorstellungen gegeben, wie das Ende der Welt aussehen soll. Bei den Griechen gab es eine Philosophenschule, die von einem großen Weltenbrand sprach. Die Juden erwarteten das Reich des Messias. Die ersten Christen sprachen vom neuen Himmel und der neuen Erde. Karl Marx wollte die klassenlose Gesellschaft und wir Heutigen fürchten eine nukleare Katastrophe.

Als Christen sollten wir wach und nüchtern sein und uns durch keine falsche Lehre irre machen lassen. Schon Jesus hat gesagt, daß keiner wissen kann, wann der Tag des Herrn kommt. Er selber hat es nicht gewußt. Der Termin ist ungewiß, aber er wird plötzlich kommen. Viele werden sich aber in Sicherheit wiegen. Sie sagen: „Uns droht doch keine Gefahr! Es ist doch alles ruhig, wir haben alles, unser Leber geht schon seinen Gang! Gott ist weit weg, wir haben erst einmal auf der Erde unheimlich viel zu tun!“ Ihr Dasein erschöpft sich im Heute, es gibt keinen Gedanken an die Wiederkunft.

Paulus dagegen stellt uns eine andere Sicht des Lebens vor Augen. Er möchte, daß die Gegenwart und die Zukunft in rechter Weise miteinander verbunden sind. Fiele die Zukunft aus, wäre auch die Gegenwart nicht mehr das, was sie ist. Aber was heute da ist, das ist schon von der Zukunft erfüllt. Es geht also nicht, daß man zukunftsvergessen in den Tag hinein lebt. Es geht aber auch nicht, daß man sich an die Zukunft verliert. Das Kommen der Herrschaft Gottes aber gibt der zukünftigen wie der gegenwärtigen Welt das Gesicht.

Damit wir wach sind für das Letzte, gilt es nach Paulus zwei Dinge festzuhalten: Christus kommt wie der Dieb in der Nacht. Und: Christen leben als Kinder des Tages. Bedenken wir zunächst:

 

Christus kommt wie der Dieb in der Nacht:

Gemeint ist natürlich nicht, daß Jesus unbemerkt käme wie ein Dieb. Vergleichspunkt ist:

Er kommt unberechenbar und unerwartet, er ist im Programm nicht vorgesehen. Es ist sogar ausdrücklieh Gottes Wille, daß wir den Zeitpunkt nicht vorauswissen.

Was wäre auch, wenn wir wirklich Tag und Stunde wüßten, so wie man die Abfahrtszeit eines Zuges wissen kann? Zunächst würden wir doch denken: Es ist noch lange hin, ich kann inzwischen hundert andere Dinge treiben. Wir würden die längst fälligen Entscheidungen des Glaubens und Lebens vor uns herschieben wie ein verbummelter Student, der das Examen noch in weiter Ferne wähnt. Wir würden die Wiederkunft in unseren Terminkalender eintragen und bis dahin leben, als käme er nicht.

Wir gingen also auf Distanz. Das aber will Jesus gerade nicht. Jeden Augenblick sollen wir auf ihn gefaßt sein! Also nicht den Tag des Herrn berechnen, sondern mit dem Tag des Herrn rechnen! Das gibt unserem Leben nicht nur den Ernst, sondern auch die gespannte Vorfreude. Wer zu jeder Stunde und an jedem Ort mit dem Kommen des Herrn rechnet, für den ist jede Berechnung dann auch unnötig - unnütz ist sie sowieso!

Aber die Kenntnis des genauen Termins würde auch noch eine andere Gefahr mit sich bringen. Im Krankenhaus hatte ein Mitpatient einem Mann aus der Hand gelesen und  gesagt, er habe noch 6 Jahre zu leben. Jetzt war dieser Mann glücklich, weil er sich sagte: Es sind noch volle sechs Jahre! Bei seinem Alter war das wirklich etwas Erfreuliches. Aber das Problem dabei war aber nicht nur, daß er dachte, er hätte ja noch viel Zeit. Was wird aber wohl sein, wenn die sechs Jahre sich dem Ende zuneige? Wird er da nicht unruhig werden? Wird er nicht

auf Anzeichen achten und sich dabei selbst verrückt machen? Es kann doch durchaus sein, daß er noch länger lebt. Solche Prophezeiungen sind ganz gefährlich, weil man sich ja doch irgendwie von dem Termin beeinflussen läßt. Mancher hat sich dann schon selber das Leben genommen, weil er die Ungewißheit nicht mehr ausgehalten hat.

Viel wichtiger als alle Termine ist die Erkenntnis: An Jesus kommt keiner vorbei. Jetzt in diesem Leben ist das zwar noch äußerlich möglich, aber dann nicht mehr. Wir können uns nicht mit dem Gedanken beruhigen: Er ist 2000 Jahre nicht gekommen, da wird er mich

auch nicht mehr stören.

