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Sondergottesdienste

 

Sondergottesdienste

Konfirmation, Goldene Konfirmation, Johannistag, Michaelistag, Kirchweih, Musik (Orgelweihe, Posaunenchor),Verschiedenes.

 

 

Konfirmation: 4. Mose 6 , 22- 27   

Wenn wir jeden Gottesdienst mit dem Segen beschließen, dann ist das nicht, wie wenn man nach einer Feier seine Gäste mit ein paar freundlichen Wünschen entläßt. Und schon gar nicht ist die Konfirmation eine Entlassung in ein Leben, in dem man sich die Freiheit nimmt, sich am kirchlichen Leben zu beteiligen oder nicht.

Manche haben Martin Luther so mißverstanden. Sie sagen: Luther hat uns endlich die Freiheit gebracht. Die Katholiken müssen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Wir brauchen nur, wenn wir einmal das Bedürfnis danach haben. Da wir das aber nur ganz selten haben, nehmen wir uns auch die Freiheit, am Sonntag etwas anderes zu treiben. Bei den Konfirmanden wird der Gottesdienstbesuch kontrolliert. Aber mit der Konfirmation sind sie endlich den Erwachsenen gleichgestellt und können den Erwachsenen folgen.

Es wäre schade, wenn wir die Konfirmation so verstehen wollten. Die Konfirmation ist ja in erster Linie Einsegnung, durch die Gott sein Gutes vermitteln will. Dieser Segen wird jeden Sonntag aufgefrischt, wenn wir mit dem Segen Gottes wieder in den Alltag gehen. Das ist wie bei einer Impfung gegen Wundstarrkrampf: Am Anfang gibt es eine starke Dosis, und dann alle zehn Jahre eine Auffrischung.

Nur kann man mit dem Segen Gottes keine zehn Jahre warten, etwa bis zur Trauung und dann wieder, wenn die eigenen Kinder Konfirmation haben. Glaube ist nicht etwas für besondere Gelegenheiten in unserem Leben, sondern etwas für jeden Tag. Und das konfirmierende Handeln erstreckt sich nicht nur auf diesen einen Tag, sondern beginnt mit der Taufe und geht bis ans Lebensende. Ein Christ lernt nämlich nie aus, er darf sich immer noch auf Neues gefaßt machen.

Die Konfirmation ist zwar ein besonderer Höhepunkt. Aber sie ist nur das Ende eines Grundkurses. Die Qualifizierung geht jetzt erst los. Und da sollte man sich nicht an negativen Vorbildern orientieren, an den Gleichgültigen und Verächtern, sondern an denen, die fast jeden Sonntag im Gottesdienst sind, die sich an den Gemeindeveranstaltungen beteiligen und sich zum Beispiel zu so etwas wie dem Kirchentag aufgemacht haben. Wer mit Gott leben will, der wird immer wieder seine Nähe spüren können. Er wird mit dem Segen Gottes durchs Leben gehen und viel Hilfe und Bewahrung erfahren.

Im Segen wirkt Gott. Der Segen ist mehr als eine fromme Form des Glückwunsches, er ist sogar mehr als ein Gebet. Er ist kein leeres Wort, sondern wenn Gott spricht, so geschieht es. Wir wünschen uns zwar gegenseitig Gottes Segen. Aber wir könnten ihn nicht herbeiziehen, wenn Gott nicht selbst segnen wollte. Wir können ihm den Segen nicht abnötigen oder Gott unter Druck setzen. Es ist keine Zauberei dabei, wenn wir die Konfirmanden hier einsegnen.

Aber es ist auch nicht so, daß wir nur um den Segen bitten könnten und es dann darauf ankommen lassen müßten, ob er wirklich segnen will. Gott w i 1 1 es tun, er hat es sogar geboten, daß in seinem Namen gesegnet wird.

Doch es braucht keiner Angst zu haben, daß jetzt eine Lawine auf ihn zukommt, von der er überrollt wird. Zwar ist der Segen ein wirkliches und machtvolles Geschehen, aber es geschieht nichts gegen unseren Willen. Wir werden aber zur Entscheidung herausgefordert, ob wir das Angebot Gottes annehmen oder nicht.

Im  Segen streckt Gott uns die Hand hin. Wir können diese Hand ausschlagen. Es wird niemand zur Konfirmation gezwungen; es hat keiner Nachteile, wenn er nicht an der Konfirmation teilnimmt. Aber wer hier ist, der muß es mit Gott ernst nehmen, sonst lädt er größere Schuld auf sich als der, der von vornherein nichts von Gott wissen wollte. Wer es aber mit Gott wagt, der hat auf die richtige Karte gesetzt  und eine starke Hilfe im Leben.

Gott will im Segen seinen Namen auf uns legen. Das ist ein schönes Bild für die Art und Weise, in der Gott uns begegnet. Er ist nicht irgendeine unbestimmte Macht, denn an so etwas kann man nicht glauben, weil man es nicht anrufen kann. Aber Gott hat uns seinen Namen anvertraut und sich damit anrufbar gemacht. Im Gebet wenden wir uns an einen Gott, den man kennen kann. Gott ist zwar nicht körperlich da, er existiert aber auch nicht nur in unseren Gedanken, sondern wir dürfen auf seine Nähe vertrauen, auch wenn wir ihn nicht sehen, und wir werden seine Kraft spüren, wenn wir seinen Segen annehmen.

Im Segen schafft Gott uns sein Gutes. Verlassen wir den Gottesdienst mit dem Segen Gottes, dann liegt Gottes Name auf uns. Was im Gottesdienst geschehen ist, hat uns nicht nur wohl getan und uns weitergebracht, sondern nun will Gott in unserem Leben Gutes wirken. Dieses Wort beschreibt gut die vielfältige und umfassende Wirkung des Segens.

Im Alten Testament äußert sich der Segen in Wohlstand und großer Nachkommenschaft, die aber weniger Belobung für Wohlverhalten sind, sondern unverdientes Glück und eine Überraschung. Es geht um Glück und Gedeihen, Gesundheit und Wohlbefinden, also sehr weltoffene

und weltfreudige Dinge. Gott möchte doch, daß seine Menschenkinder glücklich sind, besonders auch die, die sich erst anschicken, ins Leben hinauszugehen.

Wir können ihm darauf nur antworten, indem wir ihm danken. Dadurch geben wir zu erkennen, daß wir das Gute in unserem Leben wahrgenommen haben und wissen, wem wir es verdanken. Wer aber gesegnet worden ist, der darf von vornherein wissen, daß er nachher Grund zum Danken haben wird. Gott will gutes und Erfreuliches wirken. Deshalb dürfen wir mit entsprechenden Erwartungen in die Zukunft hineingehen. Wenn wir sauer sehen, dann widerspricht das dem Segen, den Gott uns mitgegeben hat. Wir haben doch einen freigiebigen und

auf unser Wohl bedachten Gott.

Gott will uns auch behüten. Er will Störendes und Gefahrbringendes ausschalten. So brauchen wir nicht mit Angst in den Tag zu gehen. Meist nehmen wir nur die Fälle wahr, wo uns oder anderen etwas zugestoßen ist. Aber daß Gott immerzu Leben erhält und in seine schützenden Hände nimmt, das halten wir für normal, das halten wir für nicht der Rede wert.

Er möchte auch Heil und Frieden bei uns schaffen, also geordnete Verhältnisse und ein unversehrtes Miteinander. Er tut alles, damit wir uns nicht untereinander das Leben zur Hölle machen. Gott möchte die Freundschaft der Völker, Gruppen und Familien. Wo sein Name geehrt wird, da ist man nicht gegeneinander, da sät man nicht Mißtrauen und Haß, sondern hat Ehrfurcht vor dem Leben und vor dem, was es erhält und gedeihen läßt. Aus dem Empfang des Segens ergibt sich folgerichtig das Eintreten für den Frieden in der Welt.

Nur macht es uns zu schaffen, daß unsere Erfahrungen in der Welt nicht mit dem übereinstimmen. Wir denken sicher manchmal: Wenn Gott uns so gut gesinnt ist, dann müßte er doch von seinem himmlischen Stellwerk aus die Weichen sorgfältiger betätigen. Als oberster Knopfdrücker ist er doch für die störungsfreie Funktion aller Weltvorgänge verantwortlich. Doch wir können nicht Gott in die Schuhe schieben, was menschliche Schuld ist. Gott hat den Menschen die Freiheit gegebene mit allem Risiko. Nun rennt er an gegen eine Welt der Sünde. Der Friede zum Beispiel muß gegen Haß und Friedlosigkeit erstritten werden. Aber Gott kämpft gegen das Vernichten, indem er - segnet.

Sein Segen würde uns auch dann begleiten, wenn sich herausstellt, daß wir eine unheilbare Krankheit haben. Er würde auch dann kräftig sein, wenn Gott uns auf den letzten Weg in dieser Welt führt. Was auch immer kommt: Gott schafft uns mit seinem Segen sein Gutes. Gott läßt sein Angesicht leuchten über uns und ist uns gnädig. Ja, Gott hat ein Gesicht, spätestens seit Jesus unter den Menschen war. Gott ist nicht das Unbestimmte und Nebelhafte, sondern er hat uns nach seinem Bild geschaffen. Wir können uns vorstellen, wie Gott ist, und deshalb Gemeinschaft mit ihm haben.

Einen Menschen erkennen wir meist nicht an seiner Körpergestalt, sondern an seinem Gesicht. Dazu gehört aber auch die Art, wie er uns anschaut: offen und aufnahmebereit, oder verbissen und stumpf. Strahlt ein Mensch uns an, dann erkennen wir daraus, wie er es mit uns meint.

Wir haben einen Gott, der uns nicht wie aus einer versteinerten Maske anstarrt, sondern unser Gott hat ein gütiges und väterliches Angesicht. Er neigt sich herab zu uns und blickt uns freundlich an. Dadurch macht er deutlich: Du bist mir wichtig, ich suche die Verbindung mit dir, ich lasse dich nicht aus den Augen. Als Gesegnete gehen wir anders weg, als wir gekommen sind.

Im kirchlichen Unterricht könnte das den Konfirmanden deutlich geworden sein: Gott schenkt uns seine Güte! Aber es wird uns spätestens jeden Sonntag wieder neu verdeutlicht im Gottesdienst. Dort sollten wir immer neu die Gemeinschaft mit Gott suchen und uns dann mit seinem Segen hinaus senden lassen in die Welt. Ein schönes Zeichen der Bereitschaft, mit dem Segen Gottes zu gehen, sind auch die Lederkreuze, die es einmal auf einem Kirchentag gegeben hat. Auf ihnen steht als Losung: „Vertrauen wagen!“ Das ist eine freundliche Einladung an jeden, der es sieht: „Ich habe Vertrauen zu dir, ich möchte dir freundlich und hilfsbereit begegnen, weil ich einen Gott habe, von dem ich auch Liebe und Freundlichkeit erfahren habe!“ Aber auch ohne ein solches Kreuz sollte man uns Christen immer wieder abspüren: Wir gehen mit dem Segen unseres Gottes und tragen seine Liebe und seinen Frieden in die Welt.

 

 

Konfirmation:  Jer 31 , 31 - 34   

Wir wollen neu anfangen! Das haben wir uns schon oft an bestimmter Punkten des Lebens vorgenommen. Eine Gelegenheit dazu wäre auch die Konfirmation und der erste Abend­mahls­gang. Es ist gut, wen man wieder einmal neu anfangen kann, wenn man zurücklassen kann, was das Herz beschwert und das Gewissen belastet.

Aber wir brauchen uns auch nichts vorzumachen. Der Konfirmationstag ist schon immer mit allerlei Unsitten belastet gewesen. Morgen geht es wieder in die Schule; und wenn ein Lehrer böswillig ist, dann läßt er sogar noch eine Arbeit schreiben. Für manchen wird das Geschehen dieses Tages schnell vergessen sein. Er wird sich fragen: „Was ist denn nun anders geworden durch die Konfirmation? Ist so etwas überhaupt nötig?“

Doch wir dürfen sicher sein: Durch die Konfirmation wird etwas anders? Nur liegt das nicht an uns, sondern an Gott. Für ihn ist die Konfirmation nicht eine Formsache, sondern eine Gelegenheit, uns ganz nahe zu kommen. Jeremia spricht von dem Neuen Bund, den Gott mit den Menschen schließen will.

Ein Bund wurde damals nicht zwischen zwei gleichberechtigten Partnern geschlossen, sondern ein Mächtiger schloß mit einem Schwachen einen Bund und gewährte ihm darin Schutz und Rechtssicherheit. So hatte Gott einst sein Volk Israel an der Hand gefaßt und aus Ägypten herausgeführt. In dem Bundesschluß am Sinai hat er dieser starken Zuwendung eine feste Gestalt gegeben. Gott und sein Volk sollten von nun an immer zusammengehören.

Auch mit uns hat Gott einen Bund geschlossen in der Taufe. Ein Bund verpflichtet. Gott hat sich zuerst verpflichtet, daß er unser Gott sein will, das ganze Leben lang und darüber hinaus. Aber selbstverständlich sollen auch wir uns bundesgemäß verhalten. Heute ist für uns alle Gelegenheit, uns zu diesem Taufbund zu bekennen, besonders gilt das auch für die Konfirmanden.

Doch wenn wir ehrlich sind, dann geben wir auch zu, daß wir diesen Bund schon oft gebrochen haben. So war das auch schon mit dem Volk Israel. Der erste Bund konnte nicht funktionieren, weil er mit Sündern geschlossen war. Nun ist er zerbrochen und Israel hängt praktisch in der Luft und genießt keinen Schutz mehr. In dieser Situation ist es wie eine Erlösung, wenn Jeremia einen neuen Bund ankündigen darf.  Gott beendet die Rechtsunsicherheit, er will sich von neuem selbst an sein Volk binden. Die Talsohle ist bereite durchquert, es geht wieder aufwärts, das Volk darf neue Hoffnung schöpfen.

Gott fängt mit uns noch einmal neu an. Das ist die frohe Botschaft, die wir immer wieder hören dürfen. Gott sagt nicht: „Wir wollen es noch einmal miteinander versuchen, vielleicht kommt beim zweiten Anlauf etwas Besseres dabei heraus!“ In den neuen Bund kommt Jesus mit hinein. Er besiegelt den Bund mit seinem Blut. Früher war jeder Bundesschluß mit einem Tieropfer verbunden. Die Indianer ritzten sich die Haut auf und vermischten das Blut miteinander, um Blutsbruderschaft zu schließen. Jesu Blut aber war noch wertvoller, so daß es dem neuen Bund zwischen Gott und den Menschen viel mehr Festigkeit und Dauer verleihen konnte.

Darauf dürfen wir heute dem Finger legen und uns auf das einmal gegebene Wort berufen. Gott hat ja bindende Zusagen gemacht, da dürfen wir auch im Namen Jesu um Gnade bitten.  Wir dürfen uns auf den Bund berufen, an dem vor allem drei Dinge neu sind:

Gott schreibt sein Gesetz in das Herz der Menschen. Alle werden Gott erkennen und anerkennen. Gott wird den Menschen ihre Schuld vergeben.

 

(1) Gott schreibt sein Gesetz in das Herz der Menschen: Früher war das Gesetz auf steinerne Tafeln gemeißelt oder in Buchrollen geschrieben. Jetzt aber wird der Mensch jederzeit um Gottes Willen wissen. Er wird tun wollen, was Gott gefällt. Er wird den Willen Gottes nicht als etwas Fremdes und Forderndes empfinden, sondern aus dem eigenen Inneren heraus ihn verwirklichen wollen. So ist das ins Herz geschriebene Gesetz im Grunde kein Gesetz mehr, sondern en fördert die Freiheit des Menschen.

Gott könnte uns natürlich auch zwingen. Sein Wille gilt unter allen Umständen. Wir müßten uns zähneknirschend beugen oder wir bekommen sein Gericht zu spüren. Die Sünde in uns soll ja nicht übergroß werden. Nimmt sie überhand, dann wirkt sie zerstörend auf uns selber zurück und wir müssen sie wieder eingrenzen.

Gott möchte aber, daß wir freiwillig im Innersten mit ihm einig sind und ganz selbstverständlich in der Ordnung des neuen Bundes leben. Wir müßten uns dann Zwang antun, wenn wir etwas anderes unternehmen wollten, als Gott es will. Dann wäre nicht mehr der Gehorsam ein Problem für uns, sondern der Ungehorsam.

(2) Alle werden Gott erkennen und anerkennen: Im Vorhof des ApolloTempels in Delphi stand das Wort: „Erkenne dich selbst!“ Aus der Selbsterkenntnis sollte der Mensch eine Änderung seiner selbst herbeiführen. Im neuen Bund aber bringt nicht der Mensch, sondern Gott die Wandlung. Er schenkt uns ein neues „Wissen“, nämlich das unmittelbare Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Jetzt sind nicht mehr Schrift und Bekenntnis, Predigt und Amtsträger nötig, sondern jeder hat sein unmittelbares Verhältnis zu Gott.

Früher war zwischen Gott und den Menschen immer das Gesetz. Wenn wir aber mit Gott aufs Engste vertraut sind, dann brauchen wir nicht durch ein Gesetz zu regeln, was zu tun ist. Ein Gesetz zeigt immer an, daß die Verbindung problematisch geworden ist und der Kontakt gestört ist. Wenn zwei Menschen sich aber wirklich liebhaben, dann brauchen sie keine Belehrung darüber, was sie einander zuliebe tun könnten. Nicht anders aber ist es mit Gott.

(3) Gott wird den Menschen ihre Schuld vergeben: Doch das ist nicht ein Akt der Großzügigkeit. Es soll nicht gesagt sein, daß die Sünde nicht ernst zu nehmen wäre. Jesus mußte ja sein Leben geben als Bezahlung für die vielen, der neue Bund besteht ja nur auf Grund des Opfers Christi. Der neue Bund wurde erst wirksam, als Jesus ihn mit seinem Blut besiegelt hatte.

Wenn wir das Abendmahl empfangen, werden wir gewissermaßen an den Blutkreislauf Christi mit angeschlossen. Wenn einer schwer krank ist, dann muß ihm oft  neues Blut zugeführt werden, damit er wieder hochkommt. So ist das aber auch mit dem Abendmahl: Christus nimmt da Wohnung in uns, wir sind an seinen Blutkreislauf angeschlossen und empfangen Kraft von ihm.

Das setzt aber voraus, daß alle Schuld vergeben ist. Nicht einmal mehr im Gedächtnis Gottes kommt sie noch vor. Uns Menschen fällt es oft schwer, etwas Böses zu vergessen. Viel zu viel bewahren wir in unserem Unterbewußtsein auf, bis es dann im ungeeignetsten Augenblick wieder vor uns steht und uns lähmt. Wenn man aber Vergeben hat, dann geht es auch vergessen und ist aus der Welt geschafft. Unsre alten Kleider sind wirklich ins Meer geschleudert und hängen nicht mehr an einer Angel, um uns bei nächster Gelegenheit wieder vor die Füße geworfen zu werden.

Das alles wollen wir uns im Zusammenhang mit der Konfirmation noch einmal ins Gedächtnis rufen lassen: Gott will einen Bund mit uns schließen. Er hat auch Erwartungen an uns. Aber er legt uns nicht ein Gesetz auf, sondern gibt uns Freiheit. Es wird niemand gezwungen, am Gottesdienst teilzunehmen, aber jeder darf dieses Angebot wahrnehmen. Wir können immer wieder in unmittelbare Verbindung zu Gott treten, denn er hat uns die Vergebung unsrer Schuld geschenkt. Das ermutigt uns dann auch, mit anderen wieder klar zu kommen, mit denen wir etwas hatten. Gerade an diesem Punkt kann sich zeigen, ob wir neue Menschen geworden sind und ein neues Herz haben. Die Konfirmation will uns stärker auf diesem Weg, will uns helfen zu einem guten Verhältnis zu Gott und den Menschen. Wer an ihre Kraft glaubt‚ wird ihren Segen in seinem Leben erfahren.

Eine besondere Stärkung auf diesem Weg ist das Abendmahl. Da bindet sich Gott an alle, die seinen Leib und sein Blut empfangen. Ganz sichtbar dürfen wir beim Abendmahl das Ehrenwort Gottes mitnehmen: „Ich will mit dir neu anfangen!“ Wer vom Tisch des Herrn kommt, geht nicht allein in den Alltag. Christus geht mit und hilft, sein Leben als Christ zu leben. Er gibt Kraft zum Bekennen, Halt im Versagen und Mut zu einem freien Leben.

Wir sind auch weiterhin noch schwache Menschen. Der alte Mensch mit seiner Krankheit ist noch nicht erledigt. Aber Gott läßt uns nicht im Stich. Der neue Mensch ist schon da. Er wird immer wieder von Gott gestärkt durch sein Wort und sein Abendmahl. In der Predigt können wir es nur hören. Im Abendmahl dagegen dürfen wir sehen und schmecken: „Wir sind ganz nah dran!“ Zwischen Gott und uns ist weniger als eine Wand aus Seidenpapier! Wir können ihn noch nicht direkt sehen‚ sondern wir sehen nur Brot und Wein. Aber diese äußeren Zeichen machen uns dessen gewiß: Gott ist schon heute bei uns da. Er geleitet uns mit seinem Segen durchs Leben. Er gibt uns seinen Heiligen Geist, daß er uns stärke und bewahre vor dem Bösen und uns helfe zu allem Guten. Einst aber werden wir ihn schauen von Angesicht zu Angesicht.

 

 

Konfirmation an Rogate: Mt 6,5-13

Manchem unsrer Konfirmanden mag der heutige Tag vorkommen wie das offene Tor zum Leben. Endlich wird man die strenger Verpflichtungen gegenüber der Kirche los. Man kann unter den Angeboten der Kirche frei wählen wie die Erwachsenen auch. Und man wird sicherlich von der eigenen Eltern und Verwandten auch ganz anders angesehen als vorher.

Doch das alles ist nicht das Entscheidende an der Konfirmation. Sie ist in erster Linie ein offenes Tor zu einem Leben mit Gott. Gewiß gehören wir seit unserer Taufe zu Gott. Aber heute wird diese Zusage Gottes bestätigt und das Angebot Gottes erneuert. Gott hat uns eine weite Tür aufgetan, und es liegt immer nur an uns, ob wir durch sie hindurchgehen.

Das will uns auch dieser Linolschnitt deutlich [siehe Datei „Religionsunterricht, Gleichnisse, Verlorener Sohn“] machen, der zu der Geschichte vom verlorenen Sohn gehört. Da ist der Vater aus seinem Haus herausgetreten und breitet die Arme aus. „Kommt her zu mir, meine Söhne!“ scheint er zu sagen. Draußen ist Finsternis und Schuld.

Aber drinnen ist es hell, weil dort große Freude herrscht. Der jüngere Sohn geht mit gesenktem Haupt wieder zurück in das Haus des Vaters, wo es Liebe und Vergebung gibt und wo er wieder all seine Rechte und seine Ehre zurückerhält.

Sein Bruder aber sieht darin eine Ungerechtigkeit. Trotzig und hochmütig hat er seinen Kopf erhoben. Die linke Hand  hat er zur Paust geballt, weil er sein Recht und seine Verdienste nicht loslassen will. Aber auch die Rechte reicht er nicht dem Bruder und kann deshalb auch nicht die Hand des Vaters ergreifen. Der hat seine Hände über beide Söhne erhoben. Wenn doch auch nur dieser andere Sohn hineingehen würde zu seinem Vater und zu seinem Bruder, damit nicht  e r  nun zum verlorenen Sohn wird!

Vor dieser Entscheidung stehen wir aber alle: Bleiben wir draußen in der Finsternis oder gehen wir hinein zu dem Vater? Die Konfirmation ist eine Entscheidung für das Hineingehen und zunächst einmal ein erster Schritt. Aber diese Entscheidung muß täglich neu bestätigt werden, gerade in unser Zeit.

Eine Hilfe dazu soll auch das Gebet zu Gott sein. Am heutigen Sonntag „Rogate“ werden wir ja ausdrücklich aufgefordert: „Betet!“ Diese Aufforderung ist heute auch durchaus nötig, ganz im Gegensatz zu der Zeit, als die christliche Gemeinde die Jesusworte sammelte und aufschrieb. Damals wurde viel gebetet: Die Juden hatten ihre festen Gebetszeiten und haben dann selbst mitten auf der Straße gebetet. Und die Heiden richteten auch wortreiche Gebete an ihre Götter, weil sie meinten, man müsse die Götter solange nötigen, bis sie es sattkriegen und schließlich helfen.

Wir leben heute in einer Welt, in der nicht mehr gebetet wird. Heute ist die Gefahr nicht mehr groß, daß sich einer auf einer belebten Großstadtstraße vom Mittagsläuten überraschen läßt und dann selbstgefällig oder in missionarischer Absicht laut sein Gebet verrichtet. Bei uns liegt die Gefahr nicht darin, daß wir demonstrativ beten, sondern daß wir überhaupt nicht beten, auch nicht im „stillen Kämmerlein“.

Viele sagen: „Ich habe keine Zeit und keine Lust!“ Oder auch: „Ich habe keine Kraft mehr nach dem aufreibenden Arbeitstag!“ Mancher hat auch gar kein stilles Kämmerlein, das ihm einigermaßen Ruhe garantieren könnte. Und wer es hat, der erträgt oft die Stille nicht und schaltet dann lieber das Radio an.

Aber natürlich gibt es auch heute viele Menschen, die zu Gott beten. Auch für junge Menschen trifft das zu. Beten ist nicht altmodisch, sondern hilft uns mit, die Probleme unserer Welt zu bewältigen. Dafür gibt es viele Beispiele und Vorbilder. Es ist auch nicht nur so, daß nur gebetet wird, wenn man in Not ist. Viele wissen eben doch, daß sie ihr Leben allein Gott verdanken. Deshalb danken sie Gott auch für die vielen Hilfen, die man täglich erfahren kann. Nur wer dankt, wird dann auch den Mut zum Bitten haben.

Mancher wird vielleicht auch sagen: „Gott weiß doch alles, was nötig ist. Weshalb soll ich ihn da noch extra bitten?“ Aber Kinder bitten ja auch ihre Eltern, wenn sie etwas haben wollen. Sicherlich wissen die Eltern auch vorher schon manchmal Bescheid. Aber sie wollen gebeten werden, sonst erfüllen sie der Wunsch nicht. Und Kinder tun das dann auch im Vertrauen darauf, daß die Eltern ihnen alle Bitten erfüllen, soweit sie das können und soweit sie sinnvoll

sind. Genauso dürfen wir aber auch Gott, unseren himmlischen Vater, bitten. Jesus hat sich wie ein Kind an seinen Vater gewandt, auch wenn er immer dazu sagte: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe!“

In gleicher Weise haben sich viele Christen durch lange Jahrhunderte an Gott gewandt. Unsere Vorfahren haben gebetet. Und auch für uns ist das keine altmodische Sache, die nicht mehr in unsere Zeit passen würde. Es ist gerade umgekehrt: Gerade weil unsere Zeit so modern ist  und so viel von uns fordert, brauchen wir immer den lebendigen Kontakt mit Gott. Sonst werden wir mit unsren persönlichen Problemen nicht fertig, werden aber auch die große Fragen unserer Welt nicht lösen. Gottes Wort kann uns da Wegweisung geben. Und der Glaube an Gott wird uns stärken, unsere Welt nüchtern zu sehen und zu verändern.

Deshalb gehört das Gebet unbedingt zu  unserer Welt mit dazu. Einem Pfarrer ist es einmal passiert, daß er nach dem Fürbittengebet den Altar verließ. An der Tür wartete der dann, um die Gemeinde zu verabschieden. Doch niemand kam heraus. Da fiel ihm ein, daß er ja das Vaterunser und den Segen vergessen hatte. Schnell kehrte er um und holte das Versäumte nach. Vielleicht hat die Gemeinde nur an der alter Gewohnheit festgehalten. Oder hat sie eben doch gewußt, daß Vaterunser und Segen unbedingt mit dazu gehören?

Gerade das Vaterunser ist ein Gebet, das fest im Leben  vieler Christen verwurzelt ist. Es wird in jedem Gottesdienst und bei jeder Taufe, Trauung und Beerdigung gesprochen. Es wird an Krankenbetten und im Radio gebetet, und zwar bei Evangelischen und Katholiken im gleichen Wortlaut. Viele beschließen den Tag mit einem laut gebeteter Vaterunser.

Dieses Gebet umschließt ja auch so vieles: Einmal macht es in den ersten drei Bitten Gottes Sache zu unsrem Anliegen. Und in den anderen Bitten werden dann unsere Anliegen zu Gottes Sache gemacht. Gott will uns nicht zu kurz kommen lassen, und wir sollen ihn auch nicht zu kurz kommen lassen.

Für manche ist allerdings Gott heute so problematisch geworden, daß sie fragen: Wo ist denn der Gott, mit dem wir reden? Viele möchten das Gebet nur als ein Selbstgespräch gelten lassen, das uns dann in Richtung auf unseren Mitmenschen in Bewegung bringt. Das Gebet sei schon so etwas wie ein Telefongespräch, der Hörer sei auf beiden Seiten abgenommen, aber am anderen Ende habe niemand sein Ohr an der Hörmuschel, so daß man sich alle Fragen selber beantworten und mit allem schließlich allein fertigwerden muß.

