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Steinbach-Hallenberg Kirche und Schule

 

 

Kirche und Schule im Steinbacher Grund

 

 

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>>>>>>> Kirche im Steinbacher Grund 1         1200 - 1730

                 Kirche im Steinbacher Grund 2          1730 - 1892

                 Kirche im Steinbacher Grund 3          1892 - 1972

                 Kirche im Steinbacher Grund 4         1972 - 2008

                 Kirche im Steinbacher Grund 5          Anhang (Heiligenmeister, Turmknopfurkunden, Sc h u l e )

 

     

 

 

 

 

 

Eine Zussammenstellung von Erläuterungen finden Sie im Anhang.

 

 

Vorwort

„Unsere Heimat aber ist im Himmel!“ (Phil 3,20)

Als ich zum ersten Mal die kleine Schrift zur 300-Jahr-Feier der Kirche in die Hand nahm, da war meine Meinung: Über die Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg gibt es nicht viel zu sagen! Inzwischen bin ich eines anderen belehrt worden, ja ich kann sagen, dieses Gebiet ist fast uferlos. Warum lohnt es sich, die Geschichte zu erforschen? Die Geschichte hat nicht einfach mit unserer Geburt angefangen, sondern wir haben Vorfahren, von deren Leistung wir leben. Viele Sitten und Gewohnheiten sind allmählich gewachsen. Man wird sie besser verstehen und achten, wenn man ihren Werdegang kennt. Vieles wirkt auch heute noch nach oder es ist voll in Geltung, was vor Jahrhunderten einmal begonnen wurde. Damit wir uns in der heutigen Zeit zurechtfinden können, ist ein Verhältnis zur Geschichte nötig. Vor allem wird es uns dadurch leichter zu entscheiden, was wir heute beibehalten wollen und was wir beruhigt abtun können. Es lohnt sich, an der Tradition festzuhalten, soweit sie auch in der heutigen Zeit sachgemäß ist, und nicht leichtfertig etwas aufzugeben, was in langen Jahren gewachsen ist und sich bewährt hat. In manchen Fällen wird man sich auch den veränderten Verhältnissen anpassen müssen.

Aber man wird auch offen sein müssen für neue Wege, um in der heutigen Zeit bestehen zu können. Die Geschichte kann uns vor Fehlern bewahren, wenn man sieht: Das ist schon einmal dagewesen und so ist es ausgegangen! Dann wird man vielleicht von vornherein anders handeln und die Erfahrungen bedenken. Wenn der Rückblick auf die Geschichte dabei hilft, mit beiden Beinen in unserer Zeit zu stehen und deren Aufgaben zu bewältigen, dann diese mit vielen Mühen erstellte Arbeit ihren Sinn erfüllt.

Es soll nicht verschwiegen werden, daß auch früher manches nicht in Ordnung war. Auch früher setzte sich die Kirchengemeinde aus Menschen zusammen, die Vorzüge und Fehler hatten. Wir sind aufgerufen, es besser zu machen. Es wird hoffentlich auch deutlich werden, daß die Kirchengeschichte unserer Gemeinde nicht nur von Pfarrern geschrieben wurde. Diese haben zwar ein entscheidendes Gewicht gehabt und werden es auch wohl weiter behalten. Aber heute haben wir erkannt, daß eine Gemeinde nicht mit den Pfarrern stehen und fallen darf. Die Verantwortung der ganzen Gemeinde und ihrer gewählten Vertreter wird in Zukunft noch mehr gestärkt werden müssen. Deshalb ist hier auch möglichst viel Material herangezogen worden, das von den Leistungen und den Gewohnheiten der ganzen Gemeinde berichtet.

 

 

 

 

 

 

Die vorchristliche Zeit

Das Gebiet zwischen Werra, Schmalkalde und Schwarza wurde schon früh vereinzelt besiedelt. Bei Schwarza gibt es ein großes Hügelgräberfeld aus der Zeit um 1500 vCh. Seit 400 vCh wurde das Werratal von Kelten bewohnt. Auf germanische Besiedlung verweisen viele Namen von Gewässern an den Verkehrswege über das Gebirge. Das engere Gebiet um Steinbach-Hallenberg war aber vor dem 12. Jahrhundert nicht besiedelt. Die Menschen damals waren natürlich Heiden. Ihre Götter verehrten sie in heiligen Hainen (Pleß bei Breitungen, Hainberg bei Auwallenburg.

 

Reliefkarte Thrüringer Wald

 

Auf dem Donnershaugk vermutet man eine germanische Fest-und Kultstätte. Der Name bedeutet „Berg des Donar“ (Donar war ein germanischer Gott). Auch die Namen der umliegenden Berge lassen sich auf germanische Namen zurückführen. Man hat vermutet, daß auf dem Gipfel ein Steinmal errichtet war: In einen sogenannten „Opferstein“ sollen Pfähle eingerammt gewesen sein, an die die Opfertiere gebunden wurden. Doch nach neueren Erkenntnissen handelt es sich dabei nur um einen Mühlsteinrohling, der nicht fertig bearbeitet wurde. Er ist etwas unterhalb des Rennsteigs an einen Baum gelehnt.

Eine späte Nachwirkung der germanischen Religion war der mittelalterliche Hexenglaube. Danach machten sich in der Walpurgisnacht vom 30. April zum 1. Mai die Hexen auf die Reise (nach einigen: vom Donnershaugk). In Steinbach gab es gleich zwei angebliche Hexentanzplätze: den Lindenhügel am Hohen Berg („Hexenlinde“ an einem Kreuzweg am Köpfchen) und die Blochwiese am Kleinen Hermannsberg (wo heute noch viele Ebereschen stehen, die den Germanen heilig waren).

Die erste Christianisierung erfolgte durch Mönche aus Irland und Schottland. Der Grabfeldgau (zu dem Südthüringen gehörte) wurde vor allem von Kilian bekehrt, der 687 nach Ostfranken gekommen war. Doch vollendet wurde das Werk durch Winfried, der später „Bonifatius“ genannt wurde. Er schuf eine feste kirchliche Organisation, die er dem Papst in Rom unterstellte. Dadurch wollte er nicht nur die Reste des Heidentums beseitigen, sondern auch die nach seiner Meinung ketzerische Lehre der iro-schottischen Mönche. Durch den Frankenkönig Karl Martell ließ er die Bischöfe und Äbte vertreiben, die verheirateten Volksprediger verjagen und überall den römischen Gottesdienst einführen.

Nachdem er 723 die Donar-Eiche bei Fritzlar in Hessen gefällt hatte, kam er 725 nach Thüringen. In der Nähe von Altenbergen baute er die Johanneskirche (dort steht heute ein Kandelaber). Weitere Kirchen ließ er beim Schloß Altenstein (bei Bad Liebenstein) und in Ohrdruf errichten. Ob er auch nach Schmalkalden gekommen ist, läßt sich nicht erweisen. Er krönte sein Werk durch die Errichtung der Bistümer Erfurt (nördlich des Thüringer Waldes) und Würzburg (südlich des Thüringer Waldes).

Als der Steinbacher Grund besiedelt wurde, waren die Bewohner natürlich Christen. Sie gehörten – wie alle Bewohner südlich des Thüringer Rennsteigs - um Bistum Würzburg. Die Pfarrei Springstille war die „Urpfarrei“, gehörte aber zur Großpfarrei Schmalkalden.

Die Kenntnisse der untergeordneten Geistlichkeit waren allerdings höchst dürftig. Noch im 10. Jahrhundert war man schon mit einem Priester zufrieden, wenn er nur die lateinischen Episteln und Evangelien lesen, den wörtlichen Sinn verstehen und einen Psalm auswendig hersagen konnte.

 

 

 

Anfänge der kirchlichen Organisation im Haselgrund

Politisch gesehen gehörte der Haselgrund seit dem 12. Jahrhundert den Herren von Hallenberg, die aber am Anfang des 13. Jahrhunderts unter die Herrschaft der Henneberger gerieten. Im Jahre 1228 wurde Reginhard von Hallenberg als Zeuge bei einer Verhandlung im Zusammenhang mit dem Kloster Rohr erwähnt. Dies ist der erste urkundliche Beleg für die Existenz der Hallenburg und der Kleinherrschaft der Hallenberger .Die Burgherren mußten nach mündlicher, aber unsicherer Überlieferung, durch die Gräfenhohle und über den Kirchberg nach Springstille reiten, um den Gottesdienst besuchen zu können.

Ein Frühgottesdienst („Frühmesse“) in Steinbach-Hallenberg wurde von Heinrich IV. von Henneberg-Hartenberg gestiftet, wohl vor dem Jahr 1300, vielleicht 1274, als er durch die Hennebergische Landesteilung die Burg Hallenburg erhielt. Seitdem kam der Pfarrer von Springstille, der in der kleinen Marienkapelle den Frühgottesdienst hielt. Während des sogenannten „Interregnum“ war Springstille aber im Jahre 1285 zerstört worden.

Weil es keine feste Staatsgewalt gab, machten Räuberbanden die Gegend unsicher. Sie kamen über den Wald und zerstörten Springstille und Helfers (bei Breitenbach). Alle Höfe haben wüst gelegen und das Land ist nicht mehr bebaut worden. Als man aber angefangen hat, Springstille wieder aufzubauen, da ist dort kein Pfarrer gewesen. Da sind die Springstiller nach Steinbach zum Frühgottesdienst gegangen, der damals von der Pfarrei Schmalkalden betreut wurde. Zu dieser Pfarrei gehörten auch Altersbach, Breitenbach und Helfers, das zu der Zeit noch bewohnt gewesen ist (bei Breitenbach, jetzt eine Wüstung). Im Jahre 1321 bat noch einmal Pfarrer Bernhard von Schmalkalden um eine offizielle Bestätigung der Kapelle in Steinbach. Diese erfolgte dann endlich im Jahre 1323.

Steinbach hatte schon ein Pfarrgut: Der Landesherr Heinrich IV. von Henneberg-Hartenberg stiftete auch (vielleicht erst nach 1308) eine Reihe von Äckern und Wiesen, die zum Unterhalt für den Pfarrer bestimmt waren. Das war der Anfang des Steinbacher Pfarrguts. Es wurde durch Graf Albrecht, den letzten Henneberg-Römhilder, vergrößert und noch einmal 1576 erweitert.

Graf Heinrich IV., seine Frau Kunigunde und sein Sohn Poppo schenkten am 19. Juni 1310 auch dem Orden der Wilhelmiten einen Hof und Ländereien in Steinbach. Den Mönchen wurden dabei keine Bedingungen auferlegt: sie sollten ihn frei und ruhig innehaben. Wo der Hof lag, ist nicht bekannt. Vielleicht ging er später im Pfarrgut auf.

Gesamtansicht vom Arzberg her

 

Später verwalteten zwei Springstiller die Pfarrgüter, die aber als „ungerecht Erb“ bezeichnet wurden, die also zu Unrecht genutzt wurden. Es hat sich niemand der kirchlichen Güter („des Heiligen“) so recht angenommen, bis sich die Einwohnerzahl von Springstille wieder vermehrt hat. Da haben sich die Einwohner in Springstille das erwähnte Pfarrgut unter sich aufgeteilt und eingenommen. Angeblich haben sie keinen Lehnherrn darüber finden können.

Da haben sie unter sich selbst die Heiligenmeister (diese richteten an sich nur den Altar her) zu Lehnherrn bestimmt und jährlich 15 Pfennige davon für die Kirche als ewige Abgabe („Erbzins“) hinterlegt. So sind die Grundstücke von einem Bauern auf den anderen gekommen, und einer hat sie dem anderen verkauft, als wären sie sein.

Aber es ist das Recht der Pfarrei geblieben, daß keine Abgaben an einen Fürsten oder Herrn zu zahlen waren und auch bei allen Steuerveranlagungen diese Grundstücke nicht herangezogen wurden.

Das Pfarrgut zahlt auch keinen Fürsten oder Herrn einen Zins oder Erbzins, sondern es ist bisher beim Recht der Pfarrei („Pfarrgerechtigkeit“) geblieben.

Die Inhaber haben sich dann aber unter den Schutz der Henneberger begeben und sie zu einem vorgesetzten Herrn angenommen. Deshalb haben die Nutzer der Grundstücke  jährlich der Herrschaft Henneberg etwas  geben müssen, wenn die Herrschaft sich dort gelagert hat, oder sie haben einen Tag ackern oder schneiden müssen, aber sie haben keinen Heller noch Pfennig als Zins oder Erbpacht gegeben.

Nun hat es sich aber ergeben, daß die erwähnten Grundstücke zu Unrecht in den Besitz von Hans und Letz gekommen sind. Als es aber hieß, diese müßten sie von den Heiligenmeistern als Lehen empfangen, haben sie gesagt, die Heiligenmeister seien ihnen nicht gut genug als Lehnherren. Wenn es schon eine Lehnpflicht gebe, dann nur gegenüber der Pfarrei in Steinbach. Sie hätten die Grundstücke einige Jahre innegehabt und keine Lehnforderung dafür erhalten, auch sei es in dieser Zeit verkauft worden und keiner habe den anderen in ein Lehnsverhältnis gebracht. Sie wüßten aber, daß die Grundstücke bis auf den heutigen Tag als ein geistliches Gut angesehen werden und man von 20 Gulden der Kirche einen Handlohn von einem Gulden geben muß

Der Frühmeßner in Steinbach hat sich dann mit dem Pfarrer in Schmalkalden wegen der Pfarrgüter verglichen. Man hat sich so geeinigt, daß der Pfarrei Schmalkalden das Grundstück gehören soll, das Hans Luck nutzt, und der Frühmeßner in Steinbach soll das Grundstück nutzen dürfen, das jetzt Kilian May hat. Außerdem soll in Zukunft Breitenbach nach Schmalkalden und Altersbach nach Steinbach eingepfarrt werden. So ist die Pfarrei Springstille zu Steinbach gekommen und die erwähnten Parteien haben sich in dieser Zeit die Dörfer und Pfarrgüter durch Vergleich geteilt. Steinbach-Hallenberg war damit eine selbständige Pfarrei mit den Orten Springstille und Altersbach (Rotterode blieb weiterhin direkt Schmalkalden unterstellt und kam erst im 17. Jahrhundert zur Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg).

 

 

Die älteste Kirche in Steinbach

Die Siedlung Steinbach wird 1308 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, als am 24. Oktober die damalige Landesherrin von Schmalkalden, die Markgräfin Anna von Brandenburg, die Kapelle St. Marie in Steinbach von der Mutterkirche in Schmalkalden trennen wollte. So ganz sicher läßt sich nicht mehr ausmachen, wo die Marienkapelle gestanden hat. In der Hallenburg jedenfalls war keine Kapelle, dafür war der Raum zu eng.

Das sogenannte „Glockenhaus“ unterhalb der Hallenburg war das älteste Malzhaus und hat mit der Kirche nichts zu tun. Allerdings hing bis in die 20iger Jahre des 20. Jahrhunderts auf dem Turm dieses Hauses eine Glocke mit einem reinen Silberton und der Inschrift nimmt an, daß diese Glocke aus der alten Marienkapelle stammte. Sie gab auch später den Bewohnern des Oberdorfs das Zeichen zum Gottesdienst und wurde besonders bei Beerdigungen aus dem Oberdorf geläutet: Erst wenn der Leichenzug beim Oberdörfer Pfarrhaus ankam, setzten die Glocken der Hauptkirche ein.

Eine weitere Möglichkeit für eine frühe Kirche in Steinbach wäre die Friedhofskirche, in der sich bis 1968 ein Taufstein mit einem großen Becken befand, der aus der Marienkapelle stammen könnte, aber auch erst aus der zweiten Kirche. Außerdem hat man in den Seitenportalen der Hauptkirche noch Überreste der Marienkapelle bzw. einer nachfolgenden Kapelle erkennen wollen. Das ist aber unwahrscheinlich, denn 1652 beim Neubau der Kirche wurden die Maurer verdingt, auch drei Türen herzustellen.

Seite aus der Chronik von Franz Niclas Kraut

 

Nach der Chronik von Franz Kraut sieht es so aus, als habe die Marienkirche dort gestanden, wo später eine Friedhofskirche war, aber diese Friedhofskirche und der Friedhof wären an der Stelle der jetzigen Hauptkirche gewesen. Als dann Untersteinbach größer wurde, hätte man diese „Totenkirche“ zur Hauptkirche gemacht. Doch diese Angabe ist unsicher.

Fest steht nur, daß rund um die erst Steinbacher Kirche ein Friedhof war. Das deutet darauf hin, daß hier die eigentliche Kirche gestanden hat. Auch der schon im 16. Jahrhundert bezeugte Name „Kirchberg“ deutet darauf, daß die Kirche im Unterdorf gestanden hat. Deshalb kann der Standort der Marienkirche nur dort gewesen sein, wo schon immer die Kirche von Steinbach-Hallenberg gestanden hat. Sie wurde dort errichtet, wo auch der ihr nachfolgende Kirchenbau und die von 1652 bis 1656 errichtete Hauptkirche gestanden haben bzw. noch steht.

 

 

Zweite Kirche

Von dieser Kirche besitzen wir so gut wie keine Nachricht. Im Grunde gibt es nur eine Angabe in der Chronik des Johannes Avenarius, nach der man 1651 bei der Begründung für einen Neubau mitteilt, daß „selbige nunmehr viel über 200 Jahre gestanden” habe. Nun kann es zwar sein, daß diese Zahlenangabe nur zum Ausdruck bringen will, daß die Kirche schon sehr viele Jahre gestanden hat. Aber nehmen wir einmal an, daß die Zahl so ungefähr stimmt, dann muß es eine zweite Kirche gegeben haben, die zwischen 1400 und 1450 entstanden sein muß, denn eine Kapelle wäre bei der gewachsenen Einwohnerzahl zu klein gewesen.

Es war wohl mehr ein bescheidener Holzbau als ein massiver Steinbau. Um sie herum breitete sich der älteste Totenhof aus. Man kann sich vorstellen, daß bis zu 50 Personen in ihr Platz fanden. Ihr Name ist in der erwähnten Glocke mit der Inschrift „Ave Maria Gratia 1520” überliefert, der Name ist jedoch wahrscheinlich nach der Reformation aufgegeben worden.

Die Kirche war natürlich wesentlich kleiner als die heutige Kirche. Sie war vielleicht direkt nach Osten ausgerichtet, wie das bei älteren Kirchenbauten üblich war, während der Grundriß der heutigen Kirche stärker nach Südosten gedreht ist. Für diese zweite Kirche ist aber die kleine gotische Ave-Maria-Glocke von 1520 gegossen worden, die später auf dem „Glockenhaus“ hing.

Diese zierliche und in gotischer Form gestaltete Glocke mit der Inschrift „Ave Maria Gratia 1520” (Abbildung in dem Buch von Paul Weber: „Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Bd. V: Kreis Herrschaft Schmalkalden“, Marburg 1913) hing später auf dem alten Malzhaus am Schloßberg. Auf dieses hat man 1727 ein neues Türmlein gesetzt, so daß man die alte Glocke dort aufhängen konnte. Man gab diesem Gebäude dann den Namen „Glockenhaus”, als das Gebäude nicht mehr als Malzhaus, sondern als Spital diente.

Aus dieser Kirche könnte auch der gotische Taufstein gewesen sein, der bis 1968 oder später in der Friedhofskirche stand, ehe er von Handwerkern  zerstört und als Baumaterial für die Reparatur der Friedhofsmauer verwendet wurde (!).

In die Friedhofskirche könnte er gekommen sein, als die Hauptkirche von 1616 bis 1619 wegen der Streitigkeiten um die Besetzung der Pfarrstelle gesperrt war, oder auch in den Jahren 1651 bis 1656, als die Hauptkirche neu gebaut wurde  und man in die Friedhofskirche auswich, in der auch Kindtaufen stattfinden mußten.

 

In dem Buch von Paul Weber „Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Herrschaft Schmalkalden” von 1913 wird dieser achteckige Taufstein mit spätgotischem Knauf und der sehr weit ausgehöhlten kelchförmigen runden Schale in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts gesetzt. Das dürfte dann auch mit dem Entstehungsjahr der Marienglocke übereinstimmen, so daß man sehr vorsichtig daraus schlußfolgern kann, daß der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstandene gotische Vorgängerbau der heutigen Kirche um 1520 repariert, erneuert oder zumindest mit Taufstein und Glocke neu ausgestattet wurde.

 

 

Pfarrer der vorreformatorischen Zeit

Am 6. Februar 1330 wurde dem Kloster Veßra eine Stiftung gemacht zur Sühne für die Ermordung eines Ludwig von Steinbach, der ein Kaplan des Klosters Veßra war. Ob dieser Ludwig allerdings Kaplan in Steinbach war, ist nicht gesagt. Nach seiner Ermordung wurde allerdings die Marienkirche in Steinbach von Veßra übernommen.

Im Jahre 1438 wurde N i t h a r d  F a b r i als Pfarrer von Steinbach erwähnt. Er bestätigte zusammen mit anderen die Richtigkeit der Abschrift eines Ablaßbriefs für die Kirche in Brotterode aus dem Jahre 1364. Er wurde als „plebanus“ bezeichnet. Das bedeutet: Die Marienkapelle bzw. die nachfolgende Kirche war nicht mehr nur zum Lesen der Messe da und ansonsten der (Tauf-) Kirche in Schmalkalden unterstellt, sondern sie war eine selbständige Pfarrkirche geworden.

Am 9. August 1458 gelobte P e t r u s  B o r n dem Grafen Johann von Henneberg, tatsächlich auf die ihm verliehene Pfarrei Steinbach unter Hallenberg zu ziehen und auch dort zu bleiben und sie treu zu versehen, damit die armen Leute versorgt werden.

Der letzte Pfarrer vor der Reformation war M a r t i n  G o b e l l. Im Visitationsbericht über das Kapitel Mellrichstadt heißt es: Der Patron der Kirche in Steinbach war der Pfarrer von Schmalkalden (d.h. er konnte die Pfarrstelle vergeben), tatsächlicher Betreuer der Pfarrstelle aber war Martin Gobell, der auch im Ort wohnte.

 

 

Die Wiedertäufer

Inzwischen war aber eine neue Zeit heraufgezogen. Das zeigte sich auch an der Täufer­be­wegung, die ihre Mitglieder noch einmal als Erwachsene taufte. Steinbach aber wurde davon nur am Rande berührt. Schon um die Jahreswende 1527/28 gab Graf Wilhelm von Henneberg einen Erlaß gegen die Wiedertäufer heraus. Der Führer einer solchen Gruppe in Zella-Mehlis war Baltazar Armknecht. Er hatte Volkmar von Hildburghausen geholt, damit er im Haus von Hans Fock eine Reihe von Leuten taufte. Diese Gruppe mußte dann fliehen und ließ eine stattliche Kinderzahl zurück. Armknecht zum Beispiel hatte vier kleine Kinder, die ihr Großvater Hans Haseney aus Steinbach aufnahm.

Anfang Juni 1528 wurden ein Kirchner und ein Schmied aus Mehlis verhaftet kamen in das Zentgefängnis, die Hallenburg. Der Kirchner wurde hingerichtet, der Schmied wurde begnadigt, weil die Grafen von Gleichen sich für ihn einsetzten, weil er nur verführt worden sei.

Im Kloster Reinhardsbrunn wurde im Januar 2013 eine Stele enthüllt, die an sechs andere Wiedertäufer aus Zella-Mehlis erinnert: Am 18. Januar 1530 wurden zwei Männer und vier Frauen hingerichtet: Andreas Kolb, Katharina Kolb, Katharina König, Elsa Kuntz, Christoph Ortlepp, Barbara Unger. Auf Anfrage von Friedrich Myconius aus Gotha, der die Wiedertäufer verhört hatte, stimmte Philipp Melanchthon der Todesstrafe für die „Ketzer“ zu.

Die Reformation

Das Amt Schmalkalden war ursprünglich Teil der (noch ungeteilten) Grafschaft Henneberg. Aber schon 1360 hatte der Landgraf von Hessen sich eingekauft und erlangte die Mitherrschaft über die ideelle Hälfte des Amtes Schmalkalden, der Vogtei Breitungen und der Zent Brotterode. Von der Zent Benshausen erhielt es aber nur ein Viertel. Ein weiteres Viertel gehörte Henneberg-Hartenberg, das von Henneberg-Römhild beerbt wurde, und zwei Viertel gehörten Henneberg-Schleusingen. Das Amt Hallenberg hatte also einen anderen Landesherrn als Schmalkalden, es gehörte in der Reformationszeit zu Henneberg-Römhild.

Kirchlich aber hatte Schmalkalden die Pfarreien Suhl, Ebertshausen, Steinbach, Schwarza, Christes und Haindorf zu verleihen. In der Praxis war das ein Pfarrer am Rhein, der hatte vom Papst in Rom das Recht erlangt, daß sei die Pfarrei Schmalkalden sein Eigentum war.

 

Die kirchliche Versorgung der Gemeinden ließ aber sehr zu wünschen übrig. Der eigentliche Pfarrer von Schmalkalden war Heinrich Ulrich, der zugleich Dechant in Bonn und Rat und Sekretär des Kurfürsten von Köln war. Oft wurde er auch auf Gesandtschaften geschickt und konnte nur selten in Schmalkalden sein. Deswegen wurden alle Beerdigungen und sonstigen Amtshandlungen nach Möglichkeit auf den Sonntag verschoben. Die eigentliche Sonntags-predigt kam dabei natürlich zu kurz.

Vielfach hatten die Pfründeninhaber auch ihre Vikare, die die Arbeit für sie machten. In Schmalkalden war das Johannes Winter, der seinem Pfarrer 40 Gulden im Jahr zahlen mußte und dafür die Pfarrstelleneinkünfte erhielt. Der Name „Absensgeld“ (= Abwesenheitsgeld) dafür ist an sich nicht richtig, denn nicht der Pfarrer Winter aber am Rhein. Philipp von Hessen und Wilhelm von Henneberg ließen sich aber diese Praxis nicht gefallen und setzten 1506 den Vikar Winter als ordentlichen Pfarrer ein.

Einen umfangreichen Bericht über die Reformation gibt Caspar Betzelmann, der erste evangelische Pfarrer in Steinbach, der festgehalten ist in der Chronik des Johannes Avenarius.

Betzelmann war vier Jahre lang der Mitarbeiter Johann Winters in Schmalkalden („hat ihm bei der Messe gedient“). Pfarrer Ulrich ist bald danach gestorben und auch Johannes Winter wurde im Jahr 1525 abgesetzt.

Landgraf Philipp (von Hessen) hatte angeordnet, in seinem Land das Evangelium zu predigen. Er wollte es auch in Schmalkalden gepredigt haben. Aber Graf Wilhelm (von Henneberg) war zu der Zeit noch „papistisch“ (also Anhänger der alten Konfession des Papstes) und wollte nicht gern, daß man das Evangelium in seinem Land predigen läßt, denn Schmalkalden war zur Hälfte sein.

Aber Landgraf Philipp setzte Magister Wolfgang Gräf [auch: Grefe] von Hildburghausen auf die Pfarrstelle in Schmalkalden, der begann mit der Predigt des Evangeliums in Schmalkalden. Schmalkalden wurde also evangelisch, gleichzeitig mit Kassel und noch vor Marburg.

Die pfarramtliche Arbeit und der Gottesdienst wurden aber noch in der alten Weise fortgeführt. Auch die Kirchen und Klöster der Umgebung blieben bei der alten Religionsform. Obwohl bei den Zusammenkünften des Schmalkaldischen Bundes viele evangelische Prediger die neue Lehre verkündeten, ging doch nicht die ganze Stadt zur Reformation über, denn  Graf Wilhelm von Henneberg versuchte, das nach Kräften zu verhindern.

 

 

 

Am 8. Juli 1527 aber wurde zwischen den weltlichen und kirchlichen Landesherren in Schmal­kalden, dem protestantischen Landgrafen Philipp von Hessen und dem katholischen Grafen Wilhelm IV. von Henneberg, ein Abkommen getroffen, das das Besetzungsrecht für die Pfarreien in den von Schmalkalden abhängigen Kirchenorten regelte. Die hessischen und hennebergischen Räte kamen zusammen und schlossen folgenden Vergleich über die Pfarreien außerhalb von Schmalkalden, die die Pfarrei von Schmalkalden zu verleihen hatte: Henneberg sollte fortan die Pfarrstellen in Suhl, Christes und Schwarza verleihen, Hessen dagegen Ebertshausen, Steinbach und Haindorf (Ebertshausen wurde also gegen Suhl getauscht, Steinbach gegen Schwarza und Christes gegen Haindorf). Die politische Teilung aber erfolgte erst im Benshäuser Vertrag von 1619, damals kamen allerdings auch noch Benshausen und Ebertshausen zu Sachsen. Die Pfarrei Schmalkalden sollten beide Fürsten wie bisher abwechselnd besetzen.

So kam es, daß Hessen die Pfarrstelle Steinbach zu verleihen hatte. Darüber wunderte man sich noch 1574. Vor allem in Steinbach wollten die Leute gern wissen, wie es kommt, daß die Pfarrstelle von Hessen besetzt wird, wo doch der Landgraf sonst keinen Besitz im Dorf hat. Deshalb hat Caspar Betzelmanns das alles aufgeschrieben im „Register der Pfarrer zu Steinbach“ aus dem Jahr 1574, der ihm von Wolfgang Gräf überliefert worden war.

 

Die Pfarrei Schmalkalden wollte man ja wechselweise besetzen. Zuerst sollte Landgraf Philipps die Pfarrstelle Schmalkalden besetzen, und sie sollte solange hessisch sein, so lange derselbe Pfarrer lebt. So blieb die Pfarrei hessisch, solange Wolfgang Gräf lebte. Als er aber starb, da fiel die Pfarrei an Henneberg. Diese setzte Hieronymus Pfnör von Meiningen auf die Pfarrstelle. Diese blieb hennebergisch, solange Pfnör lebte. Er wurde 1540 in Würzburg zum katholischen Priester geweiht, aber 1544 von Dr. Förster durch Handauflegung (evangelisch) ordiniert. Als er aber starb, da stand die Pfarrstelle wieder Hessen zu. Dieses setzte Caspar Herrnschwager darauf.

Die Orte in der Zent Benshausen, die der Schmalkalder Pfarrei unterstanden, wurden natürlich in der Folgezeit von Hessen mit evangelischen Pfarrern besetzt, sobald eine Stelle erledigt war. Obwohl der lutherische Landgraf von Hessen seit 1527 das Präsentationsrecht für die Pfarrei Steinbach besaß, mußte er offenbar doch auf den eigentlichen Landesherrn Rücksicht nehmen, so daß hier erst zehn Jahre später die Stelle mit einem lutherischen Prediger besetzt worden. Das war aber früher als im sonstigen Henneberg, weil das Amt Hallenberg damals noch zu Henneberg-Römhild gehörte.

Als Henneberg-Römhild 1535 zur Reformation übergegangen war, fiel der Widerstand der Landesherrschaft weg. So kam wahrscheinlich schon 1537 ein evangelischer Prediger nach Steinbach (Philipp Schetzel). Ebertshausen folgte 1538 und Benshausen 1540. Henneberg-Schleusingen wurde erst 1543 evangelisch.

Nun fielen politische Landesherrschaft und Kirchenpatronat auseinander. Bis 1549 gehörte das Amt Hallenberg noch zu Henneberg-Römhild, dann bis zum Aussterben des hennebergischen Grafenhauses 1583 zu Henneberg-Schleusingen. Aus der hennebergischen Erbschaft ging es an das Kurfürstentum Sachen (mit der Residenz Dresden und einer Regierung für das ehemalige hennebergische Gebiet in Meiningen) über, bis es 1619 durch einen Austausch des kursächsischen Amtes Hallenberg mit dem hessischen Anteil an der Zent Benshausen die hessische Herrschaft Schmalkalden gebietsmäßig abrundete. Hessen hatte aber durch die kirchlichen Verhältnisse in der Pfarrei Steinbach gewissermaßen schon seit 1537 seinen Fuß in der Tür zum Amt Hallenberg, die sie endgültig aber erst 1619 aufstoßen konnte.

Am 25. Juni 1530 nachmittags um zwei Uhr ist das „Augsburgische Bekenntnis“ (die „Augsburgische Confession“) von dem Kurfürsten Johann von Sachsen und den protestierenden Abordnungen des Volkes dem damaligen Kaiser Karl V. übergeben worden. Sie wurde von dem damaligen sächsischen Kanzler D. Christian Beyer auf deutsch und lateinisch in dem Hof des Bischofs zu Augsburg ganz laut und deutlich verlesen, daß es jeder Anwesende hat vernehmen und hören können.

 

In den Jahren 1543 und 1544 wurde im Fürstentum Henneberg und damit auch in Steinbach auf Befehl Fürst Georg Ernsts zu Henneberg die papistische Lehre abgeschafft. Stattdessen wurde die allein seligmachende evangelische Lehre im Sinne Luthers offiziell eingeführt. Am 25. Januar]ist in Schleusingen in der Stadtkirche die erste evangelische Predigt gehalten worden durch Johann Förster, Doktor der heiligen Theologie und Superintendent in Schleusingen. Im Jahr 1544 hat sich Fürst Georg Ernst und Herr zu Henneberg erstmals öffentlich zur lutherischen Lehre bekannt. Vorher durfte er es nicht tun wegen seines Vaters Fürst Wilhelm, der noch ein eifriger Anhänger der päpstlichen Lehre war.

Georg Ernst von Henneberg berief auf Anraten Melanchthons im Jahre 1554 ein Konsistorium ein, um die neue Lehrform auch auf Dauer zu erhalten. Zu dieser Aussprache erschienen die Pfarrer von Schmalkalden, Fambach, Breitungen, Benshausen, Trusen, Brotterode und auch Pfarrer Betzelmann aus Steinbach.

Weil die Geistlichen aber sehr verliedert waren und auch die Laien recht liederlich lebten, führte Christoph Fischer, der damalige Superintendent in Schmalkalden, im ganzen Henne­berger Land im Jahre 1555 eine Kirchen-und Schulvisitation durch. Eine Visitation ist an sich ein einfacher Besuch. Aber in diesen Fall war sie verbunden mit einer Überprüfung von Kirche und Schule und ganz speziell ging es darum, ob die Priester die römisch-katholische Konfession überwunden haben. Auch im Amt Hallenberg war diese Visitation im Jahre 1555.

Damit war an sich die Reformation abgeschlossen. Im Hennebergischen blieb auch die lutherische Lehre zunächst rein erhalten, die Augsburgische Konfession, die Apologie, die Schmalkaldischen Artikel, der Lutherische Katechismus und die Kirchenordnung waren in Geltung. Es gab keine Anhänger der Lehre Calvins und somit auch keine Streitigkeiten.

Auch der innere Ausbau der Kirche ging voran. Graf Georg Ernst machte sich um die Verbesserung der Liturgie besonders verdient. Da die bisherige Nürnberger Agende noch viele katholische Bräuche beibehielt, entwarf der Graf selber eine Kirchenordnung, die er einigen Wittenberger Theologen zur Begutachtung übergab. Sie wurde 1582 gedruckt und gegen heftigen Widerstand der Pfarrer eingeführt. In Steinbach ist diese Kirchenordnung noch vorhanden und stellt das älteste Buch der Pfarrbibliothek dar.

Kirchenordnung

 

 

Philipp Schetzel                                                                                                   1537 - 1544

In der Chronik des Johannes Avenarius wird die Meinung vertreten, daß die Reformation in Steinbach erst 15543 eingeführt wurde und Caspar Betzelmann der erste evangelische Prediger war. Aber der erste evangelische Pfarrer in Steinbach-Hallenberg war Philipp Schetzel (Schätzle, Schetzelinus). Er war zwölf Jahre Schulmeister in Schmalkalden. Im Alter von 37 Jahren war er in Rotenburg an der Fulda nach hessischer Weise ohne Ordination zum Predigtamt zugelassen worden. Danach war sieben Jahre Pfarrer in Steinbach unter Hallenberg und schließlich ab 1544 zwanzig Jahre Pfarrer in Benshausen.

Bei der Hennebergischen Kirchenvisitation von 1555 war er noch in Benshausen und gab in einem Brief an Georg Ernst im Jahre 1565 seinen Lebenslauf an. Daraus ergibt sich das Jahr 1537 oder spätestens 1538 für die Einführung der Reformation in Steinbach. Schetzel wurde bei der Visitation 1555 nicht abgesetzt, obwohl er nicht ordiniert war. Der in diesen Fragen sehr fanatische Superintendent Christoph Fischer hätte sicherlich große Lust dazu gehabt. Aber der Reformator Johann Förster fragte extra bei der Wittenberger Fakultät an, ob man die im Amt lassen solle, die nicht öffentlich ordiniert worden waren. Melanchthon gab zur Antwort: „Wenn sie rechtgläubig lehren und nicht in offenbarem Ärgernis leben, solle man sie dulden!“ Schetzel bat darum, nach nachträglich in Benshausen ordiniert zu werden; ob das geschehen ist, wissen wir nicht.

 

 

Caspar Betzelmann                                                                                            1544 - 1574

Caspar Betzelmann (auch: Begelmann) wurde 1505 in Schwallungen geboren. Er war bis 1525 vier Jahre Mitarbeiter des letzten katholischen Pfarrers Johannes Winter in Schmalkalden und nach der Reformation schließlich auch vier Jahre lang Diakon bei dem ersten evangelischen Pfarrer Wolfgang Gräf (er selbst bezeichnete seine Aufgabe als „Kirchendiener“, aber er war praktisch der zweite Pfarrer in Schmalkalden). Nach Steinbach kam er 1544.

Dort wurde er mehrfach visitiert, nämlich 1545, 1555, 1566 und 1572. Bei der Visitation von 1555 bestand er zwar ziemlich in Predigt und Examen, aber er wurde eines „ungeschickten“ (= unschicklichen) Lebens beschuldigt: Er spiele und trinke sehr viel! Er bot aber an, das abzustellen und übergab eine Erklärung darüber dem Dechanten von Rotenburg.

Im Jahre 1569 stellte er die Einkünfte seiner Pfarrei zusammen und ließ auch einen Acker Pfarrland lfür sich roden. Auf der Synode in Allendorf 1569 war er zugegen, aber auf der Synode von 1570 fehlte er aus Altersgründen. Ihm verdanken wir die die frühen Nachrichten über den Ursprung der Pfarrei Steinbach-Hallenberg, der sich heute noch in der Chronik des Joahnnes Avenarius findet. Aber  im Original stand  in den seit der Reformation angelegten Kirchenbüchern, die 1790 mit dem Pfarrhaus der großen Feuerbrunst in Untersteinbach zum Opfer fielen.

Betzelmanns Einkommen war sehr gering und belief sich auf nur 35 Gulden im Jahr. Die Hessen wollten ihm gerne eine Zulage geben. Aber die Henneberger antworteten: Wenn die hennebergischen Vikare in Viernau und Brotterode von Hessen eine Zulage erhielten, dann wollten sie auch Betzelmann etwas mehr geben. Der Dechant von Schmalkalden überließ ihm aus Gutwilligkeit das Lehen in Springstille. Aber es wurde ihm wieder genommen und dem Vikar in Viernau gegeben. Schließlich gaben ihm die 115 Familienoberhäupter in Steinbach jährlich je einen „Schneeberger“, verlangten aber von ihm, er solle jeden Tag eine Stunde in die Schule gehen, die Knaben lesen lassen und auch sonst fleißig auf die Schule sehen. Gestorben ist Betzelmann nach Pfingsten 1574 in Steinbach.

Es gibt außer seinen Amtszeiten keine weiteren Zeugnisse über ihn. Lediglich einen Brief an den hennebergischen Landesherrn von 1565 gibt es, in dem er über die Besitzverhältnisse („Gerechtigkeit“) im Eisenhammer in Unterschönau berichtet.

 

Aus diesem Brief geht sehr viel historisches Verständnis hervor. Betzelmann hat verschiedene Nachrichten von den kirchlichen Verhältnissen der Pfarreien Schmalkalden und Steinbach im Pfarrarchiv zu Steinbach niedergelegt, welche dann der Steinbacher Chronist Johannes Avenarius benutzte. Auch Amtmann Kraut lobte ihn 1768 sehr.

Im Jahre 1566 wütete eine Pest im Amt Hallenberg mit ungefähr 100 Toten. In diesem Jahr sollte auch der erste Lehrer angestellt werden. Doch der hennebergische Superintendent Fischer lehnte den hessischen Kandidaten ab, weil er zu jung sei. So wurde die Stelle erst 1573 mit Moritz Usbeck besetzt, der Lehrer und „Kirchendiener“ war (außer dem üblichen Kirchendienst hatte er vor allem die Kirchenmusik und Lesegottesdienste zu versehen). Das Schulgut wurde 1576 gegründet und unter Johann Adam May dem Älteren vergrößert.

 

 

Exkurs: Markt 1565

Am 8. Oktober 1565 bestätigte Graf Poppo von Henneberg, daß der Steinbacher Merkt erhalten bleiben solle. Die Schmalkalder nannten ihn verächtlich den „Bettelmarkt“. Die Städter hatten sich über diesen Markt beschwert, weil er ihnen das Geschäft schädige. Aber Samt und Seide wurden dort nicht verkauft. Es ging nur um die Bestreitung der Lebensbedürfnisse für die kommende Woche, um Lebensmittel und Schuhe für die Berg- und Hüttenleute und Ham­merschmiede.

 

Kirchplatz mit Töpfenmarkt

 

Der Markt konnte erst am Sonntag stattfinden, weil die Wochenlöhne am Samstagabend ausgezahlt wurden. Allerdings wurde dieser Markt auch oft über die festgesetzte Zeit und auch während des Gottesdienstes abgehalten, ja der Gottesdienst wurde durch allerhand Unsinn gestört.

 

Markt im Unterdorf vor dem Gasthaus Stern

 

Da wurde der Markt ins Oberdorf verlegt. Man fertigte extra eine Fahne an, die während der Marktzeit aufgesteckt wurde. Sobald es zum Gottesdienst läutete, wurde sie weggenommen und der Markt mußte ruhen.

 

Markt im Oberdorf in späterer Zeit

 

(Drei Weitere Bilder vom Markt)

 

 

Valentin Funk                                                                                                       1574 - 1592

Funk wurde in Schmalkalden geboren und studierte in Heidelberg. Er war von 1569 - 1574 Kantor der Stiftsschule und dritter Kantor an der Stadtschule in Schmalkalden und Rektor der Bergschule. Er kam am 30. November (Andreastag) nach Steinbach. Nach dem Tod Betzelmanns nach Pfingsten 1574 wurde am darauffolgenden Andreastag Valentin Funk als Pfarrer eingesetzt. Mit dem „darauffolgenden Tag“ ist nicht der unmittelbar nächste Tag gemeint, sondern der nächste Andreastag, der kam. Es gibt zwei Andreastage, nämlich am 16. Juli und am 30. November. Hier ist der zweite Tag gemeint, denn Funk wurde am 30. September 1574 von Superintendent Christian Grau in Schmalkalden ordiniert. Er wurde auf Kosten der Bewohner des Kirchspiels (einschließlich Springstille, Altersbach, Schönau) in Schmalkalden abgeholt.

Funk hatte eine ungemein starke, durchdringende und ausfüllende Stimme. Er konnte gleich die neu herausgebrachte Agende in Gebrauch nehmen, die die alte Kirchenordnung ablöste und etwas von einem konfessionell-lutherischen Standpunkt abrückte.

Agende

 

In der Pfarrbibliothek ist diese Agende in einem Nachdruck von 1662 erhalten, ergänzt durch einen handschriftlichen Nachtrag mit Bibelspruch und Gebet. Im Anhang befanden sich auch Deutsche Kirchengesänge, darunter der „Große Lobgesang“, der heute noch an Festtagen gesungen wird:

 

Großer Lobgesang

 

Im Jahre 1575 wurde Funk visitiert. In seiner Zeit wurde 1576 der „Gotteskasten“ für die Kirche gestiftet, ein Opferstock, der unter der Kanzel stand. Wahrscheinlich wurde er in die heutige Kirche übernommen. Aber in neuerer Zeit wurde er bei einem Einbruch aufgebrochen und unbrauchbar gemacht. Am Sonntag Invokavit 1592 (nach anderer Angabe: Estomihi) starb Funk fromm und friedlich in Steinbach.

 

Besetzungsverhältnisse:

Inzwischen war mit Georg Ernst der letzte Henneberger im Jahre 1583 gestorben. Henneberg-Schleusingen hatte schon 1562 das Amt Hallenberg an sich gebracht, nachdem die Linie Henneberg-Römhild ausgestorben war. Ein erster Schritt zur Vereinigung mit dem Amt Schmalkalden war damit getan. Zunächst aber kam es wieder zur Trennung, denn Hessen erhielt nur die eine Hälfte der Zent Benshausen, während Kursachsen die andere Hälfte mit Schloß und Amt Hallenberg erhielt. Kirchlich gesehen aber erhielt Hessen auf der Konferenz von Sal­zungen 1584 das Recht, die Pfarrstellen in Steinbach, Barchfeld und Ebertshausen sowie die Vikarien Benshausen und Viernau mit Pfarrern zu besetzen

 

 

Johann Reumann                                                                                          1592 - 1600

Johann Reumann (auch: Reimann) wurde in Grimma geboren, war aber Sohn des Schmalkal­der Tuchmachers gleichen Namens. Er war Magister der Universität Jena und Baccalaureus (Amtsbezeichnung für einen Lehrer) an der Stiftsschule in Schmalkalden und legte am 6. Juni 1592 sein Examen ab und wurde zum Pfarrer ordiniert. Seit 1586 war er Rektor der Stiftsschule.

Im Jahr 1592 wurde er dem Zwölferstuhl und der ganzen Gemeinde Steinbach vorgestellt, bestätigt und am 4. Sonntag nach Trinitatis als Pfarrer eingeführt. Die Einwohner des Kirchspiels holten ihn auf seine Bitte in Schmalkalden ab. Für die Unkosten mußten sie drei Gnacken geben (Das veranlaßte den Chronisten zu der Bemerkung: „Heutzutage knackt sich's nicht mehr!“). Reumann starb am 16. August 1600, am 17. August wurde er begraben. Die Leichenpredigt hielt Caspar Herrnschwager aus Schmalkalden. Die Pfarrstelle wurde dann 15 Wochen nicht besetzt und inzwischen von Valentin Kehr aus Viernau versehen.

 

Verbesserungspunkte: Als 1592 Moritz der Gelehrte Landgraf von Hessen wurde, wollte die ausgebrochenen Religionsstreitigkeiten beenden durch die Einführung der vier „Verbesserungspunkte“:

1. Über Christus soll nur konkret gelehrt werden

2. Beim Abendmahl ist richtiges Brot zu verwenden

3. Die Zehn Gebote sollen wie in der Bibel gezählt werden

4. Alle Bilder in den Kirchen sollen abgeschafft werden.

 

Dazu kamen dann noch der Gesang der Gebete und Lesungen, das Gebetsläuten beim Glaubenslied, bestimmte Bräuche beim Abendmahl (Niederknien, Vorhaltetücher, Beweihräucherung des Brotes und Zeichen des Kreuzes vor der Stirn). Vor allem aber sollte beim Abendmahl das Brotbrechen eingeführt werden und richtiges Brot verwendet werden. Schon 1603 hatte Moritz diese Veränderungen in Schmalkalden gefordert, im Jahre 1605 wollte er sie entschieden durchsetzen.

 

 

Valentin Kehr                                                                                                       1600 - 1616

Valentin Kehr wurde um 1568 in Schmalkalden geboren, war Schüler in Schleusingen und Student in Jena (1582) und Wittenberg (1565). Im Jahre 1594 wurde er ermahnt, sich der ubiquitistischen Lehre zu enthalten (Lehre, daß Jesus auch in allen Gegenständen gegenwärtig sei). Er war zunächst Hofprediger und Beichtvater bei der Fürsten Sophia von Henneberg in Herrenbreitungen, dann von 1596 bis 1600 Vikar in Viernau. Er war Helfer für Pfarrer Ro­ding in Ebertshausen (Ein Vikar ist heute ein Pfarrer im Anerkennungsjahr. Damals aber ergab sich die Bezeichnung daraus, daß die Gemeinde Viernau nur eine „Vikarie“ hatte, keine volle Pfarrstelle). In Viernau verlobte er sich mit einer Kammerjungfrau der Herzogin Elisabeth von Sachsen, einer geborenen Herzogin von Braunschweig. Diese legte 1594 ein gutes Wort für ihn ein bei dem Schmalkalder Oberpfarrer Caspar Herrnschwager, damit er die dortige Diakonatsstelle erhalte, weil er ein etwas geringes Einkommen hatte. Dennoch hatte er mit seiner Bewerbung keinen Erfolg.

Gegen Ende des Jahres 1600 kam er nach Steinbach. Die Daten schwanken von 20. Oktober über den 30. November bis zum 25. Dezember, Avenarius gibt den 30. September an. Auf seine Bitte hin haben ihn die Steinbacher abgeholt. Herr Caspar Herrnschwager hat die Einführungspredigt gehalten, nach einer Angabe am 20. Dezember 1600. Anwesend waren M. Joachim Zehner, Pfarrer und Konsistorialrat zu Schleusingen, Amtmann Christoph Winter aus Kühndorf, Schultheiß Valentin Kindt und die Heiligenmeister Ernst Happ und Hans Nothnagel. Von hessischer Seite war niemand anwesend. Der Umzug Pfarrer Kehrs erfolgte am 5. Dezember.

Kehr war ein „fein gelehrtes Männchen“ und „verrichtete sein Amt zuverlässig mit Klage und Schmerz und reinigte das unfromme Herz von Zielen des Gesetzes oder strebte zumindest danach“. Aber er war auch ein praktisch veranlagter Mann: Er ließ den neuen Friedhof anlegen und 1605 mit einer Mauer umgeben.

Am 12. September 1605 waren alle Pfarrer aus der Stadt und vom Land in Schmalkalden zusammen, um über eine geplante Veränderung in kirchlichen Dingen zu reden. Die Stadtpfarrer wollten schon nachgeben. Aber die Pfarrer aus der Zehnt Benshausen weigerten sich. Die

Pfarrer Rodinger aus Viernau, Kehr aus Steinbach, Hermann aus Ebertshausen und Rivius aus Benshausen schickten vier Fragen an die theologische Fakultät in Wittenberg, wie sie sich bei der geplanten Reformation verhalten sollten. Die Wittenberger stärkten ihnen den Rücken, zumal ja die halbe Zehnt Benshausen zu Sachsen gehörte.

Nach zwei Monaten wurde ihnen in Schmalkalden der Befehl des Landgrafen vorgelesen, sie sollten bei der Einführung der Verbesserungen mit gutem Beispiel vorangehen. Am 14. Januar 1606 schrieb der Eschweger Superintendent Reimann einen Brief an Caspar Herrnschwager, er solle bis 24. Januar kategorisch Antwort von den vier Pfarrern fordern. Sie antworteten am 20. Januar schriftlich.

 

 

Valtin Kehr schrieb über vier (Druck-) Seiten und legte dar, er könne aus Gewissensgründen nicht dem calvinischen Irrtum beipflichten. In seinem Kirchspiel gäbe es keine heidnischen, abgöttischen oder papistischen Bilder oder einen Mißbrauch derselben. Das Brotbrechen sei zwar in der alten Kirche geübt worden, aber seitdem nicht mehr. Man solle es bei dem jetzigen Brauch lassen, anstatt jahrelang darüber zu streiten.

Offenbar sind die Pfarrer danach unangefochten geblieben, denn sie haben ihr Amt bis an ihr Lebensende behalten. Kehr starb am 16. Februar (oder 18. Februar) 1616 und wurde am 19. Februar unter Bergleitung einiger hessischer Soldaten in der Friedhofskirche neben dem Altar begraben.

 

Friedhof und Friedhofskirche:

Am Eingangstor steht rechts oben auf lateinische der Satz: „Heute ist es an mir, morgen aber an dir“. Die groß geschriebenen Buchstaben ergeben dabei nach römischer Zählung die Jahreszahl 1605. Weiterhin ist vermerkt: „Als Winter Amtsschultheiß und Kehr Pfarrer war, wurde dieses Gelände für die frommen Entschlafenen hergerichtet“. Rechts stehen die Namen des Schultheißen und der damaligen Zwölfer (= Gemeinderat). Der Maurermeister, der die Mauer angefertigt und gemacht hat, hat Asmus Zunft geheißen.

 

Friedhofstor 

 

Der Streit um die Besetzung der Pfarrstelle 1605 bis 1620:

Nach dem Tod Kehrs aber ging der Streit los. Landgraf Moritz hatte ja (seit dem Vertrag von 1527) das Besetzungsrecht für die Pfarrstelle in Steinbach. Sachsen aber machte es ihm streitig: Es ließ die Kirche mit einer militärischen Wache aus Musketieren besetzen, damit kein hessischer Pfarrer eindringen konnte. Daraufhin schickte auch Hessen Soldaten. Die Anwendung offener Gewalt wurde unverhüllt angedroht.

Als aber der Streit länger anhielt, schickte Sachsen zum Johannisfest am 24. Juni die beiden Diakone von Suhl nach Steinbach, damit sie wenigstens die Amtshandlungen (Taufe, Trauung, Beerdigung) in der Friedhofskirche verrichteten. Sie haben aber offenbar keine Gottesdienste gehalten, denn die Leute gingen nach Mehlis (sicherlich über den Ruppberg), Benshausen, Viernau usw. zur Kirche. Nach den Kirchenrechnungen kamen aber auch Pfarrer aus Schmalkalden (?), Metzels, Schwarza und Heinrichs.

 

Die Diakone waren:

-       Adamus Xylander, seit 1610 Zweiter Diakon und seit 1616 Erster Diakon in Suhl, seit 1618 Pfarrer in Queienfeld, gestorben 1636 oder erst 1681.

-       Heinrich Schott, Sohn eines Pfarrers in Schwallungen. Er war seit 1618 Kantor und Dritter Lehrer in Meinigen, seit 1616 Zweiter Diakon und seit 1618 Erster Diakon in Suhl und ab 1619 oder 1626 Pfarrer in Benshausen, wo er am 5. Februar 1653 starb. Er war Vater der Ehefrau des Kantors Nikolaus Kister in Mehlis, der Großmutter des Johannes Avenarius.

-       Sebastian Nävius: Im Frühjahr 1617 aber lenkte der Landgraf von Hessen wohl doch etwas ein. So war es möglich, daß Sachsen den Schwarzaer Pfarrer Sebastian Nävius auch mit der Betreuung der Pfarrstelle Steinbach beauftragte. Er war geboren in Vach­dorf und Pfarrer in Goldlauter und ab 1587 in Schwarza. Nävius verlegte den Schwer­punkt seines Wirkens nach dort.

 

Gleich zu Beginn konnte er die Jahrhundertfeier der Reformation begehen, zu der man wohl wie in Schmalkalden am 1. November eine Vesper hielt und am Sonntag, dem 2. November, einen Festgottesdienst mit Musik. Er war ein Mann, der große Würde und Autorität darstellte, ein tapferer und ansehnlicher Pfarrer. Lehre und Leben stimmten bei ihm überein. Er war ein guter Redner und Debattierer, ein guter Sprachenkenner und in Streitfragen aufs beste beschlagen. Er war ein Mann von altem Glauben und Wahrheit. Gern dachte man an sein segensreiches Wirken zurück. In seiner Zeit in Steinbach hat er von guttätigen Leuten so viel erhalten, daß er sich ein feines Haus erbauen konnte. Oftmals wurde er als Freund und Taufpate begehrt. Er wirkte dreieinhalb Jahre in Steinbach bis zur Einigung zwischen Hessen und Sachsen im Jahre 1619. Er starb am 20. November 1625 in Schwarza.

Durch den Benshäuser Vertrag vom 13. April / 20. Oktober 1619 wurde die Zehnt Benshausen neu aufgeteilt. An Kursachsen kamen Viernau, Schwarza, Ebertshausen und andere. Hessen erhielt das Amt Hallenberg mit Obersteinbach, Untersteinbach, Rotterode, Altersbach, Herges, Bermbach und Teilen von Oberschönau, Unterschönau, Springstille und Näherstille. Herges und Bermbach waren nun nicht mehr Filial von Viernau, sondern wurden später mit Springstille vereinigt, wo ein neues Pfarrhaus gebaut wurde. Rotterode aber gehörte kirchlich weiterhin zu Schmalkalden. Die Rotteroder durften zwar in Steinbach zur Kirche gehen, weil sie es nach dort näher hatten. Bei Amtshandlungen aber mußten sie immer erst zum Pfarrer in Schmalkalden gehen. Nur mit dessen Erlaubnis durfte eine Amtshandlung auch in Steinbach verrichtet werden. Auf jeden Fall gehörte das Amt Hallenberg nun (wenn auch nicht in seiner späteren Größe) ganz zur Herrschaft Schmalkalden und damit zu Hessen

 

 

Johannes Habermann (reformiert)                                                                 1620 - 1627

Nach dem Tode Pfarrer Kehrs hatte Hessen das Recht, allein einen Pfarrer in Steinbach einsetzen. Es nahm natürlich einen mit reformiertem Bekenntnis, der aber dann der Pfarrer für alle Einwohner war. Bis zur Einsetzung eines neuen Pfarrers waren es also vier Jahre, bis zu einem eigenen lutherischen Pfarrer jedoch dauerte es über zehn Jahre (Pfarrer Kehr starb im Februar 1616, ab Februar 1627 war Johannes Holbach da, ab August 1627 Pfarrer Nicolaus Wiederhöfer).

Der neue Pfarrer hieß Johannes Habermann. Geboren wurde er 1587 im Amt Frauensee (bei Bad Salzungen). Ab 1605 war er Lehrer in Herrenbreitungen und ab 1609 (Zahlen unsicher) sieben Jahre Pfarrer in Trusen als Nachfolger seines Vaters. Gleichzeitig war er noch Kantor an der Stiftsschule in Schmalkalden (nach Döll war er schon vorher bei seinem Vater in Tru­sen und in dieser Zeit vertretungsweise Kantor in Schmalkalden).

Nach Steinbach kam er 1620. Am 6. Januar wurde er von Inspektor Sebastian Herrnschwager eingeführt (bei Avenarius steht: „Am 7. Januar 1620, am Tag der heiligen drei Könige“. Der Dreikönigstag ist allerdings der 6. Januar, dieser war 1620 nach dem julianischen Kalender, der damals noch in Hessen galt, ein Donnerstag). Von diesem Pfarrer waren zur Zeit des Chronisten Avenarius noch Nachkommen in Steinbach wohnhaft, vor allem von seiner Frau, nämlich Johann Reinhard Abichs Kinder und Enkel).

Habermann war ein eifriger Förderer der Verbesserungspunkte des Landgrafen Moritz. Durch gesetzliche Maßnahmen und die „übliche Unterredung“ brachte er die Gemeinde dazu, daß sie ihm folgte.

Er setzte auch durch, daß als zweites Gebot das Bilderverbot gezählt wurde, das Brotbrechen beim Abendmahl eingeführt wurde und die Bilder aus der Kirche entfernt wurden. So wie sein Vater sprach er von den Lutheranern und deren Abendmahlsfeier verächtlich und wurde dadurch der Gemeinde anstößig.

Am 30. Januar 1627 zog er sich mehr oder weniger freiwillig zurück und gab den Dienst auf. Er erhielt keine neue Pfarrstelle und starb am 20. April 1632 in größter Armut in Obersteinbach. Es war dann lange Zeit kein reformierter Prediger in Steinbach. Erst nach dem 30jährgen Krieg, als Steinbach wieder der Herrschsaft von Hessen-Kassel unterstand, wurde wieder ein reformierter Pfarrer nach Steinbach gesetzt.

Der Grund für die Absetzung des reformierten Pfarrers war der Wechsel in der Landesherrschaft zu den lutherischen Darmstädtern. Die Herrschaft Schmalkalden gehörte zunächst zum Marburger Landesteil. Dieser sollte jedoch unter Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt aufgeteilt werden, und Schmalkalden sollte zu Kassel kommen. Darmstadt erhob Einspruch, weil Landgraf Moritz ja reformiert war. Im Dreißigjährigen Krieg stellte sich Darmstadt auf die Seite des Kaisers, und der Reichshofrat verurteilte Moritz 1626 zur Herausgabe des Marburger Teils und zu 1,3 Millionen Gulden Schadenersatz. Da Moritz nicht zahlen konnte, nahm Darmstadt die Herrschaft Schmalkalden als Pfand in Besitz.

 

 

Johann Holbach                                                                                                              1627

Landgraf Georg von Darmstadt versuchte natürlich, die evangelisch-lutherische Konfession zu fördern und setzte wieder lutherische Prediger nach Steinbach (wie an anderen Orten auch). In dieser Zeit der Darmstädter von 1626 bis 1646 wurde die lutherische Konfession wieder voll hergestellt. Das Vortragen des Kreuzes bei Beerdigungen - das 1608 abgeschafft worden war - wurde wieder eingeführt. Die öffentliche Beichte und der Gebrauch der Hostie beim Abendmahl wurden wieder geübt. Im Kirchengebet sollte nicht mehr für den Kasseler Landgrafen, sondern für den Darmstädter gebetet werden. Man betete zunächst für beide, mußte sich dann aber doch fügen und konnte nur noch für den Darmstädter beten.

Mit dem ersten Pfarrer in Steinbach hatten die Darmstädter allerdings wenig Glück. Johann Holbach war ein ehemaliger Mönch aus Westfalen, der zum lutherischen Glauben übergetreten war. Am 7. Februar 1627 wurde er eingeführt von Johann Steuber, Professor der Theologie an der wiederhergestellten Universität Marburg, und Johann Dietrich, Superintendent in Gießen. Am 6. Juli mußte er aber wieder das Kirchspiel verlassen, weil er sich in sexueller Hinsicht etwas zuschulden kommen ließ. Am 1. September wurde er in Schmalkalden des Landes verwiesen und ging ins Erzbistum Magdeburg, wo er wieder ein Pfarramt erlangt und Vater nicht weniger Kinder wurde.

 

 

Nicolaus Wiedenhöfer (lutherisch)                                                                 1627 - 1637

Nicolaus Wiedenhöfer (auch: Weidenhöfer) wurde geboren in Hohenkirchen Kreis Gotha, war seit 23. April 1602 Pfarrer in Werckelsdorf und Abersbach im Fürstentum Bregenz, seit 28. Oktober 1614 Pfarrer in Cunitz in Schlesien und seit 29. Oktober 1621 Diakon der Kirche in Schönau und Reuersdorf im Fürstentum Schlesien-Schweidnitz. Am 10. Mai 1625 wurde er aber im Zuge der Gegenreformation durch die Jesuiten von dort vertrieben und ging in sein Vaterland nach Schwarzburg-Arnstadt.

Als er sich in Arnstadt im Exil aufhielt, wurde er durch Oberamtmann Günther von Griesheim ins Schmalkaldische berufen und der Gemeinde Steinbach-Hallenberg vorgeschlagen. Das Konsistorium in Marburg bestätigte ihn. Am 5. August 1627 wurde er von Inspektor Christoph Cellarius in sein Amt eingeführt (nach Avenarius am 23. April).

Hennebergische Kirchenordnung von 1634

 

Wiedenhöfer verrichtete sein Amt vorsichtig und umsichtig. Seine Zeugnisse (= grundlegende theologische Gedanken) wurden 1633 mit Bildern in Schleusingen gedruckt. Sie enthalten

nicht wenige Aussprüche über Christi Leiden und Sterben und über die großen Taten Gottes. Er erlebte 1630 den Konvent in Schmalkalden wegen der Jahrhundertfeier der Übergabe der Augsburgischen Konfession.

Seit dem 14. August 1631 wurde täglich um 10 Uhr mit allen Glocken eine Viertelstunde geläutet und alle Arbeit ruhte, damit jeder für den Frieden beten konnte, über den in Frankfurt verhandelt wurde. Jeden Donnerstag wurde früh eine Predigt von einer halben Stunde gehalten und am 18. August der erste große Buß-und Bettag gehalten. Ab November 1632 wurden drei jährliche Bußtage eingeführt, zu denen alle Einwohner erscheinen mußten. Im Jahre 1631 wurden erstmals die heiligen Geräte in der Kirchenrechnung erwähnt.

Steinbach hatte im Dreißigjährigen Krieg sehr zu leiden. Von Michaelis 1634 bis Ostern 1635 konnte kein Abendmahl wegen eingefallener Kroaten gehalten werden. Auch von Rogate bis Pfingsten 1635 konnte wegen Unsicherheit kein Gottesdienst gehalten werden. Nicolaus Wie­den­höfer litt sehr viel unter Krieg, Hunger, Angst, Elend und Gewalt, besonders durch die Kroaten. Dadurch verfiel er in Melancholie und Kraftlosigkeit und mußte sein Amt niederlegen. Er ging 1637 nach Gotha, wo er 1640 starb. Die Behauptung, er habe in Wahrheit „Schirmer“ geheißen, läßt sich nicht bestätigen.

 

Neugründung des Kirchspiels Springstille 1628:

Durch die Aufteilung der Zehnt Benshausen im Jahre 1619 waren Herges und Bermbach von ihrer Mutterkirche Viernau getrennt worden. Man wollte sie dem Kirchspiel Steinbach-Hal­lenberg zuschlagen. Schon Pfarrer Holbach, der schon mit einer Menge eingepfarrter Dörfer und Filialdörfer überladen war, bewog die beiden Gemeinden, den Landgrafen Georg von Darmstadt um einen eigenen Pfarrer zu bitten. Der Wunsch wurde 1628 mit Vergnügen erfüllt. Der Pfarrer sollte in Herges wohnen und Springstille, das bisher nach Steinbach eingepfarrt war, mit versehen. Herges aber war zu arm, die Kosten für den Bau eines Pfarrhauses aufzubringen. Da bot sich Springstille an, ein Pfarrhaus zu bauen und dem Pfarrer eine Besoldungszulage zu geben und ihm auch die noch bekannten alten Pfarräcker abzutreten. So erhielt der Pfarrer seinen Wohnsitz in Springstille, die Peterskirche in Springstille wurde noch im gleichen Jahr neu gebaut und Herges (wohin Bermbach eingepfarrt war) wurde Filial.

 

Von guter Ordnung und Zucht in der Gemeinde 1629:

In dieser Gemeindeordnung folgen nach allgemeinen Anordnungen für das Zusammenleben noch einige Anweisungen für das sittliche Leben in der Gemeinde: Die verdächtigen Spinnstuben in der Gemeinde, in denen allerhand „Büberei“ und Sünden üblich sind, sollen erbarmungslos und ernstlich verboten sein, bei Androhung einer Strafe von einem Gulden.

Außerdem ist auch wohl zu beklagen, daß der junge ungezogene Pöbel nicht allein am Sonntag in der Kirche zusammen geschlagen wird, sondern auch wohl die Nacht über auf den Gassen allerhand Büberei mit Fluchen, Herumrennen und Steinewerfen anrichtet. Das ist wohl mit Unmut und Verdruß anzuhören und wird auch den lieben Gott zur Strafe veranlassen. Ebenso säuft sich auch mancher während des Gottesdienstes toll und voll mit Branntwein. Wen man aber ertappt, der soll jedesmal mit einem halben Gulden bestraft werden, die Hälfte für die Herrschaft und die andere Hälfte dem Polizisten.

In den Spinnstuben wurde anfangs sicher wirklich Wolle gesponnen. Aber mit der Zeit wurden sie immer mehr zu einem Treffpunkt der Jugend, bei dem allerhand Unsinn gemacht wurde. Offenbar kamen auch „Sünden“ vor, ein Fachausdruck für sexuelle Ausschweifungen. Was mit dem „Zusammenschlagen des Pöbels“ gemeint ist, das ist nicht so recht deutlich. Es könnte auch einfach „zusammenrufen“ bedeuten so wie unter dem nächsten Punkt.

Am Sonntag soll es mit dem Markt so gehalten werden: Wenn zum Gottesdienst zusammen gerufen wird, sollen die Händler im Ober- und Unterdorf ihre Waren weglegen und die Leute an den Gottesdienst erinnern. Wenn aber einer ertappt wird, daß er das nicht einhält, dem soll die Ware von dem Amtsboten beschlagnahmt werden und er muß mit der Strafe durch das Amt rechnen.

 

 

Johann Georg Clemen                                                                                       1637 - 1658

Johann Georg Clemen stammte aus einem alten Schmalkalder Geschlecht und studierte 1630 in Tübingen Rechtswissenschaft und 1633 in Jena Theologie, wurde aber auch „magister juris“ (Lehrer der Rechte) von Jena. Von 1634 - 1636 war er Vierter Lehrer („collega quartus“) an der Stadtschule Schmalkalden und hatte einen Predigtauftrag in Seligenthal und Floh. Seit 1. Januar 1637 wurde er Pfarrer Wiedenhöfer beigegeben und nach seiner Ordination am 7. September 1637 in Schmalkalden durch Superintendent Christoph Cellarius als Pfarrer in Steinbach eingeführt. Er hatte den Spitznamen „Schnick“.

 

Johann Georg Clemen

 

Clemen erlebte, wie am 8. Juni 1639 Untersteinbach von den Kroaten verbrannt wurde und die Kirchenkasse geplündert wurde. Gleiches geschah am 6. Juni 1640 durch die Schweden. Dennoch wurde im Dreißigjährigen Krieg Abendmahl gehalten an Neujahr, Dreikönigstag, Reinigung Mariä, Mariä Verkündigung, Gründonnerstag, Ostern , Himmelfahrt, Pfingsten, Trinitatis, Johannistag, Mariä Heimsuchung, Michaelis und Christfest.

In jener Zeit versuchten die Darmstädter, ein allzu großes Übermaß an Feiern bei kirchlichen Amtshandlungen einzudämmen. Am 17. Januar 1641 wurde von der Kanzel die Verordnung verlesen, daß Hochzeiten nur einen Tag dauern dürfen und nur sechs Tische gestellt werden dürfen, daß kein Taufmahl mehr gehalten werden darf (nur die Frauen durften Wein und Kuchen genießen, auch der Pate mußte an der Stubentür Abschied nehmen). Außerdem wurde angeordnet, daß bei Beerdigungen die Trauerbinden und Leichenschmäuse gänzlich abgeschafft werden sollten. Weil man aber nach dem Krieg und dem Herrschaftswechsel alles wieder anders machen wollte, wurde am 22. August 1646 in Schmalkalden auch wieder die erste Kindtaufe mit einer Mahlzeit gehalten. Clemen erlebte den Friedensschluß von 1848, der am 19. Juni 1650 in Nürnberg ratifiziert wurde. Daraufhin gab es am 7. Juli 1650 einen Dankgottesdienst und am 17. Oktober ein Friedensfest.

Clemen hielt im September 1656 die Predigt bei der Einweihung der neuen Kirche, deren Vollendung er fast noch erlebt hätte. Er starb am 14. September 1658 (dem Kirchweihtag) und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung nahe beim Altar der neuen Kirche beigesetzt (Diese Ehre wurde am 26. Mai 1664 auch dem Amtsschultheiß Vincenz Zielfelder zuteil, der sich sehr für den Neubau der Kirche eingesetzt hatte). Sein Bildnis befindet sich in der Kirche und war mit Versen versehen (früher hinter dem Altar, später vom Eingang gleich links). Er hatte drei Söhne, von denen der älteste seit 1670 Pfarrer in Roßdorf und seit 1681 Diakon in Schmalkalden war.

 

Wiedereinführung der reformierten Konfession 1648:

Die Darmstädter wurden am 15. Juni 1646 durch Soldaten der Landgräfin Amalie vertrieben. Durch Vermittlung Herzog Ernsts von Gotha kam am 14. April 1648 zu einem Vergleich, der mit zu den Akten des Westfälischen Friedens genommen wurde. Darin wird bestimmt: In Religionssachen soll es im Prinzip so bleiben wie bisher. Bei der Besetzung von Pfarrstellen oder Lehrerstellen dürfen die Gemeinden zwei geeignete Bewerber vorschlagen, von denen das Konsistorium einen auswählt.

Wenn sich an einem Ort genügend Reformierte finden („eine namhafte Gruppe von Personen, die der reformierten Religion zugetan sind“), dürfen sie sich einen eigenen Pfarrer auf ihre Kosten halten. Aber die Ausübung der lutherischen Religion darf dadurch nicht beeinträchtigt und das Pfarrstelleneinkommen nicht geschmälert werden. Wenn zwei Kirchen vorhanden sind, soll den Reformierten eine überlassen werden. Wenn aber nur eine Kirche vorhanden ist, soll in ihr nacheinander Gottesdienst gehalten werden. In Steinbach wurde somit vor dem lutherischen Vormittagsgottesdienst noch reformierter Gottesdienst gehalten, bis dann 1692 die sogenannte „Alternation“ eingeführt wurde (Wechsel zwischen Lutherischen und Reformierten beim Vormittagsgottesdienst und Nachmittagsgottesdienst).

Bedeutungsvoll sollten auch die Bestimmungen über die Wahl der Pfarrer und Lehrer werden. Sonst wurden die Kandidaten von oft verschiedenen Patronen dem Konsistorium präsentiert und dann von diesem eingesetzt. Die Gemeinden hatten nur ein gewisses Einspruchsrecht, das sie aber begründen mußten. Nur in Oberhessen und im Schmalkaldischen wählten die lutherischen Gemeinden die Pfarrer und Lehrer (die reformierten Pfarrer und Lehrer wurden allein vom Konsistorium eingesetzt). Und als das Wahlrecht 1738 in Oberhessen beendet wurde, blieb es dennoch in Schmalkalden erhalten (bis 1918). Die Agende von 1573 blieb mit ihren Ergänzungen aus der Darmstädter Zeit in Geltung.

An sich hätte alles in Frieden weiter laufen können. Dennoch gab es vor allem in Schmalkalden manche Kämpfe auszustehen. Die Reformierten waren an sich nur eine geringe Zahl. Dennoch hat man in fast rein lutherischen Orten reformierte Pfarrer eingesetzt, so auch in Steinbach. Besonders unter der verwitweten Landgräfin Hedwig Sophie , die von 1677 bis Anfang 1683 die Herrschaft allein regierte und ihren Wohnsitz auf der Wilhelmsburg genommen hatte, wurden die Reformierten eifrig gefördert: Reformierte Beamte wurden mit ihren Familien aus Hessen herangezogen. Reformierte Männer heirateten lutherische Frauen und die Kinder wurden reformiert. Viele wechselten die Konfession, um bei den Herrschenden gut angesehen zu sein. Wenn sich einer gegen das fünfte oder das siebte Gebot vergangen hatte, blieb er straffrei, wenn er schnell reformiert wurde. So mußte 1670 Carl von Buttlar 4.000 Taler Strafe zahlen, weil er ein Mädchen geschwängert und dann sie und das Kind umgebracht hatte; außerdem hatte er seinen Schreiber erschossen. Aber von den Zinsen dieses Geldes wurde die Besoldung der reformierten Pfarrer verstärkt. Auch der reformierte Pfarrer in Steinbach erhielt zehn Taler im Jahr zusätzlich.

Kirchenneubau  1651 – 1656

 

Lageplan der Kirche

 

Planung:

Weil die Kirche sehr baufällig geworden war und man besonders befürchten mußte, daß der Turm einfallen würde, beschloß man einen Neubau. Bei dieser Gelegenheit sollte die Kirche gleich mit vergrößert werden, damit auch die Jugend genügend Raum in ihr finden könne. Es war eine schwere Zeit so unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg. Dennoch wagte man das Werk. Der Beschluß zum Neubau der Kirche wurde in den Turmknopfurkunden festgehalten:

„Im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit. Amen. Wir stellen fest, daß das Kirchengebäude hier in Untersteinbach sehr baufällig geworden ist, so daß man Sorge haben muß, daß der Turm demnächst einfallen und noch größeren Schaden verursachen dürfte, wenn er und auch die Kirche nicht repariert werden. Außerdem ist dieser Kirchbau zu klein und bietet nicht genug Raum, daß die Jugend jederzeit hinein kommen kann, um am Gottesdienst teilzunehmen.

Deshalb sind sich die Gemeinden Ober- und Untersteinbach und auch die eingepfarrten Orte Oberschönau, Unterschönau, Rotterode  und Altersbach sich darüber einig geworden, das alte Kirchengebäude abbrechen zu lassen und die Kirche wieder von neuem aufzubauen und zu erweitern, Gott zur Ehre und zum Besten der Nachkommen, damit auch die Jugend darin Raum hat. Die Gemeinden haben auch angeboten, nach ihrem Vermögen diesen Bau zu fördern. Deshalb sind am heutigen 2. Januar 1651 sämtliche hiesigen Einwohner eingeladen und befragt worden‚ was ein jeder aus freiem Willen dazu geben und spenden wolle. Daraufhin hat ein jeder sich geäußert versprochen da dazu zu geben, wie es das geführte Verzeichnis über Ober- und Untersteinbach, Oberschönau, Unterschönau, Rotterode und Altersbach festhält“.

Am 31. Januar wurde Landgraf Wilhelm, der sich gerade in Schmalkalden aufhielt, um Erlaubnis zu dem Kirchenbau gebeten. Das Schreiben lautet „Dem Durchlauchtigen Hochgeborenen Fürsten und Herrn Wilhelmen Landgrafen zu Hessen, Grafen zu Catzenellenbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda, unserm Gnädigsten Fürsten und Herrn, Durchlauchtiger Hochgeborener Fürst, Gnädiger Herr…..Die Gemeinde zu Steinbach Hallenberg kann sich nicht zurückhalten, daß unsere nun weit über zweihundert Jahre alte Kirche an allen Stellen elend und baufällig geworden ist, daß wir nicht mehr ohne Lebensgefahr in ihr den Gottesdienst halten und Gottes Wort anhören können.

Wir stehen in steter Gefahr, daß sie unversehens einfällt, besonders wenn in ihr die Glocken geläutet werden. Daraus könnte großer Jammer und großes Elend entstehen. Um einem solchen zu erwartenden großen Unheil aber rechtzeitig zuvorzukommen, haben wir uns aus Vorsorge entschlossen, die Kirche ganz abzureißen und neu aufzubauen.

Dazu kommt, daß die bisherige Kirche für das große Kirchspiel, zu dem sechs Dörfer gehören, viel zu klein ist. Kaum der halbe Teil der Gemeindeglieder kann darin unterkommen.

Zu Ehren Gottes des Allmächtigen und um das Seelenheil zu fördern wollen wir die Kirche deshalb bei dieser Gelegenheit auch erweitern.

Doch es gehört sich, daß wir unsere Pflichtschuldigkeit tun und zuerst die Zustimmung ihrer fürstlichen Gnaden dazu erlangen. Deshalb bitten wir sie ganz untertänig, sie wollten gnädig geruhen und zu diesem unserem christlichen Vorhaben uns ihre gnädige Zustimmung erteilen.

Wir bitten aus den erwähnten Ursachen darum, daß sie es zulassen, daß wir den geplanten Kirchenbau durchführen können und auch die Kirche erweitern dürfen, damit jeder zu fleißiger Anhörung Gottes Worts einen Anlaß hat möge und nicht gegen seinen Willen davon abgehalten wird. Hiermit würden Sie Ihre hochgerühmte Gnade erweisen. Geschrieben Steinbach, den 31. Januar1651, ihre untertänig gehorsame ganze Gemeinde in Unter- und Obersteinbach, Unter- und Oberschönau, Altersbach und Rotterode.“

Die Antwort am 2. Februar lautete: „Weil das Vorhaben der Bittsteller christlich und löblich ist, erteilen wir hiermit unsere Zustimmung, daß sie ihre Kirche nach ihren Wünschen bauen und vergrößern dürfen. Unterschrieben Schmalkalden, den 2. Februar Anno 1651, Wilhelm.“

Die Angaben hören sich so an, als habe die vorherige Kirche nur einen Dachreiter gehabt, dessen Schwingungen beim Läuten sich auf die ganze Kirche übertrugen

 

Die Verträge mit den Handwerkern:

Am 17. April 1651 wurde Folgendes verabschiedet: Die neue Kirche soll in der Länge 29,45 Meter haben (das Kirchenschiff 20,15 Meter und der Chorraum 9,30 Meter), die lichte Weite im Inneren soll 12,40 Meter betragen. Die Höhe wurde mit 8,68 Meter in zwei Stockwerken mit einer gewölbten oder runden Decke angegeben.

Dieser Plan wurde gleich an Balthasar Engel, Zimmermeister und Baumeister von Brotterode, übergeben. Er ist in einer Inschrift hinten an der zweiten Empore verewigt. Engel hat aber nur das Fachwerk einschließlich der Lager für die Frauenbänke errichtet, den Dachstuhl machte der Dachdecker. Als Lohn wurden 351 Taler verabredet und drei Eimer Bier beim Richtfest.

In einem zweiten Dokument im Turmknopf vom 21. Mai 1651 heißt es dann: „Heute haben sämtliche Gemeinderäte und Vorsteher im Beisein der Kirchenväter und Kirchenrechner von Steinbach und den eingepfarrten Vertreter den Meister Baltzer, Zimmermeister von Brottero­de, den Auftrag zu dem neuen Kirchenbau erteilt. Er soll die Hauptarbeit der Zimmermannsarbeiten übernehmen und außerdem zwei Treppen auswendig an der Kirche anfertigen und die Lager für die Kirchenbänke und die Haken dafür machen. Als Lohn soll er 351 Gulden haben und beim Abschluß der Arbeit drei Eimer Bier.“

Hierauf sind für diesen Kirchenbau zu Baumeistern verordnet worden: Valtin Holland und der Oberschönauer Förster Quirin Stübing als Vertreter der eingepfarrten Orte. Erst jetzt am 21. Mai wurde Balthasar Engel von den Zwölfern und Vorstehern im Beisein der Kirchenväter und Kastenmeister (auch aus den eingepfarrten Orten) endgültig mit dem Bau beauftragt („ver­dingt“).

 

Am 9. Juli 1652 kamen zusammen der Pfarrer Johann Georg Clemen, der Kirchenvater Volker Rothämel, die Baumeister Quirin Stüber und Valtin Holland-Ebb‚ der Gemeinderat Valtin Schmidt, der Vorsteher Hans Lang sowie Hans Hofmann, Hans Hofmann der Ältere und Hans Seidler. Sie haben den Vertrag über den geplanten Kirchenbau mit den Maurermeistern Hans Kellermann und Hans Möller von Suhl ausgehandelt. Sie haben Folgendes vereinbart, was zu machen und anzufertigen ist:

1. Die Maurer sollen den Grund für den geplanten Kirchenbau legen, so wie derselbe gesucht und vorgefunden werden kann. Dann sollen sie die Mauern darauf errichten und auf diese ein Sims legen, auf dem der neue Kirchenbau stehen soll und muß.

2. Vor der Kirche sollen sie den Grund zum Turm legen, soweit der Turm einmal gehen soll, und ein Fundament an der Giebelwand entlang legen.

3. Sie sollen den Grund für die Säulen zu den Emporen („Borbühnen“) in der Kirche anfertigen‚ soweit das Maurerarbeit ist und dabei nichts ausschließen.

4. Sie sollen drei Türen zur Kirche vorsehen: die Erste zum Schulhaus hin mit einer Höhe von 2,95 Meter und in der lichten Breite von 1,86 Meter. Die andere Tür zum Turm soll in gleicher Höhe und Weite gemacht werden. Die dritte Tür nach dem Pfarrhaus zu, soll 2,10 Meter hoch sein und 1,24 Meter weit.

5. Die Grundmauern des gesamten Kirchenbaus sollen rundherum mit einem Sims von etwa 31 Zentimeter Höhe versehen bis zu der Stelle, wo der Turm einmal hin soll.

6. An die sechs Ecken sollen sie Ecksteine einsetzen, wie es im Handwerk üblich ist.

7. Die Werkstücke unter die Säulen für die Emporen sollen sie machen, wie es üblich ist.

8. Die zum Kirchenbau benötigten Steine sollen sie im Steinbruch hauen. Ein Meister soll dabei für einen Tag 9 Groschen haben, ein Knecht aber 7 Groschen 6 Pfennige, miteinander als einen halben Gulden.

9.  Wenn sie während der Arbeit ihre Maurer- und Steinhauerwerkzeuge neu anspitzen müssen, soll das von der Gemeinde bezahlt werden.

10.  Für die Maurerarbeit an der Kirche sollen die Maurermeister alles in allem 200 Gulden als Lohn haben und einen Eimer Bier.

 

Bau der Kirche:

Am 13. Juli 1652 früh um sechs Uhr haben die Maurer den ersten Grundstein für den neuen Kirchenbau unten an der Ecke gelegt (Welche Ecke?).

Am 5. August 1652 haben die Maurer die Ecksteine für die Kirchenmauern gelegt, am 6. August 1652 haben sie angefangen, die Mauern zu machen und haben sie aufgemauert bis zu dem Sims, auf dem das Gebälk für die Wandung und das Fachwerk aufsitzt.

 

Vom 11. bis 15. November wurde der Bau gerichtet. Jeden Tag halfen dabei 15 bis 25 Männer. Ihre Namen sind überliefert:

Am 11. November 1652 ist der Anfang mit dem Aufrichten des Fachwerks für den neuen Kirchenbau gemacht worden. Es sind folgende Personen dagewesen und haben geholfen:

Hans Nothnagel, Conrad Jäger, Hans Rasbach, Blasius Anschütz, Hans Lang, Hans Diller, Bartholomäus Huhn, Valtin Gesell, Georg Kohl, Hans Rasbach, Valtin König, Hans Gesell, Heinrich Teichmann, Hans Hoffmann (Summe: 15).

Am 12. November 1652: Georg Nothnagel, sein Knecht Michael, Hans Nothnagel, Konrad Jäger, sein Knecht Hans, Claus Usbeck, Blasius Anschütz, Hans Diller, Bartholomäus Huhn, Valtin Gesell, Georg Kohl, Hans Rasbach, Georg Valtin König, Hans Lang, Hans Gesell, Heinrich Teichmann, Georg Kolb, Hans Köhler, Matthias Holland, Claus Abig, Hans Hoffmann (Summe: 22).

Am 13. November 1652: Georg Nothnagel, Michael Kaufmann, Hans Nothnagel, Conrad Jäger, sein Knecht Hans, Hans Gießler, Blasius Anschütz, Hans Lang, Claus Usbeck, Hans Diller, Bartholomäus Huhn, Valtin Gesell, Georg Kohl, Hans Rasbach, Georg Schöner, Valtin König, Hans Gesell, Heinrich Teichmann, Georg Kolb, Hans Köhler, Matthias Holland,

Claus Abig, Hans Holland Schreiner, Bastian Gerlach (Summe: 24).

Am 15. November 1652: Georg Nothnagel, Hans Nothnagel, Hans Gießler, Conrad Jäger, Michael Kaufmann, Hans Rasbach‚ Blasius Anschütz, Hans Lang, Claus Usbeck, Hans Diller, Bartholomäus Huhn, Valtin Gesell, Georg Kohl, Hans Rasbach, Georg Schöner, Valtin König, Hans Gesell, Heinrich Teichmann, Georg Kolb, Hans Köhler, Matthias Holland, Claus Abig, Hans Holland Schreiner, Hans Coburg, Caspar Holland-Dick (Summe: 25).

Insgesamt sind das 86 Personen. Johannes Avenarius allerdings schreibt von sechs Tagen vom 11. bis zum 17. November und es hätten 139 Personen geholfen. Wahrscheinlicher ist aber, daß man nur bis zum 13. November brauchte, denn an diesem Tag wurden die Dachdeckerarbeiten vergeben.

An der mittleren Säule auf der mittleren Empore steht ins Holz geschrieben: „Im Jahre 1652 ist dieses Haus gebaut worden, am Martinitag wurde es angefangen und zu Gottes Ehre aufgerichtet. Balthasar Engel aus Brotterode“.

 

Dachdeckerarbeiten:

Am 13.November 1653 haben die Kirchenbaumeister Quirin Stübing und Valtin Holland-Eb in Gegenwart des Herrn Pfarrers Johann Georg Clemen den Vertrag mit den Dachdeckern Hans und Lorenz Scheupfer (auch: Schaufer) aus Steinbach und Winterstein (beide bei Bad Liebenstein) geschlossen. Sie sollen den Dachstuhl anfertigen („bühnen“), mit Latten versehen, das Ziegeldach darauf legen und die Ziegel in Kalk legen.

Als Lohn wurde vereinbart:

1. Für die Latten und das Auflegen von je 1000 Ziegeln sollen sie einen Gulden als Lohn haben. Wenn 14.000 Ziegel verarbeitet werden, ist der Gesamtlohn also 14 Gulden.

2. Für das In-Kalk-legen sollen sie für je 1.000 Ziegel 1 Gulden 9 Groschen als Lohn haben.

3. Es könnte eine Mehrmenge von 1.000 Ziegeln entstehen, weil noch First- und Ortgangs­ziegel zu dem Kirchendach dazu kommen, dann macht die Summe aller Ziegel 15.000 Ziegel, die in Kalk gelegt werden müssen („Ortgang“ ist der Rand des Daches nach den Giebeln zu).

4.  Sie wurden beauftragt, für 18 Gulden den Chor hinten an der Kirche die Eichenschindeln („Ochsenzungen“) zu machen und anzunageln.

 

Inneres der Kirche vor 1890 mit alter Orgel

 

Die Kirche ist ein Saal mit einem rechteckigen Chor, der nach Osten ausgerichtet ist. Nur die unteren Umfassungswände sind aus Stein. Die eigentlichen Wände bestehen aus Fachwerk, dem im unteren Teil aber noch eine Mauer vorgeblendet ist. Charakteristisch ist das Nebeneinander und Miteinander schlichtester Formen der Gotik und der Renaissance: Spitzbogige Türen stehen neben rundbogigen Fensterpaaren, an denen vereinzelt sparsame Blattverzierungen auftreten. Durch die Tür mit der Jahreszahl 1555 trat man unmittelbar in die Kirche ein

Die Kirche hatte nur den Altar. Taufstein, Kanzel und Orgel fehlten noch, ebenso die drei Emporen, die die Höhenproportionen besonders betonen. Aber die Kirche hatte schon einen Turmknopf, wenn auch keinen Turm, denn 1677 wird berichtet, daß der Sturm den Turmknopf heruntergerissen habe. Der Knopf hat dann also auf dem First des Kirchendaches gesessen. Volker Wahl meint mehrfach, man habe an die Kirche ein niedriges Glockenhaus an die Kirche gesetzt. Doch das ist nirgendwo gesagt. Wahl korrigiert sich dann auch bei der Schilderung der Bauarbeiten von 1697.

 

Inneres der Kirche 1935

 

 

 

 

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Einweihung der Kirche:

Eingeweiht wurde die Kirche 1656 von Pfarrer Johann Georg Clemen mit dem Bibeltext Johannes 10, 22-23. Der genaue Tag der Kirchweihe ist nicht ganz sicher: Volker Wahl hat in einem Vortrag am 12. September 2006 den genauen Tag der Einweihung der Kirche herausfinden wollen. Nach alter Überlieferung (zum Beispiel Geisthirt) wurde in Steinbach-Hallen­berg die Kirmes immer am 2. Sonntag im September gefeiert.

