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Hanau Kreis I Westen

 


Bergen - Enkheim

 

Lage: Höhe für Enkheim rund 101 Meter, für Bergen rund 170 Meter, Berger Warte 212 Meter über N. N. Die Gemarkung umfaßt 1256 Hektar, davon 137 Hektar Wald.

 

Bodenfunde:

Jungsteinzeit: Siedelungen an der Hohen Straße und dicht westlich von Bergen.

Jüngste Bronzezeit (Urnenfelderstufe): Brandgrab im südöstlichen Teil des Bockstadtfeldes, 200 Meter nördlich des Hanauer Weges.

Ältere Eisenzeit: Hügelgräber im Enkheimer Wald; Siedelungsstelle „auf dem Keller“ südlich des Vilbeler Waldes.

Jüngere Eisenzeit: Brandgräber in den Sanddünen entlang der Alten Gelnhäuser Poststraße.

Römerzeit: Gutshöfe dicht südöstlich von Bergen in den Hofgärten;

Ein Kilometer nordwestlich des Ortes „auf dem Keller“;

„Am Eselsborn“ zwischen dem „Gronauer Weidweg“ und dem ,,Diebsweg“;

am Hanauer Weg, Gehöft Friedrich Becker; 200 Meter südlich der Warte, 300 Meter südöstlich vom Monument.

Fränkisches Reihengräberfeld: Östlich von Enkheim an der alten Gelnhäuser Poststraße.

 

 

 

Geschichtliches:

Die ältesten Namensformen: für Bergen sind: Berega 1057, Berge 1151, Ber­gen 1177, und

für Enkheim: Ennicheim 1151, Ennicham 1219, Enigheim 1256, Enekeym 1380. Der Flecken des „Fiskus Frankfurt“ gehörte zur  Grafschaft Bornheimerberg im Nied- oder Niddagau im Gebiet des Wild­bannbezirks der Dreieich (Bergen, Berkersheim, Bockenheim, Bischofsheim, Bornheim, Eschersheim, Eckenheim, Fechenheim, Ginnheim, Griesheim, Hausen, Massenheim, Nied (Nidda), Oberrad, Offenbach, Preungesheim, Seckbach und Vilbel.

Zuerst war Bergen vielleicht salisches Hausgut, dann Reichsbesitz. Der Königshof war seit 1269 hanauisches Lehen; hier wurde ein höfisches Gericht gehalten (Weistum über das Recht des Königshofes vom 27. November 1382). Die um 1250 genannten milites“ (Ritter) in Bergen deuten viel­leicht auf eine Reichsburg. Bergen war 1317 breubergisches, dann wertheimisches Reichs Lehen; 1357 kam es als Reichs­­pfandschaft an Hanau.

Bergen war von Mauer, Graben und Wall umgeben. In der Mauer standen mehrere Türme, zwei davon hatten einen Umgang, aus dem sich eine gemauerte Spitze erhob. Der Eckturm, wo sich die Mauer von Osten nach Norden umwandte, hatte zu ebener Erde ein mit zwei Türen versehenes Gewölbe, das wohl als Gefängnis diente. Der Orte hatte zwei Tore, am Obertor stand über den Hanauer Wappen die Zahl 1453, am Untertor stand die Jahreszahl 1487 und darüber der Kopf mit den Eselsohren und dem Spruchband, das sich heute am Rathaus befindet.

Außerhalb der Mauer stand die Burg, die ein Wassergraben umgab. Die Schelme von Bergen (1194 bis 1844) werden seit dem 12. Jahrhundert erwähnt. Werner Schelm erhielt 1272 von den Eppsteinern einen Teil des Zehnten in Bergen zu Lehen. Vom Bartholomäusstift erhielt er 1274 einen weiten Teil des Zehnten. Sibold und Gerlach Schelm hatten 1381 eine Fehde mit Frankfurt, das die Burg besetzte. Im Jahr darauf erhielten die Schelmen die Burg zurück, die Stadt behielt sich aber das Öffnungsrecht vor und die Schelme verpflichteten sich der Stadt jedes Jahr zwei Monate zu dienen. Im Jahre 1389 besetzte Frankfurt auf Veranlassung des Städtebundes die Burg in Bergen wieder. Im Jahre 1396 führte Eberhard Schelm eine Fehde mit Adolf Wels und Sibold Landskron in Frankfurt. Die Burg wurde auch „Gruckau“ genannt und war seit 1354 hanauisches Lehen. Daran besaßen die von Reinberg 1432‑1464 ein Viertel.

Enkheim ist schon 1327 damit verbunden; hier besaßen die Hanauer 1327 Hoheitsrechte. Nach der Aufteilung des Reichsgerichts Bornheimerberg zwischen Frankfurt und Hanau wurde Bergen 1484 Hauptort des Hanauer Gerichts.

Am 17. und 18. April 1600 brannten in Bergen an 100 Gebäude ab: Im Jahre 1614 wurde hier ein Landgericht für die Orte des Gerichts Bornheimerberg eingerichtet, (seit 1818 Justizamt Bergen, 1868 Amtsgericht).

Enkheim wurde 1621 von den Spaniern verheert, nach der Schlacht bei Höchst 1622/23 von den Bayern. Die Pest forderte zahlreiche Opfer. 1635, nach der für die Schweden unglücklichen Schlacht bei Nördlingen, wurde Bergen bis auf sechzehn Häuser niedergebrannt. Die Bewohner waren in den Notzeiten meist nach Frankfurt geflüchtet.

Im Siebenjährigen Krieg, versuchte Herzog Ferdinand von Braunschweig am Karfreitag, dem 13. April 1759, mit einem aus Braunschweigern, Hessen und Preußen gebildeten Heer die Franzosen aus Frankfurt hinauszuwerfen. Nach schweren Kämpfen um den Ort Bergen und französischen Stellungen an der Berger Warte mußte er sich zurückziehen (Schlacht bei Bergen).

Um die Kaiserwahl in Frankfurt zu decken, bezog Landgraf Wilhelm IX. von Hessen‑Kassel im Jahre 1790 mit sei Truppen ein Lager an der Berger Warte (Ehrensäule). 28. November 1792 wurde die französische Besatzung Bergens von den Hessen überrumpelt und am 2. Dezember 1792 Bergen aus die französische Revolutionsarmee aus Frankfurt geworfen („Hessendenkmal“ in der Friedberger Anlage.

 

Statistisches:

Einwohnerzahl: 1820 = 1338; 1855 = 2140; 1875 = 2825, 1895 = 3915; 1900 = 4393; 1919 = 5552; 1939 = 6326; 1946 = 7210, 1953 = 8937, davon Evakuierte 202 (aus Hanau 26), Heimatvertriebene = 1315.

Bekenntnis: nach der Volkszählung von 1905: evangelisch 4268, kathatholisch 323,  israelistisch 166, Sonstige 65; 1953. 7150 evangelisch, Rest meist katholisch.

 

Wirtschaft:

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts starker Weinbau; heute noch Obstgärten, vor allem Kirschen. Nach der Volkszählung von 1925 gab es 437 Selbständige, 2.228 Angestellte und Arbeiter (und 3.373 Angehörige); davon in der Landwirtschaft 9 Prozent, in Handel, Gewerbe und Handwerk 26 Prozent, in der Industrie 49 Prozent (Rest Beamte usw.). Die Mehrzahl der Angestellten und Arbeiter war und ist in dem benachbarten Frankfurt bzw. Frankfurt‑ Fechenheim beschäftigt; sehr viele auch als „Portefeuiller“ (Feintäschner) in der von Offenbach aus in Bergen‑Enkheim ansässig gewordenen Lederwarenindusstrie.

 

 

Rundgang bei: „Radtour“

 

Anschluß an Frankfurt:

Als 1974 der Main‑Kinzig‑Kreis im Zuge der hessischen Gebietsreform aus der Taufe gehoben wurde, glaubte eigentlich niemand, dass sich so schnell an dessen Grenzen etwas ändern würde. Doch weit gefehlt: Schon drei Jahre später streckte Frankfurt seine Hände nach der aufstre­benden Stadt Bergen‑Enkheim aus.

Die Stadt im Osten der Mainmetropole passte von ihren Strukturen und vor allem wegen ihrer Flächenreserven so richtig in die Frankfurter Expansionspläne. Frank­furts Werben um den Ort mit dem Doppel­namen sollte denn auch nicht erfolglos bleiben. Am 2. Juni 1977, also vor 25 Jah­ren, wurde die Eingemeindung vollzogen. Der junge Main‑Kinzig‑Kreis hatte den ers­ten Abgang zu verzeichnen.

Bergen‑Enkheim war indes nicht der erste Ort, der in Frankfurt aufging. Schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bediente sich Frankfurt immer wieder beim Alt­kreis Hanau, wenn es um Flächenauswei­tung ging. Als der Hanauer Landrat Gott­fried vonchrötter, der von 1868 bis 1883 amtierte, sein 25jähriges Dienstjubiläum beging, überreichten ihm die Bürgermeis­ter des Kreises einen Pokal, auf dem alle Städte und Gemeinden verewigt waren. Heute liest sich die Inschrift wie ein Frankfurter Stadtteilverzeichnis. Bocken­heim, Berkersheim, Preungesheim, Seck­bach, Eckenheim, Eschersheim, Ginnheim und Praunheim, alles einst hanauische Städte und Dörfer, wurden 1886 nach Frankfurt eingemeindet. Fechenheim folgte ein halbes Jahrhundert später, aber mit fatalen Folgen für den Kreis Hanau, ging doch mit der Industrie­gemeinde fast die Hälfte der Steuerkraft des Kreises verloren.

Bergen‑Enkheim war denn auch das letzte der hanauischen Dörfer rund um Frank­furt. Mitte des 15. Jahrhunderts hatten die Hanauer Grafen den Ort befestigen lassen. Mauer und Türme belegten dessen strate­gische Bedeutung. Zwar war Bergen‑Enk­heim schon immer eine Verwaltungsein­heit, doch die „Enkemer und die „Berjer“ waren sich oft nicht grün. Im Jahre 1936 wurde der Ortsname Bergen‑Enkheim durch Verfü­gung des Kasseler Oberpräsidenten offi­ziell. Im Jahre 1968 wurde der Ort, der damals rund 10.000 Einwohner hatte, mit den Stadtrech­ten ausgestattet.

Es war im Zuge der Gebietsreform der 1970er Jahr durchaus üblich, dass die Ge­meinden um ihre Eingemeindung regel­recht pokerten. Es lag dann am Geschick der Ortsbürgermeister, wie der Einge­meindungsvertrag aussah. Rudolf Fey, dem letzte Bürgermeister von Bergen‑Enk­heim gelang es, dem Frankfurter Oberbür­germeister Rudi Arndt einen doch recht vorteilhaften Vertrag abzuringen. Dazu gehörte, dass der Ortsbeirat einen eigenen Etat bekam. Als einziger der Frankfurter Ortsbeiräte kann derjenige in Bergen‑Enk­heim alljährlich frei über 500.000 Mark verfügen.

Dafür verschmerzten die Bergen‑Enkhei­mer dann auch, dass durch eine Neufestle­gung der Gemarkungsgrenzen die Berger Warte, ein historischer Wachturm und ei­nes der Wahrzeichen des Orts, sich plötz­lich nicht mehr auf eigenem Gebiet be­fand, sondern fürderhin zum Bereich Seck­bach/Riederwald gehörte. Der Vereinnah­mung des über 1000‑jährigen Bergen‑Enk­heim, deren Vollzug man am Wochenende in Frankfurt mit einer Feierstunde gedach­te, war die bislang letzte Eingemeindung nach Frankfurt.

Aber auch nach 25 Jahren haben die Ber­gen‑Enkheimer ihre Eigenheiten bewahrt und ihre Identität nicht aufgegeben. Neben dem bislang erfolgreich verteidigten Orts­beirats‑Etat trägt dazu der Preis des „Stadt­schrei­bers von Bergen“ bei, ein bedeuten­der Literaturpreis, der seit 1974 die großen Köpfe der deutschsprachigen Gegenwarts­literatur jeweils für ein Jahr in das Stadt­schreiberhaus holt.

Die Entscheidung, sich 1977 nach Frank­furt eingemeinden zu lassen, sei aus heuti­ger Sicht richtig gewesen: „Die Braut hat sich teuer feilgeboten“ resümierte Orts­vorsteher Riechemeier bei der Feierstunde ‑ und Frankfurt habe eben den geforderten Preis bezahlt.

 

 

 

Kirchen

 

 

 

Kirchberg Kapelle

Die älteste nachweisbare Kirche ist wohl die Kirchberger Kirche gewesen, zusammen mit ein paar längst verschwun­denen, dürftigen Häuschen in der Mitte zwischen Bergen, Enkheim und Seckbach in den Weinbergen gelegen, südlich der Wilhelmshöher Straße nach Seckbach zu, nahe der heutigen Deutschen Buchhänd­lerschule.Nur der oberhalb verlaufende Kirchweg weist mit seinem Namen noch heute auf sie hin. Die Kirche hieß wegen ihrer Lage auch „Bergkirche“. Im Mittel­alter trug sie den Na­men „St. Elisabeth”.

Das Kirchberger Kirchlein war viel älter war als die Kirchen St. Laurentius zu Enkheim und Bockenheim, wenn sein Patrocinium zuletzt auch St. Elisabeth war, daß nicht nur das Kirchspiel Bergen-­Enkheim‑Seckbach zu ihm eingepfarrt war, sondern auch Fechenheim, das seine Toten selbst auf dem Leichtpfad (Leuchte) zu seinem Höhenfriedhof trug, und wahrscheinlich auch Bornheim. Jedenfalls zahlte der Kirchbau St. Laurentius für Bergen‑Enkheim‑Seckbach noch 1566/68 wie alljährlich nach altem Brauch 2 Gulden „ahn den Kirchpau zu Kirdibergk“, obgleich der Kirchbau zu Kirchberg 1568 „die 4 fl. nit zahlen will“, die er zum Ausbau der Laurentiuskirche zu Enkheim nur für die Baujahre aufbringen sollte.

Zum andern ist bekannt, daß auch die Siedlung, der kleine Weiler bei Kirchberg, mindestens noch von 1380‑1605 bewohnt war und im Kirchlein bis 1623 noch Trauungen stattfanden: Um 1380 zinst ein Lotze von Kirchberg an die Schelme, und das Kirchenbuch I zu Bergen enthält nachstehende Einträge: „Rudolpus Ludwig Suppen (Sopp) ehel. Sohn von Ober‑Mörlen, getraut am Sonn. Quasimo. 1605 Amalia, Peter ehl. Tochter zu Kirchbergk“ und „Witwer Ludwig Bingemer zu Seckbach, getraut am 16. 11. 1623 Elisabeth, des Johann Lentzen, Nachbars u. Schmieds zu Vilbel ehl. To. In templo Kirchberg.“ Am 28. g. 1608 war Hans Mortz noch Glöckner zu Kirchberg.

Bergen, Enkheim und Seckbach waren Jahrhunderte lang kirchlich miteinander verbunden, bis 1734 erst Seckbach als selbständige Gemeinde losgelöst und 1911 dann auch die Kirchengemeinde Enkheim von der Pfarrei Bergen getrennt wurde.

Wie alt und welcher Herkunft Kirchberg ist, konnte noch nicht sicher erkundet werden. Sie wurde zuerst im Jahre 1178 genannt.. Anfänglich ist katholischer Gottesdienst darin gehalten worden und nach der Reformationszeit evangelischer, d.h. sie wurde den Reformierten überlassen.

Sicher ist nach den von Dr. Bingemer vorgenommenen Grabungen, daß auf dem Platz der untergegangenen Kirche vorher eine kleinere gestanden hat, deren Grundmauern festgelegt werden konnten. Anhand der ihm vom Pariser Armeemu­seum zugesandten Kopien einer aquarellierten Tuschezeichnung und eines alten Gemäldes, das die 1759 ausgetragene Schlacht von Bergen zeigt, gelang es dem Seckbacher Heimatfor­schers Dieter Zeh, den Standort der Kirchberger Kirche, die ihre Nachfolgerkirchen in Ber­gen, Enkheim und Seckbach an Größe weit übertroffen haben soll, bis auf wenige Zentimeter genau zu bestimmen.

Der Heimatkundler  verglich Akten des Marburger Staatsarchivs, die den zwischen 1749 und 1763 entstandenen Schriftverkehr um den 1757 vom Landgrafen Wilhelm von Hessen genehmigten Abbruch des Gottes­hauses enthalten, mit den Pariser Darstellungen. Die aus den Doku­menten hervorgehenden Flurna­men „Am Alten Kirchhof” und „Hinter der Kirche” bezeichneten ein Areal, das auf dem Tuschebild des Künstlers Charles Cozette als heller, ein Quadratzentimeter gro­ßer Fleck inmitten dichten Baum­bestandes erscheine. „Der Zeichner, der nie in Bergen war und sein Werk nach einem Generalstabsplan der französischen Armee anfertigte, hat hier die Abbruchruine der alten Bergkirche dargestellt", ist Zeh sich sicher. Seine Informanten müssten dem Künstler von dem abgerisse­nen Gotteshaus berichtet haben, was nicht verwundere. „In Bergen erzählte man sich, dass die französi­schen Gefallenen an der Kirchber­ger Kirche beigesetzt wurden.”

Dieter Zeh hat indes nicht nur den genauen Standort der Kirche ermittelt, sondern auch Hinweise bezüglich ihrer Bauweise und ihres Erscheinungsbildes gesammelt. Abermals hätten sich die Marbur­ger Akten als hilfreich erwiesen, zumal der Abriss der Kirche seinerzeit genau dokumen­tiert worden sei. Das Baumaterial nämlich Schie­fersteine, Basalt- und Sandsteinqua­der  sollte wieder verwendet werden. „Die 1966 abgerissene Peterskirche, die in Höhe der heutigen Bus­halte­stelle Draisbornstaße stand, wurde ausschließlich mit Materialien der Kirchberger Kirche errichtet.”

Zehs Recherchen zufolge hatte der Chor eine Außenlänge von elf Metern; die Außenlänge des Kir­chenschiffes schätzt der pensionier­te Sprachwissenschaftler auf rund 22 Meter. Das auf dem Grund der 1178 erstmals urkundlich erwähn­ten Pfarrei Kirchberg stehende Got­teshaus habe es auf elf Meter aufsteigendes Mauerwerk gebracht, die Mauern des spä­ter an die Kirche angebauten, sechs Stockwerke hohen Turmes hätten mindestens 24 Meter in die Höhe geragt. Auch über zahlreiche archi­tektonische Details gäben die Marburger Akten Aufschluss. So habe sich die Sakristei unter dem Dach befunden.

Wie auch immer die Bergkirche, die zur Zeit der Pest 1349/50 zur Wallfahrtskirche wurde, aber im Detail ausgesehen hat, Zeh ist sich sicher, dass es sich bei dem ab 1737 zunehmend baufälligen Gebäude um ein prachtvolles Gotteshaus ge­handelt hat. Der Seckbacher Zent­graf Hans Conrad etwa habe in ei­nem Schreiben aus dem Jahr 1613 von den „schönen Mustern und Formen” der Bergkirche ge­schwärmt, die „jederzeit ein sonder­lich Wohlgefallen tragen”. Und der reformierte Pfarrei Johann Philipp Petri begeistert sich 150 Jahre spä­ter, „dass die Alten eine Hauptkir­che auf dem Land vereint gebaut”.

Die Kirche hat zuletzt lange Zeit baufällig dagestanden, wurde dann wegen Einsturzgefahr geschlossen und 1756/57 abgebrochen. Aus ihren Steinen wurde wieder eine reformierte Kirche in Seckbach gebaut, die 1834 an die politische Gemeinde dort verkauft und als Schulhaus eingerichtet wurde. Den Rest der Steine mitsamt der Kirchhofsmauer entwendeten Soldaten der französischen Armee, die 1762 auf dem Lohr ihr Feldlager hatten, um ihre Anmarschwege damit zu verbessern, und dann haben die Bauern noch lange die Fundamente als bequemen Steinbruch benutzt.

 

 

Hubertuskirche

Die Hubertuskirche wird auch Hubrachtskirche, Haubelskirche u. ä. geschrieben und in spä­terer Zeit auch die Frühmeßkirche genannt. Außerhalb des befestigten Ortes, ein wenig unterhalb und abseits von der alten Unterpforte ‑ an der alten Steingasse gelegen, hinter den Häusern, die heute die Südwestecke Marktstraße‑Steingasse bilden ‑ war sie Eigenkirche und Besitz des Geschlechts der Schelme, die darin auch ihr Erbbegräbnis hatten.

Alter, Geschichte und die einzelnen Bauformen dieser in goti­schern Stil erbaut gewesenen Kirche sind noch ungeklärt. Sicher ist, daß der katholische Altardienst darin aus unbekannten Gründen schon etliche Jahre vor 1541 eingestellt worden ist, ohne daß für die Zeit, wo kein Altarist mehr da war, ein anderer Gottesdienst eingerichtet worden wäre. Die Schelme und ihre Anverwandten sind noch bis etwa 1560 beim katholischen Bekenntnis geblieben, und dann sind sie, im Gegen­satz zu ihrer reformierten Umgebung, dem lutherischen Bekenntnis beigetreten.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Kirche vom Blitz schwer beschädigt, ein großer Brand im Jahre 1600 richtete sie vollends zu Grunde. Und dann hat auch sie den Nachbarn billige Steine zum Bauen und Pflastern liefern müssen.

Die westliche Mauer mit der Türöffnung steht nach einem Bericht von Amtmann Usener noch. Östlich stand noch die Ruine des Chors mit gotischen Fenstern. Malerisch wölbte sich über dem Eingang zum Chor der ganz freistehende Bogen. Mehrere Grabsteine mit dem Wappen der Schelme bedeckten die Gruft. Um das Jahr 1810 hat der Frankfurter Maler Anton Radl davon ein idyllisches Bild weltvergessener Romantik entworfen. Im Jahre 1822 wurde sie abgerissen.

Aus dem bisher Erzählten wird nun auch klar, wie es gekommen ist, daß seit etwa 1550 der Flecken Bergen, der an Seelenzahl größte Ort des Kirchspiels, der Sitz der Pfarrei, der bürgerlichen Verwaltung und des Gerichtes, zunächst ohne Kirche war. Denn auch die alte Pfarr­kirche stand in dieser Zeit nicht mehr, wie wir ausführlicher sehen werden. Die Glocken hingen auf der Unterpforte. Und Gottesdienst wurde, insbesondere auch während der gefahrvollen Zeitläufte des 30jährigen Krieges und noch später, zeitweilig unter allerlei Einspruch des luthe­rischen Amtmannes in Bergen, „unter dem Rathaus“ gehalten, wo sonst Gerichtssitzungen, Versammlungen, Feste und Verkäufe stattfanden. Denn sonst hätte man ja über Land nach Enkheim oder Kirchberg gehen müssen. Aber wer möchte sich das vornehmen, wenn der Feind im Lande oder das Wetter und die Wege ungewöhnlich schlecht sind!

 

 

Alte Pfarrkirche zu Bergen

Die Pfarrkirche war wahrscheinlich ein einfacher Holz‑ und Fachwerkbau wie alle Dorfkirchen dieser Zeit. Sie hat in der Gegend der später gebauten Nikolauskapelle gestanden. Denn es wird überliefert, daß die Hainaer Mönche an oder in der Pfarrkirche zu Bergen eine Seiten‑ oder Neben‑Kapelle mit einem Altar besaßen, der dem Heiligen Nikolaus geweiht war. Dieser Nikolausaltar wird bereits in einer Ur­kunde aus dem Jahre 1333 genannt und wird 1360 durch den Mainzer Erzbischof Gerlach von Nassau bestätigt. Es ist wohl anzunehmen, daß diese Nikolauskapelle und damit die Berger Pfarrkirche an eben der Stelle gestanden haben mag, die auch die später gebaute Nikolauskapelle, groß wie eine Kirche, noch heute auf ihrem Boden trägt. Diese Nach­folgerin der Pfarrkirche und der alten Nikolauskapelle hat indessen wohl nur kurze Zeit nach ihrer Fertigstellung dem Gottesdienst der Gemeinde Raum gegeben, weil inzwischen im Sturmwind der Refor­mation neue Zeit hereingebrochen war und auch die Kloster­güter eingezogen wurden. Dadurch aber ist Bergen zeitweise ohne Pfarrkirche gewesen.

 

 

Nikolauskapelle

Bei der Nikolauskapelle stand ursprünglich der 1220 von Kaiser Friedrich II. der Zisterzienserabtei Haina teilweise überlassene Königshof. Er  bildete den Anfang Berger Grundbesitzes dieses ober­hessischen Klosters, der im Lauf dreier Jahrhunderte allein hier auf 750 Morgen anwachsen sollte. Bis zur Stadtmauer hinunter reichte der Hainer Hof. Dort markiert das ehemalige Gerichtsgebäude (Am Königshof 6) seit 1864 die Stelle des damals abgebrochenen Wohnhauses für die Mönche. Jenseits der Befestigung lag ein Weinberg, der sich unterhalb im Arnsburger Rebhang des Enk­heimer Mönchhofs fortsetzte.

Zur Bewirtschaftung von Weinberg und Feldern hatte Haina ‑ wie alle Klöster des Ordens - Laienbrüder nach Bergen geschickt. Für sie war - wegen der nur in mehreren Tagesmärschen erreichbaren Klosterkirche - auf dem Gelände des ehemaligen Königshofs eine eigene Kapelle entstanden. In Grundriß und Raumform steht die Nikolaikapelle der um 1470 erbauten Weiß­frauenkirche nahe. Auffälliger noch muß formale Verwandtschaft im motivreichen Fischblasen­maßwerk der zweibahnigen Fenster gewesen sein.

Die Nikolaus‑Kapelle ist eine kleine spätgotische Kapelle (Nord‑, Ost‑ und West‑Ansicht der Nikolaus‑Kapelle in Hanau Stadt und Land, Seite 135). Die Kapelle hat nur drei Joche, die West­seite schließt mit einem Drei­-Achtel‑Schluß ab. Im Innern finden wir Ansätze eines Rippen­gewöl­bes auf schlanken Diensten. Kleine zweiteilige Fenster tragen reiches Fischblasen­maßwerk. In der Giebelseite im Osten der Kirche sitzt ein Fischblasenrad über einem Maßwerk­fenster. Der Ab­schluß dieses Fensters ist schon rund­bogig geworden. Die Jahreszahl über dem Portal ‑ 1524 und 1564 ‑ ist wohl auch die Zeit der Entstehung dieses Fensters.

Von besonderer Schönheit ist das zierliche Maßwerk in den Spitzbogen der sechs Fenster, wie die säuberlich gearbeiteten steinernen Ornamente ineinander verschlungen sind oder sich wie spielende Kinder zärtlich aneinander lehnen oder stolz gegen einander neigen. Keins der sechs Fenster gleicht dem andern; und doch sind sie, unbeschadet ihrer Verschiedenheit, in dem schlichten Bau zu einem einheitlichen Werk zusammengefügt.

Der spätgotische Neubau von 1524 (nach den Ziffern der Schlußsteine über der südlichen und westlichen Tür) konnte jedoch den Zisterziensern nur wenige Jahre dienen: Bereits 1526 führte Landgraf Philipp in seinem hessischen Landesteil die Reformation ein, und bald folgte die Graf­schaft Hanau. Als das Kloster Haina dann im Jahre 1527 aufgehoben, säkularisiert wurde, kam sie mit den Hainaer Liegenschaften zunächst in den Besitz des Landgrafen von Hessen, darauf, nach der Teilung Hessens, an die Herrschaft Hessen‑ Darmstadt, von der sie im Jahre 1669 der Frankfurter Johann Ochs erwarb: „eine neuaufgerichtete kirch mit einer glocken und uhr necht am Wohn­hauße (des Hainaer Hofes) und dem hochgräflichen (also Hanauer) ambthauße, worunter ein ge­wölbter keller und zwey böden“, so wird sie im Kaufvertrag beschrieben.

Die Kinder des neuen Besitzers verkauften ihr Erbe schon 1695 an den Frankfurter Bankier Johann Martin de Rhon, von dem sie die Grafen von Hanau 1699 durch Tausch erwarben und der kleinen lutherischen Gemeinde in Bergen für ihre Gottesdienste zur Verfügung stellten, wie sie ihr auf Veranlassung der Hanauischen Landesherren vorher schon von den Familien de Rhon und Ochs zu diesem Behuf überlassen worden war.

Als dann aber im Jahre 1818 die Kirchenvereinigung der Reformierten und Lutheraner durchgeführt wurde, da hat man die schöne Nikolaus­kirche aus Unverstand wieder verkauft, und sie muß seitdem als Scheune, ihr Keller als Äpfelweinkeller dienen. Doch das bedeutete nur die Ausweitung traditioneller Nutzung als Vorratsgebäude, wie sie mehrfach bei mittelalterlichen Kirchen nachweisbar ist; denn schon den Zisterziensern diente der Dachraum Schüttboden für Saatgut, im Keller lagerte Wein. Die Nikolauskapelle büßte Gewölbe und Nordmauer weitgehend ein. Doch immerhin steht sie noch; und in der relativen Bewertung von Frankfurter Ruinen der Spätgotik ist ihr Erhaltungszustand besser als der von Karmeliterkloster oder Leinwandhaus. Heute wird die Kapelle nach einer gründlichen Renovierung für kulturelle Zwecke genutzt

 

 

Pfarrkirche

Zur Pfarrei Bergen gehörten Jahrhunderte lang die Gemeinden Bergen, Enkheim und Seckbach, von denen Seckbach im Jahre 1734 und Enkheim im Jahre 1911 losgelöst und ver­selbständigt wurden. Im Jahre 1642 war die Linie der reformierten regierenden Grafen von Hanau‑Münzenberg ausgestorben und das Erbe den lutherischen Grafen von Hanau‑ Lichtenberg zugefallen. Im Blick auf diesen zu erwartenden Regierungswechsel hatten die beiden gräflichen Häuser im Jahre 1610 einen Religionsvertrag geschlossen, daß beim Absterben der reformierten Linie die andere nicht das Recht haben sollte, im Religions‑ und Kirchenwesen etwas zu ändern. Es ist also eine große Sache und ein allererster Schritt auf die Religionsfreiheit hin gewesen, wenn die Erkenntnis sich damals durchsetzte, daß ein Regierungswechsel und die Erwerbung eines Landes kein Recht gibt, über Glaubensdinge und Kirchensachen zu verfügen.

Der Erbe Friedrich Casimir von Hanau-­Lichtenberg wurde demgemäß auch erst in die Stadt Hanau herein­gelassen, nachdem er sich schriftlich verpflichtet hatte, in Religions­sachen keine Änderungen einzuführen, auch die „Nebeneinführung einer anderen Religion“, ‑ gedacht war dabei an die lutherischen Formen des Gottesdienstes und der Abendmahlsfeier ‑  nicht zu dulden. Und am 20. August 1670 hat ein Schlußvertrag das Verhältnis der reformierten und lutherischen Kirchen im Hanauer Land in einer für die damalige Zeit geradezu fortschrittlich weitherzigen Weise geordnet: Der Bestand der reformierten Gemeinden wird ausdrücklich anerkannt und für die Zukunft garantiert und den Lutheranern „freie und ungehinderte Ausübung der Religion mit allem, was dazugehört“ feierlich gewährt.

Nun waren noch keine 35 Jahre seit dem westfälischen Frieden verflossen, da legte die Berger Gemeinde am 20. April 1683 den Grund­stein zu ihrer Kirche, die ‑ zunächst noch ohne Turm und ohne Orgel ‑ zum Sommer 1684 soweit fertiggestellt war, daß am Laurentiustag (10. August 1684) feierlich der erste Gottesdienst darin gehalten werden konnte.

Pfarrer in Bergen war damals Johann Ludwig Mogk, geboren in Diez an der Lahn, Sohn des Fürstlich Nassauischen Amtskellers Johannes Mogk. Er hatte an der reformierten Universität zu Herborn studiert, war von 1667 bis 1679 Pfarrer in Rumpenheim und Fechenheim, 1679 von Juni bis Oktober Pfarrer in Hochstadt, dann bis 1689 in Bergen. Getraut am 5. 12. 1667 in Hanau mit Elisabeth Susanna Nister, einer Tochter des Pfarrers und Inspektors (d. h. reformierten Superintendenten oder Dekans) Peter Nister in Hanau, hatte er 13 Kinder, 5 Söhne und 8 Töchter. Sein drittes Kind, Anna Margarethe, wurde am 21. 10. 1672 in Hanau ge­boren, wohin er seine hochschwangere Frau vor den im Westen heran­ziehenden französischen Soldaten in Sicherheit gebracht hatte. Er starb 47 Jahre alt in Bergen und wurde hier am 1. 10. 1689 begraben, drei Monate nach der Geburt seines letzten Kindes.

Die erste Orgel wurde 1695 (oder 1685) eingebaut, der Turm 1741/43 errichtet. Von den Kosten für den Turm wurden 300 Gulden aus Hamburg gestiftet, weitere 200 Gulden von reformierten Gemeinden in Holland durch Vermittlung des Hofgerichtsrates von Loseken. In den Jahren 1717 bis 1719 war inzwischen auch die Enkheimer Pfarrkirche zu der jetzt stehenden großen Kirche umgebaut worden.

Zum Bau der Kirche war im Jahre 1680 das alte Schulhaus der Gemeinde gegen „der Leinwebern Haus am Pförtgen“ (‑ das Pförtchen in der heute noch stehenden Ringmauer! ‑) umgetauscht und waren andere Grund­stücke von den Anliegern dazugekauft worden als Bauplatz für die neue Kirche und für den dabei anzulegenden neuen Friedhof, auf dem am 26. Dezember 1694 die erste Beerdigung stattfand: „Meister Hans Georg Grubers ehweib“.

Am 30. 10. 1707 wurde begraben Maria Kathrin Völp, Ehefrau Johannes Völps. Dieses ist die erste Leiche, welche mit den Glocken, die jetzt auf dem Kirchturm hängen und vorher auf dem Turm über der untersten Pforte hingen, hinausgeläutet worden ist.

Eine Kirchenuhr mit Schlagwerk, die täglich mit ihren schweren Bruchsteinen aufgezogen werden mußte, wurde 1708 im Turm eingebaut. Große Veränderung erfuhr der Bau im Jahre 1912. Damals wurde das Kirchen­dach, das mit dem Sims hart auf den Kirchenfenstern auflag, um einen halben Meter gehoben. Im gleichen Jahr wurde die heute noch stehende Orgel ein­gebaut. Zweimal wurden die Kirchenglocken ‑ mit Ausnahme der großen alten aus dem Jahre 1707, deren Erhaltung 1917 noch selbst­verständlich war, um die aber 1942 erst hart gekämpft werden mußte ‑ für Kriegszwecke beschlagnahmt und zweimal erneuert: 1921 und 1953.

Im Sommer 1939 wurde mit der Innenerneuerung begonnen. Aber nur das neue Gestühl auf der Empore wurde noch fertig. Der Krieg zerschlug alles. Durch mehrfache Luftangriffe, zuletzt auch durch direkten Beschuß, wurde die Kirche stark mitgenommen, am schlimmsten am 18. März 1944 in der Zeit von etwa 21.30 bis 22.10 Uhr. Das Kirchendach wurde wirr durcheinandergewirbelt, sämtliche Kirchenfenster verbogen, herausgerissen und zer­splittert. Aber der Krieg hat inmitten ihrer Mauern gewütet: die alte Altar­bibel hat Blutflecken und weist einen tiefen Lanzenstich in den Schnitt der Blätter hinein auf.

Auch nachdem der Krieg aufgehört hatte, dauerte es noch sehr lange, bis mit der Wiederherrichtung anfangen werden konnte. Mai 1945 wurden Rollglasfenster angebracht. Frauen und Mädchen der Gemeinde hatten einen ganzen Tag zu tun, Boden und Bänke der Kirche so herzurichten, daß man zur Not darin zusammenkommen konnte. Herr Reich, ein Flüchtling aus Königsberg, hat die Fenster der Dachgauben und über der Eingangstür im Turm mit den vorhandenen Resten fachgerecht wasserdicht gemacht. Dach und Orgel mußten mehrere Male überholt werden.

Die große Innenerneuerung wurde dann erst im Juli und August des Jahres 1949 durchgeführt. Da die unwirtliche Kirche nur während der guten Jahreszeit benutzbar war, war die Gemeinde vom 21. Januar 1945 ab während der Winterhalbjahre Gast im Gemeindehaus der Methodistischen Gemeinde.

Die im „Bauernbarock“ des Hanauer Landes gebaute Saal‑Kirche ist bewußt als eine evangelisch‑protestan­tische Kirche gebaut worden. Ihre Schlichtheit ist nicht Armut, sondern ein wohlüberlegtes, in schweren Gewissens­kämpfen errungenes Bekenntnis. Wenn man unter dem bergenden Schutz der Empore an der Turmseite eintritt, zwingt die Längsempore an der Nord­seite den Blick unbewußt nach rechts hin auf die Kanzel und auf den Tisch des Herrn, auch Altar genannt. Dieser Tisch des Herrn steht nicht in der Linie der Mittelachse, er ist zur Kanzel hingerückt. Er ist nicht das allein Beherrschende; Kanzel und Tisch des Herrn gehören gleich­wertig zusammen. Es ist anders als in den katholischen Kirchen, wo der Altar sinngerecht die alles beherrschende Stellung innehat.

Die Außenmaße der Kirche betragen: Der Kirchturm hat eine Grundfläche von 6 x 7,20 Metern, die Höhe beträgt insgesamt rund 29 Meter (Mauerwerk 19 Meter. Turmhaube 10 Meter, ohne Kreuz und Turmhahn). Das Kirchenschiff hat eine Länge von 17,60 Metern und Breite von 12,90 Metern. Der Innenraum hat eine Breite von 11,00 Metern und eine Länge bis zur steinernen Chorstufe von 13,10 Metern. Die Länge des um eine Stufe erhöhten Teiles bis zur Rückwand des Chores beträgt 6,90 Meter.

Das Gestühl im Kirchenschiff bedeckt also eine fast quadratische Fläche, an deren Südostecke die Kanzel steht. Der Prediger hat bei dieser Raumordnung ‑ vom Baumeister wohl bedacht! ‑ die Gemeinde in ihrer breitesten Breite vor sich. Diese Breitenordnung wird noch besonders betont durch die anschließenden Bankreihen für die Kinder und das Gestühl für die Kirchenvorsteher im Chorraum um Kanzel und Altar­tisch. Der Diener am Wort und Sakrament steht inmitten der Gemeinde.

Eine katholische Kirche wurde 1912/13 erbaut. Seit 1903 gab es regel­mäßig katholischen Gottes­dienst in einem Wohnhaus in Enk­heim.

 

 

Enkheimer Kirche

Die alte Laurentiuskirche stammte noch aus vorreformatorischer Zeit. Die Enkheimer Kirchweih wird noch heute auf Sankt Lorenz gefeiert. Die Nachfolgerin dieser alten Kirche auf dem­selben Platz ist die heutige große Enkheimer Kirche, erbaut 1717. Diese Kirche weist die Formen eines leichten Barock auf. Im Übrigen wirkt sie ‑ als ehemaliges reformiertes Gotteshaus ‑ fast gar nicht durch Bauelemente, dafür aber desto stärker durch die lichten Farben und durch das unvergleich­lich schöne, lebendige Fensterglas.

Auf dem Grabstein des einstigen Pfarrers August Kaiser steht: „Begründer der Gemeinde Enk­heim.“ Dieses Epitheton soll kein Menschenkult sein. Jene lapidaren Worte wollen nur auf ein ortsgeschichtliches Faktum hinweisen; denn Enkheim ist bis zum Jahre 1911 Hilfspfarrei von Bergen, mit raschem Hirtenwechsel und oft stiefmütterlich be­handelt, gewesen, hat aber deshalb keine Loslösung angestrebt. Vielmehr sollte dieser zu 90 Prozent evangelische Ortsteil zur zweiten Pfarrei von Bergen erhoben werden. Der Wunsch nach Trennung ging vom Kirchenvorstand Bergen aus.

Zwar ist unser Gotteshaus bei jenem mörderischen Massenbombenabwurf am 2. März 1944, der etwa 50 Häuser in Trümmer legte und 45 Menschenleben forderte, wunderbar verschont geblieben, aber der Artillerie‑Beschuß der letzten Kriegstage wurde ihm zum Verderben: Das ganze Innengesims, Dach und Fenster wurden zerstört, so daß die Konfirmation auf Pfingsten verlegt werden mußte weil es uns unmöglich war, unter Schutt und Scherben Gottesdienst zu halten. Dazu mußten auch die Evakuierten erst wieder herangeführt werden.

Inzwischen ist alles wiederhergestellt worden und Neues dazugekommen: eine Orgelwindmaschi­ne, Ölheizung, Orgelumbau, Einbau einer Bläserempore, Neu­verglasung in echt antikem handge­blasenem Glas, und ein dreifaches neues Geläut, dessen größte Glocke von den Eltern eines in Rußland gefallenen Kandidaten der Theologie gestiftet worden ist,

 

Im östlichen Teil Enkheims, in der Straße „Winzersteige“, liegt der „Mönchhof“ (Bruderhof, Arns­burgerhof) des Klosters Arnsburg. Da der Münchhof in Enkheim, der Arnsburger Hof, eine Kloster­siedlung war, so hat er natürlich auch eine Klosterkirche gehabt. Tat­sächlich gibt es denn auch eine Urkunde aus dem Jahre 1377, in der von einem Weg die Rede ist, der an der Kapelle bei dem Hof des Klosters Arnsburg in Enkheim vorbeiführt. Im Jahre 1803 field er Hof an die Grafen von Solms und wurde dann aufgeteilt.

 

 

Man fährt ein Stück die Marktstraße hinein und dann nach links die Straße „Landgraben“ hoch zur Straße „Am weißen Turm“. Man fährt nach rechts und dann links hoch in den Ludwig-Kleemann-Weg. Dort ist rechts der jüdische Friedhof mit einem Rest der alten Ortsmauer. Wieder zurück zur Straße „Am weißen Turm“ kommt man zum Weißen Turm. Er wurde 1472 errichtet. In zylindrischer Form entspricht er den Frankfurter Warten. Ein mittels Bogenfries ausgekragter Wehrgang umgibt als Manschette seinen gemauerten Dachkegel. Im Innern nahm er ‑ über mittlerweile verschüttetem Kerker ‑ eine heizbare Wachstube auf.

Bereits für das 13. Jahrhundert ist in Bergen eine Ortsbefestigung nachweisbar, die mit Graben, lebender Dornenhecke und Verhau qualitativ der Frankfurter Landwehr entsprach. Nach stillschweigend um 1354 vollzogenen Annektion im Zusammenhang der Expansionsbestrebungen der Grafen von Hanau bedurfte es jedoch eines wirkungsvolleren Befestigungssystems gegen rivalisierende Ansprüche ‑ u.a. gegen die Reichsstadt Frankfurt. Kurz nach ihrer Erhebung in den Grafenstand 1429 begannen die Hanauer daher mit dem Bau einer bis zu fünf Meter hohen turmbewehrten Stadtmauer. Ähnlich wie im benachbarten Hochstadt oder unten im kurmainzischen Höchst wurde sie ab 1440 beiderseits der zentralen Markt­straße mit zwei Toren nach Osten und Westen und insgesamt 10 Türmen angelegt. Trotz erheblicher Proteste Frankfurts konnte diese spätgotische Wehranlage etwa um 1500 als abgeschlossen gelten.

Während des Siebenjährigen Kriegs erlangte sie am 13. April 1759 zum letzten Mal strategische Bedeutung, als aus derart befestigter Stellung die Franzosen unter Marschall de Broglie preußische Allianztruppen mehrfach verlustreich zurückschlagen konnten. Seit 1800 verfiel die Mauer; die Tore wurden noch im 19. Jahrhundert nachts geschlossen, dann abgebrochen. Aber im 19. Jahrhundert wurde die Ortsmauer weitgehend abgetragen. Die Stadtbefestigung diente als Steinbruch. Nach Bergens Aufgehen im preußischen Staatsgefüge 1866 büßte sie ihren Sinn vollends ein: Bis 1880 verschwanden die Torbauten und der statt­liche Schwarze Turm  im Nordosteck. Nur dem Eingreifen des preußischen Landrats verdankt der Weiße Turm seine Erhaltung.

 

Nach Süden kommt man über die Straße „Bleichgarten“ zur Schelmenburg. Ihren Ursprung hatte diese Burg in einem römische Kohortenkastell, denn Ziegel mit dem Stempel der seit 92 in Mainz stationierten XXII. Legion sind mehrfach hier gefunden worden. In die Zeit der fränkischen Landnahme dürfte eine spätere Befestigung zurückreichen, aus der unter den salischen oder staufischen Kaisern eine durch doppelten Wassergraben gesicherte Burg von quadratischem Grundriß um kleinen Hof hervorging. Im Jahre 1194 wird in ihr als Reichministerialen das Geschlecht der Schelme von Bergen nachweisbar.

Als das Gebäude im Januar 2001saniert wurde, weil Feuchtigkeit die Wände hoch kletterte, fand man 50 Zentimeter unter der Fußbodenkante alte Grundmauern, die ursprüng­liche Kernburg. In verschiedenen Etappen wurde die Burg im 14. und 16. Jahrhundert umgebaut. Die Schelmenburg steht auf einem eigens angehäuften Hügel aus Humus. Es war kein Aufwand, die Teile des Gebäudes, die am Abhang liegen, zu unterkellern. Schwieriger wäre das für den Kernbereich gewesen. Genau bestimmt wurden die Epochen erst durch den Fund von Fliesenscherben. Grün glasierte Fliesen sind aus dem 14. Jahrhundert, gelbe stammen aus dem Raum Bad Homburg.

Als nach dem Tod Kaiser Friedrichs II. in den Wirren des Interregnums die seit 1279 über Berger Grundbesitz gebietenden Grafen von Hanau zur Ausweitung ihres Territoriums rivalisierende Grundherren verdrängten, gerieten die Schelme in die Vasallität zu Hanau. Wie zahlreiche entmachtete Reichsritter des 14. Jahrhunderts erlagen auch sie bald der Versuchung, verlorene wirtschaftlich Möglichkeiten durch Raubzüge zu ersetzen; dazu boten die von Frankfurt bis nach Thüringen der Handelsstraße über die Höhefolgenden Kaufmannszüge die beste Gelegenheit.

Im Winter 1381/8 machten die Frankfurter diesem Treiben allerdings ein Ende, indem sie über die zugefrorenen Wassergräben in die Burg eindrangen. Sibold und Gerlach Schelm schworen Urfehde, fortan blieben hier die Kaufleute unbelästigt. Ein aufwendigeres Unternehmen gegen die Taunusritterschaft im Frühjahr 1389 sollte zur folgenreichsten Niederlage der Reichsstadt während des Mittelalters werden.

Die heutige Burg ist ein erneuertes Wasserschloß von 1700 (Inschrift über dem Eingang). Die isoliert westlich vor der Ortschaft angelegte Burg war damals längst zum ländlichen Wohnschloß ausgebaut und von Häusern umgeben. Die Schelme von Bergen sind 1844 ausgestorben. In dem Haus war die Sozi­alstation untergebracht. Heute ist dort die Stadtbücherei und 16 Vereine zogen in die Räume ein.

Im Jahre 1707 hat Heinrich Heine die volkstümliche Sage vom Berger Henker in Form einer (thematisch allerdings veränderten) Ballade veröffentlicht: Ein Henker ging auf dem Römerberg seinem Geschäft nach, als Kaiser Friedrich Barbarossa mit seiner 16jährigen Geliebten in die Stadt ritt. Der Henker verliebte sich in das Mädchen und fragte eine Kräuterfrau um Rat. Diese riet ihm, er solle sich auf den Maskenball am Hof als Edelmann verkleiden. Die ganze Nacht tanzte er dort mit dem Mädchen, die nach anderer Aussage die junge Kaiserin Beatrix gewesen sein soll. Als er bei der Demaskierung erkannt wurde, hätte die Entehrung eigentlich mit dem Tode bestraft werden müssen. Mit einer List er­trotzte sich der Henker aber das Leben: Würde er getö­tet, bliebe Beatrix entehrt. Schlüge man ihn zum Ritter, sei die Schande nachträglich getilgt. So wurde er zur Abwendung der Schmach durch Friedrich I. Barbarossa als „Schelm von Bergen“ geadelt und bekam die Burg. Seit 20 Jahren wird diese Sage auf Planken über dem Burggraben aufgeführt.

Die Berger Linie der Schelme erlosch 1786 im Mannesstamm mit Casimir, Schelm von Bergen. Der Gelnhäuser Stamm starb 1844 aus. Noch am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts war die Burg von einem Miterben der Schelme bewohnt. Aber 1840 wurde der äußere Wassergraben zugeworfen und der Garten nach der Straße zu durch eine Mauer geschützt. Dann ging der Besitz in fremde Hände über.

 

Man geht hinunter zur Marktstraße und nach links zum Rathaus. Am westlichen Rand des Ortes war während der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine gotische Steinhalle entstanden, die für Versammlungen und Veranstaltungen genutzt wurde. Vermutlich wies sie an den Seiten zum Teil Pfeilerarkaden auf. Außerdem ließ sich die ehemals „Breite Gasse“ genannte Hauptstraße hier mit Balken sperren (deren vermauerte Luken sind zwischen nachgotischen Fenstern sichtbar geblieben).

Als den Herren von Hanau 1484 aus der aufgelösten Grafschaft Bornheimer Berg 17 Dörfer zugefallen waren, verlegten sie deren Gericht nach Bergen und ein Galgen wurde an der Berger Warte aufgestellt. Der gesteigerten Bedeutung der Ortschaft sollte der Ausbau als Rathaus entsprechen, das für Gemeinderat und Gerichtssitzungen zu dienen hatte.

Der Unterbau des Rathauses  entstand um 1350. In der gotischen Gerichtshalle, auch „spilhus“ genannt, tagte seit 1484 das Landgericht Bornheimer Berg. Sie vertritt in ihren von Holzpfeilern mit Kopfbändern und Unterzug getrennten Schiffen einen zwischen Spät­gotik und Ba­rock häufig nachweisbaren Typ. Die Fenster waren nur Schießscharten.

Diese Halle wurde um 1520-30 in Fachwerk aufgestockt und 1704 durch einen barocken Dachreiter ergänzt und verändert. Auch das Obergeschoß beansprucht die Gesamtfläche des Hauses. Das Fachwerk verbarg sich bis 1934 völlig unter Verputz und Verschieferung. Freigelegt erwies es sich als eine der bedeutendsten Holzkonstruktionen in der näheren Umgebung Frankfurts, die ihre besondere Wirkung der für Hessen ungewöhnlichen Situation inmitten der vom Fachwerk geprägten Marktstraße verdankt.

Am westlichen Giebel ist eingelassen ein Stein von 1479 vom 1869 abgebrochenen Untertor mit der Inschrift: „Far, du gauch!“ was so viel heißt wie: Scher dich zum Teufel, du Lumpengesindel!“ Das Fratzengesicht mit Sau- oder Eselsohren zielte aber wohl nicht nur auf Landstreicher und anderes unehrenhafte Volk, sondern auch auf die Frankfurter, die mit den Grafen von Hanau stets im Streit lagen (das Original befindet sich im Heimatmuseum).

Das Obergeschoß ist mittels turmartigem Treppenanbau an der Westseite zugänglich. Über dem Por­talbogen für die Treppe zum ge­wölbten Keller ist der sogenannte „Fratzenstein“  ver­mauert. Mit dem  spätgotischen Kopfrelief (Maske) und dem  Schriftband „Far du gauch“ wurden Gaukler und Bettler abgewiesen und Diebe gewarnt, die besonders nach Messen in Frankfurt ringsum die Bevöl­kerung terrorisierten. Der Stein befand sich seit 1479 an der 1871/72 abgebrochenen Unterpforte. Das Original des Steins befindet sich im Museum.

Nach Osten entspricht dem Treppenaufgang an der Westseite ein polygonaler Verkünd‑Erker. Die östliche Front mit viertelkreisförmigen Fußstreben (über der Uhr) und kreuzförmig verstrebten Pfosten macht die zeitliche Stellung zwischen dem Höchster Bürgerhaus „Zum Anker“ und dem schlichteren Rathaus im nahen Hochstadt deutlich.

Das Heimatmuseum entstand 1957 durch Bürgerini­tiative. Nach provisorischer Unterbringung in einem Schulsaal fand es 1958 Unterkunft im Obergeschoß des historischen Berger Rathauses. Als Bergen‑Enkheim 1968 zur Stadt erhoben wurde, übernahm der Magistrat die Trägerschaft und stellte das Rathaus nach der Renovierung dem Heimatmuseum zur Verfügung. Nach der Eingemeindung Bergen‑Enkheims 1977 konstituierte sich der mit der Verwaltung des Mu­seums beauftragte Freundeskreis zu einem gemein­nützigen Verein, der die Trägerschaft für das Heimat­museum übernahm. Die Stadt Frankfurt am Main ließ im gleichen Jahr den großen Rathauskeller für mu­seale Zwecke herrichten und das Gebäude vom goti­schen Unterbau bis zum barocken Turm renovieren.

Das Museum zeigt eine Fülle von Gegenständen zur Geschichte Bergen-Enkheims. Wer weiß schon, daß dort auch Ausgrabungen eines kleinen römischen Kastells und Reste einer römischen Töpferei gefunden wurde? Auch „das Universalgerät der Neandertaler“, ein guter­haltener Faustkeil aus Speckstein, ein Acheul‑Faustkeil, ist mehr als 120.000 Jahre alt, ist aus­gestellt. Gefunden hat ihn den Stein 1961 der Schüler Heinz Ackermann im Löß einer Berger Gärtnerei.

In der Gerichtshalle im Erdgeschoß werden die Be­deutung Bergens als Verwaltungsort des Amtes Bornheimer Berg und die Baugeschichte des Rathau­ses gezeigt. Ältestes Ausstellungsstück ist ein 120.00 Jahre alter Faustkeil aus der Altsteinzeit. Reste des steinernen Galgens, ein Hen­kerschwert und zahlreiche Bilder berichten vom Ge­richtswesen in alter Zeit. Ganz schön zynisch mutet er heute an, der Spruch des Henkers von Bergen, der auf den Höhen nord­östlich von Frankfurt, zwischen 1484 und 1537 die Köpfe rollen ließ: „Wann ich das Schwert thue aufheben, so wünsche ich dem Sünder das ewige Leben“, heißt es da. Heute ruht es in der Glasvitrine, das schwere, fast zwei Meter lange Stück, das nur mit beiden Händen zu schwingen war.

Von der Schlacht bei Bergen künden Kanonenkugeln, Waffen, Pläne und Urkunden. Gezeigt werden Rit­terrüstungen, Kanonenkugeln, Hellebar­den und Gewehre. Das faszinierende Diorama der „Schlacht bei Bergen“ zeigt über 2.260 feine, geschichtsgetreu nachgestaltete Zinnfigu­ren unter Glas, handbemalt, Soldaten, Pferde und Gehöfte. Gezeigt wird der entscheidende Augenblick, als Prinz Johann K. von Isenburg an der Spitze der hannoverschen Truppen fällt.

Ebenfalls mit Zinn­figuren ist auch die berühmte Geschichte des „Schelms von Bergen“ oder„Kriegsgefahr am Limes“ und eine Nachbildung einer römischen Villa rustica dargestellt.

Zahlreiche Steinbildwerke, Wappen und Urkunden, Erzeugnisse der Zünfte und Münzen, eine Darstellung des Bronze­gusses, runden die Dokumentation der Ortsgeschichte ab. Das älteste Haus von 1600 von der Benderei Köhler fiel den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer. Ein Nachbau Bergens, wie es um 1720 war, ist zu sehen. Im Treppenhaus hängen Fahnen alter Ortsvereine. Im Flur des Obergeschosses halten Bilder und Doku­mente die Erinnerung an Ereignisse der Ortsge­schichte wach. Na­turwissenschaftliche Sammlungen, die einen Quer­schnitt durch die heimische Tierwelt bieten und den geologischen Aufbau der Landschaft veranschau­lichen, sind auf zwei weitere Räume verteilt.

Im ehemaligen Weinkeller wird an die Weinbauzeit erinnert, als am Berger Hang fast 600 Morgen Wein­berge gepflegt wurden. Viele Geräte und einige Kel­tern konnten gerettet werden. Auch der Apfelwein­herstellung ist eine Abteilung gewidmet. Geräte aus der Landwirtschaft, aus Haus, Hof und Garten sind reichlich vertreten. Eine Darstellung der Flachsverar­beitung von der Pflanze bis zum Webstuhl erinnert an die Textilherstellung in bäuerlichen Betrieben.

Es findet sich auch so Prosaisches wie Eissägen, mit denen früher aus dem Enkheimer Ried je­den Winter Eisblöcke für die Eisschrän­ke der wohlhabenden Bürger oder Gastro­nomen gesägt wurden. Gezeigt werden auch Geld als altes Zahlungsmittel, Porzellan und Steingut heimischer Töpfer.

Ein hölzerner „Schubkarren“ gehörte früher zum Straßenbild eines Dorfes und ebenso die auf dem Kopfe getragene „Maan“. Kartoffeln werden heute maschinell gerodet, und so haben zwei‑ oder dreizinkige Hacken oder der „Kaascht“ jetzt schon Museumswert. Ein Uni­kum stellt die Zuggabel für einen Hundewagen dar, mit dem früher Obst nach Offenbach gefahren wurde. Als es noch keinen Aufzug und keinen Gabelstapler gab, zog man die Getreidesäcke mit einem Strick über eine „Rolle“ zum Schüttboden hinauf,

An das „Reich der Hausfrau“ erinnern ein altes „Stampf‑Butterfaß“ und eine „Zentrifuge“, mit der man die fetthaltige Sahne von der Mager­milch trennte. Als man noch keine Waschmaschinen kannte, bediente man sich der hölzernen Wäscheklopfer, und der beliebte Brotaufstrich „Latwerge“ oder „Läckmerje“ mußte mit dem „Läckmerjerührer“ in großen Kupferkesseln fleißig gerührt werden. Aus dem Jahre 1937 stammt ein Spruchband an einem Festwagen: „Die Väter haben uns gelehrt, wie man die Läckmerje rührt. Zweimal herum und durch die Mitt“, sonst brennt uns an der ganze Kitt.“

Weitere Geräte aus den Küchen sind ein 200 Jahre altes Fleischbrett. Hackmesser und ‑beile, Mehlwaagen und Backtröge sowie ein aus einer zerbrochenen Sense gefertigtes Messer zum Zerschneiden der Weißkohl­köpfe, um Sauerkraut herzustellen.

In einer Vitrine kann man zwei Behälter zur Aufnahme der Wetzsteine beim Mähen betrachten, sogenannte „Schlackerfässer“. Während das eine kunstvoll aus einem Holzstück geschnitzt und ausgehöhlt wurde, fertigte man das andere aus einem abgesägten Kuh‑ oder Ochsenhorn an.

Unsere Besucher werden in dem reichhaltigen Angebot noch einen höl­zernen Sackkarren, einen Bindestock, Holzschuhe und andere Kleinigkei­ten entdecken. Gleich am Eingang steht rechts ein Einspänner‑Ackerwagen, wie er heute kaum noch in abgelegenen Dörfern Hessens benutzt wird. Die spar­sam aufgelegten Bretter ermöglichen die Durchsicht auf die Konstruktion des Unterbaues, um zu zeigen, wie man ein solches Gefährt mit wenigen Handgriffen verlängern oder verkürzen konnte.

Der Bergen‑Enkheimer Jean Röder vermachte dem Museum einen selbstgebauten Hack‑ und Häufelpflug, der ihm in der Not des Zweiten Weltkrieges gute Dienste leistete. Auf dem Wagen sind ein Holz-Pflug mit einer eisernen Wendepflugschar und eine Holzegge mit mächtigen Eisenzähnen befestigt. An der Wand hängen Ochsenjoche aus Holz und aus Leder sowie eiserne Maulkörbe für Kühe und Ochsen, wenn diese als Zugtiere eingespannt wurden. Kumte, Zugvorrichtungen und Peitschen runden diese Sammlung ab. Von der Decke hängen einige Dreschflegel herab. Eine „Windfege“, die die Spreu vom Weizen trennte, ist zu sehen.

Das Getreide wurde früher nicht nach Gewicht, sondern in bestimmten Mengen verkauft. Zum Abmessen dienten die alten Hohlmaße. So stehen dort 200 Jahre alte „Simmer“ aus Holz (= 31,363 Liter), darüber ein „Sech­ter“ aus dem Jahre 1808 (=7,841 Liter) und ein Zwei‑Liter‑Gefäß, das unge­fähr einem „Gescheid“ (= 1,960 Liter) entspricht.

 

Über die Straße über „Alt-Bergen“ nach Süden und nach Osten am  „Am Sperber“ kommt man zur Evangelischen Kirche (siehe Dateie „Kirchen“). Hier erkennt man noch den Mauerzug der Ortsbefestigung gegen die Talseite mit seinem Rondell. Sie ist auf ursprünglichen Fundamenten weitgehend rekonstruiert, aber wohl aus späterer Zeit als dem 14. Jahrhundert. Als man 1973 davor eine Straßenbrücke trassierte, wurden Reste einer vorgeschobenen Eckbastion aus dem Barock erkennbar, die ehemals die Ortschaft nach Südosten zusätzlich absicherten.

Die Pfarrei (S. Nikolaus?) gehörte zum Dekanat Eschborn des Archidiakonats S. Peter in Mainz, genannt zuerst 1255.  Das Patronat hatten 1514 Eppstein‑Königstein, 1535 ging es an Stolberg­-Königstein; gegen Ende des 16. Jahrhunderts hatten es die Grafen von Hanau. Filialen waren Enkheim und Seckbach.

Älteste Pfarrkirche stand auf dem „Kirchberg“ zwischen Bergen, Enkheim und Seckbach und wurde bereits 1178 erst­mals genannt. Die Reste wurden 1756/57 abgebrochen. Die Pfarrechte lagen seit Anfang des 16. Jahrhunderts bei St. Lau­rentius in Enkheim, als die Grafen von Hanau um 1540 die Reformation einführten. Um den Berger Prote­stanten den Abstieg nach Enkheim zu ersparen, ist für sie von 1681/84 eine barocke Saalkirche errichtet worden. Am 10. August, dem Lau­rentiustag, desselben Jah­res wurde sie geweiht. Die Kanzel hat einen Herkules als Fuß. Die neue Orgel ist versehen mit Bildwerken der alten von 1595.

Die Kirche wurde ver­stärkt durch den 1741‑43 vorgesetzten achsialen Fassadenturm, dessen Dimensionen denen der Bornheimer Johanniskirche nahekommen. Im Jahre 1912 wurden die Mauern erhöht und die Fenster verändert. Entlang der Südseite des Kirchen­schiffs sind barocke Grab­steine aufgestellt, denn einst bestand dort ein kleiner Friedhof.

Neben der Kirche stand die von den Schelmen von Bergen gestiftete Hubertuskirche (Haubelskirche), in der bis 1560 katholischer, dann lutherischer Gottesdienst gehalten wurde- Beim Brand von 1600 wurde sie zerstört.

 

Über die Straße „Am Königshof“ nach Norden kommt man zur Nikolauskapelle (siehe Datei „Kirchen“).

Wieder auf der Marktstraße kommt man zur heutigen Gaststätte „Irish Pub“, vor der zwei alte Grenzsteine (aber nicht Am originalen Standort) mit einem Brett zu einer Bank verbunden sind. Früher steckte hier auch noch eine Kanonenkugel in der Wand, die angeblich bei der Schlacht bei Bergen hier einschlug, die aber jetzt entfernt ist. Nach links kann man einen Abstecher durch die Straße „Am Michlersbrunnen“ machen oder im Gasthof „Schützenhof“ einkehren, wo der Wirt noch selber keltert.

Am Ende der Marktstraße steht links am Gräsigter Weg noch aus alten Weinberg‑Zeiten die Ruhbank. Am Berger Hang wurde nahezu 1000 Jahre lang Wein angebaut. Die Weinberge betrugen zusammen über 600 Morgen Land am Hang. Um das Jahr 1000 n.Chr. vergab Heinrich IV die Weinrechte an das Kloster Eichstädt in der Gemarkung. Von da an blühte hier der Weinanbau. Nach 1850 befielen Krankheiten die Weinpflanzen: Über Mehltau, Reblaus und Blattfall siechte die Weinkultur dahin. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Weinanbau in Bergen‑Enkheim dann endgültig aufgegeben. Von diesen Ruhesteinen aus der Weinzeit um 1700 und 1760 gibt es in der Gemarkung noch etwa fünf Stück. Sie dienten zur Ablage der mit Reben gefüllten Körbe, die Pflückerinnen und Pflücker auf dem Kopf trugen und auf ihrem Weg in Abständen absetzten. Die Höhe der Abstellfläche erleichterte die Abnahme der Weinkörbe wie das Wiederaufsetzen.

 

 

 Mühltal

Muss ein super Spielgelände für Kinder sein. Aber wahrscheinlich gibt es schnell Ärger mit den Nach­barn. Die sind hier ziemlich dicht dran. Wohnen sozusagen mitten drin, im Ur­wald. Ein deutscher Dschungel, der seinen Dornröschen‑Zauber hat, so überwachsen ist alles. Aber der Botaniker zuckt nur mit den Schultern. Und das nicht nur wegen der Plastiktüten, des Bauschutts und der Autoreifen, die dem wilden Wald mitten in Bergen ein großstädtisches Gepräge ge­ben. Das kleine Zipfelchen Wildwuchs nördlich des Heinrich‑Bingemer‑Wegs in Bergen gehört offiziell auch noch zum Na­turschutzgebiet Mühlbachtal.

Ins Schwärmen kommt Rüdiger Wittig von der Abteilung für Pflanzenökologie und Geobotanik am Botanischen Institut der Goethe‑Universität nicht, wenn er das urwüchsige Stückchen Land betritt. Für Vögel ist das sicherlich ein schönes Biotop, aber für einen Botaniker gibt es hier nichts besonders Schutzwürdiges. Holun­der, Brennessel, Hahnenfuß. Nichts Be­sonderes. Heute morgen zeigt der Wissen­schaftler den kleinen Zipfel Natur mitten in der alten Siedlung vor allem, um zu zei­gen, was passiert, wenn Naturschutz von den Bürgern nicht mitgetragen wird. Dann hegt hier schnell alles voll Müll. Und alles kommt ins Rutschen: Warum soll man auch ein Stück Landschaft, das ohnehin ein Fremdkörper ist, mitten in der Siedlung schützen, wenn es aussieht wie Hund?

Das Problem sieht Wittig auch im ei­gentlichen Naturschutzgebiet, das jen­seits der Straße kurioserweise von einem Spielplatz unterbrochen ist. Besucher müs­sen erst ein beträchtliches Stück an der Straße entlang laufen, bis es wieder einen Zugang gibt in das feuchte, wild überwach­sene Tal.

