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Neuere Zeit

 

Inhalt: Adalbert Stifter, Georg Büchner, Friedrich Nietzsche, Gerhard Hauptmann, Wilhelm Schäfer, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann,. Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse (Demian, Glasperlenspiel), Georg Kaiser (Die Bürger von Calais, Pygmalion),  Stefan Zweig, Ernst Stadler, Georg Trakl, Georg Heym, Josef Weinheber, Bertolt Brecht, Stefan Andres, Albrecht Goes, Wolfgang Borchert, Herbert Malecha, Günter Weisenborn.

Das deutsche Lustspiel. Der Roman.

 

 

 

Neuere Zeit

 

 

Adelbert Stifter: Die bunten Steine (österreichischer Dichter)                   1805 - 1868

In der Erforschung der Natur erkennt der Dichter die Natur, in den kleinen Dingen sieht er das „sanfte Gesetz“. Wie bei Goethe werden hier die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse idealistisch gesehen  Stifter war ja auch der Mann, der den Geist Goethes in Österreich verbreitete durch seine Dichtung.

In „Bergkristall“ wird ein entzweites Dorf wieder geeint, weil man nach zwei Kindern sucht, die sich im Gletscher verlaufen haben.

In „Brigitta“ geht es um das Wesen der Schönheit, um das Verhältnis zwischen äußerer und innerer Schönheit. Bei Brigitta strahlt diese innere Schönheit nur aus den Augen hervor, ihr Mann Murai findet erst nach langen Jahren wieder zu ihr zurück, als er nämlich den von Wölfen bedrohten Sohn rettet und mit Brigitta das Land kulturell-sozial erschließt.

 

Georg Büchner: Woycek                                                                                               1813 - 1837

Es handelt sich nicht um ein Eifersuchtsdrama im Sinne von Shakespeares „Othello“ und auch um keine reine Charaktertragödie, sondern um eine Milieustudie. Büchner war Revolutionär. Im „Woycek“ und in „Dantons Tod“ hat er allerdings schon resigniert, er klagt die sozialen Zustände an. „Tugend“ ist nur etwas für die reichen Leute! Woycek aber ist gehetzt, er hört Stimmen, weil bei ihm als dem Versuchskaninchen eines Arztes die Prozeduren sich auf den Geist schlagen. Er will aber damit Geld verdienen für seine Frau, wird ihr aber durch alles nur unsympathisch, so daß sie auf den erst besten Geldmann hereinfällt.

Besonders der Budenbesitzer ist ein Vertreter der nihilistischen Richtung dieses Stückes. Es schwingt noch eine feine Ironie mit, in dem Märchen der Großmutter jedoch nicht mehr. Das ist Büchners Einstellung zum Leben, er erzählt es sogar den kleinen Kindern! Bestes

Beispiel für diese Haltung ist der Hauptmann, dekadent und unwahrhaft redet er von Tugend, ist aber äußerst lüstern.

Büchners Gestalt Woycek dagegen ist nicht ganz so nihilistisch eingestellt: „Sie war doch ein einzig Mädel!“ Es ist aber auch ein religiöses Drama: Hier wird die Welt vor ein Gericht gezogen: „Warum bläst Gott nicht die Sonn aus?“(vergl. Mit „Die Räuber“: Weltgericht, Umwelteinflüsse). Im „Woycek“ geht es            allerdings um den vierten Stand nicht um den Adel. Es ist aber auch ein bürgerliches Drama, das in der tiefsten Klasse mit dem krassesten Milieu spielt (expressionistisch dargestellt).

Von Sozialkritik, Nihilismus und Religion finden wir verschiedene Züge in diesem Stück. In Woycek trifft die Fülle der Probleme zusammen. Hauptkomponente ist jedoch der tragische Nihilismus: Marie vergleicht sich etwa mit Maria Magdalena und möchte bereuen, aber Gott bemerkt die ausgestreckten Arme nicht und wird hingemordet.

 

 

Friedrich Nietzsche                                                                                             1844 - 1900

Vereinsamt: 

Die Krähen künden den Untergang im Nichts an. Der Dichter gehört zu denen, die keine geistige Heimat mehr haben. Andere haben es nur noch nicht gemerkt, daß auch sie keine Heimat mehr haben. Auch in der Zukunft wird es nur Nihilismus für ihn geben, er ist verflucht in den kalten Himmel. Er empfindet diese Situation als absurd, er selbst ist der Narr. Aber aus langer schwerer Erfahrung wurde er zum Nihilisten, nicht schon mit 18 Jahren. In einem wirklichen Erlebnis stößt er durch zu einem nihilistischen Existentialismus, nicht als Übernahme einer Modephilosophie.

 

Der geheimnisvolle Nachen:

Ein Mann möchte schlafen, er ist unruhig; da versucht er es mit Schlafmitteln. Er geht ans Ufer und wird von einem Mann in einem Nachen aufs Meer hinausgefahren. Dort kann er vergessen, er verliert das Zeitgefühl und alle schlafen ein: der Dichter hatte Opium (Mohn!) genommen. In diese Vision der Nacht kommt das Bild vom Tode. Dieses Bild des Traums nimmt er aber dann mit in die Gegenwart; deshalb sehnt er sich nun nach dem Tode.

 

 

Gerhart Hauptmann                                                                                1862 - 1946

Bahnwärter Thiel:

Der Bahnwärter Thiel ist ein durchaus durchschnittlicher Bürger: Nur zweimal war er krank infolge von „Betriebsunfällen“. Von seiner Strecke im Wald geht also eine Gefahr aus. Thiel ist ein gespaltener Mensch. Im Bahnwärterhaus im einsamen Wald führt er ein geistiges Leben in der Erinnerung an seine verstorbene Frau Minna. Aber zuhause im Dorf führt er ein Triebleben, hingezogen zu seiner zweiten Frau Lene, der er so sinnlich verfallen ist, daß er es nicht fertigbringt, sie zurechtzuweisen, als sie seinen Sohn schlägt.

Als er wieder einmal in den Wald geht, liegt eine furchtbare Ahnung über ihm, verursacht auch durch die trübe Stimmung um ihn herum in der Natur. Er hat sein Butterbrot vergessen und muß noch einmal heim Aber gerade das ist sein Verhängnis, denn dort wird er eingefangen; als er geht - schuldig geworden - ist er ein höriger Mann (Seite 19).

„Eine Kraft schien von dem Weibe auszugehen, unbezwingbar, unentrinnbar, der Thiel sich nicht gewachsen fühlte. Leicht -gleich einem feinen Spinngewebe und doch fest wie ein Netz von Eisen -  legte es sich um ihn, fesselnd, überwindend, erschlaffend!“ Genau die gleichen Vergleiche kommen in der darauffolgenden Naturschilderung wieder vor; hier werden zwei Welten gleichgesetzt, die Technik und das Innenleben eines Menschen.

Thiel leidet ja eigentlich an Schizophrenie, die sich immer mehr ausbreitet. Erstes Anzeichen war der Kult und die ekstatische Verzückung beim Andenken an seine erste Frau. Völlig ausgelöst wird diese Krankheit durch ein furchtbares Erlebnis. Anlaß dazu wieder ist einmal die Frau, zum anderen aber auch die Gebundenheit an die Bahnstrecke an die Technik, die so den Menschen bedroht.

Als Thiel wieder zu seiner Strecke geht, hat er durchaus die Einsicht in sein Tun, handelt aber nicht danach. Als er diese seine Schwachheit erkennt, sieht er auf einmal überall in der Natur ( = Wirklichkeit) eine Gespaltenheit, die irgendwie wieder drohend und ungreifbar sich vor ihm auftut.

Da ist einmal die Natur mit ihren unübersehbaren, grünen Nadelmassen. Aber diese harmonisch, impressionistisch geschilderte Natur wird von der Technik eingefangen: Die Gleise sind eine Netzmasche, die Schienen trennen die Natur scharf voneinander und drängen sie zurück, die Telefondrähte sind wie das Gewebe einer Riesenspinne.

Die Natur kann sich davon noch freimachen (der Specht fliegt weg), der Mensch jedoch bleibt eingefangen (Thiel schaut dem Vogel nicht nach). Die Natur ist hier etwas heiliges und mythisches (eben „natürlich“), die Technik dagegen ist dämonisch.

In diesem Kampf zwischen Natur und Technik wird die Gespaltenheit des modernen Menschen gezeigt. Das Naturbild gibt nur das Seelenbild des Bahnwärters wieder, der Angst hat vor etwas Unbestimmtem, vor seiner Frau und vor der Technik: Die Geleise sind feurigen Schlangen gleich, die Kiefernkronen bleiben im kalten Verwesungslichte zurück.

Da nähert sich ein Zug. In expressionistischer Schilderung, vom leichten Vibrieren bis zum „Reitergeschwader“, braust dieses Unheimliche heran. Jetzt erst, in der Handlung, wird dieses Unheimliche der Gleise so richtig deutlich und beklemmend. Die Sätze werden abgehackt, die Aussagen übertrieben, alle Einzelheiten bis ins kleinste gebracht.

Und schon bricht auch in sein persönliches Leben das Verhängnis herein: Seine Frau Lene wird nun bald herauskommen und mithelfen, den neuen Acker zu bestellen; damit wird es unmöglich werden, die reine Liebe zu der ersten Frau weiter zu pflegen. „Er wußte kaum, warum, aber die Aussicht, Lene ganze Tage lang bei sich im Dienst zu haben, wurde ihm - so sehr er auch versuchte, sich damit zu versöhnen - immer unerträglicher. Es kam ihm vor, als habe er etwas ihm Wertes zu verteidigen, als versuchte jemand, sein Heiligstes anzutasten, und unwillkürlich spannten sich seine Muskeln in gelindem Kampfe!“ Aber er kann diesen Kampf nicht ausfechten, er erschlafft bald wieder. Erst durch eine gewaltsame Tat kann er alle Fesseln sprengen: Er bringt Lene und ihr Kind um.

Nach der Szene am Bahndamm flüstert der Wärter: „Minna!“. Er sucht Trost und Halt, er sucht seine Fassung wieder zurückzugewinnen, denn auf einmal hat er seine Schuld erkannt: Sein Gewissen hatte die Triebe nicht eindämmen können, nun erscheint ihm seine erste Frau Minna und fordert, sie kommt auf ihn zu wie der Zug.

Er sieht nämlich nachher im Traum seine Frau wirklich vor sich, wie sie mit dem blutenden Kind auf den Armen auf den Geleisen herankommt. Thiel wacht aus seinem Traum auf. Es wird dann zunächst das Herannahen des Zuges geschildert, dann der Traum und schließlich das Vorbeibrausen des Zuges.

Vielleicht meint er, der Zug verfolge seine Frau und er müsse ihn aufhalten. Vielleicht setzt er aber auch den Zug mit seiner Frau Minna selbst gleich, denn Traum und Wirklichkeit gehen nachher in einander über. Er fühlt nämlich, daß eine Katastrophe auf ihn zukommt: Im Wahnsinn bringt er seine Frau Lene und das Kind um, weil er glaubt, daß Minna dies Totenopfer für die Manen fordert, für sich also!

So wie der Zug hier durch die Nacht rast, rasen auch derartige Katastrophen durch das Hirn des Menschen. Dies ist stärkste Hinneigung zum Symbolismus und steht meilenweit über einem platten Naturalismus, etwa französischer Prägung. Später, in der Naturschilderung des Sonntagmorgens, fällt etwa auch wieder die Erwähnung der roten Farbe auf

Das braune Plüschmützchen des Jungen ist das Leitmotiv der Erzählung (in der Novellenliteratur wird dies als „Falke“ bezeichnet, weil bei Bocaccio ein Falke das Leitmotiv ist). Thiel behält dieses Mätzchen nachher noch in der Irrenanstalt in der Hand als Zeichen der letzten Liebe zu seinem Sohn.

So weit kommt es schließlich; es wird also nun gezeigt, wie sich der Wahnsinn immer weiter entwickelt. Das Summen der Telegrafenstangen klingt für den Bahnwärter wie die Stimme seiner ersten Frau als Zeichen dafür, wie sehr diese Stimmen immer mehr zu einer Realität werden. Nachher fragt er sogar, wie sein Sohn beim Anblick eines Eichhörnchens: „War das der liebe Gott?“  Er ist sogar irre geworden in an seiner Vorstellung von Gott!  (Auch ein Leitmotiv!)

In der Mitte dieser „novellistischen Studie“ wird eine bedeutende Naturschilderung gegeben.

Wie bei den Malern wird hier eine Studie ausgeführt, und zwar in novellistischer Form, aber nur mit einem (!) Höhepunkt, auf den alles hinsteuert. Hier soll jedoch auch etwas ganz anderes gezeigt werden. Da wird zum Beispiel gezeigt, wie die eben noch so harmonisch geschilderte Natur eingefangen wird: Die Geleise sind eine Netzmasche, die Telefondrähte sind das Gewebe einer Riesenspinne, die Schienen trennen die Natur scharf voneinander. So wirkt die Technik.

Die Natur jedoch macht sich frei: Der Specht fliegt weg. Nur der Mensch bleibt eingefangen: Thiel schaut dem Vogel nicht nach. Damit wird zum ersten Mal in der deutschen Literatur Stellung genommen zur Technik: Die Natur wird weiter als etwas Heiliges und Mythisches angesehen, die Technik jedoch ist dämonisch (Rehbock überfahren!).

Hier spielt sich ein Kampf ab zwischen Natur und Technik, hier wird die Gespaltenheit des modernen Menschen gezeigt. Hier wird keine Landschaftsschilderung gegeben, sondern ein Seelenbild des Bahnwärters (Das er allerdings nicht so empfindet! Kunstmittel des Dichters!) Hier hat ein Mensch Angst vor etwas Unbestimmtem, vor der Technik.

Im Gegensatz zu der dem Impressionismus verwandten Naturbeschreibung am Anfang wird das Herannahen des Zuges durchaus dem Expressionismus gemäß geschildert. Vom leichten Vibrieren bis zum Reitergeschwader  - das 1887 noch die furchtbarste Art des Krieges war - wird das Heranbrausen eindringlich gesteigert geschildert.

Jetzt erst wird das Drohende der Gleise und Drähte so richtig deutlich. Als der Zug vorüberbraust, werden die Sätze abgehackt, die Aussagen übertrieben (sehr expressionistisch).Alle Einzelheiten werden bis ins Kleinste geschildert. Dieser „Sekundenstil“ ist typischer Naturalismus, wie er auch im 19. Jahrhundert üblich war. Hauptmann hat hier also noch keinen eigenen Stil gefunden, er sucht noch bei allen Strömungen seiner Zeit. Aber er weist auch schon in die Zukunft, etwa mit seinem Expressionismus und in der Behandlung des Thema „Technik“.

Bis jetzt hatte der Bahnwärter ein ruhiges Leben geführt. Nachts sann er in seinem Bahnwärterhaus nach über seine erste Frau, aber er fühlt sich auch so sinnlich zu der zweiten Frau hingezogen, daß er es nicht fertigbringt, sie zurechtzuweisen, als sie Tobias mißhandelt hat. Das ist bei Hauptmann seine Schuld: Ergreift nicht ein.

Die Schilderung, wie der Wahnsinn langsam bei dem Bahnwärter ausbricht, ist eine pathologische Untersuchung. Der medizinische Befund wäre hier: Schizophrenie, die sich immer mehr ausbreitet und durch ein Erlebnis ausgelöst wird. Dies ist die Frau, aber auch die Gebundenheit an die Bahnstrecke, die die Spaltung in dem Bahnwärter noch verstärkt. Wenn aber hie hier das Milieu auf den Bahnwärter einwirkt, dann ist er nicht mehr so verantwortlich.

Dies Werk ist schlecht in eine dramatische Form zu fassen, denn der Bahnwärter ist ja meist allein, und es kommen auch viele reine Schilderungen vor. Dennoch ist es dramatisch, denn der Dialog findet statt zwischen Natur und Technik, und dann auch im Inneren des Menschen.

 

Die Weber:   

(1.) Soziales Schicksalsdrama oder sozialrevolutionäres Werk? Schicksalsdrama, denn ausgerechnet Hilse, der von Anfang an gegen den Aufstand war, wird erschossen (Anklage gegen Gott. Aus der Anlage des Stücks geht hervor, daß der Aufstand fehlschlagen wird (Tragik!

(2.) Entspricht das Stück der geschichtlichen Wahrheit? Hauptmann hat ein genaues Geschichtsstudium betrieben (wie Schiller), besonders die Elendssituationen sind genau nach Chroniken geschrieben (auch das Lied), nur die Fabrikantenfiguren sind etwas gemildert (gegen  Schwarz-Weiß-Malerei; zur Erhöhung der Tragik).

(3.) Welches Drama war Vorbild? Hauptmanns Vorbild war hier besonders Büchner mit „Danton“ und „Woycek“.

(4.) Wie steht es mit KIassenkampfideen? Man hat in dem Stück ein Klassenkampftendenz sehen wollen (verboten!). Hauptmann hat sich in der Gerichtsverhandlung scharf       dagegen gewehrt. Die Weber wollen ja auch nur mehr Lohn, keine Änderung der sozialen Verhältnisse; und der Dichter hält Gericht durch Nilsel! Der Ausgang ist übrigens auch gegen den Marxismus: Der Mensch zerstört die Maschinen, anstatt die Fabriken in eigne Regie zu nehmen.

(5.) Die Einheit des Ortes und der Zeit? „Die Weber“ sind nicht auf ein Ziel gerichtet, zu dem alles immer schneller abzurollen scheint (Zeitraffung). Hauptmann läßt nichts weg (keine Zeitraffung). Nur im fünften Akt wird dann Handlung erzählt und vieles geschieht außerhalb des Zimmers, während im Haus die seelische Handlung abläuft. Das Geschehen entwickelt sich zufällig. Es ist allerdings auch eine Spannungskurve vorhanden, die immer mehr abfällt und in der Katastrophe endet.

(6.) Die Einheit der Handlung? Es handelt nur das Kollektiv, nie die Einzelpersonen. Auch mit dem Fabrikanten wird kein Dialog geführt. Ein Dialog wird nur bestritten mit Hilse (Gericht an den Webern) und dem dritten Weber (3. Akt). Sie haben die Aufgabe des antiken Chors. Hauptmann ha also eine Verbindung zur abendländischen Dramentradition. Es gibt auch keinen Helden. Jeder Akt hat gewissermaßen seinen Helden: Bäcker, Jäger, Wittich, Weber (oder Kandidat), Hilse. Die eigentliche Heldin ist die Not, der Gegenstand des Dramas ist die führerlose Masse (Drama des Kollektivs). Leitmotiv: Lied vom Blutgericht.

(7.) Vergleich mit den Volksszenen in „Wilhelm Tell“: Im Tell wird das Volk niemals zur Masse, es bleibt immer vernünftig, es wird nur der Einzelne geschildert, er vollbringt die Tat.

Bei Hauptmann soll Furcht erweckt werden vor der Wut der Masse.

(8.) Wo zeigen sich religiöse Antriebe? Der dritte Weber ist ein Pietist (Schlesien!). Während die offizielle Kirche sehr schlecht gezeichnet wird, haben die „Stillen im Lande“ die Ungerechtigkeit erkannt und haben Mitleid.

(9.) Worin zeigt sich radikaler Naturalismus? Hauptmann entspricht nicht mehr der strengen Theorie des Naturalismus (nach Arno Holz): „Kunstwerk = Ein Stück Natur minus X“.

Das X entsteht durch das Material und die mangelnde Fähigkeit des Künstlers. Die Kunst hat aber die Tendenz, wieder Natur zu sein, also möglichst naturgetreu zu sein (nach naturalistischer Theorie!). Der Künstler soll diese groß Leistung vollbringen.

 (10.) Der Reservist Moritz Jäger? Das ganze Schauspiel steht in keiner sprachlich stilisierten Form, sondern im Dialekt, o wie die Leute reden. Sie können gar nicht anders, und manchmal ist es nur ein Stammeln, das sie hervorbringen können. Den An stoß zum Aufstand gibt Jäger, der erste, der sich über diese Dumpfheit erhebt, er ist ein Mann von Welt und vermag die Gedanken seiner Landsleute erst voll verständlich auszudrücken. Wittich dagegen ist ein Krakeler ohne Vernunft und Verstand.

 

 

Wilhelm Schäfer: Im letzten D-Zugwagen                                         1868 - 1952

Durch den Unglücksfall ist das Gespräch auf den Tod gelenkt worden. Den Menschen steckt noch der Schreck in den Knochen. Querschnitt durch die Menschheit: Industrieller (will sich kalt zeigen, hat Schellfischaugen!), junger Student (will nichts vom Tod wissen), Mutter (achtet nur auf ihr Kind).  Der „Reisepelz“ kommt zufällig hinzu: Der Tod macht keinen Unterschied. Die Menschen sind noch mitten im Leben. Plötzlich werden sie herausgerissen: Der Mensch ist machtlos gegen den Tod.

Stil: Die Personen werden nicht charakterisiert (es kann ja jeden treffen!). Schäfer hebt nur ein hervorstehendes Merkmal heraus: Der Rote (Nase ist gemeint!), Reisepelz, Schwarzrock.

Keine Ausrufezeichen, keine wörtliche Rede: Die Menschen sind ja alle umgekommen. Es wird gezeigt, daß man durch Beten, Gleichgültigkeit und Großtuerei dem Schicksal nicht entgehen kann. Nur die eigene Tatkraft kann helfen.

 

Stefan George: Wir schreiten auf und ab                                          1868 - 1933

In dieser Schilderung eines Parks im Herbst sind Rausch und Empfindung in jeder Form ausgeschlossen. Der Spaziergang erfolgt zu zweit. Aber die Sonne wärmt nicht mehr so recht, die beiden Leute suchen sie jedoch sehr. Nur durch herunterfallende Äste werden sie aufgeschreckt. In ihren Träumen finden sie Ruhe zu zweit. Die Liebe soll hier auf einer höheren, geistigen Ebene geschildert werden. Der Dichter will das Leben der Natur und das Erleben der Liebe durch seine reine Kunst auf dieser höheren Ebene in einem neuen aufheben. Nicht in der Natur soll man ein Urbild suchen, sondern nur in der reinen Kunst.

Das Gedicht soll keine Kleinigkeit sein, der Leser soll sich damit beschäftigen. Der Dichter setzt deshalb keine Satzzeichen, er schreibt alle Wörter klein und verwendet eigenwillige Sprachschöpfungen. Die Wortwahl und  die Versfüllung sind jedoch vorzüglich, Reime werden nur dann gebraucht, wenn der Dichter auch wirklich zwei verschiedene Dinge ausdrücken konnte.

