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Krankheit und Tod

Inhalt: Krankeit, Medizin, Behinderte, Alter, Sterbebegleitung, Nahtoderfahrung, Traum, Auferstehung.

 

Vom Sinn der Krankheit

 

Warum gibt es Krankheit?

Ich liege mit Grippe im Bett, weil ich mich angesteckt habe. Hat es mich erwischt? Bin ich als Kranker ein tragisches, unschuldiges Opfer? Nein! Die Krankheit ist nicht ein blind wütender Dämon, der sich ein Opfer fassen kann, wie es ihm einfällt. Krankheit ist vielmehr eine von Gott  zugelassene und beherrschte, vielgestaltige Naturgewalt (Hi 1; Jes 38).

Krankheit muß sein, weil der Mensch seine Freiheit vor Gott mißbraucht hat und die ganze Schöpfung gestört hat (Gen 3). Der Arzt spricht heute treffend von „Funktionsstörungen“ im menschlichen Organismus, die hervorgerufen sind durch Ehrgeiz, Neid, Kränkung, Süchte, Leichtsinn, Fahrlässigkeit.

An dieser Störung der Ordnung Gottes leiden dann alle mit, auch und gerade die, die keine Störenfriede dieser Ordnung sind (Hiob, Gottesknecht).

 

Wozu gibt es Krankheit?

Gott gibt der Krankheit einen Sinn, aber wir werden seine Absicht nicht immer erkennen, weil er sie nicht immer zu erkennen gibt. Sinn und Zweck der Krankheit mögen uns an fünf Bildern deutlich werden:

  Krankheit ist eine Werkstatt Gottes: Allerdings ist sie keine Reparaturwerkstatt und schon gar nicht eine Schnellbesohlanstalt. Jede Krankheit hat ihren eigenen Verlauf und ihre bestimmte Dauer. Zwar bemühen sich Arzt und Umwelt um einen Kranken, damit er möglichst bald wieder gesund wird. Aber der ganze Mensch soll gesunden, an Leib und Seele (Mk.2,1-12). Die Bibel sah den Menschen schon immer als ganzen und die moderne (pyschoso­ma­ti­sche) Medizin hat das wieder erkannt. Der Mensch soll nicht, wenn er wieder gesund ist, sein altes Leben selbstverständlich wieder aufnehmen. Gott will erst an ihm arbeiten und ihn durch und durch neu schaffen, damit er sein neues Leben zur Ehre Gottes beginnt.

In der Stille eines Krankenzimmers kommen oft viele Gedanken und tiefe Einsichten. So könnte man zum Beispiel an Hand der Zehn Gebote sein Leben überprüfen und erkennen, wie sehr sie uns doch schütze und behüten und bewahren wolle.

Alles Tun Gottes dient der Heiligung des Menschen, auch sein Handeln in der Krankheit und der Heilung. In der Krankheit nimmt Gott den Menschen „besonders“, weist ihn darauf hin: Der Sinn der Krankheit ist nicht nur der Übergang zur Heilung, sondern die Krankheit hat auch noch ein Wozu, nämlich die Heiligung. Ohne Glauben ruft die Krankheit nur heraus dem Leben, aber nicht hinein ins ewige

Leben.

Das hat dann auch seine Auswirkung für die Zeit der Gesundheit: Was man in der Krankheit gelernt hat, bringt bleibenden Gewinn. Man kann nach einer Krankheit nicht mehr in seine frühere Lebensgewohnheit zurückkehren, sondern darf Gott danken (Lk 17,17) für Krankheit und Gesundheit.

  Krankheit ist eine Hochschule Gottes: Ein Kranker kann viel lernen. Er kann Gott danken für die bisherige Gesundheit, die gar nicht so selbstverständlich war. Er kann Menschen danken, zum Beispiel dem Arzt und der Schwester, die sich um ihn bemühen, oder den Angehörigen und Freunden, die sich nach seinem Befinden erkundigen. Er kann Stillsein und Geduld lernen, wenn andere sich beklagen oder sich beschweren. Beten kann er neu lernen, nicht nur für sich allein, sondern für andere, die das Gleiche leiden. Er kann Ehrfurcht vor dem wunder­baren Organismus lernen und entdecken, daß der Leib ein Tempel Gottes ist. Vor allem hat er reichlich Zeit zum Lernen, was einem ja sonst nie geboten wird.

  Krankheit ist eine Großbaustelle Gottes: Gerade die Schwachen und Kranken ruft Gott zu seinen Mitarbeitern (Paulus, 2.Kor 12). Die lebendigen Steine (1.Petr. 2,5) sucht Gott nicht nach unserem Gesundheitszeugnis aus, sondern nach dem Grad ihrer Druckfestigkeit, die wir auf dem Prüfstand unserer Krankheit bewiesen haben.

  Krankheit ist ein Erholungsplatz Gottes: Nicht der Drückeberger, der bewußt einmal krank macht, verdient keinen Erholungsplatz, sondern gerade der strebsame, in hoher Verantwortung arbeitende und über seine Kräfte sich verausgabende Mensch. Durch eine Störung des vegetativen Nervensystems wird er für eine Weile außer Betrieb gesetzt, weil  Herz, Galle, Leber oder Magen nicht mehr mitmachen und Alarm schlagen für den gefährlichen Zustand des erschöpften und überreizten Menschen.

  Krankheit ist eine Grenzstation Gottes: Eine Krankheit, von der einer nicht mehr aufsteht, führt in den Tod. An einem Grenzübergang werden Papiere und Gepäckstücke kontrolliert. Es ist deshalb klug, sie während jeder Krankheit früh genug selber zu überprüfen.

Ein schneller Tod ist gar kein schöner Tod, wie viele Leute meinen. Wer dagegen lange krank ist und mit dem Sterben rechnet, der hat Zeit, sich zu fragen, ob seine Papiere stimmen. Tauf- und Konfirmationsschein allein tun es nicht. Auf den richtigen Namen kommt es an,

auf den Namen Jesu, ob der im Herzen steht. Und jeder Kranke darf in Ruhe überprüfen, was er mitnehmen will; er darf sich fragen, ob er seine Leistungen und Meinungen nicht lieber stehenläßt und dafür das aufnimmt, was Christus für ihn getan und mit ihm gemeint hat.

 

Seelsorge:

Viele Kranke sind heute nicht „schwer krank“, setzen aber seelische Erlebnisse  ins Organische um und sind dann auch wirklich krank. Der Arzt fragt-aber nur selten nach den seelischen Ursachen. Er behandelt die äußeren Anzeichen mit Tabletten und Spritzen. Nur wenige Ärzte sind auch bereit, dem Patienten als Mensch zu begegnen und den Kranken in die Mitarbeit bei der Heilung einzubeziehen.

Diese gehemmten, verkrampften, unausgereiften und verhärteten Menschen sind aber auch für den  Seelsorger sehr schwierige Fälle. Hier reicht eine allgemeine gute Menschenkenntnis nicht aus, sondern hier kann nur eine wissenschaftlich fundierte Person- und Patientenkunde die Voraussetzung schaffen, um solche Menschen zu verstehen und n einfacheren Fällen zu beraten.

Wenn aber der Pfarrer erscheint, wird der Patient oft verlegen. Er sucht zwar nach der Ursache der Krankheit, aber nicht nach dem Sinn. Der Pfarrer könnte unangenehme Fragen stellen oder eine Art Vorbote des Todes sein. Dabei ist die monologische Verkündigungsseelsorge heute doch zusehends abgelöst durch die dialogische Gesprächsseelsorge. Seelsorge ist nicht nur

die Verkündigung an den Einzelnen (Thurneysen), sondern Glaubens- und Lebenshilfe (A.D. Müller), sie reicht vom Glaubensgespräch bis zum praktischen Ratschlag.

Das Gebet am Krankenbett ist für viele fragwürdig geworden. An seine Stelle muß häufig die hilfreiche Aussprache über die menschlichen Nöte und Schwierigkeiten treten. Der Pfarrer ist dabei oft Hörender und Lernender und wird versuchen, mit dem Kranken zusammen zu Gott zu finden. Es muß nicht immer zu einem Glaubensgespräch kommen, Hauptsache es geschieht eine Hilfe durch einen Menschen, der glaubt.

Schon gar nicht dürfen wir einen Kranken und Sterbenden religiös beeinflussen, indem wir den nahenden Tod als den Beginn des Gerichtes Gottes hinstellen. Wir selber werden auch einmal gerichtet werden. Und wen ein Mensch urmittelbar vor Gott steht, können wir uns nicht mehr einmischen.

 

Möglichkeiten und Grenzen der Medizin

 

 

Stufen des Fortschritts

Atomchirurgie:

Seit Jahrtausenden werden Operationen am menschlichen Körper vorgenommen. Heute operiert man sogar mit Atomstrahlen: In Uppsala ersetzte Prof. Lars Leksell zum ersten Mal das Skalpell des Chirurgen durch die Atomkerne des Wasserstoffs. Im Gehirn des Patienten wurde ein bohnengroßes Stück Gewebe von den Atomkernen zertrümmert. Heute arbeitet man eher mit Laserstrahlen. 

Die Schwierigkeit ist dabei die genaue Berechnung der Schnitte, die mit den Atomstrahlen geführt werden sollen. Die Berechnungen dauern monatelang. Die Wasserstoffkerne kommen aus einer sog. „Protonen-Kanone“. Sie werden auf ungeheure Geschwindigkeiten beschleunigt, damit sie nicht schon in den äußeren Hautpartien steckenbleiben; bis zu einer bestimmten Tiefe dringen sie also in den Kopf des Patienten ein (zum Beispiel 22 Zentimeter). Sie zerschlagen die Eiweißmoleküle der Gehirnzellen, so daß sie absterben. Der Kopf des Patienten wird bei dieser Operation in eine pendelnde Bewegung versetzt, damit die Strahlen nicht immer an der gleichen Stelle durch die Schädeldecke dringen.

Der Patient hat also ohne Narkose, ohne Schmerzen und ohne Wunde, die Operation überstanden. Es war nur ein Stück Hirngewebe zerstört worden, das immer in ihm seelische Depressionen und Kopfschmerzen hervorgerufen hatte. Mit dem Messer hätte man hier nicht vorgehen kennen, weil dadurch andere Nervenbahnen zerstört worden wären. Man hatte auch schon Versuche mit Neutronen unternommen; doch diese elektrisch neutralen Atomteilchen konnten nicht mit der genügenden Genauigkeit verwandt werden.  Mit Protonen- Strahlen dagegen kann man regelrechte Schnitte ausführen.

 

Künstliche Niere:

Bis zum Sommer 1961 galt chronisches Nierenversagen als eine Krankheit, die unweigerlich zum Tod führt. Doch damals führte ein Ärzte-Team in Seattle zum ersten Mal eine künstliche Niere vor. Bisher hatte man solche Apparate nur eingesetzt, wenn die Nieren nur zeitweilig versagten (Schlafmittelvergiftung, hoher Blutverlust, Unfallschock).. Nun aber wurde dem Patienten im Unterarm ein U-förmiges Plastikröhrchen eingesetzt, an dem der Kreislauf zweimal in der Woche angezapft wird:  Über Nacht wird das Blut wieder gewaschen und die Giftstoffe entfernt.

Am Anfang konnten nur wenige durch die künstliche Niere gerettet werden (etwa 40 ). So muß dann ein Komitee entscheiden, wer weiterleben darf und wer sterben muß. Dabei werden Familienverhältnisse, Einkommensverhältnisse und Bildungsgrad berücksichtigt. Dennoch ist es in jedem Fall eine schwere Entscheidung. Der Erste, der auf diese Art gerettet wurde, sagte nachher: „Was für eine furchtbare Entscheidung! Es ist, als ob man Gott spielen wollte. Mich wundert, daß es möglich war, sieben Leute zusammenzubringen, die bereit waren, den Job zu übernehmen!“

 

Künstliches Herz:

In Houston in Texas wurde zum ersten Mal einem Patienten eine Pumpe eingebaut, die sein Herz bei der Arbeit unterstützte. Er hatte einen schweren Herzklappenfehler. Nun wurde ihm ein Kunststoff schlauch in die linke Herzkammer eingesetzt, in den das Blut von der einen Seite her nur einströmen kann und an der anderen Seite nur ausströmt in die Hauptschlagader. Der Schlauch ist von einer Manschette umgeben, die mit Preßluft aufgepumpt wird und wieder entleert werden kann. Er arbeitet also wie eine Pumpe. Es war nur ein dünner Schlauch zu einem kleinen Motor außerhalb des Körpers, der die Preßluft liefert.

Drei Tage konnte die Pumpe dem Patienten helfen. Dann starb er, weil er nicht zu behebende Schäden an anderen Organen erlitten hatte. Aber das Herz arbeitete in dieser Zeit fast normal und schien sich zu erholen. Wer also nur an Herzschäden leidet, kann dadurch gerettet werden. Viele Herzinfarktopfer könnten am Leben bleiben, wenn ihnen durch diese Pumpe über die ersten Tage weghelfen kann, bis sich das Herz erholt hat.

 

Wiederbelebung:

In Hamburg wurde der fünfjährige Thomas Harder von einem Funkstreifenwagen in die Klinik eingeliefert: er war ins Eis eingebrochen und bereits seit 20 Minuten klinisch tot. In der Regel übersteht man diesen Zustand nur fünf oder sechs Minuten, ohne schwere Gehirnschäden davonzutragen, unter besonders günstigen Umständen auch einmal sieben bis acht Minuten.

Aber auch wenn die Wiederbelebung innerhalb dieser Zeit gelang, blieben schwere Defekte zurück und die Patienten blieben geistig anormal, weil ein Teil der Gehirnzellen wegen Sauerstoffmangels abgestorben war.

Eine Wiederbelebung ist möglich durch Herzmassage mit der Hand, Beatmungsgeräte und elektronische Schrittmacher, die das flatternde Herz wieder in seinen Rhythmus bringen. Diese Methoden wurden auch bei Thomas Harder angewandt. Doch sie hatten nur Erfolg, weil der Übergang zum biologischen Tod bei einem jungen und gesunden Körper wesentlich langsamer abläuft und weil der Junge etwa zehn Mininuten im Eiswasser lag, so daß alle Reaktionen langsamer abliefen.

Man macht sich diesen Umstand ja auch zunutze bei ganz gewöhnlichen Herzoperationen, bei denen das Herz stillgelegt werden muß: Es wird dann an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, mit einem Kühlaggregat kombiniert ist. Durch Medikamente wird die Abwehrreaktion des Körpers gegen Unterkühlung ausgeschaltet. Man konnte so sehr viel länger operieren, weil der ganze Organismus nur im Spargang arbeitet und die Reaktionen an Herz, Gehirn und Nieren sehr viel langsamer ablaufen.

 

Viermal tot:

Welche Möglichkeiten die Medizin hat, zeigt der Fall des sowjetischen Nobelpreisträgers Landau, der mit dem Auto gegen einen Lastwagen prallte, weil er einem Mädchen auswich, das auf die Fahrbahn lief. Kaum ein Körperorgan war heil geblieben: Schädelbruch mit Gehirnquetschungen, neun Rippenbrüche, Beckenbrüche, schwere Brustverletzungen, Risse an Gallen- und Harnblase, der linke Arm gelähmt, der rechte Arm und die Beine teilweise, Atmung und Blutkreislauf gestört, er war blind und taub, konnte nicht sprechen und hatte einen Nervenschock erlitten, Schmerzgefühl und Körperreflexe waren erloschen.

Am vierten Tag setzte der Herzschlag aus und Landau war klinisch tot. Doch die Ärzte erweckten ihn wieder zum Leben; und danach kurz hintereinander noch dreimal. Nach sieben Wochen künstlicher Beatmung begann er für wenige Minuten aus eigener Kraft zu atmen. Sein Sprachzentrum war nicht zerstört, sondern nur blockiert; also begann man mit einem Spezialtraining: er konnte auf einfache Fragen Antwort geben, sogar in einer Fremdsprache, doch gewissermaßen immer nur auf Anstoß. Erst nach Wochen konnte er auch eigene Gedanken formulieren und schließlich Fachgespräche führen.

Nur sein Gedächtnis ließ ihn immer wieder im Stich: Als ihm ein Journalist die Nachricht überbrachte, er habe den Nobelpreis für Physik erhalten, fragt er nach dem Datum der Feier. Der Journalist antwortet: „Am 10. Dezember!“ - Darauf Landau: „Wann ist Dezember?“

 

Mann ohne Unterleib:

Bei dem folgenden Fall taucht noch viel eher die Frage auf:  Soll man einen so schwer geschädigten Menschen nicht lieber sterben lassen als ihm diese Qual des Weiterlebens zu bereiten? Von Geburt an war der Patient, ein 29 jähriger Amerikaner, hüftabwärts gelähmt. Er lebte abwechselnd im Bett und im Rollstuhl. Durch die ständige Beanspruchung bedeckte sich das Gesäß mit einer riesigen, eiternden Wunde, die krebsig entartete. So wurden ihm dann Unterleib und Beine amputiert!

Die Ärzte berichteten, er fühle sich besser als je. Die inneren Organe waren ja noch nicht angegriffen. Er sitzt täglich mehrere Stunden im Rollstuhl, lernt lesen und schreiben und arbeitet in der Werkstatt des Krankenhauses.

Natürlich kann er nicht richtig sitzen, sondern muß sich mit den Armen hochringen. Der Dickdarm und die Harnleiter sind in die Bauchdecke eingepflanzt worden; eine aufsteigende Infektion wird unvermeidlich sein, obwohl der Patient mindestens eineinhalb Jahre überlebt hat.

Professor Derra, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie hat diese Operation „supraradikal“ genannt und stark kritisiert. Er lehnt bei Krebserkrankungen eine totale Entfernung der Organe bis auf wenige Ausnahmen ab, weil doch meist Metastasen (Tochtergeschwülste) im Körper sind, die sowieso zum Tod führen. Der Patient muß wenigstens eine nennenswerte Überlebenschance haben. Es darf kein Zustand geschaffen werden, der den Patienten noch kränker macht als vorher. Höchstens ein kleiner Eingriff ist möglich, der dem Patienten Erleichterung verschafft, zum Beispiel ein künstlicher Magenausgang.

Die Erfolgszahlen der supraradikalen Chirurgie teilen oft nur Frühergebnisse mit und umfassen nur wenige Fälle. Natürlich muß man auch manchmal radikal sein, etwa wenn bei Kehlkopfkrebs der Kehlkopf entfernt wird, die Heilungszahlen aber sehr hoch sind.  Oder bei Unterleibskrebs geht man radikal vor. Doch es ist wieder zu weit gegangen, wenn dann das ganze Becken ausgeräumt wird samt Mastdarm und einem Teil des Dünndarms.

Es geht auch nicht nur darum, den Krankheitsherd zu beseitigen. Man muß auch eine möglichst gute Funktion des Körpers anstreben. Früher wollte man bei Amputationen den Gliedrest so lange lassen wie möglich; doch das führte oft zu schmerzhaften Narben, die immer wieder aufbrachen. Heute nimmt man deshalb lieber einen ganzen Fuß ab und fertigt eine gutsitzende Prothese an.

Eine Nierenverpflanzung dagegen ist nicht supraradikal, weil sie nicht verstümmelt, sondern ein krankes Organ durch ein anderes ersetzt. Früher ging diese Operation oft schief. Doch schwierig bleibt, wie die feinen Nervenenden zusammenwachsen sollen, die das eingepflanzte Organ versorgen sollen.

 

Organkonservierung:

Im Institut für Kreislaufforschung der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin hat man die Zellen von embryonalen Hühnerherzen auf minus 196 Grad Celsius abgekühlt

und später wieder aufgetaut. Sie arbeiteten einwandfrei. Vielleicht wird man einmal ganze Herzen auf diese Art unbegrenzt lange konservieren können, weil bei derart niedrigen Temperaturen alle biochemischen Reaktionen unendlich langsam ablaufen.

Der amerikanische Physiker Ettinger hat sogar noch etwas weitergedacht und will auf diese Art ganze Generationen von Menschen einfrieren, bis sich die Medizin so weit entwickelt hat, daß sie alle Krankheiten beheben kann. Dann sollen diese Verstorbenen wieder aufgetaut werden und mit Hilfe der fortgeschrittenen Medizin gesund und ewig jung erhalten bleiben.

Man konserviert ja heute schon menschliche Knochen und Frischblut auf diese Art, bis sie einmal gebraucht werden. Ein heliumgekühlter Körper (minus 269 Grad) hält sich praktisch für eine Ewigkeit. Auch wenn die Chancen sehr gering wären, sollte man doch zugreifen und sich nach dem Tode in eine Tiefkühltruhe legen lassen. Vielleicht haben sich einige Reiche schon in aller Stille einfrieren lassen. Bis zu 50 Milliarden Unsterbliche hofft Ettinger in den Kühlhäusern unterzubringen allein auf unserer Erde. Wenn es dann zu viel wird, muß das ewige Leben auf Schichtbetrieb umgestellt werden: die Überzähligen müßten wieder für einige Zeit in die Tiefkühltruhe!

 

Herzverpflanzungen:

Die erste Herzverpflanzung wurde von dem Kapstädter Arzt Dr. Barnard vorgenommen, obwohl durchaus andere Kliniken viel eher dazu in der Lage gewesen wären. Seitdem sind viele

Operationen dieser Art in der Welt vorgenommen worden. Anfangs sind die meisten Patienten bald danach gestorben, einige aber haben überlebt, so der südafrikanische Patient Philipp Bleiberg.

Diese Operationen haben ein solches Echo gefunden, weil das Herz das Zentrum des Lebens ist. Man ist ja auch dabei, künstliche Herzen zu konstruieren, die in den .Körper eingesetzt werden. Vielleicht hat das mehr Zukunft als die Herzverpflanzungen. Barnard hat auch vorgeschlagen, Schweine mit entsprechend großem Herzen zu züchten, die dem Menschen zur Verfügung stünden.

Die Schwierigkeit ist nämlich die Beschaffung eines Spenderherzens. Man muß praktisch auf den Tod eines anderen Menschen warten, ehe man operieren kann. Vielleicht wird nach einem Unfall ein Mensch lebend, aber mit weitgehend zerstörtem Gehirn eingeliefert, der sowieso sterben wird. Dann entscheidet ein Ärzteteam, ob zum Beispiel sein Herz an das Herz­spezia­listen­team weitergegeben wird. Er  muß vorher einer eventuellen Organentnahme zugestimmt haben oder seine Angehörigen müssen zustimmen. Aber das  Herz muß praktisch noch warm sein, wenn es entnommen wird.

Hier taucht natürlich die Frage auf: Wann ist ein Mensch wirklich tot? Müßte man nicht alles versuchen, erst ihn zu retten, ehe man ihn „ausschlachtet“? In Südafrika war es etwas auffällig, daß man das Herz eines Schwarzen nahm!

Eine weitere Frage ist: Wer soll das Herz erhalten, wer ist ein wertvoller Mensch? Dazu kommen die Kosten: Mit dem Aufwand könnte man vielleicht sehr viel mehr Menschen zu retten, die andere Krankheiten haben.

 

Nicht alles machen, was machbar ist:

Es gibt Wissenschaftler, die in der Nachfolge von Albert Schweitzers Grundsatz von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ und dem „Prinzip Verantwortung“ von Hans Jonas von ihren Forschungsvorhaben zurückgetreten sind. Sie schreckten zurück vor den Gefahren der Manipulation und unkontrollierten Entstehung krankheitsfördernder Keime sowie der Ausmerzung der Arten und Individuenvielfalt. Für sie ist es sittlich nicht mehr zu rechtfertigen, diese Gentechnologie weiterzuführen.

Es geht dabei nicht in erster Linie um eine Entscheidung christlicher Ethik, sondern der Ansatz liegt bei der antiken griechischen Philosophie: Die Natur ist als Lehrmeister zu respektieren. Neuzeitliche Positionen sehen in der Natur schon lange nicht mehr die Norm, sondern das Ausgangsmaterial menschlichen Tuns.

Welche Orientierung gibt nun die theologische Ethik? Biblisch gründet sie allein auf dem zweifachen Auftrag Gottes, die Erde sowohl zu bewahren als auch zu gestalten. Je tiefer wir die Natur erkennen und die Lebensbausteine entschlüsseln, um so deutlicher steht die Größe Gottes in aller wunderbaren Vielfalt und Einheit der Schöpfung vor uns.

Auf der anderen Seite ist die Natur immer auch vernichtend und zerstörend. Mithin ist der Naturauftrag des Menschen eigentlich ein Kulturauftrag. Direkt eingreifende Methoden sind also nicht an sich unsittlich. Grundlagenforschung ist nach wie vor ethisch wertneutral. Es kommt auf die Anwendung an. Allerdings kann man heute Forschung und Anwendung - zumal in der Gentechnik - nicht mehr voneinander trennen.

Gibt es für Christen also gar kein ethisches Kriterium? Man kann es finden in der deutschen Philosophie, nämlich in dem fundamentalen Unterschied, der zwischen dem Menschen und den anderen Lebewesen besteht. Der Mensch ist als einziger immer zugleich Subjekt und Objekt. Demzufolge kann er (wie Kant sagte) nie Mittel zum Zweck sein. Höchstes Maß seien seine leibliche Identität und personale Integrität.

Gentechnologische Maßnahmen sind also wie eine Gewebetransplantation zu betrachten. Der therapeutische Eingriff ist sittlich erlaubt, wenn nicht die psychische Struktur des Patienten verändert wird. Ob dies geschieht oder nicht, kann nur der „Fachmann“ beurteilen. Voraussetzungen für den Eingriff sind das sachgemäße Abschätzen von Erfolg und Risiko und die freiwillige Zustimmung des Behandelten.

Auf diese Weise wird die Grundfrage christlicher Ethik gelöst nach dem, was ein Mensch in der Nachfolge Jesu Christi verantworten soll, in philosophische Zustimmungen zu einem prag­matischen Positivismus auf. Allerdings sind die gentechnischen Korrekturen genetisch bedingter Abweichungen abzulehnen. Dafür sind noch viele Experimente an Embryos erforderlich, die ebenfalls ein unveräußerliches Recht auf Integrität und Identität beanspruchen könnten.

In einer Gesellschaft, die keine ausreichende Übereinstimmung an grundsätzlichen Wertüberzeugungen hat, ist freilich zu fürchten, daß gemacht werde, was machbar sei. Deshalb ist die Schaffung eines ethischen Entscheidungsgremiums notwendig. Die Klärung der tragenden christlichen Wertorientierungen sollte auch hierzulande damit beginnen, die vielfältigen kritischen Ansätze aufzuarbeiten. die sich aus der Reflexion des Neuen Testamentes, kirchlicher Tradition, ökologischer Einsichten und gesellschaftspolitischer Analyse ergeben.

 

Transplantation

Durchschnittlich dreimal pro Nacht wiederholt sich die Organentnahme in deutschen Kliniken, über 1.000 Hirntote werden im Jahr explantiert. In großen chirurgischen Abteilungen gehört die Ausschlachtung von Toten zum klinischen Alltag. Dennoch regen sich bei manchen Pflegern Zweifel. Warum, fragen sie, wird der Patient in Narkose versetzt, wenn er doch tot ist? Warum hält der Anästhesist die „lebenswichtigen Funktionen“ aufrecht, wenn da doch gar kein Leben mehr ist? Doch wenn sie ihre nachdenklichen Fragen zu laut stellen, wenn sie öffentlich von ihren Ängsten und Zweifeln reden, schlagt ihnen nicht selten offener Haß entgegen.

Wenn der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe vom „Mißtrauen der Bevölkerung gegenüber der naturwissenschaftlich-medizinischen Technik“ spricht und erklärt, „die Todesdefinition nach den Kriterien des Hirntodes“ sei „derzeit nicht ausreichend erforscht“, dann sehen die Nierenkranken ihre einzige Chance in Gefahr, sich aus der Abhängigkeit vom verhaßten Dialyse-Gerat zu befreien; todkranke Patienten mit Herzmißbildungen und die unter beklemmender Atemnot leidenden Mukoviszidose-Kranken betrachten derartige Äußerungen als Angriff auf ihre letzte Hoffnung.

Seit 30 Jahren schneiden Chirurgen Hirntoten Nieren und Herzen, inzwischen auch Lebern, Lungen, Bauchspeicheldrüsen und Mägen aus dem Leib, um mit diesen Organen andere Leben zu retten. Lange galten sie als Helden im Dienste der Patienten, als Bezwinger des sicheren Todes.

Nun müssen sie fassungslos zusehen, wie ihr Metier von einer kleinen Schar von Kritikern in Verruf gebracht wird. Eine eigenartige Koalition aus Philosophen, Hirnforschern, Juristen und Theologen erklärt: Hirntote leben noch - und verdächtigt damit die Transplanteure, sie würden Menschen bei lebendigem Leib zerschneiden.

Das Hirntodkonzept sei „empirisch und logisch falsch“, urteilt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth. Auch Jörg Jungermann, Internist an der anthroposophischen Klinik Herdecke, zeigt sich „erbost und zutiefst beleidigt durch die willkürliche Setzung einer Profession“. Der Berliner Theologe Klaus-Peter Jörns wirft den Chirurgen „Tötung per Definition“ vor. Einzig um an lebendfrische Organe heranzukommen, so sein Vorwurf, hätten die Transplanteure leichtfertig den Tod des Hirns mit dem Tod des Menschen gleichgesetzt.

„Ich verstehe das nicht“, klagt ratlos der hannoversche Lebertransplanteur Rudolf Pichlmayr. Was seit Jahrzehnten fast überall auf der Welt akzeptiert werde, solle plötzlich nicht mehr gelten? Verbittert drohte er bei einer Anhörung vor dem Deutschen Bundestag: Wenn der Gesetzgeber den Hirntod in Zweifel ziehe, dann werde es eben Transplantationen fortan nicht mehr geben: „Ärzte töten nicht.“

Dennoch wachst die Zahl der Parlamentarier in Bonn, die den Begriff des Hirntods aus dem geplanten Transplantationsgesetz tilgen wollen. Bereits 180 Abgeordnete aller Fraktionen haben Gesetzentwürfe unterschrieben, in denen Hirntote als Sterbende, also noch Lebende betrachtet werden.

Im Streit um das Gesetz haben philosophisch anmutende Debatten um die Trennung von Seele und Leib, um die Einheit des Menschen und das Besitzrecht am eigenen Körper unvermittelt eine politische Dimension gewonnen. Der Hirntod ist nicht nur zur Existenzfrage der Transplantationsmedizin geworden, sondern zugleich zum Symbol für die wachsende Skepsis gegenüber einer immer stärker technisierten Medizin.

Am Ende des 20. Jahrhunderts lesen Humangenetiker in den Genen wie in einem Orakel das Schicksal ihrer Patienten. Neurochirurgen dringen mit Messern ins Substrat ihrer Gedanken und Gefühle. Fortpflanzungsmediziner schwingen sich zu Herren über die Empfängnis auf.

Mit ihren Möglichkeiten haben sich die Ärzte zugleich eine geradezu übermenschliche Verantwortung aufgebürdet. Sie sehen sich immer absurder anmutenden Fragen gegenüber: Ist es die Pflicht eines Notarztes, einen krebskranken 85jährigen nach einem Herzinfarkt zu reanimieren? Sollen Fortpflanzungsmediziner 60jährigen Frauen oder Lesben zur Mutterschaft verhelfen? Müssen Neonatologen schwerstbehinderte Fünfmonatskinder um jeden Preis behandeln? Dürfen Gynäkologen einen Fötus abtreiben, wenn der Gentest ihm Schwachsinn bescheinigt? Und was, wenn es nur die Veranlagung zur Alzheimerkrankheit, zu Diabetes oder zu Fettleibigkeit ist?

Die Verpflanzung des ersten Herzens war augenfälliges Symbol für die verlorene Unschuld der Ärzte. Es war ihnen gelungen, einen Menschen dem sicheren Tode zu entreißen - doch nur zu dem Preis, das rettende Organ aus einem noch beatmeten und durchbluteten Körper zu schneiden. Aus zwei unwiderruflich dem Tode geweihten Körpern war ein überlebender entstanden - Triumph und Sündenfall der modernen Medizin zugleich.

Einst hatte Hippokrates den Ärzten auferlegt, ihr Tun ausschließlich dem „Nutz und Frommen der Kranken“ zu widmen. Der Begriff „Tod“ taucht in seinem berühmten Eid nicht auf. Doch der Ahne der Medizinerzunft hatte es leicht: In den Prozeß des Sterbens einzugreifen lag ohnehin außerhalb seiner Macht.

Nicht die Ärzte, sondern die Priester hatten die Aufgabe, die Angst vor dem Tod zu besänftigen. Die gesamte Kultur- und Religionsgeschichte läßt sich als Aufbäumen des Menschen gegen seine eigene Vergänglichkeit deuten: Steinzeitliche Grabbeigaben sind die ältesten Zeugnisse erwachenden Kulturbewußtseins. Hünengräber, Pyramiden und Totentempel zählen zu den eindrucksvollsten Hinterlassenschaften untergegangener Völker. Anders als heute war der Tod in all diesen Kulturen fester Bestandteil des Alltags. Das Sterben war öffentlich. Durch Zeremonien am Totenbett - Abschied von den Freunden, Letzte Ölung, Klagelieder, Totenwache - wurde ihm seine Bedrohlichkeit genommen. Doch je mehr der einzelne als Individuum aus der Gesellschaft hervortrat, je mehr zugleich das Vertrauen in den Trost der Religion schwand, desto einsamer stand der Mensch seinem Tod gegenüber.

Bei den Recherchen für seine „Geschichte des Todes“ stellte der französische Soziologe Philippe Aries verblüfft fest, daß bis ins 17. Jahrhundert hinein „die Menschen niemals wirklich Angst vor dem Tod gehabt“ hätten. Erst Wissenschaft und Aufklärung hätten regelrechte Panik vor dem eigenen Ende geschürt.

Im 18. Jahrhundert kulminierte diese Angst in der Horrorvision, im eigenen Grab zu ersticken. Plötzlich gingen schaurige Geschichten von lebendig Begrabenen um: von der Frau, unter deren Fingernägeln sich Holzsplitter des Sargdeckels fanden, als man ihre Gruft 20 Jahre nach ihrem Tod wieder öffnete; von dem Priester, der einen Tag nach seinem Tod wieder auf der Kanzel stand, weil ihn die Stimme eines Freundes aus dem Scheintod erweckt hatte; von dem Dieb, der einem weiblichen Leichnam den Finger samt kostbarem Ring abschneiden wollte - und der entsetzt floh, als die Tote laut aufschrie.

In den medizinischen Handbüchern avancierte der Scheintod zu einem der meisterörterten Themen. Immer häufiger findet sich fortan der Wunsch in den Testamenten, durch einen Stoß ins Herz vor dem qualvollen Ersticken im Sarg bewahrt zu werden. Noch 1878 ließ sich ein Berliner Erfinder ein Alarmgrab patentieren: Er wollte Kabel um die Hände der Toten wickeln und ersann eine Vorrichtung, die dafür sorgen sollte, daß bei der geringsten Bewegung Klingeln schrillten. eine Notflagge neben dem Grabstein gehißt und der Deckel eines Luftschachts geöffnet wurden.

Unterdes hatte sich die Auffassung vom Tod dramatisch gewandelt. An die Stelle der Priester waren die Arzte getreten: Durch die Fortschritte der Chirurgie sahen nun sie sich gewappnet, dem Tod entgegenzutreten. Spätestens seit der Entdeckung der Antibiotika war es den Ärzten gelungen, im Wundfieber stöhnende Patienten oder dahinsiechende Tuberkulose-Kranke zu retten.

Die Beschützer des Lebens waren zugleich zu den Sachwaltern des Todes geworden. Erbittert und erfolgreich verteidigten sie das Leben ihrer Patienten. Am Ende freilich standen sie immer als Besiegte da: Der Tod war augenfälliges Zeichen ihres Versagens.

Den Ärzten fiel es schwer, ihre Niederlage einzugestehen. Lieber umschrieben, verdrängten, verleugneten sie den Tod. „Die Gesellschaft hat den Tod ausgebürgert“, schreibt Aries. So blieb es fast unbemerkt, daß sich die Kliniken in die Totenhäuser der Nation verwandelten: 49 Prozent aller Deutschen sterben heute im Krankenhaus. Doch auf den internistischen und onkologischen Stationen wurden aus Toten „letale Verläufe“, aus Sterbenden „terminale Patienten“. Das Thema „Sterbebegleitung“ taucht in den Lehrplanen für Medizinstudenten nicht auf.

So hartnäckig die Ärzte den Tod leugneten, so schnell drangen sie vor auf sein Terrain. Spätestens seit in den sechziger Jahren immer mehr Kliniken mit Intensivstationen ausgestattet wurden, ließ sich nicht mehr verbergen, daß Mediziner im Grenzland des Lebens Entscheidungen zu treffen hatten, mit denen menschliches Urteilsvermögen schier überfordert ist.

 

Eine Hiobsnachricht läßt die Menschen schaudern: Drei deutsche Kliniken schickten sich an, ein in England entwickeltes PC-Programm zu testen, mit dem sich die Überlebenschancen eines Schwerstkranken auf der Intensivstation mit seinen Behandlungskosten verrechnen lassen. Computer als Richter über Weiterleben oder Sterben?

Mit dem Einzug der modernen Intensivmedizin war die gewohnte Grenze zwischen tot und lebendig außer Kraft gesetzt. Die alten Kennzeichen des Todes Herz- und Atemstillstand - galten nicht mehr. Die Intensivmediziner hatten gelernt, ein stockendes Herz mit Druckmassage und elektrischen Schocks wieder zum Schlagen zu bringen („Wiederbelebung“) und Patienten künstlich zu beatmen.

Ehedem konnten Lunge, Herz und Gehirn nur zusammen leben. Seit Herz- und Lungenmaschinen Einzug in den Kliniken gehalten haben. kann jedes Organ einzeln sterben; der Tod wurde zerlegt in Einzeltode. Tausende dämmern seither auf deutschen Intensivstationen in verschiedenen Vorzimmern des Todes.

Denn einen Großteil der Patienten können die Ärzte vor dem Tod bewahren, ohne sie jedoch ins Leben zurückzuführen. Rund 1,000 Menschen gleiten alljährlich nach einem Unfall, einem Herzinfarkt oder einer Hirnblutung ins Koma. Viele von ihnen wachen nie mehr daraus auf. Ihr Hirnstamm ist noch intakt. Er reguliert Temperatur, Atmung und Blutdruck. Nachts schließen sie die Augen, tagsüber starren sie leer an die Klinikdecke. Sie knirschen mit den Zähnen, wälzen sich im Bett, können reflexhaft masturbieren.

Ihr Großhirn jedoch gleicht einem Schwamm: Inseln gesunder Nervenverbande schwimmen in abgestorbenem Gewebe. Ob und wie diese Menschen wahrnehmen, denken oder fühlen können, ist heftig umstritten.

Schon in der Verwirrung der Begriffe spiegelt sich der Expertenstreit wider: „Apalliker“ oder „dauerhaft Vegetative“ werden diese Patienten von denen genannt, die in ihnen lästige Pflegefälle sehen. Als „Wach-Koma-Patienten“ bezeichnen sie jene, die an die Möglichkeit einer Rehabilitation glauben. Als „Teilhirntote“ gelten sie denen, die sie am liebsten für tot erklären würden.

Bei etwa ebenso vielen Menschen pro Jahr überlebt auch der Hirnstamm nicht: Das Nervengeflecht schwillt an, es wird von der Schädelkapsel zerquetscht, die zentrale Steuerung des Organismus bricht zusammen - die Arzte sprechen vom Hirntod.

Hirntote können nicht mehr wahrnehmen, empfinden, denken, fühlen. Atemsteuerung, Körperthermostat und Regulierung des Schlafrhythmus sind ausgefallen. Das Herz hingegen schlägt selbsttätig weiter. der Körper verdaut künstlich zugeführte Nahrung. Die Hoden produzieren noch fortpflanzungsfähige Spermien, die Gebärmutter vermag noch einen Fötus zu beherbergen. Auch die vom Rückenmark gesteuerten Reflexbögen funktionieren noch, deshalb können Hirntote noch unvermittelt Tretbewegungen machen oder die Arme beugen („Lazarus- Zeichen“).

Wo in dieser von der Intensivmedizin geschaffenen Grauzone endet das Leben, wo beginnt der Tod? Und was überhaupt ist der Tod: der Tod des Körpers, der Person oder der Seele?

Vor 360 Jahren hatte René Descartes in seinem „Discours de la methode“ die Trennung von Leib und Seele postuliert. Nun sahen sich plötzlich die Ärzte verwickelt in das vertrackte Leib-Seele-Problem. Doch während die Debatten der Philosophen und Theologen abstrakt und akademisch geklungen hatten, lagen nun die Zweifelsfälle höchst konkret in den Klinikbetten: Durften Hirntote, deren Leib noch zu 97 Prozent lebte, zu Toten erklärt werden?

Eine unbequeme Frage, die inzwischen zur Schicksalsfrage geworden ist - nicht nur für die vom Diktum der Ärzte Betroffenen, sondern auch für Tausende von Patienten, die auf Herzen, Lebern oder Lungen hirntoter Spender warten.

Die neue Ära wurde eingeläutet von einem elektrischen Schock um fünf Uhr an einem Sonntagmorgen des Jahres 1967. Nach fünfstündiger Operation versetzte der südafrikanische Chirurg Christiaan Barnard dem Pumpmuskel in der Brust eines Patienten einen Stromschlag. Das Herz, das daraufhin zu schlagen begann, gehörte nicht dem 55jährigen Kolonialwarenhändler auf dem OP-Tisch. Es stammte aus dem Leib der 25jährigen Denise Dervall, die am Tag zuvor verunglückt und deren Hirn dabei zerstört worden war.

Sieben Monate später reichte eine Kommission der Harvard University der Weltärzteschaft die ethische Rechtfertigung nach. Der Mensch ist tot, so die Fachleute, wenn alle Funktionen seines Gehirns unwiderruflich erloschen sind. Denise Dervall, so ihre Schlußfolgerung, sei tatsächlich tot gewesen.

Zwar wurde schon damals Kritik laut. Der deutsche Herzchirurg und Nobelpreisträger Werner Forßmann etwa empörte sich, mit der Transplantation machten sich die Ärzte zu „Henkern“, die ihre Opfer pflegten, „damit sie als Organbank Zins und Zinseszins abwerfen“.

Der medizinische Fortschritt ließ sich durch derlei Bedenken nicht aufhalten. Die Chirurgen verfielen vielmehr in einen Transplantationsrausch. Schon im Jahr nach Barnards Pioniertat verpflanzten 64 Operationsteams weltweit 110 Herzen.

Die überwältigende Mehrheit der Ärzte war sich bald einig: Die Harvard-Kommission hatte mit ihrer Festlegung recht getan. Mehr noch, die Intensivmedizin lasse gar keine Alternative zum Hirntodkonzept zu:

- Der Hirntod sei der einzige zweifelsfrei bestimmbare Zeitpunkt im Sterbeprozeß. Er gilt zugleich als eine der am besten gesicherten Diagnosen der gesamten Medizin.

- Er lasse sich philosophisch gut rechtfertigen: Mit dem Gehirn stirbt auch jedes Bewußtsein und damit alles, was den Menschen auszeichnet.

- Er allein sichere dem rasch expandierenden Transplantationsgewerbe den dringend benötigten Organnachschub.

Ein Dilemma jedoch ließ sich nicht fortdisputieren: Ein Hirntoter sieht nicht aus wie eine Leiche. Er ist nicht kalt, nicht starr, keine blauschwarzen Flecken überziehen seine Haut. „Jede Leiche ist tot“, so umschreibt es der Berliner Intensivmediziner Jürgen Link. „Aber nicht jeder Tote ist eine Leiche.“

Der Tod war abstrakt geworden. Experten - Neurochirurgen oder Neurologen - bleibt es vorbehalten, die drei Symptome des Todes zu erkennen: Koma, Atemstillstand und den Ausfall der Hirnstammreflexe. Selbst erfahrene Intensivmediziner können sich irren, wenn sie einen Unfall- oder Hirnblutungspatienten mit lichtstarren Pupillen für hirntot halten. Erst ein hinzugezogener Neurologe kann Sicherheit schaffen: Er versucht, mit Kohlendioxid die Atmung zu reizen, Schmerz- oder Würgereflexe hervorzurufen. Reagiert der Patient nicht, muß die Untersuchung zwölf Stunden später wiederholt werden. Erst dann gilt er als tot.

Oft aber drängt die Zeit: Der Zustand des Patienten ist instabil, jede Verzögerung kann den Verlust seiner Organe bedeuten. In solchen Fällen kann die Prozedur mit apparativer Hilfe abgekürzt werden: mit dem EEG, der Angiographie oder sogenannten akustisch evozierten Potentialen.

Nachdem der Neurologe gegangen ist, bleibt eine lebende Organbank zurück, „Menschengemüse“ (human vegetable), wie es Briten und Amerikaner nennen. Für Schwestern und Pfleger bleibt alles beim alten. Die Intensivmedizin für Tote, die „Spenderkonditionierung“, wie sich dieser Spezialzweig der Medizin nennt, unterscheidet sich kaum von der Behandlung eines schwerstkranken Beatmungspatienten: Die Schwestern müssen weiterhin den Tropf am Krankenbett einstellen, sie reinigen dem Hirntoten die Zähne, waschen ihn, lagern ihn gelegentlich um, damit sich keine entzündlichen Druckstellen („Dekubitus“) bilden.

Für die Ärzte allerdings beginnt nun ein gänzlich anderer Teil ihrer Arbeit: Sie stellen den Totenschein aus. Ab jetzt zahlt nicht mehr die Krankenkasse des Toten, die Kosten werden nun von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) übernommen.

Dann steht das unangenehme Gespräch mit den Angehörigen bevor. Als Bittsteller wird der diensthabende Arzt den erschütterten Eltern, Ehepartnern oder Geschwistern gegenübertreten müssen und ihnen unbeholfen etwas von Trost erzählen, den die Organspende bedeuten könne. So habe der Tod zumindest noch irgendeinen Sinn, wird er sagen und auf ein möglichst unkompliziertes „Ja“ hoffen.

Einem solchen „Ja“ in einem Moment kaum erträglichen Schmerzes verdankt Hans-Rudolf Müller-Nienstedt sein  „geliehenes Leben“. Jahrelang hatte er die Anzeichen verleugnet, die darauf hinwiesen, daß eine chronische Hepatitis seine Leber zerfraß. Seine von Lymphe geschwollenen Beine bandagierte er mit elastischen Strümpfen, das häufige Nasenbluten, die Müdigkeit und den Gewichtsverlust verharmloste er.

Dann aber kam der Tag, an dem sich seine Gedärme schwarz entleerten und der Chefarzt neben dem Infusionsständer stand und erklärte: .,Für Sie gibt es nur eine einzige Behandlungsmöglichkeit: die Transplantation.“

Es klingt wie Selbsthaß, wenn der Jugendpsychiater über die „.megalomanen Auswüchse“ einer „elitären Hochleistungsmedizin“ schimpft, deren Dienste er nun plötzlich in Anspruch nehmen sollte.  „Würde ich mich nicht schuldig machen in einem Ausmaß, wie es gar nie abzutragen wäre?“ fragte er sich - und entschied sich dann auf Drängen von Frau und Kindern doch für die Operation.

Um drei Uhr früh am 12. Mai 1993 öffneten die Chirurgen die Venenklammern, durch die sein Blut in die Spenderleber floß. Doch das Ersatzorgan funktionierte nicht. Hinter der Diagnose „Primary nonfunction“ verbarg sich die Ratlosigkeit der Ärzte.

Tagelang kämpfen sie darum, die neue Leber in dem ihr fremden Körper zum Arbeiten zu bewegen, erwägen gar eine zweite Leber zu implantieren. Dann sickert endlich bräunlich grüne Gallenflüssigkeit durch einen Schlauch aus dem Bauch des Patienten in einen Plastikbeutel am Krankenbett. Müller-Nienstedt erwacht in einer Welt, in der Monitore sein Leben kontrollieren: Jede Abweichung von der Norm wird registriert, in Kurven aufgezeichnet, durch Warnzeichen. Blinklichter, Summtöne angezeigt.

Müller-Nienstedt zählt zu den 80 Prozent der Patienten, die das erste Jahr nach einer Lebertransplantation überleben. Vor sich hat er ein neues Leben. ständig bedroht zwar von der Gefahr einer Abstoßung des fremden Organs. geplagt von Schuldgefühlen, „Nutznießer eines Geschäfts mit dem Tode zu sein“, wie er schreibt: doch zugleich auch ein neues erfülltes Leben als genesener Vater und Ehemann, der die Arbeit in seiner psychiatrischen Praxis fortsetzen kann.

Was für die Patienten eine Situation existentieller Angst und Hoffnung ist, gehört für die Mediziner inzwischen zur Routine. Längst steht die Nierentransplantation als Standardtherapie bei Nierenversagen in den medizinischen Lehrbüchern. Vor allem weil die Ärzte die Körperabwehr gegen fremdes Gewebe medikamentös immer besser zähmen können, steigen auch die Überlebensraten der Herz-, Leber- und Lungentransplantierten.

Ihre Erfolge ermutigen die Chirurgen zu immer neuen Experimenten: An der Unfallklinik im oberbayerischen Murnau erstmals ein vollständiges Kniegelenk verpflanzt. In Miami tausch­ten Chirurgen in einer 36stündigen Operation einem tumorkranken Italiener gleichzeitig Dünndarm, Leber, Magen, Bauchspeicheldrüse und eine Niere aus. Die Leberchirurgen setzen immer häufiger - und mit gutem Erfolg - auch Alkoholiker mit Leberzirrhosen auf ihr OP-Programm. Auch die Herzchirurgen stellen sich neuen Herausforderungen: In Bad Oeynhausen wurde einem 78jährigen ein neues Herz implantiert: in Miami erhielt ein nur vier Stunden alter Säugling ein Ersatzherz.

Gleichzeitig stockt der Organnachschub. Helm- und Gurtpflicht ließen die Zahl der Unfalltoten schrumpfen, Airbag und Seitenaufprallschutz verstärkten den Trend. Vor allem aber lehnen die Angehörigen immer häufiger eine Organentnahme ab: Fast in jedem dritten Fall verweigern sie inzwischen ihre Zustimmung.

Verzweifelt suchen die Transplantationszentren nach Wegen aus der Versorgungskrise. Sie mühen sich, auch die kleineren Kliniken für ihre Sache zu gewinnen und beschworen sie, alle Hirntoten zu melden. Zunehmend weichen die Chirurgen von Unfall- auf meist ältere Hirnblutungspatienten aus, selbst Nieren von 80jährigen wurden nicht verschmäht. Der Hamburger Transplanteur Christoph Broelsch experimentiert mit der Teilung von Lebern, um so mehr als einen Empfänger in den Genuß eines neuen Organs zu bringen.

Das alles ändert nichts daran: Die Nachfrage wächst rapide, das Angebot stagniert; der Organmarkt ist zum Markt des Mangels geworden. Immer lauter wird der Ruf der Dialyse-Patienten nach mehr Nieren. Verschreckt reagierte ein Teil der Öffentlichkeit darauf. Vielen war die kaum verhohlene Forderung nach mehr Toten suspekt. Gruselmärchen vom Nierenklau gingen um, vom Organhandel oder von voreilig für tot Erklärten. Die alte Angst vor dem Scheintod schien in neuem Gewand wieder erwacht.

Zudem wuchs das Mißtrauen gegenüber dem immer rascher expandierenden Geschäft mit dem Körper. Nicht nur Organe werden wiederverwertet. Auch menschliche Knochenteile, Herzklappen, Samen und Embryonen werden in Biobanken gelagert. Blut und Blutprodukte wurden zum Milliardengeschäft. Auch Nabelschnüre und Hirnhaute entdeckte die Pharma-Industrie als Rohstoff. Die großen Chemiefirmen streiten sich derweil um das Besitzrecht an Menschengenen.

Rund 400 Millionen Mark setzen deutsche Transplantationszentren pro Jahr um. Mit Preisen zwischen 77.000 Mark für eine Nieren- und 244.000 Mark für eine Lebertransplantation zählen sie zu den Positivposten in den sonst defizitären Klinikbudgets. Ist es da nicht denkbar, argwohnen die Kritiker, daß Transplantationen selbst dort gemacht werden, wo sie verzichtbar wären? Der Verdacht wird genährt von Studien wie derjenigen von Wilfried Rödiger. Der Hamburger Kardiologe war 1992 zu dem Ergebnis gekommen, daß nur ein Drittel aller untersuchten Herzempfänger wirklich ein neues Herz benötigt hätte.

Auch daß der Pharmariese Sandoz Seminare sponsert, in denen Ärzte auf das schwierige Gespräch mit den Angehörigen eines potentiellen Spenders vorbereitet werden, ist kaum dazu angetan, das Vertrauen zu stärken: Der Konzern ist Marktführer beim Verkauf der lukrativen Immunsuppressiva, unverzichtbarer Medikamente zur Nachbehandlung von Transplantierten.

Als Gesundheitsminister Horst Seehofer beschloß, ein Transplantationsgesetz zu verabschieden, da versprach er den Chirurgen, „mehr Akzeptanz für die Transplantation zu schaffen“ und die „Spendebereitschaft zu erhöhen“.