In der älteren Literatur wird der 15. September 1656 als Datum der Einweihung der Kirche genannt. Geisthirt zum Beispiel schreibt, Clemen sei am 15. September 1658 (!) gestorben,

Doch das kann nicht stimmen, weder das Jahr noch der Tag, weil der zweite Sonntag nur spätestens am 14. September gewesen sein kann, wenn man die Tradition vom zweiten Sonntag ernst nimmt. Wahl ist außerdem der Meinung, die Einweihung könne nicht an einem Werktag gewesen sein, ein Arbeitstag sei für einen solchen Weiheakt ganz unwahrscheinlich.

Wahl zieht die Angabe bei Johannes Avenarius für das Jahr 1656 heran, wo es heißt: „Am 10. Juli ist die neue Kirche eingeweiht worden.“ Doch auch hier geht Wahl wie in vielen anderen Fällen kritisch an die Angabe heran und deutet sie anders: Johannes Avenarius hat eine ältere Aufzeichnung zur Verfügung gestanden, die das Monatsdatum mit dem römischen Zahlen „Vll bris“ überlieferte. Aber damit ist nicht der siebente Monat im Jahresablauf gemeint, sondern der siebente Monat im römischen Kalender (auf lateinisch „Septembris“). „Danach ist der 10. September 1656 der Tag, an dem das neue Gotteshaus eingeweiht wurde!“ schreibt Wahl. „Ich habe keinen Zweifel, daß dieses Datum historisch richtig ist!“ Dazu paßt, daß auf dem Altar steht, daß er am 29. August gesetzt wurde. Dies ist das stärkste Argument dafür, daß der Monat Juli nicht stimmen kann, denn ohne Altar hätte man keine Kirche eingeweiht.

Gegen diese Meinung von Wahl gibt es aber zwei Argumente:

(1) Er geht vom gregorianischen Kalender aus, während damals in den protestantischen Gebieten noch der julianische Kalender angewandt wurde (erst im Jahr 1700 stellte man um). Nur nach dem gregorianischen Kalender war der 10. September 1656 ein Sonntag. Nach dem julianischen Kalender waren der 7. und 14. September ein Sonntag. Der 10. September war ein Mittwoch und der 15. ein Montag.

(2) Wenn man den tatsächlichen Einweihungstag mit der späteren Feier des Festes verbinden darf, dann kann die Einweihung durchaus in der Woche stattgefunden haben, weil ja am Sonntag kein Tanz sein durfte. Eine Kirmespredigt hielt der Lutherische Pfarrer immer auf einen Mittwoch und erhielt dafür einen Taler Extravergütung. Und wenn man später das Fest mitten in der Woche begann, warum sollte man es nicht auch gleich beim ersten Mal so gemacht haben?

Im folgenden Jahr 1657 schreibt Avenarius: „Auf die Kirchweih ist mit Tod abgegangen Herr M. Joh. Clemen L.J. Ein Jahr nach der Einweihung der neuen Kirche ist also der zeitherige Pfarrer nach insgesamt 20 Dienstjahren in Steinbach-Hallenberg am 14. September 1657 verstorben!“ In diesem Jahr 1657 fiel der Kirchweihsonntag auf den 9. September, aber dann wurde eine ganze Woche „Kirmes” gefeiert. Die Bezeichnung „auf die Kirchweih“ muß aber nicht den genauen Einweihungstag der Kirche bezeichnen, sondern es kann auch bedeuten: „während der Feier der Kirchweih in der Kirchweihwoche“. Pfarrer Johann Georg Clemen ist also am 14. September, am Freitag der Woche „auf die Kirchweih” 1857 im Alter von 48 Jahren gestorben.

 

Als Landgraf Carl 1715 Steinbach besucht, ist es der 13. September, der zweite Kirmestag. Dieser war in diesem Jahr (nach dem nunmehr geltenden gregorianischen Kalender) ein Freitag. Ein Mittwoch als Einweihungstag ist meiner Ansicht nach durchaus möglich, um den Schwierigkeiten mit dem Tanz aus dem Weg zu gehen.

Ês dürfte also eher davon auszugehen sein, daß die Einweihung der Kirche am Mittwoch, dem 10. September 1656 erfolgte, und zwar gerechnet nach dem julianischen Kalender. Diesen Kalendertag gibt ja auch Johannes Avenarius an, nur mit dem Mißverständnis, daß er den falschen Monat angibt. Herr Wahl hat sich inzwischen meiner Meinung angeschlossen.

 

Darlehen des Amtsschultheißen 1657:

Bei den Turmknopfurkunden findet sich ein Dokument über ein Darlehen, das der Amtsschultheiß für den Kirchenbau gegeben hat: „Als jetziger Amtsschultheiß erinnere ich daran, daß ich im vorigen Jahr 1656 zur Förderung des Kirchenbaus fünfzig Gulden geliehen habe, wie es die nähere Aufstellung aufweist. Diese hätten aus der Kirchenkreditkasse wieder bezahlt werden sollen. Aber wegen anderer Ausgaben, die ebenso notwendig haben bezahlt werden müssen, hat man nicht so viel einnehmen können. Ich kann aber auf diese ausgelegten Gelder länger nicht verzichten, sondern es ist notwendig, daß sie wieder zurückgezahlt werden.

Es ist von den Gemeinderäten und Kirchenvorstehern für gut angesehen worden, die fünfzig Gulden mir von dem Kirchengeld auszuzahlen, das die Heiligenmeister in ihrem Vorrat haben, aber wieder erhalten sollen, wenn die Kredite ohne Versäumnis erhoben werden.

Ich bestätige hiermit, daß am heutigen Tag der jetzige Kirchenrechner Claus Abig mir diese fünfzig Gulden geliefert und zugestellt hat. Das beurkunde und quittiere ich hiermit. So geschehen am 3. Mai 1657 im Beisein von Valtin Wilhelm, Valtin Zitter und Valtin Holland-Nell……Vincentius Zielfelder.“

Auf der anderen Seite des Blattes sind noch unterschiedliche Zettel über ausgezahlte 130 Gulden 1 ½ Groschen zum neuen Kirchenbau, welche aus den Kirchenkreditgeldern geliehen wurden und wieder bezahlt werden sollen (Die Kirchenkasse war früher so etwas wie eine Kreditkasse, denn der Bestand wurde gegen Zinsen ausgeliehen).

 

Weitere Ausstattung der Kirche:

Der Altar war schon am 29. August 1656 in  die Kirche gesetzt worden, wie die Inschrift auf der Vorderseite ausweist.

 

Altar und Taufstein

 

Im Jahre 1657 kam der kelchförmige Taufstein hinzu, gestiftet (oder gefertigt) von Johannes Heil, mit der Darstellung von vier Kindern am Schaft und mit den Bibelsprüchen Markus 16, Vers 16, Matthäus 28, Vers 9, Johannes 3, Vers 5 und Lukas 18, Vers 16. Johannes Avenarius gibt allerdings in seiner Chronik an einer Stelle an, Justus Häfner und Frau sowie die Familie Zimmermann hätten 1659 den Taufstein der Kirche verehrt. Vielleicht haben sie ihn nachträglich bezahlt oder er wurde in diesem Jahr erst aufgestellt. Volker Wahl erwägt als Möglichkeit, die anderen genannten Stifter hätten zwei Jahre später den heute nicht mehr benutzten Deckel hinzugegeben. Im Inneren dieses Deckels stand jedoch: „In diesem 1658 Jahr habe ich Conrad Jäger Zimemrmeister von Rotta diesen Degell gemacht. Hiermitt Gott befohlen.“

An sich wiegt die Inschrift auf dem Stein schwerer.

Es wird wohl kaum so gewesen sein, daß sich der Steinmetz auf dem Taufstein verewigen durfte. Wenn es schon einen Stifter gab, dann mußte dessen Name in Stein gehauen werden. Sehr schön ist aber der (nicht belegte) Gedanke, daß der Steinmetz die Gesichter seiner eigenen Kinder in denn Stein gehauen habe.

 

Taufstein in Farbe

 

Taufstein schwarz-weiß

 

Inschrift  am Taufsteindeckel

 

Im Jahre 1658 hat Hans Happ, Hammermeister in Unterschönau, für 60 Taler eine neue steinerne Kanzel für die hiesige Kirche machen lassen und das Geld dafür gestiftet. Die Inschrift an der Vorderseite lautet: „Johannes Happ, Schultheiß in der Unterschönau, ließ zu Gottes Ehre diese Kanzel verfertigen anno 1658“. Sie ist das Werk eines unbekannten Nürnberger Meisters. Wenn man mehr über diesen Meister erfahren möchte, müßte man wahrscheinlich erforschen, wer in jener Zeit in Nürnberg als Steinmetz tätig war (Handelsbeziehungen nach dort gab es jedenfalls).

Diese Kanzel ist die größte Kostbarkeit der Kirche. Getragen wird sie von der sitzenden, fast lebensgroßen Figur des Evangelisten Johannes. Über der sitzenden Figur des Evangelisten Johannes erhebt sich der fünfseitige Korb, dessen Brüstung figurenreiche Reliefs zieren. Dargestellt sind die fünf Hauptstücke des Katechismus: die Zehn Gebote (Mose), der Glaube (Adam und Eva, Kreuzigung, Ausgießung des Heiligen Geistes), das Vaterunser (Betender), die Taufe (Taufe Jesu im Jordan) und das Abendmahl (Jesus mit seinen Jüngern am Abendmahlstisch). In der Abendmahlszene soll als zweiter Mann rechts neben Jesus der Stifter Hans Happ dargestellt sein und als vierter Mann der Steinmetz aus Nürnberg, der diese Kanzel geschaffen hat. Dazwischen befinden sich Engelknaben, darunter die Bibelsprüche Daniel 12, Vers 3 und 2. Timotheus 4, Vers 5.

Kanzelträger

 

Im Jahre 1660 haben die gesamten Köhler des Steinbacher Grundes einen aus Holz ge­schnitzten Schalldeckel für die Kanzel machen lassen. Über dem  Deckel steigt der Aufbau  steil empor und zeigt verschiedenen Tugenden, die zum Teil mit den Tugenden der antiken Klassik übereinstimmen: Glaube (fides), Hoffnung (spes), Liebe (caritas), Geduld (patientia), Gerechtigkeit (iustitia) und Milde (sepatia). Doch übertroffen werden diese Tugenden von Christus mit der Weltkugel, der ganz oben auf dem Deckel steht. Immerhin 37 Taler mußten die Köhler dafür zahlen. Dafür ließen sie aber auch ihre Namen am Kranz des Kanzeldeckels anbringen, die aber 1875 überstrichen wurden.

Köhlerhütte

 

Hans Happ hat dann noch 1660 eine erste Orgel für die Kirche zum Preis von 125 Talern gekauft und gespendet. Und 1661 ließ er Taufstein, Kanzel und Deckel für 37 Taler bemalen. Außerdem stiftete er einen Abendmahlskelch.

Im Jahre 1664 hat man eine andere und größere Orgel für hier machen lassen. Sie hat 285 Taler gekostet. Hiervon hat der Orgelmacher die vorherige Orgel zum erwarteten Preis wieder angenommen und noch 160 Taler in Bargeld dazu empfangen. Die Erben Hans Happs haben nach seinem Tod 80 Taler dafür gegeben, wie er es versprochen hatte. Diese Orgel wurde von dem Orgelmacher für 50 Taler verkauft nach Witzelroda verkauft.

Orgel heute

 

Drei Glasfenster

 

Kirchenordnung 1657:

Im Jahre 1657 kam eine neue Kirchenordnung heraus, die zwar den reformierten Charakter der Landeskirche festhielt, aber in sehr abgemilderter Form. Beim Abendmahl hieß es: Dies ist das „gesegnete Brot, welches ist der Leib des Herrn“. Nur die Heilige Schrift, die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse und die Augsburgische Konfession sollten gelten. Am 27. Dezember wurden die Gemeinden von der Kanzel herab darüber unterrichtet. Ein Exemplar dieser Kirchenordnung ist in einem Nachdruck von 1723 in der Pfarramtsbibliothek enthalten.

 

Kirchenordnung

 

 

Johann Bornschürer                                                                                          1658 - 1661

Johann Bornschürer wurde am 5. November 1625 in Schmalkalden als Sohn eines Goldschmieds geboren. Er studierte in Marburg, Jena Erfurt und Straßburg, wo er 1648 die Magisterwürde erlangte und philosophische Vorlesungen hielt. Am 15. September 1650 wurde er Oberpfarrer in Brotterode und am 15. Dezember 1658 von Inspektor Neunesius in Steinbach eingeführt. Bald darauf wurde er aber als Diakon nach Schmalkalden berufen und am 22. Dezember 1661 eingeführt.

 

Inspektor Neunesius

 

In Schmalkalden bekam er allerdings Schwierigkeiten. Es ging um folgenden Fall: Als ein Kind gestorben war, sagte er dem Vater: „Für ein Kopfstück kann ich keine Leichenpredigt halten. Warte bis morgen, da habe ich sowieso eine Beerdigung!“ Der Vater wollte sich beim Inspektor beschweren. Der war aber nicht da. Seine Frau riet ihm, doch noch einmal mit Bornschürer zu sprechen und ihm zu sagen: „Wenn er es nicht tut, geht er zum reformierten Inspektor, der macht es umsonst!“ Aber Bornschürer antwortete darauf nur: „Holla, bist du der Herr, so gehe hin in des und des Namen!“ und ging davon.

Man hat gesagt, er sei wegen eines begangenen „Exzesses“ abgesetzt worden. Jedenfalls wurde er 1666 Diakon in Tann (in der Rhön), wo er ein „Mann würdig alles Lobs“ wurde. Er hat jedoch sein Unrecht erkannt und bereut und gesagt, daß er solches guten Teils an den Stein­bachern verdient hat (Soll das heißen, daß er das Unrecht verdient hatte, weil er sich auch in Steinbach falsch verhalten hat oder daß er es in Steinbach besser gemacht hat und deshalb das Unrecht ausgeglichen hat?).

Am 5. August 1677 starb er in Tann im Gottesdienst nach einer gesund und wohl gehaltenen Predigt. Er ist der Dichter des Taufliedes 205 in Evangelischen Gesangbuch „Gott Vater, höre uns‘re Bitt“.

 

Pfarrhaus 1660:

Bornschürer „zur Liebe und Bequemlichkeit“ wurde 1660 das Pfarrhaus erbaut, das feine Zimmer hatte. Doch es muß dort auch schon vorher ein Pfarrhaus gestanden haben, denn 1657 setzte ein Töpfer aus Schwarza den Kachelofen in der unteren Pfarrstube. Das geht hervor aus der noch erhaltenen Kirchenrechnung von 1660. Die Einnahmen für die Kirchengemeinde kamen in dieser Zeit aus Zinsen, Klingelbeutel und Strafen.

Man mußte immer noch für den Kirchenbau bezahlen, hatte aber doch noch Geld für ein Bienenhaus im Pfarrgarten. Man unterstützte auch notleidende Gemeinden und Einzelpersonen in ganz Deutschland. Und im Jahr 1660 wurde auch die erste Orgel in der Kirche aufgestellt (s.o.) und das eiserne Kanzelgitter von Jakob Müller aus Brotterode angefertigt (Inschrift hinter der Kanzel).

 

Unteres Pfarrhaus (zwei Bilder)

 

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Matthäus Avenarius                                                                                            1662 - 1692

Die bedeutendste Persönlichkeit unter den Steinbach-Hallenberger Pfarrern war Matthäus Avenarius. Sein gegen Ende seines Lebens verfaßter Lebenslauf gibt uns einen guten Einblick in die tiefe Frömmigkeit seines Denkens und Fühlens und macht deutlich, daß viele Widerwärtigkeiten und Härten sein Leben begleitet haben.

Als Matthäus Habermann wurde er am 22. Februar 1625 in Eisenach geboren als Sohn des Weißgerbers und Ledermachers Hans Habermann und dessen Ehefrau Elisabetha geborene Bernhard. Dort besuchte er auch die lateinische Stadtschule. Sein Vater wollte ihn als Lehrling haben, aber die Mutter wollte, daß er Pfarrer wird, weil er mit scharfem Verstand und guter Stimme begabt war.

Die kriegerischen Unruhen des Generals Banner vertrieben ihn jedoch nach Coburg, wo er seit Herbst 1642 das Gymnasium Casimirianum besuchte. Dort studierte er fleißig und übte sich in der Musik Dort war Georg Christoph Bach der Kantor, ein Onkel des berühmten Johann Sebastian Bach.

Im Jahre 1643 besuchte er für kurze Zeit die Universität Marburg und traf dort auf Johann Bornschürer, seinen späteren Nachfolger in Steinbach (1658 bis 1661), dessen Freund und Förderer und Taufpate er war. Danach besuchte er die Universität Leipzig. Und weil er entweder keine oder doch sehr kleine Mittel hatte, machte er sich hier und da gute Freunde durch seine Musik und brachte sich damit durch. Schließlich wirkte er einige Jahre als Hauslehrer in Langensalza und Nazza (bei Eisenach).

Am 7. Juli 1650 wurde er als Kantor an die Stadtkirche St. Georg Schmalkalden und als dritter Lehrer an die lutherische Stadtschule in Schmalkalden berufen. Dort heiratete er am 5. Mai 1651 Margarethe Endter, mit der er zehn Kinder hatte. Weil er sich mit den Reformierten nicht recht vertragen konnte, bewarb er sich in Steinbach.

Für die freie Stelle wurden der Rektor der Lutherischen Schule Schmalkalden Johannes Schmid und der Kantor Matthäus Avenarius vorgeschlagen. Schmid war bei der Steinbacher Gemeinde beliebt und von Pfarrer Bornschürer empfohlen. Der Inspektor Neunesius setzte sich für ihn ein.

Das entscheidende Urteil hatte jedoch der reformierte Inspektor Brandisius abzugeben. Er bezeichnete Avenarius als guten Musiker, der sich daneben aber auch fleißig im Predigen probiert habe. Er liebe Zecher in guter Gesellschaft und auch einmal (wie die Musiker pflegen) einen guten Trunk und kann ihn auch in seinem dicken Bauch vertragen. Er habe sich friedfertig verhalten und sei gegen die Reformierten jederzeit ehrerbietig und willfährig gewesen. Wenn jemand etwas in Gesellschaft gegen die Reformierten sagte, habe er diesen zu­rechtgewiesen. Die Schule habe er mit feinen Instrumenten versehen. Und wenn er nach Steinbach komme, wolle er der Schmalkalder Schule ein Orgelpositiv vermachen.

 

 

 

Brandisius empfahl also Avenarius, weil er sich nach seiner Meinung besser mit den Reformierten vertragen würde. Außerdem hatte er eine starke Stimme und kann „allen die Ohren in den Kirchen füllen“, denn die Steinbacher sind meist Hammermeister, Nagler und Kleinschmiede und können wegen des Getöns der Hämmer nur schwer hören. Die Sache wurde schließlich in Schmalkalden entschieden, weil man den Kandidaten die Reise im Februar nach Kassel ersparen wollte.

Nach der Wahl durch die Gemeinde am 26. Januar 1662 erhielt Avenarius am 7. Februar die Stelle in Steinbach und wurde am 24. Februar von den Inspektoren Neunesius und Brandisius und in Gegenwart der Oberbeamten Sigmund Happel und Lucan eingeführt. Es war der 24. Februar, der Tag des Apostels Matthias. Deshalb waren die Eingangsworte seiner Predigt: „Das Los fiel auf Matthias“ (Apostelgeschichte 1, Vers 26). Er hat also dieses Bibelwort aus Apostelgeschichte 1,26 bewußt für seine Einführungspredigt gewählt, weil er selber den fast gleichen Namen hat und betonen wollte, daß die Einführung am Matthiastag war).

Seine Frau starb am 23. September 1673 bei der Geburt ihrer jüngsten Tochter (die Leichen-predigt wurde 1674 in Schleusingen gedruckt). Im Jahre 1675 heiratete er Magdalene Sabine Schellhaas, die Tochter des Oberschönauer Schulmeisters, mit der er drei Töchter gehabt haben soll. Seine zweite Frau starb 1691.

 

Pfarrer Matthäus Avenarius

 

Matthäus Avenarius hatte drei Bücher, die mit Schreibpapier durchschossen waren. Diese schenkte er seinen drei Söhnen. Das erste Buch für Johann Martin Avenarius ist schon lange vollständig verschollen. Der zweiter Sohn Johann Nikolaus erhielt die Kirchen-und Hauspostille des Pankratius, die der Vater mit allerhand Nachrichten und Abschriften bis zum Jahre 1681 versehen hatte. Der dritte Band für Johannes Avenarius bestand aus dem „Kalendarium Historicum“ (Kopien staatlicher Verordnungen), die der Vater mit Nachrichten aus der Zeit nach 1681 bereichert hatte. Dieses Buch hat Ludwig Avenarius, der Verfasser der Avenaria­nischen Chronik, im Jahre 1912 noch in Händen gehabt. Vielleicht befindet es sich im Familienarchiv in Flensburg.

Es sind auch noch einige Originalbriefe von Matthäus Avenarius im Kirchenkreisarchiv im Turm der Stadtkirche Schmalkalden erhalten. Auf ihnen sind zwei unterschiedliche Siegel. Das erste von 1559 hat noch die Anfangsbuchstaben „M H“ und zeigt zweimal die Getreideähre. Das Siegelbild von 1683 zeigt einen Mann mit einem Schild in der Hand, auf dem eine Ähre zu sehen ist, die Anfangsbuchstaben fehlen. Wahrscheinlich hat Matthäus Avenarius bei seiner Übersiedlung nach Steinbach den lateinischen Namen „Avenarius“ angenommen (Übersetzung von Habermann, d.h. Hafermann) und zunächst den alten Siegelring noch weiter benutzt.

In Steinbach-Hallenberg erinnert an Matthäus Avenarius das große Porträt rechts in der Kirche, das 1695 von dem Schmalkalder Maler Johann Fabarius gemalt wurde. Früher hatte es noch eine Umschrift, mit der die Gemeinde ihres „weisen, wohlehrwürdigen, großachtbaren und hochwohlgelehrten, wohl verdienten und christeifrigen Pfarrherrn und Seelsorgers“ gedachte.

 

Matthäus Avenarius war von kleiner und dicker Statur, hatte aber eine kräftige Stimme und eine gravitätische Aussprache. Wenn er seine Stimme erhob, bekamen die Zuhörer beide Ohren voll zu hören. Als er in Schmalkalden vorsang, wurde er sofort genommen.

 

Er war aber auch selber ein guter Poet und schrieb und komponierte geistliche Lieder für den Gottesdienst und die Privatandacht, die bis ins 19. Jahrhundert gesungen wurden. Sein Lied „O Jesu, meine Lust“ hatte im alten Gesangbuch die Nummer 522. Seine Abhandlung „Musica“ ist allerdings verschollen.

Er führte ein strenges kirchliches Regiment ein und ging selber mit gutem Beispiel voran und fand auch Anerkennung. Sein Glaubensbekenntnis lautete: „Unschuld und Redlichkeit mögen mich leiten, o Christus“ (vgl. Psalm 25, Vers 21). Fast nie verließ er über Nacht sein Haus, um jederzeit für Kranke und für Nottaufen zur Verfügung zu stehen.

 

Ansonsten ist noch festzuhalten, daß durch seine Vorausschau und Genehmigung die Oberschönauer eine eigene Kirche und einen eigenen Schullehrer bekommen haben. In Steinbach wurde 1667 nach manchen Kämpfen eine zweite Schule eingerichtet. Im Jahre 1671 wurde ein altes Wohnhaus in Oberschönau zu einer bescheidenen Kirche umgebaut. Um 1700 war sie schon wieder sehr baufällig und sah einer Scheune ähnlich. Ebenso haben die Unterschönauer, Rotter oder und Altersbacher von ihm das Recht erhalten, ihren eigenen Lehrer zu haben.

Durch Einsatz, Hilfe und Rat des Pfarrers wurde 1661 eine größere Orgel beschafft. Sie kostete 285 Taler. Da aber der Orgelmacher (Kaspar Lochmann aus Suhl zusammen mit seinem Vetter Johann Heinrich Mann) die alte Orgel in Zahlung nahm, waren nur 160 Taler zu zahlen, von denen Hans Happs Erben 80 Taler übernahmen. Im Jahre 1675 bekehrte Matthäus Avenarius den katholischen Hans Albrecht aus Eisfeld zum lutherischen Glauben. Dieser wurde nachher Zwölfer und Kirchenvater und starb 1716.

 

Matthäus Avenarius hatte drei Söhne:

  • Am 12 Juli 1681 ist Martin Avenarius, Theologiestudent, seinem Herrn Vater Matthäus Avenarius, dem lutherischen Pfarrer, im Amt beigegeben worden. Diesem trat er zum Lebensunterhalt die Oberschönau mit ihren Naturalspenden und Gebühren für Amtshandlungen ab. Nachdem dieser aber nach fünf Jahren zum Pfarrer nach Roßdorf berufen wurde, hat Matthäus Avenarius nach diesem Wegzug sein Amt wieder völlig verwaltet bis an seinen Tod. Sein Enkel Johann Reinhard, Sohn von Johann Martin, wurde 1715 Pfarrer in Steinbach und später Pfarrer bzw. Oberpfarrer in Schmalkalden. Er gab das Gesangbuch „Himmlische Seelenlust“ heraus, das bis 1888 in den Kirchspielen Steinbach-Hallenberg und Springstille benutzt wurde.
  • Sein zweiter Sohn Johann Nikolaus wurde Mädchenschullehrer und Organist (1675-1708). Von dessen vier Söhnen wurden zwei auch Kirchenmusiker. Johannes wurde sein Nachfolger (1708-1744) und legte die Ortschronik an.
  • Sein dritter Sohn Johannes war zuerst Pfarrer in Schmalkalden und dann Landessuperintendent in Gera (eine Münze mit seinem Bild befindet sich im Museum auf der Wilhelmsburg).

 

Matthäus Avenarius hat 30 Jahre Gott in seiner Kirche treu und aufrichtig und ohne Schein und Heuchelei gedient. Er starb am 17. April 1692, am Sonntag Jubilate, nachdem er im Morgengottesdienst Abschied von seiner Gemeinde genommen hatte. Mit den Worten „Meinen Jesum laß mich nicht“ verschied er. Er wurde 67 Jahre alt. Der Predigttext bei seiner Beerdigung war  1.Timotheus, Vers 15: „Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin!“

Sein Wahlspruch war Psalm 25, Vers 21: „Unschuld und Redlichkeit mögen mich behüten, denn ich harre auf dich!” (Wörtlich eher: „Durch Aufrichtigkeit und Redlichkeit wird erneuert dein Recht, Christus leitet mich usw.!“).

 

Fund im Museum Wilhelmsburg:

Der Direktor der Schmalkalder Wilhelmsburg Kai Lehmann war etwa im Jahr 2010 in einem Möbeldepot des Museums auf einen alten Kanzleischrank aufmerksam geworden, ein eher schmuckloses Exemplar, entstanden wohl um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Hinter den beiden Flügeltüren kamen sechzehn geräumige Schubladen mit massiven Schlössern zum Vorschein, jede davon fein säuberlich beschriftet mit dem Namen eines Dorfes aus der Herrschaft.

Der Restaurator staunte nicht schlecht, als er die verschlossenen Schubladen mit den Aufschriften Brotteroda und Seligenthal öffnete. Rund zweihundert Dokumente lagen darin, tadellos erhalten. Das älteste datiert auf das Jahr 1453, die jüngsten wurden verfaßt im 19. Jahrhundert. Darin nachzulesen: Begebenheiten in Schmalkalden, Haindorf, Barchfeld und vor allem Steinbach-Hallenberg.

Wenig Rühmliches ist beispielsweise über Matthäus Avenarius zu erfahren, den früheren Pfarrer von Steinbach. Anfang des Jahres 1678 klagte er bei der hessischen Kirche über sein hohes Alter und seinen schlechten Gesundheitszustand. Um seinem Amt weiterhin gerecht werden zu können benötige er einen Helfer („Adjutanten“), nämlich seinen Sohn Martin Avenarius.

Der war jedoch nicht der einzige Sproß, den es beruflich zu versorgen galt. Bereits 1676 verschaffte er seinem anderen Sohn Johann Nicolaus das Amt des Lehrers („Schuldiener“) und Organisten in Steinbach. Dieser erhielt ein Gehalt, das deutlich höher war als das seines Vorgängers, ein Vorzug, in dessen Genuß später auch sein Sohn Johann Nicolaus kam.

Argen Streit zettelten der Vater und seine beiden Söhne, allesamt lutherisch, mit den Mitgliedern der reformierten Gemeinde an. Beide Gemeinden nutzten die Kirche in Steinbach sonntags nacheinander für ihre Gottesdienste. Die Reformierten, so die Mitteilung an den Inspektor, kamen jedoch selten über die Predigt hinaus. Verließ ihr Pfarrer die Kanzel, läutete die Avenarius-Familie bereits die Glocken für ihren Gottesdienst.

(Anmerkung: Im Alter von 52 Jahren war man damals schon alt, mit 60 Jahren ein Greis. Daß er seinen Sohn als Nachfolger haben wollte, ist verständlich und war damals üblich, schon allein wegen der Dienstwohnung und der Altersversorgung. Neu ist nur die Bemerkung über die kurze Gottesdienstzeit für die Reformierten - aber immerhin hatten sie 60 Minuten Zeit. Neu sind auch die Angaben über Johannes Reinhardt Avenarius).

 

Matthäus Avenarius, Kämpfer für die lutherische Sache:

Wenn es um die Reformierten ging, war Matthäus Avenarius nicht auf den Mund gefallen. Im Jahre 1665 sagte er im Wirtshaus über einen Gast: „Das ist der Hans Buchhammer, der von der lutherischen Religion abgefallen ist zu der falschen!“ Buchhammer war Bruder des lutherischen Lehrers. Als dieser 1676 starb, kam es zu einer ausgedehnten Auseinandersetzung. Der lutherische Inspektor wollte gern einen von zwei Theologiestudenten als Lehrer haben. Avenarius sollte die Gemeinde überreden bzw. sie gar nicht erst zum Wählen kommen zu lassen. Der eine aber fand offenbar keinen Anklang. Somit blieb Jakob Lang.

 

 

Avenarius aber hatte einen anderen Favoriten, einen Schulmeister Leffler. Den wollte er zu seinem Schwiegersohn machen. Leffler hatte auch schon angekündigt, er würde eine (!) der Töchter des Pfarrers heiraten. Dagegen protestierte aber wieder der reformierte Pfarrer Ries­ner: Ein Theologe würde den lutherischen Pfarrer zu sehr entlasten. Ohne ihn müßte Avenarius vielleicht den Frühgottesdienst vor den Hauptgottesdienst lassen. Die Leute wünschten das sowieso (Damals hielt der lutherische Pfarrer demnach einen Frühgottesdienst, den Hauptgottesdienst und den Nachmittagsgottesdienst. Aber wahrscheinlich schon 1677 übernahm der reformierte Lehrer Tobias Riesner aus Schmalkalden den Frühgottesdienst in Steinbach). Aber durch Pfarrer Avenarius, der ein „rechtes Hindernis des Wachsens der reformierten Religion ist“, konnte das bisher verhindert werden. Zusammen mit seinem Sohn (dem Organisten), seinem Schwiegersohn (dem Lehrer), deren Frauen und Kinder könnten sie bei Festlichkeiten einen ganzen Tisch besetzen. Das würde ihn noch mehr geneigt machen, bei solchen Zusammenkünften die Reformierten zu beschimpfen.

Neulich sei er doch erst mit seinen Söhnen ins Wirtshaus gekommen und habe dort Streit angefangen mit Matthäus Faßler, der vor zwölf Jahren zur reformierten Religion übergetreten war. Er habe den guten Mann sogar „vor der nasen geschnappet und auff dem maul trummeln wollen“. Schließlich seien sie sich gegenseitig in die Haare gefallen und auch die Pfarrerssöhne hätten das Ihre getan (so weit die Beschwerde Riesners, festgehalten in den Akten des Kirchenkreisarchivs im Turm der Stadtkirche Schmalkalden).

Der Gemeinderat war gegen einen Theologiestudenten, weil dieser ja doch nur ein Pfarramt anstreben und nicht so sehr auf die Schule sehen würde. Aber Inspektor Neunesius wollte unbedingt den Leffler haben, erst in zweiter Linie den Lang. Er setzte ein Präsentationsschreiben auf. Amtsschultheiß Zielfelder aber drang darauf, daß die Gemeinde erst gefragt wurde. Noch schnell am Abend wurde vor dem Wirtshaus eine Versammlung abgehalten, zu der außer Frauen und Kindern nur etwa 20 Männer kamen. Als Bürgermeister Ritzmann rief: „Wenn ihr mit Leffler zufrieden seid, so sagt ja!“ da riefen einige Kinder zum Spott „Ja!“ Das war die ganze Wahl. Weil die Reformierten protestierten, führte Inspektor Lucan selber eine Wahl durch, die eine große Mehrheit für Leffler und Lang ergab. Lang wurde bestätigt, weil Leffler gesagt hatte, er wolle nicht beim reformierten Gottesdienst singen und nicht den Katechismus-Unterricht für die reformierten Kinder übernehmen.

 

Während der Amtszeit des Matthäus Avenarius wurde die reformierte Pfarrstelle eingerichtet. Wahrscheinlich seit 1677 benutzte man die Kirche gemeinsam. Aber Matthäus Avenarius vertrug sich nicht allzu gut mit dem reformierten Kollegen. Über den reformierten Pfarrer Riesner sagte er zum Beispiel: „Aus dem calvinisch-reformierten Eiter wollte er seine Gemeinde gewinnen“.

Auch sonst war das Verhältnis zwischen Lutherischen und Reformierten nicht gut. Im Jahre 1683 führte Valtin Holland nach sieben Maß Bier im Wirtshaus gotteslästerliche Reden. Vor allem aber sagte er, die „calvinischen Hunde“ würden bald wieder fort müssen, weil die Herrschaft Schmalkalden bald wieder vertauscht werde. Er schimpfte auf den Wirt, der gleichzeitig Kämmerer war und zusammen mit dem Amtsschultheißen 500 Taler entwendet hatte und dessen Sohn zum Studieren gegeben hatte. Ums Geld ging es auch noch einmal im gleichen Jahr: Da beschwerte sich Pfarrer Riesner über den Organisten Nikolaus Avenarius, weil dieser den Gotteskasten unbefugt öffnen wollte und im Wirtshaus schon drei Eimer Bier hatte bereitstellen lassen.

Als Matthäus Avenarius 1687 von Pfarrer Riesner ausgerichtet wurde, er solle seine Schulden bei dem reformierten Inspektor bezahlen, beschwerte sich Avenarius bei ihm: Er habe nur vom lutherischen Inspektor Befehle entgegen zu nehmen!

 

 

Stammbaum der Familie Avenarius:

 

          Matthäus Avenarius

                                                                                                             

Johann Martin Avenarius                         Johann Nicolaus Avenarius           Johannes

05.04.1652 - 03.01.1724                31.07.1654 - 24.04.1708                   06.11.1670

Pfarrer in Roßdorf                          Organist in Steinbach                    später in Gera

                                                           1675 - 1708

                                                                                                                                   

Johann Reinhard Avenarius        Johannes Avenarius                    Johann Caspar

22.01.1682 in Roßdorf                   Organist in St.-Hbg.                        Georg Ludwig

Pfarrer in Steinbach 1715 – 1730           10.01.1687 – 31.01.1743                                            ab 1750 Oberpfarrer in Schmalkalden                           

Johann Gottlieb Avenarius

Organist ab 1744, gestorben 1746

 

Der Stammvater Matthäus Avenarius:

Matthäus Avenarius heiratete am 4. Mai 1651 Margarethe Ender aus Schmalkalden. Er hatte mit ihr zehn Kinder, von denen 3 Söhne und 6 Töchter überlebten. Die Söhne sind:

Johann Martin, geboren 5. April 1652 in Schmalkalden, gestorben 1735

Johann Nicolaus, geboren 1654 in Schmalkalden

Johannes, geboren 6. November 1670 in Steinbach (der Stammvater von Ludwig Avenarius)

Im Jahre 1673 ist seine erste Frau gestorben. In zweiter Ehe war er ab 1675 verheiratet mit Magdalena Sabine Schellhaas, mit der er noch drei Töchter hatte.

 

Johann Nicolaus Avenarius, Organist, 1675 - 1708:

Im Jahre 1675 wurde er Lehrer und Organist. Seit 1676 war er verheiratet mit Katharina Kister, der Tochter des Kantors Nikolaus Kister in Mehlis, die 1656 geboren wurde und deren Vater Heinrich Schott war. Dieser vertrat die Pfarrstelle in Steinbach nach der Absetzung von Pfarrer Kehr und ist schließlich Pfarrer in Benshausen geworden.

Die Kinder sind:

Johann Martin (IV.11)        geboren um 1680 in Steinbach, Kantor in Gerstungen

Johann Heinrich (IV.12)    geboren 17. Mai 1682, gestorben 1720, Notar und

Hammergewerke in Steinbach-Hallenberg

Johannes        (IV.13)         Organist, Verfasser der Chronik.

Johann Jonas (IV.14)        gestorben 1756 (siehe Seite 198 der Chronik).

 

Johann Nikolaus Avenarius, Sohn  des Johann Heinrich:

Johann Heinrichs Sohn war der Metzgermeister und spätere Oberwirt Johann Nikolaus Avenarius aus Untersteinbach, geboren 1712, gestorben vor 1781 (fünftes Geschlecht). Im Jahre 1748 wird er als Heiligenmeister erwähnt und 1758 (Seite 205 der Chronik). als Kirchenältester (Kirchensenior).

Als Metzger wird er 1752 bezeichnet (Seite 261 der Chronik), als die Glockenrechnung in den Kirchkasten gelegt wurde. Im Advent 1752 wird er zusammen mit einem anderen zum Metzgermeister ernannt und ihre Meisterstücke werden zum ersten Mal in der neuen Waage gewogen (Seite 415 der Chronik). Auch 1759 wird er noch als „Meister Nikolaus Avenarius, Metzger“ bezeichnet (Seite 478 der Chronik).

Als im Jahre 1759 das Brauwesen wieder neu geregelt worden ist, da ist das Oberwirtshaus auf ein Jahr an ihn verpachtet worden. Am 22. Mai 1760 früh um 6 Uhr sind vier Württemberger Husaren in Steinbach angekommen. Vom Vorsteher haben sie Geld verlangt. Er hat ihnen auch 4 Taler gegeben. Sie sind aber nicht damit zufrieden gewesen, sondern sind hin­aus­gegangen und haben dem Wirt Avenarius sein Pferd genommen. Der Wirt ist ihnen aber gleich nachgelaufen, jedoch in den Bach gefallen. Rund 200 Einwohner haben den Soldaten das Pferd wieder abgejagt (Seite 478 der Chronik).

Am 21. August ist ein Wachtmeister namens Johannes Mann mit sechs Husaren in Steinbach angekommen von einer neu eingerichteten sogenannten „Frei-Abteilung“ der Württemberger. Der Müller Matthäus Jäger wurde geplündert und hat mit den Frauen springen müssen. Der Vorsteher Johannes Jäger und der Wirt Avenarius wurden geschlagen und alles wurde zerworfen und sie wurden beinahe alle im Haus erschlagen (Seite 479 der Chronik).

 

Organist Johannes Avenarius, Verfasser der Chronik:

Johannes Avenarius hatte vom Vater dessen musikalische Neigungen geerbt. Er lernte auf den Schulen in Meiningen und Ohrdruf und Schweinfurt und die Musik beim Stadtorganisten Meder in Schmalkalden. Dann war er auf der Universität Erfurt. Nach eineinhalb Jahren mußte er aber wieder heimkehren, um seinen kränkelnden Vater zu unterstützen. Im Jahre 1708 wurde er dessen Nachfolger als Organist.

 

Verheiratet war er seit 15.11.1715 mit Maria Dorothea May aus Steinbach.

Von den sieben Kindern erscheinen im Kirchenbuch nur die vier jüngsten:

Anna Christina Kunigunda, geboren am 16. Mai 1721

Johann Gottlieb, geboren im Juli 1723

Christian Jacob, geboren am 23. Juli 1726

Johann Christophel, geboren am 1.August 1730.

Zwei Töchter waren mit Johannes Wilhelm Richmer und dem Rasenmüller Johannes Jäger verheiratet. Diese hatten 1753 einen Streit wegen der Wiese, die sie von Johannes Avenarius geerbt hatten (Seite 79 der Chronik).

 

Johannes Avenarius, dritter Sohn des Matthäus Avenarius:

Der dritte Sohn des Matthäus Avenarius war Johannes Avenarius, geboren am 6. November 1670 (drittes Geschlecht). Die Mutter ist gestorben, als er drei Jahre alt war und noch ein jüngeres Geschwister hatte. Ab 1680 ging er nach Meiningen in die Schule, ab 1686 nach Arn­stadt.

Seit 1689 ging er auf die Universität Jena. Er wollte 1692 nach Leipzig gehen, wurde aber aus finanziellen Gründen zurückgerufen, als sein Vater gestorben war. Er wurde zum Pfarrer in Berka an der Werra berufen und versah das Amt zehn Jahre lang. Dort heiratete er 1684 Anna Sophia Rebhan, Tochter des Pfarrers in Marksuhl. Im Jahre 1702 wurde er zum Diakon in Schmalkalden berufen und wurde zwei Jahre später Archidiakon.

 

 

Im Jahre 1723 wurde er zum Pfarrer der Hauptkirche in Gera berufen und wurde auch Landessuperintendent und Professor. Seine Söhne sind Johann Caspar, verheiratet mit Christiane Katharina Gerhard (Nachkommin Martin Luthers), und Georg Ludwig, geboren 4. Mai 1699 in Berka.

Ein Urenkel des Pfarrers Matthäus Avenarius war Johann Georg Schübler aus Zella St. Blasii, der seit 1746 Notenstecher und Verleger Bachs bis zu dessen Tod war. Bach ehrte ihn mit seinen „Schübler‘schen Chorälen“.

 

Zwei Medaillen Johannes Avenarius (Gera)

 

Von der Familie Avenarius ausgebildete gelehrte Männer:

Für unser Steinbach ist es eine nicht geringe Ehre, sondern auch ein großer Ruhm, daß zu den Zeiten der Herrn Matthäus  Avenarius und Herrn Johann Adam May - durch ihren Vorantritt, guten Rat und Antrieb - mehrere Leute hier geboren und erzogen wurden und die Grundlagen ihres Wissens in Steinbach gelegt haben, die Gott gute Dienste in geistlichen und weltlichen Berufen getan haben und noch tun. Es sind diese:

 

-       Martin Avenarius ehemaliger Pfarrhelfer in Steinbach, später Pfarrer in Roßdorf (westlich von Schmalkalden), in Steinbach erzogen (siehe Seite 168 der Chronik)

-       Johannes Förster, später Rektor der Stadtschule in Zwenkau (in Sachsen). Sein Vater war K. Förster, Holzhauer in Untersteinbach. Seine Mutter hieß Barbara, auch „die Störchin“ genannt, weil auf ihrem Haus das Storchennest gestanden hat. Er studierte in Erfurt und war dort Pestarzt, als die Pest da wütete. Er lebt meines Wissens noch, schreibt Johannes Avenarius, vor 13 Jahren verbrannten ihm alle seine Sachen.

-       Johann Georg Holland-Merten, geboren am 4. Sonntag vor Ostern auf dem Schmal­kalder Weg im sogenannten „Käbach“ (ein Tal, das von Altersbach nach Asbach führt), weil seine Mutter zum Jahrmarkt gewesen war und nicht hat weiter kommen können. Sein Vater hieß Hans Caspar Holland-Merten und war Hammerschmied in Obersteinbach. Er hatte Lust zum studieren und sang sehr gut. Er kam aufs Gymnasium in Gotha, von da nach Hildburghausen und Arnstadt und studierte in Halle. Er wurde Hauslehrer bei den Prinzen zu Sondershausen, danach Aufseher der Pagen in Darmstadt. Schließlich mußte er die jungen Grafen zu Wittgenstein als Erzieher drei Jahre auf Reisen führen. Er lebte dann für sich in Berleburg (nordöstlich von Siegen).

-       Mauritius Holland, später Pfarrer in Tonndorf (südöstlich von Erfurt) und Poppenlaun (der Ort ist unbekannt, jedenfalls nicht bei Tonndorf). Er ist in Steinbach geboren, sein Vater war der Nagelschmied Matthäus Holland in Untersteinbach. Er studierte in Leipzig und war in der teuren Zeit der Hauslehrer bei den Kindern des Herrn Pfarrer Johann Adam May.

-       Johannes Avenarius, später Superintendent und  Anwärter auf eine Stelle im  Konsistoriums und Professor der Theologie in Gera. Er ist in Steinbach geboren.

-       Johann Valentin Motz, geboren in Rotterode, zuletzt Rentmeister in Kühndorf. Er legte die Grundlagen seines Wissens im Steinbacher Pfarrhaus bei Herrn Moritz Holland und Herrn Conrad Geisthirt. Er studierte anfangs für das geistliche Amt, wechselte aber. Er starb in Gera.

-       Johann Adam May, Student der Theologie, wurde in Steinbach erzogen. Er legte die Grundlagen seines Wissens im Pfarrhaus mit Herrn Motz.

-       Moritz König, später Pfarrer in Buchenau (hessische Rhön). Er wurde in Steinbach geboren und studierte anfangs Medizin. Auf Anraten von Johann Adam May verlegte er sich auf die Theologie. Im Jahre 1721 wurde er nach Buchenau berufen, weil er dort einige Male übergangen wurde.

-       Johann Martin Avenarius, Bruder des Chronisten, Kantor in Gerstungen, in Steinbach geboren, studierte in Naumburg und Jena.

-       Johann Georg Häfner, später Pfarrer in Cattin im Königreich Dänemark. Er legte die Grundlagen seines Wissens im Steinbacher Pfarrhaus bei Herrn Pfarrer May und dessen Hauslehrer Herrn Hochhaus.

-       Johann Heinrich Doles, Kantor in Steinbach. Er legte die Grundlagen zum Studieren im Steinbacher Pfarrhaus (siehe Seite 186 der Chronik).

-       Johannes Avenarius, Organist, in Steinbach geboren (siehe Seite 192 der Chronik).

-       Jonas Avenarius, Bruder des Chronisten, stellvertretender Kantor in Bösleben (südlich von Erfurt). Er legte auch die Grundlagen seines Wissens zusammen mit Johannes Avenarius bei Herrn König, dem damaligen Hauslehrer.

-       Johann Georg Holland-Merten, Rat bei den Grafen zu Wittgenstein und Berleburg. Er ist im freien Feld geboren und gab seinen Geist am 23. April 1730 auch wieder im freien Feld auf. Seine Geschwister haben von ihm über 1.400 Reichstaler bares Geld geerbt, ohne seinen Hausrat und Weißzeug (Bettwäsche usw.). Das ist ihnen wohl zu statten gekommen.

 

Buch des Johanes Crocius von 1669

 

Johann Sebastian Bach und Steinbach-Hallenberg:

Bach hatte mit mehreren Steinbachern zu tun. Als er von 1704 bis 1707 in Ohrdruf zur Schule ging, war Johannes Avenarius Chorpräfekt und damit sein Gesangslehrer (schon von 1697 bis 1700 war Johann Martin Avenarius dort Präfekt, ebenfalls ein Enkel des Matthäus Avenarius).

 

Johan Sebastian Bach als Schüler des Johanes Avenarius

 

Auch beim Studium in Erfurt von 1707 bis 1708 waren beiden zusammen. Dabei kam es wohl bei einer lustigen Hochzeitsgesellschaft zu einer Gelegenheitsdichtung, dem „Hochzeitsquodlibet“ (Bachwerkeverzeichnis 524), zu dem jeder der Studenten etwas beigetragen hat. Bach hat es nur später noch einmal sauber aufgeschrieben.

Darin wird eine Backtrogfahrt über Holland nach Niederländisch-Indien (heute: Indonesien) erwähnt. Damals gab es Beziehungen zu Ostindien, gerade auch unter den Musikern und Spielleuten. Bach könnte davon gehört haben durch Johannes Avenarius, denn dieser erwähnt in seiner Chronik von 1723 auf Seite 350: Drei Metzgersburschen und der Musiker Matthäus Häfner haben sich auf Wanderschaft nach Amsterdam und Ostindien begeben, „welches um gewisser Ursach willen hierher gesetzt ist“, nämlich um auf das Quodlibet hinzuweisen. Johannes Avenarius wäre dann der „Dominus Johannes“ aus dem Quodlibet für jene Hochzeit.

Der Kammersänger Rainer Süß hat in den 80iger Jahren einen Film drehen lassen, in dem die Backtrogfahrt aus dem „Quodlibet“ nachgestellt hat.

Schüler des Thomaskantors Bach in Leipzig waren auch Martin Recknagel, ein Usbeck und vor allem Johann Friedrich Doles. Ein Urenkel des Pfarrers Matthäus Avenarius war Johann Georg Schübler aus Zella St. Blasii, der seit 1746 Notenstecher und Verleger Bachs bis zu dessen Tod war. Bach ehrte ihn mit seinen „Schübler‘schen Chorälen“.

Weitere Ereignisse aus der Zeit des Matthäus Avenarius:

Am 26. Oktober 1663 wurde um 12 Uhr die erste Mittagsgebetsstunde wegen der Türkengefahr begonnen. Aus dem gleichen Grunde wurde am 2. Juli 1664 das Abendläuten um 18 Uhr und um die gleiche Zeit wohl auch das Mittagsläuten um 11 Uhr eingeführt, um an das Gebet wegen der Türken zu erinnern. Als 1683 die Türken vor Wien standen, wurde fleißig und andächtig gesungen und gebetet.

 

Im Jahre 1665 wurde die Mauer um den Friedhof erweitert und vergrößert durch Valtin Schmidt. Hinten in der Mitte der Mauer stehet ein Distichon (Vers-Paar aus Hexameter und Pentameter):

„Zielfelder erat Quaestor sed Pastor Avenar

Cum Seps pro somnis amplificata fuit”

(„Zielfelder war Amtsschultheiß und Avenarius war Pfarrer ….  für die Verstorbenen erweitert“. Die Worte „cum seps‘“ ergeben keinen Sinn, vielleicht muß es heißen „cum spes“ = mit Hoffnung).

Die Jahreszahl enthalten die nachfolgenden Worte in sich:

DorMIenter  hIC  In  IesV  SaLVatore  rIte  res Vrgent

[Im Schlaf wird hier in dem Heiland Jesus die Sache richtig vorangebracht

(Übersetzung unsicher, ein „V“ ist hier zu viel).

 

Am 23. April 1677 erhob sich ein schrecklicher Wind, einem Erdbeben gleich, der verbunden mit starkem Regen die ganze Nacht wütete und in den Wäldern und an den Häusern und Dächern großen Schaden tat. Am nächsten Morgen zwischen 8 und 9 Uhr verstärkte sich der Sturm noch. Vor allem in Untersteinbach wurden viele Schindeln von den Dächern abgerissen und bis in den Kirchberg geschleudert. Die Kirche wurde schwer beschädigt, Fenster, Orgelpfeifen und Turmknopf wurden heruntergeworfen. Am Pfarrhaus wurde das Dach so beschädigt, daß das Wasser im Haus herum floß. Zugleich wurden der halbe Stadel und die Stallung niedergerissen. Bei der Reparatur der Kirche ließen sich einige Frauen eine neue Kirchenbank einrichten, in der sie gegen Zahlung von 1 Gulden 15 Groschen nunmehr ihren ständigen Kirchensitz hatten.

In den neuen Turmknopf wurden jetzt die altenSchriftstücke über den Bau der Kirche eingelegt. Dazu kamen ein Schriftstück über ein Darlehen des Amtsschultheißen von 1657, eine Übersicht über die politischen Verhältnisse und die Münzverhältnisse und Preise. Den Schluß bildete ein längeres lateinisches Gedicht von Matthäus Avenarius, in dem er Gott um Beistand gegen Türken, Papst und Franzosen bat, um redliche Pfarrer und Lehrer und um den Segen Gottes für Landgraf Karl. Schließlich bat er für das Gotteshaus, die reine Lehre und Sakramente. Außerdem heißt es: „Derzeit wird die Ausübung der Religion in den hiesigen Evangelisch-Lutherischen Kirchen und Schulen ungehindert ausgeübt“. Zusammen mit einem Lobgedicht auf den Landgrafen wurden die Schriftstücke am 14. August 1677 eingelegt.

 

Kirchenrechnung von 1667

 

Der Stall beim Pfarrhaus war übrigens 1681 noch baufällig. Avenarius bat darum, fünf Taler aus dem Gotteskasten nehmen zu dürfen (die sein Schwiegersohn aus Zella-Mehlis hatte zahlen müssen). Die Gemeindeglieder gaben ihm keine Mittel und verwiesen ihn immer nur auf die Kollekte, die für die Pfarrgebäude bestimmt sei, mehr hätten sie nicht. Zu allem sonstigen Ärger kamen also auch noch diese äußeren Sorgen.

 

Tobias Riesner, reformierter Pfarrer                                                              1679 - 1689

Nach dem Dreißigjährigen Krieg versuchte besonders die Landgräfin Hedwig Sophie, die Reformierten zu fördern. Alle neu zu besetzenden Ämter wurden Reformierten übertragen. Die Hälfte der Zwölfer mußte aus Reformierten bestehen. Die reformierten Pfarrer und Lehrer erhielten Besoldungszulagen und die reformierten Schulkinder kostenlose Schulbücher und Geschenke. In Steinbach allerdings gab es nur drei Reformierte. Nun wollte aber ein (lutherischer) Einwohner gerne das Gemeindewirtshaus pachten. Die Zwölfer aber hatten das eine oder das andere an ihm auszusetzen. Da bot er an, einen bestimmten Betrag für die Besoldung eines reformierten Pfarrers zu geben. Die Landgräfin legte noch etwas dazu - die reformierte Pfarrstelle war geschaffen. Besetzt wurde sie zunächst mit dem vierten Lehrer der reformierten Schule in Schmalkalden Tobias Riesner, der in Schmalalden geboren wurde.

Es ist nicht ganz klar, in welchem Jahr das war. Immerhin erhielt er 1677 einen Schlüssel zum Gotteskasten. Anfangs wohnte er in Schmalkalden und war dort Lehrer, kam aber alle 14 Tage nach Steinbach und hielt einen Frühgottesdienst, und zwar vor dem lutherischen Gottesdienst. Das ging mindestens fünf Jahre so, bis er am 6. Mai 1682 ein Haus bekam und nach Steinbach zog und somit vollgültiger Pfarrer wurde.

Dieses Haus gehörte zuerst dem Amtsschultheiß Paul Riedmüller, dann dem Förster Johannes Wirth. Von dessen Erben kaufte es die Landgräfin (aus der Bierhellerkasse?) für 600 Taler (andere Angabe 625 Taler). Sie scheint es dem Pfarrer privat geschenkt zu haben, denn die Nachfolger haben keine Wohnung. Es ist nicht klar, ob dieses Haus schon das spätere Oberstädter Pfarrhaus war, aber es ist wahrscheinlich. Im Jahre 1684 wurde das erste reformierte Abendmahl gehalten. Oberschönau war von Anfang an reformierter Filialort. Tobias Riesner starb am 6. Mai 1689 oder 1690.

 

Kauf eines Buches 1689

 

 

Ludwig Berthold, reformierter Pfarrer                                                           1690 - 1700

Das Todesdatum Riesners ist nicht sicher, entsprechend ist auch der Dienstantritt von Ludwig Berthold unklar. Avenarius gibt den 7. Juli 1689 an, der auch ein Sonntag war (der 7. Juli 1690 war ein Montag). Am 21. Sonntag nach Trinitatis hielt er seine Antrittspredigt. Sein Vater war der Philosophieprofessor Nikolaus Berthold aus Marburg, seine Mutter war eine Tochter des Universitätsbuchdruckers Schadewitz. Er wird auch als „Philosophie-Magister“ bezeichnet. Er war ein verträglicher Mann und wurde 1699 oder 1700 nach Kleinschmalkalden (nördlich von Schmalkalden) versetzt, wo er am 24. Oktober 1730 starb.

 

Johann Adam May (der Ältere)                                                                        1692 - 1714

Johann Adam May wurde geboren in Dankmarshausen bei Eisenach (nach anderer Überlieferung in Neustädt westlich von Herleshausen). Sein Vater Rudolf May war dort treufleißiger Pfarrer und Seelsorger. Johann Adam May wurde von Jugend an zu Gottesfurcht und fleißigem Studieren angehalten. Mit elf Jahren ging er auf das Gymnasium in Gotha, danach nach Eisenach. Die Universität Jena bezog er am 28. April 1681, danach ging er nach Gießen. Ordiniert wurde er am 12. Oktober 1684 in Eisenach. Seine erste Pfarrstelle war seit 1684 Mans­bach (südwestlich von Vacha, heute Ortsteil von Hohenroda), wo er ein Jahr blieb. Dann berief ihn der Landgraf von Hessen-Kassel 1685 zum Diakon nach Berka (an der Werra), wo er bis 1692 blieb. Dann ging er als Pfarrer nach Großbreitenbach (südlich von Ilmenau).

Mit der Amtsvergabe in Steinbach ging es etwas schwer, weil man gern einen Schmalkalder nach Steinbach befördert hätte. Der Landgraf wollte ihn gern auf dieser Stelle haben, weil er sich wohl verhalten und gute Gaben hatte. Er gab dem Oberamtmann in Schmalkalden Anweisung, daß May vorgeschlagen („präsentier“) werden solle. Die Gemeinde hatte sich aber schon zwei Tage vorher am 28. April für den lutherischen Rektor in Schmalkalden Johann Heinrich Heß sowie für den Sohn des Inspektors Adam Neunes entschieden. Beide waren der Gemeinde durch Predigten bekannt, während sie May ja nicht kannten. Sie wollten, daß May seine Bewerbung zurückzieht, weil alles schon entscheiden sei.

Es gaben aber einige aus der Gemeinde ihre Stimme nicht Herrn May, weil er von einigen seiner Feinde bei der hiesigen Gemeinde verhaßt gemacht worden war. Es gingen sogar zwei Mann aus der Gemeinde - mit Namen Johann Ernst Diller und Hans Häfner, auch „Kirschen-Kläuschen“ genannt – zum gnädigsten Fürsten und Herrn in seine Residenz und baten, man möge die Gemeinde bei ihrem Recht lassen und den Bewerber rechtmäßig vorzustellen („präsentieren“).

 

Pfarrer Johann Adam May der Ältere

 

Offenbar ging es nur darum, daß man die Gemeinde nicht ordentlich befragt hatte, wie das üblich war, und sie damit in ihrem Wahlrecht eingeschränkt war. Umgedreht wurden der Gemeinde Vorwürfe gemacht, weil sie ohne Wissen des Amtsschultheißen eine Versammlung gemacht hatte und über die Vorschläge zur Pfarrerwahl abgestimmt hatte. Der Oberamtmann rief bei einem Steuertermin noch einmal die ganze Gemeinde zusammen und hielt ihr ernsthaft vor, sie sollte May vorschlagen. Innerhalb von drei Tagen sollten sie sich in diese Richtung erklären oder sie würden 200 Taler Strafe erhalten. Man gab sehr bald klein bei und bat um Erlaß der Strafe: Man habe gemeint, gemäß den Verträgen zur Wahl verpflichtet zu sein und habe nicht gewußt, daß jene Zusammenkunft strafbar war. Es hätte sie niemand angestiftet und es sei ohne bösen Vorsatz geschehen. Herrn May hätten sie in ihrer Wahl ja gar nicht einbeziehen können, weil sie von ihm gar nichts wußten.

Nachdem Johann Adam May aber seine Probepredigt und am 21. September 1692 seine Einführungspredigt gehalten hatte, war man mit ihm wohl zufrieden. Seine früheren Feinde baten ihn um Verzeihung, und erklärten sogar, sie hätten vorher das Gegenteil über ihn gehört. Als Schwiegervater des Chronisten Johannes Avenarius folgte er dem Großvater des Chronisten im Pfarramt.

 

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit verabredete er mit dem reformierten Pfarrer die sogenannte „Alternation“. Es gab nur noch e i n e n Vormittagsgottesdienst, bei dem die beiden Pfarrer abwechselten: Wer am Vormittag in Steinbach dran war, hatte den Nachmittagsgottesdienst in Oberschönau und umgedreht. Ausgenommen waren die hohen Festtage: Der erste Tag bleibt allezeit früh den Lutheranern, ebenso das Kirchweihfest, Aposteltage, Bußtage, Mittwochspredigten und Betstunden.

Angeblich soll man damals auch versprochen haben, die Pfarrgüter zu teilen. Das unterblieb jedoch. Da überließ der reformierte Pfarrer dem lutherischen alle Mittwochspredigten, „damit diesem an der Arbeit nicht zu viel abgenommen werde, da er doch die Güter allein zu genießen habe“. So ganz freiwillig wird es wohl nicht geschehen sein, sondern mit mehr oder weniger Druck der Landesherrschaft. Auch die Kirchenrechnung wurde von nun an zuerst vom reformierten Pfarrer unterschrieben, danach erst vom lutherischen.

 

Johann Adam May war dann auch in seinem Amt treu und fleißig und verrichtete es nach seinen Möglichkeiten. Er stiftete viel Löbliches in der Kirche und in der Schule. Er führte in der Schule den gothaischen Katechismus ein und ordnete an, daß der Kantor die Knaben allein, der Organist aber die Mädchen allein unterrichten soll, um eine bessere Ordnung und Schuldisziplin zu erreichen.

Die Schäden des Unwetters von 1677 waren noch nicht ganz beseitigt, da ließ May 1697 den Chor höher bauen und fügte die dritte Empore hinzu (so ist wohl der Ausdruck zu deuten „die beiden Ober Bohr Kirchen“, d.h. die beiden obersten Emporen, also die zweite und die dritte). Ab 1702 ließ er die beiden unteren Emporen bemalen. Die Reime unter den Bildern verfaßte er selbst. Im Jahre 1698 machte er Anstalten zum Turmbau und konnte das Werk auch inner­halb von zehn Jahren vollenden. Im Jahre 1709 ließ er eine Schlaguhr anschaffen, die früher auf dem Rathaus in Gotha ihren Dienst tat. Dazu kam auch gleich noch eine Schlagglocke, die man auch in Gotha gießen ließ. Der „Lustgarten“ zwischen Kirche und Pfarrhaus wurde zu seiner Zeit angelegt. Mit dem Bau der Kirche in Oberschönau wurde begonnen.

May ließ zwei große Kelche und eine goldene Oblatenschüssel anschaffen, die heute noch benutzt werden. Den einen Kelch hat Martha Schweinsberger gestiftet. Diese hat er dann auch auf dem Totenbett beredet, den beiden Schulstellen vier Tagewerk Wiesen in der Struth zu vermachen. Ebenso half er, daß Quirin Engelhardts Witwe vier Tagwerk Rottwiesen (gerodete Wiesen) am Großen Hermannsberg den Schulstellen vermachte (Vier Tagwerke sind ein Hektar. Sie bilden in Zukunft das Schulgut für die beiden Lehrer).

Das Pfarrhaus war zu seiner Zeit wie schon bei Matthäus Avenarius ein Zentrum der Bildung. Man stellte Hauslehrer an, die befähigte Kinder aus dem Ort zusammen mit den Pfarrer- und Lehrerkindern unterrichteten. Neben Mauritius Holland und Mauritius König war auch Johann Conrad Geisthirt (der Schmalkalder Chronist) in den Jahren 1697 bis 1700 Hauslehrer im Steinbacher Pfarrhaus; als seine Schüler nach 1699 das Gymnasium bezogen, mußte er sich nach einer neuen Stellung umsehen und wurde Kantor in Berka.

Im Jahr 1714 im Frühling fing Johann Adam May an, kränklich zu werden. Die Krank­heit setzte ihm immer heftiger zu, so daß er zu Ende des Oktobers bettlägerig wurde und sein Amt nicht mehr ausüben konnte. Er bereitete sich auf den seligen Abschied vor mit Beten, Singen und Empfang des Heiligen Abendmahls. Er starb hierauf sanft und selig am 26. Dezember 1714 früh um 4 Uhr. Er wurde begraben am Tag nach dem Christfest. Die Beerdigung und Trauerrede hielt Inspektor Wiegand über den Tagestext Galater 2, Vers 20 („Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“). Sein Glaubensbekenntnis war: „Jesus ist mein Helfer!“ Er wurde 53 Jahre alt und war 30 Jahre im Predigtamt. Er ist in der Gottesackerkirche begraben. Ein Sohn war Theologiestudent und starb 1714 im Alter von 21 Jahren. Eine Tochter starb 1777 im Alter von drei Jahren an den Blattern, die aus Viernau eingeschleppt worden waren. Damals starben 59 Kinder im Kirchspiel an den Blattern.

 

Einbau der dritten Empore 1697:

Eine Urkunde im Turmknopf beschreibt: „Wir, die unterschrieben haben, geben unseren Nach­kommen bekannt, daß wir es für nötig befunden haben, die Emporen in der von unseren lieben Vorfahren erbauten Kirche und im Chorraum zu bauen und zu vergrößern. Diese (dritte Empore und die) Kirchensitze sind jetzt angefertigt, das Kirchendach repariert und die Verzierung des Knopfes mit der Fahne ist erfolgt. Am Tag unserer Kirchweih 1697 haben wir den Knopf aufsetzen lassen….. Gott helfe nun gnädigst, daß der Friede, daran zu dieser Zeit mit allem Eifer in Den Haag von den hohen Vertretern gearbeitet wird, dazu führt, daß die Nachkommen bessere Zeiten und beständige Ruhe erlangen werden. Das wünschen wir, die wir unterschrieben haben, von Herzensgrund.“ So heißt es am 14. September 1697, mit den Unterschriften der Steinbacher Amtspersonen.

Das bedeutet also, das das Langhaus mit der zu einem Drittel vorgeblendeten Mauer erst 1697 - noch vor dem bald darauf erfolgten Turmbau -  durch weiteres Fachwerk aufgestockt wurde, so daß die heutige Höhe mit drei Emporen entstand. Das Langhaus trug seit seiner Erbauungs­zeit lediglich einen Knopf auf dem Kirchendach mit einem aufgesetzten Hahn.

 

Turmbau 1698 und 1701:

Im Jahre 1698 begann man mit dem Bau des Kirchturms. Eine Kollekte im ganzen Land für diesen Bau wurde „wegen der schlechten Zeiten“ abgelehnt. Dennoch wurde am 23. August 1698 der Vertrag mit dem Maurermeister Jacob Wißmar aus Tirol geschlossen, der zwölf Gesellen hatte.

Die Turmknopfurkunden enthalten ein Verzeichnis dessen, was Meister Josef Wißmar fordert für den Bau des Turm: „Zuerst wird er die Baugrube ausheben, 3,10 Meter breit und so tief wie nötig und 9,30 Meter unten im Quadrat, über dem Grund 8,68 Meter im Quadrat. Gemauert werden soll 18,30 Meter hoch und außen mit Quadern, unten mit einem Fußgesims und unten mit einem Kreuzbogen und mit einer großen ausgehauenen Tür und einem durchgehenden Kreuzgewölbe in die Kirche hinein. Alle Stockwerke sollen ein Traufgesims haben und oben ein schönes Hauptgesims.

Auf dem Hauptgesims mit einer steinernen laufenden Wehr soll von dem Zimmermann aus Holz ein Umgang mit acht Ecken gemacht werden. Der Meister Josef soll den eigentlichen Turm außen mit einer einige Zentimeter dicken Mauer verblenden. Das Holzfachwerk soll ausgemauert und das (obere) hölzerne Gebäude 6,20 Meter hoch sein ohne die welsche (geschwungene) Haube.

Der Baumeister verpflichtet sich, alle Handlanger auf seine Kosten zu halten und alle Steine, für die Kirche selbst zu brechen. Ferner wird er den Kalkofen ausgraben und mauern und alle nötigen Steine für das Kalkmachen brechen und den nötigen Kalk brennen, und alle Kalklager machen.

Der Baumeister bedingt sich eine freie Wohnung und wird für jedes und alles, was in dieser Aufstellung steht, 1.900 Gulden berechnen. Er wird alles Werkzeug, das zum Steinbrechen gebraucht wird, kostenlos erhalten, aber wenn der Bau fertig ist, bleibt das Werkzeug der Gemeinde.

Mit dem heutigen Datum haben wir Gemeinderäte zu Steinbach mit Zustimmung des Herrn Amtsschultheißen und der beiden Geistlichen mit Meister Josef Wißmar für 1.900 Gulden diesen Vertrag geschlossen über den Aufbau des Turms. Dafür hat der erwähnte Wißmar versprochen, alle Arbeit, wie in diesem Vertrag steht, zu volbringen. Er hat es mit seiner eigenen Unterschrift bekräftigt. Die Zustimmung des Herrn Oberrentmeisters steht noch aus.

Steinbach, den 23. August 1698.“

Der Turm sollte die Form haben, wie er nachher auch entstanden ist, und 1.900 Taler kosten. Obwohl auch das Pfarrhausdach total mürbe war, legte man am 15. Oktober den Grundstein zum Turm. Er liegt in 2,79 Meter Tiefe unter der ersten Ecke auf der rechten Seite in der Erde und enthält eine Schachtel mit Briefen, enthaltend die Namen der damaligen Persönlichkeiten des Ortes und Münzen aus jener Zeit. Anwesend waren der Amtsschultheiß, beide Pfarrer, die Schullehrer, die Zwölfer und viele alte und junge Leute. Den Schulkindern wurden damals Semmeln und Weck zum Gedächtnis ausgeteilt.

 

Aber zu mehr als den Grundmauern kam man nicht. Die Zeiten waren sehr schlecht. Der Maurermeister starb unterdessen. Aber im Frühjahr 1701 wurde angefangen, den Turm von der Erde an zu bauen. Der Schlußstein der ehemaligen Tür links am Turm zeugt von dieser Bauphase (römische Jahreszahl 1701).

Der Auftrag wurde vergeben an Caspar Walleber, Bürger und Maurermeister in Suhl. Für 1.100 Taler sollte er den Turm vom Erdboden bis an die geschwungene Haube bauen. Der Nagelschmiedemeister Hans Kaspar Holland, auch „Kannegießer“ genannt, wurde zum Bauherrn gemacht. Er bekam wöchentlich einen Taler für seine Mühe.

Die Turmknopfurkunden enthalten eine Abrechnung über den Turmbau 1701: „Am 7. (Monat fehlt) 1701 haben wir mit dem Steinmetz Johan Wallebern abgerechnet. Er hat laut Quittung empfangen:

Von Hans Hemmling         49 Gulden  4 Groschen 6 Pfennig

Von Peter Usbeck               15 Gulden 18 Groschen

Von Valtin Holland             92 Gulden 14 Groschen 6 Pfennig

Aus der Kollekte                  24 Gulden 22 Groschen 6 Pfennig

Summe:                                182 Gulden   5 Groschen 6 Pfennig.

Meister Caspar Walleber muß noch 17 Gulden 21 Groschen 6 Pfennige erhalten, so daß er insgesamt die 200 Gulden erhält.“ Johann Caspar Walleber bekundet anschließend, daß diese Rechnung richtig ist. Walleber erhielt schließlich insgesamt 900 Taler, weigerte sich aber, die Verblendung zu machen, obwohl er viermal zum Oberamt zitiert worden war.

 

Kirchplatz mit Linde (zwei Bilder)

 

Hierauf wurde die übrige Arbeit für 160 Taler vergeben an Hans Schäuber, Maurermeister aus Seligenthal. Er hat alles zusammen erledigt, die Verblendung, das Verputzen und das Glätten. Die Gemeinde bat bei seiner Majestät um eine (überörtliche) Kollekte, sie konnte aber nichts erhalten. So haben also die Steinbacher und die eingepfarrten Orte diesen Turm aus ihren eigenen Mitteln erbaut. Die Eingangstür und die Fenster darüber sind im Renaissance-Stil erbaut, die großen Fenster im gotischen Stil, der Turmhelm ist barock.

 

Kirchplatz mit kalhler Linde und mit kleiner Linde

 

Diesen Helm, die sogenannte „spanische Haube“, errichtete 1707 der Zimmermeister Jacob Lufft aus Schweinfurt für 16 Taler (wohl ein Schreibfehler, denn von den Gesamtkosten her müßten es 1.800 Taler sein).

Der Schieferdecker war Johannes Melchior Kopp aus Gochsheim (südöstlich von Schweinfurt). Er erhielt 210 Taler und 12 Taler Trinkgeld („Ausgleich“). Am 10. August 1707 wurde der Knopf auf den Turm gesetzt. Er enthielt zusätzlich nur die Urkunde über die Vergabe der Arbeiten für den Turm 1698. Ende des Jahres war der Turm ganz fertig und den Arbeitern wurden ein Geschenk und eine Mahlzeit gegeben. Insgesamt kostete der Turm 3.323 Taler (ohne die Uhr und Schlagglocke, die einige Jahre später gekauft worden ist).

Der hölzerne Umgang mußte aber am 15. März 1730 wieder durch die Zimmermeister Johann Conrad Jäger und Valtin Gerlach abgenommen werden, weil man befürchtete, er würde unversehens herabfallen. Im Jahre 1736 wurde er von Zimmermann Valtin Gerlach für 150 Taler neu errichtet.

 

Kirchplatz im Winter

Kirchplatz mit Linde

 

Arbeiten an der Kirche 1702:

Im Sommer 1702 wurden die beiden untersten Emporen durch den Maler Johann Fabarius aus Schmalkalden bemalt. Er bekam für je vier Bilder von einem Pfeiler zum anderen vier Taler. Diese Kosten wurden durch die Leute aufgebracht, die dort ihre Sitzplätze („Kirchenstühle“) hatten, und zwar pro Person drei Batzen. Pfarrer Johann Adam May machte die Verse, die unter die Bilder gemalt wurden. Gemalt wurden die Bilder in der für die damalige Zeit modernen Grisaille-Technik. Auf Farbe hat man ganz bewußt verzichtet, viel lieber hielt man sich eben an die Grau-in-Grau-Gestaltung.

Im Sommer 1718 und 1719 malte Fabarius dann die Kirche über dem Altar und die Decke (den sogenannten „Himmel“) aus. Die Bilder zeigten die Taufe und Himmelfahrt Jesu und das Jüngste Gericht. Im Jahre 1875 hat der damalige Pfarrer Bernhardt den offenen Himmel mit Sternen übermalen lassen. Ebenso verschwanden später die Verse unter den Emporenbildern, die 1875 von Maler Döll aus Schmalkalden aufgefrischt wurden. Dazu kam später die dritte Empore mit Bildern aus dem Neuen Testament, die aber die Leidensgeschichte Jesu, Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten aussparen.

Johann Fabarius bekam für diese Arbeit 91 Taler (nach Avenarius, nach anderer Angabe 95 Taler). Von den ledigen jungen Männern mußte jeder 1 Batzen geben. Es wurden auch die Kirchensitze („Kirchstühle“) fortgeschrieben und es mußte jeder, der seinen Sitz nicht ordentlich bezahlt hatte, 6 Groschen geben. Dieses Geld kam dann noch zu dem Geld, was für die Ausmalung vorgesehen war. Es wurde auch alle 14 Tage oder 4 Wochen für den Kirchturm gesammelt.

Johannes Fabarius verwendete als Vorlage die Bilder aus einem Buch von Merian, und zwar aus der ersten Auflage, die ganz selten ist. In Nentershausen (im Kreis Hersfeld-Rotenburg) malte er 1706 die Kirche in gleicher Weise aus, aber mit anderen Bildern bzw. er hat aus einem Merian Bild gleich mehrere gemacht.

Mit den Bildern hat sich Pfarrer Scholz besonders beschäftigt, nachdem der Kunsthistoriker Dr. Gerhard Seib aus Mühlhausen erkannte, daß den Bildern an den Emporen der Steinbacher Kirche die Bibelillustrationen des Kupferstechers Matthaeus Merian d. A. (1593 bis 1650) zugrunde liegen. Bekannt wurde Merian insbesondere durch seine zahlreichen Stadtansichten. Dr. Seib hatte mehr oder weniger zufällig die Broschüre über den Kirchenkreis Schmalkalden in die Hände bekommen und hatte darin ein Emporenbild der Steinbach-Hallenberger Stadtkirche gefunden.

Im Januar des Jahres 1997 sah er sich die Bilder in der Stadtkirche im Original an. Bis in die späte Nacht hinein hat er dann die von den Emporenbildern angefertigten Fotografien mit Werken von Matthaeus Merian verglichen. Mit dem Ergebnis: Bei 66 der 103 Emporenbilder läßt sich eine direkte, weitgehend getreue Abhängigkeit von den Merian‘schen Bildmotiven feststellen. Freilich sind die meisten davon seitenvertauscht übernommen. „Nur bei fünf Bildern ist eine positive Rezeption zu sehen“, erläutert Dr. Seib, der im Besitz einer 1701 in Oxford gedruckten Bibel ist, die leicht veränderte Nachstiche der Merian‘schen Bibelillustrationen wiedergibt (wenn man ein Bild durchpaust und dann wieder auf eine neue Unterlage kopiert, wird es eben seitenverkehrt). Johannes Fabarius hat die Merian'schen Bilder recht geschickt übernommen, wie Dr. Seib betont. Außerdem bestätigt Dr. Seib, in keiner anderen ausgemalten evangelischen Kirche Thüringens solch eine reiche Bilderflut, die nun sogar mit dem Namen Merian verbunden ist, gefunden zu haben.

 

Dr. Seib schreibt: „Der Maler Fabarius hat wenige Jahr zuvor mit der Ausmalung der Roßdorfer Kirche einen ganz anderen Stil gezeigt. Ihm muß also beim Ausmalen der Steinbacher Kirche eine Merian-Bibel vorgelegen haben. In der Chronik von Avenarius steht „Im Sommer 1702 wurden die beiden unteren Emporen...“.  Die Merian-Bibel geriet nach den Erstauflagen um 1630 ziemlich in Vergessenheit. Erst 1704 erreichte die alte Merian-Bibel durch eine Neuauflage eine neue, weit größere Verbreitung als die Erstdrucke zu Lebzeiten des alten Merian. Wenn 1702 die Entstehungszeit gewesen ist, muß Fabarius die ersten Auflagen als Vorlagen gehabt haben. Das ist mir ziemlich unwahrscheinlich.“

Pfarrer Scholz meint dazu: „Mit 1702 muß ich nun leben. Aber es paßt schlecht mit dieser verfrühten Ausmalung. Dann müßte der Pfarrer May diese Bibel gekannt und Fabarius das Bildprogramm danach vorgegeben haben. Es ist ja im Hinblick auf die biblische Reihenfolge auch an wesentlichen Teilen verändert, was für eine dezidierte theologische Konzeption spricht!“

Die Unterschriften sind nicht - wie eine Probe zeigt - nur übermalt. Beim „David und Nathan“-Bild ist der Name „David“ erkennbar hervorgekommen in fast demselben preußischblauen Spiegel wie in Nentershausen. Aber alle Spiegel abzulaugen und zu restaurieren wird wohl unmöglich sein

Im Laufe von fünf Jahren füllte Pfarrer Scholz 60 dicke Ordner mit Merianbildern aus anderen Kirchen. Bislang konnte er damit schon einigen seiner Kollegen im Kirchenkreis helfen. So hat man beispielsweise in Schmalkalden nicht gewußt, daß das farbige Bibelbild in der Sakristei von St. Georg nach einer Vorlage von Merian gemalt wurde (so weit nach Pfarrer Scholz).

 

Emporenbild zum Buch Richter

 

Es entstanden insgesamt 102 Bilder zu biblischen Geschichten (das Mittelstück an der Orgel-Empore wurde später durch einen Schrifttext ergänzt). Hier liegt so etwas wie ein „Lehrplan“ für den kirchlichen Unterricht der damaligen Zeit vor, denn man nahm nur das, was man für wichtig hielt. Es wäre einmal eine lohnende Aufgabe, auch in anderen Kirchen die Bilder zu erfassen und die dargestellten Bibelstellen zu vergleichen. Daraus könnte man so etwas wie einen Lehrplan für den kirchlichen Unterricht feststellen, wobei offen bleiben muß, ob jeweils der Pfarrer die Texte vorgegeben hat oder der Maler frei war, sie sich selber auszusuchen.

Von dem Maler Fabarius stammen auch die Bilder der Steinbacher Pfarrer, die heute noch in der Kirche hängen (Geisthirt erwähnt 1723 die Bilder von Clemen und Avenarius). Im Oktober 1719 reparierte Fabarius die Zeiger an der Uhr in Obersteinbach und malte sie an. Er bekam dafür drei Taler (Es handelt sich um die Uhr auf dem „Glockenhaus“).

Pfarrer war damals Johann Reinhard Avenarius, der auch die Verse zu den Bildern der dritten Empore machte. Er war mit der Familie des Malers gut befreundet und war schon 1696 als Vierzehnjähriger Pate bei einem Sohn des Malers geworden.

 

Vergehen 1702 bis 1719:

Im Jahre 1702 bekamen Hans Peter Diller und seine Frau den Staubbesen und wurden mit den Kindern des Landes auf ewig verwiesen. Der Grund war: In der teuren Zeit hatte ein Mann sein Weib verlassen. Zu dieser ging nun der erwähnte Hans Peter fleißig, obwohl es ihm sehr verwehrt und verboten wurde. Aber er trieb es so lange, bis die Frau schwanger wurde und ein Kind gebar. Darauf wurden sie verhaftet und als Ehebrecher zu der erwähnten Strafe verurteilt.

Besser erging es 1707 Valtin König aus Rotterode, der in Asbach eine Gans mitgenommen hatte, als er aus Kassel vom Militär kam: Er wurde „getrillert“ (in einem Holzverschlag, der sehr schnell gedreht wurde zu Hohn und Spott für die Zuschauer) und aus dem Handwerk ausgeschlossen. Als er später aber bereute, wurde er nach einer Bitte an den Landgrafen wieder aufgenommen.

Uneheliche Geburten waren selten. Seit 1713 wurden einem unehelichen Kind sechs Paten zur Seite gestellt, um den Kind einen besonders starken Beistand für‘s Leben zu geben.

Einer Barbara Fullner war 1718 ihr Haus hinter der Kirche abgebrannt, als sie im Gefängnis saß. Am 26. Januar 1719 wurde sie mit ihrem Kind, das sie von einem Dragoner hatte, vom Landknecht des Landes verwiesen (vgl. Kirchenbuch).

 

Oberschönau 1700:

Der Ort Oberschönau war ursprünglich eingepfarrt, wurde dann aber Filialort. Vormittags hielten die beiden Pfarrer von Steinbach abwechselnd Gottesdienst, nachmittags las der Lehrer. Mit dem Bau der jetzigen Kirche wurde 1700 begonnen: Am 26. August wurde sie gerichtet, am 17. Oktober wurde die erste Predigt in ihr gehalten, als sie noch im Rohbau war. Im Jahre 1702 erhielt sie Taufstein und Kanzel und 1707 die Orgel. Der Turm wurde am 23. August 1727 gerichtet. Reformiertes Abendmahl war erstmals 1781 und 1801 war die erste Konfirmation am Ort. Im Jahre 1788 behaupteten die Oberschönauer, Einführungen eines Pfarrers und Visitationen seien immer auch bei ihnen geschehen, dazu brauchten sie nicht nach Steinbach-Hallenberg zu gehen.

 

 

Johann Adam Thorwardt, reformierter Pfarrer                                            1700 - 1705

Geboren in Schmalkalden war Johann Adam Thorwardt acht Jahre Kantor in Schmalkalden, nachdem er in Hanau studiert hatte und bis 1691 Kantor in Steinau Kreis Schlüchtern war. Am 7. Juni 1700 kam er als Pfarrer nach Steinbach und wurde am 4. August eingeführt durch Inspektor Pforr. Er beherrschte ausgezeichnet die französische Sprache. Im Jahre 1705 wurde er von Prinz Wilhelm als Hofprediger nach Philippsthal (an der Werra) berufen und hielt am 4. Sonntag nach Epiphanias seine Abschiedspredigt. Er starb am 22. Mai 1750 in Oberaula, 82 Jahre alt. Der Asbacher Pfarrer Sebastian Hebenstreit wollte gern die Stelle übernehmen, wenn sie mit seiner Stelle kombiniert würde. Das lehnte das Konsistorium aber ab, weil die Stelle in Steinbach zu umfangreich sei. Der lutherische Pfarrer May allerdings gab an, daß es in Oberschönau keinen einzigen Reformierten mehr gäbe.

 

 

Johann Friedrich Pforr, reformierter Pfarrer                                                 1705 - 1716

Als ältester Sohn des Ziegenhainer Metropolitans Pforr, der später Inspektor in Schmalkalden war, wurde Johann Friedrich Pforr geboren. Im Jahre 1696 wurde er Magister von Marburg, wo er auch zwölf Jahre lang Stipendiaten-Major war (Leiter der hessischen Stipendiaten­anstalt). Sein Amt in Steinbach-Hallenberg trat er am 1. Mai 1705 an. Er war ein gelehrter Herr, hatte aber keine besondere Gabe, etwas öffentlich von sich zu geben. Er starb am 4. Mai 1716 im Alter von 44 Jahren an der „Hectica“. Sein Grabstein wurde wahrscheinlich 1859 im Chorraum der Kirche verlegt und kam 1974 wieder zum Vorschein, als dort die Heizplatten verlegt wurden.

 

 

 

Glocke und Schlaguhr 1708 und 1709:

Am 19. Dezember 1708 wird in Gotha ein Vertrag abgeschlossen mit dem Stück- und Glockengießer Paulus Seeger. Er soll eine Schlagglocke liefern, die drei Zentner schwer ist nach dem gothaischen Gewicht und auf der dortigen Waage gewogen werden sollte. Der Preis soll sein 8 Groschen für jedes Pfund. Der Glockengießer verspricht die Gewährleistung auf Jahr und Tag. Die Gemeinde gibt 30 Taler für die Glocke und zahlt bei Abholung der Glocken den vollen Betrag entsprechend dem Gewicht. Am 6. Juli 1709 wurde die Glocke in Gotha gewogen und hatte 317 ½ Pfund Gewicht. Diese Glocke hat allerdings in Meinigen, als sie 1750 umgeschmolzen wurde, nur 292 ½ Pfund gewogen.

Als am 6. Juli 1709 in Gotha die neue Glocke gewogen wurde, haben Kaspar Dietzel und Johann Rothämel für fünfzig Taler die alte Uhr vom Gothaer Rathaus gekauft und das Geld  an die Ratskasse in Gotha bezahlt. Zehn Groschen wurden dem Beschließer (Aufseher) auf dem Rathaus gegeben für seine Mühe.

Seitdem war auch eine Schlaguhr mit Glocke auf dem Kirchturm vorhanden. Außerdem befand sich dort wahrscheinlich die Marienglocke von 1520, aber es ist nicht anzunehmen, daß der Turm gleich nach seiner Vollendung 1707 zwei Glocken hatte, wie Volker Wahl meint.

 

Heiligenmeister ab 1715:

An dieser Stelle soll einmal vom Amt der Heiligenmeister die Rede sein, weil aus dem Jahre 1715 die erste Liste von Heiligenmeistern überliefert ist. Die Heiligenmeister hatten alles zu besorgen, was mit dem Altar zusammenhängt: Altar herrichten, Kerzen besorgen und anzünden, beim Abendmahl assistieren und den Klingelbeutel herumtragen.

Der erste bekannte Heiligenmeister ist Hans Häfner, Hammerschmied in der Roten Mühle. Doch Heiligenmeister werden schon nach der Zerstörung Springstilles als Verwalter des Pfarrguts erwähnt. Bei der Visitation von 1555 ist von ihnen die Rede. Am Friedhofstor werden sie mit aufgeführt. In der Kirchenrechnung werden sie 1630 und 1633 erstmals erwähnt. Dort steht auch, daß der lutherische Pfarrer am Neujahrsabend einen Heiligenmeister macht. Gelegentlich war ein Heiligenmeister gleichzeitig Kastenmeister. Von 1715 bis 1752 und 1835 bis 1882 sind uns die Namen fast vollständig überliefert, für die Zwischenzeit ohne Jahreszahlangabe. Das Amt scheint sehr begehrt gewesen zu sein und gerade von den „besseren“ Leuten angestrebt worden zu sein. Dennoch wurde zum Beispiel 1860 der Vizebürgermeister Caspar Holland-Cunz nicht gewählt. Die Einführung ging folgendermaßen vor sich: Am Christtag schlug der abgehende Heiligenmeister den Kirchenvätern mehrere junge Männer vor. Wenn diese keine Einwände hatten, konnte er einen auswählen und ihn um Übernahme des Amtes bitten. Am Neujahrstag wurde der Gewählte dann vom alten Heiligenmeister in seiner Wohnung abgeholt und im lutherischen Pfarrhaus den Kirchenvätern vorgestellt. Dort verpflichtet ihn auch der Pfarrer mit Handschlag auf sein Amt.

Pfarrer Liederwald mit Heiligenmeistern

 

 

Johann Reinhard Avenarius                                                                            1715 - 1730

Der Chronist Johannes Avenarius, der Schwiegersohn des Pfarrers Johann Adam May, schreibt: „Auf den Tod des Pfarrers Johann Adam May hat sich wohl mancher gefreut!“ Die Pfarrstelle blieb vier Monate unbesetzt und wurde von Pfarrer Sebastian Lucas (Lukan?) aus Springstille, und nach dessen Tod am meisten von Herrn Werner, dem damaligen Pfarrer in Barchfeld.

Um die Besetzung entstand ein „rechter Krieg und Streit“. Sieben amtierende Pfarrer und sieben Theologiestudenten haben Probepredigten hier gehalten. Ein Studienfreund (wohl der Vetter aus Schmalkalden) hatte den Pfarrer Johann Reinhard Avenarius auf die freie Stelle in Steinbach aufmerksam gemacht. Dieser war seit 1707 zum Pfarrer aus Buchenau bei Hünfeld (Kreis Hersfeld-Rotenburg) berufen worden. Er bemühte sich auch um eine Probepredigt, weil es ihn wieder ins „Vaterland“ zog, wo sein Vater 30 Jahre lang tätig war und wo er fünf Jahre gepredigt hat. Das Ministerium in Hersfeld stellte ihm ein gutes Zeugnis aus und bemerkte auch, er sei mit den Reformierten durchaus gut ausgekommen.

Danach beschwerte sich der reformierte Pfarrer Pforr, weil die Kirchenväter bei dem Gottesdienst zum ersten Mal einen neuen Heiligenmeister amtieren ließen, ohne daß er etwas davon wußte: Der reformierte Pfarrer müsse immer die erste Entscheidung behalten und die Bevorzugung der Lutherischen abgeschafft werden. Sechs Theologiestudenten aus dem Schmalkaldischen beschwerten sich unter Führung von Johann Jacob Fleming, weil der Pfarrer Avenarius für die Stelle in Steinbach vorgeschlagen („präsentiert“) werden sollte. Sie würden anderswo auch nicht zugelassen. Sie warteten schon lange auf eine Stelle, während Avenarius schon eine habe.

