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Mittelhochdeutsch

Inhalt: Hildebrandslied, Heliand und Otfried von Weißenburg, karolingische Renaissance, Waltharilied, Nibelungenlied, Minnesang, Walther von der Vogelweide, mittelalterliche Liedkunst, Sprachdichtung, der Herbst des Minnesangs.

 

 

 

Mittelhochdeutsch

 

Das Hildebrandslied

Die Vorgeschichte dieses Kampfes zwischen Hildebrand und Hadubrand können wir aus der Sage über Dietrich von Bern erfahren: Der Gotenkönig rüstet zum Kampf gegen Ermanarich, den er in der Schlacht nicht völlig besiegen konnte. Ermanarich ist der Germanenführer Odoaker, der den letzten Herrscher Westroms abgesetzt hatte und auf die von den Ostgoten besetzte Lombardei sein Reich ausdehnen wollte. 

 Ein Lehnsmannn sagt Dietrich von Bern Unterstützung zu. Aber die Krieger, die den Schatz abholen sollen, werden von Ermanarich überfallen und als Geiseln nach Rom geschleppt. Dietrich will das Leben seiner Gefährten nicht aufs Spiel setzen und demütigt sich vor Ermanarich. Dietrich muß nach diesem Kniefall auf die Krone verzichten und mit den freigekauften Kriegern sein Reich verlassen.

Er wird von dem Hunnenkönig Etzel gern aufgenommen, denn dieser braucht Bundesgenossen gegen einen kriegerischen Stamm im Norden seines Reiches. Nach siegreichem Kampf verspricht Etzel, Dietrichs Reich zurückzuerobern. Nach einigen Jahren kann er sein Versprechen einlösen. Bei Ravenna stellen die Goten und Hunnen die Scharen Ermanarichs. Vor der Schlacht wird ein Zweikampf ausgetragen. Manchmal einigte man sich auch, daß dieser Kampf über Sieg oder Niederlage des ganzen Heeres entschied.

Nach dem Vorstellen der beiden Gegner messen diese ihre Kräfte zunächst, indem sie wüste Beschimpfungen gegen den anderen schleudern und dann beginnt der Kampf zu Pferde mit eingelegten Lanzen. Notfalls kämpft man zu Fuß mit dem Schild und Schwert gegeneinander, bis einer der Kämpfenden den Todesstoß erhält. Im Zweikampf vor der „Rabenschlacht“ treffen jedoch Vater und Sohn aufeinander und müssen gegeneinander kämpfen. Hildebrand ist der Gefolgsmann Dietrichs von Bernd, während Hadubrand im Lager des Ermanarich steht.

 

Zunächst zwei sprachliche Dinge:

Das Wort „wari“ drückt den althochdeutschen Konjunktiv aus. Durch den sogenannten „i-Umlaut“ wird er im Mittelhochdeutschen zu „wäre“‚ also  a > ä und  i > e (oder das „i“ fällt weg).

Das Wort „gimahalta“ bedeutet das Sprechen vor der Volksversammlung an der Malstätte (= Gerichtsstätte).  Hier wurden auch die Ehen geschlossen, was wir heute noch an den Wörtern „Gemahl“ und „vermählen“ sehen können.

 

Das Hildebrandslied ist in Stabreim geschrieben, man unterscheidet  vier Arten:

1.) Die häufigste Form ist die Stabung von vier Silben, die alle mit demselben Konsonanten anfangen. Dabei ist es gleichgültig, ob der Stab am Anfang oder in der Mitte eines Wortes steht.

2.) Vokale können gestabt werden, weil früher noch ein „h“ vor ihnen stand.  Diese Vokale werden heute noch mit einem Knacklaut gesprochen, der eine Eigentümlichkeit der deutschen Sprache ist). Beispiel:

„ibu du mi enan sages, ik mi de odruuet“.        

„alte anti frote, des erhina warun“.

3.) Der Kreuzstab: Zwei Konsonantenpaare staben. Beispiel:

„fohem uuotum, hwer sin fater wari“ (fw)

„forn her ostar giweit, floh her otachres nid“ (fo)

4.) Die letzte Möglichkeit: Gar kein Stab. Beispiel:

„dat sagetun mi usere liuti“

 

Besonderheiten des Hildebrandliedes:

Das Original dieser Dichtung war in Niederdeutsch abgefaßt. Ausdrücke wie  „dat seggen“ oder „luttila“ (little) und „sitten“ zeigen das deutlich. Aber es sind auch süddeutsche Wörter vorhanden. Es bestehen nun die beiden Möglichkeiten:

a) Der Dichter war ein Mann, der überall herumgekommen ist.

b) Wahrscheinlicher ist aber, daß ein Süddeutscher den norddeutschen Text abgeschrieben hat, aber seine süddeutsche Schreibweise angewandt hat.

Die Abwandlungen:

a.) „b“ stabt mit „p“ (prut in bure)

b.)  „k“ stabt mit „ch“ (chununinchriche)

Ebenso fällt noch auf, daß „th“ mit „d“ gestabt wird („ hina miti Theotrihhe, enti sinero degano filu“).

Die Lautverschiebung von „th“ nach „d“ hat schon stattgefunden, denn der Dichter stabt diese Wörter. Aber der Schreiber kommt in Verlegenheit; schließlich behält er die alte Schreibweise bei. An einigen Stellen des Liedes sind auch Punkte mitgedruckt. Hier hat der Schreiber etwas ausgelassen, denn es fehlt der andere Teil des Stabes.

 

Die deutsche Sprache ist nicht nach dem musikalischen Prinzip geformt, sondern nach dem rhythmischen. Den Versbau bestimmt nicht harmonische Klangschöne, sondern der Dichter ist bestrebt, durch Stabung die Töne zu steigern. Dadurch wird eine ungeheure innere Spannung erreicht. Der germanische Stabreim ist im Gegensatz zu dem Gleichmaß römischer Verse ein sehr lebendiger und kraftvoller Reim, der manchmal direkt explodierend wird, wie in „do sie tot der Hilty Riten“. Dieser lange Auftakt, der den Platz zwischen den beiden Hebungen füllt, stellt das gestabte Wort noch einmal besonders heraus.

Später entstand noch eine Volksballade über dasselbe Thema: Die Kämpfer erfahren aber erst nach dem Kampf, wer der andere ist und sie versöhnen sich. Außerdem treffen sie sich allein auf der Heide und sind nicht Abgesandte ihrer Heere. Es fehlt also die ganze Tragik wie sie das Hildebrandslied hat.

 

 

Weitere Sprachdenkmäler

(1.) Merseburger Zaubersprüche: Erst die Schilderung eines Zustandes oder einer Begebenheit; dann die Zauberformel.

(2.) Wurmsegen:  Keine Stabung mehr

(3.) Lorscher Bienensegen: Der heidnische Inhalt ist verschwunden. Das war auch der Grund, weil Mönche (!) diese Sprüche aufgeschrieben haben. Sie wußten, daß die Germanen trotz Bekehrung weiterzauberten. Aber wenn schon, dann im christlichen Sinne: Die Zaubersprüche erhielten christliche Namen und wurden zu einem Segen oder einem Gebet umgewandelt: Beim Weingartener Reisesegen wurde der Stabreim durch den christlichen Endreim ersetzt.

(4.) Wessobrunner Gebet: Hier finden wir wieder hohe Stabreimkunst. Die Form „dat“ ist zwar niederdeutsch, aber           viele andere Formen deuten darauf hin, daß es süddeutsch ist (es wurde auch in Süddeutschland gefunden!):

Bayrisch                               Niederdeutsch

paum, perg   =                     Baum, Berg

                        Firiwizzo        =                     Firiwitto         

forgapi                       =          vergeben

cootlihhe       =                     cootlige

 

„Heliand“ und „Otfried von Weißenburg“

Heliand: Christus ist der Volkskönig. Demütigende Handlungen (Einzug auf dem Esel in Jerusalem!) mußten daher weggelassen werden. Die wichtigsten und entscheidenden Stellen sind jedoch unverfälscht übernommen. Der Heliand ist keine Verfälschung, sondern er hat nur ein anderes Gewand:

Seitdem die Sachsen von den Franken unterworfen waren, kannten sie Schreiber, die den Zins einzogen. So konnte diese Schilderung der Bibel beibehalten werden. Aber die Bewohner Palästinas ziehen nicht zu einer Zählung, sondern zu einer Heerschau der Adligen und Krieger. Josef ist ein mächtiger Fürst, der mit einem großen Gefolge zu seiner Stammburg zieht. Es ist

für die Sachsen undenkbar, daß er keinen Platz erhält. Also kommt Josef auch in einem Gast­hof unter. Um den schlechten Eindruck von der Krippe zu verwischen, wird das Kind in kostbare Gewänder gehüllt. Schafhirten sind für den Dichter des Heiland viel zu gewöhnlich. Bei ihm werden aus Hirten einfach Roßknechte. Aber der Engel stellt dann doch heraus, daß es der gewaltige Weltenherrscher ist, der dort in der Krippe liegt

Die Geschichte mit Malchus wird breit ausgeschmückt. Man merkt direkt die Freude der Zuhörer an dieser Schilderung. Aber auch hier wieder die Mahnung: „Laß dein Schwert in der Scheide“.

Die Sprache ist Niederdeutsch, dem Altenglischen sehr ähnlich. Meist gibt es nur zwei Hebungen, eine im ersten, eine im zweiten Teil der Zeile.

Bann und Botschaft: Stabreim der Rechtssprache; also ein Befehl der unbedingt befolgt werden muß.

Technik der Variation: Zwei Gedanken werden abwechselnd aufgenommen: Der erste Gedanke wird vom zweiten unterbrochen und dieser wieder vom ersten abgeschnitten. Beispiel: Die Mutter nahm ihn, hüllte wohl in Gewand ihn, der Weiber schönste, in kostbare Kleider.

 

Otfried von Weißenburg: Der Dichter war zunächst Mönch im Kloster Fulda zur Zeit des Rabanus Maurus, dann in Weißenburg. Er beginnt seine Evangeliendichtung mit einem Lob der Franken. Es wird erst einmal klargestellt, daß die Franken würdig sind, das Evangelium in ihrer Sprache zu verkünden.

Dies ist das erste längere Gedicht, in dem man versucht hat, den Endreim anzuwenden. Die Reime stimmen allerdings nicht immer überein, häufig reimt sich nur die letzte, unbetonte Silbe. Es wird ein antikes Gleichmaß angestrebt (Vorbild: lateinischer Hymnus, man strebt klangliche ausgewogene Schönheit an).

Der Dichter des Heliand und Otfried haben die gleiche Quelle benutzt. Aber jeder hat etwas anderes ausgewählt, weil er damit einen besonderen Zweck erfüllen wollte: Im Heliand wird mehr Wert auf das äußere Geschehen gelegt. Besonders Dinge, die bei den kriegerischen Sachsen jeden Tag vorkommen könnten, werden ausführlich geschildert. Die Volkszählung ist breit ausgeschmückt, Joseph ist ein König mit vielen Knechten. Auch die Engel passen noch in diese Erzählung hinein: Sie sind die Boten und Streiter Gottes, also keine sanftmütigen Gestalten [Wer sagt denn, daß sie sanftmütig sind?]. Eine mehr innerliche Schilderung des Geschehens hätten die Sachsen gar nicht fassen können.

Otfried bringt aber nun diese andere Seite mehr zur Geltung. Er ist Lyriker, der Freude an der lieblich dahingleitenden Schilderung hat, den die Anschauungen der Sachsen abstoßen würden. Er schmückt das Glück der Mutter aus und ist des Lobes für sie voll. Er braucht aber

nicht mehr zu verschweigen, daß Jesus in einem Stall geboren wurde.

Sein Werk ist ja nicht für die urwüchsigen Sachsen (Heiden!)  geschrieben, sondern in erster Linie für die von Kultur durchdrungenen Franken (außerdem ist es später geschrieben). Ot­fried schreibt aus einem weltabgeschiedenen Kloster. Er bringt viel Auslegung, sein Werk ist mehr ein Bekenntnis. Bei ihm ist nicht Jesus die Hauptfigur, sondern Maria.

Die beiden Dichtungen ergänzen sich ganz gut. Synkretismus wäre allerdings nicht möglich, denn die beiden Arten der Schilderung passen nicht zueinander. Beide Dichtungen sind mit nicht-christlichen Elementen vermengt. Dadurch soll die Botschaft im germanischen Stil nähergebracht werden. Es ist nicht so, daß der Urtext von den Heiden verfälscht wurde.  

 

Karolingische Renaissance

Zur Zeit der Karolinger entdeckt man die antike Form wieder. Deutsche Stoffe werden nun in lateinisches Gewand gebracht, denn Latein wurde zur vornehmen Sprache. Die heidnische Heldensage wird mit antiken Themen vermischt. Dadurch wir die Blüte deutscher Dichtung unterbrochen.

Es wäre aber falsch, die  Werke der ottonischen Renaissance - also eines Notker Balbulus, Cambridger Liederbuch, Hrotswith von Gandersheim und Notker Labeo  - beiseite schieben zu wollen, denn sie werden dann bestimmend für die muttersprachliche Dichtung, die mit der Reformbewegung von Cluny einsetzt.

 

Notker Balbulus:

Die Sequenz ist ein Gesang der Messe, der an die Melismenkette am Schluß des „Alleluja“ trat, denn nun werden die Töne mit einem Text - der Sequenz - unterlegt. Dieses Verfahren wurde wahrscheinlich durch einen Mönch nach St. Gallen gebracht, wo Notker nun deutschsprachige Sequenzen dichtete. Die Sequenzen wurden bis zum Konzil viel gesungen, dann wurden jedoch alle bis auf fünf abgeschafft.

 

Cambridger Handschrift:

Spielmannsgesänge in Sequenzenform mit zum Teil politischem Inhalt. Der Dichter war wohl ein Mönch und beherrscht deshalb diese Sprachform. Nun steht er aber im Dienste eines Königs, denn er singt zu Ehren Ottos III., der  „allzeit hold dem Volk der fahrenden“. Die Handschrift stammt aus Deutschland.

 

Hrotswith von Gandersheim:

Die erste Dichterin deutscher Sprache zeigt in ihren Legenden, dramatischen Dichtungen und geschichtlichen Novellen den Triumph der Reinheit  über die Sinnlichkeit. .Ihr großes Vorbild gerade bei den dramatischen Stoffen ist der antike Dichter Terenz, dessen Werke eigentlich gar nicht für Nonnen erlaubt sind. Hrotswith hat zum ersten Mal den Fauststoff verarbeitet, wobei Faust durch die Gnade Marias gerettet wird (im mi8ttelalterlki9chen Krippenspiel wird er verdammt, bei Goethe durch die Liebe Gretchens gerettet!).

 

Ludwigslied:

(Eigentlich ein Preislied auf einen französischen Herrscher, aber auch noch andere Aufgaben:

-       Lob Gottes, dessen Werkzeug der König ist

-       Predigt (Ansprache vor der Schlacht!)

-       Aufforderung zur Buße

-       Ludwig, der Held, als Einzelkämpfer dargestellt

Es wurde ineinander verwebt: Germanisches Gedankengut und die Anfänge des mittelalterlichen Heldenliedes sowie eigene Gedanken des Dichters.

 

Ruodlieb:

Dieser älteste Roman des Mittelalters ist etwa um 1020 entstanden im Kloster Tegernsee. In einer lebendigen und vor allem realistischen Schilderung wird das Bild eines herumfahrenden Ritters gezeichnet, der ausgenutzt wird, bis er am Hofe Heinrichs I. (der Heilige) unterkommt.

Auch diesem König ist kein Idealbild, aber er hat sich auch wirklich so benommen, wie er geschildert wird: : Er gibt nicht viel, aber stetig, er sorgt sich auch um seine Knechte und unterhält sich nicht nur mit Grafen. An einer Stelle  ist sogar Jägerlatein eingebaut. Eigentlich verwunderlich, denn die Schilderung stammt ja aus einem Kloster.

 

 

 

Der Geist von Cluny:

Die Klöster hatten zu Beginn des M:ittelalters drei Aufgaben: Sie waren religiöse Glaubensstätten, Schulen geistiger Bildung und besonders vorbildliche wirtschaftliche Mittelpunkte. Auch die Regel des heiligen Benedikt (regula Benedicti) besagt: ,,ora et labora“. Die Mönche hatten also in großem Umfang körperliche Arbeiten auf den Gütern des Klosters zu erfüllen. Sie kamen daher in weitgehendem Maße in den Genuß weltlicher Güter. Seelsorge oder gar Mission waren nicht wichtig.

Die Klöster waren bedeutende Lehensträger. Ja, sie konnten das Land gar nicht allein bebauen und verpachteten es daher weiter. Daher mußten ihnen die Ritter Waffendienste leisten. Wenn der Kaiser einen Heerzug unternehmen wollte, mußte er also der Gefolgschaft der Klöster sicher sein. Der Heerbann der Züge nach Italien wurde zum größten Teil von den Klöstern gestellt.

Nun breitet sich aber von dem südfranzösischen Kloster Cluny her im 10. Jahrhundert eine religiöse Bewegung aus, die über das Kloster Hirsau im Schwarzwald auch Eingang in Deutschland findet. Nun empfindet man die Seelsorge plötzlich als Auftrag.  Überall ziehen Wanderprediger durchs Land. In ihren Mahnungen klingt immer wieder an: Das Erdendasein ist nur eine Probezeit. Da das Leben der Menschen aber sündhaft ist, können sie nur auf die unendliche Liebe Gottes hoffen. Dafür ist aber eine völlige Abkehr von der Welt, ja eine Weltverleugnung nötig.

So verbot Papst Gregor VII. , der übrigens aus Cluny stammte, die Investitur (= Einsetzung) geistlicher Würdenträger durch weltliche Herren. Er hatte damit zwar Recht, aber durch diese Maßnahme wurde auch Hand an die Wurzel des Staates gelegt: Der Kaiser war sich der Gefolgschaft der Klöster nur sicher, wenn er die Abtssitze und Bischofssitze immer wieder neu vergeben konnte, denn diese wurden ja nicht vererbt.

Wichtiger für den Deutschunterricht ist jedoch die Bedeutung der Bewegung von Cluny auf die Sprache unseres Volkes. Die Worte der Prediger konnten ja nur in der Volkssprache Gehör finden. Diese war damals das frühe Mittelhochdeutsch. Nun mußten aber auch die Bücher in dieser Sprache geschrieben werden. Es entwickelte sich natürlich kein persönlicher Schreibstil eines Dichters, dazu war die Volkssprache nicht geeignet und die Predigt hätte das Volk nicht angesprochen. Die Sätze waren einfach, klar und deutlich, aber auch ansprechend und gefühlsvoll.

So wird also eine kirchliche Reformbewegung die Ursache einer neuen Dichtform. Es gibt also drei große Abschnitte mittelalterlicher Dichtung:

1.) Die kraftvolle deutsche Literatur der Karolingerzeit.

2.) Die lateinische Literatur der ottonischen Renaissance.

3.) Die frühmittelhochdeutsche Dichtung aus der Reformbewegung von Cluny heraus.

Dies beiden ersten sind durchaus positiv zur Welt eingestellt, trotz ihrer geistlichen Herkunft, haben aber auch keine Wirkung nach außen. In der frühmittelalterlichen Dichtung dagegen

finden wir eine negative Einstellung zur Welt, aber die Predigten wenden sich an das Volk, sind also nicht nur für die Mönche, die Latein verstehen.

 

Die Überleitung zu der neuen Dichtform ist die „Antiphon über den Tod“‚ wenn man den Inhalt und den Sinn des Gesagten betrachtet. Die Sprache ist aber immer noch Latein, deshalb ist diese Antiphon der Ottonenzeit zuzurechnen. Sie ist ja auch nur für den internen Gebrauch und nicht für das Volk bestimmt. Und es ist gerade das Verdienst jener Bewegung, daß nun die lateinischen Dichtungen in die Volkssprache übersetzt wurden. Es kam den Dichtern dabei nicht mehr auf eine kunstvolle Gestaltung der äußeren Form an. Es kommt nur auf den Inhalt der Predigt an: „Nur kurze Frist wird euch gewährt“ ,wie es in dem Gedicht  „Gedenket des Todes“ gesagt wird.

Auch die Mariensequenz, die Botschaft Gabriels an Maria, lag schon in Latein vor. Der Dichter hat bei der Übersetzung allerdings noch eigene Gedanken mit verwandt. Zart und mitfühlend ist besonders die Gestalt der Maria gezeichnet. Der Dichter, Herrmann der Lahme, war

von der Reichenau. Später waren die Zisterzienser wie ihr Gründer Bernhard von Clairveaux die Träger der Marienverehrung. Übrigens kommt die Marienverehrung auch in den Bildwerken dieser Zeit zum Ausdruck: Maria ist die thronende Himmelskönigin, die nach streng romanischen Ansichten dargestellt wird (In der Gotik dagegen wird Maria mehr als Mutter dargestellt).

Durch die Übersetzung immer weiterer lateinischer Gedichte wird die geistliche Literatur zum Klischee. So suchen die Pfaffen - dieser Ausdruck war damals noch kein Schimpfwort - nach neuen Wegen der Verkündigung. In der Zeit der Kreuzzüge lockt natürlich der geheimnisvolle Orient zu mitreißenden Abenteuerschilderungen. Aber dieses Werk ist doch cluniazensich, denn der große Alexander wird auf dem Höhepunkt seiner Macht von Gott gerichtet, weil er sich vermessen hat, die Welt erobern zu wollen.           

Das Rolandslied erzählt von dem Kampf eines Ritters gegen die Heiden und das Annolied schildert das Leben eines gottesfürchtigen Menschen. Das Zeitalter der geistlichen Dichtung geht damit zu Ende,  und es beginnt die weltliche Ritterliteratur des Hochmittelalters.

 

Das Waltharilied

Ein echtes Werk Karolingischer Renaissance ist das Waltharilied. Man hielt es jedoch nicht für möglich, daß ein deutscher Dichter dieser Zeit ein solches Werk schaffen konnte: Er sollte es von einem älteren germanischen Urlied abgeschrieben haben (Es wird aber der lateinische Name „Attila“ genannt und nicht das germanische „Etzel“).

 

Inhalt:

Attilas Zug nach dem Westen in der Einleitung ist durchaus auf geographisch-historische Gelehrsamkeit gegründet, die gewiß nicht aus deutscher Heldendichtung genommen ist, der so geartetes vollkommen fremd ist.

Die anschließenden Schilderungen vom Leben am Hunnenhofe gemahnen gleichfalls am ehesten an Priscus. Die Dreiheit Walter - Hagen - Attila, die Freundschaft jener beiden, ihre Bestellung zu Heerführern, Angebot und Ablehnung einer Heirat durch den Helden verraten unabweisbar Erinnerungen an die alttestamentlichen Erzählungen von David, Jonathan und Saul.

Es folgt eine Schlachtschilderung, gewiß beliebter Gegenstand unserer Heldendichtung, aber im Gegensatz zu ihr ganz als Völkerschlacht aufgezogen ohne Einzelkämpfe der Helden und als Ganzes wie in allen einzelnen Motiven völlig von Vergil eingegeben.

