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Staat

 

 

Inhalt: Reich, Legitimation, Demokratie, Recht, Macht, totaler Staat, Widerstandsrecht,  Unabhängikeitserklärung, Rechtsstaat, Masse, Staat in der Bibel, Staat in der Philosophie, Staat in der Literatur, Alexis de Tocqueville.

 

 

Der Staat

 

Die Philosophen haben je verschiedene Ausgangspunkte, sie setzen selbst ihren Standpunkt fest. Die Theologen jedoch haben alle den gleichen Ausgangspunkt bei Gott, ihre Basis ist die Bibel und die geschichtliche Person Jesus Christus.Von dort aus sucht der Theologe nun die Gegenwart zu ergründen.

Er kann etwa die Bibel als Maßstab anlegen für die heutige Zeit und er kann dann heutige Tatsachen mit der Bibel vergleichen (Barmer Erklärung). Oder aber es brechen beim Studium der Bibel Probleme auf, deren Auswirkungen in der heutigen Zeit man nun untersuchen will.  Man sollte sich jedoch nicht grundsätzlich auf einen Weg festlegen.

Ist nun der reformatorische-neutestamentliche Obrigkeitsgedanke noch in der heutigen demokratischen oder totalitär-ideologischen Welt verwendbar? Der alte Obrigkeitsbegriff birgt in sich ein personales Gegenüber von Regierenden und Regierten. Luther konnte so noch schreiben „An den christlichen Adel!“ Der Landesherr bildete eine Personalunion zwischen dem obrigkeitlichen Amt und der Gliedschaft in der Kirche. Er steht als bewußter Christ mit der größten politischen Macht in der Ausübung seines Amtes vor Gott. Er kann so seinen Mitchristen an besten helfen und er kann deshalb nie im absoluten Sinne autoritär unter pragmatischen Gesichtspunkten nach eigenem Ermessen Ordnungen geben; dem Staat ist damit eine anonyme eigengesetzliche Totalität genommen.

Für Paulus hat auch der nichtchristliche Staat von Gott die Vollmacht, das Gute zu lohnen und das Böse zu strafen. An dieser theologischen Realität des Staates ändert ein christliches oder atheistisches Selbstverständnis nichts. Das Amt bleibt von Gott eingesetzt; es kann allerdings nicht eine Existenz schaffen oder eine andere angreifen.

Der neue Obrigkeitsbegriff birgt in sich ein formales Gegenüber, dadurch daß Obrigkeit und Untertan eine Gruppe darstellen, in der der Einzelne „partielle Obrigkeit“ ist.

 

 

Das Reich

 

Wurzeln des Reichs sind das Judentum, das Römische Reich un d das germanisches Verständnis der Gemeinschaft. Das Christentum kam aus dem Judentum (vom Gesetz bestimmt), es trat ein in das römische Reich (von der Macht bestimmt), aber erst durch die Verschmelzung mit dem germanischen Erbe konnte das „Heilige römische Reich deutscher Nation“ entstehen.

In allen politischen Gemeinschaften geht es um Ordnung und Herrschaft: Bei den mythischen Völkern ist die Ordnung gesetzt durch den Lebensraum (Polis). Diese „Polis“ ist der Raum, wo die Götter herrschen, die damit auch die Herrschaft regeln. Innerhalb dieses Raumes gilt das göttliche Gesetz unverbrüchlich. Verließ das Volk seinen Raum und damit seine Götter, dann brach die Ordnung zusammen und es bestand nicht mehr die Möglichkeit zum gemeinsamen Leben des Volkes. Außerhalb der Grenze droht das Verderben, durch eine Wanderung aus der Heimat und Mischung mit anderen Völkern gerät die Lebensordnung in höchste Gefahr.

Es handelt sich also um einen bäuerlichen Lebensraum mit der Kraft der Beharrung und Erhaltung: Der Bauer schweift nicht herum, sondern lebt unter dem beständigen Gesetz der Ernte und des Erbes. Seine Aufgabe ist es, den Boden zu warten, die Sitte zu hüten und die Grenze zu wahren. Der Bauer kehrte darum an der Grenze des Reiches um, denn er hatte nur zu wehren. Nur wenn das Reich einen Heerzug befiehlt, folgen die Bauern dem König auch über die Grenze.

In der Gestalt dieses Königs wird die Herrschaft mythisch beschrieben. Diese Herrschaft ist aber immer Versuchung, die Grenzen zu überschreiten. Es zeigt sich dann hier das Spannungsverhältnis zwischen Bauer und Krieger, durch das erst politische Geschichte wird. Bauer und Krieger stammen zwar aus demselben Volk, leben aber doch nach verschiedenen Gesetzen: Der Krieger ist auf Abenteuer und Beute angelegt, er achtet die Grenze nicht, wartet den Boden nicht und er setzt über die die Sitten den freien Befehl. Aber mit dem Ausbruch in den politischen Raum versiegen die quellenden Kräfte der Heimat. Ein solches Volk ist abenteurlich, ohne Vergangenheit und Zukunft, ohne Vollmacht (wenn auch im Augenblick eine schreckerregende Macht!), es ist geschichtlich und politisch unfruchtbar (Hunnen, Mongolen, Türken).

Nur im römischen Reich trat das Heidentum lebenskräftig und vollmächtig in den politischen Raum. Hier war es mehr als ein Abenteuer, nämlich ein Herrschaft, die sich ihrer selbst in der Geschichte bewußt war. Mit der Herrschaft kam auch eine Ordnung, und man handelte nicht mehr aus einer überschäumenden kriegerischen Vitalität, sondern baute ein Reich. Damit schuf man ein Prinzip, das nicht mehr an den Segen der Götter gebunden war, sondern rein aus sich selbst lebte und Herrschaft aus reiner Macht setzte. Damit entstand der Staat, ohne Bindung an Sitte, Volk oder Heimat. Er ist uniform, tyrannisch und zentralistisch, denn die einzige Bindung ist die Macht. Er mußte die Substanz der Völker au zehren und setzte an ihre Stelle die Macht. Im Staat vergingen aber auch damit alle Heidengötter, man beugte sich nur noch vor der personifizierten Staatsallmacht des Cäsars, der damit die letzte Zuflucht des Heidentums wurde.

 

Auch das Judentum vollendete sich. Die Juden standen ja einzigartig im Kreis der Völker, denn sie hatten nicht Heimat und Sitte, sondern ein Gesetz( Dekalog). In der Fremde wurden sie zum Volk. Ordnung und Sitte wurden von dem Gesetz des einen Gottes bestimmt, das unter jedem Himmel und auf jeder Erde allgemein gültig ist.

Im jüdischen Volk wird die Geschichte des einen wahren Gottes mit den Völkern der Erde stellvettretend ausgehandelt; es verkörpert den Anspruch Gottes auf alle Völker. Damit ist an die Stelle der aus dem Boden erwachsenen Naturreligionen das offenbarte Gesetz getreten, offenbart in diesem Volk der Juden. Sendung des Volkes war es, den Anspruch Gottes auf die Herrschaft zu verkündigen. Diese Sendung wurde jedoch vertan, als das Volk an die eigene Weltherrschaft glaubte und am Messias vorbeiging.

Das Christentum trat weder die Nachfolge der Cäsaren an, noch sah es zurück nach Jerusalem. Das Christentum ging als etwas unverstandenes Neues durch die Wüste, in der heidnische Götter umkamen und das alte Gottesvolk heimatlos umherwanderte.

Die Völker jedoch gewannen neue Kraft, im Glauben an Christu lebendige Geschichte zu leben. In den Hohlraum der entgötterten Welt tritt das Reich des Mittealters.

 

Das Reich konstituierende Elemente:

Das Reich lebte und wuchs nicht aus einem Gesetz, sondern aus der Ordnung der Schöpfung. Es steht im Streit wider das Böse und nimmt damit die Stellle des Königs ein: Wehrend und schirmend die Ordnung zu bewahren und zu erfüllen, die Gott gegen die Finsternis geschaffen und erhalten hat. - Zum Reich gehören drei Momente: Ordnung, Herrschaft, Hoheit.

 

Ordnung: Ordnung ist lebendig, denn sie ist gegründet in der Schöpfung, sie ist das Gegebene und Gültige, sie ist in ihrer Mannigfaltigkeit die Fülle der Schöpfung und ihr Maß.

Das Maß weist jedem seinen Platz zu, alles hat seine Bedetung und seine Raum zur Entfaltung. Es gab also keine Satrapien und Provinzen, sondern Marken und Herrentümer in Eigenständigkeit (im Gegensatz zum römischen Imperium), in denen Handel und Seefahrt wesenhaft in die politische Ordnung einbezogen waren (Reichsstädte, Hanse). Vom Standpunkt des Gesetzes jedoch wäre diese Mannigfaltigkeit nichts anderes als Unordnung.

Herrschaft: Alle Ordnung ist auf Herrschaft angelegt. Aber Herrschaft im Reich ist nicht primär eine Machtfrage (wie im Staat), sondern das Wesen der Herrschaft ist hier die Hoheit.

Hoheit: Hoheit ist mehr als der Glanz über den Dingen, denn sie hat eine reale Mächtigkeit: Sie entzieht sich jeder rationalen Beherrschung, sie ist kein politischer Programmpunkt (wie die Machtergreifung).

 

Hoheit: Die Hoheit hat ihre Wesensmerkmale nicht aus der von der Ratio durchwalteten Wirklichkeit, sondern aus dem Reich des Geistes selbst. Sie ist begründet in der Freiheit, dem bewältigten Abgrund, dem Schweben über dem Abgrund - in Hoheit (daraus die Autorität!), die von der Mitte der Schöpfung ausgeht und mit Hilfe des erkennenden und vermittelnden Geistes herreeht. Hoheit ist der Mensch, der seinen alten Auftrag wahrnimmt, gegen die Finsternis zu stehen und die „immanente Negation“ zu bewältigen. Hoheit ist hier Majestät.

 

Im Reich ist die Spannung zwischen Bauer und Krieger aufgehoben, es ist nicht kriegerisch, sondern wehrhaft. Das Reich kannte noch die Ursache des Kampfes: Das Wehren gegen die Finsternis. Die Grundform dieser wehrhaften Gemeinschaft ist der Heerbannn, der mehr dem Bäuerlichen zugewandt ist: Die Ritter waren nicht nur Krieger, sondern auch Grundherren. Auch die Bauern folgten im Heerbann bis zur Grenze; der Ritter war Erbe seiner Burg.

Die Herrschaftsform des kriegerischen Volkes ist der Staat. Die Herrschaftsform des wehrhaften Volkes ist das Reich.

Nur die Hoheit macht den Mann zum Herren. Die Hoheit des Reichs fand Gestalt in der Person des deutschen Königs,der unauflöslich mit dem Reich verbunden ist. Der König ist nicht nur Schützer, sondern „Mehrer“ des Reichs, besonders auch des geistigen Reiches gegen die „immanente Negation“. Er ist die Wahrheit der Schöpfung und kann Probleme lösen, indem er die „immanente Negation“ aufhebt und damit einen Zustand schafft, der dem Schöpfungszustand entspricht: Er schafft ein Reich des Frieden und damit ein Stück verwirklichter Schöpfungsordnung; es geht also nicht um einen „imperialistischen“ Landgewinn, sondern um die Mehrung des Friedens. Es handelt sich also mehr um eine geistige Macht. Das zeigt auch die Aussage über den Hausfriedensbruch: Der Hausfriede muß so stark und rein sein, daß durch einen Seidenfaden alles Üble abgewehrt werden kann; ein Bruch des Hausfriedens jedoch konnte nur mit dem Tode gesühnt werden.

 

Ziel und Aufgabe des Reichs:

Das Banner des heiligen römischen Reiches deutscher Nation trug das Bild des Erzengels Michael Daher der „deutsche Michel“). Damit stellte sich das Reich in den apokalyptischen Raum, denn seit Christus geht die Geschichte ihren Weg zu den letzten Dingen (dieses Wissen hat unsere Zeit verloren!).

Das Reich ist eine irdische Aufgabe ,ein Kampf auf Leben und Tod mit der Hölle, den Drachen und den Mächten der Finsternis. Deshalb ruft das „heilige“ römische Reich deutscher Nation die anderen Völker zur Ordnung - durch sein Bekenntnis zur Ordnung und zur Schöpfung. Indem es aufstand gegen die Auflösung aller Ordnung, wurde es Autorität für die Welt, ja, es schuldet der Welt die schirmende Hoheit.

Je größer jedoch der Auftrag ist, desto gefährlicher und tiefer sind die Versuchungen. Auch das deutsche Volk hat seinen geheimen Auftrag verwechselt mit einem imperialen. Damit hat es den Geist selbst verraten und ist in einen schrecklichen Abgrund gestürzt, aus dem es nur den Weg harter Buße gibt. Das deutsche Volk ist seit einiger Zeit in eine ungeheure Lüge hineingeraten, die es zu überwinden gilt.

Das preußische Königtum kann jedoch nicht ursprünglich als Grund für diese Lüge angeboten werden. Es leitet sich ab von dem Hochmeister des deutschen Ritterordens, der ein mächtiger Grenzwächter war  - damit seine Aufgabe erfüllte! - und deshalb sehr absolut regieren mußte. Preußen hat diese Regierungsform dann übernommen, besonders natürlich den militärischen Geist.

 

Das Mittelalter endet erst jetzt:

Nach den orientalischen Frühkulturen (mathematische Spekulationen), dem Hellenismus (der Freiheit bringen wollte, aber schließlich im überspitzten Individualismus endete), nach Rom (das ein diszipliniertes Recht und den Staat als Ordnungsmacht einführte) ertönt plötzlich

im Abendland ein völlig neues Bekenntnis zum „Vater im Himmel“, der die „Mühseligen und Beladenen“ durch erbarmende Liebe erlöst; nun trat das menschliche ICH in eine unmittelbare persönliche Beziehung zum Jenseits.

Der Sieg des Christentums und der des germanischen Nordens erfolgten gleichzeitig, denn beide setzten das ICH in den      Mittelpunkt. Die Germanen nahmen den christlichen Glauben aber nur gleichgültig an, ihnen war nur das mystische Element begrifflich, die Ethik hielten sie kaum einmal für verpflichtendes Gebot: Sie brachten vor allem den urgermanischen Glauben an Vorrechte (der Fürst kann „Mannentreue“ verlangen) und Verpflichtungen (Verantwortung für die Seinen) mit.

Dieser germanische Glaube hat aber immer über den christlichen von der Gleichheit aller Menschen vor Gott gesiegt,er führte dann auch zur Disziplinierung der germanischen Völker. Der Feudalismus mit dem Glauben an die Unabänderlichkeit der sozialen Ordnung ist die beherrschende Feudalidee der abendländischen Geschichte. Bis 1789 gab es nur einen Aufstand: die Bauerkriege. Es bedurfte keiner despotischen Gewalt!

 

Die Verbindung mit dem Christentum geht auf den Emporkömmling Pippin zurück, der die den Merowingern entrissene Königskrone durch eine Idee sanktionieren wollte: Der Papst segnete diesen Bund durch die Kaiserkrönung. Das „erste“ Reich begann mit Heinrich I. im Jahre 919 (nicht früher?) und erlosch 1918 mit Karl I. von Österreich und Wilhelm II von Deutschland, wenn es auch von 1806 bis 1871 in Deutschland keinen Kaiser gab.

So lange dauerte aber auch das Mittelalter in bezug auf die Regierungsform. Auch die Reformation - bei der man gewöhnlich den Beginn der Neuzeit ansetzt - hat keinen Zeitwandel gebracht, der Protestantismus läßt hoch-feudalistische Motive erkennen (Erhaltung des Kirchengutes!). Das Fazit war der entartete fürstliche Absolutismus des Barock, der den Sonnenkönig nachäffte, aber zum Teil auch landesväterliche Verantwortung kannte (Preußen, Bayern, Pfalz).

 

Gewiß begann gleichzeitig mit der Reformation das Zeitalter der Entdeckungen, der Buchdruckerkunst, der Renaissance, des Humanismus. Aber die Kugelgestalt der Erde und den Kompaß kannte man schon früher, die Renaissance begann schon mit der Scholastik und der damaligen Wiedergeburt der Antike. Der Frauendienst unterschied sich nur durch das Gewand von der Mätressenkultur des Barock, ein Troubadour beklagt sogar, daß er sich in der Hölle nicht mit seinesgleichen amüsieren darf.

Albertus Magnus war der erste Aufklärer, Meister Eckhard beeinflußte Luther (besonders in der Sprache). Nikolaus Cusanus bewies die Drehung der Erde um die Sonne und er entlarvte den Schwindel der „Konstantinischen Schenkung“. Drei Jahrhunderte Umweg hätte man sich sparen können, aber Giordano Bruno wurde verbrannt, Galilei mußte abschwören, das Tridentinum beendete die Toleranzepoche, Calvin verdammte seine Widersacher zum Feuertod, der

Humanismus artete in Haarspaltereien aus, der fürstliche Feudalismus überschlug sich in dem Satz:  „Cuius regio, eius religio!2

 

Nur in dieser Zeit des übersteigerten ICH-Gefühls, im Zeichen einer absterbenden Kultur, konnte es zu dem Inferno des 30jährigen Krieges kommen, der als einziges Ergebnis die Wiedererstarkung des Feudalismus mit sich brachte. Die darauf folgende Aufklärung knüpfte nur an Cues, Magnus, Bruno an, und der Klassizismus ist eine unmittelbare Anknüpfung an den Humanismus.

Auch die französische Revolution brachte nur die napoleonische Feudalherrschaft hervor. Nur den nationalen Gedanken hat man davon in Deutschland übernomten. Aber das „Kommunistische Manifest“ wurde als Utopie abgetan, die Paulskirchenverfassung wollte einen Kaiser als Staatsoberhaupt. Bs auf unsere Tage blieb die Feudalordnung das Leitmotiv in Deutschland, wenn sie auch vielfach zur Lächerlichkeit entartete. Man war „Untertan“ trotz des „Bürgerstolzes vor Königsthronen“; erst 1918 fand diese Epoche ihr Ende.

Die Feststellung der Zäsur von 1517 stammt aus dem 18. Jahrhundert, die Feststellung derjenigen von 1789 stammt aus dem 19.Jahrhundert. Es wird Zeit, daß man sich im 20. Jahrhundert anders besinnt und das vermeintliche Mittelalter mit dem Untergang seiner gestaltenden Feudal idee im Jahre 1918 enden läßt. Man kann auch den Mai 1945 als Endtermin wählen, als der Pseudofeudalismus Adolf Hitlers in Blut und Tränen unterging.

 

Dann müßte man ja nach jeder feudalartigen Epoche die Zäsur weiter vorwärts schieben. Aber was war dann „dazwischen“? Und auf diese Art kann man ja alles als Wiederaufleben des Feudalismus erklären und sagen: „Wir sind immer noch im Mittelalter, weil es wieder einmal Erinnerungen an den Feudalismus gab. Man kann eine Epoche nicht damit abtun, weil es so ähnlich schon einmal war: Es war alles schon einmal da seit den Griechen!

Mit dem Erlöschen der Feudalordnung verlor das Mittelalter seinen äußerlichen Halt. Aber geistig wurzeln wir noch im unfruchtbaren Erdreich der Vergangenheit: Bolschewismus, Faschiemus, Nationalsozialismus sind finsteres Mittelalter in apokalyptischer Übersteigerung Gab es im Mittelalter einen Appell an die niedersten Masseninstinkte, gab es einen Bereicherungstrieb, Rassenwahn, Kollektivsadismus usw. wie heute?)

Gewiß ist es absurd,den Menschen des 20. Jahrhunderts mit dem des 16. Jahrhunderts gleichzusetzen: Die Bevölkerung hat sich vervielfacht, die Technik hat unsere Lebensweise ruckartig verändert, die Entfernungen sind zusammengeschrumpft. Aber hat das alles mehr als eine

Erleichterung des täglichen Lebenslaufs gebracht? Wurden neue Kräfte entbunden, um der Menschheit einen neuen im Geist gegründeten Inhalt zu geben. Die Antriebe unserer gesellschaftlichen Struktur sind im großen noch die gleichen.

Wir leben in einem paradiesisch erleichterten Dasein. Aber die früher in der Abwehr von Gefahr und Hunger gebundenen Geisteskräfte wurden nicht zu schöpferischer Gestaltung frei. Wir haben uns vielmehr in neue, nicht minder erbitterte Existenzkämpfe gestürzt! Der neue Zwang in der Arbeitswelt mindert unsere Freiheit. In der „Öffentlichkeit“ haben wir uns ein neues Zwangsmittel geschaffen („Publicity“-Sucht). Der mittelalterliche Mensch hat vielleicht den seinen Verhältnissen angepaßten Zwang viel besser ertragen als wir.

Sind wir vielleicht menschlicher geworden? Es gibt nicht nur unmenschliche Kriege, Foltern und Gaskammern. Der Einzelne liebt auch seinen Nächsten noch weniger, er beseitigt ihn heute allerdings mit Hilfe des Bankkontos, Wettbewerb und Leistungsprinzip sind inhumaner als das Mittelalter. Auch der Siegeszug des Christentums ist nur von der Mystik her zu versteen, nicht von der Ethik. Nur der Glaube an Himmel und Hölle hat disziplinierend gewirkt. Das Bedürfnis nach Mystik ist sogar noch größer geworden (Aberglaube!), Rücksicht auf den Nächsten nimmt man nur aus Publicitygründen. Wir sind Egoisten, sogar die religiöse Hingabe ist nur egoistische Furcht oder Heilserwartung. Sogar unser Weltbild spiegelt -

selbst im Streben nach.außerster Objektivität - immer nur die eigene Erlenkenntnis wider (das ist ja gerade die „Objektivität“‚ wenn man den Menschen als Faktor mit in die Formel hineinnimmt!).

 

 

 

 

Die Legitimationen

 

1.) Endgültige Legtimation

Nur Gott kann legitimieren, besonders aber endgültig legitimieren. Die Kirche kann nicht legitimieren, denn sie ist nicht Gott. Der Staat kann nicht legitimieren, denn er ist nicht Gott.

Endgültig legitimiert von Gott sind David (durch die Nathanverheißung), Jesus Christus, sein Sohn (siehe Psalm 82) und die Kirche.

Jesus Christus war der letzte von Gott endgültig legitimierte König, der auch den Weltherrschaftsanspruch stellen durfte. Er verzichtet aber auf die physische Ausübung der Macht

und erkennt Pilatus ausdrücklich als vorläufig legitimiert (siehe nten) an: „Du hättest nicht Macht über mich, wennn sie dir nicht gegeben  wäre von meinen Vater!“ (Auch wichtig für das Widerstandsrecht der Kirche!). Daher kann sich kein Herrscher und keine Regierung jemals mehr auf eine endgültige Legitimation durch Gott berufen. Man mußte also die Begründung seiner Legitimation anders suchen. Im Mittelalter waren daher die Könige angeblich

durch „Blut und Boden“ legitimiert, d.h. durch die Naturgottheiten. Diese Vorstellung von den Naturgottheiten war jedoch um das Jahr 1100 erledigt. Da die Natur nicht mehr heilbringende Macht ist, sucht man Ideologien zur Legtimation der Herrschaft zu finden.

 

2.) Vorläufige Legitimation

Der Staat hat eine vorläufige Legitimation (relative Legitimation), auf der Erde Ordnung zu schaffen. Er ist aber von Gott legitimiert, nicht von der Kirche, denn diese ist ja selber legitimiert. Die Kirche hat aber oft behauptet, von Gott über Jesus Christus die Macht zur Legitimation des Staates zu haben. Damit beansprucht sie aber selber die Weltherrschaft (das war der Fehler Gregors VII., der zwar das Heilskönigtun zerstörte, für sich selber aber eine zu große Macht beanspruchte!). Der Staat hat also völlig recht, wenn er sich von Gott direkt vorläufig legitimiert fühlt. Die Kirche kann nur verkünden, daß Gott den Staat legitimiert,

sie kann bestenfalls urteilen, ob der Staat sich dieser Legitimation würdig erwiesen hat, sie kann aber nicht legitimieren.

a.) Die Regierung ist sich bewußt, daß sie vorläufig legitimiert ist. Dann stimmt er auch mit der Auffassung der Kirche überein, er ist von der Kirche aus gesehen legitimiert (wenn auch vorläufig

b.) Die Regierung sieht sich selber als endgültig legitimiert an. Dann ist sie, von der Kirche aus gesehen, „illegitim legitimiert“.

Die vorläufige Legitimation darf nicht vom Staat als endgültig angesehen werden. Die Tendenz zielt natürlich darauf hin. Die Kirche hat hier die Aufgabe zu bremsen, den Staat zu warnen und ihn in seine Schranken zu weisen.

Trotzdem bleibt die einmal verliehene vorläufige Legittion für immer bestehen, sie kann nicht von einer Regierung weggenommen werden, auch wenn sie sich gegen den von Gott gegebenen Auftrag wenden sollte.

 

3. Der König  im Altertum und seine Legitimation

Der König:

Mitte - Maß - Gestalt waren in alter Zeit personifiziert im König. Dieser steht „vor Ort“, er kann noch die Ur-Sache des Menschen vollziehen: Scheidung von Licht und Finsternis. Der König ist reinen Ursprungs, er i“t im Sprung aus der reinen Lichtmitte hervorgekommen. Deshalb steht er „auf der Warte", er ist noch Gegen-Wart gegen die Finsternis. Er stammt deshalb aus dem ältesten Geschlecht, das dem ungefallenen Menschen noch am nächsten steht, in lebendiger Beziehung zur Mitte (nicht biologisch „Blut“).

Der König als der Reine ist noch in der Lage, für sein Volk die Ur-Teilung zu vollziehen, Urteile auszusprechen, er kann sein „Blut“  rein erhalten. Er kann den Frieden wahren, Frieden als das Gleichgewicht, in dem die Finsternis ausgeschieden ist.

Der König kann Wildnis in heilige Städte verwandeln. Der König kann dies jedoch nur tun durch das Wort der Wahrheit, durch den „Logos“. .Er iist ja noch eins mit der Wahrheit, er kann auf das Wort der Wahrheit der Wahrheit zurückgreifen durch die Sprache  (bei der Urteilssprechung durfte er sich nicht versprechen!), die Ausdruck der Wahrheit ist.

Der König steht für sein Volk: Er ist durch das Blut mit ihm verbunden, er ist Hüter des Bodens, er redet in der Sprache des Volkes, das Volk sieht sich in seinem König.

Der König ist die Mitte des Volkes (Verkörperung der Einheit). Er ist die Vorwegnahme des Ziels in seinem Volke, seine Gesetze sind die Gestalt des Volkes.

Die Bedrohung des Volkes ist der Fall des Geistes in die Materie. Das rein biologisch verstandene Blut wird dann zum obersten Wert, das Leben ist „Kampf des Blutes“ (nicht mehr gegen die Finsternis) gegen „minderwertiges“ Blut. Die Reinerhaltung des Blutes ist der Zweck im Kampf gegen andere Rassen; man ist rein durch sein Blut (nicht durch die Verbindung zur Schöpfungsmitte).

 

Legitimation durch Gott:

Mit Jesus Christus und seinem Verzicht auf die Weltherrschaft scheidet die Legitimation von Gott her aus. Das Recht der Legitimierung des Staates beanspruchte im Mittelalter die Kirche, die sie an den Kaiser weitergeben wollte. Der Kaiser beansprucht aber die direkte Legitimation von Gott her, und er hat damit ganz recht, denn die Kirche kann nicht legitiren. Der Staat kann nur von Gott legitimiert werden (Die mittelalterlichen Kaiser waren allerdings nicht legitimiert zum Heils-Kaisertum. Her hatte der Papst wieder recht).

Der Staat darf sich aber auch nicht von den Staatsbürgern legitimieren lassen (zumal diese sich nicht schädigen lassen wollen, genauso wie ein Vater sich nicht durch seinen Sohn legitimieren läßt). Die Wahlen sind nur nötig, um eine Entscheidung über die Führung des Staates zu erhalten. Die gewählte Regierung wird dann von Gott legitimiert. Allerdings kann auch ein Führer nicht von sich aus erklären: „Ich bin legitimiert von Gott! Ich brauche euch nicht zu fragen!“

 

Oberster Wert:

Die oberste Autorität beruht in der Hauptsache auf den Zehn Geboten, mit Ausnahme der ersten beiden! So sagte einer in der Diskussion.Und es ist auch anzunehmen, daß ein gewißes christliches Gedanken gut in jeder Gemeinschaft vorhanden ist, also eine Art unveräußerliche Menschenrechte.

Aber ein oberster Wert liegt immer zwischen zwei Extremen (etwa Autörität und Freiheit). Wo man einen Mittelweg, gefunden haber will, hat die Regierungsform nur eine relative Legitimität, denn der Wert kann sich ändern. Wer entscheidet aber, ob man mehr Freiheit geben soll oder mehr Autörität verlangen muß? Es geht jedenfalls nicht, daß die Staatsbürger entscheiden, denn sie würden ihre Regierung  andauernd nach ihrem Willen beeinflussen.

 

Das Hakenkreuz:

Wie das Kreuz ist das Hakenkreuz ein altes Zeichen, das seit der Steinzeit immer wieder auftaucht, obwohl es manchmal für Jahrhunderte verschwindet. Trotz des Wechsels der Völker blieb das Zeichen des Hakenkreuzes doch erhalten:Die neue Kultur überlagerte vielleicht vieles, aber dann tauchten die alten Symbole doch wieder auf. Es muß sich also um ein echtes und sehr bedeutendes Zeichen gehandelt haben. Manche Sippen haben sich das Hakenkreuz sogar als Sippenzeichen gewählt; es muß sich dann allerdings um eine sehr große und mächtige Sippe gehandelt haben.

Die Nationalsozialisten erklärten das Hakenkreuz zum Sonnensymbol und zum Symbol der Bewegung. Aber das Hakenkreuz ist ja doch gerade das Symbol der Ruhe! Außerdem kann es gar kein Sonnensymbol geben, denn die Sonne selber ist Symbol. Im Nationalsozialismus wurde jedoch das Hakenkreuz, dieses Zeichen der Fülle und Ruhe ,zum Symbol der ruhelosen Bewegung aus der Leere in die Leere.

 

Siehe auch Bibel und  „Richard III.“

 

 

 

Die Demokratie

 

(a) Philosophische Interpretation

Die Idee der Demokratie, daß das Volk der Staatsträger ist, besagt noch nicht, daß das Volk die Ordnung der Staatlichkeit produziert. Das ist nur der Fall, wenn der Staat auf einen aus dem Willen des Menschen hervorgegangenen „Vertrag“ zurückgeführt wird.

Hobbes:

Staat ist Selbsthilfeprodukt, um sich vor den Gefahren der eigenen Natur zu schützen (Zähmungsmaßnahme).

Rousseau:Der Staat ist ein gewolltes Heilfieber zur Entwicklung, der an sich gute Mensch soll aber nicht in seiner Entwicklung gehemmt werden. Beide sehen den Staat als Menschenwerk an!

Kant: Er lehnt eine historische Sicht und Erklärung der Autorität des Staates wegen der daraus sich ergebenden Aufhebung der Autonomie des Menschen ab (Autonomie als Würde der Persönlichkeit, nicht im Sinne einer überheblichen Selbstbestimmung).

Nur die in einer Idee des praktischen Vernunftprinzips gegründete Staatsautorität kann in Verbindung mit der menschlichen Autonomie stehen, da beide ihren Grund im sittlichen Bewußtsein haben. Die aus dem verantwortlichen Tun des Menschen erwachsene konkrete empirische Form und Gesetzlichkeit des Staates ist selbständig von dem Urphänomen der Staatsidee zu unterscheiden und an ihr zu nessen. Aber durch Erziehung wird der Staat einmal überflüssig werden.

Fichte : Auch Fichte betont die Übereinstimmung der überpersönlichen Vorgegebenheit des Staates mit der Autonomie des Menschen, indem der Vertrag die Idee des Staates nur formuliert und nicht bewirkt. Der Staat als „zwingende Urgewalt“ stellt das Recht selbst dar, dient der Sittlichkeit und erzieht auf das Ziel hin, sich selbst überflüssig zu machen.

 

b) Theologische Interpretation:

Der Staat ist die instituionelle Form des göttlichen Einhaltegebotes an die Welt, deren Selbstzerstörung mit dem Sündenfall einsetzte mit dem Ziel, sie wieder in die gottgebundene Geborgenheit zurückzuführen (Staat also keine Schöpfungsordnung, sondern eine gnädige Notverordnung Gottes. Gott gebietet der Selbstzerstörung der Menschen Einhalt, indem er ihnen eine Probezeit gibt; aus dieser Hilfestellung ist der Staat aus Gnade entstanden).

Die Einzeichnung des Staates in die Heilsgeschichte macht ihn nun nicht als Frucht theokratischer Weisung zu einer eigenständigen Größe (Gott behält den Staat nicht weiter in der Hand in Form einer Theokratie), sondern er ist nur ein zur weiteren Veranlassung in die Hand des Menschen gegebene Form, durch die das Verhältnis der Menschen untereinander mittels der Vernunft geregelt werden soll (der Staat der Vernunft der Menschen übergeben).

Die durch die Träger des Staats repräsentierte menschliche Vernunft hat aber ihre Würde und Grenze.

Würde: Die Vernunft empfängt das Wunder der Staatswerdung aus der Hand Gottes, um den Staat als Mandat Gottes nach ihrem eigenen Ermessen verantwortungsvoll zu verwalten.

Grenze: Das Wissen um ihre nur technische (!) Autonomie, ist die Grenze. Die Vernunft läßt sich ihre Aufgabe stellen von Gott, und nicht im Übermut (Hybris) der Selbstbevollmächtigung zwecks Sinngebung des Staates, der dann eine Weltanschauung erzeugt (ontologische Autonomie).

 

Demokratie bedeutet dann: Die Bürger verfügen kraft der Vernunft über den Staat nur so, daß er ihnen zur Verfügung gestellt ist. Die Vernunft erzeugt nämlich weder die Idee des Staates, noch produziert sie ihn durch einen Vertrag, sondern empfängt beides zur verantwortungsvollen Arbeit. Deshalb sind die moderne Demokratie und die frühere „Obrigkeit“ nur verschiedene Addressierungen (Bezeichnungen) innerhalb der einen göttlichen Delegierung,.

 

„Was gibt uns das Recht, die Demokratie für die einzig legitime Regierungsform zu halten?“

 

Die Rechte der  Minderheit:

Es ließe sich vorstellen, daß es Menschen gibt, die sagen: „Mir ist meine persönliche Freiheit gleichgültig, ich kann auch in einer Diktatur leben!“ Er kann dann aber nicht, vielleicht mit einigen-Gesinnungsgenossen einen neuen Staat gründen denn jeder Mensch unterscheidet sich in einigen Punkten von den anderen, und das Endergebnis wäre eine tausendfältige Spaltung.

Eine Minderheit darf jedoch in der Demokratie weiter ihre Meinung im Volk äußern. Dann besteht ja die Möglichkeit, daß ein Gesetz wieder geändert wird, wenn sich genügend Anhänger für die Änderung finden. Weitere Rechte kann man einer Minderheit nicht einräumen. Das Recht der Minderheit wird aber nur gewährt innerhalb der Demokratie, aber nicht, wenn sich jemand außerhalb der Gemeinschaft gestellt hat.

 

Aufhebung der Macht:

Wenn eine Regierung auf vier Jahre gewählt ist, dann kann sie vor dieser Frist nicht abberufen werden, wenn der Einzelne auch noch so wenig mit den Entscheidungender Regierung einverstanden ist.Nur wenn leichtsinniges Handeln der Regierung die eigene Existenz gefährden könnte, dann ist vielleicht auch ein Gewaltakt berechtigt. Das ist aber nicht der Fall, wenn man nur Unbequemlichkeiten aus dem Weg gehen möchte.

 

Parlament oder Führerpersönlichkeit:

Wenn nur ein Mann an der Spitze eines Staates steht, besteht die Möglichkeit, daß es ein Wahnsinniger ist und daß er so zum Schaden eines ganzen Volkes herrst. Wenn aber die Staatsführung auf 500 Leute verteilt ist, besteht eine sehr viel größere Möglichkeit, daß sie im großen und ganzen sehr viel vernünftiger sind als einer (Ist aber dieses Abwälzen der Verant= wortung auf viele Leute nicht ein Fliehen vor der Verantwortung?).

Aber es ist auch schwerer, in einem Parlament eine gemeinsame Entscheidung zu finden. Der Parlamentarismus kann sogar eine Entscheidung sehr hemmen, wenn eine schnelle Entscheidung not tut. Dann wäre wieder eine starke Führerpersönlichkeit nötig.

Im Grunde genommen ist es nur eine Frage der Zweckmäßigkeit, welche Regierungsform gewählt wird. Wenn ein autoritärer Herrscher mir das Maß an Freiheit garantiert, das für meine Begriffe ausreichend ist, dann kann ich ihn anerkennen (siehe de Gaulle in Frankreich). Ein Hitler konnte an die Macht kommen, weil die Demokratie versagt hatte und nach der Mehrheit des Volkes (Reichstages) nicht mehr die zweckmäßige Regierungsform war, jedensfalls nicht mehr in der vorherigen Form ohne die NSDAP.

 

Wertung der Demokratie:

Durch das oben gesagte soll aber nicht gesagt werden: Der Zweceeiligt die Mittel, die Notwendigkeit der Rettung des Staates rechtfertigt die Diktatur. Die Demokratie ist nicht immer richtig. Demokratie ist eine schlechte Staatsform. Aber es gibt noch schlimmere Staatsformen, die sich nicht bewährt haben. Man kann sich bessere denken als die Demokratie. Aber die Ausführung der anderen Staatsformen ist bisher nur wenig gelungen. Deshalb ist doch die Demokratie trotz aller Schwächen die beste Staatsform.

 

 

Die Demokratie verlangt Verschiedenheit, die Demokratie kann sich nicht engen mit der Uniformität, mit der Konformität. Die Demokratie setzt voraus, daß eine Verschiedenartigkeit gewollt wird. Die Demokratie geht davon aus, daß die Menschen verschieden sind und Verschiedenes beizutragen haben. Und daß die günstigste Wirkung für die Gesamtheit aus der Zusammenfassung und Respektierung der vielen verschiedenen Beiträge entsteht. Aber die Einsicht, daß Ideale immer nur teilweise realisiert werden können, muß von den Bürgern einer Demokratie verstanden werden, damit diese funktionieren kann. Demokrstie ist auch nicht zu verwechseln mit Anarchie.

Die Demokratie findet aus den vielen Einzelwillen den Gesamtwillen durch Mehrheitsentscheidung. Dennoch ist die Mehrheitsentscheidung nicht mehr als das allein charakteristische der Demokratie anzusehen. Die modernen Diktaturen manipulieren gerne Mehrheiten zur moralischen Stützung ihres Regimes.

Was ist Mehrheit? Die Engländer sagen: Mehrheit ist von 51 bis 85 Prozent. Was darüber ist, das ist Schwindel, Betrug oder Irrtum. Keine irdische Sache ist so gut, daß nicht wenigstens 15 Prozent einen Grund hätten, dagegen zu sein, jedenfalls, wenn sie richtig im Bilde sind über die Sache. Und wir dürfen wirklich überall, bei Völkern oder bei einzelnen Gemeinschaften damit rechnen, daß es mangelnde Orientierung, Irrtum, Lüge oder Betrug ist, wenn wir Abstimmungen haben, bei denen mehr als 85 Prozent dafür sind.

Aber selbst diese einschränkende Skepsis gegenüber der Mehrkeit ist noch nicht ausschlaggebend für die Demokratie, sondern vielmehr das Recht der Minderheit, die man nicht aus­schließen kann oder darf. Die Minderheit oder Opposition muß alle Möglichkeiten haben, an der Meinungs- und Willensbildung mitzuwirken, garantiert erhalten, unter der stetigen Voraussetzung, daß sie Mehrheit und damit Regierung werden kann. Es ist Pflicht der Opposition, sich in einen solchen Zustand zu bringen, daß sie immer Mehrheit und Regierung werden kann.

Eine weitere Voraussetzung für die Demokratie ist der Grundsatz, daß nie der Zweck die Mittel heiligt. Die ausschließlich erlaubten Mittel müssen durch eine Verfassung festgelegt werden und deren Einhaltung muß institutionell gesichert werden. Dem dient vorallem die Teilung der Gewalten, in Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung. Mit der Gewaltentrennung ist die Erwartung verbunden, daß eine Machtzusammenballung in der Hand des Einzelnen oder einer einzelnen Gruppe verhindert.

Insbesondere die Unabhängigkelt der Richter, der Rechtsprechung, von den beiden anderen Gewalten hat erhebliche Bedeutung. Allerdings sollte nicht übersehen werden, daß Montesquieu die Trennung der Gewalten für eine Monarchie vorsah, allerdings für eine konstitutionelle. Dort hat sie faktisch bessere Voraussetzungen als in der republikansichen Demokratie.

Je größer die Rolle der Parteien wird,umso mehr kann die Partei als Brücke die Gewalten so zusammenführen, daß von einer Trennung nur noch im äußerlichen Sinne die Rede sein kann. Als Beispiel haben wir für den Extrenfall die NSDAP vor Augen.

Man soll aber auf gar keinen Fall ein politisches Weltbild pflegen, wonach die Totalitären die vollendeten Bösewichtes die Demokraten die vollendeten Tugendbolde wären. Alle Fehler der Totalitären sind bei den Demokraten auch vorhanden, glücklicherweise gewöhnlich dem Grade nach milder,

Die Fähigkeit des Menschen, gerecht zu sein, macht Demckratie möglich, die Neigung des Menschen ungerecht zu sein, macht Denokratie nötig“ (Niebuhr). Diesem Satz liegt ein Menschenbild zu Grunde, das sowohl mit unserer christlichen Vorstellung von der Fehlbarkeit des Menschen, als auch mit unserer politischen Erfahrung übereinstimmt. Die Demokratie beschneidet die Neigung, Macht zu mißbrauchnen.

Mit diesem realistish geshenem Menschen ist aber die Demokratie ständig der Gefahr der Entartung ausgesetzt. Wenn man sie also als eine wünschenswerte Form des staatlichen Zusammenlebens erhalten will, müssen ihre Bürger bewußt ständig die Kräfte ihres Verstandes und ihres Herzens dafür zur Verfügung stellen.

Es muß ein dauernder Prozess der demokratischen Erziehung aufrecht erhalten werden. Das ist am wenigsten ein Problem des staatsbürgerlichen Unterrichtes bei Kindern und Jugendlichen. Hier gilt das Rezept „lernen durch tun“. Das Schulkind in der Schülermitverwaltung, der Gemeindebürger iu der Selbstverwaltung der Gemeinden und der abhängige Arbeitnehmer in der Mitbestimmung der Wirtschaft, lernen in kleineren überschaubaren Bereichen, was sie für den Staat können oder doch wenigstens beurteilen können sollten. Auch das Organisations- und Vereinsleben kann dafür Chancen bieten, insbesondere auch dafür, wie schnell und leicht unter Umständen eine lebendige Demokratie ersetzt werden kann.

Der Arbeitnehmer in den Großbetrieben wird allerdings der Verantwortung entwöhnt. Der technische Zweck der Betriebe verlangt, Ein- und Unterordnung und Organisation von oben nach unten. Es muß der Betrieb auch als Arbeitsstätte von Menschen und Mitbürgern gesehen werden, in dem ein Optimum an freiem und berechtigtem Miteinander geüt wird.

Eine weitere Gefährdung der Demokratie liegt in der Tatsache, daß die Demokratie besser für den Frieden, jedoch die Alleinherrschaft besser für den Krieg geeignet ist. Das republikanische Rom schon hat seinen Konsuln - allerdings nur jeweils für ein Jahr       - im Kriege diktatorische Rechte gegeben, also nur für eine bestimtme Aufgabe und nur auf einem einzigen Gebiet.

Das gilt aber nicht nur für den Fall, daß der demokratisch regierte Staat selbst aggressive Absichten hat, sondern auch, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. In der „geschrumpften“ Welt des 20. Jahrhunderts hat aber jeder jedem zum Nachbarn, also auch den vermeintlich oder tatsächlich bösen. Dazu leben wir in einem Jahrhundert der sozialen und nationalen Revolutionen oder in einem Jahrhundert der erwachenden Völker. In dieser Erkenntnis liegen ganz harte, auch sehr praktische Probleme. Vielleicht muß die Folgerung lauten: Macht eure Präsidenten stark, laßt sie zu Führern werden, aber erlaubt ihnen auf keinen Fall das Führerprinzip.

Demokratie ist in der Gegenwart unvermeidlich Parteienherrschaft. Am günstigsten ist wohl die Zweizahl. Schon wenn eine dritte vorhanden ist, kann diese als Zünglein an der Waage eine ganz unangemessene Stellung erhalten. Die Parteien dürften aber auch keine reinen Interessentenparteien und ebenso keine reinen Weltanschauungsparteien sein, weil zwischen solchen der notwendige Wechsel nicht funktionieren kann, denn der Arbeiter wählt dann nur die Arbeiterpartei.

Unter Christenmenschen gibt es hier keine einheitlichen Antworten. Die Antworten reichen von der völligen Ablehnung jeder Verantwortung für das öffentliche Leben bis zu einer größenwahnsinnigen Überforderung des Einzelnen. Man könnte aber eine Regierungsform unterstützen, in der dem obersten Gebot: „Du sollst Gott mehr gehorchen, als den Menschen“ entsprochen werden kann, ohne daß es für fast alle Mitbürger zu einer völligen Überforderung wird.

Die Rechtfertigung der Demokratie liegt darin, daß sie die in jedem Menschen vorhandenen unveräußerlichen Sätze der Ethik am weitestestgehenden verwirklichen hilft. Hie  kann das Gute gut gedeihen, das Böse schlecht. Die allgemeine Ansicht über Menschentum läßt sich am Besten verwirklicnen  in der Demokratie, aber nicht  ausschließlich in ihr. In einer Diktatur ist das aber nur schwerr möglich, besonders da, wo es um dene Satz geht „Du sollst  Gott mehr gehorchen!“

Es wird auch dann noch schwer genug bleiben. An diesem Maßstab gemessen ist die Demokratie nicht legitim, sondern zweckmäßig. Die Frage nach der Legitimität im Zusammenhang mit einer Staatsform ist unangemessen im Lichte der historischen Erfahrungen.

 

Vorteil der Demokratie:

In der Demokratie besteht die Möglichkeit der begrenzten Legitimität. Eine für vier Jahre gewählte Regierung ist für diese Zeit unbedingt legitim, vom Volk und von Gott .her-gesehen. Nach dieser Zeit muß sie allerdings zunächst einmal zurücktreten und kann durch eine andere, vom Volk gewählten und von Gott legitimierten Regierung ersetzt werden.

 

Die Demokratie in der Krise:

Zur Demokratie gehören Wahlen, gesetzgebende Körperschaften, Verantwortung der Regierung vor dem Parlament, Unabhängigkeit der Justiz und Gleichheit vor dem Gesetz  - Demokratie ist Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Gleichheit.

Aber das Gesetz schafft noch nicht Gleichheit. Zwar war in der fanzösisichen Revolution und im ersten deutchen Reich ein Eingriff in die Privatspäre nur möglich aufgrund eines Gesetzes, aber diese Gesetze machte dann das Bürgertums selbst.Aber jedenfalsl gehört zu einem Gesetz seitdem die Diskussion im Parlament und die Kontrolle durch die Öffentlichkeit. Die Preisgabe dieser Rechte führt zum Totalitarimsus (Ausschaltung der Justiz, des Parlaments, der  Öffentlichkeit).

Auch in der Krise übt die liberale Demokratie eine geiwsse Macht aus. Das zeigen die Bestimmungen über den Ausnahmezustand, die der Exekutive mehr Macht geben. Wichtig ist hier nur eine parlamentarische Kontroll eund eine zeitliche Begrenzung. In der Geschichte wurden diese Rechte jedoch meist von den Gegnern der Demokratie mißbraucht. Dieses System funktionierte aber dort, wo man im Parlament und im Volk die Verfassung als die ureigenste Sache ansieht  (England, USA) und für ihre Verteidigung kämpft. 

Die Entwicklung der Wirtschaft zu internationalen Großkonzernen bewirkte, daß man von Seiten der Konzerne die Parlamnente nicht mehr  als eigene Interessenvertretung ansah und selbst zum Machtfaktor ohne parlamentarische Kontrolle wurde. Deshalb  muß man in die Wirtschaft eingreifen durch Programmierung, um Krisen zu vermeiden. Dazu muß aber schnell gehandelt werden.

Häufig kann die bisherige Demokrtatie diese Anforderunge nicht erfüllen. Ebenfalls fehlt die direkte parlamentarische Kontrolle der internationalöen Gremien (Nato, EU), obwohl diese immer mehr entscheidende Macht erhaltern.Erst recht ist keine Kontrolle möglich über das Militär und die Geheimdienste.

Durch Wirtschaft, Organisation und Militär ist heute die liberale Demokratie gefährdet. Der Marxist antwortet darauf mit Sozialisierung, Arbeiterbewegung und Pazifismus. Gibt es aber eine solche Organisauion, die diese Forderungen verwirklicht? Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung hatte kein klares Konzept und ist gescheitert.Der Pazifismujs versagte gegenüber dmne Faschismus. Dem Faschbismus kann man nur mit Gewalt begegnwen. Das war die Lehre der Jahre nach 1933 in Europa.

Die Intellektuellen haben in der Demokratie eine wichtige Rolle, gerade das Bündnis mit der Arbeiterbewegung schafft eine wirklich reale Macht. Kleine Gruppen und streikende Massen haben hier ihre Aufgabe. Dazu kpommt ein neues Verständnis des internationalen Verhältnisses, bewirkt durch den Tourismus und internationale Konferenzen. Auch in Bezug auf den Pazifismus geht es seit der Atombombe neue Wege, etwa das Atomtrstabkommen und die nachfolgende Reduzierung der Atomwaffen.

Die entscheidende Aufgabe ist jedoch die Beseitigung der heirarchischen Organisation in Betrieb, Militär, Staat, die ersetzt werdene muß durch eine Kooperation und Mitbestimmung. Das aber ist möglich ohne Gesetze. Die Arbeiterbewegung muß nicht erst die Macht ergreifen, sondern sie ist jetzt schon aufgerufen,  am Abbau der herarchisichen Strukturen mitzuwirken.

 

 

Das Recht

 

Soll man immer sein Recht verteidigen?

Einen sehr strengen Standpunkt nimmt Kant ein in seiner „Metaphysik“ der Sitten. „Selbst wenn sich die bürgerliche Gesellschaft mit aller Bürger Einstimmung auflöst, z.B. daß eine Insel bewohnende Volksgemeinschaft beschlösse, auseinanderzugehen und sich in alle Welt

zu zerstreuen, müßte der letzte im Gefängnis befindliche Mörder vorher hingerichtet werden, damit jedermann das widerfahre, was seine Taten wert sind, und die Blutschuld auf dem Volke nicht hafte. Denn wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, daß Menschen auf Erden leben.“

Dagegen ist Radbruch in seiner „Einführung in die Rechtswissenschaft“ versöhnlicher: „...angesichts der Verschwendung von Geld, Nerven und Arbeitskraft in einer erschreckenden Jahresziffer von Prozessen ist uns heute die entgegengesetzte Predigt der Versöhnlichkeit viel mehr vonnöten. Steht hoch über der plebejischen Stumpfheit‚ die Unbill fühllos hinnimmt, die Empfindlichkeit‚ welcher jede Rechtsverletzung zugleich Ehrverletzung dünkt, so steht ebenso hoch über dieser Empfindlichkeit die vornehme Gelassenheit, die Lapalien mit dem Ehrgefühl gar nicht in Berührung kommen läßt. Und da die Rechtsordnung zugleich Friedensordnung ist, wird ihr in mancher Bagatellsache am besten gedient, wenn um des ‚lieben Friedens willen‘ auch auf das ‚gute Recht‘ verzichtet wird!“

 

Recht und Gewalt.

