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Mensch

 

Mensch

 

Inhalt: Menschenbild, Wert des Menschen, Rauchen, Alkohol, Gewissen, Gute Vorsätze, Vorbild, Eigentum, Ordnung, Einsamkeit, Gemeinschaft, Wahrheit und Lüge,  Schuld und Vergebung, Humor.

 

 

Menschenbild

 

Warum soll gerade ich helfen?

Ein Autofahrer fährt mit 110 km/h über die Autobahn. Seine Begleiterin sagt: „Da war doch etwas! Da lag ein Motorradfahrer am Rand, der Sturzhelm lag daneben!“ Der Fahrer bremst langsam ab. Die Autobahn ist sehr voll, er darf nicht plötzlich bremsen. Inzwischen ist er

300 Meter weiter. Aber er hält doch am Rand an und geht zurück. Er findet den Mann und stößt ihn vorsichtig an. Da fährt der wie von einer Tarantel gestochen hoch und schreit: „Was stören Sie mich denn? Ich bin schon stundenlang gefahren und will mich nur etwas ausruhen!“

So kann es einem ergehen, der helfen will. Es ist nicht immer Gedankenlosigkeit oder Gleichgültigkeit, wenn einem wirklich Verletzten nicht geholfen wird. Viele fürchten einfach den  Amtsschimmel, wenn sie anhalten: Sie sollen als Zeugen aussagen und werden vielleicht sogar noch selber verdächtigt, sie hätten den Verletzten angefahren. Wenn sie ihn selber ins Krankenhaus bringen, werden vielleicht die Sitze beschmutzt. Dennoch darf so etwas keine Rolle spielen. Es sollte ja auch jeder daran denken, daß er  der Verletzte sein könnte.

 

Die „Eselshochzeit“

In dem 70 Einwohner zählenden Dorf Hütten in der Eifel wurde in den 50iger Jahren mit großen Aufwand eine „Eselshochzeit“ veranstaltet, obwohl das  Landgericht Trier sie als ehrverletzend und gegen die Rechtsordnung verstoßen bezeichnet hatte. Etwa 15.000 Menschen kamen trotz Nebel und Regen, um dieses auf einem alten Brauch beruhende Ereignis mitzuerleben .Ursache war ein junger Mann von auswärts, der nach Hütten eingeheiratet hatte. Er sollte der Dorfjugend einen Umtrunk spendieren. Doch die 150 Mark, die er dafür anbot, wurden als nicht hoch genug angesehen. Deshalb wurde zunächst vor dem Haus allabendlich Lärm verursacht und dann von zwölf Männer die Eselshochzeit vorbereitet. In einem Festzelt auf der Dorfwiese erklärten zwei Redner, die Eifelbevölkerung empfinde es als heiligste Verpflichtung, artfremde Einflüsse zu bekämpfen und altes Erbgut zu erhalten. Ein Mundartdichter trug ein Gedicht über die „Eselshochzeit“ vor. Zwei als Brautpaar verkleidete Männer wurden „getraut“ und fuhren in einer Kutsche durch das Dorf, gefolgt von einem zweiten Fahrzeug, in dem zwei mit Eselsmasken geschmückte Einwohner saßen. Die Eheleute durften auch in Zukunft „Eselsbraut“ und „Eselsbräutigam“ genannt werden und auch die Kinder würden „Eselskinder“ heißen.

 

Gesichtsoperation?

In Großbritannien wurden  an Häftlingen Schönheitsoperationen  vorgenommen. Zum Teil werden die Gesichter total verändert, um den Entlassenen den Start ins neue Leben zu erleichtern. Doch die äußerliche Handlung wird nur an denen vorgenommen, die eine innere Wandlung durchgemacht haben. Ein Start in ein neues Leben ist nämlich nicht nur durch eine Änderung der äußeren Lebensumstände zu erreichen..

 

Ein Wesen voller Widersprüche

Bald Materialist voller Ideale, bald Idealist, der vom Materiellen nicht loskommt.

Rechnet mit Jahrmillionen der Erdengeschichte und ist nur eine Eintagsfliege.

Bildet sich ein, er erobere das  Weltall, und ist doch viel weniger als ein Sonnenstäubchen.

Greift nach den Sternen, und der Verlust von ein bißchen Schilddrüse macht ihn zum Idioten.

Er macht technische Fortschritte und erklärt sich selber als eine „Fehlkonstruktion“.

Er erfindet die Atomspaltung und ist nicht sicher vor ihrer Anwendung im Dienst des Hasses.

Er kann nicht als Robinson leben und wird doch dem Mitbruder zum Brudermörder.

Er will ein Paradies auf Erden errichten und bereitet sich und anderen die Hölle.

Er kämpft gegen den Glauben und verfällt dem Aberglauben.

Oder er nennt sich fromm und wird zum Heuchler.

 

Wir sind zwar Menschen des 21. Jahrhunderts, laufen aber oft genug noch in den arg zerschlissenen Schuhen der Zeit herum, die man „Aufklärung“ nannte: Wir glauben an den Fortschritt, die technische Entwicklung, an das Gute im Menschen, an die Macht der Vernunft und an die Ausrottung des Bösen. Dazu kommen die Siebenmeilenstiefel der Zukunftsgläubigkeit, in denen wir besseren Zeiten entgegeneilen wollen.

Das Bewußtsein des heutigen Menschen ist weit stärker vom naturwissenschaftlichen Denken bestimmt, als wir meistens annehmen. Daraus erwächst aber ein neuer Glaube an die Selbst­erlösung. Man verherrlicht die Eigengesetzlichkeit der sichtbaren Welt und behauptet schließlich: „Die Praxis beweist die Wahrheit!“

 

Unsicheres Menschenbild:

Doch irgendwie ist dieses zukunftsgläubige Bild heute auch unglaubwürdig und unsicher geworden:

1. Der  Mensch beginnt zu fragen, ob seine körperliche Beschaffenheit und Leistungsfähigkeit den Erfordernissen und Aufgaben der heutigen Zeit noch gewachsen ist. Ist der Mensch nicht eine Fehlkonstruktion, die der Raumfahrt und anderen Ansprüchen technischer Entwicklung nicht mehr genügt ?

2. Im 19. Jahrhundert hat man den Menschen gern als eine „Maschine“ oder als „Industriepalast“ dargestellt). Aber das wird dem Wesen des Menschen nicht mehr gerecht.

3. Die Biologie sieht den Menschen im Zusammenhang mit anderen Lebewesen. ist der Mensch aber das höchstentwickelte Säugetier? Ist er ein Arbeitstier? Ist er ein Gehirntier ? Wird dadurch der eigentliche Unterschied zum Tier wirklich erfaßt ?

4. Die Psychologen reden vom Übergewicht des Unterbewußten und Unbewußten über das Verstandesmäßige. Aber ist der Mensch wirklich in erster Linie ein Sexualwesen (Freud) ? Kann überhaupt die Psychologie das Wesen des Menschen ergründen? - Wilhelm Busch sagt: „Du kennst sie nur von außenwärts, du kennst die Weste, nicht das Herz!“

5. Zwei Weltkriege haben wir erlebt. Aber haben wir etwas daraus gelernt?  Wir wollen die Tore zum Weltall aufstoßen, aber unsre Welt steht unter den Schatten, daß neue Feindschaft einen noch größeren Krieg herbeiführen könnte, der dann nichts mehr übrig läßt.

6. Wir bauen künstliche Satelliten und Weltraumfahrzeuge. Wir nutzen die Kraft riesiger Wirtschaftsräume, um das zu erreichen. Aber es bleibt die Klage der  Hungernden in der Welt, es bleiben die Gewalttaten und Verbrechen. Der Mensch hat ungeheure Fortschritte gemacht, aber sein eigenes Herz bleibt ein unbewältigtes Problem.

7. Auch in seinen kühnsten Plänen ist der Mensch an die  Vergänglichkeit seines Leibes gebunden (Weltraumfahrer werden nicht selbst zurückkehren, sondern nur noch ihre Enkel) .Auch die edelsten Absichten können an der Ichsucht, am Ehrgeiz und an den Trieben scheitern.  Jeder Wissenschaftler ist nicht nur an die Genauigkeit seiner mechanischen Beobach­tungsinstrumente gebunden, sondern auch an die Grenze seiner eigenen körperlichen Beschaffenheit.

8. Der heutige Blickkreis über die Erde wird bald zu einem Blickkreis über Teile des Weltalls. Aber wir werden die Nachrichten darüber mit der gleichen nüchterne Kühle zur Kenntnis nehmen wie bisher die Nachrichten über Naturkatastrophen. Diese werden doch nicht mehr als Anstoß zur Buße verstanden, sondern bestenfalls mit leisem Bedauern registriert. Als der sowjetische Kosmonaut Komarow abstürzte, haben wir doch alle nur gedacht: „Warum muß der auch bei so etwas mitmachen? Wir wären nicht so dumm!“.

9. Heute ist so viel die Rede vom „fortschrittlichen“ Menschen. Aber gehört dazu nicht auch, daß er ein guter Mensch ist, der verhindert, daß der Fortschritt zum Unsegen wird? Wem ist aber der Mensch verantwortlich. Sich selber? Menschlichen Instanzen, die selber schuldig sind?

 

Aber wir selbst tragen die Züge dieses Menschen unserer Tage  an uns selbst. Wir wissen auch nicht, wie wir uns entscheiden sollen: Die einen sagen: „Der Mensch stammt vom Affen ab!“  die anderen aber: „Gewaltig ist vieles, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch!“ (Sophokles: „Antigone“).

Auch Zweifel an der Botschaft des Evangeliums werden laut. Brauchen wir wirklich Gott noch, wenn wir wissen wollen, wo wir stehen? Was uns gestern ganz sicher war, ist uns heute wieder ungewiß.

 

Angst:

Herbert Kuhn schrieb (in: Karmel, Seite 51: „Im Anfang war die Angst. Und die Angst war bei den Menschen, und der Mensch war die Angst. Der Mensch ist die Angst vor seiner eigenen Größe, die er Gott nennt, den Baal. Und diese Angst des Menschen vor sich selber ist geboren aus einer Ahnung und aus einem Wissen. Aus der Ahnung, daß es einen Hebel gibt, den er nur herunterzudrücken braucht, um die Welt in die Luft zu sprengen: aus dem  Wissen, daß er ihn herunterdrücken wird, sobald er den Hebel erst entdeckt hat!“

Wovor haben wir Angst? Beinbruch, Gewitter, Telegramm, Krebs, Krieg, Zukunft, Behörde, Gefängnis, Polizei. Die Welt aber verschweigt die Angst: Freude, Lust, Friede, Sicherheit (die Versicherungen: versichert = gesichert).

Die Bibel aber kennt das Leben am besten und nennt Angst auch Angst: Als der Mensch sein will wie Gott, muß er auch Verantwortung übernehmen und hat auf einmal Angst. Diese entlädt sich im Brudermord. Und als Gott eingreift mit der Sintflut, kommt erst recht die Angst über die Menschen: Erst haben sie ein sogenanntes „normales Leben“ geführt, aber ohne Gott, nun pochen sie verzweifelt an die verschlossene Tür der Arche.

Die Angst wird am größten ,wenn  Christus uns am nächsten ist, wenn er wiederkommen wird, um die  Welt zu richten. Nur der Glaube an Christus schenkt die Überwindung der Angst. Die Angst hört damit nicht auf , der Glaube schafft sogar neue Angst, weil er in Leid und Anfechtung führ.: Aber die Angst ist doch besiegt in Christus.

 

Wer ist unser Vorbild?

Prometheus: Der gescheiterte Himmelsstürmer, am Felsen festgeschmiedet, der gotteslästerliche Frevler - der Mensch der Sünde, der sich selber absolut setzt und an seiner Selbstherrlichkeit zugrunde geht.

Christus     : Der Sohn Gottes, ans Kreuz genagelt, die gemarterte himmlische Liebe, der gehorsame Knecht - der neue Mensch, wie Gott ihn haben will, der die Sünde der Welt trägt.

(Vergleiche dazu die Gedichte von Goethe: Ganymed, Prometheus Grenzen der Menschheit).

 

Der moderne Mensch

Der autonome Mensch von heute lebt säkularisiert. Er will sich dem Anspruch Gottes und seinem Wort gegenüber entziehen. Er ist auch zum Verletzter von Tabus geworden, um sich selber bewußt zu werden. So taten es schon Adam und Eva, so taten es Sokrates und Jesus, Prometheus und Echnaton. Aber es bleibt die Gefahr des Übermuts (hybris) und der Mischung des archaischen und modernen Wesens.

Dadurch kam es zu folgenden Erscheinungen beim „modernen“ Menschen:

1. Der Mensch hat keine Zeit mehr für sich und andere, trotz oder gerade wegen der Technik, die ihm zur Verfügung steht.

2. Die metaphysische Tiefe fehlt. Weil man keine Beichte kennt, flüchtet man zum Nervenarzt. Schuldgefühle sollen ausgeredet werden. Man will Freiheit ohne Gericht, Absolution ohne Gnade

3. Der Mensch hat sich selbst um sein Menschsein betrogen. Er hat Gott verloren und damit auch die Zeit und seine Welt. Wenn er vom Du spricht, meint er im Grunde das eigene Ich.

 

Die Kirchen Westeuropas haben nur Verbindung zu dem sogenannten „.Dritten  Menschen“, der aus der antiken und christlichen Kultur entstanden ist. Auch wenn dieser Randsiedler unkirchlich ist, besteht doch zu ihm ein „geistlicher Vorortverkehr“.

Doch der heutige Mensch ist der „vierte Mensch“. Dieser sieht nicht mehr in Prometheus seinen symbolischen Ausdruck, sondern in Sisyphus, der schmollend weiterwurstelt, auch wenn er weiß, daß in seinem Tun kein Sinn liegt.

 

Der Mensch - eine Maschine?

Schon der Franzose De Lamettrie hat den Menschen 1774 als eine Maschine gedeutet. Viele Forscher sahen seitdem den Menschen als eine Verbrennungsmaschine an, deren Konstruktionsgeheimnis man bald enträtselt haben werde. Bei dem Russen Pawlow  wurde der Mensch zu einem Reflexwesen, selbst die Freiheit wurde zu einem Reflex. Im Computerzeitalter wurde der Mensch als eine automatische Schalt- und Informationsmaschine betrachtet, die man aber bald nachbauen kann, so daß die Maschine sogar schöpferische Phantasie haben kann.

Doch vom Wesen des Menschen bleibt bei so einer Betrachtungsweise dann nicht mehr viel übrig.

Aber ein solches mechanistisches Menschenbild ist wohl die Voraussetzung für die Versuche, mit denen man Menschen für Weltraumfahrten schult (human engineering): Man läßt sie in Eiswasser zappeln, in Hitzekammern rösten, in Zentrifugen schleudern, setzt sie der 25-40-fachen Erdbeschleunigung aus. Das Herz wehrt sich gegen die unerträgliche Belastung, das Gesicht wird zur unkenntlichen Fratze entstellt, das Bewußtsein schwindet. Hängt das Opfer bewußtlos in den Gurten, wird es mit allen Raffinessen der modernen Heilkunst wieder zum Leben erweckt. Dabei handelt es sich durchaus um Freiwillige, mit denen der Mensch wie mit Labor-Ratten verfährt. Man hat sogar eine eigene Sprache gefunden. „Die Verpackung hält nicht“ heißt: „Das Blut quillt aus den Adern!“ Aber die Grenze unsrer Belastungsfähigkeit ist auch die Grenze der Humanität.

 

Andere Menschenbilder

 

Existentialismus:

Eine spezielle Lebensauffassung ist der Existentialismus. Er hat kein allgemeingültiges Menschenbild, kein Gesetz, unter dem man stünde: „Der Mensch ist das, was er aus sich macht und nichts anderes als das, was er aus sich macht!“(Jean Paul Sartre). Der Mensch findet

sich in einer ekelhaften Welt vor, in der überkommenen Welt der Sitten und Konventionen, in der das „man“ regiert. Die Menschen vegetieren dahin, unzähligen Vorurteilen unterworfen, gequält von Ängsten, die von den Herrschenden wachgehalten werden.

Will der Mensch wirklich leben und nicht bloß existieren, dann muß er sich mit diesem Zustand nicht abfinden. Er ist zur Freiheit verurteilt, sich frei zu machen von Konventionen. Er ist auch verantwortlich für die Freiheit seiner Mitmenschen. Der Mensch ist sein eigener Schöpfer. Er wird er selbst durch seine freie Tat.

 

Humanismus:

Die Lebensauffassung, die frei sein will von religiösen Vorgaben, wird vielfach „Humanismus“ genannt. Das Wort geht auf die lateinischen Worte „homo“ oder „humanus“ zurück (Mensch bzw. menschlich). Ursprünglich verstand man darunter die Rückbesinnung auf das griechische/oder römische Altertum, aber mit einer besonderen Beziehung zum christlichen Glauben.

Den rein weltlich gefaßten Humanismus sollte man vielleicht besser mit „Humanität“ bezeichnen. Dabei denkt man weniger an abendländisch-christliche Verhältnisse, sondern eher an fernöstliche. Man ist der Ansicht: Der Mensch verwandelt kraft seiner Vernunft die Welt und die Natur und sich selbst als Mitte des Kosmos. Geschichte kann nur dazu dienen, daß die Vernunft zu sich selbst kommt und also mündig wird (autonom). Alles ist diesseitig und endlich, was der Geist betrachten kann; es ist den allgemeinen Gesetzen unterworfen, die auf der Zeitlichkeit beruhen. Dann kann auch Gott nicht mehr ewig sein, in der Welt kann man nur Relatives erkennen.

Der „säkulare Humanismus“ hat heute drei Erscheinungsformen:

1. Der biologische Entwicklungs-Humanismus: Der Mensch wird von der Natur her verstanden. „Die Basis der Anthropologie kann nur die Biologie sein!" (Gerhard Szczesny; weiterer Vertreter Julian  Huxley). Alles muß vom Anfang her gesehen werden. Das Fortgeschrittene muß aus dem Einfachen erklärt werden. Der Weg der Welt ist die Entwicklung. Auch das Bewußtsein ist nur ein Trick der Natur auf dem Weg nach vorn. Die  Moral  ist nur ein angeborener Trieb, der den Einzelnen in die Gesamtheit und ihre Erhaltung einspannt. Jedoch ist Wahrheit nicht etwas Gegebenes, sondern sie hat immer auch transzendierenden Charakter.

2. Der dialektische Humanismus (Marx: „reale Humanismus“): Die Natur  ist Basis für den Menschen, in der Natur kommt der Mensch zu sich selbst. Die Religion als  Überbau verschwindet in diesem Prozeß von selbst. Doch schon Heisenbergs Unschärfetheorie  hat die Geschlossenheit des Systems gesprengt. Es gibt Wahrheiten, die sich widersprechen, aber auch gegenseitig ergänzen. Die Dialektik der Geschichte müßte auch auf den Endpunkt der Geschichte angewendet werden , damit man die Sinnfrage lösen kann.

3. Der Existentielle Humanismus: Der Mensch ist das Wesen, das die Natur übersteigt und sich selbst „entwerfen“ muß. Doch die Auffassungen der einzelnen Vertreter sind sehr unterschiedlich: Sartre gründet das Wesen des Menschen auf die Freiheit, sich von der Natur zu unterscheiden. Huxley dagegen auf die Notwendigkeit, sich von ihr her zu begreifen. Marx läßt die Freiheit von der Notwendigkeit umgriffen sein, während nach Jaspers die Wirklichkeit immer die Totalität transzendiert. Sartre sieht den Menschen ohne Ursprung und Ziel, nur im freien Akt des Augenblicks. Marx nimmt den Augenblick in die Kontinuität der Materie hinein. Für Camus ist der Mensch erst Mensch, wo er nicht Zweck und Nutzen unterworfen ist. Szczesny nimmt die über den Nutzen hinausgehenden Worte als Stimulantien der Natur.

Diese Widersprüche zeigen, daß der Mensch in die Natur und auch in sich selbst verwickelt ist. Er kann und muß die Wirklichkeit verschieden auslegen. In jeder Deutung verwirklicht er zwar ein Stück des Ganzen, vergeht sich aber gleichzeitig auch wieder gegen ein anderes Stück. Überall zeigt sich ein Widerspruch von Forderung und Wirklichkeit. Man muß Gott verneinen, um nicht einen „Quälgeist“ im Kosmos zu haben (Camus).

 

Marxistisches Menschenbild:

In der Klassengesellschaft ist der Mensch nicht eigentlich Mensch, sondern ein Gegenstand der Ausbeutung. Durch die Wechselwirkung von Arbeit, Sprache und Denken hat sich der Mensch auf natürliche Weise aus dem Tierreich heraus zu einem gesellschaftlichen Wesen entwickelt. Keine Erscheinung der Natur darf für sich allein begriffen werden. Nur der gesellschaftliche Mensch, das soziale „Wir“, ist der wirkliche Mensch. Für sich allein ist der Mensch ein Abstraktum. Als Glied der gesellschaftlichen Ordnung ist er allmächtig. Erst die klassenlose Gesellschaftsordnung wird den Menschen zu sich selbst kommen lassen.

Die Triebkräfte der Geschichte sind ökonomisch-gesellschaftlicher Natur. Alle Ideen, die politischen, moralischen und philosophischen, gehören zum  Überbau und spiegeln nur die jeweilige Struktur der Gesellschaft wider. Ändern sich die Produktionsverhältnisse, dann ändern sich auch die Anschauungen.

Der Weg führt vom Sozialismus zum Kommunismus. Auch im Sozialismus gibt es keine Ausbeutung mehr, weil die Produktionsmittel in gesellschaftlichem Eigentum sind. Es gibt noch drei Klassen: Arbeiter, Bauern, Intelligenz, den Unterschied zwischen Stadt und Land, zwischen geistiger und körperlicher Arbeit. Im Kommunismus verschwinden alle diese Unterschiede. Während es im Sozialismus noch heißt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung!“ so heißt es im Kommunismus: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“.

Die Veränderung der Verhältnisse wird auch die Menschen verändern. Wird das Privateigentum aufgehoben, so werden die Sinne und Fähigkeiten des Menschen befreit. Erst jetzt ist die Garantie für eine glückliche Ehe gegeben, weil keiner mehr den anderen um seines Geldes willen heiraten will.

Die Gefahr ist, daß der Mensch hier nur als Robotermensch gesehen wird. Er ist Produktionsmittel, eine Art Volkseigentum. Nicht nur Eigentum ist Diebstahl, sondern auch schon das Eigensein. Es gilt nicht nur das Bibelwort: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“,  sondern: „Wer gut essen will, muß mehr arbeiten!“

Doch das Wesen der Menschen geht nicht in seiner gesellschaftlichen Gliedschaft auf. Im Kommunismus wird die Personhaftigkeit nicht genug geachtet, die eigentlich schöpferischen Kräfte. Der Mensch braucht auch einen freien Bereich des Wachsens und Reifens und nicht nur eine Ausrichtung auf ein wesentlich wirtschaftlich bestimmtes Endziel hin.

Man hat behauptet, Karl Marx komme wesentlich aus der  jüdisch-christlichen Tradition und habe nur biblische Endzeitvorstellungen ins Weltliche gewendet. Marx war aber nicht religiös ,hat aber Erkenntnisse gewonnen, um die wir nicht mehr herumkommen. Seine geschichtliche Bedeutung lag vor allem darin, daß er dem Proletariat einen wissenschaftlich begründeten Glauben an die eigene geschichtliche Mission und Zukunft gab. Aber erst aus der Tiefe des christlichen  Glaubens erwächst die Einsicht und Kraft, auch die materiellen Verhältnisse des Menschenlebens vernünftig und gerecht zu regeln. Die Freiheit eines Christenmenschen ist auch die Freiheit zur  Anerkennung der Erkenntnisse und Zielsetzungen des Sozialismus. Die Zuversicht des Glaubens aber ist keine Schwärmerei, denn sie bleibt nüchtern im Bewußtsein dessen, was der Mensch ist und was er nicht ist.

 

Nationalsozialistisches Menschenbild:

Zitat Hitler: „In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muß das alles sein. Schmerzen muß sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blitzen!“

 

 

Christliches Menschenbild

Als Christoph Kolumbus am 12. Oktober 1492 Amerika „entdeckt“ hatte, wurde in Europa allen Ernstes die Frage diskutiert, ob Indianer  auch Menschen seien. Diese Frage wurde schließlich 1537 durch ein Schreiben des Papstes Paul III. positiv beantwortet: Die Eingeborenen Amerikas sind wirkliche Menschen, weil sie das katholischen Glaubens und des Empfangs der Sakramente fähig seinen! Dabei wurde sehr richtig ausgedrückt, daß erst der Glaube den Menschen zum Menschen macht.

Die Bibel sagt uns: Der Mensch ist in der geist-leiblichen Einheit seines Wesens von Gott geschaffen, eine „Person vor Gott"“und ihm verantwortlich. Aber er meint, der :Weg in den Atheismus sei ein Fortschritt.

Doch es geht ihm dabei wie dem verlorenen Sohn: Er verliert die Mitte! Was soll man denn heute noch der Jugend als Vorbild hinstellen? Sie sind noch interesseloser als die Eltern! Deshalb ergibt sich auch der beständige Widerspruch zwischen Sollen und Sein auf allen Lebensgebieten. Daher auch die falschen Bilder, die der Mensch von sich selber hat, daher auch die Holzwege, die er zu seiner eigenen Befreiung geht.

Nun kann man zwar sagen: Der Gott der Metaphysik ist tot. Dagegen haben sich auch Barth und Bonhoeffer ausgesprochen. Aber nun wenden wir uns dem Gott der Offenbarung zu, vor dem sich alles weltliche Denken verantworten muß. Wir haben alle eine gemeinsame Vergangenheit. Aber die Forderungen Gottes ergehen an alle, auch an die Kritiker.

Das biblische Bild von der „Gottesebenbildlichkeit“ lehrt uns: Wir sind alle Kinder des himmlischen Vaters und sind einander Liebe und Friedfertigkeit schuldig, weil wir uns vor ihm verantworten müssen. Wir sind eine Familie, in der man sich brüderlich und schwesterlich verhält. Alle Humanität droht zu zerfließen, wenn man nicht über sich eine  Macht weiß, die den Forderungen der Mitmenschen Begründung und Nachdruck verleiht und eventuelle .Versäumnisse und Verletzungen ahndet.

Andererseits verhindert der Glaube, daß wir verzagen, weil wir vielfältig versagen. Jesus hat uns in dem fordernden und strafenden Herrn der Welt dennoch den Vater kennen gelehrt, der dem Bußfertigen vergibt und es dem Aufrichtigen gelingen läßt.

 

Der Mensch ist Geschöpf  Gottes und sein Ebenbild:

Der Adam der Bibel ist nicht der erste Israelit, sondern der erste Mensch. Die Menschheit verdankt ihre Existenz weder der Mutter Erde noch gar der eigenen Kraft, sondern  Urheber des menschlichen Lebens ist Gott ,der Himmel und Erde gemacht hat .Alle Völker haben ihre Existenz dem Willen Gottes zu verdanken, wenngleich Israel eine Sonderstellung unter den Völkern hat. Kein Mensch verdankt sein Leben allein einem biologischen Zufall, sondern jeder darf wissen: ich bin von Gott geliebt und gewollt.

Deshalb sagen wir  „Ja“ zum Körper, zum Leben und zu den Sinnen, wir sind weltbejahend und lebensbejahend (im Gegensatz zu den Religionen des Ostens). Der Mensch ist Gärtner der Erde. Jeder Mensch ist einzigartig, aber er ist  mehr „Wir“ als  „Ich“ , obwohl man ihn auch nicht kollektivieren darf. Ein ideales Zusammenleben wird aber nicht in einem irdischen Staat verwirklicht werden können, weil die eingewurzelte Ichsucht und das Streben nach Macht und der Hang zur Gewalt das verhindern. Es ist aber klug, den Weg durch Kompromisse zu ebnen und sich sehr kritisch zu verhalten gegenüber allen Ideologien, die meinen, sie hätten die „ganze Lösung“ und „die Wahrheit“.

Der Mensch ist nicht bis in die Einzelheiten ein getreues Abbild Gottes. Er ist lediglich ein Wesen, das dem  Göttlichen ähnlich ist im Gegensatz zum Tier. Erst wenn sich der Mensch seinem Schöpfer und Herrn  zuwendet, ist er ganz Mensch. Von Gott bekommt er die ihm eigene Würde.

Der Mensch soll über die Tiere herrschen, aber auch die Erde bebauen und bewahren. Das Zeichen seiner Sonderstellung ist der aufrechte Gang. Der Mensch ist ein Herr! Aber ihm ist nicht die Herrschaft über den Menschen gegeben (auch nicht die Herrschaft des Mannes über die Frau). Der Mensch ist ein Herr, so wie Gott sein Herr ist, aber der Mensch ist kein Herr -Gott.

 

Der Mensch ist Sünder:

Das Wort „sündigen“ ist beinahe das einzige, was viele Menschen mit dem christlichen Menschenbild verbinden. Aber es ist nun einmal so: Dieses phantastische Geschöpf ist ein Sünder. Doch das bedeutet auch, daß der Mensch Freiheit hat. Er ist nicht ein Ding oder ein Automat, nicht das Ergebnis einer bestimmten Erbfolge oder das Produkt seiner Umwelt. Aber der Mensch ist für seine Taten verantwortlich, wer sündigt, muß mit Strafe rechnen. Der Mensch hat einen Engel und einen Teufel in sich.

Sünde ist die Weigerung des Menschen, dem zu vertrauen, der der Grund seines Lebens ist. Dieses mangelnde Vertrauen verführt den Menschen zu Grenzüberschreitungen. Aber der Mensch ist von sich aus unfähig, einen Weg zu Gott und damit zu sich selbst zu finden. Die Sünde des Menschen ist universal; sie ist nicht nur im einzelnen Menschen, sondern sie herrscht auch zwischen den Menschen, sie ist unausweichlich.

 

Jesus, der neue Mensch:

Der Gott untreu gewordene Mensch ist dennoch einer, dem Gott in Treue nachgeht. Das Kreuz ist das Zeichen, daß die Gnade die unerbittlicher Schicksalsgesetze durchbricht. Was der Mensch am nötigsten braucht, ist die Gewißheit, geliebt zu werden. Das Herz des Christentums ist der Glaube, daß Mensch und Welt vom Schöpfer geliebt werden. Darin liegt auch der Grund er die christlichen Proteste gegen Abtreibung und das Töten Kranker, Behinderter oder Alter.

In dem Menschen Jesus Christus hat Gott uns sein Herz aufgetan. Er ist der dem Willen Gottes entsprechende Mensch. Dies ist er aber gerade nicht als Übermensch, der losgelöst von allen Bindungen das Unmögliche möglich macht. Vielmehr ist er leidensfähig und schmerzempfindlich wie alle Menschen auch.

Jesus ist der einzige Mensch, der dem Anspruch genügt, Ebenbild Gottes zu sein. So ist er zum Urbild des Menschen geworden. Durch ihn wird der Mensch befreit von dem Krampf,  sich immer wieder neue Menschenbilder überstülpen zu müssen. Zugleich wird er frei  gemacht für den anderen Menschen In Jesus Christus ist allen Menschen die Möglichkeit angeboten, als ganze Menschen zu leben. Gott hat alles, was er an ihm getan hat, auch an uns getan. „Gott liebt uns nicht, weil wir so wertvoll sind, sondern wir sind so wertvoll, weil Gott uns liebt!“ (Luther).

Gott hat in Jesus Christus am Kreuz sein Leben dahingegeben für den Gott untreu gewordenen Menschen. Dadurch hat er ihm neu den Zugang zu seinem Schöpfer ermöglicht. Der Mensch bleibt von Gottes Gemeinschaft ausgeschlossen, wenn es nicht durch Umkehr und Glaube tu einem neuen Leben kommt. Der neue Mensch aber unterstellt sich in der Nachfolge Christi ungeteilt dem Willen Gottes. Ihm ist im Vertrauen auf die Verheißung Jesu die Teilhabe an der neuen Welt Gottes gewiß.

Das Menschenbild bei uns ist immer noch mehr oder weniger christlich. Während man gegen die Kirche kämpft, erreicht die Hochschätzung des christlichen Menschenbildes im praktischen Handeln in der Gesellschaft einen Höhepunkt. Die Liebe lebt - der Glaube stirbt. Aber auf Dauer kann die Liebe nicht ohne Glauben leben und stirbt sehr bald. Praxis erfordert auch Lehre. Viele Nichtchristen haben den Wert des Glaubens durchaus eingesehen, wollen sich ihm aber dennoch nicht anschließen.

 

Der Mensch ist mehr als Chemie und Biologie. Seine Aufgabe ist es, „mehr Mensch“ zu werden. Er ist mehr als das höchst entwickelte Säugetier, das mit Bewußtsein ausgestattet ist und deshalb schöpferisch tätig sein kann.

Heute wissen wir über Einzelheiten des Menschen sehr viel. Aber es gibt keine Gesamtwissenschaft mehr über den Menschen. Die Humanwissenschaften bieten immer mehr Einzelerkenntnisse über den Menschen. Aber der g a n z e Mensch ist wissenschaftlich unzugänglich geworden. Schon Lessing hat gesagt: „Der Mensch? Wo ist er her? Zu schlecht für einen Gott: zu gut fürs Ungefähr!“

Der christliche Glaube versteht den Menschen nicht vom Menschen her, sondern von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus her. Und die Entfremdung des Menschen von Gott - das ist die eigentliche Selbstentfremdung des Menschen.

 

Der Mensch ist kein Zufallsprodukt, sondern von Gott gewollt:

Schöpfung war nicht das erste Thema des Volkes Israel. Zunächst hat sich Gott gezeigt als Herr der Natur, der Völker, der Geschichte. Aufgrund dieser Geschichte dachte man auch über die Schöpfungsfrage nach und kam zu dem Schluß: „Der Mensch kommt vom Anruf  Gottes,

er ist geschaffen zur Gemeinschaft mit Gott.!“

Die erste Schöpfungserzählung in 1. Mose  1 macht deutlich:

Der Mensch kommt von einem besonderen Beschluß Gottes her. Er ist zwar Geschöpf und damit sterblich, aber doch als letztes Glied erschaffen und an die Seite des Schöpfers gestellt. Er bekommt den Auftrag, Verwalter  der Schöpfung zu sein (also ein säkularer Auftrag, nicht die Befriedigung der Götter durch den Kult). Aber er ist als Stellvertreter Gottes auch verantwortlich.

Verantwortliche Weltherrschaft ist aber nur zu leisten im Miteinander der Menschen. Besonders in der Zweigeschlechtlichkeit zeigt sich die Ebenbildlichkeit, denn man steht nicht einzeln vor der Anrede Gottes, sondern als Partner. Auch Fruchtbarkeit ist nur in der Partnerschaft möglich.

Der Mensch ist von Anfang an zusammen mit den Kreaturen geschaffen. Die Verbindung zu der Schöpfung wurde nicht erst durch den Menschen geschaffen, sondern sie ist durch Gottes Schöpfermacht da. Der Schöpfer gibt dem Menschen alles, was er zum Lebensunterhalt braucht. Der Mensch lebt von der Fürsorge Gottes. Darum lobt der Mensch Gott. Deshalb ist der erste Tag im Leben des Menschen ein Feiertag.

Die zweite Schöpfungserzählung setzt noch vier zusätzliche Akzente:

1. Der Mensch ist aus Staub von der Ackererde. Also ist er in seiner Leiblichkeit erforschbar, vom Schöpfer geformte Materie wie die Tiere

2. Lebendig wird der Mensch durch Gottes Anhauch, aber erst durch die Anrede Gottes (Vers 16-17) wird er auch zum Menschen.

3. Der Mensch soll nicht allein sein, Einsamkeit ist nicht gut. Gott hat das Beste für den Menschen gewollt.

4. Da das andere Geschöpf dem Menschen ähnlich ist, muß man mit ihm zu sprechen anfangen und Gemeinschaft entsteht (Vers 23).

Das Geschaffensein des Menschen ist ein Akt der Liebe Gottes. Auch der Sündenfall hat nichts daran geändert, daß die Schöpfung Gottes gut ist und bleibt. Man kann deshalb nicht von einer gefallener Schöpfung reden. Gefallen ist der Mensch. Aber auch er kann nicht aus der guten Schöpfung Gottes herausfallen. Das hängt aber dann auch mit Jesus Christus zusammen.

 

Der Mensch als Leib und Seele:

Wenn man fragte, was man sich unter der „Seele“ vorstellt, dann kommt sicher die Antwort: „Was zum Himmel fliegt, wenn ein Mensch gestorben ist!“ Dahinter steht die Vorstellung, daß der Mensch aus einem sterblichen Leib und einer unsterblichen Seele besteht. Doch das ist griechische Philosophie, besonders des Philosophen Plato. Wir sehen heute manches als christliche Aussage über den Menschen an, was in Wirklichkeit griechische Philosophie oder Theorie des idealistischen Denkens ist (zum Beispiel die Rede vom „guten Kern“ im Menschen).

Schon in 1. Mose 2,7 wird gesagt: Der Mensch ist ein Stück Materie, er gehört der sichtbaren, äußerlichen Körperwelt an. Diesem Körper wird nun der göttliche Lebensodem eingehaucht. Erst dadurch wird der Mensch zu einem Lebewesen, weil durch das Anhauchen Gottes der Atem des Menschen in Bewegung gebracht wird. Der Mensch ist also von Gott abhängig. Die Verweigerung der Gabe würde den Menschen in tote Stofflichkeit zurückwerfen.

In diesem Zusammenhang begegnet das Wort „Seele“, das im Alten Testament 756 mal vorkommt. In uns taucht dann immer die griechische Vorstellung auf: Die Seele ist der höhere Teil, die unvergängliche Substanz der menschlichen Wirklichkeit, während der Leib der niedere Teil ist, in dem die Seele wie in einem Kerker gefangensitzt.

Die Bibel aber sieht den Menschen als eine  geist-leibliche Einheit. Der Mensch bekommt nicht eine lebende Seele (griechisches Denken), sondern er wird zu einer lebendigen Seele.

Das Leben ist immer an den Körper gebunden. Schon Luther wollte übersetzen: „ein Mensch, der da lebt im leiblichen Leben“(WA Pr 24,167). Das „Vitale am Menschen im weitesten Sinne“ (von Rad) ist gemeint.

Die Seele kann hungern und dürsten, weinen, sterben, sie ist fröhlich und betrübt, sie liebt und haßt, sie zürnt, sie ekelt sich, sie ist überdrüssig. Seele bezeichnet nicht das Leben im Individuum, sondern das lebendige Individuum selbst. Deshalb spricht man auch von den Kirchenmitgliedern von „Seelen“. Mit Seele ist immer der ganze Mensch in seiner Einheit und Unteilbarkeit gemeint, sein Leben in der ganzen Weite  aller leiblich-seelischen Funktionen. Es gibt keine unsterbliche Seele, sondern mit dem Tod stirbt auch die Seele (4. Mose 23,10; Ri 16,30; 4.Mose 31 ,19; Hes 13,19).

Im Neuen Testament wird das hebräische Wort „nefesch“ wiedergegeben durch das griechische Wort „psyche“, das schon Luther an 33 von etwa 100 Stellen mit „Leben“ übersetzt hat. Das Wort kann aber auch die Bedeutung „ewiges Leben“ haben (Gal 2,20;Kol 3,3) und das im Glaubenden verborgene Christusleben (Mt 10,28). Die personale Gemeinschaft des Glaubenden mit Christus („ewiges Leben“) kann durch den leiblichen Tod nicht aufgehoben werden; allein in diesem Sinne ist die Seele „unsterblich“.

Auch im Neuen Testament schließt der Begriff  „Seele“ die Leiblichkeit des Menschen mit ein. Das Wort dient auch als Bezeichnung für „Mensch“ (Apg 2,43; 3,23; Röm 13,1; Off 16,3). In 1. Thess 5,23 handelt es sich um einen aus der Tradition entnommenen Segenswunsch aus geläufigem liturgischem Sprachgebrauch;  daraus läßt sich nicht auf eine Dreiteilung des Menschen bei Paulus schließen. Der Mensch ist zwar ganz und gar Leib, aber zum Leib gehört auch  die Seele, die ihn erst lebendig macht kraft der schöpferischen Zuwendung Gottes.

                                                          

Es gibt verschiedene Menschenbilder. Aber meist setzen sie einfach Teilwahrheiten absolut. Der Mensch bleibt deshalb dennoch ein Rätsel. Vor allem fragen wir: „Welche  Aufgabe hat der Mensch? Die Beherrschung der Natur? Die Einordnung in die Gesellschaft? Viele sagen auch: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“

 

De Bibel sagt uns: Der Mensch ist von Gott erschaffen. Er ist kein Produkt der Umwelt oder eines Zufalls, sondern ein Gedanke Gottes. Gott schuf den Menschen sich zum Bilde.

Er gab ihm die Vernunft, um die Welt zu bewältigen und umzugestalten; der Mensch soll durchaus Freude haben an den Forschungen der Naturwissenschaft. Aber er weiß auch um seine Verantwortung und daß er von Gott zur Rechenschaft gezogen wird: Der Mensch vor Gott - das ist seine Würde.

 

 

Fragebogen

(je zwei Aussagen ankreuzen und auswerten)

Der Mensch ist die Krone der Schöpfung  (1. Mose 1)

Das menschliche Wesen ist die Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse (Karl Marx)

Der Mensch ist ein Schwein (Gottfried Benn)

Der Mensch ist ein denkendes Wesen

Der Mensch ist die Frage, auf die es keine Antwort gibt (Karl Rahner)

Der Mensch ist ein für Gott offenes Wesen (Eberhard Jüngel)

Der Mensch ist des Menschen Wolf       (aus dem Lateinischen)

Der Mensch ist eine Maschine (Julien Offrey de Lamettrie)

Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung (Herder)

Der Mensch ist das Ebenbild Gottes (1. Mose 1)

Der Mensch ist ein Widerspruch (Emil Brunner)

Der Mensch ist mehr, als er wissen kann (Karl Jaspers)

Der Mensch - ein Tier?

Für die Sozialdarwinisten ist der Mensch nur eine tierische  Lebensform, die man nach biologischen Maßstäben vermessen und durch Züchtung korrigieren kann. Gradlinig wurden die Prinzipien der Pflanzen- und Tierzüchter auf die menschliche Position übertragen. Seuchenbekämpfung, Armenpflege und Barmherzigkeit und Faktoren einer negativen Gen-Auslese. Künstliche Besamung wird wie in der Viehzucht geübt. Selbst die Traditionsbildung soll durch „Triebe“ geregelt sein.

Durch planmäßige Zucht könnten furchtlose, friedfertige, hilfsbereite Menschen geschaffen werden. Durch eine Kreuzung zwischen Affenweibchen und Mensch könnte man niedere Lebewesen schaffen, die dann die niederer Arbeiten verrichten könnten.

Das mechanistische Weltbild hat aber auch Auswirkungen auf die Medizin. Viele Menschen haben zu ihrem Leib ein ähnliches Verhältnis  wie zu ihrem Wagen: Man läßt ihn vom Spezialisten durchsehen, fügt Ersatzteile ein, läßt sich überholen wie einen Motor und betrachtet Schmerz kaum anders als knirschende Bremsen .Der perfekte Patient ist der, der seine Individualität opfert und sich zum willenlosen Objekt der naturwissenschaftlichen Medizin macht.

 

Bei den Tieren sind die  Jungen nur Kleinausgaben der Alten. Der junge Mensch dagegen ist vom erwachsenen weit entfernt. Dem Menschen ist die Umwelt nicht mitgegeben, sondern das richtige Verhalten muß erst gelernt werden. Aber seine Fähigkeit zum Lernen ist auch wesentlich größer als bei anderen.

Der Mensch erwirbt im ersten Lebensjahr, was den höheren Tieren bei der Geburt mitgegeben ist: aufrechte Haltung, Wortsprache, technisches Denken. Die menschliche Schwangerschaftsperiode ist relativ kurz. Die letzten zwölf Monate werden praktisch außerhalb des Mutterleibes verbracht, im ständigen Sozialkontakt mit anderen Menschen. Das bedeutet aber: Die Eltern sind den Kindern die Menschwerdung schuldig. Deshalb läßt kein Volk seine Kinder ohne Erziehung. Der Mensch bedarf anderer Menschen zu seiner Menschwerdung. Aber er muß sich auch in die menschliche Gemeinschaft  hineinziehen lassen. Das heißt: Der Mensch ist nicht nur aus der biologischen Abstammungskette zu verstehen, sondern nur als Angeredeter.

 

Der Mensch findet nach 1. Mose 2 keinen Partner in den Tieren. Es gibt zwar Verbindungslinien vom Menschen zum Tier, aber der Mensch ist kein Tier. Das Tier reagiert allein von Trieben und Instinkten  gesteuert. In einer bestimmten Situation kann das Tier nur in einer ganz bestimmten Weise reagieren. Der Mensch aber kann über die Situation nachdenken, er kann abwägen und sich für ein Reagieren bewußt entscheiden, auch ganz anders als ein anderer Mensch. Nach Herder ist das Tier ein „gebückter Sklave“, der Mensch dagegen „der erste Freigelassene der Schöpfung“. Gerade der Instinktmangel befähigt den Menschen zum bewußten Handeln. Er allein kann Informationen speichern und weitergeben und mit anderen Menschen sein Leben und seine Umwelt gestalten.

Leuten wie Mose, Jesaja und Petrus wird in der Begegnung mit Gott der schier unüberbrückbare Abstand zwischen Gott und Mensch bewußt. Die Menschen sind nicht einmal Engel, sondern sterbliche und unvollkommene Wesen, nichts weiter als „Fleisch“". Der Mensch wurde in die Geborgenheit des Gartens Eden gestellt und hatte dort einen sicheren Lebensraum. Doch als er sich an Gottes Stelle drängen wollte, verlor er diese Geborgenheit. Wenn der Mensch selbst letzte  Instanz sein will, dann hat er die letzte Geborgenheit verloren. Für das Streben nach göttlicher Macht und Würde zahlt er den Preis, daß er sterben muß. Im Gegensatz zum Tier muß der Mensch mit diesen Wissen leben. Gerade diese  Todesnot  macht deutlich, daß der Mensch ein Nicht-Gott ist.

Walter Saft:  Der Mensch

Das geschichtliche Wesen:

Der einzelne Mensch kann seine Bestimmung nicht für sich allein finden, sondern er ist für die Ausformung seiner selbst auf die Gemeinschaft (Gesellschaft, Gemeinde) angewiesen. Das Leben steht unter dem Vorzeichen des ständigen Ausziehens, sowohl im Einzelleben wie im Leben der Völker. Jeder hat seinen eigenen Lebenslauf. Der Charakter ist nicht nur in den Erbanlagen begründet, sondern hängt entscheidend von dem Weg ab, den wir gegangen und geführt worden sind (Beispiel: eineiige Zwillinge). Der junge Mensch meint noch, er sei seines Glückes Schmied. Der alte Mensch versteht sein Leben als eine Folge von Widerfahrnissen, in denen ihm eine Führung Gottes zuteil wurde. Beide Ansichten ergeben erst zusammen die ganze Wahrheit.

 

Das fragende Wesen:

Der Mensch bleibt ein Fragender, solange er lebt. Er kann nicht aufhören, immer neu über sich hinaus zu fragen und sich so ständig zu überschreiten - bis hin zu der Frage nach dem Grund und Sinn des Lebens. Der Mensch ist weltoffen‚ erlebt seine Umwelt immer wieder neu und stellt sich neu auf sie ein (zum Beispiel Änderung des Berufs). Auch in der Kirche sollte viel gefragt werden (zum Beispiel in der Predigtvorbereitung), weil einer allein nicht alles übersehen kann. Solange wir leben, sind wir auf Fragen angewiesen. Es kommt niemals die Zeit, in der wir genug Antworten gehört hätten und darum keine Fragen mehr zu stellen brauchten.

 

Das arbeitende Wesen:

Arbeit, die im Gehorsam gegen Gott und zum Nutzen des Nächsten verrichtet wird,  ist nach Luther Gottesdienst oder Beruf. Sie ist ein Christuszeugnis und wird auch im Verborgenen gewissenhaft und verantwortungsbewußt ausgeführt. Die Arbeit wird verdorben, wo jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Da wird die Arbeit zur Ware und der Mensch wird nur noch als Träger einer bestimmten Arbeitsleistung gewertet. Die Christen gehören aber auf die Seite derer, die Überwindung der Entfremdung der Arbeit auf ihre Fahnen geschrieben haben.

 

Das spielende Wesen:

Jede Arbeit enthält spielerische Elemente. Das Spiel ist die frei gestaltete Äußerung eines großen Vorrats von Antrieben und Kräften. Es setzt eine vielgestaltige Beziehung zur Welt voraus und entfaltet sich in der Geborgenheit, wo die äußeren Sorgen zurücktreten und man im Schoß der Familie geborgen ist. Da die Freizeit wachsen wird, wird auch dem Spiel eine noch wichtigere Rolle im Leben zufallen. Die Menschen sollten nicht der Gefahr erliegen, die geschenkte Freizeit unsinnig zu vertun oder die Ruhe des Alters als ein Unglück zu empfinden. Im kirchlichen Leben hat das Spiel nur einen geringen Platz: Krippenspiel, Passionsspiele, Musik. Im Spiel kann man aber für Gott ganz offen werden und eine tiefe Prägung erfahren.

 

Das gesellige Wesen:

Christwerden durch die Taufe ist immer mit der Aufnahme in eine Gemeinschaft verbunden. Zinzendorf:  „Ohne Gemeinschaft statuiere ich kein Christentum!“ Man kann sein Christsein nicht in einer individuellen Beziehung zu Gott verwirklichen. Das eigene Leben kann nur gelingen‚ wenn man dem anderen beisteht und dadurch die Gemeinschaft stärkt. Gegenseitige Respektierung (Innenseite) und Anerkennung (Außenseite) sind grundlegend für alle menschlichen Beziehungen, sonst entsteht ein schlechtes Betriebsklima. Menschliche Gemeinschaften müssen drei Grundanliegen verwirklichen: Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Die fünfte Bitte des Vaterunser: „Vergib uns unsre Schuld!“ enthält eine der elementarsten Forderungen des Menschlichen Zusammenlebens.

 

Das leidende Wesen:

Der Gott der Bibel ist ein mitleidender („sympathischer“) Gott. Er verbindet sich so stark mit der Geschichte seines Volkes und der Menschheit, daß er unter Handlungen der Menschen leidet. Sein Zorn ist aber Ausdruck seiner bleibenden Zuwendung zum Menschen. Der allmächtige Gott gibt sein in sich ruhendes Sein (sein = esse) auf und wird im „inter-esse“ (= Zwischensein) zum solidarischen Partner der Menschen. In Jesus Christus läßt er sich ins Herz schauen. In der Nachfolge des mitleidenden Gottes wird der Mensch zum mitleidenden Menschen. Das göttliche Mitleiden findet seinen Widerhall in der Mitleidsfähigkeit des Menschen‚ in seiner Offenheit und Empfänglichkeit für die Sorge und Not des anderen.

 

Das geliebte Wesen:

Wir Menschen leben davon, daß wir geliebt werden. Hätten wir als Kinder nicht die Eltern gehabt, hätten wir uns gar nicht zu körperlich und seelisch gesunden Menschen entwickeln können, hätte sich die Liebesfähigkeit nicht ausbilden können, könnten wir Gott und die Mitmenschen nicht lieben. So heißt es auch im 1. Johannesbrief: „Laßt uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt!“Den Vater überm Sternenzelt zu lieben ist natürlich leichter als den unsympathischen Zimmernachbarn. Aber die Liebe Gottes führt uns auch zu den Menschen, die uns zu tragen geben: gerade an ihnen will sie sich bewähren. Die Erzählung vom barmherzigen Samariter macht die Aufgabe eindringlich deutlich. Es darf nicht so sein, daß man den Fernsehsprecher oder den Filmstar oder Sportler besser kennt als den Kollegen am Arbeitsplatz.

 

Das verantwortliche Wesen:

Früher orientierten sieh die Menschen an der Erfahrung und fanden Halt in der überkommenen Sitte. Heute aber wird alle Erfahrung durch neue Erkenntnisse und Entwicklungen überholt. Man muß in das offene Feld persönlicher Verantwortung übergehen. Doch dazu kann man sich nicht auf eine einsame Insel zurückziehen oder nach rückwärts träumen oder sich in private Räume zurückziehen. Der Öffentlichkeit dürfen nicht die Kräfte entzogen werden, die sie zu ihrer Durchgestaltung und Organisation dringend benötigt. Eine spezielle Verantwortung hat der Mensch für die Erhaltung des Weltfriedens und das Weiterleben der menschlichen Art. Durch die Atomwaffen wurde der Krieg unsinnig. Aber heute ist auch die Genforschung zu einer Gefahr geworden. Man kann keinen höheren Menschen züchten, weil die Entwicklung der Menschheit mehr eine soziale als eine biologische war. Außerdem kann man nicht nur einen Erbfaktor auswechseln, weil der viele Merkmale des Organismus beeinflußt.

 

Das vertrauende Wesen:

Schon in der Welt der Geräte und Apparate können wir nicht ohne Vertrauen auskommen (keiner kann die Sicherheit der Eisenbahn jeweils selber nachprüfen). Erst recht brauchen wir Vertrauen im Umgang mit anderen Menschen: Vertrauen ist nötig zwischen Patient und Arzt, zwischen Ehepartnern („Trauung“), überhaupt wo Menschen miteinander zu tun haben. Den elementarsten Kontakt schafft das Gespräch. Solange wir leben, brauchen wir das Gespräch. An der Sprache kann man den Reichtum des Inneren eines Menschen erkennen. Aber auch die Beziehungen zur Umwelt werden durch das Sprechen entscheidend bestimmt. Kinder, die vor ihren Eltern verständnisvoll angesprochen werden, werden kontaktfähig und finden auch ihrerseits leicht Verstehensbrücken zu anderen Menschen.

 

 

 

 

 

Wert des Menschen

 

Materialwert

Man kann die Bestandteile des Menschen zwar chemisch analysieren: Er besteht aus Wasser, Kohlenstoff, Kalzium, Schwefel, Phosphor usw. und hat einen  „Schrottwert“ von 3,00  bis 18,00 Euro, je nachdem., wie weit man zerlegt.

Wenn ein Mensch etwa 70 Kilogramm wiegt, dann ergeben sich an Bestandteilen:

46.2 kg Wasser, wertlos                                                                0,00 Euro

11,2 kg  Eiweiß und Leimstoffe (für Klebstoff                          2,00

8,4 kg  Fett                                                                                      4,20

3,5 kg  Asche und 0,7 kg Kohlehydrate (Zucker)                                0,40

 

Die Aschebestandteile ergäben etwa:

Phosphor, zu Zündhölzern verarbeitet                                       0,80

Kalk, mit dem man einen Hühnerstall weißen könnte,                        0,20

etwas Eisen, reicht gerade zu einem Nagel                                           0,04

Magnesium, Kalium und Chlor, etwa                                          1,20

im ganzen also 18,84 Euro.

Bei noch weiterer Zerlegung bleiben 20 Prozent Kohlenstoff, 6 Prozent Sauerstoff und 2 Prozent Stickstoff. Der Wert ist dann sehr gering.

Zum Glück legen wir nicht diese Maßstäbe an ein Menschenleben an. Aber in der Nazizeit wurde es mit den Juden ja ähnlich gemacht. Ein Häftling im Konzentrationslager Ausch­witz  wurde mit 1.629 Reichsmark veranschlagt, errechnet aus dem täglichen Verleihlohn mal Lebensdauer. Ein DDR-Bürger konnte zum Preis von 35.000 DM (Frauen) bis 100.00 Mark (Ärzte) freigekauft werden. Die Versicherungsgesellschaften rechnen das Jahreseinkommen mal Dauer der Berufsjahre.

Wenn man aber die komplizierten chemischen Verbindungen im Menschen verkaufen würde, wäre der Mensch  15 Millionen Schweiter Franken wert (Zahl von 1976). Ein Gramm weibliches Geschlechtshormon kostet allein 12 Millionen Franken.

 

 

Was ist ein Mensch eigentlich wert?

In einem Flugzeug nach Afrika sitzen vier Leute beim zweiten Frühstück. Jeder hat ein bestimmtes Ziel vor sich. Plötzlich passiert dem Flugzeug ein Motorschaden. Der Pilot versucht notzulanden. Es mißlingt. Die Passagiere können nur durch Fallschirmabsprung gerettet werden. Da stellt sich heraus, daß nur e i n Fallschirm vorhanden ist. Wer von den vier Passagieren soll ihn bekommen? Wessen Leben hat den-höchsten Wert, gerettet z werden? Nach welchen Gesichtspunkten und Maßstäben soll hier entschieden werden?

(1.) Ein Weltraumforscher ist auf dem 'leg in die Sahara. Er will dort Vorbereitungen treffen, um eine neue Versuchsstation einzurichten. Seine Frau begleitet ihn, um gleichzeitig eine kleine Urlaubsreise damit zu verbinden.

(2.) Die Frau des Weltraumforschers begleitet ihn, um .gleichzeitig eine kleine Urlaubsreise damit zu verbinden. Sie haben zwei Kinder zu Hause.

(3.) Eine junge Lehrerin will nach Kenia. Sie hat drei Jahre ihres Lebens zur Verfügung gestellt, um dort ein Arbeiterinnenwohnheim aufzubauen. Sie ist unverheiratet.

(4.) Ein Maschinenschlosser ist von seiner Familie  nach Afrika  auf Montage geschickt worden. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

 

Wer von den vieren soll den Fallschirm beikommen?

(1.) Der Weltraumforscher: Seine Arbeit ist für die Menschheit von großer Bedeutung  und Nutzen. Wenn beide Elternteile getötet würden, wären die Kinder ganz allein. - Aber er hat nur zwei Kinder im Gegensatz zu dem Maschinenschlosser, der vier hat. Wahrscheinlich

verdient er auch soviel Geld, daß seine Kinder versorgt sind, auch wenn er nicht mehr lebt. Fachleute kann man notfalls ersetzen, es gibt so viele Weltraumforscher in der Welt. Eltern aber kann man nicht ersetzen. Viereicht hätten sie das Geld für die Weltraumforschung lieber zur Anschaffung weiterer Fallschirme benutzen sollen.

 (2.) Die Frau des  Weltraumforschers: Bei Katastrophen werden immer zuerst die Frauen gerettet. Wenn beide Eltern umkommen, stünden die Kinder ganz allein da. Eine Mutter ist nie zu ersetzen. Eire Frau kann die Kinder besser erziehen. Und sie kann sich auch leichter allein durchs Leben hindurchschlagen als ein Mann.

(3.) Die Lehrerin: Bei Katastrophen werden zuerst die Frauen gerettet. Wenn sie leben bleibt, ist vielen geholfen, etwa den Mädchen, die aus ihren Urwalddörfern in die Stadt kommen. Sie würde für viele dann wie eine Mutter sein. Es gibt nur wenige Menschen, die sich für so eine Aufgabe zur Verfügung stellen. - Aber sie steht allein in der Welt, sie ist nicht verheiratet und hat keine Kinder.

(4.) Der Maschinenschlosser: Er hat vier Kinder und seine Frau ist von ihm abhängig; ohne ihn steht die Frau allein da und die Kinder sind vielleicht noch nicht zehn Jahre alt. Vielleicht hat er auch große Aufgaben, etwa die Reparatur wichtiger Maschinen, die für die Ernte weiter Gebiete notwendig sind. Aber wichtigsten ist doch noch, was ein Mensch für seine Familie bedeutet.

 

Alle gleich vor Gott:

Wir sagen das heute so leicht: Alle Menschen sind vor Gott gleich! Aber das Standesbewußtsein ist auch bei uns immer noch sehr stark und wird gepflegt. Zu einem „gewöhnlichen“ Menschen sagt man „Du“,  aber zu einem Höhergestellten „Sie“. Schon kleine Kinder werden in diesem Sinne erzogen: Ob Hans mit Klaus spielen darf, hängt nicht davon ab, ob Klaus artig ist, sondern welchen Beruf und Verdienst sein Vater hat.

Natürlich hat Gott die Menschen ungleich geschaffen. Es gibt Menschen, die sind sehr nötig, und andere wiederum sind weniger nötig: Es ist nicht gleich, ob Mozart, Napoleon, Albert Schweitzer,  John F. Kennedy oder Martin Luther King schon mit 20 Jahren stirbt oder etwa Lieschen Müller, die Dorfschöne, die es zu tausenden in unserem Volk gibt.

Das hat nichts mit dem Wert in den Augen Gottes zu tun. Aber die  Menschen haben nur einmal eine unterschiedliche Verantwortung. Mancher Mensch kann Gutes oder Böses tun und damit das Leben und Glück von Millionen von Menschen beeinflussen.

 

Gott entscheidet:

Aber wir Menschen können nicht ermessen, wer auf Erden bleiben und wer abgerufen werden soll. Darüber entscheidet allein Gott. Allerdings ist an diesem Punkt das Handeln Gottes für uns oft sehr rätselhaft für uns. Wir fragen doch: Warum mußte Martin Luther sterben, aber irgend so ein Gewaltverbrecher le? Wir wissen darauf keine Antwort.