Nietzsche und George wollten die Masse überwinden durch Übersteigerung zum Übermenschen (Nietzsche) oder durch Sammlung eines Jüngerkreises (George). George kam dabei aus einem ästhetischen Schauen zu einem religiösen Erlebnis, indem er einen schönen Jüngling „Maximin“ zum Gott werden ließ. Er sammelte dann einen Bund und wollte sogar einen Staat gründen („Das neue Reich“). Als er aber dann merkte, daß man sein Buch im Dritten Reich falsch verstand, floh er in die Schweiz. Von dort erklärte er, daß er mit der „Elitebildung“ gar nicht Hitlers braune Genossen gemeint hatte. Aber diese Gedanken wurden dann sehr gefährlich, als die Massenmenschen sich in diese Gedanken einlebten und damit diesen Mythos ins Schreckliche verkehrten.

 

 

Hugo von Hofmannsthal                                                                       1874 - 1929

Ballade des äußeren Lebens:

An diesem Gedicht fällt besonders der schöne Klang auf. Der Inhalt ist jedoch nihilistisch, er wird nur in der letzten Strophe zurückgebogen. Es fallen etwa die immer gleichen Versanfänge mit „und“ auf. Die am Anfang und am Ende unreinen Terzinen sind in der Mitte des Gedichts vorzüglich. Die letzte Zeile ist durch den Reim besonders herausgehoben: Sie reimt mit der viertletzten Zeile.

Man redet viele nutzlose und sinnlose Wörter. Sie verwehen wie der Wind, alles ist belanglos nebeneinander (nur durch „und“ verbunden). Deshalb bedeutet es schon viel, wenn jemand „Abend“ sagt. Dieses Wort ist der Schlüssel, der alle Geheimnisse aufschlüsselt: Wer Abend sagt zu seinem Leben, wer weiß, daß er am Ende seines Lebens steht und dennoch „Ja“ sagt zu seinem Leben, der wird sein Leben erfüllt haben.

 

Die Reitergeschichte:

Die Reitergeschichte ist weniger eine Novelle, sondern eher eine Kurzgeschichte mit einer Pointe. In weitausgreifenden Sätzen werden Einzelvorgänge sprachlich zu einer Einheit zusammengefaßt. Der Stil ist artistisch und voller Tempo. Man findet genaue Orts- und Zeitangaben, aber keine Stellungnahme des Dichters. Das Geschehen ist traumhaft, zugleich „seiend“ und „bedeutend“; keine Reflexion trennt zwischen diesen beiden Welten. Das Reale und das Symbolische sind identisch.

Die Geschichte ist eingeteilt in fünf deutliche Einzelteile, der Zusammenhang aber zunächst unverständlich erscheint (der künstlerische Höhepunkt liegt in Teil drei!):

(1.) Gefechte unter dem Rittmeister Rofrano, Einzug in Mailand.

(2.) Wachtmeister Lerch besucht eine alte Bekannte, die Vuic.

(3.) Der Wachtmeister reitet durch ein einsames, abscheuliches Dorf.

(4.) An der Brücke Begegnung mit dem Doppelgänger, Gefechte anschließend

(5.) Rittmeister zählt bis „drei“ und erschießt den Wachtmeister.

Diese Vorfälle haben jedoch alle eine Beziehung zueinander. Der Krieg ist eigentlich nur nebensächlich, aber man wird in diesen Bildern behutsam in die Zone des Todes eingeführt, in das „Weltgeheimnis“:

Zu Beginn haben die Gefechte nur etwas Sportliches, es ist ein zauberhafter, verklärter Krieg (Einzug in Mailand) in einer unbeschreiblich stillen Landschaft. Aber schon in Mailand gerät Lerch ins Todesdunkel: Die Vuic, eine Schlampe, sie erinnert ihn an die Vergangenheit, und trotz er Diskretion hat die Szene etwas Fatales (Fliege!). Schon das harmlose Wort von der Einquartierung verleitet ihn zu übersteigerten Phantasien. Deshalb reitet er auch nachher durch das Dorf: Es ist ihm der Gedanke gekommen, er könnte sich durch Beutemachen eine Sonderbelohnung verdienen.

Das Dorf ist geisterhaft, er scheint nicht hindurchkommen zu können. Er begegnet wieder einer schmierigen Frau, nur daß nun noch alles animalischer ist: Hündin, Ratten, Windhund, Kuh; alles sind es zum Tode verurteilte Kreaturen, die sich entweder selbst zerfleischen (Ratten) oder zur Schlachtbank geführt werden (Kuh). Höchste Steigerung sind schließlich die Kürassiere (Menschen!), die das Blut von den Säbeln wischen.

Der Wachtmeister verkörpert das Animalische, Anarchische, Unsaubere der Schwadron. Er allein aber reitet durch( !) das Dorf, er muß über die Brücke und untergehen, wenn sich die schwüle Atmosphäre noch mal reinigen soll. Hinter dem Totendorf begegnet ihm der Doppelgänger, begegnet ihm seine Schuld.

Doch sofort geht das Geschehen in das dynamisch Vorgangshafte des Gefechts über. Aber diesmal ist es ein grausamer, brutaler Kampf, wie unter den Ratten im Dorf.  Wegen „Insub­ordination“ wird der Wachtmeister dann erschossen (Beutemachen war verboten!).  Das Kriegsglück hatte seine Begierden ins Vermessene gesteigert, er weiß auch nicht, warum er erschossen wird. Der Umschwung kommt ihm gar nicht mehr zu Bewußtsein, er ist immer noch in seinem Traum gefangen, in der Gier nach Besitz, die sich in dem Beutepferd fixiert.

Er wird erschossen von dem Rittmeister, der Gegenfigur, die dem Schönen und Vornehmen nahesteht. Auch der schöne Eisenschimmel darf diesem Mann mit dem gedrückten, hündischen Blick nicht gehören (obwohl er ihn rechtmäßig erbeutet hat), dem es gelungen war, schöne und  junge Leute zu fangen und zu töten im Kampf.

Eine Reinigung kann nur erfolgen, indem man die Pferde wieder frei läßt und den Wachtmeister - stellvertretend für alle Unreinheit in der Schwadron - tötet. Und wenn man das Maß der Befleckung kennt, dann verliert auch diese Erschießung das Kalte und Ungerechte. Denn nachher findet in der Tat kein Gefecht mehr statt.

 

Der Schwierige:.

Dieser Mensch ist schwierig in seinem Verhältnis zu seinen Mitmenschen, denn als Adliger findet er sich nach dem Krieg nicht mehr zurecht (siehe Zusammenstoß mit dem neuen Diener), weil seine Ehrauffassung verwässert wurde. Er kann in dieser neuen Gesellschaft auch nur noch Konversation machen. Wenn er sich einem Menschen öffnen will, entgleitet er in die Banalität (siehe Lord Chandos Brief). Vor diesem Hintergrund der Gesellschaft muß ein solcher Mann von altem Schrot und Korn zum Schweigen verurteilt sein (Zeitsatire), wenn auch gerade dieses Schwierige seine positive Seite ist.

Helen jedoch will gegen alle Sitte ihm nachgehen, sie hat die feinen Töne in seinem Werben gemerkt (wie Minna).

Während aber Lessing noch über „Werte“ reden kann, ist das einem Hugo von Hofmannsthal unmöglich. Es ist Hans Karl nämlich völlig unmöglich, eine Rede zu halten, denn er kann mit den Worten der neuen Gesellschaft nicht umgehen. Einer kann das, sogar glänzend: Baron Neuhoff. Bei ihm trieft alles von Geschmeidigkeit und Katzbuckelei, er hat sich an das Neue schon vortrefflich angepaßt.

Was frommt das alles uns und diese Spiele,

Die wir doch groß und ewig einsam sind

Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?

Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben?

Und dennoch sagt der viel, der ‚‚Abend‘ sagt,

Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt

Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.

 

 

Thomas Mann                                                                                                      1875- 1955

Der Tod in Venedig:          

In dieser Novelle macht Thomas Mann eine grandiose Aussage über den Tod eines Künstlers. Der Dichter Aschenbach erlebt einen Zusammenbruch seiner ganzen bisherigen inneren Haltung, aber er gelangt damit in ein ganz anderes Dasein seines Künstlertums. Aber im Grunde sieht sich hier Thomas Mann selbst als Künstler.

Hier zeigt er den Gegensatz zwischen Geist und Leben, wie er sich auch in den Buddenbrooks zeigt, je mehr die Kunst Eingang findet in diese Familie, desto größer wird die äußere Dekadenz. Im Grunde ist das eine Geschichte der Familie Mann, in der nun der Sohn Thomas zu einem Künstler geworden ist, er ist der verzärtelte Hanno und der vagabundierende Felix Krull und ein Tonio Kröger ,jedenfalls in den Augen seiner Familie.

Dabei schreibt Thomas Mann immer mit einer gewissen Ironie, die sich über die Sitten und Grillen seiner Umwelt lustig macht. Er zeigt zum Beispiel dadurch auf Seite 45 unmißverständlich seine eigene Einstellung. Der Satz: „Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis!“ ist distanzierende Ironie.

Es sind alles Gedanken Aschenbachs, die nun folgen, nicht die des Dichters Thomas Mann. Nur kann man meist nicht unterscheiden, ob die Person oder der Dichter reden; hier ist es einmal klar! Vor allen Dingen fällt aber auf, wie vorsichtig Thomas Mann immer formuliert. Er bringt eine Fülle von Substantiven und Adjektiven, um möglichst genau definieren zu können.

Aschenbach hat sich sein ganzes bisheriges Leben sehr beherrscht, er hat immer würdevolle Distanz gewahrt. Als jedoch der Knabe lächelt, ist es mit seiner Haltung aus: Er hatte immer nur geschauspielert, er hatte sich zu viel beherrscht (Bahnwärter Thiel hat sich zu wenig beherrscht). Endlich läßt er sich einmal gehen, endlich ist er einmal nicht mehr verkrampft, endlich kann er einmal eigentlich Mensch werden.

Er hatte zwar noch einmal versucht, seine Ruhe zurückzugewinnen, indem er sich an den antiken Mythos von dem Knaben Narziß erinnert, der sein eigenes Spiegelbild küssen wollte, aber dann übermannt ihn doch das Gefühl. Vom Apollinischen entwickelt er sich zum Dionysischen.

Der Dichter Thomas Mann wahrt dazu die Distanz, indem er am Schluß alles wieder zurücknimmt: Absurd, lächerlich usw. ist dieses Treiben, wenn auch ehrwürdig und heilig, weil er zu sich gekommen ist.

Hauptthema der Novelle ist jedoch der Tod. Es treten verschiedene Gestalten auf, die in immer wieder abgewandelter Form den Tod verkörpern und den Willen Aschenbachs immer mehr erschlaffen lassen in einem unheimlichen Totentanz, bis dann der Tod den Dichter willenlos hinwegführen kann. Die Liebesgeschichte ist dann nur Nebensache, sie zeigt nur, wie weit er noch Widerstand zu leisten vermag und wie weit ihn die Gefühle schon wegreißen.

 

Wanderer (Seite 8): Erste Begegnung mit dem Tod (Nase, Zähne usw.). Aber durch ihn wird auch die Reiselust geweckt.

Schiffsangestellter (Sei8te 17): „gelbe und knochige Finger“. Die Grimmassen und das Geschäftsmäßige in seinem Gebaren erinnert an Charon.

Alter Mann (Seite 18): Wie er läßt sich nachher Aschenbach bei dem Friseur schminken. Er hat neues Gebiß und bunte Kleidung.

Gondoliere (Seite 22): Wieder ein Fremder, mit Strohhut, gelber Schärpe. Zähne! Nase! Verschwindet plötzlich. -

Straßensänger: Aschenbach könnte von ihm umgebracht werden. Er läßt sich aber gehen und ergreift keine Gegenmaßnahme, sondern läßt sich faul liegen.

Mit bewußter Kunst ist all dies in das Werk hineingearbeitet, wie alles bei Thomas Mann, der damit aber auch seine Distanz unterstreicht.

Großartige Charakteristik (auf Seite 11 ff): Aschenbach hatte sich zu einer Haltung gezwungen, die allgemein anerkannt wurde, er war Moralist und hat nur das geschrieben, was seine Leser gern hören wollten, also nichts Unangenehmes. Er hat aber nicht nach der Wahrheit gefragt, sondern er blieb an der Oberfläche. Aber nur wer im Gestalten auch die Abgründe deutlich macht und den Menschen wahrheitsgetreu schildert, ist Künstler:

Wo - wie hier - Krankheit herrscht, fallen alle Bande, auch bei Aschenbach. Thomas Mann hat bewußt diese Stadt gewählt, und das Morsche und Verfallende zu zeigen.

 

In dieser Novelle macht Thomas Mann eine grandiose Aussage über den Tod eines Künstlers. Der Dichter Aschenbach erlebt einen Zusammenbruch seiner ganzen bisherigen inneren Haltung, aber er gelangt damit in ein ganz anderes Dasein seines Künstlertums. Aber im Grunde sieht sich hier Thomas Mann selbst als Künstler.

Hier zeigt er den Gegensatz zwischen Geist und Leben, wie er sich auch in den Buddenbrooks zeigt (je mehr die Kunst Eingang findet in diese Familie, desto größer wird die äußere Dekadenz. Im Grunde ist das eine Geschichte der Familie Mann, in der nun der Sohn Thomas zu einem Künstler geworden ist, er ist der verzärtelte Hanno und der vagabundierende Felix Krull und ein Tonio Kröger, jedenfalls in den Augen seiner Familie

Dabei schreibt Thomas Mann immer mit einer gewissen Ironie, die sich über die Sitten und Grillen seiner Umwelt lustig macht. Er zeigt zum Beispiel dadurch(auf Seite 45) unmißverständlich seine eigene Einstellung. Der Satz:“Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis“ ist distanzierende Ironie.

Es sind alles Gedanken Aschenbachs, die nun folgen, nicht die des Dichters Thomas Mann. Nur kann man meist nicht unterscheiden, ob die Person oder der Dichter redet; hier ist es einmal klar! Vor allen Dingen fällt aber auf, wie vorsichtig Thomas Mann immer formuliert. Er bringt eine ganze Fülle von Substantiven und Adjektiven, um möglichst genau definieren zu können.

Aschenbach hat sich sein ganzes bisheriges Leben sehr beherrscht, er hat immer würdevolle Distanz gewahrt. Als jedoch der Knabe lächelt, ist es mit seiner Haltung aus: Er hatte immer nur geschauspielert, er hatte sich zu viel beherrscht (Bahnwärter Thiel hat sich zu wenig beherrscht). Endlich läßt er sich einmal gehen, endlich ist er einmal nicht mehr verkrampft, endlich kann er einmal eigentlich Mensch werden.

Er hatte zwar noch einmal versucht, seine Ruhe zurückzugewinnen, indem er sich an den antiken Mythos von dem Knaben Narziß erinnert, der sein eigenes Spiegelbild küssen wollte. Aber dann übermannt ihn doch das Gefühl: Vom Apollinischen entwickelt er sich zum Dionysischen.

Der Dichter Thomas Mann wahrt dazu die Distanz, indem er an Schluß alles wieder zurücknimmt: Absurd, lächerlich usw. ist dieses Treiben, wenn auch ehrwürdig und heilig, weil er zu sich gekommen ist. Hauptthema der Novelle ist jedoch der Tod. Es treten verschiedene Gestalten auf, die in immer wieder abgewandelter Form den Tod verkörpern und den Willen Aschenbachs immer mehr erschlaffen lassen in einem unheimlichen Totentanz, bis dann der Tod den Dichter willenlos hinwegführen kann. Die Liebesgeschichte ist dann nur Nebensache, sie zeigt nur, wie weit er noch Widerstand zu leisten vermag und wie weit ihn die Gefühle schon wegreißen.

 

Wanderer:     Erste Begegnung mit dem Tod (Nase, Zähne, usw,). Aber durch ihn wird auch die Reiselust geweckt.

Schiffsangestellter: „Gelbe und knochige Finger“. Die Grimmassen und das                             Geschäftsmäßige in seinem Gebaren erinnert an Charon.

Alter Mann:   Wie er läßt sich nachher Aschenbach bei dem Friseur schminken. Er hat neues Gebiß und bunte Kleidung.

Gondoliere:   Wieder ein Fremder, mit Strohhut, gelber Schärpe, Zähne, Nase! Verschwindet plötzlich.

Tadzio:           Nur eine deutliche Übersteigerung des Bildes mit dem Gondoliere und der Fahrt über den Styx, aber damit distanziert sich Mann von der „orgiastischen Auflösung“.

Straßensänger: Aschenbach könnte von ihm umgebracht werden,          er läßt sich aber gehen und ergreift keine Gegenmaßnahmen sondern läßt sich faul liegen.

Mit bewußter Kunst ist all dies in das Werk hineingearbeitet, wie alles bei Thomas Mann, der damit aber auch seine Distanz unterstreicht.

 

 

Rainer Maria Rilke                                                                                               1875 - 1926

Aus dem Stundenbuch:   

In der ersten Gruppe der Gedichte von Rainer Maria Rilke erleben wir das Ringen eines Menschen um Gott, der ihm unerreichbar und rätselhaft erscheint. Wie ein Falke kreist er um einen hohen Turm, bis er endlich gefunden hat. Der Weg ist verweht, weil ihn lange keiner gegangen ist. Der Dichter will jedoch Konturen bauen, die in die Zukunft wachsen. Damit ist zunächst der Dom gemeint, im übertragenen Sinne aber auch Gott: Durch dieses Werk wird Gott erst in der Welt gebaut. Damit vertritt er eine Ansicht, die genau das Gegenteil ist von dem, was für den religiösen Menschen Gott ist.

Die andere Gruppe der Gedichte spricht von der Armut der Städte, von der freudlosen Welt der Hinterhöfe, in denen Kinder ohne Licht aufwachsen (Die Menschen drängen sich vor den Hospitälern). Der Dichter wendet sich in diesen Bildern gegen die Verstädterung, er verurteilt die „Kulturen“ und meint damit die Zivilisation.

Vor den Hospitälern drängen sich die Menschen, sie suchen den Tod, der ihnen eigen ist, der ihrem Leben entspricht, nicht einen Massentod.

 „O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.

Das Sterben, das aus jenem Leben geht,

darin er Liebe hatte, Sinn und Not.“

Beim schnellen Hören dieser Gedichte bleibt nur der Klang hängen. Man kann sich von ihm beeindrucken lassen und vielleicht einige der Bilder behalten. Nur mit dem Gefühl kann man zunächst an diese Gedichte herangehen, der Sinn und die darin ausgedrückten Gedanken kommen erst in zweiter Linie. Sonst wäre ja auch eine Lesung neuer Lyrik durch einen Rezitator oder den Dichter gar nicht möglich. Weil man die Schönheit der Gedichte erkannt hat, will man sie dann vielleicht auch lesen und den Sinn zu erfassen suchen. Bekannt ist Rilke für seine Lautmalerei, besonders in den Reimen.

 

Ein Gedichtzyklus:

Was früher einmal gut war, soll nun abgeschafft werden; alle ethischen Werte vergehen.     Aber auch alles, was neu werden will, wird unterdrückt. Die Masse beachtet das Erz nur als Münze, nicht als das, was es wirklich ist: Erz. Die eigentliche Aufgabe ist vergessen worden. Auch die Krone, ein Kunstwerk, wird nur noch materiell verwandt als Geld.

Das maschinelle Zeitalter hat uns nicht glücklicher gemacht. Aber der Weg zum Natürlichen ist nicht mehr zu gehen. Die Natur dauert lange, die Maschinen werden vergehen. Die maschinelle Entwicklung wird einmal aufhören. Neben den Maschinen gibt es vorläufig immer noch Natur, die man aber nicht verstehen, sondern nur bewundern kann. Man kann sie auch nicht mit Vernunft ergründen.

Die Maschinen sollten eigentlich das Werkzeug des Menschen sein. Sie werden aber zur Bedrohung, wenn sich der Mensch von ihr beherrschen läßt. Die Maschinen lösen den Künstler ab. Ihre Arbeit ist zwar exakt, aber nicht mehr individuell. Überall gibt es Maschinen, der Mensch kann ihnen nicht entrinnen.

 

Orpheus, Eurydike, Hermes:

Der frühe Rilke war absolut subjektiver Erlebnisdichter. In dem Gedicht „Der Panther“ jedoch schreibt er voller Objektivität über ein „Ding“. Auch das Eurydikegedicht gehört zu dieser Gruppe.  Der Dichter will sich hier in die Verstorbene hineindenken. Der Anstoß dazu kam ihm von einem Bild, auf dem Orpheus der Eurydike den Schleier wegzieht und die beiden Liebenden sich beseligt in die Augen schauen. In Rilkes Gedicht jedoch geht Orpheus allein, getrennt von Eurydike, die von Hermes geführt wird.

Die unheimliche Landschaftsschilderung eines italienischen Kratersees entwirft zunächst ein Stimmungsbild. Orpheus hastet nach vorne, er hört aber nach hinten: Er weiß, daß er sein Werk zerstören wird, aber er muß sich doch umdrehen. Er erinnert sich daran, daß er Eurydike durch die Klage seiner Leier erlösen konnte (Macht der Musik!). Damit macht er aber auch eine Aussage über die Kunst des Dichters, in dessen erdichteter Welt noch einmal alles da ist, alle Klage und Erlösung.

Eurydike jedoch beschäftigt sich nur mit sich selbst, ihr Gestorbensein erfüllt sie wie Fülle, denn es war ihr großer, ihr „eigener Tod, den sie in der Einsamkeit wie ein Gedicht erlebte; sie kann gar nicht verstehen, warum Orpheus sie holen will. Für sie gibt es keine Angst vor dem Totenreich, sie sieht ein Ideal des Todes. Hier gibt es den ersten Durchbruch des Todeserlebnisses, das immer wieder in Rilkes Gedichten anklingt („Sonette an Orpheus“).

Orpheus ist ganz Willen, ganz Spannung; Eurydike dagegen ist ganz an das Neue hingegeben, sie gehört der Natur. Leben und Sterben sind für sie getragen vom „Grund aller Dinge, in den der Tote sich verwandelt. Deshalb hat Orpheus für sie schon sein Gesicht verloren, er hat die Verwandlung nicht mitgemacht, er ist nicht mit in den Willen der Natur eingegangen.

 

Der Geist Ariel:       

Als Jüngling hat sich Rilke zum „Geist“ und „zur Macht der Dichtung“  hingerissen. Ob er von den anderen verstanden wird, war ihm gleichgültig. Die Dichtung hat ihm gedient, er hat immer mehr von ihr gefordert. Er kommandierte und vergewaltigte sie herrisch, aber dennoch mit Minderwertigkeitskomplexen.