Gegen Unfreiheit muß man immer vorgehen! R.v.Ihering schreibt darüber in „Der Kampf uns Rech“:  „Der Widerstand gegen ein schnödes, die Person selbst in die Schranken forderndes Unrecht (d.h. gegen eine Verletzung des Rechts, die den Charakter einer Mißachtung und persönlichen Kränkung trägt), ist Pflicht. Es ist die Pflicht des Berechtigten gegen sich selber - denn es ist ein Gebot der moralischen Selbsterhaltung. Es ist Pflicht gegen das Gemeinwesen, denn es ist nötig, damit das Recht reale Wahrheit sei. Wer nicht einmal gewohnt gewesen ist, sein eigenes Recht mutig zu verteidigen, wie soll er den Drang empfinden für das der Gesamtheit willig sein Leben und seine Habe einzusetzen? Wer kein Verständnis gezeigt hat für den ideellen Schaden, den er an seiner Ehre und seiner Person erlitt, indem er aus Bequemlichkeit und Feigheit sein gutes Recht preisgab, wer gewohnt war, in Dingen des Rechts bloß den Maßstab des materiellen Interesses anzulegen, wie kann man von dem erwarten, daß er einen anderen Maßstab zur Anwendung bringen und anders empfinde, wenn es das Recht und die Ehre der Nation gilt?

Das Ziel des Rechts ist der Friede, das Mittel dazu der Kampf. Solange sich das Recht auf den Angriff von seiten des Unrechts gefaßt halten muß - und dies wird dauern, solange die Welt steht - wird ihm der Kampf nicht erspart bleiben. Das Leben des Rechts ist der Kampf, ein Kampf der Völker, der Staatsgewalt, der Stände, der Individuen. Alles Recht in der Welt ist erstritten worden, jeder wichtige Rechtssatz hat erst denen, die sich widerseteen, abgerungen werden müssen, und jedes Recht, sowohl das Recht eines Volkes wie das eines Einzelnen, setzt die stetige Bereitschaft zu seiner Behauptung voraus.

Das Recht ist nicht bloßer Gedanke, sondern lebendige Kraft. Darum führt die Gerechtigkeit in der einen Hand die Waagschale, mit der sie das Recht abwägt, in der anderen das Schwert, mit dem sie es behauptet. Das Schwert ohne die Waage ist die nackte Gewalt, die Waage ohne das Schwert die Ohnmacht des Rechts. Beide gehören zusammen, und ein vollkommener Rechtszustand herrscht nur da, wo die Kraft, mit der die Gerechtigkeit das Schwert führt, der Geschicklichkeit gleichkommt, mit der sie die Waage handhabt!“

 

Recht und Moral:

Aus der Bergpredigt: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig.  Ihr habtgehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen!“ Dem gegenüber steht das Sprichwort: „Fürs Denken kann man niemand henken“ "

Jedenfalls zeigt sich: Die Moralgesetze gehen sehr viel weiter als das Recht. Sie verurteilen vor allen Dingen schon den Gedanken an ein Verbrechen. Eine Strafe dagegen wird nur für transzendente Zeiten angedroht,eine Übertretung der Moralgesetze wird kaum vom Staat geahndet, erst dann, wenn dadurch auch gültige Rechtssätze verletzt werden; und das Gesetz verurteilt meist nur die begangene Tat.

Flaubert mahnt aber in seinen „Lettres à George Sand“ bei den Begriffen Moral und Gnade nicht zu vergessen, daß zur Moral auch die Gerechtigkeit gehört: „Ich suche bei Ihnen ein Wort, das ich nirgends finde: Gerechtigkeit. All unser Unglück kommt davon her, daß wir diesen Grundbegriff der Moral vollkommen vergessen haben, einen Begriff, welcher meiner Meinung nach die ganze Moral ausmacht. Ich bin von dieser Wahrheit mehr und mehr überzeugt: die Lehre von der Gnade hat uns so sehr durchdrungen, daß der Sinn für Gerechtigkeit verschwunden ist.“

 

Die Verschiedenartigkeit der Rechtsordnungen:

Nicht jedes Volk kann dieselben Rechte haben. Die Gesetze müssen dem geistigen Stand des Volkes, seiner Gesellschaftsordnung und vielleicht auch Gesellschatfsstruktur angepaßt sein. Als man Solon fragte, ob er seinen Bürgern die besten Gesetze gegeben habe, antwortete er: „Die besten schlechterdings nun freilich nicht, aber doch die besten, deren sie fähig waren!“

Auch die geographischen Bedingungen lassen andere Gesetze entstehen, wenn damit aber auch wieder nicht gesagt werden soll, daß es unbedingt so sein muß. Raum und Zeit üben aber jedenfalls einen großen Einfluß aus. Pascal schreibt darüber: „Es gibt fast nichts Gerechtes und Ungerechtes, dessen Eigenschaften nicht mit dem Wechsel des Klimas wechselt. Drei Breitengrade weiter vom Pol stürzt die ganze Jurisprudenz um, ein Meridian entscheidet über die Wahrheit, ein paar Jahre über den Besitz. Die Grundgesetze wechseln: Das Recht hat seine Zeitalter. Komische Gerechtigkeit, der ein Fluß oder ein Gebirge Grenzen setzt! Wahrheit diesseits der Pyrenäen, Irrtum jenseits!“ (oder umgekehrt!).

 

Kontinuität der gesetzlichen Ordnung?

Da die Gerechtigkeit immer nur dieselbe ist und dieselbe bleibt - es gibt nur eine absolute Gerechtigkeit - müßten eigentlich auch die Gesetze immer dieselben sein. Das ist aber zum Glück nicht der Fall, denn die Gerechtigkeit bestimmt nicht allein über die Abfassung eines Rechtsgrundsatzes. Die Grundrechte werden gewiß immer dieselben bleiben, sie werden ja auch nicht oder kaum geändert. Doch die vielen Einzelheiten in der Auslegung dieser Gesetze müssen immer wieder geändert werden, um überhaupt zu garantieren, daß diese Gesettze die allgemein verbindlich sind, auch klar und eindeutig ausgelegt werden und den veränderten Bedingungen angepaßt werden.

Deshalb hat Mephistopheles in Goethes „Faust“ unrecht, wenn er sich beklagt: „

„ Es erben sich Gesetz‘ und Rechte wie eine ew‘ge Krankheit fort,

sie schleppen von Geschlecht sich zu Geschlecht und rücken sacht von Ort zu Ort.

Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage; Weh‘ dir, daß du ein Enkel bist!

Vom Rechte, das mit uns geboren ist, von dem ist leider nie die Frage…“

Dieses Recht kann es gar nicht geben: Jede Generation kann sich nicht ein neues Gesetz schaffen. Sie kann immer nur das alte und bewährte übernehmen (vorausgesetzt, daß es auf den Menschenrechten aufgebaut ist) und es seinen Bedürfnissen und Gegebenheiten anpassen. Die  Menschenrechte sind nun einmal für ein freiheitliches Staatswesen verbindlich, sie gewähren jedem Bürger auch eine gewisse Rechtssicherheit.

 

Recht und Komnromiß:

Ist es dein Recht‚ wenn Frucht dein Acker trägt?

Wenn du nicht hinfällst, tot zu dieser Frist, ist es dein Recht auf Leben und Atem?

Ich sehe überall Gnade, Wohltat nur

in allem, was das All für alle füllt,

und diese Würmer sprechen mir von Recht?

Daß du dem Dürft'gen hilfst,den Bruder liebst,

das ist dein Recht, vielmehr, ist deine Pflicht.

Vergleicht euch! Sonst zieh‘ ich das Steitgut ein

und lasse Disteln säen drauf und Dornen

mit der Überschrift: Hier wohnt das Recht! (Grillparzer).

 

 

Liebe und Gerechtigkeit:

„Das Begnadigungsrecht für den Verbrecher ist wohl unter allen Rechten des Souverains das schlürfrigste, um den Glanz seiner Hoheit zu beweisen und dadurch doch in hohem Grade Unrecht zu tun!“ Mit Recht warnt hier Kant in seiner „Metaphysik der Sitten“ vor einer ungerechtfertigten Anwendung der Gnade, besonders wenn sie aus egoistischen Motiven geübt wird oder jemand Unrecht dadurch getan wird, einmal dem Verbrecher selbst - der ein „Anrecht“ auf Strafe hat, weil er sich in dieser Zeit ja bessern soll -zum anderen aber auch der Umwelt des Verbrechers, die ein Recht darauf hat, vor einem nicht geänderten Verbrecher geschützt zu werden.

 Zunächst geht es erst einmal um die Gerechtigkeit, dann um die Gnade (siehe Flaubert)  Aber wir können nicht darauf hoffen, daß wir begnadigt werden:

„Suchst du um Recht schon an, erwäge dies:

daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner

zum Heile käm‘; wir beten all um Gnade

und dies Gebet muß uns der Gnade Taten

auch üben lehren!“ (Shakespeare:  „Der Kaufmann von Venedig!“

Gnade verpflichtet auch den, dem Gnade widerfahren ist, gegenüber seinen Mitmenschen, ebenso zu handeln.

Die Gerechtigkeit steht höher. Aber da das Recht es ja mit Menschen zu tun hat, kann das Recht des Menschen auf Menschlichkeit nicht vernachlässigt werden. Das Recht darf nicht starr sein, denn es ist für Menschen gemacht. Emil Brunner schreibt darüber: „Die Gerechtigkeit gehört in die Ordnungswelt, nicht in die Personenwelt. Darum aber, weil die Person selbst höher ist als alle Ordnungen in denen sie steht, darum, weil alle Ordnungen um der Person willen, aber nie die Person um der Ordnungen willen da sind, ist die Liebe höher als die Gerechtigkeit! Und doch ist die Gerechtigkeit an ihrem Ort das Höchste. Innerhalb der Ordnung als solcher kann es gar nichts Höheres geben; denn die Liebe weiß nichts von der Ordnung.“

 

Aufgabe der Christen in der Gesellschaft:

Dem Christen ist eine Flucht aus der Welt nicht möglich, weil seine spezifische Christenaufgabe darin besteht, der „natürlichen“ Welt das Zeugnis dene Sterben und Auferstehen un- seres Herrn Jesus Christus zu geben. Welche Ansatzpunkte hat die Gemeinde in der Öffentlichkeit für diesen Dienst und in welcher Weise kann sie dort ihren Auftrag erfüllen?

1. Die Schule: Außer Kirche und Familie ist die Schule die Institution, die allein schon durch ihren umfassenden Bildungsanspruch am zentralsten in den Bildungsvorgang eingreift. Man braucht gar nicht in die hohe Schulpolitik zu wandern, um zu begreifen, daß Inhalt und Form der Unterrichtsstoffes, daß das Schul- und Klassengeschehen, daß der Klassenkamerad und die verschiedenen Lehrer bis hin zur Gesamtatmosphäre, die sich aus diesem allen entwickelt, Fragen sind, die auf die Antworten der Gemeinde warten.

2. Die Straße: Die Öffentlichkeit der Straße nimmt heute jeden inde in Beschlag. Ihr können wir ebenso wenig entweichen wie den Realitäten der Schule. Waren- und Menschenangebotes die Märkte, die Verkehrsampeln, es ist die Mode, und es sind die Menschen, die sie tragen, es sind die Kinos, die Händler, die Tanzbars und Zeitungen, die Magazine, Kabaretts und Polizisten das Fernsehen, das Theaters das Konzert, das Kino und es ist das Fernsehen und der  Privatdetektiv des Warenhauses - das alles ist die Straße.

Das Eigentümliche dieses „unverbindlichen“ Ortes Straße ist, daß sie tausenderlei Antworten auf alle Lebensfragen hat. Ob das nun wirkliche Antworten sind, darüber läßt sich eine ganze Menge sagen - aber die Welt glaubt doch allem Anschein nach diesen Antworten der Straße, warum wohl sonst würde sie ihr Leben weitgehend in die Straße verlagern?

Und die Gemeinde steht nun mitten auf dieser Straße.  Sie hört die Frage und sie hört die Antworten. Sie nimmt zur Kenntnis, daß Tausende und aber Tausende von Menschen jene Antworten annehmen, zumindest sich aber mit ihnen begnügen.

Vielen werden aber falsche Antworten durch die Medien einer modernen Technik und Re­klame so erbamungslos und pausenlos eingehämmert, daß sie alle menschliche Freiheit verlieren, sich den angebotenen Antworten bedingungslos und kritiklos unterordnen und das ganze noch als Akt menschlicher Freiheit bezeichnen. Wir spüren irgendwie, daß die Sprache Kanaans nicht ausreicht, um der Straße zu antworten. Und das treibt uns zur Flucht entweder in die Idylle unserer Gemeinde oder aber in christliches Funktionärsdasein, das auch auf der Straße mit von der Partie sein möchte.

3. Der politische Raum:  So wenig faßbar „die Straße“ erscheint, so konkret sehen wir im politischen Raum die Institutionen, die Verbände, die Gruppen und die Maßnahmen. Dort werden nicht allein Menschenbilder, sondern Menschen geprägt. Zuallermeist werden hier mehr oder minder örtlich begrenzte Weichen gestellt, die eine ganze Generation in ihrem Fühlen, Denken und Handeln, in ihren Lebensbewußtsein und ihren Lebensinhalten einpolen.

Ist uns dieser Ruf  „Mensch wo bist Du“ vielleicht deshalb gleichgültig, weil er hinter der Maske einer jungen, säkularisierten Welt hervorgestoßen wird. Diesem Ruf hat die Gemeinde Antwort zu geben.

4. Der Staat: Endlich ist die christliche Gemeinde in den Stand gesetzt, ohne Unterdrückung in freier Verantwortung dem Partner Staat in seinen verechiedenen menschlichen Vertretern nicht nur zu begegnen, sondern sich von ihm fragen zu lassen. Das heißt auch hier wieder: Bereit sein, Antworten zu geben.

a) Zunächst muß ich fragen, was sagt mir das Wort Gottes zu dieser Sachlage. Das ist ja nun garnicht so einfach. Paulus und auch Jesus haben nicht zu allen Fragen auch Stellung genommen. Wir befinden uns also in der scheinbar peinlichen Lage, daß im Alten und Neuen Testament nichts „geregelt“ ist. Und dennoch wissen wirt, daß das Evangelium auf jede Frage sehr konkrete Antwcrt hat, eine Antwort allerdings, die immer nur aus dem Geist und nicht ein einziges Mal aus der formalen „Übertragung“ zu erfolgen hat.

b) Es erfolgt dann als zweiter Schritt: Was müßte in dieser oder jener Frage sein, damit von mir, der Gemeinde oder der Öffentlichkeit, die bestimmte Angelegenheit so wird,  wie es meiner am Wort des Herrn geprüften und erfahrenen Antwort entspricht.

c) In dieses Vorhaben habe ich nun die gegebene Wirklichkeit einzuplanen und meine Antwort so klar und eindringlich als nur möglich zu geben. In Gebet und Meditation habe ich dies alles im stillen Kämmerlein sowohl als auch in der Gemeinde in das Zentrum meines Glaubenslebens mit aufzunehmen, um von hier aus meine Verantwortung ständig neu zu sehen und zu korrigieren. Es kann nun sein, daß man vor dieser Aufgabe nicht nur erschreckt, sondern sich zugleich resignierend zurückzieht, weil deutlich ist: Das alles kann die Gemeinde ja gar nicht bewältigen. Es ist dies ja wohl immer die Situation der Gemeinde in dieser Welt, daß ihr Aufgaben gegeben sind, daß sie zu bezeugen hat und dann erleben muß, daß sie dies alles immer nur aus Gnade und doch nie vollkommen tun kann. Dieses Wissen aber kann nun nicht zur Resignation führen, sondern auch hier haben wir wieder im Spiegel von Golgatha und Ostern zu leben. Es ist doch wohl keine Frage, daß die Antwort, die Jesus auf Golgatha der Weltöffentlichkeit gibt, ganz menschlich gesehen, weder überzeugend und außerdem auch stümperhaft war. Die Reaktion im Volke ist ja auch demnach. Und dennoch ist Jesus diesen Weg gegangen. Er hat der Welt eindeutig geantwortet bis zur Hingabe seines Lebens.

 

 

Macht

 

Die These, daß Macht immer Macht Gottes ist, richtet sich gegen den Hochmut des Menschen, der da meint, in jedem Akt der Machtausübung (Gashebel!) seine eigene Macht auszuüben. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau, zwischen Vater und Kind (= unser bewußtes Leben) ist immer schon getragen von Grundentscheidungen, es steht fest als Liebe zum Vater, zur Frau usw. Aber das Verhältnis von Macht Gottes und Macht des Menschen ist schwer zu bestimmen: Entweder ist Macht immer Macht Gottes, dann ist der Mensch „Brunnenröhre“ und nie schuldig - oder Macht ist wirklich Macht des Menschen, dann gibt es keinen Gott und auch keine Schuld.

 

Macht und Machtmittel.

Unser moderner Sprachgebrauch setzt Macht gleich mit „Machtmittel“. Man sagt: Die Großmächte haben große Macht, weil sie Machtmittel größten Ausmaßes besitzen. Macht wäre danach also identisch mit dem Gashebel - und nicht mit der Person, die den Gashebel drückt.

Die positive, auf den Menschen bezogene Definition der Macht lautet: „Macht ist Möglichkeit zu verfügen.“

 

Der Zweck heiligt die Mittel

Vier Männer, die einen Zweck verfolgten:

Tschingis Khan:      Einheit und Friede, Eroberung Pekings

Alexander der Große: Eroberung, Friede zwischen den Kulturen

Augustus:                 Friede durch Festigung des Weltreichs

Adolf Hitler:              Einheit im Volk, Friede in Europa, Weltherrschaft.

Alle haben sie einen Ehrgeiz, überall führt ihr Weg über Leichen, überall hat es Widerstandskämpfer gegeben. Bei Augustus bestand die Aufgabe, ein neu entstandenes Weltreich sinnvoll zu verwalten. Der Senat war aber dazu unfähig. Weil aber Augustus seine Aufgabe erfüllt hat, war man zum Schweigen verurteilt, denn er hatte Erfolg, wenn es auch durch rücksichtslose Ausrottung im Jahre 15 nCh keine Widerstandskämpfer mehr gab. Auch für Hitler lag die Aufgabe in der Luft, die Einheit Europas zu schaffen. Er ist dann allerdings zu schnell vorgegangen, hat Fehler über Fehler begangen und hat so seine Aufgabe nicht erfüllt, weil er sie aus dem Blick verloren hat; er wird heute verurteilt. Wenn er aber seinen Zweck erreicht hätte, wäre es sehr schwer gewesen, gegen ihn vorzugehen. Wenn die Aufgabe erfüllt ist, dann ist das wie ein helles Licht, das auf den Täter fällt, dann ist er kein Bösewicht gewesen?

Welche Einwände gibt es eigentlich gegen folgenden Satz: „Das Erfüllen einer geschichtlichen Aufgabe heiligt die Mittel!“ ? (Hier ist schon eingeschränkt, denn statt „Zweck“ steht „Erfüllen einer geschichtlichen Aufgabe“).  Der „Zweck“ heiligt die Mittel, nicht aber die Person. Obiger Satz gilt; aber wehe, wer sich darauf verläßt! Man gebraucht ihn nämlich gerne als Ausrede. Man kann ihn aber besonders nicht als Ausrede gebrauchen, wenn man noch am Anfang steht. Der Mensch muß sich klar sein: Ich bin schuldig! Wer ans Steuer will, muß wissen daß nichts ihn entschuldigt. Und besonders in Krisenzeiten gilt es, ganz real Politik zu treiben und nicht irgendwelche Hintertürchen zu suchen.

Man muß hier scharf unterscheiden zwischen Person, Mittel und Zweck. Die Person Wilhelm Tell entscheidet sich für das Mittel „Mord“ an Geßler (dem Vertreter einer familienfeindlichen Tyrannei) um des Zweckes willen „Erhaltung der Familie“. Die Frage nun ins Große übertragen heißt nun: Steht der Zweck „Frieden auf Erden“ höher als der Mord von Tausenden von Menschen? [In der Praxis kommt aber immer nur größeres Leid und größere Schuld heraus].

Für die Person gibt es keine Entschuldigung. Das Volk kann vielleicht verzeihen; aber wie ist es mit den anderen Völkern, wie mit den Toten, wie mit dem Richter über alle Taten? Nebukadnezar erfüllte die von Gott gestellt geschichtliche Aufgabe, die Juden zu vernichten. Aber damit ist er als Person noch lange nicht entschuldigt; das wird ausdrücklich betont.

Kann man die Aufgabe ablehnen?

Bewegungen wie Kosmopolitismus, Idealismus und Romantik kann man nicht verstehen, wenn man sich die politische Karte besieht, trotz Eisenbahn und industrieller Revolution. Hier lag eine historische Aufgabe. Es ist also genausogut Schuld, wenn man die Aufgabe nicht erfüllt.

Der Politiker von heute muß natürlich mehr Schuld auf sich laden als ein Straßenkehrer, denn er hat einen größeren Bereich. Weil er aber nichts weiß von Vergebung, will er die Schuld abschieben auf das Parlament, die Ausschüsse usw. Aber die hohe Stellung als Politiker will er natürlich genießen. Der höher im Rang stehende hat mehr Schuld. Aber die Gnade ist ja nicht abhängig von der Höhe der Schuld. Das ist gemeint mit: „Im jüngsten Gericht sind alle gleich!“

 

Beherrschen uns die Dinge?

Verfügen nicht die Dinge über den Menschen? Ist nicht der Mensch, von den Maßstäben der Dinge aus gesehen, eine Fehlkonstruktion? Üben heute nicht die Dinge allein Macht aus über den Menschen (zu Ende gedacht in George Orwells „1984“)? Im Bewußtsein des Menschen mag wohl die These von seiner Verfügungsgewalt über die Dinge vorhanden sein, er mag sie hundertmal am Tage aussprechen, und dennoch kann er nicht, ohne es zu wissen, doch den Dingen verfallen sein.

 

Zur Machtausübung gehört Freiheit.

Die Möglichkeit zu verfügen, setzt Freiheit voraus. Sind aber dann die Dinge gleichsam mythische Wesen, etwa Götter, die in Freiheit handeln können? Offensichtlich nicht. Vielmehr ist die Macht, die die Dinge über den Menschen ausüben, delegierte Macht, vom Menschen den Dingen gegebene Macht (dann handelt also der Mensch wie Gott!). Die Dinge sind also Brunnenröhre, sie sind unschuldiges Medium der Macht

 

Will der Mensch die Schuld abwälzen?

Der Mensch delegiert, gibt Macht weiter an die Dinge, die die Macht nicht verantworten können. Der Mensch zieht die Dinge aber ständig zur Verantwortung und sagt: „Die Dinge sind schuldig!“So delegiert der Mensch Macht, weil er unschuldig werden will. Die Mythisierung der Dinge - Macht der Technik usw. - ist also der raffinierteste Versuch des Menschen, das Problem der Probleme - die Frage der Schuld - auf die einfachste Weise zu lösen.

Die Frage des Menschen ist nicht zu lösen dadurch daß man die Dinge verschiebt (Marx), aber ebensowenig dadurch, daß man den Menschen von den Dingen ablöst und sich nur um die Seele kümmert, weil da die Entscheidung falle. Die Entscheidung fällt im Verhältnis des Menschen zu den Dingen, in der Übernahme des Schuldcharakters durch die Dinge. Daß es überhaupt Dinge gibt und der Mensch immer neue Dinge neu schaffen muß, ist geradezu eine Offenbarung seiner Schuld, ein Beweis seiner Schuld. Aber ohne des Menschen Schuld gäbe es keine Dinge, also keine Kultur, keine Technik.

 

Der Mensch hat nur vorletzte Macht.     

Außer Gott hat keine „Macht“ irgendwelche Gewalt über das Zentrum des Menschen. Nicht einmal der Mensch kann über seine eigne Mitte verfügen, wieviel weniger kann er es da bei einem anderen Menschen! Der Mensch kann letztlich nicht über den Menschen herrschen. Man kann deshalb auch einen Menschen nicht zum Glauben bringen, nicht einmal der Mensch Jesus Christus konnte das (siehe NT). Aber auch deshalb wird das Experiment von 1984 fehlschlagen, es ist nur Utopie und wird nie Wirklichkeit.

Alle Macht ist Gottes Macht. Die Macht, die der Mensch ausübt, ist darum immer nur vorletzte Macht, die über alles vorletzte verfügen kann, nur nicht über das Letzte: das Herz. Wenn Gott also wirklich dem Menschen Macht delegiert, dann immer nur diese vorletzte; die letzte behält er sich selbst vor.

Gott kann jedoch nach seinem Willen identisch werden mit dem Herzen des Menschen und mit dem Tun des Menschen, sich identifizieren; davon zeugen die Wunder (Petrus und der Lahme, Moses und das Rote Meer). Zu dieser Mitte des Menschen kann kein Mensch vordringen. Das ist die ungeheure Macht des Menschen!

 

Die vorletzte Macht in der Praxis.

Vorletzte Macht herrscht über Willen, Denken, Unterbewußtsein (Werbung), Körper. Sie ist die staatliche Macht, aber immer nur als übergebene Macht. Sie ist auch nicht voll identisch mit der Macht Gottes, bzw. die Macht Gottes ist nicht voll identisch mit der vorletzten Macht. Deshalb ist die Geschichte, ist der Krieg, auch nur vorletzte Macht. Von der Verfügungsgewalt Gottes über das Herz kann man aber auch Gott nicht beweisen, denn auch das Böse kommt von dort.

 

Gott in mir.

Gott ist nicht identisch mit dem Herzen des Menschen, denn das wäre satanisch, das wäre Auflösung des Menschen in Gott oder Gottes in den Menschen. Auflösung aber ist Sache des Nichts. Hier ist nicht von Identität, sondern von personaler Gemeinschaft zu reden: Gott in mir und ich in Gott (Johannes 14,11). Das besagt: Die unendliche, unbegrenzte Tiefendimension wird erfüllt von Gott (Joh.14,10): Gott in mir. Wiederum aber hat diese Person ihre Wohnung in Gott (Wohnung = Stätte, siehe Vers 1ff).

Der Vollzug dieses „Ich in ihm und er in mir“ ist nur drei-personal möglich. Es geschieht per spiritum sanctum, im Heiligen Geist. Durch ihn ist es möglich, Jesus Christus zu lieben. Durch diesen ist es möglich, zum Vater zu kommen und von dort zum Mitmenschen. Darum ist denn der Gott, den die Kirche verkündet, im Unterschied zu allen Göttern anderer Religionen, der eine unteilbare Gott in dreipersonaler Gemeinschaft. Der Gott der Kirche ist Gemeinschaft.

 

Das große Geheimnis.

All diese Gedanken hören sich an, als seien sie gänzlich jedem Verstehen, jedem vernünftigen Verstehen, unzugänglich und verschlossen. Das ist richtig, denn es ist ein Mysterium, ein Geheimnis, das Geheimnis aller Geheimnisse, das Geheimnis Gottes. Aber die Vernunft wird sich daran immer die Zähne ausbeißen, denn der eigentliche Zugang zum Geheimnis ist der Glaube an Jesus: Im Gehen mit Jesus - der der Weg ist - offenbart sich das Geheimnis; aber immer so, daß unser Nachdenken des Geheimnisses lächerliches Stückwerk ist, und daß

unser Nachdenken einmündet in den Lobpreis dieses Gottes( Römer 11,33ff).

Jesus ist schuldlos, ist der eine Mensch ohne Sünde. Aber diese Schuldlosigkeit ist nicht zu beweisen. Für uns kommt es darauf an, in diese dreipersonale Gemeinschaft hineinzukommen. Das geschieht im Glauben.

 

Die Freiheit des Menschen.

Eigentlich verfügt noch nicht einmal Gott über das Herz des Menschen, denn dadurch würde er den Menschen doch zur Marionette, zur Brunnenröhre machen. Gott achtet aber die Freiheit und das Herz des Menschen, er tastet das Herz nicht an, weil es die letzte Freiheit des Menschen ist.         Man muß zwei Satzreihen nebeneinander betrachten:

1.) Der Mensch ist frei geschaffen! Gott will, daß der Mensch frei eintritt in seine Gemeinschaft, echt glaubt liebt, vom Herzen her. Darum kann nur der Mensch sagen: „Ich glaube.“ Hier ist der Mensch unvertretbar, weder von Gott noch von einem Menschen vertretbar. So sehr schätzt Gott die Freiheit des Menschen. Er will, daß der Mensch ihn „von Herzen“  liebt. Das ist letztlich Geheimnis.

2.) Nur Gott( das ist seine letzte Macht) kann das menschliche Herz befreien aus der Macht der Sünde, unter die der Mensch geraten ist. Er allein kann die Verknotung „Sünde-Herz“ lösen und also freistellen.

 

Die Gesetzmäßigkeit bei der Macht.

Der Satz: „Wer die Macht ergreift, untersteht ihr!“ ist eigentlich keine Definition der Macht, sondern zeigt nur ein Gesetz auf, das für die Ausübung der Macht besteht (dargestellt an „Macbeth“). Man würde auch besser sagen: „Was der Mensch als Macht ergreift, dem untersteht er!“

 

Kann man  durch eine Machtergreifung frei werden?

Wenn man sagt: „Nur der Freie hat die Möglichkeit, zu verfügen, über den Unfreien wird verfügt!“dann ist es unmöglich, daß man durch die Ergreifung der Macht frei wird, so daß man gerade dann, wenn man dieser Macht untersteht, erst frei ist. Ist aber Macht wesentlich Macht der dreipersonalen Liebe, dann wird der Mensch frei und bleibt frei. Wer die Liebe ergreift, untersteht ihr und ist so frei. Wer Gott, wer die Wahrheit ergreift, untersteht ihr, untersteht IHM, und bleibt so frei; er hat so die Möglichkeit, über die ganze Wirklichkeit zu verfügen und diese Verfügung zu verantworten.

 

Schuld:

Verschlossenheit bedeutet immer den Versuch, auf keinen Fall schuldig zu werden. Das ist schon an sich eine Utopie. Wer aber verschlossen ist, muß seine Stellung in der Wirklichkeit und zur Wirklichkeit immer wieder verteidigen. Wer jedoch offen ist, der kann seine ganzen Pläne zu jeder Zeit wieder umstürzen lassen.

Der Mensch ist jedoch aufgefordert, vorletzte Dinge zu tun (und also vor dem Abitur zu lernen) ‚ muß aber dabei immer offen bleiben, er darf nicht auf irgendeine unbestimmte Hilfe hoffen (wenn er faul war)‚ muß aber die Grundentscheidung gefällt haben, offen bleiben zu wollen. Die Einzelheiten kommen dann mit hinein; diese zusätzlichen Dinge im Bereich der Wirklichkeit sind aber nicht eine Ergänzung des Offenseins, sondern sie sind ein Teil des Betens, Wartens, Suchens, Hoffens.

 

Die Aufforderung der Bibel.

„Und wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen ,der wird‘s hundertfältig nahmen und das ewige Leben ererben“ (Matth.19,29). „So jemand zu mir kommt und hasset nicht Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein“ (Luk.14,26). Dieses Verlassen der Wirklichkeit kann bis zum Haß der Wirklichkeit gehen.

 

Die Wissenschaft.

So haben Tausende von Menschen die Wirklichkeit verlassen oder auch gehaßt und sind auf die Suche der Wahrheit gegangen, von Sokrates angefangen über die Mönche bis zu den Forschern der letzten 400 Jahre. Manche haben die Wahrheit gefunden, manche nicht. Nicht gefunden haben sie die Forscher der letzten 400 Jahre, denn sie suchten nicht Wirklichkeit, sondern die absolute Wahrheit, obwohl sie nur die unendliche Fülle der Wirklichkeit finden können. Manche Forscher sind auch heute noch der Meinung, Wahrheit finden zu können, die modernen Naturwissenschaftler haben diesen Anspruch zu einem großen Teil wieder aufgegeben.

 

Die Wirklichkeit als Spielfeld  Gottes.

Gott ist im Menschen, der Mensch ist in Gott, die Macht ist im Menschen. Dann ist also die Wirklichkeit das Spielfeld Gottes mit dem Menschen. Natürlich bestehen nun auch bestimmte Spielregeln; die sind aber schon wieder unwichtig, denn es besteht  ja eine Übereinstimmung zwischen Gott und Mensch, ihre Spielregeln sind dieselben (Freiheit als Gehorsam). Und für „Spielfeld“ kann man nun sagen: die Wirklichkeit als Feld freier Verfügung Gottes mit dem Menschen und damit auch als Feld freier Verfügung für den Menschen.

 

Das Arbeiten ist Teil der Wirklichkeit.

Es ist nun eine Selbstverständlichkeit, daß eine Lateinarbeit, daß das Abitur gründlich vorbereitet wird - denn die Wirklichkeit ist ja Spielfeld, das Spielfeld, in dem der Offene in der Wahrheit ja verbleibt. Aber weder die Arbeit, noch das Abitur bestätigen den Offenen als Menschen, höchstens als Fleißigen oder Faulen. Er wird als der bestätigt, der er in Wirklichkeit ist. Aber damit ist nichts darüber ausgesagt, ob er in der Wahrheit ist oder in der Lüge.

Der  Mensch muß schuldig werden.

In einem Dilemmafall ist es klar, daß der Mensch schuldig werden muß. Die Gestapo stellt vor die Entscheidung: Entweder du erschießt deinen Vater oder wir erschießen deine Schwestern. Damit will sie den Menschen nicht nur in seiner Existenz bedrohen, sondern auch vernichten.

Aber wer in der Wahrheit ist, murmelt sein: „Herr erbarme dich!“ und überlegt nüchtern und gelassen, wer leben bleiben soll. Eines steht fest: Schuldig werden muß er in jedem Fall. Aber er übernimmt nur Verantwortung über die Wirklichkeit der vor ihm stehenden Menschen. Ihm sind sie in die Hand gegeben in ihrer Wirklichkeit - niemals in ihrer Wahrheit, denn der Körper ist immer nur Wirklichkeit.

Er entscheidet nun gegen den Vater und für die Schwestern und erschießt ihn mit den Worten: „Herr, vergib den Gestapoleuten, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Er wird schuldig am irdischen Leben des Vaters. Es ist durchaus möglich, daß ihm das die eigenen Schwestern und andere Leute sein Leben lang vorwerfen.

In dem Augenblick, da die Tat getan ist und genau dann fängt ja erst die Schuld an, gegen den Täter wirksam zu werden als Anklage. In diesem Augenblick gibt sich aber der Mensch ganz Gott hin, genau dann, wenn die Anklage beginnen soll, geschieht das Sich-finden des Menschen in Gott und Gottes in der Wirklichkeit. „Herr, erbarme dich meiner!“ heißt es, und es kommt das Lamm, das der Welt Sünde trägt und trägt die Schuld am Mord des Vaters hinweg: Seliger Austausch, wie Hieronymus sagt am Ende seines Gespräches mit dem Kindlein Jesus in der Krippe: „Ich dachte, du wolltest was Gutes haben, du aber willst alles, was bei mir böse ist, haben (Sünde, böses Gewissen und Verdammnis). Nimm hin, was mein ist, gib mir, was dein ist, so bin ich der Sünde los und des ewigen Lebens gewiß!“

Der Mensch wird schuldig, wenn er das Spielfeld der Wirklichkeit betritt, aber ehe die Schuld noch wirksam werden kann (und immer wieder, wenn sie wirksam werden will) tritt Jesus, die Wahrheit, herbei und trägt die Schuld hinweg.

Natürlich ist diese Lage als solche grauenhaft und es läßt sich schneller darüber reden, als darin handeln. Aber man muß wissen, was los ist im Feld der Wirklichkeit, denn im dritten Reich sind Tausende in diesen Situationen zerbrochen, weil sie die Wahrheit nicht kannten.  Eine solche Entscheidung geschieht auch nicht aus Herzlosigkeit und mit Gefühlskälte, sondern es ist eine Entscheidung in Liebe.

 

Arbeit und Spiel.

Das Suchen‚ Forschen, Fragen ist Arbeit, ist ernsteste Arbeit, denn hier geht es um das Letzte überhaupt, um die Wahrheit. Hier gilt es, es sich etwas kosten zu lassen an Opfern und Entbehrungen. Dem entspricht die Aussage der Wahrheit: Mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und Mühe mit deinen Missetaten und die Wahrheit hat es sich etwas kosten lassen, nämlich das Eintauchen und Untertauchen unter die Wirklichkeit, denn Christus ist am Kreuz gestorben.

Aber wo das Sich-Finden geschieht, das Offensein, das In-der-Wahrheit-Sein, da geht es im letzten nicht mehr um Arbeit, weil es ja nicht mehr um Letztes geht, sondern um Spiel. Das Spielfeld ist die Wirklichkeit, auf dem der Offene spielt und von der Wahrheit mit sich spielen läßt (siehe die Geschichte mit der Gestapo: Da tritt das Mitsichspielenlassen ein und der oben geschilderte Mensch spielt mit und spielt es gut). Auch das Fragen bekommt hier anderen, eben spielerischen Charakter, denn zur Wirklichkeit gehören auch die Begriffe, mit denen der Offene spielt und in immer neuen Begriffen immer dasselbe sagt, nämlich Wahrheit. Der Suchende steht unter der Notwendigkeit, die Wahrheit finden zu müssen, um überhaupt Mensch zu sein. Der Gefundene spielt frei.

 

Wahrheit:

Wie bleibt man in der Wahrheit?

Das In-der-Wahrheit-Bleiben versteht sich nicht von selbst. Der Mensch muß dazu in der ganzen Wirklichkeit bleiben, zu der besonders Altes Testament, Neues Testament und Kirche gehören, wenn sie auch einen Sondercharakter haben. Denn: Die anderen Verkörperungen der Wahrheit in der Wirklichkeit (Gashebel) sind aus sich stumm. Nur der offene Mensch bringt sie zum Reden. Das Offenbleiben kann durch den Gashebel nicht geschehen. Vielmehr taucht her die diabolische Verwechslung auf: der Mensch meint, die Wahrheit im Gashebel bestätigt ihn als Mensch; dabei ist es dann doch wieder die Wirklichkeit.

Nur in der dreifachen Wirklichkeit Altes Testament, Neues Testament, Kirche redet die Wahrheit und bestätigt den Menschen als Menschen in Gott: Dir sind Deine Sünden vergeben, gehe hin in Frieden. Und nur im Sakrament (Wasser, Wein, Brot) bleibt die Wahrheit als offenes Geheimnis für den Menschen da.

Nur im Abendmahl finden sich der Suchende und die Wahrheit als Suchender in der Wirklichkeit seines Leibes und seines Zusammenlebens mit anderen und als Wahrheit in der Wirklichkeit von Brot und Wein: Das ist wahres Sich-finden (Hochzeit) in der Wirklichkeit, seliger Wechsel, Austausch, wie Luther sagt. In der Wahrheit bleiben heißt darum schlicht: An der dem Menschen im Namen der Wahrheit vergebenden Autorität, am Wort und am Sakrament bleiben.

 

Das Suchen nach Wahrheit.

Ein Mensch macht sich auf die Suche nach der Wahrheit, er kann noch nicht glauben, will aber zum Glauben kommen. Weil es ihm aber nur um die Wahrheit geht, braucht er keine Bestätigung durch die vorletzte Wirklichkeit, die Wirklichkeit wird nun auch wirklich vorletzt, denn der Mensch wird gleichgültig gegenüber der Wirklichkeit. Das kann sich natürlich später rächen (Lateinarbeit), aber es heißt auch: „Suchet, so werdet ihr finden!“

Es besteht die Möglichkeit und sehr große Wahrscheinlichkeit, daß sich Wahrheit und Mensch finden, denn auch die Wahrheit sucht. Das Finden der Wahrheit ist so eigentlich und zutiefst ein Sich-finden (Die Bilder sind dann dafür: Braut und Bräutigam finden sich zur Hochzeit).Man kann also nicht den Anteil des Suchenden und den der Wahrheit auseinanderteilen.

Das Suchen aber ist anhebende Gemeinschaft mit der Wahrheit. Es erhält seine Kraft, in der es dieses ja oft genug zermürbende Suchen durchhält, durch die Wahrheit, die ja auch auf der Suche ist.

 

Das Finden der Wahrheit.

Der Mensch betet, wartet, fragt, sucht, er ist gleichgültig gegenüber der Wirklichkeit, er erhält seine Bestätigung von der Wahrheit, von Gott, er ist nur offen für Gott. Ist der Mensch aber in Gott (und hat also das Ziel erreicht), dann hat er auch wieder die Möglichkeit, der Wirklichkeit gegenüber offen zu sein. Wer offen war und ist für Gott, der ist auch nun offen für

die Wirklichkeit; wer in Gott ist, der ist offen für die Wirklichkeit (Das ist letztlich die Berechtigung für „Freiheit als Gehorsam“). Die Gott suchen, verlassen die Welt, so zum Beispiel die Mönche. Wer gefunden hat, geht in die Welt hinein, so wie es die evangelische Kirche zu tun bestrebt ist. Man darf aber auf der anderen Seite auch nicht sagen: „Ich muß in die Welt gehen, um behaupten zu können, ich habe Gott gefunden!“

 

Macht des Menschen über die Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit wird beherrscht von Gott. Gott ist aber im Menschen, falls dieser ihn gefunden hat. Der Mensch übt aber Macht aus. Also hat der Mensch auch Macht über die Wirklichkeit in der Wirklichkeit. So gilt also: Macht ist immer nur Macht Gottes. Der Mensch ist identisch mit dem Willen Gottes. Der Mensch hat Macht über die Wirklichkeit

Der Mensch kann verfügen über die Möglichkeiten der Wirklichkeit. Die Macht ist nun in ihm und nicht über ihm oder höher als er. So wird der Mensch also frei, weil er in Gott ist und Gott über sich verfügen läßt.

 

Gott als die Mitte der Wirklichkeit.

Aus dem bewußten Offenhalten für die Wahrheit wird so ein Offensein für die Wahrheit in der Wirklichkeit. Denn die Wahrheit ist auch in der Wirklichkeit, sie ist Mitte der Wirklichkeit.

Dann heißt es also: „So spricht der Herr: Wenn du auf den Gashebel drückst, so bin ICH da!“ In dieser einfachen Handlung erkennt der Mensch Gott, obwohl es aussieht, als übe er nur Macht über ein Ding aus. Man kann diesen Satz vielleicht ganz einfach verstehen als Auslegung des Wortes: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“Ich bin bei euch in der Wirklichkeit. So versteht es jedenfalls auch Paulus im Epheser- und im Kolosserbrief.

Eines steht nun jedoch fest: Die uns vertrauten Dinge mit denen wir täglich umgehen und die wir zu kennen meinten, werden uns plötzlich fremd durch dieses: „So bin ICH da!“ Und das alles sind doch Dinge, die wir selbst gemacht, hergestellt haben, deren Herstellungsprozeß wir bis ins Einzelne kennen oder jedenfalls kennenlernen können.

Die Wirklichkeit des Gashebels kennen wir also, aber wir kennen nicht die Wahrheit, denn die ist Gott. Erfaßbar ist er nie (siehe Korinther 13), aber man kann suchen. Das neue ist nun nur: Man kann Gott nicht nur in der Natur finden, sondern auch in der Technik - auch in der Atombombe. So ist Jesus auch durch die Technik bei uns „alle Tage bis an der Welt Ende!“

 

 

 

 

Der  totale Staat

 

 

Der totale Staat in der Bibel:

Die Bibel beschreibt'den totalen Staat in Offenbarung 13. Der totale Staat damals war das römische Weltreich; deshalb kommt auch das Tier von Westen aus dem Meer und aus der „Tiefe“, die das Symbol für Rom ist). Das Tier hat Hörner und Kronen, es kann Wunder tun usw. Es bedient sich also göttlicher Symbole und göttlicher Macht. Es verbrämt sich religiös und verlangt, daß man an es glaubt und es anbetet.

Auch das zweite Tier ist nur sein Beauftragter (Vers 11), nun aber in Gestalt des Lammes, also sehr religiös gefärbt und ganz ungefährlich aussehend. Es redet jedoch einschmeichelnd und treibt Propaganda.

In der Ausübung der Macht ist dieses Tier bestialisch (Tiersymbole), es sucht aber eine Rechtfertigung durch die Justiz und gibt sich einen Schein des Rechts. Jedoch nur, wer sich im ganz hingibt (Vers 17), wer die Weltanschauung des Tiers annimmt und das Malzeichen des Tiers erhält, kann noch kaufen und verkaufen, kann überhaupt noch leben in diesem Staat.

 

Der totalitäre Staat

Der totalitäre Staat macht die wilden, chaotischen Kräfte und Triebe frei, lenkt sie aber nun auf Ziele, die seinem Vernichtungsdrang genehm sind. Unter Ausnutzung des im Menschen angelegten Machttriebs, der sich hier ungehindert entfalten darf, läßt sich der Staat vergötzen, er wird zum Ersatzgott und seine Politik zu einer Ersatzreligion.

Damit aber hat sich der Nihilismus des Souveränitätsbegriffes bemächtigt („Wer kann, der darf!“).Der totalitäre Staat ist antihuman bis ins Letzte. Der totalitäre Mensch aber ist ein Mensch ohne metaphysische Angst, nur überzeugt von der absoluten Unfehlbarkeit der Partei,i hres Willens und Urteils, er ist ohne Ahnungen und Skrupel, er würde sein Leben ohne Zögern der „Geschichte“ opfern.

Die Staatsideologie ist zwar nur ein Produkt unausgereifter  Überlegung, ein halbfertiges Gedankensystem, das mit Schlagwörtern und Vereinfachungen arbeitet, aber sie erhebt den Anspruch auf Absolutheit und ist gerade deshalb bei der Masse beliebt, weil diese ja nach einem „geschlossenen“ Weltbild sucht. Aber unter dem Deckmantel dieser Ideologie vollzieht sich die Vernichtung des Menschen und des Menschlichen.

Aber auch die „Intellektuellen“ verfallen dem Opium der Weltanschauung, weil sie an bevorzugter Stelle am „Tun“ (= in der Praxis, die den Intellektuellen doch so fehlt und nach der sie sich sehnen) teilhaben dürfen, sie sind Experten und politische Funktionäre zugleich, die Schriftsteller werden zu „Ingenieuren der Seele“.

Das Recht (Naturrecht und positives Recht) wird in eine „Bedarfsposition“ hineingedrängt. Vollzugsorgan ist die Geheimpolizei, die den „objektiven Gegner“ zu vernichten hat. Zwar ist sie kein Staat im Staat,weil sie an Weisungen gebunden ist, aber sie hat doch Macht, weil sie zuerst von den Liquidierungsabsichten erfähr. Durch sie werden auch Märtyrer abgeschafft, denn „bei Nacht und Nebel“ wird die „Endlösung“ gefunden, entweder im Lager oder durch bürokratischen Terror. Sie bringt es auch fertig, den Menschen unter Wissenschaftlich exakten Bedingungen in eine Sache zu verwandeln, mit der man tun und lassen kann, was man will.

Auch die Verwaltung nimmt die Form des „Apparats“ an, der bald hierhin, bald dorthin gestellt werden kannn, ein leeres Gehäuse. Der Einzelne ist nur Posten in der Statistik, Antragsteller, Nummer, man weiß von ihm nur, was auf Personalbogen und Karteikarte steht. Schließlich wird sich der Apparat sogar zum Selbstzweck, die Gesellschaft ist ihm nur Objekt für seine Gesetze usw.‚ die unermüdlich und angeblich zwangsläufig ausgestoßen werden.

Im legislativen Wirrwarrr kann man dann der Bürokratie nur noch entgegentreten im Rahmen einer Organisation oder eines Interessenverbandes, der dann immer mehr zum Staat im Staat wird (Theodor Eschenburg).

Schließlich trennt der Beamte Volk und Regierune ganz, aber er wird immer nötiger, um das Chaos zu verhüten. Allerdings ist aber gerade der Beamte fähig, gegen Befehle von Oben Widerstand zu leisten. Die Manager (denen die Planung nach den Gesischtspunkten der Zweckmäßigkeit unterliegt) müssen sich dagegen nicht unbedingt zum „Regime der Manager“ entwickeln, sie können noch kontrolliert werden.

 

Kommunismus

a) Wenn es im Marxismus-Leninismus den Begriff des totalen Staates als festes Endziel nicht gibt, so aber als Übergangsphase in diktatorischer Intensivierung (mit dem christlichen Verständnis jedoch gemeinsam die Ansicht von der Vergänglichkeit des Staates). Der Staat ist hier eine Organisation von den zu Klasseninteressen sich verdichtenden Privatinteressen, um die Herrschaft einer Klasse über die andere aufrecht zu erhalten. Ziel der Geschichte ist die Überwindung der Gegensätze und damit das Erlöschen der Funktion des Staates in einer klassenlosen Gesellschaft, indem die Thesis der Staatsdiktatur die Antithesis der Unstaatlichkeit hervorruft.

Der bolschewistische Staat ist ein Weltanschauungsstaat, der alle Lebensgebiete in sich zu vereinigen sucht, also auch den Menschen. Er ist kein Organismus, sondern ein Mechanismus, und damit ein Angriff auf die von Gott gesetzte Freiheit und Ebenbildlichkeit des Menschen. Er umkleidet sich zwar religiös, muß aber danach seinem Wesen nach atheistisch sein. Wenn zum Beispiel die Klassengegensätze als „Motor“der Geschichte beseitigt sind, dann wird auch die Ideologie nicht mehr von der Gesellschaft abhängig sein, sondern Ideologie und Gesellschaft werden sich gegenseitig dialektisch fördern und so die Geschichte nun vorantreiben. Es treten dabei qualitative Sprünge auf, um dieses „Perpetuum mobile“ in Gang zu halten (Der Christ wird fragen:  Wer aber ermöglicht diese „Sprünge“? und er wird antowrten:  Die Stoßkraft kommt von „oben“, von Gott).

Durch den Versuch, die innerweltlichen Erscheinungen auf allen Lebensgebieten unter einem Gesichtspunkt zu vereinigen, ist der totale Staat ein Weltanschauungsstaat, in dem es keine staatsfreien Bezirke mehr gibt. Durch die damit verbundene totale Beanspruchung des Menschen ist der Staat nicht mehr ein Organismus gemeinschaftlich aufeinander bezogener Menschen, sondern ein Mechanismus kollektiv gleichgeschalteter Glieder, der sich an der Gottesebenbildlichkeit des Menschen vergreift und deshalb atheistisch ist, auch wenn er eine Gottesidee als Form metaphysischer Selbstbestätigung aufrechthält (Nationalsozialismus).

Der totale Staat erhebt Anspruch auf eine eigenmächtige Sinngebung der Welt, indem die in ihm wirksame menschliche Vernunft ihre Aufgabe selbst stellt. Die Lehrmeinungen des totalen Staates werden Ideologien genannt, weil sie nach der materialistischen Auffassung als Bewußtseinsformen des gesellschaftlichen Lebensprozesses nur reflektierte Spiegelbilder des materiellen Grundgeschehens sind und sich selbst relativieren.

Das einseitige Abhängigkeitsverhältnis von dem materiellen Unterbau und dem  ideololo­gischen Oberbau verwandelt sich im Blick auf den klassenlosen Endzustand allmählich in ein wechselseitiges Hin und Her, wobei der anfangs in reiner Abhängigkeit vom Unterbau gestanden habende Überbau durch die in seinem Bereiche festgelegten Werte und sich abspielenden Vorgänge eine eigene Mächtigkeit erhält.

Konzentrierter Ausgangspunkt aller nun „von oben“ erfolgenden Impulse war zum Beispiel der Sowjetstaat als offizieller Repräsentant der klassenlosen Gesellschaft und seiner bolschewistischen Doktrin, die als ursprünglicher Reflex des gesellschaftlichen Zustandes langsam selbst eine Aufgabe an diesem Zustand erhält. Damit erklärt der Marxismus-Leninismus seine Doktrin als eine Ideologie, deren Zurückwirkung als Reflex des gesellschaftlichen Entwicklungsfortschrittes kein Fortschritt einer Erkenntnis (nur vom Ziel her gesehen).

Um dem Vorwurf der eigenen Relativierung zu entgehen, schafft man aus der Antinomie einer neutralen, allgemeingültigen Objektivität und einer geforderten dynamischen Zielsetzung eine Synthese, indem das Postulat der klassenlosen Gesellschaft rückwirkend als Mittel zur Ermöglichung der Objektivität benutzt (nur bei einer solchen „Vorwegnahme“ stimmt das System) und damit als Produkt eines objektiven Denkens ausgelegt wird.

Ideologien sind nicht einer über den Menschen verfügenden Wahrheit verantwortlich, sondern nur dem Zweck, dem sie dienen. Infolge ihres Absolutheitsanspruches haben sie den Willen zur Macht zu legitimieren und sich dieser Macht zur Selbsterhaltung zu bedienen.

