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Material für Predigten

 

Advent:

Wenn ein Staatsmann zu einem wichtigen Besuch im Ausland war, dann wird er gewöhnlich von der ganzen Regierung am Flugplatz abgeholt. Da kann sich dann keiner ausschließen und jeder muß alle anderen Termine absagen. Er muß sich gut anziehen und ein Sonntagsgesicht aufsetzen. Auch auf dem Flugplatz muß alles hergerichtet sein: roter Teppich, Blaskapelle, Scheinwerfer, Fernsehen, Kinder mit Blumen. Es wird da oft schon viel Aufwand getrieben, selbst wenn nur der eigene Regierungschef zurückkommt.

Natürlich will er dann auch wissen, was sich zuhause zugetragen hat. Sein Stellvertreter und die anderen Minister müssen kurz berichten. Er selber wird natürlich auch von seiner Reise erzählen, seine Erfahrungen und neuen Eindrücke mitteilen und vielleicht auch neue Richtlinien für die Politik geben.

Es kann aber auch sein, daß sich die Ankunft einmal verzögert. Da liegt etwa Nebel über dem Flugplatz. Oder die Abreise hatte sich schon verzögert. Oder es war starker Gegenwind und so hat alles etwas länger gedauert. Es gibt ja so viele Gründe, die eine Ankunft verzögern.

Eins nur ist klar: irgendwann wird der Chef wieder zurückkommen. Und deshalb kann keiner vorzeitig heimgehen oder eine andere Verpflichtung wahrnehmen. Das Empfangskomitee kann auch auf dem Flughafengelände nicht groß etwas anderes unternehmen. Es bleibt nichts anderes übrig als zu warten. Aber jeden Augenblick kann es so weit sein. Deshalb gilt es, auch immerzu bereit zu sein.

 

Weihnachten: Kaiser Augustus

Zur Ordnung dieser Welt gehörte auch der Kaiser Augustus. Wir müssen uns einmal deutlich machen‚ was das für einer war. Mit Gewalt war er an die Macht gekommen und mit Gewalt hielt er die Völker  nieder. Er hatte Frieden auf Erden versprochen und er hat ihn auch auf seine Weise hergestellt. Doch dazu ist viel Blut geflossen, bis das römische Schwert allen Völkern klargemacht hatte, was unter „Frieden“ zu verstehen ist. Die Juden haben ja nachher selber erfahren müssen, wie die Römer jeden Aufstandsversuch mit Grausamkeit unterdrückten.

Es ist ganz gut, daß Lukas zunächst einmal die anderen Großen der damaligen Welt aufzählt, ehe er auf den wahren Herrn der Welt zu sprechen kommt. Damals gab es eben noch andere Heilande, die der Welt ein großes und ewiges Friedensreich versprachen. Aber in Wahrheit brachten sie nur Not und Unterdrückung für die Menschen mit sich.

Eine Volkszählung war eine Menschenschinderei. Die Bevölkerung wurde auf dem Marktplatz zusammengetrieben. Mit Folter und Stockschlägen wurde verhört. Auf Alter und  Ge­sundheitszustand wurde keine Rücksicht genommen. Alles war erfüllt von Kummer und Jammergeschrei. Da gab es ein Durcheinander, in dem jeder sich selbst der Nächste war.

Und wozu das alles? Nur um       noch mehr Steuer aus den, Leutenherauszupressen.  Was Augustus tat, war einfach Ausbeutung. Er hatte ja die Macht, er nützte sie aus.

Wir wollen aber nicht überheblich den Kopf schütteln über die Zustände von damals. So etwas gibt es auch heute. Und nicht nur in anderen Ländern, sondern auch in unserem privaten Bereich. Müssen sich bei uns nicht auch die heranwachsenden  jungen Leute vielfach der Macht der  Erwachsenen beugen? Springt man nicht vielfach mit den alten Menschen beliebig um, weil sie wehrlos sind? Verzichtet denn bei uns einer auf seine Macht? Ist denn bei uns einer bereit, sein Wohlergehen und seine Vorteile mit anderen zu teilen?

 

Silvester

Der Name Silvester bezieht sich auf Papst Silvester L, der das Pontifikat von 314 bis an seinen Tod am 31. Dezember 335 innehatte. Bei seiner Heiligsprechung wurde dieser letzte Tag des Jahres sein Namenstag. Obwohl in seiner Amtszeit die Taufe des Kaisers Konstantin fällt, hatte er daran keinen Anteil. Bemerkenswert in heutiger Sicht ist seine Verordnung eines zweiten arbeitsfreien Tages in der Woche, wie dies die „Goldene Legende“ berichtet. Er verfügte den Donnerstag als arbeitsfrei, ihn so wie den Sonntag zu halten. „weil Christus an diesem Tag gen Himmel fuhr, weil er das Sakrament seines Leibes und Blutes am Donnerstag eingesetzt hat und weil die Kirche an diesem Tag das heilige Öl bereitet und weiht“. Aber lange hielt diese Verfügung nicht an.

Die Ikonographie zeigt den Heiligen häufig als Papst mit einem Buch in der Hand, da er um seiner sozialen Leistung willen gerühmt wird, nach seiner Papstwahl „der Witwen und Waisen und aller Armen Namen in ein Buch schrieb und sie mit aller Notdurft versah“. Obwohl historisch kein Nachweis für Einfluß oder Mitwirkung des Papstes bei Kaiser Konstantins Bekehrung und Taufe vorliegt, nimmt die bildende Kunst im 12. Jahrhundert doch gern das Motiv auf, daß Silvester in pontifikaler Meßkleidung den Kaiser tauft. Auch kann ein Stier zu seinen Füßen liegen, da er einen solchen legendär zum Leben erweckte.

Im Volksbrauch, ganz besonders im deutschen, eint sich an diesem letzten Tag des Jahres, gedrängt. zum Abend und zur Mitternacht, alles Unholdenwesen, das in anderen europäischen Ländern schon zur Weihnachtszeit zu karnevalistischem Treiben, auch auf deutschem Boden zur Vorweihnachtszeit und in den zwölf Nächten zu lautem und dröhnendem Jagen führt, zu Umzügen, in denen der Lärm eine wesentliche Rolle spielt.

Von den Böllerschüssen, die heute noch von den Alpenbergen her Abschied vom alten Jahr nehmen, das neue Jahr begrüßen, bis hin zu dem lauten Treiben in norddeutscher Tiefebene will der Lärm vordringlich die bösen Geister abwehren. Diese Absicht hat letzten Endes auch aller Mummenschanz, der in Dörfern und Städten die Straßen durchtobt. Wie Papst Silvester selber zu Lebzeiten, so wettert auch der Kirchenvater Augustinus (354 - 430) gegen solche lärmende Umtriebe in der Stadt Rom, erwähnt genauer, daß die so Rasenden als Hirschkuh, Hinde und altes Weib sich verkleiden. Knapp vierhundert Jahre später, im Jahr 745, berichtet Bonifatius von ähnlicher Aufmachung in seinem Missionsgebiet: „Die ungeschlachten, einfältigen Menschen, die Alemannen, Bajuwaren und Franken verkleiden sich mit Geweih und Fell des Hirsches zum Neujahrsbeginn….“

Während in ländlichen Gegenden sich noch teilweise am Nachmittag der Heischengang erhält, mit Singen freundliche Gaben einsammelnd, so drängt sich in den Städten alles einst kultisch getragene Lärmen und Toben öffentlich sichtbar in einer einzigen Darbietung zusammen in einem pyrotechnischen Spektakel von immer größerem Ausmaß. Staatlicherseits einzig an diesem Abend allgemein erlaubt, jagen vor vielen Häusern, aus vielen Gärten die Raketen in die Lüfte, zum Krachen auch ein buntes optisches Schauspiel bietend, nicht mehr so gewußt und gewollt, aber historisch doch vom gleichen Abwehrbann getragen, der einst sich gegen die bösen Geister wandte. Am Silvesterabend wird in der häuslichen Feier noch das Orakelspiel gepflegt, vornehmlich im Bleigießen. Aber auch der Traum in der Silvesternach wird noch gehörig beachtet. Im ganzen nähert sich der Silvesterabend immer mehr einem Karneval unterm Weihnachtsbaum.