Dies war jedoch eine Verfehlung: Er riß etwas aus der Luft, das nun fehlte. Deshalb war es für den späteren Rilke besser, sich ganz der Dichtkunst und ihres Zaubers zu enthalten und nur Mensch zu sein (Thomas Mann) unter Menschen (Faust II). Er bleibt dennoch am Geist der Dichtkunst beteiligt, er atmet ihn ja noch weiter als „Luft“(durch Enjembement kommt auf einmal Bewegung in die Verse!).

In den Versen in Klammern bezieht Rilke alles noch einmal auf Shakespeare, der mit seinem Werk „Sturm“ auch Schluß machte mit seiner Dichtung und sich als Marionette aus eigener Kraft aufhängt und einreiht (nach Kleist ist jedoch die Marionette fast göttlich). Er sagt der Dichtkunst ab (Chandosbrief, Tod in Venedig).

 

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens:       

Rilke kannte Hölderlin gut, er sieht auch die Berge in seinem Herzen, auf denen er einsam zum Gipfel hinwandert. Auch die „letzte Ortschaft der Worte“ und das „letzte Gehöft des Gefühls“ hat er zurückgelassen, denn was nun kommt, das kann man nicht mehr ausdrücken und nicht mehr fühlen. Er hat nur Steingrund unter den Händen, aber auf ihm blüht dennoch einiges auf. Der Krieg von 1914, der über sein geliebtes Frankreich und Rußland hereingebrochen war, verschüttete etwas in ihm: der Gipfel verweigert sich ihm. Das unbewußte Tier jedoch kann noch um den Berg kreisen, dort ist noch eine Hoffnung!

 

 

Der Bettler und das stolze Fräulein:

Inhalt: Ein Kind gibt einem Bettler ein Almosen und macht einen Knicks Lehrer schimpft auf Kind. Daraufhin die Geschichte: In Florenz wettete ein reicher Jüngling, den Saum der Schleppe eines stolzen Fräuleins zu küssen. Als Bettler verkleidet wartet er an der Kirchentür. Das Fräulein geht vorbei, kommt aber doch noch mal zurück und gibt dem Bettler ein Almosen. Daraufhin wird der Bettler freiwillig zum Bettler.

Deutung: Das stolze Fräulein hatte Ehrfurcht vor dem fremden Bettler und will ihn nicht demütigen, ein Almosen zu nehmen. Deshalb erzählt sie die kleine Lüge, so als gehöre der

Geldbeutel dem Bettler. Der Jüngling wollte sich einen Scherz erlauben. Nun aber erkennt er, daß die nach außen stolze Beatrice trotzdem mitfühlend ist. Dies bewegt ihn so, daß er sein Hab und Gut verkauft und Bettler wird.

„Schade um den Mann“, meint der Lehrer. Er hat die Geschichte gar nicht verstanden. Er meint, seine Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben, wenn er monatlich (wie man weiß!) Geld an den Armenverein spendet. Ihn ärgert es, daß das Mädchen diesem Bettler noch Geld gibt. Er hat sein Gewissen beruhigt und gibt dem Bettler nichts dazu.

Wortwahl: In der Rahmenhandlung alltäglich, in der Innenhandlung künstlerisch ausgestaltet.

 

Wie der Verrat nach Rußland kam:

Der Zar hat uneingeschränkte Macht. Er ist brutal, als er die Gelehrten köpfen läßt. Aber er ist seiner Zeit gegenüber gerechtfertigt. Bei seinem späteren Verrat ist er aber nicht mehr ehrlich  Die Untertanen bewerten einen brutalen, aber ehrlichen Menschen höher als einen heimtückischen und betrügerischen. Weil der Zar aber menschliche Schwächen hat, ist er auch kein Gott, wie es in der Vorgeschichte geschildert wird. Gott und Zar werden zwei getrennte Begriffe. Der Trost für den Lahmen: Im Inneren sind die Menschen sich ziemlich gleich. Es kommt nicht auf den äußeren  Zustand an, also auch nicht auf die Gesundheit.

 

Das Tagebuch des Malte Laurids Brigge:

Schon die ersten zwei Wörter („diese Nacht“) deuten auf einen Tagebuchstil hin Außerdem ist die Stelle in Ich-Form geschrieben (aber dennoch keine Biographie).

Der Dichter spricht immer nur sehr vorsichtig, er sagt etwas aus, verhüllt es aber sogleich wieder. Er spricht häufig im Konjunktiv. Eigentlich beschäftigt er sich nur mit einem Ding (also modern), aber er fängt sogleich an zu träumen: Er beschäftigt sich mit dem Menschen, der dieses Buch gelesen haben könnte, er fühlt sich in diesen Menschen hinein.

Auffallend sind die Verfremdungseffekte (also moderner Dichter, obwohl von Technik usw. nicht die Rede ist. Er ist „rührend in seinem Vertrauen, noch rosa zu sein“ oder „Es stand eine Menge Geschichten darin, besonders am Nachmittag"( = besonders am Nachmittag hat er sie oft gelesen!).

Diese Nacht ist mir das kleine grüne Buch wieder eingefallen, das ich als Knabe einmal besessen haben muß; und ich weiß nicht, warum ich mir einbilde, daß es von Mathilde Brahe stammte. Es interessierte mich nicht, da ich es bekam, und ich las es erst mehrere Jahre später, ich glaube in der Ferienzeit auf Ulsgaard. Aber wichtig war es mir vom ersten Augenblick an.

Es war durch und durch voller Bezug, auch äußerlich betrachtet. Das Grün des Einbands bedeutete etwas, und man sah sofort ein, daß es innen so sein mußte, wie es war. Als ob das verabredet worden wäre, kam zuerst dieses glatte, weiß in weiß gewässerte Vorsatzblatt und dann die Titelseite, die man für geheimnisvoll hielt. Es hätten wohl  - zugeben, daß auch das in Ordnung sei.

Es entschädigte einen irgendwie, an einer bestimmten Stelle das schmale Leseband zu finden, das - mürbe und ein wenig schräg - rührend in seinem Vertraun, noch rosa zu sein, seit - Gott weiß wann immer - zwischen den gleichen Seiten lag. Vielleicht war es nie benutzt worden, und der Buchbinder hatte es rasch und fleißig hineingebogen, ohne dabei recht hinzusehen.

Möglicherweise aber war es kein Zufall. Es konnte sein, daß jemand dort zu lesen aufgehört hatte, der nie wieder las; daß das Schicksal in diesem Moment an seiner Türe klopfte, um ihn zu beschäftigen, daß er weit von allen Büchern weggeriet, die doch schließlich nicht das Leben sind. Das war nicht zu erkennen, ob das Buch weiter gelesen worden war.

Man konnte es sich auch denken, daß es sich einfach darum handelte, diese Stelle aufzuschlagen wieder und wieder, und daß es dazu gekommen war, wenn auch manchmal erst spät in der Nacht. Jedenfalls h hatte ich eine Scheu vor den beiden Seiten wie vor einem Spiegel, vor dem jemand steht. Ich habe sie nie gelesen. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich das ganze Buch gelesen habe. Es war nicht sehr stark, aber es standen eine Menge Geschichten drin, besonders am Nachmittag; dann war immer eine da, die man noch nicht kannte.

 

 

Hermann Hesse                                                                                        1877 - 1962 

Summa contra Gentiles:   

Einst war, so scheint es uns, das Leben wahrer,

Die Welt geordneter, die Geister klarer,

Weisheit und Wissenschaft noch nicht gespalten.

Sie lebten voller, heiterer, jene Alten,

von denen wir bei Plato, den Chinesen

Und überall so Wunderbares lesen -

Auch, und sooft wir in des Aquinaten

Wohl abgemeßnen Summentempel traten,

So schien uns eine Welt der reifen, süßen,

Der lautern Wahrheit fernher zu grüßen:

Alles schien dort so licht, Natur von Geist durchwaltet,

Von Gott her zu Gott hin der Mensch gestaltet,

Gesetz und Ordnung formelschön verkündet,

Zum Ganzen alles ohne Bruch geründet.

Statt dessen scheint uns Späteren, wir seien

Zum Kampf verdammt, zum Zug durch Wüsteneien,

Zu Zweifeln nur und bittern Ironien,

Nichts sei als Drang und Sehnsucht uns verliehen.

Doch auch in uns lebt Geist vom ewigen Geist,

Der aller Zeiten Geister Brüder heißt:

Er überlebt das Heut, nicht Du und Ich.

 

Demian:       

Dieser ganze Gott, alten und neuen Bundes, ist zwar eine ausgezeichnete Figur, aber nicht das, was er doch eigentlich vorstellen soll. Er ist das Gute, das Edle, das Väterliche, das Schöne und auch Hohe, das Sentimentale - ganz recht! Aber die Welt besteht auch aus anderem. Und das wird nun alles einfach dem Teufel zugeschrieben, und dieser ganze Teil der Welt, diese ganze Hälfte wird unterschlagen und totgeschwiegen. Gerade wie sie Gott als Vater alles Lebens rühmen, aber das ganze Geschlechtsleben, auf dem das Leben doch beruht, einfach totschweigen und womöglich für Teufelszeug und sündlich erklären!

Ich habe nichts dagegen, daß man diesen Gott Jehova verehrt, nicht das mindeste. Aber ich meine, wir sollen Alles verehren und heilig halten, die ganze Welt, nicht bloß diese künstlich abgetrennte, offizielle Hälfte! Also müssen wir dann neben dem Gottesdienst auch einen Teufelsdienst haben. Das fände ich richtig. Oder aber, man müßte sich einen Gott schaffen, der auch den Teufel in sich einschließt, und vor dem man nicht die Augen zudrücken muß, wenn die natürlichsten Dinge von der Welt geschehen! (Seite 86)

Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken, und sobald die Ahnungen kommen und die Stimmen in ihrer Seele anfangen zu sprechen, dann überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst, ob das wohl auch dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa oder irgendeinem lieben Gott passe oder lieb sei! Damit verdirbt man sich. Damit kommt man auf den Bürgersteig und wird ein Fossil.

Lieber Sinclair, unser Gott heißt Abraxas, und er ist Gott und ist Satan, er hat die lichte und die dunkle Welt in sich. Abraxas hat gegen keinen ihrer Gedanken, gegen keinen Ihrer Träume etwas einzuwenden. Vergessen Sie das nie. Aber er verläßt Sie, wenn Sie einmal tadellos und normal geworden sind. Dann verläßt er Sie und sucht sich einen neuen Topf, um seine Gedanken drin zu kochen! (Seite 148).

Wir ziehen die Grenzen unserer Persönlichkeit immer viel zu eng!           Wir rechnen zu unserer Person immer bloß das, was wir als individuell unterschieden, als abweichend erkennen. Wir bestehen aber aus dem ganzen Bestand der Welt, jeder von uns, und ebenso wie unser Körper die Stammtafeln der Entwicklung bis zum Fisch und noch viel weiter zurück in sich trägt, so haben wir in der Seele alles, was je in Menschenseelen gelebt hat    (Seite 143). In jedem sind die Möglichkeiten zum Menschen da, aber erst,  indem er sie ahnt, indem er sie teilweise sogar bewußt machen lernt, gehören diese Möglichkeiten ihm (Seite 144).

Ich war ein Wurf der Natur, ein Wurf ins Ungewisse, vielleicht zu Neuem, vielleicht zu Nichts, und diesen Wurf aus der Urtiefe auswirken zu lassen, seinen Willen in mir zu fühlen und ihn ganz zu meinem zu machen, das allein war mein Beruf. Das allein! (Seite 172). Ich war nicht da, um zu dichten, um zu predigen, um zu malen, weder ich noch sonst ein Mensch war dazu da. Das alles ergab sich nur nebenher.

Wahrer Beruf für jeden war nur das eine, zu sich selbst zu kommen. Er mochte als Dichter oder als Wahnsinniger, als Prophet oder als Verbrecher enden - dies war nicht seine Sache, ja dies war letzten Endes belanglos. Seine Sache war, das eigene Schicksal zu finden, nicht ein beliebiges, und es in sich auszuleben, ganz und ungebrochen. Alles andere war halb, war Versuch zu entrinnen, war Rückflucht ins Ideale der Masse, war Anpassung und Angst vor dem eigenen Inneren.

„Verboten“ ist nichts Ewiges. Darum muß jeder von uns für sich selber finden, was erlaubt und verboten ist - ihm verboten ist. Man kann niemals etwas Verbotenes tun und kann ein großer Schuft dabei sein . und ebenso umgekehrt. Eigentlich ist es bloß eine Frage der Bequemlichkeit! Wer zu bequem ist, um selber zu denken und selber sein Richter zu sein, der fügt sich eben in die Verbote, wie sie nun einmal sind. Er hat es leicht. Andere spüren selber Gebote in sich, ihnen sind Dinge verboten, die jeder Ehrenmann täglich tut, und es sind ihnen andere Dinge erlaubt, die sonst verpönt sind. Jeder muß hier ganz für sich selber stehen! (Seite 89)

Ich meine nicht, Sie sollen einfach alles das tun, was Ihnen durch den Sinn geht. Nein, aber Sie sollen diese Einfälle, die ihren guten Sinn haben, nicht dadurch schädlich machen, daß Sie sie vertreiben und an ihnen herummoralisieren. Statt sich oder einen anderen ans Kreuz zu schlagen, kann man aus einem Kelch mit feierlichen Gedanken Wein trinken und dabei das Mysterium des Opfers denken. Man kann auch ohne solche Handlungen, seine Triebe und sogenannten Anfechtungen, mit Achtung und Liebe behandeln. Dann zeigen sie ihren Sinn, und sie haben alle Sinn.

Wenn Ihnen wieder einmal etwas recht Tolles oder Sündhaftes einfällt, wenn Sie jemand umbringen oder irgendeine gigantische Unflätigkeit begehen möchten, dann denken Sie einen Augenblick daran, daß es Abraxas ist, der so in Ihnen phantasiert! Der Mensch, den Sie töten möchten, ist ja nie der Herr Soundso, er ist sicher nur eine Verkleidung. Wenn wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selber sitzt. Was nicht in uns selber ist, das regt und nicht auf.“(Seite 152).

Ich begreife nicht, warum einer „reiner“ sein soll, der sein Geschlecht unterdrückt, als irgendein anderer Oder kannst du das Geschlechtliche auch aus allen Gedanken und Träumen ausschalten? Ich habe alles probiert. Ich habe getan, was man tun kann, mit kaltem Wasser, mit Schnee, mit Turnen und Laufen, aber es hilft alles nichts. Jede Nacht wache ich aus Träumen auf‚ an die ich gar nicht denken darf.

Und das Entsetzliche ist: Darüber geht mir allmählich alles wieder verloren, was ich geistig gelernt hatte. Ich bringe es beinahe nie mehr fertig, mich zu konzentrieren oder mich einzuschläfern, oft liege ich die ganze Nacht wach. Ich halte das nimmer lang aus. Wenn ich schließlich doch den Kampf nicht durchführen kann, wenn ich nachgebe und mich wieder unrein mache, dann bin ich schlechter als alle anderen, die überhaupt nie gekämpft haben. Das begreifst du doch? (S.157).

Sinclair sagt dem kleinen Knauer darauf: „Du bist den falschen Weg gegangen, den falschen Weg! Wir sind auch nicht Schweine, wie du meinst. Wir sind Menschen. Wir machen Götter und kämpfen mit ihnen, und sie segnen uns“ (Seite 163).

Der Traum von Pistorius war es gewesen, ein Priester zu sein, die neue Religion zu verkünden, neue Formen der Erhebung, der Liebe und Anbetung zu geben, neue Symbole aufzurichten. Aber dies war nicht seine Kraft, nicht sein Amt. Er verweilte allzu warm im Gewesenen, er kannte allzu genau das Ehemalige, er wußte allzuviel von Ägypten, von Indien, von Mithras, von Abraxas. Seine Liebe war an Bilder gebunden, welche die Erde schon gesehen hatte, und dabei wußte er im Innersten selber wohl, daß das Neue neu und anders sein, daß es aus frischem Boden quellen und nicht aus Sammlungen und Bibliotheken geschöpft werden mußte (Seite 171).

Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben - die Herren für sich, die Arbeiter. für sich, die Gelehrten für sich! Sie haben Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben. Sie fühlen alle, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, daß sie nach alten Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre Sittlichkeit, nichts von allem ist dem angemessen, was wir brauchen. Hundert und mehr Jahre lang hat Europa bloß noch studiert und Fabriken gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht‚ um einen Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann (Seite 182).

Sie hängen an Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der ein neues aufstellt. Unser Streben ging auf ein immer vollkommeneres Wachsein, während das Streben und Glücksuchen der anderer darauf ging, ihre Meinungen, ihre Ideale und Pflichten, ihr Leben und Glück immer enger an das der Herde zu binden. Auch dort war Streben, auch dort war Kraft und Größe; sie leben in einem Willen des Beharren. Für sie war die Menschheit etwas Fertiges, das erhalten und geschützt werden mußte. Für uns war die Menschheit eine ferne Zukunft, nach welcher wir alle unterwegs waren, deren Bild niemand kannte, deren Gesetze nirgend geschrieben standen (Seite 194).

 

Das Glasperlenspiel:

                                                                      

Bei diesem Roman handelt es sich nicht um eine politische Warnung, das zeigen schon der idyllische Ton und die Landschaftsschilderungen. Es geht hier vielmehr um eine Zeitkritik unserer Epoche, des Zeitalters des Feuilletonismus, in dem man mit dem Geist nichts anzufangen weiß, den man verflachen läßt und in Anekdoten und Geschichtchen umsetzt und als literarische Massenproduktion auf den Markt wirft.

Im „Glasperlenspiel“ ist diese Epoche schon überwunden, in der man der Angst vor dem Untergang gewisse „Bildungsaufsätze“ entgegensetzte, in der man massenhaft Vorträge hörte, in denen man die „Bildung“ erhalten sollte, die in ihnen schon vorausgesetzt wurde, denn es entstand dadurch eine heroisch-asketische Geistesbewegung als Gegenbewegung, die sich nun auf die Suche nach dem Vollkommenen macht, die Kastalien (die Siedlung des Geistes) anlegte und den Kult des Glasperlenspiels einrichtete.

An dieser Idealisierung setzt aber die Kritik des Spielmeisters an. Er ist gegen den rein ästhetischen Genuß, er sucht auch ein Tun in der Wirklichkeit; er will nicht nur ein geistige Beschäftigung, sondern auch Lehrer und Erzieher sein. Das kastalische Leben genügt ihm nicht, er möchte fortschreiten, nicht nur zurück in die Welt, sondern nach einem noch Höheren, das weder in der Welt noch im Orden liegt.

Das Auslöschen des Individuellen, das möglichst vollkommene Einordnen der Einzelperson in die Hierarchie der Erziehungsbehörde und der Wissenschaften ist eines der obersten Prinzipien unseres geistigen Lebens. Das Ideal ist die Anonymität, und deshalb ist es schwer, individuelle Aussagen über den Einzelnen machen zu können. Persönlichkeit ist nicht mehr das Einmalige, sondern möglichst vollkommenes Einordnen ins Allgemeine, ohne daß dabei der innere Antrieb verlorengeht. Denn beim Glasperlenspiel handelt es sich keineswegs um eine tote Maschine, sondern um einen lebendigen Organismus, in dem jeder seine Art und Freiheit besitzt. Dieses Spiel ist ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unsrer Kultur, mit denen der Glasperlenspieler spielt wie ein Organist auf der Orgel, dem also eine ganze Welt von Möglichkeiten gegeben ist - innerhalb dieses Rahmens.

Ausgangspunkt und Grundlage des Spiels war die nachmittelalterliche Welt, in der man sich von der Autorität löste, aber auch nach einer Legitimierung dieser Freiheit suchte, eine neue Autorität in sich selbst zu finden hoffte. Die Folge von all dem war jedoch nur der Niedergang, indem man Qualität durch Quantität ersetzen hoffte  Ein Wunder geschah, als man elf Manuskripte von Bach neu auffand, und es war ein Wunder, daß es den Bund der Morgenlandfahrer gab, der eine seelische Zucht, eine Pflege der Frömmigkeit und Ehrfurcht betrieben.

Dazu kam noch die neue Auffassung und Sinndeutung der Musik, das Ergebnis war das Loslösen des Geistigen aus dem Weltbetrieb, das Glasperlenspiel. Es entstand gleichzeitig in Deutschland und England in den neuen, musiktheoretischen Seminaren, in denen man wie auf einer Kinderechenmaschine die Glasperlen zu musikalischen Themen verschieben konnte: Die Perlen waren die Noten, die Drähte die Notenlinien. Man erfand mehr Abkürzungen und Formeln und bald wurde das Spiel zu einer Wissenschaft und Geistesschulung.

Die Spieler waren bald ihren Mitmenschen überlegen, besonders als man die einzelnen Fachwissenschaften zusammengefaßt hatte zu einer internationalen Zeichensprache, in der man die neuen geistigen Erlebnisse austauschen und festhalten konnte, es wurde zum „magischen Theater“. Die Kontemplation über jedes Zeichen wurde zur Hauptsache, nicht mehr das schnelle Aneinanderreihen von Gedanken.

Das Glasperlenspiel wurde zur Religion, die manchmal stark von der katholischen Kirche bekämpft wurde. Jedoch konnte nie einer den anderen überwinden, zumal oft hohe Geistliche auch Spieler waren, besonders seitdem es öffentliche Spiele mit dem Ludi Magister gab, der möglichst anonym blieb und mit den Magistern aus den anderen Staaten über die Aufnahme neuer Zeichen und Spielregeln entschied und so das Spiel weiterentwickelte.

Der Magister Ludi Josef Knecht konnte schon sehr früh für den Dienst in Kastilien gewonnen werden, da er schon früh seine Eltern verlor und ihm somit der tragische Konflikt mit dem Elternhaus erspart blieb. Sein Leben war in klarer Stufenfolge aufgebaut, auch das nur in der Legende erhaltene Ende des großen Glasperlenspielers. Er hatte nicht nur den Platz in der obersten Spitze inne, er war ihm auch entwachsen über alle anderen hinaus in eine Dimension, die man nur ehrerbietig zu ahnen vermag.

Die Berufung Knechts erfolgte durch einen der zwölf Magister Musicae, der zu einer Schulinspektion kommt und sich mit dem kleinen Josef beim Musizieren sofort versteht. Dieser Magister war der Anruf von außen, der die Seele erweckte, verwandelte und steigerte und ihr nicht nur die Träume ließ. Nach einiger Zeit wurde er in den „Orden“ aufgenommen, das heißt, er kam auf eine der Eliteschulen, mußte sich immer mehr von Elternhaus und Heimat lösen, durfte kein Fachstudium einschlagen und lebte ganz dem Orden, obwohl die meisten dann als Fachlehrer an den höheren Schulen Verwendung finden. Nur die Hochbegabten konnten unbegrenzt nach Herzenslust weiter studieren und sich völlig einem beschaulich-fleißigen Geistesleben widmen.