In dieses Machtstreben ist Wissenschaft und Recht als Mittel zum Zweck eingespannt. Die Wissenschaft soll die Natur nicht in erster Linie entdecken, sondern verändern und sie zur nachträglichen Legitimierung der Ideologie verwenden, zum Beispiel durch die infolge der Lebensedingungsregulierung erfolgende Beeinflussung der Vererbungseigenschaften bei Pflanzen und Tieren soll die Biologie beweisen, daß der Mensch als Produkt des gesellschaftlichen Milieus durch Umweltseinflüsse geformt wird.

Das Recht in seiner pragmatischen Ausrichtung soll im Zeremoniell einer ordentlichen Rechts­sprechung als moralisches Mittel zum Schuldbekenntnis der Opposition führen, denn diese ist nicht eine feindliche Front, sondern nur eine Gruppe innerhalb der einen Sache, wobei die eine ihrer beiden Seelen durch die Anklage ständig zermürbend gestört wird. Weil bei einem Interessendisput jede Gruppe auf die Einheit der Partei als einzige Machtgarantie bestehen muß, kommt es zur Kapitulation des Unterlegenen („Ihr wollte doch dasselbe wir wir!

Was stellt ihr euch da in dieser Frage gegen uns?“).

 

Der Marxismus-Leninismus betrachtet auch das Christentum unter pragmatischen Gesichtspunkten. Es ist sein Gegner, denn er sagt:     

(1) Das Christentum ist eine Ideologie veralteter Gesellschaftsverhältnisse, es hemmt die Entwicklung und den Fortschritt

(2) Das Christentum ist der Feind des Marxismus-Leninismus, weil jeder Christ einen anderen Absolutheitsanspruch anerkennt.

Es geht dem Kommunisten nicht um eine Überredung oder das Hinüberziehen zu seiner Überzeugung, sondern um eine Überrumpelung und Ausschaltung des Gegners, um einen Kampf auf Leben und Tod gegen einen funktional-dynamischen Vertreter der Gegenmacht (nicht um den Menschen, der diese Macht vertritt; nur weil er das tut, ist er Gegner).

Für den Kommunisten ist ja auch der Mensch keine Persönlichkeit mit freier Entscheidungsgewalt. Deshalb kann man als „Abendländer“ der östlichen Ideologie auch nicht mit einer christlichen „Ideologie“ begegnen (das macht man aber häufig, indem man Kommunismus und Christentum entgegenstellt), sondern man kann dem Kommunisms nur gegenübertreten als Zeuge Jesu Christi, denn dann steht man im Kraftfeld Gottes und ist unüberwindlich.

 

 

Zur Überwindung des Nationalsozialismus und des Antisemitismus:

Welche Vorstellungen kursieren heutzutage bei dem Durchschnittsbürger über das Geschehen zwischen 1933 und 1945 in Deutschland? Wie stellt man sich heute zur Frage der Juden? Man klagt so viel über die Unkennt nis der Jugend,aber wie ist es denn mit den Erwachsenen bestellt?

Da kann man zum Beispiel hören: „Was glaubt ihr denn, mit wessen Geld die großen Geschäftshäuser in Frankfurt gebaut worden sind? Da steckt doch ganz sicher wieder jüdisches Kapital dahinter!“ Und wenn es so wäre, warum sollten sich die Juden nicht an unseren Geschäften beteiligen? Sind sie denn immer noch eine „minderwertige Rasse“? Sie sind doch Menschen, die genauso wie wir ihr Geld anlegen dürfen. Und schließlich waren es ja die „Christen“, die sie im Mittelalter zwangen, Kaufleute zu werden.

Und da kann man hören: „Ich verstehe nicht, warum man da so ein Aufhebens macht um das Judenmädchen Anne Frank. Sie war doch nicht die einzige, die unter dem Nationalsozialismus zu leiden hatte. Vielen Deutschen ist es doch genauso oder noch schlimmer ergangen!“ Dabei verkennt man jedoch ganz die Absicht der Leute, die dieses Tagebuch herausgaben. Es geht nicht darum, den Märtyrergang der jüdischen Rasse in einem Dokument festzuhalten. Es ist überhaupt nur ein Zufall, daß es eine junge Jüdin war, die sich hingesetzt hat, um ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Es ging ihr vielleicht gar nicht darum, dieses Dokument der Nachwelt zu hinterlassen.

Es handelt sich vielmehr um ein Dokument allgemein menschliche Leidens (vielleicht auch unter anderen Systemen. Es kommt nicht darauf an, daß es ein „Judenmädchen“ war, sondern daß es ein Mensch war, der hier litt. Und dann ist es gleichgültig, wenn dieses Werk „vom literarischen Standpunkt gesehen“ ein minderwertiges Machwerk ist, eine „Rassenschnulze“, wie ein Studienrat in Lübeck meinte. Es ist schade um den, der den feinen Ton des Leids und der Hoffnung nicht empfinden kann.

Aber da stellt sich ein Landrat bei der Einweihung eines Mahnmals für die Opfer des Krieges hin und sagt: „Durch dieses Mahnmal sollen aber nicht nur wir gemahnt werden, sondern auch die anderen, denn auch die anderen haben viel Unrecht begangen!“ So können wir es nie anders und besser machen, so wird es bald wieder zu Geschichtsfälschungen kommen, dann glauben wir am Ende auch wirklich noch, daß das  „System daran schuld war“,  wie jener Landrat sagte. Man beginnt schon wieder zu vergessen, daß es ganz eindeutig ein Überfall Hitlerdeutschlands war, der 1939 gegen Polen erfolgte. Nicht Deutschland und Rußland haben Polen überfallen, sondern nur Deutschland (auch wenn Bundeskanzler Adenauer durch diese Theorie die Polen gegen die Russen ausspielen will). Deshalb sind wir alle schuld daran, denn wir haben es zugelassen. Man kann keinen verurteilen, der damals auch für Hitler gestimmt hat. Aber er soll so seine Schuld wenigstens eingestehen, denn nur so kann man sie vielleicht überwinden.

Aber in einem Leserbrief an die Wochenzeitschrift „Neue Politik“ schreibt ein gewisser Herr H. Otto aus Hamburg-Wandsbek: „Wir sollen es den anderen überlassen, vor ihrer eigenen Tür zu kehren. Ja, kehren sie denn? Wird den bei den anderen nicht immer noch mit Genugtuung verzeichnet, daß wir kollektiv Asche auf unser Haupt streuen und die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg betrauern? Wir sollten uns über die Fehler unseres Nationalcharakters und über das Versagen unserer Politik, die zu der deutschen Mitschuld führten, klar werden und aus ihnen lernen. Aber wir sollten uns doch energisch dagegen zur Wehr setzen, daß uns die Alleinschuld angelastet wird; eine solche These kann einer ernsthaften Geschichtsbeurteilung nicht standhalten!“

Man hört hier immer nur: „die anderen“. Dabei haben wir es durchaus nötig, „kollektiv Asche auf unser Haupt zu streuen“, denn erst durchunseren Überfall wurden viele Schandtaten der anderen bewirkt. Aber damit fertig zu werden ist ihre Sache, und wenn sie über uns frohlocken, dann laden sie vielleicht noch mehr Schuld auf sich. Aber das entbindet uns nicht von der Verantwortug. Wir müssen mit unserer unbewältigten Schuld ins Reine zu komme.versuchen.

 

Kollektivschuld: Schuld kann man angeblich immer nur einem Individuum zuordnen, das die Tat getan hat oder sie bejahte, jeder, der für Hitler stimmte, obwohl man umdie Zustände in den Konzentrationslagern und gewisse andere Hintergründe wußte. Wer jedoch geschwiegen hat, ist nach Meinung der Erwachsenen ohne Schuld (ist ja auch so bequem!). Wir sollen uns als Individuum entdecken, denn nur so ist überhaupt Demokratie möglich.

Man erkennt vielleicht auch noch an, daß wir für die Taten an den Juden haften(!), daß wir sie materiell (!) wiedergutmachen müssen. Natürlich muß alles irgendwie in Geld umgerechnet werden, anders ist die Schuld nicht abzugelten. Aber durch Geld wird angeblich a 1 1 e  (!) Schuld abgegolten, es ist dann nicht mehr nötig, daß auch noch die „Kollektivschuld“ hinzukommt, um die Wiedergutmachung „wertvoller“ zu machen.

Natürlich kann man eine Wiedergutmachung nicht „wertvoller“ mache. Im Grunde gibt es ja überhaupt keine Wiedergutmachung, denn ein Mord ist nicht mehr wiedergutzumachen, denn der Mensch ist tot. Daß wir seinen Angehörigen und Nachkommen finanziell helfen, um wenigstens das Unheil nicht noch größer werden zu lassen, das ist unsere ganz einfache Menschenpflicht und nur eine kleine, teilweise, äußerliche Wiedergutmachung.

Natürlich sollen wir keine „kollektiven Schuldgefühle“!) haben. Gefühle nützen nichts, und sie können zur Mode werden, wenn man nämlich die Scham zur Vorschrift macht, wenn man sich an die Brust schlägt und sagt: „Was bin ich doch für ein guter Mensch, daß ich allen Juden gegenüber Schuldgefühle habe und nun wieder gut Freund mit ihnen bin!“

Die Juden wollen gar nicht, daß wir ihnen mit Gefühlen entgegentreten und sie so in den Himmel heben, als seien sie keine minderwertige Rasse - wie man es früher behauptet hat - sondern eine zu Unrecht verfolgte (die vielleicht sogar besser ist), die man nun besonders gut schützen muß; die Juden wollen nichts anderes sein als andere Menschen auch. Überschwengliche Gefühle ihnen gegenüber sind nicht angebracht, praktische Hilfe mit voller Bewußtseinsklarheit ist nötig.

Es ist selbstverständlich, daß wir uns den Juden gegenüber als wahrhafte Demokraten verhalten. Und wir müssen das sein im Bewußtsein (!) unserer Schuld: Wir müssen zugeben, daß damals Unrecht geschehen ist, damit wir gleiche Taten nicht noch einmal gut heißen. Deshalb müssen wir immer im Bewußtsein dieses Unrechts leben und uns eine entsprechende Geschichtskenntnis aneignen.

Die „Gefühle“ sollen also auf die positive Seite gewendet werden, wir sollen der „nicht-offiziellen“ Meinung in Deutschland und den Beschönigungen, die immer noch zu hören sind, bewußt und offen entgegentreten. Das können wir aber nur, wenn wir über jene Zeit auch Bescheid wissen. Nur so können wir dasÜbel und die Krankheit wieder aus unserem Volk ausscheiden und eine wahrhafte Demokratie aufbauen: Im Vergleich mit jener Zeit wollen wir Verantwortung und Mitarbeit für unsere Demokratie wecken und bewußte Demokraten werden!

 

Viele haben wohl gedacht:  Der Nationalsozialismus ist abgetan und mn kann ihn vergessen.

Es gibt durchaus noch Nationalsozialisten in Deutschland, die massive Propaganda in zwölf langen Jahren läßt sich nicht so ohne weiteres ausrotten: diese Schlagwörter spuken noch in den Köpfen vieler Leute herum. Bezeichnend für diese Gruppe ist ein Witz, der in den Nach= kriegsjahren die Runde machte. Er charakterisiert die Leute, die sich zwar an sich ruhig verhalten, aber doch mit einem Wiederaufleben des Nationalsozialismus rechnen, entweder,um dann wieder mitmachen zu können, oder von großer Furcht erfüllt, jedoch immer im Glauben an diese Möglichkeit, anstatt über solche Vorstellungen zu lachen.

Hier der Wirz: Es wird Winter und ein Landstreicher sucht sich einen warmen Platz im Gefängnis zu verschaffen, also etwa einen Aufenthalt von etwa drei Monaten, damit er im Frühjahr wieder weiterziehen kann. Er geht also in die nächste Bürgermeisterei, steht stramm, hebt die Hand zum deutschen Gruß und brüllt „'Heil Hitler!“ Der Bürgermeister reißt sich nach der ersten Verblüffung zusammen und brüllt in strammer Haltung zurück: „Heil Hitler!“ und murmelt noch leise hinterher: „Ist es schon wieder so weit?'!“.

 

Man könnte Nazi-Schmiererein nicht allzu dramatisch nehmen und ihnen etwa durch eine Bundestagsdebatte eine zu große Bedeutung zumessen, denn nirgends steht das Volk hinter diesen Schmierfinken. Früher konnte mans agen: Da die Erwachsenen dieses Problem noch nicht gelöst haben, da sie den Antisemitismus nicht über wunden haben, müssen sich nun auch die Jungen damit auseinandersetzen und müssen mithelfen, den Haß in unserem Volk auszurotten!“ Aber heute sind es eher die Jungen, die sich haben verführen lassen, von älteren Mesnchen oder aus der Literatur oder aus dem Internet.

Es gilt, der „nicht-öffentlichen Meinung“ in Deutschland entgegenzutreten, die immer noch meint:  „Im dritten Reich herrschte wenigstens Ordnung, und wir hatten.Arbeit und Brot.usw. Hitler hätte keinen Krieg anfangen sollen, dann ging es uns heute noch gut. Wir wären Weltmacht. Zumindest hätte Hitler mit dem Krieg warten sollen, bis die ‚Wunderwaffen‘ fertig waren. Und die Amerikaner hätten die Gewehre der deutschen Soldaten herumdrehen sollen und gemeinsam gegen Rußland marschieren sollen!“ „, um sich vor der Übernahme der Schuld zu drücken. Man sollte zwar keine (möglichst noch künstlich erzeugten) kollektiven Schuldgefühle haben („Was bin ich doch ein guter Mensch, daß ich mich jetzt so gut

mit den Juden vertrage. Es muß noch mehr getan werden, um unsere Schuld zu tilgen“). Aber wir müssen uns unserer Schuld immer bewußt (!) sein. Dadurch wird unsere vordergründige Wiedergutmachung nicht wertvoller, aber diese „innere Wiedergutmachung“ ist unsere deutsche Aufgabe.

Aber nicht nur den Juden gegenüber sollen wir uns wie wahrhafte Demokraten( oder gute Christen) verhalten, sondern auch unseren farbigen Mitmenschen gegenüber. Ein Jude unterscheidet sich in seinem Äußeren kaum von einem Mitteleuropäer - deshalb hat man ihnen einen Davidsstern angeheftet! Aber einem Afrikaner sieht man es auf hundert Meter Entfernung an, daß er ein Schwarzer ist, obwohl natürlich biologisch kein Unterschied festzustellen ist (auch in der Intelligenz) und obwohl man bei einem Weißen nicht feststellen kann, ob er „Negerblut“ hat.

Aber es ist falsch, daß die sogeannte „arische“ Rasse den anderen überlegen sei. Das sieht vielleicht optisch so aus, weil die Weißen in den letzten fünfhundert Jahren so bißchen was erfunden haben. Aber die Schwarzen sind gerade im Kommen: In Amerika sind sie schon viel weiter, sie sind sogar in leitenden Stellen und befehlen über Weiße. Außerdem sollte man sich nur einmal ansehen was die Weißen auch geleistet haben, welche Grausamkeiten von Weißen begangen wurden, besonders auch den Schwarzen gegenüber. Und man sollte damit einmal vergleichen, wie die Weißen etwa in Ghana behandelt werden, wo die Schwarzen in der Mehrheit sind: Die Schwarzen werden wohl kaum einen Weißen gelyncht haben (Mau-Mau arbeitete mit Methoden der Weißen! und das war kein Rassenkampf, sondern ein Unabhängigkeitskampf!). In unserem Verhältnis zu den Schwarzen geht es nicht nur um die Frage, ob wir sie persönlich für gleichwertige Menschen ansehen wollen, sondern auch darum, ob wir die Vorurteile der Umwelt ertragen wollen.

 

Die Rolle der Bekennenden Kirche:

Das Stuttgarter Schuldbekenntnis war vielleicht Lüge. Man hätte die Schuld der ganzen Kirche übernehmen sollen, die Bekennende Kirche war auch für die Deutschen Christen verantwortlich. Sie haben auf ihre Verdienste gepocht: „Wir haben Widerstand geleistet, wir haben etwas getan, während die anderen abgefallen sind!“ Es war nur noch nicht genug.

Man hütete sich also wohlweislich, die Stellung des Phärisäers einzunehmen .Man wurde aber auch nicht voll zum Zöllner, sondern man sagte: „Wir sind nicht so gewesen, wir sind ohne Schuld!“ Diese Distanzierung ist jedoch genau Lüge: Die Schuld ist nur ungeteilt zu übernehmen und zu bewältigen.

Die Bekennende Kirche wollte sogar nach dem Krieg von ihrem Widerstand ein Privileg ableiten, sie wollte das geistige Leben mit ihrer Ideologie erfüllen; das war aber auch Lüge. Vielleicht befand sich die Kirche auch hier im „Zwischen“ zwischen Pharisäer und Zöllner Die Deutschen Christen hätten zum Zöllner werden können. Sie haben ihre Schuld nicht übernommen, die Bekennende Kirche hat es aber auch nicht getan.

Könnte es sein, daß der Kampf gegen Hitler nicht ganz im Namen Jesu geführt wurde? Oder daß man „Jesus“ sagte, aber die Rettung der Organisation und der eigenen Position meinte? Ging es um die Kirche oder um Christus? Der Maßstab ist oft der Erfolg, aber im Namen Jesu Christi!

Man hat nicht die Totale Lüge in Hitler erkannt, sondern nur die kleine Schuld der Kirche gesehen. Ebenso wie der kleine Mann in Hitler nicht den Lügner gesehen hat, sondern nur den Mann, der Brot gab, Autobahnen baute und für Ordnung sorgte. Ebenso hat die Kirche diesen Hitler nicht als totalen Verführer entlarvt, sondern nur auf sich und ihre Schuld gesehen.

Aber „weil wir zu wenig geliebt und bezeugt haben“, errichten wir nun nach dem Krieg ein Hilfswerk, ein Männerwerk usw. Doch die Funktionäre der einzelnen Werke intrigieren gegeneinander, die Kirche wird durch Organisation erstickt, um damit auch das schlechte Gewissen zu ersticken. Man sucht all das zu entschuldigen: „Ein Christ ist auch nur ein Mensch!“

Aber wo ist der Pfarrer, der nicht nur organisiert, sondern das auch lebt, was er sagt? Vielfach wird nur organisiert, um sich vor dem Leben in der Wahrheit drücken zu können! Wo sind aber die Menschen, die um der Wahrheit willen auf etwas verzichten? (Nicht spicken, nicht Finanzamt anführen, nicht Chef verleugnen usw.). Wo wird in der Erziehung der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge klargemacht? Bei uns ist immer noch das „Kavaliersdelikt“ erlaubt!!! Es gibt sogar eine „christliche“ Demokratie, und man geht mit dem christlichen Namen hausieren. Man organisiert sogar von dieser Seite die Furcht vor dem Kommunismus und von der anderen, die Furcht vor der Atombombe, um sie durch eine größere Furcht zu vertreiben, auszutreiben.

In Hitler wurde die Lüge zur Gestalt. Hier hatte das deutsche Volk die große Chance, die Lüge offen zu erkennen, zu bewältigen und dienstar zu machen und so den Riß in unserem Volk wieder zu heilen.

Mit jedem Menschen, der in det Wahrheit zu leben beginnt, wird die Lüge mehr bewältigt. In jedem Einzelnen muß die Lüge sterben! Und hier könnte auch eine Schuld der jungen Generation liegen!

 

Das Widerstandsrecht.

 

Die Lage nach einer gewaltsamen Revolution: Eine Regierung kommt durch Gewalt zur Macht und ist nun legitimiert. Sie hat aber damit eine andere Legitimation zerstört, aus einer illegitimen Revolution entsteht plötzlich nur durch den Erfolg eine legitime Regierung? Und die Legitimation wird plötzlich von einem auf den anderen übertragen?

Hier taucht die Frage auf: Ist.denn ein gewaltsamer Widerstand überhaupt erlaubt? Eine Regierung wird von oben legitimiert. Aber sie muß sich nun auch nach den Vorschriften der höheren Autorität richten und sich des Vertrauens, das man in sie gesetzt hatte, würdig erweisen. Wenn sie aber das Amt mißbraucht ist sie illegitim, d.h. „ohne Legitimierung“. Nicht die Staatsform ist legitimiert, auch nicht die Person,, sondern nur das Amt.

 

Was hat man sich aber bei einer Revolution zu fragen?

(Voraussetzung: Ein Unrecht des Staates an der Allgemeinheit, nicht am Einzelnen!)

1.) Der Bürger:

Wird durch die Revolution nicht das Chaos noch größer?

Hat die Revolution Aussicht auf Erfolg, steht das Volk dahinter)?

Sind die Menschenopfer nicht zu groß?

 

Die Haltung des Bürgers:

a) Er schimpft, tut aber nichts

b) Er schimpft, ergreift aber auch Maßnahmen

aa) Geistiger Widerstand

ab) Physischer Widerstand.

Die Rechtfertigung des Bürgers: Verhinderung eines großen Verbrechens, indem man ein kleineres begeht

 

2.) Die Kirche: (als Gesamtheit und Sprachrohr der Christen):

(Voraussetzung: Nicht nur die Kirche ist betroffen, sondern die Allgemeinheit der Bürger).

Stellungnahme: Eine Regierung verspielt nicht ihre Legitimation durch unrechtmäßiges Handeln gegen das Gebot Gotte. Die Legitimation ist unerschütterlich, sie wird verliehen beim Regierungsantritt ,ist ein einmaliger Akt, braucht nicht immer bestätigt zu werden. Die „Legitimation ist nicht anzugreifen, auch nicht mit geistigen Waffen.

Die Legitimität (ob eine Regierung wirklich sich der Legeitimation als würdig erweist) stellt sich jedoch erst später heraus. Man kann also sagen: Eben ist die Legitimität nicht mehr gegeben. Angreifen kann man aber auch die Legitimität nicht‚ man kann nur das unrechte Handeln angreifen!

Das Widerstandsrecht der Kirche:

Eine Regierung ist nicht Gott, sie weiß nicht, was gut und was böse ist,sie muß schuldig werden.Durch die Legitimation ist die Regierung noch nicht zur Erlösung vorausbestimmt. Schon deshalb ist Widerstand erlaubt.

Die Kirche hat die Waffe des Wortes. Sie hat die Pflicht, Widerstand zu leisten, aber nicht mit Gewalt, sondern durch die Verkündigung des Wortes Gottes. An dieser Verkündigung wird sich der Staat stoßen, um so mehr, je mehr die Kirche das Wort Gottes verkündet. Die Kirche leistet jedoch nicht Widerstand - jedenfalls nicht offiziell - aber der Staat wird die Verkündigung als Widerstand empfinden und auslegen (Indirekter Widerstand . iIndirekter Angriff!).

Die Kirche darf jedoch nicht Märtyrer sein wollen und den Staat angreifen. Ein Verkünder des Wortes Gottes ist auf jeden Fall rechtmäßig. Aber ein politischer Mord könnte jedoch von Gott als Unrecht angesehen werden, wird es sogar wohl (5.Gebot). Der Mensch kann nicht entscheiden, was der Wille Gottes ist, er darf nicht für sich in einer so schwierigen Frage wie einem Mord die Vermessenheit beanspruchen, hier nun entscheiden zu können.Schon von diesem Punkt her ist Vorsicht geboten. Die Kritik der Kirche darf und soll sehr handfest sein, um wegen der Legitimation die Legitimität wiederherzustellen (auch die Rolle der parlamentarischen Opposition!).

Auch wenn ein Herrscher durch einen obersten Wert (etwa der Freiheit) nicht legitimiert ist, so ist er doch vom Christentum her legitim. Ein Ulbricht ist zunächst einmal legitim. Es wäre, nun allerding schön, wenn zur göttlichen Legitimität auch noch die Fähigkeit zu menschenwürdigem Regieren käme. Das ist aber bei Ulbricht nicht der Fall. Deshalb hat der Christ auch jederzeit die Aufgabe, nicht zu schlafen. Auch wenn man dafür von der legitimen Regierung illegitim umgebracht wird (legitim heißt nicht „ohne Schuld“), hat man die Pflicht zum Widerstand.

 

3.) Der einzelne Christ:

Für den Einzelnen gilt zunächst einmal dasselbe wie für die Kirche in der Gesamtheit, die sich in der Organisation darstellt. Aber der Einzelne hat die Möglichkeit, sich einer Partei anzuschließen. Damit bietet sich auch noch eine andere Möglichkeit zum Widerstand (die für die Kirche nichtbesteht!): der passive Widerstand, der bis zum Generalstreik gehen kann, falls dieser Aussicht auf Erfolg hat.

Auch wenn bei geistigem Widerstand ein absoluter Staat von dem Einzelnen eine unrechte Tat fordert, ist kein gewaltsamer Widerstand erlaubt, besonders natürlich keinen physischen Widerstandgegen den Polizisten(gedacht ist an die Auslieferung eines Unschuldigen, dessen Anwesenheit bekannt ist. Hier darf man sich nicht gegen die Verhaftung wehren!).

Wenn man als Einzelner dennoch gewaltsamen Wliderstand leistet, so handelt man illegitim. Der Betreffende  muß die Tat auf eigene Verantwortung ausführen - auch wenn sie zum Wohl des Volkes ist - er tut es ohne den Schutz der göttlichen Normen und geht in den Raum der Unsicherheit, über dem das Nein Gottes steht.

Der Widerstand gegen eine Regierung ist nur mit geistigen Mitteln zu führen. Die Kirche hat einem tyrannischen Herrscher, ohne auf die Gefahr zu achten, den Willen Gottes zu verkünden. Da das Amt des Regierenden legitim ist, ist auch die Person legitim, denn man kann Amt und Persönlichkeit nicht voneinander trennen. .Also darf auch die Person nicht abgeschafft werden. Wenn man trotzdem ein Staatsoberhaupt umbringt, muß man das vor Gott verantworten; man kann dabei schuldig werden. Jeder Herrscher sollte sich jedoch des Vertrauens bewußt sein, das Gott ihm gegeben hat, als er ihn einsetzte.

 

Verbrecherischer Befehl ist unverbindlich

Der Bundesdisziplinarhof, die höchste deutsche Instanz für die Aburteilung von Dienstvergehen der Beamten, hatte sich mit dem Geheimbefehl des ehemaligen „Reichssicherheitshauptamtes" vom 4. Juli 1944 zu beschäftigen. In diesem Befehl war die Polizei angewiesen worden, alle aufgegriffenen „Feindflieger“ zu erschießen.

Anlaß für das jetzige Disziplinarverfahren bot der Fall eines Kriminalsekretärs. Der Polizeibeamte hatte auf Befehl des ihm vorgesetzten Kriminalrats zusammen mit zwei anderen Polizeibeamten drei amerikanische Flieger erschossen. Die Amerikaner waren bei einem Bombenangriff auf Magdeburg am 8. Juli 1944 mit dem Fallschirm abgesprungen und dann gefangengenommen worden. Der Kriminalsekretär, der als Dienstältester das Erschießungskommando geführt hatte, war 1946 von einem amerikanischen Militärgericht zum Tode verurteilt, jedoch nach Umwandlung der Todesstrafe in lebenslängliche Haft am 1. Juli 1955 begnadigt und aus der Haft entlassen worden.

In dem vom Bundesinnenministerium eingeleiteten förmlichen Disziplinarverfahren erkannte der Bundesdisziplinarhof dem jetzt 63 Jahre alten Kriminalsekretär die Rechte aus dem 131er-Gesetz ab. Der Bundesdisziplinarhof, der nicht öffentlich verhandelte, verhängte damit die höchste Dienststrafe.

Der Bundesdisziplinarhof stellte fest, daß die abgesprungenen Flieger als Kriegsgefangene hätten behandelt werden müssen. Sie hätten nach den Bestimmungen der Haager Land­kriegs­ordnung und des Genfer Abkommens über die Behandlung von Kriegsgefangenen im Falle strafbarer Handlungen nur in einem ordnungsgemäßen Gerichtsverfahren nach Gewährung des rechtlichen Gehörs abgeurteilt werden dürfen.

Ein nicht veröffentlichter Geheimbefehl des Reichssicherheits-Hauptamtes habe, selbst wenn er auf einen „Führerbefehl“ zurüc:kgegangen sei, weder das geltende deutsche Recht noch das Völkerrecht abändern können und sei nicht geeignet gewesen, ungesetzliche Erschießungen von Kriegsgefangenen zu rechtfertigen.

Der Beschuldigte hatte sich mit der Erklärung verteidigt, er habe als Polizeibeamter zu gehorchen gehabt, „wenn er nicht das eigene Leben oder bei der damals herrschenden Sippenhaft das seiner Familie hätte aufs Spiel setzen wollen“. Der Bundesdisziplinarhof stellte demgegenüber fest, bei Nichtausführung des Erschießungsbefehls habe für den Beschuldigten keine ernsthafte Gefahr für Leib oder Leben bestanden. Harte Disziplinarstrafen seien damals nur in Fällen verhängt worden, in denen die Unrechtmäßigkeit des Befehls nicht auf der Hand lag.

Dem. Beschuldigten sei zwar nicht zuzumuten gewesen, dem Erschießungsbefehl aktiven Widerstand entgegenzusetzen. Er hätte jedoch bei seinem unmittelbaren Dienstvorgesetzten Gegenvorstellungen erheben und versuchen können, sich von der Ausführung des Befehls entbinden zu lassen. Diese Versuche hätten nach Ansicht des Disziplinarhofes jedenfalls Klarheit darüber geschaffen, ob der Vorgesetzte gewillt war, mit schärfsten Mitteln gegen solche Untergebene einzuschreiten, die sich dem Tötungsbefehl widersetzt hätten.

Auch hätte sich der Beschuldigte mit einer nahegelegenen Wehrmachtdienststelle (einem Fliegerhorst) in Verbindung setzen können. Da der Erschießungsbefehl des „Reichssicherheits-Hauptamtes“ nicht für die Wehrmacht galt, hätte die Wehrmachtstelle möglicherweise eingegriffen und die Verantwortung für das Leben der amerikanischen Kriegsgefangenen übernommen.

„Entscheidend bei dem Beschuldigten war hingegen das Gefühl des blinden Gehorsams, das sich bei zahlreichen unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangenen. Unrechtstaten schädlich ausgewirkt hat, aber in so offenkundig schweren Fällen den gehorchenden Untergebenen nicht in vollem Umfang von der Verantwortung befreien kann“, heißt es in dem Urteil.

Als Milderungsgrund erwähnt das Urteil die „große Verbitterung“, die im deutschen Volk damals über „die grausame Führung des Luftkrieges durch die Alliierten“ herrschte. Der Beschuldigte habe beruflich mit der Identifizierung der Opfer des Bombenkrieges zu tun gehabt und dessen Schrecken hierbei an der Quelle erlebt. „Infolge der grausamen Kriegführung hatten sich die Grenzen für Recht und Unrecht verwischt.“

 

Strafrecht kennt keine Kollektivschuld:

Das Bielefelder Schwurgericht sprach den 57 Jahre alten früheren Gestaposekretär Ewald Sudau aus Minden von der Anklage der Beihilfe zum Mord frei. Sudau war vorgeworfen worden, kurz nach Beginn des Rußlandfeldzuges im Sommer 1941 in Augustowo in Polen bei zwei Massenerschießungen von 130 bis 150 Juden und Kommunisten mitgewirkt zu haben. Der Staatsanwalt hatte drei Jahre Zuchthaus als gesetzliche Mindeststrafe gegen Sudau beantragt. Bei dem Bielefelder Prozeß ging es um Teile der Vorgänge, die im „Einsatzkommando-Prozeß“ vor dem Schwurgericht Ulm im Sommer 1958 verhandelt worden sind. Das Ulmer Urteil war zum Gegenstand der Beweisaufnahme gemacht worden.

In der Urteilsbegründung sagte der Vorsitzende des Gerichts, Landgerichtsdirektor Bendler, es stehe fest, daß die Gestapostelle Tilsit, der der Angeklagte angehörte, zu Beginn des Rußlandfeldzuges den Befehl erhalten habe, den litauischen Grenzstreifen von „potentiellen Gegnern“ zu säubern, wobei rund 5.000 Menschen getötet worden seien. Die Angabe Sudaus. daß er nur bei einem Kommando dabei war, das ein Erholungsheim in Augustowo beschlagnahmen sollte, sei ebenso unwiderlegbar, wie auch seine Darstellung, daß er lediglich die später freigelassenen Angehörigen des Hauspersonals überprüft habe.

Die Gäste des Heimes, deren Zahl nicht genau festgestellt werden konnte, waren nach den Feststellungen des Gerichts von anderen Gestapobeamten überprüft und anschließend von einem SS-Kommando erschossen worden. Wenn man den Angeklagten auch für diese Todesopfer verantwortlich machen wolle, dann würde das auf eine Anerkennung einer Kollektivschuld hinauslaufen, die es im deutschen Strafrecht nicht gibt, sagte der Vorsitzende.

 

Der Christ im Staat und sein Widerstandsrecht:

Das Wissen um den Staat als eine von Gott gesetzte Ordnung und als einen Schutzwall gegen die teuflischen Mächte der Zerstörung sowie die Einsicht in die Beziehungen des am weltlichen Naturrecht ausgerichteten staatlichen Gesetzes zum göttlichen Rechtswillen verpflichten den Christen, dem Staat und seinen Gesetzen freiwillig und unabhängig von den dem Staat zu Gebote stehenden Zwangsmitteln zu gehorchen. Der Rechtstitel für diesen Gehorsam ist das göttliche Liebesgesetz,und dieser Rechtstitel ist viel umfassender und wirksamer als der Rechtstitel der staatlichen Zwangsgewalt.

Die Loyalität, die der Christ dem Staat schuldet, hat dieser Lehre und vor allem der lutherischen Kirche den Vorwurf einer blinden Obrigkeitsgläubigkeit und Staatsunterwürfigkeit eingetragen. Die geschichtliche Entwicklung, insbesondere das landesherrliche Kirchenregiment in Deutschland und das Staatskirchentum in Skandinavien, schienen diesen Vorwurf zu rechtfertigen. Da zwangen die Erfahrungen der Nazizeit, in denen der Staat weithin zum apokalyptischen Ungeheuer entartete, zur Besinnung. Der norwegische Bischof Bergerav stellte die These auf, der Christ schulde dem Staate nur so lange Gehorsam als er Rechtsstaat sei. (ähnlich Bischof Dibelius)

 Der  Münchener Kirchenrechtslehrer J. Heckel ging in der Frage des Widertandsrechts in der Theologie Luthers näher nach. Auszugehen ist davon,  daß ein Widerstandsrecht, ja eine Wi­derstandspflicht für den Christen dann gegeben ist, wenn sich die Inhaber der Staatsgewalt gegen das weltliche Naturrecht und den Grundsatz der allgemeinen Menschenliebe auflehnen. Verschiedene Fälle sind dabei denkbar.

So kann der Staat seine Grenzen überschreiten, indem er die Kirche und ihre Lehre unterdrückt und verfolgt. Hier ist der Christ zum kompromißlosen Widerstand aufgerufen, der sich im unbeugsamen Festhalten am am Evangelium bis zum Erleiden des Martyriums zu bewähren hat, also ein aktiver geistlicher und zugleich passiver leiblicher Widerstand ist, während ein aktiver leiblicher Widerstand als ungeistliches und darum untaugliches Mittel in diesem Zusammenhang abzulehnen ist. Der Kirchenkampf hat die Wirksamkeit dieses passiven Widerstandes gezeigt.

Ein weiterer Fall ist der Rechtsbruch innerhalb der staatlichen Ordnung (Rechtsordnung) selbst. Es ist denkbar, daß ein Emporkömmling widerrechtlich der rechtmäßigen Obrigkeit die Macht entreißt. Hiegegen ist dem Christen auf Grund der Gehorsamspflicht gegenüber der rechtmäßigen Obrigkeit der aktive und gewaltsame leibliche Widerstand gestattet.

Wenn hingegen die an sich rechtmäßige Obrigkeit selbst das Recht bricht und dadurch ihr Amt mißbraucht, so ist einerseits der passive leibliche Widerstand nicht ausreichend, andererseits der gewaltsame Widerstand versagt. Hier hat der Christ den Inhaber der Staatsgewalt den Gehorsam öffentlich aufzukündigen ohne Rücksicht wie diese darauf reagieren. Das ist ein „aktiver, aber gewaltloser leiblicher Widerstand“ (Heckel).

Endlich ist an den Fall zu denken, daß der Staat zum alles.vernichtenden und verschlingenden Ungeheuer entartet, wie es von der jetzigen Generation in furchtbarster Weise erlebt wurde. Hier wird das Naturrecht nicht nur gebrochen, sondern frivol mit Füßen getreten. In diesem Fall ist dem Christen jede Form des Widerstandes erlaubt und es ist jedes Mittel einschließlich der Revolution zulässig.

Um es nicht zu Entgleisungen kommen zu lassen, ist der Christ aufgerufen, Verantwortung im politischen Leben zu übernehmen und so den Willen Gottes auf der Erde durchzusetzen helfen.

 

Widerstand der Kirche im Dritten Reich:

Aus der Botschaft der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche in Berlin-Dahlem am 19./20.Oktober 1934:

Uns ist die letzte Möglichkeit einer an den bisherigen Zustand anknüpfenden Erneuerungen der kirchlichen Ordnung genommen worden. Damit tritt das kirchliche Notrecht ein: Die Männer, die sich der Kirchenleitung im Reich und in den Ländern bemächtigten, haben sich durch ihr Handeln von der christlichen Kirche geschieden. Auf Grund des kirchlichen Notrechts schafft die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche neue Organe der Leitung. Wir fordern die christlichen Gemeinden, ihre Pfarrer und Ältesten auf, on der bisherigen Reichskirchenregierung und ihren Behörden keine Weisungen entgegenzunehmen und sich von der Zusammenarbeit mit denen zurückzuziehen, die diesem Kirchenregiment weiterhin gehorsam sein wollen.

 

Bermer Theologische Erklärung: Sechs biblische Sätze über das wahre Evangelium:

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle det Verkündigung außer und neben dem Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugung überlassen.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst an der Gemeinde besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestatte Führer geben oder geben lasssen

Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.          Die Schrift sagt uns, daß der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnungen an, sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen.

 

Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union:

Der Staat hat seine Hoheit und Gewalt durch das Gebot und die gnädige Anordnung Gottes,der allein alle menschliche Autorität begründet und begrenzt. Das irdische Recht verkennt seinen himmlischen Richter und Hüter,und der Staat selbst verliert seine Vollmacht, wenn er sich mit der Würde eines ewigen Reiches bekleiden läßt und seine Autorität zu der obersten und letzten auf allen Gebieten macht. Gehorsam und dankbar erkennt die Kirche die durch Gottes Wort begründe te und begrenzte Autorität des Staates an. Darum darf sie sich nicht dem die Gewissen bindenden Totalitätsanspruch beugen, den die neue Religion dem Staate zuschreibt. Gebunden an Gottes Wort ist die Kirche verpflichtet, vor Staat und Volk die Alleinherrschaft Jesu Christi zu bezeugen.

 

Nationalsozialistisches Recht:

Der Richter ist nicht als Hoheitsträger des Staates über den Staatsbürger gesetzt, sondern er steht als Glied in der lebendigen Gemeinschaft des deutschen Volkes. Es ist nicht seine Aufgabe, einer über der Volksgemeinschaft stehenden Rechtsordnung zur Anwendung zu verhelfen oder allgemeine Wertvorstellungen durchzusetzen, vielmehr hat er die konkrete völkische Gemeinschaftsordnung zu wahren, Schädlinge auszumerzen, gemeinschaftswidriges Verhalten zu ahnden und Streit unter Gemeinschaftsgliedern zu schlichten. Grundlage der Auslegung aller Rechtsquellen ist die nationalsozialistische Weltanschauung, wie sie insbesondere in dem Parteiprogramm und den Äußerungen unseres Führers ihren Ausdruck. findet. Gegenüber Führerentscheidungen, die in die Form eines Gesetzes oder einer Verordnung gekleidet sind, steht dem Richter kein Prüfungsrecht zu. Auch an sonstige Entscheidungen des Führers ist der Richter gebunden, sofern in ihnen der Wille, Recht zu setzen, unzweideutig zum Ausdruck kommt.

Der Führer. schützt das Recht vor dem schlimmsten Mißbrauch, wenn er im Augenblick der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft. Aus dem Führertum fließt das Richtertum. Wer beides voneinander trennen oder gar entgegensetzen

will, macht den Richter entweder zum Gegenführer oder zum Werkzeug eines Gegenführers und sucht den Staat mit Hilfe der Justiz aus den Angeln zu heben

 

Die Widerstandsbewegung gegen Hitler:

Ulrich von Hassell: Im ganzen war es Schachts Ansicht, daß ein Staat der auf so unmoralischen Grundlagen arbeite, nicht mehr lange bestehen könne. Ich wandte ein ,daß viele unmoralische Regime sehr lange bestanden hätten. Das bestritt er insofern, als Korruption usw. in diesen Systemen zwar geübt, grundsätzlich aber doch verurteilt worden sei,

so daß also der Staat an sich die sittlichen Normen anerkenne. Bei uns liege aber jetzt ein Regime vor, das zum Beispiel in der Justiz unsittliche Grundsätze offiziell aufstelle.

Dietrich Bonhoeffer: Die große Maskerade des Bösen hat alle ethischen Begriffe durcheinander gewirbelt. Das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist für den aus unserer überlieferten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend. Wir Deutschen haben in einer langen Geschichte die Notwendigkeit und die Kraft des Gehorsams lernen müssen! In der Unterordnung aller persönlichen Wünsche und Gedanken unter den uns gewordenen Auftrag sahen wir Sinn und Größe unseres Lebens. Seine Freiheit aber wahrte der Deutsche darin, daß er sich vom Eigenwille nzu befreien suchte im Dienst am Ganzen. Aber er hatte damit die Welt verkannt; er hatte nicht damit gerechnet, daß seine Bereitschaft zur Unterordnung, zum Lebenseinsatz für den Auftrag mißbraucht werden könnte zum Bösen. Es mußte sich herausstellen, daß eine entscheidende Grunderkenntnis dem Deutschen noch fehlte: die von derNotwendigkeit der freien, verantwortlichen Tat auch gegen Beruf und Auftrag. An ihre Stelle trat einerseits verantwortungslose Skrupellosigkeit‚ andererseits selbstquälerische Skrupelhaftigkeit, die nie zur Tat führte. Die Deutschen fangen erst heute an zu entdecken, was freie Verantwortung heißt. Sie beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und der dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht....         

Kurt Huber: Es gibt für alle äußere Legalität eine letzte Grenze, wo sie unwahrhaftig und unsittlich wird. Dann nämlich wenn sie zum Deckmantel einer Feigheit wird, die sich nicht getraut, gegen offenkundige Rechtsverletzung aufzutreten. Ein Staat, der jegliche freie Mei­nungsäußerung unterbindet und jede sittlich berechtigte Kritik als Vorbereitung zum Hochverrat bestraft, bricht ein ungeschriebene Recht, das im gesunden Volksempfinden noch immer lebendig war und bleiben muß.

Ludwig Beck: Ich halte mich heute verpflichtet - im Bewußtsein der Tragweite eines derartigen Schrittes, aber unter Berufung auf die mir nach meiner Dienstanweisung für die Vorbereitung und Ausführung eines Krieges erwachsende Verantwortung - die dringende Bitte auszusprechen, den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht zu veranlassen, die von ihm befohlenen Kriegsvorbereitungen einzustellen. Es stehen hier letzte Entscheidungen über den Bestand der Nationen auf dem Spiele. Die Geschichte wird diese Führer mit einer Blutschuld belasten, wenn sie nicht nach ihrem fachlichen und staatspolitischen Wissen und Gewissen handeln. Ihr soldatischer Gehorsam hat dort eine Grenze, wo ihr Wissen, ihr Gewissen und ihre Verantwortung die Ausführung eines Befehls verbietet. Es ist ein Mangel an Größe und Erkenntnis der Aufgabe, wenn ein Soldat in höchster Stellung in solchen Zeiten seine Pflichten und Aufgaben nur in dem begrenzten Rahmen seiner militärischen Aufträge sieht, ohne sich der höchsten Verantwortung vor dem-gesamten Volk bewußt zu werden. Außergewöhnliche Zeiten verlangen außergewöhnliche Handlungen!

 

Die Männer des 20.Juli: „Nicht vom deutschen Volk gerufen, sondern durch Intrigen schlimm­ster Art an die Spitze der Regierung gekommen, hat er durch dämonische Künste und Lügen, durch ungeheuerliche Verschwendung, die allen Vorteile zu bringen schien, in Wahrheit aber das deutsche Volk in gewaltige Schulden gestürzt haben, Verwirrung angerichtet. Um sich in der Macht zu halten, hat er damit eine zügellose Schreckensherrschaft verbunden, das Recht zerstört, den Anstand in Acht erklärt, die göttlichen. Gebote reinen Menschentums verhöhnt und das Glück von Millionen von Menschen vernichtet.  Hitler hat seinen vor zehn Jahren dem Volke geleisteten Eid durch Verletzungen göttlichen und menschlichen Rechts unzählige Male gebrochen. Daher ist kein Soldat, kein Bürger ihm mehr durch Eid verpflichtet. Wir wollen Gottesfurcht an Stelle von Selbstvergottung, Recht und Freiheit an Stelle von Gewalt und Terror, Wahrheit und Sauberkeit an Stelle von Lüge und Eigennutz. Sie bedürfen keiner Rechtfertigung!“

Die Empörer hatten erkannt, daß die Erfüllung der beschworenen Plicht sie selbst und ungezählte andere, für die sie sich verantwortlich fühlten, zu Handlungen nötigte, die ihr Gewissen als Verbrechen bezeichnete. Das Einzigartige und -um ein oft mißbrauchtes Wort in seinem strengen Sinne anzuwenden - das Tragische ihrer Lage bestand darin, daß ein Ausweg nur möglich erschien, wenn sie selbst durch einen Akt der Gewalt das Odium des Eid-, Treu- und Rechtsbruches auf sich nahmen. Sonst blieb nur der Weg offen, in dumpfer .Resignation den Dingen ihren Lauf zu lassen.und allenfalls bestrebt zu sein, sich wenigstens persönlich nicht mit Verbrechen zu belasten. Diese.Männer nahmen als Einzelne für die Allgemeinheit eine Tat auf sich, die in ihrer Anfechtbarkeit, aber auch in ihrer unausweichlichen Notwendigkeit ihnen klar vor Augen stand.  Diese Männer haben es sich nicht leicht gemacht. Selbst einleuchtende Rechtfertigungen wie die, daß Hitler selbst der Eidbrüchige sei, daß er selbst niemand die Treue halte, die er doch von allen forderte, ja. erzwang, hörte man kaum aus ihrem Munde. Wenn etwas in neuerer Geschichte so muß ihre Tat als ein Opfer bezeichnet werden: Sie nahmen wissend ein Verbrechen auf sich, um ungeheure Verbrechen, deren Zeuge sie waren, aus der Welt zu schaffen. Wer heute aufrichtig sein Gewissen prüft, muß erkennen, daß es unendlich viel bequemer war, sich als Christ auf den Katechismus, als Soldat auf die-Heiligkeit des Eides oder die Gehorsamspflicht gegen einen gegebenen Befehl zurückzuziehen, als sich durch eine Tat aufzulehnen. Das mindeste, das wir alle, die wir in dem großen Zwiespalt des vergangenen Krieges die letzte Entscheidung umgangen haben, denen schulden, die sich ihr stellten, ist doch wohl Schweigen. Jene bedürfen keiner Rechtfertigung, und der Versuch, gegen sie zu sein und ihre Tat anzuzweifeln, richtet den, der ihn unternimmt

 

Grundsätze für die Neuordnung Deutschlands: Entwurf des Kreißauer Kreises 1943:

1.) Das zertretene Recht muß wieder aufgerichtet und zur Herrschaft über alle Ordnungen des menschlichen Lebens gebracht werden. Unter dem Schutz gewissenhafter, unabhängiger und von Menschenfurcht freier Richter ist es Grundlage für alle zukünftige Friedensgestalt

2.) Die Glaubens- und Gewissensfreiheit wird gewährleistet. Bestehende Gesetze und Anordnungen, die gegen diese Grundsätze verstoßen, werden sofort aufgehoben.

3. ) Brechung des totalitären Gewissenszwangs und Anerkennung der unverletzlichen Würde der menschlichen Person als Grundlage der zu Rechts und Friedensordnung. Jedermann wirkt in voller Verantwortung an den versdhiedenen sozialen, politischen und internationalen Lebensbereichen mit. Das Recht auf Arbeit und Eigentum steht ohne Ansehen der Rassen-, Volks- und Glaubenszugehörigkeit unter öffentlichem Schutz.

4.) Die Grundeinheit friedlichen Zusammenlebens ist die Familie. Sie steht unter öffentlichem Schutz, der neben der Erziehung auch die äußeren Lebensgüter Nahrung, Kleidung, Wohnung, Garten und Gesundheit sichern soll.

5.) Die Arbeit muß so gestaltet werden, daß sie die persönliche Verantwortungsfreudigkeit fördert und nicht verkümmern läßt. Neben der Gestaltung der materiellen Arbeitsbedingungen und fortbildender Berufsschulung gehört dazu eine wirksame Mitverantwortung eines jeden an dem Betrieb mund darüber hinaus an dem allgemeinen Wirtschaftszusammenhang, zu dem seine Arbeit beiträgt.

Hierdurch soll er am Wchstum einer gesunden und dauerhaften Lebensordnung mitwirken, in der der einzelne, seine Familie und die Gemeinschaften in ausgeglichenen Wirtschaftsräumen ihre organische Entfaltung finden können. Die Wirtschaftsführung muß diese Grunderforder= nisse gewährleisten.

6.) Die persönliche politische Verantwortung eines jeden erfordert seine mitbestimmende Beteiligung an der neu zu belebenden Selbstverwaltung der kleinen und überschaubaren Gemeinschaften. In ihnen verwurzelt und bewährt, muß seine Mitbestimmung im Staat und in der Völkergemeinschaft durch selbstgewählte Vertreter gesichert und ihm so die lebendige Überzeugung der Miterantwortung für das politische Gesamtgeschehen vermittelt werden.

7. ) Die besondere Verantwortung und Treue, die jeder einzelne seinem nationalen Ursprung, seiner Sprache, der geistigen und geschichtlichen Überlieferung seines Volkes schuldet, muß geachtet und geschützt werden. Sie darf jedoch nicht zur politischen Machtzusammenballung, zur Herabwürdigung, Verfolgung oder Unterdrückung fremden Volkstums mißbraucht werden. Die freie und friedliche Entfaltung nationaler Kultur ist mit der Aufrechterhaltung absoluter einzelstaatlicher Souveränität nicht mehr zu vereinbaren. Der Friede erfordert die Schaffung einer die einzelnen Staaten umfassenden Ordnung. Sobald die freie Zustimmung aller beteiligte Völker gewährleistet ist, muß den Trägern dieser Ordnung das Recht zustehen, auch von jedem einzelnen Gehorsam, Ehrfurcht, notfalls auch den Einsatz von Leben und Eigentum für die höchste politische Autorität der Völkergemeinschaft zu fordern           

 

 

 

Declaration of Independence (Thomas Jefferson)

When, in the course of'human events, it becomes necessary for one people to dissolve the political bands, which have connected them with another, and to assume, among the powers of the earth, the separate and equal station, to which the laws of nature and of nature's God (Naturrecht und Gesetze des Gottes der Natur) entitle them (berechtigen) a decent respect to the opinions of mankind requires (erfordert), that they should declare the causes, which impel them to the separation.

We hold these truths to be self-evident:

- That all men are created equal; that they are endowed by their Creator with certain unalienable rights; that among these are life, libertyand the pursuit of happiness. That to secure these rights governments are instituted among men, deriving their just powers from the consent of the governed; that, whenever any form of government, laying its foundation on such principles, and organizing its mowers in such form, as to them shall seem most likely to effect their safety and happiness. Prudence, indeed, will dictate, that governments -  long established - should not be changed for light and transient (vorübergehend) causes; and accordingly all experience hath shown, that mankind are more disposed to suffer while (solange) evils are sufferable, than to right themselves by abolishing the forms, to which they are accustomed. But when a long train of abuses and usurpations (Machtanmaßung), pursuing invariably

the same object, evinces a design (den Plan klar sehen) to reduce them - under absolute despotism, it is their right, it is their duty, to throw off such government and to provide new guards for their future security.