Das Gegenteil geschah. Erst an dem Gesetzentwurf, der den Hirntod als Tod des Menschen festschreiben soll, entzündete sich die öffentliche Kritik. An dem „pervertierten Lebensbegriff“ dieser Festschreibung  - wie es der Gladbecker Internist Linus Geisler vor dem Bundestag nannte - machten die Gegner ihr zuvor eher diffuses Unbehagen an der High-Tech-Medizin fest. „Erstaunlich ist eigentlich nur“, bekannte der Gütersloher Psychiater Klaus Dörner, „daß wir 25 Jahre brauchten, um zu erkennen, daß wir uns hinsichtlich der Hirntod-Definition auf einem Irrweg befunden haben.“

Argumentationshilfe lieferte den Hirntodkritikern der Fall der 18jährigen Marion Ploch. Am 5. Oktober 1992 war sie verunglückt. Ihr hirntoter Leib galt als Explantationskandidat -- bis die Arzte der Erlanger Universitätsklinik entdeckten, daß ihre Patientin schwanger war. Knapp sechs Wochen hielten sie mit großem medizinischem Aufwand die Lebensfunktionen der Hirntoten aufrecht. In ihrem Bauch wuchs ein Fötus, in ihrem Schädel verweste das Hirn. Um eine Vergiftung zu vermeiden, erwogen die Ärzte sogar, den Kopf der Hirntoten abzutrennen. Weil ihre Nieren zu versagen drohten, diskutierten sie bereits, der Toten eine Ersatzniere einzupflanzen. Doch dazu kam es nicht: Am 16. November starb die Leibesfrucht und wurde vom Körper der Hirntoten abgestoßen.

Babys von Toten, neue Nieren für Tote - in den Augen der Skeptiker hatte sich hier der Todesbegriff der modernen Medizin ad absurdum geführt. Der Fall des Erlanger Babys wurde zum Debakel für die Transplantationsmedizin.

Die Chirurgen mußten die Hoffnung begraben, der deutsche Gesetzgeber werde sich, wie in Osterreich, Belgien oder Frankreich, für eine „Widerspruchslösung“ entscheiden. Dort ist die Organentnahme bei Hirntoten Chirurg Pichlmayr: „Ärzte töten nicht“ der Regelfall. Nur wenn der Hirntote zu Lebzeiten schriftlich seinen Widerspruch festgehalten hat, kommt er samt Organen unter die Erde.

Inzwischen haben Ärzte und Patientenverbände erkannt, daß sie günstigstenfalls die „erweiterte Zustimmungslösung“ werden durchsetzen können. Sie würde die gegenwärtige Praxis - nur wenn die Angehörigen zustimmen, dürfen Organe entnommen werden - gesetzlich festschreiben. Mehr Organe gäbe es auf diese Weise kaum. Aber zumindest gäbe es endlich überhaupt ein Gesetz. Die lästigen Kritiker wären zum Verstummen gebracht.

Die nämlich fordern mehr die „enge Zustimmungslösung“. Gerade weil der Hirntod nicht als Tod des Menschen festgeschrieben werden könne, dürfe einzig der Spender selbst bestimmen, ob er seine Organe preisgeben wolle. Deshalb dürften sie nur demjenigen entnommen werden, der schriftlich seine Zustimmung hinterlassen hat.

Eine Katastrophe, so klagen die Transplanteure. Kaum fünf Prozent aller Unfallopfer trügen bisher einen Organspendeausweis bei sich. Würden nur sie zur Organspende zugelassen, sei das Ende dieses gesamten Medizinzweiges unvermeidlich.

Zudem sehen viele Mediziner in der Abkehr vorn Hirntodkonzept eine gefährliche Gratwanderung. Damit werde, wenn auch mit Zustimmung des Patienten, ausdrücklich das Töten eines noch als lebend betrachteten Menschen zugelassen. Wird damit nicht der Weg bereitet für die Tötung ganz anderer möglicher Spender?

Tatsächlich gibt es Kritik am Hirntodbegriff auch von besonders radikalen Verfechtern einer noch weitergehenden Transplantationsmedizin: Er geht ihnen nicht weit genug. Vor allem in den Augen vieler Mediziner und Ethiker aus den USA gibt es nur einen Weg, den Organnotstand zu beheben: Mehr Tote müssen her.

Robert Levine zum Beispiel glaubt zu wissen, woher sie kommen könnten: Warum, so fragt der Ethiker von der Yale University, messen die Mediziner gerade dem Gehirn eine so große Bedeutung zu? Doch offensichtlich deshalb, weil es um das Organ gehe, in dem sich Denken, Fühlen, Erinnern und Empfinden abspielen. Ist aber all das, fragt Levine weiter, nicht letztlich ausschließlich an die Großhirnrinde gebunden? Menschen ohne Großhirn, folgert er, seien folglich gar keine Menschen.

Zwischen 5000 und 1.000 zusätzliche Organe ließen sich gewinnen, rechnet auch John Fletcher vor, ein Kollege von Levine an der Virginia University, wenn die Todesfeststellung auf Großhirntote ausgeweitet werde. Die rund 600 Säuglinge, die jährlich in Deutschland ohne Großhirn geboren werden („Anenzephalel“) hätten nach dieser Definition nie gelebt und könnten sofort als Organspender dienen. Auch dauerhafte Koma-Patienten würden von Fletcher und Levine am liebsten für tot erklärt.

Eine ähnliche Stoßrichtung verfolgen auch Mediziner der University of Pittsburgh, die kürzlich in der Fachzeitschrift ‚Lancer‘ vorschlugen, jeder Mensch solle zu Lebzeiten selbst festlegen, wann er als tot betrachtet werden möchte: wenn sein Herz nicht mehr schlägt, wenn sein Hirn abgestorben ist oder wenn sein Bewußtsein unwiderruflich verloren ist. Größtes Problem in den Augen der Pittsburgh-Ärzte: „Die Beerdigung atmender Kadaver mit schlagendem Herzen“ werde zum gegenwärtigen  Zeitpunkt möglicherweise als „nicht akzeptabel“ betrachtet.

Während die Pittsburgher Chirurgen auf diese Weise hofften, demnächst auch Apalliker und großhirnlose Säuglinge unter das Messer zu bekommen, haben sie sich schon heute von einem anderen Typ Toter Organnachschub verschafft: den NHB-(Non-Heart-Beating-) Kadavern.

Nach diesem Konzept darf bei einem Patienten die künstliche Beatmung abgeschaltet werden, wenn er zuvor schriftlich den Wunsch bekundet hat, nicht künstlich mit Maschinen und Medikamenten am Leben  erhalten zu werden. Nach einem Herzstillstand warten die Transplanteure zwei Minuten am Krankenbett ab  eine Reanimation wäre zu diesem Zeitpunkt theoretisch noch möglich -, dann stellen sie den Totenschein aus: Der NHB-Kadaver ist zur Transplantation freigegeben. Eile ist geboten, sonst verderben die nicht mehr mit Sauerstoff versorgten Organe.

Derart radikale Vorschläge sind in Deutschland verpönt. Vielen deutschen Ärzten jagt die schamlose Organgier ihrer amerikanischen Kollegen Angst ein. Dennoch wird auch hierzulande gezielt an Tabus gerührt. So wurde lange Zeit strikt vermieden, über Sterbehilfe bei Koma-Patienten zu sprechen. Seit einigen Jahren gilt das Diskussionsverbot nicht mehr. Unverhohlen fordert eine wachsende Fraktion in der Bundesärztekammer, als unheilbar geltenden Apallikern die Magensonde zu entziehen.

Wenn aber auf diese Weise erst einmal das Tötungstabu gefallen ist, wenn die verhungernden Apalliker erst in deutschen Klinikbetten liegen, fragen die Skeptiker, wird dann nicht unweigerlich irgendwann die Forderung laut werden, ihre Organe nicht ungenutzt mitsterben zu lassen?

Um derlei heikle Fragen künftig meiden zu können, sinnen die Mediziner nach Alternativen zur Gewinnung neuer Organe. In den Labors der Bio- und Gentechniker entsteht bereits die nächste Generation  von Transplantaten. Vor allem von zwei Entwicklungen versprechen sie sich Revolutionen für die Transplantationsmedizin:

- der Organzucht: Menschliche Zellen sollen im Labor kultiviert werden und zu Gewebsteilen oder ganzen funktionsfähigen Organen heranwachsen;

- der Xenotransplantation: Gentechnisch sollen geeignete Tiere erzeugt werden, die dann als Spender einer fast unerschöpflichen Zahl von Organen dienen könnten.

„Wir definieren die Transplantationsmedizin neu“, verkündet Gail Naughton aus San Diego, eine Forscherin auf dem rasant wachsenden Forschungsgebiet der Gewebe- und Organzucht.

Schon heute reifen in den Retorten der Biotechnologen Haut, Knorpel und Knochen heran. Aus einer einzigen Säuglingsvorhaut kann theoretisch genug Haut gezüchtet werden, um sechs Fußballfelder damit zu bedecken. US-Ärzte verkündeten kürzlich die ersten Transplantationen von Kiefern, die im Labor aus pulverisierten Knochen gezüchtet worden waren. An der Berliner Charité entnimmt der Rheumatologe Gerd-Rüdiger Burmester seinen Patienten Knorpelmasse hinter dem Ohr, aus der Nase oder aus dem Rippenknorpel am Brustbein, zerkleinert sie und kultiviert sie in Nährlösung. Auf einem Polymergerüst läßt er die Zellen dann wachsen, bis sie die Wunschform für die Implantation in verschlissene Gelenke haben.

Wie weit die Knorpelmodellierer mit ihrer Kunst bereits gediehen sind, demonstrierte der Harvard-Professor Joseph Vacanti, als er die Öffentlichkeit mit einer Nacktmaus schockte, auf deren Rücken ein im Labor gezüchtetes Menschenohr angewachsen war. Die Medizin wird nach Vacantis Überzeugung „über die Praktik der Transplantation hinauswachsen in eine Ära der Fabrikation“.

Schon ranken in vielen Labors Menschenzellen wie Spalierobst an feinverästelten Kunststoffgerippen. mit Wachstumsfaktoren locken sie die Forscher an ihren richtigen Platz und animieren sie, sich zu Leber-. Gefäßwand- oder Bindegewebszellen zu differenzieren.

Noch optimistischer aber äußern sich viele Transplanteure, wenn es darum geht, Tierorgane zu verpflanzen. Allein der Schweizer Pharmamulti Sandoz investiert eine Milliarde Dollar, um Schweine genetisch zu vermenschlichen und so die Immunabwehr des Körpers zu überlisten. Forschungsleiter David White verfeinerte die genetische Tarnkappe soweit, daß in zehn Makaken, die an jeweils ein Herz der Gen-Schweine angeschlossen wurden, „keine Anzeichen einer Abstoßung“ mehr nachzuweisen waren.

Daß mit Whites Schweineherzen und Vacantis Laborprodukten dem Organmangel in absehbarer Zeit abgeholfen werden könnte, ist zumindest zweifelhaft. Viele der Pioniere leugnen nicht, daß sie ihre Kreationen aus dem Bio- oder Genlabor vorerst nur als Krücken für Notfälle betrachten: Todkranke Patienten könnten mit ihrer Hilfe allenfalls am Leben gehalten werden, bis ein tauglicheres Menschenorgan verfügbar ist.

Zudem könnten die neuen Techniken auch neue Gefahren heraufbeschwören. Wie der Aids-Erreger HIV vom Affen auf den Menschen übersprang, so könnten durch die Xenotrans­plantation Seuchen den Weg vom Schwein zum Menschen finden.

Auch wie sich die Organe aus dem Bioreaktor hernach im menschlichen Körper verhalten, ist noch unklar. Es ist nicht auszuschließen, daß einzelne Zellen den künstlichen Zeltverband verlassen, durch die Blutgefäße vagabundieren und sich schließlich irgendwo als Tumor ansiedeln: Der vor dem Organtod Gerettete wäre dem Krebstod ausgeliefert.

Sicher ist bisher nur eines: Die Industrie des Körpers steht erst am Anfang. Die Revolution, die Christiaan Barnard auslöste und die, wie er selbst schrieb, „eine Krise heraufbeschwor, die unsere konventionellen Vorstellungen von Gut und Böse übersteigt"“ bringt Kinder und Enkel hervor.

Verschaffte die Intensivmedizin den Ärzten die Macht über den Tod, so werden sie sich mit Hilfe von Molekularbiologie, Gen- und Zellkulturtechnik auch des Lebens bemächtigen. Der Mensch wird zur Modelliermasse, die sich nach Wunsch gestalten läßt.

Auch unter den Chirurgen setzt sich zunehmend die Einsicht durch, daß derart gravierende Veränderungen im Bild des Menschen nicht von den Ärzten allein vorangetrieben werden können. „Wir brauchen die Zustimmung der Gesellschaft“, erklärt der hannoversche Transplanteur Gundolf Gubernatis.

Nichts zeigt die ethische Gratwanderung deutlicher als die jüngste Grenzüberschreitung: die Transplantation von Hirngewebe. Vor zehn Jahren gewann erstmals ein mexikanischer Arzt Hirnzellen aus abgetriebenen Föten, um sie ins Gehirn von Patienten mit der Parkinson-Krankheit zu implantieren, einer Form fortschreitender Schüttellähmung. Im Mittelhirn der Kranken stirbt Gewebe ab, das von den frischen, entwicklungsfähigen Fötalzellen ersetzt werden soll.

Inzwischen lebt fremdes Hirngewebe im Kopf Hunderter von Parkinson-Patienten. Bald, spekuliert der Bonner Neurologe Detlev Linke, könnte die Hirntransplantation an Bedeutung sogar die Verpflanzung von Herz, Leber und Niere übertreffen. Denn die Zahl der Abtreibungen und damit die Menge des verfügbaren Hirngewebes ist beträchtlich; es gibt kaum Probleme mit der Abstoßung; und die Zahl denkbarer Empfänger - unter anderen Alzheimer-, Parkinson-, Epilepsie-, Multiple- Sklerose-, Schizophrenie- oder Schlaganfall-Patienten - ist fast unbegrenzt.

Mit der Transplantation von Nervengewebe haben die Arzte bewiesen, daß sie selbst davor nicht zurückschrecken, auch dasjenige Organ zu transplantieren, das sie mit der Hirntoddefinition zur Verkörperung von Identität. Person und Leben erklärt hatten.

Die denkbaren Folgen sind kaum abzusehen. So kann ein Parkinson-Patient, dessen Gesichtszüge vor der Fötalzellkur maskenhaft eingefroren wirkten, unter Umständen nach der Operation wieder zu lächeln lernen. Doch wessen Lächeln, fragt Linke, ist es dann: das des Kranken oder das des nie geborenen Fötus?

Schon für einen Herztransplantierten kann es verwirrend sein, wenn er spürt, daß seine Verliebtheit das Herz eines Fremden schneller schlagen läßt. Spätestens mit der Transplantation von Hirngewebe aber (warnt Linke) verschwimme der Begriff von Identität und Persönlichkeit vollends.

Eines Tages, fürchtet er, könnte die Eigendynamik des Machbaren die Ärzte dazu treiben, noch viel weiter zu gehen. Er verweist darauf, daß sich schon 1973 Neurochirurgen des Cleveland Metropolitan General Hospital in Cleveland rühmten, den vollständigen Kopf eines Rhesusaffen verpflanzt zu haben. 36 Stunden lang zeigte der auf einem fremden Körper sitzende Kopf normale Hirnstromfunktionen. Die von Descartes prophetisch postulierte Trennung von Körper und Geist war von der Medizin real vollzogen.

Nach der Operation verfolgte das Tier den Experimentator mit den Augen und versuchte ihn zu beißen. Das Versuchsprotokoll verbuchte dies als Erfolg.

 

Im Tauschrausch: Gegenwärtige und künftige Möglichkeiten des Organersatzes

Hirnhaut: In vielen Pathologien werden Leichen Hirnhäute entnommen, die dann von der Industrie gefriergetrocknet und als Rohstoff für kosmetische, Gesichts- und Bauchoperationen vertrieben werden.

Luftröhre: Ärzte an der Uniklinik Bonn verpflanzten bisher 109 Luftröhren von Leichen, um Patienten nach längerer Beatmung einen künstlichen Luftröhrenausgang zu ersparen.

Augenhornhäute: Mit rund 3600 Transplantationen pro Jahr die in Deutschland am häufigsten verpflanzten Körperteile.

Lunge: Wie bei Nieren gilt auch bei Lungen die Lebendspende als möglich - Eltern könnten ihren lungenkranken Kindern einzelne Lungenlappen spenden.

Herz: Eine Möglichkeit, der Organknappheit zu begegnen, sehen die Mediziner darin, Herzkranke an ein Kunstherz anzuschließen, bis sich das eigene Herz erholt Weitere Alternative zum menschlichen Spenderherz: Organe von genmanipulierten Schweinen.

Herzklappen: Neben künstlichen und Schweineklappen werden zunehmend auch menschliche Herzklappen verwendet - gewonnen aus den bei Transplantationen entnommenen Organen.

Brust: Die Forscher arbeiten daran, vollständige weibliche Brüste aus Zellen zu züchten, die auf Polymergerüsten wachsen.

Leber: An der Hamburger Uniklinik werden Lebendspenden erprobt. Dabei werden Kindern Teile der Leber eines Elternteils eingepflanzt.

Nieren: Die langen Wartelisten in den Industrieländern fördern den Organhandel in der Dritten Welt. Vor allem in Indien, auf den Philippinen und in Brasilien werden Nieren von lebenden Spendern verkauft.

Bauchspeicheldrüse: Als Alternative zur Organverpflanzung gilt die Zelltransplantation. Dabei sollen Zellen aus der Bauchspeicheldrüse von abgetriebenen Föten in Kapseln aus See­tang­extrakt eingeschlossen und dann Diabetes-Patienten implantiert werden.

Magen/Darm: Meist werden mehrere Verdauungsorgane verpflanzt. In Rekord-Operationen wurden bereits Dick- und Dünndarm, Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse und Nieren zugleich ausgetauscht

Fötale Hirnzeilen: Bei einigen Hirnerkrankungen wird die Implantation von Hirnzellen abgetriebener Föten erprobt. Das Verfahren weckt Ängste vor einem weltweiten Handel mit Fötengewebe.

Nabelschnur: Wenige Sekunden nach der Geburt können bis zu 100 Milliliter fötales Blut aus der Nabelschnur gewonnen werden. Die darin enthaltenen Stammzellen werden in Blutbanken aufbewahrt und zur Therapie von Blutkrankheiten verwendet.

Eierstöcke: Die noch umstrittene Transplantation könnte unfruchtbare Frauen fruchtbar machen - ihre Kinder allerdings wären genetisch die Nachkommen der toten Spenderin.

Eizellen/Spermien: Keimzellen dienen als Rohstoff der schnell wachsenden Reproduktionsmedizin. Selbst von abgetriebenen Föten könnten noch fortpflanzungsfähige Vorstufen von Eizellen gewonnen werden.

Hand: Der US-Forscher Joseph Vacanti hält es für denkbar, dereinst ganze Hände aus Gewebszellen im Labor zu züchten.

Haut: Für 10 Dollar pro Quadratzentimeter bieten US-Firmen gefriergetrocknete Leichenhaut an. Andere Unternehmen züchten aus menschlichen Vorhautzellen neues Gewebe heran.

Knie: Fast 40.000 künstliche Kniegelenke pro Jahr werden in Deutschland eingesetzt. Im letzten Jahr gelang es Chirurgen im bayerischen Murnau erstmals, das vollständige Gelenk eines Toten zu verpflanzen.

Knochenmark: In der weltweit größten Einzelkartei der Deutschen Krebshilfe sind die Daten von 380.000 Personen registriert, die bereit sind, bei Bedarf Knochenmark zu spenden.

Blut: Rohstoff eines ganzen Industriezweigs. In Fraktionierungsanlagen gewinnt allein das Deutsche Rote Kreuz aus rund 360.000 Litern Blutplasma pro Jahr verschiedene Gerinnungsfaktoren, Immunglobuline und andere Eiweiße.

Knochen: Seit 1990 gibt es in Würzburg eine Bank für sogenannte AAA-Knochen - demineralisierte, tote Restknochen, mit deren Hilfe die Ärzte nach Knochenbrüchen im Körper ihrer Patienten neues Knochengewebe züchten können.

 

Mütter bevorzugt

Bei der Verteilung der knappen Spenderorgane entscheiden Ärzte über Leben und Tod - nicht immer nur nach medizinischen Kriterien. Welcher Sterbende verdient die Chance zu überleben? Wer erhält das neue Herz - der 40jährige dreifache Vater oder der gleichaltrige Ledige? Fragen, wie sie deutsche Organtransplanteure fast täglich beantworten müssen.

Organe sind knapp, bedürftige Patienten nicht. Im vergangenen Jahr brauchten in Deutschland weit über l000 Menschen ein Herz, 510 wurden von den Transplanteuren bedient. Offiziell warteten 2000 Menschen auf eine Leber, auf bis zu 9000 wird die Zahl der tatsächlich Bedürftigen geschätzt, 699 Lebern wurden verpflanzt.

Gern lassen Mediziner die Kranken im Glauben, trotz des Mangels sei die Auswahl der Empfänger bestens geregelt und frei von ärztlicher Willkür. Die Entscheidung fälle der Computer der Vermittlungszentrale Eurotransplant im niederländischen Leiden nach objektiven Kriterien.

Die Wahrheit sieht anders aus. Tatsächlich kann von Chancengleichheit für Transplantationskandidaten nicht die Rede sein. Notgedrungen selektieren die Ärzte unter ihren Patienten. Sie bestimmen, wer ein Spenderorgan bekommt und wer warten muß, selbst wenn das für ihn den Tod bedeutet. Die Organknappheit zwingt die Ärzte, nicht nur transplantationsfähige, sondern auch transplantationswürdige Patienten auszuwählen - eine Abwägung, bei der mitunter nichtmedizinische Kriterien den Ausschlag geben.

Eine Chance auf eine neue Niere oder Leber hat nur, wer von seinem Arzt auf die Warteliste gesetzt wird. Mit ihr halten Mediziner die Zahl der Wartenden künstlich klein.

Wenn auf der Nieren-Warteliste von Eurotransplant die Namen von 10.000 Deutschen vermerkt sind, werden 2100 von ihnen jährlich transplantiert. Weitere 15.000 könnten nach Schätzungen von einer neuen Niere profitieren, zur Transplantation angemeldet wurden sie nicht.

Einheitliche Kriterien für die Aufnahme in die Wartelisten gibt es nicht. So lassen manche Mediziner ältere Patienten grundsätzlich nicht zur Nierentransplantation zu, andere sind weit weniger zögerlich und setzen sie neben die Jüngeren auf die Warteliste.

Üblicherweise benoten Nephrologen auch Disziplin und Verläßlichkeit ihrer Patienten, um so deren Erfolgsaussichten bei einer Transplantation zu bewerten. Ganze Gruppen von Kranken fallen bei dieser Beurteilung durch: Wer nicht regelmäßig zur Blutwäsche erscheint, weckt Zweifel, daß er nach einer Transplantation zuverlässig an der notwendigen Nachbehandlung teilnimmt - und verspielt damit womöglich seine Chancen auf ein Organ. „Obdachlose, Drogensüchtige und Alkoholiker“, so ein Berner Krankenhausarzt, setze er nie auf die Warteliste. „Bei denen kann ich die Niere besser gleich in den Orkus spülen.“

Dramatischer noch ist die Lage bei Herzen oder Lebern. Hier kann jede Entscheidung für einen Patienten den Tod eines anderen Bedürftigen bedeuten; anders als bei Nierenkranken gibt es für diese Patienten keine alternative Behandlung wie die Dialyse.

Außerdem ist die Verteilung dieser Organe schlechter organisiert. Während Nieren nach Kriterien wie Gewebeübereinstimmung, Wartezeit und Entfernung zwischen Spender und Empfänger vom Eurotransplant-Computer an die Patienten der Warteliste vergeben werden, entscheiden die Mediziner am jeweiligen Transplantationszentrum über die Verteilung von Lebern, Herzen und Lungen selbst.

Jedes Herz- oder Leberzentrum hat seine eigene Warteliste. Ein gemeinsamer Organpool wie bei Nieren existiert nicht. So liegt das Risiko für den Patienten, die Wartezeit nicht zu überleben, an großen Kliniken mit langen Wartelisten meist höher als an kleineren Häusern, die erst seit kurzem Transplantationen ausführen. Die Vergabe von Organen regelt sich nach dem jeweiligen Hausbrauch.

„Jedes Zentrum“, sagt der Mannheimer Sozialwissenschaftler Volker Schmidt, „hat seine eigene Herztransplantationsphilosophie entwickelt.“  So werde in Bad Oeynhausen noch 70jährigen ein neues Herz eingesetzt, in Hannover hingegen seien schon 60jährige von der Transplantation ausgeschlossen. In manchen Zentren könnten auch Alkoholiker auf eine neue Leber hoffen, in den meisten anderen würden sie abgelehnt - auch deshalb, weil Ärzte dieses Leiden als selbstverschuldetes Manko ansähen.

Nach Schmidts Erkenntnissen spielen nicht selten Gesichtspunkte eine Rolle, die „mit Medizin nichts zu tun“ hätten. „Manchenorts werden Schwerkriminelle oder andere sozial Unerwünschte als unwürdig abgewiesen“, erzählt er. Mütter hingegen würden „aufgrund ihrer besonderen sozialen Verantwortung“ zum Teil bevorzugt.

Hartnäckig halten sich zudem Gerüchte, wonach Privatpatienten, Angehörige von Ärzten oder Prominente bisweilen bevorzugt werden. So hat der schwerkranke Fürst von Thurn und Taxis 1990 nach sensationell kurzer Wartezeit in München ein Spenderherz bekommen und, als dies versagte, gleich noch ein zweites. Der damals 64jährige starb dennoch. Selbst jene Ärzte, die sich mühen, eine „soziale Indikation“ zu stellen, kommen nicht umhin, die Empfänger mitunter nach Kriterien auszuwählen, die nicht allein medizinisch begründet sind.

„Unser wichtigstes Kriterium heißt Dringlichkeit“, sagt der hannoversche Transplanteur Rudolf Pichlmayr. Doch häufig liegen mehrere Schwerstkranke auf seiner Station, die gleichermaßen dringlich ein neues Organ benötigen. In diesen Fällen entscheidet Pichlmayr nach Wartezeit: „Wer am längsten gewartet hat, bekommt den Zuschlag.“

Zudem stehen die Ärzte oft vor einem kaum lösbaren Dilemma: Kranke, die nach einer Transplantation eine gute Überlebenschance haben, sind häufig weniger dringliche Fälle. Wer andererseits bereits auf dem Sterbebett liegt, hat auch mit einem neuen Herzen geringere Chancen.

Einen brisanten Vorschlag, wie die knappen Organe gerechter zu verteilen wären, hat nun der hannoversche Transplanteur Gundolf Gubernatis unterbreitet. „In die Entscheidung für oder gegen einen Patienten sollte künftig auch die Spendenbereitschaft des Kranken einfließen.“ Wer einwilligt, nach seinem Tod seine Organe zur Verfügung zu stellen, soll auf der Warteliste einen entsprechenden Bonus bekommen.

„Nur wenn der einzelne von der Organspende einen meßbaren Vorteil für das eigene Überleben hat“, erklärt Gubernatis, „wird die nachlassende Spendebereitschaft wieder zunehmen.“ Zudem habe sein heftig umstrittener Vorschlag einen wesentlichen Vorteil: „Er ist fair.“

 

 

Befruchtung im Reagenzglas (In-vitro-Fertilisation)

 

Die außerkörperliche Befruchtung geht folgendermaßen vor sich: Durch Medikamente wird erreicht, daß mehrere Follikel (Eibläschen mit befruchtungsfähiger Eizelle) heranreifen. Der Eisprung wird ebenfalls mit Hilfe von Medikamenten ausgelöst und zeitlich festgelegt. Die Follikel werden in Vollnarkose durch die Bauchdecke abgesaugt. Die Eizellen kommen in eine Nährlösung, die aus der Gewebekulturtechnik übernommen wurde. Nach einigen Stunden wird im Embryokulturlabor der Same hinzugefügt. Zu jeder Eizelle werden 50.000 bis 100. 000 Samen gegeben. Nach 28stündiger Kulturdauer erhält man Zweizellen-Embryonen, nach 44- bis 48-stündiger Kulturdauer Vierzeller und nach 72 Stunden Achtzeller. Heute wird in der Regel ein Vierzeller in die Gebärmutter eingesetzt. Der Embryo wird in einer Nährlösung mit einem Katheter eingeführt.

Die Erfolgsquote bei dieser Behandlung ist verhältnismäßig gering und mit großen psychischen Belastungen verbunden.

Es werden zwei Methoden der künstlichen Befruchtung praktiziert:

a) die homologe Insemination = Versuch einer künstlichen Befruchtung mit dem Samen des Partners (Erfolgsquote nur zwischen 10 und 15 Prozent)

h) die heterologe Insemination = Versuch einer künstlichen Befruchtung durch das Sperma eines unbekannten Spenders (Erfolgsquote zwischen 70 und 90 Prozent wie bei natürlicher Insemination).

Diese Methoden werden bei verminderter Zeugungsfähigkeit des Mannes bzw. Unfruchtbarkeit angewandt. Nur bei Unfruchtbarkeit der Frau (zum Beispiel Undurchlässigkeit der Eileiter) werden beide Methoden „in vitro“ durchgeführt, sonst entsprechend den längst aus der Tierzucht bekannten Verfahren der künstlichen Befruchtung, das heißt das Sperma wird in die Gebärmutter eingebracht.

Von medizinischer und sozialethischer Seite ist die heterologe Insemination als eine der möglichen Maßnahmen anzusehen, Ehen mit unfreiwilliger Kinderlosigkeit doch noch zu dem ersehnten Glück eines „eigenen“ Kindes zu verhelfen. Gleichsinnig gilt das auch für unver­heiratete oder verwitwete Frauen. Andererseits wäre eine heterologe Insemination auch als negativ-eugenische Maßnahme angeraten, nämlich dann, wenn mit großer Wahrscheinlichkeit die Gefahr besteht, daß durch den Ehemann ein mißgestaltetes Kind gezeugt wird.

Bei der heterologen Insemination ist auch in jedem Falle die psychologische Seite aller Beteiligten zu sehen, einmal die Mutter, die durch die Schwangerschaft einen stärkeren inneren Kontakt zum eigenen Kinde hat als zum Beispiel zu einem fremden Kind, das adoptiert wurde, zum anderen der Ehemann, für den die Problematik eines durch heterologe Insemination gezeugten Kindes die gleiche bleibt wie nach einer Adoption eines fremden Kindes und der sich möglicherweise niemals richtig in seine „Vaterrolle“ einfühlen kann, und schließlich das Kind, das sich nach der späteren Mitteilung seiner Abstammung vielleicht auch gedemütigt fühlt.

Was bedeutet das für die Kinder? Haben sie nicht ein Recht, ihre wahre Herkunft zu erfahren? Die Identitätssuche kann durch erhebliche psychische Störungen erschwert werden, wenn die leiblichen Eltern nicht bekannt sind. Das weiß man aus der Adoptionsforschung. Denn von einem bestimmten Alter an haben Kinder den Wunsch, ihre leiblichen Eltern kennenzulernen oder wenigstens einmal zu sehen. Das völlige oder teilweise Abschneiden von der biographischen Geschichte könnte Folgen haben. Und können Kinder, die unter großen Opfern entstanden sind, dem Erwartungsdruck standhalten, der auf ihnen ruht? Was geschieht, wenn sie die „Eltern“ enttäuschen?

 

Der Mensch aus der Retorte

In Bologna erregte der Arzt Dr. Petrucci großes Aufsehen, weil er künstliche Kinder „gezüchtet“ hatte. Er verwendete dazu  Eizellen von Frauen, denen die Eierstöcke operativ entfernt

werden mußten, und Samenzellen von Proben zur Untersuchung der Zeugungsfähigkeit von Männern. Die Befruchtung und Entwicklung ging vor sich in einer „künstlichen Wiege", in einer Plastikwanne, in die eine  Nährlösung aus Blutplasma schwangerer Frauen unter Zugabe von Proteinen, Hormonen und anderen zugeführt wurde. Das Experiment wurde bis zur neunten Woche durchgeführt. Dann reichte die Nährlösung nicht mehr aus und der Embryo starb ab.

Dabei handelt es sich nicht um den ersten Versuch dieser Art. Schon 1944 hatte der amerikanische Arzt Dr. Landrum Shettles weibliche Eizellen in einer Retorte befruchtet und sechseinhalb Tage am Leben erhalten. In Japan hat ein Ärzteteam bereits 1961 im Labor Eizellen befruchtet, die sich dann in der Gebärmutter der Frauen normal entwickelten. Und der sowjetische Arzt  Pjotr Anochin hat einen künstlich hergestellten menschlichen Embryo bis zu einem Gewicht von 500 Gramm am Leben erhalten (das entspricht einem Vier- bis Fünfmonatsbaby).

Petrucci hält es für möglich, Babys von den Zeugung bis zur Geburt  in einer  künstlichen Gebärmutter zu züchten. Sie sollen sich in Nichts von denen unterscheiden, die im Mutterleib wachsen. Wenn man sie nach neun Monaten aus der Plexiglaswanne herausnimmt, müssen sie genau wie bei einer normalen Geburt einen kräftigen Klaps kriegen, bevor der erste Schrei ertönt.

Aber die ernährende und entschlackende Funktion der Placenta wird man wohl kaum im Labor nachahmen können. Auch bei Petrucci war nur ein Zellklumpen entstanden, 5 Millimeter groß nach 29 Tagen. Dann wurde der Versuch abgebrochen.

Petrucci ist von der katholischen Kirche heftig angegriffen worden: Aus wissenschaftlicher Neugier zeuge er unbekümmert menschliches Leben und töte es genauso bedenkenlos. Nach katholischer Ansicht haucht Gott ja dem Menschen im Augenblick der Zeugung die Seele ein. Mar müßte also ein Retortenbaby sogar taufen. Petrucci wendete dagegen ein: Auch natür­liche Embryos, die aus Krankheitsgründen ans dem Mutterleib entfernt werden‚ werden nicht getauft;  die hätten dann auch keine Seele.

Und weiter sagt Petrucci: „Die Leute, die so etwas sagen, haben eine beschränkte Vorstellung von Gott. Sie sehen ihn klein und standardisiert, unfähig, trotz seiner Allmächtigkeit und Allwissenheit ein Laboratoriums-Experiment von einer wirklichen Lebenswerdung zu unterscheiden!“

Petrucci fühlt sich als strenggläubiger Katholik, weiß aber natürlich auch, daß schon Papst Pius XII. eine solche künstliche Befruchtung verboten hat. Er fühlt sich weder als Vater und Mutter‚ noch gar als Schöpfer . Er spricht mit Ehrfurcht von seinen Versuchen; man kann ihn also nicht als typischen Laboratoriumsarbeiter bezeichnen, der nur von seinen Experimenten gefesselt ist und keine ethischen Hemmungen hat. Petrucci hat auch seine Bedenken und Fragen, Aber er wollte sie dennoch beantworten.

Aber er hat zum Beispiel die Zeugung eines Retortenbabys abgelohnt, weil der  Mann an Unfuchtbarkeit litt und vor seinem Schwiegervater dann mit einem blauen Ange bedacht worden war . Und ebenso wies er einen Adligen mit ausgedehnten Besitztümern ab, dessen  Frau unfruchtbar war, weil für das Kind die Garantie gefehlt hat, geliebt zu werden.

 

Bedenken gegen die Experimente Petruccis:

(1) Warum macht man diese  Versuche nicht mit Tieren, zum Beispiel Affen? Doch dagegen wird eingewandt: Der Mensch  reagiert doch noch anders als Tiere (zum Beispiel bei Medikamenten). Aber  man muß sich doch fragen, ob Menschenversuche heute schon nötig sind

Und ob Tierversuche nicht vorerst genügen.

(2) Die künstlichen Embryos sind etwas kleiner als die natürlichen wegen der Unterehrnährung. Wenn das Embryo jedoch bald nach der Zeugung wieder in den Mutterleib kommt, ist keine Schädigung zu erwarten. Das macht man sich ja heute zunutze bei der Befruchtung außerhalb des Mutterleibs

(3) Dem künstlichen Baby fehlen die psychischen Entwicklungen im Mutterleib: Es reagiert nicht auf Einflüsse von außen und erschrickt nicht. Aber es kann hören und lachen. Diese ganze wunderbare Entwicklung bei der Entstehung eines Menschen kann die Wissenschaft nicht nachahmen.

4.) Die künstliche Ernährung ist nicht so optimal wie im Mutterleib. Man kann immer nur Blut nehmen von Frauen, die im gleiche Stadium schwanger sind. Man ist also auch hier auf die Natur angewiesen.

 

Sinn der Experimente Petruccis:

(1.) Eine Leibesfrucht im zweiten Monat hat bereits alle Anlagen zu den lebenswichtigen Organen. Petrucci operierte nun aus einem „Retortenbaby“ das Herz heraus und übertrug es in eine Fohlen. Dadurch wollte er feststellen, ob man „Ersatzteile“ für kranke menschliche Organe  herstellen kann. Embryonales Gewebe wächst bei Verpflanzungen viel leichter an als Organe von Erwachsenen.

(2.) Viele als unfruchtbar geltende ‚Frauen könnte ein Kind haben. Petrucci hat schon bei mehreren Dutzend Frauen  ein Ei aus dem Eierstock entnommen, außerhalb des Mutterleibs befruchtet und bald darauf wieder in die Gebärmutter eingesetzt. Aber das ist natürlich keine künstliche Befruchtung, sondern eine erleichterte Befruchtung. Diese Methode wird auch heute angewandt, wenn zum Beispiel der Eileiter verklebt ist oder die Zahl der Samenfäden nicht ausreicht. In Deutschland kam das erste Kind auf diese Weise im Jahr 1978 zur Welt.

(3.) Erforschung von Krebsproblemen und der Ursachen von Mißbildungen

(4.) Vorherbestimmung des Geschlechts und des Anteils von Vater und Mutter

(5.) Einfluß von Arzneimitteln auf den Embryo

(6.) Einblick in die Erbgesetze-.

 

Man muß seine Bedenken haben für die Zukunft. Man sieht eine Welt heraufziehen wie bei Aldous Huxley, wo die Kinder auf Flaschen gezogen  werden. Es besteht auch die Gefahr, daß wir experimentell massenweise Leben vernichten. Natürlich möchten wir gern wissen, was geschieht. Aber die Versuche bleiben bedenklich. Die Möglichkeit eines vollständigen „Retortenbabys“ ist nicht auszuschließen. Petrucci sagt dazu: „Die Menschheit wird sich dazu

entschließen, wenn etwa durch eine atomare Katastrophe alle Menschen unfruchtbar geworden sind!“

 

Futuristische Möglichkeiten

Richard Kaufmann: Die Menschenmacher

Führende Biologen von heute behaupten: Die Weltbevölkerung wächst rapid - doch die Erbmasse der Menschheit wird zugleich immer schlechter! Die gegenwärtige Menschheit ist einfach nicht intelligent genug, um zu verhindern, daß sie mit der Atombombe in die Luft geht. Deshalb müssen rechtzeitig Maßnahmen ergriffen werden, um der Rückschritt aufzuhalten und wieder positive Verbesserungen einzuleiten.

Vielleicht werden fanatische Anhänger einer Weltanschauung einmal soviel Atombomben in die Hand bekommen, daß sie ihre Regierungen unterwerfen und einen internationalen Krieg anzetteln. Die anderen werden sich dann irgendwie schützen müssen und diese Kriegstreiber ausrotten oder isolieren müssen. Vielleicht werden sie auch eine absolute Weltherrschaft errichten, um künftige Atomkriege zu verhindern. Ein paar Jahrhunderte Stalinismus oder Technokratie wären dann ein billiger Preis für die Einigung der Menschheit.

Die Erbmasse verschlechtert sich heute angeblich immer mehr durch die Tätigkeit der Ärzte, die vielen Menschen das Leben erhalten, die früher gestorben wären, heute aber ihre Krankheften weitervererben. Dazu kommt die wachsende Strahlenbelastung  der Menschheit durch die Röntgengeräte und manche Medikamente‚ die die Erbanlagen verändern oder Mißbildungen hervorrufen (Contergan, Pflanzenschutzmittel, Kosmetikmittel, Weckmittel, ja heute sogar durch Lebensmittel.

Zu den erblichen Krankheiten gehören die Geisteskrankheiten (Schwachsinn, Schizophrenie, manisch-depressives Irresein), Nervenkrankheiten (Epilepsie, Veitstanz), Blindheit, Taubheit, erbliche körperliche Mißbildung, Bluterkrankheit, Klumpfuß, Gaumenspalte, Hüftgelenkluxation.

Theologen haben nun immer wieder darauf hingewiesen, daß das Leiden mit zu unsrer Welt dazugehört. Eine Gesellschaft, die Leidende radikal ausmerzt, ist nicht mehr menschlich. Heute wird aber angeblich das Leiden gefördert: Durch die Fortschritte der Medizin vermehrten sich die Krankheiten sogar in Bevölkerungsschichten, die bisher als gesund und leistungsfähig galten. Das Leiden sei nicht mehr ein Sonderfall, der Mitleid und Hilfsbereitschaft der Gesellschaft herausfordert, sondern es wird zur Regel.

Durch das Nachlassen der menschlichen Intelligenz reicht der Verstand des Menschen nicht mehr aus, um mit den Ergebnissen der Technologie Schritt zu halten. Damit der Mensch sich nicht selber vernichtet, muß man Menschen mit größeren Gehirnen züchten. Die wilden Prophezeiungen und die deutliche „Gen-Panik“ dient also dazu, den Eingriffen der Biologen in die Fortpflanzungsmethoden der Menschen den Boden zu bereiten.

Eine alte Methode dabei ist die Sterilisierung. Doch dadurch beseitigt man nur die sichtbaren defekten Erbanlagen, nicht aber die unsichtbaren, die oft erst nach Generationen wieder auftreten.  Dennoch hat man in Dänemark mit dieser Methode seit 1930 beachtliche Erfolge erzielt: 5.000 schwachsinnige Frauen wurden sterilisiert end es gibt nur 1-2 Prozent Schwachsinnige unter den Geburten (in Deutschland 2-4).Von 426 Kindern schwachsinniger Mütter starben 74 schon sehr bald. Vom Rest war mehr als ein Drittel schwachsinnig, ein weiteres Drittel geistig zurückgeblieben.

Unter dem Drittel der normal Intelligenten fanden sich viele nervös Gestörte und schwere Psychopathen; nur 13,3 Prozent waren normal, müssen aber weiterhin als Träger defekter Erbanlagen gelten. Durch den Rückgang der Schwachsinnigen werden nun aber die Schulen und die Kriminalstatistik nur halb so stark belastet [Diese Angaben erscheinen doch sehr unwahrscheinlich, denn das wäre ja gerade die Genpolitik der Nazis gewesen].

Aber es gibt auch noch einen anderen Weg, die Zahl der defekten Erbanlagen herabzusetzen: die Züchtung besserer Menschen! Manche Forscher fordern deshalb: „Wir müssen die Natur verbessern, weil wir sie verbessern können. Dabei sei die Aufzucht besserer Menschen durch eine gesteuerte Gattenwahl noch primitiv und viel zu umständlich. In Zukunft wird man lernen, wie man ganze Chromosomensätze verdoppeln kann (in der Schweinezucht schon möglich!) oder man tauscht Chromosome oder Teile von ihnen aus: ungewünschte Erbsignale werden unter dem Mikroskop festgestellt und durch erwünschte Erbanlagen ersetzt. Nach kurzer Zeit hätte man so einen Stamm von Menschen, die ein einwandfreies Herdbuch besitzen - nach der Ansicht dieser Wissenschaftler. Selbst Eingriffe in die Embryos oder kurz nach der Geburt sind vielleicht später einmal möglich, wenn man nur erst einmal alle Erbanlagen in den Chromosomen lokalisiert hat.

Doch woraufhin soll denn gezüchtet werden?  Wer bestimmt, was denn erwünscht oder unerwünscht ist? Man brauchte so etwas wie eine unsichtbare Weltregierung oder ein unabhängiges Gutachtergremium. Doch was den heutigen  Wissenschaftlern vorschwebt, ist eine Zukunft der Menschheit als Wissenschaftler: Alle Menschen sollen schließlich so etwas darstellen wie die heutigen Nobelpreisträger. Oder man will doch mindestens den Intelligenzquotienten der breiten Massen heben (von 100 auf 101,5 ), darüber aber eine dünne Schicht von Superintelligenzen, die die Welt beherrschen.

Hier wird also ein biologsicher Dirigismus  vertreten. Die Erbmasse des Menschen soll so gesteuert werden, ohne daß man überhaupt genau weiß, in welche Richtung und auf welches Endziel hin gesteuert werden soll.

Man hat ernsthaft den Vorschlag gemacht, einfach der täglichen Nahrung ein Mittel beizumischen, das die Frauen zumindest zeitweise unfruchtbar macht. Dann aber ließ sich ein zweites Mittel denken, das die Wirkung des ersten aufhebt: Nur Leute, die eine Lizenz zum Kinderkriegen haben, werden dieses zweite Mittel erhalten, einmal oder mehrere Male, je nachdem Niemand hätte also mehr das Recht, Kinder zu haben.

Dieser kleine Kreis Fortpflanzungsfähiger wäre aber leicht zu  kontrollieren. Hier könnte man dann künstliche Veränderungen der Erbmasse vornehmen, vielleicht sogar Gene synthetisch herstellen oder Gene von Tieren in das menschliche Gen einbauen (um wertvolle Eigenschaften bestimmter Tierarten aufzunehmen, ohne die typisch menschlichen zu verlieren).

Die Astronautik wird den Biologen vielleicht Sonderaufgaben stellen. Künftige Raumfahrer könnten zum Beispiel Merkmale der Gibbonaffen oder den Greifschwanz der Plattnasenaffen gebrauchen. Beine sind für die künftige Astronautenrasse unnötig und könnten durch ein Thalidomid  wie in Contergan) verhindert werden. Siedler auf dem Jupiter sollten wegen der hohen Anziehungskraft dieses Planeten kurz- oder vierbeinig gezüchtet werden.

Wenn sich der biologische Standpunkt durchsetzt‚ wird es im Jahr 2000 ein einheitliche Weltbevölkerung, eine Weltregierung und eine konstante Zahl von Menschen geben. Brot und Liebe bereiten keine Kopfzerbrechen mehr, niemand muß mehr hungern und die Liebe ist

dank der Hormonpillen ohne Reue, und wo sie Folgen hat‚ sind, sie geplant.

Es gibt keine Kranken mehr, die Dummen sterben aus, weil sie nicht mehr zur Fortpflanzung zugelassen werden. Es gibt eine Mittelschicht von annähernde gleichen Intelligenzquotienten und darüber eine Führungsschicht von Superintelligenzen. Diesen großen Brüdern ist uninteressant, was ihre kleinen Brüder treiben, solange diese nur ihre Pillen nehmen. Es gibt weder oben noch unten Streit, weil  man in alle die Gene „Nächstenliebe“ und „Friedfertigkeit“ eingebaut hat.

Biologen  sitzen in der Weltregierung, bei den Länderregierungen, in der Ortspolizei, in der Schulbehörde und bei den Familienplanungsstellen. Die Kinder bekommen vom 6. Lebensjahr an eine gründliche biologische Ausbildung; man ist genbewußt. Es gibt noch ein paar defekte Gene in der Gesellschaft und auf je hunderttausend Einwohner entfällt noch eine Mutation. Doch diese wird sofort erkannt. K:inder werden sie nicht haben.

Es gibt keine Konkurrenz mehr in dieser Gesellschaft, denn alle können bestens versorgt werden. Private Initiativen können sich auf dem Feld der Freizeitgestaltung austoben. Es gibt keine Konflikte mehr, denn die Erbanlage für den Machttrieb ist längst ausgemerzt; und außerdem ist es ja jetzt unmöglich, daß die falsche Frau vom falschen Mann die Kinder bekommt.

Ob noch  Kirchen in dieser Landschaft stehen, darf man bezweifeln. Für Sir Julian Huxley etwa ist Monotheismus nur eine menschliche Errungenschaft wie andere auch, und Gott ist ein Sündenbock für die Schuldkomplexe des Menschen und die Religion ein psychosoziales

Organ.

Aber es dürfte auch keine Literatur mehr geben, denn die Probleme der Dichter sind mit den Genen ausgemerzt. „Romeo und Julia“ wird dann etwa so aussehen: Romeo ist Träger von ausgezeichneten Genen, seine Familie ist friedfertig, häuslich, arbeitsam, durchschnittlich, das konformisierte Herdentier. Julia aber ist Trägerin schlechter, rebellischer Gene. Eine Ehe mit Romeo ist ihr nicht erlaubt‚ auch nicht mit einem anderen, während er etwa auf künstliche Art und Weise Vater werden kann, denn der Staat wird sich auf keinen Fall Romeos günstige Gene entgehen lassen.

Damit aber Julia nicht mit ganz unbiologischem Starrsinn darauf besteht‚ selber ein Kind zu haben‚ und zwar ein Kind von Romeo, und am Ende gar ihren Groll auf die Straße trägt und ihre Leidensgenossinnen zum Aufstand aufruft, wird in ihrem Gehirn durch elektrische Reize ein überwältigendes Gefühl der Glückseligkeit und des Wohlbefindens im ganzen Körper erzeugt (man kann sogar nur die eine Hälfte des Körpers glücklich machen, während die andere im normalen Zustand verharrt!).

Man kann sich aber auch einen Schwarzhandel mit Anti-Anti-BabyPillen vorstellen. Dunkle Elemente werden vielleicht die Erbsubstanz eines Staates zu unterminieren versuchen, indem man minderwertigen Personenkreisen die  „Antis“ heimlich zukommen läßt. Wer soll wohl die Wächter bewachen?

Aber auch sonst hat das System Fehler. Aber es ist verständlich, daß hochtalentierte Männer mit den neu erworbenen Kenntnissen spielen möchten . Sie scheinen besonders anfällig zu sein gegenüber der Versuchung, „wie Gott zu sein“. Doch dieses sind die Fehler:

 

 (1. ) Der Mensch ist seiner Natur nach kein perfektes Wesen. Seine eigentliche Stärke liegt auf den Gebieten, die dem Zugriff der Biogenetik verschlossen sind. Was die Menschheit braucht, sind Persönlichkeiten, die nicht gezüchtet werden‚ sondern gebildet werden in dem Wechselspiel zwischen Erbanlage und Erziehung. Der Intelligenzquotient mißt tatsächlich nur die Intelligenz, nicht aber die Gesamtpersönlichkeit. Manche Superintelligenzen können mit höchst unerwünschten Erbanlagen behaftet sein, und ganz unbedeutend erscheinende Menschen können höchst intelligent sein. Sucht man aber einen Gen-Spender, der mit den sportlichen Leistungen eines Zehnkämpfers die Gehirnsubstanz eines Einstein verbindet, so wird man vielleicht in hundert Jahren einen einzigen finden.

(2. ) Man versucht hier eine Art  menschlicher Viehwirtschaft. Doch das ist phantastisch und makaber und zuletzt würdelos.

Das hat nicht zuletzt die „Aktion Lebensborn“ des Dritten Reiches gezeigt. Tiere kann man bekanntlich auf e i n begrenztes Ziel hin züchten: Aber auch hier sind die züchterischen Ergebnisse keineswegs Produkte wissenschaftlicher Überlegungen, sondern reine Erfahrungstatsache. Man kann tierische Versuche aber nicht unbeschadet auf menschliche Verhältnisse übertragen. Zwischen der Zucht erstklassiger Rinder und der Zucht erstklassiger Kinder besteht nun doch ein Unterschied.

(3.) Der Mensch wird hier zu einer Biomasse erniedrigt, zu einer plastischen Substanz, die nach dem Wissen einzelner Experten in eine neue Form gesteuert wird. Was unterscheidet diesen halb-synthetischen Menschen eigentlich noch vom Tier? Man antwortet: das (Super-) Gehirn und der Verstand. Aber es ist ja noch nicht erwiesen, ob die stillen Reserven des menschlichen Gehirns schon erschöpft sind, ob nicht das jetzige Gehirn noch einer

Revolution unterworfen ist und noch Wunder wirken kann. Ein größerer Verstand hat auch schon oft größeres Unglück verursacht‚ weil er nicht von anderen menschlichen Qualitäten gezügelt wurde. Wenn schon, dann muß man a 1 1 e menschlichen Eigenschaften verbessern. Doch das steht offenbar noch außerhalb der biologischen Möglichkeiten.

(4.) Es läßt sich nicht beweisen, daß der Mensch von heute in irgendeiner meßbaren Eigenschaft dem Menschen von vor 50 Jahren unterlegen ist. Eher scheint sich die menschliche Rasse zu verbessern und zwar durch ganz natürliche Methoden. Aber im Grunde können  wir überhaupt nicht voraussagen, ob sich die Menschheit in ihren Durchschnittsqualitäten

Verschlechtert, verbessert oder auf dem gleichem Niveau hält.

(5 ,) Taubstumme etwa arbeiten, freuen sich ihres Lebens, sind liebenswürdig, treiben Sport, interessieren sich für die Wissenschaften - sie sind normal bis auf einen Punkt. Nur weil unsere Gesellschaft sozial eingestellt ist, können sie sich aber ungehindert fortpflanzen. Weil sie in Anstalten ausgebildet werden, suchen sie sich oft dort auch ihren Partner, weil der die besondere Technik des Lebens ebensogut beherrscht. Gesunde Menschen sind gegenüber diesem Zyklus oft radikal. Aber wer weiß denn, ob er nicht auch negative Erbanlagen in sich trägt und ein solches Kind haben kann?