Doch Jesus hat es uns anders gelehrt. Er hat klipp und klar gesagt „Vater unser!“ Und er hat uns dazu Mut gemacht, Gott so anzureden, „wie die lieben Kinder ihren lieben Vater“. An dieser persönlicher Anrede müssen wir einfach festhalten, sonst sind wir keine Christen mehr.

Jesus selber ist ja für uns das anschauliche Bild Gottes. Er ist auch für uns der Zugang zu Gott. Das macht uns ja auch dieses Bild hier deutlich. Die Gestalt des Vaters erinnert ja an den gekreuzigten Jesus. In Jesus ist Gott zu uns gekommen und hat die Tür zum Vaterhaus geöffnet.

Die Tür erinnert aber auch an eine Kirchentür. In der Kirche wird uns Gott als ein Vater vor Augen gestellt. Die auf Gottes Wort hören, werden zu Brüdern und gehen gemeinsam durch die offene Tür. Der Vater wartet auf uns alle. Er wartet auch auf die, die heute hier konfirmiert werden, und auf ihre Angehörigen. Mögen sie auch oft im Gotteshaus hier auf dieser Erde zu finden sein, und einst in dem himmlischen Vaterhaus, zu dem uns allen die Tür offensteht.

 

 

Konfirmation: Röm 8 , 26-30

Bei der Konfirmation geht es auch um Geschenke. Mancher mißt den „Erfolg“ der Konfirmation daran, wie großartig die Geschenke ausgefallen sind. Hier in der Kirche wollen wir aber erst einmal darauf achten, wie das mit dem Geschenk Gottes ist, das er uns alle Tage wieder macht. „Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten“, sagt Paulus. Gott ist es, der uns letztlich alles gibt, was wir im Leben brauchen.

Liebe Konfirmanden! Ihr sollt heute eingesegnet werden. Die ganze Gemeinde wird dabei für euch beten. Ihr seid nicht allein .Gerade wenn es euch einmal schlecht geht im Leben, steht die Gemeinde Gottes hinter euch, vor allem aber steht Gott hinter euch. Die Kirche legt euch nicht nur Pflichten auf, sondern erst einmal will sie euch helfen und euch etwas anbieten.

Das kostbarste Gut der Kirche ist das Wort Gottes, das uns Wegweisung und Hilfe gibt, das uns tröstet und ermahnt. Dieses Wort wird uns sichtbar und greifbar in den Sakramenten. Vielleicht habt ihr schon einmal etwas von der Kraft der Taufe erfahren. Von heute an soll euch nun das Heilige Abendmahl auf eurem Weg begleiten, und zwar nicht als eine einmalige Angelegenheit, sondern als eine ständige Verbindungsstelle zu Gott; hier können wir die Last unseres Lebens abladen und als neue Menschen wieder davon gehen.

Ein großes Angebot wartet auf euch, im Gottesdienst und in Jugendabenden, auf Bibelfreizeiten und in der kirchlichen Presse. Viele nehmen das dankbar an. Es stimmt doch einfach nicht, daß alle (!) nur aus der Kirche „herauskonfirmiert“ würden. Gar mancher kommt zum Gottesdienst, auch wenn es nicht aufgeschrieben wird. Wir brauchen immer wieder Mitarbeiter in der Kirche. Das Gemeindeleben muß auch weitergehen, wenn einmal kein Pfarrer da ist. Von jedem konfirmierten Gemeindeglied wird da die Bereitschaft zur tätigen Mithilfe erwartet.

Zwei Dinge möchte ich euch besonders ans Herz legen. Einmal denke ich an die eures Jahrgangs, die zwar getauft, aber nicht konfirmiert (bzw. noch nicht konfirmiert) worden sind. Ihr könnt am ehesten auf sie einwirken, durch euer Reden und Verhalten, daß sie auch noch voll und ganz den Weg zur Kirche finden.

Und noch ein Blick mehr in die Zukunft: Der eine oder andere wird einmal zu einem Amt in der Kirche gebeten werden. Da stellt man sich freudig und dankbar zur Verfügung und wird selber noch den größten Gewinn davon haben.

Doch vergessen wir nicht: Wir haben heute den Sonntag von der wartenden, sich sehnenden, um den Geist bittenden Kirche. Sie hat den Geist Gottes verliehen bekommen. Durch die Handauflegung soll das jedem einzelnen Konfirmanden noch einmal deutlich gemacht werden. Aber wir müssen doch immer wieder darum bitten.

Wir kennen alle das Gefühl, ohnmächtig zu sein und nichts tun zu können. Wir sehen das Leid, aber können nicht dagegen ankommen. Menschen werden gefoltert und verhungern, immer mehr und gefährlichere Waffen werden in Stellung gebracht, Wälder werden vergiftet und Flüsse verseucht. Gelangt da nicht auch der hoffnungsbereite Mensch an eine Grenze?

Die Eltern können ihren Kindern und Enkeln keine geordnete und friedvolle Welt übergeben. Sie können nur hoffen, daß es die Kinder besser machen. Und wir können auf den Geist Gottes verweisen, der unsrer Sehwachheit aufhilft. Durch Gott sind wir schon neue Menschen geworden. Aber da wir noch „im Fleisch“ leben, sehen wir nur die Vorderseite der Münze: Schwachheit und Versagen, Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Aber diese Münze hat noch eine Rückseite, die im Gegensatz zur unansehnlichen Vorderseite aus Gold ist: Wir sind das Ebenbild Gottes und haben das himmlische Leben schon sicher. Allerdings haben wir es nur anbruchsweise und der Geist ist eine erste Anzahlung auf das Kommende.

Deshalb kann man von einem Christen auch nicht verlangen, daß er sein Christsein in bestimmten nachprüfbaren Erscheinungen beweist, wie das manche christliche Gruppen tun. Sie verlangen Geistesgaben, die sich etwa in lauten Rufen während des Gottesdienstes äußern sollen. Von bestimmten Sünden müßte man sich ein für allemal trennen, bestimmte Dinge unterlassen. Als fröhlicher Mensch darf ein Christ niemals niedergeschlagen sein. Man verlangt Gebetserhörungen und besondere Gotteserfahrungen. Es muß nicht jeder alles vorweisen, aber mit irgend etwas dieser Art sollte jeder Christ aufwarten können.

Doch wer solche Forderungen aufstellt, macht den Glauben zu einem harten Gesetz. Der Christ darf sich gerade zu seiner Schwachheit bekennen. Bei Gott wird die Schwachheit nicht durch Stärke ersetzt, sondern in der Schwachheit kommt die Gnade ans Ziel  denn der

Geist kommt unserer Schwachheit zu Hilfe. Er will uns aber nicht so religiös aktivieren, daß wir es nun von selbst können, sondern der Geist vertritt uns und besorgt, was wir nicht können. Wir brauchen es nicht zu „können“. Keiner weiß, was er beten soll. „Gottgemäß“ beten kann nur der Geist selbst. Aber er tut es auch.

Vielleicht bitten wir manchmal um etwas sehr Naheliegendes und nach unserem Urteil auch sehr Nötiges. Wir dürfen es erbitten, und Gott verachtet das Begehren seiner Kinder nicht. Aber er hat noch ganz anderes, ungleich Besseres für uns bereit. Er allein weiß, was wir wirklich nötig haben. Die Sprechverbindung mit Gott ist immer da, nur der Geist hat das Sprechen für uns übernommen.

Aber er könnte natürlich etwas für uns erbitten, was wir uns selbst gar nicht gewünscht hätten. Wir geben da unser eigenes Interesse ja völlig aus der Hand. Aber es wäre wohl auch kein gutes Zeichen, wenn all unsre Bitten erfüllt würden. Aber oft gibt Gott uns noch Besseres, als wir im Auge hatten, nämlich das, was der Geist im Sinn hat.

Wir sollten auch nicht vergessen, was Gott uns in den ersten drei Bitten des Vaterunser in de- Blick rückt. Erst die vierte Bitte geht zu den Alltagsanliegen über, die in Jesu Botschaft ihr volles Recht haben, aber nicht ohne den Ausblick auf das ewige Heil gesehen werden sollten.

„Alle Dinge müssen uns letztlich zum Besten dienen“. Luther sagt dazu: „Es ist Gottes Art, erst zu zerstören und zunichte zu machen, bevor er seine Gaben schenkt!“ Wir sollen dadurch merken, daß es sich wirklich um ein Geschenk handelt. Auch das Nicht-Gewünschte dient dabei zu unserem Besten, sofern Gott es uns zugedacht hat. Auch das Widrige kann Gott in seiner Güte und Weisheit uns dienlich sein lassen.

Allerdings gilt das nur,  Gott uns nicht gleichgültig ist. Gottes Liebe wirkt sich nur aus, wenn wir ihn auch lieben. Aber er hat damit längst den Anfang gemacht. Bei der Kindertaufe wird das besonders             deutlich, daß Gott unserm Handeln und Glauben zuvorkommt. Wir können

immer nur antworten auf seine Anrede. Aber wenn wir es tun, dann sollten wir auch alles von ihm annehmen, ob wir es gewünscht haben oder nicht, ob wir es begreifen oder nicht.

Wir könnten jeden Tag mit der Bitte um den Heiligen Geist beginnen, so wie wir das in jedem Gottesdienst tun. Wir könnten uns gegenseitig erzählen, was der Geist aus uns macht. Mancher hat vielleicht etwas erlebt, das ihm „zum Besten“ wurde. Ein anderer konnte gerade noch

mit Gottes Hilfe der eigenen Lieblosigkeit etwas Einhalt gebieten. So können wir merken, daß Gott in seiner Liebe an uns interessiert ist. Ihm gegenüber können wir nicht Zuschauer bleiben. Wir hören ja im Augenblick sein Wort. Wir können erleben, wie Gott sich um uns müht und die Verbindung mit uns sucht. Er hat uns berufen. Da sollten wir auch gerne in seinen Dienst treten.

 

 

Konfirmation: Eph 2,19-22

Seit Jahrhunderten haben wir hier in …… eine Kirche, das heißt eine christliche Gemeinde und auch ein Kirchengebäude. Seit Jahrhunderten werden hier Menschen unter Gottes Wort gerufen. Jeder darf dazu kommen. Keiner braucht eine Eintrittskarte. Niemand braucht schüchtern anzuklopfen; hier ist jeder willkommen.

Trotzdem fühlen sich viele Menschen fremd in dieser Kirche, in der sie doch zu Hause sein dürfen. Vielleicht kommt ihnen diese altertümliche Art des Gebäudes schon komisch vor. Aber vielleicht noch viel mehr die Menschen, die da drin sitzen. Die sehen vielleicht einen „Fremden“ oder einen „Neuen“ mit einem herablassenden Seitenblick an, so als wollten sie sagen: Läßt der sich auch einmal sehen!

Sehr schnell ist dann eine Absperrung geschaffen, die den Betreffenden  hindert wieder­zu­kommen. Im Tempel zu Jerusalem gab es wirklich eine äußerlich sichtbare Trennwand, die den inneren Tempelbezirk für die Heiden sperrte. Eine Warntafel drohte jedem an: Wenn ein Fremder hier weitergeht, muß er des Todes sterben! Die Juden fühlten sich als das erwählte Volk und ließen keinen Heiden in ihr Heiligtum.

Aber es bestand auch eine innere Schranke: Die Juden hatten das Gesetz, aber die Heiden kannten es nicht. Mit Hilfe des Gesetzes sollte es angeblich möglich sein, sich den Himmel zu verdienen. Deshalb sahen die Juden überlegen auf die Heiden herab und rechneten ihnen ihr Versagen und ihre Schuld vor. Diese wiederum versuchten sich zu wehren durch Gegenbeschuldigungen und durch Geltungssucht.  Eine Gemeinschaft war da untereinander natürlich nicht mehr möglich.

Die gleiche Gefahr besteht aber auch bei uns. Wir teilen die Gemeindeglieder auch gern in vier Klassen ein: Die Kerngemeinde, die sich regelmäßig am kirchlichen Leben beteiligt, dann die Feiertagschristen und solche, die die Kirche nur bei den Amtshandlungen (Taufe, Trauung) aufsuchen, drittens dann die Randsiedler, die sich nur selten rufen lassen, und die Entfremdeten, die nur noch dem Namen nach zur Gemeinde gehören.

Gerade bei der Konfirmation werden auch viele aus der zweiten und dritten Gruppe zu finden sein. Aber, meine Damen und Herren, Sie sind hier auch herzlich willkommen. Wir freuen uns, daß Sie auch da sind und hoffen, daß Sie diese Gelegenheit nutzen. In der christlichen Gemeinde gibt es nämlich keine Klassenunterschiede zwischen den Kirchlichen und den sogenannten „Unkirchlichen“, da gibt es keine Gäste und Fremde, sondern da ist jeder Getaufte ein Mitbürger und Hausgenosse Gottes.

Auch bei den Konfirmanden hier werden heute keine Unterschiede gemacht. Von den 39 Konfirmanden aus Steinbach waren vor drei Jahren immerhin 10 noch nicht dabei. Ich freue mich ganz besonders, daß diese 10 jungen Leute durchgehalten haben und heute hier konfirmiert werden können. Ich hoffe auch, daß sie wie die anderen nun bei der Stange bleiben werden. Zwei sind ja auch auf der Strecke geblieben. Aber selbst die gehören auch zur Gemeinde, auch sie können noch konfirmiert werden, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen.

Manche meinen, die Konfirmation sei so etwas wie eine Aufnahme in die Welt der Erwachsenen. Ihr werdet längst gemerkt haben, daß ihr noch lange nicht von den Erwachsenen für voll genommen werdet. Ihr werdet in der Schule nicht einmal mit „Sie“ angeredet, wie das unter Erwachsenen üblich ist. Aber zur Gemeinde gehört ihr ja schon längst durch die Taufe. Heute wird höchstens bestätigt, was schon längst da ist. Eure Rechte stehen auch nicht nur auf dem Papier, sondern wirken sich sofort aus: Ihr dürft jetzt zum Abendmahl, ihr dürft zum Jugendabend, ihr könnt Pate werden und ihr dürft euch meinetwegen auch auf die Empore setzen.

Ihr dürft euch hier in diesem Hause wirklich wie zu Hause fühlen. Es gehört ja nicht dem Pfarrer oder dem Kirchenvorstand, sondern uns allen: wir sind ja die Gemeinde. Durch Jesus Christus ist uns aber auch ein Zuhause bei Gott gegeben. Wir sind alle Mitglieder der großen Familie Gottes, in der jeder die gleichen Rechte hat und wo es keine Mitbürger zweiten Ranges gibt.

Diese Kirche wird nun hier im Epheserbrief verglichen mit einem Haus, einem Tempel.

Wenn man ein Haus bauen will, braucht man zuerst einmal ein gutes Fundament. Das Fundament aber der Kirche sind die Worte der Propheten und Apostel, die sie uns von Gott übermittelt haben. Um dieses Wort Gottes geht es uns bei allem, was wir in der Kirche tun. Mit anderen Dingen brauchen wir uns in der Kirche gar nicht zu belasten. Aber dieses Wort ist so reichhaltig und vielseitig, daß wir es ein ganzes Leben über nicht ausschöpfen können und nie darin auslernen.

Die Kirche entspringt nicht einem menschlichen Zusammenschluß wie ein Verein, sondern ist auf diesem Wort aufgebaut. Aber sie hat darin auch ein tragfähiges Fundament, das nicht gleich wieder wackelt oder vom Wasser unterspült wird. Das Fundament zu dem Bau der Kirche hat also Gott selber gelegt. Auf ihm erheben sich dann die Mauern. Hier baut sich auch wieder jede Reihe Steine auf der anderen auf. Wir Heutigen leben alle von dem, was unsere Vorfahren schon in dieser Kirche aufgebaut haben. Vieles davon war wirklich Wertarbeit und ist heute noch fest und zuverlässig. Viele könnten sich den unerschütterlichen Glauben ihrer Vorfahren zum Vorbild nehmen und daran weiterbauen.

Das Haus Gottes ist nämlich noch gar nicht fertig. Ihr liebe Konfirmanden habt die Aufgabe, unsre Gemeinde weiterzuentwickeln zu einem Haus, das auch heute bestehen kann. Nehmt dazu das Altbewährte eurer Vorfahren. Das ist ein guter Ausgangspunkt. Aber wir dürfen auch nicht an dem Althergebrachten ersticken, sondern müssen es in unserer Zeit lebendig erhalten.

Heutzutage möchte keiner mehr in einem altmodischen und baufälligen Haus wohnen, sondern er versucht es den heutigen Vorstellungen und Erfordernissen anzupassen. Doch in den seltensten Fällen wird dazu das ganze Haus abgerissen, sondern es wird nur teilweise und Schritt für Schritt erneuert. So sollte auch unsre Gemeinde zu einer gesunden Mischung von Alten und Jungen werden, von Althergebrachtem und Modernem.

Viele sind schon in diesem Bau der Kirche hineingefügt worden. Ihr liebe Konfirmanden sollt auch einmal ein tragfähiges Glied in dieser Kette der Christen sein. Ein Baustein für sich ist noch so gut wie nichts, daraus kann man noch kein Haus bauen. Nur wenn er in einer Mauer drinsteckt, hat er eine Aufgabe: er trägt dann die anderen und wird auch selber mitgetragen. Nur im Miteinander der einzelnen Bauteile entsteht ein Haus. So braucht auch jeder Christ die Kirche  und die Kirche braucht ihn.

Eins fehlt aber noch in dem Bau der Kirche: der krönende Abschluß. Das Haus wird hier ja als ein Kuppelbau vorgestellt: ganz oben sitzt ein Schlußstein, der dem Gewölbe erst den nötigen Halt gibt. Dieser Schlußstein in der Kirche aber ist Jesus Christus. Er hält uns in seiner Gemeinde zusammen und gibt uns Festigkeit und Stärke und trägt auch die mit, die herausbrechen wollen.

Das Haus Gottes muß aber auch fest gebaut sein, weil Gott in ihr: wohnen will. Wir sind bei Gott zu Hause, er ist aber auch bei uns zu Hause. Die Kirche ist nicht Gott; aber in ihr ist Gott anders gegenwärtig als anderswo. In der Kirche wird uns gesagt: Gott ist für uns da! Die Tür zu seinem Haus steht weit offen. Aber wir werden dadurch gefragt: Willst du auch für Gott da sein? Diese Frage muß sich jeder bei der Konfirmation stellen. Aber voraus geht die Zusage Gottes: Die Schranke vor dem Heiligtum ist weg. Und der in diesem Tempel wohnt, freut sich über jeden, der kommt.

 

 

Konfirmation: 1. Petr. 4,  8 - 11

Euch, liebe Konfirmanden ,wird die Konfirmation vielleicht vorkommen wie der Gipfel eines Berges. Durch sechs Jahre Religionsunterricht und zwei Konfirmandenunterricht seid ihr nun hochgeklettert. Vieles war sicher ungewohnt und zunächst einmal beschwerlich. Da kommt man dann schon ins Schwitzen und die Knie tun einem weh. Aber das schadet nichts: Je mehr man trainiert, desto besser geht es. Und wenn man m u ß, da läßt sich manches möglich machen.

Ihr habt wahrscheinlich gestöhnt, als es hieß: jeden Sonntag in den Gottesdienst, es wird aufgeschrieben. Man will ja nicht nur am Samstag, sondern auch am Sonntag einmal ausschlafen.

Da ist es wirklich erfreulich, daß ihr in so großem Maße dabei mitgemacht habt.

Doch ihr denkt nun sicher: Der will uns doch nicht nur loben, da kommt bestimmt auch noch die Kehrseite der Medaille. Sie kommt auch: Ich bin nämlich der Meinung: Wenn ihr jetzt so schön in Übung seid, dann könnt ihr doch auch dabei bleiben. Wer aufhört mit trainieren, der wird bald lahm und steif wie ein alter Opa.

Vor euch aber liegt doch erst das Leben. Ihr seid noch längst nicht auf dem Höhepunkt eurer Leistung angelangt. Wenn man einen Gipfel erreicht hat, dann rast man doch nicht gleich wieder auf der anderen Seite hinunter, sondern man genießt doch erst die schöne Aussicht.

Man hält Rückblick: War der Aufstieg wirklich so schwer? Hat man die Mühen und Strapazen nicht bald wieder vergessen? War das wirklich so schwer mit eurer Konfirmandenzeit?

War das bißchen äußerer Druck nicht doch eine Hilfe, um in Schwung und in Übung zu kommen? Erst wenn man oben ist, kann es doch weitergehen.

Man hält auch Vorausschau: Nach unten soll es also nicht gleich wieder gehen. Aber in einiger Entfernung lockt ein neuer Gipfel. Doch man kommt zu ihm nur über einen schmalen Grat. Nur wer bereit ist, diesen engen Weg zu gehen, der wird auch von Gipfel zu Gipfel weiter schreiten und immer neue Herrlichkeiten entdecken und Neues erleben.

So gleicht auch unser Christenleben einer gefährlichen Gratwanderung. Sehr leicht kann man nach links oder rechts abstürzen. Deshalb ist es gut, wenn man nicht allein geht. Im Gebirge kann man gut einen Bergführer gebrauchen, der zuverlässig ist und dem man sein Leben anvertrauen kann. Und wenn das nicht möglich ist, dann informiert man sich wenigstens vorher an Hand eines Buches oder einer Landkarte über die lohnenden Ziele und über die Gefahren.

So kann auch Gott der Führer durch unser Leben sein. Sein Wort ist die Landkarte für unseren Weg und der Reiseführer zu schönen Dingen. Es ist gut, wenn man nicht allein ist und auf sich selbst angewiesen ist.

Im Gebirge sollten es mindestens zwei sein, die eine Seilschaft bilden, die durch ein starkes Seil miteinander verbunden sind. Wenn nun einer abstürzt, dann muß der andere schnell nach der anderen Seite hinabspringen und sie müssen darauf vertrauen, daß das Seil hält. Wenn aber der andere nichts wagt, dann wird er mit in die Tiefe gerissen. Einer muß versuchen, den anderen festzuhalten.

So eng sollen also Christen zusammenstehen und einer muß sein Leben für den anderen einsetzen, sonst geht es schief. Aber er darf dann auch auf die Hilfe der anderen hoffen, wenn er selber einmal in Gefahr ist. - Darum soll nun zuerst von den Gaben an einen Christen die Rede sein und nachher dann von seinen Aufgaben.

Wir leben seit unsrer Taufe in der christlichen Gemeinde. Ehe wir es wußten, waren schon andere Menschen für uns da, war auch vor allem Gott schon bei uns da. Heute nun soll dieses Geleit Gottes noch einmal besonders deutlich werden bei eurer Einsegnung. Die Gemeinde bittet für euch um die Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Und dieser Segen Gottes wird dann noch einmal einem jeden von euch ganz persönlich zugesprochen. Das ist doch schon eine große Hilfe für euer Christenleben. Ihr steht nicht allein ,sondern unter dem Schutz Gottes und der Fürbitte der Gemeinde.

Ihr seid zum Abendmahl eingeladen. Es werden Zeiten kommen in eurem Leben, da werdet ihr verzweifelt und ängstlich sein. Gott aber ruft euch zu seinem Mahl, wo ihr euch Stärkung und Zuversicht holen könnt. Auch wenn einmal etwas falsch gelaufen ist in eurem Leben, ruft euch Gott doch wieder in seine Gemeinschaft.

Wort und Sakrament und der Rückhalt durch die Gemeinde, das sind die Hauptpunkte, die euch heute wie an jedem Tag eures Lebens angeboten werden. Aber es läßt sich sicher noch manches andere aufzählen, was damit zusammenhängt.

Da ist zum Beispiel die Möglichkeit, jederzeit vertraulich mit einem Pfarrer sprechen zu können, ohne daß der nun gleich alles weitersagt. Da sind die Einladungen zu besonderen Gemeinde-Abenden, in denen Hilfe für das Leben geboten wird. Da ist der Beistand und das fürbittende Geleit der Gemeinde bei Trauung ,Taufe und Beerdigung.

Unser Predigttext weist am Anfang auf eine andere Möglichkeit hin: Wir dürfen mit Gott sprechen im Gebet. Man sagt doch oft, junge Menschen seien sehr kritisch und nähmen alles genau unter die Lupe. Das Gebet aber kann uns zu dieser Nüchternheit verhelfen. Erst im Angesicht Gottes finden wir den richtigen Standpunkt und sehen unsere Welt und uns selbst im richtigen Licht. Man kann sehr leicht schwindlig werden bei der Gratwanderung durch das Leben. Da gibt uns das regelmäßige Gebet einen festen Halt. Es ist gewissermaßen die feste Leine, die uns vor dem Absturz bewahrt.

Doch nun soll auch noch von den Aufgaben die Rede sein, die einem Christen gestellt sind. Als erstes führt unser Predigttext hier die beharrliche Liebe auf. Sie gilt auch und gerade        d e m Menschen, der nicht liebenswert ist oder der sich gar nicht lieben lassen will. Sie gilt sogar dem Menschen, der uns etwas Böses antun will. Sie kann auch über manches hinwegsehen und manches zudecken. Jesus hat uns dazu ja das Vorbild gegeben, als er alle Menschen ohne Rücksicht auf ihre Herkunft und ihre Vergangenheit gleich behandelte.

An zwei Beispielen wird das deutlich: Einmal die Mahnung, jeden Menschen willig aufzunehmen, der eine Unterkunft sucht. Sicher gilt das auch noch heute, wenn wir auch vielleicht mehr an die Menschen denken, die eine geistige Heimat suchen und sich nach etwas Geborgenheit sehnen. Das ist auch eine Frage an die Gemeinde der Erwachsenen: Inwieweit kann sie diesen jungen Gemeindegliedern die Kirche so heimisch machen, daß sie sich darin wohl fühlen, inwiefern ist sie bereit, auch einmal auf Wünsche der Jugendlichen einzugehen und eigene Vorstellungen zurückzustellen?

Der zweite Punkt lauter: „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat!“ Gott hat jedem Menschen eine Gabe mitgegeben, auch einem Konfirmanden, selbst wenn er an anderer Stelle (zum Beispiel in der Schule) ein großer Versager ist.

Ihr, liebe Konfirmanden, seid dazu berufen, eure Gaben auch in der Kirchgemeinde anzuwenden. Seht euch eure Vorgänger an, die haben auf diesem Gebiet schon manches versucht. Aber auch bei euch sind ja schon einige dabei, die beim Kindergottesdienst mitmachen.

Je mehr nun im Laufe der Jahre eure Fähigkeiten wachsen, desto mehr könnt ihr sie auch in den Dienst Gottes und der Gemeinde stellen. Sie sind uns nicht gegeben, damit wir in unsere eigene Tasche wirtschaften, sondern um anderen damit zu helfen.

Gott gibt uns genug Aufgaben, wenn wir nur die Augen aufmachen. Wir können uns allerdings nicht einfach aussuchen, was uns gerade paßt. Das kann kein Jünger Jesu. Schließlich ist Gott der Meister und wir sind die Lehrlinge. Sicherlich machen wir auch manches falsch. Aber das ist doch kein Grund, nun gleich ganz auf zuhören. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Aber wir dürfen alle in der großen Lehrlingswerkstatt Gottes sein, in der Christus unser Meister ist.

Wir wollen nicht vergessen: Es wird uns nicht aus eigener Machtvollkommenheit gelingen. Nur Gottes Hilfe schenkt uns den Erfolg. Wir brauchen den Geist Gottes, wenn aus unserem Tun Segen entspringen soll. Wir stehen ja jetzt unmittelbar vor Pfingsten, dem Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes.

Wir wollen Gott im Gebet bitten, daß er auch uns diese Kraft des Heiligen Geistes senden möge, vor allem aber auch diesen Konfirmanden. Doch wir dürfen auch wissen: Wir warten nicht umsonst, sondern wir dürfen uns immer im Gebet an Gott wenden und werden Erhörung finden.

 

 

 

Goldene Konfirmation

 

Goldene Konfirmation: Jes 6, 1 - 8

Zu einer goldenen Konfirmation finden sich immer Christen ganz unterschiedlicher Schattierung in der Kirche ein. Da sind auch in diesem Jahr wieder einige kirchlich sehr engagierte dabei, Kirchenvorsteher und kirchlich aktive Leute. Da sind andere, die gelegentlich zum Gottesdienst kommen und wieder andere, die sicher lange nicht ein Gotteshaus von innen gesehen

haben.

Wir wollen uns davor hüten, einen abzuqualifizieren‚ weil er nicht dem Idealbild eines Christen entspricht. Es gibt ja andere, die überhaupt nicht zu diesem Gottesdienst gekommen sind und nicht nur verhindert sind, sondern auch das ablehnen, was hier geschieht. Wer aber hier mit uns feiert‚ der hat recht getan. Wir haben nicht das Recht‚ hier Unterschiede zu machen. A 1 1 e  haben wir die Möglichkeit, heute in diesem Gottesdienst dem heiligen und dreieinigen Gott zu begegnen.

Wir haben, ja heute das Trinitatisfest. Es will uns deutlich machen, daß Gott uns auf drei verschiedenen Weisen begegnet: als der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. In einem Predigttext aus dem Alten Testament kann das natürlich noch nicht so deutlich werden, denn damals wußte man ja noch nichts von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.

Man hat hinter dem Dreimalheilig, dem Gesang der Engel  bei Jesaja‚ die Dreieinigkeit Gottes finden wollen.  Aber in Wahrheit kann höchstens sagen, daß der Gott des Alten Testaments noch unerkannt der dreieinige Gott des Neuen Testaments ist. Uns ist die Decke vor der Augen weggezogen und wir sehen die ganze Herrlichkeit Gottes.