Romantiker mögen angesichts der fet­ten Wiese mit Obstbäumen und wuchern­den Brombeerranken ins Schwärmen gera­ten. Wittig kommen eher die Tränen. Denn bei der letzten Erhebung Anfang der 80er Jahre haben die Fachleute auf der am Südhang gelegenen Sonnen beschienenen Streuobstwiese beträchtliche Flächen mit Pflanzengesellschaften gefunden, die ei­gentlich nur auf Halbtrockenrasenstandor­ten wie dem Berger Hang zu finden sind. Und davon gibt es hessenweit nicht mehr allzu viele, 40 Hektar, ein Viertel davon am Berger Hang. Wenn es das hier noch gäbe, wäre das ein überregionaler Schutz­grund.

Wittig schüttelt traurig den Kopf und deutet auf die gierigen Brombeeren, die sich schon so viel Fläche einverleibt ha­ben. „Ich hab danach gesucht, aber Halb­trockenrasenarten gibt es hier nicht mehr. Zu schattig ‑ der Boden wird im Sommer nicht mehr warm genug.“ Von Halbtrocekenrasen kann angesichts der saftigen Wiese auch für den Laien keine Rede mehr sein. Dass sich im Mühlbachtal noch eine der selten gewordenen Streuobstwie­sen den Hang hinunter Richtung Bach zieht, war einer der Gründe, hier ein Na­turschutzgebiet auszuweisen. Streuobst­wiesen verlangen viel Pflege. Die artenrei­ehe Glatthaferwiese hätte zwei Mal im Jahr gemäht werden müssen. Wittig deu­tet rundum auf die kleinflächigen Wiesen­stücke, auf denen sich malerisch alte Obst­bäume verteilen. Für einen Landwirt lohnt sich es nicht, das zu mähen, die Flä­che ist zu klein. Und die Hanglage zu mühsam.

Ein deutliches Indiz für mangelnde Pfle­ge sind die schmalen, lanzettförmigen Blätter, die auf der gesamten Wiese zu se­hen sind: die im Sommer gelb blühende Kanadische Goldrute. Eine vor rund 100 Jahren eingeführte Gartenpflanze. Wenn die in einer Wiese drin ist, heißt das, dass nicht ausreichend gemäht wird.

Das Gestrüpp zwischen Wiese und Bach ist so dicht, dass der Versuch, von hier zum Bach vorzudringen aussichtslos er­scheint. Angesichts der Massen blauer Mülltüten, zerdrückter Dosen und gerisse­ner Folien wäre diese Route ohnehin we­nig verheißungsvoll. Vom Mühlfloßweg führt ein feuchter Pfad zum Gewässer und damit zum Star des Naturschutzgebiets: Dass hier der den Laien vage an die Zwei­ge einer Kiefer erinnernde Riesen‑Schach­telhalm in rauhen Mengen am Bachufer ge­deiht, ist nämlich der Hauptgrund, warum das Mühlbachtal unter Naturschutz steht. Den bis zu zwei Meter hoch wachsenden Schachtelhalm, aus dessen Wäldern an­derswo die Steinkohle entstanden ist, gibt es in der Region kaum noch ‑ obwohl die Art nicht gefährdet ist.

Das Bächlein einen Bach zu nennen, fällt schwer. Wo der Mühlbach überhaupt zu Tage tritt und nicht in unterirdische Rohre verlegt ist, plätschert er in einer schmalen Halbschale aus Beton dahin. Hangaufwärts haben die Brombeeren den Bach bereits unter sich begraben: Da bleibt auch kein Raum mehr für den Rie­sen‑ Schachtelhalm, der die feuchten Ufer zum Leben ebenso braucht wie Licht und Luft. Hangabwärts lässt sich allenfalls erahnen, welch ein Kleinod das Tälchen einmal sein konnte, wenn ‑ wie geplant ‑ in diesem Jahr der Mühlbach renaturiert und die wuchernde Brombeere zurück ge­schnitten wird. Hier wachsen Scharbocks­kraut und Wiesenschaumkraut am Ufer neben Sträuchern von Rotem Hartriegel und Roter Johannisbeere. Letztere ist laut Wittig ja erst aus den Bachauen heraus und in die Garten geholt worden, als der Mensch es bequemer haben wollte.

Der Botaniker nickt beifällig und lässt den Blick auch Richtung Auenwald schwei­fen: Wenn hier eine intakte Bachaue ent­steht, mit Erlen, Eschen und Weiden und der ja vorhandenen, für die Auenland­schaft typischen, Krautschicht mit Ler­chensporn und Goldschopfhahnenfuß, die Ende März hier einen Blütenteppich bil­den, wäre das durchaus ein eigener Schutz­grund für das Tal. Wenn es nach ihm ginge, wäre es ohnehin besser, sich auf den Schutz der Aue zu konzentrieren, statt mit viel Geld den wenig aussichtsreichen Kampf um den Erhalt der Streuobstwiese zu führen: Sie ist zu klein, und der wert­volle Halbtrockenrasen ist ohnehin verlo­ren. Bloß nicht verzetteln.

Auf dem Mühlfloßweg zurück Richtung Heinrich‑Bingemer‑Weg deutet Wittig auf Hopfen und Clematis, die sich fast wie Tar­zans Lianen fingerdick an den Bäumen hoch gearbeitet haben. Auch das ein Zei­chen für eine intakte Bachaue. Wittig er­läutert, dass auf feuchtem, nährstoffrei­chem Boden jene Pflanze einen Vorteil hat, die schnell hoch wächst. Lianenge­wächse machten sich dabei auch umgefal­lene Bäume zu Nutze, an denen sie sich empor ranken. Auch hier liegt überall Müll. Wenig verwunderlich, in einem Na­turschutzgebiet mitten im Stadtteil. Die Vögel stören sich nicht an einer Mülltüte, auch die Pflanzen nicht, aber wenn hier erst mal eine Schicht Kulturschutt liegt, dann ist das ein anderer Standort.­ Hübsch sieht es jetzt schon nicht mehr aus.

Der 175 Meter offen in einer so genann­ten Sohlschale fließende Mühlbach wurde früher aus Jakobsbrunnen und Schelmen­quelle gespeist. Beide werden heute in die Kanalisation geleitet. Kleinere Quellen im Naturschutzgebiet, wie der Hessenborn, sorgen heute für den Zufluss in den Mühl­bach. Weil Gehölze immer weiter in die Fettwiesen am Bach vordringen, droht ei­ne Verarmung der Arten. Brombeeren überwachsen zunehmend Arten wie Rie­senschachtelhalm und Sumpf‑ und Schlanksegge.

Mit 127.000 Euro aus Ausgleichsmit­teln will die Untere Naturschutzbehörde in diesem Jahr beginnen, den Bach zu re­naturieren und die Brombeeren zu bekämpfen. Die Betonschalen des Bachs sol­len herausgenommen, zum Teil soll ein neues Bachbett angelegt werden. Indem das Gehölz zurück gedrängt wird, soll das Gebiet zehn Meter links und rechts des Bachs wieder in ein offenes Wiesengelän­de zurück verwandelt werden.

Das Geld reicht aus, um fünf bis sieben Jahre lang die Brombeeren aktiv zu be­kämpfen. Auf einer Plattform mit Bänken sollen die Besucher künftig einen Einblick ins Gebiet bekommen und via Tafeln infor­miert werden.

Der Riesen‑Schachtelhalm, der neben der Streuobstwiese dafür gesorgt hat, dass das Gebiet unter Naturschutz steht, wächst an feuchten Stellen und wird einen halben bis zwei Meter hoch. Er breitet sich hartnäckig aus über Ausläufer, die im Bo­den bis in einem Meter Tiefe verlaufen. In Hessen ist er vor allem im Norden verbrei­tet. Einzelne Vorkommen gibt es in Mittel­hessen, im Main‑Kinzig‑Kreis und in Frankfurt. Hier ist er erstmals 1802 erwähnt.

 

 

 

Berger Hang

Das 1954 ausgewiesene, zehn Hektar große Naturschutzgebiet Berger Hang ist das nördliche Steilufer eines alten Mainarmes. Seine geografische Lage be­dingt ein mildes und warmes Klein­klima. Hier blüht alles ein wenig früher als im restlichen Frankfurt. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde hier noch Wein angebaut.

In seinem Artenreichtum ist der Ber­ger Hang mit seinen Streuobstwiesen und dem gemähten Halbtrockenrasen von überregionaler Bedeutung. Ein Vier­tel des hessenweiten Bestands findet sich hier. Auf den Wiesen wachsen kalklieben­de Blütenpflanzen. Allein acht zum Teil geschützte Orchideenarten wie Helm­knabenkraut, Stendelwurz, Bienen-­Ragwurz und Händelwurz  wurden hier schon gesichtet. Buchfink, Kuckuck und Grauammer brüten im Gebiet, der Rote Milan zeigt sich immer mal wieder auf der Durchreise.

Schiene jetzt auch noch die Sonne, wä­re das Bild perfekt: Kindheitserinne­rungen drängen in die vorderen Bereiche des Bewußtseins. Oder besser: rosa rote gefärbte 60er‑Jahre‑Idyllen von grün‑bunten Blütenhängen und Mamas Kartoffelsalat, von heißen Sommern, Frikadellen und Federball, die es so wahrscheinlich nie wirklich gegeben hat. Aber die Wiese, die sich in sanften Linien an den Berger Hang schmiegt, läßt den romantisch veranlagten Laien vor allem ei­nes denken: ideal für ein Picknick!

Von wegen. Professionellen Naturschützern würden sich bei diesem Gedanken die Haare sträuben. Betreten verboten. Professor Rüdiger Wittig drückt es gelassener aus: „Eine Wiese, die gemäht wird, darf man nie betreten.“ Noch ein Erinnerungszoom in die Kindheit ‑ an den netten Bauer Strohm, der die kleinen Mädchen von der Wiese hinterm Haus scheuchte, als sie sich anschickten, dort im meterhohen Gras ganze „Zimmerfluchten“ niedertrampelnd zu „bauen“.

Also: Keine Picknickwiese, ein Naturschutzgebiet, das der Fachmann wenig klangvoll als gemähten „Halbtrockenrasen“ bezeichnet. Einen Wiesentyp, den es in Hessen kaum noch gibt. Seine Existenz verdanke dieser Lebensraum dem regelmäßigen Mähen. „Er ist selten geworden, weil das Interesse der Landwirte schwindet“, urteilt Wittig und läßt den Blick vom Hang, westlich von Bergen über die weiten Wiesenflächen schweifen. Im Tal bildet das Enkheimer Ried ein grünes Dach vor der Kulisse Offenbachs auf der anderen Seite des Mains.

Das, was den Botaniker begeistert, liegt näher. Wittig deutet auf die Obstbäume und Hecken, die die weitläufigen Wiesen einfassen. „Obwohl das Gebiet so groß ist, ist es nicht eintönig.“ Er verweist auf die botanisch interessanten Übergangszonen von der Hecke zur Fläche, auf Wiesensäu­me mit lilafarbenen Wicken, verschieden stark geneigte Hanggebiete und die schat­tigeren Flächen unter den Obstbäumen. Überall fühlten sich andere Pflanzen be­sonders wohl.

288 höhere Pflanzenarten haben Wit­tigs Mitarbeiter im Naturschutzgebiet ge­zählt, auf rund 100 bringt es allein der Halbtrockenrasen. Auf dem Quadratmeter zu seinen Füßen greift der Wissen­schaftler wahllos in die bunte Vielfalt und hat in zwei, drei Minuten 20 verschiedene Arten, vom gelb blühenden Kleinen Wie­senknopf bis zum lilafarbenen Salbei, bei­sammen. Angesichts der bunten Blütenpracht ist dieser Wiesentyp ein Tummelplatz für Insekten. Das leuchtet selbst dem Laien ein, der den Bläuling bewundert, der sich gerade auf einer Salbeiblüte niedergelassen hat. „Ein Schmetterlingsbiotop“, urteilt Wittig.

Einer der Stars des Gebiets ist der violett blühende Große Ehrenpreis, eine selten gewordene Pflanze, die nach Auskunft des Wissenschaftlers nur an außergewöhnlichen Standorten gedeiht und deshalb auf der Roten Liste der geschützten Arten steht: Sie mag keine sauren Böden, liebt Wärme und viel Licht, kann aber Nährstoffreichtum nicht aushalten. „Sobald gedüngt wird, ist sie fort. So einen Lebensraum findet man nur noch selten.“ Zumindest in Deutschland. Im Mittelmeerraum, etwa in Italien, fänden sich diese Bedin­gungen viel häufiger.

Mit einem Griff schnappt Wittig ein auffallend Haltung annehmendes Gras aus dem für den Laien wild wuchernden Ge­wirr: Die Aufrechte Trespe oder Bromus erectus ist Namensgeber und mit vielen anderen Gräsern zusammen die dominante Art der Pflanzengesellschaft Mesobro­metum, die auf dem gemähten Halbtro­ckenrasen gedeiht.

Für das beeindruckende Panorama in die Mainebene, das sich vom Berger Hang aus bietet, hat der Botaniker keinen Blick: Er deutet auf eine noch blütenlose Pflanze mit grünen, muschelförmigen Früchten, den „Kleinen Klappertopf“.  Dieser Halb­parasit heißt so, weil die trockenen Samen in den Früchten klappern, wenn man sie schüttelt. Ein Halbparasit ist das Pflänz­chen, weil es sich an die Wurzeln anderer Pflanzen dran hängt. So spart es sich, selbst lange Wurzeln auszubilden.

Auf schmalem Pfad geht es die steile Wiese hinab und mittendrin im Mager­rasen entdeckt Wittig endlich jene Arten, die diesen Standort so außergewöhnlich machen, weil sie nur hier gedeihen ‑ die schon fast verblühte rosafarbene Orchidee „Helmknabenkraut“, sein gerade erblühen­des Schwesterchen, das hellrosa‑violett blühende „Händelwurz“, das rosa‑violett blü­hende seltene „Kreuzblümchen“ und das im Wind zitternde Zittergras.

Im Osten durchschneidet ein kleiner Bach den Hang und trennt die Magerfläche von einem kleinen Flachmoor, das in ei­ner Senke am Hang entstanden ist. Wittig läßt den Blick über die nicht einmal fuß­ballplatzgroße Fläche schweifen: „Hier se­hen Sie mit einem Blick fünf verschiedene Biotoptypen: eine feuchte Kohldistelwiese, Seggenried, Röhricht, eine sumpfige Flut­rasengesellschaft und ein Kalkflachmoor, und das alles auf engstem Raum“, sagt der Botaniker anerkennend.

Am Bach entlang geht es den Hang hi­nunter zum Spazierweg, der die südliche Grenze des Naturschutzgebiets bildet. Am Wegesrand deutet der Botaniker auf die Buschgewächse: Hundsrose darunter, Schlehe, Holunder, Weißdorn, Hagebutte, Sauerkirsche. Vogelfutter satt. Und am Wiesensaum, dort, wo vermutlich nicht im­mer ganz gründlich gemäht wird, weil die­se Pflanze das nicht verträgt, eine weitere, pinkfarben blühende Besonderheit des Ge­biets: der „Blutstorchschnabel“. Nur ein paar Meter weiter in der Wiese läßt ein blattloses gelblich blühendes Pflänzchen Wittig begeistert ausrufen: die „Würger“ genannte Schmarotzerpflanze „Orobanche“, eine Rote‑ Liste‑Art, die ‑ ohne Blätter ‑ keine Photosynthese machen, also Zucker und Starke nicht mehr aus der Luft gewin­nen kann und deshalb die Wurzeln ande­rer Pflanzen anzapfen muß.

Auf dem Weg zurück Richtung Bergen greift Wittig noch einmal kurz in den Wie­sensaum, zerreibt die Blättchen eines Krauts unter der Nase seines Gegenübers und wartet: „Oregano“ gibt er sich schließ­lich selbst die Antwort. Gewürzpflanzen wie Oregano, auch Thy­mian und Rosmarin, seien typische Ge­wächse trockener Böden: „Je trockener, des­to größer die Gefahr, vom Vieh gefressen zu werden.“ Die Gewürzpflanzen wehrten sich mit starkem Aroma gegen die Pflan­zenfresser: „Ein paar Blättchen in der Spaghettisoße sind lecker, aber versuchen Sie mal, ein ganzes Bündel davon zu essen ‑ das schmeckt nicht.“ Weshalb Kühe und Schafe einen Bogen um die stark duften­den Kräuter machten ‑ Freßschutz der Natur.

 

 

 

 

Enkheimer Ried

Geschichte

Anfang des 19. Jahrhunderts sah hier noch alles anders aus. Ein Al­tarm des Mains floß über Maintal am Berger Hang entlang Über Seck­bach und den Ostpark in den Main und überflutete regelmäßig die Aue. Als der westliche Abfluß des Mains dann abgeschnitten wurde, verlande­te er langsam. Es entstand eine fünf Meter dicke Torfschicht, die zwischen 1829 und 1864 teilweise abgebaut wurde. Wieder begann das Ried zuzuwachsen und zu verlanden.

Dieser Prozeß wurde erst unterbrochen, als zwischen 1884 und 1924 eine findige Firma begann, hier Natureis zu ge­winnen. Sie ließ die gesamte Fläche des heutigen Naturschutz­ge­biets, das weit den Tränkebach entlang bis in die Bischofsheimer Gemarkung hineinreicht, fluten, so daß ein riesiger See entstand. Als Zufluß wurde der Entenbach genutzt. Immer im Sep­tember wurden Schilf und Wasser­pflanzen entfernt, um möglichst sau­beres Eis zu gewinnen, das im Winter mit Eispflügen in meterbreiten Tafeln gestochen wurde. Das Eis wurde in Hallen gelagert und im Sommer zum Kühlen benutzt.

Als man 1924 zum Kunsteis überging, geschah das zu Lasten des Rieds: Weil aus dem Wie­her nicht mehr regelmäßig die Biomasse in Form von Wasserpflanzen rausgeholt wurden, unterstützte das die fortschreitende Verlandung, die mitsamt der Vernachlässigung während des Zweiten Weltkriegs dazu führte, daß das Ried Ende der 50iger Jahre praktisch kein feuchtes Gebiet mehr war.

Ein bißchen ist es ja so, als würde einem Hund der Knochen immer gera­de so außer Reich­weite mit der Angel vorgehalten: Bei 36 Grad im Schatten immer um ein ganzes Fußballfeld voll Wasser laufen und nicht reindürfen, ist fies. Zumal einem die Temperaturen im Schatten ziemlich gleichgültig sind, wenn es keinen Schatten gibt. Wasser. Das Enkhei­mer Ried ist voll davon‑ Das war nicht immer so.  Beate Alberternst, wis­senschaftliche Mitarbeiterin am Botanischen Institut der Goethe‑Universität, sagt: „1958 war das Ried zu 99 Prozent verlan­det.“ Nur eine Radikalkur half damals, das 1937 als Naturschutzgebiet ausgewiesene Ried als solches zu bewahren.

 Zwei­mal wurde das aus einem verlandeten Al­tarm des Mains entstandene Feuchtgebiet bis 1969 ausgebaggert und entschlammt. Einmal holten die nicht zimperlichen Ried‑Retter 38.000 Kubikmeter Schlamm und 38.000 Quadratmeter Schilf aus dem einst zur Natureisgewinnung genutzten Weiher, ein anderes Mal 50.000 Kubikme­ter Schlamm. Seither wurde der alte Teil des Naturschutzgebiets nicht mehr groß angefaßt. „Es ist relativ stabil“, urteilt Al­berternst, die sich darüber im Klaren ist, daß das jahrelange Ausbaggern auch viel Schaden angerichtet hat ‑ allem schon durch die jahrelange Störung.

Mit dem ursprünglich ausgewiesenen Naturschutzgebiet hat das Ried heute nicht mehr viel gemein. Wo vor dem Zwei­ten Weltkrieg auf dem Westweiher Enten quakten, findet sich heute ein Sportplatz, gleich hinterm Enkheimer Freibad. Der völlig verlandete Weiher wurde Ende der 50er Jahre aufgegeben, als die Bagger ans Werk gingen, um den Schlamm rauszuho­len. Jetzt paddeln Wasservögel wie der Haubentaucher oder die Knäk-Ente nur noch auf dem Ostteich herum, auf den Spa­ziergänger eigentlich nur vom Spazierweg im Westen einen Blick erhaschen können.

In das alte Naturschutzgebiet, das erst 1995 um Teile des Tränkebachtals in Bi­schofsheim erweitert wurde, kommt man nicht rein. Ein hoher Zaun verhindert den Zugang, der auch sonst wohl nur mit was­serdichten Wathosen möglich wäre. Das dichte Gestrüpp entlang des Rundwegs er­laubt nicht mal sehnsüchtige Blicke auf den Tummelplatz der Kormorane und der knapp zehn Exemplare der vom Ausster­ben bedrohten Europäischen Sumpfschild­kröte, die sich hier noch eine Überlebensni­sche gesichert hat.

Und doch lohnt der Spaziergang um das rund 28,2 Hektar große Gebiet auf Frank­furter (8,6 Hektar) und Bischofsheimer Ge­markung (19,6 Hektar). Am Wegesrand entlang des eingezäunten alten Naturschutzgebietes haben noch einige Obstbäume wie Kirschen und Pflaumen überlebt - Zeugen von Streuobstwiesen und Gärten, die es früher hier gab.

 

Sumpfschildkröten

Von internationaler Be­deutung ist das Enkheimer Ried durch den in ganz Westeuropa einzigen, sich selbst vermehrenden Bestand an Sumpf­schildkröten. Zu sehen bekommt man die Tiere allerdings nicht, erstens sind sie sehr rar, zweitens menschenscheu und drittens sehr ruhebedürftig. Der Riedteich wird nicht mehr be­wirtschaftet: Hier stellen sich natür­liche Gleichgewichte ohne Eingreifen des Menschen ein.

Ein Wort zur Geschichte: Der Riedteich ist ein verlandeter Altarm des Mains. Die Mainschlinge führte ursprünglich am Berger Hang entlang und versumpfte später. Torfschichten bildeten sich, die noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts „gestochen“, also abgebaut wurden. Die Firma Eis‑ Günther erzeugte und la­gerte hier ihr Natureis, gab den Standort aber im Jahr 1925 wegen der beginnen­den Kunsteisproduktion auf. Wertvolle Fauna und Flora konnten sich seitdem fast ungestört ausbreiten und waren schon zur Jahrhundertwende ein Eldora­do für Biologen.

Seit dieser Zeit waren es zunächst zwei Riedteiche, doch ihr biologischer und ökologischer Wert nahm mit der Zeit eher ab: Diverse Einleitungen ließen vor allem den westlichen Riedteich „zum Himmel stinken“, eine Starenplage sorgte bei Anwohnern und Naturfreunden glei­chermaßen für Verdruß. Um das Jahr 1960 wurde der westliche Riedteich schließlich trockengelegt und zuge­kippt, es entstanden dort die heutigen Sportanlagen.

Der Ostteil wurde entschlammt und als stehendes Gewässer vollends sich selbst überlassen. Ein Auenwald und Schilfzo­nen bildeten sich, die Vegetation konnte sich frei entfalten. Mit der Zeit wird der östliche Riedteich verlanden, doch die hohe Wasserqualität verlangsamt diesen Prozeß.

Die rund 14 Hektar eingezäunter „Urwald“ sind das Kerngebiet des Enkheimer Rieds, das seit 1935 unter Naturschutz steht und damit neben dem Seckbacher Ried zu den älte­sten Naturschutzgebieten in ganz Hessen zählt.

Hier darf ein Baum so alt werden, bis er stirbt. Die 14 Hektar sind eingezäunt, es gibt keinen direkten Zugang. Die Tierwelt braucht diese Ungestörtheit, vor allem die Brutvögel, aber auch Käfer, Libellen, Amphibien. Viele Vogelarten singen um die Wette, seltene Pflanzen breiten sich ungestört aus, in­tensiver Blütenduft erfüllt die feuchte Luft.

Das Streuobstgebiet Berger Hang ist eine alte Kulturlandschaft ganz anderer Art als der Urwald im Ried. Feuchte Wiesen und knorrige Apfel‑ und Speierlingbäume prägen den Hang, der bis hinter Hoch­stadt reicht und sowohl als größtes zu­sammenhängendes Streuobstgebiet in ganz Hessen gilt als auch den größten hessischen Steinkauzbestand aufweist. Aber ganze Baumgenerationen fehlen, denn umfangreiche Rodungen, die in den sechziger und siebziger Jahren sogar vom Land Hessen unterstützt und prämiert wurden, haben hier große Lüc­ken hinterlassen. Den hohen Naherholungswert berühren diese Sünden der Geschichte indes nicht: Blau schim­mernder Wiesensalbei, der zottige Klap­pertopf und andere Naturschönheiten wachsen hier ungestört.

Ein Problem am Fuße des Hangs sind die zahlreichen Privatgärten mit standortfremden Hölzern und Pflan­zen, ökologisch wertlos und der Allge­meinheit entzogen. „Verstädterung des

ländlichen Raumes“ würden Soziologen sagen . Teilweise sind es vor Jahrzehnten genehmigte, teilweise infolge illegaler Landnahme entstandene Gärten, die hier ihren Platz am Rande des Land­schaftsschutzgebietes gefunden haben. Problematisch ist vor allem das Müllpro­blem: Es gibt wohl einige, die Unrat aus den Gärten einfach im Riedbereich „ent­sorgen“.

Jenseits der Gärten findet sich ein Bei­spiel naturnaher Rinderhaltung: Auf saf­tigen Wiesen weidet eine Herde, ein­schließlich der Bullen, und fühlt sich sichtlich wohl. Die Rückansiedelung von Weidetieren, also Schaf‑ und Mutterkuh­herden, ist durchaus gewollt und wird un­terstützt, denn es gibt keine natürlichere und zugleich preiswertere Form der Gründlandpflege, das Mahdgut muß nicht teuer entsorgt werden.

Rechter Hand gewährt eine kleine Lich­tung einen kurzen Einblick in das Ried­-Reich der Sumpfschildkröte. Eine „künstliche Düne“ mit lockerem Substrat hat die Obere Naturschutzbehörde hier anlegen lassen, um die seltenen Tiere, die bis zu 130 Jahre alt werden, zum Eierle­gen zu animieren. Im Jahre 1986 schlüpf­ten hier letztmals Jungtiere.

Einer Diplomarbeit ist es zu verdanken, daß man über die Herkunft der Sumpf­schildkröte nun Genaueres weiß: Durch kriminologisches „Finger‑Printing“, Blutproben, DNA‑Analysen und der Un­tersuchung fossiler Schildkrötenpanzer aus dem Berger Heimatmuseum ist es der Studentin Sylvia Hanka gelungen, die überwiegend südeuropäische Herkunft der Sumpfschildkröte zu belegen.

Insgesamt sind es vier Schildkrötenarten, die im Enkheimer Ried heimisch gewor­den sind: Die Hauptpopulation sind die Rotwangenschildkröten, sehen Natur­schützer hier allerdings nicht so gern, da sie die anderen verdrängt.

Der Tränkebach ist ein Beispiel gelungener Renaturierung: Hier, bereits in Maintaler Gemarkung, wurde der Bachlauf im vergangenen Winter aus seiner Betonschale befreit und in seinen natürlichen Bachlauf zurückge­führt. Schon in den 20er Jahren wurde der Bach begradigt, in den 70er Jahren betoniert. In den 80erJahren war es der „Bund für Umwelt‑ und Naturschutz" (BUND), der sich für eine Renaturierung des Trän­kebachs einsetzte.

Was im Winter durch die vielen Bagger noch wüst aussah, hat sich mittlerweile prächtig, entwickelt: Das Gewässer rege­neriert sich, erste Libellen surren und Grünfrösche quaken, Wasserkäfer und Kaulquappen vermehren sich zusehends. Mit der Zeit werden Strauchweiden weite Teile am Rande des Bauchlaufs einnehmen.

Das Tränkebach‑Gebiet steht seit 1995 unter Naturschutz, bietet vielen Pflanzen, unter anderem auch Orchideen, wertvol­len Raum und ist vollständig frei von Düngung. An der Grenze des Natur­schutzgebietes wird der Unterschied deutlich: Hier Renaturierung, dort noch immer Begradigung in Betonhalbschalen ‑ schon vom Anblick her ein Unterschied wie Tag und Nacht.

 

Die Monate Mai bis Juli sind die gefährlichs­ten für Hessens, berichtet die Biologin Si­bylle Winkel vom Artenschutzprojekt Sumpfschildkröte. Die seltenen Reptilien, die auch im Enkheimer Ried zu finden sind, fast ihr ganzes Leben im Wasser le­ben, hier schlafen, fressen und sogar den Winter verbringen, zieht es jetzt oft für vie­le Tage an Land. Von ihren Instinkten ge­leitet, verlassen viele der urtümlichen Kriechtiere ihre Gewässer, um manchmal kilometerlang über Land zu wandern. An Land aber lauern zahlreiche Gefahren. Manche Tiere werden Opfer des Straßen­verkehrs, der die kleine hessische Popula­tion weiter ausdünnt. Mehrere Exemplare wurden bereits in Ortschaften oder am Rand verkehrsreicher Straßen aufgefun­den, so Dr. Matthias Kuprian, der das Artenschutzprojekt Sumpfschildkröte zusam­men mit Sibylle Winkel koordiniert.

Eine weitere Gefahr ist überzogene Tierlie­be, gepaart mit Unwissen. Viele der Wild­tiere werden bei ihren Wanderungen auf­gesammelt und von ihren Findern für ent­laufene Terrarientiere gehalten. Oft lan­den die Findlinge dann im privaten Gar­tenteich oder Aquarium.

Die Ursachen für das Wanderverhalten der urzeitlichen Panzerträger sind vielfältig. Die Weibchen suchen meist an Land geeig­nete Eiablagestellen. Hier legen sie bis zu 16 Eier, die von der Sonne ausgebrütet werden. Da Brutplätze immer seltener in Gewässernähe zu finden sind, wandern die Tiere im Juni und Juli lange Strecken über Land, um geeignete Stellen zu finden. Be­reits ab Mai wandern männliche Tiere manchmal mehrere Kilometer weit auf der Suche nach neuen Lebensräumen oder Weibchen, denn die heimische Population ist bereits so ausgedünnt, dass sich die Ge­schlechtspartner kaum noch begegnen.

Die Arbeitsgemeinschaft Sumpfschildkrö­te appelliert an alle Finder, sich mit den Mitarbeitern des Artenschutzprogrammes Sumpfschildkröte in Verbindung zu set­zen. An Land gefundene Tiere werden ‑ so­fern es sich um „echte Hessen“ und keine eingeschleppten Tiere aus der Mittelmeer­region handelt ‑ in das hessische Nach­zuchtprogramm integriert, das der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) zu­sammen mit NABU, dem Zoo Frankfurt und den Naturschutzbehörden organisiert. Hier sorgen die Tiere wieder für den Nach­wuchs, der im Freiland seit langem ausge­blieben ist. Finder des seltenen Reptils wenden sich bitte an Sibylle Winkel, Tele­fon (0179) 2644134, oder an Dr. Matthias Kuprian, Telefon (0173) 3751580.

 

Die Sumpfschildkröte soll wieder heimisch werden

An Flussufern oder kleinen Seen sieht man sie auf Baum­stämmen oder am Ufer sitzen. Sie stre­cken ihre kleinen Köpfe aus dem Wasser oder wärmen sich in den Sonnenstrahlen. Meist sind es jedoch die aus Nordamerika stammenden Schmuckschildkröten, die die Gewässer bevölkern und nur selten die hier heimische Europäische Sumpfschild­kröte. Diese wurde im Laufe der vergangenen Jahre immer stärker von ihren amerikanischen Artgenossen aus den Biotopen der Region vertrieben, wobei auch der verstärkte Siedlungsdruck und Umweltschä­den zur Dezimierung der Schildkrötenpo­pulation beitragen.

Der BUND Hessen hat daher gemeinsam mit Naturschützern, Biologen und dem Zoo Frankfurt ein Zucht‑ und Auswil­derungsprogramm ins Leben gerufen, dem sich in diesem Sommer aus Taucher der Hanauer Tauchschule von Claus Wilkens, „Die Tauchpartner“, angeschlossen haben.

Unter der Leitung von Andreas Volz, ei­nem Ausbilder des Tauchteams, und der Biologin des Frankfurter Zoos, Silke Schweitzer, werden derzeit die im Zooteich lebenden Europäischen Sumpfschildkrö­ten gefangen und anschließend in renatu­rierte Biotope in Südhessen und dem Enk­heimer Ried bei Frankfurt wieder ausge­setzt Im Enkheimer Ried leben derzeit nur noch knapp zehn Exemplare der heimi­schen Schildkrötenart.

Vor ihrer Auswilderung werden die Tie­re auf Krankheiten und Geschlecht unter­sucht. Damit sie später wiedergefunden und bestimmt werden können, wird den Schildkröten zudem ein Minisender und winziger Computerchip eingebaut. Bei einer ersten Aktion im Teich des Frankfurter Zoos fingen die Hanauer Tau­cher 19 Europäische und eine Rotwangenschildkröte. Mittlerweile haben zwei weitere „Sammeltage“ stattgefunden und eine vierte Aktion ist am heutigen Samstag geplant.

Das Schildkrötenprojekt läuft bei den Hanauer Tauchpartnern bereits seit Be­ginn des Jahres. Umweltschutz ist einer der zentralen Punkte seiner Arbeit in den vergangenen sieben Jahren, berichtet Tauchteam‑Chef Claus Wilkens. Sowohl im Inland, aber auch im Ausland engagie­ren sich die Hanauer Taucher für den Schutz von Schildkröten und anderen Mee­resbewohnern. Unterstützt werden sie da­bei unter anderem auch von Franz Brummer, Professor an der Universität Stutt­gart.

Für ein Schutzprojekt der Stiftung „Turtle Obulus“ haben die Tauchpartner Spenden gesammelt und Tauchlehrer An­dreas Volz vermittelt als „Hobby‑Aquaria­ner“ auch Tierpatenschaften. Ein Logo „Taucher leben mit Schildkröten“ ist ent­standen, das auf T‑Shirts gedruckt wird, und dessen Erlös ebenfalls in Schutzpro­jekte fließt.

 

Es gibt mehrere Kooperationspartner mittlerweile in Ägypten, Schweiz und deutschlandweit und die Hanauer Tauch­partner besuchen auch Schulklassen, um im Rahmen von Projekttagen Kinder und Jugendliche für das Thema Artenschutz zu begeistern.                      

 

Heute müssen sie ihren Lebensraum gegen gierige Einwanderer wie den Riesenbärenklau oder die Kanadische Goldrute behaupten ‑ was nicht überall gelingt. Die medizinballgroßen weißen Blütendolden, die auf bis zu 3,50 Meter großen Stengeln ruhen, blitzen auf der Nord­seite des Feuchtgebiets immer wieder durchs Schilf Die gelbblühende Goldrute hat am Wegesrand ganze Lichtungen unter Kon­trolle gebracht. Das lichtliebende in Gär­ten hübsch anzusehende Gewächs wird hier, wie Alberternst erläutert, erst zu­rückgedrängt, wenn das Auwäldchen wie­der zu einem dichten Wald herangewach­sen ist. Hoffentlich, sagen die Naturschüt­zer, die nun mal von Haus aus Puristen sind, und in ihren Naturschutzgebieten nur ungern importierte Zuzügler sehen, die den heimischen Pflanzen Licht und Luft wegnehmen.

So ist das auch mit der Europäischen Sumpfschildkröte, die hier natürlicherma­ßen zu Hause ist. Ob die knapp zehn Exem­plare, die es im Ried noch gibt, tatsächlich einen Stammbaum haben, der jahrhunder­telang nach Enkheim und nur nach Enk­heim reicht, darf durchaus bezweifelt wer­den. Alberternst berichtet von genetische Untersuchungen, die darauf hin­deuten, daß wohlmeinende Schildkrötenliebhaber irgendwann einmal die in Oberitalien hei­mische Europäische Sumpfschildkröte hier ausgesetzt haben könnten. Denn in den Genen, der hiesigen, nahen Verwand­ten finden sich Hinweise, die nach Oberita­lien weisen.

Genaues weiß man nicht. Nur daß die Europäische Sumpfschildkröte hier überleben soll. Und das wird ihr nicht leicht gemacht. Denn auch ihr Le­bensraum wird aktiv bedroht, und zwar von der amerikanischen Rotwangenschild­kröte, die den Weg aus Frankfurter Aqua­rien ins Ried gefunden hat. Sie macht der einheimischen Konkurrentin deren Platz an der Sonne ebenso streitig wie das Fut­ter. Weshalb die Bemühungen der Natur­schützer, mit aufgeschüt­tetem Sand und gefällten Pappeln für Sonnenplatze zu sor­gen, immer auch der amerikanischen Zu­wanderin nutzt.

Zu sehen ist von beiden nichts. Nur ein Kormoranpaar zieht mit elegantem Schwung über die flirrende Wasserfläche. Der Rest der Teichbevölkerung duckt sich vor der Hitze ins rettende Schilf. Dazu ge­hören die Beutelmeise, Teichrohrsänger und Gelbspötter, alles bedrohte Vögel von der Roten Liste, und die ebenfalls schüt­zenswerten Fischarten Moderlieschen, Hecht und Dreistachliger Stichling sowie die Gebänderte Prachtlibelle, die Erdkröte und der Teichfrosch.

Auch den Stars unter den Pflanzenar­ten, die im feuchten Ried prächtig gedei­hen, fehlt es an Bühnenpräsenz. Entwe­der sie sind tief im unzugänglichen Schilf verborgen, wie das Fleisch­farbene Knaben­kraut, das Alberternst an der Nordseite des Riedweihers noch im Frühjahr mit mindestens 80 Exemplaren gesichtet hat. Oder sie sind zwar frei zugänglich wie Schein-Zyper‑Segge, Großes Flohkraut und Zungenhahnenfuß an den Ufern des Trän­kebachs, blühen aber gerade nicht. Scha­de.

Sieht trotzdem schön aus, der Bach, der auf 590 Metern renaturiert wurde, nämlich bis zu den frevelhafterweise mit­ten in die Bischofsheimer Aue gebauten Tennisplätzen. In sanften Schwün­­gen mit flacheren und steileren Ufern mit schnel­ler und langsamer fließenden Ab­schnitten mäandert das 1997 aus seinem Betonbett befreite Bächlein verschlafen dahin und man würde ihm dabei lange zuschauen mö­gen, wäre es nicht so heiß.

 

Buch: Ludwig Emmel: Chronik einer Landschaft am Untermain, 1985

 

 

 

Zwischen Bergen und Bad Vilbel:

Ausgangspunkt ist die Berger Warte. Ein gut ausgebauter Parkplatz ist nördlich der Warte auf der rechten Seite, mit einer Informationstafel über die Streuobstwiesen.

Zunächst wird die Ehrensäule besucht, die der Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel errichten ließ. Man geht rechts am Umspannwerk vorbei und findet die drei Meter hohe „gestümpfte Säule“ am Ende des kleinen Gehölzes. Die Säule erinnert an den Besuch Kaiser Leo­polds II. im Oktober 1790 (oder 1793) an der Berger‑Warte.

Wegen der revolutionären Unruhen in Frankreich hatte auf Wunsch des Erzbischofs von Mainz Landgraf Wilhelm IX. von Hessen‑Kassel auf der damals zu seinem Herrschaftsgebiet gehörenden Berger Höhe ein Feldlager zum Schutz von Wahl und Krönung Leopolds II. im Jahre 1790 aufgeschlagen. Am 23. September 1790 traf der Landgraf mit zehn Bataillonen und 14 Schwadronen ‑ das waren 6.000 Mann ‑ ein. Während drei Wochen fanden dort täglich Truppenübungen statt. Der Landgraf gab Empfänge. Viele Besucher kamen. Als nach der Wahl Leopolds II. am 30. September dreihundert Böllerschüsse von Frank­furts Mauern abgefeuert wurden, er­tönten auch auf der Berger Höhe Ehrensalven und ließ der Landgraf eine Parade veranstalten und ein Freudenfeuer entzünden. Am 11. Oktober zwei Tage nach der Krönung gaben der Landgraf und seine von Schloß Philippsruhe heraufgekom­mene Gemahlin dem neuen Herr­scher und seiner Familie zu Ehren ein Festessen im Lager. Zur Erinnerung an diesen Tag, an dem sich 126 Per­sonen in Zelten versammelt hatten, ließ der Landgraf diese Leopoldsäule  aufstellen. Ihre lateinische Inschrift  gibt uns über das Festmahl und die Gäste Auskunft. Wahl und Krönung waren friedlich verlaufen. Am 17. Oktober hatte sich der Landgraf wieder nach Kassel zurückgezogen.

 

Danach geht man wieder zurück und auf direktem Weg zur Berger Warte hoch. Sie steht auf Seckbacher Ge­markung und ist zwölf Meter hoch. Erstmals erwähnt wurde die Warte 1340 als „Geierswarte“. Den ursprünglichen, weitgehend aus Fachwerk, errichteten Turm brannten protestantische Truppen im Schmalkaldischen Krieg 1552 nieder, um damit das äußere Sicherungssystem der reichsstädtischen Landwehr zu durchbrechen. Doch dazu hat die Berger Warte nie gehört, obwohl sie formal deren spätgotischen Türmen entspricht und heute mit 212 Metern topographisch höchsten Punkt Frankfurts ist.

Vielmehr war die Warte immer dem Hanauer Grafen zugeordnet. Sie wurde als „Geleitwechselstation“ auf der Hohen Straße genutzt, die von Frank­furt über Leipzig bis nach Rußland führ­te. Hier verabschiedeten sich die Frankfurter Soldaten, die weiterziehende Kaufleu­te „geleitet“ hatten und überga­ben die wackeren Handelsleute in die Ob­hut ihrer Hanauer Kollegen. Mit Glück stößt man auch auf einen der Grenz­steine nahe der Vilbe­ler Landstraße, die die Grenze zwi­schen Königreich Preu­ßen und Großherzog­tum Hessen markie­ren.

Graf Philipp III. von Hanau ließ die Warte 1557 aus Stein erneuern, als Rundturm mit hochliegendem Eingang (eine mobile Leiter wurde nach dem Einstieg des Wächters hochgezogen) und Wächterstube im gemauerten Kegeldach, die allseitigen Ausblick gewährte. Im Schutz eines kreisförmigen Wallgrabens stand die Warte völlig isoliert ‑ die heute sie umgebende Baumgruppe entstammt erst in den beiden letzten Jahrhunderten.

Während des Siebenjährigen Kriegs leitete Marschall de Broglie 1759 in der Schlacht von Bergen von hier aus die Operationen seiner französischen Kontingente und verhinderte somit den Vormarsch friderizianischer Allianztruppen auf Frankfurt.

Der spätere Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Hessen‑Kassel zeigte sich 1844 von dem Panorama so beeindruckt, das eine Aussicht auf ehemals 200 Ortschaf­ten bot, daß er eine Außentreppe zur Erleichterung des Warteinstiegs anlegen ließ. Dazu wurden teilweise Steine des daneben seit 1484 bestehenden Hanauer Galgens verwandt, den der hessische Kurfürst aus ästheti­schen Gründen 1844 abreißen ließ.

Von der Warte geht man nach Süden  und dann auf einem holprigen Zickzack-Weg südlich des Umspannwerks zunächst nach Westen und dann nach Süden. Hinter dem Umspannwerk geht es nicht noch einmal nach rechts, sondern links immer geradeaus (auch wenn der Weg fast zugepflügt ist) bis zum Berger Weg. Dort geht es links-rechts versetzt den Klingenweg hinunter (auch wenn es die verkehrte Richtung der Einbahnstraße ist). Vor dem Versuchsgarten geht es rechts ab auf der Straße „Auf dem Lohr“. Wenn der Garten geöffnet ist, kann man auch durch den Garten gehen. Am Weinberg vorbei kommt man zum Ehrenmal auf dem Lohrberg. Der Blick über Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet ist phantastisch.

Vom Ehrenmal geht es nordwestlich wieder zum Berger Weg und auf diesem in Richtung Osten über den Klingenweg nach Bergen.

 

Am Ende der Marktstraße geht man den „Gräsigter Weg“ hinauf und hält sich oben links, überquert die Umgehungsstraße und kommt auf die „Hohe Straße“. Am Wegweiser „Bad Vilbel“ geht es nach links, über die Bundesstraße und im Linksbogen bis zum Grundweg, der rechts (am Hochspannungsmast) nach Bad Vilbel hinunterführt.

 

Hier befindet sich das Schlachtfeld der „Schlacht bei Bergen“. Am „blu­tigen Karfreitag“ dem 13. April 1759, lie­ferten sich hier im Sieben­jährigen Krieg ein 35.000 Mann starkes französisches Heer und 28.000 preußische Soldaten unter Herzog Ferdi­nand von Braunschweig, dem Schwager Friedrichs des Großen, eine blutige Schlacht. Mehr als 1.000 Mann kamen ums Leben, etwa 5.000 wurden verwundet, viele starb­en später an Wundstarrkrampf und In­fektionen. Immer wieder werden bei Grabun­gen Knochen gefunden. Aber das war dann kein Ermordeter, sondern Reste eines Kriegers von damals, die als Verwundete reihenweise an Wundbrand gestorben sind. Die berühmte Schlacht fand ihren Weg in Kunst und Literatur. Goethe, der sie im  Alter von zehn Jahren drunten in Frankfurt miterlebte, erwähnt sie in Dichtung und Wahrheit, der britische Schriftsteller William Thackeray, der auf Seiten der Preußen mitgekämpft haben soll, hat sie in „Barry Lyndon“ verewigt.

Der Weg führt (an einem Vogelschutzgehölz vorbei) in gerader Richtung an den östlichen Rand des Vilbeler Waldes. An der Josef-Schusser-Schutzhütte am „Buchenbaum“ ist rechts eine Informationstafel über Streuobstwiesen. Der Weg geht am Waldrand weiter bis zur nächsten Schutzhütte, die etwas im Wald steht. Von dort aus kann man im Vilbeler Wald weiterfahren oder eine Abstecher zur Kirche machen.

Zur Kirche kommt man auf dem geteerten Weg in Richtung Osten. Am Hundesportverein vorbei geht es wieder hoch zum Friedhof. Diesen umgeht man links und kommt vom Lohweg her zur Auferstehungs-Kirche. Die ältesten Bauelemente sind aus dem 13. Jahrhundert. Ursprünglich war sie St. Alban geweiht. Seit 1548 war die evangelisch. Nach einem Brand wurde sie 1640 wieder aufgebaut und im 17. und 18. Jahrhundert erweitert. Hinter der Kirche sind alte Grabsteine in Form von Särgen zu sehen. Man geht um die Kirche herum und durch den westlichen Ausgang wieder aus dem Friedhof hinaus. Jetzt kann man auf der geteerten Straße wieder zurück fahren in den Wald.

Man kann aber auch rechts an der Gärtnerei vorbeigehen bis zum Hochbehälter und dort links zum geteerten Weg. Beim Hundesportverein biegt man aber rechts ab, fährt bis zur Vogelsbergstraße und fährt diese hoch bis zur Erzschneise. Dort kommt man wieder  in den Wald. Am Waldrand entlang geht es bis zu einer Schneide, die als Waldlehrpfad bezeichnet wird. Aber Hinweistafeln auf die Bedeutung des Waldes finden sich überall im Stadtwald. Wer sich den Weg zur Kirche erspart hat, fährt von der Schutzhütte gleich auf diese Schneise „Waldlehrpfad“.

Steil geht es hinunter zum Spiel-, Freizeit- und Erholungspark. Wer noch einen Abstecher zum Ritterweiher machen will, fährt an den Kleingärten vorbei zur Ritterstraße. Nach links aber geht es hinauf zu einer Schutzhütte an der Kreuzschneise. Dort biegt man nach rechts ab und kommt immer geradeaus zu den stillgelegten Schießständen und zur Schutzhütte.

Der 1935/36 von der Wehrmacht angelegte und 1945 von der US‑Armee beschlag­nahmte Schießplatz am südöstlichen Zip­fel Bad Vilbels hat endgültig ausgedient. Im Sommer 1993 marschierten das letz­te Mal US‑Truppen an der Berger Gemar­kungsgrenze auf. Gemeinsam mit deut­schen Feuerwehrleuten übten sie den Ka­tastropheneinsatz. Danach sorgten nur noch illegal ausgetragene Farbbeutel‑Ge­fechte von „Gotcha“‑Spielern für Aufse­hen. Im September 1994 schließlich gab die Army die „Training Area“ zurück. an die Eigentümerin des über elf Hektar gro­ßen Geländes, die Stadt Bad Vilbel.

Vergeblich versuchte 1994 die Kommu­ne, die Bundesvermögensverwaltung für die kostspielige Umwandlung der Militär­anlage verantwortlich zu machen. Für die Beseitigung der drei gemauerten Kugelfangwände sowie für die Entsorgung der Schwermetall‑Altlasten (insbesondere Blei, aber auch Zink, Kupfer und Arsen) in dem von schweren Fahrzeugen zusammengepreßten oder durchfurchten Boden kommt die Stadt nun selbst auf. Geschätz­te Kosten für die etwa 2,5 Hektar große Sa­nierungsfläche: eine Million Mark oder mehr ‑ je nach Entsorgungsaufwand. Per Bescheid hatte noch 1996 das Fried­berger Wasserwirtschaftsamt die Stadt zu der Sanierung verpflichtet.

Ein Stück weit hat sich die Natur das Gelände schon zurückgeholt. Bedrohte Flo­ra und Fauna, vom Tausendgüldenkraut bis zur Zauneidechse, haben inmitten von Tümpeln, Röhrichten, wechselfeuchten Lebensraum gefunden. Für eine Million Mark renaturiert sie das ehemalige Militärgelän­de. Ab 2002 soll es ganz dem Naturschutz und der Naherholung dienen. Eine Mutterbodendecke wird aufgetragen, Wege für die Spaziergänger angelegt und die Fläche mit Wildgewachsen, Sträu­chern und Bäumen bepflanzt beziehungs­weise aufgeforstet. Für das jährliche Vater­tagsfest bleibt eine mit Schotterrasen be­festigte Fläche reserviert. Ein von mehreren Kleingewässern durchzogenes, überwiegend aber von Tro­ckenflächen geprägtes Biotop soll so ent­stehen. Das Gelände wird modelliert ‑ mit einem Höhenunterschied von bis zu acht Metern.

Die Naturschützer, mit denen ein Pflegeplan abgestimmt wird, sprechen von einem Offenlebensraum mitten im Wald, der bei guter Entwicklung Aussicht hat, in einigen Jahren unter Schutz gestellt zu werden.

Bis zum Frühjahr 2002, so Projektleiter Thomas Adam vom Unternehmen Ter­ra Nova, soll alles fertig sein. Dann kön­nen sich Mücken‑Händelwurz, Teichmolch oder Blindschleiche entfalten und auch die Spaziergänger in dem von Schadstoffen be­freite Waldstück erholen.

Vom Schießplatz geht es nach links steil bergauf (Wegweiser  „Bergen-Enkheim“). Dieses Waldstück ist übersät mit Bärlauchpflanzen. Den schweren Knoblauchduft der wei­ßen Blüten riechen auch die plum­pesten Nasen schon von weitem. Aus den Blättern des noch nicht blühenden Bärlauch läßt sich  Pes­to (eine Würzpaste) zubereiten. Die lanzenförmigen Bärlauch‑Blätter weiß man im Kräuterquark oder Sa­lat zu schätzen. Aber auch noch andere Heilpflanzen findet man im Vilbeler Wald. Die Schlüs­selblume gilt als „auswurf­förderndes Mittel bei Bronchitis“ und wur­de früher auch als Nies­pulver verwendet. Der Gefleckten Aronstab soll „potenzsteigern­de und nachwuchssi­chernde Wirkung“ haben. Das gifti­ge Salomonsiegel kann man auf die Hühneraugen legen. Mit dem hell‑lila blühenden Wiesenschaumkraut bekämpft man rheumatische Erkran­kungen. Aber die Überzeugung der Al­ten hat sich nie durchgesetzt, daß sich mit Hilfe des unscheinba­ren Waldbingelkrauts Quecksilber in Silber und Gold verwandeln ließe. Das dachten sie im Mittelalter nämlich, wegen seines blauschwarzen, metallischen Glan­zes nach dem Trocknen.

Die leckeren herzförmigen Blättchen des Scharbockskrauts passen gut zu Spinat oder Salat, die Knos­pen sind gelb blitzend. Früher wurden sie als Vitamin‑C‑Lie­ferant gegen Skorbut (Scharbock) genutzt, aber in hohen Dosen kann es giftig wirken. Die in Es­sig getauchten Knos­pen des Scharbocks­krauts lassen sich wie Kapern verwenden. Auch der weißblü­hende Sauerklee gilt als Vitamin‑C‑Liefe­rant, sollte jedoch nur gekocht und wegen seines hohen Oxalsäure­gehalts nur in Maßen verzehrt werden.

Im Wald zeigen sich aber auch die lila oder wei­ßen Blüten des hohlen Lerchensporn. Wiesenschlüsselblume und Behaarte Nelke recken ihre gelben beziehungsweise lila Blüten in die spärlich scheinende Sonne. Goldhahnenfuß und das efeublattrige Ehrenpreis sind zu sehen. Die früher als Pfeilgift verwende­ten weißen und gelben Buschwindröschen bilden einen Blüten­teppich.

Man befindet sich jetzt schon auf dem Landgrabenweg nach Bergen. Oberhalb des Waldes kommt man auf den „Nördlichen Höhenweg“. Dort fährt man rechts weiter und kommt zum Parkplatz am jüdischen Friedhof. Dieser nördliche Höhenweg wird auch vorgeschlagen auf dem Plan aus der Zeitung.

 

 

Bücher:

Ludwig Fr. Emmel: Chronik einer Landschaft am Untermain, Bergen-Enkheim, 1985

Werner Henschke/Dr. Ludwig Emmel: Tausend Jahre Weinbau am Berger Hang,, 1975

Johann Heinrich Usener: Chronick vom Amt Bornheimerberg, angefangen 1796

275 Jahre Berger Kirche

 

 

 

Radtour Hohe Straße:

Durch Bischofsheim, verlängerte Stumpfgrabenstraße, vor dem Enkheimer Ried rechts und wieder nach links am Ried entlang. Am Jakob-Völp-Weg rechts hoch. Hier ist man auf dem Lehrpfad Berger Hang. Der Hang ist an sich sehenswert, aber es gibt keine besonderen Höhepunkte.

 

Im Frankfurter Raum begegnen uns noch heute mehrere solcher uralten „Ruhebänke“, also historische Rast­plätze für alle die, die einst schwere Lasten zu tragen hatten: Markt­frauen, Wäscheträgerinnen, Wein­bergsarbeiter. Wir finden solche Ruhebänke am Heiligen­stock an der Friedberger Landstraße, an der Kenne­dyallee (Forsthausstraße), am Berger Hang, im Pal­mengarten, vor Sprendlin­gen an der Frankfurter Straße, an der Straße Bad Homburg‑Saalburg.

 

 

Am Ortsrand fährt man nach rechts unterhalb der Gärten entlang. Am Ortsausgang über die Treppen nach links hoch. Über die Mündung der Marktstraße in die Umgehungsstraße. Entweder hinter dem ersten Wohnblock durch die Hollergrabenstraße und nach rechts auf die Hohe Straße. Oder ein Stück auf der Umgehungsstraße nach rechts und dann links über den Grasweg zur Hohen Straße.

An der Großen und Kleinen Lohe vorbei und am Steder Wald entlang zum Läusbaum. Der weitere Verlauf der Hohen Straße ist neuerdings ausgebaut. Der Weg direkt nach Kilianstädten ist gar nicht mehr als ausgebauter Weg zu erkennen. Der W3eg geht rechts ab bis zur Querung der Straße von Wachenbuchen nach Kilianstädten. Von dort nach rechts in Richtung Wachenbuchen.

 

 

 

Niederdorfelden

 

Niederdorfelden                                                                                       Führungsblatt 116

Die Wohnsitzgemeinde Niederdorfelden liegt im westlichen Teil des Main-Kinzig-Kreises. Im Norden bildet die Nidder die naturräumliche Grenze, während im Westen, Südwesten und Süden die Städte Bad Vilbel, Frankfurt am Main und Maintal das Gemeindegebiet begrenzen. Die Gemeinde hat überwiegend gewerbliche Struktur.

 

Buch: Niederdorfelden, Stammsitz der Herren von Hanau, 2000

Bilder in: Hanau Stadt und Land

Im Junkernhof, Seite 239:

Reste der Wasserburg, Seite 86

Turm der Wasserburg, Seite 129

 

Lage: An der Nidder zwischen Gronau und Oberdorfelden an der nordwestlichen Kreisgrenze gelegen. Höhe über N. N. 100 bis 110 m. Gemarkung, 696 ha (davon 52 ha Gemeindewald) grenzt im Süden an die Große Lohe.

 

Bodenfunde: Jungsteinzeit: Südlich der Hohen Straße, 200 Meter östlich von der Südostecke der Großen Lohe, Siedlung der band­keramischen Kultur.

Jüngste Bronzezeit (Urnenfelderstufe): Brandgrab mit Urne. Schalen und verglühten Bronzestückchen gefunden nördlich der Großen Lohe, 300 Meter östlich der Landwehr.

Römische Zeit: Gehöfte 400 Meter nördlich der Hohen Straße an der Landwehr; 1250 Meter östlich von vorgenanntem Gehöft, oberhalb des „Wäldchesborn“ nahe der „Hellwiese“; im Felde neben dem Bischofsheimer Weg, 600 Meter nordöstlich von der erstgenannten Stelle; 1 km südlich vom Dorfe, 50 Meter west­lich von der Landwehr.

 

Älteste Namensformen: villa Dorfelden in pago Nitachgowe 792 (?), Torvelden um 850, Dorovelden um 1130, Dorfeldin infer. 1344.

Erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahre 768. Im 12. Jahrhundert Auftreten der Herren von Dorfelden, der Vorfahren der späteren Herren von Hanau, die bis um 1300 im Besitz des Dorfes waren. In der Folgezeit gehörte es zu Münzenberg, zu Falkenstein und ab 1288 zur Grafschaft Hanau. Im Jahr 1736 kam das Dorf an den Landgrafen von Hessen-Kassel und 1866 zu Preußen.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 508; 1855 = 692; 1885 = 735; 1905 = 850; 1919 = 849; 1925 = 862; 1939 = 842; 1946 = 1144; 1953 = 1195, davon Heimatvertriebene = 240, Evakuierte = 82.

Bekenntnis: 1905: ev. = 829, kath. = 21, heute: ev. = 960, ­kath. = rund 200.

 

Wirtschaft: 54 Prozent der Einwohner sind Industriearbeiter, 40 Prozent Landwirte, 6 Prozent und Gewerbetreibende.

 

Verkehr:

Im Jahre 1781 wurde der Plan für eine neue Landstraße aufgestellt. Sie sollte von der Nidderbrücke entlang des nicht mehr existierenden Haingrabens im Bogen um Niederdorfelden auf die Berger Straße und von hier weiter nach Hanau führen. Die Hanauer Regierung plante eine neuen Weg direkt in den damaligen Ortskern, die an der Erbmühle auf die Mühlgasse gestoßen wäre. Doch die Planer befürchteten bei Hochwasser eine Überschwemmung. Deshalb wurde eine andere Trasse favorisiert mit einer Anbindung an die Hainstraße. Der Plan zeigt auch, daß die Wasserburg nur durch eine unmittelbar an der Mühle vorbeiführende Zufahrt zu erreichen war. Die zweite Variante wurde schließlich verwirklicht, obwohl dort ein Häuschen im Wege stand. Aber sonst wurde nur Gartenland gebraucht. So wurde die heutige Haingasse gebaut.

Ende des 19. Jahrhunderts begannen die ersten Arbeiter täglich zu Fuß in die Frankfurter Fabriken und Gewerbebetriebe zu tippeln. Sie legten Fußmärsche bis zu 30 Kilometer täglich zurück, und das bei einem zehn- bis Zwölf-Stunden-Tag..

Die Einwohnerzahlern schnellten nach dem Zweiten Weltkrieg von 800 in Niederdorfelden und 500 in Oberdorfelden auf 2450 und 750 empor. Es gibt eine vollausgebaute Wasser- und Abwasserversorgung, eine vorbildliche Mittelpunktschule und beachtliche Gewerbebetriebe, Bürgerhäuser und neue Rathäuser.

Als  Wilhelm Friedrich Hoffmann (von 1892 bis 1919) Bürgermeister war, verfügte Niederdorfel­den bereits über einen Tele­fonanschluß (1901) und ab 1902 konnte auch telegrafiert werden. Einige Jahre später wurde an der neuerbauten einglei­sigen Bahnstrecke Bad Vilbel‑Stockheim sogar ein Bahnhof gebaut.

 

Beleuchtung:

Doch die Gemeindestraßen erhellten „.Petroleum‑Funzeln“ wohl nur recht dürftig. Das Anstecken und Unterhal­ten der Straßenlaternen wurde  auf dem Gemeindehaus öffentlich an den Wenigstufordernden versteigert. Dies geschah jeweils im September für ein Jahr. Die Bedingungen waren in einem „Acht‑Punkte-­Papier“ festgelegt und Punkt zwei lautete: „Akortant hat das erforder­liche Petroleum, die Dochte und die Cylinder zu stellen und die Laternen stets in reinem Zustand zu erhal­ten, auch für allen Schaden, der durch seine Schuhe an den Laternen oder Scheiben entsteht, aufzukommen.­ Weiter mußten die Later­nen abends bei eingetrete­ner Dunkelheit angesteckt und um 23 Uhr wieder ge­löscht werden. Bei Mond­schein und sonst hellen Abenden fällt die Beleuch­tung aus“, heißt es lako­nisch unter Punkt vier.

Weiter mußten die Later­nen „in engemessener Größe brennen“ und wenn der „Dorfbeleuchter“ seinen Verbindlichkeiten nicht nachkam, hatte die Gemeindebehörde jederzeit das Recht, den Vertrag zu kündigen. In diesem Fall mußte der „Akorant“ der Gemeinde einen eventuell eingetretenen Schaden er­setzen und hatte „an etwai­gem Gewinn keinen An­spruch.“

Als „Dauerbeleuchtung“ fungier­te vor dem Ersten Weit­krieg Heinrich Schilling. Wieviel Gemeinde‑Petro­leumlampen er zu betreuen hatte, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Im Jahr 1906 erhielt er für das An­zünden der Laternen, deren Instandhaltung und das be­nötigte Petroleum 65 Pfen­nig pro Abend, in den Jah­ren 1907 und 19W8 waren es immerhin schon 90 Pfenni­ge.

Der Lohn stieg dann auf eine Mark. 1912 waren es bereits zehn Pfennige mehr und von 1912 bis 1914 wurde der Laternenzünder Heinrich Schilling mit 1.20 Mark pro Abend entlohnt. Aber die Aufgabe des Laternenanzünders gab es in Niederdorfelden ohnehin nicht mehr allzulange, denn ab Sommer 1921 erstrahlte auch hier elektrisches Licht.

 

Im Jahre 1736  ging das Hanauer Land mit Niederdorfelden an den Landgrafen von Hessen‑ Kassel über, 1866  wurde Niederdorfelden wird preußisch.

Der Bau der Ortskanalisation erfolgte von 1957 bis 1959. Die 10-klassigen Mittelpunktschule wurde 1964  fertiggestellt, Feuerwehrgerätehauses und Leichenhalle 1966, Bürgerhaus mit Rathaus 1971 und der Kindergarten. 1972

 

 

Kirche

Die ursprüngliche Kapelle des St. Georg stand auf dem gleichen Platz wie die heutige evan­geli­sche Kirche. . Die von Falkenstein besaßen 1266 das halbe Patronatsrecht. Im Jahr 1497 sind die von Dorfelden Patrone. Niederdorfelden bildete mit Oberdorfelden eine Pfarrei.

Im Jahre 1727 bestellte die Gemeinde in Frankfurt eine neue Glocke, die am 26. Juni aufgehängt wurde. Im Jahre 1835 wurde die Kapelle niedergelegt, weil sie zu klein und in gefährlichem Maße baufällig war.

Das Gotteshaus ist ein einfacher Saalbau mit dreiseitigen Emporen. Der Neubau erhielt eine Länge von 70 Fuß, eine Breite von 42 Fuß, die alte Kirche war um je 10 Fuß kleiner. Die Empore steht vorne auf Holzsäulen, hinten liegt sie auf Kragsteinen auf. Die Kanzel wird aus Gründen der Raumersparnis über dem Altar angebracht. Ein halbrundes Fenster mit gefärbten Gläsern wird eingefügt. Die Balkendecke wird an zwei Überzügen gehalten. Die Steine der alten Kirche werden wieder verwandt und der Schutt dient der Auffüllung des tiefen sumpfigen Weges links neben der Kirche.

Bürgermeister Müller beteiligte sich höchst engagiert an dem Bau. Er reiste herum, brachte Gelder zusammen. An Einnahmen sind 8.883 Gulden ausgewiesen, davon 5.700 Gulden Darlehen (1.700 Gulden Obergerichtsrat Bönker in Kassel, 2.000 Kaufmann Gärtner in Hanau, 2.000 Pfarrer Römheld in Oberdorfelden). Das Kurfürstliche Konsistorium gibt 200 Gulden, die Hohe Landesschule 200 Gulden, die Präsenz 40 Gulden, die Kirchenkasse 1.000 Gulden, Landgraf Friedrich von Rumpenheim 100 Gulden, der Graf von Ingelheim 55 Gulden, die Gemeindekasse 1.458 Gulden.

Auf der Ausgabenseite schlugen die Maurer und Schreinerarbeiten mit 3.012 Gulden zu Buche (Maurermeister Friedrich Bender aus Hanau und Wilhelm Kroh aus Kilianstädten sowie Schreinermeister Heinrich Schäfer aus Niederdorfelden und Philipp Kitzinger aus Fechenheim), Steinhauerarbeit 962 Gulden, Sandsteinplatten 141 Gulden, Zimmerarbeiten 2.339 Gulden (Georg Wächter aus Hanau 1.893 Gulden, Glaserarbeiten 660 Gulden, Schmiede­arbeiten 373 Gulden, Schlosserarbeiten 275 Gulden, Weißbinderarbeiten 645 Gulden, Dachdeckerarbeiten 629 Gulden, Mauersteine 304 Gulden, Backstein und Kalk 528 Gulden (darunter Ziegler Weber aus Hochstadt). Die neuen Glocken wurden von Philipp Bach in Windecken gegossen für 873 Gulden.

Die „Diäten“ waren beträchtlich: Oberbaukommissar Schulz aus Hanau 66 Gulden, Baukommissar Augener aus Fechenheim 63 Gulden und Rechnungsführer Philipp Rüb 16 Gulden. Für „Sonstiges“ wurden 250 Gulden ausgegeben, davon allein 128 Gulden an die Gastwirte. Insgesamt kostete der Bau 11.263 Gulden, die einnahmen betrugen nur 8.883 Gulden. Für den Fehlbetrag  mußte die politische Gemeinde aufkommen, weil sie sich dazu verpflichtet hatte (aber sicher hat sie nicht mit einem solchen Betrag gerechnet).

Am 25. Mai 1835 kaufte man die Orgel aus der Reinhardskirche in Altenhaßlau. Die Glocken wurden bei Glockengießer Bach in Windecken gekauft. Der Turm wurde von 1884‑1891 erbaut.