Daß die Kirche mit Gottesdienst aus dem alten Jahr scheidet, ist eine erst sehr junge Ordnung, gemäß dem Prinzip, daß die Kirche nicht den Jahreskalender, sondern den der eigenen Festordnung respektiert. Enthält die Meßordnung keinerlei Gottesdienstanweisung für den Silvesterabend, so hat sich doch die Gewohnheit einer Andacht zum Jahresschluß entwickelt, unter dem preisenden Leitwort: „Der Herr krönt das Jahr mit seinem Segen.“ Auch die evangelische Agende kennt erst vom Ende des 19. Jahrhunderts an eine Andacht zum Jahresschluß. Selbst die Glocken läuteten früher nicht. Die Kirchen standen dunkel und schweigend, während draußen das Volk lärmte und feierte.

 

Predigt von Hosea Heckert zu Weihnachten:

Liebe weihnachtliche Gemeinde!

Vor einigen Tagen rief ich einen Mitarbeiter abends um viertel nach Zehn an, weil ich noch etwas besprechen wollte. Vorsichtig fragte ich, ob ich so spät denn überhaupt noch anrufen dürfte. Seine Antwort war, na normalerweise ist es zu spät, aber es ist schon ok, wegen „Weihnachten – und so…“

Jetzt geht meine Frage an Sie, was hat der damit gemeint? „Weihnachten – und so…!“ Kennen Sie das auch, man braucht es eigentlich nicht wirklich auszusprechen. Es langt diese kurze Andeutung mit den Worten „und so“ und jeder und jede weiß schon, was gemeint ist.

Na, liebe Gemeinde, was heißt denn nun „Weihnachten und so…“  bei Ihnen?

„Moment mal, ich hab doch noch ein Geschenk für mein Patenkind vergessen, also schnell auf zum Weihnachtsmarkt in die Stadt, da wird sich doch noch schnell was finden lassen!“

„Ist noch genügend Majonäse für den Kartoffelsalat am Heiligabend da?“

„Funktioniert die Weihnachtsbaumbeleuchtung eigentlich noch?“

„Wo in aller Welt ist das Packpapier für die Geschenke?“

„Jetzt vor Weihnachten haben wir mächtigen Druck, da ist bei uns der Teufel los, klagen die Firmen, die noch eine Leistung erbringen müssen.“

Es ist schon paradox, da wird es Weihnachten, wo Gott Mensch wird und dann ist bei uns der Teufel los. Und in mancher Familie kracht es vor dem leuchtenden Weihnachtsbaum und ein gehöriger Streit bricht los – „Weihnachten – und so…“ !

Jeder und jede hat seine eigenen Erlebnisse und doch braucht uns keiner erklären, was er mit „Weihnachten und so…“ meint.

Es scheint ein im wahrsten Sinne des Wortes geflügeltes Wort zu sein, was wie ein gehetzter Weihnachtsengel zwischen uns hin und her fliegt. Oder ist es eher ein gehörntes Teufelchen?

Aber, was ist denn Weihnachten eigentlich. Wann wird es denn Weihnachten bei mir?

Vielleicht, wenn ich alle Geschenke zusammen habe

oder wenn ich das Gefühl habe, für einen überschaubaren Betrag doch eine ganze Menge Geschenke bekommen zu haben,

wenn ich mich selbst hingesetzt habe und gebastelt und dann ist etwas tolles fertig und die Augen des Beschenkten, der Beschenkten leuchten vor Dankbarkeit und Rührung!?

Irgendwann muß doch richtiges Weihnachten werden! Es kann doch nicht immer bei diesem „Weihnachten – und so …“ bleiben.

Am Mittwoch stand ich auf dem Domplatz inmitten des Weihnachtsmarktes, da gab es soviel zu schauen und zu riechen und zu sehen und zu kaufen, na Sie wissen schon: „Weihnachtsmarkt –und so…“. und nachdem ich einige Buden abgeklappert hatte kam zur Weihnachtskrippe des Holzschnitzers aus Oberammergau, der dieses Jahr seine Krippe in Erfurt aufgestellt hat. Umzingelt von Buden und Büdchen standen - doch etwas allein auf weiter Flur - die Figuren im Stall, nur wenige Leute blieben mal länger als ein paar Sekunden stehen, meistens waren es eher die Kinder…

Das Jesuskind mit Maria und Josef, die Hirten und die Könige kamen mir irgendwie verloren vor in dem ganzen Trubel des Weihnachtsmarktes. Dabei gibt es den Brauch des Schenkens ja auch nur deshalb, weil wir das große Geschenk, das Gott uns macht auch an andere weitergeben wollen, die wir eben lieben, so wie Gott uns liebt. Wir schenken ja auch besonders gerne denen etwas, die wir lieben.

Vergessen wir etwa über dem ganzen Schenken-Wollen und Geschenke-Suchen, daß wir, jeder und jede einzelne von uns es sind, die beschenkt werden von Gott?

Rechnen wir noch damit, daß es da einen gibt, der sich selbst geben will, der sich nicht zu schade ist, in unser kleines Leben einzusteigen, der einer von uns wird, weil er es nicht aushält, daß wir wegen „Weihnachten  und so…“ an ihm vorbeirennen von Weihnachtsmarktbude zu Weihnachtsmarktbude, von Kaufhaus zu Kaufhaus, von Geschenk zu Geschenk.

Liebe Gemeinde, am Mittwoch vor der Krippe inmitten des Weihnachtsmarktes hatte ich das Gefühl, daß das Jesus aus der Krippe heraus rief und kaum einer hat es gehört.

Wenn wir Weihnachten Gottes großes Geschenk - die Geburt seines Sohnes unter uns - feiern, was feiern wir da eigentlich?

Was sind seine Gottes Geschenke? In den Evangelien im Neuen Testament sind einige aufgeschrieben:

Da hat der mittlerweile erwachsene Jesus eine anziehende Botschaft:

Ich komm zu euch, auch wenn ihr krank seid und rede mit euch, wenn die anderen euch links liegen lassen!

Bei mir mußt du nichts, aber auch gar nichts vorweisen können, ich mag dich einfach so, wie grade bist und ich bin bereit, dich auch auf deinen steinigen Wegen zu begleiten!

Meine Hand kannst du greifen, wenn du den Halt verlierst, bei mir darfst du ausruhen.

Aber höre ich diese Sätze den überhaupt, sind sie nicht schon spätestens dann wieder vergessen, wenn morgen bei uns zu Hause das Festessen auf dem Tisch steht?

Verstehen Sie mich bitte nicht maß, nichts gegen Advents- und Weihnachtsmärkte, schöne Stimmung und gutes Essen! Aber verdeckt das alles nicht viel zu oft unsere eigene Sehnsucht, die wir eigentlich haben, nach einem, der einerseits Mensch ist und sogar den Geruch des Mistes kennt, mit dem wir uns in unserem „Stall“ rumschlagen und andererseits aber auch irgendwie über allen Dingen steht und uns hochreißen kann, wenn wir verzweifelt sind.

Im Krippenspiel, was wir eben erlebt haben, schickt Gott mitten in den Schweinestall den Engel Gabriel, obwohl der ganz schön die Nase rümpft…Unser Leben scheint Gott nicht zu stinken!

Liebe Gemeinde in Vieselbach / Wallichen!

Ich werde jetzt mal unhöflich und wechsele vom  Sie zum Du, das mach ich nur, wenn es ganz wichtig ist und ganz konkret werden soll und als Euer Pfarrer, Euer Seelsorger und Hirte möchte ich jetzt ganz konkret werden:

Gott ist vor 2000 Jahren für Euch Mensch geworden. Er wird heute in dieser Nacht Mensch für mich, für Euch alle, die Ihr Euch an diesem Tag auf den Weg in Gottes Haus gemacht habt. Vielleicht können wir das einmal ganz für uns allein durchbuchstabieren: Gott, der die Idee hatte, daß es mich geben soll, der kommt heute in meinen „Stall“. In den Stall, der gerade mein Leben ist. Wir wollen uns nicht heute an etwas Vergangenes erinnern, nein, gerade in dem Augenblick als jeder und jede einzelne von Euch selbst hier eingetreten ist, ist auch ER mitgekommen, denn ER ist ja immer und überall bei mir und wird mit mir und mit Euch auch wieder gehen in Euer Leben, das manchmal wie so ein armseliger Stall ist, wie wir es im Krippenspiel gehört haben.

Wir können IHM hier und jetzt wieder einmal ganz neu auf IHN aufmerksam werden und IHM begegnen.

Wenn wir das geschmeckt haben, dann wird aus Weihnachten eine Erfahrung, wie sie die Hirten machen. Sie kommen ganz anders aus dem Stall heraus laufen, als sie hinein gekommen sind, und  obwohl sie wieder in den gleichen ärmlichen Verhältnissen ankommen, wo sie vorher losgezogen sind: Eines hat sich geändert! Sie wissen jetzt in ihrem Herzen: Gott ist einer von uns. Der hat nicht wie alle anderen gesagt, du bist doch der letzte, sondern : Du bist der erste, der es erfahren soll!