Das Gespräch mit Hildegund zeichnet einen unseren heimischen Dichtern unbekannten Frauentyp voll Demut und Angst. Dabei soll Hildegund als Kämmerer auch über Attilas Waffenkammer walten, eine unerhörte Vorstellung. Das anschließende Gastmahl wäre als Motiv auch heimischer Dichtung geläufig, läßt aber den Sänger beim Mahle vermissen und lebt ganz von der Erinnerung an Virgil und Vulgata.

Im Folgenden werden nun die Kämpfe Hauptinhalt des Epos, aber gerade hier häufen sich die Unmöglichkeiten, die Einzelne als Wiedergabe deutscher Heldendichtung ansehen werden, möge sie stab- oder endreimend gewesen sein. Der Held entführt eine Frau. Wir haben im germanischen Bereiche eine lange Reihe solcher Entführungssagen. Wo aber äußerte ihr Held derartige Furcht vor den Verfolgern, wo böte er Gold an, um allem Kampfe zu entgehen wie Waltharii? Unterwegs fängt er Vögel mit Leimruten, eine Übung, die dem Daphnis in des Longus Schäfer-Roman entschieden besser ansteht als einem germanischen Helden, da doch selbst der Knabe Parzival seine Vögel wenigstens mit Bogen und Bolzen vom Baume holte. Auch die Angelrute liegt in des todkranken Gralkönigs Hand würdiger als in der des jugendkräftigen Walthari.

Es ist auch etwas anderes, wenn in dem zwei Jahrhundert jüngeren Ruodliebroman der Held als königlicher Oberjägermeister ein höfisches Publikum mit dem Zauberkunststück seines Fischens unterhält, das sich auf Plinius beruft. Und es ist das für ein Kriegsheld, der dem Fährmann die Überfahrt mit einem von ihm geangelten Fische bezahlt! Wo ein wirklicher Held am Ufer steht, zahlt er mit dem Goldbaug, den er dem Fergen (Fährmann) an seines Schwertes Spitze reicht. Was ist das für ein Heldenkönig, der einem gebratenen Fische abschmeckt, daß er nicht im Rhein gefangen sein kann, und Koch und Lieferanten kommen läßt, um festzustellen, woher er stamme!

Ein Hagen, der von Tränen überströmt ist, als er den Neffen zum Kampfe gegen einen starken Gegner eilen sieht, Besiegte, die um ihr Leben winseln, die Gefolgschaft eines großen Königs, in der sich keiner findet, der dem Befehle zur Verfolgung eines Flüchtling .nachzukommen getraute, ein Krieger, der mit einer Handbewegung über die Pflicht der Blutrache innerhalb der Sippe hinweggeht: das sind alles Unmöglichkeiten in einem Heldengedichte. Und wie verschieden von deutscher Heldendichtung ist durchgehend die Stimmung dieser Erzählung! Es handelt sich dabei nicht nur um das Happyend, das unserer Heldendichtung zum mindesten ungewöhnlich ist. Aber das Epos zeigt überhaupt keine Spur von tragischer Stimmung, wie sie unserer heroischen Dichtung durchweg eigen. Nach den grausigsten Verstümmelungen findet die Geschichte einen heiter umscherzten Ausgang, und der Held wird noch dreißig glückliche Jahre leben und regieren, und wenn er nicht gestorben ist….   In dieser Heldendichtung wird die unvermeidliche Tragik des Lebens dadurch überwunden, daß ihre Gestalten sie auf willige Schultern nehmen.

 

Parallelen zu Statius:

Inhaltlich hat die Thebais des Statius viel gemeinsam mit dem Waltharilied. Beides Mal zieht ein Einzelner durch ein fremdes Land  (Walter friedlicher Fremdling - Tydeus Gesandter). Obwohl sie unter einem  heiligen Schutz stehen sollten, läßt sie der machtgierige Landesherr von einer Schar auserlesener Krieger überfallen. Der Angegriffene überwindet aber alle seine Feinde. Nur einer bleibt übrig, und gerade der hat das Unglück vorausgesagt (Hagen). Am Schluß des Kampfes steht ein Dankgebet an die schirmende Gottheit.

Aber gerade das Kernstück des Walthariliedes, die Schilderung der Einzelkämpfe, erinnert sehr stark an den Kampf des Tydeus aus der Tebais:

1.) Bei Statius wird zwar gesagt, daß es 50 Angreifer waren, aber es werden auch nur elf Einzelkämpfe geschildert.

2.) Vor dem Kampf fordert Walter seine Hände auf, wie bisher ihre Pflicht zu tun (aus einer anderen Stelle der Thebais).

3.) Dem ersten Speer weicht Walter aus und wirft ihn dann zurück.

4.) Die Lanze Walters geht durch den Schild eines Feindes, durchbohrt dessen Hand und heftet sie mit samt dem Schenkel auf den Rücken des Pferde

5.) Einer fleht Walter um Gnade an, doch dieser tötet ihn.

6.) Hagen weint um seinen Neffen - bei Statius ist es der Bruder.

7.) Einer der Angreifer hat eine Streitaxt (die verschiedene Art der Waffen macht die Schilderung lebendiger)

8.) Nachdem schon sieben der Kämpfer tot sind, muß ihr Anführer die anderen wieder in den Kampf treiben.

9.) Walter bemächtigt sich des Schildes eines gefallenen Feindes.

10.) Ein Angreifer schleudert einen Felsbrocken gegen Walter - bei Statius wirft der Held.

11.) Der Sieger schmäht die Sterbenden mit Spottreden.

Der Zusammenklang ist im Wesentlichen auf den Inhalt beschränkt Der Dichter des Walthari­liedes wollte den geschwollenen Stil der Thebais nicht wiedergeben. So hat er den Stoff mit den Worten Vergils wiedergegeben.

Beide Schriften wurden in der Schule gelesen. Der Dichter hatte sie gut im Gedächtnis und konnte immer wieder aus ihnen schöpfen. Es ist also nicht so, daß er einfach abgeschrieben hat. Er hat vielmehr aus lauter entlehnten Mosaiksteinchen ein neues farbenfrohes Bild entstehen lassen.

Die Dichtung hat aber nur wenige innere Probleme. Das Herbe der germanischen Heldendichtung wird abgelehnt. Die ganze Geschichte ist vielmehr von einem heitern Optimismus gezeichnet. Die Menschen der Karolingerzeit wollten fröhlich sein, denn der Glaube forderte noch keine Abkehr von ihnen.

Es ist zwar denkbar, daß der Dichter eine ältere deutsche Dichtung  in stabreimenden Versen in ein antikes Gewand (Stoff, Sprache, Gedanken) umgeschrieben hat. Er hat auch deutsche bzw. germanisch Dichtung gekannt:

-       Nibelungenlied: Namen,  Attila wird berauscht, Wind könnte das Haus anzünden.

-       Hildesage: Namen, der Held flieht mit einer Frau, wird verfolgt, will für Gold den Frieden erkaufen.

-       Wielandsage: Die Brünne (Rüstung) war von Wieland gefertigt. Hadawart droht: Du kannst der Rache meiner Verwandten nicht entgehen, auch wenn du ein Federkleid anlegtest.

-       Hildebrandslied: Der Held kehrt von den Hunnen heim, kommt mit einem ihm persönlich nahestehenden. Mann in Konflikt, den er vergebens abzuwenden versucht.

Aber dazu kommt in noch viel größerem Maße der Einfluß antiker Dichtung. Was ist denn überhaupt noch deutsch oder germanisch?

 

Unterschiede  zur Thebais:

1. Das Waltharilied ist in keiner Weise märchenhaft, sondern realistisch. Walter steht den zwölf Feinden jeweils einzeln gegenüber und die Kämpfe strengen ihn sehr an. Tydeus dagegen wird gleichzeitig von 50 auserlesenen Kriegern bei Nacht angegriffen, tötet 49 davon und trägt selber nur kleine Wunden davon.

2.) Tydeus ist erfüllt von dem Stolz des Siegers und opfert der blutrünstigen Schlachtgöttin. Walter ist voll Reue und Leid, daß er soviel Blut hat vergießen müssen. Er fügt den Erschlagenen wieder die Köpfe an, daß sie nicht so entstellt aussehen (Bei Statius kommt das an anderer Stelle auch vor, aber dort sind es die Angehörigen, hier ist es der Feind, der diesen letzten Liebesdienst erweist. Und nun ist zweierlei zu betonen.

Erstens: daß das Bild des Helden dadurch in keiner Weise unglaubhaft wird. Zu dem genialsten, was Geraldus geleistet hat, kann man den Charakter des Helden zählen. Wie vielseitig ist Walthari in diesem doch immerhin nicht langen Epos charakterisiert. Tapferkeit paart sich in ihm mit Klugheit, Umsicht, Besonnenheit, realistischer Nüchternheit; zarte Rücksicht und rührende Fürsorge für die Geliebte, die sich ganz in seine Hände gegeben hat, die scharfe Zunge, der grimmige Humor, der ihn immer, wo es zu einem Wortstreit kommt, das letzte Wort behalten läßt. Dazu kommt nun dieser Zug einer tief innerlichen Frömmigkeit. Dadurch wird sein Bild aber in gar keiner Weise unglaubhaft.

Zweitens aber: Das Heldentum Waltharis wird durch diesen Zug keineswegs abgeschwächt, aufgeweicht verwässert. Solange der Kampf dauert, solange die Feinde ihm nach dem Leben trachten, so lange kämpft er eben, tapfer und schonungslos bis zum letzten. Aber er ist kein Raufbold, er sucht den Kampf nicht, bemüht sich vielmehr aufs äußerste, ihn zu vermeiden. Wird er ihm aufgezwungen, dann ficht er ihn durch bis zum letzten und mit Aufgebot aller Kräfte. Dann aber, wenn der Kampf vorbei ist und die Gefahr,  ist alle Kampfeswut, aller Haß vergessen, Liebesdienst wird dem toten Feind erwiesen.     

Hier handelt es sich nicht nur um den Charakter dieser einen literarischen Gestalt. Hier sind wir auf dem Wege zum christlichen Ritterideal. Hier können wir gerade aus dem Vergleich dieser beiden Stellen bei Statius und Geraldus deutlich hineinschauen in das Werden dessen, was wir abendländische Kultur nennen, unseres kostbarsten und gerade in unseren Tagen mehr denn je gefährdeten Besitzes. Diese abendländische Kultur ist ja erst im Mittelalter erwachsen aus den drei Wurzeln: Antike, Christentum und Germanentum. Hier in unserer Szenenfolge geschieht das scheinbar Unmögliche: die Vermählung dieser Elemente und zwar eine solche, bei der antikes und zugleich germanisches

Heldentum nichts einbüßt von seiner Kraft, sondern ein ganz Neues entsteht. Waltharius ist noch weit entfernt von dem christlichen Ritter, wie er uns im Hochmittelalter gegenübertritt. Aber der Anfang ist hier gemacht. Es ist sehr gut möglich, ja, angesichts der weiten Verbreitung und des Ansehens, dessen sich dieses Epos im Mittelalter erfreut hat, für höchst wahrscheinlich, daß diese von Geraldus geschaffene Heldengestalt sehr wesentlich dazu beigetragen hat, das Ideal des christlichen Ritters zu formen, das ja eine der wichtigsten Schöpfungen der abendländischen. Kultur ist.

 

Übereinstimmungen:

Walter und Hagen sind Heerführer Etzels, der Schauplatz ist derselbe.

Die Charaktere der Männer sind genauso:

Gunter ist auch wieder der Prahler, der die Kämpfe gern anderen überläßt.

Er hat die Gastgeschenke zurückgewiesen, weil er den ganzen Schatz haben will.

Walter ist nicht der furchtlose Übermensch, denn Hildegunde muß ihn ermuntern

Abweichungen:

Die Namen stimmen zwar überein, aber Gunter ist der König der Burgunder, Walter dagegen der König der Franken.

Walter hat noch ein zweites Schwert Mimmung (aus der Wielandsage bekannt), das er aber nur ungern zieht.

Hildegund ist herber und männlicher.

Walter hält eine Ansprache an Gunter.

 

Verfasser:

Schon Jakob Grimm nahm an, daß das Waltharilied ein Werk des St. Galler Mönches  Ekke­hard I. sei, der es etwa von 925 bis 930 geschrieben haben soll. In dem Geschichtswerk „Casus St. Galli“ wird nämlich ein „Vita Waltharii manu fortis“ erwähnt. Dieses Werk hat jedoch in Wahrheit nichts mit dem Heldengedicht zu tun: Vor dem Epos steht der Geraldus Prolog. In ihm wird erzählt, daß ein Mann namens Geraldus einem Kirchenfürsten eben dieses Epos überreicht.

1.) Geraldus war nicht der Herausgeber, der das Werk wieder aus der Versenkung hervorgeholt hat, denn dieses hat sofort großen Anklang gefunden (siehe Nachdichtungen!)

2. Mit den Worten „de larga cura“ rühmt sich der Verfasser seines Fleißes (das durfte man damals!) und er nennt keinen anderen Verfasser.

3.) Zwischen dem Prolog und dem Epos besteht aber ein großer Stilunterschied. Der Prolog ist schwerfällig, im Ausdruck dunkel und unverständlich, der Versbau ist sehr steif und unbeholfen. Hier hatte der Dichter nicht so eine gute Übung wie im Epos und die Worte flossen ihm nicht so leicht aus der Feder. Aber die Art, wie er mehrere Vorlagen zu etwas neuem zusammenschweißt, ist genau dieselbe wie im Epos.

4.) Es werden einige Dichter sowohl im Prolog als auch im Epos verwandt. Die beiden Werke sind also von demselben Dichter. Gemeinsamkeiten sind festzustellen bei: Heiric, Hraban, Theodulf und Audradus Modicus.

Ein Einwand: Unter dem Epos steht „explicit librum. Tifridi episcopi crassi de Civitate nulla“ (= das Buch ist zu Ende, der dicke Bischof Tifrid von Nirgendsstadt). Der Prolog wurde unterschlagen und man schrieb das Epos allen möglichen Leuten zu (der lustige Titel stimmt natürlich nicht!).

Der angeredete Kirchenfürst war der „summus pontifex Erchambald“. In den Bischofslisten dieser Zeit ist aber nur einer dieses Namens verzeichnet: Erchambald von Eichstätt (882 - 916). Geraldus muß also in der Nachbarschaft gelebt haben. Darauf deutet auch der Name „Wirinhardus“ hin, denn die Lautverschiebung von „e“ zu „i“ ist spezifisch bayrisch. Diese war aber erst Ende des 9. Jahrhunderts abgeschlossen. (Zweiter Anhaltspunkt für Datierung).

 

Die Stellung des Dichters zu den Franken:

Der Dichter war wohl kein Franke, denn sonst hätte er nicht so über dieses Volk geschrieben. Er hat Respekt vor den Franken und schätzt sie als Volk hoch ein, aber er liebt sie nicht. Die Franken erleiden eine schimpfliche Niederlage. Ihr Anführer Gunter (das Gegenstück zu Walter) wird als minderwertiger Charakter geschildert: brutal, unreif, verzogen, unbeherrscht, ohne moralische Bedenken. Er folgt plötzlichen Eingebungen haltlos und hält starrsinnig daran fest. Als Krieger macht er eine klägliche Figur, denn er steht lieber abseits (Aber er ist auch kein Feigling, denn er verteidigt seine Ehre gegen Walter!).

Der Dichter gibt immer nur solche Charakteristiken von  einzelnen. Das Volk aber behandelt er durchaus mit Achtung. Das Wort „nebulones“ wollte man immer als eine abfällige Bezeichnung deuten (Windbeutel, Taugenichts). Es ist aber ein Eigenname.

Die Franken bezeichnen sich als „caput orbis“. Das konnten sie aber nur, als sie die Krone des Imperium Romanum trugen (9. Jahrhundert). Das Waltharilied ist also eine Dichtung der Karo­lingerzeit.

 

Datierung:

Man hat die gesamte Dichtung der Römer bis ins 10. Jahrhundert durchgesehen.

Man stellte fest, daß der Dichter des Walthariliedes die  lateinischen Dichter Vergil, Juvencus, Statius, Venantius Fortuatus, Prudenz, Valerius Flaccu, Ovid, Silius und Coripp  gekannt hat.

Der Dichter hat aber auch aus den Werken der Karolingerzeit entlehnt. So aus der „Vita S. Germani“ des Heiric von Auxerre, die 873 erschien. Heine verwendet das Wort „collega“ nur im Sinne von „Amtsbruder“. Bei Waltharius ist diese Bedeutung  aber auf „Hagano collega“ erweitert.

Es lassen sich sowohl sprachliche als auch sachliche Parallelen feststellen.

Entlehnungen aus dem Waltharius:

1.) „Poeta Saxo“ ist zur Zeit König Arnulfs (887 - 899) in den Annales.

2.) „Gesta Parisiacae urbis“ von Abbo: Das Buch wurde zwar erst 897 herausgegeben, aber die geschilderte Belagerung von Paris durch die Normannen war schon in den Jahren 886 bis 887. Der Ausdruck „Vah“ kommt sonst in keiner Literatur vor und der Ausdruck „Innumeratos“ erscheint in der anderen Literatur nur  als „innumerus“

Das Epos ist also zwischen 873 und 890 entstanden. Ekkehard starb aber erst 973, kann also nicht der Dichter gewesen sein. Wir haben es hier mit einem Werk echt karolingischer Renaissance zu tun.

 

Ort der Einzelkämpfe:

Die verstreuten Angaben im Text über den Ort der Handlung sind zum Teil widersprechend. Aber im heute als Vogesen bezeichneten Gebirge kann der Kampfplatz nicht gewesen sein. Die nördlichsten Ausläufer der Vogesen sind immerhin 83 Kilometer Luftlinie von Worms entfernt und Gunter holt in einer Nacht neue Streiter herbei, nachdem die Flüchtigen schon  am Abend angekommen waren. Man nimmt an, daß der Schauplatz der Kämpfe der Wa­sichen­stein bei Obersteinbach an der pfälzisch-elsässischen Grenze war (Volksmunderzählung!).

 

Zu wenig beachtete Partien:

Das Epos besteht aus drei Hauptteilen von ungefähr je 400 Versen.

-       Die Ereignisse am Hunnenhofe

-       Die Einzelkämpfe

-       Der Endkampf.

Die beiden letzten Teile gehören enger zusammen und der erste Teil wird nur noch selten erwähnt. Die Brücke vom ersten zum zweiten Teil bilden ungefähr 240 Verse. Sie schildern die Ankunft der Flüchtigen und die Ereignisse bis kurz vor den Einzelkämpfen.   

Der Schauplatz wechselt nicht weniger als achtmal. Aber nicht nur dadurch wird eine ungeheure Spannung erzeugt, sondern auch in besonderem Maße durch die ständigen Mahnungen Hagens vor dem Kampf; fünfmal versucht Hagen, seinen Herrn umzustimmen, und als letzten Trumpf spielt er seinen Traum aus, der den unglücklichen Ausgang des Kampfes vorausschildert. Hagen will dadurch der Entscheidung in seinem inneren Konflikt entgehen, aber er kann sie nur aufschieben.

Um Walter an das Hunnenland zu fesseln, will ihm Etzel eine hunnische Frau geben. Er zeigt diese Absicht aber nicht offen, sondern er schützt Wohlwollen vor. Walter dagegen will mit Hildegund fliehen. Er darf sich jedoch auch nicht die Gunst des Königs verscherzen.

Walter entgegnet also, durch eine Familie würde er nur von dem Bestreben abgehalten werden, dem Hunnenreiche voll und ganz zu dienen. Er redet den Herrscher erst mit „ihr“ an, dann mit „du“ und schließlich mit „pater optime“. Mit aller Wärme überzeugt er den König

von seiner Aufrichtigkeit. Der Ton seiner Rede ist unterwürfig und schmeichelnd, ein Beweis für die große Klugheit Waltharis. Umso größer ist dann der moralische und physische Katzenjammer (vom Wein!), der mit großem Behagen geschildert wird. Der Stil dieser Rede ist übrigens genauso wie im Prolog des Geraldus, ein weiterer Beweis, aß Prolog und Epos von demselben Dichter stammen.

 

Die Entstehung des Walthariliedes, wie sie sich Friedrich Panzer vorstellt:

Der jüngere Sohn eines freiadeligen Hauses wird zum geistlichen Stande bestimmt, für den seine früh bemerkbaren geistigen Fähigkeiten ihn hervorragend geeignet erscheinen lassen. Er wird zur Erziehung für seinen Stand einem der freiherrlichen Benedektinerklöster seiner

Heimat übergeben, die ich mir etwa von der Grundlinie Mainz - Straßburg gegen Westen sich dehnend vorstellen möchte.

In der Klosterschule lernt er Latein, die Epik Virgils, Ovids, des Statius werden ihm bekannt. Seltsam Vertraut mutet ihr heroischer Gehalt den Schüler an, der in früher Jugend daheim den Erzählungen deutscher Heldensage und -dichtung mit Begierde gelauscht hat. Das innerlich Verwandte aber begegnet ihm in der römischen Epik in völlig neuer Form. Er ist berauscht von der reifen Kunst, die in Virgils Änäis vor allem sich offenbart.

Sein wunderbares Gedächtnis hält weite Abschnitte dieses Heldensangs aufs treueste fest. Er träumt in Virgil'schen Versen und fühlt in sich die Fähigkeit, selbst wohl die gleiche Leier mit souveräner Kunst zu rühren. Müßte es nicht eine herrliche Wirkung tun, auch einen heimischen Stoff in dieser Kunstform zu gestalten? Etwas wie den Inhalt des Liedes vom Untergange der Burgunden oder der  Hildesage? Seiner lebhaften Phantasie, seinem Gedächtnis, seiner Lust selbst zu erzählen ist bald ein Stoff gefunden. 

Von der Entführung einer Frau und ihrer Behauptung gegen einen feindlichen Angriff, wie das die Hildesage berichtet, hat doch auch Ovid in seinen Metamorphosen von Perseus erzählt. Der verteidigt die Frau in zahlreichen Einzelkämpfen, die bunte Farbigkeit der Schilderung gestatten. Und ist nicht eine sehr ähnliche Geschichte vom Überfall auf einen Heimkehrer, der sich gegen eine Überzahl von Feinden in  Einzelkämpfen behauptet, schon bei Statius erzählt?

Wenn man dies nun die Umwelt der Völkerwanderungszeit hineinstellte, in der die Stoffe deutscher Heldendichtung stehen, wenn man die eindrucksvollste geschichtliche Figur dieser Zeit, den Hunnenkönig Attila auftreten ließe, geschildert in den Farben lateinischer Geschichtsschreibung, mit der man aus der Schule vertraut ist?

Das Werk entsteht und mit ihm ein Besteller mittelalterlicher Kunst. Von der Lombardei bis nach dem mittleren Norwegen, von Mittelfrankreich und England bis nach Polen wird es immer wieder abgeschrieben und bearbeitet, wird in England und Deutschland in heimische Dichtformen umgegossen, gewinnt auf die deutsche Heldenepik, auch wo sie zu ihrem Gipfel aufsteigt, weitgehen den Einfluß.

Und behauptet sich bis in die Gegenwart hinein wie kaum eine andere mittelalterliche Dichtung in der Gunst eines ausgebreiteten Lesepublikums, wie die zahlreichen Ausgaben, Übersetzungen und Bearbeitungen erweisen mit samt einer ausgedehnten wissenschaftlichen Literatur, der als letztes Stück diese Studie sich anschließt, geschrieben auch von einem, den der Sang von Waltharius und seinen Kämpfen im Wasgen-Wald von seiner Schülerzeit an freundlich durch ein langes Leben begleitet hat.