Er kommt aber plötzlich wie die Wehen über eine Frau, die Mutter werden soll. Sie weiß ja auch: eines Tages wird es einmal soweit sein. Aber wenn es dann losgeht, ist es doch oft

überraschend. Aber da wird keine Frau gefragt, ob es ihr in diesem Augenblick recht und willkommen ist. Da nützt es auch nichts, wenn man davonlaufen wollte. Wenn es soweit ist, muß man dem Kommenden standhalten. Das gilt auch für das Kommen Christi.

Wir wissen weder Zeit noch Stunde. Das erste ist die Zeit im formalen Sinn. Sie wird uns deutlich, wenn die Uhr tickt und der Kalender Tag um Tag um ein Blatt dünner wird; so geht die Zeit dahin und wird immer weiter laufen. Es gibt aber auch den Zeitpunkt, der

inhaltlich gefüllt ist, es gibt „Sternstunden“ und „Schicksalsstunden“: ein Mensch tritt in unser Leben , eine neue berufliche Möglichkeit tut sich auf, wir erleben etwas Schönes wie seit Jahren nicht mehr.

Für uns kommt es darauf an, in der ablaufenden Zeit den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Dann kommt es zu der unmittelbaren Christusbegegnung. Das Wie und Wann ist dabei nicht wichtig. Fest steht nur, daß die unmittelbar Beteiligten keinen Vorsprung haben werden vor den schon Entschlafenen. Niemand weiß, was die Welt am Jüngsten Tag erleben wird. Wahrscheinlich werden wir überrascht sein, wie anders alles ist. Sollten wir eher sterben, so erleben wir eben unseren „Jüngsten Tag“ in dem Übergang, den wir  „Tod“ nennen. Aber bis dahin ist für uns wichtig:

 

Christen leben als Kinder des Tages:

Wenn anfangs vom Dieb in der Nacht die Rede war, so kommt jetzt die überraschende Wendung: Christen sind nicht in der Nacht, sondern sie leben im Tageslicht, sie sind wach und nüchtern, sie lassen sich nicht überraschen, sondern sind auf dem Posten.

Es hat Zeiten gegeben, da hat die Beschäftigung mit dem Letzten vom Vorletzten abgelenkt und die Menschen für das Leben untüchtig gemacht. Wer aber weiß, daß der Herr in jedem Augenblick zur Stelle sein kann, dem wird der einzelne Augenblick seines Lebens kostbar.

Das soll nicht heißen, daß er nun aus seinem Leben das Letzte herausholt und dabei aufgeregt oder verkrampft wird und sich selber zugrunde richtet. Aber er wird sein Leben auch nicht verplempern. Er wird nicht auf morgen verschieben, was heute fällig ist. Er wird die ihm gegebene Zeit als Geschenk und Chance annehmen.

Dazu müssen wir nicht immer in Hochform sein. Aber der Herr soll uns auch nicht so finden, daß wir gerade mit Nichtigem beschäftigt sind, mit Schmutzigem und Häßlichem, mit Kleinlichen und Gehässigen, das sich mit seiner Nähe nicht verträgt. Ein Christ muß auch gar nicht mühsam wachgehalten werden. Weil er zum Tage gehört, will er gar nicht schlafen und dösen.

Der nächtliche Zustand ist gekennzeichnet durch den Schlaf, wo die Lebensfunktionen auf Sparflamme eingestellt sind und das Bewußtsein ausgelöscht wird. Natürlich dürfen wir unseren natürlichen Schlaf genießen. Ein Christ wird sogar besonders gut schlafen, weil er ein entlastetes Gewissen hat. Aber es geht gegen die Verschlafenheit als Lebenszustand oder sogar als Lebensanschauung, gegen Abstumpfung und Trägheit.

Scheinbar das Gegenteil des Schlafs ist der Rausch. Er verspricht zunächst eine erhöhte Lebenstätigkeit, aber in Wirklichkeit ist er eine trügerische Erhobenheit, eine Entrückung ins Reich der Illusion. Der Rausch gehört zur Nacht. Christus aber will uns da haben, wo man wach und nüchtern ist. Wenn man Schönes vor sich hat, braucht man nicht in Müdigkeit zu versinken. Man braucht nicht die Illusion, wenn man das Wahre hat. Der Blick auf das Letzte macht uns munter und fröhlich.