Diese Wahrheit, daß alle Menschen gleich viel wert sind‚ bedeutet für uns:

1.Wir dürfen Menschen nicht nach Stand und Verdienst, auch nicht nach Nationalität und Hautfarbe beurteilen.

2. Wir wollen die Menschen anerkennen und achten, die etwas  Großes führ ihre Mitmenschen schaffen.

3. Wir wollen uns bemühen, zu den Menschen zu gehören, die für die W:elt wichtig sind und die sie braucht

4. Wir wollen den Verlust großer Menschen nicht gleichgültig hinnehmen, sondern ihn vielleicht als Strafe Gottes verstehen (?).

5. Wir wollen nicht schnell und oberflächlich von der Gleichheit aller Menschen reden. Denn von Natur aus sind wir alle verschieden wertvoll. Nur dadurch, daß Gott für uns alle am Kreuz gestorben ist, sind wir jetzt vor ihm gleich.

 

Die Möglichkeit wäre auch denkbar, daß sie auch alle um den Fallschirm und mit Gewalt an sich bringen wollen. Oder sie könnten das Los entscheiden lassen. Sie hätten auch die Möglichkeit, sich gar nicht zu entscheiden und etwa nur eine Nachricht an die Hinterbliebenen mit dem Fallschirm abwerfen zu lassen.   Wenn nur einer gerettet wird, hätte er sich vielleicht nachher doch nur schuldig gefühlt. Entweder sind alle oder keiner zu ersetzen, entweder müssen alle gerettet werden oder gar keiner.

Am Sinn der sowieso fiktiven Geschichte geht aber der Einwand eines Mannes aus Südafrika vorbei. Er gab zu bedenken: Beim zweiten Frühstück wären sie entweder über dem Mittelmeer oder schon über der Sahara. In beiden Fällen hätte ihnen ein Fallschirmabsprung nichts genutzt, denn sie wären ja dann doch umgekommen und hätten sich nur noch mehr gequält.

 

Man weiß ja auch gar nicht, welcher Mensch im Leben wirklich wichtiger ist als die anderen. Man kann nicht über Dinge urteilen, die einzig und allein Gott zur Beurteilung zustehen.

Aber andererseits kann man auch wieder sagen: Wenn man überhaupt einen Menschen retten kann, muß man es tun. Der Mensch ist doch etwas wert. So denken wir jedenfalls. Aber nicht bei allen Völkern ist das so. Denken wir nur an die Kamikazeflieger in Japan, die sich mit ihrem Flugzeug auf ein feindliches Schiff stürzten. Ein Menschenleben gilt bei uns jedoch etwas. Aber auch bei uns gab es solche verblendeten Selbstmordflieger am Ende des Zweiten Weltkrieges.

Allerdings hat jeder das Recht, gerettet zu werden. Vor Gott sind alle Menschen gleich, ob arm oder reich, gebildet oder ungebildet. Man kann natürlich sagen: „Ist eine Mutter nicht mehr wert  als ihr blödes Kind!“  Aber für Gott sind alle Menschen gleich wichtig: deshalb hat er seinen Sohn am Kreuz  für sie sterben lassen.

 

Gesichtspunkte für eine Auswahl:

1.Wert des betreffenden für andere Menschen (Leistung, Ausbildung)

2. Zahl der unmündigen Kinder und Bedeutung für die Familie

3. Handelt es sich um einen Mann oder eine Frau ?

4. Wer noch nichts von Christus weiß, muß gerettet werden.

Persönliche und menschliche Gesichtspunkte sind jedenfalls wichtiger als die wissenschaftlichen und technischen.

Bei einer Umfrage äußerten sich Schüler der 9. bis 12. Klasse mit mehr als fünffacher Mehrheit für die Frau des Weltraumforschers, damit den Kinder wenigstens noch ein Elternteil erhalten bleibt. Alle anderen Personen hatten die gleiche Punktzahl.

 

Der Prophet Jona

.Der Prophet Jona erhielt von Gott den Auftrag, in der großen Stadt Ninive zu predigen. Aber er macht sich schnell aus dem Staub und fährt mit einem Schiff in die entgegengesetzte Richtung. Er denkt, er könnte dadurch Gott entfliehen.

Als sie aber auf dem Meer sind, kommt ein großer Sturm auf. Die Schiffsleute tun alles‚ um davon zukommen. Sie werfen Ballast ab und rufen ihre Göttern an, damit sie ihnen helfen. Schließlich fordern sie auch Jona auf, dasselbe zu tun, denn bisher hat er noch unten im Schiff geschlafen.

Schließlich losen sie, um herauszufinden, wer von ihnen an diesem Unglück schuld ist, über wen die Göttern so erzürnt sind. Das Los trifft Jona. Nun muß er alles erzählen. Die Leute erschrecken, als er sagt: „Das ist die Strafe des Gottes des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht bat!“ Sie fragen: „Was sollen wir denn mit dir tun, damit das Meer wieder still wird?“ Jona sagt: „Werft mich ins Meer!“ Die Seeleute versuchen roch einmal alles‚ um an. Land. Zu kommen; aber es ist vergeblich. Da sagen sie: „Ach Herr, laß uns nicht verderben um dieses Mannes willen!“ und sie werfen Jona ins Meer. Das wird es auf der Stelle still und sie sind gerettet. Aber auch Jona wird vor Gott gerettet und muß, noch seinen Auftrag ausführen.

 

Psalm 8

Wir lesen zunächst Vers 4. Wir erinnern an dieser Stelle daran, daß wir durch die moderne Naturwissenschaft von der Größe des Alls noch weit mehr wissen als der Mensch der alten Welt. Wir müßten im Grunde noch viel mehr als der Psalmdichter von der Schöpferherrlichkeit Gottes überwältigt sein, wenn wir den nächtlichen Sternenhimmel betrachten.

Im fünften Verse folgt der Satz: „Was ist der Mensch . . .?“ Diese Antwort wird jedoch erstaunlicherweise nicht gegeben. Nicht nur, weil sie selbstverständlich ist! Dieser Mensch betrachtet ja den Sternenhimmel nicht als Astronom und nicht als romantischer Naturschwärmer; er schließt von seiner Größe und Herrlichkeit auf die Größe und Herrlichkeit Gottes. Da stellt er etwas fest, was ihn in höchstes, in beinahe fassungsloses Erstaunen setzt. Also an dieses Nichts, dieses winzige, vergängliche Stäubchen im All, das da „Mensch“ heißt, - daran gedenkt Gott! Was meint der Dichter damit? Das sagen uns die folgenden Verse.

Die Verse 6 - 9 sagen uns: Der Mensch ist von Gott zum Herrn über alles Geschaffene gesetzt. Der Mensch stellt die Naturkräfte in seinen Dienst; er erforscht das Weltall. In diesen wenigen Sätzen des Psalmes finden wir Kleinheit und Größe, Unwert und Wert des Menschen auf kürzeste umschrieben.

Wie kommt es, daß der Dichter über der Nichtigkeit des Menschen nicht in Minderwertigkeitsgefühle gerät und sich wegen der Grüße des Menschen nicht überhebt? - Wir lesen betont: „Du hast ihn zum Herrn gemacht, alles hast Du unter seine Füße getan!“ (Vers 7). Der Mensch ist nicht „an sich“ und durch sich selbst so klein und so groß. Gott ist es, der ihn so geschaffen hat. Gott gibt dem Menschen einen einzigartigen Wert und Platz: über allem Geschaffenen (trotz seiner Nichtigkeit!) und unter Gott.

Das ist seine Bewertung des Menschen, die wir uns zu Herzen nehmen und uns immer wieder vergegenwärtigen sollten, so daß sie Grundlage unseres Lebens werden. Bisher waren wir ständig bemüht, uns zur Geltung zu bringen, unseren Wert zu beweisen, anderen den Rang abzulaufen. Aber dann steht man dem anderen ängstlich und zugleich abwehrend, feindlich gegenüber.

Doch das haben wir jetzt nicht mehr nötig, denn Gottes Wertschätzung ist unabhängig davon. Wir werden von der Liebe Gottes aus dem Gefängnis unserer Ichsucht, in dem wir sehr einsam waren, herausgeführt. Wir sind seine geliebten und zur Liebe befreiten Kinder. Wir starren nicht mehr verzweifelt auf unseren Unwert - Gott hat uns ja wertgeachtet! Aber wir überheben uns auch nicht, wenn uns Gaben und Fähigkeiten geschenkt sind, wenn wir also nach menschlicher Meinung zu den „wertvollen“ Menschen gehören.

Es ist ja nicht unser Verdienst, sondern Gottes Gabe, uns gegeben, damit wir ihm damit dienen. Wir sind nicht verbittert, wenn wir „im Schatten leben, wenn wir „schlecht weggekommen“ sind. Denn Christus ist den Ärmsten und „Unwertesten“ unter uns gleich geworden, an ihre Seite getreten in seinem Leben und Sterben. Wir können aber auch die Freude, den Erfolg, das Glück nun nicht mehr als selbstverständlich hinnehmen; wir werden nicht übermütig, sondern empfangen dankbar aus der Hand Gottes, was er uns gibt.

Gott hat dem Menschen die Gaben verliehen, und will, daß er diese Gaben entfaltet. Wir hüten uns also mit Recht vor stumpfer Gleichmacherei und vor jeder Gewaltsamkeit gegenüber dem anderen Menschen. Wir nehmen ihn, so wie er ist, und ehren damit im Geschöpf den Schöp­fer. Er hat die Menschen nicht einförmig und langweilig erschaffen, er hat die Fülle seiner Gaben so verteilt, daß jeder Mensch einmalig und unwiederholbar ist.

 

„Was ist ein Mensch schon wert!?“

Diesen Satz hören wir oft im täglichen Leben bei bestimmten Anlässen. Welche Antwort erwartet der, der so fragt? Wie kommt man zu dieser Meinung? Man sieht, daß ein Menschenleben leichtfertig oder böswillig zugrunde gerichtet wird, aus Lieblosigkeit, aus Haß, durch Krieg oder Katastrophen; daß der Mensch rasch ersetzt und rasch vergessen wird. Halten wir es für recht, daß ein Mensch so gering geschätzt wird? Sicher nicht! Wir wehren uns dagegen. Wir machen Ausnahmen davon. Wir bezeichnen einen Menschen als „wertvoll“ oder gar als „unersetzbar“, wenn er uns besonders nahe steht oder wenn er sich vor anderen durch besondere Eigenschaften auszeichnet, die allgemein als wertvoll gelten. Wir machen also Unterschiede.

1. Nach welchen Maßstäben bewerten wir den Menschen im persönlichen Umgang? Gehen wir vom Beispiel aus: Warum begehren wir den einen Menschen zum Freunde, den anderen nicht ? Warum achten wir auf den Umgang unserer Kinder und suchen es nach Möglichkeit zu verhindern, daß sie sich mit einem Jungen, einem Mädel anfreunden, von dem sie nichts Gutes lernen können? Wir schätzen ganz bestimmte Eigenschaften an den Menschen wie Zuverlässigkeit, Treue, Rechtlichkeit, Humor, Heiterkeit warmes Empfinden. Das sind Eigenschaften des Gemütes, des Herzens, des Charakters. Wir legen auch Wert darauf, daß der andere Mensch in dem, was uns wichtig ist, mit uns übereinstimme, etwa in der Gesinnung, in der Weltanschauung, im Glauben, in den Neigungen und Interessen. Je nachdem, ob ein Mensch diesen Forderungen entspricht, halten wir ihn für mehr oder weniger wertvoll. Wer nichts dergleichen besitzt, gehört nach unserer Meinung zur „Dutzendware“, zum Durchschnitt, zu den Alltagsmenschen, denen wir keine besondere Wertschätzung entgegenbringen.

2. Nach welchen Maßstäben bewerten wir den Menschen im öffentlichen Leben? Handelt es sich nicht um persönliche Beziehungen wie Freundschaft oder Liebe, so sind es andere Eigenschaften, die den Ausschlag geben, während manches, was uns im persönlichen Verkehr wichtig ist, dann zurücktritt. Wir nehmen ein Beispiel aus dem Bereich der Arbeit: Ein Betriebsleiter will einen Arbeitsplatz neu besetzen und hat unter mehreren Bewerbern zu wählen. Er geht nach den  Eigenschaften des Charakters und der Gesinnung wie Fleiß und Zuverlässigkeit.

Es kommt aber auch auf geistige und körperliche Gaben und Fähigkeiten, auf Ausbildung  und Erfahrung an. Wenn ein Betrieb oder auch ein Staat oder Volk diese Gesichtspunkte  nicht beachtet, kommen ungeeignete Menschen an die Arbeitsplätze, Arbeit wird schlecht getan, Betrieb, Staat, Volk leiden darunter. Wir pflegen also im täglichen Leben den Wert eines Menschen nach seinem Charakter und seiner Gesinnung, nach seinen Gaben und Fähigkeiten, nach seiner Ausbildung und Erfahrung zu bemessen. Und so werden wir auch selber beurteilt.

3.  Die Grenze unserer üblichen Menschenbewertung: Diese Wertung des Menschen nach seinen Eigenschaften hat jedoch auch ihre Grenze, ja sogar ihre ernste Gefahr. Das wird uns bewußt, wenn wir sie auf nicht „wertvolle“ Menschen anwenden und mit strenger Folgerichtigkeit verfahren. Ein Beispiel: eine Familie hat neben mehreren gut begabten, gesunden Kindern ein krankes, geistig zurückgebliebenes. Wir halten eine Mutter, die dieses Kind hinter den anderen zurücksetzt, die es in bezug auf Nahrung und Kleidung vernachlässigt, die es seine „Minderwertigkeit“ fühlen läßt, für lieblos, und unnatürlich!) Meist wird ja im Gegenteil solch ein Kind mit besonderer Liebe und Fürsorge umgeben. Warum halten wir das für recht? (...) Es hat die Liebe am nötigsten, ist besonders empfänglich dafür. Ein anderes Beispiel: ein Mensch verliert durch Alter, Krankheit oder Unfall seinen bisherigen Wert für die menschliche Gemeinschaft. Er kann seine Arbeit nicht mehr tun. Dürfen wir ihn „ausrangieren“ wie ein abgenutztes Werkzeug? Dürfen wir ihn Mangel leiden lassen, ihn lieblos beiseite schieben oder gar verkommen lassen? Indem wir diese Fragen verneinen, beweisen wir, daß die Beurteilung des Menschen nach seinen wertvollen Eigenschaften - das heißt sehr oft nichts weiter, als nach seiner Nützlichkeit - nicht immer von uns für richtig gehalten und angewendet wird. Sie hat ihre Grenzen.

4. Die Gefahr unserer üblichen Menschenbewertung: Man hat nicht immer so gedacht. Ungebrochen naturhaft lebende Völker, vielleicht gar in bedrohter Lage, urteilen und handeln hier anders, nämlich mit Aussetzen und Töten von schwachen und kranken Kindern. Doch wir brauchen nicht in ferne Länder und Zeiten zu reisen, um ähnliche Beispiele zu finden. Auch der Nationalsozialismus forderte die Beseitigung der „Lebensunwerten“, der „unnützen Esser“, der Alten und Schwachen.

5. Zu welchem Ergebnis sind wir nun gelangt? Wir haben im Laufe unserer Überlegungen erkannt, daß der Mensch erst dann im biblischen Sinne wahrhaft Mensch wird, wenn ihm die rechte Wertung widerfährt und er selbst den anderen ebenfalls recht wertet. Wir Menschen haben bestimmte Maßstäbe, nach denen wir werten, wir stellen Bedingungen und Forderungen, wenn wir einem Menschen Wert zusprechen sollen. Wir vergleichen die Menschen miteinander. Diese Art der Wertung hat im praktischen Leben in bestimmten Grenzen ihr Recht.

Sie kann jedoch äußerst gefährlich werden, wenn wir sie allein und ausschließlich anwenden wollten. Gott wertet anders. Er stellt keine Forderungen, keine Bedingungen. Er liebt bedingungslos. Wo Liebe ist, da geht es - schon im menschlichen Bereich - nicht mehr nach Wertmaßstäben. Wir erinnern an das Beispiel des kranken und zurückgebliebenen Kindes, das von den Eltern besonders geliebt wird, weil es die Liebe am nötigsten braucht. So wendet sich auch die rettende Liebe Gottes in Jesus Christus gerade den Verlorenen zu. Auf Liebe pflegt der Mensch natürlicherweise mit Gegenliebe zu antworten.. Gottes Liebe holt uns also heraus aus allen Verschanzungen der Ichsucht, sie löst allen Krampf und alle Angst. Wir brauchen uns nicht mehr verzweifelt gegen den anderen zu wehren oder krampfhaft uni Geltung bemüht zu sein, denn wir gelten ja nun alle unerhört viel: wir sind so wertgeachtet vor Gott, daß er sich für uns hingibt.

 

Sind Flugzeugentführungen ein Mittel, um Recht zu erlangen?

In New York stürzt ein Passagier eines Flugzeugs mit vorgehaltener Pistole in die Pilotenkanzel und bedroht den Piloten: „Fliegen Sie sofort nach Miami in Florida!“ Der Pilot antwortet ganz seelenruhig: „Da fliegen wir sowieso hin, das ist doch unser fahrplanmäßiges Ziel!“ Da steckt der Fluggast wieder beruhigt die Pistole weg und sagt: „Dann ist es ja in Ordnung! Ich wollte mich nur vergewissern, ob Sie auch wirklich nach Miami fliegen und nicht nach Kuba!“

Soweit könnte es noch kommen auf Grund der Serie von Flugzeugentführungen. Die eine Zeitlang üblich waren. Schon vor vielen Jahren gab es einmal eine Flugzeugentführung, als Leute des französischen Geheimdienstes das Flugzeug umlenkten, in dem der Führer der algerischen Befreiungsbewegung Ben Bella saß. Sie brachten ihn auf diese Art in ihre Gewalt, mußten ihr aber wieder freilassen, als Algerien unabhängig wurde und er wurde dann der erste Staatspräsident Algeriens.

Aber in den USA wurden Flugzeugentführungen geradezu Mode. Wer das Land illegal verlassen wollte oder auch nur kein Geld für eine Flugreise hatte, kaperte sich einfach ein Flugzeug und ließ es in Havanna in Kuba landen.

Es gibt heute eigentlich drei Arten von Flugzeugentführungen: Einmal diese Entführungen aus mehr persönlichen Gründen, dann die Entführungen durch Menschen, die auf diese Art illegal nach Westeuropa kommen wollen, und schließlich die Flugzeugentführungen, die auf diese Art aus politischen Motiven in den Besitz von Geißeln kommen wollen oder die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf ein bestimmtes Problem zu lenken wollen. Und dann gibt es noch krankhaft veranlagte Menschen, die nur einmal die anderen ihre Macht spüren lassen wollen, wie jener Amerikaner italienischer Abstammung, der ein Flugzeug von Los Angeles nach Tom dirigierte, um seine alte Heimat wieder einmal besuchen zu können. Und schließlich gibt es noch die Entführer, die damit Geld erpressen wollen.

Flugzeugentführung ist also eine Taktik, aber die Motive dazu sind unterschiedlich. Neu daran ist eigentlich, daß man sich unbeteiligte Dritte für der Anschlag aussucht. Das hat es selbst nicht auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs gegeben und das wird auch bei keinem Theoretiker der Revolution empfohlen.

In einem Flugzeug kann man sich ja nicht wehren, wenn man nicht das Leben aller Insassen gefährden will. Vor allem sind es ja auch Menschen, die mit dem eigentlichen Streit nichts zu tun haben, die völlig unbeteiligt sind sowie jeder von uns.

Das ist fast so wie in dem Traum 7Nebukadnezars, von dem uns im Danielbuch der Bibel berichtet wird (Dan 2,31-45): Da ist ein riesiges Standbild, das ausgerechnet an seiner schwächsten Stelle von einem Stein getroffen wird. Der tönerne Fuß wird zermalmt, die Figur stürzt um und geht völlig in die Brüche. So will auch bei diesen Entführungen ein Schwächerer einen Stärkeren in die Knie zwingen.

Vielleicht werden die Terroristen schließlich einfach ihre Forderungen anmelden und eine Entführung nur noch androhen. Man hat deshalb gefordert, man müsse der Erpressung so oder so ein Ende machen, lieber jetzt als später. Die Entführer hätten auch den Boden des Rechts verlassen, da sollten auch die Erpreßten keine Bedenken  haben, mit Gewalt vorzugehen. Es ist ja bezeichnend, daß man sich nur westliche Maschinen ausgesucht hat. Die Araber sagten ja: Die Anschläge richten sich nur gegen die Länder, die Israel unterstützen. Aber die Schweiz ist ja wohl nicht dazu zu rechnen. Dann sind es Länder, die Araber wegen versuchter Flugzeugentführung festhalten.

Das ist ja eigentlich noch mit das Bedenklichste an der Sache: Es ist ganz klar, daß die Schweiz jene Leute einsperrt, die auf dem Flugplatz in Zürich herumschießen. Aber diese Leute wissen ja, daß sie im Grunde gar kein Risiko eingehen. Ihre Freunde werden eben ein weiteres Flugzeug entführen und die Gefangenen wieder gegen Geißeln austauschen. In Griechenland wußten die Araber schon vor dem Prozeß, daß sie wieder freigelassen werden. Menschen, die nach rechtsstaatlichen Grundsätzen einfach Mörder sind, werden wieder auf freien Fuß gesetzt und versuchen bei nächster Gelegenheit eine neue Entführung. Das wird doch mit der Zeit eine ungeheure Verwilderung  der internationalen Sitten mit sich bringen. Da kann ja jeder hergehen, der sich ungerecht behandelt fühlt, und mal schnell ein Flugzeug entführen.

Die Araber sagten dann: Es ist ja bisher bei diesen Entführungen kein Ausländer zu Schaden gekommen, es wurden nur ein Israeli und ein Araber getötet. Aber es ist immerhin schon eine Swissair-Maschine abgestürzt und es besteht in jedem Fall große Lebensgefahr für alle Fluggäste. Deshalb geben die Besatzungen ja auch immer sofort nach, um nicht das Leben aller zu riskieren. Deshalb hat ja auch Israel keinen Versuch zur Befreiung der Geiseln unternommen, wie er militärisch durchaus möglich wäre.

Gibt es denn kein Mittel zur Abwehr solcher Luft-Piraterie ?

1. Pilotenkanzel abschließen ; aber dann werden die Fluggäste bedroht

2. Sicherheitsbeamte mitfliegen lassen; dann Schießerei im Flugzeug

3. Leibesvisitation vor Besteigen des Flugzeugs (großes Verständnis!)

4. Sicherheitsbeamte mit Giftpistolen, die nur betäuben, nicht töten

5. Boykott der Länder, die sich nicht von Entführungen distanzieren

6. Repressalien gegen arabische Länder (z.B. Bankkonten sperren)

7. Scherzhafter Vorschlag: Alle Passagiere generell in Tiefschlaf versetzen.

Boykottdrohungen sind jedoch wirkungslos, wenn nicht alle Länder mitmachen und immer noch Umwege und Auswege möglich sind. Einen Erfolg haben eigentlich nur die Israelischen El-Al- Maschinen zu verzeichnen, bei denen immer zwei Sicherheitsbeamte mitfliegen und die Pilotenkanzel verschlossen ist. Notwendig ist auch eine Verurteilung der Entführung, wie das etwa in der Bundesrepublik geschehen ist.

Besser wäre noch, man lieferte die Entführer an das Land aus, das durch sie geschädigt wurde. Kein Land der Welt sollte sich zum Helfershelfer der Flugzeugentführer machen. Leider hat aber im Fall Jordanien die rechtmäßige Regierung gar nicht mehr die Macht, gegen die Terroristen im eigenen Land vorzugehen; ein Protest an die Regierung wäre nutzlos, weil die ja sowieso auch dagegen ist, aber nichts unternehmen kann.

Die Frage ist nun: Was wird durch diese Entführungen erreicht? Ein unmittelbarer Nutzen zeigt sich nur in der Befreiung der gefangener Araber. Aber der entstandene Schaden ist größer (gar nicht zu reden von dem Schaden, der entstehen könnte. Nun sind die arabischen Befreiungsorganisationen auch untereinander zerstritten.  Die Weltöffentlichkeit, die gerade in den westlichen Ländern immer mehr Verständnis für die Sache der Araber zeigte, richtet sich wieder gegen die Araber. Nur kleine und unbedeutende Länder wie Mali oder die Araber im besetzten Westjordanien haben die Entführungen begrüßt. Sie dienen jedenfalls nicht den Zielen der Befreiungsfront. Vor allem aber sind sie gegen die Freiheit der Luftfahrt und ihrer Passagiere gerichtet. Wie soll einer Freiheit erlangen, der anderen die Freiheit nimmt?

Außerdem wird eine Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern erschwert; denn wie sollen sie einmal in einem Staat miteinander leben, wenn jetzt schon so etwas vorkommt?

Flugzeugentführungen sind also kein Mittel, um sein Recht zu erlangen, sondern fügen nur einem Unrecht ein neues und größeres hinzu.

 

 

 

Rauchen

 

Einstiegsmöglichkeit

Christian Morgenstern beschreibt in einem Aphorismus das Rauchen folgendermaßen:

„Das, was allem Rauchen solchen Reiz verleiht, ist, daß sich der Raucher, wo auch immer, mit einer vertrauten Atmosphäre umgeben kann, einer mehr oder minder verklärten Zone, innerhalb der er ein bescheidenes Gefühl von Heimat empfinden darf mit all dem unwägbaren sinnlichen Wohlbehagen, womit uns das oft wiederholte Gleiche beschenkt, indem es wie unser Bett, unser Sessel, unsere Lampe eine gewisse Kontinuität der Stimmung befördert, ja wie in einem immer wieder gewobenen Schleier Gelebtes für uns bewahrt, Werdendes treulich hinzunimmt." (Christian Morgenstern, Stufen, Verlag R. Piper & Co, München 1924, S. 182)

 

Mögliche Einstiegsfragen

Filme beeinflussen Jugendliche und ihren Lebensstil. Mit ihnen leben sie täglich. Sie sollen durch die Fragen aufmerksam auf diesen prägenden Einfluß werden: Gibt es mehr Filme in Fernsehen und Kino, in denen geraucht wird, oder weniger? Warum?

Sind euch Filme bekannt, in denen nicht ein einziges Mal geraucht wird?

Eine weitere Frage: Was nehmen Nichtraucher zur Hand, wenn Raucher nach ihrer Zigarette greifen?

 

Fragen:

I. Macht Rauchen gemütlich?

2. Wer ist ausgeglichener? (Raucher/Nichtraucher)

3. Wer geht öfter in die Gaststätte?

4. Wer ist selbstbewußter?

5. Wer ist dir sympathischer?

6. Ist Rauchen modern?

7. Legen Raucher weniger Wert auf saubere Luft?

8. Wer hat mehr Freunde?

9. Ist es dir unangenehm, Aschenbecher auszuleeren?

10. Findest du Pfeifenraucher besser?

11. Glaubst du, daß Selbstdrehen Freude bereitet?

12. Sind Raucher geselliger?

13. Sind Nichtraucher langweilig?

14. Sind Nichtraucher schneller wütend auf die Raucher oder umgekehrt?

 

Auswertung: Die beste Möglichkeit ist die, daß die Zettel untereinander ausgetauscht und in der Gruppe vorgelesen werden. Dazu eignet es sich, eine Statistik aufzustellen, bei welchen Fragen Raucher und Nichtraucher gegensätzlicher Meinung sind bzw. übereinstimmen.

Nach dieser Runde sollte dann weiter im Gespräch überlegt werden:

Was wird mit diesen Antworten gesagt? Welche Gründe stehen dahinter?

Warum gibt es Übereinstimmungen bzw. Unterschiede zwischen Rauchern und Nichtrauchern?

Gesundheitsgefahr

Als im Jahre 1888 der deutsche Kaiser Friedrich an Kehlkopfkrebs starb, vermutete man zum erster Mal einen Zusammenhang mit dem Rauchen: Er war ein starker Raucher, der manchmal sechs Zigaretten gleichzeitig mit einem Trommelmundstück rauchte.

Die Folgen des Rauchens sind vor allem die folgenden :

1. Das Nikotin verengt  die Blutgefäße, Herztod und Gefäßverschlüsse in den Extremitäten sind die Folge („Raucherbein“).

2. Blählunge und chronische Bronchitis führen oft zu Frühinvalidität und zu einem qualvollen Ende. Wenn man eine gesunde Lunge hat und nicht allzuviel raucht, wird sich der „Raucherhusten“ schon in Grenzen halten. Aber wenn morgens ganze Hustensalven losbrechen und der Raucher sich ständig räuspern muß, wird es doch bedenklich, auch wenn man nicht gleich an Lungenkrebs denken muß.

3. Sodbrennen und Magenbeschwerden treten auf, weil das Nikotin die Säure anlockt. Sodbrennen kann allerdings auch nervös bedingt sein. Aber wer nervös ist, greift ja gern zur Zigarette, obwohl die ja gerade auch nicht beruhigt.

4. Der Vitamin-C-Haushalt wird durch das Nikotin belastet. Um Schäden vorzubeugen, muß man für einen Ausgleich sorgen.

5. Die heißen Gase, die man in die Lunge einatmet, enthalten chemische Stoffe, die giftig wirken, die Schleimhaut angreifen, Narben hinterlassen und neuartige Zielgruppen fördern, die vor-bösartig sind, woraus also Krebs entstehen kann.

6. Noch gefährlicher sind die im Tabakrauch enthaltenen Teersubstanzen, von denen bisher sieben als Krebserreger nachgewiesen werden konnten. Einer dieser Kohlenwasserstoffe gilt als einer der hochwirksamsten Krebserreger überhaupt.

 

Es gibt kein Argument für das Rauchen. Alle positiven Wirkungen wie Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, Wecken oder Hinausschieben des Schlafbedürfnisses sind subjektive Empfindungen, die objektiver Nachprüfung nicht standhalten. Es ist im Gegenteil ein Nachlassen der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit feststellbar

Sicher ist wohl, daß ein regelmäßiger Verbrauch von zehn und mehr Zigaretten auf die Dauer schädlich ist, jedoch sind auch geringere Zahlen für den jugendlichen Organismus bedenklich. Zigaretten, deren Rauch leicht zu inhalieren ist, sind im allgemeinen gesundheitsschädigender als Zigarren, deren Rauch in der Regel nicht eingeatmet wird. Bei unbestimmten Erkrankungen verbietet die Gefahr der Verschlechterung das Rauchen überhaupt.

 

Ist Pfeiferauchen harmlos?         

Der Nikotingehalt der Zigarren schwankt je nach Größe und Sorte ganz wesentlich. Durchschnittszigarren enthalten etwa dreimal bis fünfmal soviel Nikotin wie eine Zigarette. Aber beim Zigarren- und Pfeiferauchen nimmt man doch etwas weniger Nikotin auf als mit einer Zigarette. Besonders wichtig ist aber, daß man der Tabak in  Ruhe genießt. Wer gleich einen Zug dem anderen folgen läßt, nimmt fünfmal mehr Nikotin auf als der langsame Raucher. Auch mit nüchternem Magen nimmt man weniger Nikotin auf als nach dem Essen bei der „Verdauungszigarette“.

 

Warum raucht man überhaupt?

Die Soziologen haben folgende Antworten:

1. Menschen, die stundenlang angestrengt arbeiten, nehmen die Zigarette zur Anregung, auch wenn sie oft nur angezündet wird und dann im Aschenbecher verglimmt. Schon kleinste Dosen an Nikotin peitschen auf und regen die Spannkraft wieder an.

2. Das Sauger des Säuglings stellt eines der stärksten Glückserlebnisse im menschlicher Leben dar. Deshalb lutscht der Vierjährige am Daumen und der Erwachsene an der Zigarette, um das ursprüngliche Glücksgefühl wiederzugewinnen.

3. Dem Massenmenschen von heute sind fast sämtliche Zeremonielle verlorengegangen. Die Zigarette aber erlaubt ein kleines persönliches Schauspiel, bei dem jeder seine Individualität beweisen kann: Öffnen der Packung, Anbieten als Geste der Freundschaft, Reichen des Feu­ers, graziöse Haltung der Zigarette im Gespräch. So ist die Zigarette an die Stelle des Degens und des Fächers getreten. Besonders kann man das auch beobachten in Filmen, wenn ein Schauspieler eine langen Monolog auflockern will durch Bewegungen. Aber dieses ungute Beispiel in Filmen wirkt mehr als jede Werbung (das andere Mittel ist der Alkohol):

 

Was tun die Ärzte?

Die Ärzte haben wiederholt auf die Folgen des Tabakkonsums hingewiesen. Im März 1962 machte man in England  die Inhaltsstoffe des Zigarettenrauchs für die Entstehung des Bronchialkrebses verantwortlich. Dann folgte am 11. Januar 1964 in den USA der sogenannte „Terry-Report“. Ein Zehn-Männer-Gremium hat hier etwa 9.000 Veröffentlichungen und Dokumente ausgewertet (eigene Untersuchungen wurden nicht angestellt). Man kam zu dem Schluß: Es besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Zunahme des Lungenkrebses (speziell beim Mann) und dem Zigarettenkonsum: In den letzten 30 Jahren versechsfachte sich die Zahl der nachgewiesenen Bronchialkrebse. Die Kranzgefäße des menschlicher Herzens werden durch massives Rauchen von Zigaretten schwer geschädigt. Der Mensch, der mehr als 20 Zigaretten täglich raucht, beschleunigt sein Ende  in einem Maß, das jetzt auch statistisch berechenbar ist.

Die Wirkung des Reports war zunächst verheerend für die Zigarettenindustrie in den westlicher Ländern. Nach einer Woche waren es 4 Prozent, nach zwei Wochen mehr als 6 Prozent weniger an Zigarettenverbrauch. Zigarren- und Pfeifenfabriken aber erlebten eine Hochkonjunktur. Der Absatz von Zigarillos wuchs um 30 bis 40 Prozent. Man stellte sogar ein Zigarillo her, das so aussah wie eine Zigarette (und weniger Steuern kostete als eine Zigarette) . Nach sechs Wochen war der Zigarettenabsatz um 8 Prozent geschrumpft. Aber schon nach acht Wochen ging die Kurve wieder aufwärts, nach einem Vierteljahr war der alte Stand erreicht und danach wurde der Verlust der Vormonate wieder wettgemacht und insgesamt lag in den vier Monaten der Zigarettenverbrauch um 4 Prozent höher als im Vorjahr.

Dazu kam, daß der Düsseldorfer Professor Poche einen Zusammenhang zwischen Bronchialkrebs und Zigarettenrauch leugnete und die Autoabgase dafür verantwortlich machte. Schützenhilfe gab ihm ein Südafrikaner, der festgestellt hatte, daß eingewanderte Engländer öfter an Lungenkrebs starben als alteingesessene Südafrikaner, obwohl dort der Zigarettenverbrauch höher ist als in England.

Viele Raucher haben dadurch das Wissen aus dem Terry-Report verdrängt  und sagen sich: „Ich bin ja nicht mehr schuld“ und rauchen trotz ärztlicher Warnung weiter. Es gibt heute kein Verfahren, das eine Neigung zum Lungenkrebs schon vorher feststellen könnte, so daß man im anderer Fall bedenkenlos rauchen körnte. Statt dessen macht man abwechselnd Auspuffgase, Straßenasphalt, den Abrieb von Autoreifen oder die Abgase aus Fabrikschornsteinen für die Zunahme des Lungenkrebses verantwortlich. Dabei saugt der Mensch bei keiner anderen Gelegenheit so konzentriert, freiwillig und nachhaltig krebserregende Teersubstanzen in sich ein wie beim Zigarettenrauchen, nämlich 100 Gramm Teer im Jahr bei täglich zwanzig Zigaretten.

 

 

Wie kann man sich das Rauchen abgewöhnen?

Da das Tabakrauchen in den meisten Fällen bereits zu einer Gewohnheit geworden ist, ist es für den einzelnen sehr schwer, es einzustellen. Wie bei jeder angenehmen Gewohnheit, gehört auch beim Rauchen eine erhebliche Energie und große Charakterstärke dazu, es aufzugeben, besonders wenn man sich über die Tragweite der Gefahr nicht im Klaren ist und dazu neigt, diese zu bagatellisieren.

Aus diesem Grunde wäre es völlig abwegig, das Rauchen gesetzlich verbieten zu wollen. Dadurch würde die Gefahr nur steigen, denn der passionierte Raucher würde alle möglichen dunklen Kanäle zu öffnen versuchen, um zu seinem Tabak zu kommen. Wir wissen aber aus der Erfahrung des letzten Krieges und der Nachkriegsjahre, daß oft genug plötzliche Todesfälle durch nicht oder schlecht fermentierten Tabak oder das Rauchen von Ersatzstoffe s aufgetreten sind.

Versuche, die Gefahr durch die Bearbeitung nikotinarmer Tobake und die Verwendung von Filtern zu verringern, sind leider unter den Erwartungen geblieben, so daß auch weiterhin unsere Raucher vor dem Genuß von mehr als zehn Zigaretten täglich gewarnt werden müssen.

Die weite Verbreitung des Tabakverbrauches hat zu der Verschiebung des menschlichen Denkens geführt, daß das Rauchen eine allgemein menschliche Schwäche, also das Normale, und daß das Nichtrauchen das Anormale. sei. Daher das selbstverständliche Sich-Hinweg­setzen vieler Raucher über die Wünsche ihrer nichtrauchenden Mitmenschen, daher die Einrichtung von Nichtraucherabteilen in Gaststätten, Verkehrsmitteln usw. Es muß zur selbstverständlichen Gepflogenheit in den zwischenmenschlichen Beziehungen werden, daß das Wort eines Nichtrauchers mehr gilt als das von zehn und mehr Rauchern und auch entsprechend respektiert wird, daß in den Gaststätten und Verkehrsmitteln Raucherabteile eingerichtet werden, wodurch es gelingen wird, die Raucher auf einzelne Inseln zurückzudrängen, auf denen sie im vollen Bewußtsein der Schädlichkeit ihrer Gewohnheit hochgehen können, ohne ihre Umgebung zu gefährden [Diese Argumente spiegeln noch die Einstellung einer zum Glück überwundenen Zeit].

Besonders notwendig ist es, die Jugend vor den schädlichen Gewohnheiten zu bewahren, denen die Erwachsenen noch verfallen sind. Hier spielt das gute Beispiel die wesentlichste Rolle. Eltern und Jugenderzieher sollten sich immer bewußt sein, welche ungeheure Verantwortung sie tragen, und sollten unserer Jugend bewußt machen, daß es wesentlich mehr Charakterstärke beweist, einer Versuchung zu widerstehen, als ihr bedenkenlos nachzugeben.

 

Manche Ärzte warnen davor, plötzlich mit dem Rauchen aufzuhören. Langjähriges Rauchen bedeutet für der Körper gewisse Umstellungen im Hormonhaushalt und im Stoffwechsel; besonders die Nebennieren werden von Nikotin beeinflußt. Wenn man das Reizmittel plötzlich wegnimmt, wird Übergewicht  die Folge sein. Nur wenn die Herzkranzgefäße schon zu stark abgenutzt sind, muß man auch plötzlich aufhören. Zum anderen wird eine Radikalkur viel eher wieder abgebrochen. Nervosität, Mißmut, Kritiksucht sind oft die Folge, wenn etwa ein Mann seine Zigarette nicht mehr hat, weil er seiner Frau heilige Eide schwören mußte, mit dem Rauchen aufzuhören.

Schockartige Überfälle auf die Öffentlichkeit sind oftmals mehr schädlich als nützlich: Der durch die Aussicht auf den frühen Tod erschreckte Raucher greift zur Zigarette als seinem einzigen Trost. Verheißungsvoller erscheint der Versuch, stufenweise abzubauen, also bei der jüngeren Jahrgängen zu beginnen und die  älteren zur Mäßigung anzuhalten.

Gut ist auch eine Einschränkung der gezielten Werbung für Zigaretten. Auch Aufklärungsfeldzüge in Schulen und Wartezimmern der Ärzte sowie durch Rundfunk, Fernsehen und Presse sind nötig.

Institute und Einrichtungen, die Rauchern bei der Entwöhnung behilflich sein wollen, sollten gefördert werden. In vielen Städten gibt es solche Zentren. In New York liefert ein Unternehmer sogar gleich Beichtkarten mit, auf denen katholische Raucher ihren Pfarrern Rückfälle beichten können. Eberfalls in der USA untersagte ein Bankier seinen Angestellten das Rauchen, wodurch viele „Kollektiv-Nichtraucher“ wurden (mit dem sogenannten „Rauchzwang“ kann es also nicht so weit her sein). Günstig ist auch eine Ablenkung, wenn das Rauchverlangen einsetzt, etwa ein Abendspaziergang, der zudem noch der Lunge gut bekommt.

In England sieht eine Entwöhnungskur etwa so aus: Jeder „Patient“ muß sich verpflichten, genau Buch zu führen über seinen Zigarettenverbrauch. Siebenmal kommt man je einen Abend in der  Woche in einer Gruppe zusammen. Zur Einführung spricht ein Arzt über die Gefährlichkeit des Rauchens. Eine krebskranke Lunge wird vorgeführt. Der Arzt verspricht keine Wunder, aber er macht deutlich, daß man aufhören kann, wenn man den festen Vorsatz hat. Ein Vergleich macht die Gefahr deutlich: Wer würde sich wohl einem Flugzeug anvertrauen, wenn die Stewardeß vor der Reise bekannt gibt, daß jedes achte Flugzeug abstürzt? Ein ähnliches Risiko geht aber der Raucher ein. In der zweiten Woche muß sich jeder ein bestimmtes Ziel stecken und die Zahl der Zigaretten einschränken.

Als Hilfe wird empfohlen:

-  Kaufe nicht deine Lieblingsmarke

-  Schiebe die Erfüllung des Verlangens nach einer Zigarette möglichst lange hinaus

-  Rauche nicht vor dem Frühstück und nicht gleich nach dem Essen

-  Richte es so ein, daß nicht immer gleich Zigaretten bei dir hast

- Mancher macht schnell Freiübungen, wenn ihn das Verlangen überkommt.

-  Etwas im kritischen Augenblick zu tun ist immer gut

- Man kann selbst nutzlose Dinge tun, nur um sich abzulenken.

Der Entschluß, überhaupt nicht mehr zu rauchen, hat zunächst Folgen. Ein Teilnehmer beschreibt es so: „Am ersten Tag bewegte ich mich wie durch dicker Nebel. Mir war, als hätte ich Watte im Kopf: Mir zitterten die Finger und ich war in einer scheußlichen Stimmung; aber es war nicht schlimmer als eine schwere Erkältung!“ Früh steht Zitronensaft am Bett, statt Kaffee wird Tee getrunken. Aufregung und Lärm sind zu vermeiden. Hungergefühl darf nicht aufkommen. Nach dem Essen gleich etwas tun oder spazierengehen. In der zweiten Woche ist schon der Husten weg und es geht mit der Luft besser. Die Versuchung ist groß, zum Beispiel. wenn andere Leute einem den Rauch fast ins Gesicht blasen.

Vor 22 Teilnehmern hatten, nach einem solcher Versuch immerhin elf das Rauchen ganz aufgegeben und fünf ihren Verbrauch stark eingeschränkt. Sie mußten auch in Zukunft regelmäßig Bericht erstatten und zu Nachgesprächen kommen. Besonders wichtig ist die Gesellschaft Gleichgesinnter, die gut der Rücken stärken können.

 

Was hat das nun alles mit dem Glauben zu tun?

Nun einmal will Gott nicht, daß wir unsren Körper mutwillig ruinieren. Aber es geht auch um den Kampf gegen die Sucht, die dann ja so etwas wie ein Gott ist. Der Glaube kann uns Kraft geben, mit der Sucht fertig zu werden

Es gibt wenig Möglichkeiten für Jugendliche, einmal ohne Bevormundung und Maßregelung (wie sie es empfinden) von seiten der Eltern oder anderer Erziehungsberechtigter zu leben. Sie haben oftmals kaum eine Aussicht, zu Hause bei den Eltern sich nach ihren eigenen Vorstellungen richten zu können. So wird es von den Jugendlichen als ausgesprochen wohltuend erlebt, wenn sie an einer Stelle nicht mit Verboten und Geboten, ihre Person betreffend, konfrontiert werden. Die Jugendlichen können in einem Kreis, der sie in einer gewissen Weise interessiert, sich so geben, wie sie wollen. Jugendliche rauchen nicht nur aus eigenem Bedürfnis, sondern weil andere auch rauchen. Sie bekennen ihre Sympathie füreinander, wenn sie gemeinsam rauchen, wenn sie Zigaretten einander anbieten und annehmen.

Wo bleiben nun die Nichtraucher? Sie ernten erst einmal das Unverständnis und die Empörung der Raucher: Hier ist es doch nicht verboten zu rauchen (sagen die Raucher). Wollt ihr, daß wir auf das Rauchen verzichten? Es ist nicht auf Anhieb zu verstehen, daß dieses Statussymbol des Rauchers - die Zigarette und ihr Rauch - von Gleichaltrigen als lästig empfunden werden kann.

 

Rauchen bzw. Nichtrauchen ist in Gruppen ein latentes Problem, das immer wieder zu Konflikten führen kann, die durch autoritär eingesetzte Abmachungen oft mehr unterdrückt als bearbeitet werden. Wir gehen davon aus, daß Rauchen nicht aus mehr oder weniger großer Verlegenheit zum Thema des Abends gemacht wurde, sondern als Konflikt im täglichen Leben der Gruppe vorhanden ist, deutlich wird und zu bearbeiten versucht werden soll. Dabei ist besondere Sorgfalt bei der Art und Weise der Konfliktbearbeitung geboten. Methoden müssen so gewählt werden, daß sie Rauchern und Nichtrauchern gleichermaßen helfen, ihre Meinungen zu artikulieren; und daß sie die durch das Reizthema ausgelösten Emotionen zulassen, aber nicht verstärken und daß sie grob in drei Schritte gegliedert eine Lösung des Problems anstreben;

a) Vertreten des eigenen Standpunktes (Situation)

b) Kennenlernen des anderen Standpunktes (Situation)

c) Suche nach beiderseits akzeptablen Lösungen.

Mit moralischen Appellen und Faktenmaterial zur Schädlichkeit des Rauchens läßt sich bei der Suche nach gemeinsamen Lösungen nicht argumentieren. Diese Art der Argumentation würde nur vorgeformte Haltungen bei den Jugendlichen verfestigen. Der Leiter muß sich der Gefahr bewußt sein, die diese Art der Argumentation innerhalb der Gruppe für das gemeinsame Gespräch bedeutet. Hier müßte er gegebenenfalls die Auseinandersetzung auf eine ganz subjektive, nicht belehrende Ebene zurückführen.

 

Das Ziel soll hier sein, mit einem Menschen, der sich als Raucher oder Nichtraucher versteht, über diese Tatsache und die eigenen Probleme damit zu reden. Es steht einem keine andere „Fraktion“ gegenüber, sondern durch das persönliche Gegenüber ist es möglich, sich selber persönlich auszudrücken und sich nicht nur in Gruppenmeinungen zu bewegen. In Zweiergruppen sollen sich jeweils ein Raucher und ein Nichtraucher zusammenfinden. Jeder antwortet dem anderen auf die Frage: „Was stört mich an dir als Raucher bzw. Nichtraucher?“

Die Partner sollen sich nicht sofort verteidigen, sondern versuchen, den anderen zu wiederholen, damit sich dieser verstanden weiß, und dann erst zurückfragen. In der großen Gruppe gibt dann jeder die wichtigsten Punkte seines Partners wieder. Hier kann das Gespräch in der Gesamtgruppe weitergehen.

 

Der Tabak - Geschichte einer Kulturpflanze

Einst wog man ihn mit reinem Silber auf, rühmte ihm Wunderkräfte nach, Könige disputierten über ihn mit namhaften Wissenschaftlern ihrer Zeit, ja selbst der Papst zu Rom widmete ihm eigens eine Bulle. Seine Bedeutung für die Budgets aller Staaten ist - vierhundert Jahre nach seinem spektakulären Debüt - unbestritten. Der Tabak hat Geschichte gemacht. Welche Kulturpflanze kann das in ähnlicher Weise von sich sagen?

Als Rodrigo de Jerez, einer der Entdecker Kubas, aus Mund und Nase rauchend seine spanische Heimat betrat, war man überzeugt, der leibhaftige Teufel habe sich des Seefahrers bemächtigt. Die Heilige Inquisition erbarmte sich seiner, ließ ihn ergreifen und in den Kerker werfen, wo er Jahre seines Lebens zubringen mußte.

Im Jahre 1586 wurde das Tabakrauchen in Europa eingeführt. Es kam aus Virginia hierher und hat seitdem viele begeisterte Anhänger und  Abhängige gefunden. Das Vordringen dieser satanischen Rauch-Sitte war nicht mehr aufzuhalten. Mit zunehmendem trans-ozeanischen Verkehr hob sich allmählich der Schleier des Unbekannten von den fernen eroberten Gebieten Westindiens. Geographen und Botaniker durchforschten, was dem Wüten spanischer Soldateska entgangen war, und schließlich, um die Mitte des 16. Jahrhunderts, fand auch der Tabaksamen seinen Weg nach Spanien, Portugal und Frankreich.

Mit dem Aufblühen der Tabakpflanze in europäischen Gärten kam die Reihe an die Medizin, ihren Teil zur Lebensgeschichte des Tabaks zu schreiben. Die wahrhaft betörend anmutende Liste jener Gebrechen und Leiden, von denen die „Herbe du Grand Prieur" (d. h. Gras des großen Priors) wie man die Tabakpflanze in Frankreich nannte, die Menschen befreien sollte, liest sich heute im Angesicht einer aufgeklärten Medizin wie ein Hexen-Einmaleins.

Nach den tiefschürfenden Studien, die der damals weithin berühmte Arzt der Universität Sevilla, Nicolo Monardes, dem neuentdeckten Wunderkraut angedeihen ließ,  heilte die „Herba Medicee“ Husten und Asthma, beseitigte jeglichen Kopfschmerz, linderte Magenkrämpfe, vertrieb das Podagra (Fußgicht), gewährte Schlaf in Fülle, schärfte den Geist im allgemeinen und rückte selbst der zu jener Zeit entsetzlich grassierenden Syphilis zu Leibe. Bloßes Auflegen eines frischen Tabakblattes sollte etwa vorhandene Eingeweidewürmer augenblicklich in die Flucht schlagen. Auch zeitigte ein Tabakblatt günstige Wirkung gegen Kropfbildung und Frauenleiden. Eine wahre Euphorie muß sich der damaligen Ärzteschaft bemächtigt haben, will man der zeitgenössischen Literatur Glauben schenken.

Es gehört zu den kuriosen Details, die sich um unseren Tabak ranken, daß ausgerechnet ein Mann seinen Namen herlieh, dessen Umgang mit der Tabakpflanze rein zufälliger Natur war: Jean Nicot. Als Gesandter König Heinrichs des Zweiten von Frankreich war er an den Hof von Lissabon gereist, um eine eheliche Verbindung beider Herrscherhäuser herzustellen. Das Mißlingen dieser delikaten Mission mochte Nicots Ehrgeiz wohl dergestalt angespornt haben, daß er seinen Souverän wenigstens mit der Übersendung der Wunderpflanze Tabak entschädigen zu müssen meinte. Der Erfolg muß durchschlagend gewesen sein; Jean Nicots Name war gemacht. Das war im Jahre 1561.

Jahre später ist es der Augsburger Stadtphysikus Adolf Occo, der gemeinsam mit dem Züricher Botaniker Konrad von Gesner diese bemerkenswerte Droge „Nicotiana“ im deutschen Sprachraum heimisch machte. Gesner ging sogar so weit, seinem Magen eine Kostprobe dieses allerorten hochgerühmten Krautes zuzuführen, freilich mit dem Ergebnis eines Schwindelanfalls und heftigen Erbrechens. Daraufhin wickelte er ein Tabakblatt in ein Stück Fleisch und verabreichte diese Mixtura seinem Hund. Mit dem gleichen Resultat. Der Irrweg schien endgültig ausgeschritten. Erst nahezu 150 Jahre später sollte sich erweisen, daß Gesner auf dem Wege war, ein hochwirksames Gift zu entdecken: das Nicotin.

Die Werbung besorgten vornehmlich die Fahrensleute der Koggen und Segler, die man in holländischen und englischen Häfen immer häufiger und ungezwungener aus Mund und Nase rauchend antreffen konnte. So müssen wir denn auch England das Verdienst zuschreiben, die Sitte des „Tabaktrinkens“ zu Rang und Ehren gebracht zu haben. Die alte, die genußfreudige, die kulturbeladene Welt Europas bekam damit neben dem schon lange bekannten und ausgiebig genutzten Alkohol ihr zweites Stimulans geschenkt. Es wurde „fashionable“, in öffentlichen Häusern, den „Tabagien“, sich dem Rauchgenuß hinzugeben. Für tüchtig galt, wer elegant geschwungene Ringe aus duftigblauem Rauch in die Luft stoßen konnte, für wohlhabend, wer aus silberbeschlagener Tabakpfeife kostspieligen Tabak „trank“. Denn teuer, sehr teuer war der Tabak inzwischen geworden, die Nachfrage war groß, das Angebot rar, mit dem Gewicht von Silbermünzen maß man ihn ab; der Tabak trat nunmehr in sein gesellschaftliches Stadium ein, er wurde eine Macht, eine wirtschaftliche, eine politische.

England - auf dem Wege, europäische Großmacht zu werden - zog den Tabak mit sich empor. Sofern man den Überlieferungen glauben darf, ist es Sir Walter Raleigh gewesen, der den volkswirtschaftlichen Nutzen des Tabaks als erster erkannte. Selber ein leidenschaftlicher Raucher, mochte er geahnt haben, wie hoch der Tribut ist, den der Mensch seinen Vergnügungen zu entrichten bereit ist. Die Eroberung Virginias für die englische Krone bildete denn auch den Grundstein für die Weltkarriere, die unser Tabak anzutreten sich anschickte.

Vergeblich suchte der absolutistisch regierende Jakob I. sich des florierenden Tabakhandels zu bemächtigen, denn dieser lag gänzlich in den Händen eines saturierten und mächtigen Bürgertums. Zwar vermochte Jakobs moralisch verhüllter und polemisch unerhört zugespitzter Großangriff gegen das „Höllenkraut“, gegen die „Tabaksauger“ und „Rauchschacherer“ merry old England eine Zeitlang in Tabakfreunde und Tabakgegner zu spalten; in Wahrheit schoß die Tabak-Konjunktur nur üppiger ins Kraut als je zuvor. Einfuhr-Restriktionen verschärften schließlich den Kampf und führten zum illegalen Anbau der begehrten Pflanze in England selbst.

Im Gegenzug ließ Jakob 1620 den Tabakanbau auf der Insel kurzerhand verbieten; doch das

Parlament vermochte die königliche Order abzumildern, mehr noch, es brachte den nunmehr unverhüllten Versuch der Krone zu Fall, Vertrieb und Lagerung des Tabaks an sich zu ziehen, eine Art Monopol zu errichten. Noch einmal hatten die Raucher aller Couleur gleichsam freien Zug, nicht zum Schaden der Tabak-Pflanzer in Virginia. Hier löste der Tabak als Ware selbst solche Probleme wie den katastrophalen Bevölkerungsüberschuß an Männern: Gegen ein Äquivalent von 120 bis 150 Pfund Tabak pro Kopf importierte die Kolonie Virginia aus dem Mutterland 90 junge, heiratsfähige und auswanderungswillige Londonerinnen. Selbst die Transportkosten für die Überfahrt wurden von den Pflanzern in reinem Tabak erlegt.

 

Sollte zu denen, die sich dieses allgemeinen Rauchfiebers enthielten, William Shakespeare gezählt haben? In der Tat scheint es befremdlich, daß die auffälligste Exaltation seiner Zeit in seinen Werken keinerlei Spuren hinterließ. In seinen Bühnenstücken raucht niemand, schnupft niemand, räsoniert niemand über den Tabak und dessen Verwendung, und das angesichts der Tatsache, daß Shakespeare mit manchem Raucher von Adel und Bürgertum bekannt oder befreundet war. Literaturwürdig - so scheint es - wird unser Tabak erst mit dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges auf dem europäischen Kontinent. Inmitten der schauerlichen Szenerie von Tod und Verwüstung treffen wir ihn im deutschen Gewande wieder, und es sieht so aus, als spielte er fürs erste eine überwiegend negative Rolle. Hier auf deutschem Boden, wo die religiösen und politischen Gegensätze vernichtend aufeinandertreffen, nimmt auch die Fehde um die „Sauferei des Nebels2 ungleich rüdere Formen an. Das Extreme, das Bizarre und Grenzenlose - ohnehin dem Lebensgefühl des 17. Jahrhunderts eigen - treffen sich mit den Nachklängen eines Saft- und Kraft-Deutsch lutherischer Prägung, um sich in wahren Strafpredigten gegen den „barbarischen Schmauch“ zu wenden.

 

Aber auch die Apologeten des „Räuchelns“ standen auf schwankendem Boden. Nahezu rührend ist es zu lesen, wie innerhalb der Priesterschaft Argumente laut wurden, das überhandnehmen der rauchenden und schnupfenden geistlichen Würdenträger damit zu entschuldigen, die Herren Äbte, Pastoren und nun gar Bischöfe bedienten sich des Tabaks, um mit seiner Hilfe die Feuchtigkeit aus Gehirn und Körper zu vertreiben; ein solcher Feuchtigkeitsentzug gewähre ihnen festere Standhaftigkeit gegenüber den Anfeindungen der fleischlichen Lust.

Die Gläubigen mitsamt ihren Seelenhirten rauchten, schnupften und niesten in den Gotteshäusern, verunreinigten durch Ausspucken die Altäre, Sitzbänke und heiligen Gerätschaften, so daß der Papst schließlich eingreifen mußte.

Urban VIII. und nach ihm Innozenz X. schränkten 1642 und 1650 jeglichen Tabakgebrauch innerhalb der heiligen Stätten drastisch ein; zu einem generellen Verbot konnten auch sie sich nicht durchringen. Im Gegenteil, die Waagschale des Wohlwollens senkte sich alsbald wieder zugunsten des Tabaks, und das mit Hilfe des Gewichts des geschäftlichen Kalküls: Der Tabak-Konsum produzierte nicht unerheblichen Gewinn, er füllte die Kassen der Mächtigen, bereicherte kaiserliche, königliche und territorial-fürstliche Schatullen. Wer rauchen will, der möge bezahlen. lautete fortan die Devise.

 

Mit zunehmender Integration in den gesellschaftlichen Alltag hat auch der blaue Dunst aus Pfeife, Zigarre oder Zigarette den Charakter des Außerordentlichen eingebüßt; längst ist der Tabak selbstverständliches Requisit von Millionen, Stimulans für jedermann geworden. So ergeht es denn am Ende dem Tabak wie der Kartoffel? Nicht ganz. Vom Nutzen des Tabaks ließe sich schlecht reden, ohne an seine erstarkenden Gegner zu denken. Haben Freunde und Feinde einander schon nicht vom Gegenteil überzeugen können - auch nicht im Gedicht! - so hat doch neuerdings die Medizin in den vierhundert Jahre währenden Streit mit neuen, gewichtigen Beweggründen eingegriffen. Und erneut bewegt sich unsere Waage; dieses Mal senkt sich ihre Schale zuungunsten des Tabaks, und vermessen wäre es, den Ernst der Lage verkennen zu wollen, in den eine zur allgemeinen Gewohnheit ausgewachsene Rauchsitte die Menschheit geführt hat. Die „gold- und reifgeschmückte Dame“, die Zigarette vor allen anderen ist es, die sich gleichsam über Nacht aus dem Zustand eines Stars in den einer Angeklagten versetzt sieht; und in der Tat ist der Schaden, den insonderheit sie der Volksgesundheit zufügt, nicht mehr von der Hand zu weisen. Statistiken und Untersuchungsergebnisse in aller Welt fügen sich mehr und mehr zum schlüssigen Beweis, daß die furchtbaren Krankheiten unserer Zeit, das Karzinom und die Herz- und Kreislauferkrankungen, nicht zu einem geringen Teil auf das Konto des Zigarettenrauchens zu buchen sind. Was sich abzeichnet, ist ein

makabres Gegenbild zu jenen Zeiten, da man den Tabak euphorisch pries als „Panazee“, als Wunderkraut, als Allheilmittel.

 

 

 

Alkohol

 

So wie im Mittelalter die Pest unter den Menschen wütete, so ist heute der Alkohol durch unvernünftige Anwendung zu einem wahren Volkslaster geworden neben Nikotinsucht, Medikamentenverbrauch und Rauschgift.

Das Wort „Sucht“ hängt mit „Seuche“ zusammen und bezeichnet also eine Krankheit. Allerdings handelt es sich hier nicht um ein Krankheitsschicksal, sondern der Betreffende ist selber mit daran schuld. Meist handelt es sich um willensschwache, haltlose Personen, die ihre beruflichen und familiären Schwierigkeiten nicht bewältigen können und sich vom Alkohol Erleichterung erhoffen. Die Sucht ist ein Ausweichen vor den Forderungen des Tages, vor der Arbeit an sich selbst und für die Gesellschaft. Das Suchtmittel soll die Lösung des Konflikts, Selbstbestätigung und Erfüllung einer ungestillten Sehnsucht verschaffen.

