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Bibelauslegung IV Neues Testament II

 

 

Leiden und Auferstehen


Leiden:


Die einzelnen Abschnitte:

Leidensweissagungen:

Es handelt es sich bei den Leidensweissagungen nicht um einen Kniff. Man könnte ja auch sagen: „Weil das mit Jesus so geschehen war, hat man das nachträglich aus der Bibel herauslesen wollen. Wenn es anders gekommen wäre, hätte man die entsprechenden Stellen nicht auf Jesus gedeutet!“ Aber so ist es nicht: Das Leiden Jesu lag ganz im Plan Gottes.

Im Alten Testament wurde schon aus der Ferne auf den kommenden Christus hingewiesen. Es wurde auch angedeutet, daß Christus viel leiden und sterben muß. Wenn man die Heilige Schrift recht liest, wird man das auch verstehen. Dann wird man auch erkennen, daß Jesus hier seine Lebensaufgabe hatte und sie auch erfüllte.

Eine Besonderheit ist in diesem Zusammenhang der Streit der beiden sonst hochangesehenen Jünger Jakobus und Johannes (Mk 10, 35-45). Sie liegen mit ihren Er­war­tungen völlig falsch. Von höchster Stelle muß ihnen die Abwegigkeit ihres Ansinnens bescheinigt werden. Diese Peinlichkeit ist sicher tatsächlich so passiert, man hat sie später nicht vertuschen können. Man hat sie aber auch später nicht erfinden können, denn nur Jakobus hat im Jahr 44 den Märtyrertod für die Sache Jesu erlitten, während Johannes wahrscheinlich überlebt hat.

 

Einzug in Jerusalem,  Mk 11,1-11:

Die Szene erinnert an die Ankunft eines Herrschers in einer Stadt mit Jubel des Volks. Es wird noch kein Blick auf ein Leiden geworfen. Der Messias zieht in seine Residenz ein. Grundlage ist ein wirkliches Ereignis. Jesus wollte in der Hauptstadt die Entscheidung über seine Botschaft erzwingen. Es war aber nur eine Demonstration einer Gruppe von Anhängern, kein Ereignis für die ganze Stadt. Die Kleider wurden natürlich nicht auf dem ganzen Weg ausgebreitet, und bei Matthäus werden auch nur Zweige gestreut.

Matthäus arbeitet hier eine Vorausdarstellung der Wiederkunft heraus. Bei ihm sind es zwei Tiere, weil er das Zitat aus dem Alten Testament falsch verstanden hat (dort nur Wiederholung).  Der Einziehende scheint aus Galiläa zu sein, die Jerusalemer ahnen nicht, daß er der Davidsohn aus Bethlehem ist. Lukas hält in Einzug und Wiederkunft auseinander. Jesus erscheint als Herr des Tempels und die Christen sind das wahre Gottesvolk.

 

Tempelreinigung, Mk 11,15-19:

Durch den Wechsel zwischen Jesus und Bethanien kann Markus mehrere Geschichten einfügen. Die beiden anderen Evangelisten aber stellen einen glatteren Ablauf her und legen Einzug und Tempelreinigung zusammen, während Markus jedem Ereignis ein eigenes Gewicht geben will. Johannes stellt die Tempelreinigung an den Anfang des Wirkens Jesu und gibt ihr neben dem Zeichen in Kana eine programmatische Bedeutung.

Der Marktbetrieb dient der Ermöglichung des Tempelbetriebs. Doch Jesus will diesen Kult nicht angreifen, sondern eine Reinigungsvorschrift wieder einführen. Aufgabe des Tempels ist nur die Gottesverehrung. Am Ende soll dann die Sammlung der Völker erfolgen (die anderen Evangelisten streichen das, weil der Tempel inzwischen zerstört wurde).

Matthäus zeigt den Wiederhersteller des Tempels gleichzeitig als Heiland der Kranken. Es entsteht ein starker Gegensatz zu den Mächtigen, denen die Schwachen nichts bedeuten. Lukas kürzt und stellt den Ablauf Einzug-Reinigung-Vollmachtsfrage her und hat in Vers 47 das Schema Tempel-Ölberg.

 

Vollmachtsfrage, Mk 11,27-33:

Hier beginnt eine zweite Serie von fünf Streitgesprächen. Jede Geschichte ist aber ursprünglich selbständig und stand nicht im Zusammenhang der Leidensgeschichte. In dieser zeigen sie allerdings die Verschärfung der Lage. Jesus geht im Tempel umher, als sei keine Tempelreinigung geschehen. Wenn man diese allerdings mit heranzieht, dann geht es um die Frage: Woher nimmst du das Recht, so im Tempel aufzutreten? W e r  gibt dir das Recht?

 

Gleichnis von den ungleichen Söhnen, Mt 21, 28-32:

Hier gibt es das Problem des richtigen Textes, denn es gibt unterschiedliche Handschriften:

1. Der Erste sagt „Nein“, tut es aber

2. Die Gefragten antworten, der Zweite tue den Willen des Vaters, sind aber verblendet

3. Der Erste sagt „ja“, handelt aber nicht.

Richtig ist die erst Lesart, denn nur so versteht man, warum der Vater sich noch an den zweiten Sohn wendet. Die Anrede des Ersten ist patzig, die des zweiten ehrfurchtsvoll. Aber es kommt nicht auf eine moralische Wertung an, sondern um das Evangelium für die, die moralisch nichts sind. Der Vers 32 ist von Matthäus, denn Lukas hat eine andere Antwort. Doch es geht nicht um den Umschwung im Gleichnis („Buße“), sondern der zweite Teil des Verses stellt nur den Anschluß an das Gleichnis her.

 

Gleichnis von den bösen Winzern,  Mk 12, 1-12:

Der Inhalt des Gleichnisses ist aus dem Weinberglied Jesaja 5 genommen. Damit ist schon eine bestimmte Deutung gegeben: „Der Weinberg ist Israel!“ Das Verhalten des Herrn ist seltsam, aber folgerichtig. Erst Vers 5b ist eine Anspielung auf die Propheten, die alle leiden mußten, aber eine spätere Bemerkung. Man kann aber nicht noch mehr als Einfügung ausscheiden wollen, um eine Urform zu finden, die Jesus zugeschrieben werden kann.

Es kommt zu einer Steigerung im Verhalten des Besitzers und der Überlegung der Pächter: „Der ist der Sohn!“ Der Leser versteht gleich: „Jesus ist gemeint!“ (bei Markus wird er nur in der Tauferzählung und in der Verklärung so genannt). Er ist das letzte Angebot, danach kommt nur noch das Gericht.

Der Weinberg ist das Gottesvolk. Aber als Strafe für das Töten Jesu erfolgt nun der Übergang zu einem neuen Volk. Im Verhalten zu Jesus entscheidet sich, ob Israel Gottes Volk bleibt. Der Weinberg wird nicht zerstört, wohl aber die Pächter. Hier liegt das Geschichtsbild der Gemeinde vor: Jesus sieht die Strafe als Ablehnung seiner Predigt, die ja auch nach Ostern noch erfolgt. Weil es um eine Frage der nachösterliche Gemeinde geht, ist dieser Abschnitt auch von dieser gestaltet.

 

Gleichnis vom Gastmahl, Mt 22,1-14 und Lk 14,16-24:

Lukas erweitert die Einladung an die Stadtarmen auf die die Landstreicher, die Einladung wird dringlicher. Für die römisch-katholische Kirche ist das bis heute die Begründung für den Zwang zum Glück, mit dem die Kirche die Gläubigen in die Heilsgeschichte bringt („Zwingt sie hereinzukommen“). Nach der Einladung an die geringen Leute kommt nun die Einladung an die Heiden. Es wird auch auf die Abendmahlserzählung angespielt.

Matthäus ist stärker auf das Gericht eingestellt, nachdem die ganze Geschichte Israels entwickelt wurde. Jetzt wird das Hochzeitsmahl des Königssohns geschildert. Mit den Knechten sind zunächst die Propheten gemeint, dann aber die christlichen Missionare. Der Herr aber zeigt eine unablässige Geduld. Die Geladenen aber gehen demonstrativ an ihre Arbeit (bei Lukas stecken sie zu sehr drin). Die Vers 6-7 sprengen das Bild: Die Geladenen wohnen in einer fremden Stadt, weil Jerusalem beim Abfassen des Evangeliums inzwischen zerstört war. In den Versen 11-14 steht dann eine Ergänzung des Matthäus: Jetzt wird eine Bedingung aufgestellt: das festliche Kleid. Hier ist die Kirche schon die reine Gemeinschaft. Das Gleichnis aber sagt: Es ist für alle Platz! Gottes Erwählung läßt keine Bedingungen zu. Wir heute haben alle einzuladen, ob einer wieder hinausgeworfen wird, steht bei dem Urteil Gottes. Aber die Erwählung ist ein Wunder, das nicht berechnet werden kann.

 

Gleichnis von den zehn Jungfrauen, Mt 25,1-13:

Der Vorgang ist unklar. Die Jungfrauen ziehen aus zur Einholung des Bräutigams, aber nach dem Hochzeitsbrauch wird die Braut vom Bräutigam geholt. Aber man kann das auch nicht bildhaft deuten auf die Begegnung  mit Christus bei der Wiederkunft.  Es wird betont: Es kommt überraschend, aber es dauert lange. Aber hier schlägt die Bildhälfte durch, denn bei einer Hochzeit kann man nicht von vornherein damit rechnen, daß der Bräutigam später kommt. Vers 13 paßt nicht mehr zum Gleichnis, nur zu der Verzögerung. Er meint aber auch die klugen Jungfrauen.

Die Erwartung, daß Jesus als der „Menschensohn“ und Weltenrichter bald wiederkommen wird, war Ausdruck des Glaubens, aber nur eine geschichtliche Gestalt des Glaubens, nicht der Glaube selber. Das zeigt sich daran, daß der Glaube nicht aufhörte, als Jahr um Jahr verging, ohne daß das Weltende kam. Man lernte, das worauf es ankam, anders zu verstehen und auszusagen. Der Glaube mußte sich lösen von der Erwartung, in der er zuerst Gestalt gewonnen hatte. In der Parabel von den Zehn Jungfrauen wird dem Versuch, die ursprüngliche Hochspannung künstlich zu konservieren, wird entgegengehalten, daß es töricht ist, mit einer längeren Wartezeit zu rechnen.

 

Pharisäerfrage nach dem „Zinsgroschen“, Mk 12,13-17:

Die Pharisäer sind die Gesetzeskundigen, die Herodianer vertreten die politische Seite, so daß Jesus auf alle Fälle bei einer der Gruppen Anstoß erregen muß: Er soll in einen Konflikt hineingezogen werden zwischen der Volksmeinung und der römischen Macht. Die Gegner wollen sich selber nicht binden, verlangen es aber von Jesus. Die Gegner wirtschaften mit dem Geld, aber wenn es um das Bezahlen der Steuer geht, dann schlägt das national-religiöse Gewissen. Vorausgesetzt ist die Meinung: Wessen Bild die Münze trägt, dem gehört sie. Für Jesus geht es um den Gehorsam gegenüber Gott: Wenn es nicht um das offene Bekenntnis geht, braucht man die Frage nicht zu stellen. Wenn es aber darum geht, dann gibt es nur das Bekenntnis.

 

Sadduzäerfrage zur Auferstehung, Mk 12,18-27:

Die Sadduzäer lehnen die Traditionen des jüdischen Glaubens ab, darunter jede Auferstehungsvorstellung. Sie sind eine Priesterpartei oder eine Gruppe der Pharisäer. Sie sind Juden und argumentieren mit dem Gesetz. Jesus sagt: Der Auferstehungsglaube ist eine Glaubensaussage und durch kein Menschenbild (Vorstellung von der Seele) oder Weltbild zu belegen. Der Mensch ist nicht gleichzusetzen mit einem Teil, das den Tod überleben würde.  Der Tod wird nicht abgeschwächt, und die Übereinstimmung von altem und neuem Leib ist nur eine Hoffnung. Die Sadduzäer leugnen das Jenseits, weil sie es nur als eine Fortsetzung der Welt ansehen. In den Versen 25-26 kommt noch ein zweites Argument dazu durch die Gegen­überstellung einer anderen Schriftstelle in dem Abschnitt über den Dornbusch.

 

Frage nach dem großen Gebot, Mk 12, 28-34:

Auch die jüdischen Lehrer haben ähnliche Worte in dieser Sache wie Jesus, aber sie haben die Einzelfallbetrachtung (Kasuistik) nicht aufgegeben. Die Frage nach dem größten Gebot soll nicht das Gesetz zusammenfassen, sondern die Erfüllung des ganzen Gesetzes sichern: Um zwischen dem Feiertagsgebot und dem Hunger zu entscheiden braucht man ein höchstes Gebot. Das Gebot der Gottesliebe wird hier erweitert um das Gebot der Nächstenliebe (3. Mose 19). Aber es geht nicht um zweierlei Gebote, sondern die Gottesliebe schließt das Verhältnis zum Mitmenschen ein. Aber das bedeutet noch nicht, daß man Gott nur lieben kann im Mitmenschen. Man kann Gott auch direkt lieben, ohne daß er zum Heilszweck wird. „Du bist nicht weit vom Gottesreich“ meint nicht, daß die Herrschaft Gottes überall vorhanden ist, sondern: Wenn sie kommt, dann wirst du in sie hineinkommen.

 

Pharisäerrede, Mt 23,1-36:

Die Christen sollen sich der Disziplinargewalt der jüdischen Amtsträger beugen, auch wenn sie gegen die Christen vorgehen. Die Verse 8-10 sind eine Gemeinderegel: Die Schriftgelehrten werden nicht abgeschafft, aber sie haben in der Kirche nichts zu suchen. Es folgen sieben Weherufe. Ein „Proselyt“ tritt vollständig zum Judentum über, ein „Gottesfürchtiger“ befürwortet nur den Glauben an den einen Gott und einige Grundgesetze. . aber auch den Proselyten wird der Zugang erschwert durch die Pharisäer. Die Verse 16-22 sind von Matthäus, denn hier wird zweimal die Stellung der Gegner dargelegt und mit der Praxis des Schwörens wird fest gerechnet. In der  Bergpredigt ging es noch um den Gottesnamen, hier aber will man die bindende Kraft des Eides umgehen. Es wird nach der Summe des Gesetzes gefragt. Aber mit dem Verzehnten kann man den zentralen Gehorsam nicht ersetzen.

 

Salbung und Verrat, Mk 14,1-11:

Die Zeitangabe ist an sich der Anfang der Leidensgeschichte (Markus hat die Salbung in Bethanien eingeschoben). Sie ist wichtig für die Datierung des Todestages. Die Synoptiker haben das Passahmahl am Vortag des Feiertags und die Kreuzigung am Freitag. Johannes hat kein Passahmahl und die Kreuzigung am Tag vor dem Passahfest, also kurz vor Sonnenuntergang am Donnerstag. Man ist geneigt, Johannes zu folgen, denn an einem hohen Festtag konnte man an sich keine Hinrichtung vornehmen. Die Synoptiker könnten die Kreuzigung bewußt auf den Passahtag gelegt haben, um auszudrücken: In der Kreuzigung Jesu wird der neue Bund geschlossen.

„Passah“ bezeichnet die Opferhandlung, dann aber auch das Fest am 14. Nisan, auf das die „Mazzenwoche“ folgt, in der man nur ungesäuertes Brot ißt.  Aber Mk 14,12 irrt, denn die Lämmer wurden nicht am ersten „Tag der ungesäuerten Brote“ geschlachtet. Nach Johannes stirbt Jesus, als man die Lämmer schlachtet.

Aber Markus hat vielleicht bewußt den Tod Jesu aus heilsgeschichtlichen Gründen auf das Fest verlegt: Obwohl anders geplant, wurde er doch am Fest gekreuzigt. Die Zeitangaben sind also nicht für eine Datierung auszuwerten, sondern sie sind theologisch bestimmt (die Gemeinde kennt ja nicht die Erwägungen des Hohen Rats (Mk 14,3). Judas wird als einer der Zwölf angeredet. Sein Verrat ist wohl wirklich so geschehen, aber er war nicht ein Mitglied des Zwölferkreises, denn dieser wurde erst nach den Erscheinungen festgelegt.

 

Einsetzung des Abendmahl,: Mk 14,17-25 :

Die älteste Bezeichnung für das Abendmahl ist „Herrenmahl“. Später setzte sich das Wort „Eucharistie“ durch, das ursprünglich nur das Dankgebet bezeichnete. Ursprünglich wurde das Sakrament (heilige Handlung) im Rahmen einer wirklichen Mahlzeit genossen, wo bei das Essen  zwischen Brotgabe und Weingabe eingeschoben wurde. Aber schon zur Zeit des Paulus ist das Sakrament an das Ende der Mahlzeit gerückt.

Das Abendmahl war einerseits Gemeinschaftsfeier, bei der man an die Gemeinschaft mit Jesus in seinen Erdentagen denkt. Es war andererseits aber auch ein Sakrament, bei dem die Feier mit dem Tod Jesu und seinem Stiftungsakt verknüpft wurde. Die Einsetzungsworte sind an vier Stellen überliefert, in den Evangelien und bei Paulus (1. Kor11,23-26). Eine Urform wird man aber nicht mehr wiederherstellen können: Ging es ursprünglich um das Sühneopfer oder um den Bund oder um die Gemeinschaft?

Das Vorbild sind die Kultlegenden, die bei jeder Kultfeier verlesen wurden, um den Anfang dieses Brauchs zu begründen. Markus hat das „in der Nacht, da er verraten ward“ in Erzählung umgesetzt, aber er hat den Verräter noch nicht bezeichnet und auch das Weggehen nicht erwähnt. Es wird hier aber kein Passahmahl vorausgesetzt, denn dabei ißt jeder aus seiner eigenen Schüssel. Das Abendmahl ist nicht vom historischen Jesus gestiftet worden, das zeigt schon die Bezugnahme auf den Tod Jesu.

Heute gibt es vier Probleme:

      Wie verhalten sich Wortgottesdienst und Mahlfeier? Jede Versammlung gipfelte in der Mahlfeier, aber es gab wohl keine Einheit, denn in Korinth gab es deswegen Probleme

      Gibt es einen Typ der Urgemeinde und der paulinischen Gemeinden? Es ist schwierig, für die Urgemeinde schon die Bedeutung wie bei Paulus anzunehmen, denn bei ihm spielen Einflüsse der Mysterienreligionen eine Rolle: Bei Paulus ist das Mahl eine sakramentale Übermittlung wirkungskräftiger Stoffe

      Wie sind die Einsetzungsworte auszulegen? Verschiedene Motive sind verbunden: Stiftung,  Sühnegedanken, neuer Bund. Aber eine wörtlich festgelegte Urform ist aus den Texten nicht mehr wiederherzustellen. Die Urform sprach entweder vom Sühneopfer oder vom Bund oder war nur Deutung. Es ist unwahrscheinlich, daß man die Parallelität von Leib und Blut nachträglich durch „Einschübe“ gestört hätte. Lukas hat zwei Fassungen, aber der längere Text ist gekürzt worden. Weil Lukas den Text des Markus verwob mit einem konkurrierenden Bericht, wurde der Becher zweimal erwähnt und mußte einmal gestrichen werden.

      Wie verhalten sich Mahlfeier und Liebesmahl (Agape)? Bei Markus ist die Mahlfeier am Ende, im 1.Kotinterbrief wird zwischen Brot und Wein das Liebesmahl eingeschoben. Erst bei dem Kirchenvater Justin sind Predigt und Mahlfeier verbunden, aber das Liebesmahl ist davon getrennt.

Für Jesus kam ein sakramentaler Sinn nicht in Frage. Wenn die Deuteworte von Jesus sind, dann muß man sie unsakramental verstehen. Doch die Gültigkeit des heutigen Sakraments hängt an Brot und Wein und nicht an der Einsetzung durch den historischen Jesus. Das Abendmahl wird nicht durch Brot und Wein zum Sakrament, sondern durch die Handlung (das Essen) und durch den in der Gemeinde gegenwärtigen Herrn. Was das Abendmahl heute ist, das hängt nicht davon ab, ob der historische Jesus diese Worte gesprochen hat, sondern nur davon, ob Jesus das Wort für die Welt ist.

 

Im Garten Gethsemane, Mk 14,32-42 und 43-52:

Der Vers 32 ist der ursprüngliche Anfang, die Verse 33-34 eine spätere Zufügung, die den geheimnisvollen Charakter zeigt. Die Verse 35-36 wirken wie Doppelungen, vielleicht wurden hier zwei Berichte zusammengeschoben. Der Kuß ist das Zeichen der üblichen Begrüßung. Bei Markus wendet sich Jesus nicht gegen das Abschlagen des Ohres. Da hier mehrere Jünger zugegen sind, ist Judas nur einer von ihnen und nicht unbedingt einer des Zwölferkreises.

 

Verhör und Verleugnung, Mk 14,53-72:

Hier wurden zwei Berichte ineinander geschoben, die ursprünglich selbständig waren. Der Verhörbericht zerreißt den Zusammenhang. Der Hohepriester Kaiaphas ist erst spät in die Tradition eingedrungen, der eigentliche Handelnde war Hannas.  Für die offizielle Sitzung des Hohen Rats gibt es natürlich keine Augenzeugen. Hier wird kein Verhandlungsprotokoll abgegeben, sondern hier drückt sich die Vorstellung der Gemeinde aus. Aber Jesus wurde durch die Römer wegen Hochverrat verurteilt und hingerichtet, auch wenn Pilatus vielleicht nur das Todesurteil der Juden wegen Gotteslästerung übernommen hat.

Der Grundbestand des Wortes über den Tempel dürfte echt sein, auch wenn die Zerstörung des alten Tempels und der Aufbau eines neuen endzeitlich gemeint war. Die Frage des Hohenpriesters paßt nicht zu den falschen Zeugnissen, ist aber nur Vorbereitung des Höhepunkts: Die Lüftung des Messiasgeheimnisses. Hier haben wir eine Zusammenfassung der urchristlichen Begriffe zur Bedeutung Jesu. Alle sind aber sinngleich und legen sich gegenseitig aus:

- Messias: Der Heilskönig der national-jüdischen Hoffnung

- Gottessohn: König durch Adoption oder schon immer bei Gott vorhandener Sohn

- Menschensohn: Titel aus der Endzeiterwartung der Juden (Daniel 7).

Vers 63 bringt die Antwort der Hörer im Hohen Rat: Das war keine seelische Erregung, sondern die vorgeschriebene Handlung, wenn man eine Gotteslästerung gehört hat. An sich wurde der Gottesname ja gar nicht beschimpft, und der Messias ist ein Mensch. Aber es ging um die Feststellung. Die Juden haben den für sie bestimmten Messias getötet.

Die Verspottung ist eine szenische Darstellung der Absicht der Juden, die mit zum Verhör gehörte. Sie wurde nach alttestamentlichem Vorbild gestaltet. Das „prophezeie“ („weissage“) meint :Sage einen Prophetenspruch!

Die Verleugnung weist auf die Ostererscheinungen voraus und zeigt das Alleinsein Jesu. Bei Matthäus ist die Frage des Hohenpriesters eine Beschwörung, wobei ihm das Glaubensbekenntnis der Gemeinde in den Mund gelegt wurde. „Du sagst es“ ist bei Matthäus eine klare Bejahung. Lukas legt die beiden Szenen wieder auseinander, die Verleugnung ist vorangestellt, Jesus ist noch im Hof, die falschen Zeugen werden übergangen, weil Lukas keine Theorie vom Messiasgeheimnis hat. Bei Lukas deuten die Titel „Messias“ und „Menschensohn“ nur an, die eigentliche Bezeichnung ist „Gottessohn“.

 

Übergabe an Pilatus, Mk 15,1-5:

Pilatus wird bei den antiken Geschichtschreibern negativ gezeichnet, in den Evangelien ist er eher kompromißbereit und taktisch handelnd. Er regierte zeitweise in Jerusalem, nach mittelalterlicher Tradition in der Burg Antonia, nach Josephus aber im Palast in westlichen Teil der Stadt.  Pilatus ist aber nicht ins Glaubensbekenntnis gekommen, um die Geschichtlichkeit der erzählten Vorgänge zu beweisen, sondern wegen des Schriftbeweises (Apg 4,27).

 

Kreuzigung:

Die spätere Gemeinde hat Jesus auch so dargestellt, daß Jesus sogar noch für die Zukunft seiner Kirche sorgt. Maria, die Mutter Jesu, ist Symbol für die Kirche, für die Gemeinde unter dem Kreuz, die vom Erhöhten das Heil erwartet. Sie wird dem Lieblingsjünger anvertraut, also dem, der das Johannesevangelium geschrieben hat. Man hat also nicht nur die Verheißungen aus dem Alten Testament, sondern auch den Zeugen aus dem Neuen Testament. An sein Wort kann man sich halten. Er verbürgt die Überlieferung von Jesus Christus und nimmt die Gemeinde in seine Obhut und Fürsorge.

Gleichzeitig werden die beiden Gruppen der Urchristenheit, die sich oft um den Vorrang miteinander gestritten haben - die Judenchristen und die Heidenchristen - aneinander gewiesen. Jesus weist in seiner letzten Stunde die Heidenchristen an, in der größeren Kirche ihre neue Heimat zu finden. Und er weist die Heidenchristen an, das Judenchristentum als die Mutter zu ehren, aus der sie hervorgegangen sind.

Jesu Tod kann man nicht psychologisch zerlegen wollen, so als sei Jesus am Kreuz zusammengebrochen. Er ist vielmehr existential auszulegen, also auf die Person des Menschen bezogen. Dann zeigt sich hier die Liebe, die mißhandelt und abgelehnt wurde.

 

„Judaslohn“,  (Matthäus 27, 2 - 11:

Die Erzählung vom Lohn an Judas  ist zunächst einmal entstanden aus dem Namen „Blutacker“ für ein bestimmtes Grundstück. Dieser Name war gut geeignet, in die Schilderung des Todes Jesu eingebaut zu werden. Schon die mündlicher Überlieferung sprach in Anlehung an Sacharja 11,13 von der Rückgabe des Geldes durch Judas und dem Ackerkauf durch die jüdischen Behörden. Bei der Niederschrift schließt Matthäus eine Mischung aus Sacharja 11,13  und Jeremia-Worten an. Durch Erweiterungen wurde das Zitat verbunden mit dem vorangehenden Text. So zeigt sich hier wieder das Motiv des Matthäus, das Geschehene um Jesus als Erfüllung der Schrift darzustellen.

Das Ende des Judas (Mt 27,3-10) ist eine Legende, die mit Schriftbeweisen durchsetzt ist. Durch sie soll die Unschuld Jesu festgestellt werden. Die Apostelgeschichte bringt noch die christliche Deutung der Flurbezeichnung „Blutacker“.

 

Leidensgeschichte nach Johannes, Joh 18,28 - 19,16:

Das Verhör wird bis zum Mittag ausgedehnt. Die Juden wollen das heidnische Gebäude nicht betreten (da sind sie gesetzestreu, nicht aber beim Verbot des Tötens). Der Schauplatz wechselt, man ist auch im Hus, dazwischen gibt es zwei Vorführungen Jesu mit den berühmten Worten des Pilatus:„Ich wasche meine Hände in Unschuld!“

Pilatus schiebt die Verantwortung ab aber auch die Juden befinden sich im Zwiespalt mit ihrem Gesetz, weil sie nicht zum Tode verurteilen dürfen. Johannes zeigt den unpolitischen Charakter des Königtums. Doch gerade die Niedrigkeit ist Jesu Größe. Hier liegen Einflüsse der Prozesse gegen Christen vor: So legen Christen Zeugnis vor Gericht ab. Die Pilatusfrage nach der Wahrheit  zeigt das typische Verhalten des römischen Richters: Er will nur juristische Tatbestände wissen und nicht die absolute Wahrheitsfrage stellen.

In der Barabbasszene wird Pilatus selbst tätig. Geißelung und Verspottung sind bei Johannes vor dem Urteil: Pilatus will dadurch das Todesurteil verhindern, indem er Jesus lächerlich macht.

Das zweite Verhör zeigt die Angst des Pilatus, in Jesus könnte ein „göttlicher Mann“ stecken. Er hält seine Neutralität nicht durch und fragt nach der Wahrheit, um der Entscheidung zu entgehen. Aber gerade dadurch wird sie ihm aus der Hand genommen. Der letzte Trumpf der Juden ist die Drohung mit der Anschwärzung des Pilatus beim Kaiser. Von da an versucht Pilatus nur noch das Gesicht zu wahren. Die Juden haben ihren Willen durchgesetzt, allerdings auf Kosten eines Bekenntnisses zum Kaiser. Als Pilatus dann aber gegenüber Jesus mit seiner Macht droht, erhält er von Jesus die richtige Antwort: Alle Macht ist „von oben“ gegeben! Dreimal spricht Pilatus bei ihm die Unschuld Jesu aus. Er stirbt Jesus in der Stunde, in der die Passahlämmer geschlachtet werden.

Bei Lukas wird der Todeskampf noch mehr verkürzt als bei Markus. Lukas zeigt Jesus als den unpolitischen König. Und nicht Jesus wird verurteilt, sondern die Juden, denn ihr Tempel wurde zerstört.

 

Beurteilung von Bultmann:

In der Schilderung des Leidens Jesu haben wir zwar noch die verläßlichsten geschichtlichen Nachrichten, dennoch ist sie von Erweiterungen durchzogen

-  auf den Todesplan und den  Verrat des Judas hat man erst aus den Ereignissen geschlossen

- die Verhaftung (oder Hinrichtung) vor dem Fest ist sinnlos, die Zeit ist viel zu kurz

- die Salbung in Bethanien wird erst durch Vers 8 und 9 in die Leidensgeschichte eingefügt

- daß ein Tier vorausgeht  und den Weg weist, ist ein Märchenmotiv  (Mk 14,12-16)

- die Weissagung des Verrats ist aus Psalm 40,10 übernommen (Verrat durch Tischgenossen)

- das „letzte“ Mahl war kein Passahmahl, denn alle haben eine gemeinsame Schüssel

- Der Hinweis auf den Verräter hat ursprünglich gefehlt, es gibt keine praktische Folgerung

- bei der Einsetzung des Abendmahls hat in Vers 22-25 eine hellenistische Kultuslegende die   Schilderung des auf Vers 12-16 folgenden Passahmals verdrängt:

- Passah und Kelch sind nicht parallel, der Kelch ist sowieso Teil der Mahlzeit

- beim Kelch fehlt der Hinweis auf Jesu Ende, ja überhaupt auf seine Person

- der Weg nach Gethsemane ist legendarisch gefärbter Geschichtsbericht

- Lukas 22,31-32 kennt die Verleugnung des Petrus nicht (er allein blieb treu)

- die Szene in Gethsemane ist ganz legendarisch (wer sollte das Gebet Jesu gehört haben?)

- die Verhaftung Jesu ist legendarisch gefärbt durch das Motiv des küssenden Verräters

- die Verhandlung vor dem Hohen Rat ist vielleicht nur aus Mk 15,1 herausgespon­nen

- die Übergabe an Pilatus zeigt, daß der Messiasanspruch Grund für die Hinrichtung war

- die Verspottung des Gekreuzigten entstammt aus dem Weissagungsbeweis (Ps 21,8)

- der Bericht von Jesu Tod ist stark von Legende entstellt (Schrei, Erdbeben)

- die Frauen brauchte man nur als Zeugen, weil die Jünger geflohen waren

 

Die Darstellung besteht wesentlich aus Einzelstücken, die unabhängig von einer zusammen­hängenden Darstellung des Leidensgeschichte entstand. Beweis dafür sind einmal die Doppelungen (Dubletten): Ankündigung des Verrats, zwei Schilderungen des letzten Mahles, Weissagung der Jüngerflucht. Dazu kommt, daß Matthäus und Lukas neue Einzelstücke eingefügt haben: Ende des Judas (Mt), Herodes-Episode bei der Verhandlung 8Lk), Erzählung von den Frauen Jerusalems beim Weg zum Kreuz (Lk), Grabeswache (Mt). Andererseits fehlen bei Lukas die Salbungsgeschichte, das Zeugenverhör und die Verspottung.

Es hat sich aber schon früh ein Zusammenhang herausgebildet, und zwar durch das Glaubensbekenntnis (Kerygma), wie es in den Leidens- und Auferstehungsweissagungen und in den Reden der Apostelgeschichte vorliegt. Dieses Glaubensbekenntnis wird man als die älteste zusammenhängende Überlieferung vom Leiden und Sterben Jesu betrachten müssen. Neben ihr bestand aber auch ein kurzer Bericht von Jesu Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung

Bultmann vermutet einen ursprünglich kurzen Bericht mit Verhaftung, Verurteilung durch den Hohen Rat und Pilatus, Abführung, Kreuzigung und Tod. Dieser wurde durch die Petrusgeschichte und den Komplex um das letzte Mahl  erweitert. Noch später wurden Mk 14,3-9.32-42 und 55-64 eingeschaltet.

Gestalt wurde die Leidensgeschichte durch den Weissagungsbeweis, durch Verteidigungs­notwendigkeiten  (Verrat des Judas, Grabeswache), durch novellenartige Motive (Erdbeben, Heilung des Ohrs, Begnadigung des Verbrechers), ermahnende Zwecke (Verbot des Widerstandes, Bitte für die Henker), Motive der Lehre (leidender Messias, Ruf des Hauptmanns) und schließlich kultische Motive (Passahmahl als Kultuslegende der christlichen Gemeinde).)

 

Bearbeitung:

Die ursprünglichen Stücke sind Verhaftung, Verurteilung, Abführung, Kreuzigung, Auferstehung. Da keine Umstellungen in diesem Ablauf möglich sind, konnte man nur kleine Einzelzüge erweitern (Engel in Gethsemane, Ohr des Kriegsknechts) oder eine ganze Szene einfügen, die aber gut in den Zusammenhang passen mußte (Salbung in Bethanien, Abendmahls­bericht).

Bei der Deutung des Geschehens gibt es verschiedene Stufen:

- Weissagungsbeweis: Verlosen des ungenähten Rockes aus Psalm 22

-  Schuld der Juden: Sie wurde im Laufe der Tradition immer stärker betont

-  Gestaltung der Verhöre: Die Konzentration auf die Christusfrage gibt aber nicht den historischen Verlauf wieder und es wird nichts gesagt über das Selbstbewußtsein Jesu, sondern es handelt sich nur um eine Zusammenstellung der Titel für Christus in der Theologie der Gemeinde.

 

Kreuzestheologie

Jesus hat nicht von seinem Tod und seiner Auferstehung als Heilstatsachen geredet. Das kann allerdings nicht hindern , daß andere sie als Heilstatsachen ansehen, an denen sie der göttliche Vergebung gewiß werden.

Unter existenzialphilosophischen Einflüssen hat die Berufung auf die Kreuzestheologie mit­unter insofern einen falschen Klang bekommen als sei es der theologischen Weisheit letzter Schluß, den Glauben aller „Sicherungen“ zu berauben und ihn darin erst als wahr zu erweisen, daß er „ins Nichts gestellt“ ist, daß er zu hoffen habe, wo doch nichts zu hoffen sei.

 

 

 

Auferstehung

Christus erschien nur einem kleinen Kreis in einer beschränkten Zeit, die mit den begeisternden Vorgängen an Pfingsten endete. Wer den Auferstandenen gesehen hat, ist zum Glauben gekommen. Nicht der Anblick des Kreuzes, sondern die Begegnung mit dem Auferstandenen ruft die ersten Zeugen in Dienst.

Wir feiern Ostern als das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Das Geschehen selbst hat freilich niemand miterlebt‚ das blieb das Geheimnis Gottes. Aber wir hören in den Evangelien von verschiedenen Menschen, die eine Begegnung mit dem auferstandenen Christus gehabt. haben. Historisch faßbar ist nur dieser Glaube an den Auferstandenen. Die Auswirkungen ließen sich feststellen, nicht aber der Grund der Freude.

Das Ostergeschehen entzog sich von Anfang an der berichtenden Darstellung, weil es unaussagbares Wunder ist, das dennoch ausgesagt werden mußte.

 

Wiederbelebung:

Allerdings sollten, wir nicht meinen‚ hier hätte es sich nur um ein biologisches Geschehen gehandelt. Jesus ist nicht durch irgendwelche Tricks wiederbelebt worden. Das hat man im 19. Jahrhundert noch ernsthaft vermutet: Jesus habe zur Gruppe der Essener gehört und die seien hervorragende Ärzte gewesen und hätten den klinisch toten Jesus nach der Kreuzi­gung schnell in eine Höhle  geschafft, dort Wiederbelebungsversuche mit ihm gemacht und ihn wieder ins Leben zurückgeholt. Wenn man einen Film vom Sterben Jesu gemacht hätte, dann hätte man ihn praktisch nur rückwärts laufen lassen brauchen, um eine Auferstehung zu erleben. Aber ein solcher Erklärungsversuch geht an der Sache vorbei.

Für uns ist es zum Beispiel einfach undenkbar geworden, daß ein Toter noch hinterher irgendwelche Wirkungen auf die Lebenden haben kann. Aber mit den Geschichten von der Auferstehung ist ja auch nicht gemeint, daß ein toter Mensch wiederbelebt wurde, sondern daß er in anderer Art und Weise noch gegenwärtig war.

 

Leeres Grab:

Die Jünger sind nicht mehr in Jerusalem, als das leere Grab entdeckt wurde (Mk 16,7 und 14,28). Die Osterereignisse beginnen in Galiläa, die Osterverkündigung jedoch in Jerusalem. Das Begrabenwerden drückt die Endgültigkeit des Todes Jesu aus. Doch wir haben einen Auferstehungsleib, der im Himmel bereit liegt (2.Kor 4,16). Nach dem Tod bleibt das Selbst nackt, bei der Wiederkunft Christi wird es dann angezogen. Für den Christen fällt aber seine Auferstehung mit der Wiederkunft zusammen. Paulus fragt nicht, ob die Gräber leer werden, er argumentiert nie mit dem leeren Grab Jesu. Es gibt also keine Wiederbelebung der alten Leiblichkeit, sondern Bildung einer neuen.

Vielleicht ist Jesus von den Seinen verlassen gestorben und nicht einmal ordnungsgemäß bestattet worden. Als die Jünger an Pfingsten zurückkehrten, wußte niemand etwas von dem Verbleib des Leichnams. Aber die Auferstehungsbotschaft stütze sich ja auf die Erfahrung des lebendigen Herrn: Es besteht zwar eine personhafte Identität zwischen dem irdischen und dem endzeitlichen Ich, aber nicht notwendig eine durchgehende Verbindung zwischen irdischem und himmlischem Leib. Wir glauben nicht an das leere Grab, sondern an den auferstandenen Herrn.

Ausgangspunkt für den Osterglauben waren allein die Erscheinungen Jesu vor der Jüngern. Paulus zum Beispiel ist ihm vor Damaskus begegnet und ist daraufhin ein Christ geworden. Paulus erwähnt an keiner Stelle des leere Grab Jesu, wahrscheinlich hat er die Erzählung vom leeren Grab gar nicht gekannt. Dennoch hat er natürlich an die Auferstehung geglaubt und erwähnt sie ausdrücklich in seinem Glaubensbekenntnis in 1. Korinther 15 (nicht aber das leere Grab).

Das leere Grab ist im Vergleich zu den Traditionsreihen  sekundär: In 1. Kor 15 steht zwar ausdrücklich „begraben“, aber Paulus gründet den Auferstehungsglauben nicht auf das leere Grab. Im Bekenntnis hat diese Notiz einen heilsgeschichtliche Sinn: Die Tatsache ist der Tod, aber dieser geschah „nach der Schrift“. Das Begrabenwerden soll nur die Wirklichkeit des Todes begründen und ist nur Hintergrund für die Auferstehung.

