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Hölderlin, Romantik

 

 

Inhalt: Hölderlin: Gedichte, Die Begegnung des antiken und des deutschen Geistes

Romantik: Klopstock, Matthias Claudius, Heinrich von Kleist (Michael Kohlhaas, Der zerbrochene Krug, Penthesilea, Kätchen von Heilbronn, Prinz von Homburg), Brentano, Uhland, Eichendorff, von Droste-Hülshoff, von Platen, Heinrich Heine, Eduard Mörike, Friedrich Hebbel (Agnes Bernauer), Theodor Storm, Gottfried Keller, C.F. Meyer (Der Heilige, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Das Fähnlein der sieben Aufrechten, Gedichte).

Venedig in der Literatur.

 

 

 

Hölderlin, Romantik

 

 

Friedrich Hölderlin                                                                                  1770 - 1843

(eigenständig neben Weimarer Klassik und Romantik) 

Hölderlin wurde wiederentdeckt im Ersten Weltkrieg durch Norbert von Hellingrath. Die Hölderlinforschung hat es heute schwer, seine Gedichte zu deuten, denn man muß all die verschiedenen Fassungen beachten. Heute ziehen ihn besonders die Existentialisten heran, aber auch Heidegger und Guardini haben ihn entdeckt und ein Buch über ihn geschrieben.

 

An den Äther:

Das Gedicht ist eine Idylle, eine Harmonie aller Teile, in der es keine Dissonanz gibt. Diese Harmonie wird hier hergestellt durch den Äther, der am wenigsten materiell ist, den aber jeder nötig hat, er ist sogar eine Gottheit. Er befindet sich jedoch oben, und deshalb drängt alles nach oben, untereinander verbunden durch die Liebe, den Eros. Durch sie drückt sich die Sehnsucht zum Licht, zur Bläue des Himmels aus. Die Luft wird dabei als eine Kost angesehen, stellvertretend für den Geist (pneuma, spiritus und atum haben diese doppelte Bedeutung), stellvertretend für den transzendenten Gott.

 Der Mensch lebt auf der Erde in Gefangenschaft, aber in ihm ist die Sehnsucht nach oben, die nur gestillt werden kann durch den Götterboten, den Adler, der die Verbindung herstellt zur Gottheit (siehe Ganymed-Mythos). Mit dem tiefen Ozean ist auch nur der Himmel gemeint in den der Mensch sich stürzt (Spiel mit doppelten Begriffen typisch für Hölderlin). Eigentlich ist die Sehnsucht nur zu stillen durch den Tod.

Bei Goethe geht es um die Vergöttlichung des Menschen, um das Prometheusgefühl, um den Einklang mit der Natur und um Gleichberechtigung: Ganymed wird hochgezogen! Bei Hölderlin gibt es kein Treffen in der Mitte, der Gott neigt sich nur nach unten. Hölderlins Frömmigkeit zu den Naturgöttern ist echt, er hat sie wirklich verehrt. Er wollte aber auch Seher sein, der die Verehrung der Naturgottheiten neu einführen wollte.

 

Unter den Eichbäumen:   

Gegenübergestellt werden hier die von Natur gewachsenen Eichbäume und die von Menschen gepflegte Natur (Wald bei Schwanheim). Jeder der Eichbäume ist eine Welt für sich, ein Gott: Freiheit, Ungezähmtheit und das Alliebende (untereinander verbundene Wurzeln) sind seine Eigenschaften. Der Dichter jedoch lebt in der Knechtschaft. Aber er würde die Bäume nicht beneiden, wenn er nur die Knechtschaft ertragen könnte. Er kann aber auch nicht die Gesellschaft verlassen und auf das gesellige Leben verzichten und zu den fühllosen Bäumen gehen, die doch immer etwas unheimliches haben.

Die Antithese heißt also: Natur (titanisch, göttlich) und Gesellschaft (gezähmt, knechtisch). Während man in der Klassik nur die Kulturlandschaft als etwas Positives ansah, in der der Mensch sein humanistisches Ideal verwirklichen kann, wird hier das Bürgertum durchaus negativ gesehen, als geduldig, häuslich, fleißig.

Der Mensch jedoch weiß nicht, wo er sich in der ungezähmten Natur hinwenden soll. Aber Hölderlin muß bald hinaus in diese Natur. Noch ist alles Idylle, aber bald wird Hölderlin das Haus der Susanne Gontard in Frankfurt verlassen müssen.

Diese beiden Gedichte sind in Hexametern abgefaßt, also einem griechischen Versmaß. Hölderlin sah in der Antike, in Griechenland ein neues Ideal, das er verwirklichen wollte. Deshalb auch seine Götter, die zwar griechische Namen tragen, aber in Wirklichkeit doch Naturgötter sind.

 

Der Wanderer:

In der Wüste vermißt der Wanderer das Wasser und die Heimat, am Nordpol ist alles in Leblosigkeit erstarrt; nur eine Hoffnung auf den Frühling gibt es noch. Als er jedoch dann zum Rhein kommt, in seine Heimat, da schöpft er neue Hoffnung. Nach den beiden Extremen kann er sich nun erst richtig freuen. Dies ist die wahre Heimat, die Mitte, das Maß und Gleichgewicht. Sein Vaterhaus hat allerdings nie hier gestanden, seine Eltern sind tot. Er wendet sich an den Äther („Vater des Vaterlandes“), für ihn kann nichts schlimm sein, er hat ja noch seine Götter, die ihn in keiner Gegend verlassen haben.

Hölderlin war natürlich nie in Afrika oder am Nordpol. Der Schluß des ersten Hyperion­buches gibt jedoch eine Deutung: Mit dem Norden ist der reine Verstand, die Aufklärung gemeint (Fichte), mit dem Süden jedoch die Hingabe an das Christentum, wie er es in seinem jungen Leben kennengelernt hat.

Die Gegensätze sind also die zwiespältigen Gefühle in ihm; deshalb rettet er sich in die Heimat. Doch diese Heimat liegt nicht am Rhein. Im Hyperion findet Hölderlin die ewig neue Mitte in Griechenland, wo es Norden und Süden nicht mehr gibt.

 

Die Muße:

Im ersten Bild von der Wiese sehen wir einen Ulmbaum, an dem sich alles aufrankt, der aber dadurch fast erstickt wird. Das zweite Bild von dem Berg erwähnt wieder den Adler, im dritten Bild wird von einer Stadt gesprochen, die eine eherne Rüstung gegen die Götter ist, und im vierten Bild ist die Rede von einer zerstörten Stadt, die bestraft wurde von den Göttern.

Diese Zerstörung findet sich dann auch in der Natur.

Was hat aber dieser Geist der Unruhe zu bedeuten? Auch er ist Natur, er ist sogar wesentlich (siehe Heraklit). Die Auflösung findet sich in dem fünften Bild von der Studierstube. Der Dichter liest ein Buch über Attika, über das Leben der Griechen. Hier gab es etwas, das alle Gegensätze in sich schloß, von den Griechen wurde dieses Leben in Schönheit gelebt. In dieser Mußestunde gewinnt der Dichter das Gefühl, ein „Trotzdem“ zu sagen zu der gefährlichen Welt.

Dies Gedicht ist wieder in Hexametern geschrieben (weibliche Endung am Versende!), während die Elegie „Der Wanderer“ in Distichen steht (die zweite Zeile endet jeweils mit einem männlichen Reim!).

In einer Reihe von weiteren Gedichten „An die jungen Dichter, Menschenbeifall, Sonnenuntergang, Ehemals und jetzt, Abbitte, An die Parzen, Abendphantasie, Die Götter, Heidelberg, Die Liebe, Mein Eigentum, Der Zeitgeist, Geh unter schöne Sonne, Der Frieden, Die Heimat, Lebenslauf, Der Abschied, Dichtermut“ gibt es überall antike Strophen, aber keine antike Mythologie und keinen antiken Inhalt. Der Dichter schreibt bewußt individuell und subjektiv, er sehnt sich über diese Welt hinaus.

Paßt denn hierzu diese Odenform? Er will in dieser strengen Form den enteilenden Strom der Gedanken einfangen, er will sein Gefühl wieder neu fassen. Gerade dieses Gegeneinander von zerfließendem Inhalt und strenger Form macht die Schönheit dieser Gedichte aus, die die wahre Mitte ist.

 

Heidelberg:

Dies ist ein idyllisches Gedicht, eine Ode, aber nicht nur bloße Landschaftsschilderung. Der Strom als mythisches Wesen ist „traurig-froh“. Traurig, weil das Herz zu viel begehrt; es möchte zerfließen, weil es sich selbst zu schön geworden ist, im Geliebten will es untergehn. Doch es kann sich auch froh fühlen, denn im Untergang wird die Sehnsucht gestillt; traurig muß er jedoch wieder sein, weil er dann die Liebe nicht mehr spürt.

Nur in Gott ist traurig und froh eins. Er aber hat die Menschen getrennt gesetzt, damit sie überhaupt lieben können, immer mehr lieben - bis zum Untergang. Ein vollkommenes Bild sucht Hölderlin, er ist jedoch getrennt von Diotima, er ist gefesselt an den Strom und wird vom Leben mitgerissen.

Er hat seine Aufgabe zu erfüllen: Ein Dichter stiftet im Leben, was bleibt. Das Herz löst sich vom Geist und übergibt sich dem Strom, dem vergänglichen, und vergeht mit. Dieses „liebend untergehn“ im Strom des Lebens ist das Gegenwartssymbol, wenn nämlich der Strom die Spannung des Raums überbrückt und weiterführt nach Griechenland. Die gigantisch-schick­salskundige Burg dagegen bedeutet Geschichte und Vergangenheit.

Die Natur jedoch wächst darüber und schafft etwas Neues. Aus dem Gestern und Heute entsteht durch die Natur etwas Neues. In antithetischer Dichtung sieht der Dichter Strom und Brücke, Ruhe und Bewegung, traurig und froh, Höhe und Tiefe.

In heimatlicher Umgebung erlebt er das Schöne. Er liebt diese Stadt innig, in der es keine Härte und Schwere gibt, in der jedes Ding in holder Flüchtigkeit dahinschwebt, in der alles beschwingt ist, sogar die Brücke, die tönt: Die Materie erzittert und bringt das Innere zum

Vorschein.

Vom Rhein her schaut die Ferne lockend herein, alles ist miteinander verknüpft (betont durch die richtungweisende Beifügung beim Verb: „rauschen herab“ usw.). Das zusammenhängende, ineinander übergehende Stimmungsbild wird auch noch betont durch die unbetonten Versendungen („flüchtigen“, „gigantische“, „alternde“). Dies ist kein Fehler - die anderen Verse enden etwa mit „mir zur Lust“; hier zeigt sich sogar ein Übermaß an Versgefühl.

 

Dem Sonnengott:   

Die Sonne ist gerade untergegangen. Der Dichter sieht sie als Götterjüngling, der seine Locken badet (Abendrot). Der Untergang ist das Symbol dafür, daß jeder echte Glaube verloren gegangen ist; der Gott geht zu fremden Völkern, die ihn noch ehren.

Auch die Erde trauert mit. Aber es bleibt doch der Glaube, daß dieser Götterjüngling wieder zurückkommt. Hier findet also noch eine Synthese statt, hier zeigt sich der Einfluß Hegels.

Die zweite Fassung ist entmythologisiert, allgemeingültiger, nicht mehr nach Klassik klingend. Es fehlt auch der Gedanke an die Wiederkunft, denn diese Fassung ist in der nicht mehr glücklichen Zeit Hölderlins entstanden. Es fällt auf, daß ein Lichtvorgang im Sinne der romantischen Theorie in einen akustischen verwandelt; das ist lyrisch viel eindrucksvoller:

Wo bist du? trunken dämmert die Seele mir

Von aller deiner Wonne; denn eben ist's,

Daß ich gelauscht, wie goldner Töne

Voll‚ der entzückende Sonnenjüngling

Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt.

Es tönten rings die Wälder und Hügel nach.

Doch fern ist er zu frommen Völkern,

Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

 

Abendphantasie:

Der Dichter geht von einem Idyll aus; aber er steht außerhalb: „Wohin denn ich?“ Er ist einsam, das gesellige, friedliche Leben geht ihn nichts mehr an; deshalb die elegische Klage.

Er macht dann den Versuch eines neuen Idylls der Götterwelt. Doch der Zauber entflieht, dunkel wird es und einsam wie immer ist er. Erst auf das Alter hofft er; aber seine Worte klingen schmerzlich.

 

Der Mensch:

Das Gedicht „Abendphantasie“ handelt noch von dem Dichter Hölderlin. Das Gedicht „Der Mensch“ betrachtet jedoch nicht mehr das Individuum, sondern bringt allgemeine philosophische Gedanken.

(1.) Schöpfung der Erde, Schaffung des Menschen und Jugend

(2.) Entfernung des Menschen von seinen Eltern aus Hybris

(3.) Der Kampf, in den der Mensch verstrickt ist

(4.) Das Schicksal des Menschen.

Der Mensch hat das Licht und die Erde als Ahnen (dualistische Auffassung); aber er will mehr als sie beide, wie die Mutter von Helios und Erde möchte er sein. Er ist das schönste Kind der Natur, stört aber nur ihre Harmonie.

Er entzieht sich der Natur und der Sonne, er verleugnet die Erde und geht aufs Wasser, er verleugnet die Sonne und gräbt sich in die Erde ein. Er hebt die Schätze der Erde und verachtet den Sonnengott. Dieser jedoch spottet über diesen geschäftigen, technischen Menschen, zu dem sich auch Hölderlin zählt (im Gegensatz zu Schiller!).

Der Mensch fürchtet den Tod, deshalb trägt er Waffen gegen alle. Das Bewußtsein hat ihn dazu gebracht (siehe Kleist). Hölderlin ist jedoch überzeugt, daß der Mensch das glücklichste Wesens ist. Aber das Schicksal greift auch wie die Nemesis den Starken an; nichts darf sich überheben (antike Gedanken). Es muß so sein, daß der Mensch das schwerste Schicksal hat, weil er der Glücklichste, der Bewußte ist.

Hölderlin hat hier also eine enge Verbindung zur Antike. Es sind jedoch nicht die apollinischen Götter, die sanfte in sich ruhende Welt, die man in der Klassik darzustellen versuchte, sondern die reißende Welt des Dionysos, das echte Griechentum (siehe Nietzsche!).

 

Die Liebenden:

Nach dem Eichwald, dem Fluß, dem Äther, dem Zeitgeist hören wir hier von einem anderen Numen dem Gott im Menschen, der Seele. Dem Dichter war das Leben in der Familie Gontard nicht mehr erlaubt, die Spannung dort war zu stark für ihn und er muß sich von Diotima trennen.

Aber diese Ausführungen sind nur vordergründig: Grund zu allem ist der Haß zwischen Göttern und Menschen, der entstanden ist aus der Hybris des Menschen. Die Liebenden leisten hier die Sühne für diesen Zwiespalt (siehe Wallenstein!). Liebe ist hier Sühne.

Deshalb will Hölderlin Haß und Liebe vergessen. Durch die Trennung, durch das Vergessen findet eine Wandlung des Gefühls statt. Als er Diotima wiedertrifft, gehen sie nebeneinander her ohne sich zu kennen. Erst beim Abschied erinnern sie sich wieder an die vergangene Zeit und sie hoffen auf das gemeinsame Wiederfinden in einer besseren Welt. Aus der Größe seines Gefühls findet Hölderlin die Gewißheit (Synthese).

 

Die Liebe:

Auch hier noch Sorge und Hybris. Aber der versöhnte Gott ist sorglos, er zürnt nicht mehr. Der Vorfrühling verkündet die Wiederkehr der Götter und das weitere Vordringen der Liebe. Das persönliche Erlebnis seiner Liebe befähigt Hölderlin, als Seher die Wiederkehr der Götter in der Öffentlichkeit zu verkünden.

 

Lebenslauf:

Hier vergleicht der Dichter das Leben mit einem Bogen (Waffe!), der durch Liebe und Leid wieder zur Erde gebogen wird. Aber auch im nüchternen Orkus des Vergessens gibt es noch eine Liebe. Die Götter haben jedoch dem Menschen nicht alle Hindernisse aus dem Weg geräumt, ihre Erziehung ist anders und sie bringen auch Leid. Aber der Dichter dankt ihnen dafür: Das Leid ist eine kräftige Nahrung, aber der Mensch muß auch dafür danken lernen, damit er frei aufbrechen kann, wohin er will.

 

Mein Eigentum:      

Dichters Eigentum ist der Gesang, seine Dichtkunst. Deshalb bittet die Parzen darum, daß er sein Werk vollenden kann (Schiller: Der Dichter hat nur im Himmel teil an den Gaben der Schöpfung; an materiellen Gütern geht er leer aus). Hölderlin spricht von der Glückseligkeit, die seinem Gedicht liegt. Hier sucht er einen Sinn zu erschließen für sein Leben: Auch dem Dichter ist etwas gegeben.

Aber es ist schon Herbst, doch Hölderlin ist noch nicht fertig mit seinem Werk: Die Traube seines Werks ist schon gereift, wenn auch unter schweren Opfern, denn viele der Blüten sind abgefallen. Er weiß, daß dies nötig war, aber er bittet noch um Frist, diese Ernte auch auswerten zu können.

 

Menons Klage über Diotima:

Das verwundete Wild will seine Wunde stillen, aber es kann sie nicht heilen. So ging es auch dem Dichter.

„Wenn ich schon sterben soll, dann klanglos.

Doch die Hoffnung habe ich noch nicht aufgegeben.

Auch mitten im Leid ist noch Seligkeit!“

Es gibt etwas in mir, das noch nach Ausdruck strebt. Das Licht der Liebe vermag den Dichter aus der Verlassenheit zu holen, er wird wieder an die Frühlinge erinnert und an die ewigen Gegensätze in der Natur, an Werden und Vergehen. Doch für die Liebenden besteht nicht der Begriff der Zeit: In der Liebe liegt Ewigkeit (beseligende Vision der liebenden Schwäne, die den eigenen Gott  fühlen).

Aber das ist nur ein Traum: Das Haus ist leer, dem Dichter hat man das Auge genommen (ähnlich schroff prallen die Gegensätze aufeinander in dem Gedicht „Hälfte des Lebens“).

Wie Gefängniswände stürzt der Himmel über dem Dichter ein, aus Einsamkeit ergreift ihn dieses schreckliche Angstgefühl; aber eigentlich möchte er Feste feiern zu Ehren der Götter. Er lebt also in einer metaphysischen Einsamkeit: Auch er fühlt sich in Götterferne. Wie die Titanen ist der vom Tisch der Götter verstoßen.