Ja das haben die Hirten erkannt: Gott ist da! Gott ist unser Freund. Wer kann da noch ernsthaft gegen uns sein?

Das ist mein Geschenk, was ich bekomme, was Ihr alle heute wie alle Jahre wieder bekommt. Das ist es weswegen Ihr gekommen seid, vielleicht sogar ohne es zu wissen. Das ist das Geschenk, das ich Euch als Euer Pfarrer, Euer Seelsorger heute am Heiligen Abend neu zeigen möchte.

Lassen wir diese Botschaft der Hirten nicht irgendwo hier in der Kirchenbank links liegen:

Gott ist einer von uns. Gott ist da! Gott ist unser Freund. Wer kann da noch ernsthaft gegen mich sein? So wird Weihnachten wirklich Weihnachten und nicht nur „Weihnachten – und so …“.

 

 

Neujahrstag : Lk 2, 21

Dieser eine Vers ist etwas seltsam als Predigttext für Neujahr. Was hat er denn eigentlich mit diesem Tag zu tun ? Er leitet nur über zu der sogenannten „Darstellung Jesu im Tempel“, gehört also eigentlich mit zur Weihnachtsgeschichte und Kindheitsgeschichte Jesu. So sollte er eigentlich auch zuerst verstanden werden: Wir haben heute den ersten wichtigen Tag nach Weihnachten, den Tag der Beschneidung und Namensgebung des Herrn Jesus.

Neujahr ist ja ein bürgerliches Fest, einfach durch die Übereinkunft entstanden, auf diesen Tag den Jahresanfang zu legen. Mit dem Kirchenjahr hat dieser Tag so gut wie nichts zu tun. Und dennoch können wir an diesem Tag nicht so einfach vorbeigehen. Wir stehen ja in einer ähnlichen Situation wie am Anfang des Kirchenjahres, wie am Wechsel vom Ewigkeitssonntag zum 1. Advent. Das alte Jahr ist vergangen, und wir nehmen das neue Jahr als Gabe aus den Händen Gottes entgegen. Wir sehen darin ein Zeichen der Gnade Gottes, die uns immer noch einen neuen Anfang gewährt.

Doch nun wieder zu unserem Predigttext. Was sollen wir ihm am Neujahrsfest entnehmen? Im Mittelpunkt des Verses steht der Jesusname. Und dieser Name soll auch im Mittelpunkt des kommenden Jahres stehen. Eine Woche nach Weihnachten können wir das neue Jahr nicht anders als „im Namen Jesu“ beginnen.

„Jesus“ heißt: „Gott hilft“. Bei Matthäus wird das übersetzt und noch näher erläutert: „Er wird sein Volk retten von ihren Sünden!“ Das wäre doch eine schöne Überschrift über das kom­men­de Jahr: „Gott hilft!“ In manchen Häusern kann man diesen Spruch auf einer Holztafel an der Wand hängen sehen, damit man ihn immer vor Augen hat.

Man kann dabei einmal das erste Wort betonen: „G o t t hilft“,  nicht all die anderen, die uns Hilfe versprechen und dabei doch nur an sich selbst denken, so daß man nachher verraten und verlassen ist. Man kann aber auch betonen: „Gott h i 1 f t“, auch wenn es zunächst nicht so auszusehen scheint und wenn die Hilfe dann nachher anders aussieht, als wir es erwartet haben. Nur Jesus allein ist der rechte Herr und Helfer.

Alles, was wir im kommenden Jahr erleben werden, die vorhersehbaren und die unvorhergesehenen Ereignisse und Widerfahrnisse, wollen uns mit immer neuer Dringlichkeit auf Jesus verweisen. Wir blicken an diesem Tage vorwärts, auf unsere Probleme, Aussichten und Aufgaben im persönlichen und beruflichen Leben. Blicken wir auch auf Jesus, der uns in all diesen erwarteten und befürchteten Schicksalen begegnen will?

Es liegt wieder ein langer Weg vor uns. An diesem Weg stehen Wegweiser und Kilometersteine. Und auf all diesen steht der Name „Jesus“ geschrieben, der uns das ganze Leben begleiten will.

Was er uns zu geben hat, das hat wenig zu tun mit all den treuherzigen Neujahrswünschen, die Freunde und Nachbarn einander an diesem Tag zurufen. Wahrscheinlich bleibt ja doch wieder alles beim Alten, das alte Leben geht weiter. Jesus aber will uns helfen, daß es nicht so kommt, daß wenigstens an einigen Stellen etwas neu wird. Allein Jesus ist imstande, das neue Jahr zu einem wahrhaft n e u e n zu machen.

Wir werden nicht zu schweren Entschlüssen und umwälzenden Vorsätzen aufgerufen. Wir sollen nur den Namen „Jesus“ - „Gott hilft“ über all unser Tun im neuen Jahr schreiben.

Das aber bringt die Verheißung mit sich: Auch bei uns kann ein Neues werden, wir sind nicht hoffnungslos im Netz unsrer Gewohnheiten, Täuschungen und Verstockungen gefangen. Diese Zusage dürfen wir glauben. Das sollte uns Mut machen, ein Neues zu beginnen.

 

29. Februar (zu Jes 55,6 und 8-11)

In diesem Monat werden wir noch eine Besonderheit erleben, nämlich den 29. Februar. Schalttage gibt es zwar alle vier Jahre, parallel zu den Olympischen Spielen. Aber in diesem Jahr fällt der 29. Februar auf einen Sonntag, so daß wir einmal einen Februar mit fünf Sonntagen haben.

Man kann daran allerhand praktische Überlegungen anknüpfen: Dieses Jahr gibt es einen Arbeitstag mehr, der bei Gehaltsempfängern nicht einmal extra vergütet wird, aber dennoch seine Kosten verursacht. Ein Arbeitstag mehr bedeutet aber auch eine Steigerung der Produktion und des Gewinns. Wir können aber auch sagen: Ein Tag mehr in unserem Leben bzw. ein Tag länger bis zur Ewigkeit -  natürlich nicht in Wirklichkeit, aber doch in der Zählung unsrer Tage. Der Kalender erinnert uns daran, daß unsre Zeit vergeht und auch unsere Lebenszeit begrenzt ist.

Dabei ist das so eine komplizierte Sache mit dem Schaltjahr. Der römische Kaiser Julius Cäsar hatte einst seine Priester angewiesen, den durcheinandergeratenen Kalender doch wieder in Ordnung zu bringen: Alle vier Jahre sollte ein Schaltjahr eingefügt werden.

Die Priester rechneten jedoch nach römischer Gewohnheit das Ausgangsjahr mit und riefen schon nach drei Jahren ein Schaltjahr aus. Der uns auch aus der Weihnachtsgeschichte bekannte Kaiser Augustus hat das dann wieder in Ordnung gebracht. Das war im Jahre 8 nach Christi Geburt, das zum Ausgangspunkt der neuen Schaltordnung wurde; seitdem sind

die Schaltjahre durch „4“ teilbar.

Papst Gregor, dessen Kalender man im 17.Jahrhundert einführte, hat dann darauf hingewiesen,, daß bei allen durch 100 teilbaren Jahren das Schaltjahr wegfallen muß, bei allen durch 400 teilbaren Jahren aber wieder gehalten werden muß. Die Jahre 1700, 1800 und 1900 waren also keine Schaltjahre, das Jahr 2000 aber war ein Schaltjahr .Also eine ziemlich komplizierte Sache.

Die Juden im 6. Jahrhundert vor Christus hatten ein anderes Zeitproblem. Sie saßen in der Gefangenschaft in Babylon. Ihr Prophet Jesaja der Zweite (bzw. der Dritte) hatte ihnen die bevorstehende Erlösung und die Rückkehr in die Heimat angekündigt. Aber bisher war das nicht eingetroffen und seine Botschaft hatte sich als Täuschung erwiesen. Sie war nichts weiter als eine der vielen „Parolen“, die in Gefangenenlagern umgehen, damit noch ein kleines Flämmchen an Hoffnung bleibt.

 

 

 

Ostern:

Wenn ein Mensch gestorben ist‚ der nicht zur Kirche gehört, dann wird ja in der Regel euch eine Trauerfeier gehalten. Das ist dann keine kirchliche Trauerfeier, sondern eine weltliche. Es muß ja irgend etwas gesagt werden zum Problem des Todes. Das ist natürlich schwierig für einen, der nicht an Gott glaubt.