Auch bei den Evangelisten ist der wichtigste Vers die Verkündigung des Engels an die Frauen: „Jesus ist auferstanden!“ (Mk 16,6) oder  „Was sucht ihr den Lebenden bei der Toten? Er ist nicht hier. Er ist auferstanden!“ (Lk 24, 5-6). Jesus ist nicht mehr dort‚ wo der Tod ist, sondern mitten im gelebten Leben. Der Engel hält ihm nicht einen Nachruf, sondern er gibt eine Vorschau. Doch nur wer von ihm gehört hat, wird ihn auch sehen - nicht unbedingt mit den Augen, aber mit dem Herzen.

Das leere Grab soll nur die Wirklichkeit der Auferstehung erweisen. Die Erzählung vom leeren Grab ist aber ein Nebentrieb, der für das Glaubensbekenntnis keine Bedeutung hatte (Paulus kennt es nicht). Das liegt daran, daß ursprünglich zwischen Auferstehung und Erhöhung kein Unterschied bestand

Das Entscheidende an Ostern ist die Botschaft und nicht, daß man die Aufer­stehung mit eigenen Augen sehen kann. Davon wird nirgends im Neuen Testament erzählt; nur die Auswirkungen des Osterereignisses werden deutlich und die Osterbotschaft wird weitergesagt. Die die Botschaft  hören, die sollen sie jetzt glauben. Nur ergänzend zeigt der Engel auf die Stelle, wo Jesus gelegen hat. Aber die Frauen hätten dem Engel auch geglaubt, wenn der Leichnam noch dagelegen hätte. Und wir würden es heute auch noch glauben. Vielleicht sogar noch eher glauben, wenn wir nicht an diese Geschichte vom leeren Grab glauben wollen.

Man kann also auch an die Auferstehung glauben, ohne dabei die Vorstellung von leeren Grab zu haben. Wir glauben aber nicht an das leere Grab, sondern an den auferstandenen Jesus. Nur wer weiß, daß Jesus lebt, dem ist die Erzählung vom leeren Grab eine zusätzliche Stütze für seinen Glauben. Aber ohne diesen Glauben kann man nur mit Kopfschütteln über eine solche Geschichte hinweggehen.

Entscheidend für unseren Glauben ist allein: Man kann Jesus auch heute begegnen. Aber dazu muß man sich nicht nach Jerusalem aufmachen, um ihn dort in der Nähe des leeren Grabes zu suchen. Inmitten in unserer Welt können wir ihm begegnen. Jesus ist nicht im Grab, sondern mitten in unserem Leben gegenwärtig. Jesus läßt sich nicht in ein Grab oder in eine Kirche einfangen. Jesus ist anders als die Pharaonen Ägyptens. Wir predigen nicht das leere Grab, sondern den auferstandenen  Jesus Christus.      

Wir würden auch an den Auferstandenen glauben, wenn es keine Auferstehungserzählungen gäbe. Aber daß es sie gibt, ist wirklich kein Zufall. Es ist gut, daß unser Glaube daran einen Anhalt hat.

 

Die einzelnen Evangelisten

Bei Markus liegt das Hauptgewicht auf der Begegnung mit dem göttlichen Boten. Der Schluß wurde weggebrochen zugunsten der Erscheinungen in Jerusalem. Die Frauen schweigen, um die Selbständigkeit der apostolischen Zeugen zu wahren und um das späte Auftauchen der Grabesgeschichte zu entschuldigen (gleicher Vorgang bei den Emmausjüngern). Die Erzählung von den Frauen am Ostermorgen (Mk 16,1-6) hängt nicht mit den bei Markus vorhergehenden Stücken zusammen. Der Zielpunkt ist dabei  Wort des Engels, das aber auch den Auftrag enthält, nach Galiläa zu gehen. Der Vers 7 ist zu diesem Zweck erst eingesetzt worden, weil die Überlieferung von der Flucht der Jünger mach Galiläa erzählte. Die Geschichten von der Erscheinung des Auferstandenen wollen den Beweis erbringen, aber auch den Missionsauftrag ausrichten. Kernstück ist aber die Gewißheit, daß Jesus auferstanden ist und als der Auferstandene der kommende Messias ist.

 

Bei Johannes ist entscheidend die Begegnung mit dem Herrn (nicht Engel) auf dem Weg zur Herrlichkeit. Ostern und Pfingsten fallen zusammen. Die Augenzeugen werden nicht abgewertet (Thomas).

Grabes- und Erscheinungsgeschichten standen also unverbunden nebeneinander. Die Tendenz ist, den Zeitabstand zwischen der Auferstehung und den Erscheinungen zu verringern, ebenso ist es beim Ortsabstand. Daraus ergibt sich: Das leere Grab ist sekundär, der Osterglaube entstand aus den Erscheinungen des Herrn vor den Jüngern in Galiläa.

 

Paulus sichert den Vorrang des Augenzeugen des Petrus, Erscheinungen gibt es aber noch nach Pfingsten (Jakobus), die letzte Christuserscheinung ist dann vor Paulus. Im Gegensatz zu den leiblichen Erscheinungen vor den Jüngern hat Paulus eine bildhafte Erscheinung (Vision), verbunden mit einem Hör-Erlebnis (Audtion). Aber die Begleiter sind von beidem ausgeschlossen. Verbunden damit ist der Auftrag, der den Auferstehungszeugen zum Apostel macht.

Alle Evangelien haben die Ostergeschichte zum Ziel. Während zwei Evangelien (Markus und Johannes)  durchaus ohne Weihnachtsgeschichte auskommen, ist Ostern das Ziel (der „perspektivische Fluchtpunkt“) aller evangelischen Berichte.

 

Bearbeitung:

Es kam zu einem neuen Nachdenken über den Tod Jesu: Jesu ist nicht trotz des Leidens der Messias, sondern  wegen des Leidens (Apg 17,3). Auch der Weissagungsbeweis aus dem Alten Testament hat häufig zu ganz neuen Szenen geführt.

Die ersten Aufzeichnungen sind wohl von Markus und überraschenderweise auch von Johanes. Johannes hat allerdings auch Stücke im johanneischen Stil, aber vielleicht benutzte er doch eine Quelle, die von Markus unabhängig ist. Die Übereinstimmungen zwischen Johannes und Lukas erklären sich aus gottesdienstlichen (liturgischen) Einflüssen und aus der Tradition, es gibt aber keine literarische Abhängigkeit.

Das Glaubensbekenntnis wirkt stark auf die Erzählungen ein, die zwar zum sichersten Bestand der Berichte über das Leben Jesu gehören, aber natürlich auch von der Gemeinde und den Evangelisten bearbeitet sind. Die Glaubensformel ist dabei immer wieder erweitert worden. Das zeigt die Entwicklung in der Apostelgeschichte:

- Gott hat ihn auferweckt Apg 3,15 (auch Apg 4,10) 

- Er wurde ans Kreuz geheftet  Apg 2,23

- Mitwirkung der Heiden Herodes und Pilatus Apg 4,27

Die Auferstehungserzählungen sind aus dem Bekenntnis entwickelt, aber jede Einzelgeschichte  wollte das ganze Osterereignis darstellen. Durch die Zusammenfügung ergaben sich aber Schwierigkeiten. Es gibt zwei Traditionsreihen:

- Erhöhung: Himmelfahrt aus dem Grab in den Himmel und von dort her kamen dann die Erscheinungen

- Auferstehung: Ausgang aus dem Grab und später Auffahrt in den Himmel, Erscheinungen nach der Himmelfahrt vom Himmel her.

Diese Widersprüche sind nicht mit Mitteln der Vernunft aufzulösen (zum Beispiel Gewaltmärsche der Jünger zwischen Jerusalem und Galiläa),

Bei den Erscheinungsgeschichten gibt es zwei Typen: Die einen haben ihren Zielpunkt in dem Wort des Auferstandenen (Missionsbefehl), die anderen haben Erscheinungen, die die Überwindung des Todes zeigen.  Aber beide Traditionen sind gleich alt.

 

Worte des Auferstandenen:

Die Worte des Auferstandenen, die die Bedeutung der Ostertatsache darlegen, sind aber Bildungen der gläubigen Gemeinde. Sie enthalten den Auftrag zur Christusverkündung. Auch von den Urzeugen ist der Glaube gefordert, aber sie dürfen zusätzlich auch sehen. Der Osterglaube der folgenden Generation gründet im Zeugnis der Apostel. Wir glauben aber nicht an den endzeitlichen Menschensohn, sondern an den gegenwärtigen Herrn.  Die nachösterliche Überlegung versteht den Zusammenhang von Kreuz und Auferstehung tiefer. Sie bildet dabei auch Legenden. Doch wir würden auch an den Auferstandenen glauben, wenn es keine Nachrichten davon gäbe.

Ostern kann allerdings nicht ohne Hervorhebung des verkündenden („ kerygmatischen“) Charakters der Osterbotschaft begriffen werden. Die „Kunde“ von der Auferstehung ist früher als die Erscheinung des Auferstandenen, und es gereicht dem Thomas zum Vorwurf, daß er nicht der Botschaft geglaubt hat, sondern „sehen“ wollte (Joh 20,24-29). Die Auferstehung ist gewiß nicht einfach in die Verkündigung („ins Kerygma“) hinein aufzulösen, aber die „Geschichtlichkeit“ der Auferstehung gibt es nicht ohne den Bezug zur Verkündigung und nicht ohne den Glauben.

 

Die Galiläer:

Vielleicht steht hinter Markus und Johannes  eine Gruppe, die in Jerusalem blieb, sich aber  „die Galiläer“ nannte und enge Verbindungen zu den Zwölfen hielt. Von dieser Gruppe stammen die Erzählungen von den Erscheinungen in Jerusalem und die Himmelfahrtserzählung.

Es gab aber noch eine zweite Gruppe von „Galiläern“: Markus und Matthäus haben nur Erscheinungen in Galiläa. Johannes versucht in Kapitel 21 einen Ausgleich, aber die beiden Darstellungen wetteifern miteinander. Nach den Gesetzen der Heilsgeschichte müßte Jerusalem der erwählte Ort sein. Doch für die Gruppe hinter Markus und Matthäus ist Galiläa der Ort des endzeitlichen Heils.

 

Weiterleben nach dem Tod:

Paulus sagt in 1. Korinther 15: „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben!“ Das ist hart, aber sicher richtig: Unser irdischer Körper wird einmal zerfallen und so wie heute nie wiedererstehen.  Und eine „Seele“ - wie wir das immer verstehen -  gibt es nicht.

Aber was ist denn da die Seele? Der Arzt Virchow hat gesagt: „Ich habe Hunderte von Menschen aufgeschnitten, aber nie eine Seele gefunden!“ Das konnte er auch gar nicht. Der Mensch hat nicht ein besonderes Körperorgan, das „Seele“ heißt. Mit Seele ist etwas anderes gemeint als ein Körperorgan. Seele ist der ganze Mensch, das Wesen des Menschen, seine Person, mit der er schon immer Kontakt hat zu Gott. Darauf kommt es an: daß wir schon in unserem Leben Verbindung haben zu Gott. Dann wird er auch nach unserem Tode mit uns in Verbindung bleiben, so wie er mit Jesus in Verbindung blieb, auch nach der Kreuzigung. Die Geschichte Jesu Christi hat nicht mit dem Tod ein Ende gefunden. Mit Ostern beginnt sie erst eigentlich. Er lebt!.

 

W i e  das mit der Auferstehung vor sich gegangen ist, soll nicht unsere Sorge sein. Das können wir ruhig Gott überlassen. Wir werden vielleicht gewisse Vorstellungen davon haben. Wir können versuchen, durch Bilder und  Vergleiche uns dies alles anschaulich zu machen. Aber wir sind ja nicht dabeigewesen damals in Jerusalem und in Galiläa. Wir wissen nur: Jesus ist auch nach seinem Tod noch seinen Jüngern erschienen und hat sie wieder froh gemacht. Auch uns heute will dieser himmlische Christus begegnen und uns seine Auferstehung verkündigen.

Aber es geht dabei auch immer um unsere eigene Auferstehung. Jesus war nicht der einzige, der es „geschafft“ hat und uns allein zurückgelassen hat in unserem Elend. Im Bergwerk  kommt es manchmal vor, daß einige Bergleute verschüttet werden. Wenn aber einer den Weg freigeschaufelt hat, dann kommen auch die anderen hinterher. Nur einer muß es schaffen, wieder ans Licht des Tages zu kommen, dann sind alle gerettet. So hat auch Jesus die Finsternis unseres Todes überwunden und uns ans helle Licht Gottes gebracht.

Aber wie sollen wir uns nun unsere eigene Auferstehung vorstellen? Vielleicht kann man es durch ein Bild deutlich werden: Unser Körper besteht aus vielen einzelnen Zellen. Ständig sterben einige der Zellen ab. Sie werden durch neue ersetzt. Wir stellen das daran fest, daß der Mensch wächst und nachher altert. Etwa alle sieben Jahre ist dann der Körper völlig neu geworden.

Aber der Mensch ist deshalb doch derselbe gewesen. Als Säugling und als Greis hat er die gleiche Eltern‚ den gleichen Namen  und den gleichen Geburtstag. Sein Personalausweis wird nicht alle sieben Jahre geändert und sein Lebenslauf wird nicht immerzu umgeschrieben, sondern nur ergänzt. Natürlich ändert sich auch das Innere des Menschen: Sein Verstand wächst (hoffentlich!), seine Ansichten und Gefühle wandeln sich. Aber er bleibt doch die gleiche Person.

Und diese Person allein tritt in Verbindung mit Gott und besteht  auch über den Tod hinaus. Es gibt für uns ein Leben bei Gott, das unabhängig ist von äußeren Voraussetzungen. Mit dem Tod ändert sich unsere äußere Gestalt ein letztes Mal, denn nun werden keine neuen Zellen mehr gebildet. Aber das betrifft nur unseren äußerlich sichtbaren Körper. Gottes Handeln mit uns ist damit noch nicht zuende - eigentlich geht es dann erst richtig los.

Auferstehung ist also etwas Vergangenes, nämlich die Auferstehung Jesu Christi. Auferstehung ist aber auch etwas Zukünftiges, nämlich unsere eigene Auferstehung. Auferstehung ist aber auch etwas Gegenwärtiges, das jetzt schon unser Leben bestimmt. Wir leben mit einer Hoffnung. Wir brauchen uns vor dem Tod nicht zu fürchten und nicht ängstlich am zeitlichen Leben zu hängen. Es lebt sich aber gut in einer Welt, für die der Tag der Auferstehung der Toten bevorsteht. Unser Leben hat so heute und in Ewigkeit einen Sinn.

 

Der preußische König Friedrich II. war zwar ein Freigeist, aber auf das Gesuch einer pom­merschen Gemeinde um einen Pfarrer, die die Auferstehung des Fleisches nicht leugnet wie der gegenwärtige Pfarrer, schrieb er an den Rand: „Der Pfarrer bleibt. Wenn er am jüngsten Tag nicht mit auferstehen will, kann er ruhig liegen bleiben!“

 

Einzelne Erzählungen:

Ungläubiger Thomas, Joh 20,24-31:

Ein Professor für systematische Theologie hielt einen Bibelabend über die heutige Geschichte vom ungläubigen Thomas. Zunächst hat er alles kurz nacherzählt und dann die Frage gestellt: „Ist das denn alles so geschehen?“ Alle erwarteten natürlich: „Jetzt wird er uns Wort für  Wort beweisen, daß alles so war - das ist doch die Aufgabe eines Professors der Theologie! Er wird schon allen Zweiflern eins aufs Dach geben!“

Aber da gab sich der Professor schon selbst die Antwort: „N e i n, diese Geschichte ist keine Tatsache wie etwa die Kreuzigung!“  Man kann sich vorstellen, daß Viele erst einmal aus allen Wolken fielen. Sie waren felsenfest vom Gegenteil überzeugt und hatten all diese biblischen Geschichten als Tatsachenberichte genommen. Aber diese Erzählungen sind eben nicht geschichtlich in dem Sinne wie ein Zeitungsartikel über ein bestimmtes Ereignis.

Thomas könnte schon recht haben mit seinem Zweifel: Hätten wir denn die Geschichte geglaubt, so wie sie dasteht? Jesus kommt durch die verschlossene Tür. Das kann doch kein Mensch! Jesus war ja auch kein Mensch mehr; er war ja gestorben und wieder auferstanden, aber nicht mehr mit einem Leib wie vorher: Maria Magdalena hat ihn nicht berühren dürfen, als sie ihm im Garten begegnete. Die Jünger haben ihn nicht berührt. Und selbst Thomas verzichtet nachher darauf, obwohl er es doch so entschieden und stürmisch verlangt hatte. Auch Thomas hat gemerkt, daß mit Jesus etwas anders geworden ist. Deshalb kann er ja trotz verschlossener Türen bei ihnen sein.

Wir dürfen die Geschichte aber nicht so verstehen, als habe sich plötzlich aus der Wand eine Gestalt gelöst und sei auf die Jünger zugegangen,  und das sei Jesus gewesen. Hier muß etwas anderes gemeint sein: Jesus war bei den Jüngern. Aber  w i e , das können wir heute nicht mehr so genau feststellen. Andererseits ist Jesus immer noch derselbe, der Jesus, den sie früher gekannt haben. Sie erkennen ihn auch jetzt sofort wieder. Nur ist er jetzt anders bei ihnen als früher. Das mußten sie erst alle einsehen.

Im Grunde muß man doch allen Jüngern den Vorwurf machen: „Ihr glaubt nur, weil ihr gesehen habt!“ Doch eigentlich ist das gar kein Glaube, sondern ein Für-wahr-halten. Wir müßten das abschließende Wort Jesu so übersetzen: „Hältst du nur deshalb für wahr, weil du gesehen hast? Wohl denen, die nicht sehen und doch vertrauen!“ Es geht also darum, ob man dem Wort Jesu vertraut. Und dieses Vertrauen nennt Jesus „Glaube“. Wir sollen nicht einfach für wahr halten, daß Jesus durch eine verschlossene Tür geht; darauf kommt es bei dieser Geschichte gar nicht an. Wir sollen aber Jesus vertrauen: Er ist bei den Jüngern, obwohl alles verschlossen ist.

 

Der Auferstandene am See Tiberias,  Joh 21,1-14:

Die Geschichte vom Fischzug wird hier noch einmal aufgenommen und in die Zeit nach Ostern verlegt. Damit aber ist gesagt: Auch heute noch wirft der Herr sein Netz aus und fängt einen reichen Fang. Auch wir könnten ihm ins Netz gehen und noch andere dabei mitziehen. Das wird nicht ohne Enttäuschungen und Rückschläge abgehen. Wenn wir jemanden zum Gottesdienst oder sonst einem Ereignis in der Kirche einladen, dann wird der Einladung nicht immer willig Folge geleistet. Und doch wird das Netz voll. Christus sorgt dafür, daß es voll wird und daß es auch zusammenhält. Immer wieder neu wird sein Netz voll. Jesus wird auch uns neu machen, wenn wir uns in seine Gemeinschaft rufen lassen und uns in seiner Dienst stellen lassen.

 

Himmelfahrt, Lk 24, 44-53:

Bei Lukas () geht es vor allem um den Abschiedssegen Jesu, der  alles besiegelt, was er gesagt und getan hat. Unter seinen erhobenen Händen steht der weitere Weg seiner Jüngerschar und seiner Gemeinde für alle Zeiten. Von Himmelfahrt ist bei ihm am Schluß seines Evangeliums nicht die Rede. Er spricht nur davon, daß Jesus auf einmal nicht mehr sichtbar ist und Gemeinschaft mit ihm nicht mehr über die leibliche Gegenwart möglich ist. Es bleibt offen, wo sich Jesus jetzt befindet.

Lukas will klarstellen: Der erhöhte Christus ist kein nebelhaftes Geistwesen, in Geheimerfahrungen dem einen so und dem anderen so erscheinend. Er hat ein Gesicht, denn es gab eine Zeit, wo er noch da war. Seine Worte fanden Deckung in seinem Tun. Die Botschaft ist nicht ablösbar von dem, was da wirklich geschehen ist. Es geht um das, was sich „im Fleisch“ ereignet hat. Und dazu braucht man die Zeugen.

Das ganze Gewicht liegt auf der Aussage, daß die neue Gemeinschaft des Auferstandenen mit den Jüngern unkündbar und unwiderrufbar ist. Auch wenn er leiblich abwesend ist, so bleibt er doch als der Herr gegenwärtig. Der Segen ist dabei die Brücke von damals zum Heute, ein Zeichen, dafür, daß wir zwar zurückgelassen, aber nicht allein gelassen sind.

Vielleicht kommen wir dann auch einmal von der Vorstellung weg, als sei Himmelfahrt so etwas wie eine Fahrt im Freiballon oder gar mit einer Rakete. Dieses ursprünglich heidnische Bild stellt die Auferstehung in den Schatten und macht die Hinwendung Gottes zur Welt zweifelhaft. Der Eindruck wird erweckt, Jesus sei nicht mehr in der Nähe und wir könnten unter Umständen tun, was wir wollten.

Das Bild vom segnenden Christus aber macht und deutlich: Wir haben keinen abwesenden Herrn, der nichts ausrichten kann, weil er außer Landes ist. Uns soll es nicht gehen wie „Hans-guck-in-die-Luft“, der nachher als begossener Pudel dasteht. Nicht wir müssen zum Himmel wachsen, sondern der Himmel kommt auf uns zu.

 

Gott ist in unsrer Zeit nicht in Wohnungsnot geraten. Wer allerdings noch dem Drei-Stock­werk -Weltbild anhängt (Himmel, Erde, Hölle), der wird dort nur noch schwer eine Wohnung für Gott finden können. Heute ist es doch schon Alltag geworden, daß Raketen in den Himmel fliegen, in dem man sich früher die Wohnung Gottes vorstellte. Heute richten sich dort Menschen für ein halbes Jahr häuslich ein. Start und Rückkehr geschehen mit großer Präzision und anscheinend unkompliziert. In diesem Weltbild scheint es keinen Platz mehr für Gott zu geben.

Ganz Kluge wollen allerdings doch noch ein Plätzchen für ihn gefunden haben. Die Astronomen vermuten, daß der Weltraum nicht nur dreidimensional ist (also aus Lage, Breite und Höhe besteht), sondern vierdimensional gekrümmt. Außer Länge, Breite und Höhe gäbe es also noch eine vierte Dimension, die wir aber mit unseren menschlichen Mitteln nicht erkennen kören. Man kann sie unter Umständen mathematisch berechnen, sich aber nicht vorstellen. Ganz schnelle Weltraumflieger könnten diese Dimension vielleicht durchqueren, ohne es zu bemerken; und wenn sie dann auf die Erde zurückkämen, sähen sie alles seitenverkehrt.

Für unsere Vorstellung klingt das etwas verrückt. Aber für manchen wissenschaftlich beschlagenen Christen wäre das doch eine elegante Lösung für das Wohnungsproblem Gottes. Man könnte doch sagen: „Dieser vierdimensionale Raum ist der Ort Gottes. Dieser Raum muß irgendwie da sein, aber er ist für uns unzugänglich und deshalb als Wohnung Gottes gut geeignet!“

Aber solche Überlegungen sind an sich alle überflüssig. Uns nutzt ja kein Gott, der sich in irgendwelchen fernen Weltenräumen aufhielte. Wir brauchen doch einen Gott, der uns nahe ist, der unter uns Menschen ist und nicht über den Sternen. Natürlich muß er auch irgendwie „außen“ sein. Er ist zwar in der Welt, aber nicht selber ein Stück Welt. Gott ist in den Menschen und Dingen, aber auch wieder von ihnen unterschieden. Doch wichtig wird für uns vor allem sein, daß er der Gott für uns ist.

 

Man hat bezweifelt, daß Jesus selber den Missionsbefehl gegeben habe. Die judenchristlichen Gemeinden haben ja mit der Heidenmission gezögert. Aber Lukas bezeichnet den Ausgangspunkt treffend: „Fangt an in Jerusalem!“ Die Jünger werden zu Zeugen, zu Gewährsleuten der Überlieferung und Überbringern der Botschaft, die mit ihrer Person für das einstehen, was sie bekunden.

Die Sache Jesu Christi muß allerdings einen mühsamen Weg in die Welt hinein gehen. Nur wo Menschen sich frei dem Evangelium öffnen, da tritt auch eine tatsächliche Sinnesänderung ein. Da ist jetzt viel Platz für die Kirche. Ein französischer Theologe hat einmal gesagt: „Jesus verkündete das Reich Gottes - und es kam die Kirche!“ Da ist etwas Wahres dran. Aber ist die Kirche nicht auch ein Stück vom Reich Gottes, das allerdings einmal überboten werden wird?

Von Mensch zu Mensch muß das Evangelium ausgebreitet werden. Buße zur Vergebung der Sünden soll allen Völkern gepredigt werden. Das ist kein leichtes Geschäft.

So wird die Gemeinde Christi durch seinen Weggang nicht vollkommen aktionsunfähig. Sie setzt ja das Wirken Jesu in der Welt fort. Er hat sie ja dazu angeleitet und unterstützt sie nun von höherer Stelle aus. Jetzt erst kann er ja die „größeren“ Werken tun, die nun allen Christen zugute kommen.

Mit der Himmelfahrt gewinnt das Wirken Jesu erst seine rechten Ausmaße. Jetzt wird sein Wirkungsbereich über die ganze Erde ausgeweitet. Seine Jünger durchbrechen die Enge des Heimatlandes Jesu und gehen hinaus in die Welt. Sie sind erfüllt vom Geist Christi und tun vielfach die gleichen Dinge wie er.

Jetzt kommst es erst zu einem Zusammenwirken zwischen himmlischem Christus und irdischer Gemeinde. Beide können sich nun erst recht ergänzen. Christus braucht die Christen als seine irdischen Werkzeuge. Und die Christen brauchen Christus, weil sie sonst in der

Welt verloren werden.

Um alles noch einmal zusammenzufassen: Jesus ist bei uns, auch wenn wir ihn nicht sehen. Er gibt uns die Vollmacht, sein Wort zu verkündigen. Er hat jedem von uns in der Taufe die Kraft des Heiligen Geistes gegeben, so daß wir heute ein Jünger Jesu und ein Bote Gottes sein können und uns vor nichts zu fürchten brauchen. Himmelfahrt bedeutet: Die Machtfrage in der Welt ist entschieden Entscheidend ist das Wort, das Jesus in den Mund gelegt wird: „Mir ist gegeben alle Gewalt!“

Noch ein Witz: Am Himmelfahrtsfest begegnet der Pfarrer einem Bauern, der mit seinem Traktor aufs Feld fährt. Entrüstet ruft er ihm zu: „Heut ist doch Himmelfahrt!“ Aber der Bauer gibt seelenruhig zur Antwort: „Ich fahr nicht mit…!“

 

Pfingsten:

Als das Johannesevangelium von der  Verheißung des Heiligen Geistes schrieb (Joh 14, 15-26), da setzte die erste Welle der weltweiter Verfolgung der Christen ein. Ja, wenn Christus noch da wäre, dann könnte er sich jetzt für seine Gemeinde einsetzen. Aber wo ist er denn jetzt? So werden sich doch damals viele Christen gefragt haben. Dann hat ihnen das Johannesevangelium deutlich gemacht: Er ist noch bei uns, wenn auch auf andere Art und Weise. Gott der Vater und Jesus Christus der Sohn sind jetzt als Heiliger Geist bei euch. Und dieser Geist ist nicht nur so in euren Gedanken vorhanden, sondern ein wirklicher Helfer.

 

 

Trinitatis:

Der Sonntag Trinitatis erinnert an die Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Bis heute tun sich Menschen schwer damit. Seit dem Spätmittelalter setzte sich die Praxis durch, am Sonntag nach Pfingsten eine Messe zur Erinnerung an die Trinität zu feiern. Manches spricht dafür, daß die berühmte benedik­ti­nische Reformabtei Cluny zur Verbreitung dieses Brauchs mit ihrem Netzwerk von Klöstern in Europa massiv beigetragen hat. Auf diese Weise ergab sich eine schöne, quasi trinitarische Reihe des Gedenkens im Kirchenjahr: Zu Ostern bedachte man, daß der Vater den Sohn von den Toten auferweckt hat, zu Pfingsten den Heiligen Geist als das Band der Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn und nach Pfingsten noch einmal die ganze Trinität: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Die evangelische Kirche hat diese Praxis aus der spätmittelalterlichen Kirche übernommen und zählt sogar im Unterschied zur römisch-katholischen Kirche, die sie aufgegeben hat, im Kirchenjahr fast dreißig Sonntage „nach Trinitatis“. Fachleute sprechen mit Blick auf „Trinitatis“ von einem „Ideenfest“, einem Fest zur Feier einer theologischen Lehrbildung. Im Spätmittelalter war es üblich, theologisches Denken auf diese Weise bekannt zu machen und auf diese Weise die hohe Theologie gleichsam unters Volk zu bringen.

Beim Trinitatisfest ist das aber nicht ganz so gut gelungen wie etwa bei Fronleichnam. Vermutlich geben sich die allermeisten Pfarrerinnen und Pfarrer am Sonntag Trinitatis viel Mühe, die Dreifaltigkeit verständlich zu machen, aber viele Menschen haben weiter ihre Schwierigkeiten mit dieser Idee. Und Judentum wie Islam empfinden das ohnehin als Dreigötterlehre und Abkehr vom strengen biblischen Monotheismus.

Dabei ist die Lehre von der Trinität nur entstanden, weil man theologisch bedenken wollte, daß Jesus von Nazareth auf eine ganz unvergleichlich direkte Art und Weise mit Gott verbunden war: Wenn er Menschen gesund machte, dann heilte er „mit dem Finger Gottes“  (Lukas 11,20). Gottes Gebote legte er so souverän aus, als habe er sie selbst gegeben. Und mit seinem Vater verkehrte er so vertraut, daß er seine Jüngerinnen und Jünger beten lehrte „Abba, lieber Vater“.

So verwundert es nicht, daß schon ganz früh Versuche beginnen, sein Verhältnis zum Vater zu beschreiben und seine bleibende Gegenwart in der Gemeinde als Geist zu verstehen: Das Johannesevangelium verwendet die jüdische Vorstellung, daß Gott sein ewiges Wort als Kraft bei der Erschaffung der Welt verwendete. Der Kolosserbrief formuliert, daß die Fülle der Gottheit in Christus leibhaft wohnte (2,9).

Im vierten Jahrhundert ist schließlich auf verschiedenen Synoden nach längeren Streitigkeiten in überraschender Einmütigkeit der Kompromiß formuliert worden, daß Vater, Sohn und Heiliger Geist drei besondere Seinsweisen des einen einzigen Gottes sind. Es handelt sich um eine synodale Kompromißformel, der immer wieder neues Leben eingehaucht werden muß: Beispielsweise dadurch, daß wir das Trinitatisfest beherzter feiern, dafür neue Lieder komponieren, sie singen lernen und auch sonst versuchen, nicht nur zu verstehen, sondern unser stückweises Verstehen auch ein wenig zu feiern (nach Christoph Markschies).

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Apostelgeschichte

 

Literarkritik:

Zunächst treten die Spannungen zwischen Lk 24,50-53 und Apg  l,l-12 hervor:

1. Doppelter Bericht von der Himmelfahrt (allerdings stellt Apg 1,2 fest, daß bereits das Lukasevangelium den Himmelfahrtsbericht enthielt).

2. Apg 1 geht von 40 Tagen zwischen Ostern und Pfingsten aus, Lk 23 datiert die Himmelfahrt auf den Ostersonntag selbst (24,1).

3. Lk.24,50 lokalisiert die Himmelfahrt in Bethanien, Apg 1,12 dagegen an den Ölberg.

Auch der Schluß verleitete zu vielfältigen Vermutungen, da er als unvermittelter Abbruch wahrgenommen wurde (es wird nichts über den Ausgang des Verfahrens gegen Paulus berichtet). Das Buch hat keinen echten Schluß, aber schon der erste Vers des Buches hatte ja weitere Teile angekündigt, vielleicht ein Buch über Petrus, der ab Apg 15 nicht mehr auftritt.

Folgende Hypothesen wurden aufgestellt:

1. Die Apostelgeschichte sei vor Abschluß des Prozesses geschrieben worden, ja sogar die Verteidigungsschrift des Lukas für Paulus. Dagegen spricht: Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, daß das Buch aus aktuellem Anlaß geschrieben wurde. Die Abschiedsrede in Apg 20 verdeutlicht eher die Annahme, daß Lukas vom Ende des Paulus weiß

2. Paulus sei freigesprochen worden und erst in einer zweiten Gefangenschaft umgekommen. Hierfür wird auf die Pastoralbriefe (Timotheusbriefe und Titus) verwiesen. Dagegen spricht: Die Pastoralbriefe gehören der nachpaulinischen Epoche an, sie kennen nur eine Gefangenschaft in Rom.

3. Es wurde ein drittes Buch vermutet oder ein zufälliger oder absichtlicher Textausfall (jedoch gibt es dafür keine Anhaltspunkte).

4. Lukas weiß sehr wohl, daß Paulus in Rom hingerichtet wurde. Aber erwähnt die Tatsache nicht, weil er entweder keinen Pauluslebenslauf, sondern die Gründungsgeschichte der Kirche habe schreiben wollen, oder aber der Meinung war, daß die Schilderung der Verurteilung des Paulus durch ein römisches Gericht könnte die an ihm verfolgte politische Verteidigung stören. Doch läßt sich der jetzige Schluß gut als Abschluß der Apostelgeschichte verstehen.

5. Da die Apostelgeschichte etwa gleich lang ist wie das Lukasevangelium kann man annehmen, daß mit Apg 28 die Buchrolle vollgeschrieben war und man mit einer neuen beginnen mußte.

 

 

Haenchen unterscheidet Material und Redaktion. Material seien:

Berichte über  Wundertaten der Apostel (ab Apg 2)

Überlieferungen von bestimmten Ereignissen (Apg 6 und 9 und 15)

Überlieferungen von bestimmten Personen (11,27-30  und 21,10- 14).

Reisetagebuch (Itinerar).

Zusammenarbeitung durch Reden (Ausrichtung auf das Wesentliche) und Deutung des Materials (Heidenmission durch Petrus begonnen).

 

 

Es gibt viele Quellen-Hypothesen. Man sprach von einer jerusalemisch-cäsaränischen Quelle oder einer antiochenische Quelle (Ab Kapitel 6 hat man eine Quelle aus Antiochia vermutet). Am häufigsten wird für den zweiten Teil der Apostelgeschichte eine Quelle angenommen. Durch den Wechsel von der dritten Person in die erste Person Plural könnte auch ein literarkritisches Unterscheidungsmerkmal zur Verfügung stehen.  Aber die Ausscheidung eines „Wir“-Berichts und der antiochenischen Quelle hat sich nicht bewährt.

Folgende Texte sind im „Wir-Stil“ verfaßt:

Reise von Troas nach Philippi     16,10-17

Reise von Philippi nach Milet      20, 5-15

Reise von Milet nach Jerusalem 21,1-18

Reise von Cäsaräa nach Rom                27,1-28,16

Diese Wir-Stücke beginnen jeweils völlig unvermittelt innerhalb der Erzählung und hören ebenso unerwartet wieder auf. Sie berichten ausschließlich über Seereisen mit ihrem Anfang und Ende zu Lande. Auffallenderweise unterscheiden sich die Wir-Berichte stilistisch nicht von den anderen Erzählungen der Apostelgeschichte. Die Stücke fügen sich gut in die Apostelgeschichte ein.

In der sonstigen antiken Reiseliteratur redet der Verfasser in der ersten Person, wenn er Augenzeuge war. Da der Verfasser der Apostelgeschichte aber kein Missionsgefährte des Paulus sein kann, können die Wir-Berichte auch nicht so verstanden werden, daß der Verfasser der Apostelgeschichte durch das Wir deutlich machen wollte, daß er bei den entsprechenden Abschnitten persönlich zugegen war. Wenn also das „Wir“ mehr als (ein sehr unsystematisch verwendetes) Stilmittel ist, dann hat der Verfasser der Apostelgeschichte hier wohl Reiseaufzeichnungen eines Paulusbegleiters eingearbeitet. Dafür spricht auch, daß es einige Ortsangaben gibt, die aber nicht mit Erzählungen verbunden sind. Dagegen spricht allerdings die Lückenhaftigkeit der Wir-Berichte und ihre wunderhaften Züge (Apg 16,16-17 und 20,7-11 und 28,3-4). In Zusammenhang mit Apostelgeschichte 27- 28 ist folgendes zu beachten: Bei dieser einzigen Schilderung einer wirklichen Reise lassen sich die Szenen, in denen Paulus auftritt, leicht herauslösen. In ihrer jetzigen Form wollen die Wir-Berichte sicher auch den Eindruck von Augenzeugenschaft vermitteln.

Doch ist sicher davon auszugehen, daß der Verfasser der Apostelgeschichte auf schriftliche Quellen zurückgegriffen hat (eventuell in der Stephanus-Rede, der Rede in Athen oder auch beim Aposteldekret). Nur so lassen sich verschiedene Stileigentümlichkeiten verstehen (zum Beispiel die Bezeichnung des Paulus und Barnabas als Apostel nur in Apg 14,4-5 und 14). Doch ist es bisher nicht gelungen, überzeugend zusammenhängende Quellen wiederherzustellen. So ist also davon auszugehen, daß der Verfasser in einen von ihm geschaffenen Rahmen ihm überlieferte Einzelgeschichten eingefügt  hat.

Die Apostelgeschichte ist am ehesten mit antiken geschichtlichen Einzelschriften vergleichbar, jedoch werden die hierfür typischen Stilmittel (Reden, romanhafte Schilderungen, biographische Elemente) durch das besondere theologische Interesse umgestaltet. Auch die Nähe zu griechischen Schilderungen von Gottesmännern oder zur Missionsliteratur des griechisch beeinflußten Judentums ist nur begrenzt.

 

Besonderheiten der Textüberlieferung:

Die Apostelgeschichte ist geschrieben in Septuagintagriechisch (neun Zehntel des Wortschatzes) und kennt die antike Geschichtsschreibung.

Sie ist in zwei Textgestalten („Rezensionen“) überliefert, in einer kürzeren mit Texten aus Ägypten (Text H) und einer längeren mit westlichen Texten (Text H)  (zum Beispiel 12,10 und 16,39 und 19,9 und 20,15). Die heutige Bibel folgt dem ägyptischen Text und hält die Abweichungen des westliches Textes im sogenannten“ Apparat“ am Ende der Seiten fest.

Aus den beiden Ausgaben aber den Schluß zu ziehen, Lukas habe zwei Fassungen seiner Apostelgeschichte herausgegeben, ist unbegründet. Vielmehr handelt es sich bei fast allen Unterschieden um bewußte Berichtigungen, Ausgleich von Schwierigkeiten und Glättungen (die kultische Form des Aposteldekrets wird ins Ethische gewendet). Diese Tendenz zur Harmonisierung zeigt sich bei den betreffenden Handschriften auch im Lukasevangelium. Erleichtert wurden dies Bestrebungen auch dadurch, daß die Apostelgeschichte später Geltung im Verband des Neuen Testaments erlangte als das Lukasevangelium. Der „westliche Text“ (Text D) nimmt an 6,8 und 8,37 und 15,29-30 eine sprachliche Glättung vor, er schmückt liturgisch- erbaulich aus,  und ein sachlicher Eingriff liegt in Apg 15 vor. Er stellt nur einen ersten Kommentar zu dem Werk des Lukas dar.

 

Komposition und Theologie

Lukas verwendet eine eigene  schriftstellerische Technik: Aus Gründen der Erbaulichkeit wird oft eine vorgefundene historische Notiz umgesetzt in lebendige Szenen.

Viele Szenen sind modellhaft gezeichnet. So zum Beispiel auch der Kontrast zwischen Herodes, der sich zum Gott machen läßt (Apg 12,22) und Paulus, der dies abwehrt (Apg 14,11).