Bei der Wiederkehr aus dem Orkus begegnet ihm zuerst Diotima, die ihm die Hoffnung ins Herz gepflanzt hat, daß er die Götter einmal wieder sehen wird. Dies Bild vermag eine Wandlung zu vollführen: Das Leben hat wieder einen Sinn, nämlich den anderen Menschen von der Freude zu künden, und daß der Mensch einen Grund hat, sich zu freuen, weil die Liebe endlich ist und wiederkehrt.

Endlich kann Hölderlin wieder danken: Er hat das Geheimnis der Wiederkehr erfaßt, denn das ist möglich, weil jede Möglichkeit der Hybris ausgeschlossen ist: Er dankt ja. Da tauchen die Adler auf, die Frühlinge sind ewig, er erlebt das „Jahr“ seiner Seele.

Ein dramatischen Bogen zeigt hier dem Dichter verschiedene Stufen seines Lebens. Das Gedicht ist wohl nicht auf einmal entstanden. Es kommt nicht mehr in klassischer Form ein einheitliches Ganzes zustande, das Bild ist auseinandergerissen (Expressionismus).

 

Empedokles:

Empedokles, der Vertraute der Götter, ist das Sinnbild der Einheit mit der Natur und den Göttern (Hölderlins Ideal). Das Volk will ihn zum König erheben. Doch da bezeichnet er sich selbst als göttlich, das Volk wird vom Priester gegen ihn aufgehetzt. Empedokles wehrt sich nicht und wird vertrieben. Er will sich wieder mit der Natur vereinigen und will sich in den Ätna stürzen. Schon allein dieser Gedanke nimmt ihn wieder aus seiner Verlassenheit heraus.

Das Volk bietet ihm jedoch wieder die Krone an, es hat sich wieder gegen den naturfeindlichen Priester gewandt, der den Menschen einreden will, er sei sündig. Doch Empedokles schreibt sein politisches Testament, um das Volk nicht wankelmütig zu machen, das seine Person vielleicht wieder verstoßen würde.

Dann opfert er sich und stürzt sich in den Ätna. Ganze Völker können sich so in den Vulkan stürzen und sich opfern (Faust will Selbstmord begehen!). Dadurch soll die Zerfallenheit mit der Menschheit und die Schuld der Hybris gesühnt werden. Es geht jedoch nicht um Buße, sondern um ein Einswerden, um einen Durchgang zu neuer Jugend.

Empedokles hatte göttliche Geheimnisse verraten. Der Priester wies ihn daraufhin zurecht (zweite Fassung). Der Tod ist dann wieder der Opfertod der Versöhnung mit den Göttern (dritte Fassung).

„Romantische Wendung“: Die „Nacht“ beginnt nicht mit dem Christentum, sondern mit der Aufklärung (die Romantik verherrlichte das Mittelalter!). Zum ersten Mal in der deutschen Literatur treten hier messianische Ideen kommunistische Ideen eines messianischen Reiches auf, in dem alles allen gemeinsam sein soll.

Elegie: Sinnvoll und in logischer Reihenfolge fortschreitende Dichtung

Hymne: Immer ein Lobgesang und eine Anbetung der Götter (sakral). Der Dichter kann immer ein anderes Teilstück herausgreifen. Wenn Geist und Können dann echt sind, trifft er genau das Richtige gleich mit dem ersten Griff, und seine Dichtung kann auch vor dem Geist bestehen.

 

Hyperion:     

Im Griechenland der Gegenwart beklagt Hyperion die geistige Armseligkeit seines Volkes inmitten einer Landschaft und Kunst, die beide von der Einheit eines unverdorbenen Volkes mit Natur und Göttern künden.  Aus der Liebe zu Diotima schöpft er die Kraft zu kriegerischer Tat, um seinem Volk diese verlorene Einheit wieder zu erkämpfen. Er scheitert aber am Kleinmut seines Zeitalters: Diotima stirbt, der Sinn seines Lebens ist versunken und Hyperion flüchtet sich als Einsiedler in die Stille der allebendigen Natur: „Eines zu sein mit allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen..Eines zu sein mit allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöh, der Ort der ewigen Ruhe....“

Friedrich Hölderlin war ein „Priester der göttlichen Natur“, nicht der realen Natur freilich, sondern einer stark jenseitig empfundenen, ein Künder eines Reiches der Schönheit und des Göttlichen. Die sinnenhafte Wirklichkeit war ihm ein Leben des Scheins; wesenhaft war ihm einzig das Reich der Ideen, als geistige Heimat des Menschen. Seine Sprache, seine Bilder sind verklärt von dieser Schau. Er empfand den Bruch des Menschen mit dem All, seinen Abfall von der ursprünglichen Harmonie mit der Natur noch schmerzlicher als Schiller, fand aber aus Sehnsucht und Klage nicht den Durchbruch zur inneren Freiheit durch den Willen.

 

Dichterberuf:

Hier bemerkt man nur noch wenig von der Odenform: Jede Zeile ist durch Zäsuren und Appositionen in sich zerrissen, die Überspanntheit des Geistigen zerbricht die strenge antike Form.

Der Dichter erzählt hier von Bacchus, von Dionysos, der einst die Völker mit Wein geweckt hatte. Aber nun erweckt der „Engel des Tages“ die schlafenden Völker nicht. Hölderlin wendet sich nun an ihn: „Gib uns Gesetze, Leben, Siege, Meister, du nur hast das Recht wie Bacchus

Damit meint er den Herrscher seiner Zeit, nämlich Napoleon.  Er schreibt hier also bewußt ein Zeitgedicht, er wendet sich nicht von dem wilden Geschick seiner Zeit ab, wie die Klassiker.

Er fragt jedoch nicht nach dem Eroberer „es gilt ein anderes“). Ihm ist das Höchste anver­traut, er ist wie im Alten Testament ein Prophet des Höchsten. Hier finden wir einen ganz anderen Hölderlin als in der Liebeslyrik; hier hören wir plötzlich eine autoritäre Sprache (Seherkraft), wie wir sie sonst nur bei Walther von der Vogelweide finden.

Seine Kraft nimmt Hölderlin einmal aus der Natur, die er rühmt, weil dort der Genius zu ihm kam, aber er kann auch den Gott der Zeit nicht verleugnen, er muß auch ihn verherrlichen als einen politischen Meister, der durch „ruhelose Taten in weiter Welt“ das Schicksal bestimmt.

Es handelt sich um einen religiösen Schlaf. Aber der Zeitgeist weckt die schlafenden Völker nicht, wo doch gerade in der bewegten Zeit Hölderlins Gelegenheit dazu wäre.

Hölderlin geht es bei seinem Aufruf also nicht um das ferne Griechenland, er steht mitten in seiner Zeit. Er sieht aber nicht nur die Naturgottheit, den Gott im Menschen, sondern auch den Gott im täglichen Geschehen, der sich äußert .im Donner (typisch Hölderlin), der aus dem revolutionären Frankreich herüberdringt.

Der Dichter soll die Menschen geißeln und quälen, als Alberne behandeln,  damit sie aufgereizt werden. Vielleicht muß der Dichter dann sterben dafür, aber das gehört auch zu seiner Aufgabe. Doch die Gewalt zwingt nicht die Götter, und das Bedürfnis des Dichters zum Verkünden ist stärker.

 

Die Begegnung des antiken und des deutschen Geistes:

-       Lessing: Durch Lessing wurden zuerst die Grundlagen der antiken Tragödien neu belebt.

-       Klopstock: Klopstock bezog die Formen der Antike in seine Dichtung ein, sowohl die Odenform als auch die Hexameter („Messias“).

-       Herder: Herder forderte dann, man solle die Genialität der Griechen nachahmen und auch seine Zeit genial erfüllen.

-       Sturm und Drang: In der Zeit des „Sturm und Drang“ übernahm Goethe von Pindar die freien Rhythmen (Prometheus, Ganymed) .

-       Iphigenie: In „Iphigenie“ nimmt Goethe dann das Bild Winckelmanns in seine Dichtung auf. Winckelmann hatte sich besonders mit der Kunstlehre befaßt, er suchte in der Kunst der Griechen „edle Einfalt, stille Größe“. Goethe hat das Titanenhafte  beschrieben in dem „Parzenlied“."

-       Römische Elegien: Später, in den römischen Elegien, in den Idyllen, in „Herrmann und Dorothea“ nimmt Goethe als echte Antike die Kunst in sein Werk auf.

-       Schillers Dramen und Gedichte: In dem Gedicht „Die Götter Griechenlands“ führt Schiller Klage darüber, daß das Ästhetische zerstört ist, das der Götterdienst mit sich bringt. Schiller möchte das Kulturleben aufbauen auf einer neuen Ästhetik. Deshalb bemüht er sich auch besonders um das Drama und  studiert jahrelang Geschichte, die er an die Stelle des antiken Mythos setzt: Hier will er die Einwirkung des Schicksals zeigen, durch die die Menschen erschüttert werden sollen. Zu diesem Zweck erfindet er auch seinen Stoff selber, etwa in der Stück „Die Braut von Messina“, und er führt auch den Chor ein.

-       Kleist: In „Robert Guiskard“, in „Penthesilea“ und in  „Der zerbrochene Krug“ nimmt Heinrich von Kleist das analytische Drama des Sophokles wieder auf: Die Tat ist schon geschehen, und nun wird durch den Dichter die Wahrheit langsam enthüllt. Diese Art der Dichtkunst verbindet Kleist dann noch mit der Charakterisierungskunst Shakespeares, seinem zweiten großen Vorbild.

-       Hölderlin: Die stärkste und innigste Verschmelzung mit der Antike gelingt jedoch Friedrich Hölderlin. Er hat auch eine ganz andere Vorstellung vom Amt des Dichters als die deutschen Klassiker:  Aus eigenem Erleben fühlt er sich berufen zum Propheten neuer Götter, die er der glaubenslosen Welt wieder verkünden will (damit äußert er zum Teil auch christliche Gedanken; er steht durchaus nicht im Gegensatz zum Christentum!), und er fühlt sich berufen zum Erzieher seines Volkes. Besonders nach dem Diotimaerlebnis kommt das zum Ausbruch.

 

Hölderlin und der deutsche Geist:

Hölderlin ist ein Dichter, der ausschließlich vom deutschen Geist bestimmt ist, er ist kein Individuum, sondern Wortführer des Volkes. Er sucht in der Krisenzeit in seinem Volk den Zeitgeist zu wecken. Im „Hyperion“ hält Hölderlin jedoch eine Strafrede an die Deutschen:

Sie sind tief unfähig eines göttlichen Gefühls, sie sind Herren, Priester, Handwerker, aber keine Menschen. Ein jeder treibt zwar das Seine, aber nicht mit ganzer Seele, sondern egoistisch. Die Tugend wird nur durch ihre Sklavennatur erhalten. Wenn alles um ihn herum aufbricht, dann bleibt der Deutsche doch in seinem Fach.

Was verbindet aber doch Hölderlin mit seinem Volk? Er hofft, daß die Götter noch leben und er erkennt seine Aufgabe, seinem Volk diese Götter zu verkünden, denn die Deutschen sind dazu ausersehen. Hölderlin ist Kritiker und Erzieher und will den Einzelnen zu sich selbst bringen. Er will Weltoffenheit lehren, Weltinteresse (Philosophie und Politik), dazu noch Poesie, um den Weg ins Freie sehen zu können. Die Griechen waren zu naturgebunden, der Deutsche jedoch ist zu schwach, seine Aufgabe zu sehen, weil er zu sehr in die Zivilisation verhaftet ist.

Aber gerade diese Kritik könnte ein Bekenntnis zum Deutschtum sein. Wo er vom Deutschtum spricht, fällt auch oft das Wort „Liebe“, die aber ein zeit- und raumloses Gefühl ist, das nicht direkt an ein Volk gebunden ist. Aber besonders im Deutschtum ist die Liebe die Wortführerin, wenn auch damit dem Volk eine schwere Mission auferlegt wird.

Es geht nicht um das Nationalistische, sondern um ein Nationalbewußtsein, das hier mit einem ganz anderen Sendungsbewußtsein verbunden ist, bei dem sich Rationales und Übernationales durchdringen. Weil im deutschen Volk die Liebe herrscht, ist es Aufgabe dieses Volkes, dies Gedankengut in die Welt zu tragen. Diese Aufgabe soll für die Deutschen Verpflichtung sein, der Dichter sieht dieses Ziel voraus.

 

Gesang des Deutschen:

Das Beste des deutschen Volkes, von dem die anderen lernen können, ist Dichtung und Philosophie der Klassik (Kant, Goethe). Hier in Deutschland gab es Kleinstaaten, Deutschland war politisch ein leerer Raum, hier konnte sich in Ruhe ein hohes Geistesleben entwickeln.

Hölderlin ist allerdings nur stolz auf die Elite, nicht auf das, was das Bürgertum aus dem deutschen Geist gemacht hat. Aber Hölderlin wendet sich auch dagegen, daß die Deutschen andere Völker mehr schätzen bzw. über die Schätzung der anderen das eigene Selbst vergessen.

Und dann zählt er auf, was ihm an Deutschland so sehr gefällt: die Natur und die Werkstätten des Geistes. Er glaubt, daß das Griechentum auf Deutschland übergegangen ist, daß der Zeitgeist von Land zu Land weiterwandert (siehe „Patmos“). In den Deutschen ist die Ahnung, daß er auch zu ihnen kommen wird. Man soll nicht stolz sein, blutmäßig zu einem Volk zu gehören, sondern weil dieses Volk geistige Leistungen vollbracht hat. Auf die „Elite“ ist man stolz, nicht auf den „Volksbegriff“.

Hölderlin nennt Deutschland das „Herz der Völker“: Äußerlich ist es gespalten. Aber gerade in der Zeit Hölderlins war die deutsche Kultur gerade im Aufbau. In dieser Ahnung wuchs Hölderlin auf. Heute steht es fest, daß die Zeit um 1800 die fruchtbarste war in Deutschland.

Solche großen Stunden geben dem Volk den Wert, immer dann, wenn der Menschheitsgenius zu ihm kommt. Aber er wandert ja, er ist nicht nur in Griechenland, er kommt einmal zu jedem Volk. Wenn dann wieder die Nacht kommt ,bleibt nur Erinnerung und Hoffnung.

Hier wird Urania, die Muße der Weisheit verherrlicht. Aber das ist nicht von einer Machtposition aus gesprochen, sondern es ist mit allem ein Reich des Geistes gemeint. Deutschland wird dann eine Verkörperung Griechenlands sein, wenn es sich bezeugt in seinen Göttern. Vielleicht ist es schon bald so weit, in Frankreich regt sich schon die Revolution.

 

Der blinde Sänger:

Der Sänger war lange Zeit blind, er war nur auf sein Gehör angewiesen; blind mußte er irgendeiner Stimme folgen. Bis dann auf einmal das Licht wieder zu ihm kommt (Nacht = Gottferne; Fittiche = Adler, Donnerer = Zeitgeist).

Vom Osten nach Westen geht das Zeitgeschehen geht der Zeitgeist. Der Dichter muß ihm folgen: Er stürzt sich in den Strom, um in neuer Synthese ein neues Leben geschenkt zu erhalten.

 

Brod und Wein:

(Strophe 1) Nach Verben wie „ruhen, tönen, rauschen, rufen, kommen“ heißt es plötzlich: Die Nacht glänzt auf. Dieses Kommen wird wie ein Mysterium geschildert. (Strophe 2) Die Nacht ist eins der Numina. Aber nur zuweilen gibt sich der Dichter der Nacht hin, der besonnene Tag ist ihm lieber. Aber es ziemt sich, ein kultisches Opfer zu bringen, denn sie gewährt uns Vergessenheit und das Heiligtrunkene, um aus der götterlosen Nacht herauszukommen.

(Strophe 3) Der kommende Gott ist Dionysos: In der Nacht werden die Menschen auf einmal fröhlich, jeder trinkt, so viel er vertragen kann. Hier soll nämlich ein Symposion gefeiert werden, das Gedächtnis Griechenlands. Alle gehen mit dem Sänger, sie sind offen für Griechenland.

(Strophe 4) Jetzt kommt dem Dichter die Erinnerung, daß die Götter einst unter den Menschen lebten. Griechenland ist hier der kultische Raum, in dem das Gastmahl mit den Göttern gefeiert wird.

In Strophe 5 wird geschildert, wie es überhaupt ist, wenn Götter kommen. Zuerst merken die Naturgötter die Kinder, das Kind hat ein Gefühl für die Naturgötter. Die Erwachsenen jedoch empfinden Furcht, sie müssen erst Leid ertragen, um die Götter erkennen zu können, um ihnen Namen geben zu können.

(Strophe 6) Die Menschen wollen die Götter ehren, sie machen kultische Spiele; so war es jedenfalls in Griechenland. Wo aber ist das alles in der Gegenwart? Der Gott kam in Gestalt der Menschen, als Dionysos etwa, zuletzt als Christus. Dieser kam noch einmal vor dem Hereinbrechen der Nacht und zeigte noch einmal, daß die Götter auf Erden lebten.

(Strophe 7) Nur zeitweise erträgt der Mensch die Nähe der Götter, dann ziehen sie sich wieder zurück, um den Menschen aus Liebe (!) zu schonen; die Nacht ist also auch positiv gesehen. Sie soll den Menschen stark machen auf die Begegnung mit den Göttern. Aufgabe des Dichters ist es, die Götter voraus zu verkündigen („Priester sein in dürftiger Zeit“).

(Strophe 8) Als zum letzten Mal ein Gott auf der Erde weilte, setzte er das Abendmahl ein. Der himmlische Chor, alle Götter, ließen diese Gaben zurück. Dem Dichter wird es noch ermöglicht, dies zu verkündigen, durch den Donnerer, den Zeitgeist.

(Strophe 9) Christus ist hinabgestiegen in die Hölle, er ist der Fackelschwinger, des Höchsten Sohn, der unter die Schatten herabgekommen ist.

Patmos:        

Die individuelle Gestalt scheidet wie eine Wand das Einzelleben vom All. Wird diese Trennung aber zu groß, dann kommt die Einheit von Gott her: Die Adler fliegen zwischen den Bergspitzen (= Individuen) her. Das Wasser und die Luft, Elemente unverfälschter gottesnaher Reinheit, helfen dieses Getrenntsein von Gott und untereinander („mythisches Leid“) zu überwinden.

Der Dichter wandert - Raum und Zeit überbrückend - nach Griechenland und weiter nach Asien, wo „herrlich die Insel Patmos wohnt“. Hier will er einkehren, auf dieser Insel, die einst dem Seher Johannes ihr Mitleid schenkte. Nicht die Landschaft reizt Hölderlin: Es ist ein armes, herbes Eiland; aber die Insel ist ein lebendiges Dasein, ein Wesen. Hier auch lebte der Apostel, der Christus am nächsten stand, der hier seine Gesichte hatte.