(6.) Gesundheit ist kein Verdienst, sondern eine besonders gute Anpassung an die Umwelt. In Afrika und Indien gibt es zum Beispiel erbliche Blutkrankheiten in Malariagebieten. Menschen mit zwei gesunden Genen fallen der Malaria zum Opfer, Menschen mit zwei kranken Genen sterben an der Blutkrankheit (Sichelzellen-Anämie). Nur die mischerbigen Nachkommen mit nur einem defekten Gen überleben, obwohl sie nach europäischen Begriffen krank sind. Im Fall extremer  Belastungen können sich so Minderheiten mi eine m kleinen, verdeckten (rezessiven) Genefehler als widerstandsfähiger erweisen und sorgen für das Überleben der Rasse.

(7.) Man kann die Natur nicht als eine fehlerhafte Maschine betrachten und den Menschen als besonders fehlerhaft. Man kann zwar  Fehler durch Kunstgriffe abstellen und die Maschine verbessern. Doch man kann das immer nur tun im Blick auf gegenwärtige Verhältnisse. Die Anpassung von heute kann aber die Fehlanpassung von übermorgen sein. Dann muß erneut angepaßt werden. Und es ist nicht gesagt, ob uns unsre Enkel für unsere Korrekturen danken. - Unser Welt droht in eine geisteswissenschaftliche und eine naturwissenschaftliche Welt zu zerbrechen. Doch die Naturwissenschaftler sollten nicht daran gehen, ihre biologische Ingenieurkunst am Menschen auszuprobieren. Und die Philosophen (Theologen, Politiker)

sollten nicht in ihrem Hochmut verharren und die Biologie als etwas abtun, was den Geist nicht berührt.

 

Der achte Tag der Schöpfung

Von Ausnahmen abgesehen, liefert die Gentechnik noch keine serienreifen Erzeugnisse. Trotzdem preisen die Forscher und ihre Lobbyisten in Politik und Wirtschaft diese Wissenschaft als eine Waffe an, die gleichsam an allen Fronten menschlichen Elends siegen wird. So sollen gen-manipulierte Superpflanzen und Nutztiere dem vom Hungertod bedrohten Teil der Menschheit Nahrung liefern; sollen künstlich hergerichtete Einzeller unsere Umweltgifte vertilgen; sollen biotechnisch hergestellte Körper-Substanzen uns vor Krankheiten wie Krebs und Herzinfarkt bewahren; sollen gentechnisch konstruierte Impfstoffe uns vor der Geißel Aids schützen. Überdies erhoffen die Gentechniker die frühzeitige Diagnose und Behandlung der fast 2000 bekannten Erbkrankheiten, gegen die in den meisten Fällen noch kein Heilmittel gefunden wurde (Bluterkrankheit, Muskelschwund, jugendliche Diabetes).

Den amerikanischen Biologen Erwin Chargaff, früher eine Schlüsselfigur in der Vererbungschemie, lassen solche Verheißungen unbeeindruckt. Er sieht Gefahren auf uns zukommen, die schlimmer sind als die Horrorphantasien von Science-fiction-Autoren. Was in den Köpfen der Gen-Ingenieure an Wissen allein über die mögliche Manipulation des Menschen rumort, ist für Chargaff alarmierend genug, vor einem „molekularen Auschwitz“ zu warnen. Damit meint der Gelehrte die grausamen Menschenversuche, die Mengele-Medizin. Und selbst die fortschrittsfromme „Neue Zürcher Zeitung“ entdeckte eine „Angstfigur“, die sich in das öffentliche Bewußtsein schiebe, ein „chimärisch schillerndes Schreckbild, das metaphysische Schauder und Unheilsphantasien hervorrufe.

Die innere Logik der Gentechnik ist der Sieg über die Evolution. Oder christlich ausgedrückt: Der Mensch erkühnt sich, Gott die Schöpfung gleichsam aus der Hand zu schlagen und sich selbst und die Natur nach seinem eigenen Willen zu schaffen.

Die Gentechniker sehen das natürlich anders. Wie die meisten Forscher empfinden sie sich als Weltverbesserer und neigen dazu, die Folgen ihres Tuns zu unterschätzen. Überdies sind viele von ihnen überzeugt, die Evolution selbst habe dafür gesorgt, daß sich das Verstandeswesen Mensch zum Herrn über sie aufschwingen konnte.

Doch wenn der Mensch dazu bestimmt sein sollte, das Geschäft der Evolution zu übernehmen, müßte er dann nicht nur in intellektueller, sondern auch in moralischer Hinsicht dafür ausreichend entwickelt sein? Die Antwort gab der Dichter Novalis gegen Ende des 18. Jahrhunderts: „Wenn die Menschen einen einzigen Schritt vorwärts tun zur Beherrschung der äußeren Natur durch die Kunst der Organisation und Technik, dann müssen wir vorher drei Schritte der ethischen Vertiefung nach innen getan haben.“ Schon der Umgang mit der Atomkraft belegt, daß es keineswegs drei zu eins für die Moral steht.

Die Ernährungswissenschaft hat längst erkannt, daß der Welthunger nicht mit Viehzucht bekämpft werden kann, weil jedes Tier mit dem Futter mehr Energie verbraucht als es etwa mit Fleisch und Milch liefert. Dennoch begründen die Gentechniker mit der weltweiten Unterernährung ihre Versuche, neue Nutztiere zu züchten, die in sich die Vorzüge verschiedener Tierarten vereinen.

Im Jahre 1982 schleusten amerikanische Wissenschaftler das Gen einer Ratte, das die Information für das Wachstumshormon enthielt, in eine Maus - und fertig war die Riesenmaus. Wenig später gelang es, menschliche Wachstums-Gene in Schweine zu befördern. Tatsächlich setzten die Tiere mehr Fleisch an. Doch scheint sich die Natur gegen derlei Manipulationen zu wehren: Die Schweine kränkeln und sind außerordentlich fortpflanzungsfaul.

Biochemiker Chargaff bezeichnet die Vermischung der Arten als eine „Wahnidee“. Und die evangelische Kirche mahnt an „die Achtung vor dem Leben“, die nicht nur den Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen einschließe. In einem Beschluß einer Synode heißt es: „Der Mensch hat kein Recht, durch Mißbrauch genetischer Möglichkeiten mit der Neukombination von Arten zu experimentieren.“

Das US-Patentamt hält nichts von der Ehrfurcht vor Gottes Kreaturen. Im Jahre 1987 entschied die Behörde, daß vielzellige Organismen, sofern sie in der Natur nicht vorkommen, patentierbar sind. Danach können die Designer von Genprogrammen Tiere regelrecht erfinden und sie patentrechtlich schützen lassen wie Reißverschlüsse oder Dosenöffner.

Eine bewährte Definition des Begriffs „Technik“ besagt. daß sie die Menschheit von Übeln und unzumutbaren Belastungen befreien soll. Dies scheint die Gentechnik auf dem Gebiet der Pharmazie zu leisten. Bislang mußte das für Zuckerkranke lebenswichtige Insulin mühselig aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen und Rindern gewonnen werden. Im Jahre 1979 gelang es, jenes Gen, das die Herstellung des Hormons regelt, auf Bakterien zu übertragen, bald darauf begann ein amerikanischer Chemiekonzern mit der bakteriellen Produktion von Insulin.

Fortschritte machen die Gentechniker auch bei der bakteriellen Fabrikation von Impfstoffen, die gegen Krankheiten wie Malaria und Hepatitis schützet sollen. Überdies arbeiten sie fieberhaft daran, daß ihnen die Mikroorganismen Massen des heute noch raren Virushemmers Interferon liefern, und hoffen auf einen Durchbruch im Kampf gegen eine bislang noch nicht dingfest gemachte Killertruppe, die Tumorviren. Ihr größter Traum ist es, ein Impfserum aus gentechnisch veränderten Viren zu entwickeln, das die Menschen gegen die tödliche Aids-Infektion immunisiert.

 

Dürfen wir wirklich alles tun, was die Forschung möglich macht?

Über die Kehrseite dieser schönen neuen Gen-Welt hat der Philosoph Jonas nachgedacht: So könne das Wachstumshormon zwar den Zwergwuchs bei Kindern mit entsprechenden Gen-Defekten verhüten, aber es ließe sich auch dort verwenden, wo kein Mangel vorliegt. Zum Beispiel bei einer ethnisch bedingten Kleinwüchsigkeit oder zur Befriedigung der Eitelkeit von Eltern („Groß ist schön“).

Kein Mensch weiß, ob die Organismen nicht außer Kontrolle geraten, wenn sie erst einmal in der freien Natur ausgesetzt sind. Jedenfalls lassen sie sich nicht wieder einsammeln. Das gleiche gilt für manipulierte Organismen, die gegen die chemische Umweltverschmutzung eingesetzt werden sollen und uns mehr zu schaffen machen könnten als den Ägyptern die biblischen Plagen. Nach Ansicht des amerikanischen Gentechnik-Gegners Jeremy Rifkin besteht nämlich die Gefahr einer biologischen Umweltverschmutzung, die das Ausmaß der chemischen weit übertrifft. Vorstellbar sei, daß sich die künstlichen Mikroben in einer Weise vermehren und mutieren, daß sie unzählige natürliche Lebewesen vernichten.

Diese apokalyptische Perspektive macht deutlich, daß die schädlichen Folgen in den guten Absichten der Wissenschaftler bereits im Keim angelegt sind. Doch gibt es „den rettenden Abstand zwischen Besitz und Gebrauch eines Werkzeugs“ (Jonas). Der Besitz von speziellen Bakterien zum Einsatz etwa gegen die Umweltverschmutzung zwingt uns nicht, von diesem Werkzeug auch Gebrauch zu machen.

Der amerikanische Biologe Joshua Lederberg schockierte 1962 die Öffentlichkeit mit der Überlegung, ob man nicht einen Astronauten mit vier Armen und einem Greifschwanz per Gen-Manipulation konstruieren könne. Der Nobelpreisträger sah in dem Wesen einen Idealtyp für die Arbeit in den engen Raumkapseln. Zum Glück gelang es, die Räumlichkeiten der künstlichen Trabanten zu vergrößern, so daß es des Lederberg-Monsters nicht mehr bedurfte.

Erschreckender als die Horror- Phantasie ist das Denken, das dahintersteckt: Menschen sollen je nach Bedarf mit Eigenschaften ausgestattet werden. Das ist ein Anschlag auf die Würde des Menschen, die nach Immanuel Kant verbietet, daß ein Mensch als „Mittel zum beliebigen Gebrauch“ eines anderen Menschen verwendet werden darf.

Von den 50.000 bis 80.000 Genen, die der Mensch hat, ist zwar erst ein gewisser Prozentsatz einigermaßen sicher entziffert. Doch das vorhandene Wissen reicht für erste genetische Tests aus, mit denen sich feststellen läßt, ob zum Beispiel ein Arbeiter im Umgang mit giftigen Chemikalien besonders anfällig ist. In einigen Großbetrieben der USA gehört das „genetic screening“ zu den Einstellungstests.

Denkt man zu Ende, was die genetische Durchleuchtung in Zukunft alles ermöglichen kann, bekommt das Schreckensbild vom „gläsernen Bürger“ eine ganz neue Dimension. Bei der

Sucht vieler Politiker, immer mehr Daten über die Menschen zu erfahren, wächst zwangsläufig die Gefahr einer „Kartierung der menschlichen Erbinformationen“, die dann für die „eugenische Diskriminierung“ von Menschen mißbraucht werden kann. Ließe sich etwa die Anfälligkeit für Aids an den Genen ablesen, 1äge der Gedanke nahe, die betreffenden Menschen auszusondern.

Beispiele für derartigen Mißbrauch gibt es zuhauf. Etwa mit der sogenannten „Amnio­zen­tese“, wie sie vor allem in Indien und den USA betrieben wird. Bei diesem Test entnimmt der Arzt der schwangeren Frau embryonale Zellen und stellt so fest, ob sich der Embryo zu einem Jungen oder zu einem Mädchen entwickelt. Entspricht das Geschlecht nicht den Wünschen der Eltern, wird der Embryo in vielen Fällen abgetrieben. In England ist die Forschung am werdenden Leben bis zum 14. Tag, in Schweden bis zum 35. Tag nach der Befruchtung erlaubt.

In den Besitz „embryonalen Materials“ kommen Forscher auch bei der extra-korporalen Befruchtung (Stichwort: Retortenbabys). Dabei werden Eizellen mit Spermien befruchtet, wobei ein Teil der befruchteten Eizellen für gentechnische Experimente abgezweigt werden kann. Die Genforscher versichern, daß solche Experimente in der Bundesrepublik nicht gemacht werden. Gesetze dagegen gab es jedoch lange nicht.

Ob in Grenzen erlaubt oder gänzlich verboten - der Biologe Chargaff hegt den Verdacht, daß „manche Dinge, die heute in gynäkologischen Kliniken vor sich gehen, vor vierzig Jahren vor den Nürnberger Gerichtshof gebracht worden wären“ -  also vor jenes Tribunal, vor dem sich auch die Nazi-Ärzte wegen ihrer „Medizin ohne Menschlichkeit“ zu verantworten hatten.

 

Zwei Horror-Visionen könnten durch Gentechnik Wirklichkeit werden: das Klonen von Menschen und der Transfer von Genen in die embryonale Keimbahn. Unter Klonen versteht man die Herstellung völlig identischer Nachkommen in beliebiger Anzahl. Diese Form der Vermehrung kommt in der Natur bei Kartoffeln und Erdbeeren vor. Im Jahr 1972 schafften Wissenschaftler erstmals das Klonen von Fröschen. Sie entnahmen der Darmzelle eines Frosches einen Zellkern (der alle genetischen Informationen seines Besitzers enthält) und setzten ihn in eine entkernte Eizelle des Tieres ein. Daraus entwickelten sich dann exakte Kopien jenes Frosches, an dem das Experiment durchgeführt worden war. Später gelang das Klonen von Schafen und Rindern.

Der Moralphilosoph Jonas fragt, was dies für die Menschen bedeutet. Da wir Großes verehren, liege der Gedanke nahe, es mögen „mehr Mozarts, Einsteins und Schweitzers die menschliche Rasse zieren“. An das Klonen von Beethovens denke man schon weniger, und an Nietzsche- oder Kafka-Kopien vermutlich gar nicht. Denn diese Personen wären, wie ihre Originale, düsteren Gemüts, deren unheilvolle Gedanken unsere Nerven strapazieren würden. Was man hingegen haben wolle, seien heitere Genies, die uns mit ihrem kulturellen Schaffen festlich „erheben“. In derlei Wünschen stecke ein „unverblümtes Konsumentenargument“, wonach „mehr vom Guten besser ist“.

Wesentlich ist die Kritik von Jonas, wenn er für das „Recht auf Unwissenheit“ plädiert. Das Klonen sei insofern tyrannisch, weil die Nachkommen wüßten, daß sie das Lebensschema ihres Vorbildes wiederholten. Dadurch würden sie um das Wagnis des Lebens betrogen, um seine lockende und ängstigende Offenheit. Mithin sei der geklonte Mensch seiner Entscheidungsfreiheit beraubt. Der Philosoph griff das noch ganz und gar hypothetische Problem des Klonens auf, „weil seine sich nähernde Möglichkeit Biologen zu faszinieren begonnen hat, weil das Können eines Tages da sein kann und wir vorgewarnt sein sollten“.

Gleiches gilt für die sogenannte „Keimbahntherapie“: Manipulationen an Genen im befruchteten Ei, die der daraus entstehende Mensch seinen Nachkommen vererbt. So könnte man ein defektes Gen gegen ein intaktes austauschen und dadurch vererbbare Krankheiten verhindern. Abgesehen von dem Risiko einer Mißbildung durch nicht umkehrbare Kunstfehler ist das Problem der pränatalen Genchirurgie vor allem die Möglichkeit der Züchtung: An sich intakte Gene können durch bessere ersetzt werden, um die Fähigkeiten der Menschen zu steigern.

Der Gedanke, schöne und hochbegabte Kinder in die Welt zu setzen, ist nur vordergründig verlockend. Das Dilemma entsteht schon bei der Frage, wer die Entscheidung trifft, was bei wem vollkommener gemacht werden soll. Die Eltern? Die Gentechniker selbst? Oder eine Kommission aus Professoren, Pastoren und Politikern?

Hätten die Militärs das Sagen, würden sie wohl todesmutige Soldaten, lauter Siegertypen fordern. Und einer Diktatur wäre wahrscheinlich an Menschen gelegen, die bar jeder Kritikfähigkeit sind und sich gehorsam und untertänig verhalten. Und um gekehrt könnten die mit besseren Fähigkeiten ausgestatteten Übermenschen ihren Führungsanspruch über die übrigen Herdenmenschen anmelden, schrieb der 1984 verstorbene katholische Theologe Karl Rahner.

Die Idee der Züchtung einer „höheren Rasse“ erinnert fatal an die Herrenrassen-Phantasien der Nazis. Jeder Eingriff in die sich entwickelnde Individualität ist ein Eingriff in die jedem Menschen eigene Einzigartigkeit.

Karl Rahner, der wohl scharfsinnigste Kopf unter den katholischen Theologen unseres Jahrhunderts, bezeichnete die Verbesserung des Mängelwesens Mensch als „Zwangsbeglückung“, bei der sich ein Fremder - zum Beispiel ein Gentechniker - anmaßt zu beurteilen, wie das Glück anderer Menschen beschaffen sein soll. Hinter dem Gedanken, werdendes Leben zu manipulieren, verstecke sich eine Verzweiflung über die Unverfügbarkeit unseres Daseins. verberge sich eine „totale Neurose“, die uns mehr belaste als das Schicksal, vor dem wir fliehen.

Für den Moralphilosophen Hans Jonas sind solche Auswüchse der Gentechnik ein „pervers- neugieriges Abenteuer“. Es sei, schrieb er, „wohl klüger . . . , hier einmal sogar der karitativen Versuchung zu widerstehen“.. Der Segen, den die Gentechnik kranken Menschen möglicherweise beschert, wiege die Gefahren nicht auf, die von ihr ausgehen!“ ^

 

Jetzt wird alles machbar: Gen-Schaf „Dolly“

Mit dem Auftritt des geklonten Schafs „Dolly“ scheint ein Damm gebrochen: Erbgleiche

Kopien auch von Menschen werden sich künftig in beliebiger Zahl herstellen lassen. Ethiker rufen nach Verboten. Kritiker zweifeln: Läßt sich die Anwendung der neuen Technik verhindern?

Vor rund einer Milliarde Jahren vermischten zwei winzige Bewohner der Weltmeere ihr Erbgut - die Natur hatte den Sex erfunden. Seither bevölkern zwei Geschlechter den Planeten Erde. Der Sex wurde zum Regisseur eines gigantischen Lotteriespiels der Gene: Indem sich mütterliche und väterliche Erbanlagen zu immer neuen Varianten verbanden, entfaltete sich eine unerschöpfliche Vielfalt von Lebensformen.

Am 23. Februar des Jahres 1997 erfuhr die Öffentlichkeit von einem weiteren Wendepunkt in der Geschichte des Lebens: Der Homo sapiens. ein Erfolgsmodell der Evolution, schaffte den Sex als alleiniges Mittel zur Fortpflanzung wieder ab.

Als die einzigartige Kreatur, Ergebnis eines die Welt bewegenden Experiments, am Mittwoch letzter Woche vorgestellt wurde. avancierte sie augenblicklich zum Medienstar „Dolly“, das erste vaterlose Säugetier, als Kopie eines anderen Schafes ohne geschlechtliches Tun geklont aus einer Euterzelle, benannt nach einer vollbusigen Countrysängerin.

Tagelang hielten sich die Aufnahmen von dem Tier, das aus seinem Bretterverschlag den Kopf in die Kameras streckte, in den Spitzenmeldungen der Abendnachrichten: So also sah das Wesen aus, das die  „größte wissenschaftliche Sensation des Jahres, womöglich des Jahrhunderts“ feierte und von dem der britische Friedensnobelpreisträger Joseph Rotblat erklärte, in seinem bloßen Dasein stehe „die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel“: Es gleicht einem ganz gewöhnlichen Schaf. Es futtert zu Stäbchen gepreßtes Heu und beschnuppert neugierig und zutraulich die ebenso neugierigen Besucher.

Einzig die Schutzbataillone der Betreuer und Bewacher deuten darauf hin, daß Dolly kein normales Schaf ist. Aus Angst vor Brandanschlägen von radikalen Tierschützern verlegen sie das Wundertier fast jede Nacht in eine andere Stallung. Zusätzlich wird der heubedeckte Schlafplatz der geklonten Dolly nächtens kontrolliert. Ein Wachmann: „Das ist der Höhepunkt meiner Laufbahn: Bodyguard für ein gottverdammtes Schaf.“

Dollys Heimstatt auf dem parkähnlichen Gelände des Forschungsinstituts im Dorf Roslin bei Edingburgh gemahnt mehr an eine mecklenburgische LPG kurz vor der Wende als an den landwirtschaftlichen Komplex eines Instituts mit Weltgeltung.

Neben einem halb eingestürzten Ziegelbau rosten zwei Heustapler. An den Flachbauten mit Wellblechdächern bröckelt die Farbe. Promenadenmischungen toben über verschlammte Höfe. Embryologe Bill Ritchie, Wissenschaftler am Roslin-Institut und einer der Geburtshelfer des geklonten Paarhufers: „Wie man sieht, nicht alles um Dolly ist High-Tech.“

Dennoch könnte das unschuldig blökende Lamm die Pforte in eine gänzlich veränderte Welt öffnen. Denn freimütig gaben seine Schöpfer letzte Woche vor der Weltöffentlichkeit zu: Was ihnen mit diesem beige-wollenen Haustier gelungen sei, werde schon bald auch beim Menschen möglich sein: erbgleiche Kopien von Individuen in beliebiger Zahl herzustellen.

Solche Aussichten, die nach den Worten des englischen Wissenschaftsautors Andrew Marr „das Selbstverständnis der Menschheit in einem Maße verändern wie zuvor die kopernikanische Revolution und die Atomspaltung“, beschäftigen seither Politiker und Kommentatoren in aller Welt.

Seine „äußerste Besorgnis“ erklärte US- Präsident Clinton und beauftragte seine 18köpfige nationale Bioethik-Kommission, die US-Gesetze zu überprüfen.

Kirchenvertreter, etwa die Deutsche Bischofskonferenz, brachen den Stab über Dolly: Was bei Edinburgh geschah, sei ein „unzulässiger Eingriff in die Schöpfung“. Unterdessen stellte ein amerikanischer Jesuitenpater und Genetiker bereits Überlegungen an, ob ein Mensch und sein Klon wohl dieselbe Seele haben könnten.

Amerikanische Fernsehstationen, traditionell geneigt, jede Schreckensmeldung als unterhaltsame Show aufzubereiten, präsentierten ihre Nachrichtensprecher doppelt und vierfach auf dem Bildschirm. Redakteurinnen der Kölner Frauenzeitschrift EMMA zeigten sich angetan von dem neuen Weg zu einer männerlosen Gesellschaft.

„Dies ist ein Freudentag“, fand auch Dollys Schöpfer, der schottische Embryologe Jan Wilmut: Die von ihm entwickelte Technik, die Dolly zum Leben verhalf, werde in naher Zukunft einen ganzen Zoo voller neuer und dem Menschen nützlicher Kreaturen hervorbringen.

Weil es mit dem Kopierverfahren gelungen ist, das Gen-Roulette bei der Vererbung zu umgehen, werden sich die gewünschten Lebewesen künftig so serienmäßig herstellen lassen wie Fließbandware.

Zwar könne er sich kaum vorstellen, ,.daß das Klonen die geschlechtliche Tierzucht jemals völlig ersetzen wird“, erklärte letzte Woche ein Manager der schottischen Pharmafirma PPL Therapeutics, die Wilmuts Experimente mitfinanziert. Doch prinzipiell gebe es keinen Zweifel daran, daß sich künftig die besten und teuersten Zuchtbullen und Mastschweine auf sichere Weise vervielfältigen ließen.

Ebenso werde es möglich sein, jene Wesen zu vermehren, die sich der Mensch durch Genmanipulation nach seinen Vorstellungen gleichsam am Reißbrett erschaffen hat - jene lebendigen Pharmafabriken etwa, mit denen sich Dolly den Stall teilt.

Mit diesen Gen-Schafen  will die Firma PPL künftig viel Geld verdienen: mit Muttertieren, die mit ihrer Milch kostbare, als Medikamente verwendbare Menscheneiweiße ausscheiden.

Kaum ein Gebrechen - ob Krebs, Aids oder BSE -, das sich nicht durch Scharen genetisch völlig identischer Versuchstiere erforschen und letztlich besiegen ließe, schwärmt Wilmut.

Wilmuts Klon-Tricks würden es auch erleichtern, jene phantastisch anmutende Schweinesorte zur Serienreife zu bringen, mit der schon heute in den Labors der Biotech-Firma Imutran im britischen Cambridge experimentiert wird: genmanipulierte Tiere, die als lebende Ersatzteillager für organkranke Patienten dienen sollen.

Nur eine Verwendung seiner Technik schließt Wilmut kategorisch aus: das Klonen von Menschen. „Dies ist nicht beabsichtigt, und wir fänden es widerwärtig.“ In den Beschwichtigungsformeln, mit denen Wilmut und seine Mitstreiter in der letzten Woche kritische Bedenken zu zerstreuen suchten, ließ sich das charakteristische Muster wiedererkennen, mit dem die Biotechnologen bisher noch jeden ihrer Fortschritte zu rechtfertigen suchten:

-           Erstens: Eigentlich sei die angebliche bedrohliche Entdeckung nichts wirklich Neues. Schon seit Jahrhunderten klonten die Landwirte Pflanzen, indem sie Ableger Wurzeln schlagen ließen. Auch das Klonen von Fröschen und Mäusen sei - wenn auch aus embryonalen Zellen - schon vor Jahren gelungen. Warum also die Aufregung über Dolly?

-           Zweitens: Die Natur mache es nicht anders als die Bioingenieure. Normal gezeugte Zwillinge seien schließlich nichts als natürliche Klone. Was sei soviel schlimmer an dem im Labor geschaffenen Schafsdouble?

-           Drittens: Die Entdeckung diene dem Wohle der Menschheit. Aus den Eutern von Dollys Nachfolgern ließen sich - zu niedrigen Preisen - lebensnotwendige Medikamente melken. Sei da ein „Nein“ ethisch überhaupt zu verantworten?

-           Viertens: Was wir noch nicht können, versprechen wir auch nicht zu machen. Den

geklonten Menschen darf und wird es nicht geben.

Dafür, wie schnell derartige Beteuerungen ins Wanken geraten können, gab Wilmut selbst das beste Beispiel: Warum er denn, so fragte ihn ein Kollege im Studio des Senders Sky News, noch vor einem Jahr beteuert habe, das Klonen von Schafen aus Körperzellen sei von seiner Forschergruppe nicht beabsichtigt? Aus patentrechtlichen Gründen, so Wilmuts Antwort, habe er damals noch darüber schweigen müssen.

Auch das Wissenschaftsmagazin NATURE, das die Methode zur Klonierung von Säugetieren detailliert darstellt, gab seiner Skepsis Ausdruck. Alle Beteuerungen, auf die Anwendung des Verfahrens beim Menschen werde verzichtet, hätten zumindest „den Beigeschmack eines flauen Dementis unter dem Druck der öffentlichen Meinung“.

Im Internet verbreitet das Wissenschaftsblatt einen Aufruf, der vor den möglichen Folgen solcher Techniken warnt. Ein Harvard-Professor wird mit der Forderung zitiert, Wilmuts Arbeit hätte nie veröffentlicht werden dürfen: „Der Mißbrauch solchen Wissens durch Kriminelle oder ausländische Mächte ist nahezu unvermeidlich.“

Der offensichtlich prominente Warner, der anonym bleiben wollte, steht nicht allein. „Das Klonen wird sich nicht aufhalten lassen“, erklärt der US-Biologe Lee Silver. „Jetzt wird alles machbar, alle Grenzen sind gefallen.“

Tatsächlich scheinen mit der Geburt Dollys zwei Disziplinen zusammenrücken, in denen sich die Forscherträume von der Manipulierbarkeit des Lebens und die Ängste vor menschlichem Größenwahn gleichermaßen kristallisieren:

-  die Gentechnik, die in ihrer letzten Konsequenz das Maßschneidern jeder beliebigen Kreatur erlaubt, und

- die Reproduktionsmedizin, die darauf zielt, die Herrschaft über die Fortpflanzung zu erlangen und die Zufälligkeiten der Sexualität auszuschalten.

Bis Wilmut sein Wunderschaf produziert hatte, hatte er 276 Eizellen vergebens verbraucht. Dann erst gelang ihm die Aufzucht von Dolly, dem „bemerkenswertesten Tier, das je geboren wurde“ - dem einzigen Wesen, das keinen Vater und drei Mütter hat: eine genetische Mutter, deren Kopie Dolly ist; eine Eimutter, welche die Eizelle spendete; und eine Leihmutter, die den geklonten Embryo austrug.

Darin unterscheidet sich Dolly von den Schafen Megan und Morag, mit denen Wilmut im Jahr vorher Aufsehen erregt hatte: Diese beiden walisischen Berglämmer waren zwar ebenfalls genetisch identisch. Doch sie stammten von Embryonengewebe ab. Sie hatten noch einen biologischen Vater.

Erst was jetzt im schottischen Roslin geschah, kommt einem biologischen Quantensprung gleich: Während die Forscher bisher nur künstlich erzeugte Mehrlinge produzieren konnten, gelang es ihnen nun erstmals, ein ausgewachsenes Tier erb-identisch zu reproduzieren. Mit geradezu artistischem Geschick gelang es Wilmut, unter dem Mikroskop die Zelle von Dollys Eimutter mit dem Erbgut ihrer Genmutter zu vereinen: Mit einer Kapillare, dünner als ein Haar, saugte er das im Schwarzlicht fluoreszierende Erbmaterial aus der Eizelle, um darin Platz zu machen für die Gene jener Mutter, von der Dolly eine Kopie werden sollte.

Dann erst folgte der entscheidende Schritt: Wilmut programmierte den Zellkern in den Euter-Zellen der Genmutter um. Er tilgte gewissermaßen das Gedächtnis der Zelle daran, daß sie einmal eine hochspezialisierte Zelle gewesen war - so konnte sie zur Erbvorlage werden für ein komplettes neues Wesen.

Zwischen elektrischen Drähten, einer Art mikroskopischem Lötkolben, plazierte er die Zellen von Genmutter und Eimutter nebeneinander und verschmolz sie durch Stromstöße. Das neue Gebilde enthielt jetzt die Euter-Erbmasse der Genmutter. Als es, durch Elektrizität zu neuem Leben erweckt, sich zu teilen begann, verpflanzte es der Forscher in den Uterus der Leihmutter, die nach 150 Tagen Schwangerschaft Dolly warf.

In die Reichweite des Machbaren rücken mit solchen Verfahren all jene düsteren Zukunftsphantasien von der Züchtbarkeit des Menschen, wie sie etwa der britische Autor Aldous Huxley schon in den dreißiger Jahren beschworen hat. In Huxleys „Schöner neuer Welt“ leben zufriedene Menschen, die alle ihre Individualität verloren haben und für ihre Aufgabe gezüchtet sind. „Standardmenschen!“ läßt Huxley einen Fabrikdirektor in seinem Zukunftsroman begeistert ausrufen. „96 identische Zwillinge arbeiten an 96 identischen Maschinen!“

Auch die uralten Träume von Unsterblichkeit und Wiederauferstehung, beschworen in zahllosen Werken von der Bibel bis zu dem Science-fiction-Film „Jurassic Park“, gewinnen plötzlich Realitätsgehalt. Ein Hollywood-Opus wie „The Boys from Brazil“, in welchem der Nazi-Arzt Josef Mengele Frauen auf der ganzen Welt aus Körperzellen des toten Hitler geklonte Embyonen austragen läßt, erhalt schaurige Aktualität.

Zwar erklärte Schaf-Kloner Wilmut in mehreren Interviews, derlei Verfahren seien unmöglich: Das entnommene Erbmaterial müsse „binnen weniger Tage“ mit neuen Eizellen verschmolzen und der Leihmutter eingepflanzt werden. Doch vor den Kameras des englischen Senders Sky News behauptete gleich darauf ein Manager der Firma PPL das Gegenteil: Dolly sei aus tiefgekühltem - und damit nahezu unbegrenzt haltbarem - Material entstanden.

Beinahe am Ziel ihrer Sehnsüchte sahen sich da plötzlich all jene, die ihre Verwandten nach deren Tod hatten einfrieren lassen - um sie zu neuem Leben zu erwecken, sobald dies die fortschreitende Wissenschaft ermöglichen würde.

Manch bizarres Ansinnen wurde an Wilmut herangetragen. So fragte ein Geschwisterpaar per E-Mail an, ob sie sich nun, weil beide kinderlos, Hoffnung machen dürften, vielleicht ihren Vater als Kind aufziehen zu können.

Die Kunde aus Schottland könnte auch wahnwitzige Forderungen wieder auf die Tagesordnung rücken, wie sie James Watson, der Strukturaufklärer der Erbsubstanz, bereits 1971 erhoben hatte.

Vermutlich noch in diesem Jahrhundert hatte der Nobelpreisträger damals erklärt, werde die Zeit für das Menschen-Kloning kommen: „Zur Lösung ihrer immer komplexeren Probleme braucht die Welt dringend Kopien von wirklich außergewöhnlichen Menschen.“

Auch wenn Watson mit solchen Gedanken allenfalls auf entsetzten Widerhall stieß, so wird sich das moralische Verbot, künftig Menschen zu klonen, keineswegs so leicht durchhalten lassen, wie die Befürworter von Wilmuts Technik behaupten. Denn ein solcher Bann ist schwierig, wenn nicht unmöglich durchzusetzen.

Schon bald könnte die jetzt zur Schau getragene Einigkeit über den Sinn eines solchen Verbotes bröckeln. So verbreitet NATURE über das Internet einen Kommentar des Pariser Molekulargenetikers Axel Kahn, in dem dieser ankündigt, wie schon bald die öffentliche Meinung zugunsten des Klonens umschlagen könnte.

Frauen, deren Eierstöcke steril und die deshalb nicht einmal durch künstliche Befruchtung besambar sind - so fürchtet er - könnten künftig ihren Nachwuchs per Kloning einfordern. Wenn in Industriegesellschaften mit fortgeschrittener Reproduktionsmedizin schon heute alle denkbaren Mittel gegen Unfrucht­barkeit eingesetzt werden, so werde es schwerfallen, solchen Frauen eine Schwangerschaft à la Dolly zu verwehren; und wäre das Tabu einmal gebrochen, dann würde, das Klonen von Menschen vermutlich unter immer neuen Umständen geduldet.

Ohnehin fällt die Geburt Dollys in eine Zeit, in der sich wachsende Mehrheiten in den Indu­strieländern mit der einstmals verteufelten Gentechnik und Reproduktionsmedizin abfinden: Die Zeugung von Retortenbays, einst heftig umstritten, ist ebenso zur Alltagstechnik und zu einem Milliardenmarkt geworden wie die Herstellung von Genmedikamenten, etwa dem Insulin.

Selbst Öko-Fundis ziehen sich aus alten Gefechtspositionen gegen die Biomedizin zurück. „Es wäre kleinkariert“, so formuliert es der Grünen-Bundestagsabgeordnete Manuel Kiper, „die Augen vor gewissen Erfolgen der Gentechnik zu verschließen.“

An die Stelle der Diskussion über Risiken und Allmachtsphantasien der Erbgut-Manipula­teure ist eine Ethik-Debatte darüber getreten, wie weit die Ausübung solcher Macht gehen dürfe. Statt der streitbaren Öko-Institute, welche die neuen Möglichkeiten einst ausnahmslos verdammten, regen sich nun in Europa und Amerika Ethik-Kommissionen, die mit den Nutznießern der Biomedizin kollaborieren und sie in Streitfragen beraten:

- Der amerikanische Biotechnik-Unternehmensverband will Manager der Branche zu einem Ethik-Komitee zusammenrufen. Ein Ethik-Professor soll die Gruppe betreuen.

- Die britische Smith Kline Beecham stiftete dem Center for Biomedical Ethics an der kalifornischen Stanford-Universität eine Million Dollar für die Untersuchung einschlägiger Fragen.

- In Bonn, Freiburg, Göttingen und Tübingen wurden Zentren für ethische Fragen der Medizin, Wissenschaft und Biotechnik eingerichtet.

Der plötzliche Boom der Bioethik ist vor allem ein Ausdruck tiefster Verunsicherung in der Gesellschaft. Täglich finden sich auf den Spalten der Fachzeitschriften neue Erfolgsmeldungen von der Biofront. Chiffriert im Jargon der Immunologen, Embryologen, Genetiker und Biochemiker, künden sie von meist winzigen Schritten auf dem Weg in eine Welt, in der dem Menschen eine grundsätzlich gewandelte Rolle zukommen wird.

Hinter den nüchternen Beschreibungen der denkbar unspektakulär erscheinenden Versuchsaufbauten verbirgt sich die immer gleiche Botschaft: In den Petrischalen und den Brutkästen der Bioingenieure sind Gewebe, Zellen und Erbgut zum Werkstoff einer Zukunftsindustrie geworden. Durch ihre Produkte werden Begriffe wie Schicksal oder Identität und Einzigartigkeit grundsätzlich in Frage gestellt.

So liest sich etwa die Chronik der Fortpflanzungsmedizin wie ein Dokument der fortschreitenden Werteerosion.

1991: In einer Birminghamer Klinik wird erstmals das Kind einer Jungfrau geboren.

1992: In Italien bringt eine 62jährige Frau einen gesunden Jungen zur Welt.

1993: Eine Niederländerin kommt mit Zwillingen nieder, einem weißen und einem schwarzen Baby - die Ärzte hatten bei der Reagenzglaszeugung offenbar eine unsaubere Pipette verwendet.

1994: Rodger Gosden von der Universität in Edinburgh plant, abgetriebenen Föten Eizellen zu entnehmen, um sie als Eispende zu verwenden - er will Kinder nie geborener Mütter erzeugen.

1995: Vor einem kalifornischen Gericht werden erstmals Ärzte wegen Embryo- Diebstahls angeklagt.

1996: In England entbrennt ein Streit, ob die Vernichtung von 3000 befruchteten Eizellen einem Massenmord gleichkomme.

Die Ställe, Käfige und Labors der Gen- und Biotechniker werden derweil längst von Fliegen mit 14 Augen, von epileptischen Mäusen und von Schweinen mit vermenschlichtem Blut bevölkert. Gene von Sonnenblumen wurden ins Erbgut von Schafen eingeschleust, schnellwachsende Lachse stehen im Dienst von Bauern und Aquafarmern, gentechnisch veränderte Raubmilben verlassen die Labors.

Mehr als 10.000 verschiedene sogenannte „transgene Tierstämme“ wurden bereits erzeugt. Die meisten von ihnen - vor allem alzheimerkranke, fettsüchtige, immunkranke oder krebsanfällige Mäuse - fristen ihr Dasein im Dienste der medizinischen Forschung.

Jetzt soll auch die zweite Generation von Tieren aus dem Genlabor ihre Tauglichkeit unter Beweis stellen: Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine und Kaninchen als lebende Pharmafabriken oder Organbanken.

Seit langem grämt die Biotechnologen, daß Bakterien und Pilze komplexe Proteine nur in geringen Mengen herstellen können. Deshalb hoffen die Bio-Visionäre, Kühe, Schweine oder Schafe künftig gleichsam als lebende Bioreaktoren einsetzen zu können.

In Schottland, dem Geburtsland des Klon-Schafs Dolly, war es 1987 Forschern erstmals gelungen, ein fremdes Gen gezielt so ins Erbgut einer Maus zu dirigieren, daß es nur in den Milchdrüsen aktiv wurde - damit war der Weg frei für das Melken von Arznei.

Zwei Unternehmen haben die Medikamente aus dem Viehstall bereits in der klinischen Erprobung: Die US-Firma Genzyme gewinnt aus der Milch gentechnisch veränderter Ziegen einen menschlichen Blutgerinnungsfaktor. Die schottische PPL, Sponsor der Dolly-Forschung und Pionier des Gen-Pharrning, testet aus Schafeutern gewonnenes Alpha-1-Antitrypsin an Patienten, die an Lungenemphysem oder der erblichen Lungenkrankheit Mukoviszidose leiden.

Das Deutsche Ärzteblatt zählte 43 menschliche Eiweiße auf, die demnächst vom Bauernhof kommen könnten - von Insulin und Interferonen über Hämoglobin und diverse Antikörper bis zu dem Blutserumprotein Albumin.

Welch gewaltige Gewinnspannen sich die Pharmabauern versprechen, zeigt eine Abschätzung einer finnischen Forschergruppe, der es gelang, das Gen für das Blutbildungshormon Erythro­poetin (EPO) - gleichzeitig beliebtes Dopingmittel von Hochleistungssportlern - ins Erbgut eines Kalbs zu schleusen: Ein Milligramm dieser Substanz kostet gegenwärtig 5000 Mark. Aus dem Euter einer einzigen EPO-Kuh aber ließen sich theoretisch jährlich bis zu 60 Kilogramm gewinnen - mehr als die gesamte derzeitige Weltproduktion.

Solche Entwicklungen von Arzneimitteln aus dem Viehstall dürften sich durch den Erfolg mit Dolly noch erheblich beschleunigen. Denn künftig haben es die Forscher nicht mehr nur mit den fragilen und schwer zu gewinnenden Embryonalzellen zu tun, sondern mit ausgewachsenen Zellen, etwa - wie bei Dolly - aus dem Euter, die in fast unbegrenzter Menge verfügbar sind.

Mit elektrischen Strömen, Injektionskapillaren, vor allem aber mit der Hilfe von Viren haben die Forscher gelernt, Erbanlagen mit zunehmender Präzision in den Kern ihrer zellulären Opfer zu dirigieren. So ungeniert die Genarchitekten ihrem Gestaltungswahn bei Tieren nachgehen, so undenkbar wäre gegenwärtig noch die Anwendung ihrer Techniken im Dienst einer Veränderung des Menschen - doch die Betonung liegt auf „noch“. So stellt sich die Frage: Werden die Forscher auch langfristig der Versuchung widerstehen können, den Homo xerox zu erzeugen? Oder wird auch die tiefgreifende Manipulation der Natur etwas so Alltägliches, daß am Ende die Unantastbarkeit der Menschenwürde perdu geht?

Den ideologischen Nährboden für den Menschen nach Maß haben die Forscher längst geschaffen. Schritt um Schritt schürten sie den Glauben an die Allmacht der Gene, beteuerten, deren Botschaften entschlüsseln zu können, und wiesen schließlich nach, daß die gezielte Veränderung des Erbguts möglich sei.

Die Vorhut bildeten die Sequenzierer. Im Jahre 1989 riefen sie das Genomprojekt ins Leben: Das gesamte Erbgut des Menschen sollte in einer gewaltigen wissenschaftlichen Kraftanstrengung entschlüsselt werden. Einher damit ging der wachsende Glaube an den überragenden Einfluß der Gene. Nicht nur die Farbe der Haut, die Form der Nase oder die Blutgruppe gelten mittlerweile als genetisch bedingt. Auch die Trunksucht, heißt es nun, sei angeboren, die Depression nichts als ein Genschicksal, und selbst Charakterzüge wie Gutmütigkeit oder Ordnungsliebe seien in die Wiege gelegt. Eineiige Zwillinge, die weit getrennt voneinander aufwuchsen, aber dennoch auch als Erwachsene verblüffende Gemeinsamkeiten zeigten, gelten als einer der Belege für die angebliche Vorherrschaft des Erbguts.

Nachdem auf diese Weise der Mensch zur Marionette seiner Gene erklärt wurde, betraten die Gen-Analytiker die Szene. Sie vermessen die Gene jedes einzelnen und erstellen ihm daraus sein Orakel. Ein Blutstropfen, ein Quentchen abgeschilferte Haut oder eine Haarwurzel reichen im Prinzip aus, um Hunderte von Erbkrankheiten zu diagnostizieren. Zunehmend trauen sich die Genanalytiker auch zu, die Neigung zur Arteriosklerose, ein spezielles Brustkrebsrisiko oder die Gefahr, im Alter an Alzheimer zu verblöden, zu prognostizieren.

„Im Jahr 2020 wird man in die Apotheke gehen, sich innerhalb von etwa einer Stunde seine Sequenz bestimmen lassen und sie auf einer Compact-Disc mit nach Hause nehmen, um sie zu analysieren“, kündigt Nobelpreisträger Walter Gilben an.

Das Resultat kann gar nicht anders als erschütternd sein: Im Zeitalter der genetischen Datenerfassung wird es gesunde Menschen nicht mehr geben - jeder wird seinem Datensatz entnehmen können, daß seine Genausstattung irgendwo fehlerhaft, seine Gesundheitsprognose durch spezifische Erbmängel verdüstert ist.

Haben auf diese Weise erst einmal die Gendiagnostiker ihr Urteil über die Krankheitsrisiken eines Menschen gesprochen, so bieten ihm die Gentherapeuten ihre Dienste an, um diesem Schicksal zu entkommen. Im September 1990 wagte es erstmals ein Arzt, ein Gen in eine menschliche Körperzelle zu schleusen, um eine Erbkrankheit zu heilen. Inzwischen wurden weltweit schon rund 200 gentherapeutische Studien am Menschen unternommen. Daß die Erfolge bisher bescheiden sind, dämpft die Zuversicht der Genchirurgen wenig.

Doch so experimentierfreudig sie im Erbgut von menschlichen Leber-, Schleimhaut-, Bindegewebs- oder Immunzellen herumoperieren, bisher beteuern sie fast unisono: Die Keimzellen bleiben tabu. Erst dann wäre die Schwelle zum Menschendesign überschritten. Doch die Mediziner haben es einstweilen leicht, ihre Enthaltsamkeit zu beteuern. Denn noch beherrschen sie den Eingriff in die Keimbahn nicht.

Das allerdings könnte sich mit der Geburt des Schafes Dolly schon bald ändern. Denn mit der Verheiratung von Gentechnik und Reproduktionsmedizin ist eine wichtige Voraussetzung einer zukünftigen Keimbahntherapie erfüllt.

Wie weit es mit dieser Fusion zweier bislang strikt getrennter Forschungsdisziplinen schon gekommen ist, konnte kürzlich eine deutsche Ethikkommission begutachten. Die Bioethiker hatten über den Antrag von Klaus Diedrich zu befinden, in der Lübecker Universitätsklinik die sogenannte Präimplantationsdiagnostik zuzulassen.

Der Reproduktionsmediziner wollte - wie es von Ärzten im Ausland bereits seit fünf Jahren praktiziert wird - im Reagenzglas gezeugte Embryonen vor ihrer Einpflanzung in die Gebärmutter auf bestimmte Gendefekte testen. Auf diese Weise, so seine Begründung, ließe sich sicherstellen, daß genetisch vorbelastete Mütter keine erbkranken Babys zur Welt bringen.

„Juristisch verboten, doch ethisch zu rechtfertigen“, lautete das salomonische Urteil der Kommission - ein deutlicher Aufruf an den Gesetzgeber, das in diesem Punkt als zu restriktiv empfundene Embryonenschutzgesetz aufzuweichen.

Dolly macht nun auch viel weiter reichendere Eingriffe zumindest denkbar: Einzelne Körperzellen erbkranker Eltern könnten zum Beispiel genetisch repariert und dann als Klone in die Gebärmutter einer Frau implantiert werden. Vor allem die Amerikaner stehen in dem Ruf, einem biologischen Machbarkeitswahn allzuleicht zu verfallen: In einem Land, in dem sich schon heute Begüterte beim Tod kryogenisch konservieren lassen, in dem eingefrorene Spermien von Nobelpreisträgern und Spitzensportlern öffentlich gehandelt werden, scheint auch ein Katalog mit ihren geklonten Duplikaten denkbar.

Und wenn schon heute - auf dem Wege der Leihmutterschaft - eine Großmutter ihren Enkel austrägt, warum soll dann nicht auch eine Tochter mit ihrem Vater schwanger gehen dürfen?

Es gab sie ja schon, jene Amerikanerin, die ein Kind ausdrücklich zu dem Zweck geboren hat, ihrem anderen Kind Knochenmark zu spenden. Wird es da nicht auch das erste amerikanische Ehepaar geben, das sich, sobald Bedarf besteht, bei einem geklonten Ersatzkind bedient?

 

Längst finden sich in den USA Ethiker und Philosophen, die der Menschenklonierung das Wort reden. An der asexuellen Fortpflanzung sei „grundsätzlich nichts auszusetzen“, erklärte etwa der kalifornische Bioethiker Michael Shapiro. Einer seiner Kollegen erklärte die Reproduktion im Laboratorium gar für „radikal menschlicher als die Empfängnis im gewöhnlichen heterosexuellen Geschlechtsverkehr“. Schließlich sei sie „gewünscht, gewählt und kontrolliert“, gerade darin unterscheide sich „der Homo sapiens vom Tier“.

Solche Äußerungen bestärken den Medizinethiker John Fletcher von der University of Virginia in der Sorge, ein „abschüssiger Weg hin zu immer mehr Manipulation“ werde begangen.

Fraglich ist, wie ihm und seinen Kollegen der waghalsige Spagat gelingen soll, den sie sich vorgenommen haben: die Unantastbarkeit des Menschen zu bewahren und zugleich dem Fortschritt der Wissenschaft nicht im Wege zu stehen.

Die noch junge Disziplin der Bioethik steht vor einem Kardinaldilemma: Läßt sich die Wissenschaft von Ethikern in die Schranken weisen? Oder gilt der pragmatische Glaubenssatz, wie ihn Robert Edwards, der medizinische Vater des Retortenkindes Louise Brown, formulierte: „Die Ethik muß sich der Wissenschaft anpassen, nicht umgekehrt“? Dient mithin die großzügig alimentierte Zunft der Bioethiker ausschließlich der Legitimation dessen, worüber sie eigentlich wachen soll?

Die Entwicklung in Deutschland könnte den Bioethikern einstweilen noch Anlaß zur Hoffnung geben. Das deutsche Recht verbietet das Anmieten von Leihmüttern ebenso strikt wie den Handel mit Spermien und Eizellen. Anders als in Amerika wagt es hierzulande vorerst niemand, sich öffentlich für das Klonen auszusprechen.

Gegen heftigen Widerstand vieler Forscher hat das deutsche Parlament 1990 ein Embryonen-Schutzgesetz beschlossen. Vorbeugend droht es demjenigen mit bis zu fünf Jahren Gefängnis, der „künstlich bewirkt, daß ein menschlicher Embryo mit der gleichen Erbinformation wie ein anderer Embryo, ein Fötus, ein Mensch oder ein Verstorbener entsteht“.

Dennoch ist offen, ob sich die Deutschen mit ihrer restriktiven Politik international werden behaupten können: Jedes Jahr reisen rund 10.000 Frauen in die Fortpflanzungskliniken der großzügigen Niederlande - viele von ihnen Deutsche.

Überdies wächst der wirtschaftliche Druck. Die Deutschen sind im internationalen Wettlauf um den Profit, den sich Pharmaindustrie und Medizintechnik von noch ungehobenen Schätzen im Zellkern versprechen, ohnehin im Hintertreffen - möglicherweise fatal in einer Welt, in der, wie es George Poste, der Forschungsleiter des britischen Pharmakonzerns SmithKline Beecham, ankündigt, „Gene die Währung der Zukunft werden“.

Für die schottische Biotech-Firma PPL jedenfalls lohnte sich der Rummel um das umstrittene Forschungsschaf bereits: Am Montag nach den ersten Pressemeldungen stieg der Aktienkurs des Unternehmens um 16 Prozent.

 

Was uns vielleicht noch bevorsteht

Der Engländer Aldous Huxley hat in einer großen Satire „Schöne neue Welt“ ( London 1932)

beschrieben, wie Menschenzüchtung aussehen könnte. Wie weit ist man inzwischen davon entfernt? In Indien und Australien inzwischen Kinder geboren, die, in vitro gezeugt, als Embryonen längere Zeit bei extrem niedrigen Temperaturen konserviert lagerten, bis sie durch Embryo-Transfer zum Leben zugelassen wurden.

Man spricht auch von Prä-Embryonen, das sind Embryonen, die unter Umständen jahrelang in „Tiefkühltruhen“ bei -196 °Celsius lagerten, aber nicht übertragen werden konnten und als überzählig wegfallen. Sie können zu Forschungszwecken benutzt werden. Wann beginnt menschliches Leben?

In Italien ist es gelungen, die männlichen Y-Chromosomen im Sperma von den weiblichen X-Chromosomen zu trennen und damit das Geschlecht eines Kindes zu programmieren. Man könnte also entweder nur weibliche oder nur männliche Nachkommen „produzieren“.

Eine andere schreckliche Vorstellung ist die „Klonierung“ von Menschen. Klone sind genetisch identische Einzelwesen aus einer Eizelle, entsprechend eineiigen Zwillingen (Klon = Zweig). „Wenn die Klonierung von Menschen gelingt —, und nicht wenige Wissenschaftler sind davon überzeugt —, dann ist die höchste Stufe der künstlichen Reproduktion von Menschen erreicht", denn es „sind in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Klonierung frappierende Fortschritte erzielt worden. Die Anwendung dieser Technik auf den Menschen scheint nun nicht mehr so unmöglich wie vor wenigen Jahren!“

 

„Die Angst ist berechtigt

Interview mit dem Embryologen Ian Wilmut über das Klon-Schaf

„Dolly“ und die Zukunft seines Verfahrens

 

SPIEGEL: Dr. Wilmut, bei einer Umfrage in den USA haben sechs Prozent aller Befragten angegeben, sie wünschten ein Klon von sich selbst. Wie viele Interessenten haben sich in der zurückliegenden Woche bei Ihnen gemeldet?

WILMUT: Einige hundert, übrigens vor allem Frauen. Darüber hinaus bekamen wir unzählige Zuschriften von Leuten, die uns beglückwünschten und uns für unsere weitere Arbeit ermutigten.