Auf der Eliteschule ist Knecht ein recht guter Schüler, er hat sich bald eingelebt und gewöhnt sich auch daran, daß manchmal wieder Kameraden nach Hause geschickt werden; sie wollten auch selber gerne heim, weil die lebendige Wirklichkeit draußen doch sehr lockte. Aber der Musikmeister zerstreut die Bedenken in Knecht: Man kann sich außerhalb Kastaliens zwar die Berufe frei wählen - angeblich jedenfalls - aber das ist nur einmalig. Nachher muß er sich dann Prüfungen oder Wahlen unterziehen, er muß Geld verdienen, hängt vom Erfolg und vom Gefallen ab.

In Kastalien jedoch wählt sich der Schüler keinen Beruf. Er glaubt nicht, seine Talente besser beurteilen zu können als die Lehrer. Er läßt sich innerhalb der Hierarchie immer an den Ort stellen und zu der Funktion bestimmen, welche die Oberen für ihn wählen - sofern nämlich etwa die Sache nicht umgekehrt läuft und die Eigenschaften, Gaben und Fehler des Schülers es sind, welche die Lehrer zwingen, ihn hierhin oder dorthin zu stellen.

Inmitten dieser scheinbaren Unfreiheit nun genießt jeder Eleve nach seinen ersten Kursen die denkbar größte Freiheit. Während der Mann der „freien“ Berufe sich zur Ausbildung in seinem Fach einem engen und starren Lehrgang mit starren Prüfungen unterziehen muß, geht beim Electus, sobald er selbständig zu studieren beginnt, die Freiheit so weit, daß es viele gibt, welche ihr Leben lang nach eigener Wahl die entlegensten und fast närrischen Studien treiben, und niemand stört sie darin, solange nur nicht ihre Sitten entarten.

Der zum Lehrer Geeignete wird als Lehrer verwendet, der zum Erzieher Geeignete als Erzieher, der zum Übersetzer Geeignete zum Übersetzer, jeder findet wie von selbst den Ort, an welchem er dienen und im Dienen frei sein kann. Und nun ist er außerdem für sein ganzes

Leben jener „'Freiheit“ des Berufes entzogen, die so furchtbare Sklaverei bedeutet. Er weiß nichts vom Streben nach Geld, Ruhm oder Rang, er kennt keine Parteien, keinen Zwiespalt zwischen Person und Amt, zwischen Privat und Öffentlichkeit keine Abhängigkeit vom Erfolg.

In der nächst höheren Schulstufe begann die Periode des Kampfes, der Entwicklungen und der Problematik. Zunächst führt ihn der Meister selber in die Kunst der Meditation ein. Aber hier beginnen auch schon die Zweifel: „Die Abgefallenen haben trotz allem für mich etwas Imponierendes. Sie haben vielleicht das Falsche getan, aber sie haben etwas getan, sie haben einen Sprung gewagt! Wir anderen haben Fleiß und Geduld gehabt und Vernunft, aber getan haben wir nichts, gesprungen sind wir nicht!“

In Waldzell beschäftigen sich die Schüler in privaten Studien vorwiegend mit dem Glasperlenspiel, denn dort war ja auch die Spielhalle und dort lebte der Ludi magister. Hier wurde die Elite zusammengezogen und Josef war natürlich sehr stolz, hierher zu dürfen. Über ein Jahr lang widmete er sich über Gebühr der Musik. Dazu hatte er Verbindung zu einem der Hospitanten, der sehr weltlich eingestellt war und auch wieder in das öffentliche Leben zurückkehren wollte (deshalb Hospitant).

Aber gerade diese „Welt“ war wie für den Mönch das Minderwertige und Verbotene, aber nicht minder das Geheimnisvolle, Verführerische, Faszinierende. Und jener Schüler war stolz, daß er noch zu dieser Welt gehörte, und er stellte seine weltlichen Auffassungen immer sehr bewußt als besser, richtiger, natürlicher, menschlicher hin. Josef wurde davon angerührt und es erfaßte ihn eine gewisse Unruhe, gemischt aus heftigem Drang und schlechtem Gewissen.

Dieser Junge übt eine Anziehungskraft auf Josef aus, und in einem langen Brief wendet sich Josef deshalb an den Musikmeister: Dieser Plinius wirft uns vor, wir würden zwar das Vergangene genau analysieren, aber etwas Neues könnten wir nicht schaffen, wir seien Schmarotzer, die den Kampf des Lebens nicht kennen. Daraufhin gab ihm der Musikmeister genaue Anweisungen und bestimmte ihn dazu, Kastalien gegen seine Kritiker zu verteidigen, die Auseinandersetzung sollte auf ein höheres Niveau gehoben werden. Und Josef mußte sich sehr eingehend mit den Grundlagen der kastalischen Ordnung vertraut machen. Seine Redekämpfe mit dem befreundeten Gegner wurden bald berühmt.

Es war kein Frage für Josef, daß er nach Kastalien gehöre und zu Recht das kastalische Leben führe, ein Leben ohne Familie, ohne mancherlei sagenhafte Zerstreuungen, ein Leben ohne Zeitungen, ein Leben auch ohne Not und Hunger. Aber es gab diese andere Welt. Die große Mehrzahl aller Menschen auf der ganzen Erde lebte anders, einfacher, primitiver, gefährlicher, ungehüteter, ungeordneter. Und diese primitive Welt war jedem Menschen eingeboren, man spürte etwas von ihr im Herzen, etwas von Neugierde nach ihr, von Heimweh, Mitleid. Ihr gerecht zu werden, ihr ein gewisses Heimatrecht im eigenen Herzen zu bewahren, aber dennoch nicht an sie zurückfallen, war die Aufgabe.

Aber indem der Musikmister ein eigenes Erlebnis aus seiner Jugend erzählt, als er auch einmal zweifelte, da erkennt Josef, daß man zwar Fehler machen kann, daß man sie aber auch überwinden kann und noch zum Meister werden kann. Er wendet sich wieder etwas von seinen zwar aktuellen Studien ab und befaßt sich wieder mehr mit der Meditation. Und nun befaßt er sich auch mit dem Entwurf eigener Glasperlenspiele. Aber auch sein Freund und Gegner erfaßt etwas von dem Geist Kastaliens: Er wird nicht dem Orden beitreten, denn das wäre eine Flucht für ihn. Aber er wird auch als Weltmensch der „Pädagogischen Provinz“ Kastalien dankbar bleiben und wichtige Anregungen von dort empfangen.

Josef wird Student mit völliger Freiheit. Unabhängig von den materiellen Gütern kann er im Bereich der Wissenschaften auf Entdeckung reisen gehen. Er mußte nur jedes halbe Jahr einen Studienplan vorlegen. Und er verfaßte jedes Jahr einen „Lebenslauf“, einen kleinen Roman, in dem er sich in irgendeine Epoche versetzte und sich nun in diese Zeit wirklich einlebte. Auch hinter den Sinn des Spiels kann man nur durch Versenken kommen, man kann ihn nicht lehren, und als das Knecht einmal gelingt, geht er nun daran, eine der Formeln nun einmal in alle Einzelgebiete  „zurückzuübersetzen“, um das Spiel auch in seiner ganzen Tiefe erfassen zu können, um es nicht als amüsante Spezialität und einen intellektuellen Sport zu betreiben.

Die chinesischen Studien bei einem Einsiedler, der mit Schafgarbenstäbchen ein Orakel befragt, bringen das „Erwachen“ für Knecht: Er nähert sich dem Gefühl einer besonderen, einmaligen Bestimmung. Und von da an beginnt er auch, an den Kursen des Glasperlenspiels regelmäßig teilzunehmen, wenn ihm auch die Zweifel nicht verschwunden sind, ob dieses Spiel es wert ist, daß man sein Leben daran hängt. Knecht erkennt, daß Glaube und Zweifel eng beieinander liegen.

Der Ludi Magister jedoch lädt ihn zu sich ein, er soll die Eingaben um Erweiterung des Spiels bearbeiten und wird dabei so ganz nebenbei geprüft. Josef soll nämlich in den Orden aufgenommen werden, und er geht zum Musikmeister, der die Zeremonie vornehmen soll. Damit ist es mit der studentischen Freiheit aus: Jeder Aufstieg in der Stufe der Ämter ist ein Schritt in die Bindung. Je stärker die Persönlichkeit, desto verpönter die Willkür. Nur wenn er die Behörde vom Wert der Studien überzeugen kann, wird er noch Urlaub zu Studienzwecken kriegen. Josef wird zu einer bestimmten Aufgabe abgestellt: Er soll Lehrer des Glasperlenspiels werden in dem Benediktinerkloster Mariafels.

Damit muß er auch seinen Freund Tegularius verlassen, einen sehr fähigen Spielmeister und Lehrer, äußerst zart und empfindlich. Ihm solle jedoch nie Schüler zur alleinigen Leitung anvertraut werden, denn er leidet zeitweise unter Depressionen. Knecht wurde zuerst in die „Polizei“ gesteckt, wo man in auf das Leben in der Außenwelt vorbereitete. Besonders wurde er auch eingeführt in die politischen Grundlagen Kastaliens und ihre Problematik. Er soll politische Fragen ruhig an den Orden melden, soweit er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, um niemanden zu hintergehen oder ein Vertrauen zu mißbrauchen. Josef soll sich aber nichts vornehmen, er soll nur seinen Auftrag gewissenhaft ausführen und seinen geistlichen Vätern Ehre machen, denn er gehörte immerhin zu dem innersten Zirkel der Auserwählten: Er wird von den Jüngeren mit werbender Freundschaft umgeben, die Vorgesetzten behandeln ihn mit wohlwollender Aufmerksamkeit. Knecht ist sich dessen nicht bewußt, Herrschen war ihm kein Bedürfnis, aber das machte ihn nur noch liebenswürdiger.

Das Stift und Kloster Mariafels hatte schon immer eine große Bedeutung gehabt für das geistige Leben des Landes, und nach anfänglichem Zögern tauschte es nun auch Lehrer mit Kastalien aus. Doch man ist in den ersten Wochen gar nicht so begierig, daß Knecht seine Tätigkeit beginnt. Verglichen mit dem Lebensstil Kastaliens schien dieser benediktinische beim ersten Zusehen weniger geistig, weniger agil und zugespitzt, weniger aktiv, dafür aber gelassener, unbeeinflußbarer, älter, bewährter. Es schien hier ein längst wieder zur Natur gewordener Geist und Sinn zu walten.

Es fällt Josef zu Anfang schwer, nicht ungeduldig zu werden bei soviel Langmut und Abgeschiedenheit. Man betrachtet ihn nur als den Abgesandten einer fremden Macht. Man brachte ihm die majestätische Höflichkeit der alten Großmacht gegenüber der jüngeren entgegen. Und die zweite Enttäuschung kommt, als man sich nachher nur sehr diletantisch mit dem Spiel befassen will. Josef erkennt, daß er weniger zum Lehrer nach Mariafels geschickt wurde als vielmehr zum Lernen: Der so erfahrene und weltkundige Abt hat nämlich ein echtes Verhältnis zum Geist der altchinesischen Staats- und Lebensweisheit.

Mit ihm kommt es zu einem lebhaften Austausch, zumal der Abt kein Chinesisch kann und gern etwas über das Buch I Ging hören möchte. Hier entdeckt Josef, daß er durchaus seine erarbeiteten Erkenntnisse weitergeben kann, auch fern von seiner geistigen Heimat Kastalien.

Auch mit dem Historiker Pater Jakobus tauscht er sich aus über den schwäbischen Pietisten Johann Albrecht Bengel, den Knecht als einen Ahnen des Glasperlenspiels ansieht, weil er nicht nur eine Enzyklopädie herausgeben wollte, sondern auch ein organisches, geordnetes Ineinander alles Wissens.

Vom diesem Pater lernt Knecht die Historie erfassen, die sich nicht mathematisch berechnen läßt, die nicht nur aus Geistes- und Kunstgeschichte besteht, sondern lebendige Wirklichkeit ist. Geschichte treiben heißt: sich dem Chaos überlassen und dennoch den Glauben an die Ordnung und den Sinn bewahren. Es ist eine sehr ernste Aufgabe, und vielleicht eine tragische. Aber auch der Pater hörte auf, im Glasperlenspiel nur eine ästhetische Spielerei zu sehen.

Und Josef erlebt hier zum ersten Mal gelebtes Christentum, und es kommt ihm sogar der Gedanke, daß Kastalien nur eine verweltlichte Spätform der abendländischen Kultur ist, die später einmal wieder aufgesogen werden wird. Er empfindet Bewunderung für dieses Christentum, das in den Jahrhunderten so viele Male unmodern und überholt, antiquiert und erstarrt geworden war und sich doch immer wieder auf seine Quellen besonnen und an ihnen erneuert hatte.

Josef geht nicht gerne von Mariafels weg. Aber man hat ihn abberufen, zunächst zu einem Urlaub. Aber da er viel diplomatisches Geschick gezeigt hatte, daß er den Abt und Pater Jakobus für sich und damit den Orden gewonnen hatte, wird Josef mit einer besonderen Mission betraut: Auf die Dauer will der Orden doch einmal diplomatische Beziehungen zum Vatikan aufnehmen. Man will dem Heiligen Stuhl mit einer ehrfurchtsvollen Haltung begegnen, man will ihm den ersten Rang lassen, weil er älter und erprobter ist, aber Josef soll den einflußreichen Pater Jakobus zu einer Befürwortung des kastalischen Vorhabens bringen.

Wegen seiner Spielstudien soll er nun öfter Urlaub erhalten, damit er nicht ins Hintertreffen gerät, und falls seine Mission glückt, wird er auch die Bitte vorbringen dürfen, nicht in den diplomatischen Dienst (etwa nach Rom) abgeschoben zu werden. Knecht hört also weiter Geschichtswissenschaft bei dem Benediktinerpater, und er lehrt Jakobus  die kastalische Geschichte und kastalischen Geist.

Der Pater erkennt natürlich bald, daß Knecht auf einmal weiß, warum er in dem Kloster ist, und es kommt zu einer offenen Aussprache über ihre „diplomatischen“ Ziele. Knecht erkennt, daß auch er durch die Unterweisung des Paters zu einem Menschen geworden ist, der ein Verhältnis zur aktuellen Geschichte hat,  für den Geschichte nicht nur Lernfach ist. Er erfährt auch etwas über den schwächsten Punkt seiner Geschichtsbetrachtung, die Entstehung des Ordens, und der Pater kann Manches zurechtrücken und Knecht von anderer Sicht verständlich machen.

Von Mariafels aus beteiligt sich Knecht diesmal auch an dem alljährlichen Wettbewerb der Glasperlenspieler. Eigentlich bevorzugt Knecht die „Pädagogische Methode“, und er hatte selbst darüber geschrieben: „Das Spiel umschließt nach absolvierter Meditation den Spieler so wie die Oberfläche einer Kugel ihren Mittelpunkt umschließt, und entläßt ihn mit dem Gefühl, eine restlos symmetrische und harmonische Welt aus der zufälligen und wirren gelöst und in sich aufgenommen zu haben.

Diesmal jedoch faßt er ein Spiel in der formalen Art ab, die eine möglichst lückenlose Einheit und Harmonie der Inhalte anstrebt, bei der es nicht so sehr auf die Meditation ankommt, um zu dem verborgenen Sinn zu kommen. Knecht wird jedenfalls erster, sein Freund Tegularius zweiter. Dazu glückt auch noch sein Auftrag, wenn er auch noch einige Zeit im Kloster bleibt, um den fruchtbaren Gedankenaustausch fortzusetzen.

Im Frühjahr kehrt Knecht nach Kastalien zurück, um an dem großen Spiel dort teilzunehmen. Aber es war diesmal ein unfrohes, beinahe mißglücktes Spiel. Der Magister war krank, und sein Stellvertreter mußt das Spiel leiten. Dieser Stellvertreter war vom Magister selbst in die Vertrauensstellung erwählt, er mußte seinen Ruf unter Beweis stellen. Er trägt jedoch keine Verantwortung für die Amtshandlungen und er kann innerhalb der Hierarchie nicht höher emporsteigen. Der derzeitige „Schatten“ war jedoch nicht sehr beliebt, besonders bei der Elite.

Dieser Meister Bertram war durchaus kein Versager, er war eher Opfer in dieser schweren Prüfung. Bald entsteht die Legende, der Spielmeister sei durchaus fähig und gewillt, als Spielleiter zu amtieren, habe aber dem Ehrgeiz seines „Schatten“ nachgegeben. Nun, da das Spiel schlecht laufe, mache er sich Sorgen, würde nur noch kranker. Am letzten Tag des Spiels starb er, sein Stellvertreter erbat Urlaub und ging vorsorglich in die Berge.

Josef spürte die Distanzierung und Kühle seiner Kameraden damals stark: Er hatte schon im Dienst gestanden, er war keiner mehr der ihren, er konnte nicht mehr in die Gruppe der Repetenten eingereiht werden. Und als der Freund die Nachricht bringt, Josef werde sehr wahrscheinlich Glasperlenspielmeister, da verbietet er ihm, diesen Klatsch weiterzusagen und sagt mit einer gewissen Distanzierung: „Geh zu deinen Kameraden!“ Er selbst ist kein „Kamerad“ mehr, er sieht die Welt von einem neuen Mittelpunkte aus.

Plötzlich ist er nicht mehr der kleine Knabe, der dem Musikmeister überallhin folgt. Plötzlich sind Meister und Schüler eins, bald kann man nicht mehr unterscheiden, wer Führer und wer Geführter ist. Dieser sinnvoll-sinnlose Rundlauf von Meister und Schüler, dieses Werben der Weisheit um die Jugend, der Jugend um die Weisheit, dieses endlose, beschwingte Spiel war das Symbol Kastaliens, ja war das Spiel des Lebens überhaupt, das in alt und jung, in Tag und Macht gespalten ohne Ende strömt.

Neuartige Aufgaben gibt es kaum für den neuen Glasperlenspielmeister. Er hat nur mehr Spielkurse zu halten. Am liebsten hätte sich Josef sogleich auf diese neuen Aufgaben gestürzt, aber er hatte sich zunächst den selbstverständlichen Aufgaben zu widmen, er mußte sich den Repetenten widmen, er mußte diese Elite erobern. Man gibt ihm sogar einen „Einpeitscher“ bei, der seinen Tagesplan überwacht und ihn vor Einseitigkeiten, aber auch Überanstrengung schützt. Mit ihm und einem kontemplativen Ordensmann hatte er täglich seinen Arbeitstag rückblickend zu rekapitulieren, Fortschritte und Niederlagen festzustellen, sich selbst, seine augenblickliche Lage, sein Befinden, die Verteilung seiner Kräfte, seine Hoffnungen und Sorgen zu erkennen und zu messen, sich selber und sein Tagewerk objektiv zu sehen und nichts Ungelöstes in die Nacht und den anderen Tag mit hinüberzunehmen.

Tegularius jedoch ist allein, die anderen sehen in ihm einen Günstling. Josef aber geht so in seinem Amt auf, daß er sich privaten Dingen nicht widmen kann. Aber nach einigen Wochen gilt Josef unter den Kollegen als ebenbürtig. Als er das Aufhören der Widerstände, das Vertrauen und Einverständnis der Repetentenschaft spürte und das Schwerste geleistet wußte, konnte er die Repetenten bitten, einen „Schatten“ für ihn zu bestimmen (das wäre eigentlich sein Recht gewesen). Aber Josef fühlt auch immer mehr, daß er vollkommenen Werkzeug seines Staates wird.

Im Amt geht es für Knecht vor allen Dingen darum, die Lebendigkeit des Spiels zu erhalten und zu steigern. Es darf nicht zu einer leeren Zeremonie werden, zu einem Mißbrauch der Macht über andere. Man soll nicht aus der Vita activa in die Vita contemplativa fliehen, sondern zwischen beiden abwechselnd unterwegs sein und an beiden teilhaben. Knecht ist ein guter Lehrer, wenn er sich auch manchmal nach einer weniger geistvollen Tätigkeit sehnt mit noch unerfahreneren Schülern.

Noch bei den Vorbereitungen zu dem großen Spiel, die Knecht zusammen mit Tegularius vornimmt, kommt ein Schüler des Alt-Musikmeisters und bittet, der Spielmeister möge bitte zu dem alten Mann kommen, der in der Stille seines Greisenalters immer mehr Geist, Andacht, Würde und Einfalt wird, allerdings nicht krank ist. Er hat sich weg von den Worten und hin zur Musik gewandt, weg von den Gedanken hin zur Einheit.

Das „Chinesenhaus-Spiel“ in Waldzell wird zu einem Ereignis. Doch nur seinem Freund ge­gen­über faßt Josef sein Erlebnis zusammen: „Kastalien und das Glasperlenspiel sind so schön, daß man sie kaum betrachten kann, ohne für sie zu fürchten. Man denkt nicht gerne daran, daß sie wie alles einmal wieder vergehen sollen!“ Hier beginnt schon jene Spaltung, die einmal mit einem Skandal enden wird. Er war ein Spielmeister ohne Tadel, aber er war erwacht zum Gefühl geschichtlichen Ablaufs und dies Empfinden der eigenen Person und Tätigkeit als einer im Strom des Werdens und Sichwandelns mittreibenden Zelle und mittätigen Zelle war in ihm reif geworden und zum Bewußtsein gelangt.

Er hat ein Weltgefühl in sich getragen, dem die Vergänglichkeit alles Gewordenen und die Problematik alles vom Menschengeist Geschaffenen vertraut war. Der Ausschluß mancher Schüler aus Kastalien gab ein Zeugnis von der Macht der nichtkastalischen Welt. Natürlich kannte er das Vorhandensein dieser Welt auch in seinem Herzen. Auch er hatte Triebe, Phantasien und Gelüste, welche den Gesetzen widersprachen, unter denen er stand, Triebe, deren Zähmung nur allmählich gelang und harte Mühe kostete. Auch ein so sublimes Gebilde wie der Orden war aus dieser trüben Flut geboren und wird irgendeinmal wieder von ihr verschlungen werden.