 

Reden:

Eine Besonderheit sind die umfangreichen Reden: Die 24 Reden machen ein Drittel der Apostelgeschichte aus. Nach der Methode des Deuteronomisten im AltenTestament fügt Lukas an entscheidenden Stellen eine Rede ein. Die Verbindung der Zeiten vollzieht Lukas durch den Geist, der wirksam wird in den Reden der Apostel: Die Reden bringen die Handlung heilsgeschichtlich voran und sind außerdem Summarien der theologischen Konzeption des Lukas.

 

Reden an die Juden: 2 und 3 und 4 und 5 und 13

Schema nach Apostelgeschichte13:

1. Anknüpfung an die jeweilige Situation         V. 16-22

2. Jesusverkündigung:                                         V. 23-26

   Schuldhaftes Handeln der Juden an Jesus V. 27-29

   Errettendes Handeln Gottes an Jesus            V. 30-37                               

3. Heilsverkündigung mit Bußruf                                   V. 38-41.

 

Reden an die Heiden: 14 und 17

1. Bußruf                              (Abkehr vom Götzendienst)

2. Gerichtsankündigung   (Ende der Geduld Gottes)

3. Jesusverkündigung       (als Begründung).

Fast ein Drittel des Buches ist durch 24 Reden gefüllt. Sie finden sich an allen entscheidenden Wendepunkten der Erzählung. Wichtige Tatbestände werden darin mehr als einmal vorgetragen. Sie sind das Mittel, die Situation zu verdeutlichen. Sie sind jedoch eine Zusammenstellung des Lukas, sozusagen Musterbeispiele von Predigten der Gemeinde (nur die Rede in Milet klingt stark nach Paulus), nicht tatsächliche Predigten des Petrus (Apg 10) oder Paulus (Apg 17).

Folgende Typen von Reden sind zu unterscheiden:

1. Stephanusrede (Geschichtsrückblick): Apg 7 markiert die Verstockung der Juden (und damit in der Folge den Übergang zur Heidenmission).

2. Missionsrede vor Juden: Apg 2,14-36 und 3,12-26 und 4,9-22 und 5,30-33 und 10,34 -43 (Petrus) und 13,16-41(Paulus). Die Ansicht der Missionsreden vor Juden über Christus ist vor allem durch das Schema des Gegensatzes und den damit verbundenen Bußruf gekennzeichnet. Hier finden sich häufig auch Schriftbeweise vor allem zum Thema Auferstehung).

3. Missionsrede (des Paulus) vor Heiden: Apg 13, 16-41 und 17,22-31. Auch hier feste Elemente: Aufruf zur Umkehr als Abkehr vom Götzendienst und Hinwendung zum Schöpfergott, dazu  Weltgericht und Auferstehung.

4. Abschiedsrede  (vor den Ältesten von Ephesus):Apg 20,18-38. Im Sinne des Verfassers markiert sie den Abschluß der Mission und gibt dem Hörer letzte Mahnungen und Hinweise für die weitere eigene Arbeit.

5. Verteidigungsrede (des Paulus): Apg 22,1-5 und 26,2-10. Sie sollen deutlich machen, daß christlicher Glaube und römischer Staat einander nicht berühren und deshalb ohne weiteres nebeneinander bestehen können.

6. Angriffsrede (gegen die Juden): Apg.28,25-28.

Diese Reden sind, trotz ihres verschiedenen Typs, von demselben Verfasser und beziehen sich innerlich aufeinander (so braucht 13,35-36 die Darstellung von 2,15-36, um verständlich zu sein). Sie enthalten wohl nur in Einzelfällen geschichtliche Nachrichten über wirklich gehaltene Reden und die Theologie der Reden. Die Reden gehen viel stärker auf die Lage der Leser als auf die der konkret Beteiligten ein. Sie sind stark literarisch gestaltet.

 

Geschichts- und Zeitauffassung:

Eine geographische und eine sachliche Gliederung überlagern einander. So geht es gleichzeitig um eine regionale und sachliche Ausbreitung der Mission. Für die regionale Ausbreitung ist Apg 1,8 der Schlüssel. Dort wird davon gesprochen. daß die Apostel die Zeugen Christi in Jerusalem, Judäa. Samaria und bis an die Grenzen der Erde sein werden. Danach ergibt sich folgende Gliederung und Epocheneinteilung:

   I.   Apg 1-7  :  Die Gemeinde in Jerusalem

                         (darin 6-7: die Verfolgung der Griechen)

  II.  Apg 8-9   :  Die Mission in Judäa und Samaria (Ergebnis 9,31)

III.  Apg 10-28:  Der Weg ins heidnische Cäsaräa und zu den Heiden.

Der Schluß der Apostelgeschichte ergibt sich darin, daß Paulus in Rom das Evangelium verkündet (Apg 28,30-31).

Anders als beim Lukas-Evangelium hatte der Verfasser der Apostelgeschichte kein durchgebendes Quellenmaterial. Er mußte also die Gliederung der Geschichte selbst entwerfen.

 

Bei der Füllung seines Rahmens bevorzugt er allerdings Einzelbilder und exemplarische Erzählungen vor fortlaufenden Erzählungen. Wichtige geschichtliche Tastsachen werden nur gestreift (zum Beispiel Vorgehen des Herodes Agrippa gegen die Christen) oder ganz verschwiegen (zum Beispiel Konflikte des Paulus mit seinen christlichen Gegnern). Andere dem Verfasser wichtige Erzählungen werden dagegen wiederholt (zum Beispiel die Bekehrung des Paulus oder die Vision des Petrus). Damit gewinnt die Darstellung einen stark erbaulichen Charakter: Vorbildhaftes Verhalten wird dargestellt.

 

Die Zeitauffassung der Apostelgeschichte ist durch ein Zurücktreten der Naherwartung bestimmt. Doch es wird an der Wiederkunftserwartung festgehalten  und die gegenwärtige Zeit als endzeitliche Heilszeit charakterisiert. So greift der Geist oder der Erhöhte auch immer wieder direkt in die Geschehnisse ein. Die Zeit zwischen Pfingsten und Wiederkunft ist demnach die Zeit des Geistes und der fortschreitenden Missionierung der Welt, also sich steigernde Heilsgeschichte.

Durch die (nicht wirklich so geschehene) Einleitung der Heidenmission durch Petrus und die konfliktarmen Verhandlungen auf dem Apostelkonzil soll die Zustimmung der ganzen Urgemeinde zur Heidenmission herausgestellt werden.

Die Missionspraxis des Paulus läuft nach einem festen Schema ab: Paulus wendet sich in einer fremden Stadt zunächst an die Juden. Anhand des Alten Testaments predigt er ihnen Jesus als den Christus. Früher oder später ruft er damit Widerspruch bei den Juden hervor, zugleich setzt ein starker Zustrom von heidnischen Hörern ein. Paulus wendet sich von den Juden ab und den Heiden zu (Beispielhaft ausgeführt Apg 13, später nur noch angedeutet). Hier liegt einerseits wohl geschichtliche Erinnerung zugrunde, dennoch wird hier andererseits das theologische Thema von der Verlagerung des Heils von den Juden zu den Heiden am Beispiel durchgeprobt (Apg 13,46).

 

Zusammenfassungen

Unter anderem erweisen sich die Zusammenfassungen (Summarien) in Apg 2,42-47 und  4,32-36 und 5,12-16 als Ausdruck der Theologie des Verfassers. Sie sind wohl kaum aus einer Quelle übernommen (sprachliche Verwandtschaft der Texte untereinander). So können diese Sammelberichte zwar überlieferte Einzelnachrichten verwerten, bezeugen aber vor allem die Vorstellung des Verfassers von der Urgemeinde als der Idealgemeinde, die in völliger Eintracht und gemeinsamem Besitz ihr Leben des Gebets und der Mahlgemeinschaft führt, von jedermann geachtet und um ihrer Wundertaten willen geschätzt. Dabei ist auffällig, daß das erste Summarium zunächst alle Elemente nennt, die dann jeweils noch einmal ausgeführt werden:

Apg 2,42      entspricht  2,46-47: Lehre, Gemeinschaft, Brotbrechen, Einmütigkeit

Apg 2.43      entspricht  5,12-16: Zeichen und Wunder

Apg 2,44-45 entspricht  4,32-37: Einmütigkeit und Gütergemeinschaft.

 

Das Thema steht in 1,8: Weg des Wortes Gottes von Jerusalem nach Rom (28,27). Zweiter Teil eines Werks, in dem die Zeit der Kirche dargestellt wird: Die Periode der Apostel ist die Zeit der Kirche. Hier wird die Verbindung der „Mitte der Zeit“ mit der Zeit der Kirche vorgenommen, und zwar durch den Geist. Garanten der fortlaufenden Verbindung sind die Apostel, die weiterhin bestimmend bleiben (Apg 15).

Es ergibt sich ein neues Verhältnis zur Welt. Man grenzt sich von den Juden ab, gleicht sich aber den Pharisäern an und ist gegen die Sadduzäer. Petrus beginnt eine gesetzesfreie Heidenmission. Paulus wird verteidigt als Gemeindegründer und wegen seiner Einigkeit mit Jerusalem. Das Buch treibt eine geschickte politische Rechtfertigung (Apologetik) gegenüber Rom und stellt das Christentum als eine erlaubte Religion dar (religion licita).

 

Verfasser und Abfassungszeit

Die Apostelgeschichte wurde von Lukas verfaßt, der damit sein Evangelium ergänzen wollte. Es ist sicher ist, daß die Apostelgeschichte von demselben Verfasser wie das Lukasevangelium stammt: In Apg 1,1-2 wird auf Lk  1,1-4 zurückgegriffen (Widmung an Theophilus). Die Darstellung der Ereignisse knüpft an Lk 24 an. Stil und theologische Gedanken stimmen über­ein. Unterschiede sind durch den unterschiedlichen Stoff erklärbar.

Die altkirchliche Tradition sieht in ihm einen Mitarbeiter des Paulus, Begleiter auf der dritten Missionsreise, ein Arzt aus Antiochien, kein gebürtiger Jude, denn die örtliche Verhältnisse in Palästina sind ihm nicht bekannt (Phm 23 und Kol 4,14 und 2.Tim 4,11).

Doch daß der Verfasser der Apostelgeschichte kein Paulusbegleiter war(Kol 4,14  und Phlm 24), ist daraus ersichtlich, daß er

  keine genaue Kenntnis von der Biographie des Paulus hatte:

1. Die Apostelgeschichte erwähnt eine zweite Jerusalemreise des Paulus vor dem Apostelkonzil, die mit dem Bericht des Paulus in Gal 2 nicht vereinbar ist

2. Auch die Aussage, daß die Gemeinden in Judäa Paulus nicht persönlich gekannt hätten (Gal 1,22) widerspricht Apg 9,27-29

3. Nach Apg 10,1-11,18 wurde die Heidenmission durch Petrus selbst eingeleitet und in 15,7-21von Petrus und Jakobus auf dem Apostelkonzil verteidigt. Gal 2,l jedoch spricht davon, daß Paulus seine Heidenmission vor den „Säulen“ Petrus, Jakobus und- Johannes verteidigen mußte.

4. Der Bericht in Apg 15 über das Apostelkonzil verschweigt die Aufteilung der Missionsgebiete (Gal 2,9) und nennt als Beschluß das Aposteldekrets, daß Paulus doch etwas auferlegt wurde, was Gal.2,6 widerspricht das Aposteldekret selbst scheint aber Paulus unbekannt zu sein

  Keine Kenntnis der charakteristisch  paulinischen Theologie besitzt:

1. Es findet sich in der Apostelgeschichte kein charakteristischer Gedanke des Paulus  (Rechtfertigung aus Glauben, Gesetz, Gabenlehre, Kreuzestheologie). Die Heilsbedeutung des Todes Jesu für die Glaubenden -  bei Paulus so zentral - wird nur in Apg 13,27-29 und 20,28 leicht gestreift.  Vergleiche auch Röm 1,18-32 mit Apg 17)

2. Die Apostelgeschichte verweigert (außer 14,4+14) Paulus durchgehend den Apo­stel­titel, den Paulus aber sehr nachdrücklich für sich in Anspruch genommen hatte Lediglich die Zwölf werden Apostel genannt, Paulus steht sehr deutlich daneben.  Nur an zwei Stellen kommt das    Wort in der Bedeutung „Abgesandter der Gemeinde“ vor)

3. In der Rede in Athen (Apg 17) wird Christus als endzeitlicher Richter dargestellt, dessen Bedeutung durch die Auferstehung einsichtig ist. Dies läßt sich kaum mit der Theologie des Paulus verbinden.

Der Verfasser der Apostelgeschichte war also kein Missionsgefährte des Paulus und deshalb auch nicht Lukas der Arzt.

 

Die Abfassungszeit ist nur sehr grob zu bestimmen. Sicher wurde die Apostelgeschichte als zweiter Teil des Doppelwerks des Lukas nach dem Evangelium geschrieben, hat aber ein sprachlichen Abstand zum Evangelium, die sprachlichen Differenzen verlangen wohl einen gewissen Abstand zwischen den beiden Schriften. Es besteht ein großer zeitlicher Abstand von Paulus. Das Werk dürfte zwischen 75-90 entstanden sein. Die Datierung zwischen 80 und 90 ist die wahrscheinlichste Annahme, aber eine Datierung zwischen 90 und 100 ist auch nicht ausgeschlossen. Der Abfassungsort ist nicht zu ermitteln.

Der Titel „Apostelgeschichte“ ist sicher sekundär. Er ist erst bei den Kirchenvätern bezeugt, und der Verfasser der Apostelgeschichte hätte ihn sicher nicht gewählt, da er Paulus ja nicht als Apostel bezeichnet, die zweite Hälfte aber ausschließlich von Paulus handelt.

 

Lebenslauf des Paulus  siehe Paulusbriefe

 

Einzelne Abschnitte:

Pfingsten: Die Gabe des Heiligen Geistes

Lukas hatte eine schwierige Aufgebe, das Kommen des Geistes darzustellen: Er kommt vom Himmel, ist aber nichts Sinnenfälliges. Die Herkunft des Geistes machte er deutlich mit dem Bild des Windes; das war besonders für griechisch sprechende Menschen verständlich, denn im Griechischen  sind „Pneuma“ (Geist) und „Pnoe“ (Windhauch) verwandte Begriffe. Aber wo der Geist hinzielt, daß er den einzelnen Jünger erfaßt, das konnte er nur mit Hilfe der jüdischen Pfingsttradition  verdeutlichen, durch den Bezug auf die Sinaigeschichte: Feuer brennt und greift um sich; es frißt alles weg, was sich ihm in den Weg stellt; es bleibt nicht verborgen, sondern tritt immer mächtiger hervor. So steckt auch der Heilige Geist andere in Brand, so daß sie in das öffentliche Lob der großen Taten Gottes einstimmen.

 

Die  judenchristliche Gemeinde in Jerusalem

Die Entstehung der nachösterlichen Gemeinde wird zwar bei den Synoptikern auf den irdischen Jesus zurückgeführt, doch dürfte dies sekundär sein. Dennoch gibt es eine durchgehende Verbindung von vorösterlicher Jüngergemeinschaft und nachösterlicher Kirche:

Die Erscheinungen des Auferstandenen (ob in Galiläa oder Jerusalem) führen zur Versammlung der an die Auferstehung Jesu Glaubenden in Jerusalem. Es bildet sich die Jerusalemer Urgemeinde, die sich als endzeitliches Gottesvolk versteht. Die Auferstehungserfahrungen führen also unmittelbar zu einer (neuen?) Gemeinschaft. Sie feiern gemeinsame Mahlzeiten unter endzeitlichem Jubel reihum in den Häusern. Sie nehmen am Tempelgottesdienst teil. Der Herr läßt die Gemeinde sehr rasch wachsen. Viele (Heilungs-) Wunder geschehen. Äußeres Zeichen ihrer Liebe ist die Gütergemeinschaft.

Prinzipiell war religiös begründete Gütergemeinschaft damals denkbar. Der Verkauf des Privateigentums zugunsten der Gemeinde dürfte aber eher der Einzelfall als die Regel gewesen sein, da solche Ereignisse besonders aufgezeichnet wurden. Auch die legendenhafte Ananias-Saphira- Erzählung (Apg 5,1-11) setzt voraus, daß der Besitz-Verzicht nicht allgemein üblich war.

 

Mit den Spenden für die Kirche ist das so eine Sache. Ein katholischer Priester, ein evangelischer Pfarrer und ein Rabbi tauschten sich einmal darüber aus, wie sie es mit den Kollekten halten. Der Priester sagt: „Ich ziehe einen großen Kreis auf den Boden und werfe das Geld in die Höhe. Was in den Kreis fällt, ist für die Gemeinde. Was außerhalb fällt, das nehme ich mir!“ Der Pfarrer sagt: „Ich mache es genau umgekehrt!“ Da lächelt der Rabbiner und sagt: „Ich mache es ein wenig anders: Ich werfe das Geld in die Höhe und rufe: Lieber Gott, nimm dir, was du brauchst, der Rest ist für mich!“

Das Gemeindeleben umfaßte gemeinsame Mahlzeiten in den Häusern der Gemeindeglieder, das Brotbrechen, das Gebet und die Lehrtätigkeit der Apostel. Der Gottesdienst folgte wahrscheinlich dem Vorbild der Synagoge, war also kein Opferkult. sondern ein Wortgottesdienst mit Gebeten, Schriftlesung und Lehre. Frühe liturgische Elemente sind wohl der Ruf „Maranatha“ (Komm Herr Jesus), die Gebetsanrede „Abba“ (Vater) und das Bekenntnis zu Christus. Taufe und Abendmahl reichen auch bis in die erste Zeit der Gemeinde zurück.

Die Leitungsstruktur der Jerusalemer Urgemeinde änderte sich im ersten Jahrhundert öfters. Es lassen sich folgende Etappen erkennen: Die Zwölf, die Apostel, die Säulen, die Ältesten.

Zunächst war die Urgemeinde nicht vom Judentum geschieden. Man kam weiterhin im Tempel zusammen. Die Tempelsteuer wurde offensichtlich auch von den Christen bezahlt. Das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias brauchte nicht zum Bruch mit dem Judentum führen, denn entscheidend für die Zugehörigkeit zum Judentum ist allein  die Anerkennung der Verbindlichkeit des Gesetzes.

Die Jerusalemer Gemeinde blieb auch nach dem Apostelkonzil eine rein judenchristliche Gemeinde, die den Zusammenhang mit dem Judentum durch das Halten des Gesetzes zu wahren versuchte. Allerdings wird die Lage immer schwieriger, als der jüdischer Nationalismus in der Zeit vor dem jüdischen Krieg stärker wird. Die Jerusalemer Gemeinde gerät nun in einen Konflikt: Den Zusammenhang mit dem internationalen, gesetzesfreien Heidenchristentum zu wahren und andererseits mit dem Judentum verbunden zu bleiben.

Dieser Konflikt und der Druck des Judentums auf die Gemeinde nehmen zu: Jakobus wird im Jahr 62 zur Steinigung verurteilt (als kein römischer Statthalter da war).Nach der Angabe des Kirchenvaters Euseb flieht die Gemeinde vier Jahre später zu Beginn des jüdischen Krieges nach Pella im Ostjordanland. Dort verlieren sich ihre Spuren.

Auf Seiten des Judentums wurde durch die Hineinnahme der Verfluchung der Abweichler in das Achtzehnbittengebet am Ende des ersten Jahrhunderts der Ausschluß der Christen aus der Synagoge vollzogen, da fortan kein aufrichtiger Christ mehr, dieser liturgische Gebet sprechen konnte (weiteres unter dem Thema „Urgemeinde“).

 

Das Apostelkonzil

Die erste Quelle für das „Apostelkonzil“ ist Galater 2,1-10. Die Nachricht in Apostelgeschichte 15,1-29 ist nur die zweitrangige Quelle. Das Apostelkonzil fand wohl im Jahr 48 (oder 49) statt. Der Anlaß war: Durch die Heidenmission entstand die grundsätzliche Frage, ob Heiden die Forderungen des jüdischen Gesetzes als heilsnotwendig anerkennen und erfüllen müssen (konkret: Beschneidung und Reinheitsgebote). Für die Notwendigkeit der Anerkennung des Gesetzes durch die Heiden konnte auf den Zusammenhang der Kirche mit Israel und auf die Gültigkeit des Alten Testaments für die Christen verwiesen werden.

Aufgrund des Protestes der  „falschen Brüder“ (Gal 2,4) gegen die Gesetzesfreiheit der antiochenischen Heidenchristen geht Paulus mit Barnabas und Titus nach Jerusalem. Er nimmt den unbeschnittenen Heidenchristen Titus mit, damit in Jerusalem dessen Glaube anerkannt werde

Es kommt zur Einigung mit den drei „Säulen“ Jakobus, Petrus und Johannes. Die Missionsarbeit des Paulus wird (Gal 2,9), er wird auch als Apostel gebilligt. Die Beachtung des Gesetzes wird den Heidenchristen nicht auferlegt (Gal 2,3). Damit gibt es freie Bahn für die Heidenmission und Weg des Evangeliums zu allen Völkern. Damit war die Übereinstimmung des Evangeliums des mit dem Evangelium der ehemaligen Juden festgestellt und zugleich das Kirche-Sein der gesetzesfreien Heidenchristen grundsätzlich zugestanden. Ferner wurde eine Aufteilung der Aufgaben vereinbart.

Paulus und Barnabas spielen nach der Apostelgeschichte nur eine untergeordnete Rolle. Die Entscheidung zugunsten der gesetzesfreien Heidenmission wird in der Apostelgeschichte  durch Jakobus und Petrus herbeigeführt. Das Kapitel Galater 2 hebt dagegen die Rolle des Paulus hervor. Nur der Galaterbrief nennt das Apostolat des Paulus als Verhandlungsgegenstand. Die Kollekte wird in diesem Zusammenhang übergangen und erst in Apg 24,17 erwähnt.

Das Bild der Apostelgeschichte, das Paulus als Befehlsempfänger zeichnet, ist wohl von Lukas bestimmt, der der Urgemeinde die erste Position ein räumt. Ferner verkürzt Lukas aus der verharmlosenden Sicht der zweiten heidenchristlichen Generation, für die das Problem des gesetzesfreien Christentuns längst gelöst ist.

Andererseits ist nicht zu vergessen, daß der paulinische Bericht vom Apostelkonzil auch in streitsüchtigem Zusammenhang geschieht: Paulus wird durch die Situation des Galaterbriefes veranlaßt, seine Unabhängigkeit und Gleichberechtigung mit den Jerusalemer Autoritäten stärker zu betonen.

Ferner ist zu fragen, ob der Jerusalemer Beschluß aus paulinischer Sicht nicht ein wankel­mütiger und nicht folgerichtiger Kompromiß war. Allerdings mußte auch für Paulus der Judenchrist sein Judentum nicht aufgeben (Beschneidung, Gesetz). Aber das Gesetz kam eben als Heilsweg nicht mehr in Frage. Von daher ist der Konzilsbeschluß kein Kompromiß,  sondern volle Folgerung des Glaubensverständnisses.

 

Das Aposteldekret in der Apostelgeschichte ist ein Problem, denn gemäß Paulus kann dieses Dekret nicht auf dem Konzil erlassen worden sein, da nach Gal 2,6 jede Verpflichtung für Heiden ausgeschlossen wurde. Es ist in zwei abweichenden (Text-) Fassungen überliefert:

• Einmal enthielt es kultische Bestimmungen (Minimalforderungen an Nicht-Juden): Heidenchristen werden „verpflichtet. auf Handlungen und Speisen zu verzichten, wie sie auch Fremden unter Israel verboten waren. Konkret sind gefordert: Enthaltung von Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktem und Unzucht .

• Das andere Mal werden ethische Forderungen vom „westlichen Text“ überliefert. Hier wird deutlich, daß in einer rein heidenchristlichen Umwelt die kultischen Bestimmungen des Aposteldekrets schon bald nicht mehr verständlich waren.

Das Dekret entstand wahrscheinlich in einem Raum, wo das Zusammenleben von Juden und Heiden in der christlichen Gemeinde durch die Beschlüsse des Konzils eben nicht gelöst worden war. Dort entstand die Frage: Dürfen Judenchristen in gemischten Gemeinden das Gesetz aufgeben und mit den Heidenchristen gesetzesfrei leben? Es kann geradezu sein, daß das Zusammenleben durch den Jerusalemer Beschluß erst zum Problem wurde, da nun die Juden wieder auf das strenge Einhalten des Gesetzes verpflichtet werden konnten. Erst dadurch gerieten sie in Konflikt mit den Heiden, wie er im sogenannten „antiochenischen Zwischenfall“ aufbricht (vgl. Gal 2,11-14). Diese Episode führte wohl zum Bruch des Paulus mit Barnabas und Antiochia. Die Trennung des Paulus von Antiochia führte auch dazu, daß in den Gemeinden des Paulus das Aposteldekret nicht bekannt war und eingeführt wurde.

• Durch den Beschluß wurde festgehalten an der Einheit der Kirche aus Juden und Heiden, auch wenn die judenchristliche Gemeinde bald keine Rolle mehr spielte. Die Heidenchristen blieben infolge dieser Entscheidung gebunden an die von Jerusalem herkommende Tradition, an die vergangene Geschichte Gottes mit Israel und an das Alte Testament. Das bedeutete eine wirksame Gegenkraft, die die Christusbotschaft aus dem alle religiösen Erscheinungen in sich hineinziehenden Strudel der Religionsvermischung heraushielt..Die Judenchristen aber waren - wenigstens zunächst - vor einem Verkümmern als jüdische Sekte bewahrt.

 

Die Entwicklung kirchlicher Ämter

In dem Maße, in dem die Kirche sich als eigenständige gesellschaftliche Größe begreifen lernte und eigene Lebensformen ausbildete, wuchs die Notwendigkeit der Schaffung fester Einrichtungen. Verfassungsstrukturen bildeten sich aus, Dienste und Aufgaben wurden an bestimmte Personen in der Gemeinde fest gebunden. Diese Entwicklung verlief ziemlich zögernd. Einer der ersten Auslöser war die Trennung der Kirche vom Judentum. Weiteren Schwung in die gleiche Richtung brachte das Zurücktreten der Naherwartung und das Abtreten der prägenden Gestalten der er­sten Generation. Dem entspricht die Beobachtung, daß es Ansätze zu einer theologischen Theoriebildung über die kirchlichen Ämter erst in der nachpaulinischen Zeit gibt.

Jesus hat keine Kirche gegründet und auch keine Amtsträger eingesetzt. Er hat jedoch Impulse gegeben, indem er zur Nachfolge aufrief, eine Jüngergemeinschaft begründete und zum Dienen aufforderte. Der Ruf in die Nachfolge traf im Gegensatz zur Aufforderung zur Umkehr nur ausgewählte Einzelne.

Unter den Jüngern treten besondere Gruppen hervor. So wird mehrfach die Dreiergruppe Petrus-Jakobus-Johannes hervorgehoben. Außerdem wird häufig die Zwölfzahl der Jünger genannt als Symbol für das Gottesvolk in seiner ursprünglichen Ganzheit. Die Zwölf repräsentierten den Anspruch Jesu auf ganz Israel und sollten Zeichen sein für die in seinem Wirken geschehende Erneuerung des Gottesvolkes.

Zwölferkreis:

Das älteste Leitungsgremium der Jerusalemer Gemeinde war der Zwölferkreis, in dem Petrus als Erster und Gleichen wohl die Leitung innehatte. Das Bestehen  eines Zwölferkreises vor Ostern wird allerdings auch bestritten. Für die Geschichtlichkeit spricht aber, daß der Verräter Judas in der ältesten Schicht des Passionsberichtes als einer der Zwölf erscheint (Mk 14, 10+ 20+43). Unwahrscheinlich ist hingegen, daß Petrus schon vor Ostern eine Sonderstellung hatte. Je weiter die Gemeinde sich von Tempel und Synagoge entfernte, desto mehr bedurfte sie eigener Organisationsstrukturen. Paulus fand bei seiner ersten Jerusalemreise (etwa 35-36) die Zwölf als Leitungsgremium nicht mehr vor und verhandelte mit Petrus als maßgeblichem Mann.

 

Dreiergremium: Als Paulus etwa im Jahr 48 zum Apostelkonzil kam, hatte er es mit einem Dreiergremium zu tun: Jakobus, Petrus (Kephas) und Johannes, dem Sohn des Zebedäus. Die von Paulus verwendeten Bezeichnungen „die Angesehenen“ und „die Säulen“(Gal 2,6 und 9) scheinen offiziellen Charakter zu haben. Kurz nach dem Apostelkonzil wird nur noch Jakobus allein an der Spitze der Gemeinde genannt (Gal 2,12).

 

Älteste: Auch die Anfänge des Amtes der Ältesten finden sich in Jerusalem. Ein jüdisches Verfassungsmodell war Vorbild: Der Ältestenrat in der Kommunal- und in der Synagogenverfas­sung. Der Älteste galt hier als Vertreter der Tradition, der die Beständigkeit der Gemeinschaft garantiert. Das Sieben-Männer-Gremium der Jerusalemer Hellenisten (Apg 6,1-6) dürfte ein solcher Ältestenrat gewesen sein. Die aramäisch sprechende Urgemeinde führte dieses Amt erst später ein. Sein Vorhandensein zur Zeit des Apostelkonzils ist unsicher, da sich Apg 15,4+6+22 und Gal 2 widersprechen. Die Nichterwähnung der Ältesten bei Paulus könnte aber auch darauf zurückzuführen sein, daß er sie nur als lokales Leitungsgremium ansah und nur den „Säulen“ gesamtkirchliche Zuständigkeit einräumte.

 

Propheten: Ein weiteres Amt hatten die Propheten. Der urchristliche Prophet verkündigte die kommenden endzeitlichen Ereignisse und den Willen Christi für die Gemeinde. Besonders in der antiochenischen Gemeinde und ihrem Umfeld bildete sich eine prophetische Ordnung heraus:  Apg 13,1-3 nennt als Gemeindeleiter eine Gruppe von Propheten und Lehrer.

 

Apostel: Apostelgeschichte 14,4 und 14 bezeichnet Paulus und Barnabas in ihrer Eigenschaft als vom Geist bevollmächtigte Wandermissionare nunmehr als „Apostel“. Paulus hat erst später (Gal 2,8) dieses geistbegabte Wanderapostolat (Abgesandte der Gemeinde) vom Jerusalemer Christusapostolat (Abgesandte Christi) her neu ausgelegt. Das Apostolat des Paulus bleibt aber von dem Wanderapostolat beein­flußt: Wahrung der Freizügigkeit unter Ablehnung einer festen Bindung an eine Ortsgemeinde und Beibehaltung des Unterhaltsverzichts im Gegensatz zu den Jerusalemer Aposteln.

 

Die paulinischen Gemeinden:

Die Liste der Gnadengaben in 1. Kor 12,28-31 stellt als besondere Gruppe drei personengebundene Dienste voran: Apostel, Propheten und Lehrer. Dann folgen die unpersönlich gehaltenen weiteren Aufgaben. Lediglich der Apostel hat eine übergemeindliche Sonderstellung inne.

Die Dienste von Gemeindeleitung und -verwaltung haben sich zunächst aus aktuellem Bedürfnis entwickelt. Der Abschnitt 1. Kor 16,15-16 nennt Stephanas, der sich zum „Dienst an den Heiligen“ zur Verfügung stellt. Diesen Dienern soll sich die Gemeinde unterordnen. Aufgaben: Schlichtung von Streitigkeiten. Eingreifen bei elementaren Verstößen gegen die christlichen Lebensregeln („Vorsteher“).

Auf Dauer mußte darauf geachtet werden, daß bestimmte Dienste regelmäßig wahrgenommen wurden. Man konnte nicht darauf warten, daß mal wieder eine Gnadengabe ausbrach, das eine eben anstehende Aufgabe bewältigte. Diese Phase der Entwicklung zeigt sich im Philipperbrief,  wo in 1,1 „Bischöfe und Presbyter“ genannt werden. „Bischof“ bezeichnet im Profangriechisch den Aufseher oder Gemeindebeamten, stammt also aus der Verwaltungssprache. Dieses Wort wurde zur festen Amtsbezeichnung für die Träger der Hilfeleistungen, der Leitungsdienste und Träger des Vorsteheramtes. Aufgaben der Bischöfe waren Verwaltung, Wahrung gemeindlicher Ordnung und Leitung der Mahlversammlung.

„Diakon“ bedeutet ursprünglich „Tischdiener“. Das Amt ist es wohl aus einer Aufgabe beim Gemeindemahl entstanden. Nach Röm16,1 hatten die Diakone insbesondere karitative Aufgaben.

 

Zeit nach Paulus:

Die Bischofsverfassung bei Paulus verschmolz mit der palästinischen Ältestenverfassung. Dies war möglich, weil sich beide Verfassungen in ihrem äußeren Erscheinungsbild einander angepaßt hatten, und zwar bei beiden Leitungsgremien, wobei bei den Ältesten lediglich das patriarchalische Element und bei den Bischöfen das geistbegabte Element stärker betont wurde.

Der Epheserbrief vermittelt eine Dreiheit der Ämter: Evangelisten, Hirten und Lehrer (Eph 4,11). Dabei bleibt es aber fraglich, ob es sich hier um drei verschiedene Amtsträger handelt. Sachlich scheint das Hirtenamt durchaus dem Bischofsamt zu entsprechen.

Die Pastoralbriefe fügen in Gemeinden, in denen das Ältestenamt vorgegeben war, dieses in den Rahmen einer Bischofsordnung (1. Tim 3,1-7 und Tit 1,5-9). Das patriarchalische Element soll ausgeschaltet werden, indem nur solche Bewerber berufen werden, die hinreichend geeignet sind. Doch wird hier auch noch mit Ältesten gerechnet, die ohne Aufgaben auf Grund ihres Alters und Ansehens Älteste sind. Aufgaben des Bischofsamtes waren die Bewahrung der gesunden Lehre, Verkündigung und Lehre. Die Bischöfe sind hier allerdings noch als gleichberechtigter Kreis gedacht, noch sind nicht alle Aufgaben in einer Hand ver­eint.

Das leitende Interesse der Pastoralbriefe ist die Bewahrung der eindeutigen Gestalt des Evangeliums der Apostel. Deshalb ist es wichtig, daß in allen Generationen Leute da sind - die durch öffentlichen Amtsauftrag beglaubigt -  als verantwortliche Wahrer des übertragenen Erbes wirken. Das Amt hat zwar keine Gewalt über das Evangelium, doch wird durch seine geordnete Struktur und kontrollierte Weitergabe die Übereinstimmung des Überlieferung gesichert.

In der starken Betonung von Tradition und Lehre geschieht eine Verengung, da das Moment des personhaften Dienens zu kurz kommt. Die Freiheit des Evangeliums gegenüber dem Amt bleibt aber noch gewahrt. Insofern ist die Schwelle zum Frühkatholizismus noch nicht überschritten.

Der öffentliche Einführungsakt der „Ordination“ als äußere Rechtfertigung des Amtes tritt erstmals in den Pastoralbriefen auf (1.Tim 4,14 und 2.Tim1,6). Modell ist die Ordination der jüdischen Schriftgelehrten. Die Ordinationshandlung bestand aus drei Teilen:

1. Übergabe einer Zusammenfassung der grundlegenden apostolischen Lehrtradition

2. Bekenntnis des Ordinanden vor Zeugen (Sprechen der Glaubensformel)

3. Verleihung der Gaben und des Auftrags durch Handauflegung der Bischöfe.

 

Heidenchristentum

Das Heidenchristentum hat seinen Ursprung im griechisch bestimmten (hellenistischen) Zweig der Jerusalemer Urgemeinde.  Die „Hellenisten“ sind griechisch sprechende Judenchristen. In Jerusalem lebten viele aus der Zerstreuung gekommene Juden, und es ist gut denkbar, daß sich einige von ihnen schon früh der Gemeinde anschlossen.

Der Abschnitt Apostelgeschichte 6,1-7 spricht nun von einem Vorfall in der Armenversorgung der Gemeinde (die Witwen der Hellenisten wurden übersehen). Daraufhin werden sieben Diakone (alle mit ausschließlich griechischen Namen) zur Armenpflege eingesetzt. Doch dies scheint unwahrscheinlich, denn von diesen wird vielmehr berichtet, daß sie Verkündigungsaufgaben wahrnahmen. Philippus trägt gera­dezu den Titel „Evangelist“. Wahrscheinlich trieben die Sieben in den hellenistischen Synagogen von Jerusalem Mission; in diese Richtung weist jedenfalls auch die Tätigkeit des Philippus in Samaria nach der Vertreibung aus Jerusalem.

Es ist denkbar, daß sich analog zu den landsmannschaftlichen Synagogenverbänden auch innerhalb der christlichen Gemeinde von Jerusalem eine hellenistische Sondergruppe unter der Leitung des Stephanus bildete. Die Hellenisten unterschieden sich allerdings von der streng judenchristlichen Gemeinde darin, daß sie das Kultgesetz und den Tempelkult nicht mehr für verbindlich hielten. Die Sonderstellung der Gruppe wurde jedenfalls verhältnismäßig schnell erkannt, und die erste Verfolgung traf nur sie, mit Stephanus als erstem Märtyrer. Die Judenchristen konnten wohl in der Stadt bleiben. Die Vertreibung aus Jerusalem führte allerdings zur Verbreitung der Mission auch außerhalb Palästinas.

 

Die Missionsmethode des Paulus bestand darin, in den regionalen Zentren zu wirken und dort solange zu bleiben, bis es eine selbständige Gemeinde gab, die das Hinterland missionarisch durchdringen konnte. Nur so konnte er in Röm 15,23 sagen, er habe im Osten des Reichs kein Arbeitsfeld mehr. Paulus blieb nie lange Zeit, sondern entließ die junge Gemeinde ziemlich schnell in die Eigenverantwortung. Die Gemeinden tauschten dann die Briefe des Paulus untereinander aus.

In der Großstadt Antiochia entsteht das zweite große christliche Zentrum, in dem nicht mehr nur Judenmission getrieben, sondern auch Heiden in die Gemeinde aufgenommen wurden. Hier in Antiochia wird zugleich die Eigenart des Christentums gegenüber dem Judentum von der Öffentlichkeit erkannt: Sie erhalten möglicherweise von den römischen Behörden, den von „Christus“ abgeleiteten Namen „Christen“ (christianoi).

 

 

Urgemeinde

 

Die Gemeinde ist natürlich entstanden aus dem Auftreten und der Lehre Jesu. Sie war die Voraussetzung für die Entstehung der Kirche. Aber Jesus hat keine Kirche gegründet (das Wort kommt nur einmal in Mt 16,18-19 vor). Die Ankündigung des nahen Gottesreichs vertrug sich nicht mit dem Gedanken an eine organisierte Kirche.

Erst nach Ostern ist die Kirche entstanden, ihr Dasein ist als von Anfang an mit der Auferstehung verknüpft. Aber sie blickt dabei auf das abgeschlossene irdische Leben Jesu zurück  und hielt seine Worte und Taten fest. Die Formgeschichte sprach der Urgemeinde dabei ein unwahrscheinlich schöpferisches Vermögen zu.  Man sah sie als ein anonyme Masse, die in aller Freiheit ihren Eingebungen folgt, ohne Zielrichtung und ohne Kontrolle.

Aber schon die frühe Kirche hatte sich qualifiziert mit  zwei Gefahren auseinanderzusetzen: Die Gnostiker wollten die Wahrheit in einer abgesonderten Geheimtruppe verschließen und deshalb mußte die Kirche ihre Weltlichkeit betonen, wie das in den Pastoralbriefen geschah. Gegen die Gefahr der Verweltlichung betonte die Kirche ihr Eigenart - nämlich die Abhängigkeit vom Heiligen Geist - in den Johannesbriefen, die sich an eine Gruppe richten, die im Rahmen der Kirche auftraten.