Sehr schön kommt diese Lebenshaltung zum Ausdruck in einer Geschichte aus dem Mittelwesten Amerikas. Dort tagte im vorigen Jahrhundert gerade ein Parlament, als eine Sonnenfinsternis eintrat. Es drohte eine Panik auszubrechen, weil man den Weltuntergang befürchtete. Darauf sagte einer der Abgeordneten: „Meine Herren, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Herr kommt - dann soll er uns bei der Arbeit finden. Oder aber er kommt nicht - dann besteht kein Grund, unsere Arbeit zu unterbrechen!“ Das gilt auch für uns: Weitermachen im Gehorsam gegenüber Gottes Wort, bis er etwas Neues für uns heraufführt.

 

 

Vorletzter Sonntag:  2.Kor 5,1 - 10

Wer vor uns möchte wohl so bald als möglich sterben? Wer von uns freut sich aufs Sterben? Selbst Todkranke machen sich doch noch Hoffnungen und wehren sich gegen das Sterben. Sie sagen etwa:  „Ich bin noch nicht fertig, ich meine, es müßte noch etwas kommen!“ Und die Familienmitglieder bestärken den Kranken oft noch in seinem Denken.

Paulus aber sagt: „Wir sehnen uns danach, in den Himmel zu kommen!“ Wir werden vermuten, daß er krank war und von seinem Leider erlöst sein wollte. So ganz unrecht hätten wir damit nicht. Paulus hatte eine schlimme Krankheit, die ihn sehr hinderte.

Wir kennen das ja auch aus unserer Umgebung, wie sehr sich Menschen oft nach dem Tod sehnen. Zumindest sagen sie das, wenn man auch nicht weiß, ob es wirklich so ist. Aber für manchen mögen die Schmerzen auch so schlimm sein, daß er denkt, nur noch durch den Tod davon erlöst werden zu können.

In Korinth gab es einige Leute, die sahen den Leib als belanglos an. Für sie war nur der göttliche Funke wichtig, der angeblich in jedem Menschen drinsteckte. Und Erlösung bedeutete für sie das Freiwerden dieses Funkens aus dem Leib. Für Paulus dagegen ist es eine schreckliche Vorstellung, er könnte eines Tages nackt dastehen, ohne einen Leib, nur reiner Geist. Das war ja die griechische Vorstellung, die heute noch bei vielen Menschen vorhanden ist, wenn sie von einem Weiterleben der Seele sprechen. Doch biblisch gedacht ist das nicht.

Gewiß müssen wir uns auch herumschlagen mit manchen Unzulänglichkeiten unseres Körpers. Er schafft längst nicht alles, was wir gerne möchten. Und er macht längst nicht alles mit, was andere von uns erwarten. Denken wir auch an Blinde oder Schwerhörige, an Menschen, die an einem Siechtum leiden.

Es gibt so viele Menschen, an denen Schmerzen und Krankheit wie schwere Gewichte hängen. Sie stöhnen über die Anfälligkeit und Hinfälligkeit ihres Leibes. Vielleicht ist es auch nur die äußerlich wenig schöne Gestalt oder eine Behinderung. Wieder andere leiden unter schwermütigen Gedanken. Es kann aber auch sein, daß die Augen einfach blind sind für die Herrlichkeit Gottes.

All das gehört mit zur Schwachheit des Leibes dazu. Wir alle haben Anteil an dieser Schwach­heit und gehen auf eine Grenze zu, an der es diesen Leib nicht mehr geben wird.

Dennoch dürfen wir wissen: „Die Zukunft hat schon begonnen!“ Das könnten wir als Überschrift über den ganzen Abschnitt setzen. Mit Jesus und seiner Auferstehung ist etwas Neues in die Welt gekommen. Das „Jenseits“ ist nicht ein künftiger Zeitabschnitt, der irgendwann einmal beginnt, irgendwann in einer fernen Zukunft. Es läuft vielmehr parallel zu unserem Leben und ist in dieses eingelagert. Und unser schwacher Leib wird immer mehr dem verherrlichten Leib Christi angeglichen.

Zunächst gleicht unser Leib und unser ganzes Lebensgebäude einer Hütte oder Baracke, die gewissermaßen auf Abbruch gebaut ist. Jeder Tag, den wir durchleben, gleicht einem Stein, der von unserem Lebensgebäude weggenommen wird, bis eines Tages alles abgetragen ist. Deswegen seufzen wir ja auch oft über unser Leben und möchten es gleich ganz los sein.

Auf der anderer Seite aber wissen wir, daß wir auch jetzt schon Verbindung mit unserem auferstandenen Herrn haben. Er will uns in aller Unruhe dieser Welt doch Frieden und Heimat schenken. Wenn Leid und Sorgen Macht über uns gewinnen wollen, dann spricht er zu uns und trägt uns mit seinen Zusagen.