Dennoch blieb Knecht Verteidiger der Welt Kastaliens. Er ordnet sich in die Hierarchie ein, obwohl es ihn nach der Welt zieht. Sein Freund Tegularius jedoch, der Erzkastalier, liebte seine Freiheit, sein ewiges Studententum, über Alles. Er vernachlässigte die Meditationen, deren Sinn ja die Einordnung des Individuums ist. Er war der unberechenbare und störrische Einzelgänger, der geniale Narr und Nihilist. Er war in einer so geklärten und geordneten kleinen Welt  eine beständig lebendige Unruhe, ein Vorwurf, eine Mahnung und Warnung, ein Anreger zu neuen, kühnen, verbotenen, vermessenen Gedanken.

Er war der Typus des Kastaliers, wie er einmal werden sollte, er lebte im Selbstgenuß hochgezüchteter Fähigkeiten. Die beiden Pole in Knechts Leben waren die Tendenz zum Bewahren, zur Treue, zum selbstlosen Dienst an der Hierarchie, und andrerseits die Tendenz zum Erwachen, zum Vordringen, zum Greifen und Begreifen der Wirklichkeit. Er fühlte aber, daß er einer geistigen Gemeinschaft diente, deren Gefahr darin lag, daß sie in einer glänzenden, aber mehr und mehr zur Unfruchtbarkeit verurteilten Abspaltung vom Ganzen des Lebens verkam.

Knecht studiert nun wieder mehr die Geschichte Kastaliens und merkt, daß die Verbindung und der Austausch mit der Außenwelt in der Tat immer schwächer wird. Geschichte jedoch hat noch etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Abstraktionen sind entzückend, aber Knecht ist dafür, daß man auch Luft atmen und Brot essen muß.

Dennoch hat er eine glückliche Hand im Führen von Menschen: Seinen Freund Tegularius spannt er sinnvoll in seine Arbeit ein, so daß dieser doch noch Fruchtbares leistet, und den letzten Lieblingsschüler des Musikmeisters, der einen Personenkult mit dem Verstorbenen treiben wollte, bringt er durch kleine Beschäf­tigungen und erzieherische Gespräche wieder auf die rechte Bahn. Auch im Kreise seiner Kollegen in der Erziehungsbehörde gilt er als ein in Höflichkeit nicht zu Besiegender.

Die politische und administratorische Mitarbeit gefällt Knecht nicht besonders. Freude macht ihm das Lehren und Erziehen. Einmal trifft er Designori wieder, der in einem Prüfungsausschuß den kastalischen Haushalt prüft. Der ehemalige Freund scheint von einem Leiden gezeichnet zu sein, von einem tragischen, aber weltlichen Leid, eine Welttraurigkeit. Diesmal hat die Welt nicht ihre Derbheit, ihr Lachen, ihre Lebenslust geschickt, sondern ihr Not und Leiden.

Designori hatte versucht, seine Welt der kastalischen anzugleichen Als er jedoch wieder zurück muß, ist er enttäuscht über die Niveaulosigkeit der politischen Hochschulen. Und das naive, unschuldige Triebleben, undressierte Genialität des Naiven hat er nicht finden können. Er ist gescheitert in seinen Bestreben, Dolmetsch zu werden zwischen den beiden Welten: Er konnte das Leben nicht im kastalischen Stil weiterleben, die Meditationen werden verlacht und er kann nur mit den Weltleuten in Verbindung treten, wenn er sich auf eine Stufe mit ihnen stellt.

Aber auch nach einem Ferienkurs hatte er sich in Kastalien nicht wohlfühlen können, auch mit Josef war es nur ein gequältes Gespräch gewesen. Damals war er nahe daran, Waldzell zu hassen. Josef war sehr verwundert gewesen, daß Plinio nach Waldzell kam, obwohl er nicht einmal die Grundregeln mehr kannte. Als er aber beim zweiten Mal als völliger Weltmensch kommt, als er nicht als jemand scheinen will, der er nichts ist, kann ihm Josef wieder als Freund begegnen.

Sie können wieder streiten, wenn es auch nicht mehr Josefs Aufgabe ist, Kastalien zu verteidigen. Er meint nur, Kastalien könne nicht daran schuld sein, daß es sich abgekapselt hat ,es müsse woandersher kommen. Aber er bekennt auch, daß auch er gerade gern etwas erfahren möchte über die Welt. Aber er weiß auch, daß es echte Kastalier gibt, von einer Heiterkeit, die weder Tändelei noch Selbstgefälligkeit ist, sondern höchste Erkenntnis und Liebe, Bejahen aller Wirklichkeit, Wachsein am Rand aller Tiefen und Abgründe, unzerstörbar, das Letzte und Höchste.

Plinio jedoch hatte sie so gesehen: „Es gab Zeiten, da habe ich zu euch Ordensleuten und Glasperlenspielern emporgeblickt mit einer Verehrung, einem Minderwertigkeitsgefühl und einem Neid wie zu ewig heiteren, ewig spielenden und ihr eigenes Dasein genießenden, keinem Leide erreichbaren Göttern oder Übermenschen. Zu anderen Zeiten seid ihr mir bald beneidenswert, bald bemitleidenswert erschienen, Kastrierte, künstlich in einer ewigen Kindheit Zurückgehaltene, kindlich und kindisch in eurer leidenschaftslosen, sauber umzäunten, wohlaufgeräumten Spiel- und Kindergartenwelt, wo sorgfältig jede Nase geputzt und jede unbekömmliche Gefühls- oder Gedankenregung beschwichtigt und unterdrückt wird, wo man lebenslänglich artige, ungefährliche ,unblutige Spiele spielt und jede störende Lebensregung, jedes große Gefühl, jede echte Leidenschaft, jede Herzenswallung sofort durch meditative Therapie kontrolliert, abbiegt und neutralisiert.

Ist es nicht eine künstliche, sterilisierte, schulmeisterlich beschnittene Welt, eine Halb- und Scheinwelt bloß, in der ihr da feige vegetiert, eine Welt ohne Laster, ohne Leidenschaften ohne Hunger, ohne Saft und ohne Salz, eine Welt ohne Familie, ohne Mütter, ohne Kinder, ja beinahe ohne Frauen! Das Triebleben ist meditativ gebändigt, gefährliche waghalsige und schwer zu verantwortende Dinge, wie Wirtschaft, Rechtspflege, Politik, hat man seit Generationen anderen überlassen, feig und wohlgeschützt, ohne Nahrungssorgen und ohne viel lästige Pflichten führt man sein Drohnenleben und gibt sich - damit es nicht langweilig werde - eifrig mit allen diesen gelehrten Spezialitäten ab, zählt Silben und Buchstaben, musiziert und spielt das Glasperlenspiel, während draußen im Schmutz der Welt arme gehetzte Menschen das wirkliche Leben leben und die wirkliche Arbeit tun.“

Plinio ist dennoch durchaus kein Gescheiterter. Er schließt sich einer politischen Partei an, wird Mitarbeiter und später Schwiegersohn des Volksredners Veraguth. Ihm geht es, wie seinem Lehrer, besonders um Gerechtigkeit. Dabei zerstreitet er sich jedoch mit seinem Vater. Er kann aber auf der anderen Seite keine Befriedigung finden in seiner Arbeit. Doch Knecht gelingt es mit der Zeit, aus Designoris unglücklicher Liebe zu Kastalien eine glückliche zu machen.

In den Gesprächen mit Plinio äußert Josef schon bald den Wunsch, irgendeinmal seine jetzige Lebensform abzulegen und den Sprung in eine neue zu wagen. Der Wunsch nimmt immer mehr den Rang eines Entschlusses ein. Da sagt er es auch seinem anderen Freunde Tegulari­us, der dann die Aufgabe erhält, die Begründung zu verfassen, in der er dann dem offiziellen Kastalien, den Bonzen und der Hierarchie, alle Mängel vorwerfen kann. Designori jedoch soll ihm den Übergang in die andere Welt erleichtern, eine Wohnung beschaffen und eine Stellung als Lehrer und Erzieher. Plinio will ihm auch zugleich seinen Sohn bedingungslos überlassen, Josef soll Hauslehrer bei dem störrischen Knaben werden.

Tito ist das Bild der noch ungebeugten, unverbrauchten Menschheit. Zu ihm fühlt sich Josef Knecht hingezogen, denn er wußte, daß es um den Stamm nicht gut bestellt ist, wenn die Wurzeln nicht stark sind. Tito wittert in dem fremden Mann eine Gefahr: Man könnte ihn vielleicht in seiner persönlichen Bewegungsfreiheit einschränken. Er fühlt aber dennoch, daß hier ein Mann sein könnte, den man vielleicht sehr lieben und verehren könnte. Als Josef ihm einmal andeutet, wie man einen Musiksatz analysiert, gewinnt auch der junge Designori Achtung vor diesem Glasperlenspielmeister. Dieser arbeitet wieder sehr angespannt, denn er will die Kolonie in möglichst gutem Zustand verlassen, wenn er auch merkt, daß er nicht unentbehrlich ist. Nur die Loyalität in seinem eigenen Herzen und die Treue zu einer Einrichtung hält ihn noch zurück. Aber er fühlt, daß ihn die Behörde nicht ziehen lassen wird, denn dann gäbe sie ja zu, daß die Vorwürfe berechtigt sind.

Es ist Knechts Pflicht, der Erziehungsbehörde über Schwierigkeiten in seiner Amtsführung zu berichten. Diesmal liegen diese Schwierigkeiten in ihm selbst, denn er hat begonnen, an der vollwertigen Führungseines Amtes zu zweifeln. Er hat gemerkt, daß es knistert und will nun

an die Gefahrenstelle eilen. Er weiß, daß es noch. Jahrhunderte ohne Orden und Glasperlenspiel geben wird. Verschiedene Gefahren jedenfalls deuten daraufhin.

Für Kastalien unbrauchbare Elemente werden ja in die Welt zurückgeschickt. Aber doch gibt es eine Gefahr im Inneren: den Standesdünkel, der es nicht mehr zuläßt, sich in die Weltgeschichte einordnen zu können. Die Bildung ist nicht einem Größeren dienstbar, sondern neigt zum Selbstgenuß. Nur in den Lehrern stattet man den Dank an die Welt ab für die materielle Unterstützung. Aber dem Orden ist das Wohl der Welt und die Gerechtigkeit nicht weiter wichtig. Aber wenn es dem Land nicht gut geht, dann wird auch Kastalien verfallen, denn dann kann man sich solchen Luxus nicht mehr erlauben, man wird die Schmarotzer abschaffen.

Man beschäftigt sich viel zu wenig mit der Weltgeschichte, die man nur als einen brutalen Kampf um die Macht ansieht. Ebenso ergeht es der Geschichtsphilosophie (Hegel), weil sie in einer bestimmten Epoche stark mißbraucht worden war. Kastalien kennt nur die Geistesgeschichte. Kastalien ist jedoch selbst Geschichte und der Geschichte verantwortlich. Es ist aber zum Absterben verurteilt, wenn es die Fähigkeit zu weiterem Werden und Sichwandeln verliert.

Man hat auch vergessen, daß Kastalien aus einer Welt voller lebendiger Begeisterung und Unruhe hervorgegangen ist, wenn auch damals die Gelehrten schwer unterdrückt wurden und überall dann ein Verfall einsetzte, bis dann eine ungeheure Sehnsucht nach Überwindung des Chaos einsetzte, bis man nicht mehr von Machtinteressen regiert sein wollte, sondern von Wahrheit und Recht. Diesem Vakuum verdankt Kastalien seine Existenz. Aber in dem neugeschaffenen prachtvollen Bau weiß man nichts mehr von der Vergangenheit, nachdem man den Höhepunkt überschritten hat. Die Welt will wieder einmal ihren Schwerpunkt verlegen, aus dem Osten wird ein Volk kommen und das Land Kastaliens in einen Krieg ziehen, und dann wird dieser Luxus nicht mehr gefragt sein, man wird sparen müssen. Da Knecht diese Gefahr sieht und darüber nachdenken muß, glaubt er, sein Amt nicht mehr vollwertig ausfüllen zu können.

Obwohl die Kastalier aber gesittete Leute sind, zudem auch außerordentlich gut, so wären sie dennoch nicht zum Herrschen geeignet, sie könnten nicht mit der Kraft und Naivität tun, deren der echte Regent bedarf. Man braucht zum Herrschen nicht dumm und brutal zu sein, aber man darf einer ungebrochenen Freude an einer nach außen gewendeten Aktivität, einer Leidenschaft des sich Identifizierens mit Zielen und Zwecken, und gewiß auch einer gewissen Raschheit und Unbedenklichkeit in der Wahl der Wege zum Erfolg. Der Wissenschaftler jedoch befaßt sich damit nicht, seine Sorge ist nur die Sauberhaltung aller seiner Wissensquellen.

Wenn er sich aber den Leistungen, Opfern und Gefahren entzieht, die sein Volk zu bestehen hat, dann ist er ein Feigling und Verräter, ebenso wie wenn er die Prinzipien des geistigen Lebens an materielle Interessen verraten möchte. Notfalls soll der Kastalier seine Person opfern, niemals aber die Treue gegen den Geist. Dieser Geist wird auch noch in der Periode des Krieges bestehen bleiben, denn man braucht ihn teilweise zur Erzeugung neuer Waffen. Aber das Glasperlenspiel wird dann völlig überflüssig sein, man wird es abschaffen, ohne Schaden zu nehmen.

Die weltlichen Schulen draußen sind die geistige Basis im Lande. Deshalb muß das Land noch mehr als bisher mit Lehrern versorgt werden. Dies muß als der wichtigste und ehrenvollste Teil der Aufgabe erkannt und ausgebaut werden. Deshalb will Knecht eine Schule draußen übernehmen und mit der Zeit will er einen Stab von Ordensbrüdern als Lehrer nachziehen.

Die Erziehungsbehörde erkennt zwar Knechts Weitblick an, nimmt aber im einzelnen keine der Vermutungen als überzeugend an.

Man sagt, es liege gar nicht in der Aufgabe Kastaliens, auf die Welt einzuwirken, denn dort geht es nur um die Vernunft, die Geistesgeschichte hat eine ganz andere Entwicklung als die Weltgeschichte, mit der der Orden nichts zu tun hat. Man sieht das Rundschreiben sogar zum Teil als eine unwürdige Attacke auf die Seelenruhe und Phantasie an, die Leistungsfähigkeit würde vermindert, wenn man denken müsse, all das sei vielleicht morgen vorüber. Außerdem nimmt man den persönlichen Ton und die Anschneidung einer persönlichen Frage als Neuerung sehr übel.

Natürlich lehnt man das Gesuch ab, denn was würde aus der Hierarchie, wenn nicht mehr der Orden jeden an seinen Platz stellt. Was würde aus Kastalien, wenn jeder sich selbst einschätzte und seinen Posten danach aussuchen wollte. Knecht soll weiter auf seinem Platz bleiben, aber bald eine Aussprache mit der Behörde suchen, da man dort Grund zur Besorgnis hat, denn Knecht wird nun auch ab und zu beaufsichtigt.

„Jedem Anfang ist ein Zauber eigen“, das fühlt Knecht, als er beschließt, dennoch zu fliehen: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben. Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“ So hatte er selbst als junger Schüler geschrieben („Stufen“).

Er besucht noch einmal Tegularius und fährt dann zum Ordensleiter nach Hirsland. Er erkennt genau: Die Vorschriften Kastaliens könnten absolut, zeitlos und wahr sein. Sie wären es auch gewesen, wäre nur Kastalien die Welt, die ganze, mannigfaltige und doch unteilbare, statt daß es eben nur ein „Weltchen“ in der Welt oder ein kühner und gewaltsamer Ausschnitt ans ihr war! Wäre die Erde eine Eliteschule, wäre der Orden die Gemeinschaft aller Menschen und der Ordensvorstand so etwas wie Gott, wie vollkommen wären dann jene Sätze und die ganze Regel!“

Am Ende seines Weges stand er keineswegs im Herzen der Welt. Und im Innersten der Wahrheit, sondern auch das jetzige Erwachen war nur ein Sichwiederfinden in neuer Lage, ein Sicheinfügen in neue Konstellationen gewesen, ein Raum, der zu durchschreiten, zu transzendieren war. Die „Wil kür“ seines jetzigen Handelns war in Wahrheit Dienst und Gehorsam, indem er neuen, unbekannten und unheimlichen Bindungen entgegenging. Die alten Tugenden standen und behielten ihren Wert, er wurde nur weitergeführt.

Durch Meditation fand man nicht Gesetze, sondern Entschlüsse, man geriet nicht in den Mittelpunkt der Welt, aber den Mittelpunkt der eigenen Person. Der Austritt aus dem Orden stand ihm nach den Regeln - jedenfalls den geschriebenen - durchaus frei.

Knecht will nicht gehen im Bewußtsein, daß er noch zurückkehren kann, falls er enttäuscht sein sollte. Er will alle Brücken abbrechen, er ist hungrig nach Wagnis und Gefahr, nach Aufgaben und Taten. Das Festspiel jedoch würde ihm statt Freude nur Sorge und statt Stolz nur Angst einflößen. Und für diesen Fall hatte er sich vorgenommen zurückzutreten. Er hatte sich immer gescheut, sich dem Glasperlenspiel ganz und gar zu verschreiben. Dagegen wehrte sich ein naives Gefühl in ihm für das Einfache, für das Ganze und Gesunde.

Der Dominus jedoch hält ihm vor, daß ein Glasperlenspieler nicht dem größten  Herrn dienen kann, wie etwa Christopherus, sondern auf Gedeih und Verderb dem, der er sich verschworen hat. Der Einzelne kann nämlich gar nicht selbst über den Rang entscheiden, den die Herren haben, zwischen denen er wählen möchte.

Knecht jedoch hatte eine Welt kennengelernt, die voll Werden, voll Geschichte, voll Versuch und ewig neuem Anfang war. Sie war vielleicht chaotisch, aber sie war die Heimat und der Mutterboden aller Schicksale, aller Erhebungen, aller Künste, alles Menschentums, sie hatte die Sprache die Völker, die Staaten, die Kulturen, sie hatte auch Kastalien hervorgebracht und sie würde es sterben sehen und überdauern. Zu dieser Welt hatte Pater Jakobus Josefs Liebe geweckt, die beständig wuchs und Nahrung suchte. Und in Kastalien war nichts, was ihr Nahrung gab, dort war man außerhalb der Welt, war selbst eine kleine, vollkommene und nicht mehr werdende, nicht mehr wachsende Welt.

Josef weiß natürlich, daß er diesen Raum Kastalien nicht durchmessen und überwunden hat. Aber was er auf diesem Posten dort tun konnte, das hatte er getan. Seine Arbeit war nur noch Routine, und es wurde Zeit damit aufzuhören. Er hatte sie gewissenhaft ausgeführt bis zuletzt, m nicht im Andenken der anderen als Verräter oder Verrückter zurückzubleiben, wenn er auch schon lange den Gedanken in sich trug, so möchte er doch anerkannt sehen, daß er ein vorzüglicher Glasperlenspielmeister war

Das Haupt der Ordensleitung jedoch sieht immer nur, daß hier der Wille eines Einzelnen unter Umständen das Recht haben will, die Gesetze zu brechen, an die er glaubt und die er zu vertreten hat. Er kann nicht gleichzeitig an seine Ordnung und an ein privates Recht zu ihrer Durchbrechung glauben

Knecht wandert zu dem Haus Designoris. Er soll von nun an in einem Haus in den Bergen leben mit Tito, dem Sohn Designoris. Dieser jedoch hat es vorgezogen, rechtzeitig zu verschwinden, allerdings ins Gebirge, denn er wünschte die schöne Reise nicht in Begleitung eines Aufsehers zu machen. Er erwartet ihn schon auf der Schwelle des Hauses am Bergsee. Abends plaudern sie, Tito zeigt dem Meister seine Pflanzensammlung und am nächsten Tag wollen sie eine Wanderung unternehmen. Es ist keine Rede von Zeugnissen und Stundenplan. Das verpflichtet natürlich und rief die edlen, guten, ritterlichen, die höheren Strebungen und Kräfte in dem Schüler an.

Der Adel, die Vornehmheit und das Herrentum ziehen ihn bei dem anderen an. Josef jedoch fühlt sich unwohl, denn der große Höhenunterschied macht ihm zu schaffen. Bei Sonnenaufgang trifft er sich mit seinem Schüler am See zu einem Bad, denn Tito verlegt sich im Gegensatz zu seinem Vater etwas auf das Naturburschentum und Geistverachtung, und der Lehrer will nicht als Feigling erscheinen. Der Jüngling empfindet deutlich das Weihevolle dieses Augenblicks mit dem verehrten Meister, er führt eine Art Tanz auf, ganz vergessend, daß er nicht allein ist.

Plötzlich wacht er wie aus einem Schlaf auf und weist auf das jenseitige Seeufer, das er noch erreichen will, ehe die Sonne auch dorthin gekommen ist. Josef kann den Jungen nicht allein lassen und enttäuschen, wenn er nicht zerstören will, was sich in dieser Morgenstunde angebahnt hat. Der See empfängt ihn mit Eiseskälte von schneidender Feindseligkeit. Während der noch den Vorsprung des Jüngeren einholen will, umarmt ihn schon der Tod. Der Schüler kehrt besorgt um, findet jedoch den Meister nicht mehr. Er fühlt sich mitschuldig und es überkommt ihn mit heiligem Schauer die Ahnung, daß diese Schuld ihn selbst und sein Leben umgestalten und viel Größeres von ihm fordern werde, als er bisher je von sich verlangt hatte.

 

„Der Regenmacher“ (Seite 631)

De Menschen der mythischen Zeit strebten dabei wohl eigentlich nach demselben Ziel wie die Wissenschaft und Technik späterer Jahrtausende es tat, nach dem Beherrschen der Natur und dem Spielenkönnen mit ihren Gesetzen, aber sie taten es auf einem vollkommen anderen Wege.

Sie trennten sich nicht von der Natur und suchten in ihre Geheimnisse nicht gewaltsam einzudringen, sie waren nie der Natur entgegengesetzt und feindlich, immer ein Teil von ihr und ihr mit Ehrfurcht hingegeben. Es ist wohl möglich, daß sie sie besser kannten und klüger mit ihr umgingen.

Eines aber war ihnen ganz und gar unmöglich, nicht einmal in den verwegensten Gedanken: der Natur und der Geisterwelt ohne Angst zugetan und untertan zu sein oder sich gar ihr überlegen zu fühlen. Diese Hybris war ihnen undenkbar, und zu den Mächten der Naturkräfte, zum Tod, zu den Dämonen ein anderes Verhältnis als das der Angst zu haben, wäre ihnen unmöglich erschienen.

Die Angst stand beherrschend über dem Leben der Menschen. Sie zu überwinden schien unmöglich. Aber sie zu besänftigen, sie in Formen zu bannen, zu überlisten und zu maskieren, sie ins Ganze des Lebens einzuordnen, dazu dienten die verschiedensten Systeme der Opfer (so überwindet der Regenmacher einmal die Angst seiner Dorfgenossen, indem er sie einmünden läßt in ein Bittopfer, das dann eine Panik verhindert).