Andererseits ist aber die Todesfrage unsere wichtigste Lebensfrage. Wenn mit dem Tode alles aus ist‚ dann lohnt sich das Leben doch eigentlich nicht. Alle Mühe und alle Geduld, aller Einsatz und alle Hoffnungen wären vergeblich. Dann wäre es im Grunde doch besser, man hätte überhaupt nicht gelebt.

Dennoch sagen viele: „Mit dem Tod ist alles aus!“ Und noch mehr Menschen werden es denken. Selbst unter Christen kann man diese Meinung hören und viele werden es im Geheimen denken, auch wenn sie bei der Beerdigung singen: Jesus, meine Zuversicht“. Meist hilft  man sich so, daß man sagt: „Der Tote lebt im Gedächtnis seiner Verwandten und Freunde weiter!“ Aber sind mir doch einmal ehrlich: Wie schnell ist ein Mensch doch ersetzt und wie schnell geht er vergessen. Nach einigen Wochen schon kann man sich oft sein Gesicht nicht mehr genau vorstellen. Das Leben geht weiter auch ohne die Toten. Nachher erinnert man sich oftmals kaum an den Todestag.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn man von Jesus Ähnliches behauptet. Er soll angeblich nur im Gedächtnis seiner Jünger weiterleben. Wenn man ein Fortleben nach dem Tod leugnet, muß man folgerichtig auch die Auferstehung Jesu leugnen. Oder umgedreht gesagt: Damit man nicht an die Auferstehung Jesu glauben muß, leugnet man die allgemeine

Auferstehung.

Dabei ist diese Theorie doch ganz unwahrscheinlich. Stellen wir uns das doch einmal in Einzelheiten vor: Da wären die Jünger Jesu zwei Tage nach Karfreitag in Jerusalem zusammengekommen. Sie hätten beraten, was nun nach dem Tode Jesu zu tun sei. Und dann hätten sie

beschlossen: „Nun wollen wir einmal eine neue Religion gründen. Wir behaupten einfach, Gott habe Jesus auferweckt und er lebe auch jetzt noch und wir hätten ihn gesehen!“

„Ganz unwahrscheinlich!“ kann man da nur sagen. Die Jünger rechneten in keiner Weise damit‚ daß sich am Tode Jesu noch einmal  etwas ändern könnte. Sie  waren überhaupt nicht irgendwie psychologisch darauf vorbereitet, daß Gott noch einmal eine Wende herbeiführen könnte.

 

Die Legende von Christopherus

[Die Geschichte paßt zum Beispiel zu Reihe II,  Pfingstmontag, 1. Kor 12, 4-11].

Vor langer Zeit lebte im Lande Kanaan ein Mann namens Reprobus. Er war von gewaltiger Statur, besaß große Kraft und viel Verstand. Auf seinen starken Schultern konnte er ganz allein einen Baumstamm tragen. Viele Leute erzählten von Reprobus und bewunderten ihn sehr: Reprobus ist immer vergnügt und hilfsbereit, für wenig Geld fällt er eine Menge Holz und pflügt täglich fast ein Feld.

Eines Tages kam Reprobus ein besonderer Gedanke in den Sinn. Den wurde er nicht mehr los: „Ich will einen Herrn suchen und ihm mit all meiner großen Kraft dienen. Aber er muß der mächtigste Herr der ganzen Welt sein. Ob ich den finde?“ Reprobus machte sich auf den Weg. Er suchte den mächtigsten Herrn der ganzen Welt. Bald kam er in ein fremdes Land. Dort regierte ein König, von dem man erzählte, er sei der mächtigste auf der ganzen Welt. Reprobus bot hier seinen Dienst an. Gern nahm man ihn auf.

Eines Tages bekam der König Besuch von einem Spielmann, der ihn mit seinen neuesten Liedern erfreuen wollte. Oft nannte er in einem Lied den Namen des Teufels. Reprobus beobachtete, wie der König jedesmal ein Kreuz schlug, sooft der Name des Teufels genannt wurde. „Warum tust du das?“ fragte er den König. So recht wollte der König ihm nicht antworten. Reprobus forderte: „Sagst du es mir nicht, so bleibe ich nicht bei dir im Dienst!“

Da beugte sich der König zu seinem Diener und sagte leise: „Höre ich den Namen des Teufels, dann segne ich mich mit diesem Zeichen. Ich fürchte, daß der Teufel sonst Macht über mich bekommt!“ Reprobus erwiderte nachdenklich: „So habe ich mich also geirrt, du bist nicht der mächtigste Herr, sondern der Teufel ist mächtiger als du. Ich muß dich verlassen und mich in des Teufels Dienst begeben!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Reprobus. Sosehr ihn der König auch zurückhielt, nichts konnte Reprobus von seinem Vorhaben abbringen.

Weit, weit ging er, um den Teufel zu finden. Auf einem öden Feld traf er eine große Schar Ritter. Einer von ihnen sah besonders schrecklich aus. Der sprach Reprobus an: „Wo kommst du denn her? Suchst du etwas?“ Jeder andere wäre vor dem schrecklichen Anblick dieses Ritters ausgerissen. Reprobus aber reichte ihm die Hand und antwortete: „Ich suche den Herrn Teufel. In seine Dienste will ich treten!“ Fürchterlich und laut lachte da der Ritter: „Ich bin's, den du suchst. In meinen Dienst kannst du sofort treten!“

Da freute sich Reprobus. Nun hatte er endlich den mächtigsten Herrn gefunden. Miteinander zogen sie dahin, bis sie am Wegrand ein großes Kreuz sahen. Blitzschnell riß der Teufel sein Pferd herum und galoppierte voll Furcht in einer anderen Richtung davon. Reprobus wunderte sich sehr darüber. Als er ihn eingeholt hatte, fragte er: „Warum bist du vor dem Kreuz weggaloppiert? Fürchtest du dich so sehr vor einem Kreuz?“ Mürrisch brummte der Teufel vor sich hin. Reprobus drängte weiter: „Sage mir, warum reißt du vor einem Kreuz aus?“ Endlich antwortete der Teufel: „Es war ein Mensch, Christus mit Namen. Gott hatte ihn gesandt, und er tat nie etwas Böses. Trotzdem schlug man ihn ans Kreuz. Seit dem Tage zeigt sich seine Macht auf Erden. Komme ich an einem Kreuz vorbei, dann bin ich machtlos und muß weichen!“ Das genügte Reprobus. Nein, auch nicht der Teufel war der mächtigste Herr, sondern einer mit Namen Christus. Wie sollte er den finden?

Auf seiner Suche gelangte er in die Hütte eines Einsiedlers. Freundlich wurde Reprobus aufgenommen. Endlich konnte er in Ruhe etwas über diesen Herrn Christus erfahren. Der Einsiedler sprach von Jesus, dem Sohn Gottes, der als ein König ohne Krone regiert. Reprobus erfuhr, wie Jesus gerade den Menschen in Not half und die Armen und Kranken nicht im Stich ließ. Er hörte auch, wie Jesus den Menschen Gottes Güte zeigte und ihnen die Angst wegnahm. Nun wußte Reprobus sicher: „Das ist der mächtigste Herr. Aber wie kann ich ihm dienen?“ Der Einsiedler schlug vor: „Du kannst vom Morgen bis zum Abend zu ihm beten!“ „Gibt es nichts anderes zu tun?“ erkundigte sich Reprobus. „Du kannst viel fasten, das sieht der Herr auch gern!“ entgegnete ihm der Einsiedler. Aber hiermit war Reprobus erst recht nicht einverstanden. „Fasten, wäre das nicht schade um die große Kraft, die ich habe? Kann ich mit dieser Kraft nicht dienen?“

Nach einer Weile des Überlegens hatte der Einsiedler einen neuen Vorschlag: „Hier in der Nähe gibt es einen wilden, reißenden Fluß. Jeder, der ihn überqueren muß, begibt sich in große Gefahr. Keine Brücke kann dort halten, kein Boot übersetzen. Schon viele Menschen ertranken dort. Du bist stark. Auf deinen Schultern kannst du die Menschen hinübertragen. Diesen Dienst sieht der Herr Christus gern. Er freut sich über jeden, der den Menschen dient!“„ Das war für Reprobus ganz neu. Schnell und freudig ging er ans Werk. Bald war seine Hütte am Ufer fertig. Tag für Tag und manchmal auch nachts trug er die Menschen durch den Fluß. Keiner mußte ertrinken. Gesund und trocken gelangten sie zum anderen Ufer. Oftmals war diese Arbeit nicht leicht für Reprobus. In diesem reißenden Fluß gab es viele Strudel. Er mußte aufpassen, daß er da nicht hineingeriet. Manchmal wurden ihm fast die Füße weggezogen von der Kraft des Wassers.