Such has been the patient sufferance of these colonies: and such is now the necessity, which constrains (zwingt) them toalter their former system of government. We must therefore, acquiesce (einstellen auf) in the necessity, which denounces (hervorruft) our separation, and hold them, as we hold the rest of mankind, enemies in war, in peace friends.

We, therefore, the representatives of the United States of America, in General Congress assembled, appealing to the Supreme Judge of the world for the rectitude (Rechtschaffenheit) of our intentions, do, in the nme and by the authority of the good people of these colonies, solemnly publish (feierlich veröffentlichen) and declare, that these United Colonies are, and of right ought to be, free and independent states; that they are absolved from all allegiance (Treueverpflichtung) to the British crown, and that all political connection between them and the state of Great Britain is, and ought to be, totally dissolved; and that, as free and independent states, they have the full power to levy (erklären) war, conclude peace, contract alliances, establish commerce, and do all other acts and things, which independent states may of right (von rechts wegen) do. And for the support of this declaration, with a firm reliance on the protection of Divine Providence (Vorsehung), we mutually (gegenseitig) pledge (verpfänden) to each other our lives, our fortunes, and our sacred honor.           (Fortune hier gleich Vermögen)

 

Anmerkungen: Der Gedanke von der Abschaffung der Regierung durch die Regierten stammt von John Locke:Alle Macht geht vom Volke aus, und es hat die Macht, sie wieder zurückzufordern. Volk und Regierung schließen einen regelrechten Vertrag miteinander, der, wenn er von der Regierung gebrochen wird, auch fürs Volk ungültig wird. Die Erwähnung des Naturrechts zeigt die aufgeklärte Haltung des Verfassers, ebenso die Erwähnung von Ideen Lockes. Im Schlußteil wird nocheinmal aufgezählt, was alles zur Souveränität eines Volkes gehört.

 

 

 

 

Der Rechtsstaat.

 

Demokratie istdie „Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk“ (Lincoln). Im modernen, größeren Staatsauparat hat man jedoch nicht eine direkte, sondern eine repräsentative Demokratie, die von gewählten Abgeordneten ausgeübt wird..

Es besteht jedoch eine Souveränität des Volkes, obwohl man heute geneigt ist, einen Teil der äußeren Souveränität übergeordneten Begriffen (Europa, UNO) abzugeben.

Die Repräsentanten und die Regierung sind dem Volk Rechenschaft schuldig und werden vom Volk kontrolliert (bei uns allerdings keine strenge Gewaltenteilung: Ein Beamter der Exekutive kann Mitglied des Bundestages werden; die Führung, der stärksten Partei und die Regierung ist in der Hand derselben Leute).   

 

Kontrolle des Staates:

1.) Schutz gewisser Freiheitsrechte

2.) Bindung des Staates an das Recht

 

Voraussetzungen des Rechtsstaates:

1.) Prinzip der Gewaltenteilung (am stärksten in den USA !)

2.) Bindung der Verwaltung an das Gesetz (Verwaltungsgericht!)

3.) Bindung der Gesetzgebung an die Verfassung

4.) Nachprüfbarkeit der Tätigkeit der Regierung (Verwaltungs- und Bundesverfassungsgericht.

Die Anerkennung und Durchführung dieser Prinzipien mit der Sicherstellung der Grund- und Menschenrechte machen in der modernen Demokratie das Wesen des.Rechtsstaates aus.

 

Zunächst hatte man dem Willkürstaat den „Nachtwächterstatt“ entgegengestellt, der aus dem extremen Liberalismus mit der völligen Freisetzung des Individuums entstand. Der Staat hatte hier nur Pflichten, der Bürger nur Rechte. Der Staat durfte nur das Individuum schützen gegen das andere Individuum (aber nur bei groben Verstößen, die offen zutage lagen) und gegen den Gegner von außen.

So geht es jedoch nicht. Adam Smith hatte gesagt: „Die Wirtschaft wird sich bald eingespielt haben, denn der Mensch wird seine Vernunft gebrauchen“ (Optimismus der Aufklärer). Das Ergebnis war der Kapitalismus und die Ausbeutung des Menschen. Das Individuum existiert aber nicht für sich allein, es ist ein soziales Wesen, ein Wesen der Gemeinschaft. Diese Polarität ist aber erst da seit der Stoa und besonders das Chrisntentum „Jeder Mensch ist gleich wertvoll vor Gott“. Die Ansprüche des Individuums  widersprechen oft den Ansprüchen des anderen Individuums, und jeder Mensch muß Rücksicht nehmen auf den anderen, der nicht so stark ist.

Auch der Staat steht unter dem Gesetz. Das Gesetz soll eine objektive Rechtsordnung sein, das die äußere Ordnung aufrecht erhält (es kümmert sich nicht um die Sittlichkeit, ob ein Mensch innerlich gut oder schlecht ist!). Das Recht, das in den Gesetzen niedergelegt wird, muß aber auch erzwingbar sein. Diese Autorität übt der Staat aus, nicht aber der Einzelne (Michael Kohlhaas!).

Es besteht eine Wechselbeziehung zwischen Rechtsordnung und Sittlichkeit: Die Rechtsordnung darf nicht gegen die Sittlichkeit verstoßen und die Sittlichkeit stützt die Rechtsordnung, indem sie die Einhaltung der Gesetze fordert.

Die Einhaltung des Rechts wird überwacht durch die Gerichte: Öffentliches Recht: Ahndung der Straftaten und Verhältnis Staat -Individuum. Privates Recht: Schlichtung von Streitigkeiten zweier Parteien. Der Rechtsstaat darf aber nicht zum Gerichtsstaat werden, wo der Richter die Macht hat und die Juristen die Verwaltung ausführen.

 

Erste Formulierungen der Menschenrechte waren die „Virginia Declaration“ (gegen ein Parlament) und die Forderungen der französischen Revolution (gegen die Monarchie). Diese waren aber nicht gegen die Staatsform, sondern gegen die Regierung gerichtet

Diese Formulierungen wurden etwa 1848 um das Recht der Arbeiter auf Arbeit erweitert (erst nach der Entwicklung des Arbeiterstandes möglich!).

 

 

Verteilende Gerechtigkeit des Herrschers   

Im Gegensatz zur Tauschgerechtigkeit (kommutative Gerechtigkeit), die bei jedem Tauschgeschäft geübt wird und bei der die Werte von einem Dritten geschätzt werden können, stehen sich bei der zuteilenden Gerechtigkeit (distributive Gerechtigkeit) der Führer der Gemeinschaft und der Einzelne als Teil des Ganzen sich gegenüber.  Dabei ist klar, daß der Einzelne nur in demselben Verhältnis bedacht werden kann wie die anderen bzw. in einem gerechten Verhältnis zu ihnen (Beispiel: Entschädigungen nach einem Krieg: Es wird nicht alles ersetzt, sondern nur ein bestimmter Prozentsatz, der entweder für alle gleich ist oder jedem ein gewisses Existenzminimum garantiert) und wobei die Verteilung der Lasten auch gerecht erfolgen sollte. Man hat jedoch als Staatsbürger zunächst keinen klar umrissenen Anspruch auf Leistungen der verteilenden Gerechtigkeit, denn nicht immer ist die Gemeinschaft in der Lage, für alle in angemessener Weise zu sorgen. Sie ist zur Leistung verpflichtet, kann aber nicht zu einer bestimmten Leistung gezwungen werden, denn es gibt keine höhere Instanz,die diese Autorität hätte. Auch ein Gericht prüft nur die Auslegung der Gesetze; wenn man mit diesen nicht einverstanden ist, bleibt nur der Widerstand.

Deshalb muß der Herrscher das Recht halten,oder es entsteht Ungerechtigkeit. Und wir dürfen es nicht als Utopie ansehen, daß man ein gewisses Gefühl für Gerechtigkeit anerziehen kann, und wir müssen ein Vorbild als Maßstab für den guten Herrscher lehren. Der Herrscher sollte eine hohe Verkörperung der Tugend sein, er sollte sowohl guter Mensch als auch. guter Bürger sein.

Es ist jedoch eine nahezu übermenschliche Schwierigkeit, die vereteilende Gerechtigkeit zu verwirklichen. Die Gerechtigkeit ist zwar vorhanden, aber sie ist nicht jederzeit (sogar meist) nicht deutlich erkennbar, denn dafür sind wir Menschen. Wir besitzen keine neutrale Schieds­stelle, die eindeutig festlegen kann, was gerecht ist. Die Gerechtigkeit ist nicht bis zu ihrem höchstens Ideal zu verwirklichen. Es muß jedenfalls ein Ausgleich zwischen dem allgemeinen Wohl und einzelnen Interessen etwa einer Partei stattfinden. Das ist jedoch nicht immer berechtigt. Man kann nicht von einem Arbeiter verlangen, daß er bei einer Streik-Urabstimmung in erster Linie das allgemeinde Wohl im Auge hat, wenn er dadurch sehr einschneidend beieinträchtigt wird. Partikulare Interessen müssen manchmal anerkannt werden, wenn es auch keine bestimmte Grenze gibt, sondern nur bestimmte Marken, die die Rechte ungefähr abstecken.

An der Gerechtigkeit des Herrschers nimmt auch der Beherrschte durch seine Zustimmung teil. Diese Zustimmung darf jedoch nicht aus einer gewissen biedermännischen Haltung und dem Gefühl der unbedingten Loyalität gegenüber dem Herrscher (besonders, wenn es ein Monarch ist) entstehen. Der Staatsbürger darf jederzeit Kritik. üben, die jedoch nicht aus Prinzip geäußert we werden darf. Wenn die Beherrschten dem Herrscher innerlich zustimmen und sich der legalen Macht fügen, ist der Herrscher legitim.

 

 

 

 

Die Masse

 

Ortega y Gasset: Masse.   

Was Masse ist, wird am deutlichsten, wenn man diesen Begriff dem der Menge gegenüberstellt: Unter Menge versteht man eine Ansammlung von Menschen, die außer ihrem Menschsein nichts miteinander verbindet. Masse wird eine größere Zahl von Menschen genannt, die -wenn auch nur vorübergehend und unter bestimmten, zeitlich bedingten gefühlsmäßig gebundenen Voraussetzungen - durch ein Gemeinsames (Leidenschaft, Erregung, Hoffnung, Augenblicksziel) zu einer Einheit zusammengeschlossen werden. Während „Menge“ also ein quantitativer Begriff ist, verbindet sich mit dem wesentlich inhaltsreicheren der „Masse“ die Vorstellung von einer Anzahl von Menschen, die unter bestimmten psychologischen Voraussetzungen zu plötzlichen Affekthandlungen verführt werden können.

Die wissenschaftliche Erforschung des Phänomens Masse ist heute Gegenstand sowohl der Psychologie und der Antropologieals auch der politischen Wissenschaften, der Geschichte undder Nationalökonomie. Denn alle diese Wissenschaften befassen sich mit den konkreten Voraussetzungen, unter denen Menschen in großer Zahl gemeinsam emotionell zu reagieren pflegen. Der Psychologie und der Tiefenpsychologie fällt dabei eine führende Rolle zu. Denn wir haben erkannt, daß der einzelne, wenn er in bestimmten historischen Situationen - seien dieser kultureller, nationalökonomischer, politischer oder sonstiger Art - Teil einer Masse wird, in den Bann bestimmter Leidenschaften gerät. Das Triebhafte undIrrationale gewinnt die Oberhand.

Typische Merkmale der Massenmenschen sind:

1.) Anonymität: Die individuelle Verhaltensweise verflüchtigt sich unter dem Bann der Leidenschaften, die alle ergreifen, und wird durch nur triebhaftes, instinktmäßiges Reagieren ersetzt.

2). Gefühlsbestimmtheit: An die Stelle der Vernunft treten Gefühl und Trieb. Daher die große Beeinflußbarkeit der Massen, die nicht aus Überlegung und Einsicht handeln, sondern allein durch Emotion gelenkt werden.

3.) Schwinden der Intelligenz: Die Intelligenz der Masse sinkt unter das Niveau der einzelnen, die sie bilden. Wer sich den Beifall der Masse sichern will, wird sich an der unteren Intelligenzgrenze orientieren und auf logisches Argumentieren verzichten. Ein Erlebnis mit anderen zu teilen, steigert die Erregung. Die Masse ist leichtgläubig und gibt sich kritiklos einander ablösenden Rednern hin, mögen ihre Aussagen einander auch noch so sehr widersprechen.

4.) Schwinden der persönlichen Verantwortung: In dem Maß, in dem der einzelne die Kontrolle über die eigenen Leidenschaften aufgibt, verliert er sein Verantwortungsgefühl und kann zu Taten hingerissen werden, die er, allein im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehend, nie begehen würde.

 

Die Massenpsychologie muß also die Gefühle und Reaktionen der Menschen kennen, die unter dem Bann bestimmter Leidenschaften stehen. Beispiele praktischer Anwendung massenpsychologischer Erkenntnisse sind - um zwei Extreme zu nennen - die moderne Werbung zug Gunsten bestimmter Handelsartikel und die Propaganda, wie sie etwa von und zu Gunsten

von Führern totalitärer Staaten betrieben wird.

Seit Freud wieder nachwies, daß der Mensch keineswegs nur rational handelt, sondern überwiegend durch irrationale, gefühlsbetonte Motive zu Taten getrieben wird, hat sich für massenmsychologische Untersuchungen ein ganz neuer Aspekt ergeben. Die moderne Massenpsychologie stützt sich bewußt auf die Begriffe der Psychoanalyse.

 

Warum die Massen in alles eingreifen und warum sie nur mit Gewalt eingreifen:

In der europäischen Geschichte hat sich bis zum heutigen Tag das Volk noch niemals eingebildet, „Ideen“ über irgend etwas zu haben. Es hat Glaubenslehren, Überlieferungen, Erfahrungen, Sprichwörter, Denkgewohnheiten. Es hielt sich ungeeignet zum theorethischen Denken und stimmte nur über die Entscheidungen der Politiker ab, suchte ihnen aber nicht eigene Ideen zu vermitteln.

Heute dagegen hat der Durchschnittsmensch die deutlichsten Vorstellungen von allem, was in der Welt geschieht und zu geschehen hat. Dadurch ist ihm der Gebrauch des Gehörs abhanden gekommen. Wozu hören, wenn er schon alles, was not tut, selber weiß? Es ist nicht mehr an der Zeit zu lauschen, sondern zu urteilen, zu befinden, zu entscheiden.

Diese „Bildung“ der Massen bedeutet jedoch keinen Fortschritt, dennn die Ideen sind keine Ideen, man benutzt sie nur, um sie der Wahrheit entgegenzusetzen. Mit dem Faschismus erscheint zum Beispiel in Europa zum erstenmal ein Menschentypus, der darauf verzichtet, Gründe anzugeben, der sich schlechtweg entschlossen zeigt, seine Meinung durchzusetzen. Der durchschnittliche Mensch entdeckt „Gedanken“ in sich, aber er kann nicht denken. Er will „meinen“, aber er will die Bedingungen und Voraussetzungen alles Meinens nicht anerkennen.

Wer eine Idee hat, glaubt an die Begründbarkeit dieser Ideen, er glaubt an eine Instanz, die über die Wahrheit entscheidet, und er sucht die Wahrheit im Zwiegespräch und auf Vernunftgründen aufgebaut zu finden. Der Massenmensch schreckt jedoch instinktiv zurück vor der Diskussion, weil er die höchste objektive Instanz nicht anerkennt. Man macht also mit der Diskussion Schluß und fällt so in die Barbarei zurück.

Gewalt ist dann nur noch „ultima ratio“, die Fortsetzung der Diskussion mit anderen Mitteln. Die direkte Aktion dagegen macht sie nun sogar zur „prima ratio“ und zur „unica ratio“. Und wenn die Masse in das öffentliche Leben eingreift, dann nur durch direkte Aktion

 

Die größte Gefahr - der Staat.

Die Masse ist der Teil des Gemeinwesens, der nicht aus sich selbst handelt. Sie wird geführt, beeinflußt, vertreten, gegliedert. Sie kann das nicht selber tun, sie muß sich auf höhere Instanzen beziehen. Wer aus eigener Kraft seine Autorität findet, der gehört zu dieser Elite. Wer nicht, muß die Autorität von der Elite empfangen. Erhebt die Masse Anspruch auf selbständiges Handeln, so steht sie gegen ihr eigenes Schicksal auf. Wenn die Masse selbständig handelt, tut sie es nur auf eine Art: sie lyncht.

Die alten Staaten krankten an dem enormen Niveauunterschied zwischen der Stärke der Gesellschaft und der öfffentlichen Gewalt. Mit der Revolution aber bemächtigte sich das Bürgertum der öffentlichen Gewalt und schuf eine eigene mächtige Organisation, die mit den Revolutionen aufräumte. Staatliche und soziale Gewalt hatten sich ausgeglichen. Nur das Gegenteil der Revolution ist noch möglich: der Staatsstreich, der allerdings auch als Revolution getarnt ist.

Der Massenmensch bewundert diese anonyme Macht „Staat“, er er ist sich nicht bewußt, wer den Staat geschaffen hat und wer eigentlich „Staat“ ist. Man verläßt sich auch zu sehr auf den Staat, wenn man in Gefahr ist. Diese Wundermaschine bedeutet eine ständige Versuchung, und nur zu oft wendet man sie an. Alles Leben ist nur Dienst am Staate. Damit aber Sicherheit herrscht, braucht man ein großes Heer (nach außen) und eine genau eingespielte Bürokratie (nach innen). Die Gesellschaft wollte sich ein Instrument schaffen, um besser leben zu können. Dieses Werk macht sich aber selbständig und stellt sich über sie, und alles muß nur noch dem Staate leben „"Alles für den Staat; nichts außer dem Staat,  nichts gegen den Staat“ (Mussolini).

 

Was kann man gegen die Vermassung tun?

Definitionen:

Menge: Menschenansammlung.das Verbindende ist ihr Menschsein, sonst nichts.

Masse:  Durch ein gemeinsames Ziel zusammengeschlossene Menge.

 

Gesellschaft: Zusammenschluß der „Vielen“ dauerhafter Zusammenhalt. Jeder an seinem Platz und mit seinem Recht, fast  eine „Gemeinschaft“. Eine Gesellschaft besteht, wenn Menschen in den verschiedensten Formen zusammenleben ( Familie, Verbände, Staat). Denken aber über die Gesellschaft nicht die Politiker und die Volks­wirtschaftler nach? Den Staat muß man doch nach der Zweckmäßigkeit beurteilen, und da sind solche Leute gerade die richtigen? Wenn der Staat aber einen Zweck hat, dann muß er auch ein Ziel haben (etwa die Macht), dann muß man seine Ethik betrachten; das tut die Philosophie. Die Realität des Staates dagegen untersucht die Ontologie. Der Staat hat eine Realität: Wer sich dauernd gegen die Gesellschaft stellt, wird in eine Heilanstalt eingewiesen (es sei denn, er hätte GeldIndividualismus: Jeder Einzelne ist doch „Gesellschaft“, er allein sieht, daß er i s t; wirklich sind immer nur die Einzelmenschen, die dann einen Vertrag schließen, der aber jederzeit wieder zu lösen ist.

Die Industriegesellschaft ist der Versuch des Menschen, sich im Zwischen einzurichten; aber auch sie könnte eine Wahrheit haben. Hier können wir jedoch nur tasten und zum Teil vor­wegnehmen. Wir dürfen nur nicht in die Spekulation einer Konkretion verfallen.

Die Mitte der neuen Gesellschaft ist die Einheit der Menschheit auf der Ebene aller Völker und Rassen. Iindem jedes Volk seine Mitte findet, kommt es in die Urwahrheit und trägt somit zur neuen Gesellschaft bei. Mitte der neuen Gesellschaft ist aber auch der Mensch als wahrer Herrscher, der „Boden“ schafft, das Wort als „Geist“ spricht und in sich das Auseinander der Gesellschaft bewältigt.

Das Maß der neuen Gesellschaft ist so der Mensch und die Art und Weise, wie er die Gesellschaft bewältigt und zur Wahrheit führt, weil er selbst ja Einheit ist. Die Gestalt dieser neuen Wahrheit ist dann die heile befriedete Gesellschaft als Herrschertum des Menschen. Wir versuchen heute auch die Einheit der Menschheit zu schaffen. Wir befinden uns jedoch im „Tal“, und deshalb kann es nichts werden:

Der Mensch kann nicht Herrscher werden, sondern reduziert zum berechenbaren Arbeitswesen (er ist reif, wenn er in der Gesellschaft funktioniert).  Es besteht schon eine Einheit, denn „Arbeiter sein“ ist überall gleich. Aber dieser neue Mensch ist nicht Herr, sondern Knecht, der sich als Herr dünkt. Das Maß ist die Ratio, die Einheit der Sprache besteht in der Formelsprache (nicht Sprache des Geistes), die Gestalt ist die totale Organisation, der Apparat.

Ein Ende der Geschichte kann es aber erst geben, wenn der Vollzug der Wahrheit eine Wirklichkeit geworden ist. Das wird dann auch das Ende des alten Menschen sein, der neue wird kommen als eine vollkommene Gestalt im Lichte der Wahrheit.

Es geht also in erster Linie darum, daß unser Volk sich selbs findet und seine Vergangenheit bewältigt zum Sprung in die neue Gesellschaft, zur Aufhebung der Industriegesellschaft in ihre eigene Wahrheit.

 

Gemeinschaft: Für uns ist das Verständnis des Wortes „Gemeinschaft“ sehr schwer, denn wer sich im „Tal“ befindet, bekommt die „Gemeinschaft“ gar nicht in den Blick. Jede Stufe der Entwicklung des Menschen hat ihr Ziel: Einmal besteht dieses Ziel im Sprung zur nächsten Stufe, zum anderen aber auch in der Ausfüllung eines jeden Lebenskreises (Werden - Sein). Nur wenn dieses Ziel erreicht ist, der Lebenskreis bewältigt ist und seine volle Gestalt erreicht hat, kann der Sprung zur nächsten Stufe erfolgen.

Überträgt man nun dieses Prinzip des Werdens auf die Geschichte, so sieht man, daß sich auch hier verschiedene Gemeinschaftsformen ausgebildet haben: Stamm, Volk, Reich, Nation, Gesellschaft (Goten, Germanen, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation, Nationalstaaten, moderne Industriegesellschaft). Die neuen Gemeinschaftsformen waren aber nur

zu erreichen durch den Tod der vorhergehenden.

Das dritte Reich Hitlers jedoch war ein Versuch der Flucht vor dem Sterben: Man sah alle Werte durch die Industrie bedroht, man fürchtete, die gerade gefundene Gestalt könne wieder zerbrechen, und so floh man in die Vergangenheit, bis zu Germanen und Mythos, weil man glaubte, dort noch Gestalt zu finden. Folgen davon waren Passivität und Furcht vor dem Aufbauen einer neuen Ordnung. Nachdem diese Gestalt eines dritten Reiches nun wieder zerbrochen ist, fliehen wir nun nach vorne und suchen die neue Gesellschaft in eigener Machtvollkommenheit zu erzwingen.

 

Gemeinschaft und Gemeinde

Gemeinschaft:

Der Mensch lebt von der Schöpfung her in der Gemeinschaft. Schon der erste Mensch ist Gemeinschaft, er ist das Ziel der nachherigen Gesellschschaft und kann wieder die Rückbildung sein der zerfallenen Gemeinsch (Individualismus!). Es gibt zwei große Formen der Gemeinschaft

(1.) Hausgemeinschaft, in die man hineingeboren ist

(2.) Kultgemeinde, der man sich freiwillig anschließt.

Wille ist, was auf Grund der Freiheit geschieht. Nur freie Menschen haben einen Willen, denn nur beim freien, schwebenden Geist sind Wunsch und Ausführung dasselbe, nämlich Wille. Das bedeutet: Es handelt sich um eine Bruderschaft, die analog gebildet ist zur Hausgemeinschaft. Sie wird durch Eid befestigt. Sie geht sogar soweit, daß ein gemeinsames Gastmahl den  Frieden wiederherstellt und sogar Blutschuld aufhebt.

In dieser Gemeinschaft geht es um Werte, die Mitte ist die Autorität. Deshalb ist die Verbindung der Menschen eine menschliche Aufgabe, denn sie ist Aufhebung des Auseinander. Sie ist gegründet in der Treue zur Mitte und zu den anderen Menschen.

Gemeinschaft ist nie Summe der Mitglieder, sondern Gesamtperson. Sie ist nicht ahhängig vom Kommen und Gehen der Einzelnen, denn sogar noch die Toten gehören zu dieser Gemeinschaft. Gemeinschaft ist Gesamtbürgschaft, jeder steht für den anderen ein. Gemeinschaft ist aber auch Gesamtschuld. Es kommt auf die Besserung der Gesamtgemeinschaft an und auf das Übernehmen der Schuld für den anderen. Deshalb kommen Mörder zur Gemeinschaft und bitten um Bestrafung, um die Gemeinschaft zu bessern, denn ein unentdecktes Verbrechen ist die furchtbarste Krankheit der Gemeinschaft.

Einzelgänger sind nur der auf seine eigne Kraft vertrauende Recke und der Geächtete, der nicht mehr in der Gemeinschaft zählt, dessen Frau eine Witwe ist. Er ist ein Wolf, der unbedingt getötet werden muß, denn er ist kein Mensch mehr. Mensch ist er nur in der Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft muß in ihm sichtbar werden, sie „tönt“ im Einzelnen durch („personare“).

 

Gemeinde:

Nach 1.Petrus 2,9-10 ist die Gemeinde als „Volk Gottes“ in seiner Gesamtheit auserwählt. Es fällt jedoch auf, daß im Neuen Testament nur Einzelne erwählt werden, nicht auf Grund einer Überkeinkunft der Individuen, sondern von Gott.

Auch die Gemeinde ist von Gott gesetzt.Sie ist Eigentum Gottes, der in ihr wohnt. Die Geminde ist Gestalt Christi, wo Gemeinde ist da ist auch Christus. Sie ist der Raum, in dem Christus seine Fülle ausgießt. Er hat dadurch die Einheit der Menschheit wiederhergestellt, in ihm ist die Menschheit wieder Mensch (Offenbarung 1,5-6).

Durch die Taufe wird man Glied des Leibes (1.Kor12,13 und Röm6,4), durch das Abendmahl bleibt man in der Gemeinde. Hier wird der Leib Christi gebrochen. Die Gemeinde wird also „gebrochen“, sie übernimmt mit Christus Schuld und wird mit ihm gekreuzigt. Sie ist ja selber Leib und nimmt damit den Auftrag an, sich selbst zu opfern. Das Blut der Gemeinde wird vergossen, um die Einheit wiederherzustellen.

(1.) Gemeinschaft wird immer wieder vollzogen. Sie ist bereit, mit Christus zu sterben

(2.) Das Eingeständnis der Schuld wird vollzogen, damit vollzieht die Gemeinde ein Priesteramt, ihr Sein ist auch gleichzeitig ein Akt, ihre Sammlung in der Mitte ist auch Sendung.

Daraus ergeben sich drei Lebensmerkmale der Gemeinde:

(1.) Leiturgia: Gottesdienst der Gemeinde

(2.) Diakonia: Dienst für die Welt, miteinander im Spiel

(3.) Martyria: Zeugnis von der Mitte

Diese Merkmale sidn aber immer miteiannder im Spiel.

 

Das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinde:

(1.) „Das höchste Glück der Erden ist doch die Persönlichkeit“ (Goethe)

2.) „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ (Hitler).

Im Neuen Testament:.

(1.) Christus sucht den Einzelnen, ihn ruft er heraus aus der Masse

(2.) Er spricht auch von „heiliges Volk“ und „auserwähltes Volk“.

Das ist kein Widerspruch, denn der Einzelne wird Glied mit einem speziellen Auftrag zum Wohle der Gemeinde und baut somit mit am Leib der Gemeinde. Seine „Mitte“ ist identisch mit der „Mitte“ der Gemeinschaft, stimmt also voll mit der Gemeinde überein.

Wer in der Gemeinde ist, ist Christ; wer in Christus ist, ist in der Gemeinde; wer in der Gemeinde ist, ist in der Menschheit; wer in der Menschheit ist ,ist Mensch. Aber auch der Einzelne in Christus kann durchaus zu einer neuen Zelle der Gemeinde werden! In der Spätzeit des Griechentums (Hellenismus) fühlte sich der Einzelne als nicht mehr in die Polis geboren, sondern er wächst heran als Kosmopolit und als Individuum. Diese Lage traf das Christentum an und es mußte nun den Einzelnen ansprechen.

Christus will die Einheit wiederherstellen durch die Liebe untereinander, er gibt dem Einzelnen erst seine wahre Bedeutung. Es besteht aber durchaus die Möglichkeit des Ausschlusses: „Ärgert dich die Hand, dann schlag sie ab!“ Es geht ja um die Erhaltung des Leibes. Die Frage ist, ob eine Besserung des Gliedes noch möglich ist. Ist das aber nicht mehr möglich, dann erfolgt der Ausstoß, der immer Schuld bedeutet.

 

 

 

 

 

Man redet von „Masse“ oder „Masseninstinkten“ - an sich sind das schlechte Ausdrücke, die aber das Negative und Bedrohende, das mitschwingt‚ auszudrücken. Gegensatz ist das Individuum. Doch in der Masse ist jeder für sich allein. Die Masse wird oft von Gefühlen geleitet, die durch einen Anstoß ausgelöst werden (Modetorheiten!). Deshalb ist sie leicht zu beherrschen: Ein Demagoge fühlt sich in die Masse ein, beherrscht sie dann durch den Apparat. In allen Staatsformen kann „Masse“ entstehen. Utopisch ist aber die „klassenloser Gesellschaft“, in der alle „Masse“ wären..

 

In der mittelalterlichen Gesellschaft war jeder gebunden an Staat oder Kirche, an Lehnsherr oder Vasall. Auch die Wissenschaft war gebunden an die Autorität antiker Denker.

Aber heute ist es anders:

1) Keine Autorität mehr, weder bei der Erziehung noch gegenüber dem Staat.

2)  Die Demokratie gibt jedem den gleichen Ausgangspunkt, mit der Möglichkeit, sich voll zu entfalten, es geht nicht um Gleichmacherei.

3) Dennoch gerade hier Zusammenschluß zu Großverbänden, „Dachorganisationen“, Großräumen. Europa ist jedoch kein Massenstaat.

4) Gewisse Gesellschaftsschichten verschwanden. Es gibt nur noch eine Klasse, allerdings nicht das  revolutionäre Proletariat, sondern ein Bürgertum mit Ruhebedürfnis und Gewinnstreben.

5) Technik: Die Arbeitsteilung ist kein „Sündenfall“, die Rationalisierung ist heute nötig, weil alles schneller und billiger geht.  Die gesteigerten Verkehrsmöglichkeiten gleichen weltweite

Unterschiede aus.

 

Aber Massenkommunikation ermöglicht Massenbeieinflussung; das bewirkt oft gleiche Meinung. Der überwältigende Eindruck der Technik läßt den Menschen in Vergessenheit geraten. Er muß immer die Leistungen seiner Vorfahren nachholen, der Weg dorthin wird immer länger und schwerer

Da gibt man es soft von vornherein auf und wird gleichgültig. Man will keine Entscheigimgen mehr fällen, keine Verantwortung haben. Wenn man auf eine Herausforderung aber nicht antwortet, macht sich diese selbständig und bedroht den Menschen. Man fragt auch  nicht mehr nach dem Mitmenschen, jeder ist allein und will mit dem anderen nichts mehr zu tun haben.

 

 Was tue ich gegen die Vermassung?

Bei einer Massenveranstaltung will ich nicht unbedingt mitschreien, aber im Grundekannich mich nicht davon nicht zu lösen, weil die Masse ja das Unterbewußte anspricht. Um von vornherein die Gefahren zu erkennen (Voraussetzung für Bewältigung!) und ihnen begegnen zu können, muß ich mich bewußt einschränken.

1.)  Meine Erziehung hatte kritisches Denken zum Ziel,- ein gutes Mittel. Aber nötig ist auch eine bewußte Abhebung, nicht aus Überheblichkeit, sondern Betonung des Andersseins (nicht: besser), um nicht Masse zu werden.

2.) Einseitigkeit bedeutet auch Vermassung: Man liest einen (!) Denker, begeistert sich dafür und versucht alles diesen Ideen anzupassen, etwas anderes ist falsch („Modephilosoph“).

3.) Totalität ist als Ziel des Menschen nicht mehr möglich. Deshalb muß man aus der Not eine Tugend mamchne und Arbeitsgemeinschaften bilden, die noch übersichtlich und persönlic sind. Außerdem bedueten sie einegegenseitige Kontrolle, und es kommt zu einer Beleuchtung von verschiedenen Seiten durch Spezialisten.

4.) Persönlichkeit ist vielleicht nicht mehr möglich. Heute gibt es jedoch auch den Angriff auf die „Person“ (Dostojewskij: Großinquisitor; Orwell: 1984). Deshalb ist erst einmal die Person wieder zu erringen und sichern, aber Ziel ist die Persönlichkeit.

5.) Rückbesinnung des Menschen auf sich selbst, irgendwo muß er einen Ort haben, von dem aus er wieder neue Kräfte schöpfen kann, irgendwo muß er noch Mensch sein können.

 

Wie helfe ich anderen, die Vermassung zu überwinden?

1.) Ich kann andere nur immer wieder aufrufen, Einseitigkeit zu überwinden und offen zu sein. Das ist auch die vornehmste Aufgabe der Dichter und Denker: den unbewußten Zwang bewußt zu machen.

2.) Trotz einer manchmal nötigen Abhebung gegen die Masse muß man doch offen sein für den „Gegenüber“. Dieses kann nicht die unpersönliche Masse sein, sondern nur ein Mensch, ein Freund.

 

Zusammenfassund ist zu sagen:

Man sollte nicht zu pessimistisch sein: Es gibt noch Menschen, die denken. Es wäre auch falsch zu denken: „Es ist jetzt Mode, kein Massenmensch zu sein. Also tue ich all das, was die Masse nicht tut!“ Ein solcher falsch verstandener Individualismus würde alles noch schlimmer machen.

 

 

 

 

Bibel

 

Der König im Altertum und seine Legitimation

1. Ein naheliegendes Beisopiel für die Könige des Altertums ist König David. Doch er unterscheidet sich sofort von anderen Königen des Altertums darin, daß man  nichts von einem Stammbaum hören, in dem das Geschlecht Davids auf die Götter zurückgeführt wird. Damit entfällt für den israelitischen König eine Legitimation, die bei fast allen Königen in der übrigen Welt des Altertums entscheidend ist. Jeder König, der die Herrschaft über ein Volk oder ein Reich übernimmt und das Königtum auf seinen Sohn vererben, muß durch einen Stammbaum seinen göttlichen Ursprung nachzuweisen suchen und damit also sich selbst als einen Sohn der Götter, zum Beispiel Tschingis Khan.

Am konsequentesten ist diese Legitimation in einer bestimmten Periode Ägyptens ausgebaut worden, in der nicht nur der Stammbaum auf Gott zurückgeführt wird, sondern jeder einzelne König verstanden wurde als ein von Gott Amun mit der jeweiligen Königmutter gezeugten direkten Sohn Gottes.

Israel kennt diese Legitimation eines Königs sicher, scheidet sie aber aus als unmögliche, nicht annehmbare Legitimation. Im Gegenteil: Israel legt großen Wert darauf, .David als Menschen in seiner ganzen Rätselhaftigkeit und nur als einen Menschen in seiner Erinnerung festzuhalten. Ja, es geht sogar einen Schritt weiter. Das Buch Ruth geht dieser Frage des Stammbaumes nach. Es hält fest, daß David noch nicht einmal rein israelitischer Abstammung ist, sondern daß in seinen Adern, von seiner Urgroßmutter her, heidnisches Blut fließt.

Aber es entspricht der Vorstellung der Israeliten von ihrem Gott, daß Gott sich die Menschen, mit denen er in dieser Welt etwas ausrichten will, aus dem Raum der Verachteten wählt. David konnte nichts für seine niedere Geburt und mußte auf seine Chance warten. David ist der aus dem Raum der Verachtung von Gott frei erwählte. Da diese Legitimation aber aufs 8anze gesehen zu Lebzeiten des Königs bzw. des erwählten nicht zum Zuge kommt, müssen wir uns nach einer weiteren Legitimation umsehen.

 

2. Der Aufstieg Davids, vom Hirtenjungen zum König ist nicht zu denken ohne seine Beliebtheit, seine Klugheit, Tüchtigkeit und sein politisches Fingerspitzengefühl. Er konnte warten, bis die Zeit reif war für eine politische Aktion. Als er vor Saul floh, konnte er es sich leisten, zu den ErbJfeinden Israels übvrzugehen, zu den Philistern, ohne den Kontakt mit den Judäern zu verlieren. Wer diese menschlichen Eigenschaften hat, ist dadureh noch lange nicht als König legitimiert.

Aber bei der Frage der Legitimation Davids dürfen diese menschlichen persönlichen Dinge auch nicht völlig aus dem Blickfeld geraten. Er muß seine Legitimation gleichsam von innen her, vom menschlichen, persönlichen her erfüllt. An ihn sind von vorne herein viel härtere Forderungen gestellt als an den Göttersohn- könig. Die andere Seite dazu lautet: Dieser König in Israel kann eine Legitimation viel schneller und gründlicher verwirtschaftenl, aushöhlen durch Dummheit, Schwachheit und politische Instinktlosigkeit. Diese Tatsache ist heute zu einem Hauptargument gegen das erbliche Königtum geworden.

 

3. Durch kluges Taktieren erreicht David es, daß er nach dem Tod König Sauls das Volk Israel mit seiner Mannschaft nicht zu erobern braucht. Er hatte gute Vorarbeit, unter anderem durch Bestechung, getan. Er wartete und tatsächlich kamen die Südstämme und salbten ihn zum König über Juda und drei Jahre später die Nordstämme und salbten ihn zum König über Israel. Was hier mit dem Wort „sie salbten ihn“ beschrieben wird, ist ein rein politisch-rechtlicher Vorgang.

David schließt einen Bund, einen Vertrag mit den jeweiligen Stämmen. Der „Bund“, der Vertrag wird wie jeder andere Vertrag in Israel vor Gott geschlossenen. Deshalb sieht der König auch Gott als den obersten Wert an, nicht das Volk, das ihn gewählt hat. Dann wird David zum König ausgerufen und endlich wird er an einem Heiligtum in Mamre von einem Priester zum König gesalbt, geweiht. David ist deswegen legitim und rechtmäßiger König über Israel, w'eil er vom Volk bzw. den Ältesten des Volkes gewählt wurde. Noch schärfer: Er ist legitim, weil er sein Amt im Auftrag des Volkes ausübt. Als der eigentliche Souverän erscheint dabei des Volk. (Volkssouveränität).

Auch heute sagen wir: „Alle Gewalt geht vom Volke aus!“ Die Wahl der Regierung durch das Volk (die Demokratie) scheint uns deshalb als legitim, weil sie nach unserer Meinung die einzige Staatsform ist, die diese Freiheit und die von ihr gegebenen Normen der Menschenwürde und der freien Entfaltung aller persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Kräfte zur Erreichung des Zieles „gehobener Lebensstandard“ respektiert.

Zur Legitimation eines Herrschaftsanspruches gehört, daß sich der Herrscher der vom Volk anerkannten letzten Autorität, nämnlich Gott und den von dieser Autorität gegebenen Rechtsnormen und Rechtsprinzien oder Menschenrechten unterwirft und also bereit ist sein Handeln  von da her messen zu lassen.

Nur die Herrschaftsgewalt, welche die verborgenen und in jeder Gemeinschaft vorhandenen Werte und Prinzipien verwirklicht, kann als legitim und damit als für alle bindend gelten. Also so muß alles staatliche Handeln, das den. Anspruch auf Legitimität erheben will wertgebunden sein. Es muß sich nach den Regeln richten, welche jene, die gehorchen, ohne Diskussion anzunehmen bereit sind. Erst dann kann es der Herrschaftsgewalt  gelingen, die Beherrschten in eine Willens- und Wertegemeinschaft einzubeziehen, die ihrem Machtanspruch honoriert (relative Legitimität).

Die Legitimation Davids des Königs über Israel und Juda besteht also nicht darin, daß das Volk ihn jeweils gewählt hatte, sondern darin, daß König und Volk, einen Bund vor Gott geschlossen haben. Diese Formel „vor Gott“ besagt einmal, daß beide Vertragspartner sich der obersten Autorität, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und dem von ihm gegebenen Normen unterwerfen, und zum anderen, daß sie bereit sind ihre jeweiligen Aufgaben in dem so gegebenen und begrenzten Raum auszuführen. Die darauf folgende Salbung durch den Priester am Heiligtum unterstreicht diesen Tatbestand nur noch für den einen der beiden Vertragspartner, den König.

Wo ist aber die dritte Instanz, die die Einhaltung dieses Bundes kontrolliert und an diese man sich in Zweifelsfäll wenden kann en? Diese unsere Frage nach der dritten Instanz ist ganz natürlich in dem Augenblick, in dem Gott durch einen obersten Wert ersetzt worden ist, sei es nun Volk oder Freiheit. Sollche „Oberste“ können nicht handeln, nicht eingreifen um die Einhaltung des Vertrages zu garantieren. Deshalb müssen die Menschen selber die Aufgabe der Kontrolle übernehmen. Sie schaffen ein kompliziertes und immer komplizierteres System von Sicherungen, die vor einem Mißbrauch der Macht schützen sollen. In der Bundesrepublik ist dies das Bundesverfassungsgericht, das eine im m er größere Rolle spielt. Es muß Gott ersetzen, der in Israel sehr aktiv die Rolle der dritten Instanz übernimmt und eifersüchtig über die von ihm gegebenen Normen wacht. „Eine unsichere Sache, diese dritte Instanz“, sagt der moderne Mensch und er muß das sagen, wenn dieser Gott nicht mehr die letzte Autorität, wenn Gott für ihn tot oder ein lieber ferner alter Mann ist.

4. Aber damit sind wir immer noch nicht bei dem Letzten, was über die Legitimation des Königs in Israel zu sagen ist. Denn die Initiative zu dem Bundesschluß ging ja vom Volk bzw. seinen Ältesten aus, denn sie wollten David zum König haben. Die eigentliche Legitimation Davids und seiner Nachkommen ging aber vom Gott Israels selber aus.

Der Prophet Nathan spricht zu David: „Wenn  nun deine Zeit hin ist, daß du mit deinen Vätern schlafen liegst, will ich den Samen nach dir erwecken, der von deinem Leibe kommen soll, dem will ich sein Reich bestätigen, der soll meinem Namen ein Haus bauen und ich will den Stuhl seines Königreiches bestätigen ewiglich. Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein. Wenn er eine Misstat tut, so will ich ihn mit Menschenruten und mit der Menschenkinder Schlägen strafen, aber meine Barmherzigkeit soll nicht von ihm entwandt werden, wie ich sie entwandt habe von Saul. Aber dein Haus und dein Königreich sollen beständig sein ewiglich vor dir und dein Königstuhl soll ewiglich bestehen!“

An diesem Wort ist zweierlei erstaunlich. 1. Es kommt ja nicht direkt von Gott zu David, sondern durch den Propheten Nathan. Was uns erstaunt ist die Bereitschaft Israel, das Wort dieses Mannes als göttliche Legitimation Davids und seiner Nachfolger zur Herrschaft über Israel anzuerkennen. Wir sind deshalb erstaunt, weil wir nicht mehr viel vom Wort halten. Wir trauen es dem Menschenwort nicht mehr zu, daß es Gotteswort sein kann. Uns liegt es sehr nahe, nach Beweisen zu fragen. Der eigentliche Grund für unser Erstaunen liegt wiederum darin, daß dieser Gott Israels für uns keine kraftvoll handelnde lebendige Wirklichkeit mehr ist.

Der Gott Israels aber liebt es, indirekt, mittelbar zu handeln, in diesem Fall durch den Propheten Nathan. Wenn man so will, fordert er dadurch den Unglauben geradezu heraus. Streng formuliert: Die Nathan-Verheißung ist nicht gültig, weil Nathan sie ausgesprochen hat oder weil sie in der Bibel steht, sondern deshalb, weil Gott ihre Gültigkeit bis heute garantiert. Nun setzt jede Legitimation und ihre Anerkennung den Glauben voraus, entweder an die Götter oder an die Freiheit oder an die Nation. Für Israel aber kann der Glaube an den allein wahren Gott Israels vorausgesetzt werden. Deshalb machte ihnen diese Nathan-Verheißung nicht dieselben Schwierigkeiten wie uns. Noch dazu war ja Nathan weithin anerkannt, als ein vom Geist Gottes ergriffener Prophet.

Aber -  und damit kommen wir zum zweiten - auch für Israel selbst war dieses Wort Gottes erstaunlich. Und eine nicht kleine Gruppe in Israel hat sich dieser Verheißung gegenüber quer gestellt. Und es mag sogar sein, , daß innerhalb dieser Gruppe der Prophet Nathan als Lügenprophet hingestellt wurde. Das taten sie nicht, weil sie etwa gar Gott ist nicht an den Gott Israels glaubten, sondern gerade weil sie an ihn glaubten, zur Verteidigung seiner Ehre, die sie durch den König David und durch die Einrichtung des Königtums überhaupt geschmälert sahen. Verdächtig war ihnen ja schon die Begründung, mit der damals zu Samuels Zeiten das Volk einen König vom Propheten Samuel forderte: „Wir wollen auch einen König wie die Heiden!“ So sah diese ablehnende Gruppe mit dem Königtum ein heidnisches Element in das Volk Gottes eindringen und die Rede Gottes an Samuel war ihnen aus dem Herzen gesprochen.

Zwar ging Gott damals auf den Ungehorsam des Volkes ein, gab ihnen König Saul. Der aber versagte und wurde von Gott verworfen. Damit schien nun die Königsfrage in Israel endgültig erledigt zu sein. Entweder Gott als König damit legitim. Oder Mensch als König über Israel und damit legitim und heidnisch. Ein drittes war in Israel ihrer Meinung nach nicht möglich. Und nun kommt dazu diese Nathan-Verheißung, dieses neue Wort Gottes, durch das der König, dieser menschliche König von Gott an Sohnes statt angenommen wird: „Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein!“ Hier wird von Gott her durch einen einseitigen Rechtsakt eine völlig neue rechtliche Lage geschaffen. Stand der Sinaibund unter der Devise, „Ihr sollt mein Volk sein“, so wird nun in diesem neuen Davidsbund ein Mensch herausgenommen aus dem Volk und mit ihm ein besonderer Bund geschlossen „Sohn - Vater“. Man nennt ihn den  „Davidsbund“.

 

Damit werden wir auf ein Problem aufmerksam, daß die Frommen in Israel und in der Kirche in jeder Generation neu quält und beunruhigt hat. Die Frommen wollen Gott immer festlegen auf das, was er einmal gesagt und getan hat. Damit haben sie einen klaren Maßstab in den Händen, nach dem sie urteilen können. Das Verwirrende aber ist, daß der Gott Israels immer größer ist als sein Volk annimmt. Daß er, um einmal im Bilde zu reden, hineingreift in den heidnischen Raum und eine  ganz heidnische Insti tution, wie es das Königtum ist, hineinholt in den Raum Israels, sie dort legitimiert und gleichsam. unter der Hand verwandelt. Denn das ist deutlich, und wir werden es noch sehen, diese Institution kann in Israel nicht mehr dasselbe sein wie bei den Heiden.

Aber ebenso deutlich ist die Grenze zwischen israelitisch auf der einen Seite und heidnisch auf der anderen Seite,         ist viel schwieriger zu verstehen und stellt vor eine Fülle verwirrender Probleme, die in dem alten Entweder-Oder-Schema nicht bestehen. Wir verstehen also, warum diese innerste Legitimation des Königs Israels bei einer Gruppe von Menschen auf Ablehnung gestoßen ist und von ihr mit wachen und kritischen Augen verfolgt wurde.

 

6. Was aber besagt diese Legitimation nun inhaltlich: „Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein!“ Wir kommen nun wirklich in die  äußerste Nähe der anderen alten Könige, die sich als Göttersöhne. auszuweisen hatten. Und zugleich ein erster Unterschied:  Die am Tage der Thronbesteiung des israelitischen Königs gesprochene Nathan-Verheißung sagt, daß Gott den König eben jetzt, bei dem Aussprechen der Verheißung an Sohnes statt annimmt und in die Rechte und Pflichten des Sohnes einsetzt. Er ist also nicht kraft seines Blutes, kraft seiner Abstammung Sohn, sondern kraft göttlicher Rechtsetzung und Einsetzung am Thronbesteigungstag.

Der König sollte sich als Göttersohn ausweisen, weil er als Bürge von Kriegsglück, Erntesegen und innerem Frieden galt. Die symbolische Gestalt für die Kenntnis des mythischen Menschen ist der König, der „wehren“ kann, der aus der „Wildnis“eine Stadt (Polis) schaffen kann. Er vollzieht Rechtssordnung und Krieg, er hat Frieden zu halten; er kann heilen. Er.ist dem nicht gefallenen Menschen noch am nächsten, er ist noch weitgehend „gegenwärtig“.

Auf moderne Verhältnisse übertragen müßte man sagen: 1. äußere Sicherheit durch außenpolitisches Ansehen, 2. Arbeit und Brot oder größtmögliches Glück für die größtmögliche Anzahl von Menschen, Lebensstandard, 3. sozialer Friede und soziale Sicherheit. Diese Dreiheit kann man in dem Wort „Herl“ zusmmenfassen.

Der Köng ist dann Heilskönig und als solcher der Mittler des Heils von den Göttern hin zu den Menschen. Darum wird er bei dem Regierungsantritt von seinem Volk mit Heilsrufen begrüßt. Damit dieses Heil Wirklichkeit werde, muß der König ein Göttersohn sein. Denn nur als solcher ist er Bürge des Heils. Nur von ihm gehen die göttlichen Heilskräfte aus, die Kriegsglück, reiche Ernte und inneren Frieden und damit das Heil verwirklichen.

Es wundert uns nicht, daß wir all diese Anschauungen nun auch in Israel wiederfinden, im jerusalemischen Königsritual, von dem uns die Königspsalmen Kunde geben. Aber es dauerte 70 Jahre, bis der Prophet Elia auftrat und den anderen Göttern einen unerbittlichen Kampf ansagte mit d r Aussage: „Gott will sein Volk für sich allein haben!“ Hier  liegt der Unterschied zum heidnischen Königtum: Alles kultisiche Bemühen war bei ihnend arauf gerichtet, daß jenes dreifache Heil herrschte.

Jeder Umschwung des Jahres - vom Frühling über Sommer und Herbst zum Winter - soll seine  ewige Ordnung haben. Durch Schuld der Menschen sollten keine Störungen eintreten oder  sofort beseitigt werden, das ist das Bemühen des Königs und seines Volkes.

Das Alte Testnment läßt keinen Zweifel daran, daß das auch von seinem Gott her recht und billig ist. Daß dieses dreifache Heil wirklich eine große und entscheidende Rolle spielt, ja daß Gott selber sich dafür einsetzt, daran läßt das Alte Testament und lassen insbesondere die Propheten keinen Zweifel.

Aber daß dieses irdisches Heil nicht das Letzte ist, vielmehr ist das Letzte, um das es geht, Gott selber. Er will sein Volk allein für sich haben. Wer will, daß sein Sohn, der König,

ihn von Herzen liebt und gehorcht. Als ein solcher von Herzen gehorsamer Sohn soll er seinen Hernschaftsauftrag ausführen über sein Volk. Ebenso wird vom Volk die Liebe zu Gott und der Gehorsam des Herzens gefordert. So gibt es eine Geschichte Gottes mit seinem Volk. Diese Geschichte hat einen Sinn, nämlich Gott als Heil selbst.

Je genauer und schärfer das in Laufe der Zeit erkannt und ausgesprochen wird, desto schärfer profiliert muß auch das Bild des Königs werden, wie Gott ihn will. Je schärfer die Spannung zwischen diesem Bild und den tatschlichen Königen wurde,  desto schärfer mußte auch die Kritik am jeweiligen König ausfallen.

Aber dieses Königsamt, mochte der Träger dieses Amtes auch in aller Härte kritisiert werden, war unantastbar, solange Jerusalem selbständig war und einen König hatte. Einst wird die Geschichte Gottes mit Israel zu ihren Ziel kommenund die Aussage „Gott ist unser Heil“ und das irdische Heil nahtlos ineinander über gehen.