 

Nachdichtung des Walterepos:

(1.) Die „Thidreksage“ aus Norwegen (13. Jahrhundert) ist nur ein Auszug aus dem Epos, denn sie hat noch genau  die lateinische Form des Epos. Manche Sätze sind wörtlich (natürlich übersetzt) übernommen. Aber der Sagaschreiber hat nach dem üblichen Verfahren mit aller Gewalt versucht, diese Geschichte in den großen Rahmen seiner Dichtung einzubauen. Er hat Vieles gekürzt. Dadurch steht plötzlich ein Satz belanglos in dem Gefüge der Saga, der im Waltharilied durchaus Sinn hatte.

Der Schreiber hat auch eine Sache nicht verstanden: Bei ihm werden die Flüchtigen von den Hunnen eingeholt und zum Kampf gestellt. Dadurch fällt der innere Kampf des Hagen zwischen Lehenstreue und Freundschaft weg. Gegen Schluß der Erzählung wird willkürlich gewaltsam gekürzt. Die Einzelkämpfe werden in einem einzigen dürren Satz erwähnt. Anschließend findet gleich der Kampf zwischen Gunter und Hagen einerseits und Walter andererseits statt. Dabei wirft Walter dem Hagen eine Eberkeule ins Gesicht. Dieses Motiv ist völlig stillos aus einer skandinavischen Saga entnommen. Es war nämlich Sitte nach dem Essen die Knochen in der Gegend herumzuwerfen.

Diese Saga hat also keinerlei selbständigen Quellenwert, zeigt aber, wie weit die Verbreitung des Stoffes reicht: Von Novalese in Italien bis nach Bergen in Norwegen und von Toul in Frankreich bis nach Polen.

 

(2.) Auch der Dichter des „Nibelungenliedes“ kannte den Walterstoff, denn er setzt ihn voraus (1756, 1797, 2344). Die weit entfernten Schauplätze sind dieselben. Auch die Charaktere wurden nicht verändert. Nur um die Dichtung weiter ausspinnen zu können, weicht er in einigem von der Vorlage ab.

Es darf keine Spannungen zwischen dem Hofe Etzels und den Burgundern geben, denn Etzel soll ja einmal Kriemhild heiraten. Also wird Hagen heimgeschickt und braucht nicht zu fliehen.

In dem Kampf am Wasichenstein darf es keine so schweren Verletzungen geben, denn für den weiteren Verlauf der Handlung kann man keinen einäugigen Hagen und erst recht nicht einen einbeinigen Gunter gebrauchen. Als Ort der Handlung wird übrigens der Wasgenstein genannt, eine Weiterbildung des umfassenderen Begriffes Vogesen (deutsch: Wasgenwald). Der Wasichenstein dagegen hat seinen Namen durch die Sage erhalten.

 

(3.) Das mittelalterliche „Walterepos“ bringt nicht viel Neues, denn der Dichter hat nur eine geringe stoffliche und sprachliche Formungsgabe. Er übernimmt die Abänderungen des Nibelungenliedes und walzt  den Schluß in höfischen Sinne breit aus, so daß sich alles in Wohlgefallen auflöst (Gunter wird sogar zur Hochzeit eingeladen!)

 

(4.) Von dem altenglischen „Waldere“ sind uns nur zwei Bruchstücke überliefert, die nicht aneinanderpassen. Der Schreibstil sieht nach Prosa aus, es ist aber in stabreimenden Langversen abgefaßt, die allerdings teilweise sehr entstellt sind. Der größte Teil des Stückes besteht aus Reden, wobei aber nicht gesagt wird, wer redet; dadurch wird eine Deutung  ungemein schwierig.

Die Quelle hierfür ist auch das „Waltharii manu fortis“ und nicht umgekehrt, denn das altnordische Lehnwort „gripa“ (aus gripr) kann erst im 10. Jahrhundert mit den Wikingern nach England gekommen sein. Außerdem war der Verfasser wohl ein Mönch, der ohne weiteres

Zugang zu dem lateinisch geschriebenen Waltherepos hatte. Er hat es dann wohl im Beowulf­stil umgearbeitet. Aber es ist auch eine stilistische Verwandtschaft mit dem Hildebrandslied festzustellen. Vielleicht ist er Dichter in Deutschland auf das Walthari-Epos gestoßen.

 

Übersetzungen  ins Deutsche:

Das Waltharilied ist in leoninischen Hexametern geschrieben, wobei sich manchmal die Zessuren reimen. Falsch ist also eine Übersetzung im Stabreim (Paul von Winterfeld). Richtig ist also eine Übertragung in Hexametern (Althoff), wenn es auch keine leoninischen sind. Dieser Reim ist schon im Latein sehr schwer; deshalb hat Geraldus auch so viel bei anderen Dichtern die Hexameterbeispiele entlehnt. Die sehr freie Endreimübersetzung Viktor von Scheffels entspricht in keiner Weise dem Gedicht, denn sie ist viel zu weich und klingend.

Man kann genau feststellen, wer von wem abgeschrieben hat. Im Original gibt der Hexameterteil einen guten Sinn,  er paßt gut in den  Stil. Im Text des Abschreibers klingen diese

jedoch fremd. Geraldus hat diese Übertragung nun noch ganz raffiniert gemacht: Er wollte vertuschen, daß er bei Statius abgeschrieben hat  und verwendet deshalb Worte aus Virgil.

 

 

 

 

 

 

Das Nibelungenlied

Die Sprachstufe von 1100 bis Luther ist das Mittelhochdeutsch. „Der Nibelunge Not“ ist entstanden um 1200, gleichzeitig mit den Werken von Hartmann von Aue,  Gottfried von Straßburg, Wolfram von Eschenbach, Walther von der  Vogelweide.

Die erste, allgemein gehaltene Strophe ist jünger, denn in ihr reimen sich auch die Innenzeilen (Kreuzreim). Das Lied hat also ursprünglich mit der zweiten Strophe angefangen. Es erzählt deshalb von Kriemhilt, die gleich erwähnt wird.

Die Namen lassen sich alle urkundlich nachweisen: Gunter hat von 411 - 437 regiert, bis er von den. Hunnen vernichtet wurde. Seine Verwandten sind Gibica, Godomar (deutsch: Gernot), Gislaharius, die auch in nordischen Sagen erwähnt werden. Kriemhilt ist dort allerdings die Mutter und die Tochter ist Gudrun (Stabtreim!). Der Name Kriemhilt ist in burgundischen Urkunden nicht erwähnt. Eigentlich müßte sie ja auch „Grimhilt“ heißen, damit der Name mit den Namen der Verwandten stabt (wichtig für das Preislied!). Diese Namen wurden übrigens alle schon im 10. Jahrhundert im Volk als Vornamen benutzt; also war das Lied damals schon bekannt, wurde aber erst später aufgezeichnet.

 

Datierung:

Kriemhilt träumt von einem Falken. Die Falknerei ist aber erst in der Ritterzeit bekannt. Wir haben es hier mit dem jüngsten Motiv zu tun. Das Mädchen zieht sich einen Falken, der des Symbol für den Geliebten ist. Dies wird ebenso geschildert, stellenweise wörtlich übereinstimmend, in einer provencalischen Erzählung über den Troubadour Guirant de Bornelh. Dieses Lied wurde im Winter 1191/ 1192 auf dem Kreuzzug in Antiochia gedichtet.

Das an die Deutung des Traums anschließende Gespräch über die. Liebe ist entnommen aus dem Eneit des Heinrich von Veldecke. Dort steht es allerdings zu recht, in das Nibelungenlied paßt es aber nicht (blindes Motiv). Also war der Eneit früher. Er wurde 1184 bis 1190 vollendet. Die Völsungensaga dagegen benutzt das Nibelungenlied. Sie ist in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden. Das Nibelungenlied ist also um 1190 entstanden.

 

Siegfried:

Die Familiennamen Siegfrieds staben. Das ist aber nur eine Angleichung an die Preislieder. Die Namen sind erfunden (die Frauennamen können nur durch Zufall staben) bzw. sie sind aus einem Märchen. Siegfried ist keine geschichtliche Gestalt. Man will aber in der zweiten  Aventiure darstellen, daß er aus dem Ritterstand stammt. Deshalb die Erwähnung der Abstammung und die genaue Schilderung der ritterlichen Erziehung.

Siegfried ist unbändig stark (Märchen vom starken Hans!). Kaum wird von einem Mädchen erzählt, schon hat er sich in dieses Mädchen verliebt (Märchenmotiv). Er übt nur das Kämpfen, er hat keine geistige Erziehung (Tristan dagegen wird auch ausgebildet im Musik und Sprache).

 

S p r a c h l i c h e  E i g e n a r t e n  des Nibelungenliedes:

Reimtechnik:

Jede Langzeile endet mit einem einsilbigen Wort., mit zwei kurze Silben (sagen)  oder mit einer Betonung der zweiten Silbe (genoz).

Jede Strophe hat 29 Hebungen, von denen jeweils eine an den Zeilenenden ist, denn diese Silbe ist immer betont. Die Strophe hat allerdings 60 - 70 Silben, weil die Zahl der Auftakte verschieden ist. Am Ende der ersten drei Langzeilen ist eine Pause von einem Sprechtakt zu machen, die an Stelle von drei Silben steht. Nur in der 4. Zeile wird auch diese Pause durch eine weitere: Hebung ausgefüllt. Dort macht man aber trotzdem eine längere Pause, weil hier ein Sinneinschnitt ist, denn jede Strophe ist in sich geschlossen (Das Lied wurde früher gesungen!). Nur in 57 von 2.379 Fällen läuft das Ende einer Strophe in die andere über (sogenanntes „Enjenbement“).

An den Zäsuren erfolgt immer die Dehnung. Darum muß die betonte Silbe lang sein. Bei einem Wort wie „recken“ dagegen erreicht man die Dehnung durch Position, d.h. durch einen Doppelbuchstaben.

 

Diese strenge metrische Form des Liedes übt einen Zwang in Klang und Maß der Verse aus. Dieses Pressen in eine symmetrische Form wird noch verstärkt durch die Vorschrift über den Zeilenstil:

(1.) Strenger Zeilenstil: Jede Zeile ist in sich geschlossen und kann für sich allein stehen (deshalb gibt es auch im Mittelhochdeutschen oft Hauptsätze, wo wir im Neuhochdeutschen nebenordnen!). Die Bindung wird durch den Reim hergestellt. Beispiele: 142, 143, 148, 150, 162, 165.

(2.) Freier Zeilenstil: Die Langzeilen sind zwar noch eine ungeteilte Einheit, aber sie stellen keinen selbständigen Satz dar, weil immer nur zwei Zeilen zusammen einen Sinn ergeben; im Neuhochdeutschen wird einer von diesen Sätzen nebengeordnet. Beispiele: 152, 154, 161, 163, 166.

(3.) Hakenstil: Die Einheit  der Langzeile wird unterbrochen, weil das Satzende an der Zäsur liegt, die betont ist (hier liegt auch die Pause). Beispiele: 144 bis 147, 149, 151.

Es gehören also zusammen  „a  a  b“ (durch Reim verbunden)  „ b  c  c  d“  (bilden eine syntaktische Einheit), „d“ ist der Abvers, durch Reim mit der dritten Zeile verbunden.

Oft wechselt der Strophenstil an spannenden Stellen vom strengen Zeilenstil zum Hakenstil.

Der Anvers dient oft der Einführung für eine wörtliche Rede („Do sprach der herre Sifrid“). Sie wird selten in die wörtliche Rede eingeschoben (1528). Häufig wird auch der Anvers durch zwei Eigennamen ausgefüllt („Gunter unde Hagene“).

Oft kommen parallele Ausdrücke vor, der Satz ist dann rhythmisch gleich gebaut („das swert er loste schiere, den kocher leit er dan“) oder diese Parallelentsprechung ist chiastisch gestellt („diu was unmazen scön,  vil michel was ir kraf“). Eine solche Dopplung wird auch allein schon dadurch  erreicht, daß man denselben Gedanken im zweiten Teil der Zeile noch einmal mit anderen Worten wiederholt.

Diese Dichtweise finden wir auch in der nordischen Stabreim-Epik (altes Sigurdlied), in den Merseburger Zaubersprüchen und in der französischen Heldenepik, die also mit der deutschen Dichtung  sehr eng verwandt ist, da sie auch auf die germanische Stabreimdichter zurückgeht.

 

Wir finden nur selten ein Strophe, deren vier Zeilen mit der Erläuterung nur eines Sachverhalts ausgefüllt sind (2180) Meist steht im Anvers erst noch die Einleitung zur Rede, die dann aber auch die ganze Strophe füllt (329 - 334), wobei in jeder Strophe eine andere Person spricht. In 86 Fällen finden wir ein Strophen-Enjambement: die Rede schäumt in die nächste Strophe über (dabei wurden die Fälle nicht mitgezählt, bei denen die Einleitung zur Rede noch in der vorhergehenden Strophe steht).

 

Der entgegengesetzt Fall tritt ein, wenn der Stoff nicht zur Füllung der Strophe ausreicht Dann steht in der vierten Langzeile ein allgemein gehaltener Text, der meist überflüssig, unwichtig und sehr gesucht ist. Sie enthält:

1.)  Ein Urteil des Dichters

2.)  Eine Aufforderung an den Leser

3.)  Einen Hinweis auf den Fortgang der Handlung

4.)  Einen Hinweis auf ein tragisches Ende

Der Dichter verwendet den allgemeinen Eposstil, wie wir ihn bei Homer, im Rolandlied und nun im Nibelungenlied finden. Wie weit diese Floskeln zur Füllung der Zeile gehen, sieht man in Strophe 391: Die Apposition paßt gar nicht.

In der Mehrzahl der. Fälle wurden die Füllungen jedoch benutzt, um dem Lied eine elegische Färbung zu geben:

1.)  Eine Atmosphäre des dumpfen Verhängnisses entsteht

2.)  Sittliche Beurteilung der Taten

3.)  Die Stimme eines mahnenden Chores

Die Kunst des Dichters ist auf Moll gestimmt.

 

An vielen Stellen des Liedes kommen Einschübe von einer halben bis zu zwei Langzeilen vor, die keine wesentlichen Aussagen enthalten und den Text in keiner Weise bereichern. Man findet sie in folgenden Formen:

1.)  Paranthese (Einschub)          zwischen Haupt- und Nebensatz

zwischen zwei Nebensätzen

oder auch im Satzinneren.

Als Beispiel die Strophe 1090:

An git iu guot geleite

ih heiß iuch wol bewarn

in Sigesmundes lant.

In den neueren Texten ist dieser Einschub zum besseren Verständnis in Klammern gesetzt, die aber zweifellos in den alten Texten nicht vorhanden waren.

 

2.)  Der zweite Teil der ersten Langzeile holt die Redeeinführung nach:

16  „Nu versprich ez niht zu sere“, sprach aber ir muoter do

17  „Die rede lat beliben," sprach si, „frouwe min“.

 

3.)  Der vorhergehende Satzteil wird in variierter Form wiederholt (Strophe 580)

4.)  Inhaltsleere Bemerkungen: „ir sult wol merken das“,  „das war michel recht“.

5.)  Überflüssige Apposition: „Das tuon ich“, sprach Gunter, „ein ritter küen unde bald“.

Da solche Parantbesen (mit Ausnahme der Redeeinführungen) doch nichts zu besagen haben, kann man sie bei der Prosaübersetzung weglassen. Längere Einschübe (wie in 251) sind ein Zeichen für den nebengeordneten Satzbau und müssen auch als Nebensatz übersetzt werden.

 

Noch eine Eigenart ist festzustellen: Einschübe am Ende einer Strophe führen oft zu einem Strophen-Enjambement.

Der Dichter verwandte noch ein anderes Mittel, um mit dem Reim auszukommen: Er schachtelte zwei Sätze ineinander: Der erste Satz wird durch den zweiten unterbrochen, dann wird der erste zuende geführt, und schließlich kommt der Schluß des  zweiten Satzes (es handelt sich also auch um Paranthesen).

Hieraus ist  zu ersehen, welche Mühe der Reimzwang dem Dichter gemacht hat, und er konnte sich nur helfen, indem er solche Parenthesen zur Füllung verwandte. Es gab Dichter, die ohne solche Formeln auskamen, wie etwa Ottfried von Straßburg, der in seinem „Tristan“ eine schier unerschöpfliche Fülle an  Einfallsreichtum zeigt, wenn es einen passenden Reim zu finden galt.

 

Satzstellung:           

Im unabhängigen Aussagesatz kann das Prädikat an jeder Stelle des Satzes stehen, nur nicht am Anfang. Meist steht es in der Endstellung, denn die Präterita der Verben lassen sich gut reimen, und vor dem Prädikat müssen dann alle Objekte und abverbialen Bestimmungen untergebracht werden.

Nach einem langen Subjekt kommt häufig schon die Zäsur (Subjekt wird unterstrichen). Das Subjekt wird im zweiten Teil des Satzes dann wieder durch ein Relativpronomen aufgenommen (im Neuhochdeutschen ein Satz!). Dadurch wird eine empatische, pathetische Wirkung erzielt.

Statt des Pronomens kann auch ein Partikel stehen wie „so“ oder „da“ oder ein Substantiv („der Held“, aber selten), häufig auch eine Paranthese. Auch Genitive werden wegen des Versmaßes oft umgestellt („diu Kriemhilde boten“ = die Boten der Kriemhilde).

Der Genitiv steht oft nur bei einem der Substantive, gilt aber für beide („mage und mine man“ oder  „gelücke und Sifrides heil“).

Präpositionale Fügungen dagegen sind ein Stilmittel zur Belebung der Handlung, weil der Leser überrumpelt wird  („Uf sprang do Sifrid ze Wormse bi dem Rine“).

Nominativus pendens: Ein Nomen wird im Nominativ vorausgestellt, dann aber wieder durch ein Pronomen aufgenommen, das aber nun im richtigen Kasus steht („diu Hiunen, durch ir forhte der garte sich....‘ oder „der edele künnege oheim, dem ward vil wol....(Nominativ noch erweitert).

 

Stellung des Adjektivs:

1.)  Nachgestellt: „der degen guot“ oder „diu maget edele“

Diese Stellung war schon damals veraltet und wurde nur noch poetisch gebraucht  Aber auch Hartmann von Aue verwendet in seinem Erec einen realen Stil. Diese archaischen Formen wurden aus der mittelalterlichen Dichtung bewußt übernommen, zuerst in der Zeit des Sturm und Drang („Röslein rot“) und dann besonders in der Romantik.

2.) Nachgestelltes unflektiertes Adjektiv:  „ein sneller degen guot“

3.)  „Kriemhild die schöne“

4.)  „die blutfarbigen Helme und harnischfarbenen“ , eigentliche Stellung: „die blutfarbigen und harnischfarbigen Helme“.

 

Stellung des Pronomens:

Bei Pronomen gibt es zwei Stellungen, die gleichberechtigt sind: „mit starken sinen handen“ oder „mit sinen starken handen“.

 

Satzverhältnis:

Das logische Verhältnis der Aussagen ist nicht bezeichnet, da nur Hauptsätze nebeneinandergestellt werden (wo die neuhochdeutsche Übersetzung Unterordnung verlangt).

 Adversativ (gegensätzlich): „aber“

Beiordnung: statt Unterordnung (primitiverer Satzbau): „daß“

Modalverhältnis: „so beschaffen“

Apokoinu: Ein Akkusativobjekt wird zum Subjekt des Hauptsatzes ( „Do stieß er in diu scheiden ein wafen, das was lang (496)“.:

Anakoluth: Das ganze Satzgefüge ist aus dem Geleise geraten, weil nicht untergeordnet wurde

 („Ich hatte zu viel zutragen an meiner Brünne, an meinem Helm und einem Schwert; darum bringe ich euch nichts“, 1744).

 

Wortschatz:

Der Wortschatz des Nibelungenliedes ist nicht einheitlich:. Neben veralteten Wörtern kommen auch ganz moderne Ausdrücke vor. Solche unhöfischen Wörter sind keine niedere Umgangssprache, sondern finden nur noch poetische Verwendung (wie neuhochdeutsch „Lenz“ oder „Aar“ oder „Haupt“), dadurch wird eine idealiseirende Wirkung erzielt.

 

Degen           =  Ritter                                 bald                = schnell

Held               =  Fürst                                  ellenthaft       =  kräftig

marc               =  Pferd                                  gemeit            =  edel, stattlich

schaft             =  Speer                                 snell               =  tapfer

rant                 =  Schild                                feige               =  zum Tode

ellen               =  Kühnheit                          vreislich         =  schrecklich

pferch                        =  Leben                                waetlich         =  stattlich

herte               =  Schulterblatt                    sumelich       =  einzeln

magedin        =  Jungfrau                           degen                        =  schweigen

friedel            =  Geliebter                           vreischen      =  fragen

eigendiu        =   leibeigne Magd

winne            =  Gattin

bouc               =  Armring                             hey wie          =  Ausruf

künne            =  Geschlecht                       hey was         =  Ausruf

gedigene       =  Gesinde

sturm              =  Sturm

wic                  =  Kampf

urliuge

Andere altertümliche Ausdrücke verwendet der Dichter dagegen nicht:  gatte, holden (Gesinde), magen (für kraft), stahelhut (Helm).

Verkleinerungsformen werden nur selten verwendet: schiffelin, kindelin, fingerlin.

Der Wortschatz aus dem Französischen  ist denkbar gering: pallas, turm, porte, portenaere.

Das Wort „Aventiure“ findet sich nur in den Kapitelüberschriften.

 

Gebrauch des Wortes „man“: In den meisten Fällen wird es wie im Neuhochdeutschen gebraucht, also für eine unbestimmbare Menge oder eine gleichgültige Mehrheit.

Ausnahmen: „man hieß den Burgonden ir fahnen binden an“ (194): Das Anbinden der Fahne konnte nur der Heerführer befehlen.

„man sach die schefte fliegen“ (die Speere flogen“): Der Dichter hat einen optischen Eindruck, den er als unbeteiligter Reporter mitteilt.

 

Namen und Appositionen und Appelativa:

Rüdigers Tochter wird nicht bei Namen genannt, denn sie war noch nicht in der alten Dichtung, sie ist Erfindung des letzten Dichters.

1.) Manche Personen haben feststehende Appositionen: künic Gunter, die frouwe Kriemhild

2.) Adjektiv beigefügt: die schöne Ute, Dankwart der snelle

3.) Appelativum anstelle des Pronomens: der degen, das magedin

a) Appelativum mit Epitheton (schmückendes Beiwort): der snelle degen küene

4.) Herkunftsbezeichnung: Dietrich von Berne.

Die Appellativa stehen manchmal auch in demselben Satz wie das Beziehungswort, ja sogar manchmal noch vor diesem (hier Pronomen!): „wir sulen im entgegene hin nider zuo dem recken gehn (S. 104). Ein Beziehungswort kann auch verschiedene Appellative haben (S.690).

 

Epitheta (schmückende Beiwörter):

Ein Held erhält diese Bezeichnung entweder bei bestimmten Gelegenheiten oder in einer besonderen Lage oder aber sie sind charakteristisch für ihn.