Die Angst war der Druck, unter dem das Leben dieser Menschen stand, und ohne diesen hohen Druck hätte ihrem Leben zwar der Schrecken, aber auch die Intensität gefehlt. Wenn es gelang, einen Teil der Angst in Ehrfurcht zu veredeln, der hatte viel gewonnen, Menschen dieser Art, Menschen, deren Angst zu Frömmigkeit geworden war, waren die Guten und Vorgeschrittenen jenes Zeitalters, etwa der Regenmacher.

Dieser ganze Lebenslauf des Regenmachers, den der junge Josef Knecht schreiben mußte, indem er sich in irgendeine Zeit geistig vertiefte, dient vortrefflich dazu, das natürliche Leben in einer Gemeinschaft der mythischen Zeit zu verdeutlichen. - Zu beachten ist auch der häufige Gebrauch solcher Worte wie „Geist“, „Weisheit“, „Wahrheit“ in Hesses Werken, besonders in den Gedichten und in dem Hauptwerk: „Das Glasperlenspiel“.

 

 

Georg Kaiser                                                                                                        1878 - 1945

Die Bürger von Calais:     

Zwischen England und Frankreich besteht ein alter Streit. Und der Hafen von Calais bedroht England. In Frankreich herrscht ein „Fremder“ d.h. ein Franzose hat sich die Herrschaft „angemaßt“; der englische König hat jedoch diesen Anführer und seine Truppen geschlagen. Ein gefangene französischer Offizier, den ein englischer Gesandter vorführt, kann das nur bestätigen: der König flieht. Der englische König jedoch hat die Macht über die Stadt nur, wenn sechs der gewählten Bürger an ihn ausgeliefert und gehenkt werden, dann will er die Stadt ohne Plünderung nehmen.

Stadt und Hafen sind gerade neu und schöner wiederaufgebaut worden Deshalb rät Eustache de Saint-Pierre, die Bedingung des englischen Königs anzunehmen: „Erst habt ihr mit aller Kraft gegen das Meer gekämpft, und wenn ihr nun alles so leicht hingebt, dann war euer Kampf ein Frevel. Der Hafen ist es wert, mit der ‚Ehre Frankreichs‘ bezahlt zu werden. Ein Kampf aber gegen die englische Übermacht wäre sinnlos!“ Und als man ihm vorwirft, er wolle nur seinen Reichtum retten, ist er auch bereit, sich als erster freiwillig zu melden. Auch die anderen treten zu ihm, zuletzt zweie gleichzeitig, zwei Brüder, so daß es nun sieben sind. Wer aber soll zurücktreten, wer wird mit dem Makel behaftet sein, sich nicht geopfert zu haben, während seine Kameraden in den Tod gingen?

Am Nachmittag, als gelost werden soll, versuchen zwei Brüder, den vierten Bürger zurückzuhalten, damit nicht nachher einer von ihnen mit dem „lächerlichen“ Los herauskommt. Man will überhaupt nicht losen, über allen schwebt die Ungewißheit des Ausgangs - und die Hoffnung. Aber Eustache hat alle (!) Kugeln blau gefärbt, es kommt wieder keine Entscheidung zustande. Eustache wollte verhindern, daß einer seine Tat zu spät bereut, falls er sich in der Hitze des Augenblicks entschieden hat. Deshalb fragt Eustache noch einmal: Seid ihr auch reif für eure Tat Wer morgen zuletzt auf der Mitte des Marktplatzes ankommt, ist frei!

Die Bürger beschließen am nächsten Morgen schon, daß der Erste, der ankommt, dem englischen König den Stadtschlüssel überreichen soll, denn man glaubt, daß Eustache wieder der Erste sein wird. Aber Eustache kommt nicht, die Umstehenden ahnen Verrat und Betrug. Auf einer Bahre wird er schließlich herbeigetragen - tot, um das Opfer der andere rein zu halten. Sein alter Vater erklärt an der Bahre diese Tat. Er ruft aus: „Schreitet hinaus, in das Licht - aus der Nacht. Die hohe Helle ist angebrochen - das Dunkel ist zerstreut. Von allen Tiefen schießt das siebenmal silberne Leuchten - der ungeheure Tag der Tage ist draußen! ...Ich komme aus dieser Nacht und gehe in keine Nacht mehr. Meine Augen sind offen - ich schließe sie nicht mehr. Meine blinde Augen sind gut, um es nicht mehr zu verlieren. Ich habe den neuen Menschen gesehen - in dieser Nacht ist er geboren!“

Eustache hat seinem Leben ein Ende gesetzt, um das Opfer der anderen freizuhalten von Mißgunst, Neid und Versuchung. Er verkörpert den neuen Menschen, er ruhig sein Leben hingibt, um die Welt in Reinheit zu erhalten. Die Welt wird wieder ins Lot kommen, wenn der „neue Mensch“ ihre Bühne betritt.

Dann ist auch der tragische Ausgang bedeutungslos: Dem König wird in ebendieser Nacht ein Sohn geboren, Calais ist ohne Buße vor der Zerstörung gerettet worden, denn nun will der englische König sie verschonen. Man stellt die Bahre an den Altar:  Hier soll der König vor seinem Überwinder knien, wenn er betet.

Das Problem wäre ja geblieben, auch wenn dieser Schluß nicht gekommen wäre: Dann hätten alle sieben weitergelebt, aber einer wäre. immer mit dem Makel behaftet gewesen, m entscheidenden Augenblick versagt zu haben, noch ein „alter Mensch“ zu sein. Er wird nicht mehr in dieser Gemeinschaft leben können.

                                  

Die dramatische Spannung wird gestiftet durch den Läuterungsprozeß: Der Aufbruch erfolgt nicht sofort der Hingabewillen wird erst noch geprüft. Zunächst scheint einer überleben zu sollen, doch dann kommt jene ungeheure Aufgipfelung, indem sich nämlich sieben Freiwillige melden, aber keiner zurücktreten will. Dazu sind alle Auftritte noch einmal sechsfach gestuft, der Zuschauer erlebt alles sechsmal. Sechs ist hier die Zahl der Klarheit, sieben die des mysteriösen Geheimnisses.

In imperativischen (Indikativ!) Thesen vertritt der Dichter zunächst einen Standpunkt, der allein gültig zu sein scheint. Dann jedoch fällt er durch die Widerrede (1. Akt) wieder in sich zusammen und wird durch eine neue These ersetzt (keine Dialektik!). Diese neue These

wird dann noch durch Evokation (Wiederholung, Pleonasmen) verstärkt, bis hin zum Schlagwort, das dann zur Tat ruft.

Hier wird aber nun auch keine Lösung gezeigt. Es setzt vielmehr eine stumme Handlung ein, und ein neuer Umschlag erledigt die Tat. Jeder scheinbare Abschluß setzt einen Neuanfang, die Ziele werden ständig neu entworfen oder durch Zufall umgestoßen (Kind geboren); das Drama fällt ins Lyrische zurück. Auch die Spannungsbrücke bereitet nicht den nächsten Akt vor, sondern sie gibt nur die Spannung weiter und läßt den nächsten Akt mit einer neuen Spannung als geschlossenes Ganzes wieder neu beginnen.

Das letzte Ziel ist jedoch nicht im dramatischen Ablauf dargestellt, sondern in den Personen. Der „neue Mensch“ erscheint uns so in Eustache, in seinem Vater und in dem Königskind. Hat der neue Mensch nun verschiedene Gesichter hat er überhaupt eins? Zunächst einmal steht fest, daß vor aller Individualisierung und Typensonderung erst einmal der  Mensch zu Wort kommt (allerdings nicht der  „abstrakte“ Mensch).  Es heißt nicht: „Liebe deinen Nächsten!“sondern: „Liebe den Menschen!“

Der Stadthauptmann Dugueselins verherrlicht das konventionelle Heldentum, den Waffenruhm und den Heldentod; er kämpft jedoch sinnlos, sein Kampf ist aussichtslos. Auch die Menge ist unerlöst, denn sie ist unfähig, selbst zu handeln, sie kann nicht sprechen; sie folgt dem, der ihr zu helfen verspricht; sie sieht zu, wie andere sich opfern.

Für die sechs Männer sind Besitz und Familie die Scheinwirklichkeit, aus der der „reine Täter“ sich zu befreien hat, denn die Spontaneität des ersten Entschlusses soll in jedem der Sechs zur Dauer (!) werden, in ein starres Nur-Aufbrechen-Wollen sich wandeln. Bewegung und Dauer sollen eins werden (am Schluß sind sie dann auch „ein Leib“). Dieser Weg geht von der Individualität zum „Wir“, von der Gestalt zur formlosen Vision.

Der neue Mensch geht in der Gemeinschaft auf, in einer „Opfergemeinschaft“, die allerdings nachher zerfällt, weil das Opfer erlassen wird (es geht also nicht darum, ob eine solche Gemeinschaft lebensfähig ist).

Der lebende (!) neue Mensch ist Eustache: Er veranlaßt das Opfer, er formt die Sechs, bis sie eines (= seines) Willens sind. Er allein weiß um das Geheimnis des neuen Menschen, er weiß allein, wie er es für sich lösen wird. Nicht aus Mitleid wählt er den Tod, sondern er will verhindern, daß ein Siebenter am Leben bleibt, der um die Früchte seiner Opfervorbereitung betrogen wird. Deshalb opfert er sich vorauf, um den anderen die Möglichkeit des Opfers außerdem zu zeigen. Dieser Tod ist für ihn der notwendige Übergang zur Stiftung eines neuen, höheren Menschen. Eustache rühmt diesen Tod, er erhält sakrale Weihe durch das Wort. „Nicht von dieser Welt ist das Reich!“

In der Nacht ist auch wirklich ein neuer Mensch geboren worden -  der Sohn des Königs. Dieses Kind überwindet, indem es in die Erde hinein geboren wird und im Diesseits Heil stiftet.

Unmittelbarster Künder vom neuen Menschen ist jedoch der Vater des Eustache. Er hat am wenigsten „Charakter“ (im Gegensatz zum Stadthauptmann), aber an ihm erkennt man am unmittelbarsten das „per - sonare“ der Idee.. Es geht hier nicht um eine Stilisierung vom realen Menschen auf d e n Menschen hin, sondern diese Menschen sind Entwürfe aus der Idee in die Realität, die allerdings erst geschaffen werden muß. Es ist also nicht eine Abstraktion, sondern Personifikation. Der alte Vater ist der bloße Mund der Vision, er ist die undifferen­zierteste Gestalt, steht aber der Idee noch am nächsten.

Zuerst ist auch diese neue Konzeption da, dann wird sie am historischen Stoff deutlich gemacht. Der Dichter entwirft hier nicht e i n Gesicht, sondern auswechselbare Transparente des neuen Menschen. Er zeigt die ich-lose Gemeinschaft und den durch das Geheimnis ausgezeichneten Einzelnen. Der letzte Akt vereint alle diese Menschen: Tod von Eustache, Vision des Vaters, Aufbruch der Sechs, Geburt des Kindes.

Der Dichter legt nicht auseinander, sondern er türmt die Gegensätze. Das bringt natürlich keine Klärung. Auffallend ist zum Beispiel die Vermischung der Erneuerungslehre Nietzsches und der Entsagungslehre Schopenhauers, von platonischen Ideen und christlichem Ritual.

Jedoch ist nicht die Hingabe an den Mitbürger die leitende Idee, sondern es ist immer nur die Rede von Werk und Täterschaft. Die Erziehungsmaßnahmen des Eustache - die ja den Kern der dramatischen Handlung bilden - sind um der Sache willen ja sinnlos. Es geht nicht um den Ansporn zum Dienst in der Sache, sondern um die Intensivierung der Opferbereitschaft. Täter und Tat sollen eins werden.

Diese Opfergesinnung bringt jedoch in Wahrheit die Sache dem Ich zum Opfer! Die Läuterung ist eine Privatangelegenheit, die Bürger dienen diesen Männern nur zur Ich-Erhebung. Deshalb ist Kaisers Werk kein überzeitliches Lehrstück - das ist viel eher die Froissartsche Chronik, in der es wirklich noch um das Mitleid geht - Kaisers Drama ist vielmehr zum beklemmenden Zeitstück des 20.Jahrhunderts geworden.

Hier wird nämlich der Mensch gezeigt, wie ihn totalitäre Staaten und Systeme erträumen: Für den, der die Parole gibt, geht man in den Tod, Ergebenheit der Masse in den Führer, Opfer­exesse der Besten,  totaler Funktionalismus, Opferenthusiasmus, Menschenverbrüderung, kämpferischer Pazifismus mit einer Sehnsucht nach Frieden ohne Gewalt und Erneuerung des Menschen.

Das Stück ist 1913 geschrieben, erhielt aber erst 1917 seine Aktualität, als es aufgeführt wurde und ausgenutzt wurde von der Linken: Auch in Deutschland gab es damals noch einflußreiche Kreise, die nur einen Sieg frieden wollten. Wenn es auch ein Ende mit Schrecken sein sollte, wollte man doch die „Ehre“ retten. Diese Leute nahmen dieselbe Haltung ein wie der französische Offizier im ersten Akt. Der Linken jedoch gefiel, daß man hier aufhört zu kämpfen und sich geschlagen gibt. Es geht nicht um das Volk; das Volk ist willenlos, es folgt dem, der die größte rhetorische Gabe hat, es steht äußerst tief: Es gehorcht unbedingt den Demagogen.

In der Quelle sterben die sechs Bürger aus Mitleid für ihre Mitbürger. Bei Kaiser geht es jedoch um das „Werk“ , um den Hafen, den man gegen alle Naturgewalten aufgebaut hatte; er soll gerettet werden. Dem gegenüber stehen die paar Männer, die hier zum Opfergang antreten. Sie sollen reine Menschen werden, ihr Ich soll sich vervollkommnen, sie sollen zum „neuen Menschen“ werden (es wird ja auch ein neuer Mensch gehören, der Sohn des Königs). Es sind Aristokraten, aber gewissermaßen Übermenschen im Sinne Nietzsches, die kein Mitleid mit den Menschen haben, sondern nur das Werk retten wollen.

Hierzu ist allerdings zu sagen: Einen solchen Menschen gibt es ja gar nicht, so kann kein Mensch sein: Man kann nicht einen Tag lang sich in einem solchen Hochgefühl der Opferbereitschaft halten. Der Mensch „funktioniert“ einfach nicht so. Dieser Wert soll aber rein erhalten werden; er wird gemessen an der Intensität, nicht an der Sache.

Die dramatische Entwicklung entsteht ja eigentlich erst dadurch, daß am Schluß zwei Brüder gleichzeitig kommen. Nun tut sich erst das Problem auf: einer braucht nicht zu sterben. Und nun überlegt sich jeder, was er tun wird, wenn er überlebt. Sie werden also schwankend, ihre reine Opfergesinnung ist nicht mehr da. Sie sollen noch einmal wählen können, sie müssen ihre Haltung bis zum nächsten Morgen erhalten, aber dadurch wird dann auch ihr Opfer entwertet.

In diesem Drama liegt die Gefahr, daß es durch Diktaturen ausgenutzt wird. Es verdammt jedoch gerade die Durchhalteparolen, denn der Offizier geht unrühmlich unter, während die Männer gerettet werden. Die letzte Entscheidung liegt jedoch nicht mehr in der Brust des Zuschauers, sondern es wird genau gesagt, was man tun soll. Es handelt sich also um ein Lehrstück, wenn es auch eine absolut dramatische Entwicklung hat mit einem Höhepunkt am Schluß (also Bruch mit der Tradition).

Kaiser wollte zeigen:

(1.) Wie Leute unbedingt den Demagogen gehorchen

(2.) Sehnsucht nach Opferung (bei allen sieben)

(3.) Sehnsucht nach Frieden ohne Gewalt

(4.) Mystifizierung des Opfergangs.

Übrigens findet sich hier noch das Gedankengut eines anderen Denkers: Leiden und Willen, Individualität aufgeben bis zu einem Aufgehen im Nirwana, das ist die Lehre Schopenhauers.

Ähnliche Gedanken wie bei Georg Kaiser finden wir auch bei Friedrich Nietzsche und Stefan George. Franz Kafka jedoch lehnte sie ab.

Nietzsche und George wollten die Masse überwinden durch Übersteigerung zum Übermenschen (Nietzsche) oder durch Sammlung eines Jüngerkreises (George). George kam dabei aus einem ästhetischen Schauen zu einem. religiösen Erlebnis, indem er einen schönen Jüngling „Maximin“ zum Gott werden ließ. Er sammelte dann einen Bund und wollte sogar einen Staat gründen (Das Neue Reich).  Als er aber dann merkte, daß man sein Buch im „Dritten Reich“ falsch verstand, floh er in die Schweiz. Von dort erklärte er, daß er mit der Elitebildung" gar nicht Hitlers braune Genossen gemeint hatte. Aber diese Gedanken wurden dann sehr gefährlich, als die Massenmenschen sich in diese Gedanken einlebten und damit diesen Mythos ins Schreckliche verkehrten.

 

Pygmalion:

Dieses Passionsdrama messianischen Charakters bezieht sich auf die Sage von dem Bildhauer Pygmalion, der sich in eine von ihm geschaffene Statue verliebt, die auf sein Flehen von Athene zum Leben erweckt wird.

Pygmalion wandert im Traum durch eine idyllische, paradiesische Landschaft, eine Wunschwelt, die ihm jedoch als allein real erscheint; diese Illusion wird zur eigentlichen Wirklichkeit, zum Positiven für ihn. Das ehemals Wirkliche wird jedoch zur Nichtigkeit entwertet und seine Berufswelt erscheint ihm als dumpfer Schlaf.

Er hat aber nun all seine Lebens- und Gefühlskraft in sein Werk gelegt, er selbst fühlt sich nun überflüssig und will Selbstmord begehen. Da erscheint ihm Athene und gibt ihm einen messianischen Auftrag: Er allein bewahrt in sich noch den Gott inmitten der entmenschter Menge, er allein kann den Zorn der Götter noch besänftigen, wenn er von Zeit zu Zeit ein gutes Kunstwerk liefert. Diese neue Skulptur, die er eben gerade geschaffen hat, hilft dazu, und zum Dank erweckt Athene sie zum Leben, zu der jungen Frau Claire. Der Künstler wird damit der Retter der Menschheit, zum Märtyrer der Welt.

Sein Leidensweg beginnt damit, daß ein Kunde die bestellte Plastik abholen will, die gar nicht mehr vorhanden ist. Pygmalions Geliebte Korinna, die ein Eheversprechen hat, wird eifersüchtig auf Claire und läuft ebenfalls zum Richter. Auch einen Alexias, den Pygmalion als Ausflucht gefunden hatte, gibt es wirklich, und dieser erstattet nun Anzeige wegen Ver­leumdung. Vor Gericht glaubt man Pygmalion natürlich die wahre Geschichte auch nicht, nachdem er erst verzweifelt zu leugnen versucht hatte.

Athene bewahrt ihn jedoch vor einem erneuten Selbstmordversuch, indem sie die Figur wieder auf den Sockel zaubert. Aber es ist nur die tote Figur, Traum und Leben, Kunst und Natur werden nie zur Deckung kommen, Claire kann nicht beide sein. Aber aus dem Wissen um die Unerfüllbarkeit seiner Sehnsucht schafft der Künstler nun die „Gnadenbilder“ für die ganze Menschheit".

Die Wirklichkeit behauptet sich über alle Wunschbilder hinweg! Diese bittere Wahrheit muß er durchleiden. Er leidet so am Mißverhältnis zwischen Phantasie und Wirklichkeit, aber gerade das hebt ihn über die anderen Menschen hinaus und macht ihn zum Freund der Götter. Er muß von nun an die Gegebenheiten der Wirklichkeit hinnehmen, aus der Kluft zwischen Wollen und Müssen erwächst ihm Leid, aber zur Erlösung der Menschheit.

Es geht bei Kaiser um die Verurteilung der gegenwärtigen Gesellschaftsformen und den maßlosen Haß auf alle Wirklichkeit, aber auch um den Versuch der Erneuerung des versklavten Menschen, um menschliche Lebenserfüllung in paradiesischen Urzuständen. Der Held ist immer auf der Flucht, um einen möglichst großen Abstand zwischen sich und die Realitäten zu legen, wenn sie dabei auch zu Schlafwandlern werden auf dem Weg zu neuem Leben, zu einer „Wirklichkeit der Illusion“ (Gegensatz: gemeine Wirklichkeit).

Das Streben nach einer neuen Harmonie ist aber ein religiöses Lebensgefühl. Kaisers Dramen sind Heilsutopien (Pygmalion unmittelbar neben Christus, Erlösertat für alle!). Kaiser identifiziert sich jedoch keineswegs mit der christlichen Heilslehre, sondern er hat eine eigene Konzeption: Eine der Personen trägt von Anfang an den Heilszustand als Geheimnis in sich, er ist der positive, gesegnete Gegenwert zur gemeinen Wirklichkeit.

Das Heil bleibt aber geheim, denn es bedeutet ja Abgrenzung von der Wirklichkeit. Die Außenwelt jedoch versucht, das Geheimnis an die Öffentlichkeit zu zerren. In dem dann folgenden Kampf sind dem Helden nun alle Mittel gestattet. Hauptwaffe ist die Lüge, besonders bei einer gerichtlichen Untersuchung. Den all das geschieht um des Geheimnisses willen, eine transzendente Existenz, ein Schutzwall soll so geschaffen werden; es geschieht aus Scham und Hemmung, der Außenwelt einen Einblick zu gewähren.

Als dann aber Pygmalion gesteht, lacht man ihn aus. Krasser kann man den Unterschied zwischen den beiden Arten der Wirklichkeit nicht ausdrücken. Dadurch erfährt aber auch das Gericht wieder nicht die Wahrheit, denn es sieht das Geständnis ja als Lüge an.

 

 

Stefan Zweig: Der Kampf um den Südpol (österreichischer Dichter)    1881 - 1942 Scott ist irgendein Kapitän der englischen Marine. Seine Biographie ist identisch mit der Rangliste. Er hat gedient zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, keine sonderliches Betragen deutet den Helden an, den Heros. Sein Gesicht, das von zehntausend Engländern, nirgends eine romantische Linie in diesem Antlitz aus Willen und praktischem Weltsinn

Die „Terra Nova“ bringt sie zum Winterquartier, doch auch der Norweger Amundsen rüstet, und er ist 100 Kilometer näher zum Pol; dieser Schatten von Angst wird immer über den Männern bleiben. Die Motorschlitten fallen bald aus, auch einige Ponys. Jede Kleinigkeit wird hier zu einer Gefahr, weil sie in dieser Öde einen unersetzlichen Wert darstellt. Das Wetter ist schlecht, der Gesundheitszustand der Männer auch nicht besonders. Nur fünf machen sich schließlich auf die letzte Strecke.