In einem Schreiben an die Inspektoren wurden sie noch deutlicher: Bei der Stimmabgabe sei Druck ausgeübt worden. Avenarius habe bei der Hochzeit seiner Schwester in Roßdorf Frauenkleider angezogen und habe getanzt und sei gesprungen. Der andere Kandidat, der Student König, habe mehr Medizin als Theologie getrieben. Auch der Diakon von Berka beschwerte sich: Avenarius habe in Schmalkalden verbotene Konventikel abgehalten. Der Diakon hatte sich selber um die Stelle beworben, war aber abgelehnt worden, weil er eine reformierte Frau hatte, sich ständig bei den Reformierten aufhielt und sich mit dem reformierten Pfarrer schon darüber geeinigt hatte, die lutherischen Pfarrgüter zu teilen.

Am 26. Februar wurden Zeugen verhört zu der Behauptung, es sie Druck bei der Wahl ausgeübt worden. Die meisten sagten, sie wüßten nichts Genaues, leugneten aber, daß Druck ausgeübt worden sei. Der Gemeindeknecht habe nur zur Wahl eingeladen, aber keinen beeinflußt. Man hat nach der Probepredigt eine Versammlung abgehalten und eine Probeabstimmung gemacht. Bei der offiziellen Wahl erhielt Avenarius aber auch die meisten Stimmen. Am 19. März wurden noch einmal verschiedene Steinbacher befragt, blieben aber durchweg bei ihrer Aussage: Bei der Wahl war alles ordentlich zugegangen und die Gemeinde wünsche Avenarius zum Pfarrer. Vierzig Eidschwüre wurden deshalb im Oberamt Schmalkalden getan. Man wünschte endlich einen Pfarrer, damit die Unkosten für das Probepredigen aufhören.

Am 12. April 1715 wurden die Inspektoren angewiesen, Avenarius in sein Amt einzuführen. Am 25. April holten die Kirchenväter Fuchs und Stiefel und der Kämmerer Buchhorst aus Schmalkalden Herrn Pfarrer Johann Reinhard Avenarius mit der Postkutsche ab.

Am Sonntag, dem 28. April (nicht 25. oder 26.April) wurde er von Inspektor Neunesius unter Hilfe des Archidiakons (dritter Pfarrer) Avenarius aus Schmalkalden und des Pfarrers Werner aus Barchfeld eingeführt. Auch Rat Wissenbach, Rentmeister Saalfeld und Inspektor Kürsch­ner waren anwesend.

Avenarius predigte zweieinhalb Stunden über drei Texte. Danach wurde er vom damaligen Diakon Merkel (später Inspektor) der Gemeinde vorgestellt und ihm die Gemeinde anvertraut. Die Unkosten des ganzen Verfahrens beliefen sich auf 353 Taler und mußten von der Gemeinde (einschließlich Außenorten) getragen werden. Jeder Einwohner hat 10 Groschen 6 Pfennige geben müssen.

 

Johann Reinhard Avenarius wurde am 21. Januar 1682 in Roßdorf geboren. Schon Pfingsten 1690 kam er nach Gotha auf die Schule und studierte dann ab 1701 in Jena und Gießen. Danach war er Prediger und Hauslehrer bei den Herren von Riedesel in Eisenach und schließlich ab 1707 Pfarrer in Buchenau.

In den Schulen hat er angeordnet, daß die Lehrpunkte (des Glaubens) und die Reimgebete gelehrt werden. Durch seinen Einsatz ist die dritte Empore in der Kirche bemalt worden und er hat die Verse unter die Bilder gemacht. Außerdem hat er auch den neuen Orgelbau befördern helfen und 1717 die Sakristei an die Kirche bauen lassen. Diese Arbeit war 1702 liegengeblieben, weil ein besonders eifriger Pfarrer dagegen war (der reformierte?). Wegen der Besoldung und der Pfarrgüter gab es Streit. Avenarius gab die Hälfte der Feldgüter wieder zurück, obwohl er sie schon eingesät hatte.

Avenarius trieb auch den Orgelbau voran. Schließlich wurde 1719 die Anschaffung einer neuen Orgel von dem Orgelbauer Anton Weise aus Arnstadt beschlossen. Sie war zwei Jahre später fertig und wurde am 26. Oktober 1721 zum jährlichen Erntedankfest eingeweiht. Die Gemeinde hatte nach siebzig Jahren ein dem ganzen Kirchspiel würdiges Gotteshaus.

 

Im Jahre 1723 gab es noch einmal eine Beschwerde gegen Pfarrer Avenarius: Peter Pfann­schmidt, Gabelmacher aus Obersteinbach, hatte schon 1695 die Nebenschank- und Braugerechtigkeit erhalten und mußte dafür dem reformierten Pfarrer drei Taler geben. Nun beschwerte er sich, weil Pfarrer Avenarius am 15. Sonntag nach Trinitatis gesagt hatte, es werde keine größere Sünde getrieben als im Wirtshaus. Der Pfarrer aber sagte, er habe niemanden persönlich angreifen wollen und der Eifer für Gottes Ehre finde sich in vielen Kirchenordnungen (es ging wohl um die Sonntagsheiligung).

Er zog aber auch noch auf andere Art den Unmut der Gläubigen auf sich: Sie schimpften über den kauzigen Charakter des Pfarrers und tuschelten über dessen Verbindung mit einer seiner Cousinen im Haseltal. Als diese schwanger wurde und - trotz Mahnung der Kirchenväter - als Magd in den Haushalt des verheirateten Theologen zog, war der Skandal perfekt.

Im Jahre 1730 wurde Herr Johann Reinhard Avenarius, nachdem er 15 Jahre als Pfarrer in Steinbach gewirkt hatte, nach Schmalkalden zum Oberprediger berufen. Am 7.Sonntag nach Trinitatis, dem 23. Juli, hielt er seine Abschiedspredigt, zu der auch einige hundert Leute aus Schmalkalden („gemein Pöbelvolk“) nach Steinbach gekommen waren. Er bat die Gemeinde, allezeit Jesus im Gedächtnis zu behalten, und zwar in den Augen, im Mund und im Herzen. In Schmalkalden hatte er allerdings auch Schwierigkeiten: Er war nur zum Oberpfarrer eingesetzt worden und nicht zum Inspektor.

Dieses Amt wurde dem Diakon Merkel übertragen. Nun ging es darum, welche Aufgaben dem Inspektor und welche dem Oberpfarrer zuständen. Merkel zog zum Beispiel so viele Amtshandlungen an sich, daß Avenarius ein geringeres Einkommen hatte als in Steinbach. Die Gemeinde aber war für Avenarius und ging bis nach Seligenthal und Floh, wenn er dort zu predigen hatte. Erst 1732 führte der Landgraf eine Entscheidung herbei. Nach dem Tod von Johann Reinhard Avenarius am         3. April 1748 wurden Inspektorat und Oberpfarrstelle wieder miteinander verbunden.

 

 

 

 

 

Johann David Eberhardt, reformierter Pfarrer                                             1716 - 1740

Nach dem Tod des Pfarrers Pforr bat der reformierte Inspektor darum, die Stelle recht bald wieder zu besetzen, damit der lutherische Pfarrer nicht zweimal predigt und die mühsam zustande gekommene Alternation dadurch wieder gehemmt wird. Er schlug den Schmalkalder Kantor und dritten Lehrer Johann David Eberhardt vor, der bei den Reformierten 18 Jahre lang Kantor gewesen war. Er hatte auch schon aushilfsweise in Steinbach gepredigt und die Gemeinde war mit dem zufrieden. Am 5. November 1674 wurde er als Sohn eines Schreiners in Schmalkalden geboren. Nach dem Schulbesuch in seiner Heimatstadt studierte er in Bremen. Am 15. Juli 1716 wurde er zum Pfarrer nach Steinbach berufen. Er wurde eingeführt von Inspektor Kürschner aus Schmalkalden und hielt seine Antrittspredigt am ersten Pfingsttag (am zweiten in Oberschönau).

Allerdings hatte er keine Wohnung in Steinbach und hatte auch keine Mietwohnung finden können, weil die meisten Häuser doppelt besetzt waren. Der reformierte Pfarrer wohnte früher in dem Haus der Wirt‘schen Erben und zahlte dafür jährlich zehn Taler Miete. Im Jahre 1702 sollte das Haus aber verkauft werden. Man hätte es gern als Pfarrhaus gekauft, aber die Gemeinde hatte kein Geld, nicht einmal zehn Taler für die Zinsen.

Der Amtsschultheiß wies für Pfarrer Eberhardt das Haus des Johannes Ernst Diller an, das er vor einigen Wochen hatte räumen lassen, weil er seine Schulden nicht bezahlte. Dieses Haus wies er nun dem Pfarrer zu. Diller aber ließ den Pfarrer nicht hinein und bedrohte ihn. Eberhardt schlug vor, mit ihm zu verhandeln, damit er es ihm doch noch vermiete.

Pfarrer Eberhardt fürchtete, wieder umziehen zu müssen, weil das von ihm gemietete Haus verkauft werden sollte. Die Erben der Familie Clemen wollten das Haus verkaufen, weil ihre Schulden bei der reformierten Schule in Schmalkalden bezahlt werden mußten. Doch wieder konnte die Gemeinde die 200 Taler für den Hauskauf nicht aufbringen (weitere 200 Taler sollten durch eine Kollekte im ganzen Land zusammenkommen). Die Gemeinde hatte ja schon das lutherische Pfarrhaus zu unterhalten und zum reformierten Pfarrergehalt mußte sie auch noch 95 Taler geben.

Die eingepfarrten Orte trugen nichts dazu bei, obwohl sie durch ein Schreiben des Konsistoriums 1694 dazu verpflichtet wurden. Die Inspektoren und der Rentmeister von Schmalkalden schlugen schließlich vor, das Geld aus der Bierhellerkasse zu nehmen, obwohl diese eigentlich nur für staatliche Gebäude gedacht war. Am 27. September 1719 wies Landgraf Karl den Rentmeister an, das Haus zu einem möglichst günstigen Preis zu kaufen und die Kosten aus der Bierhellerkasse zu bestreiten. Offenbar ist es dann aber doch nicht zum Kauf dieses Hauses gekommen, denn 1820 kaufte man das Haus der Witwe Pforr, das auch schon vorher dem reformierten Pfarrer zur Wohnung gedient hatte, jetzt aber ständige Pfarrwohnung wurde. Aus der Bierhellerkasse wurden dafür 625 Taler genommen.

 

Oberstädter Pfarrhaus (3 Bilder)

 

Das Verhältnis zwischen Johann David Eberhardt und dem lutherischen Pfarrer Avenarius war nicht gut. Im Jahre 1720 warf er Pfarrer Avenarius vor, er mache überall die Reformierten schlecht, halte sich aber nicht mehr an die Alternation der Gottesdienste (es geht vor allem um die Frühpredigt an Himmelfahrt und Exaudi) und verbiete seinen Pfarrkindern, die reformierten Gottesdienste zu besuchen, privaten Umgang mit dem reformierten Pfarrer zu haben und sich reformiert trauen zu lassen. Avenarius aber entgegnete, Eberhardt ziehe die Zuhörer an sich, verspreche ihnen Hilfe (auch gegen weltliche Strafe) und versuche sogar, sich aufzudrängen.

Es ging auch um den Gotteskasten, dessen Verwaltung der lutherische Pfarrer allein an sich gerissen hatte. Nur darin waren sich beide einig, daß ihnen die Unkosten bei der Visitation erstattet werden. Am 16. Dezember machten die Inspektoren einen Versöhnungsversuch, aber zu einer vollen Einigung scheint es nicht gekommen zu sein. Auch mit dem Amtsschultheiß hatte Pfarrer Eberhardt 1723 Streit. Er starb 1741 im Alter von 67 Jahren.

 

Kirchweih 1715:

Am zweiten Kirmestag des Jahres 1715, am 13. September, kam Landgraf Carl I. ganz überraschend nach Steinbach. Er übernachtete im reformierten Pfarrhaus und blieb bis zum nächsten Tag nach dem Mittagessen. Weil es das erste Mal in seiner Regierungszeit war (im Alter von neun Jahren war er schon einmal mit seiner Mutter da), machte der Organist Avenarius ihm schnell eine Tafelmusik. Zu der Bibelstelle 1, Mose 24,31: „Komm herein, du Gesegneter des Herrn!“ machte er eine Arie, die den Landgrafen preist und den Segen Gottes für ihn erbittet („Der Himmelsfürst aus Gnaden geb, daß unser Carl noch lange leb!“). Danach wurden noch einige Märsche und Menuette gespielt. Neben den Steinbacher Musikanten wirkten die Türmer von Creutzburg und Schwarzhausen mit ihren Leuten mit, die damals die berühmtesten Musiker waren und gerade in Steinbach zur Kirmes spielten. Avenarius mußte seine Komposition an die fürstliche Tafel bringen und später einschicken und erhielt dafür sechs Taler

Landgraf Carl von Hessen

 

Reformationsfest 1717:

Vom 28. bis 31. Oktober wurde in der ganzen evangelisch-lutherischen Welt  an allen Orten, wo Lutheraner wohnen, das zweihundertjährige evangelisch-lutherische Jubiläum herrlich und vortrefflich und auch andächtig drei Tage nacheinander mit Predigten und Gottesdiensten gefeiert. In den sächsischen Städten und Dörfern gingen die Kinder, Schülerinnen und Schüler mit Kränzen auf dem Kopf zur Kirche. In den Städten gingen die Ratsherrn mit ihren Bürgern paarweise vom Rathaus zur Kirche. Johannes Avenarius schreibt: „Ich kann es nicht beschreiben, mit welchen prächtigen Feierlichkeiten dieses Jubelfest an manchem Ort gefeiert worden ist!“ Herr D. Cyprianus, Kirchenrat in Gotha, hat ein Buch darüber herausgegeben, das er „Evangelische Märtyrer“ (Hilaria Evangelica) genannt hat. Es ist ein großformatiges Buch (Foliant), so stark wie die Nürnberger Bibel. In diesem wird sehr Vieles von diesem Fest berichtet wird, wie es hier und da gefeiert worden ist.

In Steinbach aber grassierten damals die Blattern, so daß ein großer Buß-und Bettag gehalten wurde, bei dem man aber der Reformation Martin Luthers gedachte. In der Ausschreibung für das Fest stand, daß man der Reformation Luthers in den Predigten mit gedenken sollte. Viele gingen jedoch in die umliegenden Städte, um den Festlichkeiten beizuwohnen.

 

Flurkarte von 1718 /1719:

Die älteste Steinbacher Flurkarte wurde 1718 /1719 angefertigt. Ein Exemplar befindet sich im Staatsarchiv Marburg, dort ist die Jahreszahl 1730 angegeben. Die Karte zeigt auch die kirchlichen Grundstücke.

 

Flurkarte 1718 / 1719

 

 

Pfarreiland und Küsterland befanden sich vor allem an der Bahnhofstraße und im Bereich der Hennebergstraße („Hammerwiesen“), dazu kamen die Pfaffeneller und die Struth­wiese sowie die Schulwiese am Großen Hermannsberg. Kirche und Pfarrhaus standen an der gleichen Stelle wie heute, im hinteren Teil des Gartens stand die Scheune. Die Schulen bestanden aus zwei voneinander getrennten Gebäuden (heute Kirchplatz 20 und 22). Der Friedhof hatte fast eine quadratische Form und reichte im Süden nur bis zum Ende der Kirche (im Jahre 1729 wurde er nach Süden erweitert). Das Oberstädter Pfarrhaus stand an der heutigen Stelle (obwohl es noch nicht offiziell gekauft war, s.o.). Da­hinter war ein kleines Stallgebäude und im Garten stand die Scheune parallel zur Hauptstraße. Die heutige Straße „Bergweg“ gehörte mit zum Grundstück. Die Wiese im Anschluß an das Hausgrundstück ist bezeichnet mit „Herrn Magister Pforr“.

 

Orgel 1719 bis 1727:

Am 22. und 23. Juni 1719 wurde ein Vertrag geschlossen von Pfarrer Avenarius, Pfarrer Eberhardt, dem Organisten Avenarius, den Kirchenältesten und den Schultheißen von Steinbach und den eingepfarrten Orten mit dem Orgelmacher Anton Weiß (oder Weise) aus Arnstadt. Er war ein frommer und gottesfürchtiger, aber auch kluger und geschickter Mann. Er sollte eine ganz neue Orgel für 318 Taler machen.

Die Disposition dazu (d.h. der Plan für die Zusammenstellung der Pfeifen) hatte der Organist Avenarius gemacht. Daß diese nicht von den Fachleuten der Regierung vorgegeben wird, spricht für die hohe Qualifizierung des Organisten. Die alte Orgel wurde dem Orgelbauer noch dazu gegeben, und es wurde versprochen, daß dem Orgelmacher alles Holz und Eisen dazu von der Gemeinde beschafft werden solle.

Zwei Jahre später war die Orgel fertig und konnte zum Kirchweihfest 1721 zum ersten Mal gespielt werden. Am 26. Oktober 1721 zum jährlichen Erntedankfest wurde sie eingeweiht

und als ein besonderer Segen Gottes in der Predigt vorgestellt und gerühmt. Sie hatte vier Register im Untermanual, fünf Register im Obermanual und vier Register im Pedal. Der Orgelbauer ließ dann die Arbeit bis 1727 ruhen.

Am 21. November 1727 wurde dann die erweiterte Orgel in Gegenwart der Herren Pfarrer, Herrn Amtsschultheißen, Zwölfer, Kirchenältesten von Steinbach und auf den Filialorten von dem Organisten geprüft und probiert und ohne schweren Fehler gefunden und völlig übergeben. Sie kostete 700 Taler. Der Orgelmacher bekam noch zwölf Taler Trinkgeld. Der Prüfende aber, der bei dem ganzen Bau viel Mühe und Verdrießlichkeit gehabt hat, sollte sein Trinkgeld später bekommen, hat aber nichts gekriegt, wie er bedauernd in seiner Chronik vermerkt.

 

Orgel 1727

 

Diese Orgel hat vielleicht bis 1890 ihre Dienste getan. Falls das so ist, dann wären die beiden Posaunenengel an der jetzigen Orgel noch aus jener Zeit. Eventuell hatte die Orgel auch noch Pauken, die bei Bedarf mechanisch geschlagen wurden.

 

Erbprinz wird König von Schweden 1720:

Im Jahre 1720 wurde Erbprinz Friedrich I. von Hessen-Kassel gleichzeitig König von Schweden. Ehe der König gekrönt wurde, hat er die Evangelisch-Lutherische Konfession angenommen (Hessen-Kassel war reformiert, Schweden war lutherisch). Die Wahl wurde am Sonntag Exaudi, dem 12. Mai, im ganzen Hessenland und deshalb auch in Steinbach im Gottesdienst gefeiert. In der Frühpredigt wurde der Bibeltext Psalm 20 von Pfarrer Eberhardt erklärt.

Nach der Predigt sang man das „Te Deum laudamus“ („Großer Gott wir loben dich“), von Trompetenschall begleitet und durch eine dreimalige Salve der Ausschösser (Milizsoldaten) vom Kirchberg unterstützt. Am Nachmittag aber wurde der vorgeschriebene Evangelientext beibehalten.

In der Turmknopfurkunde von 1724 steht über das Fürstenhaus: „Unser regierender lieber Landesfürst und Herr ist der durchlauchtigste Fürst und Herr, Herr Carl, der erste Landgraf zu Hessen-Cassel, Fürst zu Hersfeld, usw. Durch Gottes Gnade steht er jetzt im 70. Lebensjahr. Gott erhalte Seine hochfürstliche Durchlaucht noch viele Jahre im Segen.

Dieser unser gnädigster Landesfürst und Herr hat die Ehre erlebt, daß seine hochfürstliche Familie sich in höchster Blüte befindet: Sein ältester Prinz, Herr Friederich, der erste Landgraf zu Hessen, wurde 1720 auf den Königlich-Schwedischen Thron erhoben, nachdem er einige Jahre vorher mit der schwedischen Prinzessin vermählt wurde und nach dem Tod Karls XII,  Königs in Schweden, der vor Friedrichshall in Norwegen erschossen worden ist.

Mit den übrigen drei Prinzen ist es so: Wilhelm ist vermählt mit einer Prinzessin zu Sachsen-Zeitz. Maximilian ist vermählt mit einer Prinzessin aus der Hochfürstlich-Hessischen Familie Darmstadt. Georg ist noch unverheiratet. Sie sind alle große kaiserliche und holländische Generäle. Ihre Majestät aber, unser allergnädigster Erbprinz, hat zur Zeit noch keine Leibes-Erben.“

 

Kirchenordnung von 1723

 

Kirchliche Sitten 1723:

Es gab einen eigenen Schmalkaldischen (lutherischen) Katechismus. Er stimmte an sich mit dem 1609 eingeführten Hessischen Katechismus überein, hatte aber im 4. und 6. Hauptstück Änderungen und Auslassungen, enthielt eine Haustafel und ein Spruchbuch und dazu die „Festfragen“ Christoph Fischers. Das Katechismusexamen (seit 1661) wurde weiter gehalten, allerdings in der Form, daß je zwei Kinder nach der Vesperpredigt die Fragen und Antworten aus einem Hauptstück aufsagten. Die Konfirmation in Form der Einsegnung war zwar schon Weihnachten 1613 eingeführt worden, unterblieb dann aber wieder. Die Reformierten nahmen sie 1649 wieder auf, die Lutheraner erst 1705 (vorher wurde den Pfarrern in die Hand gelobt, bei der reinen evangelischen Lehre zu bleiben).

Bei der Taufe hielt der reformierte Pfarrer das Kind mit dem Gesicht nach oben, der lutherische dagegen nach unten. Die Reformierten feierten alle sechs Wochen das Abendmahl ohne alle Zeremonien, indem Brot und Kelch den Teilnehmern in die Hand gegeben wurden. Die Lutheraner feierten das Abendmahl an jedem Sonn-und Festtag mit Weihung der Elemente und Hochheben des Abendmahlsbrots. Je zwei Kirchenväter und Zwölfer hielten dabei die „Vorhaltetücher“ unter Teiler und Kelch, damit kein Brot oder Wein aus Versehen auf den Boden fällt. Dieser Brauch wurde schon 1539 beobachtet, 1608 abgeschafft und 1630 wieder eingeführt und in Springstille noch 1975 geübt. In Steinbach gab es bis 1963 reformiertes Abendmahl (Pensionierung von Pfarrer Liederwald), in Schmalkalden bis 1978 (Pensionierung von Pfarrer Schulte).

Wenn jemand in der Gemeinde starb, wurde sogleich der Gemeinde durch Geläut ein Zeichen gegeben. Auch das „Hinläuten“ zu Begräbnissen (am Vortag) war in Steinbach üblich. Auch zum Vaterunser wurden die Glocken geläutet. An Ostern und Weihnachten wurde vom Kirchturm gesungen.

 

 

Gerücht über den Besuch des Teufels 1723:

Im achten Monat kam einstmalen frühmorgens ein fremder Mann in das Haus des Georg Anschütz, Kohlbrenner auf dem Berg („Auf dem Berg“ ist eine Straße) .Wer er gewesen ist, läßt sich aus seinem Anliegen schließen. Er brachte vor, die Familie wäre doch der Armut verfallen und sie würden auf keinen grünen Zweig kommen. Sie sollen es doch mit ihm halten, dann würden sie keinen Mangel haben. Er nannte auch verschiedene Orte hier und andernorts, die es mit ihm hielten und in vergänglichen Dingen keinen Mangel haben. Hierauf warf er einen großen Sack Geld auf den Tisch, daß das Häuschen erschütterte. Die Frau – „Huckel Käthe“ genannt - die mit ihren Kindern alleine daheim und der Mann im Kohlholz war, weigerte sich beständig, darauf einzugehen, mit der Aussage, sie wäre mit Gott und ihrem Gemütszustand zufrieden, einst würden sie reicher werden. Während dieses Wortwechsels kamen mittlerweile zwei Dragoner und forderten Futter für ihre Pferde. Da verschwand der unreine Gast, und ließ einen üblen Geruch hinter sich. Johannes Avenarius schreibt dazu: „Ich berichte, was ich selber aus dem Mund der Frau gehört habe“ („Ex ore uxoris refero“). Nachbemerkung: Das ist unglaubhaft, zudem die oben genannte Frau dem überflüssigen Schwätzen sehr ergeben war.

 

Regierungsjubiläum Landgraf Karls 1727:

Am 14. August 1727 (so Avenarius, andere Angabe 7. August) wurde im ganzen Lande der Geburtstag unseres gnädigsten Fürsten und Herrn, Herr Karl I., Landgraf zu Hessen, zum 74. mal  und auch zugleich sein 50jähriges Regierungsjubiläum gefeiert,  weil dieser Herr nunmehr 50 volle Jahr die mühsame Landesregierung innegehabt hat und geführt hat. Am Sonntag vorher wurde es von allen Kanzeln verkündigt, daß man sich am Jubiläumstag vormittags der üblichen Arbeit enthalten und dem Gottesdienst beiwohnen solle.

Halb neun Uhr fing der Gottesdienst an mit einem Vorspiel auf der Orgel. Dann wurde gesungen: „Komm heiliger Geist“ und das schöne Lied: „Sollt ich meinem Gott nicht singen“.

Dann wurde mit Trompeten und Pauken der Ps 103, Vers 1 bis 5 gespielt, ferner der Choral: „Allein Gott in der Höh sei Ehr“. Gepredigt hat Herr Eberhardt über den Text Ps 92, Vers 12 bis 14. Seine Einleitung ging über Hosea 4 „Heute ist unseres Königs Fest“, speziell wurde gepredigt über 2. Samuel 19, Vers 34 bis 35. Thema: „Die Glückseligkeit frommer alter Menschen“. Nach der Predigt wurde gesungen: „Herr Gott, dich loben wir“ unter dem Schall der Pauken und Trompeten und dem dreimaligen Schießen der Musketiere („carbiner“) von der Kompanie des Herrn Hauptmann Wittner, die alle vor der Kirche standen.

Johannes Avenarius schreibt dazu: „Ich für meine Person habe mir bei diesem Jubiläum Karls eine besondere Freude gemacht und Gott gedankt, indem ich ein Gedicht gemacht habe. Ich tat das, weil ich die Gnade vor meinen Vorfahren, meinem Großvater, Schwiegervater und meinem eigenen Vater gehabt habe, dieses Jubiläum zu erleben und zu feiern. Auch weil ich hier in Steinbach unter den geistlichen und weltlichen Bedienten der älteste Diener im Amt bin, der diesem alten Herrn Landgrafen in der Kirche und Schule dient. So habe ich meine untertänige Schuldigkeit gegen ihn wie auch meine Freude durch nachfolgende wenige und schlechte Zeilen an den Tag legen wollen.

 

Aria:         

 

 

 

   1.                                                                4.

Höchster Gott es soll Dich preisen          Nimm die Buß und Liebes Zähren

heute und noch manche Stundt             milder Schepfer gnadig an,

nebst dem Hertzen auch mein Mundt    und die deine Macht wohl kann

soll dir hohes Lob erweisen                     laß mich meinen Wunsch gewähren

und die Wohltat nicht verhelen               kröne du mit neuer Stärcke

daß ich meines Fürsten Zeit,                   den du Herr gesalbet hast

noch in Ruh und Frölichkeit                    unterlauf der Jahre Last

umb ein Jahr vermehrt kann zehlen.     durch vermehrte Gnadenwercke.

 

                        2.                                                                   5.

Dir Gott achtet sich verbunden                Du erkennst seine Sinnen

nebst mir das gantz Heßenlandt             und den ungesparten Fleiß

Geistlich, Weltlich und Haußstandt.       in daß wie Er kann und weiß,

Jeder hat sich wohl befunden                 gern mit Freuden will beginnen

Und der Gnadt undt Güt genoßen,         was Zu deiner Ehr mag reichen

die dem Fürsten Haupt von dir                und des gantzen Landes Nutz

mit viel Segen Hülff und Zier                   ey so laß den Gnaden Schutz

viele Jahr ist Zu gefloßen.                                    Nimmer mehr von ihm entweichen.

 

3.                                                                   6.

Billig ist es daß von allen                          Endlich wollest du auch segnen

allen deren theuren Muth                         dieses frommen Fürsten Hauß

nimmermehr sich ändern thut                 was bey Ihm geht ein und aus.

möge Wunsch und Bild erschallen        Leben und Gesundheit geben

die in Himmel sich erschwinge               laße blühen wie vor deßen

und Zu neuer Lebens Zeit                                   CAROLUM den Fürsten schön

neue Hülff und Gütigkeit                          seine Töchter seine Söhn

diesem frommen Fürsten bringe             in das Fürsten Hauß in Heßen.“

 

Darunter schreibt Johannes Avenarius noch in Latein: „Am Tag der Freude will ich Karl I., dem Fürsten von Hersfeld und Hessen, diese paar Worte singen.“ Einige Buchstaben hat er als römische Ziffern geschrieben, die die Jahreszahl 1727 ergeben.

Dann überschlägt er sich fast mit solchen „Chronodistichen“, in denen er Landgraf Karl als ein vortrefflichen und wehrhaften Fürsten von Hersfeld und Hessen rühmt und wünscht: „Es lebe der teure Karl wohl und regiere noch lang und glücklich!“ Alle Sprüche enthalten wieder die Jahreszahl 1727.

Dann versucht er sich noch mit Zahlenspielen, die man als „Kabbala“ bezeichnet. Die Kabbala ist eine Zahlenmystik, die von den Arabern kommt, aber offenbar auch im Abendland gern geübt wurde. Dabei werden die Buchstaben der Wörter eines lateinischen Lob-Satzes einzeln untereinander geschrieben und diesen Buchstaben Zahlen zugeordnet, die in der Summe die Jahreszahl 1727 ergeben. Es ist sicher schwer, die passenden Buchstaben und Summen zu finden, es muß so wie eine Art Sudoku gewesen sein, aber Johannes Avenarius hat das sicher gern gemacht.

 

Zum Tod Landgrafs Karls im Jahre 1730 heißt es: „Am 23. März des Jahres 1730 abends gegen 6 Uhr ist unser allergnädigster liebster Landesfürst Karl I., Landgraf zu Hessen, Fürst zu Hersfeld usw., nach ausgestandener Krankheit  im Alter von 76  Jahren und im 53. Jahr seiner preiswürdigen Regierung selig in Kassel gestorben.

Es wurde auch gleich acht Tage danach die allgemeine Trauer in der Kirche und im ganzen Land angekündigt. Sie hat ein ganzes Jahr gedauert. Täglich wurde ganze sechs Wochen mit allen Glocken von 11 bis 12 Uhr geläutet. Am 24. Mai wurde im ganzen Lande die Gedächtnispredigt für den Fürsten gehalten, für die sechs Texte vorgeschrieben waren. Hier in Steinbach hat Herr Pfarrer Avenarius diese Predigt gehalten über die Worte 1. Samuel 25, Vers 1. Daraus hat er nach Anleitung der Worte Davids folgenden Eingang der Predigt wählte: „Du du legest Lob und Schmuck auf ihn“. Anhand von Psalm 21 führte er dann aus, wie Gott der Herr Lob und Schmuck auf öffentliche Regenten und Fürsten legt: 1. In ihrem Leben, 2. in der Regierung und 3. in ihrem seligen Tod. Das führte er dann vortrefflich aus.“

Bei dem Gottesdienst mußten alle auf Befehl des Herrn Amtsschultheißen so viel nur möglich in schwarzer Kleidung erscheinen und die Frauen alle in weißen Schleiern. Die Prediger sollten auf Befehl des hochfürstlichen Konsistoriums alle ihre gehaltenen Gedächtnispredigten einschicken; ob es aber von allen geschehen ist, kann man aber nicht wissen.

 

Reparatur des Kirchendaches 1724:     

In den Turmknopfurkunden heißt es 1724: „Eine erneute Reparatur des Kirchendachs war höchst nötig. Es mußte neue Latten angebracht und die Ziegel in Kalk gelegt werden. Auch die 1717 erbaute Sakristei muß inwendig ausgemalt und die Ziegel außen in Kalk gelegt werden. Deshalb haben die Kirchenväter mit meiner, des Pfarrers Zustimmung, einen Vertrag gemacht mit dem Meister Johannes Luther, Bürger und Weißbinder, in Schmalkalden. Er soll fünfzig Gulden erhalten. Dazu wurden etwa 24 Malter schwarzer und weißer Kalk und anderen Materialien angeschafft. So hat der damalige Bau siebzig Gulden gekostet.“ Luther bekam dafür 50 Taler und einen Taler für das Abnehmen und Wiederaufsetzen des Turmknopfes. Er arbeitete daran ungefähr sieben Wochen. Für Kalk, Ziegel und andere Materialien sind noch beinahe 30 Taler draufgegangen. Außerdem wurden noch zwei Dachfenster auf dem Chor gemacht, weil es dort besonders im Winter sehr finster war.

 

Pfarräcker 1726:

Am 24. April 1726 haben Peter Nothnagel, Kaspar Dietzel, Valtin Recknagel, Kaspar Albrecht, Johannes Wilhelm, Hans Georg Holland-Merten, Klaus Ritzmann - allesamt Zwölfer – und ebenso der Kirchenälteste Johannes Reumschüssel und der Steinsetzer Klaus Luck die Grenzsteine um die Pfarräcker und Wiesen besichtigt und überprüft.

 

Friedhofserweiterung 1729:

Am 20. April 1729 haben sämtliche Zwölfer, Kirchenälteste und Schultheißen nebst Vorstehern in Steinbach und in den Filialorten einen Vertrag geschlossen mit dem Steinmetz Valtin Wick und Mitarbeitern von Floh wegen der Mauer um den Gottesacker, die erweitert werden sollte. Die Kirchengemeinde gibt für jedes Stück Mauer mit einer Länge von 5,33 Meter und einer Höhe von 2,40 Metern und einer Breite von unten 83 Zentimetern einen Betrag von 2 Taler 14 gute Groschen. Das Steinbrechen bezahlt die Gemeinde und übernimmt die nötigen Handreichungen usw. Die Rechnung hat geführt Meister Kaspar Albrecht, Hufschmied und Zwölfer. Die Gemeinde mußte dazu einen Kredit aufnehmen.

 

 

 

In  der Turmknopfurkunde von 1729 heißt es: „Wir Gemeinderäte und Vorsteher der Gemeinde Steinbach, wie auch wir Schultheißen und Vorsteher der Gemeinden Rotterode, Altersbach und Unterschönau beurkunden und bekennen für uns und im Namen der erwähnten Gemeinden -  und zwar einer für alle und alle vor einen - daß uns Herr Johann Georg Zielfelder, Fürstlich Hessischer im Amt Hallenberg eingesetzter Förster, auf unsere Bitte hin 100 Gulden geliehen hat, der Gulden zu 24 gute Groschen gerechnet. Diese Summe wir bar empfangen zum Besten der Gemeinden. Es soll zur Anschaffung eines Stücks Land für den hiesigen Friedhof und Errichtung einer neuen Mauer und ihrer Erweiterung verwendet werden.

Wir geloben das Kapital von einhundert Gulden nicht allein jährlich landesüblich zu verzinsen, sondern es auch nach einer vierteljährlichen Kündigung wieder zurückzuzahlen, wobei sich jede Seite vorbehält, in den empfangenen guten Münzen wieder zu zahlen.

Damit aber unser Herr Kreditgeber und auch dessen Erben in allem genügend gesichert sind, so verschreiben wir ihm als Unterpfand  die Einkünfte unserer Gemeinden, wie sie auch heißen mögen, so viel zur Tilgung nötig ist, damit er sich im Nichtzahlungsfall daran halten kann.

Zu noch besseren Absicherung und Beglaubigung haben wir mit unterschreiben lassen den Fürstlich Hessischen Amtsschultheißen des Amtes Hallenberg Justin Eckhard Zufalle. So geschehen Steinbach, den 20. April 1729. Fürstlich Hessischer Amtmann Justin Eckhard Zufall (echtes Lacksiegel, Unterschriften).

 

Von Ostern bis um den 25. Juli 1729 ist der Friedhof erweitert worden „von der Kirche an gerade gegenüber bis hinten hinaus“. Die Fläche kostet über 100 Taler, weil Lorenz Reumschüssels Witwe 80 Taler bekommen hat und noch 10 Taler haben will -  sie und auch Klaus Schmidt haben sie bekommen - ebenso Valtin Heß 3 ½ Taler, Heinrich Rothämel 7 Taler und Egidius Holland 10 Taler. Alles zusammen kostet beinahe 250 Taler.

Valtin Wick von Floh und Valtin Pabst von Steinbach, Maurermeister und Kollegen, haben bekommen

Mauer- und Steinbrecher Lohn                                         2 Taler           7 gute Groschen

                        darunter ungefähr  9 Taler Steinbrecherlohn

Für 72  Malter Kalk                                                            74 Taler        

Für Kalkfuhren wurden nach und nach verbraucht     1 Taler         14 gute Groschen Hans Georg Wilhelm und Mitarbeiter Steine und Tagelohn 17 Taler  7 gute Groschen

Für Dielen und ein Kalkloch zu machen                                    2 Taler         15 gute Groschen.

Für Werkzeug zu machen, zu spitzen, auch Geld.       5 Taler         13 gute Groschen

Verzehrt beim Vertragsabschluß, beim Kalklöschen,

beim Grundsteinlegen und beim Abschluß der Arbeiten   11 Taler              5 gute Groschen

Taglohn für den Bauherrn Kaspar Albrecht                      12 Taler

 

Die Finanzierung erfolgte durch

Geborgt von Herrn Zielfelder                   100 Taler gut Geld

Kollektengeld gesammelt                           88 Taler

Unterschönau hat gegeben                         8 Taler       21 gute Groschen

Rotterode hat gegeben                                 9 Taler       16 gute Groschen

Altersbach hat gegeben                              10 Taler.

 

An Handreichungen („Handfron“ ) wurden geleistet:

Steinbach hat      31 Fuhrwerke und 35 Karren Stein gefahren

Unterschönau     58 ½ Tag Handfron

Rotterode           46 Handfron und 21 Karren Steine gefahren

Altersbach          42 ½ Tage Handfron  14 Fuhrwerke und 4 Karren Steine.

Die übrigen Steinfuhren sind mit 17 Taler 6 gute Groschen bezahlt worden.

 

Im Juni 1734 sind die von Herrn Förster Zielfelder ehemals zur Erweiterung des Gottesackers geborgten 100 Taler bezahlt worden einmal von den 50 Talern, die bei der Beerdigung des Herrn Capitain von Lüchau eingenommen wurden und zum anderen von dem Kollektengeld und anderen Geldern.

 

Soldaten in Steinbach 1720 bis 1731:

Die Soldaten waren damals nicht zimperlich in ihrem Verhältnis zur Bevölkerung und wenn sie Nachwuchs werben wollten. Schon 1720 setzte ein einquartierter Soldat dem alten Fuhrmann Anding in Altersbach so zu, daß er lieber sterben wollte. Besonders schlimm war es im Jahr 1727. Man kann die Grausamkeiten gar nicht alle aufzählen, mit denen der Sohn des Valtin Groß aus Näherstille in das Prinz-Georg-Regiment gepreßt werden sollte (die grausame Schilderung in der Chronik Avenarius ist mehrere Seiten lang). In Steinbach lag mehr als drei Jahre eine Kompanie des berühmten Auroch‘schen Regiments, das in vielen Schlachten den Ruhm der hessischen Dragoner begründet hatte. Am 19. Juli 1727 machten zwei der Soldaten dieses Regiments ein Wett-Reiten nach Unterschönau und ritten dabei einen Nagelschmied aus Obersteinbach über den Haufen, so daß er starb.

Im Jahre 1729 ereignete sich wieder ein schlimmes Einzelschicksal. Zur Miliz (dem „Landesausschuß“) gehörte damals ein großer, wohl gewachsener Mann namens Caspar Holland-Merten. Die Offiziere der in Steinbach liegenden Dragoner wollten ihn gern als Dragoner oder Grenadier haben und dann nach Kassel schicken. Er wollte aber kein Soldat werden, weil sein Vater durch einen Schlaganfall gelähmt und sein älterer Bruder nicht recht bei Sinnen war. Er arbeitete in einem Hammerwerk in der Nähe der Todtenwarth bei Niederschmalkalden. Dort lauerten ihm aber die Preußen auf, die überall „,lange Kerle“ suchten.

Die Steinbacher Soldaten aber wollten ihn für ihren Landesherrn haben. Die Sache wurde für sie dringend, als Prinz Wilhelm nach Schmalkalden kommen und den Caspar sehen wollte.

Sie schrieben an die Regierung in Meiningen, sie möchte den Holland-Merten gefangennehmen lassen und nach Schmalkalden bringen (das Hammerwerk gehörte damals zu Meiningen). So wurde dann der Mann festgenommen, erhielt viele Schläge und Seitenstöße und wurde einige Tage in Schmalkalden „aufm Tor“ in Arrest gehalten. Sein alter lahmer Vater und seine betrübte Mutter machten eine Eingabe beim Prinzen, hatten aber keinen Erfolg. Die Staatsangestellten wollten nicht einmal bescheinigen, daß dieser Sohn ihr einziger Ernährer sei. Die Mutter machte bei dem Prinzen einen Fußfall mit großem Wehklagen und Geschrei, da gab der Prinz den Sohn los.

Doch nun wurde dem Holland-Merten auf Betreiben der Offiziere und Staatsangestellten die Arbeit gekündigt. Auch in Steinbach wurde den Hammergewerken verboten, ihm Arbeit zu geben. Dadurch sollte er gezwungen werden, zu den Grenadieren zu gehen. Bis zum Jahresende aber solle er noch im Hammerwerk bei der Todtenwarth arbeiten dürfen. Doch acht Tage später wurde er krank und kam nur noch mit großer Mühe am 18. November bis nach Asbach. Von dort ließ ihn der Steinbacher Pfarrer mit seinem Pferd nach Steinbach bringen. Der Mann hatte große Angst und war sehr unruhig. Aber schließlich schlief er ein. Sein Vater wachte bei ihm.

Als er am Sonnabend früh gegen drei Uhr nach ihm sah, fand er ihn tot im Bett liegen. Er wurde unter großem Gefolge der ganzen Gemeinde am 20. November begraben. Er war 22 Jahre und 15 Wochen und 5 Tage alt.

Die Soldaten brachten eine große sittliche Verwahrlosung mit. Viele erscheinen als Väter (und Paten) im Taufregister. Von einer Witwe heißt es 1728: Sie hat es nach dem Tod ihres Mannes aufs Ärgste und Schändlichste getrieben, die Jäger-Läufer von Unterschönau Tag und Nacht in ihrer Mühle gehabt. Diese haben auf Waldhörnern geblasen, gefressen und gesoffen, daß die Nachbarn nicht genug davon zu sagen wußten.

Einer dieser Soldaten ist in der Stadtkirche von Steinbach-Hallenberg begraben. Es ist Siegmund Friedrich von Lüchau aus der Markgrafschaft Bayreuth, ein Vornehmer von Adel und Kapitän unter dem von Auroch‘schen Regiment. Er starb am 29. August 1731 um 11 Uhr und wurde am 3. September früh um 1 Uhr mit militärischen Ehren („nach Kriegermanier“) vor dem Taufstein begraben (Eine Beerdigung bei Nacht war damals bei hohen Leuten Mode).

 Die Genehmigung aus Kassel konnte man nicht einholen, weil die Bestattung dringend erfolgen mußte. Am 6. September machte man einen Umzug mit drei Kompanien Dragonern und etwa 30 Offizieren und den Pfarrern, die alle Trauerflor trugen. Nach dem Trauerzug wurde eine herrliche Mahlzeit im Amtshaus ausgerichtet. Die Kirche erhielt für die Grabstelle 64 Taler (nach andere Angabe 50 Taler), die zusammen mit Kollektengeldern zum Erwerb eines Grundstücks für die Erweiterung des Friedhofs verwendet wurden.

 

Feier der Übergabe des Augsburgischen Bekenntnisses 1730:

Schon 1727 wurde über das Augsburgische Bekenntnis gepredigt mit richtiger Erklärung, inniger Versöhnung, biblischer Bekräftigung und nützlicher Anwendung. Am 25. Juni 1530 nachmittags um zwei Uhr war das „Augsburgische Bekenntnis“ (die „Augsburgische Confes­sion“) von dem Kurfürsten Johann von Sachsen und denen protestierenden Abordnungen des Volkes dem damaligen Kaiser Karl V. übergeben worden. Sie wurde von dem damaligen sächsischen Kanzler D. Christian Beyer auf deutsch und lateinisch in dem Hof des Bischofs zu Augsburg ganz laut und deutlich verlesen, daß es jeder Anwesende hat vernehmen und hören können.

 

Blick auf Kirche und Hallenburg (zwei Bilder)

 

Kurz vor seinem Weggang erlebte Pfarrer Avenarius noch die 200-Jahr-Feier der Übergabe des Augsburgischen Bekenntnisses am 25. Juni 1730. Das Fest wurde eine Woche vorher von allen Kanzeln angekündigt. In Hessen sollte es nur einen Tag dauern, weil noch Landestrauer wegen des Todes des Landgrafen herrschte. Dennoch durften Orgel und allerhand Saiteninstrumente in der Kirche gebraucht werden (Erst zum Osterfest 1731 hat man die Orgel wieder gespielt und mit Instrumenten musiziert. Am Mittwoch nach Ostern wurde sogleich eine Hochzeit gehalten und es ist den Hochzeitsleuten vergönnt gewesen, in ihrem Haus Spielleute und Musik zu haben).

Nach dem Nachmittagsgottesdienst am Johannistag (24. Juni) wurde das Fest eingeläutet, erst mit einer Glocke, dann mit dreien; die Glocke im „Glockenhaus“ im Oberdorf läutete mit. Die jungen Männer von Steinbach und in den Filialaorten schmückten die Kirche mit Grünzeug. Am Turm waren alle Fenster geschmückt und Bäume standen am Eingang zum Turm bis zum Brunnen. Pfarrhaus und die beiden Schulhäuser wurden geschmückt. Die Mädchen brachten Blumen und Kränze und streuten sie in der Kirche aus und schmückten Kanzel, Altar und Taufstein.

Am Festtag wurde früh um 7 Uhr das erstemal geläutet. Um halb acht Uhr wurde zum zweitenmal geläutet, als sich inzwischen alle Leute männlichen und weiblichen Geschlechts auf den Markt vor dem Oberwirtshaus versammelten. Die Einwohner versammelten sich auf dem Markt vor dem Oberwirtshaus. Die Leute aus dem Filialorten mußten von allen Seiten aus ihrem Ort in Prozession herausgehen, indem sie sangen: „In dich hab ich gehoffet, Herr“ und danach ein Morgenlied und vor dem Wirtshaus warten.

Die Schulkinder zogen mit ihren Lehrern von ihren Schulen auch zum Markt beim Oberwirtshaus. Dann setzte sich der Zug in Bewegung. Zwei Kirchenälteste („Kirchenväter“) gingen voran, dann folgten der Organist mit seinen Schulmädchen und der Kantor mit seinen Knaben und dem Kirchenchor („Choro Musico“), auch von einem Kirchenältesten geführt. Sie sangen immer wieder: „Ein feste Burg ist unser Gott“ und „Erhalt uns Herr bei deinem Wort“ und „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ (Dieses letzte Lied reichte bis an die Kirche). Es folgten der Zwölferstuhl und die Amtspersonen, dann die Zünfte und schließlich die Junggesellen und Frauen. Der Vorbeimarsch der Steinbacher dauerte allein eine halbe Stunde, da konnte man sehen, welch großes Volk der Herr in Steinbach hatte. Dann kamen Altersbach, Rotterode und Unterschönau und allerhand Fremde, es wären noch mehr von ihnen gekommen, wenn es nicht den ganzen Vormittag sehr geregnet hätte. Als man an der Kirche ankam, hörten die Glocken auf zu läuten.

Der Gottesdienst begann mit Orgel, Pauken und Trompeten und dem Lied: „Herr, Gott, dich lieben wir“. Es folgten Gebet, Stücke aus dem Augsburgischen Bekenntnis (damit war schon beim vorhergehenden Johannisfest der Anfang gemacht worden). Danach wurde gesungen: „O Herr Gott, dein göttlich Wort“. Danach wurde wieder ein Stück aus dem Augsburgischen Bekenntnis gelesen und das Glaubensbekenntnis musikalisch vorgetragen.

Darauf wurde die Predigt gehalten über den vorgeschriebenen Text Ps 119, Vers 46 bis 48. Aber auch andere Bibelstellen wurden herangezogen und der ganze Verlauf der Übergabe des Bekenntnisses erzählt. Der Einstieg war eine herzliche Freudenbezeugung über dieses Fest. Vor dem Vaterunser wurde gesungen: „Es wolle Gott uns gnädig sein“. Dann folgte die zweite Einleitung mit dem Thema: „Von den Liebhabern des göttlichen Worts“. Der eigentliche Vortrag handelte von Theophilus, dem Liebhaber des göttlichen Gesetzes (vergleiche Apostelgeschichte 1,1). Die einzelnen Teile der Predigt waren: 1. Wer ist er? 2.  Was tut er? 3. Wie stellt er sich dabei an? Dabei ging es um den Vers „Seid bereit zur Verantwortung“ 1. Petrus 3, Vers 15. Das haben getan die Propheten, Apostel, die Kirchenväter, besonders aber „unser seliger Vater Luther“.

Und wenn jemals diese Worte erfüllt worden sind, so ist es geschehen im Jahre 1530 in Augsburg. Es wurde der ganze Verlauf erzählt, wie es bei der Übergabe des Augsburgischen Bekenntnisses zugegangen ist. Nach der Predigt wurde musiziert. Das wurden das Kollektengebet („die Collecte“) und der Segen gesprochen und mit dem Lied „Ach bleib mit deiner Gnade“ geschlossen. Nach dem Gottesdienst wurde den Kindern von Steinbach und  den Dörfern für sechs Taler Weck und Semmel ausgeteilt, auch die Kinder; die noch im Mantel getragen wurden,  und die  Hausarmen und elende Personen („Hausarme“ sind arme Menschen, die sich ihrer Armut schämen und nicht auf den Straßen betteln, im Grunde sind es die offiziell anerkannten Sozialhilfeempfänger).

Am Nachmittag wurde der Gedenktag auch von reformierter Seite mit Predigt und Gottesdienst gebührend gefeiert. Montagfrüh wurde auch noch von der lutherischen Seite eine Bet­­stunde gehalten, weil Pfarrer Johann Reinhard Avenarius danach nach Kassel reiste, um als Oberprediger von Schmalkalden die Bestätigung zu erhalten. Am 1. Februar 1730 war Inspektor Neunesius verstorben und wurde am 9. Februar christlich in die Erde bestattet. Die Herren Zwölfer und die alten und neuen Heiligenmeister gingen damals mit zur Trauerfeier.

 

Abschied von Pfarrer Johann Reinhard Avenarius 1730:

Am 23. Juli, dem 7. Sonntag nach Trinitatis, hat unser Herr Pfarrer Johann Reinhard Avenarius seine Abschiedspredigt gehalten. Es waren wohl einige hundert Männer und Frauen gemeines Pöbelvolk aus Schmalkalden in Steinbach und wohnten der Abschiedspredigt bei.

Die erste Einleitung war Jeremia 1, Vers 7: „Du sollst gehen, wohin ich dich sende“. Die zweite Einleitung war 2. Petrus 1, Vers 15. Der eigentliche Vortrag war aus dem vorgeschriebenen Evangelium Markus 8: Das Letzte, das Beste das ein abschiednehmender Prediger bei seiner Gemeinde hinterlassen soll und das sie immer nach seinem Abschied im Gedächtnis behalten sollen, das ist der  Herr Jesus:  1. Jesus in den Augen, 2. Jesu im Munde, 3. Jesus in Herzen.

Am 25. kamen Herr D. Fuchs und Herr Stiefel (beide Kirchenälteste) und der Rechnungs­führer Buchhorst aus Schmalkalden und holten Pfarrer Avenarius mit der Postkutsche. Darauf hat er am 26. gleich seine Antrittspredigt dort gehalten. Die erste Einleitung war genommen aus 1. Samuel 3, Vers 5: „Siehe hier bin ich, du hast mich gerufen“ und dem Text Psalm 34, V. 12. Die zweite Einleitung war aus Kolosser 4, Vers 17. Der Vortrag lautete: die nötige Aufsicht der Lehrer, daß sie ihr Amt wohl ausrichten mögen. Er hat zweieinhalb Stunden gepredigt (schreibt Johannes Avenarius und hat es doppelt unterstrichen).

Nach der Predigt wurde Avenarius von dem noch damaligen zweiten Pfarrer („Diacon“), aber schon ernannten Herrn Inspektor Merkel der Gemeinde in Schmalkalden vorgestellt und ihm diese anvertrauet. Der Pfarrer hatte sich aber, als er noch hier war, nicht mit der Gemeinde wegen der Güter und der Besoldung einigen können, obwohl sie extra deswegen zusammengekommen waren. Deshalb geschah das nachträglich in Schmalkalden: Er gab die Hälfte der Feldgüter zurück unabhängig davon, daß sie von ihm eingesät worden waren. Das Opfer aber soll er für ein dreiviertel Jahr haben (gemeint ist wohl das besondere Pfarropfer).

 

 

Johann Adam May (der jüngere)                                                                     1730 - 1746

Nach dem Weggang von Pfarrer Avenarius sandte Inspektor Merkel nachfolgende Probeprediger, aus denen die Gemeinde entsprechend den Verträgen zwei auswählen und vorschlagen sollte, von denen danach einer von der königlichen Kirchenbehörde bestätigt werden sollte:

1. Herr Brill, sechster Lehrer an der  Ratsschule in Schmalkalden. Er predigte am 8. Sonntag nach Trinitatis über das vorgeschriebene Evangelium, vormittags in Oberschönau, nachmittags aber in Steinbach. Er stellte Licht und Recht gegenüber nach dem Vorbild von Urim und Tummim auf dem Amtsschild auf dem Gewand des Hohenpriesters: 1. Licht im Verstand, Recht im Willen usw. Es war auch zugleich eine Beerdigung zu halten.

2. Herr Reich, Pfarrer in Trusen (heute: Trusetal). Er hielt das Abendmahl und predigte über das vorgeschriebene Evangelium und stellte den ungerechten Haushalter vor nach etlichen Lastern und etlichen Tugenden. In dem ersten sollen wir ihm nicht nachfolgen, in dem anderen aber gleich werden. Am Nachmittag in Oberschönau predigte er über die Worte Jeremia 17, Vers 11.

3. Herr Raßmann, Pfarrer in Völkershausen (westlich von Bad Salzungen).  Er predigte am 10. Sonntag nach Trinitatis nachmittags in Steinbach über 2. Petrusbrief, Vers 9. Nach Oberschönau ist er nicht gekommen.

4. Herr Kramer, vierter Lehrer an der lutherischen Schule in Schmalkalden. Er predigte am16. Aug. zum monatlichen Bußtag über die Worte Matthäus 11: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“. Dieser predigte auch am 12. Sonntag nach Trinitatis anstelle des reformierten Pfarrers Herrn Eberhardt in Oberschönau und legte dabei seine Probe ab.

5. Herr Johann Adam May, Kandidat der  Theologie, hielte seine Probepredigt am 11. Sonntag nach Trinitatis früh in Steinbach über das vorgeschriebene Evangelium und stellte zur Betrachtung aus diesem vor Augen: Zwei ungleiche Menschen auf gleichem Wege: 1. Nach ihrem Amt und Stand, 2. Nach ihrem Gottesdienst, 3. Nach ihrer Gnadengabe. Herr Pfarrer Funck hielt das Abendmahl. Am Nachmittag predigte Herr May auch in Oberschönau über 1. Timotheus 4, Vers 8.

6. Herr Fabarius, Kandidat der Theologie, predigte nachmittags in Steinbach anstelle von Herrn Pfarrer Eberhardt und legte seine Probe ab über die Worte Christi Matth 11: „ Kommt her zu mir alle“, die bereits den vorhergehenden Mittwoch  von Herrn Kramer erklärt worden waren.

7.  Herr Schmidt, Kandidat der Theologie aus Schmalkalden, ließ sich als ein Probeprediger hören am 23. August über das vorgeschriebene Evangelium und stellte nach Anleitung der Worte Apostelgeschichte 7: „Ich sah den Himmel offen“ zur Betrachtung vor die Seligkeit der Christen, die bei Jesus verharren: 1. Die Personen, die sich dieser Seligkeit gewiß sein können. 2. Worin die Seligkeit besteht. Dieser hat in Oberschönau keine Probepredigt gehalten, hat sich aber vorher und nachher dort hören lassen.

8. Herr Wiß, Kantor in Treffurt (nördlich von Eisenach) war am 12.  Sonntag nach Trinitatis früh in Oberschönau der Probeprediger über das vorgeschriebene Evangelium. Nachmittags aber hatte er in Steinbach zum Text 1. Johannesbrief 2, Vers 15 - 16. Sein Vortrag war: Der Welt Freundschafft ist Gottes Feindschaft: 1. Wie wir solche sollen vermeiden, 2. Warum solches geschehen soll.

9. Herr Magister Hopf, Pfarrer in Barchfeld (östlich von Bad Salzungen, aber Teil der Herrschaft Schmalkalden) predigte über das vorgeschriebene Sonntagsevangelium und hielt das heilige Abendmahl. Er kündigte gleich nach der gehaltenen Predigt an, daß am künftigen Sonntag nach gehaltener Nachmittagspredigt die Abstimmung über den neuen Pfarrer vorgenommen und ausgezählt werden sollte.

10. Herr Kandidat Weigand (auch: Weichandt) aus Schmalkalden predigte anstelle von Herrn Pfarrer Eberhardt über die Worte Epheser 3, Vers 19.

11. Herr Flemmig, fünfter Lehrer an der lutherischen Schule in Schmalkalden, ließ sich als Probeprediger hören am 14. Sonntag nach Trinitatis, früh in Oberschönau, aber am Nachmittag predigte er in Steinbach über die Worte Römer 8, Vers 28: „Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen!“ (Avenarius schreibt, daß der Lehrer über den Evangelientext gepredigt habe, der Römerbrief aber ist ein Brief, eine Epistel).

Die Probeprediger sind jedesmal hier in Steinbach von der Gemeinde (wohl der bürgerlichen Gemeinde) gespeist worden.

 

Nach dem Ende dieser letzten Probepredigt am 14. Sonntag nach Trinitatis trat Herr Inspektor Merkel vor den Altar und hielt eine überaus schöne nachdrückliche Rede an die Gemeinde. Er hatte zugrunde gelegt die Worte aus der Apostelgeschichte Kapitel 1, Vers 24: „Herr, der du aller Herzen kennst, zeige an, welchen du erwählt hast unter diesen zweien!“

Der Inspektor ermahnte die Leute, nicht nach oberflächlichen Gefühlen zu wählen, sondern so, wo einen jeden sein Herz und Gemüt hintrage. Auf den Kandidaten May entfielen dann 253 Stimmen und auf den Kandidaten Schmidt 139 Stimmen. Johannes Balthasar Schmidt war Sohn des Steinbacher Kaufmanns David Schmidt. Er studierte kurze Zeit in Leipzig, wurde 1725 in Steinbach geprüft und war Lehrer und predigte auch gelegentlich. Er hatte gute Gaben und zeigte einen christlichen Wandel. Aber man zweifelte daran, ob er fähig sein werde, einer so großen Gemeinde vorzustehen.

Diese beiden Kandidaten – die beide keinen Vater und keine Mutter mehr hatten - errangen also die meisten Stimmen und wurden vorgeschlagen, wobei das Glück und das Los den ältesten mit den meisten Stimmen getroffen hatte (An sich waren ja beide gleichberechtigt, aber offenbar hat man noch gelost, wer als erster auf dem Vorschlag stehen soll).

 

Und damit es wieder wie bei der vorhergehenden Nichtbesetzung der Pfarrstelle zwölf Probeprediger würden, kam am 17. Sonntag nach Trinitatis noch ein ungeru­fener listiger Schleicher dazu, nämlich Herr Wippo, der derzeitige Kaplan (Pfarrer zweiten Ranges) von Berka (an der Werra) Dieser hat vielleicht gehört, daß die Außenorte („Filialisten“) im Namen und auf Kosten des …..(Name durchgestrichen, wahrscheinlich Christoph Weichand) protestierte, es sei bei der Wahl unrichtig zugegangen. Er hatte aber nur vor, im Trüben zu fischen.

Er kam an dem erwähnten Sonntag in das Kantorhaus und gab vor, er wolle seinen Herrn Vetter, den Pfarrer funck von Springstille, kennenlernen und sprechen, der an diesem Tag das heilige Abendmahl halten sollte. Er ließ sich aber im Geringsten nichts anmerken, daß er predigen wollte. Er ging hierauf mit Herrn Funck in Rock und Halstuch (gemeint ist wohl das Beffchen) in die Kirche, und zwar in die Sakristei. Dort bot er sich sogleich an, dem Herrn Vetter Funck zu helfen. Dieser wandte aber ein, er hätte doch keinen Umhang („Überschlag“). Doch gleich zog der listige Probeprediger einen aus seiner Tasche und Herr Pfarrer Funck mußte ihm - nachdem er zweimal eine Lesung vorgenommen hatte - seinen Priesterrock geben. So marschierte er auf die Kanzel, die ganze Gemeinde aber wurde stutzig über diesen ungerufenen Gast. Man hätte bei diesem Vorgang behutsamer handeln sollen und dem Schleicher die Predigt gänzlich abschlagen sollen – schreibt Johannes Avenarius.

Am 12. September reisten die zwei vorgeschlagenen Herren nach Kassel, kamen aber unverrichteter Sache am 26. wieder zurück, weil beim Konsistorium ein Protestschrift eingelaufen war mit dem Inhalt, es wäre ganz unrichtig bei der Wahl hergegangen, nämlich die Wahl wäre den Leuten nicht vorher mitgeteilt worden, die Schreiber hätten unrichtig geschrieben, viele hätten auch gar nicht gewählt und was dergleichen Unwahrheiten mehr gewesen sind. Was es mit dieser Protestaktion für eine Bewandtnis hat, will Avenarius in Kürze mitteilen:

Es waren einige von den Freunden des Christoph Weichand (Name durchgestrichen)] hier, die ihn vor allen anderen gern zum hiesigen Pfarrer gemacht hätten. Diese machten seinem Vater weiß, Herr Wiß (auch fast durchgestrichen) hätte mehr Stimmen als Herr Schmidt. Sie gingen auch im ganzen Dorf herum und fragten die Leute, für wen sie gestimmt hätten.

In deren Namen und der gesamten Einwohner der Außenorte mußte der Schultheiß in Oberschönau mit Namen Rommel die Protestschrift machen und nach Kassel schicken. Dieser Rommel war ein gottloser kühner verwegener Mensch, ein Meister im Anwenden in bestimmter Methoden („Praktiken“), dem der Wiß (fast durchgestrichen) in Schmalkalden 300 Taler gegeben hatte, um seinem Sohn zu dem hiesigen Pfarrdienst zu verhelfen.

Weil er aber keine Antwort darauf erhielt, ließ er nach einigen Wochen noch eine machen und ging selbst nach Kassel und bat um eine Untersuchungskommission, die er auch erhielt. Am 19. Oktober kamen die Herren Kommissare, Herr Inspektor Schirmer, Herr Inspektor Merkel und Herr Amtsschultheiß zusammen und untersuchten die Sache einige Tage genau, fanden   aber nicht das geringste Unrecht.

Sie berichteten die Sache dem Konsistorium, das den erwähnten Rommel wegen eines Unfugs und wegen der vielen unnötig verursachten Unkosten zu einigen Wochen Gefängnis verurteilten, weil er gar nichts zum Guten gewendet und allen Menschen etwas schuldig geblieben ist. In Steinbach hat auch einer der Anhänger des Wiß 10 Taler Strafe bekommen, der sich sehr darum bemüht hat, dem Christoph Weichand (durchgestrichen) zu der Stelle in Steinbach zu verhelfen. Doch war alle Mühe und alles Geld und alle Lügen umsonst und vergebens (Offenbar gab es zwei Unterstützergruppen für Weigand und Wiß, aber die Weigand-Anhänger wollten die Wahl dadurch angreifen, daß sie sagten, schon die Wahl im Falle Wiß sei falsch gelaufen).

So wurde dann auch am 7. September 1730 die Pfarrstelle an Johann Adam May verliehen, der schon 25 Jahre Kandidat für das Pfarramt war. Am 8. Dezember wurde er in Schmalkalden geprüft und am 15. Dezember in Kassel vom Konsistorium bestätigt. Ausnahmsweise wurde er am 22. Dezember in Schmalkalden ordiniert, weil die Zeit vor dem Fest zu kurz war, als daß noch alle nach Steinbach hätten kommen können. Die Steinbacher ließen sich jedoch vom Inspektor schriftlich bestätigen, daß dies eine Ausnahme war wegen der rauhen Witterung. Am 30. Mai 1731, dem 3. Pfingstfeiertag, wurde May dann feierlich in Steinbach in sein Amt eingeführt.

Das Prüfungsgebühr in Kassel, nämlich 4 Taler, haben die Herren Konsistorialräte dem Herrn Kandidaten oder neuen Pfarrer geschenkt, aber das Prüfungsgebühr in Schmalkalden, die noch einmal 4 Taler beträgt, mußte er zahlen (Für beide Prüfungen wird das Wort „Examen“ verwendet, die entscheidende Prüfung dürfte aber vor dem Konsistorium in Kassel gewesen sein).

Vor der Untersuchungskommission ist außerdem ausgemacht worden, daß künftig die vier Filialorte Oberschönau, Unterschönau, Rotterode und Altersbach bei der Wahl eines lutherischen Pfarrers keine Stimmen abgeben dürfen und sollen, sondern dieses Recht gebührt den Steinbachern allein (Später von Avenarius hinzugefügt: Dieses muß jedoch später wieder abgeändert worden sein).

 

Die amtliche Zusicherung des Herrn Inspektor Merkel wegen der Ordination eines lutherischen Pfarrers in Steinbach lautet: „Gott mit uns. Das Königlich-Schwedische Konsistorium hat am 15. Dezember 1730 aus Kassel an die beiden Inspektoren Schirmer und Merkel geschrieben, in welcher Form Ihre Königliche Majestät in Schweden, unser allergnädigster Landesfürst und Herr, den  Herrn Johann Adam May zum evangelisch-lutherischen Prediger nach Steinbach und den Filialort Oberschönau allergnädigst ausgewählt und dieser mit dem obigen Datum vom Königlich-Hochfürstlichen Konsistorium hochamtlich und offiziell festgehalten dazu bestätigt und eingesetzt worden ist.

Es wurde den Inspektoren zugleich anbefohlen, den erwähnten May auf dem Weg der Ordination als ordentlichen Prediger den erwähnten beiden Gemeinden demnächst vorzustellen und nicht weniger auch den Behörden und ihn fleißiger Ausführung dieser ihm untergebenen  Pfarr­stelle gebührend zu ermahnen. Außerdem sollen sie auch die Anordnung treffen, daß ihm das gesetzliche Gehalt richtig gezahlt wird von denen, die es zu zahlen haben.

 

Nun hätte man gerne die Ordination und Einführung gleich in der Steinbacher Pfarrkirche vorgenommen, wenn nicht die Arbeit für das bevorstehende Heilige Christfest und der schlimme Weg bei der damaligen rauhen Winterzeit verhindert hätte, daß diejenigen dahin gelangen, die dabei sein müssen. Da aber doch das Amt bald sollte und mußte besetzt werden,  so wurde die Ordination des erwähnten Pfarrers May am 22. Dezember 1730 in der Stadtkirche in Schmalkalden im öffentlichen evangelisch-lutherischen Gottesdienst in Gegenwart der Kirchenältesten von mir, dem evangelisch-lutherischen Inspektor, vorgenommen. Am dritten Pfingstfeiertag, dem 30. Mai 1731, ist dann auch die feierliche Einführung in Steinbach geschehen.

Dieses ist nun aber für die Gemeinde in Steinbach keineswegs ein Beispielsfall für die Zukunft, sondern aus Not und zum Besten der Gemeinde geschehen. Es soll auch keine Folgen haben, so als müßte die Ordination nun immer in Schmalkalden geschehen. Dieses habe ich auf Begehren der Steinbacher hiermit bestätigen und mit eigenhändiger Unterschrift bekräftigen sollen. Schmalkalden, den 12. Juli 1731. Johann Valentin Merkel, lutherischer Inspektor.“

Das Original dieses Briefs liegt im Gemeindekasten und ist gezeichnet mit der Jahreszahl 1731 und dem Titel „Inspektor Merkels Zusicherung wegen Ordination der Pfarrer“.

 (Der Landgraf von Hessen war zu dieser Zeit gleichzeitig König von Schweden. Schirmer war der reformierte Inspektor und wird als erster genannt, Merkel ist der lutherische Inspektor. Oberschönau war damals kirchlich ein Filialort zu Steinbach, war also eine eigene Kirchengemeinde, allerdings ohne eigenen Pfarrer, sondern dem Pfarrer in Steinbach zugeordnet. Unterschönau dagegen war kein eigene Kirchengemeinde, sondern in Oberschönau „einbezogen“. Ebenso waren Rotterode und Altersbach in Steinbach einbezogen).

 

Pfarrer Johann Adam May der Jüngere

 

Am 15. Mai, dem 3. Pfingstfeiertag 1731, ist Pfarrer Johann Adam May eingeführt worden.  Er predigte über die Worte Jeremia 1, Vers 7 bis 8: „Du sollst gehen, wohin ich dich sende, spricht der Herr!“ Der erste Eingangsteil bezog sich auf 1. Korinther 12, Vers 6: „Es sind mancherlei Kräfte!“ (von den Gaben ist in Vers 4 die Rede). Der zweite Eingangsteil war das vorgeschriebene Festevangelium am 3. Pfingsttag Johannes 10. Daraus wurden vorgestellt die Pharisäer als falsche Lehrer, (a) wegen ihres unordentlichen Berufs, (b) wegen ihrer untreuen Vorsorge.

Das eigentliche Thema der Predigt war: Die ordentliche Berufung zum Lehr- und Predigtamt.

1. Die Beschaffenheit des Berufs

2. Die Pflicht und Schuldigkeit des Berufenen

3. Die dem Berufenen versprochene Hilfe und der versprochene Schutz.

May wurde von dem lutherischen Inspektor Merkel der Gemeinde vorgestellt und eingeführt.. Dieser hielt auch zuerst eine Rede über Hebräer 13, Vers 17: „Gehorchet euren Lehrern und folget ihnen, denn sie wachen über eure Seelen…..damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen, denn das ist euch nicht gut!“ Er zeigte dabei die Pflichten eines Pfarrers und Seelsorgers auf wie auch die der Zuhörer und Gemeindeglieder („Seelenkinder“).

Nach Verlesung desjenigen Kapitels aus der Kirchenordnung, der von Einsetzung („Investitur“) und Einführung der Prediger handelt, wurde das „Großer Gott wir loben dich“ gesungen, danach erfolgten die Gratulationen. Bei dieser Handlung wirkten mit der dritte Pfarrer („Dia­co­nats Substitutus“) Lindt aus Schmalkalden und Herr Pfarr Funck aus Springstille.

Sonst waren noch zugegen Herr Inspektor Schirmer, Herr Oberrentmeister Walden­berger, Herr Amtsschultheiß Zufall und der reformierte Pfarrer Eberhardt. Die Einführungskosten betrugen an Bargeld 17 Taler (Merkel 4 Taler, aber nur je 2 Taler an Inspektor Schirmer, Rentmeister, Amtsschultheiß und die Assistenten. Die Gemeinde beteiligte sich sehr zahlreich an der Einführung. Weil es schönes Wetter war und gerade der 3. Pfingsttag ist eine fast ebenso große Menge Menschen in der Kirche gewesen wie am Jubelfest im vorigen Jahr, auch von fremden Orten waren Leute gekommen.

 

Johann Adam May wurde am 8. Juni 1687 geboren in Berka an der Werra, wo sein Vater Pfarrer („Diakon“) war. Aufgewachsen ist er aber in Steinbach, wo er im Pfarrhaus bei den Herren Holland, Crusius, Motz und Geisthirt lernte (Geisthirt, der Schmalkalder Chronist, lebte damals im Pfarrhaus in Steinbach). Er wurde so weit im Wissen gebracht, daß er im Jahre 1698 nach Schmalkalden in die Stadtschule kam und dort in die oberste Klasse (die „Prima“) unter den damaligen Rektor  Wigandt gesetzt werden konnte.

Nachdem zwei Jahre herum waren - als Herr Wigandt ins Pfarramt nach Brotterode berufen wurde - setzte er seine Studien fort in dem berühmten Gymnasium in Schleusingen bis ins Jahr 1705. Dann  begab er sich 1705 auf die Universität nach Leipzig.

Weil aber 1706 der König in Schweden in das Sachsenland einfiel, wurde er genötigt, sich nach Haus zu begeben. Er blieb dort bis 1709, als er sich wieder auf die weltberühmte Universität Jena begab und etliche Jahre da aushielt und fleißig studierte. Als er nun seine Studien erfolgreich beendet hat, ließ er sich als ein Lehrer anstellen und zwar bei dem Herrn Amts­vogt in Frauensee (westlich von Bad Salzungen). Danach war er als Erzieher („Hofmeister) bei dem jungen Herrn von Hopfgarten in Schlotheim (nördlich von Erfurt).

Als sein Vater starb, wurde er nicht zu dessen Nachfolger gewählt. Auch in Springstille hatte er keinen Erfolg. Er ging wieder als (Haus-) Lehrer zum Bergverwalter Schrader auf der Richelsdorfer Kupferhütte (Richelsdorf ist östlich von Bad Hersfeld). Er war volle 14 Jahre Lehrer bei Vater und Sohn. Dazu war er noch ein Jahr bei dem Herrn Amtsvogt Gössel (Name nachgetragen) in Friedewald (östlich von Gießen)

Endlich, nachdem er 25 Jahre Kandidat war, wurde er mit den meisten Stimmen zum lutherischen Pfarrer in Steinbach berufen. Bestätigt wurde er „von Ihrer Königlichen Majestät in Schweden“ (Der Landgraf von Hessen war in dieser Zeit auch gleichzeitig der König von Schweden. Landgraf Karls Sohn Friedrich heiratete 1715 die schwedische Thronerbin. Königin Ulrike Eleonore verzichtete aber auf den Thron. Der schwedische Reichstag wählte 1720 ihren Mann, den Erbprinzen Friedrich von Hessen-Kassel, zum König von Schweden. Die dortige Monarchie war aber zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Friedrich regierte auch nicht wirklich, sondern ging auf die Jagd und spürte schönen Frauen nach. Schon vor dem Tod des Landgrafen Karl übernahm sein zweiter Sohn Wilhelm die Regierungsgeschäfte in Kassel. Nach dem Tod des Vaters am 23. März 1730 führte er als Wilhelm VIII. und als Statthalter für den an Schweden gebundenen Bruder weiter das Land weiter. Die Personalunion mit Schweden ging nur bis 1751, als Friedrich starb).

 

May heiratete 1731 die Tochter des Försters Weitz in Crawinkel, hatte aber keine Kinder. Er war ein recht frommer und „weltverhaßter“ Pfarrer. Er liebte den Frieden und trieb sein Amt eifrig, solange er gesund war. Schon 1732 lag er allerdings an der Gicht darnieder.

May erlebte den Durchzug der aus dem Erzbistum Salzburg vertriebenen Evangelischen; in Steinbach hatte man acht Taler für sie gesammelt. May nahm am 19. Mai 1732 teil an der Huldigung an den Landgrafen, der gleichzeitig König von Schweden war (Für die Pfarrer gab es dabei allerdings nichts zu trinken, während die Männer aus Steinbach am 23. Mai immerhin fünf Maß Bier erhielten). May kaufte 1735 die große Kirchenbibel aus Tübingen für sechs Taler (dazu weitere Kosten für Transport und für ein blaues Tuch, mit dem das Pult bekleidet wurde).

May verlaß die Bettelordnung vom 25. August 1736 von der Kanzel: Bettler sollten nicht mehr geduldet werden, sondern jede Gemeinde soll ihre Armen selbst versorgen. Dafür wird ein Bettelvogt bestellt, der eine Umlage bei den Einwohnern erhebt (Die Almosen aus dem Kirchenvermögen wurden 1784 abgeschafft). Später wurden dann die Armen in das „Glockenhaus“ einquartiert, das 1727 ein kleines Türmchen erhalten hatte und bis 1734 Malzhaus war.

 

Glockenhaus

 

Auf Anordnung dieses Pfarrers ist 1739 die hiesige Gottesackerkirche gebaut und aufgerichtet worden (Die erste Friedhofskirche wurde 1616 fertiggestellt, im Jahre 1739 wurden wohl die Fachwerkteile neu errichtet).

Im Alter wurde er schwach und kränklich und ließ sich verschiedene Male in die Kirche führen und war dabei geduldig. Am 8. Dezember 1745 wurde ihm der Kandidat Johann Wolfgang Filler aus Schmalkalden beigegeben. Doch man suchte nach einem besseren Vertreter. Der Kandidat Fuldner aus Brotterode sollte kommen.

Da starb May in der Nacht von Sonntag auf Montag am 23. Januar 1746 im Alter von 53 Jahren 7 Monaten 7 Tagen und wurde am 27. Januar bestattet. Er hat das Amt 15 Jahr hier ausgeübt. Sein Bild hing früher in der Kirche ganz vorne links. Schon am nächsten Sonntag begann man mit den Probepredigten, um keine lange Vakanz eintreten zu lassen.

Ein Nachtrag von anderer Hand in der Chronik Avenarius besagt jedoch: Im Jahre 1748 (!) ist unser alte Pfarrer Herr May gestorben. Seine Witwe hat es mit einem Studenten (Name ausgestrichen) aus Schmalkalden gehalten, sie führten einen bösen Haushalt. Es hat einen Mangel an Predigern gegeben, kein fremder Prediger hat hierher kommen dürfen. Der Lutherische Kirchen Inspektor] (?) hat den Lehrer von Benshausen in dieser Zeit abweisen müssen. Die Kinder sind damals über Feld getragen worden zu dem kranken Pfarrer von Springstille, Herrn Sundermann (?). Der hat sie taufen müssen. Es war sehr kalt im Winter, es hat aber den Kindlein nichts geschadet. Es war damals ein großer Streit unter der Geistlichkeit.

 

Ofen 1730:

Nach dem Herbst 1730 zu hat Meister Valtin Holland, Nagelschmied und derzeit Vorsteher (er war 1729 der Vorsteher) in Kassel einen eisernen Ofen für die Wohnstube gekauft (für Pfarrhaus oder Lehrerwohnung).  Er kostete 8 Taler und 2 Taler Fuhrlohn. Der Aufsatz auf den Ofen kostet auch 1 ½ Taler, der Warmwasserbehälter („die Blase“) 2 Taler 15 Groschen (Sicherlich hat er den Ofen samt Zusatzgeräten auf Gemeindekosten gekauft).

 

Visitation 1731:

Nachdem seit dem Jahre 1718 weder Kirchen- noch Schulüberprüfung („Visitation“) gehalten worden war und auch die Kirchenrechnungen nicht abgehört worden waren, sind diese Rechnungen in Schmalkalden abgegeben worden, was vorher aber nicht so gehandhabt wurde.

Die beiden Prediger, Herr Kantor, drei Kirchenälteste und 13 Heiligenmeister sind dabei gewesen und haben Tagegelder bekommen. Doch haben Herrn Inspektoren auch versprochen, daß so etwas künftig nicht wieder geschehen soll, sondern die Rechnungen in Steinbach abgehört werden sollen.

 

Krankheit 1732:

Von Himmelfahrt bis fast um den 25. Juli 1732  haben die Blattern in Steinbach und auf den Filialorten sehr gewütet, so daß über 80 Kinder daran gestorben sind. Weil der Herr Pfarrer zu dieser Zeit an der Gicht erkrankt war und gelegen hat, sind die Beerdigungspredigten von denen beiden Schullehrern gehalten worden, weil der Herr Pfarrer in Springstille sich weigerte. Nachdem aber Herr Inspektor Merkel die Verordnung erlassen hat, daß er jedesmal die halbe Gebühr für die Amtshandlung bekommen solle, hat er von dieser Zeit an das Amt verrichtet.

 

Salzburger Flüchtlinge 1732:

Um des Wortes Gottes willen und wegen des lutherischen Bekenntnisses sind aus dem Salzburger Land mehr als 28.000 Menschen vertrieben worden. Sie haben aber vorher vieles ausstehen müssen und sind dort grausam verfolgt worden von den Katholiken („Papisten“). Die meisten sind in das Königreich Preußen gezogen. Sie haben das heilige Evangelium in der ganzen Welt bekannt. Sie sind an allen Orten, wo man evangelisch war, reichlich beschenkt worden.

Am 6. September 1732 kamen auch 2.000 der Salzburger Flüchtlinge, 800 von Schwarza und Kühndorf, 1.400 von Meiningen, nach Schmalkalden. Sie sind dort liebevoll und freundlich aufgenommen worden. Herr Inspektor Merkel empfing sie vor der Stadt mit den Worten aus 1. Mose 24, Vers 31: „Komm herein du gesegneter des Herrn!“ Herr Oberpfarrer Avenarius empfing sie mit den Worten aus Jesaja 26, Vers 2: „Tut auf die Tore, daß hineingehe das gerechte Volk, das den Glauben bewahrt!“

Am 13. Sonntag nach Trinitatis hielt Herr Oberpfarrer eine vortreffliche Predigt über das vorgeschriebene Evangelium: „Selig sind die Augen, die da sehen, was ihr sehet!“ (Matthäus 13, Vers 16). Herr Inspektor Merkel predigte am Mittag über die besonders ausgelesenen Worte 1. Petrus 4, Vers 12 -17 mit Beifall in Richtung auf die Salzburger.

Nach dem Nachmittagsgottesdienst hielt Herr Hilfspfarrer Lindt eine sehr erbauliche Prüfung mit ihnen und des Montagfrüh eine Betstunde. Sie wurden von den Leuten mit Speis und Trank, Kleidung und Geld reich beschenkt. Der allergnädigste König gab ihnen nicht nur 1.000 Taler aus der Staatskasse („Kämmerei“), Durchlaucht ließ auch im ganzen Land eine Sammlung („Kollekte“) für sie machen. Der Stadtrat verehrte ihnen auch einen ansehnlichen Betrag an Geld. Die Kollekte ergab in der Stadt 145 Taler, in Steinbach 8 Taler.

 

Gebühren fürAmtshandlungen und Reitergelder 1733:

Die Gemeinde Steinbach hatte von der Gemeinde Herges über 40 Taler Reitergelder vom Jahre 1692 bis 1733 zu fordern, die Herges auch durch Zwang der übergeordneten Behörden hierher hat bezahlen müssen. Nun forderte der Herr Pfarrer in Springstille die Besoldung an Frucht und Heu für eineinhalb Jahre, weil er im Jahre 1730 wegen der Nichtbesetzung der Pfarrstelle in Steinbach die Amtshandlungen vorgenommen hatte. Oder er wollte doch wenigstens 12 Taler als Gegenleistung dafür.

 

 

Die Gemeinde Steinbach weigerte sich aber mit dem Einwand, daß er die ganze Zeit die vollen Gebühren („Akzidentien“) für die Amtshandlungen bekommen habe. Es wurde jedoch der Vergleich angeordnet, daß ihm von den erwähnten 40 Talern doch 6 Taler ohne Zustimmung der Gemeinde zuerkannt und bar zugeschickt wurden (Was die Reitergelder von Herges mit dem Pfarrer in Springstille zu tun haben, ist nicht deutlich. Herges gehört allerdings zum Kirchspiel Springstille).

 

Kirchenälteste 1734 und 1736:

Am 7. März 1734 starb Meister Johannes Faßler, Böttcher, Zwölfer und reformierter Kirchenältester in seinem 54. Lebensjahr. An dessen Stelle ist Meister Christoph Neues, Schlosser in Obersteinbach, gesetzt worden.

Am 20. September 1736 starb Schlossermeister Kaspar Dietzel, der älteste Zwölfer und Kirchenältester. Diese beiden Ämter hat er über 30 Jahre verwaltet. Er war zwar ein armer, doch frommer und verständiger Mann, der auch den Geistlichen gewogen war. Er hat mit seiner Frau 49 Jahre in der Ehe gelebt. An seiner Stelle wurde Meister Valtin Holland, Quirings Sohn, Nagelschmied in Obersteinbach am Schloßberg, gewählt und bestätigt.

 

Jubelhochzeit 1734:

Am 30. Juni hatte Meister Nikolaus Kaiser, Schuhmacher in der Mühlgasse, zum zweitenmal Hochzeit mit Jungfrau Anna Margaretha Jäger, die dritte Tochter Meister Johann Jägers, Nagelschmieds in Oberschönau. Dieser Johannes Jäger ist ein Vater von neun lebenden Kindern, die alle auf dieser Hochzeit anwesend waren  und den größten Teil der Hochzeitgäste ausmachten, nämlich fünf Söhne mit ihren Ehefrauen, zwei verheiratete Töchter mit ihren Männern, die Braut und dann die jüngste Tochter, die noch ledig und unverheiratet war.

 

Weissagung 1734:

Herr Inspektor Merkel in Schmalkalden hat eine alte Weissagung erzählt, die folgendermaßen lauten soll:

Wenn Markustag auf Ostern fällt

Veitstag und Tobiastag an Pfingsten gefeiert werden

und am Johannestag Christus verehrt wird (durch die Fronleichnamsprozession)

dann ruft die ganze Welt „Wehe“.

Im Jahr 1734 fallen die Tage so, daß der Markustag (25. April) auf den ersten Ostertag und Veitstag  (15.Juni) auf Pfingsten (13. Juni) und Johannestag (24. Juni) auf Fronleichnam fällt.

Bei Pfingsten ist die Übereinstimmung nicht so ganz gegeben. Dennoch meint Johannes Avenarius: „In der Tat fehlt es nicht an Weheschreien, vor allem in Polen Danzig und am Rhein wegen des Kriegs, weil der Franzose am Rhein recht barbarisch handelt, und in Thüringen die Eltern wegen ihrer Kinder und diese wegen jener viele und bittere Tränen vergießen. Gott stehe uns, dem ganzen Land und allen frommen Christen in Gnaden bei, und wende Alles zum Besten.“ (Weissagungen wurden wohl allgemein als Voraussagen von Unheil verstanden, und irgendein Unheil findet man immer, um solche Weissagungen bestätigt zu sehen).

 

 

 

 

 

Kanzelgitter und Bibel 1735:

Am 12. Februar 1735 gab der Kirchenrechner auf Anweisung des Pfarrers 2 Gulden 12 gute Groschen an Jacob Müller in Brotterode für das eiserne Gitter an der Kanzel. Weitere 18 gute Groschen gab er am 13. März als Fuhrlohn an Hans Holland-Eb aus Steinbach, weil er das Eisen für das Gitter nach Brotterode gefahren hatte, und weitere 12 gute Groschen an Hans Dietzel für ein Schloß und Bänder an die Bodentür in der Kirche (Tür zum Turm?).

Im Jahr 1735 wurden zu der völligen Bezahlung der Tübingischen neuen Bibel und zur Bekleidung des Pultes aus der Kirchenkasse genommen: 1 Gulden zur vollständigen Bezahlung  des Kaufs, 16 gute Groschen für Herrn Eberhardt zu Hallenberg für seine Mühe uind wegen einiger Unkosten, die er hatte, 6 gute Groschen an den Gärtner Just Sion wegen des Transports der Bibel und 16 gute Groschen für eine Elle blaues Tuch und gelbes Band, gekauft  bei Herrn Spielhausen in Schmalkalden, um das Pult zu bekleiden, auf dem die Bibel liegt.        

 

Ältere Turmknopfurkunden 1735:

Bis zum Jahre 1735 gehen die älteren Turmknopfurkunden. Diese Akten befanden sich bei den Kirchenrechnungen auf der Kirchenkasse. Bis auf die letzen Stücke (es ist nicht ganz klar, wo die Grenze ist) handelt es sich wohl um die Urkunden, die im Turmknopf aufbewahrt wurden. Entweder sind es die originalen Urkunden, die einmal beim Aufsetzen des Turmknopfes nicht wieder in den Knopf eingelegt wurden, oder es handelt sich um eine Abschrift. Auf jeden Fall sind es die ältesten Urkunden der Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg, die über den Bau der Kirche berichten.

Korrigiert wird darin die Angabe, daß beim Richten der Kirche 139 Leute geholfen hätten: Es waren wesentlich weniger, die an verschiedenen Tagen halfen, einige davon an mehreren Tagen. Wichtig ist auch die Angabe, daß die Sakristei im Jahre 1717 gebaut wurde. Es handelt sich um Originalhandschriften von Pfarrern und Amtsschultheißen und ein echtes Lacksiegel ist erhalten.

Man muß allerdings bedenken, daß der heutige Turm ja erst 1706 vollendet wurde. Aber 1677 wird gesagt, daß der Sturm den Turmknopf herunterwehte. Es muß also schon einen Turmknopf gegeben hbaben, der auf dem Kirchendach aufsaß.

 

Bauarbeiten an der Kirche:

Altartuch 1736:

Vor Pfingsten 1736  haben die Frauen in Obersteinbach ein weißes und die Frauen in Untersteinbach ein schwarzes gestiftet. Ebenso haben die Frauen in Unterschönau drei Fenster für die baufällige Gottesackerkirche gestiftet.

 

Umgang  am Turm 1736:

Am 16. März 1730 wurde der hölzerne Umgang am Turm durch Meister Johann Konrad Jäger und Valtin Gerlach abgenommen, weil man befürchtete, er könnte unversehens herabfallen und großen Schaden an der Kirche oder anderswo tun. Sie bekamen dafür 6 Taler. Das Eichenholz wurde verkauft für 6 Kopfstück, die die Zimmerleute noch dazu bekamen.

Nachdem seit dem Jahre 1730 der Kirchturm ohne Umgang gewesen ist und Frost und Regenwetter vielen Schaden verursacht haben, haben im Monat Juli 1736 die Zwölfer, Kirchenälteste und Vorsteher den Zimmermann Meister Valtin Gerlach beauftragt, einen neuen Umgang zu bauen. Dieser wurde auch am 11. August mit nicht geringer Lebensgefahr gerichtet und Ende Oktober fertiggestellt gewesen. Er hat über 160 Gulden gekostet. Davon hat der Zimmermeister Valtin Gerlach für alle seine Arbeit, die er damit gehabt hat, 23 Gulden bekommen.

Der Schieferdecker Johann Dietrich Hahn aus Oberellen in der meiningischen Herrschaft (südwestlich von Eisenach) erhielt für seine Arbeit 38 Gulden 12 Groschen. Maurermeister Valtin Wick aus Floh, der die Kragsteine abgenommen hatte, gemauert und wieder verputzt hatte und auch für die übrige Arbeit, hat 6 Gulden 9 Groschen bekommen.