Aber gerade diese Art ist formelhaft dunkel und meist auch noch unpassend (Gunter, Hagen, Irinc, Siegfried und Volker werden alle „zierlich“ genannt).

Die Epitheta sind überhaut fast alle „ad laudem“ (zum Lob) gestimmt, sie wirken idealisierend und sind aus der höfischen Sprache.

Die Bezeichnung „der ungetriuwe“ wird nur zweimal für Gunter gebraucht, Kriemhild wird einmal „die arge“ genannt und von Brunhild wird gesagt „das wortraeze wip“. Anders ist es bei den Hunnen, sie stehen tiefer und da braucht man nicht so auf die Bezeichnungen zu achten. Eine unpassende Verwendung ist es allerdings, wenn der optische Eindruck mit dem akustischen vermengt wird („liehte wert erdosen“).

Zwischen Beziehungswort und Epitheton stehen häufig noch andere Satzteile, etwa Appositionen, die eine ganze Zeile füllen können, meist überflüssig und unpassend sind, aber eine bequeme Reimform ergeben.

 

Variationstechnik

Meist um des Reimes willen (wie bei 104)

            Adjektiv: sconi          schön (i-Umlaut)

            Adverb : scono.        schon (kein i in der Nachsilbe)

Durch den i - Umlaut werden alle dunklen Laute aufgehellt.

Weitere Beispiele im Hochdeutschen:  Berg- Gebirge, Schaf -Schäfer.

 

Sprachliches: Änderungen des Mittelhochdeutschen zum Hochdeutschen:

Diphtongierung:                    iu >  eu        i  > e         i > au

Monodiphtongierung:          uo  >  u          ou  > u      ue  > ü.

i- Umlaut:                              a  > ae   wegen dem „i“ hinter dem nächsten Konsonant.

Beispiel: maget  > magit  > meit

 

 

 

 

 

 

D i e  e i n z e l n e n  A v e n t i u r e n:

 

Erster Teil

 

Die Brautwerbung:

Dieses Märchen kommt in 27 Varianten vor, unter anderen auch in der Gonging-Hrolf-Saga aus dem Mittelalter, in der Hauptsache jedoch im Russischen. Von dort wird es auch nach Deutschland gekommen sein. Damals um 1200 bestanden noch Beziehungen zu Rußland, die erst durch die Mongolenherrscher unterbrochen wurden. Ins Bayrisch - Österreichische ist der Stoff auch schon  eingedrungen. Dokumente beweisen Handelsbeziehungen.

 

Motive aus „König Roter“ und dem älteren „Ruodlieb“:

Der König wird auf eine Frau aufmerksam gemacht und beschließt, um sie zu werben. Er schwört seinem Gefolgsmann, ihm die Schwester zu geben, wenn dieser ihm bei der Werbung hilft.

Anklänge an die  Änäis (deutsch bei Veldecke!): Aufnahme bei der Dido und Schilderung von Karthago, der „Eisenstadt“.

 

Tarnkappe:

In den Vorlagen wird nur erzählt, daß entweder Werber und Helfer die gleiche Gestalt haben oder daß der Helfer so klein ist, daß man ihn nicht sieht.

Der Dichter verleiht dem Helden durch die Tarnkappe auch noch die Kraft von zwölf Männern. Er hat hierbei das Märchen vom starken Hans verwendet, aber ein fürstlicher Herr darf doch nicht grobschlächtig stark sein, etwa tolpatschig stark.

 

Siegfried weiß um Brunhilde Bescheid. Dieses Wissen ist jedoch nicht die Folge einer Vorgeschichte (etwa Beziehungen Siegfrieds zu Brunhilde), sondern eine Fähigkeit, die dem Märchenhelden einfach zugeschrieben wurde.

Der Name der Festung heißt aus den Russischen übersetzt „Eisenschloß“, das gleichzusetzen ist mit „Isenstein“. Die Bezeichnung „Island“ wurde erst später aufgebracht, weil sie lautlich (akustisch) ähnlich wie Isenstein klingt.

Siegfried gibt sich als Vasall Gunters aus: Er will Gunter nicht die Chancen nehmen und er hofft ja auf Kriemhild, will also mit Brunhild nichts zu tun haben. Hier gibt es übrigens einen geschichtlichen Hintergrund: Barbarossa verweigert dem Papst den Steigbügeldienst, zeigt also wieder, daß er nur scheinbar ein Vasall war. Dies war jedoch in beiden Fällen der Beginn tragischer Geschehnisse.

 

VIII:

Der Abschnitt ist wichtig für die Übertragung des Namens „Nibelungen“ auf die Burgunder: Diese erben den Nibelungenschatz, dessen bisherige Begleiter und Wächter die Nibelungen waren.

Siegfried gibt sich seinen Untertanen nicht zu erkennen:

1.)  Er soll als guter Kämpfer gelobt werden (gegen Alberich!)

2.)  Kampf war im Mittelalter lebensnotwendig

3.)  Es soll gezeigt werden, daß Siegfried nicht aus Übermut handelt.

Der Kampf mit dem groben Pförtner zeigt den Einfluß der französischen Nationalepik

Alberich hat eine goldene Geißel: Das war eine furchtbare Waffe gegen die Kreuz

Fahrer (also geschichtlicher Hintergrund).

Die Ritter haben bei dem Kampfspiel keine Waffen bei sich, weil sie sie aus ritterlichem Anstand „an der Garderobe“ abgegeben haben. Brunhild lächelt: Die Waffen können auch nichts mehr nützen. Sie ist ihrer Sache sicher.

Brunhild soll ins Burgundenland gebracht werden. Dazu ist aber ein Gefolge nötig. Siegfried holt die „Statisten“ aus dem von ihm unterworfenen Nibelungenland. Sie sind seine Leibgarde. Als Brunhild nach Worms kommt, sehen die Ritter zwar ihre stattliche Erscheinung, aber sie meinen, daß Kriemhild doch schöner ist.

 

Kriemhild wird vor den Verwandten und vor Brunhild gefragt, ob sie Siegfrieds Frau werden will. Schon hier nennt Brunhild den Siegfried einen Eigenholden .und beweint Kriemhild, weil sie unter ihrem Stand  geheiratet hat. Sie merkt aber auch, daß etwas nicht stimmt, denn sonst hätte Gunter seine Schwester nicht einem Lehensmann gegeben. Siegfried hat den Botendienst jedoch nur geleistet bei dem Hinweis auf  Kriemhild, weil er nicht noch mehr in Abhängigkeit geraten wollte.

Als er nach Worms kommt, will ihm Kriemhild aus Scherz einen Botenlohn geben. Sie weiß auch, daß Siegfried ihn nicht annehmen würde. Aber aus so schöner Hand nimmt sie Siegfried doch, verschenkt ihn aber zum Zeichen seiner Würde gleich weiter.

Eine Parallele zu diesem Botendienst findet man  in „König Roter“ (Dietrich von Bern), der mit 24 Begleitern nach Konstantinopel geschickt wird, um einen Sieg zu verkünden, weil Kaiser Konstantin genau weiß, daß Dieterich in seine Tochter verliebt ist.

Nach der Hochzeit will Siegfried möglichst schnell in sein Land zurück, denn er fürchtet Unheil. Kriemhild kümmert sich jedoch hartnäckig um ihr Erbe. Schon hier deutet der Dichter an, daß Kriemhild einen harten Kern hat, aus dem zarten, lieblichen Wesen wird  schließlich die. harte Rächerin.

Brunhild lädt Kriemhild und Siegfried ein, angeblich um sie mal wiederzusehen, aber Sieg­fried sollte als Lehensmann nun nach zwölf Jahren noch einmal seine Abgaben entrichten. Siegfried lebt im Nibelungenland, das in der Nähe von Island gelegen haben muß, also in

Norwegen  (nicht mehr in der Heimat seiner Eltern).

Für Brunhild geht es neben der Frage um das Zeremoniell (welche der Frauen steht höher?) auch darum, daß sie die Befehlsgewalt über Siegfrieds Leute beanspruchen kann. Damit wird der Streit aber zu einer Machtfrage, bei der es hart auf hart geht.

Die 8. Aventiure ist menschlich, humorvoll, wunderbar in den Bildern. Es gibt keine Quelle, aber der Dichter lehnt sich an ein französisches Lied an: Die Frau kommt nicht aus der Kemenate, weil sie schon eine Werbung abgewiesen hat (dies wird aber nur in der Vorlage erwähnt!).

 

Nun tauchen erstmals Probleme auf. Das Zusammentreffen der Königinnen ist in den Eddalieder zwar nicht zu finden, aber in den Prosadichtungen der Snorra-Edda und der Völsungasaga ist es erwähnt: Brunhild will nicht von dem Wasser berührt werden, in dem sich Gudrun schon gewaschen hat, weil sie sich edler fühlt. Der Schauplatz ist also an einem Fluß (übrigens heidnisches Milieu!).

Der Nibelungendichter verlegt das Aufeinandertreffen jedoch auf drei Schauplätze: Turnierplatz, Kirchenportal, nach der Kirche. Er hatte wohl seine Gründe dafür:

1.) Kriemhild trägt bei dem Kirchgang den Gürtel

2.) Streitereien wurden oft vor dem Kirchgang ausgetragen (französisch).

3.) Der Vorfall wird in die Öffentlichkeit gebracht; damit ist die Rache unvermeidlich geworden, es muß zu einer Katastrophe kommen (der Nibelungendichter ist hier sehr wirkungsvoll in seiner Schilderung).

 

Gunter wollte nicht den Tod Siegfrieds, aber aus Habgier stimmt er dann doch zu (er wird ja Siegfrieds Reich erben!). Durch die Drohung des Krieges soll Kriemhild bewogen werden, die verwundbare Stelle zu verraten. Hier tut sie es aus Angst um ihren Mann, genau wie sie kurz vorher aus Liebe zu Siegfried Brunhild ihre Gegnerin beleidigt hat. Ihr fehlt die Einsicht, die Schliche und Ränke ihrer Gegner zu durchschauen, und sie stellt das Gefühl über die Lebensklugheit. Sie ist aber dadurch im Gegensatz zu Brunhild viel menschlicher, fraulicher, und für den Leser also ansprechender.

Siegfried ist unverwundbar, bis auf eine Stelle! Hier wurden zwei Märchen verwandt (die in der nordischen Dichtung nicht zu finden sind):

1.) Märchen vom geborgenen Leben: Der Lebensfunke des Menschen ist irgendwo - in dem Menschen selbst oder weit weg außerhalb - verborgen. Diese Stelle gilt es herauszufinden.

2.) Märchen vom bedingten Leben: Eine Stelle des Körpers ist verwundbar (ähnlich bei Achill) und sie wird dann von einer Frau verraten.

 

 

XVI:

Die  XVI. Aventiure hat viele Quellen, aber diese sind in meisterhafter Form zu etwas Neuem verarbeitet worden; das ist die große Leistung des Dichters. Die Anregung für das Einschieben der Abschiedsszene zwischen Siegfried und Kriemhild dürfte wohl aus dem provencali­schen Epos von Daurel et Beton kommen. Mit gefühlsstarken Worten wird der Held charakterisiert: Hell leuchtet noch einmal die Liebe zu seiner Frau bei der ersten Begegnung auf. Er ist völlig sorglos und ermuntert Kriemhild, mit ihren „magen“ Kurzweil zu treiben. Aber diese denkt mit Sorgen daran, daß sie das Lebensgeheimnis Siegfrieds preisgegeben hat, sie ist gequält von düsteren Ahnungen und Träumen.

Die Träume sind der Erzählung von .den Haimonskindern entnommen: Zwei Könige wollen sich wieder versöhnen. So sieht es jedenfalls aus, als der eine heimtückisch ein Zusammentreffen vereinbart, zu dem man unbewaffnet  kommen soll. Die Gattin des anderen hat in der Nacht vor dem Aufbruch zu der Ebene( Heide!) vier Träume, die sich auf vier Personen beziehen. Zwei dieser Träume sind übernommen: Der Gatte wird von tausend Ebern zu Tode gejagt und die Türme der Burg fallen über ihm zusammen. Diese beiden Träume wurden von dem Dichter willkürlich ausgewählt und sie beziehen sich auch auf keine Person (blindes Motiv, Attavismus). Ein Traum hätte auch genügt! Aber bis ins Sprachliche wurde alles genau übernommen.

Bei der Jagd treten die seltsamsten Tiere auf. In der Änäis wird erzählt, daß Dido eine Jagd veranstaltete. In Nordafrika gibt es auch Löwen und Elefanten, nicht aber im Odenwald.

Im „Hürnen Seyfried“ wird allerdings auch erzählt, daß der Held Löwen fängt und an die Bäume hängt (wahrscheinlich auch Einfluß der Änäis). Der Dichter scheint übrigens keine genaue Ahnung von der Lage des Spessarts zu haben, denn vom Worms aus veranstaltet man nicht eine Jagd im Spessart.

Die Gefangennahme des Bären durch Siegfried kommt auch in der mündlich überlieferten Erzählung vom Bärensohn vor, als dieser den gefangenen Bären zum Entsetzen aller nach Hause bringt. Diese Geschichte soll trotz des tragischen Endes zeigen, wie ausgelassen Siegfried war und welchen Humor er besaß.

Die genaue Schilderung von Siegfrieds Pferd und Horn sind aus dem Ruodlieb. Nur ein kleiner Unterschied besteht: Ruodlieb trägt ein Trinkgefäß mit Harz, das einen guten Duft verbreitet, während es bei Siegfried ein Pantherfell ist. Siegfried nimmt auch ebenso wie Ruod­lieb nur einen Spürhund mit auf die Jagd. Der Dichter konnte also Latein!

Der Mord ist also geplant, ebenso der Ort des Brunnens, denn der Wein fehlte doch absichtlich. Hagen nutzt dann noch den Ruhm Siegfrieds als Schnelläufer aus. Dieses Motiv hat der Dichter aus der französischen Nationalepik, und hier ist es im „Aiol“ besonders deutlich: Der Held läuft unter erschwerten Bedingungen, gewinnt aber doch den Kampf gegen den Verräter. Nur kann man im Wald kein Pferderennen veranstalten, deshalb der Wettlauf zu Fuß, wobei es Gunter und Hagen sehr gelegen kommt, daß Siegfried seine Waffen mitnimmt, denn Hagen schafft sie dann für seine Zwecke beiseite.

Am Brunnen wartet Siegfried, bis sein Gastgeber herangekommen ist und getrunken hat. Siegfried ist also kein Starkhans, sondern ein in ritterlicher (höflicher!) Held. Durch diese Zugabe des Dichters wird die Tragik auch noch gesteigert, denn diese Bescheidenheit führt in den Tod.

Sigurdlied: Der Todwunde wirft dem Verräter ein Schwert nach. Er wird getötet.

Rolandslied: Die einzig greifbare Waffe, das Horn, zerbricht und die Edelsteine springen heraus. Dann wird der Held bleich und sinkt in die mit Blut gefärbten Blumen.

Daurel et Beton (kurz vor dem Nibelungenlied entstanden!): Der Held klagt‚ warum er nicht auf die Warnungen seiner Frau gehört hat. Er vertraut sie dennoch der Fürsorge des Mörders an. Seine Frau durchschaut sofort die falschen Angaben der Mörder und droht Räche an.

 

Die Ermordung Siegfrieds kommt auch im alten Sigurdlied vor: Gunnar selber stiftet zum Mord an, denn Sigurd hat seine  Eide nicht gehalten. Brynhild weiß, daß sie betrogen wurde,

und ist eifersüchtig, denn Sigurd war der ihr bestimmte Mann, denn bei ihm erlosch die Waberlohe. Gunnar ermordet Sigurd zwar, aber seine Mannen stehen gemeinsam für die Tat ein (keine Lüge! Germanische Ideale!).

Kriemhild rät Sigismund ab, gegen die Burgunder zu kämpfen, weil er zu schwach ist. Sie zeigt wieder einmal kluge Überlegung (Erbschaft).

Die Ausrede, ein wilder Eber habe Siegried getötet, findet sich auch Daurel et Beton und in der Thidreksaga. Diese kann aber nicht eine Spiegelung eines früheren Nibelungenliedes sein (um 1150 nahm man an), denn die Quelle für dieses Motiv (Daurel) ist erst kurz vor dem Nibelungenlied (1200) entstanden.

Die „Bahrprobe“ findet sich bei Chrestiens von Troyes (Parzival, Tristan), wo der Mörder zufällig zugegen ist. Dieses französische Lied war Vorbild für Hartmann von Aues „Iwein“, der dem Nibelungendichter bekannt war. Dieser Teil wurde nicht erst später hinzugefügt, denn es wird schon vorher erwähnt, daß Kriemhild zwar den Mörder kennt, sie will es aber auch vor allem Volk beweisen.

Kriemhild zieht nicht mit Sigismund, sondern bleibt am Grabe ihres Mannes in Lorsch, also weg von Worms. Später versöhnt sie sich wieder den Brüdern, nur Hagen bleibt der Todfeind.

 

Zweiter Teil:

Das Bindeglied der beiden  Teile, die ursprünglich gar nicht zusammengehörten, ist Kriemhild, die Hauptfigur. Zu den bekannten Personen treten noch Etzel, Helche und Rüdiger hinzu, andere - wie Sigmund und Brunhilde - verschwinden.

Der zweite Teil bringt viel Handlung. Es ist kein Zeremoniell mehr nötig, das im ersten Teil nur zur Füllung da war, denn der Dichter hatte das Bestreben, die beiden Teile gleich lang werden zu lassen.

Rüdiger tritt auf als Brautwerber, Führer im Hunnenland und  bei seinem Tod. Hagen und Rüdiger kennen sich vom Etzelhof her (Hagen war Geißel, sie Waltharius). Kriemhild stimmt der Hochzeit mit Etzel gegen wen Willen Hagens zu, nur um Rache üben zu können. Deshalb muß Rüdiger den Eid schwören, daß er Kriemhild im fremden Land immer unterstützen will, ja sogar sein Leben einsetzen, um sie zu rächen.

 

Die Stationen Rüdigers auf der Reise von Worms bis Passau sind nicht erwähnt, weil sich der Dichter dort nicht auskannte. Dann aber folgen sehr eingehende Schilderungen von Passau und auf dem Weg bis Wien.

Der Dichter wollte damals den alten Ruhm Passaus wiederherstellen. Einst hatte nämlich der Bischof  Pilgrim von Passau ((971 bis 991) die Absicht, den ganzen Osten (vor allem Ungarn  zu missionieren. Dazu mußte er aber Erzbischof werden. Er fälschte einige Urkunden, nach denen der Ort Lauriacum in seiner Diözese ein Bischofssitz gewesen sein soll (in der Zeit vor der Völkerwanderung) . Er wolle damit dem Erzbischofssitz Salzburg den Rang streitig machen. Aber seine Ansprüche wurden nicht anerkannt und die Bedeutung Passaus sank ab.

Aber zur Zeit des Dichters war diese Tradition von der Größe Passaus hoch lebendig, der mächtige Dom erinnerte an den Bischof Pilgrim, man erzählte sich von Wundern, die er vollbracht haben sollte und der Blick der Passauer war immer noch nach Osten gerichtet (sie haben sich nicht als Bayern gefühlt!). Deshalb kannte auch der Dichter den Weg nach Wien so genau, denn er ging in Passau in die Klosterschule. Der Dichter hat also wieder eine historische Begebenheit mitverarbeitet, die das Lied damals hochaktuell machten.

 

XXV:

In dieser Schilderung von den Vorbereitungen der Reise ins Hunnenland scheint ein Widerspruch zu sein: Hagen rät zur Reise, aber Gernot macht ihm den Vorwurf der Angst und Feigheit vor Kriemhild. Hagen will aber diese Anschuldigung nun entkräften, denn er hat im Rat der Männer gegen die Einladung gestimmt, weil er die Absicht Krimhilds kennt. Nun ist es aber beschlossene Sache und Hagen stellt sich hinter den König, er geht nicht mehr von dem Beschluß ab und treibt die Reise sogar noch voran; dieser Zug ist wichtig für die Charakteristik Hagens.

Die Zahl der ausziehenden Burgunden  (1.000 Mann) ist übertrieben (Atlamal 15 Mann,  Atlakvida 2 Mann

Atlamal: Die Gattin Gunnars träumt von einem Erdbeben, aber Högni und Gunnar kehren sich nicht daran trotzdem auch der Sohn Högnis besorgte Abschiedsworte äußert (Rumold!)

Hagen erobert ein Boo (das Wie wird nicht geschildert!)

Atlakvida: Die Burgunder haben unterwegs keine Abenteuer zu bestehen. Sie durchqueren aber den sagenhaften Mirkvid (schwarzer Wald = Erzgebirge)

 

Quellen:

1.) Die Sage von den Meerfrauen an der Donau war schon in der Römerzeit bekannt, denn man opferte ihnen Münzen (Dichter lebte an der Donau, kannte also die Sage!). Die Warnung durch Meerfrauen ist besser als die abgenutzte Traumwarnung.

2.)  Nordische Dichtung: Ein gefangener Geist soll die Zukunft voraussagen, verkündet den baldigen Tod des Fragenden; nur der Sohn wird davonkommen.

Alexanderlied: Alexander zerstört die Brücken über den Euphrat (teilweise wörtlich übernommen!). Zukunftsdeutung: Einer der Vögel sagt positivaus, der andere negativ.

3.) Mainet: Karl der Große ruft am zwölften Tag auf seinem Zug nach Spanien nach einem Fergen (Fährmann). Der will die armen Pilger aber nicht übersetzen, so daß Karl ihn köpft.

Der bayrische Ferge wird in ein schlechtes Licht gerückt: der Dichter hat eine Abneigung gegen die Bayern.

 

XXVI:

Die Nachhut mit Hagen und Dankwart wird angegriffen, die Bayern werden aber zurückgeschlagen und von den Burgundern verfolgt. Am nächsten Morgen erst sieht Gunter an den blutigen Schilden daß ein Kampf stattgefunden hat.

Diese Episode wurde erst durch den letzten Dichter in das Nibelungenlied gebracht. Sein Vorbild war Renaus de Mantauban: Schauplatz zur Nacht, Verhandlung über ein Lösegeld, Hus der Bayer wird erstochen, die Verfolgung muß bald abgebrochen werden, im Mondschein erreicht die Nachhut das Hauptheer, man lagert dann bis zum Morgen auf einer Wiese.

Ekkehard ist der einsame Wächter an der Grenze, eine mythische Gestalt: Warner vor dem wilden Heer und vor dem Venusberg.

Der Dichter verwechselt jedoch diese Sagengestalt mit dem treuen Gefolgsmann Kriemhilds. Sein Vorbild hierfür war der Ekkehard in „König Roter“ und vor allem ein Markgraf von Meißen, Ekkehard, der mit seiner Frau Uta (Naumburger Dom) einmal Passau besuchte und als treuer Gefolgsmann des Kaisers galt.