Noch 50 Kilometer, schon recken sie die Hände nach dem letzten Geheimnis der Erde. Nur noch ein letzter Ruck, und das Ziel ist erreicht. Am Ziel weht die norwegische Flagge, der Pol ist innerhalb von zwei Wochen zweimal entdeckt worden, und sie waren die zweiten. Wozu jetzt noch alles. Ihnen graut vor dem Rückweg. Die Hoffnung fehlt, sie sind abgekämpfter. Sie kämpfen nur noch um die heile Haut, um eine ruhmlose Heimkehr. Immer wenn sie ein neues Depot erreicht haben, flackert wieder die Hoffnung auf, und Wilson setzt selbst hier seine wissenschaftlichen Beobachtungen fort und schleppt noch 16 Kilogramm seltener Gesteinsarten mit.

Evans, der stärkste, stirbt als erster im Wahnsinn. Das Brennmaterial in den Depots ist zu knapp, die Zehen erfrieren, da das einzige Mittel gegen den Frost fehlt. Oates spürt, daß er seinen Freunden zum Verhängnis werden wird, er kann nicht mehr mithalten; sie schleppen ihn weiter, doch am nächsten Morgen geht er in den Schneesturm hinaus, wie ein Held geht er dem Tode entgegen.

Das Wetter hält die drei andern tagelang im Zelt fest, kein Wunder kann sie mehr retten. So beschließen sie, keinen Schritt dem Verhängnis entgegen zu gehen und den Tod stolz wie alles andere Unglück zu erdulden. In der Stunde des Todes schreibt Scott noch Briefe an alle Lebendigen, die er liebt, hier im Angesicht des Todes. Er, der immer zur Trägheit neigte, bejaht diesen Tod, der besser war als zu Hause in Trägheit zu sitzen. Bis ihm die Finger festfroren hat

Scott sein Tagebuch geführt.

 

 

Ernst Stadler (Elsässischer Dichter)                                                                1883 - 1914

Vorfrühling: 

Die Straßen sind vom „Lenzgeruch“ aufgewühlt, „Winde schlagen an“, „ein Takt schwillt entgegen“, „Wirbel rollen im Blut“, der Dichter möchte hinaus aus der Stadt, der „verstörten Häusersenkung“ in die „Bläue hoher Morgenstunden“.

Das sind einige Floskeln, in denen immer noch ein Gedanke fehlt, daß zum Beispiel die Bläue am Himmel ist. Es handelt sich um keine Naturdarstellung, sondern es geht nur um das Gefühl im Menschen, um das eigene Ich, das hier beschrieben wird: „In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen“.

Es handelt sich auch hier um einen modernen, optimistischen Sturm und Drang, um expressionistische Dichtung des Aufbruchs. Eine Ungeduld schwingt in den langen Zeilen mit, weil man immer so lange warten muß, bis die Aussage, die Aufforderung kommt. Die langen Verse sind jedoch gereimt, klingen allerdings fast wie Prosa. Nach der Zäsur im dritten Vers folgt jeweils eine Langzeile, die in den beiden ersten Strophen in Enjembements übergeht, in der letzten Strophe jedoch nichts, um den letzten Vers herauszuheben; eine Form ist also da.

 

Form ist Wollust:     

Ein Dichter lehnt hier die dichterische Form ab, er und die Welt sollen ihre Grenzen sprengen und in „grenzenlosem Sichverschenken“ die Erfüllung finden. Gerade das Zersprengen der Form ist hier das Positive. Praktisch hat das Stadler gezeigt etwa in dem Gedicht „Vorfrühling“, hier nun legt er seine Kunstauffassung dazu dar.

Dennoch ist gerade in diesem Gedicht auch wieder die Form etwa in Reim und Silbenzahl gewahrt: Die beiden ersten und die beiden letzten Verse geben jeweils den Rahmen, die anderen Verspaare geben immer den Gegensatz zwischen Form und ihrer Überwindung.

 

Gottfried Benn: Abschied                                                                      1886 - 1956

Der Dichter redet die Einsamkeit an, er meint aber damit sich als den alten Mann. Doch er kann nicht ausdrücken, was in seiner Tiefe lebt, und so schweigt er. Plötzlich zweifelt er auch, ob er überhaupt noch derselbe ist wie früher. Er zweifelt an seiner Dichtung (Goethe schrieb im Alter „Dichtung und Wahrheit“). Das Dasein ist ihm sinnlos geworden, und wenn er nun auch nicht Kommunist wird (wie sein Antipode Brecht), so wird er doch Existentialist.

An seinem Stil fällt auf, daß oft die Verben fehlen („Statisches Gedicht“), aber die Sprache ist rein, nicht wie in seiner mittleren Periode („Reisen“) voller Alltagswörter, Zeitungsdeutsch und fremdsprachliche Ausdrücke. In der Form setzt er also Stefan George fort, in der Philosophie jedoch Friedrich Nietzsche.

 

 

Georg Trakl                                                                                               1887 - 1914

Gesang des Abgeschiedenen:

Die Sprache klingt homerisch, denn sie enthält viele Daktylen, wenn auch keine Hexameter. Weiterhin finden sich Anklänge an Hölderlin, denn der Dichter stammt aus dem Kreis um Norbert von Hellinggrath, dem Wiedererwecker hölderlinscher Dichtung („Brot und Wein“, „stillere“ Hütten).

Natur und Mensch stehen in einer Harmonie, im Menschen leuchtet das Gute, er nimmt den Wanderer zu einem Gastmahl auf. Doch der einsame Enkel ist schon ein Abgeschiedener, auch der Duldende ist von der Natur abgeschieden. Hier zeigt sich der Grundzug dieses Dichters: Resignation. Aber es gibt noch eine geistige Elite; sie empfängt „Maß und Gesetz und die mondenden Pfade der Abgeschiedenen“.

 

Trübsinn:

 Zunächst ist man beim Lesen des Gedichts befremdet, etwa wenn man liest: „Baracken fliehen durch Gärtchen“. Man muß jedoch wieder die fehlenden Glieder suchen: Es ist gegen Abend, von den Büschen tropfen durch die Abendsonne vergoldete Regentropfen. Die Bäume sind entlaubt, der Himmel scheint zu schwanken, weil die Bäume schwanken.

Die modernen Dichter haben erkannt, daß in unserer Zeit die Sprache schon zu abgegriffen ist. Sie soll aber nun wieder für den Leser einen neuen Reiz erhalten, indem man sie verfremdet. Die Bilder rollen völlig unzusammenhängend ab (ähnlich „Die Zeit geht nicht, sie stehet still“ und „Ballade des äußeren Lebens“; diese haben jedoch alle einen positiven Ausklang). Die Begriffe drehen sich, sie sind nicht mehr zu fassen.

Die Bilder allerdings ändern sich gegen Ende des Gedichts: Es ist schon in der ersten Strophe die Rede von „Lichtschnuppen“, aber besonders tröstlich - trotz der dunklen Bilder - ist der Schluß: Wenn man Schatten sieht, dann muß auch irgendwo Licht sein! (also negativ verneint ausgedrückt, nicht direkt).

 

Grodek:

Derselbe, ehemals bejahende Trakl, schrieb nun dieses Gedicht im Ersten Weltkrieg nach der Schlacht bei Grodek. Hier tritt in jeder einzelnen Zeile der Gegensatz zwischen der Natur und dem Krieg auf. Dazu kommt noch eine mystische Überhöhung: Das rote Gewölk, in dem ein zürnender Gott wohnt sammelt das Blut, der Schwester Schatten schwankt vorbei - vollkommen dunkel geht das Gedicht aus.

 

Georg Heym: Der Krieg  (Expressionismus)                                                  1887 - 1912

Ohne Kriegserfahrung hat dieser Dichter den Krieg beschrieben und vorausgeahnt (Heym starb 1912), er ist ein Warner, der hier den Krieg darstellt als einen furchtbaren Dämon. Er wird einmal die „großen Städte“ vernichten wie Sodom und Gomorrha. Feind dieses Dichters

sind die großen Städte (deshalb kommt er zu dem Kriegsgedicht), in denen eine Menschenmasse ohne Gesicht lebt, die Schuld ist an dieser drohenden Gewalt der Städte, die aber bald gebrochen sein wird.

Wenn man dieses Gedicht mit einem Sonett des Andreas Gryphius „Tränen des Vaterlandes“ vergleicht, dann zeigen sich Unterschiede zu der Schilderung aus dem 30jährigen Krieg. Gryphius schildert nicht nur sehr real die Auswirkungen des Krieges (allerdings überspitzt), er sieht auch als Folge (!) des Krieges, wie der „Seelenschatz“ vielen Leuten verlorengegangen ist.  Bei Heym jedoch entsteht erst aus diesem Verlust das Unheil der Städte und damit der Krieg.

 

Josef Weinheber: Baum im Frost  (Österreichischer Dichter )                  1892 - 1945

Er hat Gemeinsamkeiten mit Klopstocks „Die frühen Gräber“: Der Mond wird in Verbindung gebracht mit Gräbern, es herrscht Totenstimmung, denn durch die aufgehende Sonne wird Klopstock an die verstorbenen Freunde erinnert.

Weinheber ist persönlicher. Bei ihm gibt es nur das Gefühl der völligen Verlassenheit, denn er gewinnt keinen Trost beim Anblick des Mondes, denn den Mond berührt das Sterben des Baumes gar nicht.

Die Odenform Weinhebers ist nicht so gekonnt wie bei Klopstock, mehrmals kommt er nicht mit den Silben aus, obwohl er neben Klopstock und Hölderlin der größte Odendichter ist.  Weinheber will die antike Form der Ode dem Untergang jahrhundertealter Dinge entgegenstellen.

 

 

Bertold Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder                                       1898-1956

Brecht will seine Zuschauer zum Denken anregen, das ihn dann zur Weltrevolution führen soll: Brecht wird dazu jedoch nicht Propagandist, sondern er schreibt Theaterstücke. Das epische Theater sieht er dabei als  d a s Theater des Marxismus an (auch schon früher bei Strindberg, Wedekind, in den Fronleichnams- und Mysterienspielen). Das epische Theater ist jedoch vorzüglich geeignet, eine Lehre zu verkünden. Es geht nicht mehr um Tragik, denn es sind keine Zweifel mehr möglich, es wird eindeutig nur eine Lehre vertreten und dargestellt. Was der Mensch ist, wird auch erst untersucht, er ist veränderlich (?). Ebenso sind die Szenen nur montiert und in sich selbständig.

Eine große Tragödie ist uns heute nicht mehr möglich. Deshalb ist es vielleicht gut, wenn wir wieder bescheiden beim Lehrstück anfangen (Thorton Wilder, Paul Claudel). Hier wird sofort jede Illusion zerstört, die Spannung wird genommen, indem man das Ende schon vorwegnimmt (Orakel!).

Durch eine „Verfremdung“ (in ferne Zeiten und Länder) will Brecht nun noch eine Objektivität schaffen, er will aus dem politischen Tageskampf herauskommen, damit man ihn nicht gleich als „Kommunist“ ablehnt. Der Zuschauer aber soll den Kopf schütteln, aber auch sich an der eigenen Nase fassen.

Mutter Courage setzt sogar um ihres Geschäftes willen ihr Leben aufs Spiel, sie lebt vom Krieg, sie ist eine „Hyäne des Schlachtfeldes“. Sie schachert sogar zu lange, als es um den Sohn geht. In ihr leben zwei Seelen: Mutter und Markentenderin.

Der Wagen ist Symbol für ihr Leben, am Wagen hängt ihre Existenz. Dadurch werden ihre natürlichen Gefühle immer wieder unterdrückt. Aber sie lernt nichts dazu, sie ist das „Lehrstück“, denn sie merkt nicht, daß der Krieg kein Geschäft ist. Sie ist eine kleinbürgerliche Kapitalistin, die immer weiter herunterkommt. Der Zuschauer soll sehen, daß ein solches Leben sinnlos ist. Die Tendenz lautet: gegen den Krieg.

Hier wird kein heldischer Mensch geschildert, den die „große Wut“ zum Revolutionär werden läßt, denn Courage kapituliert ja eindeutig. Sie spricht zwar von der „großen Wut“, aber sie singt dann auch wieder das „Lied von der großen Kapitulation“. Das zeigt, daß in ihr selbst die Dialektik liegt (nicht in zwei Personen), daß sie in sich gespalten ist: Als die Nachricht vorn Friedensschluß kommt, will sie etwa in die Kirche gehen; doch dann fällt ihr ein, daß sie nun noch schleunigst ihre Waren losschlagen muß.

 

Durch ihr Tun schützt sie zwar sich und andere, der Dichter Brecht hält das jedoch nicht für richtig. Courage merkt die Lehre dieses Stückes zwar nicht: „Wer am Krieg verdienen will, verliert in Wirklichkeit!“ Auch den Großen bringt der Krieg nichts Gutes (Cäsar, Salomon,  Beerdigung Tillys). Der Zuschauer jedoch merkt, was gesagt werden soll.

Courage bleibt ein typischer Mensch in seinen inneren Widersprüchen, voller Dramatik und Tragik. Das ist durchaus nicht kommunistisch. Aber auch der vollkommen pessimistische Zug (Dialektik zum Schlechten) paßt nicht (noch stärker im „Dreigroschenroman“). Symbol dieses Zerfalls ist der Markentenderwagen, der immer abgerissener aussieht, mit dem sie aber immer noch weiterzieht, weil der Krieg noch lange dauern wird.

Neben der fehlenden positiven Zeichnung des Menschen fehlt auch der Glaube an die Veränderlichkeit der Umwelt. Der Mensch wird sogar noch schlechter mit dem Verfall der Umwelt. Eilif kann etwa auch dann nicht mit dem Morden aufhören, als der Krieg um ist(. Er wird sich nie ändern. „Die Tugenden zahlen sich nicht aus, nur die Schlechtigkeiten, so ist die Welt und müßt nicht so sein!!

Brecht ist nicht der kommunistische Funktionär, er hat kein proletarisches Drama geschaffen, sondern großes Theater und ist ein großer Dichter geworden. Aber beides zusammen ist wohl nicht möglich.

Auch Kattrin ist nicht gerade eine Vertreterin des „großen Zorns“, ihr Trommeln ist nicht das der Revolutionärin. Sie trommelt auch nicht wegen ihrer Mutter (damit wollten sie die Soldaten ködern , sondern sie will die Kinder in der Stadt retten (das  erstmals erwähnt). Sie handelt damit allein und rein idealistisch. Sie glaubt an den Frieden und sehnt ihn herbei, sie folgt ihrem Gewissen. Sie kann nur nicht sprechen. Aber auch die Mutter verhält sich ihr gegenüber gut und lehnt das Angebot des Kochs ab.

 

 

Stefan Andres: Wir sind Utopia                                                                       1906 - 1970

Der Matrose Paco, exkommunizierter Priester, träumt nachts häufig von seiner Trauminsel Utopia, auf der Heiden und Christen einträchtig nebeneinander leben sollen: „Heiden und Christen wetteiferten, in ihrem Gott erkennen, wiewohl das eine die Gottesbilder aus der Schöpfung, das andere sie aus dem Buch der Sehnsucht des einsamen Herzens und dem Geist

der Geschichte empfangen hatte. Da man sich aber gegenseitig eifrig beobachtete, kam es, daß die Christen in ihrem Glauben vieles von den Heiden hatten und die Heiden umgekehrt von den Christen; und das mehr im Waagrechten verlaufende heidnische Denken und senkrecht in die Unendlichkeit aufsteigende der Christen kreuzte sich wie die Fäden am Webstuhl. Das Gotteskleid, das sie auf diese Weise woben, trug die Muster sehnsuchtsvollen Friedens und demütiger Güte!“         

Pacos Beichtvater Damiano knurrte nur: „Wechseln sie die die Zelle oder lassen sie ihre Insel zu streichen, oder noch besser: Fahren sie nicht mehr hinüber. Vergessen sie nicht: Noch keiner hat die Welt zu einem Utopia reformieren können, keiner, selbst Er nicht! Wenn sie bedenken, Padre Consalves, daß die ganze Welt eine Börse ist (Padre Damiano war früher ein bekannter Bankier gewesen), und wenn sie sehen, wie schlecht die Aktien Gottes stehen und sie trotzdem kaufen, dann denken sie also etwa heimlich: „Wollen sehen, man kann nie wissen?“  Ich kann ihnen sagen, sie spekulieren daneben! Kaum haben sie gekauft, schon sinkt der Kurs von neuem, sinkt, sinkt und sinkt.

Sie gelten allgemein als ein Trottel, man lacht sie aus. Sie behalten aber das Papier, sie behalten es, nun ja, weil sie es ohnehin nicht mehr anständig los werden. Wegwerfen, ja, das wohl, aber verkaufen? - Sie wissen ja, die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder des Lichts. Und nun beginnen sie heimlich und leise, um ihre wertlos gewordene Aktie doch vielleicht wieder auf den Markt zu bringen, eine Utopia zu gründen, irgendwo. Keiner hat‘s gesehen, aber sie erzählen davon, ach ja: Was das Christentum alles doch bewirken könne, und das Ergebnis: ein richtiger Bankkrach!

Die Leute erfahren: das gibt es ja gar nicht, dieses Utopia, diese erlösten, friedlichen Christen, diese losgelösten, nur nach dem eigen trachtenden Priester, überhaupt dies besondere Leben, das die Erde liebt, wie nur die Heiden es können und zugleich für nichts erachten, wie es den Christen aufgegeben ist, nein, dies besondere Leben, das gibt es ja nicht. Die Christen sind nichts anderes als die übrigen Menschen. Wenn das dann wieder neuerdings feststeht, muß ihr Utopia als ein Schwindelunternehmen angesehen werden ,und was sind sie in diesem Fall? Und wo gehören sie hin? Ich sage ihnen, ins Gefängnis, genau wie dieses und jenes Finanzgenie, das am Mississippi oder in Alaska eine Gesellschaft gründet, die nur auf dem Papier existiert!“

„Christus hat doch gesagt, daß wir noch größere Zeichen und Wunder als er verrichten würden!“   Padre Daniano lachte grob: „O gewiß. Das größte Wunder ist nämlich, an diese scheinbar faule Aktie zu glauben, und nicht einmal, weil das in der 0ffenbarung steht - das könnte ja ebenfalls ein leeres Versprechen sein - sondern weil unser Herz erkannt hat: Die Aktie ist echt. Hier ist der Weg, die Wahrheit und das Leben - und nicht da und nicht dort, wenigstens nicht für mich. Und nun sei treu und kühn, glaube, hoffe und vor allem liebe! Und deine Aktie gibt dir mehr als ein Utopia: Sie gibt dir den Mut, ein Mensch zu sein, dem nichts mehr schadet und den nichts mehr enttäuscht! Denn alles ist euer, sagt Paulus, ihr aber seid Gottes!“

„Ja, aber Padre, wenn das Leben der Christen sich in nichts unterscheidet von dem der anderen; wenn es  nicht mehr und schönere Früchte trägt, ist dann noch eine Ursache vorhanden, die Wahrheit dieses Glaubens als verbürgt anzunehmen?“

Wenn sie den Christen damit insgesamt einen Vorwurf machen, richtet sich dieser Vorwurf gegen die Majestät Gottes! Denn wir sind nach seinem Willen so, wie wir sind, wir Menschen insgesamt. Und merken sie sich, Padre Consalves, es gibt kein Innerhalb und Außerhalb der Kirche. Vor Gott gibt es nicht einmal die Hürden der Religionen, die wir Menschen aus mancherlei Gründen offensichtlich notwendig haben. Nur das eine ist unumstößlich: Gott ist die Liebe,  und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Die Liebe aber ist die diskreteste Tugend, und sie kann in Verwandlungen auftauchen, wo wir sie gar nicht mehr erkennen. Sie wollen die strahlenden Früchte der Christen sehen, die alles überstrahlenden! Ach, du lieber Himmel, wenn das so exakt statistisch festzustellen wäre, hätte die ungetaufte Menschheit alle Eile, innerhalb vierundzwanzig Stunden sich taufen zu lassen, aus lauter Tugendkonkurrenz.

Gottes Denken ist nicht so praktisch, so rechnerisch, so gewaltsam! Der Mensch ist nicht Buddhist, Mohammedaner oder Christ, weil in jeweils seiner Religion die hellsten Tugendfrüchte gezeitigt werden, sondern weil ihm dieses himmlische Gewand von den Eltern geliefert wurde, und vor allen Dingen, weil es ihm paßt: Er kann sich darin bewegen, es hält ihn warm, und er hat es gern. Er hält es sauber und wirft es nicht weg: denn auch die Tradition verbindet mit Gott.

Alle diese Gewänder aber sind aus ein und demselben Stoff gemacht: aus der Liebe Gottes und der Liebe zu Gott! Gott geht nicht nach Utopia! Aber auf diese tränenfeuchte Erde kommt er - immer wieder! Denn hier ist unendliche Armut, unendlicher Hunger, unendliches Leid! Gott liebt das ihm ganz Andere, liebt den Abgrund, und er braucht - verstehen sie mich um seines heiligen Namens willen recht - braucht die Sünde.