 

Methodisches zur Ermittlung des Bekenntnisses (Kerygmas) der ersten Christenheit

Die Verkündigung der ersten Christenheit ist durch keine direkten Quellen überliefert, sondern ist nur in ihrer Weitergabe und Umprägung der Schriftsteller des Neuen Testaments erhalten. Auf folgenden Wegen kann aber das Bekenntnis der Urgemeinde erschlossen werden:

         Literarkritische Aussonderung vor allem von Bekenntnisbruchstücken  (Röm 1,3-4)

      und liedhaften Stücken  (Phil 2,6-11)

         Feste geprägte Wendungen (zum Beispiel Titel) übernehmen die Verfasser aus ihrer

         Tradition und schaffen sie nicht selbst

         Rückschlüsse aus den Briefen und den Evangelien

Von schlechtem Quellenwert ist die Apostelgeschichte, denn diese zeichnet das Bild, das man sich gegen Ende des ersten Jahrhunderts von den Anfängen der Kirche mach­te. Daher dürfen Informationen aus der Apostelgeschichte  nur in enger Verbindung mit den anderen Quellen ausgewertet werden.

 

Für das literarkritische Herauslösen von vor allem von hymnischen Texten aus ihrer Umgebung ergeben sich folgende Richtlinien:

         „Prädikationsstil“: Taten und Eigenschaften der Gottheit werden preisend und rühmend aufgezählt

         Einfache satzhafte  Gedankenführung: Keine Beweisführung oder Begriffsbildung, sondern Aufruf. Folglich fehlen komplizierte Satzkonstruktionen

         Häufung von Partizipialkonstruktionen und Zurücktreten finiter Verbformen.

         Rhythmus: Anders als in der griechischen Verslehre ist nicht die Menge, sondern die Anzahl der Hebungen und Senkungen entscheidend

         Kunstvoller Aufbau: Wiederkehr gleichlautender Wendungen und Gliederung in Strophen.

 

Die Ausgrenzung aus dem Umgebungstext wird erleichtert, wo Texte ausdrücklich als Zitat eingeleitet werden (oder durch Einleitungsformeln gekennzeichnet werden. Dazu kommen Brüchen im Umgebungstext, Sprache, Wortwahl und Stil.

Nachdem die Abgrenzung herausgestellt ist, müssen Zusätze, Umformulierungen anhand von ähnlichen Brüchen innerhalb des Hymnentextes erkannt werden, um den Hymnus endgültig zu wiederherzustellen. Ob Hymnen vollständig sind, läßt sich methodisch kaum entscheiden; lediglich ist oft erkennbar, daß der ursprüngliche Anfang fehlt, da die Hymnen mit einem Relativsatz angeschlossen werden.

 

Lehre von Christus

Für eine Darstellung der Entwicklung der Christologie im Urchristentum gibt es keine unmittelbaren Quellen. Bei Paulus ist sie bereits abgeschlossen. Lediglich finden sich Reste aus den verschiedenen Stufen im ganzen Neuen Testament verstreut. Folgende Vorbedingungen werden allgemein gesetzt, um diese in eine theologiegeschichtliche Entwicklung einzuordnen:

         jüdisch-palästinische Vorstellungen sind älter als rein griechische

         da jüdisches Denken in erster Linie  (heils-) geschichtlich ausgerichtet ist, sind geschichtlich-biographische Aussagen älter als natur-raumhafte, die eher griechischem Denken entstammen.

         im Laufe der Entwicklung wird immer stärker die Gottheit Jesu herausgestellt und seine Einsetzung zum Gottessohn immer weiter vorverlegt.

 

Entwicklungsstadien:

Auf diesem Hintergrund gibt es folgende Entwicklungsstadien der urchristlichen Lehre von Christus:

         Zwei-Stufen-Christologie: Jesus Christus ist ein gewöhnlicher Mensch, wird aber durch Gottes Tat in der Auferweckung zum Sohn Gottes eingesetzt (Beispiel: Röm.1,3-4)

         Die Lösung des Sohnestitels von der Erhöhungsstufe: Dabei sind mehrere Zwischenstufen denkbar: Adoption bei der Taufe (Mk1,11), Jungfrauengeburt (Lukas und Matthäus),  Gesandtenlehre (Röm 3, 3), wobei ein Dasein von Anfang an vorausgesetzt ist. Ziel dieser Vorverlagerung der Gottessohnschaft: Bereits im irdischen Wirken Jesu ist bereits derselbe wie der Erhöhte wirksam. Dieser Irdische ist ganz und gar dem Vater zuzuordnen und nicht von ihm zu trennen. Wo Jesus als Gesandter des Vaters verstanden wird, ist bereits im Rahmen griechischer Voraussetzungen gedacht: Man will zum Ausdruck bringen, daß Jesu Erscheinen ein Geschehen ist, durch das Gott die Welt gleichsam von außen her aufsprengt und das deshalb nicht dem Bereich innenweltlicher Heil- und Hoffnungslosigkeit entstammt.

         Den Abschluß findet die Entwicklung dann in der Drei-Stufen-Lehre: Das erstmals in Phil 2,6-11 vorliegende Schema läßt sich religionsgeschichtlich nicht ableiten, ist aber am ehesten zu begreifen als eine Weiterführung des bereits im judenchristlichen Zwei-Stufen-Schema vorgegebenen Grundgedanken des Weges Jesu: Sein Weg ins Leiden wurde dabei als ein die Welt von außen in Frage stellendes Geschehen aufgefaßt: Jesus erscheint so als der schon immer Daseiende , der seinen Ursprung außerhalb der Welt hat und der Teilhaber des guten Schöpfungswerkes Gottes ist. Die Erhöhung wurde dann als Entmachtung der den Kosmos beherrschenden feindlichen Gewalten verstanden.

 

Jungfrauengeburt:

Die Jungfrauengeburt ist lediglich bei Matthäus und Lukas bekannt. Ihr Hintergrund ist in zwei Richtungen zu suchen:

         Im griechisch bestimmten Judentum nahm man Vorstellungen der griechischen Umwelt auf und sprach von der wunderbaren Abkunft hervorragender Gottesmänner - wie zum Beispiel Mose

         Ferner dürfte die Übersetzung von Jesaja 7,14 in der griechischen Bibel, wo die „junge Frau“ mit „Jungfrau“ (parthenos) wiedergegeben wird, eine wesentliche Quelle für die neutesta­mentliche Jungfrauengeburt sein. Indem man von der „Jungfrauengeburt“ Jesu redete, wollte man aussagen, daß Jesus der Gottessohn ist. Im Unterschied zu griechischen Erzählungen von der heiligen Vereinigung einer Gottheit mit einem Menschen sind die Geschichten des Matthäus und Lukas überaus behutsam und zurückhaltend. Ihr Interesse liegt ausschließlich bei der Hervorhebung des Auftrags, den der Sohn Gottes erfüllen wird.

 

Dasein von Anfang an  (Präexistenz) und Drei-Stufen-Lehre von Christus (Christologie):

Eine Christologie eigener Prägung begegnet in den großen Christushymnen des Neuen Testaments:

         Phil 2,6-11: Der Gottgleiche entäußert sich und wird Mensch, er ist gehorsam (bis zum Tod am Kreuz) und wird deshalb von Gott erhöht zum Herrscher über die ganze Schöpfung

         Kol 1,15-20: Das Ebenbild Gottes und der Erstgeborene der Schöpfung, durch den alles geschaffen ist, der das Haupt (der Kirche) ist, ist der Erstgeborene aus den Toten und versöhnt die Schöpfung mit Gott

         Joh 1,1-18: Das uranfängliche, göttliche Wort (Logos), in dem das Leben und Licht ist, kommt in seine finstere Welt (Kosmos) und gab allen, die an ihn glaubten, die Möglichkeit gerettet zu werden

         1. Tim 3.16: „Er wurde offenbart im Fleisch, gerechtfertigt durch den Geist, geschaut von den Engeln, verkündet unter den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit“

         Hebr  l,3-4: „Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt; er ist um so viel erhabener geworden als die Engel. wie der Name, den er geerbt hat, ihre Namen überragt“

         1. Petr 2,21-25: Christus, der sündlose, hat widerstandslos gelitten und damit unsere Sünden getragen.

Mit Ausnahme von 1. Petr 2,21-25 begegnet in allen diese Hymnen die sogenannte „Drei-Stufen-Christologie, die den Weg Christi von dem Dasein von Anfang an über Erniedrigung zur Erhöhung zeigt.

Ferner haben die Hymnen einen Bezug zur Welt: Nicht die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Geschichte, sondern die nach seiner Stellung in der Welt bilden den Bezugsrahmen dieser Lehre

Außerhalb einer expliziten Drei-Stufen-Christologie findet sich die Präexistenz-Vorstellung auch noch bei Paulus (1. Kor 8,6). Dort ist es der „Herr, durch den alle Dinge sind“. Auffallend ist allerdings, daß nirgendwo im Neuen Testament die Jungfrauengeburt und die Präexistenzvorstellung miteinander verbunden werden.

 

 

Auferstehung

Erzählungen vom leeren Grab:

Die älteste Darstellung liegt in Mk16,1-8 vor und läßt folgende wichtige Elemente erkennen:

         Zeitangabe (der Tag nach dem Sabbat) und Begründung des Grabbesuchs der Frauen.

         Leerfindung des Grabes

         Erscheinung des Deute-Engels mit Auferstehungsbotschaft und Auftrag an die Jünger und an Petrus

         Flucht und Nichtbefolgung des Auftrags wegen Furcht.

Die Weiterentwicklung dieser Darstellung ist davon gekennzeichnet, geschichtliche und theologische Schwierigkeiten zu beseitigen:

         So wird die Geschichte vom leeren Grab mit der Erscheinung des Auferstandenen verbunden (Mt 28,9-19 und Joh20,14-18).

         Die Nichtbefolgung des Auftrags wird in eine prompte Befolgung umgewandelt (Mt 28,8 und Lk 24,9 und Joh 20,18). Damit wird die Kenntnis der Jünger vom leeren Grab hervorgehoben.

         Die unzureichende Zeugenfunktion der Frauen wird bei Johannes durch die Einführung des Petrus und des Lieblingsjüngers in die Geschichte behoben (Joh 20,3-10).

Alle diese Anstößigkeiten an der ältesten Version lassen vermuten, daß darin älteste Tradition mit einem historischen Kern verarbeitet ist.

 

Erzählungen von Erscheinungen vor dem Zwölferkreis (Gruppenerscheinungen):

Trotz der erheblichen Unterschiede läßt sich in Mt 28,16-20 und Lk 24,36-53 und Joh 20,19-23 ein gemeinsames Grundschema erkennen:

         Der Auferstandene erscheint den ratlosen und furchtsamen Jüngern, die ihn zunächst nicht erkennen bzw. durch das Sehen in ihrer Ratlosigkeit und Furcht noch bestärkt werden.

         Erst durch die Anrede kommt es zum Erkennen. Ist damit die Erscheinung als worthaftes Geschehen gekennzeichnet?

         Mittelpunkt bzw. Abschluß bildet jeweils ein Sendungswort, das von der neuen Situation. der Erhöhung Jesu ausgeht. Es wird ein konkreter Auftrag erteilt und dazu Beistand verheißen.

         Gegen die Meinung, Jesus sei nur ein Geistwesen gewesen, richtet sich das Motiv des Vorzeigens der Wundmale (nur Lk 24,39 und Joh20,20). das Betasten (Lk 24,39 und Joh20,25) und das betonte Essen des Auferstandenen vor den Jüngern (Lk 24.41-43). Diese Motive sind wohl erst auf Bearbeitungen der Evangelisten zurückzuführen.

 

Erzählungen von Erscheinungen vor einzelnen Jüngern: Hierzu sind zu rechnen:

         Emmaus-Geschichte (Lk 24,13-35):Jesu Tod und Auferstehung als Erfüllung des Alten Testaments

         Thomas-Erzählung (Joh 20,24-29): Problem der Augenzeugenschaft

         Petrus-Erzählung des Nachtragkapitels bei Johannes (Joh 21,15-23): Treue des Auferstandenen zum untreuen Jünger und fester Übergang zwischen Jüngerschaft und Kirche.

 

Gemeinsame Charakteristik verbindet diese Geschichten:

         Sie sind novellistisch ausgestaltet mit hohem Interesse an den Widerfahrnissen der Handlungsträger.

         Ihr erzählerisches Ziel ist die Gleichsetzung mit den Handlungsträgern: Die Leser sollen an den Erfahrungen und Lernprozessen der Menschen, von denen erzählt wird, Anteil haben.

         Diese Erzählungen sind wohl ziemlich späte Bildungen, die bereits einen längeren theologischen Überlegungsprozeß voraussetzen. Allerdings ist damit zu rechnen, daß in ihnen wenigstens zum Teil Elemente älterer Traditionsstücke aufbewahrt sind. Die verschiedenen Überlieferungen sind schließlich im sekundären Markus-Schluß zu einer Art Evangelien-Harmonie verarbeitet worden.

 

Gemeinsamkeiten in allen Überlieferungsformen:

         Interessant ist, daß es keine neutestamentliche Schilderung des Auferstehungsvorganges selbst gibt (erst im Petrus- Evangelium). Lediglich Mt 28, 2-3 bietet eine knappe Andeutung, daß sich ein großes Erdbeben ereignet habe und ein Engel vom Himmel gekommen sei und dem Stein beiseite gewälzt habe.

         Die Erscheinungen sind ein Widerfahrnis. Es richtet sich an einen bestimmten Kreis von Menschen, um ihnen einen bestimmten Auftrag zu geben. Die Ostererscheinungen sind aus diesem Grunde auf einen festen Kreis von Zeugen eingrenzbar

         Die Auferstehungserfahrungen bearbeiten in einigen Fällen das gespannte Verhältnis der Jünger zu Jesus, so bei Petrus (Joh 21,15-18) und Paulus.

 

Zur geschichtlichen Rekonstruktion der Auferstehungserzählungen:

Übereinstimmend äußert sich die Auferstehung Jesu in allen Ostererzählungen in Form von Erscheinungen. Die Jünger berichten, sie haben den Auferstandenen leibhaftig gesehen. Erst diese Erscheinungen lassen das noch mehrdeutige leere Grab verstehen und begründen nach einhelligem Zeugnis den nachösterlichen Glauben. Geschichtlich läßt sich über die Art und Weise dieser Erscheinungen nichts mehr sagen. Alle Möglichkeiten zwischen reiner Einbildung bzw. Beeinflussung und übernatürlicher Gegenwart des Auferstandenen sind denkbar

 

Dennoch läßt sich einiges vermuten über die Bedeutung der Erscheinungen für die Jünger­gruppe nach Ostern und über ihre Lokalisierung:

• Die Erscheinungen lösen durchgehend Verwirrung, Furcht und Zweifel aus. Die Angst der

  Jünger nach der Kreuzigung, ihre Verstreuung und Enttäuschung wurde also durch eine neue

  Erfahrung mit ihrem Meister Jesus überwunden, die sie als nicht aus sich selbst hervorgebracht, sondern von außen verursacht empfanden. Das spricht dagegen, die Ostergeschich­ten als bewußte Einbildung der Jünger anzusehen.

• Die älteste Ostergeschichte ist wohl die Erzählung vom leeren Grab. Ihre älteste Darstellung zeigt wohl Mk16,1-8. Über ihren geschichtlichen Wert gibt es unterschiedliche Meinungen:

         Rudolf Bultmann hält sie für eine verteidigende (apologetische) Legende, die die Wirklichkeit der Auferstehung beweisen wolle

         Andere (zum Beispiel Campenhausen und Wilckens) sehen in der Geschichte einen geschichtlichen Kern. Für diese Einstellung spricht folgendes:

-         Eine verteidigende Funktion der Geschichte kann schon aufgrund der mangelnden Zeugnisfähigkeit der Frauen nicht zentral sein

-         Das leere Grab erregt Furcht und Verwirrung, nicht Glauben. Es kommt nicht zur Befolgung des Auftrags. Dies wären in einer verteidigenden Geschichte ungewöhnliche Züge

-         Mk 16,1-8 kennt eine befremdliche örtliche und zeitliche Distanz zwischen der Findung des leeren Grabes und den Erscheinungen, die erst in der weiteren Ausgestaltung der Überlieferung überbrückt wird.

 

Es sind also einige eher unbequeme Züge an dieser Geschichte, die darauf schließen lassen, daß in ihr geschichtliche Erfahrungen mit dem Auffinden des leeren Grabes überliefert sind. Damit wäre das leere Grab ein Festpunkt für die Untersuchung der Ostererfahrungen:

         Es gibt eine grundsätzliche Unterschiede in der Lokalisierung der Erscheinungen: Während Markus und Matthäus alle Erscheinungen (mit Ausnahme derer beim leeren Grab) in Galiläa ansiedeln, sind bei Lukas alle Ostergeschichten bei und in Jerusalem lokalisiert. Im Johannes-Evangelium sind beide Überlieferungsstränge miteinander verbunden: Kapitel 20 kennt die Jerusalemer Ortstradition und das Nachtragskapitel 21 die galiläischen Erscheinungen. Historisch wahrscheinlicher ist die Lokalisierung der Erscheinungen in Galiläa. Dafür spricht:

- Joh 21 setzt voraus, daß die Jünger wieder ihre alten Berufe aufgenommen hatten und dazu nach Galiläa gegangen waren. Dies paßt zu dem Motiv der Furcht und der Flucht Dann müssen aber die ersten Erscheinungen in Galiläa geschehen sein.

- Die Erscheinungsberichte, die an die Erzählung vom leeren Grab anknüpfen, lassen sich gut als Verbesserung dieser anstößigen Erzählung verstehen. Hier wird also das Erscheinungs-Motiv sekundär mit dem leeren Grab und damit Jerusalem verknüpft.

- Die Konzeption des Lukas sieht Jerusalem als das durch die Heilsgeschichte bestimmte Bindeglied zwischen dem alttestamentlichen Gottesvolk, der Geschichte Jesu und dem Weg der Kirche, der in Jerusalem seinen Anfang nahm. Lukas hat damit ein klares Motiv für die Lokalisierung der Erscheinungen in Jerusalem. Johannes scheint von  der Tradition des Lukas beeinflußt.

         Zentraler Zeuge für die Auferstehung Jesu ist Petrus. Er wird sowohl in der Formel 1. Kor 15,5 als auch bei den Evangelisten (außer bei Matthäus) als hervorragender Auferstehungszeuge genannt. Sollte Petrus die erste Erscheinung gehabt haben?

         Die Erscheinungs-Erzählungen sprechen immer wieder von einer Beauftragung zur Verkündigung, entweder an andere Jünger oder an die Welt

         Nach einigen Erscheinungen entschlossen sich die nach Galiläa zurückgekehrten Jünger wohl, erneut nach Jerusalem zu gehen und dort auf die weiteren Endzeitereignisse zu warten. Ist es denkbar, daß diese Rückkehr am Pfingstfest erfolgte und die Pfingsterfahrung in Apg 2 gleichzusetzen ist mit der in 1, Kor 15,6 erwähnten Selbstkundgabe des Auferstandenen vor einem Kreis von 500 Brüdern?

         Durch Verbindung der Erscheinungen mit den Berichten vom leeren Grab kam es wohl (erst nachträglich) zur Datierung der Auferstehung auf den dritten Tag

         Die Reihe der Erscheinungen hat sich wohl über längere Zeit fortgesetzt. In späterer Zeit werden die Erscheinungen auf die kurze Zeit unmittelbar nach dem Tod Jesu konzentriert, bei Lukas werden sie durch die Himmelfahrt beendet.

 

Die Kirche

Das Selbstverständnis der christlichen Gemeinde:

Die erste Christenheit versteht sich als das Israel Gottes, das heilige Gottesvolk der Endzeit, dem die Verheißungen der Schrift gelten und der Wille Gottes gesagt ist. Auch das griechisch geprägte Christentum hält an dieser Verwurzelung in jüdischer Heilsgeschichte fest.

         Die Urgemeinde versammelt sich in Jerusalem, das heißt im Zentrum Israels.

         Die Gemeinde erhebt ihren Anspruch, indem sie Bezeichnungen des Alten Testaments auf sich bezieht: Israel Gottes , Volk des Eigentums, königliche Priesterschar, heiliges Volk

         Eine wichtige Bezeichnung des Alten Testaments (kahal) wird aufgenommen. indem sich die Gemeinde als „Ekklesia“ (Versammlung) bezeichnet. Der urchristliche Sprachgebrauch macht keinen Unterschied zwischen der Gesamtkirche und den einzelnen Ortsgemeinden. Gemeint ist offenbar, daß sich die Kirche in den einzelnen Gemeinden konkretisiert.

         Die Gemeinde versteht sich als die Gemeinde des neuen Bundes. Dadurch hat Gott die Verheißung der Propheten wahr gemacht.

         Die kirchliche Organisation ist noch nicht durchstrukturiert. „Die Gemeinde in Jerusalem genießt zwar auch weithin ein besonderes Ansehen, aber ihr Rang ist nicht rechtlich festgelegt.  Die einzelnen Gemeinden wissen sich als Teil der einen Kirche, aber diese Einheit stellt sich nicht in einem organisatorischen Zusammenschluß dar.

 

Heidenmission

Zunächst wurde nicht daran gedacht, auch außerhalb Israels zu missionieren. Die Jerusale­mer Urgemeinde verkündete zunächst den gekreuzigten und auferstandenen Christus als Messias Israels.  Dabei wurde wegen der Naherwartung nicht damit gerechnet, mit der Botschaft an alle Städte Israels rechtzeitig fertig zu werden (Mt 10,23). Petrus war offenbar der erste aus dem Zwölferkreis, der mit Heiden Kontakt hatte und die Erfahrung machte, daß auch ihnen der Geist verliehen wurde (Apg.10,1-11). Doch zu einer grundsätzlichen Entscheidung für eine Mission unter den Völkern führte dies noch nicht.

Ein erster Anstoß zur Mission unter den Heiden ging wohl vom griechisch geprägten Stephanus-Kreis in der Jerusalemer Urgemeinde aus, der auf Grund seiner Tempel- und Gesetzeskritik Jerusalem verlassen mußte. So kam es zur Ausbreitung des Evangeliums in Samaria, Syrien und Antiochia. Um die Synagogen  in fast allen Städten der damaligen Welt sammelten sich größere Kreise sogenannter „Gottesfürchtiger“, also Sympathisanten, die den Übertritt zum Judentum wegen der notwendigen Beschneidung und seinen Folgen scheuten. Viele von ihnen wandten sich der christlichen Botschaft zu.

Die Mission auch an den Heiden wird bald als Auftrag des Erhöhten verstanden. War der Irdische noch auf Israel begrenzt, so ist nach Verständnis der griechischen Gruppen nun Jesus der Herr über die ganze Welt. So folgt daraus auch die Mission unter allen Völkern.

 

Zusammenleben von Juden und Heiden:

Das Zusammenleben von Juden und Heiden in der christlichen Gemeinde mußte geregelt werden. Zunächst forderten die Judenchristen bei einer Bekehrung der Heiden, daß sie nicht nur die christliche Botschaft annahmen, sondern sich auch Israel eingliederten (Beschneidung und Gesetz). Dies entsprach der Vorstellung, daß Jesus als Messias Israels verstanden hatte. Doch dann wurde auch die Erfahrung gemacht, daß Heiden, die sich nicht beschneiden ließen, auch den Geist empfingen (Apg 10,1-11). Konnte also das Gesetz verbindlich auch für die Heiden sein?

Die Fassung des Apostelkonventes bei Lukas Apg 15,20-29 gibt hierzu die Lösung ( Paulus kennt sie allerdings nicht):  Es geht um Unterwerfung der Heiden unter gesetzliche Mindestforderungen (kein Götzenopfer, keine Hurerei, kein Genuß von Ersticktem und von Blut). Als später das Judenchristentum an Bedeutung verlor, wurde der Sinn dieser Bestimmungen nicht mehr verstanden. Eine endgültige Lösung wurde erst von Paulus gefunden.

 

 

Taufe

Es gibt bei der Taufe - wie in der Frage des Abendmahls - zwei Fragerichtungen:

         Wiederherstellung der Anfänge und der ursprünglichen Bedeutung der Taufe

         Auslegung der Taufe durch das frühe Christentum.

Für die Taufe fehlt eine Überlieferungsbasis, wie sie für das Abendmahl gegeben ist. Es findet sich keine ausdrückliche Tauflehre.

 

Die älteste Taufpraxis:

Die Taufe wurde von Anfang an in allen Gruppierungen des Urchristentums ausgeübt. So verbindet die Apostelgeschichte. die ersten christlichen Taufen mit der Geistausgießung an Pfingsten und erzählt auch weiter von einer Reihe von Taufen. Dem entspricht, daß Paulus das Getauftsein aller Christen nicht nur in den von ihm gegründeten Gemeinden, sondern auch in der nicht von Aposteln gegründeten römischen Gemeinde  voraussetzt.

 

Äußerer Vollzug:

         Es gab keine Selbsttaufe (wie beiden jüdischen Waschungen), sondern die Taufe wurde durch einen Täufer vollzogen (

         Der Täufer hatte zu prüfen, ob ein Grund zur Verweigerung der Taufe vorlag

         Die Taufe erfolgte durch Untertauchen in Wasser und nur in Ausnahmen durch Übergießen des Kopfes mit Wasser

         Der Täufer rief dabei den Namen Jesu an; später wurde das erweitert zur dreigliedrigen Formel

         Der Täufling legte ein Taufbekenntnis ab, zunächst wohl nur die Formel: „Herr ist Jesus“. Der Taufunterricht scheint in der Anfangszeit keine Voraussetzung für die Taufe gewesen zu sein.

         Zum Zeichen der Geistverleihung legte der Täufer dem Täufling die Hand auf, entweder vor dem Tauf­akt oder nach dem Taufakt

 

Was geschieht in der Taufe:

Die zentralen Punkte nennt Apostelgeschichte 2, 38: „Kehrt um und lasse sich ein jeder von euch taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen:

         Umkehr und Sündenvergebung: Berührung mit anderen religiösen Waschungen

         Rückbezug auf Jesus: Formel „auf den Namen Jesu“ (Apg 10,38)

         Gabe des Geistes

         Eingliederung in das Gottesvolk der Endzeit: Taufe als Aufnahme- Ritus

 

Der Ursprung der christlichen Taufe:

Eine Zurückführung auf den irdischen Jesus ist nicht möglich Er hat sich zwar von Johannes taufen lassen, doch haben er und seine Jünger während seines Wirkens nicht getauft. Grund: Jesu Verkündigung der Gottesherrschaft war nicht Gerichtsankündigung, sondern Heilszusage. In Jesus war die Erwartung, auf die die Johannestaufe zielte, erfüllt.

 

Die Taufe Jesu (Mk. 1,9-11): Auch sie gibt keine hinreichenden Anhaltspunkte zur direkten Herleitung der Taufe von Jesus. Die Spitze des Stückes liegt eindeutig in der Aussage über Christus in den Versen 10 bis 11. Im Unterschied zu den Abendmahlsworten bei Markus fehlen diesem Abschnitt zudem alle Züge einer Herleitung eines Kultes. Das heißt: Es deutet nichts darauf hin, daß jemals die urgemeindliche Taufpraxis von ihr her begründet worden wäre. Dies gilt noch stärker für die anderen Evangelisten, die den eigentlichen Taufakt noch mehr in den Hintergrund drängen.

 

Der Auferstandene und sein Taufbefehl:

Die beiden Stellen Matthäus 29,19-20 und Markus 16,15  reichen zur Erklärung der Entstehung der Taufe nicht aus: Die Markus-Stelle gehört zum sogenannten „unechten Markus-Schluß“, der in wichtigen Handschriften fehlt. Die Matthäus-Stelle gehört zur feierlichen Schlußszene des Evangeliums, die stark redaktionell gestaltet ist. So mag sie zwar auf eine Erscheinung des Auferstandenen zurückführbar sein, doch ist die Erwähnung der Taufe sicher erst vom Evangelisten eingebracht worden unter Benutzung liturgischer Tradition. Matthäus 28 liefert keine geschichtliche Herleitung der Taufe. sondern eine theologische Begründung.

 

Verständnis der Gemeinde:

Die Urgemeinde hat die durch den Täufer als Vorbereitung auf das endzeitliche Kommen Gottes vorgeprägte Taufe nach Ostern aufgenommen und vom Christusgeschehen her mit einem neuen Inhalt gefüllt. Die Gemeinde lebte in der Gewißheit, daß mit Jesu Tod und Auferstehung die Endzeitereignisse angebrochen waren. Wollten sich die Gemeindeglieder dem unterstellen, so bot sich. die Taufe als sichtbares Zeichen an. Dies lag schon deshalb nahe, weil Jesus die Johannestaufe als Zeichen der endzeitlichen Umkehr anerkannt hatte. Die Taufe war nun aber nicht mehr nur Vorbereitung auf das kommende Gericht, sondern Ausdruck an das in Jesus heilvoll Geschehene. So läßt sich vielleicht sagen, daß die Taufe nach Ostern an die Stelle des vorösterlichen Rufes in die Nachfolge trat.

 

Neues Testament und Kindertaufe:

Joachim Jeremias bemüht sich um eine Rechtfertigung der Kindertaufe durch den Nachweis einer entsprechenden Taufpraxis im Urchristentum aus den Texten:

         Taufe eines ganzen „Hauses“ („Oikosformel“)

         Taufe von ehemaligen Juden auch mit Kindern und Säuglingen

         Sitz im Leben der Kindersegnung (Mk 10,13-16) sei die Unterweisung über die Notwendigkeit der Kindertaufe

         Überall in der alten Kirche (außer Ostsyrien) sei im zweiten Jahrhundert die Kindertaufe ein alter und fester Brauch.

Kurt Aland macht dem gegenüber geltend:

         Keine der angeführten Stellen lasse erkennen, daß sich Kinder im Haus befanden

         Rückschlüsse von der Taufe ehemaliger Juden sind für das erste Jahrhundert schon aus zeitlichen Gründen nicht gerechtfertigt

         Aus 1. Kor7,14 sei zu schließen, daß Kinder von Christen generell als geheiligt und sündlos galten und darum nicht getauft wurden

         Die Schriften der Kirchenväter lassen erkennen, daß sich die Kindertaufe erst vom dritten Jahrhundert an entwickelte und sich erst im vierten Jahrhundert unter dem Eindruck der Erbsündenlehre des Augustinus allgemein durchgesetzt habe

         Eine Begründung der Kindertaufe könne nicht vom Wortlaut der Bibel, sondern nur theologisch erfolgen, das heißt vom Wesen der Taufe her.

 

Bei den Formeln vom „ganzen Haus“ (Oikos-Formeln) allerdings ist der Befund keineswegs eindeutig, da die Kleinkindertaufe im Neuen Testament kein Thema ist:

         Die Taufe hatte ihren selbstverständlichen Ort im Zusammenhang mit der Bekehrung. Sie markierte den Übertritt aus dem Machtbereich der Finsternis in den Machtbereich Christi. Von daher ist es nicht unwahrscheinlich, daß bei der Bekehrung eines Hauses auch Kleinkinder mit getauft wurden Die antike Großfamilie war ein umfassender Lebens- und Erfahrungsraum. So ist es durchaus selbstverständlich, daß der Familienvater bestrebt war, sein ganzes „Haus“ unter das in Jesus gegebene Heil zu stellen. Nach 1. Kor 7,12-16 war dies jedoch nicht der Regelfall.

         Dieselbe Bibelstelle zeigt auch, daß die Taufe der zweiten Generation nicht selbstverständlich war: Die Heiligkeit der Mutter strahle gleichsam auf das Kind aus.

         Bis mindestens im zweiten Jahrhundert herrschte die Vorstellung vor, daß Kleinkinder sündlos seien. Erst als die Vorstellung von der umfassenden auch die Kinder beherrschenden Macht der Erbsünde sich durchsetzte,  kam es zur Taufe von Neugeborenen.

Das Abendmahl

Überlieferung der Abendmahlsworte:

Die Einsetzungsworte sind in zwei Fassungen überliefert: Markus und Matthäus sowie Paulus und Lukas (Mk14,22-25 und Mt26,26 -29 und Lk. 22,19-20 und 1. Kor  11,23-26). Keiner dieser voneinander unabhängigen Fassungen kann von vornherein ein höheres Alter zugesprochen werden. Zwar ist Paulus der älteste literarische Zeuge im Neuen Testament, die Markusformel aber ist in höherem Grad von semitischen Sprachvoraussetzungen bestimmt. Unterschiede:

         Hinzufügung von „der für euch gegeben wird“ beim Brotwort. Markus und Matthäus dürften wohl älter sein, da eine Deutung auf die Heilsbedeutung  eher eingetragen als ausgelassen wird

         Der Wiederholungsbefehl fehlt bei Markus und Matthäus, da er unnötig ist, weil liturgische Handlungen immer wiederholt werden

         Nach dem Essen wird erst der Kelch genommen: Paulus und Lukas dürften hier älter sein, denn hier fehlt noch die liturgische Trennung von Abendmahl und Sättigungsmahl

         Das Becherwort ist sehr unterschiedlich überliefert: „Mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ (Markus) - „Mein Blut des neuen Testaments, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“ (Matthäus) - „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, vergossen für viele“ (Lukas).

Welche der beiden Fassungen älter ist, ist schwer zu entscheiden, sicher sind alle Hinzufügungen sekundär. Wenn das Kelchwort auf Jesus selbst zurückgeht, dann hat bereits er seinem Sterben eine Heilsbedeutung für andere zugemessen.

In der Praxis der Kirche hat man einen Mischtext geformt: Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird zur Vergebung der Sünde. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte, gab ihnen den und sprach: Nehmt hin und trinket alle daraus. Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, so oft ihrs trinket, zu meinem Gedächtnis.

 

Anfänge der nachösterlichen Mahlfeier:

Man hat den Schluß gezogen: Die Jerusalemer Gemeinde hat zunächst nach Ostern Gemeinschaftsmahle gehalten, die dem Modell jüdischer Festmahle folgten. Sie waren eine Fortsetzung der Mahlzeiten des irdischen Jesus mit seinen Jüngern im Lichte des Osterjubels. Die griechisch geprägten Gemeinden haben unter dem Einfluß heidnischer Mysterienkulte und Totengedächtnisfeiern eine andere Abendmahlsform entwickelt, in der die Gläubigen des Todes Jesu als ihrer Kultgottheit gedachten und die sakramentale Gemeinschaft mit seinem Fleisch und Blut vollzogen. Dagegen spricht aber:

         Die These stützt sich zu stark auf Texte der Apostelgeschichte, ohne deren Quellenwert zu berücksichtigen.

         Die Abendmahlstexte, die als Bildung der hellenistischen Gemeinde gelten, haben ein stark semitische Sprachfärbung, wenigstens die Grundelemente müssen auf palästinisch judenchristliche Überlieferung zurückgehen.

         Paulus führt die Herrenmahlstradition ausdrücklich auf einen Überlieferungsvorgang zurück („Ich habe es nämlich vom Herrn empfangen, was ich euch auch überliefert habe...“ (1.Kor 11,23).

         Weder für Markus noch für den 1. Korintherbrief ist das für die hellenistischen Mysterien grundlegende Motiv des Nachvollzugs des Schicksals der Kultgottheit aufweisbar, sondern das Mahl ist Erinnerung als Ankündigung eines vollzogenen Geschehens.

         Gegen eine Entstehung im hellenistischen Raum spricht ferner, daß palästinische Tischsitten vorausgesetzt werden.

Die Erinnerung an den Tod des Herrn hat schon kurze Zeit nach Ostern grundlegende Bedeutung für das Mahl gewonnen. Daß Jesu letztes Mahl ein Passahmahl war, ist wahrscheinlich. Daß der besondere Charakter dieses Mahles aber in der Aufnahme und Neu-Auslegung von Passahmotiven bestand, läßt sich jedoch nicht belegen. Das Herrenmahl geht nicht auf eine Einsetzung durch Jesus selbst zurück, sondern ist erst in der Gemeinde entstanden.

 

Der Rückbezug auf den irdischen Jesus:

Die Mahlgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern - aber auch mit seinen Jüngern - gehört zu den charakteristischsten Zügen des Wirkens Jesu. Wenn Jesus Tischgemeinschaft gewährte, so bedeutete dies, daß dem Eingeladenen Gemeinschaft mit Gott, Bejahung und Annahme zuteil wurde. Diese Mahlgemeinschaft war bereits in Vorwegnahme das Gottesvolk der Endzeit. Jesus gewährte Mahlgemeinschaft unter Berufung auf Gott und gegen den Widerstand maßgeblicher jüdischer Kreise.

Das Sterben Jesu brachte nicht nur den äußerlichen Abschluß dieser Gemeinschaft, sondern stellte sie zugleich sachlich in Frage. Durch seinen Kreuzestod war Jesus in der Öffentlichkeit als Gescheiterter und von Gott Verworfener angeprangert worden, der von ihm im Namen Gottes gewährten Gemeinschaft wurde also der Boden entzogen. Von diesem Standpunkt aus erhält die Mahlhandlung in der letzten Nacht einen positiv wirksamen Sinn: Jesus ermöglichte durch sie die Fortsetzung der Mahlgemeinschaft über seinen leiblichen Tod hinaus, indem er seinen Tod als ein von Gott bejahtes Geschehen in die Mahlgemeinschaft hineingab.

 

Die Entwicklung des Abendmahls bis zum Ende der apostolischen Zeit:

a.) Die äußere Gestalt: In Jerusalem war das Mahl vermutlich zunächst täglich begangen worden, in den griechischen Gemeinden bürgerte sich wohl die Feier am Herrentag (erster Tag der Woche) ein. Es wurde wechselweise in den Häusern der Gemeindeglieder gehalten (und hatte die Form eines Sättigungsmahles, das durch Brotbrechen und Brotwort eröffnet und durch den Segenskelch und das Becherwort abgeschlossen wurde.

Grundlegend ist der endzeitliche Bezug des Herrenmahls: Indem die Gemeinde der Wiederkunft entgegenblickt, bleibt sie sich dessen bewußt, daß sie sich auf der Wanderschaft befindet bis zu dem Tag, an dem sie mit ihrem Herrn vereint sein und mit ihm das messianische Freudenmahl feiern wird.

b.) Die Kontroverse des Paulus mit den Korinthern: In Analogie zu den Mysterienkulten bahnte sich in Korinth eine Sinnverschiebung des Mahls an. So sah man auch Fleisch und Blut des Herren als eine übernatürliche Speise, die dem Essenden und Trinkenden himmlische Tatsachen vermitteln konnte. Über dein Verständnis der Korinther, das Abendmahl sei wunderbare Speise für den Einzelnen, wurde der Gemeinschaftsbezug vergessen.

Die Stellungnahme des Paulus ist darum deutlich: Das Mahl ist nicht Sache des Einzelnen, sondern der Gemeinde. Eine Mahlfeier, bei der der Bruder übersehen wird, ist kein Herrenmahl, sondern eine eigenmächtige Veranstaltung zur eigenen Ehre. Da das Herrenmahl Eintritt in eine konkrete Lebens- und Gemeinschaftsform ist, ist auch die Teilnahme an heidnischen Kultmahlen ausgeschlossen. Durch die Anteilhabe am gemeinsamen Brot entsteht ein neues Sein: die Vielen werden zu einem.

c.) Die Trennung vom Sättigungsmahl: Mit der situationsbedingten Weisung in 1. Kor 11,4a setzte Paulus die Entwicklung in Gang, die zu der Trennung von Herrenmahl und Sättigungsmahl führte. In der Gemeinde des Markus (um 70) scheint diese Trennung vollzogen. Das Sättigungsmahl ging dem Herrenmahl voraus, das Motiv der Gemeinschaft verlagerte sich auf das erstere. Ende des zweiten Jahrhunderts. hat sich das Liebesmahl (Agape) ganz vom Herrenmahl gelöst, es war ein unregelmäßiges, gottesdienstliches Mahl ohne sakramentalen Charakter geworden. Diese Entwicklung bedeutete für das Herrenmahl, das sich bei ihm das Gewicht immer stärker auf das Kultisch-sakramentale verlagerte

d.) Im Johannes-Evangelium wird zwar keine Einsetzung des Herrenmahls überliefert, doch sind in den (sekundären?) Passagen der Brotrede deutliche Anklänge an das Abendmahl gegeben (Joh6,53-

 

Lehre von der Endzeit (Eschatologie):

Die Erwartung des nahen Endes teilt die erste Christenheit mit dem geschichtlichen Jesus. Jedoch kommt es nach Ostern zu einer Umprägung. Verkündigte Jesus die Nähe der bereits in der Gegenwart anbrechenden Gottesherrschaft, bekannte nun die Urgemeinde: Die Herrschaft Gottes wird mit dem sichtbaren Erscheinen des wiederkommenden Herrn verwirklicht. Aus dem Verkündiger wird der Verkündigte.