Rüdiger ist die Person einer örtlichen Sage, die sich um eine geschichtliche Figur rankt. Das Modell hierzu ist ein Ereignis aus der jüngsten Vergangenheit des Dichters und wurde von ihm ins Nibelungenlied gebracht: Im Jahre 1187 hatten die Heiden wieder das Heilige Land erobert. Kaiser Barbarossa zog mit einem Kreuz­zugheer von Regensburg über Passau nach Ungarn. Dort wird er von Boten des Königs begrüßt und vorangemeldet In Gran werden die Kreuzfahrer bewirtet, sie erhalten Geschenke und bleiben vier Tage. Die Tochter des Wirtes wird mit einem Verwandten des Kaisers verlobt (Rudolf von Schwaben), die Heirat soll nach der Rückkehr stattfinden, aber weder der Kaiser noch sein Neffe kehren zurück

Diese Aventiure dient besonders der Charakterisierung der Personen:

Hagen wird von seiner guten Seite gezeigt: Ritterliche Haltung, er hat den fröhlichsten Humor (er macht sich nichts mehr vor).

Rüdiger ist der beste Freund der Burgunden (Aristie Rüdigers).

Volker ist kein Sänger eines germanischen Preisliedes, sondern ein Minnesänger, wie es sie seit 1200 gibt, der die Tochter Rüdigers lobt (Idealisierung des fahrenden Standes!)

Dieses Idyll ist ein starker Kontrast zu dem folgenden Geschehen: Die Burgunden waren zum letzten Mal fröhlich.

 

Dietrich von Bern gibt keine Stellungnahme ab. Er verurteilt das Handeln der Burgunder. Aber er tritt für sie ein, weil die Helden nicht in gemeiner Weise niedergemacht werden sollen (wichtig für Charakteristik Dietrichs!)

Hagen dankt Volker  „vil minnecliche“ (= leichtes, gemessenes Kopfnicken, kein freundschaftliches und überschwengliches Auf-die-Schulter-klopfen.

„die stolzen ellenden“  in der Grundbedeutung „die Fremden“, d.h. die Burgu8nter (Strophe 1834)

„ i'ne weiz iz g'geschach“: Der Dichter fingiert Quellen. Er will sich nicht

genau festlegen, weil seine angeblichen Quellen nichts darüber aussagen (Strophe 1837).

 

XXX:

Die ersten Angriffe der Hunnen, die letzten Stunden der Ruhe für die Burgunder.

XXXI:

Die Atmosphäre wird immer schwüler: Volker tötet beim Kampfspiel (Buhurt = jeder gegen jeden) mit Absicht einen Hunnen. Etzel ist jedoch fest entschlossen, Frieden zu halten, und er sagt deshalb, es sein unbeabsichtigt geschehen.

 

XXXII:

Das große Personal der Burgunder muß verschwinden: Blödelin überfällt die 9.000 Knappen, die sich nur mit dem Mobiliar wehren können, mit 2.000 Hunnen. Nur Dankwart entkommt. Kriemhild hatte den Befehl dazu gegeben. In der Atlamal steht Gudrun dagegen auf Seiten der Brüder und vernichtet Etzel, weil dieser nach dem Nibelungenhort trachtet.

 

XXXIII

 Ortlieb wird in den Saal gebracht, um den Kampf zu entfesseln. Nachher ist es aber Dank­wart, der die Burgunder in Raserei bringt, weil man die Knappen umgebracht hat. Und deswegen wird Ortlieb getötet.

Die Thidreksaga nennt einen Grund für diese Maßnahme Kriemhilds, denn sie verwandte wohl eine ältere nordische Quelle als das Nibelungenlied: Ortlieb wird von Kriemhild gereizt, Hagen eine Ohrfeige zu geben. Damit will sie erreichen, daß auch Etzel auf ihrer Seite steht, wenn nun der Sohn getötet wurde.

Die Hunnen waren ja unbewaffnet in den Saal gekommen (Etzels Friedenswillen!). Aber bei dem nun einsetzenden Kampf haben sie plötzlich alle Schwerter und Waffen zur Hand (Versäumnis des Dichters!). So ergibt sich für die Burgunder wenigstens ein  heldenhafter Verdienst, es ist kein Abschlachten der wehrlosen Hunnen.

Dietrich ist das Symbol parteiloser Gerechtigkeit. Kriemhild muß ihn um Hilfe bitten, sie müssen alle dem Fremden (!) gehorchen. Dietrich ist das Sinnbild des ehrenhaften germanischen Recken, der seine Ideale hochhält und in diesem Kampf der Leidenschaften klaren Kopf behält.

 

XXXIV:

Eine Erholungspause von all dem Blut. Aber schon fängt Hagen an, die Toten und auch die Verwundeten (!) in den Hof hinab zu werfen. Dieses Motiv ist aus Renaus: Es bedeutet nicht nur eine Mißachtung der Toten, sondern auch eine Herausforderung der Angehörigen. Aber die Hunnen lassen sich nicht durch den mit Gold gefüllten Schild Etzels dazu bewegen, gegen Hagen vorzugehen.

 

XXXV:

Bewegteste Kampfschilderung des Liedes, denn Irinc ist durchaus ebenbürtig, unterliegt dann aber doch.

 

XXXVI:

In der Atlamal wird die hölzerne Königshalle angezündet und die Hunnen kommen dadurch um. Hier ist die Halle jedoch schon aus Stein gebaut, nur das Dach ist aus Holz, der Brand ist also weitgehend unwirksam. Es handelt sich also nur um eine Zwischenepisode, nicht um das Ende wie in der Atlamal. Die Eingeschlossenen trinken das Blut der Gefallenen: Der Bericht von der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (auch gegen die Hunnen!) erzählt, wie ein Fluß von dem Blut der Kämpfenden und Gefallenen anschwillt und so muß man das Blut trinken.

 

XXXVII:

Rüdiger ist das Bild des Ritters aus der Zeit des Dichters. Er ist das treue Vorbild eines christlichen Ritters inmitten der germanisch-heidnischen Umgebung.

Quellen: Eine ähnliche Entscheidung zwischen zwei Pflichten - der Gefolgstreue für den König und der freundschaftlichen Beziehungen - hat schon Hagen im Waltharius zu fällen bzw. er muß auf Befehl des Königs gegen Walter kämpfen. Bei Renaus soll Ogier Lidanois (der Däne) auf Befehl König Karl seinen Verwandten in einen Hinterhalt locken und dort bekämpfen. Hier finden sich starke Entsprechungen bis in den Wortlaut: Der Held beklagt seine Lage .Es ist gleich wie er sich entscheidet er wird immer getadelt werden. Lieber will er sein Lehen zurückgeben. Er beklagt seine Verwandten. Er fleht Gott um Rat und Hilfe an. Die Verwandten täuschen sich: Er kommt zum Kampf, sie wollen den unfreiwilligen Kämpfer nicht anrühren (Hagen!)

 

XXXIIX

Rüdiger erhält als einzige Person des Liedes den Beinamen „der guote“. Ebenso wird Ogier als einziger mit „liber“ bezeichnet.

Iwein: Auch hier finden sich zwei Motive (oben angekreuzt!)

Der Dichter wollte seine motivische Entlehnung aus dem Renaus verbergen und gibt die Erzählung deshalb mit den Worten Hartmann von Aues wieder, wie dieser sie im Iwein (entstanden um 1200) verwandt hat.

 

 

XXXIX:

 Hierzu gibt es keine Quelle. In den Quirinalien des Metellus vom Tegernsee (1160) wird allerdings erwähnt, daß eine enge Freundschaft zwischen Dietrich und Rüdiger bestand.

Die Gefolgsleute Dietrichs sind bis auf Wolfhart nicht als Charakter herausgearbeitet. Dieser hat übrigens Hildebrand als Onkel, wie im Waltharius auch Hagen der Onkel eines Kämpfers ist. Richard kam erst aus dem Renaus ins Nibelungenlied, Helmnot aus dem Waltharius.

Obwohl die Burgunder alle Mannen Dietrichs erschlagen haben, macht dieser ihnen doch das ehrenhafte und hochherzige Angebot, sie als Geiseln gefangen zu nehmen.

Hagen wird getötet, weil er nicht den Ort des Schatzes verriet; eigentlich bekämpfte ihn Kriemhild doch nur, weil sie Siegfried rächen mußte.

Hagen bleibt aber stumm nicht einmal der Tod kann seinen Entschluß ändern. Dieses germanische Motiv wurde von dem Dichter noch mit in diese Dichtung übernommen (siehe Atlilied).

 

Einiges über den Dichter und seine Quellen:

Er kannte Girault de Bornelh, Hermann von Veldecke und Märchen (Hürner Siegfried, Starker Hans)(Märchenzüge sind Tarnkappe, Unverwundbarkeit und Schwert). In der nordischen Dichtung bewacht der Drache den Schatz, im Nibelungenlied wird es in zwei getrennten Erzählungen geschildert.

Das Grundschema ist aus der französischen Nationalepik der Erzählung von Siegfried: Ein jugendlicher Fürst kommt an den Hof eines fremden Herrschers, macht sich dort um diesen König verdient und erhält dessen Tochter zur Frau.

 

Renaus de Montauban:

Es kommt die Meldung vom Einfall der Sachsen. Man schickt erst einen Vortrupp auf Erkundung vor. Dann wird der Anführer der Feinde von dem Helden gefangen. Der feindliche Herrscher wird gut behandelt. Man erkundigt sich nach den Taten des Helden.

In Nibelungenlied werden die Burgunder aber von zwei Völkern  angegriffen. Das hat sogar einen geschichtlichen Hintergrund: Seit Knud VI. (1182) wollte Dänemark frei werden und schürte deshalb den Widerstand der Welfen gegen die Staufer. Und der Bischof von Worms ist ein Anhänger der Staufer. Hier wird also aktuelles politisches Geschehen verarbeitet. Der Dichter ist übrigens ein Parteigänger der Staufer (siehe Schilderung der Sachsen), zumal er ja auch in Passau in die

Schule ging, also in Süddeutschland zu einem reichstreuen Lehrer,

 

Weitere Anregungen kommen aus dem Rolandlied (Kampfschilderurgen), Waltharius, Ruodlieb (edelmütige Behandlung der Gefangenen).

 

Diese Vorlagen wurden aber von dem Dichter künstlerisch umgestaltet (deshalb waren die Quellen lange Zeit nicht bekannt): Die Vorlage wurde episch ausgeweitet. Die 122 Kurzverse des Originals erscheinen im Nibelungenlied in 464 Langversen. Es werden breite Umweltschilderungen eingebaut undhöfisches Zeremoniell) die Hauptpersonen werden möglichst oft t in den Vordergrund gerückt (Aristie) (siehe 4. Aventiure). Daneben werden noch viele andere Personen abgestufter Bedeutung erwähnt, die ,das ganze Personal des Königs erstehen lassen.

 

Brunhild:

ist auch der körperliche Übermensch, der fast an die Stärke Siegfrieds heranreicht. Sie weiß um ihre Kraft und fordert stolz die Männer heraus. Sie hat aber auch ganz recht, wenn sie nur die Frau eines noch stärkeren werden will, zu dem sie aufschauen kann. Vielleicht sehn sich diese Brunhild sogar danach, ihren Meister zu finden, damit sie nicht nur auf andere herabzublicken braucht. Sie muß ja immer die unnahbare Königin spielen und das auch noch durch die prächtige Kleidung unterstreichen. Gewiß, sie ist stolz auf ihre Stärke, sie freut sich auf den Wettkampf, aber sie freut sich ebenso darauf, daß jetzt nun einer kommt, der sie besiegen könnte.

Und dann stellt sich heraus, daß Gunter um sie wirbt. Man kann sich die Enttäuschung Brunhilds gut vorstellen. Nun packt sie die Wut, und sie ist ganz sicher, wer als Sieger die Kampfstätte verläßt. Sie bewilligt dem vorsichtigen Hagen sogar, daß er seine Waffen tragen darf. Doch dann wird sie im Speerkampf gesiegt. Sie läßt sich zwar nichts anmerken und lobt Gunter sogar hoch, aber ihre Wut wird nur noch gesteigert. Brunhild kann sich gut beherrschen und zeigt nach außen sportlichen Geist, aber sie ist fest entschlossen, es diesem Gunter nun erst recht zu zeigen.

Dann unterliegt sie allerdings doch. Nun geht eine Wandlung in ihr vor, denn sie hält das gegebene Wort: Brunhild wird die treue Gattin ihres Bezwingers, ist ihm auf ewig verbunden, eben weil er sie besiegt hat, obwohl der Kampf von seiten Gunters ja nicht fair war. Deshalb ist Brunhild nicht in ihrer Ehre gekränkt, sondern auch die Hingabe zu Gunter hat einen Knacks gekriegt: Trotzdem bleibt sie bei ihm, aber die Notwendigkeit der Rache wird für sie noch größer.

Es ist ganz natürlich, wenn Brunhild ihren Gatten über alle anderen hinaushebt, denn er muß der höchste sein, damit sie würdig geheiratet hat. Deshalb darf es nicht sein, daß Gunter höher steht. Da aber Kriemhild ebensowenig nachgibt, muß der Konflikt kommen. Jetzt nach 13 Jahren (!) kommt Brunhild hinter das Geheimnis, das ihr keine Ruhe gelassen hat. Und als sie die ganze Ungeheuerlichkeit des Betrugs erfaßt hat, kommen ihr die Tränen - Tränen ohnmächtiger Wut und unauslöschlicher Schande.

Die unnahbare Brunhild hat zum Glück einen weichen, weiblichen Kern. Noch glaubt sie nicht ganz daran, ihre letzte kleine Hoffnung ist das Wort Siegfrieds. Aber er kann nicht überzeugen. Brunhild hat das Spiel durchschaut. Es bleibt nur noch die Rache, die nur durch Blut beglichen werden kann.

 

Siegfried:

Die Erziehung Siegfrieds war auf zwei Ziele hin ausgerichtet: Die Erziehung zu einem höflichen und ehrenwerten Ritter und die Übung im Kampf.  Was das letztere anbetrifft, so ist er hier schon von der Natur mit überragenden Gaben ausgestattet. Die nötige Geschicklichkeit erwirbt er sich auf Turnierspielen, indem er von Land zu Land zieht. So haben auch die anderen Bewerber um Kriemhild gar nichts zu bestellen, als der stattliche Siegfried erscheint. Er ist mit den prächtigsten Kleidern und Waffen ausgerüstet, an seiner Seite hängt ein mächtiges Schwert, ihm gelingt alles sofort, er ist der strahlende Held und wird von allen bewundert. Er ist also in seiner äußeren Erscheinung ganz das Idealbild eines Mannes.

Aber er weiß auch, was sich gehört: Er ist höflich, von vornehmer Zurückhaltung und beachtet die höfischen Regeln. Siegfried ist kein hochmütiger Muskelprotz und rühmt sich seiner Stärke nicht (deshalb mögen ihn auch alle gut leiden!) Als er vor Kriemhild steht, hat er sogar noch Minderwertigkeitskomplexe, obwohl er die doch gar nicht nötig hat. Nun ist er auf einmal ganz verwirrt.

Der überragende Held zeigt der schönen Frau gegenüber eine rührende menschliche Schwäche; er kann es gar nicht fassen, daß ihn Kriemhild nicht verschmäht. Kriemhild ist der Anlaß, durch den diese Seite an Siegfrieds Wesen herauskommt. Wie liebevoll erscheint er bei seinem letzten Abschied von ihr! Wie treusorgend beruhigt er die verängstigte Gattin.

Siegfried ist aber auch ein ganz listiger und kluger Kerl, der jeden Vorteil geschickt nutzt und sich gut aus der Klemme zu ziehen weiß. Als Gunter ihn um seine Hilfe bittet, nimmt Siegfried diese einmalige Gelegenheit wahr. Die Erringung Kriemhilds wird ihm nicht leicht gemacht, und er macht sie sich selbst auch nicht leicht, denn er gibt sich als Gefolgsmann Gunters aus, weil er genau weiß, daß er diesem sonst alle Chancen nehmen würde. Um Kriemhilds willen bringt er dieses Opfer und leistet auch nachher den Botendienst, und damit nimmt das Verderben seinen Anfang.   

Bei dem Kampf mit Brunhild ist Siegfried nicht zugegen. Angeblich hatte er bei den Schiffen zu tun (man stelle sich vor: im entscheidenden Augenblick ist der stärkste Gefolgsmann des Königs nicht da!). Und dann kommt er so ganz ahnungslos daher geschlendert. Bei all dem ist Siegfried fest von seinem Sieg gegen Brunhild überzeugt, während sogar der starke Hagen verzagt. Er handelt mit der ruhigen Gelassenheit eines in vielen Kampfspielen erfahrenen Mannes, dem es gar nicht in den Sinn kommt, daß er einmal unterliegen könnte.

Mit den Jahren ahnt aber Brunhild, daß etwas an der ganzen Sache nicht stimmte. Nach der Auseinandersetzung mit Kriemhild droht der ganze Betrug herauszukommen. Siegfried erkennt sofort die Gefahr und geht auf das Spiel Gunters ein. Zum Glück braucht er keinen Meineid zu schwören (Gunter glaubt ihm auch so!) und er kann sein Gewissen beruhigen, ein echt menschliches Bestreben bei diesem körperlichen Übermenschen. Er läßt sich nichts anmerken und hat seine Rolle gewiß überzeugend gespielt.

Auf der Jagd sehen wir, wie sorglos und übermütig und ausgelassen Siegfried sein kann; er ist in seinem Element und vergißt darüber alle Besorgnisse und Ahnungen Kriemhilds. Sein Scherz mit dem Bären gelingt vortrefflich. Siegfried bleibt jedoch bei allem der stolze Ritter (kein Tölpel!): Er nimmt die Herausforderung zu dem Wettlauf an. Er beachtet trotz seines Durstes das höfische Zeremoniell, setzt aber denn doch seinen Anspruch gegenüber Hagen durch, als er gleich nach dem König trinkt. Und dann merkt er, was die Stunde geschlagen hat. In unbändiger Wut schlägt er Hagen nieder, der Zorn über eine solche Niedertracht verleiht ihm übermenschliche Kräfte. Und dann wieder die Sorge um die Gattin.

Trotz aller Gemeinheit rechnet er noch mit einem bißchen ritterlichem Ehrgefühl, er rechnet mit dem Guten im Menschen. Er bringt das fertig, obwohl er um die Schändlichkeit dieses Verbrechens weiß, denn er verdammt seine Mörder  und hält ihnen vor, was sie für ein Schandfleck für die ganze Familie geworden sind. Siegfried hält es auch noch im Tode für seine Pflicht, ihnen diese Anklage, dieses Abweichen  von der Ehre, ins Gesicht zu schleudern.

 

Kriemhild:

Die junge Kriemhild führt ein zurückgezogenes Beben in der Kemenate der Burg. Man erzählt sich viel von ihrer Schönheit, aber nach der Sitte der Zeit tritt sie nur selten bei besonders festlichen Anlässen ans Licht der Öffentlichkeit. Kriemhild selber ist es auch recht so; besonders die zahlreichen Freier kommen bei ihr nicht an. Sie will überhaupt nichts von Männern wissen, damit sie dadurch nicht in unliebsame Verwicklungen gerät (S. 15). Man hat ja an anderen Beispielen schon oft gesehen, wie schnell Freude in Leid umschlägt.

Wenn man sie aber beide meidet, einen goldenen Mittelweg zu gehen versucht, dann kann doch gar nichts schief gehen (S. 9). So macht auch die Deutung ihres Traumes durch die Mutter keinen Eindruck auf Kriemhild: Da sie ja doch nicht heiraten wird, kann sie auch keinen Mann verlieren (S. 15). Ihre sehr bestimmt vorgetragenen Ansichten sind auch sicher ernst gemeint.

Umso größer muß der Eindruck gewesen sein, den der stattliche Held Siegfried auf sie machte. Ihr ganzes Denken gilt nur noch ihm, und heimlich läßt sie sich von seinen Taten berichten. Sie fiebert dem Tag entgegen, dem Tag der ersten Begegnung, sie baut all ihre Hoffnung darauf. Als es dann endlich soweit ist, nützt sie diese Gelegenheit auch: Siegfried bringt vor lauter Schüchternheit und Minderwertigkeitsgefühlen kein Wort heraus, sie aber nimmt ihn an der Hand, lächelt ihm huldvoll zu und hilft ihm dadurch.

Siegfried muß sich Kriemhild regelrecht verdienen und natürlich auch seine Opfer bringen. Kriemhild ist dadurch nur noch stolzer auf ihren Gemahl, es gibt keinen, der ihm gleichwertig sein könnte. Ihre Liebe gilt nur dem einzigen Mann in ihrem Leben, und dieser steht natürlich auch noch höher als der eigene Bruder. Sie wußte schon, wem sie sich hingab (S. 819), einem tiefer stehenden sich zu geloben, wäre undenkbar für die stolze Frau.

Nun erhebt aber Brunhild für ihren Mann denselben Anspruch. Auch sie hat - nach ihrer Meinung - den mächtigsten Mann geheiratet, der sogar noch größere Körperkräfte hat als sie selber. Beiden Frauen ist die Stellung der Männer ein Teil der Grundlage ihrer Liebe. Und keine gibt nach. So wird ihr Streit immer heftiger, sie bringen immer stärkere Gründe vor. Zunächst sind beide gewillt, den höfischen Anstand zu wahren. Kriemhild bittet Brunhilde, solche ungeheuren Behauptungen doch bitte zu unterlassen (S. 822). Als aber Brunhild diese Versöhnungshand nicht nehmen will, wird Kriemhild zornig. Nun ist auch sie entschlossen, den Streit zu Ende zu führen. Ihre Liebe zu Siegfried duldet diese Beleidigung nicht.

Kriemhild hat in diesem Streitgespräch durchaus einleuchtende Argumente: „Warum hat denn Siegfried solange keinen Tribut bezahlt?“ (S. 825)  Hier zeigt sie ihren Verstand und ihre Schlagfertigkeit. Sie hat sich aber so in Wut geredet, daß sie nachher eine Torheit nach der anderen begeht. Man muß dabei allerdings auch bedenken, daß ihr gar keine andere Wahl blieb, um ihre Ehre zu retten.

Vor dem Münster wartet also Brunhild und will Kriemhild zur Ordnung ermahnen. Sie äußert diesen Befehl jedoch „vil übelliche“ und reizt Kriemhild noch mehr. Dieser ist jetzt jedes Mittel recht, die letzten Schranken sind beseitigt. Kriemhild ist ganz Frau, die ihr Gefühl sprechen läßt und es sogar noch über den Verstand stellt.

Sie kam mit den festen Vorsatz zum Münster, den Streit für sich zu entscheiden; so muß sie nun zu dem letzten Mittel greifen: „Siegfried hat dich ja zuerst zur Frau gehabt!“ (S. 840). Damit hat sie der Öffentlichkeit gezeigt, wozu sie alles fähig ist, und sie hat sogar Siegfried hintergangen, dem sie Schweigen gelobt hatte. Aber nicht einmal das erscheint ihr wichtiger in diesem Kampf bis zum letzten. Kriemhild hat sich sogar zu Hause überlegt, wie sie über Brunhild triumphieren kann, und sie bringt deshalb als Beweis den Ring mit. Dieser Streit ist nur der Anfang. Aus dem zarten und weltfremden Mädchen entwickelt sich noch einmal ein fürchterliches Teufelsweib, das nur noch Rache kennt.