Die 53 ¼ Zentner Schieferplatten kosteten samt dem Fuhrlohn 53 Gulden, 15 Groschen, 3 Pfennige, also ein Zentner rund einen Gulden. Die übrigen Gelder wurden verwendet für Dielen, Eisen, Nägel, Kalk, Sand, Tagelohn und Verpflegung. Man vergleiche dazu die Bau­rechung für den Umgang, geführt durch Heiligenmeister Johannes Motz. Die Gemeinde Altersbach hat 9 Stamm Holz zum Gerüst gegeben und nach Steinbach geführt.

 

Neue Fenster  1737:

Dieses Frühjahr 1737 hat der derzeitige Oberheiligenmeister Hans  Ernst König, Hufschmied in Untersteinbach, drei neue Fenster aus Spiegelglas für die Kirche machen lassen, nämlich

zwei links neben der Kanzel und eines gegenüber hinter dem Amtsstand (Sitz für die Beamten)]. Der Glaser hat die drei alten Fenster für 6 Taler übernommen und noch 18 Taler in bar bekommen.

Am 6. und 7. September 1737 sind die zwei neuen kleinen Gitter auf der Empore neben und über der Orgel aufgerichtet und gebaut worden (die Gitter waren wohl aus Holz).

 

„Leichhäuschen“ 1737:

Am 12 Jun 1737 ist ein neues Leichhäuschen bei der Kirche gemacht und aufgerichtet worden. Herr Pfarrer May hat 1 Taler dazu gegeben, die Gemeinde hat den Rest gegeben, das Übrige ist aus der Kollekte bezahlt worden. Bei dem Häuschen wird es sich wohl um einen Unterstand für die Leute gehandelt haben, die zu Beerdigungen von den Dörfern kamen.

 

Uneheliches Kind 1737:

Die Tochter des Hirten Johannes Schmeißer hinten in Altersbach hat 1737 mit einem hessischen Kreis-Reiter namens Sebastian (Familienname fehlt)  ihren Angaben  nach ein uneheliches Kind gezeugt und unweit Heßles (östlich von Fambach) in einem Garten geboren und liegen gelassen. Dort ist es tot gefunden worden. Am 26. Oktober ist sie nach Schmalkalden ins Gefängnis eingeliefert worden. Doch weil es im Herrenbreitunger Amt geschehen ist, wurde sie nach Herrenbreitungen gebracht. Sie hat ein neues Geständnis abgelegt und auch den  Vater des Kindes bekannt, der  auch des Landes verwiesen wurde, obwohl er es gleichwohl nicht gestanden hat. Die Frau ist enthauptet und hingerichtet worden.

 

Friedhofskirche 1739 (zwei Bilder)

 

 

Friedhofskirche 1739:

Am 6. Juni 1610 hat man angefangen, die Friedhofskirche („Gottesackerkirche“) zu bauen, und in sechs Jahren wurde sie 1616 fertiggestellt. Von ihr dürften noch die dicken Steinmauern stammen. Aber 1739 wurde die Kirche teilweise in Fachwerkbauweise erneuert, so daß das Fachwerk wohl aus dem Jahr 1739 ist. Die Friedhofsmauer wurde 1665, 1729 und 1758 erweitert.

 

Johann Conrad Eberhardt, reformierter Pfarrer                                         1741 - 1768

Dem Pfarrer Johann David Eberhardt wurde 1740 sein Sohn Johann Conrad beigegeben, der in Halle und Marburg studiert hatte. Er war ein Beispiel an Gelehrsamkeit, Umgang und Freund­schaft. Er gab den zweiten Teil des „Menoza“ im Rahmen der Heumann‘schen Schrift heraus. Am 1. Pfingsttag 1768 hielt er seine Abschiedspredigt unter vielen Tränen der Zuhörer aus beiden Gemeinden und wurde Metropolitan in Vacha, wo er am 22. Januar 1789 starb, 73 Jahre alt.

 

Rollemann Valentin Habicht                                                                             1746 - 1787

Valentin Rollemann Habicht wurde am 9. August 1711 in Schmalkalden geboren als Sohn des Forstmeisters und Bürgermeisters Friedrich Habicht. Nach dem Besuch der Universität Jena ab 1730 wurde er 1733 Pfarrer in Hermannrode (nördlich von Witzenhausen) und 1734 in Trusen (heute: Trusetal), wo unter seiner Aufsicht der Bau der Kirche in Gang gebracht und zu Ende gebracht wurde.

Seit 1735 war er verheiratet mit Anna Katharina Baier, einer Nachkommin des Kanzlers Brück, der 1530 das Augsburgische Bekenntnis an Kaiser Karl V. übergeben hatte. Ihr Vater war Professor und Beisitzer am Schöffenstuhl in Jena und stammte aus dem Geschlecht derer von Wildt, die in Schmalkalden auf der Pfaffengasse wohnten. Sein Bruder Christian Ludwig Rollemann Habicht wurde am 13. August 1829 von Kurfürst Wilhelm II. als Pfarrer in Karlshafen bestätigt.

Nachdem er zwölf Jahre in Trusen gewesen war, ist er nach Steinbach gekommen. Bei der Pfarrerwahl ging es offenbar wieder nicht ordentlich und friedlich zu, auch wenn die Chronik des Avenarius behauptet, es hätten alle auf den dann gewählten Habicht gestimmt und es habe eine „recht ordentliche Berufung“ gegeben. Gegenkandidat war der Kandidat Lomitsch, der aber nur zwei Jahre auf die Universität gegangen war und bei dem fraglich war, ob er so einem schweren Dienst gewachsen sein würde. Habicht wurde eingeführt unter einer großen Menge von Zuhörern am 11. Sonntag nach Trinitatis. Der Text war Jer 15.

Habicht war mit einem munteren Wesen („Naturell“) begabt. Er übte sein Amt fleißig und ohne Säumen aus, war zufrieden und klagte niemals über das manchmal geringe Einkommen.

Bei der Gemeinde war er sehr beliebt: Am 10. Oktober 1732 gab ein Pate einem Kind den Namen „Jonathan Ebimachus“, weil darin die Buchstaben des Namens „Habicht“ enthalten sind. Mit ihm tat man aber einen guten Griff, denn von nun an waren hintereinander drei Habichts lutherische Pfarrer in Steinbach.

 

Rollemann Valtin Habicht

 

Habicht erlebte den Siebenjährigen Krieg, die große Teuerung und verschiedene Seuchen (1767 wurde das Amt zweimal durchgemustert, um Soldaten verkaufen zu können). Er taufte 4.662 Kinder, traute 1.222 Paare und beerdigte 3.975 Gemeindeglieder in den 41 Jahren, die er in Steinbach Pfarrer war (mit Oberschönau).

Seine Frau, die schon am 10. Januar 1769 starb, redete ihm besonders bei schweren Todesfällen und in Kriegszeiten gut zu und erleichterte sein Amt sehr. Sie hatten vier Söhne und drei Töchter, von denen der jüngste Sohn sein Nachfolger wurde.

Im Jahre 1748 starb der Amtsschultheiß Justus Zufall. Als Amtsträger war Zufall natürlich reformiert und der reformierte Pfarrer Eberhardt für ihn zuständig. Dieser hielt auch die Beerdigung und hatte zum Text in seiner Leichenpredigt Micha 7, Vers 7.

 

 

Der lutherische Pfarrer Habicht aber wurde aus der Friedhofskirche abgewiesen. Es heißt aber, er durfte mit ihm beten und hat ihn eingesegnet, so daß er ruhig gestorben ist. Vielleicht war der reformierte Pfarrer verhindert, als der Amtsschultheiß starb, so daß der lutherische Pfarrer vertretungsweise tätig wurde.

Mit dem Herrn Amtsschultheiß Fleischhuth (seit 1749) hatte Pfarrer Habicht einen weitläufigen Streit, worum es aber dabei ging, läßt sich leider in der Chronik Avenarius nicht mehr lesen.

 

Noch zweimal machte man ihm das Leben sehr schwer: Im Jahre 1749 wurden endlich ernsthafte Anstalten gemacht, die alten schlechten Glocken zu ersetzen. Johann Melchior Derk aus Meiningen sollte drei neue Glocken gießen. Am 8. August 1750 wurden die alten Glocken abgenommen und nach Meiningen gebracht. Am 12. September wurden die zwei größeren neuen Glocken zum Kirchweihfest eingeweiht, die dritte Glocke war nicht geraten. Ehe die dritte Glocke noch einmal gegossen wurde, beschloß man, noch eine vierte gießen zu lassen. Am 16. Januar 1751 wurden beide Glocken aufgezogen.

Insgesamt entstanden Unkosten von 1.295 Talern. Die Rechnungen mit allen Quittungen legte Pfarrer Habicht am 17. Januar 1755 in der Kantorschule vor und ließ sie unterschreiben. Die Einwohner stifteten die Gelder, die sie im Verlauf von drei Jahren von der Herrschaft für die Einquartierungen der Isenburgischen Reiter erhalten hatten. Alle waren dazu bereit bis auf einen Mann, nämlich Matthäus Holland, Jakobs Sohn, auf dem Erbstal.Im Jahre 1750 vermachte eine Witwe 40 Taler für die neuen Glocken.  In drei Jahren waren alle Glocken bezahlt, ohne daß die geringste Umlage in dem Kirchspiel gemacht wurde. Habicht bemühte sich auch emsig um eine Generalkollekte (eine Kollekte im ganzen Land) für die Kirche, speziell für die Glocken.

Habicht selber schreibt dazu in der Chronik des Avenarius: „Diese Kollekte ist mit vieler Mühe und Vorsprachen endlich erlangt worden. O was für Verdruß und Ärgernis habe ich wegen der Kollektengelder, die ich nicht in meinen Händen gehabt habe, ausstehen müssen. Ich habe mich in Kassel beim Konsistorium rechtfertigen müssen. Endlich wurde gar der Herr Oberschultheiß Henckel als Prüfer herangezogen. Allein ich blieb ein ehrlicher Mann und siegte über die Handvoll Verleumder. Sie haben ihren Teil auf der Welt schon davon!“

 

Eine ähnliche Anklage kam 1770 durch den Schultheiß Matthäus Holland-Moritz auf. Man hatte mehrere Kollekten für den Kirchenbau gesammelt und das Geld dann wieder einstweilen gegen gute Zinsen ausgeliehen. Als der reformierte Pfarrer Reuß jedoch dazu befragt wurde, gab er an, er sei damals noch nicht in Steinbach gewesen, könne also nichts zu der Sache sagen. Eine Kritik an Pfarrer Habicht, der alles allein in Händen hatte, ist unverkennbar. Inspektor Merkel aber meinte, die kritisierten Punkte können man nicht allein dem Pfarrer Habicht anlasten, sondern auch allen anderen Verantwortlichen. Um allen Verdacht abzuwehren, hätte man genauer vorgehen können Wahrscheinlich wurde aus diesem Grund dann 1772 der erste ständige und verpflichtete Kastenmeister eingesetzt.

 

Auch sonst hatte Habicht kleinere Schwierigkeiten: Im Jahre 1723 haben Anlieger den Wassergraben für die Pfarrwiese zugeschüttet und der Amtsschultheiß mußte den alten Zustand wieder herstellen lassen. Viel Verdruß gab es auch immer wieder wegen der Kirchenstühle. Der erste bekannte Fall spielte sich 1760 ab. Am 21. Oktober 1779 wurden die Pfarrer ermahnt, jede Vergabe eines Kirchenstuhls zu quittieren und selber in ein Buch einzutragen. Dennoch hörten die Streitigkeiten nicht auf.

 

In Altersbach wurde 1754 der Kirchsaal gebaut. Am 1. Juli wurde das Haus gerichtet von Johann Heinrich Döll aus Altersbach. Am 29. Juli wurde der Knopf aufgesteckt durch den Schieferdecker Conrad Meyer aus Floh. Solche Bauten verursachten natürlich erhebliche Kosten, auch in Steinbach war ja an Kirche, Pfarrhaus und Schulhäusern viel gebaut worden. Nun verlangte die Gemeinde Steinbach, daß die Dörfer ein Drittel der Kosten tragen. Dabei hatte Steinbach 400 Häuser und die Dörfer Altersbach, Rotterode und Unterschönau zusammen nur 150 Häuser.

Die Dörfer mußten aber auch ihre eigenen Schulhäuser unterhalten. Sie verlangten deshalb, daß die Steinbacher Einwohner pro Kopf zwei Batzen geben, sie aber wollten nur je einen Batzen geben, denn sie hätten sowieso mehr Kosten für die Gebäude am Ort und für die Amtshandlungen: Wenn der Lehrer in Altersbach eine Beerdigung hielt, mußte nicht nur er bezahlt werden, sondern auch der Pfarrer in Steinbach erhielt eine Gebühr. Am 4. Juni 1763 stellte eine Kommission fest, daß die Dörfer als eingepfarrte Orte einen Beitrag zu den Kosten der Kirche und der Schule in Steinbach zu leisten haben.

Das Konsistorium entschied: Die Dörfer haben den schuldigen Betrag nach der Zahl ihrer Einwohner zu zahlen. Doch Steinbach mußte sich noch einmal in Kassel beschweren. Am 20. März 1764 wurde der Amtsschultheiß Kraut angewiesen, die Gemeinden bei Androhung von Strafe zur Zahlung anzuhalten. Im Jahre 1766 weigerten sich die eingepfarrten Ortschaften, zur Schulheizung und Unterhaltung der Kirchenmusik etwas beizutragen Am 2. November 1772 kann es zu einem Vergleich: Um Ostern herum sollten alle Gebäude besichtigt und das Nötige veranlaßt werden. In Steinbach wurde ein Rechnungsführer ernannt  und die Rechnung vom Amtmann geprüft. Kollekten bei Taufen und Trauungen blieben auf den Dörfern. Doch 1775 mußte wieder entschieden werden, daß Oberschönau zum Bau der Pfarrwiese (zum Beispiel Gräben) beitragen muß, weil es sich nicht um eine Sache der bürgerlichen Gemeinde, sondern um eine der Kirche handelt. Auch 1853 - 1857 mußten die Unterhaltskosten für die kirchlichen Gebäude von den Kirchspielsgemeinden eingetrieben werden.

 

Im Jahre 1769 wurde der Friedhof in Steinbach erweitert: Ein Acker des Georg Wilhelm wurde für 72 Taler gekauft und mit einer Mauer umgeben. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 177 Taler, die fast ganz aus Spenden aufgebracht wurden.

 

Gegen Ende seiner Amtszeit hatte es Habicht noch mit einem Gesangbuchstreit zu tun. In der Herrschaft Schmalkalden hatte man eine Liedersammlung, die durch Vermehrung des Marburger Gesangbuchs entstanden war und den Titel „Himmlische Seelenlust“ trug. Seine letzte Überarbeitung erfuhr dieses Gesangbuch durch den früheren Steinbacher Pfarrer Johann Reinhard Avenarius. Doch am 3. April 1783 sollte ein „modernes Gesangbuch“ zweier Kasseler Pfarrer eingeführt werden. Es fand aber im Schmalkaldischen heftigen Widerstand, der in den Kirchspielen Steinbach-Hallenberg und Springstille nicht zu brechen war. Man verschanzte sich hinter finanziellen Schwierigkeiten. Daraufhin sollte die Kirchenkasse Zuschüsse zur Anschaffung des neuen Gesangbuchs geben.

 

Gesangbuch „Himmlische Seelenlust“

 

 

 

 

Hauptgrund war jedoch, daß Pfarrer Habicht dagegen war: Man hatte in dem neuen Gesangbuch die reformatorischen Lieder umgedichtet oder weggelassen zugunsten typischer Lieder der Aufklärungszeit. Durch ein Konsistorialschreiben vom 1. Oktober 1789 und einen Geheimratsbeschluß vom 10. Juni 1791 mußte der Fortgebrauch der „Himmlischen Seelenlust“ erlaubt werden. In der Schule sollten die Kinder allerdings aus dem neuen Gesangbuch singen. Doch daraus wurde wohl nichts, denn der ganze Steinbacher Grund blieb fest in der Hand der Familie Habicht, die ihn dadurch vor den Verflachungen der rationalistischen Theologie bewahrte. Ein unveränderter Nachdruck des Gesangbuches wurde noch einmal 1852 in Rengshausen vorgenommen.

Nach 54jähriger Tätigkeit als Pfarrer, davon 41 Jahr ein Steinbach-Hallenberg, starb Pfarrer Rollemann Valentin Habicht am 29. Juli 1787 (nicht: 8. August 1787), dem 8. Sonntag nach Trinitatis. Er war er zu seinem Sohn nach Springstille geritten, um dort Gottesdienst zu halten. Kurz vor dem Ort aber überfiel ihn das schon seit sechs Wochen gespürte Brustleiden, so daß er schon halbtot in Springstille ankam. In den Armen seines Sohnes entschlief er früh um 8 Uhr sanft und selig. Inspektor Holzapfel hielt am 31. Juli die Beerdigung mit dem Spruch 2. Korinther 4, Vers 13. Habichts Bild hing in der Kirche hinten rechts: Seine rechte Hand zeigt auf eine Zeichnung von zwei Glocken, die ihm so viel Freude, aber auch Kummer bereitet hatten. Sein Sohn Georg Friedrich wurde von der Gemeinde nach Steinbach gewählt und am 8. Dezember 1787 in Kassel verpflichtet.

 

Glocken 1749 bis 1750:                           

Die Kirchengemeinde in Steinbach hat auf der hiesigen Kirche sehr schlechte Glocken gehabt. Deshalb ist schon vor vielen Jahren wegen einer neuen Glocken geklagt worden, aber es ist niemals ein rechter Anfang dazu gemacht worden. So war das bis ins Jahr 1749. Damals haben die beiden Herrn Pfarrer – nämlich der lutherische Pfarrer Herr Rollemann Valentin Habicht und der reformierte Pfarrer Herr Johann Conrad Eberhardt.- als auch der Herr Amtsschultheiß Herr Johann Herrmann Fleischhuth und auch die Zwölfer, die Gemeindevorsteher und Kirchenväter das Folgende verabredet:

Mit Herrn Melchior Franck, Bau-Inspektor und Bürgermeister in Meiningen, wird ein Vertrag geschlossen, daß er drei neue Glocken gießt. Er übernimmt jedes Pfund der alten Glocken für 8 Groschen und erhält 2 Groschen für jedes Pfund, das umgegossen wird; für jedes Pfund aber, um das die neuen Glocken schwerer sind als die alten, sind 10 Groschen zu zahlen. Der Glockengießer hat bei Vertragsabschluß 300 Reichstaler in bar erhalten, dazu auf jeden Taler ein 4 Kreuzer Wechselgebühr. Was die Gemeinde bei Lieferung der Glocken nicht gleich in bar bezahlen könnte, soll pro 100 Taler mit jährlich 6 Talern verzinst werden. Der Vertrag wurde vom Amt Hallenberg genehmigt.

 

Am 8. August 1750 wurden die alten Glocken vom hiesigen Kirchturm herab genommen und nach Meiningen gebracht. Weil man um die Bezahlung besorgt war, wurde auch die Schlag-Glocke abgenommen, um desto eher zur Bezahlung der neuen Glocken zu gelangen und die schweren Zinsen etwas zu erleichtern.

Laut Meininger Waageschein wogen die Glocken:

Die alte größte Glocke       655 Pfund

Die Schlag-Glocke                         292  ½ Pfund

Die Kleine Glocke               142 Pfund,

zusammen 1089 ½ Pfund.

Als aber die drei neuen Glocken gegossen wurden, war die dritte nicht geraten. Die zwei größten kamen am Sonnabend, dem 17. September, in Steinbach an. Sie wurden beim Kirchweihfest des genannten Jahres eingeweiht und zum ersten Mal geläutet.

 

Danach wurde ein Opfergang durch den lutherischen Herrn Pfarrer Habicht veranstaltet, bei dem jeder nach seinem Vermögen und gutem Wollen etwas auf den Altar legen sollte. Es wurden bei diesem Kirchweihfest 106 Taler zusammen gebracht. Der Herr Pfarrer und die Herren Schullehrer gingen voran. Die Zwölfer, Kirchenväter und Heiligenmeister folgten, darauf gingen alle um den Altar herum, die in der Kirche waren.

 

Vor dem Guß der dritten neuen Glocken wurde verabredet, zusätzlich noch eine vierte und kleinere Glocke zu gießen. Sie wurde zu den ersten Glocken am 16. Januar 1751 aufgezogen und auf den Kirchturm gebracht und es wurden abermals 300 Taler bezahlt.

Die vier neuen Glocken hatten folgendes Gewicht:

die große Glocke                 1554 ½ Pfund

die zweite Glocke    -             818 ½ Pfund, Kirmesglocke genannt

die dritte                    -             498 ½ Pfund    Königsglocke  -

die vierte und kleine   -        159 Pfund    Ernteglöcklein.

Das Gesamtgewicht der Glocken ist 3030 ½ Pfund. Die Namen der Glocken gab der Herr Pfarrer Habicht. Der Glockengießer ist bei der dreimaligen Lieferung hier anwesend gewesen und ist jedesmal frei verpflegt worden. Die Garantiefrist für die neuen Glocken belief sich auf ein Jahr („Jahr und Tag“).

 

Aber die zweite Glocke („Kirmesglocke“) war von Anfang an von schlechtem Klang. Am 24. März 1752 bekam sie einen Spalt und mußte also wieder umgegossen werden. Sie wurde auf Verlangen des Glockengießers in Steinbach in Stücke zerschlagen und nach Meiningen gebracht. Am 5. August 1752 wurde die umgegossene Kirmesglocke auf den Kirchturm gezogen. Sie wurde 35 ½ Pfund schwerer als vorher, so daß das Gewicht 854 Pfund ausmacht. Der Glockengießer hat davon 55 Taler übernehmen müssen, aber die übrigen Pfund mußten besonders bezahlt werden.

Der Glockengießer hat insgesamt 3028 Taler 23 Groschen 4 ½ Pfennige empfangen (mit Wechselgebühr), Schlosser und Schmied erhielten für das Beschlagen der Glocken 47 Taler 13 Groschen 6 Pfennige, der Zimmermann, der den Glockenstuhl mehrere Male gemacht hat, erhielt 74 Taler 12 Groschen  3 . Pfennige und Neben-Unkosten waren es 145 Taler 4 Groschen  5 ½ Pfennige. Die neuen Glocken waren also 295 Taler 26 Groschen 5 Pfennige teurer als die alten, die eingeschmolzen worden waren.

Dies besagt die Rechnung, die der Herr Pfarrer Habicht ohne Verlangen der Einwohner hier­über geführt hat, und er hat alle Ausgaben mit Quittungen belegt. Die Rechnung wurde am 17. Januar 1755 in der Kantorschule geprüft, im Beisein derer, die die Rechnung unterschrieben haben.

Wegen der Bezahlung der neuen Glocken hat Pfarrer Habicht große Belastung, Schaden und Verdruß gehabt. Aber durch Gottes Gnade wurde alles glücklich zu Ende gebracht. Deswegen waren aber allerhand Bemühungen nötig. Nicht nur die Spenden wurden weitergeführt, sondern die hiesigen Einwohner bewilligten auch die „Reitergelder“für die Glocken.

 

Die Glockenrechnung ist im Beisein der Kirchenväter Johannes Recknagel (Schmelzer) und Nikolaus Avenarius (Metzger) wie auch der damaligen Heiligenmeister Georg Reumschüssel (Schlosser) und Johann Recknagel (Hammerschmied) in den Kirchkasten im lutherischen Pfarrhaus gelegt worden. Auf dem Bild in der Kirche ist Habicht mit einer Glocke dargestellt, wo ihm doch die Glocken so viel Verdruß gebracht haben.

 

Jubelhochzeit 1750:

Auf Anregung Pfarrer Habichts gab es 1750 zum erstemnmal eine Jubelhochzeit. Matthäus Häfner, Sohn des Klaus Häfner, ein 82 Jahre alter Nagelschmied auf dem Erbstal, hatte mit seiner Frau 58 Jahre in der Ehe gelebt. Am 6. August wurden sie in der Kirche öffentlich wieder eingesegnet. Auf dieser Hochzeit waren der Herr Amtsschultheiß und sein Frau, die beiden Herrn Pfarrer wie auch der Herr Pfarrer von Springstille, Herr Förster und Gemahlin und die Herren Schullehrer, die Zwölfer, Kirchenälteste, Vorsteher, Heilgenmeister, Rech­nungsführer, Schultheiß und Vorsteher von den Filialorten und die Handwerksobermeister

und die Verwandten. An der Feier nahmen 86 Personen teil.

Die Gäste versammelten sich in der Schule, die Eheleute kamen von ihrer Wohnung. Vom Turm wurde mit Pauken und Trompeten gespielt „Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr“. Vier Brautführer geleiteten das Paar zum Altar, wo der Psalm 103, Vers 4 ausgelegt wurde und beide eingesegnet wurden. Eine Musik wurde aufgeführt und mit „Nun danket alle Gott“ geschlossen. Das Festessen war anschließend in beiden Schulen.

Nach der Mahlzeit wurde ein ehrbarer Tanz um die Kirchenlinde erlaubt, unter der auch der alte Bräutigam mit seiner alten Braut mittanzte. Die Musikanten spielten unentgeltlich auf.

Jedes Paar Hochzeitgäste, sowohl hohe als niedrige, hatten einen Verzehr im Wert von einem und einem halben Taler und 4 Pfennige. Die Bedienung aber hat wahrscheinlich das Beste davon getragen.

Die alten Eheleute erhielten viele Geschenke. Die Herrschaft gab ihnen fünf Malter Frucht und sechs Taler Geld. Der Geheimrat und Oberamtmann in Schmalkalden schickte einen ganzen Taler aus der eigenen Tasche wie auch fünf Taler aus der Landeskasse. Das Jahr darauf gab die Herrschaft den erwähnten alten Eheleuten abermals zwei Malter Frucht. Die Unkosten betrugen 61 Taler, die aber die Gesellschaft selber bezahlte.

 

Nebenfeiertage 1755:

Im Jahre 1755 sollten die Nebenfeiertage abgeschafft werden. Sie sind aber durch Drängen der christlichen Schulzen und Vorsteher von beiden Herren Inspektoren im Gebiet Schmalkalden erhalten worden. Im Steinbacher lutherischen Pfarrhaus kamen deswegen die Schult­heißen, Vorsteher und Kirchenälteste von allen Dörfern in der Herrschaft Schmalkalden zusammen.

 

Jubiläum der Augsburgischen Confession 1755:

Am 15. Oktober ist das große Jubelfest in ganz Deutschland gehalten worden unter den Evangelischen-Lutherischen. In Steinbach aber ist es zusammen mit dem großen Bettag gefeiert worden.

 

 

 

 

Sterben 1757: 

Im Jahr 1757 ist in Steinbach und an allen weiteren Orten im ganzen Kirchspiel das große Sterben erfolgt,   400 Menschen sind  im Jahr gestorben. In Steinbach sind allein schon 250 Mann schon gestorben (Die Zahlen erscheinen doch etwas übertrieben und sollten durch das Kirchenbuch nachgeprüft werden, denn Steinbach hatte damals nur etwas über 400 Einwohner).

 

Oberdörfer Glöckchen 1759:

Im  Jahre 1759  ist das Oberdörfer Glöckchen 231 Jahr alt gewesen (Auf der Glocke selber aber stand die Jahreszahl 1520, so daß die Glocke damals 239 Jahre alt war).

 

Freidhofsmauer 1759:

Im September 1759 sind zwei Abschnitte der neuen Mauer am neuen Gottesacker gebaut worden, und zwar das Querstück nach dem Garten von Moritz Holland-Cunz zu.

 

Streit mit den eingepfarrten Ortschaften 1760 bis 1763:

Die eingepfarrte Dorfschaften Altersbach, Rotterode und Unterschönau haben 1760  mit der Gemeinde Steinbach in Streit gelegen und darüber haben Pfarrhaus, Kirche und Schule baufällig werden müssen, weil nichts gebaut worden ist. Da hat man gesehen, wieviel ihnen am Evangelium gelegen gewesen ist (Diese Meinung ist sicher übertrieben, denn in erster Linie war ja Steinbach für seine Gebäude verantwortlich. Aber weil die anderen sich nicht mehr beteiligten, hat auch Steinbach aus Trotz alle Aktivitäten eingestellt. Oberschönau ist übrigens nicht bei den Orten aufgezählt, denn es war ein echter Filialort und nicht eingepfarrt wie die anderen Orte).

Es erging folgender Konsistorialbescheid in Sachen der Gemeinde Obersteinbach (gemeint ist immer ganz Steinbach) als Beklagte gegen die Gemeinden Altersbach, Rotterode und Unterschönau als Kläger: „Nachdem es bei der Sache bloß auf die Frage ankommt, ob die klagenden Gemeinden nach Obersteinbach eingepfarrt ist oder (echte) Filialorte sind, so wird hiermit dem Oberschultheißen und den Inspektoren in Schmalkalden der Auftrag („Comission“) erteilt, die eigentlichen Umstände und die Tatsachen gründlich zu untersuchen und darüber mit einem Protokoll zu berichten unter Beifügung ihres unmaßgeblichen Gutachtens. Für dessen Herstellung wird der Termin auf den 3. Juni angesetzt ist und dann entsprechend unserer Meinung wird weiterer Bescheid ergehen. Kassel, den 18. März 1763  (Siegel).“

Hierauf ist nachkommender Bescheid erfolgt: „Das fürstliche Konsistorium mit seinem Kanzler, Vizekanzler, geistlichen und weltlichen Räten entscheiden hiermit, daß wir in der Sache der klagenden Gemeinde Obersteinbach gegen die Gemeinden Altersbach, Rotterode und Unterschönau als Kläger mit dem heutigen Datum geprüft und gesprochen haben, wie folgt.

Nachdem sich aus dem eingeschickten Bericht der Kommission und dem Protokoll ergeben hat, daß die klagenden Gemeinden Altersbach, Rotterode und Unterschönau nach Obersteinbach eingepfarrt sind, so werden diese hiermit angewiesen, zur Reparatur der dortigen Kirche sowohl als auch des Pfarr- und Schulgebäudes  den schuldigen Betrag entsprechend der Einwohnerzahl ohne Weigern zu leisten, die entstandenen Kosten aber werden gegeneinander aufgerechnet. Kassel, den 4. Juni 1763.“

 

 

 

Weil sich die klagenden Gemeinden sich bisher noch nicht bequemt haben, ihre Gebühren und ihren Beitrag zu leisten, hat man sich nochmals beim Konsistorium beschwert und um einen Auftrag an den hiesigen derzeitigen Beamten Franz Nikolaus Kraut gebeten. Darauf hat man am 20. März 1764 nachfolgenden Beschluß erhalten: „Unseren Gruß zuvor,  nachdem bei uns sämtliche Zwölfer und Vorsteher der Gemeinde Steinbach um einen Auftrag an Euch gebeten haben und nachdem wir in dieser Sache bereits entschieden haben, so beauftragen und befehlen wir Euch hiermit, die klagenden Gemeinden anzuhalten, zur Erhaltung der Kirche und des Pfarr- und Schulgebäudes beizutragen im Rahmen des beiliegenden Bescheids und bei Androhung von Strafe. Beide Teile sollen versuchen, sich in diesem Sinne aus­einander­zusetzen. Kassel, den 22. Februar 1763 (?) Fürstlich Hessisches Konsistorium.“

 

Kirchliche und sittliche Verhältnisse 1749 bis 1774:

Am 22. Juli 1749 wurde der Polizeiknecht Johannes Usbeck angewiesen, während des Gottesdienstes die Wirtshäuser unvermutet zu besuchen und ohne Ansehen der Person alle anzuzeigen, die er antreffen wird. Auch soll er achtgeben, daß während des Gottesdienstes an den monatlichen Bettagen auch nicht die geringste Arbeit getan wird. Außerdem sollte er Zank und Schlägereien an Sonn-und Feiertagen verbieten.

Das alte Rügegericht wurde 1763 wieder von Amtsschultheiß Kraut eingeführt, um die Menschen zu einem guten Wandel gegenüber dem Nächsten und zur rechten Vorbereitung auf die ewige Glückseligkeit zu helfen. Dazu sollten auch treufleißige, ruhige, friedliebende, gesittete und achtbare Geistliche helfen, wie es die Steinbacher Geistlichen waren. Dadurch sollten gute Christen und gehorsame Untertanen erzogen werden.

Seit 1774 ist auch häufig die Rede von Unzucht und Ehebruch. Wenn eine Frau überführt wurde, mußte sie nach der Predigt vor versammelter Gemeinde ihre Schuld bekennen und wurde dann losgesprochen. Nur einmal wird erwähnt, daß auch der Mann (ein Soldat) vom Abendmahl ausgeschlossen wurde.

Es ist auch die Rede davon, daß eine Ehebrecherin acht Tage bei Wasser und Brot im Gefängnis bleiben mußte und vier Sonntage als abschreckendes Beispiel in der Kirche stehen mußte. Im Wiederholungsfall drohten vier Wochen Gefängnis und Halseisen. Beim dritten Mal sollte die Todesstrafe erfolgen.

Die Kirchenzucht wurde vor allem vom „Presbyterium“ geübt. Ihm gehörten die Kirchenväter aus dem ganzen Kirchspiel an. Die Pfarrer notierten die Vorfälle, der reformierte Pfarrer schickte sie an das Konsistorium zur Entscheidung. Das Presbyterium war also zunächst nicht die Vertretung der Gemeinde (wie heute), sondern eine Körperschaft, in der Verstöße gegen die weltliche und kirchliche Ordnung zur Sprache kamen und wo man Schritte zur Aburteilung einleitete.

Energische Bestimmungen wurden erlassen, um allzu großen Aufwand bei kirchlichen Amtshandlungen abzuschaffen. Schon am 18. Februar 1736 hatte man öffentlich gerügt, daß die Kindtaufschmäuse überhandnahmen und sie bei 5 Gulden Strafe hart verboten. Die Leute hatten immer mehr Aufwand bei diesen Mahlzeiten getrieben und sich dabei übernommen, weil keiner vor dem anderen zurückstehen wollte. Bei einer Taufe sollten nicht mehr als acht Frauen dabei sein.

Es wurde genau festgelegt, welche Vergütung gegeben werden durfte. Aber der Aufwand war immer noch hoch. In jener Zeit ist wohl de Ausspruch entstanden: „Ein Kind kostet die Eltern ein Haus und eine Patenschaft kostet eine Kuh!“ Bei Hochzeiten war es besser geworden. Es durften nur noch 16 Paare teilnehmen (Wer außerdem noch mit in die Kirche ging, mußte mit sich selber essen).

Weil aber nur acht oder höchstens zwölf Schüsseln auf den Tisch gestellt werden durften, so wurden diese mit vier oder sechs Braten überhäuft. Die jungen Burschen kamen mehrere Tage in einem besonderen Weinhaus zum Saufen zusammen. Kantor, Kirchner und andere forderten mit Gewalt Suppen und Wein ab. Die Mägde warteten schon darauf, daß sie die übriggebliebenen Speisen in ihr Haus bringen konnten, um dann einige Tage davon zu leben. Manche handelten sogar ihren Lohn danach aus, wie viele Paten die Leute hatten, denn jedesmal wenn die Magd ein Geschenk überbrachte, erhielt sie einen viertel oder einen halben Taler.

Bei Diebstahl von mehr als fünf Talern wurde der Täter mit dem Tode bestraft; waren es weniger, so wurden dem Täter die Ohren abgeschnitten und er wurde ausgepeitscht. Wer sich vorsätzlich das Leben nehmen wollte, wurde „verbraut“; wo aber fließendes Wasser war, da wurde er in ein Faß geschlagen und auf dem Wasser verschickt (Ob diese Bestimmungen in die Praxis umgesetzt wurden, ist eine andere Frage).

Zeichendeuter gab es noch scharenweise, und sie waren der erste Grund des noch ziemlich verderbten Christentums.

 

Kirchenmusik 1768:

Zur Kirchenmusik mußten jeden Sonntag sämtliche Lehrer der eingepfarrten Ortschaften erscheinen. Die Musik wurde aufgeführt vom Adjuvantenchor. Dieser bestand aus den Schülern, denen Erwachsene zur Unterstützung beigegeben wurden. Auch Instrumentalisten wurden herangezogen. Diese hatten dann bei Kirchweihen und Hochzeiten das alleinige Recht zum öffentlichen Musizieren. Sie musizierten auch auf dem Turm und sangen zu Neujahr. Im Gottesdienst sangen sie gewöhnlich eine dreiviertel Stunde und musizierten noch eine Viertelstunde. So war selbst auf den kleineren Orten in jener Zeit eine hohe Musikkultur zu finden. Hier wurde von den Schulmeistern meist unentgeltlich ein hochqualifizierter Musikernachwuchs herangebildet.

Ein Beispiel dafür ist Johann Christian Häfner, der 1760 als Sohn des Schullehrers Heinrich Häfner in Oberschönau geboren wurde. Er war Schüler Johann Gottfried Vierlings in Schmalkalden und wurde 1782 an die deutsche Kirche in Stockholm berufen, wo er bald Mitglied der Hofkapelle und Singmeister am Nationaltheater wurde. Einige Jahre darauf ernannte ihn der König, als er gerade die Oper „Gustav Wasa“ dirigierte, zum Kapellmeister. Er schrieb ein Oratorium „Der Erlöser auf Golgatha“. Er starb 1833 als Hofkapellmeister in Stockholm. Auf dem „Sängerplatz“ in Oberschönau steht sein Denkmal.

 

 

Johann Ludwig Reuß, reformierter Pfarrer                                                  1768 - 1802

Als Sohn eines Zimmermanns wurde Johann Ludwig Reuß 1727 in Schlüchtern geboren. Er besuchte die Hohe Landesschule in Hanau und wurde 1745 Rektor in Gudensberg. Nach Steinbach versetzt wurde er am 26.April 1768. Am 27. Mai kam er in Steinbach an und hielt seine Antrittspredigt am 5. Juni. Seine Besoldung war mangelhaft. Er erhielt gelegentlich Sonderzuwendungen, bis ihm 1788 ein Rotenburger Kanonikat bewilligt wurde (Ertrag einer Stelle aus dem früheren Kloster Rotenburg an der Fulda). Außerdem erhielt er Geld aus dem Gotteskasten, von der Gemeinde Steinbach und aus dem Oberschönauer Wirtshaus, dazu die Gebühren bei Amtshandlungen, insgesamt 103 Taler. Der lutherische Pfarrer hatte wenigstens noch die Pfarrgüter (19 ½ Acker Land und 21 Acker Wiesen) und Naturalien und natürlich sehr viel mehr Einnahmen aus Gebühren.

Das Verhältnis zu den Lutherischen war nicht gut. Das Konsistorium mußte anordnen, daß der lutherische Kastenmeister (nach Benachrichtigung durch den Reformierten Pfarrer) die Heiligen Geräte aus dem Kirchenkasten im lutherischen Pfarrhaus herausgab. Es wurde auch 1784 gerügt, daß reformierte Einwohner ihre Kinder in der lutherischen Konfession taufen und erziehen ließen. Das war ihnen nicht freigestellt, sondern die Söhne sollten dem Glauben der Väter folgen und die Töchter dem der Mutter. Die Inspektoren durften nicht dulden, daß dagegen gehandelt wurde. Pfarrer Habicht aber nahm jeden an, der eine Amtshandlung bei ihm begehrte.

Reuß hielt es nicht so, obwohl er auch Gelegenheit dazu gehabt hätte, wie er meint. Im Jahre 1772 kam es zu einem Streit mit dem Amtsschultheiß Kraut, der nicht mehr zum Abendmahl kam und seine Töchter in Asbach hatte konfirmieren lassen: Angeblich sage Reuß das Abendmahl zu spät an, so daß Auswärtige nicht daran teilnehmen könnten, weil sie bei der Vorbereitungspredigt gefehlt haben. Der Kirchenvater gab an, Reuß sei etwas bequem, aber nicht eigensinnig. Sie würden in gern mehr predigen hören, er läßt sich etwas oft durch Kantor oder Organist vertreten. Die Inspektoren möchten doch eine Kirchenvisitation durchführen, bat der Kirchenvater. Reuß starb am 21. Mai 1802 (nach anderer Angabe am 12. März 1802).

 

Abrechnung über die Kosten bei der Vergrößerung der Kirche 1787

 

 

Georg Friedrich Habicht                                                                                    1787 - 1828

Nach dem Tod des Pfarrers Habicht bewarben sich vier Pfarrer und drei Kandidaten um die Stelle. Die Kandidaten für das Pfarramt konnten sich also neben schon amtierenden Pfarrern bewerben. Diese wollten meist die Stelle wechseln, weil sie auf der neuen Stelle mehr Vergütung erhielten. Die Gemeinde wählte dann durch Abstimmung zwei Bewerber aus und das Konsistorium ernannte dann einen von ihnen.

Es bewarben sich um die Stelle die Pfarrer Habicht (Springstille), Fuckel (Fambach)  Wagner aus Lüderbach (im Ringgau südlich von Eschwege), Pfarrer Kirchner (Trusen, heute Trusetal) und die Kandidaten Fuldner, Lucas und Clemens (überschrieben mit Bleistift: Stiefel). Die Gemeinde hat Habicht und Fuldner zu Siegern gewählt.

Am 7. Oktober 1787 war die Wahl unter Leitung von Inspektor Ilgen (und ohne den Amtmann Faust, der gerne eingeladen werden wollte, um alles kontrollieren zu können). Die meisten Stimmen erhielt Pfarrer Habicht in Springstille. Er hatte schon mehr als 15 Jahre sein Amt in Springstille mit vieler Geschicklichkeit und guter Treue verwaltet, bemühte sich um Erweiterung seiner Kenntnisse und führte einen guten Lebenswandel. Die nächst höhere Stimmenzahl erhielt der Kandidat Fuldner, Sohn eines früheren Springstiller Pfarrers, der dann mit seiner Mutter in Steinbach wohnte. Auch er war für das Amt würdig, wurde aber nicht genommen, sondern wurde Pfarrer in Springstille.

Das Konsistorium berief Pfarrer Habicht. Die Einführung erfolgte am 20. Juli 1788, dem 5. Sonntag nach Trinitatis. Dabei sollte auch das neue Gesangbuch eingeführt werden. Aber die Gemeinde stimmte alte Lieder an, anstatt die neuen Lieder zu singen, die der Herr Inspektor Holzapfel vorgeschrieben hatte. Der Kantor aber mußte auf Befehl des Inspektors neue Lieder mit dem Schülerchor singen. So war es dann ein „verstümmelter“ Gottesdienst. Seitdem erwartete die Gemeinde einen Befehl wegen eines neuen Gesangbuchs vom Landesherrn Wilhelm IX., Landgraf zu Hessen.

Georg Friedrich Habicht wurde am 17. November 1750 als jüngster Sohn des Pfarrers Valentin Rollemann Habicht in Steinbach geboren.

Im Jahre 1762 kam er nach Schmalkalden auf das Lutherische Lyzeum, wo er unter Rektor Sittig fünf Jahre die erste Klasse besuchte (die erste Klasse war die Elitegruppe). Im Jahre 1767 ging er nach Rinteln, 1770 nach Erfurt, um Theologie zu studieren. Pfarrer wurde er im Jahre 1772 zunächst in Springstille, wo er sich 1775 mit Anna Magdalene Pistor verheiratete, der Tochter des Gewehrfabrikanten Pistor auf der Bohrmühle in Schmalkalden. Schon 1776 verheiratete er sich zum zweiten Mal mit Friederike Charlotte Mädel, der Tochter des Pfarrers in Mehlis. Von den vier Söhnen und vier Töchtern aus dieser Ehe überlebten nur zwei Söhne, die er hat studieren lassen, und zwei Töchter, die er verheiratet und ausgestattet  hat (eine Tochter war nachhher verwitwet und hatte drei Kinder).

Bei dem großen Brande 1790 verlor Georg Friedrich Habicht seine ganze Habe. Doch Schulhaus und Pfarrhaus waren 1792 schon wieder neu erstellt. Die Hebung der Volksschule lag Habicht immer sehr am Herzen. In der Franzosenzeit 1806 bis 1815 mußte er viel Steuer bezahlen. Besonders schwer hatte er es in den Hungerjahren 1816  und 1817, als wegen der Armut der Leute seine Einkünfte gering waren. Er ist zweimal abgebrannt.

Am 27. Januar 1828 starb er im 78. Lebensjahr, nachdem er wie sein Vater 41 Jahre Pfarrer in Steinbach gewesen war.

 

Großer Brand und Wiederaufbau 1790 bis 1792:

Am 3. April 1790 brach morgens gegen sieben Uhr in der Wohnung der Witwe des Wilhelm Köllmann junior unter dem Dach ein Feuer aus. Es riß zuerst die gegenüberliegende Pfarrscheune weg und nahm mit großer Schnelligkeit überhand. Bei dem entsetzlichen Sturmwind war es nicht möglich, den wütenden Flammen Einhalt zu tun. Innerhalb von vier Stunden brannten so Pfarr-und Schulgebäude, 40 Wohnhäuser, 20 Scheunen und ungefähr 20 Werk­stätten und 10 „Kohlhäuser“ (Köhlerhäuser?) völlig ab. Auch der Kirchturm litt sehr und die Kirche wurde auch beschädigt. Nur durch Unterstützung durch die Feuerwehren in Herges und Viernau konnte die Kirche gerettet werden. Am Turm aber wurde sämtliches Gebälk vom Achteck an nebst Glocken, Uhr und Wetterfahne völlig vernichtet.

Als Landgraf Wilhelm IX. im Jahre 1791 die Brandstätten besichtigte, wurde gnädigst eine Kollekte zugestanden: Der Amtmann zahlte 610 Taler aus, die Brandversicherung zahlte 1.300 Taler und im Kirchenkasten waren noch 500 Taler vorhanden, die für Bauzwecke gesammelt worden waren. So konnten Pfarrhaus und Schule wieder aufgebaut und die Kirche wiederhergestellt werden (Zwei Jahre lang hatte man zuvor Schule im Wirtshaus halten müssen). Seit 1767 war durch eine Kollekte im ganzen Land in Höhe von 740 Talern der Grundstock zu einem Kirchenbaufonds gelegt worden, der vor allem der Vergrößerung der Kirche dienen sollte. Allerdings gingen viele Gelder für notwendige Reparaturen drauf. Außerdem war 1786/1787 die Knabenschule nach einem Brand neu aufgebaut worden. Im Jahre 1791 betrug das Kapital aber immerhin noch 990 Taler, nachdem man noch etwas für das alte Baumaterial erhalten hatte.

Die zwei Zimmermeister Brüder Menz von Suhl mußten den  Kostenvoranschlag für den Turmbau machen und die Zeichnung anfertigen. Danach wurde der Bau an den Zimmermeister Dammer aus den Sooden-Allendorf und den Schieferdecker Schröder aus Eschwege zum Preis von 594 Taler vergeben, jedoch ohne die Materialien. Um Pfingsten dieses Jahres begann das Werk

Der Steinbacher Maurermeister Friedrich Matheus hat das sehr ausgebrannte Mauerwerk - das Achteck - völlig wieder hergestellt und es mit dem Holz und Gebälke in Inneren gut verbunden.

Das Bauholz ist zwar in den Steinbacher Wäldern angewiesen worden, aber es wurde mit schweren Kosten herbeigeschafft und kostete 200 Taler. Es wurden 230 Zentner Schiefersteine verbraucht. Jeder Zentner wurde einschließlich des Fuhrlohns mit 1 Taler 8 Groschen bezahlt. So koste der Schiefer das Kirchspiel 293 Taler 8 Groschen.

Den Knopf samt sämtlichem kupfernen Zubehör fertigte für 14 Taler der Kupferschmied Wolf aus Schmal­kalden. Wetterfahne und Windanzeiger lieferte der Schlossermeister Jacob Rempth in Suhl für 18 Taler, die Anker machte Hufschmiedemeister Caspar Nothnagel aus Steinbach für  32 Taler. Die Vergoldung und übrige Verzierung gab dem Werk ein junger Mensch aus Schmalkalden namens Dohl. Aam 5. Dezember 1792 wurde das Werk glücklich vollendet.

Der gesamte Kirchturmbau kostete rund 1.500 Taler (andere Angabe: Die Baukosten haben ungefähr 2.500 Taler betragen. Dazu  wurden von den älteren, noch in der Kirchenkasse befindlichen Kollektengeldern 500 Taler verwendet). Baumeister von Rodach nahm den Bau ab, Bauverwalter Dizet machte einen Bericht. Bauaufseher waren der Schultheiß Reinhard und der Kastenmeister Peter Wilhelm. Das Richtfest einschließlich der Musik kostete allein 37 Taler.

 

Drei neue Glocken lieferte die Glockengießerei Christoph Ulrich aus Apolda und bekam dafür 450 Taler. Die große Glocke (15 Zentner, 187 Taler) trägt die Inschrift: „Heilig, heilig ist der Herr Zebaoth“ und die Namen der damaligen Inhaber eines Amtes. Diese Glocke hängt heute noch im Turm unterhalb der Uhr. Die Mittelglocke wurde aus dem wieder eingesammelten Metall der alten Glocken gegossen und trug die Inschrift: „Haltet an am Gebet“. Sie zersprang 1878, wurde wieder neu gegossen (11 Zentner, 95 Zentimeter Durchmesser) und im Zweiten Weltkrieg abgeliefert.

Die Königsglocke (5 Zentner) trug die Inschrift: „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort“ und wurde 1883 umgegossen (und ersetzte damals wohl eine ältere Glocke von 1792); sie wurde im Ersten Weltkrieg abgeliefert und 1921 durch Stiftung von Gemeindegliedern als „Friedensglocke“ neu beschafft, aber im Zweiten Weltkrieg wieder abgeliefert.

Die kleine Glocke schließlich stiftete 1796 Margarethe Häfner, so daß die kleine Glocke „Hefnerin“ genannt wurde. Sie wurde gegossen vom Glockengießer Bittorf in Seligenthal und trug die Inschrift: „Wenn ich einst in alten Tagen nach viel Schlägen wird zerschlagen, dann verlangt die Stifterin, Margarethe Häfnerin, daß ihr Name unverdrossen sofort werd an die Glock gegossen“. Dies geschah auch, als die Glocke 1906 in Apolda umgegossen wurde (drei Zentner) und nach der Ablieferung im Zweiten Weltkrieg 1921 neu beschafft wurde; im Zwei­ten Weltkrieg wurde auch sie abgeliefert.

 

Die erste Turmuhr war eine Schlaguhr vom Rathaus in Gotha und war für 64 Taler erstanden worden. Sie ging beim Brand zugrunde. Der Hofuhrmacher Georg Andreas Eberhardt aus Stadtilm stellte die neue Uhr noch 1791 auf. Er erfreute sich großen Ansehens in Thüringen und Sachsen und hatte auch die Uhren in Oberschönau und Herges geliefert. Er soll bald nach 1800 beim Aufstellen einer Turmuhr abgestürzt und gestorben sein. Seine Uhr mit Viertel- und Stundenuhrwerk wurde 1892 einer durchgreifenden Reparatur unterzogen und durch den Turmuhrfabrikanten Frank aus Meiningen mit einem Doppelschlagwerk versehen.

Sie tat auch 200 Jahre später noch ihre Dienste und mußte jeden Tag aufgezogen werden. Die Kosten für Glocken und Uhr werden unterschiedlich angegeben: Große Glocke 187 Taler, zwei kleine Glocken 117 Taler, insgesamt aber 450 Taler.

die Uhr soll allein 168 Taler gekostet haben, insgesamt aber 301 Taler, nach anderer Angabe 200 Taler. Insgesamt aber sollen für Glocken und Uhr 728 Taler aufgewendet worden sein. Die Kirchturmuhr erhielt 1911 in der Rathausuhr eine Konkurrenz, aber man konnte nicht mehr sagen, daß sie „nach dem Winde“ gehe.

 

Beim Pfarrhaus beliefen sich die Baukosten auf 1.230 Taler. Es wurden ein Wohnhaus, eine Scheune, ein Viehstall, ein Holzschuppen, ein doppelter Schweinestall und ein Backhaus errichtet. Die beiden Schulen wurden unter ein Dach gebracht und enthielten die Wohnungen für Kantor und Organist. In der Mitte des Gebäudes wurde ein Raum geschaffen zur Einkehr der „Kirchen-und Leichleute“ aus den eingepfarrten Orten (In diesem Raum hielt ab 1841 der dritte Lehrer Schule). Außerdem wurden zwei Schweineställe und ein Backhaus errichtet und insgesamt 1.359 Taler ausgegeben.

Kirche (zwei Bilder links mit Kantorat

 

 

Reparatur der Turmfahne 1796:

In der Turmknopfurkunde heißt es: „Am 2. März dieses Jahres entstand ein fürchterlicher Sturmwind, durch den unter mehreren Gebäuden auch der hiesige Kirchturm litt. Die Gewalt des Windes hatte die Spindel der Fahne ganz auf die Seite gebogen, die Fahne herunter geworfen und wegen des durch die Spindel erhaltenen Drucks den Knopf beschädigt. Der Schieferdeckermeister Schröder aus Eschwege, der Erbauer des neuen Turms, der Nachricht von diesem Schaden erhalten, meldete sich, ihn zu reparieren. Am 17. Juni 1796 ist er damit fertig worden. Die Fahne lief vorher nur in zwei an ihr  angebrachten Ohren. Nun geht sie in eine daran angebrachten Röhre, in der sich die Spindel befindet. Sie steht also nun in ihrem so notwendigen völligen Gleichgewicht‚ um die Veränderungen des Windes auf das genaueste anzeigen zu können. Die Verbesserung und völlige Wiederherstellung der  Fahne hat der hiesige Schlossermeister Elias Usbeck unternommen und geschickt ausgeführt.“

Auch 1806 mußte eine Turmknopfreparatur vorgenommen werden. Am 18. Oktober 1814 brannten Scheuen und Stallungen des Pfarrhauses erneut mit der ganzen Ernte ab. Im Jahre 1815 wurden sie erweitert wieder aufgebaut.

 

Kirche von Süden

 

Visitationen 1794 und 1799:

Am 10. Sonntag nach Trinitatis 1794 und den folgende Tagen wurde Kirchen-und Schulvisitation gehalten. Der Gottesdienst in Gegenwart der beiden schon am Sonnabend angereisten Inspektoren begann wie üblich um 9 Uhr. Der Besuch war nicht so zahlreich wie sonst. Die Predigt hielt der reformierte Pfarrer Reuß über Matthäus 4, Vers 16. Er stellte die Lehre Jesu als heilsam für jeden Stand und Zustand dar. Es folgte das Abendmahl. Dann sprach der lutherische Inspektor die Gemeinde an und tadelte besonders das Saufen und Balgen im Wirtshaus, wonach er sich schon vorher beim Pfarrer erkundigt hatte.

Darauf schritt man zum öffentlichen Examen der Gemeinde, zu dem sich die reformierten Gemeindeglieder um den Altar versammelten. Die lutherischen blieben auf ihren Plätzen und wurden vom Inspektor, dem Springstiller Pfarrer und dem zweiten Diakon aus Schmalkalden geprüft. Die Antworten fielen zur Zufriedenheit der Prüfenden aus. Die „allgemeine Religionserkenntnis“ war gut begriffen. Die Schlußrede hielt der reformierte Inspektor.

Anschließend vernahmen die Inspektoren in Gegenwart des Amtmanns sämtliche Kirchenväter in der Sakristei über die vorgeschriebenen Fragen. Im Großen und Ganzen war man mit dem Wandel der Pfarrer und Lehrer zufrieden. Über Pfarrer Reuß aber wurde geklagt, er versäume entweder ganz die Kirche oder fange zu spät damit an. Dieser entschuldigte sich damit, daß er 68 Jahre alt sei und ihm im vorigen Frühjahr das Hoftor fast das Bein zerschmettert ha­be, er könne nicht so schnell aus dem eine Stunde entfernten Oberschönau zurück sein. Das Gleiche wurde dann aber auch von Pfarrer Habicht gesagt.

Weiter wurde bemängelt, bei beiden komme das Katechisieren zu kurz, wenn sie vorher in Oberschönau waren. Gerügt wurde auch, daß Reuß zweimal eine Beerdigung durch seinen lutherischen Kollegen hatte vornehmen lassen, er müsse auf das Recht der reformierten Gemeinde sehen. Am Montag nahm man sich sämtliche Schulen vor: Der reformierte Inspektor mit dem lutherischen Pfarrer die Knabenschule, der lutherische Inspektor mit dem reformierten Pfarrer die Mädchenschule, danach die eingepfarrten Orte. Am Nachmittag wurden die Kirchenrechnungen von Steinbach und Oberschönau abgehört. Man konnte aber das Geschäft erst Dienstag beenden, da die Rechnungen von 1788 bis 1793 zu prüfen waren.

Den monatlichen Bettag am Mittwoch verwandte man zur Visitation in Oberschönau, denn die dortigen Einwohner hatten sich geweigert, zur Visitation nach Steinbach zu kommen. Der Lehrer las wie üblich die Predigt zur Zufriedenheit der Visitierenden. Bei der Prüfung schnitten die jungen Leute besser ab als die alten (in den anderen Orten war es umgekehrt). In der Schule aber waren die Kinder nur mittelmäßig, weil sie wegen Armut der Leute oft die Schule versäumen mußten.

 

Bei der Visitation am 21. September 1799 waren aber die Oberschönauer in Steinbach mit dabei. Pfarrer Habicht hielt die Predigt. Wieder wurde die Gemeinde geprüft und die Rechnungen wurden abgehört. Diese waren allerdings ziemlich mangelhaft. Auch wurden die geforderten Aufstellungen über die Besoldungsstücke der Pfarrer und Lehrer nicht genügend in allen Einzelheiten dargelegt.

Dem reformierten Pfarrer Reuß fiel der Dienst in den kommenden Jahren ziemlich schwer. Er meinte zwar, sein Amt immer noch zur Zufriedenheit seiner Zuhörer auszuüben. Aber er weigerte sich, Vertretungsdienste in Floh zu übernehmen. Das Konsistorium entschied, er könne sich vertreten lassen, wenn er selber die Vertretung besorgt. Reuß starb am 21. Mai 1802 im Alter von 75 Jahren, nachdem er 34 Jahre lang die Stelle inne hatte.

In dieser Zeit tauchte auch die Frage nach der Sonntagsheiligung auf. Schon 1788 wurde festgelegt, daß die Sonntagsruhe von Mitternacht bis Mitternacht geht. Im Jahre 1801 wurden erneut verboten: Märkte, Kirchmessen, Tänze, Mühlenarbeit, Jagen, Schafezählen, Störungen der Gottesdienste (wozu nach Meinung des Pfarrers auch das Schreien kleiner Kinder gehörte). Andererseits wurden 1773 die dritten Feiertage abgeschafft. Aber viele arbeiteten trotzdem nicht an diesen Tagen und gaben sich Ausschweifungen in und wurden zur Arbeit gemahnt.

 

 

Franz Engelhard Lucan, reformierter Pfarrer                                               1802 - 1824

Als zweiter Sohn des Diakons Philipp Wilhelm Lucan wurde Franz Engelhard Lucan am 20. Juni 1769 in Schmalkalden geboren. Nach dem Studium in Marburg war er von Januar bis September Diakon in Vacha. Am 8. Oktober 1802 wurde Lucan nach Steinbach-Hallenberg versetzt. Am 1. November wurde er in Schmalkalden verpflichtet und am 10. November kam er in Steinbach an. Am Sonntag, dem 14. November, hielt er seine Antrittspredigt (in Oberschönau am 21. November).

Am 22. Mai 1803 wurde er von den Inspektoren Wagner und Holzapfel eingeführt (In der Chronik Avenarius gibt es auch noch eine andere Anagbe: Am 2. Sonntag nach Trinitatis 1803 wurde er von den beiden Inspektoren, Herrn Wagner und Herrn Holzapfel von Schmalkalden, eingeführt. Das Jahr 1802 wird aber wohl stimmen, denn in diesem Jahr war der 14. November ein Sonntag)

Verbunden damit waren die Feier der Erhebung des Landgrafen zum Kurfürsten und eine Visitation des ganzen Kirchspiels. Dabei äußerten einige Kirchenväter den Wunsch, daß doch das seit vorigen Winter unterlassene „Bäten“ wieder eingeführt werde. Dabei sagten in den Nachmittagsgottesdiensten der Wintermonate je zwei Knaben ein Katechismusstück in Frage und Antwort auf. Andere aber meinten, das sei nichts anderes als ein verstandesloses Herplappern, welches nicht die mindeste Erbauung leistet, sondern nur bei den Jungen Ängste hervorruft. Dem Wunsch wurde nicht stattgegeben, sondern er wurde als ein weiteres Beispiel (neben der Weigerung, das neue Gesangbuch einzuführen) gewertet, wie hartnäckig man in diesem Kirchspiel auf dem Alten besteht.

Im Jahre 1803 verheiratete sich Lucan mit Charlotte Ernstine Habicht, der Tochter des lutherischen Pfarrers Georg Friedrich Habicht. Am Ende seines Lebens wurde er infolge eines Schrecks über einen tollen Hund in Unterschönau sehr elend und nervös. Man kann sagen, er war fast geistesgestört, auch wenn das später von seinem Sohn bestritten wurde. Er starb am

21. Oktober 1824.

Über sein Wirken in Steinbach machte er einen ausführlichen Bericht: Das Pfarrhaus war in einem sehr schlechten Zustand. Von einer Reparatur des Daches und einer Seitenwand lagen alle Böden und der Hof voll Schutt und Ziegel. Einige Stuben waren kaum notdürftig weiß, andere gar nicht, und der Flur war so schwarz wie eine Räucherkammer. Küche und Speisekammer waren ruiniert, die Öfen gingen nicht, Tor und Haustür waren verfallen. In allen Ecken lagen Dreck und Unrat. Ein Inventarverzeichnis lag nicht vor. Die Witwe des Vorgängers erhob Anspruch auf allerhand Einrichtungsgegenstände. Das Archiv war überall verstreut und in völliger Unordnung, einige Schriftstücke fanden sich sogar im Stubenofen.

Von nun an wurde fast jedes Jahr gebaut, wenn auch alles nur schleppend anlief. Größere Arbeiten begannen erst 1804. Ein Verzeichnis über die Heiligen Geräte wurde aufgestellt, sie wurden im Haus der Witwe des Oberförsters Stein aufbewahrt.

Kirchenväter und Heiligenmeister wurden fortan wieder vom Pfarrer ausgewählt. Allerdings war es oft schwer, geeignete Personen zu finden. So war zum Beispiel ein Heiligenmeister 22 Jahre im Amt, und einmal wurde der Heiligenmeister schon im nächsten Jahr Kirchenvater. Die Gemeinde war nämlich nur klein, weil der Vorgänger es hatte geschehen lassen, daß die Familien mit gemischter Konfession ihre Amtshandlungen in der Regel vom lutherischen Pfarrer vornehmen ließen. Beim Abendmahl am 1. Advent waren aber immerhin rund 60 Personen da.

Mit der Besoldung lief alles erst nach allerhand Schreibereien. Wie sein Vorgänger erhielt Lucan schließlich auch ein „Rotenburger Kanonikat“, d.h. den Ertrag einer Stelle aus dem ehemaligen Kloster Rotenburg. Es wurde 1804 zum ersten Mal gezahlt.

Dafür pflanzte Lucan auch 30 Obstbäume in Garten. Das war aber auch nötig, denn 1809 wurden ihm acht alte Zwetschenbäume abgesägt und gestohlen, und das zu einer Zeit, in der er überhaupt keine Besoldung erhielt (die Franzosen hatten das Land besetzt), aber neuerdings Steuern bezahlen sollte.

 

 

Im Jahre 1811 wollte man ihm das Haus nicht reparieren, weil er Mietsleute hätte, die das Haus ruinierten. Dabei hatte er die verarmte Familie 1809 aus Mitleid (und um eine Haushaltshilfe zu haben) aufgenommen. Sie zahlten aber keine Miete, sondern erhielten eine Vergütung. Daß sie eine Brotbäckerei anfingen, hat Lucan nicht gern gesehen, aber auch nicht verwehrt, weil sie sich damit ja ernähren wollten. Dennoch kündigte er ihnen im Herbst, damit der Bürgermeister sich nicht mehr beschweren konnte. Im nächsten Jahr wurden dann auch ernsthafte Anstalten getroffen, das Haus zu reparieren.

Wieder war es eine Zeit, in der wegen des Wechsels der politischen Verhältnisse keine Besoldung gezahlt wurde (erst wieder 1815). Dann wurden 1816 durch Hochwasser das Waschhaus und ein Teil der Uferböschung mit fortgerissen und mußte wieder erstellt werden. Auch im Gemeindeleben war nicht alles in Ordnung: Die Nachmittagsgottesdienste und die Katechisationen wurden besonders von den ledigen Männern wenig besucht. Auch gingen viele Gemeindeglieder an den Kollektenbüchsen vorbei, ohne etwas zu geben. Einige Abendmahls­verächter waren weder durch Privat-Ermahnungen noch durch Zitierung vor das Presbyterium zum Abendmahl zu bewegen. Die Leute aus den eingepfarrten Orten fanden sich erst sehr spät zum Gottesdienst ein.

 

 

Wilhelm Friedrich Habicht                                                      1806 bzw. 1828 - 1853

Am 3. März 1806 bat Pfarrer Georg Friedrich Habicht darum, daß ihm sein Sohn als Gehilfe beigegeben werde. Unter der Aufsicht des Amtmanns Faust wurden 609 freiwillige Stimmen für den Sohn gesammelt (nur ganz wenige haben widersprochen). Vor allem die Bürgermeister des Kirchspiels und die Kirchenväter unterstützten diesen Wunsch.

In einer Urkunde im Turmknopf am 21. Juni 1806 schreibt Habicht: „Für diese Liebe des Kirchspiels und dessen Herrn Vorgesetzten wollen Vater und Sohn ihren herzlichen Dank zum immerwährenden Gedächtnis festhalten“.

Wilhelm Friedrich Habicht wurde am 25. Juli 1778 in Springstille geboren. Seit 1791 besuchte er das lutherische Lyzeum in Schmalkalden, ab 1795 das Gymnasium in Gotha. Theologie studierte er ab 1796 in Rinteln, wo er 1799 sein Examen machte. Das Anstellungsexamen in Marburg wurde ihm erlassen. Danach ging er nach Steinbach und half seinem Vater. Im Jahre 1802 wurde er offiziell „Adjunktus“ seines Vaters (beigegebener Gehilfe). Die Hoffnung auf die Nachfolge erhielt er aber erst nach jener Bitte seines Vaters.

Einige Prediger des Kreises und auch einige Gemeindeglieder protestierten zwar. Aber entscheidend war wohl das gute Zeugnis, das Inspektor Ilgen ihm ausstellte. Am 18. April 1806 wurde ihm die Hoffnung auf die Nachfolge mitgeteilt, d.h. die Pfarrstelle wurde ihm fest versprochen für den Fall, daß sein Vater stirbt. Am 22. August wurde er in Kassel verpflichtet und zum Gehilfen und Nachfolger seines Vaters eingesetzt. Am 10. September wurde er von Inspektor Ilgen zu „treufleißiger Verrichtung der Obliegenheiten“ angewiesen.

Nach der Zusicherung der Nachfolge heiratete er am 25. Juni 1806 (Henriette Catharine) Magdalene Ilgen, die Tochter des lutherischen Oberpfarrers. Sie haben zwei Söhne und vier Töchter, wovon der älteste Pfarrer wurde  und die älteste Tochter heiratete Herrn Friedrich Bornmüller aus Suhl..

Er war ein verdienstvoller Mann von „urbanem“ Charakter. Er besorgte lange Zeit die „Theologische Harmonie“, eine Lesegesellschaft unter den Predigern in und außerhalb der Herrschaft Schmalkalden. Er gründete eine Lesegesellschaft unter den Schullehrern und führte Lehrerkonferenzen durch.

Seit 1823 war er Mitglied des kurhessischen Landwirtschaftsver­eins. Er bewirtschaftete selber das Pfarrland und hielt ein Reitpferd. Er führte den Klee-Anbau und Winterfrüchte-Anbau in Steinbach ein. Besonders das Staudenkorn  (das 12-16 Maß lieferte) wurde von ihm eingeführt, dazu die Weberkantendistel.

Dem Barchfelder Pfarrer Häfner überließ er verschiedene Unterlagen für dessen Buch „Die sechs Kantonen der ehemaligen Herrschaft Schmalkalden“ (heute unter der Bezeichnung „Allerhand alte Nachrichten...“ im Pfarrarchiv). Im Jahre 1811 legte er ein alphabetisches Namensregister zu den dickleibigen Kirchenbüchern an (hilfreich bei Lebensläufen, Stammbäumen, usw.). Nachdem Tod seines Vaters 1828 wurde er der alleinige Pfarrstelleninhaber in Steinbach.

Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Christian (zuletzt lutherischer Inspektor in Schmal­kalden) setzte er sich sehr für die Union der evangelischen Konfessionen ein. Im Jahre 1845 war er unter den lutherischen Pfarrern, die um Aufhebung einiger Ungleichheiten mit den Reformierten baten.

In seinen alten Tagen wurde er noch in die Wirren des Revolutionsjahres 1848 hineingezogen. Allerdings handelte es sich mehr um Gerüchte, die der Rentmeister Salzmann etwas aufgebauscht hatte. Es haben wohl einige Einwohner geäußert, er solle sein Pfarrland herausgeben und die Gebühren für Amtshandlungen herabsetzen. Aber Taten sind nicht gefolgt Jedenfalls fanden keine „öffentlichen Demonstrationen“ und keine „Katzenmusik“ statt, und schon gar nicht wurde der Pfarrer am 24. April von der Kanzel heruntergerissen oder Kirche und Pfarrhaus verwüstet, wie behauptet wurde.

Am 19. Sonntag nach Trinitatis 1852, dem 17.Oktober, wurde das 50 jährige Dienstjubiläum Wilhelm Habichts mit großer Teilnahme gefeiert und demselben von der hiesigen und eingepfarrten Gemeinden und dem Filialort Oberschönau ein silberner Pokal im Wert von 40 Talern verehrt. Als er am 17. Dezember (oder: 18. Dezember) 1853 starb, waren 107 Jahre lang Mitglieder der Familie Habicht lutherische Pfarrer in Steinbach-Hallenberg.

 

Visitation 1808:

Im Jahre 1805 war die Anweisung an die Kirchenväter neu gefaßt worden. Die Einrichtung der Kirchenväter ist alt und ist seit 1620 auch auf den Dörfern vertreten. Die Kirchenväter müssen sich nicht durch hohes Alter auszeichnen, wohl aber durch Rechtschaffenheit und verständige Denkungsart. Sie sollen für Zucht und Ordnung und geistliche Wohlfahrt sorgen. Ihre Aufgabe ist es vor allem, mit Übeltätern zu sprechen und sie gegebenenfalls dem Presbyterium anzuzeigen. Sie sollen nach Möglichkeit die Pfarrer und Lehrer kontrollieren, auf Verlobte und Eheleute und die Einhaltung der Feiertagsruhe achten.

Auch sollen sie sich um die Armen kümmern. Da sie das Verzeichnis der Abendmahlsgäste führen, konnten sie auch am ehesten Abendmahlsverächter melden. Sie mußten jedoch mit Behutsamkeit und Klugheit vorgehen und strenges Stillschweigen bewahren.

Eine wichtige Aufgabe hatten sie auch immer bei den Kirchenvisitationen. Sie wurden nämlich nach der Amtsführung der Pfarrer und Lehrer befragt und sollten Ordnungswidrigkeiten in der Gemeinde angeben. Bei der Visitation 1808 waren sie der Meinung, die Presbyterien könnten fleißiger und feierlicher gehalten werden. Pfarrer Habicht aber meinte, daß man mit einem Gespräch unter vier Augen weiter komme, als wenn man die Streitigkeiten (besonders unter Eheleuten) an die große Glocke hängt. Auch der reformierte Pfarrer meinte, sie hätten nur allerhand „Sächelchen“ vorgebracht.

 

An der Predigt des Pfarradjunkts Habicht über Matthäus 6,22 und folgende wurde von den Inspektoren lobend hervorgehoben, daß er die Natur als ein Mittel dargestellt habe, Religionserkenntnisse zu erlangen. Damit habe er dem in der Gemeinde herrschenden Vorurteil ent­gegengearbeitet, daß in einer Predigt nur von der christlichen Lehre geredet werden dürfe (heute denken wir darüber wieder differenzierter). Übrigens wurde der Kirche 1808, vielleicht aus Anlaß der Visitation, eine neue Bibel geschenkt von dem Hammergewerken Caspar Holland-Moritz.

Auch auf dem Friedhof gab es etwas zu kritisieren: Schon am 19. Januar 1804 war gegen eine entsprechende Gebühr erstmals ein steinernes Denkmal durch Siegmund Hollands Erben gesetzt worden. Nun wurde der „Unfug“ gerügt, daß Kreuze auf die Gräber gesteckt werden. Die Inspektoren untersagten es dem Totengräber, mußten aber noch am gleichen Tag erleben, wie unter ihren Augen ein Kreuz hinter dem Sarg her getragen wurde (um nachher aufgesteckt zu werden). Die Leute würden es als eine Beleidigung des Toten ansehen, wenn das Grab nicht durch einen Kranz gekennzeichnet würde.

Auch wegen der „Mischehen“ gab es Schwierigkeiten. Manche Eltern bestanden hartnäckig darauf, daß alle Kinder in der Religion des Vaters erzogen wurden. Pfarrer Lucan sollte Zuwiderhandelnde melden. Er war aber um des lieben Friedens willen bereit zu der Regelung, sich immer nach dem Vater zu richten; aber dann müßten auch die Mädchen reformiert werden, wenn der Vater reformiert ist. Schwierigkeiten gab es auch immer wieder in der Schule: In Unterschönau wollte 1816 ein Vater seinen Sohn lutherisch konfirmieren lassen, weil in der Schule nur der lutherische Katechismus gelehrt wurde und der Sohn sowieso wegen der häuslichen Verpflichtungen nur selten die Schule besuchen könne. Außerdem sähen die Lehrer den Unterricht der reformierten Kinder als Nebensache an.

 

Pfarrbesoldung 1808:

Die Pfarrer hatten früher kein festes Gehalt, sondern ihr Einkommens setzte sich aus verschiedenen Besoldungsstücken zusammen, die dann natürlich von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich waren. Auch bei mehreren Pfarrern in einer Gemeinde waren sie abweichend. Die lutherische Pfarrei Steinbach-Hallenberg war einigermaßen mit Einkünften ausgestattet, galt aber auch als eine der weitläufigsten (die Schönau gehörte ja dazu), beschwerlichsten und kostspieligsten Pfarreien. Die Haupteinnahmen waren die Gebühren aus Amtshandlungen, weil eben viele Amtshandlungen zu verrichten waren. Dazu kamen Leistungen aus der Gemeinde-und Kirchenkasse, das Pfarropfer an Michaelis, Äcker und Wiesen, zehn Klafter Brennholz forstfrei und Naturalien (Treber und Frischbier, Eier beim Gründonnerstagsumgang). Der Pfarrer hatte auch die Braugerechtigkeit, aber nach dem Brand von 1790 war das Back- und Brauhaus nicht wieder erstellt worden.

Zum Einkommen gehörte natürlich auch das Pfarrhaus mit geräumiger Scheune, Pferde-und Kuhstall, Holzstall und Gemüsegarten (eine zweite Scheune wurde nach Brand nicht wieder erneuert). Zu den Gebühren bei Amtshandlungen gehörten auch Patengebühr, ufgebotsgebühr, öffentliche Fürbitte, Zeugnisschreiben, Beichtgeld und Bußgeld (wenn ein Kind zu bald nach der Hochzeit kam).

Früher gab es bei der Hochzeit vier Kuchen, zwei Kannen Bier, zwei Ecken Brot, ein Stück rohes Rindfleisch und Suppe. Wenn bei einer Beerdigung ein Lebenslauf verlesen wurde, kostete das extra etwas. Meist verfaßte und verlas aber der Lehrer den Lebenslauf, die sogenannte „Parentation“. Die erste Parentation wurde am 27. Januar 1661 in Schmalkalden gehalten, als das Kind des Rentmeisters Lucan gestorben war. An sich sollte damit den Leichenbegleitern Dank gesagt werden.

Aber dann hielten die Lehrer meist eine über Gebühr ausgedehnte Rede, vermischt mit lateinischen Floskeln und Profangeschichten (nichtssagende Redewendungen und nichtreligiöse Geschichten), oft auch mit Rachereden gespickt.

Der reformierte Pfarrer hatte auch die Einkünfte aus Amtshandlungen, allerdings wesentlich weniger. Oft gingen die Gebühren aber wegen der Armut der Leute nicht in voller Höhe ein, der reformierte Pfarrer konnte nur mit sechs bis sieben Talern jährlich aus Gebühren rechnen (der lutherische dagegen 370 Taler). Er hatte auch Holz, Treber und Frischbier und natürlich seine Dienst­wohnung mit Scheune, Holzstall, Kuh- und Schweinestall, Back-und Waschhaus. Der Anteil der festen Besoldung in Geld war höher als beim lutherischen Pfarrer (besonders die Steuer aus den Wirtshäusern in Steinbach und Oberschönau und die Zuschüsse der Renterei), aber insgesamt stand der reformierte Pfarrer sich schlechter als der lutherische.

 

Kirchliche und sittliche Zustände in der Gemeinde:

Bei Taufen und Trauungen sammelte der Kantor (auf den Dörfern der Schultheiß) nach der Mahlzeit freiwillig Geld von Gästen, das er jährlich an die Gemeindekasse ablieferte (in sechs Jahren über 90 Taler), die davon die Reparaturen an den kirchlichen Gebäuden bezahlte.

 

Im Jahre 1767 wurde ein Steinbacher von einem Kindtaufschmaus weg zu den Soldaten eingezogen. Er verabschiedete sich mit dem Scherz, man möge das neu getaufte Mädchen für ihn erziehen und aufheben. Als er nach 20 Jahren in die Heimat zurückkehrte, führte er tatsächlich den Täufling von damals heim.

 

Seit 1811 dauerte die Prüfung der Kirchenrechnung (Mitte Januar) nur einen Tag, damit unnötige Ausgaben für die damit verbundene Schmauserei wegfielen. Für den von der Kurfürstin 1814 zur Unterstützung der freiwilligen Vaterlandsverteidiger gegründeten Frauenverein wurden auch in Steinbach Beträge gesammelt. An sich sollten das die Pfarrer machen, aber der Schultheiß hatte schon fast alles vorher erledigt. Es kamen 69 Gulden und Sachspenden zusammen.

Bei Aufgeboten wurde eine genaue Reihenfolge festgelegt. Nun wollte jeder aber gern der Erste sein. Viele erkundigten sich, ob nicht schon die Trauung eines Vornehmeren vorgesehen war. Im Jahre 1814 wollte sogar ein Handelsmann das Eheprotokoll wiederhaben, weil sich nach ihm noch ein Hammermeister gemeldet hatte. Doch der Pfarrer gab es ihm nicht, weil das ja die Auflösung der gerade erst geschlossenen Ehe bedeutet hätte.

Bei der Visitation am 9. Oktober 1814 wurde darüber geklagt, daß die Wirtshäuser während des Gottesdienstes geöffnet haben und dann auch oft bis zum hellen Morgen geöffnet bleiben. Nach einer Anzeige beim Amtmann sollen sich aber die Zustände aber merklich gebessert haben.

Am 9. März 1815 beschwerte sich Pfarrer Habicht beim Konsistorium, weil zwischen den Gottesdiensten am Sonntag Hochzeiten gehalten und deswegen die Gottesdienste versäumt würden. Manchmal wurde schon während des Vormittagsgottesdienstes gefeiert. Früher waren Hochzeiten an Donnerstagen und Taufen gleich nach der Geburt. Nun aber wartete man damit bis zum Sonntag, so daß oft sieben oder acht Taufen am Sonntag vorkamen.

Im Jahre 1815 wurden auch die Vormundschaftssachen neu geordnet. An sich waren Nachbarn und Freunde verpflichtet, die Vormundschaft für Waisen zu übernehmen, haben es aber oft nicht getan. So wurde diese Aufgabe den Pfarrern zur Pflicht gemacht.

Wenn sich bei der Taufe eines Kindes herausstellte, daß es zu bald nach der Hochzeit geboren worden war, machte der Pfarrer dem Justizamt Mitteilung. Bei unehelichen Kindern fragte der Pfarrer nach dem Vater und meldete ihn dem Justizamt. Erst nach Ablegung der Buße wurden die Betroffenen wieder zum Abendmahl zugelassen.

 

In Hessen hatte eine Frau fünf Männer. Aber sie hat von keinem eine Ohrfeige bekommen. Im Schmalkaldischen heißt es dagegen: „Ä paar Schlä‘ macht die Lie plas friesch!“ (Ein Paar Schläge machen die Liebe bloß frisch!

 

Am 21. Dezember 1816 wurde zum ersten Mal nach 15 Jahren wieder ein Presbyterium auf dem Amt gehalten. Künftig sollte es alle Vierteljahr stattfinden. Teilnehmer waren der Amtmann und der Amtssekretär und die Pfarrer und Kirchenväter aus dem ganzen Amt. Es wurden zunächst allerhand Vorschläge zur Verbesserung in liturgischer Hinsicht und Abstellung von kirchlichem Unfug gemacht. Sodann wurden einzelne Parteien vorgenommen und zu­recht­gewiesen, eheliche Uneinigkeiten beigelegt und ausgesöhnt, Grobheiten und Ungezogenheiten gegen Eltern verwiesen, liederliche Haushälter und dem Trunk Ergebene verwarnt, schlechten Kirchgängern und Abendmahlsverächtern ihr Unrecht vorgehalten und was der gleiche Fälle mehr waren.

 

Feier des Reformationsfestes 1817:

Ein ganz großes Ereignis war die Feier des 300. Reformationsjubiläums. Mehrere, zum Teil ausführliche Berichte, liegen uns darüber vor. Besonders der junge Pfarrer Habicht setzte sich sehr für eine würdige und eindrucksvolle Feier ein. Am 8. September 1817 schrieb das Konsistorium: ,,Wenn in den Städten die Prediger sich bewogen fühlen, das Sakrament gemeinschaftlich auszuteilen ............“. Als das Schreiben des Konsistoriums vom 8. September 1817 bekannt wurde, betrat Habicht am nächsten Sonntag die Kanzel in Oberschönau (das er damals betreute) mit den Worten: „Siehe, ich verkündige euch große Freude!“ Er benutzte fortan jede Gelegenheit, die Kenntnis von dem Reformationsgeschehen zu verbreiten. Im Kirchspiel wurden von den Pfarrern freiwillige Kollekten erhoben zur Reinigung und Ausschmückung der Kirche (sie wurde praktisch innen renoviert) und zur Anschaffung verschiedener „Symbole“ der Reformation. Es wurde ein gemeinschaftlicher Gottesdienst beider Konfessionen beschlossen.

Heppe schreibt in seiner Kirchengeschichte, nur in Kassel und im Schmalkaldischen sei man der Empfehlung des Konsistoriums nicht nachgekommen. Doch in Steinbach war ein gemeinsamer Gottesdienst möglich, weil die Pfarrer ein gutes Verhältnis zueinander hatten (Vater und Sohn bzw. Schwiegersohn). Pfarrer Habicht junior entwarf den Plan für die Feier, bei der alles anders gemacht werden sollte als sonst üblich. Der reformierte Pfarrer räumte dem lutherischen die Predigt ein, weil er der ältere war und die Lutheraner die Mehrheit stellten. Dafür nahm der Festzug vom reformierten (herrschaftlichen) Pfarrhaus seinen Anfang; Pfarrer Lucan hielt auch die Eingangsrede. Am Vortag wurden noch einmal alle Amtsträger besonders eingeladen. die meisten Schulkinder kauften eine Gedenkmünze, die in Mehlis geprägt worden war. Ein kurzer Lebenslauf Luthers in altdeutscher Sprache (Original in der Bibliothek Gotha) wurde noch schnell gedruckt und verteilt.

 

 

 

Am Sonnabend, dem 30. Oktober, wurde dann um 12.00 Uhr, 12.30 Uhr und 13.00 Uhr das Fest mit allen vier Glocken eingeläutet. Auch um 18 Uhr wurde wieder geläutet und das vierstimmige Lied: „Ach bleib mit deiner Gnade“ vom Turm gesungen, von sanften Blasinstrumenten begleitet. Dazu wurde eine Stunde lang das Amtshaus erleuchtet und alles Lärmen und Arbeiten auf den Straßen wurde eingestellt.

Um Mitternacht wurde in der Mitte des Ortes, vor dem Haus des Kohlmanns Heller, von einigen jungen Burschen in aller Stille eine Eiche gepflanzt, die den Namen „Luther-Eiche“ führen sollte. Von hier aus gingen die Nachtwächter los und sangen ein Lied zum Reformationsfest. Das lutherische Pfarrhaus wurde erleuchtet.

Bei Anbruch des Tages weckte der Ton der großen Glocke die Schläfer. Vom Turm wurde gesungen: „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, begleitet von Blasinstrumenten. Um 8 Uhr wurde zum ersten Mal mit allen Glocken geläutet. Das war das Zeichen für die Schulkinder, sich in der Wohnung ihres Lehrers zu versammeln. Sie hatten sich mit Kränzen, Bändern und der Festmedaille geschmückt. Auch auf den Dörfern kamen die Kinder derart geschmückt zusammen und wurden mit dem Gesang „Erhalt uns deine Lehr“ und unter Glockengeläut paarweise durchs Dorf nach Steinbach geführt.

Beim lutherischen Pfarrhaus versammelten sich die Kirchenväter und alle früheren und gegenwärtigen Heiligenmeister (etwa 30) in ihren Festgewändern oder kirchlichen Ehrengewändern. Sie nahmen die Symbole des Festes entgegen: eine von Bildhauer Döll in Gotha verfertigte Büste Luthers aus Gips, einen Abendmahlskelch, eine schwarz eingebundene Bibel und einen ebenso eingebundenen Katechismus. Diese wurden in feierlichem Zug zu einem Tisch gebracht, der neben der neu gepflanzten Eiche aufgestellt worden war und mit einem schwarzen Tuch behangen war. Zunächst wurden sie mit einem weißen Tuch bedeckt und um den Tisch zwei Kreise gebildet, ein engerer und ein weiterer. Beim zweiten Läuten um 8.30 Uhr versammelten sich auf dem Markt die Schulkinder mit ihren Lehrern und die Schulen der drei eingepfarrten Orte. Im reformierten Pfarrhaus versammelten sich die Amtsträger und Pfarrer, in der Gemeindestube im Oberwirtshaus die Schultheißen und Gemeindevorstände. Nach dem dritten Läuten um 9 Uhr traten die Amtsträger aus den Häusern und Pfarrer Lucan sprach mit kräftiger Stimme einen Morgengruß.

Dann bewegte sich der Zug in feierlicher Stille nach der Mitte des Ortes zu: zuerst die Schulen aus den Dörfern, dann die Steinbacher Schulen, dann die Pfarrer und weltlichen Amtsträger und schließlich dann die übrige Gemeinde. Als sich der Zug der Eiche näherte, öffnete sich der Kreis der Kirchenväter, und die Pfarrer traten an den Tisch. Pfarrer Habicht junior sprach über die Eiche und die Symbole. Sein Vater nahm dann die Bibel, sein Schwager Lucan den Kelch und Katechismus und er selbst die Lutherbüste. Unter dem Gesang des Reformationsliedes „O Herr, dein seligmachend Wort war lang verdunkelt blieben“ und unter dem Geläut der Glocken zog man in die Kirche, die einfach geschmückt war. Die Lutherbüste wurde mitten auf den Altar gestellt, davor die Bibel, rechts davon der Kelch und links der Katechismus.

Die Amtsträger nahmen vor dem Altar Platz, die Kinder um den Altar. Nach dem ersten Lied holte Habicht junior eine brennenden Kerze hervor und stellte sie auf ein zierliches Podest auf dem Altar, zitierte Matthäus 5, Vers 15 und wandte den Spruch auf die Symbole an, die mit Lorbeer-und Eichenkränzen geziert wurden. Nach dem „Gloria“ sprach der reformierte Pfarrer Lucan das Eingangsgebet, wobei die beiden Habichte zu beiden Seiten des Altars niederknieten. Nach einer Dankkantate sprach Pfarrer Lucan „über den Eifer, der damals vor 300 Jahren die Reformation belebte“. Er kam auch auf das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu sprechen, das anschließend gesungen wurde.

Die beiden jüngeren Pfarrer schlugen den Festtext in der Bibel auf und überreichten sie dem älteren Habicht, der damit auf die Kanzel stieg und zunächst Offenbarung 14, Vers 6 kurz durchging und dann den vorgeschriebenen Text Johannes 8,31 - 32 auslegte. Er warnte vor unwürdiger Feier des Jubelfestes, fügte eine kurze Erzählung des Lebens Luthers mit ein und schloß mit dem vorgeschriebenen Gebet. Abendmahl konnte angeblich deshalb nicht stattfinden, weil man ja noch nach Oberschönau mußte. Pfarrer Lucan dagegen schreibt auch, daß die „besonderen Predigerverhältnisse“ es noch nicht gestatten wollten, daß das Heilige Abendmahl schon an diesem Tage hätte gemeinschaftlich ausgeteilt werden können.

Habicht junior sang das Schlußgebet und die Gemeinde antwortete mit einem kräftigen „Amen“, so als sei diese Sitte schon immer an der Tagesordnung gewesen. Die Pfarrer nahmen dann die Symbole, trugen sie durch die Kirche auf den Kirchplatz, wo noch „Nun danket alle Gott“ gesungen wurde. Am Nachmittag hielt Pfarrer Habicht senior den Gottesdienst, die beiden anderen Pfarrer waren in Oberschönau, wo der Kelch zum gesegneten Gebrauch eingeweiht wurde und wo die Kirche festlich erleuchtet wurde. Ruhe und Stille herrschten den ganzen Tag und bis zur Nacht. In den Wirtshäusern waren nur kleine Gesellschaften. Nach dem Abendgebet war eine Stunde lang das reformierte Pfarrhaus erleuchtet. Neben mehreren Bäumen (Nachtrag: welche aber großenteils nicht mehr stehen) wurde zum Andenken eine Linde unter die sogenannte „Kehrslinde“ gesetzt.

So feierte nicht die lutherische oder die reformierte Gemeinde ein Fest, sondern alle evangelischen Christen begingen den 300. Jahrestag der Reformation. Die Büste Luthers wurde dann 14 Tage später vom jungen Pfarrer Habicht auf der Kanzel an der Säule aufgestellt. Dort befand sie sich bis 1945. Die Feier des Reformationsfestes wurde Anlaß zu einem Versuch, die beiden Kirchen überhaupt zu vereinigen. Dieser Wunsch war schon im Schreiben vom 8. September ausgedrückt worden. So unternahm man auch in Schmalkalden einen Versuch.

 

Unionsversuch 1817 / 1818.