Die Erwartung hatte dabei folgende Elemente:

         Zentral war die Erwartung der Wiederkunft Christi (Phil 4,5) wie bei einer feierlichen Begrüßung eines Herrschers oder einer hochgestellten Persönlichkeit

         Es wird ein Wiedererscheinen vom Himmel her erwartet.

         Mit der Wiederkunft verbunden sind Auferstehung der Toten, Verwandlung der Lebenden um an dieser zukünftigen Herrschaft teilzuhaben und Entrückung in den Himmel

         Jesus wird die an ihn Glaubenden aus dem zukünftigen Zorngericht retten

         Weil die Wiederkunft unmittelbar bevorsteht ruft Paulus zur Wachsamkeit.

         Es gibt die Erwartung, daß die Wiederkunft noch zu Lebzeiten der ersten Generation der Christen stattfindet. Nachdem nun wohl einige Gemeindeglieder gestorben waren, gab dies ernsthafte Probleme, mit denen sich bereits Paulus auseinandersetzen mußte

 

Für die folgende Generation gab es das das Problem der Verzögerung der Wiederkunft Christi.  Dieses Problem wird auf folgende Weise angegangen:

         Das Kapitel 2. Thess 2 liest sich dabei wie ein Kommentar zu 1.Thessalonicher, der die Lehre vom Ende neu zu verstehen versucht: Eine Folge an Endereignissen wird nun der eigentlichen Wiederkunft vorgelagert. Damit aber gewinnen die Vorstellungen der Umwelt vom Ende der Welt (Apokalyptik) erhöhtes Gewicht.

         Auch die synoptische Apokalypse (Mk 13,1-27 und M.24,1-31 und Lk.21,5-28) kennt vorausgehende Ereignisse: Zerstörung des Tempels, falsche Christusse, Kriege, Aufruhr in der ganzen Welt, Erdbeben und Hungersnöte. Dann aber auch Verfolgungen der Christen, Zwie­spalt in den Familien, Haß aller gegen die Christen, Verkündigung des Evangeliums an alle Völker, Entweihung der Heiligen Stätte und Eroberung Jerusalems, Verschleppung in die Verbannung, falsche Christusse und Propheten, Erschütterung der kosmischen Ordnung, Kommen des  Menschensohn auf den Wolken und Sammlung der Auserwählten. Wichtig ist dabei, daß bereits einige gegenwärtige Ereignisse als Teil dieses endzeitlichen Plans verstanden werden.

Auch die synoptische Apokalypse mündet in eine Mahnung zur Wachsamkeit und zum Ausharren bis zum Ende. Es gibt keine Anzeichen dafür. daß die Verzögerung eine Beunruhigung in den Gemeinden hervorgerufen hätte, weil die Gemeinde vom Glauben erfüllt war, daß schon jetzt Christus der Herr ist und die Seinen durch den Geist mit ihm verbunden sind. Diese Heils-Gewißheit war möglich, weil das Heil auch gegenwärtig erfahren wurde:

         Mit seiner Erhöhung hat Christus über die Mächte und Gewalten triumphiert und sein Regiment angetreten

         Der Friede Gottes ist bereits angebrochen

         Die Gemeinde empfing den Geist Gottes, der sich in wunderbaren Erscheinungen, überspannten Wirkungen und Zungenreden zeigt. Es sind aber weniger die außerordentlichen Erfahrungen als vielmehr die Überzeugung, daß Gottes endzeitliche Verheißung in Erfüllung gegangen ist, die den Glauben der Urgemeinde bestimmt.

 

 

Notwendigkeit des Glaubens

Schon das älteste Glaubensbekenntnis 1. Kor 15 verweist nicht auf den Glauben der Zeugen, sondern auf die den Glauben begründenden Tatsachen, nämlich Tod und Auferweckung Jesu Christi. Die frohe Botschaft Jesu und das Glaubenszeugnis der Urkirche gehören unlöslich zusammen. Das Evangelium bleibt nur totes  Geschichtswissen ohne das Glaubenszeugnis der Kirche ein, die dieses Evangelium immer wieder weitergibt und neu bezeugt. Auch die christliche Botschaft kann nicht isoliert gesehen werden ohne Jesus, sonst wäre sie nur eine schöne Idee. Die Verkündigung der Kirche ist nicht selbst Offenbarung, sondern nur Hinführung zu ihr. Inhalt ist aber immer das Kreuz Christi. Es gibt keine ständige Offenbarung, sondern immer nur das eine Kreuz Jesu. Wer die Verkündigung Jesu isoliert, endet beim Menschen Jesus. Wer die Botschaft der Urkirche isoliert, endet bei Christus als einem reinen Himmelswesen.

 

 

Briefe im Neuen Testament

 

Wir besitzen keine Schriften aus der frühesten Kirche vor Paulus. Aber die später entstandenen Evangelien spiegeln natürlich aus einem gewissen Abstand heraus das Leben Jesu. Die zeitliche dazwischenliegende Redenquelle, die sich aus Matthäus und Lukas wiederherstellen laßt, überliefert keine geschichtlichen Daten, sondern nur die Lehre Jesu.

 

 

Paulusbriefe

 

Nicht alle Briefe sind wirklich von dem Apostel Paulus. Vielmehr hat es Schüler und Anhänger gegeben, die in seinem Sinne zu handeln meinten. Man hielt das nicht für ehrenrührig, sondern mit der Zuschreibung eines Textes auf eine berühmte Person wollte man diese ehren und selber zurücktreten. Nicht von Paulus sind die Briefe an Timotheus und Titus (die Pastoralbriefe), aber wahrscheinlich auch der Brief an die Kolosser und vielleicht auch an die Epheser (auch die anderen Briefe im Neuen Testament sind natürlich nicht von den dort genannten Verfassern).

Im Grunde ist es natürlich unerheblich, wer den Brief geschrieben hat, er ist in jedem Fall Verkündigung. Aber dann ist es doch auch nicht nötig, vom „Brief des Paulus an die Kolosser“ zu reden, sondern es genügt doch auch, wenn man die Frage nach dem Verfasser unerwähnt läßt und nur sagt: „Wir hören aus dem Brief an die Kolosser“ oder wenn man einfach vom „Verfasser“ spricht.

Schon gar nicht geht es, wenn man eine Stelle aus einem echten Paulusbrief erklären will mit einem Abschnitt aus der Apostelgeschichte. Diese stammt von Lukas und nicht von Paulus, und sie handelt zwar vom Leben des Paulus, aber doch aus der speziellen Sicht des Lukas.

 

 

Das Leben des Paulus

 

Quellen:

Höchsten Quellenwert haben die selbst geschrieben Berichte in den Paulusbriefen. Folgende Stellen sind hier von großer Bedeutung:

- Vom Verfolger der Gemeinde bis zum antiochenischen Zwischenfall Gal 1,10-2,14

- Eifer des Paulus für das Gesetz Phil 3,5-6

- Herkunft und Geschick des Paulus, dargestellt in der „Narrenrede“ 2. Kor 11,21-33

- Rückblick auf Reisen 2. Kor 1,15-2,13 und 7,5-7,16

- Die Pläne für die Zukunft Röm 15,22-33 und 1. Kor 16 und. Phil 2,19-30

- Auseinandersetzung mit theologischen Gegnern (Galaterbrief und Korintherbriefe).

 

Von weit geringerem Quellenwert dagegen ist die Apostelgeschichte, obwohl sie weit mehr Material für den Lebenslauf des Paulus bietet. Dies wird an einigen Punkten deutlich:

- die Apostelgeschichte verweigert dem Paulus den Rang und Titel des Apostels.

- die Schilderung des antiochenischen Konflikts ist völlig verschieden

- die Theologie des Paulus ist unzutreffend wiedergegeben.

 

Ein Vergleich von gemeinsamen Reiseschilderungen in der Apostelgeschichte und in den Paulusbriefen zeigt, daß die Apostelgeschichte den tatsächlichen Verlauf der Ereignisse zwar in etwa kennt, aber oft vereinfachend wiedergibt. Lukas kann aber eventuell an einigen Stellen auf zeitgenössische Quellen zurückgreifen. Die Apostelgeschichte muß daher kritisch betrachtet werden, wenn die Lücken im Lebenslauf des Paulus zu schließen sind. Ein Vergleich mit den verstreuten Notizen in den Briefen zeigt, daß die Apostelgeschichte oft nur eine oberflächliche und vergröbernde Kenntnis der Wirkung des Paulus kennt.

 

Herkunft und Bildung:

Paulus entstammt einer streng jüdischen Familie aus der Zerstreuung, aus der Stadt Tarsus in Kilikien (Apg 21,39 und 22,3), einer griechisch geprägten Stadt mit einer griechisch-orienta­li­schen Mischbevölkerung. Paulus war beschnitten und stammte aus dem Stamm Benjamin. Er gehörte nicht den niederen sozialen Schichten an, denn schon sein Vater besaß das städtische und römische Reichsbürgerrecht, das er seinem Sohn vererbte. Paulus war also ein römischer Bürger mit hellenistischer Bildung (Röm 1,18-20  und 1. Kor 6).

Deshalb erhält Paulus (wahrscheinlich schon bei seiner Geburt) seinen römischen Namen, mit dem er in seinen Briefen auftritt. Nur die Apostelgeschichte erwähnt auch seinen jüdischen Namen Saul bzw. Saulus. Die Redewendung „vom Saulus zum Paulus werden“ beschreibt zwar schön den Wandel des Paulus nach seiner Bekehrung, ist aber ungeschichtlich. Der Namenswechsel von Saulus zu Paulus fällt nicht mit der Bekehrung zusammen, sondern mit dem ersten Wunder auf der ersten Missionsreise (Apg 13,9).

Paulus wird Pharisäer und erhält seine Ausbildung zum Schriftgelehrten in Jerusalem. Er sagt selber, er sei ein Israelit (Röm 11,1 und 2. Kor 11,22 und Phil 3,5), sogar ein Pharisäer (Phil 3,5). Die schriftgelehrte Auslegung läßt sich in seinen späteren Schriften wiederfinden, es fehlt ihm aber die typische Besprechung einzelner Fälle. Ebenso hat diese Zugehörigkeit nicht seine griechisch geprägte Abkunft überdeckt, der er vor allem die Kenntnis von Begriffen und Gedanken der Philosophenschule Stoa verdankt (Freiheit, Knechtschaft, Gewissen, Tugend, Pflicht), sowie die Beherrschung gewisser rednerischer Kunstmittel und die Lehrform der volkstümlichen Abhandlung im Dialog („Diatribe“).

Wie andere Rabbinen hat er einen weltlichen Handwerks-Beruf ausgeübt, er war Zeltmacher oder Zeltsattler (1. Thess 2,9 und 1. Kor 9,6-7 und 2. Kor 11,2 und Apg 18,3). Dadurch hielt er sich bei seiner missionarischen Tätigkeit finanziell über Wasser (nur von der Gemeinde in Philippi nahm er Geldspenden entgegen).

 

Die Bekehrung des Paulus:

Paulus war Verfolger der Gemeinde (Gal 1,13 und 23; Phil 3,6; 1.Kor 15). Aber eine aktive Beteiligung an der Verfolgung in Jerusalem ist ausgeschlossen (Gal 1,22).

Paulus hat Jesus wohl selbst nicht mehr gekannt, wurde aber im Eifer für Gesetz und Überlieferung der Väter zum Verfolger der christlichen Gemeinde. Die erste Verfolgung und Austreibung hat nur die gesetzesfreien Christen aus dem griechischen Raum getroffen, vor allem im Raum Damaskus. Hier hat auch Paulus gewirkt. Die Verfolgung hat aber wohl nicht in der in der Apostelgeschichte geschilderten heftigen Art stattgefunden, da Hohepriester nie eine derartige Gerichtsgewalt (Todesstrafe!). , Vielmehr ist an schwere Prügelstrafe, Bann und Synagogenausschluß zu denken. Der .Angriff auf das jüdische Gesetz war der entscheidende Anlaß für die Verfolgungen.

 

Paulus redet von seiner Bekehrung als Tat Gottes, die ihm durch die Offenbarung des Gottessohnes und Herrn Jesus Christus widerfuhr, im Sinne einer Christusschau) (Vision) (Gal1,15 und 1. Kor 9,1 und 15,8)(Rückblick in 1. Kor 15,9-10; Phil 3,7-9. Paulus nennt auch den Ort: Damaskus.

Er reiht sich in die Reihe der Zeugen des Auferstandenen ein und erzählt doch nie nach Art der Propheten des Alten Testaments eine Berufungsvision. Offenbarung ist für ihn ein die Welt angehendes, seine eigene Person weit übertreffendes Geschehen. Paulus wurde nicht von der Gottlosigkeit zum Glauben bekehrt, sondern von der eigenen Gerechtigkeit aus Werken zur Gerechtigkeit aus Glauben.

Die Apostelgeschichte berichtet auch von der Bekehrung, aber ganz im Stil der legendenhaften Erscheinungsgeschichten. Dies steht gänzlich im Gegensatz zur jeder Dramatik entbehrenden Sparsamkeit der Briefstellen über die Bekehrung.

 

Missionstätigkeit:

Paulus beginnt mit der Mission in Arabien (Gal 1,17 und 2. Kor 11,26). Nach drei Jahren  geht er nach Jerusalem (Gal 1,17-18 und 2,1). Dort kam es zur Begegnung  mit Petrus und Jakobus (Gal 1,19). Es folgt die Mission in Syrien und Kilikien (Gal 1,21). Beim Apostelkonzil in Jerusalem (Gal 2,1) erhält er nur die Auflage zur Kollekte (Gal 2,6 und 10 sowie Röm 15,26). Dann kommt es zum Bruch mit Barnabas (1. Kor 9,6 und Kol 4,10). Es folgt die zweite Reise mit Silas.

Auf der dritten Reise hält er sich in Korinth (Apg 18,11) und in Ephesus auf (Apg 19,1). Ziel ist Rom (1.Thess 2,2; 1. Kor 4,9, 2. Kor 1,4;  und öfter). Paulus versteht sich als Apostel aller Völker (Gal 1,15 und Röm 1,5).

 

Überblick über die Missionsreisen:

1.) Antiochien, Salamis, Paphos, Attalia, Perge, Antiochien, Ikonium, Lystra, Derbe. 

     Rückweg nach Attalia und Antiochien.

2.) (Jerusalem, Cäsarea, Ptolemais, Sidon) Antiochien, Tarsus, Derbe, Lystra, 

     Ikonium, Antiochien, Phygien, Galatien, Mysien, Assus, Troas, Samothrake,

    Philippi, Amphipolis. Apollonid, Thessalonich, Beröa, Athen, Korinth, Ephesus,  

    Cäsarea (Jerusalem?), Antiochien.

3.) Antiochien, Galatien, Phrygien, Ephesus, Makedonien, Griechenland,

     Makedonien, Philippi, Troas, Assus, Milet, Patara, Tyrus, Ptolemais, Cäsarea,

    Jerusalem.

4.) Jerusalem, Cäsarea, Sidon, Myra, Knidos, Kreta (Lasea), Malta, Syrakus,

     Rhegium, Potioli, Rom.

 

Chronologie im Leben des Paulus  (nach Jeremias und anderen)

Einziges absolutes Datum ist die Erwähnung des Statthalters Gallio (Apg 18,12).

Aufgrund einer gefundenen Inschrift, die einen Brief des Kaisers Claudius an die Stadt Delphi wiedergibt, läßt sich dessen Amtszeit in Achaia höchst wahrscheinlich auf die Jahre 51-52 (oder auch 50/51) errechnen.

In der sogenannten „Gallio-Inschrift“ taucht der Name des Prokonsuls von Achaia auf,  Gallio Tiberius Claudius, der von 41 bis 54 amtierte. Dieser wird auch in Apg 18,12 erwähnt. Die Buchstaben „KS“ auf der Inschrift entsprechen dabei dem Zahlenwert von 26. Dieser bezieht sich auf die 26. Akklamation (Ausrufung) im elften Jahr seines Amtes. Die 27. Akklamation war am 1. August 52, die 25. und 26. Akklamation liegen also zwischen dem 25. Januar 52 und vor dem 1. August 52 (es gab nie mehr als drei Akklamation im Jahr). Gallio war also im ersten Halbjahr 52 der Prokonsul in Achaia. Die Amtszeit dauerte immer nur ein Jahr. Da es aber vor dem Amtsantritt einen langen Papierkrieg gab, müßte sein Amtsantritt am 1. Mai 51 gewesen sein. Aus dieser Inschrift kann man eine ungefähre zeitliche Abfolge des Lebens des Paulus und seiner Briefe erschließen. Alle Jahreszahlen könne aber auch ein Jahr früher liegen:

 

Alle weiteren Zeitspannen sind relativ und lassen sich nur aus der Apostelgeschichte und den Paulusbriefen erschließen: Nach Gal 1,18 und 2,1 zog Paulus drei Jahre nach seiner Bekehrung nach Jerusalem und dann 14 Jahre später zum Apostelkonvent. Da unsicher ist, ob die Zeitangaben nur volle Jahre zählen oder auch bereits angefangene, gibt es demnach zwei Möglichkeiten für die Zeitdifferenz zwischen Bekehrung und Apostelkonvent, es kommt ein Zeitraum von 13 bis 18 Jahren in Frage. Der Apostelkonvent war demnach 13 bis 18 Jahre nach der Bekehrung. Nach Apostelgeschichte 15 bis 18 findet der Apostelkonvent vor dem ersten Aufenthalt des Paulus in Korinth statt, also etwa.48 oder 49.

In Korinth angekommen (zweite Missionsreise) trifft Paulus dort Aquila und Priscilla, die wegen des Claudius-Edikts erst kürzlich aus Rom vertrieben worden waren. Der christliche Geschichtsschreiber Orosius (5. Jahrhundert) datiert dieses Edikt auf das Jahr 49 (der römische Schriftsteller Dio Cassius dagegen auf 41). Es ist also wahrscheinlich, daß Paulus um 49 nach Korinth kam (paßt zur Gallio-Stelle).

Nach Apg 18,11 blieb Paulus eineinhalb Jahre in Korinth. Dabei kam es zu jenem Zwischenfall vor Gallio, der den festen Bezugspunkt der Zeitfolge darstellt. Wenn Gallio zwischen 50 und 52 Statthalter und Paulus eineinhalb Jahre in Korinth war, so ergibt sich für die Korinth-Aufenthalt theoretisch die äußersten Möglichkeiten 48 - 50 bzw. 52 -5 4. Da das Claudius-Edikt aber bereits vorausgesetzt ist, doch noch nicht lange zurückliegt, war Paulus wohl 49 - 51 bzw. 50 -5 2 in Korinth.

Auf seiner dritten Missionsreise legt Paulus in Ephesus einen längeren Aufenthalt von etwa zweieinhalb Jahren ein. Dies ist sein zweiter Aufenthalt in Ephesus. Die Zeit zwischen der Abreise aus Korinth mit ihrem kurzen Zwischenstop in Ephesus und dem zweiten Aufenthalt in Ephesus könnte ein, aber auch mehrere Jahre betragen.

Die Gefangennahme in Jerusalem geschah nach Apostelgeschichte 21 - 26 noch unter dem Prokurator Antonius Felix (52-60), der dann von Festus (60-62) abgelöst wurde. Eine Überführung nach Rom könnte demnach erst um 60 geschehen sein.

Paulus erlitt nach der Überlieferung im Jahr 64 beim Brand Roms unter Nero (54 - 68) den Märtyrertod. Davon weiß die Apostelgeschichte allerdings nichts. Jedoch kann das Martyrium bereits früher geschehen sein.

 

Chronologie des Lebens des Paulus:

 

0

Geburt um die Jahr­hundertwende

 

 

30

Kreuzigung Jesu

 

 

32

Bekehrung und Berufung

 

 

 

Aufenthalt in Arabien

 

 

35

Besuch in Jerusalem (Gal 1)

 

 

 

 

 

 

46 - 49

Erste Missionsreise (Apg 13)

 

 

Frühjahr  49

Apostelkonzil (16 Jahre nach der Bekehrung, vgl. Apg 15)

 

 

49 

Beginn zweite Missionsreise

 

 

Mai 49 

Landreise über das Taurusgebirge

 

 

Ende 49

Ankunft in Korinth und dort

1 bis 2 Jahre Aufenthalt

(Gallio: Mai - Juni 51)

Ende 49

bis 50

1. Thessalonicher

 

 

 

 

45/50

2. Thessalonicher

 

 

50

Galater ?

Herbst 52

Rückreise nach Antiochia

 

 

53 - 56

Dritte Missionsreise

 

 

Mai 53

Aufbruch über den Taurus

 

 

Sommer 53

Ankunft in Ephesus und dort 1 bis 2 Jahre Aufenthalt

53

Galater ?

 

 

Frühjahr 55

Verlorener erster Korintherbrief

 

 

vor Ostern

1.Korinther

Sommer 54

Zwischenbesuch in Korinth

Frühjahr 55

„Tränenbrief“

Herbst 54

Abreise aus Ephesus

 

 

 

 

Spätherbst 55 oder 56

2. Korinther

Winter 55

Makedonien/ Griechenland

 

 

Ostern 55

Philippi (Apg 20,6)

 

 

 

 

Frühjahr 55

Römerbrief

Frühjahr 57

Ankunft in Jerusalem

 

 

57

Gefangennahme in Jerusalem

 

 

57 - 59

Prozeß länger als zwei Jahre

 

 

59 / 60

Fahrt nach Rom

 

 

58

Überführung nach Rom

 

Philipperbrief

Philemon

58-60

Gefangenschaft in Rom

 

 

zwischen 60 und 64

Märtyrertod unter Nero

 

 

 

 

Römerbrief

Die Gemeinde wurde nicht durch Petrus gegründet, denn Paulus greift nicht in fremdes Missionsgebiet ein (1.Kor 9,5). Die Gründung erfolgte durch unbekannte Heiden- oder Judenchristen, vielleicht von Händlern aus dem Osten. Der römische Schriftsteller Sueton berichtet (Vita Claudii 25), daß 50.000 Juden aus Rom vertrieben wurden, vielleicht weil die christliche Mission zu Unruhen führte. Aber im Jahre 54 gab es schon wieder eine starke christliche Gemeinde.

Diese bestand aber jetzt vor allem aus ehemaligen Heiden, sie ist mehrheitlich von den ehemaligen Heiden geprägt. Es gibt aber auch einige ehemalige Juden (Es findet sich keine Beschneidung und Tischgemeinschaft, die Gemeinde ist legalistisch, aber nicht judaistisch, vgl. 15,7-13).

Paulus wollte die Gemeinde besuchen (Röm 15,14-29), weil er im Osten seine Aufgabe erfüllt hatte. Er will erst noch die Kollekte zur verarmten Gemeinde in Jerusalem bringen und dann nach Spanien reisen. Dahinter steht die Vorstellung, daß erst alle Länder das Evangelium gehört haben müssen, ehe das Ende kommt (Mk 13,19).

Weil Paulus die Gemeinde nur vom Hörensagen kennt, halten sich die konkreten Anspielungen in einem gewissen Rahmen. Er will nach Rom kommen, um dort eine Missionsbasis für den Westen des Reichs zu schaffen. Um sich in Rom bekannt zu machen, stellt er sich mit diesem Brief vor.

Anlaß ist also die Fühlungnahme zur Vorbereitung des Missionsstützpunkts (15,24-28). Ziel ist die Auseinandersetzung mit der jüdischen Heilslehre („Gesetzeswerke“)  und antinomis­ti­schen Einwänden  (eine Richtung ohne alle Bindungen, also Liber­tinisten). Außerdem gab es eine Auseinandersetzung um die Vegetarier, vielleicht geht es auch gegen römerfeindliche (zelotische) Strömungen (13,1-7). Paulus hat nämlich Nachrichten aus der Gemeinde über Auflehnung gegen seine Tätigkeit, über Auflehnung gegen den Staat und darüber, daß keine Abendmahlsgemeinschaft zwischen ehemaligen Juden und Heiden besteht.

Der Brief wurde im Frühjahr 55 im Osten geschrieben - wahrscheinlich in Korinth - am Ende der Missionstätigkeit des Paulus, kurz bevor Paulus die Kollekte nach Jerusalem bringt.

 

Inhalt

Die Gesamtüberschrift des Briefes ist: „Evangelium Christi an Heiden und Juden“.

Die Hauptgedanken sind Gericht (1,18 - 3,20), Heil (3,21-31), Vollendung( 5) , Pro­­b­lem Israels (9 -1 1) und Ermahnung (12 - 16). Der Brief ist ein theologisches Selbstbekenntnis des Paulus: „So verstehe ich das Evangelium“. Aber er ist kein Lehrbuch des christlichen Glaubens. Es fehlen die Gemeindeordnung und das Abendmahl, die Lehre von Christus und der Endzeit sind unvollständig.

Am Verständnis des Römerbriefs entscheidet sich das Verständnis des Christentums. Paulus stellt hier positiv dar, was der Kern des Evangeliums ist. Aber der Brief ist keine vollständige Lehre des Christentums, sondern ein Gelegenheitsschreiben.

 

Der Brief hat drei Teile, getrennt durch die Kapitel 9 bis 11:

Kapitel 1 - 4        : Der Glaubende wird durch die Gerechtigkeit Gottes gerettet (1,17)

Kapitel 5 - 8        : Das bedeutet Leben für den Glaubenden (hymnischer Schluß)

Kapitel 9 - 11      :  Ist das Evangelium eine Kraft der Rettung für die Juden?

Kapitel 12 - 15,13: Ermahnungen ohne logischen Zusammenhang und

Kapitel 15,14 - 15: Nachrichten, Reisepläne                                       und

Kapitel 16            : Grüße als Anhang, deren Echtheit umstritten ist.

 

Nach dem Römerbrief ist die Geschichte eine auf ein Ziel zugehende Zeit göttlichen Handelns, die aber durchdrungen ist von verschiedenen Strömen. Einer davon ist die Zeit des Gesetzes, aber Christus ist der Wendepunkt. Das Gesetz ist nicht epochemachend, Christus ist die Mitte der Zeit. Gott hat alles geschaffen. Das geschichtliche Geschehen liegt nicht in der Hand der Menschen. Aber alles geschieht nicht willkürlich, sondern Gott hat von Anfang an geplant. Alle Geschichte ist Leben auf die Vollendung in Christus hin. Die Frage ist, ob ich diese Heilsgeschichte für meine Zeit übernehmen will. Zuerst wurde die Welt verändert, dann erst wird meine Existenz verändert. Es geht also um Geschichte, die nicht einfach nur auf mein Inneres hin („existential“) ausgelegt werden darf. Sicherlich gibt es auch veraltete Ansichten, wie die Ansicht von den zwei Zeitaltern (Äonen) und die Naherwartung. Aber der Anspruch der Botschaft  soll uns zur Einsicht führen: Das Ärgerliche an der Botschaft ist nur Ausfluß der Weisheit Gottes.

 

In Röm 4, 23-25 kann man etwas erkennen von dem Denken und der Auslegung des Paulus: Was im Alten Testament über Abraham gesagt wurde, wurde nicht nur für die damaligen  nachfolgenden Geschlechter aufgeschrieben, sondern auch „um unsertwillen“. Die Gemeinde Jesu Christi bekennt sich zu dem gleichen Gott wie Abraham.

 

In Römer 13 wird das Verhältnis zur staatlichen Gewalt („Obrigkeit“) besprochen: Jeder Mensch soll sich den Machthabern über ihm unterordnen (nicht. „gehorchen“), denn alle Machthaber sind von Gott. Nur wer Böses tut, muß sie fürchten. Wer aber Gutes tut, braucht sie nicht zu fürchten. Paulus ist konservativ, nicht revolutionär. Der Gewaltstaat war noch nicht im Blick. Paulus hat allerdings auch schon negative Erfahrungen gemacht: Er wurde mit dem Stock geschlagen (2. Kor 6,5) und mußte sich letztlich auf seine römische Staatsbürgerschaft berufen. Die Vollmacht des Staates ist nicht nur eine Formsache, weil sowieso bald das Ende kommt. Der Staat hat keine göttliche Würde und es wird vorausgesetzt, daß die Machthaber das Gute tun. Paulus steht aber dem Staat fern. Es geht ihm nur um die Beziehung des einzelnen Christen gegenüber den Machtträgern.

Der Staat von damals ist kein demokratischer Staat, aber er ist auch nicht ein entarteter Staat. Andererseits haben die Christen keine Verantwortung für die Machtträger. Sie können nichts anderes tun als Steuern zu zahlen und das Böse zu meiden. Von einem unbedingten Gehorsam ihnen gegenüber ist nicht die Rede. Man muß den Text nach seiner zeitgeschichtlichen Bedeutung befragen und von den damaligen Motiven her fragen, wie wir uns heute dem Staat gegenüber verhalten können.

Aber Römer 13 ist nicht das einzige Wort im Neuen Testament über die Stellung der Christen zur Sozialordnung (Zinsgroschen, Apostelgeschichte 5,29 und Offenbarung des Johannes). Paulus beruft sich auch nicht ausdrücklich auf ein Wort Jesu, aber eine gewisse Berührung mit der Jesustradition ist unverkennbar: Röm 13, 7 erinnert an Mk 12,17 parallel Mt 22,21.

Die eigene Entscheidung erfolgt in der Begegnung mit dem Text der damaligen Zeit. Dieser ist aber nicht aus dem Römerbrief zu streichen, obwohl er ein Fremdkörper ist. Es wird hier nicht grundsätzlich nachgedacht über das Verhältnis des Christen zur Obrigkeit, denn es fehlt ja auch eine Warnung vor Mißbrauch an die Obrigkeit. Die historische Auslegung ist theologisch einzuordnen in den Gesamtrahmen des Briefs und zu befragen nach der Bedeutung für heute. Was Paulus meint, ist für unsere Zeit anzuwenden. Und da können wir auch zu einer anderen Entscheidung kommen als der Römerbrief.

 

In Kapitel 15 und 16 schreibt Paulus sehr viele Grüße. Woher kennt er eine so große Zahl von Römern? Aber selbst wenn diese Kapitel in einen anderen Brief gehörten, sind sie doch von Paulus. Man hat vermutet, sie gehörten in einen Brief nach Korinth oder nach Ephesus. Aber ein Brief fast nur aus Grüßen ist unmöglich (ein Brief nur aus diesem einen Kapitel wäre literarisch unmöglich).

Römer 16 ist kein Fragment eines Epheserbriefs: Paulus kennt nicht alle Gegrüßten persönlich, obwohl unter Nero viele Juden nach Rom zurückdurften.  Nur der Lobpreis 16,25-27 ist ein Zusatz. Die unterschiedliche Stellung ist entstanden durch das Fehlen der Kapitel 15 bis16 bei Marcion. Nach Bultmann sind auch  2,16; 6,17; 7,25b; 8,1 und 10,17 Glossen.

Wenn der Schluß des Römerbriefs nicht von Paulus ist, sondern wahrscheinlich aus dem gottesdienstlichen Gebrauch der Gemeinde, so heißt das doch nicht, daß man darüber nicht predigen kann (in Reihe VI ist der Satz Röm 16,25-27 Predigttext am 2.Sonntag nach dem Christfest). Auch wenn ein anderer Christ das verfaßt hat, so ist es doch Gottes Wort.

 

 

 

Erster Korintherbrief

Gliederung:

Der Brief ist recht gut überschaubar. Paulus bespricht Probleme des Lebens einer christlichen Gemeinde, ohne daß dabei allerdings eine bestimmte Themenordnung erkennbar ist. Offensichtlich antwortet er dabei auf verschiedene Anfragen.

 

Empfänger:

Die heidenchristliche Gemeinde (12,2) hat aber auch ein judenchristliches Element (Apg 18,4 und 1. Kor 7,18 und 11,2-34). Zur Gemeinde gehören vorwiegend niedere Stände(1,26-31, aber auch sozial Höherstehende (11,21). Gegründet wurde sie von Paulus (3,6) auf der zweiten Reise im Jahre 50 (Apg 18,1-17).

Anlaß des Briefes ist eine schriftliche Anfrage des paulustreuen Teils der Gemeinde (7,1) (nachdem Paulus den 5,9-13 erwähnten Brief gesandt hatte) oder auch mündliche Nachrichten von den Leuten der Phoebe (1,1und 18). Die Polemik in Kapitel 1 bis 4 richtet sich jedoch immer gegen die ganze Gemeinde, es gibt nur e i n e Front gegen die gnostische Umdeutung der Christusbotschaft (jedoch keine  gnostische Christologie)

 

Ziel:

Es gibt keine einheitliche Thematik, sondern es geht um die Erbauung der Kirche durch Polemik gegen die Gegner in deren Begrifflichkeit und durch die Beantwortung der Fragen. Es geht um den Rückruf aus einer vermeintlichen „transeschatolo­gischen Existenz“ in den „Horizont des geschichtlichen Miteinander“ (Bornkamm) aufgrund des Wortes vom Kreuz.

Die Abfassung erfolgte nach dem Galaterbrief, der noch nicht von der Kollekte spricht (16,1). Nach 5,8 und 16,8 ist der Brief wohl um Ostern 55/56 aus Ephesus geschrieben (2. Kor 8,10 und 9,2).

 

Einheitlichkeit:

Die Einheitlichkeit des Briefes wird gelegentlich umstritten, da mehrere Spannungen zu beobachten sind:

-  Bruchstellen sind in Kapitel 5 und 11,18-19.

-  Die Abschnitte 6,12-20 und 10,1-22 stören und passen schlecht

-  Die Länge des Briefs ist auffällig.

-  Teilnahme am Götzenopfermahl:1. Kor 10,1-22 gegen 1. Kor 8,13 und 10,23

-  Kapitel 13 steht mit harten Übergängen zwischen 12 und 14.

-  Kapitel 15 erscheint gänzlich isoliert.

Schmithals trennt in einen Vorbrief (2. Kor. 6,14-7,1 und 1. Kor 9,24 -10,22 und 6,12-20 und 11,2-34 und 15 und 16,13-21) und einen .zweiten Brief (1. Kor 1,1  -6,11 und  7,1 - 9,23 und 10,23- 11,1und 12,1-14,40 und 16,1-12). Dieser zweite Brief ist die Antwort auf den Brief der Korinther und Grundlage des ersten Korintherbriefs, in den der Vorbrief eingefügt wurde. Der „ökumenische Zusatz“ 1,26 ist eine liturgisch be­dingte Kennzeichnung der gesamten Christenheit.

Eine Teilungshypothese wäre aber nur zu verantworten, wenn nicht nur stilistische Argumente, sondern auch verschiedene Abfassungssituationen angenommen werden könnten. Es gibt zum Beispiel eine umfassende Teilungshypothese von Dinkler, der zwei Briefe in verschiedener Reihenfolge annimmt. Dabei ist allerdings auf eine Menge von Vermutungen zurückzugreifen, vor allem lassen sich klar verschiedene Abfassungssituationen kaum erkennen. Die Brüche zwischen einzelnen Abschnitten lassen sich durchaus auch dadurch erklären, daß Paulus hier verschiedene Themen und von den Korinthern gestellte Fragen beantwortet.

Textkritisch ist vor allem 1.Kor. 14,33b-36 bedeutsam („Die Frau schweige in der Gemeinde“). Die Stellung ändert sich in einigen Handschriften, das Gebot widerspricht sachlich 1.Kor 11,5, wo davon ausgegangen wird, daß Frauen aktiv am Gottesdienst teilnehmen. Außerdem wird der Gedankengang unterbrochen. So handelt es sich wohl um eine Einfügung.

 

Die Gegner:

Die Gemeinde wurde Ende 49 gegründet. Paulus begann seine Wirksamkeit in der Synagoge, dem jüdischen Bethaus. Aber inzwischen wirkt dort ein gewisser Apollos, den Paulus an sich als rechtmäßigen Fortsetzer seiner Arbeit ansieht. Außerdem sind dort die „Kephasleute“ eingetroffen, die auch das „Zungenreden“ mitgebracht haben. Aber sie wurden nicht von Petrus gegründet, sondern haben sich nur auf ihn berufen (Kephas = der Fels = Petrus). Und dann gibt es noch eine Christusgruppe, deren Mitglieder sich als wahre Christen ansahen.

In 1. Korinther 1 - 4 kritisiert Paulus die Spaltung der Gemeinde in verschiedene Gruppen, die sich jeweils auf verschiedene Apostel oder auf Christus selbst berufen. Paulus kritisiert dabei Gemeindeglieder, die sich „aufblasen“ . Verschiedene Personen in der Gemeinde sehen sich genötigt. ihre Streitigkeiten vor öffentlichen Gerichten auszutragen. Daraus ist zu schließen, daß es in Korinth sicher mehrere Gruppen gab, die sich wohl auch in theologischen Fragen unterschieden.

 

Paulus kritisiert:

-       Gruppenbildung und Streit                      1,10                6,1-11

-       Angriff auf den Apostel                 4,1-5               2. Kor 10-13

-       Eschatologische Schwärmerei    15,12              2. Kor 5

-       Libertinismus                                              5,1-13            6,9-20            8,1-13

-       Sakramentalismus                         10,1-12          11,17

Schlagworte sind: Gnosis, Sophia, Vollkommenheit, Geistlichsein, Vollmacht.

 

Folgende Streitpunkte lassen sich erkennen:

-       In 1. Kor 1,18-31 kritisiert Paulus die Korinther, die meinen, Weisheit erlangt zu haben, mit immer wieder neuen Hinweisen auf die Kreuzigung Christi, die in den Augen der Welt eine Torheit ist

-       In 1. Kor 4,8 kritisiert Paulus ironisch, daß die Korinther meinen, sie seien bereits „zur Herrschaft gelangt“

-       Prophetie und Wunderkräfte werden bei den Korinthern offensichtlich so hochgeschätzt, daß die Einheit der Gemeinde davon bedroht ist (1. Kor 12+14)

-       Auch bei der Feier des Herrenmahls steht wohl die geistliche Erfahrung des Einzelnen über der Gemeinschaft und Einheit der Gemeinde (1.Kor 11,17-34)

-       Ferner kritisiert Paulus Grundhaltungen wie „Alles ist erlaubt“ (1. Kor 6,12 und 10,23) bzw. „Wir haben Erkenntnis“ (1.Kor 8,1)

-       In Röm 7,1 zitiert Paulus wohl eine Anfrage der Korinther, die die Sexualaskese empfiehlt. So gab es wohl auch eine asketische Gruppe in Korinth.

Allerdings ist es nicht möglich, die einzelnen Kritiken des Paulus den verschiedenen Parteiungen zuzuordnen (die Petrus-Anhänger mit Christen in Verbindung gebracht, die jüdische Bräuche und Lehren beibehalten wollen).

Auch redet Paulus interessanterweise die Gemeinde immer als Ganzes an, auch gerade in Kapitel 1 - 4, wo er alle Gruppen mit den gleichen Entgegnungen kritisiert. Es könnte sein, daß die Spaltung nicht durch das Vorhandensein verschiedener Lehren oder Richtungen in der Gemeinde verursacht ist, sondern durch Überschätzung der menschlichen Lehrer und Taufenden bei den Korinthern infolge eines falschen Verständnisses der Taufe

 

 

Zweiter Korintherbrief

Einheit des Briefes:

Die Einheit des Briefes ist umstritten. Es gibt Brüche und Spannungen: 

-       3,17 und 18,6 und 5,16 sind vielleicht gnostische Glossen.