Diese Gemeinschaft mit Jesus Christus wird auch nicht aufhören, wenn wir einmal sterben: „Wir haben ein Haus, von Gott erbaut, das ewig ist im Himmel!“ Jesus selber ist unser Quartiermacher, der uns das Haus zeigt und es uns übergibt. Wenn dieses Leben einmal ein Ende für uns hat, dann liegt der neue Leib für uns schon bereit. Wir werden ihn anziehen wie ein Kleid und werden neue Menschen sein.

Im Augenblick allerdings ist es noch nicht soweit. Unsere Gemeinschaft mit Christus ist noch unvollkommen, bedroht und gefährdet. Seine Herrlichkeit ist noch verborgen, seine scheinbare Ohnmacht macht uns zu schaffen. Immer wieder einmal überfällt uns die Frage: „Kann ich mich denn wirklich auf die Zusagen Jesu verlassen?“ Wir wandeln eben noch im Glauben und nicht im Schauen, wir sind noch Menschen in einem schwachen Leib.

Aber in diesem Leib wohnt schon der Geist Gottes. Gott erprobt unser Vertrauen, indem er uns mit verbundenen Augen an seiner unsichtbaren Hand gehen läßt. Wir sollen greifen, zufassen und springen, ohne daß wir sehen können. Wir haben nur Gottes Wort - ein schwaches und anfechtbares und oft zweideutiges Wort. Und wir haben die Sakramente, Wasser, Brot und Wein - auch wieder sehr unscheinbare und weltliche Dinge. Und wir haben schließlich den Geist Gottes, der uns doch zum Glauben hilft.

An sich können wir nur sagen: „Ich glaube ,daß ich nicht glauben kann!“ Aber ich kann meiner ganzen Glauben meinem Gott vor die Füße legen. Und Gott sagt, ich solle dies seine Sorge sein lassen: auch für meinen Glauben will er selbst aufkommen  Gott gibt uns seinen Geist, und damit hat die Zukunft schon begonnen. Allerdings ist er nur eine Anzahlung und nicht das Ganze. Vorerst bewirkt er nur, daß wir glauben können, aber äußerlich gesehen sind wir noch ferne vom Herrn. Aber Gottes Geist ist auch mehr als eine Schwalbe, die noch keinen Sommer macht. So unscheinbar und zerbrechlich auch unser Christenleben ist, so ist doch der Geist Gottes schon der Keim zu einem neuer Leben in völliger Einheit mit Gott.

Vorher ist allerdings noch eingeschaltet: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!“ Unser irdisches Leber wird dadurch in einer erstaunlichen Weise aufgewertet, weil es nun über unser Sterben hinaus eine entscheidende Bedeutung hat. Unsere Zukunft bei Gott sollte jetzt schon unsere Entschlüsse und Taten bestimmen. Wir sollten tatsächlich danach trachten, wie wir ihm wohlgefallen.

Kein Bereich unseres Lebens ist davon ausgenommen. An keinem Tag sind wir aus dieser Aufgabe entlassen. Im Zusammenleben mit anderer Menschen in Familie, Nachbarschaft, Arbeitsstelle wollen wir dem Herrn wohlgefallen. Wir haben zwar oft nur einen schwachen Leib. Aber das darf unseren Eifer nicht dämpfen, in dieser Welt unserem Herrn zu dienen. Im Gegenteil: Wir haben das Beste daraus zu machen, für unsere Hausbewohner und Arbeitskollegen, für alle Menschen in unserer Umgebung.

Unser Ziel kann es deshalb nicht sein, möglichst bald zu sterben und in den Himmel zu kommen. Wir haben erst noch ein Leben zu führen zum Wohle anderer Menschen, für Einzelne, für die christliche Gemeinde und für die ganze Welt. Gerade das bevorstehende Gericht orientiert uns auf das Diesseits. Wir können weder uns noch andere auf ein besseres Jenseits vertrösten. Der Blick geht vielmehr vom Himmel auf die Erde, vom Sterben ins Leben. Gerade weil es auch noch ein Leben bei Gott gibt, haben wir auch unsre Verantwortung hier auf dieser Erde wahrzunehmen.

Dennoch wissen wir: „Das Beste kommt noch!“ Das sagte der 84 jährige Vater der Holländerin Corrie ten Boom, als die Deutschen die Familie verhafteten. Er meinte damit nicht die äußere Freiheit, sondern sein Blick war auf das Kommen des Reiches Gottes gerichtet. Das gab ihm Kraft zu einem tätigen und wagenden Glauben, er wußte: „Das Beste kommt noch!