Die Schmalkalder Pfarrkonferenz arbeitete sogleich einen Einigungsentwurf aus, den die Steinbacher Pfarrer aber nur mit der Bemerkung unterschrieben, es dürfe an den Besoldungen nichts geschmälert werden (von dem Gehalt Habichts senior mußte ja auch noch der junge Habicht leben). Am 15. Januar 1818 wurden den Pfarrern in Schmalkalden die in Kassel ausgearbeiteten Vergleichspunkte mitgeteilt. In Steinbach drückten die Kirchenväter ihre Zu­friedenheit mit dem Plan einer Union aus: Sie könnten nichts finden, was gegen die bisherige Form des Glaubens oder die Art des Gottesdienstes verstoße.

Pfarrer Lucan machte konkrete Vorschläge: Der reformierte Pfarrer übernimmt allein den Konfirmandenunterricht und die Verwaltung, der lutherische die Amtshandlungen. Abendmahl müßte in dreiwöchigem Rhythmus stattfinden (wegen Oberschönau), bei gemeinschaftlichen Dingen hätte der ältere Pfarrer den Vorrang. Auf einer Synode am 14. September 1818 wurde dann über die „Hanauer Artikel“ beraten, die dort zu einer Union geführt hatten. Der ältere Habicht schlug dabei vor, beim Abendmahl möchte man ein Mittelding zwischen Brot und Hostie mit aufgedrucktem Kreuz verwenden.

Aber zu einer tatsächlichen Einigung kam es in der Herrschaft Schmalkalden nicht. Dadurch erlahmte der Schwung der Begeisterung, der sich nach den Freiheitskriegen ergeben hatte und der sich auch auf das kirchliche Gebiet ausgedehnt hatte. Mit dem Fortschreiten der Reaktion auf staatlichem Gebiet wurden auch von oben die Unionsversuche abgewürgt. Nur einzelne Pfarrer setzten sich noch für die Sache ein.

Dennoch wurde noch 1823 von oben angeordnet, die Pfarrer möchten sich beim Predigen abwechseln, damit die Gemeinden daran gewöhnt werden. Pfarrer Habicht berichtete gleich, er habe oft mit seinem Schwager Lucan gewechselt, auch bei Beerdigungen und sogar bei Kindtaufen. Da Lucan kränklich war, sollte Habicht auch das Abendmahl halten, aber der reformierte Kirchenvater hintertrieb das. Es wurden aber zum Beispiel reformierte Gemeindeglieder zum lutherischen Abendmahl zugelassen. Am Trinitatissonntag 1824 teilten der reformierte Pfarrer Wepler aus Herrenbreitungen und der 70jährige Pfarrer Habicht das Abend­mahl gemeinschaftlich aus; nachmittags taufte der junge Pfarrer Habicht in Gegenwart Wep­lers die Tochter des reformierten Amtssekretärs Fritz.

Doch schon 1825 wurde deutlich, daß die Inspektoren (wohl auf Weisung von oben) gegen die Union waren und alles nur auf kleiner Flamme weiterkochen lassen wollten. Am 29. Juni mußten sich die interessierten Pfarrer privat bei einem Kirchenvater in Floh treffen. In Floh wurde auch der Umschwung deutlich: Im Jahre 1825 hatte man einen „evangelischen Pfarrer“ dorthin gesetzt. Viele Gemeindeglieder begrüßten das und setzten sich aktiv für die Union ein.

Doch reformierte Gemeindeglieder baten den Steinbacher Pfarrer Kümmel um das reformierte Abendmahl in Floh, weil sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr zum Abendmahl gegangen waren. Als dann der „evangelische“ Pfarrer Fuckel wieder abberufen wurde, war die Sache praktisch entschieden. Jedesmal wenn eine Inspektorenstelle frei wurde, hoffte man wieder, es könne doch noch zu einer Union kommen. In Steinbach ging es weiter bei den Amtshandlungen hin und her. Doch 1840 beschloß das Konsistorium, daß die Vereinigung „bei den eingetretenen Hindernissen bis auf Weiteres ruhen soll“. Dabei ist es auch fast 100 Jahre geblieben.

 

Bausachen und Visitation 1821 / 1822:

Am 25. Januar 1819 wurde ein neues Eingangstor am Friedhof eingehängt. Am selben Tag nachmittags wurde die Gattin des Pfarrers Habicht begraben und als Erste durch dieses Tor getragen (von den Heiligenmeistern und unter Geleit der Kirchenväter und Lehrer).

In der Nacht vom 2. zum 3. März 1820 erhob sich ein heftiger Sturmwind mit Schneegestöber, der einige Tage dauerte und viele Dächer beschädigte. Auch am Pfarrhaus und an der Scheune wurden sehr viele Ziegel herabgerissen und weggeschleudert. An manchen Stellen wurde der Schnee fast zwei Meter hoch zusammengetrieben. Mitte Juni 1821 wurde mit der Reparatur der Kirche begonnen. Auf der Seite nach dem Kantorat zu war sie seit etlichen Jahren sehr schadhaft geworden. Durch den eindringenden Regen waren die Dachpfeiler und die Seitenwand und das Gebälk verfault und auseinander getreten.

Am 6. Sonntag nach Trinitatis, dem 29. Juli, wurde das Innere der Kirche durch den vielen Regen stark unter Wasser gesetzt, weil das Dach teilweise offen stand. Während des Gottesdienstes war das Geplätscher des Regens auf das Gebälk und die Stühle so stark, daß man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Dennoch wurde Gottesdienst gehalten. Trotz fast ständigen Regens konnte im Herbst die Kirchenreparatur vollendet werden.

Aber die Orgel, die schon den ganzen Sommer geschwiegen hatte, konnte nicht repariert werden, weil das Geld fehlte. Zwischen Osten und Himmelfahrt 1822 wurde die Orgel aber nach 30 Jahren wieder einmal gründlich repariert durch den Orgelbauer Holland aus Schmiedefeld. Sie wurde noch mit zwei neuen Registern versehen und war nach dem Urteil der Kenner ganz gut ausgefallen. Die Gesamtkosten von 230 Gulden mußten von den Gemeinden getragen werden.

Wegen der Kirchenreparatur war die Visitation um ein Jahr verschoben worden. Nun wurde sie am 9. Sonntag nach Trinitatis, den 4. und 5. August 1822 durchgeführt, verbunden mit dem 50jährigen Amtsjubiläum des älteren Pfarrers Habicht. Er predigte über die Rechenschaft, die jeder Christ ablegen muß, und versuchte auch über sein Wirken als Prediger Rechenschaft abzulegen. Nach der Predigt wurde die Jugend von den Pfarrern geprüft und Inspektor Kümmel hielt die Schlußrede (er wohnte übrigens beim lutherischen Pfarrer, weil er wegen eines Fußleidens schlecht laufen konnte). Nach einer neuen Verordnung war auch der Kreisrat bei der Kirchenvisitation und der Schulvisitation am nächsten Tag zugegen. Bald danach wurde verfügt, daß keine kleinen Kinder als Paten genommen werden dürfen, wie das in Steinbach Sitte geworden war (auch 1852 hieß es, daß nur Konfirmierte als Paten in Frage kommen).

 

 

Moritz Friedrich Kümmel, reformierter Pfarrer                                             1825 - 1850

Pfarrer Lucan litt seit Pfingsten 1823 unter einer Art Geisteszerrüttung, so daß er in den Ruhestand hätte versetzt werden müssen. Zumindest ein Gehilfe wurde nötig. Aber ein möglicher Kandidat wurde vom Konsistorium abgelehnt, weil er die Anstellungsprüfung noch nicht abgelegt hatte. Lucan konnte allerdings noch Mitte 1824 seine Predigt durchaus ordentlich vortragen und auch ein Gespräch führen. Es war wohl mehr eine Schwermut, die ihn befiel. Er hatte das Gefühl, seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein. Am 21. Oktober 1824 starb er, am 23. Oktober wurde er beerdigt.

Nach längerer Vakanz wurde der Sohn des Inspektors Kümmel vom Konsistorium gebeten, die Stelle zu übernehmen. Der Kreisrat aber machte den Vorschlag, die Einkünfte für die Anstellung eines dritten Lehrers zu verwenden, der dann im Verhinderungsfall den Pfarrer vertreten sollte. Der Inspektor lehnte aber ab, weil er seinem Sohn schon Hoffnung auf die Stelle gemacht hatte und weil die Arbeit zu umfangreich war.

Moritz Friedrich Kümmel war der zweite Sohn des reformierten Inspektors Heinrich Kümmel in Schmalkalden. Am 11. Juli 1802 wurde er in Schmalkalden geboren, besuchte das reformierte Lyzeum in Schmalkalden und studierte drei Jahre in Marburg. Dort machte er am 27. September 1824 sein erstes (Universitäts-) Examen und am 1. Februar 1825 sein zweites (kirchliches) Examen in Kassel. Am 10. August 1825 wurde er auf die reformierte Pfarrstelle in Steinbach berufen, am 30. September ordiniert und am 1. Sonntag nach Trinitatis eingeführt von seinem Vater Inspektor Kümmel, und dem lutherischen Inspektor Löber von Schmalkalden.

Mit der reformierten Predigerstelle wurde bei ihrer letzten Wiederbesetzung im Jahre 1825 zugleich das Rektorat der hiesigen Schule verbunden. Vom 29. September 1828 bis 30. Juli 1940 war er zugleich Rektor der Knabenschule und hielt auch täglich dort Unterricht. Er unterrichtete eine aus Jungen und Mädchen gemischte Oberklasse in Religion und Deutsch. Er gab das dann aber wieder auf, weil er keine Vergütung für dieses „Rektorat“ erhielt. Nach dem Urteil eines späteren Pfarrers war er ein „Sitten-und Haushaltsprediger, der von Christus, dem Gekreuzigten, nicht viel wissen wollte“, Er wurde aber von der Gemeinde hoch geachtet. Berühmt war er durch sein außerordentlich gutes Namens-und Zahlengedächtnis, denn er wußte die Vor- und Zunamen und Geburtstage der meisten Gemeindeglieder.

Am Pfarrhaus wurde in seiner Zeit viel gebaut. Es war sehr zweckmäßig eingerichtet und eines der schönsten in der Inspektur. Im Jahre 1834 wurden nach einigem hin und her das Waschhaus und der Backofen abgerissen. Gewaschen wurde nun in der Küche im Haus und gebacken im Gemeindebackhaus.

Kartoffelernte Ende September 1898 im oberen Pfarrgarten

 

In jener Zeit entspann sich auch ein Streit um die Besoldung. Die bürgerliche Gemeinde wollte nicht zahlen, vor allem der Wert der Grundstücke und des Besoldungsholzes war umstritten. In den Jahren seit 1829 entspann sich ein Streit um die Grundstücksgrenze nach dem Haus Hauptstraße 134 zu. Schließlich einigte man sich an Ort und Stelle und setzte neue Steine. Etwa zwei Ruthen kamen wieder zum Pfarrgarten, aber auch der Nachbar behielt seinen Weg zum Wasser der Hasel. Bis zum Jahre 1836 wurden noch Schreiben hin und er gewechselt, zuletzt nur noch über die Bezahlung der Gebühren, bis dann ein Steuerinspektor auf die Einziehung der letzten 3,5 Groschen verzichtete. Pfarrer Kümmel wurde im Mai 1850 auf die reformierte Pfarrstelle in Floh versetzt, wo er am 2. Februar 1863 (oder 1864) starb.

 

Turmknopfreparatur 1829, 1837 und 1848:

Im Jahre 1829 mußte der Kirchturm und besonders der Knopf zum dritten Mal repariert werden. Schieferdecker waren Kilian Mayenkranz aus Walldorf, der nur zwei Jahre als Handlanger bei einem Schieferdecker gearbeitet hatte, und der Strumpfmacher Franz Peter Diby, der 1808 in Flensburg geboren wurde, aber in Steinbach aufwuchs (seine Mutter war aus Oberschönau gebürtig). Am 8. September 1829, dem Tag nach dem jährlichen Kirchweih-Markttag, wurde der Knopf wieder aufgesteckt.

Am Tage nach dem jährlichen Kirchweih-Jahrmarkt, dem 8. September 1829, schreibt Pfarrer Habicht in der Tujrmknopfurkunde: „Der junge Bursche‚ der dieses Mal die Reparatur des Kirchturms unternommen hat, ist der Strumpfmacher Franz Peter Diby gewesen. Er wurde 1808 in Franzburg geboren, aber hier in Steinbach erzogen, da seine Mutter Anne Regine Preiß aus Oberschönau stammt. Als Schieferdecker hat er, ohne den geringsten Unterricht genossen zu haben, mit großer Geschicklichkeit sogleich die erste Probe an dem hiesigen Turme zur Bewunderung aller glücklich abgelegt. Dies wäre nun schon die dritte Reparatur an dem Turmknopf - möge diese höchstgefährliche Arbeit in vielen vielen Jahren nicht wieder nötig sein und werden. Gott gebe, daß der mutvolle Jüngling Diby auch diese glücklich vollenden und seine gelieferte Arbeit für gut und tüchtig befunden werden möge!!!“

 

Schon im Jahre 1837 wurde eine Ausbesserung an Turm, Knopf und Fahne für nötig erachtet und von demselben mutigen, uneigennützigen Jüngling Franz Diby von hier unternommen und glücklich ausgeführt (Anmerkung: Am Jubelfeste der Übergabe der Augsburgischen Konfession stellte Diby in der Mitternachtsstunde eine Freudenfahne an der äußersten Spitze des Turms auf).

Diby befuhr nicht nur den Turm, sondern gab auch dem Achteck über dem Umgang auch ein freundliches Kleid mit Weiß und Gelb, brachte Schein-Fenster an, vergolde den Knopf, zierte die Fahne und schmückte diese mit einem durch Firnisüberzug gegen Nässe geschützten Band. In der Eile vergaß allerdings, die Kapsel mit den Urkunden wieder in den Turmknopf zu legen, als dieser am 23. Oktober 1837 wieder aufgesteckt wurde.

Er hat es nachher immer noch nachholen wollen, aber leider ist es unterblieben. Ja, am 5. Juni 1848 ist er, nachdem er die Kirchturmreparatur in Brotterode bereits glücklich vollendet und nur noch eine geringe Arbeit am dortigen Kirchendach  hat vornehmen wollen, aus allzugroßer Unvorsichtigkeit und Kühnheit heruntergestürzt und auf der Stelle tot gewesen. Er wurde dort feierlich beerdigt und von dem dortigen lutherischen Pfarrer Peter Ilgen mit einer sehr schönen Leichenrede beehrt, die er auch in jeder Hinsieht verdient hat.

Er war wegen seiner Geschicklichkeit und Gefälligkeit allgemein beliebt und darum auch allgemein beweint. Am 6. November 1848 legte der Schieferdecker Kilian Mayenkranz aus Walldorf die Kapsel wieder in den Knopf.

 

Franz Diby hat im ViernauerTurmknopf seinen Lebenslauf hinterlegt, der in Abschrift auch bei den Turmknmiopfurkunden in Steinbach vorhanden ist. Diby war 26 Jahre alt, als er folgendes niederschrieb: „Ich als Schieferdecker mache der Nachwelt noch folgendes bekannt: Als ein Soldatenkind wurde ich geboren zu Franzburg, erzogen bei Bremen in der Heide bis in mein sechstes Jahr, von da an bis zum elften Jahr von meiner Mutter in der Welt herumgeschleppt, von einem Schweinestall zum andern (und von einer Scheune zur andern), und in Morast, Kälte und Nässe mußte ich daselbst die Nächte verbringen, so daß ich nicht glaubte, den morgenden Tag erreichen zu können.

Dies ging unaufhörlich fort bis wir endlich in meiner Mutter Geburtsort in Oberschönau, in meinem 12.Jahre, ganz elend ankamen. Hier erfuhr ich erst, wo man sich zu allererst hinzuwenden habe, um Gott und sein Wort kennen zu lernen. Ich hörte von anderen Kindern oft sagen: „Ich will in die Schule!“ Hierauf fragte ich einst meinen Vetter Caspar Recknagel, warum die anderen Kinder in die Schule gingen. Er gab mir die Antwort: „Sie lernen Lesen, Rechnen etc.!“ und sagte dann zu mir: „Warum hast du mir das nicht schon lange gesagt, ich glaubte, du bist schon lange aus der Schule!“Auf einmal erschrak ich und es war, als fiele mir ein Stein aufs Herz und konnte kein Wort sprechen. Mein Vetter kaufte mir hierauf ein ABC-Buch und schickte mich hierauf in die Schule.

Diese konnte ich aber freilich sehr wenig besuchen, denn ich mußte erst bei einem Nagelschmied mit zuschlagen, und wenn dies vorüber war, dann konnte ich auch zur Schule gehen, welches wöchentlich kaum zweimal geschehen konnte. Die anderen Bücher, die ich in der Schule brauchte, mußte ich borgen. In meinem 14.Jahre sollte ich zur Konfirmation schreiten, aber ehe dieses geschah, vermietete mich meine Mutter an einen Hirten in Zella. Von hier aus kam ich nach Steinbach und hier erst wurde ich konfirmiert. Von hier aus kam ich nach Stutzhaus und wurde Schmierbrenner, und mußte zugleich die Schafe hüten.

Auf einmal machte mir meine Mutter den Antrag, Schuhmacher zu werden. Da ich aber kein Lehrgeld aufzubringen wußte, so fing ich von selbst an, Schuhe zu flicken und neue zu machen (späterhin auch neue zu machen).

Dies gefiel mir aber nicht, und es wurde in mir der Gedanke rege, ein Schneider zu werden, weil aber auch hierzu die Mittel und das Zutrauen der Leute fehlten, so ging ich auch hiervon wieder ab. Jetzt aber auf einmal wandte sich alles anders. Ich fand einen Meister in Sebastian Habbich in Steinbach, bei welchem ich auch das Strumpf­weber-Handwerk erlernte und auch sieben Jahre betrieben habe. Aber auch hiervon mußte ich abgehen, indem die Mittel fehlten mir, das nötige Werkzeug anzuschaffen, und wurde hierauf ein Maurer und Tüncher zugleich, wobei ich aber auch zugleich die Malerei betreiben lernte.

Späterhin lernte ich auch von selbst die Gärtnerei, das Sattlerei (Sattlerhandwerk), das Uhrmachen, das Tischlerhandwerk und Zimmerhandwerk, das Dachdecken und zuletzt das Schieferdecker-Handwerk betreiben zu können, welches ich auch jetzt betreibe. (Noch bemerke ich der Nachwelt‚ daß ich den Türknopf in dem Hause Nr. 27 in welchem Peter Schenk, Juliana Margaretha dessen Frau, und Eva Rosina, deren Töchterlein, ferner Otto Heinrich Hoffmann, und dessen Frau Catharina Barbara, wohnten, vergoldet und verschönert habe). Viernau, den 5. April 1834.

                                                                                                                      Franz Peter Diby.

(Handschriftlich: Den Akten des Turmknopfes beigelegt am 12.8.1933, Ernst Menz, Lehrer. Ergänzungen aus der Sonderausgabe des Kreis- und Suhler Beobachter „Was der Turmknopf zu erzählen hat“, zusammengestellt nach 'hohen' Dokumenten von Lehrer Menz, Steinbach-Hallenberg. Dieser Text stimmt überein  mit dem Abdruck in „Henneberger Heimatblätter“, Beilage zur „Suhler Zeitung“, November 1933, Nummer. 11, Seite 7).

 

Da die Gemeindekasse außerstande war, die erforderlichen Reparaturkosten zu tragen, so veranstaltete Pfarrer Habicht eine freiwillige Kollekte unter den wohlhabenden hiesigen Ortsbürgern, die laut beiliegendem Verzeichnis 9 Taler 6 Groschen 4 Heller betrug.

Pfarrer Habicht schreibt am 21. September 1837: „Bei der gegenwärtig höchst nötigen Reparatur unserer Turmfahne kann es nur als sehr wünschenswert erscheinen, daß sie zugleich neben Knopf und Sonne frisch vergoldet werden möge. Der Kostenaufwand dafür beträgt 29 Taler. Die hiesige Gemeindekasse ist außer Stand, diesen zu tragen. Durch freiwillige Beiträge könnte der Betrag leicht aufgebracht werden. Die Gemeinden Oberschönau und Springstille sind uns hierin ein leuchtendes Beispiel. Von gleichem Gemeinsinne belebt bringe, wer kann und will, der Zierde unsres schönen Turmes ein kleines Opfer. Das Verzeichnis der freundlichen Geber soll in dem Knopfe für die Nachwelt aufbewahrt werden.“

Es  unterzeichnen: Pfarrer Habicht, Vize-Bürgermeister Holland, Pfarrer Kümmell und  weitere Einwohner, sie bringen insgesamt 9 Taler, 6 Heller und 4 Pfennige auf und für Schmieröl für die Fahne 12 Heller.

Die jungen Burschen haben auf Wunsch von Herrn Pfarrer Habicht 1 Taler, 7 Heller,  7 Batzen für  die Verschönerung und Vergoldung des Knopfes gegeben (es folgen 21 Namen).

Eine dritte Liste in kleinerem Format enthält 32 Namen und erbringt 1 Taler, 13 Heller, 15 Batzen. Die jungen Mädchen beschafften aus eigenen Mitteln ein Paar Schuhe und Strümpfe, eine Weste und Halstuch für den Schieferdecker Diby. Die Listen der Spender befinden sich noch heute im Turmknopf.

 

Friedhöfe 1829:

In Rotterode wurde zuerst der Wunsch laut, einen eigenen Friedhof zu haben. Man wollte auch weiter dem Pfarrer die volle Gebühr zahlen, selbst wenn der Lehrer die Beerdigung halten sollte. Wenn der Pfarrer aber selber käme, sollte er ein besonderes Wegegeld erhalten. Nur der (Steinbacher) Kantor und Organist sollten keine Gebühren mehr erhalten (nur noch die gegen wärtigen Stelleninhaber), sondern der Lehrer, der dann in Rotterode spielt.

Die Inspektoren schlugen vor, dann gleich in Altersbach und Unterschönau eigene Friedhöfe anzulegen. Sie wiesen auch darauf hin, daß für den Pfarrer Schwierigkeiten entstehen könnten, weil er dann unter Umständen in fünf Orten Beerdigungen zu halten hätte. Zumindest müßten Steinbach und Oberschönau den Vorrang haben, bei den anderen Orten sollte es nach der Reihenfolge der Anlage der Friedhöfe gehen.

Damit mußten sich die Leute auf den Orten abfinden, die schon manchmal ungehalten waren, wenn der Pfarrer wegen anderer Dienste am Sonntag ablehnte (Sie sagten dann etwa: „Wer nicht arbeitet, den brauche ich auch nicht zu lohnen“). Der Friedhof in Rotterode wurde am 5. Juli 1829 angelegt und 1845 und 1900 erweitert. Auch Altersbach erhielt 1829 einen Friedhof, für dessen Erweiterung 1861 ein  Stück Land der Schulstelle gebraucht wurde.

Vorher wurden die Toten aus den Dörfern in Steinbach beigesetzt und die Hauptkirche oder die Friedhofskirche benutzt. Steinbacher Beerdigungen wurden nur bei schlechtem Wetter oder bei Doppelbeerdigungen in der Friedhofskirche vorgenommen. Auf dem Steinbacher Friedhof waren einige Mißstände eingerissen. Im Jahr 1826 wurde vom Kreisrat gerügt, daß bei einer Beerdigung ein Junge barfuß und „fast bedeckungslos“ das Kreuz getragen habe.

 

Im Jahre 1837 trugen bei der Beerdigung des zweijährigen Kindes eines ehemaligen Soldaten einige gerade auf Urlaub in Steinbach weilende Soldaten den Sarg. Sie waren allerdings ziemlich betrunken und nur ein gewöhnlicher Soldat gab so die Kommandos, daß die Leute dabei lachen mußten. Daraufhin wurde das Begleiten von Leichen durch Soldaten in Uniform verboten.

Die Anschaffung eines allgemeinen Leichentuches wurde 1846 abgelehnt. Zwar hatte jede Zunft ein eigenes Tuch. Aber ein Einwohner wie der Schreiber Werner gehörte ja keiner Zunft an und konnte nur unter Schwierigkeiten und für Geld das Tuch der Nagelschmiedezunft leihen.

 

Aus der Chronik von Rotterode

 

Auch mit den „Parentationen“gab es Schwierigkeiten. Seit 1839 mußten die Lehrer den Text vorher dem Pfarrer vorlegen. Am 13. August 1862 wurden dann Grundsätze für das Aufstellen der Personalien festgelegt: Es werden nur die Personalien und höchstens noch besondere Schicksale genannt. Über den Glaubensstand und sittlichen Wert des Verstorbenen durfte nichts gesagt werden; blumiger Stil, Sentenzen und erbauliche Betrachtungen wurden verboten. Der Pfarrer durfte Änderungen anbringen und notfalls den Lebenslauf auch selber verfassen (der Lehrer lieferte dann nur das Material und erhielt auch die Gebühr dafür).

Bei Beerdigungen pflegte der Pfarrer aber nur dann die Leichen zu begleiten, wenn dies gewünscht wurde, besonders wenn er eine Leichenrede am Grab oder eine Leichenpredigt in der Friedhofskirche (auf den Dörfern im Betsaal) halten sollte. Sonst nahm der Lehrer die Beerdigung vor, aber auch wenn der Pfarrer verhindert war (so geschah es noch am 20. November 1909 durch Kantor Leyh in Altersbach).

 

Kastenschluß 1828:

Im Jahre 1827 beschwerte sich der Kantor Rommel bei den Inspektoren, daß man bei der Prüfung der Kirchenrechnung in seiner Stube allerhand Unruhe verursacht habe und eine Mahlzeit gegeben habe, was doch durch Gesetz verboten sie. Der Pfarrer entgegnete, das sei immer so gewesen, früher habe man zwei Tage gefeiert. Die Unkosten hätten sie - wie üblich - aus der Kirchenkasse genommen. Im nächsten Jahr wurde Rommel nicht mehr eingeladen, und man versammelte sich bei dem Kastenmeister Wilhelm. Anwesend waren die Pfarrer, der Organist, die Kirchenväter, die Heiligenmeister (auch von den Dörfern). Das Fest dauerte den ganzen Tag (bis 22 Uhr), denn man mußte Unsummen von Kupfergeld zählen (wohl vom ganzen Jahr). Deswegen mußte auch tüchtig gegessen werden. Erst 1862 wurde die Mahlzeit durch freiwilligen Verzicht der Beteiligten abgeschafft.

 

Gedenktag der Übergabe der Augsburgischen Konfession 1855:

In Schmalkalden wurde der Gedenktag am 25. Juli begangen, in Steinbach aber auf den Sonntag (27. Juni) verlegt. Der Ort und die Kirche waren mit Kränzen geschmückt, auch auf den Dörfern wurden Ehrenbogen angebracht. Eine weißseidene Fahne und ein Altarkreuz wurden gestiftet.

Vom Markt ging eine große Prozession zur Kirche, wo beide Pfarrer feierliche Festgottesdienste hielten. Kantor Rommel hatte eine Kantate komponiert. Es herrschte eine große kirchliche Begeisterung. Am anderen Tag machte die Schuljugend einen Ausflug nach dem Köpfchen, wo auch die Eltern sich einfanden. Danach zog man zur Kirchenlinde, wo die Jugend bis zur Abenddämmerung tanzte.

Auch der Plan einer Union der beiden Konfessionen wurde wieder lebendig. Vierzehn Geistliche stellten ein Programm auf, nach dem die Union eingeleitet werden sollte. Doch eine Eingabe an das Konsistorium wurde aus nichtigen Gründen abgelehnt: Bei einer Union sei eine Änderung der Liturgie notwendig und darüber könne nur eine Generalsynode befinden. Es wurde den Pfarrern verboten, für die Union zu wirken und gemeinschaftliche Gottesdienste zu halten (als dann 1866 Kurhessen an Preußen fiel, setzte eine entgegengesetzte Bewegung unter den Pfarrern ein: nun waren sie gegen die Union).

 

Kirchliche und sittliche Verhältnisse:

Unter den in den Jahren 1820 bis 1830 geborenen reformierten Kindern wurden zehn Prozent unehelich geboren. Der Pfarrer mußte sie melden, weil sie einen Vormund brauchten. Damit auch ja niemand vergessen ging, wurden 1830 für alle Gemeinden neue Kirchenbücher ausgegeben. Ab 1849 mußten Kirchenbuchduplikate an die Verwaltungsämter eingereicht werden, ab 1867 auch für die Militärstammrolle.

Es kam aber auch zu manchen wilden Ehen, weil den armen Leuten das Heiraten sehr erschwert wurde: Wer nicht ein bestimmtes Einkommen oder einen gewissen Besitz vorweisen konnte, durfte nicht heiraten. In Steinbach allerdings waren die Verhältnisse noch so einigermaßen (Turmknopfurkunde 1829). Nordhäuser Branntwein wird immer noch viel getrunken. Ein Paar Kupfermünzen aus der westphälischen Periode fügt der Pfarrer 1829 den übrigen Münzen im Turmknopf bei.

Im Jahre 1829 war Caspar Wilhelm der Kirchrechnungsführer, der auch Kirchenvater war.

Kirchenväter waren Siegmund Recknagel und Caspar Holland-Cunz sowie Georg Friedrich Holland-Jopp als reformierter Kirchenvater. Im Jahre 1837 ist Christian König der Kirchenrechnungsführer. Kirchenväter sind Caspar Wilhelm, Georg Menz‚ Johannes König und von reformierter Seite Georg Friedrich Holland-Jopp.

 

Doch kam es trotz Verbots 1852 wieder zu „unsittlichen Spinnstuben“. Dabei wurde nicht nur mit den. Spinnrädern gesponnen, sondern auch gezecht und getanzt und sonstige Üppigkeit und Mutwillen getrieben. Dadurch wurden nach Meinung der Obrigkeit Zeit und Geld ver­geudet und die Sittlichkeit untergraben. In der Kirche wurden die Einwohner entsprechend belehrt, der Bürgermeister sollte Zuwiderhandelnde anzeigen. Es herrschte seit vielen Jahren konfessioneller Frieden.

Amtshandlungen wurden auch von dem jeweils anderen Pfarrer verrichtet (Hausabendmahle). Auch die Gottesdienste wurden immer von beiden Gemeinden besucht. Bei Trauungen richtete man sich nach der Konfession des Ehemannes. Abendmahlsgottesdienste waren an den hohen Festtagen (in Oberschönau an den zweiten Festtagen) und alle 14 Tage, wenn der lutherische Pfarrer den Vormittagsgottesdienst hatte.  Am Vortag war eine Vorbereitung mit kurzer Predigt, Gebet oder Lied und der Entrichtung eines Beichtgeldes.

Dieses wurde keineswegs als anstößig empfunden und stellte eine der sichersten Einnahmen des Pfarrers dar. Seit einigen Jahren war auch ein Armenabendmahl an den Quartalsbettagen eingeführt, das sichtbare Rührung hervorrief und einen segensreichen Erfolg hatte.

Seit 1819 war die Konfirmation auf höheren Befehl auf Pfingsten verlegt worden. Dabei wurde zugleich das Abendmahl ausgeteilt (bei den Reformierten war das bisher nicht üblich), woran auch die Eltern und einige andere Personen teilnahmen. Mit Genehmigung des Konsistoriums wurde ab 1832 die Konfirmation auf den Nachmittagsgottesdienst am Sonntag Trinitatis verlegt (in Oberschönau seit 1800 am ersten Pfingsttag). Im Jahre 1856 wurde sie allgemein auf den Sonntag nach Ostern gelegt. In Steinbach aber war sie eine Woche später, weil nur dann lutherischer Vormittagsgottesdienst war. Die Prüfung war ein bis drei Tage vorher, am Vorabend war Beichte, mit der Konfirmation wurde gleichzeitig das Abendmahl ausgeteilt.

Die Kirchenväter hatten schon seit 1843 die Befreiung von allen kommunalen Lasten beantragt, weil ihr Amt mit einem ziemlichen Zeitaufwand verbunden sei. Auch der übliche Tuchmantel für die Kirchenväter verursachte nicht unbedeutende Kosten. Früher waren sie von den Gemeindediensten wie zumm Beispiel Nachtwachen befreit. Jetzt drohten sie mit Niederlegung ihres Amtes, wenn ihnen nicht wenigstens das wieder gewährt würde. Sie erhielten zwar kein Recht, wurden aber in der Praxis nicht mehr zu Nachtwachen eingeteilt.

Bei der Visitation am 9. November 1834, zu der Pfarrer Kümmel predigte, wurde der Gemeinde eine wahre Gottesverehrung bescheinigt. Die Gemeinde klagte aber über die Vernachlässigung der Heilighaltung des Sonntags: Die neuen Vorschriften über Sabbatvergehen seien noch nicht bekanntgemacht worden, die Polizei könne nicht einmal die Schuljugend in den Schranken der gegenwärtigen Ordnung halten. Lesegottesdienst gab es in Steinbach nur, wenn der Pfarrer einmal verhindert war. Auf den Dörfern aber wurde jeden Sonntag und auch in der Woche gelesen. Die Lehrer legten die Lesepredigten nie den Pfarrern zur Genehmigung vor. Schon 1835 wurden die Pfarrer angewiesen, genaue Aufsicht über die Lesegottesdienste zu halten und sogar die Lieder vorzuschreiben.

Am 4. August 1851 wurde dann eine Ordnung („Regulativ) für die Betstunden erlassen: Nach einem kurzen Gebet sind nur längere Bibelstücke zu verlesen. Danach kommt ein längeres Gebet, vor allem das Betstundengebet „O großer und heiliger Gott“. Predigten dürfen nur ausnahmsweise verwendet werden, in der Regel nur dann, wenn der Pfarrer im Vormittagsgottesdienst vertreten werden soll. Aber auch dann sind die Erbauungsbücher genau festgelegt

(zum Beispiel Rambach und Arnd). Bei zwei bis fünf Talern Strafe ist es untersagt, freie Vorträge zu halten. Die Lektoren müssen sich sonnabends zwecks Festlegung der Lesungen und Gebete beim Pfarrer einfinden.

Im Jahre 1839 wollte Pfarrer Kümmel in Oberschönau das neue Gesangbuch einführen, weil die alten Gesangbücher zu schadhaft waren. Da aber ein neues Gesangbuch in Vorbereitung war, unterblieb es wieder. Man wünschte zumindest, daß in das neue Gesangbuch auch „geistliche Berglieder“ aufgenommen werden, die die Bergleute vor und nach der gefährlichen Arbeit singen. Im Jahre 1844 wurde immerhin die Neuauflage des Becker‘schen Choralbuchs von Wiegand eingeführt.

Wegen der großen wirtschaftlichen Not kam das Problem der „Armenpflege“ in Sicht. Zunächst ging es nur um Einzelpersonen, vor allem um Waisenkinder, die seit 1839 auf öffentliche Kosten (mit einem Zuschuß des Kirchenkastens) in einer Familie verpflegt wurden. Seit 1841 diente das „Glockenhaus“ als Aufenthaltsort für arme, kranke und gebrechliche Personen. Die Pfarrer sollten die Leute ermahnen, den allgemeinen Notstand als Heimsuchung Gottes zu erkennen und nicht durch trotziges und arbeitsscheues Wesen die Ungunst der Verhältnisse noch zu steigern.

 

 

Nachdem am 9. März 1846 für Stadt und Kreis Schmalkalden ein Zweigverein der Gustav-Adolf-Stiftung gegründet worden war, wurde Pfarrer Kümmel gebeten, auch einen Ortsverein in Steinbach-Hallenberg zu gründen. Am 16. Juli 1846 trugen sich auch 62 Gemeindeglieder in die Mitgliederliste ein.

Am 28. April 1847 legte der Gesangverein unter dem Dirigenten Matthäus Werner seine Statuten zur polizeilichen Genehmigung vor. Im Jahre 1847 war Kantor Münch der Vorsitzende. Der Verein hat auch einmal zu einer Beerdigung gesungen. Dieser Verein veranstaltete auch 1848 erstmals einen Tanz am Sonntag nach dem (Nachmittags-) Gottesdienst.

 

 

Ludwig Lappe, reformierter Pfarrer                                                          1850  - 1853

Die reformierte Pfarrstelle sollte zunächst vertretungsweise versehen werden. Der Pfarrer­konvent bewilligte 200 Taler (von dem Gesamtpfarrstellen-Einkommen von 300 Talern) für einen Vikar. Pfarrverweser Lappe in Vernawahlhausen wurde gebeten, die Pfarrstelle zu übernehmen. Er wurde am 11. September 1813 in Breitenbach am Herzberg als Sohn des Amtmanns Lappe geboren. Er besuchte das Gymnasium in Hersfeld, studierte in Marburg und Göttingen von 1835 bis 1837, war neun Jahre Hauslehrer bei Herrn von Baumbach in Kirchhain. Danach war er vier Jahre Pfarrgehilfe in Vernawahlhausen (bei Karlshafen). Dann war er aber längere Zeit krank. Am dritten Sonntag nach Pfingsten 1850 predigte er erstmals in Steinbach.

Er verlangte sofort besseres Besoldungsholz, forderte die Geldeinnahmen aus der Oberschönauer Wirtschaft an und trieb die Reparaturen am Pfarrhaus voran. Weil er von Gemeinde-gliedern darum gebeten wurde, bewarb er sich auch offiziell um die reformierte Pfarrstelle in Steinbach. Am 31. Oktober wurde diese ihm übertragen. Am 1. Sonntag nach Trinitatis wurde er eingeführt. Seine Bemerkungen zur Gottesdienstordnung konnte er aber nicht näher ausführen „wegen der Störungen, die mit der hiesigen Kirmes verbunden sind“. Er wurde als „entschiedener und kräftiger Zeuge des Glaubens“ beurteilt. Schon 1853 wurde er nach Gotts­büren (südlich von Karlshafen) versetzt, wo er dann auch Metropolitan wurde. An Kantate hielt er seine Abschiedspredigt. Er starb am 13. März 1882 als Metropolitan in Waldau bei Kassel.

 

Altersbach

 

Kirchsäle 1850 / 1851

In Rotterode wurde der Kirchsaal 1850 repariert für über 100 Taler, die durch eine Gesamtkollekte aufgebracht wurden. Zwei blaue Vorhaltetücher für das Abendmahl wurden 1859 gekauft und 1860 das Kruzifix vom Magdalena Motz gestiftet. Für den Lehrer wurde im gleichen Jahr ein Chormantel angeschafft.

 

Choralbuch Eck

 

In Altersbach wurde ein neues Schulgebäude mit Kirchsaal erbaut. Der Turm wurde mit einer Glocke und einer Uhr mit Doppelschlagwerk versehen. Man begann mit dem Bau im Jahre 1851 und vollendete ihn im Herbst 1852. Die Einweihung erfolgte durch Pfarrer Peters und den Pfarrgehilfen Daube. Der Lehrer Eck fertigte handschriftlich ein neues Choralbuch für den Betsaal an. Die Orgel wurde 1854 fertig, ein Taufbecken und ein Klingelbeutel wurden angeschafft. Die Emporen wurden erst 1874 durch Zimmermeister Luck in Steinbach eingebaut. Die Gemeinde war damals die wohlhabendste im Kirchspiel.

Sie wünschte nun aber auch, daß viermal im Jahr Abendmahl gehalten und der ganzen Gemeinde dazu Zutritt gewährt würde (bisher nur Alte, Kranke und Schwangere; die anderen sollten nach Steinbach gehen). Der Antrag wurde jedoch wegen Überlastung des Pfarrers abgelehnt.

 

Kirchsaal Altersbach alt (zwei Bilder)

 

 

Conrad Peters, reformierter Pfarrer                                                                1853 - 1859

Als Sohn eines Küsters wurde Johann Conrad Peters am 2. Juli 1814 in Karlshafen geboren. Von 1838 bis 1841 studierte er in Marburg und war dann Hauslehrer in Obergrenzebach. Das zweite Examen legte er am 20. September 1843 ab, ordiniert wurde er am 22. September 1843 in Kassel. Schließlich war er Pfarrgehilfe in Spießkappel und Oberweimar (bei Marburg). Als Pfarrer in Zimmersrode (Amt Jesberg) wurde er nach Steinbach berufen und traf Mitte September dort ein. Am 11. September wurde er eingeführt und hielt auf den Tag genau nach sechs Jahren seine Abschiedspredigt am 11. September 1859. Er wurde Pfarrer in Nieden­stein, wo er am 27. Februar 1868 verstarb. Er war Studienfreund des lutherischen Pfarrers Luck. Der Plan des lutherischen Pfarrers, mit der reformierten Pfarrstelle das Amt des Rektors der sehr umfangreichen Schule zu verbinden, wurde wieder fallengelassen, um die Besetzung der sowieso verrufenen Pfarrstelle nicht zu erschweren.

Pfarrer Peters wirkte als treuer Zeuge Jesu Christi zum reichen Segen der Gemeinde. Er erwirkte ein Verbot, schon an den Sonntagabenden die Arbeit in den Eisenhämmern zu beginnen. Zum Teil hatte man schon um 15 Uhr begonnen, jetzt durfte es erst ab Mitternacht sein. An Abendmahlssonntagen dufte kein Tanz sein, und sonst am Sonntag auch nur mit Genehmigung des Pfarrers. Nach langen Kämpfen durfte er auch in den reformierten Gottesdiensten das neu gestiftete Kruzifix auf den Altar stellen. Er rief den Quartalsbettag wieder ins Leben. Dieser wurde von den beiden Pfarrern abwechselnd gehalten und durch ein anschließendes Presbyterium beider Konfessionen ergänzt.

 

 

 

Trachten im Steinbacher Grund  I

 

Taufe eines Mädchens                              Taufe eines Jungen

 

 Kinder                                                          Hammerschiede

 

 

Johann Christian Luck                                                                              1854  - 1855

Pfarrer Habicht war schon 1850 infolge geistiger und körperlicher Anstrengung von einem Schwindel befallen worden und mußte vorerst jede Anstrengung meiden. Da auch Pfarrer Lappe schwer erkrankt war, wurde der Kandidat Breunung aus Brotterode zu Hilfe geholt, obwohl er noch nicht das Staatsexamen hatte. Aus eigenem Antrieb baten 316 Gemeindeglieder darum, er solle doch die Pfarrstelle übernehmen. Er hatte sich jedoch schon in Schmalkalden beworben und sollte am 2. Christtag dort die Probepredigt halten. Er blieb aber noch bis Frühjahr 1851 in Steinbach, weil er Pfarrer Habicht nicht allein lassen wollte. Mitte des Jahres war Habicht aber wieder soweit hergestellt, daß er seinen Dienst mit Mühe verrichten konnte. Dennoch trug er sich mit dem Gedanken, sich in den Ruhestand versetzen zu lassen. Doch die Besetzung der Pfarrstelle wäre dann sicher schwierig gewesen, weil dem Ruheständler ein Viertel des Pfarrstelleneinkommens zustand.

Am 21. August 1851 genehmigte das Konsistorium, daß der Hilfspfarrer Daube aus Frankenberg, damals in Niederaula tätig, den Pfarrer Habicht unterstützte gegen ein Entgelt von 150 Talern und freie Station. Ein genauer Vertrag mit Pfarrer Habicht wurde abgeschlossen. Daube hatte praktisch alle Aufgaben eines Pfarrers wahrzunehmen. Habicht feierte im Oktober 1852 noch sein 50jähriges Amtsjubiläum und predigte dazu selber. Von den Gemeinden wurde ihm ein silberner Pokal verehrt. Am 17. Dezember 1853 starb er nach nur elfstündiger Krankheit. Am 20. Dezember wurde er beerdigt.

Daube versah die Pfarrstelle weiter und erhielt die Vergütung aus dem Pfarrstelleneinkommen. Er bewarb sich dann auch um die Pfarrstelle. Es gab aber auch andere Bewerber aus dem Kreis. Bei der Wahl am Sonntag Okuli, dem 19. April, fielen 292 Stimmen auf Daube und 223 auf den Pfarrer Luck, der aus Kleinschmalkalden stammte und inzwischen Pfarrer in Rodenberg war. Luck war schon 40 Jahre alt und hatte sich schon viermal im Kreis beworben. Er wurde dann in Steinbach eingesetzt, weil er wenig Aussicht hatte, anderswo angenommen zu werden (überall wurden zunächst die Einheimischen bevorzugt)

Am 13. August 1814 wurde Johann Christoph Luck als Sohn eines Müllers in Kleinschmalkalden geboren. Vier Jahre besuchte er das Gymnasium in Gotha und dreieinhalb Jahre die Universität Marburg. Dann war er mehrere Jahre Hauslehrer in der Nähe von Marburg und in Kaub. Sein Anstellungsexamen bestand er m 1. Dezember 1843 in Kassel mit „ziemlich gut“. Seit Dezember 1846 war er Pfarrgehilfe bei einem ganz alten Pfarrer (1854 war dieser 88 Jahre alt!) in der Stadt Rodenberg in der Grafschaft Schaumburg. Erst als Daube ihm zusagte, dort sein Nachfolger zu werden, ließ er sich am 11. Juli 1854 in Kassel verpflichten. Am 16. Juli 1854 war die Einführung in Steinbach. Aber schon am 19. April 1855 starb Luck an Typhus. Am Sonntag, dem 22. April, wurde er beerdigt, kurz vor der geplanten Konfirmation.

 

 

Konrad Hattendorf                                                                                        1856  - 1869

Um die freie Pfarrstelle bewarben sich vier Bewerber, darunter der Pfarrer Daube (jetzt Rodenberg) und der Pfarrgehilfe Hattendorf. Bei der Wahl am 1. Juli 1855 erhielten Hatten­dorf und Pfarrer Stünkel aus Kassel die meisten Stimmen. Ernannt wurde Johann Heinrich Conrad Hattendorf. Er wurde am 4. März 1821 in Kreuzwiehe  (bei Bad Nenndorf westlich von Hannover) geboren als Sohn eines Tischlermeisters. Nach der Dorfschule in Großnenndorf war er Schüler des Rektors Meier in Rodenberg (18349) und von 1835 bis 1842 besuchte der das Gymnasium in Rinteln. Am 21. Mai 1842 wurde er in die Universität Marburg eingeschrieben und macht am 27. August 1845 dort sein Erstes Examen. Am 10. Dezember 1845 bestand er in Rinteln die Kandidatenprüfung.

Danach war er einige Jahre Hauslehrer bei der Familie von Stockhausen in der Nähe von Trendelburg. Er heiratete eine der Töchter der Familie. Allerdings wußte sie nicht immer, was sich für eine Pfarrfrau gehört, und konnte auch nicht besonders wirtschaften; aber sonst war se gutmütig. Am 28. August 1850 bestand Hattendorf in Kassel die Anstellungsprüfung mit „gut“. Am 8. September wurde er ordiniert. Er machte auch das Rektoratsexamen, war aber dann ununterbrochen im Pfarramt tätig. Zunächst verwaltete er als Pfarrgehilfe nacheinander fünf Pfarreien völlig selbständig. Ehe er nach Steinbach kam, war er Hilfspfarrer an der Unterneustädter Kirche in Kassel. Am Dienstag, dem 9. Oktober, wurde er in Kassel auf das Amt verpflichtet.

Hattendorf kam Mitte des Monats nach Steinbach. Eingeführt wurde er am 21. Oktober 1855. Er besaß eine Predigtgabe und war oft sehr geistreich. Die Zahl der Gottesdienstbesucher nahm zu. Er besaß eine tüchtige theologische Bildung und einen entschieden lutherischen Standpunkt. Durch seine Auslegung des „Hohenlied Salomonis“ wurde er in gelehrten Kreisen bekannt. In Gesellschaft trank er gern einmal ein Glas zu viel und hielt dann nicht immer den rechten Takt ein. Er ging ins Kasino und zum Gesangverein der Lehrer. Aber er konnte darauf hinweisen, daß sein Kollege Raßmann viel häufiger ging, nur in letzter Zeit habe dessen Frau ihn nicht mehr gelassen. Im Jahre 1869 wurde er nach Niederasphe bei Marburg versetzt, wo er am 19. Mai 1879 starb.

Von ihm wurde die Sitte des Anbrennens von Wachskerzen beim Abendmahl wieder eingeführt. Die Zünfte gaben dafür das „Wachsgeld“. Bei der Konfirmation 1856 brannten zum ersten Mal wieder Kerzen, wie das zum Beispiel in Schmalkalden üblich war. Außerdem wurden zwei Altarleuchter und ein geschnitztes Hostienkästchen mit einer Abbildung des Abendmahls von Leonardo da Vinci durch Konfirmandeneltern gestiftet. Es ist heute noch in Gebrauch. Ein Duplikat des Kästchens befindet sich in den USA, die dortigen Besitzer besuchten um 1980 die Kirche in Steinbach, um sich zu überzeugen, daß die beiden Kästchen tatsächlich gleich sind.

 

Hostiendose (zwei Bilder)

 

Im Jahre 1859 gründete Hattendorf einen Missionsverein, in dem sich sogleich 70 Gemeindeglieder sammelten. Vierwöchentlich hielt er Missionsstunden nach dem Nachmittagsgottesdienst. Seit 1860 setzte er sich auch für eine eigenes Missionsfest in Steinbach ein. Dieses wurde 1862 genehmigt mit der Bedingung, daß dadurch das Inspekturfest nicht geschädigt werden dürfe. Seit 1859 gab es auch die „Lichterkirche“, einen Morgengottesdienst bei Kerzenlicht am Ersten Christtag.

 

Einen schweren Streit gab es um das „Katechismusbeten“, also das Hersagen von Stücken aus dem Katechismus durch zwei Konfirmanden im Gottesdienst. Hattendorf ordnete es zunächst als rein lutherische Sache auf den Dörfern an, ohne seinen reformierten Kollegen davon zu verständigen. Dieser aber untersagte prompt den Lehrern, ab 1. Advent 1858 die gemeinschaftliche Gottesdienstordnung zu verändern.

Hattendorf behauptete, es handelte sich um eine rein lutherische Einrichtung, die erst vor ungefähr zehn Jahren eingeschlafen sei. Er wollte diese Sitte wiederbeleben und damit das Braut- und Patenexamen unterstützen. Der reformierte Pfarrer Peters aber hielt das Kate­chismus­beten für überflüssig, weil der Katechismus in der Schule gelernt werde. Besonders umstritten war auch die Frage, ob die Betstunden rein lutherisch oder eher gemeinschaftlich seien. Schon 1732 bei dem Streit zwischen den Pfarrern Avenarius und Eberhardt hieß es: „Hier ist alles gemeinschaftlich“.

Die beiden Inspektoren waren sich in dieser Sache auch nicht einig. Schließlich entschied das Konsistorium, die Gottesdienste in Oberschönau seien gemeinschaftlich. Pfarrer Hattendorf hätte eine so erhebliche Änderung der Gottesdienstordnung nicht eigenmächtig vornehmen dürfen, sondern erst die Genehmigung des Konsistoriums dafür einholen müssen. Die Pfarrer sollten sich zwar laut Kirchenordnung um den Katechismus kümmern, aber Schulkinder seien doch wohl nicht dazu geeignet, die Gemeinde zu belehren.

Obwohl bei der Visitation 1856 das gute Verhältnis der Pfarrer untereinander hervorgehoben wurde, war das Zerwürfnis der Pfarrer offenbar tief und erregte Anstoß in der Gemeinde. Nach Meinung des Inspektors Habicht bestand aber wenig Aussicht, das kollegiale Verhältnis wieder herzustellen.

Denn dazu kamen gerade in jener Zeit Streitigkeiten wegen Übertritten zur reformierten Gemeinde. Pfarrer Peters hatte die Familie Stötzer in die reformierte Gemeinde aufgenommen, ohne einen Entlaßschein des lutherischen Pfarrers zu haben. Man konnte übertreten, mußte aber seinem bisherigen Pfarrer stichhaltige Gründe angeben (1892 trat allerdings ein Lehrer in Unterschönau zur lutherischen Kirche über, ohne das vorher dem reformierten Pfarrer anzuzeigen). Hattendorf hatte aber jenes Gespräch hinausgezögert, weil eine persönliche Verstimmung mit der betreffenden Familie vorlag. Meist schlug man den Ehepartnern vor, daß einer gastweise am Abendmahl der anderen Kirche teilnahm.

Seit 3. Juli 1799 konnten Eheleute gemischter Konfession bei beiden Gemeinden das Abendmahl empfangen. Allerdings wurde auch der Verdacht geäußert, sie nähmen dieses Recht nur in Anspruch, wenn sie etwas gegen ihren Pfarrer hätten (1885 waren es auf jeder Seite sechs Personen). Beim Tod des Ehepartners mußte man wieder bei seiner eigentlichen Kirche zum Abendmahl gehen. Dazu kam noch eine Beschwerde des Kirchenvaters Neues aus Oberschönau, Pfarrer Hattendorf habe Pfarrer Peters in der Predigt angegriffen. Allerdings ergab sich dieser Eindruck nur rein zufällig, denn Pfarrer Hattendorf konnte ja nicht wissen, was Peters am Vorsonntag gesagt hatte.

Schwierigkeiten gab es oft bei der Taufe von Kindern. Nach der Verordnung vom 13. April 1853 hatten alle Kinder der Konfession des Vaters zu folgen, falls dieser nicht bis zum siebten Lebensjahr etwas anderes bestimmte. Zwischen dem 7. und 14. Lebensjahr konnte nicht gewechselt werden. Über die endgültige Konfession entschied dann aber erst die Konfirmation. Manche Kinder wurden lutherisch getauft, um nicht zweierlei in der Familie zu haben und um in der Schule nicht isoliert zu sein: Dort wurde ja nur der lutherische Katechismus gelehrt, der reformierte Pfarrer aber verlangte nachher den reformierten Katechismus.

Pfarrer Hattendorf trat immer für die Rechte der lutherischen Kirche ein und konnte nicht in die „verwischende Union“ einwilligen. Er wollte aber niemanden von der reformierten Gemeinde herüberziehen, betonte er. Nur als man ganz Oberschönau reformiert machen wollte, da hat er zugeschlagen, wie er am 17. Februar 1866 bekannte. Da machte es ihm auch nichts aus, in Vorträgen über die Wiedertäufer zu sagen, die reformierte Abendmahlslehre verhalte sich zur lutherischen wie ein Heller zu einem Dukaten. Daraus ergaben sich dann die Verwicklungen wegen des Katechismusbetens und die Streitigkeiten mit dem Lehrer Koch in Oberschönau. Nachdem er dreimal von reformierter Seite zu Unrecht angeklagt wurde, beschloß er, sich nach einem neuen Wirkungskreis umzusehen, wo er mit der anderen Konfession nichts zu tun hatte.

Gegen Ende seiner Steinbacher Wirksamkeit war er zudem kränklich, erkältete sich in der rauhen Gebirgslandschaft und konnte wochenlang nicht sprechen. Mit vielen Arbeiten geriet er in Rückstand und konnte nur mit Mühe noch die Kirchenbücher vervollständigen. Er wurde 1869 nach Niederasphe Kreis Marburg versetzt..

 

 

 

 

Trachten im Steinbacher Grund  II

            

 Kirchgangstracht                                   Arbeitstracht

                                                            

Ehepaar                                                  Trachtengruppe

 

August Raßmann, reformierter Pfarrer                                                          1859 - 1866

Am 12. Sonntag nach Trinitatis 1859 hielt Pfarrer Peters seine Abschiedspredigt. Die anderen Pfarrer vertraten in Steinbach, hatten aber zum Teil sechs Stunden Weg und waren an einer baldigen Besetzung der schwierigen Stelle orientiert. Am 14. November wurde die Stelle an Pfarrer August Friedrich Ferdinand Reinhard Raßmann vergeben, der bis dahin Hilfspfarrer in Sachsenhausen (bei Treysa) war. Am 8. Dezember wurde er in Kassel verpflichtet.

Am 18. Dezember (4. Advent) wurde er von Inspektor Thamer unter Assistenz der Pfarrer Hattendorf und Linz (Kleinschmalkalden) in Steinbach-Hallenberg eingeführt. Am 11. Dezember (oder 1. 12.) heiratete er eine Gouvernante aus Hannover, Wilhelmine Sophie geborene Klein. Am 2. Dezember zog er in Steinbach-Hallenberg ein.

Geboren wurde er am 26. November 1817 als Sohn eines Pfarrers in Westuffeln (nordwestlich von Kassel). Er studierte in Marburg und beschäftigte sich auch mit althochdeutscher Literatur. Er heilt Vorlesungen über germanische Mythologie (Lehre von den Göttern) und wollte gern Dozent werden. Er schrieb etliche Artikel für das Konversationslexikon von Brockhaus. Doch aus Mangel an Zuhörern konnte er sich als Privatdozent nicht halten und nahm daher ein Pfarramt an, für das er wohl noch weniger geeignet war. Nach seiner Hilfspfarrerzeit in Sachsenhausen wurde er am 11. September 1859 in Marburg ordiniert.

Seine Wirksamkeit in Steinbach war nicht unbedingt gesegnet. Es fehlte ihm am „donum concionandi“ (Predigtgabe) und der „integritas morum“ (Vollkommenheit der Sitten). Mit dem lutherischen Pfarrer Hattendorf lebte er in unerquicklichen, in die Gemeinde übergehenden Streitigkeiten. Es war eine traurige Zeit für das kirchliche Leben, gekennzeichnet durch leere Gottesdienste und eine beklagenswerte Mißachtung des geistlichen Amtes.

Im Jahre 1862 ermächtigte das Konsistorium die Pfarrer, den Transport des Chorrocks zu den Konventen auf Kosten des Kirchenkastens zu bewirken, wenn in diesem ein Überschuß zur Bestreitung dieser Aufgabe vorhanden ist.

Bei der Visitation am 21. Mai 1865 (Rogate) predigte Pfarrer Raßmannn über Römer 5,1-5 und die Früchte der Rechtfertigung. Es wurde ihm nachher aufgetragen, in schlichter und einfacher Weise zur Gemeinde zu reden und nicht rhetorische Wendungen und Redensarten zu gebrauchen, die doch nur über die Köpfe der Leute hinweggehen. Bei einem Gespräch in der Wohnung des erkrankten Pfarrers Hattendorf wurde der Versuch gemacht, das gespannte Verhältnis der beiden Pfarrer zueinander zu überbrücken. Doch dieses bestand nicht nur aus amtlichen Streitigkeiten, sondern auch aus einem persönlichen Zerwürfnis, an dem auch die beiden Pfarrfrauen beteiligt waren. Auch wegen der Zuständigkeiten in der Lokalschulinspektion gab es unterschiedliche Meinungen.

Hattendorf konnte darauf hinweisen, daß er sein erstes Kind durch Raßmann hatte taufen lassen und ihn auch zur zweiten Taufe eingeladen hatte. Raßmann aber habe ihn nie zu seinen drei Taufen eingeladen. Er hätte Raßman freundlich in Steinbach empfangen, aber Zwischenträgerinnen hätten ihm schon nach einem Vierteljahr die ihm nächstbefreundeten Familien entfremdet. Er habe dennoch immer wieder bei der Familie Raßmann verkehrt, bis sich Frau Raßmann öffentlich über das stete Wiederkommen beschwerte. Auf seinen früheren Stellen habe man ihm nie Streitsucht nachgesagt, erst in Steinbach sei dieser Vorwurf erhoben worden.

Übrigens waren auch die sittlichen Zustände in der Gemeinde nicht die besten. Blaue Montage, Besuch der Wirtshäuser und lautes Auftreten der Gesellen und Lehrlinge waren dabei noch das Wenigste. Daß es sich dabei um einen Industrieort handelte, war nach der Meinung des Konsistoriums kein Entschuldigungsgrund.

Am 6. Dezember 1865 wurde Raßmann nach Holzhausen (bei Grebenstein) versetzt, wo er 1867 in den Ruhestand trat. Er starb am 2. September 1891 in Kassel-Wehlheiden.

 

Trachten im Steinbacher Grund  III

 

Alte Hochzeit (zwei Bilder)

 

Weitere Ereignisse aus der Zeit 1856 bis 1866

Im Jahr 1856 wurde eine Reparatur der Kirche dringend notwendig. Zur Bestreitung der Unkosten bemühte man sich um die Bewilligung einer Gesamtkirchenkollekte, die dann aber erst 1859 genehmigt wurde.  Seit 50 Jahren hatte die Gemeinde keine Kirchenkollekte mehr bewilligt bekommen. Einige Leute gaben schon nicht mehr für übergemeindliche Kollekten. Es kamen 170 Taler ein.

Für 420 Taler sollten folgende Arbeiten ausgeführt werden: Erneuerung der Dielen im Kirchturm und der Sandsteinplatten rund um den Altar (auf einer Platte war nachher die Jahreszahl 1859 eingekratzt!), Abseifen der Emporen, neue Fenster, Ausbesserung der östlichen Chorseite, Ausbesserung von sechs Lehmgefachen, Dach umdecken, neue Dachrinnen und Ausbesserung der Treppen und des Sockels. Auch die Orgel mit ihren 18 Registern wurde von Orgelbaumeister Peternell aus Seligenthal repariert und mit drei Bälgen versehen.

Die am 3. Mai 1854 eingeführten gemeinsamen Presbyteriumssitzungen wurden 1859 / 1860 auf Wunsch der reformierten Gemeinde wieder abgeschafft. Erst ab 1914 gab es wieder gelegentlich gemeinsame Sitzungen. Die Königsglocke war 1861 zersprungen und wurde von Wilhelm Ullrich in Apolda  für 86 Taler neu gegossen. Die alte wog 433 Pfund, die neue 473 Pfund. Die Gesamtkosten haben etwa 86 Taler betragen.

Im Jahre 1859 wurde für die Reparaturen an der hiesigen Kirche eine Kollekte bewilligt und es ging ein Betrag von 170 Taler, 11 Silbergroschen, 4 Heller ein (wohl eine landesweite Kollekte).

 

Im Jahre  1859 ist noch ein besonderer Fall hier vorgekommen: Ein Schmied (Zuschläger“) Christian Marr, 20 Jahre alt, der in der Schule kaum lesen konnte, ging einige Jahre ins Ausland. Als er zurück kam, ging er jeden Abend 8 Uhr ins Bett und fing an, über Gottes Wort im Schlaf zu predigen. Nach und nach wurde das nicht nur  hier, sondern weit und breit bekannt. Nach kurzer Zeit waren manchen Abend mehr als 100 Menschen in und vor seinem Hause auf der Straße, die ihn hören wollten. Der erwähnte Marr wurde mehrmals bei seinem Predigen im Bette liegend sogar mit Schweineborsten in die Nasenlöcher gestochen und dergleichen,   lies sich dabei aber nicht irre machen.

Die beiden Steinbacher Pfarrer wußten nicht, was sie dazu sagen sollten, weil Marr in ziemlichem Zusammenhang predigte. Die Sache wurde der Kurfürstlichen Regierungskommission angezeigt. Diese und beschloß, Marr am 17. Februar mit Zuziehung des Medizinalrats selbst zu untersuchen. Das auch geschah an jenem Tag abends 9 Uhr, als zwölf auswärtige Pfarrer eingetroffen waren. Dazu mehr als 500 Menschen aus 4 oder 6 oder 8 bis hin zu 20 Stunden weit entfernten Orten. Später wurde Marr zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt, da ließ er die Schwindelei sein, die Strafe wurde wieder erlassen. Eine solche Schwindelei ist noch nicht vorgekommen, so lange Steinbach besteht.

 

Am 18. Oktober 1863 feierte der am 29. April 1847 gegründete Männergesangverein das 50jährige Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig. Nach dem Nachmittagsgottesdienst versammelte man sich mit dem Amtsträgern und dem Musikkorps. Der Vorsitzende hatte eine rot-weiße Fahne hergestellt und der Bildhauer Döll aus Rotterode hatte die Inschrift „Gesangverein von Steinbach-Hallenberg“ darauf gezeichnet. Auf Wunsch des Pfarrers Hattendorf war die Fahne in der Kirche aufgestellt worden, vom Pfarrer geweiht und nach dem Gottesdienst dem Fahnenträger Christian Horn übergeben worden. Der Chor sang dazu vierstimmige Lieder. Nach dem Gottesdienst zog man zur Hallenburg, wo einige Lieder gesungen wurden und der Vorsitzende eine schöne Rede über die Freiheitskriege hielt. Bei Einbruch der Dunkelheit wurden Fackeln und Laternen entzündet und ein Zug an der Kirche vorbei bis zum Unterhammer gemacht. Dann ging es weiter durch den Gruppich (wo ein Feuerwerk abgebrannt wurde) zum Oberwirtshaus, wo ein Festessen und ein Tanz stattfanden.

Im Jahre 1864 kam es zu einem Streit mit dem Springstiller Pfarrer, weil dieser in Herges ein Paar getaut hatte, bei dem der Bräutigam reformiert war. Entschieden wurde der Streit erst 1885 bei der Taufe eines Kindes, dessen Eltern reformiert waren: Die Einwohner des Kirchspiels Springstille dürfen sich einen reformierten Pfarrer wählen, aber eingetragen wird die Amtshandlung in Springstille.

 

Bei der Visitation 1865 wurde unter anderem vermerkt: Die Gottesdienste werden fleißiger besucht. Es gibt aber einige Abendmahlsverächter, Trauungsverweigerer und „Separatisten“ (Sektenleute, die sich von der Kirche getrennt haben). Die Eltern halten die Kinder nicht besonders zur Kirche und zur Schule an. Christliche Zucht fehlt in vielen Gemeinden. Burschen und Mädchen verlassen oft schon in frühem Alter das elterliche Haus und gehen in einem anderen Haus zur Kost, leben aber in Wirklichkeit mit einem Mädchen oder jungen Mann wie Mann und Frau zusammen. Meineide nehmen zu, Trunksucht kommt vor, kleine Diebstähle in Feld und Garten sind häufig. Eine Beschwerde gegen den Kirchenvater Christian Wilhelm in Rotterode wurde als totale Verleumdung abgewiesen. Es wurde aber auch bescheinigt, daß ein reger kirchlicher Sinn herrsche:

 

Im Jahr 1865 wurde der Kirchturm durch den Schieferdecker Dürer und Sohn Oskar aus Ritschen­hausen repariert worden. Inzwischen wurde von der Gemeindebehörde und den beiden hiesigen Pfarrern eine vollständige Ausbesserung des Turmes und der Kirche beschlossen.

Daraufhin wurden am 2. des Monats die Fahne, Knopf und Zifferblatt herabge­nommen und dem Bildhauer Georg Friedrich Döll aus Rotterode zum Vergolden übergeben. Dafür verlangt er am 28. Juni  bei Aufsteckung der Fahne 40 Taler, was er aber nicht vollständig erhalten wird. Schließlich wurden sogar noch Kirche und Turm neu geweißt. Die Arbeiten haben  die Steinbacher Weißbinder Heinrich Holland- Cunz,  Christian Friedrich Holland-Cunz, Georg Adam Bickel und Ernst Wahl unter Mithilfe der Tünchergesellen glücklich vollendet. Der Tüncher Johannes Jung mahm das Ausbessern und Weißen des Turms vor. Die Schieferdecker wurden - unter Heranziehung des Schornsteinfegers - mit dem Firnissen der Gesimse beauftragt,

Am 28. Juni 1865 wurde der Turmknopf wieder aufgesteckt und den Schulkindern dabei auch ein Fest gegeben. Pfarrer Hattendorf schreibt: „Ich freue mich, daß gegenwärtig ein so reger kirchlicher Sinn hier herrscht. Im Jahre 1855 sind in allen 12 Monaten nur 400 Leute in der hiesigen Kirche zum Abendmahl gegangen, jetzt sind im selben Jahr bereits 1.200 gegangen. Gott erhalte und mehre!“                                                                                 

 

Trachten im Steinbacher Grund  IV

 

Weitere Trachten (vier Bilder)

 

 

 

Wilhelm Rohnert, reformierter Pfarrer                                                       1866  - 1874

Nach dem Weggang von Pfarrer Raßmann Ende des Jahrs 1865 bat der Kandidat der Theologie Emil Werner aus Steinbach-Hallenberg darum, die Pfarrei bis zu seiner Ordination versehen zu dürfen. Er durfte die Sonntagspredigten halten, die Beerdigungen und den Konfirmandenunterricht übernehmen. Am 23. März 1866 wurde er in Kassel ordiniert, um die volle Pfarrstelle übernehmen zu können, die er seit dem 15. Januar versah. Jetzt durfte er auch Siegel, Schlüssel und Inventar übernehmen. Am 8. April hielt er die Konfirmandenprüfung. Werner wurde am 4. November 1835 als Sohn des Amtsschreibers und Winkeladvokaten Conrad Werner geboren. Dieser saß jedoch wegen Betrugs mehrere Jahre im Gefängnis. Der Sohn war auch nicht besser.

Werner bemühte sich sehr, endgültig angestellt zu werden. Er wollte sich mit Emilie Zielfelder, der Tochter eines Seifensieders aus Steinbach, verheiraten. Da wurde er am 14. Juni 1866 verhaftet, weil er an seinem früheren Arbeitsplatz eine noch nicht l4jährige Schülerin genotzüchtigt hatte. Nicht nur dieses Mädchen, sondern auch seine Braut war von ihm geschwängert worden (er hat sie am 22. September 1872 geheiratet). Werner wurde zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Später übernahm er das Oberwirtshaus. Man erzählt sich von ihm, er habe sonntags die Kirchgänger aufgefordert, doch lieber zu ihm ins Gasthaus zu kommen als in die Kirche zu gehen.

 

Der Anfang der Tätigkeit Rohnerts:

Die Voraussetzungen waren also nicht die besten, als Pfarrer Rohnert die reformierte Pfarrstelle übernahm. Siegmund Wilhelm Rohnert wurde am 1. August 1837 in Oberlistingen (Kreis Wolfhagen) geboren. Unterricht erhielt er zunächst von seinem Vater, dem Kantor Johannes Christoph Rohnert, und von Pfarrer Keßler. Vom 1852 bis 1858 besuchte er das Gymnasium in Hersfeld und von 1858 bis 1861 die Universität Marburg. Vom Dezember 1861 bis Mai 1866 war er Hilfspfarrer und Rektor in Rodenberg (Grafschaft Schaumburg). Am 4. April 1866 wurde ihm die reformierte Pfarrstelle in Steinbach-Hallenberg übertragen, am 3. Mai wurde er in Kassel verpflichtet und am 13. Mai durch Inspektor Thamer unter Assistenz der Pfarrer Hattendorf und Amelung (Breitungen) eingeführt.

Am 23. Mai gründete er in Verbindung mit Pfarrer Hattendorf und drei Lehrern eine Privatschule, in welcher außer Religion und Realien auch Lateinisch und Französisch unterrichtet wurden. Im Laufe des Sommers wurde eine neue Auflage des Steinbacher Gesangbuches vorbereitet. Im Anhang wurden ihm Missionslieder und ein Verzeichnis der Liederdichter beigefügt, das Rohnert ausgearbeitet hatte.

Im Sommer brach aber der Krieg zwischen Preußen und Österreich aus. Den beiden Pfarrern wurde am 27. August die Erlaubnis erteilt, in der Kirche Kriegsbetstunden zu halten. Am 8. Oktober wurde das Kurfürstentum Hessen von Preußen einverleibt und am 11. November auf höheren Befehl ein Dankfest für den wiederhergestellten Frieden gefeiert. Die im Krieg eingeführten Betstunden wurden als Bibelstunden fortgeführt, anfangs im Wechsel zwischen den Pfarrern, nachher von Rohnert allein. Im Winter versammelte man sich im Oberdörfer Schulhaus (beim Wirtshaus), das kaum Platz hatte, um alle Zuhörer zu fassen.

Am 28. März 1867 wurden die Pfarrer in der reformierten Inspektur versammelt, um dem preußischen Herrscherhaus den Treueid zu schwören. Rohnert und drei andere Pfarrer hatten allerdings die Vergünstigung, durch den Eid nicht weiter gebunden zu sein, als der vorherige Landesherr sie entbunden hatte.

Im September und Oktober wurde die viel zu große Scheune vor dem reformieren Pfarrhaus abgerissen und eine kleinere Scheune auf dem weniger guten Land hinter dem Haus erbaut. Rohnert pflanzte im Frühjahr auch zwölf Obstbäume (die er 1874, als er aus dem Pfarramt ausschied, aber wieder herausriß!).

Am 17. September beschloß der Missionsverein, sich dem Verein der Inspektur anzuschließen, damit Aussicht bestand, das Missionsfest einmal nach Steinbach zu bekommen. Es wurde am 29. Juni 1868 auch in Steinbach gehalten. Pfarrer Rohnert hielt die Liturgie, zwei Festprediger waren von außerhalb gekommen. Auf der Hallenburg fand der zweite Gottesdienst statt.

Die Pfarrstelle blieb mit ihren durchschnittlich 17 Taufen, 9 Beerdigungen, 7 Konfirmationen, 3 Trauungen und 140 Abendmahlsgästen (bei fünfmaligem Abendmahl im Jahr) und 421 Gemeindegliedern (davon 123 in Oberschönau) nur eine kleine Stelle. Die Staatskasse mußte einen Zuschuß von 203 Talern geben, um auf ein Mindesteinkommen von 400 Talern zu kom­men (Durchschnitt in Hessen 610 Taler). Die lutherische Stelle dagegen hatte ein Einkommen von 735 Talern.

 

Die konfessionelle Entwicklung 1867 bis 1869:

Während man 1817 noch für eine Union der beiden evangelischen Kirchen kämpfte, trat danach eine entgegengesetzte Bewegung ein. Nach dem Anschluß Kurhessens an Preußen wollte man die drei Konsistorien in Kassel (reformiert), Marburg (lutherisch) und Hanau (uniert) zu einem Gesamtkonsistorium zusammenlegen. Das sahen (zunächst) 42 Pfarrer als ersten Schritt zur Einführung der preußischen Union an. Mißtrauen hatte man vor allem gegen den Generalsuperintendenten Martin, weil dieser nicht entschieden genug für den Bestand der niederhessischen reformierten Kirche eintrete.

Pfarrer Rohnert unterschrieb eine „Deklaration über den Bekenntnistand der Hessischen Kirche“ und zusammen mit seinem Freund Amelung in Herrenbreitungen protestierte er gegen den Hirtenbrief der vier Superintendenten, in denen die hessische Kirche als reformiert und uniert bezeichnet worden war. Durch Erlaß vom 9. August 1869 wurde eine außerordentliche Synode einberufen, die über eine andere Organisation der bestehenden Kirchen beraten sollte. Rohnert und Amelung erklärten sich aber außerstande, sich an der Einleitung und Ausführung der Synode zu beteiligen. Rohnert versuchte auch mit allen Mitteln der Überredungskunst und Schwarzmalerei, die Wahl des bisherigen Pfarrers in Fambach zum lutherischen Pfarrer in Steinbach zu verhindern: Als „Synodepfarrer“ wurde er als dem Glauben gefährlich hingestellt.

Rohnert hatte sich auch geweigert, die Synodalwahlen abzukündigen. Doch es konnte ja nicht in das Belieben des Pfarrers gestellt werden, ob er sämtliche Bekanntmachungen weitergibt oder nicht. Er wurde zu zwei Talern Strafe verurteilt und bezahlte sie auch. Rohnerts Widerstand richtete sich gegen das Gesamtkonsistorium. Seine gegen das Gesamtkonsistorium unternommenen Schritte ließ er vom reformierten Presbyterium billigen.

Ansonsten trat er als Reformierter für die Rechte der Reformierten Kirche und Gemeinde ein und drang zum Beispiel darauf, daß alle offiziell übertreten, die sich zur Reformierten Kirche halten. Besonders deutlich wurde seine Haltung  aber beim „lnvokavitstreit“ von 1872 mit dem lutherischen Pfarrer Bernhard.

 

 

Wilhelm Bernhard                                                                                                     1870  - 1877

Um die nach dem Tod Pfarrer Hattendorfs frei gewordene lutherische Pfarrstelle bewarben sich mehrere Kandidaten, darunter auch Carl Hermann Habicht (Schwebda) und Rollemann Habicht (Großalmerode). Man erwog, eine zweite lutherische Pfarrstelle einzurichten. Die In­spektoren bestätigten, daß der Pfarrer sehr überlastet sei, und schlugen eine eigene Pfarrei in Oberschönau vor. Oder man könnte an der Schule wieder ein Rektorat einzurichten und dieses mit Pfarramtsaufgaben zu koppeln. Aber an die Schule mußte eine volle Kraft als fünfter Lehrer kommen (450 Schulkinder!), und von der von der lutherischen Stelle konnten nicht 100 Taler für die Besoldung eines zweiten Pfarrers abgezweigt werden.

In den Jahren 1868 bis 1878 wurden bestimmte Leistungen an die lutherische Pfarreikasse durch Zahlungen aus der Gemeindekasse abgelöst: das Michaelisopfer (viele waren arm und gaben weniger, andere gaben auch aus Böswilligkeit nichts und ließen es darauf ankommen, daß der Pfarrer den Gerichtsvollzieher schickte), Gründonnerstagsumgang (allgemein nur „Bettelgang“ genannt; gesammelt wurden Eier, Käse, Nägel, Holzteile, Geld) und zu Neujahr wurde noch das Stabeisen geliefert, damit die Arbeiter in den Eisenhämmern in das Kirchen-gebet eingeschlossen wurden (aber die Zahl der Hämmer ging zurück). Das Frischbier war nur ganz schlechtes, dünnes „Nachspülicht“ und wurde in immer kleineren Gefäßen geliefert. Ab 1875 wurde dann das Pfarrergehalt in Mark angegeben, nämlich 2.480 Mark, die von der Gemeinde auf 3.600 Mark aufgestockt werden mußten.

Im Jahre 1870 wollte man eine schnelle Besetzung der Stelle. Präsentiert wurden schließlich Ludwig Klein aus Gemünden und Wilhelm Bernhard aus Fambach. Dieser hatte noch eine Auseinandersetzung mit Pfarrer Niemeyer aus Springstille, der sich auch beworben hatte, aber aus Versehen die Probepredigt Bernhards in Steinbach nicht angekündigt hatte. Bei der Wahl am 22. Sonntag nach Trinitatis 1869 erhielt Klein 335 Stimmen, Bernhard aber nur 217. Dennoch wurde Bernhard wegen höheren Dienstalters und seiner fünf Kinder vorgezogen. Am 5. Januar 1870 wurde ihm die Stelle verliehen,  am 30. Januar 1870 trat er sein Amt an und am 4. Sonntag nach Epiphanias wurde er eingeführt.

Wilhelm Bernhard wurde am 24. September 1832 als Sohn eines Lehrers und Organisten in Marburg geboren. Er besuchte das Gymnasium in Marburg und danach die dortige Universität. Er war zunächst Hauslehrer, dann Pfarrer in Nieste und seit Herbst 1858 in Fambach. Er hatte eine hinreichende wissenschaftliche Bildung und stand auf dem Grunde des kirchlichen Bekenntnisses. Er hatte gute Predigtgaben und wurde von vielen gern gehört. Er verwaltete sein Amt ordentlich und mit Fleiß, ließ sich die spezielle Seelsorge angelegen sein, führte einen unanstößigen Lebenswandel und trieb mit Eifer das Werk der Mission.

Am 18. Oktober 1871 wurde ein Dankgottesdienst für die aus dem Krieg heimgekehrten Krie­ger gehalten. Jeder Krieger erhielt ein Gesangbuch mit dem lithographierten Gedenkblatt, das vom Bürgermeister entworfen worden war und von dem sich ein Exemplar im Turmknopf be­findet. Nach seiner Steinbacher Zeit wurde Bernhard 1877 Zweiter Pfarrer  („Diakonus“) in Marburg, wo er 1887 in den Ruhestand ging und am 20. Februar 1893 starb. Er bekleidete das Amt zur größten Zufriedenheit der mit ihm gesegneten Gemeinde.

 

 

 

 

 

 

Die altlutherische Gemeinde

Streit um den Morgengottesdienst an Invokavit 1872:

Schon 1866 hatte Pfarrer Hattendorf begründen müssen, weshalb der Gottesdienst am 1. Advent dem lutherischen Pfarrer zustehe. Jetzt kam es zu einem heftigen Streit wegen des Invokavitsonntags, des ersten Sonntags in der Passionszeit. Als der reformierte Pfarrer Rohnert am 18. Februar 1872 die Kirche betrat, fand er sie für das lutherische Abendmahl hergerichtet und den lutherischen Pfarrer Bernhard in der Sakristei. Am Vorsonntag war Rohnert in Oberschönau dran gewesen und wäre nun turnusmäßig in Steinbach an der Reihe.

Bernhard erklärte ihm jedoch: Nach seiner Kompetenz (Aufstellung seiner Dienstpflichten und Vergütung) stehe dem lutherischen Pfarrer der Gottesdienst am ersten Fastensonntag zu, weil er als hoher Feiertag gerechnet werde.

Rohnert und Hattendorf hatten jedoch vereinbart, bei dem üblichen Wechsel („Alternation“) zu bleiben. Bernhard wollte das wieder geändert haben, ohne sich allerdings vorher mit Rohnert darüber zu verständigen. Rohnert räumte dann wieder die Kirche, um die Vorbereitungen für das Abendmahl nicht zu stören. Er wollte nicht größeres Aufsehen erregen, wie er meinte. In Wirklichkeit ging er durch die ganze Kirche zum Haupteingang hinaus. Er hat dann weder den Gottesdienst in Oberschönau noch den Nachmittagsgottesdienst in Steinbach gehalten

Rohnert konnte sich da eigenmächtige Handeln des lutherischen Pfarrers nur aus dessen feindlicher Stellung zu ihm erklären und erklärte, er kränke ihn amtlich und persönlich so sehr, daß er sein Amt - das vor sechs Jahren mit Freude antrat - jetzt nur noch mit Seufzen verwalten könne. Bis jetzt habe er aber geschwiegen in der Hoffnung, daß sich doch noch ein gutes Verhältnis anbahnen werde. Aber schon sein Freund Amelung in Breitungen habe mit Bernhard in Fambach nicht in Frieden hinkommen können, obwohl Amelung doch als Muster der Friedfertigkeit bekannt sei. Rohnert meinte, um seines Amtes willen könne er eine solche Demütigung nicht hinnehmen. Die reformierte Gemeinde erwarte, daß er für ihr gutes Recht eintrete. Er bat das Konsistorium, die Alternation wieder herzustellen und anzuordnen, wer am nächsten Sonntag wo predigen solle.

Nun beschwerten sich die einzelnen Gemeinden nacheinander beim Konsistorium über den Vorfall in Steinbach. Unterschönau schrieb: „Ruhig und gemessen, wie es der Charakter des Herrn Bernhard ist, sagte derselbe dem reformierten Pfarrer Rohnert, daß er im Irrtum sei! Dieser aber habe nicht „mit der Milde und mit der Liebe, womit ihn Bernhard angeredet hatte“ entgegnet. Altersbach meinte, Rohnert habe bestimmt das Läuten zur Beichte am Vor­abend gehört. Bernhard sei ein „Friede liebender Mann und steht mit seinen Kirchenvätern in gutem Einvernehmen. Er verwaltet sein Amt mit aller Treue, Gewissenhaftigkeit und in Aufbietung aller seiner Kraft - ja er tut mehr, als er wirklich braucht!“

Oberschönau freut sich, die Warnung Rohnerts vor dem „Synodenpfarrer“ Bernhard nicht beachtet zu haben. Durch ihn sei der kirchliche Sinn gewachsen und er habe sich auch die Hochachtung der Reformierten erworben. Rotterode bat darum, Bernhard sein Recht zu verschaffen, damit er sich nicht woanders hinwendet.

Am 20. Februar schilderte Bernhard den Vorgang folgendermaßen. Als er den reformierten Pfarrer in die Kirche gehen sah, folgte er ihm und wünschte ihm in der Sakristei einen guten Morgen und fragte ihn: „Du bist auch hier, Kollege?“ Rohnert aber habe ihn angeschrien: „Wie? Ich auch hier?“ Bernhard ließ erst die Tür der Sakristei schließen und antwortete dann: „Ich handle nach meiner Kompetenz!“

 

 

Da sei Rohnert in die Höhe geschnellt: „Wahrlich, nur weil der Abendmahlstisch gedeckt ist, gehe ich, sonst nimmermehr“, hob seine geballte Hand drohend und erklärte schreiend: „Am jüngsten Tag verklage ich dich vor Gottes Angesicht wegen deines Ärgernisses, das du angerichtet hast! Und das sage ich: Ich werde dich belangen!“ Bernhard darauf: „Ich bitte dich um Jesu willen, mich wenigstens anzuhören!“ Er wollte den Gottesdienst gemeinschaftlich mit ihm halten. Aber Rohnert sagte nur: „Nein“, schlug die Sakristeitür zu und rauschte einfach davon.

Bernhard bat darum, Rohnert aufzugeben, am nächsten Sonntag zu predigen, damit nicht von Seiten der Gemeinde Kundgebungen stattfänden, die ihn veranlassen würden, die Stelle zu wechseln, damit er nicht durch Streiten dem Reich Gottes hinderlich sei. Zunächst wurde es umgekehrt verfügt. Bernhard hat dann aber doch in Oberschönau gepredigt.

Die Inspektoren wunderten sich, weshalb der 1. Advent und sogar der erste Fastensonntag in der lutherischen Kompetenz erwähnt wurden, wo doch das Konsistorium dies ausdrücklich am 27. November 1867 untersagt hatte. Es stellte sich dann heraus, daß eine Differenz zwischen der lutherischen und der reformierten Kompetenz vorlag, die der Inspektor Wiß übersehen hatte, als er seinerzeit in Vertretung das Schreiben weitergegeben hatte. So hatten beide Pfarrer nach dem Buchstaben recht.

 

Inspektor Wiß

 

Aber Rohnert wurde gerügt, weil er nicht am Samstag mit dem lutherischen Pfarrer in Verbindung trat, als er das Geläut zur Beichte hörte (er war zu der Zeit in der Schule neben der Kirche!). Daß Rohnert von dem Vorhaben des lutherischen Pfarrers wußte, geht auch eindeutig aus dem reformierten Presbyterialprotokoll hervor, das noch am Vorabend niedergeschrieben wurde. Das Presbyterium stärkte Rohnert noch den Rücken mit der Forderung, er müsse auf seinem Platz sein. Am 30. April wurde von oben verfügt, die Notizen über den ersten Fastensonntag und den 1. Advent in der Kompetenz zu streichen, aber erst nach dem 10. Februar 1873 wurde sie tatsächlich vorgenommen.

 

Die Gründe für die Entstehung der altlutherischen Gemeinde:

(Die folgende Darstellung folgt den Akten der Evangelischen Kirchengemeinde. Die altlutherische Gemeinde wird von ihrer Überlieferung her wohl manches anders sehen).

1.) Dem reformierten Pfarrer war es während des schlechten Gesundheitszustands des Pfarrers Hattendorf gelungen, über die Kriegsbetstunden und die nachfolgenden Bibelstunden einen Kreis persönlicher Anhänger zu bilden, die zum großen Teil aus der lutherischen Gemeinde kamen. Er war wohl das, was man eine Persönlichkeit nennt, und ein nicht unbedeutender theologischer Schriftsteller. Als Pfarrer einer kleineren Pfarrstelle konnte er sich auch mehr diesen Dingen widmen: Der lutherische Pfarrer konnte wegen Arbeitsüberlastung da nicht mithalten. Dennoch hat Pfarrer Bernhard ab 1874 jeden Sonntagabend Bibelstunden gehalten, die auch in der Vakanzzeit von Pfarrer Schantz vierzehntägig fortgeführt wurden.

2.)  Das Verhältnis des reformierten Pfarrers zu dem lutherischen war sehr gespannt. Man kann nicht so recht erkennen, wer hieran größere Schuld haben könnte. Auch der lutherische Pfarrer Bernhard scheint nicht so friedlich gewesen zu sein, wie das seine Gemeindeglieder meinten. Schon in seiner früheren Gemeinde Fambach gab es Auseinandersetzungen mit dem reformierten Pfarrer Amelung in Herrenbrei­tun­gen, der Rohnerts Freund und späterer Mitstreiter war.

Zumindest urteilte der reformierte Inspektor über ihn, er werde sich wohl in keinem Kirchspiel mit einem reformierten Pfarrer auf Dauer vertragen. Der „Invokavitstreit“ war nur ein Höhepunkt jener Auseinandersetzungen. Aber andererseits schreibt Bernhard 1875 in den Turmknopfakten: „Wir beiden Pfarrer schützen in Frieden unser Nest!“

3.) Rohnert hatte den Anschluß Kurhessens an Preußen nicht verkraftet. Er war wie manch anderer mißtrauisch gegenüber allem, was aus Preußen kam. Auf kirchlichem Gebiet konnte er am ehesten seine politische Opposition zeigen. So sprach er sich gegen das Gesamtkonsistorium und gegen die Union aus. Er gründete lieber eine eigene Gemeinde, als sich einem preußischen Konsistorium zu unterstellen. So hat hier wie auch anderswo sein Preußenhaß Geschichte gemacht.

4.) Schließlich und endlich muß man hier auch die konfessionelle Frage anführen, obwohl es verwunderlich erscheint, wie ein Pfarrer, der sonst immer für die Rechte der reformierten Gemeinde entschieden eintrat, nun plötzlich ganz entscheiden „lutherisch“ auftrat. Er schreibt selber dazu, er sei im Herzen immer lutherisch gewesen und habe nur notgedrungen eine reformierte Pfarrstelle angenommen, weil diese gerade frei war. Er habe sich auch mehrfach um Pfarrstellen in lutherischen Kirchen bemüht, kam aber nicht an. Solange er aber der reformierten Kirche angehörte, hielt er es für seine Pflicht, für deren Ordnungen und Rechte einzutreten. 

Sein Nachfolger, Pfarrer Schantz urteilte über ihn: „Sein Hauptfehler war sein maßloser Ehrgeiz“ („Mein Vaterland muß größer sein“) und die Einbildung auf seine Persönlichkeit. Es fehlte ihm die Demut und Bescheidenheit, daß er sich begnügt hätte mit dem Platz, wo Gott ihn hingestellt hatte. Er machte sich der Sünde schuldig, daß er in ein fremdes Amt eingriff durch Bibelstunden und seelsorgerliche Behandlung, zum Teil auch durch Homöopathie. Welchen Unfrieden hat der Geist dieses Mannes in unser Kirchspiel und in viele Familien desselben getragen! Mag er das einst vor Gottes Richterstuhl verantworten, desgleichen auch die gewiß von ihm ausgehende, durch seine Anhänger betriebene Schmähung der Geistlichen und unserer Kirche, als sei sie das neue Babel (sie selbst aber das auserwählte Volk, das Salz Steinbachs!), als sei kein Christus mehr darin, als würden Bibel, Gesangbuch und Katechismus abgeschafft und als wären alle Pfarrer Lügenpfarrer!“

 

Die Entstehung der altlutherischen Gemeinde:

Das Gesamtkonsistorium für den Regierungsbezirk Kassel war am 28. Juli 1873 endgültig eingesetzt worden. Dagegen lehnten sich (zunächst) 42 Pfarrer auf. Bis auf einen waren sie alle reformiert. Rohnert unterschrieb die Eingabe an den Kaiser vom 5. Juli 1873 und an den Minister (im September) nicht, machte aber eigene Eingaben (13. September und 11. Oktober). Es gelang ihm, am 3. August das Presbyterium und eine Woche später auch das große Presbyterium hinter sich zu bringen. Etwa 240 Einwohner machten sogar am 24. November eine Eingabe zugunsten Rohnerts.