Dann ist die Rede vom Abendmahl, von dem Jünger, der in die Nacht hinausging, und von der letzten Vollendung der Liebe in der Fußwaschung; das Mysterium der Eucharistie bildet den Höhepunkt. Christus hat die Aufgabe, das zürnende Dasein, die Welt zu erheitern und zu besänftigen, er soll die alles einende Verbindung zeigen.

Die Jünger trauern, als er nach dem Abendmahl von ihnen gehen will. Aber er erscheint noch einmal auf dem Gang nach Emmaus und bei der Himmelfahrt Todeshelden), in der Hölderlin jedoch den Weggang des letzten der Gesendeten sieht. Das Göttliche ist verschwunden, die Welt ist nicht erlöst, sondern nun erst der Schuld verfallen. Der Weltentag, der Höhepunkt des Göttlichen (Götterglaube der Antike) ist vorausgegangen und längst vorbei. Christus erlöst nicht, er tröstet nur.

Christus erlöst nicht, sondern tröstet nur, er soll zum Ausharren stärken, er hat die Welt vor dem dionysischen Sturz bewahrt, und nun ist sein Abend gekommen. Zu rechter Zeit wird er wiederkommen, das ist sein Heil: Das mystische Griechenland wird wiederkommen, wenn auch nicht gleich. So hilft er den Menschen wenigstens, in liebender Nacht - also beinahe im Licht - zu sein und um die Verheißung zu wissen.

Dann greift der Dichter den Gedanken an die gottlose Zeit wieder auf: Die Verfolgung der ersten Christen werden geschildert, das Furchtbarste, was es geben konnte. Auch die Freunde, die im Geiste eins waren, sind getrennt. Diese Trennung ist göttliches Verhängnis, auch die Kulthandlung kann die Macht des Bösen nicht bannen, sie ergreift die Locken. Hier wird von Hölderlin am Beginn des technischen Zeitalters schon die heute schwer lastende Trennung und Ferne vorausgesagt.

Christus war das Symbol der Schönheit, das von allen geliebt unterging. Mit seinem Weggehen verlöscht und verblaßt sein Bild unter den Anhängern, seine Gestalt wird verfälscht, die fromme Gemeinschaft löst sich auf‚ alles wird weggespült. Das ist dann die Zeit der Prüfung, hier wird sich der Weizen von der Spreu trennen  Gottes Maßstab wird prüfend angelegt, und ohne seine Gnade wird nichts des Götterlos-Weltlichen vor ihm bestehen können.

Deshalb braucht man jedoch nicht aufzugeben. Die gottesferne Nacht ist eine Schonung, um langsam wieder zu den Göttern zurückfinden zu können. Vor der Ruchlosigkeit der Zeit jedoch muß Christi Bild zunächst gehütet werden. Der Seher könnte dieses Bild neu formen, aber er darf es nicht, da das Heilige geheim bleiben soll. Er kennt zwar Christus, aber in der unheiligen Zeit muß er schweigen, um nicht ein Verrat am Bilde Christi zu begehen.

Erst wenn Christus, verschmelzend mit dem Sonnengott Apoll (bzw. Dionysos) wiederkehrt, dann wird auch er den Mund öffnen. Hölderlin fühlt, daß ihn die Götter lieben, wegen seiner Haltung werden sie auch den Landgrafen lieben, an den diese letzten Strophen gerichtet sind. Christus

lebt noch, Schriften künden von ihm. Es sollen jedoch alle geehrt werden aus der Reihe der Götter, die Verehrung des Neuen soll keine Schmähung des Alten mit sich bringen, zwischen dem Neuen und der Überlieferung soll die einheitliche Verbindung gefunden werden. Das sollte die Aufgabe der deutschen Dichtung sein.

 

Wie wenn am Feiertage:

Schon die äußere Form der Hymne macht eine Aussage und stimmt auch mit dem Inhalt überein: Sie beginnt mit einer Naturschilderung nach einem Gewitter. In großem Bogen ist dieses Bild in der ersten Strophe zusammengefaßt, durch Enjambements (Verbindungen über das Zeilenende hinweg) ist sie zu einer Einheit gestaltet.

Genau das Gegenteil finden wir am Schluß des Gedichts: Der Dichter gerät ins Stammeln, seine Sätze sind abgehackt durch die Zäsuren oder Ausrufe, einige Gedanken sind nur angedeutet und bleiben Fragment. Hier gerät der Dichter plötzlich in eine ausweglose Verzweiflung, die sich dann auch in der Form äußert.

Man stellt überhaupt fest, daß der Dichter seine Gedanken nicht in eine feste Form pressen wollte. Hölderlin schreibt deshalb hier - wie in vielen seiner späten Gedichte - in freien Rhythmen, und auch die Form des Hymnus erlaubt es ihm, Gedankensprünge zu machen, um seinen überquellenden Gedanken einen Ausdruck verleihen zu können.

In der ersten Strophe werden die Auswirkungen eines Gewitters geschildert: Das Gewitter kam als Erlösung in die heiße Nacht, noch tönt fern der Donner, aber die Pflanzen sind aufgelebt und erfrischt, sie stehen unter „günstiger Witterung“. Die Gewalt der Natur (Blitz und Sturm) hätte ja auch die Bäume zerstören können. Aber nein, dieses Unwetter, das die Götter geschickt haben, war nötig, damit die Bäume nun wieder „glänzend in stiller Sonne stehn“.

Deshalb ist auch unnötig, daß der Landmann am Morgen über die Felder geht, um zu sehen, ob das Unwetter keinen Schaden angerichtet hat, denn von den Gewitterwolken gingen ja die kühlenden Blitze“ aus. Die Blitze haben die Bäume nicht in Brand gesetzt, sie brachten kein Feuer, sondern kühlenden Regen.

Diese Bäume sind sogar unter der besonderen Hut der Natur, die sie allgegenwärtig leicht umfängt und sie wachsen läßt, wie es kein sterblicher Meister kann. Sie bestimmt, wann die Bäume schlafen sollen und wann sie aufwachen sollen, sie ist das göttliche Numen, das hinter allem steht und alles lenkt. Manchmal scheint die Natur zu schlafen; dann zeigt sich keine Wolke am Himmel und unter den Pflanzen scheint der Tod zu herrschen.

Aber auch die Völker scheinen zu schlafen. Darüber trauern die Dichter ja besonders. Sie fühlen sich allein in dieser fühllosen Welt. Doch sie allein ahnen noch etwas von der Macht der Natur, die einmal wieder ausbrechen wird, und die selbst auch noch ahnend ruht.

Doch mit all dem ist längst nicht mehr nur die Natur gemeint. Hier geht es um die Macht, die die schlafenden Völker wieder wecken soll: Hier geht es um den Donnerer, um den Zeitgeist, der wie der junge Bacchus kommen soll „mit heiligem Weine vom Schlafe die Völker weckend“ (Dichterberuf).

Auf einmal tagt's, die lange Nacht der Gottesferne ist vorüber, und der Dichter kann das Heilige - auf das er harrte, das er kommen sah - nun mit seinem Wort verkünden. Denn nun wird er vorwärts gedrängt von der ganzen Kraft der Natur, die viel älter und stärker ist als alle Götter der Welt, als Zeus und alle apollinischen Götter des lichten Olymp, die noch zu den chtoni­schen Naturgottheiten gehört und voll ursprünglicher Kraft sind wie Dionysos. (Wahrheit wird plötzlich klar).

Überall regt sich die Begeisterung wieder, die  „Taten der Welt“ (etwa die Französische Revolution) zünden ein Feuer an in der Seele der Dichter, damit auch sie zu neuem Schaffen angeregt werden. Jetzt erst ist offenbar, was schon vorher kaum spürbar immer schon geschah, denn die Natur hat auch im Schlafe nicht geruht (Wahrheit bleibt immer, auch wenn sie verdeckt zu sein scheint).

Hinter allem wirkten die Kräfte der Götter, die nicht als Götter, sondern als Knechte verkleidet den Acker bestellt haben. Diese Götter sind in der Welt nicht so ohne weiteres zu erkennen, höchstens der Dichter kann es, weil er sagen kann: „Der Höchste, der ist‘s, dem wir geeignet sind!“( (Dichterberuf). Er erhält seine Kraft aus der Natur („Ihr Quellen und ihr Ufer und Hain! und Höhn, wo wunderbar zuerst der unverhoffte Genius über uns kam!“ (Dichterberuf),  und er erhält den letzten Anstoß zum Handel durch das Zeitgeschehen (Kraft von der Wahrheit).

Wer aber sind nun diese Götter? „Im Liede wehet ihr Geist“, sagt Hölderlin. Hier treffen sich die Strahlen der Sonne und die warme Erde und schaffen das Lied, diesen leisen Hauch des Göttlichen, das aber nicht das Göttliche selbst ist, sondern in dem der Geist des Göttlichen nur weht (Aus Wahrheit und Materie entsteht die Wirklichkeit. Wirklichkeit ist also „beseelt“, man kann hinter ihr die Wahrheit finden).

Aber in das Lied kann sich die Seele versenken (in die Götter vielleicht nicht), damit sie sich nicht heimatlos über das Leben hin wegsehnt. „Sei du, Gesang, mein freundlich Asyl! sei du, beglückender, mit sorgender Liebe mir gepflegt, der Garten, wo ich in sicherer Einfalt wohne“, ruft Hölderlin aus in seinem Gedicht „Mein Eigentum“.

Aber noch eine Quelle hat das Lied: Einmal die Unwetter, aber auch die geschichtlichen Ereignisse, die doch eigentlich „deutungsvoller und vernehmlicher uns hinwandeln zwischen Himmel und Erd und unter den Völkern!“ Nur sind sie meist nur dem Dichter erkennbar, in dessen Seele die Gedanken des Geistes enden, der Anteil hat am Göttlichen (Wer in der Wahrheit ist, hat nun eine Verbindung zur absoluten Wahrheit, er ist ein Teil jener sich in die Wirklichkeit verzweigenden Wahrheit).

Der Gott kennt die gemeinsamen Gedanken schon lange, er kennt auch die Seele des Dichters; und sie wiederum kennt den Gott, aber sie muß sich wieder erinnern an ihn, ein Gedanke, den schon Plato in seinem „Phaidon“ geäußert hat. Die Seele erbebt bei dieser Rückerinnerung; damit ihr der Gesang glückt, muß sie so erbeben. Denn dieser Gesang ist die herrlichste Frucht, die je aus der Beziehung zwischen Göttern und Menschen entstand.

Schon die Dichter erzählen von Semele (der Mutter des Dionysos), die einst Zeus sichtbar von Angesicht sehen wollte, aber von seinem Blitz getroffen wurde, denn Zeus kann nie sein feuriges Antlitz einem Menschen zeigen. Doch „die göttlich Getroffene gebar die Frucht des Ge­witters, den heiligen Bacchus“, den Gott des Weins und des Gesangs.

Der „Götter und Menschen Werk“ ist also der Gesang, damit er von Göttern und Menschen und ihrer Einheit Zeugnis ablegen kann (Die Wirklichkeit vermittelt zwischen Wahrheit und Mensch). Es steht hier zwar, daß der Blitz „entzündet“, aber es ist kein tödlicher Blitz, sondern ein  „heiliger Strahl“.

Damit wird das Bild vom Anfang des Gedichts wieder aufgenommen, auch hier wird im Gewitter nicht die unbändige, wilde Natur gesehen, sondern der Gott, der sich nur so den Menschen äußern kann. Das ist sein Geheimnis, und deshalb ist es ein Feiertag, wenn ein Gewitter sich entlädt, wenn der Gott wieder zu den Menschen kommt.

Da diese Begegnung einmal stattgefunden hat (Bild des Weins!) „trinken himmlisches Feuer jetzt die Erdensöhne ohne Gefahr“. Sie können nun alle am Göttlichen teilnehmen, weil in die Wirklichkeit einmal die Wahrheit eingegangen ist - bei der Schöpfung. Diese Wirklichkeit bedeutet keine Gefahr mehr für die Menschen, sie kann nie zum drohenden Objekt werden, das den Menschen umstellt, denn die Materie, das Schwere (Wasser) ist schon ein für allemal überwunden und bewältigt.

Den Dichtern kommt dabei eine wichtige Mittlerrolle zu: Sie setzen sich dem Gewitter aus, demütig, mit entblößten Haupte, und erwarten des „Vaters Strahl“, um ihn zu fassen, ins Lied einzuhüllen und dem Volk als himmlische Gabe zu reichen. Im Lied also können die Menschen das Göttliche erfahren, denn so kann die versengende Kraft des göttlichen Antlitzes sie nicht treffen. Nur in Form der Wirklichkeit können wir die Wahrheit erfahren, weil sie ja an sich etwas Abstraktes ist.

Die Dichter jedoch können diesen Strahl aufnehmen, sie sind wie Kinder reinen Herzens und schuldlos, das allein würdige Gefäß göttlicher Gaben: Priester des Höchsten. Denn nur in die Reinheit kann der reine Strahl eindringen, ohne etwas zu versengen. Das ewige, reine Herz des Menschen - des Dichters - bleibt doch fest, auch in den „hochherstürzenden Stürmen des Gottes“. Es ist fast der Gott selbst, denn es leidet die Leiden des Gottes mit, hilft ihm zu überwinden und trägt dazu bei, die Gabe für den Menschen empfänglich zu machen (Wirklichkeit ist fast die Wahrheit).

Mensch, Dichter und Lied sind hier fast dasselbe und werden synonym gebraucht. Der Mensch hat die Aufgabe, an der Tat des Gottes teilzunehmen: Der Gott hat zwar endgültig überwunden, schon von vornherein, aber der individuelle Mensch hat für sich persönlich immer noch die Aufgabe, das Böse das sich ihm persönlich im Konkreten zeigt, zu bewältigen und zurückzudrängen, und damit Kämpfer zu sein für die Wahrheit.

Vielleicht werden diese Gedanken noch klarer, wenn man das Gedicht „Patmos“ betrachtet Hölderlin sieht in der Zeit bis zu Jesus Christus eine Epoche des Lichts, in der indische, babylonische und jüdische Lehrer und Propheten (auch Griechen) den göttlichen Anspruch verkündet haben. Der letzte von ihnen war Jesus Christus. Dann aber kam die Nacht, die aber nicht nur eine Nacht der Gottferne ist, sondern die auch den Menschen von den Göttern geschickt wurde, um sie nicht andauernd dem hellen Licht auszusetzen, um die Menschen zu schonen.

Nur die Dichter wissen noch um die Götter und tragen das Erbe weiter, bis es wieder Tag wird. Diese Zeit sah Hölderlin um 1800 gekommen an. In seinem Gedicht „Dichterberuf“ ruft er aus: „Euch sollten wir verschweigen!“ Er sieht in den „ruhelosen Taten in weiter Welt“ das Nahen des Gottes, und „furchtlos bleibt aber, so er muß, der Mann,“, einmal furchtlos vor dem Angesicht des Gottes, aber auch vor den Menschen.

So sah Hölderlin seine Aufgabe Aber er hat sie dann doch nicht ganz richtig auszuführen versucht. „An das Göttliche glauben die allein ,die es selber sind“, meint er in dem Gedicht „Menschenbeifall“, und in „Mein Eigentum“ bekennt er: „Zu mächtig, ach! ihr himmlischen Höhen, zieht ihr mich empor“. Er wollte sich den Göttern nahen, er wollte auch ihr Antlitz schauen.

Doch sie werfen den falschen Priester, der wohl selbst Gott sein wollte, ins Dunkle, wieder hinunter auf die Erde. Doch „einmal lebt ich, wie Götter, und mehr bedarf's nicht!“ Er hat die Götter gesehen, und das gibt ihm Kraft, sein Amt auf der Erde unter den Menschen auszuüben. Er bittet sogar noch die Götter: „Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!      und einen Herbst zu reifem Gesange mir!“ Es ist falsch, nur in einem Reich der Wahrheit leben zu wollen. Wahrheit lebt nicht in irgendwelchen „höheren Sphären“, sondern verwirklicht sich in der Wirklichkeit. Deshalb wird der Dichter auch wieder auf die Erde zurückgestoßen: Hier soll er sich bewähren, hier soll er von der Wahrheit künden und so „wahr“ sein.

„Denn nie, sterblichen Meistern gleich,

Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,

Daß ich wüßte, mit Vorsicht

Mich des ebenen Pfads geführt!“

So schreibt Hölderlin in dem Gedicht „Lebenslauf“. Hier spricht er von dem menschlichen Leid, das ihn die Götter durchstehen ließen. Hier sieht er sich wohl nicht so sehr als Werkzeug des Gottes, dem der „Blitz“ nichts anhaben kann, sondern einfach als Mensch, der menschliche Schwierigkeiten durchstehen muß.

Aber Hölderlin dankt den Göttern dafür, denn der Mensch brauch „kräftige Nahrung“. Vielleicht sieht Hölderlin darin die notwendige Läuterung, die nötig ist, um „Priester“ des Gottes werden zu können, denn er will einmal „aufbrechen, wohin er will.“

 

 

Die Romantik

 

Symbol für das Sehnen der Romantik ist die „Blaue Blume“, ein Schlüssel, der jenseits aller Kultur und Zivilisation das echte Wesen des Menschen ergründen soll. Dieser Gedanke findet sich bei Novalis „Nenn nicht mehr Zahlen und Figuren“, bei Clemens Brentano „Eingang“ (Gleichklang am Beginn der Verse, Wiederholungen, Rhetorik, letzte Zeilen durch Reim hervorgehoben: die Verse haben nur Symbolwert, auf höherer Ebene soll ein magischer Schlüssel zu einem Höheren gefunden werden) und bei Joseph von Eichendorff „Schläft ein Lied“, der dieselben Gedanken wie Novalis viel einfacher ausdrücken kann (Heidelberger Romantik).

Viele Gedichte der Romantik klingen wie Volkslieder. Entweder hat man bewußt durch schlechte Füllung ein Volkslied vortäuschen Wollen oder man hat ein echtes Volkslied mit Inhalt und Rhythmus gefüllt. Ein wesentliches Kennzeichen der Romantik ist auch die „Synästhesie“, die Umsetzung von Lichtwirkungen in akustische Wahrnehmungen, die besonders deutlich wird in  „Abendständchen“ von Clemens von Brentano.

 

 

Friedrich Gottlieb Klopstock                                                                 (1724 - 1803)

Die frühen Gräber: 

Das Versmaß ist die Ode, ein antikes Versmaß, das besonders in der griechischen Lyrik (Sappho, Alkeos) und dann bei Horaz vorkommt. Es gibt keine Reime und deshalb gilt das Gedicht bei näherer Betrachtung auch noch nicht als Prosa, denn es hat die strengste Form die es gibt, strenger noch als das Sonett. Dichter, die einen inneren Kampf zwischen Inhalt und Form auszufechten haben, wählen die Ode. Sie wollen sich gehen lassen und alles heraussprudeln und müssen deshalb eine strenge Form wählen. Es wird ihnen aber auch die Möglichkeit gegeben, bestimmte Worte durch die Form zu unterstreichen. Bei scheinbarer Formlosigkeit herrscht jedoch ein starkes Formempfinden.