 

 

 

Bußtag: Jes 1, 10 - 17

Das Wort „Buße“ wird heute von vielen mißverstanden. Es wird gebraucht in dem Wort „Bußgeld“, so als könnte man mit Geld eine üble Sache abgelten. Dabei geht es doch ums Anders-Werden und Anders-Tun. Nach der ersten der berühmten Thesen Martin Luthers ist das ganze Christenleben eine einzige Umkehr. Wir können Gottes Aufforderung zur Buße nicht mit diesem Bußtag abgelten. Aber wer sich den Bußtag erläßt, der wird auch sonst nicht sehr offen dafür sein, in seinem Leben Ordnung zu machen und Tritt zu fassen. Umkehr

ist aber wichtig und sollte uns lieb sein.

Der Gottesdienst allein tut es freilich nicht. Der Prophet Jesaja hat die Gottesdienste und besonders die Bußgottesdienste seiner Zeit als Gift für die Dickfelligen angesehen und gewollte, daß sie Trost für die Geängsteten und Impuls für die Gehorsamen sind.

 

1. Gift für die Dickfelligen:

Es ist ein starkes Stück, daß Jesaja die zum Gottesdienst Versammelten als Sodomsfürsten und Gomorrhavolk bezeichnet. Sodom und Gomorrha sind im Alten Testament das Sinnbild für vollkommen verdorbene Städte. Dabei sind sie doch in großer Zahl zum Gottesdienst gekommen. Man weiß doch, daß man Gott etwas schuldig ist. Und man läßt es sich auch etwas kosten.

Beim Schlachtopfer allerdings hat man selbst an den leiblicher Freuden teil: Das Tier wurde zwar formal Gott geopfert, aber sein Fleisch hat man nachher gemeinsam verzehrt. Das gab einen fröhlichen Schmaus, bei dem auch der Wein nicht zu fehlen brauchte. Es entstand so etwas wie ein Volksfest.

Dennoch ging es dabei natürlich auch um Gott. Man versuchte ihn zu besänftigen oder zu gewinnen, indem man ihm opferte. Man wollte ihm auch danken. Man erschien vor Gottes Angesicht, ja ursprünglich ging es sogar darum, daß man Gottes Angesicht sieht. Dadurch bekannte sich der Mensch zu seiner Bindung an Gott.

Doch Gott reagiert heftig darauf: „Was sollen mir die Opfer? Ich bin satt davon. Ich mag sie nicht. Eure Gaben sind mir ein Greuel. Eure Festversammlungen sind mir verhaßt. Mir langt es. Auch eure Gebete höre ich nicht!“ Dabei geht es nicht gegen Opfer und Feste schlechthin. Der Prophet spricht von „euren“ Opfern und „euren“ Festen. Es geht ihm um den Mißbrauch und die falsche Einschätzung des gottesdienstlichen Treibens, um den Gegensatz von Frevel und Feiertag.

Da breitet man betend die Hände zu Gott aus, aber die Hände sind voll Blut. Man treibt einen großen Aufwand im Gottesdienstlichen, aber im praktischen Leben gibt es manches böses Tun. Dieses hält man entweder für normal oder man will es durch fromme Gesten ausgleichen. Statt eines sachlichen Gehorsams im Alltag treiben sie frommes Getue am Feiertag. Statt der Selbsthingabe an Gott versuchen sie es mit der Ersatzleistung des Opfers eines Tieres.

Die sozialen Verhältnisse damals waren katastrophal. Die Reichen wurden immer reicher und die Armen immer ärmer. Es gab Leute, die reihten Feld an Feld und Haus an Haus und lebten in Luxus. Und das geschah auf Kosten der sozial Schwachen, der Witwen und Waisen. Oft wurden die Richter bestochen und das Recht mißachtet, es entstand schon damals eine Klassengesellschaft.

Heute hat sich im gesellschaftlichen Leben allerlei verändert. Aber damit sind die Ansprüche Gottes an uns noch nicht erfüllt. Statt der Witwen und Waisen stehen vor uns die hungernden Völker. Statt der Unterdrückten von damals sehen wir die Völker, die heute von den Machthabern niedergehalten werden. Aber wir können auch an die denken, die ihr Schicksal einsam tragen müssen und keiner steht ihnen bei.

Da will ein junger Mann ein Mädchen aus dem Ausland heiraten. Aber er erhält keine Genehmigung, er soll sich unter den Schönen im Lande umsehen. Die Eltern werden unter Druck gesetzt, im Betrieb bekommt er es zu spüren, er wird immer wieder zu den Behörden bestellt. Da regt man sich auf über die „wilden Ehen“, aber da wo junge Leute heiraten möchten und vielleicht schon ein Kind haben, da gibt es keine Genehmigung. Wer gibt eigentlich das Recht, sich in diese persönlicher Dinge hineinzuhängen?