SPIEGEL: Haben Sie mit derart heftigen Reaktionen der Öffentlichkeit gerechnet?

WILMUT: Absolut. Wir freuen uns auch darüber, denn wir wollen, daß eine gründliche Diskussion über unsere Technik in Gang kommt.

SPIEGEL: Es geht da zum Beispiel das Gerücht um. das Schaf, von dem Dollys Gene stammen, sei schon seit zwei Jahren tot - und Dolly gewissermaßen seine Reinkarnation.

WILMUT: Quatsch. Die Zellen müssen wenige Tage nach ihrer Entnahme geklont werden, sonst verdirbt die Erbsubstanz. Unsterblichkeit gibt es nicht mit unserer Methode.

SPIEGEL: Man kann Zellen doch immortalisieren?

WILMUT: Schon. Aber dann eignen sie sich nicht mehr zum Klonen.

SPIEGEL: Wäre es nicht viel logischer gewesen. Dolly nach dem Schaf zu benennen, von dem seine Gene stammen? Dolly und jenes Wesen sind doch, wenn man so will, dasselbe Tier. Wie heißt es eigentlich?

WILMUT: Es hat keinen Namen. Es gibt nur ein Schaf, das berühmt ist, nämlich Dolly. Im übrigen ist es eben nicht dasselbe Tier. Denn nicht nur die Gene machen ein Individuum aus. Dolly hat zum Beispiel eine andere Lebensgeschichte als ihr Vorbild. Deswegen ist es auch aussichtslos, sich selbst oder einen Toten durch Klonierung neu zu erschaffen.

SPIEGEL: Die Klonierung wird auch als Methode diskutiert, unfruchtbaren Menschen zu Nachwuchs zu verhelfen. In Ihrer Familie gibt es drei halbwüchsige Kinder - glauben Sie, Ihre Beziehung zu ihnen wäre irgendwie anders, wenn sie nicht aus sexueller Aktivität

entstanden wären, sondern als Klone?

WILMUT: Nun, was das angeht: Eines

meiner Kinder ist nicht durch eigene sexuelle Aktivität entstanden. Es ist adoptiert. Aber die Gene entscheiden doch nicht alleine darüber, zu welcher Persönlichkeit ein Kind heranwächst. Es kommt ebenso auf die Familie und die Umgebung an.

SPIEGEL: Was haben wir denn in Zukunft aus Ihrem Labor zu erwarten?

WILMUT: Wir brauchen einen besseren Weg, die mit den Fremdgenen verschmolzene Eizelle zur Teilung zu aktivieren. Normalerweise geschieht dies durch das Spermium. Wir hingegen versuchen, die Eizelle mit Stromstößen zum Leben zu erwecken. Aber dabei verlieren wir noch zu viele Eier.

SPIEGEL: Und weiter?

WILMUT:  Noch müssen wir die befruchteten Eizellen in die Gebärmutter von lebenden Schafen einpflanzen, um sie dort heranwachsen zu lassen. Auch deshalb haben wir große Verluste und können obendrein nicht kontrollieren, was beim Wachstum geschieht. Gelänge es, die Föten direkt im Labor zu kultivieren, wäre das viel effizienter.

SPIEGEL: Solche Projekte versetzen viele Menschen in Panik. Es herrscht die große Angst, Ihre Technik könnte mißbraucht werden.

WILMUT: Die Angst ist völlig berechtigt. Wir haben von Beginn an gesagt: Mit unserer Technik lassen sich auch genetische Kopien von Menschen herstellen. Nur eindeutige Gesetze können das verhindern.

SPIEGEL: Doch Gesetze werden gebrochen.

WILMUT: Natürlich. Aber im großen und ganzen ist die Menschheit doch eine sehr moralische Gattung („Der Spiegel“ 10/1997.

 

 

Immunschwäche AIDS  - vermeidbare Krankheit

Aids heißt „Aquired Immune Defiency Syndrom“ und bedeutet „erworbenes Immun-Mangel-Syndrom“. Das menschliche Immunsystem, das - wenn es intakt ist - aus eigener Kraft den Körper vor Krankheit schützt, wird nach und nach zerstört, wirkungslos. Bei Infektionen, die der Organismus vorher fast mühelos überstanden hatte, erkrankt er nun. Sogenannte Immunschwäche-Viren (HI-Viren) setzen sich in bestimmten Abwehrzellen fest. Diese Helfer-T-Lymphozyten besaßen bis dahin die Eigenschaft. Fremdkörper im Organismus zu erkennen, zur Bildung zusätzlicher Abwehrzellen anzuregen und gemeinsam den „Eindringling“ auszuschalten. Nach der Infektion mit HI-Viren ist diese Beziehung gestört, wenn man so will, wird die „Wachmannschaft“ nach und nach gekillt.

Ob und wie schnell es zum Ausbruch der Krankheit kommt hängt von der Stärke des menschlichen Immunsystems ab. Etwa 5 bis maximal 30 Prozent der infizierten Personen erkranken auch, das zeigt die Weltstatistik. Im Jahre  1987 waren etwa 10 Millionen Menschen Aids-Virus-Träger, dagegen wurden von den 127 Ländern, die sich am Aids-Überwachungs­programm beteiligten, etwa 40.600 Erkrankungen gemeldet, drei Viertel davon aus den USA.

 

Aids hat kein klares, eindeutiges Krankheitsbild. Die Infektion selbst macht sich nicht bemerkbar. Erkältungen, Angina, flüchtiger Hautausschlag können im Zeitraum bis zu fünf Jahren als deren Folge auftreten. Aber ein starkes Immunsystem wird diese Phase überwinden. Bei nur etwa bis zu 30 Prozent der Infizierten beginnt ein nächstes Stadium: Charakteristisch sind dann tastbare Lymphknotenschwellungen in verschiedenen Körperpartien (nicht nur in der Leistenbeuge) . Durchfallerkrankungen könnten auftreten, Infekte sich häufen.

 

Eindeutig wurden die Infektionswege lokalisiert: Eine Infektion kann nur über direkten

Der erste käme bei Organ- oder Blutspenden in Betracht, eine Infektion ist aber völlig ausgeschlossen, seit alle Organ- bzw. Blutspenden auf HIV untersucht werden. Der zweite Infektionsweg tat anfangs vor allem bei männlichen Homosexuellen auf, ist aber heute auch bei Heterosexuellen verbreitet.

Vorbeugung bedeutet deshalb: persönliche Hygiene; stabile Partnerbeziehungen; die Anwendung von Techniken beim Sexualverkehr, die Verletzungen auch kleinster Art ausschließen; das Benutzen von Kondomen. AIDS ist also eine vermeidbare Krankheit. Aids ist nur auf den eben beschriebenen Wagen weiterzugeben: Küssen, Hautkontakt, Toiletten bieten keine Infektionsmöglichkeiten. Soziale Isolierung ist unnötig und unmenschlich. Die infizierte Person ist nicht verpflichtet, Verwandte, Bekannte oder ihren Betrieb zu informieren.

 

Aids ist als Kristallisationskern für Ängste, Wünsche und unbewußte Triebe auch deshalb gut geeignet, weil es als Geschlechtskrankheit an die Tiefen menschlichen Verhaltens in Erfüllung und Verfehlung führt. Aber der sexuelle Reiz liegt nur an der Oberfläche. Darunter werden Fragen der Lebensführung verhandelt, es geht um Liebe und Partnerschaft, um Genuß und Entsagung. Vor allem aber wird Moralisten die große Chance geboten, sich mit Pharisäis­mus aufzuladen: Seht, die Kranken sind selber schuld, ihre Sünde hat sie geschlagen!

Pharisäische Unbarmherzigkeit und Gesetzlichkeit wird herausgelockt und gefüttert vor allem im Hinblick auf die von Aids besonders bedrohten Homosexuellen und Drogensüchtigen. Wer in ihnen ohnehin schon Kinder des Teufels zu erblicken meint, wird unbewußt daran arbeiten, auch Aids zu dämonisieren. Die Schuldzuweisung nimmt Formen an, welche - zivilisatorisch gedämpft - an Begleiterscheinungen der Pest sich messen lassen können.

 

Heftig protestierte das Massenblatt „Ghanaion Times“ gegen die Theorie, Aids werde von der Affenart „Grüne Meerkatze“ verursacht. „Dumme weiße, sich als Herren dünkende Ausländer“ benutzten diese Theorie, so schrieb die Zeitung, weil sie Afrikaner nicht mehr ungestraft wie zu Kolonialzeiten als „schwarze Affen“ bezeichnen könnten. „Deshalb sagen die Neokolonialisten heute das gleiche mit anderen Worten: daß der afrikanische Affe die Krankheit Aids überträgt!“

Aids als Mythos von der Bedrohtheit des Menschengeschlechts bringt sich auf einem Wissenschaftsgebiet zur Geltung, das nicht ohne Grund von besonderen Ängsten begleitet ist: auf dem der Genetik. Gehörte doch zu den Mutmaßungen über den Ursprung von Aids auch der Verdacht, der - inzwischen identifizierte - Erreger stelle das verunglückte Ergebnis einer Genmanipulation dar, sei ein dem Laboratorium entsprungenes Monster, das unter der schutzlosen Menschheit zu wüten beginne.

Im Gegensatz dazu steht aber jene pseudohygienische Ängstlichkeit, die zu Debatten um den gemeinsamen Kelch beim Abendmahl geführt hat. Aus Furcht vor Ansteckung gehen einige Gemeinden dazu über, die Oblate vor dem Verzehr lediglich in den Kelch einzutauchen, der dann nicht mehr zum Munde geführt wird. Es ist geradezu tragisch, daß in einer Situation, in der Aids sich in einem ungleich höheren Maße als Krankheit der Seele als eine solche des Körpers darstellt, ein Mittel geistlicher Stärkung derart problematisiert wird.

 

Ganz gewiß geht es nicht darum. zu moralisieren und die Aids-Kranken noch mehr ins gesellschaftliche Abseits zu stellen. Solange es den Ärzten nicht möglich ist, die Seuche wirksam zu bekämpfen, werden die Kirchen sich auf den seelsorgerlichen Dienst an den „Aidiösen“ konzentrieren müssen. Sie sind unter uns. Manche werden von ihren Familien verleugnet, viele sterben in Anonymität mit einer Lebenslüge im Herzen, die ihnen niemand abnahm, weil sie das christliche Prinzip Vergebung nicht kennenlernten. Aids wirft viele Fragen auf. Die Kirchen können sich ihnen nicht entziehen.

 

Weshalb viele Homosexuelle ihr Verhalten nicht ändern

Menschliches Sexualverhalten ändert sich nicht so leicht, wie man es sich wünschen möchte - besonders wenn man bedenkt, daß fast jeder Mann in unserer Untersuchung wenigstens eine Person kannte, die an Aids gestorben war. Hier Begründungen von Männern, weshalb sie sexuelle Praktiken fortsetzen, die mit Sicherheit hochgefährlich sind.

Ein Friseur (32): „All den Alleswissern, Moralisten und Experten möchte ich eins sagen: Lieber wäre ich tot als keusch!“

Ein Börsenmakler (29): „Wir gehen jeden Tag unseres Lebens Risiken ein. Mit der U-Bahn zu fahren oder die Straße zu überqueren ist riskant. Ohne Sex würde mir das Leben nicht sehr lebenswert erscheinen!“

Ein Arzt (35): „Manche von uns hängen genauso am Sex - oder vielleicht mehr -, wie der Alkoholiker seine Flasche braucht oder ein Süchtiger seine Spritze. Ich wünschte, die Epidemie hätte bei den Heteros angefangen. Was für Ratschläge über Enthaltsamkeit hätte man ihnen dann wohl gegeben?“

Ein Elektriker (26): „Zigaretten werden mich umbringen, wenn ich nicht zu rauchen aufhöre. Wenn ich zuviel trinke, kriege ich Zirrhose. Vielleicht fängt irgendein verrückter Politiker einen Atomkrieg an, und dann sind wir alle tot. Ich habe nicht vor, mein Sexualleben bloß deshalb einzuschränken, weil mir jemand sagt, ich könnte krank werden!“

Die Angst nistet sich vielleicht am stärksten ein, wenn ein Mann erfährt, daß bei einem seiner Partner Aids diagnostiziert wurde. Aber selbst diese Nachricht motiviert die meisten homosexuellen Männer nicht, sich riskanter sexueller Handlungen völlig zu enthalten.

Das Hauptproblem: Viele Homosexuelle, die wissen, daß sie mit dem HIV-Virus infiziert sind, betätigen sich weiterhin sexuell mit vielen Partnern. Obwohl maßgeblichen Mitgliedern der Homo-Gemeinde das bekannt ist, haben sie sich nicht laut genug darüber geäußert, daß ein derart verantwortungsloses Verhalten auch den Homosexuellen generell ungeheuer schadet.

 

Der häufigste Grund. dem Test auszuweichen, war Angst: Angst, womöglich herauszufinden, sie seien infiziert. Angst, vor einer Schwangerschaft gewarnt zu werden, und Angst, den Partner zu verlieren. Verblüffenderweise hatten viele dieser Frauen vor der Wahrscheinlichkeit. bereits infiziert zu sein, resigniert, glaubten aber, sie müßten sich dem Problem psychologisch nicht stellen, solange sie sich nicht testen ließen.

Einige von ihnen machten sich sogar vor, solange die Infektion nicht wissenschaftlich „bewiesen“ sei, werde sie sich auch passiv verhalten. Dieser Gruppe erschien es als eines der entscheidenden Risiken des Tests, daß durch die Bestätigung einer HIV-Infektion der Zustand ernster und das Virus in ihren Körpern durch das Wissen um sein Vorhandensein irgendwie aktiviert werden könne.

 

Falls eine alarmierend große Anzahl Aids-Erkrankungen bekannt wurde, bestand die Gefahr, daß der Fremdenverkehr dadurch Schaden nahm und wirtschaftliche Einbußen zu erwarten waren. Außerdem waren viele Länder aus religiösen oder kulturellen Gründen nicht bereit, offiziell ein Problem zuzugeben, das sich zunächst ausschließlich auf Homosexuelle, Bisexuelle und injizierende Suchtkranke zu konzentrieren schien.

Weiterhin melden viele Ärzte die Aids-Fälle erst. wenn der Patient bereits gestorben ist. Das mag teilweise an der Befürchtung des Arztes liegen, er könne als „Aids- Doktor“ abgestempelt werden mit den entsprechend negativen Auswirkungen auf seine Praxis. Solche verzögerte Berichterstattung kann die Bemühungen der Regierungen sehr behindern, die Verbreitung der Krankheit und ihre geographische Verteilung festzustellen.

 

Christen haben die  Krankheitsopfer vorschnell ausgegrenzt und viele Kirchen tragen durch ihr Schweigen Mitverantwortung für die Angst trügen, „die sich schneller in der Welt ausgebreitet hat als der Virus selbst“. Es ist sachgemäß und  der Angst wehrend über Aids zu reden. Früher oder später werden auch Christen vor der Entscheidung stehen, ob sie Sünde vorwiegend im Sexuellen wirken sehen und demzufolge Aids als eine Art Zuchtrute Gottes verstehen. Dann wäre zu fürchten, daß sich die Situation einer Aids- Problemgruppe wie die der Homosexuellen in den Gemeinden drastisch verschlechtern würde. Die andere Möglichkeit haben der Weltkirchenrat und sein Generalsekretär Emilio Castro zum Ausdruck gebracht: Sie warnten vor moralisierenden Vereinfachungen und sprachen sich für Hilfe und Solidarität mit den Aidskranken aus. Besonders diese haben es nötig, die Kirche als heilende Gemeinschaft zu erfahren.

So wie Aids den heimlichen  Hochmut auch religiös argumentierender Moralisten ans Licht bringt, so eindeutig erteilt sie aber auch den Verfechtern einer schrankenlosen moralischen, vor allem sexuellen Freiheit  eine Lektion: Wenn die christliche Ethik der lebenslangen Treue und Verbundenheit zweier Ehepartner den absoluten Vorrang einräumt, spricht daraus nicht irgendeine lebensfeindliche religiöse Verklemmung. wie manchmal behauptet wird. Diese Moral hat vielmehr einen erhaltenden und fördernden Sinn auch für das ganz natürliche Leben.

 

 

Menschen mit Einschränkungen

 

Begegnung zwischen Gesunden und Behinderten:

Heute soll der Mensch möglichst erfolgreich, unabhängig und leistungsstark erscheinen.     So jedenfalls zeigen Illustrierte, das Fernsehen und die die Werbung immer wieder das erstrebenswerte Leben. Stars im Showgeschäft, erfolgreiche Manager, olympiareife Hochleistungssportler, einflußreiche Spitzenpolitiker.

Wer da nicht mithalten kann, ist „weg vom Fenster dieser Welt“, ein bedauernswerter -  ein wertloser Mensch. Man sagt das zwar nicht.          Aber allgemein wird doch der Kurswert eines jeden an seiner Leistung, seiner Beliebtheit gemessen: Kannst du was, hast du was. Und genau so umgekehrt: Kannst du nichts, hast du nichts, bist du nichts. Wer unvollständig erscheint,  gilt auch als minderwertig. Wem ein Gliedmaß fehlt, der wird heruntergestuft. Wer sich ungewöhnlich bewegt oder benimmt, der wird von den anderen ausgeschlossen. Wessen Leistung geringer ist,  weil ihn eine Behinderung dazu zwingt, der gehört mit einem Mal nicht mehr dazu.  So werden Menschen unversehens behandelt, als liege ein heimlicher oder öffentlicher Bann auf ihnen.

Gewiß, jeder kennt Behinderte oder wenigstens einen. Er mag ihm näher oder fernstehen, ihn schätzen oder sogar lieben. Aber insgeheim fürchtet  er sich doch vor ihm, weil er im Tiefsten Angst hat vor einem ähnlichen  Schicksal. So wird der Behinderte ihm unheimlich, sein Anblick unerträglich, die Last des Umgangs oder der Pflege zu schwer. Der Abstand wächst. Man ist geneigt, sich. zurückzuziehen oder den Behinderten in eine Hilfseinrichtung, abzuschieben.

Wie leicht können sich so auf einmal Fronten verkehren: Der Gesunde wird unsicher, gehemmt in seinem Vorhalten dem Behinderten gegenüber. Er schaut weg, wenn er ihn sieht. Ohne es zu wollen, handelt er ungerecht oder lieblos. Ist er damit nicht schon selbst zum behinderten, verkümmerten, unvollständigen Menschen geworden? Braucht er nicht nun selber Hilfe, um dem anderen unbefangen begegnen zu können?

Und umgekehrt: Der Behinderte, der angeblich nur unvollständige Mensch, vielleicht hat er sein Handikap schon ein Stück weit gemeistert, hat begonnen, seine körperlichen und seelischen Kräfte zur Überwindung des Mangels umzuorganisieren. Und dann geschieht es plötzlich, daß er in der Begegnung mit dem „Gesunden“

über sich hinauswächst. Durch seine Stärke nimmt er dem anderen die Unsicherheit, entkrampft ihn und fördert den Gesunden,  indem er ihn fordert.  Eine erstaunliche Erfahrung für  beide.

 

Verhalten gegenüber Menschen mit Einschränkungen:

• Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die leben wollen wie wir alle. Wir alle wollen entsprechend unseren Anlagen, Neigungen und Möglichkeiten unser Leben gestalten und unsere Kraft zum gesellschaftlichen Nutzen zur Verfügung zu stellen, um uns als Teil des Ganzen fühlen zu können. Das „Gesundsein" ist nicht als absoluter Maßstab und die Behinderung ist nicht als verminderte menschliche Qualität zu werten.

• Bedenken Sie, daß es vielen Behinderten gelingt, trotz schwerster Behinderung ein erfülltes Leben in Familie und Gesellschaft zu führen und daß nicht jedem Gesunden dies gelingt.

Alle Umgangsformen und Höflichkeitsbezeugungen wie unter Nichtbehinderten sind gültig. Das falsch angewandte vertrauliche Du und ein gönnerhaftes Verhalten können herabsetzend wirken.

• Sprechen Sie mit dem Behinderten selbst, nicht mit seiner Begleitperson, wenn Sie mit Ihm reden wollen.

• Stellen Sie einem Unbekannten keine neugierigen Fragen zu seiner Behinderung. Bei näherer Bekanntschaft wird er von selbst darauf zu sprechen kommen.

• Enthalten Sie sich beim Umgang mit Behinderten jeglicher Wertung ihrer Behinderung und deren Ursache.

• Starren Sie den Behinderten nicht auffällig an oder sehen Sie nicht offensichtlich weg, der Behinderte merkt Ihr Verhalten und empfindet es als taktlos, Objekt der offenen Neugierde oder des betretenen Wegsehens zu sein.

• Zuviel Vorsicht und Rücksichtnehme kann Passivität und Resignation beim Behinderten fördern. Sonderbehandlungen, weil „behindert“, wo sie nicht notwendig sing schaden mehr, als sie nützen.

• Bieten Sie dem Behinderten Ihre Partnerschaft bei gleichen Freizeit- Interessen und Hobbys an. Sie müssen auf ihn zugehen, er wird es seltener tun.

• Man entscheidet im Restaurant, beim Einkauf usw. nicht für den Behinderten, sondern er weiß selbst, was er will und wird das auch sagen.

• Fragen Sie, ob Hilfe erwünscht ist und respektieren Sie auch den Wunsch zum selbständigen Handeln.

• Bei Hilfeleistung immer auf die Hinweise des Behinderten achten, falls Sie nicht richtig verstanden haben, fragen Sie nochmals. Falsche oder unerwartete Hilfe kann zu gefährlichen Situationen führen.

• Körperbehindert bedeutet nicht geistig behindert zu sein. Denken Sie daran, wenn Sie einem Behinderten begegnen!

• Auch der geistig Behinderte ist eine Persönlichkeit, die Anspruch auf Achtung und Höflichkeit hat

• Neben den architektonischen Barrieren sind es vor allem Gedankenlosigkeit und Intoleranz, die den Weg des Behinderten hemmen.

 

Wie verhalten wir Gesunden uns gegenüber Behinderten richtig?

1. Körperbehinderte sind keine Kranken: Kranke hoffen auf Heilung, hoffen auf Gesundwerden. Körperbehinderte wissen, daß ihre Behinderung Dauerzustand ist, daß sie damit leben müssen. Natürlich werden Behinderte wie alle Menschen von allen Krankheiten heimgesucht. Ihr Organismus ist besonders anfällig. Sie haben oft zusätzlich zu ihrer Körperbehinderung Erkrankungen, die ihnen zu schaffen machen und sind diesbezüglich in ärztlicher Behandlung. Deshalb können wir Körperbehinderten Gesundheit wünschen und um Gesundheit für sie beten.

2. Körperbehinderte sind nicht geistig behindert: Körperbehinderte sind keine „Krüppel“, kein „Minderwertige“, keine „Schwachsinnigen“. Sie sind körperlich behindert, sonst verfügen sie über einen normalen Verstand und das Gefühlsleben eines Gesunden. Weil sie körperlich nicht voll aktiv sein können, möchten sie gerade als geistig rege, interessierte und normale Menschen behandelt werden. Wir können uns mit ihnen normal unterhalten, lachen, Spaß machen, sie auf ihre geistigen Interessen und Hobbys ansprechen. Sie haben oft großes Wissen durch Rundfunk und Literatur erworben, auch über Sport, Politik, Kunst und Musik.

3. Körperbehinderte wollen Partner sein: Früher wurden die  „Invaliden“ in ihren Wohnungen oder in Heimen versorgt, gepflegt und betreut. Heute mühen sich Staat und Kirche, die Behinderten zu „Rehabilitierten“ zu machen, d. h. Aufwertung, Eingliederung, Gleichstellung. Behinderte haben die gleichen Rechte, die gleiche Menschenwürde und solle soviel wie möglich als Partner am Leben teilhaben.

4. Körperbehinderte wollen als „normale Menschen“ behandelt werden: Die Behinderten möchten nicht bedauert, bejammert, bemitleidet werden mit Reden wie: „Ach, dieses Elend!“, „Es tut mir aber leid, daß Sie so leiden müssen!“ Solche Mitleidsbekundungen sind wohl gut gemeint. Sie schaffen aber eine Distanz zwischen den „Gesunden“ und den „Leidenden“ und machen das Behindertsein verstärkt bewußt. Behinderte haben ein feines Gespür, wie sie beguckt, bewertet, beachtet oder verachtet werden und ihre Anwesenheit       störend empfunden wird. Je natürlicher wir uns ihnen gegenüber verhalten, um so mehr fühlen sie sich als Partner angenommen und dazugehörig.

5. Körperbehinderte wollen soviel wie möglich sich selbst helfen: Die  Regel ist: Hilfe nur soviel als nötig! Helfen Sie nur dann, wenn Sie bemerken, daß der Behinderte Hilfe braucht oder wenn Sie dazu aufgefordert werden. Helfen Sie dann rasch und unaufdringlich. Unsere Hilfestellungen und Handreichungen müssen selbstverständlich sein, damit der Behinderte seine Unfähigkeiten nicht so spürt. Alles, was der Behinderte selbst verrichten kann, auch wenn es ihm schwer fällt, soll er selbst tun. Er braucht Bewegung, muß trainieren, braucht Erfolgserlebnisse.

6. Sprechen Sie im Beisein des Behinderten  ihm und nicht über ihn: Leider bestreiten bei Besuchen oft die Angehörigen das Gespräch. Haben Sie Geduld, wenn ein spastisch  Behinderter nur langsam und mühsam sprechen kann. Nehmen Sie ihn als Gesprächspartner ernst.

7. Wenden Sie im Umgang mit Behinderten alle Höflichkeitsformen an, die unter Gesunden  üblich sind: Oft sind Behinderte in Heimen und Krankenhäusern wie Entmündigte behandelt worden, wie große Kinder. Schon die Anrede kann Aufwertung und Anerkennung ausdrücken. Herablassendes oder gönnerhaftes Verhalten ist beleidigend.

8. Verhält sich ein Behinderter Ihnen gegenüber unhöflich oder lehnt er Ihre Hilfe schroff ab, so tragen Sie ihm nicht nach: Er kann Schmerzen oder einen schlechten Tag haben. Ziehen Sie aus dem Verhalten eines Einzelnen keinesfalls verallgemeinernde Schlußfolgerungen. Auch unter den Gesunden gibt es freundliche und. unfreundliche Menschen.

9. Fördern Sie alle Möglichkeiten der Mitarbeit von Behinderten: Auch Körperbehinderte können im Gottesdienst den Lektorendienst übernehmen. Bei Rüstzeiten oder Behindertentreffen können sie in die Vorbereitung einbezogen werden und dann die Tischgebete, Eintragung ins Gästebuch, Karten- und Getränkeverkauf u. a. übernehmen.

 

Die Situation des behinderten Mannes:

Behinderte sind geschädigte Menschen, die einen besonderen medizinisch festzulegenden Schaden habe. Sie sind auf irgendeinem Gebiet Geschädigte. Zu Behinderten machen wir sie erst.  Das fängt an bei den baulichen Barrieren und endet bei der Beurteilung eines anderen Menschen als „normal“ oder „nicht normal“. Der einzige Mensch, den ich als völlig normal kenne, das bin ich selber. Jeder Mensch ordnet die anderen nach seinen Erfahrungen und nach seinen Maßstäben ein. Das machen wir auch mit den Behinderten aller Art so.

Menschen, die von Geburt an behindert sind, haben es im allgemeinen leichter, weil sie diesen Schock, plötzlich anders zu sein, nicht erleben müssen. Gewiß gibt es auch für sie kritischen Zeiten, um Beispiel die Pubertät oder die Zeit, in der die anderen berufstätig werden oder wenn Menschen sich von den Eltern loslösen.

Auch von Geburt an Behinderte, zum Beispiel  Querschnittsgelähmte, Spastiker, Muskelschwundkranke u. a. machen einen völlig normalen, manchmal verzögerten Prozeß der Entwicklung  durch. Wir erleben oft mit Schrecken, wie besonders die Mütter ihre behinderten Jugendlichen bevormunden und verwöhnen, so daß sie manchmal rehabilitationsunfähig werden. So wird die Loslösung von den Eltern nicht möglich. Der Behinderte, ein Hilfsbedürftiger, ist an das Elternhaus gekettet.

Jugendliche wollen ein selbständiges Leben haben. Sie sagen kaum einmal, wir wollen zu Hause bleiben. Auch der behinderte Mensch will und Rand und Band, wenn ihr 18- oder 25jähriger Junge einmal Mädchen nachguckt. „Er ist so behindert, nun auch noch das!“ Aber das ist völlig normal.

Wenn ein Mensch mitten in seinem Leben von einem Unfall getroffen wird, ist eine Verarbeitung notwendig. Dazu gehört erst einmal die Auflehnung. Eine Auflehnung gegen das Schicksal - sagen wir es ruhig -  gegen Gott, ist legitim. Auflehnung  gegen das, was plötzlich über mich gekommen ist, ist ein notwendiges Durchgangsstadium.

 

Bei manchem Behinderten geht es soweit, daß er seinem Leben ein Ende machen will. Er wird für den Rest seines Lebens auf andere Menschen angewiesen sein und ihnen zur Last fallen. Sie sagen:  „Hätte ich mir das Genick doch etwas höher gebrochen? Dann wäre alles längst überstanden. Warum mußte ich mir gerade das Rückenmark in Halshöhe verletzen? Wenn ich Joch bloß abkratzen würde. Ich will meinem Leben ein Ende machen, aber noch nicht einmal das kann ich!"

Stadien der Verarbeitung sind: die Auflehnung, die Resignation, die Schuldgefühle. Wir sagen oft sehr schnell: Behinderung und Schuld haben nach dem Neuen Testament nichts miteinander zu tun. Das ist nicht ganz so einfach.

Es ist seltsam, daß alle Menschen, auch wenn sie atheistisch sind, die Frage stellen: „Was habe ich verbrochen“, „Warum kommt das. Unglück auf mich?“ Es gibt keine Krankheit ohne Schuldfrage. Die erste Frage ist: Wo kommt die Krankheit her? Wer ist schuld daran? Die zweite Frage ist die Frage an Gott: Warum gerade ich? Auch Behinderte haben vor Gott Schuld, so wie die anderen auch. In der Seelsorge muß ihnen die Möglichkeit gegeben werden, daß sie Schuld abbauen und Vergebung bekommen,

Wir dürfen aber  andere Menschen, wenn sie behindert sind, auf keinen Fall richten und sagen: Wer weiß, was der gemacht hat? Dies geschieht leider immer noch. Wir müssen fragen: Was will Gott vorn mir und was hat Gott mit mir vor?

Besonders für Männer ist die Abhängigkeit von anderen Menschen eine sehr schwere Sache. Unser ganzes Trachten geht von Geburt an nach Selbständigkeit. Plötzlich ist ein Mensch, wenn er krank ist, auf andere angewiesen. Die Männer sind da oft unleidlich, weil sie es schwer ertragen, daß sie von anderen abhängig sind (zum Beispiel Auseinandersetzung mit einer herrschsüchtigen Krankenschwester).

 

Vom Wert des Lebens (NS-Zeit):

In der Zeit des NS-Regimes gab e  die Vernichtung des sogenannten „lebensunwerten Lebens“. Unter dem Tarn-Namen „Euthanasie“ wurde an schon längst vorhandene Vorstellungen angeknüpft, daß der Tod einem qualvollen oder unerfüllten Leben vorzuziehen sei. Dazu kam der „Sozialdarwinismus“, die Lehre von der Auslese in der Natur auf den Menschen bezogen: Nur der Starke hat ein Recht auf Leben, nur für ihn ist es lebenswert. Ganz systematisch wurde an die schlimmsten Instinkte der dem NS-Regime verfallenen Menschen appelliert, Kranken und Behinderten den „Gnadentod“ zu geben.

So ist es zu erklären, daß sich überall Menschen dazu hingaben, die Vernichtung von über hunderttausend Kranken und Alten durchzuführen, wie auch die Vernichtung von Millionen anderer Menschen möglich war. Immer noch gibt es Gedanken aus der damaligen Zeit. Es ist ganz wichtig, daß wir die Mißachtung von Gottes Gebot aufarbeiten und uns darauf besinnen, wo wir in der Gegenwart Leben geringachten und vielleicht sogar in Gefahr sind, über Leben zu verfügen. Zur Achtung vor dem Leben gehört auch der Schutz des schwachen Lebens und seine Förderung und Stärkung.

Die Verfügbarkeit über unser Leben ist uns von Gott entzogen: Wir können uns unser Leben nicht selbst geben, den Zeitpunkt unserer Geburt nicht selbst bestimmen. Wir dürfen nach Gottes Gebot menschliches Leben nicht töten, den Zeitpunkt unseres Todes nicht selbst bestimmen.

Unter der Bevölkerung gibt es leider auch heute noch Reste der unseligen Ideologie von der Ausmerzung „lebensunwerten Lebens“. Die Vorurteile gegenüber geschädigtem Leben aus uralter Zeit sind nach wie vor lebendig, auch nach fast 2000 Jahren christlicher Lehre und Predigt.

In der zunehmenden Abwendung der Menschheit von Gott wächst der Anspruch auf die Verfügbarkeit des Lebens durch den Menschen. So ist der schreckliche Widerspruch zu erklären, daß einerseits alles Leben auf der Erde durch die Hochrüstung bedroht ist, andererseits wir uns aber mit allen Kräften um das Leben, vor allem um das geschädigte, bemühen. „Daß du das Leben erwählest“ (5. Mose 30,19) ist der Grundsatz für uns Christen. Im Wissen um Gottes Willen und um die unabsehbaren Folgen der Übertretung des Gebotes „Du sollst nicht töten“,  gilt unsere ganze Kraft der Bewahrung und Förderung des Lebens in allen Bereichen.

Jedes Leben, auch das des Schwerstbehinderten und Alten, hat vor Gott seinen Wert und Sinn. Wir dürfen darüber nicht verfügen. Im Gegenteil, wir haben zu überlegen, wo wir Leben schürzen und bewahren können, wo wir Schwaches stärken und Verachtetes achten können.

 

Euthanasie - der „gute Tod“?

Das griechische Wort „Euthanasie“ bedeutet an sich „schöner Tod“. Die Griechen meinten damit die Kunst, in Ruhe und Würde zu sterben. Spätere Zeiten verstanden darunter auch die Hilfe zu einem solchen leichten Tod. Das Gegenteil ist der schwere, schmerzvolle, würdelose Tod. Es ist im Grunde das absichtliche Hinauszögern des erlösenden Endes um Tage, Wochen, manchmal Jahre, obwohl alle wissen, daß die gewonnene Zeit nichts bringen wird als Elend und Qual.

Heute unterscheidet man die passive Euthanasie, wo der Arzt einen dem Tode Geweihten nicht mehr weiter behandelt und sterben läßt, und die aktive Euthanasie, wo man einem unheilbaren Kranken auf seinen Wunsch ein Medikament verabreicht, das zum Tode führt.

 

Fragen:

1. Sollen Ärzte alles dransetzen, schwerstgeschädigte Neugeborenen am Leben zu erhalten?

2. Soll ein Arzt jede weitere Hilfe unterlassen, wenn er nicht mehr helfen kann und der Sterbende darum bittet?

3. Soll der Arzt grundsätzlich von lebensverlängernden Maßnahmen der modernen Medizin Gebrauch machen?

4.  Soll ein Arzt Medikamente verabreichen, die nicht nur Schmerzen lindern, sondern auch den Tod schneller herbeiführen‘?

5. Darf ein Arzt das Leiden eines sterbenskranke Menschen verlängern?

6. Soll ein Arzt die erlösende Spritze geben, wenn der Sterbende sich nicht mehr äußern kann und die Angehörigen um die Beendigung der Qual bitten?

7. Soll ein Arzt das Leben eines Menschen um jeden Preis verlängern und das Sterben zu verhindern suchen?

8. Soll ein Arzt verurteilt werden, wenn er Sterbehilfe geleistet hat, aber nachweisen kann, daß jede weitere Behandlung sinnlos war?

9. Ist Sterbenlassen und Töten dasselbe?

10.Soll die Spritze gegeben werden, ....

a. wenn der Wunsch bei dem Kranken besteht

 b. auf Bitten der Angehörigen

c. nach eigenem Ermessen des Arztes?          

 

Nicht beanstandet wird vom Staat und von der Kirche, wenn ein Arzt schmerzlindernde und betäubende Mittel gibt, auch wenn diese vielleicht das Leben vorzeitig beendet (Morphium­gaben im Endstadium des Krebs). Aber es ist eine hauchdünne Grenze  zwischen der „Hilfe beim Sterben“ und der „Hilfe zum Sterben“, die verboten ist. Strafbar ist, die natürliche Todesursache durch eine künstliche zu ersetzen. Selbst eine Tötung auf Verlangen ist strafbar, wenn auch mildernde Umstände berücksichtigt werden.

Aber im Zweifelsfall rangiert die Lebenserhaltung vor  der Schmerzlinderung. Es könnte ja sein, daß der Mensch durch ein neues Mittel noch gerettet werden kann. Vor allem würde durch eine generelle Freigabe der Euthanasie der Mißbrauch gefördert.

Das zeigte sich in der Nazizeit. Hitler hatte in seinem Buch geschrieben: „Ein stärkeres Geschlecht wird die Schwachen verjagen!“ Die Nazis wollten dabei der Natur nachhelfen. Schon 1933 bereitete man die Bevölkerung darauf vor, daß die Gesellschaft nicht länger der Hüter der Minderwertigen, Kranken, Verkrüppelten, Verbrecherischen und Verfaulten sein  könne (Alfred Rosenberg). 1n der Schulbüchern fanden sich auf einmal Rechenaufgaben wie diese: „Der Bau einer Irrenanstalt erforderte 6 Millionen Reichsmark. Wie viele Siedlungshäuser zu je 15.000 Reichsmark hätte man dafür bauen können?

Am 14. Juli 1933 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen. Es hielt sich noch einigermaßen im Rahmen dessen, was Ärzte und Biologen auch früher schon gefordert hatten. Erbliche Schwerkranke wurden danach zwangssterilisiert. Aber schon zwei Jahre später wurde das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ und das „Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutscher Volkes“ erlassen.

Mit dem Töten selbst fing man 1938 an, als die Eltern eines geistig schwer gestörten Kindes den „Führer“ um den „Gnadentod“ baten.  Hitlers Leibarzt Dr. Brandt beriet mit dem Leiter der Universitätskinderkinik in Leipzig und das Kind wurde eingeschläfert.

Nach Beginn des Krieges im Herbst 1939 begann dann eine uferlose Aktion. Hitler unterschrieb im Oktober (zurückdatiert auf den 1. September) ein formloses Schreiben: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranke bei kritischster Beurteilung ihres Gesundheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“

Man begann mit den Geisteskranken in den Anstalten, die leicht und mit wenig Aufsehen zu erfassen waren. Zur Ausführung des Euthanasie-Programms wurden Anfang 1940 unter dem Aktenzeichen 14 F 1 drei Organisationen gegründet: Die „Reichsarbeitsgemeinsehaft Heil- und Pflegeanstalten“ sollte die Ärzte stellen, die über Tod und Leben, entscheiden. Die „Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege“ sollte die Finanzierung besorgen und die „Gemeinnützige Krankentransport Gmbh.“ sollte die Verlegung der ausgesuchten Kranken vornehmen.

Die Aktion lief an wie die Mobilmachung der Wehrmacht. Noch 1939 wurden im Zuchthaus Brandenburg  vier Anstaltspatienten vor den Augen ärztlicher Prominenz durch Kohlen­mon­oxydgas umgebracht.

Ab Februar 1940 arbeiteten die Vergasungsanstalten Grafeneck (Schloß in Württemberg), Hartheim (Schloß bei Linz), Pirna (Burg Sonnenstein) und Hadamar (in Hessen). Die Anstalten mußten Fragebogen  über alle Patienten ausfüllen. Erfaßt wurden alle, die nicht arbeiten konnten oder nur mit mechanische Arbeiten (zum Beispiel Zupfen) beschäftigt werden konnten. Dazu alle Alterskranken, kriminelle Geisteskranke, Ausländer und alle Insassen, die mindestens fünf Jahre sich in Anstalten befanden. Dann machten drei Ärzte in vorgedruckte Kreise ihr Kreuzchen und das Todesurteil war gefällt.

Das Begutachten ging schnell vor sich: In drei Wochen rund 2000 Gutachten. Als dann manche Anstaltsleiter die Arbeitsfähigkeit ihrer Patienten immer höher ansetzten, wurde eigene Kommissionen auf die Reise geschickt, die höchstens einmal einige Patienten ansahen, aber keinen untersuchten. Höchstens 6 Prozent der Insassen wurden nicht von den Omnibussen abgeholt. In den Tötungsanstalten wurden sie sofort „behandelt“, d.h. im „Desinfektionsraum“ vergast. Die Angehörigen erhielten eine Urne und einen Brief mit fingierter Todesursache. Pannen blieben nicht aus, denn als Todesursache wurde Blinddarmentzündung genannt, obwohl der Verstorbene seit Jahren keinen Blinddarm mehr hatte.

Bei den Staatsanwälten häuften sich die  Anzeigen. Daraufhin mußten alle Anzeigen an den Reichsjustizminister eingereicht werden. Aber Bischöfe und christliche Anstaltsleiter (und sogar NS-Funktionäre beschwerten sich in Berlin. Die Todeswelle hatte eine Panik ausgelöst. Man hoffte darauf, daß der „Führer“ um diese Dinge nichts wisse.

Es kursierte das  Gerücht, nach den Irrenanstalten würden die Altersheime ausgeräumt. Die Soldaten befürchteten, bei Kopfverletzungen auch in die Gaskammern zu kommen. Man begann sich um die Durchhaltemoral der Deutschen zu sorgen. Deshalb ließ Hitler im August 1941 die Aktion abbrechen.

Im Zentrum des Tötungsapparates stand der Psychiater Heyde, Professor und Chef einer Universitätsklinik. Er nahm nicht nur an den Vorbesprechungen teil und half die Fragebogen auszuarbeiten; er wirkte auch als Obergutachter mit und wies die jungen Ärzte in ihre Aufgaben ein; ab Sommer 1940 war er Leiter der „Aktion T 4“ (nach dem Gebäude in der Berliner Tiergartenstraße 4, einem Sammelplatz).

Etwa 100.000 Patienten wurden durch ihn umgebracht. Nach dem Krieg konnte er zunächst als Dr. Sawade weiter als Psychologe und Gutachter in Flensburg weiter arbeiten, bis er entdeckt wurde und ihm der Prozeß gemacht werden sollte. Im Zuchthaus Butzbach hat er aber vorher Selbstmord begangen. Dadurch verhinderte er, daß er das ganze Ausmaß seiner Verbrechen darstellen mußte.

Widerstand wurde vor allem auch von kirchlicher Seite geleistet. Der katholische Bischof vor Münster, Clemens August Graf von Galen, stellte Strafanzeige und gab den Text am 3. August 1941 von der Kanzel her bekannt; er wurde auch vervielfältigt und in Deutschland verbreitet. Er sprach mit tiefster Abscheu vom Mord Unschuldiger und zitierte der Gesetzestext.

Auf evangelischer Seite war es besonders der Bischof Wurm und die Anstalten Bethel bei Bielefeld, die Widerstand leisteten. In Bethel war sogar ein Verwandter Görings untergebracht, aber die Familie tat nichts zu seiner Rettung, weil er nicht so schwerkrank war,

daß man ihn auf die Tötungsliste hätte setzen müssen.

Es stimmt nicht, daß man dort unentschlossen gewesen wäre oder die schwächsten Kranken hätte preisgeben wollen. Man hielt dort keine Predigten wie in Münster, weil die Kranken ja selber unter der Kanzel saßen und weil man dann die Aufmerksamkeit erst recht auf sich gezogen hätte.

Aber Pfarrer Bodelschwingh, der Enkel des Gründers der Anstalten und heimliche Reichsbischof der Bekennenden  Kirche, sagte nach einem harten Gespräch mit den Euthanasieleuten: „Keinen sollen sie haben!“ Bodelschwingh und Pfarrer Braune aus Lobetal gingen zu allen Behörden und klärten dort auf. Sie übergaben in der Reichskanzlei eine mutige Denkschrift, in der alle Greuel dem „Führer“ unterbreitet wurden. Es gelang auch, Hitlers Leibarzt Dr. Brandt zu einem Besuch Bethels zu bewegen. Die Ärzte wollten die schwersten Fälle sehen: Epileptiker, Pararoide, Bettlägerige. Immer wieder schüttelten sie die Köpfe und fragten: „Lohnt sich der Aufwand für diese wertlosen Menschen?“Einer fragte eine total gelähmte Frau, die nur noch im Gesicht Leben hat: „Warum und wozu leben Sie?“ Die Frau artwortet: „Damit Sie lernen,  Gott zu danken, daß Sie gesund sind!“

Dr. Brandt sprach immer vom sogenannten „Nullpunkt“, der dann erreicht sei, wenn man keine menschliche Gemeinschaft mit dem Kranken mehr herzustellen sei. Bodelschwingh aber artwortete ihm: „Gemeinschaftsfähigkeit ist zweiseitig bedingt: Es kommt darauf an, ob i c h auch gemeinschaftsfähig für den anderen bin. Mir ist noch niemand begegnet, der nicht gemeinschaftsfähig wäre!“

 

Die Frage der Euthanasie  ist bis heute nicht erledigt. Von den Verbrechen der Nazis distanziert man sich natürlich. Aber die Sache selbst hält man noch für diskussionsfähig. Man sagt, es sei doch eine Wohltat  und ein Liebeserweis, wenn man solche Kranke durch eine Spritze schmerzlos einschlafen läßt. Man sagt auch: Konzentriert euch doch auf die, denen noch zu helfen ist oder die die Pflege noch als Wohltat empfinden können, statt über den Mangel an Pflegekräften und Geld zu klagen. Ihr seid doch auch bereit, ein Bein zu amputieren,  wenn das Leben des ganzen Menschen bedroht ist. Wird nicht auch die Gemeinschaft bedroht oder behindert, wenn ihr solche kranken Glieder weiter anhängen, die in Wirklichkeit gar keine Menschen sind! Es sind doch nur Wesen, die zwar von Menschen gezeugt sind, aber selber keine Vernunft und keine Seele haben oder je Menschen werden können.

Weiter wird argumentiert: Man vergißt auch leicht die Konfliktsituationen in Ehen und Familien, wo man immer wieder das Grauen vor Augen hat‚ wo weitere Kinder entweder ausbleiben oder geschädigt werden (z.B. dann auf den „ Idioten“ ständig aufpassen sollen)‚ wo es zur Auflösung sozialer Bindungen  kommt. Die Ärzte, die sich gegen die Euthanasie aussprechen, sollen doch selber einmal ein solches Kind in ihrer Familie aufnehmen oder sich in eine Anstalt melden.

Das sind heute die Argumente für die Euthanasie. Hier ist es schon schwerer, das Gebot Gottes hochzuhalten und deutlich zu machen, daß auch diese „Wesen“ Geschöpfe Gottes sind und unsere Liebe verdienen [Die gleichen Argumente werden bei der Abtreibung genannt, die auch als „Konfliktsituation“ bezeichnet wird].

 

Einige katholische Stimmen fragen, ob es sich bei medizinischen Fortschritten wie Bestrahlungstherapie, Sauerstoffzelt, Eiserner Lunge, intravenöser Ernährung und so weiter um „normale“ oder um „extreme“ Maßnahmen handle. Sie sind offenbar darin einer Ansicht, daß zum Beispiel eine intravenöse Ernährung jetzt als normal zu gelten habe.

Man könnte sagen „Ein Arzt, der nichts mehr tut, versucht Gott zu spielen!“ Doch dieser Vorwurf ist falsch. Viel eher will der Arzt ,Gott spielen', der ein Leben durch extreme Maßnahmen verlängert.

 

Der „gute Tod“ der Margina Grevelink

Im Februar 1973 stand die holländische Ärztin Gertruida Postma van Boven vor Gericht, weil sie ihre 78njährige Mutter mit einer Überdosis Morphium eingeschläfert hatte. Die Mutter litt den unheilbaren Folgen eines Schlaganfalls und war in einem Heim untergebracht. Den letzten Besuch beschreibt die Ärztin so:

„Als ich in das Zimmer kam, hing meine Mutter ganz schief im Rollstuhl. Sie war mit Riemen festgeschnallt und halb bewußtlos. Ich habe sie sanft geschüttelt. Da sah sie mich an und fragte:  „Warum hilfst du mir nicht beim Sterben?“ Ich habe meine Mutter umarmt und ihr ins Ohr geflüstert „'Jetzt wird es bald besser!“Dann habe ich ihr 200 Milligramm Morphium in die Vene gespritzt. Mein Mann war Zeuge. Er konnte nicht verhindern, daß eine Schwester im entscheidenden Augenblick zur Tür hereinschaute, aber ohne ein Wort das Zimmer wieder verließ. Die Spritze beendete das Leiden meiner Mutter!“

Doch der Heimarzt weigerte sich, den Totenschein zu unterschreiben und meldete den Fall. Erst ein Jahr später erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Die 4.000 Einwohner  des Dorfes erklärten sich solidarisch mit der Ärztin und befürworteten. Die Euthanasie-Ärzte erklärten, daß sie selbst schon die Euthanasie praktiziert hätten.

Sie schrieben: „In gewissen Fällen kann Euthanasie ein Akt der Menschlichkeit sein, indem man einem Kranken besonders schwere Leiden dann erspart, wenn sein Gesundheitszustand keinerlei Heilungsaussichten zuläßt und ein besonders schrecklicher Tod vorauszusehen ist!“ Die Ärztin wurde zu einer symbolischen Strafe von einer Woche Haft mit Bewährung verurteilt.

 

Gott schenkt und schützt das Leben:

Freude über das Leben: Eltern dürfen Leben zeugen und bewahren - Vertrauen Gottes in uns, wenn in einer Familie neue Leben entsteht - Lebensfreude durch Gottes Gaben - was macht mein Leben schön? - Worüber freue ich mich? - Warum lebe ich gern? - Leben in der Tierwelt und in der Natur - Freude an Pflanzen und Tieren -

Gott schützt das Leben: Das 5. Gebot - Ehrfurcht vor dem Leben - Kain und Abel: Gott zieht den Vernichter des Lebens zur Verantwortung - auch im staatlichen Recht wird das Leben geschürzt und bewahrt - Jesus und Behinderte - Jesus erweckt zum Leben.

Jeder einzelne Mensch ist von Gott gewollt und ins Leben gerufen. Jeder einzelne Mensch ist von Gott angenomen, wie er ist, und bei seinem Namen gerufen. Jeder einzelne Mensch besitzt unantastbaren Wert und unendliche Würde, weil Gott Wert auf ihn legt und ihn seiner Liebe würdigt. Jeder einzelne Mensch ist zum Partner Gottes berufen. Er ist dazu bestimmt, die Beziehungen, die Gott zu ihm hat, zu erfahren und widerzuspiegeln.

Übertretungen gegen das 5. Gebot gibt es, seit es Menschen gibt. (Kain und Abel) In alter Zeit haben Griechen, Römer und Germanen krank oder behindert geborene Kinder ausgesetzt oder direkt getötet. Im Mittelalter haben Eltern überzählige oder schwache Kinder in Klöster abgeben, daß sie dort erzogen würden. Auch Aussetzungen gab es noch, wie im Märchen von „Hänsel und Gretel" erzählt wird. Darwin. der englische Naturforscher (1809 bis 1882) entwickelte die Lehre von der „natürlichen Auslese“ (Selektionstheorie) in der Natur: Nur das starke Tier und die angepaßte Pflanze können überleben. Im „Sozialdarwinismus" ist diese Lehre auf den Bereich des Menschen übertragen worden: Nur starke und gesunde Menschen sollten ein Recht auf Leben haben.

Auf vielen dieser Ansichten aufbauend hat Adolf Hitler in der Zeit des NS-Regimes das deutsche Volk verführt und in der sogenannten „Euthanasie“ (Gut-sterben) einige hunderttausend kranke und behinderte Kinder und Erwachsene umbringen lassen.

 

Dazu einige Zeugnisse aus dieser furchtbaren Zeit:

Denkschrift des Preußischen Justizministers 1934: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung, beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranke bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“. gez. Adolf Hitler

Als die Pfleger und Pflegerinnen sich beeilten, ihren Kranken noch Wäsche und Wegzehrung in die Omnibusse zu bringen, fielen vor den Ohren der unter Tränen Abschiednehmenden zurückbleibenden Pfleglinge der Anstalten Kork und Stetten die hämischen Worte: „Wo die hinkommen, brauchen sie nichts mehr zum Essen und Anziehen: jetzt gibt es dann 75 Dackel weniger auf der Welt“. Bald darauf trafen auch die Todesnachrichten ein.

Pastor Braune von den Lobetaler Anstalten hat am 15. Juli 1940 beim Chef der Reichskanzlei eine Denkschrift gegen die „Euthanasie“ zur Kenntnisnahme durch Hitler eingereicht. Dann aber griff die Gestapo zu. Braune schreibt: „Am 12. August 1940 verhaftete mich das Reichssicherheitshauptamt und holte mich nach stundenlanger Durchsuchung meines Amtszimmers in die Keller der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin. Erst nach 14 Tagen fand die erste Vernehmung statt“. Am 31. Oktober 1940 wurde Braune wieder entlassen.