Aber noch einmal zeigt sich Kriemhild von ihrer liebevollen Seite: Beim letzten Abschied von Siegfried. Mit verweinten Augen tritt sie ihm entgegen, von dunklen Ahnungen und Träumen gequält. Mit einem Male ist ihr bewußt geworden, was sie angerichtet hat: Sie hat das Lebensgeheimnis Siegfrieds verraten. Und nun hängt sie sich mit ihrer schwachen Kraft an ihn und will ihn nicht fortlassen. Der Fehler, den sie in ihrer Angst um Siegfried begangen hat, soll wieder gut gemacht werden. Oder hat sie noch gar nicht gemerkt, welche Folgen entstehen können? Kriemhild mangelt es nämlich etwas an Lebensklugheit, um die Schliche und Ränke ihrer Gegner zu durchschauen. Aber welch ein Schmerz ist es für sie, als der Gatte völlig sorglos davongeht, kein Verständnis für ihre Angst aufbringt, weil er ein Mann ist! Ein Wort Kriemhilds hätte genügt, um ihn zu warnen; aber sie wagt nichts zu sagen (S. 920), weil sie damit zugeben müßte, ihr Wort nicht gehalten zu haben.

In großen Zweifeln und Ängsten bleibt Kriemhild zurück. Als man den erschlagenen Ritter findet, braucht man ihr nicht zu sagen, wer es ist. Sie weiß auch genau, wer der Mörder war und wer die Tat angestiftet hat. Die Bahrprobe soll ihre Anklage nur noch vor der Öffentlichkeit beweisen. Damit meint Kriemhild eine Rechtsgrundlage für ihr späteres Verhalten zu haben. Sie weiß aber auch um ihre Pflicht, Siegfried zu rächen. Mit dem freigiebigen Austeilen vom Geschenken aus dem Nibelungenhort kommt sie allerdings nicht weit, denn Hagen versenkt den Schatz. Hagen hat die Absicht Kriemhilds von Anfang an durchschaut. Er weiß: „Ez ist vil lancraeche des künic Etzelen wip.“   

Ja, Kriemhild wird die Frau des Hunnenkönigs. Endlich verfügt die über eine genügend große Macht, um den starken Burgundern entgegentreten zu können. Es war eine schwere Entscheidung für sie: Siegfried ist in keiner Weise vergessen, und schließlich heiratet sie ja einen Heiden. Aber sie meint auch: „Laß die Leute reden, was sie wollen, wenn nur der Mord an meinem lieben Mann gerächt wird!“(S. 1259). Rache ist der einzige Gedanke Kriemhilds. Dieser Rache  - dieser Pflicht! - opfert sie Ansehen und Ehre.

Als Rüdiger sich mit feierlichem Eide zu ihrem Dienst verpflichtet, hat sie die Gewißheit dafür in der Hand, daß sie zum Ziele kommen wird: Einer wird das ihr zugefügte Leid rächen, sowohl zukünftiges (daran denkt Rüdiger!), als auch das geschehene (das ist Kriemhilds Hauptgedanke!). Und außerdem verfügt Etzel über eine genügend große Streitmacht und über große Schätze. Nun kann auch sie darüber verfügen und machen, was sie will (S. 1260). Das war der Hauptgrund zu der Hochzeit. Es ist kaum anzunehmen, daß Kriemhild eine große Zuneigung zu Etzel empfand, wenn es ihr auch gelingt, die Verehrung ihres neuen Volkes zu erwerben.

Als Kriemhild am Etzelhof die Gäste aus dem Burgundenland empfängt, macht sie gar keinen Hehl daraus, welches ihre Einstellung ist. Sie begrüßt nur ihren Bruder Giselher, der bei dem Mord nicht dabei war. Den anderen jedoch antwortet sie: „Ich grüße euch nicht, weil ich etwa freundschaftliche Gefühle für euch hege. Sagt mir lieber, was ihr mir von meinem Schatz mitgebracht habt!“ (S. 1739 +1741). Sie versucht gleich von Anfang an einen Anlaß zum

Streit, denn sie weiß genau, daß Hagen nichts mitgebracht hat(S. 1743.1).

Dann sollen die Gäste ihre Waffen ablegen. Kriemhild hat auch fest angenommen, daß die Burgunder darauf eingehen. In ihrer etwas naiven Art kommt ihr gar kein anderer Gedanke. Nun muß sie sich schämen, weil sie durchschaut ist (S. 1749. 1). Sie bringt kein Wort mehr heraus, nur die feindlichen Blicke zeigen noch ihren Haß (S. 1749).

Der nächste Zusammenstoß tritt ein, als Hagen und Volker nicht vor der Königin aufstehen. Hierbei ist aber herauszustellen, daß auch die Gegenseite nicht ganz ohne Schuld ist. Ja Hagen fordert Kriemhild geradezu heraus, als er Siegfrieds Schwert über sein Knie legt.

Kriemhild trumpft nun ihrerseits auf: Sie stellt sich so dicht vor Hagen, daß dieser sie unmöglich übersehen kann. In Kriemhild sind beim Anblick des Schwertes alle Wunden wieder aufgebrochen. Sie übt kein bißchen Gastfreundschaft, sondern fragt ihren Todfeind: „Du weißt doch, was du mir angetan hast. Warum bist du denn nicht daheimgeblieben? (S. 1787). Im weiteren Verlauf des Gesprächs gibt Hagen dann auch im Vertrauen auf seine Stärke ganz unumwunden zu, daß er der Mörder ist.

Und das wollte Kriemhild nur erreichen, als sie den Streit anzettelte. Nun hat sie einen Rechtsgrund, der auch ihren Hunnen nun bekannt ist. Aber trotzdem wagt sich keiner an die Burgunder - an den grimmigen Hagen - heran, obwohl sie doch wissen, daß sie im Recht sind (und außerdem in der Überzahl). So muß Kriemhild auf einen anderen Weg sinnen (S. 1848 3a). Die burgundischem Knappen werden heimtückisch überfallen und niedergemacht. Kriemhild, die den Befehl dazu gab, sitzt seelenruhig beim Mahl mit den burgundischen Rittern. So gefühlskalt ist sie schon geworden.

Dem nun einsetzenden Kampf kann das Königspaar nur entrinnen, indem Kriemhild Dietrich von Bern um Geleit anfleht. Welch eine Demütigung für diese stolze Königin! Ihre Raserei wird noch gesteigert: Irinc von Dänemark wird in den Kampf getrieben, all seine Dänen und Thüringer. Die Sühneangebote muß Etzel ablehnen, denn die Burgunder weigern sich, Hagen auszuliefern. Da läßt Kriemhild den Saal anzünden Das Ziel dieser wahnsinnigen „valandinne“ ist die völlige Vernichtung der Burgunder. Alle Hunnenkrieger werden in den Kampf getrieben, Rüdiger wird gezwungen, seinen Eid zu halten. Erst die Amelungen können die Burgunder überwinden. Endlich hat Kriemhild Gunter und Hagen vor sich. Mit teuflischer Lust weidet sich Kriemhild an diesem Anblick. Erst jetzt kann sie froh werden (S.  2353 und 2354). Sie begrüßt ihren Bruder: „Willkommen Gunter!“ Ja, jetzt als er in Ketten liegt, ist er ihr willkommen. Aber sie muß auch vor Dietrich so tun, als ob sie die Gefangenen gern wieder freiließe (S. 2365. 1). Sie hat ganz schöne Angst vor Dietrich.

Als sie jedoch mit Hagen allein spricht, zeigt sie ihre wahre Haltung: Nun soll Hagen sagen, wo er den Schatz versenkt hat (das ist allerdings auch nur ein Vorwand!). Hagen tut es aber nicht, weil noch einer seiner Herren lebt. Und da erreicht der Haß und die Verblendung Kriemhilds ihren Höhepunkt: Sie läßt ihrem Bruder Gunter das Haupt abschlagen. Nun gibt Hagen das Geheimnis erst recht nicht preis. Kriemhild schlägt ihm mit Siegfrieds Schwert eigenhändig den Kopf ab. Der Schwertstreich Hildebrands, der Kriemhild das Haupt vom Rumpf trennt, ist die gerechte Strafe.

Aus der zarten Jungfrau und der beseligten Gattin war eine unerbittliche Rächerin geworden. Sie ist gezwungen, Rache zu nehmen. Aber in diesem Zwiespalt wird sie bis zur Raserei entmenscht, und sie vernichtet ihre eigne Sippe. Die Blutrache wurde als unerläßlich angesehen, aber dadurch trat Kriemhild andere ethische Werte mit Füßen.

Besondere Beachtung hätte noch der Umstand verdient, daß ja der Dichter zwei völlig ent­gegen­gesetzte Gestalten in der Person der Kriemhild vereinigt hat. Deshalb wäre es wichtig gewesen, zu untersuchen, wie der Dichter es verstanden hat, diese Person als eine Einheit

zu schildern und uns den Gegensatz glaubhaft zu machen.

 

Die Kunst des Nibelungendichters:

Der Dichter war ein großer Literaturkenner. Er hatte sich sowohl mit lateinischen Dichtungen befaßt als auch mit der deutschen Heldendichtung und der französischen Nationalepik. Er hatte also ein großes Material zur Verfügung, das er in meisterhafter Form im Nibelungenlied verarbeitet hat. Das Gerippe der Dichtung ist das Lied von Siegfried und das Lied um den Kampf wegen des Nibelungenschatzes.

Der Dichter hat es nun zunächst mal verstanden, diese beiden Erzählungen zu einer Einheit zu verschmelzen, und außerdem fügte er seine eignen Gedanken noch hinzu. Es gibt ganze Aventiuren, die erst durch diesen Dichter in das Lied gekommen sind. Das ging zwar nicht ohne kleinere Mißverständnisse und Attavismen ab, aber die Leistung wird dadurch in keiner Weise geschmälert.

Der Dichter hat die Vorlagen auch nicht wortgetreu übernommen, sondern hat sie häufig noch umgeformt, weil dadurch das Geschehen noch gesteigert wird (Kriemhild kämpft nicht gegen Etzel, sondern gegen die Brüder). Dieses Lied gibt die stärkste Aussage über das auch von anderen Dichtern behandelte Thema, es geht noch sehr viel weiter als die Vorlage (Streit vor dem Münster, Bahrprobe!).

Gut herausgearbeitet sind auch die einzelnen Charaktere: Hagen, der urwüchsige Kämpfer, Siegfried, der strahlende Märchenheld, Dietrich von Bern, der tugendhafte Ritter aus der alten Zeit mit den ehrwürdigen Idealen, Rüdiger, das Idealbild des Ritters aus der Zeit des Dichters, Volker, das Beispiel eines wackeren Spielmanns, und dann besonders Kriemhild, die von einem sanften Mädchen zu einer bestialische Teuflin wird.

Jede einzelne dieser glutvollen Gestalten führt uns in scharf gezeichneter Form vor Augen, was das Individuum Mensch alles darstellen kann. Die mit genauer Menschenkenntnis vor uns ausgebreiteter Charaktere sind heute noch genau so lebendig wie damals. Dieses zeitlose Stück enthüllt uns in erschreckend deutlicher Weise die Tragik einer in die Verirrung geratenen Menschengruppe.

 

 

Minnesang

Im 12. Jahrhundert entstehen erste Regungen einer deutschen Lyrik. Zeichen für den Minnegsangsfrühling sind Frauenstrophen, einstrophige Gedichte und das Wechselge­spräch.

Da diese Gedichte eigentlich gesungen wurden, muß man versuchen, den Rhythmus herauszufinden

1.) Liebesgedicht:

Du bist ich bin din    du bist min 

des solt du  gewiß sin

Du bist beslozzen  in minem herzen

verlorn ist das slüzzelin  du muost immer drinne sin.

 

Der Anfang ist getragen feierlich. Er ist die Formel für die Heirat. Dann wird der Rhythmus immer lebhafter. Die Gedichte haben immer eine andere Form und werden deshalb nicht langweilig.

 

2..) Tagelied:

Am Morgen weckt der Wächter - hier ein Vogel - die Liebenden, die verbotener Weise zusammen sind. Die Frau drängt in fortzugehen. Aber sie trauert gleich darauf, weil er fort muß.

Es handelt sich um einen Wechselgespräch. Die ersten beiden Zeilen haben eine weibliche Endung, zwei Betonungen im letzten Wort (Ausnahmen: Kein Auftakt in 1,1 und Doppelauftat in III, 3. Die letzte Zeile ist um eine Hebung länger, um das Ende der Strophe anzuzeigen (das Nibelungenlied hat diese Technik von der Lyrik übernommen)

 

3.) Falkenmotiv:

Die Frau konnte sich ihren Mann auswählen wie ein Falke sich seine Wohnstätte aussuchen kann. Sie hat sich damit gegen die Gesellschaft gestellt. Nun hat sie Angst, daß ihr der Mann, der in der Ferne weilt, von einer anderen Frau genommen werden könnte

(hier „rührende Reime:“ Nur die Vokale stimmen überein).

 

4.) Der von Kürenberg ist ein Österreicher um das Ende des 12. Jahrhunderts. Er hat diese Versform erfunden, der Nibelungendichter (auch aus dieser Gegend!) hat sie übernommen. Auch hier zieht sich eine Frau den Falken auf, ihren Mann. Sie sucht ihn zu halten und schmückt ich. Er fliegt aber doch fort  Sie spricht in Bildern und erwähnt kein einziges Mal, wen sie damit meint.

 

5.) Gedicht: Ein hochgestellte Frau liebt den Dichter. Der gibt ihr aber einen Korb, läßt sich nicht zwingen, stellt sich damit auch gegen die Gesellschaftsordnung.

 

 

Dietmar von Aist:

So al diu werlt ruowe hat,   so mag ich eine entslafen niet.

Daz komt von einer frouwen schoene, der ich gerne waere lieb,

an der al min fröide stat,  wie sol des iemer werden rat?

Wes lie si got mir armen man   ze kale werden?

Joch waene ich sterben.

Der schwermütige Schluß wird durch den Rhythmus noch betont.

 

Wechselgespräch:

 Als der Dichter den Vogel hört, wird er an eine Tagelied-Situation erinnert, an einen Abschied. Dieselbe Erinnerung erfaßt auch die Frau. Man kann sich nur schwer in die Situation hineindenken. Es handelt sich nicht um ein Augenblickserlebnis, sondern um einen Rückblick in die Vergangenheit. Je schwieriger das Gedicht zu verstehen ist, desto wertvoller ist es.

 

Bearbeitung des „Lerchenlied“ aus dem Französischen:

Das tragende Element der Dichtung ist die Melodie, die auch die Sprachgrenzen überwinden hilft. Die Melodien sind aus den welschen Liedern entlehnt, denn der Strophenbau ist so kunstvoll gestaltet, daß er nicht von einem deutschen Dichter dieser frühen Zeit stammen kann.

 

 

Die Vagantenlieder:

Vaganten sind Studenten. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts gibt es in Europa Universitäten (Paris, Bologna, Prag, Heidelberg). Die Vaganten waren Kleriker ohne Amt, die der lateinischen Sprache mächtig waren. Sie fanden Unterkunft in den Klöstern. Wenn einer gut dichten kann, versucht man ihn zu halten. Die Vaganten tragen ihre Gedichte dann in ein Gästebuch ein. So finden wir neben Kreuzzugliedern auch Sauflieder und Liebeslieder.

1.) Frauenstrophe: Der Vagant hat sie sitzen lassen.

2.) Die freie Übersetzung dieses lateinischen Gedichtes, damit auch die Ungebildeten etwas davon verstehen konnten

3.) Am Hof Reinhalds von Dassel, der als Kanzler unter Barbarossa eine Strafexpedition gegen Mailand führte, lebte der Hofdichter Archpoeta.

Der Vagant hat gespielt, braucht nun wieder Geld und bietet sein Gedicht dem Erzbischof an.

 

 

Carmina Burana (von Carl Orff)

Vertonung der mittelhochdeutschen Vagantenlieder, die im Kloster Benediktbeuren gefunden wurden.

1895     Geburtsjahr Orffs

1906      Liedersammlung herausgegeben

1935/6   Carmina Burana

1937      Uraufführung in Frankfurt am Main.

 

Einleitung: das „Rad des Schicksals“ (Der Mensch wird durch das Schicksal niedergedrückt)

1.) „Primo vero“: Der Frühling kommt

Blechinstrumente: Posaunen, Trompeten, Tuba

Holzbläser   

Schlagzeug: Becken, Pauken, Triangel

Gegensätze:    Abgehackte Melodie - dahinfließende Melodieführung

Einzelsänger  - Chor

Steigerung von einem gregorianischen Organum bis zu einem Freudentaumel über die Ankunft des Frühlings

Kleiner Chor mit Flöten, Triangel, Oboe, Klavier

Bariton-Solo

Großer Chor

 

2.) „Uf dem anger“: Die Tänzerinnen tanzen nach bayrischen Volksweisen

Floret silva nobilis: Der fortreitende Geliebte wird dargestellt, in der Ferne noch ein Hornruf

„Kramer gif diu farwe mir“: Das Mädchen will sich schminken

Tanz:

Magede, diu wellent an den man

Chume, geselle min, ich warte sehr auf dich

Suzer rosenfarwer munt, komm und mache mich gesunt

 

2.) „In taberna“: Trinklieder

Schwanengesang: (gesungen von einem Tenor in Falsettstimme): Ein Schwan beklagt sein Schicksal, früher schwamm er auf dem See und nun brät er in der Pfanne.

Refrain des Chors: Miser, miser, modo niger et ustus fortiter.

Lied auf die Kirche: Parodie eines liturgischen Gesanges: Ein Abt, der nur Trunkenbolde zu Genossen hat, die Ehrbaren werden verspottet.

 

3.) „Cours d’amour“: Liebeslieder

Sentimental oder auch hektisch.

Einleitung: Chromatische Instrumentalsätze

Frauenstimme: Sehnsucht nach dem Freund

Männerstimme: Das Sehnen ist immer gut herausgebracht.

Dazwischen immer der Chor

Ein Lied mit altfranzösischem Text zwischen dem Latein.

Steigerung des Chores zu fröhlicher Ausgelassenheit.

Dann plötzlich feierlich: Bei all dem Scherz hat doch ein Mädchen erfahren, was wirkliche Liebe ist. Hymne auf die Venus mit Worten und Melodie einer Marienhymne.

 

 

 

Heinrich von Veldeke:

Veldeke lebte zur Zeit Barbarossas und nahm 1164 am Pfingstfest in Mainz teil, wo er die neue Art des Minnesangs aus Frankreich kennenlernte (französische  Ausdrücke: „poisun“ oder „piment“). Es bestehen auch deutliche Beziehungen zum französischen Tristanroman.

Er ist aber nach Hartmann von Aue  der erste Sproß in deutscher Zunge. Die  Sprache ist Niederdeutsch, in Richtung auf das Hollandische.

Die Reime sind sehr viel kunstvoller als bei den österreichischen Dichtern. Beispiel dafür ist die „Barform“: Sie hat zwei „Stollen“, ein  Stollen hat immer fünf Takte, nur  weibliche Endungen und die Melodie des ersten Stollens wird wiederholt. Dazu kommt ein  Abgesang mit zwei Dreitaktern und dahinter ein weiblicher Viertakter.

Seine Gedichte sind aber meist nur Versuche geblieben, selten haben sie mehr als eine Strophe. Der heimische Dialekt verhinderte eine größere Verbreitung.

 

Friedrich von Hausen:

Er schimpft auf seine Augen, weil sie das Bild der Frau im Traum nicht behalten haben. Es lohnt sich nicht, wenn ich mir mein Seelenheil verderbe, wegen dieser Frau und nicht auf den Kreuzzug gehe.

Die Form ist absolut symmetrisch, der Strophenbau erfolgt nach der Silbenzahl. Solche Melodien konnten von den deutschen Minnesängern dieser Zeit nicht erfunden werden, sie sind aus Frankreich. Dann machten aber die Reime Schwierigkeiten, sie sind also noch unsauber, weil die vorgeschriebene Form einen Zwang ausübte. Der Dichter legte großen Wert auf die Form, konnte aber noch nicht sauber reimen.

Die Form ist die selbe wie in dem Lied des Chastellain de Concy; die Unterlegung mit einem deutschen Text ist allerdings wegen dem Daktylrhythmus etwas schwierig.

 

Heinrich von Morungen:

Nach 1200 hat man das Reimen gelernt. Hier finden wir keinen einzigen unreinen Reim, obwohl hier noch eine besondere Schwierigkeit da ist: Sieben Verse haben den Reim b. Es gibt Paarreim (a a b b), Kreuzreim (a b a b )  und Rahmenreim (a b b a ).

Ein Mann sieht eine Frau und verliebt sich in sie. Die Frau will ihn nicht, sie haßt ihn zunächst. Doch dann hat sich das Verhältnis gewandelt: Beide sind verliebt.,

 

Reinmar von Hagenau:

Er stammt aus dem Elsaß, war aber am einem Hof, einer Hauptpflegestätte der damaligen Kultur. Der Inhalt seines Gedichts: Solange der Dichter noch von der Frau entfernt ist, kann er noch Hoffnung haben, daß sie ihn erhört. Deshalb ist die Zeit bis zum Zusammentreffen die schönste: Er darf sie verehren, mit der Hoffnung, daß sie ihn erhört. Seine Freude ist so groß, daß er den Kummer vergißt. Man hat ihm von ihr erzählt und geschildert, wie schön sie ist. Aber er will niemand etwas von seiner Liebe erzählen. Er ruft Gott zum Zeugen an, vor dem er nicht lügen kann, daß er sie wirklich liebt.

 Die Freunde des Dichters haben sich beklagt: „Du machst immer nur so traurige Gedichte. Mit der Zeit wird das langweilig. Und dabei liebst du sie ja gar nicht. Du bist nur ein Modedichter!“ Ihm geht es aber gar nicht um die eine Frau, die er gerade besing. Er will vielmehr den Inbegriff der Frau verherrlichen, dieses hohe Idealbild ist es wert, besungen zu werden (dahinter steht die Marienverehrung!).

 

 

Rudolf von Fenis (Neuenburg in der Schweiz):

Neuartige Rhythmik, die aber bald wieder einschlief, nämlich die Dreisilbendipodie: Stark akzentuiert - weniger stark - unbetont.

 

Friedrich von Husen: Nahm an dem Reichsfest aus Anlaß der Schwertleite der Söhne Barbarossas an Pfingsten 1184 in Mainz teil. Dort hörte er eine Melodie des französischen Trouvère Guiot de Provins. Er verwandte sie in: „Ich denke under vilen...“.

 

Oswald von Wolkenstein (1367 - 1445):

Mut zur Realität: Er stellt auch häßliche Figuren dar. Er gibt ungeschminkte Selbstgeständnisse von seinem Vagabundenleben. Er verfaßt Volkslieder, versieht italienische Sätze mit deutschem Text und schildert wüste Tanz- und Raufszenen. Im Gegensatz zur Gregorianik verwendet er häufig kühne Intervallsprünge. Er ist schon ein Stück verfrühtes Barock.

1.) „Sag an herze liep“: Hornrufartiger Beginn (Laute und Fidel!),  Dialog zwischen Mann und Frau. Früheste deutsche Mehrstimmigkeit, noch sehr primitiv, aber es herrscht eine frische Melodik vor, die uns anspricht.

2.)  „Wohlauf gesell wer jagen will“: Rein instrumental auf Blockflöte und Drehleier

3.)  „Zeitungslied“, Fehde der Wolkensteiner gegen die Stadt Meran, erzählender Stil, mit der Pauke unterstrichen.