Deswegen wollen wir auch heute alle drei Artikel des Glaubensbekenntnisses durchgehen und uns deutlich machen: Gott ist zwar unnahbar, aber er hat uns doch frei gemacht von unserer Sünde und sendet uns heute zu den Menschen.

 

(1.) Gott ist unnahbar: Für viele von uns mag Gott auch groß und unnahbar erscheinen. Und die Welt Gottes sowie die Welt des Gottesdienstes mag ihm fremd und sonderbar erscheinen. Die alltägliche Welt ist ihm völlig anders. Die Sprache, die am Sonntag innerhalb der Kirchenmauern gesprochen wird, ist anders als die Sprache, die am Montag draußen gesprochen wird.

Dennoch darf Jesaja einen kleinen Blick in die Welt Gottes tun. Allerdings kann er Gott nicht selber sehen. Er muß den Blick senken. Er sieht nur ein großes Licht und den Saum des Gewandes Gottes. Gott aber bleibt fremd und übermächtig, in Rauch eingehüllt und nur durch das Rufen der Engel noch angedeutet.

Sie, liebe goldene Konfirmanden, sind in einer Zeit geboren, in der man Gott noch im wesentlichen so sah. Es gab eine klare Rangordnung: Gott, Kaiser, Eltern, Pfarrer, Lehrer. Der kleine Mann war nichts. Als Sie konfirmiert wurden, war die erste Welle der Kirchenaustritte schon vorbei. Der Glaube an Gott war schon nicht mehr selbstverständlich.

Aber es war wohl auch schon deutlich geworden‚ daß der unnahbare Gott sich uns auch zu erkennen gibt. Er hat sich uns gezeigt in Jesus Christus. Weil wir dafür oft blind sind, muß es uns gesagt werden. Jesaja empfindet das sehr stark, daß er unrein und sündig ist. Als er Gott erkennt, merkt er, daß seine Beziehung zu Gott gestört ist.

So ist auch heute jeder Gottesdienst eire Gelegenheit, das eigene Versagen zu erkennen und sich vor Gott entsündigen zu lassen. Alles, was sich im Laufe des Lebens so angelagert hat, kann jetzt wieder abgewaschen werden. Besonders das Abendmahl will uns das deutlich machen und uns wieder in die Gemeinschaft mit Gott hineinholen.

(2.) Gott macht uns frei: Jesaja empfindet besonders, daß er unreine Lippen hat. Mit der Lippen sprechen wir und stellen die Verbindung zu anderen Menschen her. Die Lippen und die Sprache sind so das eigentlich Menschliche. Aber gerade hier kann sich deshalb eine Verderbnis besonders auswirken. Nicht nur zwischen Gott und den Menschen gibt es da Grenzen, sondern auch auf unsrer Erde gibt es Welten, die streng voneinander getrennt sind. Da gibt es Nachbarn, die zwischen sich keine Brücke kennen. Alte und junge Menschen leben unverstanden nebeneinander. Und auch von manchem Goldenen Konfirmanden kann man hören: „Ich mache nicht mit, weil der oder jener mich geärgert hat!“

Gott aber will das nicht. Seine Welt sieht anders aus. Und deshalb sendet er seine Botschaft hinein in unsere Welt, damit es auch dort anders wird. Er kommt in unsre Welt hinein, damit auch wir es lernen, nur gute Worte zueinander zu sagen. Gerade am Abendmahl kann uns das deutlich werden. Denn wenn Gott sich mit uns versöhnt, dann werden wir auch untereinander Versöhnte sein.

Der Reinigungsakt bei Jesaja ist dabei nicht nur eine symbolische Handlung. Wenn Gott handelt, dann hat das auch Hand und Fuß. Diese Reinigung geschieht auch schon im Blick auf Christus. Er hat ja erst dafür gesorgt, daß wir voll und ganz frei gemacht werden von der Sünde. Gottes Gericht fällt zwar nicht aus, aber es wird nicht an uns vollstreckt, sondern an seinem Sohn Jesus.

 

(3.) Gott sendet uns: Aber eine solche Entsündigung ist auch notwendig, wenn  man ein Sprecher Gottes sein will. Und Boten Gottes sollen wir ja alle sein. Deswegen ist uns ja schon in der Taufe der Heilige Geist mitgegeben worden. Nicht jeder von uns ist ein Jesaja. Aber sein Auftrag könnte für jeder von uns gelten. Wer vor uns will mithelfen, daß Gleichgültigkeit und Feindschaft, Selbstsucht und Schweigen aufhören und in Gemeinschaft und Austausch verwandelt werden?

Gott hat den Jesaja doch deswegen entsündigt, damit er Gottes Stimme hören kann. Gott fragt: „Wen soll ich senden?“ Jesaja soll es hören und sich freiwillig zum Dienst melden. Eben war er noch ein Verlorener, nun ist er Bote Gottes. Eben war er noch zu Boden geworfen im Bewußtsein seiner Schuld jetzt wird er ermächtigt zum Botendienst.

Aber wir alle haben die gleiche Chance..Wenn am Anfang der Predigt deutlich gemacht wurde, daß wir unter Umständen von ganz unterschiedlichen Ausgangspunkten her hier zusam­men­gekommen sind, so ist jetzt jedoch zu sagen: „Das muß nicht so bleiben!“ Jeder von uns hat die Möglichkeit, in den Dienst Gottes zu treten.

Gott ist nicht nur der große und heilige Gott. Er ist auch in Jesus Christus hineingekommen in unsere Welt, damit sie anders wird. In dieser Welt hat er sich eine Gemeinde gesammelt, die

er hinaussendet als seine Boten. Sie soll die Gotteswelt hineintragen in die Menschenwelt.

Dafür ist keiner zu alt und zu schwach. Den Kindern und Enkeln die eigenen Glaubenserfahrungen mitzuteilen, das ist doch eine lohnende Aufgabe. Dadurch wird man auch selber im Glauben fester und merkt, daß alles ja gar nicht so schwer ist. Gottes Frage: „Wen soll ich senden?“ gilt heute auch uns. Diese Frage dürfen wir nicht überhören. Aber wenn wir darauf antworten: „Hier bin ich, sende mich!“ dann wird er uns auch dazu ausrichten und uns die Kraft geben, seine Boten zu sein.

 

 

Goldene Konfirmation: Röm 11‚ 33 - 36 

Natürlich hält man an so einem Tag Rückschau auf ein halbes Jahrhundert. Wir denken an das, was in unserem persönlichen Leben geschehen ist und was sich in der weiten Welt ereignet hat. Aber wir könnten uns auch fragen: wie das mit dem Glauben weitergegangen ist, auf den Sie, liebe Goldene Konfirmanden, vor 50 Jahren eingesegnet worden sind.

Paulus hat in den Kapiteln 9 bis 11 des Römerbriefes auch Rückschau gehalten auf die Geschichte seines Volkes. Es war das Gottesvolk, aber es hat sich doch so oft von seinem Gott abgewandt. Paulus ahnt, daß in Zukunft ganz andere Menschen zu Gott gehören werden, weil die sich abwenden, die eigentlich gerufen worden sind. Paulus spürt die Schuld seines Volkes.

Er kennt aber auch das Verzeihen  und die Barmherzigkeit Gottes.

Denken wir zurück an die Geschichte unsres Volkes. Im Jahre 1918, als Sie konfirmiert worden sind, ging gerade der Erste Weltkrieg zuende, bei dem Deutschland zumindest nichts getan hat, um ihn zu verhindern. Denken wir an die Parteienkämpfe der Weimarer Republik, in denen mancher Schuld auf sich geladen hat. Oder gar an die Naziherrschaft und den Krieg und was da alles passierte.

Fragen wir uns aber auch: Ist es besser geworden mit dem Glauben in unserem Volk? Oder noch persönlicher: Jedes Einzelne von uns wird immer wieder nach seinem Glauben gefragt.

Gar mancher hat längst eine negative Entscheidung gefällt, denn einige von den Konfirmanden des Jahrgangs 1918 sind heute nicht bei diesem Gottesdienst dabei, weil sie nicht mehr zur Kirche gehören. Und jeder Einzelne kann sich ja selber einmal fragen, wie es bei ihm mit dem Glauben bestellt ist.

Wir denken aber auch an die vielen, die nicht mehr unter uns sind, weil sie gestorben sind. Bei manchem wird die Frage aufkommen: Mußte das sein? Gerade bei den Männern, die im Krieg geblieben sind, denken wir doch so. Vielleicht regt sich auch die eine oder andere Anklage in unserem Herzen gegen Gott: Warum hat er so etwas alles zugelassen? Warum ist vieles so sinnlos wie dieser neuerliche Mord in den USA? Wird es denn niemals etwas anders?

Paulus antwortet hier: „Wie unbegreiflich sind seine Gerichtsurteile und wie unerforschlich sind seine Wege! Wer hat des Herrn Sinn erkannt?“ Keiner weiß, was Gott mit jedem Einzelnen vorhat. Wir wissen nicht, was in der Tiefe Gottes alles ruht.

Auch der glaubende Mensch muß hier seine Grenze erkennen. Alles  menschliche Begehren und Denken wird hier zurechtgewiesen. Wir sind eben keine Partner Gottes, sondern wir sind ihm untergeben. Wir können auch keine Vorleistungen bringen, etwa durch gute Taten oder durch den Gottesdienstbesuch, um dadurch ein gutes Verhältnis zu Gott herzustellen.

Jesus hat uns das deutlich gemacht durch das Gleichnis vom  den Arbeitern im Weinberg: Die elf Stunden und die nur eine Stunde gearbeitet haben, erhalten gleich viel an Lohn. Und ihr Arbeitgeber sagt zu ihnen: „Ich kann doch mit meinem Geld machen, was ich will!“

So souverän ist Gott auch. Er bleibt uns doch immer der verborgene und der unverständliche Gott, der über unser Fassungsvermögen geht. Wir wissen nicht Bescheid über seinen
Willen und seine Wege .

Aber bedeutet „Theologie“ nicht „Wissenschaft von Gott“? Müßte nicht s i e des Herrn Sinn kennen?  Gibt es nicht Pfarrer, die sich von Berufs wegen für verpflichtet halten, den Leidtragenden und Angefochtenen die Absichten Gottes zu erkläre? Wird das nicht auch von den Gemeindegliedern erwartet?:

Gerade bei Amtshandlungen und vor allem bei Beerdigungen besteht doch die Versuchung, dem Menschen zu erklären, sein Geschick habe sicher einen Sinn für sein Heil, etwas Gutes müsse auch an seinem Leid sein. Und mancher will dann auch angeblich wissen, warum Gott dies und das getan hat und jenes unterlassen hat.

Oftmals wird auch erwartet, daß ein bewußter Christ ein Ratgeber und Rechtsanwalt Gottes ist, der jedem das Handeln Gottes verständlich machen kann. Gern werden große geschichtliche Ereignisse als eine sichtbare Gnadenführung Gottes gedeutet. Aber das geht dann nur solange gut, bis diese ganze Heilsdeutung mit Schimpf und Schande widerlegt ist.

Aber auch die Unheilsdeutung ist so eine Form des Bescheidwissens über Gott. Sehr schnell sieht man in einem Unheil ein Gericht Gott, wenn irgendwo eine Überschwemmung ist, dann ist man froh, daß es die anderen erwischt hat - wer weiß, wofür sie bestraft werden sollten.

Wir dürfen aber nicht gleich hinter jedem Ereignis in der Weltgeschichte oder in unserem persönlichen Leben ein ZeichenGottes sehen, weder ein Zeichen des Wohlwollens noch des Zorns.

Gott bleibt uns immer wieder ein verborgener Gott. Wir wissen nicht, warum er uns gerade so hat werde lassen, weshalb wir nicht so erfolgreich oder gesund wie andere sind oder weshalb es uns besser geht als anderen.

Wir wissen nicht, weshalb uns Gott gerade diesen Menschen an die Seite gestellt hat und einen anderen genommen. Wir wissen auch nicht, welchen Weg er mit seiner Kirche vorhat. Sicherlich, manches wird uns nach Jahren doch noch deutlich. Aber alles begreifen wir nie. Gott läßt sich nicht in die Karten sehen, er läßt sich nicht hineinreden und von niemandem begrenzen.

Gott will aber auch, daß wir Menschen frei sein können. Er möchte, daß jeder sein bleibendes Glück findet, aber er zwingt niemand dazu. Er läßt einen Menschen eher in sein Unglück laufen, als daß er Ihn zu seinem Glück zwingt - obwohl er das könnte.

Gott will keine Kriege, denn er ist ein Gott des Friedens. Krieg ist immer Schuld der Menschen . So läßt Gott sie eher in ihr Unglück laufen, als da er sie zum Frieden zwingt. Er will, daß sie mit seiner Hilfe den Weg zum Frieden selber finden. Wir möchten lieber, daß Gott manchmal dreinschlägt und seine Macht erweist. Aber er bleibt ein verborgener Gott und läßt sich nicht zwingen,

Es gibt aber keine Regel, nach der wir die Rätsel der Geschichte lösen können, weder unsre persönlichen noch die großen gemeinsamen Fragen. Wir sollten bescheiden sein und die Frage: „Wer hat des Herrn Sinn erkannt?“ mit einem ehrlichen „Niemand“ beantworten. Wir wissen nicht, warum Gott den einen so und den anderen so geführt hat, warum er bald Schönes und bald Schweres geschickt hat.

Wir können Gottes Fremdheit nicht wegreden mit der Behauptung, daß Gott dennoch Liebe ist. Nur das eine dürfen wir dennoch hören: Gott hat uns seinen Sohn geschenkt, der unser Herr und unser Heil sein will. Nun lernen wir den unerforschlichen Gott von einer ganz anderen Seite kennen. In Jesus Christus hat er den Menschen sein Erbarmen zugewendet. Er hat die  Menschen von, sich aus aufgesucht ,weil sie ihm nicht gleichgültig sind, und er will ihnen so zu ihrem Glück verhelfen.

An den drei großen Festen des Kirchenjahres können wir uns deutlich machen, wie Gott ist: An Weihnachten kommt Gott zu der Ärmsten und  Verachtetsten und schafft eine neue Menschheit. An Karfreitag und Ostern baut er der gottferner Menschen eine Brücke zu Gott. Und an Pfingsten gibt er ihren die Gewißheit, daß die Kraft seines Geistes ihnen überall beisteht.

Jesus ist die Antwort Gottes auf alle unsre Fragen. Wir brauchen nicht vor einem furchterregenden Gott zu erschrecken, sondern können ihn loben, wie es Paulus hier tut: „Welche Tiefe des Reichtums der Weisheit der Erkenntnis Gottes!“ Nur wenn wir zur Anbetung Gottes kommen, werden wir die Fragen los.

Diese Weisheit und Erkenntnis Gottes umgreift unser Nicht-Wissen und Schein-Wissen und stellt es erst an den richtigen Ort. Wer das begreift, der kann sagen: „Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen!“ Unser Leben hat einen Ursprung, aber auch ein Ziel: Wir sind auf Gott hin erschaffen, von dem und durch den und zu dem alle Dinge sind.

Gar mancher kann dankbar auf die Hilfe Gottes zurückschauen. Vielen ist es schlimmer ergangen. Wir wollen doch nicht nur das Schwere sehen, sondern auch als das Schöne, das jeder Mensch irgendwann einmal erlebt hat.

Das merken vielleicht gerade Goldene Konfirmanden. Jetzt wird es aber auch Zeit, über das Ziel dieses Lebens Bescheid zu wissen. Wir müssen wissen, worauf alles am Ende hinausläuft und wer uns am Ende unsres Lebens erwartet.

Das eine wollen wir nicht vergessen: Gott hat einem jeder von uns einen Schatz mitgegeben. Gerade bei der Konfirmation ist die Verheißung Gottes für jeden Einzelnen deutlich geworden. Da hat Gott gesagt: „Ich bin dein Gott!“

Haben wir diesen Schatz gehütet, sind wir sinnvoll damit umgegangen? Oder haben wir ihn vergraben, so daß er uns nichts genutzt hat? Oder ist er unmerklich immer weniger geworden, so daß er heute gar nicht mehr ins Gewicht fällt? Doch es ist nie zu früh und selten zu spät, diesen Schatz von Gott wieder auffüllen zu lassen. Hier im Gottesdienst und vor allem im Abendmahl ist Gelegenheit dazu!

 

 

Goldene Konfirmation: Epheser 1, 3 - 14

Jeder Mensch muß einmal Lesen und Schreiben lernen. Und jeder Christ muß einmal mit den Grundlagen des Glaubens vertraut werden, auf den er einst getauft worden ist. Sie, liebe Goldene Konfirmanden, haben diesen kirchlichen Unterricht vor 50 Jahren abgeschlossen. Heute ist es an der Zeit, einmal Bilanz zu machen und sich zu fragen: „Was hat mir denn dieser Glaube im Leben gegeben, hat er mir genützt oder geschadet?“

Der Sonntag Trinitatis ist vielleicht besonders für ein solches Nachdenken geeignet. Er weist uns ja darauf hin, daß ein und derselbe Gott uns in drei Gestalten begegnet, nämlich als Vater, Sohn und Heiliger Geist. So wie Wasser nicht nur flüssig sein kann, sondern festgefroren wie Eis und flüchtig wie Dampf, so erscheint Gott uns auch in drei Formen. Er ist „dreifaltig“, das heißt. Er ist in drei Erscheinungsformen auseinandergefaltet. Aber er ist dennoch  auch „dreieinig“, das heißt: Er ist doch immer nur e i n Gott.

Unser Predigttext aus dem Epheserbrief gibt uns nun eine knappe Zusammenfassung dessen. Was jeder  Christ über diesen dreifaltigen und dreieinigen Gott wissen sollte. Er ist gewissermaßen das ABC unsres Christseins, eine eiserne Ration für unser Leben im Glauben.

Doch es geht dabei nicht nur um bloßes Wissen. Die Theorie allein erweckt noch kein geistliches Leben. Ein kirchlich geprüfter Konfirmand ist       noch nicht ein lebendiger Christ. Man kann das Vaterunser zwar auswendig können, aber es doch nie von ganzem Herzen gebetet

haben. So werden wir uns auch heute wieder fragen müssen: „Worin liegt denn die Bedeutung unsres Wissens von Gott für das alltägliche Leben?“

Wenn wir hier eine Antwort finden wollen, dann bewährt sich wieder einmal die Einteilung unsres Glaubensbekenntnisses in drei Artikel. Wir können ja direkt fragen: „Gibt es nicht eine Kurzfassung des ganzen Glaubensbekennt­nisses, in der gleichzeitig die Bedeutung dieses Glaubens für uns deutlich wird?“ Ich möchte es einmal mit drei Sätzen versuchen:

 

(1.) Ich glaube, daß mich Gott erwählt hat: Vielleicht meint der eine oder andere, nur wenig von dem Segen Gottes zu spüren, von dem hier im Epheserbrief die Rede ist. Im Alten Testament gilt der als gesegnet, dem die Güter dieser Erde  in Fülle zugefallen sind: reiche Ernte, wirtschaftlicher Wohlstand, Kinderreichtum, Ansehen bei den Nachbarn usw.

Aber darüber haben sich die Auffassungen längst gewandelt: Kinderreichtum zum Beispiel wird von den meisten unsrer Zeitgenossen eher als eine Last denn als Segen empfunden. Und unsren Wohlstand verstehen wir doch auch nur als Werk unsrer regsamen und nimmermüden Hände. Wenn es uns heute besser geht als früher, dann haben wir das doch allein uns selber zu verdanken. Was soll das mit dem Segen Gottes zu tun haben? Noch  dazu ein „geistlicher Segen in himmlischen Gütern“! Ist das Ende etwa erst etwas, das jenseits unser Welt liegt?

Der Segen Gottes zeigt sich nicht so sehr in materiellen Dingen, sondern tatsächlich auf dem Gebiet des Glaubens. Gott zeigt sich uns in seinem Sohn Jesus Christus. Er kommt uns hier als Mensch nahe und zeigt uns darin seine Liebe. Gott kommt uns entgegen, nicht wir ihm.

Er hat eine Treffpunkt bestimmt, an dem er uns begegnen will.

An uns liegt es nun, ob wir diese Verabredung einhalten. Der genaue Termin ist offengelassen. Aber das heißt doch wohl: Gott kann uns an  jedem Tag und zu jeder Stunde begegnen. Hier in diesem Gottesdienst ist er uns nahe, wenn wir sein Wort hören und das Sakrament des das  Abendmahls miteinander feiern.

Aber er ist uns auch nahe in den Menschen, die er uns schickt: im Ehepartner, in den Kindern, in den Verwandten, in den Freunden, aber auch in den Unbekannten, deren Not uns vor die Füße gelegt wird. Gott hat sich mit uns verabredet, er will uns begegnen. Das war sein Wille von Anfang an, dazu hat er uns erwählt.

Es könnte Gott kalt lassen, was aus uns wird. Er könnte zu den Unmengen an Menschen ein ganz unpersönliches Verhältnis haben wie zu einem Ameisenhaufen. Aber wir sind nicht Inventarstücke einer großen bunten Welt, sondern von ihm geliebte Wesen, so wie ein Vater seine Kinder liebhat. Er hat uns erwählt. Daran sollten wir nicht zweifeln, sondern ihn dankbar loben. Gott ist auch nicht der große Unbekannte, sondern in Christus hat er für uns Gestalt angenommen.

Es ist nicht ein glücklicher Zufall, daß Gott auf uns gestoßen ist. Es ist auch nicht zu befürchten, daß er unversehens wieder anderen Sinnes werden könnte. Schon vor der Erschaffung der Welt hat er an uns gedacht. Er hat uns als seine Kinder haben wollen, denen er Gutes tun kann und die gern zu ihm gehören.

Hierin liegt der Segen für uns: Wir haben einen Gott, der uns liebhat. Deshalb ist unser Leben nicht eine Fahrt ins Blaue. Es waltet nicht ein blindes Schicksal über uns und das Ziel unsres Lebens ist nicht ungewiß. So wie bei einer Wanderung über das freie Feld der Kirchturm uns die Richtung nach der Heimat zeigt, so zeigt uns  Gott den Weg zur himmlischen Heimat

Seit unsrer Taufe gehören wir zu Gott. Hier hat er seine Erwählung in die Tat umgesetzt. Seitdem haben wir die Möglichkeit, die Liebe Gottes in unserem Leben umzusetzen und unter die Leute zu bringen. Mancher hat schon viel Gutes im Leben tun können. Wir wollen Gott dafür dankbar sein, daß er uns die Fähigkeiten dazu mitgegeben hat.

 

(2.) Ich glaube, daß Jesus Christus mich erlöst hat:

Vielleicht sehen wir aber gar nicht so recht ein, daß wir von etwas losgemacht werden müssen. Wir sind doch freie Menschen und können tun und lassen, was wir wollen. Aber wenn jemand krank ist, dann täuscht er sich ja auch oft über seiner tatsächlicher Zustand: entweder hält  er sich für kränker als er tatsächlich ist. Oder er will die Gefahr für sein Leben nicht wahrhaben.

Man kann sich sehr über sich selbst täuschen. Entweder man hält sich für größer und tüchtiger sie man tatsächlich ist. Oder man meint, zu nichts mehr zu taugen und im Grunde ein wertloses Leben zu führen. Wenn man jung ist, wird man eher der Gefahr der Überschätzung unterliegen. Wenn man älter ist, wir man eher seine Möglichkeiten unterschätzen.

Auf dem Gebiet des Glaubens ist eine solche Täuschung aber noch viel gefährlicher. Da versucht man oft, die Schuld mit einem Mantel des Vergessens zuzudecken. Gott reißt uns diesen Mantel herunter und zeigt uns allen Leuten, so wie wir wirklich sind. Aber Christus bekleidet uns wieder mit Mantel der Vergebung und verändert so unser Leben ganz tiefgreifend.

Dazu hat Jesus sein Blut am Kreuz vergossen. Dazu ist er von Gott am dritten Tag auferweckt worden. Er ist jetzt der Herr des Weltalls und räumt alles weg, was Gott und uns beschwerlich sein könnte. Allmählich füllt er die ganze Welt auf mit der Liebe Gottes und zuletzt wird nichts mehr sein,  was nicht von seiner Liebe erreicht wird.

Wir wollen heute dafür danken, daß sie vor allen Dingen uns erreicht hat. Gerade die Goldenen Konfirmanden haben hier eine Aufgabe, anderen davon zu erzählen, wie sie die Liebe Christi in ihrem Leben erfahren haben. Gewiß war für jeden viel Schweres dabei, auch Schuld und Versagen. Aber heute haben wie die  Gelegenheit, mit Christus in Berührung zu kommen und ihm zu danken für das, was er an uns getan hat.

 

(3.) Ich glaube, daß der Heilige Geist mich erleuchtet hat: Die volle Verwirklichung des Heils liegt noch vor uns. Wir können das Erbe noch nicht voll antreten. Aber wir haben einen An­rechtschein darauf. Das ist der Heilige Geist, der und seit der Taufe mitgegeben wurde. Sicherlich werden wir erst jenseits des Todes in einem neuen Leben erkennen, welche Bedeutung dieser Geist Gottes  für unser Leben hat.

Gott selbst schafft durch seinen Geist die neue  Erkenntnis: Für den Maulwurf besteht die Welt aus kleine Erdlöchern und Gängen. Der Mensch aber denkt in den Weiten des Weltalls. Der glaubende Mensch aber dringt in noch tiefere Geheimnisse ein. Es ist ja nicht so, daß der Glaube alles vernebelt, wie manche behaupten. Im Gegenteil: Er schafft Klarheit. Einmal läßt er uns die Geheimisse Gottes erkennen. Zum anderen aber gibt er uns Klarheit für unser praktisches Leben. Daß ich mich selbst Welt im Lichte Gottes sehe, verdeckt mir ja nicht den Blick auf gegebene Tatbestände. Ich werde vielmehr dankbar und aufgeschlossen immer wieder Neues entdecken‚ aber auch kritisch und nüchtern bleiben.

Wenn wir jetzt in diesen Tagen die Natur betrachten, dann werden wir all ihre Schönheit entdecken. Aber wir sehen auch den wirtschaftlichen Nutzen, den sie für uns hat; und wir bemerken auch die Gefahren‚ die der Welt durch die Umweltverschmutzung drohen. Dennoch begreifen wir die Natur als eine Schöpfung Gottes. Und wenn wir sie genießen oder benutzen, dann sind wir Gott dankbar für seine Gabe. Der Glaube an Gott hindert nicht  unsre Erkenntnis, sondern erweitert sie nur noch.

Dieser Geist Gottes macht uns aber auch zugleich deutlich, wessen Eigentum wir sind und unter wessen Schutz wir stehen. Ein Sklave hatte im Altertum eine Tätowierung      an sich, an der man gleich erkennen konnte, welchem Herrn er gehörte. So ist uns auch bei der Taufe gewissermaßen ein Siegel aufgeklebt worden, das unsre Zugehörigkeit zu Gott klarlegt.

Gewiß, mancher hat die Berufung in die Gemeinde Gottes nachher nicht mehr wahrhaben wollen. Er hat gewissermaßen das Siegel Gottes abgerissen und versucht sich so durchs Leben zu schlagen. Auch von den  Goldenen Konfirmanden sind heute nicht alle hier, die damals konfirmiert worden sind.

Wir aber dürfen freudig bekennen, was Gott uns geschenkt hat: Ich glaube‚ daß mich Gott erwählt hat! Ich glaube‚ daß Jesus Christus mich erlöst hat! Ich glaube, daß der Heilige Geist mich erleuchtet hat! Ohne unser Zutun hat Gott das an uns getan. Wir werden auch weiterhin nur Empfangende sein. Aber gerade deshalb könnte alle Verdrießlichkeit von uns abfallen und alle Müdigkeit schwinden. Wir haben doch wenigstens eine Perspektive, uns ist doch schon längst  die Zukunft  durch Gott gesichert.

 

 

Goldene Konfirmation: 1. Joh 4, 16 b - 21

Als die heutigen Goldenen Konfirmanden gerade erwachsen waren, begann der Zweite Weltkrieg. Er hat auch unter ihnen viele Opfer gefordert. Jedes Jahr gehen wir nach dem Gottesdienst auf den Friedhof und gedenken der gefallenen und verstorbenen Mitkonfirmanden.

Aber wir wollen auch die nicht vergessen, die aus Krankheitsgründen nicht mit dabei sein können. Es gibt natürlich auch immer solche, die nicht teilnehmen wollen. Aber es gibt auch die anderen, die wirklich nicht können. Sie sind körperlich krank, aber auch seelisch so belastet oder mit Problemen überhäuft, daß sie sich  das Drum und Dran einer solchen Feier nicht zumuten können.

„Gott ist Liebe!“sagt der 1. Johannesbrief. Doch müssen wir nicht manchmal ein Fragezeichen hinter diese Aussage setzen. Wo war denn Gottes Liebe, als es Krieg gab? Wo spüren wir seine Zuwendung in Zeiten der Krankheit? Nun, Krankheit gehört mit zu unserem Leben dazu, sie ist sozusagen ein Teil der Schöpfung. Dagegen können wir nur bedingt etwas tun. Kriege aber sind immer Schuld der Menschen. Die Opfer der Kriege und anderer Gewalttaten brauchten nicht zu sein, wenn alle Menschen nach der Liebe Gottes lebten.