-       2,14 - 74        ist eine eingeschobene ruhige dogmatische Darlegung

-       10- 13            ist an den Brief angefügt

-       8 und 9          sind thematisch parallel

-       6,14 -. 7,1      fällt ganz aus dem Rahmen.,

Besonders verdächtigt wird der Abschnitt 2. Kor 6,14. - 7,1, in dem Sprache und Inhalt anders sind als sonst bei Paulus. Doch wird weniger der Inhalt angefochten, sondern verdächtiger ist die Stellung. Wenn Paulus hier aber ein fremdes Stück aufgenommen hätte, dann wäre zu klären, woher er es hatte. Deshalb sollte man mit dem Text zufrieden sein, denn der Inhalt ist von Paulus.

Auch in 2. Kor 10 - 13 herrscht ein rauherer Ton, aber deswegen ist hier noch nicht der verlorengegangene Zwischenbrief erhalten. Paulus bewertet hier die Vorgänge nur schärfer, vielleicht aus einem gewissen zeitlichen Abstand zu Kapitel 1 - 9. Das Kapitel 9 kann nicht für sich stehen, denn hier geht es nur noch um die rasche Abwicklung der Kollekte, nicht mehr um die Notwendigkeit einer Kollekte.

 

Lösungsversuch: (nach Bultmann und Wilckens)

Mehrmals ein besonderer Brief erwähnt (2,3-4 und 9 sowie 7,13), der „Tränenbrief“.

  • A  Tränenbrief: 10,1 -13,10 und 2,14 - 7,4 und 13,11-13  (erwähnt 2,3-4):

Anlaß sind die Erfahrungen beim Zwischenbesuch (2,1): Das Verhalten des Kritikers, Auftreten der Überapostel (11,5 und 12,1), Bestreitung der Legitimität des Apostolats des Paulus durch jüdisch-christliche Apostel.

Aus 11,21-33 geht hervor: Es gab fremde Empfehlungsbriefe, Zungenreden, Alleinbesitz der Gnosis (die Judenchristen haben sich mit der gnostischen Gegnerschaft des ersten Korintherbriefs  verbündet, so daß sie nun eine Front bilden).

Ziel ist die Stellungnahme zu den Überaposteln und die Behauptung der Legitimität durch eine scharfe Polemik (Dabei kommt es auch zu einer grundsätzlichen Darlegung über das Wesen des apostolischen Amtes (2,14 - 7,4). „Der Apostel in seiner Schwachheit ist ein Beispiel für die Paradoxie der christlichen Existenz“. Die Abfassung wäre im Jahr 55/56 in Ephesus.

  • B  Freudenbrief: 1,1 - 2,13 und 7,5 - 8,24

Anlaß ist der Bericht des Titus (7,6-12 und 2,5-6 und 4,4 und 10,12.18). Paulus wird der Vorwurf der Unzuverlässigkeit (1,12) und Härte (2,1) gemacht.

Außerdem geht es um die Kollekte (8). Ziel ist die Klärung der Pläne und Vorwürfe (1,12-24), die Versöhnung (2,18 und 7,13), die Wiederaufnahme des Kritikers (2,5-13 und der Abschluß der Kollekte und die Vorbereitung des Besuchs.  Die Abfassung erfolgte bald nach dem Tränenbrief in Makedonien (7,5-6). Nach Apg 20,2-16 war Paulus drei Monate in Korinth,  die Abfassung könnte also zur Pasahzeit in Philippi erfolgt sein.

  • C  Kollektenbrief an die Gemeinden in Achaia: 9
  • D  Fragment: 6,14 -7,1 (Bornkamm gliedert  2,14-7,4 als eigenen Brief aus).

 

Dagegen führt Kümmel an:

-       12,18 sieht auf 8,6 und 16-18 zurück

-       2,5-5,9 wird in 10 - 13 nicht behandelt

-       2,3-13  und 7,8-12 reden nicht von der Reaktion der Überapostel.

Der Brief wurde in einem gewissen zeitlichen Abstand ein Schluß angehängt, der den Sorgen schärferen Ausdruck gab. Auch Kapitel 1 - 9 sind eine Einheit (ohne vielleicht 6,14-7,1). Der Vers 2,13 veranlaßt zu der Doxologie, die dann überleitet zur Apologie des Apostelamtes, von der in 6,11 - 7,4 langsam wieder zurückgeleitet wird. Kapitel 9 betont nur die Notwendigkeit, reichlich zu geben.

 

Ablauf der Ereignisse:

Paulus hätte also mindestens vier Briefe nach Korinth geschrieben: Der erste war ein heute verlorener Brief (1. Kor 5,9-13), der kurz vor dem erhaltenen 1. Korintherbrief, geschrieben wurde.  Der heutige 1. Korintherbrief weist eine falsche Auslegung jenes ersten Briefs zurück (Der paulustreue Teil der Gemeinde hat dazu aber eine Abordnung geschickt, der eine Reihe von Fragen vorlegt).

Paulus kündigt in seinem 1.Korintherbrief seinen Besuch an (16,5), schickt aber Timotheus (4,7 und 16,10). Timotheus hat alarmierende Nachrichten aus Korinth mitgebracht, denn die Schwärmer bestritten nun öffentlich das Apostelamt des  Paulus. Der erste Korintherbrief festigt das Ansehen des Paulus nicht dauernd.

Paulus schickt Titus nach Korinth (8,6+10 und 9,2 und 12,17-18), um das Kollekten­werk zu eröffnen. Doch da kamen Nachrichten über Schwierigkeiten (Bornkamm: Brief 2,14-7,4 abgeschickt, daraufhin noch genauere und schlimmere Nachrichten).

Kurzer Zwischenbesuch des Paulus in Korinth (2. Kor 13,1), der aber nicht vor dem 1. Korinther war, denn dort gibt es keine Spannungen. Es kommt aber zu einem Zwischenfall mit einem Kritiker (2,5-13 und 7,11-12), der sich als Überapostel versteht  (11,5 -12,11). Vielleicht ist sogar einer aus der Paulusgruppe tätlich angegriffen worden (7,12).

Daraufhin ändert Paulus seine Reisepläne (1,15-16 und 2,1), um den Täter zu schonen. Aber daraufhin macht man ihm den Vorwurf der Unzuverlässigkeit. Paulus will nun keine Schonung mehr üben und schreibt den „Tränenbrief“ (2. Kor 2,4), mit der Ankündigung eines Besuchs  (12,4 und 13,1), der aber begreiflicherweise nicht erhalten ist. Der Brief wird durch Titus überbracht (2,13-14).

Paulus war schon vorher in Ephesus in eine bedrängte Lage gekommen (1,8-9 und 11,23). Er muß Ephesus verlassen und zieht nach Troas und Makedonien weiter (2,12-13). Aber jetzt kommt die Unruhe in Korinth von außen von früheren Juden, die sich auf die Apostel in Jerusalem berufen und scharf gegen Paulus Stellung nehmen. Bevor Paulus wieder nach Korinth kommt, muß erst Einiges geregelt werden: Er übt Kirchenzucht gegen den Übeltäter und fordert die Kollekte für Jerusalem und Stellungnahme zu den Boten aus Jerusalem. Dazu schreibt er den heute noch erhaltenen 2. Korintherbrief.

Endlich trifft er Titus, der Gutes zu berichten hat (7,6-12, zweiter Besuch des Titus):: Die Gemeinde hat sich ihm unterworfen und bereut ihre Haltung. Daraufhin schreibt Paulus den Freudenbrief, der durch Titus überbracht wird (dritter Besuch). Gleichzeitig schreibt Paulus den Kollektenbrief für die Gemeinden in Achaia (9).

Paulus macht dann den dritten und letzten Besuch in Korinth. Paulus hatte Erfolg und blieb drei Monate (Apg 20.3). Er konnte die Kollekte durchführen (Röm 15,26) und es ergaben sich keine neuen Spannungen (Röm 15,23). Aber der Erfolg war teuer erkauft, denn 2, Kor 9,11-15 fürchtet Paulus, daß es zum Bruch mit Jerusalem kommt. Aber er überbringt die Kollekte nach Jerusalem.

Zeit:

Zwischen den Briefen liegen die Mission in Troas, die Reise nach Korinth, der Zwischenbrief und die Reise nach Makedonien. Diese Ereignisse lassen sich in einem halben Jahr unterbringen. Da der erst Brief im Frühjahr 55 oder 56 geschrieben wurde, könnte der zweite frühestens im Herbst des gleichen Jahres geschrieben sein,  aber auch noch eineinhalb Jahre später.

 

 

Galaterbrief

Anlaß und Ziel:

Der Anlaß für den Brief ist, daß in Galatien ein anderes Evangelium gepredigt wurde: Christen, die die Einhaltung der jüdischen Gesetze fordern, haben einen erstaunlichen Erfolg gehabt. Der Festkalender ist schon übernommen, ob die Beschneidung durchgeführt wird, ist nicht ausdrücklich gesagt. Für den Erfolg des Briefes spricht aber, daß der Brief erhalten blieb.

Das Ziel des Galaterbriefs ist die Bewahrung des Evangeliums vor einem gesetzlichen Mißverständnis: Glaube und Gesetz  -  Freiheit und Bindung (2,15). Es handelt sich um eine Kampfschrift, weil die apostolische Autorität und das Evangelium in Frage gestellt wird.

 

Empfänger:

Der Brief ist ein Rundschreiben an die „Galater“, also an die Kelten, die um 300 vCh in Kleinasien eindrangen und im Gebiet um Ankara (damals Ankyra) seßhaft wurden und deren Reich bis 25 vCh bestand. Paulus hat dort wohl auf seiner „zweiten Missionsreise“ Gemeinden gegründet (Apg 16,6) und sie auf seiner „dritten Missionsreise“ nochmals besucht (Apg 18.23; dazu würde Gal 4,13 gut passen, wo Paulus davon spricht, daß er krank war, als er das erste Mal bei ihnen war).

Nun gibt es aber auch eine römische Provinz „Galatia“, die mehr umfaßt als die Landschaft Galatien, das Siedlungsgebiet der Galater. Zu ihr gehören die ganzen süd-kleinasiatischen Gebiete  wie Antiochia, Ikonium und Lystra, die Paulus schon während seiner „ersten Missionsreise“ besuchte. Die Bewohner waren dort allerdings keine Kelten. Auch sie könnten (über den Provinznamen) als Galater angesprochen werden.

Deshalb gibt es eine „nordgalatische Theorie“, nach der der Brief nur an die Galater in der Landschaft Galatien gerichtet war und auch nur an ehemalige Heiden richtete,

und eine „südgalatische Theorie“, nach der der Brief an alle Christen in der römischen Provinz Galatien gerichtet war, wo es auch ehemalige Juden gab. Paulus hat zwar sonst immer die Provinznamen verwendet. Auch in römischer Zeit wurden alle Bewohner der Provinz nach dem Provinznamen benannt. In Apg 20,4 ist kein Vertreter Nordgalatiens erwähnt.

Doch wahrscheinlicher ist, daß Paulus mit Galatien die Landschaft Galatien meint:

Gal 3,1           „Oh ihr Galater“ ist nur gegenüber dem Volksstamm möglich

Gal 1,21         Galatien wird nicht erwähnt, obwohl es dem Südteil benachbart ist

Gal 4,8           Heidenchristen angeredet (im Südteil waren Judenchristen).

 

Irrlehrer:

Anlaß ist der Einbruch von Irrlehrern (1,6; 5,22; 6,12-18), die Streit in der Gemeinde verursachen (5,15). Ihr Vorwurf ist: Paulus ist abhängig von Menschen (1,10-12).

Ihre Lehre ist:  Beachtung bestimmter Tage                 4,9-10

   Beachtung der Beschneidung                         5,1-12 und 6,12-18

   Beachtung des Gesetzes                      3,2 und 5,4

   Beachtung eines Festkalenders          4,3 und 8-9

   Berufung auf Geistbesitz und Freiheit           5,1 und 6,1 und 5,13 und 25

   Apostelbegriff: Gottunmittelbarer Apostel garantiert die Echtheit des

   Evangeliums

Es sind Vertreter jüdischer Gesetzlichkeit , Christen jüdischer Herkunft (1,6-7;1,14; 2,14). Aber gnostische Motive überlagern das Judentum dieser Irrlehrer. Es ist also eine judenchristliche Bewegung, die gnostisch gefärbt ist, aber in der Hauptsache gesetzlich bestimmt ist. Sie stehen im Zusammenhang mit Jerusalem (2,4), aber nicht mit den „Säulen“ (2,6-10).

 

Zeit:

Der Brief ist bald nach dem Besuch in Galatien geschrieben (1,6) und auf jeden Fall auf der dritten Reise (4,13) (nach der Provinzhypothese auf der zweiten Reise um das Jahr 50). Es ist noch vor der Kollektensammlung (2. Kor 16,1), denn sie wird im Galaterbrief nicht erwähnt. Es besteht eine sachliche Nähe zum 2. Korintherbrief und zum Römerbrief. Wahrscheinlich ist dann am ehesten eine Abfassung während des Aufenthalts des Paulus in Ephesus (Apg 19) etwa 54-55 oder auch in Makedonien (wo 2. Kor geschrieben ist). Ob allerdings die inhaltliche Nähe zu Römer auch unbedingt auf eine zeitliche Nähe schließen läßt und damit die nordgalatische These unterstützt, ist umstritten. Jedenfalls ist der Galaterbrief vor dem Römerbrief entstanden, da Ansichten aus dem Römerbrief  vom Galaterbrief weiter entwickelt und verfeinert wurden.

 

 

Epheser: siehe „Unechte Paulusbriefe“



Philipperbrief

Hier liegt der persönlichste Brief an die Lieblingsgemeinde vor. Die Gründung der Gemeinde erfolgte etwa im Jahre 49 auf der zweiten Reise (Apg 16,12-40; 2.Thess 2,2; Phil 1,30). Besuche erfolgten Ende 56/57 (Apg 20) und Anfang 57/58 (Apg 20) auf der dritten Reise.

Anlaß ist die Nachricht über das Ergehen des Paulus. Seine Situation wird in 1,12-26 geschildert. Paulus sitzt im Gefängnis und erwartet seinen Prozeß. Die Gemeinde hat eine große Kollekte geschickt hat. Paulus dankt für die Geldgabe und gibt den Brief als Quittung für Epaphroditus mit (2,25 und 4,14-18).

Paulus mahnt zur Eintracht (1,17-2,18) und kämpft gegen Irrlehrer, die aber nur eine Bedrohung von außen sind. Die Irrlehrer erheben eine Anspruch auf Vollkommenheit (3,12-15) und Freiheit (2,1-4), sie fordern die Beschneidung (3,28) und sind Verächter des Gekreuzigten (3,18-21). Das Ziel des Briefes ist daher der Kampf gegen die Irrlehrer. Das Kreuz Christi wird betont (2,8 und 3,198). Es wird ein Bericht gegeben über das Schicksal des Paulus und sein Besuch vorbereitet. Es wird zur Einigkeit gemahnt und vor dem Gesetz gewarnt und für die Unterstützung gedankt.

Die Abfassung erfolgte während einer Gefangenschaft (2,17-18; 1,13;4,22), also ent­weder in Cäsarea (57-59) oder in Ephesus (53/54) (2,19 und 24-30). Für Ephesus spricht die geringe Entfernung, eine Gefangenschaft in Ephesus ist allerdings höch­stens aus 1. Kor 15,22 und 2. Kor 1,8-9 zu erschließen. Gegen eine Gefangenschaft in Ephesus spricht, daß die Apostelgeschichtete eine längere Gefangenschaft in dieser Stadt sicher erzählt hätte.

Der Text enthält in Kapitel 2,5-11 ein Christuslied, das Paulus wohl übernommen hat. Es wird eingeleitet mit  „Jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war“. Doch das hört sich so an, als solle man Christus nacheifern. Aber an sich muß übersetzt werden „wie es sich im Bereich des Jesus Christus gehört“. Der Hymnus ist als Kunstwerk auslegen. Aller Nachdruck liegt auf dem feierlichen Preis des Verzichts Christi: Er hat nicht ausgenutzt, was ihm als Möglichkeit gegeben war. Die Menschwerdung war ein Verzicht. Gewissermaßen als Ausrufezeichen setzt Paulus noch hinzu: „gehorsam bis zum Tod am Kreuz.“ Aber dafür wird Christus eingesetzt in die Würde eines göttlich verehrenden Herrn über Gemeinde und Welt.

 

 

Kolosser: siehe „Unechte Paulusbriefe

 

 

 1. Thessalonicherbrief

Der älteste Paulusbrief ist gerichtet an die Gemeinde in Thessalonich (heute: Saloniki). Die Juden haben ihn von dort verjagt. Deshalb schickt er Timotheus zu ihnen. Die­ser bringt gute Nachricht mit. Da schreibt Paulus kurz nach der Ankunft in Korinth den Brief an sie. Die Gemeinde soll wissen, daß er mit ihr verbunden ist, nachdem er sie so überstürzt verließ.

Die Gemeinde hat aber auch zwei Fragen: Sie ist erschreckt über einige Todesfälle und fragt sich, ob die Verstorbene nun keinen Anteil haben an der Auferstehung und der Wiederkunft Christi. Außerdem meinen einige, man brauche doch gar nicht mehr zu arbeiten, wo doch das Ende so nahe ist.

Empfänger sind Heidenchristen (1,9-10 und 2,14), die Paulus auf der zweiten Reise besuchte (Apg 17,1-4) und bei denen er länger blieb. Es kam zum Aufruhr der Juden (Apg 17,5). Anlaß ist der Bericht des Timotheus (3,6-11). Es herrscht eine Bedräng­nissituation (2,14 und 3,3-4), es gibt Fragen (4,13 und 5,1) und Spannungen (5,12-13 und 4,11) und ein falsches Zeitverständnis (4,9).

Ziel ist die Stärkung des Glaubens in der Bedrängnissituation und eine Antwort auf die Fragen über die Parusie. Es wird gemahnt zu Solidarität und Ordnung (soziale Pflichten (4,11) und zur Pflege der Beziehungen (2,17-18 und 3,10).

Die Abfassung erfolgte um das Jahr 50: Die Erinnerungen sind noch frisch (1,9; 2,1-10), es ist keine spätere Reise. Paulus ist nicht mehr in Athen (3,1 und Apg 118,5), der Brief ist wohl aus Korinth.

 

 

2. Thessalonicherbrief  siehe „Unechte Paulusbriefe“

 

Timotheusbriefe und Titus: siehe „Unechte Paulusbriefe“

 

 

Philemon

Der Brief ist ein Fürbitteschreiben und Zeugnis für den Menschen Paulus: Der Sklave Onesimus ist seinen Herrn Philemon entflohen und zu Paulus gekommen. Aber Paulus schickt ihn zurück mit diesem Brief und empfiehlt die Freilassung des Onesimus.

Die Datierung ist wie beim Philipperbrief  (Ephesus 53/53 oder Cäsarea 57-59 oder Rom 59-61). NachFuchs ist Vers 23-24 ein Zusatz, der bei der Redaktion eingefügt wurde, um die Namen mit Kol 4,10-18 auszugleichen.

 

 

Theologie des Paulus

Der grundlegende Charakter paulinischer Theologie ist: Wichtig ist ihr endzeitlicher Charakter. Die Rechtfertigungslehre als „Mitte der paulinischen Botschaft“ beschreibt das rettende Heilshandeln Gottes. das von der Vergangenheit Jesu aus die Gegenwart zur beginnenden Endzeit macht und nahe Vollendung verheißt.

 

Abendmahlsverständnis

Die Feier des Herrenmahls hat sich an den überlieferten Abendmahlsworten auszurichten (1. Kor. 11,23-25). Doch auch hier setzt Paulus eigene Akzente:

• Das Brotwort erhält eine besondere Betonung durch den Hinweis „zu meinem Gedächtnis“.

• Mit dem Kelchwort „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut”  weist Paulus nicht wie Markus und Matthäus auf 2. Mose 24 hin, sondern auf die prophetische Verheißung des in neuen Bundes in Jeremia 1,32-33.

• Paulus hat also weniger Interesse an den Substanzen Brot (Leib) und Wein (Blut). Es wird viel stärker auf den heilswirksamen Kreuzestod verwiesen, ausdrücklich dann auch in 1. Kor 11,26 („....verkündet ihr den Tod des Herrn.....“).

• In 1. Kor 11,26 steht das Herrenmahl im endzeitlichen Horizont („bis daß er kommt“).

Paulus kennt noch keinen Sakramentsbegriff, unter dem Taufe und Abendmahl zusammengefaßt wären. An einer Stelle bringt er sie aber in eine unmittelbare Verbindung: 1. Kor 10,2-4 stellt eine Rückverlegung von Taufe und Abendmahl in die Geschichte Israels dar.

 

Lehre von Christus und vom Heil

Paulus ist dem irdischen Jesus wohl nie begegnet, und sollte er es doch sein, so zählt für ihn 2. Kor 5,16. „Auch wenn wir Christus persönlich kannten, so kennen wir ihn nun nicht mehr!“ Paulus nimmt in seiner Verkündigung auch praktisch keinen Bezug auf den historischen Jesus, lediglich seine Geburt wird erwähnt. Abgesehen von den häufigen Hinweisen auf Kreuz und Auferstehung, finden sich lediglich einige Herrenworte bei Paulus:

• Verbot der Ehescheidung 1. Kor 7, l0-11

• Gemeinden müssen für Unterhalt der Prediger aufkommen 1. Kor 9,14

• Einsetzungsworte des Herrenmahls 1.Kor 11,23-25

• Endzeitliches Herrenwort. 1. Thess 4,15-17

Dabei werden diese Sprüche der jeweiligen Situation entsprechend durch Ergänzungen oder Neuformulierungen ausgelegt.

In der Verwendung von Titeln für Christus steht Paulus in der urchristlichen Tradition.

• Der Christustitel verschmilzt mit Jesus zum Eigennamen.

• Paulus gebraucht als einziger neutestamentlicher Schriftsteller häufiger das Wort

   „Kreuz“ als Gegenbild zu aller eigenen Kraft.

 

Endzeiterwartung

Hier geht es bei Paulus nicht einfach nur der Artikel über die letzten Dinge, sondern um Grundzug seiner Theologie. Längere Ausführungen finden sich 1. Thessalonicher 4,13 - 5,3 (Problem: Was geschieht mit bereits Verstorbenen) und 1. Korinther 15 (Gegen die Leugnung der Totenauferstehung).

Paulus teilt die Naherwartung des Urchristentums. In 1.Thes und 1. Kor rechnet Paulus noch mit der Wiederkunft zu seinen Lebzeiten. Doch in 2. Kor 1,3-11 berichtet er von großer Bedrängnis und Todesgefahr. In äußerster Bedrohung, schon am Leben verzweifelnd, habe er aber sein Vertrauen nicht auf sich gesetzt, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt. Fortan wohl hat Paulus es für möglich gehalten, daß er vor der Wiederkunft sterben könnte. Dennoch hat er an der Naherwartung festgehalten (Phil.4,5).

Gegen die Korinther, die die Auferstehung der Toten bestreiten, setzt Paulus beim Glaubenssatz von Tod und Auferstehung Christi ein (und nicht bei endzeitlichen Erwartungen!): Weil Christus aus dem Tod auferweckt wurde, werden auch die, die zu ihm gehören, auferstehen. Die Lehre vom Ende wird also entworfen von der Lehre über Christus.

Ein weiteres Element seiner Endzeitlehre, die endgültige Heimholung Israels (Röm 11,25-32) ist in seiner Gotteslehre verankert (Treue Gottes). Zentrales Element der Zukunftserwartung des Paulus ist die Totenauferstehung:

• Auferstehung findet bei der Wiederkunft Christi statt (1. Kor 15,52)

• Fleisch und Blut (= der natürliche Mensch) kann nicht in die Ewigkeit gelangen. Es braucht eine Umgestaltung des Menschen. Das Sterbliche wird die Unsterblichkeit anziehen. Das Sterbliche wird vom Unsterblichen überkleidet. So findet eine Wesensverwandlung des Menschen statt, bei der aber sein eigens Wesen erhalten bleibt.

• Paulus erwartet das kommende Gericht und hat die Hoffnung, daß Christus als der Retter der Seinen im Gericht erscheinen wird. Unsicher ist, ob Paulus erwartet, daß Christus für die Seinen im Gericht eintritt oder ob er die Seinen überhaupt vor dem Gericht bewahrt,  so daß sie gar nicht in das Gericht kommen. Wahrscheinlich denkt Paulus eher an das letztere, denn in seinen endzeitlichen Aussagen spricht er von der Entrückung  der Glaubenden.

 

Kirche

I.  Die Kirche aus Juden und Heiden:

Das junge Christentum stand vor der Frage, ob und in welcher Weise die geschichtliche Verbindung zwischen dem Israel des Alten Testaments und der christlichen Kirche erhalten werden soll. Ferner war zu verstehen, welche Stellung das ungläubige Israel hatte, wo doch Jesus als der Messias Israels gekommen war. Dazu gab es mehrere Lösungsversuche:

• Die judenchristliche Lösung geht von der endzeitlichen Erwartung der Völkerwallfahrt zum Zion aus: Wenn Israel sich bekehrt hat, dann werden in der Endzeit auch die Heiden hinzukommen und sich dem Gottesvolk eingliedern. Israel bleibt hier nach wie vor die Mitte. Heidenmission wird (zunächst) wohl kaum aktiv betrieben: Wo Heiden zur Gemeinde hinzukommen, ist von ihnen die Übernahme des Gesetzes zu verlangen. Diese Lösung wurde mit zunehmender Ablehnung der Christusbotschaft im Judentum immer problematischer. Durch das Apostelkonzil wurde sie endgültig ausgeschlossen.

• Weniger radikale heidenchristliche Lösung: Im Anschluß an Jes 6,9-10. wird der Gedanke von Verstockung und heiligem Rest entwickelt (Mk 4,12 und 8,18). So konnte an der Erwählung Israels festgehalten werden, obwohl die überwiegende Mehrheit der Juden sich nicht zum Christus bekehrten. Doch die Stellung der Heiden ist mit diesem Motiv allein nicht zu begreifen.

• Radikale heidenchristliche Lösung (Beerbungstheorie): Die Gemeinde ist der neue Bund, der Sinaibund gilt bedingt durch Israels Ungehorsam als endgültig abgelöst. Der Schluß, daß Israel verworfen ist, liegt nahe.

Paulus nimmt in seiner grundsätzlichen Ausführung zu diesem Thema in Röm 9 - 11 Impulse aus allen drei Bereichen auf, verbindet diese aber zu einem eigenständigen Entwurf:

Erste Grundthese: „Nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel“ (9,6b). Das vorhandene Israel ist nicht durch biologische Fortführung schon Volk Gottes. Vielmehr hat Gott in die biologischen Gegebenheiten erwählend und verwerfend eingegriffen. Die Zugehörigkeit zum Gottesvolk wird durch Gottes freie Erwählung begründet. Jetzt hat Gott die Judenchristen als heiligen Rest Israels erwählt und die Heidenchristen als neuen Teil des Gottesvolkes hinzuberufen. Durch diese These konnte das Judenchristentum als das wahre Israel verstanden werden, das Heidenchristentum war in dieses aufgenommen. Damit ist deutlich, daß Gott sein Volk nicht (ganz) verstoßen hat, denn das Judenchristentum stellt einen heiligen Rest dar. Die Kirche aus Juden und Heiden ist damit das wahre Israel, dem die Verheißung gilt.

 

Zweite Grundthese: Was wird dann aus dem ungläubigen Israel?  Die Israeliten haben das Heil verfehlt, weil sie nach Gesetzeserfüllung strebten, deren Ende Christus ist. Es sind Israels mangelnde Erkenntnis und Ungehorsam, die sie selbst aus dem Gottesvolk ausschließen. Aber Gott hat einen heilsgeschichtlichen Plan auch mit dem ungläubigen Israel: Der Unglaube Israels ist Folge göttlicher Verstockung. Doch dieser Unglaube führe zur Bekehrung der Heiden. Diese Bekehrung der Heiden soll Israel eifersüchtig machen. Wenn die Zahl der Heiden voll ist, wird ganz Israel gerettet werden. Denn Gottes Gnade und Berufung ist unwiderruflich. Damit kommt es zu einer kühnen Umkehrung des judenchristlichen Motivs der endzeitlichen Völkerwallfahrt: Die Juden kommen zum Gottesvolk aus Juden- und Heidenchristen hinzu, nicht die Heiden zu den Juden.

Für das Verhältnis der Heidenchristen zu den Judenchristen verwendet Paulus das Bild vom Ölbaum: Israels Unglaube gab Raum für die Heiden, sie wurden als wilder Ölzweig der heiligen Wurzel aufgepfropft. Auch wenn die fremden Heiden hinzukommen, bleibt der heilige Baum jüdischen Ursprungs (das Alte Testament bleibt damit auch heilige Schrift). Deshalb können sich die Heidenchristen nicht überheben, da sie selbst unter der Gefahr stehen, wieder ausgerissen zu werden. In der Endzeit werden dann nicht die Heiden von außen zum Gottesvolk hinzukommen, sondern Israel wird wieder in den Ölbaum eingepflanzt. Die von Natur aus zugehörigen Zweige werden dann leichter wieder eingepflanzt als die von Natur aus fremden.

 

II. Die Gemeinde als der Leib Christi:

Der Leib Christi bezeichnet die durch Christus bestimmte Wirklichkeit. Von dieser Wirklichkeit wird vor allem im Zusammenhang mit Taufe und Abendmahl gesprochen. Immer geht es darum, daß die Glaubenden durch Glauben, Taufe und Abendmahl hineingenommen sind in die Wirklichkeit und den Herrschaftsbereich Christi. Daraus ergeben sich folgende Folgerungen:

         Der Leib Christi wird nicht durch die Glieder, sondern durch Christus aufgebaut. Wer zu Christus gehört, der lebt als Glied an seinem Leib in der Gemeinde als dem Ort der gegenwärtigen Herrschaft Christi

         Der Leib ist einer, deshalb darf es in der Gemeinde keine Spaltungen geben

         Die Anteilhabe am Leib Christi schließt Unzucht aus, denn wer mit einer Dirne verkehrt, wird ein Leib mit ihr

         Die Zugehörigkeit zum Leib Christi schließt die Verehrung von Dämonen oder anderen Göttern aus

         Wenn die Christen aber Glieder am Leib Christi sind, dann habe sie auch alle gleichwertige Gnadengaben  (Die Reformation zog daraus die  Folgerung und sprach vom Priestertum aller Gläubigen).

 

Taufe

Paulus knüpft an das urchristliche Verständnis der Taufe an und führt es in seiner Theologie fort. Er setzt als selbstverständlich voraus, daß

         die Taufe wird auf den Namen bzw. im Namen des Kurios vollzogen wird

         in der Taufe Vergebung der Sünden und Gabe des Geistes verliehen wird

         alle Christen getauft sind

         in der Taufe der Täufling Anteil gewinnt an Tod und Auferstehung seines Herrn.

 

Diese Tradition wird jedoch an einigen Stellen von ihm umgeprägt:

         In Gal 3,27 formuliert Paulus: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt Christus angezogen". Das von Paulus hier gebrauchte Bild vom Anlegen des Gewandes war besonders in den Mysterienreligio­nen weitverbreitet zur Deutung des mit der Aufnahme bewirkten Geschehen: durch die Überkleidung mit dem Gewand strömt göttliche Lebensmacht über, die der Gläubige an sich als leiblich merkbare Veränderung erfährt. Bei Paulus ist das Bild vom Anziehen Christi von anderer Bedeutung: Der Getaufte, der Christus angezogen hat, ist weder mit göttlicher Kraftsubstanz erfüllt, noch befindet er sich im Zustand unverlierbaren Heilsbesitzes. Er ist unter den Herrschaftsbereich Christi gestellt und deshalb zum Wandel im neuen Leben gerufen

         Der schon vor Paulus entwickelte Gedanke, daß die Taufe „Anteil am Sterben und Auferstehen Christi vermittelt“, findet bei Paulus eine neue Wendung: ,,...so daß auch wir in einem neuen Leben wandeln sollen“ (Röm 6,4).  Die Auferstehung steht noch bevor und wird erst bei der zukünftigen Auferweckung der Toten verwirklicht werden. Allerdings sind wir in der Taufe bereits jetzt mit Christus gestorben und dadurch der Herrschaft der Sünde und des Todes entzogen. Durch diese beiden Korrekturen gegenüber einem von mysterienhaften Taufverständnis wird ein schwämerisches  Mißverständnis abgewehrt: Durch die Taufe erwirbt der Täufling kein unverlierbares, sondern ein vermitteltes Heil. Die Taufe  führt aber in die Spannung des „schon und noch nicht“, nicht aber bereits in ein vollendetes Heil. Im Verhalten in der Gegenwart ist das bereits zugeeignete endzeitliche Heil zu bewähren. Die Taufe wird damit zu einem Beweggrund für das neue Leben, denn sie verbürgt die Freiheit von der Herrschaft der Sünde.

 

Jesus und Paulus:

Paulus wurde als im Ausland entwurzelter Jude gesehen und galt als der eigentliche Gründer des Christentums, das eine nicht-jüdische Religion unter Aufnahme heidnischer Vorstellungen darstellt. Jesus gehört damit im wesentlichen ins Judentum.

Andere teilten die religionsgeschichtliche Anschauung, daß Jesus und das Pharisäertum sowie frühes Christentum und hellenistisches Judentum wesentlich zusam­men­gehören. Jesus teile die Vorstellung des Alten Testaments vom glaubenden Vertrauen, in dem der Einzelne steht, für das er sich aber nicht entschließt. Paulus vertritt die Gerechtigkeit aus Glauben, der die Annahme der Tatsächlichkeit eines Vorganges bedeutet und auf einem Akt beruht, den der Einzelne vollzogen hat und vollzieht. Daraus folgt: Verkündigung Jesu und Theologie des Paulus bilden zwei Glaubensweisen, die sachlich keine Einheit darstellen.

Eine Abwertung des Paulus findet sich auch in der christlichen Theologie. Für Ethelbert Stauf­fer ist Jesus das Maß aller Dinge. Paulus kann nicht alles geglaubt werden. Für Stauffer stehen paulinisches Denken und der Geist Jesu von Nazareth in unversöhnlichem Gegensatz.

Walter Schmithals dagegen sagt, Paulus weiß offensichtlich sehr wenig vom historischen Jesus. Er setzt zwar die Einheit des geschichtlichen Jesus mit dem auferstandenen Christus voraus, aber Nachweis des Zusammenhangs vom historischen Jesus zur Predigt der nachösterlichen Gemeinde trägt zu dieser Rechtmäßigkeit nichts bei. Das entspricht auch der Position Rudolf Bultmanns.

Werner-Georg Kümmel betrachtet beider Verhältnis unter den Problemen von „Kontinuität“ und „Identität“, also von Fortführung und Gleichheit. Er fragt dabei von der quellenmäßig gesicherten Theologie des Paulus zurück zum historischen Jesus. Dennoch bleibt der Unterschied, daß Jesus vor und Paulus nach der Erhöhung geredet hat. Aber Kümmel unterscheidet hier nur zwischen zwei „Glaubenszeiten“ Im Glauben der Urgemeinde hat sich die gegenwärtige Verwirklichung des erwarteten endzeitlichen Heils auf die himmlische Wirksamkeit des Auferstandenen erweitert. So spricht Kümmel auch von der „Apokalyptik“ (jüdische Endzeitlehre) als „Mutter aller christlichen Theologie“. Paulus ist nur der Bote, in dessen Zeugnis dem Jesus begegnet werden kann, der dessen Grund und Wahrheit ist.

Ist Paulus ein Zeuge Jesu, hat er ihn richtig verstanden? Paulus hat die Lehre Jesu glaubwürdig und zuverlässig („authentisch“) ausgelegt. Dabei legt seine Recht­fertigungslehre die Botschaft vom Kommen der Herrschaft Gottes aus. Paulus hat nicht die Worte Jesu verkündet, sondern er hat  i h n  verkündet. Er kümmerte sich nicht  um die Taten und Werke Jesu, sondern es geht darum, an Jesus Christus zu glauben.

 

Nachapostolische Schriften

 

 

Unechte Paulusbriefe

 

Pseudonymität in der Antike:

Heute werden der Römerbrief, die zwei Korintherbriefe, Galater, Philipper, 1.Thessa­lo­nicher­brief und  Philemonbrief als echte Briefe des Paulus anerkannt. Die „Pastoralbriefe‘“ (1. und 2. Timotheus und Titus) sind sicher nicht von Paulus, sie sind „pseudonym“, also unter einem falschen Namen herausgegeben. Umstritten sind Epheser, Kolosser und der 2. Thessalonicher­brief.

Briefe, die unter einem falschen Namen herausgegeben wurde, waren nicht unbedingt eine „Fälschung“. Man kann hier nicht mit modernen Maßstäben beurteilen. Die Herausgabe eines Buches unter einem anderen Namen war in der Antike nichts Ungewöhnliches:

-        Man war überzeugt, altes Gut weiterzugeben

-        Der Schriftsteller verzichtet auf den eigenen Ruhm und schreibt die Schrift dem Meister zu, um ihn damit zu ehren (daß man ihm damit auch schaden konnte, war wohl nicht im Blick).

-        Der Schriftsteller wollte über eine Krise hinweghelfen, die zum Beispiel entstanden war durch zu freizügiges Leben  und das Ausbleiben der Wiederkunft Christi

-        Außerdem konnte es klug sein, gefährliche Stoffe nicht unter dem eigenen Namen herauszubringen. Paulus war dieses Verfahren allerdings nicht so leicht, weil ja eine große Sammlung seiner Schriften vorhanden war. Und die späteren Fälschungen aus dem  2. Jahrhundert lassen sich sofort als solche erkennen.

 

 

Epheserbrief

Allgemein wird die Echtheit des Epheserbriefes (Betonung auf der ersten Silbe) bezweifelt.  Gegen die Annahme, der Brief sei von Paulus verfaßt, spricht:

         Der Empfänger „Ephesus“ findet sich erst in den späteren Handschriften. Der Empfänger könnte ausgefallen sein aufgrund eines Versehens oder aufgrund einer bewußten Streichung. Wollte jemand Ephesus um die Ehre bringen, Empfänger eines Paulusbriefes zu sein? Manche (auch Marcion) vermuten einen Brief an Laodicea, dessen Name aber getilgt wurde wegen der Kritik in Offb 3,14-22. Oder sie vermuten ein Zirkularschreiben, das an mehrere Gemeinden gerichtet war. Die Adresse könnte auch fehlen, weil der Epheserbrief eigentlich eine Abhandlung  und kein an eine konkrete Gemeinde gerichteter Brief ist

         Es handelt sich um kein Rundschreiben, denn das wäre ein Original erhalten, das nicht verbreitet wurde. Der Brief hat keine bestimmten Leser im Auge. Der Verfasser scheint die Gemeinde in Ephesus nicht zu kennen (Eph 1,16 und 3,2), konkrete Züge fehlen ganz. Paulus aber war Gründer der Gemeinde in Ephesus und war lange Zeit dort gewesen. Er kann nicht so unpersönlich an sie geschrieben haben

         Es fehlt jeder weitere Briefverkehr und vor allem gibt es keine Grüße. Die einzige Stelle, wo Personennamen genannt werden (Eph 6,21-22) stimmt wörtlich mit Kol 4,7-8 überein

         Es besteht eine literarische Abhängigkeit vom Kolosserbrief: Kolosser 4,7 entspricht Epheser  6,21 und  Kolosser 3,18 - 4,1 entspricht Epheser 5,22 - 6,9.

         Es erfolgt eine stärkere Christianisierung, aber es besteht auch eine sachliche Differenz bei den Begriffen „Geheimnis“ und „Heilsplan“ (oikonomia) und bei der Fortbildung des Apostelbegriffs (Kolosser 1,26 wird zu Epheser 3,4-5).