Letztlich ist aber die Sucht eine neurotische Reaktion, eine Flucht aus der Wirklichkeit in die Krankheit, und somit eine kurzdauernde Geisteskrankheit. Als Krankheit ist sie aber auch heilbar. Sie ist nicht ein unentrinnbares Zwangsschicksal oder ein unheilbarer Schwachheitszustand.

Seit 1950 hat sich die Zahl der Alkoholabhängigen verneunfacht, wobei der Trend eindeutig, ist: Immer weniger trinken immer mehr. Ein Drittel der erwachsenen Bundesbürger trinkt zwei Drittel des gesamten Alkohols. Fünf Prozent aller Beschäftigten in Büros und Fabriken, Amten und Geschäften gelten als alkoholabhängig. Das sind rund 1,1 Millionen. Weitere zehn Prozent noch einmal 2.2 Millionen gelten als alkoholgefährdet. Sie sind die „Vieltrinker“, von denen so mancher eines Tages vom Stoff nicht mehr loskommt.

 

Das Suchtverhalten wird allerdings durch das heutige Lebensmilieu stark gefördert. Die fast pausenlos geforderte Reaktionsspannung beansprucht die Kräfte des Menschen im Übermaß. Sein seelischer Innenraum wird überhitzt und läuft ständig über; so entsteht ein seelischer Leer- und Hohlraum, der dann mit anderer Reizstoffen ausgefüllt werden muß. Hat der Mensch keine tragende Mitte seines Lebens, hat er keiner Halt in christlicher und persönliche- Substanzkräften, so greift er nach Pseudokräften, die ihm leichtfertige Lösungen versprechen.

Außerdem haben sich die Trinksitten sehr geändert. Früher trank man meist im Wirtshaus und in Gemeinschaft mit anderen und berauschte sich genießerisch in behaglich empfundener Atmosphäre. Heute will man rasch in einer intensiv wirkenden Ausnahmezustand geraten.

 

Außerdem hat sich der Alkoholkonsum ins Haus verlagert. Nur noch ein Drittel wird in Gast­stätten ausgeschenkt (vor dem Zweiten Weltkrieg zwei Drittel). Es gilt heute als Zeichen von Lebensstandard, eine Hausbar zu haben oder zu einer Cocktailparty einzuladen. Vor oder während der Mahlzeit wird erst einmal einer getrunken. Geschäftsabschlüsse werden bei einem Glas Alkohol getätigt. Es gehört heute einfach dazu, den eingeladenen Gästen Wein zu servieren. Zum Kaffeekränzchen nimmt man heute vielfach die Kognakschwenker. Besonders deutlich aber wird der Wandel der Trinksitten beim „Fernsehsuff“, bei dem man die Bildschirmkost mit Weingeist abschmeckt.

 

Alkohol und Jugendliche

Der Verbrauch von alkoholischen Getränken in der Familie hat außerordentlich stark zugenommen. Daran werden Jugendliche und Kinder in großem Umfang beteiligt sein. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um Geburtstag, Hochzeit oder Beerdigung handelt. Besonders

die Konfirmation  ist geradezu der Augenblick, wo der Vater dem Sohn ein Glas Wein oder Bier in die Hand drückt und mit ihm anstößt.

Bei Familienfesten machen sich Erwachsene oft eiben „Scherz“, selbst Kleinkindern schon Alkohol zu geben. Oder der 15jährige Lehrling wird von den Kollegen betrunken gemacht. Aber es ist ein Unterschied, ob ein 40jähriger Mann oder ein 12jähriges Kind berauscht sind. Viele Erwachsene ahnen gar nicht, welche verheerenden Wirkungen sie in der Entwicklung eines jugendlichen Lebens anrichten.

Beim Jugendlichen fließen nämlich leicht die Erlebnisse im Rausch und die Tagträume ineinander. Er kommt nach dem Rausch nicht wieder auf feste Füße, sondern hält die Wirklichkeit für einen Wahn und seine im Rausch erfüllten Wunschträume für das wahre Leben. Auch bleibt er in der Entwicklung seines Urteilsvermögens stecken. Viele Talente sind so im Alkohol verkommen.

Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen ist natürlich nicht leicht. Aber durch Alkohol wird er nicht leichter. Wer das Ziel der Entwicklung durch Alkoholgenuß schon vorwegzunehmen versucht, bei dem erlahmt der Schwung und die Triebkraft. Besonders deutlich wird das beim  Sport. Dort werden Leistungsfähigkeit, Geschicklichkeit, Ausdauer und Willenskraft durch Alkohol vermindert. Leider überträgt man diese Erkenntnisse aber noch zu wenig auf andere Gebiete, zum Beispiel auf die Teilnahme am Straßenverkehr oder die Arbeit.

Alkoholgenuß enthemmt gerade Jugendliche und läßt sie triebhaft handeln. Der  Geschlechts­trieb wird heute sowieso schon früher wirksam als früher. Tritt nun noch der Alkohol dazu, werden alle im normalen Zustand erworbenen Einsichten und gefaßten Vorsätze in den Wind geschlagen. Der vorzeitige Alkoholgenuß bei Jugendlichen macht jede Sexualpädagogik unwirksam und aussichtslos. Folgen sind hemmungsloser Geschlechtsverkehr, vorzeitige Schwängerung und ein Ansteigen der Geschlechtskrankheiten.

Heute gibt es eine ganze Reihe von Kindern, die in betrunkenem Zustand Verkehrsunfälle verursachen. Es gibt heute 20-30jährige junge Männer mit Delirium tremens, die also schon mit 13/14 Jahren begonnen haben, übermäßig alkoholische Getränke zu sich zu nehmen.

Am häufigsten werden 17/18 Jährige wegen Trunkenheit bei der Polizei eingeliefert, und die 16/17 Jährigen überragen noch die Gruppe der 25-31 Jährigen.

Zu Beginn des Jahrhunderts betranken sich meist nur die Oberschüler und Studenten, um ihre akademische Reife zu beweisen. Heute geht der übermäßige Alkoholgenuß durch alle Volksschichten. Man greift zur Flasche, wenn es einem schlecht geht, entweder äußerlich oder innerlich, aber auch wenn es einem zu  gut geht. Der Alkoholverbrauch steigt mit dem  Le­bensstandard. Nur 13 Prozent der Bevölkerung (5 Prozent der Männer und 19 Prozent der Frauen) trinken grundsätzlich keinen Alkohol. Aber es ist natürlich auch schwer, einem gewissen gesellschaftlichen Zwang zu entgehen.

Heute gehören alkoholische Getränke zu fast jeder Jugendveranstaltung. Auch die Mädchen trinken dann mit. Geld ist ja da: entweder ist das Taschengeld entsprechend reichlich oder es wird schon viel verdient und man braucht zuhause nichts davon abzugeben.

Gerade Frauen und Mädchen bevorzugen heute „scharfe Sachen“, um ihre Gleichberechtigung zu beweisen. Sie meiden Bier und billigen Schnaps, wie sie der Trunkenbold zu sich nimmt, um vor sich selbst nicht zugehen zu müssen, daß sie süchtig sind. Sie nehmen hoch­prozentige Alkoholika, betrinken sich zielbewußt und meist vor allem allein (zum Beispiel Fernsehsuff).

Überhaupt ist die Zeitspanne bis zur Süchtigkeit heute kürzer geworden. Die Wissenschaftler unterscheiden ja den nichtsüchtigen Alkoholiker, der niemals die Kontrolle über seinen jeweiligen Alkoholkonsum verliert, vom süchtigen Alkoholiker, der immer bis zum Vollrausch weitertrinken muß, nachdem er das erste Glas geleert hat. Früher dauerte es 10-15 Jahre bis zur Süchtigkeit. Heute sind es bei Männern 3 bis 4 Jahre und bei Frauen nur 2 Jahre.

Sicherlich gibt es viele, die ein Glas Wein trinken und niemals  süchtig werden. Aber wer weiß das vorher? Mancher denkt, er habe sich unter Kontrolle. Eine Zeitlang mag das auch  gehen, aber nachher kann man dann nicht mehr ohne Alkohol sein. Die meisten Süchtigen erklärten, daß sie zum erster Mal in einer feucht-fröhlichen Stimmung sinnlos betrunken waren. Der Weg von der ersten Alkoholvergiftung über Bewußtseins-Trübung zu Angstvorstellurgen, Wahnideen, Brutalität und Selbstmord ist kurz. Und nur ganz selten führt ein Weg rechtzeitig zurück in das Leben des Alltags.

 

Jugendschutzgesetz:

(1) In Gaststätten, Verkaufsstellen oder sonst in der Öffentlichkeit dürfen Tabakwaren an Kinder oder Jugendliche weder abgegeben noch darf ihnen das Rauchen gestattet werden.

(2) In der Öffentlichkeit dürfen Tabakwaren nicht in Automaten angeboten werden. Dies gilt nicht, wenn ein Automat

1. an einem Kindern und Jugendlichen unzugänglichen Ort aufgestellt ist oder 

2. durch technische Vorrichtungen oder durch ständige Aufsicht sichergestellt ist, daß Kinder und Jugendliche Tabakwaren nicht entnehmen können. 

 

(1) In Gaststätten, Verkaufsstellen oder sonst in der Öffentlichkeit dürfen

1. Branntwein, branntweinhaltige Getränke oder Lebensmittel, die Branntwein in nicht nur geringfügiger Menge enthalten, an Kinder und Jugendliche, 

2. andere alkoholische Getränke an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren

weder abgegeben noch darf ihnen der Verzehr gestattet werden.

(2) Absatz 1 Nr. 2 gilt nicht, wenn Jugendliche von einer personensorgeberechtigten Person begleitet werden.

 

(3) In der Öffentlichkeit dürfen alkoholische Getränke nicht in Automaten angeboten werden. Dies gilt nicht, wenn ein Automat

1. an einem für Kinder und Jugendliche unzugänglichen Ort aufgestellt ist oder

2. in einem gewerblich genutzten Raum aufgestellt und durch technische Vorrichtungen oder durch ständige Aufsicht sichergestellt ist, daß Kinder und Jugendliche alkoholische Getränke nicht entnehmen können. § 20 Nr. 1 des Gaststättengesetzes bleibt unberührt.

 

(4) Alkoholhaltige Süßgetränke im Sinne des § 1 Abs. 2 und 3 des Alkopopsteuergesetzes dürfen gewerbsmäßig nur mit dem Hinweis „Abgabe an Personen unter 18 Jahren verboten, § 9 Jugendschutzgesetz“ in den Verkehr gebracht werden. Dieser Hinweis ist auf der Fertigpackung in der gleichen Schriftart und in der gleichen Größe und Farbe wie die Marken- oder Phantasienamen oder, soweit nicht vorhanden, wie die Verkehrsbezeichnung zu halten und bei Flaschen auf dem Frontetikett anzubringen. 

 

§ 4 Gaststätten

(1) Der Aufenthalt in Gaststätten darf Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren nur gestattet werden, wenn eine personensorgeberechtigte oder erziehungsbeauftragte Person sie begleitet oder wenn sie in der Zeit zwischen 5 Uhr und 23 Uhr eine Mahlzeit oder ein Getränk einnehmen. Jugendlichen ab 16 Jahren darf der Aufenthalt in Gaststätten ohne Begleitung einer personensorgeberechtigten oder erziehungsbeauftragten Person in der Zeit von 24 Uhr und 5 Uhr morgens nicht gestattet werden.

(2) Absatz 1 gilt nicht, wenn Kinder oder Jugendliche an einer Veranstaltung eines anerkannten Trägers der Jugendhilfe teilnehmen oder sich auf Reisen befinden.

(3) Der Aufenthalt in Gaststätten, die als Nachtbar oder Nachtclub geführt werden, und in vergleichbaren Vergnügungsbetrieben darf Kindern und Jugendlichen nicht gestattet werden.

(4) Die zuständige Behörde kann Ausnahmen von Absatz 1 genehmigen.

(5)

 

Es gelten Ausnahmeregelungen,  wenn die Veranstaltung von einem anerkannten Träger der Jugendhilfe durchgeführt wird oder der künstlerischen Betätigung oder der Brauchtumspflege

dient.

Hierbei gelten folgende Alters- und Zeitgrenzen:

- Kinder unter 14 Jahren können sich auf den genannten Veranstaltungen bis max. 22 Uhr,

- Jugendliche unter 16 Jahren bis max. 24 Uhr aufhalten.

Gaststättenbesuch

 

Computerspiele

Computerspiele unterliegen einer verbindlichen Altersfreigabekennzeichnung, Verkäufer oder Verleiher dieser Spiele machen sich strafbar oder begehen eine Ordnungswidrigkeit, wenn sie z. B. ein altersbeschränktes Spiel an Kinder unter dieser Altersgrenze abgeben.

 

Spielhallen und jugendgefährdende Veranstaltungen:

Die Anwesenheit in öffentlichen Spielhallen oder bei jugendgefährdenden Veranstaltungen,   z. B. der Besuch einer Erotikmesse, ist Kindern und Jugendlichen nicht zu gestatten.

Bei Konzertveranstaltungen (Rock oder Pop) sowie bei sog. LAN-Partys können Sonderauflagen (Zutrittsverbote, feste Altersgrenzen o.ä.) festgesetzt werden. Bitte beim Veranstalter erfragen!

Wirkung des Alkohols

Unsere Trinkgefäße sind dem Alkoholgehalt angepaßt: Je weniger Alkohol in dem Getränk enthalten ist, desto größer ist das Gefäß.  Je kleiner das Gefäß, desto größer der Alkoholgehalt. Jedes Gefäß enthält so 10 bis 12 Kubikzentimeter Alkohol. Die  Leber aber kann nur etwa 8 Gramm Alkohol (= 10 Kubikzentimeter) in der Stunde verarbeiten. Der Überschuß geht ins Blut über und erscheint schon 20 Sekunden später im Gehirn.

Alkohol ist in Wasser löslich und wird deshalb schnell vom Blut aufgenommen. Er selber aber löst Fett auf und dringt in Zellen mit großem Fettgehalt besonders leicht ein. Das ist zunächst die Leber, die den Körper von Alkohol reinigen soll. Wenn diese aber überfordert wird, geht der Alkohol ins Gehirn. Die Gehirnzellen aber sind wehrlos gegen den Alkohol und verändern sich sofort.

Wenn nach einer einmaligen Gabe an Alkohol keine weiteren folgen, erholen sich die Zellen schnell wieder, denn der Körper scheidet dann einen Teil des Alkohols mit der Atemluft und dem Urin aus. Folgt aber schon der nächste Alkoholschub, ehe die  Wirkung des ersten ganz abgeklungen ist, ist die Wirkung entsprechend länger andauernd. Man kann also nicht rechnen: Ein Glas Bier bleibt 1,5 Stunden im Körper, drei Glas Bier dann 4,5 Stunden, sondern zur Sicherheit sollte man mit 6 Stunden dann schon rechnen.

Es gibt auch keine Mittel, die den Alkoholgehalt im Blut vorzeitig abbauen. Theoretisch wäre es denkbar, daß man durch irgendein Mittel die Ausscheidung aus dem Blut beschleunigen könnte; praktische Versuche haben aber kein befriedigendes Ergebnis gebracht. Schon gar nicht kann Kaffee oder Cola gegen den Alkohol helfen.

Alkohol durchflutet sehr schnell den ganzen Körper. Er regt zunächst die Tätigkeit der Zellen an, lähmt sie dann aber allmählich. Besonders verheerend ist seine Wirkung auf junge Zellen, die sich noch teilen. Hohe Konzentrationen bringen das Protoplasma der Zellen zum Gerinnen, schon 4 - 5 Promille Alkoholkonzentration im Blut sind tödlich.

Ansonsten kommt es durch ständigen Alkoholgenuß zu Leberleiden und Gehirnschädigungen, aber auch der gesamte Organismus wird vergiftet und zerstört. Es kommt auch zu Herzerweiterung, Herzmuskelschäden und Magenkatarrh. Der tägliche Genuß von 8 - 12 Schnäpsen, drei bis vier Flaschen Bier oder einem Dreiviertelliter Wein stellt schon ein gewagtes Experiment dar. Ältere Menschen vertragen nur noch geringere Mengen. Man muß auch bedenken, daß die Alkoholverträglichkeit individuell verschieden ist. Sie richtet sich nach der körperlicher und seelischen Beschaffenheit sowie nach der Lebensgewohnheiten.

Die Folgen zeigen sich auf verschiedenen Gebieten. Meist verlieren die Betreffenden die Kontrolle über sich und lassen sich zu Handlungen hinreißen, zu denen sie in nüchternem Zustand nicht fähig wären. Besonders begünstigt werden Roheitsdelikte, Schlägereien, Leicht­sinnstaten sowie Sittlichkeitsdelikte. Es kann aber auch zu Schädigungen im Erbgut kommen (Geisteskrankheiten) und einer allgemeiner Verwahrlosung der Familie, die sich dann auch auf die Kinder auswirkt.

Besonders schwerwiegend sind Verkehrsunfälle unter Alkoholeinwirkung. Schon 0,4 - 0,6 Promille gefährden den Verkehr. Schon 2 - 3 Glas Schnaps rufen bei der Hälfte aller Kraftfahrzeuglenker Fahrfehler hervor. Schon bei 0,3 - 0,9 Promille ist das Risiko siebenmal größer, von 1,0 bis 1,49 erhöht es sich auf das 31 fache und ist bei 1,5 und mehr Promille 128 mal so groß als bei nichttrinkenden Fahrern. Durch Alkohol wird man enthemmt, unterschätzt die Gefahren und überschätzt die eigenen Fähigkeiten, vor allem bei Überhol- und Vorfahrtssituationen. Besonders gefährlich ist das bei Jugendlichen, die sowieso schon dazu neigen, sich selbst zu überschätzen und Gefahren gering zu achten.

Der Alkohol steigert Selbstgefühl und Leistungsbewußtsein, zugleich lähmt er aber auch Einsicht und Nervenmotorik. Das Geschwindigkeits- und Gleichgewichts-Empfinden wird gestört und man fährt zum Beispiel viel zu schnell, als es gut ist. Die Hell-Dunkel-Anpassung der Augen, Raumsehen und Entfernungsschätzen trügen, die Lichtreaktion ist bei 0,8 Promille um 57 Prozent vermindert. Die Reaktionsfähigkeit und die Schnelligkeit des Situations­begreifens verzögert sich.

Durch die narkotische Wirkung des Alkohols werden zunächst die Schichten der Großhirnrinde gelähmt, die in der Menschheitsentwicklung zuletzt ausgebildet wurden. Dann kommen die älteren Schichten und schließlich die lebenswichtiger Zentren von Atmung und Kreislauf. Der Genuß eines Bierkrugs voll Schnapp ist tödlich.

Äußerlich gesehen bemerkt man am Menschen zunächst eine Lockerung  und Erheiterung. Dann redet so ein Mensch laut und ohne auf die anderen zu hören. Dann werden die Bewegungen unsicher (Lähmung des Kleinhirns) und die Neigung zu Schlägereien kommt auf. Das letzte Stadium ist die Lähmung des Stammhirns, so daß nur noch die Reflexe des Rückenmarks reagieren: Der Trinker rutscht unter den Tisch oder in den Rinnstein, Blase und Mastdarm entleeren sich und oft kommt es zum Erbrechen.

Die Euphorie am Anfang, das vermeintlich anregende Glücksgefühl, wird vom Beobachter als Lähmung empfunden. Die scheinbare Anregung beruht nur auf der Enthemmung untergeordneter Gehirnteile infolge der Lähmung der Großhirnrinde. Der angeheiterte Mensch meint zwar, sich wohler zu fühlen, besser arbeiten zu können, schärfer zu denken und besser zu urteilen; in Wirklichkeit aber denkt er oberflächlicher und urteilt schlechter.

Dieser Zustand ändert nichts an der wirklichen Lage (etwa die Ohnmacht gegenüber der Gesellschaftsordnung und die Angst vor der Zukunft) . Wenn die Wirkung des Mittels aufhört, ist der alte Zustand wieder da. Nach dem Rausch kommt die Mißstimmung, der sogenannte „Kater“:  Kopfschmerz, Augendruck, Übelkeit, Magenkatarrh, Appetitmangel; dazu kommen psychologische Folger: Enttäuschung über die sinnlose Geldausgabe und das Handeln im Rausch. Das dümmste Mittel dagegen ist ein neuer Rausch.

 

Stufen  der Alkohol-Krankheit

Im ersten Stadium (symptomatische vor-alkoholische Phase) berauscht sich der Trinker kaum. Er zecht zwar ausgiebig, doch  nur so lange, bis er jenes Maß euphorischer Zufriedenheit erreicht hat, das seine Verstimmung verfliegen läßt. Da sich der Körper jedoch zunächst auf die alkoholischen Attacken eingerichtet hat - die Körperzellen reagieren anfänglich mit erhöhter Widerstandsfähigkeit -, muß der Trinker allmählich sein Weingeist-Quantum steigern, um die ersehnte Seelen-Narkose auszulösen.

Nach einiger Zeit nistet sich bei ihm die Vorstellung ein, daß er den Alkohol als eine Art Medizin benötigt. Er beginnt hastiger, heimlicher und  noch häufiger zu trinken, wobei er ängst­lich darauf bedacht ist, nicht aufzufallen. Jetzt geschieht es auch des öfteren, daß er sich nicht mehr erinnern  kann, was er etwa am Abend zuvor getan oder gesprochen hat, obwohl er nicht betrunken war.

Diesen Bewußtseinstrübungen, an denen sich die zweite (symptomatische prodromale) Phase erkennen läßt, folgt plötzlich ein Ereignis, das die Mediziner bis heute nicht erklären können: Der Trinker verliert die Kontrolle über den Alkoholkonsum. Während er vorher in der Lage war, mit dem Trinken, hatte er einmal begonnen, aufzuhören und - wohl leicht beduselt, doch nicht betrunken - nach Hause zu gehen, muß er jetzt wie unter einem Zwang bis zum Vollrausch weitertrinken (kritische Phase). Da er sein gleichsam körperliches Verlangen nach Alkohol nicht erklären kann, macht er erfundene Umstände für seine Gelage verantwortlich: mangelnde Fürsorge der Familie, Schwierigkeiten in der Ehe oder ungerechte Behandlung durch den Arbeitgeber. Jetzt wird der Alkoholiker auch sozial anfällig:  Er verlottert, macht Zechschulden und geht nicht zur Arbeit.

Skrupel, Verlust der Selbstachtung und ein allgemeiner Unwille treiben den Trinker dann rasch  so weit, daß er  den Tag nicht ohne Schnapszufuhr beginnen zu können meint. Er wird auffällig aggressiv, sagt sich von seinen Freunden los und empfindet in zunehmendem Maße Mitleid mit sich. Immer häufiger bleibt er tagelang berauscht. Sobald sich eine Ernüchterung anbahnt, beschleichen ihn undefinierbare Ängste, und er beginnt zu zittern - was ihn freilich nur verführt, erneut zu trinken.

In dieser letzten (chronischen) Phase, in der er wie besessen trinkt, ist es dem Alkoholiker  gleichgültig, womit er  sich berauscht.  Hat er nichts anderes, kippt er Haarwasser oder Brennspiritus hinunter. Oft wechselt er zu einem Stoff über, den er bis dahin verabscheut hat, weil der Genuß einen besonders scheußlichen Kater verursacht: zu billigem Wermut! Eine Flasche reicht zum Rausch - aber die Folgen sind verheerend: Der Wermuttrinker zeigt, wie Fachleute beobachteten, bereits nach einem Vierteljahr die Verfallserscheinungen, die beim Schnapstrinker erst nach vier oder fünf Jahren auftreten.

Der Massenimport billiger Südweine hat nach Überzeugung einiger Sozialhygieniker dazu beigetragen, daß die Wermutsucht heute stärker grassiert als in den Jahren vor dem Kriege. Wissenschaftler führen die abträglichen Wirkungen vor allem auf das Krampfgift Thujon zurück, das spurenweise im Wermutwein enthalten ist. So erklärte der Düsseldorfer Mediziner Dr. Wolfert unlängst in einem Fernseh-Interview: „Die Delirien (bei Wermuttrinkern) verlaufen schwerer. Sie dauern länger ... Außerdem sind die schweren alkoholischen Psychosen mit Eifersuchtswahn und Verfolgungswahn doppelt so häufig bei Wermutwein als bei den anderen Delirien.“

[Wermut ist ein weinhaltiges Getränk, das mit Kräutern-Extrakten, vor allem Auszügen aus dem Wermutkraut, versetzt ist. Er darf gespritet werden (bis zu einem Alkoholvolumengehalt von 18,37 Prozent), jedoch keinen Wermutbranntwein (Absinth) enthalten].

Beim  Delirium tremens, das in der Regel erst nach einem chronischen Alkoholmißbrauch von mindestens fünf Jahren eintritt, allerdings in Ausnahmefällen auch früher ausbrechen kann, ist der Trinker zuweilen zeitlich und örtlich desorientiert, wähnt sich beispielsweise — obgleich er in einem Krankenhaus liegt - zu Hause oder im Büro. Er hat Halluzinationen: Flöhe und Mäuse huschen dann vorüber, Insekten kriechen über seinen zitternden Körper. Größere Lebewesen schrumpfen in seiner wirren Phantasie zu Zwergausgaben zusammen. Nach einigen Tagen fällt er in einen „kritischen“  Schlaf, der nicht selten zum Exitus führt.

 

In der Korsakoffschen Psychose ist der Trinker wesentlich stärker desorientiert. Er glaubt sich zumeist in seine Jugendzeit zurückversetzt, sieht im Arzt etwa seinen Lehrer oder Kompaniechef und nimmt das Krankenzimmer als Klassenraum oder Kaserne wahr. An Ereignisse aus der jüngsten Vergangenheit kann er sich hingegen oft nur schwer oder nicht mehr erinnern; seine Gedächtnislücken sucht er mit erfunden Begebenheiten auszufüllen. In frühen Stadien ist die Psychose heilbar, doch selbst bei ärztlicher Behandlung dauert sie Monate.

Von Alkoholiker- Paranoia, wahnsinnig übersteigerter Eifersucht, werden zumeist nur ichbezogene, kontaktarme Trinker befallen. Sie wähnen sich ständig von der Ehefrau hintergangen und neigen dazu, die vermeintliche Missetat gewalttätig zu ahnden.

In der Alkohol-Halluzinose schließlich sind die Wahnvorstellungen des Trinkers mit derart übermächtigen Angstgefühlen verbunden, daß der Kranke sich oft nur durch Selbstmord seinen vermeintlichen Verfolgern entziehen zu können meint. Er sieht überall drohende Schatten und fratzenhafte Gespenster. Sein fehlgeleiteter Gehörsinn vernimmt die Stimmen böswilliger Verfolger. „Wir glauben“, meint Professor Hans Hoff von der Psychiatrisch-Neurolo­gi­schen Klinik der Universität Wien, daß bei jener Form der Halluzinose, bei der sich die Stimmen in der dritten Person über den Patienten unterhalten, eine besondere Gefahr besteht, daß die Erkrankung in eine Schizophrenie übergeht.“

 

Verschiedene Typen

Ob ein Mensch Alkoholiker ist oder wird, hängt von sehr vielen Faktoren ab, und das gesamte komplizierte Bedingungsgefüge, das bei der Entstehung der Alkoholkrankheit wirksam wird, ist bei weitem noch nicht restlos erforscht. Wir können auch nicht einfach von Alkoholikern oder Alkoholismus schlechthin reden, weil es sehr verschiedene Typen und Verlaufsformen gibt.

Jellinek ist zu der Erkenntnis gekommen, daß zwischen nicht krankhaften und krankhaften Formen dieses verallgemeinernd als Alkoholismus bezeichneten Geschehens zu Unterscheiden ist. Dabei kommt die als Alkoholmißbrauch bezeichnete, nicht  krankhafte Form wesentlich häufiger vor, als  die krankhafte Alkoholabhängigkeit. Jellinek teilt daher die Alkoholkrankheiten in fünf Typen ein, die er als Alpha-, Beta-, Gamma-. Delta- oder Epsilon-Alkoholismus bezeichnet. Dabei kommt dem Alpha- und Beta-Alkoholismus kein Krankheitswert zu.  Alpha- und Beta-Alkoholiker sind also nicht alkoholkrank (nicht süchtig), während Gamma-, Delta- und Epsilon-Alkoholiker krankhaft alkoholabhängig sind.

 

Alpha-Typ:

Als Alpha-Typ wird ein nichtkrankhafter Alkoholmißbrauch bezeichnet, der als Wirkungs-, Konflikt- oder Erleichterungstrinken in unregelmäßigen Zeitabständen (periodisches Trinken) sich wiederholt und meist bei Menschen vorzufinden ist, die sich nicht aktiv mit inneren Spannungen, Konflikten oder kritischen Situationen auseinanderzusetzen bzw. psychische Belastungen durchzuhalten vermögen. Im Laufe der Zeit ist bei bestehender psychischer Abhängigkeit von der Droge eine Entwicklung zum krankheitswertigen Gamma-Alkoholismus möglich.

 

Beta-Typ:

Alkoholiker vom Beta-Typ trinken entsprechend  den vorgegeben gesellschaftlichen Normen, die sie allerdings restlos ausschöpfen, aber weder in seelische noch in körperliche Abhängigkeit geraten. Auftretende Komplikationen gesundheitlicher Art wie Magenschleimhautentzündung, Nervenlähmung, Leberzirrhose u. a. sowie familiäre, soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten (beeinträchtigter Finanzhaushalt der Familie, verringerte Leistungsfähigkeit, Auseinandersetzungen im Betrieb) können Beta-Alkoholiker aufgrund fehlender Einsicht nicht in ursächlichen Zusammenhang mit ihrem Alkoholmißbrauch bringen. Ein späterer Übergang zum krankheitswertigen Delta-Alkoholismus, selten zum Gamma-Alkoholismus, ist möglich.

 

Gamma-Typ:

Der Gamma-Typ ist unter den krankhaften Verlaufsformen des Alkoholismus am häufigsten anzutreffen. Seine Struktur beschrieb Jellinek mit der klassischen Phaseneinteilung:

1. Voralkoholische Phase : Ihr Hauptmerkmal ist das sogenannte Erleichterungstrinken,  das heißt, der Alkohol wird als „Seelentröster“ angesehen, innere Unruhe, Ärger und Mißstimmung werden weggeschwemmt, man fühlt sich erleichtert, und in gehobener Stimmung, wobei durchaus noch im Rahmen der geltenden Sitten und Gebräuche getrunken wird. Allmählich muß aber die Alkoholmenge erhöht werden, .um die gewünschte stimmungshebende Wirkung erzielen zu können.

2. Prodromalphase (Suchteinleitungsphase): Die Alkoholverträglichkeit  (Toleranz) nimmt zu. es wird heimlich oder bei offiziellen Trinkanlässen auch hastig „vor“-getrunken, um in Stimmung zu kommen. Gelegentlich treten bereits nach geringer Alkoholmenge „Filmrisse“ (Erinnerungslücken) auf.  Das wirkt deprimierend und führt zu dem Versuch, das Trinken zu verbergen. Die engere Umgebung merkt das veränderte Trinkverhalten, und von seiten des Betroffenen wird das Thema Alkohol gemieden.

3. Kritische Phase: Ihr Hauptmerkmal ist der sogenannte Kontrollverlust,  das heißt, der Betroffene erlebt bewußt sein Unvermögen, nach dem ersten Schluck mit dem Trinken aufhören zu können, er muß zwanghaft weitertrinken bis zum Vollrausch. Trotz individueller Schwankungen hat der Abhängige in dieser Phase ein für allemal die frühere Fähigkeit verloren, mäßig (kontrolliert) trinken zu können, und es kommt jetzt zu ersten ernsthaften Komplikationen in der Familie und am Arbeitsplatz. Deshalb werden Versprechungen gegeben, nicht mehr zu trinken, und diese oftmals auch für eine gewisse Zeit eingehalten, da bei diesem periodischen Trinken trockene, also trinkfreie Phasen Abstinenzphasen) möglich sind. Diese führen wiederum zu dem Trugschluß, der Süchtige habe sich dennoch in der Hand und könne kontrolliert trinken.

4. Chronische Phase: Sie ist gekennzeichnet durch schwere gesundheitliche und soziale Kom­plikationen sowie durch  ausgedehnte Räusche bei unterschiedlich langen Abstinenzphasen, die im Laufe der Zeit immer kürzer werden. Es kann dann auch zum täglichen Trinken über einen langen Zeitraum mit anschließenden schweren Entzugserscheinungen kommen wie zum Beispiel Zittern der Hände, Schwitzen, Übelkeit, innere Unruhe, Herzbeschwerden. Die Alkoholverträglichkeit nimmt in der chronischen Phase ab.

 

Delta-Typ:

Der Delta-Typ weist als Hauptmerkmale zunehmende Alkoholverträglichkeit  (Toleranzsteigerung) und Abstinenzverlust auf, während der Kontrollverlust fehlt. Der Stoffwechsel des Delta-Alkoholikers paßt sich im Laufe der Zeit so dem Alkoholverbrauch an, daß ein ständiger Alkoholspiegel im Blut notwendig ist, dessen Absinken Entzugserscheinungen unterschiedlicher Schwere zur Folge hat. Man bezeichnet diesen Typ auch als Spiegeltrinker.

Ähnlich wie beim Gamma-Typ kann auch hier ein phasischer Verlauf beobachtet werden, und zwar

- eine voralkoholische Phase mit oft jahrelangem, komplikationslosem Umgang mit Alkohol und rauscharmem Trinken;

- eine Einengungsphase mit regelmäßigem Trinken relativ geringer Mengen, die später gesteigert werden, Verarmung der Interessensphäre, Vernachlässigung der Familie und Einengung des alkoholfreien Raumes (Zeit); und schließlich

- eine Abstinenzverlustphase, in der sich die körperliche Abhängigkeit im Auftreten schwerer Entzugserscheinungen nach Absinken des Alkoholspiegels äußert. Zu deren Beseitigung wird wiederum Alkohol wie eine Medizin eingenommen, und der Delta-Alkoholiker gerät so in einen Circulus vitiosus, wobei es dann in der Folgezeit zur Lebererkrankung, zu schweren Magen-Darm-Störungen und schließlich zum Delirium tremens und epileptischen Anfällen kommen kann.

 

Epsilon-Typ:

Der Epsilon-Typ (periodisch-exzessives Trinken) ist gekennzeichnet durch unmäßiges Trinken über zwei  bis acht Tage in meist unregelmäßigen Abständen und kann wegen der pausenlosen Trinktouren über Tage und Nächte mit dem Gamma-Typ verwechselt werden. So plötzlich wie die Trinkperioden auftreten - mit oder ohne erkennbare Vorzeichen -, genauso plötzlich können sie auch wieder beendet sein. Bei Häufung der Trinkexzesse besteht die Gefahr organischer Folgekrankheiten sowie krimineller Handlungen und Arbeitsbummelei.

 

Für alle Typen und Verlaufsformen der Alkoholabhängigkeit gilt ganz allgemein:         .

Der Alkoholismus ist eine fortschreitende Krankheit in mehrfacher Hinsicht: körperlich, geistig, seelisch, sozial„ Sie verläuft schleichend und ist gegenwärtig aus medizinischer Sicht nicht heilbar, das heißt, der Alkoholkranke kann nie mehr wie vor Eintritt der Krankheit kontrolliert Alkohol trinken. Für eine Früherkennung bestehen aufgrund der Komplexität kaum Chancen.

Aber andererseits gilt auch: Die Alkoholkrankheit kann zum Stillstand gebracht werden, indem der Betroffene in einem Umlernprozeß sich die Fähigkeit aneignet, abstinent zu leben und jeden Tropfen Alkohol zu meiden. Hilfe ist also möglich!

Wichtigste Voraussetzung für die Behandlung und Betreuung eines Alkoholkranken ist dabei seine  Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, und diese Bereitschaft ist durchaus nicht immer, mindestens nicht von vornherein, vorhanden. Gleiches gilt in diesem Zusammenhang auch vom Medikamentenabhängigen, wenn auch der Stoff ein anderer ist, der ihn süchtig gemacht hat.

 

Gestörte Beziehungen

Diese krankhafte psychische Verfassung ist im wesentlichen durch Störungen auf drei Bezugsebenen zustande gekommen. Beim Abhängigen sind die Beziehungen zu sich selbst.

zum Mitmenschen und zu Gott gestört. Wie diese Störungen auch immer entstanden sein mögen - das ist individuell völlig unterschiedlich! -, sie bedingen sich gegenseitig und müssen ebenso wie die Suchterkrankung als komplexes Geschehen angesehen werden, wobei die Störung auf der Bezugsebene Mensch - Gott  als die schwerste zu werten ist, weil sie sich im Bereich des transzendenten Bezugs des Menschen auswirkt und somit der Alkohol beim Abhängigen direkt zur „spirituellen“ oder „vertikalen Dimension“ pervertiert wird.

Wenn hier von einer gestörten Mensch-Gott-Beziehung beim Abhängigen die Rede ist, so heißt das nicht, daß der Nicht-Abhängige auf dieser Bezugsebene störungsfrei oder daß der Abhängige ein größerer Sünder sei als andere Menschen. Diese Meinung würde zum Phari­säismus führen und damit zur Verurteilung des Suchtkranken, was einer christlichen Gemeinde schlecht anstünde.

Vielmehr erkennt der Abhängige durch seine Krankheit mit ihren eingangs erwähnten, schweren Komplikationen deutlicher und schmerzlicher als der sogenannte Gesunde in seiner „Normalität“, wie ausweglos die Situation des Menschen tatsächlich ist und wo der Weg weiterführt, den Gott in der Erlösung für uns schon bereitet hat. Theologisch gesehen zeigt sich uns Drogenabhängigkeit danach als Ausdruck des Unglaubens und des Mißtrauens gegen Gott: Der Abhängige lebt aus der Angst,  daß Gott ihm nicht das gibt, was gut für ihn ist und was er  braucht.

Eine Wurzel dieser Existenzangst ist bei Alkoholikern oft ein „Durst nach Ganzheit“. C. G. Jung schreibt über einen Abhängigen: „Sein Drang nach Alkohol war - auf einer niedrigen Stufe - das Äquivalent für den spirituellen Durst unseres Wesens nach Ganzheit - mit der mittelalterlichen Sprache ausgedrückt: nach der Einigung mit Gott.

Die Stillung dieses Durstes nach Ganzheit durch Alkohol ist zeitweilig durchaus möglich. Das zu versuchen bedeutet, ein religiöses Bedürfnis durch ein nichtreligiöses Mittel - Alkohol - kurzfristig zu befriedigen.  So gesehen, zeigt sich uns Alkoholabhängigkeit als pseudoreligiöses Phänomen, und der Alkoholiker erscheint in diesem Zusammenhang zugleich als Symptomträger einer allgemeinen Erscheinung unserer Zeit, nämlich des Verlustes des Transzendenten aus unserem Bewußtsein.

Hierin liegt die Begründung für seelsorgerliche Aufgabe, die durch das Gespräch mit dem Suchtkranken zu erfüllen ist und die darin besteht, die Störfaktoren auf allen genannten Bezugsebenen schrittweise beseitigen zu helfen, damit dieser allmählich wieder ungestörte Beziehungen herzustellen vermag.

Wie eingangs schon erwähnt, handelt es sich beim Alkoholismus um eine komplexe Erkrankung. Deshalb kann ein einzelner trotz solider Kenntnisse und einer annehmenden inneren Haltung bei seinen Bemühungen um einen Abhängigen sehr rasch an seine eigene Grenze geraten. Darum ist es für einen angemessenen Umgang mit Suchtkranken weiterhin wichtig, sich über die von kirchlicher wie von staatlicher Seite eingerichteten Behandlungs-, Beratungs- und Fürsorgestellen für Alkohol- und Medikamentenabhängige im territorialen Bereich

sowie über die Tätigkeit der Evangelischen Arbeitsgemeinschar Abwehr von Suchtgefahren (AGAS) und der Klubs und Gruppen abstinent lebender Alkohol- und Medikamentenabhängiger zu informieren bzw. Verbindung aufzunehmen. Einen ersten Kontakt zu einer dieser Stellen oder Gruppen zu vermitteln. kann oft hilfreicher sein als ein Versuch im Alleingang.

 

Abhängigkeit als pseudoreligiöses Phänomen

Neben dem sogenannten Basisverhalten, das durch Echtheit, Annehmen, Bejahen, Wertschätzen und Wärme geprägt sein muß, ist eine Kenntnis der Psyche, also der inneren Landschaft des Alkoholikers, erforderlich. Und diese innere Landschaft kann man sich nicht trostlos genug vorstellen: wüst und leer! In dieser Wüste steht der einzige Halt des Abhängigen, die Flasche.

Am treffendsten ist diese trostlose innere Verirrung im sogenannten „Drogenpsalm“ beschrieben:

Ich liebe dich, Droge, meine Stärke!

Du bist mein Halt, meine Zuflucht, mein Erretter!

Ohne dich bin ich wie einer, der schon gestorben ist;

ich bin geworden wie ein kraftloser Mann.

Ich suche dich am Morgen und am Abend,

meine Seele dürstet nach dir,  mein Leib schmachtet nach dir

 wie dürres und lechzendes Land ohne Wasser.

Was gibt es für mich außer dir?

Wenn ich nur dich habe,

frage ich nach nichts sonst auf Erden.

Mag Leib und Seele mir schwinden,

wenn du bei mir bist, bin ich getröstet.

Aber es gibt eine veränderte Betrachtungsweise der Alkoholkrankheit?

In früheren Zeiten wurde der Alkoholismus weithin ethisch-moralisch gewertet und der Alkoholabhängige als charakterlos, willensschwach und verabscheuungswürdig beurteilt bzw. verurteilt. Das führte meist dazu, daß er durch die Unkenntnis und das daraus resultierende Fehlverhalten seiner Umgebung immer tiefer in seine Abhängigkeit hineingetrieben wurde.

Durch die Forschungsarbeit des amerikanischen Soziologen Professor Jellinek in den dreißiger Jahren wurde der Alkoholismus als wirkliche Krankheit im medizinischen Sinne erkannt und durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Krankheit anerkannt und in die internationale Klassifikation der Krankheiten aufgenommen.

Diese völlig andere Sicht des Alkoholikers als eines Alkoholkranken ist das erste und zunächst wichtigste, das wir zur Kenntnis nehmen müssen, um mit ihm angemessen umgehen zu können.

In einem Süchtigen kann man nicht länger einen verabscheuungswürdigen Schwächling und verdammten Sünder sehen, sondern einen Kranken, dem Gottes liebendes Erbarmen gilt. Selbstverständlich sind mit dieser veränderten Betrachtungsweise noch nicht alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt. Auch der Alkoholkranke selbst leidet unter seiner eigenen Unkenntnis über seine Abhängigkeit und unter den noch weitverbreiteten Vorurteilen, die ihm entgegengebracht werden.

 

Alkohol im Fernsehen

Viel gefährlicher als die offene Reklame für Alkohol ist die versteckte Werbung in Fernsehspielen und Filmen, die beinahe Tag für Tag über den Bildschirm gehen.  Im Werbefernsehen wird die Absicht, ein bestimmtes Produkt der Spirituosen-Industrie oder den Konsum von Wein im allgemeinen zu propagieren, offen zugegeben. In Spiel, Film und in der Unterhaltung wird gewissermaßen eine unterschwellige Werbung getrieben, indem der Genuß von  Alkohol als etwas ganz Selbstverständliches, ja gesellschaftlich sogar Notwendiges hingestellt wird.

Der „moderne“ Mensch  in den Fernsehspielen trinkt bei jeder Gelegenheit und aus jedem Anlaß oder auch ohne  jeden Anlaß. Kommt irgendwer zu Besuch, so ist die erste Frage stets: „Möchten Sie etwas trinken?“ Diese Frage wird allemal bejaht, aber niemand kommt - in den Fernsehspielen - auch nur auf den Gedanken, etwa Milch oder Fruchtsaft oder Mineralwasser zu verlangen. Es handelt sich ausnahmslos um Alkohol, und wenn die Frage „Pur oder mit Soda?“ gestellt wird, lautet die Antwort in den allermeisten Fällen „Pur!“ Ein rechter Fernsehmensch trinkt seinen Whisky eben nur unvermischt.

Auch die Frage „Noch einen?" wird höchst selten verneint. Zwei Leute, die etwas zu besprechen haben, oder zwei Liebende, die sich verabreden, wo treffen sie sich? Selbstverständlich in einer Bar. Und Gaststätten, in denen Kaffee oder Tee verabreicht werden, gibt es im Fernsehen kaum, alkoholfreie  Restaurants überhaupt nicht. Ist jemand traurig,  dann ertränkt er seinen Kummer in Alkohol, ist er fröhlich, dann greift er ebenfalls zur Wein- oder Cognacflasche.

Woran liegt es, daß die deutsche Sprit-Verbraucherschaft den „Platz an der Theke“ nur noch für den zweitschönsten erachtet? Zeigt ihre neue Vorliebe, im eigenen Heim zu zechen, eine sittengeschichtliche Kaprice an, vergleichbar jener, die den Menschen des späten Rokoko dazu bewog, sein Triebleben in die freie Natur zu verlagern? Oder haben sich unsere Trinker des Historikers Heinrich von Treitschke entsonnen, der einmal geklagt hatte, daß den Deutschen die „Anmut der Sünde“ fehle, und sind übereingekommen, diesen Mangel nur noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit fortbestehen zu lassen? - Nichts von all dem. Es liegt am Fernsehen.

Beim Fernsehtrinker,  auch Haustrinker genannt, handelt es sich - klinisch betrachtet - um denselben fröhlichen Zecher, der in weniger technisierten Zeiten den Stammtisch, die Stehkneipe oder die Bar zu bereichern pflegte, in der Erwartung. daß sich ihm an diesen Stätten die Mitwelt erschließe. Heute macht die Mitwelt Hausbesuche. So brauchen der Fernsehtrinker und seine Fernsehtrinkerin nur ihr Flaschenbier kühl oder ihren Sherry trocken zu halten und können selbander und selig dem Sendeschluß entgegendämmern.

Das hat zwei Vorteile: Einmal entzieht sich der Alkoholiker auf diese trauliche Weise der „sozialen Auffälligkeit“. Zum anderen bleibt es ihm erspart sich mit Schuldgefühlen herumzuplagen. Denn wie sollte er, wenn ihn schon am frühen Abend die TV-Werbung umgirrt („Fernsehen mit Dujardin - nochmal so schön“) an Suchtgefahren denken? Wie könnte er, wenn zu Silvester, im Karneval oder beim Dürkheimer Wurstmarkt der Saufbruder dem Saufbruder elektronisch begegnet, auf die Idee kommen, daß Mäßigkeit eine Tugend sei?

 

Freilich, das Zechen am heimlichen Schirm birgt auch einen Nachteil: Der Mund, der beim Außerhaustrinker zum Zwecke des Meinungsaustausches und frohsinniger Mitteilung jederzeit in Aktion treten darf, hat hier zu schweigen. Weil aber dieses wichtige Werkzeug menschlicher Lustgewinnung nicht müßig bleiben will, muß man es aushilfsweise beschäftigen - ein Phänomen, dem die Kinobesitzer ihren Süßwarenumsatz verdanken. Für den Fernsehfreund, dem ja jegliches Nebenlaster erlaubt ist, bedeutet dies: Er kann auch während jener Zeitspannen Alkoholisches zu sich nehmen, die er, als er noch Stammkneipen und Bars besuchte, zum Witze-Erzählen benötigte.

Und manch einer tut es. Beobachtungen haben gezeigt, daß der TV-Trunksucht-Gefährdete besonders in zwei Fällen der Anfechtung erliegt. Erstens, wenn das Fernsehprogramm langweilig ist. In diesem Falle dient ihm das geistige Getränk als Anregungsmittel und versetzt ihn, indem es sein Urteilsvermögen herabmindert, in die Lage, sein Heimgerät unverzagt für eine lohnende Anschaffung zu halten.

Oder aber das Programm ist spannend. Tritt dieser Sonderfall ein, verlangt das Nervensystem des Haustrinkers nach Dämpfung. Und weil der Alkohol, wie die meisten Stimulantia, paradox wirkt, erfüllt er seinen Zweck da wie dort.

Doch das Fernsehen leistet dem Wohlstandsalkoholismus nicht nur Vorschub, es kann auch unmittelbare Ursache der Trunksucht sein. Wer also arglos vor der Röhre sitzt und glaubt, seine Charakterstärke sei zu ausgeprägt, als daß er schädlicher Gewohnheit Knecht werden könne, der irrt sich tragisch.

Beweis: Versuchspersonen, auf die man unterbrochene Lichtreize, wie sie etwa denen des TV-Bildes entsprechen, einwirken ließ, zeigten in ihrem Elektro-Enzephalogramm (Gehirnstrombild) Frequenzveränderungen. Das bedeutet: nervöse Unruhe. Und die will gezügelt sein. Kurzum. der deutsche Gewohnheitstrinker, der sich vorzeiten mit so ehrenrührigen Entschuldigungsgründen wie „zerrüttete Verhältnisse“ oder „Eheschwierigkeiten“  behelfen mußte, darf seinen Kopf endlich höher tragen. Hat er doch in Gestalt des millionenumschlingenden Fernsehens eine Säufer-Ausrede, die ihn selbst im fortgeschrittenen Stadium der Leidigkeit enthebt, als asoziales Element zu gelten.

 

Heilung von Alkoholkranken

Alkoholismus ist eine Krankheit und darum heilbar. Dazu gibt es verschiedene Wege, medizinische und gesellschaftliche:

1. Dem Trinker wird ein Brechmittel unter die Haut gespritzt und darauf Alkohol gegeben. Nach einigen Tagen erbricht er schon beim Anblick des Gefäßes. Das Erbrochene bleibt die ganze Zeit über neben seinem Bett stehen, um das Ekelgefühl zu beschleunigen.

2. Der Trinker wird 10 bis 28 Tage in einem Zimmer eingesperrt und nur mit verdünntem Schnaps und mit Alkohol vermischten Speisen ernährt. Schon nach fünfTagen verlangt er Wasser und alkoholfreie Speisen, muß aber bis zum Ende durchhalten.

3. Die Bevölkerung muß einsehen, warum berauschende Getränke schädlich sind. Jedes Jahr müssen Jugendliche wieder zur Einsicht gebracht werden (so wie man Lesen und Schreiben lernen muß).

4. Das gute Vorbild der Erwachsenen ist entscheidend. Sie sollten in Gegenwart Jugendlicher keinen Alkohol trinken, damit nicht der Eindruck entsteht, Alkohol gehöre zum Erwachsensein dazu. Man muß aber auch etwas anderes bieten: gute alkoholfreie Getränke und ein ansprechendes Kulturprogramm, das ohne Alkohol Stimmung macht. Es ist nicht ein Zeichen von Schwäche und Urmännlichkeit, in Gesellschaft alkoholische Getränke abzulehnen.

5. Völlige Abstinenz ist nicht ein Zeichen einer unchristlichen Gesetzlichkeit, sondern ein Akt der Solidarität mit denen, die nicht trinken dürfen, weil sie wieder süchtig würden. Gerade christliche Gruppen sollten hier einen bergenden Schutz zu einer neuer Lebensgestaltung geben.

6. Die Verantwortung der Familie als Lebensgemeinschaft ist zu stärken. Sie wird ja am stärksten durch einen Trinker gestört. Aber sie kann auch am stärksten dem Einzelnen helfen und Verantwortung für ihn übernehmen.

7. Die christliche Gemeinde sollte durch Fürbitte, Aufnahme der Betroffenen und Aufklärung tätig werden. Gefährdete müssen aus der Gesellschaft ihrer Zechfreunde herausgelöst werden und in alkoholfreie Veranstaltungen der Gemeinde geführt werden. Gerade wer eine Heil­stät­tenbehandlung hinter sich hat braucht, einen Kreis von Menschen, die bewußt mit ihm auf Alkohol verzichten.

8. Der Alkoholkranke braucht Menschen, mit denen er sich aussprechen kann; das hilft mehr als einsames Grübeln. Vor allem kann er auch Hilfe suchen im Gebet, das die im großen Reservoir des Unbewußten schlummernde Kräfte weckt.

 

Betreuung und Begleitung Suchtkranker:

Der Alkoholismus als psychosomatische Komplexerkrankung ist gegenwärtig aus medizinischer Sicht nicht in dem Sinne heilbar, daß der Alkoholkranke durch eine Behandlung die Fähigkeit wiedererlangen könne, wie Nichtabhängige mäßig, also kontrolliert alkoholische Getränke zu sich zu nehmen. Dennoch ist die Alkoholkrankheit in der Weise heilbar, daß der Betroffene bei Einhaltung.. völliger und ständiger Alkoholenthaltsamkeit (Abstinenz) von den Symptomen seiner Krankheit frei wird und er eine allmähliche Rückbildung der körperlichen, geistig-seelischen und sozialen Folgen der Abhängigkeit und damit seine Rehabilitation und Wiedereingliederung in normale soziale Bezüge erfährt.

Dazu bedarf es aber eines Umdenkprozesses, der nur durch Hilfe von außen, durch Betreuung und Begleitung möglich ist. Denn dieses Umlernen erfordert eine Entscheidung zur Abstinenz, einen Entschluß im Sinne einer persönlichen Umkehr, einer Bekehrung, die eine tiefgreifende Neuorientierung der Persönlichkeit ermöglicht. Damit sind auch bereits seelsorgerliche Gesichtspunkte angesprochen, die den früher erwähnten transzendenten Bezug der Abhängigkeit erkennen lassen.

Zuvor muß aber noch etwas zur Alkoholabhängigkeit als Familienkrankheit gesagt werden, denn die Abhängigkeit ist nicht einfach eine individuelle Erkrankung, die auf den Betroffenen begrenzt bleibt, sondern ein Vorgang, der sich auf dessen Umgebung im Laufe der Zeit immer intensiver auswirkt. Das gilt insbesondere von seiner nächsten Umgebung, der Familie, und innerhalb der Familie vor allem von der Ehefrau bzw. dem Ehemann, den Eltern oder dem Partner. Wo ein Abhängiger ist, ist auch eine kranke Familie. Die Familie wird in den Krankheitsprozeß gewollt oder ungewollt mit hineingezogen, durchläuft und durchleidet alle Verlaufsphasen der Erkrankung des betroffenen Familienmitgliedes und spiegelt so in gewisser Weise dessen allmählichen gesundheitlichen und sozialen Abstieg ebenso wider wie seine mögliche Genesung.

Auch in diesem familiären Krankheitsverlauf lassen sich aufgrund noch bestehender illusionärer Vorstellungen und meist völliger Unkenntnis vor allem in der Anfangsphase verschiedene Formen des Abwehrmechanismus deutlich erkennen. Die Familie unternimmt ebenso wie der Suchtkranke selbst zunächst alle Anstrengungen, um das sie verwirrende und schockierende

Problem zu verleugnen, zu vertuschen, zu verharmlosen, eventuell plausible Gründe dafür zu suchen, vielleicht auch widrigen Uniständen oder gar anderen Personen die Schuld mindestens insgeheim zuzuweisen. Das ist durchaus verständlich, denn die Angehörigen fühlen sich verunsichert, verspüren spezielle Ängste: „Was werden andere Leute, unsere Verwandten, Nachbarn und Kollegen von uns denken und sagen?“ Das Ansehen und der Ruf der Familie scheinen wie von einer Katastrophe bedroht zu sein.

In der Folgezeit, wenn es sich zeigt, daß nach außen nichts mehr zu verheimlichen ist, werden in den weiteren Phasen des Krankheitsverlaufs andere Versuche unternommen, um mit dem Problem fertig zu werden. Es werden Vorwürfe gemacht und Versprechungen von dem Abhängigen gefordert, das Trinken bzw. den Tablettenkonsum aufzugeben oder wenigstens bei bestimmten Anlässen (zum Beispiel Familienfeierlichkeiten) sich zusammenzunehmen. Da er dazu bei fortschreitender Krankheit gar nicht mehr in der Lage ist, verliert er im Laufe der Zeit seine Rolle als Ehemann oder Ehefrau, Vater oder Mutter. Schließlich wird späterhin der Gedanke an eine Scheidung erwogen, obwohl man andererseits spürt, daß das keine Lösung ist.

So verdichtet sich die Alkohol bzw. Medikamentenabhängigkeit als Familienkrankheit immer mehr und immer bedrohlicher zu einer Art „gordischem Knoten“, den keiner mehr lösen kann. Eine allgemeine Verzweiflung macht sich breit Das führt nicht selten dazu, daß auch ein Familienangehöriger zum Alkohol oder zum Medikament (Beruhigungs-, Schlaf- oder Schmerzmittel) greift, um diese ausweglos erscheinende Situation innerlich vermeintlich besser verkraften zu können.

Früher wurde die Behandlung Suchtkranker im wesentlichen in den psychiatrischen Krankenhäusern durchgeführt, in jüngster Zeit vorwiegend in den speziell dafür eingerichteten Kliniken und Abteilungen für Alkohol- und Medikamentenabhängige. Gegenwärtig setzt sich aufgrund von Erfahrungen immer mehr die Erkenntnis durch, daß bis zu etwa siebzig Prozent der Suchtkranken ambulant dauerhaft betreut werden können. Das Therapieziel ist hier wie dort gleich anspruchsvoll: Der Abhängige soll die Fähigkeit erlangen, durch eine lebenslange Abstinenz  ein sozial integriertes Leben entsprechend den individuellen und gesellschaftlichen Möglichkeiten zu führen.

Die Suchtkrankenhilfe der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft, die ebenfalls als eine Möglichkeit ambulanter Betreuung und Begleitung Abhängiger zu verstehen ist, „orientiert sich an Jesus Christus, der Menschen von Mächten befreit, die sie in verwirrender Fremdbestimmung und zerstörenden Abhängigkeiten halten, damit sie wieder als das erkennbar werden, was sie nach dem Willen ihres Schöpfers sind: seine Ebenbilder, mit unverlierbarer Würde ausgestattet, die nicht von Leistungen und Leistungsfähigkeit abhängig ist“.

Bei allen Bemühungen um Abhängige muß stets davon ausgegangen werden, daß der Suchtkranke fast keinerlei Leidensdruck verspürt. Während sich andere Krankheiten im allgemeinen durch Schmerzen, Fieber, vermindertes Wohlbefinden oder sonstige spürbare Symptome

bemerkbar machen, fühlt sich der Suchtkranke unter dem ständigen Einfluß des Alkohols bzw. des Medikaments meist wohl und wird darüber hinaus noch durch die konsumierte Droge in die erwünschte Hochstimmung versetzt.

Alle noch so gut und ernstgemeinten Ermahnungen wie: „Denken Sie doch an Ihre Gesundheit, an Ihren Beruf, Ihre Familie!“ richten deshalb nichts aus, sondern verstärken im Gegenteil nur die früher erläuterte Abwehrhaltung des Betroffenen. Um diesen zu der notwendigen Einsicht in seine Krankheit zu motivieren, muß der mangelnde Leidensdruck durch äußeren Druck ersetzt werden. Im fortschreitenden Krankheitsprozeß gerät der Abhängige unter mehr oder weniger starken sozialen Druck, der auf ihn von seiten der Familie (Auseinandersetzungen), des Betriebes (disziplinarische Maßnahmen), des Bekannten- und Freundeskreises (allmähliches Sich-Zurückziehen) ausgeübt wird.

Dieser Druck muß weiter verstärkt werden, um so im Laufe der Zeit eine Umwandlung des sozialen Drucks in Leidensdruck zu erreichen, so daß die aus seinem persönlichen Umfeld kommenden Reaktionen dem Abhängigen spürbar werden. Er soll dadurch gezwungen werden, sich aktiv mit seinen Trinkgewohnheiten und dem daraus resultierenden Fehlverhalten auseinanderzusetzen, wodurch seine Abwehrhaltung geschwächt wird. Voraussetzung dafür ist, daß vor allem die Angehörigen durch ausreichende Beratung und Information von ihrer Ratlosigkeit und Angst befreit werden. Das befähigt sie zu hilfreicher Begleitung des weiteren Krankheitsverlauf ihres Familienmitglieds.

Von welch hervorragendem Wert in diesem Zusammenhang eine breit gefächerte Aufklärung über das Abhängigkeitsproblem in der Öffentlichkeit ist, liegt auf der Hand.

Erst wenn durch Motivationshilfen von außen und durch Selbsterfahrung in dem Abhängigen allmählich oder auch schlagartig, krisenhaft die Erkenntnis durchbricht, daß er krank ist und der Hilfe bedarf, kann seine Betreuung sinnvoll weitergeführt werden. Dazu müssen zunächst auch ihm umfangreiche Kenntnisse über seine Krankheit und ihre Komplikationen vermittelt werden, denn er soll einen Lernprozeß durchlaufen, der zur Änderung seines seit langer Zeit eingeschliffenen Fehlverhaltens führt.

 

Die inhaltliche Gestaltung des Lernprozesses kann vielfältig sein. Es gibt eine breite Palette psychotherapeutischer Methoden, die hier nicht, besprochen werden können. Eine Möglichkeit unter anderen sind die „Zwölf Schritte“, die in den dreißiger Jahren von der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker (AA) formuliert wurden und die im folgenden als Modell skizzenhaft dargestellt werden sollen. Die jeweiligen Überschriften zu den einzelnen Schritten werden nach Harsch, Hilfe für Alkoholiker, 1984, zitiert.              