4.) „Ave mater, oh Maria“: Venezianisches Marienlied, dreistimmig, italienisch und damit ganz auf den guten Klang eingestellt. Oswald war viel in der Welt herumgekommen (16 Königreiche), und so auch in Italien(Thema auf allen Instrumenten!).

5.)  „Vogelduett“: Chansonartig, übertragen aus der französischen „ars nova“, Nachbildung im Deutschen.

Viele eigene Schöpfungen: Kanon, Instrumentalstück (der Drehleier). Beeinflußt von den Meistersingern. Lebendig. Mehrstimmig und uns deshalb näherstehend, weil wir mehrstimmige Musik gewohnt sind.

 

Das Wesen der Minnelieder ist die Verherrlichung der verheirateten Frau (also keine Werbung um die Frau!), konventionell, leidenschaftslos, gedämpfte Stimmung. Das Verdienst des Minnesangs ist die Änderung in der Einstellung zur Frau: Wilhelm IX. von Aquitanien, der ältester Troubadour (um 1100) kennt noch keine Minne. Gottfried von Straßburg (um 1200) schildert im Trsitan“ die Frau als gleichberechtigter Partner des Mannes.

 

Walther von der Vogelweide:

Ein einem Gedicht beteuert der Dichter, ein armer Schlucker zu sein, der aber etwas ganz Neues zu bringen hat, etwas, das noch nicht dagewesen war. Das ist aber alles nur rhetorische Formel, denn einige Zeilen später sagt er, daß er keinen anderen Lohn wolle als den Gruß der Frau. Walther ist nicht ein klagender Liebhaber, sondern er hat ein fröhliches Gedicht verfaßt, ein lustiges Lied über die deutschen Frauen. Deshalb meint er auch seine nationalistischen Verse nicht ernst, sondern ironisch, er ist erhaben über jeden betonten Nationalismus, er achtet andere Kulturen ebenso.

Das Neue an seinem Gedicht ist, daß er nicht mehr von dem Lob einer einzelnen Frau spricht, sondern es ist ein Loblied auf die deutsche Frau allgemein. Damit hat Walther seinen Lehrer Reinmar von Hagenau übertroffen, mit diesem letzten Trumpf kann Reinmar nicht mehr mit, denn es gibt keine Steigerung mehr.

 

 

 

Walther von der Vogelweide: Die Reichssprüche:

Geschichtlicher Hintergrund: Nach dem Tode Heinrich VI. brach die Stauferherrschaft in Italien zusammen. Das Reich zerfiel. Es herrscht Zwietracht zwischen Welfen und Staufern:

Der Welfe Otto IV. wurde von den geistlichen Fürsten am rechten Ort - nämlich in Aachen - von dem richtigen Mann - Erzbischof von Mainz-  zum Kaiser gekrönt.

Der Staufer  Philipp von Schwaben: wurde von den weltlichen Fürsten und mit den Reichsinsignien gekrönt. Der Papst bannte ihn zwar, denn der Papst stand natürlich auf Seiten der Geistlichkeit, aber Philipp blieb doch siegreich.

In diesen Kampf greift der junge Walter ein. Sein Herr, der Babenberger Luitpold, war gestorben und so schloß er sich dem jungen Staufenkaiser an und unterstützte ihn in seinen Gedichten.

 

1.) Die Körperhaltung:

Der Richter: Die Beine übereinandergeschlagen (siehe Bildnis am Freiburger Dom).

Der Trauernde         : Die Hand an der Wange ist die Haltung der törichten Jungfrauen (auch dargestellt am Freiburger Dom).

Ehre u n d ehrliches Gut zu sammeln ist schwer. Und auch noch den Segen Gottes zu erlangen, das ist fast unmöglich und in dieser Zeit überhaupt nicht. Es gibt keinen Weg, diese Dinge zu vereinigen: Die Untreue lauert im Hinterhalt, Gewalt tritt offen zutage, Friede und Recht sind verwundet (kaiserlose Zeit vor der Krönung). Erst wenn diese beiden wieder ( in Ordnung sind, können Gut, Ehre und Gottes Segen wieder vereint sein.

 

2.) Der Naturbeobachter: Im Tierreich gibt es den Kampf ums Dasein. Aber es gibt auch eine Ordnung, ohne die die Tiere nichts wären.

Zeitpunkt: Kurz vor der Krönung. Walter bezeichnet die Krone als das einzige Zeichen der Königsmacht.

Besonderheit: Der Weise, der prächtige Edelstein in der Krone, der nicht seinesgleichen hat, kommt vor in einem Vers.

 

3.) Der Hellseher: Er weiß sogar, was die Leute denken und vorhaben. Er weiß, was in Rom vorgegangen ist, obwohl er gar nicht da war. Er sagt „Rom“, aber jeder weiß, daß der Papst gemeint ist.

Walther erzählt von zwei Königen, die in Rom betrogen wurden. Das können nur Friedrich und Philipp gewesen sein, Friedrich wurde um sein Erbe betrogen, Philipp um die Rechtmäßigkeit der Wahl. a.) Der Papst hielt ja zu den Welfen, für Walther aber sind nur die Staufer „Könige“.

Ein Mönch sieht den Verfall der Kirche. In der Tat hat auch Franz von Assisis mit seinem Mönchsorden den den wankenden Turm der Kirche (ein Traum des Papstes Innocenz III.) wieder gestützt.

 

4.) An einem Weihnachtstag ging Philipp majestätisch einher. Der König ist die Verkörperung der vollkommensten Zahl, die es gibt, die Zahl drei. Walther gibt hier ein Rätsel auf:

Wer ist König, Bruder eines Kaisers und Sohn eines Kaisers? Die Thüringer trieben eine Schaukelpolitik zwischen den Königen und ließen sie sich gut bezahlen. So wurde die Burg Herrmanns von Thüringen, die Wartburg, zum Kulturzentrum: Walther‚ Wolfram, Sängerkrieg.         Nun aber hat Walther die Thüringer und Sachsen am Hof Philipps gesehen, sie haben sich also nicht gegen ihn entschieden, es ist aus mit der Schaukelpolitik, Walthers Propaganda hat ihr Ziel erreicht.

Mit der Macht des Gegenkönigs Otto ist es nicht mehr weit her, denn Philipp ist an dem Weihnachtstag nach der Krönung schon im Kernland des Gegners, in Magdeburg.

Walther unterstreicht den Anspruch seines Königs:  Er trägt sie Reichsinsignien und ist Statthalter Gottes auf Erden (Bild der Trinität),er ist aus der königlichen Familie (Sohn und Bruder des Kaisers), seine Frau ist die Tochter des byzantinischen Kaisers. Walther hat hier einen anderen Vergleich: Die Gestalt der Maria, durch die König in den göttlichen Heilsplan hineingerückt wird.

 

5.) Das Gedicht ist geschrieben nach der Kaiserkrönung in Rom. Aber Philipp wurde nie gekrönt, wohl aber Otto IV. Deshalb hat sich Walter einen neuen Herrn gesucht, er dient dem, der gewählt ist und der die Krone trägt -  er dient dem Reich. Otto verfolgte  weiter die staufische Politik: Die Vereinigung Italiens mit Deutschland. Als er aber nach der Krönung auch Süditalien erobern wollte, griff er das Reich Friedrichs II. an. Deshalb wurde er vom Papst gebannt, die Fürsten in Deutschland waren von ihrem Treueid entbunden, sie fielen von Otto ab.

Walther lebte am Hof des Markgrafen Dietrich von Meißen, der auch abgefallen war und nun einiges zu befürchten hatte. Deshalb zieht er dem zurückkehrenden Kaiser entgegen nach Frankfurt. Walther hat dieses Gedicht für ihn geschrieben, um bei dem Kaiser Aufnahme zu finden.

Walther war ein politischer Dichter, der aber für den Herrn schreibt von dem er lebt. Er ist bitterarm und bittet auch hier den Kaiser um eine Gabe. Otto ist jedoch sehr geizig, obwohl ihm Walther sehr viel geholfen hat. Walther schreibt zwar immer für seinen jeweiligen Herrn, aber er hat sich nie gegen das Reich gestellt.

 

(7.) In dem nächsten Gedicht Walthers findet sich derselbe Reim wie vorher, der sogenannten „Ottenton“, weil das Gedicht von Otto IV handelt. Es beginnt mit einem Paar- und einem Rahmenreim, die sechs lebten Zeilen reimen d e f d e f.

Walther bezeichnet sich hier als „fronebote“ , als Gottesbote oder als Angelos (=Engel).

Er sagt:

Herr Kaiser, ich bin ein Engel

und ich bringe Euch Botschaft von Gott.

Ihr regiert die Erde, er das Himmelreich.

Ihr seid eingesetzt, daß man vor euch klagt .

- Ihr seid sein Statthalter -

Im Heiligen Lande machen die Heiden

einen frevelhaften Aufstand gegen Euch,

gegen Gott und den Kaiser.

 Ihr sollt ihm zu seinem Recht verhelfen:         

Sein Sohn wird „Christus“ genannt,

er ließ Euch sagen, wie er die Schuld begleichen wolle,

nun verbändet Euch mit ihm.

Er verhilft Euch zum Recht,

da er Gerichtsherr ist über die ganze Welt,

auch wenn ihr sogar über den Teufel aus der Hölle klagt.

 

Walther ist hier wieder der politische Dichter, der einen bestimmten Zweck verfolgt. Es fällt nämlich sofort auf, daß der Papst als Richter völlig übergangen wird, er ist gar nicht erwähnt. Und das zur Zeit der stärksten Machtentfaltung des Papsttums: Innocenz III. war gerade Lehnsherr über England, Frankreich und Sizilien geworden, er konnte in seiner Tiara nun drei Kronen führen; ja, er konnte sogar den Anspruch auf die Weltherrschaft erheben, das hatte noch nicht einmal Gregor VII. vermocht.

Otto IV. dagegen ist gebannte und er soll der einzige Richter auf der Erde sein? Walther zeigt hier eine ungeheure politische Kühnheit. Er spielt sich aber auch als Bote Gottes auf, eine Stellung, die ihm gar nicht zukommt. Damit will er aber erreichen, daß Otto auf den Kreuzzug ins Heilige Land zieht, denn Jerusalem war wieder einmal von den Heiden genommen. Es ist aber eine Ungeheuerlichkeit, wenn ein von der Kirche gebannter Kaiser diese heilige Aufgabe erfüllen will. Das hat nur Friedrich II. gewagt, der dann auch Erfolg hatte.

Walther wäre zwar bereit,  sich auch auf die Seite des Papstes zu stellen, falls dieser im Recht ist. Aber Walther ist überzeugt, daß der Papst sich eine Macht angemaßt hat, die ihm gar nicht zusteht. Walther bezeichnet ihn sogar als Teufel aus der Hölle, als Antichrist; deshalb sieht Walther nur in seinem Kaiser den rechtmäßigen Vertreter Gottes auf Erden, der Gott zu seinem Recht verhelfen soll.

Diese Vorstellung von dem Papst als Antichrist lebte damals im Volk, sie wurde sogar in Wurzel war schon früher im Volk ,sie nahm ihren Ausgang in der Enttäuschung über die Machterhöhung des Papstes im 13. Jahrhundert.

 

8.) Wenn der Kaiser den deutschen Fürsten eine starke Hand entgegensetzt, dann werden ihm auch die Nationalstaaten im Westen gehorchen. Dann hat aber auch der Kaiser die Hände frei für den Kreuzzug, womit er seine Stellung als Statthalter Gottes beweisen könnte. Der Kaiser konnte aber seinen Anspruch auf Weltherrschaft nur in die Tat umsetzen, wenn er die Nationalstaaten bekämpfte, die vom Papst unterstützt wurden (der Adler ist Zeichen der Staufer, der Löwe ist Zeichen der Welfen, sie sind nun in einer Hand) . Walther appelliert an die „milte‘“, die Freigiebigkeit, denn Otto IV ist ein Geizhals.

 

7.) Walther greift nun den Papst persönlich an und er spielt dabei auf die Kaiserkrönung in Rom an, als Otto noch vom Papst unterstützt wurde. Walther verwendet dabei die Worte des Krönungszeremoniells und wendet sie gegen den Papst: Der Papst hat sich gegen den Kaiser gewandt, nun ist auch er verflucht. Allerdings war Otto daran schuld: Als er Süditalien angriff (Kirchenstaat umklammert!) brach er sein gegebenes Versprechen. Die Doppelzüngigkeit liegt auf beiden Seiten, aber Walther spricht nur davon, daß der Papst sein Wort gebrochen hat.

 

9.) Walther fordert die Trennung geistlicher und weltlicher Macht.

10.)  Diese Strophe paßt besser hinter Strophe vier, denn hier wird der Papst noch nicht so sehr angeklagt. Der Papst wurde zum weltlichen Herrscher, als Ostrom die westlichen Gebiete nicht mehr halten kann und einen Teil des Gebietes - nämlich die befestigten Städte Rom und Ravenna - dem Papst überträgt (damals Gregor I., der nun den Klerus und die Armen Roms unterhalten kann!). Als die Langobarden den Papst bedrängen, hilft Pippin, er gibt dem Papst sogar noch mehr Land, so daß nun Rom und Ravenna miteinander verbunden sind (Pippinsche Schenkung?).

Walther spricht allerdings von einer anderen Schenkung, der Konstantinischen Schenkung, die dem Papst noch mehr Macht überträgt, und die von fränkischen Geistlichen benutzt wurde, um ihre Stellung gegenüber dem König zu festigen. In ihr sieht Walther die Wurzel allen Übels. Walther konnte allerdings nicht wissen, daß es sich dabei nur um eine Fälschung handelte.

 

12.) Walther propagierte immer wieder den Kreuzzug durch Otto IV. Nun sammelt aber der Papst für den Zug. Es besteht aber kein Zweifel, daß das Geld dann Friedrich II. zugeflossen wäre, der von der päpstlichen Gegenpartei zum Gegenkaiser gewählt wurde. Walther fordert nun im Auftrage Ottos die Leute auf, kein Geld zu geben. Otto ist 1218 in der Schlacht gegen Friedrich gefallen

 

13.) Die Pfaffen behalten lieber den Schatz ungeteilt für sich. Dabei muß man aber wissen, daß gerade Innocenz ein Asket war, auf den die Bezeichnung eines Fressers nicht zutrifft.

Er hat wie kaum ein anderer Papst gearbeitet.

 

14) Walther hat sich Friedrich angeschlossen und fordert ihn nun auf, den Kreuzzug zu unternehmen, wozu dieser sich bei der Krönung verpflichtet hatte. Bis jetzt hatte Friedrich aber keine derartigen Schritte unternommen, außerdem hatte er nicht auf Süditalien verzichtet und der Papst saß also doch in der Klemme, und Friedrich wurde daraufhin gebannt.

Friedrich wollte gern seinen dreijährigen Sohn Heinrich zum König krönen zu lassen. Die Fürsten hatten sich jedoch geweigert. Da erklärte Friedrich: Ich gehe nicht eher auf den Kreuzzug, als bis ihr nachgebt (der Adler ist Zeichen der Staufer).

 

15.) Walther fordert Friedrich auf, so schnell wie möglich auf den Kreuzzug zu gehen. Friedrich hat schon zu lange gewartet, er ist gebannt und soll nun Buße tun. Die unrechten Paffen fallen schon von ihm ab und es besteht die Gefahr, daß auch die anderen beeinflußt werden.

 

16.) Friedrich wird aufgefordert, sich weder um die Heiden noch um den Papst zu kümmern. Denn Gregor IX. wollte verhindern, daß der gebannte Friedrich auf den Kreuzzug geht und hatte ein großes Heer aufgestellt. Nun beschuldigt ihn Walther, gemeinsame Sache mit den Heiden zu machen.

 

17.) Walther und sein Lehrer Reinmar von Hagenau standen in einer literarischen Fehde. Aber trotzdem schreibt ihm Walther einen Nachruf. Hier lobt er Reinmar als den großen Minnesänger, der in seiner Jugend hervorragende Minnelieder verfaßt hat. Damals

„reute ihn nicht ein Tag, an dem er das Lob der Frau verkündet hat.“ Aber dann wurde Rein­mar zu einem sehr schwachen Dichter, dessen Kunst völlig verdorben ist. Und gerade diesen Anschnitt hat Walther nur kennengelernt, nicht mehr die große Zeit Reinmars; deshalb nimmt auch Walther kein Wort seiner Fehde zurück.

18.) Österreich und seine Hauptstadt Wien werden verglichen mit dem Himmel. Aber für Walther ist das Himmelstor versperrt. Der Herzog ist sehr freigiebig, aber „obwohl es auf beiden Seiten von Walther regnet, kriegt er doch nichts von diesem Segen ab“. Walther sagt ihm: „Ich würde mich auch mit einem Blättchen von der üppigen Heide deiner Freigiebigkeit zufriedengeben.“ Walther mahnt seinen Herrn also, den armen  Dichter nicht zu vergessen (Wink mit dem Zaunpfahl!)

 

19.) Friedrich von Österreich war zum Heil seiner Seele auf den Kreuzzug gegangen, hatte aber sein Leben lassen müssen. Walther war traurig. Nun aber hat er in Philipp von Schwaben, bei der Krone, eine neue Zuflucht gefunden

 

20.) Walther führt einige Beispiele auf für freigiebige Herrscher. Sultan Saladin sagte: „Die Hände eines Herrschers sollten durchlöchert sein, damit auch ja genug für die Künstler durchfällt.“ Und Richard Löwenherz wurde nur durch seine Untertanen nur wieder eingelöst, weil er vorher sehr freigiebig war.

 

21.) „Wer an den Ohren leidet, dem empfehle ich nicht, auf die Wartburg

zu gehen,“ sagt Walther, „denn dann wird vor lauter Geschäftigkeit taub. Der Landgraf verschwendet sein Gut an Schmeichler“: Aber Walther hat das zuletzt angeekelt. Er hat auch versucht, sich bei allen beliebt zu machen, um auch etwas abzukriegen, aber nun widert ihn diese Radfahrerei an.

 

22.) Walther drückt Otto IV. seine Sehnsucht nach einem eigenen Heim aus. Er weiß ja, daß ein Gast und der Ruf  „Schach dem König“ immer ungelegen kommen. In diesem Falle sind es die Fürsten, die ihn mit dem Schachruf bedrängen. Walther meint nun: „Erbarme dich doch endlich deines Gastes, damit dich Gott aus dem Schach erlöse“.

 

23.) Walther redet ihn mit Herr Otto an, erkennt ihn also nicht mehr als König an. Otto ist ja wie alle Welfen von großer Körpergröße. Aber im Vergleich zu seiner Freigiebigkeit ist nur ganz klein, er ist „an freigiebiger Gesinnung viel kleiner als ein Zwerg“. Friedrich II. dagegen ist in Bezug auf seine Freigiebigkeit, der Genosse der Riesen.

 

24.) Walther gibt zwar reiche Kunst, aber man läßt ihn doch in Armut. Mit dem notwendigen materiellen Rückhalt könnte ich so schön singen, daß die Frauen abwechselnd rot und weiß werden. So aber muß ich, wenn ich abends spät angekommen bin, schon am nächsten Morgen wieder weg.

 

50.) Die Elegie Walthers: Er steht am Ende seines Lebens und beklagt sich nun in diesem schwermütigen Gedicht. Er ist erschüttert, daß er fremd geworden ist in seiner Heimat (der Vogelweidhof bei Bozen!), alles hat sich verändert, die Landschaft wie auch besonders die Leute. Das vornehme Rittertum ist vergangen. Walther findet sich nicht mehr zurecht. Trotzdem ist er nicht voller Pessimismus: Er würde gern mit auf den Kreuzzug gehen und seine Seele erlösen.

 

Besonderheiten:

Die Nibelungenstrophe (viermal ohne Längung des vierten Verses) ist Ausdruck der Klage:

Walther erinnert sich an die Zeit seiner Jugend,  als es nur dieses Versmaß in der deutschen Dichtung gab (dasselbe Versmaß in der Alsfelder Marienklage!). Eine noch ältere Technik ist der sehr häufig verwandte Stabreim.

In Zeile 33 gibt es eine andere Besonderheit: „swer dirre wrünne“. Die Anfangsbuchstaben enthalten das Zeichen des Dichters: S D W = Servus Domini Waltherus. Es erscheint auch noch einmal in Zeile 50 hineingearbeitet „denne singe wol“ = : „domini servus Waltharus“.

 

Eine besondere Bedeutung haben auch die Vokale: Damit diese Häufung von Vokalen nicht langweilig wird, hat Walther mit der Reihenfolge etwas abgewechselt. Er hat diese Technik auch in anderen Gedichten verwandt:

33.) Die Reime enthalten das Vokalspiel zwischen a und i

34.) Die Reime der fünf Strophen enden auf a e i o u .

35.) Am Anfang herrscht eine dunkle Stimmung, dann kommt der Traum, die Verteilung der Vokale ist harmonisch und ausgewogen. Als der Morgen graut, werden die Vokale immer heller. In der letzten Strophe ist schließlich das „i“ vorherrschend. Der Traum zerfließt in Nichts, denn die Deutung der alten Frau sagt soviel wie nichts.

 

 

Mittelhochdeutsche Liedkunst

Früher konnte man den Minnesang nur von der Germanistik her betrachten. Aber neuerdings hat man auch die Quellen erschlossen, um auch von der Musik her den Minnesang zu untersuchen. Die Gesänge der Kelten und Germanen sind uns nicht erhalten. Aus dem frühen Mittelalter haben wir jedoch eine ganze Reihe von Gedichten, zu denen auch die Melodie gehörte. Viele Weisen sind aber nicht aufgezeichnet worden bzw. verloren gegangen.

 

1.) Übersetzung der ambrosianischen Hymnen in die Volkssprache.

Das älteste Denkmal findet sich in der Benediktinerabtei Murbach (Ober-Elsaß): Man war aber sehr an die Melodie gebunden und die Übersetzung war streng an das lateinische Original angelehnt. Der Dichter war kein Wortkünstler, aber er kam dem augenblicklichen Bedürfnis entgegen und er war Wegbereiter für kommendes Größeres .Es ist der erste Versuch, deutsche Verse nach dem Hebigkeitsprinzip (betont - unbetont) zu schaffen, die dem deutschen Sprachempfinden sehr entgegenkamen.

 

2.) „Petrus - Lied“ zur Einweihung der Peterskirche auf dem Domberg zu Freising unter Bischof Erchambert (836-54). Textliche Beziehung zu einem Hymnus, metrisch und musikalisch jedoch freie Dichtung.

 

Im Mittelalter gab es (zunächst) keine Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Musik, es bestanden wechselseitige Beziehungen.

Kontrafaktum: Weltliches Lied wird zum geistlichen Lied (Melodie des „Lerchenliedes“ des Troubadour Bernart von Ventadorn wird zum geistlichen Lied im Mysterienspiel der heiligen Agnes und die Melodie des „Palästinaliedes“ (Walther von der Vogelweide) wird zum Gesang in der Bordesholmer Marienklage).

Wenn ein geistliches Lied zum weltlichen Lied wird, nennt man das „Travestie“, ein geistliches Lied mit weltlichen Anklängen ist eine „Parodie“ (Weihnachtssequenz der anglonormannische Scholaren wird zum Preislied der Geselligkeit und des Bieres.