Bei der 1976 fertiggestellten Renovierung wurde eine Sakristei angebaut, die Innenge­staltung wurde beibehalten. Die innere Stirnwand hat eine Holzverkleidung in Form einer Tempelfassade, unter deren Giebeldach die Kanzel angebracht ist. Der Altar steht nunmehr frei in dem durch Emporenverkürzung weiter und lichter gewordenen Altarraum. Eine von der Firma B. Schmidt, Gelnhausen, gebaute Orgel steht auf der hinteren Ein­pore.

 

Schulhausneubau  1842:

Eine Schule wurde erstmals 1546 erwähnt.  Im Jahre 1744 wurde eine neue Schule gebaut für 525 Gulden (Gesamteinnahme der Gemeinde in diesem Jahr: 1433 Gulden). Das alte Ra­thaus an der Kirche, ein zweistöckiges Steingebäude, war ursprünglich als Schule erbaut worden, in der sich auch die „Gemeindestube“ des damals klei­nen Dorfes befand.  Das alte Schul­haus wurde laut der Unterlagen im Gemeindearchiv  1842 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

Die Einnahmen für das alte Baumaterial waren, gemessen an den Ko­sten des Neubaus, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Auf der Ausgabensei­te sind unter dem Titel „Tagegelder“ 63 Gulden verbucht für  Baukommissär Augener in Fechenheim und Friedrich Bastheißer aus Nauheim 6 Gulden. Friedrich Bastheißer erhielt für Zimmerarbeiten außerdem 340 Gulden, Hein­rich Klosterbecker und Konrad Förter aus Windec­ken erhielten für Maurerarbeiten 569 Gulden und Georg Dahl aus Windecken für Schlosserarbeit 183 Gulden. Die Steinhauerarbeiten schlugen mit 447 Gulden zu Buche, die Backsteine und Ziegel mit 458 Gulden. Steindecker Lang forderte für seine Arbeit 117 Gulden,  Johannes Lidicky für gelieferten Kalk 157 Gulden.

Bürgermeister Steul erhielt für hergegebenes Stroh zum Schulhaus 30 Gulden und Philipp Steul für zwei Fuhren nach Nau­heim 4 Gulden. Mauersteine lieferten Lo­renz Weil, Jacob Vogelber­ger, Philipp Ohl aus Ober­dorfelden und Philipp Her­mann für zusammen 162 Gulden.

Gastwirt Holhorst stellte der Gemeinde auch 112 Gulden und 32 Kreuzer in Rechnung für abgege­benes Getränk in Betreff des Schulhauses, bei Ein­weihung der neuen Schule wurde für rund 7 Gulden Wein ausgeschenkt und die „Weck der Schuljugend“ kosteten 3 Gulden und 45 Kreuzer.

Der Lehrer wohnte in der alten Schule. Laut Bauzeichnung be­fanden sich im Erdgeschoß des Neubaus links eine Kü­che mit Speisekammer und eine Kammer, rechts die Gemeindestube sowie eine Wohnstube und eine weite­re Kammer für die Lehrer­familie.

Die rechte Seite des Ober­geschosses nahm der Schulsaal ein, links sind eine größere Stube und eine Kammer eingezeichnet.

Für seine ge­leistete Schreinerarbeit mußten Jakob Hanßel aus Niederdorfelden 788 Gul­den gezahlt werden, für die Weißbinderarbeit Heinrich Pfeifer aus Windecken 602 Gulden und Arnold Ger­hardt aus Hanau für Glaserarbeiten 332 Gulden. Für „Gußwaren“ stellte Jakob Levi aus Windecken 144 Gulden in Rechnung.

Weiter standen dem Gast­wirt Heinrich Bender rund 28 Gulden zu für verab­reichtes Getränk zur Erfri­schung der Frohnder, Handwerksleuten pp. bei dem Neubau des Schulhau­ses. Schließlich erhielt Ar­nold Gerhardt in Hanau für angefertigte Tintenfäs­ser 3 Gulden 24 Kreuzer.

Die erste katholische Kirche „St. Maria“ wurde 1951 erbaut; es ist aber geplant, in den Jahren 1982-83 eine neue Kirche zu errichten.

 

 

Schöneck

Schöneck hat mit seinen Ortsteilen Oberdorfelden Büdesheim und Kilianstädten über 11.000 Einwohner.

 

 

 

 

 

Oberdorfelden

Lage: Östlich von Niederdorfelden, ebenfalls auf dem linken Nidderufer an der Kreisgrenze gelegen; Gemarkung 290 Hektar, davon 17 Hektar Wald.

 

Bodenfunde:

Jungsteinzeit: Siedlung der bandkeramischen Kultur am Nordabhang des Schäferkippels.

Römische Zeit: An der vorerwähnten Stelle Reste eines römi­schen Bauwerkes; „Auf dem Häuser“, südlich der Straße nach Kilanstädten, wurden römische Gräber gefunden; der zuge­hörige Gutshof noch nicht festgestellt. Die römische Straße Kesselstadt‑Friedberg überschritt die Nidder an der „Schloß­rolle“, einer besonders flachen Stelle im Flußbett; hier fanden sich bei Nachgrabungen am südlichen Flußufer, 2 Meter vom Wasser entfernt, zwei 4 Meter lange Eichenstämme parallel zum Flußufer liegend, wohl Bestandteile einer Holzbrücke.

 

Älteste Namensformen: villa Turinvelde in pago Wettereiba 767, Torovelden 805, Torvelde 1184, superior Torvelden 1258, auch Kleindorfelden genannt.

 

Geschichtliches:

Die erste urkundliche Erwähnung Oberdorfel­dens erfolgte 768 (Schenkung des Franken Isinhart an das Kloster Lorsch). Oberdorfelden lag im Gau Wetterau und gehörte später zum Amt Büchertal. Es gehörte vermutlich ebenfalls zum Stammgut der Herren von Hanau. Die Kir­che, zu der vor der Reformation auch Niederdorfelden gehörte, stand un­ter dem Ruralkapi­tel Roßdorf. Das Patronat stand dem S. Albanus‑Stift in Mainz zu, das 1526 den Zehnten und das Patronatsrecht in Dorfelden dem Grafen Philipp Lud­wig I. zu Hanau verkaufte.  Die Katholiken gehö­ren heute zur neuen Gemeinde in Nie­derdorfelden.

Die jetzige evangelische Kirche in Oberdorfelden ist in den Jahren 1763‑1765 aus blauen Basalt­steinen neu erbaut worden. Sie ist ein kleiner Saalbau mit dreiseitigem Schluß und hohem Haubendachreiter und mit schö­nem hessen‑hanau­ischen Wappen und Bauinschrift. Die alte Kirche wurde wegen Baufälligkeit bereits seit Januar 1761 nicht mehr zu gottesdienstlichen Zwecken benutzt. Aus diesem Grund war die Kirchengemeinde in das Rathaus ausgewichen. Die letzte Außenrenovierung des Gotteshauses fand im Jahre 1979 statt. Eine Orgel aus dem Jahre 1850 stammt von dem Orgelbauer Friedrich Helbig, Hanau. Sie wurde im Jahre 1973 renoviert und zum Teil erneuert (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 108).

 

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 228; 1855 = 312; 1885 = 297; 1905 = 309; 1919 = 316; 1925 = 336; 1939 = 343; 1946 = 549; 1953 = 499.

Bekenntnis: 1905: ev. = 301, kath. = 8, heute: ev. = 422; Rest meist kath.

 

Wirtschaft: Landwirtschaft; Arbeiterwohnsitzgemeinde.

Bild Seite 245: Altes Backhaus mit Pyramidendach

 

Neben der Kirche steht das alte Backhaus. Konkret in Angriff genommen werden soll nun die Gestaltung des Bürgerhaus­vorplatzes. Die Kirche, das Bürgerhaus und der Backofen sollen gestalterisch zu einem Dorfmittelpunkt verknüpft werden. Dieser Punkt wurde von allen Anwe­senden als besonders dringlich erachtet. Der Spielplatz, jetzt hinter dem Bürger­haus, soll an die Nidder verlagert werden.

 

 

 

Büdesheim

Die Entstehungsgeschichte von Büdesheim geht zurück auf Chlodwig den Frankenkönig, der 817 seine Edelleute mit Land beschenkte. Kaiser Heinrich II., der Lehensherr von Büdesheim, schenkt 1015 dem Kloster Bamberg den Herrensitz. Er erhielt den Namen „Heim des Bodo“, also „Buodenesheim“. Das Büdesheimer Schloß samt Gut kommt 1554  in die Hände des Burggrafen von Friedberg.

Das alte Schloß

Das alte Schloß wurde früher „Oberhof“ genannt. Seine Lage, auf einer Halbinsel an drei Seiten von der Nidder umflossen, deutet darauf hin, daß die Anlage früher eine Wasserburg war. Außer dem letzt aufgefüllten Burggraben befand sich hinter den heutigen Wirtschaftsgebäuden noch ein zweiter Graben.

Die Benediktiner sind nach einer Schen­kung im Jahre 1015 hier einzogen. Das beweisen die hufeisenförmige Anlage und ein Säulengang, der sich früher im Schloß befand. Die heute zugebauten Säulen waren roma­nisch. Im linken Flügel des Schlosses befand sich die Klosterkapelle.

Das Alte Schloß ist hervorgegan­gen aus einem vom Benediktinermönchen erbauten Herrensitz.  Es war ein Hofgut aus dem 16. Jahrhundert, wie ein  Stein von 1563 links am Hauptgebäude hinter der Glasscheibe zeigt. Es ist ein Winkelbau, zum Teil mit Fachwerk, der auch 1878 umgebaut wurde. Links und rechts sieht man Wappensteine, am Giebel befindet sich eine Darstellung des Heiligen Georg. Der rechte Flügel wurde 1885 abgerissen und neu aufgebaut.

Aus einer Notiz vom 1. 12. 1309 geht hervor, daß die Mönche schon damals einen Großteil des Gutes verpachtet hatten. Bis 1456 war es im Besitz der Herren von Falkenstein und Münzenberg sowie deren Erben, der Grafen von Sayme.

Es scheint sicher zu sein, daß die Mönche bis zum Jahre 1554 Eigen­tümer des Schlosses waren und es an den Burggrafen von Friedberg, Johann Brendel von Hamburg, verkauften. Im Jahre 1569 kamen Schloß und Gut in den Besitz der Familie Schütz von Holzhausen, das ihnen bis 1764 gehörte. In diesem Jahr ging das Schloßgut an den Grafen von Hoym und kurz danach an die Freiherrn von Edelsheim zu Karlsruhe über.

Im Jahre 1860 wurde das Schloß Eigentum des Frankfurter Dr. Berna. Dieser verstarb jedoch im Jahre 1865, und seine Witwe Maria ver­mählte sich 1880 mit Graf Waldemar von Oriola. Der heutige Besitzer des alten Schlosses ist die Gemeinde Schöneck. Hohe Sanierungskosten wären nötig um das alte Bauwerk, das dem Verfall preisgegeben ist, zu erhalten.

 

Neues Schloß

Das neue Schloß wurde im Auftrage der gräflichen Familie von Oriola in der Zeit von 1881‑ 1883 in aufwendigem Neu-Renaissance-Stil unter Baumeister Emanuel Seidel (oder: Gabriel Seidl) erbaut.  Wo jetzt rechts die Neubauten stehen, war früher der Schloßgarten. Der „neue“ Schloßbau in Büdesheim trägt links vom Hauptein­gang an einem Erker den Name „Oriola“. Dort heißt es: „Waldemar Comes de Oriola et Maria Conjuxnata Christ‑Morti­mer 1885“. Auf der Gartenseite ist die Bauzeit noch genauer in eine Sandsteinta­fel geritzt: „Inchoatum est AD MDCCCXXXIII, Perfectum est AD MDCCCXXXVI“.

Das künstlerische Verständnis der Grafenfamilie brachte dem Schloß bald den Ruf einer Sehenswürdigkeit ein, wobei die Marmor‑ und Kassettenholzwerk-Innenausstattung sowie künstlerische Schmiede­arbeiten besonders zu erwähnen sind.

Um 1900 waren Schloß und Park Büdesheim regelmäßiger Ruhepunkt und eine Art Heimstatt für Maximiliane, die älteste Tochter der Frankfurterin Bettina von Arnim geborene Brentano. Zu dieser Zeit war „Maxe“ allerdings schon eine Frau um siebzig, die hier ihren Sohn Waldemar und seine Frau Marie besuchte. In Berlin geboren und aufgewachsen, fühlte sie sich dennoch auf dem Land am wohlsten. Ihre Kinderjahre hatte sie in Wiepersdorf und Bärwalde verlebt, den Besitzungen ihres Vaters Achim von Arnim im märkischen Sand bei Jüterbog. In der  kleinen alten Kirche des Ländchens Bärwalde wurde sie mit Eduard Graf von Oriola, dem späteren Vater Waldemars und vier weiterer Kinder, im Jahre 1853 getraut.

Mit dem Tod der Schwägerin Claudine wurde ihr Neffe Achim Alleinherr auf Wiepersdorf. So bekam das ländliche Büdes­heim in der Wetterau auf ihren Reisen nach Baden‑Baden den Charakter einer Art Zufluchtsort beim Zwischenauf­enthalt von Berlin her. Schloßherr war ihres Neffe Georg Berna, der das Anwesen 1869 erworben hatte. Sie genoß den großen, von der Nidder umflossenen Park in der fruchtbaren Wetterau mit dem Blick auf den Taunus, wenn sie hier mit ihren Kindern zu Gast war. Maximiliane war es schließlich auch, die dem „neuen“ Schloß den Namen der Oriolas durch ihre Heirat mit Eduard von Oriola verschaffte.

Er war aktiver Offizier in preußischen Diensten. Er befehligte unter anderem vier Jahre das 7. Husarenregiment in Bonn. Auf diese Weise wurde der älteste Sohn Waldemar 1854 in Bonn geboren. Nachdem George Berna schon nach einjähriger kinderloser Ehe mit der in New York geborenen Marie Christ gestorben war, heirateten Waldemar und Marie im Dezember 1880. Sie hatten sich wohl durch die Besuche Maximilianes und ihrer Kinder in Büdes­heim kennengelernt. Im Jahre 1883 wurde dann der neue Schloßbau begonnen, der ihren Na­men trägt.

Auch diese Ehe blieb kinderlos. Da die Brüder Joachim und Roderich ebenfalls keine Kinder hatten ‑ nur die Schwester Armgard, die mit dem österrei­chisch‑ungarischen Gesandten Albert Ba­ron von Eperjesy verheiratet war, brachte einen Sohn und eine Tochter zur Welt ‑ waren Waldemar und seine Brüder die letzten, die den Namen ihres Vaters trugen.

Seit ihr ältester Sohn in Büdesheim Hausherr geworden war, gab es doppelten Grund für Maximiliane, sich hier heimisch zu fühlen. Marie soll eine großzügige Gastlichkeit gepflegt haben mit bedeuten­den Menschen, mit Künstlern und Politi­kern. Graf Waldemar wurde 1887 Mit­glied des Hessischen Landtags, 1893 auch des Reichstags. Er zählte zum agrarischen rechten Flügel der Nationalliberalen Par­tei. Wieweit sein politisches Interesse auf den Großvater Achim von Arnim zurück­ging, der in seinen Schriften viel politi­sches Ideengut verarbeitete, ist schwer zu sagen. Auch die Großmutter Bettina hatte in dieser Hinsicht, ernsthafte Bestrebungen an den Tag gelegt, die ihr den Ruf einer Republikanerin einbrachten.

Bei Maxe dagegen hörte man fast nur Kaisertreues. Noch als sich bei ihr schwerwiegende Alterserscheinungen (Lähmungen an Händen und Füßen) bemerkbar machten, nahm sie großen Anteil am Tod des Kaisers Wilhelm I. im Jahre 1888. Fast 50 Jahre zuvor hatte sie ihn als jungen Prinzen in Berlin kennengelernt. Durch ihre persönli­chen Beziehungen zum Kaiserhaus konnte sie die auf ihren Namen lautende Einla­dung zur großen Trauerfeier auf Sohn Waldemar umschreiben lassen, denn ein Oriola sollte doch dabeisein.

In ihren frühen Tagebuchaufzeichnun­gen bereits nehmen Schilderungen der Beziehungen zum Hofe und den zugehöri­gen Personen großen Raum ein. Später schreibt sie es in Briefen an den fernen Sohn Joachim, den Kapitän zur See: Der Kaiser führte sie beim großen Diner zu Tisch, die Kaiserin interessierte sich für die Kinder Oriolas. Für Mutter Bettina wären das wenig erwähnenswerte Umstände ge­wesen. Trotz der Verschiedenheit der Anlagen von Mutter und Tochter fand Maximi­liane an Bettina viel zu rühmen.

Der Name Oriola legt es nahe, Waldemars Vorfahren zumindest bis zu den Großeltern zurückzuverfolgen. Von mütterlicher Seite waren es demnach Bettina Brentano, die Bürgerin der Freien Reichsstadt Frankfurt aus italienischem Geschlecht, und der aus märkischein Adel stammende Achim von Arnim. Der Großvater väterlicherseits war Portugiese. Graf Joaquim de Oriola vertrat von 1816 an als Gesandter sein Land am preußischen Hof. Nach der Abdankung des portugiesischen Königs Miquel 1834 kehrte er nicht mehr in seine Heimat zurück. Er kaufte sich den Titel eines „Wirklichen Geheimen Rats“ und seine Söhne, so auch Waldemars Vater Eduard von Oriola, traten in den preußischen Staatsdienst und in die Armee ein. Die Mutter Graf Eduards und Großmutter Waldemars, Sophie Mur­ray, stammte aus einem nach Schweden ausgewanderten Zweig des schottischen Geschlechts der Dukes of Atholl. Sie heiratete den Portugiesen Graf Joaquim de Oriola in Stockholm, wo Waldemars Vater Eduard 1809 geboren wurde. Wahrhaft eine europäische Abstammung. die dem Schloßherrn des so romantisch‑deutsch wirkenden historisierenden Bau von 1885 beschieden war.

Da die gräfliche Familie keine Nachkommen hatte, ging das Schloß nach dem 1. Weltkrieg an Ver­wandte der Gräfin, die Freiherrn von Buttlar, über. Im Jahre 1942 war das Schloß im Besitz einer Metallgesellschaft. Diese ver­lagerte während des 2. Weltkrieges einen Teil ihrer Konstruktions­büros nach dort und errichtete zusätzlich Baracken, die heute noch existieren. Noch Kriegsende verlegte die Metallgesellschaft den Betrieb wieder nach Frankfurt. Das neue Schloß wurde vorübergehend von der ameri­kanischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und fand später Verwen­dung als Krankenhaus und Altersheim.

Im Jahre 1956 gab es erneut einen anderen Schloßherrn. Das Land Hessen richtete hier ein bis heute noch bestehendes Landesflüchtlings­lager ein. Eine Besichtigung des alten Schlosses ist nicht empfehlenswert, eine solche des neuen Schlosses ist nur von außen möglich.

 

 

Hauptstraße 28

Auf menschliches Maß bezogene Harmonie ohne Zuckerguß, ein Stück lebendig erhal­tenes Landleben mit Wurzeln im 18. Jahrhundert, das ist die vorbildlich sanierte und deshalb preisgekrönte Hofreite Nördli­che Hauptstraße 28 in Büdesheim. Obwohl das Anwesen ein wenig zurückgesetzt steht, ist der Ver­kehrslärm von der direkt vorbeiführenden Bundesstraße 521 geradezu mörderisch. Das ist indes offenbar der einzige Makel dieser irgendwie zeitlos wirkenden Idylle im Schönecker Ortsteil Büdesheim. Wie zur Begrüßung lugt eine Clematis‑Blüte in zartem Lila über die Feldsteinmauer. Neben dem kleinen Torweg eine Tontafel: „Klaus Otto ‑ Nicol Stein ‑ Johanna Stein“. Die Kleinfamilie wird dabei sein, wenn Staatssekretär Professor Joachim­ Felix Leonhard in der Titelkirche von Schwalm­stadt‑Treysa die Gewinner des Hessischen Denkmalschutzpreises 2003 auszeichnet. Sie gehören zu den drei Hauptpreisträ­gern, denn sie haben ein Fachwerkwohn­haus aus dem Jahr 1721 so wiederherge­richtet, daß nicht nur ein Kulturdenkmal gerettet, sondern auch das Ortsbild von Büdesheim um ein schönes historisches Objekt bereichert wurde, lobte die Jury die siebenjährige Leistung.

Nicol Stein und Klaus Otto haben das Anwesen 1995 gekauft. Am 20. Juli wurde ihre Tochter Johanna geboren. Zwei Tage später sind die Drei in ihr neues uraltes Haus eingezogen ‑ zunächst nur in das provisorisch hergerichtete Obergeschoß.

Vom kleinen Torweg führt ein Basalt­pflasterweg zur Treppe aus Sandstein, auf der ein weiß‑ grau‑getigerter Kater sitzt. Beim Entfernen der Platten auf unserer Treppe hofften wir, die alten Sandsteinstufen zu finden. Leider war dies nicht so. Da­her mußten wir die Treppe neu in Sand­stein bauen lassen, erinnert Klaus Otto.

Der sich hinter dem großen Torweg aus­breitende Hof ist ganz unregelmäßig ge­pflastert, nach Nicol Steins Kenntnis ein Beweis historischer Originalität: „Das Ver­legsystem ist so aufgebaut, daß erst die großen Steine kommen und die nächsten dann immer kleiner werden. Dann fängt die Pflasterung wieder von vorne an.“

Rechts im Hof ein kleiner Garten, offen­bar ehemals die Mistkuhle, dahinter der Pferde‑ und Kuhstall aus dem Jahr 1817. Geradeaus die Scheune mit Durchfahrt, in der ein grüner Deutz‑Trecker mit Hänger voll Strohballen steht. Die Einstreu wird für den Kaltblutwallach Olli gebraucht, der seit 2002 dazu gehört und zum Bei­spiel die Maschinen zieht zur Bewirtschaf­tung von anderthalb Hektar Streuobstwie­sen. Hintenraus gackern fünf Hühner und kräht ein Hahn. Steinstapel verschiedener Art, Holzbansen, Kompostkisten, Spielger­äte, Hängematte. Durch den hier plötz­lich stark gedämpften Verkehrslärm ist Taubengurren zu hören.

Die rückwärts angrenzende riesige Wie­se bis zur Stahlbachstraße gehört den ehemaligen Hausbesit­zern. Nicht auszudenken, wenn hier zugebaut würde. Doch Nicol Stein und Klaus Otto sind hoffnungsvoll: „Wir haben sehr guten Kontakt zu den Leuten.“

Natürlich geht es bei der Preisverlei­hung wesentlich ums Wohnhaus. „Belohnt werden ‑ neben der Ehre mit 4500 Euro ‑ Leistungen, die über das denkmalschutz­rechtlich Gebotene hinausgehen und von überregionaler Bedeutung sind“. So wur­den für die Dächer „althandgestrichene Ziegel“ verwandt, teils aus Abbruchgebäu­den gesichert, zum Verputz der abgeschla­gene Lehm, gestrichen mit Kaseinfarbe. Alte Fenster (bereits ausgebaut, aber teil­weise auf dem Speicher wiedergefunden) wurden aufgearbeitet beziehungsweise nachgebaut, um nur einige Details zu nen­nen. Und selbstverständlich sind die Türblattbeschläge „handgeschmiedet“.

 

 

 

 

 

 

 

Kilianstädten

Lage: Kilianstädten liegt 105 Meter über N.N. (höchster Punkt der Gemarkung 180 Meter über N. N.), in der Mitte des großen, nach Nordwesten offenen Kreisgrenzbogens an der Nidder westlich der Hohen Straße (die, von Bergen kommend, über die Höhen am Wartbaum vorbei nach Ostheim zieht). Die Gemarkung umfaßt 1065 Hektar (davon 118 Hektar Gemeindewald). Dazu gehört die große Kilian­städter Mühle.

 

Bodenfunde: Jungsteinzeit: Siedlungsfunde an der Hohen Straße südöstlich des Ortes; Brandgräber am Nordrand des Kilian­städter Waldes.

Jüngste Bronzezeit: (Urnenfelderstufe) Urnenfelder südwestlich des Ortes am Atmusberg; Einzelfund im Niddergrund nörd­lich nach Windecken zu, dicht an der Gemarkungsgrenze.

Ältere Eisenzeit: Gräber an der vorgenannten Stelle, am Atmus­berg;  ein Brandgrab vor dem Friedhof westlich der Chaussee nach Windecken, dicht an der Gemarkungsgrenze.

Römische Zeit: Auf dem Friedhof und westlich davon die Funda­mente eines römischen Gutshofes, wahrscheinlich mit Bad: römisches Gebäude am nördlichen Ufer der Nidder, 400 Meter nordwestlich vom Bahnhof; etwas nördlich von dieser Stelle, jenseits der Bahnlinie römische Brandgräber.

 

Älteste Namensformen: Stetin 839, Kilionsteiden 1290, Kylian­steden 1302 (später auch Kilgensteden).

 

 

Geschichtliches:

Ludwig der Fromme überließ   839  das Lehen „Stetin“ seinem „Getreuen Aeckard“. Kilianstädten in der Wetterau gehörte vielleicht zum Stammgut der Herren von Dorfelden‑Hanau; später war es ein Dorf des Amtes Büchertal. Ein großes herrschaftliches Hof­gut (die „Herrenäcker“) war an die Dorfnachbarn verpachtet. Im Jahre 1080 kam es zu Einquartierungen, Plünderungen und Brandschatzungen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Kilianstädten „bis auf acht Häuser“ niedergebrannt; das „Oberdorf“ (beim Friedhof) nicht mehr aufgebaut. Das alte Pfarrhaus (Pfarrgasse 8) blieb verschont (heute Wäscherei). Im Dorf gibt es gute Fachwerkbauten des 17. und 18. Jahrhunderts zum Teil mit geschnitzten Eck­pfosten (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 222: Straßenbild in Kilianstädten). Am Friedhof steht eine tausendjährige Linde.

 

 

Kirche

Bereits im 9. Jahrhundert befand sich eine Kirche oder Kapelle auf dem heutigen Fried­hof, die sogenannte „Oberkirche“. Die Pfarrei gehörte zum Roßdorfer Ruralkapitel. Patronat und „Kirchsatz“ (d. h. die Rechte des Pastors auf die Einnah­men usw.) hatten halb die von Reinberg als isenburgische Lehensmannen. Ab 1268 bildeten Oberdorfelden und Niederdorfelden ein gemeinsames Kirchspiel. Das Patronat fiel 1613 an Isen­burg zurück; auf die andere Hälfte erhob Brauneck Anspruch und belehnte damit die von Rohrbach, später die von Walden­stein im Jahre 1498 besaßen es die von Rimberg. Der Patron blieb bis in die Reformationszeit „Pastor“ und bezog die Einnahmen, von denen er den Pfarrer, der den Gottesdienst zu halten hatte, nur dürftig besoldete.

Im Jahre 1577 wurde der Gottesdienst aus der alten Pfarrkirche in die Kapelle im Dorf verlegt. Im Jahre 1630 wurden Reparaturen am Gotteshaus vorgenommen. In den Jahren 1635/36 ist die Kirche wahrscheinlich bis auf die Umfassungsmauern zerstört worden. In den Jahren 1654‑1661 wurde das abgebrannte Got­teshaus wieder aufgebaut. Von 1638 bis 1668 und von 1678 bis 1694 wurde die Pfarrei von Wachenbuchen versehen.

In den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts muß die Kirche so baufällig gewesen sein, daß man sich dazu entschloß, einen Neubau zu errichten. Die Grundsteinlegung erfolgte be­reits am 29. Mai 1738. An der Stelle der alten Kapelle im Jahre 1738 die heutige Kirche aufgebaut. Sie ist ein einfacher Saalbau mit dreiseitigem Schluß. Der Turm ist von  1747 und besitzt einen eleganten Haubenhelm. Auf der Kanzel ist eine Engelsfigur von 1747. Das Altargitter im Kirchenschiff stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Orgel wurde von der Firma Walcker, Ludwigsburg, aufgestellt (1893).

Bei der Renovierung der Kirche Kilianstädten in den 90iger Jahren wurde der Raum so gestaltet, wie er in seiner prächtigsten Farbfassung anno 1779 aus­gesehen hat. Die Malerarbeiten nehmen dem Kirchen­den jahrzehntealten Grauschleier. Hatte das Nachschla­gewerk von Dehio noch 1738 als Baujahr der Kirche vermerkt, so stießen die Re­stauratoren auf die übermalte Zahl 1737. Das für 1779 da­tierte Wappen von Hessen‑Kassel überdeckt an der Orgel‑ Empore ein früheres Wappen, weil das zur Bauzeit noch herrschende Hanauer Haus zwischenzeit­lich ausgestorben war.

Völlig überarbeitet und in ursprüngli­cher Farbe erstrahlt bereits die schma­le Kanzel. Als sie einst eingebaut wurde, war die Barockzeit mit ihren üppigen For­men bereits vorüber (Meister Gösel: „Auf der Kilianstädter Kanzel muß der Pfarrer den Bauch einziehen“). Die dunkelbraun und in einer Art Holzmaserung gestriche­ne Kanzel wird künftig auch farblich wie­der Blickfang sein. Eine Entdeckung war die Taube des heiligen Geistes im Schall­deckel, dem hölzernen Überbau der Kan­zel. Die zuletzt grau in grau gestrichene Engel‑Plastik, die seit 1747 den Deckel krönt, strahlt nun wieder originalgetreu sternenübersät und blau ‑ die Posaune in der rechten Hand, in der anderen die Lilie, die laut Gö­sel ein Kilianstädter Symbol sein soll.

Auffällig ist auch, daß das Porphyrrot der Emporenstützen einer Äderung in Weiß, Blau und Türkis weicht. Schon dies sorgt für den „duftigeren“ Gesamtein­druck. Einer der unvorhergesehenen Posten sind die mit Blütenbouquets bemalten Kassettenfelder an der Emporenbrüstung. Unter einer Farbschicht von 1954 wiesen sie noch die fast völlig erhaltene Bemalung von 1779 auf. Der Sandstein‑Boden wurde neu, der Boden im Altar­raum ergänzt. Die Bänke erhalten ein helleres Blaugrün.

Das „Gärtchen“, ein gut 150 Jahre alter Holz­zaun um den Altar bleibt zwar erhalten. Da­mit es künftig aber die Bewegungsfreiheit der Pfarrer nicht über Gebühr ein­schränkt, wird der Altartisch gestutzt, er ist kein historisches Stück. Zwei Frauen stickten die neue Altardecke.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 608; 1855 = 1038; 1885 = 1161; 1905 = 1344; 1919 = 1706; 1925= 1819; 1939 = 1899; 1946 = 2470; 1953 = 2683, davon Heimatvertriebene =331,

Evakuierte = 74 (aus Hanau = 50).

Bekenntnis: 1905: ev. = 1331; kath. = 13; heute: ev.   = 2251; kath. = etwa 300.

 

Wirtschaft: Ein großer Teil der Einwohner gehört dem Bauhand­werk verwandten Berufen an; sonst Fabrikarbeiter und Land­wirte. Auch Malerei und Spezial‑Plastik sind vertreten (neue Berufe). Großmühle Thylmann; Samenhaus Kahl; Drahtwerke; Hohlsteinfabrik; Strumpf‑ und Veredelungswerke. Früher war der Weinbau stark vertreten; der Kilianstädter Wein von der „Bettenburg“ galt als der beste der Grafschaft Hanau.

 

Sagen: Die Sage vom Kinderraub „Küppels Michael“. ‑ Der Wolfsborn.

Literatur: Handschriftliche Ortsgeschichte von Th. Buccoli

 

Radtour Kilianstädten

Radweg neben der Landstraße nach Wachenbuchen, Burgstraße, Kilianstädter Straße nach Kilianstädten, Wachenbucher Straße. Die Hauptstraße nach links. Vor der Engstelle rechts das Restaurant Drosselbart. In der Engstelle links ein Brunnen, rechts der Uffelmann’sche Hof, heute ein Einkaufszentrum. Dort rechts hoch zur Kirche.

Von der Kirche geht man nach rechts durch die Kirchgasse zum Rathaus, das im ehemaligen alten Hofgut bzw. dem Herrenhof untergebracht ist (Straßenname!). Am 28. Dezember 1970 genehmigte die Regierungspräsident in Darmstadt den Auseinandersetzungsvertrag, den Büdesheim, Kilianstädten und Oberdorfelden, der knapp fünf Monate zuvor unterschrieben worden war. Der Zusammenschluß der die Dörfer zur Gemeinde Schöneck wird am 1. Januar 1971 offiziell und mit viel Tamtam gefeiert. Schöneck hatte zu diesem Zeitpunkt 10.106 Einwohner (Oberdorfelden 1.680, Büdesheim 3.098, Kilianstädten 5.328).

Auf dem sogenannten „Sumpfgebiet“, im Dreiecke der Ortsteile, wo heute die Uferstraße hindurchführt, sollte ein Verwaltungszentrum mit Bürgerhaus, Bücherei, Gesamtschule und Sport- und Kulturanlagen entstehen. Doch es kam nicht dazu, sondern die Verwaltung wurde auf die Rathäuser der ehemaligen Ortsteile verteilt: Haupt-, Bau- und Personalamt in Kilianstädten, Finanzwesen und Gemeindekasse in Büdesheim und Bürgersprechstelle in Oberdorfelden.

Für die Ortsteile wurde ein gemeinsames Kanalsystem geschaffen, das in eine Gruppenkläranlage einmündet. Die Verbindungsstraße Büdesheim-Kilianstädten wurde gebaut, denn bis 18. September 1976 gab es keine direkte Straßenverbindung  zwischen den beiden Orten. In Kilianstädten wurde ein Bürgertreff gebaut, ein Kindergarten in der Waldstraße, in Büdesheim ein Friedhof, das Alte Hofgut wurde saniert und 1989 feierlich eröffnet. Der Uffelmann’sche Hof wurde zum Mini-Einkaufszentrum mit historischer Fassade umgebaut.

Das Handwerk war immer nur schwach vertreten. Es gab Flachsspinnen und Weben von Leinen und Strümpfestricken. Von den Mühlen existieren nur noch zwei: Philippi in Büdesheim und Thylmann in Kilianstädten. In Kilianstädten sind zahlreiche große und kleine Geschäfte zu finden. In Büdesheim ist der kleine Einzelhandel präsent. In Kilianstädten gibt es Installateur- und Spenglerbetriebe, Autowerkstätte und Schreinerei. Drei Banken gibt es im der Gemeinde. Außerdem gibt es ein Werkzeug- und Maschinenbauunternehmen (die Strumpffabrik „Kiliane“ ging wieder ein). Schon 1914 baute Büdesheim eine Stromversorgung. Kilianstädten hatte in den zwanziger Jahren eine gut ausgebaute Wasserversorgung

 

Vom Rathaus aus geht man nach links die Herrenhofstraße. An der Ecke Glockenstraße ist links die Schule von 1843. Dann geht man weiter die Glockenstraße hoch bis zum Anfang des Gewerbegebiets. Dort geht es links bis zum Wald, dann wieder links bis zum Wasser-Hochbehälter. Vor diesem geht es rechts ab in den Wald, am nächsten Weg wieder rechts und dann links hinunter nach Büdesheim.

Man kommt in die Straße „Hanauer Pfad“. An deren Ende geht es etwas versetzt weiter in die Rosenstraße.

Dort ist rechts der Friedhof  mit der Kirche, den alten Grabsteinen in der Friedhofsmauer, der Leichenhalle und im abgeschlossenen östlichen Bereich das Grabmal der Familie Oriola. In der neuromanischen Grabkapelle, die 1910 von dem Baumeister des neuen Schlosses erbaut wurde, fanden  Waldemar und Marie de Oriola ihre letzte Ruhe.

Vom Haupttor vor der Kirche kommt man in die Mühlenstraße. Rechts sieht man am Ende der Straße die Mühle Philippi. Nach links kommt man über die Nidder-Brücke zur nördlichen Hauptstraße. Auf dieser fährt man links weiter zum Rathaus, das breit die sich immer mehr erweiternde Hauptstraße abschließt. Am Ende der Hauptstraße geht es links zum Schloss.

 

Der Weg führt zurück zur Kreuzung und über die Verbindungsstraße zurück nach Kilianstädten (eine Abkürzung ist nicht möglich, man kann höchstens am Bahnhofsgebäude vorbeifahren, kommt aber wieder auf die Uferstraße). Auf dem Weg nach Oberdorfelden kommt man an der Thylymann-Mühle vorbei, deren altes Fachwerkhaus vor den neuen Produktionsanlagen fast verschwindet.

Am Abzweig nach Oberdorfelden überquert man die Bundesstraße und fährt den Weg südlich der Straße erst in Richtung West und dann nach Norden. Am Wald biegt man links ab zum „Läusbaum“. Der Läusbaum auf dem Schäferküppel steht schon auf Oberdorfelder Gemarkung. Im Jahre 1855 reichte der Wald noch bis hierher und darüber hinaus. Der Baum soll seinen Namen von Landfahrern haben, die zum Volk der Roma und Sinti gehörten. Diese hätten sich immer dort gelagert und ihre Läuse hinterlassen. Wenn das auch nicht stimmt, so ist es doch typisch erfunden! Der Name kommt wohl eher von „Leutbaum“ bzw. „Geleitsbaum“.

Ein vom Lionsclub gestifteter Gedenkstein erinnert an die Bedeutung der „Hohen Straße“ als früherer Fernverkehrsweg. Die Hohe Straße führt allerdings nicht am Läusbaum vorbei, sondern biegt vorher nach Südosten ab, knickt dann wieder nach Nordosten, überquert die Gemarkungsgrenze und verläuft dann östlich der Gemarkung im großen Bogen in Richtung Wartbaum bei Windecken und weiter nach Marköbel. Vom Läusbaum geht allerdings auch ein Weg direkt hinunter nach Kilianstädten.

 

Vom Läusbaum fährt man weiter in Richtung Hühnerberg. Der Wald heißt laut einem ein Schild des Forstamtes „Kleine Lohe“, die Hochstädter aber sprechen vom „Steder Wald“. In Wachenbuchen sagt man auch „Äppel-Lohe“ dazu, weil sich südlich davon viele Apfelstücke befanden. Heute ist dort der Übungsplatz der Modellflieger.

Man kommt zu dem Grenzstein von 1822. Er trägt den Buchstaben „W“ oder „Wk“. Das angedeutete „K“ kann aber nicht Kilianstädten meinen, denn hier treffen sich erst die Gemarkungen von Niederdorfelden und Oberdorfelden. Der eigentliche Grenzstein steht südlich der Hohen Straße. Die Buchstaben ND und OD sind noch zu sehen, die andere Seite mit dem Buchstaben W ist abgeschlagen. Der Oberdorfelder Wald  reichte im Jahr 1855 bis an diese Stelle. Er ist  laut Staatsarchiv Marburg im Jahr 1830 an Oberdorfelden verkauft worden. Man fährt dann über die Kreisstraße und biegt vor dem Eintritt in den Wald nach links ab in Richtung Hochstadt (der Weg über die Landstraße zu den Gebäuden am Hühnerberg empfiehlt sich nicht).

 

Der Hühnerberg ist mit 197 Metern über dem Meeresspiegel die höchste Erhebung Maintals. Doch die höchste Stelle in der Gemarkung dürfte bei dem Grenzstein an der Hohen Straße sein. Die Bezeichnung „Hühnerberg“ könnte von den „Hühnengräbern“ herrühren, die man angeblich hier fand. Das Wort könnte aber auch von dem mittelhochdeutschen „huon“ = „hoch“ kommen und also „hoher Berg“ heißen.

Im Jahr 1905 plante man, auf dem Hühnerberg einen  Aussichtsturm  zu errichten. Er soll so aussehen wie der Bismarckturm in Wilhelmsbad. In den Jahren 1935 bis 1937 der Hühnerberg wird militärisch  belegt. Auf der Höhe des Berges wird auf einer Fläche von etwa einem Hektar eine Funk- und Leitstelle für die Fliegerhorste Langendiebach und Rothenbergen errichtet. Nach dem Krieg sind zunächst die Amerikaner auf dem Hühnerberg.

Ab Mai 1950 nutzt die United Press in Frankfurt die Gebäude. Am 1. Mai 1958 zieht Renate  Töpfer  auf den „Hühnerberg“ und richtet dort eine Gaststätte mit Gastzimmer und Küche ein. Am 23. Dezember 1958 wird die Gaststätte noch erweitert durch zwei Gasträume im Keller. Dort ist eine Bar mit Musikbox, ganz im Stil der damaligen Zeit. Mit der Gaststätte verbunden ist ein Kleintierpark mit Affen, Fasanen, usw.

Im November 1970 kauft Herr Hugo  Bracker  das Grundstück auf dem Hühnerberg von der Bundesvermögensverwaltung. Er ersieht das Sendegebäude mit einem Walmdach und läßt eine Leitung vom Wasserbehälter zum Hühnerberg verlegen. Die Abwasserleitung wird in den Jahren 1996/97 auf Kosten des Besitzers ins Dorf gelegt. Gegenüber der alten Funkstation baut die Post 1963 eine  Funkrelaisstation. Der Stahlantennenträger wird im Jahre 1972 von der Post errichtet.

 

 

 

 

Nidderau

Heute leben fast 20.000 Menschen leben in den fünf Stadtteilen Eichen, Erbstadt, Heldenbergen, Ostheim und Windecken.

 

 

Windecken

Lage: 117‑130 Meter über N. N. Die Gemarkung der Stadt an der nordwestlichen Kreisgrenze an der Nidder, an der Eisenbahn­linie Hanau‑Friedberg, umschlossen von den Gemarkungen Ostheim, Roßdorf und Kilianstädten. Sie umfaßt 610 ha ein­schließlich 25 ha Ortslage und 424 ha Gemeindewald.

Windecken hat fast 6.000 Einwohner. Die Gemarkung umfasst einschließ­lich der bebauten Flächen 610 ha, von denen 424 ha bewaldet sind. Die Landschaft ist gekennzeichnet durch eine abwechslungsreiche Topo­graphie, die Ebenen der fruchtbaren Wetterau, die Ausläufer des Ronne­burger Hügellandes und die Auenlandschaft der Nidder.

 

Bodenfunde: Jungsteinzeit: Siedlungen nördlich der Hohen Straße, 1300 Meter südwestlich vom Wartbaum; an der Landwehr, 200 Meter westlich der Chaussee nach Heldenbergen.

Ältere Eisenzeit: Sieben Gruppen von Grabhügeln im Windecker Stadtwald, die ansehnlichste liegt in dem nach ihr benannten Distrikt „Siebenküppel“ neben der Jagdhütte „Aurora“; am „Heiligen Haus“, 100 Meter südlich vom alten Friedhof, Be­stattungsgrab einer jungen Frau mit Wendelring, Fuß‑ und Armringen, Nadel, Schmuckanhängern, alles aus Bronze (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 57).

Jüngere Eisenzeit: Bestattungsgräber wurden beim Bau der Bahn Vilbel‑Heldenbergen 600 Meter westlich der Haltestelle gefunden

Römische Zeit: Gebäude 250 Meter südwestlich vom Wartbaum am Abhang zur „Sertswiese“ dicht an der Kilianstädter Grenze im Niddertal, an der Landwehr, römisches Gehöft.

Fränkische Zeit: Reihengräberfriedhof an der Einmündung der Friedensstraße in die Bundesstraße. Mehrere Gräber, das jüngste ein Reitergrab aus der Zeit um 700 n. Chr. mit Steigbügel Sporn und vielen Beigaben. Eine Münze, die der Tote im Mund hatte, ging leider kurz nach der Auffindung des Grabes verloren.

 

 

Brandgräber: Fälschung oder nicht Fälschung?

Seit der von Gudrun Loe­we in der „Germania“ 1958 veröffentlich­ten Abhandlung zur Frage der Echtheit de jungsteinzeitlichen Wetterauer Brand­gräber besteht für die Prähistoriker kein Zweifel daran, daß der Windecker Brun­nenbauer Georg Bausch vor 1920 nicht nur die Beigaben wie Steinketten oder An­hänger, sondern die hundert von ihm ent­deckten Gräber in ihrer Gesamtheit und zwar allein gefälscht hat.

An dieser unumstößlichen These rüt­telt nun der Geschichtsverein Windecken, der in der vergangenen Monaten eine Fül­le von Quellen zur „Fälscherstory“ zusam­mengetragen und damit die Loewe‑Arbeit einer kritischen Betrachtung unterzogen hat.

Um die interessierte Bevölkerung mit der Materie vertraut zu machen, findet An­fang des Jahres 2003 im historischen Rat­haus in Windecken eine Ausstellung statt. Neben vielen Informationen über den Kult­urkreis der Bandkeramik werden auch die fünf im Historischen Museum Hanau auf­bewahrten Steinketten im Original ge­zeigt, die seinerzeit in der Fachwelt heftig diskutiert wurden.

An einem Tag während der Ausstellung wird auch Maria Schmidt (Langendie­bach) anwesend sein. Sie ist die Enkelin des Brunnenbauers Georg Bausch und be­streitet vehement die Fälschervorwürfe, die gegen ihren Großvater erhobenen wer­den. Sie erhofft sich deswegen von älteren Windeckern Hinweise auf das damalige Geschehen. Maria Schmidt nimmt jederzeit solche Hinweise unter der Rufnummer 06183 /

71258 entgegen.

Seit Beginn des Jahres 2002 beschäf­tigt sich der Windecker Geschichtsverein intensiv mit den „Wetterauer Brandgrä­bern“ und darin aufgefundenen, ominösen Schmuckketten aus Kieselsteinen. Um nicht nur auf die literarischen Quellen an­gewiesen zu sein, ist bei der Denkmal­schutzbehörde Hessen ein Nachfor­schungsantrag gestellt und nunmehr ge­nehmigt worden. Die vorerst bis Ende des Jahres für die Gemarkungen Butterstadt, Rüdigheim, Marköbel, Baiersröder Hof, Os­theim und Windecken gültige Nachfor­schung ist an strenge Auflagen gebunden.

Obwohl die Erfolgsaussichten minimal erscheinen, hofft der Geschichtsverein auf ein kleines Wunder; auf jeden Fall wird er das Winterhalbjahr zu systematischen „Flurbegehungen“ nutzen. Vielleicht kann dabei auch noch ein frühgeschichtliches Rätsel in den Gemarkungen Marköbel, Butterstadt, Ostheim und Windecken ge­löst werden.

 

 

Die Römer in Nidderau, das waren bisher in erster Linie die beein­druckenden Funde in Hel­denbergen, Kas­tell und Römerstraße etwa. Nun hat end­lich auch die ehemalige Grafenstadt Win­decken ihre römischen Wurzeln. In einer Baugrube in der Eugen‑Kaiser‑Straße, wo wenige Arbeiter gerade die Fundamente ei­nes großen Wohnhauses vorbereiten, ha­ben Heike Lasch und Gretel Callesen, bei­de promovierte Vor‑ und Frühgeschicht­le­rinnen, ein nach unten spitz zulaufendes Grabenprofil entdeckt. Man kenne dies nur aus den Befestigungen, die die Römer um ihre militärischen „Erdlager“ zogen.

Den Spitzgraben datiert Gretel Calle­sen auf das 1. Jahrhundert n. Chr. „Wir lie­gen auf einer Linie mit dem zweiten Li­mes“, sagt sie. Sie bezieht sich auf die erst jüngst durch Funde in Mittelbuchen erhär­tete Theorie, dass es im ersten Jahrhundert eine ältere, „innere“ Verteidigungsli­nie des Römerreichs gab. Die Mittelbücher Kleinkastelle hatten ebenfalls Spitzgrä­ben. Außer den in exakten Linien etwa einen Meter tief nachvollziehbaren Graben­wänden sind keine römerzeitlichen Reste mehr am Fundort zu sehen. Die Spitzgrä­ben könnten drei bis vier Meter tief gewe­sen sein, merkt Callesen an.

Weit tiefer hinab reicht die mittelalterli­che Grabenmauer, welche die Bauarbeiten nahe der efeuüberwucherten Stadtmauer freilegten. Bis 6,20 Meter hinab konnte man sie bei einem Probeaushub nachwei­sen. Schon ist das Areal wieder bis zur Soh­le des künftigen Kellers verfüllt.

Der Mauerfund war nur zum Teil eine Überraschung. Man weiß aus einem Wind­ecker Stadtplan von 1727, dass die West­hälfte der Stadtmauer von einem Zwinger, also einem trockenen Befestigungsgraben umgeben war. An der jetzigen Fundstelle neben dem einstigen Friedhof und dem nach Kilianstädten führenden „Städer Tor“ war die offenbar schmalste Stelle des Grabens vielleicht drei Meter breit.

Laut Callesen hatten die in Windecken residierenden Grafen von Hanau den Gra­benbau weiter ostwärts aufgegeben. Als Grund nimmt sie an, dass ihnen die Ent­wicklung der Feuerwaffen davongelaufen ist: Im Zeitalter der Handfeuerwaffen und Kanonen war eine hügelumgebene Stadt mittels Mauern nicht mehr zu vertei­digen. Das könnte laut Callesen auch der Grund gewesen sein, dass die Grafen früh im 15. Jahrhundert die Residenz in die Ebene, nach Hanau, verlegten.

Im Graben wurden bei den eiligen Ber­gungen neben zahlreichen Gefäßresten des 19. Jahrhunderts an die 300 Kachel­scherben gefunden. Heike Lasch ordnet sie zehn bis zwölf Kacheln zu. Genug für einen kleinen Ofen, befindet sie. Sofort war klar: Ihre Reliefs ‑ wappentragender Engel, Kirchenfenster, Allegorie der De­mut ‑ identisch sind mit denen auf den 1562 entstandenen Kacheln im Schloss.

Nach der ersten Idee, dass die neuen Scherben auch von dort stammen, meint Lasch nun: Während der Ofensetzer auf dem Schloss arbeitete, hat jemand an den Adelshöfen, von denen es in der Stadt eine Handvoll gab, denselben Meister beauf­tragt. Irgendwann anfangs des 19. Jahr­hunderts war man der alten Pracht wohl überdrüssig und kippte eine ganze Schuh­karrenladung davon in den allmählich mit Schutt verfüllten Graben. Interessant ist, dass sich mitten unter den Ofenkacheln auch noch eine gotische, mithin wenigs­tens 150 Jahre ältere Bodenfliese fand.

 

Älteste Namensformen: Tezelenheim um 850, Decilenheim um 1000, Detzelheim 1251, Wunnecken 1277, Wunnecke 1288 Wonnecken 1302. ‑ Hanau erbaute zwischen 1262 und 1277 über dem Ort eine Burg Wunnecken, deren Name schon 1288 auf den befestigten Ort überging.

 

Geschichtliches:

Im Jahre 850 wurde Tezelnheim, das spätere Windecken, erstmals erwähnt (Güter werden dem Kloster Fulda übereig­net). Es gehörte vermutlich mit Ostheim zum Königsgut, das Heinrich II. 1016 dem Bistum Bamberg schenkte. In den Jahren 1239 und 1260 verpfändete der Bischof den Ort mit seinen Einkünften an Hanau. Im Jahr 1262 gab er ihn Hanau zu Lehen. Die Herren von Hanau erbauten sogleich in beherrschen­der Lage über einer Nidderfurt Ort eine Burg Wunnecke.

Die um die Mitte des 13. Jahrhunderts errichtete Burganlage wurde gemeinsam mit der Ansiedlung Tezelnheim zum repräsentativen Herrschafts­mittelpunkt. Die Entwick­lung von Burg und Stadt verlief parallel und in gegenseitiger Ab­hängigkeit. Der Name Windecken (Wunnecken) für die Siedlung wird erstmals im Jahre 1277 greifbar.

Im Jahre 1288 ließ sich Ulrich von Hanau für seine Stadt Windecken Stadt‑ und Marktrechte verleihen (15 Jahre vor Hanau)(Stadtsiegel in Hanau Stadt und Land, Seite 504).

 

 

 

Die Verleihung der Stadtrechte an Windecken

Am 5. August 1288 bewilligte König Rudolf von Habsburg auf Bitten Ulrichs von Hanau dem Orte Windecken die Freiheit Frank­furts und einen Wochenmarkt. Damit trat Windecken in den Kreis mittelalterlicher Städte die sich von anderen Orten schon äußerlich durch eine Ringmauer unterschieden. Die zu Basel ausgestellte Urkunde hat, ins Deutsche übertragen: „Rudolf, von Gottes Gnaden Römischer König, allzeit Mehrer des Reiches, entbietet allen Getreuen des Heiligen Römischen Reiches, die diesen vorliegenden Brief einsehen, seine Gnade und alles Gute. Wir halten es günstig geneigt für geziemend, daß diejenigen fernere Gaben des Wohlwollens und der Gnade zu erlangen verdienen, die sich Uns durch größere Gehorsamsleistungen der Treue und Er­gebenheit empfehlen. Daher berücksichtigen Wir die Verdienste des edlen Herrn Ulrich von Hanau, Unseres Getreuen und Geliebten, und begaben auf seine Bitten unter Gewährung Unserer Wohlwol­lenden Zustimmung seine Stadt Wunecke mit Freiheiten; verleihen auch dieser Stadt kraft Unserer königlichen Autorität dieselben Freiheitsrechte, deren sich Unsere Bürgerschaft Frankfurt erfreut und bisher zu erfreuen hatte. Nachdem uns weiter der gute Stand des Gemeinwesens vor Augen gestellt ist, haben Wir dafür gehalten, daß in der besagten Stadt Wunecke ein Wochenmarkt je an den fün­ften Wochentagen angeordnet werde, indem Wir wollen und durch diese Verordnung befehlen, daß alle und jede, die zu dem besagten Markte zur Ausübung des Handels in Kauf und Verkauf zusammen­kommen, für ihre Person und ihre Sachen beim Kommen, Verweilen und der Rückkehr sich Unseres und des Reiches Schutzes und des Privilegiums der Marktfreiheiten erfreuen. Zur Bestätigung dessen haben Wir diese Urkunde aufsetzen und mit Unserem Majestäts­siegel versehen lassen. Gegeben zu Basel, an den Nonen des Augustus, in der ersten Indiction im Jahre des Herrn 1288, dem15. Jahr unsres Königtums“.

 

Auch nachdem im Jahre 1436 die Burg Hanau Mittelpunkt der inzwischen umfangreichen Herrschaft geworden war, behielt Win­decken Funktionen, die nicht nur den Erhalt der Anlage sicherten, sondern auch weitere Aus‑ und Umbaumaßnahmen bedingten. Die Burg war häufig Residenz der Grafen von Hanau bis zu ihrer Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg. Als Witwen‑ und Amtssitz war die Windecker Burg sowohl im rechtlichen als auch im fiskalischen Sinne weiterhin von relativer Wichtigkeit.

 

 

 

Zeittafel

1016 schenkt Heinrich II. sein Königsgut dem Bistum Bamberg,

 um 1275 geht der Name der Burg Wonnecke auf das Dorf über

1288 verleiht Rudolf von Habsburg die Stadt‑ und Markt­rechte

1307 wird erstmals eine Stadtbefestigung erwähnt

1412 Erbauung des Kilianstädter Tors

1520 Neubau des Rathauses

1580 Neubau des Ostheimer Tors

1586 Errichtung des Amtshauses für das Amt Windecken mit den Orten Ostheim, Eichen, Niederdorfelden, Marköbel und zeitweise Erbstadt

1635 wird die Stadt fast völlig zerstört

1654 Wiederaufbau des Rathauses

1821 wird das Amt Windecken aufgelöst

ab 1821 werden Teile der Stadtbefestigung abgerissen und die drei Stadttore niedergelegt

1970 wird aus Windecken und Heldenbergen die Stadt Nid­derau

1970  Zusammenschluß von Heldenbergen und Windecken zur Stadt Nidderau (1. Januar).

1988  700‑Jahr Feier der Verleihung der Stadtrechte in Windecken.

 

 

Geschichte der Burg Wonnecke

1262 der Bischof von Barnberg belehnt Reinhard von Hanau mit den Orten Ostheim und Tezelenheim

1263 beginnen die Herren von Hanau mit dem Bau der Burg Wonnecke, die dann als Residenz diente

1429 die Herren von Hanau werden Grafen, ab 1436 wird die Burg Witwensitz der gräflichen Familie

1582 wird der Turm am Westtor der Vorburg zum Hexenturm

1646 Zerstörung der Burg im Dreißigjährigen Krieg

1682 letzter von drei Hexenprozessen

1736 Bau des Amtsgerichtes auf den Fundamenten der Burg

1974 geht die Burg in Privatbesitz über

 

Geschichte der christlichen Kirchengemeinden

um 1265 Errichtung des Hauptschiffes der heutigen Stiftskirche

1282 wird diese „capella nova“ erstmals urkundlich erwähnt

1430 Ersterwähnung des Hospitals

1484 wird der Turm der Stadtpfarrkirche vollendet

1489 Windecken wird von Ostheim unabhängige Pfarrei

um 1497 Anbau des Chores und der Seitenschiffe

1634, 1635 und 1638 wird die Kirche stark zerstört

1706 die Stadtpfarrkirche erhält einen neuen Turmhelm

1720 Wiederherstellung der Decken und Dächer der beiden Seitenschiffe

1722 Bau einer lutherischen Kirche

1818 wird aus der Stadtpfarrkirche die Stiftskirche

1834 Abriß der lutherischen Kirche

1956 Bau der katholischen Kirche Sankt Maria

1979 statt Abriß des Hospitals erfolgt Umbau zum Heimatmuseum

1987 die alte katholische Kirche weicht einem Neubau

1987 wird für die evangelisch‑methodistische Gemeinde die Christuskirche gebaut

1988 erhält die baptistische Gemeinde ein Gotteshaus

 

 

Geschichte der jüdischen Gemeinde

1320 werden erstmals Juden in Windecken genannt

1429 Ersterwähnung einer Synagoge

1505 Anlage des jüdischen Friedhofs am Kilianstädter Tor

1614 Zuzug zahlreicher Juden nach dem Fettmilchaufstand

1620 gibt es in Windecken 28 jüdische Familien

1827 und 1884 Erweiterung des jüdischen Friedhofs

1905 leben in Windecken 49, 1927 dann 68, 1933 nur noch 31 Juden

1938 am 10. und 11. November wird die Synagoge durch die Nationalsozialisten zerstört.

Zu diesem Zeitpunkt lebten noch 15 Juden in Windecken, von denen die meisten ver­schleppt und 1942/43 ermordet wurden

 

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 1160; 1855 = 1599; 1875 = 1433; 1885 = 1481; 1900 = 1624; 1905 = 1657; 1914 = 1742; 1919 = 1702: 1925 = 1825, 1939 = 2033; 1946 = 2784; 1953 = 2765, davon Heimatvertriebene 317 (diese kommen aus: Österreich = 9, östlich Oder‑Neiße = 110, Sudetenland = 193, Ungarn = 1, Jugoslawien = 2, Sonstige = 2), Evakuierte = 305 (aus Hanau = 208).

Bekenntnis: 1905: ev. = 1546; kath. = 52; israel. = 49; sonst. = 10. Am 31. Oktober 1953:    ev. = 2386, kath. = 415, sonstige Be­kenntnisse und Konfessionslose = 56.

 

Wirtschaft: Berufe: 4,16 = Arbeiter (Bauarbeiter, Maurer, Zimmer­leute, Schreiner, Weißbinder); 4/6 = Landwirte, 1/6 = Beamte, Angestellte, Rentner. Neue Berufe (durch Heimatvertriebene)­ Weber und Stricker. Neben Landwirtschaft wurde bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts auch Weinbau getrieben.

Der bescheidene Wohlstand der Stadt ist nicht nur auf die Märkte, die günstigen Verhältnisse für die Landwirtschaft usw., sondern insbesondere auf den ständigen, sich über Jahrhunderte erstreckenden Zuzug fremder Menschen, zum Teil als Flüchtlinge und Vertriebene zurückzuführen. Sie haben nicht nur zum Wandel der Lebensformen, sondern auch zum Fort­schritt der Technik beigetragen. Neben den meist kleinbäuerlichen Betrie­ben, die früher auch Wein und Tabak anbauten und große Obstbaumkul­turen anlegten, und den üblichen Handwerksbetrieben wie Schuhmacher, Metzger, Bäcker, Schmied, lebten in Windecken auch Kammacher, Ger­ber, Färber, Kannenmacher, Weber usw. Es gab Basalt‑ und Sandstein­brüche, Sand‑ und Kalkvorkommen, sowie einen ertragreichen Wald und fischreiche Gewässer. Arbeit fand sich darüber hinaus in den Kalköfen, den Mühlen, den Brauereien, den Ziegeleien, der Glockengießerei und dem Gaswerk. Windecken besaß mit Ostheim einen gemeinsamen Wald.

 

Literatur: Kreispfarrer i. R. Karl Henss, Festschrift zur 650‑Jahrfeier der Stadt Windecken 1938.

 

 

 

Glockengießer Bach

„Zum Gebet ruf ich ‑ vor Gefahr warn ich. In Gott bitt ich, mach die Gemeinde gluecklich. Ph. H. Bach Glocken­gieser zu Windecken ‑ Gemeinde Lind­heim“. Die Inschrift liest, wer einmal rund um die Glocke geht, die auf Augenhöhe in einem Gestühl zwischen Windeckens Ebertstraße und Ostheimer Straße hängt. Der Verkehrs‑ und Verschönerungsverein hat sie 1959 angekauft, als am Ort außer einer ramponierten Feuerspritze kein Produkt mehr von der über 150 Jahre lang wichtigs­ten Windecker Firma zeugte.

Philipp Heinrich Bach war Enkel von Jo­hann Peter Bach, dem „Dynastie­gründer“. Der 1722 in Hungen gebo­rene Johann Peter zog um 1748 nach Windecken und gründete den Betrieb vor dem Kilianstädter Tor am jüdischen Fried­hof. Später war dort der städtische Bau­hof, heute steht dort ein Wohnhaus.

Bereits als Johann Peter zwei Jahre alt war, goß Johann Peters Großvater, der Feuerspritzenbauer Mathias Bach, für „zwey Hundert und Vierzig Gulden an geld, Franckfurter Wehrung“ der Stadt Windecken eine Spritze. Die Familien Bach und des damaligen Windecker Rats­mitglieds Spielmann sind sich dabei wohl freundschaftlich näher gekommen: Johann Peter heiratete die begüterte Bürger­tochter Anna Katharina Spielmann.

Der Heimatforscher Rolf Hohmann, der heute eine Bachglocke im Briefkopf seines Geschichtsvereins „Windecken 2000“ führt, kam früh zu sei­nem Thema. Obzwar ohne formale Ausbil­dung leite­te er bald das Heimatmuseum, nachdem er in den Verkehrs‑ und Verschönerungs­verein kam. Und sichtete den „wüsten Haufen“ des Stadtarchivs, den er erst ein­mal bei seinem Arbeitgeber mit einem Ge­bläse habe trocknen lassen, um Schim­meln zu verhindern. Der heute 71‑Jährige konnte in puncto Bach auf Vorarbeiten aufbauen, ganz be­sonders schätzt er die 1927 abgeschlosse­ne Präzisionsarbeit von Heinrich Wenzel, der alle ihm bekannten Glocken maßstabs­gerecht abzeichnete, ihre Aufschriften, Tonlage sowie die Maße von „Mund“ bis „Krone“ wiedergab. Andere Historiker er­gänzten die Listen, doch ein Begeisterter wie Rolf Hohmann entdeckt bis heute noch Neues. Ohne seine stets mit Bitten um Hinweise versehenen Veröffentlichun­gen in Heimatzeitungen wäre manches die­ser Kunstwerke bis heute nicht zugeord­net. Stolz ist Hohmann, der sich mit einem Tick Selbstironie bisweilen als „Bachfor­scher“ tituliert, auf die (Wieder‑) Entdeckung der zuvor nirgends verzeichneten Bachglocke in Burgholzhausen. Er hat aber auch verschüttete Erinnerung daran geweckt, daß Erbstadt eine Bachglocke be­sitzt oder Heldenbergen und Hüttengesäß.

Hohmann stellt nach und nach viele sei­ner mittlerweile auf zwölf Ordner ange­wachsenen Akten auf seine Homepage „www.Geschichtsverein‑windecken.de“. Er setzt weiterhin Himmel und Hölle in Bewe­gung, um dieser vier Generationen wäh­renden Unternehmersaga letzte Geheim­nisse zu entreißen.

Warum ‑ uneheliches Kind oder Griff in die Familienkasse etwa? ‑ hat sich Bru­der Johannes aus der vierten Windecker Glockengießer‑Generation 1854 nach Ame­rika „abgemacht“ und dort erst mal eine Rockefeller geheiratet? Und was für fein­geistige Werke brachten Marie Louise Gelpke, die Frau seines Bruders Karl An­dreas, wohl ins Reclam’sche „Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten“?

Ein anderes Problem glaubt Hohmann gelöst zu haben ‑ die Frage, die am An­fang jeglicher Unternehmung steht: Wo­her das Startkapital nehmen? Auch die gutsituierte Heirat hatte Johann Peter of­fenbar nicht genug Flüssiges verschafft, das teure Rohmaterial und die nötigen Ge­räte zu beschaffen. So behalf er sich ganz modern: auf Pump.

Das weiß der Geschichtsdetektiv, seit er im Staatsarchiv Marburg einen dicken Briefwechsel von 1757/8 zwischen den Re­gierungen von Kurmainz und Hanau ent­deckte: Der Hanauer Münzmeister, wel­cher Bach das Material vorgestreckt hat­te, ließ im Hafen das Schiff mit dem Ge­läut fürs Mainzer Peterstift „mit Arrest be­schlagen“, also anketten, bis das Geld zu­rückgezahlt war.

Der arme Bach aber kam seinerseits nicht an die Bezahlung seiner Ware: Mainz bestand darauf, ihn nicht vor dem Probeläuten zu entlohnen. Nach viel Hin und Her half er sich aus der existenzgefährdenden Liquiditätslücke, indem er alle Äcker seiner Frau verpfändete.

 

 

Beim Glockenguß in Windecken

„In Gottes Namen floß ich. Johann Peter Bach zu Windecken goß mich.

MDCCLVII (1757)“ (Signum der Glocken auf St. Peter zu Mainz)

 

Windecken, Ende Juli 1881. Glocken sollen heute gegossen werden, ein größeres Geläute, draußen im Gießhaus vor dem Kilianstädter Tor. Kein Prachtbau, eine scheuerähnliche Halle. Der Gießofen, aus feuerfesten Back­steinen erbaut, steht darin. Vor ihm liegt die Damm­grube, vier auf fünf Meter groß und zwei Meter tief. Vier Glocken­formen sind gußbereit in ihr vergraben. Nur deren Lehmröhren, je zwei, ragen aus der Erde hervor. Windpfeifen heißen sie, weil sie beim Gusse die Luft aus dem Inneren der Formen entweichen lassen. Ein aus Steinen und Lehm hergerichteter Kanal verbindet die For­men mit dem Gießofen. Seit dem frühen Morgen wird er stark geheizt. um die Metallmasse von nahezu neunzig Zentnern zu schmelzen, vier Fünftel Kupfer, ein Fünftel Zinn.