 

7.  Es fehlt aber noch eine andere, nämlich die gerade in Vorderasien weit verbreitete Vorstellung von der Weltherrschaft. In Psalm 72 sind beide Vorstellungen - die des Heils und die der Weltherrschaft - miteianander verbunden: „Er schaffe Recht den Elenden im Volk. Er herrsche von Meer zu Meer. Vor ihm sollen knien seine Feinde

In den vorderasiatischen Reichen, (wir denken vor allen Dingen an das assyrische Reich), haben diese Formulierungen immerhin ihre politische Berechtigung gehabt. In dem kleinen Land Juda und seiner Hauptstadt Jerusalem aber müssen diese Formulierungen nahezu lächerlich gewirkt haben. Und doch waren sie legitim vom Ansatz, von der Nathan-Verheißung her.

Wenn Gott der König aller Könige, den König aus Davids Haus zum Sohn einsetzt, dann ist derselbe König auch Erbe der Weltherrschaft Gottes.

Die kühnste Formulierung aus der Sohnschaft des Königs spricht Psalm 110 aus, wo Gott sagt: „Setze dich zu meiner Rechten!“ Diese an jedem Thronbesteigungsfest des jüdischen Königs neu vorgetragenen Formulierungen  haben also ihre Kraft nicht aus den politischen Verhältnissen, sondern aus der Wirklichkeit des Gottes, der als König aller Könige den jüdischen König an Sohnes statt einsetzt, neben sich auf seinem Weltherrschaftsthron.

Diese Spannung macht das Volk Israel zu einem Volk glühender Erwartung. Und diese Spannung verstärkt sich noch einmal, als der letzte, der erwartete König aus dem Hause Davids kommt, der dann am Kreuz endet.

Die Frage nach dem König im Altertum und seiner Legitimation spitzt sich also zu auf die Gottesfrage: Welcher ist der wahre Gott, der Gott Israels, der das Haus Davids zur Weltherrschaft legitimiert oder die anderen Götter und die modernen Götzen?

 

8. Dem König ist es aber ausdrücklich verboten, diesen Weltherrschaftsanspruch Gottes in der Welt durchzusezten. In Jesus, dem letzten aller Könige, wird dieser Verzicht auf dit Durchsetzung der Weltherrschaft durch Gewalt deutlich demonstriert. Einmal durch das Kreuz, das Ende des Lebens, zum anderen durch die Ablehnung des Versuchers: „Du sollst anbeten Gott deinen Herren und ihm allein dienen!“ Auch das dokumentiert Jesus noch Johannes vor Pilatus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ Mit diesem Verzicht scheidet der von Gott her legitime Weltherrschaftsanspruch des Hauses David endgültig aus der Politik aus.

 

Wenn nun die christlichen Kaiser - angefangen von Konstantin von Byzanz, die germanischen Kaiser, die russischen Zaren bis hin zu den europäischen Königen - die Königspsalmen des Alten Testamentes übernahmen und in ihre Königsliturgien einbauten, so geschah hier genau das umgekehrte, wie in der israelitischen Königszeit.

Dort geriet ein von Gott her legitimiertes Königsamt unter den Einfluß der heidnischen Heilsanschauungen. Und damit unter die Kritik der Prophetene. Hier aber geschieht der Versuch das heidnische Heilskönigtum christlich zu legitimieren. Ist also in Israel die Amtsführung nicht in Ordnung,  so hier die Legitimation des Amtes überhaupt.

Der jahrzehntelang tobende Kampf zwischen Arius und Athanasius ging es um diese Frage: Ist Jesus nun der letzte aller Könige (so Athanasius) oder kann nach ihm noch einer kommen, und die Königspsalmen auch für sich in Anspruch nehmen? (so Amius). Es ist typsich, daß alle Germanen mit ihrem Heilskönigtum zunächst arianisch werden ubnd daß der Hof in Byzanz zu einer Hauptstütze der Arianer wird. Die anderen aber, die das athanasianische Bekenntnis annahmen, wie zum Beispieldie Franken, handeln durchweg weiter arianisch. Denn, das muß hinzugefügt werden, die eben aufgezeigten politischen Konsequenzen dieses Kampfes waren damals noch nicht offenbar.

Es sollte bald 600 Jahre dauern, bis ein Mann es wagte, den Kampf aufzunehmen mit dem Heilskönigtum und Heilskaisertum. Der Mnn, der es wagte das Königamt zu entsakralisieren, den Königen ihre Heilskraft zu nehmen, und der damit den Sieg der Wahrheit Gottes vorzutragen in den politischen Raum - das war Papst Gregor VII.

Die Exkommunokationen Gregors VII.  haben aus dem heiligen Geblüts- und Weihekaiser (wie Heinrich IV sich nannte) den nackten Mann der Sünde gemacht: „Wir nehmen den Sieg von seinen Waffen, wir binden ihn nicht nur im Geiste, sonderna auch in der naturhaften Welt.“.

Damit ist die alte Welt an ihrer Wurzel getroffen, die Welt, in der das dreifache Heil (Sieg über über die Feinde, reicher Erntesegen und innerer Friede ) das Letzteist. Es beginnt sichtbar wahr zu werden,daß das Reich Gottes unter seinem gekreuzigten König Jesus Christus nicht von dieser 7ielt.ist, daß also kein Reich auf Erden legitim christliches Reich sein kann und je sein wird. Kein Kaiser und kein König kann je von Gott her legitim Nachfolger Davids, zur Rechten Gottes, auf dem Throne Gottes, nur einer, der letzte aller Könige: Jesus Christus!

Es ist darum eine sachgemäße Folge dieses Verhaltens GregorsVII., daß das Heilige Reich, das christliche Abendland und natürlich auch das „Dritte Reich“ zerbrachen. Alle Reiche, die Heilsreiche sein wollen, zerbrechen, von innen her durch den Einsatz der Kirche Jesu Christi in der Nachfolge,von außen durch das Gericht Gottes, der nicht gewillt ist, den Platz zu seiner Rechten jemand anderem zu geben als dem, dem er gegeben ist.

Es ist weiter sachgemäß, daß hier wieder eine Legitimatiton zum Tragen kommt, die zum ersten Male in Jesaja 53 als Prophetie auftaucht und in Jesus Gestalt gewinnt: Der Verachtete, Geschmähte, Verspottete, Verlästerte und Gekreuzigte ist der wahre Heilsbringer und Weltherrscher. Und wer diesen Weg nachgeht, ist wahrhaft Zeuge der Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes. Anders formuliert: Der wahre König wird gekreuzigt - das ist seine Legitimation - tion. Diese Legitimation vom Ende her nimmt darum Gregor VII. für sich in Anspruch. Erstirbt, auf der Flucht aus Rom, mit den Worten: „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und die Ungerechtigkeit gehaßt, deshalb sterbe ich in der Verbannung!“

Das deutsche Denken hat, von Otto von Freising an über Nikolaus von Cues zu Leibniz, Kant und Hegel, den Sturz des „heiligen“ Kaisers nicht verwinden können.Das zeigt bereits die auf den „Investiturstreit“ folgende Zeit :Die Staufer versuchen, das ehemalige Reich ihres Karlskaisers und der Ottonen, zu erneuern. Walther von der Vogelweide spricht den Haß breitester Volksschichten gegen den Papst aus, der die rechte Ordnung der Dinge verkehrt. Wolfram von Eschenbach sucht im Gralskönigtum das alte Geblütskönigtum mit der neuen geistlichen Ordnung zu versöhnen. Gottfried von Straßburg verhöhnt kaiserliche und kirchliche Heilsordnung als Lüge und Fiktion. Hildegard von Bingen sieht den völligen Sturz der Papstkirche voraus. Tiefste Verwehrung gegen das „neue Rom“ bekundet die deutsche Dichtung: Sie kennt vom 12.bis 19. Jahrhundert den Papst überhaupt nicht, kennt nicht den „heiligen Priester“, den „neuen Vater“. Während der Westen ihn akzeptiert, verweigert die deutsche Sprache dem Priester den Vaternamen. Das ist die letzte Absage an Gregor VII.

Unbedingt aber ist noch daraufhin zu weisen, daß die Päpste nun ihrerseits praktisch die Nathanverheißung für sich in Anspruch nehmen, ihrerseits die Weltherrschaft beanspruchen, ihrerseits ein Heilsreich aufbauen (mit Inquisition und Feuer). Sie stellen sich ihrerseits  über Kaiser und Könige mit der These: „Kirchenrecht bricht Kaiserrecht.“ Mag auch historisch gesehen Profanisierung der Heilskaiser und Heilskönige gar nicht anders als durch diese Umkehrung möglich gewesen sein, so ist sie nun von Jesus her auch illegitim. Rund 700 Jahre lang wird Europa Sturm laufen gegen diesen illegitimen Weltherrschaftsanspruch. Erst Leo X. hat ihn in mehreren Enzyliken seit 1885 zurückgenommen.

 

Was sagt die Bibel zur Frage der Obrigkeit?

„Den Obersten in deinem Volk sollst du nicht lästern“ (2.Mose 22,27). Warum das? Sie sind von Gott legitimiert. Rein äußerlich geschieht das durch die Salbung oder früher durch das Handauflegen des alten Führers auf den alten. Dabei geht die Legitimation auf den neuen Führer über: „Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt. Und die Kinder Israel gehorchten ihm, und taten, wie der Herr dem Mose geboten hatte!“ Das Volk gehorcht also auch diesem Anspruch des Führers. Heute in unserer modernen Demokratie ist das ja anders, aber es bedeutet auch, daß wir einem gewählten Nachfolger auch gehorchen. Ihm gebührt dieselbe Ehrung und Achtung wie einem seiner Vorgänger. Die Israeliten damals erkannten das auch an: „Alles, was du uns geboten hast, das wollen wir tun, und wo du uns hin sendest, da wollen wir hin gehen. Wie wir Mose gehorsam sind gewesen, so wollen wir dir auch gehorsam sein; allein, daß der Herr dein Gott, nur mit dir sei, wie er mit Mose war. Wer deinem Mund ungehorsam ist, und nicht gehorcht deinen Worten in allem, was du uns gebietest, soll sterben. Sei nur getrost und unverzagt!“ (Josua 1,16-18).

Merkwürdig ist hier die Aussage des Volkes, das gehorsam sein will, damit Gott mit Josua ist. Das wäre ja etwas wie eine Legitimierung vom Volke: Nachdem Gott durch Mose den Josua legitimiert hat erfolgt auch die Legitimierung durch das Volk, das Gehorsam verspricht, allerdings zu seinem eigenen Nutzen, denn wenn Gott mit Josua ist, dann ist er auch mit dem Volk.  Diese von Gott legitimierte Obrigkeit muß sich aber immer bewußt sein, daß sie von Gott eingesetzt wurde. Erkannt hat das der Hauptmann von Kapernaum, der weiß, daß er zwar seinen Knechten befehlen kann, aber auf einem anderen Gebiete kann nur ein anderer befehlen, der höher ist (Matthäus 8,9).

Jede Obrigkeit ist von Gott, wer ihr widerstrebt‚ wendet sich gegen Gottes Ordnung, er wird seinem Urteil verfallen. Die Obrigkeit wird sich auch nicht gegen die wenden, die recht handeln, sondern nur gegen die Bösen und so die Ordnung aufrecht erhalten.

Wer sich also nicht vor der Obrigkeit fürchten will, der tue das Gute; dann wird sie ihn in Ruhe lassen. Wenn sie etwas unternimmt, dann nur zum Besten jedes einzelnen, denn sie ist Gottes Dienerin. Wer aber Böses tut, hat allen Grund, sich zu fürchten, denn sie Obrigkeit trägt das Richtschwert nicht umsonst: Sie vollzieht ja nur Gottes Zorn an dem Übeltäter. Deshalb muß man ihr untertan sein, nicht nur aus Furcht vor Gottes Zorn, sondern auch schon um des Gewissens willen. Die Beamten sind auch Gottes Dienstleute, sie sind für die Aufrecht­erhal­tung der Ordnung unablässig und man muß ihnen die Steuern entrichten. Lasset allen zukom­men, was ihr ihnen schuldig seid: die Steuer, wem die Steuer gebührt, den Zoll, wem der Zoll zukommt, und die Ehre,wem die Ehre gebührt!“ (Frei nach Römer 13,1-7).

Auch einer Fremdherrschaft soll man gehorchen, denn auch sie bestraft den Bösen und belohnt den Guten. Es ist aber Gottes Wille, daß durch gutes Verhalten der Unverstand törichter Menschen zum Schweigen gebracht wird (1.Petrus 2,13-15). Nicht nur den gütigen und nachsichtigen Herren soll man untertan sein, sondern auch den wunderlichen, denn es ist wohlgefällig bei Gott, wenn jemand im Gedanken an Gott, Mißhandlungen geduldig erträgt, sofern er unschuldig leidet. Außerdem nützt es ja doch nichts, wenn man sich vergißt und sich wehrt, aber nachher umso stärker und härter bestraft wird.

Auch Christus hat unschuldig gelitten und durch sein Vorbild unh aufgefordert es ebenso zu tun. Er hat nicht auch geschmäht, wenn ihn die anderen geschmäht haben, er hat keine Drohungen ausgestoßen, sondern hat das Urteil und seine Vollstreckung dem überlassen, der gerecht richtet(1. Petr 18/23). Die Trennung zwischen Kirche und Staat wird von Jesus übrigens selbst gefordert, als er sagt: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott,was Gottes ist!“ (Matthäus 22,21).

 

 

 

Philosophie

 

Die Denker haben sie aus verschiedenen Gründen mit dem Staat uind nach dem idealen Staat gefragt:

1.) Die Staatengebilde als ein Teil des täglichen Lebens waren auch ein Objekt der philosophischen Betrachtung und die Gedanken darüber waren nur ein Teil einer umfassenderen Philosophie.

2.) Rechtfertigung einer bestehenden staatlichen Ordnung oder von Wandlungen in dieser Ordnung (John Locke, Glorious Revolution).

3.) Rechtfertigung einer Revolution, also eines gewaltsamen Umsturzes.

Es geht dabei um das Verhältnis zwischen Individuum. und Kollektiv. Im Liberalismus gab man dem Individuum zuviele Rechte, in den totalitären Staaten betont man das Kollektiv (Hitler: „Du bist nichts, dein Volk ist alles“).

Zwischen diesen Extremen steht die Demokratie. Hier hat man erkannt: Der Einzelne hat Rechte und der der Staat hat Rechte. Beide haben also Werte und müssen einen Kompromiß miteinander schließen.

 

Was ist der Staat?

1.) Ein aus sich natürlich gewachsener Organismus.

2.) Eine künstliche Ordnung, weil der Mensch nach Gesellschaft strebt.

3.) Ein Gesellschaftsvertrag zwischen Regierung und Regierten.

 

Die einzelnen Staatstheorien:

Plato: Der oberste Stand sind die Philosophen, der weiseste unter ihnen ist der Herrscher.Der zweite Stand sind die Krieger, die Beschützer. Der dritte Stand sind die Gewerbetreibenden, die Ernährer. - - - In der Praxis sind derartige Versuche mißlungen.

 

Plato

Die Gründung einer idealen Stadt:

Auf der Suche nach dem Wesen der Gerechtigkeit macht Sokrates den Vorschlag, erst einmal einen Staat mit vollkommener Gerechtigkeit zu konstruieren, um von dort dann auf die Gerechtigkeit beim Menschen schließen zu können. „Es entsteht eine Stadt, wie ich glaube, weil jeder einzelne von uns sich selbst nicht genügt, sondern vieler bedarf!“ Der Mensch braucht Nahrung, Wohnung, Kleidung. Diese Bedürfnisse könnten schon vier bis fünf Mann befriedigen (Bauer, Maurer, Weber usw.).

Nun ist aber jeder einzelne von Natur aus anders geartet, und ein Bauer hätte in dieser Gemeinschaft auch zweifellos mehr zu tun als die übrigen. Es wird darum alles schöner und leichter zustandekommen, wenn jeder nur eines seiner Natur gemäß und zur rechten Zeit verrichtet und nicht durch andere Dinge abgelenkt wird.

Die Stadt wird also schon größer. Sie braucht aber auch Zufuhr von außerhalb und um Tauschhandel treiben zu können, muß man selber Exportgüter herstellen. Und man braucht Handelsleute, die die Waren austauschen. Kauf und Verkauf werden jedoch von den körperlich Schwächsten verrichtet, die zu keinem anderen Geschäft taugen. Diese msüssen auf dem Markt warten, bis einer etwas anbietet, und diese Güter dann später wieder verkaufen (damit nicht jeder einzelne zu warten braucht!). Andere Leute sind zwar nicht mit großen Geistesgaben bedacht, haben jedoch große Körperkräfte, die sie verkaufen können gegen Lohn,sie werden als Tagelöhner eingesetzt.

Immer mehr entsteht eine üppige Stadt:“Industrien“ für Malerei, bunte Weberei, Gold- und Elfenbeinverarbeitung entstehen, Dichter, Schauspieler und Tänzer werden in der Stadt verlangt, und neue Berufe entstehen wie Kinderwärter, Putzmacher, usw.

Mit dem Wachstum der Stadt wird aber nun der Grund und Boden zu klein werden und man wird sich neues Land erobern müssen. (Das ist der Ursprung des Krieges!). Diese Arbeit kann aber nicht jeder selbst übernehmen, denn es ist unmöglich, daß einer zugleich viele Künste ausüben kann bzw. eine solche Arbeit würde nichts rechtes, wenn man sich nicht von Kindheit an damit beschäftigt hat.

Damit ist der neue Stand eines „Wehrmannes“ entstanden.. Diese Leute müssen eine gute Wahrnehmungsgabe haben, den. Feind ergreifen und die Gefangenen verteidigen können. Er muß also tapfer sein und eifrig in seinem Haß gegen die Feinde ,aber auch sanft gegenüber allen Befreundeten. Es ist durchaus nicht widernatürlich, daß es solche Naturen gibt, die dieses Entgegengesetzte in sich vereinigen. Wenn es Hunde gibt, die diese Eigenschaft haben, dann wird man auch einen solchen Wehrmann finden. Er muß aber vor allem philosophisch (und damit lernbegierig) sein, damit er Freund und Feind unterscheiden kann.

Bei ihrer Erziehung soll man die althergebrachten Methoden beibehalten: für den Leib die Gymnastik und für die Seele die Musik (zu der auch das Reden gehört!). Es gilt also, zunächst einmal die Neudichtung und Verbreitung von Sagen und Märchen zu überwachen.

Es geht nicht an, daß alle möglichen Schandtaten von den Göttern erzählt werden, denn dann könnte sich jeder Gesetzesübertreter darauf berufen: Die Götter haben es auch nicht besser gemacht! Schilderungen im Stile Homers sind also denkbar ungeeignet, mag nun ein verborgener Sinn dahinter stecken oder auch keiner. Denn der Jüngling ist nicht imstande zu unterscheiden, was dieser verborgene Sinn ist und was nicht. Aber was er in diesen Jahren in seine Vorstellung aufnimmt, das pflegt schwer auszuwaschen und umzuändern sein.

(Es folgen nun die Abschnitte, die von der Götterlehre .handeln: Gott ist gut und einzig Ursache von Gutem, Urheber von Strafen, unveränderlich und völlig ohne Trug)(aus dem zweiten Buch der Politik).

 

1. Verbot für die Dichter, die Schrecken der Unterwelt darzustellen

2. Abschaffung der Wehklagen von ausgezeichneten Männern

3. Schädlichkeit der Lachlust und der Unwahrhaftigkeit.

4. Von großen Männern berichtete Unbeherrschtheit, Geldgier und Übermut ist den Dichtern nicht zu glauben

5. Ruchlosigkeiten der Göttersöhne und Heroen sind nicht anzunehmen.

8. Allein die Darstellung des Männlichen, Besonnenen und Guten ist den Wächtern erlaubt:

Sie dürfen kein Weib darstellen, keine Knechte und Mägde, keine schlechten Männer und Wahnsinnige. Kennen muß man freilich solche Menschen,dichten aber und darstellen darf man nichts von ihnen. Darstellen kahn man überhaupt nur gute Menschen. Schlechtes dagegen kann man nicht darstellen, wenn man nicht in ungewohnte Formen gepreßt werden will und sich schämen muß, weil man deshalb schlecht spielt.

9. Zulassung nur jener Vortragsweise im Staat, die tugendhaft ist

10. Auswahl zuzulassender Tonarten und Musikinstrumente

11. Erwägungen über den Rhythmus

12. Sinn und Ziel musikalischer Erziehung.

17. Sinn der gymnastischen Erziehung und ihr Verhältnis zur Muse

18. Das Mutige und das Wißbegierige in uns als wahres Objekt

19. Eigenschaften der Wächter, die Herrscher sein sollen (aus dem dritten Buch der Politik).

 

 

Die Wächter:

Die Wächter dürfen gleich von ihrer Kindheit an nur tapfere, besonnene, fromme und edelmütige Männer darstellen, Unedles aber weder verrichten noch zur Nachahmung aufgefordert sein, damit nicht aus dem Spiel nachher Wirklichkeit wird.

Die Wächter müssen eine vollkommene Seele haben, um durch ihre Tugend den Leib aufs bestmögliche ausbilden zu können, denn. es wäre freilich lächerlich, wenn der Hüter selbst eines Hüters bedürfte. Sie dürfen auch nicht zärtlich sein von Gesundheit und nicht allzu hohe Forderungen an den Speisezettel stellen, denn im Felde werden ja auch erhöhte Forderungen an sie gestellt.

Deshalb ist es ein sicheres Zeichen für schlechte und verwerfliche Sitten in der Stadt, wenn nicht nur einfache Leute es mit Ärzten und Richtern zu tun haben, sondern auch die Angesehenen und auf edlere Weise Gebildeten; besonders wenn das noch geschieht, um zu zeigen, wie durch die Maschen des Gesetzes schlüpfen kann oder wenn man wegen seiner Faulheit oder unordentlicher Lebensweise zum Arzt muß. Es ist auch nicht die Aufgabe des Arztes, dem Menschen noch ein paar zusätzliche Lebensjahre zu verschaffen, die doch nur eine verlängerte Qual bedeuten. Entweder man hat eine unbedeutende Krankheit und findet keine Zeit, sich zu pflegen, und wird ohne Arzt wieder gesund, oder man ist schwerer krank und stirbt und ist aller Händel ledig. Kopfschmerzen beeinträchtigen einen Mann sowieso in seiner Leistungsfähigkeit. Und wenn er in dieser Zeit noch Kinder kriegt, dann war es ein Verbrechen an diesen Kindern, wenn diese nun auch schwächlich sind.

Ein Arzt nun sollte in seinem Leben mit allen Krankheiten Bekanntschaft gemacht haben und gar nicht von besonders gesundem Körperbau sein, denn dann wird sich ja erweisen, ob seine Seele den Leib zu überwinden mag, ob sie also gut gewesen ist. Der Richter jedoch gebietet mit der Seele über die Seele und sie muß daher in ihrer Jugend unvermischt gehalten worden sein mit schlechten Sitten, damit sie gut und edel über das Recht entscheiden kann. Denn wer eine gute Seele hat, ist gut. Einethisch tiefer Stehenderer wird aber sofort unsicher werden,wenn er über die Gesinnung eines höher Stehenderen urteilen soll, aber von dieser Gesinnung kein Ebenbild in sich trägt.

Die Wächter müssen älter sein als die Gehorchenden, dazu verständig. und tüchtig und auf das Wohl der Stadt bedacht und mit allem Eifer tun, was sie der Stadt förderlich erachten, jedoch strikt ablehnen, was gegen die Interessen der Stadt spricht. Es kommt also darauf an, sie zu beobachten und zu sehen, ob sie auch durch nichts von ihrem Ideal abgebracht werden können. Wenn sie freiwillig ihre falsche Meinung ändern, ist das zwar richtig, aber sie dürfen auf keinen Fall ihre wahre Meinung wider ihren Willen aufgeben, entweder durch Überredung, aus Vergeßlichkeit durch einen Schmerz oder aus Lust oder vor Furcht.

Schon in frühester Jugend muß man also die  zukünftigen Wächter) testen, indem man sie in schwer zu widerstehende Versuchungen führt und sieht, wer am standhaftesten ist, ,indem man sie bald in Angst, bald in Lust versetzt. Wer sich hier bewährt, soll eine verantwortliche Stellung in der Verteidigung der Stadt haben (nach außen und innen), er soll wahrhafter Wächter sein, während die anderen als Wehrmänner ihnen unterstellt werden.

Diese scharfe Trennung in Führerschicht, Soldaten und Volk bringt aber auch Verpflichtungen mit sich, besonders natürlich für die Führer. Vor allen Dingen müssen sie darauf achten, daß ihr Stand rein erhalten bleibt. Wenn einer ihrer Nachkommen minderwertiger wird,

soll ma in keiner Weise Mitleid mit ihm haben, sondern die ihm von Natur gebührende Stelle anweisen (möglich bei staatlicher Kindererziehung).

Damit aber die stärkeren Wächter nicht über ihre eigenen Mitbürger herfallen, kann man als Sperre in erster Linie nur eine gute und treffliche Erziehung einbauen. Dazu aber dürfen die Wächter kein eigenes Vermögen besitzen; sie werden aus Vorratsmagazinen versorgt,die allen zugänglich sind, die aber nur soviel liefern, daß sie sich nichts für das nächste Jahr sparen können. „Gold und Silber haben sie von den Göttern göttliches immer in der Seele und bedürfen gar nicht auch noch des menschlichen!“ (aus dem dritten Buch der Politik).

 

Bei der Einrichtung der Stadt kommt es gar nicht darauf an, daß ein Stand besonders glücklich ist, sondern die ganze Stadt soll so viel wie möglich glücklich sein, denn dort kann man am ehesten die Gerechtigkeit finden. Um aber der ganzen Stadt die Glückseligkeit zu bringen, muß man Reichtum und Armut von ihren Bürgern nehmen. Der Reichtum wird auch gar nicht nötig sein, denn die Stadt wird doch in der Lage sein,Krieg zu führen und sogar gegen reichere Gegner zu bestehen, denn ihre Krieger werden den anderen ja an Ausbildung überlegen sein, weil sie das Kriegshandwerk als Beruf ausüben. Und wenn es in einer Stadt nichts zu holen gibt, wird man sie auch nicht angreifen, sondern sich höchstens mit ihr verbünden und gegen andere reiche Gegner zu Felde ziehen; auf diese Art wird also die „arme“ Stadt doch die größte und mächtigste werden.

Die Herrscher haben in der Stadt darüber zu wachen, daß dieser genugsame Lebensstandard gewahrt wird und daß die Stadt sich nicht so weit ausdehnt, daß sie sich teilt. Gewähr aber für diese Tugenden der Wächter kann nur die Erziehung geben. Dann braucht man auch ihnen nicht besonders vorzuschreiben durch Gesetze, wie sie die Stadt einzurichten haben. Das heißt aber, daß man an der bestehenden Verfassung nicht rütteln darf oder sollte. Es gibt natürlich Leute, die durch die Gesetze die Welt immer mehr verbessern wollen. Aber das ist nutzloses Beginnen und außerdem wird daran immer jemand als eine Richtschnur finden und das andere ergibt sich aus den bestehenden Institutionen von selbst. Es bleibt nur noch übrig, die religiöse Gesetzgebung (Tempel, Opfer, Verehrung, Totenfeier) dem Delphischen Apollon zu übertragen.

 

An die Stadt werden vier Forderungen gestellt: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit, wobei die Gerechtigkeit das ist, was nach der Betrachtung der übrigen drei noch übrig bleibt.

Weisheit: Weisheit ist nicht nur in der Verwaltung der Stadt nötig, sondern besonders in der Außenpolitik; man wird sie deshalb auch den Wächtern übertragen. Diese Elitegrupp wird also die Weisheit der Stadt ausmachen, denn es wird natürlich viel mehr einfache Arbeiter

geben.

Tapferkeit: Auch das Urteil über die Tapferkeit der Stadt wird von dieser Elitetruppe abhängen. Für sie kommt es darauf an, die Gesetze vollständig in sich aufzusaugen, und anzunehmen, damit sie eine rechte Vorstellung von allem Furchtbaren haben, denn sie allein haben die rechte Natur und Erziehung, daß man ihnen das Gesetz nicht austreiben kann, durch nichts! Diese Kraft und beständige Aufrechterhaltung der Vorstellung vom Bösen, nenne ich Tapferkeit.

Besonnenheit: Stärker als er selbst nennt man einen Menschen, in dessen Seele das von Natur Bessere über das Schlechtere Gewalt hat. Solch mäßige Leute wird man aber nur bei den Bestgearteten und Besterzogenen finden? Im Gegensatz zu Weisheit und Tapferkeit hat sich die Besonnenheit über alle Schichten zu erstrecken,die Stärksten, Schwächsten und Mittleren sollen sich zusammenstimmen, sollen einen Kompromiß finden zwischen stark und schwach. Diese Einmütigkeit sei Besonnenheit.

Gerechtigkeit: „Gerechtigkeit ist, wenn jeder das Seinige verrichtet!“ Diese Definition ist etwas zu einfach, denn die Gerechtigkeit sollte ja alles übrige umfassen. Aber diese Eigenschaft wird mit den anderen Tugenden wetteifern, und nur die Gerechtigkeit wird in der Lage sein, den Wettbewerb zu bestehen. Deshalb kann auch nur der Herrscher die Rechtssachen schlichten. Wer aber diese Ordnung in drei Stände (Handwerker, Krieger, Herrscher) durchbrechen will, der tut Unrecht. Die Gerechtigkeit im einzelnen Menschen wird dieser Gerechtigkeit ähnlich sein und wird auch diesselbe Bezeichnung haben.

Obige Definition der Gerechtigkeit ist aber nur eine Hilfskonstruktion, eine Art von Schattenbild. In Wahrheit aber ist die Gerechtigkeit zwar etwas von dieser Art. Aber es kommt nicht auf die äußeren Handlungen an in bezug auf das, was dem Menschen gehört, sondern auf die innere Tätigkeit in Absicht auf sich selbst und das Seinige, indem einer nämlich jegliches in ihm nicht Fremdes verrichte:. läßt,noch die verschiedenen Kräfte seiner Seele sich gegenseitig

in ihre Geschäfte einmischen,sondern jeglicher sein wahrhaft Angehöriges beilegt und sich selbst beherrscht und ordnet und Freund seiner selbst ist!“

Ungerechtigkeit ist ein Zwiespalt der drei ersten Eigenschaften und ein Aufstand irgendeines Teils gegen das Ganze der Seele, um in ihr zu herrschen, obwohl es ihm nicht zukommt. Deshalb gilt es immer, die Regungen in der Seele in ein naturgemäßes Verhältniszu bringen zwischen Herrschaft und Von-einander-Beherrschtwerden. Die Gerechtigkeit ist aber zweckmäßiger als Unrechttun, denn mit der Ungerechtigkeit kann man nicht leben und es ist schwer, sich dann wieder von der Ungerechtigkeit abzuwenden, wenn man das eingesehen hat (aus dem vierten Buch der Politik).

 

Weiber- und Kindergemeinschaft als Grundlage der Einheit:

Trotz einer Verschiedenheit der männlichen und weiblichen Natur bejaht man doch die prinzipielle Gleichheit der männlichen und weiblichen Anlagen. Es kommt nur auf eine gleiche Erziehung an. Zunächst einmal wird man für die Wächter nur solche Frauen auswählen, die ihnen wesensmäßig schon verwandt sind. Dann wird man sie in Musik und Gymnastik gemeinsam erziehen, damit auch die Frauen die besten ihres Geschlechts werden.

Die Frauen sollen jedoch nicht einem persönlich gehören, sondern allen Männern gemeinsam sein, ebenso natürlich auch die Kinder. Damit aber kein Streit entsteht, muß der Staat sehr stark eingreifen: Er wählt die Frauen aus und richtet die Hochzeiten ein. Er nimmt auch „minderwertigere“'Kinder der Gemeinschaft heimlich fort und täuscht sie auf manche Weise, zu ihrem eigenen Nutzen. Um aber die Zahl der vortrefflichen Männer gleichgroß zu halten (sie darf nicht zu groß und nicht zu klein werden), bestimmt der Staat auch die Anzahl der Hochzeiten, und bevorzugt werden dabei die Tapfersten, Kräftigsten und Edelsten.

Sofort nach der Geburt werden die Kinder den Müttern weggenommen und in staatlichen Kinderhorten aufgezogen, mißratene Kinder werden dabei gleich von den anderen getrennt im Verborgenen aufgezogen. Es sind also Methoden, die schlimmer sind als beim Vieh.

Vor allen Dingen muß verhindert werden, daß Mütter ihr Kind wiedererkennen. Wenn Männer und Frauen aber ihre Pflicht gegenüber dem Staat erfüllt haben, läßt man sie zwar laufen, aber Kinder die dann noch geboren werden, müssen ausgesetzt werden, falls man nicht die Ab treibung vorgezogen hat.

Diese- Weiber- und Kindergemeinschaft ist aber wichtig für die Einheit des Staates. Als größtes Unglück wird man in diesem Staat eine Teilung ansehen. Deshalb muß man alle gemeinsamen Tendenzen ausnutzen und verstärken. Die Bürger freuen sich alle nur gemeinsam oder sind betrübt, denn die Gemeinschaft fühlt und leidet mit dem Einzelnen, denn jeder ist ja mit jedem „verwandt“, weil keiner weiß, mit wem er wirklich verwandt ist. Zudem wird es keinen Streit um materiell Güter geben, zumal ja auch Gütergemeinschaft herrscht. Persönliche Streitigkeiten werden von den Älteren verhindert, die man als disziplinarische Vorgesetzte über die Jüngeren gesetzt hat. Und diese werden sich aus Scham (Eltern ehren!) und Furcht (die anderen wären gegen die Angreifer!} hüten, Widerstand zu leisten.

Die Wächter werden jedoch das glückseligste Leben führen, denn ihnen werden noch mehr Ehren zuteil als den olympischen Siegern. Ihr Sieg dient dem Heil des ganzen Staates, der sie nun reichlich mit allen Gütern des Lebens ausstatten wird und ihnen eine würdige Bestattung sichert. Dies alles wird den Verlust den Privateigentums bei weitem aufwiegen.

Im Krieg löst man die Aufgabe der Kinderbeaufsichtigung, indem man die Kinder mitnimmt, sie wie bei einem Handwerk schon Hanzulernennund sie zur Unterstützung der älteren heran-zuziehen. Außerdem werden die Erwachsenen dann verbissener kämpfen, wenn sie ihre Kinder zu verteidigen haben.Natürlich wird man die Kinder nur in weniger gefährliche Kriegszüge mitnehmen und man wird dafür sorgen, daß sie notfalls fliehen und sich retten können ,indem man ihnen gleich in frühester Jugend das Reiten beibringt und sie zuverlässigen, folgsamen und schnellen Pferden anvertraut.

Die Frage nach der Verwirklichung eines solchen Staates (man ist übrigens nicht absolut, sondern sucht nur möglichst viel zu erreichen) wirft die neue Frage auf: „Warum ist es bei uns nicht so?“ Die Antwort: „Entweder die Philosophen werden unsere Könige oder die Könige lernen philosophiren!“Damit sie sich aber in ihrem doppelten Amt als Philosophen und Anführer durchsetzen können, müssen sie in Wahrheit weisheitsliebend sein, das heißt, sie müssen nach der absoluten Weisheit trachten, indem sie willig und unersättlich nach neuer Erkenntnis trachten und jegliches Seiende sogar lieben bei diesem Streben (Aus dem fünften Buch der Politik).

 

Die Philosophen:

Führer des Staates sollen die Philosophen sein. Sie sollen irgendein Urbild des Staates in ihrer Seele haben und dieses nun wie ein Maler ein Bild malt in die Wirklichkeit übertragen, sie sollen neue Erkenntnisse aufzeichnen und das alte erhalten. Sie müssen also einerseits alles erkennen können, aber auch genügend Erfahrung und Übung besitzen, um es anzuwenden.

Sie müssen also alle Erkenntnisse lieben, die ihnen etwas offenbaren von diesem Sein, sie müssen nach dem Absoluten streben und dürfen sich nicht mit kleinerem oder größerem abgeben.Von Jugend an aber müssen sie nach der Wahrheit streben. Oberstes Ziel ist weiterhin die Mäßigung und die gleichmäßige Arbeit auf allen Gebieten, es darf zu keiner Schwerpunktbildung oder Vernachlässigung kommen. Den Mittelweg gilt es auch zu finden im Streben nach Geld und zwischen Kleinlichkeit und Großzügigkeit.

Ein Philosoph muß seinen Beruf für den Staat lieben, damit der Dienst ihm nicht Widerwillen bereitet und er nichts vollbringt. Er darf nicht vergeßlich sein, muß lernen wollen und von solcher Gemütsart sein, daß er sich gern und natürlich hinführen läßt zur Idee des Seins. Ein wahrer Philosoph ist nie prahlerisch, habsüchtig, unedel, feige, großtuerisch, haßt die Lüige und trachtet in allem nach einer gesunden und mäßigen Gemütsart, mit der dann auch Besonnenheit verbunden ist.

In der Praxis hat sich nur herausgestellt, daß die Philosophen sich hier sehr abgeschmackt geraten sind, daß sie zumindest für den Staatsdienst unbrauchbar geworden sind. Philosophische Systeme werden sie wohl noch entwerfen können, aber im harten politischen Leben wird man sie bald in die Enge getrieben haben. Man wirft jedoch ein: Noch hat keiner es gewagt, ein Experiment mit den Philosophen als Staatslenkern zu wagen, denn ein Steuermann wird schwerlich seine Passagiere bitten, sich von ihm regieren zu lassen, noch wird ein Weiser bei den Reichen betteln gehen.

Vieles nun kann die Seele des Philosophen verderben und ihn von seiner eigentlichen Aufgabe abziehen: Schönheit, Reichtum, Leibesstärke, Verwandschaftsbeziehungen. Besonders aber werden die jungen Leute von den Sophisten verdorben, die Tadel und Lob immer übermäßig laut ausschreien. Auf die Jünglinge macht das natürlich Eindruck und sie geben die Meinung der Sophisten dann auch für ihre eigene Überzeugung aus, obwohl diese auch nur die Strömungen der Masse aufgenommen haben und dies nun aber Weisheit nennen.

Die Menge aber ist nicht philosophisch und wird immer die Philosophen tadeln. Aber sie wird schon den Jünglingen schmeicheln, die später einmal Philosophen werden sollen.Dadurch aber wird der Jüngling eingebildet und meint wunder, was er vermag und welche Fähigkeiten er hat. Wenn aber ein wahrer Philosoph ihm das mitteilen wird, dann wird das Volk widerum sich gegen den Philosophen stellen, ihm nachstellen und vor dem Volke verklagen, und dem Jüngling einreden, er solle ja nicht auf diesen hören.

Groß ist auch die Gefahr, daß jeder, der nur irgendetwas auf sich hält, nach diesem Amte drängt, denn die Philosophie wird immer etwas höher geachtet werden als jede andere Kunst( die Politik wird es auf jeden Fall!). Dadurch wird natürlich die Gefahr des Mißbrauchs dieser Stellung sehr groß.- Es wird dann nur noch wenig Raum sein für echte Philosophen. Ein solcher hätte aber immer viel Arbeit, diese „Pseudophilosophen“ ständig abzuwehren und wird sich also lieber ruhig verhalten und nur um das Seinige bekümmern, um wenigstens sein Leben rein von Ungerechtigkeit und unheiligen Werken zu halten. Das ist zu bedauern, weil er in einem tauglichen Staat sich noch mehr hätte entfalten können und auch seinem Volk geholfe hätte.

Von den damaligen Staatswesen war keines für die Philosophen geeignet; das war auch der Grund,warum sich die Staatsformen dauernd änderten! Es muß aber immer etwas dasein, das die Absichten des Gesetzgebers festhält und den folgenden Generationen weitergibt. Das Schöne und Große zu tun, ist natürlich schön. Aber damit die Philosophen ihre Aufgabe besser erfüllen können, wird eine „Arbeitsteilung“ vorgeschlagen: In ihrer Jugend sollen sie sich ausschließlich ihrer körperlichen Entwicklung widmen, im Alter aber ungestört der geistigen Entwicklung.

Aber man glaubt doch fest an die Möglichkeit, daß einer der jetzigen Philosophen in den Staatsdienst geht oder daß einer der Söhne von Herrschern von philosophischer Einsicht ergriffen wird, denn sonst wäre es ja müßig, sich über einen solchen „Idealstaat“ zu unterhalten. Man wird natürlich immer versuchen, solche Leute zu verderben für ihre Aufgabe, aber einer würde schon genügen fürs erste. Schon das wäre schwierig, aber nicht unmöglich.

Der Philosoph, der mit dem Göttlichen und Geregelten umgeht, wird so weit wie möglich auch immer geregelter und göttlicher werden. Wenn die Staatsbürger das erst einmal eingesehen haben und man ihnen auch sagt, daß eine „Philosophenregierung“ die glücklichste Lösung für einen Staat ist, dann werden sie auch gehorchen. Ehe das nicht geschieht, wird sich die hier entworfene Verfassung nicht verwirklichen lassen und wird des Unheils kein Ende sein.

Die Philosophen aber müssen sich bemühen, sowohl auf das Gerechte, Schöne, Besonnene zu sehen, aber auch ihre Aufgabe, dieses in die Menschen hineinzubilden und zu mischen, und möglichst viele Sitten gottgefällig zu machen.

Weiterhin wird von ihnen verlangt: Sie müssen auch schwerste Versuchungen und Prüfungen aushalten und sich nicht scheuen, auch den weiteren Weg zu gehen in ihrem Forschen und in 444den Leibesübungen. Er muß aber in allen Dingen immer gleich das Ganze sehen. Denn es ist lächerlich, Kleinigkeiten sehr genau auszuführen, während man im Großen versagt. Das höchste aber ist die Idee des Guten, durch die erst das Gerechte und alles andere nützlich und heilsam wird. Es hilft.nichts, alle Habe zu haben, nur die gute nicht (aus dem sechsten Buch der Politik).

Aufgabe und Auswahl der Philosophen:                    

Um die Aufgabe des Philosophen deutlich zu machen, erzählt Platon das Höhlengleichnis: Seit ihrer Kindheit sind Menschen in einer Höhle gefesselt, die nur einen gegen das Licht geöffneten Zugang hat. Diese Menschen müssen jedoch in das Innere der Höhle schauen und können sich nicht umdrehen zum Licht hin. Dort oben nach dem Eingang zu brennt auch ein Feuer und erhellt die Höhle; es trifft die Gefangenen etwas von oben herunter. Zwischen dem Feuer und diesen Menschen ist nun eine Mauer aufgeführt, längs der nun allerhand Geräte, Bildsäulen und steinerne oder hölzerne Bilder getragen werden, die die Mauer überragen.

Die Gefangenen sehen davon aber nur die Schatten, die auf die gegenüberliegende Wand geworfen werden. Sie geben ihnen Namen, sie nehmen an, diese Schatten sprächen, während es in Wirklichkeit die Träger der Bilder sind, und sie halten diese Schatten für das allein Wahre. Wenn man nun einen von ihnen entfesselte und ihm diese wirklichen Bilder zeigte, ihm auch sagte, er habe damals nur Nichtiges gesehen und sei nun dem Seienden näher, dann wird er gewiß glauben, das damalsGezeigte sie viel     wirklicher.

Wenn ihn nun gar einer den steilen Weg zum Licht hinaufschleppen würde, würde er sich wohl nur sehr ungern schleppen lassen und große Schmerzen haben, weil er ins Licht schauen muß. Nur langsam wird er sich daran gewöhnen. Und schließlich wird er sogar die Sonne. selbst, nicht nur Bilder von ihr im Wasser sehen können. Und dann wird er auch erkennen, daß sie allein die Ursache alles Seienden ist, daß sie schon immer war und alles ordnet.

Dieser eine Bevorzugte wird aber lieber alles über sich ergehen lassen, als wieder solche Vorstellungen zu haben wie seine ehemaligen Mitgefangenen und so zu leben wie sie. Er hat nämlich drei Stufen der Erkenntnis durchgemacht und nun die höchste erreicht. Die erste war die Wirklichkeit der Schatten, die zweite die der Figuren und die dritte schließlich die Sonne als Sinnbild des Seins alles Seienden.

Wenn er nun wieder hinunterstiege, dann würde er im ersten Augenblick nicht nur nichts sehen, sondern man würde ihn auch auslachen und würde sagen, er sei mit verdorbenen Augen zurückgekommen. Seine Mitgefangenen wären aber bestimmt der Meinung, es lohne sich nicht, dort hinaufzusteigen und sie würden jeden mit dem Tode bedrohen, der ihre Fesseln lösen wollte,um sie hinaufzubringen.

Mit der Höhle ist das Gesichtsfeld des gewöhnlichen gemeint, die Sonne dagegen ist die Verkörperung des Guten, und sie wird auch gleich als solches anerkannt, wenn man sie nur erst einmal geschaut hat. Sie allein bringt Wahrheit und Vernunft hervor, und wer vernünftig handeln will, muß sie erst gesehen haben. Wer also aus diesem Stadium wieder zurückkehrt, der muß sich übel gebärden und lächerlich erscheinen, weil er die neue Umgebung doch nicht gewohnt ist.

Um ihn aber erst einmal zum Licht zu bringen, muß er mit seiner ganzen Seele umgelenkt werden, bis er das wirklich Seiende und die Sonne, also die Idee des Guten, sehen kann. Man muß ihm also von Kindheit an das der Zeitlichkeit Verwandte herausschneiden; dies zeigt also die Bedeutung der Erziehung, eine schwierige Aufgabe.

Denn zur Leitung des Staates kann man nicht die Unkundigen. gebrauchen, denn sie haben kein Ziel ihres Handelns, aber auch nicht die Wissenschaftler, denn diese sind der Meinung, noch lebend auf die Insel der Seligen versetzt worden zu sein (Wissenschaftler = Gefangene die nur Marionetten ehen). Man muß also die trefflichsten Bürger auswählen, damit sie den Weg zur Wahrheit antreten zum Wohle der anderen, auch wenn sie nicht wollen. Dann wird der Staat sie nämlich zwingen, denn es ist nur gerecht, wenn sie die Sorgen der anderen tragen müssen und die Obhut über die Bürger ihnen auferlegt ist. Dafür hat man ihnen ja auch allerhand Vorteile zu gute kommen lassen. Dies hat übrigens noch den anderen Vorteil, daß sie sich nicht um Geldes willen um öffentliche Ämter reißen, sondern auch ohne hohes Gehalt aus eigenem Reichtum, den sie vorher natürlichauf Kosten anderer erworben haben, nun regieren.

Die Wächter müssen nicht nur fest und tapfer, edel und mutig sein, sondern auch schon die Anlagen zu der erstrebten Erziehung häben. Scharfblick, gutes Gedächtnis, große Arbeitslust, Beschäftigung mit Philosophie, Gewandtheit in Leibesübungen, Lernbegierede, Besonnenheit, Tapferkeit, Großmut und alle Teile der Tugend, Geschicklichkeit (damit sie sich als Philosophen nicht lächerlich machen!) und jugendliches Alter voller Spannkraft sind solche Eigenschaften. Die Ausbildung muß im allgemeinen sehr frei sein, weil man Kenntnis nicht auf

knechtische Art lernen kann, zumindestaber keine bleibende Kenntnis. Spielend soll sich schon der Knabe mit ihnen beschäftigen, auch deshalb, weil man dann am besten seine Neigungen erkennen kann. Über das Erlernte aber ist Buch zu führen. Vom 20. Lebensjahr an aber werden die bisher zerstreut vorgetragenen Kenntnisse systematisch zusammengefaßte, damit eine Zusammenschau möglich wird. Dann kommt die praktisch Erprobung und Bewährung im Krieg, und nach 15 Jahren dann die Philosophie. Unter der Schar der Philosophen werden dann immer einige erwählt, die die Regierungsgeschäfte zu übernehmen haben (aus dem siebten Buch der Politik).

 

Die vier Arten von Verfassungen:

Nach Plato gab es zu seiner vier Arten von Verfassungen. Die fünfte war seine entworfene Idealverfassung, die einer Aristokratie ähnelt. Plato zeigt nun, wie sich daraus nacheinander Timokratie, Oligarchie, Demokratie und Tyrannei entwickeln können, und er untersucht auch gleich die Menschen, die in solchen Staaten leben und weist den Zusammenhang zwischen Staatsform und Menschen auf.

Eine Änderung der Verfassung kann nur von der herrschenden Kaste ausgehen, wenn in ihr Zwietracht entstanden ist. Bleibt sie aber einig, dann ist es schwer, daß in einen solchen Staat Bewegung gerät. Weil aber allem Entstandenen doch der Untergang bevorsteht, so wird sich auch diese Einrichtung mit der Zeit auflösen. Schon wenn schlechtes Erbgut in die Familien kommt, wird die Dekadenz der herrschenden Klasse eintreten. Sie werden ihre Untergebenen vernachlässigen und gar nicht mehr die Eigenschaften der Wächter haben. In ihnen werden immer zwei Naturen streiten und am Schluß werden sie das öffentliche Eigentum für sich beanspruchen, also zur Geldaristokratie werden, um es dann wieder an die Untergebenen verteilen, die aber nun zu Untertanen und Pächtern werden.

Mit der ersten Form der Verfassung wird die Timokratie gemeinsam haben die Ehrerbietung der Untergebenen, die Arbeitsteilung in Krieger, Bauern und Handwerker, die Betonung der Leibesübungen und der kriegrischen Spiele und die gemeinsame Verpflegung. Eigene „Errungenschaften“ sind jedoch die Angst dieser Kriegerkaste vor den Philosophen die Hinneigung zu den Zornartigen und Einfacheren und die Neigung zum beständigen Kriegführen.

Zur Oligarchie dagegen gehören schon die folgenden Eigenschaften: Geldgierige Verehrung des Geldes und Hortung des Geldes in gesicherten Schatzkammern.

 

Es handelt sich also hier um eine recht gemischte Verfassung, die sich nur auszeichnet durch Wetteifer und Ehrsucht. Die Menschen werden darum auch voll Wetteifer sein, sehr eingenommen von sich selbst, aber in den Werken der Muse wenig geübt, wenn auch Liebhaber derelben. Sie werden zwar gern zuhören, aber nicht rednerisch sein. Er wird scharf über seine Knechte wachen, denn er gibt sich auch mit ihnen ab, was ein völlig Gebildeter auf keinen Fall (aus Verachtung!) tut. Der Obrigkeit gegenüber wird er sehr unterwürfig sein und voll Ehrgeiz nach Ämtern streben,  aber nicht um der Politik willen, sondern um Gelegenheit zu kriegerischen Taten zu haben. Mit zunehmendem Alter wird er das Geld mehr lieben, weil er von seinem vollkommensten Wächer im Stich gelassen wurde, von der mit Musik vereinigten Rede, die allein die Tugend lebenslang bewahren kann.

Er ist kein schlechter Mann, käme aber doch der schlechten Gesellschaft der anderen nicht entgehen und wird so in die Mitte gezogen, zum Streitsüchtigen und Zornartigen und wird so hochmütig und ehrsüchtig.

Wo die Reichen herrschen, die Armen aber keinen Anteil an der Regierung haben, da haben wir eine Oligarchie. Die Geldkammer wird zum einzig bestimmenden Prinzip, dem auch die Gesetze angepaßt werden. Schlechte Beispiele verderben gute Sitten und bald werden alle so sein. Mit der wachsenden Liebe zum Gelderwerb legt man immer weniger Wert auf die Tugend. Aus hochstrebenden und ehrsüchtigen Menschen werden zuletzt erwerbslustige und geldliebende, die sich ihren politischen Einfluß sichern, indem sie die Berechtigung zur Bekleidung von Staatsämtern abhängig machen von einer bestimmten Vermögensgrenze.

Diese Staatsform hat jedoch eine Reihe von Fehlern:

1.) Arme können nicht am Staatsleben teilhaben, auch bei besseren Fähigkeiten.

2.) Der Staat zerfällt in Arme und Reiche,die Feinde sind.

3.) Kriegführen ist unmöglich: Die Reichen allein sind zu schwach gegen äußere Feinde , auf die Hilfe der Volksmassen können sie nicht rechnen, sie wollen in einem Krieg nicht ihr Geld verlieren.

4.) Wenn der Reiche sein Gut vertut und verschwendet, bleibt er dennoch unnützer Staatsbürger, entweder krimineller Landstreicher oder Bettler.