         Die Begriffe ähneln der Religiosität der Mysterienreligionen, werden aber im Sinne des Gemeindechristentums gebraucht

         Der Gegensatz lautet „Leib - Glieder“, nicht wie bei Paulus „Haupt - Leib“.

         Als Gnadengaben werden nur Verkündigungs- und Leitungsämtern genannt (Eph 4,11-12)

         Einsetzung der Apostel und Propheten durch Christus (4,11 - 1. Kor 12,28)

         Die Versöhnung geht von Christus aus, nicht von Gott (2,16; 1,20 u.ö.).

         Die Ermahnung beruht weniger auf Rechtfertigung als auf der Zugehörigkeit zur Kirche (zum Beispiel Eph 4,15-16 und 5,23)

         Die Erwartung der nahen Wiederkunft fehlt (3,21). Christen sind bereits auferstanden (Eph 2,4-5). Eine Wiederkunftserwar­tung in der Zukunft begegnet nicht. Der Kreuzestod tritt nur noch in traditionellen Formeln auf

         Die Ehe wird gewertet als Abbild des Verhältnisses Christus-Kirche (Eph 5,21-33). Das widerspricht aber 1. Kor 7,1-16 , wo die Ehe („als notwendiges Übel“) zugestanden wird

         Der Wortschatz ist anders (Teufel nicht „Satan“ , sondern „Diabolos“)

         Die Lehre von der Kirche wird stark betont: Die „Kirche“ (auf dem Fundament der Apostel) wird ausschließlich universal verstanden. Der Verfasser  rühmt den göttlichen Heilsplan, nach dem es nur e i n e Kirche aus Juden und Heiden gibt. Die Lehre von der Kirche stellt die Kirche als weltraumumfassende (kosmische) Einheit dar (Eph 1,22-23). Kirche als Leib Christi mit Christus als Haupt ragt in den Himmel. In der geistigen Krise des nachpaulinischen Heidenchristentums wird betont: Die Heiden gehören in Christus zum Gottesvolk. Das Handeln Gottes in Christus hat eine umfassende Wirkung und der Zusammenhang zwischen Christus und der Kirche wird herausgestellt.

         Die Lehre der Kirche wird als Funktion der Lehre von Christus gesehen.

         Aus der Liturgie genommen ist die Formel, die den Himmel beschreibt (Mehrzahl statt Einzahl)

 

Man kann der Epheserbrief auch nicht als  Alterswerk des Paulus verstehen, er ist eine unter einem anderen Namen herausgegebene (pseudonyme) Schrift. Der Verfasser scheint ein ehemaliger Jude gewesen zu sein (2,11+17), dafür spricht auch das semitisierende Griechisch.

Zwischen Epheserbrief und Kolosserbrief bestehen zahlreiche Berührungspunkte.  Der Kolosserbrief hat dabei den zeitlichen Vorrang vor dem Epheserbrief, denn er wendet sich an konkrete Einzelgemeinden, während  im Epheserbrief kein aktueller Anlaß zu erkennen ist. Der Epheserbrief gilt als eine aufs „Grundsätzliche“ bezogene Überarbeitung des Kolosserbriefs.

Abfassungsort und Abfassungszeit sind nicht zu ermitteln. Verfasser ist ein Judenchrist, der die Gefahr der Lösung des gnostisch berührten Heidenchristentums vom heilsgeschichtlichem Zusammenhang mit dem alten Gottesvolk erkennt. Aber die Folge war die Entwicklung zum Frühkatholizismus.

Da Ignatius von Antiochien den Epheserbrief kennt, ergibt sich das 1. Jahrzehnt des 2. Jahrhunderts als untere Grenze. Der Epheserbrief scheint die anderen Paulusbriefe gut zu kennen, deshalb liegt seine Abfassung wahrscheinlich zwischen 80 und 100, vielleicht in Kleinasien.

 

 

Kolosserbrief

Der Kolosser-Brief (Betonung auf der zweiten Silbe) geht an die Hausgemeinde des Philemon und an die Gesamtgemeinde. Empfänger ist die Gemeinde in Kolossä, eine Stadt im Lykostal, in der Nähe von Laodicea und Hierapolis. Die Gemeinden dort sind nicht von Paulus, sondern von Epaphras (1,7 und 2,1) gegründet. Kolossä war wohl ein unbedeutender Flecken. Aus der Gemeinde ist noch Philemon und sein Sklave Onesimus näher bekannt. Die Gemeinde bestand wohl überwiegend aus ehemaligen Heiden. Der Zusammenhalt unter den Gemeinden (es wird noch Laodi­cea genannt) war wohl so groß, daß sie aufgefordert werden konnten, ihre Briefe untereinander auszutauschen 

Epaphras hat Paulus im Gefängnis aufgesucht (2,16) und beunruhigende Nachrichten mitgebracht: Es gibt einengende religiöse Vorschriften und Spekulationen über Engel und Dämonen. Die theologische Front des Kolosserbriefs ist nur undeutlich zu erkennen. Auch Kol 2,16-23 lassen nur geringe Rückschlüsse auf die Lehre der Geg­ner zu: Offensichtlich kannte sie eine Verehrung der Weltelemente als personale Wesen (Dämonen, Mächte), die aber auch Elemente des sich über die ganze Welt erstreckenden (kosmischen) Christus seien. Daraus leiteten sie kultische Verpflichtungen verschiedenster Art ab (Festtage, Speisevorschriften, Engel). Sie berufen sich dabei auf gewisse Weihen und  Visionen. Dieses Gemisch ist ausgesprochen religionsvermischend (synkretistisch). Eine Einordnung in einen gnostischen Hintergrund ist rein vermutet. Sicher findet sich auch ein stark jüdischer Einschlag.

 

Gegen diese Lehre betont der Verfasser des Kolosserbriefs die Freiheit der Christen von Mäch­ten und damit auch von ihrer kultischen Verehrung. Er stellt dagegen die Herrlichkeit Christi (1,15-20) und betont die weltumfassende (kosmische) Rolle Jesu (1,15-20). Zugleich mahnt er die Christen zur Liebe untereinander. Nicht die erstiegene Überwelt, sondern die Erde ist der Ort christlichen Daseins. Hier muß sich christliches Leben in der Liebe bewähren. Der Kolosserbrief bleibt hier also zentral paulinisch. Ferner wird die Lehre von Christus und vom Heil so entfaltet, daß stark an griechische Vorstellungen angeknüpft wird und von dort aus eine Abwehr der Irrlehre möglich ist.

Falls Paulus der Verfasser ist (paulinischer Gebrauch von „in Christus“, es gibt paulinische Gedanken in dem Brief), so geht es um die gleiche Situation wie im Philemonbrief. Der Brief wäre dann 57-59 aus Cäsarea geschrieben (Besuch des Epa­phras, Quartierbitte, vgl. Phlm 22) oder aus Rom (Mitarbeiter und ihre Namen). Es gibt keine Überarbeitung durch den Verfasser des Epheserbriefs, da er eine in sich geschlossene Komposition hat.

Gegen die Abfassung durch Paulus sprechen:

-  die persönlichen Angaben am Schluß und die Beziehung zum Philemonbrief

-  Berufung auf Bekenntnis und Apostelamt (Frühkatholizismus)

-  Rückfall der Gemeinde in Mysterienfrömmigkeit

-  Vorstellung, der Apostel trage sein Leiden stellvertretend für die Kirche (1,24)

-  Nachlassen der theologischen Argumentation (Traditionsgebundenheit).

Denkbar wäre, daß ein Paulus-Schüler den Brief im Auftrag des Paulus ziemlich eigenständig (vielleicht wegen der Gefangenschaft des Paulus) entworfen und ihn dann Paulus zur Unterschrift vorgelegt hat. Paulus wäre dann zwar mit dem Brief einverstanden gewesen, auch wenn nicht alle Formulierungen bis ins Einzelne seiner Theologie entsprechen.

Besonderheiten finden sich vor allem in den von Paulus übernommenen Stücken:

         Die Bekenntnisformel 1,13-14: Die Vorstellung, daß Christen in Reich des Sohnes versetzt sind, ist unpaulinisch.

         Das Christuslied 1,15-20 : Christus wird hier als „Bild Gottes zu einer Personifizierung einer Eigenschaft. Der Erlöser ist zugleich als Schöpfungsmittler und damit Herr über alle Mächte der Schöpfung.

In Kolosser und Epheser werden neue Töne im Vergleich zu den älteren Paulusbriefen angeschlagen, der Stil ist neu  (Häufung der Genitive und Relativsätze) und vor allem die Lehre über Christus (Christologie) ist neu: Im Kampf gegen die Bewegung der Gnosis wird die weltweite (kosmologische) Bedeutung der Gestalt Christi herausgehoben, der Gebrauch des alten Bildes vom Leib Christi ist bedenklich (in Kol 2,19 nur Verhältnis des Einzelnen zu Christus). Aber die Häufungen von Wörtern sind orientalischer Gebetsstil und findet sich schon in älteren Briefen, nur ist die Bindung an die Liturgie stärker.

 

 

2. Thessalonicherbrief

Es gibt Verwirrung über den Zeitpunkt des Endes (2,1 und 3,6), vielleicht aufgrund eines Mißverständnisses des ersten Briefes (2,2). Die Aussage ist: So schnell kommt  das Ende nun auch wieder nicht (2,15). Die Verfolgung dauert an (1,4), die Schwärmerei ist zugespitzt (2,2 und 3,4-16). Ziel ist die Belehrung über das Ende und die Ermahnung zur Zucht, eventuell auch eine Korrektur des ersten Briefs (durch Paulus selbst?).

 

Echtheitsfrage:

Gegen die Echtheit:

-       Widerspruch zwischen 1.Thess 4,13 - 5,11 und 2. Thess 2,1-12: Im zweiten Brief wird gesagt: Es muß erst noch der große Abfall geschehen, es gibt also noch eine Kette von Vorzeichen, vor die Wiederkunft wird noch eine Zeit vorgeschaltet.

-       1. Thess 2,1-12 hat keine Entsprechung im 2. Brief. Der Vers 1. Thess 2,13 wurde dagegen ganz mechanisch nach 2. Thess 2,13 übernommen.

-       Die nahe Verwandtschaft mit dem ersten Brief, auch wenn nicht mechanisch abgeschrieben wurde.. 2.Thess 2,13 ist eine Entlehnung aus 1.Thess 2,13 .

-       Paulus rechnet mit gefälschten Briefen (2.Thess 2,2). Aber wenn das in der frühen Zeit schon so gewesen wäre, dann hätte es Paulus nicht mit drei Worten abgetan.

-       Der Brief hat eine eigentümliche Sprache. Gewisse Paulus-Vokabeln sind vorhanden, die sonst nicht vorkommen (vergleiche 1. Thess 2,9 und 2,Thess 3,8).

 

Für die Echtheit:

-       Vorstellung der Vorbereitung des Endes auch in der Apokalyptik

-       (Nebeneinander von Vorzeichen und plötzlichem Ende).

-       Verschiedene Themen: 1.Thess: Parusie, 2. Thess: Zeit vor der Parusie

-       In 2,4 ist die Existenz des Tempels vorausgesetzt

-       Nur die Leser haben eine andere Vorstellung vom Tag des Herrn (2,2).

Lösungsversuche:

-       Zweiter Brief vor dem ersten geschrieben

-       Zweiter Brief an die Judenchristen in der Gemeinde

-       Zweiter Brief von einem anderen Verfasser.

 

Der zweite Brief ist vom ersten abhängig, und zwar Vers für Vers. Er ist genau nach dem Muster des ersten aufgebaut. Die Echtheit ist also stark anzuzweifeln. Der zweite Brief kämpft nicht direkt gegen Paulus, aber er versteht ihn auch nicht mehr. Er ist eine Reaktion auf enttäuschte Endzeitgläubige und Schwärmer. Während die Wie­der­kunft für den 1.Thessalo­ni­cherbrief das Endereignis ist (4,13-18), ist sie im 2. Thessalonicherbrief ein einzelner Vorgang in einer ganzen Serie von Endereignissen; er vollzieht damit eine „Apokalyptisierung“ der Wiederkunftserwartung.

Bei einer Abfassung durch Paulus selbst wäre der Brief vor der zweiten Reise abgefaßt (Silvanus, Timotheus ): Der erste Brief ist noch in guter Erinnerung. Der zweite Brief wäre dann 50-51 aus Korinth geschrieben. Er ist aber auch wesentlich später als der erste Brief und von einem anderen Verfasser.

Wenn der 2. Thessalonicherbrief echt wäre, dann müßte Paulus zweimal kurz nach­einander zwei ähnliche Briefe an dieselbe Gemeinde geschrieben haben, die doch an entscheidenden Punkten sich grundsätzlich unterscheiden (nämlich in der Frage der Plötzlichkeit der Wiederkunft). Der Brief ist wahrscheinlich von einem Paulusschüler geschrieben, der sich gegen einen Typ von „Paulinismus" wehrt, der eine starke Naherwartung pflegt

 

 

Pastoralbriefe: 1. Timotheus, 2. Timotheus, Titus

Die Briefe 1. und 2. Timotheus und  Titus stimmen überein in Bezug auf die Irrlehrer, die Gemeindeorganisation, die theologische Begriffswelt, Sprache, Stil, Paränese und Adresse an die „Hirten“ der Gemeinde (daher der Name „Pastoralbriefe“).

 

 

Geschichtliche Lage:

Paulus wäre von Ephesus abgereist nach Makedonien, hätte den Timotheus in Ephesus zurückgelassen und Titus in Kreta (1,5) zur Bekämpfung der Irrlehrer. In diesen Briefen gäbe er dann neue Anweisungen (1. Tim 3,14 und 4,13), vor allem aber, würden die Briefe dazu dienen, die Apostelschüler als Beauftragte des Paulus auszuweisen.

Die Situation paßt jedoch nicht in das uns bekannte Leben des Paulus. Auf Kreta war er nicht während seiner großen Mission. Von Ephesus hatte er Timotheus nach Makedonien vorausgeschickt, nun müßte er brieflich (2. Tim 4,9-12) über diese Reise unterrichtet werden, an der er selbst teilnahm (2.Tim 4,12 und Apg 20,4)? Er fuhr mit Paulus nach Jerusalem (Apg 20,4 und 21,1 gegen 2. Tim 4,13), ebenso Trophimus (Apg 21,29 gegen 2. Tim 4,20).

Man müßte höchstens eine Freilassung aus römischer Gefangenschaft annehmen . Die  Abfassung wäre dann zwischen 58 und 64 erfolgt.  Aber Paulus war nicht mehr im Osten (Apg 20,25 und 38), höchstens noch in Spanien (1. Clem 5-6).

Die Sekretärshypothese entkräftet nur sprachliche Argumente.

Die Fragmentenhypothese (2. Tim 4,9-22 und Tit 3,12-15 seien von Paulus)  führt  zu Widersprüchen.

 

Die Pastoralbriefe sind nicht von Paulus verfaßt:

-       Späteres Stadium des Kampfes gegen die Gnosis als bei Paulus:

Keine leidenschaftliche Diskussion um die kirchliche Lehre, sondern Hinweis auf die überlieferte Lehre, die vorausgesetzt wird. Die geweissagten Irrlehrersind literarisches Motiv (kein Unterschied zu den gegenwärtigen).

-       Verdrängung des charismatischen Amts durch das statische:

Das Amt bestimmt das Gemeindeleben, vor allem den Kampf gegen die Irrlehrer. Es gibt allerdings keine Sukzessionskette, wohl aber eine Traditionskette (2.Tim 2,2 und 8).

-       Die Setzung gleichlautender dauerhafter Ordnungen auf verschiedenen Missionsgebieten paßt nicht zu der Mannigfaltigkeit der Gemeinden in paulinischer Zeit. Außerdem sah der vermeintliche „Paulus“ seine „Mitarbeiter“ erst kürzlich  bzw. er wird sie bald treffen (2. Tim 1,3 und 3,14-16).

-       Die Gemeinde richtet sich bereits in der Welt ein: Es gibt keine Naherwartung mehr und das Kirchenrecht ist entwickelt.  Ein bürgerliches Christentum lebt in einer Atmosphäre bürgerlicher Rechtschaffenheit.

-       Anderer Sprachschatz: Füllwörter, Phrasen, verschiedene Wörter für die gleiche Sache, andere Terminologie: Glaube, gute Lehre, gesunde Lehre, gute Werke.

 

Gegen die Echtheit spricht:

         Ton und Art der Auseinandersetzung weichen von den echten Paulusbriefen ab, der Verfasser setzt sich mit den Gegnern nicht mit Beweisgründen auseinander, der stellt der Irrlehre nicht die rechte Lehre gegenüber, entfaltet sie aber auch nicht theologisch, sondern zitiert geprägte Formeln

         Ein Zusammenhang zwischen falscher Lehre und Unsittlichkeit wird behauptet (Gottlosigkeit bringt Laster hervor)

         Die Regeln in den Pastoralbriefen sind für die Dauer bestimmt und passen nicht zu der Darstellung, nach der Paulus erst kürzlich abgereist ist und in Kürze wieder erwartet wird

         Paulus war nicht in Spanien (1. Clemens 5,7), er war auch nur einmal in Haft, und diese endete mit seinem Tod. Die Pastoralbriefe setzen aber zwei Gefangenschaften voraus, sonst lassen sich die Situationen nicht unterbringen

         Die religiös-theologische Begriffswelt ist anders („gesunde Lehre“ und „gute Werke“, die nicht aus dem Gesetz kommen, sondern Folge des Glaubens sind). Viele Ausdrücke des Paulus fehlen. Aber insgesamt 306 Wörter aus den Pastoralbriefen kommen bei Paulus nicht vor

         Die persönlichen Bemerkungen des Verfassers sind vielleicht nur ein Trick, um die Echtheit vorzutäuschen, aber die genannten Situationen lassen sich im Leben des Paulus nicht feststellen

         Die nach Paulus klingenden Abschnitte sind nur Zitate aus den echten Paulusbriefen, die aber der Nachahmer nicht mehr richtig versteht

         Das Traditionsgut wird nicht neu ausgelegt, sondern nur eingeschärft

         Die Gemeindeordnung stammt aus der Zeit der Jahrhundertwende, das Vorhandensein der „Presbyter“ weist in eine spätere Zeit, die Verbindung der Ämter ist nachapostolisch

         Die „Bürgerlichkeit“ ist nicht von der Endzeit her bestimmt, sondern in der Schöpfungsordnung begründet

         Zwischen Gott und Christus ist ein eigentümlich schwebendes Verhältnis. Einmal ist Christus der untergeordnete Mittler, aber unter dem Gesichts­punkt des Heilshandelns rücken Gott und Christus Seite an Seite

         Das Grußwort in den Vorworten entspricht nicht der fortlaufenden Entwicklung der Vorworte in den echten Paulusbriefen.

 

Dagegen hat man eingewandt:

Wegen der anderen Begriffswelt müssen die Briefe noch keine Fälschung sein: Sie sind gut bezeugt, die Lehre des Paulus tritt gut hervor, die Werkgerechtigkeit (Rechtfertigung aus guten Werken) wird abgelehnt, es gibt erst zwei Ämter (Bischöfe und Diakone), die Stellung zum Staat ist eng mit Röm 13 verwandt und die geschichtlichen Einzelheiten (2. Tim 4 und 1,15-18) sind zu einmalig und genau. Die einfachste Lösung ist da die „Sekretärshypothese“ (eine gemilderte Unechtheitserklärung): Ein Schreiber habe die Briefe nach den Angaben des Paulus selbst formuliert. Sie müßten dann zwischen 58 und 64 abgefaßt worden sein. Doch wie Paulus diktiert, zeigen seine echten Briefe: Da fängt er eine Satz an, bricht ihn wieder ab, nimmt ihn nachher wieder auf. So schreibt kein Sekretär, der Ruhe zur Abfassung hat. Der „Sekretär“ für die Pastoralbriefe ist eher ein selbständiger Schreiber

 

Allgemeines:

Die Irrlehrer verkörpern eine frühe, judenchristliche Gnosis (nicht Marcion). Gegen ihren Enthusiasmus und das Pneumatikertum errichten die Briefe

-  die sukzessiv gesicherte rechte Lehre

-  den ordinierten, an die Lehre gebundenen Amtsträger

-  die nüchternen Gemeinderegeln, die für alle gelten.

Hier versucht ein verblaßter Paulinismus  die notwendige Neu-Interpretation  der urchristliche Botschaft unter der Voraussetzung der aufgegeben Naherwartung.

Der Abfassungsort dürfte in Kleinasien oder Griechenland gewesen sein (Verwandt­schaft mit Polycarp), die Autorität des Paulus wird noch anerkannt.

Als Abfassungszeit ist die Jahrhundertwende oder der Anfang des 2. Jahrhunderts anzunehmen: Das paulinische Erbe kommt noch aus lebendiger Gemeindeüberlieferung und die bekämpfte Lehre der Gnosis hat einen nur bruchstückhaften Charakter.

Erster Timotheusbrief:

Timotheus soll in Ephesus sein. Der Brief richtet sich auch gegen Irrlehrer. Hauptteil ist aber eine Kirchenordnung, die aus Sammelgut besteht. Sie ist aber mit einer Haustafel verschmolzen.

 

Zweiter Timotheusbrief:

Der Verfasser schlüpft in die Rolle des Paulus, der jetzt in Rom in Gefangenschaft ist und dort seinen Glauben rechtfertigen soll. Doch ihm steht auch Timotheus vor Augen, der Mitarbeiter des Paulus, der sowieso von Natur aus etwas zurückhaltend war und das gleiche Schicksal fürchtet wie Paulus. Er soll im Herbst zu ihm kommen, damit ihn Paulus zu seinem Nachfolger bestimmt. Die Personalangaben in 2. Tim 4,9-22 sprechen für Cäsarea als Abfassungsort und Ephesus als Ort der Empfänger. Die Teilnahme des Timotheus an der Jerusalemreise des Paus macht aber 2. Tim 4,10 überflüssig  ebenso wie die Erwähnung Roms in 2.Tim 1,17.

 

Titus:

Dieser ist der älteste der drei Briefe. Titus hat mit Paulus auf Kreta gewirkt und Titus dort zurückgelassen. Jetzt will Paulus mit ihm die Irrlehrer bekämpfen. Der Aufstellung über die Presbyter (Tit 1,5-6) ist sehr kurz, in der Aufstellung über die Bischöfe (Tit 1,7-9) fehlen aber genau die Punkte, die bei den Presbytern genannt sind. Hier handelt es sich um eine einzige Liste, die nur auf die beiden Amtsträger verteilt wurde.

 

Die Pastoralbriefe geben nicht die Theologie des Paulus wieder. Aber das heißt nicht, daß ihr „bürgerliches Christentum“ nicht eine notwendige Neuauslegung der urchristlichen Botschaft ist, nachdem die Naherwartung aufgegeben wurde. Die Verfasserfrage ist nicht so entscheidend.  Die Briefe können notwendige und sachgemäße Fortbildung der Verkündigung des Paulus sein.  Aber man muß sie dennoch von Paulus absetzen und den Abstand von ihm berücksichtigen. Aber unter dieser Voraussetzung können sie durchaus Wort Gottes sein.

 

 

 

Katholische Briefe

„Katholisch“ heißt hier: „für die Allgemeinheit bestimmt“. Der Ausdruck findet sich zuerst bei Origenes und wird zuerst im 1. Johannesbrief so verstanden. Aber in Wirklichkeit haben die Briefe einen begrenzten Leserkreis.

 

1. Petrusbrief

Der Brief richtet sich an Christen als die Glieder des wahren Gottesvolkes, die als Fremd­­linge auf der Erde verstreut wohnen, da ihre Heimat im Himmel ist. Heidnische Verleumdung (2,12) führte zu Anklagen der Christen vor Gericht (1,6; 4,12; 2,20; 4,15), doch diese sind Beginn des Endgerichts (4,7+17), doch Leiden ist Prüfungsmittel (1,6-7 und 4,12-13+19).

Der Brief stammt nicht von Petrus: Er hat ein gepflegtes Griechisch und Zitate aus der Septuaginta. Die paulinische Theologie ist vorausgesetzt, der Brief ist in paulinisches Missionsgebiet gerichtet. Er hat keine Bekanntschaft mit dem irdischen Jesus (2,24). Es ist die Zeit der beginnenden Verfolgung. Berührungen gibt es auch mit Jakobus und Epheser.

Daß eine wirklich beabsichtigte Falschangabe des Verfassers vorliegt, zeigt sich darin, daß der Apostel-Titel verwandt wird und die zwei aus der apostolischen Zeit bekannten Paulusmit­arbeiter Silvanus und Markus als Gehilfen auftreten. Daraus schließen einige Ausleger, der Brief sei durch Silas Silvanus geschrieben worden, den „Sekretär“ des Paulus.

Man hat den Brief als abhängig von anderen Briefen eingeschätzt. Aber die ermahnende Tradition ist immer sehr formelhaft und wird im Gottesdienst häufig zitiert. Es geht also nicht um eine literarische Abhängigkeit, sondern hier liegt die gleiche ermahnende Tradition der frühen Christenheit vor.

 

Die Annahme einer Zusammensetzung des ersten Petrusbriefs aus zwei Teilen ist unnötig und unwahrscheinlich. Man hat vermutet, daß hier das älteste Dokument eines urchristlichen Gottesdienstes vorliegt, denn hier habe ab 4,12 ein Taufgottesdienst seine schriftliche Niederschrift gefunden. Daran habe sich dann der Gottesdienst der Gesamtgemeinde angeschlossen.

Es gibt folgende Möglichkeiten:

-       Sekundär brieflich gerahmte Taufansprache

-       Taufansprache und Mahnschreiben des gleichen Verfassers

-       Taufpredigt vor und nach der Taufe

-       Liturgische Stücke eines Taufgottesdienstes (1,21-22).

Doch der „Rahmen“ ist mit dem „Korpus“ verknüpft, der Brief ist einheitlich. Leidenserfahrungen finden sich auch 1,6 und 2,12 und 3,16 und 4,4. Dagegen passen Haustafel und Paränese nicht in eine Taufansprache.

Das Schreiben muß auch nicht als Taufansprache oder Taufliturgie verstanden werden. Denn die Bezüge auf die Taufe lassen sich von der Grundabsicht her (der Motivation zum Ausharren für Leiden) verstehen: Überliefertes  Material dient dazu, die endzeitlich begründete Allgemeinheit des Leidens zu begründen und dadurch zum Ausharren aufzufordern. Die Taufe selbst wird dabei nie eigenständig thematisiert.

Die Leidenssituation wird durch zwei Grundgedanken bearbeitet:

         Das Leiden ist der Beginn des Endgerichts, das nun unmittelbar bevorsteht. Leiden ist damit ein Prüfmittel Gottes vor dem baldigen Erscheinen Christi. Es wird also durch Rückgriff auf die Naherwartung bewältigt.

         Leiden wird als Nachahmung des Vorbildes Christi gesehen, der selbst litt und dadurch die Sünde überwand . Wo Christen am Körper leiden, hat auch für die die Sünde ein Ende.

 

Die Kirche der nachpaulinischen Zeit war vor eine Reihe von Aufgaben gestellt:

         Die Verzögerung der Wiederkunft zwang dazu, die Endzeitlehre neu zu bedenken.

         Die Kirche wurde sich bewußt, daß sie eine Geschichte hat. So wurde gefragt, wie sich nun der Weg der Kirche zu dem des Volkes Israel verhält? Nach welchem Plan lenkt Gott den Lauf der Geschichte?

         Paulus war hier Wegweiser: Im Zusammenhang mit der Frage nach der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes lenkt er den Blick auf das Geschick Israels und bezeichnet Gottes Barmherzigkeit als Ziel seiner Geschichte mit Israel und den Völkern (Röm 9-11).

         Gab es christliche Überlieferung von Anfang. so mußte man nun dafür Sorge tragen, daß zwischen rechter und falscher Tradition unterschieden wurde, um in der Verkündigung die durchgehende Folge des einen Evangeliums durchzuhalten

         Da die Kirche sich in der Welt zurechtfinden mußte, konnte sie nicht ohne eine Ordnung leben. Mit der Ausbildung einer Verfassung wurden jedoch die Amtsträger aus der Gemeinde herausgehoben. Sie sollen die Kirche vor Schaden bewahren, die rechte Lehre vertreten und für den rechten Vollzug der Sakramente sorgen.

         Um den Christen Anweisungen zum Verhalten im Alltag zu bieten, mußten ihnen Lebensregeln gegeben werden, nach denen sie sich richten konnten.

         Diese Aufgaben, vor denen die Kirche an der Jahrhundertwende stand, konnten nicht durch unveränderte Wiederholung überkommener Sätze bewältigt werden. Das überlieferte Bekennt­nis mußte so zu Wort kommen, daß es Antwort auf neue Probleme geben konnte.

Eigentliches Thema ist die Stärkung der Christen für das Leiden (Taufe nur 1,3-2,10). Der Brief ist eine Mahnschrift an jüngere Christengemeinde. Die Erinnerung an die Taufgabe dient dabei dazu, die Notwendigkeit des Leidens und Ausharrens zu zeigen.

Eine theologische Besonderheit ist die Vorstellung von der Höllenfahrt Christi (1.Petr 3,18-22 und 4,6). Dadurch soll die umfassende Gültigkeit des Christusgeschehens deutlich gemacht werden. Zugleich wird aber auch die Frage nach Gottes Gerechtigkeit beantwortet: Auch die schon Gestorbenen erfahren die Christuspredigt, so daß keiner im Gericht entschuldbar ist.

Das Trost- und Ermahnungsschreiben (5,12) ist nach Kleinasien gerichtet, an die fünf kleinasiatischen Provinzen. Als Abfassungsort nennt 1. Petr 5,13 die Stadt Babylon, ein  bekannter Deckname für Rom. Die Vorstellung vom römischen Aufenthalt des Petrus ist gegen Ende des ersten Jahrhunderts bezeugt. Daß der Brief zunächst mehr im Osten bekannt ist, spricht aber weder für noch gegen eine Abfassung in Rom. Doch „Petrus“ sagt  in dem Brief wenig über seine Person und er müßte auch eine starke theologische Entwicklung durchgemacht haben hin zu Glaubensüberzeugungen des Paulus.

Die Verfolgungssituation läßt sich nur als die beginnende staatliche Verfolgung (im ganzen römischen Reich) verstehen (1.Petr 5,9), die aber frühestens unter dem Kaiser Domitian (81-96) einsetzte. Vorher gab es nur lokale Verfolgungen. Zu dieser Zeit aber war Petrus schon lange tot. Die Entstehungszeit dürfte zwischen 90 und 95 gewesen sein

 

 

Judasbrief

Der Verfasser nennt sich „Judas, Knecht Jesu Christi, Bruder des Jakobus“. Damit soll zweifellos der Herrenbruder Judas gemeint sein. Doch gegen eine Verfasserschaft eines Herrenbruders spricht:

- Die Zeit der Apostel wird als zurückliegende gesehen

- Typische Glaubenssätze der Zeit des ausgehenden Urchristentums

- der überlieferte Glaube

- die Ankündigung der Irrlehrer in der Endzeit

- das gepflegte Griechisch.

- die Zitierung der Henoch-Apokalypse in der griechischen Übersetzung.

Daß der Judasbrief aber von einem anderen Judas, der einen Bruder Jakobus hatte, verfaßt wurde, ist eher unwahrscheinlich. Weder ist ein Judas mit einem Bruder Jakobus bekannt, noch wäre verständlich, wie ein so wenig bekannter Autor ein so ungenau adressiertes Schreiben einfach mit einem solchen Absender versehen will. Der Judasbrief will vielmehr als Schrift die Verfasserschaft eines Herrenbruders vortäuschen.

2. Petrusbrief

Zum ersten Mal wird hier Bezug genommen auf ein andere Schriften des Neuen Testaments (3,1 und 15). Der Brief ist abhängig vom Judasbrief.

          2. Petr 2,11 ist nur durch Jud 9 verständlich.

          2. Petr 2,4-9 hat die Beispiele chronologisch (Engel, Flut, Sodom).

         Die Irrlehrer der Endzeit werden umgedeutet zu Leugnern der Endzeit.

         Die Pseudepigraphen werden nicht benutzt bzw. ausgelassen

          (Jud 14-15 =  Henoch 1,9  und 60,8)

Der Brief gibt sich als „Testament“ des Petrus (besondere Literaturgattung), stammt aber nicht von dem Apostel (1,13-21):

         Literarische Beziehung zum Judasbrief in Kapitel 2

         Hellenistische Anschauungswelt (arete, koinonoi, physeos)

         Die „Gnosis“ ist die orthodoxe Lehrtradition (fides catholica)

         Kampf gegen die gnostische Leugnung der Erwartung des nahen Endes (3,3-10)

         Berufung auf die Sammlung der Paulusbriefe (3,15)

         Die Briefe werden ausgelegt durchs Lehramt

         Rückverweis auf den 1.Petrusbrief (3,1-2 und  1,12+15)

         Im zweiten Jahrhundert noch nicht erwähnt, bei Origines umstritten

         Zeit der Kanonisierung des AT (ohne Pseudepigraphen) und NT

         Die Gegner werden nur moralisch verunglimpft.

 

Der Inhalt des Briefes ist eine Abwehr von Irrlehrern. Über deren Haltung wird folgendes deutlich:

         Sie leugnen Christus als den Herrn

         sie sind „Träumer“

         sie lästern die überirdischen Mächte

         offensichtlich erkennen sie nur natürliche Dinge an

         sie führen ein zügelloses Leben und begehen Unzucht

         sie spotten

         sie verursachen Spaltungen.

Die Irrlehrer werden durch folgende Mittel bekämpft:

         Aufruf zum Festhalten am überlieferten Glauben

         Drohung mit dem Gericht

         einfach Beschimpfung

         Einordnung der Irrlehrer in die Endzeitereignisse

         Aufruf, Zweifelnde zu retten, Irrlehrer aber  zu meiden

         inhaltlich wird den Irrlehrern nichts entgegengesetzt.

          

Es geht um die Einprägung apostolischer Gedanken, um über die Krise zu helfen, die durch Zügellosigkeit (Libertinismus) und Verzögerung der Wiederkunft entstanden war. Die Gegner sind Anhänger der Lehre der Gnosis, die sich sogar den Engeln überlegen wissen und denen auch die urchristliche Endzeitlehre nichts mehr sagen kann.

Demgegenüber betont der Brief: Ein Tag vor dem Herrn ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag (3,8). Der Herr verzieht nicht die Verheißung, wie es etliche für einen Verzug achten, sondern er hat Geduld mit uns, und will nicht, daß jemand verloren werde, sondern daß sich jedermann zur Buße kehre (3,9 und 3,13: „Wir warten aber eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in welchen Gerechtigkeit wohnt!“).

 

 

Es geht um die Einprägung apostolischer Gedanken, um über die Krise zu helfen, die durch Libertinismus und Parusieverzögerung entstanden war. Die Gegner sind Gnostiker, die sich sogar den Engeln überlegen wissen und denen die urchristliche Eschatologie nichts mehr sagt.

Demgegenüber betont der Brief: Ein Tag vor dem Herrn ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag (3,8). Der Herr verzieht nicht die Verheißung, wie es etliche für einen Verzug achten, sondern er hat Geduld mit uns, und will nicht, daß jemand verloren werde, sondern daß sich jedermann zur Buße kehre (3,9. Wir warten aber eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in welchen Gerechtigkeit wohnt (3,13).

Der Brief dürfte um 110 geschrieben sein, als man gerade dabei war, die neutestamentlichen Schriften zu sammeln und gewisse Schriften auszuscheiden. Das Christentum war schon stark griechisch beeinflußt. Schon die alte Kirche hielt den Brief für „unecht“, er ist also nicht von Petrus. Er könnte aber auch erst aus der Zeit zwischen 125 und 150 stammen(christologische Irrlehre fehlt noch)  und wäre somit neben Judas späteste Schrift des Neuen Testaments.

 

 

Johannesbriefe

Die Briefe sind für die ganze Christenheit bestimmte Mahnschreiben (Traktate). Im ersten Johannesbrief ist das Thema: „Der rechte Glaube an Christus“ und „Der Zu­sammenhang von Glaube und Wandel“. Er stammt vom gleichen Verfasser wie das Johannesevangelium. Doch das Evangelium ist älter (20,27 - 1,10; 13,34 - 3,11; 5,39 und 8,17-18 - 5,9 und 14,13-14; 16,23 - 5,11).

Viele Stellen in den Johannesbriefen werden erst vom Evangelium her verständlich (Brief 1,1 und  Evangelium 2,27 oder Brief 5,14 und Evangelium 14,13-14 bzw. 16,23). Viele zentrale Gedanken sind gemeinsam:

- die Zusammenordnung von Vater und Sohn

- die Sendung des Sohnes in die Welt

- Wasser und Blut in Christus

- Christus der Eingeborene und der Weltheiland

- der Geist der Wahrheit

- die Heilskräfte Leben, Licht und Liebe

Die Johannesbriefe haben aber auch eigentümliche Gedanken:

            - Verbindung von Gottesliebe und Bruderliebe

- Verbindung von Gotteserkenntnis und Gehorsam

- Betonung der Sühnung und Reinigung durch Christus

- Die Sündenvergebung und ihre Schranken.

Es fehlen aber Grundbegriffe des Johannesvangeliums wie „Wort“, „Geist“, „Kampf“, „Auferstehung“, „Gottesherrschaft“, „Retter“. Die Briefe verfolgen eigene Absichten, vor allem die Abwehr der Irrlehrer. Die Schriften entstammen denselben Kreisen, aber es gibt keine literarische Abhängigkeit. Evangelium und Briefe  den gleichen Verfasser und den gleichen theologischen Standpunkt. Die Unterschiede erklären sich aus der schärferen Einstellung gegen die Gnosis. Die Briefe sind bald nach dem Evangelium geschrieben.

Zitate aus dem AltenTestament fehlen, die futurische Endzeiterwartung wird betont (2,28), die Irrlehrer sind gegenwärtig (2,18+22 und 4,3). Tröster ist Jesus Christus (2,1). Der Sühnetod Jesu  wird erwähnt (1,7+9: 2,2:4,10). Manche Differenzen erklären sich aus der Ketzerpolemik des Briefs und dem zeitlichen Abstand zwischen den Schriften und aus sachlichen Gründen (kerygmatisches Evangelium - praktisch-paränetischer Brief).

Die Irrlehrer bilden eine gnostisch-enthusiastischen Bewegung mit einer Lehre von Christus, die ihm nur einen Scheinleib zugesteht („Doketismus“) (4,2-3;5,1+5-6; 1,7; 2,1-2;3,16;4,10) und mit Zugeständnissen an die Welt (4,5;2,15; 1,8+10; 2,4). Sie wissen sich als sündlos und mißachten das Gebot der Bruderliebe. Es handelt sich jedoch nicht um die Lehre des Kerinth (Trennung in einen oberen und unteren Gott, Christus habe sich nur zeitweise mit dem Menschen Jesus verbunden).

Bultmann rekonstruiert eine Vorlage aus der gnostischen Quelle  der Offenbarungsreden  (Interpolationen mit kirchlicher Endzeitlehre und Sühnetod Jesu sind 5,14-21;2,28; 3,2;4,17; 17b, 2,2; 4,10b). Doch die Ergebnisse sind unwahrscheinlich, da zwischen Vorlage und Bearbeitung kein eindeutiger theologische Unterschied besteht und die Stilunterschiede auf Verwendung traditionellen Stoffs zurückgeht. Einziger Zusatz ist das „Komma Johanneum“ 5,7-8 („Drei sind da, die da Zeugnis geben: der Geist, das Wasser und das Blut, und die drei stimmen überein“).

 

Beim ersten Johannesbrief handelt es sich nicht um einen Brief, sondern eher um eine theologische Abhandlung. Diese scheint an einen bekannten Leserkreis gerichtet zu sein, wendet sich aber an die gesamte Christenheit. Es gibt einen ständigen Wechsel zwischen dogmatischen (christologischen) und ethischen (ermahnenden) Abschnitten. Gegenüber einer hochtönenden gnostischen Frömmigkeit wird ein schlichtes, aber großzügiges Christentum der Tat gefordert.