Wir haben unterdessen genügend Zeit, uns über die voraus­gegangenen Arbeiten zu unterhalten. Vor etwa acht Wochen begannen sie. Das Entwerfen des Glocken­profils, Schablone, auch Rippe genannt, ist die grundlegende und daher auch die wichtigste Arbeit. Von ihr hängt in erster Linie der reine Ton der zu gießenden Glocke ab. Damit aber das ganze Geläute melodisch oder harmonisch wohlklingt, muß dieser Ton gleichzeitig auch mit den Tönen der Schwesterglocken in richtigem Verhältnis stehen. Eine schwere Aufgabe!

Für jede Glocke ist nun eine besondere Schablone zu entwerfen. Maß­gebend dafür ist die Klanghöhe, die ihrerseits bedingt wird durch die Glocken­dicke am Schlagrand, also an der Stelle, wo beim Läuten der Klöppel den Hauptton erzeugt. Die größten Schwierigkeiten bereitet aber die Reinheit der Nebentöne. So muß beim ersten Drittel der Glockenhöhe die Terz, beim zwei­ten die Quinte und beim Dritten die Oktave als Nebenton mitklingen. Das Glockenprofil beruht also auf mathematisch genauer Berechnung. Jede Gießerei hat sozusagen ihre eigene Rippe und somit ihre eigene Glockenform. Die Konturen der äußeren und der inneren Glockenwand werden auf ein vier Zentimeter starkes Buchenbrett gezeichnet und dieses dann, der Innenwand entsprechend, ausgeschnitten, an der Spindel befestigt und drehbar eingerichtet. Die Glockenform besteht aus drei übereinanderliegenden Teilen, aus dem Kern, dem Glockenhemd und dem Mantel. Der vierte Teil, die Krone, wird selbständig für sich allein geformt.

Zuerst baut der Glockengießer den Kern, der Glockenform entsprechend, aus Steinen auf. Schichtweise dünn aufgetragener Lehm gleicht etwaige Un­ebenheiten der Steine aus. Jede Lehmschicht muß langsam an der Luft trock­nen. Leichtes Braunkohlenfeuer hilft mit. Dabei muß aber streng darauf geachtet werden, daß an der Oberfläche der Lehmschicht keine Sprünge ent­stehen. Seien sie noch so klein und unscheinbar, sie müssen sofort ausgebessert werden. Die nächste Schicht darf erst aufgetragen werden, wenn die vorherige vollständig trocken ist. Hat die Lehmschicht die von der Schablone geforderte Stärke erreicht, so wird sie mit einer aus fein gesiebter Asche und Bier bestehenden Tünche überpinselt, „geäschert“ nennt das der Glockengießer.

Nun beginnt das Formen der eigentlichen Lehmglocke, des Glockenhemdes. Hierzu wird besonders gut zubereiteter, zarter, mit Pferdernist vermischter Lehm verwandt und ganz dünn, mit größter Vorsicht schichtweise aufgetragen, und zwar so lange, bis er der auf der Schablone ausgeschnittenen äußeren Glockenwand entspricht. Den Abschluß des Formens bildet der Glockenmantel, eine etwa zehn Zentimeter dicke Lehmmasse. Senkrechte und waagerechte, der Glockenwand angepaßt gebogene Stäbe aus Bandeisen umklammern ihn korsettartig und geben ihm den nötigen Halt und die notwendige Festigkeit.

Ein Flaschenzug zieht den Mantel hoch, der infolge der isolierenden Fettschicht sich leicht von der in seinem Innern befindlichen Lehmglocke löst.             Und da sich unter dieser Lehmglocke die durch das Äschern gebildete Isolier­schicht befindet, kann auch sie ohne besondere Schwierigkeiten abgeschlagen werden. Ein schwaches Feuer bringt das Wachs der Buchstaben und Bilder im Innern des Mantels zum Schmelzen. Ihr Negativ aber bleibt im Mantel zurück. Genau auf der Stelle, wo er vorher gesessen, wird der Mantel wieder herabgelassen. Und so ist ein Zwischenraum geschaffen zwischen Mantel und Kern, dazu bestimmt, beim Gusse das flüssige Metall aufzunehmen. Nun gilt es noch, die selbständig geformte Krone aufzusetzen und sie mit dem Mantel durch kräftige Drahtschlingen zu verbinden. Damit nun die Glockenformen dem Druck des flüssigen Metalls nicht nachgeben, wird die Dammgrube mit trockener Erde ausgefüllt und schichtweise festgestampft. Der schon erwähnte Kanal, die Gußrinne, durch die das flüssige Metall vom Gießofen zu den Glockenformen fließen soll, ist gebaut.

Heute nun, an dem Tage, wo wir dem Glockengusse zusehen, sind alle diese Arbeiten beendet. Im Gießofen aber brodelt in weißlicher Glut das Metall. „as wogt und wallt und wirbelt und will entfesselt sein.“ Zuletzt wird noch der weißliche Schaum, der sich an seiner Oberfläche gebildet hat, abgeschäumt, und das Aschensalz, das in die Glut hineingeworfen wird, macht die Glockenspeise flüssiger. Und so ist nun die Zeit des Gusses gekommen.

Mein Vater steht am Gießofen, noch einmal alles überschauend und seine Gesellen mahnend, ruhig Blut zu bewahren und den Ver­stand walten zu lassen. Feierliche Stille! Ein kurzes Gebet und mit den Worten: „Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ stößt er mit einem Kolben dreimal anhebend den konisch zulaufenden Zapfen in den Ofen zurück, und heraus strömt das flüssige Metall. Einer glühenden Feuerschlange gleich ergießt es sich durch den Kanal der ersten Glocke zu, um zischend, sprühend und dumpf grollend tief in ihrem Innern zu verschwinden. Aus den Wind­pfeifen entweicht die Luft, zuletzt gemischt mit glühenden Metall­spritzern, das Zeichen, daß die Glockenform gefüllt ist.

Wie bei der ersten Glocke, so verläuft auch nacheinander der Guß der drei anderen Glocken. Nach vierundzwanzig Stunden hat sich das Metall abgekühlt. Die Dammgrube wird geöffnet, und die Glocken werden samt Mantel und Kern aus der Grube herausgezogen. Nachdem die Kerne und die Mäntel zerschlagen sind, kommen die Glocken zum Vorschein, guß­schwarz. Grober Flußsand und Wasser reinigt und Sandstein und Bimsstein poliert sie.

„Von dem Helm zum Kranz

Spielt’s wie Sonnenglanz.

Auch des Wappens nette Schilder

Loben den erfahrnen Bilder!“

 

Hundertfünfzig Jahre haben meine Vorfahren in Windecken Glocken gegossen und dadurch ihren und den Namen ihrer Vaterstadt in die weiteste Umgebung getragen und ihren Ruhm verkündigt. Aber die wachsende Konkurrenz der Großbetriebe und die leichteren Transportmöglichkeiten zwangen meinen Vater, das Geschäft still­zulegen, das in hundertfünfzigjähriger Tradition ein beredtes Zeug­nis des Bach’schen Kunstsinnes abgelegt hat. Mit Stolz kann ich unter Abänderung des Städtenamens auf meine Ahnherren das Dichter­wort anwenden:

„Sie waren einst Glockengießer Zu Windecken in der Stadt,

Gar ehrenwerte Meister, Gewandt in Rat und Tat.

Sie haben einst gegossen

Viel Glocken, gelb und weiß,

Für Kirchen und Kapellen

Zu Gottes Lob und Preis.

Und ihre Glocken klangen

So voll, so hell, so rein!

Sie gossen auch Lieb und Glauben

Mit in die Form hinein!“

Heinrich Bach

 

 

Rundgang durch Windecken:

Vom Parkplatz an der Willi-Salzmann-Halle (nördlich des Stadtkerns) geht man über die Nidderbrücke und kommt erst über die Wehr, eine Insel und die Nidder zur Stelle, wo das Heldenberger Tor stand. Rechts ist - noch außerhalb de Stadtmauer - die Nidder-Mühle, die einmal den Augustinern gehörte.

Innerhalb der Stadtmauer steht rechts die ehemalige Knaben- und Lateinschule. Es folgt die frühere Durchgangsstraße. Als diese jedoch durch den Bau des Kirchturms verengt wurde, verlegte man die Durchgangsstraße über den Markt. Man geht rechts an der Kirche vorbei. Rechts stand ursprünglich das Beinhaus, später die Mädchenschule. Dahinter sieht man Reste der Ringmauer. Südlich der Kirche war der kleine Friedhof.

 

 

Dufay’scher Garten: Naumburger Straße 9 (Pfarrgarten) und Hofhausstraße 25 (17. Jahrhundert)

 

 

Kirche

 

In einer Urkunde aus dem Jahre 1282 wird erstmals eine „capella nova“ (neue Kapelle) erwähnt (es muß also einen Vorgängerbau zur heutigen Kirche gegeben haben). Sie gehörte zur Pfarrei Ostheim, deren Patronat sich der Bischof von Bamberg vorbehalten hatte Der Fronaltar der neuen Kapelle war dem Heiligen Cyriakus geweiht. Daneben gab es eine Reihe weiterer Altäre (Georg, Katharina von Alexandrien, Maria, Crucis-Altar, Trnitatis, Andreas). Die Kirche hatte eine eigene „Präsenz“‑Kasse. Später wird die Kapelle auch als „untere Kapelle“ bezeichnet, da es im Kapellengarten auf dem Schloß noch eine Petrus-Kapelle gab.

Windecken war noch 200 Jahre nach dem Erhalt der Stadtrechte eine Tochterkirche von Ostheim. Seit dem 5. Dezember 1489 wurde die Gemeinde selbständig und die Kapelle zur Stadtpfarrkirche. Der kräftige spätgotische Turm von 1484 diente ehemals als Wehrturm zur Sicherung des benachbarten Nidder-Über­ganges. Patrone wurden  die Grafen von Hanau. Schon wenige Jahre später wurde die Kirche umgebaut und erweitert, denn das Gebälk über dem Chor stammt aus den Jahren 1497/99. Die heutige Kirche aus den Jahren 1495‑1497 war eine dreischiffige Erweiterung eines älteren Baues (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 262). Über dem Triumphbogen steht die Jahreszahl 1495, am Turm 1484. Seit 1540 ist die Kirche evangelisch.

Der gemauerte Teil des Turms ist 35 Meter hoch. Das ursprüngliche, 20 Meter hohe Spitzdach (mit vielleicht achteckigem Grundriß und vier Spitzgiebeln) wurde 1706 durch einen 23 Meter hohen dreifachgestuften Haubenhelm ersetzt. Die Eingänge sind von 1597 und 1700. Die kleine Eingangstür an der Südseite des Chorraumes weist die Jahreszahl 1603 auf.

Die alte  Kirche wurde nachträglich um die Seitenschiffe erweitert. Dabei beließ man aber das alte Dach auf der Kirche und überbaute es mit einem neuen. Dadurch hat die Kirche heute das älteste Gebälk weit und breit. Die historischen Teile der Dachkonstrukti­on über dem Hauptschiff, von denen der gotische Teil vermutlich aus dem Jahren 1265/68 stammt (chronodendrologisches Gutachten), blieben erhalten. Auch heute umwölbt der neue Teil dieses Dokument mittelalterli­cher Zimmermannskunst. Ein Modell des Dachstuhls ist in der Kirche aufgestellt bzw. im Museum.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche stark beschädigt, so daß lange Zeit kein Gottesdienst in ihr gehalten werden konnte. Die letzten Schäden wurden erst 70 Jahre nach dem Friedensschluß beseitigt. Die älteste der vier Glocken wurde 1631 von Putron in Frankreich gegossen. Am 3.8.1660 läutete sie zum ersten Mal. In beiden Kriegen wurden drei der vier Glocken eingeschmolzen und jeweils nach Kriegsende ersetzt. Nach 1670 wurde erstmals eine Orgel angeschafft.

Den Triumphbogen, der Kirche und Chorraum trennt, ziert ein Schlußstein mit dem Wappen der Stadt Windecken. An ihm ist auch der Torso eines Kruzifixes aus dem 13. Jahrhundert angebracht. An der Innenausstattung ist weiterhin bemerkenswert der Kanzelfuß und Gemälde aus dem 17. Jahr­hundert.

Hinter der Kanzel befindet sich eine Tür von 1603. Die Fenster hinter der Empore zeigen Petrus und Paulus. Auf der nördlichen Empore hängen Ölgemälde. An der Nordseite der Kirche ist noch ein Bogen mit einem Sakramentshäuschen, der ein „Heiliges Grab“ darstellte. An der Außenseite der Westtür ist ein Hochwasserzeichen. Im Jahre 1895 wurde der langgestreckte Chorraum durch eine Orgel­empore ausgebaut. Im Jahre 1895 wurde durch die Firma. Ratzmann, Gelnhausen, eine Orgel aufgestellt, die 1974 durch die Firma Walcker, Hau­sen, renoviert wurde.

Nach sechs Jahren Sanierungsar­beiten wurde die Stiftskirche im September 2001 wieder eröffnet. Die Wän­de sind in Altrosa gehalten. Die Säulen, die die Empore tragen, blau‑grün marmo­riert. Nichts von der Schwere frühgoti­scher Baukunst. Als klar wurde, daß die Kirche renoviert werden soll, war man sich einig, daß der neue Raum heller und freundlicher wirken sollte. Der Umbau, der ursprünglich wegen Ein­sturzgefahr des Dachstuhls vorgenommen wurde, hat der Kirche ein komplett neues Gesicht gegeben.

Auch der Innenraum sollte nach histori­schen Vorgaben gestaltet werden. Um an diese Befunde heranzukommen, mußten die Schichten der zum Teil jahrhundertealten Verputze abgelöst werden. Heute sieht der Kirchenraum nun so aus, wie es die rekonstruierte Fassung aus dem Ba­rock vorgegeben hat. Die Gesamtkosten für das Mam­mutprojekt liegen bei etwa drei Millionen Mark.

Das nördliche Seitenschiff wurde zu einem kleinen Kirchensaal um­gebaut, das früher der Gemeindearbeit diente. Jetzt ist dort eine kleine Küche installiert, spen­diert von einem Windecker Küchenstudio. Das südliche Seitenschiff ist mit in den Kirchenraum einbezogen. Im Chorraum ist eine moderne Konstruktion auf Leinwand, „Jesus Christus“, angebracht, die der Windecker Künstler Frank Leiss­ring für den Altarraum ge­schaffen und der Kirche gespendet hat - ein schöner Kontrast zu dem alten Torso, der das Nebeneinander vergangener und neuer religiöser Kunst dokumentiert.

In Windecken gibt es noch die katholische Kirche „St. Maria“ von 1955/56.

 

Zur Wiederöffnung der Stiftskirche gibt die Stadt Nidderau in ihrer Reihe „Nidderauer Hefte“ den zehnten Band he­raus. Der Sammelband behandelt mehr als die Baugeschichte von Windeckens evangelischer Kirche. 23 Autoren schrei­ben darin über diese Kirche und darüber, welche Bedeutung sie für die Stadt hat. Die meisten sind an den sechs Jahre langen Bauarbeiten beteiligt gewesen, wie die Ingenieure Matthias und Friedel Frischmuth, die Kunsthistorikerin Jutta Groeneveld, der Künstler Frank Leissring.

 

Am Eingang der Hospitalstraße steht links das ehemalige Hospital. Es besteht noch die Hospital- ­und Armenkasse als kirchliche Stiftung; Heute ist Haus  Heimat­museum.

Widwalt Hübner, der Eigen­tümer des Windecker Schlosses, hat in einem nach dem Dreißigjährigen Krieg mit Schutt verfüllten Zwischengeschoß in lan­gen Jahren eine ganze Reihe von Ofenkacheln ausgegraben. Die Kacheln müssen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammen. Die Fundstücke sind mindestens zwei verschiedenen Öfen zuzuordnen sind. Dafür sprechen die unterschiedlichen Techniken ‑ neben grün und schwarz gla­sierten Kacheln gibt es auch „graphitier­te“, also mit Graphit überpinselte, neben reinen Model‑Abdrücken auch Kacheln, die in „lederhartem“ Zustand aufs Feinste nachgeschnitten wurden. Von einer ganzen Reihe von Kacheln ‑ zumeist mit allegorischen Frauenbildern oder mit Symbolen ‑ sind die Hafner, also die Produzenten, namentlich bekannt. Eine besonders qualitätvolle Serie wird Meister Vest zugeschrieben. Das Museum zeigt auch eine putzige kleine Hun­depfeife (in Form eines Hünd­chen), Griffel und Tintenfäßchen. Dazu beispielswei­se mittelalterliche Münzen.

 

Am Ende der Hospitalstraße stand rechts der Schlitzer-Hof, einer der drei  Burg­mannenhöfe in Windecken, der aber heute mit verschiedenen Häusern überbaut ist. Dort ist auch der „Malerwinkel“ mit dem schönen Blick zurück zur Kirche. Am Ende der Hauptstraße an der Stelle der heutigen Apotheke stand das lutherische Pfarrhaus mit dem Pfarrgarten. Im Jahre 1683 wurde neben der reformierten eine lutherische Pfarrei gegründet, die seit 1722 eine eigene Kirche hatte,  die im 19. Jahrhundert wieder abgebrochen wurde (Die Katholiken bilden heute eine Gemeinde, die auch Roßdorf, Eichen und Ostheim umfaßt).

 

Reinhardskirche

Die lutherische Reinhardskirche wurde in den Jahren 1719 bis 1722 errichtet. Grundsteinlegung war am 9. November 1719. Bei der Grundsteinle­gung war Graf Johann Reinhard mit seiner Gattin und anderen Gästen anwesend.

Dhein nennt die Einweihung gleich in zwei Chronikbänden. Dabei legte er die Feier jedoch einmal auf den 5. Oktober, einmal auf den 5. November 1722. Im Rechnungsbuch steht, daß am 6. Oktober die Orgel für die Kircheneinweihung von der alten in die neue Kirche gebracht wurde.

Die Kirche sollte nur etwa 100 Jahre alt werden. Als es im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts überall im Hanauer Raum zur Vereinigung der lutherischen und der refor­mierten Gemeinden kam, wurde das lutherische Kirchengebäude für die Gemeinde überflüssig. Es wurde schon in den 30er Jahren des gleichen Jahrhunderts abgebrochen.

 

Baubeschreibung: Die Abbildung nach einem alten Aquarell, die sich bei Zimmermann findet, zeigt die Reinhardskirche neben dem heute ebenfalls verschwundenen Kilianstädter Tor. Deutlich erkennbar ist der Kirchturm. während das Schiff von der Stadtmauer und einem Baum fast vollständig verdeckt wird. Nur Teile des Daches bleiben sichtbar. In einem Stadtplan von Windecken aus dem Jahr 1727, ebenfalls abgedruckt hei Zimmermann, findet man den gestrichelten Grundriß der Kirche eingezeichnet.

Wir müssen uns eine einfache Saalkirche vorstellen, wie sie überall im Hanauer Ge­biet zu dieser Zeit entstanden sind. Der gestrichelte Grundriß im Stadtplan deutet einen 3/8 Schluß an. Im Osten war der Kirche ein Turm vorangestellt. Hier sind auf dem Aquarell Rundbogenfenster zu erkennen, die eine Rahmung zeigen. die wahrscheinlich aus Sandstein war. Das Aquarell legt verputztes Mauerwerk nahe, das Rechnungsbuch aus dem Marburger Staatsarchiv läßt auf Ziegel als Baustoff schließen. Gleich mehrere Belege erwähnen gebackene Steine. Das Aquarell zeigt die beiden Obergeschosse des Turmes mit versetzt angeordneten Eckquadern, die wohl aus Sandstein waren. Die dreiteilige Turmhaube findet sich ähnlich bei der evangelischen Stadtkirche, die damals der refor­mierten Gemeinde als Gotteshaus diente.. Diese aus dem Mittelalter stammende Kirche hatte 1706 eine neue Haube erhalten. Beide Kirchen waren wohl schiefergedeckt. Der Kontrakt mit dem Steindeckermeister hält Schieferdeckerarbeit an Turm und Dach der Reinhardskirche fest. Zum Schluß sei noch auf die beiden Dachgauben verwiesen, die auf dem Aquarell gerade noch zu sehen sind.

Neben der lutherischen Kirche stand das Kilianstädter Tor. Davor war der Haupt-Gießplatz der Glockengießerei Bach, dann kommt der jüdische Friedhof, der 1450 gegründet wurde. In der Hauptstraße Richtung Markt (heute Eugen-Kaiser-Straße) steht links Nummer 6 ein kleines Fachwerkhaus (gelb gestrichen), aus dem die Familie Lindt stammt, die in der Schweiz als Schokoladehersteller bekannt wurde.

Durch den kleinen Gang geht es weiter in die heutige Hofhausstraße. Rechts kommt man zu einem großen Hof, dem Hofhaus (Gutshaus). Er gehörte dem Ehepaar Dufay, das sich um Waisenkinder kümmerte. Er wurde dann vom Hospital zum Heiligen Geist in Frankfurt übernommen, das in Windecken etwa 60 Hektar Liegenschaften hatte. Das Haupthaus hat einen großen Keller, Treppengiebel und gotische Fenster. Der Turm an der Rückseite wurde später angebaut. Hinter dem Haus ist ein großer Garten in der Ecke der Stadtmauer. Auch das Nebengebäude hat einen Staffelgiebel und ein altes gotisches Fenster.

Geht man die Hofhausstraße in Richtung Osten, so kommt man rechts in einer Gasse zur ehe­maligen Schule aus dem 19. Jahrhundert. Rechts steht ein ehemaliges Gebäude der Benediktiner, aus  dem die Frau des Kühlschrankherstellers Linde stammt. Links von der Schule steht die Stadtschänke, die früher eine Aufbauklasse der Schule beherbergte. Am Ende der Straße ist der Pfuhlhof, ein weiterer Burgmannenhof. Die Höfe haben hier meist eine L-Form. In der Gasse (Brunnengasse) steht das kleinste Fachwerkhaus Windeckens. Außerdem findet sich an dieser Ecke ein Brunnen, der aber erst neu errichtet wurde.

 

Früheres Amtshaus: das „Lämmchen“ (heute Bauernhaus)

Früheres Gefängnis; Braugasse 20.

 

Der Weg führt weiter zum Marktplatz. Das spät­gotische Rathaus (in: Hanau Stadt und Land , Seite 136)  hat dem kleinen Marktplatz die Giebelseite zugewandt, so wie es noch viele Fachwerkhäuser auf schmalem Grundriß tun. Das Rathaus stand früher auf einer offenen Halle. Über dem zweigeschossigen Steinbau steigt ein steinerner Staffelgiebel auf, der von drei Fenstern durch­brochen wird. In die Erdgeschoßhalle führen zwei Portale mit stren­gen Spitzbögen. Den Mittelteil der Giebelfront beherrscht ein drei­teiliger Maßwerkerker, der im Mittelfeld das Hanauer (Windecker) Wappen zeigt. Die beiden den Erker begleitenden Fenster mit einem steinernen Kreuz­stock haben einen waagrech­ten Sturz, genau so wie das dreiteilige Fenster des Erkers und die Fenster des Giebels. Diese Formen kommen erst in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts vor.

Rechts Nummer 4 ist die Bäckerei Philippi aus dem 15. Jahrhundert, er­richtet in Ständerbauweise (nicht Fachwerk pro Stockwerk, sondern durchgehende Balken). Die nördliche Markseite hatte früher auch offene Hallen für Verkaufsstände.

 

 

Stadtmauer

Windeckens Geschichte muß möglicher­weise in einem wichtigen Punkt umge­schrieben werden: Der Ring der mittelal­terlichen Wehranlage war wesentlich en­ger als bisher bekannt. Die Indizien, daß der Ort früher viel kleiner war, trug Ar­chäologin Dr. Gretel Callesen zusammen. Bauarbeiten hinten auf dem schmalen Gelände der Bäckerei Phil­ippi brachten Callesen auf die Spur.

Das Areal liegt südlich vom Marktplatz. Am Südende stieß man auf den Graben der im Ortskern noch bis Beginn des Jahrhunderts offenen Katzbach. Auffallend waren die Sandstein‑Mau­ern, die den Graben nördlich und südlich faßten. Sie zogen sich in Ost‑West‑Rich­tung über die Breite des sechs Meter schmalen Grundstücks. Die südliche Mauer bestand aus zwei, durch einen Spalt von acht Zentimetern getrennten Teilmauern. Wegen der Bauarbeiten konnte sie nicht auf voller Dicke frei­gelegt werden. Callesen meint, daß die Gesamtmauer etwa 1,30 Meter stark sein kann. Die nördliche 60‑70 Zentimeter‑Mauer könnte zu einer alten Grundstücksbe­grenzung gehören. Mit Bezug auf die südlich gelegene Dop­pelmauer reiht sie nun aber eine Kette von Indizien auf, die ihr aufgefallen sind.

Auf dem Nachbar­grundstück ist aus dem Garten eine Mauer der gleichen Art entfernt wor­den. Folgt man dieser angenommen Mauerflucht nach Osten, fällt am Gebäude Glockenstraße 2 eine merkwürdige Bauweise auf: Ein horizon­taler Fachwerkbalken zieht sich nicht bis zur Nordwand des Hauses durch, sondern endet an einem verputzten Mauersockel. Und schaut man weiter in dieselbe Richtung, springen scheinbar unmotiviert an zwei Stellen Häuserrückwände in die sonst klare Mauerflucht der Kanalgasse zurück, unter der übrigens die Katzbach rinnt. Die unverkleidete der Wände ist in der Art wie bei Philippi aus Sandstein ge­mauert.

Auf einem noch wei­ter östlich liegenden Grundstück steht eine schmale Sandsteinmauer. Es stellte sich aber heraus, daß sie am Fundament wesentlich massiver ist. Und bei Reparaturen am Kanal kamen 1990 in der Ka­nalgasse Sandstein‑Quader aus „Mauer­-Versturz“ (Callesen) zum Vorschein.

Letzten Anstoß, hier an eine bisher un­bekannte Wehrmauer zu denken, gab Cal­lesen ein Blick in den von Historiker Ernst J. Zimmermann nach Grundbü­chern rekonstruierten Plan Windeckens von 1727. Dessen Zuverlässigkeit ließ sich bei Grabungen am Ostrand der Stadt er­härten. Enttäuschend verlief aber 1993 die Untersuchung von Resten der ebenso von Zimmermann verzeichneten Stadt­mauer beim Lehnhof am Südrand Windeckens. Mauern gab es zwar. Doch es wurden keine Re­ste der hier vermuteten, mittelalterlichen Wehranlagen angetroffen.

Hier hakt Callesen ein: Diese Vermutung setze stillschweigend voraus, daß Zimmer­manns Zeichnung die mittelalterliche Stadtmauer wiedergibt, daß also die Stadtbefestigung 1727 jener von vor dem 30jährigen Krieg entspricht. Da hat sie ihre Zweifel und wirft einen zweiten Blick auf den Plan: „Die von Zimmermann auf­gezeichnete Stadtmauer umschließt eine ungewöhnlich große Fläche mit unbebau­ten Arealen, eine im Mittelalter kaum üb­liche Art der Befestigung einer Stadt.

Die Karte zeigt, daß die Grundstücke inner­halb des Katzbach‑Bogens überaus eng sind (wie das von Philippi), ganz im Ge­gensatz zu den südlich davon gelegenen. Ist die sich nun ab­zeichnende Mauer wirklich Teil der mit­telalterlichen Wehranlage, löste sich ein altes Historikerproblem: 1717 berichtete ein Hanauer, er habe an einem Windecker Stadttor die Jahreszahl 1257 gelesen. Daß Windecken 33 Jahre vor Erhebung zur Stadt bereits eine aufwendige Mauer ge­habt haben soll wie sie bis heute stück­weise besteht, das bezweifelten Kenner füglich. Erklärt wäre damit  auch, warum eine 1360 ausgestellte Urkunde von der „ringsmuren“, also der Ringmauer spricht. Das passe doch viel eher zu einem Mauerzug, dem die Katz­bach folgt. Ein Parallelfall wäre Hochstadt. Heute noch ablesbare Straßen-Engstellen am Kernstadt‑Rand ‑ Glockenstraße, Ost­heimer Straße an der Kanalgasse, Eugen­-Kaiser‑ Straße hinterm Rathaus ‑ ließen sich eventuell als Tore der mittelalterli­chen Schutzmauern erklären.

 

An der Ostseite des Marktplatzes geht man nach rechts in die Glockengasse und über die Kochbrücke. Hier wird wie­der die Katzbach gekreuzt, an der entlang sich früher die alte Stadtmauer zog. In Richtung Westen sieht man noch Fachwerkbalken, die direkt auf die Mauer stoßen. Die Breite der Mauer und des Wehrgangs ist noch an der Breite des Nebengebäudes sichtbar. Die Straße steigt steil an, weil das Gelände aufgefüllt wurde, um über die Stadtmauer zu kommen. Rechts stand der Pflücksburger Hof, wieder ein Burgmannenhof, in dem später die Glockengießerei Bach untergebracht war. Links ist der Lehnhof.

 

Der Weg führt aber wieder zurück zum Marktplatz und geht dann weiter in Richtung Osten durch die heutige Friedrich-Ebert-Straße  zum ehemaligen Ostheimer Tor. Rechts steht das alte Amtshaus mit der Jahreszahl 1586 und den Buchstaben PLA über dem Tor (Paul Lamm, Amtmann). Am Nebenhaus mußte der Erker entfernt werden, weil der Amtmann freie Sicht zum Markplatz haben wollte.

Außerhalb des Ostheimer Tores stand die Kaiserliche Post, daneben die Gaststätte „Zur Post“ mit dem Bild der Postkutsche. Man kommt zu einer kleinen Anlage, in der das Modell eines Mühlrades an die Hochmühle erinnert, die heute eine Gaststätte schräg gegenüber ist. Eine Glocke erinnert an die Glockengießerei Bach, eine von den rund 300 Glocken, die in Windecken gegossen wurden und die von der Gemeinde Lindheim zurückgekauft wurde. An dem Haus ist ein Bild des Ostheimer Tores gemalt.

Der Weg führt dann wieder zurück in die Stadt. Hier ist die Stadtmauer auf beiden Seiten noch gut erhalten. Der rechte Teil ist etwa neuen Meter hoch und trägt noch oben den originalen Wehrgang. Auch links steht noch ein Stück Mauer, das heute durch Ziegeln abgedeckt ist. Daneben steht das ehemalige Gefängnis, das früher ein nach vier Seiten abfallendes Dach hatte.

Innerhalb der Mauer war links das Judenviertel, dessen mittlere Gasse aber überbaut wurde. Die Synagoge stand an der Stelle der heutigen Methodistischen Kirche. Wo die Judengasse abknickt stand das Haus des Rabbiners und daneben die jüdische Schule, aus der berühmte Leute kamen, zum Beispiel ein Oppenheim, der der Begründer des Völkerrechts wurde. Die Häuser im Gebiet Judengasse sind weitgehend original. Neu ist nur das Gebäude der Drogerie, weil das vorhergehende haus wegen einer dort untergebrachten Zündholzfabrikation abbrannte.

Beim Verlassen des Judenviertels sieht man noch einmal in Richtung Westen in die Katzbach und bemerkt dort einen Vorsprung in der Gebäudeflucht, der durch die alte Stadtmauer bedingt ist.  Man geht dann wieder ihn Richtung Ostheimer Tor und die Schloßgasse hinauf. An der Schloßmauer sieht man Fratzenköpfe.

Durch einen neu errichteten Torbogen kommt man auf das Schloßgelände.

 

 

Burg:

Im Jahre 1260 erhielt Reinhard I. von Hanau die Burg Windecken zum Lehen. Auf einem Bergsporn über der im Katzbachtal gelegenen Altstadt errichtete er die Burg „Wonnecken“ (auch: Wunnecke“), deren Name später auch auf die Siedlung überging. Bis 1436 regierten die Herren von Hanau hier, dann gingen sie nach Hanau. Im 15. Jahrhundert wurden Tellbereiche der im Westen gelegenen Vorburg umgestaltet.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde die Burg zum Schlößchen ausgebaut und es entstand der heute die Eingangssituation beherrschende innere Torbau mit seinen markanten Renaissance‑Erkern. Das innere Tor hat einen gotischen Spitzbogen. Die zwei Rundtürmchen auf Konsolen stammen aus dem 16. Jahrhundert, das äußere Tor trägt die Jahreszahl 1592.

Seit 1612 war die Burg Witwensitz der Gräfin Katharina Belgica.

Die Kernburg mit einem annähernd rechteckigen Grundriß wurde durch einen Halsgraben gesichert und war durch eine Brücke zu erreichen. Sie enthielt somit im letzten zu erschließenden bzw. angestrebten Bauzustand eine Vierflügelanlage mit dem erwähnten Torbau im Westen und einem Bergfried im Osten. Die weitläufige Vorburg war mit Wirtschaftsgebäuden bebaut. Der Standort der Burgkapelle ist aus den vorliegenden Quellen nicht zu ermitteln. Merian bezeichnet seinen Windecker Kupferstich wie folgt: „Ein festes Schloß lustig anzusehen“.

Der 30‑jährige Krieg setzte der Burg schwer zu. Im Jahre 1635 zerstörten die kaiserlichen Truppen die Anlage, elf Jahre später gaben die Schweden ihr den Rest. Die Ruine wurde nach dem Krieg bis auf das Portal und die Mauer endgültig geschliffen. Mit dem Schutt verfüllte man den Zwischenkeller.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts plante man nochmals größere Um‑ und Ausbaumaßnahmen, die jedoch durch die Ereignisse des Dreißigjährigen Kriegs nur Stückwerk geblieben sein dürften. Die Umbaupläne des Architekten Rumpf aus dem Jahre 1627, die im Staatsarchiv Marburg überliefert sind, waren und sind seit jeher Objekt von Forschung und Spekulation.   In Umzeichnungen und Schaubildern wurde versucht, das Aussehen des Windecker Schlosses im 17. Jahrhundert darzustellen.

In der wüsten Schloßanlage wurde über einem erhaltenen mittelalterlichen Tonnengewölbe im Jahrr 1736 bein eingeschossiges Gebäude mit Mansarddach und 20 Zimmern. Wo an der Südseite Scheunen und Ställe standen, wurde auf den Fundamenten das Gebäude errichtet. Die Umgestaltung zur damals modernen Schloßanlage unter Berücksichtigung der neuen Anforderungen an Wohnlichkeit und Fortifikation brachten umfangreiche Veränderungen an der Bausubstanz.

Das Gebäude wurde als Amtsgericht genutzt. Der Flügel, in dem derzeit die Tagespflege untergebracht ist, war die sehr geräumige Dienstwohnung des Richters. Links nebenan (wo nunmehr die heutigenBesitzer leben), schließt sich der einst amtliche Trakt an. Der weite Flur und die streng gegliederte Folge der Türen darin weist den Besucher noch heute auf den einstmals öffentlichen Charakter dieses Abschnittes hin. Die zwei hellen und hohen Gerichtssäle sind noch erhalten. In einem steht ein massiver Eichentisch, der sogar für eine größere Hochzeitgesellschaft ausreichend Platz bietet. Die Stuckarbeiten unter der Decke der Säle erneuerten die Hübners, wie so vieles. Deren Verdienst ist es auch, daß ein Großteil der Gewölbe des Zwischenkellers wieder begehbar ist.

Von der Anlage ist das äußere Burgtor von 1592 erhalten. Es folgt der spätmittelalterliche Torbau mit einem spitzbogigen Durchlaß, von zwei Rundtürmen eingerahmt, dessen Dächer mit Zinnen besetzt sind. Die Ringmauer ist 8 bis 10 Meter hoch und 1,75 Meter stark. Das Gebäude links neben dem Tor ist neueren Datums. An der Mauer dahinter befanden sich Scheune, Kelterei und Schafstall, ehe man zum Gelände des eigentlichen „Schlosses“ kommt Der westliche Teil des Geländes war der Kapellengarten, ein Hinweis darauf, daß auf dem Schloß eine Kapelle bestand. Das Ziegelsteinhaus gleich neben dem Portal, mit seinen abgeflachten Wehrtürmen war früher das Gefängnis.

Wiedwalt und Irene Hübner haben die Burg vom Land Hessen ersteigert und hatten dann 30 Jahre eine Baustelle. Sie öffneten den Keller von außen. An seinem Ende war wohl einmal die Backstube der Burg (die nach der Freilegung als Partykeller genutzt wurde). Sehr schöne Kacheln, eine Ofenbank aus Sandstein und viele Ofenplatten hat man aus dem Schutt geborgen. Die Suche nach verschütteten Gewölben geht weiter. Der hintere Teil ist an Herrn Keil vermietet, der dort farbige Sande verkauft.

Seit Februar 2003 betreibt die Alzheimer Gesellschaft in einem Flügel des Gerichtsgebäudes aus dem 18. Jahrhundert auf 480 Quadratmeter Wohnfläche eine Tagespflege (seit einigen Jahren leidet Wiedwalt Hübner an Alzheimer). Alle Räume sind mit einer Tür verbunden, so daß ein Rundgang für die „von sehr großer Unruhe“ geprägten Patienten möglich ist. Eine reine Flursituation versetze indes die Kranken schnell in Panik. Die Umbauten unter der Aufsicht des Landesdenkmalamtes sind deshalb relativ gering ausgefallen. Am Innenumbau beteiligte sich finanziell das Land Hessen, beim Garten schoß der Bund Geld zu. Die Auflagen waren ein Mietvertrag von 25 Jahren.

 

Die Wand zur Speisekammer wurde weggenommen, um die Küche zu vergrößern, die ein wichtiger Aufenthaltsort für die durchschnittlich zwölf Patienten sei. Die Innenbeleuchtung wurde so konzipiert, daß sie keine Schatten wirft, die Alzheimer‑Patienten in der Regel ängstigen. Die von diesen Menschen stark geforderte Geborgenheit vermittelt auch der Park mit dem eigens angelegten Rundweg. 

Den Schloßberg verläßt man dann in Richtung Westen. Dort steht der Hexenturm, in dem im 16. und 17. Jahrhundert drei Frauen als Hexen umgebracht wurden. Am Fuß des Schloßbergs steht links noch eine ehemalige Gaststätte.

 

Bei Windecken liegt der einsam gelegene Hof Buchwald. Hier betreibt Roland Vogel mit seiner Frau einen Biohof‑Laden. Von diesem Aussichtspunkt schweift der Blick vom Taunus, über Vogelsberg, Spessart bis hin zum Odenwald. Von hier aus ist auch die Glauburg zu sehen.

 

 

 

 

 

 

Ostheim

Lage: 107 Meter ü. N. N. Ostheim liegt östlich von Windecken, südlich von Eichen und genau nördlich von Roßdorf. Die Gemarkung umfaßt 1698 Hektar, davon 265 Hektar Gemeindewald. Außerdem 26 Hektar Staatswald.

 

Bodenfunde: Jungsteinzeit: Siedlungen und Gräber der band­keramischen Kultur auf dem „Heckenwingert“; westlich der Bahnlinie nach Friedberg, 150 Meter nordwestlich und 500 Meter südöstlich vom Bahnhof Ostheim.

Rössener Kultur, Bild Seite 45:

Jüngere Eisenzeit: Aus einem verschleiften Grabhügel am Heckenwingert eine Gürtelkette aus Bronze (Bild Seite 60 und 68); weitere Hügelgräber dieser Zeit im „Alten Haag“ wurden im Jahre 1901 eingeebnet.

Römische Zeit: Die „Burg“ im Ostheimer Wald, Straßenstation an der römischen Straße Marköbel‑Friedberg, rechteckiger Steinbau, 8 x 4 Meter groß, umgeben von einem Spitz­graben und einem ummauerten Hof. ‑ Ländliches Gehöft an der „Bäckersmauer“ in den Ostheimer Tannen. Weitere 300 Meter nördlich von der vorgenannten Stelle, 170 Meter westlich von der Eichener Chaussee, Fundamente eines ande­ren römischen Hauses. Ein weiteres Gehöft lag im südöstlichen Teil des heutigen Dorfes.

Fränkische Zeit: Reihengräberfeld, von dem vier Gräber 1885/86 „an der Südböschung der Windecker Straße, 50 Meter östlich vom Weg nach der Ostheimer Mühle“ angeschnitten wurden.

Auf einem Stück Brachland am Neubaugebiet „Mühlweide“ wurde ein Keramikschatz gefunden ‑ und dazu noch die Fundamente der ältesten Häuser von Ostheim: Ein Leckerbissen für die Ar­chäologie aus der ältesten Jungsteinzeit, Linearbandkeramik genannt. Der fruchtbare Bo­den der südlichen Wetterau hat es vor 7000 Jahren schon den Menschen der Bandkeramiker‑Zeit angetan. Auf gut Glück wurde ein Schnitt ins Gelände gelegt, 85 Meter lang. Es war ein Volltreffer.

Zwar entdeckten Frau Callesen und ihre Helfer, Archäologie‑Studenten aus Frank­furt, nur Spuren der Kultur, die sie dort unten vermutet hatten. Dafür kamen ganz unverhofft aber Fundamente von Häusern der allerersten Siedler über­haupt zutage, die viel interessanter für die Archäologie sind. Bisher wurden nämlich in der ganzen Region aus die­ser Zeit gerade mal zwei Scherben gefunden geschweige denn eine ganze Siedlung.

Auch überregional ist der Fund von gro­ßer Bedeutung: Kann doch damit die Weg­strecke der ältesten Bandkeramiker nach Mitteldeutschland nachvollzogen werden. Gefunden wurden drei Acht‑Meter‑Häuser, ausgerichtet von Süd nach Nord, gebaut nach Fachwerkmanier: Mit im Boden ver­ankerten Holzpfosten, Flechtwand und Lehm als Verputz. Das Dach war gedeckt mit Stroh oder Ried. Das Material haben die Hausbauer aus einer Grube gleich da­neben gegraben. Was sich allerdings im Haus befand, ist und bleibt ein Rätsel. Kein Krümchen, keine Feuerstelle, kein Tierknöchelchen wurde darin gefunden.

Vielleicht haben die Bewohner darin die Nächte in Hängematten schaukelnd verbracht, nutzten den Bau als Vorratsraum oder als Zeremonienort. Die meiste Zeit verbrachten die damali­gen Menschen draußen im Freien. Sie hatten viel Muße: Zwei drei Stunden Ar­beit am Tag, mal töpfern, mal bauen, und dann noch ein bißchen Nahrungsbeschaf­fung, der Rest freie Zeit. Der Kampf ums Dasein war damals bis auf die Unbilden des Wetters und ein paar wilde Bären, Füchse und Luchse so schlimm nicht, die Natur bot in der Gegend reichlich Essen und Trinken, zumal in der Nähe munter ein Bächlein plätscherte. Auch Haustiere hielten die ersten Ostheimer bereits: Schweine, Rinder, Hunde, Schafe und Zie­gen.

Ein Gebiß stammt von einem Tier. Es lag in der Grube, in der die Leute offensichtlich das zuücklie­ßen, was sie für ihren Aufbruch in neue Siedlungsgründe nicht mehr brauchten. Dort fanden die Altertumsforscher auch ein glattgeschliffenes Stielbeil, an dem nur die Klinge fehlt. Gefunden wurde ein Pfeilglätter, ein schiff­chenförmiger geschliffener kleiner Sand­stein mit Farbspuren außen und einer Ril­le in der Mitte. Es könnte allerdings auch Modell eines Einbaumes sein.

 

Älteste Namensformen. Ostheim um 850, Ostheim in der Wede­reiba 1016, Hostheim 1245, Oestheim 1356, Oystheim 1366.

 

Geschichtliches:

Die überlieferten Urkunden­auszüge im Staatsarchiv Marburg be­legen nur, daß Ostheim wahrscheinlich nicht nach dem Jahr 842 erstmals akten­kundig wurde. Wie meist bei diesen Erst­erwähnungen hat sich Urkunde mit dem Namen „Ostheim“ nur erhalten, weil es um schnöden Besitz ging ‑ hier um Schenkungen eines gewissen Udalrich an die Reichsabtei Fulda. Das Jahr 850 war die bis vor einiger Zeit bekannte Erst­erwähnung Ostheims. Sie stammt aus einer anderen Schenkungsurkunde mit der ein Megenolt von der Wetterau die Fuldaer Äbte bedacht hatte.

Im Jahre 1016 schenkte Kaiser Heinrich II. dem von ihm gegründeten Bistum Bamberg sein Eigengut Ostheim; es scheint das spätere Dorf gewesen zu sein. Die Herren von Hanau erwarben den bambergischen Besitz 1260 als Pfand, 1262 als Lehen (dazu gehörte auch Tezelnheim, das spätere Windecken). Im Jahre 1282 wird ein hanauischer Schultheiß genannt; später war Ostheim ein Dorf des hanauischen Amts Windecken. Im Dreißigjährigen Krieg wurden 1634/35 insgesamt 83 Häuser und Scheuern verbrannt; es blieben das Rathaus, das Pfarrhaus, ein Backhaus, die Kirche und 20 Häuser und Scheuern stehen. Ost­heim hatte mit Windecken einen großen gemeinschaftlichen Markwald, an dem nach einem Weistum von 1393 die Eichener gewisse Rechte hatten. Ostheim hatte früher eine Ringmauer.

1965  Errichtung der Schule in Ostheim.

1974  Anschluß der Gemeinde Ostheim an die Stadt Nidderau (1. Juli).

 

Literatur: Alt‑Ostheim von Pfarrer Friedrich Fink, Ostheim 1925.

 

 

Kirche:

Die Pfarrkirche bestand unter dem Ruralka­pitel Roßdorf im Ar­chidiakonat von Ma­riengreden in Mainz. Patron war das Stift Bam­berg. Tochterkirche war bis 1489 Windecken. Die Katholiken sind heute nach Windecken ein­gepfarrt. Im Jahre 1663 verlautet, daß von einem Pfarrer eine Steuer zur Wieder­her­stellung der im 30jährigen Krieg sehr stark in Mitleidenschaft gezogenen Kirche ein­geführt wurde. Der schon recht baufällige Kirchenturm wurde 1725 neu aufgebaut. Die Kirche von 1738, ein Saalbau mit dreiseitigem Schluß und mit fünfstufigem Dachturm zählt zu den ältesten Gotteshäu­sern im Hanauer Land. In der Kirche gab es 1967-69 eine „umstrittene“ Renovierung. Dieser fiel die barocke Empore in dem weitgehend gotischen Gotteshaus zum Opfer.

Zwei Freskenreste wurden im Jah­re 1980 restauriert. Es handelt sich um zwei Gemälde aus dem frühen 13. Jahrhundert, die über ehemaligen Seitenaltären angebracht waren. Während die Bildreste an der Süd­seite nur noch undeutlich eine großfigurige Darstellung zeigen (vielleicht Anbetung der Köni­ge) (die Gesichter der Fi­guren sind vermutlich absichtlich zur Zeit des Bildersturms nach der Reformation zer­stört worden) ist das Gemälde an der Südseite in seiner oberen Hälfte nahezu voll­ständig erhalten. Es zeigt eine Darstellung des jüngsten Gerichts und ist so ein wert­volles Zeugnis der Frömmigkeitsstruktur und des Lebensgefühls jener Zeit. Augenschein­lich müßten die Bilder aus dem 13. Jahr­hundert unterhalb der Empore weiter­gehen. Dort hat man bei der Renovierung alles von der Wand geschlagen, obwohl be­kannt war, daß dort Malereien sein müs­sen.

Im Jahr 1968 wurde ein neuer Altar aus Sandstein aufgestellt und die alte Kanzel im gleichen Jahr in der Mitte der Kirche hinter dem Altar postiert. Eine Orgel wurde 1968 von der Firma Stehle, Büttelborn, neu eingebaut. Grabsteine des 18. Jahrhunderts sind im Pfarrgarten und an der Mauer des Friedhofs (von 1781) eingelassen; dort steht auch der Grab­stein des Magisters Volk­hard (gestorben 1453), den geheimnisum­witterte „Pfaffenstein“.

 

 

Vermutlich im 14./15. Jahrhundert wurden in Ostheim Bilder  unmittelbar auf die verputzte Wand gemalt. Sie erzählen ‑ wie schon bei den Katakom­benmalereien der ersten Christen in Rom ‑ vom jüngsten Gericht und in besonders anschaulicher Wei­se vom Erzengel Michael als Seelenwäger. ­Wandmalereien dieser Art als meist gefährdeter Kunstgattung, oft unter Tünch­schichten verborgen und wenn sie freigelegt sind, häu­fig ungeschützt, sollte besonderer Schutz zur Erhaltung zuteil werden.

 

 

Hofhaus:

Das Hof­haus von 1596 war vielleicht der frühere herr­schaftliche Hof. Erhalten sind das Ober­geschoß und ein statt­liches Tor mit Maske und Wappen aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Es bezieht sich auf die Familie Herpfer, der 1699 die Schäferei in Windecken und Ostheim von den Hanauer Grafen verliehen wurde (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 107).

 

Museum:

Das Dorfmuseum in der Limesstraße ist der ehemalige Getreide­speicher über den Schweineställen einer größeren Hofreite des Weider­hofs. Es war Gründungsziel, das noch Vorhandene aus der dörflichen Landwirt­schaft zu bewahren. Auf dem Speicher ist eine Stube abge­teilt. Sie gibt einen Einblick ins Häusliche ‑ Küche, Schlafzimmer, Wohn­raum ‑, wie es sich vor dem endgültigen Durch­bruch der Massenfertigung dargestellt ha­ben mag. Der Gang über den übrigen Speicher wird zu einem Bilderbogen der verschiedenen dörflichen Handwerke.

Zu sehen sind dort die Stellmacher­-Werkstatt mit ihrer Schnitzbank, der Ar­beitsplatz des Schusters mit einer Osen­drückmaschine, die komplette Einrich­tung des Draudtschen Bäckerladens (auch die Ofenluken und die Sack‑Ausklopfma­schine) oder Überreste aus der Druckerei Jost mit einem Setzkasten und einem Buch über den Satz in Sütterlin‑Lettern.

Im ehemaligen Schweinestall ist eine Auswahl historischer Landmaschinen versammelt. Nebenan ist ein kleines Ka­binett den ehemaligen Ostheimer Ziege­leien gewidmet ‑ eine Reihe vergrößerter Fotos gibt Einblick in die für den Ort bis 1970 wichtige Branche.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 925; 1855 = 1091; 1885 = 1337; 1905 = 1306; 1919 = 1386; 1925 = 1494; 1939 = 1677; 1946 = 2291; 1953 = 2170, davon Heimatvertriebene = 265, Evakuierte = 180 (aus Hanau ~ 105).

Bekenntnis: 1905: ev. = 1245, kath. = 33, israel. = 28, heute: ev. = 1952, kath. = 95.

 

Wirtschaft: Vorwiegend Landwirtschaft; auch Arbeiterwohnsitz­gemeinde. ‑ Ziegelwerke.

Tonabbau und Landwirtschaft waren die Existenzgrundlagen. Im Adreßbuch von 1901 ist bei vielen Bür­gern ist „Taglöhner“ als Beruf angegeben. Man findet auch einen Schreiber, einen Hausierer, die Einträge Schriftsetzer, Agentur des Hanauer Anzeiger', Pfarrer und Metropolitan oder auch Gast‑ und Landwirt, Metzgerei, Spezereihandlung, „Dampf­ziegelei/ Russensteinfabrik“ (Rusenstei­ne wurden die am Ort gebrannten Back­steine genannt).

Das Dorf war bis 1970 Ziegeleistandort. Es gab Kü­fereien und Keltereien und Diamantschleiferei. Das erste elektrische Licht kam in den 20ern aus dem Generator der Ziegelei und wurde gegen 22 Uhr zentral abgestellt. Die Stra­ßenlaternen machten erst nach dem Krieg den Nachtwächter überflüssig. Beim Kohlenklau bediente sich „halb Ostheim“ an den Ami‑ Waggons.

 

 

 

Auswanderung:

In der amerikanischen Stadt Baltimore gibt es ein Stück Os­theim. St. Stephan heißt das Gotteshaus der dortigen evangelischen Kirche, die einst Auswanderer aus dem heutigen Nid­derauer Stadtteil bauen ließen. Aufgehal­ten hatte man in Ostheim die Menschen nicht, die Mitte des 19. Jahrhunderts wo­anders ihr Glück versuchten. Im Gegen­teil, die Reisenden ohne Rückkehr wurden von der Dorfverwaltung mit einem Reise­geld und mit Proviant ausgestattet.

„Johannes Stroh mit Frau und drei Kin­dern; Nikolaus Kohl, der Jäger, mit Frau und zwei Kindern; Daniel Mehrling mit Frau und vier Kindern ...“, insgesamt ver­ließen allein am 28. Mai 1847 um drei Uhr in der Früh 20 Familien Ostheim mit Ziel Amerika. Die neue Heimat der insgesamt 93 Menschen (38 Erwachsene und 55 Kin­der) wurden Baltimore oder Frederick im Bundesstaat Maryland. Jedem Auswande­rungswilligen zahlte die Gemeinde einen Betrag von 96 Gulden, übernahm die Fahrtkosten von einen Gulden und 36 Kreuzern mit der Pferdekutsche nach Bre­men und spendierte dem Tross als Wegzeh­rung für die zwölf Tage dauernde Schiffs­passage 276 Brote. Obendrein gab es eine Kisten voller Kleidung und Schuhe sowie pro Kopf fünf Gulden Handgeld, damit die Hessen in der neuen Welt nicht ganz ärm­lich dastanden. In dieser gen Amerika ge­richteten zweiten Auswandererwelle kehr­ten 186 Menschen, zumeist junge und ge­sunde, dem Dorf den Rücken.

In Ostheim gab in dieser Zeit für viele Menschen keine Lebensgrundlage mehr. Die von der Landwirtschaft geprägte 900-Seelen‑Gemeinde hatte schon zuvor gelitten ‑ beispielsweise unter den Abgaben an die Obrigkeit, den Frondiensten und, wenn Heere übers Land zogen, unter der Versor­gung der Soldaten und deren Pferde, ohne dafür auch nur einen roten Heller zu be­kommen. In den ersten beiden Jahrzehn­ten des 18. Jahrhunderts hatte es Osthei­mer zum erstenmal im verstärken Maß aus der Heimat gezogen. Es ging in die ost­preußische Provinz Litauen, die 1711 von der Pest fast menschenleer geworden sein soll. Andere Ostheimer, die sich endlichen aus der Leibeigenschaft befreien wollten, und zudem das Versprechen auf eigene gro­ße Äckern erhalten hatten, wanderten nach Ungarn in die Orte Nagyszékely (Großsäckel) und Gyönk (Jink) aus. Daß es den Ostheimernin der Fremde gut gehen konnte, bewiesen zur gleichen Zeit die Aus­wanderer, die sich auf Ruf des preußischen Königs Friedrich II. in Brandenburg nie­derließen und dort die Kolonie Friedrichs­walde mitbegründeten. Sie sollen dort zwar nicht zur stärksten Einwohnergrup­pe gezählt haben, aber dafür zu den Ein­flußreichen und Wohlhabenden.

Nicht alle Auswanderer aus dem Dorf am Rand der Wetterau gingen gleich mit Kind und Kegel. Manchen Menschen war die Ungewissheit im neuen Land zu groß und so versuchte zunächst der Mann eine neue Existenz aufzubauen, um bald da­rauf die oft kinderreiche Familie nachkom­men zu lassen. Nach und nach verließen so ganze Sippen den Ort. Selbst die Alten zogen ihren Kindern nach wie Adam Weis­heim und seine Frau, die beide bereits das 70. Lebensjahr erreicht hatten. Zwar hatte der Dorfchronist akribisch Name, Zahl der Familienmitglieder und die Menge der Gulden notiert, die die Auswanderer aus Kasse der Gemeinde oder des Fürsten be­kamen, die Berufsangabe fehlt jedoch oft­mals. Mal ist die Rede vom Jäger Kohl, mal vom Glaser Mehrling. Vermutlich war jedoch das Gros Bauern.

Für manche Leute gab es damals aber nicht nur wirtschaftliche oder familiäre Anlässe einen Dampfer zu besteigen. Der 20‑jährige Andreas Unger („10 Zoll, 3 Strich groß“) ging als Lediger in der Nacht zum 1. März 1853 nach Baltimore, weil er wegen Diebstahls sein Ehrenrecht zum Soldatsein verloren hatte. Im Jahr 1847 ließ ein Mann Frau und Kind zurück, Schulden und schlechtes „Aufführen“, so der Chronist, seien der Auswanderungs­grund gewesen. Ähnlich verhielt es sich bei einem Musiker, der 28 Jahre alt war, und von dem man weiß, das er in der Neu­en Welt totgeschossen wurde. Was aus Müller Lang in Amerika wurde, ist nicht dokumentiert. Seine Mühle brannte samt der Weizenernte im August 1831 ab. Lang erhielt für den Schaden von der Brandkas­se 1700 Gulden. Statt das Geld in den Wie­deraufbau der Mühle zu stecken, soll sich der Mann in die Kutsche nach Bremen ge­setzt haben.

Zum Jubiläum kamen die freundlichen Brandenburgem Axel Ritter und Hans‑Dieter Weißzum zweiten Mal mit dem Planwagen. Samt den vier zähen Fjordpferdchen kam der dies­mal allerdings per Lkw aus Friedrichswal­de; vorletztes Jahr hatten die Nachkom­men hessischer Siedlerfamilien einen spektakulären 900‑Kilometer‑Ritt auf den Spuren ihrer Vorfahren unternommen, da­bei für ihre 760‑Einwohner‑Gemeinde am Rand der Schorfheide geworben und das Band nach Nidderau wieder geknüpft. Erste Gegenbe­suche in Friedrichswalde habe es inzwi­schen gegeben, erzählt Ritter, Angehöri­ge der vor zweieinhalb Jahrhunderten ausgewanderten Ostheimer Familien.

 

 

Ziegelbrennerei

Rund um Ostheim stößt der genaue Blick immer wieder auf Bodenkanten. Sie zeu,gen von einem Stück lokaler Wirtschaftsgeschichte, über das nur noch Alteingesessene erzählen können. Ostheim war ein Zentrum der Ziegelproduktion. Im Januar 1970 fanden Abbau und Weiterverarbeitung des für die südliche Wetterau typischen, tonhaltigen Lehms ein jähes Ende. Das Werk am Bahnhof brannte ab. Ein ölbetriebener Trocknungsbrenner mit einem 200.000­ Liter‑Tank hatte sich entzündet. Vernich­tet wurde auch die angrenzende „Riesen­halle“, die Zimmermann Mehrling in den 20er Jahren zum Staunen der Leute mit Holzbindern überspannt hatte. In ihr standen der Ziegelofen und ziegelbefüllte Loren.

Obwohl der Betrieb in Ostheim gut lief, entschied die Muttergesellschaft Burger & Söhne, die dort ver­nichteten Kapaziäten am Standort Ra­volzhausen wiederaufzubauen. Dort stand besseres Material an ‑ fast reiner Ton. Das nicht vom Feuer betroffene Osthei­mer Werk II auf dem heutigen Raiffei­sengelände im Zwickel zwischen Bahn und Hanauer Straße stellte bald ebenfalls den Betrieb ein. Ein Stück Feldbahn‑Gleis in der Ring­straße zeugt noch von der alten Verbin­dung der beiden großen Ziegelwerke. Viele aus der zum Brand­zeitpunkt 70, 80 Ziegeleibediensteten fan­den in Ravolzhausen wieder Arbeit. Für Ostheim endete so ein Tradi­tionshandwerk, das in den frühen 50ern bis zu 120 Bürger beschäftigte.

Die Backstein-Herstellung erfolgte in Feldbrand­-Technik, einem wohl Jahrtausende alten Verfahren. Man ar­beitete unter freiem Himmel, reine Som­merarbeit. Anfang der 30er Jahre arbeiteten in der 1894 von Wil­helm Brodt IV gegründeten Ziegelei zwei Gruppen Akkord; es mußten auch Kinder mit anpacken. In der heutigen Wiegenstraße war das, auf dem Acker des Bauern Brodt, der als „Grellemännche“ in Erinnerung ist. Lehm wurde mit dem Spaten gestochen, gewässert und von den Männern in Turnhosen gestampft. Auf einem groben Arbeitstisch drückte ihn einer der Ziegelbäcker in die Holzform. Nun hieß es Sonnen­kraft, ja bitte! Die darin „lederhart“ ge­wordenen Rohlinge setzte man zu so im­posanten wie kurzlebigen Öfen zusam­men: auf 10, 15 Meter Länge, 8 bis 10 Me­ter Breite und eine Höhe von 5 Metern werden deren Maße geschätzt. Mit feuchtem Lehm beworfen und mit Schilfmatten abgedeckt, hielten die kunstvoll aufgeschichteten Steine Feuer und Hitze rund 14 Tage lang. Dann waren die Ziegel gebrannt ‑ und verrußt. Auf diesen Umstand kann man den am Ort noch gängigen Ausdruck „Russe‑Staa“ für die Mauerziegel zurückführen.

Gemäuer aus diesen handgeformten Ziegeln stehen noch genügend in der Landschaft. Dabei war es mit der Homo­genität des Materials nicht weit her, dem man schließlich nur von einer Seite her hatte Zunder geben können. Handgeform­te Ziegel haben Vorzüge, die man erst seit einigen Jahrzehnten zu schätzen weiß: Sie weisen verarbeitungs­bedingt einen hohen Luftgehalt auf und damit eine recht gute Wärmedämmung

Einer anspruchsvoller gewordenen Nachfrage begegnete man Ende der 60er Jahre mit einer Produktpalette von 80 Steinsorten, darunter Terra‑Felssteine mit abgehäm­merter Außenkante, Braunlinge oder engobierte )mit andersfarbigem Ton eingefärbte) Rotlinge. Ein Riesengeschäft waren Ende der 60er Jahre die präzisen, säurefesten und 400 Kilo­gramm pro Quadratzentimeter standhal­tenden Kanalklinke, die gleich millionen­weise unter Würzburg „beerdigt“ wurden.

 

Gemächlicher als bei manchen auswärtigen Ziegeleien, doch unaufhaltsam war die Technik in Ostheims Produktionsstät­ten vorangeschritten, seit ein gewisser L. Wasem irgendwann im vorigen Jahr­hundert zwischen Windecken und Ost­heim die erste Feldbrandziegelei aufge­macht hatte. In Ostheim selbst war Hein­rich Brodt der erste Ziegelunternehmer, man nannte ihn den „Zielhetter“. Seine Ziegelhütte stand an der Ecke Eicher Tor/ Rommelshäuser Straße. Nebenan am Ortsausgang Richtung Eichen arbeitete um 1895 Heinz Kester weiter, von dessen Ar­beiterunterkunft ein Teil umgebaut bis heute existiert.

Den Schritt über den Feldbrand hinaus unternahmen die Gebrüder Altvater an der Straße nach Roßdorf sowie der Land­wirt und Sägewerksbetreiber Jakob Schütz. Beide verwendeten Ringöfen und installierten Dampfmaschinen, die die Schrauben zum Formen des Lehms an­trieben. Schütz verlegte seinen expandie­renden Betrieb bald von der Marköbeler Straße verkehrstechnisch. klug an den Bahnhof. Dort setzte er ab 1928 sogar einen Zweistufenbagger ein, der nach oben wie unten ausgreifen konnte und so eine Kante von 20 Metern Höhe durchs Land schob. Trotz der so erzielten Perso­naleinsparung ging Schütz 1933 pleite, im selben Jahr wie Altvater und andere Mittelstandsbetriebe der Umgebung.

Ein Schütz’scher Verwandter aus Frankfurt sprang ein und kaufte die Ost­heimer Werke sowie eines in Niederissig­heim auf. Im Krieg brach die Produktion zusammen, was einen hellsichtigen Schweizer Stumpenfabrikanten, eben die Firma Burger, auf den Plan brachte. Der Betrieb, der in Emmendingen bereits einen Fuß im Reich hatte, kaufte 1942 den Laden auf. Der Krieg würde einmal ein Ende haben und Deutschland dann massiven Bedarf an Baumaterial.

Mit Marshallplan‑Geld wurde dann im ehemals Altvaterschen „Werk II“ der Ringofen durch einen damals modernen „Zickzackofen“ ersetzt, benannt nach der Art, wie das Feuer hindurchgeführt wur­de. Dort entstanden fortan Dachziegel, die gleichmäßig gebrannt, homogen und riß­frei sein müssen. Lehm hierfür wurde bis in die 50er Jahre noch per Spaten gestochen, so daß es achtwöchige Zie­gelferien gab, ab Weihnach­ten, wenn der Boden zu hart war. Winter­bau, bei dem schweres Räumgerät die Frostschicht abtrug, wurde erst später üb­lich.

Im Werk I entstanden Mauerziegel. Erst in den 60er Jahren löste dort ein Tunnel den „klapprig“ gewordenen Ring­ofen ab. Die dort am Bahnhof vom Brand hinterlassene Brache ist nach drei Jahr­zehnten nun wieder nutzbares Land ge­worden. Der Bebauungsplan „Alte Ziege­lei“ ist ein Beispiel parlamentarischer Kompromißfähigkeit. Nach jahrelangem Streit gestattet er 40 bis 50 Häuser, die den mittlerweile ge­wachsenen Teich‑Biotopen nicht zu na­he treten.

Der 1858 patentierte Ringofen war genial. Zwar hatte es zuvor schon Al­ternativen zum primitiven Feldbrand gegeben. Doch. diese festen Öfen muß­ten nach jedem Brand langwierig, also unrationell auskühlen. Die in Ostheim erst um die Jahrhundertwende ange­kommene Innovation bestand aus ringförmig (bei Schütz: ovaD aneinan­der gereihten Brennkammern, die ein­zeln von außen zu befüttern waren. Das Feuer zog, von Ventilatoren reguliert, jede Woche einmal rundher­um.

Kontinuierliches Arbeiten war mög­lich, aber um den Preis, daß Menschen sich beim Bestücken und Ausräumen des Ofens in bis 60 Grad heiße Räume begaben. Damit nicht genug ge­schwitzt: Die Produkte wurden auf Holz‑Schubkarren geladen, vier Leute bewegten bis zu 100 Tonnen Steine am Tag.

Ob der Tunnelofen ‑ zu Beginn des Jahrhunderts erfunden, in den 60er Jahren in Ostheim eingeführt ‑ da ein Fortschritt war, ist Auffassungssa­che: Man fuhr den getrockneten Lehm auf schamottbeschichteten Loren hin­ein, kein Mensch war mehr der Hitze aus­gesetzt, Be‑ und Entladung erledigten Gabelstapler.

 

Horst Martin, Sohn eines ehemaligen Lohndreschers, führt einen 110 Jahre alten englischen Dampftraktor für einen bis in die 60er Jahre gebräuch­lichen Mähdrescher vor. Er hat selbst noch zehn Jah­re an so einer Maschine mitgearbeitet. So weiß er nicht nur zu erklären, dass die Bleistiftstriche auf der Holzverkleidung des Geräts von Sackträgern stammen, die so den Überblick über das Korn der Bau­ern zu behalten suchten. Auch dass ein ro­tierender Zylinder das herausprasselnde Korn sortiert nach „Schmachtkorn“, nor­malem Korn und Saatkorn (die dicksten Körner), erfährt man von ihm. Ebenso, dass dieser beim Drusch von Mahlgetreide abgeschaltet wurde und so auch die Un­krautsaat zu Mehl wurde.