Der Prophet Jesaja zieht als Beispiel für die Opfer menschlicher Politik und Ungerechtigkeit die schwächsten Glieder heran. Die Witwen und Waisen stehen stellvertretend für alle, die unter die Räder der Gesellschaft gerieten. Die Moral einer Gesellschaft erweist sich daran, wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht. Daran mißt Gott aber auch die Gemeinde, ob sie für die Schwachen und Entrechteten einsteht. Die Opfer im Tempel und die Opfer menschlicher Gewalt sind ein Widerspruch.

Es könnte auch sein, daß einer in seiner kirchlichen Betriebsamkeit aufgeht, in mehreren Gremien sitzt und vieles organisiert, aber am nächstliegenden und Dringlichsten schuldig wird. Gott fühlt sich davon angewidert. Er soll sich die gut eingelernten Reden anhören, aber ihm entgeht nicht, wieviel Leerlauf dabei ist.

 

2. Trost für die Geängsteten:

Im Gottesdienst will zuallererst Gott etwas für uns tun. Unsere Antwort ist nicht unsere Leistung, sondern das Eingehen auf sein gnädiges Kommen und Wirken. Unsere Sünde ist wohl nicht, daß wir es mit dem Gottesdienstliehen übertreiben. Wir würden es uns dringlich wünschen, daß Gottes Vorhöfe ein bißchen mehr zertrampelt werden. Gottesdienstliches Leben bedürfte bei uns einer Wiederentdeckung.

Wenn der Gottesdienst wegfällt, stellt sich eine gottgemäße Verhaltensweise nicht vor selbst ein. Viele sagen: „Ich kann auch ohne Kirche ein guter Mensch sein!“ Doch wie soll es zu einer gottgemäßen Lebenspraxis kommen, wenn man den Kontakt mit Gott, die Gemeinschaft der Heiligen und Gottes Gegenwart im Sakrament nicht mehr hat?

Da wird aber gesagt: „Wenn nur alle so wären wie ich! Man tut, was man kann! Auch ohne Gott und Gottesdienst ist bei mir das Meiste in Ordnung!“ Man versteht die Leidenschaft derer, die sagen: „Allein auf die Praxis kommt es an!“  Doch hinsichtlich der praktischen Erfolge des guten Willens kann man sich doch erheblich täuschen. Es ist immer noch viel zu reinigen und zu verbessern. Man ist doch oft so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß die Menschen, die uns brauchen, nicht zu ihrem Recht gekommen sind. Man wäre einem Menschen Zuwendung schuldig, aber dann wird es schwierig und sogar zu einer Last, da gibt man es wieder auf.

Da wäre es schlimm, wenn es der Ort der Zuflucht nicht gäbe, wo man die Vergebung der Sünde empfangen kann. Dort wird man angenommen, ganz gleich, wie weit man es mit dem gelebten Gehorsam gebracht hat. Wer ein dickes Fell hat, dem muß man Unruhe machen, weil er seine religiöse Stellung mißversteht. Wer aber ein geängstetes Gewissen hat, dem muß man zeigen, wie Gott heilt, was krank ist.

 

3. Impuls für den Gehorsam:

Was vor Gottes Angesicht geschieht, soll Impuls sein für die Gehorsamen. Der Gottesdienst ist der Ort der Sammlung der Gemeinde. Aber er ist auch der Ort der Sendung der Gemeinde in die Welt. Das im Gottesdienst gesprochene Wort soll in der Welt wirken und nicht leer zurückkommen.

Vorher aber muß man gewaschen sein, muß das Blut der Opfer weg von der Händen. Hier kommt aber das Opfer Christi in der Blick. Nur e r kann die bösen Taten aus Gottes Augen schaffen, nur er kann die Kluft zwischen Tieropfern im Tempel und Opfern der Unmenschlichkeit überwunden. Christus wurde das Opferlamm, das der Welt Sünde trägt, und damit auch die Sünde der Kirche.

Das ist das Tröstliche an diesem Bußtag: Er fordert uns nicht nur auf zur Umkehr, sondern er spricht auch zu uns von der Vergebung. Sie ist die Voraussetzung für die Totalverwandlung der Herzen, für die Erneuerung des Menschen. Dafür gilt es, auf Gottes Wort zu hören. Der Prophet sagt: „Tut eure bösen Taten aus meinen Augen! Lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht! Helft den Unterdrückten!“ (V.16-17). Wenn wir auf Gottes Wort hören, wird es zu einem neuen Wollen und Tun kommen. Der Bußtag will uns dazu wieder einmal einen neuen Anstoß gegeben haben.