Gottes Liebe ist dennoch da. Wo uns Dunkelheit empfängt, da beginnt Gottes Sonne aufzugehen. Wo unsre Möglichkeiten enden, da fangen Gottes Möglichkeiten erst an. Da wird uns erst deutlich, daß nur der Glaube an Gottes Liebe über solche schweren Schicksalsschläge hinweghelfen kann.

„Gott ist Liebe“. Das ist etwas anderes als die Rede vom „lieben Gott“. Wer vom „lieben“ Gott redet, der macht sich oft nur eine billige Religion zurecht, so wie sie ihm paßt. Gott ist da noch eine schöne Randverzierung des Lebens, ein gelegentlicher netter Gedanke. Aber alles darf nicht störend in den Ablauf des Tages eingreifen, denn dort geht es ja manchmal gar nicht „lieb“ zu, sondern nach anderen Gesetzen.

Ein „lieber Gott“ wird nicht unbequem. Man kann ihn vergessen oder ihm den Laufpaß geben, wenn er anscheinend nicht lieb gewesen ist.

Er soll immer in Reserve stehen. Aber von uns soll er keinen Bereitschaftsdienst oder gar einen sofortigen Einsatz verlangen. Doch ein solcher Gott ist nichts anderes als die Götzen der Heiden, denen man Schläge gibt, wenn sie den Wünschen ihrer Verehrer nicht nachgekommen sind.

Die Liebe Gottes erkennen wir am besten, wenn wir auf seinen Sohn schauen. An ihm hat Gott gar nicht „lieb“ gehandelt. Der Sohn mußte sogar sterben, um uns das Heil zu bringen. Aber er blieb dennoch in der Liebe Gottes. Diese hört nicht auf‚ wenn wir Schweres im Leben erfahren.

Gott hat ja den Menschen geschaffen, weil er jemanden zum Liebhaben braucht. Aber er thront nicht als ewig liebender Gott im Himmel und strahlt nicht ständig seine Liebesenergie ab.  Seine Liebe wird vielmehr ständig zum Ereignis durch Jesus Christus. Hier gibt Gott sich selbst, hier offenbart er das Tiefste seiner Gottheit.

Doch Gott ist nicht einer, der nur noch lächeln kann. Wenn Gott zornig ist, dann ist das kein Irrtum, der durch die frohe Botschaft aufgeklärt werden muß. Über der Güte Gottes darf man seinen Ernst nicht übersehen. Und es ist nun einmal eine Tatsache, daß wir sündige Menschen sind und die Vergebung Gottes brauchen.

Aber Gott will uns ja helfen.  Im Abendmahl bietet er uns immer wieder seine Gemeinschaft an. Deshalb dürfen  wir auch Zuversicht haben für den Tag des Gerichts. Das Wort „Zuversicht“ meinte ursprünglich die demokratische Freiheit, seine Meinung und seine Beschwerden in der Öffentlichkeit ohne Scheu auszusprechen. So darf auch ein Christ alles sagen, darf Gott seine Not und auch seine Glaubensprobleme sagen.

Deshalb hätten auch die mitmachen sollen bei der Goldenen Konfirmation, die seelische Probleme haben‚ wie sie sagen. Hier in der Kirche kann man doch etwas hören von der Liebe Gottes, die uns hilft, unser Leben besser zu bewältigen. Hier können wir auch erfahren, daß wir keine Angst zu haben vor dem endgültigen Gericht Gottes. Ein Angeklagter kann doch alles gelassen hinnehmen, wenn er weiß: „In letzter Instanz werde ich ja doch freigesprochen!“

Dann nimmt ihn auch das nicht zu sehr mit, was er vorher durchzumachen und zu erleiden hat. Er kann ohne Scheu und Sorge leben und braucht sich nicht mißtrauisch zu verschließen. Und er wird auch anderen gegenüber nicht mit Angstmachen operieren, sondern wird ihnen Freiheit gewähren, weil er selber aus der Freiheit  lebt. Hier wird nun deutlich: ein Leben in Gottes Liebe bezieht immer auch den Mitmenschen mit ein. Wenn es heißt: „Gott ist Liebe!“

dann gehört unbedingt dazu: „Laßt uns lieben!“ Von der Liebe kann man leicht reden. Aber das Tun ist oft schwer. Es gibt keine Mittellage zwischen Liebe und Haß:  Wer den Mitmenschen nicht liebt, der haßt ihn .Und wo der Mitmensch gehaßt wird, da bleibt kein Raum für die Gottesliebe.

Die junge Gemeinde, an die der erste Johannesbrief gerichtet ist, hatte mit einer neuen Glaubensbewegung zu tun, deren werbenden Worte ganz ähnlich klangen wie die christliche Botschaft. Aber es ging nur um die unmittelbare Schau Gottes, aber über die Welt und ihre Verpflichtungen wollte man sich erheben. Die neue Weltanschauung war völlig liebeleer: Es ging nur um das Heil des Einzelnen„ nicht um das Recht der Ausgebeuteten und Unterdrückten, nicht um di Hilfe von Mensch zu Mensch für Kranke und Verletzte, für Leidende und Behinderte, für Schwache und Verzweifelte.

Der Johannesbrief aber macht deutlich, daß die Liebe zu den Gott und die Liebe zu den Menschen zusammengehören. Wir leben alle aus Liebe, die wir von Gott empfangen haben. Nur vergessen wir das oft . Da geht es uns so wie jenen Fischen, die nicht wußten , was Wasser ist. Sie gingen zu einem gelehrten Fisch, der ihnen das Wasser zeigen sollte. Er sagte: „O ihr törichten Fische! Im Wasser lebt und bewegt ihr euch. Aus dem Wasser seid ihr gekommen, ins Wasser kehrt ihr wieder zurück. Ihr lebt im Wasser, aber ihr wißt es nicht. Alles, was euch umgibt, ist Wasser!“

Genauso möchte man auch sagen: „O ihr törichten Christen! Aus der Liebe Gottes seid ihr gekommen und zur Liebe Gottes kehrt ihr wieder zurück Ihr lebt in der Liebe Gottes, aber ihr wißt es noch immer nicht!“ Aber heute hören wir es wieder einmal im Gottesdienst. Wir sollten es nicht wieder vergessen.

Gott will uns immer wieder hineinziehen in den Kreislauf seiner Liebe von ihm zu den Menschen und wieder zurück. Wenn einer Kreislaufstörungen hat, dann kommt es zu Verkrampfungen im Adersystem. Es  treten Stauungen auf‚ die lebensgefährlich werden können.

Dann sinkt die Arbeitsfreude, man zweifelt an seinen Fähigkeiten, es kommt zu Schwierigkeiten in Beruf und Familie. Pillen allein helfen da nicht. Häufig liegt die Ursache ja im seelischen Bereich und kann also nur von innen heraus wirklich behoben werden. Kreislaufstörungen kann es aber auch im Leben einer christlichen Gemeinde geben. Die Zahl der praktizierenden Christen ist ziemlich klein; nur ein Teil füllt die Bänke und Stühle in Kirche und Gemeindehaus. Deshalb ist es besonders schön, daß heute einmal etwas  mehr Leute da sind. Doch immer noch größer ist die Zahl der Nur-Kirchensteuer-Zahler, die sich nicht einmal die Zinsen ihres Kapitals abholen. Dazu kommen noch die Unentschiedenen, die zwischen Glauben und Nicht-Glauben pendeln.

Sie alle verstopfen den Kreislauf. Aber auch die Kirchlichen können hemmend wirken, wenn sie nicht bereit sind, einen größeren oder kleineren Dienst in der Gemeinde und an der Welt zu übernehmen.

Der heutige Gottesdienst könnte wieder einmal so eine Aufbauspritze sein, die wieder neue Kraft gibt. In den vergangenen Jahren konnte man das mehrfach beobachten, daß der Gottesdienst zur Goldenen Konfirmation nicht der letzte war, zu dem man gekommen ist; mancher hat sich danach sehr aktiv am Gemeindeleben beteiligt.

Gott hat uns lieb! Wenn wir das recht begriffen haben,: kommt der Kreislauf der Liebe wieder in Ordnung. Wir brauchen uns ja nicht um alle Menschen auf einmal zu kümmern. Unsre Zeit, unsre Kraft und unsre Mittel sind ja begrenzt. Aber sie reichen aus, um den einen oder anderen in den Kreislauf der Liebe Gottes hineinzuziehen. Dadurch funktioniert der ganze Kreislauf besser, und das kommt dann ja auch uns selber zugut.

Wer das recht begriffen hat‚ wird sich durch eine sogenannten „Schicksalsschlag“ nicht gleich umwerfen lassen. Er wird auch nicht mehr nur nach vorn und nach oben streben und andere dabei zu verdrängen suchen. Wer sich bei Gott aufgehoben weiß, hat Freiheit zur Liebe.

Johannistag und Michaelis 

 

Johannistag:  Lk 1, 57 - 64 und 76 - 79

Heute werden die Vornamen wieder modern, die schon die Grpßvä.ter und Großmütter hatten. Wir könnten das vielleicht schon an den Namen der Konfirmanden zeigen, erst recht aber am Taufregister der letzten Jahre. Besonders bei den Jungen sind dabei die biblischen Namen sehr beliebt. Spitzenreiter war zum Beispiel „Christian“, aber es gab auch „Thomas, Stefan, Michael“ und sogar so seltene biblische Namen wie „Samuel, Jonathan und Hosea“. Doch es wäre natürlich auch gut, wenn man etwas über die biblischen Personen wüßte nach denen die Kinder genannt werden .Wir wollen das heute einmal tun mit dem Namen  „Johannes“ tun, der ja auch heute wieder als Vorname verwendet wird, und zwar nicht in der Kurzform „Hans“, sondern richtig „Johannes“. Schließlich haben wir ja heute den „Johannisstag“, den 24.Juni.

Der Name „Johannes“ kommt ja in der Bibel mehrfach vor. Wir denken vielleicht zuerst an den Jünger Jesu, der ja der Lieblingsjünger war. Dann gibt es den Seher Johannes, der die Offenbarung geschrieben hat; dazu die Johannesbriefe. Schließlich noch den Evangelisten Johannes. Aber der Johannestag am 24. Juni bezieht sich auf den Täufer Johannes, der der Vorläufer Jesu war.

Gott macht durch bestimmte Zeichen auf dieses Kind aufmerksam, so daß man im ganzen jüdischen Bergland von ihm spricht. Es beginnt mit der langen Kinderlosigkeit der Eltern. Erst in einem Alter, in dem man normalerweise nicht mehr mit Kindern rechnen

kann, wird das erste Kind geboren. In einem Volk, in dem man Kindersegen sehr hoch einschätzt, wird so etwas besonders vermerkt. Am Grenzfall kann man besonders lernen, was an sich für immer gilt.

Manche Leute sprechen vom „Kinder machen“. Dabei können sie es mitnichten „machen“. Nicht einmal so eine einfache Sache, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, können sie beeinflussen. Aber sie haben es auch nicht in der Hand, ob das Kind gesund ist, ob es gut lernen wird und einen guten Charakter haben wird. Manche bekommen auch keine Kinder, obwohl sie es sich sehr wünschen.

Der Eintritt eines Kindes ins Leben beruht nicht auf menschlichem Wollen und Wünschen, sondern stellt Gottes besondere Tat dar. Wer an Gott, den Schöpfer glaubt, sagt von jedem Menschenleben dankbar: Gott hat es gewollt und gegeben.

Wenn Gott gar etwas Besonderes mit einem Menschen vorhat, dann macht er besonders deutlich, daß er sich das Wann und Wie vorbehalten hat. Im Zusammenhang mit der Ankündigung der Geburt des Kindes ereignet sich gleich ein kleines Bündel von Sonderbarkeiten: Gerade den Zacharias trifft das Los, das Räucheropfer im Heiligtum darzubringen. Dort hat er die Engelerscheinung, die zum Stummsein führt. Und schließlich der ungewöhnliche Name des Kindes, den Vater und Mutter unabhängig voneinander festlegen.

Zeichen sind natürlich keine Beweise. Für alles könnte man sicher auch einen „natürlichen“ Erklärungsversuch finden. Aber sicherlich gibt es solche Zeichen Gottes, aber sie sind nur dem Glauben als solche erkennbar. Es wird also darauf ankommen‚ ob die Predigt in uns zündet, das heißt, ob der für uns in Sicht kommt, den der Täufer angekündigt hat.

Im weltlichen Bereich sucht man einen Menschen nach vorne zu bringen, den man für geeignet hält. Vielleicht wird er erst noch besonders ausgebildet. Dann wird er „aufgebaut“ : in der Presse wird von ihm berichtet, er kommt ins Fernsehen, er wird mit Sonderaufgaben betraut. Spitzenpolitiker versuchen so, ihren möglichen Nachfolger nach vorne zu bringen, er kommt im Partei- und Staatsämter. Ob er nachher tatsächlich genommen wird, ist noch eine andere Frage, da sind dann oft plötzlich doch andere an Drücker.

Aber einen Menschen wie Johannes konnte nur Gott geben. Die ungewöhnlichen Umstände sollen uns dabei hellhörig machen. Aber darauf hätte er auch verzichten können. Wichtig ist allein, daß es erst recht in diesem Fall ganz und gar seine Sache ist, dieses Leben entstehen zu lassen. Er sagt sorgt auch dafür, daß das Kind einen Namen erhält, der gleichzeitig ein „Programm“ ist.

Einen beliebigen Menschen mag man so nennen wie es den Eltern gefällt, wie es dem Geschmack und der Mode entspricht, vielleicht auch, was den Wünschen und Plänen der Eltern angemessen erscheint. Johannes aber heißt: „Gott ist gnädig!“ Da sagt der Name schon, was Gott mit diesem Kind vorhat; hier beginnt er sein Heilswerk. Ein sprechender, ein „predigender“ Name begleitet künftig diesen Mann und weist ihn als ein Werkzeug Gottes aus, denn ein Name ist nicht Schall und Rauch, war es zumindest damals nicht.

Die Lebensaufgabe des Täufers wird sein, „vor dem Herrn herzugehen“ und „Prophet des Höchsten“ zu sein. Er ist nicht nur Vorläufer Gottes wie beim Propheten Jesaja, sondern er ist ausdrücklich der Vorläufer des Messias Jesus. Johannes ist das Zeichen dafür, daß Gott sich

jetzt aufmacht, um seine Welt wiederzugewinnen.

Das wird besonders auch deutlich in dem Lobgesang des Zacharias, dessen Schlußverse wir gehört haben. Zweimal wird erwähnt, daß Gott sein Volk besucht. Er naht sich also seinem Volk in Gnaden und will an ihm handeln. So könnte sich bei uns manches ändern. Solange eine Sünde nicht vergeben ist, solange nicht das behoben ist, was uns vor Gott belastet, kann man nicht von „Heil“ reden. Was nützt denn ein Haus mit allem Komfort und ein Leben in Reichtum, wenn die ganze Familie zum Beispiel mit dem Vater zerstritten ist?  Wenn immer nur „dicke Luft“ ist, dann wäre das doch bedrückend und quälend.

Gott will eine ungestörte und glückliche Gemeinschaft in seinem Hause. Dazu bedarf es der Umkehr. Der Täufer wird Gott den Weg bereiten, indem er zur Umkehr ruft. Umkehr, nicht   d a m i t  Gott kommen kann, sondern  w e i 1  er gekommen ist. Daß er uns besucht, hat seinen Grund in seiner herzlichen Barmherzigkeit. Sein Erbarmen geht bei ihm „durch und durch“. Er will seine verlorenen Menschen wiederhaben. Deshalb kommt er selbst in seinem Sohn.

Gott will seinem Volk „erscheinen“, das „in Finsternis und Schatten des Todes sitzt. Er wird also als ein aufgehendes Gestirn beschrieben, das alle Dunkelheit überwindet. In unserer von künstlicher Lichtern erhellten Welt können wir uns das Grauen vor der Finsternis in früheren Zeiten  gar nicht mehr so recht vorstellen. Im Finstern verbirgt sich das Böse, dort lauert die Gefahr. Wenn ein Gefangener in Dunkelhaft kommt, dann wird sein Kerkerdasein noch beängstigender.

Licht aber kann die Angst verscheuchen. Mit dem Wort „Es werde Licht!“ fing nach der biblischen Erzählung die Welt an. Mit Jesus aber ist erst das volle Licht in die Welt gekommen. Deshalb hat man die Feier seines Geburtstags auf Weihnachten verlegt, also in die Zeit der Wintersonnenwende, wenn die Tage wieder länger werden.

Zur Zeit aber sind wir an der Sommersonnenwende. Und dahin gehört Johannes der Täufer. „Christus muß wachsen, er aber muß abnehmen“, heißt es im Johannesevangelium. Wir machen uns das vielleicht nicht bewußt, während wir noch auf den Hochsommer warten: Das Licht und die Wärme nehmen jetzt wieder ab. Johannes war das Ende des Alten, das vergeht.

Gott aber leuchtet auf‚ unabhängig von der Jahreszeit oder Tageszeit. 

Wohin seine Strahlen, gelangen, da wird das Dunkel aufgehoben und vertrieben. Da sieht man wieder, findet sich wieder zurecht und unterscheidet wieder. Was gefährlich sein könnte, muß sich zurückziehen. Wo Licht ist, kann das Böse nicht gedeihen, da wächst Gutes und reift he­ran.

Man sollte nicht sagen: „Dadurch gerät die Welt nur in eine neue Beleuchtung, aber eigentlich bleibt alles beim alten!“ Sicherlich bleibt vieles so, wie es war. Und doch ist unser Leben schon total verwandelt und wir leben in dem Horizont der Hoffnung. Ziel ist ein Leben in Frieden.

Dazu gehört ein Leben ohne Gewaltanwendung und Blutvergießen, wo man ohne Sorge seiner täglichen Arbeit nachgehen kann und unbedroht ihren Ertrag genießen kann. Aber das ist dann doch alles eingebunden in eine neue Weltordnung und ein neues Weltklima, in dem Gewalt und Drohung, Ausbeutung und Erpressung, Menschenverachtung und List nicht mehr gedeihen können.

Natürlich kommt der Friede nicht über uns wie der Sommer, sondern er will von uns wie ein Weg gegangen sein. Die Predigt Johannes des Täufers, der uns zur Umkehr ruft, könnte uns dazu anleiten und uns Mut zum Frieden machen.

 

 

Johannistag: Joh 3, 22 - 30

Der Johannistag am 24. Juni ist ein kirchlicher Feiertag, der früher eine viel größere Bedeutung hatte als heute. Daran kann man sehen, welches Schicksal ein Tag erleidet, wenn er nicht mehr staatlich geschützt und arbeitsfrei ist. Dennoch ist es für uns angebracht, diesen Tag auch heute unsre Aufmerksamkeit zu widmen.

Früher beachtete man den Tag vor allem in der Landwirtschaft, denn an diesem Tag begann man auf den Gebirgswiesen das Gras zu mähen. Aber uns soll es natürlich um die kirchliche Bedeutung des Tages gehen. In manchen Gemeinden wird der Tag mit einer Andacht auf dem Friedhof begangen, in den Abendstunden, so daß man die Gräber der Angehörigen mit Lichtern schmücken kann Teilweise wird auch noch der Brauch des Johannisfeuers geübt. Manche sagen auch Sonnenwendfeuer dazu. Aber christlich gedeutet handelt es sich um das Johannisfeuer, nicht mehr um den heidnischen Brauch.

Auf jeden Fall hat der Johannistag mit der Symbolik des Lichtes und des Feuers zu tun. Das Fest fällt ja tatsächlich in die Zeit der Sommersonnenwende. Das Tageslicht wird wieder kürzer, die Nächte wieder länger. Zur Wintersonnenwende, wenn wir den Geburtstag Jesu feiern, ist es dann wieder umgedreht. Mit anderen Worten: Wenn Johannes kommt, geht es bergab mit dem Licht. Jesus aber hat ein neues Licht in die Welt gebracht.

Man hat zwar gegen diese Deutung einwenden wollen‚ hier werde ein geschichtliche Tatsache mit dem Gestirnaberglauben verknüpft. Aber es ist doch auch ein schöner Gedanke (der sich erstmals bei dem Kirchenvater Augustin findet), daß man die durch Jesus herbeigeführte Wende auch in der Natur gleichnishaft abgebildet findet. Die beiden Wörter „wachsen“ und „abnehmen“ werden im Griechische gern für die Zunahme und Abnahme des Sonnenlichtes verwendet. Da legt sich eine solche Deutung an sich doch ganz nahe.

Die Bescheidenheit des Täufers ist auch für uns heute noch vorbildlich: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen!“ Es kann beim Glauben niemals um die menschliche Ehre gehen, um menschlichen Erfolg und Größe, sondern immer nur um die Ehre Jesu Christi und die Hoheit Gottes. Es geht darum, ob wir Gott auch wirklich Gott sein lassen.

Nach dem Johannesevangelium haben Johannes der Täufer und Jesus nebeneinander gewirkt. Die anderen Evangelisten erzählen davon nichts. Lukas legt sogar großen Wert darauf, daß erst alles über Johannes erzählt wird, sogar sein Tod, ehe Jesus seine Wirksamkeit beginnt. Aber möglich ist immerhin, daß doch das Johannesevangelium recht hat, beide Gottesmänner also gleichzeitig wirkten.

Einmütig bezeugen alle Evangelien, daß Jesus von Johannes getauft worden ist. Jesus ist also aus der Täuferbewegung hervorgegangen Aber dann hat er sich wohl doch selbständig gemacht und ist eigene Wege gegangen, im Gehorsam gegen Gott. Aber eigenartig wäre schon, wenn Jesus auch selber getauft hätte. Im Johannesevangelium wird ja auch später die Angabe von der Taufe Jesu wieder zurückgenommen mit der Bemerkung, nur seine Jünger hätten getauft.

Aber an sich war eine Taufe erst nötig nach Tod und Auferstehung Jesu. Die Taufe soll ja eine Gemeinschaft mit Jesus begründen, auch wenn er selbst nicht persönlich da ist. Solange er aber als Mensch unter Menschen war, konnte ja jeder Gemeinschaft mit ihm haben und brauchte dazu nicht erst getauft zu sein. Die Taufe war erst nötig in der Kirche, also nach Ostern.

Die Angabe des Johannesevangeliums hätte den Vorzug, daß Jesus durch die Taufe schon zu seinen Erdentagen eingesetzt oder doch wenigstens gespendet hätte. Doch vielleicht wäre es nur eine Wassertaufe ähnlich der des Johannes gewesen, die dann auch Jesu Auferstehung von der Geisttaufe abgelöst worden wäre. Es gibt hier also einige Schwierigkeiten. Der Evangelist Johannes geht mit den Tatsachen aus dem Erdenleben Jesu bemerkenswert frei um. Aber er will halt nicht nur erzählen, sondern er will Christus verkündigen, und zwar so, daß

er dabei eine Antwort gibt auf die Glaubensfragen seiner Zeit und seiner Gemeinde.

Es gab offenbar eine ganze Zeit eine Johannesgemeinde und eine Jesusgemeinde nebeneinander. Beide tauften sie, beide beriefen sich auf einen Gottesmann. Welche Gruppe hatte nun Recht? Der Evangelist Johannes verlegt den Konflikt zurück in die Lebzeiten dieser Lebzeiten dieser Männer und läßt sie selbst eine Entscheidung herbeiführen.

Nach ihm hat Johannes selber gesagt: „Ich bin nur der Vorläufer ,Jesus ist der Richtige, auf den ihr schon lange gewartet habt!“ Das muß der wirkliche Johannes auch tatsächlich so gesagt haben‚ das kann man nicht erst später von ihm behauptet haben, denn sonst hätten die Johannesjünger einer solchen Behauptung sicher sofort widersprochen. Johannes wußte: „Ich bin nur Wegbereiter des Kommenden!

Wir hören allerdings auch, daß Johannes zeitweise wieder unsicher geworden ist, ob Jesus der Messias ist. Er mußte erst noch begreifen, daß Jesus anders war, als er es angenommen hatte. Die später noch vorhandenen Täufergemeinden berufen sich auf diesen Zeitpunkt im Leben des Johannes, wo er schwankend geworden war. Sie wollen bei diesem Glaubensstand stehen bleiben und wollen Jesus nicht anerkennen. Johannes aber ist vorangeschritten und hat zum Glauben an Jesus gefunden.

Das war durchaus nicht selbstverständlich. Damals tauchten immer wieder Männer auf‚ die sich für den Messias hielten oder wenigstens ausgaben. Johannes hätte ja auch denken können: „Warum gerade Jesus und nicht ich selber?“ Aber das war nicht seine Versuchung. Er wußte: Ein Mensch hat eben die Rolle zu spielen, zu der er beauftragt ist. Ein Mensch kann

nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. Was hätte er denn gewonnen, wenn er sich seine Aufgaben selbst ausgesucht hätte?  Er hätte dann zwar frei wählen können, wäre aber schwach geblieben, weil Gott nicht hinter ihm gestanden hätte. Weil er sich aber an Gottes Auftrag gebunden weiß, hat er auch das Format, in den Hintergrund zu treten ,wenn das Ziel erreicht ist

Die Geltungssucht ist auch in der Gemeinde Gottes der Hebel, mit dem der Satan verwirren und zerstören will. Da will halt auch mancher im Rampenlicht stehen. Er will die erste Geige spielen‚ weil nur so der Sache gedient wird. Angeblich kann es keiner so gut. Das gilt natürlich auch von dem Pfarrer einer Gemeinde. Wie mancher spricht von „meiner Gemeinde“, wo es doch die Gemeinde Gottes ist. Wie mancher meint,  ohne ihn werde alles zusammenbrechen..Oder sie brauchten nur ihn zu rufen‚ dann ginge es wieder bergauf. Dabei wäre es doch viel richtiger, wenn Christus für die Menschen so wichtig würde, daß sie den Pfarrer darüber vergessen. Es geht um die Sache und nicht um die Menschen.

Johannes der Täufer kann uns alle da die rechte Bescheidenheit lehren. Er ist wie der Freund des Bräutigams, der die Hochzeit vorbereitet und die Braut abholt. Aber er heiratet die Braut nicht selber, auch nicht wenn er an ihr Gefallen gefunden haben sollte, sondern er tritt still

beiseite und freut sich mit dem Bräutigam über dessen Glück. Doch diese Bescheidenheit ist keine menschliche Tugend, sondern der Herr soll ja zu seinem Recht und zu seiner Ehre kommen‚ darum geht es. Es geht nicht darum, daß man ein feiner Mensch ist und dem anderen höflich den Vortritt läßt, sondern es geht darum, daß man Gott auch wirklich Gott sein läßt.

Aber nun soll Johannes der Täufer doch nicht ganz vergessen sein. Der Johannistag ist ein Christusfest.  Wenn Johannes bescheiden zurücktritt, dann bezeugt er doch Jesus als den Kommenden. Jesus wird zwar äußerlich auch mit Wasser taufen , aber in Wirklichkeit wird er mit Geist und Feuer taufen. Durch diese Taufe verfällt der alte Mensch, aber es entsteht ein neuer Mensch, der sein Leben ganz aus Christus hat.

Nach Jesus kommt es auch nicht wieder zu einer Sonnenwende oder Zeitenwende, bei der Johannes wieder zunehmen und Christus wieder abnehmen würde. Die kreisende Zeit des Neuwerdens und Vergehens wird abgelöst durch eine gleichbleibende Zeit, die auf ein Ziel hinläuft. Die Zeitspirale wird gewissermaßen aufgebogen zu einer Zeitgeraden, die auf Gottes Ewigkeit hinführt.

So können wir uns auch nur freuen, wie Johannes der Täufer, wenn wir selber auch vor Gott gering dastehen. Verdient  haben wir es nicht, wenn wir für würdig erachtet wurden zu seiner Gemeinde zu gehören. Für dem Täufer war das eigene Abnehmenmüssen nur die Kehrseite dessen, daß Christus wächst. So kann auch für uns nichts Besseres geschehen, als daß Christus ganz groß wird, weil in ihm Gott ist, der sich uns ganz zugewandt hat und uns führt und leitet nach seiner Welt zu.

 

 

Michaelistag: Offb. 12,  7 - 12a

Wenn wir etwas vom Teufel hören, dann denken wir vielleicht an die komische Figur im Kasperletheater. Es wäre schön, wenn er so leicht zu erkennen wäre. Dann brauchten wir ihn nicht zu fürchten, denn wir könnten uns dann leicht gegen ihn wappnen. Aber so leicht ist es nicht mit dem, was wir „Teufel“ nennen.

Die Bibel hat übrigens mehrere Namen dafür. Der Teufel ist der, der alles durcheinanderbringt. Das hebräische Wort dafür heißt „Satan. In der Offenbarung des Johannes hat er die Gestalt eines Drachen. Oder er wird „die alte Schlange“ genannt; damit wird an die Geschichte von Adam und Eva erinnert, die beispielhaft schildert, wie die Macht des Bösen über die Menschen Macht gewinnt.

In Wirklichkeit aber bedient sich das Böse der Menschen, um seine Ziele zu erreichen. Jeder kann für jeden zum Verführer werden. Der Teufel kann dem jungen Mann in der Gestalt eines hübschen Mädchens begegnen. Der Mann kann seiner Frau gegenüber die Rolle des Verführers übernehmen. Der Mensch, dem wir unser Vertrauen geschenkt haben, kann für uns zur Verführung werden.