Durch den Einfluß des Hymnengesangs wurde der ursprünglich stabreimende Vers völlig verdrängt und im 12. Jahrhundert dichtete man nur noch nach dem Hebigkeitsprinzip, das zur Grundlage für das weltliche Lied wurde.

 

Durch die Kreuzzüge lernte man die Vorzüge einer bequemen Wohnkultur kennen. Damit regte sich im Rittertum das Streben nach geistiger und geselliger Unterhaltung. Der Mittelpunkt des Kulturlebens wurde die volkssprachige Liedkunst, das Rittertum wurde also zum Träger des Minnesanges.

Von Frankreich her gelangte das Rittertum über die Niederlande nach Deutschland: Das mittelalterliche Abendland kannte wohl Volksstaaten, aber die Kirche sowie das Rittertum durchdrangen diese Staaten mit ihren Gemeinschaftsideen, so daß die Volksstaaten durch das Band einer gemeinsamen abendländischen Verpflichtung zusammengefaßt wurden, die ihrerseits wieder eine einheitlich ausgerichtete Kunstübung hervorrief. Im Bereich der Musik des Mittelalters haben wir es deshalb mit einer gemein abendländischen Angelegenheit zu tun, die die Verbundenheit aller europäischen Kulturnationen dokumentiert wie kaum  ein anderer Zweig mittelalterlichen Kunstschaffens.

 

 

Spruchdichtung

Die Sänger sind nicht mehr Adelige, die den Gesang aus Liebhaberei betreiben, sondern Berufssänger aus dem Bürgertum, die von der Gunst der Mäzene leben. Sie schildern persönliche und allgemeine Lebenserfahrungen und Ermahnungen.

 

1.) Spervogel (älterer und jüngerer)

2.) Reinmar von Hagenau

3.) Walther von der Vogelweide (höchste Entfaltung der Spruchdichtung). Beispiele:

a.)  „Hof- und Wendelweise“ aus der Colmarer Liederhandschrift, die Melodie zu Walthers Spruch: „Waz wunders in der werlte“: Besonderheit ist die Wiederholung der Melodie von Vers 8 in Vers 9, aber eine Quinte tiefer, und der Übergang von Vers 11 zu 12, wo die Melodie als Brücke zwischen den Versen völlig gleich ist und so den Sinneinschnitt nach Vers 11 verwischt.  Im 12. Vers ist nur noch eine Note eingeschoben. Dadurch wird die Betonung verschoben (In Vers 11 betonte Noten sind nun unbetont). Diese „trennende Copula“ läßt den Sinneinschnitt wieder deutlich werden.

b.) „guldin wyse“ zu dem Tagelied „Friuntlichen lac ein ritter“:

Das unruhige Sehnen wird ausgedrückt durch die Inkongruenz zwischen Melodie und Textaufbau. Es liegt die Barform vor: In den Stollen findet sich kein Reim. Es soll keine Pause entstehen. Der Fluß der Melodie führt über alle Zäsuren hinweg. Nur in der Mitte ist eine Pause: Die Sprecher wechseln.

c.) Aus dem „Singebuch“ des Adam Puschmann „Her babest, ich mac wol         …“:

Besondere Technik (Walther bezeichnet sie als: „kurz und lang“): Bei der Wiederholung wird der Melodie die doppelte Zahl an Textsilben unterlegt.

d.)  „Phelippe, künec here....“: Die Vorlage für die Melodie ist ein im Aachener Dom gesungenes Weihnachtslied: „Sys willekommen, herro Crist“. Der Text wurde nur etwas anders untergelegt. Die nicht überlieferten letzten acht Verse lassen sich so aus dem Weihnachtslied rekonstruieren.

e.) „Palästina - Lied“: Einziges vollständig mit Noten erhaltenes Lied des älteren Minnesangs (aus dem „Münsterer Fragment“).

Walther lebte eine Zeit in Frankreich und lernte dort das Lied des Troubadour Jaufre Rudel kennen. Die Besonderheiten: Beide Stollen der Rundkanzone (Wiederholung der Melodie des Anfangs) enden auf den Reimrefrain „lonh“. Der Abvers setzt wie bei anderen Liedern auch mit einem höheren Ton ein als der Anfang. Aber hier wird auch die Melodie des Anfangs noch einmal wiederholt, nur jetzt eine Quinte höher.

Walther gefiel dieses Lied so sehr, daß er die Melodie in seinem Palästinalied verwendet, obwohl seine Verse eine Silbe kürzer sind. Aber die Melodiesubstanz, der Strophengrundriß der Rundkanzone sind übernommen, nur auf den Reimrefrain hat er verzichtet.

Walther hat auch noch zwei andere Melodien übernommen. Besonders das Palästinalied ist ein deutlicher Beweis dafür, daß die deutschen Minnesänger französisches und provenca­li­sches Liedgut übernommen haben. Das war im Mittelalter Sitte. Es gab kein Urheberrecht.

Man kann diese Entlehnung also dem Dichter nicht vorwerfen oder etwa musikalische Unfähigkeit vorwerfen.

Hartmann von Aue und Wolfram haben auch einige Tagelieder verfaßt. Von Wolfram von Eschenbach sind sogar noch einige Melodien erhalten geblieben: Die Jenaer Liederhandschrift, die Colmarer Liederhandschrift und die Weisen des Ritters „Roff Rones“. Aber bis jetzt ist es nicht gelungen, den Text und die Melodie zu koordinieren.

 

Der Herbst des Minnegesanges

Neidhart von Reuenthal:

Verherrlichung der „niederen Minne“. Das ist allerdings eine wenig glückliche Unterscheidung, denn Neidharts Lyrik hat eine ganz andere Thematik: Naturbeschreibung, Anklang an Pastourellen, ländliche Szenen mit Reigentanz und Gelagen, Spott über protzenhafte Bauern

Dieses Milieu löst eine ganz andere Stimmung aus als die abstrakte Ideenwelt der herkömmlichen „Minnepoesie“ v(Deshalb wußte man Neidharts Lieder auch noch im 15. Jahrhundert zu schätzen, als der eigentliche Minnesang längst verklungen war). Die Minnepoesie hatte bei den Rittern längst an Zugkraft eingebüßt; so begrüßte man den Realismus dieser Gedichte.

Es gab noch eine Nachblüte der Minne-Poesie, die aber nicht mehr viel ändern konnte.

 

Parzival (Wolfram von Eschenbach):

Es gibt drei Arten von Menschen: schwarze (Farbe der Hölle), weiße (die Guten) und

schwarz-weiße (wie die Elster). Von diesen will er erzählen: Der Mensch in seiner Stellung zwischen Himmel und Hölle.

Der Dichter beruft sich auf eine Quelle: „ein maere ich iu wil niuwen“. Vorbild ist Christien de Troyes. Er will erzählen „von mannes manheit also sleht,diu sich gein herte nie gebouc „

Parzival bedeutet „Durchdringe das Tal“.

Vorgeschichte: Die Mutter will Parzival von jedem Rittertum fernhalten. Der Dichter stellt nun die Frage an die ritterliche Welt: Ist das überhaupt möglich? Einfluß des Franziskus von Assisis: Wer in Armut lebt, wird das ewige Leben haben. Die Mutter vertreibt die Vögel, damit der Sohn bei dem Gesang der Vögel nicht von der Sehnsucht nach der Ferne ergriffen wird.

In einem Gespräch hat Frau Herzeloyde den Namen „Gott“ erwähnt. Als ihr Sohn nach der Bedeutung fragt, gibt ihm die Mutter nur eine einfältige Unterweisung: ,,Wenn du ihn Not bist, dann flehe ihn an .Er hat das Aussehen eines Menschen, aber er ist noch lichter als der Tag. Aber vor dem Herrn der Hölle, der schwarz aussieht, mußt du dich hüten!“ Als Parzival auf der Jagd nun auf vier Ritter trifft, deren Führer noch besonders prächtig gekleidet ist, fällt er vor dem vermeintlichen „Gott“ in die Knie.

Aus der ironischen Bemerkung des einen Ritters erfahren wir etwas über die Herkunft des Dichters Wolfram von Eschenbach. Der Ritter sagt: „Wer immer in Bayern oder Valois geboren wird, der besitzt eine wunderbare Geschicklichkeit. Ich muß dieses Lob verkünden. Aber die Waleiser sind doch noch dümmer als w i r Bayern.“ Aus solchen Randbemerkungen können wir sehr viel über das Leben des Dichters erfahren.

Die Ritter erklären dem unerfahrenen Jungen jedoch: ,,Wir sind nur Ritter!“ Aber auch diesen Ausdruck hat Parzival noch nicht gehört. Da erzählen sie ihm von König Artus, ihrem Herrn, und sie erklären ihm die Aufgabe des Panzerhemdes, denn der Junge konnte sich nicht denken, warum die Ritter soviel mehr „Fingerringe“ benötigen als die adligen Damen im Gefolge der Mutter.

Der Junge will nun unbedingt Ritter werden. Die Mutter ist ganz verzweifelt. Aber sie will ihm auch seinen großen Wunsch nach einem Pferd nicht versagen: Sie gibt ihm also einen klapprigen, alten Gaul und steckt ihn in ein sackleinenes Gewand, damit er vor Scham zurückkehrt, wenn die Leute über ihn lachen.

Frau Herzeloyde konnte nicht vermeiden, daß Parzival mit dem Rittertum in Berührung kommt. Nun gibt sie ihm wenigstens noch einige Regeln mit auf den Weg, sie will ihn Klugheit lehren:

1.) Wenn der Weg nicht direkt zu einer Furt führt, wenn der Weg vor dir ungewiß ist, dann meide diesen Weg. In übertragener Bedeutung bedeutet das: ,,Gehe jeder dunklen Gefahr aus dem Wege.“

2.) Du mußt jeden, der dir begegnet, höflich grüßen.

3.) Folge einem weisen Mann gehorsam, der dir Zucht beibringen will.

4.) Wenn du eine liebe Frau findest, die du erringen kannst, dann greif zu!

 

Parzival befolgt diese Ratschläge auch genau, aber mit Unverstand, daß er den anderen und sich nur Unheil bringt. Dieses Epos hat im Gegensatz zum Nibelungenlied keine Längen mehr, sondern jede Schilderung ist ein wichtiger Stein im Mosaik dieses Ritterromans.

Parzival ist der „tumbe“, der keine Regeln der Gesellschaft kennt. Er hat einen der edelsten Ritter getötet mit einer Waffe, die eines Ritters nicht würdig ist. Ither hatte gar nicht die Absicht, Parzival zu töten; er wollte ihn nur wegjagen.

Die Begegnung mit Gurnemanz ist die Fortsetzung der Lehren der Mutter, aber sie lauten gerade entgegengesetzt. Parzival wird damit auf die gesellschaftliche Höhe des Rittertums gebracht .Für Wolfram sind das allerdings noch nicht die höchsten Ideale, für ihn gibt es noch höhere Werte.

Die Lehren des Gurnemanz:

1.) Dein Gewissen sollte dir immer sagen, wenn du dich zurückhalten mußt, du darfst nie schamlos werden weder gegen dich selbst, noch gegen Gott oder eine Frau (Schluß des armen Heinrich: Der Held schämt sich auch, weil er die Hilfe des Mädchens in Anspruch nehmen wollte!)

2.) Je höher ein Ritter steigt, desto mehr Pflichten gegenüber den Armen übernimmt er. Und man muß notfalls auch selber zu den Armen hingehen, denn viele Leute schämen sich zu betteln. Hier zeigt das Rittertum eine hohe Moral (adlig = edel sein), die wir im Germanentum noch nicht finden, die aus dem Christentum entstanden ist.

3.) Jedes Ding soll sein rechtes Maß haben( Geiz - Freigiebigkeit). Der Herr muß zwar sein Gut zusammenhalten, aber er darf deswegen nicht geizig werden.

4.) Man darf die Menschen nicht mit Fragen belästigen (Deshalb verscherzt sich Parzival später die Gunst des Grals!).

5.) Nun erst wird etwas über den Kampf gesagt, eine der Hauptbeschäftigungen des Rittertums, aber nicht das Wichtigste: Ihr sollt einem besiegten Gegner kein Leid antun, wascht euch wegen der Rüstung immer gut und seid nicht kampfeslustig, wenn ihr ohne Waffen seid.

5.) Der Dienst der Frau adelt das Leben des Mannes.

Wolfram geht dann aber noch sehr viel weiter: Er stellt über den Minnedienst noch die Ehe als die höchste Beziehung zwischen Mann und Frau.

 

Wolfram von Eschenbach stammt von der Burg Wildenberg im Odenwald, ein Beispiel staufischer Baukunst (wie Gelnhausen oderMünzenberg) Wolfram lebte einen Winter auf dieser Burg und verewigte sie in seinem Lied. Er bezeichnet die Burg als „mont sauvage“ (= Wildenberg), im Französischen bei Chrestien de Troyes heißt es dagegen „mont salvage“ (= Berg des Heils).

Das Zeremoniell schildert die Tafel eines Ritterordens. Heute finden wir diese Feierlichkeit noch bei den Benediktinern. Es handelt sich also um eine durchaus realistische Schilderung. Die Erzählung von dem Tischlein-deck-dich ist ein Märchenmotiv. Wolfram behandelt es etwas ironisch: „Ich kann es nicht beschwören, das könnt ihr tun“ („auf euren Eid freilich“).

 

Eine Messe nach byzantinischem Vorbild wird beschrieben:

Knappe mit blutiger Lanze (Kreuzzüge!!!)

Zwei Kinder mit Herzen

Jungfrauen mit Messern

Stein als Tisch

Königin, die ohne Falsch ist.

Wolfram will sein Vorbild jedoch verdecken und deshalb bringt er einige Verfremdungen hinein: An dem Zeremoniell nehmen Frauen teil und die Tischlein-deck-dich-Geschichte. Die Hauptaufgabe des Grals wird jedoch deutlich, wenn man auf das französische Vorbild zurückgeht: Der Gral ist eine Schale, in der das Blut Christi aufgefangen wurde. Wer davon empfängt, ist erlöst (Abendmahl!).

Parzival hätte nun fragen müssen, was denn, dies alles bedeute. Er denkt jedoch an die Anstandsregel des Gurnemanz und fragt weder nach dem siechen Titurel noch nach der Bedeutung des Grals. Parzival ist ein gesellschaftlich genormter Mensch.

Auf der Gralsburg lebt eine Gemeinschaft von Rittern, die für die ganze Welt Sühnedienst leisten. Parzival wat auch dazu ausersehen. Er verspielt aber sein ewiges Heil und die Gemeinschaft dieser Ritter.

Die Begegnung mit dem Einsiedler wäre beinahe wieder verhängnisvoll geworden. Aber diesmal setzt Parzival seinen Willen durch. Er handelt nicht nach dem Rat des Einsiedlers (alles aufzugeben!), denn sein Gefühl sagt ihm etwas anderes. Die Begegnung mit Feirefizr, dem Halbbruder, deutet symbolhaft den Kampf mit dem eigenen Ich an.

 

Wolfram von Eschenbach war 1203 auf der Wartburg am Hofe des Landgrafen von Thüringen. Vermutlich sind Teile seines Parzival-Epos auf der Wartburg entstanden. Sein  Parzival entstand zwischen 1200-1210. Dann war er in Wildenberg. Der 8. Februar 1217 wird als Todestag des Dichters angenommen

Für den Parzival gab er zwei Quellen an, eine ist jedoch fingiert, denn damit wollte er vertuschen, daß er etwas eigenes geschaffen hatte. Ein solcher Dichter war aber nicht so sehr angesehen als wenn er sich auf ein Vorbild berufen konnte (umgekehrt wie heute!).

 

Das hohe Lied reif machender Gnade:

Der Glaube an Gott im „Parzival“ des Wolfram von Eschenbach

Im Unterschied zu seinem Vorgänger Chrestien hat Wolfram der Frage nach Gott im Geschick des Parzival einen ihm eigenen Ausdruck gegeben und sie zu einer nahezu vorreformatorischen Lösung geführt.

Die entscheidende Mitte der Parzivaldichtung ist ihr neuntes Buch, das Karfreitagsgespräch zwischen dem Einsiedler Trevrizent und Parzival. Dieser Teil der Dichtung ist Wolframs eigenes Werk, in dem wie in keiner anderen Dichtung sonst der Karfreitag mit dem Geschick des Helden tief verschlungen und verbunden ist.

Parzival kommt zu Trevrizent als ein Mann, der Gott abgesagt hat und ihm gegenüber trotzt: „Hegt er Haß gegen mich, ich will ihn tragen.“ Er war in der Obhut seiner Mutter aufgewachsen, Sohn eines vor seiner Geburt um das Leben gekommenen Ritters, dessen Witwe den gemeinsamen Sohn vor dem gleichen Geschick bewahren will. Doch dieser, herangewachsen, hat die hütende Waldeinsamkeit verlassen, in der ihn die Mutter bewahrt hatte. Er weiß nicht, daß sein Entweichen ihr das Herz gebrochen hat.

Seine ersten Abenteuer bringen ihm Erfolg und Schuld zugleich. Er tötet. ohne ihn zu kennen, den roten Ritter, der sein Oheim ist, und nimmt ihm seine Waffen ab - Sippenmord und Leichenberaubung. Der Ritter Gurnemanz nimmt sich seiner an und bringt ihm die Regeln ritterlich-menschlichen Lebens bei, bestimmt durch das Bild des barmherzigen Samariters. Als solcher bewährt sich Parzival in der großen Hungersnot von Pelrapeire. Sie war infolge der Belagerung der Stadt durch einen zudringlichen Freier der Königin Kondwiramour entstanden. Parzival befreit die Stadt und gewinnt die Königin zur Gattin.

Sein Weg führt ihn weiter zur Gralsburg, die das Geheimnis des Grals birgt. Dieser ist Sinnbild helfender Herrschaft in der Menschheit, die dienend-selbstlos ausgeübt wird. Sie findet ihren Grund in der heiligen Herrschaft Jesu Christi. Durch Verschulden des Gralskönigs Amfortas ist die Burg in Gefahr; er siecht an seiner Schuld dahin. Parzivals Frage nach seinem Geschick hätte ihn retten können; aber durch die Regel des Gurnemanz, nicht ungefragt zu reden, ist seine Lippe gebunden und folgt nicht dem Zuge des Herzens. So wird die rettende Stunde versäumt. Parzival wird von der Gralsburg vertrieben.

Parzival sagt nun Gott den Dienst auf. Hatte ihn die Mutter gelehrt, er solle immer daran denken, „ihn in allen Nöten anzurufen, seine Treue habe der Welt noch je Hilfe gebracht“, so wi­derfährt ihm nun, wovor die Mutter gewarnt hatte, „durch den Zweifel schwankend zu werden“. Er zweifelt nicht am Dasein Gottes, sondern an seinem Vermögen und seinem Willen zur Hilfe. Deshalb will er sich selbst behaupten und durchsetzen.

So kommt er am Karfreitag zu Trevrizent. Im Gespräch mit ihm lichtet sich sein Geschick durch die Einsicht, die ihm vermittelt wird und die ihn seine Schuld erkennen läßt. Trevrizent sagt ihm, wer der rote Ritter war, den er getötet und beraubt hatte. Er enthüllt ihm den Tod der Mutter, den Parzival durch seinen Weggang veranlaßte, und zeigt ihm, was die erlösende Frage an Amfortas bedeutet hätte, unterlassen hat. Nicht bei Gott, sondern bei ihm selbst lag also der Grund seines Versagens.

Parzival wollte sich noch einmal aufbäumen wider Gott: „Warum hilft er mir nicht? Zur Schande rechne ich es ihm an!“ Trevrizent nennt seinen Gotteshaß unverständig und fordert ihn auf, seine Gedanken zurecht zu weisen, um nicht „freche Reden“ zu führen. Er bezeugt ihm die Treue Gottes, den er „die Treue selber“ nennt. Erweis seiner Treue ist das Selbstopfer des Sohnes Gottes am Kreuz, der Gott selbst vertritt. „Gab es je größere Treue, als die Gott für uns bewies, als man ihn um unsertwillen ans Kreuz schlug?“

Parzival erkennt: Der schwere Weg, den er gehen muß, ist der Weg zur Einsicht. War er naiv der Lehre der Mutter gefolgt und an ihr irre geworden, so gewinnt er nun den Inhalt dieser Lehre in eigener Einsicht neu. Trevrizent aber tut noch ein letztes: Er macht dem Parzival Mut zum Vertrauen auf die Treue Gottes, die ihn nicht im Stiche lassen wird, und sagt: „Ich bürge dir vor Gott für diesen Rat.“ Gleichzeitig fordert er ihn auf: „Gib mir nur deine Sünde her. Ich will vor Gott der Bürge deiner Wandlung sein!“ So verwirklicht er gegenüber Parzival das allgemeine Priestertum der Gläubigen, indem er an ihm tut, was Christus an den Menschen allen tut: Er verbürgt sich vor Parzival für Gott in seiner Treue, auf die er sich verlassen soll; und er verbürgt sich vor Gott für Parzival in seiner Wandlung.

Zwei Wochen war Parzival bei Trevrizent. Als er ihn nach Karfreitag - den er Gottes „großen Helfertag“ nennt - und Ostern wieder verläßt, ist er ein Neugeborener. Wohl führt sein Weg erneut durch schwere Kämpfe und Krisen bis an den Rand des Abgrunds, und alles Unheil scheint sich zu erneuern. Aber einsichtig geworden erkennt er Gottes helfende Hand. So reift er heran, bis ihm das Unmögliche gelingt, den Gral erneut zu finden und seine heilende Herrschaft zu erlangen und auszuüben. Die ihm begegnenden Menschen sagen, er habe „die Ruhe der Seele erstritten und des Lebens Freuden in Sorgen erkämpft“. Sie nennen es das größte Wunder, daß er Gott die Erfüllung seines Wunsches abgerungen habe. Er selbst aber bekennt Gottes unverdiente Gnade, die ihn zu dem hat reifen lassen, was ihm nun zugefallen ist.

In einer Dichtung mit einer Fülle sich verschlingender Bezogenheiten, aus denen hier nur eine entscheidende Grundlinie ausgezogen werden konnte, singt Wolfram von Eschenbach das hohe Lied der reif machenden Gnade, die den Menschen in der Gemeinschaft der anderen zum Ziele führt. Er zeigt die entscheidende Hilfe, die in der Bürgschaft des Christus sich vollzieht: die Bürgschaft für Gott bei uns und für uns bei Gott (nach Walter Grundmann).

 

 

 

Meier Helmbrecht:

Auf dem Hut ist die ganze Bildung der damaligen Zeit aufgezeichnet: Antike (Troja, Änäis),

Germanentum (Dietrich von Bern, Rabenschlacht), Christentum (Karl der Große, Roland) u8nd die damalige Moderne (Tanz auf dem Anger).

Aber dieser Hut sitzt auf dem Haupt des Dorftrottels, der nichts damit anfangen kann, weil er keine Beziehung zu diesen Bildern hat.

Die Kurzweil der Ritter war einst: Buhurt (Einzelkampf), Tanz, Dichtung, Wettkampf. Nun aber sind die Tugenden ins Gegenteil verkehrt: Trinken, schelten,… Es ist die Verfallszeit des Rittertums, die Zeit der Raubritter. Man zeigt die Wirklichkeit in ihrer ganzen Schlechtigkeit, aber als Warnung!