 

„Oab die Leut wollde oaw­wer näit, su woarsch“ ‑ so bekräftigte der „Säu‑ und Geinshirt“ einst seine gar unglaub­liche Story von der Gans, die ihm im Flug ein Ei in den eben zum Gruß ge­zogenen Hut legte. Das Histörchen findet sich in der ansonsten gewiß viel glaub­würdigeren Ostheimer Chronik 2000.

 

 

 

 

Friedhofsmauer

Der älteste Grabstein stammt aus dem 15. Jahrhun­dert, die übrigen sind unverkennbar ba­rock. Trotzdem setzte man die Grabsteine in der Ostheimer Friedhofsmauer an der ansteigenden Landesstraße nach Marköbel Wetter, Abgasen und im Winter dem salzigen Spritzwasser von Lastwagen aus. In we­niger als zwei Jahrzehnten sind die histori­schen Dokumente aus Sandstein fast zur Unkenntlichkeit zerbröselt. Bietet die be­vorstehende Totalsanierung des Mauerwer­kes nun eine letzte Chance zu ihrer Ret­tung?

Zwei Putten halten eine Krone über das Kind mit Schürze überm Kleid. Voluten tragen den Bogen, der sich über allem spannt: „Dahier ruhet im Schoß der kühlen Erde der Leichnam einer zarten lieben Tochter mein: Anna Katharina Baumann. Sie war gebohren d. 31. Juli 1787. Ihr Vater ist der Ehrsame Mattheus Baumann. Ev. Ref.  Kircheneltest ... ... Mutter Frau Anna Katharina eine gebohrene Baumann ... ... ... 1791 gestorben.“

Die letzten Zeilen sind auch dann nur noch mit Muhe zu erraten, wenn der Son­nenstand die Lettern in harten Schatten zeichnet. Viel ist abgeblättert von der Grabplatte dieser Drei‑ oder Vierjährigen. Die meisten anderen Epitaphe nebenan in Westmauer des Friedhofs sind noch weit schlechter zu entziffern. Lahn‑Sandstein ist halt kein ideales Grabstein‑Material.

Vor bald 20 Jahren hatte sich Georg Brodt, Vor­sitzender der Interessengemeinschaft his­torische Landmaschinen, bei der Stadt für die Steine stark gemacht: „Bevor auch die restlichen Denkmäler zerstört werden, schlage ich vor, sie herausbrechen zu las­sen und etwa in der Kirche vor weiterer Verwitterung aufzubewahren.“‑ Die Verwal­tung unter Bürgermeister Willi, Salzmann kümmerte sich daraufhin zwar um die Grabsteine. Auf Expertenrat und weil sich der Kirchenvorstand einstimmig weiger­te, die Steine aufzunehmen, hat man sie in der Mauer belassen.

Mit beachtlichen 23500 Mark aus dem Dorferneuerungs‑Programm wurden sie zuvor jedoch „konservatorisch“ behandelt. Es ist wohl müßig, zu erörtern, ob die da­bei nach damaligem Stand der Technik ein­gesetzten Chemikalien nicht noch mehr zum Zerfall der Steine beigetragen haben. Fakt ist, daß dieser rapide fortschritt ‑ wie es der Laie Brodt prophezeit hatte.

Nun, da die Stadt für 70000 Euro die baufällige Sandstein‑Mauer ersetzen will, wittert der geschichtsbewußte Bürger sei­ne zweite Chance. Die Mauer könnte nach Auskunft von Bauhofchef Walter Bau­mann und dem beauftragten Architekten Helmut Forter eine Betonwand werden mit einer Verblendung aus bossiertem (grob behauenem) Sandstein.

Forter hält eine Losung mit winkelförmigen Fertigteilen für denkbar Das würde in dieser Hanglage Fundamentkosten sparen. Die Stadt will zugleich auch eine Zugangs‑Rampe für Rollstuhl Fahrende schaffen.

Daß die historischen Grabsteine nicht noch einmal in die Friedhofs‑Mauer einge­lassen werden, ist nun klar. Wo man sie aber künftig aufstellt, scheint hingegen of­fen. Noch‑Bauhofchef Baumann hat zwar so seine Vorstellung, kann sie sich etwa in­tegriert in ein Mäuerchen vorstellen, das parallel zur Trauerhalle errichtet werden solle. Dort, wo noch der Abfallcontainer steht, solle ohnehin ein „Ehrenhain“ für verstorbene Kriegsteilnehmer und mit sonstigen interessanten Grabsteinen ent­stehen, vielleicht mit einer Sitzgruppe. Mit den barocken Grabplatten gegenüber könnte beides dann den Durchgang zu ei­ner künftigen Friedhofserweiterung säu­men.

Brodt begeistern derlei Ideen indes we­nig. Erneut hat er sich brieflich an den Bürgermeister gewandt, nun Gerhard Schultheiß: „Ich möchte deshalb erneut an Sie herantreten und Sie herzlich bitten, sich dafür einzusetzen, daß die Steine un­ter allen Umständen unter Dach kom­men.“ Wo die Steine am besten verbleiben, so Brodt, müßten Fachleute vom Denk­malschutz sowie Restauratoren klären. Die scheint die Stadt Nidderau ‑ so jeden­falls die Auskunft von Bürgermeister Schultheiß und Baumann ‑ bisher aber noch nicht auf das Thema angesprochen zu haben.

Gleichwohl sind die Ostheimer Grab­platten für die untere Denkmalbehörde ein Begriff. Laut Kreissprecher Uwe Amrhein waren sie dort in letzter Zeit schon Thema; der einzige zuständige Denkmalschützer ist derzeit allerdings im Urlaub. Die Windecker Archäologin Gretel Calle­sen weiß aus langjähriger Zusammenarbeit mit dem Amt, daß dieses mindestens seit Ende der 80er Jahre Blicke auf die Ostheimer Grabplatten wirft. Unter ihnen ist auch der gotische Pfaffenstein. Calle­sen meint, die Steine erneut im Freien auf­zustellen, wäre auch dann Augenwische­rei, wenn sie nicht mehr direkt an der Straße stünden. Sie müßten unter Dach und Fach. Für ihren Ausbau aus der Fried­hofsmauer brauche man zudem Fachleute, damit die angegriffene Substanz hierbei nicht vollends zerstört werde.

Die grundsätzliche Bereitschaft der evangelischen Kirche zu einergeschlosse­nen Unterbringung der Steine scheint diesmal größer. Christian Jüttner vom Bauausschuß sieht zwar Schwierigkeiten mit einer Verankerung in der Kirchen­wand und verweist wie Pfarrer Lukas Oh­ly darauf, daß die Kirche selbst dafür wohl kein Geld übrig hat. Einer Prüfung widersetzen sich aber beide nicht.

Und Kirchenältester Hans Berger, der lange Zeit im Kirchenvorstand war und sich an einen ablehnenden Beschluß aus den 80er Jahren gar nicht erinnert, schätzt, daß der heutige Kirchenvorstand insgesamt für solche Neuerungen offen ist.

 

 

Pfaffenstein:

Man steht davor und er­kennt selbst als Laie: Irgend etwas stimmt da nicht. Der Pfaffenstein in der Osthei­mer Friedhofs‑Mauer weist wie viele goti­sche Grabplatten ein rundum laufendes Schriftband auf. Völlig verwaschen, kaum noch lesbar Und dann mittendrin, in Blick­höhe, diese deutlich eingeritzten Buchsta­ben, eine Zeile unter der anderen, prak­tisch unversehrt. Ein zweiter Blick macht klar, daß es sich hierbei um eine nachträg­liche Zutat handelt, vermutlich in eine ei­gens aufgebrachte Stein‑/Kunstharz‑Mas­se gearbeitet.

Der Pfaffenstein hat eine traurige Ge­schichte durchgemacht. Nur die Moritat, von der er kündet, ist noch trauriger. Im Jahre 1453 ist der Ostheimer Pfarrer Meister Volkhar­dus auf dem Heimweg von einem Kranken­besuch aus Windecken erschlagen worden ‑ von einem erzürnten Schäfer, wie es heißt. Diesem habe er das Heilige Abend­mahl verweigert. Windecken war bis 1490 als Kirchenfiliale vom Ostheimer Pfarrer mitzubetreuen. Dies entnimmt man dem Pfaffenstein‑Beitrag von Frank Schmidt in der 2000 erschienenen „Chronik Ost­heim“ (Nidderauer Hefte, Band 9).

Eine frühere Ostheimer Chronik von W. Figge/W. Pieh gibt die Überlieferung wie­der, der Pfaffenstein sei ein Denkmal, das am Tatort zwischen Windecken und Ost­heim an den Mord erinnerte. Erst 1882 bei der Ostheimer Feldbereinigung habe man den Stein weggeschafft und in zwei Teile zerschlagen ‑ weil er so schwer ist. Der Flurname „Am Pfaffenstein“ hat sich er­halten, und heute nennt man eine Wohn­straße im Ostheimer Westen so. Der Stein ist nach dieser Erzählung später als Weg­einfriedung im Friedhof wieder aufge­taucht.

Frank Schmidt bezweifelt diese Überlie­ferung, verweist darauf, daß der Pfaffen­stein eine typische Grabplatte und nicht et­wa ein Mahnmal sei. Schmidt ordnet ihn der Ostheimer Kirche zu. Standesgemäß habe der ermordete Pfarrer wohl nahe dem Hochaltar gelegen.

Auf die Platte war einst in einfachen Umrißlinien die stehende Figur des Pries­ters geritzt, den Kelch mit der Hostie vor der Brust. Zu Füßen von Meister Volkhar­dus zwei Beile, in denen die Interpreten die Mordwerkzeuge erkennen. Daß der Stein auf den Friedhof kam, erklärt Schmidt mit dem Abriß des Chor an der Ostheimer Kirche anno 1737/38. Im Jahre 1937 sei die Platte, in zwei Teile zerbrochen, auf dem Friedhof gefunden worden. Damals waren Figur wie Text noch gut lesbar.

Nach drei Jahrzehnten war bereits von Abgasen und Streusalz bereits stark zer­stört. Damit nicht genug. Am vorerst letz­ten, diesmal in seiner Tragik fast schon wieder komischen Kapitel trägt Schmidt zufolge mangelhafte Betreuung durch die zuständigen Stellen der Denkmalpflege die Schuld. Nach den Hinweisen des Bür­gers Georg Brodt auf die wertvolle histori­sche Substanz erfolgte 1985 eine Restau­rierung. Abschließend ließ man den Pfaf­fenstein dergestalt wieder in die Friedhofs­mauer ein, daß Magister Volkhardus im Wortsinn Kopf steht.

Schmidt: Da es für nötig gehalten wur­de, die für die meisten Menschen wegen der lateinischen Sprache sowieso nicht ver­stehbare Inschrift inmitten der Platte in das historische Monument hineinzuschla­gen, ist gerade die Partie mit dem Kelch für immer verschwunden. Neben Teilen der alten Inschrift am Rand sind heute nur noch der rechte Fuß, Reste der Klei­dung unten und an der linken Schulter so­wie die beiden Beile mit viel Mühe zu er­kennen. Die Handwerker von ehedem ha­ben offenbar nichts davon erkannt.

Doch in Ostheim ist solcher Umgang mit wertvollen historischen Zeugnissen kein Einzelfall. Wie der Kirchenälteste Hans Berger bezeugt, ist Ende der 60er Jahre unter den Emporen der Putz abge­schlagen worden ‑ ohne Rücksicht auf da­runter zu vermutende mittelalterliche Wandgemälde. Auch Frank Schmid führt zwischen den Zeilen seines Aufsatzes zum Ostheimer Gotteshaus Klage, wenn er gleich zweimal schreibt, daß bei der In­nenrenovierung 1967/69 dessen Decke und Sandstein‑Fußboden bis auf den Roh­bauzustand entfernt und ersetzt worden seien, wonach Schmidt das Kircheninnere als belanglosen nüchternen Raum an­spricht.

Man darf gespannt sein, ob die dilettan­tisch veranstalteten Reste des Pfaffen­steins und die übrigen historischen Grab­platten aus der Friedhofsmauer nun eine fachlich angemessene, würdige Bleibe fin­den werden.

 

 

 

 

Heldenbergen

 

Führungsblatt 13

Heldenbergen liegt etwa in der Mitte der Achse Friedberg - Hanau. Die römischen Straßen nach Altenstadt, Marköbel und Hanau (Salisberg) sind nachgewiesen, eine nach Okarben ist nur vermutet. Die Erkenntnis, daß sich hier mehrere bedeutende römische Fernstraßen kreuzten, führte den Altmeister der Hanauer Vorgeschichtsforschung, Georg Wolff, schon vor der Jahrhundertwende dazu, hier einen römischen Militärstützpunkt zu suchen. Im Jahre 1896 entdeckte er schließlich zwei Gräben verschieden großer Kastelle. Bohrungen führten anschließend zur Entdeckung der Militärlager 1 und 3. Weitere Untersuchungen im Auftrag der Reichslimeskommission  1897 vervollständigten die Lagergrundrisse und erbrachten Anhaltspunkte über Lage und Ausdehnung der Zivilsiedlung, zu der ein Brandgräberfriedhof an der Straße nach Okarben gehört, der 1904/1903 mit etwa. 230 Bestattungen von dem Friedberger Gymnasiallehrer Paul Helmke untersucht wurde.

Bis 1970 wurde ein Teil des Kastell- und Siedlungsbereiches überbaut, ohne daß es zu irgendwelchen Fundmeldungen gekommen wäre.

Die Ausweisung eines größeren Baugebietes Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts drohte nun innerhalb kurzer Zeit den Rest dessen zu zerstören, was bis dahin unversehrt im Boden geruht hatte. Wie notwendig eine archäologische Geländeuntersuchung vor Beginn der Baumaßnahmen gewesen wäre, zeigte sich gleich bei den ersten Erdbewegungen: Unzählige Funde kamen zutage; Befunde konnten nach Lage der Dinge indes nicht gesichert werden. In einer breit angelegten Kampagne begann Heimatforscher Rolf Hohmann mit anderen ehrenamtlichen Helfern im August 1972, parallel zu den Bauarbeiten, zu retten, was noch zu retten war.

Die - freilich hoffnungslos überforderten - Amateurarchäologen förderten schließlich ein reichhaltiges Fundmaterial und mit der Entdeckung von Töpferöfen, Brunnen, Kellern und Gebäuderesten auch so gut erhaltene Befunde zutage, daß im Sommer 1973 im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen von Gerd Rupprecht eine Notgrabung durchgeführt wurde. Die Entdeckung eines dritten Kastelles unterstrich nun noch mehr die Bedeutung des Platzes für die Geschichte der Wetterau in römischer Zeit.

Die in den frühen siebziger Jahren rasch umgreifende Ortserweiterung machte eine erste Rettungs­grabung 1973 (G. Rupprecht) erforderlich; 1975 bis 1979 schlossen sich umfangreiche Ausgrabungen an, die mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft durchgeführt wurden. In Zusammenarbeit mit der entstandenen „Archäologischen Arbeitsgemeinschaft südliche Wetterau“ führte zwischen 1975 und 1979 schließlich ein von der DFG finanziertes Grabungsprojekt unter der Leitung von Wolfgang Czysz zur Untersuchung großer Teile des zur Bebauung anstehenden Geländes. Wo heute die Häuser des Neubaugebietes „Allee Nord“ stehen, fanden von 1973 bis 1979 umfangreiche Ausgrabungen statt - die Namen Domitianstraße, Hadrianstraße und Castellring erinnern daran.

 

 

 

Römisches  Militärlager und Vicus in Heldenbergen

Der fast 50 Kilometer lange Limesabschnitt zwischen dem Main und dem Nordrand der Wetterauer Senke besteht - im Gegensatz etwa zum Taunuslimes - aus schnurgeraden, nur mit geringfügigen Richtungsänderungen aneinandergesetzten Teilstücken. Auch der gleichmäßige Abstand von Kastellplätzen und Wachttürmen kennzeichnet stets künstlich geschaffene Grenzen, die auf der Landkarte konzipiert und planmäßig ausgeführt wurden. Nach unserem heutigen Wissen entstand dieser Limes nicht mehr in den Chattenkriegen des Kaisers Domitian (83-85 n. Chr.); sein Ausbau wurden trajanischer Zeit vorbereitet und war in der Regierungszeit Hadrians weitgehend abgeschlossen.

Die „Etappenkastelle“ Ober-Florstadt, Heldenbergen und Hanau-Salisberg gehören wegen ihrer zurückgezogenen Lage zum Limes (Abstände von 2,8 km, 8 bzw. 9 km und 6 km) nicht in dieses Verteidigungskonzept. Dies hat G. Wolff, der maßgebend und mit unermüdlicher Hingabe an der Erforschung dieser Plätze beteiligt war, als erster erkannt und daraus die Hypothese entwickelt, nach der dem Limes in der Ostwetterau eine ältere, „offene“ Kastellkette mit den oben genannten Stützpunkten entlang der wichtigsten Einfallstraßen vorangegangen sei.

Heldenbergen bildete insofern ein wichtiges Glied dieser Grenzlinie, als die benachbarten Kastelle wie auch die am Limes selbst heute fast gänzlich überbaut und archäologischer Nachprüfung kaum mehr zugänglich sind. Seine einstige strategische Bedeutung unterstreichen aber vor allem drei nacheinander erbaute Erdkastelle unterschiedlicher Form und Größe, die auf der sanft ansteigenden Lößtafel über einer weiten Schleife der Nidder angelegt wurden. Ob die Nidder vom Main her mit kleinen Frachtkähnen schiffbar war, wissen wir nicht.

Die römischen Baureste am heute völlig überbauten Süd-Rand des alten Ortskernes von Heldenbergen befanden sich auf einer sanft nach Nordosten ansteigenden Lößtafel, die mit etwa zehn Meter Höhenunterschied oberhalb eines Prallhanges ins Tal der Nidder abbricht.

 

 

Erdlager 1: Das von Wolff als » Polygonallager« beschriebene Lager 1 bildet abweichend von seinen Grabungsergebnissen ein aus geraden Teilstücken gebildetes nach Nordosten offenes Trapez, dessen unbefestigte Nprdost-Front allein durch den Niddersteilhang geschützt war. Der Spitzgraben der nordwestlichen Umwehrung verlor sich in dem bereits dicht überbauten Gelände der Saalburgstraße, wo in Höhe des Hauses Nr. 14 ein Tordurchlaß festgestellt wurde. Deutliche Fahrspuren markierten hier die noch unbefestigte Römerstraße von Okarben. Ein zweiter Durchlaß lag - für Lagertore völlig ungewöhnlich - im Scheitel der Südecke. Es scheint in größeren Abständen mit kleinen Turmgerüsten bzw. Beobachtungsplattformen bestückt gewesen zu sein.

 

Wegen der im rechtsrheinischen Limesgebiet einzigartigen Form und Größe von mindestens 8,5 Hektar, der ausgesprochen leichten Befestigung mit Hölzern armierte Plaggenwall hinter dem Lagergraben und dem Fehlen jeglicher Bebauungsspuren im Innern des Lagers, hatte schon Wolff den Verdacht geäußert, daß es sich um eines jener seltenen Marschlager handelt, die zum Schutz einer im Felde oder einer Erkundungsaktion operierenden Truppe zur der Zeit der Chattenkriege Domitians errichtet und nur sehr kurze Zeit belegt waren. Dies hat sich durch die neuen Grabungen bestätigt, denn Funde und Befunde weisen auf eine kurzfristige Besetzung hin und das Lager war sicher kein länger bewohntes Kastell.

 

Erdlager 2: Ähnlich ist auch das 1973 entdeckte Lager 2 zu deuten. Sein scharf eingeschnittener Spitzgraben erreicht Tiefen von 2,30 Meter unter der heutigen Oberfläche und umschließt eine nahezu quadratische Fläche von 125 Meter Seitenlänge (1,5 Hektar). Bis auf die gleiche Orientierung zur Okarbener Römerstraße fehlen Hinweise auf Tore; mit Sicherheit hat es weder eine holzversteifte Erdmauer noch fest verankerte Ecktürme gegeben. Sprechen auch hier alle Anzeichen für eine kurzfristig besetzte Anlage, so ist deren zeitliche Ansprache aus Mangel an geeignetem Fundstoff unsicher. Eine Anwesenheit von Truppen schon während der Chattenkriege scheint unwahrscheinlich; andererseits zeigen die Funde in den Gräben, daß sie in der Zeit um 90 schon wieder verfüllt waren. Die Funde aus der Verfüllung des Lagergrabens deuten darauf hin, daß der zeitliche Abstand zum Holzkastell 3 nur sehr kurz gewesen ein kann.

 

Erdkastell 3: Gleichzeitig entstand auf höchster Stelle hart am Nidderabbruch das kleine Erdkastell 3 mit seiner wenig beständigeren Befestigung: Der gut 2,70 Meter breite, bis zu 3 Meter tiefe Spitzgraben umwehrt eine rechteckige Fläche von 90-95 Meter (0,8 Hektar), die nach den Grabungsbefunden nicht wie erwartet dicht, sondern nur locker bebaut war. Die hier stationierte Truppeneinheit oder -größe kennen wir nicht - wegen der geringen Kastellgröße kommt eine reguläre Einheit ohnehin nicht in Frage.

Im Spitzgraben fand man eine große Zahl von Hufeisen. Das belegt die Anwesenheit römischer Kavallerie, unzählige Scherben von Gebrauchsund Tafelgeschirr zeugen von regem Leben innerhalb des Kastells. Eine in einer Zisterne gefundene, verzierte Schüssel war zwar in Scherben, aber vollständig vorhanden. Zwei wohl von Legionären um 100 nach Christus verlorene und nun schließlich im Juli wiedergefundene Münzen sind bereits unterwegs zur Universität Mainz, um dort von einem Spezialisten genau bestimmt zu werden.

 

Mit dem Ausbau des Limes und der Kastelle Altenstadt, Marköbel, Rückingen und Großkrotzenburg in frühtrajanischer Zeit verlor der Heldenbergener Stützpunkt seine Bedeutung. Das Ende der militärischen Besetzung kam mit dem neuen strategischen Konzept zum Schutz der Ostwetterauflanke, mit der Vorverlegung der Grenze und dem Ausbau der Limeskastelle Altenstadt, Marköbel, Rückingen und Großkrotzenburg. Obertägig sind keine Reste mehr sichtbar; Funde werden in den Museen Darmstadt, Friedberg und Hanau aufbewahrt.

Doch bevor die Truppe ihre Heldenbergener Stellung verließ, hatte sich entlang der Hauptstraße vor dem Südwesttor eine kleine Zivilsiedlung gebildet, die sich in der ersten Generation rasch nach Westen ausbreitete und schon um die Mitte des 2. Jahrhunderts ihre größte Ausdehnung bis in Höhe der Saalburgstraße 19 und 24 erreichte.

 

Zivilsiedlung (vicus): Bestehen blieb ein Vicus, dessen Bewohner sich an der Straße von Okarben nach Marköbel inzwischen eine ausgedehnte Zivilsiedlung erbaut hatten. Die Straße war in trajanischer Zeit nach 100 aufgeschottert und mit Straßengräbchen versehen worden. Das Ortsbild prägten jene für das dörfliche Siedlungsmilieu charakteristischen bis zu 40 Meter tiefen Langhäuser, die mit der Schmalseite zur Straße standen und sich in geringen Abständen aneinanderreihten. Nach den Beobachtungen, die im Rahmen der heutigen Bebauung möglich waren, hat es nur wenige steinerne oder steinfundamentierte Gebäude gegeben; die Verwendung des nicht wetterfesten Windecker Arkosesandsteines beschränkte sich auf Kellereinbauten und Brunnen. Die übrigen Gebäude waren in Fachwerkbauweise ausgeführt.

Innerhalb des gesamten römischen und heute völlig zerstörten Areals gab es kaum mehr als vier oder fünf steinerne oder steinfundamentierte Gebäude; die Verwendung des nicht wetterfesten Windecker Sandsteines beschränkte sich auf Kellereinbauten und Brunnen. Alle übrigen Gebäude waren in nicht minder stabiler Fachwerkbauweise ausgeführt, so auch fünf näher untersuchte Vicushäuser westlich der Domitianstraße.

 

Hier handelt es sich ausschließlich um Holzständerbauten, für die die Konstruktion der langen dachtragenden Wände charakteristisch ist: Ihre Pfosten bestanden aus unten gerade abgeschnittenen und in rechteckige Gruben oder Fundamentgräben eingelassene Balken, die durch Rahmenfachwerk miteinander verstrebt waren. Die ausgegrabenen Bauspuren erlauben zusammen mit Funden der Wandverkleidung eine detaillierte Rekonstruktion antiker Bauweise und Zimmermannstechnik. Das von den vertikalen, dachtragenden Ständern durchzogene Rahmenfachwerk war zunächst mit senkrecht verspannten Ruten gefüllt, um dem mit Häcksel gebundenen Lehmbewurf Halt zu geben. Der Staklehm zwischen den freiliegenden Balken wurde in feuchtem Zustand flächig mit Hilfe geometrischer Holzstempel verziert und schließlich dann mit weißer Kalkfarbe getüncht. Trotz andauernder Umbauten und Ausbesserungsmaßnahmen hat sich der Grundrißtyp seit der Gründerzeit der Siedlung bis an den Beginn des 3. Jahrhunderts nur wenig verändert. Besonderen Wert legten die Hausbesitzer auf ein stets ordentliches Aussehen der Fassade, die immer wieder repariert und umgestaltet wurde, wie beispielsweise deutlich bei der Front von Bau D zu erkennen ist.

Aufgrund der baugeschichtlichen Entwicklung dürften die Häuser C und D mit der gemeinsamen Zwischenwand eine Besitzeinheit darstellen. Der Boden bestand aus gestampftem Lehm-Estrich, doch wird man gerade in den stark unterkellerten Räumen mit Holzdielen rechnen müssen. Das Rahmenfachwerk war mit vertikalen Ruten verspannt, um dem mit Häcksel gebundenen Lehmbewurf Halt zu geben. Der Staklehm zwischen den freiliegenden Balken war in feuchtem Zustand flächig mit Hilfe geometrischer Holzstempel verziert und mit weißer Kalkfarbe getüncht. Die wenigen Glasbruchstücke deuten an, daß einige Fenster verglast waren.

Die schwer nutzbaren, engen Raumfluchten zum Beispiel beiderseits und hinter dem Steinkeller in Bau C könnten mit Treppenaufgängen zusammenhängen; auch wegen der ausgesprochen ungünstigen Lichtverhältnisse im Innern der dicht gedrängten Langhäuser dürften einige zweistöckig gewesen sein oder zumindest die Nachbartraufe überragt haben. Neben den Steinkellern, Erdkellern, Gruben und Schächten, die in erster Linie mit der Vorratshaltung zusammenhängen, besaß jedes Haus im Innern einen eigenen Brunnen, der in der Regel bis auf eine wasserführende Schotterschicht in rund 7 Meter Tiefe abgeteuft war. In der Grundwasserzone haben sich mehrfach die Eichenbohlen der Holzverschalung wie auch andere Holzteile (Bauholz, Brennholz) und organische Reste erhalten.

 

Handel und handwerkliche Produktion waren wohl die Haupterwerbsquellen der Einwohner Heldenbergens, die ein größeres Umland mit zahlreichen Gutshöfen zu versorgen hatten. Das sicher sehr vielgestaltige wirtschaftliche Auskommen des Vicus und seiner Bewohner ist mit archäologischen Mitteln allein gar nicht zu fassen; nur wenige Produktionszweige haben im Fundstoff ihren Niederschlag gefunden.

Vor allem aber war es die Heldenbergener Keramikproduktion, die eine gewichtige regionale Bedeutung besaß. Hergestellt wurden nahezu alle damals gebräuchlichen Gefäßformen von den kleinsten Öllampen bis hin zu großen Amphoren. Von dieser Töpferei konnten neben einem reichhaltigen Material an Fehlbränden insgesamt sechs Öfen, Werkstätten, ein Trockenraum und einige Wasserhecken ausgegraben werden.

Einen Gutteil ihrer Wirtschaftskraft verdankt die Heldenbergener Siedlung den örtlich anstehenden Lößverwitterungslehmen und Tonen, die als Grundlage eines florierenden Töpferhandwerkes seit dem späten 1. Jahrhundert genutzt wurden. Von den 6 Töpferöfen befinden sich 3 hinter den Holzhäusern A und D, wo auch andere technische Einrichtungen (Wasserbassin, Trockenraum) untersucht werden konnten. Die Heldenbergener Keramik zeigt das weite Spektrum gängiger Geschirrformen von der Öllampe bis zur meterhohen Amphore; außer der derben tongrundigen Ware wurde – vor allem in der Frühzeit – auch feines Geschirr hergestellt. Die Heldenbergener Keramik zeigt das weite Spektrum gängiger Geschirrformen von der Öllampe bis zur meterhohen Amphore; außer der derben Ware wurde - vor allem in der Frühzeit - auch feines engobiertes Geschirr hergestellt. Mit der allgemeinen Rezession in den Provinzen nach der Mitte des 2. Jahrhunderts und der erstarkten Konkurrenz linksrheinischer Manufakturen ging auch die Heldenbergener Töpfertradition nieder.

Eine gewisse Rolle hat ferner die Verhüttung der Brauneisenstein- und Rasenerzvorkommen der Umgebung gespielt, wie ein Brennofen und große Mengen von Hüttenschlacken beweisen. Hinzu kommt eine bescheidene Bronzegießerei, in der Altbronzen zu Kleingeräten wie Löffeln, Nadeln u. a. verarbeitet wurden. Es gab einen metallverarbeitenden Gewerbebetrieb mit Eisenerzverhüttung und einer kleinen Bronzegießerei, in der einfache Schmuck- und Gebrauchsgegenstände hergestellt wurden. Ein besonderes Fundstück merkantilen Charakters ist die schon stark abgenutzte, 4,6 Zentimeter hohe Bronzebüste des jugendlichen Merkur mit dem Flügelhut. Sie war mit Blei ausgegossen und diente als Laufgewicht (Aequipondium) einer Schnellwaage (Statera): ihr Gewicht beträgt 123,19 Gramm.

Nicht zu unterschätzen ist schließlich die intensive landwirtschaftliche Nutzung des Umlandes, das wir aufgrund von Tierknochenfunden und botanischen Resten skizzenhaft rekonstruieren können: Die Umgebung Heldenbergens muß in römischer Zeit weitgehend gerodet und in Feldfluren umgewandelt gewesen sein, durchsetzt von kleinen Buschgruppen und Gehölzen, von denen Hasel, Birne, Ahorn und Hartriegel nachgewiesen sind. Unter den Feldfrüchten sind Zwergweizen, Saatgerste und Rispenhirse, an Gemüsepflanzen die Feldbohne, Erbse und Linse belegt, unter den gängigen heimischen Obstarten Süßkirsche, Pflaume, Echte Zwetsche, Apfel und Birne; importiert wurden Feige und Zuckermelone.

Im Fundbild der im Brunnenschlamm und in den Latrinen erhaltenen Pflanzenreste wird außerdem die Niederungslandschaft des Niddertales mit ihren Galeriewäldern überaus deutlich: Hier standen Erle, Birke, Weide, Eiche, Buche und der Wilde Wein. Knochenfunde von Amphibien, Fischen, Vögeln und Säugetieren erinnern an eine sehr artenreiche Wildtierfauna, die heute weitgehend ausgerottet ist, allen voran der Biber, dem das versumpfte Niddertal einmal gute Lebensmöglichkeiten geboten hat.

 

Die ersten bedrohlichen Einfälle feindseliger Germanenstämme zusammen mit der verminderten Widerstandskraft der Limestruppen zu einem steten Rückzug der Bevölkerung aus den betroffenen Grenzgebieten. Das Ausmaß der Zerstörungen am Limes, von dem uns zeitgenössische Schriftquellen berichten, wird ebenfalls archäologisch z. B. durch Versteckfunde und Brandschichten greifbar. Auch die ungeschützte Zivilsiedlung von Heldenbergen wird in dieser Zeit in Schutt und Asche gelegt.

Das Ende des Vicus wurde durch ein für die Siedlung überraschendes Ereignis in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts dokumentiert. Die Zerstörungen zwischen 213 und 233 nChr legten weite Teile der Siedlung in Schutt und Asche. Die Hilflosigkeit der Opfer dokumentiert sich in mehr als einem Dutzend bei dem Überfall getöteter Männer. Die Skelettreste von zahlreichen Männern deuten darauf hin, daß die Kämpfe mit erbitterter Heftigkeit geführt wurden, denn die Skelettreste wiesen durchwegs tödliche Hieb- und Stichwunden auf. Die Leichen blieben über Monate oder sogar Jahre unbestattet unbestattet in den niedergebrannten Häusern liegen, wie Verbißspuren von Hunden, Füchsen oder Wölfen an den Extremitätenknochen beweisen.

Der Vicus wurde damals aufgegeben und in römischer Zeit nicht wieder besetzt, obwohl das Umland - Inschrift aus dem nächstgelegenen Limeskastell Altenstadt vom Jahre 242 - weiterhin in römischer Hand blieb. Das Gelände wurde später - wann dies geschah, wissen wir nicht - eingeebnet.

Erst 100 Jahre später ließen sich Angehörige jener Alamannenstämme, die die Römer einst über den Rhein zurückgedrängt hatten, im Bereich des längst nicht mehr erkennbaren Erdkastells 3 nieder und begründeten damit die Keimzelle, aus der Heldenbergen im Mittelalter wuchs. und begründeten damit das Dorf im Bereich der Oberburg und am Schloßpark, aus dem später Heldenbergen hervorging (Archäologische Denkmale, Seite 223-225).

Aus dem 9. oder 10. Jahrhundert stammen die Überreste dreier sogenannter „Grubenhäuser“, die dank gut erhaltener Pfostenspuren zeichnerisch rekonstruiert werden können. Zusammen mit 1980 ausgegrabenen mittelalterlichen Grubenhäusern an der Ostseite der Fritz-von-Leonhardi- Straße bildeten sie eine frühe Ansiedlung, bei der es sich entweder um die Keimzelle des heutigen Heldenbergen rund um die Oberburg oder um ein aufgelassenes Dorf an diesem wichtigen alten Verkehrsknotenpunkt handelt. Neben Keramik weist ein Reitersporn aus Eisen darauf hin, daß die Bewohner der Grubenhäuser nicht unbedingt arm waren.

 

 

Der heutigen Ort:

Zur Geschichte:

Erste urkundliche Erwähnung von Heldenbergen am 23. April 839.

Die katholische Kirche „Mariä Verkündung“ stammt vermutlich aus dem 13. Jahrhundert und steht auf einem „echten Hügel“. Vielleicht war sie früher sogar eine Wehrkirche. Der heutige  barocke

Bau ist von 1753.

Von Heldenbergen in Richtung Windecken liegt der einsam gelegenen Hof Buchwald, wo Roland Vogel mit seiner Frau einen Biohof-Laden betreibt. Auf dem rund einstündigen Fußmarsch entlohnt der Gang durch historische Obstwiesen für ansteigendes Gelände. Von diesem Aussichtspunkt schweift der Blick vom Taunus, über Vogelsberg, Spessart bis hin zum Odenwald. Von hier aus ist auch die Glauburg zu sehen.
Buch: Heldenbergen, 1150 Jahre 839-1989, Nidderauer Hefte Nummer 5.

 

 

Die Oberburg

Wenn man von  Windecken kommt fährt man erst um den Schloßpark herum und an seinem Ende nach rechts in die Windecker Straße. Von dort geht nach rechts der Weg zum Eingang. Parken kann man an der Nordseite der Windecker Straße, aber dort sind nur zwei Parkplätze, eine Möglichkeit ist auch noch d er Parkplatz vor der Raiffeisenbank.

Durch einen Torbau tritt man in die Burg. Links liegt das Hofgut, rechts geht es in den Park. Wenn man weiter geht kommt an die rechts liegende Kapelle und geradeaus in das Haupthaus. Durch das Tor kann man meist noch gehen, links wohnt die Familie Leonhardi, rechts die Familie Speßhardt. Durch die Spalten des hinteren Tors kann man in einen weiteren Hof sehen.

Die Oberburg soll bereits im Jahre 835 bestanden haben (Datum der urkundlichen Ersterwähnung). Sie wurde mehrmals umgebaut und wechselte sehr häufig ihren Besitzer. Auf viele Namen hatte die Oberburg schon gehört: „Truckenburg, Trockenburg oder Güldenburg“ nennen sie die Urkunden. Der Name „Trockenburg“ nimmt Bezug auf die Lage des Anwesens im Gelände und unterscheiden sie von der Naßburg: Nicht unten, nahe der Aue, sondern steil über dem Nidderaltarm liegt die Oberburg

So wird 1266 Eberhard von Heldenbergen genannt. Im Jahre 1370 ist Gottfried von Stockheim Besitzer der Oberburg. Sie gehörte diesem Geschlecht bis zum Jahre 1614. Im Jahre 1616 besetzte Jobst von Adolips gewaltsam die Burg. Es war zwischen Schwestern der Familie zum Streit gekommen, der erst nach Anwendung von Waffengewalt und Zerstörungen an der Burg beigelegt wurde. Die Besitzer heißen nun nach dem eingeheirateten Abkömmling eines Raubritter-Geschlechts „Hattstein“.

Die Hattsteins gaben der Burg wohl ihre heutige Gestalt, als geschlossene Anlage, die durch Steilabhang, einen Trockengraben und eine heute in der Höhe teils abgetragene Schildmauer geschützt ist. Die bis zu 1,50 Meter dicken Wände im Südflügel des hufeisenförmigen Bauwerks deuten auf die Keimzelle des Anwesens: die in einer alten Urkunde so genannte „steynern Kemnat“, bewohnt von einer Familie von „Hildeberg“.

Im Jahre 1768 folgte Heinrich Franz Damian, der von Hanauern mit der Burg belehnt wurde. Im Jahre 1778 wurde sie mit Ländereien, Weinberge und Wald für 30.000 Gulden und 1.500 Gulden Schlüsselgeld an den Freiherrn Johann Maximilian Günderode zu Höchst verpfändet, den Vater der Dichterin Karoline von Günderode.

Im Jahre 1794 erwarb Jakob Friedrich Rohde die Oberburg ein preußischer Gesandter, den Besitz. Von Lissabon und Madrid aus betrieb er den Umbau zu einem zeitgemäßen Wohnhaus. Dabei wurden die mittelalterlichen Fensteröffnungen erweitert und ein klassizistischer Salonpavillon in den „Lustgarten“ gebaut. Außerdem ließ er 1802 am Nordflügel eine evangelische Kapelle erbauen.

All diese Herrlichkeit fand - wieder einmal wegen Erbstreits - ein jähes Ende. Die geschmackvoll abgestimmte Inneneinrichtung wurde samt und sonders 1836 versteigert. Nur einige Gegenstände in der Kapelle sind heute noch aus jener Zeit erhalten. Im Jahre 1886 erwarb der Großherzogliche Kammerherr von Leonhardi die Burg. Fritz Freiherr von Leonhardi ließ im Jahre 1930 im Schloßpark das Haus Helbringen erbauen. Die Oberburg ist Privatbesitz und kann nur nach Rücksprache besichtigt werden.

Alteingesessen kann man die Leonhardis in Heldenbergen nicht nennen, sofern man wie in Adelskreisen üblich nach Jahrhunderten rechnet. „Erst“ seit 1886 ist die Familie im Besitz der Oberburg. Heute, so scheint es, lebt sie mehr für das als von dem Anwesen. Die Familie stammt aus dem Waldeckschen, berichtet Hildegard Freifrau von Leonhardi. Die alte Dame hat sich wie auch ihr 51jähriger Sohn Alexander intensiv mit der Familienhistorie befaßt. Im Gedächtnis präsent haben sie auch Passagen aus alten Urkunden, welche auf die Geschichte der ins Mittelalter zurückgehenden Oberburg verweisen.

Im Jahr 1794 hat Maria Theresias Sohn und Nachfolger Leopold II. einen damals in zweiter Generation in Frankfurt lebenden tüchtigen Bankier und Ratsherrn Leonhardi in den Adelsstand erhoben „Im Zug der napoleonischen Umwälzungen“, so erzählt Alexander von Leonhardi, habe der sich in Groß-Karben einen Landsitz zulegen können. „Dort sitzt noch mein Vetter.“ Das Karbener Gut ist nie geteilt, sondern in Verfügung des ältesten Sohns für die Familie zusammengehalten worden.

Alexanders Großvater Hugo erbte in wilhelminischer Zeit als jüngerer Bruder aber ein Vermögen mit der ausdrücklichen Auflage, sich ebenfalls ein Anwesen zuzulegen. Die Wahl am Immobilienmarkt fiel auf die Obernburg, welche damals bereits seit 50 Jahren nicht mehr bewohnt war. Für den Großvater, der als Kammerherr der Großherzogin am Darmstädter Hof lebte, war der unkomfortable Bau in der südlichen Wetterau nur ein Sommerhaus. Von dort aus ging man bisweilen zur Jagd, nichts weiter. Erst nach seinem Tod zog dessen Frau dauerhaft nach Heldenbergen, ließ überhaupt erst eine Heizung ein bauen.

Im Jahr 1934 hat Alexanders Vater eine Landwirtschaft begonnen auf den 60 Hektar, die zur Burg und dem in den 1890er Jahren erworbenen „Görtzschen“ Hofgut nebenan gehören. Bis 1979, so lang er lebte, betrieben die Leonhardis diese wenigstens teilweise noch selbst. Schon seit 1963 ist ein Großteil aber an das Lehr- und Versuchsgut Marienborn, einen Ableger des Instituts für landwirtschaftliche Betriebslehre der Universität Gießen, verpachtet. Heute bewirtschaftet dieses die gesamten Flächen. Der Ertrag daraus reicht nach Schilderung Alexander von Leonbardis heute aber nicht einmal mehr aus, die Gebäude zu unterhalten, denen sie zugeordnet sind, also Oberburg und Hofgut.

Die Oberburg ist mit ihren vielen Fluren und drei Treppenhäusern an der Obergrenze dessen, was eine dreiköpfige Familie bewohnen kann. Die Baulichkeiten zu pflegen, sieht der studierte, aber nie in seinem Beruf tätig gewesene Geologe Alexander von Leonhardi als seinen Arbeitsschwerpunkt. Um sich dies leisten zu können, ist er auf Einnahmen aus seiner nebenher ausgeübten Hausverwalter-Tätigkeit angewiesen. Seine Frau Juliane, früher in einer Computerfirma tätig, unterstützt ihn heute beim hierfür nötigen Schreibkram.

Zum guten Teil eigenhändig und mit gelegentlichen Helfern hat er das Görtzsche Gut saniert, viele Tonnen Schutt aufgeladen und abgefahren. In dem alten Gemäuer ist neuerdings eine Tierarzt- Praxis untergekommen. Leonhardi ist stolz auf die gelungene Sanierung des Objekts. Soweit es um Wohnraum ging, hat er dafür auch Stadterneuerungs-Zuschüsse erhalten. Die Familie ist sich einig, daß Eigentum verpflichtet.

So lang die evangelische Kirche kein Gemeindehaus hatte, stellte Hildegard von Leonhardi gern die ehemalige Kapelle für gelegentliche Treffen oder etwa für kleine Adventskonzerte zur Verfügung. Sie war es auch, die sich mit Feuereifer in die Arbeitsgruppe für die dicke Ortschronik zum Jubiläum „1150 Jahre urkundliche Ersterwähnung“ im Jahr 1989 stürzte. Seit jener Zeit lockt einmal im Jahr die Chorgemeinschaft mit ihrer sommerlichen Reihe „Lieder im Park“. Hunderte von Musikbegeisterten auf das von hohen Bäumen bestandene Gelände.

Schon als Juliane von Leonhardi, geborene von Speßhardt, 1983 auf die Oberburg einheiratete, bekam sie gleich zu spüren, wie sehr die Adligen mit den Leuten im Dorf verbunden sind: „Alle Vereine waren hier und haben uns beglückwünscht“, erinnert sie sich an den für sie besonders sympathischen Einstand. „Wir sind ins Dorf integriert und nichts Besonderes“, ergänzt ihr Mann ganz praktisch: „Die Leute sehen mich ja auf dem Traktor durch den Ort fahren.“ Die Aufgabe des Adels ist es aus seiner Sicht im konkreten Fall, die historische Substanz der Bauwerke zu erhalten: „Keiner erhält sie so wie die Eigentümer.“

 

Mittelburg: Bei der Heldenberger Mittelburg wurde1999 ein riesiger Keramikfund gemacht. Eine solche Menge handbemaltes Geschirr dieser Güte aus der Zeit 1721 bis 1881 gibt es in Frankfurt: Kragentöpfe, die man in die Ringe des Kohleherds hängen konnte; Gefäße, die wie Lebkuchenherzen bemalt und beschriftet sind; Flaschen aus Steingut und mit Stempelaufdruck „Großkarbener Mineralwasser Hoflieferanten“.

 

Naßburg: Die Herren von Stockheim gliederten die Heldenbergischen Besitzungen und mit ihnen die Oberburg im 14. Jahrhundert ihrem Wetterauer Imperium an und errichteten bald die damals vergleichsweise bequemere Naßburg. Von ihr ist heute nur noch ein kaum noch in seiner Bedeutung erkennbares Wohnhaus mit einem Wappen in der Burggasse übrig.
Dazu fährt man in die Bahnhofstraße, die nach rechts abknickt. Wo sie wieder etwas nach links biegt, ist rechts die Naßburg. Im weiteren Verlauf der Bahnhofstraße kommt man zur neuen Evangelischen Kirche.

 

 

 

Evangelische Kirche

Eine Evangelische Kirche hat Heldenbergen lange Zeit deshalb nicht besessen, weil die von Burg Friedberg betriebene Einführung der Reformation am Widerstand von Kurmainz scheiterte. Es gelang Burg Friedberg lediglich, ab 1587 Simultangottesdienste für Lutheraner und Katholiken einzurichten. Dieser Einrichtung machten katholische Truppen 1622 ein Ende. Die Katholische Kirche Heldenbergens diente dann in den Jahren 1632-1636 (Schwedenzeit) noch einmal als Lutherisches Gotteshaus. Nach dem Niedergang der schwedischen Herrschaft erloschen die regelmäßigen Gottesdienste vorerst.

Nach dem dreißigjährigen Krieg war noch eine kleine Schar Lutheraner vorhanden, die von Pfarrern aus der Umgegend betreut wurden und ihren Mittelpunkt in der in der Naßburg gelegenen Kapelle hatten, wo die dortige Herrschaft auch von 1732-1771 eine Hauspredigerstelle unterhielt. Anschließend mußte man sich über 20 Jahre mit einem Raum im Schulhaus begnügen.

Im Jahre 1794 gelang es der kleinen Evangelischen Gemeinde, ein altes Brau- und Wirtshaus zu erwerben und dieses zum Bethaus umzubauen. Diese Kirche wurde im Jahre 1801 eingeweiht, in der Folgezeit öfters umgebaut und renoviert und erhielt im Jahre 1870 einen Turm. Dieses Gebäude, das auch eine Lehrer- und Küsterwohnung enthielt, erschien in den 60er Jahren dieses Jahrhunderts als nicht mehr sinnvoll renovierbar.

So trug man die alte Kirche ab und begann im August 1965 mit dem Bau einer neuen Kirche. Die Grundsteinlegung fand im Mai 1966, die Einweihung am 2. Advent 1968 statt. Die Kirche und das Gemeindezentrum, die eine Einheit bilden, liegen auf der ehemaligen und früher oft überfluteten Nidderinsel. Zur Ausstattung der Kirche gehört das Altarbild (Holz), das die Jünger am See Genezareth darstellt und von Esteban Fekete, Darmstadt, gestaltet wurde. Das Kupferrelief auf dem Kirchenportal zeigt das Evangelium vom guten Hirten (Hoogenboom, Darmstadt). Der an eine Dornenkrone erinnernde Kronleuchter wurde ebenfalls von Hoogenboom, Darmstadt, gestaltet. Die im Gotteshaus befindliche Orgel wurde von der Fa. Förster & Nikolaus, Lich, unter Verwendung vieler Teile der im Jahre 1928 in der alten Kirche aufgestellten Orgel gebaut. Neben Kirche und Gemeindezentrum wurde im Jahre 1979 das für die seit 1977 bestehende Evangelische Pfarrstelle Heldenbergen neuerrichtete Pfarrhaus eingeweiht.

 

 

Wie der Müller einmal einen plündernden Soldaten erschoß

Heute noch ist der legendäre „Hintermüller“ des Jahres 1813 für viele Heldenberger eine Art Kultfigur, von dem man unter Wissenden gelegentlich mit großer Hochachtung spricht. Dabei ist mit seinem Namen und der Geschichte ein Mord verbunden. Allerdings handelte es sich hierbei um die Tat an einem plündernden Soldaten, was für viele die Bluttat schon wieder verständlicher und für den einen oder anderen schon in den Bereich des Legalen rückt.

Es waren unruhige Jahre auch in Heldenbergen. Napoleon war Mitte Oktober 1813 bei Leipzig besiegt worden und französische Truppen waren in der Gemeinde einquartiert. Die Einwohner hatten allerhand auszuhalten und mußten immer wieder ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. So ist von einem Schmied überliefert, der fünfzig Hufeisen anfertigen und dazu noch einhundertsechzig alte aufschlagen mußte. Am 28. Oktober kamen wieder französische Soldaten ins Dorf, denen tags darauf sie verfolgende Kosaken folgten. Darüber hinaus waren Einquartierungen auch anderer Truppen wie Osterreicher, Preußen und Russen an der Tagesordnung - und alle fühlten sich wie die Herren im Hause. Lebensmittel, Schlachtgeflügel und auch die Pferde der Bauern waren begehrt.

Der damalige Müller mit Namen Landmann, der die etwa einen Kilometer vom östlichen Ortsrand entfernte Hintermühle besaß, hatte sein Pferd versteckt. In der Flur „An den Fuchslöchern“ dicht an der Nidder Richtung Eichen hatte er es vierzehn Tage lang in einer Laubhütte untergebracht. Nach vermeintlichem Rückzug der Truppen hatte er es geholt, um eine Fuhre Mehl ins Dorf zu bringen. Doch am Ortsrand unweit der Naßburg sind ihm dann plötzlich russische Soldaten begegnet, spannten ihm sein Pferd aus und ließen einen blinden Gaul zurück.

Es bedarf wohl wenig Vorstellungsvermögen, um sich in die Lage hineinzuversetzen, in welcher der Mann war, als am nächsten Tag drei russische Soldaten  und ein Corporal von der Naumburg kommend an seiner Mühle erschienen. um Heu zu fordern. Als sie sich nach der Weigerung um Überlassung von Futter auf dem Heuboden selbst bedienten, soll der Müller den Unteroffizier mit einem wohlgezielten Schuß vom Pferd geschossen haben. Die Flucht der Soldaten und ihre Rückkehr mit Verstärkung läßt sich gut ausmalen. Der Landmann aber hatte seine Familie ins Dorf gebracht. Von ihm selbst wird berichtet, daß er in einer Waschbütte den Krebsbach hinab und über die Nidder gerudert und durch den Wald nach Langenselbold geflohen sei.

Heldenbergen selbst war allerdings in höchster Gefahr. Aus Rache sollte es gebrandschatzt werden, und die verängstigten Einwohner hatten schon ihre Habe gepackt und sich außerhalb des Dorfes versammelt. Lediglich das Gnadengesuch des katholischen Ortsgeistlichen, Pfarrer Fehrer, bei dem in Frankfurt weilenden General, der Tage zuvor in Pfarrhaus einquartiert war, konnte dies verhindern.

Allerdings griffen die Soldaten beim Abrücken drei Einwohner des Ortes und zwangen sie, als Gefangene, mit Stricken an die Pferdeschwänze gebunden, hinter diesen herzulaufen. Erst im badischen Durlach soll ihnen dann die Flucht gelungen sein.

Wenn auch die Hintermühle vor etwa einhundert Jahren ihre eigentliche Aufgabe verloren hat und schon seit 1926 nicht mehr als landwirtschaftliches Anwesen existiert. so ist Müller Landmann selbst aber in der Heldenberger Geschichte fest verankert. Bei der 1150-Jahr-Feier der urkundlichen Ersterwähnung Heldenbergens im Jahre 1989 haben die Männer der Freiwilligen Feuerwehr Heldenbergen mit einer Festzugnummer und gleich zwei Motivwagen seiner gedacht. Die Hintermühle aber lebt nur noch in der Überlieferung fort. Wie das Schicksal so wollte, haben amerikanische Soldaten 1945 die letzten Reste in Brand geschossen.

 

In der Gemarkung Kaichen liegt ein römischer Brunnen. Man findet ihn, wenn man von Heldenbergen auf der alten Römerstraße nach Karben fährt. Am höchsten Punkt der Straße, wo links der Wald beginnt, geht rechts ein befestigter Feldweg nach Norden. Wenn man dann den nächsten Weg links und dann wieder den Weg nach rechts geht, kommt man zu dem Brunnen. Etwas kürzer ist der Fußweg, wenn man bis zum zweiten Weg nach links fährt und dann ein Stück zurückläuft.

Die Fläche ist bei Data-Street grün gekennzeichnet, weil sich im westlichen Teil ein Modellsportgelände befindet.

Der Brunnen ist relativ tief erhalten. Auf ihm stehen zwei Säulen tuskischer Ordnung), die wohl die Fassade des Herrenhauses schmückten. Darüber ist ein kleines Dach. Eine Inschrift am Brunnenrand lautet: „Brunnen und Säulen eines 1902 aufgedeckten römischen Hauses“.

Hier lag also ein römischer Gutshof. Luftbildaufnahmen zeigen: Das Herrenhaus lag auf der Grünfläche daneben, im Winkel von etwas 45 Grad zum Feldweg, die Längsseiten Richtung Nordwesten. Die Wirtschaftsgebäude lagen etwas weiter oben am Weg, etwa zwei schmale Felder weiter, auch wieder im Winkel von etwa 45 Grad, aber die Längsseiten in nordöstliche Richtung (Kaichen, siehe Wetterau/Niddatal). Richtung. Die Aussicht von dieser Stelle ist wunderbar: Zum Spessart, zum Vogelsberg und sogar ein Stück zum Taunus.

 

Bonifatiusroute:

Eindeutige Beweise gibt es zwar nicht, doch vieles spricht dafür, dass der heilige Bonifatius durch Nidderau getragen wurde. Deshalb liegt die kleine Stadt im Main-Kinzig-Kreis an der für 2004 geplanten Bonifatius-Route. Vor zehn Jahren fanden Archäologen bei einer Ausgrabung in der Oberburg in Nidderau-Heldenbergen eine Keramik-Wasserflasche. Dieses Fundstück aus dem ehemaligen Wirtschaftsgarten der Burg datiert aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Zwei Henkel zierten die gefundene Flasche, die wie ein kleines Faß aussieht. „Die Henkel dienten zum Festschnallen am Gürtel, darum wurde diese Flasche auch Pilgerflasche genannt.“

Dieser Fund ist zwar um 500 Jahre zu jung, könnte aber ein Hinweis sein, daß der Leichnam des heiligen Bonifatius nach seinem Märtyrertod an der Nordsee im Jahre 754 auf dem Weg von Mainz nach Fulda tatsächlich durch Nidderau kam. Zu Fuß in fünf Tagen ist diese rund 180 Kilometer lange Strecke damals zurückgelegt worden - das ist überliefert. „Dabei durch das heutige Nidderauer Gebiet zu laufen, ist der einzige vernünftige Weg, um in dieser Zeit diese Strecke zu schaffen“, so Gretel Callesen.

In der Gemarkung Heldenbergen an der Straße nach Karben stehen rechts zwei Bäume und dazwischen das „Bonifatiuskreuz“, ein irisches Kreuz, das aber erst um 1900 errichtet wurde. Und in Windecken, das eine sehenswerte idyllische Altstadt hat, gibt es sogar einen Bonifatius-Acker.

Aber Gretel Callesen, die Archäologin und Vorsitzende des Vereins für Vor- und Frühgeschichte im unteren Niddatal, bezweifelt, ob das ein ernst zu nehmender Hinweis auf die Route aus dem Jahre 754 ist, denn: „Flurnamen sind nicht so alt.“ Für sie ist interessanter, daß Heldenbergen eine der wenigen Stationen auf der Bonifatius-Route ist, wo es archäologische Siedlungsfunde aus der betreffenden Zeit gibt. Heldenbergen ist zwar erst 839 erstmals erwähnt, Funde um die Oberburg und im alten Ortskern belegen aber ältere Ansiedlungen aus der Zeit des Bonifatius. Und Siedlungen markierten schon immer den Verlauf von Straßen und Wegen.

 

 

Eichen

Lage: Ort liegt 123 Meter über N. N. Die Gemarkung (905 ha, davon 117 ha Wald) liegt im nördlichen Zipfel des Kreisgebietes auf der rechten Seite der Nidder und grenzt an die Gemarkungen von Windecken und Erbstadt. Bahnstation der Strecke Windecken-Stockstadt.

 

Bodenfunde: Jungsteinzeit: Die „Dicken Steine“, etwa ein Kilometer nordöstlich des Bahnhofs Eichen, aus großen Quarzitblöcken hielt man früher für neolithische Steinkammern. Hier wurde ein weiteres älterhallstattzeitliches Brandgrab gefunden, aber seine Fundsituation und die Nähe zu „Wetterauer Brandgräbern“ in den „Steinkammern“ lassen auch an seiner Echtheit zweifeln.

Ältere Eisenzeit: Grabhügelgruppen zu beiden Seiten der Bahnlinie Heldenbergen-Stockheim (siehe auch Windecken, Distrikt Siebenküppel); ein Brandgrab in einer Kammer der oben erwähnten Megalithgruppe.

Römische Zeit: Gutshöfe am Fuße des „Roten Berges“ dicht oberhalb der Chaussee nach Heldenbergen (die Badewanne des Hausbades war mit Marmorplatten ausgekleidet); am Treppchesweg zwischen der Heldenbergener und der Erbstadter Chaussee; ein dritter Hof etwa 500 Meter nordöstlich der vorgenannten Stelle an der römischen Straße Marköbel-Friedberg.

 

Älteste Namensformen: „locus Eichine“ vor 1036, „Eigene“ 1258, „Eychen“ 1355.

 

Geschichtliches: Eichen ist ein Dorf in der Wetterau, vielleicht ursprünglich salisch-konradinischer Hausbesitz. Vor 1036 schenkte Konrad II. seiner Gattin Gisela sein Eigengut in Eichen. Im Jahre 1036 (oder 12.01.1037) schenkte er u. a. Güter in Dörnigheim und Eichen an das von ihm begründete Kloster Limburg a. d. Haardt. Die Rechte und Pflichten der Eichener (Eichenarii) werden genau bestimmt. Den Fronhof, den die Adeligen von Eichen besaßen, kaufte 1356 das Kloster Naumburg. Damals besaßen die Herren von Hanau schon die Obrigkeit. Seit 1439 liegen Lehensbriefe für Dorf und Vogtei Eichen vom Stift Limburg, später von Kurpfalz vor. Das Dorf wurde im Dreißigjährigen Krieg im Januar und Mai 1635 fast völlig niedergebrannt.

 

1956  Kanalisation des Dorfes Eichen.

1905  Anschluß an die Bahnlinie Hanau und Frankfurt in Eichen.

1972  Zusammenschluß der Gemeinden Erbstadt und Eichen mit Nidderau (1. Januar).

 

 

Rundgang:

Wenn man von Ostheim kommt fährt man nach rechts in die Kleine Gasse durch das Untertor,

ein Torbau aus dem Jahre 1682 mit Inschriften des Schultheißen und des Bürgermeisters (innen), als Rest der Befestigung (Wall, zwei Tore).

Rechts steht dann die Kirche, links ein größeres Haus mit Torfahrt. Man geht dann weiter die Straße hinauf und nach links in die Obergasse. Hier stehen große Bauernhöfe mit gutem Fachwerk des 17. und 18. Jahrhunderts (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 208, Hoftor mit geschnitztem Balken Seite 291).

Dann geht man nach links in die Große Gasse. Diese kommt schon von der Kreuzung mit der Bundesstraße her, geht dann nach Süden ab und geht bei der Volksbank nach links in Richtung Kirche.

In dieser Straße steht die Kapelle der lutherischen Gemeinde von 1717 (oder 1712). Im Jahre 1844 wurde das Gotteshaus der Gemeinde Eichen geschenkt und diente bis weit ins zwanzigste Jahrhundert als Rathaus. Jetzt wird es von Familie Dörr bewohnt, die es 1973 von der Stadt Nidderau erwarb. Man kann aber heute nicht feststellen, um welches Gebäude es sich handelt.

 

 

Kirche

Eine der heiligen Lucia geweihte Kapelle in Eichen wird 1380 als Filiale von Heldenbergen genannt. Das Patronat hatte der Pfarrer von Heldenbergen, der es dem Mainzer Domkapitel abtrat. Im Jahre 1540 fand die Abtrennung der Kirche von Heldenbergen statt. Im Jahre 1551 wurde die Pfarrei Eichen protestantisch. Im 17. Jahrhundert war die Gemeinde zeitweise mit Ostheim verbunden. Danach wurde Erbstadt Vikariat.

Die heutige evangelische Kirche mit einfacher Ausstattung ist von 1695 bis 1712 erbaut. Sie ist ein Saalbau mit romanischen Merkmalen, dem eine Apsis ostwärts angegliedert wurde. Während die Kirchenfenster Rundbogen aufweisen, sind die Schallfenster der Glockenkammer und der obersten Turmkammer sowie die Eingangstür rechteckig.

Rechts des Eingangs steht ein Gedenkstein für die 1000-Jahr-Feier und das von der Gemeinde Eichen 1966 errichtete Ehrenmal für die Gefallenen der Kriege. Links des Eingangs steht die 1874 gepflanzte Friedenseiche.

Die Westseite ziert ein rundes Fenster, über dem ein glasloser Lichtschlitz sitzt. Beide liegen über dem Kirchenportal mit einem spitz zulaufenden, auf Eichenstützen ruhenden ziegelgedeckten Vordach.

An der Nordseite ist der Kirche ein Heizungstrakt angegliedert. Dahinter sieht man das nördliche Eingangsportal, das  als einziges einen Spitzbogen mit einer gotische Tür der 1635 zerstörten alten Kirche besitzt. Gegenüber stehen noch einige historische Grabsteine. Die Südseite wird durch einen Strebepfeiler abgestützt. Bei einer Außenrenovierung Ende des vergangenen Jahrhunderts wurde ein alter Türbogen eines Außenzugangs zur ersten Männerempore mit der Jahreszahl 1695 entdeckt.

Das Innere des Gotteshauses wurde 1969 renoviert und umgebaut. Das gesamte alte Gestühl einschließlich der Brüstung um den Altar wurden entfernt. Ein neuer Altar, ein neuer Taufstein, beide aus rotem Sandstein, und ein neues Gestühl sind eingebaut worden. Durch das Einziehen einer Glaswand wurde unter der Westempore ein Vorraum geschaffen. In der Kirche steht eine Orgel der Firma August Ratzmann, Gelnhausen.

 

Für die Sanierung wurde eine Bauhütte von neun Eicher Männern gebildet. Sie schlugen den Aus-senputz ab und fanden eine Bestattungsstelle aus dem 14. Jahrhundert. Man entschied sich, den gesamten Putz zu entfernen. Das Dach wurde saniert und Arbeiten am Glockenstuhl ausgeführt. Dann ging es an das Abschlagen des Innenputzes. In einer dunklen Grube inmitten der Kirche förderte man Erstaunliches zutage.

Die Archäologien Dr. Heike Lasch vom Verein für Vor- und Frühgeschichte im Unteren Niddatal fand zuerst Reste eines abgebrannten Schieferdaches. „Das kann nur aus dem 30-jährigen Krieg stammen“, vermutet sie. Die Kirche wurde 1634/35 während dieses Krieges zerstört. Außerdem fand Lasch eine alte, imposante Steinplatte. „Das könnte eine Türschwelle sein.“ Auch auf diverse Scherben und Knochen stieß die Archäologin.

Einige der Scherben konnte sie zu einem Topf zusammensetzen, der nach ihren Vermutungen aus dem 14./15. Jahrhundert stammt. In einem Hohlraum fast einen Meter unter dem Boden der Kirche fand sie Nägel, an denen noch Reste von Kirschbaumholz haften. Das sind eindeutig Sargnägel. Ein Schädelfund läßt vermuten, daß es sich um eine Gruft handelt. Und die gefundenen Knochen lassen darauf schließen, daß es sich um eine Frauenleiche handelt. Außerdem trat Sand mit bemalten Lehmverputzstücken zu Tage.

Die Funde aus der Grube, wo früher der Altar stand, sollen in der fertigen Kirche in Vitrinen ausgestellt werden.

 

 

 

Dorferneuerung

Eichen beteiligte ich im Jahre 2002 am landesweiten Wettbewerb „Unser Dorf“. Es geht bei diesem Wettbewerb nicht um Pokale, sondern darum, die Lebensqualität in dem Ort zu verbessern.

Das gesamte Dorfleben soll betrachtet und überlegt werden, wo sind Schwachstellen, die das Zusammenleben stören oder gefährden, oder wo müßte etwas getan werden, um das Leben zu verbessern.

Die historisch gewachsene Ortsmitte wurde aufgewertet, also das Kirchenumfeld vom Untertor der Kleinen Gasse bis zur Einmündung der Großen Gasse, auch Placken genannt. Die KleineGasse ist nicht mehr getrennt vom Kirchhof mit der Friedenseiche und dem Mahnmal und den Gedenksteinen. Die alte Vieh-Waage am Placken ist aber noch erhalten. Im Kreuzungsbereich der Kleinen mit der Großen Gasse ist der „zitathafte“ Einbau eines Wasserspiels (vermutlicher ehemaliger Bachlauf) nicht erfolgt.

Der zweite Bereich betrifft den Lindenplatz in Eichen. Zur Zeit ist er durch den Breugelweg zerschnitten und sind nur noch einige Linden erhalten. Doch soll ein kleiner Quartiersplatz entstehen, der das räumliche Zusammenführen  von Altort und Neubaugebiet unterstreicht und von Linden eingefaßt wird. Bänke, neues Pflaster und mehr Grün sollen Aufenthaltsfreude schaffen.

 

 

Jakobsgraben

Der Hessen-Jakobsgraben, das Fleckchen Erde im Wald östlich von Eichen, soll zukünftig zum Vogelschutzgebiet Wetteraukreis und gemäß der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (FFH) der Europäischen Union im Schutzgebietsnetz „Natura 2000“ gehören. Ziel dieses europaweiten Programms ist der Schutz und das Überleben von verschiedenen Lebensraumtypen und Arten. Von Seiten der Stadt wurde angeregt, das geplante Baugebiet in der Verlängerung der Wehrstraße (2. Bauabschnitt), aus der FFH-Meldung herauszunehmen.

So soll nun aus dem bisherigen Landschaftsschutzgebiet Wetterau ein riesiges Vogelschutzgebiet werden. In den Auen von Eichen bis Höchst und von Eichen nach Heldenbergen sollen brütende und rastende Vögel einen Rückzugsraum finden. Kraniche könnten dort auf ihren langen Reisen verweilen.