Es herrscht eine farblose, rein gedankliche Sprache, jedoch zart, nicht anschaulich („ernstes Moos“) und Farben abgedämpft („rötlich“)

 

Der Zürcher See:   

Der See an sich wird nur wenig geschildert. Der Hauptzweck dieses Gedichts ist es, die Liebe, die Freundschaft und den Wein zu besingen. Stilmerkmale Klopstocks: Odenform, Partizipiengebrauch (rötend, schimmernd), häufiger Komparativ (empfindender, beredter), oft  das Wort „silbern“. Es kommt nicht auf die Farbwirkung an - keine starken Farben - sondern nur auf Konturen; deshalb abgeschwächt. Viele griechische Eigennamen. Herausstellung der Abstrakta: Freude und Liebe

 

 

Mathias Claudius: Über das Genie                                                     1740 - 1815

Der menschliche Körper voll Nerven und Adern,

in deren Centro die menschliche Seele sitzt,

wie eine Spinne im Centro ihres Gewebe, ist einer Harfe zu vergleichen,

und die Dinge in der Welt um ihn den Fingern, die auf der Harfe spielen.

Alle Harfensaiten beben und geben einen Ton, wenn sie berührt werden.

Einige Harfen aber sind von einem so glücklichen Bau,

daß sie gleich unter'm Finger des Künstlers sprechen,

und ihre Saiten sind so innig zum Beben aufgelegt,

daß sich der Ton von der Saite losreißt und

ein leichtes ätherisches Wesen für sich ausmacht,

das in der Luft umherwallt und die Herzen mit süßer Schwermut füllt.

Und dies leichte ätherische Wesen, das so frey für sich in der Luft umherwallt,

wenn die Saite schon aufgehört hat zu beben,

und das die Herzen mit süßer Schwermuth anfüllt,

kann nicht anders als mit dem Namen Genie getauft werden,

und der Mann, dem es sich auf'n Kopf setzt,

wie die Eule auf'n Helm der Minerva, ist ein Mann, der Genie hat;

und der geneigte Leser wird nun hoffentlich besser als ich wissen, was Genie ist.

Dies Genie, das bis so weit eine Gabe der Natur ist,

erhält nun eine verschiedene Richtung.

Der ganze individuelle Zustand,

in dem der Mensch sich befindet und befunden hat,

ist verschieden.

Da tun Wiege und Amme und Fibel und Wohnung

und Sprache und Schlafmütze und Religion und Gelehrsamkeit etc.

das Ihrige, es zu erdrücken oder in Gang zu helfen.

Ein ganz besonderes Verdienst im Erdrücken hat die Philosophie,

wie sie auf den Schulen Gang und Gäbe ist:

Vita Caroli, mors Conradini.

 

Es finden sich noch altertümliche Schreibweise und Ausdrücke („nachdem“ = „jenachdem“).

Der Text deutet auf eine Zeit nach Karl von Anjou und Konrad von Hohenstein. Die Sprache zeigt, daß der Text noch vor Goethe geschrieben wurde. Das Modewort „Genie“ deutet auf die Zeit des „Sturm und Drang“, also auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Der Ort der Handlung ist nicht festzustellen, denn es gibt keine Landschaftsbeschreibung und keine Mundart. Der Schreiber har humanistische Bildung (Latein), mythologische Bildung (Eule der Minerva), Geschichtskenntnisse, Philosophiestudium (der Text an sich ist ja philosophisch). Der Dichter ist ein Gebildeter, der aber das Volk anspricht. Das Stück ist aus einem Kalender entnommen, aber trotz des philosophischen Gehalts doch für das einfache Volk anschaulich. Besonders das Bild mit der Harfe ist nach allen Seiten hin ausgeprägt. Für Abstrakta stehen Wörter wie „Wiege“, ein Wort wie „Amme“ für Existenz.

Nur die Seele im Zentrum ist Substanz (Plato, Kant), sie ist der Ton auf der Harfe, die von der „Umwelt“ berührt wird. Aber es gibt auch Ausnahmen Genies mit eigenem Recht und eigener Sittlichkeit (Götz, Faust, Prometheus).

 

 

Heinrich von Kleist                                                                                              1777 - 1811

Schillers Helden hätten noch in ihrer letzten Stunde eine Vernunft (!)-Entscheidung zum Guten gefällt, in dem Vertrauen darauf, daß ihre Idee siegen wird. Bei Kleist kommt jedoch der Prinz von Homburg durch das Gefühl zum richtigen Verhältnis zu Staat und Gesetz. Als er in das offene Grab blickt, hat er das Irdische überwunden, allerdings nicht durch Erhebung des Willens wie vielleicht bei Schiller, sondern in freiwilliger Demütigung vor diesen Werten, die keine Feigheit ist.

Den besten Aufschluß über die Philosophie Kleists findet man in dem Aufsatz „Über das Marionettentheater“, dessen Ideen man wieder in allen Dramen und Novellen des Dichters findet. 

Bei der idealen Marionette liegt die Seele im Schwerpunkt. Wenn man diesen Schwerpunkt hin- und her bewegt, beschreiben die Glieder der Marionette schon Bogen und dergleichen.

Die Seele des Maschinisten muß sich im Schwerpunkt der Marionette befinden, damit die Gliederpuppe sich in Grazie bewegen kann. Ist aber die Seele außerhalb des Schwerpunktes, dann ziert sich die Puppe und ihre Bewegungen sind tot. Natur und Bewußtsein, Grazie und Reflexion gehören verschiedenen Welten an. In dem Maß nun, wie das eine Moment hervortritt, muß das andere weichen; je schwächer die Reflexion wird, desto strahlender herrscht die Grazie.

Es ist nun aber nicht so, daß der Mechanist nur mechanische Bewegungen zu machen hat. Seine Seele muß er auch in den Schwerpunkt versetzen und er muß selber ein Tänzer sein, um die Bewegungen richtig erfassen und vorausberechnen zu können. Er soll aber gar nicht berechnen, sondern nach dem Gefühl schon wissen, wie die Bewegung aussehen wird. Das heißt also: Die Marionette kann sich nur ihrem Wesen gemäß bewegen, wenn ihre Seele und die ihres Herrn eins sind.

Man könnte jedoch auch diese Bewegungen ganz mechanisch erzeugen, etwa mit Hilfe einer Kurbel, und der Tanz würde so, daß selbst der geschickteste Tänzer sich nicht mit dieser Gliederpuppe messen könnte. Die Gliederpuppe wird den großen Vorteil haben, daß sie sich nicht ziert, denn Ziererei bedeutet: Die Seele befindet sich in irgend einem anderen Punkt als in dem Schwerpunkt der Bewegung. Da aber der Maschinist nur den Schwerpunkt in der Gewalt hat, wären bei einer solchen Puppe die Glieder nur tote, reine Pendel, die dem Gesetz der Schwere folgen.

Wenn der Mensch sich von seinem Ursprung wegbewegt hat, dann hat er keine Gewalt mehr über sich, dann er regiert nicht er mehr sein Leben, sondern er wird getrieben und geworfen und regiert von den Gesetzen der Natur; denn er ist nicht mehr eins mit seinem Ursprung. Aber nur in Einheit mit ihm kann er den wahren Adel seines Wesens besitzen, kann er wahrer Mensch sein über den Gesetzen der Wirklichkeit und ihren Drohungen.

Die Marionette jedoch wird sich völlig unbewußt sehr graziös bewegen, sie wird schwerelos über den Boden gleiten und sehr viel mehr Anmut enthalten als der menschliche Körper. Die Marionette ist völlig unbewußt. Nur ein Gott kann sich mit ihr messen, denn er ist völlig bewußt. Hier greifen die beiden Enden der ellipsenförmigen (bei Kleist: ringförmigen) Welt wieder ineinander.

Der Mensch nun steht zwischen diesen beiden Möglichkeiten. Er hat durch den Sündenfall das Reich des Unbewußten verlassen, er hat vom Baum der Erkenntnis gegessen und ist sich damit seiner Grazie bewußt geworden. Es ist ihm unmöglich, eine Bewegung noch einmal mit derselben Anmut zu wiederholen, nachdem sie ihm einmal bewußt geworden ist; im Gegenteil, die Bewegung wird immer schlechter werden.

Der Mensch ist aus dem Paradies der Unmittelbarkeit vertrieben, er hat die Schranken des bloßen natürlichen Daseins, des unbewußten Lebens, für immer hinter sich gelassen. Er muß erst einen gewissen Weg zurücklegen (Ellipsenbahn), um am Ende dieses Weges wieder zum Anfang seines Daseins zu gelangen. Dies ist sein Schicksal, unter diesem Schicksal steht die „ellipsenförmige Welt“ (Da der Mensch sich von seinem Ursprung getrennt hat, wurde er in die Welt der Vernunft („ratio“) verstoßen und muß erst diese Welt bewältigen, um wieder von der anderen Seite her zu seinem Ursprung zurückgelangen zu können.

Der Mensch ist seit dem Sündenfall in die Welt der „Ratio“ gestoßen und muß erst die Welt bewältigen, um wieder zum Paradies gelangen zu können, um durchs Unendliche zu gehen und von der anderen Seite her wieder ins Reich der Grazie zu gelangen. Man muß sich diesen Weg vielleicht linear vorstellen, von Paradies zu Paradies, aber Anfang und Ende sind dasselbe (komplementär).

Zurück kann der Mensch nicht mehr, denn der Cherub steht davor.  Aber es gibt neben der Möglichkeit, wieder unbewußter Gliedermann zu werden, auch die, zum Gott zu werden, zum absolut bewußten Wesen. Im plötzlichen Umschlag des Gefühls erhält man somit ein ganz neues Verhältnis, auch zum Tode. Wieder vom Baum der Erkenntnis zu essen und in den Stand der Unschuld zurückzufallen, ist jedoch erst das letzte Kapitel der Geschichte der Welt.(Kohlhaas und Homburg haben diese Erfahrung hinter sich; sie machen eine Wandlung durch in ihrem äußeren Verhalten und gelangen dadurch zurück in den „objektiven“ Schwerpunkt).

Kleist ist ein Vertreter des Unbewußten (Rousseau). Das unbewußte Tier (der Bär) reagiert besser als der Mensch. Der frühere Zustand ist dem Menschen nicht mehr möglich, er soll nicht Gliederpuppe werden, er kann es auch nicht („Das Paradies ist verriegelt und der Cherub steht hinter uns“). Es gibt jedoch die andere Möglichkeit: zum Gott zu werden. Wenn die Erkenntnis durch ein Unendliches gegangen ist, tritt die Grazie wieder ein. In einem plötzlichen Umschlag des Gefühls gelangt man dorthin und erhält dadurch auch ein neues Verhältnis zum Tode.

Natur und Bewußtsein, Grazie (= Anmut) und Reflexion (= Vernunft) gehören verschiedenen Welten an und stehen zueinander im Verhältnis der polaren Spannung: In dem Maße, wie das eine Moment hervortritt, muß das andere weichen. Je mehr die Reflexion dunkler und schwächer wird, desto strahlender und herrschender wird die Grazie (gegen Schiller!). Wieder vom Baum der Erkenntnis zu essen und in den Stand der Unschuld zurückzufallen, ist aber erst das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.

Für Kleist ist die Wirklichkeit von keiner Idee durchdrungen. Die Wirklichkeit ist ein Chaos, der Mensch fühlt sich in ihm immer einsamer; er kann sich nur noch am Ich festhalten und an seinem Gefühl.  Kleist ist jedoch kein absoluter Nihilist, denn er bewahrt sich ein Gefühl für Pflicht, ein Gefühl dafür, daß es eine innere Verantwortung gibt, daß nicht die gesellschaftlichen Vorurteile alle Schuld haben. Kleist bewahrt sich auch ein Gefühl dafür, daß es noch irgendwo Reinheit gibt, in der Liebe oder sogar im Tod; inmitten des Grauens gibt es hier noch ein Paradies. Nur darf das Gefühl nicht übertrieben werden, denn ein übermächtiges Gefühl bringt wieder Unheil.     

Kleist wandte sich damit von der Wissenschaft und von Kant ab: Man kann nicht erkennen, was Wahrheit ist, denn die Wirklichkeit täuscht ständig über den wahren Charakter des Seins hinweg. Höchstes Symbol dafür ist die Ohnmacht: Nicht einmal sich selbst kann der Mensch kennen. Hier gibt es nur noch Gefühl. Kleist entdeckte das Gefühl als den Wert, der den Menschen wieder zu einer reinen Haltung befähigt.

Nur die leidende, aber fühlende Frau kann bei Kleist der Held sein (Käthchen, Evchen); die handelnde Frau jedoch, die das Naturgesetz umdrehen will, trotz ihres Gefühls, muß untergehen, jedenfalls äußerlich. Es geht nie um ein privates Eheglück, sondern nur um das Vertrauen im „Schwerpunkt“ zu sein, und um das Gefühl einer hohen, unverletzlichen Bestimmung. Deshalb sind diese Menschen so sicher in ihrem Gefühl, deshalb träumen sie schon vorher vom Geliebten (Käthchen) oder vom Ruhm (Prinz von Homburg). Beim Prinzen von Homburg ist nur der Lorbeerkranz schon vorher da, ehe ihn die anderen sehen; für Käthchen stellt sich jedoch erst nachher heraus, daß als einziges „Gesetz“  das Gefühl herrscht.

 

Schiller vertrat das Prinzip der Vernunft, Kleist bejahte dagegen das Gefühl. Beides allein kann immer Unheil bringen, es ist jedenfalls noch nicht die letzte Weisheit. Ein vernünftiger Ausgleich zwischen Vernunft und Gefühl scheint in der Praxis auf jeden Fall das Beste zu sein. Das Gefühl ist nicht abzulehnen, aber es darf nicht übertrieben werden. Wichtig ist jedoch auch folgendes: Das Herz tut die Pflicht freiwillig, es bejaht die Pflicht bewußt - nicht träumend oder gegen den Befehl dessen, der wahrhaft weiß, was „Pflicht“ ist.

 

Der zerbrochene Krug:

Dieses „Lustspiel“ schildert eine Gerichtsverhandlung. Der Krug ist zwar der Anlaß zu der Gerichtsverhandlung, aber er ist in weit höheren Maße auch Symbol, denn mit dem Krug ist auch die Ehre der ganzen Familie zerbrochen. Die Handlung kommt aber erst nach und nach heraus, denn der Richter ist der Schuldige, der nun alles zu vertuschen sucht. Es treten wirkliche Bauern auf, doch nur ihr Wortschatz ist aus der Umgangssprache, denn sie sprechen in fünffüßigen Jamben. Kleist will zwei andere Dichter nachahmen: Sophokles (König Ödipus) und Shakespeare. Er wählt dazu das Gewand des Lustspiels, das aber nicht zu einer Posse wird, sondern zu einem Kunstwerk. Kleist will zeigen, daß auch unter den Bauern ein Empfinden für sittliche Entscheidungen besteht (es sind allerdings nicht alle so wie Eve).

Die Gerichtsverhandlung zeigt deutlich die Charaktere:

 

Richter Adam:

Aus verständlichen Gründen will er sich vor der Verhandlung drücken. Die Tragik besteht darin, daß der Richter in vielen Aussprüchen unbewußt den Ausgang an deutet. Als es aber nicht zu einem Vergleich kommt, droht er schließlich. Bei der Verhandlung freut er sich, daß Ruprecht beschuldigt wird und versucht ihn, in die Rolle des Schuldigen hineinzumanövrieren. Seine ganze Fragestellung zeigt das. Er stimmt immer dem zu, der ihn aus der Schlinge ziehen könnte. So stellt er sich kurz darauf wieder mit Ruprecht gut, als Leberecht beschuldigt wird. Er dreht und windet sich in geradezu abscheulicher Weise. Vor der entscheidenden Zeugenaussage Evchens droht er wieder: „Nur Ruprecht oder Leberecht können es gewesen sein, fange nur nicht von einem dritten an!“ Er bringt es aber auch kurz darauf wieder fertig, Evchen zu schmeicheln, weil sie sagen soll, es sei Leberecht gewesen. Eine Lüge muß er durch eine andere entkräften und geistesgegenwärtig gelingt es ihm auch.

Der Richter Adam jedoch ist der Mensch in seiner menschlich typischen Schwäche. Man kann sogar zu Anfang Mitgefühl mit ihm haben, wenn er da bewußt versucht, seine Schuld zu vertuschen. Er ist ein Mensch, wie er überall zu finden ist, der über sich selbst richten muß. Er bricht nicht hindurch durch seinen schwachen Charakter, sondern versucht das Verhängnis hinauszuschieben. Er verkörpert den Unsinn in der Welt, er treibt seine Untersuchung bis ins Absurde („Dann wird wohl der Beelzebub den Krug zerbrochen haben“). Und doch versucht er nach seinem Recht zu urteilen, ist aber schon längst verurteilt, denn über ihm steht noch der Gerichtsrat Walter. Adam und Eve sind die Menschen, er ist die Instanz Gottes, durch ihn kann der Konflikt gelöst werden. Eve ist zum völligen Verzicht bereit, darum wird sie erlöst. Plötzlich rollt sie alles auf von hinten: Der Einberufungsbefehl war gefälscht, Adam wird als Übeltäter entlarvt und Evchen und Ruprecht werden Schande erspart.

Kleist wollte mit diesem Schauspiel den Menschen vor seinem ewigen Richter zeigen. Der Mensch, der meint, über sich selber richten zu können, während in Wirklichkeit ein anderer richtet. Weil der Mensch nach seinem Recht - nach dem Gewohnheitsrecht - zu richten glaubt, stößt er das vorgeschriebene Gesetz, das unerbittlicher ist, als menschliches Gesetz um. Von seinem eigenen Recht dagegen ist der Mensch nicht abgegangen. Kleist sagt: Mit dem Sündenfall hat der Mensch das Unbewußte verloren, er hat Reflexe und wird deshalb unnatürlich. Dieser Zustand kann nur aufgehoben werden durch die Hingabe zu Gott.