Aber es gibt in der Welt nicht nur das Böse, sondern auch die guten Mächte. In der Offenbarung des Johannes werden sie als „Engel“ bezeichnet. Wir können mit dieser Vorstellung heute nur noch wenig anfangen. In der Kunst werden sie meist als Frauengestalten dargestellt oder gar als Kinder mit niedlichen kleinen Flügeln. Aber in der Offenbarung sind die Engel kämpferische Männer. Ihr Anführer ist Michael, einer der drei Erzengel. Sie treten an zum Kampf gegen den Drachen und seine Engel. Es mag uns verwundern, daß Engel auch auf der anderen Seite stehen und Satan ursprünglich Gottes Diener war, ehe er von ihm abgefallen ist. Aber die Engel sind Personen, die sich entscheiden können und wollen. So haben sie sich, obwohl Geschöpfe Gottes, gegen Gott gewandt.

Doch der Sohn Gottes ist gekommen‚ um die Werke des Teufels zu zerstören .Jesus sah einst den Satan vom Himmel fallen. Jetzt kämpfen die Engel im Himmel gegen den Drachen. Christus braucht gar nicht selber einzugreifen, seine Engel machen das schon. So ist der Teufel ist schnell aus dem Himmel geworfen. Allerdings ist er jetzt auf der Erde und kämpft dort weiter gegen Gottes Gemeinde.

Das bekommt die Gemeinde zu spüren, für die Johannes schreibt. Es sind die Christen in Kleinasien, in der heutigen Türkei. Sie leiden unter dem Wüten des Kaisers Domitian und brauchen Trost. Da schreibt ihnen Johannes: Die Entscheidungen über die Welt sind im Himmel gefallen, die guten Mächte haben gesiegt, trotz des Zorns des bösen Feindes durch das Blut des göttlichen Lammes.

 

(1.) Der Sieg der guten Mächte: Die Lage der Kirche war damals niederschmetternd. Die Christen waren zwar standhaft. Aber viele hatten mit dem Leben dafür bezahlen müssen. Doch man darf nicht nur das Schicksal des Einzelnen betrachten. Beim Glauben geht es nicht nur um das,  was sich zwischen Gott und dem Einzelnen ereignet oder nicht ereignet, ganz in der Stille und im privaten Bereich.

Beim Glauben muß man auch im Weltmaßstab denken. Und da steht fest: Die Entscheidung ist schon im Himmel gefallen. Mag der Kaiser jetzt auch noch wüten. Aber seine Macht ist schon gebrochen, sein Ende schon beschlossene Sache. Ganz nüchtern wird hier aber gesehen, daß kein Mensch für sich allein steht in der Welt. Es gibt unsichtbare Mächte, die ihn beein­flussen, um ihn streiten oder um ihn werben.

Im 20. Jahrhundert haben wir es in unseliger Weise erfahren, wie böse Mächte von Menschen Besitz ergreifen können. Das Erschreckende an den Nationalsozialisten war: Eigentlich ganz gesunde und normale, für sich genommen sogar gutmütige Menschen, sind auf einmal von einem bösen Geist erfaßt worden, daß sie nicht mehr wiederzuerkennen waren.

Weit über unseren guten oder bösen menschlichen Einzelaktionen gibt es noch übergreifende Wirklichkeiten. Daher wird ein Kampf in der Welt ausgetragen, in dem nicht nur Irdische fechten, sondern übergreifende Siege und Niederlagen stattfinden. Darin fügen sich unsere persönlichen Einbrüche und Niederlagen irgendwie ein. Wären wir nicht anfällig für das Böse und hätten wir nicht selber eingewilligt, o würden wir dem Bösen auch nicht erliegen. Das Bild von dem Engelkampf im Himmel dürfte deshalb nicht so abwegig sein, auch heute noch nicht.

Es gibt aber auch „gute Mächte“.  Wahrscheinlich ist ihr Wirken schwerer aufzuzeigen. Aber Gott hat nicht aufgehört, Schöpfer und Erhalter der Welt zu sein, obwohl die Menschen oft eigene Wege gehen. Mitten in der sündigen Welt gibt es auch gute und heilsame Gedanken und Bewegungen, Strömungen und Kräfte, die aus dem Raume Gottes kommen.

Natürlich könnte man auch fragen, warum Gott seinem Widersacher überhaupt soviel Zeit gibt oder ihn nicht von vornherein am Aufstand gehindert hat. Aber die Freiheit zum Bösen gehört nun einmal zum Personsein der Menschen und auch der Engel. Eine Maschine kann nicht sündigen. Wenn sie versagt, kann man sie nicht verantwortlich machen. Sie kann aber auch nicht lieben, auch wenn sie noch so vollkommen konstruiert wäre. Die Liebe kann nur aus der Freiheit kommen.

Gott hat natürlich etwas riskiert, als er die Menschen und die Engel so schuf. Aber er hat das Wagnis auf sich genommen, weil er solche Geschöpfe haben wollte, die mit ihm Gemeinschaft halten können.    Aber Gott läßt es nicht bei dem Abfall, den er einstweilen hingenommen hat. Er gewinnt seine Welt zurück. Ja, man muß sagen: Er h a t sie längst zurückgewonnen. Der Satan ist schon gestürzt. Gott hat sich seine Schöpfung auf die Dauer nicht streitig machen lassen. Jetzt ist das Reich Gottes schon da.

 

(2.) Der altböse Feind zeigt noch seinen Zorn: „Wieso ist das Reich Gottes da?“ werden wir vielleicht fragen. Jede Nummer der Zeitung enthält Meldungen, aus denen hervorgeht, daß die Macht des Bösen noch nicht endgültig besiegt ist. Damals wütete der Kaiser Domitian ganz besonders schlimm. Er 1ieß sich „Gott und Heiland in Ewigkeit“ nennen. In Ephesus ließ er sein Kultbild in vierfacher Lebensgröße aufstellen. Dieses Bild könnte gemeint sein mit dem Tier, das aus dem Meer aufsteigt, denn in Ephesus wurde es an Land gebracht. Dieses Bild sollte man anbeten und Weihrauch vor ihm ausstreuen als ein Zeichen der göttlichen Verehrung.

Wenn der Satan auch im Himmel schon besiegt war, so ist der doch vom Himmel auf die Erde gestürzt und tobt sich nun dort aus und verfolgt die Gemeinde Jesu. Sie verspürt die „Stinkwut“ dessen, der im Grunde das Spiel schon verloren hat. Er weiß, daß er wenig Zeit hat. Alles ist nur ein Schachspiel der längst schon gefallenen Entscheidung. Wer nicht gerade mit Blindheit geschlagen war, der wußte schon Anfang 1943 nach der Schlacht von Stalingrad, wie der Krieg ausgehen würde. Und doch hat die Welt noch über zwei Jahre die verheerende Macht des Faschismus erfahren und erdulden müssen. Je verzweifelter die Lage war, desto schrecklicher war das Wüten. Viele kamen noch in den letzten Tagen um, in den Konzentrationslagern oder wegen Feigheit vor dem Feind. Man hatte das letzte Sich- Aufbäumen der Geschlagenen noch zu dulden.

Man darf aber den Zorn Satans nicht zum Erklärungsschlüssel für die ganze Weltgeschichte machen. Es gibt auch die guten Mächte und den Gott, der in der abtrünnigen Welt immer wieder das Gute tut. Auch wirkt sich die im Himmel gefallene Entscheidung nicht unmittelbar und unverzüglich auf den Lauf der irdischen Welt aus.  Wir meinen oft, wenn es mit Gott seine Richtigkeit haben solle, dann dürften bedrückende und schmerzhafte Dinge nicht vorkommen. Die erste Christenheit wußte, daß auf Erden noch weitergekämpft werden muß und

es nicht ohne Mühe und Belastung am Kreuz vorbei in den Himmel gehen kann.

 

(3.) Das Blut des göttlichen Lammes rettet uns: Niemand sollte meinen, im Himmel sei Ruhe und die irdische Gemeinde sei vergessen. Es gibt immer nur  e i n e  Gemeinde, im Himmel und auf Erden. Und so wie sie den Verkläger im Himmel kleingekriegt haben, so wird er auch auf Erden besiegt werden durch das Blut des göttlichen Lammes. Weil Christus für uns eingetreten ist, sind wir vor Gott völlig unbelastet.

Ein Erpresser will sein Opfer willig machen, indem er ihm seine Schuld nachweist. Schuld belastet immer und macht unfrei. Das nutzen feindliche Geheimdienste immer aus, wenn sie jemand für ihre Zwecke gewinnen wollen. Oft wird dann gesagt: „Ihr habt sowieso verspielt, ihr steckt sowie schon drin, jetzt macht lieber mit uns mit, wir haben euch noch etwas zu bieten!“

Durch das Opfer Jesu aber sind wir frei geworden und unverwundbar. Was auch immer ein Ankläger gegen uns vorbringen könnte: es ist längst abgegolten und erledigt. Das Böse ist noch nicht völlig ausgeschaltet, aber es kann uns nicht mehr die Freiheit nehmen. Machen wir uns das noch einmal zum Schluß an einem Vergleich deutlich: Ein Kind soll in eine Haus gehen, aber auf dem Hof ist ein Hund angebunden. Er rennt an der Kette hin und her und bellt wild. Das Kind traut sich nicht hinein, denn der Hund scheint auch die Haustür zu versperren. Aber dann sieht jemand aus dem Haus und sagt: „Du kannst ruhig hereinkommen. Die Kette reicht nicht ganz. Etwa ein Meter bleibt loch frei, der Hund kann dir nichts antun!“ Noch besser ist es, wenn der Erwachsene das Kind das erste Mal an der Hand nimmt und hineinführt. Nachher wagt es vielleicht auch den Weg allein, auch wenn der Hund noch so bellt. Wenn man den sicheren Weg kennt‚ braucht man keine Angst mehr zu haben.

So führt uns auch Jesus an der Hand. Wir müssen nur dicht an ihm bleiben. Er weiß, wo die gefährlichen Bereiche sind. Der Teufel ist zwar schlauer als wir. Aber Jesus ist noch stärker. Auch wenn wir Angst haben vor dem Wüten des bösen Feindes: bei Jesus sind wir in Sicherheit!

 

 

 

Kirchweihtag

 

Bei der Predigt zum Gedenktag der Kirche sollte man nicht einfach den Predigttext für den laufenden Sonntag nehmen, sondern zum Beispiel von dem Kirchengbäude selbst oder einem Teil von ihm ausgehen. Anknüpfungspunkt könnte aber auch ein konkretes historisches Er­eignis in der Gemeinde sein. Die folgende Predigt schildert so ein Beispiel, müßte aber auf ein entsprechendes Ereignis vor Ort umgeschrieben werden. 

 

Für diesen Tag sind noch folgende Texte vorgeschlagen:

Reihe IV: Jos 24,14-14 (in die Reihe eingefügt)

Reihe V: Jes 66,1-2

Reihe VI. Hebr 8,1-6

 

 

Kirchweih: Psalm 91

Der kleine Fritz geht mit seinem Vater durch das Dorf und fragt immer wieder: „Wer wohnt denn in diesem Haus?“ Der Vater antwortet geduldig: „Da wohnt Familie Müller, hier Familie Meier, und dort der Wilhelm!“ Aber der Junge läßt nicht locker. Er deutet auf die Kirche und fragt: „Und wer wohnt dort?“ Der Vater antwortet: „Da wohnt der liebe Gott!“ Der Junge ist es zufrieden. Aber am nächsten Samstag fehlt er beim Mittagessen. Als er endlich ankommt, erklärt er mit entwaffnender Offenheit: „Ich war bei Gott. Aber er war nicht zu Hause, und sie hat gerade sauber gemacht!“

Ja, wenn es so einfach wäre, daß Gott in so einem Haus wohnte wie wir Menschen. Daß man ihn einfach so in einem Haus antreffen könnte oder auch einmal nicht antreffen könnte, sondern nur seine Frau in Gestalt der Kirchendienerin, die gerade sauber macht. Und doch wohnt Gott in der Kirche, hier kann man ihn in besonderer Weise antreffen - aber nicht nur hier. Und vor allem wohnt er nur in der Kirche, wenn auch Menschen da sind, die ihn suchen. Ohne gläubige Menschen ist die Kirche auch nur eine Ansammlung von Steinen und Holz.

Aber wenn man es recht betrachtet, so ist unsere Kirche schon mehr als eine gewöhnliche Kirche. Zunächst einmal ist sie sehr alt. Sie hat prächtige Malereien, die in den letzten Jahrzehnten wieder freigelegt wurden. Und dann ist die Kirche auch heute noch mit einer Wehrmauer umgeben. Sie ist also ein echte Wehrkirche, wie es sie weit und breit nicht gibt. Nun ja, gegen eine richtige Armee wird sie auch nichts ausgerichtet haben. Aber gegen umherziehende Trupps und Räuber war sie schon eine große Hilfe. Dorthin konnten sich die Einwohner mit Kind und Kegel und Vieh zurückziehen, wenn Gefahr drohte. Und wenn alles nichts half, dann gab es noch einen unterirdischen Gang nach draußen [Hier ist natürlich auf die Besonderheiten der örtlichen Kirche einzugehen].

Die Kirche ist aber auch im übertragenen Sinne Zuflucht für die Menschen, auch für uns heute. So meint es jedenfalls der Psalm 91, wenn er Gott preist: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe!“ Das ist doch ein schönes Bild: Gott ist wie eine Burg, hinter die man sich bei Gefahr zurückziehen kann. So verstehen ihn heute viele Menschen: Für gewöhnlich braucht man ihn nicht, aber bei Gefahr erinnert man sich und sucht Zuflucht bei ihm. Wenn eine Krise kommt in der Familie oder im Beruf oder im Verhältnis zu anderen Menschen, wenn man etwas Unrechtes getan hat oder gern etwas erreichen möchte, dann wendet man sich an Gott und dann soll er auch gleich helfen.

Besser ist es, man wohnt ständig in dieser Burg und läßt sich alle Tage von ihr beschützen. Das haben ja die gemacht, die eine große Ringmauer um das ganze Dorf bauten, damit alle Häuser und alle Menschen geschützt waren, soweit das Menschen möglich ist. Aber sie wußten sicherlich auch etwas von dem höheren Schutz Gottes, den wir alle brauchen, damals wie heute.

Auch das andere Bild aus dem Psalm drückt das aus: „Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln!“ Wie eine Vogelmutter ihre Jungen bedeckt und beschützt, so dürfen wir uns auch bei Gott geborgen wissen. Eine Frau sagte immer zu denen aus dem Haus, wenn sie in Urlaub fuhren und uns verabschiedeten: „Fahren Sie mit Gott!“ Das ist doch ein schöner Wunsch für jeden von uns, gerade jetzt am Beginn der Ferien und Reisezeit.

Aber auch die Kirchweih soll natürlich unfallfrei ablaufen. Und es könnten sich auf der Kerb auch noch andere Vorfälle ereignen, die zwar heute nicht mehr unbedingt als ein Unglück angesehen werden, aber doch nicht zu sein brauchen. Da beklagt sich im März 1713 ein Mann aus Dorfelden beim Kirchenvorstand, der damals noch „Presbyterium“ hieß, weil eine Frau  ihn beim Pfarrer und Schultheißen angeklagt hat, er habe sie geschwängert. Die Frau wird vorgeladen und weil sie keinen guten Ruf hat, werden alle Umstände von ihr ausgefragt: Wann und wie oft er sie beschlafen. Sie antwortet: Zweimal, das erste Mal auf der Hochstädter Kerb und noch einmal drei Wochen später. Sie wird gefragt, ob es nicht auch sechs Wochen später so gewesen sei, da hätte sie doch bei einer Hochzeit Gelegenheit gehabt. Als sie das verneint, wird ihr vorgehalten: Das würde sie doch gewiß nicht ausgelassen haben. Ob sie es nicht noch das eine oder andere Mal versucht hätten, sie solle doch nicht lügen!

Viele werden heute sagen. Nur gut, daß der Kirchenvorstand heute nicht mehr diese Macht hat, vor allem, weil man ja immer dem Mann eher glaubte als der Frau, die immer als Verführerin gesehen wurde, so wie bei Adam und Eva im Paradies, wo aber auch zwei zur Verführung gehörten. Doch die Menschen damals haben diese Macht des Presbyteriums akzeptiert und nicht als unerlaubte Kontrolle empfunden. Sie führten ihr Leben in der Verantwortung vor Gott und waren irgendwie auch froh, daß ihnen dabei durch die Gebote und eine moralische Instanz, die darüber wachte, eine Hilfestellung gegeben wurde.

Sicherlich gab es auch unschöne Begleiterscheinungen, wenn etwa die Frauen dann den ganzen Gottesdienst über vor der Kanzel stehen mußten und vor der ganzen Gemeinde „mit vielen Tränen“ ihre Schuld bezeugen mußten. Das wurde dann ja auch abgeschafft und es gab nur noch die Buße vor dem Presbyterium und später nur noch vor dem Pfarrer. Und es war natürlich auch falsch, daß man unter „Sünde“ fast nur dies Eine verstand und nicht die Verderbtheit des ganzen Lebens und Handelns.

Wir brauchen Gott auch wie eine starke Burg, wenn wir unser Leben in Ordnung halten wollen. Ohne seine Gebote und das Hören auf ihn geht es nicht, kann unser Zusammenleben nicht gelingen. Deshalb brauchen wir den Kontakt mit ihm, nicht nur am Gedenktag der Kirchweihe, sondern an jedem Tag unseres Lebens. Und Symbol dafür, daß er mitten unter uns ist, wird immer das Kirchengebäude sein. Unsere Häuser versammeln sich um die Kirche und stehen unter Gottes Schutz, so wie eine Glucke ihre Küken behütet.

Aber der schönste Schmuck einer Kirche sind die Menschen, die sich dort versammeln. Ohne die Menschen ist sie tot und wir brauchen sie im Grunde auch nicht. Aber so wie die Kirche allgemein und auch unsere Kirche ein große Vergangenheit hat, wird sie auch eine Zukunft haben. Ob es eine große Zukunft wird, muß man wohl erst einmal dahingestellt sein lassen. Das liegt in erster Linie an Gott, aber auch an uns.

Die Kirche hat durch all die Jahrhunderte hindurch Bestand gehabt. Sie hat sich gewandelt, aber sie ist auch ihrem eigentlichen Anliegen treu geblieben. Der Glaube an Gott und die Gemeinschaft mit anderen Christen ist auch in der heutigen Zeit ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. So wie unsere Vorväter Kraft daraus geschöpft haben, können auch wir es heute tun!

 

 

Kirchweih: 2. Kön 25,  8 - 1

Was aus einer Kirche werden kann, die nicht mehr benutzt wird, kann man an früheren Klosterkirchen sehen. In der Nähe von Rohr bei Meiningen kann man auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters sogar noch die alte Klosterkirche zu entdecken. Aber wie sah sie lange Zeit aus?! Unten waren Garagen eingebaut, oben wurden Heu und Stroh gelagert, und vorne, wo der Altar gestanden hat, war die Turnhalle der dortiger landwirtschaftlicher Berufsschule eingebaut.

Natürlich kann man darauf verweisen: Es war eine Klosterkirche, und als das Kloster aufgelöst wurde, hatte sie keine Aufgabe mehr. Es gibt ja auch im Ort selbst die berühmte andere Klosterkirche, die heute noch von der Gemeinde genutzt wird. Aber so ein Beispiel macht doch deutlich, was aus einem Kirchengebäude werden kann, in dem sich keine Gemeinde mehr zum Gottesdienst versammelt.

Es gibt ja in unserem Land eine Menge Kirchen, die Ruinen geworden sind oder zu werden drohen..Andere sind fremden Zwecken zugeführt worden: Sie wurden Museum oder Konzerthalle, sie wurden Scheune oder Lagerhalle.

Damit es nicht so weit kommt, ist eine lebendige Gemeinde nötig, die die Kirche baulich erhält und auch mit Leber füllt. Am Tag der Kirchweih denken wir voller Dankbarkeit an unsre Vorväter, die dieses Gotteshaus vor mehr als.... Jahren in schwerer Zeit errichtet haben. Wir feiern es auch in Dankbarkeit gegenüber Gott, der die Kirche und die Gemeinde bisher erhalten hat. Aber wir fühlen auch die Verpflichtung, das Haus und vor allem die Gemeinde auch in Zukunft zu erhalten.

Andernfalls müssen wir damit rechnen, daß Gott auch Gericht übt. Eine verfallende oder anderweitig genutzte Kirche kann uns Mahnzeichen dafür sein. Da fragen wir uns doch: „Hat Gott sich überlebt? Hat die Kirche noch eine Zukunft?“ Hoffentlich fragen wir auch: „Was kann ich tun, damit es mit der Kirche weitergeht?“

Das fragten sich auch die Israeliten, die die Zerstörung Jerusalems und die Zerstörung ihres Tempels erlebt hatten. Reichlich eineinhalb Jahre hatte die belagerte Stadt den Babyloniern getrotzt. Aber im August des Jahres 587 rissen die Belagerungsmaschinen eine Bresche in die Mauer der Stadt. Der König floh zunächst in der Süden und dann in Richtung Osten, wurde aber bei Jericho gefaßt und in das Hauptquartier Nebukadnezars gebracht.

Vier Wochen nach der Einnahme der Stadt folgte die Zerstörung. Die Leibgarde des babylonischen Königs hatte das Gericht über die Stadt zu vollstrecken, die sich gegen die Oberherrschaft der Babyloniern aufgelehnt hatte. Diese Soldaten trugen den bezeichnenden Namen „die Schlächter“. Die Oberschicht des Volkes wurde nach Babylon verschleppt, nur Bauern und Winzer durften bleiben und führten ein kümmerliches Leben.

So übte Gott Gericht an seiner Stadt. Diese geschichtlichen Ereignisse haben ihren Platz im Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Gott wirkte in der Geschichte seines Volkes. Aber nun schien diese Geschichte zu Ende zu sein. Heilsgeschichte war umgeschlagen in Unheilsgeschichte. Schlimmer als die äußeren Schicksalsschläge war das Zerbrechen der Glaubensüberzeugungen und Zukunftshoffnungen.

Jahrhundertelang war die Stadt Gottes unangetastet geblieben. Selbst die Assyrer hatten gut 100 Jahre vorher wieder abziehen müssen. Aber nun lag selbst der Tempel in Schutt und Asche, der doch die Anwesenheit Gottes in seinem Volk bezeugen sollte.

Man kann sich die Glaubenskrise für das Volk nicht tief und verheerend genug vorstellen. Hatte Gott die Bestätigung für den Thron Davids zurückgezogen? Hatte er sein Volk aufgegeben? Wie sollte man ihn noch verehren, wenn der Tempel in Trümmer lag? War der Tempel deshalb zerstört worden, weil Gott so böse auf das Volk war, daß er gar keinen Gottesdienst mehr wollte?

Die Bibel ist weit davon entfernt, in solchem erschütternden Geschehen ein sinnloses Walten eines blinden Schicksals zu sehen. Gott bestimmt die Geschichte, auch Nebukadnezar ist sein Werkzeug. Und was über Jerusalem kommt, ist von Gott gewollt und verfügt. Ein Volk, das so schwer schuldig geworden ist, sollte nicht Gott anklagen, sondern sieh selbst. Die Weltgeschichte ist nicht einfach das Weltgericht. Vieles in der Welt bleibt auch ungerächt. Aber in der Weltgeschichte geschieht - wenn auch oft anbruchsweise und zeichenhaft- das Gericht Gottes. Das soll in den Samuel-und Königsbüchern aufgezeigt werden.

Viele bei uns haben in der Bombenhölle des zweiten Weltkriegs ein Versagen Gottes gesehen. Wer wollte es den Menschen auch verübeln, wenn sie in ihrer Verzweiflung nach Gott schreien? Nur hätte man dabei nicht vergessen dürfen, was andere Völker durch unser Volk erlitten haben. Was uns am heutigen Sonntag aus der Bibel gesagt wird, können wir nur in Betroffenheit hören. Von Gottes Gerichten kann man nicht in der Zuschauerhaltung reden.

Wir haben die Geschichte Gottes mit seinem Volk nicht als Zuschauer zu deuten. Jahrhundertelang hat man in der Kirche auf die Juden gezeigt, sie als Christusmörder beschimpft und die Zerstörung des dritten Tempels im Jahre 70 nCh als Strafe Gottes für den Tod Jesu gedeutet.  Aber besser wäre es gewesen, aus diesem Geschehen den Anruf Gottes an uns zu vernehmen. Es ist uns geschrieben zur Warnung und zur Selbsterkenntnis und auch zur Demütigung unter die gewaltige Hand Gottes.

In Jerusalem wurden nicht nur Ängste und Schmerzen ausgestanden, wie sie überall in der Welt auftreten. Hier befand man sich zu dem allen noch in der Anfechtung des Glaubens. Man hätte alles ertragen können, wenn man nur Gott auf seiner Seite gewußt hätte. Aber hier hatte man auch Gott verloren. Hier hatte man nicht nur Menschen zu Feinden, sondern Gott selbst. Davon steht allerdings nichts in den Zeitungen. Gottes Gericht in der Geschichte muß man erst einmal annehmen. Denn wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel dann gefordert.

Gott übt Gericht an seinem Volk. Der Verfasser der Samuel- und Königsbücher stellt sich mit seiner Darstellung der Geschichte Israels dem Gericht Gottes. Er spürt die Ursachen auf und erkennt die innere Notwendigkeit dieses Geschehens. Er berichtet nicht nur, sondern versucht auch, das Erlittene im Glauben aufzuarbeiten.

Aber er tut das nicht, indem er Schuldige aufspürt und zur Rechenschaft zieht. Das haben die Babylonier getan. Vielmehr bedenkt er die Schuld des ganzen Volkes. Aber er nimmt auch besonders die Könige unter die Lupe: mit ihrer Treue zu Gott steht und fällt auch das Schicksal des Volkes.

Auch in unserem Volk muß sich jeder Einzelne fragen: „Sind wir nicht alle mit schuld an dem, was anderen Völkern angetan wurde? Sind wir nicht nach 1945 viel zu schnell von einem anspruchsvollen Wohlstandsdenken erfaßt worden?“ Viele sagen doch: „Jahrzehnte nach dem Grauen des Krieges sollte man nicht mehr davon reden!“ Und viele beruhigen sich mit der Ausrede: „Ich bin es doch nicht gewesen!“

Die Bibel erlaubt uns nicht zu meinen, unsere Sünden seien etwas Vergangenes, über das allmählich Gras wächst. Wir werden uns durch Gottes Gericht nicht durchmogeln können. Luther hat den Leuten, die durch den Erwerb von Ablaßbriefen billig davonkommen wollten, in den 95 Thesen von 1517 klargemacht, daß wahre Reue die Strafe sogar sucht. Das unruhig gewordene Gewissen w i 1 1 sich gar nicht unbehelligt aus der Affäre ziehen, sondern das Gericht Gottes zur eigenen Sache machen.

Aber Gott übt auch Gericht an seinem Sohn. Dieser letzte Ausblick darf nicht fehlen. Alle Gerichte in der Geschichte sind nur Vorspiele des großen Gottesgerichtes. Das brennende und zerstörte Jerusalem war nicht Gottes letztes Wort. Gott will unser Heil: Er will, daß dem Recht die Ehre gegeben wird. Aber er möchte auch, daß wir zu ihm zurückfinden und als sein Volk bei ihm leben können. Darum trägt der Sohn Gottes das, was wir eigentlich verdient hätten. Alle Gottesgerichte treffen letztlich ihn. Jetzt steht der Gekreuzigte für uns ein, weil er das Gericht Gottes auf sich gezogen hat.

Deshalb können wir auch mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Unsre Kirche hat eine Zukunft, weil Gott es so will. Er ermutigt uns, das zu tun, was wir tun können, um die Kirche zu erhalten, und zwar das Gebäude wie die Gemeinde, die sich in ihm versammelt. Aber letztlich liegt es nicht an unserem Wollen und Mühen, sondern an der Liebe Gottes zu seiner Gemeinde und zu allen Menschen.

 

 

Kirchweih 1986: Röm 1, 16 - 17

Im nächsten Jahr begehen wir das 450-jährige Jubiläum der Reformation in ……. Das mag vielleicht verwundern, denn bei Reformation denkt man doch eher an das Jahr 1517, als Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, die dann zur Reformation führten. Doch das ging nicht von einem Tag auf den anderen . In Wittenberg kam es erst 1522 zu deutlichen Veränderungen. In der Kreisstadt wurde 1525 der erste evangelische Pfarrer eingesetzt, aber die Klöster zum Beispiel blieben bestehen.

In einem Ort mit zwei Landesherren hatte man sich 1527 geeinigt, daß man abwechselnd die Pfarrstellen besetzen wollte. Dazu mußte die Stelle aber erst einmal frei werden. Die Gelegenheit ergab sich erst 1537 . Die Besetzung mit einem evangelischen Pfarrer wurde aber dadurch erleichtert, daß auch der andere Landesherr zur Reformation übergegangen war.

So kam 1537 N.N. als erster evangelischer Pfarrer nach …. Er war im Alter von 37 Jahren in Rotenburg an der Fulda ohne Ordination zum Predigtamt zugelassen worden, wie das in Hessen möglich war. Dann war er zwölf Jahre Schulmeister in der Kreisstadt und schließlich sieben Jahre Pfarrer in unserer Stadt und danach noch 20 Jahre Pfarrer in …. So können wir das Jahr 1537 als Zeitpunkt der Einführung der Reformation in unserer Stadt  ansehen. Es war das Jahr, in dem  Luther die „Schmalkaldischen Artikel“ als seine Bekenntnisschrift vorlegte.