• Schritt 1: Der Durchbruch zur Realität: „Wir gaben zu, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind - und unser Leben nicht mehr meistern konnten.“ Entgegen allen illusionären Vorstellungen und eigenwilligen, krampfhaften Versuchen, mit dem Abhängigkeitsproblem allein fertig zu werden, steht am Anfang das Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit. Damit wird die Mauer der Abwehr von Innen her durchbrochen und der Weg frei für die Einsicht in die Suchterkrankung. Voraussetzung sind Rückmeldungen und Druck von außen. Dieser erste Schritt „tut weh".                         

• Schritt 2: Der Anfang des neuen Lebens durch Vertrauen und Hoffnung: „Wir kamen zu dem Glauben, daß eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.2                        

Nach der bitteren. Erfahrung, daß er sein Vertrauen und seine Hoffnung. auf etwas Trügerisches und Zerstörerisches, das Suchtmittel, gesetzt hatte, bietet sich dem Abhängigen die Chance, durch die verändernde Kraft des Angenommenseins umzukehren und zum Glauben an eine Macht zu kommen, die größer ist als er selbst. Der Ort, wo diese Macht wirksam wird, ist die Gruppe bzw. die Gemeinde. Der Abhängige erfährt sie in seiner therapeutischen Gruppe zunächst auch als „soziale Energie“, der Glaubende erkennt sie als die in Jesus Christus geoffenbarte Liebe Gottes.                             

  Schritt 3: Der Entschluß, sich dem Leben zu Überlassen: „Wir faßten den Entschluß, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes - wie wir ihn verstanden - anzuvertrauen.“"

Der Kapitulation in Schritt 1 folgt die Übergabe des Lebens an Gott. Durch die Kraft der Demut wird das Vertrauen auf die eigene Kraft, werden Überheblichkeit und Hochmut überwunden, die Abhängigkeit von Gott wird im Glauben angenommen und wirkliche Freiheit gewonnen. Der gestörte transzendente Bezug wird durch Annehmen, Vergeben, Verändern wiederhergestellt.

  Schritt 4: Leitfaden nur Konfrontation mit der Vergangenheit, um frei zu werden für die Zukunft: „Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.“ Die Freiheit, das Leben auf allen Bezugsebenen realistisch zu sehen, bewirkt den Mut, bisheriges Fehlverhalten zu erkennen und zuzugeben und dadurch neue Wertvorstellungen und Verhaltensnormen zu gewinnen. Bei diesem Schritt tritt in besonderer Schärfe zutage, welche tiefgreifenden und weitreichenden negativen Auswirkungen die Alkohol- und Medikamenten­abhängigkeit auf alle mitmenschlichen Beziehungen hat, die der Betroffene in seiner kranken Phase zu verleugnen, zu verharmlosen oder zu entschuldigen versuchte und die ihn zu Zorn und Feindschaft gegen andere führten. Nur auf einer neuen Lebensgrundlage von Glaube, Hoffnung und Vertrauen ist eine derartige schonungslose Inventur in der Sicht eines neuen Realismus möglich, aber auch unumgänglich nötig. Anders kann Nüchternheit auf Dauer nicht durchgehalten werden. Das wird noch weiter konkretisiert in Schritt 5.          

  Schritt 5: Das Gespräch über die persönliche Inventur als Tiefenbegegnung mit mir selbst und einem anderen Menschen: „Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen  Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu!“

Dieser Schritt wird bei manchem Abhängigen wie auch sicher bei Außenstehenden sehr unterschiedliche Gefühle hervorrufen. Es wird die berechtigte Frage gestellt werden, ob es sich dabei um eine Beichte handele, da einige Züge durchaus daran erinnern. Viel wichtiger ist aber bei Schritt 5 die unbedingte Freiwilligkeit. Niemand sollte dazu gedrängt werden. Voraussetzung ist natürlich, daß eine Person des Vertrauens als Gesprächspartner gefunden wird, der gut fundierte Kenntnisse über die psychische Verfassung von Suchtkranken besitzt und über ein hohes Maß an seelsorgerlichem Takt verfügt. In diesem Gespräch kommen verbindlich und offen Stationen einer konkreten Lebensgeschichte zu Wort mit all den Schrecknissen und Qualen, die in einer Begegnung mit der eigenen Vergangenheit nochmals offenbar werden. Da vieles hierbei im emotionalen Bereich liegt, kann bei dieser persönlichen Inventur die befreiende Erfahrung gemacht werden, daß Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und Angst sich in Gefühle der Erleichterung, der Gelassenheit und der Hoffnung auf Zukunft verwandeln.

 

Das Gespräch ist wichtig:

Gegen die Alkoholabhängigkeit gibt es kein Medikament. Das einzige hilfreiche „Gegenmittel“ ist das Gespräch. Dabei ist zweierlei zu beachten: Jedes Gespräch mit einem Suchtkranken hat unbedingt vertraulichen Charakter, und der Abhängige muß in nüchternem Zustand sein.

Bei einer ersten Begegnung mit einem Abhängigen tritt allerdings meist etwas auf, was in Erstaunen setzt oder gar schockiert: Er wehrt sich  gegen das Gespräch, lenkt sofort ab auf ein anderes Thema, stellt unwahre Behauptungen auf, macht den Gesprächspartner lächerlich oder reagiert sogar feindselig. Hierbei ist wichtig zu wissen, daß er dies nicht deshalb tut, weil er charakterlich ein Lügner oder unumgänglicher Mensch ist, sondern vielmehr deshalb, weil bei ihm als erste Reaktion etwas wirksam wird, das der bekannte Arzt und Psychoanalytiker Sigmund Freud als Abwehrmechanismus bezeichnet hat. Das heißt, der Abhängige fühlt sich angegriffen, weil er im stillen weiß, vielleicht oft mehr unbewußt, daß seine Einstellung und sein Verhalten dem Alkohol gegenüber nicht in Ordnung sind, und er wehrt sich seiner Haut Wenn diese erste Reaktion nicht erkannt und sachgemäß beurteilt wird, kann das bereits das Ende dieser und jeder weiteren Begegnung sein.

Das soll aber nicht entmutigen, für weitere Gespräche offen zu sein und so eine Vertrauensbrücke zu dem  Suchtkranken zu bauen auch wenn dieser zunächst mit Mißtrauen begegnet, weil er vielleicht Vorhaltungen oder ihm längst bekannte Gardinenpredigten erwartet. Statt dessen muß ihm das Gefühl des Angenommenseins vermittelt werden. „Nehmt einander an, gleichwie uns Christus angenommen hat zu Gottes Lob“ (Römer 15, 7). Ob eine solche vertrauensvolle Beziehungsebene zustande kommt, hängt ganz entscheidend davon ab, ob ihm eine unvoreingenommene Haltung und positive Zuwendung entgegengebracht wird oder

 nicht.

Unabdingbare Voraussetzung beim Umgang mit Suchtkranken ist demnach auch das gewissenhafte und schonungslose Überprüfen der eigenen inneren Haltung dem Suchtmittel, der Krankheit und dem Kranken gegenüber. Wer hierbei noch Vorbehalte hat, wird schwerlich eine hilfreiche Beziehungsebene herstellen können.

 

Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr der Suchtgefahren (AGAS):

Der Schweizer Pfarrer Louis Lucien Rochat rief am 21. 9. 1877 in einer dafür einberufenen Versammlung zur Mitarbeit aut. Das Thema des Abends war „Die Trunksucht und ihr wahres Heilmittel". An diesem Abend verpflichteten sich 28 Personen schriftlich, aus Solidarität mit den Alkoholikern, keinen Alkohol mehr zu trinken. Das war die Geburtsstunde des „Blauen Kreuzes“ und der Anfang einer weltweiten Bewegung. Am 26. 6. 1977 wurde das 100jährige Jubiläum des Blauen Kreuzes im Eisstadion in Bern mit über 9000 Teilnehmern gefeiert. Tausende Männer sind durch den Dienst des Blauen Kreuzes mit ihren Familien frei und froh geworden.

Pfarrer Louis Lucien Rochat und alle seine Mitarbeiter ließen sich leiten von dem Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Der Alkoholabhängige ist nicht irgendein Patient. Er ist der von Jesus gemeinte Nächste. Der Alkoholgefährdete, der gesund werden möchte, braucht in einer Umwelt, in welcher alkoholische Trinksitten herrschen, eine Umgebung ohne die Verführung zum Trinken. Das wollte das Blaue Kreuz den Alkoholabhängigen anbieten. Darum lebten auch alle Mitarbeiter alkoholenthaltsam. Der Leitspruch des Blauen Kreuzes ist bis heute „Evangelium und Abstinenz“.

In Deutschland wurde am 15. 1. 1892 von Curt von Knobelsdorf, selbst ein geretteter Alkoholiker, der „Deutsche Hauptverein des Blauen Kreuzes“ in Wuppertal-Barmen gegründet. In den folgenden Jahren entstanden in zahlreichen Städten örtliche Vereine.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Oberkirchenrat D. Schumann, Leipzig, die alten Blaukreuzler wieder gesammelt und zu jährlichen Landeskonferenzen in Chemnitz eingeladen. Am Anfang kamen nur wenige. Bald schenkte Gott weitere Mitarbeiter und wieder gerettete Alkoholiker. Oft hat Bruder D. Schumann ermuntert: „Wir wollen beten und arbeiten und glauben, daß in den örtlichen Arbeitsgruppen bald wieder Rettungsjubel ertönt.“ Das hat Gott uns wieder geschenkt, daß zu unserem Gerettetentreffen, welches jedes Jahr stattfindet, wir als große Familie mit vielen Geretteten und Freunden der Arbeit Jubellieder singen dürfen.

Die Evangelische „Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr der Suchtgefahren - Fachverband der Inneren Mission“, kurz genannt „AGAS“, tut ihren Dienst nun seit dem Weltkrieg. Die hauptamtlichen Mitarbeiter führen Hausbesuche durch, betreuen die Hilfesuchenden und ihre Familien, laden sie zu den Veranstaltungen der AGAS ein und bemühen sich, sie in tragfähige Kreise (Kirchengemeinden, Gemeinschaften, Freikirchen, AGAS-Gruppen und Freundeskreise) einzugliedern, um praktisch wichtige Nacharbeit zu sichern, seelsorgerliche Hilfe in Ehesachen zu leisten und bei Arbeitsplatzvermittlung behilflich zu sein.

 

AGAS - das heißt: „Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr der Suchtgefahren“. Im kirchlichen Leben ist die AGAS sehr fest gegründet - von ihrem pietistischen Ansatz her, durch Einbindung in das Diakonische Werk und in die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) und durch konsequente biblische Motivation. Die AGAS verfügt über einige Häuser zu intensiverer Betreuung von Hilfesuchenden und deren Angehörigen, Hausbesuche, Sprechstunden, Gruppenstunden, Besinnungswochen, Programme zum Zweck der Ausbildung zu einem freiwilligen Suchtkrankenhelfer - das alles und noch mehr gibt es in dieser Arbeit.

 

Unterschiedlich wie die Hilferufe sind die Angebote zur Hilfe. Auf jeden geht man individuell ein. Dabei gibt es keine konfessionellen Schranken. Auch ein Zeuge Jehovas oder ein Atheist kann sich an die AGAS wenden. (und hat es schon getan) und kann, wenn er frei geworden ist, selber zu einem Helfer in der AGAS werden.

Kurzfristige Erfolgsziele gibt es da nicht, kann es nicht geben. Zu schwer ist diese Erkrankung, und mit Rückfällen und bittersten Enttäuschungen muß leider immer gerechnet werden. Auch Christen, ja auch kirchliche Mitarbeiter, fallen manchmal einer Sucht zum Opfer, und für sie ist die Hürde besonders hoch, ihre Abhängigkeit zu offenbaren, sich zu demütigen und Hilfe zu schreien. Aber die Mitarbeiter der AGAS, selbst um die furchtbare Macht von Sünde und Schuld wissend, brandmarken keinen.

Vereinsamung und die Anonymität in Großstädten gehören zu den Ursachen, durch die viele Bürger vermehrt Alkohol konsumieren.

Die Arbeit der AGAS lebt davon, daß die frei machende Botschaft des Evangeliums ausgerichtet wird. Denn eine feste Gründung im Glauben an Jesus Christus ist die stärkste Hilfe für denjenigen, der von einer Sucht frei werden und in dieser Freiheit bestehenbleiben will.

AGAS

Ein Experte meint: „Religiöse Heilungen des Alkoholismus gehören dort, wo sie möglich sind, zu den qualitativ besten und dauerhaftesten.“ Aus diesem Grunde wurde im Rahmen von Diakonischem Werk und Gnadauer Gemeinschaftsverband nach dem zweiten Weltkrieg die Arbeit des alten „Blauen Kreuzes“ in unserem Lande auf veränderter Basis wieder aufgenommen. Den umständlichen vollen Namen macht das Kurzwort AGAS wieder sprechbar.

 

Welche Hilfen hat die AGAS einem Alkoholkranken konkret anzubieten?

• Bruderschaft in der örtlichen AGAS-Gruppe. Jede Woche kommen Gefährdete zu einer Besinnungsstunde zusammen. Auch Gerettete sind mit dabei. Denn der „trocken“ gewordener Alkoholiker braucht lebenslang Gemeinschaft, Hilfe und Zuspruch, damit er nicht mehr rückfällig wird.

• Festigung der oft gestörten Gemeinschaftsbeziehungen durch Wochenendrüstzeiten und Familiennachmittage.

• Aufstellung eines persönlichen Therapieplanes.

• Einzelberatung und Hilfestellungen bei allen Problemen in Familie und Nachbarschaft

• Fast immer stellen die genannten Punkte Vorstufen zu einer Besinnungswoche in einem Heim dar. Viele Abhängige sind bei einer solchen Zehntagerüstzeit frei geworden. Ob es zu einer solchen Befreiung wirklich kommt, liegt allerdings weitgehend an dem Alkoholkranken selbst, genauer: an seinem Vermögen, seine Lage richtig einzuschätzen.

Mit Merkblättern und kleinen populären Druckschriften versucht die AGAS, die Selbsterkenntnis der Trinker zu fördern. Freundlich fordert man den Alkoholiker auf: „Testen Sie sich doch einmal!" Die Mahnung folgt gleich danach: „Sie müssen aber ganz ehrlich sein, sonst hat es keinen Zweck!“ Von denen, die sich ehrlich auf das gedruckte Fragespiel einlassen, mag der eine oder andere im wahrsten Sinne des Wortes sein „blaues“ Wunder erleben. „Trinken Sie, weil Sie unangenehme Dinge vergessen wollen?“ Wer auf solche und ähnliche Fragen „Ja“ sagen muß, befindet sich wahrscheinlich in einer Voralkoholiker-Phase.

Der regelrechten Sucht bedenklich nahe gekommen ist, wer sich von folgender Frage betroffen fühlt: „Heben Sie vor einer Einladung mal ganz schnell einen, um richtig in Stimmung zu sein? Trinken Sie bei Einladungen zwischendurch heimlich in der Küche, im Gang oder auf der Toilette?“

In die kritische Phase voller Abhängigkeit zielt es, wenn es heißt: „Neigen Sie dazu, sich einen Vorrat an Alkohol zu sichern? Haben Sie eine oder mehrere Flaschen im Kleiderschrank, unter dem Bett oder an sonstigen Stellen versteckt, um jederzeit den notwendigen Stoff zur Verfügung zu haben?“

Chronisch alkoholkrank schließlich ist, wer bekennen muß: „Ohne vorheriges Trinken habe ich die Fähigkeit verloren, eine Tätigkeit auszuführen wie die Uhr aufzuziehen, aus einer Tasse zu trinken oder mich zu rasieren!“

Es ist für den Suchtkrankenhelfer manchmal hart, einen Alkoholiker zur Selbsterkenntnis zu führen. Er kann es verantworten, weil er auch für wirksame Hilfe aus dem Glauben einzustehen vermag. Und der geschulte AGAS-Helfer vermeidet das, was Ehegatten, Kollegen und Vorgesetzte aus Unkenntnis häufig tun: den Kranken mit moralischen Vorwürfen zu überschütten. Nicht Moralin, sondern Evangelium - das ist AGAS-Regel.

Wer einmal dabei ist, fürchtet sich freilich nicht mehr vor deutlichen Worten. Im Gegenteil, man bedient sich bei der AGAS einer sehr direkten Sprache, um Verstrickung in die Sünde und rettende Erlösung durch den Herrn Jesus beim Namen zu nennen. Es scheint so, als ob diese fromme Direktheit dem typischen Krankheitsbild des Alkoholikers gemäß ist. So wird der Vorhang an Beschönigungen und Bemäntelungen wohl am wirksamsten durchstoßen, hinter dem der Abhängige seine Sucht versteckt. Und diese Direktheit ist es, welche auch eine durch den Alkohol schon stark gestörte Persönlichkeit noch im Wesenskern anzusprechen vermag.

 

Berichte von Heilungen:

Freigewordene Alkoholiker haben ihren Weg aus der Sucht in einigen Schritten dargestellt:

„Wir gaben zu, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten.“ Das ist der Durchbruch zur Realität.

 „Wir kamen zu dem Glauben, daß eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.“ Das ist der Anfang des neuen Lebens durch Vertrauen und Hoffnung.

„Wir faßten den Entschluß, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes anzuvertrauen.“ Das ist der Griff nach der ausgestreckten Hand Gottes.

„Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserm Innern.“ Das ist die zu erbittende Gnade, uns im Licht Gottes zu sehen.

„Wir gaben Gott, uns selbst und einem andern Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.“ Das ist die von Gott gesetzte Möglichkeit, Schuld zu bekennen und Vergebung zu erlangen.

„Demütig baten wir ihn, unsre Mängel von uns zu nehmen. Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten, und wurden willig, sie um Verzeihung zu bitten. Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir unrecht hatten, gaben wir es sofort zu. Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewußte Verbindung zu Gott - wie wir ihn verstanden - zu vertiefen. Wir baten ihn, seinen Willen für uns erkennen zu lassen und um die Kraft, ihn auszuführen. Nachdem wir durch diese Schritte ein geistiges Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten.“

Wer dem Alkoholiker helfen will, muß ihn ernst nehmen, sollte für ihn beten, Kontakt suchen, ihm Jesus bezeugen, den in die Welt gekommenen Heiland, und ihn in eine Gemeinde führen.

 

 

Lohnender Verzicht: Fasten

Die Kirchen rufen in der Passionszeit immer wieder zu besonderen Aktionen des Verzichts auf, darunter auch der Verzicht auf Alkohol. Natürlich wissen wir, daß die Bibel den Gebrauch alkoholischer Getränke nicht verboten hat. Es ist uns auch klar, daß mit Abstinenz vor Gott nichts zu verdienen ist Aber: der Pro-Kopf-Verbrauch an alkoholischen Getränken steigt laufend. Er signalisiert auch einen steigenden Alkoholmißbrauch. Dieser nimmt unter den Todesursachen die dritte Stelle ein. Wir kennen das Wort aus dem Psalm: „Der Wein erfreut des Menschen Herz.“ Doch viel mehr vernebelt und verdirbt er den Verstand. Kaum eine Feier oder ein gesellschaftliches Beisammensein ist ohne alkoholische Getränke denkbar. Davor bleiben auch Christen nicht bewahrt.

Alkoholismus ist eine Krankheit, die nicht geheilt werden kann. Hier hilft nur lebenslange Abstinenz. Unter unseren Nächsten lebt mancher, der gefährdet ist. Und dessentwillen wollen wir uns selbst Verzicht auferlegen. Paulus greift dieses Anliegen in Röm. 14, 20 ff. auf. Wir dürfen am Verderben des Nächsten nicht schuldig werden. Wir wollen nicht verführen und auch nicht durch unser Beispiel verleiten; darum möchten wir unserer trinkfreudigen Umwelt ein Zeichen setzen, daß es auch ohne dieses gefährliche Genußgift geht. Darüber hinaus wird es sicher gut sein, sich selbst zu testen: ob wir noch Herr über die Dinge sind oder ob sie uns schon an sich gebunden haben.

Das Stichwort „lohnender Verzicht“ wird bei so manchem Kopfschütteln hervorrufen, und er wird sich sagen: „Das ist doch Unsinn! Lohnend ist doch nur, was mir etwas bringt. Ich mache Überstunden, weil sie gut bezahlt werden. Ich pflege mein Auto gut, weil ich so schnell kein neues bekommen werde.“ Ich kenne viele Menschen, die alkoholsüchtig waren. Sie trinken keinen Alkohol mehr, weil er ihnen schadet. Es hat oft lange gedauert, bis sie das begriffen haben und auch das eine Glas stehenlassen konnten. Daß sie frei sind von der Sucht und nicht mehr trinken müssen, ist ihnen ein Gottesgeschenk.

Einer sagte: „Das Leben ohne Alkohol ist viel schöner. Ich höre wieder die Vögel singen und sehe die Schönheiten der Schöpfung.“ Manchmal sagen alkoholabhängige Menschen: „Wenn ich nicht mehr trinken darf und vielleicht auch nicht mehr rauchen, was habe ich dann noch vom Leben?“

Wenn einer alkoholabstinent lebt und irgendwo eingeladen wird, so muß ich meinen Alkoholverzicht erklären. Freigewordene Alkoholiker müssen immer wieder über ihren schwachen Punkt reden. Aber gerade das macht sie stark, daß sie sich zu ihrer Schwachheit bekennen.

 

Test für alkoholgefährdete Menschen zur Selbstkontrolle

1. Haben Sie schon vergeblich versucht, mit dem Trinken ganz aufzuhören?

2. Haben Sie schon behauptet, daß Sie nicht trinken müssen, obwohl Sie oft nicht auf Alkohol verzichten können?

3. Haben Sie, wenn Sie eine geringe Menge Alkohol getrunken haben, ein unwiderstehliches Verlangen nach mehr?

4. Versuchen Sie, Ihren Ärger mit Hilfe von Alkohol loszuwerden?

5. Haben Sie den Eindruck, etwas Besonderes vollbracht zu haben, wenn Sie längere Zeit nicht getrunken haben?

6. Haben Sie auf Grund Ihres Trinkens im vergangenen Jahr mehrfach die Arbeit versäumt?

7. Haben Sie durch Ihr Trinken zu Hause oder an der Arbeitsstelle Schwierigkeiten bekommen?

8. Haben Sie schon festgestellt, daß Sie während Ihrer Trinkperiode Dinge gesagt oder getan haben, an die Sie sich nicht mehr erinnern können?

9. Verspüren Sie schon früh am Morgen ein starkes Verlangen nach Alkohol?

10. Bemühen Sie sich, Ihren Alkoholvorrat in heimlichen Verstecken zu sichern?

Wenn Sie eine Frage bejahen müssen, besteht akute Suchtgefahr, und dies macht ein beratendes Gespräch erforderlich. Bei der Bejahung von zwei Fragen besteht die Gefahr, daß Sie abhängig sind.

Können auch Sie „Nein, danke!“ sagen? Haben Sie es schon einmal ausprobiert, dann, wenn Sie keinen einleuchtenden Grund hatten, wie Autofahren, Schwangerschaft ...?

Wie reagieren Ihre Freunde? Und wie reagieren Sie selbst, wenn das von Ihnen freundlich servierte Glas zurückgewiesen wird?

 

Alkoholiker ist:

-  wer das Trinken nicht von selbst aufgeben kann,

-  wer nach wenig Alkohol ein unzähmbares Verlangen nach mehr verspürt,

-  wer zunehmend von schwachen Getränken auf stärkere zugeht,

-  wer seelische Spannungen mit Alkohol zu lösen versucht,

- wer anfängt, heimlich und allein zu trinken,

- wer durch sein Trinken körperliche Organe schädigt und den Charakter verändert,

-  wer durch sein Trinken sich selbst und seine Umwelt schädigt und seine Beziehungen zu den Mitmenschen stört.

 

Quiz zur Frage: „Alkohol im Straßenverkehr“:

1.) Sind alkoholbedingte Verkehrsunfälle bei Fußgängern, Radfahrern oder Kraftfahrzeuglenkern als fahrlässig zu beurteilen oder nicht? a) fahrlässig, b) vorsätzlich, c) zufällig

2.) Kann jemand, der wegen Alkohol am Steuer verurteilt wurde, mit Bewährung und Strafaussetzung rechnen? a) nein, b) unbedingt, c) ja

3.) Wird man nach Alkoholgenuß nur bestraft, wenn man einen Unfall verursachte, oder ist bereits das Fahren strafbar? a) nur bei Unfall strafbar, b) auch ohne Unfall strafbar, c) je nach dem

4.) Gibt es Mittel, um die Gefahr nach Alkoholgenuß stark zu bremsen oder ganz auszuschalten, etwa Pillen oder Kaffee oder ähnliches? a) kein Mittel, b) nur teure Mittel, c) Kaffee

5.) Darf man als nicht motorisierter Verkehrsteilnehmer (Radfahrer) vor der Fahrt Alkohol zu sich nehmen?  a) ja, b) nur wenig, c)bereits bei geringen Mengen besteht Verkehrsgefährdung (einspuriges Fahrzeug wegen Störung des Gleichgewichtssinns nur schwer zu lenken, bei ein Promille unmöglich)

6.)  Wann treten Enthemmungserscheinungen und damit eine Herabsetzung der Fahrtüchtigkeit ein?

a) bei weniger als ein Promille, b) bis ein Promille keine Enthemmungserscheinungen, c) bei ungefähr 1,5 Promille beginnt die Enthemmung.

7.) Warum trinken Sportler in der Regel keinen Alkohol?

a) um sich nicht künstlich aufzuputschen, b) weil Alkohol die Leistung und sportliche Verfassung mindert,  c) um Ausschreitungen gegen den Schiedsrichter zu vermeiden.

8.) Was versteht man unter „Restalkohol“?

a) lang abgestandenes Bier, b) der Rest aus dem Faß, c) nach Alkoholgenuß im Blut und Körper verbliebener Alkohol

9.) Wie schnell ist ungefähr der Restalkohol im Körper abgebaut? a) man rechnet für ein Glas Bier mit einer Stunde bis eineinhalb Stunden Abbauzeit, b) wenn man sich wieder kräftig fühlt, ist man wieder nüchtern, c) nach acht Stunden Schlaf.

10.) Erhält man Unfall- oder Invalidenrente, wenn man unter Alkoholeinfluß einen Unfall erlitten hat? e) keine Rente, b) die Versicherung muß in jedem Fall zahlen, c) die Rente kann gerichtlich eingeklagt werden.

11.) Wer ist haftbar, wenn ein Jugendlicher ohne eigenes Einkommen einen Unfall unter Alkoholeinwirkung verursacht?

a) die Versicherung zahlt, b) die Eltern müssen zahlen, falls sie in einer Familienhaftpflicht­versicherung sind, tritt diese auch nicht ein, c) die Versicherung des Unschuldigen zahlt.

 

Die Zehn Gebote für Kraftfahrer (von den Konfirmanden in Zeutsch erarbeitet):

1. Ich bin der Herr, dein Gott.

Was heißt das? Du sollst dein Fahrzeug nicht zum Götzen machen. Du sollst deinem Fahrzeug nicht deine ganze Kraft, dein Familienleben und dein Geld opfern. Es soll dir und deiner Familie dienen als Quelle schöner Erlebnisse und eurer Erholung.

2. Du sollst den Namen des Herrn. deines Gottes. nicht unnützlich führen.

Was heißt das? Du sollst dich vor Antritt deiner Fahrt unter Gottes Schutz stellen und von deinem Maskottchen keine Sicherheit erwarten.

3. Du sollst den Feiertag heiligen.

Was heißt das? Du sollst deine Freizeit zur Erholung nutzen, weil ein übermüdeter Fahrer eine Gefahr ist. Du sollst nicht durch rücksichtsloses Fahren andern die Feiertagen und Feierabendruhe nehmen.

4. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Was heißt das? Du sollst freundlich sein mit denen, die auf der Straße für Sicherheit und Ordnung sorgen, und sie unterstützen, auch wenn dir ihre Anordnungen einmal nicht einleuchten.

5. Du sollst nicht töten,

Was heißt das? Du sollst vor der Fahrt keinen Alkohol trinken. Du sollst nur fahren. wenn dein Fahrzeug verkehrssicher ist. Du sollst dich an die Verkehrsregeln halten. Du sollst dein Fahrzeug nicht dazu mißbrauchen, deinen Ehrgeiz zu befriedigen, damit du nicht zum Mörder wirst. Du sollst dem Verunglückten helfen, auch wenn du eigentlich etwas anderes vorhast.

6. Du sollst nicht ehebrechen.

Was heißt das? Du sollst den freien Platz neben dir nicht mißbrauchen. Du darfst auch einmal eine alte Frau mitnehmen und nicht nur die jungen Mädchen.

7. Du sollst nicht stehlen.

Was heißt das? Du sollst dir anvertraute Fracht sorgsam behandeln und dich weder an der Ladung noch am fremden Treibstoff bereichern. Du sollst dir nur so viele Kilometer bezahlen lassen, wie du tatsächlich gefahren bist. Du sollst kleine Gefälligkeiten nicht rücksichtslos zu Gelde machen.

8. Du sollst nicht falsch Zeugnis geben.

Was heißt das? Du sollst als Zeuge bei Unfällen bei der Wahrheit bleiben und dich nicht durch Spinnen wichtig tun.

9. und 10. Du sollst nicht begehren.

Was heißt das? Du sollst nicht den Neid auf das schnellere und modernere Fahrzeug des andern in dir pflegen. Sonst wird dir das Fahrzeug zum Götzen - und du wirst zum Sklaven.

 

 

 

Gewissen.

 

Wenn wir das Wort „Gewissen“ hören, denken wir vielleicht an den Volksmund: „Ein gutes Gewisser ist ein sanftes Ruhekissen!“ Wir denken an die Verfassung, in der Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert werden. Oder wir denken an Luther vor dem Reichstag

in Worms, der sich als erster Mensch der :Neuzeit auf sein Gewissen berufen hat, das allerdings an Gottes  Wort gebunden war.

Die Gedankenverbindungen können auch sehr persönlicher Art sein. Wir erinnern uns daran, wie zum ersten Mal „das Gewisser schlug“:  eine Unwahrhaftigkeit gegenüber der Eltern, ein Streich an der alten Nachbarin, eine Tierquälerei. Vielleicht liegt uns auch konkretes Problem am Herzen und beschäftigt unser Gewissen. Wir haben bei dem Wort „Gewisser“ meist negative Gefühle, zumindest aber gegensätzliche Stimmungen.

Was tun wir, wenn wir vor uns einen Bettler am Wege sitzen sehen? Wenn wir vorbeigehen, wird sich bei uns das schlechte Gewissen regen. Wir merken das daran, daß wir nach Ausreden suchen: Bettler sind unzeitgemäß und deshalb ärgerlich, wir haben es eilig, wir haben kein Kleingeld, wir bedenken die vom Bettler am Tag „verdiente“ Summe, das dankende Nicken des Bettlers scheint etwas automatenhaft angelernt auszusehen, wir beobachten genau, wie ein anderer mit einer unsicheren Bewegung ein Geldstück einlegt. Jeder kennt diese Gefühle.

Der Volksmund sagt. „Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen!“ Aber der Ausdruck „schlechtes Gewissen“ ist eigentlich falsch. Nicht das Gewissen ist schlecht, sondern wir. Von einem „schlechten“ Gewissen her kann man eher auf ein gutes Gewissen schließen, das heißt: ein gut funktionierendes  Im Gewissen klagen wir uns selber an und verteidigen uns auch gegen uns selber. Da liegt die Vorstellung nahe, daß irgendwo eine andere Person ist, die uns anklagt: Gott oder irgendein Gott oder unser verstorbener Vater oder ein Pfarrer  oder ein Freund. Gewissen liegt deshalb immer aller Moralität voraus, weil es in der Beziehung zu Gott steht. Im  Gewissen kommen Mensch, Welt und Gott zusammen und verhandeln über unsre Zukunft.

Das Gewissen ist aber kein Organ im Menschen, das man biologisch feststellen könnte. Es geht darauf zurück, daß der Mensch sprechen kann und deshalb auch zu sich selber sprechen kann. Der Mensch „hat“ nicht ein Gewissen, sondern er i s t Gewissen.

Der Mensch ist ein Wesen, das verantwortlich ist. Ruf und Gehör liegen dabei im gleichen Menschen zusammen. Das Gewissen ist deshalb keine dem Menschen gegenüberstehende Instanz, sondern liegt im Menschen selber. Jeder Mensch erfährt, daß da in ihm noch etwas anderes ist, das oft nicht mit seinen sonstigen Überzeugungen übereinstimmt.

Diese Gewissenregung zeigt sich sogar schon vor dem eigentlichen  Tun, unabhängig davon, ob wir die Tat nun ausführen oder nicht. Dabei gibt es aber nicht nur den Ruf des schlechten Gewissens, sondern auch den des guten. Das gute Gewissen ist im Grunde nur das Fehlen des schlechten.

Der Inhalt des Gewissensrufs ist aber oftmals zunächst unbewußt. Der gesamte Umfang der in uns liegenden Maßstäbe für Gut und Böse kann ja auch gar nicht in jedem Augenblick gewußt werden. Durch das Gewissen mobilisieren wir aber die jeweils unbewußten urteilenden Inhalte. Wesentlich mit zum Inhalt des Gewissensruf trägt die konkrete Situation bei, in die hinein der Ruf geschieht. Dazu kommt das, was man im Laufe seines Lebens gelernt hat und wie man angeleitet worden ist, eine konkrete Situation zu verstehen.

Deshalb tritt das Gewissen auch nur beim Einzelnen in Funktion und nur der Einzelne kann sich darauf berufen. Niemand kann stellvertretend für einen anderen Gewissen sein; er kann ihm höchstens das Gewissen wecken und schärfen; ein „Weltgewissen“ gibt es nicht. Das individuelle Gewissen kann höchstens an einer gemeinsamen Gewissensprägung Anteil haben.

Bei einem schlechten Gewissen fühlen wir uns schuldig, wir haben Angst und fühlen uns einsam. Das Gewissen treibt uns in die Verzweiflung oder auch Abstumpfung. Wir werden auf uns selber geworfen und verlieren die Nähe Gottes.

Deshalb suchen wir ja auch sofort, uns zu entschuldigen: Wir verschieben die Ursachen der Tat auf etwas außerhalb von uns (Wetter, Verhältnisse, Umwelt). Oder wir biegen die Schuld ab auf etwas anderes (Vergeßlichkeit statt Haß auf den anderen). Oder wir fühlen uns dauernd angegriffen und wollen uns verteidigen, weil wir uns nicht zu unsrem schlechten Gewissen bekennen wollen. Doch alle Entschuldigungen taugen letztlich nichts, weil die Angst bleibt.

Das Gewissen ist ein entscheidende Kraft im Vorgang der Steuerung unsres Lebens. Der Mensch kann sich nicht seiner Natur überlassen, weil er keinen Instinkt hat. Er braucht Vernunft, Erfahrung, Tradition und eben das Gewissen. Der Mensch ist das Wesen, das ein Gewissen braucht.

Aber dabei sind wir auch Kinder unsrer Zeit und unsres Raumes. Anderswo und zu anderen Zeiten hat das Gewissen oftmals eine andere Gestalt. Doch letztlich kann kein soziologisch wirkender  Zwang alle Freiheit vernichten (Kriegsverbrechen!), auch wenn Eichmann sagte: „Ich habe ein gutes Gewissen, ich habe meine Pflicht getan!“. Unsre Gesamtpersönlichkeit reagiert immer auf ihr richtiges oder gestörtes Verhalten. Im Menschen selber liegt etwas drin, das über seine Selbstverwirklichung wacht.

Es ist allerdings auch eine Gefahr  'dabei: Man kann mit der Berufung auf das „autonome“ Gewissen schließlich alles rechtfertigen. Und man kann leicht vom „ehernen Gesetz in uns“, von „objektiven Werten“ und vom Naturrecht reden, wenn man sich herausreden will.

Doch jeder Mensch hat nur e i n Gewissen. In jedem Gewissen meldet sich nur e i n Mensch und klagt sich selber an. Das Gewissen ist nicht eine zweite Person in uns oder außerhalb von uns. Die Möglichkeit, ein Gewissen zu bilden, ist uns angeboren. Die Ausprägung der Gewissensinhalte dagegen steht unter dem Einfluß der gegenwärtigen geschichtlichen Situation und ist der Eigenart des Menschen unterworfen, es unterliegt weitgehend psychologischem und soziologisch-geschichtlichem Einfluß.

Theologisch gesprochen heißt das: Das Gewissen gehört zur Schöpfung Gottes. Aber es bleibt unter dem Gesetz der Sünde. Weil wir gottlos sind, ist das Gewissen kein absoluter Wert; der kann nur in Gott liegen. Auch hat das Schuldbewußtsein seinen eigentlichen Grund im Sündenbewußtsein, in der Gewissensangst des von Gott Getrennten. Umgedreht kann ein gutes Gewissen uns nicht das Heil verschaffen. Vor Gott können wir uns nicht entschuldigen, sondern können ihn nur um Vergebung anflehen. Dennoch brauchen wir das Gewissen zum Leben. Es ist vielleicht der wichtigste Bestandteil der innerweltlichen Ordnungen, die uns der Schöpfer verliehen hat, um unser Leben überhaupt erst zu ermöglichen.

Die moralischen Instanzen unsrer Welt haben allerdings sehr an Autorität eingebüßt. Die Gewissensbildung ist dadurch erschwert, aber es ist mehr Freiheit möglich für das persönliche Leben. Entscheidungen, die früher den Autoritäten zustanden, müssen wir heute selber fällen. Das Gewissen ist dabei oft überfordert  und sucht leicht Deckung im Kollektiv oder bei der objektiven Wissenschaft, vielleicht auch bei einer der Ideologien.

Die entscheidende Hilfe liegt nicht beim Appell an die Verantwortung des Menschen, sondern in der Mitteilung der Wahrheit, die frei macht. Es kommt für die Theologie heute darauf an, ob sie überzeugend und die Gewissen treffend die lebendig machende Kraft des Evangeliums deutlich machen kann, ob sie zur Selbständigkeit und Verantwortlichkeit vor Gott, zur Freiheit und zur Wahrhaftigkeit ruft und anleitet.

 

Die Funktion des Gewissens im Recht:

Sittlichkeit war zunächst immer religiös begründet. Die Religion forderte auch immer die Einhaltung der Verhaltensnormen. Wenn jedoch neue Normen und vielleicht auch eine neue „Religion“ aufkamen, ergaben sich Gewissenskonflikte. Erst in der Aufklärung machte man den Unterschied zwischen Recht und Ethik: Die Rechtsordnung bezieht sich nur auf äußere Verhaltenspflichten, die Ethik dagegen bindet unmittelbar auch das Gewissen.

Die heute erkennbaren Veränderungen im sittlichen Bewußtsein müssen nun aber auch zu einer Reform des Strafrechts führen. Ehebruch wird heute nicht mehr gerichtlich verfolgt. Damit ist er aber noch nicht erlaubt; es soll im Gegenteil eine Hebung der Ehemoral erstrebt werden. Vieles, was früher in den Bereich der Juristen gehörte, wird heute der Ethik überlassen. Umgedreht wird manches in das Recht mit einbezogen, was früher der Ethik des einzelnen überlassen wurde, zum Beispiel soziales Verhalten zum Mitmenschen.

Die Theologie kann nur auf dem Weg über das Gewissen das Recht beeinflussen und mitbestimmen. Das Gewissen vieler Menschen bestimmt ja das Gewissen der Völker, der gesellschaftlicher. Schichten und der Familien. Umgedreht wird das Gewissens des einzelnen von der Gesellschaft mitgeprägt, in der er lebt.

Man kann heute nicht mehr vom Gewissen als der „inneren Stimme Gottes“ sprechen, die eine untrügliche Wahrheitsquelle darstellen könnte. Dazu ist das Gewissen von zu vielen Faktoren  abhängig: Gesellschaftsmilieu, Erziehung, geschichtliche Situation. Es ist formbar, wenn nicht sogar manipulierbar. Es ist zunächst innerlich „leer“ und jeder nur denkbare Ideengehalt ist ihm einzuflößen: Es kann bestimmt sein vom militanten Atheismus bis zur tiefen Religiosität, von der Ganovenmoral bis zum Ehrenkodex einer hochgestellten Klasse.

Auf diesen Inhalt hin reagiert das Gewissen und erhebt seine anklagende und  warnende Stimme. Es tritt negativ auf, nämlich als Warnung vor einer nicht-sein-sollenden Tat bzw. als deren Verurteilung, wenn sie geschehen ist. Es gibt also im Grunde kein „gutes Gewissen“. Das Gewissen schenkt nicht Lob oder Anerkennung, es stellt auch nicht bestimmte moralische Richtlinien auf, sondern es ist der bohrende Stachel, der den inneren Bruch im Menschen aufdeckt und der diesen Bruch zur Sprache bringt und sein Todschweigen verhindert.

So ist das Gewissen eine Kontrollinstanz, die jede Doppelgleisigkeit registriert und eine Alarmglocke in Bewegung setzt, deren Geläute verdrängt, aber nie wirklich beseitigt werden kann. Es kann dabei allerdings unter der Einwirkung verschiedener Moralvorstellungen stehen. Das Gewissen eines Menschen kann in sexualethischer Hinsicht pedantisch-konservativ reagieren, während es gleichzeitig die Vernichtung von Menschenleben ohne Wimpernzucken billigen kann.

Das Gewissen ist eine rein menschliche Größe. Es fungiert als innermenschlicher Gerichtshof und wacht als solcher über die innere Homogenität des Menschseins. Weil es selbst „leer“ und nur „formaler“ Natur ist, kann es schlimmsten Verführungen erliegen, ist aber ebenso offen für eine Orientierung auf das Evangelium hin.

Zwischen Gewissen und Recht besteht kein prinzipieller  Gegensatz. Das Gewissen trägt an der Sorge für echtes Recht mit. Wir können nicht ein christliches Gewissen fordern, sondern immer nur die Hüter des Rechts auffordern, alle Rechtsprobleme mit äußerster Gewissenhaftigkeit zu behandeln. Wir müssen uns für die Autonomie des Gewissens einsetzen; selbst wenn es sich irrt, bringt es doch immer noch die Menschlichkeit des Menschen zur Sprache.

 

Die Entwicklung des Gewissens im Menschen:

Kleinkind:

Zu den Dingen, die gelernt werden müssen, gehört erstaunlicherweise auch das Gewissen. Entgegen der weitverbreiteten Meinung, daß das Gewissen als „Bewußtsein des Pflicht­gemäßen und des Seinsollenden“ oder als „Gottestimme im Menschen“ zur selbstverständlichen und an keine Vorbedingung geknüpfte Ausrüstung des Menschen gehöre, vertreten die meisten heutigen Psychologen die Auffassung, daß sich das Gewissen ähnlich wie der Verstand oder die Vernunft durch Lernvorgänge entwickeln und entfalten muß.

Gott hat den Menschen zwar die Anlage zum Gewissen gegeben, diese Anlage führt aber nur zur Gewissensbildung, wenn sie durch die personale Begegnung der Erziehung entfaltet wird. So kann ein Mensch, zum Beispiel das Naturkind, gewissenlos sein, weil bei ihm eine genügende Erziehung zum Gewissen nicht erfolgt ist.

Voraussetzung für die Gewissensbildung beim Kind ist die Erfahrung der uneingeschränkten Liebe von seiten der Eltern. Am Anfang jeder gesunden Entwicklung muß die bedingungslose Zärtlichkeit der Mutter stehen, wie sie in den Märchen und Mythen als Kennzeichen des goldenen Zeitalters dargestellt wird. Fällt diese zärtliche Zuwendung aus, dann' kann sich das Gewissen nicht einmal keimhaft entfalten. Am Ende einer solchen gestörten Entwicklung steht der gewissenlose Mensch.

Das Gewissen ist ein Gegenüber, das zuerst in den Eltern, besonders der Mutter, gegeben ist. Im Willen der Eltern erfährt das Kind, was als verbindlich gilt. Durch die Erziehung wird die in jedem Menschen vorhandene Anlage zur Gewissensbildung geweckt und inhaltlich gefüllt.

Schon 2 bis 3 Jährige führen Selbstgespräche, in denen die Stimme des Gewissens als Stimme der Mutter einerseits, die Stimme der eigenen Triebe und Wünsche andererseits laut werden. Im Gewissen wird zunächst eire äußere Autorität verinnerlicht, die das Kind jedoch nicht als Stimme von außen, sondern als eigene Stimme erfährt.

Das Kind sieht noch nicht ein, weshalb es nicht mit der Schere oder der elektrischen Eisenbahn spielen darf, obwohl das großen Spaß macht. Es erlebt jedoch die unwilligen Reaktionen der Eltern (oder älterer Geschwister). Es vermißt die liebevolle Zuwendung  und spürt, daß die notwendige Geborgenheit gefährdet wird, wenn man bestimmte Dinge tut: Gut ist, was die Erzieher anordnen, böse ist, was sie verbieten. „Böse“ zu sein ist mit Risiken verbunden. Das Kind erkennt gleich, daß es im eigenen Interesse liegt, „gut“" zu sein.

So eignet es sich aber nach und nach diese Gebote der Beziehungsperson an und bildet somit sein Gewissen. Langsam muß es sich so von der Beziehungsperson lösen und sein Gewissen verselbständigen und ausbauen. Aber es braucht zum Wachsen noch jahrelang den Spielraum.

Der Erwachsene steht im Ernstfall mit seinem schlechten Gewissen allein in seiner Gottlosigkeit vor Gott. Das Kind aber ist in seinen Spielen noch umgeben von der behütenden Mauer der Verantwortung, die der Erwachsene trägt. Im Ernstfall kann es sich immer noch an den gebietenden, vergebenden und liebenden Erwachsenen anlehnen. Es kann abends seine Gewissensangst wieder los werden, indem es alles den Eltern erzählt.

 

Erstes Trotzalter:

Jetzt wird der Konflikt zwischen dem Willen „vor außen“ und dem „von innen“ deutlich. Das Kind muß seiner eigenen Willen entwickeln und ausprobieren. Aber es möchte auch die Liebe der engsten Bezugspersonen nicht verlieren. Dieser Widerspruch trägt positiv zur Gewissensbildung bei, wenn das Kind in Vertrauen und Liebe mit den Autoritäten verbunden ist.

Der Trotz des Kindes zeigt an, daß es vor der fremdbestimmten („heteronomen“) zur eigenbestimmten („autonomen“) Bindung gelangen muß. Wenn das nicht gelänge, würde der Mensch nachher an Ichschwäche und kindlichen Störungen leider. Andererseits ist eine absolute Selbstbestimmung nicht möglich, weil die Freiheit des einzelnen immer an sozial bedingte Grenzen stoßen muß.

Das fremdbestimmte Gewissen führte zur Hexenverbrennung und zu der Verbrecher des Faschismus. Man meinte damals, „gewissenhaft“ zu handeln, weil eine höhere Institution die Gewissen der Schuldigen rechtfertigte. Eichmann machte sich Gewissensbisse, wenn ein

Zug Verspätung hatte, aber was mit den Menschen in den Zügen geschah, kümmerte ihn nicht. Ein solches völlig fremd bestimmtes Gewisser hebt sich selber auf, da der Mensch hier nur noch Werkzeug fremder Mächte ist.

 

Schulkind:

In den ersten Jahren des kirchliehen Unterrichts ist d er Weg von der kindlichen Ichbezogenheit zum Verantwortungsbewußtsein zu suchen. Die Kinder lernen, daß Gebote und Verbote nicht nur den Sinn haben, Schaden am eigenen Leib zu vermeiden, sondern auch andere Menschen zu schützen. Böse Taten schaden nicht nur uns selber, sondern auch anderen Menschen und zum Beispiel Tieren, und sie zerstören die Beziehungen zu den Bezugspersonen.

In der Mittelstufe ist die kindliche Moral stark durch Bezugsgruppen geprägt. Besonders die Jungen folgen stark den Normen und Idealen bestimmter Gruppen, die sich in der Schulklasse und anderen Kollektiven bilden. Aus diesen Beziehungen kann man sie nicht herausnehmen Aber sie sollen angeleitet werden, innerhalb der Gruppen verantwortlich zu handeln. Dazu gehört auch die Möglichkeit, daß der einzelne eine Entscheidung gegen die Gruppenmehrheit trifft.' Wie solche Entscheidungen von der Gruppe geduldet werden, hängt von der Stellung des Betreffenden innerhalb der Gruppe ab. Schlecht ist es, wenn christliche Eltern ihre Gewissensentscheidung dem Kind aufzwingen und es damit in eine Außenseiterposition drängen, ohne da das Kind ihre Motive übernehmen kann.

Im Prozeß der Verselbständigung wird das Kind vor die Alternativen der sittlichen Entscheidung gestellt. Durch Gebot und Verbot der Eltern lernt es „gut“ von „böse“ zu unterscheiden. Als „gut“ erfährt es jene Seite seines Wesens, die von den Eltern ermutigt und gefördert wird, als „böse“ jene andere, auf die es verzichten kann. Ohne im Umgang mit den Eltern solche sittlichen Erfahrungen zu machen, kann das Kind nicht zum Gewissensmenschen heranwachsen.

Bei der Ausbildung des Gewissens werden die Gebote, die von liebenden Eltern ausgehen, und die Normen, die von ihnen gesetzt werden, in das Innere des Kindes übernommen. Der reife Mensch wird in seinem Verhalten durch die im Gewissen gespeicherten Normen bestimmt. Der Aufbau eines ausgewogenen Normensystems ist darum ein sehr verantwortungsvoller Prozeß. Eltern dürfen ihr Kind nicht unterfordern, indem sie ihm aus falscher Rücksicht jede Belastung zu ersparen versuchen, aber sie dürfen es auch nicht überfordern. Der zu leistende Verzicht muß dem Verzichtenkönnen des Kindes entsprechen. Wenn der Ehrgeiz der Eltern, durch den ihre unerfüllten Wünsche und Erwartungen auf das Kind übertragen werden, die Erziehungsziele bestimmt, dann wird das Kind einem überfordernden Druck ausgesetzt. Unter der Einwirkung solchen Drucks bildet sich im Laufe der Zeit ein überforderndes Über- Ich. Mit Recht sprechen die Fachleute von einer „abnormen Gewissensbildung“, wenn es zur Entwicklung eines überfordernden Über-Ichs kommt.

 

Konfirmanden/Jugendliche:

Die Gruppenbindung wird durch eine stärkere Profilierung der reifenden Persönlichkeit verändert. Der junge Mensch wird immer mehr er selbst. Er übernimmt ethische Normen und Verhaltensweisen nicht mehr ungeprüft. Man wendet sich mehr nach innen und beobachtet sich selbst genauer. Es besteht aber keineswegs eine Unabhängigkeit vom Urteil der Mitmenschen. Ihre Normen mögen in Frage gestellt werden, sie üben trotzdem eine starke Wirkung aus, denn das Bedürfnis nach Anerkennung ist groß.

Junge Menschen benötigen und erwarten einerseits eine klare Orientierung. Andererseits wollen sie ihren Weg selber finden und müssen es auch. Sie sollen sich selber entfalten innerhalb der durch mitmenschliche und gesellschaftliche Verantwortung gezogenen Grenzen. Ein nicht-autoritäres und sachliches Gespräch über menschliche Konflikte hilft zu guten Entscheidungen in der Verantwortung des eigenen Gewissens.

Für den Glaubenden ist das urteilende Ich durch die Beziehung auf Gott bestimmt. Die Fragen nach sich selbst und nach dem Verhältnis zum anderen Menschen werden umschlossen und durchdrungen von der Beziehung zu Gott. Das  Gewissen der Glaubenden gleicht einem  Dreieck, in dem keine der drei Seiten fehlen kann: Gott - Ich - Mitmensch.

Diese drei Seiten werden zusammengehalten durch den Kreis der unendlichen Liebe Gottes. Ohne die Erfahrung der Liebe, ohne die Gewißheit der Vergebung würden wir zerrieben zwischen dem Anspruch des Willens Gottes, zwischen den Normen und Erwartungen menschlichen Zusammenlebens und den Grenzen unserer eigenen Möglichkeiten.

Das im Glauben an Gott gebundene Gewissen befreit von falschen  menschlichen Bindungen. Luther konnte sich in der Freiheit eines Christenmenschen gegen die politisch und theologisch stärksten Autoritäten auf sein Gewissen berufen.  Nur muß man wissen, daß Gewissensentscheidungen eng mit dem Lebenslauf und den sozialen Beziehungen des einzelnen zusam­men­hängen. Paulus hat zwar für sich selbst ein gutes Gewissen, aber er setzt dieses nicht mit dem Urteil Gottes gleich (1 .Kor 4,4).

 

Biblische Gesichtspunkte:

Das Alte Testament enthält nicht das Wort „Gewissen“, wohl aber die Sache. Bildhaft kommt die Funktion des Gewissens schon im Verhalten von Adam  und Eva zum Ausdruck. Das Gewissen ist an die Beziehung der Glaubenden an Gott gebunden, das „Gewissen“ wird zum „Gehören“. Weil der Glaubende weiß, daß die Sünde diese Beziehung zu Gott stört, verlangt ihn nach einem reinen Herzen.

Im Neuen Testament stammen 14 Stellen aus den Paulusbriefen  und 16 aus der nachpaulinischen Briefliteratur bzw. Apostelgeschichte. In den Evangelien kommt das Wort nur in Joh 8,9 in einer Variante vor. Paulus hat den Begriff in die christliche Sprache eingeführt. Im Gewissen wird dabei der Mensch seiner selbst bewußt, dieses ist aber untrennbar mit dem Gottesverhältnis verbunden.

Das Gewissen kann aber nicht als direkte Stimme Gottes im Herzen des einzelnen gedeutet werden .Zwar geben zunächst Menschen den Maßstab für das Gewissen. Als Christen aber wissen wir uns  mit unserem Gewissen an den Willen Gottes gebunden.

Aber im individuellen Gewissen wachen immer noch die Vorväter über Kinder und Enkel. Sie machen dabei nicht nur Stammesweisheiten, sondern auch Stammesvorurteile geltend. Wer sich auf sein Gewissen beruft, darf nicht ausschließen, daß er sich dabei objektiv im Irrtum befindet.

Als Christen setzen wir dagegen das an Gott gebundene Gewissen. Wenn die Geheime Staats­polizei einen Juden verfolgt und in ein Haus kommt, wo er verborgen wird, dann kann man ihr nicht die formale Wahrheit sagen: „Ja, bei mir ist er verborgen!“ In der Bindung an Gott kann das Gewissen dazu befreit werden, gegen das Prinzip der Wahrhaftigkeit zu verstoßen, ohne daß dadurch das Prinzip ungültig würde. Die Forderung der konkreten Situation kann nicht zugunsten des abstrakten Prinzips verdrängt werden. Fallkonstruktionen können nur Hilfe für die Entscheidungsfindung sein, wenn sie exemplarischen Charakter haben und Gesichtspunkte zur Orientierung bieten.

Die Bindung an Gott kann dazu helfen, daß das Gewissen nicht durch  autoritäre Einflüsse tyrannisiert wird. Nur Gott und niemand anders sollte über unser Gewissen bestimmen. Durch sein Wort sagt er meinem Gewissen, was meine Pflicht ist. Und ein „gutes Gewissen“ im Sinne der Bibel heißt: „Ich glaube, daß mir Gott in Jesus Christus vergeben hat!“ Nicht das Schielen nach irgendwelchen Menschen gibt mir ein gutes Gewissen, sondern der Glaube an die Vergebung. Ich kann mir kein gutes Gewissen geben, sondern nur Gott.

Als Christ sollte man lieber nicht vom „guten Gewissen“ reden, sondern vom „getrösteten und gerechtfertigten Gewissen“. Dieses ist identisch mit der Glauben. Doch ebensowenig, wie wir den Glauben haben, können wir ein gutes Gewissen haben. Wir müssen es uns immer wieder neu erbitten.

 

Der sich in gesunder Weise schuldig fühlende Mensch weiß sich auch in seinem Versagen und seiner Schuld geliebt. Ihm bleibt auch unter der Anklage seines Gewissens das Vertrauen auf die Vergebung erhalten. Kennzeichen des krankhaften Schuldgefühls ist es, daß es die Beziehung zum Mitmenschen und zu Gott unterbricht. Wer an einem krankhaften Schuldgefühl leidet, erlebt in jeder  schuldhaften Tat einen Bruch mit dem Sein und kann für kein noch so geringes Vergehen Vergebung erhoffen.

Die beiden Gegebenheiten, die wir als Voraussetzung für die Bildung eines gesunden Gewissens erkannt haben: nämlich bedingungslose Liebe und Weitergabe angemessener (d. h. dem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechender) Normen, finden wir auch im Verhältnis Gottes zu uns Menschen wieder. Gott verlangt von uns keine Liebe, bevor er uns nicht seine durch nichts begründete Liebe geschenkt hat. In 1. Johannes 3, 19 heißt es: „Lasset uns ihn lieben; denn er hat uns zuerst geliebt.“ Und er legt uns keine Gebote auf, die nicht zu unserem Schutz dienen und die unserem sittlichen Vermögen nicht genau angepaßt sind.

Zum entlasteten Gewissen kommt es nur dort, wo sich der Gläubige auch in seiner Schuld in Gottes Güte geborgen weiß. Nur so erfährt er Gott als Autorität, die ihn auch in seiner Unvollkommenheit liebt und ihm wieder vergibt. Im zweiten Kapitel des Römerbriefes steht das  befreiende Wort: „Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet?“

 

 

Gute Vorsätze

 

Zum Beginn eines neuen Jahres pflegt man gute Vorsätze zu haben. Aber bald ist das neue Jahr schon wieder so alt, daß die guten Vorsätze schon wieder über Bord geworfen sind; so wie bei jenem trinkfreudigen Studenten,  der sich folgende Vorsätze über sein Bett hängte:

1. Besserung angelobt     

2. Besserung nochmals angelobt          

3. Ab morgen Besserung angelobt        

4. Besserung aufgegeben, frisches Faß bestellt.

(Worin er sich bessern wollte, dürfte wohl deutlich sein).

Wir könnten vielleicht folgende guten Vorsätze fassen:

1. Sparen und Taschengeld besser zusammenhalten, weniger naschen

2. In der Schule mehr anstrengen ... mehr kameradschaftlich sein

3. Sachen besser in Ordnung halten

4. Der Mutter helfen ohne zu murren

5. Jeden Tag einem Menschen eine Freude machen.

 

Es ist schwer, sein Leben zu ändern:

An sich ist der Mensch kaum in der Lage, sein Leben zu ändern. Er unterliegt den Einwirkungen seines Charakters, seiner Mitmenschen, seinen Erlebnissen, seinen Möglichkeiten, seinen Fähigkeiten.

Man kann nicht ohne weiteres verlangen: „Ändere dich! Gib dir mal Mühe, anders zu werden.

Andererseits kann man beobachten, daß Änderungen aktiv vollzogen werden. Sie werden ausgelöst durch Erlebnisse, Erfahrungen, Notwendigkeiten.

Die Bibel geht davon aus, daß Gott eine radikale Veränderung des Lebens verlangen kann. Aber es wird nicht einfach verlangt: „Ändere dich!“ sondern es wird auch die Kraft vermittelt, die eine Änderung bewirkt.

Zu dem Befehl „Tut Buße!“ gehört die Zusage:“ Das Reich Gottes ist nah!“ Über allen Geboten Gottes steht: „Ich bin der Herr, dein Gott!“

Mit bestimmten Redewendungen wird deutlich gemacht, daß das Ändern des Lebens nicht so einfach ist: „Da kannst du nichts machen, er hat eben eine leichte Ader! Das liegt mir im Blut, da kann ich nicht gegen an! Es hat a alles doch keinen Zweck! Ich kann nicht aus meiner Haut! Einer alten Baum kann man nicht verpflanzen! Die Katze läßt das Mausen nicht! (war einmal Filmtitel). Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! Der Mensch ist ein Gewohnheitstier! Der liebe Gott muß immer ziehen, dem Teufel fällt es von selber zu! (Wilhelm Busch)!“

Aber es gibt auch andere Redensarten, die das Gegenteil besagen: „Seit er die ....kennt, ist er wie verwandelt! Seit wir den neuen Chef haben, habe ich wieder Lust zu arbeiten! Jetzt ist mir ein Licht aufgegangen! Jetzt ist der Knoten geplatzt! Jetzt ist der Groschen gefallen!“

Wir sollten nicht meinen, nur Christen  könnten ihr Leben ändern. Aber sie wissen vielleicht am ehesten, daß man dazu auch Anstöße  von außen braucht, von Gott her. Erfahrungen und Leitbilder können uns Kraft vermitteln. Vieles ergibt sich auch von selbst. Bei manchem können wir auch selber mitwirken.

Worin haben wir uns in den letzten fünf Jahren verändert? Wieweit sind wir mit diesen Veränderungen zufrieden? Gestalt, Wissen, Können, Leistungsfähigkeit, Einkommen; Freundschaften, Einfluß vor anderen und auf andere; Verhältnis zu Älteren und zu Jüngeren, zum anderen Geschlecht; Verhältnis zum Glauben und zur Kirche.