Das Ministerium betonte jedoch: Rohnert ist nicht um seiner Überzeugung willen mit einer Geldstrafe belegt worden, sondern wegen seines Ungehorsams gegen die vorgesetzte Behörde und seinen Widerstand gegen den Landesherrn (Er hatte die vom Gesamtkonsistorium herausgegebenen „Amtlichen Mitteilungen“ zurückgeschickt).

Er hatte auch keinen Anlaß, das Bekenntnis seiner Gemeinde zu verteidigen, weil dieses niemals angegriffen wurde. Durch die Einrichtung des Konsistoriums wurde alles in der Kirche in alter Ordnung gelassen, denn auch die früheren Konsistorien betreuten Gemeinden verschiedenen Bekenntnisses (die Steinbacher Gemeinden waren beide dem reformierten Konsistorium in Kassel unterstellt). Am Freitag, dem 30. Januar 1874, erschien der lutherische Inspektor Wiß bei Rohnert, um ihn vorläufig von seinem Amt zu beurlauben.

Dem reformierten Inspektor Thamer war es wohl zu schwer geworden, gegen den früheren Mitstreiter vorzugehen. Die Verwaltung der Pfarrstelle wurde dem lutherischen Pfarrer übertragen und der Schulsaal für Bibelstunden gesperrt.

Rohnert wurde aber von den Gemeindegliedern gebeten, sie jetzt nicht zu verlassen. Er richtete gleich am 1. Februar 1874 einen Hausgottesdienst ein. Pfarrer Bernhard schrieb einen Brief an die Gemeindeglieder, die es mit Rohnert hielten bzw. suchte sie persönlich auf. Sie antworteten ihm aber, sie wollten ja nur zu einer wahrhaft evangelisch-lutherischen Kirche gehören, sie wollten doch ihre Seligkeit nicht verlieren, und dazu brauchte man nur Altlutheraner zu sein.

 

Nachdem Rohnert am 4. Februar 1874 seine Absetzungsurkunde erhalten hatte (die allerdings erst am 16. März rechtskräftig wurde), schritt er zur Gründung einer staatsfreien lutherischen Kirchengemeinde. Er tat mit Superintendent Felder (Wuppertal-Elberfeld) und Pfarrer Lochte (Erfurt) in Verbindung und beantragte beim altlutherischen Oberkirchenkollegium in Breslau den einstweiligen Anschluß an die Altlutherische Kirche in Preußen, bis sich eine hessische altlutherische Kirche gebildet hätte.

Am 27. Februar 1874 taufte der altlutherische Pfarrer Lochte aus Erfurt das Kind des Nagelschmieds Valtin Friedrich Häfner, der am 21. Februar mit seiner Frau als Erster aus der Kirche ausgetreten war und danach in einem Brief an Pfarrer Bernhard seinen Schritt begründete. Am 28. Februar, einem Freitag, gründeten 17 Familienväter im reformierten Pfarrhaus die altlutherische „Zionsgemeinde“ mit insgesamt 77 Mitgliedern (einschließlich Frauen und Kinder). Das Ehepaar Menz und Herr Adolf Hüller traten aber bald wieder zur Landeskirche zurück.

 

Altlutherische Kirche in der Rotteroder Straße

 

Seit dem 4. Mai 1873 war ja der Austritt aus der Kirche möglich geworden. Jedem bleiben aber noch vier Wochen Bedenkzeit, ehe der Austritt rechtskräftig wurde. In dieser Zeit suchte der bisherige Pfarrer das Gemeindeglied auf und versuchte. es umzustimmen. Im Fall der Altlutheraner führte am 19. März auch der Kreissekretär aus Schmalkalden noch ein Verhör durch. Nach der Bedenkzeit mußte man dann noch einmal aufs Gericht und den Austritt bestätigen. Einige unterließen diese Bestätigung, andere traten erst nach Jahren wieder zur Landeskirche zurück. In den späteren Jahren gab es dann auch Übertritte zur Landeskirche von solchen Christen, die schon als Kind altlutherisch getauft worden waren.

Die Gründer traten am Freitag, dem 28. Februar, bzw. Montag aus der Landeskirche aus. Rohnert mit Frau trat erst am 18. März aus, nachdem seine Absetzung Rechtskraft erlangt hatte. Von Juni bis Mitte Oktober erfolgten überhaupt keine Austritte. Erst als das Kirchengebäude fertiggestellt war und die Gemeinde einigermaßen Aussicht auf Bestand zu bieten schien, kamen wieder Austritte aus der Landeskirche vor. Ende des Jahres 1874 waren 118 Personen ausgetreten, davon 21 Ehepaare, 24 Einzelpersonen und 52 Kinder. Bis 1905 traten in dem ganzen Kirchspiel noch 79 Erwachsene mit 27 Kindern aus.

Am 25. März zog Rohnert aus dem Pfarrhaus aus, ohne eine ordnungsgemäße Übergabe vorgenommen zu haben. Er wohnte zunächst in einem baufälligen Bauernhaus in Herges-Hallen­berg, das der Kaufmann Wilhelm Holland-Letz gekauft hatte. Am 10. April traf der Superintendent Feldner ein, um den Anschluß an die Altlutherische Kirche in Preußen zu vollziehen, dem das Oberkirchenkollegium am 5. März zugestimmt hatte.

 

Inneres der altlutherischen Kirche

Gleichzeitig wurde aber ein Erlaß des Ministeriums bekannt, wonach die Erlaubnis für die Altlutheraner vom 23. Juli 1845 in den neu erworbenen Landesteilen keine Gültigkeit habe und die Altlutheraner und ihre Pfarrer nicht die Rechte einer öffentlich anerkannten Körperschaft haben. Allerdings wolle man ihnen auch nicht mit Mitteln des Staates entgegenwirken, sondern nur durch Belehrung und Seelsorge. Am Sonntag nach Ostern, dem 12. April, wurde Rohnert von Superintendent Feldner in sein neues Amt eingeführt und die Gemeinde in den Verband der Altlutherischen Kirche aufgenommen und erstmals das Abendmahl gefeiert.

 

Kampf gegen die Altlutherische Kirche:

Am 23. April 1874 wurde der Pfarramtskandidat Schantz mit der Versehung der Reformierten Pfarrstelle beauftragt. Lehrer und Schulkinder brachten ihn in das festlich geschmückte Pfarrhaus. Die Vorstellung durch Inspektor Thamer geschah allerdings mit dürren Worten, während er Rohnert einen warmen Nachruf widmete.

Nachdem ihn schon die Kirchenväter deswegen am Nachmittag zur Rede stellen wollten, legten sie schriftlich Beschwerde gegen den Inspektor ein (verfaßt von Kaufmann Sasse). Dieser betonte jedoch, daß er zum konfessionellen Frieden habe mahnen wollen. Eine Rechtfertigung der Altlutheraner habe er nicht beabsichtigt. Die Einführung am 28. Juni ist dann wohl feierlicher ausgestaltet worden.

Streit gab es sehr bald wegen der Benutzung des Friedhofs. Als das Kind des Nagelschmieds Döll gestorben war, mußte der Vater zu Pfarrer Bernhard und sich eine Grabstelle anweisen lassen. Dieser tat es auch, aber „nicht aus Gründen anerkannten Rechts, sondern aus Humanitätsgründen“, jedoch mit der Auflage, daß am Grab nur ein stilles Gebet gesprochen werden dürfe. Döll unterschrieb ein entsprechendes Protokoll (es kann keine Rede davon sein, daß er selbstverständlich diese Forderung abgelehnt hätte).

Rohnert hielt am Grab dennoch eine Rede und sprach den Segen, auch wurde ein Lied gesungen. Außerdem amtierte Rohnert im Talar eines landeskirchlichen Geistlichen. Dies brachte ihm mehrere Strafverfügungen ein, verschiedene Prozesse wurden geführt Er änderte seinen Talar zweimal um, mußte aber schließlich nach einem Urteil des Landgerichts in Meiningen vom 11. Dezember 1879 den Talar ablegen.

Bei Beerdigungen wurde die Trauerfeier im Kirchsaal der Altlutheraner gehalten. Rohnert trug Lutherrock und Zylinderhut und sprach am Grab nur das Vaterunser und den Segen (wie das bei landeskirchlichen Beerdigungen üblich war). Die Anlegung eines eigenen Friedhofs in der Rotteroder Straße wurde von den Kreisbehörden nicht genehmigt.

Die Altlutheraner verlangten, daß der Bürgermeister ihnen die Grabstelle anwies, was auch in zwei Fällen geschah. Doch dann schickte sie der Bürgermeister in einem dritten Fall wieder zu Pfarrer Bernhard. Nach sieben Tagen wurde dann das Kind auf Befehl des Landrats begraben und der Vater mit 6 Mark Strafe belegt und der Betrag gepfändet.

Seit 1878 durfte durch die Totenfrau die Anmeldung bei der Friedhofsverwaltung vorgenommen werden. Erst 1881 wurde die Sache so geklärt, daß der Bürgermeister als Ortspolizeibehörde für die Anweisung der Gräber Sorge zu tragen hatte (der endgültige Bescheid des Kultusministeriums ist vom 21. November 1882).

Weil die altlutherischen Schüler von ihren Mitschülern verspottet und ungerecht behandelt wurden (besonders in der Mädchenschule) hätte Rohnert am liebsten alle Kinder seiner Gemeinde in einer Privatschule unterrichtet.

Schon im Frühjahr 1878 war er von zwei Vätern gebeten worden, ihren Kindern die Teilnahme an dem Unterricht zu gestatten, den er selbst seinen beiden Söhnen gab. Im Mai stellte er den Antrag, die Errichtung einer Privatschule zu gestatten.

Doch die Lehrer beschwerten sich, weil dadurch ihre Arbeit abqualifiziert würde. Schon jetzt würden die Schüler oder Eltern bei jedem Vorfall sagen: „Dann gehen wir eben zu Rohnert!“ Am 4. Juli wurde das Gesuch auch abgelehnt, weil kein Bedürfnis vorhanden sei.

Rohnert biete auch nicht die Gewähr für eine gedeihliche Jugendbildung (obwohl er Erfahrungen im Schuldienst hatte und ab 1866 schon eine Privatschule in Steinbach geführt hatte). So konnte er nur den Kindern seiner Gemeinde einen Religionsunterricht von vier Wochenstunden erteilen. Für das Jahr 1874 wurden 21 Schüler festgestellt, 1875 nur 11, davon 2 in der Oberklasse.

Schwierigkeiten gab es auch wegen der Schulentlassung: Die landeskirchlichen Kinder wurden ohne weiteres auch schon vor dem 14. Lebensjahr nach der Konfirmation aus der Schule entlassen, während die Altlutheraner die Schule noch bis zum Ende des Schuljahres besuchen sollten, in dem sie 14 Jahre alt wurden. Erst 1888 wurde das geändert, und die Eltern konnten beim Kreisschulrat einen Antrag auf vorzeitige Schulentlassung stellen. Aber man hatte keinen Erfolg mit der Beschwerde gegen eine Umlage von 1,50 Mark, die die politische Gemein­de von allen Bürgern erhob und aus der auch das Pfarropfer für den lutherischen Pfarrer bestritten wurde.

 

Die weitere Geschichte der altlutherischen Gemeinde:

Ein Höhepunkt im Leben der neuen Gemeinde war die Kirchweih am 25. Oktober 1874, den

21. Sonntag nach Trinitatis. Noch rechtzeitig vor dem Winter hatte man das „Kirchhaus“ mit Saal und Pfarrwohnung fertigstellen können. Vom alten Betsaal im Hause von Ernst Friedrich Döll zog man in das neue Gebäude in der Rotteroder Straße. Im Gottesdienst wurden auch neue Gemeindeglieder aufgenommen, die ersten Konfirmanden eingesegnet, ein Kind getauft und das Abendmahl gefeiert.

Am gleichen Tag beging die landeskirchliche Gemeinde das Erntedankfest. So konnte man sehen, wie klein das Häuflein Altlutheraner war im Vergleich zu den großen Scharen, die an diesem Tag zur Mutterkirche zogen. Daher hat sich wohl die Bezeichnung „Klein Häufle“ für die Altlutheraner gebildet).Nachmittags hielt Pfarrer Bernhard unter dem Klang der Posaunen und des Liedes „Ach bleib mit deiner Gnade“ eine gewaltige Rede, die man bis auf der Straße nach Rotterode verstehen konnte.

Die altlutherische Gemeinde bestand meist aus armen Nagelschmieden, die gerade in jener Zeit durch die maschinelle Herstellung von Nägeln in finanzielle Bedrängnis kamen. Dank vieler Spenden aus ganz Deutschland konnte die Bauschuld von 24.000 Mark auf die Hälfte verringert werden. Dennoch waren 730 Mark Zinsen und das Pfarrergehalt von 720 Mark zu zahlen (das Oberkirchenkollegium legte noch 240 Mark dazu).

Im Jahre 1878 mußten 10.000 Mark an den Major von Roques zurückgezahlt werden, der in Schmalkalden wohnte und das wohlhabendste Gemeindemitglied war. Nach seinem Weggang nach Erlangen ging die Filialgemeinde in Schmalkalden wieder ein und das dortige Haus wurde wieder verkauft (von Roques wurde später katholisch). Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, mußte Rohnert Sommerfrischler, Schüler und Hausmädchen aufnehmen, also praktisch ein Pensionat einrichten. Durchschnittlich erteilte er den Schülern 30 Stunden in der Woche. Dazu kamen die vier Stunden Religionsunterricht für die Kinder der Gemeinde. Zur eigentlichen Pfarramtsarbeit kam er immer erst gegen Abend.

Schon zur Kirchweih hatte Christian Saft auf einer geliehenen Hausorgel gespielt. Er rief auch bald einen Gesangverein und einen Posaunenchor ins Leben, der in der Silvesternacht 1874 erstmals vom Turm des Kirchhauses blies.

Ende 1876 wurde die neue Orgel auf der Empore fertig. Kirchliche Vereine wurden ins Leben gerufen und jährlich ein großes Missionsfest begangen.

Das Verhältnis zur landeskirchlichen Gemeinde und ihrer Pfarrer blieb denkbar schlecht. Die Altlutheraner stellten die Union als das Schreckbild dar. Die wesentlichen Grundlagen des Glaubens würden zerstört, weil jeder Pfarrer lehren könne, was er wolle. Die Pfarrer der Landeskirche seien „Lügenpfarrer“ und „Staatspfarrer“. Pfarrer Bernhard erhalte eine Zulage vom Staat, damit er umso williger den Willen des Staates ausführe. Die Altlutheraner aber seien die wahre Kirche, das „Salz von Steinbach“. In einem Wochenblatt bezeichnete sich Rohnert als der „alleinige lutherische Pastor in Kurhessen“.

In der Kirchenzucht war man sehr streng und schloß zum Beispiel ein Ehepaar aus, weil es sein Kind nach einer Verärgerung nicht mehr zum Religionsunterricht geschickt hatte (sie traten dann zur Landeskirche zurück). Am 2. November 1879 erfolgte der endgültige Anschluß der Zionsgemeinde an die Altlutherische Kirche in Preußen, nachdem sich in Hessen keine altlutherische Kirche gebildet hatte (Dort gab es zwar weiterhin „renitente“ Gemeinden, aber diese wurden nicht altlutherisch. Deshalb wandte sich Rohnert von ihnen ab und suchte eine größere Annäherung nach Preußen, vor allem nach Erfurt hin).

Im Jahre 1880 hatte die Gemeinde noch 9.000 Mark Bauschulden und etwa 150 bis 160 Mitglieder (Rohnert gab 225 an, zählte aber die Auswärtigen mit). Nur noch Familienangehörige von Altlutheranern traten aus der Landeskirche aus. Man erwartete, daß einige wieder zur Landeskirche zurückkehren werden, wenn Rohnert einmal die Gemeinde verließe. Von 1882 bis 1885 versah Rohnert auch die kleine altlutherische Gemeinde in Kassel. Am 7. April 1885 ging er an die größere altlutherische Gemeinde Waldenburg in Schlesien, denn auf die Dauer war es ihm doch unmöglich, sowohl die Last von Pfarramt als auch von Privatschule zu tragen.

Nachdem der schon gewählte Kandidat Amelung doch wieder abgesagt hatte, war es schwer, einen Nachfolger zu finden. Nach allerhand Studenten und Hilfspredigern übernahm der Kandidat August Schulz  - nachdem er ordiniert worden war - am 18. April 1886 die Gemeinde. Am 13. April 1889 wurde er als Pfarrer eingeführt. Er starb jedoch schon nach längerer Krankheit während eines Erholungsaufenthalts am 1. August 1893 in Waldenburg. Wilhelm Rohnert ging 1907 in Waldenburg in den Ruhestand und starb am 30. März 1908 in Breslau oder Liegnitz. Sein Sohn Otto Rohnert wurde am 29. Oktober 1893 altlutherischer Pastor in Steinbach-Hallenberg. Seit 25. August 1895 war dann Paul Kuhlmann Pastor.

Durch große Kinderzahlen und den Zuzug aus Schlesien wuchs die Zahl der Gemeindeglieder. Bei Trauungen stellte man die Forderung, daß der landeskirchliche Partner zur altlutherischen Gemeinde übertrete. Auch nahm man jeden mit offenen Armen auf, ohne nach den Beweggründen zu fragen (ein Vater wollte zum Beispiel sein Kind nicht in der Diakonissenstation taufen lassen und ging deshalb zu den Altlutheranern).

Das Verhältnis zwischen den Gemeinden wurde besser, wie das besonders zum 25jährigen Kirchweihjubiläum 1899 deutlich wurde. Die Gemeinde war jetzt schuldenfrei und besaß einen Pfarrerfonds von 2.000 Mark. Dennoch wurden ihr weiterhin die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verwehrt, weil keine Gewähr für ihren Fortbestand gegeben sei und dieses Recht nur in den alten preußischen Provinzen gelte.

 

 

 

Am 13. August 1905 wurde Otto Ziemer als neuer Pastor eingeführt. Am 23. Juni 1910 wurden die Altlutheraner von der landeskirchlichen Kirchensteuer befreit und ihr Pastor brauchte keine kommunalen Abgaben mehr zu zahlen. Ab 11. Oktober 1917 läuteten auf Antrag gegen entsprechende Bezahlung die Kirchenglocken zu altlutherischen Beerdigungen.

Die weiteren Pfarrer waren Paul Biehler (seit 1911), Johannes Landgraf (seit 1931) und Wolfgang Meißner (seit 1948), Heinz Nitzschke (seit 1982). Heute ist das Verhältnis zur altlutherischen Gemeinde sachlich und geordnet, wenn auch nur wenige Kontakte bestehen (zum Beispiel beim Posaunenchor oder bei der Überlassung der Friedhofskirche in den Jahren 1937 und 1972 zu altlutherischen Gottesdiensten).

 

Blick zur Kirche

 

 

Abnahme des Turmknopfes 1873

Am 5. Juni 1873 schlug bei einem heftigen Gewitter ein kalter Blitzstrahl in den Kirchturm ein, beschädigte das Turmdach, einen Balken im Turm hinter der Uhr und etwas die Mauer. Bei der durch Schieferdecker Reinhold Thiem von Zella, Zimmermeister Michael Jäger und Schlosser Friedrich Ader vorgenommenen Reparatur wurde zugleich die schon früher beschädigte Turm-(Helm)-Stange samt Knopf abgenommen.

Pfarrer Wilhelm Bernhard schreibt: „Gott segne unser liebes Kirchspiel viel tausendmal. Man besucht die Kirche fleißig und das heilige Abendmahl. Es gingen zum heiligen Abendmahl lutherischerseits im Jahre  1870 im Kirchspiel 3.022 (Oberschönau ferner 571), im Jahre 1872 schon 3.207 (Oberschönau 659), worüber ich mich  besonders freute..Gott segne uns alle und gebe uns das ewige Leben durch unsern Herrn Jesus. Amen. Gott schütze unsre evangelische Kirche vor ihren falschen Freunden und ihren mächtigen Feinden, die sie jetzt hat. Wir beiden Pfarrer, die wir im Frieden unser Nest schützen, glauben an Psalm 46!“                 

 

 

Georg Schantz, reformierter Pfarrer                                                               1874 - 1913

Nach der Amtsenthebung des Pfarrers Rohnert trat Johann Georg Heinrich Schantz ein schweres Erbe an. Als Sohn eines Schneidermeisters wurde er am 2. November 1844 in Marburg geboren. Nach Gymnasium und Studium in Marburg war er zunächst Hauslehrer auf Gütern in Westfalen und Mecklenburg und danach Erzieher und Lehrer am Königlichen Kadettenhaus in Oranienstein bei Dietz. Von 1874 bis 1913 war er Pfarrer in Steinbach-Hallen­berg.

Am reformierten Pfarrhaus wurde unter Pfarrer Schantz ständig gebaut (Keller 1874/75 mit Platten belegt, 1876 Räucherkammer auf dem Boden, Scheunendach 1883, Außenanstrich 1883, Schornsteine 1884, Dach 1884 und 1886). Schon 1875 war die Abtretung eines Teils des Pfarrgartens für den Neubau einer Schule abgewehrt worden.

Am 6. November 1886 wurde das Gebäude bei Anlegung des Grundbuchs vom kurhessischen auf den preußischen Staat übertragen. Dabei wurden aufgrund der Verfügung vom 23. Oktober 1886 Haus und Wiese belastet mit einem „Nutznießungsrecht für den jeweiligen Inhaber der reformierten Pfarrei zu Steinbach-Hallenberg“.

Am 8. Oktober 1885 wurde im Gottesdienst ein Gustav-Adolf-Fest begangen. Der Gustav-Adolf-Verein wurde weiter vom reformierten Pfarrer Schantz geführt. Am 26. September 1886 wurden erstmals die Presbyteriumsmitglieder und anschließend die Synodalen gewählt.

Durch die Synode wurden Bekenntnis und Lehre nicht angetastet; Abgeordnete wurden unter anderen Pfarrer Schantz und Amtsrichter Bernhard aus Steinbach.

Bei der Visitation am 4. November 1894 predigte Pfarrer Schantz über Röm 1, Vers 16. Es wurde ihm aufgegeben, die neue Liturgie mit den Antwortstücken der Gemeinde einzuführen. In Oberschönau sollten nicht mehr die Lieder aus dem alten Gesangbuch gesungen werden. Im Sommer hielt Pfarrer Schantz monatlich Besprechungen mit der konfirmierten Jugend nach dem Predigtgottesdienst am Sonntagnachmittag.

Am 23. Januar 1896 wurde Pfarrer Schantz in den am 12. Januar von zwölf Leuten gegründeten „Evangelischen Arbeiterverein“ aufgenommen und am 6. Februar zum Vorsitzenden gewählt. Am 27. November 1904 wurde er erneut visitiert und gab dann, daß er immerhin 30 bis 35 Minuten predige. Nach 39jähriger gesegneter Tätigkeit verließ er die Gemeinde, nachdem er die letzte Zeit ziemlich krank gewesen war. Liebe zu seiner Gemeinde und Pflichttreue zu seinem Amt sicherten ihm noch lange ein Andenken. Zum Abschied wurde ihm eine große Fotografie der Hallenburg überreicht. Am 1. April 1913 ging Schantz nach Erfurt in den Ruhestand und starb dort am 5. März 1921 (Himmelfahrt).

 

 

Kirchenrenovierung 1873

Im Jahre 1873 wurde die Friedhofskirche restauriert und innen weiß gestrichen. Eine deshalb in der Gemeinde veranstaltete Kollekte ergab 54 Taler, 19 Silbergroschen, 10 Pfennig. Auch die Hauptkirche wurde in diesem Jahr renoviert.

Am 30. Juli 1873 wurde noch ein Missionsfest gehalten, zu dem Pfarrer Trebitz aus Beutnitz (bei Jena) und Pfarrer Gerhold (aus Niederhessen) predigten (93 Taler Kollekte). Der Gottesdienst war sehr besucht, es gab 93 Taler Kollekte.

Am 5. Juni 1873 aber war bei einem heftigen Gewitter ein kalter Blitz in den Kirchturm eingeschlagen. Er beschädigte das Turmdach, einen Balken im Turm hinter der Tür und teilweise die Mauer. Die Reparaturen nahmen der Schieferdecker Reinhold Thiem aus Zella, Zimmermeister Michael Jäger und Schlosser Fritz Adler vor. Dabei wurde auch die schon früher beschädigte Turmstange samt Knopf abgenommen. Am 13. August wurde sie wieder aufgesteckt.

 

Kirche innen 1909

 

Kirche innen um 1935 (zwei Bilder)

 

Das Dach wurde erstmals mit (Schablonen-) Schiefer gedeckt. Kanzel, Frauenbänke, Emporen und Decke (der sogenannte „Himmel“) wurden gründlich ausgebessert. Der Maler Döll aus Schmalkalden frischte die Emporenbilder und die übrigen Bilder wieder auf und vergoldete die Kanzel. Die großen Bilder an der Decke aus Wasserfarben waren so beschädigt, daß sie blau überstrichen wurden (mit eingelegten Goldsternen).

Viele Gemeindeglieder hingen sehr an den Bildern, aber Pfarrer Bernhard meinte, sie hätten die Kirche nur verunziert. Um die aufgebrachten Gemüter zu beruhigen, kaufte er aus Kol­lektengeldern (von Bibelstunden und Sondergottesdiensten) ein großes Öldruckbild „Christus am Kreuz“. Auch wurden die Verse unter den Emporenbildern übermalt (die Kopien sind aber im Pfarrarchiv leider nicht mehr vorhanden). Die Gottesdienste fanden in dieser Zeit in der Friedhofskirche statt.

 

Vor allem die Schieferdeckerarbeiten erwiesen sich als sehr zeitraubend und teuer. Aber bis zum Kirchweihfest am 15. September war das Werk vollendet. Man hielt erst einen kurzen Gottesdienst in der Friedhofskirche und zog dann gemeinsam zur festlich geschmückten Hauptkirche. Pfarrer Schantz hielt die Liturgie und Pfarrer Bernhard predigte und nahm die Weihe vor. Die Gemeinde war hocherfreut über das gelungene Werk, zu dem ja jeder beigetragen hatte, auch die ärmste Witwe.

 

 

4Zivilstandsgesetzgebung 1874 / 1875

Am 1. Januar 1875 nahmen die Standesämter ihre Tätigkeit auf. Die Möglichkeit zum Kirchenaustritt war kurz vorher gegeben worden. Jetzt mußte vor allem vor jeder Trauung in der Kirche die Eheschließung auf dem Standesamt erfolgen. Der Staat führte eigene Register über Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle.

Die neue Zivilstandsgesetzgebung wurde im September 1874 auch in der Kirche bekanntgegeben: Die Pfarrer forderten dazu auf, die kirchlichen Handlungen wie bisher in Anspruch zu nehmen nach dem Motto: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und geht Gott, was Gottes ist“.

Es kamen jetzt auch viele Bitten um vorzeitige Entlassung aus der Schule und vorzeitige Konfirmation vor. Oftmals gingen die Kinder schon bis zu zehn Monate früher aus der Schule ab, um Geld zu verdienen. Bei den Reformierten kam die geringe Zahl der Kinder hinzu, so daß man gern zwei Konfirmationen in der Familie zusammenlegen wollte. Die Pfarrer mußten immer auf Vordrucken einen tabellarischen Bericht über die Antragsteller abgeben. Es wurden viele Ausnahmen gemacht, aber auf der Handwerkerschule fehlte es dann oft an Elementarkenntnissen.

 

 

Altersbach 1876

Altersbach wollte gern zu einem Filial von Steinbach werden so wie Oberschönau. Treibende Kraft dieser Bestrebungen war der Bürgermeister Döll, der sogar eine Einwohnerversammlung am 1. Juni 1876 ins Wirtshaus einberief. Doch der Pfarrer Bernhard meinte, die Altersbacher hätten es auch nicht weiter als die entfernter wohnenden Steinbacher und der Kirchgang sei eine gute Erholung für sie. Notfalls könnten sie ja mittags zur Betstunde in Altersbach gehen. Und die Amtshandlungen seien sowieso meist in Altersbach, bis auf das Abendmahl. Es blieb beim zweimaligen Abendmahl in Altersbach, denn in Steinbach war ja vierzehntägig Abendmahl.

Als aber 1883 an Abendmahlssonntagen Tanz in Altersbach stattgefunden hatte und der Pfarrer von der Kanzel verkündet hatte, beides vertrage sich nicht miteinander, kamen an jenem Sonntag keine Altersbacher zum Abendmahl. Pfarrer Obstfelder beschaffte übrigens die Heiligen Geräte und 1888 das Glasfenster „Christus als Lehrer“ (gestiftet von C. Döll). Der Platz im Kirchsaal scheint knapp gewesen zu sein und wurde zum Teil durch „Spenden“ erkauft: Am 17. Februar 1886 erhielt Margarethe Döll den ersten Sitz in der zweiten Bank nur, weil sie 60 Mark zum Neuguß der 1883 zersprungenen Glocke gab, den Altar bekleidete und ein Altarlesepult beschaffte.

Man erzählt in Altersbach auch, wegen Streitigkeiten um Kirchenplätze sei es 1887 zur Gründung der methodistischen „Evangelischen Gemeinschaft“ gekommen: Weil man nicht den gewünschten Kirchensitz erhielt, gründete man eine einfach eine eigene Kirche, in der dann genug Platz war.

 

 

 

 

Gustav Adolf Obstfelder                                                                                    1878 - 1892

An Himmelfahrt, dem 10. Mai 1877, hielt Pfarrer Bernhard seine Abschiedspredigt. Die Pfarrstelle wurde in den Kreisblättern ausgeschrieben, außerdem durch den Gemeindevorstand im „Reichsboten“. Offenbar herrschte damals ein ziemlicher Pfarrerüberschuß. Von insgesamt 23 Anfragen blieben sechs Bewerbungen bestehen.

Am 15. Oktober bewarb sich Gustav Adolf Obstfelder. Bei der Wahl am 20. Januar 1878 erhielt er 450 Stimmen, der Pfarrer Asmus aus Schleswig) aber nur 266 Stimmen. Am 9. Februar wurde die Pfarrstelle an Obstfelder übertragen. Am 1. Mai wurde er verpflichtet und am 10. Mai durch den lutherischen Inspektor Wiß eingeführt.

 

Pfarrer Obstfelder

 

Gustav Adolf Obstfelder wurde am 18. Februar 1847 in Gotha geboren als Sohn eines Güterexpeditionsvorstehers. Er besuchte das Domgymnasium und studierte in Erlangen, Leipzig und Halle. Die Erste Prüfung legte er in Gotha ab. Am 25. März 1873 wurde er in der Augustinerkirche in Gotha durch Generalsuperintendent Petersen ordiniert. Am 1. April 1873 wurde er Dritter Pfarrer in Gotha und nach einer Probepredigt vor dem Herzog seit dem 1. Oktober 1874 Hofprediger. Da ihm sein Amt aber durch den sehr frei gerichteten Oberhofprediger sehr erschwert wurde, übernahm er am 1. Oktober 1875 das Pfarramt in Schönau an der Hörsel (bei Eisenach).

 

In Steinbach führte er am 6. Oktober 1880 die neue Liturgie ein, die vom Pfarrer und einem Chor gesungen wurde. Die reformierte Gemeinde verzichtete 1883 auf die Einführung der für sie vorgeschriebenen Gottesdienstordnung. Sie wurde erst 1897 eingeführt, allerdings mit einigen Änderungen, um eine möglichst große Übereinstimmung mit der Lutherischen Liturgie zu haben.

Am 10. und 11.November 1883 fand die 400 jährige Geburtstagsfeier Dr. Martin Luthers statt. Es beteiligten sich sämtliche Einwohner des Kirchspiels Steinbach-Hallenberg. Aus jeder Schulklasse trug ein Schüler oder eine Schülerin in der Kirche ein Gedicht vor, während an jeden besten Schüler der Klassen eine Luther-Bibel verschenkt wurde.

An Weihnachten 1889 führte Obstfelder das neue Kasseler Gesangbuch ein, das einen von Inspektor Wiß erarbeiteten zweiten Anhang und einen weiteren Anhang für Steinbach hatte, der die von Obstfelder erarbeitete Liturgie enthielt. Aber noch lange wurde daneben auch das alte Gesangbuch „Himmlische Seelenlust“ benutzt und nur die 229 Lieder gesungen, die beide Gesangbücher gemeinsam hatten. Noch 1905 wurde dieses alte Gesangbuch benutzt, um der Behauptung der Altlutheraner entgegenzuwirken, in der Landeskirche schaffe man das Gesangbuch ab.

Obstfelder war an liturgischen Fragen sehr interessiert. Schon in Gotha war er Mitglied der Choralbuchkommission und wurde auch 1890 Mitglied der entsprechenden hessischen Kommission. Im Jahre 1883 führte er eine große Lutherfeier durch und ließ 1890 die Kirche in Oberschönau renovieren (neue Kanzel und Orgel). Auf dem Friedhof führte er eine neue Friedhofsordnung und das Reihenbegräbnis ein. Das lutherische Pfarrhaus wurde durch ihn in einen wohnlichen Zustand gebracht und durch Abreißen von zwei Scheunen der Garten angelegt. Auch ordnete er die Pfarrei-Akten neu.

Der Überschuß vom Lutherfest in Höhe von 2,71 Mark wurde verwendet für die Wiederherstellung der durch die Kerzenflammen schwarz gewordenen Stellen in der Kirche.

 

Am 1. Mai 1878 wurde Obstfelder mit der Ortsschulinspektion betraut und am 1. September 1891 erhielt er auch die Inspektion über die Schulen des Bezirks II der Kreisschulinspektion. Am 1. April 1890 rief er eine staatliche zugelassene Privatschule mit Fremdsprachenunterricht ins Leben. Überhaupt kümmerte er sich sehr um Schulsachen und konstruierte zum Beispiel einen Wandkartenhalter. Er zeigte einen nimmermüden Eifer nach Verbesserung der schulischen Methoden. Bei Versammlungen und Schulbesuchen verstand er es, den Lehrern immer neue Richtlinien und Anregungen zu erfolgreichem Schaffen zu geben.

 

Auf Veranlassung seiner Behörde bewarb er sich um die Oberpfarrstelle in Schmalkalden, nachdem er schon seit 1891 die Vertretung des Superintendenten übernommen hatte. Am 30. Juli 1892 wurde er Oberpfarrer und am 19. September Superintendent in Schmalkalden. Seine Wahl war nicht unumstritten, denn einige Freisinnige wollten gern den Archidiakon Weinrich haben und wandten sich sogar in einer Eingabe an den Kaiser, weil man einen jüngeren Geistlichen aus Steinbach-Hallenberg dem erfahrenen Pfarrer aus der eigenen Stadt vorgezogen hatte.

Nachdem noch die Friedhofskirche renoviert worden war, hielt Obstfelder am 25. September 1892 seine Abschiedspredigt in Steinbach. Sein Weggang hat lebhaftes Bedauern hervorgerufen. Beim großen Abendessen im Gasthaus Bühner (die Gäste mußten selber zahlen!) am letzten Michaelistag wurden begeisterte Hochs auf ihn und seine Frau ausgebracht. Zusammen mit seiner Schwester (der Frau des Rektors Heymel) trug er einige Gesangsstücke vor. Erst gegen drei Uhr morgens ging man auseinander.

Die Gemeinde verdankt Pfarrer Obstfelder unendlich viel und manche heilsame Ordnung ist durch ihn geschaffen worden, zum Beispiel das Reihenbegräbnis, die Friedhofsordnung, die Ausgestaltung der Liturgie, die Ordnung der Pfarreiakten. Auch ist durch ihn das lutherische Pfarrhaus in seinen jetzigen wohnlichen Zustand gebracht und der Garten angelegt worden. Im Jahre 1890 bewirkte er die Renovierung der Kirche zu Oberschönau (neue Kanzel, neue Orgel). Obstfelder galt als „schneidiger Herr“, wegen seiner Strenge und seinem „Gerade-durch-Gehen“ war er oft gefürchtet, ja auch gehaßt.

 

Aber er war auch ein guter Prediger und wirkte auch in Schmalkalden zum Segen. Zu seiner Zeit wurde die Stadtkirche im Inneren erneuert und am 31. Oktober 1909 wieder eingeweiht (dabei wurde die Lutherfigur in den Pfeiler des Mittelschiffs eingefügt), die Friedhofskirche und die Hospitalskapelle wurden hergerichtet, die Oberpfarrei in der heutigen Geschwister-Scholl-Straße wurde nach seinen Entwürfen gebaut, eine Kurrende wurde gegründet sowie der Männerkirchenchor in einen gemischten Chor umgewandelt.

Obstfelder erhielt verschiedene Orden und ab 20. November 1918 die Berechtigung, sich „von Obstfelder“ nennen zu dürfen. Am 30. März 1919 hielt er seine letzte Konfirmation und Abschiedspredigt und trat nach 47jähriger Dienstzeit am 1. April 1919 in den Ruhestand. Am 12. Januar 1930 starb er in Schmalkalden.

 

 

Kirchliche Verhältnisse 1876 bis 1887

Seit 13. Januar 1876 wurden dem Vormundschaftsgericht sogenannte „Waisenräte“ zur Seite gestellt, unter denen von da auch immer ein Pfarrer war. Als man 1884 vier Bezirke in der Gemeinde gebildet hatte, waren es die beiden Pfarrer, zeitweise auch der altlutherische Pfarrer.

Im Jahre 1878 kam es zu einer Krise im Gesangverein, als der Dirigent Kantor Schlag wegen „unangenehmer Erlebnisse“ mit dem Vorsitzenden sein Amt niederlegte. Der Chor war aber bereit, weiter im Gottesdienst zu singen, wenn man sich mit den Mitgliedern des Gewerbever­eins einigen könnte (wohl über gemeinsame oder abwechselnde Aufführungen). Am 22. Februar 1885 erschienen nur fünf Sänger auf der Chorempore der Kirche, weil sie allein in der Übungsstunde gewesen waren. Es konnte nur die Eingangsliturgie gesungen werden, nicht die Abendmahlsliturgie. Pfarrer Obstfelder entzog dem Chor das Recht, im Gottesdienst und bei Beerdigungen zu singen. Er gründete einen anderen gemischten Kirchenchor unter Leitung von Kantor Schlag (12 Männer, 12 – 14 Knaben).

In den Jahren 1879 und 1880 war reformierte Visitation, 1881 dann lutherische Visitation. Der reformierte Pfarrer Schantz verlangte 1879, wieder an der Feier des Heiligabend und des Silvester beteiligt zu werden. Die letzten beiden Jahre hatte Pfarrer Obstfelder die Gottesdienste allein gehalten, weil es sich um Wochengottesdienste handelte.

Schantz aber verwies darauf, daß es sich um neu eingeführte Gottesdienste handele, die gemeinsam gehalten werden sollten. Obstfelder wollte ihm auf Wunsch gern einmal den Gottesdienst abtreten, aber nicht gemeinschaftlich amtieren. Schließlich war das Konsistorium am

31. August 1880 damit einverstanden, daß jeweils ein Pfarrer allein amtiert und jährlich gewechselt wird. Im Jahre 1896 klagte Pfarrer Schantz darüber, die Reformierten würden im Kirchspiel nur als Eindringlinge angesehen. Es werde oft gesagt, sie hätten in der Kirche nichts zu suchen.

Wegen der Besetzung der Rotteroder Schulstelle gab es Auseinandersetzungen mit Pfarrer Obstfelder. Schantz erhielt zwar vom Konsistorium recht, wurde aber beim Versöhnungstermin bei Superintendent Weinrich am 2. August 1896 als der Schuldige behandelt. Er beschwert sich: In Steinbach wird der lutherische Pfarrer als der Steinbacher Pfarrer angesehen. Die Missionsfeste seien lutherisch geprägt, auf Pfarrkonferenzen und Synoden hielte immer ein lutherischer Pfarrer die Andacht, reformierte Lehrer dürften sich nicht um eine Stelle auf den Dörfern bewerben (aber 1882 war die Rotteroder Stelle mit dem reformierten Lehrer Pairan besetzt worden!).

Am 19. Oktober 1880 beschwerte sich Pfarrer Schantz beim Bürgermeister und Landrat über die Unbotmäßigkeit und Frivolität der Jugend. Er könne ja selber die traurigen Zustände beobachten, weil er ja mitten im Zentrum des Wirtshauslebens wohne. Samstagabend werde er oft durch das Brüllen in den Wirtshäusern bei der Vorbereitung der Predigt gestört. Am Sonntagabend habe man den Eindruck, unter Heiden und Wilden zu sein und nicht unter Leuten, die das Gotteshaus besucht haben und vielleicht zum Abendmahl gegangen sind. Oft müsse er unflätige Reden und Zotenlieder hören und unzüchtige Dinge sehen. Am Vortrag habe er persönlich dazwischen gehen müssen. Die Eltern ließen den Kindern zu viel Freiheit und gäben ihnen zu früh alkoholische Getränke.

Seit 1880 kümmerte sich Pfarrer Obstfelder sehr um die beiden Schwestern Karoline und Marie Nothnagel, die beide taubstumm waren. Da sie über zwölf Jahre alt waren, nahm sie kein Heim mehr auf. Obstfelder schrieb nach überallhin Bittbriefe, damit er einen Privatlehrer für die Kinder bekommen könnte, den er endlich in der Nähe von Frankfurt (Oder) ausfindig machte. Am 5. Februar 1886 wurde dann eine Armenkommission gebildet und neun Armenpfleger eingesetzt.

Am 9. Dezember 1888 erschlugen Elias Rommel und Richard Pfeffer den Waldwart Hengel­haupt aus Rotterode in der Nähe der Zionskirche mit Holzknüppeln. Schon die Eltern Rommels hatten Streit mit Hengelhaupt, wahrscheinlich wegen Wilddieberei. Am 24. Oktober 1889 wurden die Mörder in Erfurt enthauptet. Pfarrer Obstfelder war bei der Hinrichtung zugegen und leistete geistlichen Beistand.

Am 10. und 11. November 1883 wurde der 400. Geburtstag Martin Luthers von sämtlichen Einwohnern des Kirchspiels mit vier Gottesdiensten feierlich begangen. Alle Gewerbe beteiligten sich an dem Umzug vom Plätzerhammer (heute: Hallenburgstraße 34) zur Kirche.

Der Ort war beleuchtet. Aus jeder Schulklasse trug ein Schüler oder eine Schülerin ein Gedicht in der Kirche vor. An jeden besten Schüler der Klasse wurde eine Lutherbibel verschenkt. Zum Andenken an den Tag wurde das Lutherfenster in den Altarraum eingesetzt und mit einem Abendmahlsgottesdienst übergeben. Am zweiten Tag wurde auf dem Schulhof die Luther-Eiche gepflanzt.

 

Lutherfenster in der Kirche, später in der Sakristei

 

Nachdem 1880 der frühere Heiligenmeister Friedrich Jäger ein Tragkreuz mit einem messingsilberplattierten Kruzifix (dazu eine schwarze Jacke für den Kreuzträger) und 1881 Pfarrer Obstfelder und Frau ein Taufbecken für Haustaufen aus Neusilber gestiftet hatten, wollte das Konsistorium zu dem Lutherfenster zunächst nicht die Zustimmung geben, weil die Kirche sonst auch schmucklos sei. Aber Pfarrer Schantz konnte aufzählen, welche Schmuckstücke sich in der Kirche befinden und daß sich in dem Fenster ganz links schon früher ein Brustbild Luthers befunden habe. Am 13. September wurde die Genehmigung erteilt. Das Bild „Kreuzigung Christi“ kam 1886 hinzu, ein drittes Gemälde 1887.

Missionsfeste waren am 6. Oktober 1880 mit dem Hofprediger Emil Frommel aus Berlin (Predigt Psalm 46) und im September 1887 mit dem Hofprediger Stöcker aus Berlin. Beim Tode der Kaiser Wilhelms I. und Friedrich III. im Jahre 1888 wurden feierliche Trauergottesdienste und 14 Tage lang ein einstündiges Läuten gehalten.

Ganz großartig aufgezogen wurde das Missionsfest am 9. August 1888 mit Hofprediger Stöcker. Schon Am Donnerstag waren am Ortseingang Ehrenpforten errichtet worden und die Häuser mit Kränzen und Girlanden geschmückt worden. Tannenzweige und grüner Schmuck verliehen der Kirche ein festliches Aussehen. Der Altar und seine Umgebung waren dicht mit Blattpflanzen besetzt. Um 11 Uhr war die Kirche schon überfüllt.

Der Hofprediger war von seinem Landsitz in Garmisch-Partenkirchen gekommen und hatte in Meiningen übernachtet. Dort wurde er vom Ortspfarrer abgeholt, kam aber etwas spät. Auf dem Kirchplatz hatten sich über 200 Pfarrer und Lehrer aus der ganzen Umgebung versammelt. Mehrere tausend Menschen hatten sich eingefunden.

Im Gottesdienst sang der Kirchenchor „Wir loben dich“ von Bortniansky, das heute noch an Festtagen gesungen wird. Die beiden Steinbacher Pfarrer hielten die Liturgie. Stöcker predigte über Markus 16, Vers 15, und sprach von der großen Verheißung der unermüdlichen Arbeit der Christen. Nach dem Gottesdienst hielt man ein Festessen für 120 Teilnehmer im Gasthaus Bühner. Bei der Nachmittagsfeier ab 16 Uhr auf der Hallenburg berichtete Stöcker aus der Arbeit der Berliner Stadtmission. Am Sonntag predigte er wieder in Berlin und erzählte abends von dem schönen Missionsfest in Steinbach-Hallenberg und der Kollekte von 700 Mark, die sich die Berliner zum Vorbild nehmen sollten.

Aus den Jahren 1887 / 88 wird berichtet, daß es keinen eigentlichen Abendmahlsverächter gab. Nur ließen einige ein oder zwei oder noch mehr Jahre verstreichen, ehe sie wieder zum Abendmahl gingen. Der Grund liegt zum Teil in der Gleichgültigkeit, zum Teil aber auch im Mangel an passenden Kleidern (!). Die Pfarrer und Kirchenväter erinnerten dann die Betreffenden an ihre Pflichten.

Bibelstunden fanden in jener Zeit nicht mehr statt. Die Abendgottesdienste in der Passionszeit wurden gut besucht, die Mittwochsbetstunden am Vormittag dagegen nicht. Missionsgottesdienste waren meist am Sonntag nach Neujahr (reformierter Pfarrer) und an den dritten Feiertagen der hohen Feste (lutherischer Pfarrer). Die Gemeinde war für diesen Zweck sehr opferwillig.

 

Kirmes

Früher mußte das ganze Jahr hindurch hart gearbeitet werden. Aber man freute sich dann auch besonders auf die Festwoche im Herbst, in der Kirmes gefeiert wurde. Schon eine Woche vorher begann man, die Häuser vom Boden bis zum Keller zu scheuern. Der Haussockel, die Treppenstufen und Türtritte wurden mit Kalk gestrichen. Vor den Häusern wurden die mit bunten Papierfähnchen geschmückten Tannenbäume gesetzt. Rosinen-und Zwetschenkuchen und die fetten Rahmkuchen wurden gebacken.

Auf dem Dorfplatz baute man aus Brettern eine „Tanzbrücke“ auf, umgeben von eingegrabenen Fichten und einem Zaun aus Reisig. Etwas erhöht saß daneben die Dorfmusik mit Geigen und Klarinetten. Auf Bänken saßen die Frauen, die das Tanzen schon aufgegeben hatten und erzählten von früheren Zeiten. Die Männer waren meist im Wirtshaus oder auf der Kegelbahn anzutreffen.

Für die Kinder gab es einfaches Karussell. Dort konnte der „Schömpfer“ seiner „Schömpfere“ ein Honigkuchenherz kaufen mit der Aufschrift „Bleib mir 3, 4 und 4“, was im Klartext so viel heißt wie: „Bleib mir treu, für und für“. Viele Gäste kamen von auswärts. Doch mit einer Dorfschönen durfte man nur tanzen, wenn ihr Herr einen dazu aufforderte. Ansonsten galt der Wahlspruch: „Man lasse dem Hunde die Knochen und den Bauern die Kirmes!“

 

Kirmesumzug 1893

 

Kirmesgesellschaft 1870

 

Die Kirmes fand in der Woche statt, weil ja am Sonntag kein Tanz sein durfte. Eine Kirmespredigt hielt der Lutherische Pfarrer am Mittwoch und erhielt dafür einen Taler Extravergütung. Man feierte tatsächlich neun Tage (einschließlich Antrinken am Dienstag), wie das heute noch im Schlachtruf der Kirmesgesellschaft gerufen wird: „Drei-saß-nü-Dö-Kermes“, im Klartext: „Drei, sechs, neun Tage Kirmes!“

 

Kirmesumzug am Oberwirt

 

Seit 1808 wurde die Kirmes wieder nach der alten Zeit gehalten. Trotz der schweren Zeiten ließ man es nicht an öffentlichen. Lustbarkeiten fehlen und es gab auch verschiedene Schlägereien. Im Hungerjahr 1816 verschob man die Kirmes bis in den Oktober, bis nach Abschluß der Ernte. Im Jahre 1817 ging es bei dem Fest sehr still und einfach zu, ohne das sonst ge­wöhnliche Toben, Lärmen und Schreien. Die von allen Orten herbeieilenden Bettler konnten nicht viel erben. Im Jahre 1819 wurde die Kirmes für das ganze Kirchspiel in der Woche vor Michaelis gehalten, nämlich am 22. September und den folgenden Tagen.

 

Kirmesumzug neuere Zeit

 

Unter der Kirmes hatte besonders der reformierte Pfarrer zu leiden, lag sein Haus doch im Zentrum des Wirtshauslebens. So beschwerte sich schon 1851 der Pfarrer Lappe, daß er seine Bemerkungen zur Gottesdienstordnung nicht näher ausführen könne, weil er seit Dienstag den Jubel un4d Trubel der Kirmes den lieben langen Tag vor Augen und Ohren habe. Seit dem Jahre 1852 gab es auch Tanz am Sonntag, allerdings erst nach dem Nachmittagsgottesdienst. Am Sonntag nach der Kirmes durfte kein Tanz sein, um die Kirmes nicht noch zu verlängern. Oberschönau machte sich immer unabhängiger von der Steinbacher Kirmes. Eine eigene Kirchweihpredigt hatte man seit 1808, als der Pfarrer Habicht seinem Sohn die Betreuung von Oberschönau übergab.

 

Kirmesumzug in der Hauptstraße (zwei Bilder

 

Kirmesumzug vor dem Steinbacher Wirtshaus

 

Kirmesständchen (vor dem Haus Kirchplatz 5)

 

 

Otto Dettmering                                                                                                   1892 - 1899

Auf die Anzeige der freien Pfarrstelle im Amtsblatt, im „Schmalkalder Tageblatt“ und im „Reichsboten“ meldeten sich 53 Bewerber, meist Pfarramtskandidaten. Die ersten Probepredigt hielt am 11. September Karl Habicht (aus Marwitz bei Velten), Urenkel des früheren Steinbacher Pfarrers Habicht (er wurde nachher Pfarrer an St. Petri in Berlin und predigte am

10. August 1918 in Steinbach). Es folgten am 18. September Hermann Stockhaus (damals Brotterode) und am 2. Oktober Otto Dettmering.

Am 4. Oktober ordnete das Konsistorium an, daß nur Bewerber aus dem Bereich des Konsistoriums Kassel zugelassen werden. Damit schied auch Pfarrer Habicht aus, für den sich der Gemeinderat eingesetzt hatte. Zur Wahl standen am 20. November Pfarrverweser Stockhaus, Pfarramtskandidat Dettmering, Pfarramtskandidat Weigel und Rektor Drake.

Die Gemeindeglieder stimmten jedoch auch in großer Zahl für Habicht, er erhielt sogar etwas mehr Stimmen als Dettmering. Dieser erhielt jedoch die Stelle und wurde am 4. Advent (18. Dezember) unter Assistenz von Pfarrer Köhler (Springstille) und Pfarrer Schantz (reformierter Pfarrer) eingeführt.

Otto Benjamin August Dettmering wurde am 20. Dezember 1867 in Frankenberg als Sohn eines Pfarrers geboren. Er besuchte die Volksschule in Frankenberg und Dreihausen und wurde auch durch seinen Vater unterrichtet. Von 1881 bis 1887 besuchte er das Gymnasium in Marburg und studierte in Greifswald (1887/88), Berlin (1888) und schließlich wieder Marburg (1888-90).

Nach dem Militärdienst war er Hilfspfarrer am Domstift in Berlin und machte nach der Ersten Prüfung am 4. Juni 1890 in Marburg die Zweite Prüfung im März 1892 in Kassel. Am 30. Oktober 1892 wurde er durch seinen Vater ordiniert, der damals Superintendent in Marburg war. Er arbeitete dann auch zunächst als Gehilfe seines Vaters in Marburg. Er war Doktor der Theologie von Marburg.

 

Pfarrer Otto Dettmering

 

Am 18. Dezember 1892 wurde er als Pfarrer in Steinbach-Hallenberg eingeführt, wo er bis 1899 wirkte. In dieser Zeit wurde die Hilfspfarrei in Oberschönau eingerichtet, die Diakonissenstation und der Kindergarten gegründet und gegen Ende seiner Tätigkeit in Steinbach das Gemeindehaus erbaut. Durch seine rührige Vereinsarbeit stiftete er viel Segen (Gründung eines Jugendvereins).

Die Stolgebühren (Gebühren für Amtshandlungen), dazu Beichtgeld und Kranken­abend­mahls­geld, wurden 1898 endgültig durch eine pauschale Zahlung abgelöst, zu der auch die politische Gemeinde beitrug. Die (schon 1854 angeordnete) Gedächtnisfeier für die Verstorbenen wurde am „Totensonntag“ 1893 auch in Steinbach eingeführt. Die (Missions-) Gottesdienste an den Dritten Feiertagen fielen seit 1894 weg.

Anfang 1894 gab es einen Streit wegen der Kleidung der Heiligenmeister, als der reformierte Heiligenmeister mit einer sogenannten „großen Kappe“ ankam. Das war ein Halbmantel mit einer Schleppe, die fast bis zum Boden reichte und beim Klingeln über dem Arm getragen wurde. Aus Geldgründen (weil nicht alle sich einen teuren Mantel leisten konnten) war aber nur eine „kleine Kappe“ erlaubt. Doch der Heiligenmeister legte lieber sein Amt nieder als den Mantel zu verändern. Auch vorher hatten schon gelegentlich Heiligenmeister in „großer Kappe“ amtiert. Im Jahre 1879 konnte man einem Streit nur aus dem Wege gehen, weil der Heiligenmeister wegen Holzdiebstahls sein Amt nicht antreten durfte; aber er hatte die „große Kappe“ schon gekauft. Am 30. November 1919 wurde die „Kappe“ dann ganz abgeschafft, nur die Kirchenväter trugen sie noch weiter.

An Heiligabend 1895 wurde die neue pneumatische Orgel der Firma Kühn (Schmiedefeld) mit 24 Registern und 10 Kombinationen eingeweiht. Der lutherische Pfarrer predigte über Psalm 96, Vers 1 und der reformierte Pfarrer sprach das Weihegebet.

Am 6. Juli 1897 war das Missionsfest der Inspektur in Steinbach. Es predigte wieder Hofprediger Stöcker aus Berlin über 1. Mose 4, Vers 9. Die Zahl der Besucher war wohl noch um ein Drittel höher als 1888. Am Nachmittag berichtete Missionar Kopp über die Mission in der deutschen Kolonie Togo. Bei der Nachfeier auf der Hallenburg berichteten Pfarrer Leyd­hecker (Frankfurt) und Hofprediger Stöcker über die Stadtmission. Am 7. November 1897 war lutherische Visitation. In Altersbach wurde der Kronleuchter angeschafft.

Pfarrer Dettmering übernahm dann die Leitung des Frankfurter Diakonissenmutterhauses, nachdem er vorher alle acht Bewerber um die Steinbacher Pfarrstelle darauf verpflichtet hatte, persönlich die Hauskollekte für die Diakonissenstation einzusammeln, wie er selber es angefangen hatte. Am 4. Juni 1899 (1. Sonntag nach Trinitatis) hielt er seine Abschiedspredigt. In Frankfurt entfaltete er eine reiche Wirksamkeit, vor allem als Prediger.

In der Vereinstätigkeit war er sehr rege. Auch leitete er die Evangelisch-Lutherische Vereinigung. Am 1. Oktober 1912 wurde er Generalsuperintendent des lutherischen Sprengels und später Landespfarrer des Westsprengels der Landeskirche. Im Jahre 1934 trat er in den Ruhestand und starb am 27. März 1949 in Kassel und wurde am 31. März beerdigt

 

 

Hilfspfarrstelle und Pfarrstelle Oberschönau

Die lutherische Kirchengemeinde hatte 5.500 Glieder, davon 3.000 in Steinbach und 1.000 in Oberschönau. Der Pfarrer hatte durchschnittlich 145 Konfirmanden, 50 Krankenabendmahle und 385 Amtshandlungen. Dazu die Lokalschulinspektion und den Vorsitz im Gemeindewaisenrat. Die Anstellung eines Hilfspfarrers war also dringendes Bedürfnis, wenn die Gemeinde einigermaßen seelsorgerlich betreut werden sollte. Schon Pfarrer Obstfelder hatte vorgeschlagen, wenigstens einen Vikar nach Steinbach oder Oberschönau zu setzen.

Am 1. April 1893 wurde der Hilfspfarrer Conrad Weigel aus Cappel (bei Marburg) zum Gehilfen des Pfarrers Dettmering bestellt, der ihm freie Wohnung und ein jährliches Gehalt von 900 Mark zu gewähren hatte. Sein Arbeitsgebiet wurde genau abgegrenzt, vor allem sollte er in Oberschönau tätig sein.

Weil der Pfarrer ihn nicht im Pfarrhaus aufnehmen konnte, erhielt er eine Stube bei dem Kirchenvater Ferdinand Reinhard in Oberschönau.

Anfang 1894 fragte der Generalsuperintendent an, ob man Oberschönau nicht zu einer selbständigen Pfarrstelle mit Unterschönau als Filial machen könne. Pfarrer Dettmering und die Gemeindevertretungen begrüßten den Plan, bedeutete er doch eine wesentliche Verbesserung der kirchlichen Verhältnisse. Nur müßte der Steinbacher Pfarrer wegen der immer noch vorhandenen Mehrarbeit finanziell besser gestellt bleiben.

Am 2. Mai 1894 wurden dem Hilfspfarrer Weigel die Schönauer Kirchenbücher und das Steinbacher Siegel zur Führung unter eigener Verantwortung übergeben. Am 16. Februar 1895 übernahm der Pfarramtskandidat Conrad Rüger aus Kirchhain die Hilfspfarrstelle. Doch die Gründung einer eigenen Pfarrei Oberschönau wurde noch abgelehnt, weil das Mindesteinkommen von 1.800 Mark nicht zusammenkam.

Dann wurde der Plan gefaßt, in Unterschönau eine Kapelle zu bauen. Der Kaiser sagte ein Gnadengeschenk von 7.000 Mark zu, die Gemeindevertretungen verpflichteten sich, den Fehlbetrag zu übernehmen. Am 3. Juni 1900 wurde der Grundstein gelegt. Die Kaiserin stiftete die Altarbibel, Gemeindeglieder stifteten die übrige Einrichtung. Am 13. Dezember 1900 war die Einweihung. Hilfspfarrer war ab 1. November Ludwig Kraft aus Schönstadt.

Am 24. März 1902 wurde die Pfarrstelle Oberschönau mit der Filialgemeinde Unterschönau errichtet, auch wenn noch kein Pfarrhaus da war. Der reformierte Pfarrer aus Steinbach aber hielt weiterhin in Oberschönau Gottesdienst und reformiertes Abendmahl und war dort Vorsitzender des „Großen Presbyteriums“. In Unterschönau hielt der reformierte Pfarrer viermal im Jahr Gottesdienst und in der Adventszeit 1901 auch erstmals Abendmahl. Am 30.März 1903 kam Unterschönau frei von allen Lasten der Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg, mußte aber auch auf einen Anteil an der Steinbacher Pfründe verzichten.

 

 

Gründung der Diakonissenstation:

Schon 1824 wurde angeregt, alle Kinder, die nicht mehr Säuglinge sind, aber auch noch nicht zur Schule gehen, durch eine Person zu beaufsichtigen, wenn die Eltern an der Arbeit sind. Die Anregung zur Gründung einer Diakonissenstation ging von Lehrer Heymel und Pfarrer Obstfelder aus. Schon ab Januar 1888 sollte eine Schwester des Frankfurter Diakonissenmutterhauses angestellt werden. Doch der reformierte Pfarrer Schantz war damals skeptisch, ob die Gemüter sich wohl dafür würden erwärmen können, weil die Leute zu arm waren, um eine Schwester bezahlen zu können.

Obstfelder gründete 1890 einen „Diakonischen Verein“, dessen Mitglieder sich verpflichteten, etwas in die Kasse zu geben, wenn sie sich verloben oder verheiraten, Schwiegermutter oder Eltern werden. Dann führte er am 21. Juli 1891 ein Fest der Inneren Mission durch, bei dem auf einen Dienstag der lutherische Generalsuperintendent aus Kassel predigte. Um 14 Uhr führte der Kirchenchor das Oratorium „Lazarus“ auf. Um 16 Uhr begann die Nachmittagsveranstaltung auf der Hallenburg, die aber wegen Regens abgebrochen und in die Kirche verlegt werden mußte. Am 29. November wurde noch ein Konzert im Saal Bühner zugunsten der Diakonissenstation durchgeführt.

Diese Bemühungen führten zu einem praktischen Ergebnis unter Pfarrer Dettmering (1892-1899). Er schrieb mehrfach an den Vorsteher des Frankfurter Diakonissenmutterhauses. Anfang 1894 standen schon 1.000 Mark zur Verfügung. Pfarrer Leyd­hecker hoffte, Anfang 1895 eine Schwester schicken zu können.

Weil Schmalkalden in der Nähe ist, will er auch von dem Prinzip seines Hauses abweichen, nach dem immer nur zwei Schwestern gemeinsam geschickt werden dürfen. Aber eine zweite Schwester müßte möglichst bald dazukommen. Er fragte, ob denn nicht das Bedürfnis einer Kleinkinderschule vorliege.

Am 18. Oktober beschloß der Vorstand des Diakonissenmutterhauses, bald eine Schwester für Gemeindepflege (und Kinderschule) nach Steinbach zu entsenden. Pfarrer Leydhecker kam am 24. Oktober nach Steinbach, um Einzelheiten zu klären. Am 15. November wurde der Vertrag besprochen: Die Schwester soll entweder in einer Lehrerwohnung im Kantorat untergebracht werden (mit Familienanschluß und Verpflegung durch die Mutter des Kantors) oder in einem Haus in der Mitte des Ortes (Verpflegung dann aus dem Gasthaus). Sie soll aber Platz haben, um im Winter auch junge Mädchen zu sammeln und im Frühjahr eine Kleinkinderschule zu beginnen. Ab Herbst 1895 würde dann eine andere Wohnung für zwei Schwestern nötig.

 

Am 22. November wurde der Vertrag geschlossen: Die Schwester soll Anfang 1895 kommen, das Stationsgeld beträgt 280 Mark. Im Falle eines Krieges oder bei anderen außergewöhnlichen Landesnöten können die Schwestern sofort angezogen werden (wird nachher wichtig!). Ende 1894 sagte der Kreisausschuß jährlich 100 Mark zu, wenn die Gemeinde auch einen angemessenen Beitrag leistet. Die Einrichtungsgegenstände wurden gekauft. Am 29. Dezember trafen die persönlichen Gegenstände der Schwester ein. Sie selber kam am 5. Januar 1895 und wurde in eine kleine Kammer in der Kantorwohnung eingewiesen. Sie hatte nur ein Fenster und ein Bett, man konnte gerade so darin stehen. Es war ein wunder, daß der Diakonissenhauspfarrer diese „Wohnung“ nicht abgelehnt hatte.

Am 6. Januar 1895 abends um 19 Uhr war die Einführung der Schwester Emilie Schütz, die aus Erfurt stammte. Die Einführung nahm Pfarrer Leydhecker vor, der nur zu dieser Zeit kommen konnte. Er grüßte die Gemeinde, die trotz strenger Kälte die Kirche bis zur dritten Empore füllte, mit dem Worten: „Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“ Er legte der Gemeinde die Schwester ans Herz und wußte Bedenken und Vorurteile zu zerstreuen.

Die Unkosten wurden gedeckt durch eine jährliche Sammlung unter allen Einwohnern (bis zum Zweiten Weltkrieg wurde sie jährlich genehmigt), durch eine Beihilfe des Landtags, durch Sühnegelder und ab 1896 durch einen Zuschuß der Gemeinde. Für eine zweite Schwester wurden schon die Möbel angeschafft.

Am 13. März wurde der Vertrag zwischen der Diakonissenstation und dem Barbier David Werner über die Anmietung einer Wohnung geschlossen. Dazu gehörten die Parterre-Räume im heutigen Haus Hauptstraße 69, halber Keller, halber Bodenraum, Kammer im Bodenraum. Der Hof wurde als Spielplatz hergerichtet und mit einer Toilette versehen. Falls die Kinder-zahl über 50 steigt, soll die Trennwand im Unterstockwerk herausgenommen werden (muß aber beim Ende des Mietverhältnisses wieder eingefügt werden), über die Gosse wird ein Steg gelegt. Die Miete beträgt jährlich 240 Mark.

Im Mai 1896 wurde Schwester Paula Böttner aus Römhild als zweite Schwester angestellt.

Die Kleinkinderschule wurde eingerichtet und hatte bald über 100 Kinder. Zu diesem Zweck mietete Pfarrer Dettmering die unteren Räume des an der Hauptstraße gelegenen, dem Barbier David Werner gehörenden, Wohnhauses Nr. 44 (jetzt Nr. 69). Die Schule wurde im Mai 1896 mit 100 Kindern eröffnet.

 

Alter Kindergarten Hauptstraße 69

 

Schwester Paula allerdings rieb sich im Dienst der Gemeinde so auf, daß sie 1906 ernstlich erkrankte und ein anderes Arbeitsfeld übernehmen mußte. Dennoch ging die Arbeit auf der Station weiter und wurde noch ausgeweitet. Auch eine ganze Reihe Steinbacher Mädchen ging nach Frankfurt und wurde Diakonisse. Außerdem waren in dem Haus in der Hauptstraße 69 die Wohnstube, zwei Schlafstuben und eine Küche für die Schwestern. Ein Harmonium war auch schon vorhanden. Schwester Emilie machte im ersten Jahr über 3.000 Besuche, darunter auch 27 in anderen Orten des Amtes Hallenberg; dazu kamen 10 Tagespflegen und 10 Nachtwachen.

 

 

Bau des Gemeindehauses

Am 13. März 1898 beschließt der Kirchenvorstand um 15 Uhr nach dem Gottesdienst den Bau eines Gemeindehauses („Vereinshauses“) zur Aufnahme der Kinderschule und zur Wohnung für die Diakonisse. Gleichzeitig sollte der Gemeinde eine Stätte gegeben werden, wo christliches Gemeinschaftsleben von jung und alt gepflegt werden konnte. Durch unterhaltende und bildende Vorträge sollte ein gesundes christliches Geistesleben geschaffen werden.

Die reformierte Gemeinde war nicht herangezogen worden und bewilligte folgerichtig auch keine Mittel aus dem gemeinsamen Kirchenkasten für das Haus. Erst 1914 durften auch die Reformierten das Haus benutzen und zahlten auch dafür.

Als Bauplatz wird am 23. April 1898 ein 21,63 Ar großes Grundstück im Gruppich (heute Bismarckstraße 47) für 2.000 Mark von dem Kaufmann Ernst Holland-Merten erworben. Da kein Weg auf dieses Grundstück führte, wurde die baupolizeiliche Genehmigung nur unter der Bedingung erteilt, daß ein Anschlußweg nach dem Arzbergweg (Kälberzeil) geschaffen wurde. Deshalb mußte für 3,25 Mark pro Quadratmeter noch ein Streifen Land vom Kirchenvater Karl August Jäger gekauft werden. Als später die Bismarckstraße gebaut wurde, mußte auch von dorther eine Zufahrt geschaffen werden und noch ein Grundstück gekauft werden. Insgesamt wurden 2.187 Mark bezahlt.

Mit der Ausführung des Baues wurde der Maurermeister Ernst Keßler aus Steinbach beauf­tragt. Er sollte nun innerhalb einer Woche eine Zeichnung und einen Kostenvoranschlag machen. Das Unterstockwerk sollte massiv und das Oberstockwerk in Fachwerk aufgeführt werden. In dem 30 x 15 Meter großen Gebäude sollte unten die Kinderschule untergebracht werden. Die Wohnungen der Schwestern entweder oben oder unten. Die gußeiserne Säule im großen Saal, der 191 Personen fassen kann (kleiner Saal 75 Personen, Vereinszimmer 49 Personen) wurde mit achtfacher Sicherheit berechnet.

Der Kostenvoranschlag belief sich auf 18.875 Mark. Sie wurden durch einen Kredit von

13.000 Mark der Landeskreditkasse, einen weiteren Kredit von 3.000 Mark und 2.000 Mark aus der Lutherischen Kirchenkasse aufgebracht.

Als der Kostenvoranschlag auf 19.500 Mark gestiegen war, bot Pfarrer Dettmering bei Vertragsabschluß an, noch persönlich 1.500 Mark vorzuschießen. Er erhielt dann aber noch 2.000 Mark von einer Kollekte von außerhalb. Das Presbyterium mußte sich aber am 24. Februar 1899 verpflichten, dieses Geld an das Frankfurter Mutterhaus zu zahlen, falls es andere Schwestern anstellen sollte, obwohl Frankfurt welche anbieten kann.

 

Gemeindehaus um 1900 (zwei Bilder)

 

Die Baugenehmigung wurde am 2. Juni erteilt. Am 13. Juni wurde der endgültige Beschluß gefaßt, am 15. Juni der Vertrag mit dem Maurermeister Keßler geschlossen, am 14. Juli der Grundstein gelegt (Urkunde mit Baugeschichte). Ende Oktober stand das Haus. Am 26. Oktober wurde es eingeweiht. Es sollte der Diakonissenstation Bestand verleihen und ein Vereinshaus sein, in dem die einander fremd gewordenen Menschen sich wieder begegnen können. Der Rohbau wurde auf 16.000 Mark geschätzt und so versichert. Der Wert des ganzen Gebäudes auf 27.000 Mark geschätzt. Gezahlt wurden für das fertige Haus 19.818,35 Mark.

 

Der Vorstand der Diakonissenstation wurde auf fünf Presbyteriumsmitglieder erweitert (darunter der lutherische Pfarrer), weil nun auch das Haus mit zu verwalten war. Der Bürgermeister wollte gleich den kleinen Saal für die Schule nutzen, aber kein billiges Darlehen gewähren. Es war dann dort auch Schule und 1912 auch Handarbeitsunterricht.

Im Gemeindehaus befanden sich eine Kleinkinderschule (Kindergarten) und zwei Gemeindeschwestern für die Krankenpflege waren dort untergebracht. Im Haus fanden nun Konfirmandenunterricht und Presbyteriumssitzungen statt. Es trafen sich Missionsverein, Posaunenchor, Mädchenverein, Frauenchor und Wittenbergverein (zum Teil wurden sie erst später gegründet). Auch die Volksbücherei wurde im Gemeindehaus untergebracht.

 

Blick zum Gemeindehaus

 

Das Gemeindehaus auf einer Tasse

 

Der Gemeinderat erklärte sich schließlich auch wieder bereit, die jährlichen 200 Mark Zu­schuß zu zahlen. Dafür trat aber auch die Diakonissenstation ein Stück zum Bau der Straße und zur Begradigung der Straßenfront ab. Der Platz vor dem Vereinshaus war früher ein Sumpf und Wasserloch, ein Tummelplatz für die Gänse und Enten der Nachbarschaft. Die Ausfüllung und Einebnung des Platzes ist 1904 erfolgt. Manch Wagen Schutt und Erde mußte herbeigefahren werden. Jemand kam auf den Gedanken, es müsse auf dem Grundstück auch Kies zu gewinnen sein. Es wurde (wenn man zur Gartentüre hineingeht - rechts) gegraben, und man fand den schönsten Kies, mit dem der Platz gut bedeckt worden ist.

Die Beet-Anlagen und Wege sind von Pfarrer Klingelhöfer unter Mitwirkung seiner Frau entworfen und angelegt worden. Die Kosten für die Einzäunung des Platzes hatte schon unter Dettmerings Zeiten Kirchenvater Jäger versprochen zu übernehmen. Da er aber trotz wiederholten Drängens zögerte, ja schließlich noch eine neue Bedingung an sein altes Versprechen knüpfte, wurde er in der Presbyterialsitzung vom 25. September 1904 von seinem Versprechen entbunden.

Der Kirchenvorstand konnte sich freilich nicht entschließen, die vom Pfarrer gewünschte Einzäunung aus Stein und Eisen zu bewilligen. Deshalb hat er die Einzäunung auf eigenes Risiko vornehmen lassen. Die Kosten betrugen rund 1.000 Mark. Ein kleines Stück Zauneinfriedigung mit Holzlatten hat schließlich Kirchenvater Jäger noch ausgeführt. Die Bepflanzung des Platzes mit Sträuchern usw. erfolgte Herbst 1904. Die Kosten des Zauns sind 1906 bis auf 300 Mark gedeckt, durch freiwillige Gaben sind die 700 Mark aufgebracht worden.

Im Jahre 1904 wurde elektrisches Licht im Vereinshaus gelegt. Im Jahre 1905 sind oben und unten alle Räume gestrichen, geweißt und zum Teil tapeziert worden, ebenso das Treppenhaus. Die Kosten betrugen 270 Mark. Vor die Tür an der Nordseite des Hauses kam noch ein Vorbau.

Im Jahre 1905 ist auch - unter mancherlei Schwierigkeiten und Widerspruch - die Schließung des zwischen Vereinshaus und der jetzigen Buchdruckerei laufenden öffentlichen Fußwegs (Südseite des Vereinshauses) glücklich gelungen. Die Grenze wurde gerade gelegt und durch Parzellenaustausch mit Buchdruckereibesitzer Vogt und dessen Nachfolger Luther die jetzige Grenzlinie bestimmt und eingetragen. Als Gegenleistung der politischen Gemeinde gegenüber haben wir auf der Nordseite einen Weg zum öffentlichen Verkehr freigegeben, aber Grund und Boden gehört uns.

Die Kinderschwester im Jahr 1906 hieß Lina Forneberg, die Krankenschwester hieß Emilie Recknagel und stammte von Steinbach. Die Vorgängerin von Schwester Lina war Schwester Paula Böttner aus Römhild, eine treue und liebe Gehilfin, die sich im Dienste dieser Gemeinde fast aufgerieben hat. Ihre früher so gute Gesundheit war so angegriffen, daß sie schon 1905 längeren Urlaub nehmen mußte, da sie ernstlich erkrankte. Ihre Erholung und Wiederherstellung war jedoch nur scheinbar. So mußte das Mutterhaus zum großen Bedauern und dem Leidwesen der ganzen Gemeinde in diesem Jahre beschließen, sie von ihrem ihr lieb und teuer gewordenen Posten abzurufen. Es wurde ihr zuerst ein weiterer längerer Urlaub zu gewähren und sie dann auf ein anderes Arbeitsfeld zu führen.

Durch die Erbauung des Vereinshauses ist der Kirchengemeinde eine große Schuldenlast auferlegt worden. Noch bestehen 1906 etwa 15.000 Mark Schulden. Die Hauskollekte, die vom Pfarrer persönlich erhoben wird, hat in den letzten beiden Jahren etwa 1.000 Mark eingebracht. Der Kreis gibt ständig 200 Mark, die Gemeinde hat sich zur Zahlung von 200 Mark dauernd verpflichtet. Die übrigen Gelder kommen durch freiwillige Gaben, durch die Kinderschule und durch Wohnungsmiete auf. Die letztere beträgt augenblicklich 250 Mark im Jahr.

 

 

Fritz Arno Hertting                                                                                               1899 - 1903

Um die freie Pfarrstelle bewarben sich zehn Pfarrer. Die meisten Stimmen bei der Wahl erhielten Stroh (148) und Hertting (134). Die Stelle wurde aber dann an Fritz Arno Hertting vergeben, weil der Superintendent ihn befürwortet hatte. Seine Einführung war am 11. Juni 1899. Fritz Arno Hertting wurde am 17. März 1859 in Genthin geboren als Sohn eines Vermessungsrevisors. Er besuchte das Gymnasium in Rinteln und studierte zunächst Jura in Berlin und Marburg. Danach studierte er Theologie in Halle und Greifswald. Er war Pfarrverweser in Brotterode und Frankfurt-Eckenheim (November 1886 bis März 18879). Vom 1. April 1887 bis 1. Juni 1899 war er Pfarrer in Frankenau (bei Frankenberg). Er hatte sich beworben, weil er eine umfangreichere Tätigkeit suchte, aber auch weil sein Schwager in Steinbach-Hallenberg und die Eltern seiner Frau in Brotterode ihren Wohnsitz hatten.

Im Sommer waren Mittwoch früh noch die Gottesdienste. Es gab auch noch die Katechisationen in den Nachmittagsgottesdiensten (300 Kinder). Im Winter war monatlich eine Missionsstunde, auch auf den Dörfern, die dem Pfarrer eine wahre Herzensfreude bereiteten.

In Herttings Zeit wurde am 13. Dezember 1900 die Kirche in Unterschönau eingeweiht. Der Friedhof in Steinbach wurde nach Osten bis hin zum Kunstgraben erweitert und die Wege angelegt und mit Kies belegt. Am 11. Januar 1901 war auf diesem Stück Friedhof die erste Beerdigung.

Der Gründonnerstagsgottesdienst wurde auf den Abend verlegt, Beichte war um 13 Uhr. Die Beleuchtung der Kirche wurde ins Auge gefaßt. Die Pfarrscheune wurde abgerissen und dafür ein Holzschuppen errichtet. Die Konfirmation wurde von Miserikordias (zwei Wochen nach Ostern) auf Palmarum (eine Woche vor Ostern) verlegt, damit die Jugendlichen zum 1. April ihre Lehre antreten konnte.

 

Pfarrer Hertting

 

Seit Neujahr 1902 erschien der „Steinbach-Hallenberger Anzeiger“, zu dem Pfarrer Hertting auch Beiträge aus der Steinbacher Ortschronik lieferte, für die er das Material aus dem Pfarrarchiv verwandte.

Doch Zeit und Kraft des Pfarrers wurden ziemlich gefordert. Predigt und Seelsorge konnten bei 4.500 Gemeindegliedern nur ungenügende Vorbereitung finden. Weil der Pfarrer alle möglichen Dinge treiben mußte, verursachte ihm das doch viel Gewissensbeschwerung und nahm ihm die notwendige Frische und geistige Spannkraft, die grade für diese Arbeit so nötig wäre.

Hertting meinte, auf dieser Stelle sei die Kraft eines Pfarrers im Verlauf von fünf bis zehn Jahren bis zur völligen Dienstuntauglichkeit verbraucht. Er fühlte sich „den im Steinbacher Kirchspiel an den Pfarrer gestellten Anforderungen weder in körperlicher noch in geistiger Beziehung auf die Dauer gewachsen“. Im Jahre 1901 gelang es ihm, die Kirchenväter und Heiligenmeister für die Einsammlung der sehr zeitraubenden Hauskollekte für die Diakonissenstation zu gewinnen.

Am 18. April 1901 wurde bei dem achten Sohn des Fabrikanten Ullrich zu Oberschönau der Kaiser als Pate eingetragen, weil die Söhne unmittelbar aufeinander folgten (ohne eine Tochter dazwischen) und die Eltern der Auszeichnung würdig waren. Auch später kam das noch einmal vor, allerdings wurden die Bestimmungen gelockert und der Kaiser wurde schon beim siebten lebenden Sohn eingetragen, auch wenn Töchter dazwischen waren, zum Beispiel 1916.

In Altersbach bekannten sich 1901 auf Befragen 19 Leute zur außerkirchlichen Gemeinschaft (damals „Albrechtsbrüder“ genannt, heute Methodisten), wollten aber auch gleichzeitig zur Landeskirche gehören.

Anfang des Jahres 1902 stellte sich der Prediger Vogt aus Seligenthal beim Pfarrer vor, weil er den Pfarrer in seiner seelsorgerlichen Tätigkeit unterstützen wollte unter besonderer Einwirkung auf einzelne Gemeindeglieder. Hertting lehnte aber ab, weil weitere Beunruhigungen und Verwirrungen (bei Altlutheranern und Sektierern) durch eine von außen hineingetragene Bewegung nicht ertragen werden könnten. Vogt wurde dennoch tätig, versprach aber, sich vorwiegend um die Wirtshausbesucher zu kümmern. Hertting aber mußte ihm vorhalten, daß er vor allem die angeregten Christen zu den Betstunden in Privathäusern einlud. Am 23. November 1902 verließ Arno Hertting die Gemeinde und wurde bis 1920 dann Dritter Pfarrer in Schmalkalden. Er schied mit Dank gegen Gott von der Stätte, die ihm so lieb geworden war, wie er selber sagt.

Pfarrer Klingelhöfer schreibt in den Turmknopfurkunden: Pfarrer Hertting ist offenbar in der Gemeinde nicht recht warm geworden. Er selbst schreibt in der Pfarreichronik: „Entscheidend für meinen Weggang war die Erkenntnis, daß ich den im Steinbacher Kirchspiel an den Pfarrer gestellten Anforderungen weder in körperlicher noch in geistiger Beziehung auf die Dauer gewachsen bin“. Hertting starb am 19. Juli 1943 in Marburg.

 

 

Karl Klingelhöfer                                                                                                 1903 - 1917

Für die frei gewordenen Pfarrstelle fanden sich sieben Bewerber. Den meisten Anklang fand der Kandidat Klingelhöfer, der am 21. Dezember seine Probepredigt gehalten hatte. Er wurde mit 139 Stimmen bei 144 Wählern gewählt. Da jeder Wähler zwei Bewerber wählen mußte,  kam sein Freund Kandidat Trusheim mit 90 Stimmen mit in Vorschlag.

Pfarrer Deichmann (Schweinsberg) erhielt 37 und Pfarrer Bührmann (Springstille) 22 Stimmen. Wäre einer der beiden Pfarrer mit in Vorschlag gekommen, dann hätte das Königliche Konsistorium gewiß den Pfarrer dem Kandidaten Klingelhöfer vorgezogen.

Am 24. Dezember wurde Klingelhöfer ernannt. Nachdem er am 4. Januar 1903 in Kassel ordiniert worden war, wurde er am 11. Januar durch Superintendent Obstfelder eingeführt unter Assistenz der Pfarrer Schantz (Seinbach) und Kraft (Oberschönau). Klingelhöfer predigte über Römer 12,1-6. Kirchen- und Schülerchor sangen, das Pfarrhaus und die Kirche waren festlich geschmückt.

Karl Friedrich Klingelhöfer wurde am 17. Oktober 1872 in Rosenthal Kreis Frankenberg als Sohn eines Landwirts geboren. Nach dem Besuch der Schule in Rosenthal und des Gymnasiums in Marburg studierte er in Marburg und Berlin. Die erste theologische Prüfung machte er am 29. Juni 1898 in Marburg, die Zweite am 20. März 1902 in Kassel. Vikar war er in Schönstadt und Bottendorf. Nach einem sechswöchigen Seminarkurs in Hamburg und einer Zeit als Hilfslehrer in Holzminden übernahm er Ostern 1899 die Leitung der Rektoratsschule in Volmarstein (Westfalen). Ab 1. Juni 1901 war er Vikar.

Am 11. Januar 1903 fand seine Einführung durch Superintendent Obstfelder statt, nachdem ich am 4. Januar 1903 des Jahres durch Generalsuperintendent D. Werner in Kassel ordiniert worden war. Er schreibt: „Die Gemeinde hat mich mit viel Liebe aufgenommen und mir bis heute viel Freundlichkeit entgegengebracht. Gott hat mir bisher geholfen, das schwere Amt auszurichten. Viel fehlt mir noch und gar manchen hätte besser und treuer ausgerichtet werden müssen. Mag die Gemeinde verzeihen und Gott sein schwaches Werkzeug tragen!“

 

Die Gemeinde Steinbach-Hallenberg nahm ihn mit viel Liebe auf. Er hat ihr aber auch eine oft zu bemerkende Charakterschwäche vorgerechnet. Vor allem hat er gegen die Zuchtlosigkeit der Jugend und für die Heiligung des Sonntags gekämpft. Er hat aber auch die große Opferfreudigkeit und das rege kirchliche Leben der Gemeinde (an Ostern und Himmelfahrt 1905 jeweils über 1.000 Gottesdienstbesucher) gerühmt. Er legte die Pfarreichronik neu an und führte zwei umfangreiche Bände ,,Kriegschronik". Im Krieg engagierte er sich sehr, vor allem für die Goldsammlung. Noch rechtzeitig vor Kriegsende ließ er sich ab 1. November 1917 nach Kirchhain versetzen, wo er bis 1928 Pfarrer war. Dann wurde er nervenkrank und starb am 23. August 1928 in Marburg in einer psychiatrischen Klinik.

Trotz seiner Kaisertreue war Pfarrer Klingelhöfer sozial eingestellt. So wurden ab 1906 keine Sitzplätze der Kirche gegen Bezahlung abgegeben, „weil das mit dem sozialen Geist der Jetztzeit im Widerspruch steht“.

 Im Jahre 1907 stellte er sich auf die Seite der Steinbacher Eisenarbeiter, die weiterhin zur Schlosserinnung gehören wollten und nicht zur Schmiedeinnung kommen wollten, weil dort dreimal so hohe Beiträge zu zahlen waren. Klingelhöfer nahm öffentlich in einer Versammlung Stellung und legte sich dabei auch mit dem Bürgermeister an. Damit der Ort sich ausdehnen konnte wurde schon in jenem Jahr viel Kirchenland als Bauland abgegeben. Der Erlös sollte zur Schaffung einer zweiten Pfarrstelle verwandt werden. Man kaufte auch ein Grundstück über dem Gemeindehaus für ein zweites Pfarrhaus. Das Gelände für den Bau der Luisenstraße (damals Königin-Luise-Straße) und der Hennebergstraße wurde sogar kostenlos abgegeben.

Am 26. September 1908 wurde ein Einbruch ins Pfarrhaus bemerkt, als Klingelhöfers gerade verreist waren. Der Dieb hatte in den Parterreräumen einige Lebensmittel, alte Münzen und einen wertvollen Damenhut mitgenommen. Es war ein gefährlicher Einbrecher aus Dietz­hausen, der später gefaßt wurde.

In den Jahren 1906 und 1911 hielt Klingelhöfer belehrende Vorträge, oft auch mit Lichtbildern, nicht immer mit kirchlichem Inhalt (Pompeji, Ausgrabungen im Vorderen Orient). An der Gründung eines Ortsausschusses für Jugendpflege beteiligte er sich 1911 und wurde auch in den Sonderausschuß des Kreises zur geistigen und sittlichen Fortbildung der Jugend gewählt. Im Jahre 1912 kümmerte er sich stärker um den Jungfrauenverein und brachte ihn wieder in Schwung.

Am 4. August führte er mit dem Verein einen Abend für die Teilnehmer eines Kurses von Jugendarbeitern vor (Handarbeit, Singen, Vortrag) und hielt ein Ko-Referat über weibliche Jugendpflege. In den Jahren 1913/14 waren Kochkurse für Mädchen im Gemeindehaus. Vom 20. bis 24. April 1914 nahm er an einem Instruktionskursus zur Leitung und Pflege von Jung­frauenvereinen in Kassel teil. In den folgenden Jahren wurde im Vereinshaus ein „Jugendheim“ eingerichtet (Lesezimmer, Spielzimmer).

 

Für das Jugendheim, das im Vereinshaus untergebracht war, wurde am 7. Juli 9116 ein Spucknapf angeschafft. Inschrift in einer Kirche: „Betritt mit Andacht dieses Haus und geh stets schweigsam ein uns aus, blick nicht auf andre kreuz und quer und spuck nicht auf den Boden her. Bedenke es, mein lieber Christ, das Gotteshaus kein Spucknapf ist!“ (in Steinbach wurde vorzugsweise das Schneuzen geübt).

 

Im Jahre 1915 wurde Klingelhöfer zum Vertrauensmann für die Kriegsbeschädigten im Kreis eingesetzt. In Steinbach bildete er mit sieben Bürgern einen Unterausschuß für Fürsorge für die Kriegshinterbliebenen. Am 7. August 1915 schrieb er einen (gedruckten) Feldpostbrief an die etwa 900 Soldaten aus dem Kirchspiel.

Karl Klingelhöfer hat für die Pfarreichronik vier stattliche Bände verfaßt. Sie sind ein beredtes Zeugnis des Arbeits- und Sammelfleißes dieses trefflichen Mannes, der dem kirchlichen Leben der Gemeinde für längere Zeit seinen Stempel aufgedrückt hat.

Kinderschule im Gemeindehaus

 

 

Kirchliche Vereine zur Zeit Pfarrer Klingelhöfers

Evangelischer Arbeiterverein:

Der Verein wurde am 21. Januar 1896 von zwölf Männern gegründet. Leiter war seit 6. Februar der reformierte Pfarrer Schantz. Die Mitgliederzahl stieg bald auf über 50, Versammlungslokal war die Gaststätte Bühner. Ziel des Vereins war es, das evangelische Bewußtsein zu stärken, die Liebe zu Kaiser und Reich zu pflegen, ein friedliches Verhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern zu wahren.

 Eigentliche „Arbeiter“ aber zählte der Verein kaum, da es kaum Fabriken im Ort gab. Aber die Absicht war klar, mit diesem Verein ein Gegengewicht gegen die heraufziehende Sozialdemokratie zu schaffen. An den vierzehntägigen Vereinsabenden nahmen nach 1900 etwa 10 bis 15 Mitglieder teil. Ein Anschluß an den mitteldeutschen Verband wurde abgelehnt, weil man dann Mitglied der Sterbekasse hätte werden müssen.

Ein Aufschwung erfolgte 1905 durch die Baugenossenschaft, der an der Luisenstraße Bauplätze zur Verfügung gestellt wurden. Sehr beliebt waren auch Wanderungen und Familienabende. Zur Feier von Kaisers Geburtstag kamen auch immer die Nachbarvereine aus Asbach, Floh, Schmalkalden, Mehlis, Suhl, Zella und Oberschönau. Es wurden dabei Gedichte vorgetragen und Lieder gesungen. Auch wurde vom Verein über gesetzliche Bestimmungen informiert, die für die Arbeiter wichtig waren.