 

Evchen:

Evchen ist die Frau, die unbeirrt ihrem Gefühl folgt. Die Schwierigkeit bei der Verhandlung entsteht, weil Evchen schweigt. Sie will verhindern, daß Ruprecht nach Ostindien muß, denn Richter Adam hat sie mit dem Attest erpreßt. Sie schweigt, auch als Ruprecht sie beschimpft, sie will ihn nicht einmal für sich haben, er soll nur am Leben bleiben. Sie hat zu wählen, ob ihr Geliebter da bleiben darf oder ob ihre Ehre in Verruf gerät (tragischer Zug!). Obwohl Ruprecht sie in einer Gefühlsverwirrung beschimpft (ähnlich ergeht es Käthchen), ist sie nur von dem Gefühl bestimmt: Ich will ihn gar nicht mehr für mich haben, er soll nur am Leben bleiben, auch wenn meine Ehre dabei in Verruf gerät. Auch von ihm verlangt sie, er soll alles auf sich nehmen, und die Mutter bittet sie, den Antrag zurückzuziehen. Dieses Mädchen liebt Ruprecht trotz allem. Sie will auf keinen Fall im Streit von ihm gehen. Sie nimmt all ihr Leid auf sich um ihres großen Gefühls willen, sie ist das leuchtende Idealbild - im Gegensatz zu den anderen Gestalten - und genau im Schwerpunkt. Auf der anderen Seite läßt sie sich von dem Richter nicht einschüchtern. Nur auf die Drohungen der Mutter hin widerruft sie alles, denn sie hat Ehrfurcht vor ihrer Mutter, trotz deren Herzlosigkeit, sie will ihr sogar später alles erzählen. Sie nimmt all ihr Leid auf sich um ihres großen Gefühls willen, sie ist das leuchtende Idealbild, im Gegensatz zu den anderen Gestalten, und ist damit genau im Schwerpunkt.

 

Ruprecht:

Dieser harte und stolze Bauernsohn ist kühl überlegend und berechnend: Weil er gesehen hat, daß Eve bei der Arbeit fest zupackt, will er sie heiraten. Bis zum jüngsten Tag dauert es ihm allerdings zu lange, er will etwas Konkretes haben. Vor Gericht macht er eine klare, eindeutige Zeugenaussage, denn er ist seiner Sache sicher: „Es ist schwer für sie, dreist zu reden, wenn das Gewissen an der Kehl uns sitzt!“ Als er aber merkt, daß man ihm nicht glaubt, ist er voller Ironie: „Sie wird schon auf meinen Namen kommen!“

 

Frau Marthe:

Sie ist eine Frau, die zu sehr viel fähig ist. Weil sie unbedingt einen Mann für ihre Tochter finden will (auch wenn sie es nicht wahrhaben will!), sind ihr jede Mittel zur Erreichung dieses Zieles recht. Auf keinen Fall will sie sich auf Halbheiten einlassen, etwa auf Buße für ihre beschmutzte Ehre. Vor dem Richter tritt Frau Märthe sehr resolut auf - sie kennt anscheinend das Gesetz gut, auch wenn sie alles durcheinanderwirft - und sie erzählt seelenruhig die lange Geschichte. Sie scheut sich auch nicht, ihr Kind zum Lügen zu verleiten, sie stellt sich sogar gegen ihre Tochter.

 

Adam und Eve sind die Menschen, der Gerichtsrat ist die Instanz Gottes, durch ihn kann der Konflikt gelöst werden. Eve ist zum völligen Verzicht bereit, darum wird sie erlöst. Plötzlich rollt sie alles auf von hinten: Der Einberufungsbefehl war gefälscht. Adam wird als Übeltäter entlarvt und Evchen und Ruprecht werden Schande erspart.

Das Ende kommt schnell, denn Walter drängt. Der Richter aber will Zeitgewinnen. Als Walter dann endlich etwas ißt, wird Adam ausgefragt; obwohl er schon längst von Walter erkannt ist, muß er immer neue Lügen ersinnen: Walter läßt ihn aber zappeln.

Von Frau Brigitte erhofft Adam ein Alibi, weil sie Evchen und Ruprecht im Garten gesehen hat. Dann aber stellt sie die Theorie vom Teufel auf; dem Richter bleibt nichts anderes übrig, als diese Vermutung bis zur Absurdität weiterzutreiben. Und dann führt die Spur in das Haus des Richters, aber nicht wieder heraus!

 

Penthesilea:

In diesem Drama sieht man eine Amazone, die nicht mehr das Gesetz des Staates beachtet, sondern sich dem Gefühl hingibt und um ihre persönliche Liebe zu einem Mann kämpft. Die Zwiespältigkeit zwischen Unnatur und Gefühl bewirkt jedoch eine Gefühlsverwirrung, die sich aber zunächst zur Seite des Gefühls hinneigt. Damit wird das Gefühl wieder zum einzig ruhenden Pol im Chaos.

Die Amazonenkönigin greift Troja an, verhöhnt aber auch gleichzeitig die Griechen und greift sie an. Achill schwört Rache, wird aber im Zweikampf zunächst in die Flucht geschlagen. Er weicht jedoch aus nach der Seite, und Penthesilea kommt zu Fall und wird besiegt. Sie hat sich bis zum Wahn in Achill verliebt. Als Amazone darf sie jedoch nie einen einzelnen Mann lieben, sie darf keine Auswahl treffen für das „Rosenfest“, die Hochzeit der Amazoner mit den Gefangenen

 Penthesilea will jedoch auch noch Achill besiegen und kämpft noch weiter. Sie ist nur vom Gefühl getrieben bis zur Gefühlsverwirrung, die wohl auch herrührt aus ihrer inneren Zwie­spältigkeit, denn hinter der scheinbaren Geschlechtslosigkeit der Amazone verbirgt sich eine tiefe Leidenschaft. Aus diesem Widerspruch will sie mit Männerwaffen die Liebe Achills gewinnen. Sie wird jedoch durch Achill von der Unnatur des Amazonentums zum Wesen und Gefühlsleben einer echten Frau gebracht. Dadurch erfolgt wieder eine Gefühlsentwirrung, sie wird wieder zurückgebracht zur Bahn der Natur. Achill hat sich auch in sie verliebt, er folgt ihr nach ohne Waffen. Nach einer Ohnmacht meint sie doch, sie hätte gesiegt. Doch die Amazonen wissen es besser und sie wird aus dem Staat der Amazonen verstoßen.

Achill hatte nur vorgehabt, sich ihr zu unterwerfen und er schickt ihr eine erneute Herausforderung zum Zweikampf, um sich ihr zu unterwerfen. Ohne Waffen nähert er sich ihr. Doch Penthesilea versteht ihn falsch, sie fühlt sich betrogen und sieht in dem Handeln Achills nur eine Demütigung. Sie hat Ehre und Stellung hingegeben ,ihre Existenz und ihre Liebe sind vernichtet. Das Gefühl der Frau schlägt um in den Haß der Amazone, sie wird zur Furie und bringt Achill um. Als sie jedoch erkennt, daß es nicht Haß war, den ihr Achill entgegenbrachte, sondern das zarteste Gefühl, da begeht sie Selbstmord.          

Beide waren bereit zu neuem, Achill wollte sich ihr unterwerfen, sie hatte ihr Volk verlassen. Als alles so zu einem sinnvollen Ende zu gehen scheint, da er gibt sich das Mißverständnis, da zeigt sich überall der Wahn und zerschlägt alles.

Das Gefühl leitet Penthesilea als sie Achill folgt. Erst als sie merkt, sie steht im Gegensatz zum Gesetz, da kommt die Vernunft wieder; aber Penthesilea wird aus dem Staat verstoßen.

Auch Achill handelt unüberlegt, als er Penthesilea auffordert, sie soll mit ihm gehen und sich den Männern unterordnen. Dann jedoch will er wieder mit ihr ziehen, denn es liegt ihm nichts mehr daran, seine Prinzipien aufrechtzuerhalten. Durch die Liebe (= Gefühl) nähern sich jedoch wieder die Standpunkte des matriarchalischen und des patriarchalischen Staates und Gesetzes.

Penthesilea wird wieder zur echten Frau und auf die Bahn der Natur zurückgebracht, es erfolgt kein Zusammenbruch. Dann jedoch kommt wieder eine Gefühlsverwirrung, die immer zu tragischen Verwicklungen führt: Gerade als beide bereit sind zu neuem, als Penthesilea ihren Staat aufgegeben hat und Achill sich ihr unterwerfen will, da zeigt sich wieder die Sinnlosigkeit, die aus dem Mißverständnis entsteht: Penthesilea versteht die Herausforderung Achills.

Diese Frau war zu absolut, ihr Gefühl war so groß, daß es nur auf einer höheren Ebene Erfüllung finden konnte. Der Tod ist ihr darum Erlösung und Ziel ihrer Bestimmung. Er ist auch Sühne der Schuld gegenüber dem Naturgesetz, das sie verachtet hatte. Es ist kein tragischer Tod, sondern Penthesilea stirbt in der seligen Gewißheit, sich nicht getäuscht zu haben in der Liebe Achills. Sie hatte ihn ganz real geliebt, sie beißt sogar dann in Haut und Haare des Geliebten. Küsse und Bisse sind für sie dasselbe, Liebe und Tod sind eins, der Tod ist sogar Erfüllung.

Hier triumphiert das Gefühl und Penthesilea kommt weg vom Staat, also genau umgekehrt

wie beim „Prinz von Homburg“. Hier jedoch erfolgt eine andere Antwort: Die Existenz und die Liebe Penthesileas sind vernichtet, bei dieser absoluten Frau schlägt das Gefühl um zu Haß, die Frau wird so später wieder zur Amazone, zur Furie. Wer sich so vom Gesetz des Staates befreit, der erlangt ein neues Vernunft- und Rechtsgefühl und es erfolgt kein moralisches Zusammenknicken.       

Aber auf dem höchsten Gipfel der Unvernunft zeigt sich in der letzten Szene doch der Durchbruch der Vernunft: Die absolute Liebe einer Frau kommt doch zu ihrer Bestimmung: Im Liebestod findet Penthesilea ihre Erfüllung, ihre Bestimmung, der sie durch immer neuen Wahn entgegengetrieben wurde. Das Stück endet also nicht mit der tragischen Verwicklung, sondern mit der seligen Gewißheit, sich nicht in Achills Liebe getäuscht zu haben.

Dem Dichter Kleist erscheint hier das Handeln aus Gefühl als das einzig Wahre. Er hat Kant nicht aufgenommen wie Schiller, sondern hat alles für unwahr gehalten. Er wurde zurückgeworfen auf das Gefühl, in ihm sah er den einzigen Ausweg in dem Wahn der Welt. Aber wenn dieser einzig ruhende Pol in Verwirrung kommt, dann entstehen solche tragische Verwicklungen.

 

Das Käthchen von Heilbronn

Das großes, romantische Ritterschauspiel hat Märchencharakter sowohl in der Charakterzeichnung als auch darin, daß die Tragik durch das Märchenmotiv abgebogen wird. In dem Ritterschauspiel ist die Heldin wie Penthesilea hingerissen zu einem Mann, ohne zu wissen, was sie tut. Sie hat keine Erklärung für ihre Taten, die dem Verstand immer unbegreiflich bleiben werden. Trotz Vater und Gericht, Drohung und Kränkung beharrt sie in ihrer Liebe; rotz ihrer körperlichen Schwachheit folgt sie dem Grafen vom Strahl und geht nachher in das brennende. Haus: Der Geist siegt über den Körper, der noch Penthesileas Stolz war. Dennoch sind die bisher geschilderten Gestalten ein und dasselbe Wesen in verschiedenen Gestalten.

Kunigunde jedoch ist der Bösewicht, und gerade sie hat einen häßlichen Körper. Käthchen dagegen ist ein Märchenmädchen, das etwas naiv ist, aber doch völlig sicher (das ist ja gerade die Eigenschaft eines jeden Märchenhelden). Die Unnatur, die sich zierende Kunigunde, wird jedoch entlarvt, und gerade durch Käthchen, die allein schön ist, aber nichts davon weiß.

Im Grafen jedoch sind bewußter und gefühlvoller Charakter gemischt, er schwankt deshalb auch zwischen Kunigunde und Käthchen. Auf einem langen Weg der Erlösung findet er jedoch zurück zur Natur, er glaubt auch nun, daß auch der letzte Teil des Traums stimmen wird.

 

Michael Kohlhaas:

In der Novelle ist neben dem Anfangsdrama „Die Familie Schroffen­stein“ die Unordnung in der Welt besonders groß, zunächst in der Gerichtsbarkeit und Verwaltung, dann aber auch im Landesherrn, der die zugesagte Begnadigung nicht gewährt. Dagegen tritt nun auf Michael Kohlhaas, der besonders zu Beginn ein reiner Gefühlsmensch ist (nachher hat Kleist allerdings eingesehen, daß ein solcher Mensch nicht ungestraft bleiben kann). Er ist gerecht bis ins kleinste, er prüft vorher, ob nicht doch der andere recht hat (Befragung Herses).

Als er jedoch merkt, daß die Gegenseite ihn betrogen hat, stellt er sich ganz auf die Seite Herses, aber alles nur aus einem tiefen Gerechtigkeitsgefühl. Daraus läßt sich auch erklären, warum er keinen Vergleich will, daß er zum Faustrecht greift: Das Gesetz schützt ihn nicht mehr, da geht er nach dem Gefühl.

Dieses Gefühl hat ihn bis zur Raserei getrieben. Dabei war es zunächst sehr gesund und positiv zu bewerten. Nun aber ist es durch einen Anstoß von außen aus dem Gleichgewicht geraten („...in einer Tugend abgeschweift“). Zwar ist er mit seinem Gewissen im reinen, aber da er aus dem Mittelpunkt heraus ist, kann der den Kreis von dem neuen Standort aus nicht mehr beurteilen und berechnen, kann er die wirkliche Gerechtigkeit nicht mehr erkennen. Er hat sich von dem „objektiven Schwerpunkt“ wegbewegt zu einem neuen, „persönlichen Schwerpunkt“ ‚ um den er nun einen neuen Kreis schlagen will, nämlich seine Freiheit („Wenn du fühlst, daß mir Recht werden muß, so gönne mir auch die Freiheit, die mir nötig ist, es mir zu verschaffen“), die eine neue Gerechtigkeit bedeutet.

 

Das Gerechtigkeitsgefühl des Michael Kohlhaas:

Da er gerecht ist, verlangt er auch von den anderen Gerechtigkeit; er muß allerdings selbst Ungerechtigkeiten begehen. Bevor es aber soweit kommt, prüft er erst sehr sorgfältig, ob der andere nicht doch Recht hat:

Als er die Zollstation sieht, ist er zwar erstaunt ,will aber doch bezahlen. Da er nicht mißtrauisch ist, flieht er auch nicht vor dem Burgvogt. Da der Zoll doch berechtigt sein könnte, läßt

Kohlhaas auch die Pferde zurück (außerdem sind die anderen in der Übermacht!). Da er aber doch mißtrauisch ist, läßt er den Knecht zurück. Als sich Herse über seine schlechte Behandlung auf der Burg beklagt, hätte ihm wohl ein anderer sofort beigepflichtet. Kohlhaas war ja auch geschädigt worden: Er hätte keinen Passierschein gebraucht und er erhält keine Entschädigung für den Schaden an den Pferden. Aber er will Herse in einen Widerspruch verwickeln, um eine mögliche Mitschuld Herses zu entdecken. Als er aber überzeugt ist, daß ihn die Gegenseite betrogen hat, stellt er sich ganz auf die Seite des geschädigten Knechtes. Auch seine Frau soll keinen Schaden erleiden. Deshalb soll sie nach dem Verkauf des Guts in die Stadt ziehen zu guten Bekannten.

Aber es geht Kohlhaas nun nicht mehr um die Pferde, sondern er will um jeden Preis Gerechtigkeit erlangen. Deshalb ist es ihm auch gar nicht recht, daß man ihm die Pferde bringen will. Denn dann hätte er sie annehmen müssen und der Grund seiner Anklage wäre beseitigt

gewesen.

Nach dem Überfall auf die Tronkenburg freuen sich die Knechte über die Beute, und auch Herse findet Genugtuung. Aber Kohlhaas ist niedergeschlagen: Er ist seinem Ziel nicht nähergekommen und muß neues Unrecht verüben.

 

Ins Lot gebracht wird er einmal durch Luther, der schließlich das Handeln des Roßknechts als gerecht bezeichnet (auch weil er auf ein Sühnebedürfnis in Kohlhaas baut!), zum anderen aber wird er auch ins Lot gebracht durch den Kurfürsten, der ihn zum brandenburgischen Staatsbürger erklärt und ihm „sein Recht“ gibt. Luther übertreibt in seinem Plakat absichtlich, um dem Kohlhaas auch wirklich ins Gewissen zu reden.

Die Gefühlsverwirrung trat bei Kohlhaas ein, als er einsah, daß ein Recht, wie er es fordert, nicht möglich ist. Er versucht nur noch sein Leben zu retten und verbündet sich mit Nagelschmidt. Nun aber kann er sterben im Gefühl, Recht erhalten zu haben (Hier wird die Tat des Gefühls nicht als negativ angesehen wie bei Karl Moor, dessen Tat und Rechtsgefühl falsch waren). Seine „Goldwaage“ stimmt wieder, er weiß wieder, was wirkliche Gerechtigkeit ist, denn er ist wieder im „objektiven Schwerpunkt“ und kann auch von dort den Durchgang durchs Unendliche schaffen. Nun kann nicht mehr nur der Kurfürst ein Urteil abgeben, sondern auch wieder Kohlhaas, der nun wieder die Ur-Teilung vornehmen kann (das heißt nämlich „Urteil“) zwischen Recht und Unrecht, um so Gerechtigkeit als Gleichgewicht zu schaffen.

Vor ihrem Tod bittet Lisbeth ihren Mann, dem Junker zu vergeben. Persönlich tut das Kohlhaas zwar. Aber er fühlt sich nun als Vollstrecker der göttlichen Gerechtigkeit (daher die etwas eigenartige Ausdrucksweise in den Mandaten!). Kohlhaas wird nun zu einem anderen Menschen. Er weiß (zwar), daß er Unrecht begeht, und zwar mehr als seine Gegner. Kohlhaas wird nun zu einem leidenschaftlichen Menschen, der den Verstand ausschaltet, weil der ganze aufgestaute Haß in ihm losbricht.

 

Verhandlung im Staatsrat:

Es spielen sehr viele persönliche Momente mit: Kunz sucht die Tat seines Vetters zu vertuschen und will den Kurfürsten zu derselben Meinung umstimmen. Wrede rät nachzugeben, damit der Staat nicht durch das immer größer werdende Heer des Kohlhaas gefährdet wird.

Christiern steht im persönlichen Gegensatz zu Hinz wegen der Unterschlagung; Kohlhaas soll unterdrückt werden, weil der Staat sonst die Kosten tragen muß. Der Prinz meint, Kohlhaas kann nicht so ohne weiteres bekämpft werden (erst Prozeß!); er gibt dem Hof die Schuld.

Hinz will, falls es zum Freispruch kommt, doch eine Bestrafung wegen Mordbrennerei.