 

Beispiele:

1. Inge studierte im dritten Studienjahr. Da starb ihre Mutter. Wohl oder übel entschloß sie sich, das Studium vorerst aufzugeben, um den Vater und die beiden jüngeren Geschwister zu versorgen.- Hat sie nicht kurzschlüssig gehandelt? Müßte sie nicht auch an ihre eigene Zukunft denken? Gibt es eine Verpflichtung für sie, zunächst die Familie zu versorgen?

2. Alle sagten: „Du traust dich nicht!“ Da sprang er vom Fünfmeterturm ins Wasser -

Unterliegen wir nicht oft dem Gruppenzwang? Wie soll man sich verhalten, wenn alle sagen: Du traust dich nicht!?

3. Uwe wohnte endlich in einem eigenen Zimmer. Es war alles gut, niemand kontrollierte ihn mehr. Er brauchte sich nicht alle Abend anzuhören, „aber wir früher“. Was ihm noch fehlte, würde er mit seinem Geld bald anschaffen können. Doch nach einigen Wochen erkannte er, wie einfach er es doch zuhause gehabt hatte, wie bequem und billig. -Ist es richtig, sich erst einmal den Wind um die Nase wehen zu lassen? Wie lange sollte man zu Hause wohnen bleiben?

 

Wir stehen immer wieder vor neuen Anfängen:

Neuanfänge sind Kindergarten, Schule, Berufsausbildung, Jahresbeginn. Immer wird dabei auch ein Stücke des Vergangenen abgeschlossen. Jeder Neuanfang und sein weiterer Verlauf werden von dem Vorausgegangenen bestimmt. Jeder Neuanfang ist  schön: es steckt Spannung drin, es ergeben sich neue Möglichkeiten, unbekannte Erlebnisse warten auf uns. Andererseits ist ein Neuanfang schwierig: Wird man den Aufgaben gewachsen sein? Man ist unsicher, man kennt sich noch nicht aus.

Nicht jeder Anfang wird von dem Betroffenen selber gesetzt: Wir haben nicht beschließen können, daß wir morgen auf die Welt kommen, wir haben uns Eltern und Geschwister nicht aussuchen können. Zur Schule müssen wir gehen, weil die Gesellschaft es so bestimmt. Auch über Krankheit, Unfälle, Schicksalsschläge können wir nicht bestimmen. Dennoch fordert jeder Anfang Bewährung von uns. Wir müssen uns auf das neue einstellen und alle Kräfte anspannen.

Auch der Glauben haben wir nicht selber begonnen. Er ist uns von Gott geschenkt worden. Nun dürfen wir darauf vertrauen, daß Gott uns nicht im Stich läßt. Auch wenn es immer wieder ein Auf und Ab gibt zwischen Glaube und Zweifel, so wird Gott doch das gute Werk, das er bei uns begonnen hat, nun auch vollenden.

 

Hat es denn überhaupt Zweck, gute Vorsätze zu fassen?

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert!“ "Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute!“ Ohne Anstrengung ist nichts im Leben zu erreichen. Dabei geht es

um die Überwindung unserer natürlichen Trägheit und Willensschwäche. Sinn haben die Vorsätze nur, wenn wir in kritischen Situationen unseren ganzen Willen einsetzen.

Was kann uns helfen, anders zu werden? Wir sollten mit den Menschen reden , vor denen wir uns schämen würden, wenn wir uns einfach so gehen lassen. Wir sollten auch über unsre Vorsätze mit ihnen reden, über unsre Erfolge und Mißerfolge. Wir brauchen nichts zu verheimlichen, wenn es hin und her geht mit uns - auch vor Gott nicht.

 

Wie können wir Gutes tun?

„Es ist pair gesagt, Mensch, was gut ist  und was der Herr von dir fordert: Nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott!“

Vielfach will man aber heute Verkündigung durch Dienst ersetzen. Man meint, in den letzten 200 Jahren zu viel geredet zu haben. Jetzt sollte man endlich beginnen, für Menschen und mit ihnen etwas zu tun.

Dabei brauchen wir gar nicht an Menschen in fernen Ländern zu denken. Es gilt, den täglichen Kleinkrieg gegen die Not aufzunehmen: Eine Mutter würde dann eher bei ihren Kindern bleiben als in ihrem Beruf der Allgemeinheit zu dienen. Ein junges Ehepaar würde sich Beschränkungen auferlegen, um die alte Mutter im Hause behalten zu können.

Heute aber wird das Tun des Guten vielfach vom Staat übernommen, auch in Form wirtschaftlicher Hilfsprogramme gegenüber anderen Staaten. Aber Christen können durchaus eigenen Beitrag leisten. Sie können sich an den allgemeinen Programm beteiligen oder Dasselbe auf privater Basis tun. Dennoch gibt es genug Dinge, die nicht vom Staat her geregelt werden, entweder weil sie noch nicht gesehen werden oder weil der Staat da überfordert wäre und den persönlichen Einsatz aller braucht, selbst wenn dieser nicht organisiert ist und nicht organisiert werden kann. Da gibt es noch viel zu tun.

 

 

 

Vorbild - Ideal oder Idol?

 

Spiele:

Einer wird hinausgeschickt. Wenn er kommt, soll er die leichteste Frage der Welt stellen. Die anderen machen ihm alles nach. Die leichteste Frage ist dann: „Warum macht ihr mir alles nach?“  - Einer im Kreis macht Bewegungen vor, etwa wie man ein bestimmtes Musikinstrument spielt. Die anderen sehen unauffällig hin und machen ihm alles nach. Ein anderer, der vorher hinausgeschickt wurde, muß nun herausfinden, wer der „Dirigent“ ist.

 

Nachmachen-Vorbild:

Das Nachmachen gehört einfach zum Menschen dazu.  Schon das kleine Kind ahmt die Erwachsenen nach (Sprache, Tischsitten). Jedes Lernern in Schule und Beruf ist eine Art Nachmachen. Könnten wir das nicht, so müßte jeder als eine Art Urmensch wieder neu mit dem Lernen anfangen.

Wenn man älter geworden ist, dann macht man nur noch das, was einem gefällt. Aber man begegnet dann auch Menschen, die man sich  zum Vorbild  nimmt. Man möchte dann so sein wie sein Vorbild. Aber man fühlt sich in der eigenen Haut unglücklich, weil man eben doch nicht so ist. Man vermißt bei sich selber bestimmte Eigenschaften, die man meint haben zu müssen, um anerkannt zu werden. Oft sind es auch die Erwachsene, die einem junger Menschen erst solche Minderwertigkeitsgefühle beibringen ,indem sie sagen: „Klaus ist  viel fleißiger als du!“ oder: „Das karrst du ja doch nicht!“ oder: „Ich mach es selber!“ So ist man oft unsicher und gehemmt und sucht sich ein Vorbild.

 

Wen kann man sich zum Vorbild nehmen?

Eine Befragung ergab Folgendes: Eltern (32 Prozent)‚ Lehrer und Ausbilder (25 Prozent), keine Vorbilder (12 Prozent), Sportler (6 Prozent). Dazu kommen Mitschüler, Weltraumfahrer, Filmstars, Fernsehstars, Politiker, Wissenschaftler. Meist sind es Menschen mit überdurchschnittlichen  Begabungen und Leistungen. Man schätzt an ihnen ihr Wissen, ihr Können, ihren Mut, ihre Tapferkeit, oftmals auch ihren Einsatz für andere. Oft werden als Vorbild genannt: Albert Schweitzer und Martin Luther King

 

Weshalb sucht man sich ein Vorbild?

Man möchte schon in den  Äußerlichkeiten so sein wie das Vorbild:  Frisur, Gang, Kleidung, usw. Das kann man nicht abwerten Aber Vorbilder sollen uns auch helfen, mit dem Leben fertig zu werden in Schule und Beruf, im Umgang mit anderen Menschen, bei der Be­wältigung schwieriger Lebenslagen.

 

Helden?

Meist nimmt man sich sehr sichere  und sicher erscheinende Menschen zum Vorbild. Sie verkörpern einen absoluten Wert und bieten dem Unvollkommenen die Anlehnung an eine erstrebenswerte Vollkommenheit. Sie liegen als Ziele in der Zukunft und fordern uns heraus zu Einsatz, Kampf und Leiden. Wir brauchen dabei nicht nur an Menschen zu denken, sondern auch an mehr abstrakte Ideale wie Freiheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Frieden, Völkerverständigung, Fortschritt, Nächstenliebe.

 

Jede Zeit hat ihre Vorbilder:

Ohne Vorbilder kommen wir Menschen schlecht aus. Sie werden jeweils durch die politischer, wirtschaftliche und soziologische Umstände bestimmt .Jede Zeit fordert ihrer Typ heraus. Dieser wird dann als der ideale Mensch angesehen, weil er mit den Forderungen seiner Zeit fertig wird.

Dichter und Künstler erkannten oft, welche Forderungen ihre Zeit an die Menschen stellte. In ihrer Kunst stellten sie dann Typen dar, die diesen Forderungen entsprachen. Die Werke waren dann nicht nur Produkte ihrer Zeit, sondern sie prägten auch ihre Zeit. Staat und Wirtschaft, aber auch die Kirche propagieren heute bewußt einen idealen Typ. Vorbilder sind schon ernst zu nehmen, aber nicht so ernst, daß man irgendeinen Typ verabsolutieren könnte.

 

Kunst:

In der Kunst hat jede Zeit ihre eigenen Vorbilder ausgeprägt

 

Romanik,  etwa 1000-1250, Uta von Naumburg:

Die Gründung des deutschen Kaiserreichs wurde von Menschen großer physischer und moralischer Kraft, die das Ideal besaßen, die Königsherrschaft Christi in dieser Welt zu verwirklichen, vollzogen. Es war eine Anfangszeit, eine Zeit der Fülle an Kraft und Jugend, der Manneszucht und der adligen Frau: Stolz, edel, ruhig, sicher waren beide Geschlechter.

 

Gotik, etwa 1300-1500, Maria im Ährenkleid in der Wieskirche Soest 1473, und Lady Talbot von Petrus Christus 1446:

Eine Zeit tiefer Verinnerlichung, großen geistigen Ringens. Nach der Enttäuschung über die erfolglosen Kreuzzüge, nach der Verwüstung durch die Pest und nach dem Zerfall des Kaiserreiches suchten die Menschen den Sinn des Lebens im Jenseits. Eine heiße Sehnsucht nach dem Himmel und die Angst seiner verlustig zu gehen, bewegen das Leben der Menschen. Die Kunst gestaltet fast ausschließlich religiöse Themen. Das Ideal der Spätgotik ist die Himmelskönigin oder der Heilige, aller irdischen Liebe und Beschäftigung enthoben.

Auch die junge Lady Talbot wagt kaum ein diesseitiges Lächeln.

 

Renaissance, etwa 1500-1600, Mona Lisa und Albrecht Dürer:

Der Mensch wendet sich von der Überbeschäftigung mit dem Jenseits und beginnt sich und seine Umwelt zu erforschen. Blumen, Tiere, Sterne, sogar der Leib des Menschen werden untersucht, zerlegt und kategorisiert. Neue Kontinente werden entdeckt und erforscht. Der Mensch wird zum Maß aller Dinge und meint, er könnte alles ordnen und begreifen durch den Intellekt und die natürlichen Kräfte, die in ihm liegen. Die Mona Lisa ist eine geistvolle reife, beherrschte Frau, in der unheimliche seelische Kräfte verborgen liegen (durch die zerklüftete Landschaft angedeutet). - Dürer ist das Bild der Bestimmtheit und des Selbstbewußtseins.

 

Barock,  etwa 1600-1750, Peter Paul Rubens Selbstbildnis mit Isabella Brant 1609:

Durch den 30jährigen Krieg und seine Verwüstung verlor der Mensch sein Selbstvertrauen und seinen Ordnungssinn. Er wurde sinnlich, überschwenglich und suchte Erfüllung im Leiblichen. Ein Vorbild solcher wohlhabenden Bürgerlichkeit war Rubens mit seiner Frau. Hier wird mit dem Auge das Vordergründige erschaut: lebhafte, lustige Liebe zu Putz und Prunk. Alles wallend und bewegt, verlockend und voller Sinnenfreude. Aber auch der fromme Mensch sieht die Güter dieser Welt als Geschenke eines großzügigen Gottes, die er hier und jetzt genießen soll.

 

Gegenwart, Pablo Picasso, Madame Z,.1954:

Diese Dame läßt sich nicht aus der Fassung bringen, sie ist intelligent und weltoffen. Ihre Stellung als gleichberechtigter Partner des Mannes hat sie längst erworben. Sie ist stolz, Frau zu sein. Der Zukunft blickt sie gefaßt entgegen, sie wird sich in der Hand haben.,

 

 

Helden mit Schwächen?

Wir leger Zettel aus, auf denen  Eigenschaften  stehen, die Helden haben: wachsam, tollkühn, hilfsbereit, besonnen, feige, entschlossen, mutig, furchtsam, waghalsig, vorsichtig, einsichtig, tapfer, schnell, kraftvoll.

Dann sortieren wir die Angaben aus, die nicht für einen Helden passen: feige und furchtsam, vielleicht auch tollkühn und waghalsig.

James Krüß macht in seinem Buch: „Mein Urgroßvater, die Helden und ich“ deutlich, daß Helden auch leiden und traurig sind, daß sie auch ihr Leben für andere einsetzen. Der Held darf sogar furchtsam sein, wie die Geschichte vor Jan Janssen zeigt (vgl. Beilage).

Unser Vorbild kann uns auch enttäuschen. Dann kann es leicht sein, daß wir auch das Gute an ihm nicht mehr gelten lassen. Das wäre aber falsch. Wir müssen sehen, daß jeder Mensch seine Fehler hat. Aber das  Gute an ihm  können wir uns zum Vorbild nehmen. Das kann uns eine Hilfestellung geben, damit wir aus uns selbst das Beste machen.

 

Kann Jesus uns Vorbild sein?

Jesus  erfüllt alle Anforderungen eines Vorbilds. Und doch ist er für uns zu groß (vgl. Verrat des Judas, Verleugnung des Petrus, Kreuzestod). Jesus will gar nicht Vorbild sein, denn er ist mehr. Er sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leber!“ (Joh 14,6). Er sagt nicht „Ich bin wie ein Weg zum Nachahmen, sondern er bindet sich an uns und wird  unser Begleiter.

 

Erzählung: Jan Janssen

Jan Janssen war zu seiner Zeit  um die Mitte des 19.Jahrhunderts, der Wetterfrosch der Insel Helgoland. Kein Sturm, den er nicht vorausgesagt, keine  Trockenheit, die er nicht angekündigt hätte. Er kannte die Gesetze des Himmels und des Meeres, und er kannte ihre Launen. Die Schiffer holten sich Rat bei ihm, ehe sie ausfuhren. Die Fischer berieten sich mit ihm, wenn die Heringsschwärme ausblieben oder wenn die Hummer aus unbegreiflichen Gründen die Felsgründe verließen, auf denen sie seit Jahrzehnten gehaust hatten.

Nun war Jan Janssen ein kleiner Mann, dessen Ängstlichkeit sprichwörtlich geworden war. Wenn jemandem der Mut fehlte, irgend etwas zu tun, sagte man: „Benimm dich nicht wie Jan Janssen!“ Jan hatte vor Hunden ebensolche Angst wie vor Katzen und Mäusen; er fürchtete den englischen Gouverneur der Insel ebensosehr wie den Apotheker, der ihn zu verspotten pflegte. Er fürchtete sich auch im Dunkeln und zitterte, wenn er ausnahmsweise einmal bei rauher See mit hinaus zum Fischfang fuhr. Jan Janssen hatte, kurzum, ein Hasenherz.

Sein genaues Gegenteil war damals die schöne Lady Violet aus London, die Schwester des englischen Gouverneurs, die auf der Insel bei ihrem Bruder lebte. Jan Janssen verehrte sie insgeheim, weil sie genau das besaß, was ihm mangelte: einen Mut, der an Tollkühnheit grenzte. Sie hatte das Gesicht eines Engels, aber das Herz eines Löwen.

Eines Tages sah Jan vom Felsrand des Oberlandes aus, daß Lady Violet aufs Meer hinaus ruderte, obwohl das Warnungszeichen für Sturm, ein schwarzer Ball, am Mast der Brücke aufgezogen war. Für Jahn Janssen hätte es dieser Warnung gar nicht bedurft. Für ihn standen in den Wolken wie im Wasser längst alle Zeichen auf Sturm. Deshalb schüttelte er besorgt den Kopf über die hinaus rudernde Lady. Er schwenkte sogar die Arme in der Hoffnung, sie würde ihn sehen und sich warnen lassen. Aber sie sah den winkenden Jan nicht. Mit kräftigen Schlägen stieß sie das Boot vorwärts, immer weiter hinaus.

„Wenn sie nicht so verteufelt geschickt wäre, würde ich keinen Pfifferling mehr für ihr Leben geben“, murmelte Jan. „Das geht nicht gut!“ Er seufzte und ging heim, um sich einen Tee zu machen. Eine Stunde später aber trieb es ihn voller Unruhe wieder hinaus, um nach der Lady zu sehen. Sie war nur noch ein kleiner schwarzer Punkt weit draußen im Wasser, und der Sturm, das wußte Jan, stand unmittelbar bevor. Immerhin konnte er durch das Fernglas erkennen, daß die Lady das Boot schon gewendet hatte und wieder der Insel zu ruderte.

„Aber was nützt das?“ murmelte er. „Der Sturm ist zu nah und Lady Violet zu weit draußen!“

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als vom Meer her die ersten Windstöße kamen und bald darauf die ersten Tropfen. Jan wußte, daß sich ein Sturm ankündigte, wie ihn die Insel selten erlebt hatte. Er rannte nach Hause, zog sich Gummistiefel und Ölzeug an, stülpte sich den Südwester über den Kopf, verknotete ihn unter dem Kinn und stapfte hinunter zur Brücke im Unterland. Auf der Treppe, die am Felsrand nach unten führt, mußte Jan sich mehrere Male ans Geländer klammern, weil der Sturm ihn umzuwerfen drohte. Der Regen wurde dichter, und über dem Meer gingen die ersten Blitze nieder.

Als Jan endlich die Brücke erreicht hatte, sah er, daß man das Rettungsboot klarmachte. Er sah auch, daß die Fischer schon mit Geld würfelten, um auszulosen, wer ausfahren müsse.

„Das ist Wahnsinn!“ dachte Jan. „Sechs Leute setzen ihr Leben auf Spiel für eine Frau, die ein viel besseres Boot hat und die geschickter ist als alle sechs zusammen.“ Seine sprichwörtliche Ängstlichkeit hielt ihn davon ab, seine Gedanken laut werden zu lassen. Aber als sein eigener Sohn mit würfelte, da packte den kleinen Mann plötzlich der Zorn. Er trat zu den Männern, die im winterlich kahlen Musikpavillon standen, und rief: „Es hat keinen Sinn, auszufahren, Leute! Das wird ein Sturm, wie er in hundert Jahren nur einmal vorkommt. Den übersteht das Boot der Lady leichter als euer schwerer Kahn. Es ist Wahnsinn, auszufahren!“ - „Wir müssen tun, was wir können, Vater“, sagte Jan Janssens Sohn Broder. „Es ist unsere Pflicht, eine Rettung wenigstens zu versuchen!“ - .'“Niemand hat die Pflicht, sich selbst umzubringen, Junge! Schaut euch das Meer an! Das ist erst der Anfang! Kentert ihr, gibt es sechs Leichen. Kentert die Lady, gibt es nur eine!“

Ein Fischer schob Jan Janssen einfach zur Seite; „Nee, Alter! Davon verstehst du nichts. Wir fahren aus. Und Broder fährt mit!“ Jetzt war Jan Janssen nicht wiederzuerkennen. Er packte seinen Sohn am Ölzeug und sagte ruhig, aber totenblaß: „Du bist noch nicht einundzwanzig. Ich verbiete dir, mitzufahren. Ich habe nur einen Sohn!“-. „Wenn du mir verbietest, mitzufahren, bin ich dein Sohn nicht mehr“, sagte Broder. Auch er war blaß.

„Verachte mich, wenn du willst, Junge, aber bleib leben!“ sagte Jan. „Ich verbiete dir vor allen Anwesenden, mit auszufahren. Das Gesetz ist auf meiner Seite!“ Er ließ den Jungen los und ging in Sturm und Regen hinaus auf die Brücke.

Die Männer im Pavillon sahen sich an. So kannten sie Jan Janssen nicht. Sie hielten ihn jetzt erst recht für einen Feigling, aber sie respektierten ihn. Es wurde tatsächlich für Broder ein anderer Fischer ausgelost, und der Junge mußte - Zorn auf den Vater im Herzen - an Land bleiben. Als das Rettungsboot ausfuhr - es hatten sich inzwischen eine Menge Insulaner an der Brücke eingefunden - tobte das Meer wie selten. Die ersten Brecher schlugen schon über die Brücke. Himmel und Wasser flossen ineinander. Daß das Rettungsboot überhaupt ablegen konnte, war mehr einem Wunder als seemännischer Tüchtigkeit zuzuschreiben. Man sah es bald nur noch, wenn eine besonders hohe Welle es hochschob.

Bei den Insulanern an der Brücke, die den Rettern zusahen, mischten sich in den Herzen und in den Gesprächen Angst und Stolz: Angst um das Leben der Ruderer, Stolz auf ihren Mut. Für Jan Janssen, der seinem Sohn verboten hatte, mit auszufahren, hatte man nichts als Verachtung übrig.

Das Unwetter raste immer wilder. Die Zuschauer mußten sich in die Häuser zurückziehen, weil das Meer ständig höher stieg und das Wasser schon in die ersten Keller lief. Alle Insulaner waren jetzt in Bewegung. Vom Oberland aus beobachtete man das Meer mit Fernrohren. Aber der dichte Regenschleier behinderte die Sicht. Manchmal meinte einer, das Boot ausgemacht zu haben; aber dann war es nichts als der dunkle Streif einer Wellenwand.

Bald kam die Dunkelheit hinzu. Gaslaternen und Öllampen wurden angezündet. Die Menge bei der Brücke wurde immer schweigsamer. Aber dann, plötzlich, schrie man wie aus einem Munde: „Sie kommen!“ Ein Boot wurde mit einem Male nahe der Brücke sichtbar. Eine Welle hob es, danach versank es wieder.

„Es kommt nicht heran! Wir müssen Rettungsringe auswerfen!“ rief jemand. In diesem Augenblick sah man auf einem Wellenkamm, undeutlich, aber mit Sicherheit, das Boot wieder. Es war zum Greifen nah, und dann schoß es, mitten im Schaum, den überschwemmten Strand hinauf. Ehe die zurückrollende Welle auch das Boot mit zurückzog, sah man eine Gestalt über Bord springen. Als die nächste große Welle kam, wurde die Gestalt landeinwärts mitgeschleift.

Zwei Männer wagten sich ein Stück ins Wasser vor; aber ehe sie zupacken konnten, wurde die Gestalt wieder mit zurückgerissen. Erst eine neue Welle trug sie wieder heran, und diesmal war es den Männern möglich, sie zu packen, ehe der Sog der abziehenden Welle sie ihnen wieder entriß. Die Rettung war geglückt. Man brachte die Person ans Land. Es war Lady Violet.

Auf die sechs Retter wartete man bis zum Morgen vergeblich. Ihre Leichen spülte das Meer Tage später an verschiedenen Küsten der Nordsee an. Eine Woche nach dem Unglück begrub man die sechs Seeleute auf dem kleinen Friedhof der Insel. Lady Violet war beim Begräbnis dabei. Sie sprach im Namen ihres Bruders, des Gouverneurs, der in London war, an den offenen Gräbern.

„Ihr seid“, sagte sie in die Gräber hinein, „um meinetwillen ausgefahren. Ich war tollkühn und habe nicht bedacht, daß ich auch euch in Gefahr bringen würde. Gott lohne es euch allen!“

„Euch Lebenden aber,“ die Lady wandte sich an die Trauergemeinde. „... euch Lebenden sage ich, es war nicht Mut, sondern Wahnsinn, auszufahren. Bei solchem Wetter und mit solchem Boot kehrt niemand zurück. Nur einer unter euch, der kleine Jan Janssen, hatte den Mut, diesem Wahnsinn entgegenzutreten. Er kannte die Boote. Er kannte die Ruderer. Er gab mir mehr Chancen als den sechs Rettern. Er war so vernünftig zu sagen, sechs Leben für eins, das sei zu teuer. Er hatte recht. Habt zukünftig nicht blinden, sondern vernünftigen Mut! Beten wir für die Seelen der Toten!“ Man betete. Aber das Erstaunen über die Rede der schönen Lady Violet blieb auf den Gesichtern, und Jan Janssens Sohn Broder blickte zu Boden, bis die Trauerfeier zu Ende war.

 

 

Eigentum

 

Kann ich mit meinem Hab und Gut machen, was ich will?

Eine Medizinstudentin bat einmal eine Frau um ein Buch, weil sie guten Lesestoff sehr entbehrte. Die Frau mochte es aber nicht tun, weil ihr verstorbener Mann sehr an dem Buch gehängt hatte. Doch wenige Wochen später mußte sie die Heimat verlassen und besaß weder dieses noch viele andere wertvolle Bücher.

In einem Frauenhilfskreis hatte ein Pfarrer darüber gesprochen, daß Gott uns schon immer den Nächsten zeigen würde, der unsere Hilfe brauche. Er wurde herausgerufen und kam mit einer alten, ärmlich und elend aussehenden Frau wieder; sie war zu Fuß unterwegs, um ihre Verwandten zu suchen. Die christlichen Frauen meinten nun, in dieser Frau den Nächsten zu sehen, den Gott ihnen geschickt hatte. Sie halfen ihr und gaben ihr von dem Ihren ab. Wenige Tage später aber mußten sie erfahren, daß sie eine von der Polizei gesuchte Betrügerin war.

 

Die Welt und alles, was wir haben, ist ein Werk des göttlichen Schöpfers. Jeder Mensch, der Eigentum hat, soll daran denken, daß er und alle Güter Gott zu eigen sind. Gott hat dem Menschen geboten, sich die Erde untertan zu machen. Wo das Eigentumsrecht Gottes mißachtet wird, verkehren sich auch die Eigentumsrechte der Menschen.

Die gegenseitige Abhängigkeit in der modernen Wirtschaft braucht nicht im Widerspruch zur Freiheit und zur Würde des Menschen zu stehen. Die Abhängigkeit sollte den Menschen befähigen, die Ordnung des gemeinsamen Lebens mitzutragen. Dazu muß auch sein Leistungs­beitrag zum Sozialprodukt möglichst gerecht gewürdigt werden.

Die gesellschaftliche Ordnung kann nur von allen getragen werden, wenn nicht einer begünstigt und einer benachteiligt wird. Diese Gefahr besteht regelmäßig dort, wo über politische Macht und über die wirtschaftlichen Güter in einer Hand verfügt wird.

 

Wie komme ich zu Hab und Gut?

Christen sagen: Hab und Gut kommt von Gott her. Aber er streut es nicht wie Sonne und Regen über alle Menschen gleichmäßig aus. Bei vielen Menschen ist es sehr knapp damit bestellt. Man sagt: „Man muß arbeiten, sparen, das Erbe zusammenhalten!“ Manche versuchen es auch auf unredliche Weise, und es gelingt ihnen auch, zu etwas zu kommen.

 

Was ist heute Hab und Gut?

Oft versteht man darunter Eigentum an Land. Man spricht ja von einem „Gut“ und wollte damit ausdrücken, daß es nicht so leicht wieder verschwinden konnte. Oder man spricht vom „Besitz“, weil die Eigentümer darauf ihren Sitz haben.

Jedem Menschen sollte eine reale Möglichkeit eröffnet werden, Eigentum zu erwerben. Der Mensch soll „mein“ sagen können, um frei zu sein. Freilich gilt auch: Der Mensch muß „dein“ sagen können, um frei zu bleiben. In der Nachfolge Christi aber und als Mitmensch wird der Christ immer wieder persönlich vor der Frage stehen, ob er nicht alles hergeben müsse. Die Bewährung der Menschen vollzieht sich auch im Verzicht und Opfer und in Distanz gegenüber Hab und Gut („Haben, als hätte man nicht“).

Aber auch Hausrat, Kleidung, Schmuck, Bücher, Kunstgegenstände, Bankkonten gehören zum Hab und Gut. Ebenso Werkzeuge und kleinere und größere Maschinen. Für viele Arbeiter ist ihre Arbeitskraft das wichtigste Hab und Gut, für manchen auch nur der Rentenbescheid.

 

Wozu braucht man Hab und Gut?

Wir brauchen es für die Familie, nicht nur „bloß so“. Eigentum ist das, was ich gebrauchen oder mißbrauchen kann. Manches Eigentum wird auch nur gepflegt und bewahrt; aber dann kann ich durchaus nicht machen damit, was ich will.

Bei rechtem Gebrauch dient das Eigentum der Menschen dazu:

a.) für sein Leben und das seiner Nächsten selber Vorsorge zu treffen

b.) seine Gaben und Schaffenskraft in Freiheit zu entfalten

c.) sittliche Entscheidungen in wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu treffen

d.) Rechte des einzelnen und der Gesellschaft zu begrenzen und sichern.

 

Menschen sind Eigentum Gottes. Deshalb gilt: „Alles ist euer, ihr aber seid Christi!“ (2.Kor 6,10). Als Gottes Eigentum werden sie frei von einer verkehrten Bindung an die Güter dieser Welt. Sie brauchen nicht mehr in Angst zu leben, weder um Hab und Gut noch v o r ihrem Hab und Gut.

Jeder ist nach seiner Leistungsfähigkeit verpflichtet, dem Gemeinwohl zu dienen. Ein höheres Einkommen legt auch größere soziale Verpflichtungen auf.

Wenn man das Eigentum breiter streuen will, müssen die Empfänger von Lohneinkommen in wachsendem Maße selbst Eigentum an Produktionsmitteln bilden, indem sie Anteilsrechte am Produktivvermögen nicht zur Steigerung des Konsums veräußern.

 

Lied:

Es ist ja, Herr, dein G'schenk und Gab'

mein Leib und Seel' und was ich hab'

 in diesem armen Leben.

Damit ich‘s brauch zum Lobe dein

zu Nutz und Dienst des Nächsten mein,

wollst mir dein Gnade geben.

 

 

 

 

 

Ordnung ist das halbe Leben

 

Ausgangspunkt:

Einige Gruppenmitglieder haben die Angewohnheit, zu spät zu kommen. Es kann nicht pünktlich begonnen werden. Nachzügler verursachen Unruhe, haben den Anschluß verpaßt. Unter der Lässigkeit leidet die ganze Gruppe.

 

Die positiven Seiten der Ordnung:

Ordnungen geben Sicherheit. Man muß nicht alles immer wieder neu durchdenken. Ordnungen sind wie ein Geländer, an dem man sich festhalten kann. So gibt zum Beispiel die Straßenverkehrsordnung eine gewisse Sicherheit. Wenn ich sie übertrete, setze ich mich großen Gefahren aus; sie hilft mir zu schnellen Entscheidungen.

Jede Familie hat eine Ordnung, die das gemeinsame Leben regelt. Eine Hausordnung ist nötig, damit viele Menschen unter einem Dach leben können. Als Staat können wir nicht ohne Ordnung miteinander leben, sonst gibt es ein Chaos.

Es gibt auch eine kirchliche Ordnung, die Vertrautheit schafft. So weiß ich zum Beispiel wie der Gottesdienst abläuft, auch wenn ich in einer anderen Gegend bin. Ordnung ist die Heilsabsicht Gottes mit den Menschen. Christen fragen nach Gottes Willen (Zehn Gebote). Um Gottes Ordnungen zu erkennen, muß ich mich an Christus orientieren, der den Heilswillen Gottes gelebt hat.

„Ohne Ordnung geht es nicht!“ Die Gruppe nennt Personen, die einen solchen Satz sagen und in welcher Situation. Wer dem zustimmt, legt ein Ausrufezeichen in die Mitte (vorher jedem geben).

 

Die negativen Seiten der Ordnung:

Ordnung macht Arbeit und läßt unter Umständen wenig persönlichen Spielraum. Sie kann schnell zur Form werden und ist dann :schwer mit Leben zu füllen (zum Beispiel der Gottesdienst). Spontaneität und Phantasie werden durch Ordnung nicht sehr gefördert. Es gibt Auseinandersetzungen (zum Beispiel in der Familie), wenn man sich nicht an die Ordnung hält. Ordnungen können unmenschlich sein, sofern sie bürokratisch gehandhabt werden, sie können bis an den Rand des Möglichen belasten.

 

Bei „Ordnung“ denkt man an Ordnungshüter, Schulordnung, Verkehrsordnung, Gesetze, Uniform, ordnungswidriges Verhalten, usw. Ordnung und Strafe stehen meist in einem Zusam­menhang. Ordnung klingt nach Unterdrückung.

Ordnung ist nicht gleich Ordnung. Wo der eine sich wohl fühlt,  kann der andere nicht arbeiten. Dem einen sind die Gewohnheiten hilfreich, der andere ist davon total blockiert. In Grenzen dürfen sich einige Menschen leisten, sich anders zu verhalten, als es üblich ist, sonst trifft sie der Vorwurf mangelnder Persönlichkeit.

Ordnung ist nur das halbe Leben. Unordnung kostet oft viel Zeit und bringt viel Ärger; Ordnung erspart viele Pleiten. Aber Ordnung ist nicht das ganze Leben. Originalität und Beweglichkeit müssen es erlauben, von festgefügten Ordnungen abzuweichen. Ein starres Festhalten ist eben nur das halbe Leben. Heute nicht mehr gültige Ordnungen müssen durch neue ersetzt werden (zum Beispiel in Ehe und Familie). Andere Völker haben andere Ordnungen. „

Ohne Ordnung geht es nicht!“ Die Gruppe erzählt Situationen, in denen dieser Satz nicht stimmt (eigene oder fremde) .Wer erzählt, legt ein Fragezeichen in die Mitte (vorher jedem geben).

In den Testbogen „Bin ich ein ordnungsliebender Mensch“ trägt  jeder die Wertepunkte ein:

Erfülle ich meine Aufgaben am liebsten sofort?

Schiebe ich meine Aufgaben lange vor mir her?

Ertappe ich mich öfter dabei, daß ich ein Versprechen nicht eingehalten habe?

Habe ich Bücher im Regal, die ich schon lange hätte zurückgeben müssen?

Kann ich in einem schlecht aufgeräumten Zimmer konzentriert arbeiten?

Mache ich mir manchmal Notizen, um wichtige Dinge nicht zu vergessen?

Stören mich verwelkte Blumen in einer Vase?

Bücke ich mich, um Dinge aufzuheben, die in einem fremden Raum auf dem Boden liegen?

Mache ich mir schon morgens einen Plan für den Tagesablauf?

Könnte zu jeder Zeit jemand einen Blick in meine Schränke werfen?

Habe ich Kontrolle über meine Geldausgaben?

Stören mich umgeknickte Ecken in einem Buch?

Lasse ich Briefe lange Zeit unbeantwortet liegen?

Stört es mich, wenn bei einem Gespräch keine sinnvolle Ordnung mehr zu erkennen ist?

Möchte ich Störungen in einer Beziehung baldmöglichst in Ordnung bringen?

Halte ich mich für einen halbwegs ordentlichen Menschen?

Kann ich Papierreste einfach auf die Straße   fallen lassen?

Nehme ich mir nach einem interessanten Vortrag die Zeit, das Gehörte nochmals zu ordnen?

Würde ich einen Brief neu beschriften, wenn ich mich bei der Anschrift verschrieben habe?

Habe ich mir bewußt für mein geistliches Leben eine stille Ordnung geschaffen?

Plane ich gern meine Unternehmungen langfristig?

Stecke ich mir kleine Ziele, die ich erreichen will?

Stört es mich, wenn jemand sehr schwarze Fingernägel hat?

Würde ich am liebsten alle Verbotsschilder abmontieren wollen?

Wenn ich in meine Gedanken keine Ordnung kriege, suche ich mir dann einen Menschen, der mir durch sein Zuhören und Fragen beim Ordnen helfen kann?

 

 

Erzählung: Ordnung muß nicht sein

Nach dem Essen machten die Kinder am großen Tisch im Wohnzimmer ihre Aufgaben. Danach legte Ulla ein paar Platten auf. Die Buben sortierten auf dem Boden ihre Sammelbilder. Und Evchen spielte mit einem großen Pappkarton Schiffsuntergang. Es ging ganz friedlich zu! Aber wie das nun aussah im Wohnzimmer! Nicht zu glauben, was vier Kinder in zwei Stunden für eine Unordnung machen können.

„Ach, du meine Güte!“ rief Mutter. „Wollt ihr nicht erst mal eure Hefte und Bücher wegräumen, ehe ihr spielt?“ - „Gleich!“  riefen die Kinder. - „Und eure Schulmappen aufheben!“ -

„Gleich! Gleich!“ - „Und eure Jacken an die Garderobe hängen!“ - „Ja, doch, Mutter! Sofort!“

Aber als Mutter nach einer Weile nachschauen kam, da lag noch alles genauso wild durcheinander wie vorhin. Nur die Kinder waren weg! Sie spielten draußen im Hof.

O wei, nun war die Mutter aber wütend! Jeden Tag dasselbe Theater mit dem Aufräumen!

„Jetzt reicht' s mir aber!“ rief sie empört. Kurzerhand nahm sie Evchens großen Pappkarton und schmiß alles hinein, wie es ihr in die Finger kam - die Schallplatten, die Sammelbilder, die Schulsachen, die Jacken ... Am Ende war die Schachtel ganz voll.

Mutter stemmte sie in die Seite und trug sie in den Keller hinunter. So, nun war ihr wohler!

Sie hob das Zeichenblatt auf, das sie unterwegs verloren hatte, schrieb mit großen Buchstaben darauf „ORDNUNG MUSS SEIN“ und legte es mitten auf den Tisch. Dann zog sie ihren Mantel an und ging einkaufen.

Als sie zurückkam, saßen die Kinder im Wohnzimmer und schauten ihr feindselig entgegen.

„Wo hast du unsere Sammelbilder hin?“ riefen die Buben. „Und wo sind meine Schallplatten?“ - „Und meine große Schachtel?“ Mutter schwieg.

„Du bist gemein!“ schrien die Kinder durcheinander. „Du hast alle unsere Sachen versteckt!“ - „Versteckt? O nein! Ich dachte, ihr braucht sie sicher nicht mehr, wenn ihr sie so achtlos herumliegen laßt. Da hab ich sie in den Keller zum Sperrmüll getan!“

Ein Geheul der Entrüstung brach los: „Was? Meine Platten zum Sperrmüll?!“ Ulla sprang hoch. Die anderen rannten hinter ihr her. Mit lautem Gepolter stürzten sie die Kellertreppe hinunter. Für den Rest des Nachmittags ließen sie sich nicht mehr blicken. Sie waren böse auf Mutter. Als Mutter den Tisch zum Abendessen deckte, lag das Zeichenblatt noch da. Aber jemand hatte etwas dazwischen geschrieben und den Spruch ein wenig abgewandelt:

„ORDNUNG MUSS nicht SEIN!“

„Ist das wirklich eure Meinung?“ fragte Mutter später beim Essen. Die Kinder hatten sich vorgenommen, beleidigt zu sein, und gaben keine Antwort.  „Was ist denn los?“ fragte Vater erstaunt. „Hattet ihr Streit?“ - „Mutter war so gemein!“ rief Ulla. Und auf einmal fingen alle vier gleichzeitig an, auf Vater einzureden.

„Mutter hat einen Ordnungsfimmel“, beschwerten sie sich vierstimmig. „Sie räumt einem noch die Suppe vom Teller!“ - „Als ob das bißchen Unordnung jemanden gestört hätte!“ -

„Das ist doch nicht schlimm, wenn da ein paar Sachen herumliegen!“ - „Aufräumen ist altmodisch!“- „Wer Ordnung hält, ist bloß zu faul zum Suchen!“

„Na ja“, lachte der Vater, „so kann man es auch sehen. Es ist natürlich nicht gesetzlich verboten, seine Sachen herumliegen zu lassen. Aber wenn sechs Leute ein Zimmer gemeinsam benützen, dann muß man sich schon an bestimmte Regeln halten. Das erleichtert das Zusammenleben.“

„Und wer bestimmt die Regeln?“ - „Nun, eigentlich wir alle gemeinsam.“ - „Au ja“ rief Bernd schnell. „Wir stimmen ab! Wer ist für Aufräumen?“ Vater und Mutter hoben die Hand hoch.

„Und wer ist für Nicht-Aufräumen?“ Vier Armpaare schossen in die Höhe. „Gewonnen! Gewonnen!“ schrien die Kinder und klatschten in die Hände. Vater und Mutter blickten sich verblüfft an. „Na gut", sagte die Mutter, nachdem sich der Lärm etwas gelegt hatte, „dann werde ich mich wohl auch dran halten müssen!“ "

Und sie hielt sich dran!

Anderntags, als sich die Kinder wie immer zu ihren Aufgaben setzen wollten, fanden sie, daß der Tisch nicht abgeräumt war. Das ganze Geschirr vom Mittagessen stand noch da. Es stand bis zum Abend. Da setzte die Mutter die Teller aufeinander und stellte sie auf die Kommode neben den Plattenspieler. Und nach dem Nachtessen ließ sie die Tassen gleich stehen. „Die brauchen wir sowieso morgen früh wieder!“ sagte sie. Sie hielt sich wirklich an die Regeln.

Nach ein paar Tagen sah es im Wohnzimmer bedenklich aus. Es gab kaum noch ein Plätz­chen, wo man etwas hätte abstellen können. Und jeder mußte sich erst eine Ecke frei machen, wenn er am Tisch Aufgaben erledigen wollte.

Und dann fing das große Suchen an. Wo war Bernds Buskarte? Sie hatte doch vorhin noch zwischen den Büchern gelegen? Nun konnte er sie nirgends finden. „Kein Wunder, in dieser Unordnung!“ sagte er wütend zu Mutter hin. „Wer Ordnung hält, ist bloß zu faul zum Suchen!“ lächelte Mutter sanft. Dann vermißte Ulla plötzlich ihre Brille, ohne die sie nicht fernsehen konnte. Und wo war Stefans Rechenheft mit den ganzen Aufgaben für morgen? „Hast du es nicht gesehen, Mutter?“ - „Nein, Stefan!“ Stefan kroch in alle Ecken, schaute überall darunter und dahinter - umsonst! Stefans Heft, Ullas Brille, Bernds Buskarte, Evchens Radiergummi...! So konnte es nicht weitergehen!

„Hilf uns doch suchen, Mutter!“ - „Das gehört aber nicht zu den Regeln!“ -„Ach, Mutter, die dummen Regeln!“- „Wieso? Ich finde sie gut! Aufräumen ist wirklich altmodisch. Ich habe viel mehr Zeit, seit ich's nicht mehr tue!“  „Aber dafür ist es gar nicht mehr gemütlich bei uns!“ - „Und man findet nichts mehr. Hilf uns doch suchen, bitte, bitte!“ - „Helft ihr mir dann auch aufräumen?“- „Aber natürlich, Mutter!“ riefen die Kinder so begeistert, als hätten sie schon lange nicht mehr etwas so Schönes tun dürfen.

Seht mal an, wie gut sie aufräumen können! Geradezu vorbildlich machen sie das! Und was sich dabei nun alles ganz von selbst wiederfindet! Sogar das weiße Zeichenblatt taucht wieder auf. Die Kinder lesen es und grinsen. Dann schreiben sie etwas dazu und hängen es an die Wand:  ORDNUNG MUSS nicht SEIN! Aber es ist doch besser, wenn man welche hält!!!

(Renate Schupp).

 

Biblisches Zeugnis:

Wenn in 1. Mose 1,2 steht: „..und die Erde war wüst und leer“, dann stehen dort im Hebräischen die Worte „TOHU WA BOHU „. Manche Menschen gebrauchen diesen Ausdruck, wenn sie eine große Unordnung erblicken: „Das ist aber ein Tohuwabohu!“ Erst nachdem Gott seine Ordnung in die Unordnung gebracht hat, ist Leben möglich. Davon erzählt das erste Kapitel der Bibel.

TOHU könnte die offensichtlichen Tätigkeiten meinen und beschreiben: Den inneren Zustand eines Menschen kann man an seiner äußeren Umgebung ablesen. Sie berufen sich gern auf Redensarten: „Wer aufräumt, ist nur zu faul zum Suchen!“ - „Jeder hat seine persönliche Note!“ - „Liegenlassen - tritt sich fest!“ Tohu ist ungemein originell und kreativ, seine Wirkungsweise muß nicht beunruhigen.

BOHU könnte die heimlichen Angriffe meinen und beschreiben: Er ist bereits in der frühen Morgenstunde aktiv und flüstert schon auf der Bettkante zu: „Es lohnt sich heute wirklich nicht, schon aufzustehen!“ - „Bibellesen! Kann man noch später!“ - Setze in der Schule ein beteiligtes Gesicht auf, dann können die Gedanken ungehindert in die Ferne schweifen!“ - „Große Persönlichkeiten können schon einmal eine kleine Schwäche haben (Unpünktlichkeit, Vergeßlichkeit, Schlamperei)!“ Und sollte doch einmal ein Schuldgefühl aufkommen, dann rät BOHU:  „Leg es unter die Decke und ziehe die Oberfläche glatt!“

Gott hat dem Tohuwabohu ein Ende gesetzt und dem Durcheinander die Grenze gewiesen. Mit seinem gestaltenden und ordnender Wort hat er diese Welt geschaffen: Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Land und Wasser, Pflanzen und Tiere. Gott hat Freude an Licht und Klarheit, Harmonie und Ordnung. Er will lebhaftes und gutes Leben.

Jesus allerdings hat sich über manche Ordnungen seiner Zeit hinweggesetzt. Er sprach mit Frauen und Kindern, mit Zöllnern und Kranken, Hirten und Ehebrecherinnen. Er tat am Sabbat verbotene „Arbeit“ und sagte: „Der Sabbat ist um des Menschen willen da!“ (Mt 19,13-14; 12,1-9 ; 12,9-14 ; Lk 19,1-10; Mt 9,9-13; Joh 4)

Aber dadurch, daß er Ordnungen durchbrach, gab er den Menschen das Gefühl:  Wir sind etwas wert. Er zeigte ihnen eine neue Möglichkeit, miteinander zu leben. So hat er Freiheit demonstriert und den Menschen Gottes Heilswillen gezeigt. Aber immerhin ging er „nach seiner Gewohnheit“ am Sabbat ins Bethaus. Er las mit anderen das Wort Gottes und hat es selber gelesen und es nicht nur den anderen überlassen.

 

Gebet: Jesus Christus, diejenigen, bei denen Unordnung ist, Außenseiter; die lädst du in Göttes neue Welt ein, und nicht die, die vorgeben, daß alles bei ihnen in Ordnung sei. Jesus Christus - du durchbrichst Schranken und überlieferte Ordnungen: Du rufst dem Zöllner: Kommt, geh mit mir! Der durchbricht Schranken, läßt alles stehen und liegen und geht mit mir. Jesus Christus - hilf, daß wir deine Ordnungen erkennen, laß uns auf dich hören und dir vertrauen und so neue Erfahrungen machen. Amen.

 

 

Einsamkeit: Keiner soll allein sein

 

In einigen Zeitungen erschien einmal folgende Heiratsanzeige: „Sparkassendirektor, 48, Größe 1 ,77 Meter, schlank, sportlich, graumeliert, sehr einsam, durch noch heute unfaßbaren Schicksalsschlag seiner treuer Gattin und seines heißgeliebten neunjährigen Jungen beraubt, wünscht sehnlichst den Rückweg in ein zufriedenes, glückliches Dasein zu finden. Welches warme Frauenherz wird ihm Verständnis und Zuneigung entgegenbringen und sich dafür mit liebender Fürsorge umgeben lassen? Da Vermögen, modernes Haus in Wald und Wassernähe sowie eleganter Wagen vorhanden, keinerlei materielle Interessen. Weder Alter noch Aussehen noch Sex noch Bildungsniveau sollen ausschlaggebend sein, sondern einzig Aufrichtigkeit und gütiger Charakter!“

Die Anzeige wurde von einer Werbefirma aufgesetzt. Sie spiegelt einen kleinbürgerlichen Himmel vor, mit einem Sparkassendirektor als liebem Gott in der Mitte, unter dem Baum des Lebens und des soliden Lebensstandards. Doch von Einsamkeit, Leid, Sehnsucht und Ungeborgenheit kann kein Ehepartner befreien, auch wenn er sich noch so anstrengt. Hier sind menschliche Bedürfnisse nach Erlösung auf die Welt übertragen worden.

Es kamen weit über zehntausend Zuschriften aus aller Welt. Es schrieben studierte Frauen, Hausbesitzerinnen, ein fünfzehnjähriger Bankfisch, eine Greisin aus dem Altersheim. Offenbar hatte das Werbebüro das Wesen der vereinsamter Frau getroffen: es meldete sich die familienlose, ungeborgene, immer wieder umerziehende Frau. Sie antwortete auf ein Wunschbild, das Geborgenheit, Sicherheit, Gefühl und Anstand zu verkörpern schien. In den Zuschriften und zwischen der Zeilen steckten viel Lebensenttäuschung, Kummer, Vereinsamung. Fast in allen Berichten kamen persönliche Dinge zur Sprache, einige Briefe waren über 20 Seiten lang.

Daran wird deutlich, wie wenig die Einrichtungen in unsrer technischen Welt der Menschen befriedigen und seiner eigentlichen Bedürfnisse entgegenkommen. Jeder macht die Erfahrung des Alleinseins. Und mancher sagt: „Ich habe keinen Menschen!“

Ein solcher Mensch könnte sich völlig zurückziehen. Er kann sich auf niemand freuen, wird leicht mutlos, wird wie gelähmt. Er hat niemand, auf den er sich verlassen kann und erlebt sicher wenig Freude. Vielleicht wird er auch rücksichtslos und angriffslustig und fängt an, andere zu hassen.

Selbst gebildete Menschen gehen manchmal in das Lager der Totalitären über, weil sie hoffen, unter Parteigenossen und Gesinnungsfreunden etwas Gemeinschaft zu erhaschen und aus dem großen Meer der alltäglichen Einöden und des Lebensüberdrusses aufzutauchen. Selbst die Massen auf dem Sportplatz sind einsam. Auch in der Reiselust, dem Motorsport, der Touristik können wir die Sehnsucht der Menschen finden, aus der alltäglichen Entfremdung in eine bessere Umgebung zu kommen, „unter Menschen“ zu kommen.

Spottend hat man darauf hingewiesen, daß es in der Zeit des Nationalsozialismus weniger neurotische Erkrankungen gab, weil alle Leute mit etwas beschäftigt waren; im Krieg ging die Selbstmordrate zurück. Aber man übersieht dabei, daß der Mensch nur umso einsamer ist, wenn der Rausch oder die Einbildung verflogen ist. Nirgends ist man so einsam, als wenn man mit Tausenden auf einem Platz versammelt ist und plötzlich merkt, daß man eigentlich mit keinem der Umstehenden innerlich etwas gemeinsam hat. Man kann die Einsamkeit des Menschen wohl tarnen, aber man kann ihr auf die Dauer nicht entrinnen.

Der heutige Mensch hat auch einen Hang nach bildhafter Verbindung und Teilhabe. Das enorme Bedürfnis nach Rundfunk und Fernsehen ist eine Form der Gemeinschaftssuche. Man möchte einbezogen werden in den allgemeinen öffentlichen Kreislauf des Wertens und Würdigens. Man möchte sehen und gesehen werden. Selbst der Selbstmörder klettert gern auf einen Turm, um unter den Augen vieler Menschen herabzuspringen, um noch in der Stunde des Todes wirklich einmal als Mensch und als Ich gesehen zu werden.

Durch unsere Umwelt werden wir immer wieder gezwungen, uns neutrale sachlich und auf Abstand zu verhalten. Irgendwie sind wir innerlich mehr oder weniger verkrampft, mehr als wir selbst oft möchten. So bleiben weite Gebiete unsres Inneren unbefriedigt und müssen verdrängt werden. Oft verkriecht sich der Mensch dann ganz in sein Berufsleben, auf der Flucht vor der Einsamkeit. Nur noch selten trifft man jemanden, der unmittelbar reagiert („spontan“), der sich ganz persönlich und herzlich gibt und eine Wärme des Vertrauens ausstrahlt.

Die Einsamkeit des Menschen kann nur durch eine endgültige Erlösung befriedigt werden. Einsamkeit und der sich daraus ergebende Tätigkeitsdrang sind nichts anderes als das Heimweh des Menschen nach Gott und seiner Fülle. Der Mensch möchte vom Alltag entrückt werden, aber es fehlt ihm das religiöse Element. Ein Mensch mag zum Beispiel in einer Gefängniszelle schwer leiden. Sieht er aber die Ewigkeit vor sich und lebt im Bewußtsein der Gegenwart Gottes, so steht er nicht vor dem Nichts und leidet nicht absolut.

Fühlt sich der Mensch aber als ein Stück Materie oder ein hochentwickeltes Tier, dann fühlt er sich als Affe hinter Gittern und dann ist seine Gefangenschaft absolut. Für den Lehmkloß ohne den Hauch Gottes ist das Leben im Grunde wertlos, solange er nicht von außen her bewegt wird. Die Nazis zogen daraus die Forderung, solches „nutzloses Menschenmaterial“ zu töten.

Die Bibel vermittelt uns ein anderes Bild des Menschen und seiner Beziehungen zum Mitmenschen. Einige Kernstellen sind:

1.Mose 2,18: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei!“ Nicht nur Mann und Frau, sondern auch der Mensch allgemein ist auf das Du angelegt und in der Auseinandersetzung mit ihm wächst das Ich. Eine Störung im Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf stört auch das Verhältnis zwischen den Geschöpfen. Der Mensch ist nur ganz er selbst, wo er aus der Beziehung zu Gott lebt, und nur von daher ist er in der Lage, Mitmensch zu sein.

Matth 9,27: Umgekehrt können wir nur aus der Erfahrung menschlicher Beziehungen nachdenken über das Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Was Liebe und Vertrauen, Zuwendung und Angenommensein, Geborgenheit und Hingabe ist, erfahren wir von klein auf, ehe wir noch von Gott wissen. Durch das Abbild unserer Eltern zeigt Gott, wie er sich den Menschen zuwendet, sie liebt und annimmt. Jesus hat das beispielhaft gezeigt in der Zuwendung zu den Kranken.

1.Kor 12,12-31:  Der Einzelne ist gemeinschaftsfähig, wenn er erkennt, in welchem Geflecht von Abhängigkeit und Beziehung er steht, so wie ein Leib mit seinen Gliedern. Jeder ist auf andere angewiesen und sie auf ihn. Gemeinschaftsfähigkeit setzt Selbstannahme, Bejahung des anderen und das Wissen um Angenommensein voraus.

Gal 6, 1-5: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!“ Dem Zuspruch, daß Gott auf die Grundbedürfnisse des Menschen eingeht, folgt die Aufforderung zu brüderlichem Verhalten. Nur wenn einer die Last des anderen mitträgt, wird die Einsamkeit überwunden.

 

Allerdings wäre es auch nicht recht, die Disziplin der technischen Welt über Bord zu werfen. Der Mensch braucht Formen und den Zwang der Umstände, um vor sich. selbst geschützt zu sein. Es ist gut, wenn der Mensch zur Selbstkontrolle gezwungen wird, damit er die blanke Willkür verlernt und vielleicht auch die mißverstandenen Ideale der französischen Revolution. Das Recht auf Gleichheit bedeutet nicht ein Recht auf sich Gehenlassen.

Anliegen der Christen sollte es sein, Vertrauen und echte menschliche Beziehung zu gründen, frei und gelöst und vertrauenerweckend mit dem Mitmenschen umzugehen. Oft verkehren wir nur noch an den Randzonen des Wesens miteinander und sind nicht mehr fähig zu wirklicher Gemeinschaft. Wir müßten uns in eine Zone des Vertrauens einüben. Es bedarf der Hinwan­der­ung der Kirche und Gläubigen zu allen Einsamen der Welt.

Vielleicht wird uns die vermehrte Freizeit die Möglichkeit zu einer neuen Bemühung um den Nächsten eröffnen, der es um nichts geht als um Freundschaft, und zwar in den Gefängnissen genauso wie in den Altersheimen.

Wer es lernt, die Dinge um sich her im Lichte der Erlösung zu sehen, der wird gewiß ein heiterer Christ, dessen Generalbaß am Grunde der Seele nicht auf Verzweiflung, sondern auf Hoffnung gestimmt ist.

Damit könnte auch dem übermäßiger Einsamkeitsgefühl gesteuert werden. Dann könnte man vielleicht auch eines Tages immer mehr Menschen begegnen, die sagen: „Wunderbar, ich habe heute nichts zu tun, ich bin ganz allein, da kann ich mich wirklich meiner Muße hingeben!“

 

 

 

 

Gemeinschaft: Lieber gemeinsam als einsam

 

In einem Zirkus war ein Elefant bösartig  geworden. Dreimal in der Woche hatte er versucht, den Wärter umzubringen. Daraufhin ordnete man an, er müsse getötet werden. Als es aber fast schon so weit war, kam ein kleiner unscheinbarer Mann und sagte: „Lassen sie mich in den Käfig, und ich werde ihnen in zwei Minuten beweisen, daß der Elefant nicht bösartig ist!“ Er ging zu dem Elefanten und sprach in liebevollem Tonfall auf ihn ein. Dann ließ sich der Elefant tätscheln und schließlich sogar am Rüssel herumführen, so wie früher. Der Direktor fragte den Mann, wie er das nur fertiggebracht hat. „Ich habe auf Hindustani mit ihm geredet. Diese Sprache kennt er von klein auf. Er hat sie nur lange nicht gehört. Deshalb bekam er Heimweh und wurde so bösartig. Aber jetzt wird es wieder gut mit ihm gehen!“ Der Elefantenbändiger war der berühmte englische Schriftsteller keul Rudyard Kipling (erzählt von Pulton Oursler).

Auch Menschen fühlen sich einsam und unverstanden, wenn sie etwa als Ausländer in ein Land kommen, dessen Sprache sie nicht sprechen. Aber auch wenn man die gleiche Sprache spricht, kann man sich manchmal nicht verständlich machen: man versteht nur „Bahnhof“, weil der andere nur „chinesisch“ spricht. Wenn sich einer aber nicht gut ausdrücken kann, dann gilt es, besonders aufmerksam zuzuhören, damit man heraushört, was er meint, was ihn freut und was ihm weh tut.

 

Außenseiter:

Wenn ein Mensch nicht die nötige Zuwendung erfährt, wird er leicht zu einem Einzelgänger und Außenseiter. Wir können uns zwar nicht vorstellen, daß jemand aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird, weil er den Beruf eines Zöllners hat (vgl. Mk 2,16: „Es setzten sich viele Zöllner und Sünder zu Tisch mit Jesus“). Wir empören uns auch gegen die Rassentrennung, wie sie in manchen Ländern geübt wird. Aber auch bei uns gibt es Außenseiter.

Vielleicht sind wir selber schon einmal an den Rand einer Gruppe von Menschen geraten. Wir fühlten uns selbst auf einmal als nicht mehr dazugehörend und fremd. Aber wir haben auch selber nicht die Spannkraft, uns auf Dauer und einem Menschen zuzuwenden, der nicht unseren Vorstellungen entspricht. Wir sehnen uns nach Gleichklang und Harmonie, und das läßt sich leichter erreichen, wenn dieser oder jener nicht mit dazugehört.

Jede Gruppe entwickelt Normen und Wertvorstellungen. Je stärker das Zusammengehörigkeitsgefühl ist, umso verbindlicher werden diese Normen für den einzelnen. Wenn ein Gruppenglied diesen Normen in wesentlichen Punkten nicht entspricht, ist es ein Außenseiter.

Immer wenn ein Neuling  in eine Gruppe kommt und andere Verhaltensweisen praktiziert, wird der Kreis beunruhigt sein. Diese In-Frage-Stellung kann aber auch der Gruppe helfen, Selbstverständlichkeiten neu zu bedenken. Oft wird sie aber auch versuchen, den Außenseiter einzuschmelzen oder ihn hinauszudrängen.

Jede Gruppe stellt ja ein ganzes Spektrum von Typen dar. Am meisten gefährdet sind die Gruppenmitglieder an den Rändern. Die „Intellektuellen“ fühlen sich nicht verstanden oder haben andere Interessen. Die „Minderbegabten“ wollen durch Stören auffallen und dadurch Anerkennung finden. 

Besonders schwierig wird es, wenn einer wegen eines körperlichen Gebrechens oder einer besonderen äußeren Auffälligkeit zum Außenseiter wird. Man ist unsicher, wie man mit ihm umgehen soll, und macht ihn leicht zum Sündenbock: Man sollte dann gerade Aufgaben übertragen, durch die er sich Achtung und Ansehen in der Gruppe erwerben kann.

Der positive Außenseiter Jabez:  1.Chron 4,9-10 )

 

Haß:

Den höchsten Grad des Widerwillers stellt der Haß dar, der letzten Endes auf die Vernichtung des Gehaßten gerichtet ist. Haß ist eine Waffe. Wer sie verwendet, muß das wissen.