Ab 1913 übernahm Pfarrer Walther die Leitung des Vereins. Aber nach dem Krieg fand der Verein ein Ende, weile er zu national eingestellt war.

Im Vereinslokal Bühner versammelten sich jetzt andere, die es zu einem echten Arbeiterlokal machten. Aber angefangen hat die Arbeiterbewegung in Steinbach auch mit dem Evangelischen Arbeiterverein.

 

Evangelischer Jünglingsverein:

Der Jünglingsverein wurde 1898 von Pfarrer Dettmering gegründet. Er sollte die Jugend von den Wirtshäusern fernhalten und zu praktischer Frömmigkeit anleiten. Der Pfarrer hielt Bibelstunden und Lehrer hielten Vortragsabende. Am Sonntagabend versammelte man sich zu geselliger Unterhaltung. Am Mittwochabend traf man sich zur Bibelstunde unter Leitung des Pfarrers. Dann leitete Pfarrer Hertting zusammen mit seinem Schwager den Jünglingsverein, ab 1901 allein.

Im Dezember 1899 wurde im Rahmen des Jünglingsvereins ein kirchlicher Posaunenchor mit zunächst vier Mitgliedern gegründet. Er trat am 17. April 1900 zum ersten Mal in einem Familienabend im Saal Bühner auf. Im Jahre 1901 war er schon auf 12 Mitglieder angewachsen. Seit 1900 betraute Lehrer Umbach den Posaunenchor, 1903 wurde ein Sängerchor unter Kantor Margraf gegründet. Zunächst beteiligten sich mehr die Zugezogenen, aber 1903 war der Verein auf 50 Mitglieder angewachsen

 

Jungfrauenverein:

Parallel zum Jünglingsverein wurde 1896 der Evangelische Jungfrauenverein gegründet, der aber in der Regel von den Schwestern geleitet wurde und gelegentlich Veranstaltungen zusammen mit dem Jünglingsverein durchführte. Der Pfarrer hielt nur bei besonderen Feiern Ansprachen. Nach dem Krieg wurden die Vereine neu gegründet als „Jugendverein Wittenberg“ und „Festland“, deren Angehörige in späteren Jahren sehr segensreich in der Gemeinde gewirkt haben.

 

Jungfrauenverein

 

Frauenverein:

Der Frauenverein hatte etwa 40 Mitglieder und versammelte sich am Sonntag und im Winter zusätzlich am Donnerstag im Gemeindehaus; hier waren besonders aktiv die drei Schwestern Wahl, Hauptstraße 63. Vor allem Karoline Wahl hielt selbständige Abende am Sonntagabend in ihrem Haus. In den Bibelstunden wurde ein Buch der Bibel im Zusammenhang erklärt.

 

Missionsverein:

Weil über den Jünglingsverein kein Einfluß auf die schulentlassene Jugend zu gewinnen war und die männlichen Gemeindeglieder einfach eine Abneigung gegen das Vereinshaus hatten, gründete Pfarrer Klingelhöfer 1907 einen Missionsverein aus verheirateten Männern, die auch den Rahmen des Gemeindelebens bilden sollten. Es wurden Familienabende, Vortragsabende und Waldgottesdienste gehalten (zum Beispiel Pfingsten 1910 auf der runden Wiese am Her­mannsberg, heute aufgeforstet). Am 25. Juli 1906 feierte man das Missionsfest der Diözese Schmalkalden in Steinbach, mit dem Hofprediger Ohly und 2.000 Gästen und einer Nachmittagsversammlung auf der Hallenburg. Am 13. Februar 1909 wurde im Haus Hauptstraße 109 eine Bibliothek mit 60 Büchern eröffnet. Es war auch möglich, den Posaunenchor wieder neu zu gründen.

Missionsverein

 

 

Vaterländischer Frauenverein:

Der Zweigverein des „Vaterländischen Frauenvereins vom Roten Kreuz“ wurde am 12. August 1886 von Pfarrer Obstfelder gegründet und dem Vaterländischen Frauenverein in Kassel angeschlossen. Vorsitzende war jeweils die Pfarrfrau, der Pfarrer war Schriftführer. Der Verein bestand meist aus den Frauen der „besseren Gesellschaft“ und nahm Aufgaben des Roten Kreuzes und der Armenpflege wahr. An Weihnachten wurde eine Bescherung für die Ortsarmen veranstaltet. Es wurden Milch und Lebensmittel für Kranke beschafft. Auch wurde für eine ganze Reihe von Kranken das Essen geliefert und der Ort dazu in neun Bezirke eingeteilt. Mit der Krankenschwester arbeitete man dabei eng zusammen. Im Krieg erwog man die Einrichtung eines Lazaretts und kümmerte sich um die Kriegerwitwen und Kriegswaisen.

 

Vaterländischer Frauenverein

 

Posaunenchor:

Der Posaunenchor war im Jahre 1903 am Eingehen, so daß der Gemeinderat nicht mehr die 30 Mark Unterstützung zahlen wollte. Einige Bläser waren zum Militär eingezogen worden und Adolf Fenner ging ins Brüderhaus Hephata, um sich als Diakon ausbilden zu lassen, einige traten zu einer Musikkapelle über. Als 1905 der Jünglingsverein aufgelöst wurde, ruhte auch der Posaunenchor bis 1907. Eine Tanzkapelle wurde mit der Ausführung der Turmmusik beauftragt. Im Rahmen des Missionsvereins wurde dann der Posaunenchor neu gegründet unter Leitung von Julius Pfannschmidt. Im Jahre 1909 hatte man schon 15 vereinseigene Instrumente.

 

Evangelischer Bund/Gustav-Adolf-Verein:

Der „Evangelische Bund“ wandte sich sehr kämpferisch gegen die Katholizismus und den Jesuitenorden. Im Jahre 1908 hatte der Verein mehr als 100 Mitglieder. Für den Parallelen „Gustav-Adolf-Verein“ wurde jedes Jahr eine Hauskollekte eingesammelt. Am 14. Oktober 1910 verfaßte man einen geharnischten Protest gegen eine Enzyklika des Papstes. Im Jahre 1910 / 11 war der Höhepunkt der Entwicklung des Vereins, gipfelnd in einem Volksfest am

16. Juli 1911 auf dem Knüllfeld. Im Jahre 1912 zählte der Verein 234 Mitglieder.

 

 

Diakonissenstation

Finanziell kam die Diakonissenstation nach 1900 ziemlich in Bedrängnis. Man veranstaltete Abendunterhaltungen mit einem umfangreichen Kulturprogramm. Besonders der Leiter der Station, Rektor Heymel, setzte sich sehr ein. Die Inschrift am Vereinshaus „Habt Glauben an Gott“ sollte Vorbild sein für die Erhaltung der Station. Seit 1903 gab das Konsistorium eine jährliche Beihilfe von 200 Mark. Und nach mehreren Aufführungen von Reinekes „Schneewittchen“ (mit acht lebenden Bildern, die Frau Heymel zusammengestellt hatte), war die Station sorgenfrei. Im Jahre 1905 führte man das Weihnachtsfestspiel „Weihnachtstraum“ zugunsten der Diakonissenstation auf. Die Hauskollekte wurde von den Kirchenvätern eingesammelt und brachte das gleiche Ergebnis wie bei der Sammlung durch den Pfarrer, nämlich über 1.000 Mark.

Die Ansichtspostkarte des Vereinshauses wurde 1906 gedruckt, der Reingewinn ging an die Diakonissenstation. Mit der Schuldentilgung konnte begonnen werden. Allerdings wurde auch das Stationsgeld von 280 auf 320 Mark erhöht. Aber 1909 erhöhte die Gemeinde ihren Beitrag auf 300 Mark, Altersbach gab 30 Mark für die zweite Schwester und ein „Freund“ aus Rotterode zahlte 50 Mark auf Lebenszeit (nachdem die Gemeinde eine Zahlung verweigert hatte).

Die Leistungen der Station waren segensreich. Im Jahre 1902 wurden 4.500 Hausbesuche gemacht. Einzelne Kranke wurden im Gemeindehaus gepflegt. Im Kindergarten wurden 80 Kinder betreut. Er litt allerdings unter dem häufigen Wechsel der 8chwestern. Im Jahre 1903 wurde die erste Ferienkolonie für 16 erholungsbedürftige Mädchen aus dem Kreis im Gemeindehaus durchgeführt.

Im Jahre 1905 mußte während einer Typhusepidemie die Kinderschule geschlossen werden, weil Schwester Paula in der Krankenpflege gebraucht wurde und das Gemeindehaus in ein Lazarett verwandelt wurde. Im Jahre 1911 mußte die Kinderschule zeitweise aufgelöst werden, weil keine Leiterin mehr zur Verfügung stand. Man wollte sich damit behelfen, daß nur im Sommerhalbjahr die Kinderschule geöffnet war und im Winter dann zwei Krankenschwestern zur Verfügung stünden.

Am 24. April wurde die Kinderschule wieder eröffnet. Ab 1. April 1912 aber wurden insgesamt drei Schwestern angestellt. Die zwei Krankenschwestern konnten nun auch in Altersbach und Rotterode zwei regelmäßige Pflegenachmittage einrichten. Der Kreis erhöhte seinen Beitrag auf 400 Mark, die Gemeinde auf 3.50 Mark. Im Jahre 1913 wurden mit Unterstützung des Kreises zwei Kochkurse durchgeführt.

Zu Beginn des Krieges wurde im Gemeindehaus ein Lazarett eingerichtet. Die Kinderschule mußte wieder geschlossen werden, weil eine Krankenschwester an die Front abberufen wurde und die Kinderschwester für sie einspringen mußte. Im Jahre 1916 wurden vom Konsistorium

1.500 Mark aus einer Kollekte zum Abtrag der Bauschulden überwiesen. Im Haus wohnte weiterhin eine Familie, deren Sohn sich öffentlich entschuldigen mußte, weil er eine Schwester beleidigt hatte.

Der Kindergarten nahm bei einem Schulgeld von 15 Pfennigen und Essensgeld von 20 Pfennigen die Woche wieder einen Aufschwung. Höhepunkte waren Weihnachtsfeiern und Kaisergeburtstagsfeiern (patriotische Ansprachen der Kinder in Uniform, Vaterlandslieder, Kaiserhoch, Fahnen und Trommeln, Kaiserschokolade, usw.). Im Jahre 1912 waren es wieder über 100 Kinder.

Seit dem Jahre 1907 plante man eine Niederdruckdampfheizung für das Gemeindehaus, weil das Haus oft von Rauch verqualmt war. Im Jahre 1913 wurde sie für 2.300 Mark installiert; dazu kamen 600 Mark Maurerkosten, weil der Schornstein erst bis zum Keller fortgeführt werden mußte. Reparaturen waren 1920 und 1927 nötig, neue Kessel wurden 1928 und 1933 beschafft. Die Heizung arbeitete noch bis Anfang der 90iger Jahre, wenn auch nicht besonders gut.

Im Jahre 1916 plante man, einen großen Anbau entweder hinter oder vor dem Haus zu schaffen, mit einer Turnhalle und einem Saal mit ungefähr 300 Sitzplätzen. Das Geld war zum Teil schon bewilligt bzw. gezahlt. Doch der Bau wurde bis nach dem Krieg verschoben. Noch 1923, als ein Teil des Gartens an der Arzbergstraße enteignet werden sollte, hatte man den Plan zum Bau dieses Anbaus noch nicht aufgegeben. Das Grundstück wurde nicht enteignet, weil es zum Unterhalt der Schwestern unentbehrlich war. Die dort geplanten Häuser wurden nicht gebaut, aber auch der Anbau nicht.

Kindergarten 1919

 

 

Friedhof 1902 bis 1910

Nach der neuen Friedhofsordnung vom 22. November 1902 kosteten Gräber mit einfacher Grabesruhe von 20 Jahren und Holzkreuz keine Gebühr. Gräber mit doppelter Grabesruhe und einem steinernen oder eisernen Denkmal kosteten drei Mark. Inschriften mußten dem Pfarrer zur Genehmigung vorgelegt werden. Dennoch wurde viel über Beschädigungen des Grabschmucks und Unfug der Kinder geklagt.

Im Jahre 1905 wurden 87 Kugelakazien, 40 Rot-und Weißdorn, Kastanien, Birken, Fichten, Linden, Lärchen und Flieder gepflanzt. In den Jahren 1907 bis 1908 wurde die Außentreppe erneuert (aber nicht nach innen verlegt, wie zuerst geplant), das Dach wurde neu gedeckt und das Äußere neu gestrichen. Auf den Wegen wurde Kies angefahren. Das schwarze hölzerne Tor wurde durch ein schmiedeeisernes ersetzt und eine kleine Seitenpforte errichtet. Ein geplanter Anbau (Leichenhalle und Sezierraum) wurde nicht ausgeführt.

Friedhof um 1900

 

Im Jahre 1908 kam es zu einer heftigen Fehde zwischen dem Arzt Dr. Kästner, dem Bürgermeister und Dr. Beltz. Wegen persönlicher Differenzen hatte der Bürgermeister Dr. Kästner als amtlichen Leichenbeschauer abgesetzt. Dieser nahm jedoch weiter Leichenschauen vor in seiner Eigenschaft als Arzt. An sich durfte nur der amtlichen Leichenschauer Dr. Beltz einen Leichenschein ausstellen. Aber die von einem Arzt nach dem amtlichen Muster ausgestellten Scheine wurden auch als gültig angesehen.

Für das Singen der Chorknaben wurden ab 1909 pro Beerdigung drei Mark verlangt, um den Jungen einen Anreiz zur Beteiligung am Singen zu geben, nachdem das Neujahrssingen wegen allerhand Unzuträglichkeiten nicht mehr geübt wurde. Doch 1910 mußte man androhen, daß der Chor nicht bei Beerdigungen der Familien singt, deren Söhne sich nicht am Chor beteiligt haben. Im Jahre 1911 wurden für alle Sänger Mäntelchen beschafft.

Der Innenanstrich der Kirche wurde 1910 in Ölfarbe erneuert und der „Himmel“ gestrichen. Die politische Gemeinde schaffte eine neue Tragbahre an. Noch am 27. Januar 1919 wurde ein Selbstmörder in der „Selbstmörderecke“ beerdigt. Nachdem aber die Angehörigen ein ärztliches Attest beigebracht hatten, daß der Mann in geistiger Umnachtung gehandelt habe, wurde er wieder umgebettet.

 

Kreuz auf dem Friedhof (etwa 1980)

 

Taufen 1904

Bereits am 27. November 1897 hatte der Kirchenvorstand beschlossen, daß die Haustaufen am Sonntag abgeschafft werden sollten. Doch der Beschluß wurde dann nicht durchgeführt, weil eine Hebamme Schwierigkeiten machte und weil die Leute spotteten: „Wenn die Kinder im Kindergarten getauft werden (d.h. im Haus des Barbiers Werner), dann können sie hinterher gleich rasiert werden“.

Unter Pfarrer Hertting war deshalb der alte Zustand wieder vorhanden. Am 4. Dezember 1904 gab es einen erneuten Kirchenvorstsndsbeschluß in dieser Sache, weil der Pfarrer sechs oder sieben Haustaufen am Sonntag nicht bewältigen konnte. Jetzt wurden die Kinder - an Sonntagen - im Winter im Vereinshaus (1. November bis 30. April), im Sommer (1. Mai bis 31. Oktober) in der Kirche getauft.

 

Aber auch bei der Durchführung dieses Beschlusses gab es mancherlei Schwierigkeiten. So erklärte zum Beispiel ein als „guter Sozialdemokrat“ bekannter hiesiger Schlosser namens E.K., er brauche sich dem Beschluß des Kirchenvorstands nicht zu fügen, der Kirchenvorstand könne ja auch beschließen, daß die Kinder in der Badeanstalt getauft würden. Aber die Gemeinde hat sich entgegenkommend gezeigt und dem Pfarrer dadurch die Durchführung erleichtert. Er hat keine Ausnahme gelten lassen, abgesehen von Nottaufen, auch bei E.K. nicht. In der Woche finden im Winter Haustaufen nach wie vor statt. Im Sommer müssen Haustaufen mit 1,50 Mark bezahlt werden.

Kollekten 1904

Lutherisch Steinbach-Hallenberg hat aufgebracht:

a.) an Kirchenkollekten:  1903: 407,46 M

     1904:  415,96 M

     1905:  416,03 M

b.) an Hauskollekten:

1.) für auswärts:           1903: (nichts bekannt)

    1904: 541 ,80 M

    1905: 466,62 M

2.) für unsere Diakonissenstation:

    1903: 1000,90 M vom Pfarrer eingesammelt

    1904: 1006,90 M

    1905: 1031,83 M von den Kirchenvätern eingesammelt.

Damit ist der Beweis gebracht, daß die Gemeinde auch dann gibt, wenn der Pfarrer nicht selbst erscheint. Im Jahr 1906 hoffte er, die Einsammlung wieder selbst vornehmen zu können.

c.) an Missionsgaben:     1903 : 520,67 M

(Heidenmission)          1904 : 456,47 M

    1905 : 424,10 M

Die Festkollekte auf dem diesjährigen Missionsfest betrug 1263,70 Mark.

 

Ferienkolonie 1906:

Im Sommer 1903 vom 6. Juli bis 1. August war die erste Mädchenferienkolonie des Kreises Schmalkalden im Vereinshaus. Auf Veranlassung des Landrates Dr. Hagen, dieses hochherzigen und um die Jugendfürsorge des Kreises so hochverdienten Mannes, fanden 16 erholungsbedürftige Mädchen unter der liebevollen Pflege der beiden Schwestern Therese Dietlein und Paula Böttner während eines vierwöchentlichen Aufenthalts eine Erquickung an Leib und Seele. Sämtliche Kinder waren - wie die ärztliche Untersuchung durch Dr. Beltz ergab - blutarm und mangelhaft ernährt. Lebertran und Hämatogen wurden deshalb für alle Kinder ver­ordnet.

In der ersten Woche aßen die Kinder sehr schlecht. In der zweiten Woche wurde es schon besser, so daß es die meisten Kinder täglich auf 1 Liter Milch brachten und sich auch das Mittagessen gut schmecken ließen. Täglich wurde gebadet und Hausgymnastik geübt. Spaziergänge fanden trotz des häufigen Regens sehr oft statt. Die Gewichtszunahme betrug höchstens 11 ½ Pfund, mindestens 2 ½ Pfund (Emilie Reuhöfer aus Seligenthal, Marie Heil aus Kleinschmalkalden). Die Gemeinde erhielt als Vergütung pro Kind 45 Mark aus der Kreiskasse, außerdem 80 Mark für die Station und „das protestantische Deutschland“ von Werkshagen für die Schwestern.

Auch im Sommer 1904 (4. bis 30. Juli) hatten wir 16 Mädchen als Ferienkolonistinnen. Das Wetter war durchweg heiß, meist über 20 Gras. Bei der Untersuchung durch Dr. Beltz stellte sich heraus, daß ein Kind aus Schmalkalden Scharlach hatte. Natürlich mußte dasselbe den Eltern sofort wieder zurückgebracht werden. Im Übrigen wurden alle notwendigen Vorsichtsmaßregeln gebraucht, um irgendwelcher Ansteckungsgefahr vorzubeugen.

Die beiden Kinder des Pfarrers und Inspektors Dettmering aus Frankfurt a/M. und deren Freundin Elisabeth Vohn­winkel, die an demselben Tag ankamen, um sich für die vier Wochen den Ferienkolonistinnen anzuschließen. Sie sollten bei den Schwestern Wohnung zu nehmen, aber der Pfarrer nahm sie in sein Haus und behielt sie mit dem Einverständnis der Eltern drei Wochen bei sich.

 

Das Ergebnis der Ferienkolonie war wiederum vorzüglich. Die Kinder zeigten am Schluß neben körperlicher Frische auch größere geistige Regsamkeit. Die Gemeinde Steinbach-Hallenberg hat 1903 und 1904 die Ferienkolonie in bekannter liebevoller Weise unterstützt und die notwendigen Betten zur Verfügung gestellt.

Vorläufig hat der Landrat Dr. Hagen den Gedanken, die Mädchen-Ferienkolonie - ähnlich wie die durch ihn geschaffene Knaben-Ferien Kolonie zu Brotterode - zu einer ständigen Einrichtung zu machen, wieder fallen lassen müssen, weil ihm für die Dauer die notwendigen Gelder nicht bewilligt worden sind.

 

 

Kirchenheizung 1906

Eine Dampfheizung war schon 1891 im Presbyterium angeregt worden. Im Jahre 1905 trat man im Zusammenhang mit der Kirchenrenovierung dem Plan näher. Am 26. Juli 1906 wurde der Bau einer Heizung in Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Gemeinde beschlossen. Der Gemeinderat war mehr für eine Gasheizung, weil die Einbaukosten geringer waren. Aber die Gutachten über Gasheizung waren ungünstig, die Un­ter­haltung teuer und sie würde auch nicht genügend warm.

Ein Verzeichnis der Gaben und Gabenspender des zur jährlichen Unterhaltung der Kirchenheizung bestimmten Kapitals - gesammelt im August 1906, Gesamtsumme: 1.065,50 Mark – wurde am 22. August 1906 den Turmknopfurkunden beigefügt. Es folgen 141 Namen und weitere vier Namen auf einem Sonderzettel mit Spendern aus Steinbach, Altersbach und Rotte­rode und Spenden bis zu 50 Mark. Es wurde ja auch noch die Hauskollekte für die Diakonissenstation erhoben wird, bei welcher alle Gemeindeglieder (auch die Altlutheraner) ihre Beiträge leisten.

Das Presbyterium beschloß eine Niederdruckdampfheizung und empfahl die Firma Schramm in Erfurt. Die Kosten wurden mit 2.500 Mark (ohne Kesselhaus) angegeben. Unter den Bänken sollten Röhren verlegt werden. Die Unterhaltungskosten sollten 100 Mark im Jahr betragen.

Der Streit ging noch lange hin und her. Am 25. Juli 1911 (Presbyterium 23. Juli) beschloß endlich auch der Bürgerausschuß die Dampfheizung. Im Herbst 1911 wurde die Heizung dann von der bürgerlichen Gemeinde gebaut, die auch die Unterhaltspflichten übernahm, dafür aber zwei Kollekten im Jahr erhielt.

Am 5. November wurde die Heizung ihrer Bestimmung übergeben. Sie kostete einschließlich Kesselhaus dann doch fast 6.000 Mark. Weil aber die Abwasserleitungen nicht tief genug la­gen und das Kondenswasser nicht abfließen konnte, fror die Heizung immer wieder ein. Reparaturen waren mehrfach nötig (zum Beispiel 1929). Dennoch war die Heizung bis 1970 in Betrieb, wenn sie auch nicht besonders wärmte, weil nach der Renovierung von 1954 nur vier Heizkörper übriggeblieben waren.

 

 

Kirchengebäude 1905 bis 1928

Kokosmatten 1905:

Der Altarraum der Kirche 1905 mit Kokosmatten belegt. Die Kosten von 130 Mark sind durch freiwillige Gaben (Konfirmanden, Kirchenkollekte) aufgebracht worden.

 

Lehrerwohnungen 1905:

Die Lehrerwohnungen wurden 1905 in drei Wohnungen aufgeteilt. Eine davon erhielt eine Lehrerin.

 

 

 

Rotterode und Altersbach 1905:

In Rotterode wurde 1905 der Betsaal neu ausgemalt. Ein Kirchenjunge wurde in Rotterode 1907 und in Altersbach 1906 angestellt, um den niederen Kirchendienst auszuüben (Öffnen und Schließen des Betsaals, kleine Reinigung, Herbeischaffen des Taufwassers und der heiligen Geräte, Anschreiben der Lieder, tägliches Gebetsläuten, Sonderaufträge).

 

Knopffest 1906

 

Kirchturmreparatur 1906:

Seit 1904 erwog man, die Kirche außen und innen auszubessern, den Umgang zu reparieren, die Eingangstüren zu verbreitern und mit den Treppen zusammen zu überdachen. Turmknopf und Zifferblatt sollten vergoldet werden. Der Klempner Karl August Bauerschmidt hat den Turmknopf ausgebessert und dafür nichts beansprucht (4,50 Mark). Photograph Schüler hat eine Aufnahme vom Turmknopf und den Zuschauern gemacht, auch vom Turmknopf und den Schieferdeckern. Die Arbeit wurde ausgeführt von Schieferdeckermeister Johann Backer (Mehlis), Schieferdeckergeselle Friedrich Trescher (Benshausen) und Schieferdeckergeselle Hermann Hegner (Mehlis). Am 23. August 1906 wurde der Turmknopf wieder aufgesetzt.

 

Außentreppen 1907:

Im Jahre 1906/07 wurden die Außentreppen zu den Emporen der Kirche beseitigt und durch neue, breite Treppenaufgänge ersetzt, die Kosten (2.641,24 Mark) übernimmt die bürgerliche. Gemeinde. Im Sommer gewinnt die Kirche außerordentlich durch das Auslegen von Gängen und Altarraum mit Kokosmatten. Die Kosten hierfür werden durch freiwillige Gaben von Gemeindegliedern, hauptsächlich Konfirmanden, aufgebracht (369,80 Mark).

 

Wandbehang 1907:

Im Jahre 1907 wurde ein Wandbehang rund um den Chorraum angebracht, um den Zug von den Fenstern her einzudämmen. Auf den Sitzen saßen der Bürgermeister, die Lehrer und die Kirchenväter. Weil sich aber immer auch andere Leute dazwischen drängten, sollte 1904 entweder die Tür verschließbar gemacht werden oder eine zweite Bankreihe angefügt werden.

 

Beleuchtung 1910:

Im Jahre 1909 / 10 wird die Kirche mit elektrischem Licht versehen. Am 18. Januar 1910 wurde die elektrische Kirchenbeleuchtung übergeben. Die beiden vorhandenen Kronleuchter wurden durch andere Lampen ergänzt. Das Elektrizitätswerk lieferte aus Gründen der Werbung alles kostenlos, die gesamte Anlage war ein Geschenk des Ingenieurs M. Grigoleit, Berlin, dem damaligen Chef des Elektrizitätswerks

Am 22. Oktober 1911 baten 20 Gemeindeglieder darum, daß die Lutherbüste wieder auf der Kanzel aufgestellt wird („eine liebe Zierde unserer Kanzel“).

 

Kirchenbau 1911:

Im Jahre 1911 wurden noch zwei Türen für die Kirche angefertigt. Ein alter Holzschuppen und das Spritzenhaus hinter der Kirche wurden auf Abbruch verkauft. Eine Erweiterung des Altarraums wurde wiederum wegen zu großen Aufwandes abgelehnt. Ab 1. Dezember 1912 wurde Karl August Wilhelm als Kirchenwärter angestellt.

 

 

Heizung 1912:

Schwerer und kostspieliger für die Gemeinde war die Anlage einer zweckdienlichen Heizung. Nach langen Verhandlungen mit der politischen Gemeinde entschloß man sich endlich für die Anlage einer Niederdruckdampfheizung, welche im Winter 1911 / 12 zum ersten. Mal in Betrieb gesetzt wurde. Es trugen zum Bau bei: die Kirchengemeinde 1.500 Mark, der Gustav-Adolf-Verein 200 Mark, das Konsistorium 2.000 Mark, Gemeindeglieder 1.200 Mark.

Während der Kriegs- und Nachkriegszeit mußten alle größeren Arbeiten an der Kirche zurückgestellt werden. Im Jahr 1927 wird die Dampfheizung mit einem Kostenaufwand von 1.300 Reichsmark gründlich überholt. Die politische Gemeinde steuert zu den Unkosten 400 Reichsmark bei. Die Heizung wurde 1927 gründlich repariert.

 

Gebläse für die Orgel 1915:

Im Jahre 1915 wurde auch erwogen, die Orgel mit einem elektrischen Gebläse zu versehen. Das gleichzeitige Läuten und Balgtreten durch die Konfirmanden war schwierig. Der Organist war für das Gebläse, weil es ihn unabhängig von den Balgtretern machte. Dennoch ist wohl nichts daraus geworden. Im Jahre 1914 wurde die zersprungene Königsglocke in Apolda neu gegossen.

 

Kirchendach 1928:

Das Jahr 1928 bringt die Neubedachung der Hauptkirche. Die Arbeiten werden mit einem Kostenaufwand von 6.800 Reichsmark - der zu gleichen Teilen von der bürgerlichen Gemeinde und Kirchengemeinde getragen wird - von der Firma Reich, Schmalkalden, ausgeführt.

 

Orgel 1928:

Der geschmacklose ziegelrote Orgelprospekt wurde durch einen neuen ersetzt, allerdings unter Verwendung alter Teile (die Engel sind wahrscheinlich noch von der Orgel von 1722). Kunsttischler Johann Link aus Stockheim v.d. Rhön löste die nicht leichte Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit. Als Vorbild diente die alte Orgel aus der Zeit vor 1890. Durch barockartigen Umbau gelang es, eine harmonische Einheit mit der alten Kanzel herzustellen. Die Rundbögen wurden durch Schleierornamente ersetzt, „Ohren“ links und rechts angefügt, zusätzliche Leistenornamente aufgebracht und die geschwungenen Gesimsaufsätze hinzugefügt. Treibende Kraft dabei war Pfarrer Kirchner, der selber angab, den schönen Künsten zugetan zu sein und dem Kunstsinn bescheinigt wird. Die Orgel erhielt auch ein elektrisches Windgebläse. Insgesamt wurden 2.900.- Reichsmark für diese Erneuerungsarbeiten durch freiwillige Gaben aufgebracht.

 

Friedhofskirche 1928:

Zu einer Erweiterung des Friedhofs kam es nicht. Es wurde aber beschlossen, keine Gräber mehr zu verkaufen, nur Ehegatten konnten noch ein Grab neben dem verstorbenen Ehepartner erwerben. Die Bibelforscher forderten einen kommunalen Friedhof. Eine Verlegung an das Ehrenmal wurde erwogen.

Die Friedhofskirche, die schon 1908/09 einen neuen Turmanstrich erhalten hat, bekommt 1928 ein neues Turm-Schiefer-Dach, die bürgerliche Gemeinde steuert zu den Kosten bei. In diesem Jahr soll dann auch das alte Dach durch ein neues ersetzt werden.

 

 

Im Jahre 1904 kam ein Kind im Zug zwischen Zella-Mehlis und Steinbach-Hallenberg zur Welt, wie die Geburtsurkunde vermeldet. Am 13. April 1907 wurde eine Frau beim Düngertragen am Altersbacher Weg vom Klapperstorch überrascht und mit einem kräftigen Knaben beschenkt. Die Polizei, welche alsbald zur Stelle war, sorgte für erste Hilfe

 

 

Kirchliche Verhältnisse vor dem Ersten Weltkrieg

Weil bei Trauungen der Andrang oft zu groß wurde, blieben seit 1908 die Emporentüren geschlossen, die Besucher erhielten nur durch die Seitentür Einlaß. Der Erlös des Opfers bei Taufen und Trauungen wurde zum Ankauf von Schuhen für bedürftige Kinder verwendet (sogenannte „Schuhkasse“).

Eine Kirchensteuer wurde zum ersten Mal im Jahre 1906 erwähnt, als sie von 3,75 Prozent auf 5,25 Prozent erhöht wurde (und die Gemeindekasse diesen Mehrbetrag übernahm). Zur Konfirmation am Sonntag Palmarum versammelten sich die meist über 100 Konfirmanden im lutherischen Pfarrhof, die Jungen im festlichen Zylinder, die Mädchen in der kleidsamen Tracht der schwarzen Mäntel. Unter ihnen die Pfarrer mit den Kirchenältesten und Heiligenmeistern, Kantor, Organist, die ersten Lehrer der Ortschaften. Fenster und Treppen des im grünen Schmuck prangenden Gotteshauses waren dicht besetzt. Unter den Klängen des Posaunenchors wurde gesungen „Nun danket alle Gott“. Im weiten Bogen ging es ins Gotteshaus, wo vor der Tür gesungen wurde: „Wie soll ich dich empfangen“. Unter den Klängen der Orgel zog man ins Gotteshaus. Nach der Predigt erfolgten unter Glockengeläut die Einsegnung und schließlich das Abendmahl.

 

Der lutherische Katechismus blieb der Schulkatechismus. Pfarrer Schantz beschwerte sich bei Rektor Heymel darüber, daß die reformierten Kinder beim Eintritt in das Konfirmandenalter nur den lutherischen Katechismus können. Aber es kam nur der lutherische in Frage, weil unter 67 Schülern einer Klasse nur zwei reformiert waren. Beide Katechismen nebeneinander lernen zu lassen ist unmöglich, weil der reformierte Katechismus viel schwerer einzuprägen ist. Außerdem weiß man nicht, was die lutherischen Kinder in der Zeit machen sollen, wo die reformierten ihren Katechismus lernen. Und daß Pfarrer Schantz nicht mit in den Ortsschulvorstand aufgenommen wurde, lag an der Ablehnung der Regierung.

Bei der Visitation am 14. November 1909 durch Superintendent Obstfelder und Pfarrer Dittmar lehnten es die Lehrer ab, mit den Klassen 2 und 3 zur Kirchenvisitation zu erscheinen. Sie argumentierten, kranke, altlutherische und reformierte Kinder würden sowieso nicht kommen, Aufsässige aller Art würden ihre Kinder zurückhalten. Bei der Kälte könnte es zu Erkrankungen kommen. Die Lehrer seien keine kirchlichen Angestellten und brauchten sich nicht mit der Kritik einer schulfeindlichen Gemeinde auszusetzen. In der großen Kirche könnten auch die Kinder leicht in Verwirrung geraten, ohne die Gelegenheit zu haben, die Scharte wieder auszuwetzen. Das Gesuch der vier Lehrer wurde aber abgelehnt, nur die Altlutheraner brauchten nicht zu erscheinen.

Die Gemeinde hielt sich fleißig zum Gottesdienst. Zu den Bibelstunden kamen 130 - 150 Teilnehmer, zu den Passionsgottesdiensten durchschnittlich 200 Männer. Die Zahl der Reformierten ging immer mehr zurück (Oberschönau zwei rein reformierte Familien, in Steinbach nur zehn, insgesamt 150 Reformierte in der Schönau). Pfarrer Klingelhöfer wollte gern, daß den Reformierten nicht mehr jeder zweite Sonntagsgottesdienst eingeräumt werde, weil diese Gottesdienste in der lutherischen Gemeinde als Gottesdienste zweiter Ordnung galten.

Man beantragte im Jahr 1912 sogar, daß die lutherische Gemeinde an jedem Sonntag einen Vormittagsgottesdienst erhalten solle. Doch die reformierte Pfarrstelle wurde am 1. April 1913 wieder besetzt.

Um die Sonntagsheiligung wurde immer noch gekämpft. Das Tanzverbot versuchte man zu umgehen durch angebliche Hochzeitsfeiern, durch geschlossene Veranstaltungen der Vereine und durch Militärkonzerte (wenn die Alten gingen, kam die Jugend und tanzte). Bei den rund 50 Vereinen stand vor allem das Vergnügen im Vordergrund. Es gab kaum einen Sonntag, an dem nicht ein Ball oder ein Stiftungsfest stattfand. Auch die beiden Turnvereine kamen viel zu viel vom Turnen ins Tanzen; es fehlte eine Turnhalle, für deren Bau sich Klingelhöfer sehr einsetzte. Auch über gelegentliche Sonntagsarbeit auf den Feldern wurde geklagt (auch 1926, ohne daß die Polizei einschritt).

Besondere Klagen werden seit Jahren über zunehmende Zuchtlosigkeit der Jugend geführt. Die Jugend ist nicht schlecht, aber zum Teil respektlos und autoritätslos. Über Frechheiten und Unanständigkeiten könnten von vielen Seiten Beiträge geliefert werden. Am 5. September 1905 wurde Pfarrer Kraft aus Oberschönau gegen 22 Uhr von Jugendlichen angepöbelt und als „Lausbub“ bezeichnet und ihm ein faustdicker Stein nachgeworfen. Pfarrer Klingelhöfer konnte bestätigen, daß es sich hier nicht um einen Ausnahmefall handelte. Dabei war die Jugend an sich nicht schlecht, nur eben respektlos und autoritätslos. Schon den Kindern wurde zuviel der Willen gelassen. Der Wirtshausbesuch hatte durch die Vereine besonders bei der männlichen Jugend sehr zugenommen. Oft trieb man sich lärmend und schamlos bis in die Nacht hinein auf den Straßen herum.

Die Folgen zeigten sich in der Zunahme der Ehen ohne kirchliche Ehrenprädikate (d.h. dann war schon ein Kind unterwegs). Aber gerade solche Hochzeiten wurden zwei Tage mit Tanz im Wirtshaus gefeiert. Vor allem im Krieg, als die Väter nicht zu Hause waren, nahm das nächtliche Herumtreiben und Johlen auf den Straßen zu. Messerstechereien waren sehr häufig. Am 28. April 1912 wurde Louis Capraro in Altersbach durch einen Messerstich verletzt und starb am 1. Mai.

 

Das kirchliche Leben ist im allgemeinen gut. Abendmahlsgäste sind es jährlich etwa 2.000. Im vorigen Jahre fand auf Veranlassung des Königlichen Superintendenten Obstfelder an verschiedenen Sonntag eine Zählung der konfirmierten Kirchenbesucher statt. Es wurden gezählt:

 

Männer         Frauen          insgesamt

I. Ostertag ( vormittags)                  817                 451                             1268

II. Ostertag (nachmittags)                 53                 310                               363

Lätare (nachmittags)                         46                 339                               385

Himmelfahrt (vormittags)               629                 569                             1198

I. nach Trinitatis    (vormittags)      305                 294                               599

III. nach Trinitatis (vormittags)      385                  365                               750

 

 

In Steinbach-Hallenberg treten Licht und Schatten ganz besonders hervor. Zu den Schattenseiten dieser Gemeinde muß man besonders auch rechnen die oft zu bemerkende Charakterschwäche und Unzuverlässigkeit, zu den Lichtseiten die große Opferfreudigkeit und das rege kirchliche Leben. Steinbach-Hallenberg ist für einen Geistlichen ein schweres Arbeitsfeld, auf welchem er manche Enttäuschung erlebt, aber auch ein reich gesegnetes Arbeitsfeld, auf dem ihm viel Freude bereitet wird.

 

Die konfessionelle Zusammensetzung der Bevölkerung im Steinbacher Grund:

 

1908               Einwohner                                        Religion der Schulkinder

Lutherisch     Reformiert       Lutherisch  Reformiert    Altlutherisch

Altersbach       582                  7                        85                  23

Rotterode         481                24                       85                   5                    2

Steinbach      4.304             187                    879                 28                  49

 

 

 

Landeskirchliche Gemeinschaft

Im Jahre 1905 konnte Pfarrer Schantz noch berichten, daß das Gemeinschaftswesen noch keinen Fuß gefaßt habe. Doch 1908 begann der Prediger Gester aus Hohleborn in der Gemeinde tätig zu werden. Pfarrer Klingelhöfer bat ihn, nicht in seinem Kirchspiel zu arbeiten, weil ein gemeinschaftliches Arbeiten ihm nicht ratsam erschien.

Damals mußte man tatsächlich noch vermuten, daß die Gemeinschaft sich nur nach außen landeskirchlich gab, aber in Wahrheit der Methodismus auf diese Art in die Kirche getragen worden wäre bzw. sich dann zur Sekte entwickelt hätte. In Wirklichkeit wollte man aber durch diese Art der Frömmigkeit dem Methodismus gerade das Wasser abgraben.

In Rotterode waren Versammlungen bei Kirchenvater Bauerschmidt seit 1908, in Unterschönau seit 1911 bei dem Presbyteriumsmitglied Matthäus Karl König. In Steinbach fand die erste Versammlung am 20. November 1912 in der „Hallenburg“ statt. Am 21. Mai 1914 sprach Pfarrer Modersohn, der Leiter der Thüringer Gemeinschaftsbewegung, im Gasthaus Bühner.

Organisator war jeweils Matthäus König, der 1912 auch beim Generalsuperintendenten Dett­mering den Antrag gestellt hatte, der Gruppe das Gemeindehaus zu überlassen. Daraus wurde aber nichts, weil sie kein Einvernehmen mit dem Pfarrer gesucht hatten, wie es Dettmering geraten hatte. Überhaupt wurde niemals vorher der Pfarrer gefragt, sondern bestenfalls wurde er nachträglich unterrichtet.

 

Kirche und Gemeinschaftshaus (im Vordergrund)

 

Erst nach dem Krieg wurde das Verhältnis besser, als immerhin das Vereinshaus für Vorträge und Aufführungen zur Verfügung gestellt wurde. In Jahre 1918 war das noch abgelehnt worden wegen Eigenbedarf. Die Versammlungen fanden dann statt im Unterschönauer Stahlhammer. Ein Gesangsgottesdienst in der Kirche im Jahre 1922 wurde nur genehmigt, wenn der Pfarrer die Leitung hat und die Ansprache hält.

 

Zweite lutherische Pfarrei 1906

Am 6. Mai 1906 beschloß der Kirchenvorstand auf Antrag des Vorsitzenden: Da die Verhältnisse in Steinbach-Hallenberg, insbesondere die stetige Zunahme der Einwohnerzahl, auf die Gründung einer zweiten lutherischen Pfarrei hindrängen, so beschließt das Kirchenvorstand, schon jetzt für die Ansammlung eines Sondergeldvermögens Sorge zu tragen, und zwar in folgender Weise: Bei dem Verkauf von Pfarreiländereien soll von dem Verkaufskapital so viel in die jetzige Pfarreikasse abgeführt werden wie notwendig ist, um die bisherigen Pachtzinsen durch Kapitalzinsen zu ersetzen. Der Rest der Verkaufssumme soll in den zu gründenden „Fonds zur Errichtung einer zweiten lutherischen Pfarrei in Steinbach-Hallenberg“ abgeführt werden. Die Zinsen werden jährlich zum Kapital geschlagen, falls nicht das Kirchenvorstand über dieselben verfügt. Dieser Beschluß ist vom Königlichen Konsistorium zwar nicht genehmigt, aber es hat in der Verfügung vom 19. Mai 1906 die Notwendigkeit der Gründung einer zweiten lutherischen Pfarrei in Steinbach-Hallenberg anerkannt.

Im Jahre 1893 bekam Pfarrer Dettmering einen Pfarrgehilfen namens Weigel, bis dahin gab es nur eine Pfarrei „Steinbach-Hallenberg, Oberschönau, Unterschönau, Rotterode, Altersbach“. Vom 1. April 1893 ab wurde dem Hilfspfarrer von der Gemeinde Oberschönau eine Dienstwohnung zur Verfügung gestellt, bestehend aus einer Stube und einer Kammer einschließlich Feuerung. Sein Nachfolger war Georg Rüger. Am 3. Juni 1900 fand die Grundsteinlegung der Kapelle in Unterschönau statt, die Einweihung am 13. Dezember 1900.

 

Durch Urkunden zur Regelung der Pfarreien („Parochialregulierungs-Urkunden“) vom 24. März 1902 wurde die Filialgemeinde Oberschönau zu einer selbständigen Kirchengemeinde erhoben. Unterschönau wurde von Steinbach-Hallenberg ausgepfarrt und zu Oberschönau eingepfarrt. Die Pfarrstelle wurde in Oberschönau errichtet. Der Hilfspfarrer Kraft wurde erster Pfarrer in Oberschönau.

 

 

Lutherische Hilfspfarrei 1913

Das Presbyterium wollte durch den Verkauf von Pfarreiland schon 1906 einen Fonds für eine zweite lutherische Pfarrstelle bilden, doch der Beschluß vom 6. Mai 1906 wurde vom Konsistorium nicht genehmigt, aber die Notwendigkeit einer zweiten Pfarrstelle anerkannt. Im Jahre 1910 unternahm Pfarrer Klingelhöfer noch einmal einen Vorstoß. Es mußte ein Mindesteinkommen von 3.000 Mark und eine Dienstwohnung gestellt werden. Doch zunächst hatte die erste Pfarrstelle immer noch Zuschüsse nötig. Durch Grundstücksverkäufe waren schon

28.500 Mark zusammengekommen, bald würde die lutherische Pfarrstelle auf eigenen Füßen stehen können. Dann könnte doch der Staatszuschuß einer zweiten Pfarrstelle bzw. einer Hilfspfarrstelle zugutekommen. Einen Bauplatz hinter dem Vereinshaus für ein Pfarrhaus hatte man schon 1912 erworben.

Am 25. Februar 1813 wurde offiziell eine Hilfspfarrei vom Presbyterium beantragt. Am 1. Oktober 1913 wurde sie errichtet. Aus der lutherischen Pfarreikasse wurden jährlich 600 Mark abgezweigt (die Erschwerniszulage für den Pfarrer fiel nun weg), der Rest wurde durch staatliche Beihilfe gedeckt (Mindestgehalt waren 1.800 Mark).

Doch zunächst war noch kein Hilfspfarrer zu gewinnen, es herrschte Theologenmangel. Einst weilen wurde aber eine Schreibhilfe für den Pfarrer genehmigt. Am 19. Dezember 1915 wurde Gottfried Rade aus Marburg ordiniert und mit der Versehung der Hilfspfarrstelle betraut. Am 20. Dezember 1915 kam er in Uniform in Steinbach an und mußte zwischendurch auch immer wieder zum Militär. Er wohnte im lutherischen Pfarrhaus und übernahm nachher die Pfarrstelle.

Die Hilfspfarrstelle bestand bis 1933. Die insgesamt zwölf Hilfspfarrer wechselten oft, manchmal zweimal im Jahr, weil sie in ein Pfarramt überwechselten. Die Gemeinde wurde längs der Hauptstraße geteilt, den Bezirk nach dem Arzberg zu mit Altersbach übernahm der Hilfspfarrer. Der Hilfspfarrer sollte etwa ein Drittel der Hauptgottesdienste halten und sich um die Jugend, das im Vereinshaus eingerichtete Jugendheim und die Fürsorgezöglinge kümmern.

Die letztere Aufgabe wurde 1918 aber wieder dem Pfarrer übertragen, weil die Hilfspfarrer zu stark wechselten und eine gedeihliche Arbeit bei dem häufigen Wechsel natürlich nur schwer möglich war. Mit der Zusammenlegung der beiden Kirchengemeinden und der Aufteilung in zwei Pfarrbezirke wurde eine bessere Lösung gefunden.

 

 

 

Friedrich Walther, reformierter Pfarrer                                                           1913 - 1918

Vor der Besetzung der reformierten Pfarrstelle wollte der lutherische Pfarrer Klingelhöfer gern die Neuregelung der Gottesdienste. Die Stelle wurde dann aber doch überraschend wieder besetzt mit Friedrich Walther, einem Pfarrerssohn aus Helmershausen bei Hofgeismar, vorher von 1905 bis 1913 Pfarrer in Laudenbach bei Hessisch-Lichtenau. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Hersfeld 1887 bis 1892 studierte er in Marburg und Greifswald. Im Herbst 1897 machte er in Marburg Examen, die Zweite Prüfung im Jahre 1900 in Kassel, ordiniert wurde er am 5. April 1901 in Kassel.

Er war Vikar in Hessisch-Lichtenau (1898), Lehrer am Pädagogium in Roßla im Harz (1899), Seemannspastor in Shields in England (1901), Lehrer an der Fürsorgeanstalt Wabern (1903), reformierter Hilfspfarrer in Hannover (1904) und Pfarrer in Laudenbach (1905 bis 1913). Pfarrer Schantz war die letzte Zeit schwer krank und sollte keine Aufregung erfahren. Er wohnte noch bis zum 4. April 1913 im Pfarrhaus, obwohl die Stelle ab 1. April an Walther gegangen war und am 27. März schon die Pfarramtsübergabe gewesen war. Walther wollte am 3. April einziehen.

Am 13. April wurde er in Oberschönau und Steinbach eingeführt. Am 1. April 1918 verließ er die Gemeinde wieder, um eine Pfarrstelle in Iserlohn zu übernehmen. Dort ging er am 1. Juli 1939 in den Ruhestand, war aber ab 1. Dezember 1940 noch Spezialvikar in Münchhausen. Er war Vorsitzender des Ausschusses der Deutschen Evangelischen Bibelgesellschaften.

 

 

Gottfried Rade                                                                                                      1917 - 1923

Schon während der Krankheit von Pfarrer Klingelhöfer im Jahre 1916 hatte Hilfspfarrer Rade die ganze Gemeinde versorgt. Am 1. November 1917 war er mit der Versehung der Pfarrstelle beauftragt worden. Weil er der einzige Bewerber um die Pfarrstelle war, wurde auf eine Wahl verzichtet und ihm nach einer Probepredigt am Bußtag ab 1. Januar 1918 die Stelle verliehen. Martin Gottfried Rade wurde am 5. Februar 1891 in Schönbach bei Löbau als Sohn des Pfarrers (und späteren Theologieprofessors in Marburg) Martin Rade und dessen Ehefrau Marie Theodora geborene Naumann geboren. Von 1892 bis 1899 in Frankfurt am Main aufgewachsen kam er Osten 1889 nach Marburg, wo er das Gymnasium Philippinum besuchte. Nach der Reifeprüfung im März 1908 ging er ein halbes Jahr nach England und studierte dann in Marburg, Berlin und Kiel.

Die Erste Theologische Prüfung bestand er am 10. Oktober 1913. Er ging als Lehrvikar nach Stanislau in Ostgalizien. Als der Krieg ausbrach, lag er dort mit Typhus im Krankenhaus. Nach abenteuerlicher Fahrt kam er zurück ins Elternhaus in Marburg. Ende Oktober 1914 bis 1. April 1915 war er Schriftleiter der „Hilfe“ in Berlin. Dann meldete er sich als Kriegsfreiwilliger bei den Marburger Jägern, durfte aber noch vorher seine Zweite Theologische Prüfung in Kassel ablegen. Nach beendeter militärischer Ausbildung erkrankte er schwer an Nierensteinentzündung. Deswegen wurde er zur Versehung der Hilfspfarrei Steinbach-Hallenberg beurlaubt und wurde am 19. Dezember 1915 in Kassel durch Generalsuperintendent Dett­mering ordiniert. Am 18. März 1916 heiratete er Eva Annemarie Schwarz, Tochter eines Oberleutnants aus Bad Schwartau bei Lübeck.

Rade wurde aber zwischenzeitlich wieder zum Heer einberufen, war auch drei Monate in Brot­terode und ab 2. Oktober 1915 Hilfspfarrer in Steinbach, ab 1. November war er am Ort. Am 1. Januar 1918 wurde er zum lutherischen Pfarrer ernannt. Eingeführt wurde er am 27. Januar 1918 durch Generalsuperintendent Dettmering und Superintendent Obstfelder.

 An diesem Tag sagte die Witwe Köllmann aus der Moosbachstraße in seinem Arbeitszimmer ein Gedicht auf, das die Schulkinder im Jahre 1853 dem Pfarrer Luck zu seiner Einführung dargebracht hatten.

Bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 wurde Rade von der Deutschen Demokratischen Partei als einer ihrer 14 Kandidaten in Thüringen aufgestellt. Er hielt 29 Versammlungen ab, davon etwa die Hälfte im Kreis Schmalkalden. Bei den Wahlen am 20. Februar 1921 wurde er als einer von fünf Steinbachern in den Kreistag gewählt. Er hat eine Schrift verfaßt über Martin Luthers Leben (gedruckt in Görlitz 1917).

In der Inflationszeit hatte er sich 1923 ein Ferkelchen beschafft und gedachte, es mit Gras und sonstigen Abfällen groß zu füttern. Schon nach drei Wochen mußte das arme Tierchen geschlachtet werden, wenn es nicht eingehen sollte. An dem Fleisch haben Mann und Frau fast 14 Tage gegessen. Hilfspfarrer Giese mußte sich öfter mit leerem Magen ins Bett legen, bis seine Notlage offenbar wurde und einige Gemeindeglieder ihn unterstützten.

An der Orgel wurden die Zinndeckel der Holzpfeifen gestohlen und sicherlich in Eßwaren umgesetzt.

Im Jahre 1923 wurde Rade geschieden und heiratete seine zweite Frau Justine, die eine Pietistin war und ihn für das Gemeinschaftschristentum gewonnen hatte. Er verlor sein Pfarramt und war zehn Jahre lang nicht im kirchlichen Dienst tätig. Er war bei einem Bankhaus in Kassel angestellt, dann Sekretär des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Schließlich war er von 1928 bis 1933 Reichssekretär des Deutschen Jugendherbergsverbandes in Dresden. Ab 1933 war er wieder Pfarrer in Seewies im Kanton Graubünden in der Schweiz. Dort blieb er auch im Ruhestand. Zur 300-Jahr-Feier der Kirche wurde er eingeladen, kam aber nicht.

 

 

Kirche im Ersten Weltkrieg

Am 1. August 1914 wurde ein Abendmahlsgottesdienst für die am nächsten Tag ausrückenden Krieger gehalten und am 5. August ein Bußtagsgottesdienst. In den ersten Kriegsmonaten war der Gottesdienstbesuch sehr stark. Auch die Kriegsbetstunden am Mittwoch wurden gut besucht, bis nach einem Vierteljahr die erste feierliche Stimmung verflogen war und die Arbeit in den Fabriken wieder aufgenommen wurde.

Durch Glockengeläut wurde jeder Sieg oder Fall einer feindlichen Festung bekanntgegeben. Am 22. August 1914 hielt man auf dem Schulhof eine Feier, von Rektor Heymel mit Gebet und Chorälen eröffnet, und mit einer packenden Ansprache von Pfarrer Walther, der damals aushilfsweise an der Schule unterrichtete.

Aber der Krieg brachte natürlich auch viel Trauer in die Familien. Als Erster fiel der Amtsrichter Rühl, der zu Beginn des Krieges die ausziehenden Krieger mit einer begeisternden Rede verabschiedet hatte; am 2. September wurde für ihn die Trauerfeier gehalten. In der Kirche wurden Kränze mit Schleifen zu Ehren der Gefallenen aufgehängt. Auf dem Friedhof wurde ein besonderer Platz für verstorbene Krieger geschaffen. In der Zeitung erschienen täglich Vorschläge für die Bibellese.

Aus allen möglichen kirchlichen Kassen wurde Geld für die Kriegsanleihe gezeichnet. Einem Aufruf des Vaterländischen Frauenvereins folgend wurden Strümpfe für die Krieger gestrickt und ihnen Süßigkeiten ins Feld geschickt. Im Vereinshaus wurde eine Suppenküche eingerichtet für 100 bis 150 Schulkinder. Alle Kräfte wurden für den Krieg eingesetzt. Kinder wurden sogar zum Vieh hüten und Sammeln von Wildfrüchten von der Schule befreit. Die Lehrer mußten unentgeltlich Vertretungen leisten und wurden verpflichtet, eine Kriegschronik zu führen. Die Schule begann schon um sieben Uhr (Sommerzeit!).

Zum Besten der Kriegswohlfahrtspflege wurde ein Eisernes Kreuz genagelt, das seinen Platz über dem Haupteingang der Kirche erhalten sollte: Wer eine Karte zum Preis von 20 Pfennig, einer Mark oder fünf Mark erwarb, durfte einen Nagel auf dem Bild einschlagen und sein Name wurde in ein Urkundenbuch eingetragen.

Schwierig war es mit den sogenannten „Fragen“, den Katechisationen für die konfirmierte Jugend. Schon 1904 besuchten die Kirchenväter die Eltern, damit sie ihre Kinder zu den Katechisationen schicken. Jetzt wurde festgelegt, daß das Patenrecht verliert, wer wiederholt gefehlt hat. Nach ständiger Kontrolle und Hausbesuchen der Pfarrer und Kirchenväter war der Besuch befriedigend (150 bis 200 Jugendliche).

Einen Streit gab es, als der reformierte Pfarrer ein eigenes Erntedankfest einführte und die Lutherischen am Nachmittag den Erntekranz vom Altar entfernten, weil ihr Erntedankfest ja noch kam. Umgedreht wollte der lutherische Pfarrer in der Trinitatiszeit 1917 einen Frühgottesdienst einführen, wenn die Reformierten den Vormittagsgottesdienst hatten (Beschluß 19. Februar 1917).

Da aber höchstens 50 Leute zu diesen Gottesdiensten kamen und auch die Kirchenväter wenig „lutherisches“ Bewußtsein an den Tag legten, wurde diese Übung am 2. April 1918 „für die Dauer des Krieges“ abgeschafft. Dafür hielt der Hilfspfarrer jeden Sonntag in einem der Dörfer den Gottesdienst. Durch den Krieg wurden manche aber auch irre an Gott. Sie fragten: Wie kann Gott solches Morden zulassen? Warum ist mein Mann gefallen, wo ich doch so sehr dafür gebetet habe? Die Kirche versuchte alles, den Menschen entsprechenden Trost zu geben.

Zu Kaisers Geburtstag am 27. Januar 1916 brachte der Jungfrauenverein in jedes Haus eines gefallenen Soldaten einen blühenden Blumenstock als Zeichen der Teilnahme und zur Ehrung der Toten. Am Zweiten Ostertag hielten die Konfirmanden an den Kriegergräbern eine Feier ab und legten 63 Kränze nieder. Die zwei Gräber waren von einer etwa zwei Meter hohen Wand aus Tannengrün umgeben; auf eine Ausschmückung der Kirche zur Konfirmation hatte man dafür verzichtet.

Es wurden wieder regelmäßig Jugendabende für männliche Jugendliche eingerichtet, um der zunehmenden Zuchtlosigkeit der Jugend entgegenzuwirken. Am 17. September 1916 war das Gustav-Adolf-Fest in Steinbach-Hallenberg

Bei der reformierten Visitation am 19. November wurde ein Kindergottesdienst mit 30 Kindern gehalten, der schon 1913.in vierzehntägigem Wechsel mit den Katechisationen eingeführt worden war (auch auf lutherischer Seite wurde nach Aufhebung des Frühgottesdienstes ein Kindergottesdienst angeregt).

Im März 1917 kam die erste Nummer des Gemeindeblattes „Die Heimat, Monatsblatt für den Steinbacher Grund“ heraus. Die Auflage betrug zunächst 1.000 Stück und stieg bis auf 1.500 Stück, aber sie ging mit 550 Exemplaren im Februar 1920 wieder ein. An die Krieger wurde die Zeitung kostenlos verschickt; für sie gab es zeitweise außerdem das Blatt „Heimatglocken“.

Die Konfirmation fand zum ersten Mal getrennt nach Jungen und Mädchen statt, weil ja jetzt zwei lutherische Pfarrer für den Unterricht zur Verfügung standen. Die Oberförsterei wollte zunächst das Reisig für die Ausschmückung der Kirche verweigern und hatte sogar Konfirmandinnen wegen Waldfrevels angeklagt, aber es renkte sich alles wieder ein.

Im März 1917 kam die Beschlagnahmeverfügung für die Glocken. Am 5. Juli erklang noch einmal das volle Geläut. Am 19. Juli wurde die Königsglocke, nach einer kurzen Abschiedsfeier auf dem Kirchplatz, zum Bahnhof gefahren. Am 24. Juli tat die kleinste Glocke („Häf­nerin“) ihren letzten Dienst. Beide Glocken standen, mit einem Eichenblattkranz geschmückt, bis zur Abholung vor dem Altar.

 

Als auch die dritte Glocke abgegeben werden sollte, protestiert Pfarrer Rade am 25. Juli: In einem so großen Ort kann man schon mit zwei Glocken nicht mehr alle Leute erreichen. Die Gemeinde versteht nicht, weshalb eine Glocke nach der anderen abgegeben werden soll, während Schmalkalden noch das volle Geläut hat. Dort gehen die Leute nicht in die Kirche und dürfen die Glocke behalten, während die Steinbacher in die Kirche gehen und alles hergeben müssen. Die Ablieferung einer weiteren Glocke würde den Eindruck erwecken, es müsse wohl schlecht um das Vaterland stehen! Diese Glocke blieb daher auch der Gemeinde erhalten. Aber andererseits wurden fast alle Prospektpfeifen der Orgel, die aus reinem Zinn bestehen, eingeschmolzen und erst 1922 wieder ersetzt.

Durch das Fehlen der Männer lag der Kirchenchor schwer darnieder. Vom Gewerbeverein aus hatte man vorgeschlagen, die noch verbliebenen Sänger aus den drei Vereinen zusammenzuschließen, um unter Lehrer Bartholomé einen singfähigen Chor zusammenzustellen. Auch mit den Kurrendesängern ging es nicht mehr so recht. Zum Teil fehlten 80 Prozent der Jungen. Erst als man ihnen eine kleine Vergütung zukommen ließ, wurde es wieder besser mit der Beteiligung. An Karfreitag 1917 sang der Chor des Jungfrauenvereins mit dem Ehepaar Rade als Solisten. Für das Erntedankfest sollte Kantor Margraf einen Chorgesang einüben, für das Reformationsfest mit dem Knabenchor.

Außerdem wollte Pfarrer Rade einen gemischten Chor für das Reformationsfest einüben. Doch nach einigen Proben ließ Margraf dann doch nicht singen. Er erhielt einen Verweis vom Konsistorium. Doch entschuldigte er sich, das Lied sie noch nicht genug geübt gewesen; außerdem forderte er eine Vergütung für die Kinder. Im Jahre 1920 erweiterte Pfarrer Rade den von ihm geleiteten Frauenchor zu einem gemischten Chor, und der „Kirchengesangverein“ war gegründet. Der erste Auftritt war zum Missionsfest 1920 und das erste Werk war „Jesus und die Samariterin“.

In der Kinderschule waren zeitweise 100 Kinder bei nur einer Schwester. Eine Hilfskraft wäre unbedingt nötig gewesen. Der große Saal im Gemeindehaus war für Familienabende und Feste zu klein. Die Erweiterung um einen großen Saal war schon ein Lieblingsgedanke Pfarrer Klingelhöfers. Nach Meinung von Pfarrer Rade wäre auch ein Altersheim nötig gewesen. Doch die Schulden von über 15.000 Mark verhinderten den Ausbau der Diakonissenstation. Die Ausgaben von über 8.000 Mark wurden vorwiegend durch Kollekten, Einzelgaben und die jährliche Haussammlung (auch in Rotterode und Altersbach) bestritten.

 

 

Reformationsgedenkfeier 1917

Schon im Frühjahr des Jahres 1917 hatte Superintendent Obstfelder Vorträge über Luther gehalten. Auch im Missionsverein und Jungfrauenverein und bei den Konfirmanden wurde über Luther gesprochen. Da Pfarrer Klingelhöfer krank war und Pfarrer Walther als Krankenwärter nach Marburg einberufen war, lag alles auf dem Hilfspfarrer Rade. Er predigte am

28. Oktober über „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29). Der Festgottesdienst war am 31. Oktober und war gut besucht, obwohl die Fabriken an diesem Tag arbeiteten.

Man richtete sich nach der von Konsistorium herausgegebenen Ordnung, die reich mit Lutherworten ausgestattet war. Die musikalische Ausgestaltung übernahm ein gemischter Chor, der aus dem Chor des Jungfrauenvereins und den Männern des Kirchenchores gebildet worden war und von Pfarrer Rade geleitet wurde. Dieser predigte auch über Römer 3, Vers 28, und sprach über das zentrale Glaubenserlebnis Luthers.

Am Abend war der Jugendgottesdienst, zu dem der Knabenchor unter Kantor Margraf sang. Pfarrer Rade predigte über Johannes 2, 14-17 und sprach über Thesenanschlag und Ablaß. Den Konfirmanden wurde je ein Exemplar des von Rade verfaßten Lutherbuchs überreicht. Die Nachfeier am folgenden Sonntag hielt Metropolitan Wolff aus Schmalkalden.

Am 21. April 1918 wurde der Evangelische Bund durch Predigt und Vortrag von Pfarrer Bräunlich aus Berlin neu belebt. Am 1. September 1918 führte der Evangelische Bund ein Fest durch, zu dem Pfarrer Koch (Gotha) über Calvin sprach und Professor Rade (Marburg) über die Hugenotten.

 

 

Johannes Alexander Vial, reformierter Pfarrer                                            918  - 1923

Am 16. Mai 1918 wurde die reformierte Pfarrstelle an den Pfarrer in Rommershausen (bei Ziegenhain) Johannes Heinrich Alexander Vial verliehen. Er wurde am 15. Januar 1874 als Sohn eines Kantors in Marburg geboren, besuchte dort das Gymnasium und die Universität. Die Erste Theologische Prüfung legte er am 21. Juli 1897 in Marburg ab, die Zweite vom 17. bis 20. September1900 in Kassel, am 28. November 1902 wurde er ordiniert. Er war zunächst an Privatschulen tätig und als Hauslehrer und Erzieher. Von 1902 bis 1903 war er Pfarramtskandidat in Fritzlar und ab 15. April 1903 Hilfspfarrer in Rommershausen und ab 1. November 1906 dort Pfarrer. Vom 16. Mai 1918 bis 30. September 1923 war er Pfarrer in Steinbach-Hallenberg und ging dann nach Kassel-Niederzwehren und wurde zunächst mit der Versehung der Stelle eines Metropolitans beauftragt und ab 1924 war er Metropolitan der Pfarreiklasse Wilhelmshöhe. Am 15. Oktober 1937 trat er in den Ruhestand und starb am 30. Mai 1942 in Marburg und wurde am 3. Juni begraben. Nach seinem Weggang von Steinbach war das Konsistorium der Meinung, daß die Pfarrstelle eingehen sollte.

 

 

Kirche nach dem Ersten Weltkrieg

Am 12. Januar 1919 hielten die drei Pfarrer Vorträge in der Kirche, in denen sie über die Entstehung der evangelischen Landeskirchen sprachen, um sich auf die angekündigte Trennung von Staat und Kirche einzurichten. Die politischen Umwälzungen berührten das Leben der Kirchengemeinde wenig. Zur Maifeier läuteten die Glocken, diesmal nicht mehr zu „Siegesfeiern“, sondern zur Volksversöhnung.

Die Gemeindevertretung lehnte die Erhöhung der Kirchensteuer von 7 auf 9 Prozent ab. Auch wurde die Zahlung öffentlicher Gelder an die Kirche vollständig abgelehnt (bis dahin wurde die Kirchensteuer von der staatlichen Lohnsteuer und Einkommenssteuer abgezweigt). Im Voranschlag für 1920 strich die bürgerliche Gemeinde alle für Pfarrei und Kirche eingesetzten Beträge. Daraufhin beschloß das Vereinigte Große Presbyterium am 17. August 1918 in Gegenwart von Generalsuperintendent Dettmering die Einführung einer (rein kirchlichen) Kirchensteuer. Es sollten zehn Prozent der Einkommenssteuer erhoben werden, um die Erhöhung der Abgaben an das Konsistorium und für die Kirchenschullehrer tragen zu können. Kirchenaustritte kamen 1919 noch nicht vor (in Schmalkalden schon 150). Die „Volksstimme“ hatte mit ihrer Werbung für den Kirchenaustritt und Abmeldung der Kinder vom Religionsunterricht noch keinen Erfolg. Neben den Austritten zu den Sekten (vor allem in Altersbach) erfolgte 1920 der erste Austritt aus politisch-weltanschaulichen Gründen, nämlich der Austritt von Oskar Speck.

 

 

Am 22. August 1919 stürzte ein Teil des Hallenburgfelsens ins Tal. Wie durch ein Wunder kam niemand zu Schaden. Außerdem zersprang in diesem Jahr das Silberglöckchen im „Glockenhaus“. Im Oktober wurde dort eine neue Glocke aufgehängt. Aus diesem Anlaß kam ein alter Spruch in Erinnerung, der lautet: „Wenn das silberne Glöckchen springt, von dem Berg der Felsen springt, dann ist des Herren Tag nicht mehr weit!“

Diese Glocke läutete bei allen Gelegenheiten, zu denen auch die Kirchenglocken läuteten. Bei Beerdigungen aus dem Oberdorf läutete sie, bis der Zug am Oberdörfer Pfarrhaus ankam, dann setzten die Glocken der Hauptkirche ein. Angeblich war die ursprüngliche Glocke aus dem Glockenhaus aus Silber. Einige Schwarzaer Juden hätten sie mit Silber auffüllen und dieses als Preis für die Überlassung der Glocke geben wollen. Aber sie hatte bestenfalls einen Silberanteil.

Die Altlutheraner beanspruchten die Glocke als Besitz aller Bürger am Ort (damit sie auch für sie geläutet werden sollte). Sie war jedoch eindeutig kirchlichen Ursprungs und stand nicht unter der Verfügung der bürgerlichen Gemeinde. Im Ersten Weltkrieg verfiel sie der Beschlagnahme, wurde aber mit Erfolg für die Gemeinde beansprucht („reklamiert“). Nachdem sie Anfang 1919 zersprungen war, wurde sie im Sitzungssaal des Rathauses aufgestellt. Für das Glockenhaus wurde eine neue Glocke beschafft. Lehrer Menz schlug 1927 vor, sie für die Friedhofskirche zu erwerben. Aber bald danach muß sie verschwunden sein. Offenbar hat einer Geld gebraucht und auf viel Silber gehofft. Es ist schade, daß sie nicht mehr vorhanden ist, denn sie war ja die älteste Glocke Steinbachs. Nur die Inschrift ist noch erhalten in dem Buch von Paul Weber: „Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Bd. V: Kreis Herrschaft Schmalkalden“, Marburg 1913

Am 1. November 1919 legte Pfarrer Rade die Geschäfte im Unterausschuß für Kriegshinterbliebenenfürsorge nieder. Seit 1. Januar 1918 hatte er 400 Briefe geschrieben und viele einmalige und jährliche Beihilfe ausgezahlt. Wegen Überlastung gab es dies Amt an Pfarrer Vial ab. Dafür übernahm er die Verteilung der Amerika-Hilfe.

Am 4. Advent 1919 wurde von den Jugendvereinen und älteren Gemeindegliedern ein schlesisches Weihnachtsspiel aufgeführt. Dazu waren die Dialektpartien von Magdalene Usbeck in Steinbacher Platt übertragen worden.

Am 7. Dezember 1919 wurde der Missionsverein mit 49 Mitgliedern neu gegründet. Am 13. Juli 1920 fand das Missionsfest mit Professor Rade (Marburg) und Missionsinspektor Köber­lein (Leipzig) statt.

Ein Kindergottesdienst im Anschluß an den Hauptgottesdienst wurde 1920 endgültig eingerichtet. Für ein Gruppensystem wurden Helfer und Helferinnen geworben, die aus den Jugendvereinen kamen. Der Pfarrer hielt die Vorbereitungsstunde für die Helfer. Ein Kindergesangbuch wurde eingeführt und ein Kinderblatt ausgegeben. Seit jener Zeit wurde um 9.45 Uhr zum Hauptgottesdienst geläutet und Punkt 10 Uhr begonnen. Im Jahre 9125 kamen an Weihnachten 50 Jungen und 60 Mädchen zum Kindergottesdienst, im Juni 30 Jungen und 50 Mädchen. Helfer waren zwei Jungen und fünf Mädchen.

Am 8. Februar 1920 beging man das 25jährige Bestehen der Diakonissenstation. Als Gäste kamen die früheren Pfarrer Dettmering und Klingelhöfer, die erste Steinbacher Schwester Emilie Schütz und weitere Schwestern und die Oberin des Mutterhauses. Eine Festschrift der Zeitschrift „Heimat“ kam heraus. Nachmittags war eine Nachfeier im Vereinshaus, abends ein Gemeindeabend in der Kirche.

Bei einer Trauung ohne kirchliche Ehren durfte das Paar weiterhin nur ohne Schleier und Kranz erscheinen. Notfalls wurden die Ehrenprädikate im Gottesdienst widerrufen.

Ein Paar wandte sich daraufhin 1921 nach Viernau und wurde dort mit allen Ehren getraut (auch 1927). Am 27. April 1921 wurde im Großen Lutherischen Presbyterium der Antrag des Pfarrers auf Abschaffung der Ehrenprädikate und unterschiedlicher Formen der Trauung abgelehnt. Auch 1925 wurde beschlossen, die Kirchenzucht bei Trauungen sollte scharf gehandhabt werden, weil Hilfspfarrer Giese gefordert hatte: entweder wahrhafte Durchführung oder Verzicht auf diese Sitte. Erst 1936 wurden die Ehrenprädikate abgeschafft.

Am 21. März 1920 verlangte ein Mitglied des Arbeiterrates, daß ab 14 Uhr eine halbe Stunde lang die Glocken geläutet werden zu Ehren zweier Arbeiter, die zur gleichen Zeit in Zella beerdigt wurden. Doch die Forderung wurde abgelehnt, weil um 14.30 Uhr Gottesdienst war und weil zu politische Anlässen nicht geläutet wird.

Durch eine Sammlung im Jahr 1921 kamen fast 20.000 Mark für die Diakonissenstation ein, so daß diese schuldenfrei war (beginnende Inflation!). Im Jahre 1923 sollte die Einrichtung der Kochschule den aus dem Ruhrgebiet ausgewiesenen Beamten zur Verfügung gestellt werden. Gleichzeitig wollte aber auch der Bürgermeister den Garten der Schwesternstation nach der Arzbergstraße zu für den Wohnungsbau enteignen lassen bzw. gegen ein Stück Land im Arzberg tauschen. Beides konnte aber abgewehrt werden. Im Jahre 1926 fand wieder ein Kochkurs statt.

Im Jahre 1921 fanden erstmals Wahlen zu einer verfassungsgebenden Kirchenversammlung statt. Dank eifriger Werbung wählten über 1.700 Gemeindeglieder im Kirchspiel. Die von Pfarrer Schmidt unterstützte Liste erhielt in Steinbach die meisten Stimmen, aber im Wahlkreis siegte die Liste des Superintendenten Weinrich.

Bei der Firma Schilling in Apolda wurden am 3. Juli 1921 zwei neue Glocken bestellt. Im Jahre 1922 wurden auch die fehlenden Prospektpfeifen der Orgel wieder besorgt. Am 7. August erklang die Orgel wieder mit vollem Werk. Auch in Altersbach und Rotterode wurden neue Pfeifen eingesetzt und in Altersbach die Orgel repariert.

In diesem Jahr sollte auch das Gelände des Kesselhauses hinter der Kirche von der bürgerlichen Gemeinde abgekauft werden. Diese verlangte dann aber einen Bauplatz dafür, so daß ein Tausch nicht zustande kam. Auch der Bau einer „Kirchenwärter-Wohnung“ auf dem Kesselhaus wurde verworfen.

Im Jahre 1923 wollte die Gemeindevertretung das Bestattungswesen kommunalisieren: Jeder Bürger sollte jährlich eine Steuer entrichten und dafür kostenlos beerdigt werden. Die Anlage eines neuen Friedhofs und die Schaffung einer Aufstellmöglichkeit für Urnen wurde erwogen. Der Bürgermeister wollte im Altarraum der Friedhofskirche einen Verschlag zum Abstellen von Särgen schaffen, weil der Baue einer Leichenhalle immer wieder an den beengten Platzverhältnissen scheiterte.

Am 8. Februar 1922 wurde dann vom Presbyterium der Entwurf einer neuen Kirchenverfassung gutgeheißen: Die Vereinigung der drei Konfessionen wurde begrüßt. Das Wahlrecht der Gemeinden und die Verpflichtung der Pfarrer auf das Bekenntnis sollten aber stärker betont werden. Die Unterstellung unter den Kirchenkreis Marburg oder gar Hanau wurde abgelehnt, und die unmittelbare Unterstellung unter den Landesoberpfarrer wurde gutgeheißen.

Bei der Pfarrerwahl sollte die Stimmabgabe nicht mehr durch eine mündliche Erklärung erfolgen, sondern durch Stimmzettel, die aber zwei Namen enthalten müssen. Wegen der Kirchenvorstandswahl im Jahre 1924 gab es eine Beschwerde, aber die Vorwürfe erwiesen sich als unhaltbar, alles war ordentlich beschlossen und durchgeführt worden Allerdings nahm mit dieser Wahl die Politik Einfluß auf das kirchliche Geschehen, selten kamen noch einstimmige Beschlüsse zustande.

 

 

 

Jugendvereine 1918

Am 21. Mai 1918 versammelten sich 40 junge Männer im Vereinshaus, um unter Leitung des Hilfspfarrers Schmidt den Jugendverein „Wittenberg“ zu gründen. Dieser wurde in Gruppen zu je acht eingeteilt, die einen eigenen Leiter hatten, der für die Gruppe verantwortlich war. Man kam am Dienstag von 20 bis 22 Uhr zusammen; dabei wurden zunächst Brettspiele gespielt oder in Zeitschriften gelesen, ehe das eigentliche Programm begann. Anschließend wurden noch Bücher ausgeliehen aus der neu angelegten Bücherei (diese wurde 1935 in die Volksbücherei eingegliedert, blieb aber bis nach dem Krieg im Vereinshaus). Freitagabend trafen sich die Spiellustigen auf der Spielwiese. Sonntagnachmittag unternahmen sie Spaziergänge. Im Winter war monatlich ein Unterhaltungsnachmittag am Sonntag. Auch die Eltern wurden gelegentlich Sonntagabend im Vereinshaus begrüßt. Auch Theater-und Lichtbildaufführungen gehörten zum Programm.

Seit 1919 gab es auch einen Jungmännerverein für Jugendliche ab 17 Jahren. Parallel dazu wurde am 17. August 1919 der Mädchenverein „Festland“ gegründet unter Leitung von Frau Rade. Gemeinsam führten die beiden Jugendvereine „Wilhelm Tell“ von Schiller auf. Dabei setzte sich das Ehepaar Schmidt sehr ein.

Der Plan der Errichtung einer Jugendherberge wurde ins Auge gefaßt. Sie wurde dann auch im Jahre 1922 in der Nordostecke des Friedhofs gebaut, die damals noch zum Schulgarten gehörte. Aber im Jahre 1922 gab es eine Krise im Jugendverein „Wittenberg“, weil man mit dem Pfarrer Weber als Leiter nicht einverstanden war (man wollte mehr eigene Verantwortung und Führung). Erst als Pfarrer Rade den Verein übernahm und durch den Kandidaten Gottschewski Unterstützung erhielt, nahmen die Abende wieder einen Aufschwung. Im Jahre 1926 trat die Gruppe aus dem „Bund Deutscher Jugendvereine“ aus, tagte aber weiter. Viele der damals aktiven Jugendlichen übernahmen nachher wichtige Aufgaben in der Kirchengemeinde, die Arbeit jener Jahre wirkte noch lange nach.

 

 

Auseinandersetzung Kirche und Schule 1920

Die bürgerlichen Gemeinden Rotterode und Altersbach beanspruchten 1920 alle Einkünfte aus den Kirchschulstellen und die Kirchsäle. Diese seien an sich als Schulsäle gebaut worden, nur einstweilen der Kirche überlassen worden. Für die Lehrer sei der Kirchendienst nur eine kleine Nebenbeschäftigung gewesen. Aber schon die Bauart der Säle zeigt, daß sie von Anfang an kirchlichen Zwecken dienen sollten. Es wurden dort Taufen und Trauungen vorgenommen und auch Kollekten für die Unterhaltung gegeben. Der Kirchendienst der Lehrer war umfangreicher, als die bürgerlichen Gemeinden das darstellten.

Zunächst einmal wurden die Kirchsäle aus der Auseinandersetzung herausgenommen, weil sie ausschließlich in Benutzung der Kirche stehen. In Altersbach führte man einen Prozeß, der zu einem Vergleich führte: „Der Schulverband Altersbach verpflichtet sich, das Gehalt für den­jenigen, welche Lesegottesdienst hält, zu übernehmen“. Die bürgerliche Gemeinde erhielt dafür das Gebäude und die Grundstücke für sich allein. Sie zahlte allerdings die 300 Mark nur schleppend, zum Teil gar nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg berief man sich auf den Wortlaut des Vertrags, wonach nur der Lektor zu bezahlen sei, nicht der Organist. Seit 1931 war vierzehntägig Pfarrgottesdienst. Mit Kriegsbeginn übernahm Herr Valtin Bauerschmidt den Orgeldienst, und es wurden nur noch Pfarrgottesdienste gehalten (die Lesegottesdienste waren nur sehr schwach besucht worden). Heute unterhält die bürgerliche Gemeinde das Gebäude von außen (1975 / 76 renoviert) und der Kreis zahlt 175 Mark im Jahr.

In Rotterode war 1921 ein rechtskräftiger Vertrag abgeschlossen worden, wonach die bürgerliche Gemeinde die Hälfte der Miete für den Organisten zahlt, falls dieser nicht sowieso in Rotterode wohnt. Vom 22. Mai 1931 an wurde aber erneut über das Kirchschulvermögen verhandelt. Schließlich verpflichtete sich die bürgerliche Gemeinde, das Gehalt für den Organisten zu zahlen. Sie ist nicht zur Unterhaltung des Betsaals verpflichtet, aber die Kirchengemeinde darf ihn zu kirchlichen Zwecken nutzen. Doch das Amtsgericht verweigerte die Eintragung einer Reallast im Grundbuch, weil nur noch Markbeträge eingetragen werden durften. Der Streit zog sich bis 1938 hin und ging dann im Krieg unter. Nach dem Krieg wurde in Rotterode von der Kirchengemeinde die neue Kirche gebaut. Aber die bürgerliche Gemeinde zahlte immerhin 240 Mark jährlich. Seit etwa 1980 zahlte der Kreis jährlich 777 Mark.

In Steinbach führte die bürgerliche Gemeinde im Jahr 1920 wieder sieben Prozent des Staatssteuersolls als Kirchensteuer an die Kirchengemeinde ab (zunächst 1.300, dann 2.200 Mark). Doch die Zahlung der anderen Leistungen in Höhe von rund 5.000 Mark lehnte sie ab. Die Gemeinde wollte auch mehrfach an der Verwaltung des Friedhofs beteiligt werden und eine Abrechnung über die gezahlten Gelder haben. Ab 1924 kam sie aber wieder ihren Verpflichtungen nach, die kirchlichen Gebäude zu erhalten. Seit etwa 1980 zahlte der Kreis etwas über

4.000 Mark.

In Steinbach wurde das Küstervermögen geteilt: Das Land erhielt jeder Partner zur Hälfte. Das Küstergebäude Kirchplatz 20 / 22 ging an die bürgerliche Gemeinde, aber die Kirchengemeinde behielt das Nutzungsrecht an der Wohnung in Oberstockwerk des hinteren Hauses. Dafür erhielt sie die Miete, aber nicht den Wohnraum für einen kirchlichen Mitarbeiter (seit 1990 ist das ganze Gebäude durch Tausch im Eigentum der Kirche).

 

 

Adam Kirchner                                                                                                     1923 - 1933

Pfarrer Kirchner kam in einer schweren Zeit nach Steinbach. Die Inflation brachte die kirchlichen Finanzen sehr in Unordnung. Der Kastenmeister kam durch die sehr großen Zahlen kaum noch hindurch: Die Kollekten im Jahr 1923 konnten nur durch eine 14-stellige Zahl wiedergegeben werden. In Altersbach war für das Papiergeld nicht einmal ein Erlös beim Altwarenhändler zu erzielen.

Pfarrer Rade verabschiedete sich am 23. April 1923 vom Presbyterium und übergab die Geschäfte an Hilfspfarrer Kirchner. Es meldeten sich acht Kandidaten für die Stelle. Gewählt wurde am 2. Juni erstmals in geheimer Wahl. Hilfspfarrer Kirchner erhielt die meisten Stimmen (der spätere Dekan Döll nur 46, Hilfspfarrer Giese nur 14) und erhielt am 1. Juli die Pfarrstelle.

Adam Kirchner wurde am 19. November 1893 in Neuswarts bei Tann in der Rhön als Sohn eines Landwirts geboren. Nach der Dorfschule besuchte er die bischöfliche Lateinschule in Geisa und das Gymnasium in Fulda. Kurz nach Beginn des Studiums in Marburg meldete er sich freiwillig als Soldat und wurde am 10. April 1918 schwer verwundet.

Vom Lazarett in Marburg aus nahm er das Studium wieder auf und machte am 29. Juli 1920 die Erste Theologische Prüfung in Marburg. Nach dem Predigerseminar in Hofgeismar bestand er am 1. Oktober 1921 die Zweite Theologische Prüfung in Kassel und wurde dort am 23. Oktober ordiniert. In Kassel wirkte er auch eineinhalb Jahre als Hilfspfarrer an der Friedenskirche.

 

 

Am 1. April 1923 kam er als Hilfspfarrer nach Steinbach. Er zögerte lange, sich um die Pfarrstelle zu bewerben, weil der große Ort eine umfangreiche pfarramtliche Tätigkeit erforderte und kirchlich, wirtschaftlich und politisch zerrissen war. Wiederholtes Drängen des Superintendenten und Stimmen aus der Gemeinde veranlaßten ihn, doch zu bleiben.

Der Anfang wurde ihm von den verschiedensten Seiten her nicht leicht gemacht. Zwar wurde er gleich Vorsitzender des Wohlfahrtsausschusses und wurde als einer der drei „Waisenräte“ Mitarbeiter des neu gebildeten Jugendamts des Ortes (mit Vormundschaftssachen hatten die Pfarrer noch bis Mitte 1943 zu tun). Doch es war sofort wieder ein Enteignungsantrag für das Land auf der Pfaffeneller abzuwehren. Vor einem Schriftenverkäufer der Landeskirchlichen Gemeinschaft mußte er warnen.

In der Gaststätte legte er sich bei einer Parteiversammlung der SPD mit dem Pfarrer Emil Fuchs (damals Eisenach) an, der die SPD als die einzige Kraft hinstellte, die Liebe, Frieden und Gerechtigkeit herbeiführen wolle. Im Kirchenvorstand war ein Mitglied, das gleichzeitig im SPD-Vorstand war und zu allem schwieg. Der Bürgermeister Henze bezeichnete sich als überzeugter Dissident (= einer, der sich von der Kirche getrennt hat), wollte aber zunächst nicht aus der Kirche austreten (das tat er erst 1931).

Anfang 1926 wurde Kantor Margraf entlassen, weil er seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht nachkam, bei Beerdigungen mit den Schuljungen zu singen (Die Schuld wird wohl nicht bei dem Kantor gelegen haben, sondern die Kinder kamen nicht mehr). Seitdem sang die ganze Gemeinde am Trauerhaus und auf dem Friedhof. Das Kreuz wurde von da an jedesmal vom Kirchenjungen getragen. Auch der Kirchenchor galt von da an als freier Gesangverein wie andere auch, war aber zur Verschönerung der Gottesdienste nach Vereinbarung mit dem Pfarrer gern willkommen. Aber mit dem Chor gab es noch allerhand Spannungen.

Erfreulich dagegen war die Renovierung der Kirche 1928 und 1933. Am 12. November 1933 hielt Pfarrer Kirchner seine Abschiedspredigt und wurde Pfarrer in Ramholz bei Schlüchtern. In Schlüchtern starb er Anfang der 80iger Jahre.

 

 

Gustav Rüppel, reformierter Pfarrer                                                        1924  - 1930

Nach dem Weggang von Pfarrer Vial wollte das Konsistorium die reformierte Pfarrstelle eingehen lassen. Doch auch die lutherische Gemeinde war für die Beibehaltung dieser Pfarrstelle und war bereit, Fehlbeträge selber aufzubringen; auch einem Zweckverband der Gemeinden wollte man zustimmen. Der reformierte Pfarrer könnte auch neutrale Arbeitsgebiete für die Gesamtgemeinde übernehmen. Inzwischen gab es schon eine Reihe Interessenten für die Wohnung im Pfarrhaus: ein Zahnarzt, ein Sparkassenangestellter, eine Pfarrwitwe und der lutherische Hilfspfarrer. Weil die Wohnung gefährdet war, schickte das Konsistorium den Kandidaten Rüppel, der ab 16. Oktober 1923 die Stelle zu versehen hatte. Dennoch wurden einige Räume des Hauses an Privatpersonen vermietet.

Am 21. März 1924 stellte Generalsuperintendent Dettmering in einer siebeneinhalbstündigen Sitzung die Gemeinde vor die Wahl: entweder zwei lutherische Pfarrer oder einen lutherischen und einen reformierten, aber kein lutherischer Hilfspfarrer mehr. Nun setzten sich die Lutherischen für die Erhaltung der reformierten Pfarrstelle ein, und die Reformierten waren für die lutherische Hilfspfarrstelle.

Besonders die Worte Pfarrer Kirchners schlugen schließlich bei dem Präsidenten des Landeskirchenamtes Kassel durch. Wenn die reformierte Pfarrstelle endgültig besetzt würde, wollte man einen Zweckverband der Gemeinden bilden und alle bestehenden finanziellen Unterschiede verwischen.

Die Reformierten wollten zu den Kosten des lutherischen Hilfspfarrers beitragen, der dann ganz von der Gemeinde bezahlt werden müßte. Am 1. Mai 1924 wurde dann die reformierte Pfarrstelle an Pfarrer Rüppel übertragen.

Gustav Rüppel wurde am 9. März 1897 in Kathus Kreis Hersfeld als Sohn eines Lehrers geboren. Nach dem Besuch der Volksschulen in Rothwesten und Waldau besuchte er das Wilhelmsgymnasium in Kassel und studierte in Marburg und Jena. Am 26. Januar 1921 legte er die Fakultätsprüfung in Marburg ab und nach dem Predigerseminar in Hofgeismar die Zweite Prüfung vom 19. bis 24. März 1922. Am 25. Juni 1922 wurde er in der Martinskirche in Kassel durch Generalsuperintendent Möller ordiniert. Er war dann Pfarrgehilfe in Allendorf (an der Landsburg) und schließlich Pfarrverweser und Pfarrer in Steinbach-Hallenberg. Eingeführt wurde Pfarrer Rüppel am Sonntag Exaudi, dem 1. Juni in Oberschönau und Steinbach-Hallenberg durch Metropolitan Wolff.

Vom 1. April 1930 an war er Pfarrer in Kassel-Harleshausen, wo er am 3. April 1969 starb. Als am 1. Oktober 1926 der lutherische Hilfspfarrer Hoffmann die Gemeinde verließ, wurde die Frage der Vereinigung der beiden Gemeinden wieder aktuell. Pfarrer Kirchner war sehr dafür, weil durch den häufigen Wechsel auf der Hilfspfarrstelle dieser Bezirk nicht ausreichend versorgt war. Wenn man gleichzeitig in der Schönau die Gemeinden zusammenlegte, entstünden keine finanziellen Mehrbelastungen und die Wohnungsfrage wäre auch gelöst. Die reformierten Traditionen könnten ja weiter gewahrt bleiben. Aber es erfolgte kein Antrag an das Presbyterium. Pfarrer Rüppel übernahm einstweilen die Aufgaben des Hilfspfarrers bis auf den Kindergottesdienst. Ab 1. November 1926 kam dann aber der Pfarramtskandidat Fischer, um die Hilfspfarrstelle zu versehen.

 

Altersbach 1926

Im Jahre 1924 wurde in Altersbach eine neue Schule gebaut. Schulsaal und Lehrerdienstwohnung wurden in drei Wohnungen für wohnungssuchende Familien umgebaut. Der Kirchsaal erhielt 1925 eine elektrische Beleuchtung. Er wurde im April 1928 einer gründlichen Renovierung unterzogen (erstmals wieder seit 1888). Neben einheimischen Tünchermeistern wirkte dabei vor allem der Kunstmaler Willi Marr mit, der auch die Wandgemälde schuf. An Palmarum wurde der Raum wieder eingeweiht.