Reprobus freute sich über seine neue Arbeit, doch allzugern hätte er den Herrn selbst einmal gesehen. Eines Nachts tobte ein gewaltiger Sturm. Reprobus hörte in seiner Hütte von draußen die Stimme eines Kindes rufen: „Reprobus, komm heraus und trage mich über den Fluß!“ Als er aus seiner Hütte trat, sah er niemanden. Kaum war er wieder in seiner trockenen und warmen Hütte, hörte er die Stimme wieder, sah aber wieder niemanden. Erst als er die Stimme zum drittenmal vernahm, sah er am Ufer undeutlich in Nacht und Wind ein Kind stehen. Mit seiner kleinen Stimme bat es Reprobus: „Trage mich bitte über den Fluß!“

Schnell nahm Reprobus das Kind auf seine Schultern und sagte: „Viele Menschen trug ich schon auf meinem Rücken über den Fluß, die viel schwerer waren als du. Mit deiner leichten Last kommen wir schnell hinüber!“ Munter schritt er, auf seinen festen Stab gestützt, los. Doch was war das? Höher und höher stieg das Wasser an ihm hinauf. Das Kind auf seinen Schultern wurde schwer wie Blei. Der starke Reprobus bekam Angst. Er fürchtete um sein Leben. Immer stärker drückte die Last des Kindes ihn hinunter. Keuchend stieg er in kleinen Schritten durch das Wasser.

Endlich erreichte er mit zitternden Knien das andere Ufer, setzte sich erschöpft nieder, ließ das Kind von seinen Schultern herab und stöhnte: „Du hast mich in große Not gebracht, Kind. So schwer wurdest du mir, als hätte ich die ganze Welt auf dem Rücken getragen!“ Lächelnd sah ihn das Kind an: „Wundere dich nicht darüber, Reprobus. Du hast nicht nur die ganze Welt getragen, sondern den, der sie erschaffen hat. Ich bin Christus, dein Herr. Gern sehe ich, wie du mir dienst. Du hast mich mit großer Anstrengung getragen. Beuge dich nun her zu mir, daß ich dich taufe. Du sollst ganz zu mir gehören. Auch einen neuen Namen sollst du bekommen. Du Christusträger Reprobus heißt nun hinfort Christophorus. Damit du weißt, daß ich die Wahrheit sage, stecke deinen Stab neben deiner Hütte in die Erde. Am Morgen wird er blühen und Früchte tragen!“ Mit diesen Worten verschwand das Kind. Christophorus ging fröhlich zurück und pflanzte den Stab neben seiner Hütte ein. Als er am anderen Morgen aufstand, sah er den Stab grünen und blühen. (Nacherzählung unter Verwendung von ..Die Wolke der Zeugen“ von Jörg Erb, Berlin 1954, und .,Christophorus, Martin, Georg und Nikolaus“ von Renate Vogel, Berlin 1978).

 

 

Zum 10. Sonntag nach Trinitatis:

Als der preußische König Friedrich II. einen seiner Generale fragte, ob er ihm einen einzigen unwiderlegten Gottesbeweis nennen könne, gab ihn Graf Reventlow zur Antwort: „Jawohl, Majestät, die Juden!“ Mit seiner Antwort hat der General ins Schwarze getroffen; denn die Tatsache, daß die Juden als solche noch immer da sind, bleibt ein Rätsel. sofern Gottes Eingreifen unberücksichtigt bleibt.

Nachdem im Jahre 70 nCh Jerusalem und der Tempel zerstört worden waren, wurden die Juden in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Die politische Existenz des jüdischen Volkes war zu Ende. Aber Jahrhunderte zuvor hatte es schon einmal ein ähnliches Schicksal erlitten. Mit der Zerstörung des Tempels (587 vCh) schien der Zusammenhalt des Volkes dahin zu sein. Die Verschleppten hatten sich aber im babylonischen Exil mit ihren Lehrhäusern, den Synagogen, in denen sie sich zum Gebet und zum Lesen der Heiligen Schrift versammelten, einen neuen Mittelpunkt geschaffen. Andere, die nach Ägypten geflohen waren, hatten sich dort in ähnlicher Weise eingerichtet.

Als den Verschleppten und den Flüchtlingen die Möglichkeit zur Heimkehr gegeben wurde, folgte nur ein kleiner Teil diesem Ruf. Die meisten blieben in Babylon oder  Ägypten und lebten von nun an in der Zerstreuung. Die Vereinzelten sammelten sich in der Synagoge. Sie hielten am Gesetz des Mose und an den Verheißungen der Propheten fest. Sie wußten sich - auch in ihrer Vereinzelung - als Gottes erwähltes Volk.

Dieses Bewußtsein hat sie vor dem Untergang bewahrt. Ein anderes Volk, von ähnlichem Schicksal betroffen, hätte sich spätestens in der dritten Generation dem Volk in der Fremde angepaßt und wäre damit untergegangen. Die Juden sind durch die Jahrhunderte hindurch Juden geblieben - Gottes erwähltes Volk, „ein Volk, das, unbegreiflich genug, ganz anders als alle anderen Völker, sein besonderes Wesen gerade darin hat, so anonym, so glanzlos da zu sein, gerade kein Eigenes zu haben!“ (Karl Barth, Die Judenfrage und ihre christliche Beantwortung).

Mit Abrahams Berufung (1. Mose 12,1 - 4) hat die Erwählung eingesetzt. Mit ihr reißt Gott den Erwählten aus seiner Familie und seiner Heimat heraus und macht ihn einsam. Der Erwählte wird auf einen Weg geführt, dessen Ende er nicht kennt. Im unbedingten Gehorsam des Glaubens empfängt er Gottes Verheißung, ein großes Volk zu werden. Dabei kommen alle Völker der Erde in den Blick.

Von der Erwählung Israels wird im Alten Testament oft gesprochen, am meisten im 5. Buch Muse (z. B. 14,2) und bei Deuterojesaja (z. B. 41,8-10). Israel hat seine Erwählung nicht seinen Vorzügen oder seinen Leistungen zu verdanken, „sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat“ (5. Mose 7,8). Gott hat das Volk durch seine Erwählung aus der Völkerwelt herausgenommen, aber nicht, um das erwählte Volk in einer Absonderung zu lassen, sondern um es zum Licht der Heiden (Jes 42,6; 49,6) zu machen.

Als das erwählte Volk trägt Israel auch eine besondere Verantwortung. Darum will Gott auch an ihm „heimsuchen alle eure Sünde“ (Am 3,2). Doch solche Heimsuchung steht allein Gott zu. In dem Trostwort des zweiten Jesaja wird Jerusalem das Ende der Knechtschaft im babylonischen Exil angekündigt: „Sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden“ (Jes 40,2). Das erwählte Volk bleibt - trotz seines Ungehorsams - unter Gottes besonderem Schutz. Er sagt: „Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an“ (Sach 2,12).

Die Erwählung wurde in Israel am tiefsten in der Zeit des drohenden Untergangs und des Exils erfahren. Der Erwählungsglaube wurde Israels letzter Halt und hat es durch den Untergang hindurchgerettet. Für die nachexilische Gemeinde wurde dieser Glaube zum Wegweiser. Die Gewißheit der göttlichen Erwählung hat der kleinen Volksgemeinde, die fast ständig fremden Mächten unterworfen war, hindurchgeholfen, auch wenn sie durch viel Leiden gehen mußte. Die Erwählung Israels verdichtet sich in dem einen Erwählten, Jesus von Nazareth. Er weiß sich „gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“.

 

Auch in Deutschland gab es viele Juden. Im Jahre 1925 hatte in Deutschland über eine Million luden gelebt. Im September 1944 waren es nur noch 14.000. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges kehrten einzelne Juden in ihre deutsche Heimat zurück. Rabbiner Dr. Martin Riesenburger konnte 1953 die Berliner Synagoge in der Rykestraße, die während des Krieges als Lagerraum benutzt worden war, nach vollständiger Renovierung als Friedenstempel wieder einweihen. Die Zahl der Sitze ist den neuen Verhältnissen entsprechend auf 500 Männerplätze und 300 Frauenplätze verringert worden. Die Sabbatfeiern finden im ehemaligen Trausaal mit 50 Plätzen statt. Im Jahre 1978 gehörten 340 Mitglieder zur jüdischen Gemeinde in Berlin. Vor 1933 hatte es allein in Berlin nicht weniger als zwölf große Synagogen gegeben. In der DDR gab es acht jüdische Gemeinden mit ihren Gottesdienststätten in Berlin, Dresden, Erfurt, Halle, Chemnitz, Leipzig, Magdeburg und Schwerin.