Nun hätte die Geschichte zu Ende sein können. Es soll aber gezeigt werden, daß jeder Mensch zum Scheitern verurteilt ist, der versucht, selbst Gerechtigkeit zu erlangen (Faustrecht!). Deshalb kommt alles anders, wobei der Zufall eine größere Rolle spielt. Der Abdecker auf dem Marktplatz will dem Fürsten eins auswischen, weil dieser auf ihn angewiesen ist. Zudem hat das Volk gesehen, daß man auch den hohen Herrn eins auswischen kann. Kohlhaas ist der Held des Volkes, die Herren bezeichnen ihn jedoch als Revolutionär.

Als weiteres Streitobjekt tritt nun der Zettel mit der Verheißung der Zigeunerin in Erscheinung. Hiermit erlangt Kohlhaas doch noch Rache, als nämlich den Zettel verschluckt. Außerdem wurde dem Gesetz von Seiten der Fürsten völlig Genüge getan. Aber die Fürsten verlangen nun auch Gerechtigkeit für die Taten des Kohlhaas. Kohlhaas selbst hat auch eingesehen, daß seine Taten den Tod verlangen. Seine Goldwaage stimmt wieder.

Kohlhaas war überzeugt, daß er recht hat. Als sich aber das Vaterland von ihm abwendet, wird er stur und geht seinen eigenen Weg. Sein Vertrauen zu der übrigen Welt ist zerstört, aber Kohlhaas ist sich mit seinem Gewissen im Reinen (typisch Kleist!). Aus einer ungerechten Behandlung erwächst eine neue Ungerechtigkeit. Durch seine Überspannung des Gerechtigkeitsgefühls steigert sich Kohlhaas in einen Gerechtigkeitswahn und wird zum Rächer an der Menschheit.

Kohlhaas ging nur gegen seinen unmittelbaren Feind vor. Ein Karl Moor dagegen ist schon vorher in einer Stimmung gegen das tintenklecksende Säkulum, gegen die Menschheit, die nur durch ein persönliches Motiv ausgelöst wird. Kohlhaas dagegen ist ein absolut ruhiger und ehrenhafter Mensch, ihm hätte man die Mordbrennerei nicht zugetraut. Er will sein Recht, das steht ihm auch zu. Er kann also eigentlich auch verlangen, daß man die Pferde in den alten Zustand versetzt. Das kann er dem Buchstabendes Gesetzes nach auch verlangen, aber für die Praxis ist das etwas zu viel verlangt. Sein Rechtsgefühl ist aber nur übertrieben, nicht übersteigert (Vergleich zwischen Karl Moor und Kohlhaas bei „Klassik, Schiller“). Kleist will keinen Charakter schildern, sondern eine Begebenheit. Deshalb zeigt er auch keine Idealfigur, denn er befürwortet den Kohlhaas keineswegs. Kleist gestaltet nur eine Begebenheit, in der es um Gerechtigkeit geht.

 

Der Prinz von Homburg:

In dem letzten Drama Kleists handelt nicht nur der Prinz nach dem Gefühl, sondern auch der Kurfürst. Der Verstand hätte sich sichern müssen, der Kurfürst wagt jedoch den Sprung ins Irrationale und behält recht, denn Gesetzeserfüllung wäre hier Wahn. er Kurfürst täuscht sich jedoch in dem Prinzen, der lieber sterben will als den Fürsten des Unrechts zu bezichtigen (das war ja die Hoffnung des Kurfürsten). Der Prinz war sich in seinem Gefühl völlig sicher: Der Kurfürst kann nicht so unmenschlich sein. Erst als er am offenen Grab steht, vollzieht sich eine Wende: Er erkennt, daß der Kurfürst recht hat, er nimmt den Tod freiwillig auf sich und wird damit Herr seiner selbst. Er hat sich dem Tod preisgegeben, aber das Leben gewonnen.

In diesem Schauspiel der Zeit nach Schiller finden wir kein Pathos, keine religiösen Gedanken, der Schluß ist völlig anders als bei Schiller. Es fehlen die allgemeinen Redensarten und Zitate wie bei Schiller, denn alles wird genau zur Sache gesagt, man hört nichts Allgemeingültiges, denn das Drama ist gebaut vom Einzelschicksal her.

Als der Prinz hört, Natalie soll zu einer politischen Hochzeit benutzt werden, bricht er zusammen. Bis jetzt hat er geglaubt, der Kurfürst könne nicht so den Erhabenen (= Unmenschlichen) spielen. Jetzt ist er erschüttert, weil er erkennt, er könnte in der Politik dem Kurfürsten im Wege stehen. Er will daraufhin sogar auf Natalie verzichten, denn er hat das offene Grab gesehen; er winselt um sein Leben, eine peinliche, unpreußische Szene.

Der Kurfürst ist der Lenker des Ganzen, besonders des Prinzen; er steht über den Dingen, über den Menschen und über dem Gesetz. Er handelt eindeutig nicht aus Verstand, sondern nach dem Gefühl, (und dieses gibt ihm recht. Erfüllung des Gesetzes wäre hier Wahn. Er handelt nicht gesetzmäßig - rationalistisch - kantisch - allgemeingültig. Er will begnadigen und sucht einen Vorwand, um das vor dem Volk rechtfertigen zu können. Das zeigt sich ganz deutlich, als Natalie kommt: Er ist verwirrt und betroffen, sieht daß er sich in seinem Gefühl, über den Prinzen getäuscht hat und welche Gefahr für das Leben des Prinzen besteht; deshalb erfolgt die plötzlich Begnadigung, er ist kein Brutus.

Der Kurfürst, der bisher geschwiegen hat, ist so betroffen, daß er sofort umschwenkt. Er darf aber nur begnadigen, wenn keine Gefahr für den Staat besteht, nicht aber aus persönlichen Gründen. Diese lägen aber jetzt vor, wenn er eine Begnadigung ausspräche, nur weil es der Prinz von Homburg war (vor dem Urteilsspruch hatte er sich noch versichert, daß der Prinz nicht Führer der Truppen war). Wenn sich also der Prinz gewandelt hätte, könnte er begnadigt werden. Die Versammlung der Offiziere zeigt jedoch gerade, wie das Beispiel des Prinzen schon gewirkt hat.

Die Bestimmung „Wenn du dein Unrecht nicht einsiehst, wirst du begnadigt“, ist als allgemeines Sittengesetz nicht möglich. Aber der Kurfürst hat das sichere Gefühl, daß sein Feldherr das Unrecht einsieht, also ihn, den Kurfürsten, nicht der Ungerechtigkeit beschuldigt. Damit wäre klargestellt, daß der Prinz keinen Aufstand geplant hatte und sich wieder der Ordnung fügen will. Und in der Tat belehrt der Prinz von Homburg sogar noch die Offiziere. Dadurch konnte er begnadigt werden.

Kottwitz wollte eine neue Art des Gehorsams lehren: Ich bin bereit, eigenmächtig zu handeln, aber auch dafür zu sterben. So handelt angeblich jeder Soldat, sagt Kottwitz. Aber der Prinz hat ja gar nicht so gehandelt, er hatte keine Ahnung vom Schlachtplan und griff nur ein, weil er den Kampf nicht mehr abwarten konnte. Aber er kann dann doch noch gerettet werden, weil er selbst erkennt, daß er etwas falsch gemacht hat.

Der „Prinz von Homburg“ ist ein Drama der menschlichen Existenz, der Lebensangst. Es zeigt den Durchbruch zu einem neuen Existenzbegriff und Existenzgefühl: „Ich will das heilige Gesetz des Kriegs, das ich verletzt, durch einen freien Todverherrlichen. Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!“

Eine Maria Stuart stirbt als gläubiger Mensch, der für seine Taten büßen wollte, sich mit Gott versöhnt hat und auf ihn hofft, sie hat Gewißheit. Der Prinz jedoch hat kein Schuldgefühl, er hat allein das Gefühl, daß ihm der Durchstoß gelingt zu einer neuen Welt. Das war der Mensch der Todesangst, der sich hier nun sogar zum Tode sehnt, der ein beinahe mystisches Erlebnis des Todes hat.

Am Anfang des Stückes ist der Prinz eine Marionette, voll unbewußter Grazie und ganz vom Gefühl erfüllt bis zu dem Zeitpunkt der Verkündigung des Urteils noch. Dann jedoch ist er aus seinem Schwerpunkt heraus und ziert sich. Nur der Brief des Kurfürsten bringt ihn wieder ins Gleichgewicht, er erreicht den Durchgang durchs Unendliche, die Welt ist von hinten offen. Er gibt sich dem Tode preis und gewinnt das Leben. Bei Schiller wäre es um eine Ver­nunftentscheidung gegangen; hier handelt jedoch der Kurfürst rein nach dem Gefühl, durch sein Gefühl kommt der Prinz zum richtigen Verhältnis zu Staat und Gesetz. Hiermit wird also etwas heiliggesprochen, was durchaus irrational ist. Dieselben Gedanken finden sich jedoch auch in allen anderen Schauspielen Kleists. Von dem Aufsatz: „Das Marionettentheater“ her kann man sie all interpretieren.

 

Kleists Prosastil.

Satzbau (Pausenfolge, Satzmelodie, Tempus):

Der an sich nicht lange Hauptsatz wird unterbrochen durch Nebensätze, die manchmal auch zweiter Ordnung sin (Nebensatz, der von Nebensatz abhängt). Alles was gleichzeitig geschieht oder kurz nacheinander, wird so in einen Satz gebracht und vom Hauptsatz umklammert. Diese Schachtelsätze sind ein Kunstmittel, weil sie die Spannung steigern. Der Satz wird so bewußt in viele kleine Stücke zerhackt, oftmals durch falsch gesetzte Kommas getrennt; das ist der lateinische Charakter des Stils.

 

Rhythmus: Kein Vortakt, meist Trochäen, Schluß mit stampfender Wucht.

Tempo: Ohne die Nebensätze wäre der Satzbau langsamer und langweiliger. Wenn man aber die Nebensätze in Hauptsätze umwandelte, würde alles gleichstark betont. Bei Kleist kommt es jedoch darauf an, daß in den prall gefüllten Sätzen die Nebensätze schneller und mit größerer Hast gelesen werden, das Wichtigste, also die Hauptsätze, jedoch langsam und betont.

 

Spannung der Satzmelodie: Nie zerbröckelt das Satzgebäude, denn es wird zusammengehalten durch die Satzmelodie: In einem großen Bogen sinkt die Stimme nie, sie wird höchstens in derselben Höhe wieder aufgenommen. Es erfolgt sogar eine Steigerung in der Gedankenfolge (nicht wie bei Stifter ein Abfall). Der Dichter findet nie Ruhe, er gibt sich nicht ab mit Zustandsschilderungen, er flicht jedoch kleine Randbemerkungen ein und eine kurze Szenenschilderung oder Geste die nicht unbedingt zur Handlung gehört, aber doch die Handlung anschaulicher macht („Schweiß von der Stirn wischt“). Auf die Handlung jedoch kommt es an, sie geht ohne Aufenthalt weiter. Dieser Drang nach Handlung drückt sich in der Spannung aus. So schreibt ein Dramatiker Prosa.

 

Konjunktionen: Auffallend sind die vielen „als“, „indem“ und „Dergestalt, daß“-Sätze. Die „indem“-Sätze werden sogar manchmal gleich hinter das Subjekt eingeschoben (nicht hinter das Verb); das ist französischer Stil. Ein „Dergestalt, daß“-Satz erfolgt immer dann, wenn es auf den Endeffekt losgeht. Nebensächliche Dinge als Partizip!

Stil: Herrscht nominaler oder verbaler Stil vor? Thomas Mann etwa schreibt einen nominalen Stil, der Dauer und Zustand schildern will. Bei Kleist jedoch herrscht eindeutig das Verb,

das Handlung und Dramatik ausdrückt. Schmückende Adjektive fehlen, falls Adjektive vorkommen, dann auch meist gleich doppelt, in der Regel sind es jedoch partizipia praesentis.

Objektiver Charakter: Kleist bemüht sich immer, in seinen Schilderungen objektiv zu erscheinen. Deshalb gibt er immer eine Quellenangabe in seinen Novellen oder Anekdoten, indem er etwa eine Chronik fingiert oder sich die Geschichte von einem dritten erzählen läßt. Sein Stil ähnelt also auch weitgehend dem Chronikenstil (Eigennamen usw.). Es gibt viel Handlung, keine Natur, eine starke Gefühlsbeteiligung und oft Bilder!

 

 

Clemens Brentano: Nachklänge Beethovenscher Musik                        1778 - 1842

 Brentano hat im Anschluß an ein Konzert mit Musik von Beethoven einen Gedichtzyklus von drei Gedichten geschrieben mit dem Titel „Nachklänge Beethovenscher Musik“

Im ersten Teil beschreibt der Dichter seine Gefühle beim Hören der Musik beschreibt, in dem er noch nicht allzu abstrakt ist. Zur Beschreibung der Einsamkeit verwendet der Dichter drei Bilder: Die Einsamkeit ist ein stummer Bronnen, eine Quelle, ein Zauberspiegel aus Wasser. Diese Abstraktion wird aber sofort wieder aufgehoben durch die Aussage: „Zauberspiegel innerer Sonnen, die in Tönen überschwellen!“ Schon ist die Beziehung zu Beethoven hergestellt. Dieses Bild vom Brunnen wird noch einmal aufgenommen in: „..mich überronnen mit den dunklen Wunderwellen“. Diese Wellen der Musik haben den Dichter bewegt.

Dem Gedicht liegt das pythagoräische Weltbild zugrunde: Die Sterne haben durch das Zahlenverhältnis, in dem sie zueinander stehen, teil an einer überirdischen Musik, der Sphärenmusik. Der Takt soll von einem Gott gezählt werden, denn er ist unbewußt. Aber diese Sphärenmusik findet sich nicht nur im Kosmos, sondern das Bild von der Sphärenharmonie wird auch im Inneren des Dichters weitergeführt:

„Alle Sonnen meines Herzens,   Die Planeten meiner Lust,

Die Kometen meines Schmerzens         Tönen laut in meiner Brust.“

Die Musik erregt all diese Gefühle, die nun erst tönend werden und einen tieferen Sinn erhalten, wenn diese Musik auf den Menschen eindringt. Schon der rhythmische Gleichklang dieser Verse läßt etwas ahnen von der Wirkung dieser Musik.

Welch ein Mensch ist das, der ein solches Gedicht verfaßt? Es muß schrecklich in ihm ausgesehen haben, denn er ist zerrissen zwischen Lust und Schmerz, Freude und Wehmut; er ist in unvereinbare Gegensätze aufgespalten. Die Musik jedoch ordnet und läßt eine innere Symphonie und Harmonie in dem Dichter entstehen. Durch äußere Wirkung kommt in ihn, was auch in der Musik ist: Ordnung statt Chaos. Dies aber führt zu der Erkenntnis: „Ewger Gott! Mich dein erinnern. Alles andre ist vergebens!“ Wir sehen einen Menschen, der  um sein eigenes Sein gerungen hat und durch ein Kunstwerk seinen Glauben wiederfand.

Auch in diesem romantischen Gedicht geschieht wieder die Wandlung vom Optischen zum Akustischen. Aber auch die Vokale muß man wieder beachten: Zu Beginn wird bewußt der „o-Reim“ gegen den „e-Reim“ gesetzt, es kommen einige „u-Reime“ und gegen Schluß erfolgt eine Aufhellung durch die „e-Reime“.

 

Ludwig Uhland: Ich hört ein Sichelin rauschen                                          1787 - 1862

Die Form „Sichelin“ deutet darauf hin, daß es sich um ein altes Gedicht handelt; es ist etwa um 1500 entstanden. Das Gedicht handelt in bäuerlicher Umgebung. Dennoch finden wir eine Form wie „ein fein Magd“, ein Ausdruck aus dem Minnesang, der hier gar keinen Sinn mehr hat, denn es handelt sich nicht um vornehme Jungfrauen, sondern um Schnitterinnen.

Das Schneiden der Erntegaben erinnert an ein Lied: „Es ist ein Schnitter heißt der Tod!“ Der Tod hat sich den Geliebten des Mädchens genommen. Doch die Freundin sagt ihr: „La rauschen Lieb, la rauschen!“ Vergiß ihn und such dir wie ich einen anderen! Das andere Mädchen will ihrem Geliebten jedoch über den Tod hinaus treu bleiben.

Das „Gedicht“ ist in Wirklichkeit ein Volkslied:  Es finden sich viele formelhafte Wendungen, der Gedanke der letzten Zeile einer Strophe wird in der ersten Zeile wieder aufgenommen, die Aussagen kommen sprunghaft (der Sprecher wird nicht angekündigt, eine Deutung der einzelnen Zeilen ist sehr schwierig) und man verwendet die primitivste Art der Dichtung (es kommen nur Hauptsätze vor, Kennzeichen des echten Volksliedes).

Das Volkslied wurde wiederentdeckt von Johann Gottfried Herder. Seine Liedsammlung regte Goethe an („Sah ein Knab ein Röslein stehn‘“). Im Jahre 1806 kam dann die große Volksliedsammlung von Clemens Brentano und Achim von Arnim heraus: „Des Knaben Wunderhorn“. Das vorliegende Volkslied stammt von Ludwig Uhland, der es aus zwei Liedern zusammengesetzt hat.

 

Joseph von Eichendorff                                                                         1788 - 1857

Aus dem Leben eines Taugenichts:

Das Stück hat keinen tiefere Sinn. Es ist stimmungsbetont, lustig und gemütlich (ähnlich wie im Märchen). Die Hauptfigur der Erzählung hat ein künstlerisches Gemüt. Auch wenn er einmal etwas arbeitet (Zolleinnehmer!), so behält er doch seinen Humor (gute Wortwahl der Adjektive: „Kurfürstliche Nase“). Er ist sehr humorvoll: Er scheitert immer an kleinen Unfällen.

Das schöne der Geschichte sind die  Landschaftsbeschreibungen, die Lieder und Gedichte, der Wald, die Flüsse (Donau), die Nacht, die Springbrunnen. Das Schlaraffenland ist ein Märchenland, allerdings übertrieben.

Die Form einer Ich - Erzählung dient zur Herstellung eines persönlichen Kontaktes mit den Lesern. Der Erzähler kann schildern ,was er für wichtig hält. Die Geschehnisse werden nur von einer Seite betrachtet (manchmal ist das spannender: Verwechslung auf dem italienischen Schloß!).

Das Buch ist 1825 geschrieben, „Des Knabenwunderhorn“ und der „Freischütz“ waren schon geschrieben, ein Jahrbuch für 1816 wird erwähnt.