Aus Anlaß dieses Jubiläums im Jahre 1987 haben wir einen Wandbehang drucken lassen ,den ich Ihren heute zur Kirchweih vorstellen kann. Er zeigt die „Kirche“ in unserem Tal. Unsere Kirche steht im Vordergrund, die anderen gruppieren sich dazu, es sieht aus wie ein Dorf aus lauter Kirchen. Die eingepfarrten Orte gehören ja sowieso zu unsrer Gemeinde. Aber auch die Nachbarorte gehörten früher zum Kirchspiel. In dem einen Ort war die Mutterkirche für das ganze Tal. So kommen in diesem Wandbehang 450 Jahre gemeinsamer Geschichte zum Ausdruck, die bis heute nachwirken.

Doch wenn wir das Jubiläum der Reformation begehen wollen, dann müssen wir uns auch fragen: „Worum ging es denn damals bei der Reformation und wie weit wirkt das noch heute nach?“ Zur Beantwortung dieser Frage hilft uns der Bibeltext aus Röm 1,16-17, der die Zentralstelle für die reformatorische Erkenntnis Luthers ist:“Im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt!“

Luther fragte voller Unruhe: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Auf diese Frage konnte ihm keiner Antwort geben. Nächtelang lag er im Augustinerkloster in Erfurt auf dem Steinfußboden und betete. Er sagte sich: „Wenn Gott gerecht ist, dann muß er mich in Grund und

Boden verdammen, denn ich bin ein sündiger Mensch!“ Je mehr er sich aber in die Bußübungen seiner Kirche versenkte, desto größere Zweifel kamen ihm,  ob er zu den Auserwählten Gottes gehöre.

Im Kloster von Wittenberg ging ihm dann die Erkenntnis auf, die alles über den Haufen warf. Er las diese Bibelstelle Röm 1, 17. Doch auf einmal verstand er das Wort von der „Gerechtigkeit Gottes“ anders: Es ist die Gerechtigkeit, die uns von Gott geschenkt wird, „die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“, wie er von nun an übersetzte. Jetzt wußte er: Wir können gar nichts zu unsrer Gerechtsprechung beitragen, sondern sind immer auf den Freispruch Gottes angewiesen. Gerechtigkeit ist keine Eigenschaft Gottes, sondern meint die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Gerechtigkeit ist ein Tun Gottes, durch das er sündige Menschen wieder

s e i n e Menschen sein läßt.

Stellen wir uns einen Menschen vor, der vor Gericht steht. Er weiß genau, daß er das wertvolle Werkzeug gestohlen hat. Aber der Richter weiß es auch, leugnen ist zwecklos. Nach den geltenden gesetzlichen Bestimmungen kann er nur verurteilt werden. Bis zu drei Jahre Gefängnis stehen auf so einer Tat. Er wird fort müssen von seiner Familie und von seiner Arbeit; die menschliche Gemeinschaft wird ihn ausstoßen und er wird keine Freude mehr am Leben haben. Doch als der Richter das Urteil verkündet, heißt es: „Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt!“ Er muß nicht hinter Schloß und Riegel .Wenn er sich in Zukunft ordentlich benimmt und den Schaden wieder gut macht, wird ihm die Strafe erlassen.

So macht es Gott auch mit uns. Er hat vielmehr Geduld mit uns als ein irdischer Richter. Er gibt uns immer wieder eine neue Chance. Die Strafe wird nicht zur Bewährung ausgesetzt und steht immer noch drohend über uns. Vielmehr sagt Gott: „Deine Strafe habe ich meinem

Sohn auferlegt, du gehst frei aus!“ Das war die große Erkenntnis Luthers‚ von der wir heute noch alle leben.

Aber ist uns das wirklich bewußt? Ist es wirklich die Lebensfrage Nummer eins, ob Gott uns annimmt und gelten läßt, ob er uns zustimmt und sein Wohlgefallen an uns hat?  Wir fragen doch nicht mehr wie Luther nach dem gnädigen Gott, sondern wir stellen die Existenz Gottes selber in Frage. Wir wollen uns doch mehr vor uns selbst rechtfertigen. Für jeden ist seine normgerechte Stellung in der Welt wichtig. Wir sind empfindlich, wenn herauskommt, daß wir in irgendeiner Hinsicht unsern Platz nicht ausfüllen. Wir wollen uns nicht damit trösten, daß wir sagen: „So bin ich nun einmal!“

Helfen kann uns dann, daß wir ja Menschen Gottes sind. Wir sind auf Gott hin geschaffen und stehen vor ihm. Er will uns retten, wenn wir falsch gegangen sind. Vielleicht halten wir das Wort „Rettung“ für zu dramatisch. Von Rettung reden wir, wenn Bergleute durch einen Stolleneinbruch verschüttet gingen und nun gerettet werden sollen. Ist unser Verhältnis zu Gott so gefährlich?

Das Evangelium, die frohe Botschaft Gottes, lautet nicht: Gott hat sich damit abgefunden, daß unser Verhältnis zu ihm nicht in Ordnung ist. Vielmehr sagt er: „Ich will dich wiederhaben. Du mußt nicht in deiner Sünde bleiben. Ich bringe dein Verhältnis zu mir wieder in Ordnung und mache es heil. Unser rechtes Verhältnis zu Gott verwirklicht sich allein in dem, was Christus an uns tut.

Das Urteil über unser Leben fällt allein Gott. Deshalb brauchen wir uns vor keinem Menschen zu rechtfertigen. Unsere Vorgesetzten fordern immer wieder einmal Rechenschaft. Auch in uns selber steckt der Zwang, uns vor uns selbst oder vor anderen zu rechtfertigen. Wie oft hört man: „Ich tue alles nur für meine Kinder!“ Wie oft erlebt man, daß ein Mensch ständig seine Schwäche überspielt und verdeckt, um vor den anderen als unfehlbar zu erscheinen.

Kaiser Wilhelm II. hat einmal gesagt: „Wir Deutschen furchten Gott und sonst nichts auf der Welt!“ Er hat noch gewußt, daß wir allein Gott verantwortlich sind. Aber er will auch sagen: „Gewisse Dinge verantworten wir auch ganz für uns allein, die nehmen wir auf die eigene Kappe, ohne nach Gott zu fragen!“ Wie soll man so einem Menschen klar machen, daß er schuldig wird, wenn er alles aus eigener Kraft vollbringen will.

Viele Menschen finden den Gedanken uneinsichtig und lächerlich, wir seien durch den Opfertod Christi erlöst und gerechtfertigt worden. Viele schütteln nur mit dem Kopf, wenn man ihnen sagt: „Du bist ein verlorener Mensch, du brauchst die Erlösung durch Gott!“ Aber die Gerechtigkeit, die von Gott ausgeht, kann uns nur durch Jesus vermittelt werden.

Paulus schreibt später in seinem Brief: „Wir müssen mit Jesus mitsterben, erst einmal ganz anders werden; aber dabei kommt etwas ganz Neues heraus ein ganz neues Leben aus dem Glauben. Diese Erkenntnis ist uns durch Luther wieder neu geschenkt worden. Und solche Männer wie der erste evangelische Pfarrer in unserem Ort. haben das an Ort und Stelle umgesetzt.

Auch heute wird die frohmachende Botschaft von dem Gott, der uns gerecht spricht, in unserem Tal gepredigt. Das wird auch so weitergehen. Die Frage ist nur: nehmen wir diese Botschaft an. Lassen wir die Kirche im Dorf, dann braucht uns um die Zukunft nicht bange zu sein!

 

 

Kirchweih: 2. Kor 3, 4 - 9 (auch Reihe VI, 20. Sonntag nach Trinitatis)

Hier vorne neben dem  Taufstein ist die eine der Treppenstufen in den Altarraum schon ganz ausgetreten. Da kann man sich schon so meine Gedanken darüber machen, wer wohl schon alles über diese Stufe geschritten ist. Wir sind ja nicht die Ersten, die diese Kirche benutzen, sondern wir haben sie von unseren Vorvätern übernommen. Wir stehen in einer langen Kette von Christen, die hier in diesem Gotteshaus Trost und Hilfe, Rat und Zuversicht gefunden haben.

Überlegen wir und doch einmal, wer wohl alles dazu beigetragen hat, im Laufe von mehr als 300 Jahren diese Stufe derart auszutreten. Da sind zunächst einmal die Pfarrer, die jeden Sonntag diese Stufen hochgestiegen sind. Es sind viele Pfarrer gewesen, die bisher hier in dieser Kirche Dienst taten. Dazu kommen noch die vielen Gäste, die hier im Gottesdienst oder bei Gemeindeveranstaltungen mitwirkten. Nicht zu vergessen sind auch die Kirchendiener und früher gehörten ja auch die Kirchenvorsteher noch mit dazu.

Doch auch die Gemeinde versammelt sich hier im Altarraum zu besonderen Anlässen. An wichtigen Punkten des Lebens dürfen wir hier ganz persönlich den Zuspruch und die Verheißung Gottes hören bei Taufe, Konfirmation und Trauung, vielleicht auch bei der Beerdigung.

Und schließlich versammelt sich ein großer Teil der Gemeinde hier im Altarraum zur Feier des Heiligen Abendmahls, um die Vergebung der Sünden und Kraft für einen Neuanfang zu erhalten. An all das erinnert uns so eine einfache Stufe aus Stein, die von vielen Füßen schon ganz ausgetreten ist.

In unsrem Predigttext ist auch die Rede von alten Zeiten und von Steinen. Hier wird der alte Bund Gottes mit dem Volk Israel verglichen mit dem neuen Bund, den Gott mit allen Menschen geschlossen hat, die an seinen Sohn Jesus Christus glauben. Es wird gesagt: Schon diese alte Sache, das Amt des Mose und sein Gesetz, hatte eine große Herrlichkeit und Klarheit. Aber heute ist diese Herrlichkeit noch größer, weil uns nicht nur das tote Gesetz gegeben ist, das in steinerne Tafeln gehauen wurde, sondern weil uns Gott den Geist geschenkt hat, der den Buchstaben des Gesetzes überbietet und echte Gerechtigkeit gibt: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig!“ Das ist der zentrale Satz.

Es geht also nicht um den Buchstaben eines Gesetzes, sondern um den Geist, der hinter einer Vorschrift steht. Da besteht zum Beispiel an manchen Stellen einer Straße „Halteverbot“. Aber was will man machen, wenn sich eine Schlange von Autos bildet und man einfach anhalten m u ß ? Oder wie ist es, wenn ein technischer Fehler am Fahrzeug auftritt und man im Halteverbot stehenbleibt? Da kann man doch nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes gehen und den Fahrer bestrafen. Verkehrsbedingtes Anhalten ist deshalb auch ausdrücklich von der Strafe ausgenommen. Es geht doch um den Sinn der Vorschrift, um das, was gemeint ist, nicht wie es wörtlich dasteht.

Das werden wir Christen och viel mehr lernen müssen, nicht einfach stur nach alten Gesetzen und Vorschriften zu handeln, sondern nach dem Willen Gottes zu fragen. Nur zu oft wird unser Glaube auch von Außenstehenden immer noch als eine gesetzliche Religion mißverstanden, so wie bei den Juden.

Im Zusammenhang mit der Konfirmation sagte jemand: „Das war aber schön, wie der Pfarrer  die Kinder ermahnt hat!“ Der Pfarrer war erst einmal erschrocken. Erstens einmal sind konfirmierte Jugendliche keine kleinen Kinder mehr. Und zweitens hatte er sich für seine Begriffe gerade bemüht, nicht zu ermahnen, sondern das Geschenk Gottes herauszustellen. Aber so ist das eben: In den Augen vieler Leute ist die Kirche und besonders der Pfarrer nur dazu da, zum Gehorsam zu ermahnen und das Bestehende zu verteidigen.

Das war auch die traditionelle Aufgabe der Kirche in den vergangenen Jahrhunderten. Sie war ein Instrument der herrschenden Klasse, um das Volk in Unfreiheit zu halten und jede freiheitliche Regung abzutöten. Natürlich haben da nicht alle Christen mitgemacht, aber viele haben sich auch vor einen fremden Karren spannen lassen. Das Ergebnis war, daß Vieles abstarb. Zum Beispiel ging spätestens im vorigen Jahrhundert das Vertrauen der Arbeiter gegen­über der Kirche verloren, weil diese ganz auf Seiten der Herrschenden stand.

Eigentlich erst in den letzten Jahrzehnten hat man wieder erkannt, daß die Kirche eine eigenständige Kraft ist und von ihrem Glauben her eine eigene Meinung zu den Lebensfragen dieser Welt äußert. Es ist nicht unsere Aufgabe, politische Parolen nachzusprechen, sondern nach der Bibel und nach Gott zu fragen und von daher eine Stellungnahme zu geben. Viele Christen haben das heute auch begriffen.

Man kann heute nicht mehr so ohne weiteres die Kirche mit den herrschenden Klassen in eine setzen. Denken wir zum Beispiel auf katholischer Seite an die Arbeiterpriester in Frankreich oder an manche Priester in Südamerika, die sich für die Armen einsetzen. Und auf evangelischer Seite sind zu nennen der Kampf einiger schwarzer Pfarrer um die Gleichberechtigung aller Rassen in den USA oder denken wir an die positive Haltung mancher Bischöfe zu den Studentenunruhen in der Bundesrepublik. In manchen kirchlichen Kreisen spricht man heute sogar von einer „Theologie der Revolution“.

Unser Amt ist es also nicht unbedingt, für Ordnung und Ruhe zu sorgen, sondern den Geist des Evangeliums in unserer Welt laut werden zu lassen. Nur der Geist macht lebendig. Viel schöner als die Predigt des Gesetzes ist doch die Aufgabe, allen Menschen etwas von der Freiheit der Kinder Gottes zu sagen.

Allerdings wird es auch darauf ankommen, ob wir den Menschen diese Freiheit vorleben können. Wir sollen nicht immer nur davon reden, sondern andere sollen auch daran glauben können. Oft müssen wir allerdings erleben, daß wir gar nicht so handeln können, wie wir sollen. ihr haben zwar eine herrliche Botschaft zu bringen, die die ganze Welt verändern könnte. Aber als Botschafter sind wir nur klägliche Hilfsprediger. Wir sind nur armselige Behälter, aber der Inhalt ist herrlich. Der einzelne Christ taugt nicht unbedingt etwas, wohl aber das, was er zu bringen hat.

Paulus hat deshalb ausdrücklich alle Empfehlungsbriefe abgelehnt. Er hat nicht sein eigenes Evangelium an den Mann zu bringen, sondern eine Botschaft Gottes. Und dazu ist es nicht unbedingt nötig, daß er ein tugendhafter, sündloser Mensch ist. Und ebenso brauchen auch seine Hörer nicht unbedingt irgendwelche Vorleistungen zu erbringen. Natürlich wird sich jeder bemühen, daß seine persönlichen Mängel nicht zum Hindernis für die Botschaft werden. Aber in erster Linie geht es doch um die Weitergabe eines Geschenks.

Stellen wir uns vor, der Geldbriefträger bringt eine beträchtliche Menge Geld ganz unerwartet und unverdient von einem Freund. Das Geld kommt gerade wie gerufen und wir zögern nicht, es anzunehmen. Keiner würde sich in so einem Fall den Ausweis des Briefträgers geben lassen, um nachzuprüfen, ob er auch berechtigt ist, das Geld zu bringen.

Doch wie ist es, wenn ein Bote Gottes uns die Predigt von Gott bringen will? Gibt es da nicht viele „Wenn und Aber“ und am Schlug heißt es dann: Annahme verweigert!

Dabei ist es doch solch eine herrliche Sache, die uns da gebracht wird. Natürlich wird uns nicht der Himmel auf Erden versprochen. Aber wir haben einen Glauben, der uns getrost und innerlich frei macht, weil es um Gottes Sache geht, die die Sache der Wahrheit ist. Wer die Annahme nicht verweigert hat, kann dann auch selber Bote werden. Gott hat uns von dem harten Gesetz des Buchstabens befreit, damit wir seine Freiheit recht anwenden. Er hat für jeden von uns einen Auftrag.

Deshalb müssen wir immer wieder neu lernen, unseren Glauben lebendig zu erhalten, nicht nur einfach den Glauben unserer Väter zu rühmen, sondern unser Vertrauen zu Gott hier und heute erneuern. Wie oft kann man von Leuten hören: „Mein Großvater, der ging jeden Sonntag in die Kirche, Sommer wie Winter und auch wenn noch so viel Arbeit war!“ Aber warum tut es der Enkel nicht auch? Er kann sich doch nicht auf die Verdienste seines Großvaters

berufen. Es geht doch nur darum, ob sein Glaube h e u t e lebendig ist.

Oft kann man auch hören: „Bei uns gehen noch viele Leute zur Kirche!“ Man vergleicht sich dann mit anderen Orten gleicher Größe und ist stolz auf die eigene Leistung. Manchmal ist es allerdings auch nur die Leistung der anderen. Denn meist sagen das doch nur solche Leute, die sich nur wenig im Gottesdienst sehen lassen; und wer wirklich regelmäßig kommt, der redet nicht davon.

Und außerdem: Wenn hier 250 Leute zum Gottesdienst kommen, dann sind das immer nur 5 Prozent aller Gemeindeglieder. Wir müssen uns dann doch auch fragen: Wo sind die anderen 95 Prozent in dieser Stunde? Wir wollen uns also nicht selbst loben. Es gibt auch viel Enttäuschung und Versagen. Die Herrlichkeit Gottes ist vielfach noch verhüllt.

Und wer ein Bote Gottes sein will, der hat es oft schwer. Denken wir nur daran, wie es einem Paulus in Korinth ergangen ist und welch häßlichen Verdächtigungen er ausgesetzt war, obwohl er doch so eine herrliche Botschaft hatte. Auch solch eine Botschaft trifft trotz allem auf viel Unverständnis.

Wir haben von unsren Vorvätern dieses schöne Kirchengebäude geerbt mit Kanzel, Taufstein und Altar als den größten Kostbarkeiten und mit diesen vielen Bildern an den Emporen. Aber das alles bleibt eine tote Masse aus Stein und Holz, wenn nicht Menschen da sind, die dieses Gebäude mit Leben erfüllen.

An manchen Stellen kann man im Gestein die Jahreszahlen und die Namen von Stifter entdecken. Diese Buchstaben und Zahlen sind nicht einfach tot für uns, sondern sie künden vom lebendigen Glauben der Männer, die diese Kirche in schwerer Zeit errichteten. Nur im Vertrauen auf Gott konnten die Menschen damals überhaupt dieses Werk beginnen. Ihr Vorbild ist eine Verpflichtung für uns, ihnen nachzueifern.

Heute sind noch viele stolz auf die traditionelle Kirchlichkeit in der Gemeinde. Aber wie wird es hier in 20 Jahren aussehen? Ob dann auch noch eine Kirmesgesellschaft hier zum Gottesdienst kommt? Anderswo ist das schon nicht mehr der Fall. Bei uns allerdings erfreut sich die Kirmes immer noch einer großen Beliebtheit. Wenn im Konfirmandenunterricht einmal nach den drei großen christlichen Festen gefragt wurde, sagte ein Mädchen: Weihnachten, Ostern und Kirmes.

Aber das Gedenken an den Tag der Kirchweihe ist nicht einfach eine Gelegenheit, uns auf unseren Lorbeeren oder denen unsrer Väter auszuruhen. Gerade weil es solch ein wichtiger Tag ist, sollte er uns eine Verpflichtung sein, auch in der Zukunft die guten Gewohnheiten der Vergangenheit lebendig zu erhalten. Eine bloße Tradition hilft uns nicht, denn sie führt zu einem langsamen Absterben. Nur wenn sie immer wieder neu belebt wird, hat sie einen Sinn und wird auch in Zukunft bleiben.

So kann man nur wünschen, daß diese Stufe hier neben dem Taufstein immer weiter ausgetreten wird. Es wäre kein Schade, wenn wir sie einmal auswechseln müßten, sondern ein erfreuliches Zeichen. Jeder von uns hat Gelegenheit, zu diesem Werk mit beizutragen.

 

 

Kirchweihfest: Offb. 21 , 1 - 7       

Wird es im Himmel wohl auch eire Kirmes geben? Nicht nur eine, die drei Tage dauert wie heute oder neun Tage wie früher, sondern ein ständiges Fest! Oder sollte es so sein, daß dann gar kein Interesse mehr besteht für Tanz und Rummel, für Musik und Vergnügen? Wenn

wir als die Hauptsache an der Kirmes den Gottesdienst ansehen, dann können wir wohl sagen: „Im Himmel wird immer Kirmes sein!“ Wenn wir aber mehr an das andere denken, an das Drum und Dran beim Kirchweihfest, dann wird man wohl doch ein Fragezeichen setzen müssen.

Aber von der Kirmes kann man etwas lernen, was auch für den, Himmel wichtig ist. Erst einmal müßte man begreifen, daß das Leben im Himmel ein Fest ist, ein ständiger Höhepunkt, etwas ganz außerordentliches. Aber ehe es soweit ist, gilt es allerhand Vorbereitungen zu treffen. Früher begann man eine Woche vorher, die Häuser vom Keller bis zum Dachboden zu scheuern. Der Haussockel, die Treppenstufen und Türtritte wurden mit Kalk gestrichen. Vor den Häusern wurden Tannenbäume gesetzt, die mit bunten Papierfähnchen geschmückt waren, Rosinenkuchen und Zwetschenkuchen und die fetten Rahmkuchen wurden gebacken. Auf dem Dorfplatz wurde eine „Tanzbrücke“ gezimmert, die von einem Zaun aus Reisig und eingegrabenen Fichten umgeben war. Für die Kinder gab es ein einfaches Karussell und Zuckerboden [Dies sind nur Beispiele. Hier sind örtliche Besonderheiten an die Stelle der Ausführungen zu setzen]

Für die Kirmes galten strenge Ordnungen. Früher wurde sie die Woche über gehalten, weil am Sonntag kein Tanz sein durfte. Die Polizei hatte Großeinsatz, denn oft kam es zu Schläge­reien und sogar Messerstechereien. Die Kirmesgesellschaften mußten ermahnt werden, daß sie nicht im Schlafrock und Pantoffeln und mit einer Zigarre im Mund umzogen oder gar in die Kirche kamen. Und beim Tanz durfte ein Auswärtiger nur ein Mädchen bitten , wenn deren Herr dazu aufgefordert hatte. Für die feinen Herren aus der Stadt galt der Wahlspruch: „Man lasse dem Hunde die Knochen und den Bauern die Kirmes!“

Wir wollen froh sein, daß die Kirchweih bei uns auch noch ein Volksfest ist, daß die Männer der Kirmesgesellschaft zum Gottesdienst kommen und umgekehrt viele Gottesdienstbesucher auf dem Festplatz und beim Tanz dabei sind. Man versucht ja gelegentlich, die Bedeutung der altenVolksfeste etwas zurückzuschrauben und neue Feste im Bewußtsein des Volkes zu verankern. Manche Bräuche sind von selber eingegangen, andere wurden abgeschafft. Es wird versucht, die Dauer der Festtage einzuschränken. Aber Kirmes bleibt eben Kirmes. Und der Gottesdienst am Sonntagmorgen sollte dabei eine zentrale Stellung haben.

In den letzten Jahren hat man sich ja vielfach wieder auf das Alte besonnen: Historische Gebäude werden restauriert, Dokumente gesammelt und Museen eingerichtet, Folkloretreffen veranstaltet. Auch die Kirche wird in diese Bestrebungen einbezogen. Sie ist ja schließlich die älteste Organisation und besitzt eine Menge denkmalswerter Gebäude. Kirchliche Persönlichkeiten wie Martin Luther werden von der Gesamtgesellschaft beansprucht.  Wir sollten dem nicht gleich mißtrauisch gegenüberstehen. Wenn man die Kirche der Vergangenheit ehrt, wird mag nicht die Kirche der Gegenwart in den Dreck treten können. Man wird sich zwangsläufig mit der Lehre der Kirche und dem heutigen. Erscheinungsbild der Kirche befassen müssen. Und das kann uns nur zugutekommen und uns einen Freiraum für die eigenen Dinge ermöglichen.

Die Kirmes ist heute ein Stück Folklore.  Wir Christen aber sollten sie nutzen zur Predigt der Botschaft Gottes und zum Nachdenken über unseren Weg in dieser Welt. Wir wollen aber auch deutlich machen, daß wir  nicht „von gestern“ sind. Das beherrschende Wort in diesem Bibelabschnitt ist das Wort „neu“. Dieses ist heute.- trotz aller Besinnung auf das Alte - ein Modewort. Man will neue Menschen, neue Methoden, neue Technik,  neue Höchstleistungen, neue Wohnungen usw. Es gibt sogar noch die Steigerung: „das Neueste“  oder gar „das Allerneueste“. Man will die Gesellschaft und die Menschen voranbringen und hat dabei auch ein

bestimmtes Ziel vor Auge.

Unser Ziel ist der neue Himmel, das „neue Jerusalem“. Diese Bezeichnung ist natürlich ein Bild. Das „neue Jerusalem“ ist nicht schon irgendwo vorhanden und würde dann nur auf die Erde herabgesenkt. Wir können nicht so tun, als hätten wir die kommende Welt Gottes schon gesehen oder doch wenigstens einen ausführlichen Reiseführer studiert.

Andererseits  müssen wir uns klarmachen, daß das Alte vergehen wird: Die Berge, die Häuser, die Maschinen und auch die Menschen werden nicht mehr sein. Daß unser Haus, unsere Kirche, unser Ort einmal zugrundegehen könnten , das läßt sich noch vorstellen. Daß Staaten und Völker untergegangen sind, ist schon vorgekommen. Und vielleicht haben wir uns auch schon einmal mit den Aussagen der Wissenschaft beschäftigt, wonach unsre Erde einmal ein Ende finden wird, zumindest das Leben auf ihr.

Doch in der Offenbarung des Johannes geht es um mehr: Da ist die Rede vom Ende des gesamten Weltalls. Das ist außerhalb unseres Blickfeldes. Wir denken: irgendwie wird es schon wieder weitergehen. So wenig wie wir uns vorstellen können, daß Gott den  Himmel und die Erde aus dem Nichts hat erstehen lassen, so wenig will es uns in der Kopf, daß das alles wieder spurlos im Nichts verschwinden soll.

Aber einmal wird eben das völlig Neue kommen: der neue Himmel und die neue Erde. Gott wird sie ebenso aus dem Nichts hervorbringen wie unsere jetzige Erde und unseren jetzigen Himmel. Das wird dann die Welt der Ewigkeit sein.

Allerdings wird unsere Welt im gewissen Sinn auch in der neuer Welt aufgehoben sein. Das Wort „aufheben“ hat ja eine doppelte Bedeutung: Ein Vertrag kann auf gehoben werden und ist damit beendet. Er  kann aber auch in einen neuen Vertrag übergeführt werden, der die wesentlichen Dinge des alten Vertrages für die Zukunft. aufhebt. So wird zwar unsere Welt einerseits aufgehoben und beendet. Aber andererseits wird auch vieles von ihr in die neue Welt mit hineingenommen.

Insofern ist es schon recht, wenn die neue Welt mit dem Bild einer Stadt beschrieben wird. Man spricht heute davon, daß die ganze Erde zu einer riesigen Stadt geworden sei, über die Hälfte der Welt-Bevölkerung lebt in Städten. Das himmlische Jerusalem wird etwas anderes sein als die Millionenstädte unserer Zeit. Aber es wird etwas von der Art einer Stadt im herkömmlichen Sinne haben, nämlich so etwas wie Heimat, Lebensraum, Nachbarschaft und Geborgenheit bieten.

Vor aller Dinge aber wird die neue Welt unlösbar mit Gott verbunden sein. Eine Stadt ohne Gott wäre die Hölle. Deshalb gehört zu jedem Neubauviertel auch eine Kirche. Die christliche Gemeinde braucht einen sichtbaren Ort, wo sie sich versammeln kann. Es muß

nicht unbedingt ein hoher Turm dabei sein. Aber ein umschlossener Raum mit .einem schützenden Dach ist nötig, wo sich dann alle versammeln können.,

Eine Ort ohne eine Kirche wäre wie ein Mensch ohne Seele. Was wären all unsere Dörfer und Städte ohne den beherrschenden Mittelpunkt der Kirche! Ohne die Kirche wäre alles nur eine belanglose Anhäufung von Häusern. Selbst die Politiker sprechen von „unserer Kirche“. Da tun sie  auch völlig recht daran. Die Erhaltung dieses großen, denkmalwerten Gebäudes ist nicht nur eine Sache der Christen der r Stadt, sondern aller Bürger.

Doch es geht ja nicht nur darum, daß die Menschen der christlichen Gemeinde hier einen Versammlungsraum haben. Die .Kirche ist das „Gotteshaus“, wo Gott in besonderer Weise zu finden ist. Hier will er unter uns sein, durch sein Wort zu uns reden und im Gebet angesprochen werden.

Hier will er uns schon etwas vom Wesen des neuen Jerusalem deutlich machen. Wir leben zwar noch in einer Welt der Tränen, aber hier können wir schon heute Trost und Ermutigung finden. Hier wird schon etwas vor der Ruhe und dem Frieden der künftigen Welt Gottes spürbar. Hoffentlich findet er auch etwas von ihrer Gelassenheit und Fröhlichkeit. Fröhlichsein kann man nicht kommandieren oder sich antrinken. Wer sich aber über Gott und seine guten Gaben freut und als Ziel die neue Weit Gottes vor sich hat‚ der erfährt eine bleibende Freude während die Lust an allem anderen einmal zuende geht.