Landesbischof Wurm (Württemberg) an den Reichsinnenminister am 5.  September 1940: „Am 19. Juli habe ich ein Schreiben an Sie gerichtet wegen der planmäßigen Ausrottung der Geisteskranken. Schwachsinnigen und Epileptischen. Seither hat dieses Vorgehen einen ungeheuren Umfang angenommen: neuerdings werden auch die Insassen von Altersheimen erfaßt ... Muß das deutsche Volk das erste Kulturvolk sein, das in der Behandlung der Schwachen zu den Gepflogenheiten primitiver Völker zurückkehrt?“

So wie die Kranken und Behinderten sind unzählige andere vergast und getötet worden: Kom­munisten, Juden, Fremdarbeiter, Zigeuner, Frauen und Kinder in den besetzten Gebieten. Warum wird so wenig an die getöteten Kranken gedacht? Die Kirchen haben viel Widerstand geleistet, haben in ihren Einrichtungen oft Kranke vor dem Tod bewahren können. Aber oft haben sie auch versagt, hätten noch viel mehr tun können. Auch - oder gerade  - die Kirchen brauchen die Vergebung Jesu Christi.

Zum Nachdenken:

Haben wir schon einmal jemand den Tod gewünscht? Gab es auch in unserem Leben schon Probleme, die durch den Tod eines Menschen am besten gelöst worden wären? Sind wir in. unseren Gedanken nicht auch schon so weit gegangen, ein Leben, etwa das eines ganz alten Menschen oder das eines schwerstbehinderten Kindes, als nutzlos anzusehen? Es gibt doch alte Menschen, die sich den Tod wünschen. Darf man dafür beten? Darf der Arzt „nachhelfen“? (Kein Arzt hat ein Recht dazu).

 

 

Blinde

Spiele:

1. Auf dem Tisch liegt eine Anzahl Gegenstände, von einem Tuch bedeckt. Das Tuch wird kurzzeitig entfernt. Dann wird aufgezählt, was alles zu sehen war. Wer weiß die meisten Gegenstände?

2. Einer geht nach draußen, im Zimmer wird allerhand verändert. Der andere soll dann angeben, was alles anders ist

 

Blinde, sind auch Menschen:

Ein Pariser Wirt veranstaltete Ausgangs des 18.Jahrhunderts ein „Blindenkonzert“ und füllte damit wochenlang sein Lokal. Die Blinden saßen mit großen Pappdeckelbrillen ohne Gläser da, die Noten hatten sie verkehrt vor sich und der Dirigent trug ein Paar Eselsohren. Ein Mann empörte sich darüber, der 26 jährige Valentin Haüy. Er gründete 1784 die erste Blindenschule.

Lange waren Blinde nur gut als Bettler. Und selbst ins unser Zeit gibt es so etwas wie jenen Pfarrer in einer Anstalt, der bei Raummangel einen Blinden in ein Zimmer ohne Tageslicht setzte mit der Begründung: „Der sieht ja doch nichts!“

Zum Umgang mit Blinden ist auch sachliche Information  nötig. Guter Wille allein reicht nicht aus. Auch Taktgefühl ist nötig. Wenn etwa ein Blinder am Arm einer Begleitperson hereinkommt, kann man ihn nicht an beiden Händen fassen und durch der ganzen Raum ziehen: Er fühlt sich immer am sichersten am Arm seiner Begleitung!

 

Blinde sind einsame Menschen:

Mit unseren Augen können wir ständig im Bilderbuch Gottes blättern und uns daran erfreuen und anregen lassen. Wer zieht nicht den Fernseher dem Radio vor, ein bebildertes Buch dem reinen Schriftbuch? Blinden ist das alles verschlossen. Früher war es so: Wer nicht zur Schule gehen konnte, der konnte auch nichts lernen. Und wer nichts gelernt hatte, der mußte sich seinen Lebensunterhalt durch Betteln verdienen. Das können wir uns heute kaum noch vorstellen.

Das Jahr 1784 wurde zu einem wichtigen Jahr für das Leben blinder Menschen; denn in diesem Jahr wurde von Valentin Haüy (1745 - 1822) die erste Blindenschule der Welt in Paris gegründet. An einzelnen überragenden Leistungen, die Blinde jener Zeit schon vollbrachten, erkannte Haüy, daß diese Menschen weit mehr können, als am Straßenrand zu sitzen und den vorbeigehenden Leuten einen leeren Hut hinzuhalten.

In seiner Blindenschule, die schon bald nach ihrer Gründung 80 Schüler hatte, lernten die Blinden lesen und schreiben. Die erste Blindenschrift hätte man noch lesen können: Die Buchstaben wurden einfach tastbar gemacht. Man versuchte es durch Aufsticken der Buch­staben auf kräftiges Papier oder Pappe. Später wurden sie durch das Papier durchgedrückt. Dazu verwendete man dicht nebeneinander stehende Punkte. Das Lesen dieser Blindenschrift blieb mühsam.

Haüy war es, der in einer eigenen Blindenbuchdruckerei Reliefbuchstaben tastbar ins Papier brachte. So wurde er zum Begründer des Blindenbuchdrucks, obwohl diese Technik noch große Veränderungen erleben sollte, bis die Blindenbücher entstehen konnten, wie wir sie zur Zeit kennen. Ja, in der Pariser Blindenschule konnten auch die etwas werden, die nichts sehen konnten! Die einen lernten das Seilerhandwerk. Die anderen wurden Bürstenmacher. Die dritten beschäftigten sich mit der Blindenbuchdruckerei. Viele schlugen die Laufbahn des Musikers ein.

 

Weil sie von vielem ausgeschlossen sind, werden sie einsam und ihr Leben ist von Langeweile erfüllt. Das ließ den jungen Franzosen Louis Braille  nicht ruhen: Als Kind hatte er aus Unvorsichtigkeit sein Augenlicht verloren und war jetzt in einer Blindenschule. Da hörte er von einer Geheimschrift, die von der Soldaten auch in der Nacht gelesen werden kann. Er erfand die Punktschrift, die man mit den Fingern ertasten kann. Sechs erhabene Punkte, die wie bei einem Spielwürfel bei der 6 angeordnet sind, ergeben durch Weglassen 63 verschiedene Kombinationen. Die Schrift aus sechs Punkten, die Louis Braille (1808 bis 1852) einführte, brachte um das Jahr 1825 einen großen Fortschritt in der Schreib- und Lesetechnik der Blinden.

Heute gibt es allerdings auch in der Blindenschrift eine Kurzschrift,  bei der die häufigsten Silben und Endungen durch ein Zeichen ersetzt werden. Das erspart ein Drittel des Platzes, denn diese Schrift erfordert viel Platz. Die Bibel zum Beispiel besteht aus 32 Bänden und benötigt 2,50  Meter Regalplatz. Die Herstellung einer solchen Bibel kostet natürlich auch viel Geld.

Der Gedanke, auch Blinden einen geregelten Schulunterricht zu ermöglichen, faßte bald in ganz Europa Fuß. 1806 wird die erste Blindenschule in Berlin gegründet. Heute gehen sehbehinderte Kinder wie alle anderen täglich zur Schule. Sie haben ihre Spezialschulen, werden dort aber nach denselben Lehrplänen unterrichtet und haben auch dieselben Schulbücher in ihrer Schrift wie die anderen Schüler.

 

Helen Keller

Lange Tage und schwere Nächte bangten die Eltern um das Leben ihres Kindes. Gehirnhautentzündung hatte der Doktor gesagt und wenig Hoffnung gelassen. Neunzehn Monate alt war die kleine Helen Keller nun. Am 27. Juni 1880 war sie in einer kleinen Stadt im nördlichen Alabama als Tochter eines amerikanischen Hauptmanns geboren worden. Sollte den Eltern nun das Kind genommen werden, an dem sie soviel Freude hatten? Endlich kam doch der Tag, an dem das Fieber sank und die Gefahr vorüber war. Sie würde sich wieder erholen und alles wäre wieder gut.

Aber Frau Keller war doch noch in großer Sorge. Sie sagte zu der alten Frau, die Helen betreute: „Findest du nicht auch, daß Helen sich während der Krankheit sehr verändert hat? Weißt du noch, wie lebhaft sie früher war?“ Die Frau hatte eine Idee: Sie warf das Tablett aus Metall auf den Boden, so daß es ein klirrendes Geräusch gab. Frau Keller fuhr zusammen. Aber Helen in ihrem Bettchen rührte sich nicht. „Helen kann überhaupt nichts hören“, sagte die Kinder frau traurig.

Der Vater kam vom Dienst und brachte ein Plüschäffchen mit. Er ließ es auf der Bettdecke tanzen. Aber Helen folgte den Bewegungen nicht mit den Augen. Der Vater gab ihr das Spielzeug in die Hand. Da griff sie fest zu. Aber als ihr das Tier weggenommen und vor die Augen

gehalten wurde, griff sie ins Leere.

Nun war es deutlich: Helen war durch die Krankheit taub und blind  geworden. Sie würde nichts sprechen lernen, weil sie ja nichts hören konnte. Auf grausame Weise war sie ausgeschlossen vom Erleben und Geschehen ihrer Umwelt. Wie sollte sie sich in der Welt zurechtfinden? Wie konnte sie anderen deutlich machen, was sie brauchte? Wie eine Wilde wuchs das Mädchen auf. Allein auf ihr Tastvermögen angewiesen, tappte sie durch Wohnung und Garten. Eltern und Geschwister hatten Mitleid mit ihr. Sie wurde dadurch zur  Haustyrannin ihrer Umgebung. Sie lief der Mutter nach und klammerte sich an ihr Kleid. Nur wenige einfache Zeichen lernte sie.

Als Helen sechs Jahre alt war fanden die Eltern eine junge Lehrerin, die bereit war, das Kind zu unterrichten. Ann Sullivan war selbst blind gewesen. Aber sie war begabt und brachte die Geduld auf, das temperamentvolle und oft ungezogene Kind zu fördern.

Vor allem galt es, den Tastsinn zu schulen. Sie gab dem Kind eine Puppe in die Hand und schrieb das Wort für Puppe (doll) Buchstabe für Buchstabe in die kleine Hand. Es dauerte einige Zeit, bis Helen begriff, daß Wort und Gegenstand zusammen gehörten. Aber dann lernte sie bald das Fingeralphabet und lernte es, die Dinge ihrer Umgebung zu benennen. Mit ausgestreckten Armen lief sie durch den Garten. Sobald sie etwas berührte, streichelte sie Annes Hand, damit die ihr sagte, was das ist. In einer Stunde lernte sie 30 neue Wörter, die Welt war nicht mehr fremd und undurchdringlich, ein neuer Weg hatte sich aufgetan.

Schwieriger war es bei den Wörtern, bei denen  es nichts anzufassen  gab. Als Helen eines Tages Perlen auf eine Kette reihte, immer zwei große, drei kleine, machte sie dabei Fehler. Miss Sullivan berührte Helens Stirn und buchstabierte in die Hand: „Denke!“ Da begriff Helen: In ihrem Kopf sollte etwas vorgehen, sie sollte denken und es richtig machen.

Nun lernte Helen die Blindenschrift lesen und schreiben. Sie wurde ein frohes Kind. Lebendig wie nie zuvor versuchte sie die Welt zu begreifen. Sie tollte mit Gleichaltrigen und war eine tüchtige Schwimmerin. Als das Radfahren für die Frauen noch gar nicht üblich war, erlernte sie diesen Sport. Zugleich war sie eine tüchtige Reiterin.

Einmal war Helen Keller mit im Zirkus. Sie durfte alles betasten, was die anderen Kinder ja sehen konnten. Mit ihrem Vater durfte sie auch in einen Löwenkäfig, wo ein alter, zahnloser Löwe brüllte. Helen legte die Hand auf die Kehle des Löwen und fühlte, wie sie sich beim Brüllen bewegte. Dann wollte sie ihrer Mutter vormachen, wie der Löwe gebrüllt hat. Die Laute gelangen ihr so ähnlich. Das Fühlen von Tonschwingungen wurde eine wichtige Entdeckung.

So konnte man ihr das Sprechen beibringen. Sie fühlte mit der Hand die Worte am Kehlkopf des Sprechenden nach und versuchte sie nachzuahmen. Sie legte ihre Hand leicht über das Gesicht ihrer Lehrerin und fühlte die Stellung ihrer Zunge und ihrer Lippen. So lernte sie langsam das Sprechen. Wenn sie ihre kleine Schwester rief, kam sie. Auch der Hund kam gelaufen, wenn sie ihn rief.

Nun konnte sie mit dem Wissensstoff einer höheren Schule bekannt gemacht werden. Sie lernte die deutsche und französische Sprache und Literaturgeschichte. Zur Hilfe hatte sie eine Schreibmaschine und ihre unermüdliche Lehrerin Ann Sullivan. Auf der Universität saß

sie neben Helen und buchstabierte ihr in die Hand, was der Professor vortrug. Die Doktorprüfung machte sie mit höchster Auszeichnung. Dann fing sie eine Arbeit in der Blindenfürsorge  an. Sie schrieb Bücher über Blindenerziehung und wurde mit der Aufsicht über die Blinden- und Taubstummenanstalten Nordamerikas betraut.

Auf vielen Auslandsreisen erweiterte sie ihren Wirkungskreis. Nach Westeuropa kam sie im Jahr 1964. Am 31. Mai 1968 ist sie gestorben.

Ihr wichtigstes Buch war die Bibel, die sie ganz durchgelesen hat. „Ich liebe sie wie kein anderes Buch“, sagte sie. „Gott hat viele seiner größten Werke in Blindenschrift geschrieben“, meinte sie, „nur wenige wissen, was es für ein Genuß ist, die Rosen zu berühren oder den anmutigen Bewegungen der Lilien zu folgen!“

Als Fünfundsiebzigjährige sagte sie: „Um einigermaßen Herr seines Schicksals zu werden, braucht man Arbeit, den Trost der Freundschaft und einen unerschütterlichen Glauben an die Liebe Gottes!“ Sie sah es als ihre heilige Pflicht an, sich selbst und ihre Mitmenschen immer wieder zu dem Glauben an Gottes Güte und die Vollkommenheit der von ihm geschaffenen Welt zu ermutigen.

 

Blinde sind auf Hilfe angewiesen:

Blinde gehen den verschiedensten Berufen nach: Kirchenmusiker, Korbflechter, Pfarrer, Klavierstimmer, Telefonist, Programmierer .Viele können lesen und mit einer Spezialschreibmaschine schreiben. Aber es gibt Arbeiten, die ein Blinder nicht kann und für die er Hilfe braucht. Möglich sind:

Hausbesuche: Blumen bringen, Gespräch, Teilnahme an ihrem Lebensschicksal.

Spaziergänge: Erzählen, was man sieht und erlebt; dann selber erzählen.

Einladung  zum Gottesdienst: Gemeinschaftserlebnis (mehr als Radio)

Kleine Handreichungen Einkaufen, vorlesen, Post erledigen, Tonträger.

Blinde erwarten, daß wir uns zu ihnen aufmachen, denn sie können ja nicht so gut aus ihrem Zimmer heraus, das oft wie ein Gefängnis für sie ist.

 

Blindendruckerei in Wernigerode:

Die Anfänge des christlichen Blindendienstes gehen in das Jahr 1904 zurück. Damals beschlossen fünf blinde Männer in Frankfurt a.M., christliche Literatur in Blindenschrift zu übertragen. Zunächst gründete man eine Leihbibliothek und schließlich eine eigene Druckerei, die in einem Schuppen in Wernigerode im Harz untergebracht war. Dann konnte man 1927 ein größeres Haus am Stadtrand von Wernigerode kaufen, das heute außerdem 25 bis 30 blinde Gäste aufnehmen kann.

Die Druckerei ist die einzige christliche Blindendruckerei im ganzen deutschsprachigen Raum. Die in der Wernigeroder Blindendruckerei hergestellten Bibeln und christlichen Schriften werden in alle Teile der Welt exportiert. Alle diese Schriften sind aber in deutscher Blindenschrift gedruckt. Viele Blinde im Ausland lernen daher die deutsche Sprache, um christliche Literatur selbst lesen zu können. Die Kosten für den Druck der Bücher wenden hauptsächlich aus Spenden gedeckt.

Jährlich werden 10 bis 12 Bücher neu gedruckt, die zum Verkauf angeboten werden. Die Losungen  werden in 6 Etappen in rund 1000 Exemplaren kostenlos versandt. Für die Leihbücherei werden jährlich etwa 30 Bücher neu hergestellt. So stehen etwa 4.000 Bücher von 1.000 Titeln zur Verfügung. Sie werden von Heimarbeitern in Handarbeit  hergestellt. Ein sehender Partner diktiert.

Die höchste Auflage erzielten die Herrnhuter Losungen mit 1000 Exemplaren im Jahr. Außerdem kann man unter anderem die Lutherbibel, die Gute Nachricht und das Evangelische Kirchengesangbuch in Blindenschrift erwerben. Bei der Bibel  ist es auch möglich, nur einzelne Bücher oder Evangelien zu kaufen. Ein Gesangbuch, das bei ein einziges kleines Buch ist, umriß in Blindenschrift drei große Bände.

Die Blindendruckerei Wernigerode kann allerdings nicht die gesamte christliche Literatur drucken und verkaufen. Deshalb besteht noch eine Leihbücherei. Für diese Bücherei werden zahlreiche Bücher in Heimarbeit mit der Blindenschreibmaschine einmal abgeschrieben. Sie können dann von den Blinden aus nah und fern per Postversand ausgeliehen werden.

 

Der Christliche Blindendienst betreibt seit seiner Gründung 1953 eine eigenständige Hörbücherei. Wir sehen darin einen der Schwerpunkte unserer Arbeit. Christliche Literatur, Glaubensvertiefendes Schrifttum, ein Hörmagazin mit Artikeln aus der kirchlichen Presse sowie die tägliche Bibellese sind zu beziehen.

Durch das Anwachsen der verfügbaren Buchtitel und das Steigen der Hörerzahl reichten die gemieteten kleinen Räume nicht mehr aus. Auch wurde die Erhöhung der Anzahl der Mitarbeiter unumgänglich.

Im Jahre 1982 konnte des Christliche Blindendienstes Oberoderwitz, Kirchstraße 2, ein eigenes Haus für die Hörbücherei erwerben. In der unteren Etage konnte 1984 der Hörbüchereibetrieb aufgenommen werden. Die Anzahl der Mitarbeiter wurde von zwei auf vier verdoppelt. Für die beiden neuen Mitarbeiter bietet das Hörbüchereigebäude im ersten Stock den nötigen Wohnraum.

 

Blindenatlas und Spiele:

In einem Blindenatlas  sind auf Plastikfolieseiten Täler und Gebirge reliefhaft und maßstabgerecht geprägt. Die bedeutendsten Städte sind in der Landessprache genannt. Die Herstellung von Atlanten ist zeitaufwendig und kostspielig, erfordert viel Geduld und Können der Mitarbeiter. Für jede zu prägende Seite ist eine Matrize aus Metall nötig. Präzis werden zum Beispiel physikalische Angaben -  in üblichen Büchern und Atlanten durch Farbnuancen sichtbar

Das muß alles sehr exakt sein, denn die Blinden nehmen es sehr genau mit dem Lernen, weil ihnen die mehrfache Kontrolle des angeeigneten Wissens durch das Fehlen des Augenlichts nicht möglich ist. Da darf ein Breitengrad auch nicht um einen Millimeter abweichen.

Unter den Freizeitspielen findet man das allgemein bekannte „Mensch ärgere dich nicht“, ebenso wie Mühle, Dame, Halma, Schach und ein lehrreiches Frage- und Antwortspiel, das durch die Energie einer Taschenlampenbatterie akustisch signalisiert, wo die richtige Antwort tastend abgelesen werden kann.

Einfachste und dennoch wichtige Hilfsmittel für Kinder sind Plastikscheiben. Da gibt es Dreiecke und Vierecke, runde und quadratische, zumeist grellfarbig, um sehschwachen Kindern auch noch Reste optischer Wahrnehmung zu ermöglichen.

 

 

Hörgeschädigte

Unter 1.000 Neugeborenen haben bereits drei bis vier Kinder eine Hörschädigung. Jeder Menschkann durch Krankheit, Lärmbelästigung und mit zunehmendem Alter schwerhörig werden. Von 1.000 Einwohnern gehen 50 wegen Schwerhörigkeit  zum Ohrenarzt, weitere 50 sind geschädigt und merken es nicht bzw. wollen es noch nicht wahr haben. Schon nach dem 30. Lebensjahr läßt das Gehör nach, mit 50 Jahren hört man erst ab 20 Dezibel.

Es fängt damit an, daß einer sagt: „Mach den Fernsehapparat nicht so laut!“ Keiner will geschädigt sein. Blindheit wird noch akzeptiert, zumindest die Brille, die gilt sogar als schick. Aber Schwerhörigkeit wird nicht anerkannt. Man muß die Behinderung aber annehmen, ehe sie bewältigt werden kann.

Von den 50 Leuten, die zum Ohrenarzt gehen, kann die Hälfte geheilt werden durch Spülung, Medikamente, usw. Die andere Hälfte bekommt ein Hörgerät. Aber 20 von den 25 tragen es nicht und wollen sich nicht verraten. Je jünger jemand ist, desto leichter gewöhnt er sich an die Prothese. Alte Leute kommen mit den kleinen Geräten nicht so gut zurecht. Die jüngeren dagegen sehen es als gut an, daß sie so klein sind.

Unter dem Begriff „Hörgeschädigte“ faßt man zusammen: die Gehörlosen (früher „Taubstumme“), die schon vor Erlernen der Sprache nichts hören konnten, und Schwerhörige, die Spätertaubte sind, also mit vollem Wortschatz sprechen, wenn auch oft unartikuliert.

Für Gehörlose gibt es die Gebärdensprache, die nicht so schwer ist wie Hebräisch und bei einem einwöchigen Lehrgang gelernt werden kann (allerdings gibt es örtliche Besonderheiten, „Dialekte“).

Aber laute Tätigkeiten sollte man den Schwerhörigen nicht zuweisen, weil ein eventuell noch vorhandener Hörrest von fünf Prozent, der für den Sprachfluß wichtig ist, noch verlorengehen könnte. Viele Gehörlose haben Berufe, bei denen es wenig Publikumsverkehr gibt.

 

Hörgeräte in Kirchen:

Jedes Hörgerät hat ein kleines Mikrofon, das zu einem kleinen Lautsprecher führt. Bei größeren Entfernungen aber ist das nicht mehr hilfreich, weil ja a 1 1 e s verstärkt wird. Ein Hörgerät ist zwar eine hilfreiche Prothese, ersetzt aber ein gutes Gehör nicht. Die Lautsprecher in Kirchen nutzen deshalb nichts, die sind nur gut für normal Hörende. Für ein Hörgerät sind sie eher störend.

Für Schwerhörige hilft die Induktionsschleife, die durch den ganzen Raum gezogen wird und ein Magnetfeld aufbaut, über das die Schallwellen in Magnetwellen umgewandelt und ins Hörgerät gegeben werden, wo sie wieder in Schallwellen umgesetzt werden. Man muß dazu nur das Gerät auf „Telefon“ umstellen. Alle anderen Geräusche im Raum werden dabei nicht mit aufgenommen.

Kopfhörer und Stielhörer in der Kirche werden kaum benutzt: Wer ein Hörgerät hat, braucht sie nicht. Bei wem es aber nicht so schlimm ist, der setzt sich nicht dort hin, weil er sich nicht mit Kopfhörer hinsetzen will und zugeben, daß er schwerhörig ist. Einige wenige kann man  haben für Leute, deren Gerät kaputt ist oder wo der Arzt kein Hörgerät .empfohlen hat.

Es ist aber eine Information nötig, daß eine Anlage da ist. Dazu eignet sich ein

 

Verhaltensweisen gegenüber Schwerhörigen:

Der Schwerhörige wird in seiner Behinderung oft nicht ernst genommen:

-  Sein Nichtverstehen erzeugt Ungeduld.

-  Seine Mißverständnisse rufen Gelächter hervor.

-  Das Gespräch in der Familie, unter Arbeitskollegen, in der Gemeinde geht über ihn hinweg.

-  Auf Rückfragen wird ihm geantwortet: „Nicht so wichtig!“

Solches Verhalten führt zur Isolation!

-  Er fühlt sich ausgelacht.

-  Er meint, man hält ihn für langsam und dumm

-  Er ist einsam auch unter vielen.

 

  Wiederholen Sie geduldig, in ganzen Sätzen, was der Schwerhörige nicht verstanden hat!

  Schreien Sie den Schwerhörigen nicht an, sprechen Sie langsam und deutlich!

  Denken Sie daran, daß der Schwerhörige nicht nur leiser, sondern auch falsch hört!

  Sehen Sie den Schwerhörigen beim Sprechen an; was er nicht versteht, versucht er vom Mund abzulesen!

  Vergewissern Sie sich bei wichtigen Informationen, ob Sie richtig verstanden wurden!

  Halten Sie den Schwerhörigen in der Gruppe durch Stichworte auf dem laufenden; wenn er weiß, worum es geht, kann er dem Gespräch besser folgen!

 

Schwerhörige und Spätertaubte:

Unter Spätertaubten werden Menschen verstanden, die erst nach ihrer Schulzeit ertaubt sind und sich bereits sprachlich und bildungsmäßig wie gesunde fünfsinnige Menschen entwickelt hatten. Der Gehörlose leidet als viersinniger Mensch unter einem Mangel, der Schwerhörige oder Spätertaubte aber unter einem Verlust. Ist ihnen gemeinsam, daß sie einen Gehörschaden haben und daß es darum für sie schwieriger ist als für normal hörende Menschen, mit den Bedingungen und Anforderungen des Lebens fertig zu werden, so war doch der Schwerhörige oder Spätertaubte einmal im Vollbesitz von Gehör und Sprache. Er ist also nicht in der ärmeren Sprach- und Begriffswelt eines Viersinnigen aufgewachsen und hat sich nicht entsprechend in seinem Leben von seinen Kindertagen an auf den vorhandenen Mangel eingestellt. Er hat auch in seiner Jugend nicht ein Ablesen vom Munde gelernt und beherrscht dieses darum im allgemeinen nicht perfekt. Ihn hat der Hörschaden oder Hörverlust oft mitten in seinem Berufs- und Eheleben überrascht. Das bringt für ihn im Beruf manchmal den Verlust seiner bisherigen Stellung und andere Schwierigkeiten mit sich, in der Familie zum Teil Mißverstehen, Spannungen, Enttäuschungen, Entfremdung.

Darum bedürfen Schwerhörige und Spätertaubte in besonderer Weise der Hilfe. Es bedeutet schon eine Hilfe, den Schwerhörigen besonders zu beachten, mit ihm in rechter Weise umzugehen und auch anderen Menschen zu helfen, sich ihm gegenüber richtig zu verhalten. Es geht auch darum, dem Schwerhörigen und Spätertaubten Hilfe zur Lebensbewältigung, innere Hilfe. auch besonders seelsorgerliche Hilfe zu geben.

Schwerhörigkeit oder Ertaubung im Alter bedeuten nicht eine „partielle Randschädigung“, sondern wirken sich hemmend auf die Gesamtpersönlichkeit, auf Geist, Seele und Charakter aus. Hochgradige Schwerhörigkeit verändert den Menschen viel ungünstiger als Erblindung. Ein Blinder erscheint unglücklicher als er in Wirklichkeit ist, während ein Gehörgeschädigter meist unglücklicher ist als er erscheine. Das Ohr bildet für den Menschen in einer stärkeren Weise als das Auge das gemeinschaftsbildende Organ. Es ist die wichtigste Eingangspforte für geistige Erfahrungen.

Der Schwerhörige verliert in Gesellschaft mit normal hörenden Menschen den Anschluß im Gespräch, er deutet Lachen auf sich bezogen, er fühlt sich nicht ernst genommen, er ist nicht selten auch der Meinung, man halte ihn für dumm, man traue ihm keine besonderen geistigen Fähigkeiten und keine innere geistige Lebendigkeit zu. So steht er immer in der Gefahr, mißtrauisch zu werden, gehemmt, kontaktarm, kontaktfremd, in übersteigerter Weise sensibel, in das eigene Ich verkrampft zu sein, in sich Mißmut, Verbitterung, ja Haß aufkommen zu lassen. Der Schwerhörige und Spätertaubte sehnt sich nach echtem Verstehen, nach Geduld und Liebe im Umgang mit ihm, nach einem Zeithaben für ihn, nach einem Sprechen mit ihm in der Diktion von Hörenden und nicht in der begriffsärmeren Gebärdensprache, die manchen Schwerhörigen nervös macht und die er innerlich ablehnt.

Sehr wichtig ist es, den schwerhörig oder im Alter taub gewordenen Menschen vor der Vereinsamung zu bewahren. Er darf in seiner Bedrängnis nicht allein gelassen werden. Es gilt vielmehr, Brücken zu schlagen, menschliche Kontakte aufzubauen, die ihm aufgezwungene Absonderung zu durchbrechen, ihm in seinem oft viel stärker als bei Normalhörenden aufbrechenden Bedürfnis nach geistigem Austausch und seelsorgerlich-menschlichem Kontakt zu helfen. Aber es geht auch darum, ihm den Segen des Einsamseins und der Stille recht. zu interpretieren. Denn Einsamkeit soll nicht quälende Vereinzelung, Verkrampfung, Zergrübeln, Sichausgeschlossenfühlen sein und nichts Bedrängendes, Trostloses und Drohendes haben.

Aller Umgang mit Schwerhörigen und Spätertaubten erfordert, daß man viel Geduld besitzt und also nicht auf die Uhr sehen darf. Auch muß man sich vergewissern, daß alles Gesagte verstanden wird. Dies zu unterlassen, kann ungewollt schmerzliche Folgen haben. Ein Schwerhöriger hört ja nicht nur schwer, sondern er hört oft falsch, er verhört sich, er verliert die Zusammenhänge. Kurze schriftliche Notizen können hier oft eine Hilfe bedeuten. Ferner ist es wichtig, deutlich zu sprechen, jedoch nicht zu schreien, ferner Sinnpausen einzulegen, das Licht auf das eigene Gesicht fallen zu lassen, damit das Mundbild gut erkennbar ist, den Kopf normal zu heben und den Mund nicht zu verdecken, auch die eigene Rede mit einer natürlichen Gestik zu unterstützen, nicht ungeduldig zu werden, wenn das Hörgerät nicht richtig funktioniert, vielmehr auch in technischen Dingen behilflich zu sein. Wichtig ist auch, bei öffentlichen Zusammenkünften oder im Gottesdienst einen Platz zu wählen, von dem aus der Schwerhörige aus naher Entfernung den Redenden gut sehen kann. Auch an mancherlei kleine menschliche Hilfen ist zu denken. Das alles soll dem Schwerhörigen helfen, sich nicht als zu einer minderen Kategorie Mensch gehörig zu fühlen, sondern wieder Mut zu gewinnen und sich inmitten einer Gesellschaft von normal hörenden Menschen wohlzufühlen.

Der Schwerhörige oder Spätertaubte braucht wegen seines Hörschadens keinen Makel zu empfinden, sondern sollte es seiner Umgebung nicht zu verschweigen suchen, daß er schwer hört. Er soll darum auch jeweils freimütig die Bitte aussprechen, daß Unverstandenes wiederholt oder aufgeschrieben wird; er soll sein Gegenüber gut beobachten, sich darum mühen, das Ablesen vom Munde zu lernen, sich im Gespräch so stellen, daß er das Gesicht des anderen gut sehen kann: er soll auch seine eigene Sprache von Mitmenschen kontrollieren lassen und sich gründlich wie möglich mit seinem Hörgerät vertraut machen. um es auch richtig gebrauchen zu können. Aber wichtig ist für ihn auch, Empfindlichkeit und Mißtrauen zu überwinden, Lieblosigkeit und Verständnislosigkeit der Mitmenschen nicht übel zu nehmen, keine Verbitterung aufkommen zu lassen, geistig regsam zu bleiben, sich nicht in ein stetes Grübeln hineinziehen zu lassen, sich keinem Selbstmitleid hinzugeben, Stille und Einsamkeit auch zu bejahen und aus ihr neue geistliche Kräfte zu empfangen; er soll das auferlegte Kreuz geduldig tragen und in der scheinbaren Verlassenheit auf die Gegenwart Gottes zu vertrauen lernen.

 

Die Bedeutung des persönlichen seelsorgerlichen Gesprächs:

Es ist von der inneren Situation des Schwerhörigen her verständlich, daß das seelsorgerliche Gespräch von vorrangiger Bedeutung ist. Der Schwerhörige möchte, daß wenigstens der Pfarrer oder ein anderer Mitarbeiter der Kirche für ihn wirklich Zeit hat und er hier im Wissen um die Schweigepflicht des Zuhörenden alle Not. alles stille Leid und auch persönliche Schuld aussprechen kann. Im seelsorgerlichen Gespräch wird es deutlich, daß den Schwerhörigen oft viel mehr innere Schwierigkeiten und Nöte quälen als den hörenden Menschen, daß seine Gedanken immer wieder um das eigene Leid kreisen, daß er bedrückt und sensibel sein kann, oft Angst hat, es ihn aber auch drängt, Schuld auszusprechen und aus der Schuld gelöst zu werden. Darum sind seelsorgerliches Gespräch und persönliche Beichte und Absolution hier so nötig. Es soll alle Not heraus, und es soll geistliche und menschliche Hilfe zu einem neuen Anfang, auch zu einem Ja zu dem auferlegten Leid gegeben werden. Er, der Schwerhörige, der oft menschlich so enttäuscht ist, der sich nicht geliebt und der sich ausgeschlossen fühlt, muß es neu lernen, sich in die Vaterliebe Gottes zu bergen und sich als Mensch Gottes zu verstehen. Er muß aus der Einsamkeit heraus. Die innere Verkrampfung muß überwunden werden.

 

 

Alter

 

Ein heute Geborener wird im Durchschnitt doppelt so alt wie ein vor hundert Jahren Geborener. Um 1900 lag die Lebenserwartung bei 45 Jahren, 1925 waren es 57 Jahre und jetzt sind es über 70 Jahre. Das hängt natürlich vor allem mit der verminderten Kindersterblichkeit zusammen. Aber wir können heute auch damit rechnen, daß immer mehr ältere  Menschen Teil unserer Gesellschaft sind. Vor allem sind es nicht mehr die gebrechlichen Menschen von einst, sondern sie stellen eine neue Altersgruppe dar, die zwischen der Vollreife des Lebens und dem hilfsbedürftigen Alter liegt.

Das Alter zeigt sich zunächst einmal in körperlichen Veränderungen. Das alternde Gewebe verarmt en Wasser; dadurch wird es weniger elastisch, die Haut bekommt Runzeln und Falten, die Linse in den Augen kann sich nicht mehr der veränderten Entfernungen anpassen, die Blutgefäße verlieren ihre Elastizität, dadurch wird das Herz stärker belastet, aber es wird auch schlechter ernährt und dadurch wird die Durchblutung des Gehirns gemindert. So hat zwar die medizinische Wissenschaft das Altwerden in großem Umfang ermöglicht; aber sie sieht auch das Altern allein unter dem Gesichtspunkt von Abbau und Versagen.

Auch im beruflicher Bereich erfährt der alte Mensch seine Grenzen. Junge Leute drängen nach und wollen die Verantwortung übernehmen, das gewohnte Können reicht nicht mehr für die veränderten Verhältnisse. Auch die Alterssicherung ist für manchen unsicher geworden; viele haben Heimat und  Besitz verloren und auch die Kinder und Enkel haben sich anderswo angesiedelt.

Auch die eigenen Lebensgenossen beginnen um einen herum zu sterben. Die geordnete Einteilung der Zeit verschwindet, auch Essen und Körperpflege werden vernachlässigt. Das Gedächtnis für den gegenwärtigen Stoff 1äßt nach.

Deshalb sperren sich viele alte Menschen gegen das Altwerden und versuchen, es mit sich

kosmetischen Mitteln zu verdecken. Angesichts der fortschreitenden Jahre geraten sie in Angst und seelische Bedrängnis und fördern dadurch den Alterungsprozeß in unheimlicher Weise. Wieviel Krisen ließen sich schon dadurch lösen, daß die Furcht vor dem Altern aufgedeckt und weit möglichst bewältigt würde!

Die Zahl der alten und älteren Menschen nimmt ständig zu, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wird sich noch erheblich vergrößern. Das Prestige  der alter Leute ist jedoch gering. Selbst in der Kirche sagt man: „Es kommen doch nur die Alten!“ Dabei ist das Alter nicht ein Abbau am gesamten Organismus, sondern ein Umbau, wie er das ganze Leben vor sich geht.

Kalendarisches und biologisches Alter müssen nicht unbedingt übereinstimmen. Das Altwerder vollzieht sich beim Einzelnen nicht gleichmäßig: dem Nachlassen der körperlichen Kräfte muß nicht unbedingt ein Nachlassen der seelischen Kräfte entsprechen. Im folgenden soll unter  „Alter“ die Lebensphase verstanden werden, die mit dem Eintritt in der Ruhestand beginnt.

Zu Beginn des Jahrhunderts lebten die alter Menschen noch vorwiegend mit den jungen in einer Familiengemeinschaft. Meist hätten sie auch die beherrschende Stellung und waren zum Beispiel Leiter des Familienbetriebes. Man arbeitete weiter, weil die Erfahrung und der Rat der alten Menschen nicht zu entbehren waren.

Heute leben alte Menschen aber vielfach allein. Im Beruf sind Anpassung und Umlernen nötig. Auch zu vererben ist in den wenigsten Fällen noch etwas So leben die alten Menschen häufig sehr isoliert, wenn auch die Haushaltstrennung meist schon bei der Verheiratung des Kindes erfolgt und nicht wegen des Altwerdens.

Die Eltern wünschen meist auch von sich aus die Haushaltstrennung, weil die Beziehungen dann harmonischer verlaufen. Die Kinder wiederum möchten meist in der Nähe wohnen bleiben und sind die häufigsten Besucher der Eltern, meist sogar täglich.

Das ungeheure Ausmaß und Tempo, in dem sich die Verhältnisse verändert haben, hat die Jugend begünstigt und die alten Menschen benachteiligt. Im Alter ist der Mensch heute weit mehr allein, er ist weniger angesehen, im Vergleich zu der Erwerbstätigen finanziell schlechter gestellt und hat von seiten der Kinder weniger Hilfe zu erwarten als früher. Das alles ruft die Furcht vor dem Altwerden hervor.

 

Die Frau um fünfzig:

Frauen in den „Wechseljahren“ sind oft deprimiert, grillig und übernervös Sie reden von  ihren vielen Krankheiten und drehen sich nur am die eigene Achse. Sie sind empfindlich, gereizt und schauen voller Minderwertigkeitsgefühle auf Jüngere. Oftmals kommt es wegen dieses Verhaltens zu einem Bruch  in der Ehe. Man fühlt sich oftmals auch schon zum alten Eisen gehörig und meint, man sei als Frau nicht mehr begehrenswert.

Doch man darf diese Stimmungen nicht zu schwer nehmen. Mit Humor, Pflichtgefühl und Ausgeglichenheit kommt man über diese Zeit hinweg. Keine Frau braucht Angst zu haben, sie werde nun den anderen zur Last fallen. Als Ehefrau, Mutter und Arbeitskollegin ist sie keineswegs zu alt. Jahrelange Berufserfahrung macht sie oft zu einer wertvolleren Kollegin als eire Frau von 20.

Hilfreich sind auch regelmäßige Körperpflege, Kosmetik, Haarpflege, Zahnpflege und oftmals auch eine gute Brille. Aber vor allem sollte die Frau um fünfzig durch Milde und Geduld auszeichnen, auch durch die Kunst des Loslassens und Wartenkönnens. In der Rückschau auf das eigene Leben sollte man nicht in Anklage und Resignation verfallen, sondern voll Lob und Dank für die Führungen Gottes sein. Die reife Frau sollte der ruhende Pol sein für Vorgesetzte und Kolleginnen, sowie für die Erwachsenen Kinder und die Enkelkinder. Bei ihr sollte man seine Fragen und Sorgen loswerden können und ein Stück Geborgenheit erleben.

 

Der ältere Mensch in der Firma:

Es gibt ältere Menschen, die den Anforderungen des Lebenskampfes nicht mehr genügen und deshalb vorzeitig aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden. Andere bleiben bis ins hohe Alter leistungsfähig, wenn auch manchmal auf einem anderer Arbeitsplatz.

Früher wurden die Alten als die Erfahrenen und Zuverlässigeren geschätzt und der Begriff „alt“ hatte einen positiven Charakter. Heute jedoch gilt das Alter als Mißgeschick, dem man so lange wie möglich zu entgehen sucht. Filme prägen jugendliche Leitbilder, die Jugend wird vom Staat stark herausgestrichen und die Älter gern als die „ewig Gestrigen“ hingestellt, die neue Ideen gar nicht mehr begreifen können.

Manchem scheinen allein junge Menschen die Gewähr für gute Leistungen zu bieten. Mit 30 Jahren sollen sie dann schon eine große Berufserfahrung besitzen. Aber erst in der zweiten Lebenshälfte kann man reif werden und eine Persönlichkeit.

Das Altern ist ein individueller Vorgang und hängt nicht unbedingt von der Lebensjahren ab. Die Leistungskurve eines Menschen unterliegt ständigen Schwankungen. In manchen Berufen (besonders bei den Geistesarbeitern) werden erst im vorgerückten Alter Höchstleistungen erzielt. Hermann Menge etwa hat als Altphilologe mit sechzig Jahren begonnen, die Bibel intensiv zu lesen und hat dann eine Übersetzung gemacht, die zu den besten der Gegenwart gehört.

Oft werden dem älteren Menschen Mängel vorgeworfen wie Nachlassen der Spannkraft, zunehmende Unbeweglichkeit, schnellere Erschöpfung, häufigere Anfälligkeit durch Krankheit, mangelnde Unterordnungsbereitschaft und Anpassungsschwierigkeiten. Dagegen kann man als Vorzüge aufzählen: fachliche und menschliche Erfahrung, Zuverlässigkeit, Pflichtgefühl, Einsatzbereitschaft, Gründlichkeit und Ernst in der Berufsauffassung. Verbesserungsvorschläge kommen meist von den älteren Mitarbeitern. Ohne sie wäre eine Stabilisierung der Atmosphäre in der Firma gar nicht denkbar. Sie bleiben nur in wirklich dringenden Fällen von der Arbeit fern und fehlen im Durchschritt wegen Krankheit nicht mehr als die Jüngeren.

In Zukunft wird es in der Betrieben mehr Arbeitsplätze mit vorwiegend Kontrollfunktionen geben. Ältere Fachleute werden dazu besonders gebraucht. Viele davon werden nur stufenweise aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden (leichtere Arbeit, Urlaubsverlängerung, Arbeitszeitverkürzung usw.). Die Grenzen der Pensionierung werden flüssig gehalten werden müssen.

 

Vom Sinn des Alters:

Alte und ganz junge Menschen haben gemeinsam, daß sie unselbständig und abhängig sind:

Die Kleinen gehen mit ihren Sorgen und Nöten zu ihren Eltern. Die Alten aber gehen zu ihrem himmlischen Vater, der als Schöpfer und Erhalter des Lebens dem alten Menschen genau so nahe ist wie dem jungen. Gott ist in der Schwachheit genauso wirksam wie in der Stärke, er ist in der Tiefe genauso wie auf der Höhe.

Der Lebensraum des alten Menschen wird zwar kleiner. Wo seine Wege aber zu Ende sind, da fangen Gottes Wege an. Altwerden ist eine Gnade Gottes. Der Alte hat nur andere Aufgaben: Er soll nicht mehr große Leistungen vollbringen, sondern soll sein Wesen entfalten und gestalten. Die Weisheit ist eine besondere Krone des Alters. Milde, Güte und Heiterkeit scheinen für diesen Lebensabschnitt besonders aufgespeichert worden zu sein. Geduld, Selbstlosigkeit und Treue sind vor Gott eine vollgültige Sinnerfüllung des Lebens. Der alte Mensch soll der ruhende Pol sein für Menschen der anderen Lebensalter, die diese Ruhe doch so nötig brauchen.

Für den alten Menschen geht es auch um das Frieden schließen mit der Vergangenheit und die Annahme des Endes. Er darf das Loslassen üben als Vorschule für das letzte schwerste Loslassen. Vielleicht kann dann am Erde eine solche Großmutter nichts anderes mehr tun als beten. Es wird gut für die Kinder sein, wenn sie wissen, die Oma betet für sie und die Enkel, gerade dann, wenn sie etwas Schweres vorhaben. Es gibt so viele Gebetsaufgaben, daß alle Überflüssigkeitsgefühle verdrängt werden und der Beter selber neue Kraft empfängt.

 

Von den Aufgaben des Alters:

In .Hamburg besuchte ein Pensionär kranke Seeleute, die fern der Heimat in einem Krankenhaus liegen. Das ist sein Amt, sagt er. Eine alte Frau geht in einer Großstadt mit zu Beerdigungen, auch wenn sie die Verstorbenen gar nicht kennt. Gerade solche Gemeindeglieder, die als einzige überlebt haben von den Verwandter und Bekannten, sollen einen Menschen haben, der an ihrem Grab ein Vaterunser betet. Wird an ihrem Grab dann ein anderer stehen?

Eine Oma, die schon müde geworden war und die Lust am Leben verloren hatte, erzählt ihren Enkelkindern Geschichten von Jesus. Da erst wußte sie, was sie auf der Welt soll. Es gibt viele  Ämter für Alte. Vor Gott ist überhaupt kein Mensch überflüssig. Allerdings sollte man seine Zeit nicht für unnötige Dinge anwenden, sondern sich Zeit nehmen für Gottes Wort und für das Gebet; dann verlernt man das Klagen und kann Gott loben und ihm danken.

Auch die Gemeinde kann manches tun für die Alten. In einem Altenbesuchsdienst zum Beispiel können aber wiederum viele Alte mitwirken, die noch rüstig sind. Da sind  Rentenangelegenheiten zu lösen, Behördenwege zu machen, Briefe zu schreiben. Es muß eingekauft werden, Wäsche muß zur Wäscherei gebracht werden

Manche Gemeinden haben spezielle Altenpflegerinnen dafür angestellt. Noch besser ist es, wenn die Gemeinde hier aktiv wird, und dabei besonders wieder die Jugend. Denn die Alten sagen: „Es ist  nicht schlimm, alt zu werden, solange noch junge Menschen zu uns kommen!“ Aber auch die Beschaffung von Zahnersatz, Brillen, Hörgeräten und die Schaffung von Fußpflegestationen  und Altenklubs ist wichtig.

 

Der Mensch wird von Gott beauftragt:

Der Mensch erhält einen Auftrag an dem Garten. Er darf nicht fauler Nutznießer der Gaben Gottes ein. Das gilt selbst für Rentner, die an sich schon ihre Lebensleistung erbracht haben. Aber solange einer noch etwas tun kann, dann sollte er seine Gaben auch einsetzen. Für Manche ergibt sich ja richtig ein Bruch, wenn sie in den Ruhestand gehen, weil sie denken, nichts mehr leisten zu können oder zu dürfen. Aber ohne die viele ehrenamtliche Arbeit vieler Rentner würde die Gesellschaft nicht mehr funktionieren, denken wir nur an die Vereine oder die Tafel der Bürgerhilfe. Ein Rentner ist endlich frei, das zu tun, was ihm Spaß macht. Er ist wirtschaftlich abgesichert und muß nicht mehr nur wegen des Broterwerbs irgendeine Arbeit tun. Da kann er seine Gaben doch gern zum Wohl der Allgemeinheit einbringen.

 

Ich bin bereit

Man kann nicht sagen, wann das Alter beginnt. Es gibt Menschen, die sind ihr Leben lang alt, und andere, die sind noch mit 60 Jahren wie Junge. Man kann höchstens sagen: Alt ist man, wenn die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit merklich abnimmt. Meistens stellen sich dann auch die Altersgebrechen ein, und die Tage kommen, von denen die Bibel sagt: „Sie gefallen uns nicht.“ Oft will's einer, der gesundheitlich rüstig ist, nicht wahr haben, daß er alt geworden ist, aber die anderen haben's schon lange gemerkt. Zum rechten und anständigen Altwerden gehört es, meine ich, daß wir uns darauf vorbereiten. Denn in der Gemeinde Christi ist der alte Mensch nicht abgeschrieben, sondern hat ganz bestimmte Aufgaben zu erfüllen, die dem jungen Menschen so nicht gestellt werden. Ich bin nun 67 Jahre alt und muß mich wohl jeder übel zu den Alten zählen. Ich stelle mir daher folgende Aufgaben, ohne zu behaupten, daß ich damit immer zu Streich komme:

I. Ich bin bereit, mein Alter anzunehmen. Es ist Gottes Wille, daß ich nicht mehr wie früher, daß ich nun ein gedämpftes Saitenspiel spiele. Es ist manches nicht geworden, wie ich es mir in der Jugend vorgestellt habe. Aber ich will nicht klagen und will nicht verbittert werden. Ich glaube an die Vergebung. Ich bin nicht sicher, daß alles, was wir Alten unternommen haben, richtig war, und das meiste, was unsere Jungen tun, falsch ist. Ich will zugeben, daß ich die Jugend nicht mehr verstehe, aber ich will ihnen nicht von „meiner Zeit“ predigen. Ich will mein Alter annehmen.

2. Ich bin bereit, das Gute zu sehen. Von Natur ist der alte Mensch ein Nörgler, der überall etwas auszusetzen hat. Ich will dagegen ankämpfen. Ich will nicht sagen: „Daß Gott erbarm, es gehen so wenige in die Kirche!“ Ich will sagen: „Heute ist der Prozentsatz der wirklich Glaubenden im Gotteshaus größer als früher.“ Ich will nicht über den Lärm der Enkel­­kinder mich aufhalten, Ich will sagen: „So warst du auch einmal!“ Ich bin bereit, das Gute zu sehen.

3. Ich bin bereit zu schweigen. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich stelle fest, daß wir Alten zur Schwatzhaftigkeit neigen und mit klapperndem Gebiß über alle möglichen Dinge und über alle möglichen Menschen reden. Wie oft stiften wir dadurch Unbehagen und Unfrieden. Ich habe mir vorgenommen, mich in der Kunst des Zuhörens zu üben. „Wer leben will und gute Tage sehen, dem schweige seine Zunge“, sagt der Apostel Petrus. Das gilt zwar für jedes Lebensalter. Aber es scheint mir ganz besonders für uns Alte gesagt zu sein. Das heißt nicht, daß ich nicht meinen Rat gebe, - wenn ich gefragt werde. Die Jungen kommen im allgemeinen ohne uns und unseren Rat aus, da sie es besser zu wissen glauben. So rede ich ihnen nicht drein und warte, bis ich gefragt werde. Ich übe mich im Schweigen.

4. Ich bin bereit, für andere da zu sein. Wohne ich im selben Haus mit den Jungen, so gibt es tausend Dinge, wo ich Hand anlegen kann. Und wenn es auch mit den Nach-dem Garten-sehen länger dauert und mehr Mühe kostet als früher, es soll mich nicht verdrießen. Das größte Stück meiner Arbeit ist getan; ich habe nun Zeit. Ich habe auch Zeit und Kraft für die Enkelkinder, obwohl sie mich todmüde machen, wobei ich mich wohl hüte, ein Gebot der Eltern zu übertreten. Aber - vor allem wenn ich allein wohne - will meine Stube ein Ort werden, an dem andere ihre Last ab fegen können. Ich habe Zeit, sie anzuhören und sie sollen wissen, daß ich nichts hinaustrage.

5. Ich bin bereit zur Fürbitte. Die Fürbitte kann mir niemand und nichts nehmen, nicht einmal die Krankheit. Sie ist das große Recht meines Alters, durch das ich mit den Menschen außerhalb verbunden bleibe, mit der großen Verwandtschaft, mit meinen Freunden, mit meiner Gemeinde und Kirche. Ich vergegenwärtige mir ihre besonderen Anliegen. Ich habe mir dazu eine Liste angelegt, weil mein Gedächtnis anfängt, mich im Stich zu lassen. Die Fürbitte hat nicht zuletzt die Macht, mich von mir selbst und meinem Befinden abzulenken, so daß ich mich nicht beständig um mich selber drehe.

6. Ich bin bereit, an mein Sterben zu denken. Oft ist es ja so, daß, je näher wir dem Grab kommen, wir und unsere Lieben um so weniger etwas davon hören wollen. Aber ich bin ein Christ und glaube an die Auferweckung der Toten und ein ewiges Leben. Darauf will ich mich vorbereiten und meinem irdischen Ende in aller Zuversicht entgegensehen. Ich nehme die Bibel und eines der großen Sterbelieder: „Mitten wir im Leben sind“, „Mein Leben ist ein Pilgrimstand“, „Ich bin ein Gast auf Erden“ und andere, und fürchte mich nicht. Ich nehme, sooft ich kann, das heilige Abendmahl, um in der engen Gemeinschaft mit Christus meine alten Tage zu leben. Ich bereite mich zum Sterben vor.

7. Und schließlich: Ich bin bereit, um den Besuch meines Pfarrers zu bitten. Vielleicht denkt er im Drang seiner Arbeit nicht an mich, oder, da ich vielleicht nicht krank bin, hält er seinen Besuch nicht für dringend. Und doch würde die stille Andacht zu zweit stärken und aufrichten, und die Gemeinschaft mit einem christlichen Bruder würde mir immer wieder meine einsamen Tage erhellen. Ich bin alt geworden. Hilf Gott, daß ich sagen kann: Ich bin bereit (F. Koch).

 

Lebensregeln für ältere Menschen

1. Du sollst dir klar machen, daß die jüngeren, die verwandten oder sonst lieben Menschen beiderlei Geschlechts, ihre Wege nach ihren eigenen (nicht deinen) Grundsätzen, Ideen und Gelüsten gehen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und noch ihrer eigenen (nicht deiner) Fasson selig zu sein und zu werden, das Recht haben.

2. Du sollst ihnen also weder mit deinem Vorbild noch mit deiner Altersweisheit, noch mit deiner Zuneigung, noch mit Wohltaten nach deinem Geschmack zu nahe treten.