 

Lockung“ und „Nachtzauber:                                         

Wesentlich in beiden Gedichten ist, daß jeweils die Reimwörter schon Sinnträger sind mit wesentlicher, magischer Bedeutung; das ist typisch romantisch Es handelt sich um zwei Gedichte desselben Dichters, in denen er in mittelalterlicher und antiker Welt die Lockung des Geheimnisvollen darstellt. Während jedoch das erste Gedicht eine Lockung ist, erkennt man im zweiten Gedicht nur in den Fragen eine Lockung. Dazwischen teilt uns der Dichter immer erst noch seine Gedanken mit (größere Objektivität!). Es geht auch nicht mehr so sehr um eine Verführung, sondern um einen Zauber. Eichendorff ist leicht zu erkennen an typischen Wörtern wie Schlösser, Marmorbilder, Waldeseinsamkeit, usw.

 

 

Annette von Droste-Hülshoff                                                               1797 - 1848

Die  Judenbuche:  

Es handelt sich bei diesem „Sittenbild aus Westfalen“ weder um eine Kriminalgeschichte, noch um eine echte Novelle; es werden nämlich mehrere Ereignisse geschildert, im Grunde handelt es sich um die Entwicklungsgeschichte eines Jungen. Geschrieben ist sie in einem realistischen Sekundenstil. Die Natur ist nicht mythologisiert, sondern bildet nur den Rahmen.

Die Buche ist das Symbol der Vergeltung Gottes: Wer sich seinem menschlichen Richter entzieht, findet seinen göttlichen Richter! Schuld an dem ganzen Geschehen ist die Umgebung. Sie macht den Jungen durch ihre Lieblosigkeit nicht nur zum Einzelgänger, sie ist ihm auch in ihren ganzen Sitten ein schlechtes Vorbild: Wilderei, Holzdiebstahl und Judenhaß beansprucht man als ganz selbstverständliches Recht.

Gedicht am Anfang der Novelle: Der Leser soll froh sein, daß er eine so gute Erziehung genossen hat. Bei Friedrich Mergel war es in der Hauptsache die Umwelt (Erziehung!), die ihn zum Verbrechen treibt.

Dieser Roman ist 1837-1841 entstanden, eigentlich ein Lebenslauf, aber trotzdem eine Novelle, weil immer nur einige Lebensabschnitte (die Höhepunkte!) geschildert werden (immer nach einer genauen Zeitangabe!). Das Symbol ist eine Buche, es wird aber nicht gesagt, ob die „Judenbuche“ gemeint ist.

Die Umwelt ist denkbar schlecht: Der Vater ist ein Trinker. Als er stirb, liegt die ganze Last der Erziehung bei der Mutter. Da tritt aber der Oheim auf den Plan. Er beseitigt alle Begriffe von Gut und Böse und stellt das Böse als etwas hin, das nicht unbedingt schlecht ist. Der Onkel macht sogar falsche Aussagen, und der Junge muß es ja für wahr halten. Er macht dem Jungen Angst vor der Buche und appelliert an die Eitelkeit. Als Friedrich beichten will, verspottet er diesen. Er nimmt ihm damit den letzten Halt

Die verflachte Moral der ganzen Gegend zeigt sich daran, daß das Holz und das Wild allen gehören und keiner hat das Recht, es für sich zu beanspruchen; deshalb ist der Förster ein schlechter Mensch.

Friedrich verehrt seinen Vater und sieht ihn als sein Vorbild an, auch in seinen Charaktereigenschaften und kann deshalb nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Weil aber alle gegen seinen Vater sind, sondert er sich ab, weil er in die Enge getrieben wird. Friedrich gehört zu den Holzdieben und steht Schmiere (der Pfiff galt nicht dem schlafenden Hund!)

Förster Brandes hat Friedrich ja durchschaut, kann ihm aber nichts nachweisen. Weil er aber Friedrich beleidigt hat, schickt dieser ihn auf den falschen Weg, wo er dem Oheim in die Hände läuft (dieser macht nachher einen neuen Stiel in das Beil!). Friedrich ging nach Hause, um ein Alibi zu haben.

Durch den Holzverkauf erhält Friedrich Geld und entwickelt sich zum Dorfelegant.

Johannes Niemand: Verblüffende Ähnlichkeit mit Friedrich (er ist der uneheliche Sohn des Oheims!). Die Mutter des Friedrich erkennt das und ist bestürzt, daß sie ihren Sohn einem solchen Menschen anvertraut hat, zumal der Oheim den Friedrich noch wie einen Knecht ausnutzt.

Johannes ist das vorgezeichnete Bild des Friedrich, wie er sich einmal entwickeln wird. Deshalb fällt es Friedrich nicht schwer, den Johannes zu spielen; er ist auf dessen Stufe herabgesunken. Als Friedrich unter der Judenbuche den Löffel zerschnitzt, ist die Macht der Buche über ihn stärker geworden, während er ihr früher aus dem Weg ging.

Friedrich Mergel hätte sich durchaus noch vor der Justiz selbst anklagen können, er muß nicht unbedingt dem Schicksal verfallen. Er gibt sich jedoch als Stiefbruder aus und wird erst ganz am Schluß entdeckt an der Narbe, als es für eine Sühne längst zu spät ist.

Am Anfang der Novelle steht die Judenbuche als ein Baum unter vielen. So ist es auch mit F. Mergel: Er wird ausgestoßen und steht allein. Friedrich hat ein Verbrechen begangen, es wird gesühnt, das „Tun“ und „Leiden“ ist ausgeglichen.

Sinn der Novelle ist der letzte Satz, die Inschrift auf der Buche: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir gehen, wie du mir getan hast“

 

Das Spiegelbild:                             

Die Dichterin schaut in den Spiegel (siehe: Erinna an Sappho) und hat Angst vor ihrem Spiegelbild. Sie fragt sich: Bin ich das wirklich? Auf einmal sieht sie objektiv ihr eigenes Ich, sie erschauert vor ihm. Hier geht es um ihre Existenz, ihr Ich ist in Frage gestellt, denn es empfindet sich subjektiv anders, als es bei objektiver Betrachtung aussieht. Sie sagt aber dann doch „Ja“ zu ihrem Dasein, wenn auch unter Tränen. Sie ist beeinflußt von den Weltschmerzgefühlen ihrer Zeit, sie schreibt in der Art ihrer Zeit und im Stil ihrer Zeit. Aber sie bejaht dann doch aus christlichem Glauben ihre Existenz.

 

 

Graf von Platen: Sonett                                                                          1796 - 1835

Der Inhalt erfährt eine deutliche Steigerung: Erst kommt leise Zweifel, dann ist das Glück nicht zu ertragen und schließlich gibt es vielleicht sogar für Gott kein Glück. Das Gedicht hat eine schöne glatte Form, es ist sehr formalistisch. Platen achtete sehr auf die Form, er war ein Bildungsmensch. Dadurch werden jedoch nur die inhaltlichen Widerstände überspielt, sie bestehen jedoch bei genauerem Hinsehen. Etwa in der letzten Zeile: „Wer wußte je, das Leben recht zu fassen?“

 

Heinrich Heine: „Abenddämmerung“ und „Das Fräulein“                      1797 - 1856

Beide Gedichte hören unerwartet auf. Sie beginnen mit einer romantischen Schilderung, die jedoch im zweiten Gedicht ironisch gemeint ist. Das erste Gedicht ist noch typische Romantik Heines, so dichtete er in seiner Jugend. Im zweiten Gedicht macht er sich jedoch darüber lustig („Mein Fräulein...“). Er hatte nämlich gemerkt, daß er zum romantischen Dichter nicht taugte.

Es kommen ihm immer neue Erinnerungen, besonders im zweiten Teil jenes ersten Gedichtes weiß er die Größe der Landschaft nicht mehr zu fassen, er kann das Gefühl nicht durchtragen und flüchtet sich ins Niedliche, in die Idylle. Es ist geradezu ein typisches Merkmal für Heine, daß dieser Bruch in seinen Gedichten kommt.

Wir haben hier wieder einen Dichter, der in freien Rhythmen schreibt, besonders in der „Harzreise“ und im „Nordseezyklus“ stehen alle Gedichte nur in freien Rhythmen, wie etwa bei Pindar, bei Klopstock und Goethe, bei Hölderlin. Dort sollte jeweils etwas Heroisches dargestellt werden (siehe besonders Goethe). Hier jedoch dienen diese Rhythmen dem Malerischen und der Schilderung der Landschaft.

 

 

Eduard Mörike                                                                                          1804 - 1875

Auf eine Christblume:

Bei Mörike gibt es viele Gedichte, die auf ein Ding bezogen sind. Aber hier wird die Christ­blume kaum beschrieben, sie ist nur Objekt für symbolische Hinweise, die aus reiner Meditation entstanden sind (deshalb die Konjunktive!). Er geht allerdings von einem Erlebnis aus (siehe Brief). Die Blume geht ihm jedoch dann verloren, er macht aber später ein Gedicht darauf.

Die Blume ist das Symbol des Schönen, das er aber auf dem Kirchhof findet: das Herrlichste ist mit dem Vergänglichen eng verbunden; wahrscheinlich hat sie sogar auf dem Grab eines jungen Menschen gestanden. Sie gehört eigentlich in den Wald (Kapelle, Hain, Reh - alles „romantische“ Orte), als „blaue Blume“ gewissermaßen, als Symbol der Schönheit. Hier aber steht sie in der Kälte, verbreitet aber „himmlischer Kälte balsamsüße Luft“.

Der Dichter fügt nun noch ein Symbol für das Heilige hinzu: das Brautgewand der Maria. Die Schönheit und das Heilige gehören auch für diesen calvinistischen Pfarrer zusammen, wenn er auch neben Weihnachten dann die Passion sieht. Der Elf in der letzten Strophe, das reine Naturwesen, bringt als heidnisches Symbol eine romantische Ironie, um den ersten Teil nicht zu „heilig“ zu schließen.

Leider können aber Schönheit und Leben nie zusammenkommen: Der Schmetterling kommt erst im Frühjahr, wenn die Christblume schon verblüht ist. Aber mystisch können Schönheit und Leben eine Einheit bilden, der Geist des Schmetterlings (=Leben) kann die Blume im Winter finden. Die Romantik ist nicht nur reine Gedankenlyrik, sondern auch von einer tiefen Mystik erfüllt.

 

Auf eine Lampe:     

Standort, Schönheit und Eindruck der Lampe werden geschildert. Doch am Schluß ist gar nicht mehr die Rede von der Lampe, sondern von einem „Kunstgebilde echter Art“: Kunst ist an sich schön, gleichgültig wie man das Kunstwerk beurteilt; es  „scheint“ in ihm selbst. Nimmt man dieses Wort im Sinne von „lucere“, dann hat man die philosophische Interpretation Heideggers. Nimmt man dieses Wort im Sinne von „videri“, dann hat man die Interpretation des Literaturhistorikers Emil Staiger, bei dem der Glaube an diesen Satz von der Schönheit schon ins Wanken geraten ist.

Mörike ist hier nicht mehr romantisch, sondern klassischer Formkünstler. Die sechsfüßigen Jamben (jambischer Trimeter) erinnern an die antike Tragödie (Helenaszene, Jungfrau von Orleans). Die Schönheit wird hier als etwas Klassisches gesehen, auch die Darstellungen auf

der Lampe sind klassizistisch; doch diese Schönheit gerät allmählich in Vergessenheit: die Lampe hängt in einem verlassenen Lustgemach.

Am Schluß sind auch die Dreizeiler nicht mehr durchgeführt, sondern gespalten, die letzte Zeile steht ganz für sich. Man beachte Vokale, man beachte Enjembements, die Bewegung bringen.

 

Denk es, o Seele:   

Eigentlich wird hier ein heiteres Spiel des Lebens geschildert. Doch einmal wird alles zu einer Totenfeier dienen, noch ehe die Hufeisen los sein werden. Unheimlich wird hier der Begriff des Verfließens der Zeit deutlich gemacht.

Dieses Gedicht steht am Ende von „Mozarts Reise nach Prag“. Diese Novelle Mörikes ist auch von einer Todesahnung durchzogen. Noch blüht das Ancien Regime (Symbol des Pomeranzenbaums! Spiel in Neapel!), aber man sorgt sich: Es könnte bald verblühen.

All das ist dann am blühenden Leben aufgehängt. Aber ein Mozart wird sterben, auch die Kultur wird vergehen. Noch sitzt der Künstler am Abend am Klavier und spielt die Begegnung des Don Giovanni mit dem steinernen Gast. Aber an diesem einen Tag erleben wir das ganze Beben Mozarts, verdichtet in einen einzigen Augenblick.

 

Erinna an Sappho:

Hier finden wir die Todesstimmung in antikem Gewand. Ein junger Mensch erlebt, als er in den Spiegel schaut, zum ersten Mal den Augenblick des Todes und der Vergänglichkeit: Erinna weint, weil sie bald Sappho und die Musenkunst verlassen muß.

 

 

Friedrich Hebbel                                                                                      1813 - 1863

Nachtlied:

Der Gegensatz zwischen dem Einzelnen und der Unendlichkeit der Nacht wird im dialektischen Schritt (wie bei Hölderlin und Droste) aufgehoben, weil in der Nacht allein noch ein Raum für das Ich ist. Nicht metaphysisch, sondern nur im Schlaf, im Unbewußten. Hebbelstrophe: Männliche Reime umrahmen weibliche, lebendiger Daktylrhythmus umrahmt Spondeen.

 

Agnes Bernauer:

Herzog Ernst scheidet menschliches und staatliches Denken, wobei das staatliche Denken ihm über alles geht. Er handelt aus Staatsräson, aus der Notwendigkeit, weil das der einzige Weg ist, den Staat zusammenzuhalten. Die Nachfolge muß genau geregelt sein, damit es nicht zu Bürgerkriegen wegen Erbstreitigkeiten kommt. Der Staat muß zusammenbleiben, damit ein mächtiges Gegengewicht gegen Böhmen erhalten bleibt. Er will seinem Sohn das Erbe erhalten, er meint es noch gut mit seinem Sohn. Ja er hofft sogar, daß der Sohn noch mehr erben kann. Deshalb die Heirat mit der Württembergerin und dann mit der Braunschweigerin.

Ernst hofft auch, daß der schwächliche Neffe bald stirbt, denn dann wird Albrecht der Erbe. Und dann macht er gerade diesen Neffen zu seinem Erben, weil der Staat zusammenbleiben soll, er denkt nur an seine Hausmacht.

Dieses Machtstreben hat die Kriege entstehen lassen, hat Menschen über Leichen gehen lassen. Für Ernst ist der Mord nicht umsonst gewesen, sein Geschlecht wird weiter leben, das Opfer hat sich gelohnt. Das menschliche Recht hat nichts mehr zu sagen, es gibt keine höheren Werte als das menschliche Ziel. Der Dichter sieht dieses positive Recht als notwendig an, Herzog Ernst behält recht, Albrecht sieht es ein.

Hier sind wir in der Welt des 19. Jahrhunderts, der Welt der Vernunft, die nichts mehr über sich anerkennt, der einzige Richter ist die Vernunft. Gott spricht nicht mehr mit (In der griechischen Tragödie sind es nur die Götter, die schicksalhaft in das Leben des Menschen eingreifen und gegen die nichts unternommen werden kann).Wir finden kein Wort des Grauens vor diesem Geschehen nur Mitleid. Aber es stehen immer wieder Dichter gegen die Gewalt auf und verkünden das göttliche Recht. Agnes Bernauer wurde wenigstens freigestellt, ins Kloster zu gehen.

 

Theodor Storm: Abseits                                                                         1817 - 1888

Als letzter Zufluchtsort in der zivilisierten Welt wird diese Idylle mitten in der dennoch lebendigen Natur als letzter Rückzugsort gegenübergestellt, lebendig übergehend von vielen kleinen Einzelheiten zu akustischen Eindrücken (Klang von weit her). Fast impressionistisch!    

 

Gottfried Keller ( Schweizer Dichter)                                                    1819 - 1890

Abendlied:

Der Dichter steht am Abend seines Lebens, dessen Sinnbild die Augen sind. Aber da das Leben nicht ewig währt und diese Augen einmal verlöschen werden, fordert uns der Dichter auf, die paar Tage vor der Nacht des Lebens noch auszukosten. Wie sich jeder Mensch am Abend nach getaner Arbeit ausruht, so darf man sich auch am Abend seines Lebens noch einige schöne Tage gönnen.

Ein gleichnamiges Gedicht von Stefan George ist eigentlich nur ein Stimmungsbild. Aber es hat einen tieferen Sinn: Er und alle anderen Menschen wandern im Dunkel. Das Schöne ist weit weg und der Weg dorthin liegt im Dunkel. Der melancholische Dichter beneidet die anderen, denen es besser geht. Und er fürchtet sich vor einem unerklärlichen „Gelispel“ : dem Tod. Nur die Dunkelfalter dürfen sich regen; aber dafür ist ihnen auch der Tag verwehrt.

 

Die Zeit steht still:   

In diesem Gedicht erfolgt eine kopernikanische Wendung, denn in Wirklichkeit zieht doch die Zeit am Menschen vorbei. Hier jedoch wird die Zeit als etwas statisches gesehen, als eine Karawanserei, die in der Wüste (!) steht, in der man sich immer nur kurz aufhalten kann. Die

Zeit ist form- und gestaltlos, wie ein Wasser in dem man auf- und niedertaucht und zerrinnt; erst so kann alles Gestalt gewinnen.

Nicht die Zeit ist wichtig, sondern das, was in ihr geschieht. Sie wird nur wichtig in einem Augenblick, in einem „Aufblicken“. Dies weiße Pergament wird nur lebendig, wenn man mit seinem Blut, mit seinem Leben, darauf schreibt, bis man es einmal ganz geopfert haben wird. Aber nur der „Blut“-Strom treibt die Menschen weiter.

Der Dichter bezieht dieses Bild dann noch auf sich: Sein Liebesbrief an die schöne Welt ist die Dichtung. Trotz aller Härte in der Welt bejaht er sie doch als „Schönheit ohne Ende“. Voller Begeisterung ist das gesagt, schon in der Mitte des Gedichts. Bei Hugo von Hofmannsthals „Ballade des äußeren Lebens“ erfolgt diese Bejahung erst ganz am Schluß, und dann auch nur sehr distanziert.

 

Conrad Ferdinand Meyer (Schweizer Dichter):                                 1825 - 1898

Der Heilige:

Der Zeitpunkt der Handlung stimmt mit der Datumsangabe in der Rahmenerzählung überein (Thomas Becket war gleichaltrig mit dem Bogner). Es ist eine moderne Novelle: Der Kanzler denkt anders als seine Zeit. Es wird herausgestellt, warum sich die Menschen so verhalten. Es ist eine Psychologiestudie. Die Rahmenhandlung gibt einen Anlaß für das Erzählen der Geschichte (echt Meyer!). Der Erzähler braucht nicht genau historisch zu erzählen, sondern etwas subjektiv und ausgeschmückt.