Die Synode der EKD vom 23. - 27 April 1950 in Berlin-Weißensee stellte sich die Frage: „Was können die Kirchen für den Frieden tun?“ Der damalige Synodale Heinrich Vogel sagte dazu: „Wir erkannten, daß wir nicht legitimiert wären, als Kirche zur Friedensfrage zu sprechen, wenn wir als Kirche in Sachen der Schuld an Israel schwiegen“. Die Synode beschloß einstimmig eine Erklärung zur Judenfrage.

Die römisch-katholische Kirche hat im 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) in ihrer Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen in Artikel 4 zur Judenfrage Stellung genommen und dabei u. a. betont: „Ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja, nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt. Nichts­destoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis des Apostels immer noch Gottes Lieblinge um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich.“

Kurz vor seinem Tode, am 3. Juni 1963, hat Papst Johannes XXIII. das folgende Bußgebet verfaßt: „Wir erkennen nun, daß viele, viele Jahrhunderte der Blindheit unsere Augen bedeckt haben, so daß wir die Schönheit Deines auserwählten Volkes nicht mehr sehen und in seinem Gesicht nicht mehr die Züge unseres erstgeborenen Bruders wiedererkennen. Wir erkennen, daß das Kainszeichen auf unserer Stirn steht. Jahrhundertelang hat Abel darniedergelegen in Blut und Tränen, weil wir Deine Liebe vergaßen. Vergib uns die Verfluchung, die wir zu Unrecht aussprachen über den Namen der Juden. Vergib uns, daß wir Dich in ihrem Fleische zum zweitenmal kreuzigten. Denn wir wußten nicht, was wir taten.,“.

An  der Mauer des Warschauer Gettos stand geschrieben:

.,Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.

Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.

Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe.“

 

Der Zeitpunkt der Wiederkunft Christi:

Die ersten Christen rechneten sehr stark mit seinem Wiederkommen noch zu ihren Lebzeiten. Die Gemeinde in Jerusalem geriet in große Not, weil die Christen dort alles verkauften und täglich ihren Herrn wieder erwarteten. Paulus mußte in seinen Missionsgemeinden für die Jerusalemer betteln und sammeln.

Zu Luthers Zeiten lebte in Lochau bei Torgau ein Pastor und ehemaliger Mönch Michael Stiefel, der nach unermüdlichem Studium errechnete: Am 19. Oktober 1533 wird der Herr wie­derkommen! Die Randsiedlern lachen ihn aus, stehlen und morden. Die Frommen vernachlässigen ihre Arbeit und bereiten sich mit. Beten und Fasten auf die Ankunft des Herrn vor.

Tausend Menschen haben sich am „Jüngsten Tag“ nach. der Berechnung Stiefels in der Kirche von Lochau versammelt. Seit Mitternacht läuten die Glocken. Dann tritt Stille ein, die Gebete mischen sich mit dem Grölen der Betrunkenen im nahen Wirtshaus. Jetzt muß es geschehen: Michael Stiefel steht vor dem Altar, das Gesicht erhoben, lauschend und erwartungsvoll. Und nichts geschieht. Nur ein kleiner Zeisig fliegt durch das Kirchenschiff, zwitschert und setzt sich jubilierend auf das Schnitzwerk des Altars.

Als die erstarrte Menge sich auf dieser Erde wieder findet, ist das Schelmenlied plötzlich da: „Stiefel muß sterben, ist noch so jung, so jung...“

Mit der Berechnung der Wiederkunft Christi haben sich in unseren Tagen die „Zeugen Jehovas“ vielfach beschäftigt. Ihr Gründer hat das Jahr 1874 errechnet, dann die 3 1/2 Jahre Wirkungszeit Jesu hinzugerechnet und später 40 Jahre Erntezeit als Frist für die Auserwählung gegeben. Aber auch 1914 war ein ebenso falscher Termin wie die neue Berechnung auf das Jahr 1925. Der nächste Termin ist das Jahr 1975.

Aus diesen Beispielen ergibt sich: Über einen Termin können wir keine Aussage machen. Aber was gibt uns das Recht, an  eine Wiederkunft Christi zu glauben?

 

 

Sondertext: 1. Thess 4, 13 - 18

Es ist immer wieder schwer für uns, wenn wir eine uns nahestehenden Menschen hergehen müssen an den Tod. Im ersten Augenblick kann man es gar nicht fassen. Eben noch hat sich der Mensch noch bewegt, wir haben noch mit ihm gesprochen, er hat uns noch angesehen. Aber dann ist es auf einmal aus und nichts ist mehr möglich.           

Man kann sich erst gar nicht daran gewöhnen: Wenn man in das Zimmer kommt, in dem der Verstorbene sich meist aufhielt, sucht man ihn unwillkürlich und bemerkt schmerzlich die Lücke:   Da am Fenster hat er immer gesessen, und nun ist der Platz 1eer.     

Und da heißt es nun in unserem Predigttext: „Seid nicht traurig wie die anderen, die keine Hoffnung haben!“ Das ist leichter gesagt als getan. Denn es geht uns doch so wie allen anderen Menschen: Der Tod eines nahen Verwandten nimmt uns schon mit und läßt uns nicht unbeeindruckt.

Aber sicherlich ist uns diese rein menschliche Trauer nicht verwehrt - das ist hier nicht gemeint. Im Gegenteil: Wir würden uns sehr wundern, wenn ein Sohn nicht betrübt wäre über den Tod seines Vaters. Aber so etwas soll es ja auch geben: Einmal Kinder, die froh sind, wenn der Alte endlich gestorben ist und unter die Erde gekommen ist, damit er keine Last mehr ist.

Aber es gab auch schon einen Vater, der betrunken zur Beerdigung seines Kindes kam und völlig teilnahmslos am Grab stand. Als man ihn deswegen fragte,            meinte er sehr derb: „Was soll ich um ein Kind weinen, das ich jeden Tag selber machen kann!“ Wer nicht durch den Tod berührt wird, der hat auch keinen Gott mehr. Aber die Regel ist solches herzlosen Verhalten ja nicht.         

Aber wir sehen hier doch: Nicht überall, wo der Tod eingekehrt ist, sind auch Trauernde, die nach Hoffnung und Trost verlangen.   Zwischen denen, die keine Hoffnung haben, und denen, die in Hoffnung leben, verläuft die Grenze heute weithin unsichtbar mitten durch die christliche Gemeinde und durch das Herz eines jeden Einzelnen hindurch.         

Doch wenn nun einer wirklich betrübt ist, dann ist es ein schwacher Trost, wenn man ihm sagt: „Sei nicht traurig!“ Selbst der Hinweis            auf unseren Glauben, auf die Auferstehung, hilft manchmal nichts; denn der Schmerz bohrt ja  j e t z t und alles andere ist eine Vertröstung auf die Zukunft.

Wir können da nicht an ein christliches Heldentum appellieren und sagen: „Es ist ja nur halb so schlimm. Wir müssen alle einmal sterben, aber wir werden auch alle einmal auferstehen!“ Das hilft  für das konkrete Problem kaum etwas.

Aber dennoch gilt: Wir müssen nicht traurig sein wie die anderen, die keine Hoffnung haben! Denn wir haben eine Zusage, die Zusage Gottes, die uns auch über den Schmerz des Augenblicks hinaussehen läßt, auf das Ziel unsres irdischen Daseins: das Leben bei Gott! Das ist wirklich die einzige Hoffnung, die wir haben können, gerade angesichts des Todes.

 

Wer sind denn die,  die keine Hoffnung haben? Es müssen nicht unbedingt die sein, die außerhalb der Kirche stehen. Bei einer Umfrage haben nur 37 Prozent der Evangelischen die Frage bejaht, ob es ein Leben nach dem Tode gebe; und unter den Kirchgängern waren es auch nur 65 Prozent, und bei Älteren und Jüngeren war der Anteil gleich, die Älteren haben nicht mehr Hoffnung als die Jüngeren auch.