Er ergießt sich, erneuert. Gott schafft Götter. Der Kosmos ist sein geliebter Sohn, der von ihm, dem Vater, alles empfängt im Geist, in der Liebe. Und dieser Sohn wird sein, wie der Vater es will! Gott liebt die Welt, weil sie unvollkommen ist. Wir sind Gottes Utopia, aber eines im Werden!“   

Später ruft Padre Damiano aus: „Ja, wer möchte nicht so eine schöne Insel haben? Malaria ist ausgerottet oder war nie da. Schlangen keine, Tiger auch nicht! Sterblichkeit sehr heruntergesetzt, sterben alle im Patriarchenalter, sanft, in weißen Laken. Gute Verwaltung, blühende Gemeinden! Und vor allen Dingen kein Geld! Aber, was ist das eigentlich: Haben diese Leute dort oben an der Decke eigentlich freien Willen oder sind diese sanft, ergeben und lenkbar wie Schafe?“

„Doch, sie haben freien Willen, mehr als wir hier hinter diesen Gittern allüberall und mehr als die stumpfen Untertanen unter ihren Ausbeutern!“

„Aber ihre Insulaner kommen doch wohl selten in die Lage, ihn zu gebrauchen, wie? Wenn die einmal sagen: Es muß etwas geschehen, nicht wahr,  dann tun sie einen Sprung und noch einen und ihre Welt ist genau wie zuvor: wohltemperiert und in Ordnung, aber der Sprung war trotzdem eine Genugtuung, wie?“

Consalves will aus dem Kloster austreten. Nehmen sie also die Blankovollmacht, die ihnen Gott ausgestellt hat, ich meine die Freiheit des Handelns, nehmen sie das himmlische Aktienstück zurück, es gehört ihnen? Aber vergessen sie nicht, das Kapital dahinter, das sind sie selber. Sie verfügen - mit göttlicher Genehmigung, über sich und alles, was sie sind und haben. Nur bin ich jetzt gespannt, an wen sie die einzelnen Blätter des Scheckbuches ausstellen werden, wo sie ihre Freiheit Stuck für Stück abgeben. Sie werden sehen, das Buch wird zusehends dünner. Aber passen sie auf: den letzten Scheck im Buch - es nimmt ein Ende - den stellen sie auf die Liebe aus, in irgendeiner Form auf die Liebe, auf etwas, was nicht Sie sind - sondern das Sie braucht!“

Der ehemalige Priester Paco ist von Anfang an intellektuell-brutal (er hat sogar schon Nonnen umgebracht!) .Aber er erkennt dann doch, daß in dem Hauptmann noch ein Gewissen ist und er tötet ihn nicht. Damit überantwortet er zwar vielleicht 200 seiner Gefährten dem Tode. Aber es geht nicht um Zahlen, sondern um einen Menschen (einen Sünder), der sich ändern wird. In seiner Entscheidung erfüllt Paco seinen eigentlichen Auftrag als Priester.

Die Novelle wäre ein Tendenzstück, wenn noch einmal ein zweites Wunder mit einem Happy-end geschähe („Der Gute wird immer belohnt“). Es wird sogar im Gegenteil eine Kirche kritisiert und ihr ein reines Christentum entgegengestellt. Kritisiert wird aber auch der funktionierende Mensch, ein Mensch, wie er vom Nationalsozialismus etwa gefordert wurde.

Paco jedoch handelt nicht automatisch, sondern nach dem Gesetz der Liebe - das ist das Wunder. Er tötet nicht den Beichtenden, sondern stellt den letzten Scheck auf die Liebe aus. Er ist Gottes Utopia, Gott glaubt an ihn, daß er sein Ideal erfüllen wird.

 

Albrecht Goes: Das Brandopfer                                                                      1908 - 2000

„Der Mensch ist stumpf, stumpfer als das Vieh. Er hat von allem nichts gewußt, er vergißt!“

Der Metzger Walker wird plötzlich eingezogen, seine Frau führt das Geschäft allein weiter. Auf Befehl des Gauleiters wird es dann zur „Judenmetzig“, nur hier dürfen die Juden noch zu bestimmten Zeiten ihr Fleisch kaufen. Die „arischen“ Kunden sind zwar zum Teil gegen diese Verordnung, andere jedoch empfehlen, nur gut zu lüften, nachdem die Juden gekauft haben. Diese mußten am Freitagabend oft erst mehrere Kilometer laufen, sie waren müde, weil sie sich zwischendurch nicht auf eine Bank setzen durften, und sie hatten es eilig, weil bald der Sabbat begann (bewußt so eingefädelt!).

Diese Frau ist nach dem Krieg die Wirtin des Schriftstellers und er befaßt sich mit dem geheimnisvollen Schicksal dieser Frau. Er hatte sie auch auf einer Abendgesellschaft „Pro Israel“ getroffen, er hat ein hebräisches Buch auf ihrem Bücherregal gefunden. Als sie ihm jedoch ihre Geschichte erzählen will, kommt seine Arbeitskollegin Sabine zu Besuch, ein flüchtiger, gehetzter Gast, der aber trotzdem mit in diese Geschichte zu gehören scheint. Sie hatte eine Freundin, die nachher wegen ihrer Abstammung wahrscheinlich in Auschwitz endete, die ihre einzige wirkliche Freundin war. Ihr Vater tröstet sie nachher: „Man verliert die nicht, die man so sehr liebt!“ Er verlor sie auch nicht, als er sich von seiner Familie trennen mußte,  weil er Jude war. Als Sabine dann geht, wird sie von Frau Walker erkannt. Doch es bleibt unerklärlich, woher sie den Namen von Sabines Vater wußte.

Im Briefkasten findet der Dichter dann einen Brief von Frau Walker: Sie hat erst an jenem ersten Freitag von dem Leid der Juden erfahren und hat erkannt, was man eigentlich (!) tun müßte. Fremd und ungepflegt sind diese Juden vielleicht, aber nicht finster, höchstens traurig. Es sind „meine Juden“ für Frau Walker. Man bringt selber das Einwickelpapier mit, läßt es dann für die Schwägerin liegen, weil eine Nachricht darauf steht. Einmal paßt die Metzgerin auf zwei Kinder auf, weil die Mutter noch weiter muß. Aber man begegnet ihr mit Mißtrauen, auch die Juden untereinander reden aus Mißtrauen kaum noch.

Dann kam ein Rabbiner zum Einkaufen, und in der Metzgerei hielt er mit den Kunden Gottesdienst. Doch ein Junge verrät. sie, und am nächsten Freitag sind die SA-Leute da. Der Rabbiner wird verschleppt. Aber der Zusammenstoß hat allen die Zunge gelöst, auch mit der Metzgersfrau reden sie nun freundlicher. Damals hat man ihr auch jenes Buch geschenkt, zum „Abschied“. Und dann geschieht „das mit dem Kinderwagen“. Der Riese, der den Rabbiner geholt hatte, kommt schon angetrunken wieder in die Metzgerei, drückt seine brennende Zigarette im Gesicht eines alten Mannes aus und erzählt, die Juden brauchten nichts mehr zu kaufen, denn am 15. beginne die „Himmelfahrt“ für sie. Am Abend kommt dann eine Frau und bringt den Kinderwagen, für den sie nun keine Verwendung mehr hat.

Von Sabines Vater erfährt der Dichter dann das weitere: Bei dem Bombenangriff wurde Sabines Vater am Luftschutzkeller abgewiesen, weil er den Judenstern am Mantel trug. Er kommt zum Walkerschen Haus, das brennt. Er kann Frau Walker gerade noch retten, die sich im Feuer opfern wollte für die Taten der Menschen.

Der „neue Mensch“ zeigt sich hier in den Juden, die um ihres Glaubens willen dulden und in der Gewißheit in den Tod gehen, daß ihr Volk so zahlreich sein wird wie die Sterne am Himmel, und er zeigt sich in der Metzgersfrau: In der Welt, dieser Fratze der Macht, gibt es eine wunderbare, winzige Möglichkeit, eine Nachricht weiterzugeben, zwei Kindern ein Stück Kuchen zu geben und einen Kinderwagen anzunehmen.

Diese Frau versucht jedoch auch die „große Sühne“, indem sie in den „feurigen Ofen“ kriecht. Kann man durch dieses wilde Opfer die Schuld der Zeit aufrechnen? Aber Gott, der hier aufrechnen könnte, hat das Opfer nicht angenommen, denn er hat nicht „Lust am Brandopfer“, sondern am geängsteten Geist und am zerschlagenen Herzen der Juden - und der Überlebenden, die als Zeichen des Opfers aufgerichtet sind zur Mahnung der anderen und als Zeichen der Liebe, jener Liebe, die die Welt erhält.

 

 

Wolfgang Borchert                                                                                              1921 -1947

Die drei dunklen Könige:

Zeit: Nach dem Zweiten Weltkrieg. Ort: Irgendeine Stadt.

Gegenüberstellung: „Das Holz riecht so süß wie Kuchen“ und kurz darauf:  „Ich habe niemanden, dem ich die Fäuste ins Gesicht schlagen könnte !“ Der Mann macht seine Umwelt für sein Unglück verantwortlich. Früher hatte er es besser. Er ist verbittert, daß es so gekommen ist. Sucht einen Schuldigen und macht auch Gott verantwortlich (Heiligenschein!).

Er ist nicht gleichgültig, sondern denkt an Frau und Kind.

Die Männer suchen Wärme. Sehen Licht und kommen ins Haus. Der Mann hätte nun jemanden, dem er die Fäuste ins Gesicht schlagen könnte. Aber diese Männer sind ja noch ärmer. Und die vom Schicksal so schwer Geschlagenen nehmen auch noch Rücksicht auf das Kind. (treten leise ein!). Sie geben ihm auch noch Geschenke mit relativ hohem Wert.

Der Mann fragt sich: Gibt es denn solche Menschen noch? („Sonderbare Heilige“). Das Kind hat Augen, Nase und so weiter. Das heißt: Nach dem Krieg gibt es noch eine Kreatur, die noch alle Merkmale eines Menschen an sich hat.

Ausdruck: Der Anfang ist dunkel und trostlos. Später, als das Feuer heiles Licht verbreitet, wird die Stimmung hoffnungsvoll. Es wird immer nur der Abschnitt beschrieben, auf den das Licht fällt. Besonderheit: „Er tappte durch die dunkle Vorstadt“ und später „Durch die dunkle Vorstadt tappte er zurück“.

 

Die Stadt hinter dem Strom:

Zukunftsbild eines Staates! Einige Wesenszüge auch schon in der heutigen Zeit („Wir schaffen es heute in einem Viertel der Zeit,  und dabei wurde die Produktion um zehn Prozent gesteigert, die Qualität wurde jedoch noch besser“).

Die Menschen werden immer mehr zu Maschinen bzw. sind schon solche. Die Ablösung geht mit vollster Präzision vor sich. Die Menschen begrüßen sich nicht einmal. Sie haben zwar menschliches Antlitz, aber kein menschliches Wes4en. Sie müssen wie ein hoch empfindlicher Maschinenteil andauernd überwacht werden. Niemand darf ausfallen oder auch nur langsamer werden; er wird. nicht ausgewechselt, sondern muß weitermachen wie eine Maschine, die nie ermüdet.

Auch in den Verwaltungsräumen gibt es Überwachung. Sogar die höchsten Stellen sind nichtfrei in ihren Entscheidungen: Die Zimmerwände sind aus Glas. Jeder muß also arbeiten, oder wenigstens so tun, wenn auch seine Arbeit unproduktiv ist.

Wenn eine Stockung eintritt, müssen die Arbeiter von den Ingenieuren geleitet werden. Keiner weiß, warum er gerade diesen Handgriff tut, und er weiß auch nicht was einmal daraus wird. Da niemand nach dem Zweck der Arbeit fragt, ist auch die Arbeit der Gegenfabrik, wo alles wieder vernichtet wird, möglich. Die Produktion ist nur dazu da, um die Menschen zu beschäftigen.

Sehr eindrucksvoll ist auch das Bild der Direktoren: Sie sitzen nur stumpfsinnig da. Alle haben denselben Gesichtsausdruck. Das eigentliche Erkennungszeichen des Menschen ist also auch schon genormt. Die Menschen sind nur noch Nummern, die in eine Kartei eingetragen werden, um wieder ausradiert zu werden        

Parallele zu Fabrik - Gegenfabrik: Die modernen Vernichtungswaffen. Ein Zweig der Technik baut auf, der andere zerstört. Der Ausblick in die Zukunft: Die Zerstörung wird den Aufbau überwiegen. Die  Menschen werden durch die Propaganda in das Gefühl versetzt etwas Gutes zu tun. Alles Menschliche soll ausgerottet werden (Knöpfe sammeln ist verboten!).

 

Das Räderwerk:

Wer im Räderwerk steht - und das tut heute jeder Arbeiter - der kommt nicht mehr heraus.

Wenn er „beschädigt“ ist oder gar ausfällt, wenn er sogar versucht, sich dem Räderwerk entgegen zu stellen, denn paßt er nicht mehr hinein und wird ausgestoßen, kann auch keine andere Arbeit mehr ausfüllen, wird nirgends mehr angenommen, ist gestrandet. Das Räderwerk kann dann zwar einmal kurz ins Stocken kommen, aber wenn das eine Rad einmal ausgewechselt ist, dann geht es in demselben Tempo weiter.

Als Beispiel für das Räderwerk: Der Mann am Fließband. Er macht immer nur dasselbe, immer in demselben Tempo. Er muß ja mithalten. Einer hat einmal angefangen, den Prozeß ins Rollen zu bringen. De anderen müssen mitmachen, ohne zu wissen, wie sich das Ganze einmal zusammensetzt.

 

Herbert Malecha                                                                                      1927 - 2011

Die Probe:

Ein Verbrecher sucht wieder Kontakt mit seiner Umwelt. Für die Menschen auf der belebten Straße ist er nur einer unter vielen, also unwichtig. Redluff kommt es jedoch so vor, als seien all diese Menschen nur dazu da, um ihn zu entlarven. Und je mehr Menschen an ihm vorbeiströmen, desto größer ist doch die Wahrscheinlichkeit, erkannt zu werden. Als er in einen Unfall verwickelt wird, tut er so, als sei ihm nichts geschehen, nur um nicht aufzufallen.

Da er sich unter vielen Menschen nicht wohlfühlt, sucht er eine ruhigere Gegend auf.  Erst als er in die Seitenstraße einbiegt, kann er etwas aufatmen. Aber schon in der Kneipe kommt wieder das Mißtrauen. Er wittert in jedem Menschen einen Feind. Deshalb bedeutet es

für ihn eine Erleichterung, daß nun endlich eine konkrete Gefahr auftaucht. Redluff wird ganz kalt und beherrscht. Trotzdem er ja einen gültigen Paß hat, ist immer noch ungewiß, ob er anerkannt wird. Redluff bemüht sich also noch mehr, seiner Sache auch wirklich sicher zu erscheinen.

Als nun diese Prüfung vorüber ist, wird er infolge seiner Freude unvorsichtig. Er meint nun alles überstanden zu haben; und die wirklich Prüfung kommt erst noch. Der Zufall wollte Redluff zu einem glücklichen Menschen machen, als er als 10.000ster Besucher einen Preis erhält. Auf die unverhoffte Frage nach seinem Namen antwortet er mit seinem richtigen Namen; er war also doch noch kein völlig gefühlskalter Verbrecher. Redluff hat sich zu sehr auf seinen Verstand verlassen. Aber sein Unterbewußtsein kann er nicht regieren. Als die Polizisten auf Redluff zukommen, hat dieser noch gar nicht die Tragweite seiner Unvorsichtigkeit erfaßt. Er kann sich noch nicht vorstellen, was es heißt, die gerade wiedererkämpfte Freiheit nun doch wieder zu verlieren.

 

Evelin:

Ein junges Mädchen hat sich zu entscheiden, ob es bei seinem Vater bleiben soll oder ob es dem Geliebten folgen soll. Zuhause hatte sie keine Freunde mehr. In der Fremde hätte man sie geachtet. In der Fremde würde sie von ihrem Geliebten beschützt werden. Ihre Stelle wäre schnell wieder besetzt worden. Aber jetzt, wo sie von zu Hause weg soll, kommt ihr das Leben gar nicht mal so schlimm vor. Sie erinnert sich, daß ihr Vater auch schon gut zu ihr war. Er ist nur heruntergekommen. Jetzt altert er und braucht seine Tochter. Außerdem hat Evelin ihrer Mutter das Versprechen gegeben, den Vater nicht zu verlassen. Durch das Lied des Leierkastenmanns wird sie wieder daran erinnert.

Sie sagt sich aber: „Ich habe doch ein Anrecht auf Glück“ und sie rennt weg. Als sie aber das Schiff besteigen soll, weiß sie nicht, was sie tun soll. Sie ist völlig hilflos. Sie hofft auf einen Zufall, eine Entscheidung, die ihr abgenommen werden soll. Frank, der Matrose, ist aber nicht der Mensch, der sie an sich binden könnte. Sie hat das unbestimmte Gefühl, daheim bleiben zu müssen und sucht Belege, die einen solchen Entschluß rechtfertigen könnten.

 

 

 

 

 

Günter Weisenborn: Zwei Männer                                                                  1902 - 1969

Gleich mitten im Geschehen. Ohne lange Umschweife geht es zum Hauptanliegen: die Grausamkeit des Wassers. Es werden nur die Folgen des steigenden Wassers geschildert. Man kann sich lebendig vorstellen, wie hilflos der Mensch den Naturgewalten ausgeliefert ist. Viele eigentlich nebensächliche Dinge werden geschildert zum besseren Verständnis.

Zwei Menschen sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Es treten ernste Probleme auf, zumal hier noch der Gegensatz „Herr - Knecht“ und „Weißer - farbiger Eingeborener“ hinzu kommt. Der Weiße ist der Kultiviertere, während der Naturmensch naiver ist und mehr in die Extreme zum Guten oder Bösen verfällt. Das Wasser vernichtet materielle Werte, jedoch nicht sittliche und moralische.

Sprachlich: Kurze Sätze, aber inhaltsschwer   zur Verdeutlichung der Grausamkeit: „Das war alles, aber das war der Parana“ = es ist nichts dagegen zu machen (immer wieder der Laut „a“)..

 

 

 

Das deutsche Lustspiel

Shakespeare und Moliere sind die europäischen Vorbilder für Lustspiele. Auf Deutschland wirkte jedoch nur Moliere; er war auch Vorbild für Lessing. Bei Moliere sollten in lustiger oder bissiger Schilderung bestimmte Typen den Zuschauer abschrecken (Typenkomödie). Lessing jedoch zeigt ohne Schwarz-Weiß-Malerei einen „Mann von Ehre“, dessen an sich guter Charakter nach der schlechten Seite ausschlug, weil er übersteigert war (Charakterkomödie).

„Der zerbrochene Krug“ ist eine paradoxe Groteske, bei der der Zuschauer schon weiß, was man auf der Bühne noch vertuschen will. Sinnbild für die Tragödie des Menschen, der mit Bewußtsein (siehe Marionettentheater) dem Gericht entgehen will wie Adam und Eva.

„Der Biberpelz“ ist eine Diebeskomödie, in der die schlaue Diebin alle Verfolger an der Nase herumführt. Das Stück ist mehr zur Posse neigend.

Zu den Lustspielen gehört auch „Der Schwierige“ von Hugo von Hofmannsthal.

 

 

Der Roman

Ein Roman bietet nicht nur spannende Unterhaltung, sondern er sucht auch eine Gemeinschaftsordnung zu schaffen oder eine alte aufzuheben (Artusrunde - Gralsbund). Der Roman führt weiter. Das sieht man besonders in „Don Quichotte“: Er muß eine ganz neue Welt geben können, er muß dem Leser das Erlebnis eines Weltbildes mitgeben (selbst wenn dieses angezweifelt wird).

Der Dichter darf jedoch nicht im Stoff  „ertrinken“, er muß ihn bändigen. Deshalb muß man sich bei jedem Roman fragen: Wieviel an Welt bewältigt der Dichter? Wie mächtig ist die poetische Aufhebung der Welt? Heute in der Zeit der Auflösung, verliert jedoch die geordnete Welt ihre Glaubwürdigkeit, das poetische Verfahren muß also stärker werden:

(1.) Die aus den Fugen geratene Welt mit künstlerischen Mitteln darstellen und ihr so einen Spiegel vorhalten („Buddenbrooks“)

(2.) Die heutige Welt utopisch auf eine zukünftige Ordnung beziehen, die „ideal“  ist (positiv: „Josephsroman“, negativ: „1984“).

 (3.) Die gegenwärtige Welt vor ein Gericht ziehen, indem man eine heile Welt darstellt („Der Großtyrann und das Gericht“).

Das universelle Bild muß individuell werden, um Welt erleben zu können. Meist werden jedoch krankhafte, pathologische Gestalten dargestellt, bei denen Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, denn man schaut häufig nur in sich und meint eine Welt zu finden, die es gar nicht gibt. Aber kranke Menschen lösen sich gern von der Wirklichkeit.

Solche Typen waren besonders in den zwanziger Jahren sehr beliebt. Man hat in ihnen nicht nur einen Hitler vorausgeahnt, sondern auch die Krankheit der ganzen Gesellschaft dargestellt, bei der Krankheit und Verfall zusammengehören („Berlin Alexanderplatz“). Besonders Thomas Mann, dem es jedoch mehr um das Künstlerische geht, hat diese Typen in der kranken Gesellschaft ironisierend dargestellt.

Man hatte zunächst an die weltverändernde Macht des Ich geglaubt, das eine Mission in die anarchische Welt haben sollte. Nur was in diesem Ich liegt, ist verbindlich. Chaotisch bricht sich dieses Gefühl Bahn („Wilhelm Meister, Sternbald, Ofterdingen, der grüne Heinrich). Doch einen Bildungsroman (Parzival, Simplicissimus, Wilhelm Meister) gibt es heute nicht mehr. Es gibt auch kein einheitliches Bildungsideal mehr. Man hat allerdings noch eine „innere Bildung“ dargestellt, nämlich dann, wenn der Held noch im Untergang Haltung bewahrt oder jeden Versuch zu einer „Bildung“ im alten Sinne ironisch belächelte; so aber erlangte er Freiheit (Fontane: „Stechlin“).

Aber aus einem musealen Gesellschaftszustand kann man kein Ideal schöpfen. Das hatte Knut Hamsun mit seinen Bauernidealen versuch. Und er kam auch gut damit bei den nationalsozialistischen Machthabern in Deutschland damit an, denn Bauerntum und Sippengemeinschaft waren damals auch Ideale. Die Gegenposition nehmen jedoch die Dichter der „inneren Emigration“ ein (Werner Bergengruen) oder die deutschen Dichter im Ausland.

Beispiele von Romanen:

 

Der Großtyrann: Ein Alleinherrscher möchte erfahren, wie weit er sich a auf seine Untertanen verlassen kann und führt sie absichtlich in Versuchung. Doch ein Pater nimmt eine Tat auf sich, die der Großtyrann selbst begangen hat, denn es ist besser, daß ein Mensch stirbt als alle.

Am Himmel und auf Erden: Vor der Wasserflut fordert ein Herrscher Heroentum von seinen Untertanen, winselt dann aber selbst, als er stirbt

Josephsroman: In die Historie verlegter Bildungsroman, der einen ägyptischen Idealstaat unter Joseph darstellt, der mythische Vorstellungen und Inhumanitäten überwindet zu einem Neuen, einer neuen Ordnung.

Dr. Faustus: Erst durch die Krankheit des Adrian Leverkühn und durch seinen Teufelsbund ist für diesen Menschen ein Künstlertum möglich; dieser Bund jedoch ist das Symbol für das Deutschland unter Hitler.

 

 

Die „Neuzeit“ hat sich inzwischen weiter entwickelt. Hier wären dann Dichter wie Heinrich Böll, Friedrich Dürenmatt, Günter Grass oder Siegfried Lenz zu würdigen.