 

 

Lehrgarten

Mitglieder des Obst- und Gartenbauvereins Eichen haben mit Unterstützung der Stadt Nidderau im Jahre 2001 einen ganz speziellen Lehrgarten angelegt. „In den Weingärten“ gelegen, von Eichen aus links der B-521-Kurve in Richtung Höchst ist er zu Fuß zu erreichen. Bereits im Frühjahr hat der Verein dort fünf Bäume gepflanzt und eine Erinnerungstafel zum 100-Jährigen des Kreisverbands für Obstbau, Garten- und Landschaftspflege aufgestellt. In den zurückliegenden Wochen sind 33 Pflanzen 14 verschiedener Arten dazugepflanzt worden; die Sträucher - unter anderem Maulbeere, Elsbeere, Mehlbeere, Kirschpflaume und Felsenbirne - hat die Stadt beigesteuert, ebenso Grund und Boden, auf dem sie nun stehen. Es wurde eine Sitzgruppe mit Banken und Tisch aufgestellt. Schüler, Kindergartenkinder oder andere Spaziergänger können anhand einer Übersichtstafel und von Schildern an den Pflanzen im Frühling die Vielfalt der einheimischen Botanik kennenlernen.

 

Statistisches:

Einwohnerzahl: 1820 = 562; 1855 = 666; 1885 = 724; 1905 = 830; 1919 = 833; 1925 = 920; 1939 = 962; 1945= 1002; 1916 = 1069; heute = 1385, davon Heimatvertriebene = 220 und Evakuierte = 85 (aus Hanau = 34).

Bekenntnis: 1905: ev. = 824, katholisch = 6; 1953: ev. 1140, kath. = 221.

 

 

Renaturierung der Nidder

Im Landschaftsschutzgebiet zwischen Eichen und Heldenbergen floß die Nidder in einem begradigten Flußbett. Auf Höhe von Roter Berg und Eichwald wurde sie jedoch auf 500 Meter renaturiert.. Vom Land Hessen erhielt die Stadt für diese Baumaßnahme rund 330.000 Euro Fördermittel, insgesamt beträgt das Investitionsvolumen 418.000 Euro. Die Renaturierung erfolgte sinnvollerweise dort, wo die Stadt viele Grundstücke hatte. Rund 48.000 Euro des städtischen Eigenanteils (insgesamt rund 85.000 Euro) werden über Grundstücke gedeckt. Das Vorhaben ist als Initialzündung für die Natur gedacht.

Der Fluß wurde im Jahre 2000 aus dem begradigten Bett befreit und mit einem zehn Meter breiten Gewässerrandstreifen versehen. Natürliche Barrieren sollen unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten fördern. Durch die Hindernisse entstehen Stillwasserzonen und dann wieder schneller fließende Stücke. Und feuchte Ufergehölze bieten zum Beispiel Amphibien, Vögeln und Insekten neuen Lebensraum.

Zuerst sah es aus wie eine Mondlandschaft. Erst nach und nach wird sich die Natur den Raum zurück erobern. Man hofft, daß sich Arten, die jetzt fehlen, dort ansiedeln werden. Der Stadt bleibt später nur noch eine beobachtende Funktion.

Die Idee zur Renaturierung kam bei der Stadt Nidderau 1999 aufgrund der damaligen Gewässerstrukturgüte-Kartierung des Landes Hessens auf. Damals stellte sich heraus, daß die örtliche Gewässerstruktur der Nidder nicht optimal ist. Die Stadt, die nicht nur ihren Namen dem Gewässer verdankt, sondern deren Stadtbild auch von Wasserläufen geprägt sei, will mit der Maßnahme „ein Stück intakte Natur“ wiederbringen. Gäbe es mehr solcher Projekte, wäre die Hochwassergefahr geringer.

Die Planung hat der Bad Vilbeler Spezialist Gottfried Lehr vom Büro für Gewässerökologie vorgenommen.  Es waren auch viele Bürger beteiligt. Es wurde großer Wert auf die umfangreiche Mitbestimmung der Landwirte, Angler und der lokalen Agenda-Gruppen gelegt. So haben Ängste der Angler zerstreut werden können, ein Fischrevier zu verlieren. Ganz im Gegenteil erwartet man in einigen Jahren als Folge der Renaturierung einen größeren Artenbestand in der Nidder: Aber die ersten Jahre müssen die Angler im betroffenen Bereich etwas Zurückhaltung walten lassen. angrenzenden Landwirte hatten Bedenken, daß ihnen die Natur-Maßnahme Nutzungsfläche wegnimmt. Auch mit dieser Gruppe hätte es jedoch am Ende ein Einvernehmen gegeben.

Seit 2003 nisten in den Auen auch Störche. Man hat ihnen auf einem Mast eine Nisthilfe gebaut, die sie nach drei Jahren angenommen haben. Beobachten kann sie am Besten, wenn man von der Durchgangsstraße in die Straße „Im Wiesengrund“ fährt. An deren Ende ist ein Parkplatz.

 

 

Erbstadt

Lage:

Erbstadt liegt in dem nordwestlichen Zipfel des Kreis­gebietes und ist der nördlichste Ort des Kreises Hanau. Die Ge­markung ist an drei Seiten von der Kreisgrenze eingeschlossen. Erbstadt hat mit dem Orte Kaichen gemeinsamen Haltepunkt der Bahnstrecke Hanau‑­Fried­berg. Der Ort liegt 155 Meter über N. N. und umfaßt eine Gemarkung von 637 ha (62 ha Staats­wald, 93 ha Gemeindewald). Ein Teil der Gemarkung (Erb­städter Wald, Richtung Kaichen) liegt als Exklave im Kreis Friedberg. Zu Erb­stadt gehört die Naumburg und die Hainmühle (in Kaichen geht rechts der Hainmühlenweg ab)..

 

Bodenfunde:

Wahrscheinlich war das Tal am Rande der Wetterau schon in der jüngeren Stein­zeit besiedelt. Im Gemeindewald gibt es drei nicht untersuchte Grab­hügel, wahrscheinlich aus der älteren Eisenzeit.

Beim Aus­schachten einer Baugrube im alten Orts­kern von Erbstadt, in unmittelbarer Nähe zum Pfaffenhof und zur Verblüffung auch der Ortskundigsten, konnten im Jahre 2002 ungestörte Reste ei­ner Siedlung aus der jüngeren Steinzeit ge­borgen werden. Vor ungefähr 7000 Jahren hat dort an der Stelle des heutigen Erbstadt bereits ein Steinzeitdorf gestanden. Es war die erste archäologische Untersuchung die­ser Art in Erbstadt. Verzierte und unverzierte Ton­scherben, gebrannter Lehm, ein Mahl­steinfragment und Feuersteingerät belohn­te die Archäologen für ihren schnellen Ein­satz.

Auch die Römer errichteten hier mehrere Anwesen. Südwestlich des Ortes, westlich der Straße nach der Naumburg, stand ein römischer Gutshof, 250 Meter westlich vom Adamsborn ein römisches Gebäude (kein Gutshof, wohl Straßen­kneipe). Ein Kilometer bzw. 1600 Meter weiter nördlich der vorge­nannten Stelle finden sich römische Gebäudereste, das „Raubschloß“ (wohl ein ehemaliger römischer Wachtturm) und das „Steinerne Haus“. Im Jahre 1889 wurde bei Bodenarbeiten ein römisches Gehöft  entdeckt.

 

Geschichte:

Im Mittelalter ent­stand dann das befestigte und verwinkelte Haufendorf, wie es sich noch heute im Kern darstellt. Die erste urkundliche Er­wähnung spricht 1237 von einem Grundbe­sitzer namens „Jacobus de Erpestat“. Und schon 1266 hieß der Flecken „Erbstad“. En­de des 14. Jahrhunderts kam der Ort in den Besitz der Hanauer Grafen.

Älteste Namensformen sind „Evirißtat“ 9. Jahrhundert, „Erpestat“ 1237, „villa Eberstat“ 1266, „Erbestat“ 1286, „Erbstad“ 1341. Woher der Name „Erbstadt“ kommt, ob er womöglich tatsächlich etwas mit „Erben“ zu tun hat, ist nicht bekannt. Die Historiker haben immerhin herausgefunden, daß der Ort einmal „Euristat“ hieß, was soviel wie „Bachübergang“ bedeutet.

Das Dorf war im Mittelalter Zubehör des Schlosses Windecken. Im 1237  erfolgte die erste urkundliche Erwähnung von Erbstadt. Im Jahre 1561 wurde es nach Kauf des Klosters Naumburg mit diesem zur Kellerei Naumburg erhoben. Im Jahre 1643 wurde es an Hessen‑ Kassel verpfändet, 1792 wieder mit dem Amt Wind­ecken vereinigt. Am 1. Januar 1972 erfolgte der Zusammenschluß der Gemeinde Erbstadt mit anderen zur Stadt Niderrau.

 

Rundgang:

In seinem Kern hat sich das Dorf seinen ländlichen, fränkischen Charakter be­wahrt. Vor allem in der Wetterauer Straße und in der Erbsengasse gibt es noch jene typischen Fachwer­ke, in verschiedenen Farben, mit aufmun­ternden Schriftzügen wie „Man muß nur wollen und dran glauben, dann wird’s gelingen“ Wetterauer Straße 15) oder „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Einfache Wahrheiten für einfache Menschen, die sich von den Städtern schon allein durch ihre rauhe, erdige Sprache unterscheiden.

Man parkt das Auto am besten in der hinteren Wetterauer Straße. Im Haus Nummer 22 ist im Sockel ein Stein mit einer Jahreszahl (1719 ?) eingelassen, vielleicht ein früherer Ofenstein.

Das Haus Nummer 16 hat sehr schönes Fachwerk. Am Haus Nummer 15 ist dann die schon erwähnte Inschrift. Nach links sieht man in die Straße „In der Ecke“. Nach links geht es in den „Winkel“, der aber nichts sehenswert ist. Es gibt zwar einen direkten Zugang zur Kirche, aber der ist verschlossen. Man geht besser auf der Wetterauer Straße weiter.

Links ist der „Gemeindebrunnen Erbstadt“ von 1901. Rechts and er Ecke zur Erbsengasse  steht die alte Schmiede, das wohl älteste erhaltene Gebäude des Fle­ckens.  Sie wurde errichtet vom Zimmermeister Heinrich Horst im Jahre 1686. Daß er etwas von seinem Handwerk verstand, zeigen die kunstvoll gedrechselten und mit Schnitze­reien versehenen hölzernen Eckpfeiler des unter Denkmalschutz stehenden Hauses. Unter dem Vordach von 1770, einem offe­nen Arbeitsraum, wurden damals Pferde beschlagen. Bis 1944 residierte hier die Fa­milie Guth. Ein Weg in die Erbsengasse lohnt sich (sie ist aber eine Sackgasse). Wenn man dann wieder auf die Hauptstraße geht, kommt man links zur Kirche und im weiteren Verlauf zum Pfaffenhof.

 

Kirche:

Die Kirche gehörte im 15. Jahrhundert zum Kloster Ilbenstadt. Wöchentlich einmal, am Mittwoch, versorgte ein Mönch die Gemeinde mit der Messe. Dafür zahlten die Gläubigen 100 Gulden pro Jahr. Der Priester wurde als „Pleban“ bezeichnet, war also so etwas wie ein eigener Pfarrer für den Ort. Seit der Reformation war die Gemeinde mit Eichen verbunden (im 17. Jahrhundert kurze Zeit mit Windecken). Die Katholiken gehören heute zur Gemeinde Windecken.

Im 30jährigen Krieg wurde die Kirche weitgehend zerstört. Der Wie­deraufbau des Gotteshauses - vermutlich an der alten Stelle - war 1655 beendet. Erste Amtshandlung war die Taufe ei­ner Tochter aus dem Hause Guth.

Im Jahre 1744 erhielt das Gotteshaus sein heutiges Aussehen mit einer schlichten Innenausstattung. Die Orgel wurde 1702 (nach anderer Angabe: 1775) von einem Orgelbaumeister aus Wächtersbach erbaut, dessen Name unbekannt ist.

Bei dem jetzigen Gotteshaus handelt es sich um einen Saalbau mit romanischen Elementen. Die Fenster im Kirchenraum und die vier Schallfenster im aufgesattelten Turm sind mit Rundbögen ausgestattet. Das Kirchenschiff ist mit dunkelroten Ziegelei gedeckt, der Turm einschließlich dem Sattel mit Schiefer. Die Glockenkammer sowie das spitz zulaufende Turmdach sind achteckig. Auf der Spitze sitzt eine Kupferkugel, auf der eine Wind­rose mit einem aufgesetzten Hahn zum Anzeigen der Windrichtung montiert wurde.

Im Jahre 1968 wurde das Gotteshaus renoviert. Es erhielt neben einfachen neuen Fenstern (drei Buntfenster wurden im 2. Weltkrieg bei einem Bomberabsturz zerstört) eine neue Innenausstattung. Altar und Taufstein sowie der Altarsockel sind aus rotem Sandstein. Die Holzbrüstung um den Altar wurde entfernt. Den Altar ziert ein schlichtes Holzkreuz. Das Kirchenportal hat ein nicht sehr schönes blechbeschlagenes, röhrenförmig gewölbtes Vordach.

Gegenüber sind noch mehrere alte Grabsteine aus dem 18. Jahrhun­dert erhalten. Auf dem verwitter­ten Sandstein sind Wappen zu er­kennen, die einerseits auf eine adelige Herkunft der Verstorbe­nen hindeuten, andererseits spre­chen Zirkel und Winkel eher da­für, daß hier ein Handwerker sei­ne letzte Ruhe fand.

Ende des Jahrhunderts wurde die Kirche restauriert unter der Gesamtleitung, von Herrn Prof. Heinz H. Dietz aus Hanau. Diese Tatsache veranlaßte das Ehe­paar Dietz zur Wiedereinwei­hung der Kirche im Jahre 1997 ein Gemälde bei Herrn Angermann in Auftrag zu ge­ben. Sie kannten das Roßdorfer Bild und wünschten, daß nochmals eine Christusdarstellung gemalt wird.

Herr Angermann erzählt dazu: „Meine Malerei ist so angelegt, daß ich ein Modell brauche. So wie ich bei einem Blumenstilleben z.B. eine Rose vor mir haben muß, brauche ich nun wieder einmal einen Christus. d.h. einen Mann, der meinen Vorstellungen nahe kommt. Ich will ihn nicht abmalen, sondern in meine Vorstellun­gen umsetzen. Bei dem Roßdorfer Christus (Bild Nr. 1) stand mit ein jüngerer Mann, ein Kerl wie ein Baum, Modell: dennoch feinfühlig und auf alles ein­gehend!

In Kleinauheim habe ich einmal einen Mann gesehen, der könnte es sein. Wo wohnt er? Kann ich es wagen, sofern ich ihn gefunden habe, ihn zu fra­gen ? Ich habe ihn gefunden und gefragt. Es ist Herr Jean Paul Jaquet, in Frankreich gebo­ren und hier in Kleinauheim verheiratet. Als ich ihn auf­gesucht habe und er vor mir stand, war es für mich klar: Er und kein Anderer.

„Als ich Herrn Jaquet mein Anliegen vortrug, übrigens auch ein sehr sensibler und freundlicher Mann, hat er in Übereinstimmung mit seiner Familie ohne Zögern zuge­sagt.

Es wurde ein Termin vereinbart. „Mein Christus­“ kam pünktlich. Bevor ich mit dem Malen begann, mußte ich ihm noch etwas Farbe anlegen, hier etwas Rot, dort etwas Weiß oder Grau. Er war mit allem einverstan­den. Den Hintergrund bilde­te eine helle Decke, die auch noch mit roten Spritzern versehen wurde. Ja, und dann noch etwas wichtiges: die Dornenkrone, die ich im Wald aus dornigen Büschen geschnitten habe. Die Lein­wand stand schon auf der Staffelei. Farbe schon auf die Palette gedrückt. Pinsel. Ter­pentin, alles parat. Und nun konnte es losgehen. Erst mal mit Zeichenkohle skizzieren. Und nun an die Farbe ein­malen. Das dauert seine Zeit. Aber dann ist man in seinem Element. Bis auf einige Kor­rekturen am nächsten Tag habe ich in einem durchge­malt!“

Vor der Kirche nach der Hauptstraße zu steht ein Linde, davor ist ein Brunnen im Bau.

 

 

Pfaffenhof:

Der große Pfaffenhof oder Freihof des Klosters Ilbenstadt wurde um 1700 offenbar in einem Zug erbaut. Er gründet mit Ge­wölben auf dem Grundwasser. Die hufeisenförmig angeordneten Wirtschaftsgebäude gehörten zusammen mit dem Herrenhaus, in dem der Probst residierte, zur Prämonstraten­ser‑Abtei Ilbenstadt. Von dort aus soll es auch einen Geheimgang nach Erbstadt ge­ben, der jedoch schon seit langem verschüt­tet ist.

 

Aus jener Zeit sind noch einige Sandsteinwappen zu sehen. Am Hauptgebäude innen befindet sich das Privat­wappen des Abtes Jakob Münch. Es zeigt rechts im Wappen (links vom Betrachter aus) die beiden „Balken“ des Klosters, links das Privatwappen des Abtes: „IM-AI“ = „Jakob Münch, Abbas Ilben­stadtensis“ (Münch war von 1725‑1750 Abt) (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 210). Weitere Wappen befinden sich an den Wirtschaftsgebäuden im Westen und Süden.

In diesem Hof hat bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts das Kohlengericht jedesmal am 2. Januar getagt (siehe Abschnitt „Volks­kunde“!). Der Freihof fiel 1803 an die Grafen von Leiningen‑Westerburg und wurde nach dem ersten Weltkrieg von der Gemeinde erworben. Im Jahre 1921 gelangte der Hof in den Besitz der Gemeinde, heute ist der Domizil der Erbstädter Schützengilde.

 

Die Stadt versuchte, einen Investor für die stark sanierungsbedürftige Pfaffenhof‑An­lage zu finden. Architekt Jochen Hohmann aus Künzell bei Fulda plante die Rettung der historischen Bausubstanz aus dem 18. Jahrhundert durch den Bau von 12 oder 18 Sozialwohnungen. Der Innen­hof sollte als öffentlicher Raum, zum Beispiel für das Erbstädter Dorffest, nicht gänz­lich verloren gehen. Das in einem Gebäu­de untergebrachte Feuerwehrgerätehaus sollte unver­ändert dort bleiben. Gauben sollen das Dachgeschoß zweige­schossig nutzbar machen. Klappläden sol­len optisch den Charakter des Hauses er­halten. Die anschließende Remise sollte teilweise abgerissen werden für ein Reihenhaus mit sechs Wohnungen. Geplant waren weiterhin sechs Gara­gen, rund 14 Stellplätze müßten im Hof untergebracht werden. Eine der Scheunen mußte aber in jedem Fall im Pri­vatbesitz bleiben.

Bürger wiesen jedoch darauf hin, daß in Erbstadt bereits jetzt viele Wohnungen leer stünden. Es sei kein Bedarf an Sozialwohnungen, die nachher zu Wohnungen für Asylbewerbern werden. Der Architekten warf man vor, keine Bedarfs­analyse gemacht zu haben. Alle Versuche der Stadt, den Pfaffenhof zu kaufen, schlugen fehl.

Heute bietet er weiterhin den verkommenen Eindruck. Nach der Straße zu hat weiterhin die Schützengilde ihr Domizil und hat einen häßlichen unverputzten Anbau angefügt. Es gibt nur noch einzelne Klappläden an dem Gebäude. Die Innenseite ist durch eine Vielzahl herumhängender Kabel entstellt. Das moderne Feuerwehrgebäude paßt wie die Faust aufs Auge.

 

 

Statistisches

Einwohnerzahl: 1820 = 442; 1855 = 587; 1885 = 575; 1905 = 650; 1925 = 692; 1939 = 805; 1946 = 1069; 1952 = 1100, davon Heimatvertriebene = 250, Evakuierte ~ 130 (aus Ha­nau = 100).

Bekenntnis: 190.5: ev. = 605, kath. = 9; 1953: ev. = 800, kath. = 275, sonst. = 25.

Wirtschaft: In der Hauptsache Arbeiterwohnsitzgemeinde (200 Arbeiter‑ und 45 Bauernfamili­en).

 

 

Windpark:

Seit dem Jahre 2002 gibt es zwischen Eichen und Erbstadt einen Windpark. Er gehört der „red project management GmbH“, einer Tochter des Mannheimer Energieunternehmens MVV Energie. Diese hat insgesamt 13 Windkraft­anlagen in Nidderau‑Erbstadt, Karben‑Kloppen­heim, Florstadt‑Stammheim und Nidda­-Fauerbach. Sie bilden den „Windpark Mittelhessen“, wie die Be­treiber die vier Anlagen nennen.

Die zwischen 94 und 99,5 Me­ter hohen Windturbinen mit einer elektri­schen Leistung von insgesamt neun Mega­watt liefern bei guten Windverhältnissen genügend Strom, um 4100 Vier‑Per­sonen-­Haushalte zu versorgen. Gegenüber konventionel­len Stromerzeugungsformen spart der Windpark auf diese Weise jährlich rund 100 Tonnen an Schwefeldioxid‑Emissio­nen

Die Mitglieder sagen, man höre so gut wie nichts, auch von dem so genannten Schattenwurf bei ungünsti­gem Sonnenwinkel habe man bislang nichts bemerkt. Und in der Tat: Obwohl sich die Räder fleißig drehten, waren als einzige Fremdgeräusche die im Landean­flug befindlichen Flugzeuge Richtung Frankfurt auszumachen. Auch im Dorf selbst halten sich kritische Stimmen sehr in Grenzen. Der eine oder andere stört sich aus allein optischen Gründen an der doch wuchtig ausgelegten Anlage, ansons­ten: volle Akzeptanz.

Allen Standorten war gemeinsam; daß der Baugrund überall nicht sehr tragfähig war, mit einem Riesenaufwand mußte der Boden verdichtet werden. Die Anlagen werden fernüberwacht. Bei Defekten werden die Störungen an einen zentra­len Service weitergeleitet, der dann weite­re Schritte in die Wege leiten kann.

Die Stadt Nidderau ist in Sachen erneu­erbare Energie übrigens Vorreiter. 25 Prozent des Energiebedarfs der  Stadt werden seit dem Jahre 2001 mit Ökostrom gedeckt, wie Bürgermeister Gerhard Schultheiß, der das Windprojekt von Anfang an wohlwollend begleitete, am Ende der Vor­stellung sagte.

 

 

Naumburg

Mit dem Auto fährt man bis kurz  vor Kaichen. Dort geht rechts ein geteerter Feld weg ab. Er biegt nach links und dann wieder nach rechts und ist damit auf dem Hainmühlenweg. Unter der Eisenbahn hindurch geht es zur Hainmühle. Dort bleibt das Auto steht, denn jetzt beginnt das Naturschutzgebiet „Krebsbachaue bei Kaichen“.

Der Fußweg führt am Bach entlang. Links stehen immer wieder alte Grenzsteine, die die Grenze zwischen dem Königreich Preußen und dem Großherzogtum Hessen markieren. Rechts sind immer wieder geologische Aufschlüsse und alte Steinbrüche zu sehen. Man kommt zu dem Anglerssee. Bald darauf kommt man an den Waldrand und sieht schon das erste Haus von Erbstadt. Jetzt kann man erst einen Besuch in Erbstadt machen (siehe Hanau Kreis). Ansonsten geht man im spitzen Winkel wieder hinein in den Wald. Nach einem kurzen Anstieg geht es eben weiter. Der Weg führt auf die Teerstraße, auf der man nach rechts zur Naumburg kommt.

 

Auf einem bewaldeten Höhenrücken steht östlich von Kaichen das Schloß Naumburg. Ursprünglich war sie ein Kas­tell.Bereits 1035 wird Kloster Naumburg als Benediktinerkloster erwähnt, das dem Heiligen Cyriakus geweiht war. Das Aussehen der Kirche des ehemaligen Benediktinerklosters (Propstei) auf der Naumburg bei Erbstadt kennen wir aus einer Zeichnung in einem Salbuch des Klosters vom Jahre 1514 (in: Hanau Stadt und Land. Seite 336).

Der Christuskopf ist der einzige Überrest der alten Kloster­kirche. Das Relief, das zu einem Sakramentshaus gehört haben kann, stammt vermutlich aus den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts (heute unzugänglich, Abbildung in Hanau Stadt und Land, Seite 128). Sonst sind von diesem Kloster keine Architekturreste mehr vorhanden. Doch sind die Fundamente und Steine zum Teil bei späteren Bauten verwen­det worden oder stecken noch in der Erde. Ein einzelner Grabstein oder ein Wappenstein blieb hier und da die einzige sichtbare Er­innerung an das alte Kloster.

Im Baye­risch‑Pfälzischen Erbfolgekrieg wurde es zerstört, aber wenig später als 1505 wieder aufgebaut. Das Ordensleben aber verlot­terte immer stärker. Die Mönche hielten keinen Gottesdienst mehr, nichts als „Fres­sen, Saufen, Spiel und Huren“ hatten sie im Sinn, wie der Chronist beklagte.

Der letzte Abt des Klosters starb 1558, worauf­hin der Hanauer Graf Philipp III. das Pa­tronat über das „Clösterlein“ erwarb. Aller­dings betrachteten auch die Friedberger die Liegenschaft als ihr Eigentum, wes­halb es in der Folgezeit zur Naumburger Fehde kam, die von den Einheimischen als „Heukrieg“ tituliert wurde. Vier Jahre dau­erte der Streit. Im Jahre 1561 wurde die Naumburg von den Grafen von Hanau gekauft.

Im Jahre 1643 kam es als Pfandschaft an Hessen‑Kassel. In den Jahren 1750‑1754 wurde an Stelle der Klostergebäude auf den alten Fundamenten durch Georg von Hessen‑Kassel das heutige „Schloß“ errichtet. Seit 1866 gehörte Naumburg dem preußischen Staat, an­schließend wechselten die Besitzer. Es waren dies die Gemeinde Erb­stadt Geschwister Haas, Rittmeister Klinker, Familie Brockhaus, Fa­milie Meckel‑Angerpoltner und der Trifels‑Verlag, Frankfurt. Im Schloß war zunächst die Landjahrjugend, während des Krieges eine Frankfurter Mittelschule, vorübergehend befanden sich hier auch ein Jugenderholungswerk, ein Altersheim, ein Obstgut, ein Caritasheim. Seit 1973 befand sich hier das Freizeitwerk im Sozialwerk der Arbeitsgemeinschaft der Christengemeinden in Deutschland (eine Pfingstbewegung).

 

Seit 1997 haben Ingrid Schiener und Julia Singh das Anwesen Schloß Naumburg denkmalgerecht aufgewertet und einen ganzjährig laufenden Gastronomiebetrieb eröffnet. Die beiden Frankfur­ter­innen hatten in der Anfangszeit mit der Wie­der­eröff­nung des beliebten Ausflugscafés die Nidderauer Herzen im Sturm erobert. Zwischendurch gab es dann Open‑air‑Mu­sikveranstaltungen, unter anderem mit den „Cadillacs“. Im Jahr 2002 wurde das anfangs als „Café Provisorisch“ an Wochenenden geöff­nete Haus für regulären öffentlichen Bi­strobetrieb umgebaut. Aufgemö­belt wurde auch das einige Jahr­zehnte alte „Haus Bethanien“ ‑ der Name stammt noch aus den Zeiten, als der Pfingstler‑Dachverband auf dem Schloß seine Tagungsstätte betrieb. Einen klei­nen Pensionsbetrieb, Richtung „Romantik­hotel“, stellt sich Julia Singh dort vor. Für einzelne, privat organisierte Freizeiten wird dieser schmucklose Trakt auch im Augenblick genutzt. Einen regulä­ren Reitbetrieb auf dem Schloß strebt man aber nicht an. Einen Reiterhof hat Ingrid Schiener schließlich im heimischen Frankfurter Stadtteil Nieder‑ Erlenbach.

Von den ins­gesamt 2000 Quadratmetern Naumburger Geschoßfläche umfaßt das eigentliche Schloß 1500 Quadratmeter. Das Haupthaus soll durch ein stilecht nach­empfundenes In­nentor und den teilweise noch erhaltenen auf­wendigen Zaun vom restlichen Terrain getrennt werden ‑ so wie dies einst eben auch war. Dieses Abschirmen soll eine separate Ver­marktung des Jagdschlosses als exklusi­ves Wohngebäude ermöglichen. Autoren und Künstler/innen könnten hier in Fest­vermietung einen Ort der Muße finden, und warum nicht auch Führungskräfte aus der Wirtschaft.

Ein Schmuckkästchen für sich könnte auch das Pförtnerhaus werden, dessen Na­turstein‑ Fassade mit allerlei putzigen Ra­ritäten heute schon Puppenstuben‑Flair versprüht. Dabei sei das Haus viel größer, als es von außen scheint, weist Schiener auf das hohe Dach, für das sie lichtspen­dende Gauben durchzusetzen hofft.

Auf das Einverständnis des Denkmal­schutzes setzt sie, weil sie andererseits von sich aus bestrebt sei, eine Reihe von „Denkmalschutz‑Verbrechen“ der Vergan­genheit zu reparieren. Etwa soll das Haupthaus wieder eine Eingangstreppe aus Sandstein erhalten anstelle des Waschbetons. Am Pförtnerhaus solle die „schlimme“ Glasgittertür beseitigt wer­den. Und wo Sprossenfenster hingehören, sollen auch wieder welche hinkommen.

 

Die Naumburg ist heute nur noch für Besucher der Gaststätte zugänglich. Am Eingang sieht man noch die schönen Löwen und Embleme (siehe Abbildung in: Hanau Stadt und Land, Seite 340). Heute ist dort auch eine Tafel mit einer Übersicht der Geschichte der Burg angebracht, sie stammt allerdings noch aus der Zeit, als die Naumburg den Pfingstlern gehörte.

 

Der Fußweg direkt am Schloß führt nur um die Mauer herum. In Richtung Windecken gibt es keinen Weg, der wieder zur Hainmühle zurückführt, Deshalb muß man auf der Teerstraße wieder zum Waldrand zurückgehen. Dort geht es hinunter durch die „Schlucht“ zur Hainmühle, Links ist noch ein großer stillgelegter Steinbruch.

 

 

 

Naturschutz

Mit gleich zwei Projekten möchte die Stadt dem Naturerleben ihrer Bevölkerung auf die Sprunge helfen. Ein­stimmig sprach sich das Parlament sowohl für einen Naturerlebnispfad zwischen den drei großen Stadtteilen als auch für eine breit angelegte Aktion zum Erhalt der Streuobstwiesen am Ohlenberg aus.

Der Pfad soll aus zwei Schleifen beste­hen, die je auch als separate Rundwege nutzbar sind. Das Streuobstgebiet Win­gert / Ohlenberg verbindet er dabei, häufig am Bebauungsrand entlang führend, mit den Teichen der alten Ziegelei und dem Wartbaum. Das Geld für den Wegebau steht in Höhe von gut 15.000 Euro bereits im Haushalt, die Idee stammt schon aus dem Jahr 2000. Das Umweltbüro will mit seiner Entwurfskizze andere regionale und überregionale Planungen ergänzen. Genannt werden: die Konzepte für eine neue Gestaltung und Nutzung des Wartbaumbereichs sowie die Absicht des Planungsverbands, die „Hohe Straße“ zu einer Achse im Regionalpark auszubauen.

Der Naturerlebnispfad soll nach dem Willen des städtischen Umweltbüros Fami­lien mit Kindern jeden Alters ansprechen. Das will er offenbar vor allem mit pfiffigen Infotafeln erreichen. So sollen etwa nach dem Start am Spielplatz Mühlbergstraße nahe beim Buchwald‑Hof Informationen über die Landwirtschaft, etwa über Direkt­vermarkter stehen. Am Ohlenberg soll über Streuobst, die von dort sichtbaren Nachbarkommunen oder die historische „Bonifatiusroute“ aufgeklärt werden. Von der Sensibilisierung der Hundebesitzer an der Nidder über Infotafeln zum öffentli­chen Nahverkehr auf der Bahnhofstraße hin zur Information über den „Deponiekör­per“ oberhalb der Ostheimer Straße, den Trockenhang als Insektenparadies und den Angelteich als Feuchtbiotop sprüht das Umweltbüro schon im Plan vor Ideen.

Als nicht weniger einfallsreich erweist sich das Büro „LandKonzept“ aus Nidda­tal, das unaufgefordert der Stadt einen Vorschlag unterbreitete, wie sie sich am hessischen Landeswettbewerb innovative Projekte zur Förderung der Nachhaltig­keit beteiligen könne. Weil in Nidderau selbst schon seit Jahren in der Richtung nachgedacht und gearbeitet wird ‑ na­mentlich vom Arbeitskreis Streuobst und der lokalen Agenda 21 ‑ fiel es nicht schwer, ein Vorhaben rund um den Obst­wiesenbestand am Ohlenberg zu Papier zu bringen. Immerhin winkt die Landesregie­rung den Wettbewerbssiegern mit einem 50‑Prozent‑Zuschuss, und die Stadt ver­fügt noch über Mittel aus Ausgleichsabga­ben für Landschaftsverbrauch im Gewer­begebiet „Lindenbäumchen“. Insgesamt soll das Realisieren des von der Stadt schließlich auf den letzten Drücker eingereichten Konzepts 35.000 Euro kosten.

„Ap­fel vom Ohlenberg“ soll als regionales Öko‑Vermarktungslabel und verbinden­der Name von zahlreichen Initiativen auf­gebaut werden. Zielrichtung ist es, nach­haltigen Konsum und Umweltbildung auch breiteren Bevölkerungskreisen schmackhaft zu machen. Durch das Ein­binden wirtschaftlicher Interessen und das Schaffen neuer Arbeitsplätze soll dies für die Zukunft abgesichert werden.

Nur ein Auszug aus dem dicken Ideen­bündel: Kindergärten und Schulen sollen das Biotop Streuobstwiese als Lieferant ge­sunden Obsts kennen lernen. Die Obstwie­se soll wieder stärker ins Ortleben einbezo­gen werden ‑ durch Feste, Seminare, die gemeinschaftliche Verwertung ihrer Pro­dukte Der Aufenthalt in der heimischen Natur macht den einen oder anderen Flug in südliche Gefilde überflüssig. Die Streu­obstwiese mit „Event‑Charakter“ lockt Erholungssuchende , malt man sich in dem Papier bereits aus. Die heimische Gas­tronomie, die Hofläden, der Wochenmarkt machen den Apfel vom Ohlenberg in die­sem Konzept zum Produkt, das sich neue Vermarktungswege in einem global be­stimmten Markt erschließt.

Die Mobilisierung aller interessierten Gruppen, das Kartieren des Ist‑Zustands, ein Maßnahmenkatalog zum Aufwerten des Bestands, Dokumentation und Weiter­gabe historisch gewachsener Nutzungsfor­men, Pflegekurse, Umweltunterricht, Events zur Schaffung eines Bezugs zwi­schen denen, die erzeugen, und jenen, die konsumieren, ein Lehrpfad, die Diversifi­zierung der Produktion ‑ vom Tafelobst über Honig und Schafhaltung, bis zum Holzverkauf sind einige der Schritte, wel­che die Stadt auf Anregung des Niddataler Büros in ihrem Wettbewerbsbeitrag vor­schlägt.

Der Wartbaum

Daß der mächtige Lindenbaum unmittelbar neben der Bundesstraße 45 zwischen Windecken und Roßdorf aus­gerechnet „Wartbäumchen“ heißt, ist eine der Eigentümlichkeiten der Mundart, deren Ursprung aufzudecken nicht mehr möglich ist. Das „Bäumchen“, dessen riesige Krone Jahr für Jahr aufs neue er­grünt, hat seinen Namen wahrscheinlich von einer mittelalterlichen Warte, was einen Flecken mit weiter Aussicht bezeich­net. Hier an der Hohen Straße reicht sie in jede Himmelsrichtung. Ein idealer Platz mithin auch für Militärstrategen, zumal in Zeiten vor Funk und Radar.

Das begann im 30jäh­rigen Krieg mit zwei Kanonenschüssen, die die Befreiung Hanaus vom kaiserlichen General Lamboy einleiteten. In der Nacht zum 11. Juni 1636 ließ Landgraf Wilhelm V. von Hessel-Cassel mit zwei Kanonenschüssen und einem Feuerzeichen der belagerten Stadt Hanau melden, daß das Entsatzheer naht. Wenige Tage später sah das Wartbäumchen die siegreichen hessischen und schwedischen Truppen auf dem Rückmarsch in ihre Heimat.

Der Baum war auch Gerichtslinde. An seinen Ästen hingen einst un­schuldige sogenannte Hexen und auch schon mal ein Hühnerdieb, wie der „scheppe Georg“, dessen Gerichtsakten auf der Internetseite www.geschichtsver­ein‑windecken.de nachzulesen sind.

Am 13. April 1759 setzte Herzog Ferdinand von Braunschweig vom Wartbaum aus zum Angriff auf die französischen Stellungen bei Bergen an, deren Eroberung die Vorbedingung für die Befreiung der besetzten Stadt Frankfurt war.

Am 18. Oktober 1814 feierten annähernd 10.000 Einwohner aus Hanau, Windecken, Kilianstädten, Roßdorf, Ostheim und den anderen umliegenden Orten den Tag der Schlacht bei Leipzig. Jede eintreffende Gemeinde  wurde mit einem Ehrensalut aus drei Kanonen empfangen. Die Festrede hielt der Windecker Pfarrer Karl Wilhelm Zimmermann. Auch am 18. Oktober 1863 wurde der Jahrestag begangen  und zuletzt im Jahre 1913.

Beim „Kaiserma­növer“ 1897 beobachtete das deutsche Kaiserpaar, Großfürst Nikolaus von Rußland, die Könige von Sachsen und Italien und zahlreiche Fürsten und Prinzen auf dem Feldherrenhügel das Geschehen.

Zum Weltkriegsende 1945 ließ man Jugendliche und Alte an der Windecker Warte „Ein‑Mann‑Löcher“ buddeln, im Irrglauben, man könne so die Amerikaner aufhalten.

Im Jahre 1958 schließlich pflanzte man neben die Wartbaumlinde feierlich zwei junge Bäume ‑ der eine soll­te einmal den „Nachfolger“ des Wartbaums abgeben. Den zweiten nannte man „Friedenslinde“; in einer Sektflasche unter ihren Wurzeln steckt noch die Urkunde. Darin drückte man mitten im Kalten Krieg die Hoffnung auf Wiedervereinigung aus ‑ in den Grenzen von 1937!

 

 

Der Wartbaum, das fast 400 Jahre alte Na­turdenkmal südlich von Nidderau, mit Blick von der Glauburg bis nach Hanau, liegt er­haben aber versteckt auf einer Anhöhe. Seit längerem engagiert sich eine Agenda-­Arbeitsgruppe dafür, das Umfeld des Bau­mes umzugestalten. Im Rahmen der Pläne zum Regionalpark „Hohe Straße“ könnten diese Bemühungen nun Früchte tragen.

Der Wartbaum hat ein Naturwe­sen“, sagt  die Geomantin Angelika Arend aus Windecken. Sie fühlt die uralte Lin­de mehr als daß sie sie sieht. Er ist durch alte Straßen wie die „Ho­he Straße“ vernetzt mit der großräumigen Landschaft, die sich rund um den Wärt­baum bis zum Horizont erstreckt. „Hier ist ein Knotenpunkt, ein Punkt der Kommunikation. Es ist ein überregionaler Ort, das war er schon immer.“ Das al­les sollte in die Umgestaltung des Wärt­baum‑Ortes einfließen, meint Arend. Sie und Ehemann Christian gründeten im Rahmen der lokalen Agenda eine Arbeits­gruppe. Bei den Heimatfreunden stießen sie mit ihren Ideen genauso auf offene Oh­ren wie beim Bauamt der Stadt Nidderau. Das Amt beauftragte die Friedberger Agentur „Naturprofil“ mit dem Entwurf der ersten Pläne. Agenda‑Gruppe, Heimat­freunde und Stadt diskutierten gemein­sam die Ergebnisse. Jetzt liegt ein Vor­schlag vor, auf den wir uns einigten.

Für die von Randalierern zerstörte jun­ge Linde soll kein Ersatz gepflanzt wer­den. Denkbar sei eine Infotafel über den to­ten Baum. Langfristig kann sich Arend trotz kontroverser Diskussionen einen Turm in der Nähe des Wartbaumareals vorstellen. Außerdem soll eine feste Feuer­stelle gebaut werden und ein Platz für Festzelte. Eine Natursteimnauer schwebt den Planern vor. Überhaupt sei naturnahes Material zu bevorzugen, so Arend. Auch mit Vertretern des Planungsverbasn­des Ballungsraum Frankfurt-Rhein‑Main trafen sich die Wartbaum‑Freunde. Ge­hofft wird auf finanzielle Unterstützung durch den Verband, der den Wartbaum in sein Projekt „Hohe Straße“ eingebunden hat. Für Mechthild Baukolt vom Planungs­verband ist die alte Linde ein Höhepunkt dieser Regionalparkroute, die von Frank­färt‑Bergen nach Marköbel führen soll.

 

Die Hohe Straße ist ein seit der jüngsten Steinzeit beschrittener Höhenweg durch Hessen. Die seit jeher bedeutende Handelsstraße führt an den südöstlichen Vor­höhen des Vogelsberges entlang der Was­serscheide zwischen Kinzig und Nidder (Marköbel, Reichlos) über die Fulda bei Kämmerzell nach Vacha, dann via Eisen­ach und Erfurt nach Leipzig.

Die touristische Regionalparkroute folgt weitgehend dem alten Verlauf der Hohen Straße. Das Konzept spiegelt die Bedeutung als Handelsweg in der Gestaltung der einzelnen Stationen wieder.

 

 

 

Vatertag:

Seit 1979 richten hier die Sänger ihre Vatertagsfeier aus. Der Baum auf seinem 179 Meter hohen Hö­henrücken jedes Jahr am Himmelfahrts­tag das Mekka der Windecker Sänger und aller, die gern mit ihnen um die Wet­te singen und fröhlich, friedlich trinken.

 

 

Lehrpfad:

 

Eine Agenda‑21‑Arbeits­gruppe und einige örtliche Bauern haben 2001 zu bei­den Seiten des Wartbaum auf der Anhöhe südlich von Windecken zwischen Ostheimer Bahnhof und Windecker Wartbaum einen landwirt­schaftlichen Lehrpfad eingerichtet. Ver­teilt über drei Kilometer informieren 25 Tafeln über Anbau wie Verwertung von Ge­treide und Feldfrüchten. Es gibt dabei Informationen zur Fruchtfolge, zur Beschaffenheit des Bo­dens, über Düngung und auch über den Pflanzenschutz mit Spritzmitteln. Die Stadt will demnächst mit einer Inschrift an die Geschichte des Wartbaums erinnern.  

 

Aussichtsturm:

Taufrisch ist die Idee nicht, sondern gut 90 Jahre alt ‑ die Idee von einem Aussichts­turm beim Wartbaum. In einem bewegten Jahrhundert seitdem der damalige Ver­schönerungsverein sich zum Behuf des Turmbaus gründete, blieb das Vorhaben al­lerdings Theorie. Nun hat Heimatfreund Josef Rosenthal (75) den Gedanken wieder aufgeworfen. Und die Aussichten? Sie ste­hen nicht ganz schlecht.

Im Dezember 2001 hat sich eine kleine Nidderauer Delegation mit Bür­germeister Gerhard Schultheiß in Freige­richt angeschaut, wie sich ein moderner Aussichtsturm in ein Landschaftsbild ein­fügen kann. Im Freigerichter Ortsteil Neu­ses hatten voriges Jahr; wie berichtet, örtliche Unternehmer, Gemeinde und Kreis die 15.000 Mark für ein Türmchen auf dem 320 Meter hohen Rodfeld aufge­bracht. Er erinnert hinfort an das Fest zum 1000‑jährigen Bestehen von Neuses.

Auch vom Höhenzug, wo der Windecker Wartbaum wächst, reicht der Bück weit, Hanau hat man zu Füßen, Vogelsberg, Tau­nus, Odenwald in Reichweite.

Unabhängig voneinander hatten die Agenda‑21‑Arbeitsgruppe Natur, Land­schaft und Landwirtschaft sowie die Hei­matfreunde Windecken (die Nachfolgeorganisation jenes Verschönerungsvereins) sich Gedanken über das Wartbaum‑Gelän­de gemacht. Obzwar etwas vernachlässigt, wird es alle Jahre von der Sängervereini­gung zum Vatertag aufgesucht oder ist Schauplatz des Johannisfeuers, das Feuer­wehr oder evangelische Kirche ausrichten. Auch als inoffizielle Grillstelle steht die Wiese mit Sitzbänken hoch im Kurs.

Die Agendagruppe hat einen genaueren Blick auf die von kleineren Bäumen und Buschen umstandene Wartbaum‑Linde ge­worfen. Augenfällig ist zur Auffahrt hin das Erdreich erodiert, hat die Wurzeln frei­gelegt. Mittelfristig könnte dies den mäch­tigen Baum gefährden.

Die Gruppe sähe gern das Umfeld des markanten Baums etwas besser geordnet. Im Lauf der Jahrzehnte sind frühere „Ver­schönerungen“ wie Bänke und Gedenkstei­ne verwittert. Die Gruppe schlagt ein Parkverbot beim Baum vor, sie wünscht dort Mülltonnen, das Instandsetzen des alten Zugangs mit den Sandsteinstufen, eine Pflege der Hecken. Sie wünscht Wegwei­ser an Wander‑ und Radwegen und plä­diert für die Wiederherstellung des Aus­blicks, der momentan zugewachsen ist.

Wie aber soll letzteres funktionieren, wenn man nicht das hochgewachsene Ge­sträuch am Wartbaum abholzen will? Die Agendaleute lassen die Frage offen, mei­nen, daß ein Gesamtkonzept für den hübschen Flecken her muß. Mit dem vom Obst‑ und Gartenbauverein betriebenen Lehrgarten und einem städtischen Feld­blumen‑ Biotop in der Nachbarschaft wür­de es keine Lösung geben ohne das Mittun aller im Umfeld Engagierten.

Wie gut, daß auch die Heimatfreunde anläßlich ihres 90jäahrigen Bestehens im Vorjahr ihre Gedanken um den Baum krei­sen ließen. Ihre Vereinsgeschichte, so be­sinnen sie sich, hatte im Spätjahr 1910 be­gonnen, als einige „vom Heimatsinn be­seelte Männer“ die Möglichkeiten zum Bau eines Aussichtsturms just am Wind­ecker Wahrzeichen, dem Wartbaum, erör­terten. Solche Türme waren in der damaligen Bismarcknostalgie modern. Gebaut wurde er nie.

Ehrenmitglied Josef Rosenthal, bei den Heimatfreunden noch einer der Aktivsten, hat jetzt die alte Idee wieder aufgegriffen. Immerhin böte sie einen Ausweg aus dem Dilemma, die Aussicht wiederherzustel­len, ohne dabei allzu schlimm am Gehölz zu sägen. Auch könne man im Fuß des Turms womöglich die bei Festen stets feh­lenden Toiletten und einen Stromanschluß unterbringen.

Als Rosenthal vor zwei Wochen mit Se­gen des Heimatfreunde‑Vorstands Agenda­gruppe und Stadtverwaltung zu einer Un­terredung lud, hielt sich die Begeisterung für den Turm seitens der Arbeitsgruppe in Grenzen. Laut Sprecher Christ-Sper­ling hatten manche Bedenken wegen einer Entwertung des Baums als Landmarke. Sie fürchteten zudem, daß ein solcher Bau Vandalismus anlockt. Sonst sei man sich in der Betrachtung des Wartbaum­-Areals mit den Heimatfreunden einig.

Nach Einschätzung von Bürgermeister Schultheiß hat die zwei Tage zurückliegen­de Besichtigung des Freigerichter Turms „einen Teil Skepsis verfliegen lassen“. Das dortige Bauwerk sei „absolut gelungen“ und landschaftsverträglich. Im Rathaus suchen laut Bauamtsleiter Steffen Schomburg Umwelt‑ und Bauamt nun ein Ingenieurbüro, das nach Maßga­ben beider Gruppen eine grobe Entwurfs­skizze anfertigt.

Bürgermeister Schultheiß sagt jeden­falls, er halte ‑ abgestimmt mit Erster Stadträtin Monika Rölling ‑ die Aufwer­tung des Gebiets für interessant. Er per­sönlich erwärmt sich nun auch merklich für den Turm, mahnt aber mit Blick auf Planung und vor allem Finanzierung zu Geduld: „Keine Eile!“

 

 

Bodenfunde in Nidderau:

 

Brandgräber

In den Jahren 1907 und 1908 wurden auf dem „Tannenkopf“ bei Butterstadt von Georg Bausch fünf Steinketten geborgen. . Sie ver­schwanden  im Jahr 1958, nach der heute umstrittenen Aufdeckung der „Fälscheraf­färe“ um den Windecker Brunnenbauer Georg Bausch im Magazin des histori­schen Museums Hanau und sind nun nach 45 Jahren wieder zu sehen. Bausch war von 1909 bis 1920 Mitarbeiter des histori­schen Museums in Frankfurt und Vorar­beiter bei archäologischen Ausgrabungen. Ihm wurde später vorgeworfen, die angeb­lichen Funde getürkt zu haben.

Um das Jahr 2000 wurden sie im Rathaus von Windecken wieder ausgestellt. Schirmherrin ist Maria Schmidt, En­kelin von Georg Bausch, die sich um die Rehabilitierung ihres Großvaters bemüht. Ausgestellt werden ferner Fundstücke von zwei jungsteinzeitlichen Siedlungs­plätzen in der Gemarkung Windecken. Auf zwölf Schautafeln gibt es Informatio­nen in Wort und Bild über die bandkerami­sche Kultur.

Den Anstoß gab 1958 die wissenschaftli­che Arbeit der Prähistorikerin Gudrun Loewe. Sie trug den Titel „Zur Frage der Echtheit der jungsteinzeitlichen Wetter­auer Brandgräber“. Ausstellungs‑Macher Rolf Hohmann ist auf diese Frau nicht gut zu sprechen. Die 1994 verstorbene Loewe demontiere das Werk des Frankfurter Ge­schichtsprofessors Georg Wolff und seines Grabungshelfers Georg Bausch. Die ar­chäologische Nachwelt habe sich Loewes „an Objektivität mangelnde“ Thesen „mit dem vernichtenden Urteil“ ungeprüft zu eigen gemacht.

Der damalige Landesarchäologe Fritz ­Rudolf Hermann, klagt der Hobby‑Histo­riker Hohmann, habe sich in diese Pha­lanx eingereiht, indem er in einer Fern­sehdokumentation befand, „Bausch war mit Sicherheit einer der größten Fälscher in der Geschichte der Archäologie“.

Der Vorsitzende des Geschichtsvereins Windecken spricht von Rufmord. Hoh­mann: Der arme und kinderreiche Brun­nenbauer konnte sich gegen all diese Vor­würfe nicht mehr wehren, er starb 1932 im Alter von 66 Jahren.

Der Archäologie‑Professor Wolff wurde auf den Brunnenbauer aufmerksam, weil er im Lößboden der südlichen Wetterau reichlich Funde zu Tage förderte und bald als Mann mit einer außergewöhnliche Spürnase für prähistorische Siedlungsspu­ren galt. Bausch verkaufte seine Schätze an Sammler und Museen. Das war damals legal.

Als Wolffs Angestellter entdeckte Bausch zwischen 1907 und 1920 auf den Gemarkungen von Butterstadt und Markö­bel neolithische Brandgräber samt der be­sagten Kieselketten als mögliche Totenbei­gaben. Beides war in der Wetterau zuvor nie bei Grabungen gefunden worden. Und kam nach der Pensionierung von Bausch anno 1920 nie mehr zu Tage.

Zwei Jahrzehnte später entbrannte un­ter den Archäologen die Diskussion über die Echtheit der Funde, vor allem um die Ketten, die über eine Vielzahl von Verzie­rungen in Form von Anbohrungen und ak­kurat geritzten Linien auf den einzelnen Steinen verfügen. Fraglich ist bis heute, wie die präzis gebohrten Löcher im Durch­messer von einen Millimeter im Kiesel für den Faden entstanden sind.

„Sehr kritisch“ betrachtet der heutige Kreisarchäologe Hans‑Otto Schmitt den Fall Bausch. Er sagt: „Jungsteinzeit­liche Siedlungsreste habe man in der Regi­on in ungezählter Zahl gefunden ‑ aber wo sind die Gräber?“ Eigenartig findet er die Kiesel‑Ketten. Die kulturellen und handwerklichen Fähigkeiten der damali­gen Menschen seien nicht zu unterschät­zen. Doch es gebe keine vergleichbaren aus jener Zeit. Der Archäologe regt an, sich Gedanken um das Warum einer möglichen Fälschung machen. „Niemand hat offenbar was verdient. Das ist das Mysteriöse an der Sache“.

So sieht es auch Rolf Hohmann, der die Ausstellung auf Initiative der Bausch-­Nachkommen organisierte. Mit Feldgän­gen und Grabungen will er jetzt die Wahr­heit an den Tag bringen. „Ich suche die Ecke ab, und wenn ich nur ein Kieselstein­eben mit Löchern finde, dann geht’s aber rund“, kündigt Hohmann an.

 

Ein keltischer  Gürtelhaken wurde von Helmut Stephan aus Windecken zufällig in einem Nachlaß in der Windecker Höhenstraße gefunden. In einer Schachtel in der Garage stießen die Erben auf drei Bronze‑Gegenstände und benachrichtigten Stephan: einen zerbro­chenen, aber vollständig erhaltenen Arm­ring, das Fragment eines zweiten Armrings und den Gürtelhaken. Er hat die Form eines stilisierten Menschen. Striche deuten eine Kopf‑ oder Helmzier, Beklei­dung oder Rüstung an. Die Arme sind ge­spreizt, die Hände angewinkelt. Das Origi­nal ist grünlich‑braun, hinten flach und hohl.

„Dieser Haken ist aufgrund der Form auf etwa 400 v. Chr. datierbar und kunst­historisch von gewissem Wert“, so Calle­sen. Weil aber der Fundort nicht bekannt sei, fehlen weitere Informationen. Darum mahnt die Archäologin: „Das zeigt einmal mehr, wie problematisch es ist, archäologi­sche Funde im Privatbesitz aufzubewah­ren.“ Sie rät, solche Funde zumindest mit Fundzetteln zu versehen oder im Testa­ment zu erwähnen.

 

In Heldenbergen wurden im Zuge der Bauarbeiten für die Neubaugebiete Allee-­Süd und Schloßpark. Dort wurden in den letzten acht Jahren vermehrt Keramik­scherben und Steinwerkzeuge gefunden, die der jungsteinzeitlichen Bischheimer Gruppe zugerechnet werden und aus der Zeit zwischen 4400 bis 4200 bis vor Chris­tus stammen. Benannt ist diese Gruppe nach dem ersten Fundort Bischheim bei Kirchheimbolanden (Donnersbergkreis) in Rheinland‑Pfalz. Diese Bischheimer Funde aus Helden­bergen sind bisher die einzigen ihrer Art hier in der Region.

 

In der Windecker Eugen‑Kaiser‑Straße wurde in einer Baugrube ein Spitzgra­ben gefunden.

Ebenfalls in dieser Baugrube fand man auch Reste des alten Windecker Stadtzwingers. Gotische Bodenfliesen und ein Bronze­blechanhänger mit dem Alphabet kamen dort zutage. Weitere Ausgrabungen in un­mittelbarere Nähe könnten weitere Er­kenntnisse zur Stadtgeschichte liefern. Solche Spitzgra­ben machten nur die Römer, weil die arbeitsintensiven Gräben viel „Personal“ benötigten.

In Mittelbuchen hatte man ja bereits zwei kleine römische Erdlager und eben­falls einen Spitzgraben gefunden. Die Archäologen vermuten nun, daß von Seligenstadt über Hainstadt, Hanau und Windecken ein älterer Limes verlaufen ist, vielleicht sogar bis nach Ober‑Flor­stadt. Damit wäre auch das Rätsel der drei römischen Erdlager in Heldenbergen gelöst. Erdlager wurden von den Römern im Rahmen ihrer Feldzü­ge errichtet, sind wie ein Kastell nur ohne Steinbauten und wurden als Feldlager be­nutzt.

 

 

Baiersröderhof : Der Hof, auch Pfaffenhof genannt (Rode 1139, Rade 1319, Baiersrode 1348) war schon 1139 Eigentum des Klosters Ilbenstadt; die von Carben hatten auf dem Hof als hanauische Burgmannen zu Windecken Dienst und Freiheit. Im Jahre 1802 wurde der Hof an die Grafen von Leiningen, 1804 an Kurhessen verkauft.

 

Hammersbach

 

Marköbel:

Lage: Marköbel liegt 120 Meter über N. N., südlich der nördlichen Kreisgrenze und des Mühlbergs (178 m) am Oberlauf des Krebsbaches (Köbelbach). Gemarkung: Größe 1341 Hektar, davon 362 Hektar Gemeindewald. (Gemeindeeigentum um 1850: 2000 Mor­gen Wald, 125 Morgen Wiesen, 102 Morgen Weide, 5 Morgen Wallgraben mit Obstbäumen).

Außensiedlungen: Hirzbacherhöfe, Baiersröderhof; Mühlen: Obermühle und Untermühle an der Krebsbach.

Der im Jahre 839 erstmals urkundlich überlieferte Hammersbacher Ortsteil Marköbel liegt am Südostrand der Wetterau, am östlichen Ende eines plateauartigen Höhenzuges, der sich zwischen Nidder im Norden und Main und Kinzig im Süden, aus dem Frankfurter Raum bis zum Beginn des Ronneburger Hügellandes, einem Aus­läufer des Vogelsberges, östlich von Marköbel, hinzieht.

Der Ort liegt auf einem Vorsprung dieses Höhenzuges, der im Norden und Osten zur Niederung des Krebsbaches und im Süden zur Niederung eines schmalen Rinnsals abfällt. Über den erwähnten Höhenrücken verlief ein von Frankfurt kom­mender, über Marköbel, den Büdinger Wald und Fulda ins Thürin­ger Becken führender Verkehrsweg, der seit prähistorischer Zeit bis in die Neuzeit hinein genutzt wurde, die sogenannte „Hohe Straße“.

 

Bodenfunde:

Jungsteinzeit: Siedlungen und Brandgräber südlich der „Stein­weide“, auf dem „Röderfeld“; südlich und östlich von den Hirz­bacher Höfen.

Ältere Eisenzeit: Hügelgräber oberhalb des Bäckerborns, ein Kilometer nordöstlich vom Baiersröderhof; im Oberwald in der Nähe kleine Umwallung mit Hausresten im Innern; Scherbenfunde von der Steinzeit bis zur fränkischen Periode; die Stelle wird, wie beim Kinzigheimer Hof, als Zuflucht für die Bebauer des Geländes des Baiersröder Hofes in den verschiedenen Perioden der Vorgeschichte anzusehen sein. Ein Brandgrab, 500 Meter westlich des Hofes, enthielt u. a. auch ein dreireihiges Hals­band aus Bernsteinperlen. Siedlungen dieser Zeit am West­ausgang von Marköbel, nördlich der Straße nach Ostheim und 1200 Meter südöstlich vom Hattenberg.

Steinbeile (Schnurkeramik), Bild Seite 43

Römische Zeit: Kohortenkastell, Größe 198 x 165 Meter, an der Außenseite der Mauern gemessen. Besatzungstruppen noch nicht bekannt. Kastellbad unter der heutigen Kirche. Lager­dorf und Gräberfeld auf der großen und kleinen Burg. Wach­turm auf dem Mühlberg. Limes im Eckartshausener Wald gut erhalten.

 

Älteste Namensformen: locus Cavilla 839, villa Kebella 1057, Kabilo 1062, Kevile 1074, Kebeln 1220, Markivele 1272, Marg­kebel 1289, dann Markebel, Marköbel.

 

Statistisches: Einwohnerzahl (bis 1925 ohne den Baiersröder­hof mit 40 bis 90 Personen): 1632 = 87 Haushaltungen und 4 Judenfamilien. 1753 = 136 Haushaltungen und 8 Juden, zusammen 639 Personen. 1820 = 1071; 1855 =~ 1133; 1885 = 1162; 1905 = 1233; 1919 = 1249; 1925 = 1315; 1939 = 1353; 1946 =1961; 1953 = 1752, davon Heimatvertriebene rund 300, Eva­kuierte = 70, meist aus Hanau.

Bekenntnis: 1905:. ev. = 1128, kath. = 4, israel = 70, Sonstige (Herrnhuter und Inspirierte) = 31; heute: ev. = 1540, kath. = etwa 10 Prozent.

 

Wirtschaft: Im 18. und 19. Jahrhundert viele Strumpf‑ und Leineweber. Heute zahlreiche Arbeiter, die in Hanau usw. be­schäftigt sind; keine eigene Industrie. Von den heute 600 Fa­milien sind 55 Prozent Arbeiter, 45 Prozent Landwirtsfamilien.

 

Volkskundliches: Kugelhoppenfest am Himmelfahrtstag bis ins 19. Jahrhundert; Ausspielen von „Kugelhoppen“ auf der Weide durch Wettkämpfe im Ringen und Laufen; Pfingstritt der Burschen nach der Rüdigheimer Johanniterkommende zum Abholen des „"Wolfsgeldes“.

 

Literatur: Festschrift zur 1100‑Jahr‑Feier, 1938. ‑ Pfarrer Heck: Wo lag Welderichshusen?, Han. Magazin 1929 S. 20. ‑ Der­selbe, Eine Episode aus dem österreichischen Erbfolgekrieg (in Marköbel), Han. Magazin 1931 S. 20.

 

 

Römisches Marköbel:

Schon vor unserer Zeitrechnung lebten aus­ländische Besatzungssoldaten auf Marköbeler Boden. Hier stand einst ein römisches Kastell von 3,3 Hektar Größe, das so­gar die Saalburg bei Bad Homburg leicht übertraf. Die sich besonders auch in den Gräbern widerspiegelnde römische Siedlungstätigkeit in Marköbel, dessen antiker Name uns aufgrund des völligen Fehlens epigraphischer Zeugnisse noch unbekannt ist, läßt sich bis ins 3. Jahrhundert hinein verfolgen. Ein Gefäßdepot der Mitte des 3. Jahrhunderts aus dem Kastell steht für dessen Belegung bis zur Aufgabe des Limes im Jahre 260. Daneben kann dieser Fund zusammen mit einem Münz­hort aus 5 Aurei und 69 Denaren mit Schlußmünzen des Septimus Severus (193‑211), der ebenfalls auf dem Kastellareal gefunden wurde, auch zur Beurteilung der unsicheren Verhältnisse im 3. Jahrhundert herangezogen werden.

In römischer Zeit verlief der Limes über den östlichen Rand des Vorsprungs, auf dem der alte Ortskern von Marköbel liegt. An der Straßenkreuzung mit der Haarnadelkurve Richtung Langenbergheim und dem Abzweig nach Hüttengesäß änderte der östliche Wetteraulimes im stump­­fen Winkel seine Richtung und verlief von Altenstadt kommend geradlinig nach Rückingen von da aus zum Main. Diese Stelle war für einen Limesdurchgang, wie er von anderen Limesab­schnitten bezeugt ist, geradezu vorgegeben.

Hier kreuzte die Ho­he Straße den Limes. Um den Händlerverkehr auf dieser Route zwischen Rhein und Mit­teldeutschland zu überwachen, hat wohl ein Tor die Limesanlage unterbrochen. Das Marköbler Kastell sollte die Hohe Straße sichern ‑ den bereits in der Jungsteinzeit bekannten Handelsweg, der von Frankfurt nach Fulda und von dort weiter nach Thüringen führte und der an der Marköbeler Krebsbachfurt zum ersten Mal seit Frankfurt wieder ein Tal erreichte.

Eine Straße verlief auch von Marköbel über Windecken zur Saalburg. Wahrscheinlich ging auch eine nach Nida (Frankfurt-Heddernheim). Wegen dieser Geschäfte zwischen Germanien und römischem Reich hat wohl vor dem Haupttor des Kastells eine ausgeprägte Händlersiedlung existiert. Sie lag vor dem Haupttor des Kastells in dem Bereich vom Untertor bis zum alten Rathaus. Diese Siedlung überlebte den Untergang des Kastells Mitte des drit­ten Jahrhunderts nach Christus und wurde zur Keimzelle des mittelalterlichen Marköbel.

 

Die als notwendig erachtete militärische Überwachung eines sol­chen Verkehrsweges führte auch in neuerer Zeit Oberstleutnant F. W. Schmidt wäh­rend einer seiner Erkundungsreisen am Limes im Jahre 1837 nach Marköbel. Seine 1859 publizierten Reisenotizen berichten von den bezeichnenden, seit dem 14. Jahrhundert nachweisbaren Flurna­men „große Burg“ und „kleine Burg“ westlich des damals noch in seinen durch die Ringmauer vorgegebenen mittelalterlichen Grenzen be­stehenden Ortes, sowie von altem Mauerwerk und von römischen Funden von eben diesen Stellen.

 

Im Jahre 1881 führten G. Wolff und A. v. Cohausen zum Zwecke der genauen Lokalisierung des vermuteten Kastells eine Feldbegehung auf den genannten Fluren durch. Die dabei erzielten Ergeb­nisse bestärkten die noch 1884 von A. v. Cohausen vertretene An­sicht, daß das Kastell auf diesem Gelände gestanden habe. Grabungen im Jahre 1884 durch G. Wolff erbrach­ten jedoch den Nachweis, daß das vermutete Kastell weiter östlich, teilweise unter dem mit­tel­alterlichen Ort lag und daß sich an der früher vermute­ten Stelle das Lagerdorf erstreckte. In den Jahren 1892 und 1893 konnte G. Wolff im Auftrag der Reichs‑Limeskommission den 1884 weitgehend ermittelten Ka­stellgrundriß wei­ter vervollständigen. Das rückwärtige Tor, die Porta decumana (1884 und 1892) und das linke (nördliche) Seitentor, porta principalis sinistra (1892) konnten aufgedeckt werden. Wolff wies auch das Wohnhaus des Kommandanten und Kel­lerteile der südlich gelegenen Zivilsied­lung auf.

In den Jahren 1892/1893 wurden westlich des Friedhofes Teile des in Stein ausgeführten Stabsgebäudes (principia) ausgegraben. Ebenso wurde eine römische Zivilsiedlung im Rausch-Hain-Weg gefunden. An der Urnenstraße wurde 1898 ein römischer Friedhof gefunden und 1910 und 1953 teilweise ausgegraben.

Im 20. Jahrhundert wurden dann die westlich des mittelalterli­chen Ortskernes gelegenen Teile von Kastell und Lagerdorf sowie ein Gräberfeld nach und nach überbaut, ohne daß archäologische Untersuchungen vorgenommen wurden. Das Badegebäude wurde von H. Birkner 1951 bei Bauarbeiten unter der Kirche entdeckt und in den Jahren 1963‑1965 von K. Dielmann teilweise ausgegraben. Im Jahre 1983 konnten das Lan­desamt für Denkmalpflege Hessen und der Hanauer Geschichts­verein das letzte noch unbebaute Areal des Kastells im Bereich der Nord‑West- Ecke vor der Anlage eines neuen Friedhofes untersuchen. Diese Ausgrabung ist jedoch noch nicht abschließend bearbeitet.