 


Ewigkeitssonntag: 2. Petr 3, 3-13

 Ein  Mann in mittleren Jahren hat sich das Leben genommen. In  einem Abschiedsbrief bringt er zum Ausdruck, daß er Angst vor der Zukunft hat. Es geht ihm gut, aber er hält den Gedanken nicht aus, es könnte schlechter werden. Deshalb setzt er seinem Leben ein Ende, um nicht noch traurige Zeiten erleben zu müssen. Und die Polizei ruft dann beim Notfallseelsorger an, er solle die elfjährige Tochter aus der Schule abholen und ihr schonend beibringen, daß sie nun keinen Vater mehr hat.

Auch die Gotteskämpfer aus dem Bereich des Islam geben wenig auf ihr Leben. Wenn sie als „Märtyrer“ sterben, dann kommnen sie sofort ins Paradies, wo 72 Jungfrauen auf sie warten (Weshalb eigentlich Jungfrauen?). Wer diese Behauptung bloß erfunden hat? Im Christentum hat man früher eher mit Hölle und Teufel gedroht, wenn sich einer das Leben  nehmen wollte. Geholfen hat es wohl wenig, denn wer entschlossen ist, der tut es. Aber wir haben uns das Leben nicht gegeben, da dürfen wir es uns auch nicht wieder nehmen.

Das gilt auch für die Diskussion um die Sterbehilfe. Der Wunsch nach „Erlösung“ von Krankheit und Schmerzen ist vielleicht verständlich. In Talkshows kann man trefflich darüber diskutieren; aber alles sieht anders aus, wenn man selber in so einer Situation ist. Aber was ist das anders als das Nichtaushaltenkönnen der Frage, wieviel man noch aushalten muß und wie lange es noch dauert? In Deutschland ist aktive Sterbehilfe nach dem Mißbrauch in der Nazizeit zu Recht verboten. Das gilt auch für die Hilfe zum Selbstmord, wenn ein Arzt ein tödliches Medikament bereitstellt, das der Kranke aber selber nimmt. Manche weichen dann aus in die Schweiz, wo das erlaubt ist. Aber geht es hier nicht auch darum, daß man sich zum Herrn über Leben und Tod machen will? Doch wir haben uns das Leben nicht gegeben, da dürfen wir es uns auch nicht nehmen, das gilt auch hier.

Man muß da rechtzeitig einen Damm aufrichten, sonst wird es uferlos. Da bittet ein Gefängnisinsasse in den Niederlanden um eine Giftspritze, weil er schon 30 Jahre gesessen hat und keine Perspektive mehr für sich sieht. Als er einem anderen das Leben genommen hat, da hat es ihm auch nichts ausgemacht. Nun macht es ihm auch nichts aus, wenn er selber von Menschenhand sterben soll. Doch noch einmal: Wir haben uns das Leben nicht gegeben, da dürfen wir es uns auch nicht nehmen!

I. Im heutigen Predigtext hören wir von Christen, die auch nicht mehr warten können, bis das Enbde der Welt und damit ihres Lebens kommt. Die Ungewißheit nagt an ihnen. Sie haben sich ja dem Christentum zugewandt, weil das ihnen gesagt hatte:  Das Ende kommt bald, und wnen ihr zu uns gehört, dann seid ihr auch bei den Erlösten!

Doch dann dauerte es und dauerte es. Einige waren schon gestorben und hatten das Ende nicht erlebt. Da galt es, eine Antwort zu finden auf die Frage: Wie lange müssen wir noch warten? Und es wurde herausgestellt: Es geht nicht in erster Linie um das Ende der Welt, sondern um die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus.

II. Zunächst einmal wird aufgefordert, nach Gottes Zeitmaß zu denken. Es gab schon damals Spötter, die sagten: „Es bleibt doch alles, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist, nichts hat sich geändert und nichts wird sich ändern!“ Sie konnten mit der Endzeiterwartung der Christen nichts anfangen, weil sie meinten, das Heil schon in ihrer Gegenwart gefunden zu haben durch eigene Erleuchtung. Sie meinten der Vergänglichkeit entnommen zu sein, weil ja der göttliche Lichtfunke in ihnen  ist und sie damit schon zur göttlichen Welt gehören. Einen Jesus Christus brauchten sie dafür nicht.

Von diesen Irrlehrern stammt die Anschauung von der Unsterblichkeit der Seele, des Lichtfunkens im Menschen, der nur aus der bösen Welt befreit werden muß. Der Christ dagegern sieht sich auch als Geschöpf im Ganzen der Schöpfung. Sie ist Gottes Werk, von Gott geliebt und keinesfalls aufgegeben.

Aber unsterblich ist nicht unsere Seele, wohl aber die „neue Kreatur“, die in der Taufe entstanden  ist. Es geht nicht um einen Teil von uns, den man „Seele“ nennen könnte, sondern entscheidend ist die Beziehung zu Christus, die auch über den Tod hinausreicht.