Wir reden und hören alle nicht gern vom Tod. Vor allem jüngere Leute machen einen großen Bogen um den Friedhof und möchten nicht einmal bei der Beerdigung eines guten Bekannten teilnehmen, um nur ja nicht an den Tod erinnert zu werden.

Bei uns ist die Frage nach dem Tode nicht so besonders aktuell - ganz im Gegensatz zu den Fragen der Thessalonicher. Höchstens unterschwellig kommen die Gedanken wieder hoch bei einem Todesfall. Aber sonst möchten wir möglichst wenig zu tun haben mit dieser ganzen Sache. Für das praktische Leben spielt sie keine besondere Rolle, auch nicht an den letzten Sonntagen des Kirchenjahres. Meist sagen wir doch, auch als Trost für Trauernde; „Zeit heilt Wunden“ oder „Das Leben muß doch weitergehen!“ Das ist unsre ganz praktische Philosophie.

Und die, die nun überhaupt nicht an Gott glauben, haben noch einmal eine andere Antwort auf die Frage nach dem Problem des Todes, das heißt: eigentlich sind es drei Antworten, bei sogenannten „weltlichen Trauerfeiern“ kann man sie hören:

1. Wir leben weiter in unsren Kindern! Aber das stimmt ja nicht. Jedes Kind ist ein eigener Mensch. Die Kinder haben ihr eigenes Leben und setzen unser Leben nicht fort. Wir müssen . sterben, aber sie werden leben.

2. Wir leben fort im Andenken der Menschen! Aber das ist einfach Einbildung und Heuchelei. Nichts geht schneller vergessen als ein toter Mensch. Schon nach wenigen Tagen hat man sein genaues Bild vergessen und von Tag zu Tag wird die Erinnerung schwächer. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen lebt nicht einmal unser Bild im Gedächtnis der Menschen weiter.

3. Wir leben weiter in unsrem Werk! Gewiß , wenn einer etwas Großartiges geschaffen hat, dann bleibt sein Name vielleicht 1ange mit dieser Leistung verbunden. Aber eben sein Werk besteht weiter und nicht er selbst. Und was soll der sagen, der nichts hinterlassen hat? Ist das Andenken an ihn mit dem Tag eines Todes weggewischt?

All diese drei Antworten können keinen Trost geben. Da hält man sich lieber an die Bibel. Wie schön ist hier beschrieben: „Die Toten schlafen nur!“ Aber einmal werden sie von Christus abgeholt werden von dieser Erde. Christus wird in all seiner Herrlichkeit kommen wie bei dem Staatsbesuch eines Herrschers. Und dann wird er alle, die an ihn glauben, mit sich

fortführen, damit sie bei Gott sind. Auch die schon „im Herrn entschlafen“ sind, sollen dann dazugehören.

Die Thessalonicher hatten bei Paulus angefragt: „Was wird denn mit den Gemeindegliedern, die schon verstorben sind?“ Man wundert sich eigentlich, daß sie so fragen, denn aus ihrem Taufunterricht kannten sie doch sicher die Lehre von der Auferstehung der Toten. Doch das war wohl alles in den Hintergrund gedrängt worden durch die Naherwartung der Ankunft des Herrn.

Sie nahmen an, sie würden nicht mehr sterben, sondern gleich zu Gott kommen. Aber nun waren sie beunruhigt, daß schon einige gestorben waren und nichts geschah. Doch Paulus kann sie beruhigen. Er teilt in diesem frühesten seiner Briefe noch ganz die Naherwartung der Thessalonicher. Aber er sagt: „Die Verstorbenen werden nichts versäumen, sondern sie werden genauso wie die Lebenden Anteil haben an dieser Heimholung durch Christus: Wer in Christus gestorben ist, dem ist die Auferstehung jetzt schon sicher. Er wird das Heil Gottes nicht versäumen, sondern für ihn wird durch ein Auferstehungswunder ganz speziell gesorgt werden!“

Doch das Bild, mit dem dieser Vorgang beschrieben wird, ist uns heute fremd: die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes - das Hingerücktwerden in den Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft - das klingt uns doch alles so unwahrscheinlich und märchenhaft. Paulus verwendet hier einfach Vorstellungen der jüdischen Religion, die uns heute nicht mehr so ohne weiteres zugänglich sind.

Doch so viel ist deutlich: Die Entrückung in Wolken bedeutet Verhüllung und Verwandlung. Niemand wird feststellen können, was da eigentlich geschieht und was Gott vorhat, es bleibt sein Geheimnis.

Wir werden hier nicht belehrt über das christliche Verständnis des Todes. Der Text gibt uns auch nicht Antwort auf die Frage nach dem Sinn oder Unsinn des Todes. Für die Bibel ist das Problem des Todes sowieso nur eine Grenzfrage, denn in erster Linie schärft sie uns ein: Jeder Mensch steht vor Gott und ist ihm: verantwortlich. So soll uns auch hier nicht unsre Zukunft enthüllt werden, sondern hier wird uns nur die ewige Gemeinschaft mit Gott bezeugt - auch über den Tod hinaus.

Wir wissen: Christen müssen nicht ohne Hoffnung trauern. Wir dürfen Mut haben für unsre Zukunft, denn ihr wird auch durch den Tod keine Grenze gesetzt. Im Tod bewährt sich gerade erst die Gemeinschaft mit Gott.

Nun könnte man natürlich immer noch einer sagen: Diese Hoffnung über den Tod hinaus ist auch nur ein Teil des antiken Weltbildes, das heute vergangen ist, gewissermaßen nur die märchenhafte Einkleidung einer längst vergangenen Wunschvorstellung. Aber sicher wird man hier einen Unterschied machen müssen: Das mit der Posaune und dem Flug durch die Luft mag vielleicht vergangen sein, da können wir heute nicht mehr mit.

Aber was damit gemeint war, gilt bis heute noch, das kann uns keine Veränderung des Weltbildes nehmen „Wir werden mit dem Herrn sein allezeit!“ Schöner kann man es nicht sagen. Und wer mehr erfahren will und noch tiefer in die Geheimnisse Gottes eindringen will, wird nur weniger haben.

Nicht auf diese phantastischen Bilder von der Wiederkunft Christi wollen wir unseren Glauben bauen, sondern auf die tröstliche Zusage: „Jesus ist als Erster auferstanden und wir werden mit dem Herrn sein allezeit, im Leben und im Tod!

 

 

Stellung der Kirchen:

Früher war die Kirche ein Kulturfaktor und zum Teil sogar ein politischer Faktor. Da kam der Pfarrer vor dem Bürgermeister und der Bischof vor dem Staatsoberhaupt. Da kam es nicht in Frage, daß etwa am Karsamstag ein Tanz stattfand.

Heute befinden wir uns wieder in einer Talsohle der Entwicklung, jedenfalls von außen gesehen. Ein Sinnbild für die heutige Stellung der Kirchen ist, wenn die Kirchtürme überragt werden von Schornsteinen, Hochhäusern und Fernsehtürmen. In Berlin durfte früher das Rat­haus nicht höher sein als die Marienkirche. Heute steht unmittelbar neben der Marienkirche der Fernsehturm. Es ist vieles anders, als es früher einmal war. Aber mit der Kirche ist es deshalb noch längst nicht aus.

 

Ulrich Heilmann in „Potsdamer Kirche“:           

Versucht wie er, aber nicht ohne Sünde (zu Mt 4,1-1)

 

Als der Teufel den Herrn verlassen hatte, schüttelte er den Kopf, denn er verstand ihn nicht. Und er sprach zu sich selbst: „Ich verstehe ihn nicht. Ich habe ihm angeboten, daß er mit Gottes Hilfe satt werden könne, und er wählte den Mangel. Ich habe ihm Sicherheit angeboten, die Sicherheit, die die Engel bieten, und er wählte die Unsicherheit! Ich habe ihm Macht und Einfluß angeboten, und er wählte die Ohnmacht. Ich verstehe ihn nicht!“ Er konnte ihn nicht verstehen. Er war ja der Teufel.

Aber er hatte nur den Herrn verlassen und nicht die Welt. Und so sagte er weiter zu sich selbst: „Ich will mich an seine Jünger machen. Meine Fragen waren gut. Ich habe gesehen, wie er kämpfen mußte, um zu siegen. Ich werden seine Jünger versuchen!“" Und er verkleidete sich in einen Engel des Lichts, ging hin in die Länder und Jahrhunderte und versuchte die Christen. Und Gott, der Herr, ließ ihn gewähren eine Zeitlang.