3. Du sollst sie in keiner Weise an deine Person binden und dir verpflichten wollen.

4. Du sollst dich weder wundern noch gar ärgern oder betrüben, wenn du merken mußt, daß sie öfters keine oder nur wenig Zeit für dich haben, daß du sie, so gut du es mit ihnen meinen magst und so sicher du deiner Sache ihnen gegenüber zu sein denkst, gelegentlich störst und langweilst und daß sie dann unbekümmert an dir und deinen Ratschlägen vorbeibrausen.

5. Du sollst bei diesem ihren Tun reumütig denken, daß du es in deinen jüngeren Jahren den damals älteren Herrschaften gegenüber vielleicht (wahrscheinlich) ganz ähnlich gehalten hast.

6. Du sollst also für jeden Beweis von echter Aufmerksamkeit und ernstlichem Vertrauen, der dir von ihrer Seite widerfahren mag, dankbar sein, du sollst aber solche Beweise von ihnen weder erwarten noch gar verlangen.

7. Du sollst sie unter keinen Umständen fallen lassen, sollst sie vielmehr, indem du sie freigibst, in heiterer Gelassenheit begleiten, im Vertrauen auf Gott auch ihnen das Beste zutrauen, sie unter allen Umständen lieb behalten und für sie beten (Karl Barth).

 

Altern - eine Lebensaufgabe

Altwerden ist ein natürlicher Prozeß. Unsere Aufgabe, die sich über das  ganze Leben erstreckt, besteht  in der inneren Bewältigung dieses Prozesses.  Wir werden alt - aber wie können wir damit fertig werden? Es gehört Mut zum Altwerden. Das Ja zum Alter ist ein Ja zum Loslassen  und zum Abnehmen - und ein Nein zum Neid, ein Nein zur müden Resignation.  Nur wer ohne Bitterkeit abtreten kann und bereit ist, anderen den Platz einzuräumen, kann im Altwerden noch einmal einen neuen Anfang wagen, noch einmal positiv beginnen.

 

1. Altwerden heißt: nicht aussteigen, sondern umsteigen

Fast jeder Mensch wechselt mehrmals in seinem Leben den Arbeitsplatz oder seinen Wohnsitz.  Immer bedeutet das ein nur teilweises „Aussteigen“, eigentlich nur ein „Umsteigen“.

Mit jedem „Umsteigen“ geschieht ein Älterwerden. Bis zur Mitte des Lebens ist in der Regel damit eine Erweiterung der Aufgaben verbunden, ein „Aufsteigen“ zu größerer Leistung und Verantwortung.

Viele Menschen versuchen diese höchste Leistungsstufe beizubehalten, bis sie schließlich „aussteigen“ in den Ruhestand. Dabei erleben sie dann das  „Aussteigen“ wie ein Fallbeil,  das sie nun zum Nichtstun, zur Isolierung und Leere verurteilt. Da das Alter eine eigene Lebensstufe ist, sollte der alte Mensch umsteigen in eine Arbeit und Beschäftigung, die seinem Alter entspricht, die nicht mehr so viel Leistung und Verantwortung fordert, sondern mehr Beschäftigung ist, die er nicht mehr tun muß, sondern zur Hilfe für sich selbst tun will.

Es ist schön, sich zur Rente noch etwas hinzu zu verdienen.  Wir sollten aber nicht nur um des Verdienstes willen arbeiten, sondern um der Erhaltung der inneren Spannkraft willen; um eine Aufgabe zu haben, um nicht der Langweile und der Nutzlosigkeit zu verfallen. Die Chance des Alters ist es: endlich einmal tun zu können, was einem nicht aufgetragen ist, was man muß, sondern uneigennützig tun zu können, was man will, womit man andern hilft  und sie erfreut.

 

2. Altwerden heißt: nicht festklammern. sondern loslassen

Wir müssen unser ganzes Leben hindurch  Liebgewordenes „loslassen“, zum Beispiel als Jugendlicher das Spielzeug der Kindheit; als Erwachsener die Vergnügungen der Jugend; als gesundheitlich Angeschlagener die vollen Lebensgenüsse. Das Loslassen wird am schwersten beim Übergang in das Greisenalter. Aber wir müssen es unser ganzes Leben hindurch üben. Beim Übergang aus dem Beruf in den Ruhestand muß sich zeigen, wie ein Mensch sein bisheriges Leben geführt hat, ob er in den vorherigen Altersstufen - als Kind, als Jugendlicher, im Leistungsalter und in der Zeit des tragenden Führens - den Dreitakt durchgemacht hat. der für jede Stufe „annehmen - verarbeiten - lassen“ heißt.

Wohnung verkleinern - anderen Platz machen: Dabei muß man sich von manchen liebgewordenen Möbelstücken trennen, von manchem Stück, woran Herz und Erinnerungen hängen. Einst müssen wir alles loslassen und können beim Sterben nichts mitnehmen.

Aufräumen, ausrangieren, bescheiden: „So oft man an einem kirchlichen Begräbnis teilnimmt, hört man die Worte: ,Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden!' Mancher Fromme bedachte es wohl, betete sogar: ‚Mach's nur mit meinem Ende gut!' - und starb im Frieden. Das  ungute Nachspiel aber, das seinem Ende folgen würde, hatte er nicht bedacht: Containerweise fahren die Hinterbliebenen das Gerümpel, von dem der Tote sich nie und nimmer trennen mochte, zum Schuttabladeplatz“.

Sein Haus bestellen:  Innere Größe und Loslassenkönnen zeigen sich bei denen, die für einen plötzlichen Tod alles geordnet haben (Dokumentenmappe, geregelter Nachlaß, Testament). Sinnvoll ist es, zu Lebzeiten Dinge an liebe Menschen zu schenken und ihre Freude darüber zu erleben, anstatt bis zuletzt alles fest umklammern zu wollen und dann zum Erbstreit werden zu lassen.

 

3. Altwerden heißt: körperlich welken, aber geistlich reifen

Für viele Menschen ist das Alter nur der Herbst des Lebens: Welken, langsames Absterben. Daher bewerten sie das Altwerden und Altsein negativ. Durch gespielte Jugend versuchen sie das Unvermeidliche nicht wahrhaben zu wollen. Zur Vollreifung des altgewordenen Christen gehört das Loslassen dessen, worauf weithin unsere Selbstsicherheit basiert und was wir doch nicht festhalten können. Wer erst beim Eintritt ins Greisenalter mit solchem Lernen beginnen will, wird daran wahrscheinlich scheitern. Wer auf andere hin lebt, der lernt loszulassen, was seiner Altersstufe nicht mehr gemäß ist.

Wenn die Zeit kommt, da man nicht mehr mit Stolz genießen kann, wie die  Jüngeren unseren Rat brauchen, darf man auch lernen, diese Erfahrung des eigenen Wertes loszulassen, weil man in der Erkenntnis der eigenen Bruchstückhaftigkeit und Vergebungsbedürftigkeit sich verlassen darf auf den, der in all unserer Untreue dennoch der Treue, der Vater, bleiben will. Je mehr einer sich zurückzuziehen lernt in die Stille vor Gott, um so mehr wird er aufgesucht werden. Daß man seine Erfahrungen und Kenntnisse vernehmen will, wird heute nicht mehr allzuoft vorkommen. Der Wechsel auf allen Gebieten hat sich in einem Maße beschleunigt, daß die Erfahrungen der Senioren für die jeweils aktive Generation nicht mehr zutreffen. Aber auch dann, wenn der Altgewordene in Einzelfragen keinen Rat geben kann, wird sein Gehaltensein, seine Geborgenheit in Gott Heil und Trost vermitteln.

Darum wird uns auch im Alter eins nach dem anderen genommen - Gesundheit, Schaffenskraft, Ehegatte - daß wir uns um so mehr freuen können auf das, was Christus uns in seinem Reich geben will. Das ist das Hereinleuchten der Ewigkeit in unser armgewordenen Leben.

Paulus sagt von sich: „... Die Zeit meines Abscheidens ist vorhanden. Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten. Hinfort ist mir bereitet die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tage geben wird, nicht mir aber allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung liebhaben" (2. Tim. 4,6-8).

 

Gebet einer alten Klosterfrau

Gott, du weißt besser als ich, daß ich alt werde und daß ich eines Tages alt bin. Hindere mich, geschwätzig zu werden, und errette mich besonders von dem Wahn, daß ich mich bei jeder Gelegenheit über alles äußern muß. Schenk mir die wunderbare Einsicht, daß ich zuweilen Unrecht haben kann! Befreie mich von der Lust, mich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen, bewahre mich vor der Sünde der Weitschweifigkeit. Gib mir Flügel, daß ich rasch zum Wesentlichen gelange!

Schenke mir die Gnade, mit Takt und Geduld die Sorgen anderer anhören zu können. Aber versiegle meine Lippen, wenn es meine eigenen Gebrechen betrifft. Ihrer werden immer mehr; und mein Verlangen, darüber zu sprechen, wird mit jedem Jahr größer. Mach mich genügend sanftmütig; eine Heilige will ich nicht werden.

Der Umgang mit Heiligen kann oft recht anstrengend sein. Doch ein griesgrämiges altes Weib ist ein Meisterwerk des Teufels. Mache mich hilfreich, aber nicht geschäftig; fürsorglich, aber nicht herrschsüchtig. Wenn man über eine so große Lebensweisheit verfügt (wie ich sie zu haben glaube!), findet man es bedauerlich, wenn sie nicht allen zugute kommen kann. Aber du wen, Herr, daß ich zum Schluß gern noch ein paar Freunde haben möchte. Amen.

 

Dürers Mutter (Bild ist als PDF beigefügt)

Grauenhaft - wirst du auf den ersten Blick sagen, ein abgemagertes, altes Weib, alles andere als eine Schönheit. Nein, wie kann ein Maler mir so etwas darstellen! Aber halt ein, es lohnt sich, das Bild genauer zu betrachten und ein wenig darüber nachzudenken. Albrecht Dürer hat seine Mutter gezeichnet. Du meinst, er hätte es nicht ganz so häßlich zu tun brauchen. Du hast insofern recht, als wir mit den abgegriffenen Münzen „schön“ und „häßlich“ hier nicht weiterkommen. Am besten wird deshalb sein, wir legen sie beiseite und versuchen in dem Gesicht zu lesen, ohne gleich unsere Maßstäbe bei der Hand zu haben.

Kannst du dir das Leben dieser Frau vorstellen? Nicht wahr, das kann man gut. Ein schweres Leben ist es gewesen, so schwer, daß es alle Kraft dieser Frau aufgezehrt hat. Als sie mit fünfzehn Jahren den Goldschmied Dürer heiratete, sah sie anders aus, „eine hübsche grade Jungfrau“. Achtzehn Kindern hat sie das Leben geschenkt und jedesmal ein Stück ihrer Kraft dazugegeben. Außerdem hat sie „oft Pestilenz gehabt sowie viele andere schwere Krankheiten, hat große Armut erlitten, Verspottung, Verachtung, höhnische Worte, Schrecken und Widerwärtigkeit, doch ist sie nie rachsüchtig gewesen“. Das ist eine Aufzählung, die sich schnell herunterliest. Aber wieviel Kampf, Not und Leid steht hinter jedem Wort!

Sicher ist Dürers Mutter eine zarte Frau gewesen, und die harte Arbeit ging immer über ihre Kraft. Aber wer fragte danach, wenn die Kinder mit ihren Wünschen kamen, der Vater sie bat, geschäftliche Gänge für ihn zu machen, und jeden Tag für alle Essen auf dem Tisch stehen sollte. Besonders gefürchtet waren die Zeiten, in denen eine Seuche durch das Land schlich. Solange wie möglich schleppte sich die Mutter noch umher, aber dann ging es nicht mehr, und sie mußte sich legen. Wochen vergingen, bis sie wieder am Herd stehen konnte, noch blasser und schmaler als vorher.

Dazu kamen die Unsicherheit der Zeit und, was uns vielleicht wundert: „Verspottung, Verachtung, höhnische Worte.“. Man weiß nicht recht, wie man sich das zusammenreimen soll, denn Dürers Vater ist ein angesehener Mann gewesen, aber dem Gesicht auf dem Bild kann man ansehen, daß diese Frau vieles hat schlucken müssen.

Bei solch einem Leben wird der Mensch leicht bitter, und es gibt nichts Schöneres, als daß Dürers Mutter nachgesagt werden kann, sie sei nie rachsüchtig gewesen. Sie läßt sich Last auf Last aufpacken. Irgendwo ist ihr Leben .verankert und gehalten. Dürer berichtet, daß seine Mutter, als sie nach dem Tode des Vaters bei ihm wohnte, ihn immer mit den Worten entließ: „Geh in dem Namen Christi!“

 

Alter als Neuanfang

Es ist verkehrt, das Altwerden leugnen zu wollen. Es gilt, zu einer positiven Einstellung zu einer neuen Lebensphase zu gelangen. Radikal konfrontiert mit dieser Aufgabe werden heute die meisten mit dem Eintritt in den Ruhestand. Früher wünschte man ihn herbei. Heute hat man dabei das Gefühl, an den Rand gedrängt zu werden. Wie kann man dem abhelfen?

Die einen sagen: „Im Alter muß man möglichst alle Aktivitäten der mittleren Jahre erhalten!“ Die anderen sagen: „Mit dem Altwerden ist auch der Wunsch nach Reduzierung der Aktivität verbunden!“ Aber am zufriedensten sind diejenigen alten Menschen, die das Ausmaß ihrer Aktivität selbst bestimmen können. Nur darf aus der Möglichkeit der Weiterarbeit kein Zwang werden.

Die Beschäftigung im Ruhestand ohne die Hektik der Berufswelt trägt dazu bei, die körperlichen und seelischen Folgen des Alterns zu verzögern oder zu erleichtern. Der alte Mensch muß nur die Gefahr überwinden, sich einfach gehen zu lassen. Seine noch aktiven Kräfte können nämlich, wenn sie in Anspruch genommen werden, die Schwächen und gesundheitlicher Störungen ausgleichen.

Ein Hobby, das in der Zeit der Berufstätigkeit einen Ausgleich bietet, ist zugleich eine gute Vorbereitung auf das Alter. Die alten Menschen sollten schon auf die Berufstätigen einwirken, daß sie nicht nur als Geldverdiener und Konsumenten leben.

Das gilt auch für die Frau als Mutter, die noch eine Aufgabe haben soll, wenn die Kinder das Haus verlassen, und die dann auch Kontakte zu anderen Menschen gepflegt haben sollten.

Als günstigste Art der Beziehungen zwischen den Generationen gilt die Formel: „Kontakt, aber mit Reserve und auf Distanz.“

Ob das dem Wunsch der alten Menschen entspricht, sei dahingestellt; aber diese Formel erscheint als die realistischste. Als Ergänzung gehörten dazu: Altersgerechte Wohnungen mit Möglichkeit zum eigenen Kochen, Altenpflegerin, Essenstransport ins Haus, Telefonkette, Aktivierung der gegenseitigen sowie der Nachbarschaftshilfe.

Als weitere Richtlinie gilt: „Erneutes Engagement aus Distanz“. Durch ein differenziertes und vielseitiges Angebot an Beschäftigungsmöglichkeiten soll dem einzelnen die Gelegenheit gegeben werden, sich in dem Ausmaß zu betätigen, wie er selbst es sich wünscht. Es wird auch nach Übergangslösungen  gesucht, damit die Vollbeschäftigung nicht einfach in Vollpensionierung umschlägt. Man müßte auch mehr zwischen der einzelnen Altersstufen unterscheiden; die Übergänge sind fließend, ehe das Greisenalter beginnt.

Gleichgeblieben ist gegenüber früher, daß die Endlichkeit des  Daseins immer stärker zum Bewußtsein  kommt. Es wird auf einmal deutlich, daß die Zeit beschränkt ist, die noch bleibt. Man beginnt zu zweifeln, ob manche Hoffnungen und Vorhaben sich noch verwirklichen lassen. In dem Maß, wie der Mensch alt wird, erwartet er immer weniger; im gleichen Maße wird das Gefühl des Vergehens intensiver.

Wer die Endlichkeit des Daseins bejaht ,resigniert nicht. Man erkennt zwar nüchtern an, daß manches nicht mehr getan werden kann. Aber das geschieht nicht mit Verbitterung, sondern hilft dazu, sich mehr dem eigentlich Menschlichen zuzuwenden. Die Alten könnten den Jungen ein Beispiel dafür geben, daß das Leben aus mehr besteht als dem Streben nach Erfolg und Gewirr. Sie könnten statt Ungeduld lieber Gelassenheit vorleben.

Als Letztes und Schwerstes gehört zum Bejahen des Alters das Gebet: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden!“ Früher erschien die Vorbereitung auf das Sterben  als die Hauptaufgabe des Alters. Bei der höheren Lebenserwartung von heute kann man das nicht mehr unbedingt sagen. Dennoch wird auch heute mit dem Alter auch die Sinngebung des Todes immer wesentlicher.

Die Seelsorge  am alten Menschen wird deshalb heute immer wichtiger. Sie ist aber Aufgabe aller Gemeindeglieder, auch der alten. Die Gewißheit des Todes soll dabei nicht nur Erschrecken und Furcht hervorrufen. Sie kann auch Erfahrungen vermitteln, die nur durch dieses Bewußtsein der Endlichkeit unsres Daseins entstehen können: wichtig - unwichtig echt -unecht, der Zusammenhang des Daseins. Deshalb heißt es auch in dem Psalmvers: „..auf daß wir klug werden!“

Hier fällt darr auch die Entscheidung, daß im Tod nur Gott zu  fürchten ist. der uns aber dennoch im Sterben nicht verloren gibt. Alte Menschen können dazu beitragen, daß uns wieder mehr zum Bewußtsein kommt: Leben und Sterben sind gleich wichtige  Seiter unseres Daseins. Aus innerer Freiheit heraus kann es dann auch zu einer Zuwendung zu den noch verbliebenen Wirkungsmöglichkeiten kommen; das wäre dann Engagement aus Distanz.

 

Die Altweibermühle

Bei Apolda in Thüringen liegt die Alte-Weiber-Mühle. Sie sieht ungefähr aus wie eine große Kaffeemühle, nur daß nicht oben gedreht wird, sondern unten. Unten stehen nämlich zwei grobe Balken heraus, die von zwei Knechten angefaßt werden, um so die Mühle zu drehen. Oben werden die alten Weiber hineingetan: faltig und bucklig, ohne Haare und Zähne, und unten kommen sie jung wieder heraus: schmuck und rotbackig wie die Borstäpfel. Mit einem Male umdrehen ist's gemacht; knack und krach geht es, daß es einem durch Mark und Bein fährt. Wenn man dann aber die, welche herauskommen und wieder jung geworden sind, fragt, ob es nicht schrecklich weh tue, antworten sie: „Lieber gar! Wunderschön ist es! Ungefähr so, wie wenn man früh aufwacht, gut ausgeschlafen hat und die Sonne ins Zimmer scheint, und draußen singen die Vögel, und die Bäume rauschen und man sich dann noch einmal im Bett ordentlich reckt und dehnt. Da knackt's auch zuweilen.“

Sehr weit von Apolda wohnte einmal eine alte Frau; die hatte auch davon gehört. Da sie nun sehr gern jung gewesen war, entschloß sie sich eines Tages kurz und machte sich auf den Weg. Es ging zwar langsam; sie mußte oft stehenbleiben und husten, aber mit der Zeit kam sie doch vorwärts, und endlich langte sie richtig vor der Mühle an.

„Ich möchte wieder jung werden und mich ummahlen lassen“, sagte sie zu einem der Knechte, der, die Hände in den Hosentaschen, vor der Mühle auf der Bank saß und aus seiner Pfeife Ringel in die blaue Luft blies. „Du lieber Gott, was das Apolda weit ist!“

„Wie heißt ihr denn?“ fragte der Knecht.  „Die alte Mutter Klapproten!“ - „Setzt euch so lange auf die Bank, Mutter Klapproten“, sagte der Knecht, ging in die Mühle, schlug ein großes Buch auf und kam mit einem langen Zettel wieder heraus. „Ist wohl die Rechnung, mein Jüngelchen?“ fragte die Alte.

„I bewahre!“ erwiderte der Knecht. „Das Ummahlen kostet nichts. Aber ihr müßt zuvor das hier unterschreiben!“ „Unterschreiben?“ wiederholte die alte Frau. „Wohl meine arme Seele dem Teufel verschreiben? Nein! Das tue ich nicht! Ich bin eine fromme Frau und hoffe, einmal in den Himmel zu kommen.“ - „Ist nicht so schlimm!“ lachte der Knecht. „Auf dem Zettel stehen bloß alle Torheiten verzeichnet, die ihr in eurem ganzen Leben begangen habt, und zwar ganz genau der Reihe nach mit Zeit und Stunde. Ehe ihr euch ummahlen laßt, müßt ihr euch verpflichten, wenn ihr nun wieder jung geworden seid, alle die Torheiten noch einmal zu machen, und zwar ganz genau in derselben Reihenfolge; justement wie's auf dem Zettel steht!“

Darauf besah er den Zettel und sagte schmunzelnd: „Freilich ein bißchen viel, Mutter Klapproten, ein bißchen viel! Vom sechzehnten bis zum sechsundzwanzigsten Lebensjahre täglich eine, Sonntags zwei. Nachher wird's besser. Aber im Anfang der vierziger, der tausend, da kommt's noch einmal dicke! Zuletzt ist's wie gewöhnlich!“

Da seufzte die Alte und sagte: „Aber Kinder, dann lohnt es ja gar nicht, sich ummahlen zu lassen!“ - „Freilich, freilich“, entgegnete der Knecht, „für die meisten lohnt sich's nicht! Drum haben wir eben gute Zeit; sieben Feiertage in der Woche und die Mühle steht immer still, zumal seit den letzten Jahren. Früher war schon das Geschäft etwas lebhafter.“

„Ist es denn nicht möglich, wenigstens etwas auf dem Zettel auszustreichen?“ fragte die Alte noch einmal und streichelte dem Knecht die Backen. „Bloß drei Sachen, mein Jüngelchen, alles andere will ich, wenn es denn einmal sein muß, noch einmal machen.“ - „Nein“, antwortete der Knecht, „das ist platterdings unmöglich. Entweder - oder!“

„Nehmt nur euren Zettel wieder“, sagte darauf die alte Frau nach einigem Besinnen, „ich habe die Lust an eurer dummen alten Mühle verloren!“ und machte sich wieder auf den Heimweg.

Als sie aber zu Hause ankam und die Leute sie verwundert ansahen und sagten: „Aber Mutter Klapproten, ihr kommt ja gerade so alt wieder, als ihr fortgegangen seid! Es ist wohl nichts mit der Mühle?“ hustete sie und antwortete: „O ja, es ist wohl etwas daran; aber ich hatte zu große Angst, und dann - was hat man denn an dem bißchen Leben? Du lieber Gott!“.

 

 

Ist die Kirche nur für die Alten da?

 1. In einer Kirchengemeinde gab es einmal einen mächtigen Krach. Jugendliche Gemeindeglieder hatten in der Kirche einen Jugendtag  veranstaltet. Er war lange geplant und vorbereitet worden.   An der Kanzel hing ein großes Plakat, das junge Leute von heute darstellte. Auf dem Altar stand eine Leinwand, auf' die Bilder projiziert wurden. Den Taufstein hatte man weggerückt, weil er für  ein Spiel im Wege stand. Im Spiel trat einer mit einer brennenden Zigarette auf eine moderne Musikgruppe spielte heiße Musik. Der Tag verlief großartig und die jungen Leute waren begeistert.

Aber hinterher kam das dicke Ende: Ältere Gemeindeglieder  waren empört: „Was fällt denen denn ein? Die haben ja aus der Kirche ein Klubhaus gemacht. Den Altar haben sie verhängt, den Taufstein weggenommen, und das Schlimmste: In der Kirche ist geraucht worden. Der Kirchenvorstand ist vorher nicht gefragt worden. So etwas wird niemals wieder geduldet werden!“

Daraufhin gingen aber die Jugendlichen auf die Barrikaden: „Diese verknöcherten und verkalkten Alten. Die haben überhaupt keine Ahnung, was Kirche ist.  Und mit dem Kirchenvorstand wollen wir erst recht nichts zu tun haben!“ Es gab Verärgerung auf beiden Seiten. Die Jugend ging nicht mehr zum Gottesdienst. Und einige, die der Kirche ferner stehen, wollen gar nichts mehr vor ihr wissen, weil sie von dem Streit abgestoßen sind.

 

2. Eine junge Orgelschülerin hat sich soweit qualifiziert, daß sie selbständig im Gottesdienst spielen kann. Vorerst kommt sie aber nur im Kindergottesdienst zum Zug, weil noch ein älterer Organist vorhanden ist. Früher hat er mit im Kindergottesdienst gespielt. Aber jetzt geht er nach dem Gottesdienst heim und überläßt den Kindergottesdienst der Schülerin. Der Pfarrer möchte,  daß sie nun auch für diese selbständige Arbeit bezahlt wird. Schließlich hat sie auch jahrelang die Orgelstunden bezahlt. Aber der Organist gibt ihr nicht den Anteil ab. Und der Kirchenvorstand sagt: „Das war schon immer eine ehrenamtliche Aufgabe. Man darf die jungen Leute noch nicht verwöhnen. Die soll das kostenlos machen!“ Aber dann waren für einen Gottesdienst gleich vier Taufen angemeldet und der Organist erhielt auch den vierfachen Betrag. Aber an die Orgelschülerin hat er nur den Betrag für eine (!) Taufe gegeben und den Rest behalten.

 

Was können Alte und Junge füreinander tun?

Meist diktiert man der Jugend  Aufgaben zu wie Mitwirkung bei Liturgie und Lesungen, Kollektesammeln, Altarschmuck und dergleichen. Die Jugendlichen erwarten aber mehr bei Jugendgottesdiensten, nämlich eigene Liturgie und eigene Lieder.

Die Predigt empfinden sie meist als zu lang und zu langweilig. Sie möchten Antwort auf Fragen bekommen. Der Gottesdienst ins einer jetzigen Form läßt aber keine Möglichkeit, Fragen vorzubringen. Oft muß man sich Antwort auf Fragen anhören, die einen gar nicht interessieren. Man wird oft mit Worten überrieselt, die man schon so oft gehört haben meint. Dabei liegt das an der Struktur des Gottesdienstes, nicht am Prediger (bei einem schlechten Prediger ist es nur noch unerträglicher).

 

Was können die Jungen für die Alten (die Gemeinde) tun?

1. Neue Wege in der Kirche ausprobieren und dabei kräftig mitarbeiten

2.Bereitschaft zu Diensten ohne Hemmungen und Minderwertigkeitsgefühle

3. Kritik üben, damit die Kirche sich ständig reformiert

4. Hilfeleistungen: Briefe schreiben, Behördenwege, Einkaufen)

5. Altenbesuchsdienst („Es ist nicht schlimm, alt zu werden, solange junge Menschen zu uns kommen!“)

6. Indem an alles mit der Jugend bedenkt, wird diese bereit zur Verantwortung in der Gemeinde, die sie ja sowieso einmal übernehmen soll.

 

Was können die Alten für die Jungen tun?

1 . Ruhender Pol im Wandel und Abladestation für die Jugend.

2. Gebet, zum Beispiel wenn der Enkel etwas Schweres vorhat.

Jugendliche beten meist nur, wenn sie es von Erwachsenen sehen oder hören.

3. Vorbild für Jugend, gerade durch ihre Erfahrung und ihre feste Meinung.

4. Beratung durch Eltern, Arbeitskollegen, Lehrer, andere Erwachsene aus der Gemeinde

5. Die „Alten“ geben meist mehr Geld für die Gemeinde.

 

Zur Weckung des Verständnisses empfehlen sich:

1 . Ausspracheabende: Nicht nur Generationsprobleme, sondern Sachprobleme.

Daraus entstehen oft Kontakte über den Abend hinaus.

2. Informationsabende: Auskünfte über Bibel,  Theologie und Glaubensfragen, um auf die Fragen in der Schule und im Beruf antworten zu können. Auskunft  über Kirche  und Verhältnis der Kirchen untereinander.

3. Gemeinsame Einsätze (zum Beispiel Friedhof, Diakonie, Besuchsdienst, Familienfeier, Urlaub, Sonntagsgestaltung, Bauarbeiten, Kirchgang).

 

Bei allem Streit zwischen Jung und Alt darf man sich doch gegenseitig das Christsein nicht absprechen. Das Verderblichste ist immer noch die Geringschätzung desjenigen, der anderer Meinung ist. Es kommt nicht darauf, daß ich recht habe, sondern daß der andere durch mich froh wird. So wie Paulus des in Röm 15,7 schreibt sollten wir uns gegenseitig annehmen und Christen aller Art dulden.

Die Gemeinde braucht Besonnenheit u n d  Tatkraft

Sie braucht standhaft Glaubende           u n d   kritisch Fragende

Das Beste wäre, wenn wir uns gegenseitig anspornen könnten zu einem Leben aus dem Vertrauen zu Gott.

 

Verhältnis zur Familie:    

Unter uns leben Millionen von Menschen, die sich fragen, ob ihr Leben überhaupt noch einen Sinn hat. Entweder haben sie keine Angehörigen, die sie aufnehmen können. Oder die

Kinder wohnen vielleicht in der gleichen Stadt, kommen aber selten zu Besuch. Manche kommen auch durchaus gut mit der Familie aus, wollen aber dennoch in ein Altersheim umsiedeln, um von der Familie unabhängig zu sein. Sie wollen nicht zur Last fallen. Deshalb will die Oma immer noch einmal im Haushalt mithelfen und der Opa kümmert sich um Garten, Heizung oder Reparaturen. So verlieren sie das Gefühl der Abhängigkeit von den Kindern.

Nur wenn die Alten noch eine Funktion in der Familie haben, kommt es nicht zu einer Trennung vor den Kindern.

Auch bei uns könnte es zu einer echten Altersgesinnung kommen wie bei anderen Völkern. Die Alten haben es verdient, nicht nur in irgendeiner Ecke geduldet zu werden, sondern sie sollen den besten Platz erhalten. Matthias Claudius sagt: „Hilf dem Alten sein Bündel tragen, sonst geht er dich beim Herrgott verklagen!“ Wir müssen in der Öffentlichkeit eine „Erziehung zum Altwerden“ durchführen. Auch und vor allem in der Kirche wollen sie beachtet sein. Manche sagen: „Es waren nur alte Frauen da!“ Aber Gott liebt diese alten Frauen. Lieben wir sie auch? das ist doch die Frage!

 

Wie Eltern gehalten werden

Drei Familien sind mit uns befreundet. Die Baumanns, die Willingers, die Weidners. Wir besuchen uns sonntags gegenseitig, im Monat einmal, im Sommer kommen sie zu uns aufs Land. Es ist so wie überall in Europa, man kennt sich, man besucht sich, bringt die Kinder mit, und wenn der Besuch wieder gegangen ist, sagt jede Familie erlöst: „Am schönsten ist es doch wieder allein!“

Baumanns leben daheim mit ihrem alten Vater. Wenn Baumanns Besuch bekommen, kaufen sie ihrem alten Vater eine gute Zigarre, eine Illustrierte und eine halbe Flasche Wein und sagen zu. ihm: „Bleib heute abend in deinem Zimmer! Heute kommen die Röslers zu uns, du hörst schlecht, du sprichst langsam - sei lieb und laß dich möglichst nicht sehen, wir stellen dir den Fernsehapparat an!“ Wir haben Baumanns Vater bis heute nie zu sehen bekommen, sooft wir dort waren, und fanden es ganz in der Ordnung, denn jung und alt gehören nicht zusammen.

Bei Willingers lebt die Mutter des Mannes mit ihm Haus. Sie ist Witwe, hat eine kleine Rente zu verzehren und trägt die abgelegten Kleider der jungen Frau. Nun ja, sie kommt ja auch nirgendwohin, wo es darauf ankommt. Wenn Willingers über Sonntag zu uns kommen, bringen sie ihre Mutter mit, da man sie nicht gut allein zu Hause lassen kann. „Du mußt verstehen, Johannes“, sagt Herr Willinger, „wir können Mutter nicht gut allein zu Hause lassen. Du mußt schon verzeihen, daß wir sie mitnehemn. Ich weiß, es ist nicht angenehm für euch, aber sie kann deiner Frau beim Gechirrspülen helfen, auf die Kinder aufpassen, sich ein wenig im Garten nützlich machen. Abends geht sie zeitig zu Bett, sie wird euch nicht zur Last fallen, nur bei Tisch muß sie halt mitessen - ich hoffe, ihr habt nichts dagegen.“

Bei Weidners ist die Sache anders. Auch Herr Weidner hatte seine Mutter im Haus. Auch sie lebte von einer kleinen Rente. Aber als wir zum ersten mal zu Weidners kamen, sagte Herr Weidner stolz: „Johannes, darf ich dich meiner Mutter vorstellen!“ Es war für mich eine Ehre, würdig zu sein, mit der alten Dame bekannt gemacht zu werden, die alte Dame kennenlernen zu dürfen. Denn ich spürte die Liebe des Sohnes und die Verehrung für seine Mutter. Und wenn Weidners zu uns kamen, betrachtete ich es als eine Auszeichnung, wenn sie ihre Mutter mitbrachten. Wir verwöhnten sie, sie bekam den besten Platz am Tisch und am Abend den bequemsten Sessel, und wir saßen um sie herum und hörten aufmerksam zu. Denn wo einer seine Mutter hinstellt, dort steht sie für alle Zeiten (J. H. Rösler)

 

Zehn Gebote für das Leben mit alten Menschen

I  Ich bin der Herr, dein Gott: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!

-  Du sollst wissen, daß Gott auch der Gott alter Menschen ist.

-  Du sollst nicht den Gott der Jugend, der Leistung und des Profits anbeten.

-  Du sollst alte Menschen achten. Sie sind Gottes geliebte Geschöpfe wie du.

 

II  Du sollst dir kein Bildnis machen!

-  Du sollst kein festes Bild vom alten Menschen haben.

-  Du sollst immer wieder neu auf alte Menschen zugehen.

-  Du sollst immer wieder neu auf das hören, was alte Menschen dir sagen.

 

III Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen!

-  Du sollst deinen Eigennutz nicht mit christlicher Nächstenliebe verbrämen.

-  Du sollst alte Menschen nicht ungebeten duzen.

-  Du sollst nicht von „der Oma“ oder „dem Opa“ sprechen.

 

IV  Du sollst den Feiertag heiligen

-  Du sollst das Ruhebedürfnis alter Menschen respektieren.

-  Du sollst alten Menschen ihre Fröhlichkeit gönnen.

-  Der Lebensabend ist Nähe des Todes und zu Gott. Das soll dir heilig sein.

 

V   Du sollst Vater und Mutter ehren!

-  Du sollst „ja“ sagen zu deinen Eltern.

-  Du sollst alten Menschen ein Altern in Würde und Freiheit ermöglichen.

-  Vergiß nicht, was du alten Menschen zu verdanken hast.

 

VI  Du sollst nicht töten!

-  Du sollst zur Erhaltung der Gesundheit alter Menschen beitragen.

-  Du sollst alte Menschen nicht vernachlässigen.

-  Du sollst dein Leben mit alten Menschen teilen.

 

VII   Du sollst nicht ehebrechen!

-   Du sollst alte Paare nicht trennen.

-  Du sollst alte Menschen nicht im Stich lassen.

 

VIII   Du sollst nicht stehlen!

-  Du sollst alte Menschen nicht entmündigen.

-  Du sollst alten Menschen ihre Lebensqualität nicht nehmen.

-  Du sollst an einer Gesellschaft arbeiten, die alten Menschen ein gutes Auskommen läßt.

 

IX   Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!

-  Du sollst alte Menschen nicht als „verwirrt“ abstempeln.

-  Du sollst alten Menschen keine Schwächen einreden.

-  Du sollst alte Menschen nicht belügen.

 

X   Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Weib, Knecht, Magd, Vieh und alles, was sein ist

-  Du sollst nicht auf dein Erbe warten.

-  Du sollst die Gutmütigkeit alter Menschen nicht ausnützen.

-  Du sollst dir deine Freundlichkeit und Hilfe nicht bezahlen lassen.      

 

 

Wir haben Eltern - wir wollen Eltern werden

Fragen:

Kommen Sie mit Ihrem Taschengeld aus? (für Schüler)

Müssen Sie viel von Ihrem Verdienst ausgeben? (für Lehrlinge)

Sollten die Eltern den Kindern Geheimnisse lassen (Briefe)

Wie lange möchten Sie abends ausgehen dürfen ohne Begleitung?

Sollten die Eltern bei den Geburtstagsfeiern dabei sein?

Sollten die Kinder viel mit zu Hause helfen?

Können Eltern ihre Kinder mit ins Vertrauen ziehen?

Wo ist die Grenze zwischen Jung und Alt ?

In welchen Punkten kritisieren die Erwachsenen die Jugend?

In welchen Punkten kritisieren die Jugendlichen die Erwachsenen?

Sind die Schwierigkeiten zwischen Alt und Jung zeitbedingt?

Würden Sie Ihre Kinder so erziehen, wie Sie erzogen wurden?

Was erscheint Ihnen an der Erziehung richtig, was falsch?

 

Negative Seiten der Eltern:

1. Kein Verständnis für die Jugend:

Ständiges Schimpfen ohne Grund („Ich soll immer alles gewesen sein!“).

Mißtrauen: Lassen keine Geheimnisse (Briefgeheimnis Freundschaft)

Altmodische Ansichten (Schlagermusik, Mode, Freizeitgestaltung )

Ausgangsverbot und ständiger Aufsicht („an allem etwas auszusetzen“)

Überängstlichkeit („Paß auf“), besonders bei Einzelkindern

Sehen immer nur das Kind („Wenn Besuch da ist, bin ich überflüssig“)

Haben bestimmte Pläne mit dem Kind zwingen zu Beruf und Schule).

2. Keine Gemütlichkeit in  der Wohnung:

Keine gemeinsamen Unternehmungen (Unterhaltung, Spiele, Spaziergänge)

Nervosität infolge enger Wohnverhältnisse und Arbeitsüberlastung

Vater wegen -und Schlafstelle für die Mitglieder

Kein Mensch mit dem man sich aussprechen kann.

3.  Streit ums Geld:

Taschengeld nur für konkrete und nützliche Dinge (bei Schülern)

Allen Verdienst abliefern müssen (bei Lehrlingen)

Zuviel Hausarbeit (Landwirtschaft, Privatbetrieb, Haushalt)

4.  Elternwürde  ist nur eine Scheinwürde:

Eltern halten ihre Versprechen nicht und sind unehrlich

Erkaufen sich ihre Ruhe durch Geldzahlung an die Kinder

Unchristliche Gespräche und gemeine Witze.

 

Mark Twain (an einem 17-Jährigen, der sich über seinen rückständigen Vater beschwerte):

Junger Freund, ich kann Sie gut verstehen. Als ich 17 war, da war mein Vater genauso ungebildet. Es war kein Aushalten. Aber haben Sie Geduld mit so alten Leuten. Sie entwickeln sich langsamer. Nach zehn Jahren, als ich 27 war, da hatte er soviel zugelernt, daß man sich schon ganz vernünftig mit ihm unterhalten konnte. Und was soll ich Ihnen sagen: Heute, wo ich 37 Jahre bin - ob Sie es glauben oder nicht - wenn ich keinen Rat weiß, dann frage ich meinen alten Vater. So können die sich ändern!

 

Positive Seiten der Eltern:

1. Einigkeit unter den Eltern, gegenseitiges Vertrauen, Sparsamkeit, Ordnung, Sauberkeit, Zusammenarbeit auf allen Gebieten.

2. Gemütlichkeit und Behaglichkeit zu Hause, gemeinsames Zusammenleben bei Arbeit und Freizeit, Mahlzeiten und Spaziergängen

3. Verständnis für die Kinder, für das Moderne, für Freundschaften. Kein Kind vorziehen, keine Launen; Fürsorge in allen Punkten, Zeit für Aussprache, auch wenn viel Arbeit ist.

4. Familiendemokratie, Befragung aller Familienglieder bei wichtigen Fragen, Erziehung zur Selbständigkeit und zum Erwachsensein „(„Wenn du etwas tust, so prüfe zuerst, ob du es vor Gott, den Menschen und vor dir selber verantworten kannst“).

 

Den Eltern ins Stammbuch:

1. Sprecht euch untereinander in Erziehungsfragen aus und seid euch einig

2. Versucht, euch in die Lage eurer Kinder zu versetzen

3. Zielt darauf, die Kinder für das Leben vorzubereiten        

4. Beratung ist besser als Befehle, Zurechtweisung besser als Bevormundung

5. Wenn ihr schon kontrolliert, dann wenigstens unauffällig

6. M acht die Kindern mit einigen eurer Probleme vertraut (zum Lernen!)

7. Gebt Mitbestimmungsrecht in gemeinsamen Familiensachen (Ferienreise)

8. Fragt erst nach Gründen, ehe ihr straft (besonders bei „Klatsch“)

9. Weist kein Kind in Anwesenheit Dritter zurecht, tragt nichts nach

10. Begründet eure Maßnahmen gegenüber den Kindern.

Autorität läßt sich nicht erreichen, indem man Furcht erzeugt. Eltern sollen gutes Vorbild sein; dadurch gelangen sie mehr Einfluß bei ihren Kindern, wenn dieser Weg auch schwieriger ist. Wenn sie Vertrauen zu den Kindern haben, wird es auch nicht enttäuscht werden.

Aber auch die  Jugend kann mit ihren anderen Erfahrungen und Meinungen die Erwachsenen erziehen („Du kannst dich freuen daß du deine Eltern schon groß hast“).

Eltern können mithelfen, die richtige Antwort zu finden; aber sie können keinen immer verbindlichen Rat geben. Je älter die Kinder werden, desto mehr muß die letzte Entscheidung bei ihnen liegen. Einmal wird sich das Kind aus der Familie lösen und eine eigene Familie gründen. Es wird dann den Eltern danken für ihre Liebe, aber es wird ihnen auch den Anspruch jener anderen Liebe deutlich machen (1.Mose 2,24) und sie bitten, den anderen Menschen mit in ihre Liebe hineinzunehmen.

 

Den Kindern ins Stammbuch:

1. Eltern kann man sich nicht aussuchen, aber sie bleiben die Eltern.

2. Eltern haben Leib und Leben, erste Pflege, Nahrung, Kleidung gegeben

3. Eltern bringen große Opfer für die „Aufzucht“ der Kinder

4. Den Eltern verdanken wir einen ganzen Teil unseres Wissens

5. Nicht nur die Blutsverwandtschaft entscheidet, sondern das Verständnis

6. Daß wir in dieser Familie gelandet sind, ist Gottes Wille

7. Fragt euch, wozu Gott vielleicht die Spannungen benützen will

8. In verfahrenen Lagen kann ein Dritter Helfer und Mittler sein

9. Auch Kinder sind mitverantwortlich für ein gutes Familienleben

10.Jeder hat seine Privatinteressen in die Familie einzubringen

 

Zunächst fügt sich das Kind meist dem überlegenen Wissen und Können der Eltern. Ihre Autorität ist von vornherein durch das Eltern-Kind-Verhältnis gegeben. Aber die Eltern werden anstreben, den heranwachsenden Menschen zur eigenen Einsicht und Selbständigkeit zu verhelfen. Es kommt zu einem partnerschaftlichen Miteinander, wobei die Eltern zum Vorbild werden.

Manchmal möchten die Eltern aber gerne Vorbild sein, können es aber nicht und verzweifeln beinahe an ihrer Aufgabe. Viele andere Erziehungsträger helfen ihnen. Aber die Hauptver­antwortung liegt bei ihnen. Aber sie sind nicht oberste Instanz, die ist Gott allein. Sie tragen ja vor Gott allein die Verantwortung für die Kinder. Auf seine Vergebung sind sie angewiesen und müssen auch oft ihren Kindern vergeben; da sollten die auch zu Verständnis und Vergebung bereit sein.

 

 

Sterbebegleitung

 

Pflegeheim

Ein Heim aussuchen:

Kleine Wohneinheiten mit acht bis zwölf Personen sind behaglicher, als große ungegliederte Häuser. Der Interessent sollte fragen, ob es Einzelzimmer gibt, eigene Möbel mitgebracht werden können und wie das mit dem Ausgang und dem Urlaub ist. Sehr wichtig ist die Personal-Ausstattung - mindestens 50 Prozent aller Angestellten müssen qualifiziert ausgebildet sein. Es sollte einen Heimbeirat und Gästezimmer für Angehörige geben, alle Kosten und Zusatz-kosten müssen genau aufgeschlüsselt sein. Vor allem: Wie viele Betreuer versorgen wie viele Bewohner und was passiert

Bei der Suche nach einem Pflegeheim muß vor allem darauf geachtet werden, nach welchem Pflegeleitbild die alten Menschen behandelt werden. Gibt es so etwas wie eine Richtschnur für ethisches Handeln? Ist sie schriftlich niedergelegt? Das fängt schon bei der Ernährung an. Denn wenn alte Menschen nicht richtig ernährt werden, wirkt sich das auf ihre körperliche und geistige Leistungsfähigkeit aus, kann sich ihre Verwirrung verschlimmern. Unter- oder Fehlernährung kann durch Veränderungen des Geschmacksempfindens, des Hunger- oder Durstgefühls, durch Kau- oder Schluckbeschwerden, Entzündungen im Mundbereich entstehen, chronische Krankheiten oder Medikamente können die Nährstoffverwertung stören, Muskelschwäche oder Händezittern den Umgang mit dem Eßbesteck erschweren.

 

Gute Pflege:

Das reduzierte Durstempfinden verhindert, daß die alten Menschen von selbst ausreichend trinken. Die Folgen, so heißt es in einer Gießener Ernährungsstudie, sind Austrocknung, Verstopfung, Durchfälle oder Erbrechen. Dursten lassen, das lernt schon eine Schwesternschülerin, ist ein Kardinalfehler, der in der Pflege niemals vorkommen darf.

Ebenso wie Wundliegen - das muß heute in keinem gutgeführten Heim mehr passieren, passiert aber immer wieder. Denn in vielen Heimen gibt es zu wenig gut ausgebildetes Personal und die Tagesroutine verhindert, daß man sich genug Zeit nimmt, die Kranken sorgfältig zu waschen, abzutrocknen, einzureiben und zu untersuchen. In einem Heim, wo Hilfskräfte wie ein Putztrupp durch die Zimmer fegen, ist ein alter Mensch nicht gut aufgehoben. Wo Personal im Ausland angeworben und erst während der Busfahrt auf die deutsche Sprache vorbereitet wird, kann sich ein alter Mensch nicht verständlich machen, Wünsche oder Schmerzen äußern, sich verstanden fühlen.

 

Gewalt:

Gewalt in der Pflege ist das zentrale Thema der Initiative „Handeln statt Mißhandeln“, die 1997 in Bonn gegründet wurde und inzwischen in fast allen großen Städten ihre Anlaufstellen hat. Hier können sich Angehörige informieren und beraten lassen, was zu tun ist, wenn alte Menschen, die sich nicht mehr wehren können, schlecht behandelt werden. Zum Beispiel immer wieder angeschnallt und in Gitterbetten verwahrt oder mit Medikamenten ruhig gestellt werden.

„Gewalt in der Altenpflege hat viele Gesichter“, sagt Professor Hirsch, „fesseln, einsperren, beschämen, bloßstellen, beschimpfen, beleidigen, drohen, Medikamente vorenthalten oder sie überdosieren, Nahrung verweigern, vernachlässigen, isolieren oder ausbeuten sind nur einige davon!“All das kann passieren, wenn Heime unter- oder unqualifiziert besetzt sind oder schlecht kontrolliert werden. „Oder wenn in einer Gesellschaft Vorurteile gegen das Alter und gegenüber psychischen Krankheiten herrschen, die das alles zulassen.

 

Psychotherapie:

Daß alte Menschen psychotherapeutisch nicht mehr zu betreuen sind, ist auch ein solches Vorurteil. Alte Menschen sind oft einfach nur einsam oder depressiv und können mit verhaltenstherapeutischen Methoden durchaus selbstsicherer, aktiver und ausgeglichener werden. Eine solche Therapie kann ganz unkonventionell mit dem Einsatz von Tieren (Hunde, Katzen, Kuschelkaninchen) eingeleitet werden, deren Anwesenheit schon viele verbitterte oder vereinsamte Menschen aufgelockert hat. Musik und Tanz (durchaus auch im Rollstuhl) oder gemeinsames Singen entspannt und macht glücklich (und ein Schluck Wasser nach jedem Lied wird dann gern getrunken).

 

 

Sterbebegleitung

In den Niederlanden gilt ein neues Gesetz zur  „aktiven Sterbehilfe“: Ärzte dürfen nunmehr legal auf Verlangen ihre Patienten töten. Sind die Niederlande damit aus der europäischen Wertegemeinschaft - die ja einmal eine christliche war - ausgeschert? Oder sind sie nur Vorreiter eines längst um sich greifenden Wertewandels? Das niederländische Euthanasiegesetz trägt den Titel „Gesetz zur Überprüfung von Lebensbedingungen auf Verlangen des Patienten und Hilfe bei Selbsttötung“. Es soll dem Arzt straffrei lebensbeendende Handlungen ermöglichen. Gedacht ist an Fälle, die „aussichtslose“ und „unerträgliche“ Krankheitsstadien betreffen, Fälle in denen es angeblich „keine andere angemessene Lösung“ mehr gibt.

Doch das Lebensrecht - so die bittere Lehre der deutschen Geschichte - ist unter allen Umständen vor dem Zugriff Dritter zu schützten. Hier zu Lande bleibt der Begriff „Euthanasie“ untrennbar mit der Tötung „unwerten Lebens“ während der Naziterrorherrschaft verbunden. Deshalb hat das Vorgehen unserer Nachbarn auch bei den meisten deutschen Repräsentanten aus Politik, Kirche und Ärzteschaft große Bestürzung und entschiedenen Widerspruch ausgelöst.

Der Deutsche Ärztetag hat sich eindeutig gegen die aktive Sterbehilfe ausgesprochen. Zu den ärztlichen Aufgaben gehöre es, Sterbenden Beistand zu leisten. Und dazu sollten, so die Bundesärzteschaft, die Sterbebegleitung in Deutschland verbessert, die Palliativmedizin (also die Schmerz­­therapie) ausgebaut und die Hospizbewegung gefördert werden.

Die Alternative zum Töten auf Verlangen ist das liebevolle Begleiten eines Sterbenden bis zu seinem Tod. Es geht vor allem darum, den Tod weder mittels so genannter Apparatemedizin künstlich hinauszuzögern noch aktiv herbeizuführen. Die Sterbebegleitung ist eine wirkliche „Ster­behilfe“, da sie Schmerzen und Ängste lindert und seelisch auf den Tod vorbereitet. Bei der aktiven Sterbehilfe wird der Tod hingegen in einer der menschlichen Würde unangemessenen Weise beschleunigt.

Vor allem das so genannte Ruhigstellen mittels Psychopharmaka, die künstliche Ernährung ohne medizinische Notwendigkeit, das unbegründete Festschnallen von Patienten sind immer wieder genannte Pflegemißstände, die auf Pflegenotstände hinweisen. Denn die meisten Mißstände werden offenbar durch mangelnde Ausbildung, permanente Arbeitsüberlastung und fehlende psychologische Betreuung des Pflegepersonals hervorgerufen.

Wie viele der Betroffenen würden wohl auf eine aktive Sterbehilfe verzichten, wenn ihnen intensive Pflege und Zuwendung zugesichert werden könnten?

Eine Hilfe ist die Hospizbewegung. Entstanden ist die Hospizbewegung in den 60er-Jahren in England und in den USA. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst allen Menschen einen schmerz- und angstfreien, würdevollen Tod in familiärer Umgebung zu ermöglichen. Der Schwerpunkt liegt auf der ambulanten Betreuung: Ehrenamtliche Helfer besuchen die Kranken zu Hause, begleiten sie und unterstützen die Angehörigen. Für Menschen, die zu Hause nicht gepflegt werden können, gibt es auch stationäre Hospize.

Im Hospiz ist Sterben anders als im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Hier geht es um eine ganzheitliche Pflege. Der Arzt kann sich für seine Patienten Zeit nehmen. Und wenn sie möchten, spricht er auch mit ihnen über den Tod, den Glauben - und natürlich über ihr Leben.

Im Lazarus-Hospiz gibt es Platz für 16 Patienten, das absolute Maximum, um eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Die Angehörigen könnten jederzeit vorbeikommen, im Hospiz übernachten und essen. Denn das Wichtigste für die Sterbenden ist die Nähe zu Familie oder Freunde.

Die Hospiz-Idee sollte nicht auf einige „Zentren des Sterbens“ beschränkt bleiben, sondern in allen Krankenhäusern und Pflegeheimen Einzug halten. Eine Kulturnation wie Deutschland kann es sich nicht leisten, das Sterben einfach zu verdrängen.

 

Das Ehepaar Schneider und die Sterbehilfe:

Fs waren gleich zwei Interviews auf einmal: Zunächst im Nachrichtenmagazin „Stern“, einen Tag später dann in der Wochenzeitung „Die Zeit“ bekannte die an Brustkrebs erkrankte Gattin des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Anne Schneider, daß sie im Fall des Falles für sich auch Sterbehilfe in Anspruch nehmen würde. Und ihr Gatte Nikolaus sagte ihr zu, sie im Fall des Falles dabei zu unterstützen.