Naherwartung und Fernerwartung gehören aber zusammen. Selbst Jesus wußte den’Termin nicht: Er wollte ihn nicht wissen und wir sollten ihn auch nicht wissen wollen. Jederzeit kann der Herr unserem persönlichen Leben und der ganzen Welt ein Ende machen; er kann uns aber auch noch lange Zeit geben.

Der Petrusbrief bietet eine Lösung an mit der Überlegung: „Ein Tag vor dem Herrn ist wie tausend Jahre und tausend Jahre sind wie ein Tag“. Gottes Uhren gehen anders als unsere. Es ist seine Sache, wann und auf welche Weise er uns die Grenze in die neue Welt überschreiten läßt. Auch wenn wir vorher sterben, werden wir den „Tag des Herrn“ nicht verpassen, denn wir werden auf jeden Fall dem Christus begegnen, ohne Widerstände und Zweifel. Wir werden ihn verstehen können und ganz fest mit ihm verbunden sein.

Das bedeutet dann aber auch,  daß wir untereinander verbunden sind, auch mit denen, die uns im Tod schon vorausgegangen sind. Deshalb brauchen wir nicht mutlos zurückzuschauen, sondern wir können den Blick nach vorn richten: Wir haben nicht einen Totensonntag, sondern einen Ewigkeitssonntag!

Man könnte natürlich fragen: „Warum ist der Tag der Auferstehung Christi nicht zugleich der Tags einer Wiederkunft gewesen?“ Aber durch den Aufschub ist entschieden, daß Gottes Reich vorerst unter dem Kreuz Christi verborgen sein würde: Wir sollen glauben und noch nicht schauen, wir haben Anfechtungen durchzustehen und können nicht ein falsche Sicherheit haben. Wir haben noch in einer Welt zu leben, in der es so aussieht, als sei Christus nicht ihr Herr. Wir haben immer noch mit der Sünde zu kämpfen, haben Verfolgung auf uns zu

nehmen, da gibt es keinen Triumph.

Aber in dieser Welt wird uns gesagt: Gott hat noch Geduld mit euch. Er will nicht, daß einer verloren geht. Deshalb freut euch doch, daß er noch Geduld mit euch hat. Gott gibt niemanden auf.  Er hat es ja auf Glauben abgesehen, er will, daß Menschen sich ihm aus freier Ent­scheidung zuwenden. Entscheidungen sind aber nur in unserer Lebenszeit möglich. Die Zeit bis zur Wiederkunft gibt uns die Möglichkeit der Umkehr und Hinkehr zu ihm. Es hat einen guten Sinn, daß uns noch Zeit gegeben ist. Jeder Tag, der uns noch gegeben ist, enthält Gottes gnädiges Angebot.

III. Doch das soll nun wiederum nicht bedeuten, der Tag des Herrn solle möglichst lange ausbleiben. Natürlich haben wir Angst vor dem Sterben, der äußerliche Mensch verfällt und wir können uns auf das Kommende gar nicht so richtig freuen. Aber das Neue Testament ist voll von Auferstehungsvorfreude. Auch wir dürfen uns auf Gottes neue Welt freuen.

Es geht dabei nicht darum, die Welt besser zu organisieren und aufgeräumter zu machen, nicht um eine moralisch bessere unhd sozial gerechtere Welt. Das ist a u c h unsere Aufgabe als Christen. Aber die Welt Gottes ist noch einmnal etwas ganz anderes. Da muß es erst zu einem Abbruch und einem Neuanfang kommen.

Ob die Welt nbun den Kältetod oder den Hitzetod stirbt, ob Erdbeben ihr ein Ede bereiten  oder sie mit einem anderen Stern zusammenrauscht - das sind äußere Vorstellungen, die von Menschen immer wieder einmnal durchgedacht worden sind. Mit der christlichen Zukunftshoffnung hat das alles nichts zu tun.. Was mit der Welt werden wird, bestimmen nicht irgendwelche klimatischen oder atomaren Vorgänge, sondern allein Gottes Wort. Es wird einen njheuen Himmel und eine neue Erde schaffen. „Neu“ heißt nicht: repariert und renoviert, sondern total verwandelt.

Gott will eine neue Welt, inder das Verhältnis zwisczhen iohm und uns heil ist, ein für allemal. Dann gibt es keine Auflehung, keinen Ungehorsam, keine Störung, kein Mißtrauen mehr. Und wo keine Sünde ist, da ist auch kein Leid mehr. Der Totensonntag ist für uns der Sonntag, der nach der Ewigkeit blickt. Und die neue Welt wird unbestritten Gottes Welt sein.