 

Am 20. Juli 1929 wütete gegen 17 Uhr etwa eine halbe Stunde ein fürchterliches Unwetter über dem Ort, das zu fünf Blitzeinschlägen führte. Einer der Blitze zündete im Wandteil des Turmes. Der Feuerwehr gelang es aber, den Brandherd vom Dach aus zu bekämpfen und zu ersticken. Im September wurde der Turm wieder ausgebessert und der beschädigte Turmknopf von Klempner Bauerschmidt ausgebessert und am 14. September (dem Vortag der Kirmes) wieder aufgesetzt.

Anfang der 30iger Jahre nahm die Frauenhilfe einen Aufschwung. Die 50 Mitglieder trafen sich am Donnerstag in der Schule. Es wurden Erntedankfeuer und Eintopfessen organisiert, Kranke besucht und der Betsaal mit Teppich und Läufer ausgestattet. Die Vorträge hielten die Gemeindehelferin Höhn (Schmalkalden), Pfarrer Braune und Lehrer Joerss. Doch etwa 1935 schlief die Arbeit wieder ein, und ein Teil der Frauen ging schließlich zur NS-Frauenschaft über, damit alle Frauen des Ortes in nur einer Organisation gesammelt waren.

 

Wandgemälde im Kirchsaal Altersbach (rechts)

 

Wandgemälde im Kirchsaal Altersbach (links)

 

Ernst Braune, reformierter Pfarrer                                                           1930  - 1951

Anfang 1930 wurde der Bergweg ausgebaut und ein beträchtlicher Teil des Pfarrgartens ging verloren. Bei der Zusammenlegung am 1. Oktober 1935 wurde allerdings eine Entschädigung dafür gegeben. Für die Pfarrstelle meldete sich nur ein Pfarrer aus Ostfriesland. Er wurde jedoch nicht genommen, sondern ab 1. November 1930 wurde die Stelle an den bisherigen Hilfspfarrer an der Altstädter Gemeinde in Kassel, Ernst Braune, verliehen. Am 9. November wurde er eingeführt von Generalsuperintendent Dettmering.

August Ernst Braune wurde am 5. Januar 1903 als Sohn eines Lehrers in Kassel geboren. Er besuchte das Gymnasium in Kassel (1911 bis 1922) und studierte in Marburg, Berlin und Tübingen (1922 bis 1925). Am 7. Juli 1926 machte er die Erste Theologische Prüfung in Marburg. Danach arbeitete er gut ein Jahr an einer Doktorarbeit und wurde am 22. Dezember 1928 Licentiat der Theologie (eine Art Doktorgrad) mit einer Arbeit über „Die Stellung der hessischen Geistlichen zu kirchenpolitischen Fragen der Reformationszeit“.

Von Oktober 1927 bis März 1928 besuchte Pfarrer Braune das Predigerseminar in Hofgeis­mar und machte am 31. März 1929 die Zweite Theologische Prüfung in Kassel. Am 7. April 1929 wurde er von Landesoberpfarrer Möller in Kassel ordiniert. Zunächst war er Hilfspfarrer in der Gemeinde Kassel-Altstadt, dann Pfarrer in Steinbach-Hallenberg. In der Gemeinde war er sehr beliebt, auch weil er in den kirchlichen Kämpfen der Nazizeit einen klaren Standpunkt bezog.

 

Bild Pfarrer Braunes im Kirchsaal in Altersbach

 

Sein tragischer Tod am 29. Oktober1951 erschütterte die Gemeinde schwer. Er war auf einer Männerrüstzeit in Eisenach gewesen, wo er einen Vortrag über Luther und den Bauernkrieg hielt. Pfarrer Beisenherz aus Springstille holte ihn in Schmalkalden mit dem Auto ab. Im dichten Nebel wurde das Auto auf dem Bahnübergang bei Näherstille von einem Zug erfaßt und etwa 200 Meter mitgeschleift. Beide Pfarrer waren sofort tot. Am 2. November wurden sie unter großer Anteilnahme der Gemeinden beigesetzt. Pfarrer Beisenherz wurde am Vormittag in Springstille und Pfarrer Braune um 14 Uhr in Steinbach-Hallenberg beerdigt. Dekan Döll predigte über Römer 1, Vers 7b, und Jeremia 31, Vers 3. Der Bischof in Kassel hatte Dekan Spieß, einen Freund von Pfarrer Braune, als Vertreter entsandt.

Pfarrer Braune wurde in der Nähe der Friedhofskirche beigesetzt. Sein Grab erhielt ein großes hölzernes Kreuz mit dem Bild eines Auferstandenen, das der Bildhauer Wilhelm Groß in Berlin geschaffen hat, der mit Pfarrer Braune bekannt war. Die Gemeindeglieder in Altersbach ließen ein Bild von ihm malen und hängten es zur 100-Jahr-Feier im Kirchsaal auf.

 

Grab Pfarrer Braunes auf demFriedhof in Steinbach

 

Vereinigung der beiden Gemeinden 1930 bis 1931

Als die reformierte Pfarrstelle frei war, fragte Landespfarrer Dettmering am 15. Februar 1930 an, ob man nicht dem Schmalkalder Beispiel der Vereinigung beider Gemeinden auf der Grundlage des Lutherischen Katechismus folgen wolle. Die Gemeinde wollte aber, daß sowohl die reformierte Pfarrstelle als auch die lutherische Hilfspfarrstelle besetzt werden sollten. Wenn dies nicht möglich wäre, müßte eine Kraft für die Verwaltungsarbeit eingestellt werden. Am 16. April wurde der Pfarramtskandidat Rübsam als Lehrvikar geschickt, aber ohne die Befugnisse eines Hilfspfarrers.

Der Lutherische Kirchenvorstand befürwortete zwar am 23. März 1930 den Zusammenschluß, wenn die neue Gemeinde den Namen „Evangelische Kirchengemeinde“ trage und Luthers Katechismus die Bekenntnisgrundlage für den Unterricht bilde, erbat aber dennoch die Besetzung der reformierten Pfarrstelle. Der reformierte Kirchenvorstand stimmte diesem Beschluß am 2. Juni zu. Inzwischen war im August ein neuer Kirchenvorstand gewählt worden und im November die reformierte Pfarrstelle besetzt worden. Am 26. November hielt man eine gemeinsame Sitzung der Kirchenvorstände ab. Dabei blieb aber noch die Abendmahlsfrage offen.

Dafür fand man am 3. Dezember im lutherischen Kirchenvorstand eine Formel: Der bisherige (lutherische) Brauch bleibt bestehen; solange aber in der Gemeinde das Bedürfnis besteht, wird auch das reformierte Abendmahl gehalten (vor allem auch bei Hausabendmahlen). Am 10. Januar 1931 wurde die Hälfte der Konfirmanden an Pfarrer Braune überwiesen, weil man eine baldige Vereinigung erhoffte. Da diese aber noch nicht vollzogen war, unterrichtete Pfarrer Braune die Konfirmanden nach dem reformierten Katechismus und wollte sie auch in reformierter Form konfirmieren. Dagegen erhob der lutherische Kirchenvorstand am 8. Januar Einspruch: Falls die Kinder nicht lutherisch unterrichtet und konfirmiert werden, wolle man einen lutherischen Pfarrer bestellen.

In Anwesenheit von Oberlandeskirchenrat Merzyn wurde die Sache nach vierstündiger Aussprache am 24. Januar noch einmal vertagt, am 1. Februar aber die Vereinigung vom lutherischen Kirchenvorstand abgelehnt. Der Beschluß vom 23. März 1930 wurde aufgehoben, weil die Vereinigung zum größten Nachteil der lutherischen Gemeinde wäre.

Die lutherische Gemeinde forderte wieder die Entsendung eines Hilfspfarrers, andernfalls wollte man keine Kirchensteuer mehr nach Kassel abführen. Der reformierte Kirchenvorstand verlangte die Austeilung des Abendmahls in einfacher Form und den Wegfall verschiedener Zeremonien. Der Lutherische Kirchenvorstand beharrte aber auf Privatabsolution, Gelübde bei der Konfirmation, Niederknien und Mitwirkung der Kirchenväter und Heiligenmeister beim Abendmahl (so war es bei einer Abstimmung in der Kirche gefordert worden, die Pfarrer Kirchner mit Stimmzetteln hatte durchführen lassen).

Die Pfarrer waren wohl für den Zusammenschluß. Aber im Kirchenvorstand setzte sich am 11. April Herr Pfeffer mit seinem Vorschlag durch, die Abstimmung erst noch einmal zu vertagen, bis Landespfarrer Dettmering die Sache genügend erklärt und begründet hätte (Er war auch am 23. März 1930 schon mit dabei gewesen). Diese Sitzung fand dann am 20. April statt.

Ein Vorschlag des Kastenmeisters Dittmar, beide Abendmahlsformen wie bisher nebeneinander bestehen zu lassen, wurde abgelehnt. Angenommen wurde der Vorschlag der Pfarrer, jährlich sieben Feiern nach der reicheren lutherischen Form, sieben nach der einfachen Form und auf besonderen Wunsch jährlich einmal eine Feier nach der reformierten Form zu halten. Beim Abendmahl wurde die Hostie (Oblate) verwendet und im Unterricht der lutherische Katechismus.

Gegner waren an sich nur einige ältere Herren im Kirchenvorstand, die um jeden Preis an bestimmten Gebräuchen festhalten wollten (wie Frau Magdalene Usbeck in einem Brief an den Landespfarrer Dettmering schreibt). Aber um die seelsorgerliche Betreuung im Hilfs­pfarrer­bezirk zu verbessern, war eine Vereinigung wirklich die beste Lösung. Das war der eigentliche Grund für die Vereinigung, nicht weil zwischen den Gemeinden keine Unterscheide mehr bestanden hätten.

Am Sonntag Rogate, dem 10. Mai, war dann um 14 Uhr eine Gemeindeversammlung der Reformierten im Vereinshaus und der Lutherischen in der Kirche. Nach längerer Aussprache gab es in der Kirche nur sieben Gegenstimmen und vier Enthaltungen. Die Reformierten nahmen den Einigungsvorschlag ohne Aussprache an. Am 11. Mai wurde der Beschluß in der Zeitung veröffentlicht.

Im August wurde der Ort in zwei Bezirke eingeteilt und bei den Häusern Hauptstraße 74 und 75 die Grenze gezogen. Zum Unterdorf gehörten Knüllfeld und Rotterode, zum Oberdorf Altersbach, die letzen Häuser in Rotterode an der Grenze nach Steinbach und das Forsthaus Kanzlersgrund. Die offizielle Genehmigung stand aber noch aus. Erst als 1933 der Kirchenvorstand gewählt werden sollte und man nach zwei Jahren gemeinsamer Praxis wieder getrennt hätte wählen müssen, kam nach einer Erinnerung des Pfarramtes im Juli 1933 die Urkunde der Kirchenregierung vom 20. Juni 1933 in Steinbach an.

Damit wurde offiziell die „Evangelische Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg“ und gleichzeitig das Kirchspiel Oberschönau-Unterschönau gebildet, so daß auch der reformierte Pfarrer nichts mehr mit der Schönau zu tun hatte. Die staatliche Genehmigung wurde am 30. Juni erteilt, und am 1. August 1933 trat die Neuregelung in Kraft.

Kirche 1935: Innenansicht

 

Blick zur Kanzel

 

 

Kirchliche Verhältnisse 1926 -1933

Das Kirchspiel Steinbach-Hallenberg hatte damals 7.222 Einwohner (darunter 3 Katholiken, 3 ohne Konfession, 12 Bibelforscher, 8 Neuapostolische), in Steinbach waren es 5.982 evangelische Einwohner, in Altersbach 630 und in Rotterode 610. Zur Landeskirchlichen Gemeinschaft hielten sich 35 Gemeindeglieder. Abendmahl war 14 mal im Jahr mit 1.208 Teilnehmern. Durchschnittlich gab es 148 Taufen, 163 Konfirmanden, 47 Trauungen, 58 Beerdigungen. Dazu kamen noch etwa 200 reformierte Gemeindeglieder. Der reformierte Pfarrer hatte die Jugendarbeit der Gesamtgemeinde, der lutherische Pfarrer leitete dafür die Gemeindediakonie.

Die Schwesternstation war mit drei Schwestern und einer Hilfsschwester sowie einem Dienstmädchen besetzt. De Diakonissenstation konnte ohne Einschränkung ihres notwendigen Gemeindedienstes die Zeit der Inflation gut überstehen und sogar nach dieser billionenreichen schrecklichen Zeit verschiedene größere Erneuerungsarbeiten des Gebäudes durchführen und weitgehend das während des Krieges aufgebrauchte Inventar ergänzen

Dank vieler kleiner Spenden konnte sie erhalten werden. Die Gemeinde opfert jährlich ihrer Station freiwillig eine Summe von etwa 5.000 Reichsmark. Die Schwestern pflegten 311 Kranke und machten über 4.000 Besuche. Der Kindergarten mit bis zu 100 Kindern wurde von nur einer Schwester betreut, die auch noch für die Kinder kochte; ein Dienstmädchen ging ihr zur Hand, beaufsichtigte auch die Kinder mit, hatte aber auch Schwesternstation und Treppe mit sauberzuhalten.

Der Kindergottesdienst wurde von 80 -130 Kindern besucht. Nach einer Vorbereitungsstunde beim Pfarrer wirkten zwei männliche und fünf weibliche Helfer mit. Für das Vereinshaus wurde ein Harmonium angeschafft, Schularzt-und Zahnbehandlung und Mütterberatung (unter Mithilfe der Schwestern) wurden durchgeführt. Auch in den beiden Jugendvereinen und den beiden Frauenvereinen und in der Bücherei halfen die Schwestern. In der Zeit vom 24. bis 31. Oktober 1927 wurde das Vereinshaus auch der Landeskirchlichen Gemeinschaft überlassen.

Im Jahre 1927 wurde die Luisenstraße von der Kirchengemeinde kostenlos der bürgerlichen Gemeinde überlassen. Das Pfarrgut in der Hennebergstraße wurde zum Zwecke des Wohnungsbaus abgegeben.

Die Besetzung der Hilfspfarrstelle blieb schwierig. In den Jahren 1929 bis 1930 wurde sie von Vikar Dettmering versehen, dem Sohn des Generalsuperintendenten. Im Jahre 1933 wurde die Hilfspfarrstelle aufgelöst, weil es zur Vereinigung der Gemeinden gekommen war.

 

 „Bei einem Gewitter ist die Beendigung des Gottesdienstes nicht unbedingt erforderlich. Es ist Aufgabe des Pfarrers, der entstandenen Ängstlichkeit und Unruhe in der Gemeinde zu begegnen und den Gottesdienst auf eine schickliche Art zu schließen!“

 

 

 

Reparatur des Kirchturms 1933

Bei der Reparatur des Kirchturmes zeigte es sich, daß der Turmknopf sehr schadhaft geworden war, so daß bei Regenwetter Feuchtigkeit eindringen konnte. Das bedeutete eine Gefahr für den sogenannten „Kaiserkopf“ und auch für die Akten. Am Donnerstag, dem 27. Juli, wurde der Knopf nach anstrengender Vorarbeit abgenommen. Die Akten vertraute man Lehrer Menz, weil Vertreter der bürgerlichen Gemeinde nicht anwesend und die beiden Geistlichen zur Zeit verreist waren. Zu einer Erneuerung der Blitzschutzanlage kam es dann allerdings nicht mehr.

Pfarrer Kirchner schreibt in den Turmknopfurkunden: „Für das innere Gemeindeleben ist erwähnenswert, daß die Gemeinde auch in der Nachkriegszeit - wo vielerorts „sich alle Bande guter alter Gemeindetradition lösten“ - sich treu zu Gottes Wort hielt. Die Opferfreudigkeit hat sich erfreulicherweise eher gemehrt als abgenommen……Zur Zeit bestehen in der Gemeinde drei kirchliche Vereine - Posaunenchor, Kirchenchor, Kirchengesangverein - die öfters ihre Kunst in den Dienst der Gemeinde stellen und nicht unwesentlich zu der feierlichen Gestaltung kirchlicher Feiern und Feste mithelfen.

Die zum Teil leicht beschädigten Akten besserte ich aus und habe sie nebst einigen Münzabdrücken in der Zeitung „Kreisbeobachter“ veröffentlicht. Ich bin dadurch einem lebhaften Wunsche zahlreicher Gemeindeglieder nachgekommen. Man beginnt wieder, sich für die Geschichte der Heimat und des deutschen Volkes zu interessieren, ein umso erfreulicheres Zeichen, als dadurch ein mächtiger Auftrieb für die nationale Weiterentwicklung erzielt wird. Möge Gott das Werk unsres allverehrten Führers Adolf Hitler, den wir täglich in unser Gebet einschließen, herrlich hinausführen!

Trübe, angstvolle Jahre liegen hinter uns. Parteibonzen regierten uns mit schönen Redensarten und ließen es an den entsprechenden Taten fehlen. Sie führten ein herrliches Leben nach den Worten: „Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“ Die breite Masse wurde dagegen bis zum Weißbluten ausgesaugt. Das größte Verbrechen dieser Herrn aber war die künstlich von ihnen herbeigeführte Inflation oder Geldentwertung. Sie stellten sich damit auf die gleiche Stufe der  „Kipper und Wipper“, die nach dem 30-jährigen Kriege in Thüringen ihr Unwesen trieben. Die Inflation war ein Volksverbrechen und ein Betrug, wie ihn die Geschichte noch nicht erlebt hat!

 

Turmknopf 1933

 

Die Umgestaltung des Reiches durch die Regierungsübernahme unseres Volkskanzlers Adolf Hitler kann selbstverständlich auch nicht spurlos an der Kirche und ihren Einrichtungen vorübergehen. Die langersehnte Reichskirche - für unsere Gemeinde haben wir seit 1. August 1933 die Vereinigung der bisher getrennten lutherischen und reformierten Gemeinde! - ist Wirklichkeit geworden.

In einer Zeit schwerster innen- und außenpolitischer Aufgaben muß der Staat auch einen einheitlichen Kirchenwillen haben und ist für kirchlichen Partikularismus kein Platz mehr. Die neue innerkirchliche Bewegung - „Die Glaubensbewegung der deutschen Christen“ - hat es sich zum Ziel gesetzt, Volk und Gott wiederzusammenzuführen, weil in einem starken Volke beides zusammen gehört, sie wagt im Glauben eine neue Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern: Gott schenke allem ehrlichen Wollen gutes Gelingen zum Besten seiner Gemeinde und zum Bau seines Reiches!“ (Steinbach-Hallenberg, den 12. August 1933).

 

 

Kirche in der Nazizeit

Die wirtschaftlichen Verhältnisse in den Jahren 1931 bis 1933 waren sehr schlecht. Im Jahre 1931 gab es ein Defizit von über 11.000 Mark in der Kirchenkasse, aber über die Kirchensteuer und das Kirchgeld kamen nur 5.500 Mark ein. Viele Gemeindeglieder wurden fruchtlos gepfändet, weil sie arbeitslos waren. Aber erst 1935 kam es zu einzelnen Pfändungen, wenn auch mit wenig Erfolg.

Diese schlechte wirtschaftliche Lage war mit ein Grund für die Erfolge der Nazipartei bei der Bevölkerung. In Steinbach kam die Kirche erstmals 1929 mit den Nazis in Berührung, als ein Redner bei einer Beerdigung den Verstorbenen bat, bei Gott vorzusprechen, damit dieser die Hitlerbewegung segnen möge (!).

Dann wandte sich die Nazipartei gegen den Heiligenmeister des Jahres 1933, weil dieser als aktiver Sozialdemokrat politisch zu sehr festgelegt sei (es handelte sich um Herrn Usbeck, Kirchplatz 5). Der örtliche Parteivorsitzende drohte, seine Parteimitglieder kämen nicht mehr zur Kirche. Aber der Kirchenvorstand wies am 7. Februar die Beschwerde zurück und verbot auch weiterhin das Tragen von Partei-Uniformen und Fahnen im Gottesdienst. Am 24. August legte der Heiligenmeister aber von sich aus das Amt nieder.

 

Kirmes 1934: „Thüringer Kirmes in Steinbach-Hallenberg” ist ein Aufsatz in der heimatkundlichen Zeitschrift „Thüringer Fähnlein” im Februar 1934 überschrieben, der eine „Anregung zu sinnvoller Neubelebung überlieferter Bräuche” geben soll, wozu auch die „Kirmes”, das traditionelle Kirchweihfest, gehörte. Bereits im Herbst 1933 hatte der Thüringer „Kampfbund für deutsche Kultur” mit seiner Ortsgruppe eingegriffen und eine Neugestaltung des Kirchweihfestes „auf den alten Grundlagen Thüringer Volkstums“ betrieben.

Der große Kirmesfestzug fand sein Ziel auf der Spielwiese: „Der Zug baut sich zum Kreise auf, in dem eine mächtige Fichte mit bunten Bändern ragt. ......Der Aufmarsch im Kreis – Durchmesser etwa 60 Meter – ist vollzogen, als sich die Polonäse der Jugend in Bewegung setzt, welche sich nach mancherlei Formen zum Hakenkreuz aufbaut. Hier bricht die Musik ab, die Reden folgen (die Kampfbundleitung, der Landesleiter, der Kreisleiter, der Landrat, der Bürgermeister) und beim Horst-Wessel-Lied setzt sich das Hakenkreuz langsam in drehende Bewegung.“ Ein „erwachtes Deutschland unter dem uralten Sonnenzeichen“ sei der Sinn dieses Festes.

 

Im Jahr 1934 unternahmen 200 „alte Kämpfer“ der Nazipartei eine Rundreise durch Thüringen. Dabei wurde an die Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg das Ansinnen gestellt, beim Einzug dieser Leute die Glocken zu läuten. Als die Pfarrer den Antrag ablehnten, wurde die Kirche gewaltsam geöffnet und die Glocken dann doch geläutet. Mitte des Jahres wurden die Kirchenvorstände aufgelöst und am 23. Juli wurde neu gewählt. Es wurden Einheitslisten aufgestellt. In Steinbach ging nur e i n Wahlvorschlag ein, die Vorgeschlagenen galten damit als gewählt.

Man kann allerdings nicht sagen, daß nur Nazi-Vertreter in den Kirchenvorstand ge­kommen wären. An sich konnte man nur die beiden Bürgermeister von Steinbach und Altersbach dazu zählen. Auch die politisch beeinflußten Mitglieder des Kirchenvorstandes übten ihr Amt zunächst im kirchlichen Sinne aus.

Aber der politische Einfluß machte sich immer mehr bemerkbar. Einige traten aus dem Kirchenvorstand aus, andere kamen nicht mehr, andere arbeiteten weiter mit. Es waren auch noch viele aus dem alten Kirchenvorstand dabei. Und eine ganze Reihe der Mitglieder hat auch noch nach dem Krieg eine Rolle im Kirchenvorstand gespielt.

Auch die Hälfte der Bläser des Posaunenchors trat der Nazipartei und der SA bei und fehlte oft bei Übungsstunden. Dennoch kam es nicht zu nationalsozialistischen Tendenzen, die älteren Bläser bürgten für die rechte Einstellung. Auf Anordnung des „Politischen Kampfbundes“ mußte sich der Chor bei einigen Veranstaltungen mit dem Chor der Altlutheraner zusammentun, um ein öffentliches Auftreten zu ermöglichen. Aber man tat das auch aus eigenem Antrieb. Nach den Satzungen von 1935 konnte der Chorobmann die Leitung allein berufen und entlassen. Chorobmann war Karl König, Arzbergstraße 42, Chorleiter Julius Pfannschmidt, Hauptstraße 105. Im September 1936 blies man zur Stadterhebungsfeier.

 

Aber 1937 wurde das Landesposaunentreffen in Suhl verboten (aber 1938 war es in Steinbach). Das Blasen vom Turm und auf öffentlichen Plätzen wurde 1939 verboten.

Eine neue Aufgabe kam auf die Kirche zu mit der Aufstellung von Abstammungsnachweisen. Lehrer Szymanski aus Rotterode nahm an einem Lehrgang über die Verkartung der Kirchenbücher und deren Verarbeitung teil. In Steinbach wurde am 1. Januar 1939 ein eigenes „Kirchenbuchamt“ geschaffen, das von dem Kastenmeister Häfner wahrgenommen wurde. Er erhielt ein eigenes Siegel, das aber praktisch mit dem 1938 genehmigten und 1941 angefertigten Pfarramtssiegel übereinstimmte.

 

Siegel Kirchenbuchamt

 

Durch den Krieg traten neue Probleme auf. Schon Anfang 1938 mußten Verdunkelungsrollos für das Vereinshaus angeschafft werden, Ende 1939 kamen große Verdunkelungsrahmen hinzu, dazu Chlorkalk zur Gebäude-Entgiftung und zwei Luftschutzspritzen. Der Stahlbücherschrank mit den Kirchenbüchern mußte im Keller luftschutzmäßig untergebracht und vermauert werden. Im Garten des Vereinshauses sollte ein Luftschutzstollen in den Berg getrieben werden.

Gleich zu Beginn des Krieges wurden die beiden Lehrer eingezogen, die die Orgel gespielt hatten. Wegen des Luftschutzes wurden ab 10. September 1939 zwei Gottesdienste um 9.00 und 10.30 Uhr gehalten, weil nicht zu viele Gottesdienstbesucher auf einmal zum Gottesdienst versammelt sein durften.

Die Gemeindeglieder aus den Dörfern wurden gebeten, nicht mehr nach Steinbach zum Gottesdienst zu kommen; bei ihnen war nun sonntäglich Pfarrgottesdienst. Dafür fiel der Nachmittagsgottesdienst in Steinbach weg, es wurden nur bei Bedarf Trauerfeiern für gefallene Soldaten gehalten. Es durfte nur noch höchstens drei Minuten geläutet werden.

Für die Kirche wurden allerhand Luftschutzmaßnahmen festgelegt. Am 14. Februar 1943 wurde die Kanzel abgebaut und luftschutzsicher im Turm vermauert. Man behalf sich mit einer Holzkanzel der Firma Jäger, Rote Mühle.

 

 

Pfarrer Wüpper meldete sich am 10. Oktober 1938 freiwillig zu einer militärischen Übung, weil sein Jahrgang sowieso in Kürze eingezogen werden sollte, er aber so den Zeitpunkt der Einberufung bestimmen konnte. Am 15. Mai 1939 wurde er nach Aschaffenburg eingezogen und dann nach Rudolstadt versetzt.

Nach Beendigung dieser Übung wurde er gleich zu einer zweiten da behalten. Er machte den Krieg gegen Polen mit und kam nach Erfurt ins Lazarett wegen einer Erkrankung. Nach einem kurzen Aufenthalt in Saalfeld wurde er am 21. Dezember entlassen und konnte noch fast ein Jahr zusammen mit Pfarrer Braune den Dienst in der Gemeinde tun. Aber er war nur zeitweise beurlaubt und wurde immer wieder einmal eingezogen.

Pfarrer Braune wurde am 4. Dezember 1940 eingezogen, als Pfarrer Wüpper noch da war und nun fünf Predigtstätten und 300 Konfirmanden zu versorgen hatte (der Oberschönauer Pfarrer war auch eingezogen). Im Frühjahr 1941 sollte Pfarrer Wüpper wieder eingezogen werden. Doch der Bürgermeister erreichte seine Zurückstellung. Aber am 30. März 1943 wurde er dann nach Frankfurt am Main eingezogen. In Frankfurt traf Pfarrer Wüpper zufällig Pfarrer Braune, der bei einer anderen Kompanie war.

 

 

Innerkirchliche Verhältnisse 1933

In Steinbach-Hallenberg fanden an Sonn-und Feiertagen zwei Gottesdienste statt: der Hauptgottesdienst um 10 Uhr mit durchschnittlich 500 -600 Teilnehmern und die „Katechisation“ um 13 Uhr, die von 30 bis 50 Erwachsenen und einem zufriedenstellenden Prozentsatz der Konfirmierten besucht wurde (80 Prozent der Mädchen und 10 Prozent der Jungen der beiden letzten Jahrgänge).

In Rotterode und Altersbach hielten immer noch die Lehrer - die zugleich Organisten waren - den Lesegottesdienst in den Kirchsälen. Es war nur aber zweimal im Jahr ein Abendmahlsgottesdienst.

Die Adventsandachten (die seit 1910 geruht hatten) wurden wieder aufgenommen. Im Winterhalbjahr fanden Bibelstunden mit durchschnittlich 150 Frauen und 20 Männern statt. Der kleine Saal und die Bibliothek im Vereinshaus mußten mit dazu genommen werden. Auch der Mütterkreis brauchte immer den großen Saal, der dann mit Tischen und Stühlen ausgestattet wurde.

Alle evangelischen Kinder nahmen am Religionsunterricht teil. Der Konfirmandenunterricht wurde - getrennt nach Jungen und Mädchen je drei Stunden in der Woche erteilt. Die Gemeinde war sehr sangeskundig und kannte fast alle Gesangbuchmelodien. Zur Christmette und zum Reformationsfest sang ein Kinderchor der Schule. Das Tischgebet war in vielen Familien Sitte, auf den Dörfern fast durchgängig, alte Leute sprachen einen Liedvers als Morgen- und Abendgebet.

 

Die Friedhofskirche wurde im Oktober 1934 repariert: Das Dach wurde erneuert durch Tünchermeister Gustav Häfner, Außenputz und Anstrich übernahmen die Tünchermeister Otto Recknagel und Bernhard Usbeck.

 

Die Gemeinschaftsbewegung hatte einen eigenen Versammlungsraum in der Wolffstraße 5. Als aber das Gebäude im Zuge von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für eine Zigarrenfabrik gebraucht wurde, baute man im Herbst 1934 das Haus in der Arzbergstraße 62. Bis das Haus bezugsfertig war, tagte man im Vereinshaus. Die Stunden wurden von zwei Schwestern und durchreisenden Predigern gehalten. Die Mitglieder waren im Allgemeinen kirchlich.

Nur die prominenten Gemeinschaftsleute und die Leiter hatten keine Abendmahls­gemeinschaft mit der Gesamtkirchengemeinde. Diese Jahre waren die Blütezeit der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Steinbach-Hallenberg.

Am 4. März 1933 wurde die Evangelische Jugend in die „Hitlerjugend“ eingegliedert. Die Eltern und die Kirchenvorstände mußten vorher zustimmen. Am Morgen wurde gemeinsam der Gottesdienst aus dem Berliner Dom gehört. Um 14 Uhr hielt Pfarrer Braune den Gottesdienst, zu dem die HJ-Formationen und die Evangelische Jugend geschlossen erschienen waren. Die Kirche erhielt zwei Wochentage für ihre Jugendarbeit, zwei Sonntage im Monat blieben von allen Veranstaltungen der „Hitlerjugend“ frei. Bald aber gab es Schwierigkeiten damit in ganz Hessen.

In Steinbach aber ging es gut: Man hielt Jugendgottesdienste, vierzehntägige Bibelbesprechstunden, Katechisationen und gesellige Zusammenkünfte. Am 8. Mai 1934 referierte Vikar Adlung über die schwierigen Verhältnisse der Deutsch-Evangelischen Kirche. Für den Winter plante man Vorträge über kirchliche Fragen und eine Evangelisation.

Ende des Jahres wurde Pfarrer Döll in Schmalkalden von der einstweiligen Kirchenleitung zum kommissarischen Kreispfarrer ernannt. Die Pfarrer Braune und Wüpper unterstellten sich der einstweiligen Kirchenleitung. Am 1. Oktober 1933 wurden die drei Landespfarrer in den Ruhestand versetzt. Nachfolger war die „Einstweilige Kirchenleitung“ unter Kirchenrat Merzyn.

In die Landessynode kamen nach den Kirchenwahlen aber mehrheitlich „Deutsche Christen“. Eine „Kommissarische Kirchenleitung“ mit Landesbischof Theis an der Spitze wurde bestellt. Diese verdrängte die einstweilige Leitung aus dem Gebäude des Landeskirchenamts. Gerichte bestätigten aber, daß die „Einstweilige Kirchenleitung“ rechtmäßig sei. Diese forderte daraufhin die Gemeinden auf, sich hinter sie zu stellen. In Steinbach-Hallenberg tat dies der Kirchen­vorstand mit einem Beschluß. Die „Einstweilige Kirchenleitung“ wurde später abgelöst durch den Kirchenausschuß unter Pfarrer Happich.

Ende des Jahres kam ein vorgedrucktes Formular für Kirchenaustritte heraus. Dennoch heißt es Mitte 1939, daß noch kein „Amtswalter der NSDAP“ aus der Kirche ausgetreten sei. Am 2. Oktober 1939 trat der Lehrer Jäckel mit Frau aus. Von 1938 bis 1942 traten sechs SS-Männer aus. Der Amtsgerichtsrat und seine Frau, die 1938 ausgetreten waren, bezeichneten sich als „gottgläubig“.

 

Anfang 1939 war wegen der Sammlung für das Winterhilfswerk die Sammlung für die Diakonissenstation nicht erlaubt, nur die Annahme freiwilliger Gaben war noch möglich. Man wollte die Spenden in Mitgliedsbeiträge umwandeln. Aber am 28. Juni wurde die Listensammlung direkt verboten. Selbst Bürgermeister Recknagel setzte sich in Kassel für die Sammlung ein. Dennoch blieb sie verboten. Schließlich konnte man 1937 Anträge an das Winterhilfswerk stellen als Entschädigung für die Haussammlung. Seit 1934 wurden auch 240 bis 300 Mark gezahlt, außerdem erhielt die Diakonissenstation Kartoffeln. Dennoch sammelten die Frauen des Mütterkreises Beiträge bei den Gemeindegliedern. Gelegentlich wurde von der Kanzel aus um Mithilfe gebeten. Einmal gab ein Fabrikant 1.000 Mark. So blieb die Station als freies Werk der Liebe unabhängig von der Kirchenkasse erhalten.

 

Konfirmandenunterricht und Kindergottesdienst (auch in Rotterode) wurden von Partei und Schule nicht behindert. Das Verhältnis zur Lehrerschaft war gut, nur ein Lehrer war gegen die Kirche, vier standen ihr ausgesprochen positiv gegenüber. Der Religionsunterricht in der Schule war betont christlich. Versammlungen der „Deutschen Christen“ fanden nicht statt, nur einzelne Personen neigten ihrer Lehre zu.

Es gab einen Kreis von Mitgliedern der Freidenkerbewegung, aber eine Kirchenaustrittsbewegung war nicht zu beobachten.

Ab 1937 aber wurde die Arbeit der Kirche immer mehr behindert. Am 29. Mai 1937 mußte Pfarrer Braune 18 Flugblätter „In diesem Zeichen siegt die Kirche“ auf dem Bürgermeisteramt abliefern. Der Konfirmandenunterricht mußte wegen Veranstaltungen der „Hitlerjugend“ auf einen anderen Wochentag verlegt werden. Texte über kirchliche Vorträge wurden nicht mehr in der Zeitung veröffentlicht. Am 2. April 1938 fiel der Vormittagsgottesdienst wegen der Wahl aus.

Hitler hatte durch seinen Kirchenminister Kerrl ankündigen lassen, daß im Herbst eine Kirchenwahl stattfinden sollte. Die Bekennende Kirche empfand das als einen Eingriff in ihre Rechte und rief zum Widerstand auf. In vielen Gemeinden wurden Bittgottesdienste gehalten. Steinbach war die einzige Gemeinde im Kreis, die einen solchen Bittgottesdienst (unter großer Beteiligung) abhielt. Am 11. August 1939 mußte eine Ersatzwahl für den Kirchenvorstand vorgenommen werden, weil einige Mitglieder wegen ihrer Bindung an die Partei ihr Amt niederlegten. Auch 1940 traten wieder einige aus dem Kirchenvorstand aus (darunter Bürgermeister Schmidt aus Altersbach), der Besuch der Sitzungen ließ sehr zu wünschen übrig.

 

 

Friedrich Wüpper                                                                                                1934 - 1947

Um die Pfarrstelle bewarb sich zunächst nur Pfarrer Theodor Schmidt, der 1918 bis 1919 Hilfspfarrer in Steinbach war. Für den Kirchenvorstand stand er aber der Gemeinschaftsarbeit zu nahe. Sein Bruder, Bürgermeister Schmidt aus Altersbach, betonte aber, er sei Nationalsozialist. Damit stehe er im Gegensatz zur Gemeinschaft in Steinbach, die ja eine besondere Kirche in der Kirche sein wolle. Eine erneute Ausschreibung im Amtsblatt und in zwei Zeitungen hatte so gut wie keinen Erfolg. Schließlich wurde der Hilfspfarrer Wüpper in Seli­gen­thal gefragt, ob er bereit sei, im Falle seiner Wahl die Pfarrstelle zu übernehmen. Er hatte an sich den Seligentalern versprochen, sich nicht um eine andere Stelle zu bewerben. Da ihm aber die Bürgermeister in Seligenthal und Schnellbach die Frauenhilfen aufgelöst hatten, sah er seine Arbeit erschwert und wollte doch wechseln. Am 20. August 1934 wurde Pfarrer Wüpper gewählt und am 21. Oktober durch den stellvertretenden Kreispfarrer Frank und unter Assistenz der Pfarrer Fischer (Schmalkalden) und Braune eingeführt. Das Pfarrhaus war inzwischen renoviert worden, besonders die nördliche Außenwand (alle Wände sollten schon damals beschiefert werden).

 

Friedrich Theodor Wüpper wurde als Sohn eines Töpfer-und Ofensetzermeisters in Hannoversch-Münden geboren. Er besuchte die Oberrealschule in Kassel und studierte in Bethel, Marburg und Tübingen. Vikar war er in Neukirchen und Ziegenhain.

 

Pfarrer Wüpper mit Dekan Döll, Pfarrer Heckert und Dekan Schreiber

 

Von 1933 bis 1934 war er Hilfspfarrer in Seligenthal, von 1934 bis 1947 Pfarrer in Steinbach-Hallenberg, vom 1. Juni 1947 bis 31. Juli 1957 Pfarrer in Cölbe (bei Marburg) und vom 1. August 1957 bis 30. April 1972 Pfarrer in Wuppertal-Cronenberg. Seit 1972 lebt er in Marburg im Ruhestand (Schützenstraße 52) und war zu verschiedenen Anlässen auch zu Besuch in Steinbach.

 

Pfarrer Wüpper mit Goldenen Konfirmanden

 

 

Innerkirchliche Entwicklung 1935 -1945

Die Kirchengemeinde stellte eine Reihe neuer Mitarbeiter an. Dem Kastenmeister Dittmar wurde zum 1. April 1935 gekündigt und unter den zehn Bewerbern um die Stelle Karl Edmund Häfner gewählt. Er erhielt 35 Mark im Monat und vier Prozent der eingegangenen Kirchensteuer. Die Lehrer Lölkes und Menz wurden am 15. Juli 1936 unter vier Bewerbern gemeinsam zu Organisten gewählt. Am 19. Januar 1937 wurde Otto Hahn als Kirchendiener angestellt. Am 21. April 1937 wurde August Güth unter acht Bewerbern zum Friedhofswärter gewählt. Um die Stelle eines Glockenläuters allerdings bewarb sich niemand, so daß Ende 1937 ein elektrisches Läutewerk für 3.000 Mark beschafft wurde.

Als zu Beginn der Krieges die beiden Organisten nicht mehr zur Verfügung standen, weil sie eingezogen worden waren, übernahm Fritz Killenberg, Hauptstraße 65 „vertretungsweise“ den Orgeldienst. Die Lehrer durften sowieso nicht mehr in der Kirche spielen. In Rotterode spielte der ehemalige Bürgermeister Motz die Orgel, in Altersbach der Kaufmann Valtin Bauerschmidt.

Die Gottesdienste auf den Dörfern übernahmen die Pfarrer. Einer hatte dann in Steinbach den Gottesdienst um 10 Uhr, der andere aber drei Gottesdienste: Rotterode 9 Uhr, Altersbach 10.30 Uhr und Steinbach um 13 Uhr. Als im Krieg nur e i n Pfarrer zur Verfügung stand, war in Steinbach um 10 Uhr Gottesdienst, in Altersbach um 13 Uhr und in Rotterode um 14 Uhr (zwischen den Dörfern wurde gewechselt mit der Zeit). Wenn Pfarrer Wüpper in anderen Kirchspielen eingesetzt war, hielt Frau Wüpper Gottesdienst in Rotterode.

Im Jahre 1935 reisten zwei Kirchenväter aus Rotterode nach Kassel, um das Landeskirchenamt zu bewegen, beim Bau einer kleinen Saalkirche mitzuhelfen. Wenn die Gemeinde 10.000 Mark sammle, wolle man den Rest der Kosten tragen, hieß es dort. Es kamen 12.000 Mark zusammen, die aber nachher wieder der Geldentwertung verfielen.

Im März 1939 wurde erstmals eine Urne des am 8. März 1936 in Jena verstorbenen Ernst Anding zur Bestattung nach Steinbach überwiesen. Auch 1939 kamen mehrere Urnen an, alle von Leuten, die in Orten mit Heilanstalten gestorben sind. Man muß vermuten, daß die Pfleglinge dort umgebracht wurden. Der Kindergarten hatte 1937 zwar 120 Plätze, aber nur 95 Kinder waren angemeldet, die von zwei Kindergärtnerinnen mit staatlichem Examen (darunter eine Diakonisse), einer Kindergärtnerin mit Seminarausbildung und einer Helferin betreut wurden.

Aber Praktikantinnen gingen nicht gern nach Steinbach, weil dort oft von 7 bis 21 Uhr eingespannt waren. Deswegen sollte die Kinderzahl auf 60 herabgesetzt werden und die Hausarbeit an Hilfskräfte übergeben werden. Aber auch 1938 war der Kindergarten bis 18.30 Uhr geöffnet, weil nur so den berufstätigen Müttern eine Hilfe gegeben wurde.

Anfang 1937 wollte die Stadt im Oberstädter Pfarrgarten einen Bauplatz haben. Schließlich kam der Plan auf, an der Stelle des Pfarrhauses ein Bankhaus zu errichten. Dafür sollte im Grasgarten ein neues Pfarrhaus gebaut werden. Weil aber der Staat für dieses Haus nicht die Unterhaltspflicht übernehmen wollte, blieb es bei dem Plan. Dafür wurden ab 1938 die Pfarrhäuser erstmals zur Grundsteuer herangezogen. Ende des Jahres wurden die Pfarrhäuser mit Telefon versehen. Für den Friedhof wurde nach dem Vorbild der Musterfriedhofsordnung eine neue Friedhofsordnung erlassen.

Seit 1938 wurde in den Schulen des Kirchspiels kein Religionsunterricht mehr erteilt. Rektor Professor Dr. Fritz Maschek teilte mit, daß alle Lehrer „freiwillig und gewissensmäßig“ den Religionsunterricht niederlegen (einige hatten allerdings das „freiwillig“ durchgestrichen).

Der Bürgermeister war einverstanden, daß die Pfarrer Braune, Wüpper und Landgraf (altlutherisch) sowie deren Frauen und die Diakonisse Rosa Höhn den ganzen Religionsunterricht übernahmen. Die Schule durfte weiter benutzt werden. In der Kanzelabkündigung wurde die Gemeinde aufgefordert, die Kinder zum Unterricht anzumelden. Als Erster kam nach dem Gottesdienst Bürgermeister Recknagel und meldete seinen Sohn Friedhelm zum Unterricht an. Im folgten im Laufe der Zeit 99 Prozent der Gemeindeglieder.

Frau Braune half auch im Kirchenamt und sonst in der Gemeinde (zum Beispiel Lesegottesdienste auf den Dörfern). Doch am 1. April 1943 wurde sie als Schulhelferin verpflichtet und wurde auch nicht wieder freigestellt, obwohl Pfarrer Wüpper damals gerade wieder eingezogen worden war. Anfang 1944 wurde für das 6. Schuljahr eine Stunde christlicher Kinderlehre pro Woche und der Besuch des Kindergottesdienstes als Voraussetzung für den Konfirmandenunterricht zur Pflicht gemacht. Seit 1935 wurde das Jugendabendmahl als Abschluß der Katechisationen gehalten. Im Jahre 1939 wurde das Abendmahl der Konfirmanden von der Konfirmation getrennt (bis dahin nahmen nur die Konfirmanden am Abendmahl teil; jetzt konnten auch Eltern und Paten mit zum Abendmahl kommen).

Am 11. Oktober 1939 lehnte Pfarrer Braune die Trauung eines Paares ab, weil der Mann aus der Kirche ausgetreten war und die Trauung nur aus Rücksicht auf die Braut und deren Eltern haben wollte. Die Nazis wollten die Kirche ins gesellschaftliche Abseits drängen. Dennoch gingen die wöchentlichen Veranstaltungen wie Bibelstunde, Mütterabend, Kirchen-und Posaunenchor und Jugendarbeit weiter. Daneben wurden aber auch Sonderveranstaltungen nötig, die die Gemeinde aufrütteln und ihr ihre Aufgabe deutlich machen sollten.

Ein Höhepunkt war das 20. Thüringer Posaunentreffen am 7./8. Mai 1938. Es war in Thüringen verboten worden. Da fragte Moritz Mitzenheim, der Landesobmann der Posaunenchöre und spätere Landebischof, in Steinbach-Hallenberg an, das er von seinem Vortrag am 31. Mai 1937 über die Kirchenwahlen kannte. Hier begrüßte sogar der Bürgermeister die etwa 130 Bläser. Festprediger war Pfarrer Jentzsch aus Erfurt. Pfarrer Mitzenheim hielt in der musikalischen Feierstunde am Nachmittag einen Vortrag über „Der Choral in den Krisenstunden deutscher Geschichte“. Auch der Bundeswart der Thüringer Jugendvereine Oskar Schnetter aus Erfurt war zugegen.

 

 

Weitere kirchliche Veranstaltungen, die zur Zeit der Naziherrschaft stattfanden

Jugend:

9./10. März 1936: Klara Waltin aus dem Burckhardthaus

7./8. Februar 1937 : Wochenendfreizeit für männliche Jugendliche aus dem Kreis mit

Bundesgauwart Gottlob Jourdan und Pfarrer Kupfer

30. Oktober - 7. November 1940: Gottlob Jourdan „Das Reich Gottes steht“

6. - 8. Oktober 1941: Gottlob Jourdan

2. - 9. November 1942 und 24. - 27. April 1944: Lotte Koch vom Jungmädchenwerk Kassel.

 

Volksmission:

18. - 24. Februar 1936: Volksmissionar Bender aus Marburg von der Hermannsburger Mission; nachmittags Bibelstunde im Vereinshaus

26. - 29. September 1937: Kreispfarrer Laabs aus Ziegenhain, „Soldat und Christ“

6. - 9. April 1938: Drei Volksmissionsabende durch Pfarrer Laabs

12./13. Dezember 1938 : Pfarrer Laabs „Christliche Erziehung heute“

28./29. November 1938 : Frau Bruer von der Frauenhilfe aus Kassel

11. - 16. Februar 1939 : Pastor Hoffmann aus Bethel

26. Februar - 3. März 1941: Missionsinspektor Gerhard Jasper aus Bethel (er berichtete von dem Versuch einiger SS-Ärzte, Kranke in Bethel auszusondern, um sie in andere Anstalten zu verlegen und umzubringen).

10. - 13. Dezember 1941: Professor Hertzberg aus Hofgeismar, „Die Drei Warum“

März 1942 : Stadtmissionar Otto Carstens aus Berlin

10. - 15. März 1943: Missionsinspektor Kult Ronicke aus Bethel

26. - 27. August 1944: Pastor Hermann Lutze aus Wuppertal (er besuchte die aus dem

 Rheinland evakuierten Gemeindeglieder, die Gemeindehelferin Christa Lesser aus Wuppertal wurde eingesetzt

31. Mai - 3. Juni 1944: Katechetischer Kurzlehrgang durch Pfarrer Adolf Wüstemann, den späteren Bischof von Kurhessen-Waldeck.

 

Mission:

5. November 1935: Missionar Langholf von der Neuendettelsauer Mission

5. - 10. Juni 1936: Besuch des 100jährigen Jubiläums der Leipziger Mission mit 90 Gemeindegliedern (Kundgebung auf dem Marktplatz)

28. April 1940: Missionsgottesdienst durch Missionar Weigel, Herrnhut

13. Juli 1941: Missionsfest mit Professor Herzberg und Propst Meiner (Dresden)

2. - 6. März, 2. - 4. September, 23. Oktober -5. November 1944: Missionar Irle von der Rheinischen Mission

 

Kirchenmusik:

23.- 24. Januar 1943 : Besuch des Kirchenchorobmanns Pfarrer Blankenburg aus Vaake (Weser, später Schlüchtern) bei den Chören

Kantatewoche 1943: Organistenlehrgang, Katechetenlehrgang, Abendsingewoche durch Kirchenrat Neubauer und Pfarrer Dr. Blankenburg

15. bis 21. Mai 1944: Zweiter Organisten- und Katechetenlehrgang und Abendsingewoche mit Kirchenrat Neubauer und Kirchenmusikdirektor Möller aus Kassel (dem Musiklehrer Pfarrer Wüppers).

 

 

Weitere Ereignise 1940 bis 1941

Die Glocken wurden 1940 eingestuft und 1941 auf die Glockenabnahme vorbereitet. Ernst wurde es 1942, als nicht einmal mehr die große Glocke in Gruppe „D“ eingestuft wurde. Durch Fürsprache des Bürgermeisters wurde sie dann aber doch zur Läuteglocke erklärt (und nicht die kleinste Glocke, wie zunächst vorgesehen). Am 23. März 1942 wurden die drei kleineren Glocken abgeliefert.

Ganz schwierig wurde die Lage der Diakonissenstation. Weil die Kindergartenschwester wegen Schwierigkeiten mit der Leiterin der Station aus dem Mutterhaus ausgetreten war und dieses keinen Ersatz hatte, mußte das Mutterhaus die Station zum 15. November 1940 kündigen. Pfarrer Wüpper wies die Kündigung zurück. Das Mutterhaus berief sich auf die Bestimmung im Stationsvertrag, daß bei „besonderen Landesnöten“ die Schwestern abgezogen werden können. Gleichzeitig bemühte er sich bei verschiedenen Häusern um Ersatz. Auch eine Frau aus Aschersleben war als Kindergartenleiterin in Aussicht.

 

 

 

Im Oktober erklärte sich das Mutterhaus in Frankfurt aber bereit, bis zum Kriegsende zwei Schwestern in Steinbach zu belassen. Allerdings wurde eine Hausgehilfin eingestellt und ein Fahrrad beschafft. Auf den Dörfern wurde nur noch in Ausnahmefällen eine Pflege übernommen. Kindergartenschluß war um 17.30 Uhr. Nach Veranstaltungen im Kindergarten wurde nicht mehr der Raum gesäubert.

Im Februar 1941 wurde die Übernahme der konfessionellen Kindergärten durch die NSV verfügt (Nationalsozialistische Wohlfahrtsorganisation), um die Einheitlichkeit der nationalsozialistischen Erziehung zu gewährleisten. Am 19. März 1941 wurde ein Mietvertrag mit der NSV geschlossen. Nach 19 Uhr konnte aber der Saal weiter für kirchliche Veranstaltungen genutzt werden. Auch ein Raum für den kirchlichen Unterricht sollte bleiben, falls der Konfirmandenunterricht nicht mehr in der Schule abgehalten werden konnte. Die NSV zahlte monatlich 100 Mark und 432,50 Mark für das Inventar. Am 31. März 1941 wurde der Kindergarten übergeben. Die Diakonisse Rosa Höhn übernahm zunächst die Betreuung alter Menschen und nachher einen Teil der Christenlehre.

Am 14. Februar 1941 wurde der Friedhof für alle im Gemeindegebiet verstorbenen Personen freigegeben und damit auch nicht-kirchliche Feiern zugelassen (allerdings nicht in der Kirche). Bestattungen sollten möglichst für die Dauer des Krieges an Sonntagen erfolgen, damit keine Arbeitszeit verloren ging. Im Jahre 1942 hatte man den Plan zu einem umfassenden Umbau der Friedhofskirche, damit bei den immer häufiger in der Kirche stattfindenden Trauerfeiern Platz für den Sarg war (neue Treppe zur ersten Empore, Treppe von der Kanzel zur Orgelempore, Trennwand unter der Orgelempore, Leichenhalle an der Südseite der Kirche mit vier Sargkammern und Zugang zur Kirche, Orgel, usw.). Außerdem wurde in einer vertraulichen Anordnung die Friedhofskirche zum Sammelplatz für die Toten bei einem eventuellen Luftangriff bestimmt, die Verletzten sollten in den großen Saal des Kindergartens kommen. Am 23. Februar 1941 wurde ein Teil der Scheune des Oberstädter Pfarrhauses dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt.

Im Gemeindehaus wurde am 23. Mai 1941 ein „Kirchenamt“ eingerichtet (also die Büroräume für den Kastenmeister). Im Unterstädter Pfarrhaus wurde 1942 die Waschküche ins Wirtschaftsgebäude verlegt und im Erdgeschoß eine Küche eingerichtet. Der Hinterausgang nach der Straße zu wurde zugemauert. Die Küche im Obergeschoß wurde zum Bad und das Bad zur Speisekammer. Am 22. März 1943 zog Pfarrer Wüpper ins Untergeschoß.

Im Dezember 1943 wurde Pfarrer Wüpper wieder entlassen, sollte aber noch im Januar 1945 wieder eingezogen werden. Durch Vermittlung des stellvertretenden Kreispfarrers Fischer konnte er die Einberufung aber wieder zurückschicken. So war wenigstens ein Pfarrer im Steinbacher Grund. Er hatte nämlich auch die Kirchspiele Oberschönau und Springstille zu versehen und mußte gelegentlich auch nach Viernau, wenn ein Bekenntnispfarrer gewünscht wurde.

 

 

Erich von Eicken                                                                                                 April 1943

Das Landeskirchenamt schickte Dr. von Eicken aus Marburg vom Gemeinschaftsdiakonie­verband. Er hielt an Karfreitag den ersten Gottesdienst. Professor Albrecht Kuder aus Stuttgart teilte 2011 mit: Mein Schwiegervater, Dr. theol. Erich von Eicken (Düsseldorf 1894 - Marburg 1972) war während des Zweiten Weltkriegs für eine von der Familie nicht mehr bestimmbare Anzahl von Jahren oder Monaten Pfarrer in Steinbach-Hallenberg. Er hatte zur Bekennenden Kirche gehört und fühlte sich in Marburg großem Druck ausgesetzt. Er wich aus nach Steinbach-Hallenberg. Seine Familie bleib während dieser Zeit meines Wissens in Marburg. Nach dem Krieg nahm er den Pfarrdienst in Marburg wieder auf, zunächst an der Universitätskirche. Es gibt nach meiner Kenntnis ein einziges Bild im Besitz der Familie, das ihn in Steinbach-Hallenberg zeigt. Ich habe das Bild eingescannt und in den Anhang eingefügt. Das Portal der Kirche habe ich mit anderen Bildern der Kirche von Steinbach-Hallenberg, die im Internet zugänglich sind, verglichen. Obwohl das Photo nicht sehr scharf ist, ist ohne Zweifel zu erkennen, daß es sich auf dem Photo um die Kirche in Steinbach-Hallenberg handelt. Auf der Rückseite des großformatigen Bildes steht in Sütterlinschrift: „Zum Andenken an die Goldene Konfirmation 1893-1943“. Der Pfarrer in der Mitte der Goldenen Konfirmanden ist Erich von Eicken.

Die beiden regulären Pfarrer waren eingezogen und Herr von Eicken hat nur ausgeholfen. Eine genauere Bestimmung seiner Wirkungszeit könnte man aus den Einträgen im Kirchenbuch entnehmen (am Besten aus dem Bestattungsbuch). Obwohl er sicher nur kurz in Steinbach-Hallenberg war, haben selbst in den siebziger Jahren noch Leute von ihm erzählt, vor allem, weil er sich auch um die Jugend gekümmert hat. Ein Enkel von Erich von. Eicken, Sven von Eicken, ist übrigens ebenfalls Pfarrer geworden, er war von der EKD für einige Jahre nach Namibia als Pfarrer entsandt.

Am 31. März 2011schreibt Herr Kuder: In den Unterlagen meines Schwagers hat sich die beigelegte Erklärung meines Schwiegervaters Erich von Eicken vom 13. Oktober 1945 gefunden. Aus ihr ergibt sich, daß Erich von Eicken ab April 1943 in „Thüringen und Waldeck“ Pfarrer vertreten hat. Da kein anderer Ort in Thüringen bekannt ist, an dem er tätig gewesen wäre, und seine Pfarrvertretung in Sachsenberg bei Frankenberg nach der gesicherten Erinnerung der Familie der Zeit in Thüringen nachfolgte, ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß er ab April 1943 die Vertretung des Pfarrers in Steinbach-Hallenberg übernommen hatte. Mein Schwager schätzt den Verbleib seines Vaters in Steinbach-Hallenberg als Pfarrer auf etwa ein Jahr.

Das beigelegte Schriftstück ist die Kopie eines maschinenschriftlichen Durchschlags. In Sachsenberg seien stets „Aufpasser“ der braunen Organisationen im Gottesdienst präsent gewesen. Von Steinbach-Hallenberg wird dies nicht berichtet, ist aber auch nicht auszuschließen. Die Erklärung ist über den Beleg für eine Datierung hinaus ein lesenswertes Zeugnis der Schwierigkeiten, denen ein Pfarrer im Dritten Reich ausgesetzt war, wenn er sich der nationalsozialistischen Ideologie widersetzte, aber auch über den Mut, der aufgebracht wurde, um Widerstand zu leisten und dem Auftrag der Verkündigung treu zu bleiben.

 

 

Dr. Erich von Eicken, Pfarrer, Marburg/Lahn, den 13. Oktober 1945,

Stresemannstr. 21:

Erklärung

Ich habe zu keiner Zeit der NSDAP angehört, bin auch nie Mitglied von SS , SA, NSKK , NSFK, NSV gewesen. Meine Ablehnung der antichristlichen und kirchenzerstörenden Tendenz der Partei habe ich seinerzeit klar zum Ausdruck gebracht, indem ich

l.) 1935 der Bekennenden Kirche beitrat                     

2.) vor einer Kommission der bekennenden Kirche mein 1. theolog. Examen ablegte

3.) 1935/36 mein Vikariatsjahr in der Bekennenden Kirche verbrachte ( bei  Pfarrer Lic. Wallau, Peterskirche zu Frankfurt/M)

 

4.) im Sommer 1936 auch mein 2. theolog. Examen bei der Bekennenden Kirche in Frankfurt absolvierte, obwohl ich wußte, daß mir infolgedessen der staatlich eingesetzte Landeskirchenausschuß zu Darmstadt die Einstellung als Pfarrer in der Vereinigten Landeskirche  von Gross-Frankfurt, Rheinhessen und Nassau versagen würde.

Seit Ende 1940 bin ich in steigendem Masse in meiner Eigenschaft als Mitarbeiter, Pfarrer und Evangelist des  Deutschen Gemeinschafts-Diakonie-Verbandes durch die Gestapo behindert worden:

1.) die Veröffentlichung meiner kleinen Schrift  „Ein unverletztes Gewissen“ zog mir ein stundenlanges Verhör durch den Gestapoagenten Matthäi auf dem Kilian in Marburg zu

2.) Juni 1941, wenige Stunden vor Beginn einer von mir einberufenen seelsorgerlichen Pfarrertagung in Marburg erschien genannter Gestapo-Agent Matthäi in Begleitung eines bewaffneten SS-Mannes in meiner Wohnung und nötigte mich zwei Schriftstücke zu unterschreiben. Ich hatte damit zur Kenntnis zu nehmen:

a) daß die am gleichen Tag beginnenden Pfarrertagung sei und die Gäste (zum Teil      500 Kilometer und weiter angereist) in aller Kürze Marburg zu verlassen hätten.

b) daß mir persönlich für immer die Durchführung und Leitung von Pfarrertagungen  verboten sei.

3.) 1942 verbot mir die Gestapo zu Halle-Saale im letzten Augenblick eine Evangelisation, die ich in der Stadtmission zu Halle halten sollte. Begründet war das Verbot mit dem Hinweis, daß ich

a) der bekennenden. Kirche

b) der Oxford-Bewegung angehöre..

4.) Ende 1942, Anfang 1943 wurde ich durch die Werkleitung des DGD mehrfach vorn Nachstellungen durch eine „bestimmte Stelle“‚ die nicht genannt werden dürfe, gewarnt. Auch hier kann nur die Gestapo gemeint gewesen sein.

5) April 1943 wurde ich durch die Drohung des ohne Zweifel mit der Gestapo zusam­menarbeitenden hiesigen Arbeitsamtes, mich bei Fortsetzung meines bisherigen evan­gelistischen Reisedienstes als Arbeiter in die Munitionsfabrik zu Allendorf zu schicken, genötigt, meine Familie und Wohnung in Marburg zu verlassen und „kriegsstellvertretend“ verwaiste Pfarrämter in Thüringen und Waldeck zu übernehmen. Erst vor zwei Monaten konnte ich wieder nach Marburg zu meiner Familie und in meine Wohnung zurückkehren.

Im August 1945                                          Dr. theol. Erich von Eicken, Pfarrer

 

Goldene Konfirmation 1943, wahrscheinlich mit Pfarrer von Eicken

 

 

Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg

Am 21. Januar 1945 wurde das 50jährige Jubiläum der Diakonissenstation mit einem Festgottesdienst (mit Landeskirchenrat Neubauer) und einer Feier im Vereinshaus und einem volksmissionarischen Vortrag über die Innere Mission begangen. Nach einem Plan von Ende 1938 wurde seit Februar das Dachgeschoß des Vereinshauses ausgebaut. Es entstanden sechs Zimmer, die zunächst als Hilfskrankenhaus dienten; später wurden sie dann als Wohnungen genutzt. Am 3. April 1945, am Dienstag nach Ostern, wurde Steinbach von den Amerikanern besetzt. Das Leben war die erste Zeit sehr erschwert.

So mußte zum Beispiel der Organist Bauerschmidt in Altersbach eine Beerdigung übernehmen, weil Pfarrer Wüpper keine Genehmigung bekam, nach Altersbach zu gehen (laut Kirchenbuch hat Kirchenvater Gerlach am 8. April eine Beerdigung übernommen).

Im Mai schrieb Pfarrer Wüpper: Der Kindergarten könnte wieder übernommen werden, wenn eine Kindergartenschwester da wäre. Auch in den Dörfern könnten die Kindergärten von der Kirche übernommen werden. Im August wurden wieder 100 Kinder von einer Jugendleiterin betreut, die von fünf Laienkräften unterstützt wurde. Außerdem wurde im Haus für 40 Kinder gekocht.

Im Mai erlaubte der Landrat wieder den Konfirmandenunterricht. Der Kirchenvorstand wurde im Juli neu gebildet und der ehemalige Ortsgruppenleiter (der seit 1942 nicht mehr zu den Sitzungen erschienen war) ausgeschlossen. Von den 34 Mitgliedern waren noch 19 im Jahre 1933 gewählt worden. In einem Akt der Wiedergutmachung wurden mit einer Sondergenehmigung des Bischofs die Leute wieder in den Kirchenvorstand berufen, die 1933 entlassen worden waren: Karl Theodor Häfner (Schloßberg), Wilhelm König (Hallenburgstraße), Ernst Pfannschmidt (Schloßberg), Frieda Menz (Moosburg), Erich Huhn (Arzbergstraße), Karl Lichtenfeld (Brunnenstraße), Ernst Holland-Moritz (Erbstal), Bernhard Usbeck (Kirchplatz) und Wilhelm Günther (Altersbach). Unter ihnen war auch eine Reihe von Mitgliedern der späteren SED.

Pfarrer Wüpper wurde Mitglied der Wohnungs-, Wohlfahrts-und Friedhofskommission. Als Vorsitzender der Friedhofskommission verfolgte er sofort den Plan, im „Kieferle“ auf dem Kirchberg einen neuen Friedhof anzulegen. Pfarrer Braune war noch in Gefangenschaft und kam erst im September zurück. Er wurde dann in die Flüchtlings- und in die Friedhofskommission berufen.

Der Bürgermeister stellte Stoff für die Konfirmanden zur Verfügung. Pfarrer Wüpper bean­tragte Schuhe für die Schwestern (die eine Schwester hatte ein fünf Zentimeter großes Loch im Schuh!). Die Kirchensteuererhebung war schwierig, weil keine Unterlagen zur Verfügung standen. Viele konnten auch nicht an ihre Bankkonten heran. Ein Fabrikant gab freiwillig mehr wegen der allgemeinen Notlage.

In Altersbach wurden für den Bau der Friedhofshalle 500 Mark gegeben. Der Friedhof dort wurde irgendwann einmal als „Eigentum des Volkes“ eingetragen. Vorsitzender der Friedhofskommission war noch 1954 der Pfarrer. An sich gilt dort immer noch die alte Grundbucheintragung, daß der Friedhof lediglich zu Zwecken der Evangelischen Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg dient.

Im Sommer 1945 verließen die Frankfurter Schwestern die Gemeinde. Die Station wurde ab 15. November vom Mutterhaus Kraschnitz übernommen, das zunächst seinen Sitz in Halle und dann in Stendal genommen hatte. Die Diakonisse Martha übernahm die Christenlehre. Eine Kindergartenschwester versuchte zusammen mit drei Helferinnen den Kindergarten gegenüber dem im Juli 1946 gegründeten städtischen Kindergarten konkurrenzfähig zu halten. Zum Glück waren die 926 Mark für das vom der NSV angeschaffte Inventar gleich überwiesen worden, so daß es nicht als Vermögensmasse der NSDAP der Beschlagnahme verfiel. Im Juli 1946 wurden die kirchlichen Kindergärten registriert un d ihre Existenz nicht mehr bestritten.

Vom 21. bis 26. Mai 1946 fanden unter Leitung von Kirchenmusikdirektor Otto Rudnik aus Arnstadt ein Organistenlehrgang und eine Abendsingewoche statt. Die Krönung war das Singen in der Kirche am 26. Mai 1946.

Neu war nach dem Krieg die Gründung einer Seelsorgestelle der Katholischen Kirche. Vorher gab es nur vereinzelte Katholiken in Steinbach: Im Jahre 1710 wurde eine katholische Frau aus dem Frankenland begraben, die sich am Schützenberg verirrt hatte und erfroren war. Im Jahre 1750 wurde ein Katholik begraben, der längere Zeit im Ort gelebt hatte.

Durch die Evakuierung der westlichen Großstädte kamen aber zahlreiche Katholiken nach Steinbach. Auf Antrag der Katholischen Gemeinde Schmalkalden wurde die Abhaltung katholischer Gottesdienste in der Stadtkirche genehmigt. Wegen der schwierigen Verkehrsverhältnisse konnte aber der katholische Pfarrer nicht von Schmalkalden nach Steinbach kommen, so daß Pfarrer Wüpper verschiedene Beerdigungen und Taufen vornehmen mußte. Deshalb wurde der Pfarrer von Hirsch aus Schlesien auf die neu errichtete Seelsorgestelle gesetzt. Die Gemeinde richtete sich im Hinterhaus des Hauses Kirchplatz 12 in einer ehemaligen Schneiderwerkstatt einen Andachtsraum ein. Der Pfarrer erhielt eine Wohnung im Haus Wolffstraße 23. Das Verhältnis zur Katholischen Gemeinde ist gut und problemlos. Für die Kirche wurde ein Leihvertrag geschlossen. Die Katholische Gemeinde gibt Spenden für die Unterhaltung der Kirche.

Seit Ende 1945 und im Jahr 1946 traten 32 Leute zu den Bibelforschern über, die damals eine große Aktivität entfalteten. Doch das Leben kam allmählich wieder in Gang und wurde normaler: Am 30. Oktober 1946 sangen sogar die Thomaner aus Leipzig unter der Leitung von Günter Ramin. Im März 1947 kam Oberlandeskirchenrat Dr. Neubauer als erster Sendbote der bischöflichen Kirchenleitung und hielt einen Vortrag vor dem Kirchenvorstandsmitgliedern über die neu Lage der Kirche in Deutschland und in Kurhessen-Waldeck.

 

Kirchenvorsteher mit Pfarrer Liederwald

 

Am 30. November 1947 wurde ein neuer Kirchenvorstand mit 24 Mitgliedern gewählt. Er nahm in Zukunft bei den Gottesdiensten im Altarraum Platz (1965 wieder abgeschafft). Es wurde darauf gesehen, daß die Zahl der Haustaufen zurückgedrängt wurde (am 21. Januar 1952 bindender Beschluß).

 

 

Herbert Strangfeld                                                                                      194 7 - 1953

Am 1. November 1947 wurde Herbert Richard Rudolf Strangfeld zum Pfarrer in Steinbach-Hallenberg ernannt. Er war Sohn eines Postinspektors aus Breslau und besuchte dort das Gymnasium und studierte auch dort. Am 30. Juni 1930 legte er auch in Breslau die Erste Theologische Prüfung ab und am 24. Oktober 1933 die Zweite Theologische Prüfung. Am 7. November 1933 wurde er ordiniert. Von 1930 bis 1936 war er Pfarrvikar in verschiedenen schlesischen Gemeinden und danach Pfarrer in Sächsisch-Hausdorf Kreis Leuben. Dort harrte er zunächst auch nach dem Krieg noch aus, wurde 1947 aber von den Polen ausgewiesen.

Ab 1. November 1947 wurde Pfarrer Strangfeld dann zum Pfarrer in Steinbach-Hallenberg ernannt.

In Steinbach wurde er am 14. Dezember 1947 durch Dekan Döll unter Assistenz der Pfarrer Braune und Beisenherz eingeführt. Er wohnte unter sehr beengten Verhältnissen in einem Zimmer in der Nordostecke des Pfarrhauses, weil das ganze Haus mit Mietern besetzt war. Auch Pfarrer Braune mußte sich im Oberstädter Pfarrhaus sehr einschränken, gab aber vielfach praktisch „sein letztes Hemd“ an Notleidende weiter. Im September 1953 übernahm Pfarrer Strangfeld die Pfarrstelle Kunnerwitz bei Görlitz im Restgebiet seiner alten Landeskirche. Danach war er noch Pfarrer in Eisleben. Schließlich lebte er in Nürnberg in einem Seniorenheim.

 

Ab 1. November 1947 wurde Pfarrer Strangfeld dann zum Pfarrer der „lutherischen Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg ernannt“ (diese gab es seit 1931 nicht mehr, sie war ja in der Evangelischen Kirchengemeinde aufgegangen)

 

Im Jahre 1946 bat der Obergerichtsvollzieher, der viele Kirchensteuerpfändungen durchzuführen hatte und viele Leute wegen Arbeitslosigkeit fruchtlos gepfändet hatte, um Ermäßigung seiner Kirchensteuer, weil er selber arbeitslos geworden war

 

Gleich zu Beginn der Tätigkeit von Pfarrer Strangfeld wurde die Gipsbüste Luthers auf der Kanzel zunächst gestohlen und dann zertrümmert. Aus Holz wurde ein neuer Kopf angefertigt, der aber auch zerstört wurde. Im Jahre 1948 wurde der an die Stadt verpachtete Teil des Friedhofs, auf dem die Jugendherberge stand, gekündigt, konnte aber erst seit 1952 mit Gräbern belegt werden. Der Grabstein Dr. Werners – ein helles Kreuz - wurde 1951 neben dem Friedhofstor aufgestellt (seit 1985 in der Kirche). Auch ein Grabstein mit den zwölf Aposteln vom Familiengrab der Familie Zielfelder ist noch erhalten.

Nach der Währungsreform vom 26. Juni 1948 blieben der Kirchengemeinde noch 161 Mark. Auch die 1.000 Dollar, die ein ehemaliger Steinbacher in den USA der Friedhofsverwaltung schon am 1. April 1939 vermacht hatte, konnten nicht losgelöst werden. Ehemalige Konfirmanden Pfarrer Dettmerings stifteten ein großes Ölbild von ihm (gemalt von dem Altersbacher Kunstmaler Nothnagel), das an sich seinen Platz in der Kirche finden sollte, jetzt aber im Gemeindehaus hängt (neuerdings in der Kirche).

Als ein neues Evangelisches Gesangbuch zusammengestellt wurde, setzten sich einige Steinbacher für die Erhaltung einiger alter Lieder ein und setzten sich deshalb mit Pfarrer Veigel in Floh in Verbindung. Am 1. Juli 1956 wurde das neue Gesangbuch eingeführt.

Nach dem Tod des Kastenmeisters Häfner war es schwierig, die Kirchenrechnungen abzuschließen. Es stellte sich heraus, daß eine solche Arbeit nicht mehr im Nebenamt zu leisten war. So wurde Herr Willi Reumschüssel, Hauptstraße 41, als Verwaltungsleiter eingestellt. Er kümmerte sich gleichzeitig um die Bausachen in der Gemeinde und setzte sich mit dem Anbau an das Gemeindehaus, der erst die Durchführung von Rüstzeiten ermöglichte, ein blei­bendes Denkmal.

Nach dem plötzlichen Tod des Pfarrers Brauen mußte Pfarrer Strangfeld eineinviertel Jahr die ganze Kirchengemeinde betreuen, wobei nur der Nachmittagsgottesdienst wegfiel. Frau Braune und der Organist Rattunde halfen mit Lesegottesdiensten.

Im Jahre 1952 einigten sich Kirchenchor und Kirchengesangverein auf ein gleichberechtigtes Auftreten im Gottesdienst: Jeder Chor übernahm zehn Gottesdienste im Jahr, im nächsten Jahr wurde dann mit den Festtagen gewechselt.

 

Kirchengesangverein

 

Die Diakonissenstation wurde in den Jahren 1952 / 53 auch mit Schwestern aus dem Königsberger Mutterhaus besetzt, das seinen Sitz nun in Berlin-Nikolasee hatte. Aber bis Ende 1953 konnten beide Häuser keine Schwestern mehr schicken, auch Eisenach lehnte ab.

Dafür entstand der Posaunenchor in den Jahren 1952/53 unter Leitung von Julius Pfannschmidt mit 17 Bläsern neu; am 1. Juli 1953 blies er zum ersten Mal wieder zum Missionsfest. Anfang 1953 wurden die Aushängekästen für kirchliche Nachrichten aufgehängt.

 

Durch einen in Brand geratenen Erntewagen brannte die Linde auf dem Kirchplatz ab. Am 13. Juli 1946 wurde die uralte Linde auf dem Kirchplatz durch einen einzigen, mächtigen Windstoß umgeworfen.

Erst die dritte, 1951 nachgepflanzte Linde, ist angewachsen. Im gleichen Jahre wurde ein großer Teil des Waldes durch einen Windbruch umgelegt. In dem gefallenen Holz kam dann der Borkenkäfer auf. Um seiner Verbreitung zu wehren, sind ganze Berge kahlgeschlagen worden.

Die Pfarrer schrieben 1953 in der Turmknopfurkunde: „In der Not der Herzen, die das Regiment unsrer Tage mit sich bringt, sind manche Menschen von Gott abgekommen; viele andere aber haben auch zu ihm hingefunden. Es geht uns hier im „Osten“ in manchem, wie den gefangenen Juden Babylon. Ihr Sehnen nach Rückkehr in die Freiheit der Kinder Gottes verstehen wir nur zu gut. Der 125.Psalm ist uns näher gerückt als zuvor. Wir bitten unseren Herrn, daß auch aus unsrer Tränensaat eine Freudenernte wachse, hier zeitlich und dort ewig“. .

 

 

Friedrich Liederwald                                                                                     1953  - 1963

Am 25. August 1952 wählte der Kirchenvorstand mit 16:1 Stimmen den Pfarrer Friedrich Liederwald. Da er mit sieben Erwachsenen in das Haus einziehen wollte, mußten die Mieter bis auf Dr. Jaeckel das Haus verlassen. Da das Wohnungsamt den Frauen Braune (Mutter und Frau des Pfarrers) keine Wohnung gegeben hatte, mußten diese mit einigen Räumen in der Mansarde des Gemeindehauses vorlieb nehmen, bis sie im Juni 1955 nach Kassel verzogen. Anfang des Jahres 1953 zogen Liederwalds mit der Bahn um, auch sechs Hühner kamen per Expreßgut. Eingeführt wurde Pfarrer Liederwald am 8. Februar 1953 durch Dekan Döll unter Assistenz der Pfarrer Strangfeld und Fischer (Schmalkalden).

Friedrich Johannes Adolf Liederwald wurde am 16. Februar 1896 in Neusalz (Oder) als Sohn eines Missionars der Rheinischen Mission geboren. Er besuchte das Gymnasium in Wuppertal, studierte in Bethel, Münster, Greifswald und Tübingen. Die Erste Theologische Prüfung machte er vom 9. bis 11. Oktober 1922, die Zweite vom 28. bis 30. April 1924. Ordiniert wurde er am 29. Mai 1924 in Wuppertal. In den Jahren 1922 bis 1931 war er Pfarrer in verschiedenen Gemeinden des Rheinlandes. Von 1931 bis 1935 war er Pfarrer in Breitenfeld (Altmark) und von 1935 bis 1953 Pfarrer in Gardelegen.

Als erstes erreichte er, daß die Stadt einen jährlichen Zuschuß von 2.500 Mark an die Kirchengemeinde zahlte, um die Verpflichtungen alten Rechts und die Baulastverpflichtungen für Kirche, Unterstädter Pfarrhaus, Friedhofskirche und Friedhofsmauer abzugelten.

Das nächste Problem war die unbesetzte Diakonissenstation. Anfang 1954 wies Pfarrer Finck von der Stadtmission Halle auf das Diakonissenmutterhaus in Elbingerode hin. Am 19. März 1954 wurde der Stationsvertrag mit dem Mutterhaus „Neuvandsburg“ abgeschlossen. Am 16. Juni kamen zwei Schwestern an und erhielten 100 Mark Stationsgeld und 80 Mark Wirtschaftsgeld im Monat. Auch später kamen die Schwestern mit monatlich 150 Mark aus. Am 30. Oktober 1955 konnte man das 60jährige Jubiläum der Station mit einem musikalisch ausgestalteten Gemeindeabend begehen, in dem über die Entstehung der Station berichtet wurde. Eine der ersten Schwestern, die aus Steinbach ins Mutterhaus gingen, war als Ruheständlerin zugegen (Usbeck). Ab 1. Oktober 1957 schickte Elbingerode auch eine Kindergartenschwester.

Kirche am Erntedankfest

 

Pfarrer Liederwald erlebte, wie am 30. November 1954 (1. Advent) die Kirche nach der Renovierung wieder in Gebrauch genommen wurde und die 300-Jahr-Feier der Kirche vom 28. bis 31. Juli 1956.

Zu seiner großen Freude konnte 1958 die Orgel umgebaut werden. Am 12. Juli 1959 wurde das erweiterte und erneuerte Gemeindehaus „Dietrich Bonhoeffer“ eingeweiht.

Im Jahre 1957 wollte die Stadt gerne die „Pfaffeneller“ zum Bau von AWG-Wohnungen haben. Man wollte zunächst ein Stück neben dem Friedhof dagegen tauschen, verfiel aber dann auf das Oberstädter Pfarrhaus. Zum Glück wurde aus dem Tausch nichts, denn das Oberstädter Pfarrhaus ist sowieso im Besitz der Kirchengemeinde, wenn auch die Stadt der Eigentümer ist.

Am 25. Februar 1958 kam es zu einem Zusammenstoß mit dem Bürgermeister von Rotterode, der sein Kind zur Jugendweihe schicken wollte, es aber auch konfirmiert haben wollte (damals schlossen sich noch Jugendweihe und Konfirmation aus). Der Bürgermeister hatte Pfarrer Liederwald sogar des Ortes verwiesen und wollte ihn mit allen Mitteln der Staatsgewalt dazu bringen, das Kind zu konfirmieren. Im Jahre 1962 wurde die neue Konfirmationsordnung eingeführt: Einsegnung und Abendmahle erfolgen zusammen, die Konfirmanden treten mit ihren Angehörigen an den Altar (also familienweise), in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten finden Vorbereitungsstunden zusammen mit den Eltern statt.

 

Im Jahre 1959 wollte man gerne die Friedhofsverwaltung an die Stadt übertragen. Ergebnis war aber nur, daß die Stadt das südlich an den Friedhof anschließende Gelände ohne Nutzungsvertrag für Beerdigungen zur Verfügung stellte. Die Kirchensteuer wurde in den Jahren 1950 bis 1960 von 19.000 Mark auf 50.000 Mark gesteigert. Nur dadurch war es möglich, die vielfältigen Baumaßnahmen in der Gemeinde vorzunehmen und die verschiedenen sozialen Aufgaben wahrzunehmen. Im Jahre 1960 wurde das Kirchgeld auf fünf Mark erhöht und das Rechnungsjahr auf das Kalenderjahr umgestellt.

 

 

Werner Weiß                                                                                                         1953 - 1966

Seit 5. September 1951 war Werner Weiß im Dekanat tätig, zunächst als Vikar in Springstille, ab 16. September mit der Versehung der Ersten Pfarrstelle in Steinbach-Hallenberg beauf­tragt. Bei der Ausschreibung im Amtsblatt hatten sich keine anderen Bewerber gefunden. Werner Weiß wurde am 14. August 1923 als Sohn eines kaufmännischen Angestellten in Rechwitz Kreis Saalfeld geboren. In Saalfeld besuchte er die Schule bis zur Einberufung zum Militär 1942. Als Kriegsgefangener in Frankreich begann er schon im April 1946 mit dem Theologiestudium an der Evangelisch-Theologischen Schule in Montpellier.

Im Mai 1947 wurde er entlassen und lebte bis 1951 bei den Großeltern in Hofgeismar. Von 1947 bis 1950 studierte er in Marburg, 1950 bis 1951 in Bethel. Die Erste Theologische Prüfung macht er im Juli 1951 in Marburg, die Zweite im August 1953 in Berlin nach dem Besuch des Predigerseminars in Brandenburg. Ordiniert wurde er am 30. August 1953 durch Dekan Döll. Ab 1. November 1955 wurde er zum Pfarrer ernannt. Am 11. Dezember (3. Advent) wurde er durch Dekan Döll in sein Amt eingeführt unter Assistenz der Pfarrer Liederwald und Guthmann (Springstille).

Mit im Haus wohnte seit 17. Oktober 1947 die Familie Rattunde. Herr Rattunde spielte die Orgel und übernahm ab April 1957 die Leitung des Posaunenchors und führte das Posaunenchoralbuch ein. Um die Heranbildung des Nachwuchses hat er sich sehr verdient gemacht. Im Jahre 1970 konnte ein größere Zahl Schüler in den Chor eingegliedert werden (22 Bläser und 2 Schüler gehörten damals zum Chor). Beim 75jährigen Jubiläum im Jahr 1974 konnte man mit Recht sagen, daß der Posaunenchor ein Glanzstück der kirchenmusikalischen Arbeit war. Im Jahre 1976 übernahm Adolf Holland-Cunz die Leitung des Posaunenchors.

Im Kirchsaal Altersbach wurden 1955 Schornstein und Ofen gebaut und 1959 der Gemeindesaal eingerichtet, besonders für die Christenlehre. Im Jahre 1963 wurden zwei neue Glocken bestellt und am 11. April 1965 geweiht, nachdem sie mit neuen Jochen versehen worden waren. Die Läuteeinrichtung wurde 1967 montiert. Nach über dreijährigen Auseinandersetzungen wurden ab 1965 auch auf den Dörfern die übergemeindlichen Kollekten abgeführt. Im Dezember 1966 (Abschiedsgottesdienst am 1. Advent) verließ Pfarrer Weiß die Gemeinde und nahm eine Pfarrstelle in Suhl an. Zunächst half Vikar Bunge (nachher Pfarrer in Trusetal) in Steinbach aus.

 

 

Kirchenerneuerung 1950 - 1960 und 300-Jahr-Feier der Kirche 1956

Seit Ende 1949 plante man die Erneuerung der Kirche. Zunächst wurde unter vielen Mühen das Holz für die Erneuerung des Gestühls beschafft und bis Ende 1950 eingebaut. Dann ging es an die Außenrenovierung der Kirche.

In das Dreieck über der Haupttür wurde nach einem Entwurf von Wilhelm Groß (Berlin) eine Christusfigur eingesetzt (und darüber eine häßliche Lampe). Die Friesvorhänge im Altarraum wurden durch hochgezogene Banklehnen ersetzt (heute wieder entfernt). Das Lutherfenster wurde herausgenommen und die drei alten farbigen Fenster im Altarraum eingesetzt, die anderen Fenster mit Antikglas versehen.

Im Mai 1953 stellte man fest, daß die Wetterfahne auf dem Kirchturm schief stand und etwas am Turm geschehen mußte. Gleichzeitig lief der Neubau der Kirche in Rotterode und der Anbau und Umbau des Gemeindehauses (die Decke des Kellergeschosses wurde im November 1954 eingeschalt). Am 20. August 1953 wurde der Turmknopf abgehoben. Die Kassette mit den Urkunden wurde geöffnet und ein kurzer Bericht neu hinzugefügt.

Im Herbst 1954 wurde der Innenraum der Kirche völlig renoviert unter Leitung von Herrn Kirchenmaler Leweke (Halle), Baurat Jaekel aus Erfurt und auch Baurat Maurer aus Kassel und unter Mithilfe der Steinbach-Hallenberger Malermeister. . Die Goldsterne an der Decke wurden gegen den Widerstand der Gemeinde entfernt. Das Oberlicht in der Mitte der Decke wurde geschlossen und dafür zwei Dachfenster auf der dritten Empore eingesetzt.Das Abendmahlsbild an der Orgelempore wurde entfernt und die Lücke geschlossen und mit einem Schriftwort versehen. Die Bilder an den Emporen wurden gereinigt und aufgefrischt Die Pfarrerbilder wurden verkleinert und in dem hinteren Teil der Kirche aufgehängt. Die grellen Ölfarben an Kanzel und Taufstein wurden entfernt, der hölzerne Deckel auf Die Renovierung des Taufsteins‚ der Kanzel und der fünf alten Pfarrerbilder hat im Jahre 1955 die Kunstmalerin Fräulein Borkowski (Näherstille) vorgenommen.dem Taufstein wurde entfernt (von ihm stammt die Figur Johannes des Täufers).

 

Eine Arbeitsgemeinschaft Steinbacher Tüncher hatte schon 1951 das Gerüstmaterial zusammen, aber erst im September 1954 wurde mit der Aufstellung des Gerüsts begonnen.

Kirchturm 1951(zwei Bilder)

 

Dazu kam das Problem mit der Orgel. Orgelbaumeister Kühn aus Schleusingen wollte für

8.000 Mark das Werk seines Großvaters überholen. Kirchenmusikdirektor Sawade aus Mühlhausen empfahl aber einen völligen Neubau. Ende 1954 empfahl das Landeskirchenamt in Kassel die Firma Löbling in Erfurt. Doch wegen der anderen Arbeiten mußte der Plan einer Erneuerung der Orgel zunächst erst einmal zurückgestellt werden.

Am 29. Juni 1956 kamen die drei neuen Glocken mit einem Lastwagen der Firma Schilling (Apolda) an. Am 6. Juli wurden sie durch das Fenster in Höhe der großen Glocke in den Turm gebracht und dann innen bis zum Glockenstuhl in Höhe des Zifferblattes hochgezogen.

 

Ankunft der neuen Glocken (acht Bilder)

 

Hochziehen  einer Glocke (vier Bilder)

 

Glocke an der Glockenstube

 

Die Glockenweihe am 28. Juli 1956 durch Dekan Döll war der Auftakt zur 300-Jahr-Feier der Kirche. Am Tage darauf fand die Dreihundert-Jahr-Feier statt.  Zu diesem Fest waren als Gäste gekommen: Bischof Wüstemann aus Kassel, Dekan Döll aus Schmalkalden, die früheren Steinbacher Pfarrer Wüpper, Strangfeld, Giese, Hoffmann und Fischer sowie Vertreter der Partnerkreise Wolf­hagen und Witzenhausen. Viele hatten schriftliche Grüße geschickt, auch Herr Opitz vom Rat des Bezirkes. Beim Auftakt am Samstag wurden diese Grüße verlesen. Grußworte sprachen auch der stellvertretende Bürgermeister, Prediger Mertel und der Katholische Pfarrer Weber.

Höhepunkt des Sonntags war der Festgottesdienst, in dem Bischof Wüstemann predigte über 1. Korinther 3,21 - 23. Nachmittags erzählte Dekan Döll aus alten Chroniken aus der Kirchengeschichte von Steinbach-Hallenberg. Abends traf sich die Gemeindejugend im Gemeindehaus. Die Pfarrer versammelten sich im Oberstädter Pfarrhaus mit dem Bischof; unter ihnen war auch Pfarrer Motz, der aus Rotterode stammte.

Montag war um 15 Uhr im Gemeindehaus eine Feierstunde für die Kinder mit dem Spiel „Der Grundstein unserer Kirche“. Abends wurde in der Kirche zum ersten Mal das Verkündigungsspiel um die Kanzel „...daß du sie bewahrest vor dem Übel“ aufgeführt. Dieses Spiel hatte Elisabeth Jachan, die ehemalige Schuldirektorin, geschrieben und mit einer Spielschar eingeübt. Alle Aufführungen waren ganz ausverkauft‚ und auch viele auswärtige Gäste waren gekommen.Großes Interesse wurde dem Trachtenzug im einleitenden Teil des Spiels entgegengebracht. Das Spiel wurde an vier Abenden aufgeführt, am 30./31. Oktober wiederholt und auch am 14./15. Juli 1957 noch einmal aufgeführt.

 

Im Jahre 1957 wurde der Umbau der Orgel in Angriff genommen. Herr Löbling in Erfurt erhielt am 19. August 1957 den Auftrag, nachdem ein nicht genannter Spender 10.000 Mark bereitgestellt hatte. Der Voranschlag belief sich auf über 22.000 Mark, aber es wurde noch etwas teurer, weil während des Baus die Disposition der Orgel noch verändert wurde. Nur ein Teil der alten Pfeifen wurde umgearbeitet und wiederverwendet. Vor allem wurde die Orgel auf mechanische Traktur umgestellt.

Die Festpredigt bei der Einweihung mder Orgel am 2. März 1958 hielt Pfarrer Liederwald, der überglücklich war, daß er diesen Tag noch erleben konnte. Nachdem zunächst der Posaunenchor gespielt hatte, erklang als erstes Lied nach der Weihe „Du meine Seele singe“. Am Nachmittag verabschiedete man sich von der alten Orgel, indem Jugendliche in drei Gruppen zu je acht Gliedern auf Pfeifen der alten Orgel ein Lied bliesen. Dann stellte Kantor Schäfer von der Predigerkirche Erfurt die Orgel vor. Auch die beiden Kirchenchöre wirkten bei der Feier mit.

 

Man muß allerdings sagen, daß das Werk nicht gelungen war und Herr Löbling mit der Größe des Werks einfach überfordert war. Schon bei der Abnahme mußten