„Gegen kommerzielle Sterbehilfe bin ich auch, aber organisierte Sterbehilfe sollte nicht verboten werden“, sagt Anne Schneiden „Ich hoffe, wenn ich selber an den Punkt kommen sollte, sterben zu wollen, daß mein Mann mich dann in die Schweiz begleitet. Daß er neben mir sitzen und meine Hand halten würde, wenn ich das Gift trinke.“

Ihren Gatten stellt die Religionslehrerin damit vor eine schwere Herausforderung. Denn eigentlich ist die Position der EKD klar Und Nikolaus Schneider wiederholte sie auch gleich: „Beim Sterben jede Hilfe. Aber nicht zum Sterben.“ Doch dann kam der Paukenschlag: Im Fall des Falles würde er seine Anne wohl beim Freitod unterstützen. „Am Ende würde ich sie wohl gegen meine Überzeugung aus Liebe begleiten.“

Die persönlichen Äußerungen des Ehepaars kamen zu einem Zeitpunkt, an dem im politischen Berlin die hochemotionale Debatte über den Umgang mit organisierter Sterbehilfe, wie sie etwa vom Verein Dignitas angeboten wird, anläuft. Während ein Verbot kommerzieller Sterbehilfe unter den Bundestagsfraktionen unstrittig ist, ist noch unklar, wie sich das Parlament in Sachen geschäftsmäßiger, also von Ehrenamtlichen und Vereinen angebotener Sterbehilfe positionieren wird. Klar scheint derzeit nur, daß ohne Fraktionszwang abgestimmt werden soll - und erst nach den Sommerferien 2015.

Nikolaus Schneider freilich hat seine Position zum Thema Sterbehilfe schon länger gefunden. Bereits bei der EKD-Synode 2012 erklärte er: „Gleichwohl wird es Situationen geben, in denen auch Christen und Christinnen die Entscheidung von Menschen für ein selbstbestimmtes Sterben gegen ihre eigene Überzeugung respektieren und ihnen eine mitfühlende und seelsorgerliche Begleitung nicht verweigern.“ Und auf kritische Nachfrage von Synodalen ergänzte er: „Wenn ein Mensch intensiv darum bittet, dann mache ich mir nach der reinen Lehre auch die Hände schmutzig.“

„Schneider muß wissen, daß in einer Medienwelt seine differenzierte Sicht allein auf die Aussage, er würde seine Frau auch in die Schweiz zur Sterbehilfe begleiten, verkürzt wird“, kritisiert etwa der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. „Öffentlich wird dann kaum noch diskutiert, daß er jedoch alles versuchen würde, seine Frau für einen anderen Weg zu gewinnen.“

Unterstützung erhielt Schneider dagegen vom Vorsitzenden der EKD-Kammer für Theologie, dem Berliner Professor Christoph Markschies. „In der evangelischen Ethik hat immer schon gegolten, daß die Gewissensentscheidung eines jeden Menschen über allen noch so sinnvollen Normen steht“, sagte Markschies gegenüber der Kirchenzeitung. Die bewegenden Interviews des Ehepaars Schneider machten auf beeindruckende Weise deutlich, wie zwei Menschen, die sich lieben, mit solchen Konflikten umgehen. „Das ist in einer Grenzsituation unbedingt zu respektieren.“

 

Patientenverfügung

Damit der Abschied weitgehend mit den eigenen Vorstellungen vom Sterben übereinstimmt, sollte möglichst noch bei klarem Bewußtsein eine Patientenverfügung darüber ausgestellt werden, wie man sein Ende (nicht) erleben möchte: als menschliche Hülle an Schläuchen und Drähten oder ohne unnötig lebensverlängernde Maßnahmen.

Die aktive Sterbehilfe steht in Deutschland unter Strafe. Dagegen ist der Wunsch nach der Unterlassung einer ärztlichen Behandlung, zum Beispiel die Ablehnung künstlicher Ernährung oder künstlicher Beatmung, statthaft. Ebenso ist es rechtlich nicht zu beanstanden, wenn unheilbar kranke Patienten eine intensive Schmerztherapie wünschen und mit der Linderung ihres Leidens eine unvermeidbare Lebensverkürzung hinnehmen.

In einer Patientenverfügung wird der eigene Wille im Hinblick auf zukünftige medizinische Behandlungen niedergelegt für den Fall, daß man zu einem späteren Zeitpunkt dazu nicht mehr in der Lage ist. Patientenverfügungen gewährleisten das Selbstbestimmungsrecht des Patienten und helfen den Ärzten, Entscheidungen im Interesse der Patienten zu treffen.

Auch Patientenverfügungen sind nicht an eine bestimmte Form gebunden. Sie können also auch mündlich abgegeben werden. Es empfiehlt sich aber auch hier in jedem Fall, sie schriftlich abzugeben, damit ihre Gültigkeit nicht angezweifelt wird. Die Inhalte der Patientenverfügung sind frei bestimmbar. So kann es der Wunsch des Patienten sein, stets alle medizinischen Behandlungen zu erhalten. Umgekehrt kann der Patient wünschen, daß bestimmte medizinische Behandlungen nicht zur Anwendung kommen (zum Beispiel künstliche Beatmung. Dies gilt vor allem bei chronischen Krankheiten, bei denen medizinische Maßnahmen zwar lebensverlängernd sind, aber die Ursache und den Verlauf der Krankheit nicht mehr beeinflussen können.

Damit die Patientenverfügung im Bedarfsfall vorgelegt werden kann, empfiehlt sich eine Aufbewahrung bei einer oder mehreren der folgenden Personen: nahe Angehörige, Hausarzt, sonstige behandelnde Ärzte, Pflegepersonal in Krankenhäusern oder Pflegeheimen.

Vordrucke für solche „Testamente“ gibt es bei den Ärztekammern und den Kirchen, aber: Je persönlicher der Charakter einer solchen Verfügung, die selbstverständlich mit Unterschrift und Datum versehen und möglichst mit einem Zeugen erstellt werden sollte, desto glaubhafter ist sie als persönlicher Wille des Betroffenen. Auch sollte sie alle zwei Jahre erneuert werden. Es reicht, wenn man mit Datum und Unterschrift bestätigt, daß man mit dem Inhalt weiterhin einverstanden ist.

Zur christlichen Patientenverfügung ist eine Broschüre erhältlich, die sowohl ein Formular zur Patientenverfügung als auch eine Handreichung enthält, die den christlichen Hintergrund dazu beleuchtet. Zu beziehen ist sie beim Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, Postfach 21 02 20, 30402 Hannover, Tel.: 0511/2796-0, Fax: 0511/2796-777.

Die Rechtsverbindlichkeit von Patientenverfügungen ist umstritten. Das Hauptargument gegen sie ist, daß sie, in gesunden Tagen abgefaßt, nichts über den Behandlungswunsch eines Patienten während eines fortgeschrittenen Krankheitsstadiums aussagen. Deshalb ist die Gültigkeit der Patientenverfügung in hohem Maße davon abhängig, daß sie ein neueres Datum trägt.

 Bei der Patientenverfügung geht es einerseits um einen möglichen Behandlungsverzicht. Das bedeutet, auf eine lebensverlängernde Behandlung zu verzichten, wenn ein Mensch unheilbar krank ist und sich im Sterben befindet.  Andererseits ist eine Palliativbehandlung gemeint, die die Abgabe von schmerzlindernden Medikamenten an tödlich erkrankte Menschen einschließt, auch wenn diese Medikamente als Nebenwirkung den Todeseintritt beschleunigen können.

Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat 2003 erstmals entschieden, daß Patientenverfügungen zu respektieren sind, in denen bei irreversibler Bewußtlosigkeit lebenserhaltende Maßnahmen abgelehnt werden. Zugleich verlangten die Richter aber, daß die Zustimmung eines Gerichts eingeholt wird, ehe Angehörige künstliche Lebensverlängerung wirksam ablehnen können.

Rechtlich war bisher umstritten, ob in solchen Fällen die Patientenverfügung auszuführen ist oder der Betreuer erst die Zustimmung des Vormundschaftsgerichts einholen muß. Der für das Familienrecht zuständige XII. Zivilsenat des BGH forderte jetzt, daß ein Betreuer zunächst die Zustimmung des Gerichts einholen muß. Sei für den Patienten ein Betreuer bestellt, könne der eine weitere Behandlung nur mit Zustimmung des Vormundschaftsgerichts verweigern.

Man hat manchmal  den Eindruck, daß Patientenverfügungen als stille Euthanasieverfügungen gemeint sind. Dazu taugen sie natürlich nicht. Sie haben zwar bisweilen ein Stück weit solch eine Tendenz. Aber wir müssen überlegen: Was steckt hinter den Euthanasiebestrebungen, vor allem wenn sie von gesunden Menschen diskutiert werden? Dahinter steckt die Angst des Machtverlustes am Lebensende. Diese Angst ist ja nicht unberechtigt. Ein Teil dieser Angst kann durch eine geeignete Vorsorge mit einer Patientenverfügung aber aufgefangen werden. Und damit läßt sich auch ein Teil der Euthanasiediskussion abschwächen.

Angehörige sind im allgemeinen nicht in der Lage, eine Entscheidung von der Tragweite einer Organentnahme im Angesicht des Sterbenden zu fällen. Sie stehen unter Schock, werden aber genötigt einer Spende zuzustimmen und so den Sterbenden im Stich zu lassen, in dem man ihnen die Verantwortung für das Leben eines anderen aufbürdet.

In einer Patientenverfügung könnte zum Beispiel Folgendes stehen: „Ich wünsche eine wirksame Schmerz­therapie, auch wenn sie die verbleibende Lebensspanne verkürzt. Ich wünsche weder künstliche Beatmung und Ernährung noch eine Wiederbelebung, wenn ich wegen unwirksamer Schmerztherapie an unerträglichen Schmerzen leide; wenn ich geistig so verwirrt bin, daß ich nicht mehr weiß, wer und wo ich bin; wenn ich länger als ein halbes Jahr bewußtlos bin, und wenn ich an einer tödlichen Krankheit im Endstadium leide!“

Grundsätzlich sind Ärzte verpflichtet, alles zu tun. um das Leben eines Patienten zu verlängern und ihn zu schützen - unter Umständen auch vor sich selbst. Dieser ärztlichen Pflicht steht das Selbstbestimmungsrecht des Kranken gegenüber. Kann der sich, weil er bewußtlos, dement oder verwirrt ist, nicht äußern, gilt der „mutmaßliche Patientenwille“ als Maßstab ärztlichen Handelns. Im besten Fall gibt es Angehörige, die dem Arzt sagen können, wie ein Patient vermutlich entschieden hätte. Doch auch die sind nicht unbedingt eine verläßliche Quelle: Angst, Schuldgefühle oder schlichte Erbgier können ihre Aussagen beeinflussen.

Bislang schützt selbst ein notariell beglaubigtes Testament niemanden vor ärztlicher Allmacht oder überforderten Verwandten. Selbst Betreuungsbevollmächtigte haben kaum eine Handhabe, um die Wünsche ihrer Schutzbefohlenen juristisch durchzusetzen.

Doch das Bedürfnis, sich gegen ein langsames Sterben zu versichern, wächst. Laut einer Umfrage der Deutschen Hospiz Stiftung tragen sich mehr als 80 Prozent der Deutschen mit dem Gedanken, eine Patientenverfügung abzufassen. „Die Menschen wollen verhindern, beim Sterben mit allen Regeln ärztlicher Kunst am Leben gehalten zu werden“, sagt Ethiker Sass.

Je mehr die Verfügung über die Persönlichkeit eines Patienten erzählt, desto mehr helfe sie einem Arzt, wenn er die Entscheidung treffen muß: Behandlungsabbruch - ja oder nein.

Denn die letzte Entscheidung, so Kielstein, kann auch eine wohlformulierte Patientenverfügung den Ärzten nicht abnehmen.

 

 

Betreuungsverfügung

Wenn Volljährige aufgrund einer psychischen Krankheit, einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung ihre Angelegenheiten teilweise oder vollständig nicht mehr selbst regeln können, bestellt das Vormundschaftsgericht für sie einen Betreuer. Die Betroffenen können dies selbst beantragen oder das Gericht kann - wenn ihm entsprechende Fälle bekannt werden - von sich aus tätig werden.

Das Vormundschaftsgericht darf den Betreuer nur in solchen Bereichen mit Betreuungsaufgaben betrauen, in denen eine Betreuung notwendig ist. Ist eine Person zum Beispiel lediglich unfähig, ihre finanziellen Angelegenheiten selbst zu regeln, dagegen in allen anderen Bereichen der persönlichen Lebensführung noch handlungsfähig, wird der Betreuer auch nur

für die Verwaltung der Finanzen bestellt.

Die Betreuungsverfügung ist eine Erklärung gegenüber dem Vormundschaftsgericht, in der man festlegt, welche Person oder Personen man für seine Betreuung wünscht. Die Betreuungsverfügung kann auch Anweisungen an den Betreuer beinhalten, wie die Betreuung ausgeübt werden soll. Ebenso wie die Vorsorgevollmacht und die Patientenverfügung ist eine Betreuungsverfügung nicht an eine bestimmte Form gebunden. Doch empfiehlt sich auch hier die Schriftform, da sie die höchste Beweiskraft besitzt.

 


Zu den Befugnisse des Bevollmächtigten gehört auch die Einwilligung und das Versagen von Heilbehandlungen. Bei noch nicht eingesetztem Sterbevorgang kann grundsätzlich ein Dritter auch dazu bevollmächtigt werden, darüber zu entscheiden, ob lebenserhaltende Maßnahmen am betroffenen Vollmachtgeber, wie zum Beispiel künstliche Ernährung oder Beatmung, beendet werden sollen. Dazu ist aber die Genehmigung des Vormundschaftsgerichtes in entsprechender Anwendung des § 1904 BGB einzuholen.

Dem Bevollmächtigten kann die Entscheidung übertragen werden, im Falle einer krankheitsbedingten konkreten Eigengefährdung den Vollmachtgeber in einer geschlossenen Einrichtung oder in einer geschlossenen Station unterzubringen. Dies gilt jedoch nur dann. wenn die Vollmachtsurkunde die Maßnahmen nach § 1906 Abs. 1 BGB ausdrücklich mit umfaßt.

Zu beachten ist insoweit, daß trotz einer wirksamen Bevollmächtigung die Genehmigung des Vormundschaftsgerichtes einzuholen ist. Ohne diese Genehmigung sind die Maßnahmen nur zulässig. wenn mit dem Aufschub Gefahr verbunden ist.

Dem Bevollmächtigten kann die Entscheidung übertragen werden, in freiheitsentziehende Maßnahmen einzuwilligen. um den Vollmachtgeber vor einer konkreten Eigengefährdung zu schützen. Dabei kann der Bevollmächtigte auch dazu ermächtigt werden, zu überprüfen, ob eine ärztlich vorgeschlagene Schutzmaßnahme zur Verhinderung einer konkreten Eigengefährdung auch tatsächlich erforderlich und unumgänglich ist. Insbesondere fallen hierunter Entscheidungen über das Anbringen von Bettgittern, das Fixieren mit einem Gurt oder anderen mechanischen Vorrichtungen. die Verabreichung von Schlafmitteln und Psychopharmaka sowie alle sonstigen Maßnahmen, die den Vollmachtgeber daran hindern sollen, sich frei zu bewegen. Auch hier gilt, daß diese Maßnahmen nur dann in Frage kommen, wenn sie in der Vollmachtsurkunde ausdrücklich erwähnt sind. Zu beachten ist insoweit auch, daß trotz einer wirksamen Bevollmächtigung die Genehmigung des Vormundschaftsgerichts einzuholen ist. Ohne diese Genehmigung sind die Maßnahmen nur zulässig. wenn mit dem Aufschub Gefahr verbunden ist.

Diese Pflicht der vormundschaftsgerichtlichen Genehmigung greift dann nicht ein, wenn der Betroffene in einer Familie lebt und die genannten Maßnahmen dort getroffen werden müssen. Eine vormundschaftsgerichtliche Genehmigung kann aber erforderlich sein, wenn der Betroffene. der von dritter Seite betreut wird, in seiner eigenen Wohnung regelmäßig eingesperrt werden soll.

 

Vorsorgevollmacht

Mit einer Vorsorgevollmacht bestimmt man einen oder mehrere Bevollmächtigte als Stellvertreter für den Fall der eigenen Hilfsbedürftigkeit oder Geschäftsunfähigkeit. Vorsorgevollmachten sind nicht an eine bestimmte Form gebunden. Eine mündlich ausgesprochene Vollmacht ist daher rechtlich statthaft, allerdings fehlt ihr im Zweifelsfall die Beweiskraft. Deshalb empfiehlt sich für Vorsorgevollmachten in jedem Fall die Schriftform.

Banken akzeptieren oftmals nur die eigenen Vollmacht-Vordrucke. Sofern die Vorsorgevollmacht auch die Verfügungsgewalt über Bankkonten sowie andere Bankeinlagen umfassen soll, ist mit der bzw. den betroffenen Banken zu klären, ob hier besondere Vordrucke zu benutzen sind.

Vorsorgevollmachten können unterschiedlich weitgehende Befugnisse enthalten. Zumeist berechtigen sie die Vertretungsperson/-en zu umfassendem „Vertretungshandeln“. Dies ist meistens sehr nützlich und dient dem Vollmachtgeber. Zugleich beinhaltet eine solche Vertretungsmacht aber auch Mißbrauchsmöglichkeiten. Deshalb ist zu Vorsorgevollmachten nur dann zu raten, wenn man eine oder mehrere Vertrauenspersonen hat, von denen man vertreten werden möchte. Ebenso wichtig ist es, daß die bevollmächtigte Person geeignet ist, die Vertretung zuverlässig zu übernehmen. Personen, die bereits sehr alt sind, schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen oder Suchtprobleme haben, sollten nicht ausgewählt werden. Ganz allgemein gilt: Der Bevollmächtigte muß sowohl die Fähigkeit als auch die Zeit haben, die Wünsche des Vollmachtgebers gegenüber Behörden, Ärzten, Gesundheitspersonal und Vormundschaftsgericht.

Wenn mehrere Vorsorgevollmachten ausgestellt werden, können unterschiedliche Fähigkeiten von Vertrauenspersonen genutzt werden. So könnte sich zum Beispiel eine Person um die persönlichen Belange und eine andere um die Vermögensverwaltung kümmern.

Personen, die eine Vorsorgevollmacht ausgestellt haben, sind in einem gewissen Mindestmaß rechtlich geschützt. So muß ihr Bevollmächtigter - auch ein amtlicher Betreuer - vor allem bei folgenden Maßnahmen die Genehmigung des Vormundschaftsgerichts einholen:

- Untersuchungen und medizinische Behandlungen, die die unmittelbare Gefahr beinhalten, daß der Vollmachtgeber dadurch sterben oder länger andauernde gesundheitliche Schäden erleiden kann. Solche gefährlichen Maßnahmen können - abhängig vom Allgemeinzustand des Patienten - sein:

- Untersuchungen, wie zum Beispiel Bronchoskopie, Herzkatheterisierung

- Operative Behandlungsmaßnahmen wie zum Beispiel Herzoperation.

- Transplantation, neurochirurgische Eingriffe und alle großen chirurgischen Eingriffe     

- Nichtoperative Behandlungsmaßnahmen, wie zum Beispiel Chemotherapie.

- Dauerbehandlung mit Psychopharmaka.

- Unterbringungen mit Freiheitsentzug, zum Beispiel in geschlossenen psychiatrischen Kliniken

- Maßnahmen in Anstalten oder Heimen, die für die Bewohner mit einer Einschränkung der Freiheit verbunden sind, zum Beispiel Bettgitter, Fixierungen und ruhigstellende Medikamente.

- Kündigung einer vom Betreuten gemieteten Wohnung

-  Entnahmen aus dem Vermögen des Betreuten

Hat der Betroffene rechtzeitig eine Vorsorgevollmacht ausgestellt, ist eine Betreuungsverfügung nicht zulässig und wird vom Gericht nicht angeordnet.

Die Gerichte haben bislang unterschiedliche Entscheidungen zu der Frage getroffen, ob für die Beendigung einer lebenserhaltenden Maßnahme, zum Beispiel einer künstlichen Beatmung, die Genehmigung des Vormundschaftsgerichts erforderlich ist. Um jeden Zweifel für die betroffenen Ärzte und Angehörigen zu beseitigen, empfiehlt es sich, in entsprechenden Fällen eine solche Genehmigung einzuholen. Es sind keine Fälle bekannt, in denen eine solche Genehmigung nicht erteilt wurde, wenn eine Patientenverfügung vorgelegen hat.

Folgende Vollmachtsregelungen sind zu unterschreiben:

a) General- und Spezialvollmacht: Eine Vollmacht kann nur für bestimmte Rechtsgeschäfte, aber auch als Generalvollmacht erteilt werden. Lediglich im Rahmen der rechtsgeschäftlichen Vollmachten erscheint eine Einzelvollmacht bzw. als Kontovollmacht sinnvoll. Wird dagegen eine Vorsorge dahingehend angestrebt, eine Betreuerbestellung zu vermeiden, erscheint allein eine Generalvollmacht hierzu geeignet. Andernfalls besteht die Gefahr. daß seitens des Vormundschaftsgerichts ein Betreuer bestellt wird, wenn Maßrahmen erforderlich werden, die von der Vollmacht nicht erfaßt sind.

b) Doppelbevollmächtigung: Im Falle der Verhinderung des Bevollmächtigten ist die Kontinuität der Versorgung des Betreuungsbedürftigen in Frage gestellt. möglicherweise wird sogar die Bestellung eines Betreuers erforderlich! Als mögliche Lösung bietet sich für diesen Fall an. eine Doppelvollmacht derart zu erteilen. daß beiden Vertretern dieselben Aufgaben übertragen werden. Dann können beide Bevollmächtigte jeweils unabhängig voneinander handeln. In der Vollmacht ist dabei die Anordnung möglich, daß bei Meinungsverschiedenheiten die Entscheidung einem bestimmten Vertreter obliegt.

Vollmacht mit wechselseitiger Einsetzung der Ehegatten: Im Hinblick auf den besonderen Vertrauenscharakter einer Vorsorgevollmacht wird die Wahl des Bevollmächtigten meist auf einen nahen Angehörigen. bei Eheleuten auch auf den Ehepartner fallen. Die Praxis zeigt, daß sich gerade Eheleute oft wechselseitig bevollmächtigen. Dabei erfolgt die Bevollmächtigung des jeweils anderen oftmals nur im Hinblick auf die eigene Bevollmächtigung und ist Ausdruck eines gegenseitigen Vertrauensbeweises.

 

Organspende

Es gibt eine Initiative (KAO), die sich gegen die Bereitschaft zur Organspende ausspricht. Sie fragt: Ist ein Organspender unmittelbar vor der Organentnahme eine Leiche oder ein Lebender ohne meßbare Hirnfunktion? In dieser Frage nehmen Fachleute aus Medizin. Rechtswesen und Theologie gegensätzliche Positionen ein. Das deutsche Transplantationsgesetz hat diesen Konflikt nicht gelöst. Schließlich leben 97 Prozent des Organismus zu diesem Zeitpunkt noch.

Sie sprechen von einem „neuen Tod bei lebendigem Leib“: Schon beim Versagen des Gehirns soll der Mensch tot sein, obwohl alle anderen Körperfunktionen noch erhalten sind. Die Transplantationsmediziner und mit ihnen die Ärztekammer behaupten das. Können wir ihnen, die nicht mehr den sterbenden Menschen, sondern nur dessen lebensfrische Organe sehen, trauen?

Die Transplantationsmedizinreduziert den Menschen auf das funktionierende Gehirn, nennt das Hirnversagen „Hirntod“ und den Leib „Restkörper“ und kommt so zur Vorverlegung des Todeszeitpunktes zum Zwecke der Organentnahme, ohne sich dem Vorwurf der Tötung auszusetzen. Dazu informiert sie:

Hirntod:

         Der vollständige Ausfall aller Gehirnfunktionen der „Hirntod“, ist nicht feststellbar.

         Hirntote werden bis zur Organentnahme am Leben gehalten. In dieser Zeit müssen sie

         genährt, gewaschen und gepflegt werden, müssen täglich mehrmals umgelagert

         werden, um sogenannte Druckgeschwüre zu vermeiden. Kontinuierliche Mundpflege,  Hautpflege und Medikamentengabe sind notwendig.

         Ihr Herz schlägt und sie atmen mit technischer Unterstützung durch Beatmungsgeräte.

         Sie sind warm, der Stoffwechsel funktioniert.

         Hirntote Frauen können Kinder gebären, hirntote Männer können Erektionen haben.

         Hirnströme und Hormonproduktion der Hypophyse bei Hirntoten sind möglich.

         Hirntote zeigen Reaktionen auf äußere Reize, bei 3 von 4 Hirntoten sind Bewegungen  der Arme und Beine möglich.

         Hirntote können sich aufrichten und gurgelnde Laute ausstoßen.

 

Der Spender ist beinahe komplett recycelbar. Das kann die Medizin wiederverwerten:

                     Herz. Leber, Nieren, Milz, Bauchspeicheldrüse, Lunge, Magen.

                     Knochenmark,

                     Haut, Augen,

                     Gehörknöchelchen, Knorpelmasse, Knochen, Kiefernknochen,

                     Bänder

                     Gliedmaßen.

 

Organentnahme:

         Eine Organentnahme findet unter Narkose statt. Die Beatmungsgeräte werden erst nach der Entnahme abgestellt.

         Ein friedvolles und behütetes Sterben. vielleicht im Beisein von Angehörigen, ist bei einer Organentnahme nicht möglich. Sterbebegleiter sind die Transplantationsmediziner, die im Team anreisen und nacheinander die Organe entnehmen. Eine Multiorganentnahme dauert viele Stunden. Während der Entnahme der Organe bleibt der Hirntote an die Beatmungsgeräte angeschlossen.

         Hirntote bewegen in 3 von 4 Fällen ihre Gliedmaßen:. Sie müssen deshalb auf dem Operationstisch festgeschnallt werden. Sie erhalten Medikamente zur Ruhigstellung.

         Beim Einschnitt in den Körper kann es zu Blutdruck-. Herzfrequenz-, und Adrenalin­anstieg kommen. Bei anderen Operationen gelten diese Zeichen als Hinweise auf Streß bzw. Schmerz. Einige Anästhesisten geben vorsichtshalber Schmerzmittel.

         Die Bauchdecke wird vom Hals bis zum Schambein aufgeschnitten. Die Hautlappen werden so gehalten, daß eine „Wanne“ entsteht, die mit bis zu 15 Liter eiskalter, Wassers gefüllt wird. Die Organe werden mit eiskalter Perfusionslösung durchspült, das Blut wird abgesaugt. Erst wenn das Herz mit Kühlflüssigkeit durchspült wird, tritt der Herzstillstand ein.

         Angehörige berichten, daß der zum Spender gemachte Mensch entstellt und nicht wiederzuerkennen ist.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegekräfte stellt fest: „Die Würde des Menschen und die Achtung vor dem Tod treten gegenüber den Interessen der Transplantationsmedizin und wirtschaftlichen Interessen zurück“.

Auch wenn man all dieses weiß, sollte man sich doch nicht davon abhalten lassen, sich als möglicher Organspender zur Verfügung zu stellen und eine entsprechende Erklärung bei sich zu führen. Für den Spender mag das alles furchtbar sein, aber einem anderen Menschen wird dadurch geholfen. Der Spender kann noch im Tod einen Sinn in diesem Sterben sehen.

 

 

Nahtod-Erfahrungen

Das innere Land

Britische Wissenschaftler haben nach eigenem Bekunden im Jahr 2001 Hinweise dafür entdeckt, daß das menschliche Bewußtsein auch dann noch aktiv ist, wenn das Hirn nicht mehr arbeitet und ein Mensch als klinisch tot gilt. Die Diskussion darüber, ob es ein Leben nach dem Tod und ob es eine Seele gibt, wird dadurch erneut angeregt.

Die Untersuchung müsse noch ausgeweitet werden. Aber immerhin könne aus dem bisher Erfahrenen geschlossen werden, daß das Bewußtsein oder die Seele weiter dächten und argumentierten, selbst dann, wenn es bei dem Menschen zum Herz- und Atemstillstand komme und die Hirntätigkeit mit null angegeben werde.

Unter anderem berichteten die Patienten, daß sie Frieden, Freude und Harmonie empfunden hätten. Bei einigen sei die Zeit schneller vergangen, ihre Sinne seien geschärft gewesen und sie hätten das Bewußtsein für ihren Körper verloren. Die Untersuchten berichteten zudem, sie hätten ein helles Licht gesehen, seien in eine andere Ebene eingetreten und hätten mit toten Verwandten kommuniziert. Seit der ersten Veröffentlichung ihrer Ergebnisse im Februar ist man auf mehr als 3500 Menschen gestoßen, die über ähnliche klare Erinnerungen verfügen, sogenannte „Nahtod-Erfahrungen“ hatten.. Viele von ihnen sprächen ungern über ihre Erlebnisse, da sie fürchteten, für verrückt gehalten zu werden.

Bis heute hat noch niemand wirklich verstanden, wie das Hirn Gedanken produziert. Vielleicht kann das menschliche Bewußtsein unabhängig vom Hirn funktionieren und dieses nur dazu nutzen, Gedanken zu manifestieren, ähnlich einem Fernsehgerät, das Wellen in die Luft aussendet, die zu Bild und Ton werden.

Wenn ein Hirn beschädigt werde oder ein Teil des Verstandes oder der Persönlichkeit untergingen, so bedeute das nicht notwendigerweise, daß der Verstand durch das Hirn produziert werde. Das sei nur ein Hinweis darauf, daß der Apparat beschädigt sei, die weitere Forschungsarbeit könnte die Existenz einer Seele bestätigen.

 

Was wäre, wenn hinter den Inseln der Träume ein unermeßliches Festland läge, eine „zweite Wirklichkeit“? In unseren Tagen berichten viele Menschen, die ein Nahtod-Erlebnis hatten, von der Vision einer „anderen Welt“. Die Bewußtseinspioniere der Frühzeit, die Schamanen aller Kulturen, erkunden sie schon seit Jahrtausenden. Ist dieses „Innere Land“" eine Simulation des Gehirns, das uns nur offen steht, wenn sich unser Bewußtsein dramatisch verändert? Was bedeuten die Erfahrungen der Sterbenden für unsere Vorstellung von Realität? Weltweit untersuchen Wissenschaftler diese Frage, mit widersprüchlichen Ergebnissen. 

Der für Arte und ARD (2000/2002) produzierte Film „Jenseitsreisen“ schildert die Thesen der Forscher und läßt die Rückkehrer von der Grenze des Todes selbst zu Wort kommen.  Im Buch „Das innere Land - Bewußtseinsreisen zwischen Leben und Tod“ werden die erstaunlichen Gemeinsamkeiten sichtbar, die Jenseitsreisende und Schamanen aller Kulturen miteinander verbinden.  Wenn wir sterben, das zeigt die wissenschaftliche Thanatologie, betreten wir das Land der Imagination. Auch wenn niemand sicher weiß, ob dies nur die letzten, sinnstiftenden Bilder eines sterbenden Gehirns sind oder der Übergang in eine Welt, die alle Religionen „Das Jenseits“ nennen, ist es doch wichtig, diese Landschaften der Seele genau zu kennen. Wer eine klare Vorstellung von dem hat, was ihn erwarten könnte, verliert die Angst, wie nahezu alle Berichte über Nahtod-Erfahrungen zeigen.

Wer Sterbende begleitet - in der Familie, im Freundeskreis oder professionell in Kliniken, Palliativstationen und Hospizen - sollte wissen, was die Menschen durchleben, die ihm anvertraut sind. In der leichten Trance, wie sie zum Beispiel monotones Trommeln auslösen kann, ist es möglich, eine Ahnung dieser „parallelen Welt“ zu gewinnen. Experimente an mehreren Universitäten (Gießen, Wien, Koblenz-Landau) haben gezeigt, daß jeder Mensch den Weg nach innen lernen kann.  Hier erfahren Sie, was Wissenschaftler und Betroffene zur Nahtod-Erfahrung sagen und was führende Anthropologen bei ihren weltweiten Forschungen unter traditionellen Heilern herausgefunden haben: In veränderten Bewußtseinszuständen entdeckt der Geist eine „andere Ebene der Wirklichkeit“.

 

Der Begriff „Nahtod-Erfahrung“ wurde von dem amerikanischen Arzt und Psychiater Raymond Moody im Jahr 1975 geprägt. Bei seiner Arbeit in einer Klinik war er auf mehrere Fallberichte gestoßen, die er zunächst für Ausnahmeerscheinungen gehalten hatte, bis er immer mehr Menschen traf, die Ähnliches berichteten. Sein berühmtes Buch „Life after Life“ (Titel der deutschen Ausgabe:“Leben nach dem Tod“) war der Beginn der wissenschaftlichen Nahtod-Forschung. Bereits damals legte er sein Modell des „klassischen“ Erlebnisses vor. Dieses Modell, an dem sich die Forschung bis heute orientiert, faßt alle von den Zeugen geschilderten Elemente zu einer „vollständigen“ Reise zusammen. Nur selten sind die Berichte derart umfassend; meist kommen nur einzelne Elemente vor. Manche Kritiker der Nahtodforschung halten den kompletten Ablauf deshalb für ein theoretisches Konstrukt. Tatsächlich aber werden von einzelnen Menschen auch „vollständige“ Sequenzen berichtet.  

Neuere Studien versuchen, von der Sammlung zufälliger Berichte wegzukommen. Soziologen der Universität Konstanz untersuchten 1999 eine repräsentative Zahl von Bürgern in Deutschland und kamen zu dem Ergebnis, daß etwa 3 Millionen Menschen von Nahtoderfahrungen berichten. Visionen am Rande des Todes sind also sehr häufig. Und es ist denkbar, daß noch viel mehr Menschen ähnliche Erlebnisse hatten, die Bilder aber vergessen bzw. verdrängt haben. Möglicherweise steht jedem am Ende des Lebens ein Nahtoderfahrung bevor- sicher aber einer nennenswerten Zahl von Menschen. 

In der Konstanzer Studie wird das klassische Muster kritisch betrachtet. Die Soziologen fanden eine breitere Varianz und mehr traumähnliche Erlebnisse. Kritiker der Studie (wie Michael Schröter-Kunhardt) deuten diese Befunde als Fehlinterpretation. Tatsächlich treten vor der Nahtoderfahrung  häufig traumähnliche Elemente auf (sogenannte oneiroide Träume), die auch erschreckend sein können. Diese Bilder gehen dann aber in die bekannte Sequenz über. Läßt man die „Oneiroide“ in der Konstanzer Studie weg, nähern sich die Daten wieder dem von Moody entwickelten „klassischen“ Modell.  

Die Frage, ob das Nahtoderlebnis nicht überwiegend als besondere Form des Traumes gedeutet werden kann, beschäftigt viele Forscher. Dabei vergleichen sie die Schilderungen der Zeugen mit Berichten von Menschen aus aller Welt, die über extrem klare, realistische Träume berichten. Diese sogenannten Klarträume oder luziden Träume zeichnen sich dadurch aus, daß der Schlafende in einem Traum plötzlich Ungereimtheiten feststellt und schließlich zu der Erkenntnis kommt, daß er träumt.

Während die meisten Menschen in einer solchen Situation aufwachen ( zum Beispiel aus einem Alptraum), gelingt es einigen wenigen, im Traum zu bleiben In diesem Moment verwandelt sich die Szenerie in eine als unglaublich klar, farbig und dreidimensional geschilderte Bilderwelt. Klarträume sind aber insgesamt subjektiv und haben wenig vergleichbare Bildfolgen. Sie sind ebenso verwirrend und unlogisch wie normale Träume. Im Gegensatz dazu folgen die Nahtoderlebnisse einem bei aller Subjektivität und kulturellen Ausgestaltung doch erkennbar gemeinsamen Muster. Und der Mensch am Rande des Todes ist sich stets sicher, daß er nicht träumt - er kann seinen Zustand ebenso klar von einem Traum unterscheiden wie der luzide Träumer seinen besonderen Zustand von der Realität. 

Sicher ist, daß nicht alle Menschen, die von Nahtod-Erlebnissen berichten, wirklich objektiv an der Schwelle des Todes standen. Die subjektive Gewißheit zu sterben scheint als Auslöser der Bildfolge zu genügen. Immer wieder berichten zum Beispiel Unfallopfer, daß sie bereits während des Unfallablaufes Bildsequenzen erlebten - etwa einen ausführlichen Lebensrückblick. Zu diesem Zeitpunkt lagen aber noch keinerlei Verletzungen vor. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit extrem hoch, nicht zu überleben.

Der berühmteste Bericht dieser Kategorie stammt von dem Schweizer Bergsteiger Professor Albert Heim. Er schildert im Jahr 1892 seinen Absturz am Säntis. Heim schreibt: „Ich fuhr auf dem Rücken...nach unten über den Fels und flog schließlich noch 20 Meter frei durch die Luft...Was ich in den 5-10 Sekunden gedacht habe, läßt sich in zehnmal mehr Minuten nicht erzählen. Alle...Vorstellungen waren zusammenhängend und sehr klar, keinesfalls traumhaft verwischt...Dann sah ich, wie auf einer Bühne aus einiger Entfernung, mein ganzes vergangenes Leben in zahlreichen Bildern sich abspielen. Ich sah mich selbst als die spielende Hauptperson. Alles war wie verklärt von einem himmlischen Lichte und alles war schön und ohne Schmerz, ohne Angst...Erhabene und versöhnende Gedanken beherrschten und verbanden die Einzelbilder, und eine göttliche Ruhe zog wie herrliche Musik durch meine Seele. Dann hörte ich ein dumpfes Aufschlagen, und mein Sturz war zu Ende.“

Berichte wie die von Professor Albert Heim belegen, daß zumindest einzelne Elemente bereits durch subjektive Todesnähe ausgelöst werden können. Ob ein tiefergehendes Erlebnis - etwa der Flug in jenseitige Landschaften und das Treffen mit Verstorbenen und dem Licht - eine objektive, physiologische Todesnähe notwendig machen, ist nicht sicher, aber wahrscheinlich.

Wo bleibt bei all diesen angenehmen Berichten die Vision der Hölle? Tatsächlich existieren Berichte von Schwerkranken, die sich in Landschaften mit höllischen Elementen wiederfanden, oder in leeren Räumen, die völlige Sinnlosigkeit spiegelten. Es könnte sein, daß mehr Menschen solche Erlebnisse hatten, als es die vorliegenden Aussagen vermuten lassen - vielleicht werden negative Erfahrungen eher verdrängt oder bewußt nicht erzählt. Einzelne Berichte machen aber deutlich, daß es auf die subjektive Wahrnehmung ankommt.

So berichtete eine Patientin bei den Recherchen für diesen Film, daß sie in ihrem Nahtod-Erlebnis zunächst in ein schwarzes Loch fiel. Sie habe geglaubt, daß dieser Sturz so in alle Ewigkeit weitergehen würde. Eigentlich eine Horrorvision mit höllischen Zügen- aber die Patientin empfand den Sturz ins Nichts als durchaus angenehm. Und je mehr sie sich darauf einließ, umso positiver wurde das Erlebnis - bis schließlich das Licht auftauchte und eine farbige, jenseitige Landschaft. Möglich, daß die negativen Erfahrungen von Mensch zu Mensch variieren (wie die Dauer des „Fegefeuers“ in der christlichen Überlieferung). Möglich auch, daß diese Bilder verdrängte Ängste der Seele spiegeln (so vermuten das die tibetischen Buddhisten, wenn sie vom „Erscheinen der zornigen Gottheiten“ als Projektion des Sterbenden sprechen). Vielleicht sind ja auch die positiven Bilder nur eine Projektion des eigenen Seelenzustandes -  und erst nach dem Flug ins Licht beginnt die eigentliche Welt jenseits der Psyche. All dies sind philosophische und religiöse Fragen, über die wir nur spekulieren können.  

Die Todesnähe-Forschung hat in jedem Fall Konsequenzen für den Umgang mit Sterbenden. Auch tiefes Koma garantiert nicht, daß der Schwerkranke ohne Bewußtsein ist. Sein Bewußtsein könnte durchaus im Raum anwesend sein, so wie im Fall der Amerikanerin Pam Reynolds im Operationssaal. Ähnliche Schilderungen von vergleichbaren „außerkörperlichen Erlebnissen“ gibt es in so vielen Fällen, daß die Möglichkeit zumindest nicht ausgeschlossen werden kann. 

Dies bedeutet für die Angehörigen ebenso wie für das Pflegepersonal eine Grundhaltung von Ernsthaftigkeit und Empathie. Der Schwerkranke oder Sterbende ist noch präsent - und wir sollten ihm helfen, in die Bilderwelt seiner Seele zu gehen. Starke Beruhigungsmittel auf der einen oder die Verweigerung einer wirkungsvollen Schmerztherapie (etwa mit Morphinen) auf der anderen Seite könnten diesen Kontakt mit den jenseitigen Landschaften erschweren. Eine ruhige, freundliche und den Abschied ermöglichende Atmosphäre könnte der richtige Weg sein, um negative Erfahrungen des Sterbenden zu verhindern.  

Die Realität der Nahtoderfahrungen könnte auch den Zurückbleibenden den Abschied erleichtern. Auch wenn es natürlich denkbar ist, daß die Bilder irgendwann „im Licht des Jenseits“ verlöschen, tröstet doch der Gedanke, daß äußerlich sichtbares Leiden und dramatischer Verfall häufig subjektiv Bildern des Aufstiegs in eine Sphäre der Schönheit und der Liebe entsprechen. Die Berichte der Zeugen lassen aber auch vor dem Hintergrund der materialistischen Wissenschaft durchaus den Glauben zu, daß es „irgendwo“ weitergehen könnte.  

 

 

Das Buch „Das innere Land - Bewußtseinsreisen zwischen Leben und Tod“ von Joachim Faulstich verbindet Erfahrungsberichte von Menschen, die den „klinischen Tod“ überlebten, mit den Erzählungen von Schamanen aus aller Welt. Es zeigt, daß die modernen Rückkehrer von der Grenze des Todes offenbar ähnliche Regionen berühren wie die Trance-Reisenden archaischer Stämme, die den Weg in die „Anderswelt“ mit Hilfe der Trommel oder halluzinogener Drogen finden. 

In einer zweiten Ebene sucht das Buch nach Antworten auf die Frage, ob diese Regionen Vorspiegelungen des Gehirns sind oder tatsächlich eine „andere Realität“ zeigen. Für die Schamanen stellt sich diese Frage nicht: Sie erhalten in der Trance wichtige Informationen für ihre Patienten, heilende Bilder, die nicht hinterfragt werden müssen. Und die Menschen mit einer Nahtoderfahrung empfinden ihre Erlebnisse als völlig real, unterscheiden sie eindeutig von Träumen, auch von Klarträumen, jenem seltsamen Zwischenzustand von Schlaf und Wachen, der die Psychologen seit Jahrzehnten fasziniert. 

Aber das ist natürlich kein wissenschaftlicher Beweis. Ein Blick in die Labors der Forscher zeigt, daß Mediziner und Biologen noch immer keine eindeutige Erklärung für das Phänomen der Nahtoderfahrung gefunden haben. Einige Wissenschaftler halten es inzwischen aber durchaus für möglich, daß Menschen in veränderten Bewußtseinszuständen tatsächlich in andere Wirklichkeiten vorgestoßen sind.  „Unsere sichtbare Welt ist wie die Oberfläche eines tiefen Ozeans“, sagt Herms Romijn von Nationalen Institut für Hirnforschung der Niederlande, „wir schaukeln mit unseren Booten auf den Wellen und sehen nicht, was darunter liegt. Aber darunter erstreckt sich eine unendlich tiefe Realität, über die wir so gut wie nichts wissen. Wir fangen jetzt erst an, das alles zu untersuchen.“  

Schamanen haben schon vor Jahrtausenden damit begonnen, diese Parallelwelten zu erforschen. Sie sind die „Astronauten des inneren Raums“, sagen die Ethnologen. Bedeutet „innerer Raum“, daß die Erlebnisse der Schamanen ( und die Todesnähe-Erfahrungen) nur Begegnungen mit der eigenen Psyche sind, bilderreiche Treffen mit sich selbst ? Oder hat der „innere Raum“ möglicherweise eine Verbindung zur Außenwelt ? Ist er ein Tor zu einer anderen Realität? Liegt auf der anderen Seite des Tores das Jenseits, nach dem die Philosophen seit Tausenden von Jahren suchen ? Oder haben wir nur noch nicht den Ort im Gehirn lokalisiert, der die Visionen erzeugt

Sicher ist eines: Spätestens am Ende unseres Lebens, wenn die Wahrnehmung der äußeren Realität abschaltet, tauchen wir ein in die Landschaften der Seele. Eine Erfahrung, die das Fühlen und Denken verwandelt, wie alle Berichte über Grenzerfahrungen belegen.   Die meisten Menschen mit einer Nahtoderfahrung erinnern sich vor allem an positive Bilder. Aber natürlich gibt es in Komazuständen bisweilen auch erschreckende Szenen. Ähnlich wie man einem Alptraum begegnen kann, ohne ihm ausgeliefert zu sein - durch Übungen, die das Bewußtsein im Traum wach halten- können diese Bilder verändert werden und ihre Bedrohlichkeit verlieren. Spirituelle Traditionen wie der tibetische Buddhismus halten deshalb die Vorbereitung auf die Begegnung mit der Imaginationswelt für sehr wichtig.

Aber auch für Menschen anderer Glaubensvorstellungen kann es hilfreich sein, einen Blick auf die Reiseziele der Seele zu werfen.  Bei einem Versuch mit Studenten simulierten Psychologen Elemente der Nahtoderfahrung und erzielten vergleichbare Effekte, wie sie Menschen erleben, die wirklich an der Grenze des Todes standen: Weniger Angst vor dem Unbekannten, das vor ihnen liegt, und das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein. 

Auf dem Weg in die weiten Landschaften der Seele sind Schamanen kompetente Reiseführer. Das Buch zeigt deshalb auch, mit welchen alten und neuen Techniken jeder einen vorsichtigen ersten Blick in die andere Wirklichkeit werfen kann und wie er dieses Erfahrungswissen für sich selbst und im Umgang mit Kranken und Sterbenden anwenden kann.  Ein monotoner Trommelrhythmus von 220 Schlägen pro Minute, fanden Ethnologen heraus, bringt die Gehirnwellen in den Theta-Bereich, in ein Zwischenreich von Wachheit und Traum. Dieser veränderte Bewußtseinszustand läßt den Reisenden niemals den Kontakt zum Hier und Jetzt verlieren. Und dennoch erlebt er gleichzeitig eindrucksvolle Bildsequenzen und kann mit Helfern aus den Ebenen jenseits des Wachbewußtseins in Kontakt treten. Dabei ist er jederzeit in der Lage, selbst zu entscheiden, wie weit er sich tragen lassen möchte.  

Trance-Techniken wie katathymes Bilderleben, Musik-induzierte Reisen und schamanische Reisen sind kein Religionsersatz und stehen auch nicht im Gegensatz zu den Religionen. Sie helfen Patienten und ihren Begleitern, ihren eigenen Weg zu finden, gleichgültig, ob sie sich einer Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen oder sich ausdrücklich als Atheisten sehen. Jeder hat die Möglichkeit, in diesem besonderen Bereich der Wirklichkeit sein persönliches Weltbild durch Erfahrung zu stärken und lebendig werden zu lassen. Das tragende Prinzip ist Offenheit und Toleranz - genau das, was Menschen mit lebensbedrohlichen Krankheiten brauchen.       

 

Der Film „Jenseitsreisen - Erfahrungen an der Grenze des Todes“ von Joachim Faulstich (ARD/Arte) läßt Menschen zu Wort kommen, die einmal an der Grenze des Todes standen und dabei ein Erlebnis hatten, das die Forschung heute Nahtod- oder Todesnähe-Erfahrung nennt (englische Abkürzung „NDE“ für „Near-Death-Experience“): Sie berichten von dem Gefühl, über dem eigenen Körper zu schweben, von einem rasenden Flug durch einen Tunnel in ein strahlendes Licht, von einem detaillierten Rückblick auf das eigene Leben, von der Begegnung mit Verstorbenen und einem geheimnisvollen Lichtwesen.  

Auf einer Reise durch die Labors der Wissenschaft untersucht der Film die Frage, ob diese Erfahrungen medizinisch-biologisch erklärbar sind. Es wird deutlich, daß es viele Erklärungsansätze gibt. Gleichzeitig wollen aber auch Forscher „harter“ Disziplinen wie etwa der Hirnforschung die Existenz einer anderen Dimension und damit eine in letzter Konsequenz spirituelle Erklärung dieses Phänomens nicht grundsätzlich ausschließen.  Der Film liegt in einer 45-Minuten-Fassung und als Zweiteiler ( zweimal 30 Minuten) vor.  

Der Film hat vier Ebenen, die miteinander verwoben sind. Sie ergänzen sich zu einer Reise, die von persönlich-subjektiver Betrachtung über historische Bilder zu einer eher objektiven Ebene wechselt.  Im Zentrum stehen Aussagen von Menschen, die ein NDE hatten. In ausführlichen Interviews schildern sie ihre Erfahrungen.

Dorothea Rau-Lembke erzählt ein „klassisches“ Todesnähe-Erlebnis - so nennt die Forschung Berichte, die sehr viele Erlebnis-Elemente enthalten.  Dorothea Rau-Lembke hatte nach einer Operation in ihrem Krankenhausbett plötzlich die Gewißheit, daß sie im Sterben lag. Von einem Moment auf den anderen verschwanden aber ihre Schmerzen. Dann hatte sie den Eindruck, ihren Körper zu verlassen und durch die Decke nach oben zu schweben. Der Blick auf ihren im Bett liegenden Körper irritierte erschreckte sie.

Aber dieser Moment wurde schnell abgelöst von Bildern eines Fluges durch gewaltige Landschaften, die von einem strahlenden Licht erhellt wurden. Gleichzeitig hielt sie eine Rückschau auf ihr Leben. In rasender Geschwindigkeit liefen alle Stationen noch einmal vor ihrem inneren Auge ab. Dabei bewertete sie sich selbst und die Menschen, mit denen sie in Kontakt war, völlig neu.

Nach diesem Lebensrückblick begegneten ihr zwei Personen, die sich als Helfer in diesem neuen Zustand herausstellten: Ihre verstorbene Großmutter und eine Freundin, die im Alter von 16 Jahren gestorben war. Diese Gestalten waren umhüllt von einem sanften Licht und vermittelten ihr völlige Harmonie. Nach und nach wurde das Licht, das alles zu durchdringen schien, immer wichtiger. Sie hatte den Eindruck, als ob es alles Wissen und alle Liebe enthielte, die vorstellbar ist. Und sie wußte, wenn sie in diesem Licht bleiben würde, wäre keine Rückkehr mehr möglich.

Danach kommt der Herzinfarktpatient Anton-Andreas Guha zu Wort: Er schildert den Flug durch einen Tunnel, an dessen Ende das geheimnisvolle Licht leuchtet. Der Tunnelflug ist ein weiteres „klassisches“ Element, das immer wieder berichtet wird.  

Die amerikanische Patientin Pam Reynolds schildert ihre Erlebnisse bei einer dramatischen Gehirnoperation. Während sie in Vollnarkose auf dem Operations-Tisch lag, fühlte sie sich aus ihrem Körper gezogen. Sie schwebte im Raum und konnte später ungewöhnliche Operations-Instrumente beschreiben, die nur Spezialisten bekannt sind. Außerdem erinnerte sie sich genau an wichtige Dialoge des Ärzteteams.

Während die Operation am offenen Gehirn weiterging, machte sie subjektiv eine Reise in überirdisch schöne Landschaften, die sie nicht mehr verlassen wollte. Eindrucksvoll schildert sie, wie ihr verstorbener Onkel sie zurückbrachte in den Operationssaal, wo sie ihren Körper liegen sah. Ein toter Körper, in den sie nicht zurückkehren wollte. Aber ihr Onkel gab ihr einen Stoß, und sie wachte auf. 

In der zweiten Ebene des Films deuten Computersimulationen an, wie die psychische Bilderwelt aussehen könnte. Dabei werden keine Personen, sondern nur die „Landschaften der Seele“ gezeigt. Die kurzen Sequenzen - am Anfang, in der Mitte des Films und am Ende - regen die Phantasie an. Der Betrachter kann mit ihrer Hilfe die Berichte der Zeugen besser verstehen und die Landschaften vor dem eigenen inneren Auge selbst mit Visionen „jenseitiger Helfer“ bebildern.   

Die dritte Ebene des Films zeigt historische Bilder und Texte, die offenbar auf ähnlichen Erfahrungen beruhen. Vor dem Hintergrund des Klosters Melk in Niederösterreich betrachten wir Zeugnisse der christlichen Überlieferung: „Jenseitsreisen von Gläubigen des Mittelalters.“ Diese Texte enthalten zwar Berichte von Höllenvisionen, sind aber in ihren Grundelementen durchaus den Erzählungen von Menschen der Moderne vergleichbar.  

 

Im Dogenpalast von Venedig zeigt der Film ein Werk des niederländischen Malers Hieronymus Bosch aus der Zeit um 1500.  „Der Aufstieg ins himmlische Licht“ entspricht verblüffend modernen Erzählungen von dem Flug durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende ein übernatürliches Licht leuchtet. 

Die vierte Ebene des Films nähert sich dem Thema wissenschaftlich. Der Neurologe und Psychiater Michael Schröter-Kunhardt, Leiter der deutschen Nahtod-Forschung, gibt die grundlegende Definition: Nahtod-Erlebnisse sind zwar subjektiv und kulturell gefärbt, enthalten jedoch eine Reihe von Elementen, die vergleichbar in allen Kulturen und Zeiten vorkommen.   Der holländische Kardiologe Willem van Lommel stellt eine Studie vor, die nach den physiologischen Auslösern der Erlebnisse suchte. Von 344 Herzinfarktpatienten hatten 18 Prozent eine NDE. Aber ihre medizinischen Werte unterschieden sich nicht von den Werten der Mehrheit der Patienten, die kein NDE hatten.