Und er ging zu den Kirchen und sah die Einflußreichen bei der Beratung und hinter ihnen viele, viele Christen. Es waren da die vielen, die immer dasselbe dachten wie die Einflußreichen, und die anderen - und derer waren noch mehr - die nur sehr wenig nachdachten, aber immer das taten, was die Einflußreichen  für sie gedacht hatten. Und der Teufel trat zu ihnen und sagte ihnen, daß sie hungrig, ungesichert und ohnmächtig nicht viel ausrichten würden in der Welt.

Er sagte: „Denn das Evangelium wird glaubwürdiger, wenn ihr es satt, sicher und mächtig in die Welt tragt!“ Da nickten die Einflußreichen mit dem Kopf, denn das hatten sie auch schon gedacht. Und die vielen, die immer dasselbe dachten wie sie, nickten auch mit den Kopf, und die anderen nickten auch, weil die Einflußreichen genickt hatten. Und die Kirchen wurden satt, sicher und mächtig; und es waren wenige, die beim Herrn in seiner Schwachheit ausharren rollten.

Nachdem der Teufel schon viele Verträge mit vielen Kirchen abgeschlossen hatte, kam er neunzehn Jahrhunderte nach der Versuchung Jesu zu einer Kirche, deren Volk sehr schuldig geworden war. Und die Kirche war auch schuldig geworden und hatte es sogar zugegeben. Ihr Reich war zerschlagen., und ihre Kirche war auch zerstört. Sie waren eben dabei, die Kirche neu aufzubauen. Als der Teufel zu ihnen trat, saßen die Einflußreichen zusammen und erzählten einander, wie sie mit den Dämonen gerungen hätten. Und hinter ihnen sah der Teufel die vielen, die immer dasselbe dachten wie die Einflußreichen, und die anderen - und derer waren auch in diesem Lande und auch nach diesem Zusammenbruch die meisten - die selten nachdachten und immer das taten, was die Einflußreichen für sie gedacht hatten.

Und der Teufel sagte zu ihnen: „Ihr kennt nun den Mangel und wißt, wie er eure Arbeit hemmt. Es kommt nun darauf an, daß die Verkünder in Kleidung und Auftreten zeigen, daß man von Gottes Gnade gut leben kann. In eurem Volk wird das viel ausmachen.“ Da nickten die Einflußreichen, denn das leuchtete ihnen ein, und sie kannten ihr Volk. Und der Teufel sagte weiter: „Ihr habt erlebt, wie es ist, wenn eure Versammlungen behindert oder gar verboten werden können. Ihr müßt alles tun, daß niemand eure Arbeit stören kann!“

Da nickten sie alle sehr; nur d i e Sicherheit, die die Engel bieten, war ihnen zu unsicher, und sie wollten sich lieber mit Waffen schützen. Da gab ihnen der Teufel von ihn erfundene, sehr wirksame Waffen. Und sie waren es nun zufrieden, und er war es auch zufrieden. Und dann sagte er: „Ihr habt erlebt, wie eine gottlose Welt mit euch umgesprungen ist. Ihr müßt die Macht ergreifen in Wirtschaft und Politik, in Presse und Rundfunk, daß die Welt christlich wird!“ Das hatten sie auch schon gedacht, und so nickten sie.

Nur wenige unter den Einflußreichen und andere, die die Bibel gelesen hatten, gaben zu bedenken, daß Jesus in Matthäus 4 doch ganz anders entschieden hatte. Aber da sagte man Ihnen, sie verstünden eben nichts von Heilsgeschichte, und sie läsen die Bibel ganz falsch. Andere wieder sagten, das sei ja doch bloß ein Märchen und müsse existential interpretiert werden; und weil das kaum einer verstand, meinten sie alle, das bedeute, daß man in der Kirche keine Experimente machen dürfe und daß alles beim Alten bleiben sollte.

Und der Teufel gab ihnen viele Schriftstellen, und man konnte die Zitate prüfen, ob sie stimm­ten, und sie standen wirklich in der Bibel. Und als dann immer noch einige zweifelten, sagte der Teufel, sie seien eben Schwärmer; denn er wußte, daß man in diesem Lande jeden kirchlich erledigen konnte, wenn man ihn einen Schwärmer nannte. Und als der Tag der Entscheidung kam, hatten sie die Mehrheit. Man brauchte gar nicht erst zu zählen, so groß war die Mehrheit. Und auch diese Kirche wurde satt, sicher und mächtig; und es waren wenige, die beim Herrn in seiner Schwachheit ausharren wollten.

Und der Teufel zog  in ein anderes Land, in dem dieselbe Sprache gesprochen wurde. Aber sonst war vieles anders: Die Kirche hatte Mangel und lebte in großer innerer und äußerer Unsicherheit und hatte fast keine Macht mehr. Es war ein atheistisches Land. .Da war der Teufel bestürzt, und er erschrak sehr - denn die Teufel können auch erschrecken, aber die meisten Menschen wissen das nicht. Und er sagte zu sich selbst: Wie soll ich sie von Jesus wegbringen? Sie haben nicht die leiseste Chance, bald satt, sicher und mächtig zu werden. Ich werde ein Meisterstück liefern müssen: Sie müssen mir ihre Seele verkaufen, ohne daß ich ihnen gebe, wonach ihr Herz sich sehnt.

Und er trat zu ihnen und sah, daß es auch in dieser Kirche die Einflußreichen gab und die vielen, die immer so dachten wie sie; aber auch hier dachten die meisten wenig nach, taten aber das, was die Einflußreichen für sie gedacht hatten. Und er sagte zu ihnen: „Ihr müßt immer über die Grenze blicken, damit ihr nicht vergeßt, wie das Evangelium richtig ausgerichtet wird: satt, sicher und mächtig. Ihr müßt darauf warten und euch immer danach sehnen, daß ihr es auch bald so habt!“ Denn er dachte: Wenn ich nur ihre Seele bekomme, dann bin ich schon zufrieden. Das ist eben so viel, als wären sie wirklich satt, sicher und mächtig. Und viele nickten dazu, denn sie hatten schon immer zur Grenze geblickt und ihre Sehnsucht hinüber gesandt.

Und der Teufel sagte weiter: „Ihr dürft aber nicht nur warten, sondern ihr müßt um euer Recht kämpfen. Die Kirche hat das Recht, ihre Botschaft satt, sicher und mächtig in die Welt zu tragen. Tut alles, damit die Rechte der Kirche nicht geschmälert werden können!“

 

Da nickten die Einflußreichen, denn das Wort „Recht“ gefiel ihnen sehr, und es tat so gut, sich im Recht zu wissen. Und die anderen nickten auch, teils weil sie auch so dachten, teils weil die Einflußreichen so dachten. Und nur wenige wiesen auf Matthäus 4 hin und sagten, sie könnten jetzt vieles in der Bibel besser verstehen als früher und es sei gewiß Gottes Gnade darin und sie seien Jesus näher in dem Mangel, der Unsicherheit und Ohnmacht.

Und einer sagte: „Laßt uns bei Jesus bleiben!“und ein anderer: „Es ist die Versuchung des Teufels in den Warten auf die Macht und in den Kampf um die Macht!“ Aber da lachten die anderen sie aus und sagten, das sei ja ganz abgeschmackt. Der Teufel sei doch auf der Seite der Atheisten und nicht in der Kirche, das wisse doch jedes Kind. Sie seien sicher bloß feige und wenigstens nicht entschieden genug. Das hatte ihnen der Teufel gesagt, denn er wußte, daß man in diesem Land jeden kirchlich erledigen konnte, indem man von ihm sagte, er sei nicht entschieden.

Und als der Tag der Entscheidung kam, hatten sie die Mehrheit. Denn es waren wenige, die gerne beim Herrn in seiner Schwachheit ausharren wollten. Der Teufel aber hatte sein Meisterstück vollbracht. Und nun du, der du das liest, du sagst vielleicht: „Das ist ja scheußlich, das ist ja nur ein Märchen und ein sehr durchsichtig konstruiertes dazu, es muß ja gar nicht so ausgehen!“ Und ich sage darauf:  „Du magst recht haben, wenigstens mit dem Letzten hast du recht: Es muß nicht so ausgehen. Du kannst bei Jesus bleiben, und die Kirche kann auch bei Jesus bleiben. Er hat es uns gültig vorgemacht, wie man die Versuchung besteht. Wir können jetzt auch sagen: „Hebe dich weg von mir, Satan!“

Aber eins darfst du nicht sagen! Du darfst nicht sagen: „So ernst ist es ja gar nicht. Denn der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Und Gott, der Herr, läßt ihn noch gewähren eine Zeitlang!“