Auf dem neuen Teil des Friedhofs war die Nordwestecke des Kastells. Dort stehen auch die vier Schautafeln, die  die Gemeinde Hammersbach ohne großes Aufse­hen im Jahre 2000 aufgestellt hat und  die die römische Geschichte Marköbels erläutern. Die ein­gängige Mischung aus Bildern, Plänen und nicht allzu langen Texten stammt von Hobby‑Historiker Dirk‑Jürgen Schäfer, dem Vorsitzenden der Hammersbacher Ge­meindevertretung, und Ursula Dietzel.

 

Die römische Präsenz begann in Marköbel wahrscheinlich noch unter Kaiser Domitian (81‑96 n. Chr.). Ausschlaggebend für diese Vermutung sind südgallische Terra Sigillata, Ziegelstempel der Legio XIV Gemina Martia Victrix, die 97 n. Chr. von Mainz an die Donau verlegt wurde, und die Notwendigkeit, die oben beschrie­bene topographische Situation militärisch zu kontrollieren. Den Anfang machte - soweit bekannt - ein Holz‑Erde‑Lager, von dessen Befestigung 1983 erstmals Spuren in Form eines Eck‑ und mehrerer Zwischentürme festgestellt wurden. Die Umwehrung dieses Lagers verlief deckungsgleich mit der Umfassungsmauer des wohl unter Kaiser Hadrian (117‑138) errichteten bekannten Stein­kastells. Dies könnte dafür sprechen, daß das Holz‑Erde‑Lager bereits die Größe seines Nachfolgers aus Stein hatte, das eine Fläche von fast 3,3 Hektar bedeckte. Obwohl die Besatzung des Kastells noch unbekannt ist, könnte man aufgrund dieser Größe an eine berittene oder teilberittene Einheit von 500 Soldaten (ala oder cohors equitata) denken.

 

Das Kastell war nach Osten, auf den Limes hin, orientiert. Die Ostseite des Kastells bildete die Hauptstraße von der Nordstraße bis zur Kreuzung Hauptstraße/Rüdigheimer Straße/Kirchplatz („Kreuz“). Die Haupt­straße umgeht also heute noch das ursprüngliche Kastell an seiner südöstlichen Ecke. Der Haupteingang lag an der Stelle, wo jetzt das Haus Hauptstraße 22 links neben dem Rathaus steht.

Die nördliche Kastellfront verlief von der Ecke Hauptstraße/Nordstraße entlang der Nordstraße (durch das „Bärgäßchen“) am Nordende des alten und neuen Friedhofs vorbei. Das nördliche Tor führte auf den heutigen Feldweg durch die Gärten am alten Feuerwehrhaus.

Die südliche Kastellfront verlief entlang der Hauptstraße. Das Tor an der südlichen Seite führte zur heutigen Erbsenstraße (südlich des Obertors). Die Südwestecke befand sich an der Bushaltestelle am alten Friedhof.

Von den vier zu postulierenden Toren des konnten das rückwärtige Tor (porta decumana) und das linke (nördliche) Seitentor (porta principalis sinistra) aufgedeckt werden. Beide hatten eine ein­fache Tordurchfahrt, die beidseitig von Türmen flankiert wurde. Die steinerne Wehrmauer, der auf allen vier Seiten zwei Spitzgrä­ben vorgelagert waren, war mit vier Eck‑ und zehn Zwischentür­men (bei regelmäßigem Abstand) zusätzlich befestigt. Fragmente halbwalzenförmiger Zinnendecksteine vom Wehrgang aus Büdin­ger Sandstein zeigen, daß auch das unmittelbare Limesvorland unter römischer Kontrolle und Nutzung stand.

 

Von der Innenbebauung des Kastells, die wahrscheinlich größtenteils aus Fachwerkgebäuden bestand, sind nur geringe Spuren be­kannt. Westlich des Haupttors befand sich ein  rechteckiges Gebäude mit Hof. Hier war das Wohnhaus des Kommandanten ausgegraben wurde (im Hof der Gaststätte Stein am Obertor).

Die Kommandantur (principia) wurde im Bereich alter Friedhof/Lindenstraße/Römerstraße ausgegraben. Untersucht wurde ein Teil des rückwärtigen Flügels mit Fahnen­heiligtum und drei Räumen mit vorgelagerter Portikus, die sich nördlich daran anschlossen. Durch den zu vermutenden symmetrischen Aufbau des Stabsgebäudes ist eine gleichartige Raumflucht südlich des Fahnenheiligtums zu ergänzen. Zu beiden Seiten waren also vier langgestreckte Baracken für Reiter und Pferde. Sechs gleich große Baracken dienten der Unterkunft der Infanterie. Im Osten wird sich der vierflüglige Gebäudekomplex bis an die zwischen den seitlichen Toren verlaufende Lagerstraße (via principalis), d. h. über das Ge­lände des Friedhofs bis an die heute noch erhaltene mittelalterliche Ringmauer erstreckt haben.

An weiteren Gebäuden aus dem Lagerinneren ist nur ein Raum mit Hypokaustanlage im südlichen Teil des vorderen Lagerteils (prae­tentura) bekannt. Möglicherweise gehörte dieser Befund zum  Wohnhaus des Kommandanten (praetorium). Ein gemauerter, ehemals über­wölbter Kanal, der sich unter der Durchfahrt der Porta decumana und unter der daran anschließenden Lagerstraße (via decumana) fand, diente der Frischwasserversorgung des Kastells.

Das rückwärtige Tor des Kastells führte auf die heutige Römerstraße (die Straße von der Bushaltestelle am alten Friedhof zum neuen Friedhof ist die Lindenstraße, von dieser zweigt nach links die Römerstraße ab). Auf dem neuen Teil des Friedhofs  war die Nordwestecke des Kastells. Dort fand man nur geringe Spu­ren von Holzgebäuden. Reste von Öfen, Schmelztiegeln und Schlacken deuten jedoch darauf, daß sich in diesem Kastellareal der Werkstattbereich befand.

Spuren einer ausgedehnten Zivilsiedlung wurden südlich und westlich des Kastells entlang der Ausfallstraßen in Richtung Hel­denbergen und Friedberg im Rausch-Hain-Weg beobachtet. Die Siedlung zog sich südlich des Kastells hin entlang einer Straße, die zwischen der Roßdorfer Straße und der Kreuzung an der Rüdigheimer Straße verlief. Es wurden mehrere Steingebäude und steinerne Keller angeschnitten. Man fand einen magazinartigen Hallenbau am Westrand des heutigen Dor­fes (südlich der Hauptstraße), ein Gebäude nördlich der heutigen Römerstraße, bei dem es sich möglicherweise um ein kleines Hei­ligtum handelt, und vier Steinkeller südlich des Kastells. Ein Ziegelbrennofen nahe der Westfront des Kastells, nördlich der heutigen Römerstraße, erbrachte leider keine gestempelten Ziegel, veranschaulicht aber die hand­werkliche Tätigkeit im römischen Marköbel. Östlich des Kastell war die Händlersiedlung.

Das einzige bislang bekannte Gräberfeld lag - wie vorgeschrieben - außerhalb des Siedlungsareals. An der Urnenstraße (im Westteil des Ortes, nördlich der Hauptstraße) wurde 1898 ein römischer Friedhof gefunden. Man fand 43 Brandgräber mit Münzen, Bronzefibeln, Lampen und Glasresten.

 

Die Bade-Anlage lag an der Stelle der heutigen Kirche. Sie weist den für Kastellthermen am obergermanischen Limes typischen Grund­riß auf, bei dem die für den Badevorgang notwendigen Räume in einer Reihe angeordnet waren. Das mit einer Hypokaustanlage und zwei Warmwasserbecken ausgestattete Warmbad (caldarium), in dem der Badevorgang begann, war im südlichsten Raum des Nord‑Süd orientierten Gebäudes untergebracht. Daran schlossen sich zwei ebenfalls hypokaustierte Lau-Bäder (tepidaria) und, östlich von diesen, ein Heizraum (praefurnium) an. Das nördlich daran anschließende Kaltbad konnte nur teilweise untersucht werden, da es sich unter dem Chor der heutigen Kirche befindet. Nach den gestempelten Ziegeln aus dem Badegebäude, wurde dieses am Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. erbaut. Gegen Ende desselben Jahrhunderts erfolgten umfassende Ausbesserungsarbeiten. Die angenommenen Anfangsdaten von Kastell und Bad lassen vermuten, daß ein noch unbekanntes, älteres Badegebäude vorhanden war. Zur Wasserversorgung diente möglicherweise der bereits erwähnte Kanal. Eine vom Westhang des Steinkopfes östlich des Limes ausgehende Tonröhrenleitung, die 1887, 1892 und 1976 angeschnitten wurde und bislang als römisch galt, entstammt mit größter Wahrscheinlichkeit der Neuzeit.

 

Römische Bronzefigur:

Marköbel hatte auch eine Bedeutung als Handelszentrum. Darauf deutet die kleine Bronzefigur hin, die den römischen Gott Merkur darstellt, den Gott des Handels und des Verkehrs. In der rechten Hand hält er den Geldbeutel, die Grundlage von Wohlstand und Reichtum. Über die abenteuerlichen Irrwege, die das Figürchen seit seiner Wiederauffindung einschlug, erzählt Peter Jüngling in der 1989 erschienen Chronik „1150 Jahre Marköbel“ die folgende hüb­sche Geschichte: Sie war anscheinend einige Jahre im Besitz eines Landwirts, bevor sie 1879 an den Hanauer Geschichtsverein kauft wurde. Aber schon zwei Jahre später erschien die aufgeregte Bauersfrau aus Marköbel im Museum und forderte ihre Figur zurück: seit das „Teufelchen“ nicht mehr im Hause war, verfolgte sie vielfältiges Unglück. Wir wissen heute nicht mehr, wie die Bäuerin hieß, und auch nicht, was für ein Leid die Frau erfahren haben mußte. Welch einen Unterschied macht es auch aus, daß die geflügelte Kappe des Götterboten Hermes in ihrer Bedeutung verkannte und als Attribute des Teufels bezeichnete. Zweifellos hat sie ihr Anliegen so überzeugend vorgetragen, daß der Geschichtsverein ihrer Bitte entsprach und den kleinen „Talismann“ zurückgab. Allzulange scheint sich die ehemalige und neue Besitzerin  ihres „Glücksboten“ indes nicht erfreut zu haben, schon 1887 stand er im Hause des Oberamtmannes Schuppius, dem ehemaligen Pächter der Domäne Rüdigheim. Der weitere Weg der kleinen Figur wäre eigentlich vorgezeichnet gewesen und beinahe wie in so vielen ähnlichen Fällen auf dem Müll, als Altmaterial oder bestenfalls als „Merkurstatuette, Fundort unbekannt, vorzügliche provinzielle Arbeit ...“ im Antiquitätenhandel geendet, wenn nicht ...Ja, wenn nicht der Dr. med. Schuppius, Sohn des Amtmannes und Arzt in Pommern bei genealogischen Nachforschungen zu seiner Familiengeschichte auf den Hanauer Geschichtsverein gestoßen wäre, und diesem als Dank für seine dabei geleistete Unterstützung im Jahre 1925 das ererbte „Familienstück“" überlassen hätte. So schließt sich der Kreis, und Hermes als Gott der wandernde Schafherden, Reisenden und Händler kehrte in seine „Heimat“ zurück.

 

Im Jahre 2002 fand sich bei Erdarbeiten im Marköbeler Neu­baugebiet „In den Gräben“ ein 20 Meter langes Teilstück einer Limespalisade. Den­drochronologische Untersuchungen (Da­tierung nach den Jahresringen der Bäu­me) bestätigten die ersten Vermutungen, obgleich der bislang bekannte Limesver­lauf, wie ihn die Reichslimeskommission im Jahre 1900 festlegte, von der Fundstel­le leicht abweicht.

Der römische Kaiser Hadrian ließ ver­mutlich fünf Jahre nach seinem Amtsan­tritt in 117 n. Chr. den Schutzzaun gegen die Germanen errichten. In dieser Zeit ließ er auch den knapp 120 Kilometer langen Hadrianwall mit mehr als 300 Wachtür­men in der römischen Provinz Britannia bauen, dem heutigen Großbritannien. Ha­drians Regierungszeit war vor allem von der Befestigung des Reichsgrenzen und der inneren Stabilität durch den Ausbau des Beamtentums geprägt. Als Reminis­zenz an die einstigen Besatzer wurde der in Marköbel entdeckte Palisadenzaun, der bundesweit in seiner Bedeutung einmalig seien soll, rekonstruiert und daran eine Büste des einstigen Auftragsgebers in­stalliert.

Insgesamt 38 imposante Holz­stämme markieren am Rande des Marköb­eler Neubaugebietes „In den Gräben“ einen fast 20 Meter langen überdimensionalen Zaun. Die über zwei Meter hohen Stämme sind längs halbiert, tief in die Erde gerammt und oben grob zu­gespitzt. Es stellt eine Rekonstruktion von Palisa­den dar, die vor mehr als 1880 Jahren die römische Grenzbefestigung, den Limes, ge­sichert haben.

Anhand der Jahresrin­ge der im feuchten Untergrund des Neu­baugebietes gefundenen Baumstümpfe wurde errechnet, daß diese Bäume im Winter der Jahre 119/120 nach Christus gefällt wurden. Erstmals gelang damit ei­ne exakte Datierung für die Limespalisa­den, von denen bis dato nur eine schriftli­che Überlieferung existiert hatte.

Schallmayer hob hervor, daß der Limes nicht nur militärische Bedeutung hatte, sondern auch eine ökologische, ökonomi­sche und bevölkerungsregulierende Funk­tion. 30 bis maximal 50 Jahre standen die Eichenholz‑Palisaden hier, vermutet er. Danach wurden sie durch Gräben ersetzt. Der Landesarchäologe wies Marköbel eine bleibende archäologische Bedeutung zu: „Durch diesen Fund haben wir ein neues Bild vom Limes gewonnen.“

Gleichzeitig wurde damit die Marköbeler Erlebnisstätte „Li­mes“ eingeweiht. Überliefert ist, daß Ha­drian in den Jahren 120/121 n. Chr. tat­sächlich die Provinzen am Rhein besucht hat. Vier stilecht gekleidete Soldaten der 4. Vindeliker‑Kohorte aus Großkrotzen­burg trugen unter Fanfarenklängen eine Büste des Kaisers durch den Staub des Neubaugebietes bis vor die Palisaden‑Re­konstruktion. Dort soll sie an die römische Vorgeschichte des Ortes erinnern.

 

 

 

Mittelalterliches Marköbel:

Die römische Händlersiedlung wurde die Keimzelle des mittelalterlichen Marköbel. Ob und wie das Leben in Marköbel nach Abzug des römischen Militärs weiterging, ist noch unbekannt. Die nächsten Zeugnisse menschlichen Lebens  stammen etwa aus der Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung Marköbels.

Eine Schenkungsurkunde aus dem Jahre 839 ist der erste geschichtliche Nachweis des Ortes Marköbel: Kaiser Ludwig der Fromme schenkt seinem getreuen „Aeckart“ Güter in Cavilla (und in Stetin = Kilian­städten und in Heldenbergen). Im Jahre 1057 schenkt König Heinrich IV. seinem Diener Kuno (von Arnsburg?) Güter in Kebella, Hint­bach (Himbach) und Bergheim (Langenbergheim) in der Wetterau in der Grafschaft Malstatt. Marköbel dürfte danach Königsgut und dann im Besitz der Münzenberger gewesen sein.

Im Jahre 1220 verlegt Kaiser Friedrich II. den Markt, der bisher in Kebeln (dem alten Kastellplatz am Straßendurchlaß für die „Hohe Straße“) gehalten wurde, nach seiner Stadt Gelnhausen. Die „Köbeler Messe“ bestand aber noch bis ins 15. Jahrhundert (Zinstermin).

Marköbel war 1275 und 1304 ein Dorf der von Falkenstein (als Erben der Münzenberger). Doch hatte schon 1298 vermutlich auch Hanau Anteil (nach anderer Angabe schon 1250).

Zwischen 1304 und 1317 wurde Marköbel von Hanau er­worben. Im Jahre 1368 erhielt Hanau vom Kaiser die Erlaubnis, Mar­köbel zu befestigen und zu einer Stadt und Markt zu machen (mit Niederdorfelden, Bruchköbel und Schaafheim); daraufhin wurde wohl die starke Dorfbefestigung angelegt.

Marköbel war nun ein Dorf des Amtes Windecken, aber mit eigenem Hochgericht und Märkergericht und Freiheiten. Im Dreißigjährigen Krieg wurde es fast völlig zerstört, denn 1634  brannten Weimarische Truppen den Ort ab. In einem Bericht von 1634 heißt es über Marköbel: „Dieser Flecken hat gehabt 1 Kirche, 1 Rathaus, 1 Pfarrhaus, 1 Schulhaus, 1 gemei­ne Herberg, 3 eingängige Mühlen, 104 Wohnhäuser und 95 Scheunen neben schönen Stallungen. Hirzbach: Allda sind durch die Weimarschen abgebrannt 5 Häuser, 2 Scheu­nen, und stehen noch 2 Häuser, 7 Scheunen. Rodt (Baiersrod): Dieser Hof hat gehabt 4 Häuser und 4 Scheunen, die sind durch die Weimarischen auch ganz in die Asche gelegt“.

Im Jahre 1970  kam es zum Zusammenschluß der Gemeinden Langen-­Bergheim, Kreis Büdingen und Marköbel,  reis Hanau zur Gemeinde Hammersbach.

 

Das Untertor wurde Mitte des 14. Jahrhunderts erbaut und war zeitweise Gefängnis. Vor dem Tor steht ein Gebäude mit einem Wappenstein von 1706 (Sparren mit Hand als Zeichen der Freiheit (Hanau Stadt und Land, Seite 85). Auf der anderen Seite mündet die Ringstraße mit ihren Zeugen jahrhundertealter Zimmermannskunst. Auch ein Teil der etwa einen Meter dicken, aus Basaltsteinen errichteten Ringmauer, ist hier sichtbar. Zwischen Ringstraße und Nordstraße lag der östliche Teil des Ortes.

Die breite, fast geradlinig verlaufende Dorfsstraße ist eingesäumt von schmucken Gehöften.

An der rechtwinkeligen Kurve trifft man auf das im Jahre 1686 von Johann Georg Dietz, Zimmermann in Windecken anstelle des „Spilhauses“ erbaute Rathaus (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 232). Das wunderschöne, mittelalter­liche Fachwerkhaus war lange Zeit auch gleich­zeitig Gerichtssitz und trägt an seinem großen Querbalken die Inschrift:

„Richter, richte recht,

Dan Gott ist Richter

und du bist Knecht!

Wirstu richten mich,

So wird Gott richten dich.

H. Schulth. Wolfgang Schrödel, Baum(eister) Casp. Heck, Jost Gärtner. Anno 1686“.

Im Haus gibt es teil­weise altes Inventar (Türen, Schrank) (Schloß des Ge­richtssehranks in: Hanau Stadt 8nd Land, Seite 85). Am Haus findet sich auch das Ge­richtswappen (Spar­ren mit Hand und Schwert. Bis 1986 war das Haus Sitz der Gemeindeverwaltung.

Östlich der Kirche ist die Kirchstraße, die aber wohl auch den Namen „Junkernhof“ hat (wo lag dieser?). Der Kirchhof ist durch eine heute noch zum Teil erhaltene Mauer befestigt. Er diente den Marköbelern in Kriegszeiten als letzte Zufluchtstätte.  Bis zum Jahre 1821 wurde er als Friedhof benutzt, der  Boden um die Kirche ist stark aufgefüll­t.

Die Pfarrei wurde erstmals 1192 genannt. Patrone waren die von Falkenstein zu zwei Dritteln (seit 1418 Isenburg), Hanau ein Drittel; zweimal präsentiert Isenburg, dann einmal Hanau den Pfarrer. Die Pfründe kam bis um 1600 dem Patron als „Pastor“ zu.

Wohl im achten Jahrhundert ent­stand auf dem ehemaligen römischen Kas­tellbad eine Holzkirche als erster Sakral­bau. Danach gab es eine Steinkirche, deren Turm zunächst für die  heutige Kirche als Ostturm übernommen wurde. An der Südostecke des Gotteshauses befindet sich in etwa 1,70 Meter Tiefe eine mittelalterliche Mauer, die auf Einen früheren Bau schließen läßt. Darunter und bis zur Südumfassungsmauer sind die Reste eines römischen Hypokaustbades.

Die jetzige Kirche wurde 1741 als unverputzter Saalbau mit abgeschrägten Ecken und Walmdach erbaut, eine „typische reformierte Predigtkirche“ erbaut. Altar und Kanzel sind in den Mittelpunkt ge­rückt. Die Kirche mit umlaufenden Empo­ren vermittelt so einen ungewöhnlichen Raumeindruck: Hier tritt man von der nördlichen Längsseite ein und steht direkt dem Altartisch sowie der Kanzel gegen­über. Die Bänke sind von alters her an den drei anderen Seiten angeordnet. Es gibt auch dreiseitige, zweigeschossige Emporen. Die Kanzel steht an der Südseite und stammt aus der Rokokozeit. Die Orgel, die 1888 von der Firma Wilhelm Ratzmann, Gelnhausen, geliefert wurde, ist 1978/79 durch die Firma Hey, Ostheim in der Rhön, erneuert worden. Die heutige Orgel ist 1888 für 4.400 Mark eingebaut wor­den. Sie mußte zwischendurch lang auf ihre Engelchen verzichten. Erst seit der Kirchenrenovierung in den 70er Jahren sind sie wieder in Marköbel: Man hatte sie vorher aus undurchsichtigen Gründen in Hanau „archiviert“ und dann vergessen. Das Innere der Kirche wurde 1977‑1980 renoviert und erhielt einen neuen Farbanstrich, dabei wurde auch der Altar neu gestaltet.

Der Turm wurde 1868 abgerissen und im Westen wurde ein neuer errichtet, eine Inschrift an der Eingangstür weist auf die Erbauung hin. Er brannte 1883 bis auf den Stumpf nieder und wurde im gleichen Jahr wieder aufgebaut und etwas erhöht.

An der Ostseite der Kirche ist ein romanischer Bogen im Mauerwerk zu sehen. An den Außenwänden der Kirche sind mehrere Grabsteine aus dem 17. Jahrhundert angebracht. Erhalten ist ein Grabstein des Schultheißen Schenck von Schweins­berg (gestorben 1563) und andere.

Der Kirchplatz ist im Osten, Süden und Westen von einer alten Wehrmauer eingefaßt.

Die Lutheraner gehörten bis 1818 zur lutherischen Pfarrei Rüdigheim. Die Katholiken werden von Butterstadt versorgt.

 

Das Obertor mit Außentor wurde im 19. Jahrhundert abgebrochen. Nur noch ein mächtiger, runder Turm zeugt von der Wehrhaftig­keit des Ortes. Hier ist noch ein ganzer Teil der im 14. Jahr­hundert erbauten Ringmauer zu sehen (südlich in der Erbsenstraße allerdings nicht mehr in voller Höhe).

 

Der alte Friedhof wurde 1822 errichtet auf dem römischen Kastell und dem Graben der mittelalterlichen Befestigung (14 Meter breit, 3 Meter tief). Die Erweiterung  westlich der Lindenstraße erfolgte um 1990. An der nördlichen Ecke befindet sich der jüdische Friedhof. Juden wurden in Marköbel erstmals 1502 erwähnt. Ihr Friedhof wurde 1835 neben dem christlichen Friedhof angelegt. Vorher wurden die Bestattungen in Windecken vorgenommen. Die letzte Bestattung war 1937.

Das neue Schulhaus für Marköbel wurde im Jahre 1953 erbaut.

 

 

Langenbergheim:

Im Jahre 1057  wird Langenbergheim erstmals urkundlich erwähnt. Im 14. Jahrhundert entstand in Langen‑Bergkeim die St. Jakobuskapelle. Ein Nach­folgebau des Jahres 1583 wird im Jahre 1752 von der heutigen Kirche, einem geräu­migen Saalbau mit dreiseitigem Schluß, die Emporen zum Teil zweigeschossig, abgelöst. Die Orgel entstand nach einem Entwurf des bekannten Orgelbauers Bürgy, Bad Homburg, von 1787.

 

 

 

Hirzbach:

Mehrere große Bauernhöfe aus altem Klosterbesitz bilden den Kern der kaum 100 Einwohner zählenden Siedlung Hirzbach, heu­te ein Ortsteil von Hammersbach. Keltische und römische Funde weisen darauf hin, daß Hirzbach schon sehr lange besiedelt ist. Hirzbach wurde erstmals 1128 erwähnt.

Wenn man von der Straße in den Ort hineinfährt kommt man links zum „Kapellenhof“. An der ersten (östlichen) Einfahrt geht man auf das Gelände des Hofes und hinter den Häusern ein wenig den Hang hinauf. Dort steht am südlichen Ortsrand die Marienkapelle. Sie kommt zuerst in einer Urkunde von 1254 vor, als  Reinhard von Hanau die der Jungfrau Maria ge­weihte Kapelle den Antonitern zu Roßdorf schenkte (deshalb auch „Antoniterkapelle“).

Archäologische Untersuchungen belegen aber immer wieder, daß man aus schriftlichen Quellen nur selten Rückschlüsse auf das genaue Alter einer Kirche ziehen kann. So ist es auch hier, denn fraglos ist die romanische Kapelle von Hirzbach eines der ältesten erhaltenen Baudenkmäler im Main‑Kinzig‑Kreis.

 

 

Im Zuge der Sanierung des Kirchleins wurden Erdschichten abgetragen, um das Darunterliegende mit Meßlatte und Fotoapparat zu dokumentieren. Vor Beginn neuerer Sanierungsarbeiten führte der Hanauer Geschichtsverein zwi­schen 1989 und 1992 archä­o­logische Ausgrabungen durch, um die Vergangenheit des alten Bauwerkes aufzuhellen. Dabei wurden die Grund­mauern von zwei Vorgängerbauten (Fachwerk mit Steinsockel) gefunden. Ihr auffällig­stes Merkmal war zunächst ihre starke Abweichung von der üblichen Ost‑West‑Achse.

 

Die Fundamentreste und die Lage eini­ger Skelettfunde beweisen, daß der erste Kirchenbau bereits in karolingischer Zeit errichtet  wur­de. Vielleicht gehörte die Kapelle zu einem karolingischen Adelsgut, von dem es aber keine Spuren mehr gibt. Ihre bescheidenen Spuren fanden sich als eine schma­­le Verfärbung im Erdboden, in der früher einmal die Schwellbalken eines Kirchen­gebäudes in Holzbauweise eingegraben waren. Zu dieser ersten Kirche gehörten meh­rere der insgesamt weit über 100 ausgegrabenen Gräber, darunter ein herausgehobenes Grab mit den Resten eines goldbrokatverzier­ten Gewandes, das ursprünglich im Innenraum der einstigen Kir­che angelegt worden war.

Der zweite Kirchenbau gibt sich durch eine stellenweise deutlich als Bodenver­färbung erkennbare Ausbruchsgrube steingemauerter Fundamente zu erkennen. Wahrscheinlich war es eine rechteckige Saalkirche Dieser Graben wurde offensichtlich verfüllt, als man das Bauwerk abbrach und die jetzt noch stehende Kirche errichtete. Auch dieser Kapelle konnten weitere Bestattungen zugeordnet werden.

Man vermutet, daß der heutige frühromanische Kapellenbau aus dem 11. oder 12. Jahrhundert stammt. Es ist eine steingemauerte einfache Saalkirche mit rechteckigem Schiff und geringfügig eingezogenem, annähernd quadratischem Chor. Ihr ursprünglicher Eingang befand sich an der Nordseite, wie man heute noch an dem vermauerten Bogen an der Nordwestseite sehen kann. Die hoch­sitzenden Fenster sind gotisch verändert.

Der Altarraum im Osten der Kapelle wurde durch einen auf zwei Säulen gestellten farbig bemalte romanische Triumphbogen vom Schiff der Kirche getrennt. Er bildete den bemer­kens­wertesten Teil der Kirche von Hirzbach. Dieser Triumphbogen zum Chor stammt aus der Zeit um 1180. Er bestand aus zwei verzierten hohen Basen, auf denen stark kannelierte Säulen stan­den. Sie trugen kräftige Würfelkapitelle in ungewöhnlicher Recht­eckform, auf denen aus den Pfeilern hervortretende Kämpferplat­ten ruhten. Diese waren reich verziert und trugen einen doppelten Plattenbogen, der durch Bindersteine verbunden war. Die reiche Meißelarbeit war von guter Qualität. Momentan ist noch nicht sicher, wann der möglicherweise aus zwei verschie­denen Werkstätten stammende Chorbogen entstand. Der 1906 abgebrochene Chorbogen Bogen kam in das Museum des Hanauer Geschichtsvereins. Er fiel im 2. Weltkrieg einem Bombenangriff zum Opfer. Nur die Kapitelle und ein Sakramentshäuschen sind noch erhalten und lagern im Keller von Schloß Philippsruhe.

 

Am 10. Oktober 1254 schenkte Graf Reinhard von Hanau die Kapelle samt dazugehörigem Kapellengut  „wegen Gott und der gesegneten Gottesmutter Ma­ria und aller Heiligen Gottes zur Vergebung unserer und unse­rer Vorfahren Sünde“ dem in Roßdorf ansässigen Johanni­ter‑Orden, der dort ein Kloster und Hospital hatte. Rund 550 Jahre (über 18 Generationen) lang gehörte das Kapellengut und weitere Höfe in Hirzbach dem kirchli­chen Orden. Die Größe des damaligen Kapellengutes ist nicht be­kannt, sie wird um 1750 mit 154 Morgen angegeben. Daneben gab es zu dieser Zeit mindes­tens zwei weitere Johanniter­-Güter mit 199 bzw. 150 Morgen und ein Ilbenstädtergut (Prä­monstratenser‑Orden) mit 264 Morgen. Das Grundeigentum in Hirzbach war bis 1803 fest in der Hand der katholischen Orden. Über Jahrhunderte hin­weg bewirtschafteten von der Kirche abhängige Pächter die landwirtschaftlichen Höfe.

Wie verschiedene Hin­weise am Bauwerk selbst, aber auch archäologische Funde zeigen, hat man die Kapelle wohl im Zusammenhang mit dieser Schen­kung Reinhards I. noch in der Mitte des 13. Jahrhunderts völlig umgestaltet. Der Grundriß blieb unverändert. Der ursprüngliche Nord-Eingang wurde aber vermauert und die Öffnungen an der Westseite mit Spitzbogen versehen. Die Gewändesteine wurden mit einer Scheinquaderung übermalt, die jetzt noch im Gewände des Westfensters zu sehen ist.

Damals entstand ein Altarfundament, unter dem sich zwei Münzen aus der ersten Hälfte oder der Mitte des 13. Jahrhunderts fanden. Ornamentierte Fliesen, von denen im Schutt der Ausbruchsgrube des Chores zahlreiche Bruchstücke gefunden wurden, hat man als Bodenbelag verlegt. Bisher sind sechs verschiedene Verzierungsty­pen nachgewiesen, deren jüngster allerdings erst im 15. Jahrhun­dert entstanden ist und uns Umbauarbeiten des späten Mittelalters dokumentieren

 

Obwohl die Johanniter 1441 von Roßdorf nach Höchst verzogen, wurde die Tradition, wöchent­lich zwei Messen in der Kapelle zu lesen, zunächst aufrecht erhalten. In der Reformationszeit schloss sich die Grafschaft Hanau 1523 der neuen Glaubensrichtung an. In protestanti­scher Umgebung hatte die katholische Kapelle keine wirk­liche Funktion mehr. Im Jahre 1534 wird der vermutlich letzte Antonitergeistliche in Hirzbach erwähnt. Spätestens 1549 war auch Marköbel evangelisch. Im Jahre 1566 wurde der katholische Gottesdienst in der Kapelle offiziell eingestellt, gleichzeitig wurde der protestantische Pfarrer in Marköbel dazu verpflichtet, dort eine wöchentliche (bald 14-tägige) Predigt zu halten. Nach dem 30jährigen Krieg ging dann die Nutzung der Kapelle auf zwei Gottesdienste im Jahr zurück: zu Mariä Verkündigung und Mariä Geburt (offenbar fiel das zusammen mit den Markttagen). Die Kapelle wurde noch bis zum Jahre 1840 zum Gottesdienst benutzt.

 

Der bauliche Zustand der Kapelle verschlechterte sich immer mehr. In der Neuzeit ist die Baugeschichte der Kapelle eine Geschichte des stetigen Verfalls. Schon in einem Schreiben des Marköbler Pfarrers Heupehus aus dem Jahr 1609 heißt es, es „stinkt und steche darin wie in einem saustal“. Zwischen 1615 und 1619 richten die ,,Underthenig gehorsame Underthanen zu Hirtbach“ ein Bittgesuch an die Regentin Katharina Belgia, sie möge für die Reparatur der Kirche sorgen, weil sonst der 14-tägige Predigtgottesdienst womöglich wegfallen müsse. Besonders im Winter sei es nahezu unmöglich, die Kirche zu benutzen.

Im Jahr 1634 ging das alte Hirzbach bei einem Überfall einer Truppe schwedischer Soldaten in Flammen auf. Nur die Kapelle und zwei Scheunen blieben stehen. Obwohl es 100 Jahre dauerte bis Hirzbach wieder die Bevölkerungszahl von 1634 erreichte, wurde die Kapelle schon 1668 mit einem neuen Schieferdach gedeckt. 17 Jahre später protestiert der Marköbler Kirchenvorstand dagegen, daß der Roßdorfer Präzeptor des dortigen Klosterhofes der Antoniter das „Schiefersteindach von diesen Kirchen abheben, die Schiefersteine nach Roßdorf führen lassen und hingegen versprochen hat, sie mit Ziegeln decken zu lasen, welches aber nicht geschah, sondern nur mit Stroh decken lassen, dadurch der gänzliche Ruin verursacht worden.“ Weitere 10 Jahre später wird gemeldet, daß „nichts mehr alß schadhaffte gemäuer noch stehet.“

Die Antoniter hatten offenbar kein Interesse, für den baulichen Erhalt der Kapelle zu sorgen, denn die Gottesdienste wurden ja von den evangelischen Geistlichen von Marköbel gehalten. Im April 1700 schreibt Pfarrer Jung an das Konsistorium, „daß die letzt verstrichene Ostern, als sie den Gottesdienst in der Kirchen halten wollten, ein Stück der alten Mauer heruntergefallen und beynahe einige Leute erschlagen hätte. Weswegen sie auch den Gottesdienst abbrechen mußten.“

 

Im Jahre 1705 bekommt die Kapelle endlich wieder ein Dach und die Eckverzahnungen werden erneuert, Fenster werden aber nicht eingesetzt. So ist die Kapelle schnell wieder in einem schlechten Zustand und erst 1746 wird dann das Gebäude ordentlich renoviert. Das ist die letzte Renovierung für lange Zeit. Das Anwesen mit Kapelle gehörte bis 1803 den Roßdorfer Antonitern. Als der Orden aufgelöst wurde, ging die Kapelle in den Besitz des Hauses Hessen-Kassel über. Angeblich findet 1840 der letzte Gottesdienst dort statt.

Hessen-Kassel verkauft dann den ganzen Hof an die Pächterfamilie. Die Kapelle wurde als Scheune genutzt und umgestaltet. Die Säkularisierung der Kapelle hat histo­risch gesehen vermutlich den größten Schaden in der rund 700jährigen Geschichte des Baus verursacht. Vom Chor blieb nur noch der Fußboden übrig. Der kleine qua­dratische Chor wurde in den Jahren 1905/1906  abgebrochen, die Steine zum Straßenbau genutzt.

In der Kapelle selbst buddelte sich der weltliche Besitzer einen Kar­toffelkeller und das Bodenniveau dabei gehoben. Der Gebetsraum diente als Scheune und als Abstellplatz für den  Traktor. Dank der Nutzung als Feldscheune blieb aber das Hauptschiff erhalten, und wurde 1974 unter Denkmalschutz gestellt.

Erst ein privater Besitzer des Grundstücks sorg­te für den Erhalt und die Renovierung der Kapelle. Im Jahre 1988 verkaufen die Nachkommen des früheren Pächters den Hof an Christoph Neizert. Im Jahre 1989 formierte sich der Förderverein Hirzbacher Kapelle e.V., der gemeinsam mit der Gemeinde, dem Kreis und den Denkmalschutzbehörden die Kapelle grundlegend renovierte. Der Hanauer Geschichtsverein führte archäologische Grabungen durch, deren Auswertungen jetzt in einer schönen Publikation vorliegen (zu bestellen bei den u.a. Personen). Der neue Eigentümer übergab die Kapelle dem Verein unentgeltlich zur langfristigen Nutzung für kulturelle Zwecke. Es findet nun einmal pro Jahr ein ökumenischer Gottesdienst zu Himmelfahrt statt. Die Kapelle ist ein würdiger Ort für eine Reihe von Konzerten und Taufen, Hochzeiten gibt es auch öfters. Die Kapelle lädt ein zur Einkehr, wobei die einen Stille finden, die anderen die gute Akustik zum Singen verleitetet. Ein öku­menischer Gottesdienst in der Hirzbacher Marienkapelle anläßlich der 875‑Jahr‑Feier von Hirzbach am letzten Juni‑Wo­chenende 2003 erin­nerte an die frühere Bedeutung der Kapelle.

 

 

Ein Bild des Triumphbogens findet sich in „Hanau, Stadt und Land“ (Seite 127).

Ein Bild der Kapelle im Jahre 1978 findet sich in „Archäologische Denkmale“ (Seite 157).

Förderverein Hirzbacher Kapelle e.V., Hirzbacher Höfe 7, 63546 Hammersbach, Telefon 0 61 85/ 7542 oder 1614. Falls Sie weitere Fragen zur Kapelle haben, können Sie sich gern an Katharina von Werthern (06185-7542) oder Christoph Neizert (06185-1614) wenden. Eine Spende für die Unterstützung zum weiteren Erhalt der Kapelle und dem kulturellen Programm ist sehr willkommen (siehe Sparschwein).

 

 

Bestattungen:

Ein Hirzbacher Friedhof wird zwar in Urkunden er­wähnt, ist aber heute nicht mehr erkennbar. Einen Gottesacker hatte man an der Ka­pelle nicht erwartet, weil die Toten in der Regel an der Pfarrkirche bestattet wur­den. Bis zum Ende des 15. Jahrhun­derts wurden die Hirzbacher an der Kapelle bestattet. Aber nicht nur die Hirzbacher Päch­ter wurden dort beerdigt, son­dern möglicherweise auch hö­here Würdenträger des Johanniter‑Ordens, denn bei einem Skelett wurden Stoffetzen mit Goldbrokat gefunden. 131 Grä­ber und 352 Skelette fanden die Archäologen bei ihrer Grabung an der Kapelle. Daß die Zahl der Gerippe höher ist, als die der Ruhestätten, liegt an der Mehrfachnutzung der Gräber. Aller­dings ist der Friedhof nur soweit archäo­logisch erkundet worden, wie dies für die anschließenden Sanierungsarbeiten an dem Sakralbau nötig war.

Ein Gottes­acker im besten Wortsinn war der Fried­hof: Man vergrub die Leichen einfach. Ge­denksteine waren eher für hochgestellte Persönlichkeiten üblich. Ob jemals ein Adelsmann seine letzte Ruhestätte an der Hirzbacher Kapelle gefunden hat, ist trotz eines gefundenen Stoffetzens mit Goldbro­kat fraglich. Die ansonsten typischen Grabbeigaben blieben unauffindbar. Im Hochmittelalter (Ende des 15. Jahrhun­derts) hörte es mit den Bei­setzungen auf dem Hirzbacher Friedhof schlagartig auf. Die Toten fan­den nun an der Marköbeler Pfarrkirche ihre letzte Ruhe.

Bei den Ausgrabungen dicht an den Au­ßenmauern der Kapelle stießen die Ge­schichtsforscher auf viele Säuglings‑ und Kleinkinderskelette. Rund 52 Prozent der gefundenen sterblichen Überreste stam­men von Menschen, die vor dem 13. Le­bensjahr das Zeitliche segneten. Dies ist nicht außergewöhnlich, ins­besondere wenn die jung Verstorbenen nicht getauft werden konnten. Mit dem Regenwasser, das vom Kirchhausdach auf deren Gräber plätschert, werden dem Volksglauben nach die Sakramente postum erteilt.

Barbara Hollack von der Universität in Marburg unter­suchte die Skelettreste anthropologisch, vermaß sie und begutachtete sie visuell. Eine che­mische Analyse scheiterte an den Kosten ‑ und auch an der Pietät. Die ermittelten Daten ergeben dennoch ein Bild von den Menschen, die vor 600 bis 700 Jahren in Hirzbach lebten.

Rund 51 Prozent der Be­wohner wurden zwischen 61 und 80 Jahre alt. Die nächst­ größere Altersgruppe wa­ren die 41‑bis 60jährigen, die 22,6 Pro­zent der Verstorbenen ausmachten. Es müssen überwiegend Schwerarbei­ter, vermutlich Bauern, gewesen sein, denn die Anthropologin stellte bei 92 Pro­zent der Männer und 91 Prozent der Frauen Spondylosis deformus fest. Diese starke Wirbelabnutzung sei auf eine hohe Bandscheibenbelastung zurückzuführen - eine für damalige Bauern typische Be­rufskrankheit.

 

Brüder Neizert:

 

Die Brüder Neizert haben 1989 das ziemlich heruntergekommen Anwesen Hirzbacher Höfe gekauft. Christoph Neizert gründete im Herbst 2001einen Naturland‑Ökobetrieb: Kartoffeln für die Di­rektvermarktung, Weizen und Roggen als Back‑ und Futtergetreide, dazu artgerech­te Freiland‑Haltung von bis zu 100 Schwei­nen und Naturschutz mit bis zu einem Ki­lometer neue Hecken und einem Grabentaschen‑Biotop am vorbeifließenden Hirz­bach. Diese Ziele hat sich Christoph Nei­zert gesetzt.

Im September stellte er den studierten niedersächsischen Landwirt Ro­bert Hühner ein. Mit ihm als Betriebslei­ter und der Substanz des aus Gesundheits­gründen aufgegebenen einzigen Hammers­bacher Biohofs als Grundstock machte er seinen Traum vom eigenen Landwirt­schafts‑Betrieb wahr.

Sein Geld verdient Betriebswirt Nei­zert, Mehrheitseigner der Höchster Porzel­lanmanufaktur, als geschäftsführender Ge­sellschafter in einem amerikanischen Ven­ture‑Capital Fonds. Dane­ben betreibt er das Seminarhaus „Kapellenhof“ im Ham­mersbacher Weiler Hirzbach, wo er seit 13 Jahren lebt.

Anfangs blickte die Gemeinde mit Wohlgefallen auf den Idealisten, der mit seinem künstlerisch tätigen Bruder das jahrhundertealte, verfallene Anwesen rettete. Dazu gehört auch der namensge­bende Sakralbau. Das „alternative Tagungshaus“ mit einfa­cher Unterbringung und Vollwertkost ist von Seminaren mit Gruppen belegt. Meist geht es um Wege der Selbsterfahrung. Die Renovierungen sind abgeschlossen, das Tagungszentrum ein Selbstläufer.

So hat Neizert den Kopf wieder frei für ande­res. Er sagt: „Seit ich Hirzbach kenne, sind Flora und Fauna verarmt. Anfangs hatten wir noch regelmäßig 20 Rebhühner, dazu Kie­bitze. Das ist alles weg!“ Für ihn ist das ein Re­sultat der brutalen Art von Landwirt­schaft, die Sträucher und Bäume beseiti­ge und bis zum Erbrechen Dung und Wege unterpflüge. Jetzt will er mehrere Fliegen mit einer Klappe schla­gen? Biogemüse für das Tagungshaus anbauen und gleichzei­tig etwas für die Natur tun.

Die örtlichen Landwirte trauen dem Unterneh­mensberater keine ernsthaften Absichten zu. Sie versuchten, ihm die Pläne zu ver­masseln ‑ mit behördlicher Unterstützung. Als der 46-Jährige mit einem Nachbarn über den Kauf von drei Hektar Acker handelseinig war, machte ihm das Amtsge­richt Hanau einen Strich durch die Rech­nung. Es sprach dem Nichtlandwirt das Recht zum Erwerb des Felds ab.

Geklagt hatte nicht die örtliche Bauernschaft, die sich von Neizert in ihrer langjährigen Pra­xis abgesprochener Landaufteilung ge­stört fühlte. Als Klägerin trat vielmehr die Hessische Landgesellschaft (HLG) auf, ein gemeinnütziges Unternehmen im Besitz des Landes und des Bauernverbands. Die Hauptabteilung Landwirtschaft, Forsten und Naturschutz beim ­Kreis hatte den Fall vorher geprüft, wie jeden Ackerverkauf von mehr als 50 Ar an Nicht­landwirte. Die HLG übt auf Grundlage des Grundstücksverkehrs‑Gesetzes von 1961 und des Reichssiedlungsgesetzes von 1919 ein Vorkaufsrecht aus, um es für Haupter­werbslandwirte zu sichern und Spekulati­on zu unterbinden.

Erst seit zehn Jahren, so Hauptabteilungsmitarbeiter Berno Zimmer, haben auch Nichtlandwirte Chancen. Neizert siegte erst in zweiter Instanz am Oberlandesgericht Frankfurt. „Mit einem besseren Anwalt hätte die HLG gewonnen,“ sagt Walter Scheuerle. Der Ortslandwirt, Pächter der fast 300 Hektar großen Staatsdomäne Baiersröderhof, hatte selbst Interesse an den drei Hektar ge­zeigt - im Auftrag seiner örtlichen Kolle­gen, sagt er. In einem zweiten Fall war er ebenfalls als Mitbewerber Neizerts aufgetreten, was nach dessen Darstellung den Preis in die Höhe trieb.

Es gab ein Gespräch aller Bauern mit SPD‑Bürgermeisterin Helga Meininger und Neizert, in dem man dem Eindringling bedeutete, er solle seinem Hobby doch im Vogelsberg nachgehen. Den frucht­baren, knappen Boden in der Rhein‑Main­-Region brauchten die Haupterwerbler zum Überleben. Im Ort streute derweil je­mand das Gerücht, Neizert sei Scientologe. Als sich dann herumsprach, daß er noch eine benachbarte Scheune erwerben will, versuchte Scheuerle höchstpersönlich den Verkaufswilligen von dem Geschäft abzuhalten. „Man habe es dem Neuen etwas schwerer machen wollen“, bestä­tigt er unumwunden.

Mit der Öko‑Ausrichtung dieser „Hobby-Landwirtschaft“ habe dies nichts zu tun, so Scheuerle. Gleichwohl sei sie ihm suspekt. Er hat mittlerweile akzeptiert, daß Neizert durch den Gerichtsentscheid zum Nebenerwerbler avanciert ist und gegen ei­ne Erweiterung seiner 20 Hektar juris­tisch nichts mehr auszurichten ist. Nach Kräften blockiert man sich weiter gegen­seitig ‑ verweigert sich auf benachbarten Grundstücken etwa einen Landtausch, der beiden Seiten nutzen könnte.

Wenn sich der Konflikt nicht bald ent­schärft, muß Neizert fürchten, daß ihm die Gemeinde demnächst bei seinen Biotopvorhaben Probleme macht. Und es ist sogar denkbar, daß sie ihm bei nächster Gelegenheit gemeindliches Pachtland ent­zieht. Damit aber würde biologisch in konventionell bestelltes Land zurückverwan­delt ‑ Agrarwende einmal andersrum.

 

Baiersröderhof : Der Hof, auch Pfaffenhof genannt (Rode 1139, Rade 1319, Baiersrode 1348) war schon 1139 Eigentum des Klosters Ilbenstadt; die von Carben hatten auf dem Hof als hanauische Burgmannen zu Windecken Dienst und Freiheit. Im Jahre 1802 wurde der Hof an die Grafen von Leiningen, 1804 an Kurhessen verkauft.

 

 

Radtour Marköbel - Rommelshausen - Eichen – Marköbel

Westlich des Obertors und des alten Friedhofs  in Marköbel geht die Lindenstraße ab. Diese fährt man hinter und biegt dann links um den neuen  Friedhof herum und fährt in Richtung Wald.
Vorbei an den Kleingärten am Weidenborn und vorbei an der Obermühle kommt Man zur der Feldscheune bei der Linde. Dort geht es rechts weiter. Am Waldrand entlang kommt man zu der Stelle, wo der Limes in den Wald eintaucht. Man biegt nicht wie auf der Apfel- und Obstwiesenroute vorgeschlagen nach links ab, sondern verfolgt den Limes weiter, auch wenn der Weg nicht so gut ist.

Der Limes wurde 1912 bei der Flurbereinigung in der Feldflur eingeebnet. Ein Stein mit der Inschrift „Pfahlgraben 1912“ am Weg von Langenbergheim über den Weinberg nach Marköbel erinnert noch daran. Dort sollen auch noch Fundamente des Wachtturms 107 zu sehen sein.

Im Wald ist der Limes noch gut erhalten. Links des Weges ist der Wall. Der Weg verläuft an der Stelle des Grabens, rechts vom Weg war die Palisadenwand. Bei der Drususeiche stand der Wachtturm 105. Auch die Fundamente des Wachtturms 103 sollen noch zu sehen sein, sind aber ohne Hilfe nicht zu finden.

Wo der Limes die Landstraße von Ostheim nach Rommelshausen überquert, ist der Limes ein Stück rekonstruiert. Jenseits der Straße geht man nicht auf dem Kamm des Walls weiter, sondern fährt auf dem Schotterweg immer am Limes entlang. Nach einer kleinen Abfahrt geht kurz hinter der Siedlung, die zu Rommelshausen gehört, ein Weg nach links ab (der nicht in der Karte verzeichnet ist). Er führt schließlich durch das Naturschutzgebiet Buschwiesen zur Straße von Höchst an der Nidder nach Osten. Dese Straße fährt man ein Stück nach links und dann bald wieder nach links in den Radweg, immer noch im Naturschutzgebiet. Wo dieser in den Wald eintaucht, geht rechts der Weg weiter nach Höchst.

Am Südrand des Ortes ist eine Stelle mit „Eremitage“ bezeichnet. Hier stand früher die Wasserburg der Herren von Höchst (einer von ihnen kaufte das Hofgut in Wachenbuchen). Doch der Graben ist zugeschüttet, der Teich nicht mehr vorhanden, das Gelände ist privat genutzt und nicht zugänglich.

Man fährt aber weiter nach links ein ganzes Stück in den Wald hin ein. Dann geht es am Wegweiser nach rechts und gleich noch einmal nach rechts in Richtung Eichen. Jetzt geht es immer durch den Wald. Nach links geht ein größerer Weg ab, Wo wieder ein größerer Weg nach links abgeht ist rechts das Waldgebiet „Dicke Steine“ Man geht den nicht ausgebauten Weg nach rechts etwa 100 Meter entlang und findet dann rechts im Wald die „Dicken Steine“, deren Bedeutung aber unklar ist.

Zurück auf dem Hauptweg geht es geradeaus bis zur Bahnlinie. Dort biegt man links ab und kommt in ein Gebiet, wo sich vor allem links Hügelgräber befinden. Der Weg geht dann rechts weiter zum Bahnhof Eichen. Dort bleibt man erst eine Strecke auf dem Radweg neben der Landstraße Eichen - Ostheim. Wo die Straße nach rechts abbiegt, geht es links in den Wald. Der Weg führt über 7 Kilometer in Richtung Marköbel. Man kommt an der Hütte der Vogelschutzgruppe vorbei und überquert die Landstraße von Ostheim nach Rommelhausen. Dann verläßt der Weg den Wald und man kommt wieder zu der Feldscheune, die schon auf dem Hinweg der Markierungspunkt war.

 

 

Limes –Radtour: Eichen - Altenstadt

Gestartet wird in Eichen, einem Wetter­audorf, reich an Fachwerkhäusern. In der Kleinen Gasse nahe der Kirche animiert ei­ne ungewöhnliche Baustelle zum Halten: ein Fachwerkhaus, das neu gebaut wird. Das Fachwerk steht bereits. Durch Wiese­nauen geht es auf dem ausgeschilderten Radweg nach Höchst an der Nidder, um di­rekt vorm Schlösschen links durchs Gäss­chen zum Dorf hinaus zu rollen.

In Oberau holpern die Räder über Kopf­steinpflaster an der Kirche vorbei, dann gleich rechts, um hinterm Neubaugebiet auf einem geschotterten Weg zur K 232 zu gelangen. Am Naturschutzgebiet Höchs­ter Buschwiesen mit Orchideen und vielen Vogelarten führt ein Feldweg hoch zum Wald, wo die Erhebung Buchkopf rechts umfahren wird, bis man auf der L 3347 für ein kurzes Stück nach links abbiegt.

„Da ist der Limes“, frohlockt schon die Vorhut. Hoher Palisadenzaun, tiefer Gra­ben und Wall: eine eindrucksvolle Rekon­struktion der ehemaligen Grenze, wenn auch nur ein paar Meter lang. Erst Ende des 2., Anfang des 3. Jahrhunderts wurde der Limes derart gebaut, zur Personen- ­und Warenkontrolle zwischen römischem Imperium und germanischem Gebiet.

Schnurgerade führt ein drei Kilometer langer Wald‑ und Archäologie‑Lehrpfad entlang des Walls. Infotafeln helfen bei der Spurensuche nach römischen Wachtür­men, die an flachen Waldbodenerhebun­gen erkennbar sind. Bald lädt ein schatti­ger Platz mit einer Galerie unterschiedli­cher Brutkästen zur Rast. Tümpel locken in wasserreicheren Zeiten zum Beobach­ten der Natur Mitten auf dem Wall erhebt sich schließlich die Drusus‑Eiche, ein Baumriese unbekannten Alters, von der Wurzel bis zur Krone hohl und bandagiert.

Am Waldrand verschwindet mit Beginn der Felder der obergermanisch‑rätische Li­mes. An der Weggabelung mit Feldscheu­ne muss entschieden werden. Stracks zu­rück durch den Wald nach Eichen? Oder besteht Lust weiterzufahren? Dann geht es am Fischteich vorbei, durch den Hof der Staatsdomäne Baiersröderhof nach Ostheim, weiter nach Windecken und ab Hel­denbergen auf dem Radweg neben der Straße zurück zum Ausgangspunkt.

 

Limesradweg

Vor kurzem konnte eine Radwegeverbindung zwischen den Gemeinden Hammersbach und Limeshain, somit gleichzeitig eine Verbindung zwischen den Landkreisen Main‑Kinzig und Wet­terau, feierlich in Betrieb genommen werden. Damit wurde eine Verbindungslücke im be­reits bestehenden Radwegenetz geschlossen und ein Teilstück des Limesradweges seiner Funktion übergeben. Die Realisierung dieser Radwegeverbindung wurde in der Vergangen­heit schon des öfteren diskutiert. Im letzten Jahr wurde nun vom Verein „Deut­sche Limesstraße“ der Limesradweg ‑ Teil­stück vom Main zum Rhein ‑ initiiert. Der erste Teilabschnitt von der Donau zum Main wurde bereits im Frühjahr 2000 eingeweiht. Ziel ist es, einen etwa 800 Kilometer langen Radweg, gespickt mit Limesattraktio­nen bieten zu können.

Hammersbachs Bürgermeisterin Helga Mei­ninger und ihr Limeshainer Amtskollege Klaus Hühn ergriffen nun die Chance beim Schopf, endlich die oft angedachte Radwegeverbin­dung entlang des noch gut sichtbaren Limes­walls zu realisieren.

In diesem gesamten Kontext ist auch das En­gagement der Gemeinde Hammersbach bei

Der „Naturlandstiftung“, die mit der Gemein­de die Biotopvernetzung entwickelt hat, beim „Landschaftspflegeverband“, der enormes zum Erhalt der ökologisch herausragend be­deutsamen Streuobstwiesen beigetragen hat, oder auch bei der „Obst‑ und Apfelweinwie­senroute“ zu sehen, deren Ziel es ist, die Ge­gend touristisch weiter zu erschließen.

 

 

 

 

Ronneburg

 

Hüttengesäß

Ronneburg liegt idyllisch am Fuße der Burg Ronneburg, eingebettet in das reizvolle, gleichnamige Hügelland, nordöstlich von Hanau.

 

Lage: Höhe über N.N. 155 Meter. Hüttengesäß liegt in der äußer­sten NO‑Ecke des Kreises unweit der Kreisgrenze und der Ronneburg am Fallbach. Die Gemarkung (758 ha groß; Ge­meindewald 123 ha, davon 58 ha in der Gemarkung Alt­wiedermus, Kr. Büdingen) wird von den Gemarkungen Mar­köbel, Rüdigheim, Ravolzhausen und Langenselbold im nach NO offenen Halbkreisbogen eingeschlossen.

Bodenfunde: Urgeschichtliche Funde aus der Gemarkung sind bis jetzt noch nicht bekannt (vielleicht, weil freiwillige Helfer am Orte fehlen).

 

Name:

Die älteste Namensformen lauten „Hutengesezze“ (1238) und „Hitthengeseze“ (1264). Kurz bevor der heutige Bürgermeister Kleine im Jahre 1972 das Bürgermeisteramt antrat, verloren nicht nur die Hüttengesäßer den identitätsstif­tenden uralten Namen ihres Dorfes. Auch die heute jeweils etwa 700 Einwohner von Altwiedermuß und Neuwiedermus firmie­ren seit der Gebietsreform in den Jahren 1971/72 zumindest offiziell als Ronnebur­ger. Die Leute sind stolz auf den Namen Ronneburg und die Burg, aber mindestens genauso stolz sind sie auf die Einzelnamen der drei Dörfer.

Vor allem die 2.000 Hüttengesäßer lassen es sich nicht nehmen, sich als solche zu fühlen. Der Name ihres Dorfes taucht erstmals in einer Urkunde im Hessischen Staatsarchiv aus dem Jahre 1236 in schriftlicher Form auf. Von vielfältigen, im­mer wieder wechselnden Schreibweisen zwischen 1236 und 1350 weiß der stellver­tretende Vorsitzende des Ronneburger Ge­schichts‑ und Heimatvereins, Reiner Erdt, zu berichten. Etwa „Hittengesess, Hitten­gesze, Hitfingefflyze oder Hyttengesess“.

Im 11. bis 14. Jahrhundert waren Ortsnamen mit der Endung „Gesäß“ als Bezeichnung für „Siedlung“ oder „Sitz“ in Mode. Beispiele sind Orte wie Eidengesäß bei Gelnhausen, Etzengesäß im Odenwald oder das nicht weit entfernte Bössgesäß im Kreis Büdingen.

Darüber, was es mit der ersten Hälfte des Namens, dem „Hütten“ vor dem Gesäß auf sich hat, gehen bei den Historikern die Meinungen auseinander. Nur eines ist ge­wiß, mit dem heutigen Wort „Hütte“ hat das gar nichts zu tun, das gab es nämlich im Althoch­deutschen noch gar nicht. Der 30‑jährige Gastwirt Reiner Erdt, stellvertretender Vorsitzender des Ronneburger Heimat- und Geschichtsvereins, gehört zu den Anhängern der „Hitti/Hitto‑Theorie“. Sie besagt, daß sich vermutlich eine Sippe mit dem Namen Hitti oder Hitto im idylli­schen Tal des Fall­bachs niedergelassen und ihrem Sied­lungs‑Gesäß den Namen aufgedrückt hat. Wäre dem so, hätte es sich um eine ausge­sprochen wanderlustige Sippe handeln müssen, die vielerorten Spuren hinterließ.

Andere Theorien gehen davon aus, dass dieser Bestandteil eher durch die Nähe zur 1227 urkundlich erwähnten Ronneburg zu erklären sei. Das Dorf habe in der Hut, dem Schutz der Burg gelegen. In friedlichen Zeiten hätten die Burgmannen möglicherweise ihr Vieh auf den Weiden entlang des Bachlaufs gehütet und ihre Äcker bestellt.

Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes Hüttengesäß („Hittengesezze“) erfolgte 1236. Es war ein  Dorf der Zent Selbold, das zur Ronneburg ge­hörte, als diese 1313 durch Gottfried von Brauneck an Mainz verkauft wurde. Das Märkergeding wurde 1426 im Namen des Herrn der Ronneburg abgehalten. Das Kloster Selbold besaß das Dorf schon im Jahre 1236; vielleicht geht der Ausbau auf die Rodungstätigkeit des 1108 gegründeten Klosters zurück. Mit der Ronneburg bzw. dem Gericht Selbold kam Hüttengesäß 1476 an Isenburg. Im Dreißigjährigen Krieg gab es Plünderungen, beson­ders 1634. Im Jahre 1684 ging Hüttengesäß an die Linie Isenburg‑Birstein, 1816 an Kurhessen. Im 19. Jahrhundert erfolgte eine starke Auswanderung. In den Jahren 1971-72 erfolgte der Zusammenschluß der Orte Altwiedermus, Neuwiedermus und Hüttengesäß zur Gemeinde Ronneburg

In allen drei Ortsteilen von Ronneburg haben die Leute Jahrhunderte lang von Landwirtschaft gelebt und sich weitge­hend selbst versorgt. Das spiegelt sich im Ortsbild wider, das von Hofreiten geprägt ist. Erst um die Jahrhundertwende änderte sich das entscheidend. Viele junge Leu­te zogen es vor, in den Dunlop‑Werken in Hanau zu arbeiten. Sie fuhren zunächst mit Fahrrädern in die 15 Kilometer entfernte Stadt, später mit der Kleinbahn Hanau­-Hüttengesäß. Einen weiteren totalen Wandel in der Landwirtschaft erlebte Bürgermeister Kleine in seiner langen Amtszeit selbst mit: Als er anfangs der 70er Jahre Bürgermeister wurde, gab es in Hüttengesäß noch 30 Voll­erwerbs‑Landwirte. Heute sind es nur noch drei.

 

Kirche:

Zur Kirche kommt man, wenn man – von Süden kommend – nach links in die Kirchstraße abbiegt. Urkundlich wurde das Hüttengesäßer Gotteshaus erstmals im Jahre 1151 erwähnt. Die Kapelle gehörte schon 1238 dem Kloster Selbold und Hüttengesäß war eine Filiale von Selbold und wurde in einem Schutzbrief des Papstes Gregor IX. genannt. Das Kloster besaß dort den Zehnten, wie aus einer Urkunde Kaiser Friedrichs II von 1236 hervorgeht.

Im Jahre 1264 verkaufte das Kloster Selbold den Zehnten an einen Ritter namens Blümechin. Auch das Kloster Eberbach besaß hier Einkünfte, die es 1390 an das Kloster Arnsburg verkaufte. Zwei Höfe gehörten dem Deutschordenshaus in Gelnhausen.

In einer Urkunde aus dem Jahre 1244 finden sich ein Petrus und ein Hermann von Hittengeseze als Zeugen, ebenso in einer Urkunde des Klosters Meerholz von 1240. Im Jahre 1247 vermachte der Priester von Hetkenseze seine Güter dem Kloster zu Arnsburg. Der Zehnte war später im Besitz des Herren von Merlau (Mörle), die ihn 1486 an Ludwig II. von Ysenburg  für 1100 Gulden verkauften.

Seit 1579 war Hüttengesäß protestantische Pfarrei, die bis 1625 vom Hofprediger der Ronne­burg verwaltet wurde. Von 1625‑1700 hatte sie keinen eigenen Pfarrer, sondern wurde als Filial von Sel­bold versehen. Patron ist der Fürst von Isenburg in Birstein als Nachfolger des Klosters Selbold.

Die Kirche liegt auf einer kleinen Anhöhe mitten im Dorf (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 221).  Ihre Bauzeit erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte. Sie weist deshalb keinen einheitlichen Baustil auf, sondern hat nach und nach in mehreren Bauabschnitten ihre heutige Größe und Gestalt erhalten. Den noch erkennbaren ältesten Teil der Kirche bildete eine kleine, niedrige Kapelle mit ei­nem danebenstehenden quadratischen Turm (Wehrturm), der romanische Fenster auf­weist und jetzt noch den unteren Teil des Kirchturms bildet (Ende des 12. Jahrhunderts).  Später wurde die Anlage zu einer Wehrkirche ausgebaut. Der Kirchturm wurde 1787/88 beträchtlich erhöht und erhielt in etwa seine heutige Form. Das Renaissanceportal mit der Jahreszahl 1597 aber zeigt, daß schon vorher der ursprüngliche Bau umgebaut wor­den ist.

Das auffallend schmale und lange Langhaus von 1718 erinnert an die ursprüngliche Wehranlage. Empore und Kanzel wurden 1718 geschaffen. Im Jahre 1954 wurde eine Oberempore entfernt, die Orgel von der Stirnseite an die rückwärtige Wand am Turm verlegt und ein neues Gestühl aufgestellt sowie der Altarraum neu gestaltet. Das große schlichte Holzkreuz im Altarraum wurde 1954 angebracht. Die Orgel wurde 1892 aufgestellt. Es handelt sich hierbei um ein wertvolles Instrument, weil es sich noch im Originalzustand befin­det. Es ist eine Walcker-Orgel aus Ludwigsburg. Der Pfarrbrunnen (WO ?) ist von 1715 (Kirchbau­meister Philipp Habermann).

In Hüttengesäß gab es im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche „Inspiranten“ und Herrnhuter. Die Ka­tholiken gehören zur Ge­meinde in Langenselbold.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 723; 1855 = 993; 1885 = 1015; 1905 = 1128; 1919 = 1181; 1925 = 1242; 1939 = 1160; 1946 = 1653; 1953 = 1517, davon Heimatvertriebene = 230 und Eva­kuierte =~ 83 (aus Hanau = 69).

Bekenntnis: 1905: ev. = 1078; kath. = 1; israel. = 49. 1953 waren rund 1300 Einwohner ev., 185 kath., der Rest Sonstige oder ohne Bekenntnis.

 

Wirtschaft: In der Landwirtschaft sind 70 Einwohner beschäf­tigt, 145 sind als Arbeiter, 50 als Handwerker und Gewerbe­treibende und 30 als Angestellte und Beamte tätig.

 

Die Hardeck:

Gegenüber von Herrenhaag erhebt sich ein ziemlich bewaldeter Berg, auf dessen Gipfel sich ein Ringwall befindet. In einem Winkel dieses Walles erkennt man die Überreste einer kleinen Burg, die den Namen „Hardeck“ führte. Im Jahre 1289 wird der Name urkundlich genannt, aber nur nebenbei. Im Jahre 1495 war die Burg von einem Amtmann bewohnt. Im Jahre 1543 bezeichnet Konrad Jäger, der letzte Abt des Klosters Selbold, den Grafen Dietmar zu Hardeck als den Stifter seines Klosters. Im Jahre 1547 „besserte“ Kaiser Karl V. dem Grafen Anton von Ysenburg-Ronneburgsein Wappen mit dem Hardeckschen Löwen,  wie ihn seine Vorfahren, die Grafen von Hardeck, geführt hätten., Kaiser Karl VII. erteilt 1744 der Ysenburgisch-Birsteinschen Linie bei deren Erehebung in den Reichsfürstenstand das Recht, den Hardeck’schen Löwen (golden im blauen Feld) wieder zu führen.