5.) Schlechte Erziehung und Bildung verstärken noch das Heer der Bettler.

Wenn einer sich erlich müht, jedoch am Staat wie an einer Klippe scheitert (ungerechter Richterspruch!), wird er sich vielleicht aus der Armut langsam wieder hocharbeiten, indem er kärglich lebt und emsig spart; die Folge davon ist aber ganz natürlich Begehrlichkeit und Liebe zum Besitz und Verehrung des Reichtums und der Reichen.

Darin ist er also dem oligarchischen Staat schon ähnlich. Weiterhin kommt hinzu, daß er sich aus Sparsamkeit und Arbeitsamkeit nur die notwendigen Begierden zugute tut. Er bemüht sich nicht um Bildung, was wiederum bettelhafte oder bösartige Begierden in ihm entstehen läßt. Die anderen hält er durch zweckmäßige Überlegung, nicht aus Vernunft zurück.

Er wird also nicht frei von Zweispalt sein, wenn es auch noch positiv zu werten ist, daß die besseren Begierden in ihm über die schlechteren herrschen; aber wahre Tugend einer mit sich selbst einigen und wohlgestimmten Seele ist ihm fremd. Auch ist er ein schlechter Mitbewerber um den Sieg oder einen Ehrenpreis, weil er um des bloßen Ruhnes willen kein Geld aufwenden will.

Die Oligarchien haben den Fehler, daß sie Zügellosigkeiten übersehen und so oft Menschen unverschuldet in Armut hineindrängen, die dann den Reichen auflauern und nach Neuerung streben. Die Regierenden nun lassen ihre Söhne verweichlichen; diese werden zu geistigen

und leiblichen Anstrengungen untüchtig und träge, wenn es gilt, sich gegen Lust oder Unlust zu wehren. Im Krieg jedoch macht sich das nachteilig bemerkbar, und der kräftige Arme, der danebensteht, wird sich sehr bald fragen, ob es nicht an seiner eignen Feigheit und der seiner Gefährten liegt, daß jene über sie herrschen. Bald wird dann die Parole ausgegeben: In unserer Hand sind diese Männer, sie taugen nämlich nichts! Der Staat entzweit sich also selbst, es kommt zum Kampf und die Reichen werden hingerichtet und vertrieben, unter die übrigen jedoch werden gleicher Anteil an Bürgerrecht und Verwaltung verteilt.

Zuerst wird man in den so entstandenen demokratischen Staat viel Freiheit lassen und es werden viele Menschen der verschiedensten Art hier zusammenkommen, zumal in der Demokratie aufgrund der Freiheit alle Verfassungen beschlossen sind. Die Nachteile zeigen sich nur dann, wenn zwar durch Gesetz etwas verboten ist, an das sich aber keiner hält, wenn einer zum Tode verurteilt wird, aber nicht hingerichtet werden kann, „weil er nicht will“, denn der Staat fragt großmütig über alles hinwegschreitend nicht mehr danach.

 

Für spätere Betrachtungen.macht Plato nun den Unterschied zwischen notwendigen und nicht notwendigen Begierden klar. Notwendige Begierden kann man nicht abweisen, etwas den Hunger, denn man muß Gesundheit und Stärker erhalten. icht notwendig dagegen sind Leckereien, denn diese Begierde kann man sich abgewöhnen,z umal sie noch dem Körper schädlich sind und den Geist hindern.

In der Lebensweise eines demokratischen Mannes werden zuerst die nicht notwendigen Begierden die Oberhand haben, zumal wenn er in schlechte gerät, die alle Erziehungsversuche von Seiten der Eltern und Erzieher fehlschlagen läßt. Wenn er jedoch etwas älter geworden ist, dann nimmt er die damals vertriebenen guten Tugenden wieder auf und gibt sich den Begierden nicht mehr gänzlich hin: So wird er dann in einem gewissen ruhigeren Gleichgewicht der Lüste leben, indem er der Reihe nach jeder einzelnen einmal etwas nachgibt, um sie zu befriedigen, sie aber alle gleichmäßig pflegt. Er ist damit ein Mann, der die mannigfaltigsten Sitten und Gemütsstimmungen in sich vereinigt und ebenso bunt ist wie der Staat, in dem er lebt.

Wie bei der Oligarchie die Übertreibung eines Prinzips zum Untergang führt, so geht es auch mit der Demokratie: Die Freiheit ist die größte Gefahr der Demokratie, denn sie kann zur Tyrannei führen. Der dem Trunk durch übergroße Freiheit verfallene Mensch wird die Obrigkeit, die gegen ihn vorgeht, als bösartig und oligarhisch anklagen. Die Obrigkeiten gehorchen, das Volk mißhandelt sie. Aber „nur Obrigkeiten, welche sich wie Untergebene,und Untergebene, die sich wie Obrigkeiten anstellen, werden gelobt und geehrt!“

Die Freiheit erstreckt sich notwendig überall hin, ein Vater wird seinen Söhnen ähnlich und fürchtet sich vor ihnen, und der Sohn wird den Eltern ähnlich, damit er sich nicht mehr vor ihnen zu scheuen braucht und ja recht frei ist. Lehrer und Schüler, Alte und Junge gleichen sich so an, und sogar die Tiere sind hier freier als anderwärts. Die Seele der Bürger wird dadurch jedoch immer zarter und keiner will sich mehr Zwang auferlegen, denn das kann er nicht vertragen und wird gleich unwillig.

Das äußerste Tun in irgend etwas pflegt immer eine große Hinneigung zum Gegenteil zu bewirken, die äußerste Freiheit wird umschlagen in wildeste und strengste Knechtschaft umschlagen

 

In der Demokratie leben zunächst einmal drei Arten von Menschen:

1.) Die faulen Verschwender, die im Gegensatz zur Oligarchie überweigen.

2). Ehrbare Bürger, die es zu großem Reichtum gebracht haben.

3.) Die große Masse bildet jedoch das Volk, das nur von der Arbeit seiner Hände lebt.

Diese Masse ist aber nicht leicht zusammenzuhalten, es sei denn, die Herrscbenden gäben ihnen jedesmal etwas von dem eroberten Reichtum ab. Die Beraubten jedoch werden sich nicht wehren. Sie werden sich jedoch damit gegen das Volk stellen und als oligarchisch angeklagt werden. Da man sie verleumdet, wird ihnen nichts anderes .übrig bleiben, als nun auch wirklich oligarisch zu werden.

Das Volk ergreift nun wieder Gegegnmaßnahmen ,indem es einen an die Spitze stellt, den es hegt und groß macht. Dieser jedoch wird bald seine Machtbefugnisse überschreiten, jedoch aus dem Exil mit Waffengewalt als gemachter Tyrann zurückkehren. Er muß nun jedoch für sein Leben fürchten und braucht eine Leibwache. Die Reichen jedoch werden seinen Staat verlassen, die Tyrannei ist vollkommen.

Zuerst wird er behaupten, er sei gar kein Tyrann, er wird Schuld erlassen und Äcker verteilen. Aber wenn außenpolitisch keine Aufgaben mehr vorhanden sind, dann wird er sie schaffen: Er fängt einen Krieg an, damit das Völk die Notwendigkeit eines Anführers einsieht. Außerdem verarmt das Volk durch die Kriegslasten, muß schwer arbeiten und denkt somit nicht an Revolution; und ganz nebenbei kann man persönlich und sachliche Feinde an die Front abkommandieren oder den Feinden preisgeben. Auf diese Weise muß sich der Tyrann auch seiner ehemaligen Freunde entledigen, die es noch gewagt haben ihm zu widersrrechen, und nur die Anhänglichkeit der gekauften Söldner seiner Leibwache verschafft ihm noch Glückseligkeit. Er wird zuerst von den Tempelgütern leben, dann sich vom Volk versorgen lassen, nachdem er ihm vorsorglich die Waffen abgenommen hat, und somit ist es statt jener übergroßen Freiheit in die unerträglichste und bitterste Knechtschaft gezogen worden.

 

Kritik Platos durch Aristoteles:

Der Ort zumindest ist im Staat allen gemeinsam, aber es ist die Frage, ob von anderen Dingen möglichst viel gemeinsam ist oder nur einiges. Je größer ein Staat wird, desto mehr wird er sich differenzieren. Kleinere Einheiten wie Familie und Individuum sind darum mehr „Einheit“ als der Staat. Der Staat jedoch kann dieses Ziel der Einheit nicht anstreben, denn sein Vorteil liegt ja gerade darin, daß möglichst viele da sind, die sich in ihrer Arbeit vorteilhaft ergänzen können.

Die Bestandteile, woraus eine Einheit werden soll, müssen darum der Art nach verschieden sein, denn gegenseitiges Geben und Nehmen hält den Staat zusammen. Dies ist aber nur möglich unter freien Menschen, weshalb unter ihnen auch ein Wechsel der Herrschaft nötig ist. Die völlige Einheit im Staat jedoch würde ihn aufheben und unnütz machen.

Im Einheitsstaat können nicht alle zugleich sagen „mein“ oder „nicht mein“, wenn sie für sich allein sprechen, denn es gehört ja allen (gegen Plato 462 C). Was aber sehr vielen gemeinsam zugehört, für das wird am wenigsten Sorge getragen. Zuerst denkt man an die eigenen Angelegenheiten und an die allgemeinen nur so weit, wie sie die eigenen berühren, denn man denkt immer, der „andere“ werde schon dafür sorgen.

Uberträgt man jedoch diese Vorstellungen auf das Familienleben, dann wird es unvorstellbar, wenn sich das „mein“ zum Beispiel auf Tausend oder mehr Väter beziehen kann, zudem werden bald die Verwandschaftsbeziehungen unklar sein (welche Sperren hat Plato dagegen?), auch wenn man vielleicht aus der äußeren Ähnlichkeit erraten kann, wer die Eltern oder Geschwister sind. Aber wenn man nicht weiß, wer die Eltern sind, dann wird man sich auch gegen alle möglichen „Eltern“ so benehmen, als seien sie Fremde und man wird sogar Verbrechen gegen sie begehen.

Weiber- und Kindergemeinschaft wärenw sehr viel angebrachter bei den Bauern, damit unter ihnen keine Freundschaft entstehen kann, die wieder Ursache zum organisierten Ungehorsam sein kann (also bewußte Zerstörung der Familie!). Für die Wächter jedoch ist gerade dieses Ziel der Freundschaft anzustreben, denn bei den Gebildeten wird dadurch ein Aufstand verhindert werden (stimmt das? Sparta?). Außerdem aber ist es ein Unding, die Kinder der einen Klasse in die andere zu versetzen, denn dann sind sie nicht mehr unter Verwandten und neigen noch eher zu Gewalttätigkeiten.

Wie steht es aber nun mit dem Besitz? Sollen die Grundstücke Privateigentum sein, die Erzeugnisse jedoch Gemeingut, oder sollen das Land und die Bestellung gemeinsam sein, der Ertrag aber verteilt werden, oder soll man gar Grundstücke  u n d  Erzeugnisse zum Allgemeingut machen?

Die Fragen wären leicht zu lösen, wenn man Sklaven zur Bearbeitung des Landes hätte. So aber wird sich bei dieser Gütergemeinschaft der Fleißige über den Faulen beschweren, der dann doch den gleichen Anteil kriegt wie er (wie ist es aber mit den natürlichen, aber doch unterschiedlichen Anlagen jedes einzelnen Menschen und dem Begriff der Gerechtigkeit im Sinne von Aristoteles? Kann man dennn wirkliches Unvermögen und Faulheit unterscheiden?).

Wenn aber jeder für seinen eigenen Vorteil arbeitet, wenn jeder also genügend Privateigentum hat, dann wird es keine Beschwerden geben. Dann ist es auch möglich, einen Teil seines Eigentums abzugeben oder fremdes in Benutzung zu nehmen. Solche Hilfe, die nämlich Freunde verschafft, kann man aber nur erweisen, wenn man Eigentum hat (und wie gesagt: „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft!“).

Die Streitigkeiten innerhalb der menschlichen Gemeinscahaft entstanden nicht wegen der fehlenden Gütergemeinschaft, sondern wegen der menschlichen Schlechtigkeit (Lehre für den Kommunismus!). Andererseits wird aber auch in Platos Staat nicht eitel Freundschaft herrschen, denn gerade die nicht geordneten Eigentumsverhältnisse werden immerr wieder Anlaß zu Streitigkeiten geben.

Freilich muß der Staat im gewissen Sinne eins sein, aber er darf es nicht ganz und gar sein!

Durch Erziehung muß man ihn zu einer Gemeinschaft und Einheit macheiltaber man darf es nicht übertreiben. - Warum hat man denn eine solche Verfassung nicht längst eingeführt? (Sie mußte ja erst konstruiert werden!). Es würde sich dann nämlich herausstellen,was ihre Vorteile und Nachteile sind.

Nichts wird aber bei Plato darüber gesagt, ob sich die Gütergemeinschaft auch auf die Bauern beziehen soll, also auf dieerößere Masse des Volkes. Aber falls man das machen wollte, was würde denn dann noch die Bauern von den Wächtern unterscheiden? Man hätte zwei Staaten geschaffen, die sich feindlich gegenüberstehen, weil der eine, die herrschende Klasse und die Besatzungstruppe bilden würde.

Es ist in diesem Staat von vornherein unmöglich, den ganzen  Staat glücklich zu machen und damit die aristotelische Hauptforderung zu verwirklichen. Hier können es nur die Wächter sein. Ihnen allein läßt man eine gute Erziehung angedeihen. Was aber geschieht mit den Bauern? Bei ihnen werden Unehrlichkeit und Verbrechen immer weiter zunehmen, weil man sich um diesen Stand nicht kümmert. Überhaupt ist über diesen Stand wenig bei Plato ausgesagt,  obwohl es für die Wächber nicht unbedeutend ist, welche Qualität der dritte Stand hat. Plato mußte aber zu diesem Schluß kommen, weil das „von den Göttern kommende Gold, die Anlage zur Philosophie, immer nur bei denselben vorhanden sein kann.

Plato hat neben seiner „Politik“ auch noch sogenannte „Gesetze“ herausgegeben, in denen er aber den bestehenden Verfassungen wieder sehr nahe kommt, bis auf die Gütergemeinschaft. Hier wird auch eine genaue Zahl von Wächtern angegeben, nämlich fünftausend. Aristoteles meint nun, es bedürfe eines Riesenreiches wie Babylonien, um 5.000 Müßiggänger zu finden.

Weiterhin rügt er, daß der Gesetzgeber bei Auswahl der Gesetze nur auf Land und Leute achten soll, nicht auch auf die Nachbargebiete, denn der Staat muß durch eine genügend große Streitmacht auch einen Erfolg nach draußen verteidigen können und sichern.

In Bezug auf Vermögen kann man nach Aristoteles nur zwei Tugenden anwenden: Freigiebigkeit und Mäßigkeit. Diese beiden Tugenden soll man bei der Verteilung der Güter anwenden, damit in einem solchen Staat nicht nur ein mäßiges Leben möglich wird, sondern ein mäßiges u n d freigiebiges.

Jeder Bürger sollte hier aber doch nun die gleiche Menge Besitz haben. Über die Anzahl der Bürger wird jedoch nichts ausgesagt. Das wäre aber wichtig, denn die Güter bleiben unteilbar,zum Beispiel auch, wenn die Bevölkerungszahl steigt (die Frage ist hier nur, ob Plato richtig interpretiert wurde. Mir erscheint das spitzfindig, denn er wird wohl auch an eine Neuverteilung von Zeit zu Zeit gedacht haben).

Platos Staatsform will weder eine Demokratie noch ein Oligarchie sein, sondern sie will eine „Politeia“ sein, die einmal zur allgemeinen Staatsform werden soll. Daß sie aber die beste ist, streitet Aristoteles ab. Er befürwortet Verfassungen, die aus mehreren zusammengesetzt sind, nicht allerdings aus Demokratie und Tyrannei, die er als die schlechtesten ansieht (Plato wollte allerdings auch einen Mittelweg, seine Verfassung hat eher etwas aristokratisches an sich als oligarchisches,wie Aristoteles später behauptet).

Während Plato schon zum Teil dialektisch vorgeht und eine Begriffsentwicklung aus dem Gegensatz vornimmt, ist Aristoteles ganz streng der traditionelle Logiker. Er baut eins auf dem anderen auf, schaltet einiges aus, verharrt, fügt einige Bausteine ein und stellt ein Programm für die weitere Untersuchung auf; dadurch ist alles gut gegliedert.

Plato ist reiner Idealist, der etwas völlig neues konstruieren will und sich dabei in Hirngespinste versteigt (Großkindergarten!). Aristoteles jedoch steht mit beiden Beinen auf der Erde und gibt Rezepte für das praktische Verhalten im Staat. Er blickt nach den Sternen und will

über das Seiende hinweg, aber nicht über das Ziel hinaus. Er bemüht sich in allem das Schöne und Gute hervorzubringen, er ist nicht abstrakter Moralprediger, sondern er stellt als Ziel das „Seinsollen“ des Menschen auf.

 

 

Aristoteles 

 

Leben und Werk:   

Wer sich mit Aristoteles befassen will, muß bedenken, welche Wirkungen er auf das Mittelalter hatte (Richtungsweisend für die Scholastik: Augustinus, Thomas) und welche er heute noch hat. Aber nur im Zusammenhang mit der modernen Zeit ist Aristoteles diskussionswürdig.

Aristoteles wurde 383/84 in Stagera als Sohn eines Arztes geboren, wurde aber schon früh Waise. Er besuchte die philosophisch-rhetorisch-staatsrechtliche Hochschule in Athen,die unter der Leitung Platons stand.Dort wurde er auch bald Lehrer, obwohl er selbst noch lernte, und blieb dort 20 Jahre. Er war jedoch nicht ein Epigone, sondern entwickelte bald eigenen Gedanken und wurde deswegen oft angegriffen. Nach dm Tode Platons war er fünf Jahre Hauslehrer Alexanders des Großen und kehrte dann wieder nach Athen zurück. Er wollte sich aber nicht dem neuen Leiter der Akademie unterstellen, der Platon und ihm feindlich gesinnt war, weil er die ihm liebgewordenen Gedanken nicht aufgeben wollte (er war an sich ein friedlicher Mensch!). Er gründete also eine eigene Akademie, mußte aber nach ihrer Auflösung fliehen und starb 322. Wir wissen so wenig über sein Leben, weil die Griechen nicht viel von Lebensbeschreibungen hielten und nicht die Kunst der Biographie pflegten.

Aristoteles war ein „Universalgenie“ mit einer unheimlichen Wissenskapazität. Er schrieb Bücher über Physik, Botanik, Zoologie, Dichtkunst, Musik, Medizin, Astronomie. Man unterscheidet drei Schaffensperioden, die sich in seinen Werken widerspiegeln:

1.) Bruchstückhaft erhaltene Werke aus seiner Schulzeit.

2.) Quantitativ gesehen magere Werke, aber voll reifer Gedanken

3.) Schöpferischste Zeit als er selber Direktor seiner Akademie ist (im Alter von 50 bis 60 Jahren).

Das Hauptanliegen des Sollens hat er niedergelegt in seiner „Nikomachischen Ethik“ (übrigens wahrscheinlich so genannt nach seinem Sohn Nikomachos, obwohl auch sein Vater so hieß!). In zehn Büchern stellt er hier nicht ein Moralgesetz auf, sondern gibt vor allen Dingen gute Tips für viele Lebensfragen.  Er war jedoch der stärkste Interpret seiner Zeit in Staatsrechtslehre, die er in seinem grundlegensten Werk „Die Politik“ niedergelegt hat. Dieses Buch

befaßt sich nicht nur mit den Staatsformen und Institutionen, sondern setzt sich auseinander mit den Fragen des Gemeinwesens.

Seine Ethik ist jedoch die Präambel für die Politik: „Jedes praktische Können und jede wissenschaftliche Untersuchung ebenso alles Handeln und Wählen strebt nach einem Gut, wie allgemein angenommen wird!“ Daher die richtige Bestimmung von „Gut“ als das Ziel, zu dem alles strebt. „Das Handeln - auch in der Politk -hängt zusammen mit der ethischen Grundvoraussetzung. Aristoteles macht sich also zunächst einmal lustig über verschiedene Menschentypen und geißelt minderwertige Dinge. Die drei Mensnchentypen:

1.) Genuß, Streben nach „Eudämonie“ als höchstes Ziel

2.) Ehre und Name als aktiver Politiker in verantwortlicher Lage

3.) Philosoph, der sich nur mit der Lehre befaßt (nur Berater!).

Aristoteles sieht die zweite Haltung als die wertvollste an. Er versteht jedoch darunter nicht ein Leben als untergeordneter Beamter in geruhsamer und risikoloser Stellung, sondern Betätigung als „politischer Mensch“ (zoon politkon).

Aus seiner Ethik leitet sich auch ab, daß nicht das Gesetz die äußierste Grenze ist, sondern man muß schon bei Sitte, Ehre und Anstand als einem inneren Kreis haltmachen. Auch unter „Glück“ versteht er nicht den Genuß äußerlicher Dinge, sondern das Befassen mit geistigen Dingen.

 

„Die Politik“:

Der Staat ist die vornehmste Gemeinschaft. Er erstrebt das Gute. Die kleinsten (nicht aber frühesten) menschlichen Gemeinschaften sind entstanden aus Individuen, die ohne einander nicht sein können; es sind dies Mann und Frau (zum Zwecke der Fortpflanzung), Herrscher und Beherrschter (Sklave). Dabei gibt es unter den Griechen im Gegensatz zu den Barbaren eine „Familie“, denn Frau und Sklave stehen nicht auf einer Stufe.

Familien gruppieren sich zu Dorfgemeinschaften, in denen nach dem Vorbild der Hausgemeinschaft das patriarchalische Prinzip herrscht, verkörpert durch den König (die Götter haben darum auch einen König!). Endlich entsteht eine aus mehreren Dorfgemeinschaften gebildete vollkommene Gesellschaft, „die gleichsam das Ziel vollendeter Selbstgenügsamkeit erreicht hat, die um des Lebens willen entstanden ist und um des vollkommenen Lebens willen besteht!“ Der Staat ist darum das natürliche Ziele des Menschen, nach dem er immer wieder strebt.

Der Staat ist ein von Natur bestehendes Gebilde und der Mensch von Natur ein staatliches Wesen. Wer außerhalb lebt, ist entweder schlechter (Tier) oder besser (Gott) als der Mensch, der Staat aber ist gut; deshalb schließt sich ihm der Mensch an. Die Gemeinschaftlichkeit der Sprache und das Unterscheidungsvermögen für Gut und Böse, für gerecht und ungerecht begründet die Familie und den Staat. Da das Ganze aber immer früher ist als das Teil, war der Staat auch früher als die Familie. Diese nun setzt sich aus Freien und Sklaven zusammen, die Beziehungen zwischen ihnen werden geregelt nach dem Herrenrecht, dem Eherecht und dem elterlichen Recht.

 

Das Herrenrecht:

Der Sklave ist ein beseeltes Werkzeug,das nötig ist, um die toten Werkzeuge zu bedienen. Er ist von Natur nicht sein, sondern eines anderen, aber doch ein Mensch - und darum von Natur ein Sklave. Er ist organisches Teil seines Herrn, aber nicht Besitzstück, denn er besteht nicht getrennt für sich.

Der Gegensatz zwischen herrschen und dienen tritt überall da auf, wo etwas aus mehreren Teilen besteht, aber doch eine Einheit ist. Zum Beispiel besteht der Mensch aus Leib und Seele. Bei einem Menschen in bester Verfassung herrscht die Seele despotisch über den Leib. Und das ist gut so, damit beide bewahrt und erhalten bleiben. Herrschen und dienen ist darum nicht nur notwendig, sondern auch nütz lich.        

Bei Leuten mit großen Körperkräften, wo die Seele weit absteht vom Leib, ist es besser, wenn sie Sklaven sind (moderner Arbeiter als Ausgleich für ihre schwachen Geisteskräfte verdienen sie es, der Sklave des Besseren zu sein, denn dieser hilft ihnen ja nun. Die Herrschaft soll nämlich gut sein, zwischen Herr und Sklave soll ein Freundschaftsverhältnis bestehen, damit beiden genützt ist (Lehnsstaat des Mittelalters)

Es hat aber auch immer Sklaverei auf Grund eines Gesetzes nach einem siegreichen Krieg gegeben, denn der Sieger hatte eben etwas mehr an Tugend. Auch bei zu Unrecht angefangenen Kriegen sollte man doch nicht vergessen, daß auch einmal Adlige von niedrigerer Tugend sein können und sich nun unterzuordnen haben.

 

Familienrecht:

Die Herrschaft über Freie oder Sklaven ist etwas andere als die Alleinherrschaft des Hausvaters. Er hat auf Grund seiner Stellung die Fähigkeit, Sklaven zu verwenden, nicht aber sie auszubilden. Ihm steht es auch zu, nach Art eines freistaatlichen Herrschers über seine Frau zu herrschen, nach Art eines Königs über die Kinder, denn das Männliche ist zum Führen veranlagt (Schöpfungsordnung!). Während sich aber im Freistaat Beherrschtes und Herrschendes abwechseln, ist der Vater den Kindern auf Grund der Liebe und des Alters voran, er ist von ihnen durch seine natürlichen Vorzüge geschieden und darf übe sie herrschen. Aber er wird sich auch in erster Linie um sie kümmern, nicht um seinen toten Besitz. - Herrscher und Beherrschte haben je an der Tugend nur soweit teil, wie es für ihre besondere Aufgabe nötig ist. Der Herrscher hat also die höchste Tugend, er verhilft dem Sklaven zu standesgemäßer Tugend (nicht der Ausbilder!). Er befiehlt also nicht nur, sondern befleißigt sich auch des vernünftigen Zuspruchs. Man muß sie sogar noch mehr ermahnen als Kinder.

 

Wer ist Staatsbürger?

Man ist nicht schon dadurch Bürger eines Staates daß man irgendwo seinen Wohnsitz hat (Sklaven!), auch nicht, wenn man nur an der Gerichtsbarkeit teilhat, denn das kann auch durch Vertrag zustandekommen.Bürger ist, wer für sein ganzes Leben am Gericht und wer zeitweilig an der Regierung teilnimmt, wer also diese „unbestimmte Regierungsgewalt“ ausübt (Aristoteles sieht diese beiden nur zusammen, weiß aber keinen Oberbegriff für sie und führt deshalb einen neuen ein), die sich vorwiegend in der Demokratie findet, aber auch anderswo. Allerdings kann ein Einzelner diese Gewalt nicht allein ausüben, ihm steht es nur zu, an der beratenden oder richterlichen Gewalt teilzunehemn.        

Für die heutige Praxis jedoch bezeichnet man als Bürger, der väterlicher- und mütterlicherseits von Bürgern abstammt (nur wenn man eine höhere Bevölkerungszahl will, nimmt man auch Sklaven und sogar Fremde auf).

Wer durch ein Gesetz, etwa eine Verfassungsänderung mit Erweiterung des Bürgerrechts zum Bürger gemacht wird, ist es auch, auch wenn das Gesetz vielleicht von einem Gewaltherrscher zu Unrecht erlassen wurde (Annexionen Hitlers!). Der Nachfolgestaat muß auch alle Lasten seines Vorgängers übernehmen, denn die Verfassung beruht nicht darauf, wer die Macht ausübt, sondern hat das allgemeine Beste zum Zweck.

Die Frage ist nur, ob der Staat derselbe geblieben ist. Den Ort kann man hier nicht in Erwägung ziehen, denn es kann durchaus sein, daß in Krieg ein Staat zum Teil schon von anderen beherrscht wird und darum de facto nicht mehr derselbe ist, wohl aber noch als Staatsgebilde, das sich als Gemeinschaft versteht. Auch bloßer Handel zwischen örtlich naheliegenden Staaten schafft noch keinen gemeinsamen Staat; auch Verträge tun das nicht (Begründung weiter unten).

Auch wenn die Menschen dieselben bleiben (ununterbrochene Geschlechterfolge!), kann doch der Staat ein anderer werden, nämlich dann, wenn sich die Verfassung ändert; auch wenn sich die Menschen unter einer Verfassung ändern, bleibt der Staat doch der derselbe.

 

Tugend des Staatsbürgers:

Die einzelnen Bürger sehen trotz ihrer Verschiedenheit ihre Aufgabe im Wohle der Gemeinschaft. Eine andere Tugend der Bürger bewirkt auch eine andere Verfassung. Ein trefflicher Bürger kann sich nämlich unter den vielen Tugenden eine auswählen, die er befolgen will (etwa Geld ansammeln); ein tugendhafter Mensch allerdings hat nur eine Tugend, nämlich die Klugheit. Ein Staat nun kann unmöglich nur aus guten Menschen bestehen, wohl aber aus guten Bürgern, von denen nun jeder ein anderes „höchstes Ziel“ hat. Ein König hat natürlich die höchste Tugend, ein guter Bürger kann sie vielleicht auch haben. Aber man muß noch einen Unterschied machen zwischen dem Erlernen eines Handwerkberufs und dem Erlernen der Fähigkeit zur politischen Herrschaft. Hier wird der Herrscher unterrichtet, indem er vorher selber beherrscht wird (dann könnte also jeder Bürger zum Herrscher werden, dann wären auch alle „unausgebildeten“ Politiker gerechtfertigt, falls dieser Satz stimmt, daß man gut befehlen kann, wenn man gehorchen gelernt hat). Ein trefflicher Mensch wird jedoch dieses können,denn seine Tugend umfaßt Herrschen und Beherrschtwerden. Niedere Stände, die damals also kein Bürgerrecht hatten, können diese Tugend nicht haben, denn sonst wären sie ja Bürger (So kann man es auch sagen! Was ist aber, wenn sie von den anderen mit Gewalt ausgeschlossen werden). In manchen Verfasssungen dagegen haben diese „Banausen“ noch Bürgerrecht, in einer aristokratischen jedoch nicht mehr.

 

Die Verfassung:

Unter Verfassung versteht man die Ordnung des Staates in bezug auf die Gewalten überhaupt und besonders in bezug auf die oberste von allen. An den Regierungen kann man also schon die Art der Verfassung ablesen.

Das Gemeinschaftsgefühl, der gemeinsame Nutzen und die Anhänglichkeit an das Leben führen die Menschen zusammen. Man wechselt sich in der Regierung ab, auch auch einmal dem etwas zugute kommen zu lassen der bisher Gutes getan hat. Wenn jedoch einer aus dem Amt Vorteile ziehen will und es nicht mehr abgeben mdchte, dann ist die Verfassung fehlerhaft (oder der Mensch! Es ist aber gemeint:Wenn dies möglich ist). Alle Verfassungen jedoch, die auf den allgemeinen Nutzen abzielen, sind richtig, denn der Staat ist eine Gemeinschaft freier Leute.

Das ist also das Kriterium einer guten Verfassung. Wenn also der Beste oder die Besten zum allgemeinen Besten regieren, dann handelt es sich um ein Königtum oder um eine Aristokratie;  wenn das Volk regiert, dann ist das eine „Politie“. Ausartungen dazu sind: Tyrannis (Königtum), Oligarchie( Aristokratie ) und Demokratie (Politie), denn hier verfolgt jeder der Regierenden seinen eigenen Vorteil(in der Demokratie sind es die Armen!). Die Abgrenzung dieser Formen ist jedoch nicht leicht, denn in einer ehemaligen „Armendemokratie“ könnte es ja mit der Zeit mehr Reiche als Arme geben. Armut und Reichtum geben also den Ausschlag, ob es sich um eine Oligarchie (Herrschaft der Reichen) oder um eine Demokratie (Herrschaft der Armen) handelt.

 

Verteilung der Macht:

Reichtum haben aber nun nur wenige, Freiheit wollen aber alle haben. In diesem Streit ist es nun zuerst nötig, sich über den Begriff des Rechts besonders im Zusammenhang mit der Ver= teilung der Macht klar zu werden!). Ein Freigeborener wird sich gegenüber dem anderen Freigeborenen für gleich erachten und sagen: „Meine Stellung besteht zu Recht!“ Ein Armer jedoch wird sagen: „Es ist Unrecht, daß andere mehr Geld haben als ich!“ Einmal wird hier rein zahlenmäßig verglichen, zum anderen aber betrachtet man auch den Menschen mit und seine Rechte im Vergleich zu seinen Bedürfnissen und denen der anderen. Aber der Staat entstand ja nicht um des Besitzes willen, denn dann hätten ja die Verfechter der Oligarchie recht, daß der Anteil am Staat sogroß sein muß wie der Anteil am Besitz.

Wenn man Verträge, etwa Nichtangriffspakte untereinander abschließt, dann entsteht dadurch noch kein gemeinsamer Staat, denn sie mischen sich nicht untereinander in die Angelegenheiten des anderen ein, wo sich doch der Staat der Pflege der Tugend annehmen muß (Deutschland ist also n i c h t ein Staat). Als Staat kann erst gelten „die Gemeinschaft in einem guten Leben zum Zwecke eines vollkommenen und sich selbst genügenden Daseins.“ Die staatliche Gemeinschaft besteht also nicht um des Zusammenlebens willen, sondern wegen der tugendhaften Handlungen. Darum haben auch die am meisten Teil am Staate, die am meisten zu dieser Gemeinschaft beitragen, nicht wer durch Reichtum oder Geburt ausgezeichnet wird. Das also ist Recht.

 

Die ausschlaggebende Gewalt:

Bei der Vergebung der obersten Ämter kommt es zu Schwierigkeiten. Abgesehen davon, daß eine solche Einstufung die anderen als „ehrlos“ diskriminieren würde, bereichern sich auf der anderen Seite die Herrschenden auf Kosten der anderen. Dabei ist die Menge als Ganzes, als Summe vieler kleiner Tugenden, immer der kleineren Gruppe von „Besten“überlegen. Aber es ist auf der anderen Seite auch wieder gefährlich, einzelne unter ihnen zur Herrschaft zuzulassen, denn diesen mangelt es ja an Klugheit. Man kann sie aber am Beraten und Richten teilnehmen lassen( Wahl der Beamten, Entgegennahme der Rechenschaftsberichte, aber keine Einzelämter, nur als Schöffen).

Als Mitglied der Volksversammlung wird so jeder ein Mitberater. Wenn sich also viele „Wenigerwissende“ zusammentun, ind sie auch nicht schlechter als etwa „Fachleute“ in Politik, denn auch derjenige, der eine Einrichtung in Benutzung nimmt, kann sich ein Urteil darüber bilden (womit wieder einmal unser demokratisches Wahlrecht gerettet wäre!).

Man gibt jedoch allen gleiches Recht, nur nach der Leistung geht die Verteilung der Ämter. Es ist jedoch zur Schaffung eines vollkommenen Lebens gut, wenn Bildung und Tugend den Vorrang  behaupten (er schränkt also doch wieder ein).

 

Das „Genie“ in der Gesellschaft:

Soll man ein Gesetz nach dem Nutzen der Besseren einrichten oder nach dem der Mehrheit? „Richtig“ ist, was zum Nutzen des ganzen Staates gereicht. Sollte der seltene Fall eintreten, daß einer oder einige wenige vorzüglicher sind als alle anderen zusammen, dann gehören sie nicht mehr zu diesem Staat und müßten ein Gott sein. Nur für Gleiche kann es ein Gesetz geben, solche Männer aber sind sich selbst Gesetz.

In der Demokratie nun strebt man nach Gleichheit, und deshalb vertreibt man solche Leute von Zeit zu Zeit durch das Scherbengericht; dieses Verfahren findet sich also nicht nur in den Diktaturen. Die Demokratien kommen jedoch nicht ohne das aus - im eigenen Interesse - denn sie müßten ja dann die Herrschaft dieses Einzelnenn anerkennen. Es besteht allerdings aber auch sehr die Gefahr, daß diese Einrichtung des Scherbengerichts zu Parteizwecken mißbraucht wird. Wenn jedoch einer nicht nur durch irgendwelche Vorzüge sehr herausragt, sondern auch an Tugend allen überlegen ist, dann wäre es ungerecht, ihn zu verbannen oder zu beherrschen. Dann muß man sich ihm gern unterordnen und lebenslänglich zum König machen (bei uns hält sich nicht der Beste, sondern der politisch erfolgreiche).

 

Gesetz oder Einzelner:

Soll man vom besten Mann oder von den besten Gesetzen heherrscht werden? Die Gesetze sind sehr allgemein, bei ihnen geht es um den Buchstaben, sie sind aber ohne Leidenschaften, und das ist ihr Vorteil, auch wenn der Einzelne genauer überlegen kann. Wo aber die Gesetze das Richtige verfehlen, dürfen sie nicht gelten. Wo ein Gesetz überhaupt nicht oder nur schlecht entscheiden kann, soll bei dem Besten die Entscheidung stehehn.

Bei einer Gruppe von Herrschenden muß man darauf achten, daß alle gleich sind, damit nicht die Gefahr einer Teilung besteht. Der Mangel an genügend gleichen Leuten war wohl die Ursache für das Königtum in den kleinen Staaten der Frühzeit (ein Führer ist also nur dann möglich, wenn sich ihm nicht genügend gleich starke Leute entgegenstellen!). Soll der König aber nun nur bestehende Gesetze ausführen, dann ist das keine besondere Staatsform; solche Ämter gibt es auch in anderen Verfassungen. Aber ein Vollkönigtum über Gleiche wäre auch ungerecht.

Es ist also besser, daß keiner herrscht bzw. daß sie sich abwechseln. Dies wird aber geregelt durch Gesetz und darum ist es wünschenswerter, daß das Gesetz herrsche, auch wenn es nicht alles erfassen kann. Auch ein Mensch kann nicht alles wissen. Das Gesetz gibt dem Beamten nur die Schulung, das andere entscheiden sie, so gut die können. Schon aus Gerechtigkeitssinn sucht man nach einer überparteilichen Instanz, denn der Einzelne ist immer subjektiv und in eigener Sache befangen. Deshalb ist es weder nützlich noch gerecht, wenn nur Einer herrscht. Man wehrt sich nicht dagegen, daß das Gesetz herrschen soll, sondern dagegen, daß nur einer herrscht.

Eine Menge, die ein hervorragendes Geschlecht ertragen kann, ist auf das Königtum angelegt, auf die Aristokratie eine, die Vielheit verträgt und auf die Politie schließlich die Menge, die gleich gut zu befehlen und zu gehorchen weiß (Aristoteles macht also hier die Staatsform doch wieder von den Menschen und ihren Eigenschaften abhängig!)

 

Die Verfassungen:

Wer eine Verfassung beurteilen will, muß als Maßstab erst einmal die ideale, ursprüngliche Verfassung kennen. Es ist aber jedoch auch zu bedenken, welche möglich und leichter und im Einzelfall dem Staat entsprechender ist. Wenn aber ein Staatsmann es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die Gesetze zu verbessern, so muß er erst einmal die bestehenden Verfassungen kennen, von denen ja die Gesetze abgeleite sind. Es gibt mehrere Verfnssungen, weil jeder Staat aus mehreren Teile (Familien, Berufsgruppen, Klassen) besteht. Es gibt soviele Verfassungen wie Gesellschaftsordnungen (was sagt der Marxismus darüber?). Jedoch kann man zwei Hauptrichtungen feststellen: die schlaffere, zuchtlosere, die Demokratie, und die straffere, despotischere, die Oligarchie.

 

Die Demokratie: Es ist keine Definition, wenn man sagt, eine Demokratie herrscht, wenn die „Masse“ befiehlt, denn das ist auch in der Oligarchie möglich. Eine Demokratie liegt zunächst einmal vor, wenn die Freien Herr sind, eine Oligarchie, wenn die Reichen Herr sind. Da es aber nun viele Freie, aber wenig Reiche gibt, liegt keine Demokratie vor, wenn einige wenige von diesen Freien über eine Mehrheit von Unfreien herrschen. Man hat vielmehr eine Demokratie, wenn die armen Freien als Mehrheit im Besitz der Herrschaft sind, und man hat eine Oligarchie, wenn die Reichen und Edleren als Minderheit herrschen.

Arten der Demokratie:

(1.) Angehörige niederer und höherer Stände gleich, Gleichheit am vollkommensten verwirklicht, nur die Gesetze herrschen, nur wenige Volksversammlungen, weil nur wenig Muße dafür.

(2.) Ärmere Leute werden durch einen sehr niedrigen Zensus ausgeschlossen, man muß, um Beamter zu werden, genügend Vermögen und Muße haben

(3.) Alle (!) Bürger haben Ämter, aber im übrigen herrscht das Gesetz, denn weil alle reich geworden sind, haben alle Muße

 (4.) Allen Bürgern stehen Ämter offen, aber im übrigen herrscht das Gesetz. Aber nicht jeder kann sein Amt wahrnehmen, weil das Geld fehlt

(5.) Nur die Menge ist Herr, nicht das Gesetz. Dann besteht sehr stark die Demagogengefahr, das Volk gebärdet sich dann wie ein Monarch, wird despotisch und läßt sich schmeicheln.

Kennzeichen jedoch der Demokratie ist die Freiheit, nicht die Bildung eines Mehrheitswillens, denn auch die Aristokraten stimmen unter sich nach der Mehrheit ab.

 

Arten der Oligarchie:

(1.) Die Herrschaft ist an das Geld gebunden, deshalb wird ein sehr hoher Zensus eingeführt. Aber es herrschen die Gesetze, denn man strebt von der Monarchie weg, die Verkörperung des Persönlichen ist.

(2.) Ein Zensus besteht, die Nachwahl der ausgeschiedenen Beamten erfolgt jedoch durch die verbliebenen Beamten selbst, die eine kleine Gemeinschaft bilden, die fest zusammenhält, aber doch nicht ganz ohne Gesetz ist, sondern zumindest das Wahlgesetz einhält.

(3.) Die Zahl der Herrschenden wird immer kleiner, die Vermögen werden immer größer; es gibt zwar noch ein Wahlgesetz, aber dieses besagt, daß die Beamtenstellen in dynastischer Erbfolge vergeben werde

(4). Nur die Herrscher herrschen, nicht das Geäetz, nahe der Monarchie.

 

Die Politie:

Im Staat streiten drei Qualitäten um das gleiche Recht: Freiheit, Reichtum, Tugend. Man kann sie auf viele Arten mischen kann: Reichtum und Armut zum Beispiel ergeben eine Politie mit einem mittleren Zensus. Die Mischung ist richtig, wenn man nicht mehr erkennen kann, ob es sich um eine Demokratie oder eine Oligarchie handelt, wie etwa in Sparta (gemeinsame Kindererziehung und Mahlzeiten usw., aber Ämter durch Wahl, Macht über Tod und Verbannung bei wenigen usw.)

 

Königtum:

Es gibt verschiedene Arten des Königtums:    

Feldherrnamt im Ausland (Standrecht) und Kulthandlungen

Sparta:  Zuhause, das ist das eine Extrem, hier in Sparta.

Barbaren: Gesetzliche und traditionelle Tyrannis mit Willen der Bürger.

Alte Griechen:  Traditionelle Wahltyrannis ohne gesetzliche Stütze

Heroenzeit: Gesetzliche Erbfolge seit dem ersten Einiger des Volkes

Stadtgemeinde: Regierung geordnet nach Art der Hausverwaltung

 

Die Tyrannis:          

(1.) Unumschränkte Monarchie(siehe diese)

(2.) Freiwillige Unterordnung unter einen Führer

(3.) Inhaber der Gewalt regiert ohne Verantwortlichkeit zum eignen Volk.

 

Der Mittelstand:

In allen Staaten gibt es drei Klassen von Bürgern: Sehr reiche, sehr arme und der gute Mittelstand. Nach den Grundsätzen der Nikomachischen Ethik ist aber das Gemäßigte und Mittlere das Beste, ein mittlerer Besitzstand gehorcht darum am leichtesten der Vernunft und kein Neid kommt auf.

Als Reicher ist man übermütig, elbstherrlich, ungehorsam, als Armer ist man unterwürfig und tückisch. In einem Staat mit solchen Gegensätzen könnte keine Gemeinschaft entstehen. Deshalb sollte man in einer guten Verfassung den Mittelstand möglichst stärken (Sehr aktuell! Mittelstandspolitik, umdas Volk ruhig zu halten?). Außerdem verhindert er extreme Staatsformen, es gibt wenig Aufstände;  die besten Gesetzgeber stammen aus dem Mittelstand( Solon, Lykurg). Wenn der außerhalb der Mitte stehende Volksteil die Herrschaft an sich bringt, dann entstehen entweder eine Demokratie oder Oligarchie.

Der Staat besteht aus Qualität( Freiheit, Reichtum, Bildung, Adel) und Quantität (Übergewicht der Zahl). Beides muß im rechten Verhältnis gemischt sein. Überwiegt die Quantität, dann gibt es eine Demokratie, überwiegt die Qualität, dann eine Oligarchie. Aber immer muß man den Mittelstand in der Gesetzgebung berücksichtigen, der unbedingt die Verfassung mitstützen muß, falls sie Bestand haben soll.

Deshalb sucht man ihm zu gefallen und macht ihm Zugeständnisse:

1.) Volksversammlung: Strafe für die Reichen bei Nichterscheinen in der Volksversammlung, nicht für die anderen

2.) Staatsämter: Nur die Armen dürfen Ämter ablehnen, nicht Leute mit entsprechendem Zensus

3.) Gerichte: Strafe für die Reichen, wenn sie sich weigern, als Geschworenenrichter aufzutreten.

4.) Bewaffnung: Strafe für die Reichen, wenn sie sich keine Waffen beschaffen, aber keine Verpflichtung für die Armen.

5.) Leibesübung: Strafe für die Reichen, wenn sie die Leibesübungen versäumen, denn Sport ist Kriegsdienst.

Dies sind die Mittel der Oligarchie, die Demokratie hat ähnliche Bestimmungen mit Strafen für die Armen.

 

Bestandteile der Verfassung:

Eine gute Verfassung hat drei Bestandteile, deren Unterschied auch den Unterschied der Verfassungen angibt: Beratende Gewalt, Magistratur( Exekutive) und Rechtspflege (Juristikative).

 

Die Legislative: Alle haben beratende Funktion:

1.) Ausübung von Ämtern der Reihe nach

2.) Kursorische Volksversammlungen

3.) Zusammentritt zur Wahl des Magistrators

4.) Einsetzung von Fachministern (Rechenschaftsberichte!)

5.) Direkte Demokratie mit Gutachten der Magistrate.

Es ist nicht vorteilhaft, wenn(wie in den Politien) wenige Privilegierte das Recht haben, ein Gesetz abzulehnen. Die Volksversammlung muß das Recht haben, ein Gesetz wieder an die Regierung zurückzuweisen.

 

Die Exekutive: Als Organ der Magistratur kann man verschiedene Aufgaben haben:

1.) Sorge um alle Bürger, etwa als Feldherr

2.) Sorge für bestimmte Bevölkerungsteile (Frauen)

3.) Ökonomische Aufgaben, etwa als Kornmesser

4.) Beamte und Bedienstete, also eine Art Fachminister).

In großen Staaten sollte man möglichst viele Ressorts schaffen, damit Spezialisten eingesetzt werden können und auch einmal andere zum Zug kommen (wie steht es damit bei uns?). In kleineren Gemeinwesen muß man jedoch viele Funktionen in einer Hand vereinigen, damit kein Nachwuchsmangel entsteht, weil alle schon am Amt einmal beteiligt waren.

Es ist jedoch auch zu überlegen, ob man nicht bestimmte Tätigkeiten, die überall wiederkehre, zentral zusammenfaßt, etwa alle Polizeifunktionen (sehr aktuell!).

Dem Volk dagegen soll man für seine Beratungen kein Honorar geben, denn dann haben die Leute genügend Muße und versammeln sich oft und entscheiden alles selbst( Hört,hört!).

 

Die Judikative:Der Personenkreis für Richter,ihr Zuständigkeitsbereich und die Art der Rechtssprechung bewirken den Unterschied der Gerichte in Gerichte für Tötungsangelegenheiten, Vergehen gegen das Gemeinwohl, Staatsverbrechen,Verwaltungsklagen, Privatklagen,Vertragsstreitigkeiten, Mordfälle und Ausländer. Dazu noch ein „Schiedsmann“

 

 

Die Formen der Gerechtigkeit:

Die Grundformen der Gerechtigkeit:      

Als ungerecht gilt....

...wer die Gesetze mißachtet

...wer die gleichmäßige Verteilung der Güter mißachtet.

Als gerecht gilt....

...wer das Gesetz achtet     (Iustitia universalis)

...wer die bürgerliche Gleichheit achtet  (iustutia particularis).

Aristoteles läßt aber die erste Art der Gerechtigkeit beiseite, weil sie zum Gebiet einer umfassenden Trefflichkeit gehört, also mit der Moral zusammenhängt.

 

Die Einteilung der  „Iustitia particularis“:           

A.) Verteilung von öffentlichen Anerkennungen und Gütern (iustitia distributiva)

B.) Vertragliche Beziehungen von Mensch zu Mensch            (iustitia directiva)

1.) freiwillig: Kauf und Verkauf

2. ) unfreiwillig:

a.) heimlich:Diebstahl, Ehebruch, Meuchelmord

b.) gewaltsam: Mißhandlung, Totschlag, schwerer Raub.

Bei all diesen Handlungen soll Gerechtigkeit herrschen.

 

Was ist Gerechtigkeit?

Es steht fest, daß der Ungerechte die Gleichheit verletzt und daß die ungerechte Tat Ungleichheit bedeutet. Somit ist klar, daß es auch ein Mittleres zwischen den Extremen der Ungleichheit gibt. Das ist das Gleiche.

Das ist das Gerechte: das Proportionale. Und das Ungerechte ist der Verstoß gegen das Proportionale. Denn wer unrecht tut, bekommt zu viel; wer Unrecht erfährt, bekommt zu wenig von dem in Frage stehenden Gut.

Diese Proportion (wenn der eine zu viel hat, hat der andere zu wenig) ist nicht ausschlaggebend vor dem Gesetz: Das Gesetz schaut nur auf den Unterschied zwischen Höhe des Unrechts und des Schadens,  betrachtet die Partner als gleich,versucht aber, die Gewinnseite an die Verlustseite anzugleichen indem es von dem ungerechten Gewinn des Täters wieder etwas wegnimmt. Das Gerechte als ein Regulierendes nichts anderes darum ist als die Mitte zwischen Verlust und Gewinn.

Wenn es daher Steitigkeiten gibt, so geht man zum Richter um Hilfe, denn der Richter ist der Mann, der in der Mitte steht. Das Recht ist also ein mittleres, es schafft einen Ausgleich der Güter. Die Gerechtigkeit bei der Verteilung öffentlicher Güter bezieht jedoch die Menschen mit ein, der Recht oder Unrecht tut.

Das ist der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Bei der Gerechtigkeit gibt es auch die Strafe ,ja man verlangt sogar, daß Tat und Strafe sich decken. Beim Recht geht es zunächst erst einmal um einen Ausgleich der Gegensätze (Zivillprozeß), erst in zweiter Linie vielleicht um eine Bestrafung (Strafprozeß).  Aber die Widervergeltung ist nicht die Aufgabe der Gerechtigkeit und des Rechts, jedenfalls nicht in erster Linie. Man muß allerdings auch zugeben, daß nur die proportionale Vergeltung den Zusammenhang des Gemeinwesens gewährleistet.

 

Recht und Gerechtigkeit:

Ein Beispiel soll den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit erläutern: Eine Flasche mit Fruchtsaft soll unter drei Personen verteilt werden, Mutter, Sohn und Tochter. Wenn man nun nach dem Recht urteilt, dann erhält jeder gleichviel,n ämlich ein Dittel der trinkbaren Flüssigkeitsmenge. Man betrachtet hierbei nur den Stoff und teilt ihn völlig mathematisch unter die Leute, die ihn brauchen. Dieses Verfahren wird bei jedem Handelsgeschäft angewandt:  Einer macht ein Angebot, der andere hat einen Bedarf, und man gleicht beides aus (natürlich bei mehreren Artikeln, also ein Tauschgeschäft oder Kauf mit Hilfe von Geld).

Nun stellt sich aber heraus, daß die Bedürfnisse der Einzelnen verschieden sind. Es ist dabei noch gar nicht einmal ausschlaggebend, woher dieser Unterschied kommt, er ist aber vorhanden. Jedenfalls hat die Tochter sehr großen Durst, die Mutter hat etwas Durst und der Sohn hat kaum Durst. Plötzlich spielen auch die Personen und ihre Bedürfnisse eine Rolle. Man kann nicht mehr nur nach dem Recht vorgehen, nun geht es darum, Gerechtigkeit zu üben. Wer also den größten Durst hat (hoffentlich objektiv gesehen!), erhält den meisten Saft (also die Tochter); wer weniger Durst hat, erhält weniger Saft  (die Mutter); wer kaum Durst hat, benötigt auch nur wenig Saft (der Sohn).