 

 

Musik

 

Orgelweihe: Ps 150

Zum Beginn des neuen Kirchenjahres können wir eine neue Orgel in unserer Kirche einweihen. Damit haben wir endlich wieder ein Instrument für den Gottesdienst, für die Liturgie und den Gemeindegesang. Aber es ist nun auch möglich, hochwertige Kirchenmusik und speziell Orgelkonzerte zu machen. Deshalb können wir nur dankbar sein, wenn uns nun dieses Instrument zur Verfügung steht.

Man nennt die Orgel „die Königin der Instrumente“, denn sie vereinigt viele andere Instrumente in sich, von der Posaune bis zur Waldflöte. Dabei war die Orgel zu Anfang in der Kirche verpönt, weil sie als heidnisches Instrument galt. Heute ist Orgelmusik fast nur in der Kirche zu hören. Orgelmusik ist ein Stück Kultur, ob sie nun im Gewandhaus oder in der Kirche aufgeführt wird.

Doch für uns soll sie vor allem den Lob Gottes dienen. Man kann Gott natürlich auch ohne Orgel loben. Auf der Dörfern ist es oft vorgekommen, daß kein Organist da war und man dann ohne Orgelbegleitung singen mußte. Da merkt man dann erst, wie sehr das Singen ohne Orgel doch nur ein Notbehelf ist. Mit der Orgel ist das Singen leichter und macht mehr Freude Sicher soll die Orgel nicht alles erschlagen, sie soll dem Gesang nur führen. Aber zum Lob Gottes gehört auch das Lob mit Orgelpfeifen und mit all den anderen Instrumenten, die im 150. Psalm genannt werden und die zum Teil von der Orgel nachgemacht werden.

Meist hat man schon beim Bau der Kirche oder gleich danach auch eine Orgel aufgestellt. Später hat man diese durch ein größeres Instrument ersetzt  [Hier die Daten der örtlichen Kirche einsetzen]. Irgendwann muß man nach allerhand Reparaturen zu einem völligen Orgelneubau übergehen. Dann kann man nur froh sein, wenn man eine Firma findet, die zeitnah

eine neue Orgel liefern kann. Und dann hofft man, daß die Orgel auch für hundert Jahre der Gemeinde zur Verfügung steht, wie es der Orgelbauer versprochen hat.

Manche werden natürlich auch wieder sagen : „Wozu wird denn soviel Geld ausgegeben für so eine große Orgel. Eine elektronische Orgel für einige Euro hätte es auch getan!“ Dieser Vorwurf ist alt , er gilt ja auch für die Kirchengebäude und ihre Kunstwerke, für die Altargeräte und Glocken. Wer nichts davon versteht, der wird sagen: „Das ist Luxus!“ Wer aber Gott loben will , für den ist das Beste gerade gut genug. Wenn wir zu Hause ein Fest feiern wollen, dann wird ja auch die Wohnung renoviert, das beste Tischtuch und Geschirr und Besteck her­vorgeholt. Da sollten wir es bei Gott nicht anders machen und alles einsetzen, was möglich ist.

Wenn es nicht möglich wäre, dann würde es natürlich auch so gehen. Und die anderen Aufgaben der Kirche sollen deswegen nicht zu kurz kommen. Schon gar nicht sollen Kirchensteuermittel für eine Orgel eingesetzt werden, denn sie werden für dringendere Dinge gebraucht. In diesen Zusammenhang können wir dankbar vermerken‚ daß scho0n viele Spenden aufgebracht worden ist. Wir danken allen, die durch kleinere und größere Beträge dazu beigetragen haben. Aber wir bitten auch weiterhin um Gaben, damit die Schulden noch abgetragen werden können.

Wir wollen die Orgel nicht zu den Zwecken nutzen, von denen es in Jesaja 5, Vers 11 und 12 heißt: „Weh denen, die des Morgens früh auf sind, des Saufens sich zu befleißigen, und sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt, und haben Harfen, Psalter, Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben und sehen nicht auf das Werk des Herrn und schauen nicht auf das Geschäft seiner Hände!“

Diese  Orgel soll vor allem zu freudigen Anlässen erklingen, zu den Gottesdiensten und Amtshandlungen und Konzerten. Das Nächste wird das Konzert heute nachmittag sein. Da soll die Orgel zeigen, was in ihr steckt, soll uns zur Entspannung oder auch zur Spannung helfen. Musik kann ein Stück Himmel auf Erden sein. Im Himmel wird sicher nicht nur Bach gespielt. Dort gibt es sicher auch eine Ecke für Rockmusik und Disco-Musik. Aber auch viele junge Leute haben etwas für Orgelmusik übrig und können auch in ihr das Lob Gottes vernehmen.

Aber mancher wird auch sagen: „Ich habe keinen Grund zum Lob Gottes, bei mir ist alles so traurig!“ Oder man wird allgemein fragen: „Hat die Menschheit einen Grund zum Lob Gottes, wo es noch so viele ungelöste Probleme und so viele Schattenseiten des Lebens gibt?“ Die Orgelmusik will uns zu neuer Hoffnung fuhren und uns Mut machen‚ mit der Hilfe Gottes die Probleme anzupacken. Die Kraft, die wir hier erhalten, brauchen wir in unserem Leben. Dort soll sich auswirken, was wir hier erfahren haben. Das Lob Gottes zeigt sich nicht nur darin, daß wir uns hier im Gotteshaus versammeln und fromme Lieder singen. Es will auch in die Tat umgesetzt werden und sich in unserem Alltag auswirken.

Heute aber wollen wir uns vereinen zum Lob Gottes, mit unsrer Stimmen und mit diesem neuen Instrument. Das Leben des Menschen erschöpft sich nicht im Tun und Hetzen, sondern es gehört auch die Ruhe und die Hinwendung zur Welt Gottes hinzu. Der 150.Paalm jedenfalls fordert uns in seinem letzten Vers dazu auf:  „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Halleluja!“

 

 

Posaunenchorjubiläum (zu Eph 5,15-20)

Wenn der Mensch nicht nur vom Verstand angesprochen werden will, sondern auch in der

Seele, dann kommen wir auch zu dem, was wir heute feiern wollen: die Arbeit unseres Posaunenchores, der nun schon  …..Jahre tätig ist. Und damit feiern wir auch die Arbeit aller Posaunenchöre und der Kirchenmusik überhaupt. Die Musik ist etwas, das in viel tiefere Schichten des Menschen hineinreicht, als der Verstand sie erreichen kann. Mancher nimmt

vom Gottesdienst nicht viel mehr mit als das Gefühl, daß es ihm gefallen hat. Er kann vielleicht gar nicht im Einzelnen sagen, was ihn besonders angesprochen hat. Aber wenn man tiefer forschen würde, wäre es vielleicht gerade die Musik.

Der Geist kommt zu uns durch Wort und Sakrament, aber auch im Wechselgesang und dem Loben und Bekennen der Gemeinde. Weil Christen vom Geist erfüllt sind, singen sie und loben. Aber indem sie reden und singen, werden sie auch wiederum mit Geist erfüllt. Hier wird ein Stromkreis geschlossen: Gott redet zu uns durch sein Wort, wir aber reden mit ihm durch Gebet und Lobgesang. Sonst hätte Gott ins Leere gesprochen, wenn er von uns keine Antwort bekäme.

Die Urchristenheit hat Lieder und Gebete aus der Tradition des Gottesvolkes aufgenommen. Aber sie hat auch das neue Lied gesungen, vom Geist Gottes angeregt. Wir können nicht die Glaubensäußerungen der Väter überheblich verachten. Aber wir können auch nicht nur Überkommenes zitieren, sondern sollten dem Glauben auf unsere Weise Ausdruck geben. Auch heute sprudeln die Quellen neuer Lieder. Auch die Posaunenchöre haben sich weitgehend umgestellt, blasen nicht nur Choräle, sondern auch Volkslieder oder gar Märsche.

Das kann alles gern sein, wenn  es dem Lob Gottes und der Gemeinde dient. Wir machen keine Kultur, sondern wollen Gottes Botschaft verkündigen. Hier liegt eine feine Grenze, die es aber scharf zu beachten gilt. Gott soll Dank gesagt werden und nicht menschliches Tun umrahmt und überhöht werden. Wenn das beachtet wird, dann wird auch die Gemeinde offen sein und Verständnis gewinnen für die verschiedenen Weisen singender Verkündigung.

Außerhalb der Kirche beobachtet man oft, wie die Jugend sich vor einem Podium in Verzückung bringen läßt durch Texte, die keiner versteht, und durch eine Musik, die weder melodisch noch harmonisch noch im Rhythmus originell und aussagekräftig ist. Es empfiehlt sich nicht, solches in den Gottesdienst zu übertragen, am Ende noch mit primitiven Mitteln und mit weniger Schmiß.

Grundsätzlich ist keine Stilform vom Gottesdienst auszuschließen. Aber es wird alles daran zu messen sein, ob hier wirklich Menschen dem Herrn in ihrem Herzen singen und ob Gott damit Dank gesagt wird im Namen, unseres Herrn Jesus Christus. Das Zucken der Arme

und Beine, das laute Schreien und die Entfesselung unseres Menschseins macht uns noch nicht zu Menschen Gottes.

Entscheidend wird sein, ob sich eine personale Verbindung mit Gott knüpft, dem unser Lob und unser Dank gelten soll. Wenn es so gemeint ist, dann darf sich auch das „volle Herz“ auf jede Art und Weise äußern. Dann dürfen wir auch wünschen, daß unser Posaunenchor und alle Chöre im Land noch lange zur Ehre Gottes wirken können.

 

 

Verschiedene Anlässe

 

 

Predigt Jes 50,4 - 9

 

„Gott der HERR hat mir die Zunge eines Schülers gegeben,

damit ich den Müden zu helfen weiß mit einem Wort.

Er weckt auf, Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr,

damit ich höre wie ein Schüler.

 Gott der HERR hat mir das Ohr aufgetan,

und ich bin nicht widerspenstig gewesen,

bin nicht zurückgewichen“

 

„Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr, damit ich höre wie ein Schüler...“,  so heißt es in den Worten des Jeremia, die wir eben gehört haben. Er, Gott, weckt mir das Ohr, damit ich höre wie ein Schüler.

Sie waren bis vor siebzig Jahren Schüler.  Sie teilten acht Jahre lang die Schulbank. Die meisten von Ihnen kannten sich schon vorher, vom Spielen auf der Straße, in den Wiesen. Dann begann die Schule. Gerade von der Schule haben Sie viel zu erzählen.

Haben Sie gerne gehört? Gerne heißt ja auch frei, mit Lust. Ihre Schulzeit war weiß Gott keine einfache Zeit. Auch in der Schule nicht. Die Mächte der damaligen Zeit, finstere Mächte, griffen nach der Schule, nach den Schülern. Sie mußten das hören. Sie mußten hören. Die Lehrer waren hart und Sie mußten hin.

Wenn Sie heute darauf zurückblicken, sich von Ihrer Schulzeit erzählen, erzählen Sie  wahrschein­lich lieber Geschichten, über die Sie lachen können, wo Sie der Schule ein Schnippchen ge­schla­gen haben und nicht die Schule Sie.

„Morgen für Morgen“, doch halt, wie war das noch früher, als Jesaja diese Worte den Juden von Gott ausrichtete? Morgen für morgen weckt er mir das Ohr, damit ich höre wie ein Schüler. Damals war es eine große Ausnahme, wenn ein Kind Schüler wurde. Die allermeisten lernte von ihren Eltern und fingen früh an, hart zu arbeiten, als Kin­der. Die Familie lebte davon. Nicht nur die Kartoffeln im Herbst, nein das ganze Jahr.

Lehrer gab es nur wenige. Und die wenigen suchten sich ihre Schüler aus, Kinder, die besonders helle waren, die zu einem der wenigen Lehrer gebracht wurden, die ihnen durch irgendeinen Zufall auffielen. Es waren nur wenige und die waren dankbar und hörten ihre Lehrer. Man mußte es ihnen nicht sagen.

„Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr“. Er, das ist Gott, der sich Gehör verschafft. Nicht durch Lautstärke und Kraftworte. Gott wird tiefer vernommen, im Herzen. Sein Wort rührt uns an, ganz tief, ganz leise.

Ohne Schläge. Die braucht es nicht, weil es eine stille, stetige Kraft in sich trägt. Diese Kraft verwandelt uns Menschen. Hören wir, wie es bei Jesaja heißt: „Gott der HERR hat mir die Zunge eines Schülers gegeben, damit ich den Müden zu helfen weiß mit einem Wort.“

In Gottes Schule geht es nicht darum, zu hören und zu gehorchen. Gott will uns mit seinen Worten Worte geben. Er macht uns nicht kleinlaut, sondern gibt uns Sprache, Zunge. Die Zunge eines Schülers, der das Wort weitersagt, der es laufen und wachsen läßt: damit ich den Müden zu helfen

weiß mit einem Wort.

Vielleicht haben Sie es in der Schule erlebt: Kinder, die so müde waren, von Arbeit, Armut und Sorgen geschwächt, daß sie einschliefen. Ich will nicht wissen, was Ihre Lehrer dann getan hätten oder getan haben. Solche Kinder werden alles drangesetzt haben, um nicht einzuschlafen, nicht hart geweckt, nicht verlacht zu werden.

Und dann gab es ja noch eine noch größere Müdigkeit, lebensmüde Menschen. Die am Alter, an der Zeit verzweifelten, an der großen Lebensmüdigkeit unseres Volkes, das sich und die Welt in Ihrer Jugend in Krieg und Verderben stürzte, lebensmüde. Da ein Wort haben, den Müden zu helfen, daß sie Kraft schöpfen, Zuversicht und Hoffnung, da braucht es die Zunge eines Schülers, eines Gottes­schülers. Das waren Sie ja als Konfirmanden. Sie gingen bei Gott in die Schule. Daß er Ihnen die Zunge eines Gottesschülers gibt, eines, der Gottes Frohe Botschaft ins Leben trägt, daß der Müde Hilfe findet, der Sterbende Leben. Das war damals nicht einfach.

So ist das bei denen, denen Gott die Zunge eines Schülers gegeben hat, die hören wie ein Schüler. Da gibt es keine Garantie auf ein erfolgreiches Leben. Schläge und Schande kann einen treffen. Hart wie ein Kieselstein, heißt es bei Jesaja, macht der Gottesschüler sein Gesicht. Den Anwürfen gibt er keinen Raum. Gott ist bei ihm, er ist nicht allein. Gott trägt seine Schuld, rein steht er da, auch wenn die Feinde anderes sagen. Wenn auch andere den Blick von ihm wenden, Gott sieht sein Kind, seinen Schüler an und läßt den Blick nicht von ihm ab.

Sie haben in Ihrem Leben Schweres erlebt. Die Kameraden zu Grabe getragen. Die Eltern, den Mann, die Frau. Sie haben gespürt, wie das Leid Sie einsam gemacht hat, Ihnen die Sprache verschlagen hat, Sie ermüdet und niedergeschlagen hat. Sie werden auch Gegner, ja Feinde erlebt haben, die sich an Ihrem Leid geweidet haben, die auf Distanz geblieben sind, die kein Wort, keine Geste übrig hatten, Ihnen zu helfen. Sie werden gemerkt haben, daß man da das Hören verlernen, das hörende Herz verhärten kann.

Doch irgendwann haben Sie hoffentlich verspürt: Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr. Sie haben hoffentlich sein Wort vernommen, das den Müden, auch den Lebensmüden zu helfen vermag. Sein Wort, das auch vor dem Grab nicht Halt macht, das nicht nur Herz und Nieren, sondern auch die Finsternis des Todes durchdringt. Jesus Christus, der hören konnte wie keiner sonst, der Menschen wie Gott gehört hat und ihrem Hilferuf nachging, um Nächster zu werden und nahe zu hören, daß keine Not ihm entgeht.

An ihn sich zu erinnern, Morgen für Morgen sich von ihm wecken zu lassen und mit seinem Wort den Tag zu leben, das ist es, was einen Christen zum Christen macht. Hören wie ein Schüler, um mit der Zunge eines Schülers das Wort sagen, mir, meinem Nächsten, meinem Feind, meinem Fernsten, meinem Freund. Kein einfacher Weg. Doch auf ihm liegt Segen, ein Segen, der stärker ist als jedes böse Wort, als jeder Fluch. Dieser Segen möge Sie geleiten: in die Stille Woche zur Auferstehung unseres Herrn, ihr Leben lang zum ewigen Leben in Gott. (nach Dr. Martin Streck).

 

 

Jesus und der Osterhase (Gottesdienst mit mehreren Mitwirkenden)

Predigt zu einen Jugendgottesdienst über Joh 20,19-21 (Ostern)

Pfarrer (geht im Talar mit einen Stapel Bücher auf die Kanzel): „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick!“ sagte schon Goethe. So hat auch Jesus das Eis gebrochen‚ als er an Ostern von den Toten auferstand. Ostern - Fest des Frühlings und der Auferstehung! Die Kinder suchen ihre Ostereier und auch die Alten erfreuen sich an diesen Anblick.

O Tod, wo ist dein Stachel nun? Wo ist dein Sieg, o Hölle?

Was kann uns jetzt der Teufel tun, wie grausam er sich stelle?

Gott sei gedankt, der uns den Sieg so herrlich hat

nach diesem Krieg durch Jesus Christ gegeben!

(Ein Mitwirkender in der Bank gähnt lautstark): „Ach, jedes Jahr der gleiche Käse. Die Sache mit Ostern ist schon in Ordnung. Aber Sie erzählen ja so langweilig davon, daß jetzt alles hier schon eingeschlafen ist. Seit 2000 Jahren werden die gleichen Worte gepredigt, aber nichts wird anders.  Ich möchte behaupten, Jesus ist gar nicht auferstanden, sonst müßte es in der Kirche und unter den Christen anders aussehen!

Pfarrer: Wenn Sie alles besser wissen, dann können Sie ja weitere machen. Ich kann ich auch meinen Talar an den Nagel hängen, wenn die Jugend einen nicht einmal zu Wort kommen lassen will (zieht auf der Kanzel demonstrativ den Talar aus und kommt herunter).

 

(1. Mitwirkender): Was tun denn die Christen gegen die Kriege in der Welt? Sie stehen auf beiden Seiten der Front und tun so, als wären sie Erzfeinde. Wie viele Länder haben Krieg miteinander geführt, obwohl die beiden Staatsoberhäupter Christen waren und auch die Mehrheit der Bevölkerung.

(2. Mitwirkender): Auch die Rassevorurteile sind geblieben. Wir brauchen gar nicht an die USA zu denken. Wieviel Rassenvorurteile gibt es auch heute noch bei uns. Auch heute kann man noch hören: „Die Juden sind an allem schuld!“ Hat nicht Christus gesagt: „Ihr seid alle Brüder und Kinder des gleichen Vaters? Haben die Christen das vergessen?

(3. Mitwirkender): Wie steht es mit dem Hunger in der Welt? Während dieses Gottesdienstes sterben 3.000 Menschen irgendwo in der weiten Welt an Hunger. Sollen wir sie vertrösten und sagen: „Gott wird euch schon wieder auferwecken?“ Hat Jesus nicht vielmehr gewollt, daß es erst gar nicht zum Hunger kommt? Wenn Christus lebt, warum sind dann die Christen so lahm und gleichgültig?

(4. Mitwirkender): Auch innerhalb der Gemeinde ist vieles tot. Wer geht denn noch in die Kirche: ein paar alte Frauen und kleine Kinder. Aber von denen geht keine Kraft für die  Welt von heute aus. Es sieht eher so aus, als warteten die Gemeinden auf ihren Tod, anstatt wie Auferstandene zu leben und Mut für die Zukunft zu fassen.

Pfarrer: Viele hängen auch noch zu sehr an der guten alten Zeit. Da klagt der Pfarrer an jedem Sonntag über die Schlechtigkeit der Welt von heute. Aber damit nimmt er doch allen Mut zum tatkräftigen Einsatz. Unsere Gemeinden werden doch nicht lebendig, wenn wir nur von vergangenen Zeiten träumen? Wir leben doch nun einmal in der Welt von heute und haben uns ihren Aufgaben zu stellen. Aber die Frage bleibt eben doch: Warum hat die Osterbotschaft von dem lebendigen Christus heute so wenig Durchschlagskraft?

(4. Mitwirkender): Vielleicht liegt das auch mit daran, daß kaum einer etwas mit dem Begriff „Auferstehung Jesu“ anfangen kann. Die einen sehen darin nur ein Gleichnis für das Frühlingserwachen. Die anderen sagen: „Nur die Seele kann in den Himmel!“ Die anderen wieder pochen darauf: „Jesus kam wieder so lebendig aus dem Grab heraus, wie er vorher auch war!“ - Herr Pfarrer, können Sie denn nicht einmal kurz und verständlich sagen, was es mit Ostern auf sich hat?

Pfarrer: im Neuen Testament ist der Vorgang der Auferstehung nirgends beschrieben. Es heißt nur: „Jesus wurde von den Jüngern gesehen, allerdinge in einer anderen Gestalt. Gott hat ihm einen neuen Leib gegeben, so wie er jedem in der Geburt das Leben gibt!“

In dem Predigttext heißt es:  „Er zeigte ihnen die Hände und seine verwundete Seite!“ Das soll doch wohl bedeuten: Es war derselbe Jesus, den sie schon immer kannten. Die entscheidende Botschaft an Ostern war aber: „Er lebt! Jetzt geht es erst richtig los!“ Viele zweifeln schon an dieser Tatsache. Aber hier können wir auch nicht helfen, da können wir nur zum Glauben aufrufen. Die Schwierigkeit ist eben nur: Glaubwürdig wird die Auferstehung Jesu

Nur, wenn die Christen wie Auferstandene leben. Wir müßten uns jetzt einmal überlegen, welche Auswirkungen Ostern auf die Gemeinde von damals hatte.

(5. Mitwirkender): In dem Predigttext hieß es doch: „Sie hatten die Türen verschlossen aus Furcht vor den Juden!“Die Gemeinde war also wie so viele Gemeinden eingeschüchtert. Sie hatte sich nur auf ihren engen, eigenen Kreis zurückgezogen, sie machte sich keine Hoffnungen mehr für die Zukunft.

(6. Mitwirkender): Aber sie haben diese Krise wenigstens oberwunden. „Als sie den Herrn sahen, wurden sie wieder froh“, heißt es hier. Müßte das nicht auch bei uns heute passieren, daß wir unsere Müdigkeit und Mutlosigkeit überwinden und wieder froh und zuversichtlich werden? Dann wäre Ostern nicht vergeblich für uns gewesen.

 (7. Mitwirkender): Geht das nicht an besten, indem man sich ein Ziel und eine Aufgabe stellt?
Wenn man sich tagsüber müde gearbeitet hat, dann ist man abends wie erschlagen. Wenn man aber dann noch fort will, zum Beispiel zum Tanz, ist die Müdigkeit sehr schnell verflogen. Wenn man noch etwas Schönes vorhat, dann kriegt man auch wieder Kraft.

Pfarrer : So sendet ja auch Jesus seine Jünger aus und gibt ihnen den Auftrag, mit seiner Sache weiterzumachen. Darum ging es doch an Ostern: Die Jünger waren erst mutlos. Aber als sie Jesus sahen, erhielten sie wieder neue Kraft. Sie hatten schon aufgegeben; aber jetzt ging es wieder weiter. Ostern war dann nicht vergeblich für uns, wenn wir uns in gleicher Weise von Jesus losschicken lassen.

(8. Mitwirkender): Wir sollten uns deshalb nicht entmutigen lassen, wenn  in der Gemeinde wirklich alles niederschmetternd ist. Wir müßten in der Gemeinde wieder viel mehr zu einer Mannschaft zusammenwachsen, denn alleine schafft man es doch nicht. Nur wenn man voneinander lernt‚ die Erfahrungen austauscht und die Probleme gemeinsam angeht, wird man Erfolg haben. Der Gottesdienst wäre dann so etwas wie eine Verabredung, welche Aktionen man in nächster  Zeit in Angriff nehmen will.

(9. Mitwirkender): Wenn ich mich für eine Sache einsetzen soll, dann muß sie aber auch anziehend für mich sein.

(10. Mitwirkender): Meinst du nicht, daß der -Glaube auch attraktiv sein kann und

einem Menschen von heute eine Hilfe zum Leben gibt? A 1 1 e s liegt ja nun auch nicht im Argen. Es gibt doch auch gute Beispiele dafür, wie Christen ihren lebendigen Glauben in die Tat umgesetzt haben. Es ist längst nicht alles tot in der  Kirche.

Pfarrer: Ja, wenn es nur nach den lahmen Christen ginge, wäre die Wirkung der Auferstehung Jesu gleich Null. Aber weil Christus in ihr wirkt, wird es auch mit ihr weitergehen. Es gibt auch ermutigende Zeichen in der Kirche.

Sprechchor: Beispiele, Beispiele!

(11. Mitwirkender): Na, so ein Gottesdienst hier, das ist doch etwas. Und es geschieht ja auch anderswo in ähnlicher Weise. Es geht nicht nur bergab mit der Kirche, sondern es wachsen in ihr schon wieder neue Kräfte heran. Es ist falsch, daß die Jugend gar kein Interesse an der Kirche hat und nichts mehr von ihr erwartet.

(12. Mitwirkender): Schließlich waren es zuerst die Christen, die nach dem Zweiten Weltkrieg versucht haben‚ eine Brücke zwischen den Völkern zu schlagen. Gerade junge Menschen nahmen an den Aufbaulagern der „Aktion Sühnezeichen“ teil. Sie haben in den vom Krieg geschädigten Gebieten beim Bau von Kindergärten, Altenheimen und Gemeindehäusern mitgeholfen oder Soldatenfriedhöfe in  Ordnung gebracht.

(13. Mitwirkender): Oder denken wir an die Verständigungsversuche zwischen den Christen in den früheren beiden deutschen Staaten. Sie haben schon bald die bestehenden Realitäten anerkannt. Und sie haben miteinander und mit den Atheisten gesprochen, als bei den Politikern noch kein Hoffnungsschimmer für einen vernünftigen Meinungsaustausch vorhanden war.

(14. Mitwirkender): Beim Hunger ist auf die „Aktion Brot für die Welt“' hinzuweisen. Sie ist zwar auch nur sehr bescheiden, aber sie bringt doch wenigstens einige Hilfe in Katastrophenfällen oder durch medizinische Unterstützung.

Pfarrer: In der Tat, vieles kann uns Mut zum Glauben machen. Wir müssen uns nur anstecken lassen von der Osterfreude und von der Gewißheit, daß Jesus lebt.

[Man kann natürlich auch mit weniger Mitwirkenden auskommen, indem man eine Person mehrere Beiträge sprechen läßt]

 

 

Predigt in der DDR: 1. Petr 2,11-17 (Marginaltext für 23. Sonntag nach Trinitatis)

 „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!“ hieß es zu Kaisers Zeiten. Die Regierenden erwarteten, jeder Untertan solle ein braver Staatsbürger sein, leicht zu leiten und verläßlich in Krisensituationen. Im öffentlichen und privaten Leben sollte Ordnung herrschen und keiner durfte auch nur der Gedanken haben, daß diese Ordnung geändert werden müßte.

Die Christen, an die sich der 1.Petrusbrief wendete, waren sicherlich nicht solche braven Staatsbürger. Sicherlich war eine ganze Menge nicht gerade sehr braver Menschen dabei, mit etwas dunkler Vergangenheit und von den anderen nicht besonders angesehen. So sahen ja damals die Christengemeinden im römischen Weltreich im allgemeinen aus. Vom Staat wurde- sie mißtrauisch beobachtet oder sogar verfolgt, weil sie nicht dem Kaiser wie einem Gott opfern wollten; sie waren Außenseiter der Gesellschaft.

Im 1.  Petrusbrief werden sie deshalb als Fremde und Pilger in der Welt bezeichnet. Sie haben zwar eine Heimat auf der Erde, sie haben eine Wohnung, ihre Arbeit, ihre Freunde, Verwandter und Bekannten. Aber sie sind immer auch ein wenig Pilger auf dem Weg nach der ewigen Heimat. Die Wohnungen des Vaters im Himmel sind eben mehr als die Heimat in dieser Welt. Unsere Welt ist nur das Vorletzte, etwas Vorläufiges, etwas, das der neuen Welt Gottes vorausläuft und vor ihr einmal überboten wird.

Das wird man heute besonders der Christen ins Gedächtnis rufen müssen, die sich zu sehr an die Welt angleichen, die bei allem mitmachen und sich in nichts von anderen Menschen unterscheiden. Sie bejahen die Welt zu sehr und sind der Welt so freudig zugewandt, daß sie die himmlische Heimat vergessen haben.

Aber auch das Gegenteil ist falsch. Es gibt ja Christen, die leben zwar in dieser Welt und können ihr auch in vielen Dingen nicht aus dem Weg gehen, aber sie tun doch so, als existiere diese Welt nicht für sie. Sie sind mit ihrem Glauben so sehr auf sich selber bezogen, daß, viele sagen: „Mit solchen Leuten möchte ich nichts zu tun haben!“ Sie sind dann mit schuld daran, wenn andere die christliche Botschaft ablehnen.