Der Ringwall war eine germanische Thingstätte, vermutlich Sitz des Büdinger Märkergerichts. Grund und Boden innerhalb des Ringwalles ist Büdinger Besitz, während der übrige Teil des Waldes den benachbarten Gemeinden gehört. Als Eigentümer der Burg Hardeck konnten sich also die Grafen von Gelnhausen und die Herren von Büdingen auch Grafen von Hardeck nennen (auch wenn der urkundliche Beweis fehlt).

 

 

 

Neuwiedermuß/Altwiedermus:

Lage: 147 m über N. N. in der nordöstlichsten Ecke des Kreisgebietes, an der Kreisgrenze nahe der Ronneburg, am Fallbach gelegen; die Gemarkung umfaßt 185 ha, davon 23 ha Wald, und grenzt an die Gemarkung Hüttengesäß.

 

Bodenfunde: Noch keine urgeschichtlichen Funde bekannt; es fehlen freiwillige Helfer am Orte.

 

Älteste Namensformen: Wechtramis 1173; Widerams 1236 (Wied­derams, Witteramis u. ä.); Wiederums im 17. Jahrhundert. Altwiedermus hieß ursprünglich  „Witteroms“

 

 

Geschichtliches: (Alt‑) Wiedermus war ein Dorf des Klosters Sel­bold, im Gericht Ronneburg gelegen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde es zerstört. Im Jahre 1686 wünschte ein in Langenselbold niedergelassener Pfälzer bei der gräflich‑isenburgischen Regierung, in dem abgegangenen Dorf Wiedermus im Fuchsgraben Haus und Scheuer einzurichten, Land zu roden und zu bauen. Der Bau begann 1699. Im Jahre 1708 waren schon 19 Haushaltungen da. Die „Fuchsgräber“ hatten früher zu Hüttengesäß gehört; sie bildeten einen Teil der Gemeinde und hatten einen Gerichtsschöffen zu stellen. Das Dorf besaß noch Holz‑ und Weiderecht bei der Ronneburg.

Bild in Hanau Stadt und Land, Seite 237: Blick über Neuwiedermus zur Ronneburg

 

Neuwiedermus wurde 1631 als „Wiederumbs in den Fuchsgräben“ genannt. Im 30jährigen Krieg wurde es vollständig zerstört. Im Jahre 1702 ließ es Graf Johann Philipp von Isenburg-Offenbach wieder aufbauen. Im Jahre 1820 legte man einen Weinberg an, wie er auch am Fuß des Burgbergs noch wahrzunehmen ist.

 

Kirchliches: Neuwiedermus ist nach Hüttengesäß eingepfarrt. Im Dorf ‑ wie in Hüttengesäß, Marköbel und auf der Ronneburg ‑ gab es im 18. und 19. Jahrhundert viele „Inspiranten“ und Herrenhuter.

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 150; 1855 = 173; 1885 =165; 1905 = 171; 1919 = 190; 1925 = 202; 1939 = 193; 1946 = 268; 1953 = 247, davon Heimatvertriebene = 34, Evakuierte = 6 (alle aus Hanau).

 

Bekenntnis: 1905: ev. = 169, kath. = 1, sonst. = 1, heute: ev. = 220, kath. = 22 (vorwiegend Heimatvertriebene).

 

Wirtschaft: Vorwiegend in der Landwirtschaft Beschäftigte. Zwei Handwerksbetriebe.

 

Die ehemalige Synagoge in Altwiedermus steht in der Diebacher Straße (wenn man ins Dorf kommt rechts ab). Es ist das kleine Gebäude  rechts neben dem Haus Nummer 45 auf der rechten Seite. Beim Blick aus dem vorbeifahrenden Auto sieht die Giebelwand wie die einer normalen Scheune aus, vielleicht etwas unregelmäßig. Ein Gefach ist beschädigt. Lehmverputz und Weidenflechtwerk sind zu erkennen.

Im Zentrum der Giebelwand ist das Fachwerk nur aufgemalt. Hier war früher das Fenster,  das irgendwann einmal zugemauert wurde. Der Eingang zu dem etwa eineinhalb Meter erhaben stehenden Gebäude befindet sich in der Rückseite und ist vom Hof über eine Treppe zu erreichen. And er Nordseite ist eine Tür zum Keller. Unter der Synagoge war nämlich eine Mikwe, das rituelle Bad für Frauen.

Die kürzlich 90 Jahre alt gewordene Marie Heister schließt auf. Schon ihre Großmutter hatte die Synagoge betreut, später dann ihre Mutter. Daß dieses unscheinbare Gebäude ein Gotteshaus war, wüßten nur noch die alten Leute im Ort. Und so klein sei das Haus auch gar nicht, etwa im Vergleich zum Wohnhaus der Familie Heister in seinem früheren Zustand. Zum Beweis schlägt Gisela Lorenzen in einem der prall gefüllten Ordner nach, zieht die Kopie einer technischen Bauzeichnung aus einer Klarsichthülle. Und in der Tat war die Synagoge sowohl höher als auch breiter als das Wohnhaus von Heisters.

Wieviele Juden in früheren Zeiten in Altwiedermus gelebt haben, weiß Gisela Lorenzen (noch) nicht. Das wird sie bestimmt auch noch rauskriegen: „1938 waren es noch 27 Leute, also etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Das Dorf hatte knapp 300 Einwohner davon 27 Juden. 15 sind ermordet worden.“ Und was ist aus den anderen geworden? Gisela Lorenzen wird wohl nicht alle Schicksale lückenlos nachvollziehen können. Der Name einer Jüdin beispielsweise, die 1938 noch in Altwiedermus lebte, steht auf einem Denkmal für ermordete Juden in Hannover.

Etwa 1980 ist das Lehrerehepaar Gisela und Volker Lorenzen nach Altwiedermus gezogen, hat sich ein Haus gebaut und etabliert. „Ich wußte, daß es in Oberhessen eine große jüdische Bevölkerung gab. Und irgendwann wollte ich mal wissen, wie das hier am Ort war. Ich habe also in Altwiedermus angefangen, dann kamen Eckartshausen, Himbach, Hainchen und Langenbergheim dazu ...“.  Der Zusammenhang ergab sich über einen Friedhofsverbund. Zum jüdischen Friedhof in Eckartshausen (am Weg nach Marienborngelegen) gehörten auch die anderen genannten Orte mit Ausnahme von Hainchen.

Sie würde gern nach Amerika fliegen, unter anderem, weil Dr. Mayer demnächst 90 wird. Die Geschichte des jüdischen Arztes Dr. Ludwig Mayer, am 23 10.05 in Himbach geboren, schrieb sie für die Gemeinde Himbach in der Hoffnung, daß die etwas für ihn tut.

 

Die Fraktion der Wählergemeinschaft in Ronneburg (WiR) hat im Dezember 1995 beantragt, der Gemeindevorstand sollte sich für den Erhalt der Synagoge verwenden und dafür sorgen, „daß es auf keinen Fall zu einem widerrechtlichen Abriß kommt“. Aber ihrer weiteren Forderung, daß der Ausschuß für Jugend, Sport und Kultur solle sich der Angelegenheit annehmen und im Einvernehmen mit dem Ronneburger Geschichtsverein „denkmalpflegerische Vorschläge” erarbeiten, wurde nicht zugestimmt. Zudem wurden Stellungnahmen unter verschiedenen Aspekten gefordert: Unterhaltungs- und gegebenenfalls Sanierungsaufwand, Ankauf durch die Gemeinde, Möglichkeiten der Förderung aus Landesmitteln, künftiges Nutzungskonzept, und schließlich „heimatkundliche Öffentlichkeitsarbeit”.

Die Synagoge sei zwar - wie alle derartigen Gebäude - nach dem Denkmalschutzgesetz des Landes Hessen generell anerkannt, aber die gesetzliche Erhaltungspflicht der Eigentümer sei in der Praxis und auf Dauer oft nur sehr schwer durchzusetzen.  Im konkreten Fall sei auch das hohe Alter der Besitzerin zu berücksichtigen. Deshalb sollte die Gemeinde selbst die Verantwortung übernehmen, womit auch eine sinnvolle Nutzung möglich wäre, für. die der Geschichtsverein schon Vorschläge hätte.

Dennoch herrsche Unsicherheit in der SPD-Fraktion, ob man Kontakt mit Marie Heister, der Eigentümerin der Synagoge. Das Haus sei geschützt, auch bei Verkauf: „Da kann nichts passieren. Ehe die Gemeinde eventuell weitreichende Verpflichtungen eingehe, sollte man die Fachbehörde zu einem Termin bitten, um sich „die ganze Problemlage“ mal gründlich erläutern zu lassen. „Ich will das Ding auf andere Füße stellen“, umschrieb Netscher die Ablehnung des WiR-Antrages und machte im weiteren Verlauf der Debatte mehrfach deutlich, daß er dieses Thema keinesfalls auf die parlamentarische Schiene gehoben wissen will.

Die Historikerin Gisela Lorenzen ist mit dem ersten Ergebnis der öffentlichen Debatte im Gemeindeparlament über den Umgang mit der Synagoge von Altwiedermus sehr zufrieden. Der erste und wichtigste Schritt sei gemacht worden, indem man in ein Gespräch über das Thema eingestiegen ist.  Schließlich hat man auch ihren Bedenken Rechnung getragen. In einem Schreiben an die Fraktionen, das sie ihren Recherche-Ergebnissen über die Synagoge vorangestellt hatte, hieß es wörtlich: „Auch wenn Frau Heister schon 90 Jahre alt ist, sollten keine vorschnellen Schritte über ihren Kopf hinweg gemacht werden. Immerhin haben sie, ihre Mutter und Großmutter die Synagoge mit Heizen, Kehren und vielem anderen vom Beginn ihres Bestehens bis zum Ende betreut. Viele Kenntnisse, die wir haben, verdanken wir der Erinnerung von Frau Heister und ihrer Bereitschaft zu erzählen.“

 

Friedhof:

Am Fuße der Ronneburg, im Burgstrauch, nördlich der Burg, rechts von der Auffahrt, liegt der jüdische Friedhof, der vielleicht sehr alt ist. Genaues weiß man nicht. Der älteste der heute noch erhaltenen 15 Grabsteine stammt aus dem Jahre 1774. Die Inschrift eines anderen Grabsteines aus dem Jahre 1751 ist teilweise überliefert, der Stein selbst heute verschwunden.

Auch der Grabstein des schon erwähnten Judenvorstehers Salomon Stern ist erhalten. Obwohl 1861 gestorben, zu einer Zeit, als die Juden sich schon lange Familiennamen zugelegt hatten, lautet die hebräische Inschrift: „Hier ruht ein Mann, der rechtschaffene und geachtete Salomon, Sohn des Naftali ha-Levi aus Ronneburg. Gestorben mit gutem Ruf am Freitag, dem 15. Elul... Seine Seele sei eingebunden im Bunde des Lebens. Amen.“ Und dann kurz und bündig: „Sela“ = fertig, abgemacht! Eine Ururenkelin dieses Salomon Stern, deren Großmutter 1941 den Nazis mit knapper Not entkam, hat dieses Grab besucht..

Die Beerdigungen auf dem Friedhof im Burgstrauch wurden 1877 vom Grafen untersagt, aber die beiden Schwestern Fanni und Dina Schwarzschild wurden mit besonderer Erlaubnis 1877 und 1884 dort beerdigt. Nachdem Fanni Schwarzschild lange Jahre mit ihrem Mann um die Aufnahme in einer Gemeinde gekämpft hatte, war die Familie schließlich in Mittel-Gründau aufgenommen worden. Fanni wahrscheinlich von Geburten und schwerer Arbeit geschwächt - sie zog mit einem Handkarren durch die Gegend, den sie jahrelang Tag für Tag den steilen Berg zur Ronneburg hinaufschieben mußte - blieben nur noch zehn Jahre in ihrer neuen Heimatgemeinde.

 

 

Die Ronneburg

 

 

 

Geschichte:

Der Ursprung der über 750-jährigen Burg gehört in die Reihe der von den Staufischen Königen zur Sicherung des Wetterauer Kron- bzw. Reichsterritoriums in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts angelegten Wehrburgen. Sehr wahrscheinlich ist sie vor 1231 entstanden; in jenem Jahr wurde ein „Altar in castro Roneburg“ erwähnt. Sie ist eine der besterhaltensten Wehranlagen in Hessen. Durch ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm des Förderkreises werden jährlich viele Besucher aus nah und fern angelockt.

Die über 700 Jahre alte Flieh‑ und Schutzburg steht weithin sichtbar auf einem sich steil erhebenden Basaltkegel. Sie eine der größten Burgvesten im Hessenland auf einem 239,9 Meter hohen Basaltsporn und ragt über das umgebende  Hügel­land bis hin zur Mainebene hinaus.  In ihren Anfangsjahren war die Ronneburg eine rein militärische Anlage und die Burg­mannen hatten die Aufgabe, die Bewohner der drei hier aufeinandertreffenden Ge­richtsbezirke Gründau, Selbold und Eckarts­hausen zu schützen und zu verteidigen. Ferner oblag ihnen die Sicherung der in der Nähe (500 Meter) vor­beiführenden „Reffenstraße“, der ältesten Handelsstraße zwischen Frankfurt und Leipzig.

Die Burg wurde wahrscheinlich von Gerlach II. von Büdingen etwa 1230 erbaut (nach einer Angabe zog sich die Bauzeit von 1180 bis 1250 hin). Ein Altar in der Burg wird 1231 erwähnt  („altar in castro Roneberg“). Die Ronneburg wurde 1258 erstmals ur­kundlich erwähnt Im 13. Jahrhundert ge­langte die Burg an die Grafen von Büdingen. Im Jahre 1313 gelangte die Burg über die Herren von Hohenlohe‑Brauneck durch Kauf an den Erzbischof von Mainz, der sie mehrmals ver­pfändete.

Zwischen 1317 und 1330 wurde der Palas und der west­lich vorgelagerte Zwinger gebaut; gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde im zweiten Obergeschoß die Burgkapelle mit ihrem zierlichen gotischen Erker fertiggestellt.

Schlimme Zeiten erlebte die Burg zwischen 1356 und 1407, als die Herren von Cron­berg im Taunus die Burg in Pfandschaft hatten. Die dunklen Gesellen nutzten das ehrwürdige Gemäuer als Raubburg. Spe­ziell auf die in Richtung Frankfurt ziehen­den Kaufleute hatten sie es abgesehen. Zölle und Abgaben waren ohnehin fällig, Verhaftungen der Erpressungen unter An­drohung von Kerkerhaft keine Ausnahme. Nicht selten wurden die Kaufleute zuerst beraubt und anschließend in die Verliese der Burg verschleppt, von wo aus sie erst nach beträchtlichen Lösegeldzahlungen wieder freigelassen wurden.

Aber auch vor den armen Bewohnern der Umgebung sol­len die Raubritter nicht halt gemacht ha­ben. Sie schröpften sie nicht nur mit Abga­ben und Frondiensten, manchmal spann­ten sie ihnen einfach die Kuh vor dem Pflug aus.

Im Jahre 1476 überschrieb der Mainzer Erzbischof Dieter die Burg an seinen Bruder Ludwig II. Dadurch gelangte sie als Mainzer Lehen endgültig an das Haus Ysenburg-Büdingen und das Raubrittertum ging zu Ende. Jetzt war die Burg  nicht mehr Sicherungsburg, sondern Verwaltungssitz eines Burggrafen.

Ludwig nahm mehrere Erweiterungen vor. Durch ihn erhielt der Bergfried eine Wendeltreppe und einen Treppenhausanbau, und auf der Nordseite des Burghofes wurde der sogenannte „Alte Bau“ errichtet. Auch der vorgelagerte Treppenturm und die Hofstube sind nach 1476 entstanden.

Nach 1517 erneuerte Graf Philipp zu Ysenburg‑ Ronneburg das äußere Tor zur Kernburg. Aus der wehrhaften Burg wurde im Laufe der Jahrhunderte ein gräf­liches Residenzschloß. Im Jahr 1523 erbte Graf Philipp von Ysen­burg‑Büdingen die Ronneburg und zog mit seiner Gemahlin Gräfin Amalie von Rie­neck auf die Burg, wo er die Linie Ysen­burg‑Ronneburg gründete.

Ihr Sohn Anton umgab nach 1538 die Kernburg­ im Süden und im Westen mit einer Vorburg, die Marstall‑ und Wirtschaftsgebäude aufnahm. Dessen Sohn Graf Heinrich erbaute 1570/71 über dem inneren Tor der Kernburg eine neue Kirche, den später sogenannten „Zinzendorfbau“ und bebaute die Nordseite des Burgho­fes u. a. mit dem prächtigen, mehrstöckigen Kemenatenbau aus. Im Jahre 1581 erhielt der Bergfried seine heute noch erhaltene Bekrönung mit vier Erkern und Steinkuppel.

Unter ihrer Herr­schaft begann der Ausbau der Burg zum Schloß. In die Wohnräume wurden Kamine eingebaut, die Vorburg, Gärten und der Weinberg wurden angelegt. Nachts um drei Uhr mußten die Frondienst­leistenden aus den Betten steigen, mar­schierten von Büdingen aus zu Fuß zur Burg, wo sie zwölf Stunden zum Tagelohn von drei Groschen im Angesicht ihres Schweißes schufteten, bevor sie wieder den Heimweg antraten.

Von einem weinseligen Erlebnis weiß die Chronik jener Zeit zu berichten: Sechs Leibeigene, die auf der Burg lebten, hatten diese ohne Erlaubnis verlassen. Sie gin­gen ins Tal, wo sie in einer Schänke einkehrten und sich dem Wein hingaben. Volltrunken verpaßten sie den Rückweg zur Burg, schliefen am Wegesrand und kehr­ten erst am nächsten Nachmittag, noch im­mer berauscht, zurück. Das gefiel dem Burgvogt, selbst ein großer Freund des Weines, gar nicht und sperrte sie für dieses Besäufnis ganze vier Tage ins Gefängnis.

Infolge von Krieg und Pest kam es auch in der Grafschaft Büdingen zu Hexenverfolgungen. Hexenverfolger war Anton Saarbrück, Schreiber auf der Ronneburg. In den Jahren 1590 - 1601 wurden im Gericht Eckartshausen viele Menschen umgebracht. Der „Hexenturm“ auf der Ronneburg wurde schon 1550 gebaut. Auch sogenannte „Hexen“ flohen auf die Burg, weil an ihren Mauern jede Verfolgung aufhörte. Graf Casimir von Ysenburg-Büdingen erließ ein Toleranzedikt.

Die Reformation wurde 1545 verkündet. Doch 1584 nahm der Graf von Ysenburg-Birstein am calvinistischen Abendmahl teil. Deswegen wurde die Burg 1601 gestürmt. In dieser Zeit gab es auf der Burg eine Notendruckerei, weil Fürst Anton ein Musikliebhaber war und Förderer des Komponisten Senzel. Es gab auf der Ronneburg eine Apotheke (die nächsten waren in Gelnhausen und in Frankfurt). Und auf der Burg war die Kirche für die umliegenden Dörfer.

Mit dem Aussterben der Ysenburg-­Ronneburger Linie im Jahre 1601 kamen die Bautätigkeiten zum Erliegen. Im Jahre 1621 brannte ein großer Teil der Burg ab, darunter Teile des Kemenatenbaus, des Brunnenhauses und des Bandhauses. Die Burg gelangte in den Besitz von Graf Wolfgang‑Ernst.

Im Dreißigjährigen Krieg wird die Burg 1634 von den Kroaten gestürmt und 1636 von den schwedischen General Ramsay angegriffen (residierte in der Stadt Hanau), aber nicht erobert. Nur einmal wurde sie durch eine List erobert, als Soldaten in Planwagen eingeschmuggelt wurden. Nach dem Krieg war Neuwiedermus 50 Jahre eine Wüstung und wurde erst 1699 wieder besiedelt.

Seit 1656 suchten verfolgte Huge­notten Zuflucht auf der Burg. Von 1621 bis 1712 war die Burg  Zufluchtstätte der Juden. Am Fuß der Burg ist ein jüdischer Friedhof, die erste Grabstätte ist vom Ende des 17. Jahrhunderts, heute sind noch zwölf Grabsteine vorhanden. Durch den Zuzug erhoffte man sich einen wirtschaftlichen Aufschwung. Man versuchte, die Juden auszuweisen. Man gab ihnen bis zu 200 Gulden, wenn sie auswanderten. Die letzte jüdische Bewohnerin ist 1886 gestorben.

Bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war die gewal­tige Wehranlage und Residenz aufgrund von familiären Streitigkeiten im weit ver­zweigten Haus Ysenburg und Büdingen zu einem bloßen Tauschobjekt herunterge­kommen. So wurde das Schloß auch Päch­tern übertragen, die als „Burggrafen“ durch Untervermietung der ausgedehnten Räumlichkeiten ihr Geschäft zu machen trachteten. Zunächst waren es eher obs­kure Gestalten aus dem Strandgut des kriegerischen Jahrhunderts.

Von 1635 bis 1642 gehörte sie zu Hessen Darmstadt, danach der Offenbach-Büdinger Linie, 1687 den Birstei­nern, kam 1698 durch einen Kaufvertrag wieder an die Büdinger und letztlich 1725 an die Wächtersbacher Linie.

Graf Johann ­Ernst von Ysenburg‑Büdingen (nach anderer Lesart: Ernst-Casimir I.) erließ 1712 ein Privilegienpatent, das Religionsfreiheit im Ysenburger Land verspricht. Er lud damit

zum Besiedeln des Landes ein, das durch den 30-jährigen Krieg entvölkert war. Von da an wurde die Burg zum Zufluchtsort. Das durchaus auch auf ökonomi­schen Gewinn spekulierende Toleranze­dikt war die eigentliche Basis für die ent­stehende Inspirationsgemeinschaft, die schließlich auf der Ronneburg ihr geisti­ges Zentrum fand. Hugenot­ten, Waldenser, Seperatisten, Inspirierte, Neutäufer, Juden und andere Verfolgte sie­deln sich im Land und auf der Burg an. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Burg aber eine „Freistätte des Glaubens“ für religiös Verfolgte.

Schließlich vermieteten die Grafen von Ysenburg-­Wächtersbach die Burg an die Inspirierten‑Gemeinde. Sie wurde ange­lockt durch die Garantie der Glaubensfreiheit und errichtete eine Woll‑ und Tuchmanufaktur. Die Inspirierten‑Gemeinde bestand noch bis in das 19. Jahrhundert fort.

Die Burg blieb auch in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Domizil für Ver­folgte und Rand­gruppen, unter denen neben rund 300 Juden „Die Inspirierten“ mit rund 200 Mitgliedern die größte Gruppe bildete. Als deren Gründer gelten Eberhard Lud­wig Gruber und Johann Friedrich Rock, beide aus dem Württembergischen. Es bil­deten sich Filialen in Himbach, Eckarts­hausen, Hüttengesäß, Marienborn und Neuwiedermuß. Im Jahre 1706 kam Bruckmann von Hohenau und trieb Mission in der Umgebung und gründete Filialen.

Im November 1714 kam es im nahe gelegenen Dorf Himbach bei Marienborn zur Gründung der Gemeinde der wahrhaft „Inspirierten“. Seit 1714 galten die Inspirierten und Separatisten als eigene Sekte. Es gibt Schriften zweier Württemberger, die auf der Ronneburg und in Himbach lebten.

Auf der Burg wuchs eine starke Gemeinde unter Führung von Phi­lipp Mörschel. Ihren Unterhalt ver­dienten die Leute meist als Wollweber und Strumpfwirker, weshalb auch zunehmend Juden auf der Burg ein Schutzverhältnis suchten und die Produkte im Kleinhandel vertrieben. Philipp Mörschel betrieb die Wollwarenmanufaktur zusammen mit den Juden.

Auf der Suche nach einem neuen religiösen Selbstverständnis glaub­ten sie, daß Gott mit ihnen durch ein in­spiriertes Individuum, ein so genanntes „Werkzeug“ kommunizieren würde. Das be­sondere an diesem Werkzeug war, das es seine religiöse Erregung und die Botschaft vom Willen Gottes in Bewegungen bis hin zur Ekstase anderen mitzuteilen trachtete. Diese Eingebungen wurden „Zeugnis“ ge­nannt und alsbald von Schnellschreibern festgehalten. Die „Zeugnisse“ dienen bis heute der Ge­meinde in den USA als die wesentlichste Lektüre neben der Bibel. Die Inspirierten waren wirtschaftlich sehr erfolgreich. Doch mit Barbara Land­mann war 1883 das letzte Werkzeug ge­storben. Im Jahr 1932 kam die gro­ße Wende mit der Auflösung der ökonomi­schen Gemeinschaft.

Im Jahre 1842 verließ die letzte geschlossene Glaubensgruppe, die „Inspirierten“, das „gräfliche Asylantenheim“ und wanderten nach Amerika aus. Bis zum heutigen Tag hat sich jenseits des großen Teiches eine Erinnerung an diese Zeit wachgehalten: In dem kleinen Städtchen Amana in Iowa, wo sich Auswanderer ansiedelten, steht noch „The Ronneburg Restaurant“, das Sauer­braten und Klöße nach hessischer Art ser­viert.

Von den rund 2.000 Einwohnern in Amana sind heute nur noch 437 Mitglieder der Glaubensgemein­schaft. Amana ist inzwischen Touristen­magnet. Gute Geschäfte macht man mit Bier, Fleisch, deftiger Küche ‑ und mit deutscher Gemütlichkeit, beispielsweise im „The Ronneburg Restaurant“. Noch heute gibt es dort die Amanah-Leute, die eine Kühlschrankfabrik betreiben.

Als letz­ter suchte 1736 Graf von Zinzendorf aus Sachsen mit seiner „Herrnhuter Brüdergemeine“ auf der Ronneburg Zuflucht. Dadurch wurde die Ronneburg weltberühmt (siehe besonderen Ordner).

In die Zeit der Glaubensflüchtlinge fällt auch die Gründung einer eigenen Gemein­de Ronneburg, auch ein Bürgermeister wurde Anfang des 19. Jahrhunderts ge­wählt. Immerhin 200 Menschen lebten im Jahr 1830 auf der Burg. Allerdings wurde die Gemeinde bald wieder aufgelöst, weil sich herausstellte, daß sie keine Gemar­kung besaß. Es wurde ein Zuzugsverbot ausgesprochen.

Im 19. Jahrhundert gab es nachhaltige Veränderungen im Besitzver­hältnis. Im Jahre 1806: erhält die fürstliche Linie zu Birstein durch den Rheinbund die Alleinherrschaft über den Ysenburgischen Besitz. Im Jahre 1815 kam der Besitz an den Kaiser von Osterreich, der ihn 1816 Hessen‑ Darmstadt übergab. Durch eine Teilung des Fürstentums zwischen Hessen‑ Darmstadt und Hessen‑Kassel kam die Ronneburg an das Großherzogtum Hessen.

Mit dem Weggang der Glaubensflüchtlinge wurde die Burg entvölkert, im Juli 1870 leb­ten auf ihr nur noch drei Menschen. Der letzte Bewohner, der Schloßaufseher, starb 1885.  Danach stand die Burg voll­kommen leer. Wegen Baufälligkeit wurde sie im Juli 1904 geschlossen. Fürst Friedrich Wilhelm zu Ysenburg-Büdingen in Wächtersbach brachte große Geld­mittel zur Renovierung auf, und so konnte die Burg zu Pfingsten 1905 neu eröffnet werden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie mit der aufkommenden Burgenbegei­sterung zu einem beliebten Ausflugsziel, was verschiedene Instandsetzungsarbeiten bewirkte. Jetzt interessierten sich Wander- ­und Geschichtsvereine für die Ronneburg, Im Jahre 1905 wurde sie unter Denk­malschutz ge­stellt und nach ersten Erhaltungsarbeiten wiedereröffnet.

Von „Raubrittern“ weiß die Geschichte aber auch noch im Jahr 1911 zu berichten. Zwei junge Fabrikarbeiter waren in die Burg eingebrochen und hatten dort einige Tage zugebracht. Von der Küche aus traten sie ihre Beutezüge in den Keller an, wo sie sich am Wein des Burgwärters gütlich ta­ten. Vor einem Großeinsatz von Feuerwehr und Gendarmerie wußten sie sich ge­schickt zu verstecken und die Geschichte wäre wohl nie ans Tageslicht gekommen, hätte nicht der eine der beiden beim Ab­zug seine Brieftasche auf einem Schrank im Flur des Palas vergessen.

Die Unterhaltung der Burg war schwierig. Das Fürstenhaus gab etwas (hatte aber vier Burgen zu unterhalten), die Gaststätte warf etwas ab. Die Wanderjugend hat sie entdeckt und eine Jugendherberge eingerichtet. In den Jahren 1947‑52 hatte das evangelische Hilfswerk Darmstadt die Burg gepachtet und ein Jugendfreizeitlager eingerichtet. Seit 1976 ist die Burg an einen Förderkreis verpachtet, der 100.000 DM im Jahr aufbringen muß, damit das Land noch einmal die gleiche Summe drauflegt.

Im Jahre 2004 verkaufte das Fürs­tenhaus zu Ysenburg und Büdingen die Ronneburg, das Wahrzeichen des Hügellandes, und Anziehungspunkt für zahlrei­che Veranstaltungen - vom Jazz mit Rit­terschlag bis zu Ritterspielen und mittelal­ter­lichen Märkten. Musiker wie Chris Bar­ber, Hazy Osterwald, Paul Kuhn und Klaus Doldinger ließen sich hier zum „Ritter des Jazz“ schlagen - ein Veranstaltungsreigen, der vom Fürst gefördert wurde.

Neuer Burgherr wird Freiherr Joachim Benedikt von Herman auf Wain, ein Vet­ter von Leonille Fürstin zu Ysenburg und Büdingen. Deren Ehemann Fürst Wolfgang Ernst hat den Verkauf gestern bestä­tigt und betont, dass sich durch den Besit­zerwechsel an den bestehenden Pachtver­trägen nichts ändern werde.

Bestätigt wurde die Nachricht auch von Ronneburgs Bürgermeister Heinz Haber­mann: Weil alles so bleiben soll wie bisher hatte der Gemeindevorstand keinerlei Bedenken gegen den Verkauf. Der Verzicht der Gemeinde Ronneburg auf das Vor­kaufsrecht sei deshalb eine reine Formsa­che gewesen. Unter anderem wird auf der Ronneburg eine Gaststätte betrieben, der Verein der Freunde der Ronneburg unterhält dort sein Büro, und vor kurzem wurde als be­sondere Attraktion eine Falknerei eröff­net.

Aus dem Umfeld der Freunde der Ronne­burg verlautete, über einen neuen Burgherren mache man sich keine Gedanken. Sorge bereite vielmehr der Konflikt mit der Bürgerinitiative in Ronneburg, die sich gegen immer mehr Veranstaltungen auf der Ronneburg und damit verbunde­nes massives Verkehrsaufkommen sowie Parkplatzprobleme richtet.

Der neue Burgbesitzer, Freiherr Joachim Benedikt von Herman, ist verheiratet mit einer Toch­ter aus dem Düsseldorfer Hen­kel-Konzern, Mitglied im Aufsichtsrat des gleichnamigen Wasch- und Reinigungs­mittel-Konzerns sowie unter anderem auch Mitglied des Aufsichtsrates der Holz­hof Oberschwaben eG. Der Freiherr ist ge­lernter Forstwirt.

Der Freiherr hat berühmte Vorfahren, die unter anderem in der Ortschaft Wain in Oberschwa­ben ein Schloss errichten lie­ßen (woher der Namenszusatz auf Wain herrührt) und um die Jahrhundertwende in die Linie derer zu Sayn-Wittgenstein­-Berleburg einheirateten. Daraus ergibt sich die Verwandtschaft mit Fürstin Leo­nille, die eine Tochter der Prinzen Casimir zu Wittgenstein ist.

 

 

Rundgang

Die Burg ist in ihrer Gesamtanlage bis 1555 geschaf­fen worden. Beim Nähertreten verstärkt sich der Ein­druck, die Zeit habe hier seit dem Mittelalter stillgestanden. Im äußeren Erschei­nungsbild seit mehr als 400 Jahren unverändert, hockt das Gemäuer wie aus einem Guß auf dem Basalt­kegel. Die Ronneburg ist eine der wenigen Burg­anlagen Deutschlands, die sich noch im Bauzustand des ausgehenden 16. Jahr­hunderts befinden. Allerdings hat der Zahn der Zeit auch an diesem Bauwerk genagt.

Der Aufstieg beginnt am Südfuß des Burgbergs in der Nähe des „Ronneburger Hofs“. Er setzt die Tradition des „Haus Ronneburg“ fort, das mit 17 Gebäuden zwischen der Burg und dem Wald lag, aber untergegangen ist. Heute steht dort (nach Eckartshausen zu) eine riesige Steinschleuder, die gelegentlich ausprobiert wird. Man kann aber auch auf die Burg hinauffahren und sogar unmittelbar rechts vom Burgtor parken.

Der Weg hebt sich zum Wallgraben empor, der auf dieser Seite noch verhältnismäßig gut erhalten ist. In der Mitte des Platzes links vor der Burg steht ein Mauerrest, der einem eingestürzten Kamin nicht unähnlich ist. Er soll der Eingang zu einem unterirdischen Gang sein, der von der Ronneburg bis zur Hardeck reichte, einem Berg nordwestlich.

Das Torhaus hat einen Erkervorbau aus der Renaissance (1). Das viele Zentner schwere Burgtor aus den Jahren 1538/39 ist allerdings nur noch ein seinem Untergeschoß vorhanden, da es wegen Baufälligkeit 1870 abgetragen werden mußte. Es hatte ehemals fünf Stockwerke. Darin befand sich die Wohnung des Burgwarts. Beim Abbruch dieses Burgteils wurde an dem Querbalken einer Tür die Jahreszahl 1329 entdeckt. Das heutige Tor aus in Ehren gealtertem Eichen­holz hat mächtige Eisenbeschläge. Die Zugbrücke ist verschwunden, aber alles läßt sich noch deutlich erkennen. Rechts vom Eingangstor ist der Wehrgang noch gut erhalten bzw. rekonstruiert.

Tritt man in den Torbogen ein, so zeigen sich zu beiden Seiten die Kettenkammern. Links ist außerdem eine Türöffnung, die in einen Treppenturm führt, der einst die Verbindung mit den oberen Räumen der Pforte vermittelte (21).

Die Vorburg wurde 1538 bis 1555 durch Graf Anton geschaffen. Früher gab es in der Vorburg einmal Burggänse die eine perfekte „natürliche Alarmanlage“ waren. Wenn jemand ver­suchte, an dem Schloß herumzufingern, gackerten sie lauthals drauflos und schnappten nach den Fingern. Das trieb jeden unbefugten Eindringling flugs in die Flucht.

 

Links, etwas tiefer gelegen, dehnt sich der äußere Burghof aus, begrenzt von den ehemaligen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden und den verschiedenen „Zingeln“ (Turm) und der Haupt-Burg. Von der Pforte aus gesehen in Richtung Süden waren es folgende Gebäude waren: Zwei größere Viehställe mit Keller und ein Turm, und davor ein Viehsiedhaus, ein Schlachthaus und ein Schweinestall. Heute werden die Gebäude zum Teil für die Gastwirtschaft genutzt, zum Teil sind nur noch die Umfassungsmauern vorhanden.

Die Gaststätte befindet sich als „Marstall-Restaurant“ in den ehemaligen zwei Reitställen für je 30 Pferde. Dazu kam ein Stall für drei Pferde und ein Stall für vier Esel. Das Gebäude ist nur noch in seinem Untergeschoß vorhanden und hat zwei Eingänge und einen dritten für die anderen Ställe. Die mittlere Tür trägt die Jahreszahl 1551 und daneben die Inschrift: „Graf Wolf die höhe der Mauer fandt, Als er kam aus Niederland, In 10 jahr nie einheimisch war, Zum Zeichen diesen Stein legt dar. Im Jahre da man zalte Fünfzig zwar. 1550.“

Rechts am Haus steht folgende Inschrift: „Als man tausend fünfhundert Jar, Neun und vierzig zählt, das ist war, War Graff Heinrich noch zwölf Jar alt, Acht und zwanzig Wochen gar bald. Den ersten stein hat hergelecht, Auff vierten Mey ders gewelb tregt.“

Über den Reitställen befanden sich noch zwei Böden mit den Futtervorräten und der Wohnung der Knechte. Heute ist dort das Restaurant untergebracht, das auch von oben her (von den ehemaligen Schweineställen her) zugänglich ist.

Den Abschluß an der Süd-Ost-Ecke des Zwingers bildet der „Folterturm“ (27) mit der Jahreszahl 1550 über der Tür rechts unten. Er verengt sich in die Tiefe. An seiner Decke sind zwei Ringe für das Hinunterlassen der Gefangenen. Es schließt sich die mit Wehrgängen versehenen Mauer an. Im Türmchen am anderen Ende der Mauer waren einmal zwei Trinkstuben eingerichtet (28). Über der Tür steht die Jahreszahl 1548. Am Tür befindet sich die Inschrift: „Do diß Mawer angefangen  war, Graff Jörg den ersten Stein legt dar, des Augsts achtzehnden Behalt, Fünfzehnhundert Sechsvirzig behalt.“

Parallel zur Mauer in der Mitte der Vorburg steht das „Bandhaus“, auch Marstall genannt. Von ihm ist auch nur noch das Erdgeschoß erhalten. In dem Haus war ein Stall für 20 Pferde, zwei Keltern, ein großer Keller, ein Wäschehaus, ein gewölbter Stall für fünf oder sechs Pferde, eine alte Stube mit Graf Wolff Henrichs Rüstung, eine Stallstube, vier Kammern, eine Küche, eine Schmiede, noch ein Küche im Hof und ein Boden im Oberstock. Heute ist vor das Gebäude noch ein Bretterverschlag gesetzt, damit man darunter noch Gaststättenbetrieb machen kann. Deshalb kann man die schönen Tore und Inschriften heute nur noch schwer sehen.

Am linken Eingang  steht eine Inschrift: „Den Stall der Fater Graff Anthon, Heinrichen seinem Jüngsten sohn, Der itzt alt wahr Achtzehn Jar, Gebaut hat und vollendet gar, Fünfzig fünff Jar der minder Zal, Nach Christ gepurth zalt man damal. 13. September 1555.“

Der recht Eingang ist mit dem Ysenburger Wappen und dem Wieder Pfau verziert und trägt die Jahreszahl 1555. Die rechte vordere Ecke des Gebäudes zeigt folgende Schrift: „Fraw Barbara Graff Gerge Gemahl, Grevin von Werthem hat damal, Den ersten stein in diesen Grunt, Gelegt da allhie gar nichts Stundt. 1554, 6. Mai.“

Östlich des Gebäude sind Grenzsteine aus dem 18. Jahrhundert aufgestellt. Daneben findet sich unter einem Kellerhals der Eingang zu einem großen Keller. Eine Treppe mit 23 Stufen führt hinunter zu dem 25,70 Meter langen und 7,70 Meter breiten Keller mit 3,80 Meter Scheitelhöhe. Über dem Eingang ist ein Stein mit folgender Inschrift angebracht: „1554: Da dieser Keller und diß Loch, Sein Anfang nam da zahlt man noch, die Jar wie oben zeichnet steht. Diß Faß mit wein man ins Loch thet. Der genannt ist Graf Wolfen wein, Im jar dreißig drei fast man drein.“ (d.h. in dem Faß war 1533er Wein). Im Hof befindet sich auch noch eine Gedenktafel für Peter Nieß (1895-1965), einen Heimatforscher.

Oberhalb des Marstall ist der Eingang zur Falknerei. Vorführungen sind dort Dienstag bis Freitag um 11 und 15 Uhr, Samstag 15 und 17 Uhr und Sonn- und Feiertags 11 und 15 Uhr (gelegentlich auch 13.30 Uhr). Der Falkner geht dann zu einem Garten am Rand der Burg und läßt die Vögel frei fliegen. Sie sind zu zutraulich, daß man sie auch streicheln kann. Der Falkner gibt auch viele Information zur Lebensweise der Tiere.

 

Der Weg zur inneren Burg beginnt wieder am großen Burgtor, zu dem man erst einmal zurückkehren muß. Der mäßig ansteigende Zugang führt durch einen Torbogen und zwei Torgewölbe. Die erste kleine Brückenpforte enthielt ein Stübchen und eine Kammer. Sie wurde aber im Jahre 1870 abgetragenen, es steht nur noch der vordere Torbogen. Diesen umgeht man aber, wenn man in der Kasse den Eintritt bezahlt (3,50 € für Erwachsene, 2 € für Kinder. Die Falknerei hat noch einmal die gleichen Eintrittspreise).

Der freie Raum hinter dem ersten Tor heißt „Auf der Brücke“ (2). Hier hielt man früher Schweine.

Das zweite Torgewölbe von 1523 führt in den unteren Hof der Vorburg (3). Über der Pforte ist eine Wappentafel zu sehen, die nebeneinander  das Ysenburger Wappen und den Rienecker Schwan zeigt, allerdings ohne Namenszug und Zahl; sie könnte von Philipp, dem Begründer der Ronneburger Linie herrühren, der mit Amalie von Rieneck verheiratet war.

In der Pfortenstube befinden sich fünf Kammern. Am eindrucksvollsten ist das Brunnengewölbe aus dem 13. Jahrhundert. Der 96 Meter tiefe Brun­nenschacht ist mit beson­ders sorgfältiger Sandsteinauskleidung versehn. Das Wasser wurde mit einem Tretrad gehoben. Heute kann man gegen eine Münze die Beleuchtung einschalten und Wasser aus dem Wasserhahn in einen Eimer laufen lassen und dann in den Brunnen schütten, um darauf zu hören, wie lange das Wasser braucht, bis es unten aufschlägt. In dem Torgewölbe ist auch noch eine Kammer im runden Turm und das Gefängnis (die „Wildsau“) und gegenüber ein kleines Stübchen.

Nach diesem Torgewölbe folgt ein freier schmaler Platz, der Unterhof. Ein Teil des Westbaus der Burg, der Turm und das Amtshaus (19) umrahmen ihn zusammen mit dem Brunnenhaus. Sein nordwestlicher Teil liegt einige Stufen höher und zeigt rechts in der Ecke einen Eingang zum Zinzendorfbau.

Man kommt dann durch ein längeres Kreuzgewölbe (4). Hier kann man sich hinter eine Ritterrüstung stellen und fotografieren lassen. Auch Schandpfahl und Halseisen kann man auf dem Burggelände finden. So gelangt man in den Oberhof. Dieser innerste Burghof ist malerisch mit seinen Treppentürmen und Erkern. Innerhalb der etwa vier Meter hohen Ringmauer stehen Palas und Wirtschaftsgebäude.

 

Zuerst fällt eine alte Schmiede und eine Münzpräge im Burghof ins Auge. Dahinter steht links im Hof  der „Palas“, das Ritterhaus von 1327 ‑ 1330, der älteste Steinbau der Burg. Der großer Keller trägt die Jahreszahl 1555 und das Wappen seiner Erbauer, des Grafen Anton von Ysenburg und seiner Gemahlin Anna von Wied (6-9). Der Hauptraum in diesem Palas ist gewölbt und seine Decke wird von nur einer Säule getragen. Sein wunderschöner Erker von 1546 bietet einen schönen Ausblick in das mittlere Maintal. Vorgelagert sind Halbschalentürme (von denen Brücken zum Palas führten) und ein mehrfacher Zwinger.  

Im Palas befanden sich folgende Räume: Der Rittersaal, das Stübchen über dem Speisekeller, das Rieneck’sche Gemach und Kammer, Herrn Johanns Gemach und Kammer, die Junkernstube und Kammer, die alte Kirche, die Schneiderstube und Kammer, noch eine Stube und eine Kammer, oben eine Kammer und zwei Fruchtböden, die Küche, noch eine Küche, eine Speisekammer, ein Küchengewölbe, zwei Speise- und Fleischkammern und ein kleiner Boden.

Die südliche Giebelwand des Palas war seit Jahren „abschüssig“. Risse an Wänden und Decken vom Weinkeller über Hofstube und Rieneck’sche Gemächer bis zur Kapelle hinauf zeugten von dem ge­fährlichen Zustand des Hauptgebäudes. Nach langen Vorarbeiten des Landesam­tes für Denkmalschutz ist nun von einer Spezialfirma der instabile Palas‑Giebel mit sieben Stahlankern gesichert worden, jeweils drei auf der Hofseite (innen) und auf der Zwingerseite (außen) von 9 be­ziehungsweise 14 Meter Länge sowie ei­ner quer über die gesamte Breite des Gie­bels. Gleichzeitig wurde mit einer Fassa­den‑ und Steinsanierung begonnen. Zu­dem werden alle maroden Sandstein‑Ge­wände ersetzt und ein „denkmalgerech­ter“ Außenputz wird aufgetragen. In der Hofstube des Pa­las sind die Fenster in angemessener Art gestaltet worden: einheitliche Wabenver­glasung und Sprosseneinteilung, außen mit dunkelgrauem Anstrich.

 

Rechts im Hof, links vom Bergfried, steht der „Kemenatenbau“, der mächtige Westbau von 1573 (10-17). In diesem waren die Frauengemächer (Kemenaten) untergebracht. Von außen lassen sich noch deutlich die Wohnungen der Frauen, der Dienerinnen (das Gaden) usw. unterscheiden. Hier ist heute der Haupteingang ins Innere der Burg und zu den Museumsräumen. Die Inschrift über der Tür lautet: „Im tausendfünfhundertsten Jahr, siebenzig drei der meien war, an diesem Bau den Anfang deth, Graff Heinrichs Gemahl Elisabeth, Gleichichen Stambs hat hier gelegt, Den ersten Stein, der den Bau tregt.“

Hier wurden folgende Räume genannt: Ein Gewölbestübchen, die Apotheke mit Kammer, Graf Heinrichs Gemach und Kammer, der Gräfin Gemach und Kammer. Gegenüber das Frauenzimmer und Kammer, der große Saal, gegenüber Graf Wolf Henrichs Gemach und Kammer, darüber das Papageiengemach und Kammer, unten neben der Apotheke eine Gewölbestube und Kammer.

Alles überragt jedoch der Bergfried aus dem 13. Jahrhundert (18). Der Aufgang beginnt in dem Gebäude rechts neben dem Turm. Dann geht man in den Turm hinein und auf Steinstufen weite. Die letzen beiden Treppen sind aus Holz und sehr steil. Zur obersten Aussichtsplattform führen 165 Stufen hinauf. Der Turm trägt einen Renaissancehelm von 1581, dessen Kuppel vier Erker aufweist, die durch eine Galerie miteinander verbunden sind. Vom Turm aus hat man einen herrlichen Rundblick auf Spessart und Vogelsberg.

Das Gebäude rechts vom Turm (4) heißt „Zinzendorfbau“. Aber geschaffen hat es hat Graf Heinrich, wie aus der Inschrift hervorgeht: „Frau Maria Graf Heinrich Gemahl, Den ersten Stein zu diesem Saal, Im Pfeiler hat gelegt Allhier, Am Tage St. Bonifacii (5. Juni), Tausend fünfhundert siebenzig Jahr nach Christi Geburt geschrieben war.“ Der Gewölbebau hat einen schönen, mit dem Wappen seines Erbauers gezierten Erker. Er befindet sich an dem Saal, der „die Kappelle“ genannt wird. Dieser hat eine Bausubstanz von 1570, bei der die Decke an Hängepfosten angehängt ist. Der Torbau wird auch „Zinzendorfbau“ genannt, weil hier eine calvinistische Kirche entstand, in der seit 1541 Gottesdienst gehalten wurde, nachdem die Kirche im Palas geschlossen werden mußte. Hier wird die Erinnerung wachgehalten an die Mitglieder zahlreicher Glaubensrichtun­gen, die im 18. Jahrhundert auf der Burg Zuflucht fanden. Unten ist wohl der Betsaal mit dem Modell der Burg, oben sind drei einfach Wohnräume. Diese waren sehr baufällig und sogar einsturzgefährdet und sind heute absichtlich nur grob restauriert.

 

Die Burg hat sehr gewonnen durch die Einrichtung eines Museums, das von Fürst Otto Friedrich zu Ysenburg mit vielerlei Altertümern aus­gestattet wurde. Der Rundgang führt zunächst kommt man in die Waffenkammer, dann in die Folterkammer (früher „schwarze Kammer“, die älteste Küche). Es folgt das Backhaus („Rauchstube“) mit der durch das ursprüngliche Fenster gebrochenen Tür zu der Küche mit dem gotische offenen Kamin. Rechts ist noch eine Butterkammer.

Durch einen gewölbten Zwischenraum mit einem alten Wandteppich  kommt man in den Rittersaal mit der Mittelsäule und den freigelegten Malereien in den Bögen. Im Saal steht ein Eisenofen und im Anbau gußeiserne Ofenplatten und an der Decke schöne Wappen. Damit ist der Rundgang durch das Untergeschoß beendet, man trifft wieder auf eine Tür in den Burghof.

Hier geht man jedoch die Treppe hoch und trifft gleich nach einigen Stufen links auf ein Zimmer mit einem Aktenschrank für die Unterlagen aus verschiedenen Orten, die dem Fürsten von Ysenburg gehörten. Im Oberstockwerk trifft man zunächst auf die Frauengemächer, eins mit Parkett und eins mit Dielen ausgekleidet und mit schönen floralen Malereien. Auch rechts ist ein Gemach mit schönen Malereien.

Es folgen die Apotheke, ein Raum mit irdenem Geschirr und einer steinernen Sonnenuhr. Dann kommen zwei kleine Toiletten und anschließend ein Raum mit Toilettenschränken, Bibliotheksstuhl, Humpen und einem Schreibtisch. An d er Wand findet sich hier der Bibelspruch Der Herr ist mein Hirte...“. Vielleicht war hier die älteste Kapelle der Burg.

Es folgt das mittlere Herrengemach, in dem aber Elisabeth von Gleichen-Tonna lebte, die lutherisch war; deshalb ist auch der Raum reich mit Darstellungen aus den biblischen Geschichten ausgestattet. Die anschleißende Treppe führt noch zu den Lakaienstuben und zur Zinnfigurensammlung, die aber nicht zugänglich sind. Schließlich folgt auf diesem Stockwerk noch ein großer Saal, in dem Tische und Bänke stehen.

Von dort geht man wieder zurück und die vordere Treppe hoch in das Oberstockwerk. Zuerst kommt man in einen Raum mit Dioramen und einer Vitrine, die die Belagerung einer Burg zeigt.

Rechts ist ein Raum mit Webgeräten und parallel ein Raum für die Flachsbearbeitung. Dahinter ist die Burgkapelle, in der der Bü­dinger Restaurator Adrian Neus die flora­le Ornamentik der Altarfassung rekon­struiert hat (ebenso die Wachstube im Tor­haus). Der Altar steht in dem dekorativen Erker, der auch vom Burghof aus zu sehen ist. Außerdem finden sich in dem Raum die Bilder zweier Grafen. Der Aufgang hinter der Kapelle ist noch wenigen Stufen versperrt.

 

Heute präsentiert sich die Ronneburg als Sehenswürdigkeit und beliebtes Ausflugs­ziel. Mit der Übernahme der Patenschaft durch den „Förderkreis Burg Ronneburg“, der von Mitgliedern der Hessischen Lan­desgruppe der Deutschen Burgenvereini­gung gegründet wurde, soll das mächtige Bauwerk als Zeugnis der Geschichte erhal­ten werden und neues Leben hier einkeh­ren. Der Förderkreis hat Geschäftsräume im obersten Herrengemach, das völlig vom Schwamm durchwachsen war, aber jetzt renoviert ist und mit Flüssiggas beheizt wird. So wurden beispielsweise über die Presse gebrauchte Dachziegel, sogenannte Biberschwänze, zur Ein­deckung des Palasdaches gesucht. Es wurden 12.000 benötigt, 60.000 kamen insgesamt zusammen. Sogar eine Hanauer Realschu­le, deren Dach gerade erneuert wurde, steuerte etliche Stapel bei.

So finden beispielsweise mehrtägige Burgfe­ste statt, die Handwerk, Leben und Kunst des Mittelalters einer großen Besucherzahl näherbringen, sozusagen „Geschichte zum Anfassen“. Der Veranstaltungskalen­der des Förderkreises sieht unter anderem eine Ausstellung, ein internationa­les Künstlersymposium, das Burgfest und das 1. Hessische Apfelfest. Aber auch für die verschiedensten Veran­staltungen familiärer, geselliger und ge­schäftlicher Natur soll die Ronneburg den richtigen Rahmen bilden. Silvester ist bei­spielsweise schon auf Jahre hinaus ausge­bucht. Auch ein „Kaiser“ hat sich hier wie­der einmal sehen lassen. Als Imageträger eines großen Herstellers aus dem Bereich Computer und Kommunikation kam Franz Beckenbauer persönlich auf die Ronne­burg und überreichte einen Spenden­scheck für die Altenhaßlauer Martinschule.

Die Ronneburg ist heute ein Hort der Gastlichkeit. Es gilt noch immer das Wort von Anton von. Ysenburg: „Kommet her zu uns, hier findet ihr eine kurzweilige und ehrliche Gesellschaft“. Der frühere Marstall bildet als Gästehaus einen Anziehungspunkt und bietet 500 Besuchern Platz. In dem wiederaufgebauten Gebäude, dort wo sich einst Futterboden und Gesindekammern befanden, kann heute der Gast gut speisen und dabei den Ausblick auf die reizvolle Umgebung genießen. Für Ta­gungen eignet sich das Kaminzimmer.

Im Gewölbe des Restaurants kann man sich kulinarisch ins Mittel­alter versetzen lassen. In zünftiger At­mosphäre, bei flackerndem Kaminfeuer Trompeten‑ und Trommelwirbel, wird hier zum „Rittermahl“ eingeladen. Deftige Fleischbrocken werden auf Holzbrettern serviert, als einziges Eßwerkzeug gibt es dazu ein gewaltiges Messer: Wozu hat der Mensch schließlich Finger, die alten Ritten kannten es sicher auch nicht besser. Und die Knochen darf man hier auch ruhig mal hinter sich werfen. Und im riesigen Stein­krug schäumt das Bier, daß es sogar ge­standenen und trinkfesten Bayern warm ums Herz wird.

Um die Ronneburg ranken sich auch Sagen, Legenden und Schauermärchen. So macht die Ge­schichte von einem spukenden Ritter die Runde, der schallende Ohrfeigen an jene verteilt, die ihn bewußt oder unbewußt be­obachten. Ein Knecht von einem Ronne­burger Hof, der die Geschichte nicht glau­ben wollte, soll ihm einmal begegnet sein, als er aufgrund einer Wette eine Nacht in einem Pferdestall der Burg zubrachte. Eine riesengroße Gestalt in einer klirrenden Rü­stung mit einer blau leuchtenden Laterne soll erschienen sein und ihm eine derma­ßen heftige Ohrfeige versetzt haben, „daß mer die Schlappe fortgefloche sinn“, wie der Heimatforscher Peter Nieß berichtet.

Eine andere Geschichte berichtet von ei­nem Strauchritter, der einmal einen armen Bauern überfallen und getötet hatte und darauf hin noch nicht einmal Zugang in die Hölle fand und seither nächtens zum Um­herstreifen in Menschengestalt oder auch als Hund oder Katze verdammt ist.

Die mächtige Wehranlage und Re­naissance Residenz wird abends ab Dämme­rung bis Mitternacht beleuchtet. Drei‑Tausend‑Watt‑Strahler tauchen die Kernburg samt frisch saniertem Bergfried in ein warmes gelbes Licht. In der Festschrift zu den jüngsten Burg­spielen war eher beiläufig zu lesen: Da die Burg inzwischen als Denkmal von na­tionaler Bedeutung eingestuft wurde, wer­den ab 2002 auch Fördermittel vom Bund bereit gestellt.

Die Öffnungszeiten der Ronneburg: Vom 29. Februar bis Ende November mitt­wochs, donnerstags und freitags von 10 bis 12 Uhr (nur Gruppenführungen nach Vor­anmeldung) und von 14 bis 17 Uhr (freier Rundgang), samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr (freier Rundgang und Grup­penführungen nach Voranmeldung). Inter­essenten können sich an Herrn Kaiser, Tel.: 06048/7180 wenden. Internet: burg-ronneburg.de

 

 

Zinzendorf auf der Ronneburg

Die stattliche und schöne Burg am Rande des Kreises Hanau nach dem Vogelsberg zu war schon zu der Zeit, als vor mehr als 200 Jah­ren der Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf sie zum ersten Male besuchte (1736), im Verfall. Ein „wüstes Bergschloß“, so hat er sie nach einem zeitgenössischen Bericht genannt; aber es ist auch über­liefert, daß er entzückt gewesen sei über die Landschaft ringsum, die Berge und die Wälder und den Blick bis in die Mainebene.

Die schon etwa hundert Jahre vorher als Residenz der Grafen von Ysenburg aufgegebene Burg war damals von „Flüchtlingen“ bewohnt, um ein Wort von heute zu gebrauchen. Neben Salzburgern, die um ihres evangelischen Glaubens willen die Heimat hatten verlassen müssen, lebten dort Angehörige einer aus Schwaben stammenden und dort vertriebenen Sekte, die „Inspiranten“ genannt wurden, weil sie sich mehr als auf alles andere auf unmittelbare göttliche „Inspirationen“ verließen; dazu wohnte fahrendes Volk, wie Zigeuner, in dem alten Gemäuer.

Auch Zinzendorf war flüchtig und suchte eine Zuflucht. Er hatte die Siedlung Herrnhut auf seinem Gute Berthels­dorf in Sachsen, deren Bewohner zumeist auch wieder Flüchtlinge, die böhmisch‑mährischen Brüder, gewesen waren, verlassen müssen, da diese Leute der dortigen Landeskirche verdächtig waren. Hier aber war einige Jahrzehnte vorher von dem Grafen Ernst Kasimir von Ysenburg‑Büdingen „vollkommene Gewissensfreiheit für jeder­mann“ proklamiert (1712) und auch geübt worden.

 

Eine große Bedeutung hatten auch die Herrnhuter auf der Ronneburg. Als Böhmisch-Mäh­ri­sche Brüder wurden sie in Kuhnwald in der Tschechei gegründet. Weil sie sich aus den Hussitenkriegen heraushalten wollten, gingen sie in die Einsamkeit, um in Sanftmut, Geduld und Feindesliebe zu leben. Ihre Symbole waren das Lamm (=Christus), der Kelch (Hussitenkelch) und die Bibel als Grundlage des Glaubens. Die Bibel wurde in die Volkssprache über setzt (Kralitzer-Bibel). Sie hatten ein gut entwickeltes Schulwesen und die Gemeinde sang im Gottesdienst (nicht nur der Chor).

Letzter Bischof dieser Bruderunität war Johann Amos Comenius, der ein bebildertes Lehrbuch herausgab. Öfter wurden sie verboten, lebten im Untergrund. Am 21. Juni 1621 kam es nach der Schlacht am Weißen Berg zum „Prager Blutgericht“, bei dem 21 evangelische Adlige geköpft wurden und ihre Köpfe 20 Jahre lang am Brückenturm der Karlskirche ausgestellt wurden.

Ein kleiner Teil der Brüder Unität wanderte nach Polen aus, auch in andere Länder. Beim Westfälischen Frieden 1648 wurde die Böhmische Konfession nicht anerkannt. Im 18. Jahrhundert gab es im Zuge der pietistischen Erweckungsbewegungen immer wieder Auswandererschübe.

Ein deutschsprachiger Zug kam auf den Besitz des Grafen Zinzendorf in Sachsen. Der Zimmermann Christian David hatte sie über die Grenze gebracht und baute die ersten Häuser der Siedlung Herrnhut, bald auch ein Gemeindehaus und ein Waisenhaus. Nach fünf Jahren hatte die Siedlung 300 Einwohner, darunter auch solche, die nicht aus Böhmen oder Mähren waren.

Doch es kam zum Streit. Christian David zog aus und baute sich ein eigenes Haus im Wald. Graf Zinzendorf gab seine Stellung in Dresden auf, besuchte alle Bewohner und gründete 1727 mit einer Abendmahlsfeier die Brüder-Unität neu. Zentrum war das Liebesmahl mit dem Teilen der Gaben, typisch das Lied „'Herz und Herz vereint zusammen“, die Losungen seit 1751 und die Mission (gegen die Sklaverei). Der Mensch wurde nicht nur als Sünder gesehen, sondern sollte aufgerichtet gehen, weil Gott ihn liebt; bei der Beerdigung trug man weiße Kleider.

Wegen Verbreitung von Irrlehre und Aufnahme von Asylanten wurde Zinzendorf vertrieben. Christian David wurde auf die Ronneburg geschickt. Er kam zurück mit der Botschaft: Dort kann man nicht wohnen. Aber zwei Tage später war Zinzendorf zusammen mit Anna Nitschmann und zwei Kindern auf dem Weg zur Ronneburg. Zunächst aber war er in Marienborn, dem Hauskloster der Ysenburger, das inzwischen ein leerstehendes Schloß war. Die Herrnhuter haben es für 50 Jahre gepachtet, dort pädagogische Einrichtungen untergebracht und ihre zentrale Leitung dort eingerichtet (heute ist es eine Ruine, nur ein Teil ist in die Schloßkirche eingebaut).

 

Mit dem Grafen Zinzendorf kam 1736 die Herrnhuter Brüdergemein­de als dritte Glaubensgemeinschaft auf die Burg, was nicht gerade zum Frieden in den Gemäuern beitrug. Es muß unglaub­lich eng gewesen sein, zumal Arbeitsplatz und Wohnung für Hunderte identisch wa­ren, zudem die Räume als Lager für Roh­stoffe und Waren dienen mußten und nicht zuletzt für Andacht, Anbetung, Ritus.

Was waren die bisherigen Gruppen und Einzelnen gegen Zinzendorf und seine Leute, gegen den Grafen und die Brüder, wie sie ein neuerer Schriftsteller genannt hat, der im Anschluß an den Namen seiner Herrnhuter Flüchtlingssiedler die „Brüdergemeine“ gründete und mit ihr auf die Ronneburg kam! Sie gaben nun für einundeinhalb Jahrzehnte der Burg das Gepräge. Ja sie bauten, als die Burg für den Zustrom der Brüder nicht ausreichte, die benachbarte Sied­lung Herrnhaag.

Da kam es nicht nur zu dem Ringen mit der scheinbar so nahe verwandten Frömmig­keit der Inspiranten, von der eine ganze damals zumeist in Büdingen gedruckte Literatur noch Zeugnis gibt; da wurden hin und her in unseren Gemeinden ringsum die Leute aufmerksam und wanderten zu den Gottesdiensten und Stunden auf die Burg oder später nach Herrnhaag; da wurde für Jahre die Ronneburg das europäische Zen­trum der Heidenmission, wie die Brüdergemeine sie kurz vorher be­gonnen hatte.

Und nun kamen unendlich viele Fremde, aus dem ganzen Deutschland und aus ganz Europa; und mit den Missionaren junge Christen aus allen Erdteilen; Eskimos von Grönland ‑ einmal sind einige auf dem Herrnhaag getauft worden ‑, Negersklaven aus Westindien, d. h. von den mittelamerikanischen Inseln, Indianer aus Nordamerika, Hottentotten aus Südafrika, Armenier und Perser aus Asien. Was werden die Bewohner unserer Dörfer für Augen gemacht haben über diese Fremden! Missionsfeste mit solchen Bericht­erstattern und Teilnehmern sind heute noch eine große Seltenheit bei uns.

Zinzendorf selbst war viel unterwegs, vor allem nach England und Amerika; die Brüdergemeine nannte sich geradezu eine Pilgergerneine: Sie waren ja der ganzen Welt die frohe Botschaft schuldig, die sie selber mit solchem glühenden Glauben erfüllte. Es kam vor, daß in seiner Abwesenheit die Frömmigkeit sich übersteigerte und zu Festfeiern führte, die großes Auf­sehen erregten. Einmal feierte die Gemeine auf dem Herrnhaag ein Lichtfest mit solchem Feuerwerk, daß die Büdinger Feuerwehr alarmiert wurde und anrückte. Immerhin sind gerade auch von den Versuchen, gottesdienstliche Feiern neu zu gestalten, starke Anregungen ausgegangen. Die Brüdergemeine selbst nennt die Zeit ihres Aufenthaltes hier die Sichtungszeit; mit einem alles Überschäumen jugendlicher Begeisterung beendenden Versöhnungsfest im August 1750 schloß sie ab.

Am 15. Juni 1756 kam Zinzendorf selber auf die Ronneburg. Er hielt öffentliche Sing- und Betstunden für die Burgbewohner ab, auch für die Kinder. Es wurde eine Schule eingerichtet. Den Kindern wurde das Betteln verboten und Dienstag und Freitag Brot an sie ausgeteilt. Zinzendorf hatte ein angesehene Stellung und hielt Predigten, auch für die  Dorfbewohner. Am 21. August starb Zinzendorfs Sohn Ludwig auf der Ronneburg.

Aber bald wurde den Herrnhutern öffentliche Ruhestörung vorgeworfen. Man weiß nicht, ob die Widerstände von den Burgbewohnern oder aus den Dörfern kam. Die Herrnhuter wollten eine eigene Gemeinde bilden; aber das wurde nicht erlaubt. Sie wollten die Burg kaufen. Doch der Pächter Andreas Schuckardt verlängerte den Vertrag nicht.

Am 11. Oktober 1756 zogen die Herrnhuter aus der Burg aus. Zinzendorf war nur 44 Tage dort und zog dann weiter nach Livland. Seine Frau und die Mitarbeiter führten die Arbeit weiter. Nach 120 Tagen zogen alle Herrnhuter zunächst nach Lindheim und 1758 dann nach Marienborn und Herrenhaag.

Der Aufenthalt nahm ein Ende; bei einem Regierungswechsel verlangte der neue Graf einen Huldigungs-Eid, den die Brüdergemeine vor ihrem Gewissen nicht glaubte verant­worten zu können. So schnell wie sie gekommen war, verschwand sie wieder, zumal die ältere Siedlung Herrnhut ihnen wieder offen stand. Ihre Bauten zerfielen; nur die Industrie, die sie mitgebracht hatten, blühte noch lange.

Unabsehbar sind die Auswirkungen, die dieser fünfzehnjährige Aufenthalt im Lande gehabt hat. Noch heute findet man Spuren, ob in mündlicher Überlieferung, ob in Erbauungs­büchern aus jenen Jahren, die in alten Familien treulich weiter vererbt sind, ob in mancherlei Kreisen etwa der Gemeinschaften, die ebenso wie die damals der Sache wenig gewogenen, aber heute vor allem für die Sache der Heidenmission aufgeschlossenen Gemeinden der evangelischen Kirche dankbar der Befruchtung unseres geist­lichen Lebens durch den Grafen Zinzendorf gedenken.

 

Als eine Zeit­lang nach dem zweiten Weltkrieg die Ronneburg als Jugendburg be­nutzt wurde, wurde allen den vielen Besuchern, wieder aus der gan­zen Welt, die Erinnerung an jene Zeit als dem größten Ereignis der reichen Burggeschichte lebendig. Der Name „Zinzendorfbau“ für das mitten im Burggelände stehende stattliche Haus hält das Gedächtnis fest.