Bei dieser ungleichmäßigen, aber gerechten Verteilung des Gutes handelte es sich sogar um eine Frage, die die Gemeinschaft angeht: Der Fruchtsaft war nämlich ein Gut der Gemeinschaft, er gehörte allen und stand allen zu; er war nicht Besitz eines Einzelnen, etwa der Mutter, der ihn gegen ein anders Gut tauscht. Bei der Gerechtigkeit geht es um alle, beim Recht geht es nur um ein Geschäft zwischen zweien. Hierbei läßt sich auch ganz klar abschätzen, wie groß der Wert eines jeden Gutes ist, man kann sehr genau feststellen, was jedem zukommt. Man kann sogar einen Schiedsrichter einsetzen, der Recht spricht.

Bei der Gerechtigkeit kann es aber nun vorkommen, daß zwar Bedürfnisse vorhanden sind, aber nicht genügend Güter bereitstehen, sie zu befriedigen. Dann geht es darum, die zur Verfügung stehenden Güter anteilmäßig nach der Größe der Bedürfnisse zu verteilen. Damit wird zwar kein Bedürfnisx voll gestillt werden, aber die Bedürfnisse aller werden in gleicher Weise (also gerecht) erleichtert.

Aristoteles schreibt dazu selbst in der „Definition der Charaktertugend“:

Unter „das Gleiche“ ist zu verstehen das Mittlere zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig. Unter dem Mittleren des Dings (!) verstehe ich das, was von den beiden Enden gleichen Abstand hat und für alle Menschen eines ist und dasselbe. Mittleres hingegen in Hinsicht auf uns ist das, was weder zu viel ist noch zu wenig ist: dies jedoch ist nicht eines und das selbe für alle.

Ein Beispiel: Wenn der Wert 10 zu viel ist und der Wert 2 zu wenig,so gilt 6 als das Mittlere in bezug auf die Sache, denn es übertrifft den einen Wert um denselben Betrag, um den es hinter anderen zurückbleibt; das ist das arithmetische Mittel. Das Mittlere jedoch in Hinsicht auf uns darf nicht so verstanden werden, denn wenn eine Eßration von 10 Minen für einen Einzelnen zu viel, eine solche von 2 Minen aber zu wenig ist, so wird deshalb der Trainer nicht gerade 6 Minen anordnen. Denn auch dieses Quantum könnte je nachdem zu groß oder zu klein sein: Für einen Modellathleten ist das zu wenig, für einen Anfänger in den Körperübungen dagegen zu viel.

So meidet also jeder Sachkundige das übermaß und das Zuwenig und sucht nach dem Mittleren und dieses wählt er, allerdings nicht das rein quantitativ Mittlere, sondern das Mittlere in der Beziehung auf uns.

 

Der Begriff des Glücks:

Ethik hat es zu tun mit dem Seinsollen des Menschen. Sie fragt aber auch nach dem Glück für den Menschen, nach dem Sinn des Lebens und nach der Wahrheit. Es gibt auch eine Zweckethik, indem man etwa versucht, durch sie einen Staat zu ordnen etwa nach dem Prinzip: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ Aristoteles fragt jedoch: Entspricht die Ethik auch der Wirklichkeit?

Womit haben es nun die Philosophen zu tun?

1.) Der Philosoph muß der Wahrheit den Vorzug geben vor den Freunden. Dies drückt Aristoteles aus in seiner Kritik an Platon. Damit wird allerdings schon ein Totalitätsanspruch erhoben,der allerdings auch schon ein Moment des Glücks sein kann, das sogar den Tod aufhebt oder zumindest unbedeutend macht, weil die Ideen weiterleben, denn sie sind wahr.

2.) Es ist die Aufgabe des Philosophen, die Wahrheit auch zur Anwendung zu bringen. Eine Logik verpflichtet nicht zum Handeln! Aristoteles sagt jedoch: Diese Ethik hat Sinn, sie also im gewisse Sinne zweckgebunden. Er will sie auch politisch anwenden (nicht wie beim Kommunismus!).

3.) Das Ziel ist der philosophische Mensch, nicht als Politiker, sondern als Mensch des geistigen Lebens, als denkend-verantwortlicher Mensch. Und diesen Menschen werden die Götter auch belohnen, weil er so ist wie sie.  Wo gibt es aber heute noch Philosophen?. Man würde sie doch nur lächerlich finden, sie haben kein Gewicht.

Aristoteles gibt hier noch ein Gesamtsystem seiner Philosophie, das heute keine moderne Philosophie mehr besitzt, denn alle betrachten nur Einzelrichtungen. Gefährlich ist jedoch der Satz: „ieber eine schlechte Philosophie als gar keine!“ Das klingt wie: „Lieber ein schlechter Staat als gar keiner!“ Aber ein schlechter Staat wird auch noch im allgemeinen ein Verbrechen unter Strafe stellen. Das ist allerdings kein Argument in der Ethik, denn darf man überhaupt „schlecht“  und „gar nich“  in Beziehung setzen?

Wenn man sich ein Ziel setzt, dann gibt es dazu viele Stufen, die höchste gilt jedoch am meisten. Deshalb darf man jedoch nicht die Berufe , die sich mit niedrigeren Tätigkeiten befassen, nun minderwertiger ansehen, denn auch der untere ist nötig, weil alles aufeinander aufbaut.     

Aber nur wenn eine Tätigkeit auf ein Endziel hin bezogen ist, ist sie auch sinnvoll. Es geht jedoch nicht um das Ding, um das entstandene Endprodukt, sondern um das Verhalten des Menschen. Dieser soll immer das Ziel vor Augen haben und anstreben. Geehrt wird jedoch seine Tätigkeit, wie man in Olympia auch nicht den Schönsten auszeichnete, sondern den, der gekämpft hatte.. Wenn aber das Endprodukt erreicht ist, dann ist dieses mehr wert als die Zwischenstufen.

Gewarnt wird übrigens auch noch vor dem Streben, hinter jedem Ziel noch mehr zu sehen: „Wie könnte es weitergehen?“ Der Mensch soll sich nur auf ein Ziel konzentrieren, denn der Mensch weiß doch nie, wie es weitergeht.

Höchstes Gut und Ziel ist jedoch das Glück in seinen drei Formen:

1.) Glück kommt nicht durch den Lottotreffer, auch nicht durch das, was man mit „Genuß ohne Reue“ bezeichnet, nicht Bier oder Kunstwerk..

2.) Mit Ehrung ist auch nicht die Ministerstellung gemeint, oder der Titel oder das Denkmal. Nicht auf die Anerkennung zur Selbstbestätigung kommt es an, sondern einzig und allein findet man sein Glück im bedingungslosen Dienst für den Staat.

 

Reichtum, Lust und Ehre sind nur Mittel für andere Zwecke. Glück ist jedoch das Endziel, das letzte. Glück ist die dem Menschen allein eigentümliche Haltung, das Einsetzen des Geistes zum Wohle vieler. Diese Wertkategorien soll man jedoch nicht zu absolut nehmen; es gilt vielmehr,das Prinzip der richtigen Mitte zu finden. Und hier hat uns Aristoteles noch viel zu sagen!.

Er geht von den bestehenden Staatsformen aus und stellt fest, daß jedes Volk eine andere Form nötig hat. Zwischen allen Formen besteht jedoch ein Zusammenhang: Sie wandeln sich und kehren über mannigfaltige Formen zum Ausgangspunkt zurück.: Primitive Völker haben am besten einen König. Wenn der König nicht mehr gut ist, wird er zum Tyrannen. Dieser wird nun durch die Aristokratie beseitigt. Die Aristokratie entwickelt sich aber zu einer Oligarchie. Diese wird durchs Volk gestürzt und die Demokratie eingeführt. Dort gelangt aber der Pöbel an die Macht(Ochlokratie!). Ein König kommt und schafft wieder Ordnung.

 

Einige Verfassungen:

Sparta:

Die Herrscher müssen vor allen Dingen von der Sorge um den täglichen Lebensunterhalt frei gemacht werden. Den Spartanern waren aber nun alle Nachbarn feind, und diese unterstützten also alle Aufstandsbewegungen in Sparta, die von den unteren Klassen ausgingen. Die Behandlung der Untergebenen ist also schwierig:Läßt man ihnen zu viel Freiheit, werden sie frech, schränkt man sie zu sehr ein, werden sie feindselig und hinterlistig. Außerdem hat sich in Sparta der Gesetzgeber nur um die Sitten der Männer gekümmert‚ nicht um die Frauen, die (versteckt) oftmals die Zügel in der Hand hielten.

Auch leisteten die Mißstände mit den Weibern der Habsucht und Geldgier Vorschub. Viele Frauen haben eine Erbschaft gemacht oder eine große Aussteuer gehabt und so haben sich die Besitzverhältnisse bald verschoben. Das Land aber ernährte nicht mehr genügend Leute, weil einige zu viel Besitz hatten. Durch Kriege wurde zudem die Führerschicht stark vermindert und der Staat ging zugrunde. Man gab zwar Vergünstigungen an kinderreiche Familien (Väter mit drei Söhnen keinen Wehrdienst‚ mit vier gar keine Abgaben)‚ aber da nicht genügend Land da war, sanken sie zu Armen herab. Die geldgierigen, aber herrschenden Spartiaten nahmen es untereinander mit dem Abliefern der Steuern nicht so ernst, und deshalb war die Staatskasse fast immer leer.

Die Einrichtung der Ephoren war verfehlt, denn in dieses wichtige Amt konnten auch die armen Leute kommen, die käuflich waren. Ihre Macht jedoch war so groß, daß ihnen sogar die Könige schmeicheln mußten. Das Volk hat zwar dadurch an der Regierung teil und verhält sich ruhig, aber wenn eine Verfassung Bestand haben soll, dann müsseh alle Teile des Staates wünschen, daß sie immer gleich bleiben soll. Da es sich bei der Ephorie um ungebildete Leute handelt (wer bildet heute die Politiker aus?)‚ wäre es in diesem Beruf besser, wenn diese Leute ihre Entscheidungen nicht nach eigenem Ermessen träfen, sondern nach geschriebenen Gesetzen (dann ist sie jedoch keine Volksvertretung mehr, sondern Juristikative!).

Auch die Mitglieder des Rats der Alten sind bestechlich; doch sie dürfen auf Lebenszeit wichtige Entscheidungen trefffen (im Alter wird man blöd!), brauchen sich aber nicht zu verantworten, denn das würde wieder zu viel Macht für die Ephoren bedeuten. Aristoteles meint nun, man sollte sich auch nicht um ein Amt bewerben, sondern wer es verdient, sollte berufen werden (ist das in der Praxis möglich?). Und auch über die Wahl des Königs sollte nur der Lebenswandel ent. scheiden.

Man wollte mit den gemeinsamen Mahlzeiten eine demokratische Einrichtung schaffen, aber was nützen sie, wenn der Ärmere nicht daran teilhaben kann, weil er seinen Anteil nicht bezahlen kann (Bedeutung für die Volksaktie!)? Die Gesetzgebung des Lykurg hatte außerdem den Nachteil, daß sie zu sehr auf den Krieg abgestellt war, denn als die Spartaner die Hegemonie erreicht hatten, wußten sie nicht in Muße zu leben, weil sie in keiner vornehmeren Tugend geübt waren als in der kriegerischen (Adolf Hitler 1939: „Die Bewegung muß immer neue Aufgaben erhalten, sonst zerfällt sie!“).

 

Kreta:

Da es sich hier wahrscheinlich um einen Vorläufer der spartanischen Verfassung handelt, gibt es viele Gemeinsamkeiten. Hier jedoch werden alle auf öffentliche Kosten ernährt, gegen zu übermäßigen Genuß (etwa an Alkohol!) gibt es Sperrren. Mit den Kosmen ist es jedoch noch

schlimmer als mit den Ephoren: Man nimmt zunächst erst einmal die erst besten, die sich bewerben, aber leider nur aus bestimmten Geschlechtern und ehemaligen Beamten.

Es kommt jedoch nicht zu Unruhen, denn auf der Insel fern vom Ausland können diese Leute nicht bestochen werden. Sie dürfen jedoch nach Belieben ihr Amt niederlegen oder sie werden auch dazu von bestimmten Cliquen gezwungen. Schlimmster Unfug ist die Suspension des Kosmenamtes (Aufhebung des Beamtenverhältnisses während der gerichtlichen Untersuchung, ums ich einer gerichtlichenEntscheidung  zu entziehen. Im Ganzen handelt es sichb eid eiser Verfassung um ein Dynastenregiment feindlicher Regentengruppen.

 

Karthago:

Hier erhält die Verfassung das Volk in der Anhänglichkeit für die Staatseinrichtungen, es gab dort keinen Aufstand und keinen Tyrannen (zur Zeit von Aristoteles!). Die „Volksvertretung“ besteht aus den edlsten Geschlechtern, die Könige werden durch Wahl ernannt. Wenn sich aber König und Geronten einig sind, brauchen sie ein Gesetz nicht mehr der Volksversammlung vorzulegen. Wenn man sich aber nicht einigt, dann entscheidet auch das Volk darüber, es darf sogar widersprechen und wirkliche Entscheidungen treffen.

Es ist jedoch Oligarchie, wenn sich die ebenfalls mächtigen Fünfer-Kollegien durch Wahl selber ergänzen und dennoch den Rat der Hundert zu wählen haben; es ist jedoch wieder aristokratisch, daß sie nicht durch Los bestimmt werden und keinen Sold erhalten. Bei den Wahlen - besonders der Magistrate- nimmt man jedoch Rücksicht auf das aristokratische Prinzip (Tüchtigkeit), aber auch leider auf das oligarchische (Geld, um Zeit für das Amt zu haben). Es wäre aber Aufgabe des Gesetzgebers, daß er den Besten auch Muße verschafft. So aber gibt man dem Reichtum höheres Ansehen als der Tüchtigkeit und macht den ganzen Staat geldgierig. Man wird unter anderem auch versuchen, aus dem Amt wieder Gewinn zu ziehen für die gemachten Auslagen.

Außerdem ist bei den Karthagern besonders der angesehen, der mehrere Ämter auf sich vereinigt. Man sollte jedoch darauf sehen, daß jeder nur ein Amt hat und dieses richtig ausführt, damit auch andere an der Regierung mitbeteiligt sind und später mitbeteiligt sind.

Um das Volk aber zufrieden zu halten, sorgt man dafür, daß sie reich bleiben, indem man die Einzelnen von Zeit zu Zeit dorthin schickt, wo man Geld machen kann, nämlich in die Städte. Schutz gegen innere Unruhen müßte jedoch vielmehr die Verfassung geben, nicht der Zufall.

 

Griechenland:

Solon hat die allzu ausschließliche Oligarchie abgeschafft und mit weiser Mischung der Staatsform die alte Demokratie wiederhergestellt. Der Areopag ist nämlich das oligarchische Element, die Wahl der Beamten ein aristokratisches und die Gerichte ein demokratisches Element. Man hat ihn aber gerügt, weil diese Entwicklung schließlich zur Demokratie führte und man dem Volk immer mehr schmeichelte (diesen negativen Zug sah Aristoteles besonders, er nimmt ihn gegen die Demokratie ein). Allerdings führten die Umstände mehr dazu, denn nachdem das Volk in den Perserkriegen (Schiffsruderer!) seine Macht erkannt hatte, wurde es übermütig und folgte schlechten Demagogen.

 

Weitere Philosophen

Augustin: Der Staat soll durch die Kirche geführt werden („De civitate“)

Thomas Morus: Paradies ähnlich dem kommunistischen (Roman: „Utopia“)

Hobbes, Locke:

Absolutismus: „Der Staat, das bin ich!“

Rousseau: Das Eigentum ist Grundlage des Staates; dasas ist aber schlecht, ein Aufstand ist also berechtigt.

Montesquieu:  Gewaltenteilung, Menschenrechte.

Hegel: In den Schritten des Staates zeigt sich das Wirken der Weltvernunft, die Regierung vollstreckt nur den Volkswillen (deshalbn haben die Nazis Hegel herausgestellt).

19. Jahrhundert: Trennung in Staatslehre und Gesellschaftslehre (Soziologie).

20. Jahrhundert: Bei einer Änderung der Gesellschaftsordnung muß auch die Staatsordnung geändert werden (Marxismus).

 

 

 

 

 

 

Literatur

 

 

 

Thomas More (Thomas Morus): Utopia.

Thomas More (1478-1535), Vater Geschäftsmann, vornehme Familie ohne adlige Tradition; hartes Leben in Oxford, Jurastudium auf Befehl des Vaters;ab 1499 vier Jahre lang Mönch; großer Einfluß durch Erasmus, als dieser einmal nach England kommt; noch in jungem Alter über „De civitate Die“; Unterhausabgeordneter, 1514 als Gesandter nach Flandern, neue Freundej, Anfänge der  „Utopia“; beruflicher Aufstieg; Buch: „Die vier letzten Dinge“; als Heinrich VIII. sich von Rom löst, tritt More als Lordkanzler zurück (seit 1529 dieses Amt); Schriften gegen die Ketzter, denn für Einheit der Kirche; da More 1534 nicht den Eid ablegt, daß eine von Heinrichs Frauen,Katharina, unrechtmäßig des Königs Frau war, kommt er in den Tower, durch Meineid für schuldig erklärt, am 6. Julki 1535 durch Beil hingerichtet, 1935 heilig gesprochen.

In seinem Werk „Utopia“ ist besonders das zweite Buch wichtig: Um die Insel (!) der Nir­gend­länder liegt ein ruhiges Meer, in die guten Häfen können fremde Schiffe wegen der Riffe nicht ohne Lotsen. Alle 54 Städte und ihre Bürger sind sich gleich, das Land ist gleichmäßig verteilt, die Bestellung erfolgt abwechselnd durch die Bürger,jeder ein Jahr, Überschüsse werden exportiert.

In Nebelstadt, der Hauptstadt, werden wie überall alle  zehn Jahre die Häuser getauscht (Reihenhäuser), sie stehen immer offen, denn Diebstahl ist sinnlos, weil es ja kein Privateigentum.

Je 30 Familien wählen einen Sippenvorsteher, diese wiederum Obersippenvertreter, und die obersten Führer wählen dann den Fürsten (nur bei Verdacht auf Tyrannei ahgesetzt). Die Behörden sind nur ein Jahr im Amt.

Aus jeder Stadt treffen sich alle drei Tage drei Sachverständige, die dann auch die Ordnungsgewalt haben. Jedes Gesetz wird von den Sippenvertretern als der Legislative drei Tage lang beraten, außerhalb dieses Gremiums ist bei Todesstrafe keine Unterhaltung über Politik erlaubt. Jeder erlernt einen landwirtschaftlichen und einen handwerklichen Beruf, jeder kann sich seine gleichförmigen Kleider selber herstellen; man muß den Beruf des Vaters übernehmen oder in eine andere Familie überwechseln.

Sechs Stunden werden gearbeitet, auch die Frauen, jeder ist in den Produktionsprozeß eingespannt, es gibt keine Asozialen, Geistlichen, Adligen oder Krieger, es wird rationelle Arbeit geleistet, Luxusartikel gibt es nicht. In der Freizeit widmet man sich der Geistespflege, erzieherische Spiele werden sehr häufig geboten. Kinder aus kinderreichen Familien kommen in Familien mit wenig Kindern. Wenn die Bevölkerung zu sehr steigt, dann legt man Kolonien an auf dem nahen Festland.

Auf dem Markt kann man alle Waren ohne Bezahlung erhalten, denn niemand verlangt mehr, als er braucht. Essen kann man in großen Speisehallen einnehmen, Tischordnung und -sitten sind genau festgelegt,b vor den Mahlzeiten erfolgt eine erzieherische Vorlesung.

Grundsätzlich darf man nicht reisen (gegen Arbeitsunlust!). Es gibt keinen Alkohol und keine Vergnügungsstätten. Krieg wird durch Söldnerheere geführt (deshalb auch Staatsschatz).

Es gibt Sklaven, eigene Volksgenossen, die man auf diese Weise bestraft etwa für Ehebruch (Diebstahl ist ja sinnlos, andere Verbrechen will man durch Ehrungen und den damit verbundenen Anreiz zur Tugend einschränken). Es gibt eine gut geregelte Krankenpflege außerhalb der Stadt.

Beamte werden als Väter betrachtet,sue haben  keine besondere Kleidun. Feste Gesetze gibt es nicht, damit kein Juristenstand entsteht. Ein Urteil wird nach dem gesunden Menschenverstand gefällt. Es gibt keine Bündnisse, denn gegenseitiges Wohlwollen ist besser als Verträge. Kriegsruhm gilt nichts, es gibt jedoch einen militärischen Drill. Es kommt nicht auf Kraft an, sondern auf geistige Überlegenheit.

Nur die Art der Religionsausübung ist nicht gleich. Deshalb muß man Toleranz üben. Man darf jedoch seinen Glauben nicht öffentlich verfechten. Auf 50.000 Einwohner kommen nur 13 Priester, es gibt Tempel und eine strenge Gottesdienstordnung.

 

Nicolo Machiavelli: „Il pricipe"     

Nicolo Machiavelli (1469-1527): Juristensohn in Florenz. Ab 1492 Vorsitzender in der 2 .Kanzlei (Kriegs- und Außenminister), Drang zum Realpolitiker, studierte Livius und wollte

geschichtliche Erfahrung auf seine Zeit übertragen., sucht den Grund aller Dinge („kausalitätsbesessen“); lernte Politik, Ränkespiele und andere Höfe kennen (Cesare Borgia).

Im Jahre 1512 wird derStaatspräsident abgesetzt, Medici zurück, Machiavelli abgesetzt. 1513 schrieb er in einem Dorf „Il principe“, ein Rezept für den Tyrannen, und „Discorsi“, Abhandlungen über Livius (Wie man den Tyrannen abschafft, wenn die „virtu“ des Volkes größer wird als die des Herrschers).

‚Er beschrieb nicht, wie die Macht sein soll, sondern wie sie ist. Er galt bald als das Sinnbild des Bösen in der Politik; aber alle lernten von ihm. Heute sagt man von ihm: „Was an ihm Böse erscheint ist das Böse in jeder Zeit schlechthin!“ Er hält den Tyrannen nicht für ideal, aber für notwendig im zerrütteten Staat.

 

Weltbild: Vernunft oberster Maßstab, der siegen wird. Er glaubt an die Wiederkehr jeder geschichtlichen Lage (Mensch immer gleich - Welt immer gleich). Das ist aber ungeschicht­lich: Der menschliche Charakter bleibt, die Situationen sind jedoch anders. Er sieht in der Geschichte keinen Heilsplan, sondern den Naturgesetzen und ihrem Lauf unterworfen, der Mensch ist Substanz der Welt, aber mit Vernunft.

Das Handeln des Menschen: „virtü“(= Jugend) und „fortuna“(= Schicksal) wirken auf den Menschen ein: Eine positive Kraft treibt den Menschen zum Guten, aber die Fortuna hindert ihn daran. Machiavelli ist jedoch kein Fatalist, denn je aktiver der Mensch ist, desto mehr schränkt er sie ein. Leute mit einem hohen Prozentsatz „virtü“ sollten Politiker werden, denn er kann ja am Besten urteilen. Die Grenze des Möglichen ist jedoch die „tnecessita“, die man durch nichts einschränken kann.

 

Politik: Die Summe aller Mittel, zur Macht zu kommen, sie zu erhalten und den Staat zu erhalten. Dazu sind auch „unerlaubte“ Mittel gut. Als Politiker muß man die Moral abwerfen, sonst schadet man dem Staat, es geht um Sieg oder Niederlage, nicht um gut und böse, nach denen man meist nur im Privatleben bestehen kann. Der Politiker soll aber sittlich gut bleiben, nur im Notfall den Staat retten zu können. Aber wenn das Böse nützlich ist, wird es getan. Der Erfolg läßt die Tat böse bleiben (Zweck heiligt nicht die Mittel). Religion ist jedoch nur eine menschliche (!) Seinsordnung, die der Staatsräson unterworfen ist. Das ist gegen das Christentum und Bergpredigt. Wer sich selbst helfen kann, soll sich nicht auf Gott verlassen. Christentum ist eine Skiavenreligion für inaktive Leute ohne „virtu“

 

Monarchie: Sie ist konservativ und erhaltend, deshalb für einen Höhepunkt gut. Aber sie ist nicht schöpferisch, die Kräfte schwinden und sie wird sinnlos, wenn das Volk am Ende ist.

Republik: Sie fängt die schöpferischen Elemente, die durch Parteienkämpfe entstehen, auf. Ein Staat wird jedoch am besten durch einen Tyrannen aufgerichte. Dieser soll jedoch selten sein, eine Übergangsform, weil die „virtu“ des Herrschers nachläßt und er vom Machtrausch besessen ist und zu viel Böses tut im Gegensatz zu seinen Leistungen.

Garantie des Staatslebens ist die Verfassung als Kodifikation des geringeren Übels, andere Meinungen werden durch sie unterdrückt. Sie muß kurzlebig sein, denn die Zustände im Staat ändern sich.

Durch Gesetze (kein Recht=Naturrecht) müssen die schlechten Regungen der Menschen streng eingeschränkt werden. Erst durch die Gesetze wird dem Bürger die Gerechtigkeit klargemacht, denn von sich aus ist der Mensch schlecht.

Im „Principe“  verteidigt Macchiavelli die Tyrannei, denn Florenz war sehr heruntergekommen, trotz eines Michelangelo, Bocaccio, Savanerola.

 

 

 

 

 

 

A.Toynbee:  Über den Krieg:

Wir haben eine schreckliche Angst vor der unmittelbaren Zukunft, weil wir in der jüngsten Vergangenheit eine furchtbare Erfahrung gemacht haben. Und die Lehre, die uns diese Erfahrung als festen Besitz hinterlassen hat, ist in der Tat erschreckend. Das Schlimmste an dieser Furcht ist die unleugbare Tatsache, daß sie ihre Wurzeln nicht in unserem Gefühl, sondern in unserem Verstande hat. Unsere Generation hat durch Leiden zwei höchst bedeutsame Tatsachen erkannt: Erstens, daß in unserer abendländischen Welt die Einrichtung des Krieges noch in voller Kraft ist. Und zweitens, daß es unter den gegebenen technischen und sozialen Voraussetzungen in der abendländischen Welt keinen Krieg mehr geben kann, der nicht zu gegenseitige Vernichtung führt.

Aber das Unheilvollste an diesen Kriegen 1914/18 und 1939/45 ist die Tatsache, daß sie weder für sich allein stehen, noch etwas erstmaliges sind. Sie waren vielmehr zwei Kriege in einer fortschreitenden Reihe. In der Geschichte unserer abendländischen Neuzeit ist Krieg auf Krieg in immer größerer Heftigkeit gefolgt. Wennn sich diese Reihe fortsetzt, wird auch diese Entwicklung unzweifelhaft immer weiter vorangetrieben werden. Und eines Tages werden die Schrecken des Krieges dermaßen ins Ungeheure gewachsen sein, daß ihnen die Selbstvernichtung der kriegführenden Gesellschaft ein Ende setzen wird.

Der angebliche Retter einer in Auflösung befindlichen Gesellschaft ist notwendig ein Retter mit dem Schwert. Aber ein Schwert kann entweder gezogen sein oder in der Scheide stecken, und der Träger des Schwertes kann ebenfalls zwei entsprechende Haltungen einnehmen: Entweder kann er mit blanker Waffe um sich schlagen; oder er kann stattlich dasitzen, ohne daß man die in die Scheide gesteckte Klinge sieht, wie ein Sieger, der alle seine Feinde unterworfen hat. Die letztere Haltung ist das Ziel, zu dem die erstere ein Mittel ist. Man schwingt das Schwert nur, wenn man hofft, daß man es zu einem guten Zweck führen kann, daß es schließlich nichts mehr zu tun hat.

Aber diese Hoffnung ist eine Illusion. Nur im Märchenand zerhauen die Schwerter gordische Knoten, welche die Finger nicht lösen können. „Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen“ ist das unabänderliche Gesetz des wirklichen Lebens.

Der Krieger, der gewillt ist, bei der ersten Gelegenheit auf eine Waffe zu verzichten, die er überhaupt nur beiseite legen kann, weil er sie gerade so erfolgreich gebraucht hat, muß als Sieger auch ein Staatsmann und als Staatsmann etwas wie ein Weiser sein. Er muß ein großes Maß bewahrenden gesunden Menschenverstands haben und zumindest ein Körnchen der feineren Tugend der Selbstbeherrschung haben. Der Verzicht auf den Krieg als Mittel der Politik ist ein Entschluß, der ebenso nützlich sein verspricht, wie er edel und weise ist. Und wenn er aufrichtig gefaßt wird, gibt er immer Veranlassung zu großen Hoffnungen.

Ein Werkzeug, das einmal dazu benutzt worden ist, das Leben zu zerstören, kann nicht, wie es dem Benutzer gerade paßt, auch dazu verwandt werden, Leben zu bewahren. Der Zweck einer Waffe ist es, zu töten. Und ein Herrscher, der sich kein Gewissen daraus macht, „durch Blutvergießen auf den Thron zu gelangen“, wird erleben - wenn er versucht, seine Macht ohne weitere Inanspruchnahme der schrecklichen Waffen, mit denen er sie gewonnen hat, zuhalten- daß er früher oder später vor die Wahl gestellt wird, sich seine Macht entweder wieder entgleiten zu lassen oder durch weiteres Blutvergießen die Frist zu verlängern.

Der Gewaltmensch kann nicht zugleich seine Gewaltsamkeit aufrichtig bereuen und doch dauernden Nutzen daraus ziehen. „Alles kann man mit Bajonetten tun, nur nicht darauf sitzen!“ Die befleckte Waffe wird nicht in der Scheide bleiben, sondern immer das Gelüst haben, wieder herauszuspringen - als ob der von seinem Körper losgelöste Geist des sogenannten Retters, der zuerst zu diesem unheilvollen Werkzeug seine Zuflucht nahm, jetzt keine Ruhe finden könnte, bis seine Sünde, das Heil auf dem Wege des Verbrechens gesucht zu haben, eben durch die Tätigkeit der Wäffe, welche er einst in verkehrter Weise gebraucht hatte, gesühnt worden ist. Ein Werkzeug, das nicht imstande ist zu retten, kann doch fähig sein zu bestrafen.

Das reumütig in die Scheide gesteckte Schwert wird immer noch danach dürsten, diese verwandte Aufgabe zu erfüllen. Und wenn die Zeit sein Verbündeter ist, wird es schließlich den Weg dazu finden. Das furchtbare Unheil kommt dann über ein Geschlecht, das in dem trügerischen Glauben großgeworden ist, daß die bösen Zeiten von ehedem für immer vorüber seien!

Der Krieg ist immer die unmittelbare Ursache des Niedergangs einer Kultur. Gewiß haben auch Sklaverei,Kastenweren,Klassenkampf, wirtschaftliche Ungerechtigkeit und viele andere Erscheinungen des Gesellschaftslebens als Folge der Erbsünde ihre Rolle als Werkzeuge menschlicher Selbstquälerei gespielt. Der Krieg jedoch überragt sie alle an Bedeutung als Instrument der Selbstvernichtung des Menschen in sozialer und geistiger Hinsicht. In gewissem Sinne ist allerdings der Krieg ein Erzeugnis der Kultur, denn er erfordert ein Minimum an Technik, Organisation und Besitz über das zum bloßen Dasein Notwendige hinaus. Und diese Voraussetzungen waren beim primitiven Menschen noch nicht gegeben.

Auf der anderen Seite kennen wir aber keine Kultur (möglicherweise mit Ausnahme der Maya), in der der Krieg nicht bereits im frühesten Stadium ihrer Geschichte, soweit wir dies zurückverfolgen können,e ine feste und vorherrschende Einrichtung war. Wie andere Übel hat der Krieg eine heimtückische Art, nicht untragbar zu erscheinen, bis er die ihm ergebenen so fest in der Gewalt hat, daß sie nicht mehr imstande sind, sich von ihm freizumachen, wenn sie erkannt haben, daß er zur Vernichtung führt.

In frühen Stadien einer Kultur scheint es so, als ob die Leiden und Zerstörungen des Krieges mehr als aufgewogen würden durch den Gewinn von Besitz und Macht und die Pflege der „soldatischen Tugenden“. Der Krieg fängt erst an, sich von seiner bösartigen Seite zu zeigen, wenn die kriegführende Gesellschaft ihre Wirtschaftskraft so weit gesteigert hat, daß sie die Natur in ihren Dienst stellen kann und die politische Fähigkeit entwickelt hat, die menschliche Arbeitskraft zu organisieren.

Aber sobald dies Stadium erreicht ist, erweist sich der Gott des Krieges als ein Moloch, der einen immer größeren Teil der sich mehrenden Früchte ihres Fleißes und ihrer Intelligenz verschlingt und einen immer höheren Tribut an Leben und Glück fordert. Und wenn die wachsende Leistungsfähigkeit der Gesellschaft einen Punkt erreicht hat, an dem sie imstande ist, eine tödlich wirkende Menge ihrer Kräfte und Hilfsmittel für den Krieg freizumachen, dann enthüllt sich dieser als ein Krebsgeschwür, das seinem Opfer zum Ver hängnis werden muß, wenn es nicht herausgeschnitten und weggeworfen werden kann. Denn sein bösartiges Gewebe hat es jetzt gelernt, schneller zu wachsen als das gesunde Gewebe, das ihm als Nährboden dient.

Wenn in der Vergangenheit dieser Gefahrenpunkt im Verhältnis zwischen Krieg und Kultur erreicht und erkannt war, wurden hin und wieder ernsthafte Versuche gemacht, den Krieg zu bannen und die Gesellschaft zu retten. Eine leidenschaftliche und aufopfferungsfähige Natur wird dazu neigen, für sich selbst Kriegsdienst jeder Art grundsätzlich zu verweigern, einerlei zu welchem Zweck und unter welchen Umständen der Staat den Krieg führt. Im Vergleich dazu ist die andere der beiden Möglichkeiten umständlich und wenig heldenhaft: Sie besteht darinzu versuchen,die Regierungen in friedlicher Weise dazu zu überreden und daran gewöhnen, daß sie sich zu gemeinsamem Widerstand gegen mögliche Angriffe und zwecks Vermeidung bzw.Abstellung alles dessen, was Anlaß zu einem Kriege Leben könnte, zusammenschließen.

Nach Ansicht des Verfassers zeigt jedoch die bis heute gemachte Erfahrung unmißverständlich, daß die letztere dieser beiden - allerdings nicht leichten - Verhaltensweisen den größeren Erfolg verspricht. Die Pazifisten haben mit der folgenden Hauptschwierigkeit zu rechnen: Sollte ihre Tätigkeit in einem oder mehreren Staaten zum Erfolg führen, dann würden diese denjenigen gegenüber, in denen der Pazifismus sich nicht oder noch nicht durchgesetzt hat, benachteiligt, ja diesen gänzlich ausgeliefert sein. Und das hieße, daß im ersten Kapitel der Geschichte die gewissenlosesten Regierungen und die rückständigsten Militärstaaten sich zu Herren der Welt machen könnten. Die Bereitschaft, diesen Preis zu zahlen, ist die Wurzel der sogenannten „soldatischen Tugenden“. Ohne diese kann kein Krieg geführt werden. Und wenn sie nicht wären, hätte die öffentliche Meinung und das Empfinden einer Mehrheit in den Gesellschaften der Kalturen die die üble Einrichtung des Krieges nicht gutheißen können, wie das bis heute geschehen ist.

In einem Tugendwettstreit zwischen dem Krieer, der Gewalt anwendet,  und dem Heiligen, der sie meidet, würde der Heilige heute einen moralischen Sieg davontragen, der morgen in der Praxis seine Früchte bringen würde. Leider sind die vorherrschenden Charaktere im Kampf zwischen Pazifismus und Krieg nicht ein Heiliger und ein Krieger in der gleichen Rüstung der Rechtschaffenheit.

Das sind vielmehr ein Krieger - tugendhaft oder lasterhaft -, der den Mut hat, sein Leben aufs Spiel zu setzen, und der gewöhnliche Sterbliche, der vor Mühsal und Gefahr zurückschreckt. Und wie wir 1939 und 1940 selbst festgestellt haben, täte der unheldische Charakter, der aus der allgemeinen Schwäche der menschlichen Natur und nicht aus Abscheu vor einer Sünde vor dem Krieg zurückschreckt, besser daran, zu versuchen sich wenigstens auf das Niveau des Kriegers zu erheben, da er weiß, daß die Höhe des Heiligen unerreichbar für ihn ist. Indem sie sich in den Weltkriegen auf das Niveau des Kriegers erhoben, haben friedfertige Völker die Tugenden, auf die es im Kriege besonders ankommt, mit so guter Wirkung geübt, daß sie zweimal den lange vorbereiteten Versuch eines militaristischen Reiches, die Welt zu erobern, vereitelten.

Was die gegenwärtige Lage aber offensichtlich erfordert, ist eine freiwillige Vereinigung der friedliebenden Völker der Welt in genügender Stärke und mit ausreichendem Zusammenhalt, so daß sie unangreifbar wäre für jeden, der sich von diesem kollektiven Sicherheitspakt ausschließt oder ihn bricht. Und diese den Frieden erhaltende Weltmacht müßte nicht nur stark genug sein, um alle Angriffe auf sie zur Aussichtslosigkeit zu verurteilen. Sie müßte auch auch gerecht und weise genug sein im Gebrauch ihrer Macht, um es zu vermeiden, Veranlassung zu ernster Herausforderung ihrer Autorität zu geben.

Diese Aufgabe mag ungeheuer sein; aber sie geht nicht über unsere Kräfte. Es ist der Menschheit in der Vergangenheit bereits gelungen, souveräne, unabhängige Staaten zu freiwilliger Vereinigung zu veranlassen. Das ist eine Bürgschaft dafür, daß wir die Erfahrungen und die technischen Voraussetzungen besitzen, um das große politische Aufbauwerk, das heute von uns verlangt wird, durchführen zu können. Wir sind dazu fähig, wenn wir nur wollen. Unser Schicksal liegt in unserer Hand.

 

Stefan Andres: Wir sind Utopia:

Der Matrose Paco, excommunizierter Priester,träumt nachts häufig von seiner Trauminsel Utopia, auf der Heiden und Christen einträchtig nebeneinander leben sollen: „Heiden und Christen wetteiferten in ihrem Gotterkennen, wiewohl das eine die Gottesbilder aus der Schöpfung, das andere sie aus dem Buch der Sehnsucht des einsamen Herzens und dem Geist der Geschichte empfangen hatte. Da man sich aber gegenseitig eifrig beobachtete, kam es, daß die Christen in ihrem Glauben vieles von den Heiden hatten und die Heiden umgekehrt von den Christen; und das mehr im Waagrechten verlaufende heidnische Denken und senkrecht in die Unendlichkeit aufsteigende der Christen kreuzte sich wie die Fäden am Webstuhl. Das Gotteskleid, das sie auf diese Weise woben, trug die Muster sehnsuchtsvollen Friedens und demütiger Güte!“

Pacos Beichtvater Padre Damiano knurrte nur: „Wechseln Sie die Zelle oder lassen sie ihre Insel zustreichen, oder noch besser: Fahren sie nicht mehr hinüber. Vergessen sie nicht: Noch keiner hat die Welt zu einem Utopia reformieren können, keiner, selbst Er nicht! Wenn sie bedenkenPadre Consalves, daß die ganze Welt eine Börse ist (Padre Damiano war früher ein bekannter Bankier gewesen)‚ und wenn sie sehen, wie schlecht die Aktien Gottes stehen

und sie trotzdem kaufen, dann denken sie also etwa heimlich: Wollen sehen, man kann nie wissen? 

Ich kann ihnen sagen, sie spekulieren daneben! Kaum haben sie gekauft, schon sinkt der Kurs von neuem, sinkt, sinktund sinkt, sie gelten allgemein als ein Trottel, man lacht sie aus. Sie behalten aber das Papier, sie behalten es, nun ja, weil sie es ohnehin nicht mehr anständig loswerden. Wegwerfen, ja, das wohl,aber verkaufen?  Sie wissen ja,die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder des Lichts.

Und nun beginnen sie heimlich ünd leise, um ihre wertlos gewordene Aktie doch vielleicht wieder auf den Markt zu bringen, eine Utopia zu gründen, irgendwo, keiner hat's gesehen, aber sie erzählen davon, ach ja: Was das Christentum alles doch bewirken könne; und das Ergebnis: ein richtiger Bankkrach! Die Leute erfahren: Das gibt es ja gar nicht, dieses Utopia, diese erlösten, friedlichen Christen, diese losgelösten, nur nach dem Ewigen trachtenden Priester, überhaupt dies besondere Leben, das die Erde liebt, wie nur die Heiden es können, und zugleich für nichts erachtet, wie es den Christen aufgegeben ist, nein, dies besondere Eeben, das gibt es ja nicht. Die Christen sind nichts anderes als die übrigen Menschen. Wenn das dann wieder neuerdings feststeht, muß ihr Utopia als ein Schwindelunternehmen angesehen werden, und was sind sie in diesem Fall? Und wo gehören sie hin? Ich sage ihnen, ins Gefängnis, genau wie dieses und jenes Finanzgenie, das am Mississippi oder in Alaska eine Gesellschaft gründet, die nur auf dem Papier existiert!“

„Christus hat doch gesagt, daß wir noch größere Zeichen und Wunder als er verrichten würden!“ Padre Damiano lachte grob: „O gewiß! Das größte Wunder ist nämlich, an diese scheinbar faule Aktie zu glauben, und nicht einmal, weil das in der Offenbarung steht - das könnte ja ebenfalls ein leeres Versprechen sein -, sondern weil unser Herz erkannt hat: Die Aktie ist echt. Hier ist der Weg, die Wahrheit und das Leben - und nicht da und nicht dort, wenigstens nicht für mich. Und nun sei treu und kühn, glaube, hoffe und vor allem liebe! Und deine Aktie gibt dir mehr als ein Utopia: Sie gibt dir den Mut, ein Mensch zu sein, dem nichts mehr schadet und den nichts mehr enttäuscht! Denn alles ist euer, sagt Paulus, ihr aber seid Gottes!“

„Ja, aber,Padre, wenn das eben der Christen sich in nichts unterscheidet von dem der anderen, wenn es nicht mehr und schönere Früchte trägt, ist dann noch eine Ursache vorhanden, die Wahrheit dieses Glaubens als verbürgt anzunehmen?“

„Wenn sie den Christen damit insgesamt einen Vorwurf machen, richtet sich dieser Vorwurf gegen die Majestät Gottes! Denn wir sind nach seinem Willen so, wie wir sind, wir Menschen insgesamt. Und merken sie sich, Padre Consalves, es gibt kein Innerhalb und Außerhalb der Kirche. Vor Gott gibt es nicht einmal die Hürden der Religionen, die wir Menschen aus mancherlei Gründen offensichtlich notwendig haben. Nur das eine ist unumstößlich: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Die Liebe aber ist die diskreteste Tugend, und sie kann in Verwandlungen auftauchen, wo wir sie gar nicht mehr erkennen. Sie wollen die strahlenden Früchte der Christen sehen, die alles überstrahlenden! Ach, du lieber Himmel, wenn das so exakt statistisch festzustellen wäre, hätte die ungetaufte Menschheit alle Eile, innerhalb vierundzwanzig Stunden sich taufen zu lassen, aus lauter Tugendkonkurrenz.

Gottes Denken ist nicht so praktisch, so rechnerisch, so gewaltsam! Der Mensch ist nicht Buddhist, Mohammedaner oder Christ, weil in jeweils seiner Religion die hellsten Tugendfrüchte gezeitigt werden, sondern weil ihm dieses himmlische Gewand von den Eltern überliefert wurde, und vor allen Dingen, weil es ihm paßt: Er kann sich darin bewegen, es hält ihn warm, und er hat es gern; er hält es sauber und wirft es nicht weg: denn auch die Tradition verbindet mit Gott. Alle diese Gewänder aber sind aus ein und demselben Stoff gemacht: aus der Liebe Gottes und der Liebe zu Gott!

Gott geht nicht nach Utopia! Aber auf diese tränenfeuchte Erde kommt er - immer wieder! Denn hier ist unendliche Armut, unendlicher Hunger, unendliches Leid! Gott liebt das ihm ganz Andere, liebt den Abgrund, und er braucht - verstehen sie mich um seines heiligen Namens willen recht - braucht die Sünde. Er ergießt sich. Er erneuert, Gott schafft Götter. Der Kosmos ist sein geliebter Sohn, der von ihm, dem Vater, alles empfängt im Geist, in der Liebe. Und dieser Sohn wird so, wie der Vater es will! Gott liebt die Welt, weil sie unvollkommen ist. - Wir sind Gottes Utopia, aber eines im Werden!“    

Später ruft Padre Damiano aus: „Ja, wer möchte nicht so eine schöne Insel haben? Malaria ist ausgerottet oder war nie da. Schlangen keine, Tiger auch nicht! Sterblichkeit sehr heruntergesetzt, sterben alle im Patriarchenalter, sanft, in weißen Laken. Gute Verwaltung, blühende Gemeinden! Und vor allen Dingen kein Geld! Aber, was ist das eigentlich: Haben diese

Leute dort oben an der Decke eigentlich freien Willen, oder sind diese sanft, ergeben und lenkbar wie Schafe?“

„Doch, sie haben freien Willen, mehr als wir hier hinter diesem Gittern allüberall und mehr als die stumpfen Untertanen unter ihren Ausbeutern!“ - „Aber ihre Insulaner kommen doch wohl selten in die Lage, ihn zu gebrauchen, wie? Wenn die einmal sagen: Es muß etwas geschehen, nicht war, dann tun sie einen Sprung und noch einen, und ihre Welt ist genau wie zuvor: Wohltemperiert und in Ordnung, aber der Sprung war trotzdem eine Genugtuung, wie?“ Consalves will aus dem Kloster austreten: „Nehmen sie also die Blankovollmacht, die ihnen Gott ausgestellt hat, ich meine die Freiheit des Handelns, nehmen sie das himmlische Aktienstück zurück, es gehört ihnen? Aber vergessen sie nicht, das Kapital dahinter, das sind sie selber. Sie verfügen, mit göttlicher Genehmigung, über sich und alles, was sie sind und haben. Nur bin ich jetzt gespannt, an wen sie die einzelnen Blätter des Scheckbuches ausstellen werden, wo sie ihre Freiheit Stück für Stück abgeben. Sie werden sehen, das Buch wird zusehends dünner. Aber Passen sie auf: den letzten Scheck im Buch - es nimmt ein Ende -, den stellen sie auf die Liebe aus, in irgendeiner Form auf die Liebe, auf etwas, was nicht Sie sind - sondern das Sie braucht!“

 

 

 

Alexis de Tocqueville: Die Konzentration der staatlichen Gewalt

Demokratische Völker fassen gleichsam unbewußt die Idee einer einzigen zentralen Gewalt, die alle Bürger aus eigener Macht lenkt. Die einheitliche Gesetzgebung zeigt dem Bürger, wie wenig er sich von seinem Nachbarn unterscheidet. Sein Verstand nimmt daher an den geringsten Vorrechten Anstoß. Die Regierungen werden nicht müde, Bevölkerungsschichten, die sich noch durchaus nicht gleichen, die gleichen Gebräuche und die gleichen Gesetze aufzuerlegen.

Je mehr sich die gesellschaftlichen Bedingungen in einem Volk einander angleichen, um so kleiner erscheinen die Individuen und um so größer erscheint der Staat, oder vielmehr: Man erblickt nur noch das gewaltige und großartige Bild des Volkes im ganzen. Daher haben die Menschen demokratischer Zeiten eine sehr hohe Meinung von den Vorrechten des Staates und nur eine sehr bescheidene von denRechten des Einzelnen. Sie räumen unbedenklich ein, das Recht des Staates sei alles, das des Einzelnen gar nichts.

Bei allen verblaßt und verschwindet schließlich die Vorstellung vermittelnder Gewalten. Die Idee eines bestimmten Personen angeborenen Rechtes kommt sehr schnell völlig abhanden. An ihre Stelle tritt die Idee des unumschränkten und sozusagen ausschließlichen Rechts des Staates (Einheit, Allgegenwart und Allmacht der staatlichen Gewalt). Die Menschen unserer Tage hadern oft miteinander, in welche Hände die Souveränität zu legen sei. Über die Pflichten und Rechte der Souveränität aber einigen sie sich leicht.

In den Zeiten der Gleichheit machen die Gewohnheit und die Gefühle die Menschen dafür empfänglich, eine solche Gewalt auch anzuerkennen. Die Bürger demokratischer Staaten ziehen sich gern auf sich selbst zurück. Die Menschen reißen sich immer nur mühsam von ihren Privatgeschäften los, um sich den Aufgaben der Gemeinschaft zu widmen. Von Natur aus

neigen sie dazu, diese Sorge dem einzigen sichtbaren und dauernden Repräsentanten der kollektiven Interessen zu überlassen: dem Staat. Liebe zum Wohlstand und die Unbeständigkeit des Eigentums lösen Furcht aus vor äußerer Unsicherheit. Die Liebe für die öffentliche Ruhe ist häufig die einzige politische Leidenschaft der Völker. Daher verleihen die Bürger der Zentralgewalt immer neue Rechte.

Die Schwäche läßt den Menschen dann und wann das Bedürfnis nach fremder Hilfe verspüren, die er von niemand erwarten darf, da alle machtlos und gleichgültig sind. In dieser Notlage lenkt er seine Blicke ganz natürlich auf jenes gewaltige Wesen, das sich allein aus der allgemeinen Niedrigkeit erhebt. Diese Menschen geben - als allgemeinen Grundsatz - wohl zu, die öffentliche Gewalt dürfe sich nicht in die Privatgeschäfte einmischen. Jeder von ihnen hofft aber, sie werde gerade ihm inseinem besonderen Geschäft helfen, und jeder sucht die Unterstützung der Regierung für sich zu gewinnen, während er sie doch sonst überall ausschalten will.

Diese besondere Einstellung bewirkt, daß sich der Machtbereich der Zentralgewalt unmerklich nach allen Seiten ausbreitet, obgleich jeder einzelne ihn einschränken will. Eine demokratische Regierung vermehrt ihre Befugnisse allein schon dadurch, daß sie fortbesteht. Die Zeit wirkt für sie, jeder Zufall dient ihr.

Sind alle gesellschaftlichen Bedingungen ungleich, so verletzt keine hoch so große Ungleichheit den Blick des Betrachters. Inmitten allseitiger Gleichförmigkeit dagegen wirkt die kleinste Verschiedenheit anstößig. Der Souverän jedoch, notwendig und unangefochten allen Bürgern übergeordnet, erregt niemandes Neid, und jeder meint, seinesgleichen alle die Vorrechte zu entreißen, die er dem Souverän zugesteht.

Jede Zentralgewalt fördert die Gleichheit, denn die Gleichheit erleichtert einer sölchen Zentralgewalt die Arbeit außerordentlich. Die Einheitlichkeit erspart ihr die Prüfung unübersehbar vieler Einzelfälle. So liebt die Regierung, was die Bürger lieben, und haßt von Natur was sie hassen. Diese Gemeinsamkeit im Fühlen, die bei den demokratischen Völkern jeden Einzelnen ständig mit dem Souverän in dem gleichen Denken eint, vergibt wegen ihrer gleichen Neigungen der Regierung ihre Fehler. Das öffentliche Vertrauen wendet sich trotz aller Ausschreitungen und Mißgriffe nur schwer von der Regierung ab und stellt sich, sobald zurückgerufen, wieder ein. Individuelle Unabhängigkeit und lokale Freiheiten werden immer das Ergebnis künstlicher Bestrebungen  sein. Die natürliche Regierungsform wird die Zentralisation sein.

Entwickelt sich die Gleichheit bei einem Volk, das die Freiheit niemals gekannt hat oder das seit langem ihrer entwöhnt ist, dann erreicht der Staat mit einem Schlage die äußersten Grenzen seiner Macht. Wo sich die Gleichheit mit Hilfe einer gewaltsamen Revolution durchsetzte und die übrigbleibende bestürzte Masse zunächst weder die Organisation noch die Gewohnheit besaß, die Verwaltung der Staatsgeschäft in die Hand zu nehmen, war allein der Staat imstande, sich mit den ganzen Einzelheiten der Regierung zu befassen. Die Zentralisation entwickelt sich also auch nach der Art, in der sie sich durchsetzt.