Dazu zwei Beispiele. In dem ersten ist eine Person als Zielscheibe des Hasses gewählt. Im zweiten Beispiel richtet er sich gegen die bürgerliche Gesellschaftsordnung:

 

1. Kurz nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke erhielt er Briefe: „Die Kugeln waren viel zu schade für Dich. Der Mann hätte besser zielen müssen, dann wäre wenigstens ein Schwein weniger auf der Welt!“ - „Hoffentlich krepierst du Mistvieh bald. Solche Penner, wie Du bist,

gehören in den U-Bahn-Schacht getrieben und dann zugeschüttet!“ - „…. es ist sehr schade, daß Du Halunke nicht krepiert bist, denn Gesindel eures Schlages müßte reihenweise mit dem MG abgemäht werden!“

 

 2. In Halle erschien zur DDR-Zeit ein Gedicht in einer Zeitung:

„Haß! Schreit doch den Haß in jede Wohnung,

lernt doch zu hassen ohne Schonung.

Haß! tragt ihn hinein in die stillen Gassen,

lehrt auch die Blumen, heiß zu hassen.

Haß! Allerort und in jeder Stunde,

Haß auch in trauter Kaffeerunde.

Haß! Kehre in meine Feder wieder,

werde das Lied jetzt aller Lieder.

Haß? Und keine Liebe? - Keine Liebe! 

Haß nur übt Vergeltung. - Ü b e !

Haß! Und es erhebt sich in heißem Hasse      

gegen den Klassenfeind die Klasse“..

 

Welchen Eindruck machen solche Ausbrüche auf uns? Was empfinden wir gegenüber den Leuten, die so aggressiv decken? Wie würden wir sie charakterisieren? Ist Haß immer negativ?

(Vgl. Amos 5,15; Röm 12,9).

Verhaltensforscher haben festgestellt, daß wir durch eine Überfütterung von Reizwirkungen viel stärker aggressionsanfällig geworden sind. Manche Sache bringt uns schneller auf die Palme. Eine Propaganda, die an den Haß appelliert, ist ungleich erfolgreicher als der Versuch, freundschaftliche Gefühle zu wecken. Das menschliche Herz ist eben zum Haß viel bereiter als zur Freundschaft. Das mag auch damit zusammenhängen, daß man unbewußt fühlt: ein anderer hat sich die guten Dinge besser zu sichern gewußt als man selbst (nach Bertrand Russel).

 

Jeder ist sich selbst der Nächste!

Wenn es irgendwo nicht klappt, sollte man natürlich zuerst die Schuld bei sich selbst suchen, weil er sich selbst der Nächste ist. Aber wenn man nur mit sich selbst beschäftigt ist, merkt man den Kummer des anderen nicht. Und noch weniger ist man bereit, ihn tragen zu helfen. Mancher sagt: Warum helfen? Mir hilft ja auch niemand!

1. Jugendlicher steht in der Bahn nicht vor einem älteren Menschen auf.

2. Zuhause tut man nur das, was die Eltern ausdrücklich verlangen.

3. Ein fleißiger Schüler will nicht belohnt werden durch Förderungsaufgaben.

4. Die Gemeindeschwester ist für die Kranken zuständig, nicht ich.

5. Der Schwächere in der Arbeitsgruppe soll sehen, wie er zurechtkommt.

6. Wer sich mit Helfen aufhält, erleidet eine Lohneinbuße (Leistungslohn!).

7. Andere helfen ja auch nicht freiwillig nach Feierabend.

8. Andere verraten mir ja auch nicht die Tricks, durch die Arbeit leichte

 

Hinter dieser Haltung mangelnder Hilfsbereitschaft stehen Trägheit, Bequemlichkeit, Gedankenlosigkeit. Dahinter kann auch der Vorwurf stehen: „Niemand kümmert sich um mich!“ Vielleicht ist es auch nur der  egozentrische Trieb: „Ich muß sehen, daß ich zu etwas komme!“Aber auch Müdigkeit und enttäuschte Hilfsbereitschaft können eine Rolle spielen (Hilfe abgeschlagen oder ausgenutzt oder selbstverständlich hingenommen).

 

Gemeinschaft ist eine Gabe:

Jeder Mensch hat in seinem Leben unendlich viel Liebe erfahren. Schon das kleine Kind braucht Hilfe  sonst wäre es nicht am Leben geblieben. In der Berufsausbildung sind wir angewiesen auf das helfende Erklären und Eingreifen des Ausbilders und der Kollegen. Jeder Arbeitende ist nur ein Glied in der Kette helfender Mitarbeiter. Wir sind nur Mensch, weil wir Mitmenschen haben.

Wir brauchen den anderen auch, um Klarheit über viele Fragen zu bekommen. Wir brauchen ein Echo für das, was uns beschäftigt, für unsre Fröhlichkeit und das Bedrückende. Wie lange könnten wir uns wohl ein Leben als Robinson vorstellen? Jeder kennt Beispiele, wie ihm die Gemeinschaft einmal in einer Sache geholfen hat. Gibt es überhaupt Menschen, die nicht zur Gemeinschaft „veranlagt“ sind? Gewiß kann es manchmal auch gut sein, wieder für sich allein zu sein. Aber auf Dauer brauchen wir den lebendigen Kontakt mit anderen. Gerade wer einer Hang zum Für-sich-sein hat, braucht die Korrektur durch die Gemeinschaft. Diese macht es auch möglich, daß man für andere da sein darf.

Wer in seinem Leben die helfende  Gegenwart Gottes erfahren hat, der wird ganz von selbst anderen helfen wollen. Nur über den Nächsten  können wir zu Gott kommen, denn Jesus sagt: „Was ihr getan habt einem unter diesen meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan!“  Schon am Anfang der Bibel wird deutlich gemacht, daß der Mensch auf Gemeinschaft hin angelegt ist (1.Mose 2,18ff). Die Tiere sind kein Partner für den Menschen, bei der Verleihung der Namen stellt sich kein Erfolgserlebnis ein, von den Tieren her erfolgt kein Echo. Gott hat auch Mann und Frau in ihren Anlagen unterschiedlich und zum Teil sogar gegensätzlich geschaffen. Aber der Mensch erkennt doch seine Einheit („Bein von meinem Bein“) und die große Bereicherung seines Lebens. Wenn man allerdings mit anderen zusammenleben will, muß man auch bestimmte Regeln einhalten. Gemeinschaft kann nur bestehen, wenn jeder sich einordnet.

 

Was macht das Miteinander so schwer?

1. Vorurteile: Wir betrachten zehn Bilder von Menschen. Acht davon sollen wir zu unsrer Geburtstagsfeier einladen und in guter Tischordnung an den Tisch setzen. Dabei kann man nur nach den Bildern gehen und wird natürlich vielen Vorurteilen erliegen. Vor allem muß begründet werden, weshalb zwei Personen ausgeschlossen werden.

Vorurteile hat man besonders gegenüber einem „Neuen“". Das zeigt besonders  „Eine Schulgeschichte“: Holger kommt mit der Oma zur Schule, hat rote Ohren, kann nicht so schnell klettern, sieht so doof aus. Aber auf einmal merken die andern: Er ist ja ganz anders!

2. Cliquenwirtschaft: Wenn sich eine Gemeinschaft in mehrere Cliquen aufspaltet, ist sie gefährdet. Die Cliquenmitglieder verfolgen eigene Sonderziele. Meist sind es aber oberflächliche gemeinsame Neigungen und ihre Werte sind Scheinwerte. Oftmals ist das Ziel nur die Zerstörung bestimmter Sachwerte, die der Einzelne nie vorgenommen hätte. Eine Clique braucht ein positives Ziel, das der Allgemeinheit dient, und sie muß offen sein für einen „Neuen“.

3. Ehrgeiz: Einer freut sich, weil er etwas besser gekonnt hat als die anderen. Diese aber ärgern sich darüber. So sprengt ein Streber die Gemeinschaft.

4. Sympathie und Antipathie: Einen Menschen kann man von vornherein leiden, den anderen nicht ausstehen. Können wir das überwinden? Können wir ihn doch wieder in die Gemeinschaft eingliedern? Wer hat es schon einmal versucht? Lies: „Sie kann ich nicht leiden“, aus: Tagebuch der Anne Frank

4. Rechthaberei: Jeder Mensch macht sein Recht geltend und hat auch ein gewisses Recht dazu. Die Frage ist nur, welche Ansprüche die dringendsten sind und wer das größte Recht darauf hat. Man muß auch einmal auf sein gutes Recht verzichten können, ohne dabei gleich den Märtyrer spielen zu müssen. Jede gute Lebensgemeinschaft erfordert eben Rücksicht­nahme und Verzicht. Andernfalls wird das Recht zur Rechthaberei. Dann sucht man nicht die Wahrheit, sondern will das letzte Wort behalten. Besser ist es, wenn man gelernt hat, die Wahrheit in Liebe zu sagen.

5. Einzelgängertum: Es gibt Menschen, die sind von sich aus menschenscheu und wollen gar keiner Anschluß suchen. Meist liegt das aber an einer Fehlentwicklung in ihrem Leben, wenn sie sagen „Ich bin nun einmal so“ oder: „Ich bin so hoffnungslos allein!“ Hier bedarf es großer Liebe der Gemeinschaft, damit er wieder Vertrauen faßt

 

Liebe heißt: herausfinden, was der andere braucht!

Liebe fällt einem nicht mit 13 oder 15 Jahren plötzlich in den Schoß, sondern sie zieht sich durchs ganze Leben. Im Lieben muß man sich auch üben, man lernt immer wieder dazu und kann immer wieder neue Möglichkeiten entdecken.

Wir betrachten verschiedene Bilder, auf denen Menschen zu sehen sind, die Liebe brauchen. Wir stellen die Frage: Was würde diesem Menschen gut tun und was braucht er?

Baby  Milch, trockene Windeln, frische Luft, Wärme, Liebe der Mutter.

Mädchen mit Ball: Spielkameraden, Menschen, die sehen, was sie braucht.

Afrikanische Schulklasse: Lehrer, Ärzte, Facharbeiter, Techniker, Maschinen.

Großmutter:  Besuche und Briefe von Kindern und Enkeln, praktische Hilfe.

Sportler: Helfer, Tröster, Mut; Mensch, der seine Situation erkennt und versteht

Lehrling: einer der Arbeit und Handgriffe zeigt, mit Geduld, ohne auszulachen.

Krankes Mädchen: Besuch, Bücher, Spiele, Blumen, Saft, frische Wäsche.

Mädchen und Jungen: alles, was für die anderen sieben nötig war.

Weitere Beispiele: Verkäufer, Spielgegner, Verkehrsteilnehmer, Schauspieler.

 

Jesus lebte uns diese Liebe vor. Diese Liebe ist mehr als nur Mitmenschlichkeit, sie ist in der Liebestat Jesu begründet. Um Jesu willen praktizieren wir  sie in der Welt und geben damit Zeugnis für den lebendigen Herrn. Christen werden in ihrem Glauben nur dann ehrlich leben können, wenn sie herausfinden, was dem anderen gut tut. Aber nicht nur herausfinden, sondern auch tatsächlich tun. Das heißt: In der Liebe Christi leben!

Wer herausgefunden hat, was der andere braucht, für den gilt dann auch: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses!

 

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses (Entscheidungssituationen)

I.  Auf einer Mädchenrüstzeit entdeckt Gisela plötzlich, daß ihre Geldtasche mit Inhalt verschwunden ist. Am Tage zuvor hatte die Gruppe einen Ausflug gemacht. Nur Gerda und Ingrid sind zu Hause geblieben. Plötzlich taucht der Verdacht auf: Wenn nur nicht eine von den beiden es genommen hat? Beim Abendessen platzt Bärbel heraus: „Bestimmt war es Gerda oder Inge!“ Die Leiterin wehrt dieser Verdacht sofort ab: Man dürfe nie einen Menschen vorschnell verdächtigen. Am nächsten Morgen liegt im Tagesraum ein Zettel: „Wir sind heute mit dem Bus 6 Uhr nach Hause gefahren! Da ihr uns doch alle für Diebe haltet. Gerda. Inge!“ Was soll die Leiterin tun?

 

II. Seit zehn Wochen liegt Elkes Mutter im Krankenhaus. Jetzt soll sie endlich Mittwoch in einer Woche wieder entlassen werden. Der Vater und die Kinder planen ein richtiges Empfangsfest. Am Freitag aber erfährt Elke: Gerade an diesem Mittwoch soll der Schwimmwettbewerb für den Bezirksausscheid sein. Elke ist eine gute Schwimmerin und die Staffel setzt große Hoffnungen in sie. Die Trainerin hat gesagt: „Du weißt, wie wir dich brauchen. Aber ich kann dir keine Vorschriften machen. Frag den Vater!“Der Vater sagt: „Ja, dann fällt unser Empfang ins Wasser, denn wir müssen die Mutter noch sehr schonen, sie muß früh ins Bett. Und den Tag darauf kann ich nicht. Ich will dir deine Aussichten beim Schwimmen ja nicht verderben. Das mußt du selbst entscheiden!“

 

III. Heinz verspricht seinem Freund Fritz: „Ich sag bestimmt nichts!“ Fritz war bei einer dummen Sache im Ostseestadion in Rostock beteiligt. Er hat auch eine Mark gegeben, als Knallkörper gekauft wurden. Geworfen hat er sie nicht selber. Aber sie haben sich schnell verdrückt, als sie merkten, da ist etwas schief gegangen. „Auf mich kannst du dich verlassen“, sagt Heinz noch einmal, „ich habe noch keinen Freund verraten!“ Aber am nächsten Tag liest er in der Zeitung: Am Mittwoch gegen 12.45 Uhr wurde unmittelbar auf dem Treppenaufgang des ersten Aufgangs ein Kind durch einen Knallkörper verletzt, so daß es Brandwunden im Gesicht

und an der Hand erlitt. Die Folgen sind bisher nicht abzusehen. Der Knallkörper wurde von Jugendlichen geworfen, welche sich zu diesem Zeitpunkt dort aufhielten. Wer hat zur obengenannten Zeit Jugendliche an diesem Eingang gesehen. Meldungen nimmt jede Polizeidienststelle entgegen!“ Gilt jetzt auch noch das gegebene Versprechen?

 

IV. Christa und Lutz sind seit einem Jahr befreundet. Lutz ist 15 Jahre, Christa ist gerade 14 geworden. Lutz geht zu den Jugendabenden der Kirche. Christa kennt das alles nur aus dem, was Lutz sich davon zu erzählen bequemt. Nun aber hat er Christa überredet, im Sommer mit

zu einer Rüstzeit zu kommen. Sie finden auch eine, die ihnen zusagt: 15 bis 17 jährige Jungen und Mädchen, zehn Tage im August. Aber Christa ist ja erst 14 Jahre alt. Was sollen sie tun?

1.Christas Geburtsdatum bei der Anmeldung etwas früher verlegen?

2. Mit dem Leiter reden, obwohl der sehr korrekt ist in solchen Dingen und von „Pärchen­wirtschaft“ auf Rüstzeiten nichts hält?

3. Bis zum nächsten Jahr warten? Aber wer weiß, was bis dahin ist?

 

V. Matthias (10 Jahre alt) und Volker (8 Jahre alt) haben in der Nachbarstadt den Bus verpaßt. Eine Bahnverbindung gibt es nicht. Sie versuchen ein Auto anzuhalten, das sie mitnehmen könnte. Endlich, nach 45 Minuten hält ein Kleinwagen, der aber nur noch einen Platz freihat. Was sollen sie tun?

1. Der jüngere Volker fährt mit, um die Eltern zu benachrichtigen

2.Aber dann ist Matthias allein und es wird schon dunkel

3. Sollen sie das Auto fahren lassen und auf ein anderes warten?

Alles muß blitzschnell entschieden werden, denn der Autofahrer hat nicht lange Zeit und sagt: „Das müßt ihr nun selber wissen!“

 

VI. Müde kommt der Vater von der Arbeit zurück. Er hatte heute viel Ärger im Betrieb und sieht abgespannt aus. Die Mutter merkt es sofort, als sie ihm die Tür öffnet. Eigentlich hatte sie vor, ihm den Streit mit der Nachbarin, der sich gerade erst heute nachmittag ereignet hatte, zu erzählen. Gerade jetzt fallen ihr die kränkenden Worte wieder ein. Wie hatte es sich eigentlich zugetragen? Trotz des Verbots hatte Herbert wieder einmal auf dem Hof Fußball gespielt und die Warnung der Nachbarin mit einer frechen Bemerkung abgetan. Kurz darauf klirrte dann eine Scheibe - ausgerechnet bei der schon verärgerten Frau Neumann. Gleich danach klingelte es an der Wohnungstür, und die Mutter wurde von Frau Neumann mit Vorwürfen überschüttet. Was sie alles zu hören bekam: keine Erziehung, kein Respekt vor alten Leuten, Ungehörigkeit und noch vieles mehr.

Und das alles käme nur daher, weil sie viel zu wenig zu Hause wären und sich nicht genügend um den Jungen kümmerten.  Alle Mieter hatten die Szene mitgehört. Sollte sie dem Vater alles berichten und ihn auch noch damit belasten? Aber es geht doch um die Erziehung der Kinder.

 

VII.  Aus einer Möbelfabrik kommen zwei Arbeitskollegen und unterhalten sich:

Otto: Heute kam eine Reklamation von der Berliner Firma. Zwei Waggon Anbaumöbel Typ 6 wurden zurückgeschickt.

Fritz: Was hat denn die Firma schon wieder beanstandet? 

Otto : Die Türen sollen klemmen, weil schlechtes Material verwendet wurde!

Fritz: Ach, das ist die Sendung, das wußte ich gleich. Da mußte ja eine Reklamation kommen, denn das Holz war feucht.

Otto :Warum hast du da nichts vorher gesagt?

Fritz : Ich habe es damals dem Vorarbeiter gemeldet, aber er bestand darauf, daß wir das Material weiter verarbeiten.

Otto: Warum hast du es nicht weitergemeldet? Der Vorarbeiter ist doch nicht die letzte Instanz. Denke doch einmal an den Schaden, der nun entstanden ist - schon allein durch die Frachtkosten, Materialaufwand und die umsonst geleisteten Arbeitsstunden.

Fritz: Ich mische mich doch da nicht rein und habe am Ende noch dadurch Unannehmlichkeiten.

 

IIX. Hans-Joachim befindet sich auf dem Heimweg: „Ein Glück, daß ich jetzt Feierabend habe. Das Bier zusammen mit dem Kollegen war mal wieder ein vernünftiger Auftakt für den Abend! Mensch, was ist denn da vorn los? Verkehrsunfall? Sieht ja beinahe aus wie Helmuts Wagen - um Gottes Willen! Vor einer halben Stunde haben wir noch zusammen in der 'Alten Münze‘ Bier getrunken....Ich hätte ihn lieber in seiner Absicht, nur Kaffee zu trinken, bestärken sollen! Ich wußte doch, daß er noch nach Dresden will. Aber die Kollegen hänseln gerne einen mit ‚Schwächling, Spielverderber‘‘, wenn man nicht mitmacht! Da schweige ich lieber. Hoffentlich ist Helmut nichts passiert! Außerdem ist er ja volljährig und muß wissen, was er tun darf und was nicht. Sonst hält er mich noch für seine Amme, die ihn bevormunden will. - Gott sei Dank! Es ist nicht Helmut, er hat eine andere Nummer. Hoffentlich kommt er gut nach Dresden. Der Schreck ist mir ganz schön in die Knochen gefahren. Wenn Helmut was passiert wäre, hätte ich da nicht genauso Schuld?“

 

Wie kann Gemeinschaft wieder neu werden?

Viele Dinge können nie wieder so werden wie früher. Wenn eine Freundschaft oder eine Ehe erst einmal zerbrochen ist, dann bleibt doch etwas zurück. Man kann versuchen, allerhand psychologische Regeln zu beachten, um eine Gemeinschaft zusammenzuhalten: gemeinsame Verpflichtungen, Wettstreit mit einer anderer Gruppe, Andersartigkeit eines Einzelnen als Beitrag zur Stärkung der Gruppe einsetzen, usw. Aber wirklich neu werden kann die Gemeinschaft nur, wenn man in dem anderer den Bruder sieht, wenn man weiß: Er ist auch ein Kind Gottes und wie ich ein Bruder Jesu Christi.

Aber die anderen, die Christus nicht kennen wollen, beschämen uns oft durch die Festigkeit ihrer Gemeinschaft. Es gibt auch Gemeinschaft zwischen Christen und Urgläubigen (etwa im Kampf um hohe Ideale). Ist die Gemeinschaft der Christen untereinander da wirklich besser?

Eine Sekretärin  berichtet: Seit fast zwei Jahren arbeite ich in einem größeren Büro. Ich bemühe mich, ein Christ zu sein. Von meinem Abteilungsleiter weiß ich, daß er auch sonntags in die Kirche geht. Aber wir kommen nicht miteinander aus. Er ist unberechenbar, um nicht zu sagen: ekelhaft! Jeden Morgen muß ich mit neuer Überraschungen rechnen. Und immer schiebt er die Schuld auf mich. Wie lange soll ich mir das noch gefallen lassen? Erst sagt er: „Mit dem Brief hat es noch Zeit!“ Dann schreit er mich an: „Warum ist der Brief nicht längst erledigt?“ Das soll einem nicht über die Hutschnur gehen! Verlangt Gott wirklich von mir, daß ich ihm vergebe, nur weil er auch in die Kirche geht?

Ein Oberschüler fragt: Wie lange läßt Gott sich das von mir gefallen? Ich möchte gerne so sein, wie Christus uns haben will. Aber ich schaffe es nicht! Es handelt sich um meiner Vater. Er geht regelmäßig zu den Männerabenden und zum Gottesdienst. Aber wie er mich manchmal behandelt! Gestern kam ich mit einer zwei nach Hause, die ich mit großer Mühe geschafft habe. Aber er sagte nur: „Du hättest es auch mit der 1 machen können!“

Als ich nach dem Abendessen noch zu meinem Freund wollte, verbot er mir es einfach, denn es käme doch nichts Gescheites dabei heraus. Das ging mir über die Hutschnur. Ich fiel ihm ins Wort und der Krach war fertig. Wer kann denn ruhig bleiben - vergeben, wenn... Obwohl mir doch Gott noch viel mehr nachzusehen hat!..

 

Petrus stellt Jesus einmal die Frage (Mt 18,21-35): „Wie oft muß ich  vergeben? Genügt es, wenn ich einem siebenmal in der gleichen Sache vergebe?“ Und Jesus antwortet ihm: „Sieben mal siebzigmal sollst du vergeben!“ d.h. unbegrenzt oft.

Dem Petrus ist es sicher unheimlich geworden mit wem sich Jesus alles einläßt. Und weil Petrus zu ihm gehört, soll er sich wohl auch mit diesen Heruntergekommenen abgeben? Diese ewige Nachsicht ist strapaziös und geht auf die Dauer auf die Nerven. Irgendwo muß doch eine Grenze sein. Danach fragen ja auch die Sekretärin und der Schüler. Sie wissen, daß zum Christsein das Vergebenkönnen gehört. Aber man muß doch auch einmal den Verkehrten ihr Unrecht vorhalten, sonst können die sich doch gar nicht ändern!?

Petrus möchte die Schuld ja auch gar nicht löschen, sondern nur einstweilig übergehen. So ist das in unsrer Welt üblich: Da wird bestenfalls gestundet, verziehen, aber nicht vergessen. Jesus aber möchte uns in eine andere Welt versetzen, in die Welt Gottes. Daß Gott anders ist, macht er mit dem Gleichnis vom Schalksknecht deutlich.

Wir haben alle bei Gott eine riesige Schuld. Denken wir nur einmal daran, was wohl alles dazugehörte, wenn wir in den letzten Monaten einmal schonungslos Tagebuch geführt hätten! Gott muß uns täglich viel vergeben. Mit dem Blut seines Sohnes hat er unsre Riesenschuld ausgestrichen und uns total vergeben. Gott und Mensch lebten ursprünglich in Gemeinschaft miteinander. Dann aber sagte der Mensch seinem Gott den Gehorsam auf und wählte sich der Satan zum Anführer in seinem Aufstand gegen Gott. Aber Gottes Liebe zu den Menschen ließ sich dadurch nicht erschüttern. Er will die Hand zur Versöhnung bieten und will, daß der Mensch wieder sein Freund wird.

Vergebung ist aber wie ein Stafettenstab: Sie will an den Nächsten weitergereicht werden. Wer den Stab selbst behält, verliert das Rennen, weil ihm bald die Puste ausgeht. Vergebung heißt: Wie du von Gott kommst, so gehe zu deinem Bruder hin!

Das gilt auch für die Sekretärin: Der innere Partisanenkrieg mit dem Abteilungsleiter muß aufhören. Wie soll zwar nicht alles schlucken; sie darf es ihren Vorgesetzten schon in geeigneter Weise wissen lassen, wenn er ihr Unrecht tut. Aber aus ihrem Verhalten muß der andere merken, daß sie ihm letzten Endes die Vergebungshand nicht entzieht. Wie lange soll sie sich alles gefallen lassen? So lange, wie Gott sich das mit uns gefallen läßt!

 

Mit einigen guten Vorsätzen allein ist es allerdings nicht getan. Zwischen unserem Wollen und unserem Tun besteht ein merkwürdiger Abstand, ja manchmal sogar ein unüberbrückbarer Abgrund. Ein Mann ging einmal als Einsiedler in die Wüste, um seinen Jähzorn zu überwinden. Er wollte den Menschen aus dem Weg gehen, weil sie ihn immer wieder zum Zorn reizen. Als er eines Tages Wasser holen will, bleibt der Krug nicht unter der Quelle stehen, sondern fällt immer wieder um. Da zerschmettert er ihn zornig an einem Felsen - und merkt gleich darauf:  seinen Jähzorn hat er mitgebracht in die Wüste.

Ein Sprichwort sagt: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert!“ Wenn aus den guten Vorsätzen immer wieder nichts wird, dann wird man leicht mutlos und wirft das Vertrauen weg, daß aus unserem Leben etwas Rechtes werden kann. Das aber arbeitet dem Teufel in die Hände.

 

Wie schwer es mit der Vorsätzen ist, zeigen auch folgende Beispiele:

1. Bärbel will ihr Geld aus der Sparbüchse mit zum Kinderkreis geben, wo Geld für geisteskranke Kinder gesammelt wird. Unterwegs sieht sie, daß es Weintrauben gibt Sie kauft welche von ihrem Geld und sagt sich: In die Kasse kann ich immer noch etwas geben!

2. Uwe hat versprochen, seinem neuen Klassenkameraden Günter bei der Hausaufgaben zu helfen. Der Lehrer hat ihr schon dafür gelobt, daß er dazu bereit war. Aber auf dem Weg zu Günter trifft er ein paar andere, die mit ihm Fußball spielen wollen: „Komm, wir brauchen noch einen Mittelstürmer!“ Uwe denkt: Dem Günter kann ich auch noch ein anderes Mal helfen! und geht mit.

3. Gisela will ihrer Mutter eine Freude machen und die Wohnung schon in Ordnung haben, wenn die Mutter vor der Arbeit kommt. Als schon alles fertig ist und die Mutter schon durch die Haustür kommt, stößt sie an den Blumenhocker, der neue Gummibaum fällt um, die Spitze bricht ab und der Topf zerbricht. Als die Mutter kommt, schimpft sie. Dabei hat Gisela es doch nur gut gemeint.

Uwe hat Günter im Stich gelassen und den Lehrer getäuscht. Bärbel hat sich selbst betrogen (nicht die Leiterin des Kreises), denn es wird ihr nun auch bei wichtigeren Dingen so gehen. Gisela ist ihrem Vorsatz treu geblieben, aber es ging zuletzt doch nicht gut aus; falsch war schließlich, daß sie noch bockig wurde. Um seine Vorsätze wirklich auszuführen, braucht man: Mut, Ausdauer, Geduld, Verzicht, Gehorsam, Lust, Freude, Einsicht in Fehler usw.

Keiner von uns hat all diese Eigenschaften auf einmal.

Nur Christus  kann uns zu solchen Menschen machen, die wirklich gehorsam sind. Wie er das macht, zeigt sein Verhalten gegenüber Petrus, der auch erst gute Vorsätze hatte, nachher versagte und schließlich von Jesus doch wieder in Dienst gestellt wird (vgl. Mk 14,27-31.66-72 mit Joh 21,1-19).

 

Über die guten Vorsätze hinaus braucht man für ein gutes Zusammenleben mit anderer Menschen eine Bruderschaft, wie sie Christus schenkt durch:

1. Gebet: Hier dürfen wir die Dinge vor Gott bringen, mit denen wir allein nicht fertig werden.

2. Beichte :Jeder Christ darf der anderen lossprechen und den Weg zu neuer Gemeinschaft frei machen.

3. Abendmahl: Das Mahl ist „für euch“ gegeben und schafft so die Gemeinschaft zwischen den Menschen.

 

Die Rolle des Gesprächs:

Nur wer miteinander redet, hat Gemeinschaft miteinander. Wenn einer aber alle Brücken zu der Menschen abbricht, dann ist der andere gewissermaßen schon tot für ihn. Um der Gemeinschaft zu dienen, muß man auch manchmal reden (entgegen dem Sprichwort!). Denn die Sprache ist eine Gabe Gottes, die es uns ermöglicht, der Kontakt zu unsrer Umwelt aufzunehmen. Auch das Wort kann mich belasten, das ich nicht gesagt habe. Wenn ich einmal die Gelegenheit verpaßt habe, kann ich das Wort nicht mehr nachholen, weil die gleiche Situation nicht wieder kommt. Es geht immer  um die Frage: Soll man lieber reden oder lieber schweigen?

Grundsätzlich aber gilt: Solange Menschen miteinander reden, schießen sie nicht aufeinander. Wenn man mit dem anderen redet, erkennt man ihn an. Jede Mißachtung aber ist eine Vorstufe des Hasses. Sich mit einem anderen zusammensetzen, auch wenn man sich dabei über die Meinungsverschiedenheiten auseinandersetzt, ist immer der bessere Weg. Manchmal ist es schwer, miteinander ins Gespräch zu kommen. Oft hilft uns dazu eine gesellige Zusammenkunft: eine Geburtstagsfeier, eine Vorführung von Bildern, ein Tanz, die Betrachtung eines Bildes führen oft dazu, daß man sich im Gespräch näher kommt. Insofern steckt in der Geselligkeit auch ein Stück Nächstenliebe.

Selbst mit Andersdenkerden gilt es ins Gespräch zu kommen, zum Beispiel mit Jugendlichen, Gleichgültigen, Sektenanhängern, Andersgläubigen. Es geht aber nicht so, daß man einem Jugendlichen das vierte Gebot vorhält mit der Bibel unter dem Arm oder indem man den Menschen fragt, der um Hilfe bittet: „Wie stehen Sie zu Jesus?“ Etwas mehr Angleichung ist schon nötig, ganz im Sinne des Paulus („Den Juden ein Jude und der Griechen ein Grieche“). Aber es besteht dabei natürlich auch die Gefahr, daß man sich zu sehr angleicht und das Christliche zu kurz kommt.

Es mag sein, daß manchmal ein Gespräch nicht mehr möglich ist und der Dienst der Christen nicht erwünscht ist. Dann kann man vielleicht aber doch noch gemeinsam arbeiten und vielleicht über etwas anderes reden. Bei Jesus haben ja auch Wort und Tat nebeneinander gestanden. Meist ist es aber doch so, daß die Fragen uns von außen gestellt werden, ob wir wollen oder nicht. Dann müssen wir Artwort geben und dürfen keinen schon vorher innerlich abschreiben. Voraussetzung ist allerdings, daß wir selber einen klaren Standpunkt haben.

 

 

Gebet:

Herr Christus, sie reden so viel von den Problemen der Gemeinschaft, aber mir ist das Alleinsein unerträglich schwer. Ich sehe glückliche Menschen um mich her. Sie ahnen nichts von den Dunkelheiten der Einsamen. Sie leben an mir vorbei. ich sehe andere Einsame - wir vermögen uns nicht zu helfen. Dir, Herr, kann ich alles sagen, auch dies. Ich bin voller Sehnsucht und Entbehrungen und verzage oft. Du hast Leben und volles Genüge zugesagt .ich nehme dich beim Wort: Hilf! Amen.

 

 

Barmherzigkeit ist mehr als Nettsein unter Nachbarn und mehr als Rücksichtnahme:

Beispiel:

1. Eine Frau, weit über 70 Jahre alt, wohnt in einem Haus, in dem auf jedem Stockwerk zwei Wohnungen waren. Ihr einziger Sohn war gestorben, der Mann schon lange tot. Die Witwe des Sohnes und deren Kinder wollen aber die alte Frau nicht zu sich nehmen, weil die junge Frau nicht ganz gesund ist. Bei der Frau wohnt noch ein junges Ehepaar mit zwei Kindern. Nach und nach beschlagnahmten sie aber die Küche immer mehr. Schließlich sollte sich die alte Frau eine Kochnische in ihrem Wohnzimmer einrichten und die Küche überhaupt nicht mehr betreten. Man sprach nicht mit ihr und kümmerte sich in keiner Weise um die immer hinfälliger werdende Frau. Dagegen sorgte eine Familie aus der Nachbarwohnung. in selbstloser Weise für die Frau: sie holte Kohlen, kaufte ein, kochte, machte sauber, wusch die Wäsche. Eine Klingelleitung wurde in die Wohnung der anderen Familie gelegt, falls sie wieder einen Herzanfall bekäme und dringend Hilfe brauchte, weil sie dabei öfter aus dem Bett fiel. Erst später, durch Dritte veranlaßt, bekam sie Pflegegeld. Als die alte Frau dann im Krankenhaus lag, war jene Familie oft da. Sie taten mehr als nötig war.

 

2. Während eines Frauenabends sagte eine Teilnehmerin, als über das dritte Gebot  gesprochen wurde: „Ich habe da eine Mieterin, sie ist geschieden, hat zwei Kinder. Die armen Würmer sind den ganzen Tag in der Krippe und im Kindergarten. Und nun stellen sie sich vor: Sonntags, wenn die Glocken läuten, stellt die sich hin und wäscht. Da bin ich an ihr vorbeigegangen und. hab's ihr aber gegeben: „Sie waschen?! Und das am Sonntag! Ich gehe in die Kirche!"

Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit möchten gern zu einer guten Nachbarschaft beitragen. Auch unsere Gesellschaft möchte, daß Miteinander und gute Nachbarschaft gefördert werden. Aber die Bemühungen scheitern vielfach am konkreten Tun und am Verhalten Einzelner.

 

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben“:

Im Hochhaus wohnen viele Menschen für sich. Man hört vielleicht links Kinder schreien,  während es rechts immer still ist. Die in der Wohnung darüber können einen „auf die Palme bringen“: Eben hat man noch die Treppe gebohnert, jetzt kommen die fünf Kinder der Nach­barn mit schmutzigen Schuhen.

In einem Haus soll schon einmal eine Frau nach 14 Tagen tot aufgefunden sein. Man kennt sich zu wenig in der Anonymität der Stadt. Im Dorf ist es noch anders, da kennt jeder jeden. Aber es gibt auch manchen Streit, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Man weiß zuviel voneinander und sieht dem anderen zu sehr in den Kochtopf. Aber es gibt auch eher Konflikte zwischen den Generationen, so daß junge Ehen schon zerbrochen sind oder die jungen Leute anderswohin gezogen sind.

Die Nachbarschaft ist mehr oder weniger eine Muß-Gemeinschaft. Man soll den Nachbarn lieben, aber auch den Zaun nicht einreißen. Wenn einer am späten Nachmittag müde und abgespannt nach Haus kommt, da kann ihn die Nachbarin nicht mit allen Freuden und Sorgen überfallen. Oder es wird aus Bequemlichkeit alles Mögliche geborgt, Geräte, Lebensmittel, sogar Geld. Gegen eine echte Aushilfe in wirklicher Verlegenheit ist nichts zu sagen. Aber man darf das auch nicht ausnutzen.

Früher kamen die Nachbarn oft wegen des  Fernsehens. Heute ist man vielleicht manchmal dankbar, wenn eine alte Frau kommt und sich über den Nähkorb erbarmt oder das Kind ausfährt, aber sie sollte auch nicht zur Unzeit kommen. Das gilt für Nachbarinnen genauso wie

für Verwandte.

 

Barmherzigkeit erweist sich in Mitmenschlichkeit:

Mitmenschlichkeit ist mehr als nachbarschaftliches Verhalten. Wer aus seinem Überfluß an Zeit und Arbeitskraft dem Nachbarn hilft, um sich selber ein gutes Gewissen zu-erschaffen, der übt nur Mildtätigkeit, teilt sozusagen nur Almosen aus. Es ist oft eine unpersönliche und pflichtgemäße Gabe. Das könnte zum Beispiel der Fall sein, wenn die Schwiegertochter doch widerwillig die alte Frau mit in ihre Familie genommen hätte.

Die Familie aber, die geholfen hat, hat seit drei Generationen  keiner  Kirche angehört. Aber sie hatten die alte Frau einfach lieb und wollten ihr helfen. Sie taten es aus Mitmenschlichkeit. Aber als Glaubender wird man sagen, in ihnen war Christus am Werk. Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit begegnen sich in ihrem konkreten Tun und haben dasselbe Ziel: Hilfe von Mensch zu Mensch, die vielleicht auch fähig macht, die Notlage zu überwinden. Warum reden wir aber davon, daß Christen „Barmherzigkeit“ üben sollen  und diese auch höher angesehen wird?

Wir glauben an Gott, der uns in Jesus Christus Barmherzigkeit erwiesen hat. Jesus Christus selber i s t die Barmherzigkeit Gottes mit uns Menschen. Von Jesus heißt es verschiedentlich: „Ihn jammerte...( Mt 9,36; 14,14; 20,34; Lk 7,13). Er half aus irdischer Not. Aber mit der Heilung schenkte er auch das Hei1. Er hat den Weg der Umkehr zum Vater eröffnet. Wem sie zuteil geworden ist, der muß voller Dank von dieser erfahrenen Barmherzigkeit Gottes wei­tergeben  und sich seinen Nachbarn und Mitmenschen zuwenden, ohne ihm lästig zu werden und ohne für sich selber etwas zu erwarten.

Barmherzigkeit hat nicht nur eine Horizontale, sondern sie wird ausgelöst durch eine Vertikale, durch die Verbindung mit Gott. Jesus sagt (Lk 6,36): „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Die Frau aus dem zweiten Beispiel hätte zum Beispiel beim Wäschewaschen  helfen können, um der geplagten Mutter auch den Gottesdienstbesuch zu ermöglichen. Sie hätte sogar einmal auf das verzichten könnet, woran ihr lag (Aber darf man das in diesem Fall?).

In der Erklärung zur vierten Bitte rechnet Luther die getreuen Nachbarn zum täglichen Brot. Wir sind auf sie angewiesen und müssen mit ihnen leben. Wie wir mit ihnen leben, ist nicht, in unser Belieben gestellt, sondern es ist Auftrag Gottes. Ähnlich ist es im Verhältnis zwischen jung und alt.

 

Jung und alt:

Man kann Beispiele freundlicher Rücksichtnahme junger Menschen  gegenüber Älteren beobachten. Zur Rücksichtnahme gehören aber auch das Annehmen der Hilfe, das Dankeschön und das freundliche Wort des Älteren. Auch junge Menschen brauchen oft Rücksicht­nahme. Zur Rücksichtnahme gehört das Wegsehen von sich selbst, die Belange des anderen erkennen und berücksichtigen, bereit sein, einmal auf etwas zu verzichten.

Viele müssen dabei zusammenwirken, dieses einzuüben: Elternhaus, Gesellschaft, Schule, Jugendgruppe, Presse, Funk, Fernsehen, auch die Kirche.

Weil Gott barmherzig ist, will er, daß der nach seinem Bild geschaffene Mensch auch barmherzig. Im Neuen Testamenit erfahren wir Jesus oft als einen Barmherzigen: Lk 10,25ff; Lk 15;  Mt 25,31ff. Er schenkt uns eine Liebe, die über die Grenzen des natürlichen Vermögens hinausgeht.

Übungsfeld für die Barmherzigkeit ist die Familie. Sie zeigt sich gegenüber dem hilfsbedürftigen Kleinkind als auch gegenüber den größeren, besonders wenn sie krank oder behindert sind. Auch ein älterer Mensch könnte dem jüngeren in Wort und Tat Barmherzigkeit

erweisen, mit gleichbleibender Freundlichkeit, Zuwarten, treuer Fürbitte.

Es gilt zuzuhören und nicht vorschnell Ratschläge zu geben, aber schnell zu praktischer Hilfeleistung bereit zu sein. Auch ein Gespräch über Gott kann eine Hilfe sein. Barmherzigsein macht glücklich.

 

 

 

Wahrheit und Lüge

 

In einem alten Film wird ein Mensch gezeigt, der eine Zeitlang jedem die Wahrheit sagt. Die Folge ist ein heilloses Durcheinander, weil man ihm die reine Wahrheit einfach nicht glaubt. Wir sind eben zu sehr auf den Umgang mit Halb- und Unwahrheiten eingespielt. Wir rechnen damit, daß wir angelogen werden, und wir schwindeln kräftig mit, wenn es sein muß.

 

Warum wird so viel gelogen?

1. Wir wollen uns selbst nicht in Schwierigkeiten bringen.

2. Wir sind feige und fürchten die Folgen unseres Tuns

3. Wir wollen angeben und in den Augen anderer etwas gelten

4. Wir waren unüberlegt oder wollten auch nur den anderen irreführen

5. Wir machen Komplimente und sind höflich um eigener Vorteile willen.

 

Immer aber sind wir nicht bereit, die Folgen der Wahrheit auf uns zu nehmen. Eine Lüge aber zieht zwangsläufig die andere nach sich. Lügen haben die Eigenschaft, sich immer mehr zu steigern, bis man nachher nicht mehr herauskommt, es sei denn durch die Wahrheit.

Manchmal mag es so aussehen, als komme der am weitesten in der Welt, der dick und dreist drauflos lügt. Und es gibt wirklich hartgesottene  Lügner. Viele meinen ja, einen Lügner leicht erkennen zu können am Rotwerden, am Flackern der Augen, am hastigen Sprechen, am plötzlichen Themawechsel, am häufigen Wiederholen der gelogenen Worte. Aber es gibt auch Heuchler, die zeigen eine dreiste Stirn, zucken mit keiner Wimper, ihre Rede klingt selbstsicher und überzeugend und oftmals kann man auch noch einen „unschuldigen“ Augenaufschlag bemerken. Da ist es schwer, die Lüge zu durchschauen.

Kluge Leute haben deshalb den  Lügendetektor erfunden. Der registriert jede Aufregung bei unangenehmen Fragen und offenbart so schonungslos alle Lügner. Selbst wenn man äußerlich ruhig bleibt, schlägt doch das Herz schneller, die Schweißabsonderung wird stärker usw. Dennoch ist ein solches Gerät ein Eingriff in die menschliche Persönlichkeit und in einer Reihe von Ländern verboten.

 

 

Lügendetektor:

Von Monat zu Monat kontrollieren mehr US-Firmen ihre Angestellten mit einem Gerät, das während eines Verhörs verschiedene Körperfunktionen  des Befragten - etwa Atmung, Blutdruck oder Schweißabsonderung - aufzeichnet und durch Unregelmäßigkeiten der Kurven bei bestimmten Fragen anzeigen soll, ob der Prüfling die Wahrheit sagt oder nicht.

Dieser Registrierapparat, den sich nach Vorversuchen anderer Forscher der Amerikaner Leonard Keeler 1925 patentieren ließ, gilt in den meisten Ländern noch immer als fragwürdige Geständnishilfe. Zwar haben Forscher angegeben, daß die Sicherheit, mit der Übeltäter durch Lügendetektoren überführt werden können, über 90 Prozent betrage. Doch zahlreiche Rechtsgelehrte halten eine solche Verhör-Prozedur für unsittlich und rechtlich unzulässig. So bezeichnete der Heidelberger Jurist Professor Radbruch den Einsatz von Lügendetektoren als „Geständniszwang, als Rückfall in den Inquisitionsprozeß, als Verrat am rechtsstaatlichen Prozeßdenken“.

In den USA verwenden jedoch die Polizeibehörden von etwa 30 Bundesstaaten routinemäßig Lügendetektoren. Angesichts solcher Sanktionierung, verspürten die Führungsgremien zahlreicher Wirtschaftsunternehmen den Wunsch, diese Geräte zur Wahrheitsfindung selbst zu besitzen oder eines der Unternehmen zu engagieren, die Geräte und Fachleute anbieten und selber Untersuchungen anstellen.

Ebenso begeistert wie die Lügen-Entdecker sind ihre Klienten. Eine Ölgesellschaft zum Beispiel berichtete erleichtert, daß es mit Hilfe einer Lügendetektor-Befragung gelungen sei, geheimnisvolle Schwunderscheinungen in Benzintanks  aufzuklären. Einige Arbeiter hätten nach der Untersuchung mit dem Lügendetektor ein Geständnis abgelegt: Jahrelang hatten sie ihre Autos auf Kosten der Firma getankt.

Andere Firmen setzen Lügendetektoren nicht erst ein, wenn Diebstähle aufgeklärt werden sollen. Sie lassen vielmehr Angestellte in Vertrauensstellungen regelmäßig auf ihre Glaubwürdigkeit überprüfen. „Wir machen da keine Ausnahme mehr“, erklärte ein Sprecher der Chicagoer Wechselbank „Thillins Checkcashers Inc.“ und begründete diese Entscheidung mit dem  Fall eines Angestellten. der jedes Jahr, neun Jahre lang, mit dem Lügendetektor getestet worden war. In den Jahren 1957 und 1958 schließlich habe die Firma dem bewährten Angestellten den Test erspart. Resultat: 1959 habe sich durch den Lügentest herausgestellt, daß der Angestellte 366.000 Dollar unterschlagen hatte.

Der plötzliche Boom des Lügendetektorgeschäfts in den Vereinigten Staaten rührt jedoch vor allem daher, daß viele Firmen neuerdings glauben, Diebstählen vorbeugen zu können, wenn sie schon die Bewerber um Vertrauensstellungen einem Lügentest unterziehen. So spielt sich denn in den  Personalbüros amerikanischer Betriebe täglich die gleiche Prozedur  ab wie in den Polizeistationen.

Ein Lügenfahndungs-Spezialist legt dem Anwärter auf die Vertrauensstellung eine Manschette um den Oberarm, die den Blutdruck mißt; er zwängt den Brustkorb des Bewerbers in eine enge Gummihülle, die sich mit jedem Atemzug dehnt und zusammenzieht und Unregelmäßigkeiten der Atmung anzeigt; an der Handinnenfläche des Prüflings befestigt der Fachmann zwei Elektroden, mit deren Hilfe der durch Schweißabsonderung beeinflußte elektrische Hautwiderstand gemessen wird. Bevor der eigentliche Test beginnt, fordert der Lügenfachmann den Prüfling auf, einige Fragen bewußt falsch zu beantworten: Das Gerät wird gewissermaßen geeicht.

Dann stellt der Wahrheitssucher dem Bewerber - zwischen harmlosem  Geplauder - die kritischen Fragen:  „Haben Sie schon mal eine Firma, bei der Sie gearbeitet haben, bestohlen?“ Oder: „Haben Sie schon einmal Geld unterschlagen?“ Was die Geräte während des Verhörs registrieren, zeichnen drei automatische Schreiber auf einen langsam abrollenden Papierstreifen. Nach dem Test prüft der Inquisitor den Streifen auf verdächtige Schwankungen der Kurven.

Die Kellner-Gewerkschaft ließ einen Kellner, der unter dem Verdacht des Betrugs von einem Hotel in Miami Beach entlassen worden war, mit dem Lügendetektor untersuchen. Der Kellner wurde durch den Test rehabilitiert und wieder eingestellt.

Ein delikates Argument, das auch skeptische Gewerkschaftsführer vorn Nutzen des Lügendetektors überzeugen soll, trug ein Lügentester namens John A. Kennedy in Chicago vor. Ein Angestellter habe seiner Firma 200.000 Dollar gestohlen, bevor er mit Hilfe des Lügendetektors erwischt wurde. Er hatte Anweisungen für Personen ausgeschrieben, die es gar nicht gab, und Geld für Unternehmungen abgebucht. die niemals ausgeführt worden waren. „Sein beliebtester Trick war“, berichtete Kennedy. „zu sagen, daß der Arbeitsfriede bedroht sei und daß er Geld brauche, um die Gewerkschaftsführer zu bestechen. Mit dem Lügendetektor aber haben wir festgestellt, daß der Mann das Geld selbst eingesteckt hatte und daß die Gewerkschaftsführer ehrenwerte Männer waren.“

 

Aber auch ohne das gilt immer noch: „Lügen haben kurze Beine!“ bzw.: „Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an das Licht der Sonnen!“ (vgl. Kraniche des Ibykus). Vielleicht hilft die Lüge eine Weile, aber nicht auf lange Sicht. Das gilt selbst für Lügen gegenüber Kindern, zum Beispiel Weihnachtsmann, Klapperstorch, Schwarzer Mann, usw.

Wir belügen nicht nur unsre Mitmenschen, sondern auch uns selber. Wie oft machen wir uns etwas vor. Wir halten uns für reif, begabt, erfolgreich, wir lügen uns Entscheidungen vor, die wir nie gefällt haben. Wir tun das Falsche und reden uns ein,  es sei das Nichtige. Oft lügen wir uns auch vor, wir seien gläubige Menschen. Schließlich versuchen wir auch Gott zu belügen. Wir sprechen ein Sündenbekenntnis, ohne wirklich zu bekennen. Wir bersten vor Glaubenseifer und wollen doch nur unsere eigene Person in die Mitte stellen. Wir halten den Kopf unten, ohne demütig zu sein. Wir beten, aber erwarten nichts von Gott. Letztlich nehmen wir Gott nicht ernst.

 

Was ist eigentlich „Wahrheit“:

Im Griechischen Bedeutet das Wort „Aufdecken von Verborgenem“, es geht als hauptsächlich um Erkenntnis. Im Hebräischen bedeutet das Wort „Zuverlässigkeit, Vertrauensverhältnis“. Es geht mehr um ein Verhalten. Diese Bedeutung herrscht in der Bibel vor.

 

Man kann nicht sagen: „Wahr ist, was sich beweisen läßt“, weil sich etwa die Liebe zwischen zwei Partnern auch nicht beweisen läßt.

Man kann nicht sagen: „Wahr ist, was ich selber gesehen habe“, denn ich kann ja optischen Täuschungen unterliegen oder falsche Schlüsse aus dem Gesehenen ziehen.

Man kann nicht sagen: „Wahr ist, was alle als wahr ansehen!“ denn es können sich ja auch einmal alle auf einem Irrweg befinden.

Man kann nicht sagen: „Wahr ist, was mich überzeugt und ich einsehe!“

Es gibt doch Dinge, die nur ich einsehe, aber alle anderer lehnen sie ab.

 

In einer alten indischen Fabel heißt es: Fünf Blinde wollten in Erfahrung bringen, was ein Elefant sei. Man brachte ihnen einen. Der erste bekam den  Rüssel zu fassen, der zweite den Schwanz, der dritte einen Stoßzahn, der vierte ein Bein, der fünfte den Bauch. Dann stritten sie sich: Der erste Blinde behauptete, ein Elefant sei eine große dicke Schlange, der zweite dagegen, er sei ein dünnes Seil mit einer Quaste, der dritte wollte beschwören, daß der Elefant

eine besonders feine Sorte polierten Ebenholzes sei, für der vierten war er ein Tier von säulenförmiger Gestalt, und der fünfte war überzeugt, daß es sich um die durchhängende Decke einer Hütte handle.  Sie streiten sich bis zum heutigen Tage.

 

Welche Aussagen macht die Bibel?

Die Bibel berichtet uns von Abraham, der aus Angst vor der Ägyptern seine Frau als seine Schwester ausgibt (1. Mose 12,11ff). Oder sie erzählt vor Ananias und Saphira, die Petrus belügen, sie hätten alles Geld aus Erlös eines Ackers für die Armen gespendet (Apg 5,1ff).

An beiden Stellen und auch anderswo wird die Lüge eindeutig verworfen.

Auch im Epheserbrief steht: „Leget die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeglicher mit seinem Nächsten!“ (Eph 4,25). Oder der Jakobusbrief wartet vor der bösen Zunge: „Die Zunge ist nur ein kleines Glied, aber sie kann schreckliche Dinge anrichten!“ (Jak 3,5). Eindeutig wird für die Wahrhaftigkeit Partei ergriffen.

Jesus hat versucht, diese Wahrheit zu leben.: Als er vor Pilatus  steht, wird deutlich, daß es zwei Begriffe von Wahrheit gibt. Pilatus hat der antiken Begriff der Wahrheit, wenn er resignierend fragt: „Was ist Wahrheit?“ Er sieht die vielen „Wahrheiten“ seiner Zeit, die vielen Weltanschauungen und Religionen, die alle behaupten, sie hätten die Wahrheit. Wie soll man sich da als gewöhnlicher Mensch wohl auskennen? Jesus aber kennt sich aus. Er weiß die Wahrheit, denn er i s t  die Wahrheit.

Selbst seine Gegner erkennen das ungewollt an. In der Geschichte vom Zinsgroschen (Lk 12,13-17) kommen sie mit einer Fangfrage zu Jesus. Sie sagen: „Wir wissen, daß du wahrhaftig bist!“ Aber in Wirklichkeit loben sie ihn nur und meinen es gar nicht so, denn sie stellen ihm eine Frage, die ihn in Schwierigkeiten bringen muß. Sagt er: „Ihr dürft keine Steuern bezahlen!“dann verdirbt er es mit den Behörden und mit dem Staat. Sagt er: „Zahlt nur Steu­ern!“ dann verdirbt er es mit dem Volk, das gegen die Römer eingestellt ist. Wie er es macht, kann es falsch sein.

Jesus bezeichnet die Pharisäer als Heuchler, weil sie ja gar keine echte Frage stellen wollen, sondern ihre Meinung zu diesem Problem schon feststeht. Deshalb sagt Jesus ihnen auch: „Indem ihr die Münze benutzt, erkennt ihr ja schon die Herrschaft des Kaisers an. Aber macht euch mal lieber Gedanken darüber, ob ihr auch Gott gebt, was Gottes ist: Und daß ihr den Kaiser nicht als Gott anbeten dürft, ist doch wohl selbstverständlich. So windet sich Jesus nicht nur geschickt aus einer unangenehmen Lage heraus, sondern er gibt allen Dingen der rechte- Platz, weil er die Wahrheit ist.

Nur an einer Stelle der Bibel wird die Lüge etwas anders beurteilt: In 1.Sam 19, 8-17 wird berichtet von  Michal, der Tochter des Königs Saul und Frau des späterer Königs David. Saul verfolgt David mit einem unbändigen Haß. Michal warnt ihren Mann und er flieht. Als die Boten des Königs kommen, sagt sie: „Er ist krank!“ Da läßt Saul das Bett Davids herbeischleppen. Aber drinnen liegt nur ein Götterbild und kein David. Als Michal deswegen zur Rede gestellt wird, lügt sie wiederum: „Er hat mich bedroht, da mußte ich es tun!“  Hier wird etwas davor deutlich, daß es auch noch einen  über geordneter Gesichtspunkt gibt, der mehr gilt als nur das Prinzip: „Du mußt immer und in jedem Fall die Wahrheit sagen!“

Mancher wird sagen: „Bei Michal war es eine Notlüge!“ Doch man muß sich schon fragen, ob eine Not so groß ist, daß sie eine Lüge rechtfertigt. Manches geschieht auch aus Feigheit und Bequemlichkeit und wird darr als Notlüge bezeichnet. Oftmals hat dann auch jemand anders die Sache auszubaden. Man muß sich auch fragen, ob einem anderer daraus Schaden entsteht.

Ganz schwer ist die Frage, ob ein Arzt einem Kranker den nahen Tod ankündigen soll. Man sagt dann: „Man muß den Kranken schonen, um ihm das Sterben so leicht wie möglich zu machen!“

Es kann auch lieblos sein, ihm die Wahrheit nicht zu sagen. „Man darf einen Menschen nicht um sein Sterben betrügen!“ Die Meisten wissen sowieso darum. Aber weil wir mit unserem eigenen Tod nicht fertig werden, sprechen wir nicht davon. Eine Unwahrhaftigkeit muß immer das Außergewöhnliche bleiben. Nur das Gebot der Liebe kann das Gebot der Wahrhaftigkeit einmal aufheben, die Liebe setzt der Wahrheit eine Grenze.

 

Warum eigentlich die Wahrheit sagen?

Zum Leben der Menschen untereinander gehört, daß wir einander vertrauen und unserer Worten Glauben schenken können. Entdecken wir, daß wir belogen werden, so ist das Verhältnis zu dem betreffenden Menschen doch erheblich angeknackt. Wir müssen uns darauf verlassen können, daß der andere meint, was er sagt.

In bestimmten Situationen kommt es darauf an, daß unbedingt die Wahrheit gesagt wird. Das gilt besonders  vor Gericht. Doch auch da kommt es immer wieder vor, daß die Unwahrheit gesagt wird. Deshalb hat man den Eid eingeführt: Wer eine Aussage unter Eid macht, dem wird geglaubt; wenn es aber ein Meineid war, wird er dafür bestraft.

Eigentlich müßte der Eid ja überflüssig sein. Eine Lüge bleibt Lüge, auch wenn man sie beeidet, und eine Wahrheit wird nicht wahrer, wenn man einen Eid darauf schwört. Entweder ich sage immer die Wahrheit, auch wenn  ich nicht vereidigt werde, oder ich lüge eben; ein Eid ändert da nichts.

Dennoch kommen immer wieder  Meineide vor. Ludwig Anzengruber schildert in seinem Buch „Meineidbauer“ einen habgierigen Bauern, der das Testament seines Bruders abschwört, damit seine Kinder das Erbe erhalten. Aber darr siecht er sein ganzes Leben todkrank

Hin.

August  Winnig bewahrte einmal einen alten Meister davor, einen Meineid zu schwören. Dieser sollte auf Anordnung des Hüttendirektors schwören, er habe dem arbeitslosen Winnig nicht die Zusage gegeben, daß er Arbeit erhielte. Winnig fragte ihr, ob er mit seinen 70 Jahren noch diesen Eid auf sich nehmen wolle. Da ließ er die Hand sinken und sagte, er könne nicht schwören.

Jesus sagt: „Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein! Was darüber ist, das ist vom Übel!“ (Mt 5,37). Er meint also, ein Eid sei für einen Christen nicht erlaubt, weil er ja sowieso die Wahrheit sagen muß. Es ist höchstens ein Fall denkbar, wo ein Christ dennoch schwören muß: wenn ein anderer offensichtlich einen Meineid schwört und man ihm glauben würde. Dann sollte man vielleicht doch einen Eid dagegensetzen, um Schaden abzuwenden und die Wahrheit vielleicht doch ans Licht zu bringen.

Aber der eigentliche Grund, weshalb wir die Wahrheit sagen sollen, liegt in dem Befehl Gottes. Wenn es im  8. Gebot heißt: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deiner Nächsten!“ dann  ist damit auch die Lüge überhaupt verboten. Gott ist da sehr radikal und entschieden. Er läßt keine Abstriche an seinem Gebot zu. Es wird überhaupt nicht gefragt, ob man leben kann, ohne zu lügen, sondern das wird als selbstverständlich vorausgesetzt.

Wahrheit hat etwas mit dem Glauben zu tun. Sie ist nicht nur eine Sache der richtigen Ver-nunfterkenntnis und ihr Gegenteil ist nicht der Irrtum. Wahrheit ist eine Sache des Herzens und des Gewissens und des Glaubens. Die Wahrheit kann man nicht beurteilen, sondern man muß sich ihr unterwerfen. Nur wenn man in ihr lebt und danach handelt, kann man Christ sein.

Wenn man die „Wahrheit“ sagt, ist man noch nicht in jedem Fall wahrhaftig. Man kann auch mit der Wahrheit lügen.

In dem Schauspiel „Die Brandstifter“ von Max Frisch erzählen die Brandstifter immer wieder, sie wollten das Haus anstecken. Aber keiner glaubt ihnen,  bis es dann passiert. Einer vor ihren sagt: „Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit!“

Es geht also gar nicht um eine „objektive“ Wahrheit, sondern um die nichtige Haltung und Absicht. Weil wir Verantwortung vor Gott tragen, sagen wir die Wahrheit. Denn wenn wir einen Menschen belügen, treffen wir damit auch Gott.

 

Muß man alles sagen?

Nach Meinung des Philosophen Fichte gibt es keine Situation, in der eine Notlüge erlaubt ist. Wer aber wollte einem Menschen eine Lüge vorhalten, der in der Zeit der Naziherrschaft einen Juden versteckt  hielt? Die oberste Forderung der Bibel heißt nicht: „Sage die Wahrheit!“ sondern: „Liebe deinen Nächsten!“

Zwar darf nicht im Namen einer falsch verstandenen Liebe die Wahrheit verdeckt werden. Aber man muß nicht immer alles sagen, was man weiß. Matthias Claudius hat einmal gesagt: „Sage nicht alles, was du weißt, aber wisse immer, was du sagst!“

Man muß nicht immer alles Wissen auf der Zunge tragen. Man kann zum Beispiel Schlechtes von einem Menschen wissen und dennoch nur das Gute an ihm weitersagen. Das Sprichwort sagt: „Rede ist Silber, Schweigen ist Gold!“ Ein Mensch, der gern und viel redet, kann meist nicht schweigen und noch weniger zuhören. Allerdings kann man auch durch ein böses und trotziges Schweigen die Schuld verstecken wollen. Doch die adere Gefahr ist größer.