In einer Langzeituntersuchung über 10 Jahre wies die Studie nach, daß Menschen mit einem NDE keine Angst mehr vor dem Tod haben. Ihr Interesse für ihre Mitmenschen und die Natur ist blieb außerdem wesentlich höher als in der Kontrollgruppe der Patienten ohne NDE.  Der amerikanische Kardiologe Michael Sabom, einer der Gründer der Internationalen Assoziation für Nahtodforschung (englische Abkürzung: IANDS), äußert sich zum Fall der Hirnpatientin Pam Reynolds. Für ihn ist dieser Fall wie ein Beweis für die Existenz der Seele: Zum ersten Mal in der Geschichte der Forschung, so sagt er, liegen hier präzise medizinische Daten vor, die den Zeitraum des Erlebnisses lückenlos dokumentieren. Als Pam Reynolds ihre eigentliche Jenseitsreise begann und ihre verstorbenen Verwandten traf, zeigten die Kurven des EEG, das die Hirnströme mißt, eine Null-Linie, ebenso wie die Kurve, die die elektrischen Aktivitäten im Hirnstamm angab.  

Gibt es für diese Beobachtungen eine wissenschaftlich akzeptierte Erklärung? Der Film führt den Zuschauer jetzt in die Labors der „harten“ Wissenschaft, in denen Erkenntnisse zu unserem Thema eher „Nebenprodukte“ der laufenden Forschung sind. Dabei stellt sich heraus, daß Wissenschaftler „in vorderster Front“ spirituellen Erklärungsansätzen durchaus aufgeschlossen sind. Vor allem die Schweizer Laboruntersuchungen zur Wirkung halluzinogener Drogen im Gehirn ( LSD, Ketamin, magische Pilze) und quantenphysikalisch orientierte Erklärungsansätze der Hirnforschung in Holland lassen die These zu, es könnte einen bisher noch unbekannten Raum „neben“ unserer sichtbaren Realität geben. Zwar sind diese Überlegungen nur Thesen und keinesfalls bewiesen, sie machen aber deutlich, daß einfache Erklärungen nicht mehr Stand der Wissenschaft sind. 

Am Ende des Films kommt noch einmal der deutsche Nahtodforscher Michael Schröter-Kunhardt zu Wort. Er äußert sich direkt zu der Frage, ob NDE‘s ein Beleg für ein Leben nach dem Tod sein könnten. Schröter-Kunhardt sagt: „Normalerweise würden wir als Mediziner erwarten, daß das Gehirn in diesen Situationen abschaltet..Die Tatsache, daß es das eben nicht tut und daß jetzt komplexe Höchstleistungen des Gehirns ablaufen,...zeigt uns, daß das Gehirn mehr mitteilen will als nur ‚ich mache jetzt auf irgend eine Art und Weise Schluß‘.( Es signalisiert uns,)...daß es ein Leben nach dem Tod geben kann und daß die Nahtoderfahrung sozusagen dieses Leben nach dem Tod vorbereitet?“

 

Schamaismus

Der berühmte rumänische Religionsphilosoph Mircea Eliade setzte 1951 den Definitionsmaßstab, der bis heute gilt und der es ermöglichte, den gleichen Kern schamanischer Erfahrung weltweit in den Ritualen der Eingeborenenvölker zu finden: Schamanen sind „Meister der Ekstase“, sagt er. Mit modernen Worten: Sie sind Spezialisten für veränderte, außergewöhnlicher Bewußtseinszustände, Meister der Trance also. Schamanismus ist damit als spirituelle Heilungsarbeit definiert. Möglich, daß gleichzeitig, vorher oder danach auch mit anderen Methoden gearbeitet wird - mit Naturmedizin, Massagen und anderem - Schamanismus im eigentlichen Sinne aber ist eine Heilung mit Hilfe des Bewußtseins.  

Weil sie Geister sehen, mit Geistern sprechen, weil sie in wilden, ekstatischen Tänzen den Weg in die Trance suchen, weil sie den normalen Bewußtseinszustand sichtbar verlassen, haben die ersten Feldforscher und viele Generationen von Ethnologen in den Schamanen oft die Geisteskranken einer Gesellschaft gesehen, die Außenseiter. Dabei waren die Schamanen in den klassischen Kulturen immer vollständig in den Alltag eingebunden - Schamanismus ist historisch kein Hauptberuf. Die Behandlung war meist unentgeltlich - aber natürlich gaben die Patienten oder ihre Angehörigen etwas, oft nur eine symbolische Gabe, und das Geschenk wurde meist akzeptiert (wenn es nicht zu groß ausgefallen war, denn das mochten die Hilfsgeister nicht). Tagsüber hatten die Schamanen die gleichen Pflichten wie alle anderen Stammesmitglieder und mußten für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen.   

 Schamanismus ist wahrscheinlich die erste spirituelle Praxis der Menschheit. Früher wurden die Tierszenen in den Steinzeithöhlen durchweg als Ausdruck primitiver Jagdmagie gedeutet (so als ob die Menschen der Vorzeit zwischen Bildern und Alltagswirklichkeit nicht unterscheiden konnten). Heute sieht eine neue Generation von Forschern die Bilder differenzierter: Manche Tierkörper, die aus den Wänden hervorzutreten scheinen, könnten auch eine Darstellung von Tiergeistern sein - vielleicht die Verbündeten früher Schamanen, die in der Höhle auf die Suche nach der Vision gingen.

Die Höhle als Eingang in die Untere Welt - als Ort die Initiation- ist in geschichtlicher Zeit nachweisbar und dürfte auch in der Frühzeit der Menschheit eine ähnliche Rolle gespielt haben. Bisweilen sind auf den Höhlenwänden auch Menschen mit Tierköpfen zu sehen. Moderne Forscher interpretieren diese Bilder als Darstellung von Trance-Erfahrungen, von Schamanen, die sich mit einem Tier-Geist verbinden, oder - noch einfacher- als Darstellung eines schamanischen Maskentanzes, der eben jene Identifikation mit dem persönlichen Verbündeten zum Ziel hat.

Seit 1968 hat die amerikanische Kulturanthropologin und Religionspsychologin Dr. Felicitas Goodman die rituellen Körperhaltungen, in denen Meditierende in der archaischen Kunst dargestellt werden, ausführlich dokumentiert. Mehr als 20 dieser Haltungen wurden mit Versuchspersonen nachgestellt und die subjektive Wirkung überprüft. Es stellte sich heraus, daß es - in Verbindung mit dem gleichmäßigen Geräusch der Rassel- in diesen besonderen Körperhaltungen leicht fällt, in veränderte Bewußtseinszustände zu wechseln. 

Seit Eliade ist klar: Schamanismus ist ein weltweites Phänomen. Er existiert bis heute parallel zu den großen Religionen und sieht sich nicht unbedingt in Konkurrenz. Probleme entstehen eher aus der Sicht vor allem der monotheistischen Religionen: sie erkennen nur eine schamanische Erfahrung an, die ihres Propheten und Gründers - und die von offiziellen Heiligen. Alle anderen sind da schnell des Teufels. 

Schamanismus ist im Vergleich zu den Offenbarungsreligionen sozusagen demokratisch - und empirisch: Es zählt die persönliche Erfahrung, aber mit- theoretisch- unzähligen Propheten läßt sich natürlich schwer eine Religion managen.  Auch heute noch existieren schamanisch-animistische Grundvorstellungen parallel zu Buddhismus, Christentum und Islam. Die schamanische Tradition in Tuva, einem Land an der Grenze zur Mongolei - ist eng verbunden mit dem Lamaismus. Die Maya in Guatemala beten bis heute auch noch zu den alten Göttern und Geistern- in Chichicastenango sogar auf den Stufen der Kirche und in der Kirche selbst.  Und im gesamten nordafrikanischen Raum ist der Glaube an die Dschin weit verbreitet - Geister, die zu Helfern des Menschen werden können.      

 

Die Entdeckung eines Ethnologen 

Im Jahre 1961 begann Michael Harner, amerikanischer Ethnologe aus New York, seine Feldforschung bei den Shipibo-Conibo Indianern in Peru. Sehr bald stand er vor dem alten Dilem­ma der Ethnologen: Er sah die Rituale der Indianer, hörte die Geistergeschichten, aber er kam über eine interpretierende Beschreibung nicht hinaus. So entschloß er sich zu einem persönlichen Experiment, zu einer neuen Methode, die über teilnehmende Beobachtung weit hinausgeht: Er bat um Initiation (zur gleichen Zeit übrigens begann Carlos Castaneda seine Lehrzeit bei Don Juan). In einer nächtlichen Sitzung trank Harner den Saft der Liane - unter der Aufsicht erfahrener Conibo-Indianer. Seine erste Reise führte ihn in eine Vision, die sein Leben und sein Denken veränderte.  Nach dieser Initiation suchte Harner noch weitere Erfahrungen bei den Jivaro-Indianern im Grenzgebiet von Ecuador und Kolumbien, bevor er seine Forschungs­arbeit in den USA fortsetzte, bei den Indianern der Nordwest-Küste. Harner erkannte: die meisten Völker benutzen Rhythmus-Instrumente, um Trancezustände zu erreichen - vor allem die Trommel und die Rassel, aber auch das Dijeridou in Australien oder ganz einfache Methoden wie rhythmisches Schlagen von Steinen ( eine Visionssuche-Praxis der Eskimo-Völker). Das Ziel ist immer, den normalen Bewußtseinszustand zu verändern, um Zugang zu anderen Wahrnehmungen zu erhalten. Die meisten Rituale finden nachts statt oder in abgedunkelten Räumen.  

Das Ergebnis von Harners Forschung: Die Trance-Zustände sind unterschiedlich tief, aber das System hat weltweit den gleichen Kern: Schamanen reisen in andere Welten, um Kraft zu holen, um verlorene Seelen zurückzuholen oder auf der Suche nach der Weisheit der Anderswelt - um sie im normalen Leben für die Lösung schwieriger Fragen zu nutzen oder Kranke zu heilen. Und Schamanen sehen überall auf der Welt in diesem Zustand Dinge, die am falschen Platz sind, Eindringlinge in den Körper oder die Seele eines Patienten, und ziehen den Eindringling heraus.  

Die Initiation ist schwierig, in manchen Traditionen lebensgefährlich: In Sibirien zum Beispiel berufen die Geister den künftigen Schamanen meist während einer schweren Krankheit. Nur wer dem Tod knapp entronnen ist, so die Tradition, kann Spezialist für Heilung werden. „Schamanenkrankheit“ nennt die ethnologische Literatur dieses Phänomen. Oft wird die Fähigkeit auch in der Familie weitergegeben, in jedem Fall ist eine lange Ausbildung nötig. Bei den Huicholes in Mexiko dagegen schamanisiert jedes Mitglied eines Dorfes ein wenig- schon Kinder werden mit kleinen Dosen des halluzinogenen Peyote-Kaktus an außergewöhnliche Bewußtseinszustände herangeführt. Die Erfahrungen eines Schamanen stehen dort also mehr oder weniger jedem offen. 

Der Weg, sich selbst zu entscheiden für schamanische Arbeit und die Vision gezielt zu suchen ist wahrscheinlich der langwierigste, die „klassische Initiation“ über eine schwere Krankheit und womöglich ein Nahtodeserlebnis ohne Zweifel der härteste. Am Ende steht nur die Frage: Ist das was ich tue, in irgendeiner Form wirkungsvoll oder nicht - wenn es nicht wirkt für andere, kann es noch mir selbst helfen, und das ist schon viel.   Harners Kunstgriff: alle Mythen, die die kulturelle Unterschiedlichkeit der Menschen spiegeln - vom feucht-heißen Amazonas bis in die Eisregionen der Arktis- nimmt er Stück für Stück weg wie Kleider, die die eigentliche Gestalt verdecken. Was er so enthüllt, nennt er Core-Shamanism, den schamanischen Kern aller unterschiedlichen Praktiken. Um diesen Kern geht es, wenn im Westen Menschen beginnen, schamanisch zu praktizieren.      

 

Reiseziele und Verbündete: 

Aber: wohin genau reist der Schamane? Was sieht er? Wie ordnet er die Welten zueinander? Und - wissenschaftlich gesprochen: findet die Reise in seinem Kopf statt oder womöglich irgendwo außerhalb?  Drei Reiseziele gibt es, wie schon erwähnt: Die Untere, die Mittlere und die Obere Welt.  

Die Untere Welt ist der Ort der helfenden Geister. Meist treten sie in Tiergestalt auf, auch als Geister der Pflanzen und der Elementarkräfte. Bisweilen können in diesen Landschaften auch Seelen Verstorbener leben oder Seelenteile von Menschen, die krank sind oder im Traum unwissentlich auf die Reise gehen. Die Seelen der Menschen können sich überall verlieren in den Welten der nicht-alltäglichen Wirklichkeit.  Die Mittlere Welt ist die Welt des Hier und Jetzt, aber ihr nichtalltäglicher Aspekt, das Nicht-sichtbare. Außerkörperliche Erlebnisse und Astralreisen sind Reisen in der Mittleren Welt, wenn sie in die Landschaften unserer Alltags- Erfahrungen führen. Auch die Naturgeister, die Devas, das „kleine Volk“ der Kelten, leben hier.  Die Obere Welt schließlich ist der Ort der Weisheit, das Land der Ratgeber, der spirituellen Lehrer. 

Natürlich sind die Begriffe Obere, Mittlere und Untere Welt nur Umschreibungen, der Versuch, die Erfahrungen der nicht-alltäglichen Wirklichkeit in der Sprache des Alltags auszudrücken.   Schamanen brauchen für ihre Reisen spirituelle Helfer, Verbündete. Ein oder auch mehrere Kraft-Tiere sind sozusagen die Basis, die Tier-Geister können unterschiedliche Aufgaben übernehmen und wechseln bisweilen auch. Bei manchen Völkern gibt es kollektive Tiere, etwa den Hirsch bei den Huichol oder die Anaconda im Amazonasgebiet, oft auch Tiere, die jeweils für einen Stamm von besonderer Bedeutung sind.  Noch einmal die Frage: wohin reist der Schamane? Jetzt einmal wissenschaftlich betrachtet: Sind das innere Welten, Phantasien oder Träume, oder steckt mehr dahinter?      

 

Phantasie oder Realität? 

Natürlich hat die Wissenschaft darauf noch keine endgültige Antwort. Die meisten Forscher sehen hier einen lebendigen Mythos am Werk, also subjektive und durch die Vorstellungen von Gruppen, Stämmen oder Völkern geformte und gefärbte individuelle Erlebnisse, die keine Aussagekraft haben, es sei denn für das Individuum, das diese Erfahrungen macht.  Forscher verschiedener Universitäten ( zum Beispiel Wien und Gießen ) haben im Rahmen eines Projektes über veränderte Bewußtseinszustände im Labor untersucht, ob bestimmte rhythmische Bewegungen oder monotones Trommeln tatsächlich meßbar den Bewußtseinszustand verändern.

Das Ergebnis ist: Sie tun es. Rhythmisches Schaukeln auf einer Kipp-Liege, lang anhaltendes Tanzen in immer gleichen Bewegungen und Trommelschläge mit einem Rhythmus von etwa 220 Schlägen pro Minute bringen das Gehirn in einen hypnoiden Zustand. Im EEG kann man eine Theta-Schwingung (4-7Hz) messen, ein Wert ähnlich dem, der in der Einschlafphase und während der REM-Phase gemessen wird, also während des Träumens. Damit ist jetzt wissenschaftlich belegt: Reisen mit Hilfe der Trommel sind keine Imaginationen im Sinne von einfachen tagträumerischen Phantasien, sondern deutlich tiefere Trancezustände.

Anders als beim normalen Traum bleibt das Bewußtsein aber klar und präsent und der Reisende ist sich stets bewußt, daß er reist- er bleibt mit einem Bein in der Alltagswirklichkeit. In Australien sprechen die Aborigines von der“ Nutzung des mächtigen Auges“, wenn sie diese Erfahrung beschreiben - und sie erklären, daß bei dieser Form des Sehens ein Teil des Bewußtseins stets auf der Erde bleibt.  Die Trance mit Hilfe der Trommel ist sicher nicht so tief wie etwa nach der Gabe einer hohen Dosis Ayahuasca, aber wahrscheinlich tiefer als bei geführten Phantasiereisen oder dem katathymen Bilderleben.

Die sogenannte Oberstufe des Autogenen Trainings, bei der es um Kontaktaufnahme mit „inneren Ratgebern“ geht, kommt der schamanischen Reise auch inhaltlich recht nahe. Alle diese Methoden sind verwandt, sie nutzen Trancezustände, aber sie sind unterschiedlich tief. Auch mit der Trommel geraten nicht alle Menschen gleich schnell in den gleich tiefen Zustand. Je länger die Vorbereitung, umso tiefere Zustände sind erreichbar. Dies ist wichtig für die Beantwortung der Frage: Wenn ich eine schamanische Reise unternehme - bilde ich mir das alles nur ein? Oder sehe ich tatsächlich eine „andere Wirklichkeit“?   

Kritiker merken an, daß unterschiedliche Kulturen auch unterschiedliche Bilder sehen - ein Beweis für die Subjektivität der Erfahrung. Diese Kritik übersieht, daß das Grundprinzip weltweit gleich ist - also der Kontakt mit dem , was erfahrene Reisende  „Die Kraft“ nennen. Aber diese unnennbare Kraft muß übersetzt werden in das Denken und die Sprache der Dreidimensionalität, muß ins Hier und Jetzt geholt werden - wird also zu Bildern und Worten. Jeder sieht diese Kraft mit den Augen der eigenen Kultur und gibt ihr damit Gestalt und Namen - es ist also nicht verwunderlich, daß im Regenwald andere Krafttiere auftreten als in der Taiga Sibiriens oder in Mitteleuropa.  Die Gefahr, Dinge bewußt „herbei zu imaginieren“ ist immer da, aber je tiefer der Trancezustand, umso geringer die Gefahr, sich selbst zu belügen. Letztendlich entscheidet die Wirkung und nicht die Theorie: Findet der Reisende eine Antwort, die Sinn macht? Ist die Antwort vielleicht völlig unerwartet, also vom Intellekt nicht in Betracht gezogen? Findet Heilung statt im psychologischen oder physischen Sinn? 

Wer sich auf diese Form der spirituellen Arbeit einläßt, erhält keine Garantien, von niemandem - im Schamanismus gibt es keine Gurus. Paradoxerweise ist es gerade die Kontrolle, die schamanische Arbeit behindert - der Versuch, ein Ergebnis zu erzwingen. Gleichzeitig muß der schamanisch Reisende aber immer die Absicht der Arbeit eindeutig festhalten, er muß eine Aufgabe, ein Ziel festlegen - sonst werden die Bilder unscharf, zusammenhanglos, assoziativ. Der Schamane steht also vor einer paradoxen Aufgabe: mit einem klaren Ziel vor Augen muß er sich voll und ganz anderen Kräften überlassen - kein Wunder, daß dies nicht immer gelingt. 

Eine wichtige Aufgabe der Schamanen aller Kulturen war die Begleitung von Sterbenden und ihrer „davoneilenden Seelen“. Zahlreiche ethnologische Berichte lassen erstaunliche Parallelen zu den Erfahrungen moderner Rückkehrer von der Grenze des Todes erkennen. Schamanen waren und sind tatsächlich Spezialisten für jene Welt, in die viele, vielleicht alle Menschen am Ende ihres Lebens eintreten: eine Welt der Bilder, der Visionen, der veränderten Wahrnehmung der Wirklichkeit. Für die Schamanen war immer selbstverständlich, daß jenseits des Todes gewaltige Seelenlandschaften liegen, denn sie erkundeten die verzweigten Ebenen der „nicht-alltäglichen Wirklichkeit“ Zeit ihres Lebens. Auch wenn wir diesem Jahrtausende alten Glauben vielleicht nicht folgen wollen, lohnt es sich doch, das Erfahrungswissen der Schamanen genau zu betrachten: Es kann uns Aufschluß geben über einen besonderen Zustand, der wohl allen Menschen offen steht.  

 

 

Gedenken im Internet

Der Tod kann als das verläßlichste Geheimnis des Lebens gelten. Gleichwohl macht der Fortschritt um ihn keinen Bogen: Unter „www.memoriam.de“ ist eine Internet-Gedenkseite für Verstorbene zu finden. Unter dem Stichwort „Werkstatt“ können sich Interessierte entscheiden zwischen A: „sorgsam ausgewählten Vorschlagseiten“ oder B: „individuell ausgearbeiteten Gedächtnisseiten“.

Dabei kann der Bildhintergrund gewählt werden, oder  „lassen Sie ein Musikstück oder eine Tonbandaufnahme der Stimme des Verstorbenen abspielen", oder „versehen Sie die Seite mit Grafiken, Links oder einem E-Mail-Formular“. Unter dem Stichwort „Gräberfeld“ sind die Namen der Toten aufgelistet - das Gedenken öffnet sich per Mausklick. Doch Vorsicht. Das alles kostet eine Gebühr!

 

 

 

Traum

 

 

Alles nur geträumt:

In Träumen erlebt man die Welt auf ganz andere Weise. Bilder und Geschichten entstehen nach eigenen Gesetzen. Und so schafft sich jeder seine eigene Traumwelt, in der ein Schwein blau oder der Himmel grün sein kann. Man kann dabei sogar Grenzen überwinden. Wer gerade erst lernt, Fahrrad zu fahren und dabei noch unsicher ist, der kann schon mal davon träumen, wie er das Radfahren hinkriegt. Im Traum können wir alles - sogar fliegen.

 

Zwischen Wahnsinn, Lüge und Offenbarung:

Seit ältesten Zeiten übt der Traum eine faszinierende Wirkung auf die Menschen aus, und in immer neuen Anläufen haben Dichter und Forscher versucht, ihn zu deuten und hinter seine Geheimnisse zu kommen. Dabei hat der Traum von Anfang an eine sehr unterschiedliche Wertung erfahren. Die einen waren der Meinung, der Traum täusche und bringe lügenhafte Wirklichkeit  hervor, die anderen vertraten die Auffassung, er sage durch seine Symbolik hindurch die Wahrheit aus.

In früheren Kulturen herrschte die Überzeugung vor, der Traum schaffe Verbindung mit einer höheren Wirklichkeit. Dafür gab es zwei Deutungen: Die einen stellten sich vor, die Seele verlasse während des Schlafs den Körper und kehre in die Urheimat des Lebens zurück (vergleiche Fausts „Gang zu den Müttern“), die anderen dachten sich aus, die Gottheit erscheine im Traum den Menschen und lasse ihnen auf diese Weise wichtige Botschaft zukommen. Um mit der Tatsache fertig zu werden, daß es glückverheißende und unglückbringende, bedeutungsvolle und nichtige Träume gibt, schloß man auf unterschiedliche Traumursachen. Die glückverheißenden und wichtigen Träume führte man auf  gute Geister, die unglückbringenden und nichtigen auf neidische Dämonen zurück.

Neben der vorherrschenden Deutung der Träume als numinoses Geschehen bildete sich aber auch schon früh die Meinung heraus, daß der Traum lediglich das Produkt körperlicher Reize ist. Ein arabisches Sprichwort sagt: „Der Traum des Hungrigen ist Brot.“ Vertreter dieser Richtung bezeichneten den Traum als eine dem Wahnsinn nahestehende Erscheinung. Sie waren nicht geneigt, dem Inhalt der Träume auch nur die geringste Aufmerksamkeit zuzuwenden, denn für sie stand fest: „Träume sind Schäume“, und sieh mit Schaum zu beschäftigen, lohnt sich ja nicht. Der Traumüberschätzung trat damit eine Traumverachtung (und in der Folge sogar Traumverdrängung) an die Seite.

Neben diesen beiden extremen Auffassungen, die durch die Geschichte hingehen, entwickelte sich noch eine dritte, die im Traum einen psychologischen Vorgang sah. Schon Aristoteles hat den psychologischen Charakter des Traums erkannt. Hippokrates versuchte, den Traum für die Therapie nutzbar zu machen, und in den altgriechischen Heiligtümern, die dem Heilgott Asklepios geweiht waren, spielte der Traum eine therapeutische Rolle.

Einige wichtige Definitionen über den Traum sind:

1. Artemidor, der ein umfangreiches Werk über die Deutung von Träumen geschrieben hat, hielt den Traum für die Quelle wesentlicher Erkenntnis.

2. Kant definierte den Traum als „unwillkürliche Dichtung im gesunden Zustand“

3. Schelling, der den Traum mit dem Hellsehen in Verbindung brachte, betonte wie alle Romantiker (besonders Novalis und Jean Paul) den emotionalen Gehalt des Traums.

4. Die Aufklärung mißachtete den Traum, Descartes bezeichnete ihn in seinen Meditationen als Beispiel der lügenhaften Wirklichkeit.

 

Im Traum erfüllen sich unsere Wünsche:

Die wissenschaftliche Traumforschung geht auf Siegmund Freud zurück. Er hat den Traum zum Gegenstand ernsthaften wissenschaftlichen Forschens gemacht und ihm den Wert eines diagnostisch-therapeutischen Werkzeugs verliehen. Freuds richtungweisende Erkenntnis besteht darin, daß der Traum nicht eine Art von defektem Wacherleben, sondern eine  tiefenseelische Erscheinung ist, die tiefenseelischen Vorgängen entspringt. Diese Erkenntnis führt ihn dazu, den Traum als Quelle unserer Erkenntnis des unbewußten Geschehens zu betrachten, oder in ihm „die via regia  zur Kenntnis des Unbewußten“ (= den Königsweg) zu sehen. Obwohl Freud den Traum als einen in sich geschlossenen und nur als Ganzheit erfaßbaren seelischen Vorgang versteht, gerät er dadurch in eine gewisse Einseitigkeit hinein, daß ihn nur  jener Teil des Unbewußten interessiert, von dem störende und krankheitserzeugende Wirkungen ausgehen.

Dieses Unbewußte ist wichtig, wenn man über Träume nachdenkt. Man muß es sich etwa so vorstellen: In jedem Menschen gibt es eine Art Keller, in dem es ganz dunkel ist. In diesen Keller räumt der Mensch seine Ängste, seine Sorgen, alle unangenehmen oder ganz schlimmen Dinge, die er im Laufe seines Lebens erfahren hat. Im Traum wird für kurze Zeit Licht in diesem Keller gemacht - und zum Vorschein kommen Bilder und Szenen, die mit diesen Erfahrungen zu tun haben. Doch das müssen nicht zwangsläufig schlimme Träume sein: Ein Traum kann auch lustig oder ganz banal sein. Wenn man wach ist - also bei Bewußtsein - ist im Keller wieder alles dunkel.

Weil Freud im Unbewußten nur den Ort der Verdrängung sieht, ist ihm auch der Traum nur insoweit wichtig, als er verdrängte, das heißt aus dem Bewußtsein ausgeschiedene Inhalte zum Vorschein bringt. Für ihn ist darum der Traum immer nur die Darstellung eines Verdrängten, nicht aber, wie es sich dem unbefangenen Urteil ergibt, ein eigenständiges und selbstproduktives Gebilde. Mit der Beschränkung seines Interesses auf das Verdrängte ist Freud dem Traum als Ganzes zweifellos nicht gerecht geworden, aber dadurch ist es ihm gelungen, den Traum zu einem wirksamen diagnostischen Hilfsmittel zu entwickeln.

Im Eingehen auf die Trauminhalte kommt Freud zu der Erkenntnis, daß der Traum seine Mitteilungen nie auf direkte, sondern  immer nur auf indirekte Weise gibt. Nach seiner Sicht verhindert es ein „Zensor“, daß sich Wünsche und Triebe direkt äußern können. Mit Hilfe der Entstellung, Verdichtung und Verschiebung gelingt es diesem Zensor, die triebhaften Wünsche und Strebungen soweit zu tarnen, daß sie dem Träumer nicht unerträglich werden und ins Wachbewußtsein durchschlagen.

Aufgabe des Therapeuten ist es nach Freuds Verständnis, den latenten (d. h. dem Träumer selbst verborgenen) Trauminhalt zu deuten und den Patienten zur Annahme der im Traum sich offenbarenden Wünsche und Strebungen zu bewegen. Zu diesem Zweck hat er seine Traumtheorie entwickelt. Auch dabei ist er bestimmten Einseitigkeiten verfallen, weil für ihn alle Triebe und daraus resultierenden Wünsche sexuell eingefärbt sind. In diesem Gefälle bekommen alle Traumsymbole beinahe wie von selbst sexuellen Charakter. So wird alles Lange und Aufgerichtete als Penis, alles Runde als Vagina gedeutet. Dabei kommt er teilweise zu sehr grotesken und an den Haaren herbeigezogenen Deutungen. Freuds eigentliche Engführung liegt darin, daß er seine Traumlehre untrennbar mit seiner Trieblehre verbindet und so praktisch das Traumgeschehen dem Triebgeschehen unterordnet.

Zuletzt werden wir eine Einseitigkeit darin erblicken müssen, daß Freud dem Traum vorrangig die Funktion der Wunscherfüllung zuweist. Seine Rolle „als Hüter des Schlafs“ kann der Traum nach Freuds Darstellung nur durch seine kompensatorische Wirkung erfüllen. Nun ist es zweifellos richtig, daß die Bedeutung des Traums zu einem beträchtlichen Teil in Wunscherfüllung besteht und daß von der Wunscherfüllung im Traum eine erhebliche seelische Entlastung ausgeht, aber der ganzen Vielfalt der Traumfunktionen wird diese Sicht offensichtlich nicht gerecht. Es wirkt wenig überzeugend, wenn zum Beispiel auch die Angst-, Warn- und Strafträume als verkappte Wunscherfüllungen verstanden werden. Freud hat zwar in seinen späteren Schriften seine starre Ausgangsposition korrigiert, aber er hat sich doch nicht davon abbringen lassen, daß der Traum „der Versuch einer Wunscherfüllung“ ist.

 

Traumbilder spiegeln innere Vorgänge:

Alle Wissenschaftler, die sich im Anschluß an Freud der Erforschung des Traums widmen, bleiben seinem Ansatz verpflichtet, gehen aber insofern über ihn hinaus, als sie den Traum nicht nur als Mittel für die Abreaktion triebhafter Strebungen, sondern als eigenschöpferische Gebilde verstehen. Besonders C. G. Jung, Binswanger und Boss verlassen den Weg, den Traum nur als Darstellung verdrängter Wünsche zu deuten, indem sie sich entschlossen dem konkreten Trauminhalt und seiner unmittelbaren Erscheinung zuwenden.

Während Freud auf die Symbole des Traums nur insoweit eingeht, als sie Träger bestimmter Informationen sind, nimmt Jung die Bilder des Traums selbst ernst, weil er in ihnen schöpferische Produkte des Unbewußten erblickt. Jung geht davon aus, daß der Traum von projektiven Bildern beherrscht  ist.

Im Gegensatz zu den Wachbildern, die Abbilder von wirklichen Gegebenheiten darstellen, sind die Traumbilder Innenbilder, die nicht äußeren (genauer: von außen kommenden) Einflüssen, sondern inneren Vorgängen entspringen. Die projektiven Bilder des Traums sind der Hinweis auf eine Sinnestätigkeit, die nicht Bilder empfängt, sondern erzeugt. Um nicht von vornherein einer Blickverengung zu erliegen, wehrt sich Jung dagegen, in diesen Bildern nur eine Ausschwemmung von Reizen innerer und äußerer Art zu sehen.

Der merkwürdigen Tatsache, daß die Erscheinungswelt und die Erlebniswelt des Träumenden Schöpfung ein und derselben Person sind, versucht Carl Gustav Jung dadurch gerecht zu werden, daß er den Traum als „Drama“ bezeichnet, in dem der Träumer Schauspieler und Zuschauer zugleich ist. In seiner differenzierten Art zu denken formuliert er: „Die ganze Traumschöpfung ist im wesentlichen subjektiv, und der Traum ist jenes Theater, wo der Träumer Szene, Spieler, Souffleur, Regisseur, Autor, Publikum und Kritiker ist.“ Nach dieser Sicht ist der Träumer in die Bilder hineinverflochten: Er leidet und handelt in ihnen, sie erfreuen oder bedrängen ihn.

Die Bilder aus dem Unbewußten gehören nach Jungs Auffassung zu den urtümlichsten Ausdrucksformen der menschlichen Seele. Daher geht er intensiv auf sie ein und hält sich dafür offen, daß sie wichtige Mitteilungen aus dem persönlichen oder auch aus dem kollektiven Unbewußten enthalten. Nach seiner Erfahrung sind Traumbilder nicht selten Rufe des Menschen zu sich selbst und zu seinem eigentlichen Wesen. Nun weiß Jung freilich auch, daß der Durchschnittsmensch in der Regel nicht viel mit seinen Träumen anzufangen weiß, sondern es erst lernen muß, sie zu lesen. Für diesen Lernvorgang will Jung Hilfestellung geben, wobei er aber immer vor Augen hat, daß der Traum nur von  dem Träumer selbst aufgelöst und nur verstanden werden kann, wenn man sowohl die aktuelle Lebenssituation als auch die ganze Lebensgeschichte des Träumers mit berücksichtigt

Im Gegensatz zu Freud hält es Jung keineswegs für notwendig, den Trauminhalt mit Hilfe einer komplizierten Analyse zu entschlüsseln, sondern er ist der Meinung, daß das auftauchende Traumbild selbst den  ganzen Sinn enthält. Die Unterscheidung zwischen Traumbild und dem dahinterliegenden, verborgenen Trauminhalt scheint ihm eher ein Hindernis als eine Hilfe zum Verständnis des Traumes zu sein, weil bei dieser Entscheidung der Bildgehalt des Traumes als solcher nicht ernstgenommen wird. Nach Jungs Beschreibung handelt es sich im Traum „um etwas wie einen unverständlichen Text, der überhaupt keine Fassade hat, sondern von uns einfach nicht gelesen werden kann. Dann brauchen wir auch nicht dahinter zu deuten, sondern müssen ihn zuerst lesen lernen.“

 

Die Sprache des Traumes ist das Symbol:

Die Träume sind vielschichtige Gestaltungen des Unbewußten, die von der ungeahnten Schöpferkraft der Seele zeugen. Um in die Traumschichten eine gewisse Ordnung zu bringen und dadurch das Lesen der Träume zu erleichtern, empfiehlt Jung, darauf zu achten, ob sich die Einzelheiten des Traumes auf aktuelle oder frühere Personen und Situationen in der Außenwelt des Träumers beziehen oder ob sie auf die innere Befindlichkeit des Träumers hinweisen. Der Träumer soll versuchen, zunächst ein Verständnis für den eigenen Traum auf der „Objektstufe“(d. h. unter Berücksichtigung der von außen auf ihn einwirkenden Objekte) zu erzielen, um danach, wenn er hierbei zu keiner Klärung gekommen ist, zur „Subjektstufendeutung“ des Traumes überzugehen (d. h. den Traum so zu interpretieren, als ob alle in ihm auftauchenden Bilder der subjektiven Eigenart des Träumers entspringen). Auf diese Weise meint Jung, die archetypischen Traumanteile von den aus dem individuellen Erleben sich herleitenden scheiden zu können.

Für die archetypischen Traumbilder zeigt Jung besonderes Interesse, weil er durch sie seine Überzeugung bestätigt sieht, daß  die menschliche Seele nur zu einem Teil einmalig oder persönlich, zum anderen aber kollektiv und objektiv ist. Die überraschende Tatsache, daß in den Träumen säkularer Menschen, die völlig a-religiös erzogen sind und leben archetypische Bilder auftauchen, bringt Jung auf den Gedanken, nach einer gemeinsamen Quelle für das Entstehen der Mythologien und der archetypischen Bilder zu suchen. Er meint, diese Quelle gefunden zu haben in dem „kollektiven Unbewußten“, das eine tiefere Schicht als das bewußtseinsnähere individuelle Unbewußte darstellt.

Mit seiner Entdeckung des kollektiven Unbewußten hat Jung zweifellos einen entscheidenden Schritt zum Verstehen der Träume getan. Alle bedeutungsvollen Träume entstammen nach seiner Beobachtung dieser tieferen Schicht.

Die Sprache, deren sich der Traum bedient, ist das Symbol. Darum hat Jung der Erforschung des Symbols seine besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Nach seinem Verständnis handelt es sich beim Symbol um eine bildhafte, vielschichtige, ohne Umwege nachfühlbare und erleb- bare Verdichtung. Im Symbol schauen wir einen zumeist vielschichtigen Tatbestand an, dessen Bedeutung wir erfassen können, ohne ihn logisch oder rational zu begreifen. Anstelle eines komplexen psychologischen Geschehens taucht im Traum ein Symbol auf, das dieses Geschehen repräsentieren kann. In diesem Sinn bezeichnet Jung das Symbol als „verdichtete Anschauungsform“ eines Erlebnisvollzuges.

Die Besonderheit des Symbols besteht darin, daß es die Fähigkeit besitzt, Gegensätze auszugleichen und Entgegengesetztes miteinander zu verbinden. So enthält nach Jungs Deutung das Symbol „Mutter“ beide Aspekte: gute Fee und böse Hexe, Mutterschoß und Muttergrab; und das Symbol „göttliches Kind“ verbindet Allmacht und Ohnmacht miteinander.

Anders als Freud, der das Entstehen der Traumsymbole auf einen mehr oder weniger willkürlichen Vergleichsakt zurückführt, hält Jung die Verdichtung, wie sie bei der Symbolbildung geschieht, für einen Vorgang eigener Art. Er ist nicht der Meinung, daß man die Begriffsbildung, die ja durch Abstraktion und Vergleich erfolgt, auf das Entstehen des Symbols übertragen kann. Vielmehr betrachtet er es als spezifische (d. h. nicht ableitbare) Fähigkeit des Symbols, Gegensätze aufzunehmen, sie bildhaft zu erfassen und sie in verdichteter Form wiederzugeben.

Jungs Forschungsergebnisse sind durch die Beobachtung ergänzt worden, daß mit der größeren Schlaftiefe die Verdichtung zunimmt. Während beim Einschlafen Bilder in schneller Folge dahineilen, bringt der Tiefschlaf archetypische Bilder hervor, von denen eine große Ruhe ausgeht.

 

„Den Seinen gibt‘s der Herr im Schlaf“:

Das Symbol gehört zur Welt des Bild- oder Traumbewußtseins. Die auffallende Tatsache, daß im Traum gelegentlich Einsichten und Erkenntnisse gewonnen werden,  die den Höchstleistungen unseres Denkens entsprechen,  hat Psychologen wie Robert Heiss dazu veranlaßt, von einem Traumbewußtsein zu sprechen. Es gibt, wie allgemein bekannt ist, nicht wenige Künstler und Wissenschaftler, die unter ihren großen Leistungen solche aufzählen, die ihnen im Traum zugefallen sind.

Robert Heiss wehrt sich dagegen, im Traumbewußtsein nur eine mindere und eingeschränkte Form des Wachbewußtseins zu sehen. Zwar übersieht er nicht, daß nicht selten im Traum einem unsinniges und absurdes Denken begegnet und daß der Traum unlogische Mitteilungen enthält, aber er zieht daraus nicht den verallgemeinernden Schluß, daß im Traum nur ein „Undenken“ (d. h. ein falsches, in keiner Weise verwertbares Denken) herrscht. Um das Traumbewußtsein zu charakterisieren, spricht Robert Heiss nicht von einem rudimentären, sondern von einem andersartigen Bewußtsein. Nach seiner Sicht geht das Traumbewußtsein der Entwicklung des Kontrollbewußtseins voraus und stellt eine Zwischenform dar zwischen dem Wachbewußtsein und den früheren Bewußtseinformen, wie sie sich auf den Elementarstufen des organischen Lebens zeigen.

Das besondere Charakteristikum des Traumbewußtseins ist die eigene Produktivität. Robert Heiss weist nach, daß das Traumbewußtsein ein Spontanbewußtsein ist, „das seiner jeweiligen dynamischen Quelle folgt“. Dadurch daß es Bilder und Bedeutungen in einer Weise miteinander verbindet, die das Wachbewußtsein nicht zuläßt, wirkt es diskontinuierlich und sprunghaft. Es ist  an keine Zeit und an keinen Ort gebunden, darum fällt es dem Traumbewußtsein nicht schwer, Vergangenes gegenwärtig zu machen und beliebige Entfernungen zu überbrücken. Im Traum sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht voneinander geschieden. Das völlig freie Spiel der Assoziationen ermöglicht es dem Traumbewußtsein, psychische Momentsituationen einzufangen, die das Wachbewußtsein nicht erfassen kann. In dieser Hinsicht ist das Traumbewußtsein dem Wachbewußtsein überlegen. Robert Heiss faßt seine Beobachtungen in der Aussage zusammen, „daß das dynamische und dialektische Denken des Traums, ohne vom Kontrollbewußtsein gehindert zu sein, immer jene psychische Wirklichkeit zum Ausdruck bringt, die während des Wachzustandes gerade vom Kontrollbewußtsein unterbunden und nicht erkannt wird.“

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Wach- und Traumbewußtsein besteht darin, daß das Wachbewußtsein eine willkürliche und vom Ich gesteuerte Funktion ist, während das Traumbewußtsein dem Einfluß des  Ich entzogen ist und unwillkürlich  verläuft. Das Wachbewußtsein ist seinem Wesen nach aktiv und drängt auf Handlung, das Traumbewußtsein dagegen ist passiv und wird leidend erlebt. Die Verfügungsgewalt über die willkürlichen Handlungen ist dem Traumbewußtsein entzogen. Wenn es ihm gelegentlich gelingt, diese Sperre zu durchbrechen, dann tritt in der Regel das Erwachen ein.

 

Im übrigen ist die Erkenntnis, daß der Traum zu schöpferischen Leistungen fähig ist, nicht erst durch die wissenschaftliche Erforschung des Traums gewonnen worden. Das Wort „Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf“ weist darauf hin, daß man schon lange gewußt hat, daß es Situationen gibt, in denen nicht das wachbewußte Bemühen, sondern der traumbewußte Einfall die Lösung findet. Auch hinter dem Rat, daß man beim Einschlafen das Buch unter das Kopfkissenlegen soll, steckt die Erfahrung, daß sich das Denken im Traum - wenn auch auf andere Weise als im Wachbewußtsein - fortsetzt.

 

Erzähle mir deine Träume:

Um eine Übersieht in die verwirrende Fülle von Trauminhalten zu bringen, haben die Traumforscher zu allen Zeiten versucht, bestimmte Traumtypen herauszuarbeiten. Diese Typenbildung hängt natürlich vom geistigen Standpunkt des jeweiligen Forschers ab. So werden in den ägyptischen Traumbüchern vor allem zwei Typen hervorgehoben: die Königsträume und die Geburtsträume. Die Königsträume sind ein Mittel der Gottheit, dem König den Weg zur Macht zu weisen, in den Geburtsträumen wird die Geburt eines Großen angezeigt.

Das Alte Testament rückt zwei Arten von Typenträumen in den Vordergrund: den Botschaftstraum und den symbolischen Traum. Zu Beginn seiner Herrschaft erlebt Salomo einen Botschaftstraum, in dem ihm in direkter Gottesrede die Verheißungen für sein Wirken mitgeteilt werden (1. Könige 3, 5-15). Der symbolische Traum, wie er vor allem in der Josephs-Ge­schich­te begegnet, bedarf in der Regel der Deutung. Die für die Träume zuständigen Deuter sind von Gott ausersehene und mit besonderer charismatischer Weisheit ausgerüstete Menschen.

In den klassischen Traumbüchern wird der Stoff nach Sachgebieten angeordnet: der Mensch, seine Glieder und Organe, seine Beschäftigungen und Lebenssituationen, seine Krankheiten und Sorgen, seine Erhebungen und Freuden und ähnliches mehr. All die Bücher, in denen steht, was bestimmte Träume zu bedeuten haben, sind aber völliger Quatsch. Um zu verstehen, was ein Traum bedeutet, braucht man immer den Menschen dazu, man muß seine Persönlichkeit, seine Lebensgeschichte kennen.

Stellen wir uns vor, eine Frau träumt, daß sie eine Karotte schält. Was soll mir dieser Traum dann sagen? Wofür steht die Karotte? Ist diese Frau mit ihrer Hausarbeit nicht glücklich? Hat sie Probleme mit ihrem Mann? Oder schält sie die Karotte, um daraus Brei für ihr Baby zu machen? Jeder Mensch ist einzigartig und träumt einzigartig. Und das steht in keinem Buch der Welt.

Träume sind „Gefäße für Erlebtes“ - wie ein Kochtopf mit lauter bunten Zutaten, und wenn man kräftig umrührt, kommt ein Gericht heraus, das lecker oder eklig aussieht und ebenso schmeckt. Die Deutung eines Traumes (Psychologen nennen das „Analyse) funktioniert also so ähnlich wie ein Kochrezept rückwärts: Man muß etwas fertig Gekochtes in seine Bestandteile zerlegen.

Auf diese Weise kann man Menschen helfen, die zu ihm kommen und ihm ihre Träume er-

zählen. Das machen sie, weil sie oft so große Sorgen oder Ängste haben, daß sie davon krank

werden und beim Psychologen Hilfe suchen. Ihre Traumerzählungen sind für ihn wie eine Art Wegweiser, und der Psychologe ist dabei wie ein Pfadfinder im dunklen Keller des Menschen. Er tastet sich langsam vor; er sucht nach Hinweisen darauf, wovor sich dieser Mensch fürchten könnte oder was seine Wünsche sein könnten.

Die moderne Traumforschung hat als Typen besonders herausgestellt: den Prüfungstraum, den Traum des Nichtfertigwerdens, den Flugtraum, den Zahnausfalltraum und den Entblös­sungs­traum. Auch für den Laien ist unschwer zu erkennen, daß sich im Prüfungstraum Ängste widerspiegeln, gestellte Aufgaben nicht erfüllen zu können, oder daß sich hinter dem Entblößungstraum sexuelle Ängste verbergen. Die Situation, auf der Kanzel zu stehen, den Faden zu verlieren und nicht mehr weiter zu wissen, wie sie von Pfarrern gelegentlich im Traum erlebt wird, signalisiert deren Angst, ihrem Auftrag nicht gewachsen zu sein.

Ohne Zweifel weist ein typischer Traum auf eine typische innere Situation des Träumers  hin. Wer sich in einer Erfolgsphase befindet, wird kaum den Traum des Nicht-fertig-Werdens träu­men. Insofern ist die Typisierung durchaus ein Schlüssel zum Verständnis der Lage, in der sich der Träumer befindet. Aber dieser Schlüssel muß sehr vorsichtig gehandhabt werden. Ober der typischen Situation darf die je besondere und einmalige Lage des Träumers nicht vergessen werden, das Typische darf das Individuelle nicht verdrängen, sonst kann es leicht passieren, daß der Schlüssel nicht aufschließt, sondern zuschließt.

 

Kinderträume:

Kleine Kinder träumen anders als Erwachsene. Um richtig träumen zu können, muß man begreifen, was ein Auto ist, ein Schiff oder eine Wolke, man muß verstehen, was der Sinn all dieser Dinge ist. Kinder, die erst zwei oder drei Jahre alt sind, können dies noch nicht.

Das Träumen beginnt erst, wenn Kinder etwa zehn, elf Jahre alt sind. Dann haben sie die reale Welt begriffen und ein Selbstbewußtsein entwickelt. Kleine Kinder sehen im Traum nur einzelne Bilder, wie zum Beispiel ihr Kuscheltier. Deshalb ist es auch Quatsch, wenn Eltern zu ihrem dreijährigen Kind sagen: Du mußt keine Angst haben, du hast nur schlecht geträumt. Denn in Wirklichkeit haben sie ja gar nicht richtig geträumt. Eigentlich schade, daß das nicht immer so bleibt - denn wer träumt schon gern gruselige Sachen und kann dann nicht mehr einschlafen, weil er sich ganz doll fürchtet? Da haben es kleine Kinder doch viel besser.

 

Zusammenfassung:

Die Bilderwelt des Traums ist eine Innenwelt. Im wesentlichen sind es innere Vorgänge, die sich im Traum verbildlichen und ausweisen. Insofern kann der Traum als die Darstellung der jeweiligen inneren Situation des Träumers verstanden werden. Träume sind nicht Schäume, sondern vermitteln in ihren Bildern eine volle Wirklichkeit, der subjektive Realität nicht abgesprochen werden kann.

Durch seine Fähigkeit, triebhafte, affektive und dynamische Vorgänge bildhaft anschaulich zu machen, ist der Traum eine zuverlässige  Informationsquelle über den Zustand des  Unbewußten. Wer sich selbst kennenlernen will (im Sinne der Selbsterfahrung), darf sich nicht darauf beschränken, sein Verhalten in der Beziehung zu einzelnen anderen oder in Gruppen zu beobachten, sondern muß auch seine Träume in die Beobachtung einbeziehen. Erst wenn wir den bekannten Satz: „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist“ durch den anderen (noch wenig verbreiteten) ergänzen: „Erzähle mir deine Träume - und  ich sage dir, wer du bist“, erfahren wir die ganze Wahrheit über uns selbst (nach Walter Saft).

 

 

 

Auferstehung

 

Wie Theologen das christliche Osterfest sehen

Die Grabplatte ist weggeruckt, Soldaten liegen wie erschlagen neben dem offenen Grab. Darüber schwebt eine gleißende Lichtgestalt: Jesus, mit Wundmalen an Händen, Füßen und Seite, ist von den Toten auferstanden. So hat Matthias Grünewald Anfang des 16. Jahrhunderts die Osterszene auf den berühmten Isenheimer Altar gemalt.

Bis ins ausgehende Mittelalter war es für Christen kein Problem, an das Wunder der Auferstehung zu glauben. Berichte von übernatürlichen Phänomenen wurden kaum angezweifelt schon gar nicht bei einer biblischen Geschichte. Erst mit der Aufklärung setzten Fragen ein: Kann das, was die Evangelien über Ostern berichten, wahr sein? Hat Jesus das Grab lebendig verlassen? Wie soll man mit diesem Geschehen umgehen, das allen Gesetzen der Naturwissenschaft widerspricht?

Die historisch kritische Erforschung des Neuen Testaments beginnt im 18. Jahrhundert. Es ist in erster Linie die Frage nach dem leeren Grab, die leidenschaftlich diskutiert wird. Der Hamburger Professor Reimarus (1694-1768) etwa vertritt die These, die Jünger Jesu hätten den Leichnam Jesu aus dem Grab gestohlen, um anschließend den auferstandenen Messias verkündigen zu können - ein Verdacht, der schon in der Bibel von den jüdischen Gegnern Jesu geäußert wird.

Jesus sei nur scheintot gewesen, als er bestattet wurde, und er sei anschließend kurzzeitig ins Leben zurückgekehrt. Das behauptete der Protestant Friedrich Schleiermacher (1768-1834) und nach ihm viele andere bis hin zum katholischen Buchautor Franz Alt (1989). Die rationalistischen Deutungen gehen davon aus, daß das Grab tatsächlich leer war, Jesus aber nicht, wie die biblischen Zeugen berichten, auferstanden sei.

Vom leeren oder vollen Grab verlagerte sich das Theologeninteresse seit David Friedrich Strauß (1808-1874) auf die Erscheinungsgeschichten, in denen der auferstandene Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern begegnet. Für Strauß waren diese Begegnungen visionärer Art - er interpretierte sie als Wunschvorstellungen der frustrierten Jesus-Anhänger, die sich nicht mit dem Kreuzestod des Meisters abfinden wollten und ihn statt dessen imaginär weiterleben ließen und gottgleich erhöhten.

Ähnliches behauptet auch der ehemalige Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann, der sich nach langjährigen Studien über die Historizität der Ostergeschichte offiziell vom Christentum lossagte. Lüdemanns These: Jesu plötzlicher Tod habe den Trauerprozeß bei Petrus blockiert. Um seine Schuldgefühle gegenüber dem von ihm verratenen Toten zu bewältigen, sei seine Vision von der Begegnung entstanden, daraus wiederum eine Massensuggestion: Im Bewußtsein seiner Anhänger wurde Jesus lebendig.

Weitreichende Folgen für spätere Theologengenerationen hatte das Entmythologisierungsprogramm von Rudolf Bultmann, der bis 1951 in Marburg lehrte. Seine Deutung der Osterbotschaft geht davon aus, daß die mythischen Texte der Bibel eine Wahrheit vermitteln, die mit dem wissenschaftlichen Denken nicht vereinbar sei. „Auferstehung“ ist für ihn daher ein Begriff, der sich nicht auf reale Ereignisse, sondern auf den Glauben an ein zukünftiges Gottesreich bezieht.

Für heutige Kanzelverkündiger ist klar, daß jeder Versuch, die Auferstehung Jesu biologisch oder medizinisch erklären zu wollen, scheitern muß. „Auferstehung ist weniger ein Rätsel, als vielmehr ein Geheimnis“, stellt der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich deshalb in einer Osterpredigt fest - und fragt aller wissenschaftlichen Erkenntnis zum Trotz: „Warum sollte es Gott nicht möglich sein, Jesus aus dem Grab zu holen, den Leichnam dort nicht verwesen zu lassen?“

„Ein Streit um des Kaisers Bart“ ist „das Gezerre um das leere Grab“ für den evangelischen Pfarrer und Bestsellerautor Jörg Zink. Der 85-Jährige hat sich mit dem zentralen Ausgangspunkt des christlichen Glaubens beschäftigt und ist der Meinung, daß man durchaus nicht alles glauben müsse, aber daß es zum Glauben an die Auferstehung Christi keine Alternative gibt: „Glauben heißt nicht, daß, wer glaubt, nichts wüßte. Er weiß durchaus. Er geht, auch wo er keinen Weg sieht.“