Es entsteht dadurch aber auch der Eindruck, daß die Christen in sich zwiespältig sind: Sie sind zwar i n der Welt, aber nicht v o n der Welt, sie machen bei Manchem mit und anderes wieder lehnen sie ab..Wir selber würden das wohl als fruchtbare Spannung in unserem Leben empfinden. Aber ein Außenstehender wird hier nur Widersprüche sehen und verständnislos mit dem Kopf schütteln.

[Predigtteil unter den Verhältnissen der DDR: Damit aber haben wir das Problem umrissen, das gerade in diesem Tagen uns wieder vor Augen gestellt ist. Es haben da ja wieder in Oberhof und Eisenach Gespräche mit leitenden Amtsträgern der Thüringer Kirche stattgefunden. Die Zeitungen waren ja voll davon. In Eisenach sagte der Staatssekretär für Kirchenfragen. „In dem sozialistischen Staat haben auch alle Bürger einen geachteter Platz, die sich von der humanistischen Prinzipien christlicher Ethik leiten lassen. Die Kirche soll kein Fremdkörper in der sozialistischer Gesellschaft sein!“ Damit hat er durchaus etwas Richtiges gesagt. Wenn wir nur tatsächlich einen geachteten Platz hätten und nicht vom Staat als ein Fremdkörper betrachtet würden! Der sozialistische Staat versucht ja, alles unter seine Fittiche zu nehmen. Daß die Christen noch einen anderer Herrn haben als den Kaiser von heute, das muß ihm

ein Dorn im Auge sein. Es bleiben im Grunde nur drei Möglichkeiten: Entweder den Fremdkörper abzustoßen oder zur Bedeutungslosigkeit verkleinern oder in einkapseln, daß er nicht mehr schädlich sein kann. Da eine totale Abstoßung schwierig ist, benutzt man die beiden anderen Wege. Der Versuch der Verkleinerung erleben wir in Schule- und Betrieben, wo man die Christen mit mehr oder weniger sanfter Nachhilfe von ihrem Glauben abbringen will. Den Versuch der Einkapselung können wir in der Zeitung nachlesen. Der Bischof hat ja dann auch in Eisenach gesagt: „Die Kirche und die Christen sind gerufen, sich in die sie umgebende Gesellschaft und ihre Aufgaben zu integrieren und jeder Dienst mitzutun, der in einer friedlosen Welt endlich zu einem Zustand führt, in dem die Menschen in einem wirklichen Frieden und ohne Sorge vor Hunger und Ausbeutung leben können!“ Der Meininger Oberkirchenrat von Frommannshausen ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er sagte: „Als Christen fühlen wir uns integriert in die sozialistische Gesellschaft und empfinden, daß der Sozialismus die gerechtere und bessere Gesellschaftsordung ist!“ Es mag sein, daß der Herr Oberkirchenrat sich integriert fühlt. Aber wir erleben doch jeden Tag, wie die Christen aus den Leitungen der Betriebe herausgedrängt werden, daß sie nicht mehr für den Elternbeirat oder den Gruppenrat in Frage kommen, daß man selbst Parteirente und Geburtstagsglückwünsche von der Kirchenzugehörigkeit abhängig macht. Wie müssen da wohl solche Aussagen der Kirchenführer auf die Gemeindeglieder wirken, die täglich mit Schwierigkeiten wegen ihres Glaubens zu kämpfen haben?!

Allerdings muß man dazu sagen, daß die Vertreter der Kirche auch einige Probleme an die Vertreter des Staates herangetragen haben, die sie gegenwärtig bewegen und um deren Klärung gebeten wurde. Das stand auch in der Zeitung. Und man kann damit rechnen, daß dabei sehr unverblümt gesprochen wurde. Aber gerade dabei hätte doch deutlich werden müssen, daß wir gerade noch nicht in die uns umgebende Gesellschaft integriert sind.

Die Mehrheit der Christen wird heute erkannt haben, daß sie sich nicht von der Welt abkapseln kann. Sie wollen sich gerne am Aufbau der Gesellschaft beteiligen und ihre von Gott verliehener Kräfte zum Wohle aller einsetzen. Sie möchten sich gerne integrieren, aber man läßt sie ja nicht bzw. man weist ihren den Ort an, den man selbst für richtig hält. In diesen Zusammenhang gehört auch das Zitat: „Es können nicht alle Pfarrerskinder auf die höhere Schule  kommen. Aber wenn einer bei der LPG oder beim Dienstleistungskombinat anklopft, dann wird er nicht danach gefragt, ob er konfirmiert ist! Da kann er jederzeit ankommen!“ Christen sind gut für den „Mach-mit“- Wettbewerb, aber nicht für die Leitung einer Schule. Das ist doch die heutige Praxis].

In Zeit des 1.Petrusbriefes  hatten die Christen noch Keinerlei Anteil an der Ordnung und Gestaltung des öffentlichen Lebens. Deshalb wird ihnen geraten, es auch dabei zu belassen und aller menschlichen Ordnung untertan zu sein. Das entspreche dem Willen Gottes. Ein Christ kann also nicht unter Berufung auf seine Freiheit eine verächtliche Haltung gegenüber dem Staat einnehmen. Fast jeder Staat versucht doch wenigstens, das Böse einzudämmen und das Gute zu fördern. Und schon gar nicht kann man dem früherer Berliner Bischof Dibelius zustimmen, der gesagt hat „Weil es in der DDR keine von Gott eingesetzte Obrigkeit gibt, braucht man dort nicht einmal die Verkehrsregeln einzuhalten!“ Dann würde man nur von christlicher Freiheit reden, um die eigene Bosheit zu vertuschen.

Aber es kann auch nicht die Haltung eines Christen sein, sich allen Anordnungen des Staates sklavisch zu unterwerfen. Nicht umsonst heißt es zuerst: „Fürchtet Gott“ und dann erst „Ehret der König!“ Der Gehorsam gegenüber Gott geht immer vor dem Gehorsam gegenüber den Menschen. Die Vertreter des Staates sind dabei nur Beispiele. Auch gegenüber anderen Menschen gilt die Regel: „Jedermann ehren, die Brüder lieben, Gott fürchten!“

Einen grundlegenden Unterschied haben wir allerdings doch gegenüber den ersten Christen und gegenüber dem Kaiserreich: Wir sind nicht mehr Untertanen, über denen der Staat gleichsam als eine göttliche Macht schwebt. Der Staat ist unser Staat und wir sind zu aktiver Mitverantwortung für den Staat verpflichtet. Wer im Herzen resigniert und verdrossen sich vom öffentlichen Geschehen distanziert, kann sich nicht auf dieser Bibeltext berufen. Wir sind alle aufgerufen, mitzudenken und mitzuarbeiten und von unsren Rechten und Pflichten Gebrauch zu machen.

Viele empfinden „die da oben“ immer roch als eine anonyme Macht, der man sich unterzuordnen hat. Es heißt dann etwa: „Der Staat hat euch zehn Jahre Ausbildung bezahlt, jetzt könnt ihr ihm auch drei Jahre dienen!“ Aber wer ist denn der Staat? Ein Gott, der uns gnädig etwas gewährt und dann doch wieder seine Opfer verlangt? Das Geld für die Schulen wird ja immer noch von allen Staatsbürgern aufgebracht, auch von den Eltern der Schulkinder selber. Und später helfen sie selber wieder mit, daß andere ausgebildet werden können.

Als Christen dürfen wir den Staat weder verteufeln noch vergöttlichen. Wir dürfen uns in ihm als Gäste verstehen, nicht als zwangsweise einquartierte Gäste oder als gerade noch geduldete Gäste, sondern als angenehme und wohltuende Gäste. Gerade wenn man uns manchmal so etwas mißtrauisch betrachtet, wird es für uns darauf ankommen, durch positives Verhalten und Wirken dieses Mißtrauen in der Praxis zu widerlegen, deutlich machen, wie sehr unser Glaube an Gott unser Alltagsleben bestimmt.

Wir müssen immer wieder mit Kritik rechnen, weil man uns nicht verstehen will bzw. auch gar nicht das Geheimnis unseres Glaubens verstehen kann. Da hilft dann nur eins: Unbeirrt das Gute tun, dem Mitmenschen gegenüber aufgeschlossen sein, zum Frieden zwischen Nachbarn und Kollegen reden und Frieden stiften. Ein solches Zeugnis wird man dann schon verstehen, wenn es aus einem guten Herzen kommt.

Die christliche Freiheit ist ja nicht dazu da, ohne Rücksicht auf Gott und die Menschen

und nach, eigenem Gutdünken zu leben, sondern sie ist eine Freiheit zum Guten. Das sollte ein Nichtchrist an uns ablesen können. Dann wird er auch langsam Verständnis für unsere Haltung gewinnen. Vielleicht wird er sogar begreifen, daß wir gerade durch unsere Verbindung mit Gott geeignet sind, förderliche Glieder der menschlichen Gesellschaft zu sein. Er wird uns dann nicht mehr als ein Ärgernis ansehen, sondern als eine dankbar empfundene Wohltat und vielleicht doch sagen können: „Es ist nur gut, daß es diese Leute gibt!“ Wenn man so vor uns redet, dann haben wir unseren Glauben recht in unseren Alltag und unsere Umwelt umgesetzt [Hier wird oft so geredet, als sei der Staat der DDR ein demokratischer Staat und alles in ihm in Ordnung. Aber jeder Zuhörer hat verstanden, daß hier Defizite genannt werden und Rechte eingefordert werden].

 

 

Nicht in den Perikopen: 2. Mose 32, 15 – 20 und 30 - 34

Ein junger Mann erzählte einmal von einer großen Enttäuschung seines Lebens: Das Mädchen, das er über alles liebte, konnte nicht treu sein. Zusammenfassend konnte er nur sagen: „...und dann ist etwas in mir zerbrochen!“ Es ist ein schwerwiegender Satz, auch wenn er zunächst ganz harmlos klingt „Etwas zerbrochen!“ Dieses „etwas“ hat ihn im Innersten verletzt.

Wir wollen diese Wunde oft vor anderen verbergen. Aber dieses etwas sitzt doch sehr tief und tut sehr weh.

Als Mose die beiden Steintafeln mit den Geboten Gottes zerschmetterte, war auch mehr zerbrochen als nur Stein. Jetzt war im Herzen Gottes etwas zerbrochen, das Verhältnis zu seinen Kindern war in Zukunft anders. Vierzig Tage war Mose auf dem Berg gewesen, ganz auf Gott konzentriert und in enger Verbundenheit mit ihm, wie sie in dem neu geschlossenen Bund möglich war.

Wenige Wochen nur hat dieser Bund bestanden. Nun ist er von Israels Seite her zerbrochen und alles ist vertan. Wütend zerschmettert Mose die Tafeln mit Gottes eigener Schrift. Sein Zorn spiegelt dabei nur den Zorn Gottes über die Menschen.

Dieser Bund hat eben zu viel von diesem Volk verlangt. Es schien ihnen ein unbequemer Gott zu sein, den Mose da aufsucht. Blitz und Donner, das Beben des Berges, der Ernst seiner Gebote - das ist alles so unheimlich, soviel Glauben haben sie einfach nicht. Als dann Mose ausbleibt, da ist es erst recht mit ihrer Zuversicht am Ende.

So haben auch wir immer unsre Vorstellungen von Gott. In unserer Jugend waren sie anders als heute und wahrscheinlich werden sie sich auch noch einmal wandeln. Aber dennoch sind sie feste Haltepunkte, ohne die wir nicht auskommen können, sozusagen Sicherheitsgurte unseres Glaubens.

Aber uns fällt es genauso schwer wie dem Volk Israel von damals, daß wir uns unter Gott unterordnen sollen. Wir haben alle die Sehnsucht danach, Oberwasser zu haben und nicht klein bei zu geben. Auch Gott soll sich in diese Vorstellungen einfügen. Aber er tut uns den Gefallen nicht. Gott ist nicht so, wie wir ihn uns vorstellen, sondern wie er eben ist.

Doch wir wollen uns immer wieder nicht nur mit dem nackten Wort begnügen, das er uns gegeben hat und das immer wieder Nachdenken und Entscheidung von uns fordert. Unser Wunschgott entspricht nicht dem Bild, das Gott von sich selber gegeben hat: Er war da in dem Menschen Jesus von Nazareth, in dem Lamm, das sich wehrlos töten ließ.

Oft ist dieser Gott uns sogar lästig. Es gibt keine Stunde, wo man ihn einmal aussparen könnte und wo man ihn aus seinen Gewohnheiten und Vorhaben herausdrängen könnte. Gott ist immer da und fordert unseren Glauben. Aber er bleibt doch für uns unsichtbar und gibt uns nur wenig Hilfen zum Glauben. Ein sichtbarer Gott ist leichter anzubeten. Ihm zu opfern ist leichter als Gebote zu halten und zu ihm zu beten.

Das dachten auch die Israeliten auf ihrem Zug durch die Wüste. Sie wollten einen Alltagsgott haben, der sie anführt, wie das Leittier die Herde anführt. Sie wollten einen Gott haben, mit dem sie Staat machen konnten und dessen Wunder alle bestaunen können - so wie beim Durchzug durchs Rote Meer.

Dabei denken sie durchaus nicht an einen anderen Gott als den, der sie durchs Meer geführt hat. Sie wollen sich keinen neuen Gott schaffen, sondern sie wollen ihren Gott nur handgreiflicher vor Augen sehen. Sie machen sich nicht einmal ein Bild von ihm. Das goldene Stierbild soll nicht Gott selber darstellen, sondern nur den Thron hergeben, auf dem Gott unsichtbar sitzt.

Aber die Meinung ist eben: Wo der Stier ist, da ist auch Gott. Jetzt kann er uns nicht mehr entwischen, jetzt steht er immer zu unserer Verfügung. Im Grunde handelt es sich hier um die uralte Sehnsucht der Menschen, über die Götter und Dämonen Macht zu erlangen. Der Gott der Christen ist für viele zu abstrakt und zu theoretisch, etwas für die Gebildeten und nicht für das einfache Volk.

Aber vergessen wir nicht, daß dieser Gott ein Kind in der Krippe wurde und ein Mensch am Kreuz. Vergessen wir nicht, daß er seine Macht auch heute an vielen Menschen zeigt und seine Wunder auch heute noch zu spüren sind. Nur dürfen wir ihn nicht von uns aus auf irgend etwas festlegen und etwa sagen: „Wenn du jetzt nicht das und das tust, dann glaube ich nicht mehr an dich!“ Gott legt sich schon fest; aber nur so, wie er selbst es will, zum  Beispiel in seinen Geboten.

Wir vertauschen aber gern den Gott, der sich uns offenbart hat, mit dem Gott, der uns liegt. Er soll für unsere Zwecke brauchbar sein, soll unsere Gewohnheiten nicht stören und unsere althergebrachten Auffassungen nicht umwerfen .Aber er soll in allen Konflikten an unserer Seite stehen, soll jeweils den anderen unrecht geben und sich nichts erlauben, was unseren vorgefaßten Meinungen widerspricht.

Natürlich könnte ein Gott, der nachher im Tempel von Jerusalem „gewohnt“ hat und der in den Elementen des Abendmahls da ist, auch bei einem Stierbild gegenwärtig sein. Aber er tut es nicht. Aaron handelt eigenmächtig und ohne Gottes Befehl und kann sich auf keine Verheißung Gottes berufen.

Natürlich hätte Gott die Freiheit gehabt, auf diesen Wunsch der Menschen einzugehen. Aber er hat seine guten Gründe, weshalb er es nicht tut. Der Stier war das Symbol der heidnischen Baals-Religion. Damit darf der echte Gottesglaube nicht vermischt werden. Das wäre dasselbe, wie wenn wir heute unseren Glauben mit den Worten von Karl Marx und Lenin ausdrücken wollten. Vielleicht wäre so etwas möglich, aber es wäre doch nur Anlaß zu Mißverständnissen.

Das hat der Erzähler dieser Geschichte auch den Menschen seiner Zeit deutlich machen wollen. Diese Geschichte geht zwar auf ein tatsächliches Ereignis am Berg Sinai zurück, aber sie wird vom Verfasser aktualisiert, um auf brennende G1aubensfragen seiner Zeit zu antworten. In den Königsbüchern wird uns der geschichtliche Hintergrund dieser Erzählung verdeutlicht.

Das Volk Israel ist in ein Nordreich und ein Südreich gespalten worden. Der König Jerobeam im Norden sieht seine Herrschaft in Gefahr, wenn seine Leute weiterhin nach Jerusalem wallfahrten und damit in den Machtbereich des anderen Königs kommen.

Deshalb schafft er sich eigene zugkräftige Heiligtümer im Nordreich an. Er läßt zwei goldene Stierbilder anfertigen und stellt sie in den Heiligtümern in Bethel und Dan auf. Jetzt muß keiner mehr nach Jerusalem. „Das sind deine Götter, Israel“, sagt Jerobeam. Doch dieser Abschnitt aus dem 2. Mosebuch – der ja vielleicht erst in der Zeit Jerobeams aufgeschrieben wurde - will deutlich machen, was man von einem solchen Gott zu halten hat, der hier verächtlich als ein „Kalb“ bezeichnet wird.

Dieser Predigttext am Sonntag Judika will uns auch zeigen, was in einer solchen Lage geschehen kann und was schon geschehen ist, um die Folgen dieses Abfalls von Gott abzuwenden. Judika heißt ja: „Gott, schaffe mir Recht!“ Gemeint ist allerdings nicht der Ruf nach einer Bestrafung, sondern „Laß mir dein Recht widerfahren!“ und das heißt wieder im neutestamentlichen Sinne: „Erlaß mir die Strafe und versöhne dich mit mir!“ An dieser Geschichte vom

Tanz um das goldene Kalb sind wir alle beteiligt. Und es ist die große Frage unseres Lebens: Kann das Zerbrochene wieder heil werden?

Das Thema dieses Sonntags ist „der Hohepriester“, also das Amt Jesu Christi, das schon in dem alttestamentlichen Amt voraus abgebildet ist. Mose ist ein solcher Priester, der vor Gott für andere eintritt. Er setzt sich für sein abtrünniges Volk mit seiner ganzen Existenz ein.

Mose hat durch seine persönliche Gotteserfahrung soviel Zutrauen, daß er die Schuld seines Volkes offen bekennt und um Vergebung bittet. Er weiß, daß es für Gott keine Kleinigkeit ist, diesem Volk zu vergeben. Es ist ja etwas zerbrochen im Herzen Gottes. Es gibt keine Entschuldigung für das Volk, dazu sind seine Taten zu schwerwiegend.

Gott drückt nicht einfach ein Auge zu, sondern er nimmt die Sünde so ernst wie nur möglich. Das zeigen die zerschmetterten Tafeln, die Zerstörung des Stierbildes und das Blutbad, das die Leviten anrichten. Mose sagt klipp und klar: „Ihr habt eine große Sünde getan!“

Aber Mose geht dennoch Gott entgegen, nicht weil die Sünde leicht, sondern gerade weil sie so schwer ist. Er selber hat ja keinen Anteil an der Schuld des Volkes. Deshalb kann er für dieses verschuldete Volk eintreten. Aber er setzt sein Vertrauen nicht auf die Großzügigkeit Gottes, sondern darauf, daß seine Vaterliebe stärker ist als sein Zorn.

„Vielleicht“ kann die Sünde noch einmal vergeben werden. Das Evangelium ist keine Schleuderware, für die Gott sich noch bedankt, wenn wir sie ihm abnehmen. Mose legt ein klares Eingeständnis der Schuld ab. Er tut es stellvertretend für sein Volk, das wohl in diesem Augenblick gar nicht zur Formulierung seiner Schuld fähig ist. So wird ja auch bei uns im Gottesdienst hin und wieder ein allgemeines Beichtgebet vorgesprochen, dem aber jeder Einzelne innerlich zustimmen soll. Mose bietet sogar sein eigenes Leben an, wenn Gott nur diesem Volk noch einmal vergibt. Erst hat er diesem Volk den Zorn Gottes verkündet, jetzt setzt er sein Leben für es ein. Vergebung erfordert letzte Hingabe. Und dennoch nimmt Gott von Mose nichts an. Israel darf zwar weiterleben; aber Gott selber wird nicht mehr mit ihm ziehen ,nur noch sein Engel.

Erst Jesus Christus hat dem Herzen Gottes keine Wunde zugefügt. Er allein hat die Liebe Gottes so erwidert, wie er sie empfangen hat. Nur die Liebe konnte das wieder heilen, was im Herzen Gottes zerbrochen war. Jesus hat die Strafe getragen, die uns hätte treffen müssen.  Er ist der Hohepriester, der uns vertritt. Sein Opfer hat der Vater angenommen. Er hat uns aber auch gleichzeitig das einzig wahre Bild Gottes gezeigt: Gott als der Vater, dessen Erbarmen größer ist als aller Zorn.

 

 

Gottesdienst mit Schaustellern:  Offb. 1, 9 - 20 (Letzter Sonntag nach Epiphanias):

„Die weite Welt ist Gottes Feld!“ Das hätte auch der Johannes aus dem letzten Buch der Bibel sagen können. Er hatte es auch sehr nötig, sich das vor Augen zu halten. Seine Welt erstreckte sich nur auf die Insel Patmos vor der kleinasiatischer Küste. Die Römer hatten ihn auf diese Sträflingsinsel verbannt, weil er den christlichen Glauben verbreitet hatte.

Damit hatte er etwas getan, was den Interessen des römischen Staates entgegenlief. Die Christen widersetzten sich nämlich der Weltanschauung des Staates, der den Kaiser in den Himmel hob. Domitian ließ sich Gott und Heiland nennen. Auf Geldstücken war er dargestellt mit einem Gesicht, das wie die Sonne leuchtet. So trug er seinen Anspruch auf Weltherrschaft bis ins kleinste Dorf. Die Stadt Ephesus drüben auf dem Festland war der Brennpunkt des Kaiserkultes. Dort gab es kaiserliche Hohepriester. Die Stadt  nannte sich „kaiserliche Tempelhüterin“.

Was sind demgegenüber die Christen? Eine verschwindend geringe Zahl‚ die bald an die Wand gedrückt werden wird. Und doch gibt es sie schon überall in der damals bekannten Welt. Auch in Ephesus und den umliegenden Städten gab es Christen. Der Apostel Paulus war wesentlich an der Gründung dieser Gemeinde beteiligt. Aber es geht dabei gar nicht so sehr um Personen, um Paulus und Johannes, sondern um Jesus Christus, der diese Gemeinden in ihrer Bedrängnis erhalten wird.

Das wollen auch wir vor Augen haben, deren Zahl doch immer kleiner wird. Gewiß gibt es auch viel Erfreuliches aus dem Leben der Kirche zu berichten: Kirchen werden renoviert, Nachbargemeinden arbeiten zusammen, die Opferfreudigkeit wächst, es gibt Gemeindetage, Feste, Gottesdienste in neuer Gestalt. Es gibt selbst eine Schaustellergemeinde, die ganz eigene Formen des Gemeindelebens entwickelt hat. Gottes Feld ist an vielen Ecken und Erden bestellt und bringt Frucht.

Dennoch sehen wir in vielen Ortsgemeinden wenig Imponierendes und Verlockendes. Manches sieht nach Sterben und Ende der Kirche aus. Die Machtverhältnisse sind klar. Schon ein Domitian hat versucht, seine göttlichen Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen. Wir aber haben doch nun einen anderen Gott, der der allein wahre ist. Wir können uns doch dem Atheismus oder irgendeinem Weltherrschaftsanspruch nicht beugen. Was kann uns da helfen, im Glauben fest und stark zu werden oder zu bleiben?

Jeder Gottesdienst vereint uns aber auch mit dem himmlischer Gottesdienst. Im Diakonissenmutterhaus in Dresden ist Jesus dargestellt, wie er mit seinen Jüngern um den Abend­mahls­tisch sitzt. Über ihnen schweben die Engel. Und unten, wo die eine Seite am Tisch freigeblieben ist, steht der Altar der Kirche, an dem die Gemeinde von heute zum Abendmahl zusammenkommt. Der Gottesdienst verbindet die Gemeinde im Himmel und die Gemeinde auf Erden. Er verbindet uns auch mit unseren Vorvätern. Ihre Plätze nehmen wir hier im Gotteshaus ein, ihre Lieder singen wir, ihre Bekenntnisse sprechen wir nach.

Dieses Wissen: „Wir sind nicht allein!“ gibt uns Kraft in den Anfechtungen unserer Gegenwart. Um der Selbsterhaltung willen sind wir immer wieder zu faulen Kompromissen geneigt und wollen uns unserer Umwelt anpassen. Es fällt uns schwer, anders zu sein als die anderen und nicht überall dabeisein zu können. Jesus Christus erspart uns nicht das Kreuz. Er hat es ja selber zuerst getragen.

Aber er gibt sich auch uns als den Herrn der Welt zu erkennen, damit wir keine Angst mehr vor der Zukunft zu haben brauchen. Der Seher Johannes darf durch die bedrückender Verhältnisse seiner Zeit hindurchsehen auf Jesus, der die ganze Machtfülle Gottes in sich ver­eint. Er erlebt Christus ganz anders, so wie ein Junge über seinen Vater staunt, der auf dem Bauplatz den großen Kran lenkt. Jesus ist nicht ein idealer Mensch, dessen Beispiel wir nacheifern, sondern ein gewaltiger Herrscher.

Johannes, der vor keinem Kaiserbild die Knie gebeugt hat, fällt vor diesem Herrn auf sein Angesicht. Er ist geblendet vor dem Licht Gottes. Es fehlen ihm die Worte für einen Vergleich: Es ist wie Wolle, wie Schnee, wie Feuerflammen, wie glühendes Erz im Ofen. Doch er stampft nicht auf und sagt: „Unser Herr ist doch größer als der Kaiser in Rom!“Er hat keinen Grund zum Triumphieren. Die Christenheit empfängt ihr Licht nur von dem Herrn und spiegelt es weiter in den Alltag hinein. Vor diesem Licht kann man sich nur zu Boden werfen wie ein Toter.

Aber Johannes fühlt auch die rechte Hand seines Herrn auf sich. Er ist nicht nur der Richter der Welt, sondern auch der Hohepriester und Fürsprecher. Er sagt:  „Fürchte dich nicht! Ich. bin der Erste und der Letzte und der Lebendige!“ Das römische Kaiserreich ist längst vergangen. Und manch anderer, der  Weltherrschaftsansprüche hatte, kommt kaum noch in den Geschichtsbüchern vor. Unser Herr aber geht seinen Weg durch Bedrängnis und Widerspruch. Wir brauchen nur seiner Spur zu folgen, dann werden wir auch teilhaben an seinem Sieg. Hier im Gottesdienst wird uns das immer wieder gewiß gemacht.

Johannes darf ein Bild sehen, das ihm Mut und Zuversicht gibt. Es ist Sonntag. Drüben auf dem Festland in den sieben Gemeinden sind sie jetzt zum Gottesdienst versammelt. Da erscheint Christus vor dem inneren Auge des Johannes mitten unter der Leuchtern, er ist bei seinen Gemeinden. Johannes darf ihn auch sehen und ist so mit seinen Gemeinden verbunden. Weil sie alle auf den gleichen Herrn schauen, sind sie auch alle untereinander verbunden zu einer Gemeinschaft

Das wird dem Johannes in seiner Gefangenschaft deutlich, als er ganz allein für sich den Gottesdienst feiert. Der Gottesdienst ist nicht eine mehr oder weniger gut besuchte Versammlung derer, die sich für Glaubensfragen interessieren. Hier treffen sich nicht Menschen, die ein Referat hören wollen oder gar über den lieben Gott diskutieren. Im Gottesdienst feiert der Herr der Welt mit seiner Gemeinde.  Der Himmel als die Welt Gottes und die Erde als die Welt der Menschen werden zusammengeschaut, Menschen werden angesprochen und beschenkt und dürfen ihren Glauben bekennen.

Durch den Gottesdienst sind wir mit den Gemeinden rund um der Erdball verbunden. Auch wenn unsre Welt gar nicht so offen ist für den christlichen Glauben, so gibt es doch überall Christen. Heute ist uns sicher auch deutlich geworden, daß Christen auch dort sind, wo wir

es vielleicht gar nicht vermuten, nämlich unter den Schaustellern.

Dabei haben es unsere Freunde von der Schaustellergemeinde gar nicht so leicht mit ihrem Glauben. Wenn man praktisch jede Woche an einem anderen Ort ist, dann kann man in keiner Gemeinde so recht heimisch werden. Manchmal kommt so ein Paulus oder ein Johannes: Da ist ein Kidd zu taufen oder zu konfirmieren, da ist einmal ein Problem zu besprechen. Aber ist schon einmal einer von den Christen einer solchen üblichen Ortsgemeinde gekommen und hat Kontakt zu diesen Mitbrüdern aufgenommen?

Gott hat ein weites Feld. Vor manchem Christen aus der Schaustellergemeinde könnten wir vielleicht noch etwas lernen. Sie stellen ja in unserer Zeit im wörtlichen Sinne das wandernde Gottesvolk dar. Immer wieder neu haben sie sich so wir allen aufzumachen zu unserem Gott und können ihm an jedem Ort unseres Landes begegnen. Sie gehören mit zu dem weltumspannenden Leib des Christus, der seine irdische Darstellung in der Kirche findet. Wir werden  uns in Zukunft auch mit diesen Christen verbunden wissen, wenn wir hier den Gottesdienst beginnen.