Es gibt Dinge, die dürfen wir einfach nicht weitererzählen, weil sie uns unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut wurden. Besonders gilt das für das Beichtgeheimnis, das unter allen Umständen zu wahren ist bis an das Lebensende. Aber diese Schweigepflicht gilt nicht

nur für den Arzt und Seelsorger, sondern für jeden, dem vertrauliche Dinge zu Ohren gekommen sind.

Vielleicht könnte auch das eine gute Regel für uns sein, was wir sinngemäß in 1.Kor. 13  lesen: „Was du aus Liebe zu anderen tust oder sagst, ist nichtig!“ Es kann falsch sein, wenn man etwas verschweigt. Es kann falsch sein, wenn man etwas sagt. Aber wenn man das Wohl des anderen dabei im Auge hat, kann es nichtig gewesen sein. Deshalb sollten wir uns immer fragen, ob wir uns selber gefallen wollen oder ob wir dem anderer wirklich helfen wollen, wenn wir schweigen oder reden.

Aber wenn wir geredet haben, dann sind wir nicht mehr Herr über unsere Worte. Dann breiten sie sich aus, wie ein Stein, den man ins Wasser wirft, um sich herum Kreise zieht. Schlechtes und leichtfertiges Reden beschmutzt uns mehr als äußere Unsauberkeit und es kommt Unordnung in unser Leben hinein. Üben wir uns dagegen im Reden der Wahrheit, so bereiten wir vielen anderen Menschen damit Freude und viele ernten Segen davon.

Eine besondere Frage ist die Verleugnung des Glaubers, durch die man Vorteile erlangen will. In Verfolgungszeiten herrschte in der Kirche oft die Masse der Schwankenden und Abgefallenen vor. Die Zeugen der Wahrheit waren zu allen Zeiten in der Minderheit. Schon zur Zeit der Römer bedurfte es nur eines Lästerwortes gegen Christus und eines Kleinen unverbindlicher Opfers und man ging straffrei aus. Doch viele bekannten sich mutig zu ihrem Herrn wie zum Beispiel Perpetua.

Auch in der Zeit der Naziherrschaft hat man oftmals versucht, einen Menschen zur Lüge oder zum Verschweigen der Wahrheit zu bewegen. Man ließ ihn etwa durch nahe Verwandte erpressen oder sagte: „Wenn du nicht aussagst, erschießen wir deinen Vater!“ Hier ist es schwer, bei der Wahrheit zu bleiben; aber viele haben es getan.

 

Klatsch und Gerede:

Um Wahrheit und Lüge geht es auch beim Klatsch. Da haben wir so allerhand gehört, da wird uns etwas zugeflüstert, und schon kontrollieren und beurteilen wir den Anderen mit dem Maßstab, der uns durch ein Gerücht vorgegeben wurde. In dem Verhalten und Benehmen des anderen sehen wir nur die Bestätigung unseres Vorurteils. Der andere ist sofort abgewertet und für mich erledigt.

Es ist schon schwer, Gehörtes oder Gesehenes oder Selbsterlebnis wahrheitsgetreu weiterzugeben: Wir können uns nicht alles merken, wir verstehen manches anders, wir setzen die Akzente anders, wir erzählen gern noch etwas dazu, wir machen uns interessant, wir wollen selbst in gutem Licht erscheinen.

Im  Jakobusbrief Kapitel 3, Vers 5.6.9.10, heißt es deshalb über die Zunge: „Die Zunge ist ein kleines Glied und kann sich doch großer Wirkungen rühmen. Wie klein ist das Feuer und wie groß ist der Wald, den es in Brand setzt! Auch die Zunge ist ein Feuer, ja eine Welt voll Unrecht. Sie lebt und wirkt mitten unter unserer übrigen Gliedern und verdirbt der ganzen Leib. Von der Hölle ist sie entzündet und macht das ganze Leben zur Hölle. Mit ihr loben wir den Herrn und Vater,  mit ihr fluchen wir den Menschen. Aus demselben Munde kommen Segen und Fluch. Das sollte nicht sein, meine Brüder!“ Wo sind da die Leute, die für Wahrheit und Gerechtigkeit eintreten? Wer hört sich nur still alles an und wer sagt aktiv etwas dagegen? Hier liegt eine große Aufgabe für Christen.

Der Philosoph Sokrates hat gefordert, alles, was man redet, erst einmal durch drei Siebe zu gießen. Wenn einer kam und wollte ihm etwas ganz Wichtiges erzählen, dann fragte er: „Ist es wahr, was du sagst?“ - „Das weiß ich nicht so genau!“ - „Ist es etwas Gutes, was du sagen willst?“ - „Nein, im Gegenteil!“- „Ist es notwendig, daß du es mir sagst?“ - „Eigentlich nicht!"- „Dann möchte ich es auch nicht hören!“ Aber wer von uns bringt so etwas schon fertig, dann nicht doch alles hören zu wollen?.

 

Was kann man dagegen tun?

Die Frage ist nicht, ob eine Sache riskant ist und ob man vielleicht dabei erwischt werden kann beim Lügen. Es geht vielmehr darum, vor dem eigenen Gewissen, dem Mitmenschen und vor Gott sauber da zu stehen. Dazu helfen folgende Regeln:

1. Informiere dich genau und bleibe sachlich.

2. Schweige, wenn du nicht die Wahrheit sagen kannst.

3. Halte lieber deine Meinung zurück.

4. Rechtfertige das Vertrauen anderer, indem du verschwiegen bist.

5. Sage nur das, wonach gefragt ist.

6. Man muß nicht immer alles sagen wollen, auch wenn es einen danach juckt.

7. Übe Fürbitte für Verwandte, Freunde, Vorgesetzte, auch für die Feinde.

8. Auch eine vertrauensvolle Aussprache kann vor Lügen bewahren.

Wer sein Leben an Christus gebunden hat, braucht sich nicht mehr mit den Mitteln der Lüge durchzusetzen. Ihm gilt die Verheißung aus Joh 14,6: „Die Wahrheit wird euch frei machen!“ Die Lüge scheint zunächst der bequemere Weg zu sein, ein Ausweg. Sie ist aber in Wahrheit ein Irrweg. Wahrhaftigkeit erfordert Mut, führt aber zum Ziel.

 

Muß man immer die Wahrheit sagen?

1. Peter ist von einem Auto angefahren worden. Zufällig kam ein Krankenwagen vorbei und hat ihn gleich mitgenommen ins Krankenhaus. Seine Schwester Brigitte erfährt es auf der Straße.  Sie muß es der Mutter sagen. Aber die ist herzkrank. Wird sie sich nun wieder schlimm aufregen? Sie wird nach ihm fragen, wenn er am Abend nicht heimkommt. Soll Brigitte dann sagen: „Er wird noch Fußball spielen!“

2. Uwe ist Lehrling und kommt mit seiner Arbeit und den Kollegen nicht gut zurecht. Vielleicht liegt es an ihm, vielleicht auch nicht. Klaus geht noch zur Schule. Er fragt Uwe, wie es ihm denn in dem  Betrieb gefällt. „Es ist ganz schön“, weicht Uwe aus, „du kannst dich darauf freuen!“ Hätte Uwe nicht sagen müssen, wie es ihm ergeht?

3. Im Zweiten Weltkrieg stand ein Gefreiter vor dem Kriegsgereicht, weil er politische Äußerungen gemacht hat. Er muß mit der Todesstrafe rechnen. Doch der Heerespsychiater erklärt die „zersetzenden Aussagen“" auf Grund einer Krankheit für „persönlichkeitsfremd!“ Hat der Psychiater gelogen?

4. Am 1.April kommt Rolf atemlos ins Zimmer gerannt: „Bei uns ist eingebrochen worden!“ Die Mutter erschrickt so sehr darüber, daß sie wieder einen Herzanfall kriegt. Rolf ist sehr erschrocken. Das hat er nicht gewollt. Er hat die Eltern doch nur anführen wollen. Hat er gelogen?

5. Erika will Verkäuferin werden. Das Telefon klingelt. Die Ladeninhaberin sagt: „Geh du hin und sag, ich wäre nicht da!“ Erika ist so verdattert, daß sie ganz mechanisch den Hörer abhebt und die gewünschte Antwort gibt. Was hätte sie tun können? [Einfach klingeln lassen].

6. Peter hatte in der letzten Rechenarbeit eine 1-2, obwohl er sonst nur ein mittelmäßiger Schüler ist. Der Lehrer sagt ein paar anerkennende Worte. Peter setzt sich mit hochrotem Kopf. Aber es hat niemand gemerkt, daß er abgeschrieben hat. Der Vater freut sich auch und gibt ihm als Anerkennung eine Mark. Doch Peter kann abends nicht einschlafen, weil er sich immerzu fragt: Wad das wahrhaftig?

7. Thea verkauft Kleider. Die Kundin fragt: „Wie steht mir das Kleid?“ Thea findet es scheußlich. Soll sie es sagen? Der Frau scheint es zu gefallen. Über Geschmack kann man ja auch streiten. Wenn Thea ihre eigene Meinung sagt, wird die Frau vielleicht gar nichts kaufen.

Soll sie ihr lieber doch das Kleid andrehen? Sie muß doch ihren ihre Vorgaben von der Geschäftsleitung einhalten.

 

8. Karl ist Fleischerlehrling. Er ist mittags zusammen mi dem Meister und seiner Familie. Plötzlich klingelt es an der Ladentür. Karl soll hingehen. Aber wenn es der Nachbar ist, soll er sagen: „Der Chef ist nicht da!“ Karl zögert, sieht aber dann die Unwetterfalten auf dem Gesicht des Meisters und geht hinaus. Es ist wirklich der Nachbar. Karl sagt: „Der Meister ist nicht zu sprechen!“ Hat er gelogen?

 

9. Sonja kann ihre Tante Agatha nicht leiden. Nun hat ihr aber ihre Tante eine schicken Pullover  zum Geburtstag geschenkt. Nun muß sie ihr einen Brief schreiben und sich bedanken. Sie sträubt sich dagegen, die Mutter soll es in ihrem Brief mit erledigen. Aber die Mutter sagt: „Das muß du schon selber tun, bei so einem Geschenk!“ Sonja quält sich einen Brief ab, der nur so von Dankbarkeit trieft. Hat sie gelogen?

 

10. Helgas Vater hat Krebs. Er ist Todeskandidat und weiß es nicht. Helga ist Krankenschwester und weiß genau Bescheid. Aber auch sie versucht, den Vater abzulenken. Beim Besuch erzählen die zwei von allerhand Plänern, wenn der Vater wieder aus dem Krankenhaus heraus ist. - Als Helga einmal mit dem Vater allein ist, fragt er sie: „Du bist doch Schwester, du weißt es doch genau: Werde ich wieder gesund oder nicht?“Sie antwortet: „Gott kann dich wieder gesund machen, obwohl du schwer krank bist!“ Hat Helga gelogen?  Was hätte sie sagen sollen? Es  braucht doch Zeit zur Ordnung seines Lebens und der äußeren Geschäfte.

 

11. Bei Pfarrer Flattich war einmal eine junge Frau untergeschlüpft, die von den französischen Besatzungstruppen gesucht wurde. Als eine Streife kommt und nach ihr fragt, antwortet Flattich mit großer Erregung: „Schauen Sie doch selber nach!“ Der Offizier reißt die Tür auf, hinter der die Frau steht. Aber sie wird nicht entdeckt,. War das gelogen?

 

12. In einem Theater entsteht hinter der Bühne ein Brand. Trotz rascher Maßnahmen breitet er sich unaufhaltsam aus. Im dichtbesetzten Zuschauerraum  wartet die Menge auf den Beginn. Beherzt tritt der Direktor vor den Vorhang und sagt: „Meine Damen und Herren. Leider ist der Hauptdarsteller plötzlich erkrankt, die Vorstellung kann darum nicht stattfinden. Gehen Sie bitte ruhig nach Hause!“  Murrend verlassen die Leute den Raum, aber es entsteht keine Panik. Hat der Direktor gelogen?

 

13. Siegfried war bei Verwandten in der Schweiz. Bei der Rückfahrt wird er an der Grenze gefragt: „Haben Sie etwas zu verzollen? Alkohol, Zigaretten, Uhren?“ Siegfried hat Alkoholisches dabei. aber er sagt seelenruhig: „Nein, nichts!“ Hat er gelogen?

 

14. Ein Vertreter für ein Stärkungsmittel  war auch beim Pfarrer. Doch der hat ihm nichts abgekauft. Aber schon beim Nachbarn erzählt der Vertreter: „Der Pfarrer hat eine ganze Kur bestellt!“  Darf man aus Geschäftsinteresse lügen?

 

15. Der vierjährige Hans erzählt zu Hause immer vor seinem neuen Freund Fred, mit dem er die tollsten Geschichten erlebt haben will. Die Eltern möchten den Freund gern kennenlernen, aber Hans bringt ihn nie mit. Da will der ältere Bruder einmal mit zu diesem Freund gehen; aber es stellt sich heraus, daß, dieser gar nicht existiert.

 

16. Der vierzehnjährige Klaus erzählt seinen Kameraden: „Ich war am Sonntag in der Stadt in einem Film, der erst ab 18 freigegeben ist. Soll ich euch einmal erzählen?“ Die anderen aber winken ab: Sie wissen, daß  Klaus ein Angeber ist und kein Wort wahr ist von dem, was er erzählen könnte. Hat Hans gelogen? Hat Hans gelogen? Was ist der Unterschied?

 

17. Brigitte ist sonst eine ordentliche Schülerin. Als aber am Montagmorgen zehn Minuten vor der ersten Stunde die Freundin fragt:  „Hast du Mathe gemacht?“ da fällt ihr ein: Die letzten beiden Aufgaben hat sie vergessen. Am Freitag war plötzlich die Oma gekommen. Brigitte hatte die Schularbeiten unterbrochen und nachher nicht mehr daran gedacht. Schnell schreibt sie die fehlenden Aufgaben vor der Freundin ab. War das unehrlich?

 

18. „Da hinten geht jemand. Sieht aus wie Brigitte Meier - und mit einem Blonden. Ich dachte, die hat einen Schwarzen. Und dann noch abends um neun Uhr!“ - „Also nein! Gestern habe ich Brigitte Meier gesehen, denken Sie sich, mit einen neuen Freund. Heute geht das aber  schnell, an jedem Tag ein anderer. Und dann so spät am Abend, es war bald zehn Uhr!“ -

„Brigitte Meier! Seien Sie mir bitte still von der! Geht abends zwischen 10 und 11 Uhr mit Männern spazieren, und. jeden Abend mit einem anderen. Der eine war sogar ein Schwarzer. Der würde es sicher auch egal sein, wenn der  Mann verheiratet wäre!“ - „Brigitte Meier! Traurige Geschichte .Jetzt geht sie mit einem verheirateten Mann. Man sagt, er wird sich ihretwegen sogar scheiden lassen!“

Aber dann stellt sich heraus: Es war gar nicht Brigitte Meier gewesen. Es war der neue Lehrer, der mit seiner Frau spazierenging. Und Brigitte Meier hat gar keinen  Freund, sondern sie ist schon verlobt.

 

 

Predigt zu Joh 8,31-32:

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat ein Bühnenstück geschrieben mit dem Titel: „Biedermann und die Brandstifter“. Darin erzählen zwei Männer immer wieder ihrer Hauswirtin, sie wollten ihr das Haus über dem Kopf anzünden. Aber keiner nimmt das ernst, bis es eines Tages passiert. Einer der Brandstifter sagt: „Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit!“

Ist es wirklich so weit mit uns gekommen, daß man einem Menschen nicht glaubt, der die reine Wahrheit sagt? Haben wir uns schon so sehr auf den Umgang mit Halb- und Unwahrheiten eingespielt, daß wir gar nicht mehr damit rechnen, es könnte einer die Wahrheit sagen? Rechnen wir nicht von vornherein damit, daß wir angelogen werden, und schwindeln wir nicht kräftig mit, wenn es sein muß?

Denken wir nur daran, wie es uns mit manchen Handwerkern geht. Die versprechen uns, sie hätten am nächsten Tag alles fertig, obwohl sie genau wissen, daß es nichts wird. Wieviel Ärger und unnötige Lauferei hat man damit, aber offenbar findet man gar nichts mehr dabei. Ist es denn in einem solchen Fall wirklich so schwer, dann zu sagen: „Es tut mir leid, es geht nicht, versuchen Sie es anderswo einmal!“ oder einen Termin zu nennen, bis zu dem der Auftrag ausgeführt werden kann?

Die Lüge macht unfrei. Überlegen wir doch nur einmal, weshalb es zu einer Unwahrheit kommt: Da will man Schwierigkeiten aus dem Weg gehen ,man ist feige und fürchtet sich vor den Folgen seines Tuns, man war unüberlegt oder will seine Vorteil nicht verlieren - da soll die Lüge aus allem heraushelfen.

Eine Lüge aber zieht zwangsläufig die andere nach sich. Lügen haben die Eigenschaft, sich immer mehr zu steigern, bis man nachher nicht mehr herauskommt - es sei denn, man sagt die Wahrheit. Manchmal mag es so aussehen, als komme man am weitesten in der Welt, indem man dick und dreist drauflos lügt. Aber es gibt ja auch das Sprichwort: „Lügen haben kurze Beine!“ d.h. man kommt nicht weit damit. Vielleicht hilft die Lüge eine Weile, aber nicht auf lange Sicht. Das gilt selbst für Lügen gegenüber Kindern in Bezug auf den Weihnachtsmann oder den Klapperstorch.

Jesus aber will uns helfen, diesem Zwang zum Lügen zu begegnen. Zunächst einmal will er uns helfen, die Wahrheit zu erkennen. Wie schwer wird uns das doch meist gemacht. Denken wir nur an die Dinge, die außerhalb unseres Landes vor sich gehen. Jeder berichtet anders davon. Es ist sehr schwer, sich ein eigenes Urteil zu bilden, weil wir selber nichts nachprüfen können. Und Entsprechendes gilt auch oftmals für unser Zusammenleben mit anderer Menschen.

Nun wird uns zwar unser Glaube nicht unbedingt helfen, daß wir eine Lüge gleich als eine solche durchschauen. Auf diesem Gebiet werden wir uns viel auf unseren Verstand, unser Einfühlungsvermögen und unsere Menschenkenntnis verlassen müssen. Aber wenn es um Glaubensdinge geht, da werden wir die Wahrheit erkennen, wenn wir uns nur immer zu Jesus halten.

Heute ringen sehr verschiedene Weltanschauungen um den Menschen. Jede behauptet natürlich, das allein Wahre und Seligmachende zu sein. Mancher sagt dann, so wie Pilatus in der Passionsgeschichte: „Was ist Wahrheit? Wie soll ich aus all den Wahrheiten die nichtige herausfinden?“ Meist entscheidet er sich dann für die Seite, von der er den größten Vorteil erhofft.

Jesus geht es gar nicht so sehr um das Problem „Wahrheit und Lüge“, wie es sich unter Menschen stellt. Es geht ihm darum, daß wir im Verhältnis zu Gott wahrhaftig sind. Allerdings wirkt eins auf das andere ein: Wenn man unwahrhaftig ist, kann man mit Gott nicht im Reinen sein. Wenn man sich aber mit Gott einig weiß ,läßt man auch die Lüge und kann vielleicht auch besser die Lüge anderer durchschauen.

Wahrheit hat etwas mit dem Glauben zu tun. Sie ist nicht nur eine Sache der nichtigen Vernunfterkenntnis, ihr Gegenteil ist nicht einfach der Irrtum oder die Lüge. Wahrheit ist eine Sache des Herzens und des Gewissens und des Glaubens. Man muß in ihr leben und nach ihr handeln; man kann sie nicht beurteilen, sondern muß sich ihr unterwerfen.

Die Menschen haben viele Wahrheiten  - Jesus aber i s t die Wahrheit. Wer sich in verantwortlich weiß, der sagt die Wahrheit. Wenn wir einen Menschen belügen, dann treffen wir damit auch Jesus. Nur wenn wir anderer Menschen und uns selber nichts vormachen, sind wir im Sinne Jesu in der Wahrheit.

Man kann sich auch selber etwas vormachen: Wie gern halten wir uns für reif, begabt und erfolgreich. Wir lügen uns Entscheidungen vor, die wir nie gefällt haben. Wir meinen, wir seien gläubige Menschen. Wir sprechen ein Sünderbekenntnis, ohne wirklich zu bekennen. Wir zeigen Glaubenseifer und wollen doch nur unsre eigene Person in der Mittelpunkt stellen. Wir halten den Kopf unten, ohne demütig zu sein. Wir beten, aber wir erwarten nichts von Gott. Und damit nehmen wir Gott nicht ernst. All das hat aber mit der Wahrhaftigkeit zu tun. All das gilt es zu durchschauen, wenn wir die Wahrheit erkennen wollen.

Wer aber in der Wahrheit ist, der wird über den Dingen stehen und die Wahrheit wird ihn frei machen. Gewiß erfordert Wahrhaftigkeit viel Mut. Aber wer sein Leben an Christus gebunden hat, der braucht sich nicht mehr mit den Mitteln der Lüge durchzusetzen. Der Weg der Wahrheit ist oft der schwerere, aber er führt auch zum Ziel.

Wer bei der Wahrheit Gottes bleibt, der braucht auch keine Angst zu haben vor den Menschen, die ihn vom Glauben abbringen wollen. Der hat auch keine Angst, er könnte in seinem Fortkommen behindert werden, weil er sich einem höheren Ziel verpflichtet weiß. Gewiß gab es in Verfolgungszeiten viele Schwankende und Abgefallene. Schon zur Zeit der Römer bedurfte es nur eines Lästerwortes gegen Christus und eines kleinen, unverbindlicher Opfers und man wurde in Ruhe gelassen.

Aber viele haben sich auch mutig zu ihrem Herrn bekannt, haben an der einmal erkannten Wahrheit festgehalter und sind sogar dafür in den Tod gegangen. Ihr Leben war damit gradlinig und ehrlich geblieben. Wenn wir nur auch in diesem neuen Jahr auf diesem Weg bleiben können und immer die Wahrheit erkennen, die uns frei macht.

 

Schuld

 

1. Der Bahnwärter am Bahnübergang von A-Stadt hat zwei schlaflose Nächte hinter sich. Er sorgt sich um seine Frau, die man heute doch noch ins Krankenhaus eingeliefert hat. Müde und erschöpft macht er die notwendigen Handgriffe und Aufzeichnungen, und seine Gedanken sind im Krankenhaus. Er merkt gar nicht, wie er über all seinen Sorgen einnickt - und fährt erst auf, als von draußen ein entsetzliches Splittern, Krachen und Schreien hereintönt. Der fällige Schnellzug ist durchgefahren und hat ein Auto erfaßt und völlig zertrümmert, weil der Bahnwärter versäumt hat, rechtzeitig die Schranken zu schließen.

2. Sabine ist zu ihrer Tante gefahren, um dort die Ferien zu verbringen .Die Tante ist berufstätig und freut sich, daß sie nun jemand hat, der auf die knapp einjährige Monika aufpaßt, denn nebenbei ist da noch ein großer Obst- und Gemüsegarten zu versorgen. Sabine ist fünfzehn, und sie hat zuerst viel Spaß mit dem Baby. Aber bald merkt sie, daß so ein kleines Kind viel Zeit kostet und viel Arbeit macht. Ihre Ferien kommen anscheinend zu kurz dabei.  Eines Tages will sie eben noch mal das Kleid anprobieren, in dem sie abends mit ihrer Freundin Anita ausgehen will. Sie hat Monika für den Augenblick auf das Fensterbrett gesetzt, weil die Kleine so gerne mit der Quaste an der Gardinenschnur spielt. Als Sabine das Kleid übergestreift hat, ist das Fensterbrett leer. Unten in einem Blumenbeet sieht sie Monika liegen. Entsetzt rennt sie die Treppe hinunter. Welch ein Glück: Monika weint nur leise vor sich hin, und als Sabine kommt, lächelt sie sogar ein bißchen. Es scheint alles in Ordnung, und da niemand den Unfall gesehen hat, sagt Sabine auch Monikas Mutter nichts davon. Erst nach Monaten, als Sabine längst zu Hause ist, schreibt die Tante in einem Brief, daß sie mit Monika beim Arzt war, weil diese gar keine Anstalten machte zu laufen. Der Arzt meint, das Kind müsse irgendwann einmal gefallen sein und sich dabei schwer verletzt haben. Es würde niemals laufen lernen.

3. Peter ist leider sehr ungeschickt, und der Vater hält es ihm oft vor, weil er den Jungen aufreizen will, damit er sich mehr Mühe gibt. Peter will Elektriker werden, aber auch sein Meister schimpft oft mit ihm, weil ihm s o wenig gelingt. An Vaters 40.Geburtstag wird zuhause viel Besuch erwartet. Es ist keine Stunde mehr, bis die Gäste kommen, da gibt es einen Kurzschluß in der Wohnung. Es muß etwas entzwei sein, denn auch mit der neuen Sicherung ist nichts geholfen. „Na, Peter, nun zeig mal, was du kannst!“ ermuntert ihn der Vater. Peter versucht es, kann den Schaden aber nicht finden. Die Gäste finden Kerzenschein sehr stimmungsvoll. Am nächsten Tag stellt sich heraus, daß die Ursache des Schadens sehr leicht zu beheben war. Der Vater ist wütend auf seinen Jungen. „Du wirst nie etwas Gescheites zustandebringen, du Tolpatsch!“ Peter ist sehr niedergeschlagen; er glaubt es nun allmählich auch, daß er zu nichts taugt.

4. „Ich muß mich aber darauf verlassen können, Hans“, sagt die Mutter, „das Geld muß heute noch weg. Und gib acht darauf, es ist mühsam genug zusammengespart!“- „Du tust immer, als ob ich noch ein kleines Kind wäre“, brummt Hans unzufrieden. „Nun gib schon her!“. Auf dem Weg zur Post trifft er Ulrike, die gerade Mittagspause hat.“Kommst du mit ins Bad?“ ruft sie schon von weitem. Das ist verlockend; und schließlich ist es gleich, ob er das Geld eine Stunde früher oder später abschickt. „Ich hole bloß meine Badehose!“ Weg ist er - und wie der Blitz zurück. So eine Mittagspause im Bad ist etwas Schönes,  und zufrieden trabt Hans danach zur Post. Als er aber die Brieftasche herausnehmen will, um das Geld einzuzahlen, ist sie nicht zu finden. Hat er sie verloren? Ist sie ihm gestohlen worden? Wer kann das wissen? Und was soll er der Mutter sagen?

5. Zwei Jahre war er nun mit Irene verlobt, und heute hatte sie ihm den Ring zurückgeschickt. Und warum? Eine lächerliche Kleinigkeit. Er hatte sich wieder einmal betrunken. Ja, das konnte doch mal vorkommen, oder? Allerdings, bei ihm war es in letzter Zeit öfter vorgekommen. Er hatte Irene versprochen, daß es von nun an anders werden würde. Aber da war schon die nächste Feier in Sicht, und dann gab's noch eine Nachfeier - und schließlich brauch­te man auch gar keinen Grund, wenn man einen ordentlichen Schnaps trinken wollte. Warum machte Reni eigentlich nie mit, wenn man richtig was los war? Sie ist eine Zimperliese, dachte er. Und dann sah er wieder auf den Ring. Warum denn gleich Schluß? Herr Ober, noch einen Doppelten!

6. „Ihr müßt unbedingt noch mit mir kommen“, sagt Eva zu ihren Freundinnen, als sie die Schule verlassen. „Mein Vater hat mir gestern zwei tolle Platten geschenkt!“. Und so ziehen sie gemeinsam zu Eva: Elke, Brigitte und Monika. Es ist beneidenswert, daß Evas Eltern so viel Verständnis haben und ihr sogar Schlagerplatten schenken, finden die drei. Sie kramen in den alten Platten herum, nachdem die neuen abgespielt sind, sie hören noch eine Platte

und noch eine, bis die Mutter hereinkommt, um Eva zum Mittagessen zu rufen.  „Ist es denn schon so spät?“ fragt Monika, und Eva stellt fest, daß es mittlerweile viertel nach zwei sei „viertel nach zwei?“ Wie ein Schlag durchfährt es Brigitte. Gerade jetzt fährt auf dem Bahnhof der Zug ab, mit dem ihre Mutter in die Kreisstadt fahren wollte, um ihre Freundin zu treffen, die dort auf der Durchfahrt ist. Die Freundin, mit der Mutter ihre Kinder- und Jugendzeit verlebt hat, damals in ihrer Heimat, in Ostpreußen. Vor einer halben Stunde hätte Brigitte spätestens zu Hause sein sollen, um Mutter beim Aufpassen auf die beiden kleinen Brüder abzulösen, diese Wildlinge, die man eigentlich keinen Augenblick allein lassen kann. Nun ist es zu spät, und Brigitte hat ihrer Mutter und deren Freundin die einzige Möglichkeit genommen, sich nach langen Jahren wiederzusehen. Mutter hatte sich so darauf gefreut. Tagelang vorher hatte sie Brigitte viele Erlebnisse mit der Freundin erzählt. Ganz niedergeschlagen macht sich Brigitte auf den Heimweg. Wie konnte sie das nur vergessen?

 

Fragen:

Wer hat hier versagt? Wer ist schuld daran?

Wer hat dadurch einen Schaden erlitten?

Könnte das Versagen wieder gutgemacht werden? Wie?

Wie können Menschen, die aneinander schuldig geworden sind, wieder zu einander finden?

 

 

Wie Gott die Schuld sieht

Schuld ist keine rein zwischenmenschliche Erscheinung. Wenn man von „Sünde“ redet, muß man zugleich von Gott reden. Das Wort „Sünde“ zeigt in erster Linie den Abstand, den der Mensch in verschiedensten Formen und Schattierungen zwischen Gott und sich herstellt. In diesem Sinne gilt es zu berücksichtigen, daß wir an Gott schuldig  werden, ehe wir Schuld am Nächsten auf uns laden: Bevor Kain seinen Bruder Abel erschlug, haderte er mit Gott(1.Mose 4,5-7).

Schuldig werden wir, weil wir nicht so sind, wie Gott uns gemeint hat. Gott hat uns mit Vernunft begabt, daß wir Wissenschaft und Technik in den Dienst eines menschenwürdigen Lebens stellen, nicht aber unsre Umwelt kaputt machen. Gott hat uns Phantasie geschenkt,

damit unser Zusammenleben ständige Bereicherung erfahre, nicht aber unsere Phantasie zur Ausklügelung immer unheimlicher werdender Waffentechniken mißbraucht werde. Gott hat uns mit Gefühl  ausgestattet, daß wir uns freuen und Zuwendung erfahren können, nicht aber unser Zusammenleben mit Haß und Abneigung zerstören. Gott hat uns die Möglichkeit des Glaubens gegeben, daß wir Gott als unsren einzigen Herrn und Vater erkennen und ansprechen, nicht aber ständig neue Götzen errichten.

Gott beurteilt uns auch nach unseren unterlassenen Taten. Im Gleichnis vom Weltgericht stehen die Unterlassungen zur Verhandlung (Mt 25, 31-46). Martin Luther King  hat gesagt: „Unsere Generation muß nicht allein büßen für die Haßworte und Untaten der Schlechten, sondern auch für das erschütternde Schweigen der Guten!“

Unsere Schuld ist auch verschlungen mit der Schuld anderer, so wie wir auch mitschuldig werden können an der Schuld unseres Mitmenschen. Es gibt eine überindividuelle Schuldverflochtenheit, in der wir mit der Schuld anderer ebenso solidarisch werden wie andere mit unserer Schuld. Das Versagen der Vorväter, die vorgezeichneten Strukturen und Muster unseres Handelns, die Verwobenheit unserer Schuld mit der Schuld der Toten und der noch nicht Geborenen - all das spricht für die verborgene Wahrheit des oftmals belächelten Satzes, daß wir schuldig werden auf Grund der Schuld Adams.

 

Ein Kraftfahrer hat einen schweren Verkehrsunfall verursacht, weil er die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit nicht einhielt und dadurch die Beherrschung über sein Fahrzeug verlor. Er prallte mit einem entgegenkommenden Auto zusammen. Zwei Menschen wurden schwer verletzt, einer verstarb noch auf dem Weg zum Krankenhaus. Der Kraftfahrer wird strafrechtlich zur Verantwortung gezogen, weil er den Unfall verschuldet hat. Schuld ist hier Verstoß gegen geltendes Recht und die dadurch entstandenen Folgen.

Aber Schuld ist nicht nur Verschulden. Aber Schuld ist auch, wenn mehrere Fahrer an der Unfallstelle vorbeifuhren, ohne Erste Hilfe zu leisten. Auch die Unterlassung einer geschuldet Hilfe wird geahndet. Schuld liegt auch vor, wenn ein Tun verweigert wird.

Schuld kann aber auch entstehen, ohne daß sie juristisch zu fassen ist. Wir sagen: „Entschuldigen Sie bitte!“ weil wir ein Gespür für die Schuld im Alltäglichen haben. Um schuldig zu werden, müssen wir nicht erst mit bestimmten Paragraphen in Konflikt kommen. Schuldig werden wir auch, wenn wir die Ehre eines Menschen durch gehässigen Klatsch antasten oder einem Körperbehinderten nicht beim Einsteigen in die Straßenbahn helfen.

Unser Empfinden ist darauf geeicht, Schuld auf Extremsituationen zu begrenzen, Schuld aus dem Bereich des Alltäglichen in den Bereich des Außergewöhnlichen zu verschieben. Wir entdecken Schuld, wenn es um Krieg geht oder Unrecht geschieht und die Menschenwürde verletzt wird. Aber es fehlt uns der Mut, Schuld im Alltäglichen zu benennen, weil wir dann nach unserem eigenen Schuldigwerden fragen wüßten.

Die Einteilung in Schuldige und Unschuldige ist nicht mehr möglich, wo der Mensch im Gegenüber zu seinem Gott und Schöpfer gesehen wird. Jesus begegnete denen mit Freundlichkeit, die nach den Maßstäben des Anstands und der Frömmigkeit als Versager zu gelten hatten. Für diejenigen aber, die sich um Ehrbarkeit und Gesetzestreue mühen, findet Jesus die schärfsten Worte der Kritik. Sie wollen mit ihrer frommen Leistung besser vor Gott dastehen, wollen unschuldiger sein als die deutlichen Übertreter des Gesetzes. Hier wird Schuld angeklagt, wo nach menschlichem Ermessen noch alles in bester Ordnung ist.

Die Bibel unterscheidet nicht zwischen „Sünde“ und „Schuld“. Die bei Lukas überlieferte Fassung der fünften Bitte des Vaterunser lautet „Vergib uns unsere Sünden!“ Sünde ist Schuld, und Schuld ist Sünde.

Wenn wir sagen „Sünde  ist Schuld“, dann machen wir den Menschen trotz seiner unentrinnbaren Verhaftung an die Sünde für sein Sündersein voll verantwortlich. Man kann nicht Gott die Schuld geben, der den Menschen so unvollkommen und verkehrt geschaffen hat oder das Böse als Ausdruck eines schicksalhaften Verhängnisses deuten (wie in der antiken Tragödie) Obgleich wir der Sünde nicht entfliehen können, ist Sünde doch Schuld, für die Gott uns verantwortlich macht.

Wenn wir dagegen den Satz umkehren „Schuld ist Sünde“, dann kennzeichnen wir menschliche Schuld als konkretes Kennzeichen unseres Sünderseins. Sünde vergegenständlicht sich immer in Schuld. Schuld ist Sünde in der Vergangenheit, das Getane wie das Unterlassene, das als unbewältigte Vergangenheit das gegenwärtige Tun und Lassen überschattet.

 

 

 

Vergebung

 

Einzelfälle:

1. Geeignet für den Gemeindekirchenrat?

Wer in den Gemeindekirchenrat gewählt werden soll, muß dafür geeignet sein. Zum Beispiel soll er Vorbild sein für die, die nicht so fest glauben können. Was soll man aber einem antworten, der Folgendes geschrieben hat:       

„An den Gemeindekirchenrat! Es erstaunt mich, daß jemand mich für die Wahl in den Gemeindekirchenrat vorgeschlagen hat. Ich zweifle daran, daß ich für eine solche verantwortungsvolle Aufgabe geeignet bin. Ich bin nur ein einfacher Handwerker und habe im Reden und Diskutieren wenig Übung. Viel wichtiger aber ist etwas anderes. Lassen Sie mich offen reden: Manchmal verschweige ich vor anderen Leuten, daß ich Christ bin. Neulich zum Beispiel kam das Gespräch auf Jesus Christus und die Kirche. Ich hätte dazu manches zu sagen gehabt, aber es war mir peinlich vor den Bekannten, die mit dabei waren. Sie hätten mich

sicher nicht verstanden. Als ich direkt gefragt wurde, habe ich abgestritten, damit etwas zu tun zu haben. Was die Leute von mir denken, war mir wichtiger als die Wahrheit. Wer so handelt, darf sich wohl eigentlich nicht mehr ein Christ nennen. Jetzt werden Sie meine Bedenken sicherlich verstehen. Mit freundl. Gruß.....“.  Sicherlich sind wir verantwortlich für unser Tun und für das, was wir den anderen mit unserem Versagen antun. Wir sind uns aber auch gegenseitig die Ermutigung schuldig, daß keiner grundsätzlich und ein für allemal ein „Versager“ ist.

2. Ehebruch vergeben und vergessen?

Zwanzig Jahre hatte ein Ehepaar in guter Ehe miteinander gelebt, obgleich sie kinderlos geblieben waren. Aber nun war er von seinem Betrieb in ein Erholungsheim geschickt worden. Seine Frau hatte ihm die schönen Wochen an der See von Herzen gegönnt. Doch als er zurückkam, spürte sie, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Während der Mahlzeiten war er still und wortkarg. Bei den geringsten Anlässen brauste er auf. Noch niemals hatten ihn so viel Überstunden festgehalten wie in dieser Zeit nach dem Urlaub. Schließlich trug man der Frau zu, daß ihr Mann in seinem Urlaub Beziehungen zu einem jungen Mädchen  angeknüpft hatte, das in der benachbarten Großstadt beheimatet war. Der Mann gestand den Ehebruch ein und drängte auf die Scheidung. Die tief verletzte Frau holte sich Rat bei ihrer alten Mutter, die zu geduldigem Durchhalten in dieser Ehekrise riet, bis der Mann seine Schuld einsehen würde. Nun brach eine schlimme Zeit an. Fast jedes Wochenende verlebte der Mann in der nahen Großstadt. Seine Frau erhielt kaum das nötigste Wirtschaftsgeld. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten. Aber immer wieder ermahnte die alte Mutter zur Geduld. Eines Tages war es soweit, daß dem Mann die Augen aufgingen, daß dieses Mädchen nur an seinem Geld lag. Reumütig bat er seine Frau um Verzeihung. „Vergeben will ich dir“, war ihre Antwort, „aber vergessen kann ich nie, was du mir angetan hast!“ Als die Mutter das hörte, sagte sie zu ihrer Tochter: „Wenn du so reden kannst, weißt du nicht, was Vergeben ist. Dann wird es nie wieder gut werden zwischen euch!“

 

Vergeben und Vergessen:

Oft können wir tatsächlich nicht vergessen. Unser Gedächtnis gleicht einer Wachsplatte. Je jünger der Mensch ist, umso tiefer prägt sich darin ein, was ihm widerfährt. Darum tragen alle Erwachsenen, denen Kinder anvertraut sind, doppelte Verantwortung. Es ist erschreckend, mit welcher Bitterkeit Erwachsene von einem Lehrer reden, der sie in ihrer Schulzeit ungerecht behandelt hat. Mancher ist empfindlicher und trägt länger nach, während der andere schneller abschütteln kann. Erlittenes Unrecht kann man nicht einfach vergessen.

Manchmal dürfen wir auch nicht vergessen. Es ist nicht gut, wenn man das Unrecht des Ehegatten oder der Kinder „übersieht um des lieben Friedens willen“. Man schweigt, wo man eigentlich reden sollte, bis es dann eines Tages zur Katastrophe kommt. Dahinter stecken Bequemlichkeit und Müdigkeit, aber auch bewußte oder unbewußte Angst. Denn wo die Schuld des anderen aufgedeckt wird, da könnte auch die eigene Schuld offenbar werden. Mit Vergessen helfen wir dem anderen nicht weiter.

Im Sprachgebrauch stehen „vergeben“ und „vergessen“ eng beieinander. Wenn man vergeben hat, darf man es dem anderen nicht immer wieder vorhalten, man darf es nicht „vorwerfen“ und nicht „nachtragen“ weder in Worten noch in Gedanken. Man kann das ja nur, wenn man

„etwas in der Hand hat“. Vergeben aber heißt „weggeben“ und „loslassen“, die Schuld des anderen in Worten oder Gedanken nicht mehr festhalten. Man wird sich zwar immer an das Geschehene erinnern, aber es belastet nicht mehr.

Ich muß auf mein Recht zu zürnen verzichten. Ich muß aus der Hand lassen, was ich gegen den anderen habe und muß es Christus hinwerfen, zusammen mit der eigenen Schuld. Auch wenn der andere es wieder tut,  muß ich es vergessen (Mt 18,21-22). Jesus vergißt, wann und wie oft der andere ihm Unrecht getan hat, er vergibt unbegrenzt.

Ich muß dem anderen entgegenkommen über den Graben der Schuld und bei jedem Vergeben einen neuen Anfang mit dem anderen wagen, auch wenn ich um seine schwache Stelle weiß, die ihn immer wieder schuldig werden läßt. Wenn wir bei einem neuen „Fall“ dem anderen wieder den alten Vorfall vorwerfen, haben wir ihm nicht wahrhaft vergeben. Vergeben heißt: Immer wieder von neuem das Vertrauen  dem anderen ganz schenken, weil Gott jeden Morgen auch mit uns ganz neu anfängt!

Der Schweizer Arzt und Theologe Theodor Bovet hat einen Vergleich angestellt: Ein Ehe­bruch ist wie ein Knochenbruch. Beide sind sehr schmerzhaft und brauchen längere Zeit, um auszuheilen. Aber sie bedeuten gewöhnlich nicht den Tod, bisweilen ist die geheilte Bruchstelle sogar noch fester als zuvor!

 

Gottes Vergebung:

Gott vergibt, indem er unsere Schuld nicht vergißt, sondern vernichtet. Er verzichtet auf sein Recht‚ uns zu strafen und unsere Schuld zu vergelten. Aber er vergißt unsere Sünde nicht. Doch er legt die Strafe nicht auf uns, sondern auf sich selbst in seinem Sohn. Wie der Vater im Gleichnis seinem reumütigen Sohn entgegenläuft (Lk 15,20), so kommt uns Gott in Jesus Christus entgegen, ja er sucht sogar die Sünder. Er vergißt nicht nur, sondern er vergibt auch. Ein vergessener Schuldschein kann eines Tages wieder zum Vorschein kommen und dem anderen vorgelegt werden, ein vernichteter Schuldschein nicht.

 

Größer als die Schuld Adams ist der uns in Christus geschenkte  Freispruch. Größer und unbegreiflicher als die Wirklichkeit menschlicher Schuld ist die Wirklichkeit der göttlichen Vergebung. Unser Lebenmüssen in der Verschuldung wäre aussichtslos, würde Gott nicht immer wieder auf uns zukommen und neue Brücken über die Kluft der uns von ihm isolierenden Schuld errichten.

Vergebung ist die Wiederherstellung der zerstörten Gemeinschaft, die Bereitschaft zu neuer Partnerschaft. Im Klima der Vergebung müssen wir nicht mehr die Faust ballen, sondern können aufeinander zugehen. Deshalb ist Vergebung der einzig realistische Weg zur Überwindung einer Schuldsituation.

Es gibt ja keine Schuld, die wirklich angemessen sühnbar wäre. Allenfalls der entstandene Sachschaden kann repariert werden. Aber der durch die Schuld entstandene Sachbestand ist nicht wieder gutzumachen. Die durch einen Unfall ums Leben gekommenen Menschen können nicht wieder lebendig werden. Die einem heranwachsenden Menschen zugefügte Lieblosigkeit kann nicht aus seiner Biographie gelöscht werden. Die in den Konzentrationslager verübten Grausamkeiten sind nicht annähernd sühnbar. Wiedergutmachung hat mehr einen symbolischen Wert.

Die Schuldsituation kann nur durch Vergebung  bewältigt werden. Sie befähigt uns, das Gewicht der Schuld außer Kraft zu setzen und dem Schuldner die Schuld nicht nachzutragen. Zerbrochene Gemeinschaft kann wieder erneuert werden, als sei nichts geschehen. Unser Gegenüber ist nicht mehr Schuldner, sondern Partner. Zur Vergebung gehören immer zwei. Der Schuldner nimmt die Schuld in vollem Umfang an und schafft so Raum für das vergebende Handeln des anderen (Lk 15,21).

 

Mit der fünften Bitte des Vaterunser  bekennen  wir unsre Schuld. Das Schwergewicht liegt allerdings auf der Bitte um Vergebung.  Im Zentrum des Evangelium steht nicht die Schuld, sondern die vergebene Schuld. Gott will keine lähmenden Schuldgefühle, keine schlaflosen Nächte über unbewältigter Vergangenheit. Wir sollen uns nicht quälen, sondern leben. Wir dürfen uns auf seine Vergebung verlassen, die er jedem Menschen gewährt, der seine Schuld vor ihm ausspricht. Er vergibt, nicht weil es sein Geschäft ist (Voltaire), sondern weil er uns liebt wie der Vater den verlorenen Sohn.

Das Gleichnis vom barmherzigen Schuldner (Mt 18,23-35) zeigt: Keine Schuld ist so groß, als daß sie nicht vergeben werden könnte.  Aber es gibt eine Grenze der göttlichen Barmherzigkeit: Der Mann, dessen Riesenschulden erlassen wurden, kann nicht einen Augenblick später einen armen Schlucker bei einer Bagatellschuld behaften, sonst wird der bereits ausgesprochene Schuldenerlaß zurückgenommen. Gottes Vergebung kann nicht ohne Folgen für den

begnadigten Schuldner bleiben; sie verpflichtet ihn, die erfahrene Vergebung weiterzugeben. Das Maß der Vergebung Gottes wird durch das Maß unserer Bereitschaft zum Vergeben bestimmt.

Aber unsere Vergebungsbereitschaft ist nicht Bedingung für die Erhörung der fünften Bitte, denn Gott vergibt, ohne Bedingungen zu diktieren. Wo echte Vergebung empfangen wurde, dort ist Vergebung gegenüber dem Mitmenschen ein dankbares Echo auf Gottes Handeln.

Es sträubt sich etwas in uns, eigene Schuld zu bekennen, geschweige denn bei uns zu suchen. Wir fürchten, unser Gesicht zu verlieren, wenn wir eine Schuld offen und ungeschminkt eingestehen. Wir fürchten um unsren guten Ruf. Deshalb nehmen wir der Schuld die Schärfe, indem wir sie als Schwäche oder als Fehler darstellen. Oder wir verdrängen unsere Schuld, indem wir sie auf die Verhältnisse schieben oder andere Menschen dafür verantwortlich machen.

Einer schiebt dem anderen den „Schwarzen Peter“ zu. Dieser Grundzug menschlichen Wesens kommt bereits in der Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck. Als Adam von Gott zur Rede gestellt wird, schiebt er die Schuld auf Eva, und diese schiebt die Schuld auf die Schlange. Es ist einfacher, Schuldige zu suchen als Schuld zu bekennen. Jeder nennt den anderen schuldig, aber niemand will schuldig sein. Deshalb könnte ein Anti-Text zur fünften Bitte lauten: „Wir sind feine Kerle. Du mußt uns helfen, gegen die anderen Recht zu behalten!“ Diese Selbsttäuschung blockiert die von Gott gewollte und geschenkte Bereitschaft zum Vergeben. Sie macht uns blind für unser eigenes Schuldigwerden und läßt die Bitte um Vergebung zu einem frommen Lippenbekenntnis werden.

 

„Das Nachtpfauenauge“" von Hermann Hesse

Hermann war ein leidenschaftlicher Schmetterlingssammler. Es kam vor, daß er alles vergaß, die Schule, auch das Mittagessen, wenn er mit dem Fangnetz unterwegs war. Sah er einen besonders schönen Falter, dann packte ihn der Jagdeifer. Näher und näher schlich er sich heran, bis er „jeden leuchtenden Farbfleck und jede kristallene Flügelader und jedes feine braune Haar der Fühler sehen konnte, das war eine Spannung“.

Gern hätte er seine Schmetterlinge in Glaskästen ausgestellt, aber dafür konnten die Eltern kein Geld geben, darum mußte er sie in einer alten Pappschachtel aufbewahren. In zerschnittene Korken, die er auf den Boden klebte, steckte er die Nadeln mit den Schmetterlingen. Anfangs hatte er voller Stolz seine Schätze den Freunden gezeigt. Aber bald hatten die eine Sammlung in feinen Glaskästen, und Hermann mochte seine Schmetterlinge im Pappkarton nicht mehr zeigen.

Einmal jedoch hatte er den seltenen Schillerfalter erbeutet. Nachdem er ihn aufgespannt und getrocknet hatte, ging er voller Stolz ins Nachbarhaus, um ihn wenigstens Emil zu zeigen.

Emil war der Sohn des Lehrers und „in jeder Hinsicht ein Musterknabe“. Keiner konnte ihm etwas Unrechtes vorwerfen. „Er verstand sogar die seltene und schwierige Kunst, beschädigte und zerbrochene Falterflügel wieder zusammenzuleimen.“ Emil sah Hermann an, wie stolz er auf den Schillerfalter war. Er betrachtete den Schmetterling genau, und fachmännisch sagte er, wieviel der Falter wert sei. Dann aber begann er zu kritisieren: „Schlecht aufgespannt ist er, und zwei Beine fehlen ja auch!“ Hermann wurde traurig. Er hatte sich so über seinen Fang gefreut. Nie würde er Emil einen Schmetterling zeigen.

Zwei Jahre waren vergangen, und beide Jungen waren noch mit demselben Eifer Schmetterlingssammler. Da verbreitete sich das Gerücht, Emil habe ein Nachtpfauenauge gefangen. Hermann kannte diesen überaus seltenen Falter nur von Abbildungen. Oft hatte er im Schmetterlingsbuch über das Nachtpfauenauge gelesen und darüber gestaunt, daß dieser Schmetterling sogar Vögel abwehren kann durch die sonderbare Zeichnung auf den Hinterflügeln. Die großen hellen Augen, die sonst durch die dunkleren Vorderflügel verdeckt sind, wirken beim Auseinanderfalten so merkwürdig, daß jeder Vogel erschrickt und das Nachtpfauenauge in Ruhe läßt. „Dieses Wundertier sollte der langweilige Emil haben!“

Als Hermann davon hörte, freute er sich zuerst sehr darüber, endlich diesen seltsamen Falter zu sehen, später allerdings ärgerte sich Hermann, daß gerade Emil dieses wunderbare Tier gefangen hatte. Darum ging Hermann nicht sofort zu Emil, wie er es anfänglich vorhatte. Er bezwang sich, weil Emil nicht merken sollte, wie sehr er ihn beneidete. Als aber am nächsten Tag in der Schule wieder vom Nachtpfauenauge gesprochen wurde, hielt es Hermann nicht mehr aus. Gleich nach dem Mittagessen lief er ins Nachbarhaus. Er stieg hoch zu Emils Dachkammer. Welcher Junge hatte sonst noch ein eigenes Zimmer!

Als Hermann an die Tür klopfte, antwortete niemand. Er drückte die Türklinke herunter, und zu seinem Erstaunen sprang die Tür auf. Er wußte genau, daß Emil immer darauf achtete, daß er abschloß, bevor er wegging. Hermann sah auch im Zimmer niemand. Jetzt, wo er schon einmal hier war, wollte er aber nicht wieder gehen, ohne den Schmetterling gesehen zu haben. So sah er sich nach den Glaskästen von Emils Sammlung um. Aber in keinem war das Nacht­pfauenauge. „Vielleicht war es noch nicht getrocknet.“ Richtig, dort auf dem Spannbrett steckte es. Hermann beugte sich „darüber und sah alles aus nächster Nähe an: die behaarten hellbraunen Fühler, die eleganten und unendlich zart gefärbten Flügelränder, die feine wollige Behaarung am Innenrand der unteren Flügel. Nur gerade die Augen konnte er nicht sehen, die waren vom Papierstreifen verdeckt.

Sehr vorsichtig löste Hermann die Streifen, die den Schmetterling spannten. Überrascht sah er die vier Augen, die ihn merkwürdig anschauten. Sie waren weit schöner als auf den Abbildungen, die Hermann kannte. So sehr gefiel ihm der Schmetterling, daß er nur eines wußte: diesen Falter mußte er haben. Ohne zu überlegen zog er die Nadel heraus, die den Schmetterling hielt. Er war schon getrocknet und verlor die Form nicht. Das Nachtpfauenauge in der hohlen Hand ging Hermann aus der Kammer.

Glücklich stieg er die Treppe hinunter.  Plötzlich hörte er, daß jemand ihm entgegenkam. Mit einem Schlag wußte er, es war gemein, was er getan hatte, er hatte gestohlen. Voller Angst ging er weiter, während er instinktiv die Hand mit dem Falter in die Hosentasche schob. Ihm entgegen kam ein Mädchen. Bis zur Haustür ging Hermann, dann wußte er genau: Er durfte das Nachtpfauenauge nicht behalten. Es zurücktragen und alles möglichst ungesehen machen, das war sein Plan. Er hatte Angst, daß ihn jetzt jemand entdecken könnte.

Er eilte die Treppe hoch, schnell in Emils Kammer. Vorsichtig zog er die Hand aus der Tasche. Noch lag der Schmetterling nicht auf dem Tisch, da wußte es Hermann schon: das Nachtpfauenauge war zerstört. Traurig und dem Weinen nahe, legte er den verdorbenen Schmetterling auf den Tisch. Der rechte Vorderflügel fehlte und auch ein Fühler. Als Hermann den abgebrochenen Flügel vorsichtig aus der Tasche zu ziehen suchte, war er zerschlissen und an kein Flicken mehr zu denken.

Der Anblick dieses schönen, seltenen Tieres, das er zerstört hatte, peinigte Hermann sehr, mehr als das Gefühl des Diebstahls. An den Fingern haftete noch der zarte braune Flügelstaub, er sah den zerrissenen Flügel daliegen und hätte mit Freude jeden Besitz hingegeben, auf alles verzichtet, um das Nachtpfauenauge wieder ganz zu wissen.

Traurig schlich er davon in den Garten hinter dem Haus. Dort saß er, bis es dunkel wurde.

Schließlich ging Hermann bedrückt nach Hause. Den ganzen Nachmittag über saß er im Garten und fand erst in der Dämmerung den Mut, der Mutter alles zu erzählen. Natürlich war sie sehr traurig und erschrocken, aber sie verstand, wie schwer dies Geständnis ihrem Jungen gefallen war. Sie hatte dann auch eine Idee. Gleich sollte Hermann zu Emil hinübergeben, ihm von der häßlichen Tat erzählen. Dazu sollte er Emil anbieten, sich irgend etwas von seinen Sachen auszusuchen und ihn auch um Verzeihung bitten.

Das war nun freilich ein endlos schwer zu erfüllender Wunsch der Mutter. Es dauerte Stunden, bis sich Hermann, von der Mutter noch einmal ermutigt, auf den Weg zu dem „Musterknaben“ machte. Emil erzählte sofort von dem entdeckten verdorbenen Falter. Schon hatte er an ihm gearbeitet. Hermann sah noch einmal selber, daß hier wenig zu reparieren war. Nun gestand er sofort, daß er der Täter gewesen sei, wollte noch erklären.

Und Emil? Er pfiff ganz leise durch die Zähne, gar nicht wild und wütend, und sagte nur sehr verächtlich: „Soso, also so einer bist du!“ Nichts konnte Hermann tun. Vergeblich redete er, bot seine ganzen Spielsachen, schließlich die gesamte Schmetterlingssammlung an. Emils Verachtung wuchs nur, ganz ruhig sah er Hermann an. Dieser wurde entsetzlich zornig, konnte aber nichts tun. Da stand er nun und entdeckte plötzlich, daß es Taten gibt, die man nicht wiedergutmachen kann, entdeckte, daß manches nur durch Verzeihen gut wird. Die Verzeihung erfuhr er erst durch seine Mutter, die ihn nicht ausfragte, ihn in Ruhe ließ und ihm einen Gutenachtkuß gab. Aber alles konnte sie damit in ihrem Jungen nicht heilen. Alleingeblieben stellte er seine Schachtel mit den Schmetterlingen auf das Bett und zerdrückte sie alle, einen nach dem anderen.

Hermann zerstört seine Schmetterlingssammlung, weil ihm die Freude an der eigenen Sammlung genommen wurde, weil Emil ihm nicht verzeiht. Wer nicht verzeihen kann, zerstört in dem anderen etwas Wichtiges.

Warum konnte Emil nicht verzeihen? Musterknabe, nie etwas Unrechtes getan, geschickt, langweilig - weil untadelig. Emil ist der Meinung, er selber habe noch nie etwas falsch gemacht. Darum weiß er nicht, wie schwer es für Hermann ist. Verallgemeinert: Wer meint, er selber habe Vergebung nicht nötig, der wird auch nur schwer verzeihen können.

Warum will die Mutter, daß Hermann noch am selben Tag um Verzeihung bittet?

Es wird immer schwerer, eine Sache einzugestehen, weil in der Zwischenzeit ein größerer Personenkreis davon erfahren hatte. Es ist wichtig, Schuld gleich einzugestehen.

 

„Ein Fall für Psychiater.“ von Helmut Ludwig

„Sie saßen am Stammtisch zusammen und lachten. Sie erzählten die alten Geschichten von damals, tranken Bier und spielten Skat. Es war, wie man sagt; „eine gemütliche Runde“ - bis es ungemütlich wurde. Und das lag wieder einmal an Erwin und seinem „Tick“, wie sie es nannten. Darin waren sie sich einig: Erwin war ein richtiger Spielverderber! Immer, wenn es um das weit zurückliegende Thema „Schule“ ging, zahlte Erwin und verabschiedete sich. Und irgendwie war er dann immer erregt.

Sie hatten sich oft vorgenommen, das heiße Thema auszuklammern. Aber wenn sie dann ein paar Biere getrunken hatten, rutschte dem einen oder anderen doch einmal eine Geschichte aus der gemeinsamen Schulzeit heraus. Erwin war eigentlich ein gutmütiger Kerl. Aber in diesem Punkt verstand er keinen Spaß. Er klappte das Visier zu, schaltete ab und beherrschte sich offenbar nur mühsam, wenn Erlebnisse aus der Schule zur Sprache kamen. Man konnte auch mit ihn über dieses eigenartige Verhalten nicht reden. Er gab keine Erklärung dafür ab. Beim nächsten Mal war Erwin dann stets wieder dabei und keiner trug dem anderen etwas nach.

Nun war es aber eben doch wieder passiert. Gerd hätte sich die Zunge abbeißen können. Er ärgerte sich selbst darüber, daß er das leidige Thema angeschnitten hatte. Dabei wollte er nur einen Schwank aus gemeinsamer Vergangenheit zum besten geben. Es war ja auch ärgerlich, daß Erwin immer gleich so sauer reagierte. Nun war er wieder gegangen. Die Schulfreunde sahen sich an und zuckten die Schultern. Paul machte eine resignierende Handbewegung. Damit war die unbeschwerte, fröhliche Runde wieder einmal geplatzt.

„Geh hinter ihm her und hol ihn zurück. Er braucht es doch nicht immer gleich so übel zu nehmen“, schlug der besonnene und ausgleichende Paul vor. Aber Gerd lehnte ab. Schließlich waren sie all erwachsene Männer, hatten Krieg und harte Zeit erlebt und es zu etwas im Leben gebracht. Es war albern, daß man als erwachsener Mensch hinter Erwin, der einen Tick hatte, herlaufen sollte. Da stand Paul wortlos auf und ging nach draußen, um Erwin zurückzubitten. Irgendwann müßte man doch einmal offen über die Dinge sprechen, den Tick erklären, damit Erwins Verhalten verständlicher würde.

Paul holte Erwin ein und entschuldigte sich für den Bruch des Tabus. Sie hätten es doch nicht so gemeint. Und er solle doch einmal mutig sein und auspacken. Erwin überlegte, sah, daß der Freund es ehrlich und gut meinte; und kam zurück.

Als sie wieder zusammen um den Tisch saßen, bestellte Gerd eine neue „Runde der Versöhnung“, wie er es nannte. Dann entstand eine lange Pause. Schließlich steuerte Paul die Sache geschickt an. Und Erwin begann zu erzählen. Dabei mußte er seine innere Erregung mühsam unterdrücken. 

Ja, es war eine richtige Zwangsvorstellung,  unter der er litt. Das gab er zu. Es begann mit dem Freitod Poldis.  Poldi war der Geschichtslehrer gewesen, allen bestens aus der gemeinsamen Schulzeit bekannt. Poldi war sein Spitzname. Dr. Bergmann, wie er richtig hieß, war ein sensibler Mensch gewesen. Und die Klasse war übermütig und stets zu allen Streichen bereit.