Die gegen die Irrlehrer gerichteten Abschnitte 1. Joh 2,18-27 und 4,1-6 unterbrechen den Gedankengang. In Kapitel 5 wird die Lehre von Christus zusammengebunden mit den beiden anderen Hauptgedanken Bruderliebe und Gotteszeugung. In den anderen Stücken wechseln längere Stücke mit kurzen Betrachtungen oder Spruchreihen, die sich nicht organisch dem Ganzen einfügen. Die Bekenntnisse zur Sündlosigkeit (3,9-10 und 5,18) könnten später hinzugefügt worden sein.

Man vermutete auch, daß beim ersten Johannesbrief zwei Vorlagen benutzt wurden: Ein Text über die Endzeit (Wiederkunft Christi und zukünftige Herrlichkeit) und eine Offenbarungsrede. Der Verfasser hätte die Vorlagen erweitert und die Verbindung nach vorwärts und rückwärts geschaffen oder hat sie in seine Lieblingsausdrücke (bleiben, Wahrheit, aus Gott) eingesetzt.

Die theologischen Schwerpunkte sind wie folgt: Der erste Johannesbrief ist d a s Dokument gegen Ketzerei im Neuen Testament. Die Ketzer sind Vertreter des Widersacher der Endzeit, des Antichrist. Die zentrale Lehre der Ketzer ist die Bestreitung der Menschheit Jesu (Inkarnation). Gegenüber dieser gnostisch-enthusiasti­schen Bewegung wird die Übereinstimmung Jesu mit dem Christus und die erlösende Kraft seines Todes als wesentliche Stücke christlicher Glaubensgewißheit betont werden müssen. Dazu greift der Verfasser auf traditionelle Bekenntnisformulierungen zurück und verleiht ihnen eine Spitze, die stark gegen die Lehre gerichtet ist, daß Jesus nur ein Himmelswesen gewesen sei.

Die Bekämpfung der gnostischen Irrlehre geschieht in einer von der Gnosis beein­flußten Sprache, die sich stark mit der Begriffswelt des Johannesevangeliums berührt. Die Abwehr der Irrlehrer ist deshalb so schwierig, weil sie aus der Gemeinde selbst hervorgegangen sind. Die Scheidung zwischen den Geistern muß jedoch vollzogen werden

Neben der Abwehr der Irrlehre spielt die Mahnung zur Bruderliebe eine zentrale Rolle. Denn mit der falschen Lehre von Christus hängt eine falsche Ethik zusammen. Erkennen und Handeln werden als untrennbar miteinander verbunden verstanden. Es geht um den rechten Glauben und den rechten Wandel darin. Weil die Gnostiker die Leiblichkeit nicht ernst nehmen, mißdeuten die nicht nur die Lehre von der Fleischwerdung Christi, sondern verachten auch die Bruderliebe. So wird der Vollzug der Bruderliebe geradezu zum Kennzeichen des richtigen Bekenntnisses.

 

Brief 2 und 3 haben die Form eines hellenistischen Privatbriefs, behandeln aber  Glaubens- und Gemeindedinge.  Der zweite Brief ruft auf zum Wandel in der Liebe und warnt vor Irrlehrern, die die Fleischwerdung Jesu bestreiten. Er geht an eine Gemeinde und kommt „von dem Alten“, der vielleicht zu den kleinasiatischen Presbytern gehört, jedoch nicht der Vertreter der provinzialen Missionsorganisation gegenüber der Einzelgemeinde und auch nicht ein vom Gemeindeleiter Dio­trephes exkommunizierter Irrlehrer. Höchstens gibt es einen Konflikt mit dem älteren Charismatikertum, eher kirchenrechtlich als dogmatisch. 

Der dritte Brief soll ein Brief des „Presbyters“ an einen nicht näher bekannten Gaius (in einer anderen Gemeinde).sein, der für seine Aufnahme missionierender Brüder gelobt wird. Er kämpft gegen einen gewissen Diotrephes, der diese Aufnahme in der Gemeinde hindert und die Stellung eines alleinherrschenden Bischofs anstrebt.

 

Der zweite und der dritte Johannesbrief haben denselben Verfasser. Dafür spricht die gleiche Sprache und dieselbe Verwendung des Briefformulars am Anfang. Ferner zeigen sich Gemeinsamkeiten mit dem 1. Johannesbrief, aber man kann weder einen gemeinsamen Verfasser beweisen noch das Gegenteil.  Die Johannes-Briefe stammen aus der johanneischen Schule, innerhalb derer eine klare Verfasserschaft nicht mehr zu ermitteln ist. Die Abfassungszeit ist in den Jahren  90 bis 110 zu sehen. Er ist nach Kleinasien gerichtet und kommt vielleicht aus Syrien.

 

 

Hebräerbrief

 

Form:

Die Schrift ist kein Brief. Es fehlt eine briefliche Einleitung. Es gibt zwar Anreden an die Leser und einen Briefschluß, jedoch kein Briefformular am Anfang. Daß ein solches ausgefallen oder gestrichen wurde, kann kaum begründet werden.

Der Hebräerbrief ist demnach als eine gelehrte Abhandlung, eventuell auch als eine Rede zu betrachten (häufiger Hinweis auf das Reden des Verfassers).

Der Hebräerbrief ist die am sorgfältigsten ausgearbeitete Schrift des Neuen Testaments und hat das beste Griechisch. Er hat stark lehrhafte Züge. Doch es ist unmöglich, eine Verarbeitung vorgegebener Lehrvorträge nachzuweisen. Wahrscheinlich verwendet der Verfasser fest vorgegebene Traditionsstücke (am ehesten noch 1,3-4). Aber ihre genaue Abgrenzung ist unsicher.

Der Brief ist durchzogen von Ermahnungen, aber man kann ihn nicht aufspalten in einen belehrenden (1,1-10,18) und einen ermahnenden ( 10,19-13,25) Teil. Er ist eher ein Predigt, die in das Leben hineinspricht, vielleicht eine Zusammenfassung mehrerer Predigten, die einer bestimmten Gemeinde gesandt wurde (11,32) und mit einem brieflichen Schluß versehen wurde. Aber doch wohl verschiedene Lehrformen und Abhandlungen: 2,5-10 = Ps 8; 3,7-19 = Ps 95,7-11; 5,1-10 = Ps 2; 7= Ps 110; 8 = Jer 31; 11 = Glaube; 12,4-11 = Prov 3,11. Die Gliederung erfolgt durch Ermahnungen (Paränesen) am Anfang und Ende der Abschnitte.

 

Der Hebräerbrief ist keine allgemeine Abhandlung, sondern an ganz bestimmte Christen in einer besonderen Lage gerichtet. Offensichtlich kennt der Verfasser die Leser. Obwohl diese eine lobenswerte Vergangenheit haben, hat der Verfasser Folgendes am Verhalten der Leser zu kritisieren:

         Sie bleiben den Versammlungen fern

         Sie sind ungelehrig

         Sie haben Angst vor Verfolgung, obwohl sie bereits Verfolgung durchstanden haben

         Sie scheinen zu ermatten und das Bekenntnis zu Christus aus dem Auge zu verlieren

         Der Gehorsam gegenüber den Gemeindeleitern ist einzuschärfen

 

Theologie:

Werk eines selbständigen Paulusschülers, vom paulinischem Geist berührt. Aber:

Die Auferstehung wird zur Erhöhung in den Himmel und  die Versöhnung zur Reinigung, Heiligung, Vollendung.

Bei Paulus fehlen gegenüber dem Hebräerbrief:

Hohenpriestertum, neue Gottesordnung, Problem der zweiten Buße.

Im Hebräerbrief fehlen gegenüber Paulus:

Rechtfertigung, Fleisch und Geist, Heiden und Juden.

Der Kampf gegen das Gesetz ist beendet, man ist in der dritten Generation (2,3).

Das Gesetz wird kultisch als Sühne-Institut gesehen, das Schwachheitssünden beseitigen soll (10,1).

Es gibt Berührungen mit dem Geist des alexandrinischen Judentums (allegorische und typologische Auslegung und gemeinsame Tradition mit Philo) und Berührungen

mit der Gnosis (Christologie, wandernden Gottesvolk), aber nicht mit Qumran und keine Wanderung der Einzelseele zu Gott.

 

Folgende theologische Grundgedanken sind festzuhalten:

         Bestimmender Gedanke ist der des „wandernden Volkes Gottes“" (so Ernst Käsemann)

         Gegen die Ermüdung beim Wandern muß gekämpft werden, indem an das Ziel - die himmlische Ruhe in der himmlischen Stadt - gedacht wird.

         Der Rückblick in den alten Bund soll motivieren: Wenn bereits dort die Übertretungen furchtbar bestraft wurden, dann um soviel mehr jetzt

         Glaube ist Bleiben beim wandernden Gottesvolk

         Sünde ist Zurückbleiben, Ermüden, Unglaube, Abfall

         Hoffnung ist der Ausblick vom Weg aufs Ziel

         Die Verheißung ist einerseits schon erfüllt (Das Gottesvolk ist schon auf dem Weg), aber die Wanderung ist noch nicht am Ziel

         Die Gewißheit der Hoffnung ist durch das Opfer des einzig wahren Hohe­priesters Christus begründet.

 

Die Ermahnung wird durch verschiedene Anstöße begründet:

         Der Brief schließt eine zweite Bekehrung zum Christentun aus. Diese Frage wird dann bitterernst, wo es in Verfolgungssituationen um Bekennen und Verleugnen geht.

         Die Christen haben in der Welt nicht ihre Heimat, sie sind auf der Wanderschaft nach einem Land der Ruhe

         Die Wiederkunft ist nahe

         Wenn schon die Übertretung des alten Bundes zur Bestrafung führte, um wieviel mehr dann die des neuen, noch herrlicheren Bundes.

 

Empfänger:

Die Empfänger sind nicht in Jerusalem (6,10 die Urgemeinde war arm, auch 2,3-4 und 13,7 und 10,32-39 passen nicht auf Jerusalem. Die Empfänger sind Christen, bei denen (wie im Galaterbrief) die Kenntnis des Judentums vorausgesetzt wird 3,1-4 und 6,4-6 und 10 23+26 und 12,22-24).

Über die Empfänger des Hebräerbriefes kann weitgehend nur spekuliert werden: Die  Überschrift „An die Hebräer“ ist sekundär und läßt kaum Rückschlüsse auf die Empfänger zu. Doch wurde wegen ihr und wegen der stark an das Alte Testament und am jüdischen Kult orientierten Beweisführung geschlossen, daß die Empfänger ehemalige Juden seien. Doch dagegen spricht:

         Die Hinweise auf die Notwendigkeit des Gottesglaubens  sind kaum verständlich, wenn der Brief an ehemalige Juden gerichtet wäre.

          Die in Kapitel 6 genannten Anfangsstücke einer Bekehrungspredigt sind aus der Heidenmission genommen.

Daß der Brief trotz traditioneller jüdischer Beweisführung an ehemalige Heiden gerichtet ist, ist durchaus denkbar, da ja auch die Heidenchristen sich als das wahre Israel verstanden und das Alte Testament als bestimmende heilige Schrift kannten (Schon Paulus mutete den Galatern und den Römern schwierige Schriftbeweise zu). Ferner ist zu beachten, daß der Hebräerbrief den Gegensatz zwischen Juden- und Heidenchristen gar nicht mehr kennt. Die Empfängergemeinde dürfte damit rein von ehemaligen Heiden bestimmt sein. Auf keinen Fall also ist der Empfänger des Briefes die Urgemeinde, da die Adressaten selbst für andere gespendet haben (Hebr 6,10).

Möglich wäre, daß die römischen Christen Empfänger des Briefes sind. Dafür spricht, daß

          der Hebräerbrief zuerst durch den ersten Clemensbrief in Rom bezeugt ist.

          in Hebr 13,7+17+24 dieselbe Bezeichnung für die Vorsteher verwendet wie   in 1.Clem 1,3

          der Gruß 13,24 durchaus als Gruß von italienischen Christen an ihre Brüder in der Heimat verstanden werden kann.

Ein wirklich begründeter Wohnort der Empfänger ist aber damit nicht möglich. Offensichtlich handelt es sich um Christen der zweiten oder dritten Generation (dritte Generation extra erwähnt), deren Glaubenseifer und Bekennermut erschlafft.

 

Verfasser:

Die Person des Verfassers ist nicht mehr festzustellen. Er war wohl ein hochgebildeter Paulusschüler, dessen Namen wir nicht wissen (der Kirchenvater Origenes meinte dazu: „den weiß nur Gott“). Die Abfassungszeit dürfte zwischen 80 und 90 liegen.

Als Verfasser wird im Osten der Apostel Paulus angesehen, im Westen aber Barnabas, Luther meinte, Apollos sei der Verfasser. Doch die Person des Verfassers ist nicht mehr festzustellen. Er ist hellenistisch-jüdisch und gnostisch beeinflußt. Es gibt eine sprachliche Verwandtschaft mit Lukas. Verfasser ist ein hellenistischer Juden­christ,  der in einer heidenchristlichen Gemeinde zu Hause ist. Vielleicht ist er ein römischer Presbyter, der von seiner Gemeinde getrennt ist, er wird „Vorsteher“ genannt (1. Clem 1,3 und Gruß 13,24)

Vielleicht ist der Brief auch nach Rom gerichtet, durch den Clemensbrief ist er zuerst bezeugt. Er könnte zwischen 80 und 90 verfaßt sein, in der Verfolgungszeit Kaiser Domitians.

 

 

 

Jakobusbrief

Jakobus ist kein wirklicher Brief. Zwar gibt es einen eingliedrigen Eingangsgruß, aber am Schluß fehlen Briefformalien. Der Brief ist eine Lehr- und Mahnschrift an die Christen, die das wahre Israel sind. Er ist, eine paränetische Lehrschrift ohne Zusam­menhang und mit jüdischem Charakter (3,15 und 5,17). Jesus wird nur 1,1 und 2,1 erwähnt. Der Jakobusbrief ist eine lose Aneinanderreihung aus Spruchreihen und kleineren Abhandlungen, die alle rein ermahnende Aufgabe haben. Außer den drei längeren Ausführungen Jak 2,1-13 (Arm und Reich), Jak 2,14-26 (Glaube und Werke) und 3,1- 12 (Die Macht der Zunge) finden sich nur kleinere Spruchgruppen oder gar Einzelsprüche, gelegentlich durch Stichwortanschluß verbunden. Dies paßt ganz zum Charakter eine ermahnenden Lehrschrift.

Meyer hat den Brief angesehen als jüdisch-hellenistische Allegorese über den  Erzvater Jakob und die zwölf Stämme, die umgearbeitet wurde und uns verstümmelt in Form des Jakobusbriefs erhalten ist.

Der Brief wendet sich gegen einen formelhaft gewordenen Paulinismus (2,14-26). Aber die Paulusbriefe sind dem Verfasser des Jakobusbriefs nicht bekannt (Berufung auf 1, Mose 15,6). Es wird ein praktisches Christentum gefordert. Es herrscht ein additives Verständnis von Glaube und Werk („Imperativ ohne Indikativ“). Aber der Brief ist doch eine notwendige Warnung nach der Pauluslektüre.

Das Verhältnis zu Paulus ist umstritten. Die Gesetzestheologie des Paulus ist wohl vorausgesetzt. Doch eine direkte Kenntnis der Paulusbriefe scheint eher unwahrscheinlich, da Jakobus nicht mehr vom Gegensatz zwischen des „Werken des Gesetzes“ und dem Glauben spricht und der Glaube auf den verstandesmäßigen Bekenntnisakt zum einen Gott beschränkt wird (Jak 2,19). Jakobus kämpft gegen einen formelhaft gewordenen Paulus und bietet eine innerchristliche Auseinandersetzung, die Paulus nicht mehr zum direkten Gegner hat.

 

Empfänger des Jakobusbriefs sind die Zwölf Stämme „in der Zerstreuung“ (1,1) - das hat kein anderer Verfasser des Neuen Testaments gewagt. Damit sind nicht ehemalige Juden (Judenchristen) gemeint, sondern die ganze Kirche Christi, die sich als wahres Israel versteht. Die Annahme, bestimmte Mahnungen seien auf Zustände in der Empfängergemeinde zu beziehen, ist angesichts des typischen Charakters dieser Mahnungen unbegründet. Das Stichwort „Zerstreuung“ könnte verwendet sein, weil die Welt für die Christen die Fremde ist.

 

Aus der Empfängerangabe kann man noch nicht schließen, daß das nur der Leiter der Jerusalemer Gemeinde tun konnte, also der Herrenbruder Jakobus der Verfasser ist (der im Jahre 62 gesteinigt wurde). Der Brief ist nicht vorpaulinisch und nicht von dem Herrenbruder Jakobus: Er hat eine gebildete Sprache (3,1-12), keine rituellen Vorschriften (1,25 und 2,12), keine Anspielung auf Jesus und einen zeitlichen Abstand zu Paulus. Der Verfasser schreibt ein sehr gepflegtes und gehobenes Griechisch und gebraucht gerne ausdrucksvolle Mittel (zum Beispiel auch die rein griechische Anrede). Sicherlich ist der Verfasser ein ehemaliger Jude, der stark in jüdischer Tradition verwurzelt ist. Er kennt die jüdische Endzeittheologie  und die jüdische Armenfrömmigkeit. Trotzdem sprechen seine Vertrautheit mit der griechischen Bibel, seine Sprache und die Bezeichnung der Christen als „Volk in der Zerstreuung“ (1,1) gegen die Annahme, daß der Verfasser aus Palästina kam. Der Jakobusbrief ist wohl irgendwo im Ostteil des römischen Reiches entstanden, ohne daß sein Abfassungsort genauer festzulegen wäre.

 

Auch die Abfassungszeit läßt sich schwerlich genauer als auf das Ende des ersten Jahrhunderts festlegen. Die Abfassungszeit liegt in der Nähe der Offenbarung des Johannes. Es haben sich schon Führergestalten herausgebildet im Kampf gegen die Bewegung der Gnosis. Er könnte um das Jahr 100 in Syrien abgefaßt sein, denn dort kommt zuerst der Begriff „Agape“ (Liebesmahl) auf. Er könnte aber auch aus noch späterer Zeit sein, aus der Zeit zwischen 125 und 150 (christologische Irrlehre fehlt noch), wäre also die späteste Schrift des Neuen Testaments.

 

Bezeichnend für die Kirchen- bzw. theologiegeschichtliche Situation des Jakobus ist seine Stellungnahme zur Endzeithoffnung. Alte Formeln werden zwar noch wiederholt (5,7-8), aber sie haben keine aktuelle Bedeutung mehr. Das Christentum des Jakobus paßt in die Zeit der Kirchenväter. Das Gesetz ist wohl wieder zum Heilsweg geworden, denn mit der Wertschätzung der Werke sei ja wohl wieder die Anerkennung des Gesetzes verbunden.

 

Die Aufnahme des Jakobusbriefs in die neutestamentlichen Schriften war lange umstritten. Im griechischen Osten war er erst seit der Synode von Laodicea (im Jahr 360) und dem Kirchenvater Athanasius allgemein anerkannt. Im Westen wird der Jakobusbrief von den Synoden von Rom (im Jahr 382) und Karthago  (im Jahr397) unter dem Einfluß von Hieronymus und Augustin für dazugehörig erklärt.

Luther äußerte sich sehr abfällig über den Jakobusbrief („stroherne Epistel“), weil er im Widerspruch zur Rechtfertigungslehre des Paulus stehe, nicht Christus, sondern das Gesetz predige und einen allgemeinen Gottesglauben vertrete. Jakobus sei ungeordnet und jüdisch, darum keines Apostels Schrift, mögen auch viele gute Sprüche darin stehen.

 

 

 

Offenbarung des Johannes

Eine Apokalypse ( = Offenbarung) ist eine spezifisch jüdische Literaturgattung. Schon im Alten Testament ist die vertreten (Jes 24-27 und Sach 9-10 und Hes 40-48). Aber daraus entwickelte sich dann eine Vielzahl weiterer jüdischer Apokalypsen. Deren Ansichten drangen dann auch massiv in den Glauben des Volkes ein. Inhalt ist durchweg die Schilderung der Endereignisse und der Vorzeichen dafür; oft sind sie auch politisch eingestellt. Die christliche Apokalypse unterscheidet sich davon nur durch die Überzeugung, daß in Jesus die Endzeit angebrochen ist.

 

Form:

Die Offenbarung ist formal ein Brief (Offb 22,21 ist ein Briefschluß), doch zugleich erweist auch ein Visionsbericht. Aber das Buch kam aufgrund einer persönlichen Offenbarung Christi an Johannes zustande, ist also keine Offenbarung des Johannes.

Es gibt keine klare Gliederung: Es gibt Doppelungen (Dubletten), weil verschiedenes Material verwandt wurde. Es liegt keine Zusammenarbeitung zweier Schriften vor und keine Wiederholung der Beschreibung des gleichen Ereignisses: Die Schalen­visionen überbieten (!) die Posaunenvision. Ältere Stücke sind vielleicht: Kapitel 11-12 Belagerung Jerusalems im Jahre 70 und Kapitel 13,1-10 und 17,3+10 Domitian als Nero.

Die Sprache ist beabsichtigt, das Buch ist keine Übersetzung aus dem Aramäischen.

Es ist auch keine jüdische Apokalypse, denn der Seher steht ganz auf dem Boden der Erfüllung. Die liturgischen Stücke dienen der Auslegung der Visionen durch den Verfasser.

 

Literarische Probleme:

Die Vermutung, der Offenbarung liege eine vom Verfasser bearbeitete jüdische Schrift zugrunde, kann nicht ausreichend begründet werden, da es nicht gelingt, eine durchgehende Quelle zu rekonstruieren. Es gibt aber Hinweise für die Übernahme einzelner fertiger Stücke.

Es wird die Sprache der alten Prophetie gesprochen, aber auch die Sprache des Alltags. Aber die Offenbarung ist von vornherein griechisch geschrieben, auch wenn das apokaplyptisches Kleid noch durchschimmert.

Es bestehen jedoch auch grundsätzliche Unterschiede: Die Offenbarung 

-  bezieht sich nicht auf einen berühmten Verfasser

-  führt sich nicht auf eine Gestalt in ferner Vergangenheit zurück.

-  bietet keine Weissagungen über die künftige Weltgeschichte

Es finden sich einzelne und kurze Hymnen, so daß die Vermutung entwickelt wurde, es handle sich dabei um vom Verfasser übernommene gottesdienstliche Hymnen. Doch dagegen spricht, daß die Hymnen auf den umgebenden Text  hin gestaltet sind.

 

Verfasser und Ort:

Der Verfasser nennt sich in 1,1 und 4 „Johannes“. Nach altkirchlicher Überlieferung handelt es sich bei ihm um Johannes, Sohn des Zebedäus, der auch als Verfasser des Johannes-Evange­liums und der Johannes-Briefe gilt. Doch die Sprache ist anders und die endzeitlichen Vorstellungen beider Schriften sind völlig verschieden. Gegen Johannes als Verfasser spricht auch , daß keine Bekanntschaft mit dem geschichtlichen Jesus erkennbar ist. Der Jünger Jesu wurde wohl schon früher Märtyrer. Der „Presbyter“ des Papias hat eher den zweiten und dritten Johannesbrief geschrieben. Der Verfasser ist ein judenchristlicher Prophet namens Johannes.

Das Buch ist wohl in Kleinasien entstanden (1,9 spricht von Patmos, vielleicht aber war es Ephesus). Die Lage der Empfängergemeinden ist durch Erkalten der ersten Liebe und durch die Wirksamkeit von Irrlehrern gekennzeichnet. Ferner scheinen schwere Auseinandersetzungen mit Juden zu geschehen.

Für die Bestimmung der Abfassungszeit gibt es folgende Hinweise:

• Es gibt einen ausgebildeten Kaiserkult, der von Christen verweigert wird.

• Es gibt in Kleinasien eine organisierte Verfolgung der Kirche.

Beides paßt am besten in die Zeit seit Domitian (81-96). Er wütete ganz besonders schlimm. Er ließ sich „Gott und Heiland in Ewigkeit“ nennen. In Ephesus ließ er sein Kultbild in vierfacher Lebensgröße aufstellen. Dieses Bild könnte gemeint sein mit dem Tier, das aus dem Meer aufsteigt, denn in Ephesus wurde es an Land gebracht. Dieses Bild sollte man anbeten und Weihrauch vor ihm ausstreuen als Zeichen der Verehrung (Offb 12, 7-12).

Der Antichrist  (13,1-10) trägt die Züge des wiederauferstandenen Nero. Die Köpfe des Tieres stellen sieben Kaiser dar (17,9-10): Der sechste Kaiser ab Augustus wäre Vespasian, der sechste Kaiser ab Caligula wäre Domitian. Die Abfassung erfolgte aber wohl  in der Zeit der Verfolgung  in den letzten Regierungsjahren des Kaisers Domitian. Das Buch ist entstanden zur Zeit Domitians am Ende des ersten Jahrhunderts (vor 96).

 

 

Absicht:

Die Apokalypse beschreibt die Wechselwirkung zwischen himmlischen Herrn und seinem Volk auf Erden. Sie verkündet das Geheimnis, daß die Gläubigen teilhaben an Christus, an seinem Wirken und Leiden, aber auch an seinem Triumph. Das Leben auf Erden ist von zwei Kraftfeldern bestimmt: Abgrund (Teufel) und Himmel (Lamm)(ähnlich Dirne in Off 17 - Frau in Offb 12 und Babylon - Jerusalem Offb 22).

Der Mensch m u ß  sich entscheiden!  Die Kirche wartet nicht passiv, sondern legt Zeugnis ab für ihren Herrn (2,13 und 6,9). Letztes Ziel ist die Vereinigung der himmlischen mit der irdischen Welt , so daß die Kräfte des Verderbens nicht mehr wirken können; damit erreicht der Mensch seine Erfüllung.

Der  Angriff Roms auf das Christentum in Kleinasien ist nur Vorspiel des kommenden großen Entscheidungskampfes (3,10), in der die von Gott bestimmte Zahl der Blutzeugen voll wird (6,11). Doch im Hintergrund steht der Kampf Gottes mit dem Satan (12-13). Das Kaisertum ist die satanische Weltmacht (1. Tier) und die Kaiserpriesterschaft ihr fanatischer Förderer (2. Tier). Gottes Wille aber ist in dem Buch mit den sieben Siegeln niedergelegt: Grauenvolle Schrecknisse, aber Vollendung des Heils (14,6 und 10,7).

Die Apokalypse ist ein Trostbuch für die Kirche, die im Begriff steht, Märtyrerkirche zu werden. Ein Buch für seine Zeit und nicht für ferne Zeiten geschrieben, eine Gelegenheitsschrift, die zeitgeschichtlich verstanden werden will, aber doch an den ge­genwärtigen Ereignissen die Züge der endzeitlichen Gottesgeschichte aufweist.

 

Gliederung:

Das äußere und innere Gefüge ist sehr planmäßig geordnet nach der Siebenzahl: Der ermahnende Teil 1 - 3 bietet sieben Sendschreiben, der Hauptteil 4 - 21 hat sieben Abschnitte, jeder Abschnitt enthält sieben Bilder. Größere Visionen bestehen aus sieben Einheiten oder sieben Strophen. Es gibt ein Vorwort und ein Nachwort.  Der Vers Offb 1,19 nennt dann den schematischen Aufbau des ganzen Buches: „Schreibe auf was ist und was geschehen wird!“

 

Erster Teil: Offb 1 - 3:

Die Sendschreiben in Kap 2-3 sind einheitlich aufgebaut:

- Der Seher erhält den Auftrag zu schreiben

- Briefeinleitung mit Vorstellung des Auftraggebers

- Lob oder Tadel für die Gemeinde

- Mahnung oder Drohung.

- Abschluß, entweder Aufforderung zum Hören oder Spruch zum Überwinden.

Die Sendschreiben sind keine „Briefe“, sondern am ehesten den Prophetensprüchen aus dem Alten Testament vergleichbar, die in eine bestimmte geschichtliche Gemein­de  hineingesprochen wurden, aber doch ein göttliches Wort mit einem zeitlosen Sinn verkörpern. Der Kampf richtet sich gegen das Treiben der Irrlehrer in der Gemeinde und nach außen gegen die Nachstellungen durch die jüdischen Gemeinden. Die Schreiben sollten aber nicht einzeln den angeredeten Gemeinden zugestellt werden, sondern allen Gemeinden. Aber die sieben Gemeinden bilden die Gesamtheit aller urchristlichen Gemeinden ab. Eine besondere Rolle spielt dabei Ephesus, das die Rechte und Pflichten Jerusalems gewissermaßen beerbt hat.

In Kapitel 3,5 ist das „Buch des Lebens“ erwähnt,  in das die Gläubigen vom Anbeginn der Welt aufgezeichnet sind. Sie sind der Welt entnommen und versiegelt, das Urteil wird am jüngsten Tag über sie gefällt. Sie sollen Zeugen sein und müssen sich deshalb bewähren bis zum Tod. 

 

Zweiter Teil: Offb 4 - 22

Der Aufbau des zweiten Teils ist kompliziert. Der endzeitliche Teil des Buches ab Kapitel 4 beginnt mit der Darstellung eines himmlischen Gottesdienstes. Aus dieser Beobachtung wurde die These entwickelt, das ganze Buch folge dem Ablauf eines himmlischen Gottesdienstes, zu dem die irdischen Ereignisse dann parallel verlaufen.

Doch dagegen spricht: Das Buch ist nach einem endzeitlichen Schema aufgebaut, das heißt der erwartete Ablauf der Weltereignisse ist Grundlage für die Gliederung.

In Kapitel 4 wird zunächst der Rahmen durch die Vision des Gottesthrones abgesteckt. Den Auftakt zu den Endereignissen bildet die Vision vom Buch mit den sieben Siegeln, die das Lamm öffnet (Kapitel 5,1 - 8,1). Höhepunkt ist Offb 8,1: Bei der Öffnung des siebten Siegels tritt im ganzen Weltall eine große Stille ein.

Kapitel 7 ist ein aus zwei Stücken zusammengesetzter Einschub. Bei den 144.000 Erwählten handelt es sich um ein (jüdisches) Traditionsstück, das vom Verfasser hier eingerückt wurde.

Bei der unzählbaren Schar der Märtyrer aus allen Völkern handelt es sich um die Deutung des ersten Stückes durch den Verfasser, der das Bild von den 144.000 Auserwählten aus Israel auf die Kirche überträgt.

Von Kapitel 8,2 an wird nun aber nicht der Inhalt des geöffneten Buches mitgeteilt, sondern neue Symbole treten an die Stelle des Buches, zunächst die sieben Posaunen. Im Einzelnen lassen sich Sprünge und Brüche feststellen: Der Abschnitt Offb 8,12-13 kündigt drei Wehe-Rufe an, von denen aber nur zwei ausgeführt werden.  Die Erzählung von den sieben Posaunen ist zweimal unterbrochen: In Kapitel 10 muß Johannes das Büchlein essen und in Kapitel 11 geht es um die letzten Geschicke der Heiligen Stadt und des Tempels.

Kapitel 11,1-14  spricht von den „zwei Zeugen“, wobei nicht klar ist, ob es sich hier um die Verhüllung des Sterbens des Petrus und Paulus handelt oder ob der Text keine geschichtlichen Anspielungen enthält und deshalb im eigentlichen Sinne endzeitlich (apokalyptisch) ist.

In Kapitel 11,15-19 erschallt die siebte Posaune, der letzte Akt des Dramas wird erwartet, aber wieder geschieht etwas anderes: Kapitel 12 - 14 enthalten mythologische Aussagen, deren Einzelheiten größtenteils nicht gedeutet werden können.

In Kapitel 15,1 - 16,21 wird in einem zweiten (zu 8,1-11,19 parallelen Durchgang) nun mit dem Bild von den sieben Schalen des Zorns die Endereignisse dargestellt. Das „Weib“ von Kapitel 17 ist als eine satanische Macht zu deuten. Die sieben dämonischen Mächte sind Planeten, die sich mit den höchsten Herrschern (Archonten) zusammenschließen

Die Ausgießung der siebten Schale, die die Vernichtung der großen Stadt mit sich bringt, wird in den Kapitel 17 - 18 durch Ausführungen über den Untergang der Hure Babylon ausgemalt.

Danach gibt es ohne Verschachtelung eine Aufstellung der Endereignisse:

19,1-21:  Völkeransturm und Sieg über das Tier

20,1-6  :  Anbruch des tausendjährigen Reiches

20,7-15:  Letzter Kampf gegen das Gottesreich, endgültiger Sieg

21        :  Die neue Welt und das neue Jerusalem

22,1-5  :  Die neue Welt ist ohne Mond, Sonne und Meer

22,6-21: Schluß, der den Briefrahmen aus Kapitel 1 wiederaufnimmt

    6 - 9  : Die Wahrheit wird hier beschrieben

    10-12: Das beschriebene Endzeitdrama steht unmittelbar bevor

    18-21: Warnung vor Textänderungen,

    20-21 : Bitte um das Erscheinen Jesu und Segenswunsch.

 

Religionsgeschichtliche Besonderheiten:

 gibt es vor allem in den mythischen Kapiteln 12 und 13:

-          Offb 12,1-6: „Geburt des Kindes“ = Himmelskönigin, deren Sohn vor der Nachstellung des Drachen von Gott selbst bewahrt wird

-          Offb 12,7-18: Kampf Michaels mit dem Drachen; Verfolgung, Flucht und Bergung der Frau = Mythos von Geburt, Verfolgung und Sieg des Sonnengottes und Ansturm und Sturz des Chaosdrachens

-          Offb 13: Die beiden Tiere Leviathan und Behemoth werden zeitgeschichtlich ausgelegt. An sich werden vier Tiere erwähnt: Tier aus dem Abgrund (Offb 11,7 und 17,38), der Drache (Offb 12,3), das Tier aus dem Meer (Offb 13,1-10)  und das Tier vom Land (Offb 13,11-18). Sie waren in der Urzeit  die nicht völlig überwindbaren Gegner Gottes und werden in der Endzeit wiedererscheinen und auf den Messias vorbereiten. Die Schilderung in Offb 13 ist an Daniel 7 angelehnt. Das erste Tier ist der falsche Messias, der aber Herr über das zweite Tier ist. Das Tier aus dem Land ist der falsche Prophet. Während bei Daniel die vier aufeinanderfolgenden Weltreiche durch vier Tiere abgebildet wurden, fallen sie für die Offenbarung zu einer Gestalt zusammen (13): das „Tier“ tritt zwar Furcht erweckend auf, seine Macht ist aber schon gebrochen, der Satan ist bereits aus dem Himmel gestürzt. Das Meer ist hier aber nicht nur Symbol für die Chaosmächte, sondern zugleich das Mittelmeer der Römer

-          Unklar bleibt in Kapitel 13 die Zählung der Kaiser und die Zahl 666

-          Offb 14,6-7 läßt sich so deuten, daß eine organisierte Heidenmission der Endzeit vorbehalten bleibt und sie von Gott und nicht von der Kirche durchgeführt wird.

 

Das theologische Problem:

Eine kirchengeschichtliche oder weltgeschichtliche Erklärung der Offenbarung ist nicht Auslegung des Textes, sondern Anwendung auf eine bestimmte Lage hin. So hat man das Tier von Kapitel 13 immer wieder neu auf Personen der Gegenwart bezogen (Hitler, aber auch Gorbatschow wegen des Mals auf der Stirn). Daß dies als Auslegung des Textes unhaltbar ist, braucht eigentlich nicht extra gesagt zu werden.

Manche Abschnitt fordern hingegen eine zeitgeschichtliche Deutung:

-  Das Tier von Kapitel 13 dürfte einen Kaiser darstellen (Nero oder Domitian)

-  Das Babylon auf den sieben Hügeln (17,9) ist Rom.

Diese Deutungen sind richtig, erklären aber nicht alles. Die mythischen Figuren haben durchaus einen eigenen Sinn, der sich nicht im zeitgeschichtlichen Bezug erschöpft. Das heißt: Die zeitgeschichtliche Deutung muß durch eine religionsgeschichtliche ergänzt werden. Es ist also zu fragen: Woher stammt die Gestalt des Tieres? Was bedeutet sie an sich?

Der Verfasser will nicht die ihm von der Tradition vorgegebenen Bilder zeitgeschichtlich deuten, sondern er will umgekehrt seine eigene Geschichte deuten im Horizont des Übergeschichtlichen und Jenseitigen, das in diesen Bildern ausgesagt wird. Auch die Offenbarung des Johannes ist von starker Naherwartung geprägt („Die Zeit ist nahe“ - „Siehe ich komme bald“)

Beim Glauben muß man auch im Weltmaßstab denken. Und da steht fest: Die Entscheidung ist schon im Himmel gefallen. Mag der Kaiser jetzt auch noch wüten. Aber seine Macht ist schon gebrochen, sein Ende schon beschlossene Sache. Ganz nüchtern wird hier aber gesehen, daß kein Mensch für sich allein steht in der Welt. Es gibt unsichtbare Mächte, die ihn beein­flussen, um ihn streiten oder um ihn werben.

Weit über unseren guten oder bösen menschlichen Einzelaktionen gibt es noch übergreifende Wirklichkeiten. Daher wird ein Kampf in der Welt ausgetragen, in dem nicht nur Irdische fechten, sondern übergreifende Siege und Niederlagen stattfinden. Darin fügen sich unsere persönlichen Einbrüche und Niederlagen irgendwie ein. Wären wir nicht anfällig für das Böse und hätten wir nicht selber eingewilligt, so würden wir dem Bösen auch nicht erliegen. Das Bild von dem Engelkampf im Himmel dürfte deshalb nicht so abwegig sein, auch heute noch nicht.

Die Offenbarung lenkt die Blicke der bedrängten Gemeinde auf die Herrschaft Gottes und des Christus, die in der himmlischen Welt schon aufgerichtet ist, und sich auf der Erde noch gewiß durchsetzen wird. Damit nimmt er um die Jahrhundertwende das zentrale Thema der Ver­kündigung Jesu wieder auf: Gottesherrschaft und Christologie werden bei ihm eng miteinander verbunden, das Kommen der Gottesherrschaft ist gleichbedeutend mit der Wiederkunft Christi. Wie Gott als Allherrscher (Pantokra­tor) Anfang und Ende ist, so heißt auch Christus A und O, Erster und Letzter .

Weil nun die leidende und bekennende Gemeinde weiß, daß alle Herrschaft Gott und Christus gehört, preist die auf der Erde kämpfende Kirche zusammen mit der himmlischen Schar die Herrschaft Gottes und des Lammes, die am Ende sichtbar vor aller Augen erscheinen wird. Bis dahin gilt es, auszuharren und treu zu bleiben.

Die Offenbarung des Johannes ist ein Trostbuch für die angefochtene Gemeinde. In ihrem Gottesdienst findet sie Kontakt mit der „oberen Wirklichkeit“, mit dem dreieinigen Gott. Dieser Gott war in Jesus Christus da, aber er ist in ihm auch der Kommende, der ihnen die Zukunft garantiert. Alles ist in den Händen Jesu.

Bei der Offenbarung muß man fragen, inwieweit die hier verkündete Geschichtsschau mit der übrigen Botschaft des Neuen Testaments in Einklang steht und ob die uns so fremde Zukunftsschilderung für uns heute noch eine existentielle Bedeutung hat. Aber theologisch kann man die Offenbarung nur erklären, wenn man davon ausgeht, daß die dort verwendeten Vorstellungen und Bilder unsachgemäß sind.

 

Kirchengeschichtliche Bedeutung:

Nachwirkungen finden sich bei Victorin von Pettau (303), Ticonius (380), Joachim von Fiore (1202), bei spätmittelalterlichen Sekten, bei den Schwärmern der Reformationszeit, bei Bengel und Jungstilling.