Der Chorherr traut dem Thomas Becket nicht ganz. Er will ergründen, ob er wirklich ein Heiliger war (eine solch zwielichtige Gestalt erhöht die Spannung). Der Chorherr will auch die Hintergründe erfahren; deshalb stellt er auch immer die Zwischenfragen.

Hans will aber nicht alles erzählen: Er hat sehr am König gehängt, der ja schwer gefehlt hat.

Der Chorherr ist nicht mehr religiös im alten Sinn, sondern der Kirche sehr kritisch gegenüber. Er schreibt das Wunder bei dem Brand dem Wind zu.

 

Hans, der Armbruster: Hans hatte es sehr schwer zu entscheiden, zu wem er sich halten soll. Er war sowohl der Vertraute des Königs als auch des Kanzlers. In seiner Jugend war er sehr abenteuerlich. Das wird aber auch an ihm bewundert: „Und du bist heil wieder gekommen aus dem Land der Sarazenen“.

Hans ist ein einfacher Mann: Seine Sprache ist nicht gekünstelt. Er ist ehrlich, er erzählt dem Chorherrn auch, daß er den Juden umgebracht hat. Das ist allerdings zu entschuldigen, denn er wollte doch seiner Mutter helfen. Er ist jähzornig, als er dem Wanderburschen an die Gurgel fährt.

Hans ist sehr wißbegierig und will in seinem Beruf weiterkommen. Er ist abergläubisch: Er sticht in den Vergil, um gewisse Worte zu erfahren, die für seine Zukunft wichtig sein sollen. Er trinkt gerne einen über den Durst: Nach einem Fest auf einem Dorf und dem Bogenschießen ist er betrunken. Auch in einer französischen Schenke hat er nach reichlichem Alkoholgenuß schon über Becket erzählt. Märchenhaft ist, daß er - ganz unmohamedanisch um das Leben seiner Feinde  bittet; der Kalif läßt sie jedoch enthaupten. Der Fremde verläßt darauf den Hof -. eine Parallele zum Leben Beckets.

Hans ist für die Stelle am Königshof sehr geeignet: Er ist weder Sachse noch Normanne, also unparteiisch. Außerdem besteht ja auch Verbindung zu Becket, weil er ja auch in Spanien war. Er ist zwar nur ein Werkzeug, und er weiß das auch, läßt es sich aber nicht anmerken.

 

Kanzler: Becket hat einen zwielichtigen Charakter. Er umgibt sich mit einem Schleier der Unnahbarkeit. Er wahrt immer die Distanz. Es darf aber auch niemand erfahren, wer der Kanzler wirklich ist, sonst hätten seine Feinde Oberwasser gekriegt. Hans versucht ja einmal, das Geheimnis zu lüften: Er erzählt die Geschichte des Prinzen Mondschein, um zu erfahren, ob beide dieselbe Person sind.

Becket will nur dem ranghöchsten Herrn dienen, und dem dann auch ganz. Aber als Bischof hat er ja einen anderen Herrn und gehorcht diesem mehr als dem König. Becket ist ein modern denkender  Mensch: Er ist gegen die Verurteilung der Hexe. Er zeigt kein Mitempfinden, aber er ist auch für seine Begriffe nicht grausam. Als der Bognermeister ihn anfleht, will er wieder unnahbar bleiben, zumal es ja noch auf der Straße ist. Er ist ein vornehmer Mann: Er kann kein Blut sehen.

 

Heinrich duldet keinen Wiederspruch. Er nimmt sich Rechte heraus, die sich mit den Menschenrechten nicht vereinbaren lassen. Der König versucht Gnade zu retten, indem er sie entführen will. Becket will sie retten, indem er eine Besatzung in das Schloß legt. Der Kanzler bemüht sich in der Unterredung rührend um seine Tochter, diese schenkt ihm aber kein Vertrauen. Grace ist dem König untertan. Sie fügt sich seinen Befehlen (maurische Erziehung!).

Nach dem Tode Gnades ist man gespannt, wie sich das Verhältnis zwischen König und Kanzler sich entwickelt     

Der König ist sich des Kanzlers völlig sicher. Er überspannt aber den Bogen, als er sagt: „Laß sehen, ob dich der König von Frankreich mir abtrünnig machen kann!“ Der König ist die rohe Kraft, der Kanzler die Klugheit. Wie wird es werden, wenn nachher die Kraft allein handelt?

Der Kanzler weist den König zurecht: „Es gibt keine Macht, die dich richten könnte!“ Dieser merkt aber solche Anspielungen nicht. Der König nahm zuerst an, der Primas will jetzt nur einen sauberen Lebenswandel führen, um den Papst angreifen zu können.

Heinrich ist gutmütig und naiv: Er meint den Kanzler gut zu kennen, täuscht sich aber immer wieder in ihm. Becket will zwar den Frieden, aber er will auch von Heinrich in Ruhe gelassen werden. Heinrich hat ihn aber herausgefordert.

Vielleicht ist sich Becket aber selbst nicht klar, was er machen soll; er überläßt es dem Zufall (Orientale! Kismet!). Er war immer unterdrückt. Deshalb versucht er, durch diplomatisches Geschick etwas zu erreichen. Er ist sehr nachtragend (Orientale!).

Heinrich erhält einen Mitregenten: seinen Sohn. Es sieht so, als ob sich der König zur Ruhe setzen wolle. In Wirklichkeit will er aber nur durch die Krönung eines neuen Königs durch den Bischof von York den Einfluß des Primas zu schwächen.

Thomas Becket ist zu edel, um sich an dem König auf gewöhnliche Art zu rächen. Bei ihm vermischen sich Frömmigkeit und Rache in sonderbarer Weise. Thomas hat dem König vergeben wollen; er ist aber über Ansätze nicht hinausgekommen. Äußere Umstände haben eine Versöhnung verhindert.

Heinrich hätte die Sachsen nicht gleichberechtigt neben die Normannen stellen können, sonst hätten diese rebelliert. Der König greift die vier Normannen in ihrer Ehre an. Das will in diese dieser ritterlichen Zeit viel heißen. Dabei handelt es sich bei den Rittern um ziemlich verkommene Gestalten.

 

Becket will unbedingt als Märtyrer sterben. Er will aber nur seine Rache befriedigen, denn dadurch hat der König einen Mord auf sich geladen. Nach außen hin ist Becket also ein Heiliger. Denn hinter die Hintergründe des Märtyrertodes, die Rache, konnte jedoch keiner sehen.

Man kann Becket in seinen Taten nichts Schlechtes nachsagen. Der Bogner hat die Absicht des Primas, ein Märtyrer zu werden, erkannt. Becket will aber nicht durchschaut werden. Deshalb jagt er ihn auch weg.

„Mea culpa“: Er meint er hätte sich zu schnell durch die Argumente des Becket umwerfen lassen. Die Personen sind nicht eindeutig festgelegt: Der König ist manchmal ein Schuft, aber auch wieder ein Christ (er geißelt sich!)      

 

Romeo und Julia auf dem Dorfe:

Die Bauern: Sie haben beide Wut auf die Seldwyler, besonders Manz. Aber nachher sind es gerade die Seldwyler, die ihn zugrunde richten. Sie werfen Steine auf den fremden Acker: Was schädlich ist wird beseitigt, aber auf Kosten eines anderen. Es ist eine stillschweigende Übereinkunft, daß keiner etwas dagegen sagt.

Weil der Geiger keinen Taufschein hat, kann er nicht nachweisen, wer er ist. Die Bauern verschanzen sich hinter dem Buchstaben des Gesetzes. Ein anderes Argument ist: Der Geiger würde das Geld nur versaufen.

Die Kinder haben Angst, weil sie ein lebendiges Wesen begraben haben. Nachher kommt Vrenlis Vater ins Irrenhaus, wird also auch lebendig begraben. Weitere Symbole: Der schwarze Geiger will die beiden versuchen, ist also der Teufel. Der Steinhaufen trennt die Familien (man kann nicht mehr von einem Acker zum anderen sehen)

Die Pflüger sind wie zwei Sternbilder, die in festen Bahnen laufen. Ihr Schicksal ist vorausbestimmt. Sie entfernen sich immer mehr voneinander und sinken immer tiefer. Auch die Kinder gehen nachher wie zwei Sternbilder - ein Gestirn - an den Äckern hin- und her, bis dann der „schwarze Geiger“, der „schwarze Stern“ auftaucht.

Das Symbol des Hauses: Zerfall der Häuser - Niedergang der Familien. Das Haus bedeutet die Heimat, der Halt. Das Lebkuchenhaus zerbricht; auch die Kinder müssen an ihrer Liebe zerbrechen, obwohl Vrenchen das Haus sorgsam gehütet hat. Das Haus ist verwahrlost - die Fenster sind geputzt. Das Paradiesgärtlein: Verkommenes Landhaus, in dem das arme Volk zum Tanz zusammenkommt. Haus im Korn: Sie sind glücklich. Heubeladenes Schiff, das auf dem Strom treibt: Kein echtes Haus, weil dem Schicksal unterworfen. Seldwyla: Die Menschen sind alle Sonderlinge. Bei Durchschnittscharakteren wäre die Novelle langweilig.

 

Gliederung:

1.) Einleitung: Die Kindheit

2.) Der Streit der Familien - die Entfremdung der Kinder.

3.) Das Wiederfinden

4.) Der letzte Tag: die Tragik.

Die Lösungen des Problems:

1.) Bürgerliche Ehe: Nicht möglich (noch minderjährig!)

2.) Gang in die Berge, „wilde Ehe“: Bei der strengen Moralauffassung der damaligen Zeit       nicht möglich. Keine Feigheit. Trennung wäre Feigheit.

3.) Selbstmord         

 

Sinn der Novelle:

Durch die Unverantwortlichkeit der Eltern werden die Kinder in den Tod getrieben. - -

Die Gier nach Reichtum (Materialismus!) wird gebrandmarkt         

Das Fähnlein der sieben Aufrechten:

Charakteristik des Meister Hediger: Nach dem äußeren Bild ist er energisch. Leidenschaftlicher Demokrat: Bilder von Washington und Robespierre. Geographisch gebildet: Bild von Kolumbus und der Atlas. Religiös: Bilder von Hutten und Zwingli. Allerdings auch Bilder von einigen „Fortschrittsleuten“

Hediger steht also zwischen zwei Zeitaltern. Früher mußte er sich mit allerlei Menschen auseinanderzusetzen. Er meint, er müsse es heute auch noch tun. Er kann sich bei seinen stillen Betrachtungen in einen glühenden Haß gegen nicht vorhandene Gegner.

Dabei ist er ein friedlicher Mensch und seine Flinte wurde nie zu einem Mord benutzt. Er ist einer der alten Leute, die meinen, durch große Reden bei Gleichgesinnten das, was die Jugend versäumt, nun besorgen zu müssen. Daß diese Worte allerdings ihre Berechtigung haben, muß man zugestehen, wenn sie auch etwas übersteigert sind.

 

Karl: Sehr selbständig. Verdient selber Geld. Hediger läßt seinen Söhnen viel Freiheit. Karl setzt das durch, was er sich in den Kopf setzt hat (Gewehr! Heirat!). Wenn es ihm nicht gelingt, ist er „enttäuscht und will“ .Pfiffiger Kerl. Nimmt alles leicht. Glückskind (Zufälle bei dem Fest!). Er müht sich nicht gerade, ist aber nicht leichtsinnig. Er ordnet sich Hermine unter. Nachher ist er aber umso stürmischer. Läßt sich aber bald besänftigen.

Hermione: Aufrecht (leugnet ihre Zuneigung zu Karl nicht. Weiß, was der Vater für sie getan hat, wird nicht das erklärte Gegenteil von dem tun, was er bestimmt hat.

Vergleich: Hermine ist die zweifellos reifere. Während Karl noch das stürmische der Jugend an sich hat, bremst Hermine immer wieder. Manchmal ist sie jedoch noch sehr jugendlich: Karl soll gedemütigt werden. Je mehr er in Raserei gerät, desto mehr freut sie sich darüber. Als er beinahe ins Wasser fällt, lacht sie ihn aus. Hermine freut sich, daß ihr Vater so niedergeschlagen ist, weil er die Rede halten soll. Jetzt hat sie ihn unter sich.

Frau Hediger ist in der Heiratsfrage viel materieller, nüchterner und optimistischer als ihr Mann.      Herr Hedinger: „Man soll nicht sagen, Karl wäre nur durch die Heirat reich geworden.“

Die sieben Männer: Feste Gemeinschaft, keine schriftlichen Satzungen. Vertrauen: Jeder sagt seine Meinung und nimmt kein Blatt vor den Mund. Private Dinge werden vorgetragen. Die großen Unterschiede in den Vermögensverhältnissen können sie nicht trennen.

 

Gespräch zwischen Hediger und seiner Frau:

Hediger malt die Zukunft in düsteren Bildern aus, wie es dann sein wird, wenn es zu der Heirat kommt. Er hat sich so in den Gedanken verbissen und seine Phantasie ist immer mehr angeregt worden. Nun trägt er seine „Theorien“ in einem etwas ironischen Ton vor.

Aber seine Frau hat die richtige Entgegnung zur Hand:  „Traust du das deinem eigenen Sohn zu? Soll doch ruhig ein Armer eine Reiche heiraten. Wenn einer reich wird, dann können doch auch die anderen Mitglieder der Familie zu etwas kommen“ und „Ihr seid doch in eurem Kreise auch nicht ungleich geworden“.

Hediger steht jedoch auf dem Standpunkt, daß man Reichtum durch seine eigne Mühe und Arbeit erreichen soll, nicht durch irgendwelche Händel und Spekulationen. Auch will er seinen Genossen gegenüber völlig unabhängig sein. Aber es ist schon oftmals gezeigt worden, ja es ist fast immer so, daß man trotz verwandtschaftlicher Bande seine Selbständigkeit bewahren kann.

Die Rede Karls:

Er stellt zuerst die Männer vor und bemüht sich, herzlich und bescheiden zu reden.

Bemerkenswertester Satz: „Achte jedes Mannes Vaterland aber das deinige liebe!“ („achten“ ist nur mit dem Verstand möglich, „lieben“ nur mit dem Gefühl!). Er beginnt mit den sieben Männern und erweitert seine Rede bis er bei dem ganzen schweizerischen Volk ist. Damit spricht er alle an.

 

Symptome der Neuzeit:

Aufkommender Kapitalismus: Ruckstuhl ist durch Spekulationen zu Geld gekommen. Frymann hat viel Geld erworben und will es noch vermehren (Heirat Hermines mit Ruckstuhl!). Wenn einer Geld hat, denkt er nicht mehr an seine Verwandten. Bei passender Gelegenheit versucht jeder persönlichen Gewinn zu machen (Geschenk für das Schützenfest!)

Keiner will hinter dem anderen in finanzieller Hinsicht zurückstehen.

 

Sinn der Erzählung:

Es ist gut, wenn die Alten eine feste Gemeinschaft bilden, um der Jugend ein Beispiel zu geben. Aber auch die Jugend kann etwas leisten, obwohl es ihr die Alten nicht zutrauen. Die Jugend ist unbefangener, wenn es darum geht, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Es kommt nicht auf Alter und Erfahrung an; auch durch Genialität kann man was erreichen (Preisschießen!). Keller rechnet sich also anscheinend zur Jugend bzw. er fühlt sich so. Die Eltern erziehen ihre Kinder; aber sie ernten keinen Dank. Der Trost: Sie werden einmal von den Enkeln ausgenutzt werden.

 

Zwei Segel:

Französischer Symbolismus (in Wirklichkeit gibt es das nicht!), Gedicht über die Ehe, von Meyer in Deutschland eingeführt. Im Grunde ist es ein Gedicht über die Ehe, aber ausgedrückt in den Symbolen der Segel, die durch das ganze Gedicht hindurchgehen. Das ist französischer Symbolismus, den Meyer als Schweizer an der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland in Deutschland eingeführt hat.

 

Das Spätboot:         

Gedicht über den Tod. Die Einkehr in stillere Reiche wird durch Todesfarben verdeutlicht. Der Entschlummernde fühlt sich unter dem Steuermann Tod dennoch wohlig geborgen, denn er kommt erst so zu sich selbst, die Ufer des Lesens sind ihm fremd geblieben (siehe: „Tod in Venedig“: Todesahnung und Todessehnsucht).

 

Die Hochzeit des Mönchs:

In dem Prosastück wird auch ein willenloser Nachen geschildert, der dann untergeht. In dieser Novelle erfolgt auch die stärkste Rückwendung zur Renaissance, zu den Tatmenschen.

Lethe:

Die Geliebte setzt mit einem Nachen über den Fluß und soll aus der Schale des Vergessens trinken. Doch der Dichter schwimmt ihr nach und reißt die Schale weg. Die Frau scheint auch wieder aufzuleben, aber als er sie küßt, zerrinnt sie. Vorlage zu dem Gedicht war ein Bild in Paris, nicht ein aktuelles Ereignis.

 

Stapfen:       

Der erste Teil endet noch mit der Hoffnung auf ein Wiedersehn, der zweite Teil schließt jedoch mit einem langsamen Ausklingen auf Nimmerwiedersehen. Die Geliebte kommt von einer Reise, sie wird wieder verreisen! Ihr Abdruck auf der Erde war nur flüchtig, sie wird wieder in ihren Ausgangspunkt zurückkehren.

Ein spätes Gedicht, unpathetisch, ohne Reim, skizzenhafte Bleistiftzeichnung, grau in grau; sofort intim und persönlich. Neue, nicht abgenutzte Symbolik, obwohl einfachste Worte gewählt werden. Wert besonders durch diese Symbole von den verschwindenden Stapfen, den letzten Spuren eines Menschen (Steigerung und Abfall!). Stapfen und Geliebte werden immer abwechselnd gesehen, in immer kürzeren Abständen.

Durch gleichgültige Gesprächsthemen und Scherze suchen die beiden über den Abschied hinwegzukommen. Sie haben nicht Miteinander, sondern sie haben nebeneinander gelebt (Gesicht verhüllt!). Erst auf dem Rückweg erkennt er ihr inneres Wesen, so daß auf einmal ihr Bild ganz als Einheit entsteht. Aber alles war nur wie eine Begegnung, nur in den Träumen konnte er sie so erfassen..

 

 

Venedig in der Literatur

Platen: Bildungsmensch, der schon vorher allerhand weiß, ehe er überhaupt nach Venedig kommt. Aber erst vom Turm aus kann er alles überblicken.

Meyer: Bringt auch viele Gegensätze, etwa in den Lichtwirkungen.

Nietzsche: Nimmt seine Ausdrücke nur mit den Ohren auf.

Mann, Thomas: Diese Stadt wurde bewußt als Schauplatz der Geschichte gewählt, um das Morsche und Verfaulende zu zeigen.