Erwin schilderte, was sie alle miterlebt hatten: Wie sie damals Poldi nervlich zermürbt und richtig fertiggemacht hatten. Poldi zitterte, wenn er die Klasse betrat. Sie waren rauh und unbarmherzig mit ihm umgesprungen. Schließlich mußte Dr. Bergmann einen Psychiater aufsuchen. Eine Behandlung in einem psychiatrischen Krankenhaus folgte. Dort hat er sich dann auf schreckliche Weise das Leben genommen. Seitdem bekannte Erwin seinen Freunden, fühle er sich als Mörder. Immer wenn das Thema Schule dran sei, werde ihm schlecht, quälten ihn jahrelang verschleppte Depressionen. Sie alle hätten Poldi auf dem Gewissen. Sie alle und er, Erwin, auch.

Nach dieser Stammtischbeichte war zuerst eine Weile betretenes Schweigen. Dann redeten sie alle auf Erwin ein. Sie meinten es gut, wollten ihm den Tick ausreden. Schließlich sagte Gerd: „Geh doch mal zum Psychiater!“ Da stand Erwin zum zweiten Mal an diesem Abend auf und verließ das Lokal!“

 

Wie erklären wir Erwins Verhalten? Ist sein „Tick“ normal?

Gibt es unterschiedliche Gewissensbelastungen?

Wird das Gewissen von der Umwelt geprägt?

Welche Möglichkeiten und Versuche, die Schuldfrage zu lösen, bieten sich an?

Wie würden wir die verschiedenen Lösungswege einschätzen?

Säßen wir an Erwins stelle; welche „Brücke“ würden wir gehen?

Wie könnte es für Erwin und den Kreis eine befriedigende, befreiende Lösung geben?

 

Mögliche Gesprächsziele

1. Schuld kann zu körperlichen und seelischen Störungen führen.

2. Der Mensch versucht von Natur aus, der Schuldfrage auszuweichen..

3. Gott geht es nicht nur um unser Schuldgefühl, sondern um unsere wirkliche Schuld.

4. Schuld ist das, was wir schuldig sind. Unsere Schuld Gott gegenüber ist so groß,

daß uns die Mittel und Wege fehlen, sie zu begleichen.

5. Am Kreuz hat Jesus für uns die Schuldfrage gelöst.

6. Unsere eigentliche Schuld ist der Unglaube :

Wir nehmen es nicht an, daß Jesus unsere .Schuld auf sich genommen hat.

Wir meinen immer wieder, daß wir durch eigene Leistung von Schuld befreit werden.

7.. Bekennen befreit von Schuld.

 

-           Was ist die Aufgabe eine Psychiaters?

-           Brauchen wir als Christen einen Psychiater?

-           Gibt es für uns Unterschiede zwischen Psychiatrie und Seelsorge? Worin liegen sie?

-           Warum kommen manche Christen trotz Vergebung nicht von ihrer Schuld los?

 

 

Psalm 32:

Glücklich kann sein, wem gesagt wird:

Es ist alles wieder in Ordnung. Was gewesen ist, das ist vorbei.

Glücklich kann sein, wem gesagt wird:

Gott trägt dir nichts nach. Du kannst ehrlich sein.

Dir wird Vertrauen geschenkt.

Zuerst wollte ich meine Fehler nicht zugeben,

aber mein Gewissen ließ mir keine Ruhe.

Du legtest deinen Finger auf den wunden Punkt, daß es schmerzte.

An nichts anderes konnte ich denken.

Ich hielt es nicht länger aus und bekannte offen mein Versagen.

Ich packte aus, was mir auf der Seele lag,

ohne etwas zu verheimlichen und zu beschönigen.

Da sprachst du: Es soll alles wieder gut sein zwischen dir und mir.

Alle, die zu dir gehören, werden immer wieder zu dir kommen,

wenn sie nicht aus noch ein wissen, und dir sagen, was sie falsch gemacht haben.

Sie erfahren, daß du sie nicht allein läßt in aller Angst, die auf sie einstürmt.

Wie ein Schutzdach kannst du Schweres abwenden.

Ich kann befreit und glücklich aufatmen und danke dir mit meinem Lied.

 

 

 

 

Humor

oder: „Das Problem der christlichen Fröhlichkeit“

 

Es gibt zwei Arten von Pfarrern: Über die einer lacht man, wenn sie hinausgegangen sind, weil man sie auslacht. Über die anderen lacht man schon, wenn sie hereinkommen. Diese sind so von ansteckender Fröhlichkeit, daß man einfach mitlachen muß. Aber besser noch, man lacht i n der Kirche als hinter der Kirche her.

Nun ist natürlich nicht jeder so ein angenehmer Typ, der alle erheitern kann. Häufiger findet man nervöse, gehetzte, gereizte oder auch gleichgültige Menschen. Dabei käme man mit dem Leber viel leichter zurecht, wenn, man das Leben leichter nähme und Kritik nicht so schwer nähme. Aber wer bringt das schon wirklich fertig? Vor allen Dingen versucht man, in der Kirche alles zu vermeiden, worüber man lachen könnte.  In der Kirche möchte man nicht ausgelacht werden, auch nicht im guter Sinne. Deshalb ist jeder bestrebt, nur nichts falsch zu machen: Dann lieber gar nichts machen! Wenn es im Leben schon ernst ist, dann ist es in der Kirche ganz und gar ernst. Kirche -  das ist der Ernstfall.

„Humor ist, was man bestimmt nicht hat, wenn man ihr  definiert“, hat einmal einer gesagt. Man kann der Humor auch nicht lehren. Aber ein Scherzwort ist oft einprägsamer als eine noch so gute langatmige Erklärung. Deshalb soll jeder ruhig seinen Sinn für komische Situationen pflegen und entwickeln. Es gibt wohl nur wenige Menschen, denen der tierische Ernst so sehr zur zweiten Natur geworden ist, daß der Humorvolle sofort ihren Unwillen und ihr Mißfallen erregt. Die meisten Menschen fühlen sich von einem Humorvollen unwiderstehlich angezogen.

 

Das Wort „Humor“:

Humor hängt mit dem lateinischer Wort „humus“ zusammen. Er ist also der „Saft“, der dem Boden die Feuchtigkeit und damit Leben gibt. Ein humorloser Mensch ist also „saft- und kraftlos“. Humor aber ist so etwas wie eine Medizin, die den Menschen vor der Krankheit des tierischen Ernstes befreien kann, denn „Lachen ist gesund“. Im deutschen Sprachgebrauch wurde „Humor“ bezogen auf „Temperament, Stimmung“. Zuletzt eingegrenzt auf „gute Laune mit fröhlichen nicht boshaften oder derben Witzen“. Ein Synonym für Humor ist .“Witz“, sprach- und bedeutungsgeschichtlich zusammenhängend mit „Wissen“ (vgl. gewitzigt sein; Mutterwitz haben), „Verstand, verständig sein; schlagfertig sein“. Humor kann sich also in Witzen äußern, die, spontan aus einer Situation geboren, diese schlaglichtartig beleuchten, den anderen aber auch nicht verletzen will. Auch in Karikatur und Groteske („caricare“ = übertreiben) kann sich Humor im obengenannten Sinn ausdrücken.

Ein anderer Bedeutungskomplex ist mit dem Stichwort „Ironie“ gegeben. Synonyme Worte hierzu sind: „Spott, Spöttelei, Spitzelei, Satire, Anzüglichkeit, Hohn, Parodie, Persiflage“. - lauter Äußerungen, die bewußt zielend und treffend (aufdeckend, schneidend, verletzend) gegen den anderen gerichtet sind.

 

Verletzender „Humor“;

Nicht jedes Lachen allerdings ist schon Zeichen von Humor. Es liegt ein tiefer Graben zwischen Freude und Schadenfreude, zwischen Lachen und Auslachen. Es gibt ein albernes, verlegenes, spöttisches und höhnisches Lachen. Es gibt aber auch das gute und warme Lachen, das mit Lächeln und Schmunzeln verwandt ist. Nur der Mensch kann lachen, denn ihm allein hat der Schöpfer die Gabe des Lachens geschenkt.

Die Art des Lachens verrät viel über den betreffenden Menschen. Es ist nicht gleichgültig, wie einer lacht, worüber und worüber nicht. Der Humor sieht die Welt, wie sie wirklich ist. Er setzt nicht die rosarote Brille irgendeines fragwürdigen Optimismus auf. Er nimmt aber dennoch die Ereignisse nicht zu tragisch; er lächelt, wo die Versuchung nahe läge, ein Klagelied anzustimmen.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. So hängt es in vielen Häusern als Spruch an der Wand. Was erwartet man davon? Hauptsache: lachen? Nicht soviel ärgern? Nicht alles gleich tragisch nehmen - sich selber auch nicht? Überhaupt nicht so „tierisch“ ernst sein? Kann dieser Spruch unsere Erwartungen erfüllen? Was können wir mit ihm gewinnen? Was verlieren? Beides will bedacht sein, denn: Mit dem Lachen haben wir so unsere Erfahrungen gemacht. Es kann uns erleichtern, bei anderen aber - ohne daß wir es wollten - schlecht ankommen, es kann sie verletzen, bloßstellen, brüskieren und die ganze Situation mehr vergiften als entgiften. Also lachen allein tut's noch nicht. Wir müssen über den Zusammenhang von Lachen und Humor genauer nachdenken.

Lachen und Lachen ist vielerlei Verschiedenes. Wir alle kennen solche Situationen, in denen unser Lachen fehl am Platz war: weil wir den ernsten Hintergrund nicht gemerkt haben; weil wie den anderen lächerlich gemacht haben; weil wir eine Wahrheit nicht wahrhaben wollten; weil wir uns  aus  Überheblichkeit oder Rechthaberei über den anderen mokieren wollen  u. ä.

Humor muß noch eine andere Wurzel haben, muß anderswo verankert sein als in irgendeinem Lachreiz, der von außen auf uns einwinkt.

Oft leuchtet es nur schlaglichtartig auf - in einer Art Galgenhumor, wie es um mich und meine Lage bestellt ist. Oft reizt es mich, in irgendeiner eigenen Unsicherheit oder Verzweiflung die Schwäche des anderen mit Ironie, Spott, Satire anzugreifen und zu treffen. Nicht selten mußte früher gegen gesellschaftliche Zustände von den großen Satirikern mit Hilfe der Kunst angegangen werden, um hinter die Scheinfassaden zu leuchten und die Welt zu demaskieren. Nur: aufdecken, anprangern, demaskieren ist eines (und man muß wissen, wann ein solches „Verletzen“ zur Veränderung von Mißständen hilfreich und darum geboten sein kann.

Ein anderes ist: den Finger kritisch auf eine erkannte Wahrheit legen, ohne daß der andere verletzt oder bloßgestellt wird, aber doch die Möglichkeit gewinnt, seine Meinung zum allseitig Besseren zu ändern. Das ist die Kunst des Humors: Kritik und Liebe miteinander zu verbinden.

 

Humor und Witz:

Humor ist etwas anderes als der Witz. Dieser wendet sich an der Verstand, er beleuchtet die Schwächen des Menschen und stellt bestimmte Gegensätze unerwartet zusammen. Der Humor dagegen ist der edlere Bruder des Witzes, wenn er auch manches mit ihm gemeinsam hat Der Witz lacht - der Humor lächelt. Der Witz ist geistreich - der Humor ist liebevoll. Der Witz funkelt - der Humor wärmt. Der Witz entlarvt die Unzulänglichkeit - der Humor hilft darüber hinweg.

Der Humor weiß auch um die Unvollkommenheit der Welt. Er vertuscht nicht die häßlichen und erbärmlichen Seiten, ihre Bitterkeiten und Enttäuschungen. Er weiß um die Geheimnisse und Grenzen der Welt. Er will die Welt nicht verbessern, aber er verzweifelt auch nicht an ihr. Wenn ein Alltagsärger über uns Macht zu gewinnen droht (zum Beispiel wenn die Wäscheleine reißt), dann ist es gut einen Abstand einzuschalten. Dann sieht man die Situation, wie man sie etwa nach einer Woche oder nach einem Jahr sehen würde. Dann empfindet man die Komik des Augenblicks und kommt mit Humor darüber hinweg. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ (Wilhelm Busch).

Es ist gut, wenn man die eigene Person nicht so wichtig nimmt. Der Humorvolle kann sich selbst im Abstand sehen. Dann setzt er auch gleich bei anderen menschlichen Schwächen als gegeben voraus. Er verurteilt und verachtet den anderen nicht, so viel ihn auch an ihm stören oder gar reizen mag. Der Humor hat mit dem anderen Menschen Geduld. Wo er Kritik  übt, da möchte er nicht wehtun, sondern dem anderer zurecht helfen. Der Humor will den Mitmenschen nicht lächerlich machen, sondern zum Lächeln verleiten.

 

Humor in der Kirchenkunst:

Dabei wurde in der mittelalterlichen Kirche sogar im Gottesdienst kräftig gelacht. Nach der strengen Fastenzeit und dem Trauern der Karwoche wurde im Ostergottesdienst fröhlich und übermütig gelacht. Es wurden sogar Schwänke erzählt und die Komödie vor der Auferstehung Christi aufgeführt. Damit lachte man den Tod und den Teufel aus, der durch Gott überlistet worden ist.

In den mittelalterlichen Domen finden wir viele Gestalten, die kräftig lachen bzw. sich sogar vor Lachen ausschütten (Bamberg). An vielen Stellen der Kirchen sind lustige Gestalten versteckt (zum Beispiel Affen). Nur der heile Mensch kann von Herzen lachen. Darum kann eher gerade der österliche Mensch richtig fröhlich sein. Auch sonst hören wir in der Bibel gelegentlich vor besonderer Freude: Die Emmausjünger kehren fröhlich um nach Jerusalem (Lk 24,52-53). Der Kämmerer aus dem Mohrenland zieht seine Straße fröhlich (Apg 8,39). Der ganze Philipperbrief spricht von der Freude.

 

Humorvolle Schilderungen aus dem Alltag finden sich als Beiwerk auf Blättern von Albrecht Dürer über die „heilige Familie“ und auf den Randzeichnungen des Gebetbuches von Kaiser Maximilian. Im Kirchenraum, an weniger in den Blick fallenden Stellen der Architektur oder der Ausstattung, zum Beispiel an Kapitellen und Konsolen, am Chorgestühl, aber auch an den Außengesimsen, Geländern und Wasserspeiern finden sich lustige oder skurrile Gestalten, oft aus dem Tierreich oder menschliche und tierische Züge vermischend.

Schwächen und Laster der damaligen Gesellschaft werden in erstaunlich offener Weise ans Licht gezogen, wie etwa Trunksucht, Prasserei, Ehezank. Auch kirchliche Würdenträger, Mönche und Nonnen sind dabei nicht ausgenommen. Dabei ging es oft sehr derb und drastisch zu. Ein lateinischer Scherzreim Martin Luthers kennzeichnet treffend die Mentalität der damaligen Gesellschaft. Er lautet in deutscher Übersetzung: „Alle Mühe und Arbeit können Deutsche ertragen. Ach, daß sie ebensogut könnten ertragen den Durst!“

Aber auch leisere Töne beim Ausdruck der Lebensfreude finden sich in den Bildern, so etwa das selbstvergessene Lächeln musizierender Engel, die anmutige Schönheit tänzerischer Bewegung oder die Drolerie spielender Putten.

 

Im hohen Chor des Erfurter Doms ist das alte Chorgestühl aus Holz. Die feinen Domherren des Sankt-Manien-Stiftes saßen dort. Zwischen den einzelnen Stühlen, als Armlehnen, begegnet uns immer ein kleines Köpfchen; teilweise sind es Flötenspieler. Über der hinteren Stuhlreihe sind 48 schöne gekrönte Frauen in das Holz gearbeitet. Ihre ganze Meisterschaft legten die alten Schnitzer in die großen Seitenteile des Gestühls. Auf einer sehen wir ein ganzes Orchester: Engel spielen Harfe, Fidel, Laute, Handorgel, Dudelsack und Glockenspiel. Dazwischen tummeln sich Affen, eine Meerkatze, ein Papagei. Ein Adler schlägt gerade einen Hasen, übrigens sind im Dom vierzig Hunde, zwanzig Schafe und vierzig Esel neben vielem anderen Getier zu finden. Ein Esel gefällt min besonders genaues Bild für uns zu bekommen, wie unsere Vorfahren lebten, arbeiteten und liebten. Die Grabplastik aus dem Erfurter Dom zeigt den Grafen von Gleichen mit seinen beiden Frauen. Die Gesichter der drei auf dem Grabstein dargestellten Menschen sind nicht etwa traurig, sondern um ihren Mund spielt ein heiteres Lächeln.

Auf einem alten Bild schaut er das Jesuskind, das in der Krippe liegt, an und lacht dabei.

Auf der anderen Stuhlreihe wird vom Weinanbau in der Erfurter Gegend erzählt. Oben wird der Weinstock verschnitten; daneben erhalten die Winzer gerade vom Herren ihren Lohn ausgezahlt. Dann wind uns das Ernten vorgeführt, wie die Trauben abgenommen werden und im Tragen weggeschafft werden. Ganz unten aber sitzen Männer vor ihren Weingläsern. Einer hat - oder alle? - schon etwas viel getrunken. Der Hut ist auf dem Kopf, obwohl er im warmen Zimmer sitzt, der Schuh in der Hand und der Fuß am Feuer. Ein Kater wirft dem Trinker gerade das Glas an den Kopf. Fische, die offenbar schon früher gegen einen „Kater“ angepriesen wurden, stehen daneben zum Verzehr bereit.

 

Humor in der Kirche:

Eine christliche Gemeinde sollte sich dadurch auszeichnen, daß man es sich in ihr leisten kann, übereinander zu lachen. Man dürfte unsren Gottesdiensten ruhig etwas von der Freude abspüren, von der die Bibel voll ist. Gott ist bestimmt damit einverstanden, wenn gerade

die Christen täglich einige Schlucke von der Medizin  „Humor“ zu sich nehmen. Das wird ihnen und den anderen ausgesprochen gut tun. Haben Sie schon einmal im Gottesdienst erlebt, daß gelacht wurde?

Manchmal möchte man gerne glauben, daß nur ein Christ wirklich Humor haben könnte. Aber im echten Humor ist zumindest ein heimliches Wissen lebendig von der  Güte, mit der Gott diese Welt in all ihrer Unvollkommenheit ans Herz nimmt. Ein Christ, der keinen Sinn für Humor hat und tierischen Ernst für ein besonderes Kennzeichen der Frommen hält, muß sich fragen lassen, ob er die frohe Botschaft wirklich schon richtig gehört hat.

 

Humor und Christentum gehören zusammen. Denn wer sollte sonst fröhlich sein, wenn nicht wir? Jesus hat uns befreit zu dieser Fröhlichkeit, weil er selbst auch fröhlich sein konnte. Und einem, der den Vergleich mit dem Kamel und dem Nadelöhr prägte, kann man eine gehörige Portion Humor nicht absprechen.

 

Haben Sie heute schon gelacht?

Kassiert: Der vierjährige Simon ist nach der Predigt etwas ungeduldig geworden. Als die Kollekte eingesammelt wird, flüstert er seiner Mutter zu: „Mutti, ist es jetzt zu Ende?“ - „Nein, noch nicht, aber bald. Pst!“ versucht die Mutter zu beruhigen. Aber der Junge ist ganz und gar nicht zufrieden und fragt entrüstet: „Aber warum müssen wir dann schon bezahlen?“

 

Erfolg: Zwei Pfarrer, die schon viele Jahre in ihren Gemeinden tätig sind, sitzen bei einem Plausch unter Kollegen beisammen. Da sagt der eine: „Nach so vielen Jahren Seelsorge kann ich doch sagen, daß meine Gemeindeglieder sehr wohl zwischen ,gut' und ‚böse' unterscheiden gelernt haben!“ - „Gewiß"“ erwiderte der Kollege, „aber nur bei anderen!“

 

Trinker: Ein Pfarrer trifft einen Mann aus seiner Gemeinde, der ganz gern dem Wein zuspricht. Er grüßt ihn und sagt: „Ich habe mich gefreut, Herr Singer, daß Sie gestern einmal wieder zum Gottesdienst waren!“  - „So“, wundert sich der Angeredete, „in der Kirche war ich auch noch?“

 

Schmutzige Füße:  Die Haushälterin eines Pfarrers bittet den Besucher: „Kommen Sie doch herein! Der Pfarrer wird sicher gleich zurück sein!“ - „Nein, nein“, wehrt der Mann ab, „ich habe so schmutzige Füße!“ - „Aber das macht doch nichts“, sagt darauf die Haushälterin, „Sie haben doch Schuhe an!“

 

Treffende Kritik: Ein heute vergessener Maler porträtierte Papst Leo XIII. Als das Bild fertig war, bat der Künstler den Papst, etwas darunter zu schreiben. Leo XIII. schrieb: „Johannes 6. Vers 20“. Als der Maler in der Bibel nachsah, las er „Ich bin es, fürchtet euch nicht!“

 

Schlagfertig: Maxim Gorki wurde, als sein Vater tot war, von seinem Großvater im festen Glauben an Gott erzogen. Eines Tages sagte der Großvater zu seinem Enkel sorgenvoll wegen dessen Ungehorsam: „Ich fürchte, mein Junge, wir werden uns im Himmel nicht wiedersehen!“ Da sah Maxim seinen Großvater an und antwortete: „Hast Du so schwer gesündigt. Großvater?“

 

Der Dümmste

Auf einer Landstraße in der Nähe von Gent (Belgien) bemühte sich ein Autofahrer vergeblich, seinen Wagen wieder In Gang zu bringen. Ein 10jähriger Junge, der gerade vorbeikam, bot seine Hilfe an. Zum Erstaunen des völlig unbegabten Pkw-Besitzers konnte der Junge die Panne beheben und erhielt dafür ein Trinkgeld. Gleichzeitig fragte ihn der Fremde, weshalb er nicht in der Schule sei. Seine Antwort: .,Bei uns wird heute der Schulrat erwartet, und da ich der Dümmste in der Klasse bin, hat mich der Lehrer nach Hause geschickt. Er will sich nicht mit mir blamieren!“ Der hilflose Kraftfahrer wurde daraufhin äußerst verlegen: Er war der Schulrat.

 

 

Leere Drohung:  „Wenn du nicht an den Weihnachtsmann glaubst“, sagte eine Mutter zu ihrem Söhnchen streng, „bringt er dir auch keine Geschenke!“ - ;,Hm“, überlegte der Junge. „Ich glaube aber auch nicht mehr an den Klapperstorch, und er brachte mir trotzdem in diesem Jahr ein Brüderchen!“

 

Unfall: In Oregon (USA) kam ein Autofahrer mit seinem Wagen von der Strecke ab und stürzte in einen Bach. Der Fahrer blieb unverletzt, das Auto wurde herausgezogen. Anschließend überreichte die Polizei dem Kraftfahrer einen Strafzettel wegen „Badens an verbotener Stelle“.

 

Strafe: Es ist ein Trost, daß es neben Polizisten auch noch andere Menschen gibt, die ab und zu dafür sorgen, daß Gnade vor Recht geht - selbst der Polizei gegenüber. Im oberbayrischen Haglfing endete die Kirchweih mit der üblichen Schlägerei. Machtlos mußte der Ortspolizist zusehen. Dennoch machte man ihm dies zum Vorwurf. Er hätte einschreiten müssen. sein tatenloses Dastehen habe deshalb Strafe verdient, meinte der Richter, als über die Rauferei verhandelt wurde. Doch da erhob sich der Ochsenwirt, einer der Zeugen: „Herr Richter, lassen Sie's doch gut sein. Ich mein, daß er hat zuaschau'n müass'n, wie die andern ihre Gaudi g'habt ham, dös is fei scho Straf gn'nua für ihn!“

 

Hinweise: „Langsam fahren: In diesem Dorf sind Autounfälle verboten!“

„Lebensgefahr - Durchgang verboten. Überlebende werden gerichtlich verfolgt.“

 „Wenn diese Tafel nicht mehr zu sehen ist, besteht Lawinengefahr!“

Kontrastbild: Mit dem Werbeslogan „Ferienglück in paradiesischen Verhältnissen“ lockte Brian Collman aus Boston (USA) zahllose Urlauber auf ein trostloses Grundstück der Galapagos-Inseln. Die Paradies-Urlauber brachten ihn nun vor Gericht. Dort versuchte sich der Manager damit herauszureden, daß das Paradies eine biblische Erfindung sei und er nicht für Vorstellungen verantwortlich zu machen wäre, die sich gewisse Leute davon machten. Das Gericht verurteilte ihn daraufhin zu dessen Überraschung wegen „Verächtlichmachung der Bibel“.

 

Lichtbild: Frage eines Lehrers an einen Schüler: „Erklären Sie mir, was Licht ist!“ - „Licht ist alles, was wir sehen können!“ - „Unsinn! Mich sehen Sie doch auch, aber ich bin kein Licht!“

 

Spukbild: Ein smarter Verleger in New York kündigte das Buch „Es gibt ein Fortleben 4nach dem Tode!2 mit dem Zusatz an: „Der Verfasser benutzte drei Augenzeugenberichte!“

 

Kleine Kirche:  Ein Tourist fragt in einem größeren Sommerfrischenort einen Einheimischen, ob denn die Einwohner in der verhältnismäßig kleinen Kirche Platz fänden. Darauf die salomonische Antwort des Befragten: „Ja, wenn alle hereingehen, gehen nicht alle rein, aber es gehn nicht alle rein, darum gehn alle rein!“

 

Meister: Seit Jahren hängt vor der Aula einer Leipziger Berufsschule der bekannte Spruch, wonach noch „kein Meister vom Himmel gefallen sei“. Gewitzte Lehrlinge versahen das Schildchen nun mit dem Nachsatz: „Weil anscheinend noch keiner hineingekommen ist ...“.

 

Stellengesuch in einer Brüsseler Zeitung: „Mann in mittleren Jahren, groß, kräftig, barsch, sucht Beschäftigung bei einer Beschwerdeabteilung ...“.

Erfolg: Mank Twain wurde einmal gefragt, was Erfolg sei. „Das kann ich Ihnen aus der langen Erfahrung meines Lebens genau sagen“, war die schnelle Antwort des Schriftstellers. „Erfolg ist ein Luftballon inmitten von Kindern mit Stecknadeln!“

 

Abgestempelt: In einem niederländischen Dorf bei Utrecht war vor einigen Jahren der Standesbeamte zugleich als Fleischbeschauer tätig. Da verwechselte er eines Tages bei einer Trauung die Stempel. Die erstaunten Eheleute lasen dann zu Hause auf ihrem Trauschein: „Gesund und trichinenfrei!“

 

Denkfaul: Eine ältere Dame wollte für ihren Neffen, der Theologie studiert, ein Buch kaufen. „Da würde ich Ihnen ein Altes oder Neues Testament empfehlen“, meinte der Verkäufer. „Dann nehme ich ein neues“, entschloß sich schließlich die Dame, „denn die heutige Jugend liest ja nur noch moderne Sachen!“

 

Zündende Predigt: Während einer temperamentvollen Predigt schlug sich der englische Reve­rend Seymor so heftig ans Bein, daß sich eine Streichholzschachtel entzündete und seine Hosen in Brand setzte.

 

Denkwürdige Hochzeit: Bei einer Hochzeit in München entblätterte sich die Braut vor dem Altar. Ihr Brautkleid fiel auseinander. In wenigen Sekunden stand sie mit hochrotem Kopf in einer schwarzgrünen Nylon-Kombination vor dem ebenfalls verwirrten Pfarrer. Der Schneider der Braut hatte das Brautkleid auf ihren Wunsch nur mit Nadeln gesteckt, weil sie den schönen Stoff nicht für den einen Tag zerschneiden lassen wollte.

Warnung: In einer Kirche von Hubertus (Wisconsin/USA) mahnt ein Schild die Besucher: „Wer die Wände beschmiert oder stiehlt, wird bestraft - in diesem oder im nächsten Leben!“

 

Polizei-Seelsorge: Angesichts der sich in Los Angeles häufenden Verkehrsunfälle in der Urlaubszeit wurden vor einigen Jahren an die Autofahrer Flugblätter mit Empfehlungen verteilt, die die Verkehrspolizei gemeinsam mit einem Pfarrer erarbeitet hatte. Die Fahrer sollen danach entsprechend der von ihnen gefahrenen Geschwindigkeit folgende fromme Lieder hinter dem Lenkrad singen: Bei 100 km/h „Ich bin nur ein Gast auf Erden!“Bei 120 km/h „Näher, mein Gott, zu di2“. Bei 150 km/h „Ich kehre ein in deinen Schoß ...“.

 

Predigterfolg: In einer Predigt forderte der lutherische Pfarrer von Hallefors in Finnland seine Gemeindeglieder auf, ihm alle Schriften zu bringen, „die das Herz vergiften und den Kopf verwirren“. Am nächsten Tag brachte der Schmied dem Pfarrer den Steuerbescheid.

 

Mißverständnis: Ein Pfarrer erzählte das Gewittererlebnis Luthers: „Als der Blitz im Nachbarhaus einschlug, legte Luther in höchster Not ein Gelübde ab. - Wißt ihr, was ein Gelübde ist?“ Schweigen. Schließlich stand ein Mädchen auf und sagte: „Ich glaube, ich weiß es. Mein großer Bruder hat eine!“

 

Standpunkt: Ein Methodistenprediger, der in Afrika im Missionsgebiet der Berliner Mission missionieren wollte, erhielt die ihn verblüffende Antwort: „Wie sind hier lutherische Heiden!“

 

Logisch: In einer lutherischen Familie fand die 5jährige Tochter im Wäscheschrank eines Tages eine Bibel. „Das ist doch die Bibel, das Buch Gottes?“ fragte das Kind den Vater. „Ja!“ Darauf die Antwort des  Mädels: „Warum schicken wir es Gott denn nicht zurück? Wir benutzen es ja doch nie!“

 

Stilblüte: „Martin Luther kehrte vom Reichstag zu Worms zurück. Der Bannbulle kam hinter ihm her!“

 

Einen Maxi-Gewinn . erhofften sich Diebe, die bei Radio Vatikan einbrachen. Statt dessen fanden sie im Panzerschrank nur abgelegte Manuskripte von Rundfunkreden.

Eine Mini-Kollekte legte der Vater einer vierköpfigen Familie in das Körbchen. Zu Hause angekommen fängt der Vater an zu schimpfen, über Predigt, Kirchenchor, den Organisten. Da mischt sich der Sohn ins Gespräch: „Weißte, Papa, für die fünf Pfennige Eintrittsgeld für vier Personen, die du in den Korb getan hast, war das'n ganz anständiges Programm!“

Einen Mini-Preis verlangte eine Buchhandlung in Baltimore (USA) für Bibeln. Im Schaufenster warb sie mit den Worten: „Satan zittert, wenn er sieht, wie billig wir die Bibel verkaufen!“

 

Werbung: Ein kleiner Ort in Sizilien wirbt Touristen mit der Anzeige: „Zwar haben wir keinen schiefen Turm von Pisa, aber wenn Sie unseren Wein getrunken haben, erscheint Ihnen der Turm unseres Kirchleins auch nicht mehr ganz gerade!“

 

Hosentrick: Zwei Schweizer Jungen, die in ihrem Urlaub den Mailänder Dom in Lederhosen besichtigen wollten, wurden von dem Küster aus der Kirche gewiesen, weil dem die Lederhosen anstößig waren. Die Jungen zogen darauf ihre im Rucksack befindlichen Schlafanzughosen über die Kurzledernen. Jetzt ließ sie der Küster die Kirchentür passieren ...

 

Kohlenhändler:

In einer Stadt Sachsens, in deren Nähe viel Steinkohle gewonnen wurde, hielt der Pastor seinen Konfirmandenunterricht und malte die Glut der Hölle in sehr grellen Farben aus. Nach Beendigung der Stunde blieb ein Mädchen im Zimmer stehen. „Was willst du noch, mein Töchterchen?“ fragte der geistliche Herr. „Herr Pastor,“ entgegnete es, „um so eine arge Glut in der Hölle herzustellen, müssen doch außerordentlich viel Steinkohlen nötig sein. Wenn Sie nun so gut wären und beredeten den Teufel, daß er die Kohlen bei meinem Vater kaufte!“

 

Bibelfest: Da hatte der alte Barthel aus Lehnstedt bei Weimar einmal eine Zuschrift vom Weimarer Finanzamt mit der Aufforderung erhalten, umgehend die fälligen Steuern zu zahlen. Der Genannte war einer von den Alten, die keinen Sonn- und Feiertag vorbeigehen ließen, ohne daß sie nicht ihrem Herrgott in der Kirche die Ehre gaben. Selbstverständlich sind sie auch gute Bibelkenner gewesen. Und so hat doch unser Lehnstedter an die ihn mahnende Steuerstelle folgende Zeilen geschrieben: „Hochverehrte Herren! Min geht es wie dem Knechte in Matthäus, Cap. 18, Vers 26. Hoffentlich sieht es das Finanzamt auch ein und macht es mit mir, wie es hernach in Vers 27 zu lesen steht. Hochachtungsvoll Theodor Barthel.“  Die Weimarer Steuerbeamten wollten eigentlich dieses „ungehörige“ Schreiben an den Absender zurückschicken, besorgten sich jedoch eine Bibel und lasen darin die angegebene Stelle: „Herr, habe Geduld mit min, ich will dies alles bezahlen!“ - „Da jammerte den Herrn des Knechts, und er ließ ihn auch.“  Theodor Barthel aber hat bald danach seine Steuerschuld beglichen, und die Beamten des Finanzamts haben noch manches Mal über den Scherz des bibelfesten Lehnstedters gelacht.

 

Pfarrerwerbung: An der Haustür eines Gemeindepfarrers wurde vor kurzem folgendes Plakat angebracht: „Wenn Sie Sorgen haben, treten Sie ein und berichten Sie mir davon. Sollten Sie keine Sorgen haben, treten Sie auch ein und erzählen Sie mir, wie das möglich ist!“

 

Ein Mädchen: Ein junger Vater, der stolz den Kinderwagen schiebt, trifft unterwegs den Pfarrer. Der guckt in den Wagen und lobt: „Ein prächtiger Bursche, euer Erstgeborener! Da hoffe ich aber auch, daß ihr einen rechten katholischen Mann aus ihm machen werdet!“ - „Nun“, sagt lächelnd der junge Vater,  „das wird wohl kaum gehen ..!“ - „Was denn, was denn“, fällt ihm der Pfarrer ins Wort, „ihr müßt nur den festen Willen haben!“  - „Tja, Herr Pfarrer n selbst der würde nichts nützen. Der prächtige Bursche ist nämlich - ein Mädchen!“

 

Erkoren. Auf dem Heimweg von der Kirche fragt die kleine Brigitte ihren Vater: „Papa, wo liegt eigentlich Erkoren?“ n „Erkoren?“ grübelt der Vater. „Noch nie gehört!“ n „Das mußt du aber wissen. Dort ist doch die Muttergottes her!“ Der Vater schüttelt verwundert den Kopf. Sein Töchterchen ist sich ihrer Sache ganz sicher: „Aber Papa, wir haben doch vorhin in der Kirche gesungen: Euch ist ein Kindlein heut geboren von einer Jungfrau aus Erkoren!“

 

Die Kerze: Ein junges Ehepaar wartet vergeblich auf den Kindersegen. Ratsuchend wendet es sich schließlich auch an den Kaplan. Der empfiehlt den beiden, eine Wallfahrt zur Muttergottes nach Rosenthal zu machen und dort eine Kerze anzuzünden. Bald darauf wird der Kaplan versetzt. Als ihn nach Jahren sein Weg wieder in die Stadt seines ersten Winkens führt, erinnert er sich an die Eheleute und will wissen, was aus ihnen geworden ist. Nach mehrmaligem Klingeln öffnet ihm ein größerer junge, gefolgt von einer Schar neugieriger Geschwister. „Sind eure Eltern zu Hause?“ fragt der Besucher. „Nee, die sind nach Rosenthal gefahren n endlich die Kerze ausblasen!“

 

Taufe: Der Stammhalter der Familie Müller soll getauft werden. Bei der Feier fragt der Pfarrer die Eltern: „Welchen Namen haben Sie Ihrem Kind gegeben?“ - „Es soll heißen: Mike, Jens, Dieter, Josef, Maria“, antwortet der stolze Vater. Der Pfarrer stutzt und wendet sich dann zu den Ministranten: „Holt mehr Wasser!“

 

Artige Kinder: Die Eltern sitzen mit ihren beiden Kindern am Abendbrottisch. Da es schon stark auf Weihnachten zugeht, dreht sich das Gespräch der sechsjährigen Renate und des knapp fünfjährigen Klaus um die Geschenke, die das Christkind bringen soll. Auf einmal fällt Renate ein, daß

ja Mutter und Vater auch noch da sind; sie fragt also: „Was wünscht ihr euch eigentlich?“ n „Zwei recht artige Kinder“, lächelt die Mutter. „Prima!“ rufen die beiden wie aus einem Munde. „Dann sind wir zu viert!“

 

Gebet: „Wie stellst du dir das eigentlich vor“, fragt die Frau ihren Mann. „Ich bete und bete, daß du gesund bleibst, und du gehst bei diesem miesen Wetter ohne Hut und Mantel auf die Straße. Ich mache mich ja lächerlich vor dem Herrgott!“

 

Ein Notar wird zu einem ebenso reichen wie dummen Viehhändler gerufen, um ein Testament aufzunehmen. Der im Bett liegende Händler diktiert, und als alles fertig ist, erhebt sich der Notar, um zu gehen. In demselben Augenblick richtet sich auch der robuste Händler auf seinem Lager in die Höhe und fragt: „Kann ich nun aufstehn?“ - „Ja, sind Sie denn nicht krank?“- „Mir fehlt nix! Ich hab' nur geglaubt, beim Testamentmachen muß man im Bett liegen!“                                 

 

Polizist zum Betrunkenen, der sein Auto aufschließen will und das Schloß nicht finden kann: „Wollen Sie etwa in dem Zustand Auto fahren?“  - „Na, soll ich etwa in dem Zustand - hick - zu Fuß gehen?“

 

„Sie haben sich also erlaubt, meiner Tochter einen Heiratsantrag zu machen“, sagte die Schwiegermutter in spe zu dem jungen Mann. „Warum haben Sie nicht zuerst mich gefragt?“ „Ich hatte ja keine Ahnung, daß Sie mich auch lieben!“

                                  

Angestellter Otto Krause sitzt am Frühstückstisch. In der Hand hält er eine Zeitung, die er eingehend, Spalte für Spalte, liest. Da kommt seine Frau und fragt ihn: „Otto, mußt du denn heute nicht aufs Amt?“ - „Ach ja“, springt Otto auf, „ich dachte, ich wäre schon dort!“

                                  

 „Wenn Sie ledig sind, dann kann es doch gar keinen stören, daß Sie im Schlaf laut sprechen“, stellte der Arzt fest. „Ja, aber“, stammelte der Patient, „die Kollegen im Büro lachen schon alle über mich!“

 

Der abergläubische junge Mann ging zur Wahrsagerin. „Was für eine Bedeutung haben Krankheiten in meinem Leben?“ forschte er. „Sie bleiben immer gesund, ja, es hat den Anschein, als ob Sie sogar von kranken Menschen gemieden werden!“ Da erblaßte der junge Mann: „Um Himmels willen, ich studiere Medizin!“

 

„Ihr zukünftiger Mann wird klein sein, blond, blaue Augen haben und eine Menge Geld!“ orakelte die Kartenlegerin. „Sehr schön - aber was mache ich mit meinem jetzigen Mann?“

 

Zwei alte Freunde trafen sich. „Na, lange nicht gesehen. Wie geht's dir denn?“ - „Oh“, sagte der andere, „mir geht's gut. Ich bin heute früh glücklicher Vater geworden!“ - „Donnerwetter!“ rief der erste. „Da kann man nur gratulieren! Wie geht's denn deiner Frau?“ - „Der geht's gut. Hauptsache, sie erfährt nichts davon!“

Zwei Sachsen kamen einmal vor die Himmelstür. Als sie angeklopft hatten und Petrus heraustrat, sagt der eine: „Ich möchte gern herein, Sankt Peter!“ - „Warst du denn schon im Fegefeuer?“ fragt dieser. „Nein, aber verheiratet“, lautete die Antwort. „Das genügt“, sprach Petrus, „du kannst eintreten!2

Als das der andere Sachse hörte, rief er: „Dann geh ich gleich mit!“ - „Warst du denn auch verheiratet?“ fragte Petrus. „Ach, Herr Jäses! Verheiratet? Zweemal!“ - „Was, zweimal?“ erwiderte Petrus, „dann ist's nichts mit dir, denn die Unglücklichen lasse ich ein, aber niemals die Dummen!2

 

 „Doktor, ängstigen Sie mich nicht mit einer langen wissenschaftlichen Bezeichnung für meine Krankheit. Sagen Sie mir ehrlich und offen, was mir fehlt!“ - „Wenn ich durchaus ehrlich sein soll: Sie sind bloß faul!“ - „Vielen Dank, Herr Doktor. Und nun sagen Sie mir dafür den lateinischen Name, damit ich wenigstens der Personalabteilung was sagen kann!2

 „Diese Frau hat mich ein Vermögen gekostet!“ - „Und mich den Verstand!“ - „Jaja, Sie kommen eben immer gut davon!“

 

„Was bedeutet es, daß in deinem Taschenkalender am Freitag der Name Dolly steht?“ fragt die Frau ihren Gatten. „Ach — — — das — — — ist das Pferd, auf das ich beim Pferderennen setzen will.!“  - „Interessant, wirklich interessant!“ -  „Wieso?“ - „Das Pferd hat vorhin angerufen und nach dir gefragt!“

 

Ausländer besichtigen den Hochaltar im Kölner Dom. Der Fremdenführer erzählt: „Meine Herrschaften, diese goldene Ratte hier auf dem Altar erhielt ihren Platz, als Köln einmal unter einer furchtbaren Rattenplage zu leiden hatte. Alle Mittel waren ohne Erfolg geblieben; da stiftete man diese goldene Ratte, um Gottes Hilfe zu erbitten. Am nächsten Tag war die Rattenplage überwunden!“ Da fragt ein Engländer: „Und daran glauben Sie?“ - „Nein“, meint der Fremdenführer, „denn wenn wir daran glaubten, hätten wir hier schon längst einen goldenen Engländer hinstellen müssen!“

 

Ein besseres Lokal in Leipzig. Der Gast hat eine Suppe bestellt und bekommt sie ganz rasch. Aber er bleibt unbewegt davor sitzen. Der Ober wundert sich, schaut beunruhigt, schleicht unauffällig um den Gast herum. Schließlich faßt er sich ein Herz: „De Subbe steht schon ä Weilchen da, mein Herr!“ Der Gast entgegnet, unbewegt geradeaus schauend: „Die Serviette fehlt!“ Der Ober atmet erleichtert auf und sagt mit vertraulichem Augenzwinkern: „Aha, Sie woll'n wohl gleggern?“

 

Ein Herr zahlt die Zeche mit einem guten Trinkgeld und erhebt sich. Der Ober nimmt beflissen den Mantel vom Garderobenständer und hält ihn zum Anziehen auf. Der Herr wehrt ab, doch der Ober läßt ihn gar nicht zu Wort kommen: „Das gehört doch zu meinen Pflichten, ich bitte Sie ...“. Nach einigen vergeblichen Versuchen, sich zu wehren, läßt sich der Herr resignierend in den Mantel helfen: „Also bitte. Hauptsache, Sie bekommen keine Schwierigkeiten!“  Der Ober stutzt. Als der Herr an der Tür ist, eilt der Ober hinterher: „Wieso Schwierigkeiten?“- „Nun ja, ich war ohne Mantel gekommen!“

 

Im Tierpark erzählt der Wärter über die Riesenschlangen: „Diese hier ist so stark, daß sie den größten Ochsen erdrücken kann.!“ Da vernimmt man eine ängstliche Frauenstimme: „Emil, geh' nicht so nahe 'ran!“

 

Ein junger Kölner Rechtsanwalt hat sich selbständig gemacht und mit kostspieligen Zeitungsannoncen die Eröffnung eines Büros angezeigt. Nun wartet er ungeduldig auf die ersten „Fälle“. Endlich schaut die Sekretärin aufgeregt herein und kündigt einen Klienten an. Der Rechtsanwalt setzt sich in Positur, greift zum Telefonhörer und mimt ein ganz wichtiges Gespräch: „Natürlich, Herr Kommerzienrat. Die Sache ist bei uns in besten Händen; aber Sie müssen verstehen, ich bin völlig ausgelastet. Ein Klient gibt dem anderen die Türklinke in die Hand, und das Telefon klingelt unaufhörlich .... Ganz sicher, Herr Kommerzienrat …Auf Wiederhören!“ Ganz erschöpft wendet er sich dem Mann zu, der unterdes eingetreten ist: „Nun, mein Herr, was kann ich für Sie tun? Nehmen Sie Platz ...!“ - „Nä, nä“, sagt der gelassen. „isch komm' vom Fernmeldeamt un will dat Telefon anschließen!“

 

Wimmer hatte einen Unfall. Er brach sich den Arm, kam ins Krankenhaus und der Arm in Gips. Bei erster Gelegenheit fragte er den Chefarzt: „Sagen Sie, Herr Doktor, bleibt nun mein Arm verkrüppelt?“ - „Keine Sorge. Wir werden Ihren Arm schon wieder hinkriegen. Sie werden sogar damit Klavier spielen können!“ Da strahlte Wimmer übers ganze Gesicht: „Das ist ja prächtig, Herr Doktor, bisher konnte ich das nämlich noch nicht!“

 

Arzt: „Mein Lieber, ich kann Ihnen nur dringend raten, Wein, Weib und Gesang radikal einzuschränken!“ Der Patient ist über diese Eröffnung tief bestürzt. Dann findet er den rettenden Ausweg: schweren Herzens ringt er sich die Zusicherung ab: „Gut, dann werde ich auf den Gesang verzichten!“

 

„Was geschieht mit Gold, wenn man es an der freien Luft liegenläßt?“ - „Es wird gestohlen!"

 „Woran erkennen wir, daß die Erde eine Kugel ist?“ -  „Am Globus!“

 

„Herr Doktor, sind Bratheringe gesund?“ - „Ich nehme an - jedenfalls hat sich von mir noch keiner behandeln lassen!“

 

Bei einem bayrischen Bauern geht es ans Sterben. Im letzten Stündlein sagt er zu seiner Frau: „Geh, Alte, i hätt noch a Bitt an di.“- „Na, was wär denn dös?“ Ja, sie solle sich recht, recht schön machen, wie zur Brautzeit so schön. Verwundert, aber doch auch etwas geschmeichelt und stolz richtet sich die Bäuerin her, setzt sich zum Bauern ans Bett, fast mit einer Aufwallung längst vergessen geglaubter Empfindungen, und hält ihm die Hand. Nun hat sie dem Sterbenden seinen letzten Willen erfüllt, nun soll er auch sagen, warum diese seltsame, geheim erfreuende Bitte. „Woaßt“, sagt der Bauer sichtlich mit letzter Anstrengung der Stimme. „alle Augenblick kann d' Tür aufgehn, und es kimmt der Tod eini und will mi mitnehmen. Und da hab i mi denkt. wann a hiatzt kimmt, vielleicht gfallst eahm do' du nachert besser!“

 

Auf einem Leipziger Standesamt fragte der Beamte: „Und wie mechten Sie denn Ihr neugeborenes Sehnchen nennen?“ - „Nu, wir dachten an e recht nord'schen Nam', vielleicht Dankward!“  -„Es muß aber e Vorname sein: was Sie sagen, das is doch enne Berufsbezeichnung!“

 

Im Dresdner Hauptbahnhofswartesaal zieht ein Herr gerade seinen Mantel aus, als ein anderer auf ihn zustürzt und ihn fragt: „Sin Sie Baul Kretzschmar?“ - „Ja.“ Darauf haut ihm der Fragende zwei schreckliche Ohrfeigen herunter und rennt fort. Der Geschlagene reibt sich die Backe, sagt aber nach wenigen Sekunden zu den bestürzten Zuschauern des aufregenden Vorfalls: „Den habbch awwer angeschmiert. Ich heeße nämlich gar nicht Kretzschmar!“

 

Ein bildhübsches Mädchen sucht in einem Textilgeschäft einen ganz besonderen Stoff. Der Verkäufer verliebt sich auf den ersten Blick bis über beide Ohren. Er schleppt voller Eifer Ballen um Ballen heran. Als die Schöne endlich einen passenden Stoff gefunden hat und fragt, was er koste, nimmt er seinen ganzen Mut zusammen und sagt, indem er sie anhimmelt: „Er kostet Sie nicht mehr als einen Kuß!“ Worauf das Mädchen mit bezauberndem Lächeln erwidert: „Einverstanden“, zur Tür geht und hinausruft: „Oma. komm bitte!“ Dann wendet sie sich erklärend an den Verkäufer: „Sie will nämlich den Stoff für mich bezahlen!“

 

Zu einem wohltätigen Manne kommt ein Bittsteller: „Ich weiß, daß Sie ein gutes Herz haben. Deshalb bitte ich Sie um Ihre Hilfe - nicht für mich, aber ich kenne eine Familie, da ist der Mann schon seit zwei Jahren arbeitslos, die Frau ist hochschwanger, und sechs tuberkulöse Kinder haben nichts zu essen! Das Allerschlimmste aber: Die Leute müssen morgen die Wohnung räumen, weil sie die Miete nicht aufbringen können!“ - „Um Gottes willen“, sagt der Gute erschüttert, „das ist ja furchtbar! Hier haben Sie fünfzig Mark - das wird vielleicht erst einmal helfen, das Schlimmste zu verhindern!“ - „Tausend Dank, mein Herr, Sie sind ein guter Mensch!“ Der andere wehrt verlegen ab. „Ich finde es sehr selbstlos von Ihnen, daß Sie sich so um das Schicksal dieser Familie sorgen. Wer sind Sie denn, wenn ich fragen darf?•

Da wischt sich der Bittsteller die dicken Tränen von den Backen und bringt schluchzend heraus: „Ich bin der Hauswirt!“

 

 

Kinder erzählen die Weihnachtsgeschichte:

Es begab sich zu der Zeit, als Dibelius Landbriefträger in Sibirien war. Damals wollte der Papst Augustus alle seine Steuerköpfe zählen. Deshalb mußte jeder zu seinem eigenen Standesamt fahren, wo er geboren war, um zu sehen, ob er noch da war.

Einer, der Josef von Nazareth hieß und von Beruf Zimmermann war, mußte deswegen sofort nach Bethlehem reisen, obwohl er frisch verheiratet war. Seine Frau Maria war ein frommes Mädchen. Ein Engel, der aber in Wirklichkeit keine solchen Taubenflügel hatte, dieser Engel hatte ihr persönlich einen Gruß von Gott überreicht. Und er kündigte ihr den Sohn. Maria war vor langer Zeit auch in Bethlehem geboren. Nun mußte sie auch hin, obwohl es ihr ganz schlecht war. Es ging per Esel.

Als die beiden in Bethlehem ankamen, wimmelte es schon von anderen Geborenen, die alle Hotels und Pensionen besetzt hielten. Schnell erledigte sie ihre Unterschriften bei den Ämtern und machten sich dann an die Zimmersuche. Sie hatten aber Pech, nichts war mehr frei.

Wenn sie da schon ihren Heiligenschein gehabt hätten, dann hätte ihnen bestimmt jemand sein eigenen Bett geliehen. Aber so war kein Platz.

Endlich, wie sie Gott um Hilfe gerufen hatten, da machte ihnen ein gutmütiger Besitzer auf. Er hatte noch ein Abteil in seinem Stall frei. Im Stall bei den Tieren war es lecker warm und die brummelten so schön. Da machten sie sich ein Bett im Stroh und waren auch sofort weg.

Aber mitten in der Nacht wachte Maria auf und rief: „Josef, Josef, knips mal schnell das Licht an! Ich glaube, wir haben ein Kind gekriegt!“ Und tatsächlich wurde es auf einmal im Stall ganz von selber hell. Alle Tiere wachten auf und staunten: In einer Futterkrippe lag auf Heu und Stroh ein neugeborenes Kind. Das war Marias Christkindchen. (Dieses war die erste Kinderkrippe der Welt. Aber heute nehmen sie kleine Betten für die Kinder). Manchmal sind im ganzen Stall kleine Musikengel verteilt, manchmal auch nicht.

Kaum hatten sie das Kind eingewickelt und wieder in die Krippe gelegt, da kamen Hirten gelaufen. Sie freuten sich sehr, als sie die Bescherung sahen. Es war alles genau eingetroffen, wie es ihnen der Engel gewahrsagt hatte. Und sie erzählten es alles, was der große Engel von diesem Kind prophetet hatte und was die klein Engel gesungen hatten.

Daß das Christkind, wenn es erwachsen ist, alle Menschen heil machen will, daß es später ein König wird über alle Welt. Und daß alle Menschen, die an ihm .Wohlgefallen haben, den Frieden bekommen.

Maria aber lernte das alles in ihrem Herzen auswendig. Da waren sie alle zusammen froh und hatten die große Weihnachtsfreude. Herr Pastor sagt, heute sei die  Kirche der Stall mit der großen Weihnachtsfreude (Aus freien Nacherzählungen von Kindern im Rheinland, Sachsen und Brandenburg zusammengestellt von Dr. Zabel).

 

Das Herz - eine Pumpe

Der Herr Professor Wunderlich, ein sehr gelehrter Mann,

hält einen Vertrag übers Herz, und wie man’s sonst nennen kann.

Der Ausdruck „Herz“, das ist ganz falsch,  erklärt er hoheitsvoll.

Es ist eine Pumpe und ich wüsch´, daß man's so nennen soll.

Es pumpt wie eine Pumpe und treibt das Blut im Kreis

und deshalb will die Wissenschaft, daß man es Pumpe heißt.

Studenten sitzen Kopf an Kopf und lauschen seinem Wort,

doch er erklärt die Plumpe nur und läßt das Herz ganz fort.

Da schreit ein junger Studio mit lächelndem Gesicht:

Ach, lieber Herr Professor, nein das geht doch wirklich nicht.

Wie klingt das, wenn man verliebt ist und spürt hier süßes Weh,

soll man dann sagen, lieber Schatz, min tut Pumpe weh!

Ach komm an meine Pumpe, du liebes Pumpenmaid.

fühlst Du wie meine Pumpe brennt und wie sie nach dir schreit.

Ihm fiel die Pumpe in die Hos‘, ihm schlug die Pumpe flink.

Ach, Herr Professor, hör‘n sie blos, wie komisch das doch klingt.

Du liebe, liebe Pumpe, warum so traurig, sag’s.

Das ist die echte Liebe, zwei Pumpen und ein Schlag.

Der Herr Professor ist verwirrt, das hat er nicht bedacht.

Als der Student zu Ende spricht, die ganze Klasse lacht.

Gewiß, jawohl, ich sehe es, sie treiben mit min Scherz.

Drum kehren wir alsdann zurück zu unserm alten Herz.

 

 

Der Sündenfall

Als großer Natschalnik Iwan Gottowitsch chat geschaffen den Welt, chat er genommen Stickchen Erde - Kubanerde. Er chat genommen den Welt. Dann chat er gesagt: „Es werde Licht!“ Und so entstand unser erstes Kraftwerk Dnjepropetrowsk.

Dann hat er genommen den Genossen Adam Adamowitsch, das war ein kleinbirgerlicher Individualist. Da chat großer Natschalnik aus Riepe von Adam Adamowitsch Schaschlik und Eva Evanowna gemacht. Und so entstand erste Genossenschaft.

Chaben sie gelebt in großes Kolchos-Paradies von Tiep III. Natschalnik Iwan Gottowitsch chat gegeben Statut und gesagt: „Könnt ihr essen Frichte von Pflaumen, Fichte, Birne, Pappel und Erle - aber Frichte von Apfel dirft ihr essen nicht, ist Kollektiveigentum.

Da ist gekommen besessene Schlange, listiges Schlange, kapitalistisch listiges Schlange, und chat gesagt mit Stimme von Rias: „Adam Adamowitsch, mußt du essen von Apfelbaum, ist ja Kollektiveigentum und gehört auch dir!“

Weil Adam Adamowitsch Marxismus-Leninismus nicht studiert, ist er genommen Apfel und chat gefressen auf, zusammen mit Eva Evanowna. Da ist gekommen großer Natschalnik Iwan Gottowitsch und chat sie bestraft: Er chat weggenommen Dokument und mußten iben zwei Stunden Kritik und Selbstkritik. Dann chat er ihnen gegeben „Kapitalismus und Revisionismus“ - mußten betreiben Maisbau und bauen Rinderoffenställe. 

Chat dann gegeben gleich fertigen Trabant, Saporoshez, Moskwitsch und Wartburg - aber alles ohne Ersatzteile und sie waren bestraft ihr Läben lang.

 

 

 

Die Pfortpflanzung

Weil es immer wieder forkommt, das Menschen einfach sterben, mus es neue geben. Das ist der Beischlaf. Eigentlich schläft man aber nicht, sondern ist mit dem Herzen und anderen Dingen ganz toll am machen. Ich habe meine Eltern im Wohnhaus gesehen, wo sie gebei­schlaft haben. Mein Vater hat mir eine runtergehauen und meine Mutter hat geheult. Dabei ist doch von uns noch keiner tot. Vielleicht haben sie aber geübt, weil meine Oma schon ziemlich alt ist. Ich habe aber gemerkt, das sie dreimal in der Woche üben. Im Nachttisch von meiner Mutter hab ich Tabletten gefunden, die nimmt sie jeden Tag. Mein Vater fragt meine  Mutter immer, ob sie heute schon die Pille genommen hat. Sie ist sicher kranck, geht aber nicht zum Arzt. Wenn sie nun so mächtig am Üben sind, kommt bestimmt ein neues Wesen auf die Welt. Ich wünsche mir am liebsten ein Kaninchen. Die Pfortpflanzuzng des Menschen geschieht durch Samen. Die Blumen und Sträucher müssen oft gegossen werden und meine Mutter duscht jeden Tag. Dann wächst sicher alles schneller.

 

 

Ein Pfarrer sammelt seit 20 Jahren Versprecher

„Vor Gott sind alle Menschen bleich“

Als ein Amtskollege Schwestern und Brüder aus „Karstadt“ (statt Kapstadt) begrüßte, mußte der Berliner Pfarrer Hartmut Walsdorff schmunzeln. Beim Versprecher „kirchlich beschattet“ statt „kirchlich bestattet“ mußte er sich schon auf die Zunge beißen, um nicht laut loszulachen. Seit 20 Jahren sammelt der frühere Öffentlichkeitsbeauftragte der Berliner Landeskirche Versprecher in Kirche, Parlament, Medien und Freundeskreis. Jetzt sind sie unter dem Titel „Vor Gott sind alle Menschen bleich“ im Münchner ClaudiusVerlag erschienen. 600 Mal nahmen bekannte und unbekannte Zeitgenossen wahrlich kein „Brett vor den Mund“. „Gerade auf der Suche nach dem treffenden Wort spielen sich offenbar im Wettlauf von Nach- und Vordenken sowie Aussprechen wahre Dramen ab“, stellt Walsdorff mit Siegmund Freud im Rücken fest. Und niemand ist davor gefeit, zum Wort-Müll-Lieferanten zu werden. Eine Fundgrube sind die Nachrichtensendungen nebst Wetterbericht in Hörfunk und Fernsehen.

Die ersten Landtagswahlen in „Tübingen“ (Thüringen) wurden ebenso vom Blatt verlesen wie „die „frischgebratene Ehefrau des Finanzministers“ (statt frischgebackene). Und wie es in der Politik so ist: „Nach zähen Verhandlungen konnten alle Seiten bezweifelt werden!“ Alle Zweifel beseitigt?

Auch die Politiker können bei jeder Sprachhürde straucheln. Im Parlament fischte Walsdorff freudsche Versprecher-Klassiker heraus wie etwa „meine versehrten Damen und Herren“, „sie sehen mich beschüttert und erstürzt“ oder die Mahnung „Sie sollten sich mal an die eigene Brust fassen“ (statt Nase).

Am liebsten aber geht der Pfarrer, der jetzt wieder in einer Ortsgemeinde in Berlin-Steglitz arbeitet, bei den Kollegen auf Jagd. „Hungert Deinen Feind, so speise ihn mit Durst“, lautete eine Weisung von der Kanzel. Und Pilatus „wusch seine Unschuld in Hände“. Aufgerufen wurde zur „Nächstenlüge“ und über die Mitteilung, daß „die Eltern sich als ersten Sohn ein Kind wünschten“, muß man noch einmal ernsthaft nachdenken.

Die Jünger „schröpften Hoffnung“, die Heiligen drei Könige brachten „Gold, Weihrauch und Möhren“, derweil sich die „Pariser und Schriftgelehrten“ (statt Pharisäer) versammelten. Und noch heute lacht eine Berliner Kirchengemeinde über den Bericht eines Israel-Reisenden, demzufolge man sich im Heiligen Land an „fresh gepißten Apfelsinen“ labt.