Zu Beginn einer großen demokratischen Revolution bemüht sich das Volk, die öffentliche Gewalt in der Hand der Regierung zu zentralisieren, um der Aristokratie die Führung der lokalen Geschäfte zu entreißen. Am Ende dieser Revolution ist es dagegn gewöhnlich die besiegte Aristokratie, die versucht, den Staat die Leitung aller Geschäfte zu übertragen, da sie Tyrannei des Volkes fürchtet. Es ist daher nicht immer dieselbe Klasse, die sich für die Mehrung der Vorrechte der staatlichen Gewalt einsetzt.

Sind alle Menschen gleich, ist es einfach, eine einzige und allmächtige Regierung zu begründen. Es bedarf dagegen großer Einsicht und großen Wissens und Könnens, unter den gleichen Umständen Gewalten zweiter Ordnung einzurichten und aufrechtzuerhalten und - trotz der individuellen Unabhängigkeit und Schwäche der Bürger - freie Zusammenschlüsse zustande­zubringen, die gegen die Tyrannei anzukämpfen vermögen, ohne die Ordnung zu zerstören. Die Konzentration der Gewalten und die individuelle Knechtschaft nehmen entsprechend der Unwissenheit zu. Wie ungebildet ein demokratisches Volk auch sein mag,die zentrale Gewalt, die es regiert, ist nie bar aller Bildung, denn sie zieht das wenige davon, das sich im Lande finden läßt, leicht an sich und sucht notfalls außer Landes. Der Staat wird so allein zur Verwaltung fähig.

Eine zentralisierte staatliche Gewalt ist leicht imstande, zu gegebener Zeit und an einem bestimmten Punkt bedeutende Unternehmungen durchzuführen. Besonders im Kriege verspüren daher die Völker das Bedürfnis, ja oft die Not, die Vorrechte der Zentralgewalt zu verstärken (daher lieben alle zentralistischen Köpfe den Krieg).

Niemals aber ist ein Volk so bereit, die Befugnisse der Zentralgewalt zu erweitern, wie am Ende einer langen und blutigen Revolution, die - nachdem sie die Vermögen den alten Eigentümern entrissen hat - alle Überzeugungen erschüttert, die Nation mit wütendem Haß, widerstreitenden Interessen und einander bekämpfenden Parteien erfüllt hat. Die Sehnsucht nach öfntlicher Ruhe wird dann zur blinden Leidenschaft, und die Bürger verfallen leicht einer ganz zügellösen Begeisterung für die Ordnung.

Die erste, ja gewissermaßen die Grundbedingungen für die Zentralisation der öffentlichen Gewalt in einem demokratischen Staate ist: die Gleichheit zu lieben - oder sich diesen Anschein zu geben. So vereinfacht sich die bislang so verwickelte Lehre vom Despotismus: Sie reduziert sich sozusagen auf ein einziges Prinzip.

In Europa haben viele Revolutionen und Gegenrevolutionen die Gewalten zweiter Ordnung erschüttert und vernichtet. Die Fürsten haben alle Neuerungen, die die Revolution bei ihnen eingeführt hatte, verworfen, ausgenommen die Zentralisation: Diese allein waren sie beizu­behalten bereit. Allenthalben kommt der Staat immer mehr dahin, die geringsten Bürger selbst zu leiten und jeden von ihnen in den unbedeutendsten Angelegenheiten persönlich zu führen.. Fast alle Wohltätigkeitseinrichtungen des alten Europa lagen in den Händen Einzelner oder privater Körperschaften. Heute jedoch hat sich der Staat zum fast einzigen Helfer in aller Not gemacht.

Erziehung und Wohltätigkeit liegen in der Hand des Staates. Sogar die Religion droht in die Hände der Regierung zu fallen: Der Priester wird zu einem Beamten gemacht (Ein Souverän herrscht jedoch auf zwei Arten: Den einen Teil der Bürger lenkt er durch die Furcht vor seinen Beamten, den anderen durch die Hoffnung, seine Beamten zu werden).

Unter den gleichen Umständen, unter denen ein Fürst früher eine neue Steuer eingeführt haben würde, nimmt man heute seine Zuflucht zu einer Anleihe. Durch Anleihen verschafft sich der Staat das Geld der Reichen, und durch die Sparkassen verfügt er nach Belieben noch über den letzten Pfennig der Armen. Bei einem demokratischen Volk flößt ja allein der Staat dem Einzelnen Vertrauen ein, weil nur der Staat ihm einige Macht und Dauer zu besitzen scheint.

Außerdem bemüht sich der Staat, neue, abhängigere Gerichte zu schaffen, deren besondere Aufgabe es ist, die Streitigkeiten zu entscheiden, die sich zwischen der öffentlichen Verwaltung und den Bürgern ergeben können. Die Unabhängigkeit wird gesichert, aber die Zuständigkeit wird eingeschränkt. Der Staat will immer mehr Geschäfte an sich ziehen und sie alle unkontrolliert und ohne Rechtsmittel selbst entscheiden.

Der Staat hat auch für sich das Recht in Anspruch genommen, die Bergwerke zu besitzen. Er setzt ihne Regeln, schreibt Methoden vor, unterwirft sie einer ständigen Aufsicht. Auf diese Weise hat er aber auch die Bergleute in der Hand. Je demokratischer aber ein Land ist, umso schwieriger wird es für den Einzelnen, derartige Anlagen für sich zu errichten, und umso leichter wird es für den Staat (Staatskapitalismus). Auf der anderen Seite braucht aber auch der Staat eine immer größere Menge an industriellen Produkten, der Staat wird zum größten Industriellen.

Um den neuen Bedürfnissen und Interessen, welche die wachsende Gleichheit mit sich bringt, in der Regierung zum Durchbruch zu verhelfen, mußten die Menschen unserer Tage die alten Gewalten stürzen oder beschränken. Doch fast alle diese Änderungen sind von großer Anarchie und Zügellosigkeit begleitet gewesen, weil sie von dem ungebildetsten Teil der Nation gegen den gebildetsten durchgesetzt wurden. Solange die erste Begeisterung die demokratische Revolution trug, zeigten sich die Menschen, die mit der Zerstörung der alten aristokratischen, die Revolution bekämpfenden Gewalten beschäftigt waren, von einer tiefen Unabhängigkeitsliebe beseelt; je vollkommener aber der Sieg der Gleichheit wurde, um so mehr überließen sie sich nach und nach den natürlichen Neigungen, die eben diese Gleichheit auslöst, und stärkten und zentralisierten die staatliche Gewalt. Um gleich zu werden, hatten sie frei sein wollen, und je mehr sie sich nun die Gleichheit mit Hilfe der Freiheit durchsetzte, desto mehr erschwerte sie ihnen die Freiheit.

Ich persönlich setze gar kein Vertrauen in den Geist der Freiheit, der meine Zeitgenossen zu beseelen scheint. Ich sehe wohl, daß die Völker unserer Tage aufgewühlt sind; daß sie aber freiheitlich denken, erkenne ich noch nicht deutlich, und ich fürchte, am Ende dieser die Throne erschütternden Bewegungen werden die Herrscher mächtigr sein als je zuvor.

 

 

Alexis de Tocqueville: Die Gefahr eines besonderen Despotismus          

Die Tyrannei vergangener Jahrhundete erstreckte sieht nicht auf sehr viele, sondern nur auf einige große, hauptsächliche Opfer; sie war drückend, aber begrenzt. Der Despotismus bei den Demokraten dagegen dürfte ausgedehnter und milder sein und die Menschen erniedrigen, ohne sie zu quälen. Die Gleichheit, die den Despotismus begünstigt, mäßigt ihn auch. Sind alle Vermögen mittelgroß, so sind die Leidenschaften von Natur verhalten, die Einbildungskraft beschränkt und die Freuden einfach. Diese allgemeine Mäßigung mäßigt auch den Herrscher und hält die ungezügelte Triebkraft seiner Wünsche in gewissen Grenzen.

Ich sehe eine unübersehbare Menge ähnlicher und gleicher Menschen, die sich rastlos um sich selbst drehen, um sich kleine und gewöhnliche Freuden zu verschaffen. Jeder von ihnen ist ganz auf sich zurückgezogen, dem Schicksal aller anderen gegenüber völlig unbeteiligt. Was seine Mitbürger angeht, so ist er zwar bei ihnen, aber er sieht sie nicht; er lebt nur in sich und für sich selbst, ein Vaterland hat er nicht mehr.

Über diesen Bürgern erhebt sich eine gewaltige Vormundschaftsgewalt, die es allein übernimmt, ihr Behagen sicherzustellen und über ihr Schicksal zu wachen. Die Menschen sollen unwiderruflich in ihrer Kindheit festgehalten werden. Könnte man ihnen nicht vollends die Sorgezu denke,abnehmen und die Mühezu leben? Der Souverän bricht den Willen nieht, sondern er schwächt, beugt und leitet ihn. Er zerstört nicht, er hindert die Entstehung.

Unsere Zeitgenossen sind ständig von zwei widerstreitenden Leidenschaften geplagt: Sie fühlen das Bedürfnis, geführt zu werden, und dabei die Lust, frei zu bleiben. Sie stellen sich eine einzige, allmächtige, aber von den Bürgern gewählte Vormundschaftsgewalt vor. Sie verbinden die Zentralisation mit der Volkssouveränität. Sie verlassen für einen Augenblick ihre Abhängigkeit, um ihren Herrn zu bezeichnen, und fallen danach wieder in sie zurück.

Die Teilnahme des Einzelnen an den bedeutendsten Geschäften wird gesichert; in den unbedeutenden und den besonderen aber wird sie ausgeschaltet. Man vergißt, daß es vor allem gefährlich ist, die Menschen im kleinen zu versklaven. Sie werden bald nicht mehr fähig sein, das große und einzige Privileg auszuüben. Handelt es sich um die Leitung der kleinen Geschäfte, zu denen der gesunde Menschenverstand ausreicht, so ist man der Meinung, die Bürger seinen dazu nicht fähig; handelt es sich um die Regierung des gesamten Staates, so vertraut man den Bürgern ungeheure Rechte an. Man wird aber niemand glauben machen können, eine freiheitliche Regierung könne jemals aus den Stimmen eines Volkes von Knechten hervorgehen.

Es gibt keinen so weisen und so mächtigen Gesetzgeber, der imstande wäre, freiheitliche Institutionen aufrechtzuerhalten, ohne die Gleichheit als oberstes Prinzip und Symbol zu nehmen. Alle werden scheitern, die die Herrschaft an eine einzige Klasse ziehen und sie ihr erhalten wollen (auch: „Diktatur des Proletariats“).

Es ist notwendig, daß die Zentralgewalt tätig und mächtig ist. Es handelt sich nur darum, sie daran zu hindern, ihre Rührigkeit und Macht zu mißbrauchen. Alle Verwaltungsbefugnisse, die man Körperschaften oder Adligen entreißt, häuft man nicht auf den Souverän, sondern man vertraut einen Teil davon Körperschaften zweiter Ordnung an, die vorübergehend aus einfachen Bürgern gebildet werden. Ein erbliches Beamtentum wäre ungerecht und unvernünftig. Aber die Wahl istein demokratisches Mittel, das die Unabhängigkeit des Beamten gegnüber der Zentralgewalt ebenso, ja noch besser sichert als es die Erblichkeit bei aristokratischen Völkern vermochte. Die einfachen Bürger können so, wenn sie sich zusammenschließen, eine sehr machtvolle, einflußreiche und starke Körperschaft bilden, mit einem Wort: aristokratische Personen sein.

Heutzutage hat ein Bürger, den man unterdrückt, nur ein Verteidigungsmittel: Er muß an die gesamte Nation appellieren und - wenn die ihn nicht hört - an die Menschheit. Dazu gibt es nur ein Mittel, die Presse. Die Gleichheit isoliert und schwächt die Menschen. Die Presse aber stellt jedem von ihnen eine sehr wirksame Waffe zur Seite.

Die Formen treten als Schranke zwischen den Starken und.den Schwachen, zwischen die Regierenden und Regierten, um die einen aufzuhalten und den anderen Zeit zur Selbstbesinnung zu geben. So bedürfen die demokratischen Völker von Natur aus der Formen in stärkerem Maße als die anderen Völker - und achten sie von Natur aus geringer Die Menschen legen in genau dem Zeitpunkt weniger Wert auf die individuellen Rechte, da es am nötigsten wäre, das wenige, was von ihnen noch übrig ist, zu bewahren und zu verteidigen.

Hat eine Nation in einem kurzen Zeitraum mehrere Male ihre Staatsoberhäupter, Anschauungen und Gesetze gewechselt, so finden die Menschen, aus denen sie sich zusammensetzt, schließlich Gefallen an der ständigen Veränderung und gewöhnen sich daran, daß alle diese Veränderungen sich mit Hilfe der Gewalt rasch vollziehen. Da die gewöhnlichen Begriffe der Billigkeit und der Moral nicht mehr ausreichen, all das Neue, das die Revolution täglich her­vorbringt, zu erklären und zu rechtfertigen, tritt man dem Prinzip der sozialen Nützlichkeit bei, erfindet das Dogma von der politischen Notwendigkeit und gewöhnt sich bereitwillig da­ran, die Einzelinteressen bedenkenlos zu opfern und die individuellen Rechte mit Füßen zu treten, um das allgemeine Ziel, das man sich steckt, schneller ziu erreichen.

Ich glaube aber,es gibt ehrenhaften Widerstand und legitime Auflehnung. Aber ich glaube, die Menschen demokratischer Zeiten haben alle Ursache, länger zu zögern als alle anderen, ehe sie sich dazu entschließen, und sie sollten lieber viele Mängel der bestehenden Ordnung hinnehmen, ehe sie auf eine so gefährliche Abhilfe zurückgreifen.

Wir müssen für neue Übel neue Abhilfe finden: Der staatliche: Gewalt weitere, aber sichtbare und unverrückliche Grenzen zu stecken; den Einzelnen gewisse Rechte einzuräumen und ihnen den unangefochtenen Genuß dieser Rechte zu garantieren; dem Individuum das bißchen Unabhängigkeit, Kraft und Originalität, das ihm verbleibt, zu bewahren. Ihm neben dem Staat seinen Platz anzuweisen und ihn gegenüber dem Staat zu schützen und zu stützen: das halte ich für die vornehmste Aufgabe des Gesetzgebers in der kommenden Zeit. Man möchte fast sagen, die Herrscher unserer Zeit hätten nichts im Sinn, als mit den Menschen große Dinge zu schaffen. Ich wünschte, sie würden etwas mehr daran denken, auchz große Menschen zu schaffen.

Ich beobachte bei unseren Zeitgenossen zwei entgegngesetze, aber in gleicher Weise gefährliche Vorstellungen: Die einen sehen in der Gleichheit nur die anarchischen Neigungen, die sie auslöst. Sie fürchten ihren eigenen Willen; sie haben Angst vor sich selbst. Die anderen haben den Weg entdeckt, der die Menschen unabweislich in die Knechtschaft zu führen scheint. Sie beugen ihre Seele dieser unumgänglichen Knechtschaft schon im voraus und beten - da sie die Hoffnung verloren haben, frei zu bleiben - im Grunde ihres Herzens bereits den Herrn an, der bald kommen muß. Die ersten geben die Freiheit auf, weil sie sie für gefährlich halten, die zweiten, weil sie sie für unmöglich halten.

Die Menschen, die in den beginnenden Jahrhundaten der Gleichheit leben, haben von Natur den-Drang zur Unabhängigkeit. Die Norm ertragen sie nur widerwillig,die Dauer der bevorzugten Ordnung belästigt sie! Sie lieben die Gewalt; aber sie neigen dazu, den zu mißachten und zu hassen, der sie ausübt, und sie entschlüpfen seinem Zugriff gerade deswegen leicht, weil sie klein und beweglich sind. Hegen wir also vor der,Zukunft jene heilsame Furcht, die uns wachen und kämpfen läßt, nicht jenen schwächlichen und müßigen Schrecken,der die Herzen niederdrückt und lähmt.

 

 

Jean Paul Sartre: Im Räderwerrk

Der Diktator Jean will sein Volk zum Glück zwingen. Er hat als einziger erkannt, wie man der Kriegsdrohung der ausländischen Macht begegnen kann. Aber das Volk versteht ihn nicht. Das Volk sieht in ihm nur den grausamen Diktator, es zwingt ihn, noch härtere Maßnahmen zu ergreifen als das reaktionäre System vorher. Er hatte Vertrauen erhofft, das auch Belastungen im Üübermaß aushalten kann. Aber die Umstände und das Unverständnis der anderen lassen ihn scheitern.

 

Rainer Maria Rilke: Wie der Verrat nach Rußland kam:

Der Zar hat uneingeschränkte Macht, er kann brutal vorgehen. Aber er ist seiner Zeit gegenüber gerechtfertigt, denn das Volk sieht seine Gewalt als berechtigt und unbedingt nötig an. Dann aber begeht der Zar einen Verrat. Die Untertanen bewerteten den brutalen, aber ehrlichen Menschen jedoch höher als den heimtückischen und betrügerischen.

 

Friedrich Hebbel: Agnes Bernauer:

Herzog Ernst scheidet menschliches und staatliches Denken; das staatliche Denken geht ihm jedoch über alles. Seine Rechtfertigung ist die Staatsräson, der Dienst für die Hausmacht; es darf nicht zu Erbstreitigkeiten kommen. Deshalb setzt er auch schließlich den schwächlichen Neffen als Nachfolger ein, nur damit der Staat zusammenbleibt. Für Ernst hat sich das Opfer, die Vernichtung des Sohnes, gelohnt, denn sein Geschlecht wird weiterleben, sein höchster Wert, das menschliche Ziel, ist durchgesetzt worden. Der Dichter sieht dieses positive Recht

als notwendig an, während in der „Antigone“(Sophokles) gezeigt wird, daß immer wieder Dichter gegen die Tyrannei aufstehen und das göttliche Recht verkünden.

 

Jean Anouilh: Antigone

„Ihr seid der König. Aber das könnt ihr nicht: Weder mich retten, noch zwingen.“

„Mein Handwerk erfordert es, daß ich dich zur Vernunft bringe. Ich bin gewissenhaft.

Was kann ich dafür ,daß ich König bin?“

„Ich bin ungebunden. Du aber bist König! Deswegen bleibt dir nichts anderes übrig, als mich zu töten. Ihr werdet nicht aufhören, zu bezahlen ,weil Ihr Ja gesagt habt zu Eurem Handwerk.“ - „Da steht man vor dem Werk. Sie sagen, es ist eine schmutzige Arbeit. Aber wer soll sie tun?“  - Antigone läßt sich von Kreon übezeugen. Erst das Schreckgespenst „Haimon wird auch einmal so werden müssen!“ bringt sie wieder zu ihrer alten Meinung.

 

Shakespeare: Macbeth:

Hier greifen dämonische Mächte in das Leben eines Menschen ein und wecken seinen Ehrgeiz, der allerdings auch zu einer Tugend werden könnte. In Macbeth ist jedoch das Begehren geweckt, über seine Stellung hinauszukommen, und er überschreitet damit seine Grenze. Um sein Ziel zu erreichen, setzt er sich über sein Gewissen hinweg, er läßt sich vom Weg der Pflicht auf den Weg des Verbrechens drängen. Nach dem Mord des Duncan ist er nicht mehr frei, er wird zum Tyrannen und Scheusal. Aber es herrscht eine ausgleichende Gerechtigkeit in Form des Gewissens. So kommt auch der Mensch nicht weit, dem man anscheinend nicht Widerstand leistet.

 

Heinrich Kleist: Michael Kohlhaas:

Da Michael Kohlhaas gerecht ist, erwartet er auch von den anderen Gerechtigkeit. Dieser will er dann zum Ziele verhelfen, muß aber damit selber Ungerechtigkeiten gegehen. Bevor es aber so weit kommt, prüft er erst sorgfältig, ob der andere nicht doch Recht hat. Als er aber überzeugt ist, daß sein Knecht betrogen wurde, wird es für ihn unumgänglich, daß er sich voll und ganz auf die Seite des Knechtes stellt. Kohlhaas geht es gar nicht um die Pferde, er will sie gar nicht wieder haben. Er will nur um jeden Preis Gerechtigkeit erlangen. Deshalb fühlt er sich auch als Vollstrecker der göttlichen Gerechtigkeit.Nun aber wird er ein leidenschaftlicher Mensch (Haß), denn er merkt genau, daß er mehr Unrecht begeht als seine Gegner. Gegen Schluß sieht er aber ein, daß seine Taten den Tod verlangen. Er merkt, daß ein Mensch, der sich selbst Gerechtigkeit verschaffen will (Faustrecht) scheitern muß. Seine Goldwaage stimmt wieder.

 

Shakespeare: König Richard der Dritte.           

Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter

Kann kürzen diese fein beredten Tage

Bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden.

Müßt ich auch Eduards Witwe Schwester nennen,

Ich will's vollbringen, um Euch zu befrein.

Ja, leider wird der Adler eingesperrt,

Und Gei‘r und Habicht rauben frei indes.

Ermordt ich schon ihren Mann und Vater,

Der schnellste Weg, der Dirne g'nugzutun,

Ist, daß ich selber werd ihr Mann und Vater.

 

Du hattest Macht nur über seinen Leib,

Die Seel erlangst du nicht.

Und im Verzweifeln wärest du entschuldigt

Durch Übung würdger Rache an dir selbst,

Der du unwürdgen Mord an andern übtest.

 

Gloster:

Ich war gereizt von ihrer Lästerzunge,  

Die jener Schuld legt‘ auf mein schuldlos Haupt

Du warst gereizt von deinem blut‘gen Sinn,

Der nie von anderm träumt als Metzgereien.

Anna: Kennt ich doch nur dein Herz

Gloster: Auf meiner Zunge wohnt‘s.

Anna: Vielleicht sind beide falsch.

Rivers: Da hielten wir zu unserm Herrn und König,  

Wie wir an Euch es täten, wenn Ihr‘s würdet.

 

Gloster:

Wenn ich es würde? Lieber ein Hausierer!     

Fern meinem Herzen sei‘s, es nur zu denken.

Margareta: Wer hoch steht, den kann mancher Windstoß treffen,

Und wenn er fällt, so wird er ganz zerschmettert.

Ieh tu das Bös‘ und schreie selbst zuerst.

Das Unheil, das ich heimlich angestiftet,

 

Gloster:

Lieg ich den andern dann zur schweren Last.

Und so bekleid ich meine nackte Bosheit

Mit alten Fetzen, aus der Schrift gestohlen,

Und schein ein Heil‘ger,wo ich Teufel bin.      

Mörder: Ihn umzubrinegn, dazu hab ich ja die Vollmacht;

aber verdammt dafür zu werden,

wovor mich keine Vollmacht schützen kann.

 

Wenn jemand unter dieser edeln Schar

Auf falschen Argwohn oder Eingebung

Mich hält für seinen Feind;

Wenn ich unwissend oder in der Wut

Etwas begangen, das mir irgendwer,

Hier gegenwärtig, nachträgt, so begehr ich,

In Fried und Freundschaft mich ihm auszusöhnen.

 

York:

Dann seh ich wohl, ihr schenkt nur leichte Gaben.

Bei Dingen von Gewicht sagt Ihr dem Bettler: „Nein!“

Gloster: Es hat zuviel Gewicht,für Euch zu tragen.    

Buckingham: Nun, Mylord, was solln wir tun, wenn wir verspüren,

Daß Hastings unsern Plänen sich nicht fügt?

Gloster: Den Kopf ihm abhaun, Freund: was muß geschehn.

Buckingham: Ich will mich auf Eu‘r Hoheit Wort berufen.

Gloster. Es soll dir freundlichst zugestanden werden.

 

Catesby:

Die Welt ist schwindlig, in der Tat, Mylord,

Und, glaub ich, wird auch niemals aufrecht stehn,   

Bevor nicht Richard trägt des Reiches Kranz.

Rivers: Heut wirst du einen Untertan sehn sterben,

Den Treu und Pflicht und Biederkeit verderben.

Wir kennen von Gesicht uns, doch die Herzen,

Buckingham: Da  kennt er meins nicht mehr als Eures ich,

Noch seines ich, Mylord, als meines Ihr.

 

Hastings:

Ich denke, niemand in der Christenheit

Kann minder bergen Lieb und Haß wie er.

Was? Denkt Ihr, wir sei‘n Türken oder Heiden

Und würden, wider alle Form des Rechts,

So rasch verfahren mit des Schurken Tod,

Gloster: Wo nicht die dringende Gefahr des Falls,     

Der Frieden Englands, unsre Sicherheit

Und diese Hinrichtung hätt‘ abgenötigt?

Stellt Euch besorgt,

 

Buckingham:

Laßt Euch nicht sprechen als auf dringend Bitten

Und nehmt mir ein Gebetbuch in die Hand

Undd habt, Mylord, zwei Geistliche zur Seite,

Denn daraus zieh ich heil‘ge Nutzanwendung.

 

Gloster.

Antwort ich nicht, so dächtet Ihr vielleicht,

Verschwiegner Ehrgeiz will‘ge stummm darein,

Der Oberherrschaft goldnes Joch zu tragen,

Das Ihr mir töricht auferlegen wollt.

Dennoch, so groß ist meine Geistesarmut,

So mächtig und so vielfach meine Mängel,

Ich bin ja nicht von Stein,

Durchdringlich eurem freundlichen Ersuchen,

Zwar wider mein Gewissen und Gemüt.

Wenn aber schwarzer Leumund, frecher Tadel

Erscheinet im Gefolge eures Auftrags,

So spricht mich euer förmlich Nötgen los

Von jedem Makel, jedem Fleck desselben.

Der hochgestiegene Buckingham wird schwierig.

Der tiefbedächtge, schlaue Buckingham

Soll nicht mehr Nachbar meines Rates sein.

Doch, wie ich einmal bin,

So tief in Blut, reißt Sünd in Sünde hin.

Beträntes Mitleid wohnt mir nicht im Auge.

Ich hab ‘ne Spur von Eurer Art, Frau Mutter,

Die nicht den Ton des Vorwurfs dulden kann.

 

Herzogin:

Blutig,das bist du; blutig wirst du enden:

Wie du dein Leben, wird dein Tod dich schänden.

Seht, was geschehn, steht jetzo nicht zu ändern.

Der Mensch geht manchmal unbedacht zu Werk,

Was ihm die Folge Zeit läßt zu bereuen.

Nahm Euren Söhnen ich das Königreich,

So geb ich‘s nun zum Ersatz Eurer Tochter.

Seid meiner Liebe Anwalt: Stellt ihr vor

Das, was ich sein will - nicht, was ich gewesen.

 

Blunt.

Er hat nur Freunde, die aus Furcht es sind.

Die werden ihn in tiefster Not verlassen.

Richard: Auch ist des Königs Nam‘ ein fester Turm,

woran der feindlichen Partei es fehlt.

Ein Mensch, der stets gewesen Gottes Feind!

Nun, fechtet ihr denn wider Gottes Feind,

So schirmt euch billig Gott als seine Krieger.

Dies wird ein schwarzer Tag für jemand werden.

Ei nun, was gilt das mir mehr als dem Richmond?

Gewissen ist ein Wort für Feige nur,

Zum Einhalt für den Starken erst erdacht:

Uns ist die Wehr Gewissen, Schwert Gesetz.

 

Richard III .

Dieser König ist mißgestaltet und entstellt. Deshalb haben alle gegen ihn reagiert. Sie konnten aber gar nicht anders reagieren, denn ein mißgestalteter König ist eine Unmöglichkeit im Heilskönigtum. Es gibt nämlich nach alter Auffassung eine zweifache Schöpfung. Der Teufel mischt also an der guten Schöpfung mit und es entsteht so ein mißgestalteter König. Wenn man dies aber gewähren läßt, dann bricht das Böse, das Chaos, ein. Man muß also das Werk des Bösen ausrotten im Namen des guten Prinzips. Seine Zeitgenossen konnten diesen Richard III. gar nicht lieben, denn er war nicht voll und ganz Gottes Schöpfung.

Der König konnte jedoch nicht damit fertigwerden, er will sich rächen: „...bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden“ Er kann das aber nur sagen, weil er schon vorher böse.war. Er drückt

diese Haltung allerdings nun erst offen aus und sucht nach Gründen, um sein Bösesein zu untermauern.

Diese Ansichten über das Heilskönigtum sind uns ein völlig fremdes Denken: Für uns ist der Teufel erledigt, wir können schon eher an eine gute Schöpfung glauben. Man darf also nicht mit unserem modernen Verständnis an dieses Drama herangehen. Der Dichter hat aber hierin schon Reformation und Humanismus verarbeitet, wo diese Anschauung umgestoßen wird. Dadurch aber tritt ein Zwiespalt auf zwischen alter und neuer Ansicht, nun erst wird es problematisch und nun erst kann ein Dichter wie Shakespeare eine Tragödie schreiben.

Richard will nicht einsehen, daß er überhaupt im Sinne von Heilskönig nicht König sein kann

Er ist aber auch nicht ein moderner Mensch, denn dann würde er darüber lachen und sich nichts aus der Meinung seiner Mitmenschen machen. Er aber tut das Böse.

Richard sagt nicht: „…und ich beschloß, Politiker zu werden!“ wie etwa Hitler, der auch Minderwertigkeitskomplexe hatte!. Richard begeht  „zum Zeitvertreib“ böse Werke, so wie andere sich dem Krieg oder der Liebe widmen. Als einer, der die Macht hat, hätte er doch diese Macht zum Guten anwenden können. Aber er will bewußt Bösewicht werden.

Um seinen Entschluß zu verwirklichen, bedient er sich erstens der Heuchelei, setzt aber auch im entscheidenden Augen blick immer sein ganzes Leben ein. Auf diese Weise erhält er eine ungeheure Macht sogar über seine schärfste Feindin, Anna, die er so auf seine Seite zieht. Er setzt „Alles gegen nichts!“ähnlich wie Hitler, dermit seinem sprunghaften Wesen die ganze Welt in Atem hielt,weil niemand wußte: Wie geht es weiter, was macht er jetzt? Und so stellten sich seine anfänglichen Erfolge ein, bis er dann dieses Prinzip zu stark übertrieb.

Bei Richard III muß man jedoch auch beachten: Es gibt Zeiten, in denen die Bosheit schon im verborgenen schwelt und schließlich als Pestbeute in einer Person sich zeigt. Diese Person war hier Richard II. Eer wurde zur Aufgbe für das Volk, und indem das Volk ihn überwindet, kommt es zu einer Erneuerung (Einen Hitler haben andere überwunden, er schwelt heute noch in unserem Volk).

 

Michael Kohlhaas und  Karl Moor:

Ess ist nur sehr schwer, Karl Moor einen Vorwurf zu machen: Er hat eine Versöhnung mit dem Vater versucht, wenn er auch sich nicht persönlichaufmachte zu seinem Vater. Der Brief wird so zur alleinigen Grundlage seiner Entscheidung, er kann keine Rückfragen mehr stellen, er will sich auch nicht darum bemühen. Und als gefühlsbetonter Mensch läßt er sich natürlich sofert zu seinem Haß gegen die Menschheit hinreißen.

Kohlhaas dagegen versucht unausgesetzte die Forderungen der anderen zu erfüllen. Er nimmt es peinlichst genau, denn er will sich keine Ungerechtigkeit nachsagen lassen: Er bezahlt die Steuer, er will sich den Passierschein besorgen, er bietet den Rittern die Pferde zum Kauf an, er läßt sie sogar dann als Pfand zurück, er will sogar auf sie verzichten, wenn der Knecht Schuld haben sollte. Die Ansätze und die Bereitschaft zu einer gütlichen Übereinkunft sind da, aber er kann den letzten Schritt nicht tun. Er meint sogar, bei einem Verzicht noch den anderen Unrecht zu tun. Ihm geht es besonders darum, seine Mitmenschen in Zukunft vor solchen Ausbeutern zu bewahren. Es ist seine „Pflicht“, sich für die ganze Menschheit zu opfern.

Auch Karl Moor opfert sich, er mordet ja nicht um materieller Vorteile willen, sondern aus Überzeugung. Karl Moor will dem Willen Gottes entsprechen. Die Christen jedoch sind alle Heuchler. Deshalb ist er ihnen auch nicht verantwortlich, sondern er will sich nur vor seinem höchsten Richter verantworten und hofft, dort bestehen zu können. Einstweilen jedoch führt er seinen Rachefeldzug gegen die Heuchler fort. Der Junker ven Tronka ist nur der Inbegriff des Bösen, er ist „der allgemeine Feind aller (wahrhaften) Christen“.

Kohlhaas jedoch bezeichnet sich als einen „Statthalter Michaels, des Erzengels, der gekommen sei, allene, die in dieser Streitsache des Junkers Partei ergreifen würden, „mit Feuer und Schwert die Arglist, in welcher die ganze Welt versunken sei, zu bestrafen“. Damit hat wie bei Karl Moor „eine unsichtbare Macht das Handwerk der Räuber geadelt“.

 Kohlhaas fühlt sich als das Werkzeug Gottes. Durch Vergebung hätte er jedoch eher dem Willen Gottes entsprochen. Persönlich will er ja vielleicht dem Junker vergeben, aber nun fühlt er sich ja als der Ausführende der göttlichen Gerechtigkeit. Er meint, schon sehr viel getan zu haben haben; aber er will sich selbst und seine Aufgebe nicht aufgeben. Deshalb ist er auch ganz stur: „Wer mir sein Wort einmal gebrochen hat, mit dem wechsle ich keins mehr!“

Die Frau des Kohlhaas zeigt einen Weg der Umkehr: „Vergib deinen Feinden!“ Und ebenso sagt der alte Moor von seinem Sohn Franz: „Verzeihung sei seine Strafe, meine Rache verdoppelte Liebe!“ Und seinem Retter sagt er: „Sei so glücklich, als du dich erbarmst. Wie köstlich ist‘s, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen. Lern diese Wollust verdienen. Dein Herz sei das Herz der unschuldigen Kindheit!“ Karl Moor wird durch die Bande auf einen anderen Weg gedrängt, Kohlhaas schlägt diese Möglichkeit der Rettung aus eigener Entscheidung aus.

Damit sind sie gebunden. Karl weiß: „Auch die Freiheit muß ihren Herrn haben!“Als Hauptmann der Bande muß er auch bei der Bande bleiben, um Schlimmes zu verhüten. Er versucht jedoch immer wieder, auf ehrliche Weise von der Bande loszukommen. Doch die Räuber stehen treu zu ihm und liefern ihn nicht aus, sie kämpfen tapfer gegen die Übermacht. Karl kann sie nicht im Stich lassen. Sein letzter verzweifelter Versuch erscheint ihm als Feigheit:

Selbst­mord ist Flucht! Karl Moor wünscht sich aber auch immer wieder: „Noch einmal wie ein Kind sein!“ und als er vor dem väterlichen Schloß steht wünscht er eich: „Nur für eine Stunde müßte alles ungeschehen sein!“

 

Kohlhaes verspricht Herse, ihm soll Gerechtigkeit widerfahren; damit ist er gebunden. Ebenso ist es mit seiner Frau: „Kohlhaas will der Welt zeigen, daß seine Frau in keinem ungerechten Handel umgekommen ist!"

Alls ganz äußerem Anlaß hat sich die verhängnisvolle Handlung entwickelt. Kohlhaas wollte eigentlich schon abziehen, da kommt zunächst der Vogt in den Burghof, dann der Junker mit Gefolge. Ein Fehlschlag zieht den anderen nach sich: Da der Junker nicht in Erlabrunn ist, muß ihn Kohlhaas in Wittenberg suchen; doch mittlerweile ist der Junker in Leipzig. Noch eine Möglichkeit der Lösung bietet sich, als Kohlhaas die Mähren als seine Pferde erkannt hat. Doch da bricht der Aufstand in der Stadt los, entzündet an dem einfachen Umstand, daß der Knecht nicht die entehrten Pferdeberühren darf. Das Volk steht schon zu sehr auf der Seite des Kohlhaas, der Aufstand rollt über ihn hinweg. Das Böse muß fortwährend Böses gebären.

Auch an anderer Stelle ist das so. Denn inzwischen führt Johann Nagelschmidt den Kampf gegen die Obrigkeit weiter. Was Kohlhaaas noch zu vertreten können glaubte, wird nun aus ganz anderen Beweggründen weitergeführt. Kohlhaas erklärt sich zwar gegen diese Mordbrenner, Nun aber können die Junker darauf hinweisen, wohin eine Amnestie eines Verbrechers führt: Andere Leute meinen, auch straffrei ausgehen zu können. Die Junker haben wieder die Oberhand und leugnen plötzlich alle Schuld.

Auch die Stimmung bei einem Teil des Volkes wandelte sich: „Man fand das Verhältnis des Kohlhaas zum Staat ganz unerträgliche und in Privathäusern und auf öffentlichen Plätzen erhob sich die Meinung, daß es besser sei, ein offenes Unrecht an ihm zu verüben und die ganze Sache von neuem niederzuschlagen, als ihm Gerechtigkeit - durch Gewalttaten ertrotzt -  in einer so nichtigen Sache zur bloßen Befriedung seines rasenden Starrsinns zukommen zu lassen.“

Die Amnestie wird also gebrochen und Kohlhaas fühlt sich nun auch nicht mehr daran gebunden. Der Schatten Nagelschmidts, der ein Symbol des Bösen ist, verläßt ihn nie mehr. Indem er den Brief an Nagelschmidt schreibt, hat er sein Schicksal besiegelt. Hier allerdings fühlt er auch schon, daß er keine Rettung mehr geben kann und er will aufgeben.

Auch der alte Moor meint, sein Sehn solle „...hingehen, wohin ihn seine Schandtaten führen“. Karl spürt zum ersten Mal den „Rachefinger der Nemesis“, als er von dem Mordanschlag Spiegelbergs hört; gerade der hatte die Bande gegründet und alles ins Rollen gebracht. Der vermeintliche Fluch des Vaters beginnt aber erst zu wirken, weil Karl nun seinerseits unter der Voraussetzung handelt, der Fluch sei wirklich.

Karl wird zum Räuber, bleibt aber ein „edler Räuber“ und handelt persönlich nach einigen Grundgesetzen der Menschen. Aber nicht alle Mtglieder der Bande tun das. Wie Kohlhaas in Nagelschmidt so findet Karl in Schufterle einen Vollender und Fortführer seiner Schandtaten. Karl muß ihn ausschließen, denn er will nicht als Sammelnunkt der Mordbrenner angesehen werden. Er hat ja etwas anderes vor als diese Männer. Er kann aber sein Vorhaben nicht allein ausführen und braucht sie als Werkzeuge. Dieser Zwiespalt muß ganz gesetzmäßig seine „edlen Absichten“ verdunkeln.

Auf der anderen Seite muß Karl aber auch als „guter“ Räuber den Roller rächen, auch wenn seine Schandtaten immer größer werden; dessen ist er sich genauoo bewußt wie Kohlhaas, der sogar genau weiß, daß er mehr Unrecht begehen mluß als die anderen. Moor hat jedoch, nachdem er Hauptmann geworden ist, mehr das Heil der Bande im Sinn, während seine eigentliche „Aufgaben“ sein Vorhaben, in den Hintergrund tritt. Bei Kohlhaas dagegen spielt dieses Motiv gar keine Rolle, er verteidigt nur sein Recht, erfüllt also sein ursprüngliches Verhaben. Für beide gilt jedoch: Wer einmal die Macht ergriffen hat, der untersteht ihr, sie rollt über ihn hinweg und er kann sie nicht mehr beherrschen.

Michael Kohlhaas und Karl Moor wollten der göttlichen Gerechtigkeit zum Siege verhelfen. Sie werden aber beide von einem Geistlichen in die Schranken gewiesen, also jeweils von einem Mann, der den Willen Gottes eher verkünden kann als die selbstherrlichen Weltverbesserer. Während jedoch der Pater nur eine Marionette ist, die man nur geschickt hat, weil ein anderer Unterhändler vielleicht für sein Leben fürchten muß, steht Luther mit der ganzen Kraft einer Persönlichkeit hinter seinen Ausführungen: „Das Sehwert, das du führst, ist das Schwert des Raubes und der Mordlust, ein Rebell bist du und kein Krieger des gerechten Gottes!“ Luther betont auch, daß Kohlhaas der Mißklang in der Harmonie seiner Umwelt ist. Kohlhaas selber denkt ganz anders darüber.  Von ihm wird gesagt: „Seine eigene Brust war nunmehr in Ordnung,“ die Welt  aber in Unordnung. Aber auch er muß einsehen, wie ein Karl Moor der der Mißklang in der Harmonie ist.

Michael Kohlhaas und Karl Moor sind so zu Ausgestoßenen geworden. Karl Moor sagt zu Kosinsky: „Du trittst hier gleichsam aus dem Kreiee der Menschheit - entweder mußt du ein höherer Mensch sein oder du bist ein Teufel!“ Auch Kohlhaas stellte sich bewußt außerhalb der menschlichen Gesellschaft, „weil ich in einem zivilem Lande, in welchem man mich in meinen Rechten nicht schützen will, nicht bleiben mag. Lieber ein Hund sein, wenn ich von Füßen getreten werden soll, als ein Mensch!“ Er will nicht in dieser Welt leben. Das wird

für ihn aber erst zum Problem, als diese Welt plötzlich gegen ihn steht.

Karl Moor dagegen steht schon von vornherein gegen die Wxelt, die nicht seinen Vorstellungen entspricht. Kohlhaas weiß, daß er Unrecht tut, aber er gibt die Schuld seiner Umwelt: „Der Krieg, den ich mit der Geneinheit der Menschen führe, ist eine Missetat, sobald ich aus ihr nicht, wie Ihr mir die Versicherung gegeben habt, verstoßen war (denn sie hat den Junker beschützt). Verstoßen nenne ich den, den der Schutz der Gesetze versagt ist. Wer mir ihn versagt, der stößt mich zu den Wilden der Einöde hinaus, er gibt mir wie wollt Ihr es leugnen. die Keule, die mich selbstschützt, in die Hand!“ Er „verteidigt“ sich also nur, und greift nicht von sich aus an, um die Welt zu verbessern.

Bei Kohlhaas spielt das Räubermotiv keine Rolle. Es ist gleichgültig, ob er ein „edler Räuber“ ist oder nicht. Ihm geht es um die Gerechtigkeit, bestenfalls um die Ehre. In dem Schauspiel „Die Räuber“ nimmt jedoch die Schilderung des Räuberlebens einen breiten Raum ein. Es wird erwähnt, daß Karl das geraubte Fleisch zum halben Preis verkauft  hat und vor dem Pater weist er selbst darauf hin, von wem er die gestohlenen Ringe geraubt hat.

Karl Mohr lehnt jedes staatliche Gesetz ab: „Mit diesem Wort war das Gesetz unter meine Füße gerollt: Räuber, Mörder!“  Von seinem Standpunkt aus hemmt das Gesetz nur: „Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre!“ Wenn du mir irgendeinen eingeäscherten Weltkreis allein ließest, den du aus deinen Augen verbannt hast, wo die einsame Nacht und die ewige Wüste meine Aussichten sind? Ich würde dann die schweigende Öde mit meinen Phantasien bevölkern und hätte die Ewigkeit zur Muße, das verworrene Bild des allgemeinen Uends zu zergliedern!“

Seltsam ist jedoch seine Äuße­rung: „Aus Deuschland soll eine Republik werden!“ Karl Moor hat also auch ganz nebenbei auch politische Ziele, er will die Staatsform ändern, und meint, damit können man das Wesen des Menschen verändern. Von Kohlhaas wird gesagt: „Doch sein Rechtsgefühl, das einer Geldwaage glich, wankte noch!“ Auch Karl meint ein Gefühl für den Aufbau einer vernünftigen Ordnung zu haben. Kohlhaas bleibt jedoch auf dem Boden der Wirklichkeit, er kennt die bestehenden Gesetze an und will die Wirklichkeit mit diesen Gesetzen wieder in Einklang bringen. Karl dagegen hat nur eine abstrakte Vorstellung von Recht und Ordnung.

Kohlhaas kehrte „...ohne irgend weiter ein bitteres Gefühl als das der allgemeinen Not der Welt zur Tronkenburg zurück.“ Huier ist er noch sehr friedlich gestimmt; und das von der allgemeinen Not der Welt kann schließlich jeder Mensch sehen, es merkt doch jeder, daß in der Welt nicht alles so ist, wie es sein sollte. Kohlhaas hat aber keinen Haß auf die Welt und will sie nicht ändern. Er wird auch durchaus positiv gesehen und hat nur in einer Tugend ausgeschweift. Bei ihm ist es nur ein Einzelpunkt, nicht der Gesamtmensch und seine gesamten Anschauungen. Er sieht nur diese eine Aufgabe, die aber am Grundsätzlichen rüttelt und von dort aus entwickelt sich alles.

Die Institutionen, die das Recht verkörpern, weisen Kohlhaas ab. Nun muß bei ihm der abstrakte Rechtsbegriff kommen. Er ist zunächst aber noch völlig überzeugt, daß die Bittschrift an den Landesherrn Erfolg haben muß. Als er aber in der Antwort als „unnützer Querulant“ bezeichnet wird, geht es ihm „ums Prinzip“. Er würde es jetzt sogar bedauern, wenn man ihm die Pferde zurückbrächte. Auch mit der Zerstörung der Burg ist noch nichts erreicht; deshalb will er auf keinen Fall.die Pferde haben.

Trotz aller Fragen um das Grundsätzliche hat jedoch Kohlhaas etwas Konkretes vor sich: die Gesetze. Er will die Wirklichkeit wieder mit diesen Gesetzen in Einklang bringen. Auch Karl Moor will nur einen Urzustand wiederberstellen, die Gegenwart zu einem früheren Zustand zurückführen. Dieser Zustand hat aber für ihn keine festumrisseren Formen. Er hat sich „nur“ die eine gewaltige Aufgabe gestellt: Das Wesen des Menschen zu ändern.

Bei ihm ist diese allgemeine Aufgabe schon vorhanden, sie wird durch einen Einzelfall ausgelöst und entwickelt sich immer weiter hin zu einem Einzelfall und endet schließlich in der Rache für den Vater, also in einem Einzelschicksal. Kohlhaas dagegen geht von einem Einzelfall aus, der sich immer weiter ausweitet und schließlich über alle Grenzen wächst. Bei ihm kann dieser aufgeblähte Ballon nur wieder in sich zusammenfallen, indem man die Spannung sehr plötzich löst: durch den Tod des Kohlhaas. Aber auch Karl Moor kann der Strafe nicht entgehen, denn seine Taten sind ja nicht ungeschehen, auch wenn sie eine Verengung erfahren haben.

Bei dem Prozeß gegen Kohlhaas geht auch die andere Seite stur nach den Gesetzen, die Gesetzesmaschinerie ist nicht mehr aufzuhalten. Man erfüllt aber auch die Forderungen des Kohlhaas Punkt um Punkt und nach dem Buchstaben des Textes. Dann aber fordert auch die Gegenseite strenge Gerechtigkeit. Und das erkennt Kohlhaas nun an, er sieht, daß seine Taten den Tod verlangen. Nun stimmt seine Goldwaage wieder.

Kohlhaas hatte eine hohe Vorstellung von der Gerechtigkeit, er hatte ein Gefühl für Gerechtigkeit. Dieses stimmt jedoch nicht mit der Wirklichkeit überein. Sein Vertrauen zu seiner Umwelt wird dadurch zerstört, wenn er auch mit seinem Gewissen im Reinen bleibt. An diesem Widerstreit hätte er aber zerbrechen können; doch er ringt sich zu der Erkenntnis durch, daß eine menschliche Ordnung notwendig ist. Die Rache aber gehört einem anderen. Herse macht es richtig: Er wirft den Schwefelfaden weg, mit dem er die Burg anstecken wollte, und sagt:  „Mag die Burg Gottes Bltz einäschern, ich will's nicht!“

Auch Kal Moor muß im Traum erkennen: Es gibt nur eine Wahrheit. Diese allein hat das Recht der Rache, alle weniger sicher feststehenden Wahrheiten sind nicht absolut, um voll und ganz die Berechtigung für sich in Anspruch nehmen zu können, Rache üben zu dürfen. Karl Moor ist zwar der Kläger gegen die Gottheit, fühlt sich aber auch als das Racheschwert Gottes, denn er will ja auch das Gericht schon auf dieser Erde vollstrecken. Er wollte das Böse ausrotten. Der eigentliche Anlaß, aus dem er böse wurde, besteht aber in Wirklichkeit nicht. Es entsteht aber fast genau da in krassester Form wieder in Form des Unrechts an dem Vater.

Karl Moor ist nicht der Herr des Bösen, er ahnt schon sehr früh seine Grenze: „....wenn ihm aber das fehlschlägt, was ihn den Göttern gleich macht? Oder ist hier die Mark seiner Bestimmung?“ Er kann vor allen Dingen bei seinen Taten nicht das Gute verschonen: „Wie beugt mich diese Tat! Sie hat meine schönsten Werke vergiftet!“ Er war ein Mann, der „...Pygmäen niederwarf, da er Titanen zerschmettern wollte!“ Er muß einsehen wie Kohlhaas: Der Mensch kann nicht das Urteil der ewigen Gerechtigkeit vollstrecken, ja er kann es noch nicht einmal hemmen, denn er ist ja Mensch. Das sagen die letzten Worte: „Oh über mich Narren, der ich wähnte, die Welt durch Greuel zu verschönern und die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu halten! Ich nannte es Rache und Recht - da steh ich am Rande eines entsetzlichen Lebens und erfahre nun mit Zähneklappern und Heulen, daß zwei Menschen

wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrund richten würden. Gnade dem Knaben, der dir vorgreifen wolltc, dein eigen allein ist die Rache. Du bedarfst nicht des Menschen Hand. Die Ordnung bedarf eines Opfers. Ich selbst muß für diese Odnung des Todes sterben. Nicht

durch Selbstmord. Meint ihr wohl gar, eine Todsünde werde das Äquivalent gegen Todsünden sein? Meint ihr, die Harmonie der Welt werde durch diesen gottlosen Mißlaut gewinnen? Er soll nicht lebendig heben. Ich geh, mich selbst in die Hände der Justiz zu überliefern!“ Zum ersten Mal gebraucht er dieses Wort im Sinne von: „Gereehtigkeit, ausgeübt durch die irdische Autorität“. Er hat zu den Gesetzen zurückgefunden.  Karl Moor stirbt mit dem Willen nach Gerechtigkeit.

Beide Männer wollten Großes schaffen. Einem Karl Mor war von vornherein nicht mehr zu helfen, er konnte nur durch die Erfahrung belehrt werden. Kohlhaas steigerte sich erst in diese Haltung. Es ist jedoch zu überlegen, ob er nicht besser getan hätte, wenn er auf die wörtliche Erfüllung seiner etwas zu hohen Forderungen verzichtet hätte. Gewiß, er konnte dem Buch­staben nach so fordern. Aber der Mensch ist nicht Buchstabe, weder ein Kohlhaas noch die Gegenseite. Gerechtigkeit ist ein hohes Gut, aber sie ist nicht immer voll und ganz zu verwirklichen!

In der Theorie kann man vollständige Erfüllung verlangen. Das Zusammenleben der Menschen wird aber oft unnötig erschwert, wenn man das auch in der Praxis verlangt. Man verstehe nicht falsch: Es ist keineswegs zu befürworteten, daß man die Gerechtigkeit übergehen darf. Aber auf Kleinigkeiten hätte auch ein Kohlhaas verzichten hönnen. Die Pferde wollte man ihm ja wieder zurüchgeben. Wenn sie auch nicht in dem alten Zustand waree, so hätte er sie doch nehmen sollen, um durch dieses Beispiel die Gegenseite, die vielleicht nur absichtlich Streit suchte, zu beschämen. Das wäre jedenfalls ein größeres Menschentum als Mordbrennerei.

Noch einige bemerkenswerte Äußerungen:

Ein  Räuber: „Ich kenne den Hauptmann. Wenn er dem Teufel sein Wort drauf gegeben hätte, in die Hölle zu fahrne, würde nie beten, wenn er mit einem halben Vaterunser selig werden könnte!“

Karl Moor: „...denn über uns waltet ein unbeugsames Fatum!“

 (zu Kosiesky): „Wieviel hast du schon getan, wobei du an Verantwortung gedacht hast?“